616. Die Melanchthonsbirnen

616. Die Melanchthonsbirnen

Im Superintendenturgarten zu Pegau zwischen Leipzig und Groitzsch steht ein Birnbaum, dessen Früchte sind von ganz besonderem Wohlgeschmack und werden Melanchthonsbirnen genannt, und hat es damit folgende Bewandtnis, wie sie ein Zeitgenosse, M. Andreas Göch, Superintendent daselbst, mit redlicher Hand niedergeschrieben. Diese Birnenart war ursprünglich in Jessen (Zöschen) zwischen Leipzig und Merseburg, wo M. Göch Pfarrer war, zu Hause und hieß alldort die Rewozer (Rewitzer) Birn; der Magister Göch, ein eifriger Obstzüchter, wurde später Superintendent zu Pegau und ließ sich von Zessen Pfropfreiser bringen, um in Pegau ebenfalls diese Birnen zu ziehen. Sie waren von sonderlich schöner Art, auf der einen Seite rot, auf der andern gelb gesprenkelt, saftig und überaus wohlschmeckend, der Pfalzgräfinbirne ähnelnd. Da nun zu einer Zeit Herr Philippus Melanchthon vom Kurfürsten August zu Sachsen zu ihm zu reisen erfordert ward, so führte ersteren sein Weg über Zessen, und er vergnügte sich, den dortigen Pfarrherrn zu besuchen. Dieser fühlte sich durch solchen Besuch hochgeehrt und wartete dem berühmten Mann auch mit seinen trefflichen Birnen auf. Philippus fand diese Birnen so ausgezeichnet, daß er nahe an ein Schock sich schenken ließ und sie dem Kurfürsten und dessen Gemahlin mitbrachte, wo sie auch deren hoher Gast, der Kurfürst von Brandenburg, zu versuchen bekam. Bei dieser Gelegenheit empfahl nun Melanchthon seinem gnädigsten Herrn auch den fleißigen Pfarrherrn zu Zessen, welche Empfehlung einen so trefflichen Erfolg hatte, daß der Kurfürst denselben nicht nur mit stattlicher Begnadigung bedachte, sondern auch seine Kinder in den Fürstenschulen durch Stipendien unterstützte. Dies trug M. Göch dankbar in ein Buch ein und richtete an seine Nachfolger die Bitte, des hart am Hause stehenden Melanchthonbirnbaums – denn so hatte ihn der Pomolog vom Jahre 1560 genannt – zu schonen, zu warten und seine Art nicht ausgehen zu lassen – welches auch treulich befolgt worden ist.

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617. Die beiden Kröten

617. Die beiden Kröten

Zu Leisnig, einem Städtlein zwischen Lucka und Meißen, das, so klein es ist, eine Schmalzgrube des Meißnerlandes hieß, war lange an der Stadtkirche ein Steingebild zu sehen, ein Mann, der, die Arme in die Seite gestemmt, gegen zwei Knaben gewendet erschien. Davon geht diese Sage. Es war ein Vater, der hatte zwei sehr ungeratene Buben zu Söhnen, das kam all daher, daß er ihnen nicht genug Schillinger und Plätzer aufgezählt hatte, wenn sie ungezogen und trotzig waren, wie es sich gehört, denn das Sprüchwort sagt: Wer seinen Kindern die Rute gibt, spart dem lieben Gott eine Mühe. Da ist es denn geschehen, daß eines Tages, als der Vater die beiden Knaben schalt, weil sie wieder böse Dinge getrieben hatten, sie wieder schalten und widerbellten, recht wie die Klaffhunde; damit ließen sie es aber nicht einmal bewenden, sondern sie trieben ihre verruchte Auflehnung so weit, daß sie, was kaum zu denken und niederzuschreiben ist, ihrem Vater ins Angesicht spuckten. Da schrie der alte Mann zu Gott im Himmel hinein, daß der solche Untat rächen wolle, und verfluchte seine Söhne mit einem entsetzlichen Fluche. Und da wollten die Nichtsnutzen Jungen ihren Vater auch wieder verfluchen, aber plötzlich stammelten sie, und es quoll und schwoll ihnen im Munde so dick, so dick, und so eiskalt, und biß entsetzlich wie ätzendes Gift, und kroch aus dem Mund hervor lebendig, und war eines jeden Junge ihm im Munde zu einer scheußlichen lebendigen Kröte geworden; konnten fortan weder spucken noch schlucken, weder gellen noch widerbellen – mußten verstummen und verzweifeln und im grausen Elend zur Hölle fahren. Des zum Wahrzeichen hat man hernach die drei an der Kirche in Stein abgebildet und die Kröten aus der Knaben Maul hervorgucken lassen, als welches anzusehen sehr schrecklich.

