426. Der Sprung vom Giebichenstein

426. Der Sprung vom Giebichenstein

Graf Ludwig saß lange auf Giebichenstein, denn der Kaiser war außer Landes, und niemand anders konnte und durfte den Grafen richten wie der Kaiser selbst, obschon sich von diesem nicht viel des Guten in dieser Sache zu versehen war. Zwei Jahre und acht Monate waren schon über dieser Haft dahingegangen, und der Gefangene blickte kummervoll aus einem Turmgemache, darinnen ihn sechs Ritter täglich bewachten, in den Saalgrund, über welchem, auf steil emporgegipfelte Felsen gebaut, Burg Giebichenstein sich erhob. Da nun Graf Ludwig vernahm, der Kaiser wolle ihn hinrichten lassen ob seiner Tat am Pfalzgrafen, ward ihm bange, und er begann sich für krank auszugeben und bat, daß sein Schreiber zu ihm gelassen werde, er wolle sein Seelgeräte aufrichten und sein Haus bestellen, auch einen Diener forderte er, den an sein Gemahl Frau Adelheid zu entsenden. Und als ihm dies gestattet wurde, gebot er heimlich dem Diener, an einem gewissen Tage, wenn er das Seelgeräte abzuholen komme, zu bestimmter Stunde mit seinem weißen Hengst, der Schwan genannt, drunten am Saalufer zu harren, auch das Roß wie zur Schwemme in den Saalstrom zu reiten. Hierauf klagte sich der Graf ernstlich krank, das währte mehrere Tage, und er machte auch sein Testament und ließ sich sein Sterbehemde bereiten und mehrere Mäntel bringen, dieweil ihn friere; in diese hüllte er sich und wankte am Stabe im Zimmer auf und ab, während seine sechs Wächter sich die Zeit mit dem Brettspiel vertrieben. Da es im Steingemache noch sehr kühl war, draußen aber die Sommersonne des Augustmonats warm schien, so lehnte sich der kranke Graf in das große Bogenfenster, das er geöffnet, und wärmte sich – und da er drunten den Diener zu Roß nebst seinem Schwan in die Saale einleiten sah, auch zwei Fischernachen, die mitten im Strome hielten, so war er plötzlich nicht mehr krank, sondern mit einem Satz im Fenster, und mit einem zweiten außerhalb des Turmes, und mit wenigen Schritten ganz vorn am Felsenvorsprung, und mit dem Rufe: Jungfrau Maria! Hilf deinem Knechte! sprang er vom Felsen gerade herab in den Strom. Die Mäntel umgaben ihn wie ein Rad, die Kähne ruderten herbei, der Landgraf gewann einen Kahn, gewann den Schwan, und als droben die Brettspieler erschreckt emporfuhren und zum Fenster hineilten, sahen sie schon den kühnen Springer das Ufer gewinnen und westwärts reiten.

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427. Sankt Ulrichs Kirche

427. Sankt Ulrichs Kirche

Da Landgraf Ludwig von Thüringen, der Springer zubenamt, sich durch seinen kühnen Sprung aus dem Turm und vom Fels hinter Giebichenstein in die Saale aus langer Haft errettete, rief er noch einmal im Fliegen: Hilf deinem Knecht, Jungfrau Maria!, und als er nun auf seinem Schwan entrann, nahm er den Fluchtweg nach Sangerhausen zu, wo seine Adelheid weilte, und rief unterwegs St. Ulrich an, seinen Schutzpatron, daß der ihn ferner rette und schirme, und gelobte ihm ein stattliches Gotteshaus. Und bevor noch der Landgraf eine Bußfahrt gen Rom vollbracht, erfüllte er treulich sein Gelübde und ließ die Kirche in Marien und St. Ulrichs Ehre erbauen und weihen und in einen Stein die Worte graben: Suscipe servum, virgo Maria! – welche Worte er ausgerufen, da er von Giebichenstein entsprang. Noch ist St. Ulrichs des Helfers und des Landgrafen Steinbild in dieser Kirche zu sehen, und viele fromme und gläubige Seelen haben durch so viele Jahre in derselben ihre Andacht zu Gott dem Herrn und dem heiligen Mittler verrichtet. Zu einer Zeit aber ist es zu Sangerhausen geschehen, daß der Teufel eine Schar Leute berückte, Männer, Frauen und Kinder, die kamen alldort heimlich in einem Hause zusammen, den Teufel anzubeten, der ihnen, wie behauptet ward, in Gestalt einer Hummel vor das Maul flog, und dann löschten sie die Lichte aus und trieben ganz abscheuliche Unzucht durcheinander, recht hummeltoll. Ein Schmied offenbarte dieser frömmelnden Wollüstler arges Unwesen dem Grafen, der damals, 1454, über Sangerhausen gebot; dieser glaubte nicht an die unerhörte Mär, aber der Schmied führte den Grafen verkappt in die Versammlung, damit er den argen Frevel mit eigenen Augen sehe und höre, und da sah und hörte der Graf sein blaues Wunder, ließ alsbald die Rotte einziehen und Gericht über sie halten. Darauf sind sie samt und sonders zum Feuertod verurteilt und verbrannt worden.

