444. Des Königs Abenteuer

444. Des Königs Abenteuer

In der St. Georgenkirche zu Mühlhausen erblickt man noch manch altertümliches steinernes Bildwerk, das wird gedeutet auf der Stadt Mühlhausen Ursprung, und haben sie dort darüber eine gar verwunderliche Sage.

Vorzeiten war ein König in Thüringen gesessen, der fuhr einstmals auf die Jagd, und da sprangen seine Winde im Dickicht um einen Baumstrunk herum und wollten sich davon nicht wegbringen lassen. Da mußte einer von des Königs Dienern auf den Baumstrunk klettern, der von obenhinein hohl war, und sehen, was darinnen stecke, dieweil die Rüden also bellten. Da fand sich ein kleiner wilder Mann darinnen, den holten sie heraus, und der König freute sich seines Abenteuers, ließ den wilden Mann zu sich in den Wagen sitzen und Jagd Jagd sein. Er nannte seinen eingefangenen wilden Mann Noah, tat ihn in ein Gewölbe und wartete und pflegte sein selbst. Eine Zeit aber, da der König verreisen müssen, spielte sein Sohn Georg den Ball im Schlosse, und der Ball fiel durch ein Loch in das Gewölbe hinab. Da rief der kleine Königssohn hinunter: Wilder Mann Noah, gib mir mein Bällchen heraus! – Darauf antwortete der wilde Mann: Dein Bällchen kann ich dir nicht herausgeben, denn würfe ich’s hinauf, so würde es so weit fliegen, daß du es nimmer wiederfändest. Gehe aber hin in deines Vaters Gemach, hole den Schlüssel und öffne mir, so will ich es dir herausgeben. – Da holte der Prinz im Gemach seines Vaters den Schlüssel, denn niemand konnte sonst das Gewölbe öffnen. Er öffnete es, und der wilde Mann kam heraus, gab ihm das Bällchen und sprach: Du hast mir aus meiner Not geholfen, und wenn du einmal in Not kömmst, so komme in den Wald und rufe mich, so will ich dir auch heraushelfen. – Bald darauf kam der König nach Hause, und sein erster Gang war, sein Abenteuer zu besuchen. Aber wie erschrak er, da er das Gewölbe leer fand, und sein Verdacht, den wilden Mann herausgelassen zu haben, fiel sogleich auf seinen Prinzen. Er ließ ihn vor sich rufen und fragte: Georg, du hast wohl den Schlüssel genommen, das Gewölbe eröffnet und den wilden Mann Noah herausgelassen? – Der kleine Prinz gestand offenherzig, daß er solches getan. Da verstieß der König im Zorn seinen Prinzen, denn sein Abenteuer war ihm lieber als alles. Traurig schied der Prinz aus seines Vaters Hause und irrte als ein armer Knabe umher, bis ihn endlich ein Schäfer zu sich nahm. Dieser Schäfer vermutete bald, daß der Knabe aus keinem geringen Stande sei, und behielt ihn bei sich. Er erzog ihn so weit, daß er ihn bei der Herde brauchen konnte. – Da nun der Schäferknecht Georg die Jünglingsjahre erreicht hatte, fügte es sich, daß er bekannt wurde mit einem hübschgebildeten Mädchen, das er zu seiner Braut ernannte. – Damals hauste in der Gegend ein ungeheuerliches Tier, welches man den Lindwurm nannte, und diesem Lindwurm mußte alle Jahre ein Mensch geopfert werden. Nach alter Meinung war dies Tier eine Verwünschung. Wenn es sein Opfer nicht auf den Tag empfing, brüllte es gleich einem Donnerwetter, welches dem Lande Verderben drohte. Nun kam wieder die Zeit, daß das Volk zusammengerufen ward und das Los geworfen; wen es betraf, mußte das Opfer des Lindwurms werden. Das Los traf gerade die Braut des Schäfers Georg. Da fiel ihm ein, was ihm der wilde Mann versprochen hatte. Er trat vor und bat um Aufschub der Opferung, er wolle den Lindwurm töten oder sich für seine Braut dem Ungeheuer opfern – lief eilend in den Wald und rief den wilden Mann Noah um Hülfe und Beistand an. Da kam der wilde Mann und gab ihm ein Schimmelpferd und ein Schwert und sagte ihm, er solle ein weißes Gewand anziehen, sich auf das weiße Pferd setzen, das Schwert an dem Kopfe des Pferdes herabführen und gerade auf das Ungeheuer losreiten. Dieses würde begierig seinen Nachen weit aufsperren; dann solle Georg das Schwert dem Tiere gerade zum Rachen hineinrennen. – Dieses alles geschah, und so wurde die Braut Georgs wie auch das ganze Land von dem Ungeheuer befreit. Großer Jubel entstand unter dem Volke, und Freude vernahm man überall, so daß Georg zum Ritter geschlagen wurde. Da man nun nach Georgs Herkunft forschte, da gestand er, daß er des Königs Prinz sei, und erzählte sein Schicksal. Da wurde ihm gesagt, sein Vater sei gestorben, und er könne sicher nach Hause gehen und das Reich übernehmen. So war aus des Königs Sohn ein Schäferknecht geworden, aus dem Schäferknecht ein Ritter und aus diesem wieder ein König.

