649. Der Kopf des Ratsmannes

649. Der Kopf des Ratsmannes

Lange sah man und sieht vielleicht noch immer am Rathaus zu Schweidnitz einen steinernen Kopf als Gedenkzeichen einer schrecklichen Strafe. Es war ein bejahrter Ratsmann allda, vom Teufel des Geizes besessen, der hatte eine Dohle, und die richtete er ab, daß sie aus seinem Fenster hinüber durch eine ausgebrochene Glasscheibe in die Ratskämmerei flog und Geld herübertrug, welches in dem wohlverwahrten Zimmer zum öftern auf dem Tische unverschlossen liegen blieb. Lange nahm man diesen Raub nicht wahr; endlich, da fort und fort fehlte, ward der Räuber entdeckt. Hierauf wurde gezeichnetes Geld hingelegt, und auch dieses holte nach und nach die Dohle. Damit ward denn der Ratsmann leichtlich des Raubes überführt und ihm, obwohl er schon bei hohen Jahren, eine entsetzliche Strafe zuerkannt. Er sollte auf den hohen Kranz des Rathausturms gebracht werden und von da heruntersteigen oder auch, so er das nicht vermöge, droben bleiben und verhungern. Mit Angst und Zittern stieg er hinauf und begann das gefährliche Heruntersteigen, das gelang aber nur eine geringe Strecke abwärts, da kam er auf ein steinernes Geländer und konnte nicht weiter, weder vor noch hinter sich, und blieb allda stehen und hatte nicht Obdach, nicht Trank noch Speise, nagte vor wütendem Hunger das eigne Fleisch sich ab und stand zehn Tage und zehn Nächte, bis der Tod sich sein erbarmte, denn die Menschen erbarmten sich seiner nicht. Darauf ward hernach sein steinern Abbild samt der Dohle auf die Stelle seines Todes gesetzt, aber ein Sturm warf dies Denkmal unerhörter Grausamkeit vom Turm, und es blieb nur der Kopf davon ganz und wurde aufbewahrt.

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650. Reichenbachs Ursprung

650. Reichenbachs Ursprung

Die Stadt Reichenbach, so zwischen dem Eulengebirge und dem Zobtenberge liegt, leitet ihren Ursprung aus sehr frühen Zeiten ab. Schon im Jahre 300 nach Christi unsers Herrn Geburt kam ein Römerfeldherr des Namens Lucca, der vielleicht auch Lucka in Meißen gründete, gefolgt von Franken und Wenden in diese schlesische Gegend, schlug Lager allda und erbaute in einem Walde, darin ein Bild des alten Slawengottes Swantewit stand, einen Tempel. Auf diesem Gefilde war es auch, bis wohin die räuberisch in Deutschland eingebrochenen Hunnenhorden nach der Merseburger Siegesschlacht im Jahre 925 durch Duno von Askanien und Siegfried von Ringelheim verfolgt und schier gänzlich aufgerieben wurden. Als die Hunnen sahen, daß kein Entrinnen war, versenkten sie ihre Schätze in den Klinkenbach, allein ein Heerführer Kaiser Heinrichs I. des Namens Funkenstein erfuhr dies und fischte den Bach für seinen Herrn aus, welcher ihm gebot, eine Stadt dorthin zu bauen. Vom reichen Fund im Bach wurde diese Stadt Reichenbach genannt.

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651. Die Tanzwütigen zu Reichenbach

