Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

Ein angenehmer Tag mit einem unangenehmen Schluß.

Die Vögel, die zum Glück für ihre Gemütsruhe und ihr körperliches Wohlbehagen in seliger Unwissenheit über die Vorbereitungen blieben, die am ersten September zu ihrer Beunruhigung getroffen wurden, begrüßten ohne Zweifel den Morgen dieses Tages als einen der schönsten, den sie in dieser Jahreszeit je gesehen hatten, Manches junge Rebhuhn, das mit der ganzen Ziererei der Jugend selbstgefällig auf dem Stoppelfelde einherstolzierte, und manches alte, das ebensowenig das Gericht ahnend, das über sie ergehen sollte, mit der verächtlichen Miene der Weisheit und Erfahrung dessen leichtfertigem Treiben aus den runden Äuglein zuschaute, badete sich voll wonnetrunkener Gefühle in der frischen Morgenluft und lag wenige Stunden nachher leblos am Boden. Doch wir werden sentimental. Fahren wir in unserm Texte fort.

Es war also, um prosaisch zu berichten, ein schöner Morgen – so schön, daß man kaum geglaubt hätte, die wenigen Monate eines englischen Sommers seien schon vorübergeflogen. Hecken, Felder und Bäume, Hügel und Moorland boten dem Auge die wechselreichen Schattierungen eines vollen, saftigen Grüns. Kaum ein Blatt war gefallen, kaum ein gelbes Pünktchen mischte sich mit der Farbe des Sommers und verriet den Anfang des Herbstes. Der Himmel war wolkenlos; die Sonne schien hell und warm. Der Gesang der Vögel und das Gesumme von Myriaden Sommerinsekten erfüllte die Luft. Die Gärten prangten voller Blumen jeglicher Farbe in üppiger Schönheit und funkelten im Morgentau gleich Beeten blitzender Juwelen. Alles trug den Stempel des Sommers und noch war nicht eine von seinen schönen Farben verblichen.

An einem solchen Morgen hielt ein offener Wagen mit drei Pickwickiern (Herr Snodgraß hatte es vorgezogen zu Hause zu bleiben) nebst den Herren Wardle, Trundle und Sam Weller, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß, vor einem Tor an der Landstraße. Hinter diesem hatten sich ein großer, starkknochiger Wildhüter und ein Junge in Halbstiefeln und Lederhosen postiert, jeder mit einer Jagdtasche von bedeutender Größe und ein paar Hühnerhunden versehen.

»Sie denken doch nicht«, flüsterte Herr Winkle Herrn Wardle zu, als man den Wagentritt niederließ, »daß wir Hühner genug schießen werden, um diese Jagdtaschen zu füllen?«

»Füllen?« rief der alte Wardle. »Was denn sonst? Sie sollen die eine füllen und ich die andere; und wenn wir damit fertig sind, so geht es erst noch an die Taschen unserer Jagdwämser.«

Herr Winkle stieg ab, ohne auf diese Bemerkung etwas zu erwidern, dachte aber in seinem Herzen, wenn die Gesellschaft so lange im Freien bleiben würde, bis er eine von den Jagdtaschen gefüllt hatte, so würde sie sich wohl einen bedeutenden Schnupfen holen,

»Na, Juno, schön – na, altes Mädchen! – leg dich, Daphne, leg dich«, sagte Wardle, die Hunde liebkosend. »Herr Geoffrey ist natürlich noch in Schottland, Martin?«

Der große Wildhüter bejahte und sah staunend auf Herrn Winkle, der seine Flinte so hielt, als ob er den Wunsch hegte, seine Rocktasche möchte ihm die Mühe ersparen, den Hahn zu spannen und dann auf Herrn Tupman, der sie so trug, als ob er sich vor ihr fürchtete – welch letztere Annahme zu bezweifeln eigentlich auch kein vernünftiger Grund vorhanden war.

»Meine Freunde sind noch nicht oft dabei gewesen, Martin«, sagte Wardle, der den Blick bemerkte. »Da heißt’s: ›Leben und Lernen‹. Aber sie werden schon noch tüchtige Schützen werden. Bitte übrigens um Verzeihung, Herr Winkle, Sie haben etwas Übung.«

Herr Winkle lächelte auf dieses Kompliment aus seiner blauen Halsbinde hervor und verwickelte sich in seiner bescheidenen Verwirrung so seltsam in seine Flinte, daß er sich, wenn sie geladen gewesen wäre, notwendig auf der Stelle hätte erschießen müssen.

»Sie müssen das Ding da anders halten, wenn es einmal geladen ist«, sagte der große Wildhüter mürrisch, »oder der Teufel soll mich holen, wenn Sie so nicht einen von uns kalt machen.«

Herr Winkle, veränderte auf die Ermahnung plötzlich seine Stellung und brachte den Flintenlauf dabei in ziemlich kräftige Berührung mit Herrn Wellers Kopf.

»Holla«, rief Sam, den heruntergeschlagenen Hut aufhebend und seine Schläfe reibend: »holla, mein Herr: wenn Sie so kommen, können Sie mit einem Schlag eine von diesen Taschen füllen, und noch mehr dazu.«

Hier lachte der lederhosige Junge aus vollem Halse und versuchte dabei auszusehen, als ob es jemand anders gewesen wäre, worüber Herr Winkle voll Majestät die Stirn runzelte.

»Wo haben Sie dem Jungen gesagt, daß er uns mit dem Korbe erwarten solle?« fragte Wardle.

»Dort an dem großen Baume auf dem Hügel um zwölf Uhr, Sir.«

»Der gehört, glaube ich, nicht zu Herrn Geoffreys Gut – oder?«

»Nein, Sir, aber er ist nahe dabei. Der Platz gehört dem Kapitän Boldwig; aber es wird uns niemand stören. Auch ist dort prächtiger Rasen.«

»Sehr schön«, versetzte der alte Wardle. »Aber nun ist’s Zeit. Je bälder, je besser! Wollen Sie uns also um zwölf Uhr treffen, Pickwick?«

Herr Pickwick hatte eine besondere Sehnsucht, der Jagd zuzusehen, zumal, da es ihm um Herrn Winkles Leib und Leben bange war und es an einem so einladenden Morgen wahre Tantalusqual gewesen wäre, wieder umzukehren und seinen Freunden den Genuß allein zu überlassen. Er erwiderte deshalb mit einer sehr traurigen Miene:

»Tja, ich denke, daß ich wohl muß.«

»Ist der Herr kein Schütze, Sir?« fragte der lange Wildhüter.

»Nein«, antwortete Wardle: »und außerdem kommt er mit seinem Beine nicht recht fort.«

»Ich würde sehr gern mitgehen«, sagte Herr Pickwick – »sehr gern.«

Es entstand eine kleine Pause des Bedauerns.

»Jenseits der Hecke ist eine Schiebkarre«, sagte der Junge. »Wenn darauf der Diener seinen Herrn auf den Pfaden nachrollen würde, der Karren läßt sich leicht über die Schranken heben.«

»Ganz recht«, sagte Herr Weller, der recht interessiert war, weil er selbst ein brennendes Verlangen hatte, die Jagd mit anzusehen. »Ganz recht, ein guter Einfall, du Stöpsel: in einer Minute will ich ihn da haben.«

Aber es erhob sich eine Schwierigkeit. Der lange Wildhüter protestierte feierlich dagegen, daß ein Gentleman auf einer Schiebkarre zu einer Jagdpartie fahren sollte, und nannte das eine grobe Verletzung aller weidmännischen Regeln und Gebräuche.

Da war nun guter Rat teuer, aber er war nicht unbezahlbar. Der Wildhüter erhielt Geld und gute Worte, und machte nun seinem Herzen dadurch Luft, daß er dem erfinderischen Jungen, der zuerst das Vehikel vorgeschlagen hatte, eins hinter die Ohren versetzte. Herr Pickwick wurde auf den Karren gesetzt, und die Jagdgesellschaft brach auf, wobei Wardle und der lange Wildhüter den Zug anführten und Herr Pickwick von Sam hinterher geschoben wurde.

»Halt, Sam!« rief Herr Pickwick, als sie in der Mitte des ersten Feldes angekommen waren.

»Was gibt’s?« fragte Wardle.

»Der Karren soll mir keinen Schritt weiter«, sagte Herr Pickwick entschlossen, »bis Herr Winkle seine Flinte anders hält.«

»Wie soll ich sie denn halten?« fragte der unglückliche Winkle.

»Die Mündung gegen den Boden gekehrt«, versetzte Herr Pickwick.

»Das ist nicht weidmännisch«, meinte Winkle.

»Ich kümmere mich nicht darum«, erwiderte Herr Pickwick, »ob es weidmännisch ist oder nicht: ich will nun einmal niemanden zulieb – um einer bloßen Förmlichkeit willen, auf einen Karren erschossen werden.«

»Ich wette, der Herr wird den Schuß jemand in den Leib jagen, ehe er daran denkt«, brummte der Lange.

»Nun, mir soll’s auch so recht sein«, sagte der arme Herr Winkle, seinen Flintenschaft nach oben kehrend. – »So!«

»Es geht doch nichts über ein ruhiges Leben«, sagte Herr Weller; und der Zug bewegte sich wieder vorwärts.

»Halt!« rief Herr Pickwick, als sie wieder einige Meter vorwärts gedrungen waren.

»Was gibt’s schon wieder?« fragte Wardle.

»Tupmans Flinte ist nicht gesichert; ich seh es, sie ist nicht gesichert«, rief Herr Pickwick.

»Wie? was? nicht gesichert?« fragte Herr Tupman im Tone großer Angst.

»Ich meine, wie Sie sie tragen«, sagte Herr Pickwick. »Es tut mir leid, wieder eine Störung zu veranlassen, aber ich kann nicht zugeben, daß es weiter geht, bis Sie Ihr Gewehr halten, wie Herr Winkle.«

»Ich dächte auch, Sie ließen sich raten, Sir«, sagte der lange Wildhüter, »oder es könnte ebensowohl der Fall sein, daß der Schuß in Ihre eigene Hüfte führe, als in eine andere.«

Herr Tupman brachte mit der verbindlichsten Hast sein Feuergewehr in die verlangte Richtung, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die beiden Jagdliebhaber schritten mit umgekehrten Waffen daher, wie ein paar Soldaten bei einem königlichen Leichenbegängnis.

Plötzlich standen die Hunde. Die Gesellschaft stahl sich noch einen Schritt weiter und blieb gleichfalls stehen.

»Was machen denn die Hunde mit ihren Beinen?« flüsterte Herr Winkle. »Sie stehen so wunderlich da,«

»Pst! sehen Sie’s denn nicht?« versetzte Wardle leise: »sie stellen etwas.«

»Stellen etwas?« fragte Herr Winkle, umherschauend, als ob er irgend etwas Besonderes in der Landschaft zu entdecken erwartete, dem die scharfsinnigen Tiere eine vorzugsweise Aufmerksamkeit widmeten. »Stellen etwas? Und was stellen sie denn?«

»Sperren Sie Ihre Augen auf«, sagte Herr Wardle in der Aufregung des Augenblicks, ohne die Frage zu beachten. »Los!«

Ein scharfes, schwirrendes Geräusch, und Herr Winkle bebte zurück, als wäre er erschossen. Piff, paff erscholl es: der Rauch schwebte schnell über das Gefilde und verschwand in der Luft.

»Wo sind sie?« fragte Herr Winkle, in dem Zustande der höchsten Aufregung sich nach allen Richtungen umsehend. »Wo sind sie? Sagen Sie mir, wann ich schießen soll. Wo sind sie – wo sind sie?«

»Wo sie sind?« entgegnete Wardle, ein paar Hühner aufhebend, die die Hunde zu seinen Füßen gelegt hatten. »Wo sie sind? Nun, hier sind sie.«

»Nein, nein – ich meine die andern«, sagte der verwirrte Winkle.

»Für diesmal weit genug weg«, erwiderte Wardle, seine Flinte kaltblütig wieder ladend.

»In fünf Minuten werden wir wahrscheinlich eine zweite Kette antreffen«, sagte der lange Wildhüter. »Wenn der Herr jetzt zu schießen anfängt, so kann der Schuß gerade in dem Augenblicke aus dem Lauf kommen, wo sie auffliegen.«

»Ha, ha, ha!« lachte Herr Weller.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, der seinen Gefährten wegen seiner Verwirrung und Verlegenheit bemitleidete.

»Sir!«

»Lache nicht.«

»Gewiß nicht, Sir!« antwortete Herr Weller und verzerrte seine Gesichtszüge hinter dem Schiebkarren zur großen Belustigung des Jungen mit den Lederhosen, der deshalb in ein wieherndes Gelächter ausbrach und von dem langen Wildhüter einige Puffe bekam. D.h. dieser suchte damit nur einen Vorwand, sich umzudrehen und seine eigene Lachlust zu verbergen.

»Bravo, alter Kamerad«, sagte Herr Wardle zu Herrn Tupman: »Sie feuerten doch wenigstens.«

»O ja«, erwiderte Herr Tupman mit stolzem Selbstgefühl: »ich schoß.«

»Bravo: Sie werden das nächste Mal treffen, wenn Sie gut zielen. Es ist sehr leicht – nicht wahr?«

»Ja, es ist sehr leicht«, sagte Herr Tupman. »Übrigens erhielt ich dabei einen Stoß an die Schulter, der mich fast zu Boden geworfen hätte. Ich ließ mir’s nicht träumen, daß die kleinen Dinger hinten ausschlagen könnten.«

»Ah«, sagte der alte Herr lächelnd, »Sie werden sich daran mit der Zeit schon gewöhnen. Nun – alles bereit? – Alles in Ordnung mit dem Schiebkarren hier?«

»Alles in Ordnung, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»So komm.«

»Halten Sie sich fest, Herr«, sagte Sam, den Schiebkarren aufhebend.

»O weh, o weh«, rief Herr Pickwick; und vorwärts ging’s, so schnell wie es nötig war.

»Halten Sie jetzt mit dem Schiebkarren«, rief Wardle, als dieser über eine Schranke in das nächste Feld gehoben worden war und Herr Pickwick wieder darauf Platz genommen hatte.

»Ganz recht, Sir«, versetzte Herr Weller und hielt.

»Nun folgen Sie mir langsam, Winkle«, sagte der alte Herr, »und kommen Sie diesmal nicht zu spät.«

»Sorgen Sie nicht für mich«, antwortete Herr Winkle. »Stehen sie?«

»Nein, noch nicht; ruhig jetzt, ruhig.«

Sie schlichen vorwärts und würden in aller Stille hingekommen sein, hätte nicht Herr Winkle bei Ausführung einer sehr schwierigen Wendung mit seiner Flinte in dem entscheidenden Augenblick zufälligerweise den Drücker berührt. Der Schuß ging über den Kopf des Jungen weg genau dorthin, wo des großen Mannes Hirnschale geragt hätte, wenn dieser statt jenem dagestanden wäre.

»Was in aller Welt haben Sie gemacht?« fragte der alte Wardle, als die Hühner lustig davonflogen.

»Eine solche Flinte habe ich in meinem Leben nicht gesehen«, bemerkte der alte Winkle, das Schloß betrachtend, als ob das irgend etwas hülfe. »Sie geht von selbst los.«

»Ach was – geht von selbst los!« versetzte Wardle mit etwas gereiztem Tone; »ich wollte, sie würde auch von selbst etwas treffen.«

»Oh, das kann in kurzem geschehen, Sir«, bemerkte der Lange mit dumpfer, prophetischer Stimme.

»Was wollen Sie mit dieser Bemerkung, Sir?« fragte Herr Winkle ärgerlich.

»Nichts Besonderes, Sir – nichts Besonderes«, erwiderte der Wildhüter. »Ich selbst habe keine Familie, Sir; und dieses Jungen Mutter bekäme was Hübsches von Herrn Geoffrey, wenn er auf seinem Gute erschossen würde. Laden Sie wieder, Sir – laden Sie wieder.«

»Nehmt ihm die Flinte ab!« rief Herr Pickwick vom Schiebkarren herunter, über die schwarzen Ahnungen des Langen von Schauern geschüttelt, »Nehmt ihm die Flinte ab! Hört mich niemand?«

Aber niemand wollte dem Befehle Folge leisten, und Herr Winkle, der einen rebellischen Blick auf Herrn Pickwick schoß, lud seine Flinte auf’s neue und ging mit der übrigen Gesellschaft weiter.

Wir sind verpflichtet, unter Berufung auf Herrn Pickwicks Autorität ausdrücklich zu bemerken, daß Herr Tupman in seinem Verfahren weit mehr Klugheit und Besonnenheit an den Tag legte, als Herr Winkle. Doch wollen wir damit den Kenntnissen des letztgenannten Herrn in allen Fächern der Jagdwissenschaft keineswegs zunahe treten. Wie nämlich Herr Pickwick schon bemerkte, so ist es, was auch immer Schuld daran sein mag, schon seit fast undenklichen Zeiten immer wieder vorgekommen, daß oft gerade die besten und größten Philosophen, die in die Tiefe der Wissenschaft eingedrungen waren, nicht das Glück hatten, die Theorie auf die Praxis zu übertragen.

Herrn Tupmans Verfahren war, wie das bei den größten Entdeckungen gewöhnlich der Fall ist, äußerst einfach. Mit dem schnellen Scharfblick des Genies hatte er die beiden Hauptsachen, auf die es ankam, mit einem Male gefunden – erstens sein Gewehr abzuschießen, ohne sich selbst zu verletzen, und zweitens, es abzuschießen ohne Gefahr für die Umstehenden. Nachdem er nun die Schwierigkeit, überhaupt zu schießen, überwunden hatte, war natürlich das Beste, was er tun konnte, die Augen fest zuzudrücken und in die Luft zu feuern.

Einmal sah Herr Tupmann, als er nach dieser Heldentat die Augen wieder aufschlug, ein fettes Rebhuhn verwundet zu Boden fallen. Er stand eben im Begriff, Wardle zu seinem unwandelbaren Glück zu gratulieren, als dieser Herr auf ihn zutrat, und ihm warm die Hand drückte.

