Die Kasperles im Kino

Auf der Messe war auch ein Lichtspieltheater. Und die Kasperles, neugierig wie die Elstern, beschlossen hineinzugehen. Der Besitzer hatte geboten: »Macht kein Aufhebens, wenn die Kasperles kommen.« Er dachte nämlich, die beiden könnten allerhand anstellen. Die beiden gingen also eines Tages mit den besten Vorsätzen in das Theater. Sie wollten ganz gewiß nichts anstellen, ja das wollten sie, aber . . . Als sie in den dunklen Zuschauerraum gelassen wurden, erschraken sie sehr und sie stolperten mit Getöse den Gang entlang.

»Da setzt euch,« sagte das Fräulein mit der Lampe.

Ja setzen, wenn man nicht sehen kann.

Auf einmal saß Kasperle einer Dame auf dem Schoß und Bimlim umarmte den dazu passenden Herrn.

»Hilfe, Hilfe, Mörder!« kreischte die Dame. Sie dachte, Kasperle wollte sie umbringen.

Weil Kasperle der Meinung war, zwei schrien immer besser als einer, schrie Kasperle auch um Hilfe, da er nicht wußte, daß er der Übeltäter war.

»Hilfe, Hilfe!« gellte es durch das Theater und ein Diener sprang herzu und drehte das Licht auf. Da saß Kasperle auf dem Schoß der Dame und beide schrien um die Wette.

»Er mordet mich!«

»Mich auch,« stöhnte der Herr, den Bimlim immer noch umhalst hatte.

»Ih nee, das tun die Kasperles nicht.«

»Kasperles!« Im Nu sahen so und so viele Kinderköpfe herum, Kinderaugen suchten, Kinderbeine zappelten, um zu Kasperle zu eilen, das ganze Publikum geriet in Unruhe.

»Was, der häßliche Kerl auf meinem Schoß soll ein Kasperle sein?« rief die Dame. Da schnitt Kasperle, empört über den Zweifel, ein Räuber- und ein Menschenfressergesicht, dabei neues Geschrei der Dame. Endlich setzte der Diener Kasperle und Bimlim neben die schreiende Dame und sagte ein bißchen streng: »Nun still.«

Nun wußten Kasperle, Dame, Bimlim und Herr nicht, wer gemeint war, und darum waren sie alle still, und es wurde wieder dunkel. Aber nicht lange hielt die Stille an, denn auf einmal ertönte Kasperles laute, kreischende Stimme: »’n bißchen lauter, ich kann gar nichts verstehen.«

Kasperle spricht. Wieder drehten sich Kinderköpfe um, wieder zwirbelten Buben- und Mädelbeine und Kindermünder lachten. Kasperle dachte, die Kinoleute sind lebendig. O das blitzdumme Kasperle!

»Lauter!« schrie nun auch Bimlim. Da sagte der Herr herablassend: »Das sind nur Bilder.«

»Nä,« sagte Kasperle laut, »die sind lebendig. Da!« Ein gellender Aufschrei: »Er schießt, er schießt!«

Kasperle fuhr aus dem Stuhle hoch und kreischte: »Mann, sieh doch, Mann, sieh doch, er schießt!«

Ein lautes Lachen brauste durch den Saal und Kasperle sah Bimlim erstaunt an und Bimlim sah ihn erstaunt an.

»Es sind Bilder, mein Sohn,« sagte der Herr mild.

»Du schwindelst.« Kasperle war entrüstet, daß ihm der Herr etwas weismachen wollte, und Bimlim war mit entrüstet, der rief: »Schwindelpeter!«

»Du bist ein ganz frecher Junge.«

»Ich bin kein Junge.«

»Na, was denn?«

»Ein Kasperle.«

»Stille!« tönte es durch den Saal, »Mund halten!«

»Siehste,« sagte Kasperle laut, »du sollst den Mund halten.«

Das ging dem Herrn doch über den Spaß und patsch bekam Kasperle eins auf den Mund.

Der arme Herr wußte nicht, was er angerichtet hatte, denn er hatte in seinem Leben noch kein Kasperle schreien hören. Kasperle schrie so, daß nun alle dachten, er werde wirklich umgebracht und Bimlim schrie mit.

Der Diener kam ganz aufgeregt herbei: »Was ist denn los?«

»Er haut mir, er haut mir!«

»Bloß einen Klaps,« sagte der Herr verlegen und die Dame sagte milde: »Aber Kasperle, es war ganz sanft.«

So war’s, und klapp hatte die Dame eins auf dem Mund und sie wollte gleich in Ohnmacht fallen, da sagte Kasperle: »Man muß sie auf den Kopf stellen,« und flugs war die Dame wieder munter.

»Ruhe,« rief ein ungeduldiger Zuschauer, »nicht so schreien.«

»Ich schreie nicht mehr!« Kasperle brüllte, als wären alle stocktaub, und der Diener sagte ganz streng: »Wenn du nicht gleich still bist, dann wirst du nausgestellt.«

»Es muß ihm gesagt werden, daß das nur Bilder sind,« flüsterte der Herr.

Aber Kasperle hatte das Flüstern doch verstanden und das vermeintliche Geschwindle empörte ihn, er brüllte wieder: »Nä, das sind keine Bilder! Bilder kenne ich, die wackeln nicht, da spuckt man drauf, dann kleben sie.«

Ein lautes Gelächter durchbrauste den Saal und das Publikum verlangte, Kasperle sollte an die weiße Wand geführt werden und selbst sehen, daß es Bilder wären.

Der Herr des Lichtspielhauses mußte kommen und Kasperle wurde zur allgemeinen Freude wirklich an die weiße Wand geführt. Das erste, was er tat, war, daß er einen kräftigen Stoß gegen den Bösewicht des Stückes führte: »Das war der, der geschießt hat,« schrie er. Zu seiner Verwunderung traf er nur die Wand und keinen Menschen. Da fing er allmählich an zu glauben, daß es wirklich nur Bilder waren. Er ging suchend zu seinem Platz zurück, ein kleines feines Mädchen aber rümpfte die Nase, als Kasperle vorbeiging: »Wie der riecht.« Es ging wirklich ein unholdes Düftchen von Kasperle aus. Man konnte schon sagen, er stank.

»Nach was riechst du denn?« fragte die Dame, als er vorbeiging, aber Kasperle wollte sehen und sich nicht unterhalten, er sagte patzig: »Du riechst.«

Da drehten sich ein paar Leute um und sagten: »Es riecht wirklich entsetzlich.«

»Ich bin’s nicht, du bist es,« schrie Kasperle zum Entsetzen der Dame.

»Hier hat jemand Käse mit,« sagte ein alter Herr.

»Hinter mir ist es,« sagte ein Herr, der vor der Dame saß.

»Aber ich bin es nicht.«

»Doch, du bist es.«

Kasperle war sehr frech. Er steckte ein Käsepaketchen, das er vergessen hatte, dem Kasperlemann abzugeben, der Dame unter den Mantel und sagte wieder: »Du bist es.«

Da kam der Aufsichtsbeamte, hielt sich die Nase zu und sagte: »Käse mit ins Kino zu nehmen, ist nicht erlaubt.«

»Ich bin’s nicht,« die Dame stand auf und das Käsepaketchen fiel zu Boden.

»Da ist es,« sagte der Aufsichtsbeamte, »was so riecht.«

»Es gehört mir nicht,« die Dame war wütend und ihr Mann stand auf und sagte: »Wir wollen gehen.«

Sie gingen und die Kasperles hatten die Stuhlreihe für sich allein.

»Nun betragt euch anständig,« sagte der Aufsichtsbeamte und nahm den Käse mit.

Beinahe hätte Kasperle geschrien: »Mein Käse!« er schwieg aber und saß ganz steif und still auf seinem Platz, denn er hatte ein sehr schlechtes Gewissen.

»Kasperle ist fortgegangen,« riefen ein paar Kinder, »wie schade.«

Trotz seines schlechten Gewissens hörte Kasperle das gern und er brüllte laut: »Nä, ich bin da, aber der Käse ist fort.«

Nun lachten wieder alle und der Aufsichtsbeamte dachte: Warte Kasperle, dich kriege ich noch! Der den Käse gehabt hat, bist du gewesen.

»Stille!« mahnte er, denn Kasperle zeigte nicht geringe Lust, ein Gespräch mit den Kindern zu beginnen.

Da schwieg Kasperle muckstill, denn sein Gewissen war noch wach. Aber ein Kasperlegewissen schläft bald ein und Peringels Gewissen schlief ganz fest ein.

Die Vorstellung ging weiter. Ein Lustspiel löste das Drama ab und plötzlich lachte Kasperle und schrie: »Er hat sich in den Pudding gesetzt!«

Ein Mann hatte sich auf einen Zylinder gesetzt und Kasperle dachte, es wäre ein Pudding.

»Kasperle sei still!«

Aber Kasperle war nicht still. Der lachte und lachte sein echtes freches Kasperlelachen und das steckte an. Erst lachten ein paar Kinder mit, dann Erwachsene, immer mehr lachten und zuletzt dröhnte das Haus wider vom Lachen des Publikums.

Und je mehr die andern lachten, je mehr lachte Kasperle.

So war noch nie in einem Kino gelacht worden und ein dicker Herr rief: »Ich platze!«

»Ich platze auch!« rief eine Dame.

»Ich bin schon geplatzt!« rief Kasperle.

»Wo denn?« fragten die Kinder.

»An meinem Hösle ist ein Knöpfle abgesprungen.«

Da brauste das Lachen von neuem auf. Der Aufsichtsbeamte wollte »Stille« rufen, er mußte aber selbst so lachen, daß ihm die Tränen kamen.

Und dem dicken Herrn platzten drei Hosenknöpfe ab und er bat seine Frau um eine Sicherheitsnadel.

»Nun aber still,« flüsterte der Aufsichtsbeamte Kasperle zu, und weil Kasperles Gewissen wieder aufwachte, hielt er sich selbst den Mund zu.

Da erlosch das freche Kasperlelachen und alle sagten wieder: »Wie schade, Kasperle ist fort.«

»Nä, ich bin noch da.«

»Bleibst du noch?«

»Ja, noch lange.«

»Still.«

Schwupp war Kasperle wieder ganz still. Unheimlich still, dachte nach einer Weile der Aufsichtsbeamte. Was macht er nur?

Das Sehen nach der weißen Wand hatte Kasperle ermüdet und auf einmal sah er, daß Bimlim schlief. Da dachte er, das kann ich auch, schloß die Glitzeräuglein und auf einmal sagte jemand: »Was rasselt nur so?«

»Das ist die Maschine,« sagte eine andere Stimme.

»Eine Ratte ist’s,« kreischte ein Fräulein.

»Uh je,« quiekte eine andere.

»Es muß etwas an der Maschine kaputt sein,« sagte die erste Stimme.

»Es wird doch kein Unglück passieren.«

»Kasperle schnarcht,« rief der Aufsichtsbeamte und ein lautes Lachen brauste durch den Saal.

Davon erwachten die Kasperles und sie sahen verdutzt um sich, wußten gar nicht, wo sie waren.

»Ausgeschlafen?« fragte jemand.

»Nä,« schrie Peringel und Bimlim machte »uah.«

Der Aufseher aber nahm beide Kasperles beim Schlafittchen und führte sie hinaus, denn schnarchen im Kino, das ging nun doch nicht.

Draußen, als die beiden noch recht verdutzt dastanden, sagte er: »Hier ist auch der Käse.«

Eilfertig griff Peringel danach und der Aufseher lachte: »Also, du warst es doch,« sagte er.

Da merkte Kasperle, daß er sich verraten hatte und er brach in ein ungeheures Gelächter aus.

»Kasperle lacht draußen!« Die Kinder im Saal sprangen hoch und verlangten, Kasperle solle wieder hereinkommen. Das tat Kasperle gern und beinahe nahm er den Käse wieder mit in den Saal, aber der Aufseher merkte es noch zur rechten Zeit. Das war gut, denn wenn Käse und Kino auch beide einen Anfangsbuchstaben haben, so passen sie doch nicht zusammen wie Kasperle und Kino.

Was die Kasperles wert sind

So viele Gröschleins die Kasperles auch einnahmen, für den Kasperlemann langte es doch nicht. Erstens aßen die Kasperles sehr viel und der Kasperlemann war sehr gutmütig, er ließ ihnen viele Gröschleins für Pfannküchlein. Es war nämlich so: je mehr die Kasperles davon aßen, je besser schmeckten sie ihnen. Und wenn Sauerkraut auf dem Tisch stand, verlangte Peringel Pfannküchlein, denn von Sauerkraut bekomme er Magenschmerzen, sagte er. Ob er schwindelte? Der Kasperlemann wußte nicht, wie es in einem Kasperlemagen aussah, und Schmerzen sollte sein Kasperle nicht leiden. Er liebte nämlich seine beiden Kasperles sehr und sagte oft: »Ich wollte, ihr könntet bei mir bleiben.« Er wollte sie aber nach der Messe zu Meister Drillhose bringen, dem sie doch eigentlich gehörten.

»Haste denn genug Geld, wenn die Messe aus ist?« fragte Peringel einmal.

»Bleibt ihr doch bei mir.« Der Kasperlemann seufzte. »Nein,« sagte er traurig, »dann habe ich immer noch nicht Geld genug. Ich habe Schulden.«

»Was ist denn das, was zum Essen?«

»Nein, etwas sehr Schlimmes.«

»Bauchweh?« fragte Peringel mitleidig.

»Nein, es ist, wenn man jemand Geld geben muß und es nicht hat.«

»Wird Herr Jemand da böse?«

»Ja, sehr böse. Er nimmt mir meine Kasperlebude weg.«

»Das soll er nicht, wir hauen ihn.«

»Ach, das hilft nichts.«

»Warum hast du denn Schulden?« Peringel war sehr neugierig.

»Weil ich so lange krank war und all mein Geld für’s Krankenhaus hergeben mußte.«

»Haste Bauchweh gehabt?« Peringel kannte nur die eine Krankheit und er dachte mitleidig, der Kasperlemann hätte gewiß zu viel Pfannküchlein gegessen.

»Ich hatte den Fuß gebrochen.« Der Kasperlemann deutete auf sein Bein und Peringel sah es neugierig an und fragte: »Ist’s von Porzellan?«

Der Kasperlemann wollte gerade dem dummen Kasperle das Beinbrechen erklären, als die Dame aus der Schießbude kam und ein Zeitungsblatt schwenkte: »Da steht etwas drin von den Kasperles.«

Die beiden staunten und der Kasperlemann staunte noch viel mehr, als die Dame las: »Zwei Kasperles verloren gegangen. Sie sind jedenfalls mit einem Flugzeug entführt worden. Wer sie unversehrt wiederbringt, bekommt 500 Mark. Torburg, Meister Drillhose.«

»Hast du Glück!« sagte die Schießbudendame.

»Unverschämtes Glück!« sagte der Schlangenmensch neidisch, der dabei stand.

»Ja, bekomme ich denn das Geld?« Der Kasperlemann war ganz verwirrt.

»Natürlich,« rief der Schlangenmensch.

»Ist das viel?« fragte Peringel.

»Sehr viel, damit bin ich aus allen Sorgen heraus.«

»Aber wenn dir jemand die Kasperles fortnimmt? Sie gehören Dir doch nicht,« meinte die Schießbudendame.

Das war eine Frage. Wer hatte die Kasperles eigentlich gefunden? Es entstand bald ein lebhafter Streit auf dem Meßplatz, wer eigentlich der Finder der Kasperles wäre, denn jeder wollte es gewesen sein, jeder wollte die Belohnung einstecken.

»Wir wollen ausreißen,« schlug Peringel sein beliebtes Hilfsmittel dem Kasperlemann vor. Und der war damit einverstanden. Es kam ihm am gescheitesten vor, mit den beiden Kasperles heimlich den Festplatz zu verlassen.

Am nächsten Morgen ging ein Zug nach Torburg, mit dem beschlossen der Kasperlemann und die Kasperles abzufahren. »Ihr dürft es niemand verraten,« sagte der Kasperlemann und die beiden gelobten auch Stillschweigen.

Sie verrieten auch niemand etwas und legten sich am Abend in das Bett, das eigentlich dem Kasperlemann gehörte und das er den beiden abgetreten hatte. Es stand im Budchen und war ein luftiger Schlafplatz, denn nur eine Leinwand trennte es von draußen. Der Kasperlemann selbst hatte sich vorn in dem kleinen Theater ein Plätzchen zurechtgemacht.

»Weck uns auch morgen zur rechten Zeit,« schrie Peringel mit einer Stimme, die auf dem halben Meßplatz zu hören war.

»Die wollen ausreißen,« tuschelte der Schlangenmensch einem Chauffeur zu, mit dem er zusammenstand.

»Hätte ich das gewußt, daß eine so hohe Belohnung gezahlt wird, dann hätte ich die beiden gefahren.«

»Wollten sie denn?«

»Ja, für 70 Pfennig.« Die beiden lachten und auf einmal sagte der Schlangenmensch: »Was nicht ist, kann noch werden.« Die beiden tuschelten eine Weile zusammen und dann gingen sie und kauften eine Riesentüte der allergrößten Pfannküchlein.

In der Nacht war es.

Kasperle schlief ganz fest, als ihm auf einmal unversehens ein großer Pfannkuchen in den Mund geschoben wurde, Bimlim geschah das gleiche. Der Pfannkuchen war so groß, daß die beiden beinahe daran erstickten. Sie fühlten, wie sie hochgehoben und weggetragen wurden. Kaum hatte Peringel seinen Pfannkuchen runtergeschluckt, da hatte er schon wieder einen im Munde.

Aber Kasperle war doch ein Held.

Er spuckte in einem großen Bogen aus und begann mörderlich zu schreien.

Flugs wurde er aber in Decken gepackt, daß ihm das Schreien verging.

»Hier schrie doch jemand so,« sagte ein Schutzmann.

»Wer spuckt denn hier Pfannkuchen aus?« fragte ein Herr.

»Da ist etwas nicht richtig,« sagten alle beide.

In dem Augenblick kam der Kasperlemann gelaufen: »Meine Kasperles sind weg.«

»Da vorne in dem Auto hat es geschrien,« rief jemand.

»Ich sehe nach.« Ein Chauffeur kurbelte an, der Kasperlemann sprang in den Wagen und los ging die Fahrt.

Die Kasperles lagen eine Weile ganz ruhig in ihren Decken und der Schlangenmensch sagte, denn er war es wirklich: »Ich sehe nach, ob ihnen etwas fehlt.« Er wickelte also Peringel aus und sah, daß der ganz steif war. Da bekam er einen tüchtigen Schreck und begann Peringel heftig zu schütteln. Auf einmal klatsch bekam er eine mächtige Ohrfeige und Peringel sprang auf und riß Bimlim in die Höhe und beide kobolzten aus dem Wagen hinaus. Ehe sich der Schlangenmensch und der Chauffeur noch recht besonnen hatten, waren die beiden schon ein Stück die Straße entlang gepurzelbaumt.

Weil Menschen auf der Straße gingen, wagten der Schlangenmensch und der Chauffeur nicht umzukehren und Peringel und Bimlim gingen ganz gemächlich den Weg zurück.

Auf einmal rief jemand: »Da gehen die Kasperles.«

Es war der Kasperlemann und die Freude war gegenseitig riesengroß.

»Nun fahr’ ich sie gleich nach Torburg,« rief der Chauffeur.

Das war allen drei recht, besonders den Kasperles, denn im Auto zu fahren, dünkte ihnen sehr unterhaltsam.

Es ging auch wie der Wind.