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618. Zum Stehen verwünscht

618. Zum Stehen verwünscht

Zu Freibecg im Meißnerlande wohnte ein Weber des Namens Lorenz Richter, der hatte einen Sohn von vierzehn Jahren, welchem die Untugend des Ungehorsams in hohem Grade eigen war. Der Vater mochte dem verstockten Jungen heißen, was er wollte, so tat er’s nicht oder tat das Gegenteil und hatte seine Lust daran, stöckisch zu sein und seinen Vater zu ärgern. Da geschähe es eines Tages, daß der Vater dem Knaben, der bei ihm in der Stube war, gebot, eilend etwas zu tun, jener aber blieb geruhig stehen, wo er stand, und fiel ihm gar nicht ein, des Vaters Befehl nachzukommen. Der Vater wiederholte sein Gebot, aber der Junge tat, als höre er es gar nicht, er blieb stehen wie ein Stock. Da geriet der Vater vor Zorn außer sich und schrie: Ei so stehe in aller Teufel Namen, du verfluchter ungeratener Bube, und daß du nimmermehr dich vom Flecke regen könnest! – Da zuckte ein jäher Schreck durch den Knaben, und ward starr und stand – und stand. Er wollte nun folgen, aber er stand. Der Vater stürzte jetzt auf ihn, ihn von der Stelle wegzureißen oder hinwegzutreten, aber er vermochte es nicht – der Knabe stand, festgebannt und festgezaubert auf die Diele, und völlig machtlos. Vergebens suchte man ihn wegzuheben, wegzutragen, seine Füße wurzelten am Boden. Und so stand er dreier Jahre an einer Stelle, nahe dem Ofen und der Türe, hinderlich den Leuten, die aus- und eingingen, an einem Pult, darauf er Haupt und Arme stützen konnte; so stand und so schlief er, den Eltern zum quälenden Anblick, der Stadt zum Wunder. Die Geistlichen beteten über ihn und für ihn und versuchten endlich ihre Kräfte, ihn aufzuheben und in einen andern Stubenwinkel zu tragen, wo er weniger hinderlich war; dies gelang, aber dann blieb er an jener Stelle stehen. Tief waren der Diele die Spuren seiner Füße eingeprägt. Wollte man an einen andern Ort ihn bringen, da schrie er laut und schmerzvoll auf und gebürdete sich wie rasend. So stand er, wie die Büßer Indiens, ein Büßer seines Ungehorsams, hinter einem Vorhang und war voll Traurigkeit, elenden Aussehens, und endlich gab Gott zu, daß er auf ein neben ihm gestelltes Bette sich legen konnte – und das währte wieder nahe an vier Jahre. Und dann ist er in Demut und Ergebung und gläubig eines sanften, natürlichen Todes gestorben. Die Fußtapfen wurden lange Jahre gezeigt, in der Stube und dann in der Kammer (da später eine Wand eingezogen wurde), und wenn die Eltern ihre Kinder vor Ungehorsam warnen wollten, brauchten sie nicht weit zu deuten.