»Tupmann«, sagte der alte Herr, »Sie hatten es gerade auf dieses Huhn abgesehen?«

»Nein«, sagte Herr Tupman, »nein.«

»Sie haben es«, erwiderte Wardle; »ich sah es, wie Sie’s gemacht haben – ich bemerkte, wie Sie es herausgeschossen haben – ich beobachtete Sie, wie Sie Ihre Flinte nahmen und darauf zielten, und ich kann Ihnen sagen, der beste Schütze auf der Welt hätte es nicht hübscher machen können. Sie sind geschickter, als ich geglaubt hatte, Herr Tupman; – Sie sind schon besser bei der Sache.«

Vergeblich lehnte Herr Tupmann mit einem Lächeln und einer Selbstverleugnung, die sonst nie zu seinen Tugenden gehörte, die Ehre ab. Aber eben dieses Lächeln wurde für einen Beweis des Gegenteils angesehen; und von dem Augenblicke an stand sein Ruf fest begründet. Das ist aber nicht der einzige Ruhm, der so leicht erworben worden; auch sind so glückliche Umstände nicht allein auf die Hühnerjagd beschränkt.

Herr Winkle schoß fort und fort, und der Rauch wirbelte dahin, ohne weitere bemerkenswerte Ergebnisse herbeizuführen; bald feuerte er seine Flinte in die Luft, bald ging der Schuß so nahe am Boden hin, daß er das Leben der beiden Hunde in eine unsichere und heikle Lage versetzte. Als Liebhaberpröbchen betrachtet, hatten seine Schüsse sehr viel Abwechselndes und Kunstvolles. Sollte aber ein bestimmtes Ziel gesetzt sein, so waren seine Versuche wohl als ganz mißlungen zu betrachten. Es ist ein anerkannter Grundsatz, jede Kugel hat ihr Ziel. Wenden wir diesen Satz aber auf Herrn Winkles Schrotkörner an, so waren es unglückliche Findelkinder, die, ihrer natürlichen Rechte beraubt, nirgends zu Hause sind und ohne Zweck und Ziel umherirren.

»Das ist ein schwüler Tag – nicht wahr?« sagte Wardle, als er auf den Schiebkarren zuging und sich den Schweiß von seinem glühend roten Gesicht wischte.

»Sicherlich«, versetzte Herr Pickwick. »Die Sonne ist fürchterlich heiß, sogar für mich. Wie es erst Sie empfinden müssen!«

»Ja«, sagte der alte Herr; »es ist ziemlich heiß. Doch es ist zwölf Uhr vorbei. Sehen Sie dort den grünen Hügel?«

»Gewiß.«

»Dort werden wir unsern Lunch halten: und, bei Jupiter, da ist auch der, Junge schon mit dem Korbe, so pünktlich wie eine Sekundenuhr.«

»Das ist er«, sagte Herr Pickwirk aufgeheitert. »Ein guter Junge das. Ich will ihm gleich einen Schilling geben. Los, Sam, fahre mich hin!«

»Halten Sie sich fest, Sir«, sagte Herr Weller, durch die Aussicht auf den Jagdschmaus gestärkt: »aus dem Weg, du Lederhosenjunge. Wenn Ihr mein kostbares Leben schätzt, so werft mich nicht um, wie der Gentleman zu dem Kutscher sagte, als man ihn zum Galgen führte.«

Und seinen Schritt in starken Trab verwandelnd, fuhr Herr Weller seinen Herrn schnell auf den grünen Hügel, setzte ihn geschickt neben dem Korbe ab und fing mit der größten Eile an auszupacken.

»Eine Kalbspastete«, begann Herr Weller seinen Monolog, als er die Speisen auf den Rasen legte. »Etwas Gutes um eine Kalbspastete, wenn man die Dame kennt, die sie zubereitet hat, und man sicher ist, daß sie von keiner Katze kommt. Und doch – worin liegt der Unterschied, wenn beide einander so ähnlich sind, daß sie selbst die Pastetenbäcker nicht unterscheiden können?«

»Können Sie das in der Tat nicht, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Nein, Herr«, antwortete Herr Weller, nach seinem Hute greifend. »Logierte einmal im nämlichen Hause mit einem solchen Pastetenbäcker, und das war ein recht hübscher Mann – ein durchtriebener Kauz – konnte aus allem Pasteten machen. ›Was für ne Riesenmenge Katzen halten Sie doch, Herr Brooks?‹ fragte ich ihn im Vertrauen. – ›O ja‹, sagte er, ›es sind ziemlich viele.‹ – ›Sie müssen ein großer Katzenfreund sein‹, sagte ich. – ›Andere Leute sind’s‹, sagte er mir zuwinkend: ›sie haben aber jetzt ihre Zeit nicht bis der Winter kommt.‹ – ›Sie haben ihre Zeit nicht?‹ fragte ich. – ›Nein‹, sagte er: ›Früchte haben ihre im Sommer, Katzen im Winter.‹ – ›Was meinen Sie damit?‹ fragte ich. – ›Meinen?‹ sagte er. ›Nun, ich meine, daß ich mich mit der Schlächterzunft nicht einlassen will, um die Fleischpreise zu steigern‹, sagte er. ›Herr Weller‹, sagte er, meine Hand heftig drückend und mir in die Ohren flüsternd – ›sagen Sie das nicht weiter, es liegt nur an der Zubereitung. Meine Fabrikate werden aus lauter solchen edlen Tieren gemacht‹, sagte er, auf ein sehr hübsches, gestreiftes Kätzchen deutend, ›und ich stutze sie zu Ochsenfleisch, Kalbfleisch oder Nieren zu, wie es verlangt wird: und noch mehr‹, sagte er, ›ich kann in einer Minute aus Kalbfleisch Ochsenfleisch, oder aus Ochsenfleisch Nieren, oder aus einem von diesen Hammelfleisch machen, wie der Markt wechselt und der Geschmack verschieden ist.‹«

»Sam, das muß ein sehr erfinderischer junger Mann gewesen sein«, sagte Herr Pickwick mit einem leichten Schauder.

»Das war er, Sir«, versetzte Herr Weller, in seinem Zuge fortfahrend: »und die Pasteten waren schön. – Eine Zunge – es ist was Gutes um eine Zunge, wenn es keine Weiberzunge ist. Brot, Schweinsknöchel, man könnte sie nicht schöner malen – kaltes Rindfleisch in Schnitten, sehr gut. Was ist in den steinernen Krügen, du junger Dachs?«

»In diesen ist Bier«, antwortete der Junge, ein paar große steinerne Flaschen, die mit einem ledernen Riemen zusammengebunden waren, von der Schulter nehmend: »in den andern kalter Punsch.«

»Ein hübsche» Zwischenmahl, wenn man’s so im Ganzen beisammen hat«, sagte Herr Weller, die Gänge der Mahlzeit mit großem Behagen überblickend. »Nun, meine Herren: drauf los, wie der Engländer zu dem Franzosen sagte, als sie die Bajonette aufsteckten.«

Es bedurfte keiner zweiten Einladung für die Gesellschaft, dem Mahle seine volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ebenso waren keine dringenden Bitten nötig, Herrn Weller, den langen Wildhüter und die beiden Jungen dahin zu bringen, daß sie sich in einiger Entfernung ins Gras streckten und eine dezente Portion von den Speisen nahmen. Eine alte Eiche diente der Gruppe zu einem freundlichen Obdach, Ackerland und Wiesen, von üppigen Hecken durchschnitten, üppig mit Wald ausgeschmückt, lag zu ihren Füßen.

»Es ist entzückend – ganz entzückend!« sagte Herr Pickwick, dessen ausdrucksvolles Gesicht durch die Wirkung der Sonne schnell fast bis zum Bersten der Haut aufgetrieben wurde.

»Ja, das ist’s – das ist’s, alter Kamerad«, versetzte Wardle. »Kommen Sie: ein Glas Punsch.«

»Mit großem Vergnügen«, sagte Herr Pickwick, und die Heiterkeit seines Gesichtes, nachdem er es getrunken, zeugte von der Aufrichtigkeit seiner Antwort. »Gut«, meinte Herr Pickwick, mit den Lippen schnalzend. »Sehr gut. Ich möchte noch eins. Kühlend, sehr kühlend. Kommen Sie, meine Herren«, fuhr Herr Pickwick fort, noch immer den Krug festhaltend: »einen Toast. Unsere Freunde zu Dingley Dell!«

Der Toast wurde mit lautem Beifall aufgenommen.

»Ich will Ihnen sagen, was ich tun will, um wieder zu einem guten Schuß zu kommen«, sagte Herr Winkle, der Brot und Hammelfleisch mit einem Taschenmesser zerschnitt und verspeiste. »Ich will ein ausgestopftes Rebhuhn auf eine Stange stecken und mich daran üben, indem ich mich zuerst in geringer Entferung davon aufstelle und allmählich meine Schußlinie verlängere. Ich glaube, das ist eine treffliche Übung.«

»Ich kenne einen Gentleman, Sir«, sagte Herr Wellcr, »der es auch so machte und mit einem Meter anfing. Aber er versuchte es nicht zum zweitenmal, denn er blies den Vogel auf den ersten Schuß so rein herunter, daß niemand mehr eine Feder von ihm sah.«

»Sam«, rief Herr Pickwick.

»Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Sei so gut und behalte deine Anekdoten für dich, bis man dich fragt.«

»Sehr wohl, Sir.«

Und Freund Weller kniff das eine Auge zu, das nicht durch die eben an die Lippen geführte Bierkanne verdeckt war. Er tat es auf eine so spaßhafte Weise, daß die beiden Jungen mit Lachen nicht mehr aufhören konnten und sogar der Lange sich zu lächeln herabließ.

»Ja, gewiß, das ist ein vorzüglicher kalter Punsch«, bemerkte Herr Pickwick, den steinernen Krug betrachtend: »’s ist aber auch ein warmer Tag und – Tupman, mein lieber Freund, ein Glas Punsch?«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Herr Tupman.

Nachdem er das Glas geleert hatte, trank Herr Pickwick ein anderes, bloß mal, um zu sehen, ob Pomeranzenschalen in dem Punsch seien, denn Pomeranzenschalen waren ihm von jeher zuwider. Da er aber fand, daß keine darin waren, trank er noch ein weiteres Glas auf die Gesundheit ihres abwesenden Freundes, und dann fühlte er sich gebieterisch aufgefordert, noch ein anderes zu Ehren des unbekannten Punschbereiters vorzuschlagen.

Diese Reihe von Gläsern verfehlte nicht ihre entsprechende Wirkung auf Herrn Pickwick. Sein Gesicht funkelte im sonnigsten Lächeln: Fröhlichkeit spielte um seine Lippen, und rosige Laune glänzte in seinem Auge. Allmählich geriet Herr Pickwick immer mehr unter den Einfluß des Getränks, dessen anregende Eigenschaft durch die Hitze noch erhöht wurde. Herr Pickwick konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Gesang vorzutragen, den er in seiner Kindheit gehört hatte; und da der Versuch mißlang, suchte er sein Gedächtnis durch eine noch größere Anzahl von Gläsern zu erhöhter Tätigkeit anzuspornen. Das schien jedoch eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen. Hatte er nämlich zuvor die Worte des Gesangs vergessen, so vergaß er jetzt, wie man überhaupt in artikulierten Tönen sprechen muß; und endlich, nachdem er sich auf seine Beine gestellt hatte, um eine ergreifende Rede an die Gesellschaft zu halten, fiel er auf den Schiebkarren und schlief augenblicklich ein.

Nachdem der Korb wieder gepackt war, und man es rein unmöglich gefunden hatte, Herrn Pickwick aus seinem Todesschlafe zu wecken, fand eine Beratung statt, ob es besser sei, wenn Herr Weller seinen Herrn wieder zurückführe, oder wenn er ihn liegen lasse, wo er lag, bis sich alle wieder auf den Rückweg begeben würden. Schließlich entschied man sich für das Letztere. Da die weitere Expedition nur noch eine knappe Stunde dauern sollte und Herr Weller sehr inständig bat, die Gesellschaft begleiten zu dürfen, so wurde beschlossen, Herrn Pickwick auf dem Karren zu lassen und ihn auf dem Rückweg wieder mitzunehmen, Man machte sich also auf, und Herr Pickwick schnarchte ganz behaglich im Schatten fort.

Daß Herr Pickwick im Schatten fortgeschnarcht hätte, bis seine Freunde zurückgekommen wären, oder statt dessen geschnarcht hätte, bis sich die Schatten des Abends auf das Gefilde lagerten, scheint unzweifelhaft, wenn man nur voraussetzt, daß er es ungestört hätte tun können. Das war aber leider nicht der Fall. Es kam anders.

Kapitän Boldwig war ein kleiner rasch aufbrausender Mann, in einer steifen, schwarzen Halsbinde und einem blauen Überrock. Zuweilen ließ er sich herab, sein Gut zu inspizieren und vergaß dann nie, ein dickes spanisches Rohr mit messingner Zwinge, einen Gärtner und Untergärtner mit sehr ergebenen Gesichtern mitzunehmen. Diesen (den Gärtnern, nicht dem Stock) erteilte Kapitän Boldwig mit aller gebührenden Hoheit und Barschheit seine Befehle. Denn Kapitän Boldwigs Schwägerin hatte einen Marquis geheiratet, und des Kapitäns Wohnsitz war eine Villa. Sein Grundstück war ein Landgut, und es war alles sehr großartig und auf großen Fuß eingerichtet,

Herr Pickwick hatte noch keine halbe Stunde geschlafen, als der kleine Kapitän Boldwig, von seinen beiden Gärtnern begleitet, so schnell daherschritt, wie es seine Wichtigkeit und Würde erlaubte. Als nun Kapitän Boldwig an die Eiche kam, blieb er stehen, holte tief Atem, sah sich in der Gegend um, als ob die Gegend sich hochgeehrt fühlen müßte, daß er sie in Augenschein nahm, stieß dann mit seinem Stock kräftig auf den Boden und wandte sich an seinen Obergärtner.

»Hunt!« rief Kapitän Boldwig.

»Ja, Sir«, sagte der Gärtner.

»Harke diesen Platz morgen früh – hörst du, Hunt?«

»Ja, Sir.«

»Und sorge dafür, daß er überhaupt in ordentlichem Stande erhalten wird – hörst du, Hunt?«

»Ja, Sir.«

»Und erinnere mich daran, anschlagen zu lassen, daß niemand ungestraft mein Landgut betreten darf. Auch Selbstschüsse muß ich anbringen und überhaupt alles tun, was das gemeine Pack fernhält. Hörst du, Hunt? Hörst du?«

»Wird besorgt, Sir.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte der andere, mit der Hand an den Hut greifend.

»Nun, Wilkins, was ist’s mit dir?« fragte Kapitän Boldwig.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir – aber ich meine, man hat heute schon Ihr Gebot übertreten.«

»Was!!« rief der Kapitän, sich rings umschauend.

»Ja, Sir. – Man hat, glaube ich, hier gezecht.«

»Gnade Gott den Verwegenen, wenn sie das riskierten!« sagte Kapitän Boldwig, als er die Überbleibsel, die auf dem Rasen zerstreut lagen, gewahrte. »Wahrhaftig, sie haben hier wirklich ein Gelag gehalten. Ich wollte, ich hätte die Landstreicher hier«, sprach der Kapitän, seinen Knotenstock schwingend.

»Ich wollte, ich hätte die Landstreicher hier«, wiederholte der Kapitän wütend.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sprach Wilkins, »aber –«

»Aber was? He?« brüllte der Kapitän, und den furchtsamen Blicken Wilkins folgend, fielen seine Augen auf den Schiebkarren und Herrn Pickwick.

»Wer seid Ihr, Spitzbube?« rief der Kapitän, Herrn Pickwick mit seinem Stocke einige Stöße versetzend. »Wie heißt Ihr?«

»Kalter Punsch«, murmelte Herr Pickwick und sank wieder in Schlaf.

»Wie?« fragte Kapitän Boldwig.

Keine Antwort.

»Wie sagte er, daß er heiße?« fragte der Kapitän wieder.

»Punsch Das englische Punch bezeichnet zugleich einen Hanswurst. glaube ich, Sir«, erwiderte Wilkins.

»Das ist eine Unverschämtheit, eine verfluchte Unverschämtheit«, sagte Kapitän Boldwig. »Er stellt sich nur, als ob er schlafe«, fuhr der Kapitän ganz empört fort. »Es ist ein Betrunkener; es ist ein betrunkener Plebejer. Bring‘ ihn weg, Wilkins, bring‘ ihn auf der Stelle weg.«

»Wohin soll ich ihn bringen, Sir?« fragte Wilkins ganz schüchtern.

»Bring‘ ihn zum Teufel«, antwortete Kapitän Boldwig.

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Wilkins.

»Halt!« rief der Kapitän.

Wilkins hielt.

»Führe ihn« – sagte der Kapitän – »sperr‘ ihn in einen Tierstall, und wir wollen sehen, ob er sich auch Punsch nennt, wenn er zu sich kommt. Er soll mich nicht für den Narren halten – nein, er soll mich nicht für den Narren halten. Schaff‘ ihn weg.«

Auf diesen diktatorischen Befehl wurde Herr Pickwick weggeschafft, und der große Kapitän Boldwig setzte voll Zorn seinen Spaziergang fort.

Unbeschreiblich war das Erstaunen der kleinen Gesellschaft, als sie bei ihrer Rückkehr fand, daß Herr Pickwick samt dem Schiebkarren verschwunden war. Es war das rätselhafteste, unerklärlichste Ereignis, von dem man jemals gehört hatte. Wenn sich ein Lahmer ohne weiteres auf die Füße geholfen hätte und auf und davon gegangen wäre, so würde das schon ein sehr außerordentlicher Fall gewesen sein. Aber wenn dazu noch ein schwerer Karren kam, den er zu seinem Vergnügen vor sich herschob, so steigerte das die Sache bis zum wahrhaften Wunder. Sie durchsuchten jeden Winkel im ganzen Umkreis, sowohl miteinander, als auch einzeln. Sie schrien, pfiffen, lachten, riefen ihn beim Namen – alles mit gleichem Mißerfolg. Herr Pickwick war nicht aufzufinden, und nach einigen Stunden fruchtlosen Nachsuchens gelangten sie zu dem unerfreulichen Schluß, daß sie ohne ihn nach Hause zurückkehren müßten.

Mittlerweile war Herr Pickwick nach dem Stall geschafft und dort glücklich abgesetzt worden. Zum außerordentlichen Vergnügen und zur Belustigung nicht nur aller Jungen im Dorfe, sondern von dreiviertel der Bevölkerung überhaupt, die sich rings um ihn versammelt hatten, um sein Erwachen abzuwarten, schlief er noch immer auf seinem Schiebkarren. Hatte es ihnen den höchsten Genuß gewährt, ihn hereingeschafft zu sehen, wieviel hundertmal größer war ihr Entzücken, als er ein paar Mal verdröselt nach Sam rief und sich auf seinem Schiebkarren halb aufrichtete. Mit grenzenlosem Erstaunen betrachtete er die Gesichter vor sich.