651. Die Tanzwütigen zu Reichenbach

Die Volkskrankheit der Tanz- und Springewut, die man im Mittelalter St. Veits- und St. Johannistanz nannte, und die sich oft in entsetzlicher Weise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gegenden offenbarte: die Tänzer zu Kolbeck (Kolbig) im Jahre 1021, der Erfurter Kindertanz nach Arnstadt 1237, Tänzer zu Utrecht 1278, die auf einer Brücke tanzten, welche brach, so daß sie alle ertranken; die Aachener Tanzfahrt 1374, die sich im ganzen Niederland verbreitete, die gleichzeitig Tanzwütenden zu Köln und zu Metz, wo Sinnenwut und Sinnenglut vereint schamlos walteten; die Tanzplage zu Straßburg 1418 und an andern Orten, die Adamstänzer in Böhmen usw. – Diese Volkskrankheit kam noch im sechzehnten Jahrhunderte zur Erscheinung, und zwar zu Reichenbach, zwei Meilen von Schweidnitz. Dort war ein Mann des Namens Vierscherig, der hatte fünf Kinder, davon die ältesten, ein Mägdlein, Barbara mit Namen, dreizehn Jahre alt, ein Knäblein neun und wieder ein Mägdlein sieben Jahre alt waren. Die wurden am Palmsonntag 1551 allzumal von der Tanzwut erfaßt, begannen wunderlich und seltsam zu tanzen und zu springen, wie noch niemand erhört und ersehen und in unbegreiflicher Weise, und tanzten Tag und Tag sieben bis acht Stunden in die Quere und in die Länge hin und her, in alle Winkel, aus der Stube in das Haus und aus dem Haus in die Stube immer springend und drehend, daß sie grausam müde wurden, schnaubten und keuchten, so daß es niemand verwundert hätte, wenn sie auf der Stelle tot niedergefallen wären. Und wenn sie vor Ermattung nicht mehr stehen konnten, drehten und wirrten sie mit den Köpfen an der Erde, als wenn sie auf denselben tanzen wollten; endlich haben sie dann eine Zeitlang geschlafen und gelegen wie für tot. Wenn sie wieder erwachten, heischten sie bisweilen etwas zu essen, dann begannen sie wieder zu hüpfen und zu springen und zu tanzen, Tag und Nacht, wie es sie ankam, redeten wenig und lachten unterweilen alle zugleich. Ein Pfarrer wollte ihnen von der Sucht helfen mit geistlichem Zuspruch und nahm sie neun Tage zu sich in das Haus, es war aber ganz vergebens.

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652. Teufelsgraben

652. Teufelsgraben

Nahe Rappersdorf zwischen Strehlen und Wansen in Schlesien ist ein tiefer Graben, der sich nach dem Krühnwasser zieht, das dort in die Ohlau fällt; dieser wird der Teufelsgraben genannt. Ein Bauer, dessen Felder allzu oft von Wasserüberschwemmung litten, welches Wasser auf den Feldern allzu lange stehen blieb, stand eines Abends ratlos und verzweifelnd an seiner Gemarkung und wußte seines Leides keinen Rat. Da trat im Dämmerlicht ein dunkler Fremder zu ihm und sprach: Was seufzest du? Du seufzest über das allzu viele Wasser! Andere wären froh, hätten sie deinen Überfluß. Überlasse mir sieben deiner Knechte, so will ich mit ihrer Hülfe dir das Wasser ableiten, ehe der Tag graut. – Das war der Bauer wohl zufrieden, er gebot alsbald sieben Knechten, auf zu sein und dem Fremden dienstbar, und der wählte sich sieben aus, die ihm nicht unbekannt waren, die ärgsten Flucher, die schlimmsten Spieler, die größten Schlemmer. Sie aber murrten und wollten, weil es Nacht, nicht arbeiten; da sagte der Bauer: Wollt ihr nicht gehorchen, so geht zum Teufel! – da gingen sie. Am andern Morgen war der Graben fertig, groß und breit und lang, und die Felder waren wasserfrei. Aber die Arbeiter kehrten nicht wieder heim. Bis Köchendorf und Bankau fand man auf den Feldern ihre zerstückten Glieder. Sie waren zum Teufel gegangen.

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653. Der Glockenguß zu Breslau

653. Der Glockenguß zu Breslau

Zu Breslau, dem einen Auge Schlesiens, wie die Stadt vor alters genannt ward – das zweite ist Liegnitz –, wurde für den Turm der Kirche Sankt Magdalena eine Glocke gegossen. Alles war zum Guß bereit, als der Meister sich für kurze Zeit erst noch einmal entfernte und dem Lehrjungen streng verbot, etwas anzurühren und beileibe nicht das Metall in die Form auslaufen zu lassen. Aber die schlimme Neugier trieb den Jungen an, am Zapfen zu atzeln, und unversehens strömte das geschmolzene Metall heraus und in die Form hinein und füllte sie ganz aus. Zum Tod erschrocken und zitternd kam der Junge zum Meister und bekannte es, und den Meister ergriff der Zorn allzusehr, so daß er sein Schwert zog und den Jungen niederstach, wie der Glockengießer zu Attendorn seinen Gesellen. Dann eilte er hin in das Gießhaus und sah nach und glaubte den ganzen Guß mißlungen; aber siehe, er war herrlich wohlgeraten. Da reute ihn die übereilte Zornestat, die sich nicht verhehlen ließ; bald darauf saß er im Kerker und empfing sein Urteil, das lautete: Tod durch das Henkerschwert. Inzwischen seiner Haft zog man die Glocke auf, und als es nun dahin gedieh, den armen Sünder zur Richtstatt zu führen, da bat er flehentlich, man möchte ihm noch die Gunst erzeigen und seiner Glocke Ton ihm zum letzten hören lassen. Dies geschah, und da mag wohl die Glocke einen Ton gegeben haben wie die Krempner: Schad um den Jungen! Schad um den Jungen! Hernach ist die Glocke stets geläutet worden, wenn ein armer Sünder vom Rathaus fort und zum Hochgericht geführt wurde. Es ist eine große schwere Glocke, die funfzig Schläge von selbst schwingt, wenn sie auf funfzig Schläge gezogen worden.