Häuser, Menschen, Wälder, Wiesen, Berge, Täler, alles flog vorbei und auf einmal schrie Peringel: »Das kenne ich.« Sie fuhren an Schloß Himmelhoch vorbei. Die Kasperles schnitten Gesichter, und wenn sie an menschlichen Wohnungen vorbeikamen, da lachten die Leute. Einmal sangen sie auf der Straße ein Lied, da sang Kasperle mit. Er kannte das Lied, Florizel hatte es gedichtet und Kasperle hatte es vor vielen Jahren gesungen.

Aber das Singen hatte Kasperle noch nie recht gekonnt, er sang noch wie ein altes Scheunentor, wenn es der Wind bewegt, und die Kinder auf der Straße lachten über das Singen. Da schnitt er ein Unhold- und Räubergesicht und geschwind rissen die Kinder aus.

Und endlich kam Torburg. Die erste, die Kasperle erkannte, war Liebetraut Severin, die lief auf den Wagen zu und rief: »Kasperle, wir haben uns alle um dich geängstigt.«

»Du auch?«

»Ich auch. Und Marlene war ganz traurig.«

»Wo ist Marlenchen?« schrie Kasperle.

»Bei mir heute nachmittag zum Kaffee, komme du auch.« Das versprach Kasperle und Liebetraut sagte ganz herzlich, denn ihr gefiel heute Kasperle sehr gut: »Wir freuen uns alle, wenn du ins alte Severinhaus kommst.«

»Erst muß ich ihn aber zu Meister Drillhose bringen,« sagte der Kasperlemann.

»Und das viele Geld holen,« rief Kasperle.

»Weißt du, wer das gegeben hat?« fragte Liebetraut.

»Herr Stopps.«

»Ja, Herr Stopps.«

»Sind’s so viel wie zwei Millionen?« fragte Kasperle.

»Nein, so viel lange nicht. Ach, wenn man so viel Geld hätte.«

»Hast du kein Geld?« Kasperle holte zwei Gröschlein aus der Tasche.

»Da, die schenke ich dir.«

Liebetraut Severin lachte über das Geld und das dumme Kasperle machte ein trauriges Gesicht: »Warum hast du kein Geld? Meister Severin hatte doch so viel Geld,« sagte er traurig.

»Er hatte keins,« antwortete Liebetraut nachdenklich.

»Doch, in dem kleinen Kasten im Schlafzimmer, da steckt viel Geld.« Kasperle sah sich auf einmal wieder wie einst im alten Severinhause herumtollen und sah Meister Severin vor seinem Geldfach stehen.

»Kasperle,« rief Liebetraut, »du findest bei uns vielleicht noch einen Schatz, das wäre schön, dann brauchte sich mein Vater nicht so zu sorgen.«

Kasperle gab merkwürdigerweise keine Antwort. Er machte nur ein erschrecklich schlaues Gesicht, so, als jagten sich die Dummheiten in seinem Kasperlekopf.

»Nun aber schnell zu Meister Drillhose.« Der Kasperlemann hatte es eilig.

Da raste das Auto davon und hielt wenige Minuten später vor dem Haus, in dem Meister Drillhose wohnte.

Da liefen dann alle Leute in der Gasse zusammen, als es hieß: »Die Kasperles sind wieder da.«

Das war eine Freude, denn alle hatten schon geglaubt, die Kasperles wären nach Amerika entführt worden.

Der Kasperlemann bekam seine 500 Mark, die er mit dem Chauffeur teilte, und alle beiden sagten froh, nun hätten sie keine Angst vor dem Winter.

Kasperle schenkte ihnen noch seine beiden Gröschlein und glaubte wunder wieviel Geld er gegeben hätte.

Am Nachmittag aber gingen die Kasperles zu Severins in das alte Severinhaus am Kirchplatz und dort wurde Kasperle mit großem Hallo und großer Freude empfangen.

Das tat wohl.

Kasperle kam sich ungeheuer wichtig vor, als alle ihn mit dem Ruf begrüßten: »Da bist du ja endlich wieder im alten Severinhause.«

Kasperle saß wie einst am runden Tisch. Und die um ihn herumsaßen, waren Liebetraut und Rosemarie Severin, Prinzessin Marlenchen, Henry Stopps und die beiden Prinzen, der richtige Prinz und der Kasperleprinz. Und mit allen war Kasperle an diesem Nachmittag gut Freund, denn alle hatten sich um ihn gesorgt und Sorge knüpft feste Bande. Alle waren froh, Kasperle wieder zu haben, und Kasperle und Bimlim mußten erzählen, was sie alles gesehen und erlebt hatten. Kasperle aß und trank, füllte sein Bäuchlein und schwatzte wie eine Elster, da sagte Herr Severin: »Kasperle, weißt du nicht, wo hier im Hause ein Schatz liegt? Es soll einen geben.«

»Da.« Kasperle deutete mit beiden Händen auf einen Wandschrank. Reden konnte er nicht, er hatte zu viel im Munde.

»In dem Schrank ist meine Wäsche,« sagte Frau Severin.

»Da – da drin.« Kasperle konnte noch immer nicht sprechen, er zappelte mit Armen und Beinen.

Da ging Frau Severin und schloß den Schrank auf, er lag voll Tischwäsche. Aber Kasperle sprang wie ein Blitz auf, hin an den Schrank und alle Wäsche lag am Boden und nun sahen es alle: der Schrank war doppelt, dahinter war noch ein Schrank.

»Der Schatz!« schrien alle.

Und dann sagten alle enttäuscht: »Ach Kasperles!«

»Das bin ich,« schrie Kasperle.

Er war es auch. Frau Severin holte zwei Kasperles aus dem Schrank, es waren die letzten, die einst Meister Friedolin geschnitzt hatte, darunter lag sein ganzes Schnitzzeug und eine Geige.

»Auf der hat Meister Severin gespielt,« rief Peringel.

»Ich will einmal darauf spielen,« bat Rosemarie.

»Halt, laßt mal sehen, was noch im Schranke ist.« Frau Severin nahm alles heraus aus dem Schrank. Außer den zwei Kasperles, der Geige und dem Schnitzzeug standen noch ein paar silberne Patenbecher und ein Kästchen drin. Es enthielt nur ein Bild in einem kleinen Goldrahmen und Kasperle schrie los: »Das ist der Herzog.« Das Bild mochte der alte Herzog einst Meister Severin geschenkt haben. Ein Beutelchen mit ein paar Goldstücken fand sich auch noch in dem Schrank, mehr nicht.

»Das ist der ganze Schatz,« sagten alle enttäuscht.

Nur der Herr Severin sagte nichts, er sah nachdenklich drein und prüfte die Schnitzmesser mit der Hand.

»Schade, wir hätten den Schatz so gut gebrauchen können.« Frau Severin sah betrübt drein, aber ihr Mann nahm ihre Hand und sagte fast feierlich: »Das ist auch ein Schatz.«

»Wieso, die Geldstücke sind doch nicht mehr viel wert?«

»Man kann auch einen Schatz finden ohne Geld. Der Schatz liegt hier auch in der Arbeit. Ich habe mir gedacht, ich möchte etwas tun mit meinen kranken Augen, nun weiß ich, ich werde Holzschnitzer wie Meister Friedolin.«

»Schnitze mich auch,« sagte Kasperle eifrig.

»Ja, dich zuerst. Wenn ich dich herausbringe, dann kann ich auch andere Sachen.«

»Fang an.« Kasperle meinte, es müßte nun auch schnell gehen. Und wirklich nahm Herr Severin wie Meister Friedolin das Schnitzmesser zur Hand und begann an einem Stück Schnitzholz, das auch im Schranke lag, zu schnitzen. Mit seinen schwachen Augen konnte er die Arbeit leidlich sehen, und was er nicht sehen konnte, begann er zu fühlen.

Kasperle meinte, es sei wie damals, als Meister Friedolin ihn geschnitzt hatte, und als Rosemarie die Geige nahm, die noch eine Saite von Meister Severin hatte, da klang es wie einst, wenn das Michele spielte.

»Es wird etwas aus dir, wenn du fleißig bist,« sagte der Vater.

»Das will ich schon auf Urgroßvaters Geige,« antwortete Rosemarie, die bis dahin ein kleiner Faulpelz gewesen war. »Ich habe nun auch einen Schatz.«

Das wurde noch ein gemütlicher Nachmittag. Alle saßen um den Vater herum und sahen das Kasperle entstehen und Kasperle aß wegen der Anstrengung des Modellstehens ein Stück Kuchen nach dem andern.

»Aber Kasperle, du ißt zu viel Kuchen,« sagte Liebetraut.

»Erst zwölf Stück,« schrie Kasperle, »oder hundert.«

»Kasperle, du mußt zählen lernen,« sagte Liebetraut. »Du bist zu dumm: Paß auf, ich bring’ dir’s bei, Paß mal auf, hier sind fünf Portionen, nun zähl’ mal eins, zwei, drei.«

Da waren schon alle fünf in Kasperles Mund verschwunden und Bimlim rief aufgeregt: »Ich will auch zählen lernen.«

»Aber mit Bohnen,« meinte Liebetraut.

Doch damit waren die Kasperles nicht einverstanden und endlich gab Frau Severin Birnenschnitze her. Damit lernten sie das Zählen. Und erstaunlich genug, als Herr Severin mit seinem Kasperle nach zwei Stunden fertig war, konnte Kasperle schon bis sechs zählen, weiter ging es nicht. »Wenn du morgen wiederkommst, dann gebe ich dir weiter Stunde.«

»Mit Birnenschnitzen,« rief Peringel, aber Bimlim verlangte Schokolade.

»Das geht nicht, das ist zu teuer.«

»Wir legen unser Geld zusammen,« schlug Marlene vor, »davon kaufen wir Zuckerles und Kasperle und Bimlim lernen dann zählen.«

»’ne Million,« schrie Kasperle und stopfte den letzten Birnenschnitz in den Mund.

Das war aber allen zu viel. Eine Million Zuckerles, wer sollte die bezahlen!

»Ein Pfund ist genug,« sagte Marlene.

»Das ist noch zuviel,« meinte Liebetraut.

Aber Kasperle fand nichts zuviel, und er erzählte von riesengroßen Zuckertüten, die er vor hundert Jahren ausgegessen hatte.

»Und nun ist Kasperle fertig,« sagte auf einmal Herr Severin und alle sahen voll Bewunderung das geschnitzte Kasperle an. »Nun geht das auf den Jahrmarkt,« sagte Kasperle, »und ich bleibe zu Hause.«

»Wo denn zu Hause?« fragte Bimlim traurig.

»Hier,« schrie Kasperle.

»Ja, im Severinhause,« riefen alle. »Wir gehen zu Meister Drillhose und bitten ihn. Und da, das nehmt mit, seht, was draufsteht.« Frau Severin hielt den Beutel mit Goldstücken hoch, auf diesem stand: Kasperles Eigentum.

»Das gehört Kasperle,« riefen alle. »Das gibt er Meister Drillhose und bleibt bei uns.«

Kasperle staunte den Beutel an. Ein dunkles Erinnern kam ihm, daß den Mr. Stopps ihm mal geschenkt hatte.

»Ich habe nichts,« klagte Bimlim.

»Du bist doch dumm, was mein ist, ist auch dein. Und da du allein nicht kaspern kannst, muß Meister Drillhose uns beide freilassen.«

»Wollt ihr nicht mehr auf Jahrmärkte gehen?« fragte Herr Severin.

»Nä,« schrie Kasperle, »das ist zuviel!«

Da kam es denn heraus, daß das Leben und Treiben auf der Leipziger Messe die beiden so verwirrt hatte, daß sie alle Lust am Kasperlespiel verloren hatten.

Wer das nicht einsehen wollte, war aber Meister Hirsebrei. Der wollte und wollte sein Kasperle nicht freilassen und Kasperle mußte alle seine Goldstücke hergeben, um die Meister beide dahin zu bringen, ihn in das Severinhaus ziehen zu lassen.

Aber an einem schönen Festtag hielten Kasperle und Bimlim dort ihren Einzug und Meister Hirsebrei spielte an dem Tage mit Kasperles, die Herr Severin geschnitzt hatte, auf dem Jahrmarkt in Neustadt. Die geschnitzten Kasperles spielten beinahe so gut wie das echte Kasperle und Meister Severin bekam so viele Bestellungen wie einst Meister Friedolin. Aber er schnitzte nicht nur Kasperles. Für die Kirche in Torburg schnitzte er einen neuen Altar, ein feines Werk, eine Rosenhecke von zarter Schönheit, das seinen Namen berühmt machte. So hatte er wirklich im alten Schrank einen echten Schatz gefunden, eine Lebensarbeit, und das nur, weil Kasperle sich auf den Doppelschrank besonnen hatte. Kasperle und Bimlim verlebten gute Tage im Severinhaus. Marlene, Herr Stopps und Prinz August sorgten dafür, daß die Kasperles immer suppsatt wurden und nie Not litten. Manchmal kasperten die Kasperles auch auf dem Kirchplatz wie in alter Zeit und beide waren bald so bekannt in Torburg wie einst Peringel. Jeder Autokutscher kannte sie und manchmal fuhr Kasperle mit im Land oder in der Stadt herum. Und wenn Fremde nach Torburg kamen, zeigten die Dienstmänner das Haus, in dem die beiden echten Kasperles wohnten.

Aber so recht glücklich waren die beiden doch nicht.

Um sie herum hatten alle ein Leben der Arbeit. Liebetraut ging in das Gymnasium, Rosemarie spielte Geige, Henry Stopps und Prinz August waren so fleißige Schüler wie Liebetraut, sie wollten alle drei studieren. Und die Erwachsenen hatten alle ihre Sorgen und Arbeit. Da kamen sich die beiden Kasperles manchmal recht überflüssig vor. Sie hatten keine Arbeit, denn auf die Jahrmärkte ziehen wollte hauptsächlich Bimlim nicht. Da erwachte in ihnen oft die Sehnsucht nach der Heimat, aber Peringel sagte stets: »Ich kann doch nicht zurück, ich hab’s versprochen.«

»Du warst dumm,« sagte Bimlim.

»Nä, klug, immer klug.«

Sie stritten sich jeden Tag und versöhnten sich wieder, waren froh, daß sie einander hatten, denn zu zweit in der Fremde ist immer ein besser Ding als mutterseelenallein. Es war aber das alte Lied. Um sie herum wuchsen die Kinder und wurden größer und verständiger, und sie blieben die kleinen dummen Kasperles. Das war nicht schön, und die beiden fingen an, sich zu grämen, als sich auf einmal ihr Schicksal wandelte; ganz merkwürdig war es, wie es geschah.

Eine ganz kuriose Geschichte

Zwei Jahre lebten die Kasperles im alten gemütlichen Severinhaus. Da stand an einem Spätsommertag ein Matrose vor einem Spielwarenladen in Hamburg. Er sah darin zwei Kasperles ausgestellt: Peringel und Bimlim, darunter stand: »Nach lebendigen Kasperles geschnitzt von Meister Severin.« Neben dem Matrosen stand ein Engländer, der auch die Kasperles ansah. Der Engländer hatte, wie einst Mister Stopps, einen kleinen Spleen, auf deutsch einen kleinen Klaps.

Der Engländer sah auch die Kasperles an, und da er Spielzeug sammelte, obgleich er keine Kinder hatte, sagte er auf einmal laut: »Die will ich kaufen.«

»Nein, ich,« schrie der Matrose.

»O no, ich habe es zuerst gesagen.«

»Ich gedacht.«

»Denken gilt nichts in der Welt.«

»Doch, mir gehören sie.«

»Mich.«

»Nein, mir.«

»Mich.«

Die beiden stritten miteinander und plötzlich begannen sie zu boxen. Puff, puff, ging das, Schlag auf Schlag. Und dabei schrien sie immer: »Mir«, »mich«, »mir«, »mich«.

»Ruhe!« rief ein Schutzmann.

»Mich sein die Kasperles.«

»Ich hab’s zuerst gedacht, ich will sie kaufen.« Das Streiten zwischen Engländer und Matrose lockte Zuschauer herbei und ein alter Mann sagte: »Sie sind alle beide verrückt.«

»Bitte schön, ich bin nicht verrückt.« Der Matrose hörte zu boxen auf und der Engländer hörte auch auf. Beide sagten wieder wie aus einem Munde: »Mir gehören die Kasperles.«

»Mich gehören sie.«

»Welche Kasperles?« Der Schutzmann machte große Augen vor Erstaunen und alle Leute, die darum herumstanden, fragten lachend: »Welche Kasperles?«

»Die da im Laden stehen.«

»Wo stehen welche?«

»Dort im Laden.«

»Wo?«

Da sahen Matrose und Engländer hin, aber die beiden Kasperles waren weg.

»Sie sind gestohlen worden,« riefen beide.

»Ih wo, am hell-lichten Tage aus ’nem verschlossenen Ladenfenster, wer soll denn da Kasperles stehlen?«

Die beiden rannten in den Laden hinein und riefen: »Wo sind die Kasperles?«

»Eben verkauft.« Der Herr des Geschäfts rieb sich die Hände. Er hatte wohl gesehen, wie sich die beiden gestritten hatten, und er war froh, daß ein Dritter die beiden Figuren gekauft hatte, denn boxende Käufer in seinem Laden schätzte er nicht.

»Wer haben sie gekauft?« fragte der Engländer, während der Matrose leise einen Angestellten etwas fragte.

»Der Herr, der da eben um die Ecke biegt.«

Im Umsehen war der Engländer draußen und rannte dem Herrn nach, während sich der Matrose drinnen im Laden die Adresse von Meister Severin geben ließ. Er ging dann hinaus, setzte sich in ein Auto und sagte: »Nach Torburg.«

»Wo liegt denn das?«

»In Franken.«

»Also dann fahren wir mal los.«

Und sie fuhren los.

Inzwischen war der Engländer dem Herrn nachgelaufen, der die Kasperles gekauft hatte, und schon war er ihm nahe, als der in ein Auto stieg und ihm heidi hoppsassa an der Nase vorbeifuhr.

Da stand der Engländer auf der Straße und sah sich dumm um.

»Was wollten Sie denn von dem Herrn?« Ein Schutzmann fragte und der Engländer mit seinem Spleen gab Antwort.

»Um ein paar Holzkasperles so ’n Gestürme,« sagte der Schutzmann, »das ist dumm.«

»Das sein nicht dumm und er sein grob, zu mich das zu sagen.«

»Nee, man ’n bißchen still, nicht so schreien, um so ein paar Holzkasperles macht man nicht so ’n Wesen. Gehen Sie doch in den Laden und bestellen Sie ein paar andere.«

Der Engländer klappte vor Verwunderung seinen Mund auf und zu, und als er ihn wieder auf hatte, sagte er: »Das sein einfach.«

»Na, ich denke.«

Der Engländer kehrte wieder in den Laden zurück und erfuhr dort, daß die Vorbilder der Kasperles lebendig wären und in Torburg wohnten. »Ein Auto,« schrie er, »ich will hinfahren.«

»Das hat der andere auch schon gesagt.«

»Uer?«

»Na, der Matrose, mit dem Sie geboxt haben.«

»Schnell, o schnell, er wird sie mich wegnehmen.«

Und Mr. Steeplechose setzt sich in ein Auto und fuhr dem Matrosen nach Torburg nach.

Der hatte aber einen guten Vorsprung und kam eher an. Er ließ sich vor das Severinhaus fahren und wollte dort gerade in den Hausflur treten, als Kasperle und Bimlim herausgepurzelbaumt kamen. Bums, da saßen sie alle drei auf der Erde, und der Matrose sagte: »Ihr seid es wirklich, Kasperle Peringel und Prinz Bimlim?«

»Woher kennst du uns denn?« riefen die.