Sein Erwachen begleitete ein allgemeines Jubelgeheul. Seine vertatterte Frage: »Was ist denn los?« veranlaßte ein zweites, das womöglich noch lauter war als das erste.

»Das ist ein Hauptspaß«, brüllte das Volk.

»Wo bin ich?« rief Herr Pickwick.

»Im Tierstall«, hieß es.

»Wie kam ich hierher? Was hab ich getan? Von wem bin ich hergebracht worden?«

»Boldwig – Kapitän Boldwig«, war die einzige Antwort.

»Laßt mich hinaus«, rief Herr Pickwick. »Wo ist mein Diener? wo sind meine Freunde?«

»Ihr habt ja schöne Freunde, Hurra!«

Eine Rübe flog ihm an den Kopf, dann eine Kartoffel, dann ein Ei, dann folgten noch andere praktische Beweise der Volkslaune.

Wie lange dieser Auftritt gedauert, oder wieviel Herr Pickwick noch gelitten haben würde, kann niemand sagen, wäre nicht plötzlich ein Wagen herbeigekommen, aus dem der alte Wardle und Sam Weller stiegen. Der alte Wardle bahnte sich in kürzerer Zeit, als man es, wenn auch nicht lesen, doch wenigstens schreiben kann, zu Herrn Pickwick eine Gasse und hob ihn in demselben Augenblicke in den Wagen, als Freund Weller im Boxkampf mit dem Amtsbüttel den dritten und letzten Gang gemacht hatte.

»Lauft zur Polizei«, schrie ein Dutzend Stimmen.

»Lauft nur brav«, sagte Herr Weller, sich auf den Bock schwingend. »Mein Kompliment – Master Wellers Kompliment – an den Amtmann, und sagt ihm, ich habe ihm seinen Büttel lahmgeschlagen. Wenn er einen neuen anstellen wolle, so werde ich morgen wieder kommen und ihn gleichfalls lahmschlagen! Fahr zu, alter Knabe!«

»Ich werde vor allem eine Klageschrift gegen diesen Kapitän Boldwig wegen grundloser Verhaftung einreichen und sie gleich morgen nach London senden«, sagte Herr Pickwick, sobald die Kutsche zum Flecken hinausfuhr.

»Wir haben uns, scheint es, eine Überschreitung der Grenze zuschulden kommen lassen«, sagte Wardle.

»Das geht mich gar nichts an«, erwiderte Herr Pickwick: »ich bringe die Klage an.«

»Das lassen Sie lieber bleiben«, sagte Wardle.

»Nein, gewiß nicht; bei –« doch da Herr Pickwick Wardles ironisches Lächeln wahrnahm, so hielt er inne, und fragte – »Warum denn nicht?«

»Weil«, antwortete der alte Wardle, vor Lachen beinahe platzend, »weil man den Stiel umdrehen und sagen könnte, wir hätten zu viel kalten Punsch getrunken.«

Herrn Pickwicks Gesicht lächelte, er mochte sich sträuben wie er wollte: das Lächeln wurde zum Lachen, das Lachen zum Wiehern, und das Wiehern wurde allgemein. Um ihre gute Laune zu erhalten, stiegen sie am ersten Wirtshause an der Straße ab und befahlen ein Glas Grog pro Kopf und eine Flasche Steifen für Herrn Samuel Weller.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Das zeigt, wie Dodson und Fogg Männer vom Geschäft und ihre Schreiber Männer von Welt sind; und wie ein rührendes Zusammentreffen zwischen Herrn Weller und seinem lange vermißten Vater stattfindet; ferner zeigt es, was für ausgezeichnete Geister in der Elster zusammenkommen und was für ein Kapitalkapitel das folgende Kapitel sein wird.

In einem schmutzigen Hause am äußersten Ende von Freemans Court Cornhill saßen in einem Vorderzimmer des Erdgeschosses die vier Schreiber der Herren Dodson und Fogg, zweier Anwälte seiner Majestät bei den Gerichtshöfen von Kings Bench und Common Pleas zu Westminsier und Prokuratoren beim Oberkanzleigericht. Vorbesagte Schreiber erfreuten sich im Laufe ihrer Kanzleistunden ungefähr ebenso vieler günstiger Licht- und Sonnenblicke, wie jemand zu erhalten hoffen darf, der in einem Brunnen von ordentlicher Tiefe steht, ohne jedoch den Vorteil zu haben, den dieser seinem abgeschlossenen Aufenthalt verdankt – den Vorteil nämlich, die Sterne bei Tage zu sehen.

Die Schreibstube der Herren Dodson und Fogg war ein dunkles, dumpfiges, muffiges Zimmer mit einem Nebengemach, das die Schreiber durch eine hohe spanische Wand von dem gemeinen Volke trennte. Außerdem waren da ein paar alte hölzerne Stühle, eine sehr laut tickende Uhr, ein Kalender, ein Regenschirmständer, eine Reihe hölzerner Hutnägel, einige Wandbretter, worauf verschiedene schmutzige Aktenfaszikel lagen, einige alte hölzerne Schubladen mit Aufschriften und allerlei baufällige, steinerne Tintenkrüge von verschiedener Gestalt und Größe. Eine Glastür führte in das Vorzimmer der Amtsstube: und auf der andern Seite der Glastür zeigte sich am nächsten Freitag morgen nach dem Ereignis, von dem wir im letzten Kapitel getreuen Bericht erstatteten, Herr Pickwick nebst Herrn Weller, der seinem Gebieter auf dem Fuße folgte.

»Na los, herein!« rief eine Stimme aus dem Verschlag auf Herrn Pickwicks bescheidenes Anklopfen.

Also eingeladen, traten Herr Pickwick und Sam ein.

»Ist Herr Dodson oder Herr Fogg zu Hause?« fragte Herr Pickwick artig und näherte sich mit dem Hut in der Hand dem Verschlage.

»Herr Dodson ist nicht zu Hause und Herr Fogg hat dringende Geschäfte«, knurrte die Stimme; und zugleich sah der Kopf des Redners mit einer Feder hinter dem Ohr über die spanische Wand nach Herrn Pickwick.

Es war ein unförmlicher Kopf, feuerfarbenes Haar, sorgfältig nach der einen Seite gescheitelt und mit Pomade glattgestrichen, umschattete in kleinen, halbkreisförmigen Locken ein glattes Gesicht mit kleinen Äuglein, das von einem sehr schmutzigen Hemdkragen und einer schwarzen, strickartigen Halsbinde eingefaßt war.

»Herr Dodson ist nicht zu Hause und Herr Fogg hat dringende Geschäfte«, sagte der Mann, dem der Kopf gehörte.

»Wann wird Herr Dodson zurückkommen, Sir?« fragte Herr Pickwick.

»Weiß nicht.«

»Wird Herr Fogg lange beschäftigt sein, mein Herr?«

»Keine Ahnung.«

Nun begann der Mann mit großer Überlegung seine Feder zu schneiden, während ein anderer Schreiber, der ein abführendes Brausepulver mischte, unter dem Schutzdache seines Lichtschirmes beifällig lachte.

»So will ich warten«, sagte Herr Pickwick.

Keine Antwort folgte, und so setzte sich Herr Pickwick unaufgefordert und horchte auf die laut tickende Uhr, wie auch auf die murmelnde Unterhaltung der Schreiber.

»Das war ein Spaß, nicht wahr?« sagte einer von den Herren in einem braunen Rock mit messingnen Knöpfen und tintenfarbenen Tuchhosen am Schlusse einer unglaublichen Erzählung seiner Abenteuer vom vorigen Abend.

»Verdammt nett – verdammt nett«, sagte der Brausepulvermann.

»Tom Eummins führte den Vorsitz«, fuhr der Mann mit dem braunen Rock fort. »Es war halb fünf Uhr, als ich nach Somers Town kam, und ich hatte mir so schön einen angesäuselt, daß ich das Schlüsselloch nicht finden konnte und die Alte aus den Federn pochen mußte. Möchte nur wissen, was der alte Fogg sagen würde, wenn er das erführe. Ich könnte, glaub‘ ich, hier Abschied feiern, nicht wahr?«

Sie lachten zusammen über die geistreiche Glosse.

»Mit Fogg war es diesen Morgen ein rechter Spaß«, sagte der Mann in dem braunen Rock, »während Jack im obern Stock die Papiere sortierte und ihr beide auf dem Stempelbureau waret. Fogg war hier und las die Briefe durch, als der Kerl von Camberwell – ihr wißt es ja, der, dem wir die Klageschrift gemacht hatten – hereinkam; wie hieß er doch?«

»Ramsey«, antwortete der Schreiber, der mit Herrn Pickwick gesprochen hatte.

»Ach ja, Ramsey – ein amüsanter Kunde mit jämmerlichem Gesicht. ›Nun, Sir‹, sagte der alte Fogg mit einem stolzen Blick – Ihr kennt seine Weise – ›nun, Sir, kommen Sie, um die Sache abzumachen?‹ – ›Ja, Sir‹, sagte Ramsey, seine Hand in die Tasche steckend und das Geld herausziehend; ›die Schuld macht zwei Pfund, zehn Schilling, und die Kosten drei Pfund fünf Schilling; da –‹; und er seufzte tief, als er das Geld hinlegte, das in Löschpapier gewickelt war. Der alte Fogg sah zuerst auf das Geld, dann auf ihn, und endlich räusperte er sich in seiner Manier, daß ich schon merkte, wo er hinaus wollte. ›Sie wissen wohl nicht, daß eine Deklaration eingegeben ist, wodurch die Kosten bedeutend vermehrt werden?‹ sagte Fogg. – ›Das kann unmöglich sein, Sir‹, sagte Ramsey zurückbebend: ›die Zeit war erst gestern Abend abgelaufen, Sir.‹ – ›Ich sage Ihnen, es ist so‹, erwiderte Fogg! ›meine Schreiber haben sie soeben eingegeben. Herr Wicks, ist nicht Herr Jackson fort, um die Deklaration in der Sache Bullman und Ramsey einzureichen?‹ Natürlicherweise sagte ich ja, und dann hustete Fogg wieder und sah auf Ramsey. ›Mein Gott‹, sagte Ramsey, ›ich habe mich beinahe zu Tode gemartert, um dieses Geld aufzutreiben und es zu rechter Zeit abzuliefern, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?‹ – ›Durchaus nicht‹, versetzte Fogg kaltblütig!; ›Sie brauchen nur zurückzukehren, etwas mehr aufzutreiben und es zu rechter Zeit zu bringen.‹ – ›Ich kann’s, bei Gott, nicht mehr zusammenbringen‹, sagte Ramsey, mit der Faust auf den Tisch schlagend. ›Beleidigen Sie mich nicht, Sir‹, sagte Fogg, absichtlich aufbrausend. ›Ich beleidige Sie nicht, Sir‹, sagte Ramsey. – ›Sie entfernen sich, Sir‹, versetzte Fogg; ›Sie entfernen sich aus dieser Schreibstube, Sir, und kommen erst wieder, Sir, wenn Sie sich zu betragen gelernt haben.‹ Ramsey wollte etwas erwidern, aber Fogg ließ ihn nicht zum Wort kommen. Er, d. h. Ramsey, steckte daher sein Geld wieder ein und schlich hinaus. Die Tür war kaum geschlossen, als der alte Fogg sich mit süßem Lächeln zu mir wandte und die Deklaration aus seiner Rocktasche zog. ›Hier Wicks, nehmen Sie eine Droschke, fahren Sie so schnell wie möglich in den Temple hinab und reichen Sie das ein. Die Kosten stehen ganz sicher, denn es ist ein zuverlässiger Mann mit einer großen Familie und einem wöchentlichen Einkommen von fünfundzwanzig Schillingen. Wenn er es zu einem Verhaftbefehl kommen läßt, wie er schließlich muß, so weiß ich, daß die Leute, in deren Dienst er steht, schon für die Bezahlung Sorge getragen werden. So zwicken wir ihm ab so viel wir können, Herr Wicks; es ist das eine christliche Handlungsweise, denn bei seiner großen Familie und seinem schmalen Einkommen kann ihm solche Lektion nur eine heilsame Warnung sein, sich nicht wieder in Schulden zu stürzen – nicht wahr, Herr Wicks, nicht wahr?‹ – und Fogg lächelte beim Hinausgehen so gutmütig, daß es eine Lust war, ihn anzusehen. »Er ist ein Muster von Geschäftemann«, sagte Wicks im Tone der höchsten Bewunderung, »ein Muster – nicht wahr?«

Die drei andern stimmten von Herzen bei, und waren ganz begeistert von der Mitteilung.

»Feine Leute das, Sir«, flüsterte Herr Weller seinem Herrn zu: »haben einen sehr hübschen Begriff von einem Spaß, Sir.«

Herr Pickwick nickte beifällig und hustete, um die Aufmerksamkeit der jungen Herrn hinter dem Verschlage auf sich zu lenken.

 

Diese ließen sich nun nach dem Genuss ihrer Unterhaltung herab, von den Fremden Notiz zu nehmen.

»Ich möchte wissen, ob Fogg jetzt seine Geschäfte beendet hat«, sagte Jackson.

»Will nachsehen«, erwiderte Wicks, gemächlich vom Stuhle aufstehend. »Wen soll ich Herrn Fogg melden?«

»Pickwick«, antwortete der berühmte Held dieser Memoiren.

Herr Jackson ging die Treppe hinauf, kehrte aber bald wieder mit der Meldung zurück, Herr Fogg würde in fünf Minuten für Herrn Pickwick zu sprechen sein, und setzte sich wieder hinter sein Pult.

»Wie, sagte er, daß er heiße«, flüsterte Wicks.

»Pickwick«, antwortete Jackson. »Er ist der Beklagte in der Sache Bardell und Pickwick.«

Nun ließ sich ein Scharren mit den Füßen, verbunden mit dem Tone eines unterdrückten Lachens hinter dem Verschlag hören.

»Sie beobachten Sie, Sir«, flüsterte Herr Weller.

»Sie beobachten mich, Sam?« versetzte Herr Pickwick. »Was willst du damit sagen?«

Herr Weller deutete mit dem Daumen über seine Schulter, und als Herr Pickwick aufsah, bemerkte er die erfreuliche Tatsache, dass alle vier Schreiber mit dem Ausdrucke größten Vergnügens ihre Köpfe über die spanische Wand reckten, um Gesicht und Gestalt des Mannes, der mit einem weiblichen Herzen gespielt und die Ruhe eines Frauenzimmers gestört haben sollte, genau zu betrachten. Als er aber aufblickte, verschwand die Kopfreihe rasch. Im nächsten Augenblick hörte man Schreibfedern heftig über die Papiere hinkratzen.

Plötzlich ertönte die Glocke, die in der Schreibstube hing, und rief Herrn Jackson in Foggs Zimmer. Jackson kam zurück und meldete, Herr Fogg sei bereit, Herrn Pickwick zu empfangen, wenn er sich die Treppe hinaufbemühen wolle.

Also ging Herr Pickwick die Treppe hinauf und ließ Sam Weller unten. An der Tür eines nur eine Treppe höher gelegenen Hinterzimmers standen in mächtigen Buchstaben die imponierenden Worte: »Herr Fogg.« Jackson pochte und führte auf das »Herein« Herrn Pickwick ins Zimmer.

»Ist Herr Dodson da?« fragte Herr Fogg.

»Soeben ist er gekommen, Sir«, erwiderte Jackson.

»Sagen Sie ihm, er möchte hierher kommen.«

»Ja, Sir«, antwortete Jackson und entfernte sich.

»Nehmen Sie Platz, Sir«, sagte Fogg. »Hier ist das Papier. Mein Kollege wird sogleich hier sein; wir können dann über die Sache reden.«

Pickwick nahm einen Stuhl und das Papier, aber anstatt das Blatt zu lesen, schielte er darüber weg und fasste den Geschäftsmann ins Auge. Es war ein ältlicher Herr mit einem sinnigen Gesicht, ein Vegetarier, in schwarzem Rock, dunkel melierten Beinkleidern und kurzen, schwarzen Gamaschen – eine Art von Wesen, das mit dem Pulte, an dem es schrieb, verwachsen und ungefähr ebensoviel, wie dieses, zu denken oder zu fühlen schien.

Nach einigen Minuten Schweigen erschien Herr Dodson, ein plumper, stämmig gebauter Mann, mit strengem Blick und lauter Stimme; die Unterhaltung begann sofort.

»Das ist Herr Pickwick«, sagte Fogg.

»Ah, Sie sind der Beklagte in der Sache Bardell und Pickwick?« fragte Dodson.

»Ja, Sir«, versetzte Pickwick.

»Nun, Sir«, fuhr Dodson fort, »was machen Sie für einen Vorschlag?«

»Ja«, wiederholte Fogg, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider steckend und sich in seinem Armstuhl zurücklehnend: »was machen Sie für einen Vorschlag, Herr Pickwick?«

»Pst, Fogg«, sagte Dodson, »lassen Sie mich hören, was Herr Pickwick zu sagen hat.«

»Ich komme, meine Herren«, erwiderte Herr Pickwick mit einem gelassenen Blick auf die beiden Kollegen: »ich komme, meine Herren, um die Überraschung auszudrücken, womit ich Ihr gestriges Schreiben las, und Sie zu fragen, was Sie für einen Grund haben, eine Klage gegen mich vorzubringen?«

»Grund, eine –«

So weit war Fogg gekommen, als er von Dodson unterbrochen wurde.

»Herr Fogg«, erklärte Dodsun, »ich will sprechen.«

»Verzeihung, Herr Dodson«, sagte Fogg.

