63. Hatto, Heriger und Willigis

63. Hatto, Heriger und Willigis

Drei Namen der ältesten Erzbischöfe von Mainz hat die Sage des Volkes insonderheit von Mund zu Mund bis auf die späte Nachwelt getragen.

Hatto war gar ein strenger Herr, zornigen, treulosen Gemütes, ohne Furcht vor Gott und ohne Liebe zu den Menschen. Er war es, der durch schändlichen Verrat den edlen Grafen Adalbert von Babenberg in das Lager König Ludwigs IV. lockte, welcher denselben enthaupten ließ. Wenn Bischof Hatto eine Rede bekräftigen wollte, so soll er immerdar das Wort im Munde geführt haben: Sollen mich die Mäuse fressen, wenn’s nicht wahr ist. Nun trug sich’s zu, daß unter Hattos Regierung eine große Not und Teurung entstand, daß die Leute Hunde und Katzen aßen und viele Hungers starben. Und da war des Bettelns und Gabenheischens in dem Bischofhof zu Mainz kein Ende, und meinte Hatto, es sei am besten, das arme Volk käme eilend von der Welt, so hungere es nicht mehr, und er bliebe ungeplagt. Ließ daher alle Armen der Stadt in eine Scheune draußen vor dem Tore entbieten, als wolle er ihnen eine Mahlzeit zurichten lassen, und als alle darinnen waren, ließ er das Scheunentor verschließen und die Scheune an allen vier Ecken anzünden. Da nun die Eingesperrten gar ein jämmerliches Geschrei erhoben, so sagte der grausame Bischof: Hört ihr, wie meine Kornmäuse pfeifen? Nun wird der Bettel wohl ein Ende haben, sollen mich die Mäuse fressen, wenn’s nicht wahr ist! – Und siehe, da sprang eine Schar Mäuse aus dem Brand der Scheune hervor und an den Bischof hinan, die bissen ihn, und ihm graute. Als er nach Hause kam und sich zur Tafel setzte, liefen Mäuse auf der Tafel herum, fraßen von seinen Speisen, fielen in seinen Becher und bissen ihn in die Hände. Über seiner Lagerstatt und unter ihr und in ihr waren Mäuse und quälten ihn mit wütenden Bissen – da erkannte Hatto schaudernd das Gericht Gottes. Nun stand bei Bingen im Rheinstrom eine Wasserburg, dahin enteilte der Bischof, dort sicher zu sein, denn über das Wasser, meinte er, würden die Mäuse nicht kommen. Aber ehe er noch in das Schiff trat, waren schon die Mäuse drin, und da half kein Totschlagen, denn sie verkrochen sich, und ganze Scharen Wassermäuse kamen, die schwammen mit dem Schiff in die Wette nach der Turminsel bei Bingen. Auf einem großen Rheinfloß waren nicht so viele Menschen als Mäuse in und um Bischof Hattos Schiff. Und als er in dem Turme war, da fielen sie ihn an und bissen ihn und fraßen ihn bei lebendigem Leibe, und er litt brennende Höllenschmerzen von den zahllosen Bissen und verfluchte seine Seele zu allen Teufeln. Und die Teufel ließen nicht allzu lange auf sich warten, sie kamen dahergefahren im lichterlohen Brande und nahmen seine Seele und, was vom Leib die Mäuse übriggelassen hatten, und warfen es in den Schlund des Ätna. Und wo an einer Wand oder auf einer Tafel der Name des Bischofs Hatto zu lesen war, den nagten die Mäuse ab, selbst sein Gedächtnis zu vertilgen. Seitdem heißt der Rest von Hattos Wasserburg im Rhein bei Bingen der Mäuseturm. – Eine ähnliche Sage von einem Mäuseturm geht auch in der Provinz Posen, der steht im Goplosee.