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61. Das Frankensteiner Eselslehen

61. Das Frankensteiner Eselslehen

Zu Darmstadt hat es vorzeiten gar böse Weiber gegeben, wollen hoffen, daß jetzt bessere darinnen sind. Diese damaligen Weiber prügelten ihre Männer, wie die Sage geht, nach Noten und so arg, daß die Männer sich ihrer Weiber und der Schläge nicht anders erwehren konnten, als daß sie Hülfe bei denen von Frankenstein über Bessungen suchten. Denen gaben die Darmstädter alljährlich zwölf Malter Korn, zwei Gulden und zwei Hessen-Albus Geld, dafür hielten die Frankensteiner einen Esel, den sandten sie jedesmal mit gutem handfesten Geleit, wenn er zur Stadt begehrt wurde, und auf sotanem Esel mußte das Weiblein reiten, das seinen Mann geschlagen, und zwar durch die ganze Stadt. Hatte die Frau den Mann geschlagen unversehens oder war dieser krank und seiner Kräfte nicht mächtig, so führte der Geleitsmann den Esel, hatte es aber zwischen Mann und Frau einen offenen und ehrlichen Kampf gesetzt und er von ihr das Beste abbekommen, so mußte der Mann zu seinem großen Schimpf den Esel selbst führen. Zu dieser Zeit ward das Recht und die Sitte gar streng gehandhabt zu Darmstadt, denn es war allda ein Bürgerausschuß, der übte die Polizei und war sehr gefürchtet von allem losen Gesindlein, das nannte ihn, weil er aus hundert Beisassen bestand, das böse Hundert. Da geschah es, daß einmal eine ganze Gesellschaft – ein Kränzchen würde man es heutiges Tages nennen – böser Weiber sich zusammentat, die Männer weidlich schlug, und da haben die Männer des bösen Hunderts an die Frankensteiner geschrieben, daß sie ihnen eilend nach dem Recht und Gesetz des Burglehens mit dem Esel möchten zu Hülfe kommen mit seinem Geleitsmann, und sie wollten beiden, dem Mann und dem Esel, ihren Stadtboten entgegenschicken, daß der beide herein nach Darmstadt geleite, sollten genugsam Mahl und Futter haben, und wenn sie den Esel gebraucht in ihren Nöten, so sollten beide wieder kostenfrei zurückgeleitet werden, damit daß die übermütige, stolze und böse Weibesgewalt möge unterdrückt werden und nicht weiter einreißen.

Und auch hernachmals ist solche Strafe noch öfter zu vollziehen nötig gewesen, und andere Orte der Nachbarschaft haben den Esel auch nötig gehabt, wie Pfungstadt, Niederramstadt, Crumstadt, Goddlau usw., und Bessungen allein ist denen Rittern von Frankenstein hundert Malter Korn vom Eselslehen schuldig geblieben, daher liehen sie ihnen auch den Esel fürder nicht mehr, mochten ihre Weiber die Bessunger noch so sehr schlagen.

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619. Schneeberger Teufelsbanner