»Was den Grund zur Klage betrifft, Sir«, fuhr Dvdson mit Würde und Salbung fort, »so können Sie Ihr eigenes Gewissen und Ihre eigenen Gefühle fragen. Wir lassen uns gänzlich durch die Angabe unseres Klienten leiten, mag dieselbe nun wahr oder falsch, glaubhaft oder unglaubhaft sein. Aber wie dem auch sei – ich sage Ihnen unumwunden, unsere Gründe sind stark und unumstößlich. Sie mögen ein unglücklicher Mann sein, oder aus Absicht gehandelt haben; aber wenn man mich als Geschworenen bei meinem Eide aufforderte, eine Meinung über Ihr Betragen abzugeben, so würde ich unumwunden sagen, daß darüber nur eine Ansicht statthaben könne.«

Hier richtete sich Dodson mit der Miene beleidigter Tugend auf und sah auf Fogg, der seine Hände tiefer in die Taschen steckte und mit klugem Kopfschütteln im Tone vollkommenster Beistimmung sagte:

»Ganz gewiß.«

»Wohlan, Sir«, bemerkte Herr Pickwick, auf dessen Gesicht sich die innere Pein ausdrückte: »Sie werden mir erlauben. Sie zu versichern, daß ich, was diesen Fall anbetrifft, ein sehr unglücklicher Mann bin.«

»Ich hoffe, Sie sind es, Sir«, erwiderte Dodson, »und ich will auch glauben, daß einem so etwas passieren kann. Wenn Sie aber wirklich an dem, was man Ihnen zur Last legt, unschuldig sind, so sind Sie unglücklicher, als ich je geglaubt hätte, daß irgend jemand möglicherweise sein könnte. Was sagen Sie dazu, Herr Fogg?«

»Ich sage ganz dasselbe, was Sie sagen«, versetzte Fogg mit ungläubigem Lächeln.

»Mein Herr, die Schrift, die die Klage einleitet«, fuhr Dodson fort, »ist regelrecht ausgestellt. Herr Fogg, wo ist das Einschreibebuch?«

»Hier«, antwortete Fogg, einen Quartband in Pergament herüberreichend.

»Hier ist eingetragen«, begann Dodson wieder, »›Middlesex. Klagschrift von Martha Bardell, Witwe, gegen Samuel Pickwick. Schadenersatz 1500 Pfund. Dodson und Fogg für die Klägerin, den 28. August 1830.‹ Alles regelrecht, Sir; vollkommen regelrecht.«

Und Dodson hustete und sah auf Fogg, der in sein ›vollkommen regelrecht‹ einstimmte, worauf beide Herrn Pickwick wieder mit ihren Blicken aufs Korn nahmen.

»Verstehe ich Sie recht«, bemerkte Herr Pickwick, »und ist es wirklich Ihre Absicht, diese Klage einzureichen?«

»Verstehen, Sir? – Sie verstehen uns ganz recht«, erwiderte Dodson mit so viel Lächeln, als es die Wichtigkeit seiner Person zuließ.

»Und die Entschädigung soll sich wirklich auf fünfzehnhundert Pfund belaufen?« fragte Herr Pickwick.

»Zu dem, daß Sie uns recht verstehen«, erwiderte Dodson, »kann ich noch die Versicherung hinzufügen, daß sie sich auf den dreifachen Betrag belaufen würde, wenn wir etwas über unsere Klientin vermocht hätten.«

»Ich glaube, Madame Bardell hat noch ausdrücklich bemerkt«, warf Fogg mit einem Blicke auf Dodson hin, »sie würde sich auf keinen Pfennig weniger einlassen.«

»Das ist keine Frage«, versetzte Dodson ernst: »denn die Klage war eben erst eingeleitet, und es wäre Herrn Pickwick nicht einmal gestattet worden, sich gleich anfangs zu vergleichen, selbst wenn er Lust dazu gehabt hätte.«

»Wenn Sie keine Vorschläge machen, Sir«, sagte Dodson, ein Stück Pergament in seiner rechten Hand auseinanderlegend und mit seiner linken Hand Herrn Pickwick ein Papier aufdrängend, das die Kopie enthielt, »so tue ich wohl besser, Ihnen eine Abschrift von diesem Blatte zu überreichen. Hier ist das Original.«

»Sehr gut, meine Herren«, sagte Herr Pickwick, voll Ingrimm aufstehend: »mein Rechtsanwalt wird Ihnen das weitere sagen.«

»Wir werden uns sehr glücklich schätzen, es zu hören«, versetzte Fogg, sich die Hände reibend.

»Sehr«, sagte Dodson, die Tür öffnend.

»Und ehe ich gehe, meine Herren«, bemerkte Herr Pickwick, sich oben an der Treppe noch einmal umwendend, »erlauben Sie mir zu sagen, daß von allem schändlichen und niederträchtigen Vorgehen –«

»Halten Sie, mein Herr, halten Sie«, unterbrach ihn Dodson mit großer Höflichkeit. »Herr Jackson – Herr Wicks –«

»Sir!« riefen die beiden Schreiber, am Fuße der Treppe erscheinend.

»Ich bedarf Ihrer gerade dazu, daß Sie hören, was dieser Herr sagt«, versetzte Dodson. »Bitte, fahren Sie fort, Sir – schändliches und niederträchtiges Vorgehen – haben Sie, glaube ich, gesagt?«

»Allerdings«, antwortete Herr Pickwick in höchstem Zorne. »Ich habe gesagt, Sir, daß von allem schändlichen und niederträchtigen Vorgehen, das je geschah, dies das niederträchtigste ist. Und ich wiederhole es, mein Herr.«

»Sie hörten das, Herr Wicks?« rief Dodson.

»Sie werden diese Ausdrücke nicht vergessen, Herr Jackson«, sagte Fogg.

»Vielleicht beliebt es Ihnen, uns Betrüger zu nennen, Sir?« fragte Dodson. »Bitte Sie, Sir, wenn Sie sich aufgelegt fühlen – tun Sie es, Sir.«

»Ich tue es auch«, sagte Herr Pickwick; »Sie sind Betrüger.«

»Sehr schön«, versetzte Dodson, »Sie können es doch unten hören, Herr Wicks?«

»O ja, Sir«, antwortete Wicks.

»Sie werden besser tun, eine oder zwei Stufen weiter heraufzukommen, wenn Sie es nicht verstehen«, fügte Herr Fogg hinzu.

»Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort. Es wäre noch besser, wenn Sie uns Diebe nennen würden, Sir; oder vielleicht beliebt es Ihnen, einen von uns tätlich anzugreifen? Tun Sie sich keinen Zwang an, Sir, wenn Sie Lust dazu haben; wir werden nicht den geringsten Widerstand leisten. Bitte, probieren Sie es nur!«

Da sich Fogg lockender Weise in den Bereich von Herrn Pickwicks geballter Faust stellte, so wäre zweifelsohne seine Bitte erfüllt worden, hätte sich nicht Sam, der Zeuge des Streites war, ins Mittel gelegt. Er rannte plötzlich aus der Schreibstube die Treppe hinauf und ergriff seinen Herrn beim Arm.

»Kommen Sie mit fort«, sagte Herr Weller. »Ballschlagen ist ein sehr hübsches Spiel, wenn nicht Sie der Ball und zwei Rechtsgelehrte die Ballschläger sind. In diesem Fall ist es zu erhitzend, um lustig zu sein. Kommen Sie mit mir, Sir. Wenn Sie sich dadurch Luft machen wollen, daß Sie jemand durchbläuen, so kommen Sie heraus in den Hof und bläuen Sie mich durch, aber hier ist die Sache etwas zu kostspielig.«

Und ohne die geringsten Umstände zog Herr Weller seinen Herrn die Treppe hinunter in den Hof. Nachdem er ihn sicher bis Cornhill gebracht hatte, trat er hinter ihn und schickte sich an, ihm zu folgen, wohin er ihn auch führen würde.

Herr Pickwick ging zerstreut vorwärts, bis er dem Rathaus gegenüberstand, und wandte dann seine Schritte Cheapside zu. Sam wurde neugierig, wohin es jetzt gehen sollte, als sich sein Herr umwandte:

»Sam, ich gehe jetzt gleich zu Herrn Perker.«

»Dahin hätten Sie gestern abend schon gehen sollen, Sir«, versetzte Herr Weller.

»Ich glaube das auch«, bemerkte Herr Pickwick.

»Und ich weiß es«, erwiderte Herr Weller.

»Nun, nun, Sam«, entgegnete Herr Pickwick, »’s ist auch jetzt noch nicht zu spät. Aber vorerst muß ich ein Glas Grog haben, denn ich bin etwas aus der Fassung gebracht worden. Wo ist das wohl zu bekommen, Sam?«

Herrn Wellers Lokalkenntnisse in London waren ausgebreitet und speziell. Er antwortete, ohne sich im geringsten zu besinnen –:

»Im zweiten Hofe rechter Hand – das vorletzte Haus auf derselben Seite der Straße –- Sie setzen sich an die Tafel neben dem Kamin; denn die andern haben alle ein Bein in der Mitte, und das ist sehr unbequem.«

Herr Pickwick hielt sich genau an seines Dieners Angaben und trat, von diesem gefolgt, in die bezeichnete Schenke, wo ihm der warme Grog alsbald vorgesetzt wurde, während sich Herr Weller in achtungsvoller Entfernung, obwohl am gleichen Tische, niederließ und mit einer Pinte Porter bedient wurde.

Das Zimmer war recht ordinär und stand augenscheinlich unter dem besonderen Schutze der Lohnkutscher: denn verschiedene Herren, die ganz den Anschein hatten, als gehörten sie dieser gelehrten Profession an, tranken und rauchten an den verschiedenen Wandtischen. Unter ihnen zog besonders ein stämmiger, ältlicher Mann mit rotem Gesicht Herrn Pickwicks Aufmerksamkeit auf sich. Er saß am gegenüberstehenden Wandtische und rauchte ganz gewaltig. Aber jedesmal nach einem halben Dutzend Paffs nahm er seine Pfeife aus dem Mund und sah zuerst auf Herrn Weller und dann auf Herrn Pickwick. Dann begrub er in einem Maßkruge so viel von seinem Gesicht, als die Dimensionen des Gefäßes zu fassen vermochten, und warf seine Blicke abermals auf Sam und Herrn Pickwick. Das wiederholte er jedesmal, wenn er seiner Pfeife zugesprochen hatte, aus der er mit der Miene tiefen Nachdenkens qualmende Wolken blies. Endlich legte er seine Beine auf die Bank, lehnte sich rückwärts an die Wand und begann ohne weitere Unterbrechung zu paffen und durch den Rauch die neuen Ankömmlinge zu betrachten, als ob er sich vorgenommen hätte, ihnen so viel als immer möglich abzusehen.

Anfangs waren die Bewegungen des stämmigen Mannes der Beobachtung Herrn Wellers entgangen. Als er aber sah, daß sich Herrn Pickwicks Augen immer von neuem nach ihm hinwandten, sah er ebenfalls dorthin und legte dabei die Hand über die Augen, als ob er den Gegenstand, den er betrachtete, halb erkennte und sich nur noch der Identität versichern wollte. Seine Zweifel wurden jedoch schnell behoben; denn nachdem der Stämmige eine dichte Rauchwolke vor sich hergeblasen hatte, kam eine rauhe Stimme, die irgendeiner seltsamen Anstrengung der Bauchrednerkunst abgezwungen zu sein schien, hinter dem großen Tuche hervor, das ihm Hals und Brust verhüllte; und langsam erklang es – »Wie, Sammy?«

»Wer ist das, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Nein, das hätte ich nicht geglaubt, Sir«, versetzte Herr Weller mit erstaunter Miene; »es ist der Alte.«

»Der Alte?« fragte Herr Pickwick; »was für ein Alter?«

»Mein Vater, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Wie geht’s, Alter?«

Nach dieser schönen Aufwallung kindlicher Zärtlichkeit machte Herr Weller neben sich Platz, und der Stämmige kam mit der Pfeife im Munde und dem Krug in der Hand herüber, seinen Sohn zu begrüßen.

»Na, Sammy«, sagte der Alte, »ich habe dich seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen.«

»Es ist noch länger, Alter«, erwiderte der Sohn. »Was macht die Stiefmutter?«

»Ei, ich will dir was sagen, Sammy«, antwortete Herr Weller senior mit feierlicher Miene; »es gab nie ein hübscheres Weib, so lange sie noch Witfrau war, denn ich bin doch schon ihr Zweiter – – ein mildes Ding war sie, Sammy, und nun kann ich von ihr sagen, weil sie eine so ungemein angenehme Witfrau war, so ist es sehr schade, daß sie ihren Stand verlassen hat. Sie hätte nicht mehr heiraten sollen; sie benimmt sich nicht wie ein Eheweib, Sammy.«

»Ach nein – ist das wahr?« fragte Herr Weller Junior.

Herr Weller senior schüttelte den Kopf und fügte mit einem Seufzer:

»Ich habe es einmal zu oft getan, Sammy; ich habe es einmal zu oft getan. Nimm dir ein Beispiel an deinem Vater, Junge, und hüte dich dein ganzes Leben lang vor Witfrauen, besonders wenn sie ein Wirtshaus gehabt haben, Sammy.«

Als er diesen väterlichen Rat mit großem Pathos erteilt hatte, stopfte er seine Pfeife aus einer zinnernen Tabaksdose, die er in der Tasche bei sich trug. Er zündete die frische Pfeife an der Asche der alten an und fuhr fort mit großem Eifer zu rauchen.

»Bitt‘ schön, Herr, Verzeihung, Herr«, sagte er, auf denselben Gegenstand zurückkommend, nach einer langen Pause zu Herrn Pickwick; »ich hoffe, ich war doch nicht persönlich, Sir? Ich hoffe, Sie haben doch keine Witwe geheiratet?«

»Nein«, versetzte Herr Pickwick lachend, und während er lachte, flüsterte Sam Weller seinem Vater zu, in welchem Verhältnisse er zu dem Herrn stehe.

»Bitt‘ schön, Herr, Verzeihung«, sagte Herr Weller senior, seinen Hut abnehmend; »ich hoffe, Sie haben doch an Sammy nichts auszusetzen, Sir.«

»Durchaus nichts«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sehr erfreut, dies zu hören, Herr«, sagte der alte Mann; »gab mir auch Mühe mit seiner Erziehung; ließ ihn auf der Gasse herumlaufen, als er noch ganz klein war: da hilf dir selbst. Es ist das einzige Mittel, einen Jungen gescheit zu machen, Herr.«

»Ein etwas gewagtes Verfahren, sollte ich meinen«, sagte Herr Pickwick lächelnd.

»Und kein ganz zuverlässiges«, fügte Weller junior bei. »Ich habe es dieser Tage erfahren.«

»Nicht doch«, sagte der Vater.

»Ich habe es erfahren«, erwiderte der Sohn, und begann so kurz wie möglich zu erzählen, wie ihn Hiob Trotter mit seiner Kriegslist an der Nase herumgeführt hatte.

Herr Weller senior lauschte mit größter Aufmerksamkeit, und am Schlusse sagte er –

»War nicht einer von diesen Kerlen schlank und hoch gewachsen – hatte langes Haar und schwatzte im Galopp?«

Herr Pickwick verstand das letzte nicht ganz, aber da er das erste begriff, sagte er auf gut Glück: »Ja.«

»Der andere ist ein schwarzhaariger Kerl in einer maulbeerfarbenen Livree, mit einem sehr großen Kopf?«

»Ja, ja, er ist’s«, fielen Herr Pickwick und Sam hastig ein.

»Dann weiß ich, wo sie sind, und wies mit ihnen steht«, sagte Herr Weller. »Sie sind beide zu Ipswich Ipswich, eine aufblühende Stadt im südöstlichen England. und zwar in guter Ruhe.«

»Was Sie sagen«, rief Herr Pickwick.

»Es ist Tatsache«, erwiderte Herr Weller, »und ich will Ihnen sagen, woher ich es weiß. Ich fahre dann und wann mit einer Ipswicher Kutsche für einen Freund. Ich fuhr gerade an dem Tage, wo Sie die Nacht vorher den Repfmatisimus holten. Im Mohrenknaben zu Chelmsford – sie waren da gerade angelangt – nahm ich sie auf und führte sie direkt nach Ipswich. Dort sagte mir der Diener – ich meine den Maulbeerfarbigen – sie würden sich hier geraume Zeit aufhalten.«

»Ich will ihm nach«, sagte Herr Pickwick. »Wir können Ipswich so gut besuchen, wie jeden andern Ort. Ja, ja, ich will ihm nach.«

»Seid Ihr auch ganz gewiß, daß sie es waren, Alter?« fragte Weller junior.

»Ganz gewiß, Sammy«, erwiderte sein Vater; »denn ihr Äußeres war sehr auffallend. Außerdem wunderte ich mich, wie ich sah, daß der Herr so vertraut mit seinem Diener war, und noch mehr – als sie vorn saßen, gerade hinter dem Bock. Da hörte ich sie lachen und sagen, wie sie mit dem alten Hitzkopf gespielt hätten.«

»Alten – was?« fragte Herr Pickwick.

»Alten Hitzkopf, Sir, womit ohne Zweifel Sie gemeint waren, Sir.«

Es liegt eigentlich nichts Gemeines oder Beschimpfendes in der Benennung »alter Hitzkopf«, aber es ist doch nicht gerade eine achtungsvolle oder schmeichelhafte Bezeichnung. Die Erinnerung an alle Widerwärtigkeiten, die ihm schon durch Jingle widerfahren waren, hatte sich in Herrn Pickwicks Geist gesammelt, sobald Herr Weller zu sprechen angefangen hatte. Es bedurfte nur noch eines Tropfens, um das Maß voll zu machen, und der »alte Hitzkopf« brachte das fertig.

»Ich will ihm nach«, rief Herr Pickwick mit einem heftigen Schlag auf den Tisch.

»Ich werde übermorgen vom Ochsen in Whitechapel aus nach Ipswich hinunterfahren«, sagte Herr Weller der Ältere, »und wenn Sie wirklich hinreisen wollen, so fahren Sie am besten mit mir.«

»Sehr wahr«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich kann nach Bury schreiben, daß ich in Ipswich zu treffen sei. Wir fahren mit Euch. Aber eilt nicht so sehr, Herr Weller. Wollt Ihr nicht noch eins trinken?«

»Sie sind sehr gütig, Sir«, antwortete Herr Weller stockend. – »Vielleicht ein Gläschen Branntwein auf Ihre Gesundheit und auf Sammys Glück würde nichts schaden.«

»Gewiß nicht«, versetzte Herr Pickwick. »Ein Glas Branntwein hierher.«

Der Branntwein wurde gebracht. Herrn Wellers Haarmähne flog dankbar nickend auf Herrn Pickwick und Sam zu, und das Getränk stürzte in seine geräumige Kehle hinab, als wäre es ein Fingerhütchen voll gewesen.