Ein frommerer Mann war Erzbischof Heriger, auch streng, aber gerecht. Einst kam gen Mainz ein Mensch, der rühmte sich großer Dinge. Himmel und Hölle habe er durchwandert, und im Paradiese habe er gesessen. Da nun Heriger nach der Hölle Gelegenheit fragte, so antwortete der falsche Prophet, die Hölle liege rings von dichten undurchdringlichen Wäldern umgeben, des lachte Heriger und sprach: In diesen Wäldern mag wohl gute Saumast gefunden werden. Aber sage an, was du im Himmel gesehen? – Im Himmel, antwortete der Sohn des Vaters der Lügen, da habe ich Christus sitzen sehen an großer Tafel, Sankt Johannes war sein Mundschenk – und Christus bewirtete alle Heiligen mit köstlichem Wein, und Sankt Petrus nahm sich des Kochens an und des Bratens, da gab es Essen in Fülle. Darauf sagte Bischof Heriger: Bessern Schenken als Sankt Johannes konnte sich Christus nicht erkiesen, denn dieser Gottesjünger trank nie Wein, während unsere Schenken viel trinken, aber Petrus kann doch nicht Koch im Himmel sein, da er des Himmels Pförtner ist. Doch sage an, welche Ehren dir im Himmel zuteil wurden? Welche Speise, welchen Trank ließ der Herr des Himmels dir reichen? An welchem Ort hast du gesessen? – Ich vermaß mich nicht, mich unter die seligen Himmelsgäste zu setzen, erwiderte der Lügner, sondern ich hielt mich heimlich in einem Winkel der Küche und nahm ein Leberlein oder Stückchen Lunge, das aß ich ungesehen. So hast du gestohlen in dem Himmel und konntest an dem heiligen Ort von deiner Art nicht lassen! rief der Bischof, und der Himmel sendet dich uns, daß wir dich dafür strafen. Ließ alsobald den Lügner an den Schandpfahl binden und mit Ruten stäupen, dann aber gehen, wohin er wollte.

Erzbischof Willigis war ein gelehrter und frommer Mann und von Herzen demütig. Er war von niederer und geringer Herkunft, sein Vater war ein armer Rademacher. Das machte ihm Neid bei den adeligen Domherren, die ihre Ahnenproben ablegen mußten und beschwören, die malten ihm heimlich Räder an die Türen und Wände seines Bischofhofes, zu Schmach und Schimpf, und spotteten: Das ist unsers Bischofs Ahnenwappen. Willigis aber, der fromme Mann, nahm sich das mitnichten als eines Spottes an, er ließ über seiner Bettstätte ein hölzernes Pflugrad aufhängen und in seine Gemächer weiße Räder in rote Wappenfelder malen und dazu einen Reim setzen, der lautete: Willigis, Willigis, denk, woher du kommen sid. Und nachher haben dem frommen Willigis zum Gedächtnis alle nach ihm kommenden Erzbischöfe dieses Rad als Wappenzeichen beibehalten, und Stadt und Bistum Mainz haben es angenommen und beibehalten bis auf den heutigen Tag.

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632. Sankt Georgs Panier

632. Sankt Georgs Panier

Da Ludwig der Milde, Landgraf von Thüringen, mit Kaiser Friedrich dem Rotbart und vielen andern Fürsten des Deutschen Reichs zum zweiten Male über Meer fahren wollte, das Heilige Grab zu gewinnen, ist es geschehen, daß das Panier des heiligen Ritters Georg durch Gott vom Himmel herab in die Stadt Eisenach gesendet wurde, deren Schutzpatron Sankt Georg war, und welche auch den Heiligen im Kettenpanzer mit der Palme, dem Kreuzesschild und dem Panier in ihrem großen Siegel führte. Der Landgraf kämpfte unter diesem hehren Banner siegreich dem Kaiser vor, da aber beide, sein kaiserlicher Lehensherr und er selbst, die deutsche Heimat nicht wiedersahen, so brachten heimkehrende Ritter Sankt Georgs glorreiches Panier wieder nach Thüringen zurück und legten es auf Schloß Wartburg in sichere Verwahrung. Lange Zeit nachher, als die Markgrafen von Meißen als Herren des Thüringerlandes an die Stelle der alten Landgrafen getreten waren, ward unter einem solchen Herrscher aus unbekannten Gründen Sankt Georgs Panier hinweg und auf die meißnische Burg Tharand ohnweit Dresden gebracht, allwo es lange blieb. Als aber einstmals auf diesem Schlosse ein Feuer ausbrach und es in Flammen stand, da sähe man aus einem Fenster des Schlosses, so gegen Morgen lag, das Panier herausfahren, sich hoch in die Luft schwingen und im Glanze des Ostens verschwinden. Niemand hat es auf Erden wiedergefunden.