Als nun Georg das Königreich übernommen, reiste er im Lande herum, sein Reich zu besehen und kennenzulernen, auch selbst Abenteuer zu bestehen. Da kam ihm ein Örtchen zu Gesicht, das war eine Ansiedelung um ein Mühlhaus, und das Örtchen hatte noch keine Kirche. Da nun der junge König gern dem lieben Gott seinen Dank abstatten wollte, so erbaute er dieser angesiedelten Gemeinde ein Gotteshaus, das seinen Namen als des Stifters Georg erhielt, und der Baumeister mußte seine ganze Geschichte in Stein bilden. Das ist der Anfang der Stadt Mühlhausen geworden.

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445. Mühlhäuser Brunnen

445. Mühlhäuser Brunnen

Bei und zu Mühlhausen sind Brunnquellen, die sind weit und breit berühmt. Eines dieser Wasser heißt die Breitsülze und entspringt nordwestlich eine halbe Stunde von der Stadt am Herbstberge. Die Sage geht, daß da, wo jetzt das Antoniushospital ist, ein Kloster gestanden habe, darin habe ein Mönch gelebt – andere sagen, der Mönch sei aus Kloster Reifenstein gewesen –, der habe in der Stadt ein heimlich Lieb gehabt, das er nächtlich besuchte, und wobei er durch einen Stein ging, den man noch zeigt. Endlich kam die Sache an den Tag, der Mönch wurde gefangen und auf den Adlerturm gesetzt und saß alldort auf den Tod. Da es nun der Stadt an genügsamem fließenden Wasser gebrach und jener Mönch aufs Wasserleiten sich verstand, so ward ihm die Freiheit geboten, wenn er die Quelle der Breitsülze, welche tiefer liegt als die Stadt, in diese hereinleiten wollte. Der Mönch ging an das schwierige Werk, leitete in lauter Schlangenlinien die Quelle um den Herbstberg, um den Thonberg und den Kalbberg herum, ließ sie einen Weg von siebentausendsechshundertundzehn Schritten machen, fast zwei und eine halbe Stunde, daß es oft scheint, als fließe das Wasser bergauf, und brachte das Wasser glücklich in die Stadt, worauf er seine Freiheit erlangte.

Eine ganz ähnliche Sage geht in Gotha von der Leitung des Flüßchens Leine, welche auch durch einen geschickten Mönch bewirkt wurde.