»Schon recht, Vater«, sagte Sam; »aber nehmt Euch in acht, alter Knabe, oder Ihr werdet wieder einen Besuch von Eurem alten Freunde, dem Podagra, bekommen.« –

»Ich habe ein Prachtmittel dagegen gefunden, Sammy«, erwiderte Herr Weller und setzte das Glas nieder.

»Ein Prachtmittel gegen das Podagra?« sagte Herr Pickwick und zog hastig sein Notizbuch hervor. »Und was wäre das?«

»Das Podagra, Sir«, versetzte Herr Weller; »das Podagra ist ein Übel, das von einem zu bequemen und behaglichen Leben herrührt. Wenn Sie jemals von dem Podagra befallen werden, Sir, so heiraten Sie eine Witfrau, die eine gute laute Stimme hat und sie auch zu gebrauchen weiß, und Sie werden es nie wieder bekommen. Das ist ein Prachtrezept, Herr. Ich nahm es regelmäßig, und ich bürge dafür; es vertreibt jede Krankheit, die von zu großem Wohlbehagen herrührt.«

Als Herr Weller dieses unschätzbare Geheimnis preisgegeben hatte, trank er sein Glas vollends aus, blinzelte wehmütig, seufzte tief und entfernte sich langsam.

»Nun, was denkst du von dem, was dein Vater sagt, Sam?« fragte Herr Pickwick lächelnd.

»Was ich denke, Sir?« erwiderte Herr Weller. »Nun, ich denke, er ist ein Opfer der Ehe, wie Blaubarts Hauskaplan mit einer Träne des Mitleids sagte, als er ihn begrub.«

Herr Pickwick antwortete nichts auf diesen sehr passend angebrachten Schluß, bezahlte die Rechnung und machte sich auf den Weg nach Grays Inn. Als er das entlegene Viertel erreicht hatte, war es bereits acht Uhr vorüber, und der ununterbrochene Strom von Herren in bespritzten Stiefeln, schmutzigen weißen Hüten und abgetragenen Kleidern, der zu den verschiedenen Ausgängen herauswogte, sagte ihm, daß die Mehrzahl der Schreibstuben für diesen Tag geschlossen sei. –

Nachdem er zwei steile und schmutzige Treppen erstiegen hatte, fand er seine Ahnung bestätigt. Herrn Perkers Außentür war verschlossen, und die Grabesstille, die auf Herrn Wellers wiederholtes Anklopfen sich einstellte, verkündete, daß die Schreiber Feierabend gemacht hätten.

»Das ist eine schöne Geschichte, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Ich hätte keine Stunde verlieren sollen, um ihn zu sprechen; denn ich weiß wohl, daß ich jetzt die ganze Nacht kein Auge schließen kann, weil ich nun nicht das ruhige Gefühl habe, die Angelegenheit einem Fachmann übergeben zu haben.«

»Hier kommt eine alte Frau die Treppe herauf, Sir«, bemerkte Herr Weller. »Vielleicht weiß sie, wo wir jemand finden können. Holla, alte Dame, wo sind Herrn Perkers Leute?«

»Herrn Perkers Leute?« sagte ein dürres, elend aussehendes, altes Weib, oben an der Treppe stehenbleibend, um Atem zu schöpfen: »Herrn Perkers Leute sind fort, und ich will eben die Schreibstube schließen.«

»Sind Sie Herrn Perkers Magd?« fragte Herr Pickwick.

»Ich bin Herrn Perkers Wäscherin«, antwortete das alte Weib.

»Komisch«, sagte Herr Pickwick halb seitwärts zu Sam; »es ist doch sonderbar, Sam, daß man die alten Weiber in diesem Viertel Wäscherinnen nennt. Möchte doch wissen, warum das geschieht?«

»Es kommt, glaube ich, daher, daß ihnen das Waschen in den Tod zuwider ist.«

»Sollte mich nicht wundern«, erwiderte Herr Pickwick mit einem Blick auf die Alte, deren Äußeres sowie der Zustand der Schreibstube, die sie jetzt geöffnet hatte, einen eingewurzelten Widerwillen gegen die Anwendung von Seife und Wasser verriet. »Wissen Sie, wo ich Herrn Perker finden kann?«

»Nein, ich weiß es nicht«, antwortete die Alte mürrisch; »er ist jetzt in der Stadt.«

»Das ist mißlich«, versetzte Herr Pickwick. »Können Sie mir nicht sagen, wo sein Schreiber ist?«

»O ja; aber er würde mir’s nicht sehr danken, wenn ich es Ihnen sagte«, erwiderte die Wäscherin.

»Ich habe ein ganz besonderes Geschäft mit ihm«, fuhr Herr Pickwick fort.

»Läßt sich das nicht morgen auch noch erledigen?« fragte das Weib.

»Nicht gut«, erwiderte Herr Pickwick.

»Nun ja, wenn es etwas ganz Besonderes ist«, sagte die Alte, »so will ich sagen, wo er ist; ich hoffe, ich werde keinen Ärger davon haben. Wenn Sie jetzt gerade in die Elster gehen und am Schenktisch nach Herrn Lowten fragen, so wird man Sie zu ihm führen, denn so heißt Herrn Perkers Schreiber.«

Nachdem Herr Pickwick noch ferner belehrt worden war, das fragliche Gasthaus stehe in einem Hofe und habe den doppelten Vorteil, daß es in der Nähe von Clare Market sei und an die Rückseite von New-Inn stoße, so kam er mit Sam die gefährliche Treppe glücklich wieder hinunter und suchte die Elster auf.

Diese beliebte Schenke, die Herr Lowten und Konsorten zum Schauplatz ihrer Zechgelage machten, war, was gewöhnliche Leute mit dem Namen »Kneipe« bezeichnet haben würden. Der Wirt war ein Mann, der sich aufs Geldmachen verstand. Das bezeugte ein kleiner Verschlag unter dem Schenkzimmerfenster, der an Gestalt und Größe einer Sänfte ähnlich sah und um billigen Preis an einen Schuhflicker vermietet war. Daß der Wirt aber zugleich ein menschenfreundliches Gemüt hatte, bezeugte seine Fürsorge für einen Pastetenbäcker, der seine Leckerbissen ungestört an der Türschwelle verkaufte. An den niederen Fenstern, die mit safranfarbenen Vorhängen geziert waren, steckten zwei bis drei gedruckte Karten und empfahlen Devonshire-Apfelwein und Danziger Sprossenbier. Eine große schwarze Tafel mit weißen Buchstaben aber zeigte einem verehrlichen Publikum an, daß 500 000 Fässer Doppelbier in den Kellern des Etablissements lägen, wobei sie den Geist in einer nicht unangenehmen Ungewißheit über die Richtung ließen, in der sich diese ungeheuren Gewölbe ausdehnen möchten. Fügen wir noch hinzu, daß ein wetterbeschädigtes Schild das halbverblichene Abbild einer Elster darstellte, die eine krumme Linie von brauner Farbe aufmerksam betrachtete – ein Gekleckse, das man den Nachbarn von Jugend auf als einen Baumstumpf bezeichnet hatte, so haben wir von dem Äußeren des Gebäudes alles gesagt, was nötig ist.

Als sich Herr Pickwick vor dem Schanktisch blicken ließ, trat eine ältliche Frau hinter einem darinstehenden Schirm hervor.

»Ist Herr Lowten hier, Madame?« fragte Herr Pickwick.

»Ja, Sir«, erwiderte die Wirtin. »Charley, führe den Herrn zu Herrn Lowten.«

»Der Herr kann jetzt nicht hinein«, erwiderte ein hinkender Laufjunge mit rotem Kopfe, »denn Herr Lowten singt eben ein lustiges Lied, und er würde ihn aus der Rolle bringen. Es wird indessen im Augenblick aus sein, Sir.«

Der rotköpfige Laufjunge hatte kaum zu sprechen aufgehört, als ein allgemeines Hämmern auf die Tische, und ein lebhaftes Klingeln der Gläser ankündete, daß der Gesang eben beendet worden war. Herr Pickwick überließ es seinem Diener, sich am Ausschank zu stärken, und wurde zu Herrn Lowten geführt.

Auf die Ankündigung, »es will Sie jemand sprechen, Sir«, richtete ein junger Mann mit aufgedunsenem Gesicht, der den Stuhl am oberen Ende der Tafel einnahm, seine Blicke erstaunt nach der Gegend, aus der die Stimme kam. Sein Erstaunen schien sich keineswegs zu vermindern, als seine Augen auf einer Person haften blieben, die er nie zuvor gesehen hatte.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir«, begann Herr Pickwick, »und auch für die andern Herren tut es mir leid, daß ich Sie störe, aber ich komme in einer sehr dringenden Angelegenheit, und wenn Sie mir in einer Ecke dieses Zimmers fünf Minuten lang Gehör schenken wollen, so werden Sie mich sehr zu Dank verpflichten.«

Der junge Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht stand auf, zog einen Stuhl in einen dunklen Winkel zu Herrn Pickwick und lauschte aufmerksam seiner Schmerzensgeschichte.

»Ja«, sagte er, als Herr Pickwick geendet hatte, »Dodson und Fogg – erfahrene Praktiker das – Kapitalgeschäftsleute, Dodson und Fogg, Sir.«

Herr Pickwick gab die praktischen Kenntnisse der Herren Dodson und Fogg zu, und Lowten fuhr fort:

»Perker ist nicht hier und wird auch vor Ende der nächsten Woche nicht zurückkommen. Aber wenn Sie eine Entgegnung wünschen und mir die Abschrift der Klage mitteilen wollen, so kann ich alle Schritte einleiten, die bis zu seiner Zurückkunft nötig sind.«

»Eben deshalb bin ich hier«, sagte Herr Pickwick, ihm die Schrift einhändigend. »Wenn etwas Besonderes vorfällt, können Sie mir durch die Post nach Ipswich schreiben.«

»Ganz recht«, antwortete Herrn Perkers Schreiber: und als er sah, daß Herrn Pickwicks Augen neugierig über die Tafel liefen, fügte er hinzu: »Wollen Sie uns auf ein halbes Stündchen ihre Gesellschaft gönnen? Wir haben heute abend ein Kapitalklübchcn beisammen. Hier ist Samkins und Greens Sekretär und Smithers und Prices Kanzlist und Pimkins und Thomas‘ Schreiber – singt vortrefflich, ja, das tut er – und da ist ferner noch Jack Bamber und so weiter. Sie kommen vermutlich vom Lande, wollen Sie nicht mitmachen?«

Pickwick konnte der lockenden Gelegenheit, die menschliche Natur zu studieren, nicht widerstehen. Er ließ sich an die Tafel führen und der Gesellschaft in gehöriger Form vorstellen. Als ihm ein Sitz neben dem Präsidenten eingeräumt war, bestellte er ein Glas von seinem Lieblingsgetränk.

Ganz gegen die Erwartung Herrn Pickwicks erfolgte tiefe Stille.

»Ich hoffe, der Glimmstengel wird Ihnen nicht unangenehm sein, Sir?« sagte sein Nachbar zur Rechten, in einem gestreiften Hemd mit Mosaikknöpfen, mit einer Zigarre im Munde.

»Nicht im geringsten«, erwiderte Herr Pickwick: »ich bin ein sehr großer Freund davon, obgleich ich selbst nicht rauche.«

»Das möchte ich von mir nicht behaupten«, fiel ein anderer Herr an der gegenüberstehenden Seite des Tisches ein. »Rauchen ersetzt mir Wohnung, Speise und Trank.«

Herr Pickwick sah den Sprecher an und dachte: »wenn es ihm auch die weiße Wäsche ersetzen würde, so wäre es noch besser.«

Eine neue Pause trat ein. Herr Pickwick war ein Fremder, und seine Gegenwart hatte offenbar etwas Drückendes für die Gesellschaft.

»Herr Grundy wird uns mit einem Liedchen erfreuen«, sagte der Präsident.

»Nein, er wird es nicht«, sagte Herr Grundy.

»Warum nicht?« fragte der Präsident.

»Weil ich nicht kann«, versetzte Herr Grundy.

»Sie würden besser sagen, ›weil ich nicht mag‹«, erwiderte der Präsident.

»Nun denn, ich mag nicht«, sagte Herr Grundy.

Und Herrn Grundys bestimmte Weigerung, die Gesellschaft zu unterhalten, veranlaßte abermaliges Schweigen.

»Will niemand die Unterhaltung beleben?« fragte der Präsident mit dem Tone der Mutlosigkeit.

»Warum beleben Sie sie nicht selbst, Herr Präsident?« sagte ein junger Mann mit einem Backenbart, einem schielenden Auge und einem schmutzigen, offenen Hemdkragen, am untern Endes des Tisches.

»Hört, hört!« rief der rauchende Herr mit den Mosaikknöpfen.

»Weil ich nur ein einziges Lied kann und es bereits gesungen habe«, versetzte der Präsident: »es kostet ja ein Strafglas für jeden in der Gesellschaft, wenn man an einem Abend dasselbe Lied zweimal singt.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, und das Gespräch stockte abermals.

»Ich war heute abend«, sagte Herr Pickwick, »der Hoffnung, etwas zur Sprache zu bringen, wobei die ganze Gesellschaft an der Unterhaltung teilnehmen könnte – ich war heute abend an einem Orte, den Sie alle ohne Zweifel sehr gut kennen, den aber ich seit vielen Jahren nicht mehr besucht hatte, und von dem ich überhaupt sehr wenig weiß; ich meine Grays Wirtschaft, meine Herren. Merkwürdige kleine Winkel an einem großen Ort, wie London, diese alten Gastwirtschaften.«

»Wahrhaftig«, flüsterte der Präsident Herrn Pickwick über den Tisch zu, »Sie haben hier etwas angeschnitten, das wenigstens einen von uns für immer in Anspruch nehmen würde. Der alte Jack Bamber wird bald herausrücken; man hat ihn noch nie über etwas anderes sprechen hören, als über die Gastwirtschaften, in denen er einsam sein Leben verbrachte, bis er beinahe wahnsinnig wurde.«

Der Mensch, auf den Lowten anspielte, war ein kleiner gelber hochschultriger Mann, dessen Gesicht Herrn Pickwick bis jetzt noch nicht ins Auge gefallen war, weil er die Gewohnheit hatte, vor sich niederzusehen, wenn er schwieg. Als aber der Alte seine gefurchte Stirn erhob, und sein helles, graues Auge mit einem forschenden, durchdringenden Blick auf ihn richtete, mußte er sich doch wundern, daß so ausdrucksvolle Züge seiner Aufmerksamkeit auch nur für einen Augenblick entgangen waren. Auf seinen Zügen lag beständig ein unveränderliches bitteres Lächeln. Sein Kinn ruhte in einer langen fleischlosen Hand, mit Nägeln von außerordentlicher Länge. Als er seinen Kopf auf die Seite neigte und unter seinen borstigen, grauen Augenbrauen hervorschaute, lag in seinem durchdringenden Blick ein seltsamer Ausdruck grollender Schlauheit, vor dem man das Auge unwillkürlich niederschlug. Das war der Mann, der jetzt sein Gesicht der Gesellschaft zukehrte und seine Gedanken in einen lebendigen Strom von Worten ergoß. Da jedoch dieses Kapitel lang und der Alte eine merkwürdige Person war, so erfordert es die Achtung vor ihm und die Konsequenz vor uns, ihn in einem neuen sprechen zu lassen.

 

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Zweiundzwanzigstes Kapitel

In dem der Alte sich über sein Lieblingsthema verbreitet und eine Geschichte von einem wunderlichen Klienten erzählt.

»Aha!« sagte der bejahrte Mann, von dessen Äußerem der Schluß des letzten Kapitels eine kurze Schilderung gegeben. »Aha, wer sprach von den Gastwirtschaften?«

»Ich, mein Herr«, versetzte Herr Pickwick. »Ich bemerkte, was für sonderbare alte Plätze das seien.«

» Sie?« sagte der Alte verächtlich. »Was wissen Sie von der Zeit, wo sich junge Leute in diesen einsamen Räumen einschlossen und lasen; nichts als lasen, Stunde für Stunde und Nacht für Nacht, bis ihr Verstand unter dem Druck ihrer mitternächtlichen Studien erstickte; bis ihre Geisteskräfte erschöpft waren, bis ihnen das Morgenlicht keine Erquickung, keine Gesundheit mehr brachte, und sie unter der unnatürlichen Anstrengung, ihre Jugendkräfte den trockenen alten Büchern zu widmen, unterlagen? Kommen wir auf spätere Zeiten, auf ganz andere Tage: was wissen Sie von dem allmählichen Dahinschwinden unter der verzehrenden Glut des Fiebers – von den großen Folgen des schnellen Lebens und der Ausschweifung, denen so viele in diesen Räumen zum Opfer gefallen sind? Wie viele Unglückliche, die vergebens um Gnade gefleht, glauben Sie, sind mit gebrochenem Herzen aus der Schreibstube des Gerichtsanwalts hinausgewankt, um eine Ruhestätte in der Themse oder eine Zuflucht im Gefängnisse zu finden? Das sind keine gewöhnlichen Häuser! Da ist nicht ein Brett im alten Getäfel, das, wenn es die Gabe der Sprache und des Gedächtnisses hätte, nicht aus der Wand hervorspringen und seine Schreckensgeschichte, den Roman eines Lebens, Sir – den Roman eines Lebens erzählen könnte. So alltäglich sie auch jetzt aussehen mögen, so sage ich Ihnen, es sind seltsame alte Plätze, und ich möchte lieber irgendein Märchen mit einem furchtbar klingenden Namen hören, als die wahre Geschichte einer alten Zimmerreihe dieser Gebäude.«

Es lag etwas so Sonderbares in der plötzlichen Erregung des Alten und in dem Gegenstande, der sie hervorgerufen hatte, daß Herr Pickwick einfach stumm war. Der Alte milderte seine Heftigkeit, nahm den Seitenblick wieder an, der während dieser Aufregung verschwunden, und fuhr fort –

»Betrachten wir sie in einem andern Lichte – dem alltäglichsten und am wenigsten romantischen. Was sind das doch für schöne Plätze langsamer Marter! Denken Sie sich den dürftigen Mann, der sein Alles zugesetzt, sich an den Bettelstab gebracht und seine Freunde ausgepreßt hat – wie er das Gewerbe antritt, das ihm nicht einen Bissen Brot verschaffen kann. Die Erwartung – die Hoffnung – die Verzweiflung – die Furcht – das Elend – die Armut – die Vernichtung seiner Hoffnungen, und das Ende seiner Laufbahn: – vielleicht der Selbstmord, oder noch schlimmer: der schuftige, zerlumpte Trunkenbold. Habe ich nicht recht?«

Der alte Mann rieb sich die Hände und warf einen vergnügten Blick seitwärts, als ob es ihn freute, einen andern Gesichtspunkt gefunden zu haben, aus dem er seinen Lieblingsgegenstand betrachten konnte.