619. Schneeberger Teufelsbanner

Als das Teufelsbannwesen und die Schätzehebesucht wie eine Krankheit grassierte und die Jenaische Christnachttragödie aufgeführt worden war, kamen auch zu Schneeberg am sächsischen Erzgebirge verschiedene Leute auf den Gedanken, Geister zu zitieren und durch deren Hülfe Schätze zu finden. Der Anstifter war ein Mann namens Bauer-Schnurr, er gewann noch einige Gefährten. Das große Werk wurde auf dem geräumigen Boden eines Malz-Hauses vorgenommen; ein dreifacher Kreis, vierunddreißig Ellen im Umfang, ward mit Kreide gezogen, Kreuze, Bibelsprüche, Planetenzeichen und Charaktere wurden hineingemalt. In die Mitte wurde ein mit einem weißen, mit Blut besprengten Tuche gedeckter Tisch gestellt, darauf stand ein Kruzifix und lagen Bibel, Psalter und Evangelienbuch; unter demselben stand eine Räucherpfanne mit Kohlen und Rauchwerk, am Eingange des Kreises war eine Öffnung von neun Ellen, diese schlossen die Bilder der Evangelisten und Apostel und eine Bibel. Außerhalb stand eine hölzerne Bank, höflichkeitshalber, damit der Hauptgeist sich setzen könne, da man in ihm einen gesetzten Geist erwartete. Außerdem war noch die Hirnschale eines vor einiger Zeit verlorengegangenen Kindes vorhanden. Die Beschwörung wurde vorgenommen, sie war furchtbar; die Kunst war groß, die Hexenmeister konnten ganz vortrefflich Geister zitieren, aber – es kamen keine. Immer schrecklichere Bannsprüche folgten, fast erzitterten Balken und Sparrwerk des Malzbodens – endlich schien etwas erscheinen zu wollen, es polterte die Treppen herauf, es klirrte wie Pallasche und Sporen – dem Hauptzauberer und Geisterbeschwörer Bauer-Schnurr ward nicht wohl beim Herannahen dieser Geister, er schnurrte durch eine Dachluke und flüchtete über die Dächer wie eine Katze, ein zweiter folgte ihm auf gleichem Wege. Die übrigen Genossen waren standhafter – sie blieben und wurden alsobald von den heraufkommenden dienstbaren Geistern hochlöblicher Polizei der guten Stadt Schneeberg verstrickt und in Haft genommen. Einer war ein Ingenieur aus Eisenach, dessen Ingenium nicht weiter als auf den Schneeberger Malzboden gereicht, ein zweiter war ein Müller aus Wildenfels, dessen Mühle mutmaßlich die drei Gänge nach Wasser, Korn und Brot hatte, der dritte war ein Schmiedegeselle, der seines Glückes Schmied werden und das Eisen schmieden wollte, weil es warm war, ward aber in die kalten Eisen gelegt, und der glückliche Flüchtling hieß Hans Tietze und war ein Sangerhäuser, der die Geschichte Ludwig des Ent-Springers gut inne hatte. So wurde das Gegenstück der Jenaischen Christnachttragödie allhier zu Schneeberg als eine Tragikomödie abgespielt.

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608. Die Jenaische Christnacht

608. Die Jenaische Christnacht

Zu Jena hat sich’s zugetragen, daß ein Student des Namens Weber aus Zwickau, der bereits in Leipzig studiert hatte, sich mit noch einigen Gesellen und einem Schäfer verband, in einem Weinbergshäuslein, allwo sich eine weiße Jungfer zum öftern blicken ließ und ein Schatz liegen sollte, den Teufel zu zitieren und Schätze oder Brutpfennige von ihm zu gewinnen. Es ging aber selbiges Kunststück gar übel aus, denn obschon sie sich Doktor Fausts Höllenzwang nebst anderem Zaubergerät verschafft und in der Christnacht des Jahres 1715 in dem Häuslein sich zusammenfanden, so sind sie doch am andern Morgen nicht in die Stadt zurückgekommen und nachmittags der Student ganz betäubt und sinnlos, der Schäfer und noch ein Bauer aber tot in dem Häuschen gefunden worden. Als nun solches Ereignis der Obrigkeit angezeigt wurde, geschah Verordnung, daß zu den Leichnamen, nachdem der Student in den Gasthof zum gelben Engel herabgeschafft worden war, drei Wächter bestellt wurden, zu denen sich noch zwei andere Personen freiwillig gesellten, die aber in der späten Nacht wieder herab in die Stadt gingen. Da nun die drei Gesellen beisammensaßen und wachten, hat es gar arg an die Türe des Häuschens gekratzt, und es ist ein Geist in Größe eines Knaben eingetreten, der sich her- und hinbewegte und dann die Türe mit einem Krachen zuwarf, als sei sie in tausend Stücke gefahren. Am andern Morgen lagen diese Wächter für tot bei den Leichnamen, und zwei davon blieben auch tot. Alle aber hatten blaue Flecken und Striemen auf der Haut. Diese Geschichte machte ringsum vieles Aufsehen und wurde viel darüber geschrieben und in Druck gegeben. Man nannte sie nicht anders als die Jenaische Christnachttragödie.