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633. Die bösen Katzen

633. Die bösen Katzen

Bei dem sächsischen Städtlein Buchholz, nahe bei Annaberg, liegt eine Mühle, die Katzenmühle genannt, mit der es ihrem ersten Erbauer gar absonderlich ergangen ist, denn als sie fertig war, vermochte er nicht zu mahlen und überhaupt nicht zu wirtschaften und zu Hausen, denn der Teufel oder ein ihm verwandter schadenfroher Kobold hatte sein Wesen darin. In den Ställen litt es kein Vieh, im Hofe keinen Hund und keinen Hahn, auf den Dächern keine Tauben. Wenn das Werk angelassen wurde, so polterte und krachte es, als wolle alles mitten voneinander bersten, und der Müller war darob in großer Not und Sorge, fürchtete noch von Haus und Hof ziehen oder in diesem Hause selbst zugrundegehen zu müssen. Da geschah es einstens, daß ein paar Bärenführer, die mit einigen großen Bären von Dorf zu Dorf zogen und ihre Tiere zur Freude der Jugend tanzen ließen, gegen Abend zu der Mühle kamen und, da sie am selben Tag nicht weiterkonnten, den Müller ansprachen, bei ihm übernachten zu dürfen. Dieser sagte den Fremden, daß sein Stall zwar leer sei, daß es aber in demselben nicht geheuer, daß kein Vieh darin bleibe, sondern schrecklich tobe, schreie und schlage; allein die Bärenführer meinten, ihr Vieh sei weder furchtsamer noch empfindsamer Natur, er solle ihnen nur den nötigen Platz vergönnen. Dies geschah denn, und die Bärenführer schlugen samt den Bären ihr Nachtlager im Stalle des Müllers auf. In der Nacht entstand ein entsetzliches Gepolter und Rumoren in dem Stalle, der Müller erwachte davon, und es wurde ihm himmelangst, er bereute seine Nachgiebigkeit gegen den Wunsch der Fremden und schrieb dieser es zu, wenn jene Schaden und Unglück haben sollten. Doch gab sich beim ersten Hahnschrei der Lärm, und am Morgen traten die Bärenführer unversehrt aus dem Stalle. Als der Müller sie fragte, wie sie die Nacht zugebracht, so antworteten sie: Im ganzen gut, aber das Vieh war etwas unruhig. Sie dankten dem Müller für seine Gastlichkeit und zogen mit ihren Bären von bannen. Desselben Tages hatte der Müller ein Geschäft in einem nahen Orte, und als er im Talgrunde dcihinwcmdelte, hob sich ein Kopf hinter einem Busch hervor, der ihn greulich anfunkelte, und der Wirt sah gleich, das müsse der Kopf des Teufels oder eines seiner Spießgesellen sein, und da hörte er sich fragend anrufen: Müller! Hast du die großen, bösen, wilden Katzen noch in deinem Stalle? – Jawohl! antwortete der Müller, sie sind darin und bleiben darin! – Ei daß dich, daß dich! So bin ich ausgebissen! rief die Kobolderscheinung und verschwand. Von da an kam die Mühle in guten, ungehemmten Gang, das Vieh blieb ruhig im Stalle, Hund und Hahn auf dem Hofe, und der Müller kam in guten Wohlstand.

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634. Die umirrenden Stiefeln