Im Dom zu Breslau hat immer eine Glocke von selbst geläutet, wann ein Kanonikus sterben sollte, auch fand man im Chorgestühle auf eines solchen Platz stets eine weiße Rose.

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654. Habedank.

654. Habedank.

Als Kaiser Heinrich V. mit dem Polenkönig Boleslaus Krieg führte und Polen gern seinem Szepter unterwürfig machen wollte, schickte letzterer eine Gesandtschaft stattlicher Männer an den Kaiser um Friedenswerbung. Der Kaiser empfing diese Abgesandten gut und zeigte ihnen unter andern auch seinen Schatz, ließ aber dabei doch einigen Stolz blicken und sagte: Hier ist Vorrat, Polen zu zähmen! Dieses Prahlen verdroß die stolzen Sarmaten und war ihnen unerträglich, daher zog der Erste unter ihnen, Graf Skarbik, einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn in des Kaisers Schatzkasten, indem er sagte: Aurum adjiciatur auro! Gold zu Golde – und deutete damit an, daß auch Polen und sein König des Goldes genug habe, um Krieg zu führen, und daß sie sich nicht auf Gold, sondern auf ihre Schwerter verließen. Der Kaiser verstand auch gar wohl den Sinn der Rede, antwortete aber sehr ruhig: Habe Dank! Habe Dank! – und warf den Deckel seines Schatzkastens ins Schloß. Davon hat hernach der Pole samt seinen Nachkommen den Beinamen Habedank erhalten.

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655. Sagans Name

655. Sagans Name

An der äußersten Westgrenze Schlesiens, am Bober, wohnte ein Mann, der beherrschte die Gegend und bewachte den Übergang über den Bober und nahm Zoll von den Reisenden, fast so schlimm wie jener Riese an der Scheide. Wenn nun einer kam, so rief er jedesmal: Sag an, woher? Sag an, wohin? Sag an, was führst du? – und nannten ihn die Leute rings im Gau den Herrn Sag an. Da nun die Stätte schön und fruchtbar gelegen war, so bauten sich andere auch an und wurden Herrn Sagans gute Nachbarn und desgleichen, und ward allmählich ein Ort, und aus dem Ort ward eine Stadt, die denselben Namen behielt bis auf diesen Tag. Als Sagan eigne Herzoge gewonnen hatte, taten einst einen derselben die Domherren zu Glogau in den Bann, weil sie ihm nicht gehorsam sein wollten. Da bot er ihnen friedlichen Vergleich, und da sie zu ihm in sein Schloß, als zu einem Gebannten, nicht kommen durften und würden, lud er sie zum Zwiegespräch und zur Unterhandlung auf die Boberbrücke. Kaum waren die Domherren auf der Brücke, so fielen hinter ihnen die Dielen in das Wasser, denn es waren unter der Brücke auf des Herzogs Geheiß Fischer versteckt, welche schon alles so vorgerichtet hatten. Darauf redete der Herzog die Canonici sehr ernst an und fragte: Jetzt, ihr Herren, saget kurz und rund, wollt ihr euch fügen oder nicht? Wollt ihr singen oder wollt ihr springen? – Singen, Herr, singen! antworteten die bestürzten Chorherren und fügten sich gütlichem Vergleiche und lösten den Herzog vom Banne, um sich selbst zu lösen, und sangen wieder im Chor Horas und Vigilien, Vespern und Metten.