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60. Der Lindwurm auf Frankenstein

60. Der Lindwurm auf Frankenstein

Überm Dorfe Eberstadt, zwei Stunden von Darmstadt, liegen die umfangreichen Trümmer der Burg Frankenstein. Darauf saß ein Ritter, der hieß Hans, nach andern aber Georg, drunten im Dorfe aber floß ein Brunnen, aus dem die Bauern ihr Wasser schöpften, und auch auf die Burg hinauf wurde solches Wasser geholt. Neben dem Brunnen wohnte ein greulicher Lindwurm, der ließ niemand zum Brunnen, es mußte ihm zuvor ein nicht zu kleines Tier geopfert werden, ein Schaf, ein Hund, ein Kalb, ein Schwein – er fraß alles und viel, und solange er fraß, konnte jedermann zum Brunnen – wenn er aber nichts hatte, so fraß er die Leute, die zum Brunnen kamen. Da entschloß sich der Ritter von Frankenstein, das Dorf und die Gegend von dem schädlichen Ungetüm zu befreien, wappnete sich und stritt mit dem Lindwurm, der wehrte sich gar wacker, spie so viel Feuer, als ihm möglich war, aber der Ritter schlug dem Wurm endlich den Kopf glatt ab, aber der spitze Pfeilschweif des Drachen kringelte sich um den Ritter und stach ihn hinterwärts, wo die Rüstung nicht deckte, in die Kniekehle, und da der ganze Wurm über und über, außen und innen giftig war, so mußte der wackere Ritter von Frankenstein am Drachengifte sterben. Danach ist er begraben worden zu seinen Vätern in die Kirche zu Niederbeerbach (andere sagen Oberbeerbach), wo die Frankensteiner schöne Grabmäler haben, und hat auch ein stattlich Monument erhalten im Harnisch mit Schwert und Streithammer, lebensgroß. Auf den Lindwurm, der seinen Schweif nach der Kniekehle richtet, tritt er, und Engel krönen ihn, ein echtes Bild des christlichen Märtyrers und Heiligen Ritter St. Georg.

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609. Die Studentenpassion

609. Die Studentenpassion

Eine noch weit schrecklichere Tragödie als die zu Jena im Weinbergshäuschen wurde im Jahre 1716 zu Halle aufgeführt. Der Schauplatz war der grüne Hut, ein Wirtshaus, die Zeit die heilige Karwoche und die Schauspieler leider Gottes Studenten. Diese Schar hatte sich zu einem Zechgelage zusammengefunden und saß schon Tag und Nacht beisammen, als einigen der Teufel den Gedanken eingab, die Passion unseres Herrn und Heilands zu agieren, und zogen in ihr ruchloses Spiel auch den Wirt und dessen zwei aufwartende Töchter. Sie ließen ein Lamm braten und nannten das ihr Osterlamm, und als sie dasselbige verzehrt, hielten sie das Nachtmahl, indem einer von ihnen sie nach der Reihe aus einem Bierglase als aus einem Kelche trinken ließ und Rettichscheiben statt der Oblaten darreichte und dazu die heiligen Einsetzungsworte gotteslästerlich verdreht und verkehrt sprach. Dann, wurde der eine, der dies getan, von ihnen verhöhnt, verspottet, zum Scherz gegeißelt, mit einem roten Mantel umhangen, dann an ein Kreuz, aus Brettern rasch zusammengenagelt, ausgestreckt angebunden, dann abgenommen und in einen Backtrog begraben. Aber Gott läßt sich nicht spotten, seine Gerichte sind schrecklich. Es erschien kein Teufel, es ließ kein Gespenst und kein Geist sich blicken, es vergingen nur wenige Stunden – und als diese wenigen Stunden vergangen waren, da waren eilf von diesen jammervollen Schächern tot, war der Wirt tot, waren dessen zwei junge Töchter auch tot, und die andern, so dabei gewesen, unter ihnen der Unselige, der die Rolle unseres Herrn und Heilands gespielt, lagen hie und da zum Tode krank umher, raseten in Verzweiflung und verfielen zum Teil in tiefe unheilbare Schwermut.