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428. Kaiser Friedrich

428. Kaiser Friedrich

Auf dem Kyffhäuserberge steht weit sichtbar ein alter Turm, die Warte der Kaiserburg, welche dieser Berggipfel trug, und deren Trümmer eine Strecke unter dem Turme noch erblickt werden; diesen Turm nennt alles Volk in der güldnen Aue den Kaiser Friedrich. Da der wirkliche Kaiser Friedrich, zubenamt der Rotbart, vom Papst in den Bann getan ward, so schlossen sich ihm alle Kirchen und Kapellen, kein Priester durfte ihm Messe lesen. Da legte der edle Held ein Gewand an, das ihm aus India verehrt worden, nahm ein Fläschchen mit duftendem Wasser zu sich, bestieg sein Leibroß und ritt in einen dunkeln Wald tief hinein. Wenige seiner Getreuen durften ihm folgen, aber auch ihnen entschwand er, denn in dem tiefen Walde drehte er ein wunderbares Fingerlein und wünschte sich aus ihrem Angesicht. Alsbald entschwand er der Herren Blick und ward von ihrer keinem mehr gesehen, und so war der hochgeborene Kaiser verloren. Alte Bauern haben ausgesagt, er lasse sich noch bisweilen als ein Waller erblicken und habe verkündigt, er werde einst noch auf römischer Erde gewaltig werden und die Pfaffen stören und das Heilige Grab wieder in die Gewalt der Christen bringen, daß nimmer wieder ein Schwert darum gezogen werde; dann werde er seinen Schild hangen an den Ast eines dürren Baumes und guten Frieden aufrichten im Lande und auf den Festen. Das gleiche Recht werde er allen bringen, die heidnischen Reiche sich unterwerfen, die Kraft und Macht der Juden niederwerfen, daß sie nimmer wieder aufkommen, die Nonnen verehelichen und zur Arbeit leiten. Wann das geschähe, so kämen uns gute Jahre, und der dürre Baum werde wieder ergrünen.

So klangen Sage, Lied und Prophezeiung aus grauer Zeit, und die darauffolgende Zeit schmolz Kaiser Friedrich I., des Rotbart, Heldenbild mit dem Bilde Kaiser Friedrich II. zusammen, denn auch dieser hatte sein Deutschland verlassen, kehrte nimmer wieder, und ob er tot war, so glaubte doch das treue Volk, er lebe, und harrte ohn Ende seiner Wiederkehr. Und da er nicht wiederkehrte, so sagte es, Kaiser Friedrich habe sich mit seiner Tochter, mit all seinem Hofgesinde, mit seinen Wappnern und Zwergen tief in den Schoß der alten Kaiserfeste Kyffhäuser verwünscht, und da sitze er schlummernd, mit langem Bart, der um seinen steinernen Tisch gewachsen, erst zweimal herum, wann aber der Bart das drittemal herumlange, dann werde der Kaiser wiederkehren und das Reich wieder behaupten. Um den Berg, darunter der Kaiser verzaubert im Halbschlummer sitzt, fliegen fort und fort die Raben, und nur alle hundert Jahre sendet der Kaiser einen Zwerg herauf, daß er frage und schaue, ob die Raben noch fliegen. Und wenn er nun rückkehrt und kündet, daß sie noch immer fliegen, da neigt der Kaiser trauriger denn vor sein greises Haupt und zwickert wieder mit den Augen im halben Schlummer.