Herr Pickwick sah den Alten mit großer Neugierde an. Die übrigen Mitglieder der Gesellschaft lächelten und sahen still vor sich hin.

»Sprecht mir von Euren deutschen Universitäten«, sagte das kleine Männchen – »Pah, pah! wir haben hier zu Lande Romantik genug, ohne eine halbe Meile weit danach zu gehen; die Leute denken nur nicht daran.«

»Ich wenigstens dachte noch nie an die Romantik dieses Ortes«, sagte Herr Pickwick lachend.

»Das glaube ich gern«, erwiderte der kleine Alte. »So pflegte einer meiner Freunde zu fragen, ›was ist denn besonderes an diesem Zimmer?‹ – ›Seltsam alte Gemächer‹, antwortete ich. – ›Das ist’s noch nicht‹, sagte er. – ›Sie sind einsam‹, bemerkte ich. – ›Auch das ist’s nicht‹, erwiderte er. – Eines Morgens wurde er vom Schlage gerührt, als er eben seine Tür öffnen wollte. Er hakte sich dabei mit dem Kopf in seinen eigenen Briefkasten fest, und dort hing er anderthalb Jahre lang. Jedermann glaubte, er wäre aus der Stadt gezogen.«

»Und wie fand man ihn endlich?« fragte Herr Pickwick.

»Das Gericht beschloß, die Tür aufbrechen zu lassen, da er seit zwei Jahren keinen Hauszins bezahlt hatte. Es geschah; das Schloß wurde erbrochen, und dem Pförtner, der die Tür öffnete, fiel ein sehr staubiges Gerippe in einem blauen Rock, kurzen, schwarzen Beinkleidern und seidenen Strümpfen nach vorn in die Arme. Seltsam das, recht seltsam, nicht wahr?«

Der kleine Alte neigte seinen Kopf noch mehr auf die Seite und rieb sich die Hände mit unaussprechlichem Behagen.

»Ich weiß noch einen andern Fall«, sagte der kleine Alte, als er sich von seinem Kichern einigermaßen erholt hatte, »der sich in Cliffords Wirtschaft zutrug. Der Bewohner einer Mansarde – ein schlimmer Kamerad – schloß sich in den Verschlag seiner Schlafkammer ein und nahm eine Dosis Arsenik. Der Hausmeister dachte, er habe sich aus dem Staube gemacht, öffnete und nahm ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf. Ein anderer kam, mietete die Zimmer, möblierte sie und zog ein. Sonderbar; er konnte nicht schlafen – es war ihm überall unwohl und unbehaglich. >Seltsam<, sagte er; >ich will das andere Zimmer zu meinem Schlafzimmer und dieses zu meiner Wohnstube machen.< Er traf die Veränderung und schlief in der Nacht sehr gut, aber in kurzem fand er, daß er des Abends nicht lesen konnte; er wurde ängstlich und unwohl, putzte unaufhörlich sein Licht und starrte im Zimmer umher. – >Ich weiß nicht, was das ist<, sagte er, als er eines Abends vom Schauspiel nach Hause kam und, den Rücken gegen die Wand gekehrt, um sich nicht einbilden zu können, daß jemand hinter ihm stehe, ein Glas kalten Grog trank, >ich weiß nicht, was das ist<, sagte er, und in demselben Augenblick blieb sein Auge auf dem Verschlag haften, der bisher immer verschlossen gewesen war, wobei ihn ein Schauder vom Kopf bis zu den Füßen durchrieselte. Ich habe dieses seltsame Gefühl schon früher gehabt< – sagte er – >ich kann nicht anders denken, als mit diesem Verschlag muß es nicht richtig sein.< Er ermannte sich, nahm seinen Mut zusammen, zerschmetterte das Schloß mit dem Schüreisen, öffnete die Tür, und sehe, da stand in der Ecke der letzte Mieter ganz aufrecht mit einem Fläschchen, das er fest in der Hand hielt, das Angesicht mit dem Gepräge eines schmerzhaften Todes gestempelt.«

Als der kleine Alte schwieg, sah er rings auf die aufmerksamen Gesichter seiner erstaunten Zuhörer mit dem Lächeln unheimlicher Freude.

»Was für seltsame Dinge erzählen Sie uns da?« sagte Herr Pickwick, des alten Manes Gesicht mit seiner Brille genau prüfend.

»Seltsam?« wiederholte der kleine Alte – »Unsinn! Sie halten sie für seltsam, weil Sie nichts davon wissen. Sie sind kurzweilig, aber nicht außergewöhnlich.«

»Kurzweilig?« rief Herr Pickwick unwillkürlich.

»Ja, kurzweilig; oder sind sie’s etwa nicht?« versetzte der kleine Alte, mit einem satanischen Seitenblick; und ohne eine Antwort zu erwarten, fuhr er fort:

»Ich weiß noch einen andern Mann – wartet mal, ja, es mögen jetzt vierzig Jahre sein, – der eine alte, dumpfe, modrige Reihe von Zimmern in einem der ältesten Wirtshäuser mietete, die seit Jahren verschlossen waren und leerstanden. Man erzählte sich eine Menge Altweibermärchen über die Wohnung, und auf jeden Fall gehörte sie keineswegs zu den heitersten.

Aber er war arm, und die Zimmer kosteten keine große Miete – ein hinreichender Grund für ihn, wenn sie auch noch zehnmal schlimmer gewesen wären, als es wirklich der Fall war. Er mußte einige niet- und nagelfeste, wurmstichige Hausgeräte mit annehmen – einen großen wurmstichigen Papierschrank mit großen Glastüren und einem grünen Vorhang dahinter. Es war ein ziemlich unnützes Ding für ihn, denn er hatte keine Papiere hineinzutun, und was seine Garderobe anbelangte, so trug er sie so ziemlich vollständig bei sich, ohne sich sonderlich dadurch beschwert zu fühlen. Er hatte jedoch seine ganze Habe herbeischaffen lassen – es war nicht ganz ein Karren voll – und es im Zimmer auf eine Art verteilt, daß seine vier Stühle womöglich ein Dutzend vorstellen sollten.

Abends saß er vor dem Fenster und trank das erste Glas von zwei Maß Whisky, die er einstweilen auf Pump genommen hatte, wobei er Betrachtungen anstellte, ob er sie jemals bezahlen könnte, und wenn dieser Fall einträte, nach wieviel Jahren dies wohl möglich wäre; als seine Augen auf die Glastüren des Papierschranks fielen.

›Ach‹, seufzte er, ›wenn ich nicht genötigt gewesen wäre, dieses häßliche Ding da nach der Schätzung des alten Maklers mit in den Kauf zu nehmen, so hätte ich mir für das Geld was Ordentliches anschaffen können. Ich will dir was sagen, alter Kamerad‹, sprach er laut zu dem Schrank, bloß weil er sonst niemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, ›wenn es nicht mehr kosten würde, dein altes Gerippe zu zerschlagen, als es je wert gewesen ist, so hätte ich in einem Nu Feuer aus dir gemacht.‹

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als aus dem Innern des Kastens ein Laut hervorkam, der einem schwachen Ächzen glich. Es erschreckte ihn anfangs. Aber nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, bildete er sich ein, es müßte von irgendeinem jungen Manne im anstoßenden Zimmer herrühren, der vielleicht beim Mittagessen seinen Magen überladen hatte, weshalb er seinen Fuß auf die Feuerplatte setzte und das Schüreisen zur Hand nahm, um das Feuer anzuschüren. In diesem Augenblick wurde der Laut wiederholt. Eine der Glastüren öffnete sich ganz langsam, und eine blasse, abgemagerte Gestalt in einem schmutzigen, abgetragenen Anzuge ward sichtbar, die aufrecht im Schranke stand.

Die Gestalt war groß und hager, und das Gesicht drückte Gram und Angst aus; aber es lag etwas in ihrer Farbe und in dem fleischlosen geisterhaften Aussehen der ganzen Erscheinung, was keinem Bewohner dieser Welt angehören konnte. ›Wer sind Sie?‹ fragte der neue Mietsmann erbleichend, das Schüreisen mit der Hand aufhebend und auf das Gesicht der Gestalt zielend – ›wer sind Sie?‹

›Wirf dieses Eisen nicht nach mir‹, erwiderte die Gestalt – wenn du auch noch so richtig zieltest, so würde es doch ohne Widerstand durch mich hindurch in die Wand hinter mir fahren. Ich bin ein Geist.‹

›Was wollen Sie denn hier?‹ stammelte der Mieter. – ›In diesem Zimmer‹, antwortete die Erscheinung, ›wurde mein irdisches Glück vernichtet und ich und meine Kinder zu Bettlern gemacht. In diesem Schranke wurden die Papiere, die mit den Jahren immer mehr anwuchsen, zu hohen Stößen aufeinandergetürmt. In diesem Zimmer teilten, als ich vor Gram über fehlgeschlagene Hoffnungen gestorben war, zwei listige Hyänen das Vermögen unter sich, um das ich während eines ganzen elenden Lebens gestritten hatte, und von dem zuletzt nicht ein Pfennig für meine unglücklichen Nachkommen übrigblieb. Ich schreckte sie von diesem Platze weg und besuchte nun seit jenem Tage jede Nacht – denn dies ist die einzige Zeit, in der es mir gestattet ist, auf die Erde zurückzukehren – den Schauplatz meines langen Elends. Dieses Zimmer gehört mir: überlaß es mir.‹

›Wenn Sie sich’s durchaus in den Kopf gesetzt haben, hier zu spuken‹, erwiderte der Mieter, der während dieser prosaischen Erzählung des Geistes Zeit gehabt hatte, sich zu sammeln – ›will ich mit dem größten Vergnügen Ihren Wünschen entsprechen. Wollen Sie aber wohl so gefällig sein, mir eine Frage zu erlauben?‹

›Sprich‹, sagte die Erscheinung ernst.

›Nun denn!‹ begann der Mieter! ›ich beziehe meine Bemerkung nicht persönlich auf Sie, weil sie auf alle Geister, von denen ich je gehört habe, gleich anwendbar ist. Aber es will mich etwas sonderbar bedünken, daß ihr, da ihr doch Gelegenheit habt, die schönsten Plätze auf der Erde zu besuchen – denn vermutlich seid ihr doch nicht auf irgendeinen bestimmten Raum beschränkt – daß ihr, sage ich, immer gerade zu denjenigen Plätzen zurückkehrt, wo ihr am unglücklichsten gewesen seid?‹ – ›Wahrhaftig, du hast ganz recht: daran habe ich nicht gedacht‹, versetzte der Geist. – ›Sie sehen‹, fuhr der Mieter fort, ›dies ist ein sehr unwohnliches Zimmer. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, möchte ich fast behaupten, dieser Schrank ist nicht ganz frei von Wanzen. Ich meine wirklich, Sie könnten weit wohnlichere Aufenthaltsorte finden. Vom Londoner Klima nichts zu sagen, denn dieses ist vornweg nicht das angenehmste.‹

›Sie haben ganz recht, Sir‹, sagte der Geist höflich: ›das ist mir bis jetzt noch nicht eingefallen: doch will ich nun sogleich eine Luftveränderung vornehmen‹ – und wirklich begann seine Gestalt, während er noch sprach, zu verschwinden, und bald waren seine Beine unsichtbar geworden.

›Und wenn Sie‹, rief ihm der Mieter nach, ›wenn Sie die Güte haben wollen, auch die übrigen Damen und Herren, die in alten leeren Häusern spuken, darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich anderswo weit besser befinden dürften, so würden Sie der menschlichen Gesellschaft eine sehr große Wohltat erzeigen.‹

›Das will ich tun‹, erwiderte der Geist: ›wir müssen in der Tat sehr dumme Wichte sein. Ich begreife gar nicht, wie wir so töricht sein konnten.‹

Mit diesen Worten verschwand der Geist: und was noch merkwürdiger ist«, fügte der Alte mit einem schlauen Blick auf die Gesellschaft hinzu, »er kam nicht wieder.«

»Das ist nicht so übel, wenn es wahr ist«, bemerkte der Mann mit den Mosaikknöpfen, eine frische Zigarre anzündend.

» Wenn?« rief der Alte mit einem Blick der tiefsten Verachtung. »Ich glaube«, setzte er, sich zu Lowten wendend, hinzu, »er würde beinahe behaupten, meine Geschichte von dem seltsamen Klienten, den wir hatten, als ich in der Schreibstube eines Gerichtsanwalts war, sei auch nicht wahr – es sollte mich nicht wundernehmen.«

»Ich wage nicht, überhaupt etwas darüber zu sagen, denn ich habe die Geschichte noch nie gehört«, bemerkte der Besitzer der Mosaikverzierungen.

»Ich wünschte. Sie erzählten sie, Sir«, sagte Herr Pickwick.

»O ja, tun Sie es«, bat Lowten; »es hat sie noch niemand gehört als ich, und ich habe sie beinahe rein vergessen.«

Der Alte sah sich rings an der Tafel um, und sein Blick hatte etwas Furchtbareres als je. Es war, als ob er über die Spannung triumphierte, die auf allen Gesichtern lag. Dann begann er, mit der Hand sein Kinn streichend und zur Decke emporsehend, als ob er die Begebenheiten in sein Gedächtnis zurückzurufen suchte, wie folgt:

Des alten Mannes Erzählung von dem seltsamen Klienten.

»Es liegt wenig daran«, sagte der Alte, »wo oder auf welche Weise ich diese kurze Geschichte aufgefangen habe. Wenn ich sie übrigens in der Ordnung erzählen wollte, in der sie zu meiner Kenntnis kam, so müßte ich in der Mitte beginnen, und nachdem ich an den Schluß gekommen wäre, zum Anfang zurückkehren. Es genügt, wenn ich bemerke, daß sich einige von den darin vorkommenden Vorfällen unter meinen eigenen Augen zugetragen haben. Was die übrigen betrifft, so weiß ich, daß sie sich wirklich zutrugen, und es sind noch mehrere Personen am Leben, die sich derselben nur zu wohl erinnern werden.

In dem Borough High-Street bei der Sankt-Georges-Kirche und auch auf derselben Seite steht, wie die meisten Leute wissen, das kleinste unserer Schuldgefängnisse Marshalsea. Ob es gleich in späteren Zeiten bei weitem nicht mehr der schmutzige, unflätige Winkel war, der es früher gewesen, so hat es doch auch in diesem verbesserten Zustande wenig Verführerisches für den Lüstling und wenig Tröstliches für den Leichtsinn. Der zum Tode verurteilte Verbrecher in Newgate hat einen ebenso geräumigen Hofraum, um sich Bewegung zu machen und frische Luft zu schöpfen, als der zahlungsunfähige Schuldner im Marshalsea-Gefängnis.

Es kann Einbildung von mir sein, oder vielleicht vermag ich den Platz nicht von den alten Erinnerungen zu trennen, die sich daran knüpfen, aber dieser Teil von London ist mir in der Seele zuwider. Die Straße ist breit, die Läden sind geräumig, das Geräusch der vorüberrasselnden Fuhrwerke, die Fußtritte eines ununterbrochenen Menschenstromes – das ganze, laute, geschäftige Treiben des Verkehrs ertönt in ihr von Morgen bis Mitternacht. Aber die Nebenstraßen sind schlecht und eng: Armut und Ausschweifung liegen eiternd in den vollgepfropften Gäßchen; Mangel und Elend sind in dem engen Gefängnisse zusammengesperrt: eine finstere düstere Luft scheint, wenigstens in meinen Augen, auf dem Ganzen zu lasten, und ihm ein trübes, schmutziges Aussehen zu geben.

Manche Augen, die seitdem schon lange im Grabe geschlossen sind, haben diesen Schauplatz ziemlich unbesorgt betrachtet, wenn sie zum ersten Male das Tor des alten Marshalsea-Gefängnisses überschritten: denn die Verzweiflung kommt selten mit dem ersten schweren Schlage des Schicksals. Der Mensch hat Vertrauen auf unerprobte Freunde, er erinnert sich der vielen Anerbietungen, die ihm von seinen lustigen Kameraden so freigebig gemacht worden, als er ihrer nicht bedurfte; er hat Hoffnung – die Hoffnung der glücklichen Unerfahrenheit. Wenn er auch vom ersten Schlage niedergebeugt wird, so keimt die Hoffnung in seinem Busen und blüht für kurze Zeit, bis sie unter dem zerstörenden Einfluß der Enttäuschung und Verlassenheit dahinschwindet. Wie bald blickten dieselben Augen tief eingesunken und glanzlos aus dem Gesicht hervor, das vom Hunger abgezehrt und von der Einsperrung bleich geworden war, in Tagen, wo es nicht bloß Redensart war, wenn man sagte, die Schuldner vermodern im Gefängnis ohne Hoffnung auf Erlösung und ohne Aussicht auf Freiheit! Diese Abscheulichkeit besteht in ihrer vollen Ausdehnung nicht mehr! aber es ist noch genug von ihr vorhanden, um Dinge zu ermöglichen, die das Herz zerreißen.

Es sind jetzt zwanzig Jahre, daß eine Mutter mit ihrem Kind, so gewiß wie der Morgen kam, Tag für Tag an dem Gefängnistor sich zeigte. Oft kamen sie nach einer schlaflosen Nacht voll Elend und Qual eine ganze Stunde zu früh. Dann ging die junge Mutter traurig wieder weg, führte das Kind nach der alten Brücke und nahm es auf den Arm, um ihm das im Licht der Morgensonne erglühende Wasser zu zeigen, und ihm durch den Anblick der lärmenden Vorbereitungen zum Geschäft und Vergnügen, den der Fluß in dieser frühen Tagesstunde darbietet, Unterhaltung und Spaß zu machen. Aber bald setzte sie es nieder, verbarg das Gesicht in ihrem Halstuch und ließ den hervorbrechenden Tränen freien Lauf. Kein Ausdruck von Teilnahme oder Lust leuchtete aus diesem abgemagerten Krankengesicht. Erinnerungen hatte das Kind nicht viel, aber sie waren sämtlich von derselben Art: alle knüpften sich an die Armut und das Elend seiner Eltern. Stundenweise saß es auf den Knien seiner Mutter und beobachtete mit kindischem Mitgefühl die Tränen, die sich über ihre Wangen stahlen. Dann schlich es sich still in einen dunklen Winkel und schluchzte sich in den Schlaf. Die rauhe Wirklichkeit des Lebens, mit so vielen seiner traurigsten Entbehrungen – Hunger, Durst, Kälte und Mangel – hatte es seit dem ersten Aufdämmern seiner Vernunft in seiner ganzen Ausdehnung erfahren; und ob es gleich die Gestalt eines Kindes hatte, so fehlten ihm doch der leichte Sinn, das freundliche Lachen und die funkelnden Augen.