»Ich soll euch Grüße bringen und euch holen.«

»Von wem? Wohin denn?«

»Von der Kasperleinsel!«

Heisa, da saßen beide, die gerade aufstehen wollten, wieder auf dem Hosenbödle und beide schrien: »Das ist nicht wahr!«

»Ist doch wahr, ich war dort.«

»Wie denn dort?«

»Na, ich bin mit einem Schiff hingefahren und hingeschwommen.«

»Haben sie nicht mit einer Lachkanone geschoßt?«

»Die ist kaputt.«

»Und König Tolu?«

»Ist tot. Aber immer können wir doch nicht im Hausflur sitzen bleiben, kommt mit hinein zu Meister Severin, der euch geschnitzt hat, da will ich alles erzählen.«

Das gab drinnen ein großes Verwundern, als sie hörten, hier komme einer, der auf der Kasperleinsel gewesen sei. Und was erzählte er? König Tolu wäre tot und die Kasperles wollten durchaus Peringel, den Schlingel, zum König haben, der hätte ihnen so gut gefallen. Freilich müßte Prinz Bimlim, wenn der noch am Leben wäre, seine Erlaubnis geben. Der schrie gleich: »Meinetwegen, Peringel soll König sein, mir ist das zu anstrengend.«

Kasperle aber schüttelte den Kopf, er glaubte die ganze Geschichte nicht, und der Matrose mußte erst einen Brief vorzeigen, in dem stand, daß sie einen König brauchten. Das war nun ein echter Kasperlebrief. Statt Worte waren es Bilder. Da war ein Bild, auf dem alle Kasperles nach der leeren Königsschaukel zeigten, und eins, da standen sie alle am Meeresstrand und winkten einem Schiff zu. Kasperle erkannte aus den Bildern, daß sie ihn wirklich zum König haben wollten. Und wie er noch die Bilder besah, zeigte Jan, so hieß der Matrose, einen Beutel Reisegeld für die Kasperles. Und wenn er sie brächte, bekäme er noch einen viel größeren Beutel mit Geld und Perlen, erzählte der Matrose.

Indem sie noch redeten, kam Mr. Steeplechose angefahren. Er machte ein großes Geschrei vor dem Hause und rief mit lauter Stimme: »Ich will die Kasperles sehen.«

Da streckte Peringel den Kopf zum

Fenster hinaus und rief: »Hier wohnen keine Kasperles.«

»Oh, du sein doch einer.«

»Nä.«

»Wer sein du denn?«

»Ein König.« Und Peringel, der Schlingel, streckte, so weit er konnte, die Zunge heraus.

Das paßte sich nun gar nicht für einen König, alle sagten es und Kasperle schämte sich gewaltig. Und weil Mr. Steeplechose nicht aufhörte mit dem Ruf: »Ich will die Kasperles sehen!« ging Jan hinaus und boxte so lange mit ihm, bis Mr. Steeplechose braun und blau geschlagen davonfuhr. Erst als er wieder in Hamburg war, fiel ihm ein, daß er doch Meister Severin nach Holzkasperles hatte fragen wollen.

Kasperle ein König! Peringel, der Schlingel, König der Kasperleinsel! In Torburg erzählten es sich die Menschen auf der Straße und alle fragten einander: »Wird er denn gehen? Will er uns verlassen?« Das war eine schwere Entscheidung für die Kasperles. Bimlim wurde es nicht so schwer, der wäre gern im Menschenland geblieben, denn er kannte die Kasperleinsel kaum noch, die liebe, schöne Insel im blauen Meer mit all ihren Blumen.

Und Kasperle überlegte und überlegte, und kam zu keiner Entscheidung. Viele redeten zu, viele rieten davon ab.

Am dritten Tage ging Kasperle zu Prinzeß Marlenchen. Es putzte sich, so fein es konnte, zog seine neuen Hösles an und wusch sich sogar dreimal die Hände. Es ließ sich von Meister Severin Geld geben, kaufte einen großen Blumenstrauß bunt wie ein Kasperlerock, ging damit zu Prinzeß Marlenchen und fragte sie frank und frei, ob sie seine Frau werden wolle. Er wäre ein König und müßte doch eine Königin haben.

Aber Marlene wollte keine Kasperlekönigin werden, sie sagte, sie wolle lieber in Deutschland bleiben und etwas lernen.

Das war ein bitterer Schmerz für Peringel. Er heulte ganz fürchterlich und Marlenchen hatte Mühe, ihn zu trösten. Schließlich kam sie auf den Einfall, Pfannküchlein holen zu lassen. Davon aß Peringel sechzehn Stück und ließ das Heulen sein.

Also Marlenchen wollte nicht mit. Es fanden sich andere Kinder, die gerne mitgewollt hätten, aber Jan sagte, dazu hätte er keinen Auftrag. Und dann wollten die Eltern ihre Kinder auch nicht nach der Kasperleinsel schicken. Da war nichts zu machen.

Und an einem wunderschönen Oktobertag reisten die Kasperles doch nach ihrer Heimatinsel ab. Sie fuhren mit einem Luftschiff, obgleich Kasperle sehr große Angst vor dem Übelwerden hatte. Und vor dem Herausfallen auch. Aber König Peringel wurde festgebunden, damit er nicht wieder auf einem Strohhaufen landete.

Ganz Torburg lief zusammen, um Abschied zu nehmen. Und jeder brachte ein paar Pfannküchlein und schließlich war das ganze Luftschiff voll und die Kasperles aßen und aßen und darüber verging ihnen das Übelwerden. Ein Zeichen, daß Pfannküchlein gut sind bei Luftfahrten.

Nach ein paar Wochen kamen die Luftschiffer zurück. Die Kasperles waren mit großer Freude im Kasperland aufgenommen und Peringel war gleich zum König ausgerufen worden. Die Kasperles waren nur traurig, daß Marlenchen nicht mitgekommen war, sie dachten, es wäre noch das kleine Menschenmädchen, das einstmals bei ihnen war, denn auf ihrer glücklichen Insel vergeht ihnen schnell genug die Zeit.

König Peringel sandte auch an Meister Severin einen großen Beutel voll Gold und Perlen, und der gab davon Meister Drillhose, Madame Käsewurm, Meister Hirsebrei und dem Kasperlemann von der Leipziger Messe, damit die keine Not mehr zu leiden brauchten.

Ob wohl Kasperle manchmal Sehnsucht hat nach dem lieben Deutschland? Ganz sicher, aber er wird dann seinen Untertanen etwas vorkaspern und sich über die Sehnsucht trösten.

Ob er einmal wiederkommt?

Wohl kaum.

Der kleine alte Kasperlemann

Als der Weltkrieg zu Ende war, fing ein kleiner alter Mann wieder an zu arbeiten. Er hatte, wie so viele Leute, sein erarbeitetes Geld verloren und mußte nun wieder mit der Arbeit beginnen. Er war Kasperlemann, das heißt, er zog von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Messe zu Messe mit seiner Kasperlebude. Das Budchen besaß er noch, denn von dem hatte er sich nicht trennen mögen, auch die Puppen waren noch da und so zog nun Herr Hirsebrei mit seiner Frau Mariechen eines Tages auf die Leipziger Messe. Es war um die Osterzeit, alles blühte und grünte schon, die große Stadt lag eingebettet in einen Kranz frischer grüner Wälder und der Kasperlemann Hirsebrei sagte zu seiner Frau Mariechen: »Man sollte lieber spazierengehn als immer Kasperlespiele machen.« Ja, zum Spazierengehn hatte er auch reichlich Zeit, denn die Kinder, die vor der Kasperbude sitzen und lachen sollten, die fehlten.

Woher das nur kam?

Das Budchen war da, die Kasperles waren da, aber die Kinder kamen nicht. »Ich kann’s nicht mehr,« sagte Herr Hirsebrei zu Frau Mariechen, »ich hab’s verlernt.«

»Unsinn, es sind zu viele Kasperle-Theater da,« antwortete die Frau, »du kannst es noch sehr gut. Solche Witze wie du machen nicht viele, aber sieh nur, dort steht ein ganz großes neues Theater und dort eins und da stehen die Kinder herum, wir müssen unsere Kasperles neu anstreichen und neu anziehen.«

Damit war Meister Hirsebrei einverstanden, aber erst nach der Messe, sonst klebten sie, und mit Kasperles, die kleben, kann man nicht spielen.

»Mir ist’s recht.« Frau Mariechen war mit allem zufrieden, was ihr Mann wollte. Aber sie fing doch immer an, neue Anzüge für die Kasperlepuppen zu nähen, damit es schneller ging. So saß sie dann da und nähte Kasperlestaat und manchmal nahm sie auch den Teller und sammelte ein. Es kam aber wenig Geld ein und manchmal war der Gewinn nur ein Hosenknopf. Da hatte sich so ein Büblein gesagt: Geld ist rund und Hosenknöpfe sind auch rund, also kann man auch Hosenknöpfe geben.

Das stimmte nun nicht, und die arme kleine Frau Mariechen ärgerte sich nur, wenn sie einen Hosenknopf fand, denn alle konnte sie ihrem Manne doch nicht annähen.

So ging die Leipziger Messe vorbei und das Ende vom Lied war, daß die armen Kasperleleute nur wenig Geld hatten, nicht einmal so viel, um mit der Bahn nach Weimar zum Jahrmarkt zu fahren. Da zog Herr Hirsebrei seinen alten Kasperlewagen aus dem Schuppen und das Ehepaar zog wieder wie ehedem mit dem Karren übers Land. Zuerst nach Thüringen und dann nach Franken. Dort in dem Städtchen Torburg lernte Meister Hirsebrei einen uralten Kasperlespieler kennen. Der wohnte in einem kleinen uralten Hause, er zog nicht mehr zu Jahrmarkt und Messe hinaus, denn dazu war er zu alt. Er ging also und sah sich Meister Hirsebreis Spiel an und so lernte ihn Meister Hirsebrei kennen. »Ich spiele schlecht,« sagte Meister Hirsebrei traurig, »ich hab’s verlernt.« »Sie spielen ganz gut,« antwortete der alte Meister, der Drillhose hieß. »Aber die Kinder kommen nicht mehr zu mir!«

»Die Kinder wissen nicht, was ein gutes Kasperlespiel ist, es sind neumodische Kinder, die für Kino und Rundfunk schwärmen. Ja, wenn sie mein altes Kasperle sehen würden, da würde ihnen ein Licht aufgehen!«

»Was ist denn das, Ihr altes Kasperle?«

»Ja, das ist ein echtes Kasperle.«

»Das gibt es ja gar nicht.«

»Doch, es ist davon geschrieben worden.«

»Ach, die Leser sind dumm, echte Kasperles gibt es nicht.«

»Doch, die gibt es: ich habe eins.«

Meister Hirsebrei machte große Augen, dann aber lachte er und spottete: »Wenn Sie ein echtes Kasperle hätten, dann wohnten Sie nicht in einem so armen, kleinen Häuschen, sondern hätten viel Geld verdient, denn ein echtes Kasperle würde die Leute anlocken.«

»Da haben Sie recht, aber mein Kasperle schläft. Als mein Vater ein ganz junger Bursche war, ist es eingeschlafen, es hatte sich müde gekaspert.«

»Warum haben Sie es nicht aufgeweckt?«

»Weil es dann stirbt.«

»Ja, vom Aufwecken stirbt man doch nicht.«

»O doch, wenn man ein Kasperle ist.«

»Wissen Sie das so genau?«

»So ziemlich. Mein Großvater war der alte Kasperlemann, mit dem das echte Kasperle einmal herumgezogen ist, der es damals gerettet hat: Peringel, den Schlingel.«

»Was? Peringel, den Schlingel, das weltberühmte Kasperle wollen Sie haben? Das glaube ich nicht!«

»Glauben Sie es nur, es ist so.«

»Aber wo ist der Peringel?«

»In meinem Kasten.«

»Den muß ich sehen.«

»Wenn ich es erlaube, es hat noch niemand Peringel, den Schlingel, gesehen als mein Vater und ich und meine Frau Luise, die ist aber schon tot.«

»Wie alt sind Sie denn?«

»Fünfundsiebzig Jahre. Als ich geboren wurde, schlief Peringel, der Schlingel, ein, und seitdem warte ich auf das Aufwachen.«

»Fünfundsiebzig Jahre!«

»Ja, fünfundsiebzig Jahre. Eine lange Zeit, aber Peringel, der Schlingel, war auch so müde, als er einschlief, er konnte gar nicht mehr richtig kaspern, es fielen ihm keine Späßchen mehr ein und mein Vater sagte, er wird lange schlafen, hoffentlich erlebst du es noch, daß er aufwacht.«

»Wie kann man so lange schlafen!« Der Meister Hirsebrei kam aus dem Verwundern nicht heraus.

»Oh,« sagte Meister Drillhose, »das vorige Mal hat er über achtzig Jahre geschlafen, und ich weiß noch ein Geheimnis.«

»Was für ein Geheimnis?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Hängt es mit Kasperle zusammen?«

»Mit einem anderen Kasperle. Aber ich sage nichts weiter.«

»Wo ist denn das andere Kasperle?«

»Das sage ich nicht.«

»Hier in Torburg?«

»Das sage ich nicht.«

»Auch in Ihrem Kasten?«

»Das sage ich nicht.«

»Ist’s auch ein echtes Kasperle?«

»Das sage ich nicht.«

»Steht es auch in den Kasperlebüchern?«

»Das sage ich nicht.«

Dem Meister Hirsebrei wurde das ewige »Das sage ich nicht« zu dumm, er stand auf und sagte, er müsse nun kaspern lassen.

»Das ist gut, ich sehe zu.«

»Soll ich Ihnen etwas vorkaspern? Sie können es ja doch besser.«

»Ich kann nicht mehr spielen, nur Kasperle konnte es.«

»Zeigen Sie ihn mir?«

»Vielleicht!«

»Wann?«

»Ich sage es nicht.«

Da fing Meister Hirsebrei zu kaspern an und dachte, der alte Drillhose belügt mich, der hat gar kein Kasperle. Er spielte mit seinen Puppen, so gut er konnte, und die paar Kinder, die gekommen waren, lachten. Auf einmal aber rief ein rechter Dreikäsehoch: »Das sind keine echten Kasperle!«

»Gibt’s gar nicht!« brummte Meister Hirsebrei.

»Doch, in Büchern steht es.«

»Da steht viel Unsinn.« Meister Hirsebrei war schlechter Laune, so ärgerte er sich, und die Kinder ärgerten sich noch mehr. Die liefen fort und vergaßen selbst die Hosenknöpfe in den Sammelteller zu tun. Als Frau Mariechen kam, liefen sie davon wie die Mäuse, wenn die Katze um die Ecke blickt.

Da weinte Frau Mariechen und Meister Drillhose legte eine Mark in den Sammelteller, er sagte dabei: »Ihr Mann spielt sehr gut, beinahe als hätte er es von Peringel, dem Schlingel, gelernt. Er soll heute abend zu mir kommen und Sie sollen mitkommen.«

Da dankte Frau Mariechen sehr für die freundliche Einladung, sie fragte auch nicht, ob sie das Kasperle sehen würde, sie dachte, kommt Zeit, kommt Rat.

Am Abend gingen dann die Kasperleleute zu Meister Drillhose. Von den Leuten, die noch auf dem Festplatz waren, blieb niemand vor dem Kasperlebudchen stehen, Meister Hirsebrei konnte es zuschließen, denn die Kinder waren alle im Bett.

Meister Drillhose hatte schon auf seine Gäste gewartet. Er bewohnte in dem uralten Häuschen, das ihm gehörte, im Erdgeschoß zwei Zimmer. In dem einen stand eine große, buntbemalte Truhe.

»Darin liegt Kasperle,« sagte Meister Drillhose gleich, als das Ehepaar eingetreten war.

»Kann ich es sehen?« Meister Hirsebrei war sehr neugierig, am liebsten hätte er den Kasten gleich aufgemacht, aber Meister Drillhose wehrte ab: »Sachte, sachte, erst muß Madame Käsewurm kommen.«

»Wer ist denn das?«

»Na eben Madame Käsewurm. Da drüben in dem Häuschen wohnt sie, sie ist meine Nachbarin.«

Meister Drillhose sah zum Fenster hinaus und sah drüben ein windschiefes, uraltes Häuschen, an dem sich ein Rosenstock emporrankte. Schneeweiße Gardinen schimmerten hinter den Fenstern, die spiegelblank geputzt waren. Vor den Fenstern blühten bunte Blumen, überhaupt sah das ganze Häuschen blitzsauber aus.

»Dort wohnt meine Nachbarin Madame Käsewurm.«

»Wie kann man Käsewurm heißen!« rief Meister Hirsebrei.

»Wie kann man Hirsebrei heißen!« rief Meister Drillhose, und der Kasperlemann rief lachend: »Wie kann man Drillhose heißen!« Da lachten alle drei über die wunderlichen Namen und Frau Mariechen sagte: »Ich bin eine geborene Schlippermilch, das ist auch so ein kurioser Name. Aber wer ist das?«

Aus dem Hause gegenüber war ein altes Dämchen getreten, klein und fein, in ein staubgraues Kleid gehüllt, stand sie vor ihrem Häuschen wie ein Bild aus alter Zeit.

Als sie Herrn Drillhose sah, winkte sie und sagte: »Ist der Kasperlemann da?«

»Ja,« antwortete Meister Drillhose.

»Ist er nett?«

»Ja,« klang’s wieder zurück.

»Ist er wert, Kasperle zu sehen?«

»Ja.«

»Das ist gut, dann komme ich.«

Und das feine kleine Dämchen stelzte in ihrem weitgebauschten Kleid über die Gasse und trat nach ein paar Minuten bei Meister Drillhose ein.

Kasperle steigt aufwärts und wieder abwärts

Man muß sagen, trotzdem Kasperle keine Heimstätte hatte, schlief er in der Nacht wie ein Murmeltier und wachte am nächsten Morgen purzelvergnügt wieder auf. Es sollte gleich zum Jahrmarkt gehen. Meister Drillhose wollte es, obgleich Meister Hirsebrei sagte: »Es lohnt sich nicht, es ist niemand da.« Aber dem alten Kasperlespieler hatte das bunte Treiben so gefallen, daß er es bald wiedersehen wollte. Wenn er gewußt hätte, was er damit anrichten würde, er hätte es nicht getan. Auf dem Jahrmarktsplatz war es noch ganz still. Viele Buden waren noch geschlossen und Meister Drillhose, den das ärgerte, sagte etwas mißmutig zu den Kasperles: »Seht euch einmal die Flugzeuge dort an.«

»Nä,« schrie Peringel.

»Warum denn nicht?«

»Weil du uns foppen willst. Flugzeuge gibt es nicht.«

»Gibt es doch, geht nur und seht sie euch an. Ihr habt eben viel verschlafen.«

Da gingen sie, die merkwürdigen Dinge anzusehen. Ein Eindecker flog ihnen gerade wie ein großer Vogel vor der Nase weg, und die Kasperles staunten ihm mit weit aufgerissenen Mündern nach.

»So was habt ihr wohl noch nie gesehen?« fragte ein Herr. Es war der Pilot eines Passagierflugzeuges, der bald in die Lüfte segeln sollte.

»Nä,« schrie Kasperle, »das war ’n Vogel.«

»Das war ein Flugzeug, mein Junge.«

»Ich bin kein Junge.«

»Na, was bist du dann?«

»Ein Kasperle.«

Da lachte der Luftschiffer hellauf, denn er hatte gestern von dem Kasperle gehört. »Willst du mitfahren?« fragte er. »In einer halben Stunde steige ich auf.«

»Ja!« schrie Kasperle.