Wundersam schön ist der Brunnen zu Popperode (Wüstung), abendwärts der Stadt, ein mächtiger Quell und spiegelklar bis zum Grunde. Seine Nymphe spendet unerschöpflich ihren quellenden Segen; sein Wasser speist zwei Teiche und treibt zwölf Mühlen. Zum Dank dafür wird ihm alljährlich unter Reden und frommen Lobgesängen ein Doppelfest der Jugend gefeiert. Dicht am Becken, das unter uralten Lindenbäumen ruht, steht ein getürmtes Lustschlößchen von eigentümlichem Bau, in dessen kühler Halle stand und steht manch guter Spruch. Der schönste und beste dieser Sprüche ward hinweggetüncht und möchte wohl erneut werden:

Ut lymphae Nymphas coronat,
Ad fontem frontem fronde corones.

Von dem Breitsülzenbrunnen geht noch diese Sage. Er ist früher der Brunnen eines Klosters gewesen. Bei dem genannten Kloster stand wie bei den meisten Klöstern eine Kirche, deren angrenzender Turm drei silberne Glocken enthielt. Zur Zeit der Mühlhäuser Kriege wurde das Kloster ganz zerstört, und um die silbernen Glocken nicht in des Feindes Hand kommen zu lassen, versenkte sie ein Mönch in den Brunnen, indem er sagte: Diese Glocken kommen nicht eher zu Tage, bis drei Personen den Brunnen fegen und eine derselben ihren Tod in der Quelle des Brunnens findet.

Vor vielen Jahren träumte dem Schullehrer zu Ammern, er solle nach der Breitsülze gehen, so würde er am Ufer ein Seil finden. An diesem Seile solle er ziehen, so würden drei silberne Glocken heraufkommen. Dreimal träumte der Mann das gleiche, dann machte er sich auf und ging nach der Breitsülze. Je näher er dem Brunnen kam, desto schöner hörte er schon die Silberglocken läuten. Jetzt kam er an und fand alles, wie ihm geträumt hatte. Er zog an dem Seile, und siehe, drei silberne Glocken stiegen empor. Da ritt ein Reiter vorüber, der rief: Guten Morgen, Herr Schullehrer! Guten Morgen! – Ganz freundlich antwortete der Gegrüßte: Schönen Dank! – aber bei diesen Worten versanken die Glocken mit einem grausamen Geräusch und sind nie wieder zu Tage gekommen.

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446. Winfried und Sturmi

446. Winfried und Sturmi

Die heiligen Männer Winfried und Sturmi kamen auch in das alte Hessenland, die Heiden zu bekehren. Zu dieser Zeit kriegte Karl der Große im Diemellande und eroberte die Eresburg, auf der die Irminsäule stand, die er zerstörte, und den Desenberg, zwei feste Plätze. Am Desenberge, wo sein Heer im heißen Sommer fast verschmachtete, rief Karls Gebet den Bullerborn hervor, der noch heute fließt. Winfried kam zu einem Berge, darauf ein Heidenheiligtum stand, das brach er und ließ darauf die erste Christenkirche bauen, das ist der Christberg oder Christenberg, da noch heute die Leute einen Fußtritt im Stein zeigen, der von Winfried sich einprägte, als er im heiligen Eifer auf den Boden stampfte. Und am andern Ort, wo lange des großen Kaisers Lagerstatt und Heerstelle war, wird, hoch über der Weser, ein alter grauer Stein gezeigt, auf dem Karl zu Gericht saß und in denselben die Schwere seines ihn stützenden Armes sichtbarlich eindrückte; später entstand dort die Burg und das heutige Amt Herstelle.