Der Vater und die Mutter sahen das Kind und dann einander mit Gedanken des furchtbarsten Seelenschmerzes an, denen sie keine Worte zu geben wagten. Der gesunde, starke Mann, der sonst beinahe jede Anstrengung hätte ertragen können, schwand unter dem lastenden Druck der Einsperrung und der ungesunden Luft eines vollgepfropften Gefängnisses sichtlich dahin. Die zarte Frau wankte unter den vereinten Wirkungen körperlicher und geistiger Leiden dem Grabe entgegen; an des Kindes Herzen nagte der Tod.

Der Winter kam und mit ihm die kalte regnerische Witterung, die so viele Wochen lang anhält. Das unglückliche Weib hatte sich in ein armseliges Zimmer in der Nähe des Ortes, wo ihr Gatte gefangensaß, zurückgezogen. Obgleich die Veränderung durch ihre zunehmende Armut notwendig gemacht worden war, so fühlte sie sich doch jetzt glücklicher, denn sie war ihm näher. Zwei Monate lang wartete sie und ihr Kind regelmäßig alle Morgen auf das Öffnen des Tors. Eines Tages erschien sie zum ersten Male nicht. Am andern Morgen kam sie, aber sie war allein, das Kind war tot.

Die, welche mit kaltem Herzen von den Verlusten des Armen als einer glücklichen Erlösung für die Hingeschiedenen und einer segensreichen Erleichterung für die Hinterbliebenen reden, wissen wenig von dem Schmerz solcher Verluste. Ein stiller Blick der Liebe und Achtung, wenn sich alle andern Augen kalt von uns abwenden – das Bewußtsein, daß wir uns der Teilnahme und Liebe eines Wesens erfreuen, wenn alle andern uns verlassen haben – ist ein Halt, eine Stütze, ein Trost in der tiefsten Betrübnis, die kein Reichtum erkaufen, keine Gewalt gewähren kann. Das Kind hatte stundenlang zu seiner Eltern Füßen gesessen, die kleinen Händchen geduldig gefaltet und das abgezehrte, bleiche Gesicht auf sie gerichtet. Sie hatten es von Tag zu Tag dahinwelken sehen, und obgleich sein kurzes Dasein ein freudloses gewesen und es jetzt den Frieden und die Ruhe gefunden hatte, die ihm, so jung es noch war, in dieser Welt versagt waren, so waren es doch seine Eltern, und sein Verlust drang ihnen tief ins Herz.

Die, welche das veränderte Gesicht der Mutter betrachteten, sahen deutlich, daß der Tod ihren Drangsalen und ihrem Elend bald ein Ende machen mußte. Die Mitgefangenen ihres Gatten mochten sich ihm in seinem Gram und Jammer nicht aufdringen und überließen ihm das kleine Gemach, das er bisher mit zwei Leidensgefährten geteilt hatte, allein. Seine Gattin bewohnte es mit ihm, und ohne Schmerz, aber auch ohne Hoffnung, welkte sie langsam dem Grabe zu.

Eines Abends war sie in ihres Gatten Armen ohnmächtig geworden. Er hatte sie ans offene Fenster getragen, um sie durch die Luft wieder ins Leben zurückzurufen, als ihm das Licht des Mondes, das auf ihr Gesicht fiel, eine Veränderung in ihren Zügen zeigte, die ihn so sehr ergriff, daß er gleich einem hilflosen Kind unter ihrer Last wankte.

›Setze mich nieder, Georg‹, sagte sie mit matter Stimme. Er tat es und, sich neben sie setzend, bedeckte er sein Gesicht mit seinen Händen und brach in Tränen aus.

›Es ist sehr hart, Georg, dich zu verlassen‹, sagte sie; ›aber es ist der Wille Gottes, und du mußt dich um meinetwillen darein ergeben. Ach, wie danke ich ihm, daß er unser Kind zu sich genommen. Es ist jetzt glücklich und im Himmel. Was würde es hier getan haben ohne seine Mutter?‹

›Du darfst nicht sterben, Marie, du darfst nicht sterben‹, sagte der Gatte aufspringend. Er ging hastig auf und nieder und schlug sich mit der geballten Faust vor den Kopf. Dann setzte er sich wieder neben sie, nahm sie in seine Arme und sagte ruhiger: ›Ich bitte dich, sei guten Muts, liebes Kind; du wirst dich wieder erholen.‹

›Nimmermehr Georg; nimmermehr‹, sagte die Sterbende. ›Sorge dafür, daß sie mich neben mein armes Kind legen. Aber versprich mir, wenn du je diesen traurigen Ort verlassen und reich werden wirst, uns in einem stillen ländlichen Kirchhof, weit, weit von hier – sehr weit von hier – begraben zu lassen, wo wir im Frieden ruhen können. Willst du mir das versprechen, lieber Georg?‹

›Ich verspreche es, ich verspreche es‹, sagte der Mann, sich leidenschaftlich vor ihr auf die Knie werfend. ›Rede mit mir, Marie – nur ein Wort: einen Blick – nur einen –‹

Er verstummte, denn der Arm, der seinen Nacken umschlungen hielt, wurde steif und schwer. Ein tiefer Seufzer rang sich aus der abgezehrten Gestalt, die in seinen Armen lag; die Lippen bewegten sich und ein Lächeln spielte auf ihrem Gesicht. Aber die Lippen waren bleich und das Lächeln verzog sich zu einem schrecklichen Starrblick. Er war allein auf der Welt.

In der Stille und Einsamkeit seines elenden Gemachs kniete der unglückliche Mann in der darauffolgenden Nacht vor der Leiche seines Weibes, und rief Gott zum Zeugen eines furchtbaren Eidschwurs an, daß er von Stunde an nur darauf ausgehe, ihren und seines Kindes Tod zu rächen; daß er von nun an bis zum letzten Augenblicke seines Lebens alle seine Kräfte nur diesem einen Zwecke widmen wolle; daß seine Rache langwierig und fürchterlich, und sein Haß ewig und unauslöschlich sein solle, und daß er den Gegenstand dieses Hasses bis an die Grenzen der Welt verfolgen wolle.

Die höchste Verzweiflung und eine übermenschliche Leidenschaft hatten in dieser einen Nacht auf seinem Gesicht und in seiner ganzen Gestalt solche Verheerungen angerichtet, daß seine Leidensgefährten vor ihm zurückbebten, als er an ihnen vorüberkam. Seine Augen waren blutunterlaufen und quollen hervor. Sein Gesicht war totenbleich und sein Körper wie unter der Last der Jahre gebeugt. In der Heftigkeit seines Seelenschmerzes hatte er seine Unterlippe beinahe ganz durchbissen; das Blut war am Kinn niedergeflossen und hatte sein Hemd und sein Halstuch befleckt. Keine Träne, kein Klageslaut entfloh ihm, aber der unstete Blick und die regellose Hast, mit der er im Hofe auf und ab rannte, verrieten das Fieber, das in seiner Brust brannte.

Ohne Verzug mußte der Leichnam aus dem Gefängnis entfernt werden. Der verlassene Gatte empfing diese Mitteilung mit vollkommener Ruhe und billigte die Anordnungen, die man deshalb traf.

Beinahe sämtliche Bewohner des Gefängnisses hatten sich versammelt, um der Wegschaffung der Leiche zuzusehen. Sie wichen auf beiden Seiten zurück, als der unglückliche Witwer erschien, der rasch vorwärts schritt und auf einem kleinen eingefaßten Platze, nahe am Gefängnistor, von den Übrigen entfernt, stehenblieb. Die Menge hatte sich aus angeborenem Zartgefühl zurückgezogen. Der grobe Sarg wurde langsam auf den Schultern fortgetragen, und Totenstille herrschte unter den Anwesenden, die nur durch die lauten Wehklagen der Frauen und den Widerhall der Tritte der Träger auf dem Steinpflaster unterbrochen wurde. Sie erreichten den Ort, wo der Arme stand, und machten halt. Er legte seine Hand auf den Sarg, zog mechanisch das Tuch an, womit er bedeckt war, und winkte ihnen, weiterzugehen. Die Schließer am Eingange des Gefängnisses nahmen ihre Hüte ab, als die Leiche vorübergetragen wurde, und im nächsten Augenblick schloß sich das schwere Tor hinter dem Zuge. Der Arme sah mit einem gläsernen Blick auf die Menge und fiel mit seiner ganzen Schwere zu Boden.

Viele Wochen lang lag er Tag und Nacht in den wildesten Fieberträumen. Aber das Bewußtsein seines Verlustes und die Erinnerung an sein Gelübde verließen ihn keinen Augenblick. Unaufhörlich wechselten die Szenen vor seinen Augen. Schauplatz folgte auf Schauplatz und Ereignis auf Ereignis, mit der Blitzesschnelle des Wahnwitzes. Aber alle knüpften sich auf die eine oder andere Weise an den großen Gegenstand, mit dem sein Geist beschäftigt war. Er segelte über die grenzenlose Fläche des Ozeans; die Wolken über ihm waren blutrot und die wilden Wasser kochten und schäumten in furchtbarer Wut auf allen Seiten. Ein anderes Schiff fuhr vor ihm her, das gegen den heulenden Sturm mit aller Kraft ankämpfte, die Segel flatterten zerrissen vom Mast, und das Verdeck war voll von Gestalten, die hin und her geworfen wurden, während sich ungeheure Wellen jeden Augenblick über ihm brachen und ihre Opfer in die rauchende See schwemmten. Sie fuhren durch das brüllende Gewässer mit einer Eile und Gewalt, der nichts widerstehen konnte; sie zerschmetterten den Bug des vorderen Schiffes und drückten es in den Grund. Aus dem furchtbaren Wirbel, der das sinkende Wrack umschäumte, stieg ein so lautes und durchdringendes Geschrei empor – das fürchterliche Angstgeschrei hundert Unglücklicher, die in den Wellen ertranken – daß es das Wutgebrüll der Elemente übertäubte, und hallte und widerhallte, bis es die Luft, das Firmament und den Ozean zu durchdringen schien. Doch was war das? – der alte Graukopf, der aus dem Wasser emportauchte, mit dem Blicke des Todeskampfes und dem Angstgeschrei um Hilfe, von den Wellen gepeitscht! Ein Blick und er war über Bord gesprungen und arbeitete sich mit Riesenkraft durch die wilde See. Er schwamm auf diesen zu; er kam dicht an ihn heran. Es waren seine Züge; der Alte sah ihn kommen und suchte ihm vergeblich zu entrinnen. Aber er faßte ihn fest um den Leib und zog ihn in die Tiefe nieder. Hinunter, hinunter mit ihm, fünfzig Klafter tief; seine Anstrengungen wurden schwächer und schwächer, bis sie endlich ganz aufhörten. Er war tot; er hatte ihn getötet und seinen Schwur gehalten.

Barfuß und allein ging er über den brennenden Sand einer ungeheuren Wüste. Der Sand versetzte ihm den Atem und blendete ihn. Die feinen Körnchen drangen durch alle Poren seiner Haut und peinigten ihn fast bis zum Wahnsinn, Gigantische Staubmassen schwebten, vom Winde getragen und von der brennenden Sonne durchglüht, in der Ferne gleich Säulen lebendigen Feuers dahin. Die Gebeine eines Menschen, der in der traurigen Wüste umgekommen, lagen zerstreut zu seinen Füßen. Ein furchtbarer Glanz beleuchtete alles, was ihn umgab; und so weit sein Auge reichte, begegnete es nur Bildern des Schreckens und Entsetzens. Vergeblich mühte er sich, mit der am Gaumen klebenden Zunge einen Angstruf hervorzustoßen und lief wie wahnsinnig weiter. Mit übernatürlicher Kraft watete er durch den Sand, bis er von Ermattung und Durst erschöpft, bewußtlos zu Boden sank. Welch eine erfrischende Kühle belebte ihn wieder! Was für ein murmelnder Laut war das? Wasser! Es war wirklich ein Quell; und der klare frische Strom ergoß sich zu seinen Füßen. Er trank in tiefen Zügen, warf seine schmerzhaften Glieder auf den Rasen und sank in erquickenden Schlummer. Der Laut sich nähernder Fußtritte weckte ihn. Ein alter Mann mit grauen Haaren wankte vorwärts, um seinen brennenden Durst zu löschen. Er war es wieder; er schlang seine Arme um des alten Mannes Leib und hielt ihn zurück. Er krümmte sich in furchtbaren Krämpfen und schrie nach Wasser, denn es bedurfte nur eines Tropfens, sein Leben zu fristen. Aber er hielt den Alten fest, und weidete sich mit gierigem Auge an seinem Todeskampf, und als das leblose Haupt auf die Brust hinsank, stieß er den Leichnam mit den Füßen von sich.

Als ihn das Fieber verließ und sein Bewußtsein wiederkehrte, war er auf einmal reich und frei. Er vernahm, daß sein Vater, der ihn im Gefängnis hatte sterben lassen wollen – der die, welche ihm teurer waren als sein eigenes Leben, an Mangel und Gram, den keine Arznei zu heilen vermag, hatte sterben lassen – tot in seinem Daunenbette gefunden worden sei. Dieser Vater war fest entschlossen gewesen, seinen Sohn als Bettler auf der Welt zurückzulassen. Aber auf seine Gesundheit und Kraft pochend, hatte er die Enterbung hinausgeschoben, bis es zu spät war. – Nun mochte er in der andern Welt die Zähne knirschen, bei dem Gedanken an den Reichtum, den ihm seine Versäumnis hinterlassen hatte. Dazu erwachte er – und zu noch mehr – nämlich zur Erinnerung an den Zweck, für den er jetzt leben sollte, und zur Erinnerung daran, daß sein Feind seines eigenen Weibes Vater war – der Mann, der ihn ins Gefängnis geworfen und der seine Tochter und ihr Kind, die zu seinen Füßen um Gnade gefleht, vor die Tür gestoßen hatte.

O, wie verwünschte er die Schwäche, die ihn noch hinderte, sich aufzumachen und für seine Rachepläne tätig zu sein! Er ließ sich von dem Schauplatze seines Verlustes und Elends wegführen und wählte sich einen ruhigen Wohnplatz an der Meeresküste – nicht in der Hoffnung, seinen innern Frieden und seine Seligkeit wiederzufinden; denn beide waren für immer entflohen, sondern um seine gesunkenen Kräfte wieder zu heben und über seinen Lieblingsplan nachzudenken. Und hier warf ihm auch irgendein böser Geist die erste Gelegenheit zu der furchtbarsten Rache in den Weg.

Es war Sommer. In seine finstern Gedanken vertieft, verließ er früh am Abend seine einsame Wohnung und verfolgte einen schmalen Pfad zwischen den Klippen nach einem wilden und einsamen Ort, der auf seinen Streifereien seine Phantasie besonders erregt hatte. Er setzte sich auf verwitterte Felstrümmer und blieb dort, das Gesicht mit den Händen bedeckt, stundenlang – oft bis die Nacht völlig hereingebrochen war und die langen Schatten der zürnenden Klippen über seinem Kopf alles um ihn her in dichte Finsternis verhüllt hatten.

Hier saß er an einem ruhigen Abend in seiner gewohnten Stellung, bisweilen den Kopf erhebend, um den Flug einer Seemöwe zu beobachten, oder mit seinen Blicken den prächtigen Rosenstreifen zu verfolgen, der in der Mitte des Ozeans anfing und bis zu seinem äußersten Rande hinzulaufen schien. Eben ging die Sonne unter, als die tiefe Stille des Orts durch einen lauten Hilferuf unterbrochen wurde. Er lauschte, ob er auch recht gehört habe, als sich der Ruf mit noch größerer Stärke wiederholte, und schnell aufspringend eilte er in der Richtung weiter, aus der jener Ruf gekommen war.

Das Vorgefallene erklärte sich auf einen Blick selbst: Einige zerstreute Kleidungsstücke lagen am Strand; der Kopf eines Menschen zeigte sich in geringer Entfernung von der Küste über den Wellen. Ein alter Mann lief, in Todesangst die Hände ringend, auf und nieder, und schrie um Hilfe. Der Wiedergenesene, dessen Kräfte nun wieder so ziemlich hergestellt waren, warf den Rock weg und eilte der See zu, um sich hineinzustürzen und den Ertrinkenden ans Ufer zu ziehen.

›Eilen Sie, Sir; um Gotteswillen, eilen Sie. Helfen Sie, helfen Sie im Namen des Höchsten. Es ist mein Sohn‹, rief der Greis im Wahnsinne der Angst, als er auf ihn zulief. ›Mein einziger Sohn und dort stirbt er vor den Augen seines Vaters.‹

Auf das erste Wort, das aus dem Munde des Alten kam, hemmte der Fremde seinen Schritt und blieb mit übereinandergeschlagenen Armen regungslos vor ihm stehen.

›Großer Gott‹, rief der Greis, sich plötzlich erinnernd – ›Heyling!‹

Der Fremde lächelte und schwieg.

›Heyling‹, sagte der Alte mit wildem Ton – ›mein Kind, Heyling, mein liebes Kind; sehen Sie, sehen Sie,‹ und nach Atem ringend, deutete der unglückliche Vater auf den Ort, wo der Jüngling um sein Leben kämpfte.

›Horch‹, sagte der Alte – ›er ruft wieder. Er lebt noch. Heyling, retten Sie ihn, retten Sie ihn.‹

Der Fremde lächelte wieder und blieb regungslos wie eine Bildsäule.