»Darfst du denn?«

»Es gibt ja nichts zu spielen.«

»Dann lauf und hole deine Sachen.«

»Ich habe keine.«

»Na, du kannst auch in deinen roten Kasperlehosen fahren. Geh aber erst und frage, ob du darfst.«

Kasperle aber dachte, wer viel fragt, bekommt viel Antwort, und Bimlim dachte gar nichts. Da sagte Kasperle: »Geh, frage du, ob wir mit dem Flugzeug nach – ja wohin?«

»Nach Leipzig,« rief der Pilot.

»Also frage es, Bimlim, hörst du?«

Bimlim nickte und Kasperle dachte, er findet gar nicht den Meister Drillhose, aber Bimlim fand wirklich hin. Nach einer halben Stunde kam er zurück: »Nun hast du ihn gefunden?«

»Ja.«

»Hast du gefragt?«

»Nä.«

»Warum nicht.«

»Sie schlafen gerade.«

Damit war Kasperle vollständig beruhigt. Wenn einer schläft, kann man ihn nicht um Erlaubnis fragen, und darum antwortete er vergnügt: »Ja,« als der Luftschiffer nochmals fragte: »Darfst du auch bis Leipzig mitfahren? Heute abend komme ich erst zurück.«

Ach, dachte das leichtsinnige Kasperle, dann warten eben die Kinder auf mich.

Er zog Bimlim mit hinein und beide setzten sich in dem Doppeldecker hin, als säßen sie in ihrer Kasperlebude.

Auf einmal fing der Propeller an zu spektakeln und Kasperle bekam einen kleinen Schreck. Bimlim aber sagte: »Wohin fahren wir denn?«

»Wir fahren doch nicht, wir fliegen.«

»Ih nä,« schrie Bimlim.

»Ja, da geht es schon los.«

Die Maschine hob sich langsam vom Erdboden und auf einmal sah Kasperle den Festplatz unter sich liegen. Da sprang er in die Höhe und schrie: »Ich will nicht.« Ein Herr aber nahm das Kasperle, wickelte es ganz und gar in eine Decke und sagte: »Sitz still, sonst fällst du naus.«

Bimlim wurde auch eingewickelt, und da saßen die zwei und unter ihnen rauschten die Wälder, flossen die Flüsse, sie waren bald über allem. Kasperle schnitt vor lauter Aufregung die merkwürdigsten Gesichter und Bimlim schnitt mit. Auf einmal rumpelte es in Kasperles Mäglein und auch Bimlim stöhnte: »Mir wird so komisch.«

Selbst einem Kasperle kann es in dem Flugzeug übel werden, und die Herren, die ihren Spaß an Kasperle hatten, hatten auch Mühe genug mit ihm. Kasperle wollte hinaus, wollte nach Torburg zurück, wollte lieber auf dem Jahrmarkt kaspern, statt in dem Flugzeug zu sein. Und die Welt unter ihm war ihm so fremd und unheimlich.

»Jetzt kommt Leipzig bald,« sagte der eine Herr, »dort müßt ihr uns was vorspielen.«

»Ja, ich schon,« schrie Kasperle, und ehe ihn einer halten konnte, kobolzte er zum Flugzeug hinaus und Bimlim faßte ihn am Hosenzipfel, aber statt Kasperle zu halten, kobolzte er ihm nach.

»Die sind verloren,« sagte der Luftschiffer.

»Schade, es wäre etwas Besonderes gewesen, in Leipzig mit zwei Kasperles zu landen.«

»Ja, schade.«

Und die vier Herren schauten betrübt den Kasperles nach. Es war ihnen wirklich leid um die kleinen drolligen Kerle. Und sie sagten zu einander: »Nun liegen sie irgendwo zerschlagen, schade, sehr schade.« Sie wußten aber nicht, wie gut ein Kasperle purzelbaumen kann. Die beiden purzelbaumten durch die Luft wie durch Meister Drillhoses Wohnstube und landeten unzerschlagen, nur etwas dösig, auf einer großen Strohmiete, inmitten eines Feldes. Da lagen sie und mußten sich erst besinnen, wie sie hergekommen waren.

Das erste, was Kasperle sagte, war: »Ich habe Hunger.«

»Ich auch,« schrie Bimlim.

»Wer redet da oben?« fragte eine grobe Stimme. Ein Bauer stand mit Sohn, Tochter, Knecht und Magd an der Strohmiete und sagte zu den Seinen: »Da oben sitzen zwei Bummler, die wollen wir ordentlich vornehmen.«

»Wir machen Teufelsgesichter,« flüsterte Kasperle, und auf einmal grinsten zwei rotbehoste Teufel von oben herab.

Die Magd riß zuerst aus, die Tochter folgte.

Bauer, Sohn und Knecht blieben noch stehen und sagten: »Das sind aber komische Kerle, vielleicht sind es Räuber.«

»Ja,« kreischte Kasperle und griff dem Bauern in die Haare.

Bimlim wollte das beim Knecht nachmachen, er faßte aber dessen Nase und zerrte so gewaltig daran, daß der Knecht sich laut schreiend losriß und davonlief.

Zwei gegen zwei, dachte der Sohn, ich laufe auch davon. Da rannte der Sohn davon und der Vater lief hintendrein, ihnen nach aber schrien die Kasperles, daß den Ausreißern himmelangst wurde.

Sie liefen ins Dorf und schrien dort: »Räuber sind auf der Strohmiete, die dem Ortsvorsteher gehört.«

»Nein, Teufel sind’s,« schrie die Magd.

»Ja, Teufel.«

»Die Feuerspritze anspannen lassen,« gebot der Ortsvorsteher.

»Alle müssen mit, die freiwillige Feuerwehr soll aufmarschieren.«

»Los, eins, zwei, drei!«

Und hinaus zum Dorf marschierte die freiwillige Feuerwehr und hintendrein Buben und Mädels. Die durften nicht fehlen.

Leichtsinnig wie sie waren, hatten sich die zwei erst einmal auf dem Stroh gehörig ausgestreckt, dann waren sie eingeschlafen. Sie schnarchten sich gegenseitig etwas vor und merkten nichts von dem, was um sie herum vorging.

Auf einmal sagte unten eine Stimme: »Los, sie liegen noch oben,« und schschsch, schschsch, sauste ein Wasserstrahl über die beiden.

Davon wachten sie freilich auf und sie fingen ungeheuerlich zu brüllen an.

»Das müssen ein paar Riesenkerle sein, die so brüllen können,« sagten die Dorfleute, »die müssen noch ein Güßlein haben,« und schschsch, schschsch, ging es wieder über die beiden hin.

O je! Laut brüllten sie, sie dachten, es wäre ein ungeheurer Regen über sie gekommen.

»Jetzt die große Leiter angesetzt,« sagte nun der Ortsvorsteher.

»Zwei müssen hinauf! Wer?«

Es hatte aber keiner Lust, zu den brüllenden Ungeheuern hinaufzusteigen, und die Bauerntochter schrie auch immer: »Es sind Teufel, nehmt euch in acht.«

Sie berieten unten so lange, daß die beiden oben den ersten Schreck überwunden hatten.

»Mach ein Teufelsgesicht, Bimlim,« flüsterte Kasperle.

»Hört ihr sie reden?« sagte unten der Ortsvorsteher. Und weil er doch der Ortsvorsteher war, wollte er seinen Mut zeigen und begann langsam, sehr langsam die Leiter emporzusteigen.

»Schschiiii!« fuhren die beiden mit ihren Teufelsgesichtern an den Rand des Strohlagers.

Da lag der Ortsvorsteher am Boden und die freiwillige Feuerwehr ergriff die Flucht. Heidi riß alles aus!

Es waren aber unter den Kindern zwei Buben, die ergriffen den Schlauch, und da noch Wasser im Wasserwagen war, bekamen die beiden oben wieder ein tüchtiges Güßlein.

Und während der eine spritzte, stieg der andre die Leiter empor, und da sah er die Kasperles. Ein unbändiges Lachen tönte den Fliehenden nach; die drehten sich um und sahen den Buben auf der Leiter stehen und lachen.

Kasperle schnitt zwar alle Teufels- und Räubergesichter, die er kannte, aber Oswald, so hieß der Bube, ließ sich kein bißchen schrecken. Er griff zu und packte das spuckende, schreiende Kasperle fest im Genick und zog es über die Leiter. »Ein Junge, der sich als Kasperle angezogen hat,« rief er.

»So ein frecher Bengel,« schrie der Ortsvorsteher.

»Nä,« schrie Kasperle, »ich bin ein Kasperle und bin aus dem Flugzeug gefallen und . . .«

»Warum nicht vom Monde?« spottete Oswald.

»Nä, daher komme ich nicht, ich bin eben ein Kasperle.«

»Ich bin auch ein Kasperle.« Bimlim kam auch zum Vorschein, und wie die beiden mit ihren großen Nasen und den drolligen Gesichtern vor den Dorfleuten standen, mußten die lachen. »Sie sehen wirklich wie Kasperles aus.«

Da dachten die beiden, es ist am besten, wir zeigen ihnen, was wir können, und sie fingen an, Gesichter zu schneiden und Arme, Beine, Ohren, Nasen und sonst noch etwas zu verrenken. Dabei lachten sie ihr vergnügtes Kasperlelachen und bald hallte das Feld wider vom Gelächter der Dorfleute.

Der Ortsvorsteher sagte: »Ihr wollt wohl nach Leipzig zur Messe?«

»Ja, essen,« schrie Peringel, der es falsch verstanden hatte, und Bimlim schrie mit.

»Habt ihr Hunger?«

»Ja!« »Aber feste,« setzte Peringel, der Schlingel, hinzu.

»Dann kommt herunter, wir wollen euch etwas zu essen geben,« sagte der Ortsvorsteher.

Das Herunterkommen war einfach, die beiden purzelbaumten von ihrer Feste herab und rissen drei Kinder, einen Bauern und eine Ziege um, die auch neugierig gewesen war.

Das gab ein Hallo!

Die gefallen waren, schimpften, die anderen, die aufrechtstanden, lachten, zuletzt aber lachten alle, und die beiden Kasperles wurden ins Dorf geführt. Dort sagte der Ortsvorsteher: »Wollt ihr bei mir essen?«

»Ja,« rief Kasperle Peringel.

»Ich dachte bei mir, wir haben Kaffee und Kuchen.«

»Das essen wir auch,« schrie Kasperle.

»Ich dachte bei mir, wir haben Schweinebraten und Sauerkraut.«

»Essen wir auch,« Kasperle nickte.

»Wir haben Klöße mit Birnen.«

»Und wir Milchreis und Apfelschnitze.«

»Wir Kartoffelbrei mit Leber.«

Und zu allem nickte Kasperle, denn eins schien ihm verlockender als das andre.

»Na, dann sagt doch, wo ihr essen wollt,« sagte der Ortsvorsteher ein bißchen ungeduldig.

»Überall,« schrien die Kasperles wie aus einem Munde.

»Überall, ja ihr wollt doch nicht sechsmal zu Mittag essen?«

»Doch, ist doch fein,« riefen die Kasperles vergnügt, »da wird man mal satt.«

»Na, die sind gut,« sagten die Bauern. Sie glaubten aber nicht an die sechs Mittagessen, doch als die Kasperles begannen, da sagte jeder Bauer zum andern: »Gut, daß sie bei dir auch essen, sonst hätten sie bei mir alles aufgegessen.«

Bimlim konnte nur fünfmal essen, Peringel, der Schlingel, klopfte sich nach dem sechsten Mal auf sein Bäuchlein und sagte: »Endlich mal satt.«

»Nun seid ihr so dick gegessen, nun könnt ihr keine Vorstellung geben, worauf alle Kinder warten,« sagte Oswald betrübt.

»Ich kann schon.« Peringel fing schon zu zappeln an.

Und er konnte.

Fein konnte er spielen. Zuletzt tat Bimlim doch mit, und die Dorfkinder kamen aus dem Lachen nicht heraus. Sie belachten jeden Witz und glaubten alles, was die Kasperles sagten. Am liebsten wären sie alle mit nach Leipzig auf die Messe gezogen. Das ging nun nicht, aber Gröschleins brachten sie und Zweipfennige, keine Hosenknöpfe, da bekamen die Kasperles genug Geld, um mit der Eisenbahn nach Leipzig zu fahren.

Kasperle war noch nie mit der Eisenbahn gefahren. Ja, er erinnerte sich nicht, überhaupt eine gesehen zu haben. Und nun sollte er in den langen Zug steigen, der auf der kleinen Dorfstation hielt. Die Kinder hatten alle die Kasperles hingebracht auf den Bahnhof und Kasperle fragte aufgeregt: »Wo ist denn der, der uns fährt?«

»Da ist der Herr Zug,« schrie Oswald, als der Zug brausend einfuhr. Kasperle machte eine tiefe Verbeugung, so wie er sie einst vor dem Herzog August Erasmus gemacht hatte. Und er stupste Bimlim, der mußte auch eine machen.

»Vor wem verbeugt ihr euch denn?« fragte ein Schaffner, der das sah.

»Na, vor dem Herrn Zug.«

»Donnerwetter, ihr seid aber höfliche Fahrgäste.« Der Schaffner lachte, öffnete ein Abteil vierter Klasse und schob die beiden hinein: »Einsteigen, der Herr Zug wartet nicht.«

»Ich muß erst Abschied nehmen,« rief Kasperle und eins, zwei, drei, kobolzte er aus dem Zug wieder heraus, Bimlim ihm nach.

Da fuhr der Zug los, und Schaffner, Kinder, alles schrie: »Hier bleiben!« aber die beiden blieben nicht. Wuppdiwupp waren sie wieder drin, diesmal aber waren sie in ein Abteil zweiter Klasse geturnt und Kasperle saß einer alten Dame auf dem Schoß, während Bimlim einem Herrn den Hut vom Kopf stieß.

»Was sind das für freche Jungen!« rief die Dame.

»Huch, wir sind keine Jungen.«

»Was seid ihr denn?«

»Kasperles!«

Die Dame mußte lachen, denn Kasperle sah sie so unglaublich verschmitzt an.

»Die sind von Holz.«

»Nä, von Holz sind wir nicht. Wir sind echte Kasperles.«

»Kann denn das stimmen, Herr Professor?« fragte die Dame einen Herrn, der eine große Brille auf der Nase hatte.

»Unmöglich,« sagte der, »so eine Gestalt gehört in die Märchenwelt, es sind zwei Jungen, die sich den Spaß machen, als Kasperles verkleidet zu gehen. Wissenschaftlich lehne ich sie ab.«

»Nä, wir sind keine Jungen, wir sind Kasperles.«

»Stille!«

»Nä!« Die beiden schrien und zappelten, und auf einmal sah Kasperle zum Fenster hinaus und rief: »Da, die Bäume laufen weg!«

Er wollte zum Fenster hinausspringen, den fliehenden Bäumen nach, aber die Dame hielt ihn am Hosenbödle: »Du fällst ja hinaus.«

»Ich bin heute schon mal aus dem Flugzeug gefallen,« erzählte Kasperle.

»Unsinn, da müßtest du doch zerschlagen sein.«

»Nä, bin ich nicht.« Und nun erzählte Kasperle seine Erlebnisse, und dann erzählte er von Meister Hirsebrei und Meister Drillhose und daß die auch nach Leipzig zur Messe kommen wollen.

Und plötzlich sagte der Professor: »Es ist unglaublich, wie der Junge schwindeln kann.«

»Ich schwindle nicht.«

»Alles ist erlogen.«

»Nä!« Kasperle zitterte vor Ärger. Auf einmal machte er ein Teufelsgesicht und die Dame erschrak so, daß sie umfiel und eine Ohnmacht bekam.

War das eine Begebenheit!

Der Professor goß gleich eine ganze Flasche Kölnisches Wasser über sie und Kasperle wurde gescholten, er hätte mit seinen Faxen das Unglück verschuldet. Gleich machte Kasperle ein Prinzessin-Gundolfine-Gesicht. Darüber erschrak nun der Professor gewaltig. Alle seine Wissenschaft konnte sich die seltsamen Kasperlegesichter nicht erklären und er sagte streng: »Sie müssen Haue haben.«

»Nä,« schrie Kasperle, sah das offene Fenster und purzelbaumte hinaus und Bimlim ihm nach, gerade an der Nase des Professors vorbei.

»Sie werden überfahren,« schrien alle.

Aber die beiden wurden nicht überfahren. Sie landeten gerade auf dem Bahnsteig, als der Zug in die Riesenhalle des Leipziger Bahnhofs einfuhr. »Herrjeses,« rief ein Gepäckträger, »da fliegen ja die Goffer schon zum Fenster raus.«

Und dann, als die Kasperles auf ihren Beinen standen, sah er sie erstaunt an und brummelte: »Wees Gnebchen, das sind gar keene Goffer, das sind Jungen.«

»Nä, wir sind keine Jungen.«

»Na, was seid ihr dann?«

»Kasperles!«

»Ihr gehört wohl auf die Messe?«

»Ja.«

»Na, da macht mal hin. Sie hat gerade angefangen.«

Mister Stopps Diener Bob

»Wie sieht Bob aus?« fragte das Kasperle neugierig, als der Wagen mit den Reisenden N. zurollte.

»Dick ist er und dumm,« sagte Mister Stopps.

»Oh!« Kasperle machte kein sehr erfreutes Gesicht, und Mister Stopps verwunderte sich, als Kasperle kläglich sagte: »Dann gefällt er mir nicht.«

»Er uird dir schon gefallen, er ist sehr unangenehm,« erklärte Mister Stopps. Dick, dumm, unangenehm, und dann soll er einem gefallen? Das Kasperle schüttelte den Kopf und rief ein bißchen patzig: »Nä, dann gefällt er mir doch nicht. Dann ist er gräßlich.«

»Aber Kahspärle, mein lieber Bob ist nicht gräßlich. So etuas darfst du nicht sagen.«

Kasperle hätte sicher noch viel gesagt, wenn nicht die Kutsche gerade wieder an dem Wagen mit dem lieblichen kleinen Fräulein vorbeigerollt wäre.

»Na, immer noch so langsam?« rief der Postillon dem alten Kutscher zu, der den anderen Wagen lenkte.

Doch der gab keine Antwort, griesgrämig sah er vor sich hin, und das schöne, blasse Fräulein weinte heute gar.

Kasperle winkte ihr zu, er schnitt allerlei Gesichter, aber diesmal lächelte das Fräulein kein bißchen. Da nahm Florizel seine Geige und spielte gar süß darauf, dazu sang er sein Lied:

»Nur nit verzagt,
Bald der Morgen tagt.«

Da weinte das schöne Fräulein noch heftiger, aber sie winkte doch wieder mit dem Tüchlein herüber. Kasperle regte sich über die Tränen des lieblichen Kindes ordentlich auf, und er gab Mister Stopps einen Rippenstoß und sagte: »Die mußt du auch mitnehmen.«

»Uen soll ich mitnehmen?«

Es dauerte ein Weilchen, ehe Mister Stopps Kasperles Wunsch begriffen hatte, dann sagte er freilich, es ginge nicht an, einfach ein fremdes Fräulein mitzunehmen.

»Aber sie weint doch,« schrie Kasperle ganz böse.

»Sie hört auch wieder auf.« Mister Stopps war ein bißchen ärgerlich, denn das Kasperle verlangte noch zehnmal, die Fremde sollte mitreisen. Es war ganz ungebärdig, wollte gerade heulen, als ganz nah die Türme und Häuser einer großen Stadt auftauchten. In einer größeren Stadt als Torburg war Kasperle, noch nie gewesen. Er riß den Mund weit auf und grinste alle Vorübergehenden an, und ein lautes Rufen und Verwundern entstand. Was war das für ein schnurriger Mensch, der da im Wagen saß?