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42. Die schiffenden Mönche

42. Die schiffenden Mönche

Zu Speier kam einstmals ein Fischer an den Strand des Rheinstroms, der stellte seine Garne spät am Abend und legte seine Reusen und fuhr in seinem Kahn von einer Uferstelle zur andern. Da kam ein Mann daher in brauner Mönchskutte, und der Fischer grüßte ihn. Fischer, sprach der Mönch, ich bin ein Bote von weitem her und möchte gern überfahren. – Das kann geschehen, sagte der Fischer und fuhr den Mönch über. Als er wieder an seinen Strand kam, standen fünf andere Mönche da und harrten seiner und sprachen: Fahr über! – Warum reiset ihr so in später Nacht? Und soll ich nicht für meine Arbeit einen Lohn von euch verdienen? – Fischer, es treibt die Not, antworteten die Mönche, die Welt ist uns gram, fahr uns nur über um Gottes willen.

Der Strom war ruhig und hell der Nachthimmel, der Fischer nahm die Männer in seinen Kahn und stieß vom Strande. Schnell ward es dunkel, der Himmel schwärzte sich, der Strom warf Wellen, es heulte der Sturm und trieb die schäumenden Wogen über Bord in das Schiff hinein. Wie geschieht uns? fragte der Fischer. War doch eben erst der Himmel rein und klar! Hilf uns, o Gott! – Was heulst und betest du, statt zu rudern? schalt den Schiffer einer der Mönche, entriß ihm das Ruder und schlug ihn, daß er niedersank. Die Mönche ruderten nun selber eilend durch den Strom, legten am andern Ufer an und verschwanden. Als der Fischer wieder zu sich kam, grauete schon der Tag, und kaum vermochte er, wieder überzufahren und seine Hütte zu erreichen.

Des Weges aber, den die Mönche eingeschlagen, kam ein Bote, der wollte gen Speier, der sah dieselbigen Mönche sich entgegenkommen, sie fuhren auf einem Wagen, der war schwarz überhangen und hatte nur drei Räder; die Pferde, die ihn zogen, hatten nur drei Beine, und der Fuhrmann hatte eine Teufelsnase und eine Flammengeißel, rund um den Wagen her weberte es von Flammen. Der Bote kreuzte und segnete sich und zeigte dem Rat zu Speier dies Gesicht an, aus welchem man auf große Zwietracht unter den deutschen Fürsten schloß, an der in alten und neuen Zeiten niemalen ein Mangel.

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429. Kaiser Friedrichs Gaben

429. Kaiser Friedrichs Gaben

Viele haben den Kaiser Friedrich sitzen sehen in seiner unterirdischen Halle, bald allein, bald im Kreise seiner Wappner, bald mit der Prinzessin, seiner Tochter. Manchem Schäfer erschien ein Zwerg, manchem die Tochter selbst. Ein Schäferknabe pfiff auf seiner Schalmeie ein höfisches Lied, da hob sich hinter ihm ein ehrwürdiges Greisenhaupt und fragte mit milder Stimme: Wem hat dies Lied gegolten, Knabe? – Und der Knabe rief kecklich: Kaiser Friedrichen hat es gegolten! – Und da winkte der Greis dem Knaben, daß er ihm folgte, und der Knabe ward hinabgeführt von dem Greise, und drunten, wo alles voll Schätze lag, standen die Wappner und neigten sich tief vor dem Alten. Da sah der Schäfer erschreckend, wer sein Führer war, und der Kaiser sprach: Dieser Knabe hat uns geehrt!, zeigte ihm der unterirdischen Halle Pracht und Glast, brach von einem Gefäß einen Fuß und gab den dem Knaben und sprach: Gehe und künde es droben: wann die Zeit sich erfüllet, daß Gott der Herr aus diesem Bann uns löset, dann soll das Deutsche Reich frei werden. Der Schäferknabe kam herauf, er wußte nicht, wie ihm geschehen. Des Kaiser Friedrich Gabe in seiner Hand war von purem Golde.

Ein anderer Hirte, aus Sittendorf, stand droben an dem Kaiser-Friedrich-Turm, voll Kummer, denn er hatte ein Liebchen, das er nicht heiraten konnte, weil er zu arm war. Da sah er eine schöne blaue Blume im Winde nicken, die pflückte er und steckte sie auf seinen Hut. Da schaute aus des Turmes Mauerspalte ein Gezwerg, das winkte dem Hirten, und er kroch ihm nach. Drunten sah er viele schöne Steine, von denen hob er welche auf, und überm Bücken entfiel ihm die Blume. Im Zwielichtdämmer sah er in der Tiefe der Bergeshöhle den Kaiser Friedrich sitzen, aber es grausete ihn, und er wandte sich zurück. Vergiß das Beste nicht! rief der Zwerg ihm zu, doch der Hirte enteilte. Droben stand er wieder, außen am Turme, und wieder rief der Zwerg aus dem Gemäuer: Wo hast du die Blume? – Der Hirte nahm den Hut ab und sah, daß die Blume fehlte. Ach – verloren! sprach der Hirte. – O du großer Tor! rief der Zwerg, mehr als der Kyffhäuser und die Rothenburg war die Blume wert!, und verschwand. Am Abend kam zu seinem Mädchen der Hirte und erzählte ihm, was ihm begegnet – an die Steine dachte er – er zog sie aus der Tasche, und 0 Freude! sie waren klingendes Gold.