634. Die umirrenden Stiefeln

Zu Lauban in der Lausitz, sonst Lübben genannt, hat sich folgendes im Dreißigjährigen Kriege zugetragen. Es kam von Görlitz her ein Regiment Butlerischer Dragoner, die waren nicht von den besten, und es ward den Bürgern vor ihnen mächtig bange, hatten auch der Drangsale in Fülle von ihnen auszustehen. Da kam ein entsetzlich langer Kerl von dieser Naubbande zu einem Schuster und verlangte ein Paar Reiterstiefeln, Kanonen, wie diese Haudegen und Eisenfresser sie trugen, fand ein schönes großes langes Paar, die ihm trefflich paßten, denn den Soldaten im Dreißigjährigen Kriege ging es wie jenem Trödeljuden, der von sich sagte: Ich hab‘ ’nen guten Klaiderlaib, es paßt mir allens. Da nun der gewaltige Kriegsheld die Stiefeln an- und dafür ein Paar ganz erbärmliche, zerrissene Stiefeln ausgezogen hatte, dem er die Sporen ab- und an die neuen Stiefeln anschnallte, fragte er, was die neuen Stiefeln kosten sollten, und da der Schuhmacher den Preis forderte, so zog jener seinen Haudegen blank, nahm den Schuster am Arm und fuchtelte ihm so viele Hiebe zählend auf, als der arme Bürger Schreckenberger gefordert hatte, so daß dieser sich vor Schmerz, Angst und Schrecken nicht bergen konnte, sich endlich losriß und verwünschend rief: Ei so wollte ich, daß diese Stiefeln und Eure Beine in ihnen niemals Ruhe finden, Ihr mögt tot oder lebendig sein! Der Reiter lachte den Schuster in seinem ohnmächtigen Zorne aus und stolperte mit klirrenden Schritten über das Wackersteinpflaster Laubans und verfluchte dieses Pflaster und den Berg, der dazu die Steine lieferte. Bald darauf wurde das Dragonerregiment anderwärtshin beordert, als aber hernachmals die Schlacht bei Lützen geschlagen ward, riß eine schwedische Stückkugel, die dem Pferde durch den Leib fuhr, demselben Dragoner beide Beine ab, und er verblutete auf dem Schlachtfeld. Und danach hat man zwei Stiefeln marschieren sehen ohne Ruh und Rast und ohne Herrn, doch staken in ihnen zwei blutige Beinstummel, die wanderten und wanderten von Lützen nach Markranstädt und über Rippach, wo der bekannte unsterbliche Herr Hans von dort sie mit eignen Augen sah, nach Leipzig, von Leipzig nach Wurzen, Oschatz, Zehren und Meißen nach Dresden, von da ohne Rast und Ruh über Bischofswerda, Bautzen, Löbau und Reichenbach nach Görlitz und von da endlich spornstreichs nach Lauban und blieben auf dieser ganzen langen Wanderfahrt völlig ganz. Die Stiefeln spazierten zum Städtlein hinein, an des Schuhmachers Haus vorbei, recht, als ob er sehen solle, daß sein Wunsch in Erfüllung gegangen, wendeten von da um und bestiegen den Steinberg, welcher der Vater des verwünschten Pflasters, und dort wanderten sie nun bald sichtbar, bald unsichtbar auf den scharfkantigen Basaltsäulen umher; man hörte sie auch trapsen; wer sie aber sichtbar sah, was nicht einem jeden widerfuhr, und trug etwa ein Verlangen nach ihnen und wollte sie haschen, der bekam einen Tritt und schlug auf die Wackersteine hin, daß ihm die Rippen krachten. Dem Schuster, der sie als sein Eigentümer wieder einfangen wollte, soll dieses am allerersten begegnet sein.

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635. Zwergschabernack

635. Zwergschabernack

Zwergschabernack

Bei Zittau liegt der Breitenberg, in dem hausten gutartige Zwerge, welche oft in der Stadt und den umliegenden Dörfern sich einfanden, den Menschen hülfreich waren und gern, wenn auch unsichtbar, an deren Leiden und Freuden teilnahmen. Bei guten Gelegenheiten und Gelagen ließen sie sich’s trefflich wohl sein und vergüteten auf andere Weise, was sie genossen. Eines Tages rief eine Frau ihrem weggehenden Manne nach: Eile, daß du bald zurückkehrst, damit wir nicht zu spät zur Hochzeit kommen! – Diesen Ruf hörten einige Zwerglein und riefen es ihren Brüdern, dem stillen Volke, zu, daß Hochzeit gehalten werde. Gleich fand sich eine Schar zusammen, die wollten alle hin, und es hörte ihre Beratung darüber ein Mann, der am Breitenberge arbeitete, und rief ihnen zu: Wenn ihr unsichtbar zur Hochzeit fahren wollt, ei so nehmt mich doch auch mit, ihr guten Gesellen! – Die Zwerge stutzten, sagten ihm aber seines Wunsches Erfüllung zu, doch unter der Bedingung, daß er, obschon er essen und trinken dürfe, so viel er wolle, doch durchaus nichts heimlich zu sich stecken und mitnehmen dürfe. – Und so fuhren sie alle miteinander ungesehen zum Hochzeithause; das war zwar schon ganz voll von Gästen, allein die Zwerglein bedurften wenig Raum, zwischen jedem Gast saß ein Gezwerg, und der Peterbauer, den sie mitgenommen, hatte einen guten Platz, aber freilich kein hochzeitlich Kleid an, und hätte ihn einer gesehen, so würde er wohl an den Ort des ungebetenen Gastes befördert worden sein. Er zechte wacker und ließ sich’s trefflich schmecken, und tat ihm nur leid, daß seine Frau nicht bei ihm war, denn der Bauer Peter war im Grunde ein guter Kerl und genoß nicht gern allein. Und diese Liebe zu seiner Frau ließ ihn sein Versprechen brechen und etwas einstecken. Das nahmen die Zwerge übel, sie brachen schleunig auf, und der zunächst beim Peter saß, riß diesem die Nebelkappe vom Kopf und schwand hinweg samt den andern. Da saß der Peter in seinem Schmierkittel mit bausenden Backen und kauenden Zähnen, und alles sah auf den seltsamen Gast, und der war noch nie ein so angesehener Mann gewesen wie heute; der Peter aber langte tapfer zu und kaute und schluckte, was das Zeug hielt, denn er hatte die Entführung des leichten Zwergenmützchens von seinem Stickelhaar gar nicht wahrgenommen, bis er von verschiedenen Seiten her Püffe und Rippenstöße bekam und erst noch hinter dem Braten her die Suppe, nämlich die Prügelsuppe. Sodann ward er zum Hause hinausgefuhrwerkt und vor der Türe seinem Nachdenken und schmerzlichen Gefühlen überlassen.