»Lassen Se Kasperle nicht rausgucken, sonst gibt’s was,« mahnte der Kutscher. Aber seine Mahnung kam zu spät. Denn gerade rollte der Wagen an einer Schule vorbei, und die war eben aus. Kasperle steckte den Kopf weit hinaus, schnitt ein Räubergesicht, dann eins, das blitzdumm war, und da umrannten die Kinder die Postkutsche so, daß die Pferde erschrocken stehen bleiben mußten.

»Kahspärle.« Mister Stopps packte Kasperle und zog ihn in den Wagen hinein. Aber da wurde es ganz schlimm. Die Buben kletterten auf das Trittbrett, die Mädel bettelten unten, sie wollten alle den komischen Jungen sehen.

»Das gibt’s nicht,« rief Mister Stopps.

»Ich bin müsemausetot,« schrie Kasperle aus dem Wagenwinkel heraus.

Ein jauchzendes Geschrei war die Antwort. »Holla he, er sagt, er wäre tot, müsemausetot,« brüllten ein paar Buben.

»Zeig doch, wie tot du bist!« Kasperle streckte flugs die Zunge heraus und machte flink ein Mister Stopps-Gesicht.

»Mehr,« kreischten die Kinder, »er sieht wie der häßliche Mann im Wagen aus.«

Das war selbst dem gutmütigen Mister Stopps zu viel. Klitsch, klatsch bekam Kasperle eins aufs Hosenbödle, und Mister Stopps rief streng: »Ueiter fahren!«

Aber wie soll ein Kutscher fahren, wenn hundert Kinder um ihn herumwuseln und diese hundert Kinder noch dazu schreien wie auf einem Kinderfest.

»Es geht nicht,« brummte der Kutscher verzagt.

Da nahm Florizel seine Geige und spielte heiter und sacht, es klang wie einer Mutter liebes Mahnen:

»Geht nach Haus,
Geht nach Haus,
Mädels und Buben!
Seid nicht wild!
Vater schilt
Und Mutter bang
Wartet schon lang.
Gehet heim,
Gehet heim,
Buben, Mägdelein!
Kasperlein
Will schlafen ein.
Müd’ ist der Wicht,
Stört ihn nicht.«

Da schloß Kasperle gleich seine Augen, er tat, als ob er schliefe.

Das wollten die Kinder aber noch sehen, doch da mahnte Florizel wieder:

»Geht doch heim,
Geht doch heim,
Mädels und Buben!
Mittagszeit,
Essen bereit,
Sorgend Eltern schauen aus.
Nach Haus, nach Haus!«

Es war wunderbar, Florizels Lied trieb die Kinder heim, und Kasperle schlief wirklich ein. Er wachte erst wieder auf, als der Wagen vor einem stattlichen Hause hielt, dem vornehmsten Gasthof der Stadt. Über der Tür hing ein dicker, silberner Mond, und Mister Stopps schüttelte Kasperle und sagte: »Uir sein da, und hier sein der Mondschein.«

Kasperle rieb sich die Augen, sah hinaus und sagte verdutzt: »Ih nein, die Sonne scheint.«

»Oh no, Mondschein.«

»Das ist doch die Sonne.«

»No, ich uill in den Mondschein.«

Da hätten sich Kasperle und sein Herr beinahe gestritten, aber Florizel sagte: »Kasperle, dummes, Mondschein heißt der Gasthof.«

»Ach so, ja das muß einer eben erst wissen.«

»Und da sein Bob, mein lieber Bob.«

Ja, da stand Bob. Neben einem schlanken, großen jungen Mann, der ungeheuer gutmütig aussah, stand einer, der war klein, dick, kugelrund, und sein Gesicht sah aus, als hätte er das schlechte Wetter vom ganzen Jahr eben verschluckt. Oh, Bob gefiel Kasperle nicht. Klein, dick, unangenehm, es stimmte alles. Aber Kasperle dachte, ich will Freundschaft mit ihm schließen, denn wenn ihn Mister Stopps gern hat, kann er so übel nicht sein. Er lief auf den Dicken zu, platschte ihm auf den Magen und rief: »Guten Tag, Bob! Ich bin Kasperle.«

»Daß du ein frecher Kasper bist, sehe ich,« brummte der Dicke, »aber mich Bob zu schimpfen, das verbitt’ ich mir. Da hast du deinen Dank!«

Wutsch, saß dem Kasperle eine kräftige Maulschelle im Gesicht, und vor Schreck kugelte er gleich zu dem Wagen zurück.

»Oh, wie böse,« rief der Schlanke, der neben dem Dicken stand, »oh, und da ist mein Herr, Mister Stopps!«

Der Schlanke sprang herzu, Mister Stopps schlug ihm vertraulich auf die Schulter und sagte: »Guten Tag, Mister Bob. Wie geht’s dir? Und da sein Kahspärle. Oh, so dumm! Kasperle, uarum hast du mit dem fremden Mann geredet?«

»Der hat gedacht, ich wäre es,« antwortete Bob vergnügt.

»Das hat er übel genommen. Aber was ist das für ein sonderbarer Junge, Mister Stopps?«

»Das sein Kahspärle.«

Kasperle heulte. »Ich hab’ doch nur Bob guten Tag gesagt.«

»Das sein hier Bob.«

»Nä,« rief Kasperle, »Sie haben gesagt, er wäre dick, dumm und unangenehm, und das ist der da.«

Der Dicke hatte das Wort gehört, wütend kam er herbei und schrie: »Was, ich soll dick, dumm und unangenehm sein?«

»Ich denken, Sie sind dünn, klug und angenehm,« rief Mister Stopps sehr streng und sehr würdevoll.

»Ach so, ja das bin ich.« Der Dicke blähte sich auf, Kasperle schaute verwirrt Mister Stopps an. Was redete der nur? Aber da lachten Florizel und Bob alle beide, denn sie merkten, der gute Mister Stopps hatte die Worte verwechselt. Bob, der gar kein Engländer war, wußte gleich, was sein Herr meinte. Er beugte sich zu Kasperle, hob es auf und sagte ihm das, und Kasperle lachte wie toll. Er schloß gleich gute Freundschaft mit Bob, denn den konnte man wohl leiden. Er lachte mit Kasperle um die Wette, und als beide an dem Dicken vorbeigingen, sagte er vergnügt: »Herr Dummklug von Angenehm!«

Weil Kasperle aber gar so lachte, machte der Fremde doch ein verdrossenes Gesicht und brummte: »Ich bin der Herr von Löwenzahn, merk Er sich das!«

»Und ich bin der Graf Kasperle von Torburg, und das da ist der Prinz Stopps von England, merk Er sich das auch,« schwätzte Kasperle, denn er nahm das Gerede des Fremden nicht für Wahrheit.

Der aber war wirklich dumm. Er sah nicht, wie Kasperles Äuglein zwinkerten. Er verneigte sich ganz tief und sagte demütig: »Oh, verzeihen Sie, Herr Graf, daß ich –«

»Ja, ich bin bitterböse, daß Sie mich geschlagen haben, und der Prinz von England sagte, Sie wären dick, dumm und unangenehm.«

Herrn von Löwenzahn brannten die Ohren. Von einem englischen Prinzen für dumm und unangenehm erklärt zu werden, war höchst betrüblich. Er hielt Kasperle, der davonlaufen wollte, am Ärmel fest und bat: »Ach, lieber kleiner Graf, Sie sind ein sehr spaßiges Herrlein, seien Sie mir nicht mehr böse!«

»Doch,« schrie Kasperle den Herrn von Löwenzahn an. Dem gellte die Stimme schrecklich in den Ohren, und er prallte ordentlich zurück. Da war Kasperle schon auf und davon, ehe sich der Herr von Löwenzahn noch recht besonnen hatte, und weil Kasperle Mister Stopps, Florizel und Bob schon im Flur des Gasthauses stehen sah, schlug er flink einen Purzelbaum und fiel just vor dem Wirt vom Mondschein nieder.

»Alle guten Geister, was ist denn das?«

»Das ist das weltberühmte, einzige lebendige Kasperle Graf von Torburg,« schrie Kasperle den Wirt an, »wir reisen um die ganze Welt herum, mein Herr, der Prinz Stopps von England –«

»Ein Prinz?« Der Mondscheinbesitzer verneigte sich tief, ein Kasperle, das ein Graf war, und ein Prinz waren noch nie bei ihm eingekehrt. Und ehe Mister Stopps noch etwas sagen konnte, rannten alle, Kellner, Hausdiener und Stubenmädchen, durcheinander, und alle riefen: »Die besten Zimmer müssen gerichtet werden.«

»Ich habe doch schon welche bestellt,« sagte Bob.

»Gilt nicht, gilt nicht,« rief der Wirt, »die sind nicht gut genug.«

»Kasperle, du bist ein Strick,« sagte Bob. Er nahm Kasperle und wollte ihn an den Ohren ziehen, aber da sah ihn das unnütze Kasperle treuherzig an, und Bob sagte: »Ich hab’ dich aber doch lieb.«

Mister Stopps sagte gar nichts, er war nur verwundert über das Geschrei um sich her, und er ließ sich schieben und drängen, und wenn einer eine Verbeugung vor ihm machte, fragte er jedesmal: »Bob, uas uill er?« Und dann verneigte sich Bob und machte auch eine tiefe Verbeugung, und der Wirt nannte ihn dann: »Herr Kammerherr!«

Die Gäste wurden wirklich in die besten Zimmer geführt, und Mister Stopps wollte sich gerade umziehen, als der Wirt in das Zimmer gerannt kam. Er verbeugte sich fortwährend, und wollte sich gerade erkundigen, wie es seinem Gaste gefiel, als Kasperle ihm mit dem linken Bein einen Nasenstüber gab. »Na, das mach’ ich nach,« dachte Bob, und ritsch! bekam der Wirt von rechts auch einen. Da rannte der erschrocken aus dem Zimmer und schrie draußen seiner Frau zu, sie sollte ja nicht in die Nähe des Prinzen gehen, der hätte sehr sonderbare Gewohnheiten. Dies hörte Bob, und Bob war beinah so ein Schelm wie das Kasperle. Er nahm den Kleinen zur Seite und tuschelte ihm etwas zu.

»Fein!« schrie Kasperle und purzelbaumte durch das Zimmer, und auf einmal kugelte er Mister Stopps beinahe um. »O Kahspärle,« stöhnte der, »ich uollte ausruhen, mir hinlegen.«

»Ich auch!« Kasperle kuschelte sich an Mister Stopps und der sagte: »Du sein ein gutes Kahspärle.«

»Es ist Essenszeit!« Der Kellner Fritz, der sich sehr fein benehmen wollte, stürzte in das Zimmer, verneigte sich, und – da hatte er seinen Nasenstüber von Bob.

»Oh Bob, uas sein das?« rief Mister Stopps erschrocken, während Fritz heulend und jammernd aus dem Zimmer lief.

»Kasperlemode.« Für lange Antworten war Bob nicht, aber diesmal wollte Mister Stopps doch mehr von der Mode wissen.

Da kam Herr von Löwenzahn in das Zimmer, und ehe er noch wußte, was los war, hatte er von rechts und links einen Nasenstüber. Bob und Kasperle standen gleich darauf steif wie zwei Säulen da.

»Was ist das?« rief Herr von Löwenzahn entrüstet.

»Sitte!« antwortete Bob.

»Wo?«

»Wo.«

»In England?«

»In England.«

Bob stand steif wie ein Pfahl, er wiederholte wie ein Leierkasten die Fragen.

»Das ist dumm, ganz dumm,« rief Herr von Löwenzahn, während Mister Stopps, der ruhig auf seinem Sofa lag, den fremden Herrn durch ein Opernglas betrachtete.

»Uer sein das?«

»Herr von Löwenmaul,« erklärte Bob.

»Zahn, Zahn,« schrie der kleine aufgeregte Herr.

»Von Maulzahn,« sagte Bob.

»Löwenzahn, Dummkopf.«

»Herr Löwenmaulzahn von Dummkopf.«

Herr von Löwenzahn platzte beinahe vor Ärger, aber da lachte plötzlich das Kasperle, eben wie nur ein Kasperle lachen kann, und darüber verlor Bob auch beinahe seine Ruhe. Er machte aber noch die Türe weit auf, und der Herr von Löwenzahn schoß hinaus wie eine feurige Rakete.

»Uff,« stöhnte Mister Stopps, »uas sein hier für komische Leute! Ich uill essen, aber hier unten ist uider etuas los.«

Darüber freuten sich Kasperle und Florizel. Bob lachte vergnügt dazu, und dann ging er steif und feierlich, um unten das Mittagessen für seinen Herrn, den Prinzen Stopps von England, zu bestellen. Dabei kam er in einen Seitenflur, dort stand Herr von Löwenzahn, der fuhr mal mit dem linken, mal mit dem rechten Bein in der Luft herum. Er wollte den Gruß, der in England Sitte war, lernen, denn der gute Herr von Löwenzahn war schrecklich dumm, und von England wußte er nur, daß die Leute dort manchmal sonderbar waren.

»So,« sagte Bob und fuhr Herrn von Löwenzahn an die Nase.

»Frech!« schrie der.

»Sind Sie selbst, Herr von Löwenmaulzahn,« und damit verneigte sich Bob, ging den Flur entlang, und weg war er.

Ein paar Minuten später gab es ein vergnügtes Mahl in dem Wohnzimmer des Mister Stopps. Kasperle aß wie ein paar Scheunendrescher. Bob legte ihm immer die größten Stücke auf. Florizel war auch vergnügt, aber als Mister Stopps bat: »Ein Lied,« da sang er doch eine traurige Weise:

»Steh’ im hellen Mondenschein,
Seh’ mich um und bin allein.
Mein Liebchen ist vorbeigefahren;
Nach hunderttausend Jahren
Treff’ ich sie erst auf einem Stern
Und sag’: Feinsliebste, hab’ dich gern.«

»Sehr merkuürdig, nach so langer Zeit,« brummte Mister Stopps, und dann schlief er sanft ein.

Kasperle wäre auch gern eingeschlafen, aber Bob nahm ihn am Hosenbödle und sagte: »Komm du mit, du mußt mein Lehrmeister sein.«

Und während Mister Stopps schlief, Florizel mit seiner Geige durch die Stadt spazierte, kasperten Bob und Kasperle in Bobs Zimmer, und Kasperle fand, Bob wäre beinahe ein richtiges Kasperle, aber nur beinahe. Zu einem ganz richtigen Kasperle muß man geboren sein. Und Bobs Vater war eben nur ein Schneider gewesen, der zeitlebens auf dem Brett gesessen hatte.

An diesem Nachmittag schlossen die beiden eine dicke, dicke Freundschaft, und Bob versprach dem Kasperle, er würde ihm auch seine Urheimat suchen helfen.

Bob und Kasperle machen eine Entdeckung

Die Fenster der Zimmer, die Mister Stopps bewohnte, öffneten sich nach einem großen Garten. Einsam daneben lag ein altes, gelbes Häuschen, auch in einem Garten, und auf der Mauer, die beide Gärten trennte, hockte Kasperle, und Florizel spielte. Kasperles Beine baumelten wie zwei Uhrpendel hin und her, und an diesen Beinen packte Bob den Schelm, als er ihn auf der Gartenmauer entdeckte. »Kasperle, was machst du?«

»Ich denke nach.«

»Worüber?«

»Florizel ist traurig, ich hör’s.«

»Dein Florizel hat Liebesleid,« sagte Bob, »man hört es.«

»Was ist denn das?«

»Na, wenn einer ein schönes, junges Fräulein liebt,« antwortete Bob.

»Hach, ich weiß, und sie soll den Grafen von Singerlingen heiraten.«

»Wen?« fragte Bob erstaunt.

»Na, den Grafen von Singerlingen, so war’s bei Rosemarie.«

Weil nun Bob von der Geschichte kein Wörtlein wußte, erzählte Kasperle von seinem Freund, dem berühmten Geiger Michele, der die Gräfin Rosemarie geheiratet hatte. »Er konnt’s, weil ich zum Herzog August Erasmus ging,« schloß er.

»War’s da schön?«

»Nä,« Kasperle schüttelte sich, als wäre er ein Bäumlein im Winde.

Es fielen aber keine Äpfel und Birnen von ihm herab, sondern ein rotes Seidentäschlein purzelte aus seinem Hosensack dem Bob auf die Nase.

»Was ist denn das?«

»Hach, ein Späßlein,« schrie Kasperle.

Er griff nach dem Täschchen, aber Bob hatte es aufgemacht; drinnen lag, zierlich auf Elfenbein gemalt, das Bild eines feinen, hübschen Fräuleins.

»Gehört es dir?«

»Nä.« Kasperle beugte sich neugierig hinab und sah das Bild auch an.

»Hach, die ist alleweil an uns vorbeigefahren, und darum hat Florizel so traurig dreingesehen, gewiß, weil Mister Stopps sie nicht mitgenommen hat.«

»Wer ist sie denn? Und wem gehört das Täschchen?«

Bob wollte auch zuviel auf einmal wissen. Kasperle legte sich auf die Mauer und seufzte, aber Bob stupfte ihn so lange, bis er erzählte.

Das Bild stellte das Fräulein dar, das den Reisenden öfter unterwegs begegnet war, und das Täschchen gehörte Florizel.

»Und da drüben wohnt sie,« rief Kasperle und zeigte auf das kleine gelbe Haus. Flugs kletterte Bob auf die Mauer, und die beiden lustigen Kameraden saßen da und schauten in den fremden Garten hinein. Beide überlegten, wie wohl dem armen Florizel zu helfen sei. Da ging ganz ruhig ein alter Mann durch den Garten, dem sah Kasperle erstaunt nach, und endlich flüsterte er: »Der war’s.«

»Wer denn?« Bob war etwas ungeduldig, und Kasperle flüsterte ihm geheimnisvoll ins Ohr: »Der sie gefahren hat.«

»Also wohnt sie drüben?«

»Hach!« Kasperle rutschte erschrocken von der Mauer herunter, und Bob rutschte ihm flink nach. Unten fragte er: »Was hast du denn?«

»Da sitzt sie!«

»Wer?«

»Na, sie!«

»Ach, das Fräulein, das Florizel liebt?«

»Aber darum brauchst du doch nicht zu schreien.«

Kasperle lag am Boden und schnaufte vor Aufregung, und Bob stand daneben und sagte ärgerlich: »Was machen wir nun?«

»Du sagst es ihr.«

»Das geht doch nicht!«

»Dann singst du!«

Nun sang Bob auch gern, und der Gedanke, dem schönen jungen Fräulein ein Verslein vorzusingen, gefiel ihm wohl. Aber dann meinte er doch, man müsse erst wissen, was Florizel dazu sage. Der saß noch immer am offenen Fenster und sang leise traurige Lieder vor sich hin, als Kasperle angestiegen kam. Kasperle stellte sich breitbeinig vor ihn hin; er hatte mit Bob ausgemacht, er wolle heimlich erforschen, ob Florizel das Fräulein liebe. Nun fragte er mit schallender Stimme: »Liebst du sie?«

»Dummkopf,« brummte Bob hinter der Türe, »das ist doch nicht heimlich erforscht.«

»Wen denn? Was denn?« fragte Florizel.

»Na, sie!« Kasperle war höchst erstaunt und dachte, jeder müßte wissen, daß er das fremde Fräulein von unterwegs meinte.

»Ja,« sagte Florizel und lachte. Er hatte keine Ahnung, was das unnütze Kasperle wollte.

»Ich dacht’s doch!« Kasperle rannte zur Türe hinaus und suchte Bob.

Der hatte inzwischen einen Gärtner gefunden, und der hatte ihm erzählt, drüben im gelben Hause wohne ein alter Herr, der wäre erschrecklich geizig, und hätte jetzt so eine schöne, junge Nichte eingesperrt. Weil die auch reich war, gönnte er sie keinem, nur dem dicken Herrn von Löwenzahn, weil der auch reich war.

Na, das war eine Geschichte!