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610. Der Zauberjunge

610. Der Zauberjunge

Ein vorwitziger Lehrjunge zu Leipzig verband sich im Jahr 1707 mit einem fremden Mühlburschen, Teufelsbeschwörungen und Schatzhebung vorzunehmen, empfing von diesem gegen Geld eine Abschrift von Doktor Fausts Höllenzwang und eine metallene Wünschelrute und begann seine Zauberei und seine Zitation nach allen Regeln an einem Freitag im Keller seines Lehrherrn. Bei der dritten Beschwörung stieg ein Rauch aus dem Boden, daraus wurde ein kleines Männlein, welches anzusehen war, als wäre es ganz und gar mit einem grauen Flor überzogen, das legte ihm zwei Zweigroschenstücke hin und fragte: Bist du damit zufrieden? – Darauf sagte der Junge: Ja! – Bei einer später » Beschwörung an einem andern Freitag erfolgte dieselbe Erscheinung, und da tat sich nebenbei die Erde auf und ließ den Schatz blicken. Da legte die Geisterscheinung ein brandenburgisches Sechzehngroschenstück unversehens hin und fragte wieder: Bist du damit zufrieden?, doch regte sich das graue Männchen im geringsten nicht, bewegte auch keine Lippe. Und der Junge sagte wiederum ja und beobachtete alles Vorgeschriebene, mit Lichter löschen, rücklings aus dem Keller gehen und dergleichen. Das war geschehen am 28. Oktober, und am 4. November Hub der junge Zauberer wieder an, eine noch schärfere Beschwörung vorzunehmen, und wieder erfolgte des Dämons Erscheinung, aber unter rollendem Geräusch, und tat sich die Erde ganz auf, und rückte ein Kessel herauf, der war voll geprägtes Geld, auf dem Gelde aber lag etwas, anzusehen wie eine Karbatsche, vorn mit einem Kopf, der sich immerdar bewegte. Da sich nun bei dieser starken Beschwörung der Zauberjunge der heiligen Dreifaltigkeit abschwur, so kam ein Papierblatt in Form eines in der Länge durchschnittenen halben Bogens, mit schwarzem Rande und auf beiden Seiten rot beschrieben, nebst einer schwarzen Feder, verkehrt geschnitten, zum Vorschein, und das graue Männchen hatte wieder, wie auch bei seinem ersten und zweiten Erscheinen, ein längliches Buch vom Format jenes Papierblattes, wie ein Zinsregister, unterm Arme. Dann war dem Zauberjungen, als falle ein Körnlein Sand oder ein Tropfen Wasser von der Decke herab erkältend auf seine Hand, und als er die Hand hob und ansah, stand ein Tropfen Blutes darauf. Keck nahm er das Papier und die Feder, faßte mit letzterer das Blut auf und begann zu schreiben: J – o – (er hieß Johannes). Da war ihm, als komme jemand schnellen Schrittes die Kellertreppe herab; da er nun vermeinte, es sei sein Mitgeselle, sich aber nicht umsehen durfte, so ließ er die Feder fallen, verlöschte in Eile die Lichter und warf sie in ein Wasserfaß, zerriß den Faden, damit er den Zauberkreis gemacht, und ging rücklings zum Keller hinaus, zu sehen, wer ihn gestört, fand aber niemand. Nach acht Tagen ging der Zauberjunge wieder in den Keller, da er aber auf die untersten Stufen gelangte, kam ihn ein Schauer an, daß er nicht vermochte, vollends hinabzugehen, kehrte demnach wieder um. Am nächsten Freitag, wo er wieder hinab und das Werk fortsetzen wollte, hieß ihn sein Herr in die Kirche gehen, den darauffolgenden verhinderte ihn ein im Keller arbeitender Maurergeselle – aber Tag und Nacht hatte er keine Ruhe, immer war das graue Männchen um ihn, machte oft pst! pst! Das machte ihn ganz verwirrt, und sah aus wie ein Trunkener, und hatte die Augen voll Wasser. Der Lehrherr nahm ihn in das Gebet, aber er gestand nichts, und da ersterer ihm wiederholt anriet, er solle sich bereiten, zum Abendmahl zu gehen, so antwortete der Zauberjunge stets: Das darf ich nicht, das kostet mir mein Leben. Endlich nahm der Junge sein Beschwörungsbuch, zerriß es und warf es ins Feuer, lief davon und entdeckte sich einem Freund, der offenbarte es seinem Lehrherrn, und dieser sandte nun nach dem Beichtvater des jungen Menschen. Er bekannte alles, offenbarte aber dabei einen krassen Unglauben und empfand einen beständigen Trieb, nach dem Keller zu gehen, daran er aber stets, weil man ihn bewachte, verhindert wurde. Nachderhand bekehrte er sich völlig und nahm das Abendmahl, sein Lehrherr aber schenkte ihm seine noch übrige Lehrzeit, sprach ihn frei, übergab ihn seinem herbeigerufenen Vater und war froh, ihn los zu sein, nachdem er drei ganzer Wochen lang Sorgen und Beschwerden genug mit ihm ausgestanden.