Eine Stunde weit von einem Hofe, welcher Geismari hieß, dessen Name der später daraus entstandenen Stadt Hofgeismar blieb, da, wo jetzt das Dorf Eberschütz liegt, ragt eine steile Felswand hoch überm rechten Ufer der Diemel empor; droben der höchste, umwallte Punkt heißt die Klippe. Auf dieser Höhe hielten die Heiden ihren Ding. Da kam zu ihnen ein Greis mit einem Pilgerstabe, den keiner kannte, im Priesterkleid der Christen und predigte ihnen von Christus Geburt, Leben, Leiden und Sterben, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft. Da nun die Heiden diese Reden hörten, dünkte sie ihnen eine Mär und unglaublich, und bedräueten ihn. Er aber stieß seinen Stab in den Boden und sprach: So wahr und wahrhaftig die Botschaft ist, die ich euch verkündet, das ewige Evangelium, so wahr wird dieser Stab durch die Allmacht des einzigen und wahren Gottes Knospen, Blätter und Blüten treiben! Und hob die Hände auf, und es geschahe das Wunder. Der Stab ergrünte, trieb Knospen, Zweige, Blätter, Blüten, und die Heiden glaubten und ließen sich taufen. Solches Wunder tat Sturmi, Winfrieds frommer Schüler.

Eine ganz gleiche Sage geht vom Orte Groß-Vargula, nur daß dort Winfried-Bonifazius selbst es war, der das Stabwunder verrichtete, und dort die Sage noch hinzufügt, daß der Wunderbaum, von fremdländischem Ansehen, einer Palme gleich, lange gestanden habe und verehrt worden sei.

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447. Der Stuffenberg

447. Der Stuffenberg

In der Gegend von Eschwege und Wanfried liegt ein hoher Berg, zu dem geschehen alljährlich viele Wallfahrten, absonderlich aus dem Eichsfeld, darauf erbaute Winfried eine Kapelle. Da nun der Bau im Gange war, kam zum öftern ein fremder Mann gewandert, der fragte die Maurer und Zimmerer, was es denn geben solle, und diese antworteten: Ei, eine Scheuer soll es geben! – Mit diesem Bescheid ging der Mann immer wieder seiner Wege, endlich aber trat er auch einmal unversehens in die Scheuer – da stand ein Altar darin und auf dem Altar ein Kruzifix, und war keine Scheuer, sondern eine christliche Kirche – und da schmiß die Türe hinter ihm zu, daß er nicht herauskonnte. Hu! da ward dem Fremden angst und bang, und hätte mögen des Teufels werden, wenn er nicht schon selbst der Teufel gewesen wäre, und raffte sich zusammen und fuhr oben durch den Giebel, wo noch eine Ritze war, mit Geprassel hinaus und riß ein Loch, das hat nimmermehr wieder zugebaut werden können; dann fuhr er in den Stuffenberg hinein, da blieb auch ein Loch, das heißt das Stuffensloch, und zuzeiten soll es aus dem Loche dampfen, und Nebel sollen daraus aufsteigen, Rückbleibsel des Angstschweißes, den der Teufel damals schwitzte.

Auch bei der Stadt Gernrode am Harz erhebt sich ein Stuffenberg, darauf ein Lusthaus und die schönste Aussicht auf die Teufelsmauern, auf Quedlinburg und Halberstadt.

Die Kapelle aber, die auf dem Stuffenberge bei Wanfried der heilige Bonifazius erbaute, ist St. Gehülfen genannt, und von ihr heißt der Berg auch der Hülfenberg. Manche nennen St. Gehülfen auch die heilige Kümmernis, und die heilige Kümmernis war eine wunderschöne Prinzessin, die erfuhr, was der Gründerin des Stiftes Quedlinburg begegnete, und da ließ ihr Gott der Herr einen Mannesbart wachsen und nahm ihr ihre unsägliche Schönheit. Solcher Hülfen- und Kümmerniskapellen gibt es viele in deutschen Landen, und ist deren in einer besonderen Sage von ihrem Bilde bei der Stadt Saalfeld weiter unten näher gedacht.