Hernachmals sind die Zwerge aus dem Breitenberge fortgezogen, man sagt, nach Böhmen hinein, in Rübezahls Reich, und sagt auch, das viele Glockenläuten oder die vielen Hunde, welche die Bauern in Ober- und Niederolbersdorf halten, wo die Häuser und die Hunde kein Ende nehmen und aus jedem Haus ein Köder springt und bissig die Fußreisenden ankläfft, die vom Oybin kommen, haben die Zwerglein vertrieben. Ein Bauer aus Heinewalde habe auf zwei Wagen die ganze Schar der Zwerge und alle ihre Schätze hinweggefahren und habe sehr reichen Lohn erhalten. Sie würden wiederkommen, sollen sie gesagt haben, wann Sachsenland an Böhmen falle, das heißt, wann es österreichisch sein werde. Wer weiß, ob sie nicht in der Tat wiederkommen.

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636. Sprungsage vom Oybin

636. Sprungsage vom Oybin

Der hohe Berg Oybin – anderthalb Stunden, und was der Fuchs, der sie gemessen, noch dreingegeben, von Zittau – erhebt sich stolz und prachtvoll inmitten eines herrlichen Gebirgskranzes; in alter Zeit ward ein Jagdhaus auf ihm erbaut durch einen Ritter, Quahl von Berka, dann eine Raubburg, die ein Eigen wurde der Herren von Leipa. Dieser Burg erwies Kaiser Karl IV. die große Ehre, sie in höchsteigner Person zu belagern und sie zu zerstören. Noch zeigt man droben das Kaiserbette und den Kaiserstuhl, zwei aussichtreiche Felsensitze, darauf Se. Majestät geruhet haben, der Zerstörung des festen Bergschlosses zuzusehen. Zugleich schien die Gelegenheit des Ortes dem frommen Herrn ganz geeignet zur Anlage eines Klosters; er gründete dies und besetzte es mit zwölf Brüdern Zölestinermönchen, welchen der himmelnahe Aufenthalt um so mehr zusagte, als alle Ortschaften umher dem Kloster Oybin unzählige Laminsbäuche und Michelshühner zinsen mußten. Damals ward die schöne, reichgeschmückte Klosterkirche gebaut, deren eine Längenwand ganz aus dem Felsen gehauen ist. Neben ihr hin führt ein Gang zu einer Stelle über einen schauervollen Abgrund, und dieser heißt der Jungfernsprung. Hier wagte eine verfolgte Jungfrau den entsetzlichen Sprung in die Tiefe, und zum Lohn ihrer keuschen Tugend wurde sie wundersam gerettet. Die Sage, welche dies erzählt, läßt ungewiß, ob ein Oybiner Zölestiner dies arme unschuldige Lamm für ein Zinshuhn, auf das er ein Recht habe, ansah und deshalb verfolgte, oder ob ein Ritter oder aber ein Jäger so unritterlich handelte, die Unschuld in solche Todesgefahr zu bringen, wie dort am Jungfernsprung bei Arnstadt, bei dem ganz nahe auch ein Felsgipfel der Königsstuhl und etwas entfernter ein Felsen der Ritterstein heißt.