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656. Die heidnische Jungfrau zu Glatz

656. Die heidnische Jungfrau zu Glatz

Zu Glatz saß als Herrin der Herrschaft und des Gaues in den Heidenzeiten eine Jungfrau, die führte ein üppiges Leben und ist eine Zauberin gewesen, auch also kräftig, daß sie zum öftern zur Kurzweil ein starkes Hufeisen mit den Händen zerriß. Sie war auch eine so geübte Schützin, daß sie mit einem Pfeil aus ihrem Ranzenbogen vom Schlosse zu Glatz bis zur großen Linde bei Eisersdorf an der Grenze schoß. Einstmals wettete sie mit ihrem Bruder um etwas Hohes, wer am weitesten schießen könne; da schoß der Bruder kaum den halben Weg; darauf wurden an dem Ort, dahin die Jungfrau getroffen, zwei hohe spitze Steine zum Denkzeichen aufgerichtet, die lange gestanden haben. Da aber das Leben der Jungfrau ein verrufenes war, so wurde ihr nach dem Leben getrachtet, sie entging aber mittels ihrer Zauberkunst den Nachstellungen lange Zeit. Endlich wurde sie gefangen und in einen großen Saal beim Tor, wo man vom Niederschloß ins Oberschloß geht, eingemauert, alldort wurde ihr Bildnis, in einen Stein ausgehauen, der Mauer einverleibt, das noch gezeigt wird. Auch im grünen Saal des Schlosses war der Jungfrau Bild fein gemalt zu sehen, und in einem alten Kapellchen aus der Heidenzeit ward ihr Haar gezeigt, das war schön und gelb und hing an einem Nagel so hoch, daß nur ein großer Mann, auf dem Boden stehend, es erreichen konnte. Oft noch ward diese heidnische Jungfrau im Schlosse erblickt als ein umgehendes Gespenst, doch unschädlich denen, die es nicht verhöhnten oder beleidigten oder Verlangen trugen, das Haar hinwegzunehmen. Ein Soldat, der solches tat, empfing von ihrer kalten Hand einen Backenstreich, daß ihm die Wange blitzblau blieb all sein Lebetage. Ein anderer, der wirklich das Haar hinweggenommen, wurde vom Gespenst der Jungfrau gekratzt, gekrempelt und gar übel zugerichtet, bis es sein Rottgesell auf sein Flehen wieder an Ort und Stelle trug und hing. Die Forscher haben sich sehr zersonnen, wer die Jungfrau eigentlich gewesen und wie sie geheißen, und haben glücklich herausgebracht, daß sie die Böhmenkönigin Libussa nicht gewesen, deren Schwester Kascha oder Tetka aber auch nicht. Wanda, die Polenregentin, die im Jahre Christi 728 usw. herrschte, soll es auch nicht gewesen sein; daß es aber die zauberische Wlaska, die den böhmischen Mägdekrieg angezettelt, war – steht sehr in Zweifel. In Summa ist so viel ganz gewiß, daß man, wer jene Jungfrau gewesen, so recht eigentlich nicht wissen kann, wie mit der Höhe des Berges Sinai und vielen andern Dingen der gleiche Fall.

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642. Rübezahls Neckereien

642. Rübezahls Neckereien

Mancher hat des Berggeistes Neckereien erfahren und erdulden müssen, die oft von Tückereien nicht wohl zu unterscheiden sind. Ein Wurzelgräber im Gebirge sollte für einen Podagristen Wurzeln suchen, die gut gegen das Zipperlein, konnte aber selbige Wurzeln nicht finden. Ein anderer Wurzelgräber, den er im Gebirge beschäftigt fand, nannte sie ihm und half ihm graben, einen großen Arm voll lange schwarze Wurzeln, die jener freudig zu seinem Besteller trug – aber o Schrekken, plötzlich verwandelten sich alle Wurzeln in Schlangen! Hei, wie rasch hüpfte da der Podagrist aus dem Bette, wie bekam er Beine, wie konnte er laufen! Er war vom Zipperlein befreit auf immerdar.