Einem armen Schäfer, der gar schön auf seiner Flöte blies, erschien am Kaiser Friedrich ein Zwerglein und fragte ihn, ob er wohl den verwünschten Kaiser sehen und ihm ein Stücklein aufspielen wolle. Der Schäfer sagte ja und kam in die Tiefe und blies. Da hob der Alte sein Haupt aus dem Schlummer und fragte: Fliegen die Raben noch um den Berg? – Sie fliegen noch, antwortete der Schäfer. – Da erseufzete der Kaiser Friedrich und sprach traurig: Aberhundert Jahre schlafen!, und nickte ein. Darauf hat der Zwerg den Schäfer wieder emporgeführt und ihm gar nichts gegeben, und dachte der Schäfer bei sich, hier unten ist auch Dürrhof, gerade wie droben; der Geber ist gestorben, der Schenker ist verdorben. Um den Turm lag des Schäfers kleine Herde. Klein? Wie war sie doch so zahlreich! Hatte wohl ein guter Kamerad seine größere Herde auch herzugetrieben? Wo war er denn? Es war kein anderer Hirte da. Der Schäfer zählte und zählte, von eins zu zehn und mehr, zwanzig, bis fünfzig, und immer mehr, hundert Stück mehr als heraufgetrieben, die waren sein, die waren für das Flötenstücklein Kaiser Friedrichs Gabe.

Ein Kornfuhrmann aus Reblingen im Ried, der Getreide nach Nordhausen fahren wollte, ward durch einen Zwerg veranlaßt, das Korn in den Kyffhäuserberg zu fahren, aber nicht mehr von dem im Gewölbe in zahlreichen Fässern offen stehenden Golde zu nehmen als den Marktpreis und -wert. Er tat’s und brachte uraltes Geld mit heraus. Ein anderer, aus Gehofen, dem das gleiche unter gleicher Bedingung begegnete, sackte sich die Taschen mächtig voll, der hatte, als er zu Tage kam, nur alte verwitterte Münzen von Blei, rannte wieder auf die Burg, rief nach dem Zwerge, bat, ihm doch nur zu geben, was seine Ware wert, aber es ließ sich kein Zwerg mehr sehen. Da begann das Bäuerlein zu fluchen und zu wettern, was das für eine Tausendteufelslumpenwirtschaft sei, daß man hier das Korn um bleierne Plapperte kaufe und auf den alten Kaiser los die Leute beschuppe, und der Donner solle das ganze kaiserliche Geld in den Erdboden verschlagen! – aber das bekam dem Bäuerlein noch schlechter, dieweil es von unsichtbaren Händen noch viel mehr Maulschellen als zuvor Münzen empfing.

Kinder und Erwachsene fanden in den Ruinen oder am Wege hingebreitete Flachsknotten, bisweilen selbst zur Winterzeit – Musikanten, die in Winternächten am Kyffhäuser vorüber spielend zogen, empfingen grüne Zweige – wer solche Dinge fand oder erhielt, ihrer nicht mißachtete, dem wurden sie zu Gold. Durstenden wurde Getränk beschert. Einer Burschenschar, die fröhlich bei ihrem Bier Kaiser Friedrichs Gesundheit trank, erschien ein kleiner Kellner mit goldenem Becher und zwei Flaschen besonderen Weines und traktierte sie alle und schenkte dem, der die Gesundheit ausgebracht, den Becher. Glückliche Neujahrsänger und Choradjuvanten fanden auf dem Berge mitten im Winterschnee eine Kegelbahn und Männer, die sich mit Kegeln vergnügten; sie empfingen einen Kegel, und als sie ihn herabbrachten, war er ganz Gold. Einer Maid ward im Pfänderspiel scherzend aufgegeben, sie solle auf den Kyffhäuser gehen und Kaiser Friedrichen drei Haare aus dem langen roten Barte ziehen. Die Dirne ging und kam nach einer Stunde wieder und hatte drei lange Haare, brennend rot. Alles staunte. Sorglich bewahrte sie dieselben in Papier gewickelt auf. Als sie ein Jahr später über ihre Lade kam und das Papier in die Hand nahm, war es so schwer, so schwer. Sie öffnete es – die drei Haare waren in drei zolldicke Goldstangen verwandelt.