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626. Das wütende Heer auf dem Erzgebirge

626. Das wütende Heer auf dem Erzgebirge

Auf dem Schreckenberge, dem Scheibenberge und nach dem Kamm des Erzgebirges hinauf hat die wilde Jagd auch ihr Wesen und hetzt mit Hallo, Hörnerblasen und Hundegebell durch Luft und Kluft. Von Wiesenthal wollte eines Abends ein alter Priester frühzeitig nach Annaberg fahren; der Weg führte ihn lange hart an der sächsischen und böhmischen Grenze hin durch lauter Wald bis zum Städtlein Weipert, und der geistliche Herr fuhr zu sehr früher Zeit. Da erhob sich im tiefen Walde ein mächtig Jagdgetön, es schallte und knallte, es sauste und brauste – und waren doch weder Holzleute noch Jäger zu erblicken. Da nun der Priester ängstlich wurde ob des noch nie vernommenen Lärmens und den Fuhrmann fragte, was dieses Getöse sei und zu bedeuten habe, so antwortete dieser: Sorget Euch nicht, hochwürdiger Vater; es ist das wütende Heer, das tut uns nichts, wenn wir in Gottes Namen fahren! Und fuhr redlich hin.

Ein edler Junker des Namens Rudolf von Schmertzing, Erbsaß auf dem Hammergut Dörßel, hatte am Abend zu Annaberg manchen guten Trunk getan, wie Ritter Hermann von Hellerstein bei Treffurt in Creuzburg, und ritt in gleicher Verfassung ganz allein seines Weges nach Hause. Er ließ Buchholz links liegen, Dörßel rechts, ritt durch Schlettau und wollte durch die Unter-Scheibner Räume den Weg nach den Scheibner Mühlen zu nehmen, da hörte er auf den zum Fichtelberge hinansteigenden Höhen Jagdlärm von Hörnern und Hunden und ritt diesem lange nach, bis er endlich verirrt war und sein Pferd in einem Sumpfe stak. Mit Mühe gelang es ihm, sich selbst herauszuarbeiten und ein Vorwerk zu erreichen, wo er Leute gewann, die mit Seilen und Stangen das Pferd aus dem Moraste zogen.

Zu einem Manne, der am Wielenauer Berge mit einem Pferde arbeitete, ist ein angeschirrtes fremdes weißes Pferd ganz plötzlich gelaufen gekommen und hat sich selbst zu dem einen Pferde gespannt, da ging die Arbeit gar merklich rasch vonstatten, aber den Ackermann befiel eine bange Ahnung, und er wußte nicht, was er tun sollte; da es nun Mittagszeit war, so wollte er ausspannen, aber das andere fremde Pferd ging durch und riß das seinige mit sich fort, und rannen auf den nahen Tümpfel zu. Der erschrockene Ackermann rannte mit, hing sich an sein Pferd, fluchte und betete, da riß endlich jenes Pferd sich los und sprang mitten in den Tümpfel hinein, und jener behielt sein Pferd – in großer Bestürzung.

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627. Kreuz und Kelch

627. Kreuz und Kelch

Unter Annaberg liegt am Flüßchen Zschopau die kleine Stadt Wolkenstein und über ihr das gleichbenamte Schloß auf hohem Fels. In dieses Felsen schroffe Wand gewahrt der Wanderer ein großes Kreuz und einen Kelch tief eingehauen, und es geht die Sage, daß zu jener Zeit, als die Hussitenschlacht bei Aussig im Jahre 1426, welche für Sachsen so verderblich war, erfolgte, der Feind in das Sachsenland eingebrochen sei und auch das Erzgebirge verheerend überschwemmt habe. Da haben sie auch das Städtlein Wolkenstein berannt und eingenommen und sodann die Burg gestürmt, in welcher ein Priester die Besatzung zu mannhafter Verteidigung anfeuerte. Er hielt ein Kreuz in seiner Hand statt des Schwertes und kämpfte mit dem Schwert des Wortes für den alten Glauben. Als nun endlich auch Burg Wolkenstein überwältigt war und der mutige Priester in der Feinde Gewalt, da bedrängte ihn der Hussitenführer, überzugehen zu den Brüdern des Kelchs und dadurch sein Leben zu retten. Aber der Priester blieb unerschütterlich standhaft, er wollte seinem alten Glauben leben und sterben. Letzteres widerfuhr ihm schnell genug; die Feinde stürzten ihn samt seinem Kreuze die senkrechten Felsen von Wolkenstein herab, daß im jähen Sturz des Frommen Gebeine zerschmetterten, und schwangen jubelnd von der Mauer dicht darüber das Banner des Kelchs. Hernachmals, als die Hussiten die Gegend wieder verlassen, haben fromme Hände zum Andenken des Märtyrers das Kreuz und den Kelch tief in den Felsen eingegraben.