»Wir befreien sie!« Bob und Kasperle kletterten wieder auf die Mauer. Da sahen sie drüben eine Dame lustwandeln. Die war ganz eingehüllt in einen langen, schwarzen Schleier, und Kasperle schrie: »Sie ist’s!«

»Sie ist es nicht,« rief Bob.

»Doch, sie ist es, du mußt ihr dein Lied vorsingen.«

Die Dame setzte sich, und Kasperle gab dem neuen Freund ein solches Stößlein, daß der gleich in den Nachbargarten plumpste. Wie eine reife Pflaume fiel er hinein.

Die Dame saß auf einer Bank, sie drehte ihm den Rücken zu, und Kasperle flüsterte: »Mach doch, flink!«

Da schlich sich Bob heran, stellte sich hinter der Dame auf und sang leise:

»Schöne Maid, schöne Maid,
Florizel denkt dein.
Bald, bald dein Leid,
Bald dein Leid
Gelindert soll sein.«

Da drehte sich die Dame um, und –

Alle guten Geister, erschrak da Bob. Eine fremde, sehr böse aussehende Dame schaute ihn an, die fragte mit einer dünnen Quietschstimme: »Wer ist denn dein Herr Florizel?«

Da riß Bob aus. Eins, zwei, drei, war er auf der Mauer, und dann sauste er mit Kasperle zusammen herab, und beide purzelten in einen Rosenbusch. Das war weder ihnen noch dem Busch angenehm. Es gab Risse und Krätzer in den Gesichtern und an den Händen, und da rief gerade Mister Stopps oben, und jenseits rief die Dame. Es war sehr unangenehm!

Bob und Kasperle rannten in das Haus hinein zu Mister Stopps. Der sah sie erstaunt an und fragte, was sie getan hätten. Da erzählten sie eine traurige Geschichte von der Gartenmauer und dem Rosenbusch, von der fremden Dame sagten sie aber kein Wort. Auf einmal tat sich die Türe auf und die Dame aus dem Garten kam herein und fragte: »Ist hier Herr Florizel?«

»Ja, der bin ich!« Florizel blickte die Dame verwundert an. Die lächelte jetzt sehr holdselig und – bums! da fiel sie dem erschrockenen Florizel um den Hals. »Ach,« rief sie, »ich wußte ja nicht, daß du mich lieb hast, erst durch deine Boten habe ich es erfahren.«

Florizel war ganz verdutzt, er stand wie ein Pfahl, und Mister Stopps fragte: »Uer sein das?«

»Mein Bräutigam,« rief die Dame.

»Nä,« schrie da auf einmal Kasperle. »Das ist ’ne falsche. Das ist ein Gespenst!«

Die Dame erschrak arg vor Kasperles großer Nase und seinem frechen Gesicht, und da Florizel sie auch nicht hielt, plumpste sie vor Schrecken gerade Mister Stopps vor die Füße.

»Bitte,« sagte der, »das müssen Sie nicht tun!«

»Schrecklich!« stöhnte die Dame, und da sah sie Bob. »Er ist’s, der hat gesungen,« rief sie empört.

»Ja, aber ich habe eine andere gemeint!« stotterte Bob verlegen.

»Welche andere? Oh, ich weiß, er meint die Jungfer Angela, des Herrn Vetters Mündel. Ei, das sind ja schöne Geschichten! Na, ich werde es dem Herrn Vetter schon sagen!« Die Dame sprang auf und rannte aus dem Zimmer, und Mister Stopps sah ihr verdutzt nach: »Uas uollte sie?«

»Mich,« rief Florizel, »und angezettelt haben das Bob und Kasperle.«

»Bob ist dran schuld,« rief Kasperle vorschnell und unschuldsvoll.

Da sagte Bob traurig: »Aber Kasperle!«

»Ich auch, ich auch, ich am meisten!« Kasperle fing ein wildes Geheule an, und dann stöhnte er: »Ich kann doch nichts dafür, wenn die Falsche dasitzt. Ich wollte doch Florizel helfen!«

»Dummes, kleines Kasperle, warum wolltest du mir denn helfen?« fragte Florizel freundlich.

»Weil du eine Braut möchtest und – und –«

»Aber ich will ja gar keine!« Nun erzählte endlich Bob die ganze Geschichte und Mister Stopps schüttelte bald den Kopf vor Verwunderung.

»Aber ich kenne das fremde Fräulein doch gar nicht,« rief Florizel lachend.

»Aber du hast ihr doch zugenickt und hast ihr Bild.«

»Du doch auch, Kasperle. Und das Bild hab’ ich gefunden, gestern auf der Treppe. Ich glaube, es gehört Herrn von Löwenzahn. Wenn ich ihn gesehen hätte, dann würde ich es schon zurückgegeben haben.«

»Du hast aber gesagt, du liebst sie,« schrie Kasperle jetzt wütend.

»Ich habe Spaß gemacht. Ich wußte ja nicht, wen du meinst.«

»Hach!« Kasperle machte ein unglaublich dummes Gesicht, Florizel und Bob lachten, Mister Stopps sagte: »Kurios!« und dann mußten ihm Bob und Florizel die Geschichte noch dreimal erzählen, ehe er sie verstand. Da rief er: »Uir uollen abreisen.«

»Ja, abreisen.« Bob machte gleich einen Hopser, Kasperle sah aber traurig drein und sagte: »Florizel, wenn du sie nicht heiratest, muß sie Herrn von Löwenmaul –«

»Zahn,« schrie Bob.

»Löwenzahn heiraten, das ist schlimm.«

»Aber Herzenskasperle, ich kenne sie ja gar nicht.«

Kasperle senkte seine Nase, und während Bob rasch daran ging, die Sachen wieder einzupacken, schlich das Kasperle hinaus. Er ging wieder in den Garten, und auf einer ganz von Gebüsch überwachsenen Stelle kletterte er auf die Mauer und schaute in den Nachbargarten hinab. Der gefiel ihm gar nicht. Er sah wild und wüst aus. Wenig Blumen blühten darin, und gerade als Kasperle oben auf der Mauer sich zurechtgesetzt hatte, ging unten ein mürrisch dreinschauender Herr mit Herrn von Löwenzahn vorbei. Die beiden redeten etwas, das Kasperle nicht verstand, aber während sie noch sprachen, kam die bitterböse Dame angelaufen, der vorhin Bob das Lied gesungen hatte.

»Sie wollen Angela entführen,« rief sie.

»Wer – was?«

»Drüben einer, der sich Stopps nennt.«

»Ein Prinz von England.« Herr von Löwenzahn erzählte von Mister Stopps, und die Dame erzählte die ganze Geschichte, die sie erlebt hatte.

»Das ist unerhört, sie wollen wirklich Angela entführen!« riefen der Griesgram und Herr von Löwenzahn.

»Da kommt sie, ihr könnt sie gleich nach diesem Florizel fragen. Sie kennt ihn gewiß.«

Da kam das schöne junge Fräulein, das Kasperle unterwegs gesehen hatte, langsam daher. Wirklich, sie war es. Sie hing den Kopf und sah sehr traurig aus, und Kasperle dachte betrübt: »Ach, wenn sie lacht, ist sie noch viel schöner.«

Aber das Fräulein sah aus, als hätte sie das Lachen ganz verlernt. Dazu wurde sie auch noch angefahren von ihrem Vormund, ihrer Tante und Herrn von Löwenzahn.

Das arme Fräulein fing bitterlich an zu weinen, und Kasperle auf seinem Mauerversteck hätte beinahe mitgeheult. Und dann wurde er fuchswild, denn Herr von Löwenzahn sagte, die Hochzeit solle gleich morgen sein, das wäre am besten.

»Ja, und bis dahin wird sie in das Gartenhaus gesperrt,« rief der Griesgram zornig.

Aber da weinte das junge Fräulein sehr und sagte, darin wäre es so dunkel, und Ratten und Mäuse wären auch darin. Und vielleicht auch Fledermäuse.

Aber je mehr sie bat und weinte, desto mehr schalten der Griesgram und die Tante auf sie ein, nur der Herr von Löwenzahn war nicht für das Gartenhaus. Der Vormund schien aber ein äußerst zorniger Herr zu sein, er schrie immerzu: »Ins Gartenhaus, ins Gartenhaus!«

Potz Blitz, das ging dem Kasperle doch über die Hutschnur. Er hätte beinahe laut geschrien. Sie sperrten die arme Angela wirklich in das Gartenhaus, und der Vormund wollte gerade den gewaltig großen Schlüssel abziehen, als ihm Kasperle ein Scheit Holz auf die Nase warf. Im gleichen Augenblick zog ihn jemand von rückwärts von der Mauer und hielt ihm auch noch den Mund zu. Es war Florizel. »Sei still,« flüsterte der, »ganz still!« Kasperle war nun still, desto mehr schrien die drüben: »Da hat jemand Holz über die Mauer geworfen.« Florizel zog Kasperle in einen Winkel und kaum kauerten sie in ihrem Versteck, als Herr von Löwenzahn über die Mauer sah. Er konnte die beiden nicht erblicken und sagte: »Der Garten ist ganz leer, es war ein trockener Ast. Ein Zeichen, lieber Oheim, daß Sie Angela nicht einsperren sollen.«

»Eingesperrt wird sie, und damit Punktum!« rief der Griesgram. Noch ein paar Minuten redeten sie zusammen, dann sahen Florizel und Kasperle sie fortgehen, und ein Weilchen später war es ganz still. »Kasperle,« sagte Florizel, »gelt, dem armen, schönen Fräulein helfen wir zwei, aber kannst du den Mund halten?«

Platsch, schlug Kasperle gleich mit beiden Händen auf seinen Mund, und Florizel nickte. »So ist’s recht,« lobte er, »und nun paß einmal auf, daß niemand kommt.«

Er kletterte auf die Mauer und hob Kasperle auch hinauf. Der mußte nach links und nach rechts sehen, während sich Florizel auf das Dach des Gartenhauses setzte und durch den Schornstein in das kleine Haus hinabsang:

»Schönstes Jungfräulein,
Mußt stille sein,
Springen auch die Ratten und Mäuse,
Kommt doch bald leise, leise
Einer übers Mäuerlein,
Dich, Angela, zu befrein,
Und beim Mondenschein
Geht’s in die weite Welt hinein.
Rate, wer kann das sein?«

Im Häuschen war es erst ganz still. Dann tönte ein feines Singen heraus, das hörten die beiden wohl.

»Florizel, der Sängersmann,
Mich wohl befreien kann,
Florizel, vergiß mein nicht
Beim Mondenlicht.«

Da sang Florizel noch einmal:

»Allerschönstes Jungfräulein,
Nicht bange sein!
Florizel hält sein Wort,
Noch heut führt er dich fort.«

»So, das ist ja eine nette Geschichte,« sagte Bob, der die ganze Singerei mit angehört hatte. Er stand im Garten, und das Kasperle hatte vor lauter Mitgefühl den Bob gar nicht gesehen. Erst wollte Bob schelten, aber da sagte Florizel: »Bob, du mußt uns helfen.« Und Bob, der lieber drei dumme als einen klugen Streich machte, sagte ja. »Und um Mitternacht retten wir sie. Das Fräulein Angela muß halt der neue Diener sein.«

»Ja, braucht denn Mister Stopps noch einen Diener?«

»Ha, wie kann der wissen, wer hinten aufsitzt!« rief Bob.

»Nun aber flink hinein, drinnen steht der ganze Flur voll Besuch; sie wollen alle den Prinzen von England sehen!«

»Ja,« schrie Kasperle, »was machen wir da?«

»Nichts weiter, als du legst dich ins Bett und spielst den Prinzen von England. Mister Stopps schläft. Kommt flink hinten herum. Es darf uns niemand erwischen.«

Die Abreise

Mister Stopps hatte gedacht: Früh reisen ist am besten, gestern ist genug Abschied genommen worden.

Das war schon klug gedacht, aber die Torburger dachten halt anders; die Buben und Mädels besonders, die sonst gern recht lange in den Federn lagen, waren an diesem Morgen schon vor Sonnenaufgang putzmunter. Der alte Postillon hatte nämlich Kasperles frühe Abreise verraten. Dem tat es leid, daß Kasperle so ohne nochmaligen Abschied davonfahren sollte, darum sang und blies er auch laut durch alle Gassen, Mister Stopps konnte es ihm verbieten, so viel er wollte.

»Kasperle reist ab!«

Da purzelten alle Buben und Mädels aus ihren Betten, da liefen und rannten die Großen herbei, um rechtzeitig fertig zu werden. Der Zuckerbäcker tat seinen Laden auch in aller Morgenfrühe auf für diejenigen, die Kasperle eine Abschiedstüte schenken wollten. Und alle, die dem Haus nahe standen, rannten in den Laden und kauften: keine Zuckerles, keine roten oder weißen Lutschstengel, keine Küchlein, kein Stückchen Schokolade blieben mehr übrig, alles, alles wurde für Kasperle gekauft. Und Meister Dusterling gab die schönsten Schächtelchen und Kästchen her, er selbst aber schenkte die allerfeinste Zuckerschachtel.

War das ein Gewusel, ein Schreien und Lärmen im Städtchen! Wie vor einem großen Festtag. Der Bürgermeister sah immer den Schein an, den der Engländer ihm gegeben, und rechnete und rechnete, und immer wieder kam heraus, alle Häuser konnten neu aufgebaut und eingerichtet werden. Und immer wieder kam ihm ein Ratsherr in die Stube gelaufen und fragte: »Hat er wirklich zwei Millionen bezahlt? So wertvoll war ein Kasperle? Unglaublich!«

Die Bäcker hatten am Abend vorher noch eine Beratung gehabt, und statt Morgenwecken buken sie alle Kasperlebrötchen. Und gerade als Mister Stopps Umschau nach der Postkutsche hielt, rannten die Bäckerjungen von Haus zu Haus und schrien: »Wir bringen Kasperle, lauter frische, warme Kasperle!« Zwei Bäckerjungen trugen einen großen Korb frisch gebackener Kasperle auch in Meister Severins Haus, und Kasperle sah da seine Ebenbilder mit Rosinenaugen, und er aß gleich sechs Stück und hätte auch noch mehr gegessen, aber Frau Liebetraut sagte: »Kasperle, es wird dir schlimm, wenn du so viel warme Kasperlebrötchen aufißt.« Sie packte einen Korb voll ein, denn alle Bäcker schickten an diesem Morgen Kasperle zu Meister Severin. Und alle Torburger aßen frischgebackene Kasperle-Brötchen, und Kasperles gute Freunde verdarben sich bald den Magen daran. Nur das feine Marlenchen weinte, als sie ihren kleinen Freund als Kuchen vor sich sah. Sie aß keinen Bissen und stand dann bitterlich weinend vor der Haustüre, als draußen mit trara die Post angefahren kam. Kasperle war stuppsatt, er hatte sich seinen Abschiedskummer mit lauter Kasperles weggegessen, als er aber Marlenchen so bitterlich weinen sah, fing er zu heulen an. Mister Stopps erschrak. Gestern hatte Kasperle gelacht und geweint, das war ihm manchmal etwas laut erschienen, aber so ein Geheule, das liebte er ganz und gar nicht, das war, als holte Kasperle alle Tränen aus dem Herzen. Ganz erschrocken sah Mister Stopps den Bürgermeister an. Er heulte wie ein Mensch.

Aber er ist keiner, Kasperles haben das so an sich.

»Uunderlich.« Mister Stopps nahm seine Brille und starrte Kasperle an, und da ging es bei Kasperle einmal wieder wie schon so oft, daß neben dem Weinen das Lachen stand. Mister Stopps mit der Brille auf der Nase erschien ihm so seltsam, wie er seinem Herrn. »Huhuhähä!« Kasperle lachte, wie eben nur ein Kasperle lachen kann. Mit einem lachenden Kasperle fertig zu werden, traute sich Mister Stopps schon zu, das war nicht so unheimlich wie ein brüllendes. Er nahm Kasperle beim Kräglein, steckte ihn in die Postkutsche und rief: »Fahren!«

Aber Mister Stopps hatte nicht mit den dankbaren Torburgern gerechnet. Die wollten nicht um ihren Abschied kommen. Ein lautes Rufen und Schreien erhob sich, ein paar Buben brüllten den Postillon an: »Nicht fahren!«

»Ich fahre ja nicht, nehmt nur erst Abschied,« versicherte der. Er holte sich eine Pfeife aus der Tasche, zündete die gemächlich an und rief: »Meinetwegen kann’s lange dauern!«

Und es dauerte lange. So einen Abschied hatte Mister Stopps noch nie erlebt. Was geschah da alles! Was wurde alles in die Kutsche geladen: Zuckertüten, Pakete und Körbe, Obst und Kuchen, Würste und Eier, alles brachten die Torburger an. Die Freunde Kasperles schenkten ihm altes Spielzeug, ein paar zerlesene Bücher, die kleinen Mädchen heulten, Marlenchen schluchzte immer bitterlicher, und die Buben versicherten mit trotzigen Blicken auf Mister Stopps: »Reiß nur aus, wenn er böse wird.«

»Das geht nicht, Kasperle muß bleiben,« rief der Bürgermeister, dem es himmelangst wurde, denn er dachte, dann müsse er alles Geld wieder hergeben.

Die Buben sagten aber: »Verkauft ist verkauft, aber daß er nicht ausreißen darf, hat Mister Stopps nicht gesagt.«

»Ausreißen? Er darf nicht ausreißen,« rief der lange Engländer erschrocken.

»Er darf. Gelt, Kasperle, du reißt bald aus?«

»Himmel, Hagel, jetzt fährst du aber los,« herrschte der Bürgermeister den Postillon an. Doch der rauchte in aller Ruhe seine Pfeife und brummelte gelassen: »Erst sollen sie noch spielen.«

Ja, die Torburger Musikanten wollten Kasperle noch ein Ständchen zum Abschied spielen. Sie sammelten sich gerade, und alle dachten, nun wird’s richtig, aber sie hatten alle nicht mit den alten Postpferden gerechnet.

Traratrara, bumbumbum, dideldideldum, ging es los. Mister Stopps hielt sich erschrocken die Ohren zu, die Postpferde aber spitzten sie. Beide dachten daran, daß sie einstmals Soldatenpferde gewesen waren, und daß sie bei Musik immer flott gelaufen waren. Also liefen sie, hoppla, hopp, und rumpelpumpel rollte die Postkutsche plötzlich über den Kirchplatz. Der Kutscher schrie: »Halt, halt!« Die Buben brüllten, der Bürgermeister sank in Herrn Severins Arme. Kasperle kreischte. Marlenchen jammerte, Mister Stopps lag in der Kutsche auf der Nase, aber alles half nichts, die Pferde rannten immer schneller. Die Musikanten waren so erschrocken, daß sie immer lauter und schneller spielten; es gab keine Takte und keine Pausen mehr.

Bumbumbumbum, traratraratrara, dideldideldum, tönte es, und risselrassel fuhr die Kutsche zum Tore hinaus, fuhr an verbrannten Häusern, am Zuckerbäcker Dusterling und an der Obstfrau vorbei. Da lag Meister Helmers Garten, in dem es nach dem Brand wüst und öde aussah, da lag das freie Land, und da lag der Postillon im Graben. Weiter ging es, immer weiter, die Pferde kannten ihren Weg.

Der Postillon erhob sich schimpfend. Er rannte dem Wagen nach und schrie immerzu: »Halten, Hans, Liese!«, denn so hießen die Pferde, aber die hielten nicht.

Mister Stopps, der sich mit vieler Mühe erhoben hatte, stöhnte: »Es gibt ein Unglück!« Kasperle war zwar erst auch etwas verdutzt gewesen, dann hatte er sich aber doch besonnen. Warum sollte er, Kasperle, nicht auch einmal Kutscher sein? Er kletterte also auf den Bock, erwischte die Zügel, und ruck standen die Pferde! Kasperle hatte sich wie ein Bleiklötzlein an die Zügel gehängt.