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448. Hermann von Treffurt

448. Hermann von Treffurt

Bei Treffurt über Wanfried ragt am linken Ufer der Werra ein mächtig hoher Berg weit sichtbar empor mit steiler Absenkung in das Werratal, der heißt der Hellerstein, auch wohl der Normannstein. Zu Treffurt lebte ein frommer Ritter, Hermann von Treffurt geheißen, der war in allem trefflich wohlgetan, nur einen Fehler hatte er, wenn das ein Fehler sein soll, er hatte im Bezug der Frauenminne ein sehr weites Herz und war im hohen Grade das, was die Frauen einen losen und schlimmen Mann nennen, wofür er Gott dankte. Dieser brave Ritter versäumte niemals, wann er so da oder dorthin ritt, wo er eine Buhlschaft hatte – und er ritt viel –, die Gezeiten der heiligen Jungfrau Maria zu beten, denn selbige war die einzige Jungfrau, die Ritter Hermann von Treffurt in Ehren hielt. Einer Nacht kam der Ritter geritten, mocht‘ etwa in Kreuzburg gewesen sein, allwo es schöne und gütige Frauen hat, aber da derselbe wohl nicht allein, als ein zweiter Ritter Tannhäuser, im nahen Venusberge gewesen war, sondern etwa auch im Bacchusberge vorgesprochen hatte, so entnickte er, und sein Roß schlug hinter Selmannshausen einen Nebenweg linker Hand ein, welches fast schlimm war wie alles Linke und Linkische. Es trug ihn, statt im Tale nach dem ganz nahen Treffurt, allgemach einen ziemlichen Umweg zur Höhe des riesigen Hellerstein empor und immer weiter und weiter vor bis an den jähen Abhang, da freilich stutzte es und prallte zurück, und vom Rückprall erwachte der Ritter aus minneseligem Traume, dachte, du dummer Gaul, was weckst du mich? und ließ dem Roß zur Strafe derb die Sporen fühlen. Da setzte das Roß in den ungeheuern Abgrund, der war etwan dreimal so hoch als der vom Giebichenstein hinunter ins Saaletal, und als der fromme Hermann plötzlich fühlte, daß er nicht mehr ritt, sondern flog, da rief er Ludwig des Springers Ruf: Hilf heilige Maria! Hilf deinem Knechte! Und da war ihm, als umfahe ihn ein warmer weicher Frauenarm und halte ihn und hebe ihn, da das Roß sich zu Tode fiel und vom Fall des Ritters Schwert in der Scheide wie Glas zersplitterte, sänftiglich aus dem Sattel, daß er sich auch kein Aderlein und kein Knöchlein verstauchte. Nach solch wunderbarer Errettung vom jähen Tod in allen Sünden tät sich der fromme Ritter aller Welt- und Minnelust ab, wurde noch frommer, als er vor gewesen war, ging nach Eisenach, zwischen Kreuzburg und dem Venusberg gelegen, wurde allda ein Mönch und diente ausschließlich in Gebet und Treue der heiligen Jungfrau, deren rettender Arm allein ihn gehalten und gehoben, und ward ihm, gleich jener schönen Sünderin im Evangelio, viel vergeben, dieweil er viel geliebet.

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44. Die Totenglocken zu Speier