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628. Des Fahnenjunkers Sprung

628. Des Fahnenjunkers Sprung

An der Elbe linkem Ufer über Meißen liegt auf einem aussichtreichen Berge die Trümmer der Burg Scharfenberg, welche Burg schon Kaiser Heinrich I.

erbaut und Kaiser Otto I. vollendet haben soll. Die Burg war nach und nach ein Lehen mehrerer namhafter Ritterfamilien, so der Vitzthume von Eckstädt, derer von Schleinitz und von Miltitz, deren einer, Haubold, bald nach dem Dreißigjährigen Kriege die Burg ganz neu baute. Aber im August 1783 ward sie durch einen Blitzstrahl entzündet und durch die Flamme zur Ruine. Im Dreißigjährigen Kriege lag eine Besatzung auf der Burg, da geschähe ein Überfall des Feindes und überwältigte die schwache Bemannung der Burg. Der Fahnenjunker, der sein Banner ergriffen hatte, zog sich kämpfend zurück, jeden Schritt verteidigend, einer nach dem andern seiner Kameraden fiel. Fest hielt er die Fahne, endlich stand er noch ganz allein, von einem wildandringenden Feind umgeben. Solange ich lebe, sollt ihr die Fahne nicht haben! rief er aus, und im höchsten Augenblick der Gefahr, wo der Kampf bis in ein Zimmer des Oberschosses sich gezogen, stieß der Sturm einen Fensterflügel des Zimmers auf, in dem der Fahnenjunker sich nur noch schwach verteidigte. Das nahm er als einen Wink von oben, stieß mit der Wucht des Fahnenspeeres noch zwei Feinde nieder, kehrte sich schnell, die Fahne voraus, nach dem Fenster und sprang, sich Gott befehlend, in den tiefen Abgrund. Und ein Wunder trug ihn samt seiner Fahne unversehrt zum Grunde. Hernach hat sich die Sage verbreitet, der Ritter an der Hauptseite des Schlosses Scharfenberg, der eine Wappenfahne hält, solle diesen mutigen Kämpfer vorstellen und sein Andenken verewigen.

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62. Das goldne Mainz

62. Das goldne Mainz

Mainz, die uralte Römerstadt nahe dem Zusammenströmen des Rhein und Main, von welch letzterm sie den Namen hat, wurde auch, gleich der aurea Roma, golden genannt, und eine angebaute Berghöhe über der Stadt empfing den Namen die goldne Luft. Viele haltlose Fabeln sind aufgebracht worden, wovon der Name der Stadt herzuleiten, während doch nichts näher lag als der Nachbarstrom. Die Römer gründeten dort Werke, deren Trümmer noch sichtbar sind, deren Name noch forthallt. Ein noch dauerbareres Werk, das Christentum, in Mainz eingeführt und befestigt, führte die Stadt zu hoher Blüte. Winfried Bonifazius wurde der erste Erzbischof zu Mainz, durch ihn und seinen mächtigen Einfluß ward der Grund gelegt, daß der Erzbischofsstuhl in dieser Stadt der bedeutendste in Deutschland wurde, und daß der Erzbischof von Mainz später zugleich des Reiches Kurfürst, der erste Mann nach dem Kaiser war. Doch soll Winfried nicht allezeit die Pracht und Macht gutgeheißen haben, die in der Kirche immer höher stieg, sondern vielmehr gesagt und geklagt haben: Vordessen waren die Priester golden und bedienten sich hölzerner Kelche, in unsern Zeiten aber bedienen sich hölzerne Priester goldner Kelche – und Spruch wie Sache vererbten sich so fort durch alle kommenden Zeiten, nicht nur im goldnen Mainz.

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