Und solcher Sagen von des Kaiser Friedrich Gaben ließen sich allein ein Buch vollschreiben.

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430. Bergentrückung

430. Bergentrückung

In Tilleda dicht am Fuße des Kyffhäusers, wo eine der alten Kaiserpfalzen der güldnen Aue stand, lebte ein armes braves Brautpaar, das wollte Hochzeit machen, es mangelte ihm aber an Küchengeschirr, da es doch einige Gäste geladen hatte, und der Vater des Mädchens sprach, halb im Scherz: Geht doch auf den Kyffhäuser hinauf und borgt euch von der Prinzessin, was ihr braucht. Das Pärchen ging hinauf, und droben wartete schon die Prinzessin, die zeigte ihnen lange viele schöne Sachen und gab ihnen Hausrat, so viel sie wollten, und sie trugen ganz schwer daran, als sie wieder herunter nach Tilleda schritten. Doch seltsam kam ihnen alles vor. Der Weg war noch der alte, aber wo des Brautvaters Hütte gestanden hatte, da lag jetzt ein großer Ackerhof. Sie sahen auch lauter fremde Gesichter, veränderte Tracht und verwunderten sich darüber, wie sich die Menschen über sie verwunderten. Da sie gar niemand kannten, so suchten sie den Pastor auf, der war ihnen aber auch fremd, doch fragte er freundlich: Wer seid ihr denn, ihr guten alten Leute? Wo kommt ihr denn her? – Ei, vom Kyffhäuser kommen wir, antworteten die jungen Liebenden, und dünkte ihnen wunderseltsam, daß der Pfarrer sie alte Leute nenne. Sind vor zwei Stunden hinaufgegangen. Und sagten ihre Namen. Der Pfarrer schüttelte den Kopf und schlug im Kirchenbuche nach, und siehe, da fand er ihre Namen; sie waren zweihundert Jahre in den Berg entrückt gewesen. Da ließen diese Uralten sich einsegnen, setzten sich auf den Kirchhof, auf die Gräber, und weinten, denn auf Erden hatten sie keine Stätte. Und da fielen ihre Leiber in Asche.

Ähnliches trug sich zu mit Peter Klaus, dem Ziegenhirten von Sittendorf, der folgte einer Ziege nach, die von der Herde weg ins Gemäurig sich verkrochen; endlich fand er sie, Hafer fressend, der durch ein Loch in das Gewölbe fiel, und über sich hörte er Pferdegestampfe. Hernach hat er sich weiter umgesehen und ist zu Rittern gekommen, die Kegel spielten, und hat aufsetzen müssen, und hat aus einer Kanne voll Wein, die niemals leer wurde, trinken dürfen, bis ihm der Schlaf kam. Als er wieder aufgewacht war, da hat er draußen in der Ruine gelegen, unter hohem Gras, und unter Bäumen, die er vorher nicht gesehen. Klaus pfiff seinen Hund, es kam kein Hund; er sah sich nach den Ziegen um, und da waren keine Ziegen mehr da. Verdrüßlich ging er in sein Dorf herab; am Hirtenhaus, das fast verfallen war, lag ein magerer Hund, der knurrte ihn garstig an, und ein Junge schrie: Heda! Was will der alte Lump? – Er fragte einige Leute, sie sahen ihn von der Seite an, ganz neugierig, gaben aber keinen Bescheid. Wo wohnt Kurt Steffen? fragte er endlich. – Ho Alter! rief ein Mütterchen, der wohnt schon seit zwölf Jahren nicht mehr hier, der ist nach Oldisleben unter der Sachsenburg gezogen! – Der Velten Steier? – O je! schrie eine andere, der liegt schon fünfzehn Jahre auf dem Kirchhof. – Jetzt ward Klaus eines jungen Weibes ansichtig, die trug auf dem Arme ein Kind und führte an der Hand ein vierjährig Mädchen, und alle drei Gesichter glichen Klausens Frau. Da fragte Klaus diese: Wie heißt Ihr und Euer Vater? – Marie! antwortete die junge Frau, und mein Vater hieß Klaus, Gott habe ihn selig! Er ist vor zwanzig Jahren auf den Kyffhäuser gegangen; Hund und Herde kamen ohne ihn ins Dorf, er kam nimmer wieder, und wir fanden ihn nicht, ob wir Tag und Nacht nach ihm suchten. – Ach Gott! seufzte Peter Klaus, meine Tochter, meine liebe Marie! Ich bin es ja. Kennst du deinen Vater nicht mehr? So hätte ich zwanzig Jahre droben mit Kaiser Friedrichen verträumt? Und dünket mich doch nur ein paar Stunden!