44. Die Totenglocken zu Speier

Kaiser Heinrich IV. nahm gar ein trauriges Ende; auch seine Gebeine ruhen im Dome zu Speier, aber sie kamen nicht alsbald nach seinem Tode dahin. Verstoßen von Thron und Reich, gedachte er, wie sein heiliger Vorgänger Heinrich II. die Absicht gehabt, dort im Münster zu Straßburg seine Tage zu beschließen, am Dome zu Speier einer Chorherrenpfründe teilhaft zu werden, allein da er, der den Dom gebaut und reich geschmückt, nicht, wie jener, jetzt eine Pfründe gründen und stiften konnte, so ward ihm auch solche nicht zuteil, und der Bischof Gebhard, den er, der Kaiser, als solcher selbst auf seinen Stuhl gesetzt und ihn bestätigt, weigerte ihm die Aufnahme. Da erseufzte der Kaiser und sprach: Gottes Hand! Gottes Hand liegt schwer auf mir!, und zog trauernd von dannen. Und es geht in Speier die Sage, daß, als der alte Kaiser endlich arm und elend zu Lüttich an der Maas verstorben, habe die Kaiserglocke im Dome von selbst zu läuten begonnen, und alle andern Glocken haben volltönig eingestimmt in das Geläute, und das Volk sei zusammengelaufen und habe gerufen: Der Kaiser ist tot, der Kaiser ist tot, aber wo? wo ist er gestorben? Das wußte keiner. Der Bischof zu Lüttich fühlte minder hart wie der undankbare Bischof zu Speier, er ließ den Verstorbenen mit gebührenden Ehren bestatten. Aber als das der unnatürliche Sohn Heinrichs, Kaiser Heinrich V., vernahm, ward der Bischof von Lüttich verurteilt, den Sarg des Bestatteten mit seinen eigenen Händen wieder auszugraben, da der Verstorbene im Banne dahingegangen und einen Gebannten die geweihte Erde nicht decken dürfe. Da ward der tote Kaiser in seinem Sarge auf eine Insel in der Maas gestellt, und niemand wartete sein, und niemand kümmerte sich um ihn. Aber siehe, da kam ein Mönch, den niemand kannte, der fuhr hinüber auf die Insel, und betete über dem Sarge, und las Messen über den Toten, und sang ihm das Requiem, und das trieb er fort und fort, bis Heinrich V. es vernahm und den Sarg mit den Resten seines Vaters gen Speier führen ließ. Und als nun der Sarg im Königschor des Domes beigesetzt werden sollte, litt es der Bischof nicht, ehe denn der Papst zu Rom des deutschen Kaisers Überreste aus dem Banne lösete. Das währte fünf Jahre; so lange blieb Kaiser Heinrichs IV. Sarg in Sankt Afras Kapelle unbeerdigt stehen. Aber den Kaiser Heinrich V. wußte Gottes Hand auch zu finden, denn er blieb erbenlos, fiel in des Papstes Bann wie sein Vater, und als er verstarb, da läutete vom Münsterturme zu Speier ein Glöcklein von selbst gar hell und schrillend – und keine andere Glocke fiel ein, und niemand wußte, warum es läute, und das Volk lief zusammen und fragte sich untereinander: Wo wird denn einer ausgeführt, daß das Armesünderglöcklein läutet?

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449. Der Gürtel der Jungfrau

449. Der Gürtel der Jungfrau

Über Kreuzburg im Werratale, Mihla gegenüber, wo der Herren von Harstall uraltes Geschlecht noch blüht, lag ein herrliches Kloster, das hieß Münsterkirchen. Es war reich begabt und reich geschmückt, hatte hohe Kuppeln und Türme und ein prachtvolles Geläute, das weithin talab und -auf vernommen ward. Aber die Kriege, welche Thüringen verheerten, haben das Kloster Münsterkirchen zu einer Wüstung gemacht, und die Rede geht, daß von den Steinen seiner Gebäude fast der ganze Flecken Mihla gebaut worden sein soll. Zuletzt war nur noch ein niederer grüner Hügel übrig, und man nannte die Stätte, welche der Strom im großen Bogen umfloß und öfters überflutete, nur den Sand. Aber an hohen Kirchentagen, und wann fromme Waller das Tal abwärts zum Gehülfenberge zogen, da hörte man tief im Schoße der Erde die große Glocke von Münsterkirchen läuten. Diese Glocke hatte denselben Namen wie ihre berühmte größte Schwester in Erfurt: Maria gloriosa. Da geschah es, daß ein junges armes Mädchen auf dem Anger am Sand die Herde hütete und einschlief unter dem Erlengebüsch am Werraufer, und da träumte ihr, sie sähe zwei wildaussehende Männer auf dem nahen Hügel miteinander kämpfen, und dazu hörte sie vernehmlich die versunkene Glocke läuten. Da sie nun erwachte, so sähe sie zwei junge Stiere heftig miteinander streiten, die stampften und wühlten mit ihren Hufen die Erde auf, daß die Butzen nur so darum flogen, und die Hirtin eilte hin, die kämpfenden Tiere auseinanderzujagen, und siehe, da ragte dort, wo die Stiere den Boden aufgewühlt hatten, der Henkel der Glocke aus dem Boden. Freudig erschrocken löste rasch die Jungfrau ihren Gürtel ab, band ein Ende an die Glocke und das andere an einen nahen Strauch, jagte die Stiere vom Hügel und eilte nach Mihla hinüber, ihren Fund zu künden. Da zog die ganze Gemeinde heraus, und erhob feierlich die schöne große Glocke von Münsterkirchen, und führte sie in ihren Ort. Es ist die größte von Mihlas Glocken. Der Jungfrau Gürtel übte allein die magische haltende Kraft, sonst wäre die Glocke wieder in die Tiefe hinabgesunken.