Zu einem Schneider in Liebethal kam der Gebirgsherr in Gestalt eines Landjunkers und bestellte ein feines Tuchkleid, zu dem er das Tuch mitbrachte. Der Schneider schnitt das Tuch sehr reichlich zu, aber mit dem, was er seiner Hölle zudachte, nicht zufrieden, vertauschte er sogar das Tuch und machte von einer geringeren Sorte den Rock des Junkers und sandte ihn an den angegebenen Ort. Als aber nun der Schneider das unterschlagene gute Tuch hervorholte, um für sich selbst ein Feierkleid davon zu machen, siehe, da war’s eine alte Schilfdecke, in welcher noch allerlei Lebendiges kroch. Als nun bald darauf das Schneiderlein einen Gang übers Gebirge tun mußte, begegnete ihm der Landjunker, reitend auf einem Ziegenbock, der unaufhörlich meckerte, und fragte ihn, ob er zu ihm wolle und seinen Macherlohn etwa holen wolle für den ausgetauschten Rock. Ob der neue Rock von der Schilfdecke fein in Arbeit sei? Welche Knöpfe er daraufsetzen würde? – und höhnte ihn also aus, daß kein Hund ein Stück Brot von ihm genommen hätte. Seitdem konnte der Schneider keinen Ziegenbock meckern hören, es war ihm immer, als riefe ihm da eine Stimme warnend zu: Meister! Meister! –

Ein Tuchhändler verkaufte dem Berggeist, den er für einen dummen Krautjunker hielt, ganz schlechtes Tuch für gutes um die hohe Summe von fünfzig Dukaten. Als er daheim den Beutel zog und das Gold in den Kasten legen wollte, hüpften fünfzig lebendige Mäuse aus dem Beutel heraus, verteilten sich im Hause und zernagten dem Betrüger für mehr als fünfzig Dukaten gutes Tuch. Drei andere Tuchhändler, die nicht betrogen hatten, neckte der Gebirgsherr in gnädiger Laune. Er zahlte in blanken Dukaten, und als sie das Geld daheim ansahen, waren es messingene Zahlpfennige. Erschrocken eilten sie wieder aufs Gebirge und trafen den Herrn vom Berge, als er eben im Begriff war, auszufahren, und gingen ihn an mit beschwerender Rede. Der Geist ließ sich das angeblich falsche Geld zeigen, und siehe, es waren lauter vollwichtige Dukaten. Gleichwohl erbot er sich, die Tuchhändler in Silber zu bezahlen, und nahm seine Dukaten wieder an sich. Als die Geäfften mit ihren Reichstalern fast wieder zu Hause waren, klirrte es so seltsam in ihren Geldbeuteln; sie sahen nach und fanden – alte Topfscherben. O Schrecken! Noch einmal umkehren, wagten sie nun nicht. Am andern Tage aber waren die Scherben wieder in Reichstaler verwandelt.

Ein gieriger Steinsucher fand in einer Kluft einen Goldklumpen, der funkelte hell wie Feuer. Rasch griff er danach und brachte nichts hervor als eine Feuerkröte, von der seine Haut an der Hand ganz schwarz ward. Er mußte die Haut abschaben, und da fand sich, daß die Haut, die abging, in lauter dünnes Goldblech verwandelt war. Jetzt wünschte sich der Mann völlig und über und über eine so gute Haut zu sein.

Als Schuhmacher zog der launige Gebirgsherr auf nahe Märkte, schlug Buden auf, verkaufte prächtiges Schuhwerk um Spottgeld, besonders für Frauen – ach es ging sich so wunderschön in diesen sanften, weichen anschmiegsamen grünen Schuhen – nur schade, daß sie nach kurzer Weile wie Butter an der Sonne zergingen und das Tuch und Leder dazu auf den Bergwiesen gesammelt war und die Kühe die Fabrikanten sotanen Leders waren. Oder der Berggeist hielt als Schlafmützenmacher feil, machte herrliche Geschäfte, aber hinterdrein waren die Mützen von jenem unnennbaren weißen Stoff, der sonst in den Apotheken unter dem Namen weißer Enzian gehalten und geführt wurde, aber nichts weniger war als die Wurzel der unter diesem Namen offiziellen Pflanze.

Einst schlug der neckische Geist zu Warmbrunn eine Bude als Haarkräusler und Perückenmacher auf; wer ihm abkaufte, war betrogen und fand am andern Morgen auf seinem Perückenstock eine Igelhaut, ein Elsternest, eine Atzel von der Haut des Esels samt anhängendem Schwanze an Zopfes Statt, oder von sonstigem Geniste.

Einer eiteln und gefallsüchtigen alten Modenärrin hing der Geist eine Büchse Schminke auf, der die Purpurflechte die Farbe und der Veilchenstein vom Gebirgshochrücken den Duft verlieh – aber als die gute Frau sich damit schminkte, wurde ihre Haut braunschwarz gebeizt, wie vom Höllenstein, und mußte es also behalten bis ans Grab und einem Waldschrat ähnlich sehen.