Einem andern Hirten, der Schweine am Kyffhäuser hütete, verlief sich auch ein Stück seiner Herde, wie jenem die Ziege. Erst nach drei Tagen fand er es wieder und sah es aus einer Kluft in der Burg sich herauszwängen, was schwer hielt, denn es war in der Zeit eine rechte Fetzensau geworden, vorher war sie mager, und jetzt war sie so feist, daß sie schwabbte. Sie war im Berge gewesen und in kurzer Zeit dick und fett geworden. Als das Gerede davon unter die Leute kam, wollte der Graf von Schwarzburg gern wissen, ob daran etwas Wahres, und ließ einen auf den Tod Gefangenen in das Bergloch einkriechen, der sollte schauen, was es drunten gebe, und tat es denn auf Gefahr seines Lebens. Der ist nun hineingekommen auf dem Sauwege und hat den Kaiser gesehen, und der hat ihn sehr ernst angeblickt, ihm einen goldnen Ring gegeben und gesagt: Bringe diesen Ring dem Grafen. Er solle nicht wieder dahin schicken und blicken lassen, allwo er nichts zu schaffen und zu suchen hat. – Der Bote brachte Ring und Gruß dem Grafen, der erste war schöner wie der zweite, und durfte frei von hinnen gehn.

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431. Kaiser Friedrichs Hofgesinde

431. Kaiser Friedrichs Hofgesinde

Gar vielerlei Volk und Einzelpersonen nennt die Sage, welche Kaiser Friedrichs unterirdischen Hofstaat bilden helfen. Die vornehmste Person nach ihm ist die Prinzessin, seine Tochter, eigentlich nur Nichte; ihr dienet eine Schar Edelfräulein, und reiten mit ihr zur Nachtzeit auf weißen Rossen und in weißen Kleidern über den Kamm des Kyffhäusergebirges, gesellen sich auch wohl dem wilden Heer und den Hörseelbergerinnen. Weiter eine Schar von Rittern, Mönchen und Zwergen, des Kaisers Hofgesinde, allzumal mit in den Bergesschoß hinabverwünscht. Endlich weilt auch drunten der Schmied von Jüterbog, des Kindermärchens Held, zu dem sich St. Petrus in eigner Person bemühte, drei Wünsche ihm schenkte, die der Schmied töricht genug tat, doch auch wirksam genug, mit ihnen den Tod zu bannen und dem Teufel das Leder so arg zu versohlen, daß dieser, als der Schmied gestorben war und nicht in den Himmel eingelassen ward, weil er sich nicht die ewige Seligkeit gewünscht, und auf die Hölle zumarschiert kam, sich so sehr fürchtete, daß er die Hölle alsbald verbarrikadieren ließ und in Belagerungszustand erklärte. Da konnte nun der arme Schmied von Jüterbog nicht in den Himmel und nicht in die Hölle, und im Fegefeuer mochte er gar nicht bleiben, es war ihm darin zu heiß, da suchte er das Kühle und ging hinunter unter die Kyffhäuserburg, und da ist er noch und beschlägt des Kaisers Pferde und die der Prinzessin und der Luftreiterinnen mit Hufeisen von blankem Golde. Wenn sie nicht immer in der Luft ritten, würden sie manchmal eins verlieren, so aber ist auf solchen Fund nicht zu hoffen. Venetianer, Steinsucher, Schatzgräber und Teufelbanner haben auf, im und am Kyffhäuser schon hundertfach ihr Wesen getrieben, auch davon gibt es viele Sagen und Geschichten; manchesmal sind sie durch Wesen, die dem unterirdischen Hofhalt angehörten, arg geschreckt worden. Auf der Rothenburg fand man auch das angebliche Götzenbild, den weitberufenen Püsterich, der in Sondershausen noch vorhanden ist, und über den auch ganze Bücher voll zusammenfabuliert worden sind. Der Büchlein, Artikel und Aufsätze über den Püster sind, genau gezählt, netto vierundneunzig, und dies ist der fünfundneunzigste.