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611. Doktor Faust in Auerbachs Keller

611. Doktor Faust in Auerbachs Keller

Da Doktor Faustus, den man als Verfasser des Höllenzwanges nennt, welches Buch so viel Unglück angerichtet, so viele Menschen um den Verstand und um ihr Seelenheil betrogen hat, zu Wittenberg war, hatte er gute Kundschaft mit adeligen Studenten, welche viel Geld aufgehen ließen, fuhr mit ihnen da- und dorthin, und so auch einstmals auf einem schnellen Wagen nach Leipzig, allwo gerade Messe war, und brauchten zu dieser Fahrt nur wenige Stunden. Andern Tages besahen sie die Stadt und ihr Meßgewühl und sahen da gegenüber ihrem Wirtshause einen Keller, aus welchem die Weinschröter, auch Weißkittel genannt, etwa ihrer vier oder fünf ein volles Achteimerfaß heraufzuschroten sich bemühten, selbiges aber nicht vermochten, sondern abließen, bis ihrer mehrere dazukommen und helfen würden. Da sprach Faustus fast höhnisch zu den Schrötern: Wie stellt ihr euch doch so täppisch zu dem Faß! Könnt es nicht zwingen und seid doch eurer so viel! Könnt‘ es doch wahrhaftig einer allein, wenn er Geschick hat! – Diese Schröter nun waren handfeste Gesellen, mit dem Maul so derb wie mit ihren Fäusten, die kannten Faustum nicht und blieben ihm auf seinen Hohn die Antwort nicht schuldig. – Was kümmert der Herr sich unsrer Arbeit? fragten sie. Ist der Herr so überstudiert, daß er solches Faß heben und die Treppe allein hinaufbringen kann, ei so lasse er seine Kunst sehen, so schrote er es hinauf in aller Teufel Namen! – Indem Faustus also mit der Höflichkeit der Schröter bedient wurde, kam der Wirt vom Auerbachskeller, wo sich dies Abenteuer zutrug, vernahm des Scheltens Ursache und sprach im Unwillen: Seid ihr so starke Riesen, daß einer von euch sich vermißt, dieses Faß allein hinaufzubringen, der mag es tun! Wer es kann, dem soll es eigen sein! – Unterdessen waren noch mehrere Studenten hinzugekommen und stehengeblieben, und Faustus rief diese zu Zeugen von des Weinkellerwirtes Rede an, stieg hinab, setzte sich auf das Faß, gleich als aus einen Bock, und sagte: Marsch! – und ritt das Faß die Treppe herauf zu jedermanns Verwunderung. Am meisten verwunderte sich der Wirt und schrie: Das geht nicht natürlich zu! – half ihm aber nichts, und ging hernach um so natürlicher zu, als Faustus und die Studenten das Faß anstachen und davon zechten, solange noch ein Tropfen aus dem Zapfen rann.

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