»Halt, halt!« Der Postillon sah den Wagen stehen, er dachte: Nun erreiche ich ihn doch noch; aber er hatte nicht mit Kasperle gerechnet. Der dachte, ich kann auch allein fahren, und auf einmal schrie er: »Hüh hott,« schwenkte die Peitsche, die der Kutscher im Peitschenhalter hatte stecken lassen, und heidi weiter ging die Fahrt.

»Oh Kahspärle!« stöhnte Mister Stopps. »Du mußt hal –«

Ruck ging es über einen großen Wegstein, und Mister Stopps klappte wieder wie ein Taschenmesser zusammen.

»Halt, halt!«

»Hüh hott, hüüüüüh!«

»Kahspärle!«

Bums da war wieder ein Stein, nun kam ein Loch, die Postkutsche wackelte hin und her wie eine junge Gans, die das erste Mal spazieren geht. War das eine wilde Fahrt!

Kasperle vergaß auf seinem Kutschbock alles Abschiedsleid. Er zappelte hin und her, zog mal rechts, mal links die Zügel, und den braven Postgäulen wurde es himmelangst; so im Zickzack zu fahren, waren sie nicht gewohnt. Aber Mister Stopps auch nicht. Der lag im Wagen, zappelte mit Beinen und Armen und, stöhnte: »Anhalten, anhalten!«

Ruck, da fuhr der Wagen wieder nach rechts, da war ein Graben, und die gute, alte Postkutsche überlegte: »Soll ich hineinfallen?« Aber sie war eine vernünftige alte Dame, also fiel sie nicht in den Graben, sondern richtete sich wieder auf. Sie ließ sich weiterziehen, und derweil die Postpferde auch schon anständig und nicht mehr Springinsfelde wie Kasperle waren, dachten sie, beim nächsten Wirtshaus halten wir.

Und da stand auch wirklich, noch ehe alle im Graben lagen, ein Wirtshaus, und die Pferde hielten vor dem Goldenen Knopf zu Amberg. Ruck, da standen sie. Den Goldenen Knopf und das Städtchen kannten sie. »Hü hott hüüüüüh,« schrie Kasperle. Er schwenkte die Peitsche, zog rechts den Zügel, zog den links, aber alles half nichts, Postpferde, die vor einem Wirtshaus stehen, lassen sich auf solche Kasperlepossen nicht ein.

Und Mister Stopps fand endlich wieder Kraft. Er packte Kasperle am Kräglein und zog ihn neben sich auf den Sitz, und dann rief er laut und dringlich nach dem Wirt, der Wirtin, dem Hausknecht, dem Stubenmädchen, der Köchin, nach allen, die im Haus sein konnten. Und alle kamen angelaufen, und es gab ein großes Verwundern und Fragen über die seltsame Geschichte. Weil nun aber Kasperle im ganzen Lande bekannt war, gab es ein großes Geschrei, als Mister Stopps sagte: »Der Kahspärle gehört mir!«

»Das ist geraubt,« rief die Wirtin laut.

»Oh nein, er gehören mir, ich haben ihn gekauft,« erwiderte Mister Stopps.

»Für zwei Millionen!« schrie Kasperle, denn auf den Preis war er ungeheuer stolz. Und dann erzählte er selbst die ganze Geschichte, denn Mister Stopps hatte von der ausgestandenen Angst fast den Atem verloren. Er ächzte nur einige Male: »Gehört mir!«

»Na, wenn das Kasperle es selbst sagt, dann muß es doch wahr sein,« sagte die Wirtin.

»Du bist ein Tausendsassa,« rief der Wirt, »aber wo in aller Welt hast du denn den Kutscher gelassen?«

Ja, wo war der Postillon? Der keuchte noch die Landstraße entlang und Mister Stopps und Kasperle saßen schon beim Mittagessen, als er anlangte. Er sah den Postwagen vor der Tür und ahnte gleich, die Pferde waren stehen geblieben. Er wollte heftig schelten, aber da sagte der Wirt: »Warum bist du denn heruntergefallen? Ein Postillon, weiß der Himmel, darf doch nicht von seiner Postkutsche fallen. Das ist gerade so, als wenn ein Kirchturm von der Kirche fällt. Kasperle war am gescheitesten, der ist hierhergefahren. Geh hinein, drinnen sitzen sie.«

Kasperle saß am Mittagstisch und aß. Mister Stopps hatte auch essen wollen, aber dem blieb vor Erstaunen der Bissen im Munde stecken. Konnte das Kasperle schlingen, trotzdem er so viele gebackene Kasperle aufgegessen hatte!

Mit der Suppe war es noch gegangen, beim Braten wurde es schlimm, beim Pudding aber ganz schlimm. Selbst der Wirt staunte.

»Oh,« rief Mister Stopps betrübt, »sie haben ihn hungern lassen. Armes Kahspärle, hast nichts gegessen heute?«

»Doch,« sagte Kasperle. Er holte sein gebackenes Ebenbild von Teig aus der Tasche, zeigte es und sagte: »Sechzehn Stück davon.«

»Heute schon?« fragte der Wirt verdutzt.

»Na, das ist doch wenig.« Kasperle steckte gleich ein gebackenes Kasperle auf einmal in den Mund, aber selbst ein Kasperlehunger geht einmal zu Ende. Der kleine Schelm war eigentlich pumpelsatt. Und weil er nun sein gebackenes Ebenbild quer in den Mund gesteckt hatte, konnte er auf einmal nicht mehr schnaufen.

»Hollahopp!« sagte der Wirt. »Mir scheint, Kasperle geht die Luft aus.« Bums flog ihm Kasperles Bein an die Nase, das Teigkasperle rutschte bei dieser heftigen Bewegung hinunter, und Mister Stopps fragte erstaunt: »Oh, warum tust du das?« Wenn Kasperle nur nicht ein Schelm gewesen wäre. Er zog ein Gesicht, als könnt er nicht bis drei zählen, und sagte: »Wenn ich das Bein hebe, kann ich besser essen.«

»Kurios!« Mister Stopps schüttelte erstaunt den Kopf, steckte ein großes Käsebrot in den Mund, und da setzte sich der Wirt erschrocken auf einen Stuhl, denn sein Gast warf mit dem Bein eine Weinflasche vom Tisch und schrie und hustete, aber das Käsebrot wollte nicht in den Magen gehen, das war schon eine schöne Geschichte.

Der gute Mister Stopps wäre beinah erstickt. Der Arzt mußte geholt werden. Der kam geschwinde, zog das Käsebrot Mister Stopps aus dem Munde, klopfte dem Herrn lustig auf den Rücken und sagte: »Wie haben Sie das angestellt?«

Weil Mister Stopps kein Wort sagen konnte, erzählte der Wirt die Geschichte, und der Doktor Zimmermann sah den Engländer von oben bis unten an und brummte: »Ja ja, Sie sind aber auch kein Kasperle. Was das kann, können Sie noch lange nicht.«

»Das stimmt,« rief der Wirt.

»Stimmt,« schrie Kasperle dem Doktor in die Ohren. Doch der wußte was eine rechte Maulschelle ist. Oh jemine! Kasperle kroch gleich unter den Tisch vor Schreck. Und wenn Mister Stopps etwas hätte sagen können, so hätte er etwas gesagt. Aber Mister Stopps war so angegriffen von dem Verschlucken, daß er sich ins Bett legen mußte. Kasperle tat es ihm nach, und beide verschliefen den ganzen schönen Nachmittag.

Eine furchtbare Räubergeschichte

Kasperle und sein neuer Herr wachten grade zur Abendbrotzeit auf. Mister Stopps tat es zuerst. »Hm,« stöhnte er, »hier sein ein Hund.«

»Nä,« rief Kasperle, den das Wort munter gemacht hatte, »hier sein mein Magen.«

»Oh komisch, sehr komisch!«

»Ich hab’ Hunger!«

»Ich auch!« Mister Stopps merkte nun, daß auch sein Magen ein Loch hatte, er stand also auf und sagte: »Kahspärle, uir uollen essen.«

Dagegen hatte Kasperle nichts einzuwenden. Ja, er fand, Mister Stopps wäre sehr vernünftig, und vergnügt trabte er hinter ihm drein die Treppe hinab, und beide betraten zufrieden und hungrig die Gaststube. Der Arzt, Doktor Zimmermann, saß als einziger Gast darin, und Mister Stopps machte ihm sehr höflich eine tiefe Verbeugung. Kasperle machte die Verbeugung nach, und so tief, daß er mit dem Kopf auf den harten Fußboden aufbummste.

»Je, das hat ein Loch gegeben,« rief der Arzt ganz erschrocken.

Ach, was wußte der von einem Kasperlekopf, der hielt schon was aus. Kasperle grinste vergnügt. Er kletterte auf einen Stuhl, schlug mit beiden Füßen auf den Tisch und schrie: »Ich will essen.«

»Schocking,« rief Mister Stopps.

»Nä, das will ich nicht, ich will Kalbsbraten,« rief Kasperle.

»Schock, schock, das habe ich auch nicht,« sagte der Wirt höflich.

Doktor Zimmermann lachte, Mister Stopps sah sich verwundert um, bis ihm ein Lichtlein aufging und er Kasperles und des Wirtes Irrtum verstand und wieder sein himmelblaues Taschentuch herauszog, denn das brauchte er, wenn er lachen wollte.

Es wurde ein vergnügliches Nachtmahl. Kasperle fand Mister Stopps sehr nett, weil er nicht einmal sagte: »Iß nicht zuviel,« und weil er alles Kompott Kasperle überließ. Und dann unterhielt sich Doktor Zimmermann mit dem weitgereisten Fremden, und Kasperle konnte tun, was er wollte. Der war nach dem guten Mahl wohl aufgelegt zu allerlei dummen Streichen. Er hatte am Mittag flüchtig die Köchin gesehen. Unwirsch und verdrossen sah sie drein, und Kasperle dachte, sie muß ein bißchen geneckt werden, damit sie lacht. Mit diesem guten Vorsatz ging er in die Küche.

Die Köchin Amanda saß im Ofenwinkel. Zwei Mägde standen neben ihr, und Kasperle hörte sie grade sagen: »Heute nacht kommen die vermaledeiten Kerle sicher wieder. Alles fressen sie an. Greulich!«

»Wenn sie nur nicht in die Fremdenzimmer kämen, so ein Gesindel!« rief eine Magd. »Neulich lagen zwei unter einem Bett.«

»Oh was, dem Fremden wär’s schon recht, der gefällt mir nicht. Na, und den dummen Kerl, den Kasperle, mögen die Russen meinetwegen beißen und zwicken,« sagte die zweite Magd.

Rutsch, lief Kasperle aus der Küche hinaus. Er hatte genug gehört. In Torburg hatte man noch viel von den Kriegsjahren 1813 und 1814 erzählt, und die alte Apfelfrau hatte einmal gesagt: »Die Russen waren zwar Freunde, aber für die danke ich.«

»Sind sie greulich?« hatte Kasperle gefragt.

»Ja, greulich und arg schlimm!«

Und solche Russen sollten nun zur Nachtzeit in das Gasthaus kommen. Kasperle glitt in einen Flurwinkel. Dort stand etwas auf einem Schemel, auf den er sich setzte. Ein bißchen weich und naß war es, aber das kümmerte ihn weiter nicht. Er mußte nachdenken, und wenn Kasperle nachdachte, war es schlimm.

Kasperle hatte in Torburg zum Abschied allerlei Räubergeschichten erzählt bekommen, und seine gute Freundin, die Apfelfrau, hatte ihn ermahnt: »Sieh auch in Gasthöfen immer unter die Betten, manchmal stecken da Räuber darunter.«

Und sicher waren die Russen Räuber. Was sollte er tun? Es Mister Stopps sagen? Aber der redete mit dem Wirt, und sicherlich wußte der Wirt auch von den schlimmen Russen.

Dem Kasperle wurde es übel vor Angst. Aber auf einmal fiel ihm etwas ungeheuer Kluges ein. Er rutschte von seinem Sitz herab, und merkte nun erst, daß er auf einer Schüssel Heringsalat gesessen hatte. Doch das war ihm gleichgültig, jetzt galt es Hilfe zu holen. Wutsch, war das Kasperle im Flur, dann schlich er aus dem Hause und prallte draußen mit einem zusammen, den er gerade suchen wollte.

Klirr, fiel etwas zu Boden, und der Herr Bürgermeister rief: »Welcher vermaledeite Esel rennt mich da so an? Nun ist mein neuer Pfeifenkopf kaputt.«

»Ich bin’s,« stotterte Kasperle. »Ich will zum Herrn Bürgermeister.«

»Zu mir? Wer ist Er denn?« Es war nämlich stockdunkel, und der Herr Bürgermeister konnte das Kasperle nicht erkennen.

»Ich, Kasperle!«

»Oh du unnützes Ding, von dir habe ich schon gehört. Was treibst du dich denn hier draußen herum? Du gehörst ins Bett,« rief der Bürgermeister. Der kam nämlich, um den Wirt vom Goldenen Knopf nach dem neuen Gast zu fragen.

»Nä, da liegen Räuber drunter.«

»Räu – – – ber?«

Dem Bürgermeister blieb vor Erstaunen das Wort im Halse stecken.

»Ja, Räuber, Russen sind’s,« ächzte Kasperle. »Ich wollte gerade Hilfe holen.«

Nun war der gute Bürgermeister weder sehr klug noch sehr mutig, und statt stipp stapp in das Wirtshaus zu gehen und dort zu fragen, was Kasperles Gerede bedeuten sollte, flüsterte er scheu: »Erzähl’ mal!«

Und Kasperle erzählte.

Der Schelm merkte, der Bürgermeister hatte beinahe noch mehr Angst als er, und darum schmückte er seinen Bericht noch etwas aus. Und je mehr der Bürgermeister zitterte, desto furchtbarer schilderte Kasperle die Angst der Mädchen.

Dem Bürgermeister fiel auf einmal etwas ein. Da war neulich ein Fremder in die Stadt gekommen, der hatte sich beim Schneider einen neuen Anzug machen lassen, und auf einmal war er verschwunden. »Bei Nacht ausgerückt,« hatte der Wirt gesagt.

»Den haben die Russen auch umgebracht,« stöhnte der Bürgermeister.

»Wen?« Kasperle klapperte nun vor Angst.

»Den Fremden neulich. Die Sache ist mir immer unheimlich gewesen mit dem Wirt.«

»Hach, haaaach,« kreischte Kasperle.

»Sei doch still, ums Himmels willen, wenn uns jemand drinnen hört!« Der Bürgermeister konnte kaum stehen, so war ihm die Angst in die Knie gefahren.

Kasperle hielt sich erschrocken mit beiden Händen selbst den Mund zu und setzte sich auf ein Mäuerlein.

»Fall’ nicht rein, das ist der Brunnen!« meinte der Bürgermeister.

»Nä,« rief Kasperle wieder viel zu laut für ein heimliches Gespräch.

»Still doch!« Der Bürgermeister wollte dem Schelm eins auf den Mund geben, und plumps fiel der kopfüber in den Brunnen.

Heiliger Bimbam! Dem Bürgermeister ward es himmelangst. Ein Kasperle kostet ungeheuer viel Geld, der Postillon hatte es in Amberg erzählt. Wenn das nun Schaden genommen hätte! Und innen im Wirtshaus der reiche Fremde und die russischen Räuber dazu.

Was zuviel ist, ist zuviel. Der Bürgermeister verlor allen Verstand. Er brüllte, so laut er konnte: »Nachtwächter, Nachtwächter, Sturm blasen!«

Der alte Nachtwächter Bucholz war eben aus seinem Hause, das neben dem Wirtshaus lag, herausgekommen. Der Ruf fuhr ihm in die Glieder, er setzte erschrocken sein Horn an und blies aus Leibeskräften den Feuerruf in die Nacht hinaus.

»Nicht Feuer, Sturm mußt du blasen,« schrie der Bürgermeister.

Aber wenn Bucholz einmal beim Feuerblasen war, gab es kein Aufhören. Feuer blies der Nachtwächter am liebsten. »Feuer, Feuer,« tutete er.

»Sturm, Sturm,« schrie der Bürgermeister. »Kasperle ist in den Brunnen gefallen, und da drinnen sind Räuber.«

»Wo brennt es? Was ist geschehen?« Aus allen Häusern stürzten die Menschen heraus. Der Wirt kam auch auf die Straße gelaufen. Ihm folgten bedachtsam Mister Stopps und Doktor Zimmermann.

»Wo brennt es denn, Bucholz?«

»Der Bürgermeister liegt unter dem Bett, und Räuber sind in den Brunnen gefallen,« rief Bucholz verwirrt von dem vielen Rufen.

»Bewahre, da steht doch unser Bürgermeister,« rief der Wirt.

»Ja, ich stehe hier, aber bei Ihnen liegen Räuber unter dem Bett, und Kasperle liegt im Brunnen.«

»Mein Kahs – pärle?« rief Mister Stopps erschrocken.

»Räuber, Räuber!« kreischten die Köchin und die Mägde aus dem Gasthofe.

»Ja, bei Ihnen unter dem Bett!«

»Kahs – pärle, oh mein geliebtes Kahs – pärle!«

»Ach was, die Räuber sind nicht hier.«

»No, no, Kahspärle sein nicht hier.« Das gab ein schreckliches Hin und Her. Die Feuerwehr, die Bürgerwehr, alles lief zusammen, der Bürgermeister rief: »Die Räuber müssen gefangen werden.« Mister Stopps schrie: »Mein Kahspärle.« Die Köchin, die ins Haus gelaufen war, jammerte: »Ein Räuber hat auf meinem Heringsalat gesessen, der sollte bei Jungfer Habertanz’ Hochzeit gegessen werden.«

»Räuber, Heringsalat, Kasperle, das ist ja eine alberne Geschichte.«

Doktor Zimmermann war ein besonnener Herr, dem kam das alles äußerst seltsam vor, er packte den Bürgermeister beim Rockknopf und fragte: »Wer hat was von Räubern erzählt? Und wieso ist Kasperle in den Brunnen gefallen?«

»Weil er darauf gesessen hat.«

»Kasperle? Na, wenn das nur keine Dummheit ist!«

»Es ist keine Dummheit, sie liegen unter den Betten, Russen sind’s, und die Köchin hat es selbst erzählt.«

»Was, ich hätte von Räubern erzählt? Ich bin eine ehrliche Jungfer.«

»Jawohl! Russen sollen es sein,« rief der Bürgermeister streng.

»Russen?« Die Köchin sah die beiden Mägde an, die sahen die Köchin an, und plötzlich kreischten sie los: »Das sind doch Käfer, wir haben von den ekligen schwarzen Käfern geredet.«

»Jaso!« Der Bürgermeister faßte sich an der Nase. »Oh Schockschwerebrett, ja. In manchen Orten heißen die schwarzen Küchenkäfer Schwaben, hier in Amberg nennt man sie Russen.« In seiner Verlegenheit schrie er: »Dumm, aber Kasperle ist in den Brunnen gefallen.«

»Das ist schlimmer als die Russen unter dem Bett. Hoffentlich ist er nicht bis in die tiefste Tiefe gefallen,« meinte der Arzt.

»Die Feuerwehr muß ihn herausholen,« rief der Wirt. Laternen wurden gebracht, Fackeln erhellten den Platz, Mister Stopps beugte sich klagend über den Brunnenrand und rief: »Kahspärle, oh mein Kahspärle!«

Unten blieb alles still. Da stieg ein Feuerwehrmann mit einer Laterne in die Tiefe, von oben riefen sie: »Ist er unten?«

»Nä!« Es dauerte ein paar Minuten, da kam der Mann wieder heraufgeklettert.