Zu einem Bürger in Hirschberg kam der Geist als Holzspalter und bot seine Dienste an; für seine Mühe bedingte er sich eine Trage Holz. Der Bürger wies ihm vier Klaftern Holz zum Spalten an und fragte, da der Mann keine Axt trug: Aber hast du denn keine Axt? – Ach ja, ich habe eine, antwortet der Geist, zieht sein linkes Bein aus dem Leibe und fängt an auf so entsetzliche Art Holz zu spalten, daß dem Bürger Hören und Sehen vergeht und er dem Holzspalter zuruft, er solle sich gleich vom Hofe packen. – Nein, Gesell! rief der Geist, erst muß ich mir meinen Lohn verdienen!, führt fort zu hacken und zu spalten, bis alles Holz klein gemacht ist, dann macht er sich etwas groß, so groß, daß er die vier Klaftern auf einmal auf seinen Rücken laden und davontragen kann, und geht damit lachend von dannen.

Zu einem Bauer in Krummhübel, welcher schlachten wollte, kam der Berggeist als Schlächter und erbot sich zu schlachten. Der Bauer fragte, welchen Lohn er verlange. – Ach, mir ist’s nicht um Lohn, antwortet der schalkhafte Geist. Laßt mich nur so viel Wurst essen, daß ich satt werde! – Das war der Bauer gern zufrieden, denn er dachte, es steht geschrieben: Du sollst dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden, und dieser Kerl ist ein Ochse. – Da nun die Schweine alle geschlachtet und die Würste gekocht waren und das Essen losging, so begann der Berggeist seine Mahlzeit und speiste eine Wurst, und noch eine, und noch eine – nun meinte der Bauer, es sei genug; aber sein Schlächter hatte daran noch lange nicht genug, er fraß fort und fort, fraß einhundertundfünfzig Würste, dann sah er sich nach mehr um, und als er keine Würste mehr erblickte, so wischte er sich das Maul, sagte: Es ist doch schade, daß wir so wenige Würste gemacht haben! Schlachtet fein bald wieder! – und verschwand. Bauer und Bäuerin und auch die Kinder weinten bitterlich, als sie sich also hinters Licht geführt sahen, um die schönen Würste; wie sie aber die Schinken hinauf in die Räucherkammer trugen, siehe, da hingen die hundertundfünfzig Würste, und war ein Staat, sie anzusehen. Da war große Freude.

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643. Rübezahls Pferde

643. Rübezahls Pferde

Daß der Gebirgsherr gern sechsspännig fuhr gleich andern Selbstherrschern, ist schon erwähnt worden. Einst begegnete er mit einem solchen Pferdezug Schimmel einem schwedischen Obristlieutenant; es war zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und die Schweden liebten gerade wie die Kroaten alles, was nicht ihre war, doch war just ein Waffenstillstand, daher mochte der Schwede offenbaren Raub nicht wagen. Er ritt also mit seinem Gefolge zu der Kutsche des vermeinten schlesischen Edelmannes an den Schlag, lüftete ein wenig seinen Federhut und sprach: Meinem Herrn dürfte wohl belieben, seine Schimmel gegen einige unsrer Troßpferde zu vertauschen. Wir müssen noch mehrere Meilen reiten, und unsere Pferde sind abgemattet; der Herr fährt doch wohl nur in die nahe Stadt. Auf dem Rückweg tauschen wir dann seine Pferde gegen die unsern wieder aus. – Der Berggeist zeigte sich als einen Kavalier von höfischen Sitten; er lüftete ebenfalls in etwas sein dreieckiges Hütlein und sprach: Meine Schimmel stehen ganz zu meines Herrn beliebigen Diensten, ich bin des Tausches wohl zufrieden. – Jetzt gab der Obristlieutenant heimlich Befehl, die sechs allermiserabelsten Kracken von seinen Pferden vor die Kutsche des Landjunkers zu spannen, und das Herz im Leibe lachte ihm, als er die schönen Schimmel sah, die nun sein waren, denn eine Rückgabe derselben fiel ihm nicht im Traume ein. Man trennte sich unter höflichen Begrüßungen. Als aber am andern Morgen in der Herberge des Obristlieutenants Wagenmeister die Schimmel wieder anschirren wollte, da waren sechs große Bündel Stroh an die Krippe gebunden, und die Schimmel hatten in aller Stille Adjeu gesagt.

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