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41. Der Rotbart zu Kaiserslautern

41. Der Rotbart zu Kaiserslautern

Bei Kaiserslautern ist eine Felsenhöhle von unergründlicher Tiefe. Von dieser geht des Volkes allgemeine Sage, daß Kaiser Friedrich der Rotbart, da er aus seiner Gefangenschaft in der Türkei gekommen sei, in Kaiserslautern sich niedergelassen habe. Dort habe er das Schloß gebaut und dem Weidwerk, wie der Fischerei in dem schönen See, der noch der Kaiserwerder heißt, obgelegen. In einem Tiergarten nahe am Schloß hielt der Kaiser allerlei wunderbarliche und fremdländische Getiere, und im See fing er einstmals einen großen Karpfen, dem steckte er einen güldnen Ring von seinem Finger an eine Flosse: der Fisch blieb und bleibt hinfüro ungefangen bis auf des Kaisers Wiederkehr. Endlich kam der Kaiser hinweg, niemand wußte zu sagen wie, und es ging die Rede, er habe sich in das tiefe Loch verwünscht auf lange Zeit, da drunten besserer Zeit zu harren. Im Schlosse blieb lange noch des Kaisers Bette aufbewahrt, hängend an vier eisernen Ketten. War es abends wohl gebettet, so war es morgens verwälzt, so daß man deutlich sah, es habe jemand darin gelegen. Einst fing man im Kaiserwerder zwei Karpfen, die waren um die Hälse mit Ringen und einer güldenen Kette verbunden, zum Angedenken wurden sie in Stein ausgehauen an der Metzlerpforte.

Zu einer Zeit fand sich ein Mann, der wollte gern den Grund der großen tiefen Höhle ergründen, in welche der Kaiser sich verwünscht haben sollte, und ward an einem Seil hinabgelassen mit einem Faden, der oben an eine Schelle reichte. Und kam hinab und sah den Kaiser sitzen auf güldnem Sessel mit mächtig großem roten Barte, schaute sich um und erblickte einen großen weiten Plan, darauf standen viele Wappner. Der Kaiser nickte ihm zu und bedeutete ihn, nicht zu reden – und da grausete es dem Mann, und gab sein Zeichen an der Schelle, und ward also wieder heraufgezogen, wo er verkündete, was er geschaut. Um keinen Preis aber wollte er noch einmal hinunter.

Weit über das deutsche Land hin verbreitet ist die Sage vom verzauberten Kaiser im Bergesschoß. Im Thüringer Lande ist sie am lebendigsten um den Kyffhäuser, so auch im Untersberge bei Salzburg und anderorts, wo es aber auch oft Kaiser Karl der Große oder auch Karl V. ist, den die Sage hineinbannt und zu künftiger Wiederkehr aufbewahrt.

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419. Der Nonnengeist zu Gehofen