Zu Berka, zwischen Kreuzburg und Eisenach, hängt im Kirchturm auch eine schöne große Glocke, die haben auf einem überm Ort liegenden Berge spielende Kinder gefunden, man zeigt noch die Stelle, und niemand dort zweifelt an der Wahrheit dieser Sage. Sie hat auch eine Inschrift, aber, sagte der Pfarrer, es waren schon viele Gelehrte da und haben die Schrift nicht lesen können. Das kommt daher, daß viele Gelehrte Wunders viel lernen und können, nur nicht Deutsch, denn die Schrift ist mit deutschen Buchstaben gegossen und ganz gut zu lesen.

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436. Ursprung der Grafen von Schwarzburg

436. Ursprung der Grafen von Schwarzburg

Viele wollen den Ursprung und die Abkunft der alten Grafen von Schwarzburg vom heiligen Günther nicht gelten lassen. Ein Verwandter und Heerführer des großen Sachsenherzogs Wittekind, genannt Wittekind der Schwarze, soll deren Ahnherr gewesen sein, ebenso jener der Grafen von Gleichen; nach andern sollen wieder jene Brüder von Gleichen, welche die Burgen bei Göttingen hatten und, von dort vertrieben, nach Thüringen kamen und Schloß Gleichen neben Mühlberg und Wachsenburg erbauten, die Stammväter der heutigen Schwarzburger Fürstenhäuser gewesen sein. Noch ein Stück höher hinauf in den nachtdunkeln Schwarzwald der Urgeschichte rückt besagter Ursprung ein dritter Chronist, nämlich bis in die Zeit, da Dietrich von Bern lebte und die Thüringer heftig mit Sachsen und Franken zu streiten kamen. Da habe ein Graf eine Kohlbaude und Meilerstätte auf einem Berge angetroffen und habe auf diesem schwarzen Berg eine Burg erbaut, siehe, da war die Schwarzburg fertig. Nach andern habe Kaiser Lothars sechster Sohn, Gundar, das ist Günther, geheißen, der habe Schloß Käfernburg bei Arnstadt erbaut, und der sei der wahre Stammvater des hohen Geschlechtes, das sich frühzeitig zur Blüte hob und durch die Reihe der Jahrhunderte fortpflanzte, berühmte Klöster gründete, auch Deutschland einen Kaiser gab. Alle Welt weiß von dem Raub der sächsischen Prinzen durch Kunz von Kauffungen, weit minder aber bekannt ist der Raub zweier junger Grafen von Schwarzburg durch Jost Hake, welcher gar ein tapferer Kriegsmann war und im Schmalkaldischen Kriege auch den Grafen Hugo von Mansfeld aus dessen eignem Schlosse zur Nachtzeit gefangen hinwegführte. Erst nach zwei Jahren gab er ihn um tausend Goldgülden wieder frei.