»Unten ist er nicht, aber unten war er, gleich am Rand an einem Eimerhaken hat er gehängt. Gelt, das gehört dem Kasper?« Und der Feuerwehrmann hielt Mister Stopps einen grün-rotseidenen Flicken unter die Nase.

»Der gehört freilich Kahspärle. Uo kann er sein?« fragte Mister Stopps bebend vor Angst.

»Unten kann er liegen, dann ist er tot.«

»Das kommt von dem hirnverbrannten Quatsch mit den Russen,« schrie der Wirt und sah den Bürgermeister scharf an.

Der wurde gelb vor Ärger. Und weil Mister Stopps drohte: »Sie müssen bezahlen mein Kahspärle,« rannte er erschrocken davon. »Zwei Millionen haben es gekosten.«

»So viel haben wir alle miteinander nicht,« brummte Bucholz, nahm sein Horn und blies: »Hört, ihr Leute laßt euch sagen.«

»Schafskopf, hör’ Er doch mit Blasen auf! Um so ein Kasperle ist es himmelschade,« rief Doktor Zimmermann. »Wer steigt noch einmal in den Brunnen?« Es meldeten sich gleich drei, doch sie fanden kein Kasperle, nur noch einen grünen Flecken, an dem klebte Heringsalat. Da wußte die Köchin wenigstens, wer in ihrem Salat gesessen hatte. Aber was half das alles? Kasperle war und blieb doch verschwunden, und alle riefen: »Der ist ertrunken, der liegt unten.«

»Uer steigt nach unten? Ich geben viel Geld.« Mister Stopps hatte sein himmelblaues Taschentuch vorgeholt und weinte so bitterlich, daß selbst die brummige Köchin Amanda das größte Mitleid mit ihm fühlte. Ganz hinunter wagte sich aber niemand zu steigen, so viel Mister Stopps auch bot und flehte. Der stand am Brunnenrand und schluchzte: »Oh du mein Kahs – pärle!«

»Es ist zu rührend!« Die dicke Köchin begann auch zu schluchzen, alle Frauenzimmer taten es ihr nach, und selbst der Wirt wischte sich die Augen. »Sicher ist er tot,« brummte er.

»Kann er denn so flink tot sein?« Doktor Zimmermann kam die Sache merkwürdig vor, und er meinte, es wäre gut, den Brunnen zu bewachen. Vielleicht komme das Kasperle doch wieder zum Vorschein. Man konnte es nicht wissen. Bucholz setzte sich also auf den Brunnenrand, drei Männer von der Feuerwehr und zwei von der Bürgerwehr gesellten sich dazu. Sie wollten alle warten, und sie versicherten, wenn sie Kasperle schreien hörten, dann würden sie ihn herausholen, ob er lebendig oder tot wäre.

Das war doch mal ein Trost. Mister Stopps versprach ihnen eine gute Belohnung und der Wirt Punsch, dann ließ es sich schon gut Wache halten.

Eine schreckliche Nacht

Doktor Zimmermann und der Wirt redeten so lange auf den armen Mister Stopps ein, bis er sich entschloß, sich ins Bett zu legen. Der Wirt brachte ihm noch Punsch, davon trank er sechs Gläser, und danach war er so schläfrig, daß er, freilich unter Tränen, einschlief. Das große, himmelblaue Taschentuch lag auf seinem Gesicht. Man hätte nun denken können, Mister Stopps werde vom blauen Himmel träumen, aber den ängstigten böse, schreckhafte Träume. Räuber wollten in sein Zimmer eindringen, die rasselten und sägten an der Türe herum. Mister Stopps stöhnte vor Angst, aber plötzlich erklang das Sägen so laut, daß er erwachte.

Himmel, das war ja gar kein Traum. Da sägte und rasselte es weiter, und dabei war stockfinstere Nacht. »Hilfe, Hilfe!« brüllte Mister Stopps, »Hiiilfe!«

Aber er konnte schreien soviel er wollte, niemand kam, aber nach kurzer Zeit war das Rasseln vorbei. Mit zitternden Fingern schlug Mister Stopps Feuer, aber das wollte ihm nicht gelingen, und angstvoll verkroch er sich in sein Bett. Vielleicht hatte sein Geschrei die Räuber, die offenbar eindringen wollten, und die Türe aufzusägen gedachten, verjagt.

Er lauschte lange, steckte tief unter dem dicken Federbett und schwitzte. Es war alles still.

Lange, lange blieb es so, und Mister Stopps war gerade wieder am Einschlafen, als das Sägen wieder losging. Entsetzt sprang der lange Engländer aus dem Bett. Er nahm seine Reisepistole vom Tisch, konnte im matten Dämmerschein des frühen Morgens gerade erkennen, wo die Tür war, und schoß auf diese. Bums, dröhnte es durch das Haus.

»Hiiilfe! Hiiilfe!« klang es aus allen Stockwerken. Der Wirt, das Hausgesinde, alles rannte herbei, und der Wirt schrie draußen an des Gastes verschlossener Türe: »Sind Sie tot?« Mister Stopps war über den Knall selbst sehr erschrocken, er saß auf der Erde und brachte den Mund nicht auf vor Angst. Er verstand kein Wort von den Rufen draußen.

»Um alles in der Welt, sind Sie tot? Antworten Sie doch!«

»Ich meine, wenn er tot ist, kann er nichts mehr sagen,« brummte Bucholz, der auch herbeigekommen war.

Das stimmte nun freilich.

»Holt ein Beil, wir schlagen die Türe ein,« gebot der Wirt.

Mister Stopps innen hörte endlich den Wirt, und er dachte: »Nun wird es ernst, jetzt schlagen die Räuber die Türe ein.« Er suchte seine Pistole, aber die war wer weiß wohin geflogen, und darum hielt es Mister Stopps für das beste, unter das Bett zu kriechen. Eins, zwei, drei – doch ging er nicht ganz drunter, er war zu lang dazu, seine Beine guckten weit hervor.

»Krach, krach!« tönte es an der Türe.

»Uff!« stöhnte Mister Stopps.

Da ging die Türe auf, und der Wirt, Hausknecht, Nachtwächter, die Köchin, die Mädchen, alle stürzten in das Zimmer, und der Wirt rief: »Da liegt er tot unterm Bett.«

»Ich meine, da täte er nicht so zappeln. Wenn eins tot ist, hält’s seine Beine ruhig.« Bucholz hatte wieder recht.

»Mister Stopps, oh, Mister Stopps!« Der Wirt packte ein Bein, Bucholz das andere, beide zogen, aber Mister Stopps, der meinte, dies wären nun die Räuber, brüllte aus Leibeskräften.

»Sind Sie doch ruhig, wir reißen Ihnen sonst noch die Beene ab.« Bucholz meinte es sehr gut, aber Mister Stopps verstand nur, ihm sollten die Beine abgerissen werden. Er brüllte immer lauter und hörte gar nicht, daß der Wirt zu ihm redete.

Es dauerte jedoch nicht lange, da war Mister Stopps unter dem Bett hervorgezogen, und Bucholz sagte verwundert: »Seinen Kopf hat er noch, darum konnte er auch noch schreien.«

»Oh, no, nicht meine Beine ausreißen, nicht Kopf abschlagen,« jammerte und stöhnte der arme Mister Stopps.

»Das wollen wir ja gar nicht!«

»Uollen Sie Geld? Rauben Sie alles, nur morden Sie mir nicht!«

»Jemine, nu denkt er gar, wir seien Räuber.«

Bucholz war höchst verwundert, der Wirt war’s nicht minder, aber die Köchin sagte auf einmal: »Pfui, der hat nichts an!«

»Oh!« Jetzt erst merkte Mister Stopps, daß er in lauter bekannte Gesichter sah. Er riß rasch die Decke vom Bett, wickelte sich hinein und stöhnte: »Uo sein die Räuber?«

»Wer hat denn geschossen?«

»Ich schoßte!«

»Schoß,« rief Bucholz.

»Yes, ich schoßte, weil Räuber an die Türe waren.«

»Ih, bewahre,« rief der Wirt.

»Doch, ganz bestimmt!«

»Uh je, ich fürchte mich!«

»Ich auch, ich auch.« Die Mägde drängten sich alle in eine Zimmerecke, in der noch ein Bett stand. In dem hatte das arme Kasperle, das draußen gewiß im tiefen Brunnen lag, schlafen sollen.

»Das mit den Räubern ist Unsinn,« rief der Wirt.

»No, sein nicht Unsinn, sie haben gemacht »rrrrrr« an die Türe, und ich schoßte.«

»Schoß,« schrie Bucholz wieder, den das falsche Reden des Engländers sehr ärgerte. Bucholz war nämlich ein halber Gelehrter, der lieber Bücher las, als Nachtwache hielt.

»Yes, schoßte!« Mister Stopps wunderte sich sehr über die Einrede des Nachtwächters. Seiner Meinung nach sagte er alles richtig.

»Halt Er doch den Mund,« brummte der Wirt und gab dem Wächter einen derben Rippenstoß. »So einem Herrn darf man nicht immer widersprechen. Jetzt suchen wir mal das ganze Haus ab vom Keller bis zum Boden!«

»Boden und Keller lassen wir lieber weg, da könnten sie sitzen.« Sehr mutig war der gute Bucholz nicht.

Aber der Wirt rief ärgerlich: »Feiger Kerl, alles wird abgesucht. Das wäre noch schöner, wenn nachher der Herr Engländer in der ganzen weiten Welt erzählte, in meinem Wirtshaus gäbe es Räuber.«

»Au, au!« Da saß die Köchin auf einmal mitten im Zimmer und jammerte: »Da im Bett liegt jemand!«

»Potz Wetter, so ’n Unsinn!« Dem armen Wirt wurde es heiß vor Ärger. Er sah die Köchin grimmig an und schrie: »Stille!«

»Nä, da liegt jemand im Bett.«

»Au!« Das Küchenmädchen sprang auch von dem Bett auf, sie schrie auch: »Es liegt jemand drin.« Und nach ihr hopste das Stubenmädchen empor und klagte: »Mich hat jemand gepufft!«

»Am Ende sind’s die Räuber, die da drinnen liegen.« Bucholz legte den Finger an die Nase, um ernsthaft über den sonderbaren Fall nachzudenken, doch ehe er noch recht dazu gekommen war, tönte von dem Bett her ein sonderbares Gurgeln und Schluchzen, und alle im Zimmer sahen sich verdutzt an. Was war denn das?

»Es lacht jemand!«

Der Wirt sah sich erstaunt um.

»Yes, es lacht uo.«

»Sie dadrinne, wenn Se Räuber sein, dann kommen Se raus!« Bucholz stocherte mit seinem Nachtwächterspieß ein bißchen an der Bettlade herum, und da wurde auf einmal die Bettdecke herausgestrampelt, die Mägde flüchteten kreischend in eine andere Ecke, und Mister Stopps schrie laut: »Uo sein meine Pistole?« Aber da. – –

Putzvergnügt kletterte Kasperle aus dem Bett heraus.

»Oh, mein Kahspärle!«

»Jemine, Kasperle, du Strick, wo kommst denn du her?« rief der Wirt.

Mister Stopps aber riß Kasperle an sich, drückte und küßte es, und Kasperle kriegte kaum Luft. »Oh, du liegst nicht in das Brunnen?«

»Dem Brunnen,« verbesserte Bucholz.

»Nä!« Kasperle riß seinen Mund weit auf, grinste alle an, tat einen Seufzer und klagte: »Hab’ schon wieder Hunger!« Aber damit kam der Schelm diesmal nicht durch. Erst mußte er erzählen, ob er wirklich in dem Brunnen gelegen hatte.

»Freilich,« klagte er, »schmutzig war’s da!«

»Oh lieber Himmel, er hat sich so ins Bett gelegt!« Das Stubenmädchen hob empört das Bett hoch: »Und Heringsalat klebt auch dran.«

»So’n Schmierfink!« Die Köchin sah Kasperle wütend an. Aber der Wirt rief ärgerlich: »Stille da! Kasperle erzählt! Alle aufgepaßt! Warste denn wirklich im Brunnen?«

Kasperle nickte. »Ich bin reingefallen und bin rausgekrochen, weil se alle so schreiten.«

»Schrien,« verbesserte Bucholz.

»Schrieten,« fuhr Kasperle fort. »Da hab’ ich mich ins Bett gelegt und da – hat jemand geschreit und geschoßt.«

»Geschrien und geschossen.«

»Halt Er doch sein Maul, Er ist doch kein Schulmeister,« ranzte der Wirt Bucholz an.

»Aber wer hat denn »rrrrrr« gemacht?« fragte Mister Stopps verwundert.

»Kasperle, aber Kasperle, was machst du denn?« Alle, die im Zimmer waren, umringten Kasperle. Der hatte sich plötzlich auf das Bett geworfen, hatte den Kopf in die Kissen gewühlt, gab sonderbare Töne von sich und strampelte mit den Beinen in der Luft herum.

»Er sterbt, er sterbt!« jammerte Mister Stopps unaufhörlich.

»Er ist übergeschnappt!« brummte die Köchin.

»Ih, bewahre, potz Wetter, der lacht.« Der Wirt hob das strampelnde und zappelnde Kasperle hoch, und da sahen es alle, Kasperle lachte und lachte. Die Tränen purzelten ihm über die Backen, so sehr lachte er. Er lachte und lachte und konnte auf alle Fragen nicht antworten. Da nahm der Wirt endlich einen Krug Wasser vom Waschtisch, und schwipp, schwapp, bekam Kasperle das Wasser über den Kopf.

Patsch, da war es stille. Es schaute etwas verdutzt von einem zum andern, schüttelte sich wie ein Bäumlein nach einem Gewitterregen, tat endlich seinen Mund wieder auf und machte: »Rrrrrr.«

»Ja, so haben gemacht die Räuber.« Kasperle fing wieder an zu lachen, und der Wirt drohte: »Ich nehme die zweite Kanne.« Da wurde der Schelm flugs still und sagte ein wenig kläglich: »Ich habe doch nur geschnarcht, »rrrrrr«, so mach’ ich’s immer.«

»Ooooh, uie seltsam! Äußerst komisch!«

»Er hat geschnarcht!« Der dicke Wirt fing plötzlich so zu lachen an wie vorher das Kasperle. Er lachte und lachte, Kasperle lachte mit, und Mister Stopps lachte. Auf einmal war es, als raßle eine schlecht geölte Tür: Bucholz, der griesgrämige Nachtwächter, lachte. Die Mägde kicherten, selbst die verdrossene Köchin lachte zuletzt. Der Wirt mußte sich die Seiten halten. »Uff!« stöhnte er, »ich kann nicht mehr!«

Und da, schwipp, schwapp, hatte geschwinde Kasperle die zweite Wasserkanne geholt und goß sie dem Wirt über den Kopf. Er dachte: »Wie du mir, so ich dir.«

Nun fand der Wirt aber, zwischen einem Wirt zum Goldenen Knopf und einem Kasperle wäre schon ein gewaltiger Unterschied. Er fing heillos zu schimpfen an, aber als er in das ganz verwunderte, blitzdumme Kasperlegesicht sah, mußte er wieder lachen, und Kasperle lachte mit. Patschnaß war er, aber er sah aus, als hätte er eben die allergrößte Herzensfreude erlebt.

»Das möchte man wirklich selbst behalten,« brummte der Wirt halblaut.

Aber Mister Stopps hatte die Worte doch gehört. Erschrocken nahm er sein Kasperle auf den Arm. »Ich hab’ ihn gekaufen, er ist mein Kahspärle!«

»Gekauft,« sagte Bucholz ärgerlich.

»Nä, er hat mich gekaufen.« Kasperle dachte, der brummige Wächter wollte ihn Mister Stopps streitig machen.

»Gekaufen,« rief Mister Stopps.

»Ja, gekaufen für zwei Millionen,« wiederholte Kasperle stolz.

»Ge –,« wollte Bucholz verbessern.

»Stille doch! Geh, tute draußen, daß es Morgen wird, die Hähne krähen schon bald,« schalt der Wirt. »Und Kasperle bekommt noch ein Stück Kuchen, damit er einschläft, sonst ist er morgen müde.« Damit waren alle einverstanden, Kasperle am meisten, der kuschelte sich bald vergnügt in sein Bett. Er hatte ein blitzsauberes Nachtröckchen an, und wenn nicht das unnütze Kasperlegesicht gewesen wäre, man hätte ihn für einen braven, kleinen Jungen halten können. Sein Wämslein nahm das Stubenmädchen mit hinaus. Sie wollte es draußen waschen, aber Mister Stopps sagte, Kasperle dürfe morgen sein feuerrotes Sonntagsjäcklein anziehen. Überhaupt bekäme Kasperle in der nächsten großen Stadt so viele bunte seidene Röcklein, wie er wolle. Sein Kasperle sollte fein angezogen dahergehen.

»Rock hin, Rock her!« Der Schelm dachte jetzt nur an seinen Kuchen. Eins, zwei, drei, hatte er den verschlungen, und dann legte er sich um, und gerade, als auch Mister Stopps in sein Bett gestiegen war, tönte es laut durch das Zimmer »rrrrrr«. Kasperle schnarchte schon wieder.

Mister Stopps aber band sich eine gelbe Nachtmütze über die Ohren. Er seufzte, nein, in seinem Zimmer konnte Kasperle nicht mehr schlafen, da würde er keine ruhige Nacht mehr haben.

»Rissel, rassel, rrrrrr,« schnarchte Kasperle.

Mister Stopps, der wie eine große Zitrone aussah, seufzte. Er drehte sich nach links und drehte sich nach rechts, aber er konnte nicht schlafen.

»Rrrrrr,« da war Kasperle auf einmal stille, und der gute Mister Stopps dachte gerade: »Nun schlafe ich vielleicht ein,« da ging es draußen los.

»Tutututut.«

»Kikerikihi, kikerikihi!«

»Tututut.«

Kasperle aber richtete sich auf und rief:

»Mußt auf der Reise stets aufstehn,
Wenn morgens früh die Hähne krähn,
Denn wer von der Welt was sehen will,
Der lieg’ nicht lang im Bette still.
Der mache sich zu früher Zeit
Zum Weiterwandern stets bereit.«

»Die Apfelfrau hat gesagt, das soll ich jeden Morgen sagen,« rief Kasperle dem armen Mister Stopps zu. Und der merkte nun, es war nicht so einfach, mit einem Kasperle zu reisen. »Bleib’ nur noch liegen,« brummte er.

»Nä,« rief Kasperle, »ich purzelbaume.«

Und hopp di hopp ging es aus dem Bett heraus, durch das Zimmer, und plumps, da saß Kasperle Mister Stopps auf dem Magen und schrie, als wäre der gute Herr stocktaub:

»Sag’ freundlich jedem Guten Morgen,
Wünsch’ einen Tag ihm ohne Sorgen,
Dann wird dir selbst der Tag zum Fest,
Mit Freundlichkeit kommst durch aufs best’ –«

»Still!« schrie Mister Stopps, der gar keine Lust hatte, der Torburger Apfelfrau Reiseregeln anzuhören. »Flink, geh, zieh dich an und bestelle den Kaffee.«

Das tat Kasperle, und im Hause gab es ein großes Verwundern über den Gast, der nach der unruhigen Nacht schon so früh auf den Beinen war.

Doch Kasperle sagte jedem, der es hören wollte, und auch der Köchin, die es nicht hören wollte, sein Sprüchlein:

»Mußt auf der Reise stets aufstehn,
Frühmorgens, wenn die Hähne krähn.«

Und dann schrie er durch das ganze Haus: »Kaffee! Ich bin hungrig.«