419. Der Nonnengeist zu Gehofen

Zu Gehofen, zwischen Querfurt und Heldrungen, lebte Frau Philippine Agnes von Eberstein, eine achtbare Edelfrau. Dieser erschien im Jahr 1683 ein Gespenst in Gestalt einer Nonne und flüsterte ihr zu, abends sechs Uhr solle sie auf den Hof gehen und allda einen großen Schatz heben, der sei ihr beschert und keiner andern. Dieser Geist war von kleiner Gestalt, weiß gekleidet, auf dem Schleier über der Stirne mit einem roten Kreuz gezeichnet, trug in der Hand einen Rosenkranz und hatte nach damals üblicher Tracht ein weißes Vorstecktüchlein vor dem Munde. Da der Gemahl der Frau von Eberstein schwer erkrankt daniederlag und dieselbe abgemattet war von Nachtwachen, auch merklich furchtsam und bange war, so gab sie dem Ansinnen des Nonnengeistes keine Folge, hatte aber deshalb viel von demselben zu leiden. Das Nonnengespenst griff die Edelfrau tätlich an, drückte und zwickte sie und verursachte ihr körperliche Schmerzen, unter beständigem Andringen, den Schatz zu heben. Der Geist war ebenso redselig als zudringlich. – Ich war eine des Geschlechtes von Trebra, flüsterte er der Frau von Eberstein erzählend zu, und wohnte hier auf dem Gut, das früher unserer Familie gehört hat. Im Dreißigjährigen Kriege vergrub ich den Schatz – hebe ihn – hebe ihn! – Nimm deinen Beichtiger dazu, deine Hausgenossen – es soll dir kein Leid widerfahren – ich schütze dich, ich führe den schwarzen Hund hinweg, der den Schatz bewacht – hebe ihn, und nie siehst du mich wieder. Wirf eine Schürze oder ein Fazinettlein darauf, wenn du den Schatz siehst! Hebe ihn – es sind auch drei Ringe dabei, die werden deinem Geschlecht stets Glück bringen. Hebst du den Schatz, so soll nach vier Jahren deine Tochter auch einen heben! – Und so ging es in einem fort; die Edelfrau litt schrecklich unter diesen fortwährenden Peinigungen. Sie sah den Geist, als sie einmal über den Hof ging, mit flehentlichen Gebärden nahe der Kapelle stehen und auf den Ort des Schatzes deuten – ja sie sah den Schatz offen und fühlte, wie der Geist, als sie sich zum Weggehen wandte, sie am Rocke festhielt. Da wurde die so sehr geängstigte Frau von Eberstein ganz schwermütig und gemütskrank, sah aber immer den Geist, und andere sahen ihn nicht, und niemand glaubte ihr, nur ihr kleines Töchterlein, das noch nicht reden konnte, deutete mit seinen Fingerchen nach der Stelle, wo der Geist stand. Dessen Quälereien trieben die Edelfrau fast zur Verzweiflung und währten schon in den vierten Monat. Bei einer Ausfahrt zu Schlitten stand der Geist an der Brücke – da feuerte die Frau zwei scharfgeladene Pistolen nach ihm ab, aber die Folge war nur um so größere körperliche Peinigung. Auf Mund und Wangen und auf die Brust schlug der Geist die Leidende, warf sie im Bette empor, hielt den Mund ihr zu, legte sich auf sie wie ein Alp. Endlich ließ er ab, mit einem Male, und die Edelfrau ließ in öffentlicher Kirchenversammlung dem Herrn für ihre Erlösung danken. Der Schatz blieb ungehoben.

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420. Der immerlebende Rabe

420. Der immerlebende Rabe

Zu Merseburg im Schloßhof wird ein Rabe lebend erhalten als immerwährender Sagenzeuge. Es lebte daselbst ein Bischof, Thilo von Trotha geheißen, ein heftiger und jähzorniger Herr, der hielt im Hause zum Vergnügen einen zahmen Raben. Der Rabe tat, was er nicht lassen konnte, er stahl wie ein Rabe, so stahl er auch einen kostbaren, hoch wertgehaltenen Ring seines Herrn, des Bischofs, und trug den Ring in sein Nest, das er auf einem hohen Turme des Merseburger Schlosses hatte. Der Bischof aber vermeinte nicht anders, als der Ring sei ihm gestohlen und sein, alter Kammerknecht sei der Dieb, und ließ diesen Diener peinlich befragen und ihm durch die Folter das Geständnis der Schuld entreißen, und ließ ihn zum Richtplatz führen. Mit zum Himmel erhobenen Händen beteuerte der Greis seine Unschuld – doch sein Haupt fiel unter dem Henkerschwerte. Da geschah es nach einer Zeit, daß ein Sturm des Raben Nest vom Turme warf, darin fand sich mancherlei güldenes und silbernes Kleinod und auch des Bischofs Ring, um den der fromme Kämmerling unschuldig war gerichtet worden. Das traf des strengen Bischofs hartes Herz wie ein Blitzstrahl, und er büßte hart und schwer seine ungetreue Tat an dem Kämmerling. Er tat sich seines Familienwappens ab und nahm ein neues an und setzte in das Schild einen Raben, der einen Ring im Schnabel trug, und oben aus der Krone hoben sich als Helmkleinod zwei Arme und Hände, deren Finger einen Ring faßten. Dieses Wappen ließ der Bischof Thilo von Trotha allenthalben anbringen, daß es ihn überall an seine Untat erinnere und zu steter Buße mahne, innen und außen am bischöflichen Palast, im Dome, an den Mauern, in den Zimmern, auf den Gängen. Und verordnete, daß im Schlosse fort und fort ein lebender Rabe solle gehalten werden, wie denn auch noch geschieht. Und immer noch ist das neue Wappen zu erblicken, am schönsten auf dem ehernen Kenotaph, das dem Bischof Thilo von Trotha im Dome zu Merseburg errichtet ward.

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