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437. Die Auswanderung der Heiligen

437. Die Auswanderung der Heiligen

Zwischen Sondershausen und Mühlhausen in Thüringen lag das Zisterzienserkloster Volkenrode, früher Folcodesrode geheißen. Darin lebte ein frommer Abt, der hatte einen Traum von drei Jungfrauen aus dem Gefolge der eilftausend, die mit St. Ursula in Köln begraben liegen, zog hin, fand deren Leichname auf und führte sie nach seinem Kloster, wo die heiligen Leiber großer Verehrung teilhaft wurden. Da aber eine Zeit großer Kriegsunruhen kam, so wurden die Kirchenschätze heimlich verborgen, und die drei Jungfrauengerippe bekamen ihre Stelle unterm Dach und wurden vergessen. Solche Vernachlässigung mißfiel aber den heiligen drei Jungfrauen – sie hatten im Leben Theumata, Eleumata und Christantia geheißen – höchlich; sie klopften einigemal stark an ihren Schrein, in dem sie lagen, allein es ward überhört; darauf erschienen sie dem Küster und mahnten ihn, sie an einen schicklicheren Ort als unters Dach zu Katzen und Mäusen zu bringen; allein der Küster verdämmerte den Befehl zu wiederholten Malen. Darauf geschahe es in der Nacht, als die Mönche mit dem Abt im Chor die Matutine sangen, daß drei Jungfrauen in die Kirche traten, gegen den Altar sich verneigten, dann gegen den Abt, dann gegen die Konventualen und dann durch eine Türe in der Kirche, welche stets fest verschlossen gehalten wurde, mitten hindurchgingen. Jeder Mönch glaubte, diese Erscheinung allein erblickt zu haben, und dann offenbarte sich, daß alle sie zugleich gesehen hatten, und da kamen sie auf den Gedanken, ob das nicht die drei Ursulinerinnen gewesen, und gingen auf den Kirchboden hinauf, da lag wohl noch unversehrt der heilige Reliquienschrein, aber ohne die jungfräulichen Gebeine. Da fuhr der Abt gen Köln zur Frau Äbtissin des Klosters und Stifts der heiligen Ursula, und da fanden sich die Körper der Jungfrauen wieder auf derselben Stelle, allwo man sie ausgegraben, und wie zuvor ein Traum dem Abt von Folcodesrode gezeigt, und da wollte der Abt sie wiederhaben, aber die Frau Äbtissin sprach: Nein, hochwürdigster Herr Abt; die lieben Herrinnen sind uns gar sehr willkommen. Hättet Ihr sie besser gehalten, würden sie wohl bei Euch in Thüringen geblieben sein. Als nun der Abt über solch abschlägigen Bescheid sehr bekümmert war, faßte die Frau Äbtissin ein christlich Mitleiden und suchte ihm aus dem Knochengerümpel ein etwas schadhaftes Jungfrauenhaupt, das gab sie ihm als Ersatz, und er zog damit traurig heim.

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438. Der braune Bühel

438. Der braune Bühel

Auf dem Wege von Nordhausen und vom Harze her im Eichsfelde nach Duderstadt liegt ein zuckerhutförmiger Hügel, der das Ansehen hat, als sei er von Menschenhand also pyramidal aufgetürmt, den nennen die Einwohner der umliegenden Dörfer den brunen Büdel – braunen Beutel – hat aber wohl ursprünglich Bühel gelautet, und die Vornehmen nennen ihn den Riesenhügel. Einst stand ein Riese da oben, der sah hinunter in die goldne Mark nach Duderstadt, und gefiel ihm baß, nur drückte ihn etwas in den Schuhen, und schüttete es aus, da war’s der Sand, der Bühel. – Andere sagen spöttlich dem brunen Büdel nach, er stamme unmittelbar vom Himmel, denn derselbe sei einstmals ausgekehrt und durch ein kleines Loch der Kehricht herabgeworfen worden, und das sei der Büdel.

Vom Riesenhügel und seinen Nachbarbergen, dem Sonnenstein und dem Ohmberge, übersieht man einen guten Teil des Eichsfeldes mit vielen alten Burgen, Städten, Dörfern, Klöstern und Kapellen, den Harz- und den Thüringerwald, einen Teil der Rhön, ja selbst bei hellem Himmel in dämmernder Ferne den Teutoburger Wald. Über Duderstadt hinaus schweift der Blick nach jenem Seeburg, von welchem oben die Sage Nr. 387 erzählt.

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