›Ich habe unrecht an Ihnen gehandelt‹, rief der Alte, auf die Knie sinkend und seine Hände faltend – ›rächen Sie sich; nehmen Sie mein Alles, mein Leben; stoßen Sie mich mit dem Fuße ins Wasser, und wenn die menschliche Natur den Widerstand unterdrücken kann, so will ich sterben, ohne eine Hand oder einen Fuß zu rühren. Tun Sie es, Heyling, tun Sie es, aber retten Sie meinen Sohn; er ist so jung, Heyling, so jung, Heyling, und soll schon sterben.‹

›Hören Sie‹, sagte der Fremde, den Alten fest beim Handgelenk fassend – ›ich will Leben für Leben, und hier ist eines. Mein Kind starb vor den Augen seines Vaters einen weit qualvolleren Tod, als der junge Verschwender des Vermögens seiner Schwester jetzt einen stirbt, während ich spreche. Sie lachten – lachten Ihrer Tochter ins Gesicht, als der Tod schon seine Knochenhand ausgereckt hatte – lachten damals unserer Leiden. Was sagen Sie jetzt dazu? Sehen Sie dorthin, sehen Sie dorthin.‹

Mit diesen Worten deutete der Fremde auf die See. Ein schwacher Schrei drang von dort herüber; die letzte Anstrengung des Sterbenden bewegte die spielenden Wellen auf wenige Sekunden, und der Ort, wo er in sein frühes Grab gesunken, war von dem übrigen Wasser nicht mehr zu unterscheiden.

 

Drei Jahre waren verflossen, als an der Haustür eines Londoner Anwalts, den damals das Publikum als einen Mann kannte, der in der Übernahme von Rechtsgeschäften nicht sehr bedenklich war, ein Mann aus einem Wagen stieg und den Anwalt in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Obgleich der Frühling seines Lebens offenbar noch nicht ganz vorüber war, hatte dieser Herr doch ein blasses, eingefallenes und abgehärmtes Gesicht, und es bedurfte der scharfen Beobachtungsgabe des Geschäftsmannes nicht, um auf einen Blick zu bemerken, daß Krankheit oder Kummer mehr zur Veränderung seines Äußeren beigetragen, als der bloße Zahn der Zeit in doppelt soviel Jahren, wie er auf sich haben mochte, hätte hervorbringen können.

›Ich bitte Sie, ein Rechtsgeschäft für mich zu übernehmen.‹

Der Anwalt verbeugte sich dienstfertig und sah auf ein großes Paket, das der Herr in den Händen hatte. Der Fremde bemerkte den Blick und fuhr fort:

›Es ist kein gewöhnliches Geschäft‹, sagte er. ›Auch sind diese Papiere nicht ohne langwierige Bemühungen und große Kosten in meine Hand gekommen.‹

Der Anwalt warf einen noch neugierigeren Blick auf die Papiere, und der Fremde löste die Schnur, die sie zusammenhielt, und legte eine Menge Verschreibungen mit einigen Abschriften, Urkunden und andern Dokumenten vor.

›Auf diese Papiere‹, fuhr der Klient fort, ›erhob, wie Sie finden werden, der Mann, auf dessen Namen sie lauten, eine Reihe von Jahren hindurch große Summen. Es bestand eine stillschweigende Übereinkunft zwischen ihm und dem Manne, der sie ursprünglich in den Händen gehabt hatte, und von dem ich nach und nach das Ganze um das Drei- und Vierfache des Nennwertes gekauft habe – daß diese Pfandscheine von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten, bis eine bestimmte Reihe von Jahren verflossen wäre. Eine solche Übereinkunft ist aber nirgends bestimmt ausgedrückt. Er hat in neuerer Zeit viele Verluste erlitten, und wenn diese Schuldbriefe auf einmal eingelöst werden sollten, so würden sie ihn zugrunde richten.‹

›Das Ganze beläuft sich auf etliche tausend Pfund‹, sagte der Anwalt, einen Blick auf die Papiere werfend.

›So ist es‹, antwortete der Klient.

›Was sollen wir tun?‹ fragte der Anwalt.

›Was tun?‹ erwiderte der Klient mit plötzlicher Heftigkeit. – ›Sie sollen jeden Kunstgriff des Gesetzes anwenden, der in Ihrer Gewalt steht, jeden Kniff gebrauchen, den der Scharfsinn auszudenken und die Bosheit durchzuführen vermag; gute Mittel, wie schlechte, den offenen Druck des Gesetzes und die ganze Schlauheit eines scharfsinnigen Praktikers. Ich möchte ihn einen qualvollen, langsamen Tod sterben lassen; ihn zugrunde richten, sein Hab und Gut an mich bringen und ihn von Haus und Hof vertreiben, daß er in seinen alten Tagen sein Brot vor den Türen betteln und in einem gemeinen Kerker sterben muß.‹

›Aber die Kosten, mein Wertester – die Kosten von all‘ dem?‹ erwiderte der Anwalt, als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte. – ›Wenn der Beklagte ein ruinierter Mann ist, wer wird die Kosten bezahlen, Sir?‹

›Nennen Sie irgendeine Summe‹, sagte der Fremde, während seine Hand vor innerer Aufregung so heftig zitterte, daß er kaum die Feder halten konnte, die er bei diesen Worten ergriff, – ›irgendeine Summe und Sie sollen sie haben. Scheuen Sie sich nicht, sie zu nennen, ich werde sie nicht zu groß finden, wenn ich meinen Zweck erreiche.‹

Der Anwalt nannte aufs Geratewohl eine bedeutende Summe, die er als Vorschuß nötig haben würde, um sich gegen die Möglichkeit eines Verlustes zu decken, aber mehr in der Absicht, sich zu überzeugen, wie weit sein Klient wirklich zu gehen gesonnen wäre, als in der Hoffnung, seine Forderung bewilligt zu sehen.

Der Fremde schrieb für den ganzen Betrag eine Anweisung an seinen Bankier und ging.

Sie wurde bezahlt, und da der Anwalt dadurch seinen fremden Klienten als einen verläßlichen Mann erkannte, schritt er mit allem Ernst ans Werk. Mehr als zwei Jahre lang saß Herr Heyling seit dieser Zeit ganze Tage in seiner Schreibstube über den Papieren, die sich immer mehr anhäuften, und las mit freudestrahlenden Augen die dringenden Vorstellungen, die Bitten um einen kleinen Aufschub, weil sonst der Schuldner seinem unvermeidlichen Untergang entgegeneilen würde – Briefe, die immer häufiger wurden, als einmal eine Forderung nach der andern eingeklagt worden.

Auf alle Gesuche um eine kurze Nachsicht erfolgte nur eine einzige Antwort – das Geld müsse bezahlt werden. Haus und Hof, samt allem, was dazu gehörte, ward nach und nach bei den zahlreichen Pfändungen, die jetzt angeordnet wurden, weggenommen, und der alte Mann hatte unfehlbar ins Gefängnis wandern müssen, wenn er sich nicht der Wachsamkeit der Gerichtsboten durch die Flucht entzogen hätte. Der unversöhnliche Haß Heylings wurde durch den Erfolg seiner rachsüchtigen Bemühungen nicht nur nicht befriedigt, sondern durch das Elend, das er über sein Schlachtopfer verhängte, noch gesteigert.

Als er die Flucht des alten Mannes vernahm, kannte seine Wut keine Grenzen; er knirschte mit den Zähnen vor Ingrimm, zerraufte sich das Haar und stieß schreckliche Flüche gegen die Männer aus, die mit der Verhaftung beauftragt waren. Nur die wiederholte Versicherung, daß man des Flüchtlings gewiß habhaft werden würde, beruhigte ihn einigermaßen. Nach allen Richtungen wurden Spione ausgesandt, alle mögliche List wurde angewandt, um seinen Zufluchtsort zu entdecken; aber es war alles vergeblich. Ein halbes Jahr verfloß, und er war immer noch nicht aufgefunden.

Endlich erschien Heyling eines Abends spät, nachdem man ihn seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen hatte, in der Privatwohnung seines Anwalts und ließ ihm sagen, ein Herr wünsche ihn augenblicklich zu sprechen. Noch ehe der Anwalt, der ihn von oben an der Stimme erkannt hatte, seinem Diener bestellen konnte, ihn herauszuführen, war der Klient schon oben an der Treppe und drang blaß und atemlos ins Besuchszimmer. Er schloß die Tür, um von niemand gehört zu werden, sank in einen Armstuhl und sagte mit leiser Stimme –

»Pst, ich habe ihn endlich gefunden.‹

»Was Sie sagen«, erwiderte der Anwalt. – »Das ist schön, Verehrtester, sehr schön.«

»Er hält sich in einer erbärmlichen Wohnung in Lamden-Town versteckt«, sagte Heyling – »es ist vielleicht ebensogut, daß wir ihn aus den Augen verloren, denn er hat dort die ganze Zeit über im größten Elend gelebt, und er ist arm – sehr arm.«

»Sehr gut‹, erwiderte der Anwalt – »Sie wünschen natürlich, daß die Verhaftung morgen früh vorgenommen werde?«

»Ja«, versetzte Heyling: »doch halten Sie! Nein, erst übermorgen. Sie erstaunen, daß ich sie verschieben will«, setzte er mit schrecklichem Lächeln hinzu, »aber ich hatte es vergessen. Übermorgen feiert er seinen Jahrestag: wir wollen ihn dann festnehmen.« »Auch gut«, antwortete der Anwalt. »Wollen Sie die Instruktion für den Gerichtsboten niederschreiben?«

»Nein, er soll herkommen, abends acht Uhr ich will ihn dann begleiten.«

Sie kamen am bestimmten Abend zusammen, setzten sich in eine Mietkutsche und ließen an der Ecke der alten Pancrasstraße halten, wo das Arbeitshaus des Kirchspiels steht. Es war schon ganz dunkel geworden, als sie dort ausstiegen. Nachdem sie an der düstern Mauer, die sich am Veterinärhospital hinaufzieht, hingegangen waren, traten sie in eine kleine Nebenstraße, die Little College Street genannt wird, oder wenigstens damals so genannt wurde, und die, wie sie auch jetzt beschaffen sein mag, in jenen Tagen still und einsam genug war, da sie fast nichts anderes als Moorgrund und Sümpfe in ihrer Umgebung hatte.

Nachdem Heyling die Reisemütze, die sein Haupt bedeckte, halb über das Gesicht heruntergezogen und sich in seinen Mantel gehüllt hatte, blieb er vor dem erbärmlichsten Häuschen der ganzen Straße stehen, und pochte leise an die Tür. Sie ward augenblicklich von einer alten Frau geöffnet, die sich höflich vor dem Ankömmling verbeugte, und durch ihre Miene zu verstehen gab, daß sie ihn erkannte. Heyling flüsterte dem Gerichtsboten zu, er möchte unten zurückbleiben, schlich leise die Treppe hinauf und trat rasch in das Vorderzimmer.

Das Opfer seiner Nachforschungen und seines unversöhnlichen Hasses, jetzt ein abgelebter Greis, saß vor einem nackten, tannenen Tische, auf dem ein elendes Talglicht brannte. Er schrak beim Eintritt des Fremden zusammen und stand zitternd von seinem Sitze auf.

»Was gibt es wieder – was gibt es wieder?« rief der Alte – »was für ein neues Elend kommt über mich? Was bringen Sie mir?«

»Ein Wort mit Ihnen«, erwiderte Heyling; und während er sprach, setzte er sich an das andere Ende des Tisches, und Mantel und Kappe zurückschlagend, enthüllte er sein Gesicht. Der alte Mann schien plötzlich der Sprache beraubt, er fiel rücklings auf seinen Stuhl, und die Hände zusammenschlagend, starrte er mit dem Blicke des Entsetzens und der Furcht auf die Erscheinung.

»Heute sind es sechs Jahre«, sagte Heyling, »daß ich Ansprüche habe auf das Leben, das Sie mir für das meines Kindes schulden. Vor der leblosen Hülle Ihrer Tochter, alter Mann, schwur ich, von nun an nur der Rache zu leben. Nie habe ich, auch nur auf einen Augenblick, meinen Zweck aus den Augen verloren; denn wenn es der Fall gewesen wäre, so würde mir ein einziger Gedanke an ihren leidenden Blick der Ergebung, als sie dahinschied, oder an das sterbende Antlitz unseres unschuldigen Kindes meine Aufgabe ins Gedächtnis gerufen haben. Meiner ersten Handlung der Vergeltung werden Sie sich erinnern; dies ist meine letzte.«

Der alte Mann schauerte zusammen und seine Hände fielen kraftlos an seiner Seite nieder.

»Morgen verlasse ich England«, fuhr Heyling nach einer kurzen Pause fort. – »Heute nacht noch übergebe ich Sie dem lebendigen Tode, dem Sie sie geopfert haben – einem hoffnungslosen Gefängnis.« –

Er sah dem alten Manne ins Antlitz und schwieg: dann hielt er ihm das Licht vors Gesicht, stellte es sachte wieder nieder und verließ das Zimmer.

»Es wäre gut, wenn Sie nach dem alten Manne sehen würden«, sagte er zu der Frau, als er die Tür öffnete und dem Gerichtsboten winkte, ihm auf die Straße zu folgen – »Ich glaube, es ist ihm nicht wohl.«

Die Frau verschloß die Tür, eilte hastig die Treppe hinauf und fand ihn entseelt. Der Schlag hatte ihn getötet.

 

Unter einem einfachen Grabstein auf einem der stillsten und abgelegensten Kirchhöfe in Kent, wo wilde Blumen durch das Gras schimmern und die liebliche Landschaft der Umgegend die schönste Stelle im Garten England bildet, ruhen die Gebeine der jungen Mutter und ihres holden Kindes. Aber die Asche des Vaters mischt sich nicht mit der ihrigen; und von jener Nacht an erhielt der Anwalt auch nicht mehr den entferntesten Aufschluß über das weitere Schicksal seines seltsamen Klienten.«

 

Als der Alte seine Erzählung beendigt hatte, trat er an einen hölzernen Nagel in einer Ecke des Zimmers, nahm Hut und Überrock und schritt, ohne weiter ein Wort zu sagen, langsam hinaus. Da der Herr mit den Mosaikknöpfen eingeschlafen und der größere Teil der Gesellschaft in das unterhaltende Spiel vertieft war, geschmolzenen Talg in ihren Grog träufeln zu lassen, verließ Herr Pickwick unbemerkt das Zimmer, bezahlte seine und Herrn Wellers Zeche und ging in Gesellschaft dieses Herrn zur Haustür der Elster hinaus.

 

Sechzehntes Kapitel.


Sechzehntes Kapitel.

In dem ein getreues Porträt von zwei ausgezeichneten Personen vorkommt; genaue Beschreibung eines öffentlichen Frühstücks in ihrem Hause und auf ihrem Grund und Boden; gleichzeitig Erneuerung einer alten Bekanntschaft, die zur Eröffnung eines neuen Kapitels führt.

Herrn Pickwicks Gewissen machte seinem Eigentümer mitunter Vorwürfe, daß er neuerdings seine Freunde im Pfauen vernachlässige. Am dritten Morgen nach der Wahl war er eben im Begriff, sie aufzusuchen, als ihm sein getreuer Diener eine Karte überbrachte, worauf zu lesen stand:

Mrs. Leo Hunter. Den. Eatanswill.

»Es wartet jemand«, sagte Sam lakonisch.

»Will mich jemand sprechen, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Er will durchaus Sie und begnügt sich mit keinem andern, wie des Teufels Privatsekretär sagte, als er den Doktor Faust holte«, war Herrn Wellers Antwort.

» Er? Ist’s ein Herr?« fragte Herr Pickwick.

»Er sieht wenigstens so aus, wenn er es auch nicht ist«, versetzte Herr Weller.

»Aber die Karte ist ja von einer Dame«, sagte Herr Pickwick.

»Und mir doch von einem Herrn gegeben«, bemerkte Sam; »er erwartet Sie im Salon und sagt, er wolle lieber den ganzen Tag warten, als Sie nicht sehen.«

Als Herr Pickwick diesen Entschluß hörte, begab er sich ins Besuchszimmer, wo ein würdevoll aussehender Mann saß, der bei seinem Eintritt aufstand und mit einer Miene tiefen Respekts sagte.

»Habe ich die Ehre mit Herrn Pickwick?«

»Bitte, hier steht er.«

»Gestatten Sie mir den Vorzug, mein Herr, Ihre Hand zu ergreifen – erlauben Sie mir, mein Herr, sie zu schütteln«, sagte der würdevoll aussehende Mann.

»Aber bitte«, entgegnete Herr Pickwick.

Der Fremde schüttelte die dargebotene Hand und fuhr dann fort:

»Wir haben von Ihrem Rufe gehört, mein Herr. Das Gerücht von Ihren antiquarischen Untersuchungen ist bis zu den Ohren der Madame Leo Hunter gedrungen – das heißt, meiner Frau, Sir – ich bin Leo Hunter.«

Der Fremde schwieg, als erwarte er, Herr Pickwick werde über diese Offenbarung entzückt sein; als er aber sah, daß dieser vollkommen ruhig blieb, fuhr er fort:

»Meine Frau, Sir – Madame Leo Hunter – setzt ihren Stolz darein, alle Personen, die durch ihre Werke und Talente berühmt geworden sind, unter die Zahl ihrer Bekannten zu rechnen. Erlauben Sie mir, mein Herr, den Namen Herrn Pickwicks und der übrigen Mitglieder des Klubs, der Ihnen seinen Namen verdankt, obenan auf die Liste zu setzen.«

»Ich werde mich außerordentlich glücklich schätzen, die Bekanntschaft einer solchen Dame zu machen, Sir«, versetzte Herr Pickwick.

»Sie sollen sie machen, Sir«, sagte der würdevoll aussehende Mann. »Morgen früh geben wir einer großen Anzahl von Personen, die sich durch ihre Werke und Talente berühmt gemacht haben, ein öffentliches Frühstück – eine fête champêtre. Madame Leo Hunter läßt Sie bitten, Sir, Sie morgen mit einem Besuch in Den zu beehren.«

»Mit großem Vergnügen«, versetzte Herr Pickwick.

»Madame Leo Hunter gibt oft solches Frühstück, mein Herr«, fuhr Pickwicks neuer Bekannter fort – »›Feste der Vernunft und Gastmähler der Seele‹, wie sich jemand in einem Sonett auf Madame Leo Hunters Frühstück mit ebensoviel Gefühl wie Originalität ausdrückte.«

»War er auch durch seine Werke und Talente berühmt?« fragte Herr Pickwick.

»Ja, er war es, mein Herr«, versetzte der würdevoll aussehende Mann; »sämtliche Bekannte der Madame Leo Hunter sind berühmt; sie hält viel darauf, keine andere Bekanntschaften zu haben.«

»Ein sehr edler Ehrgeiz«, bemerkte Herr Pickwick.

»Wenn ich es der Madame Leo Hunter mitteile, daß diese Bemerkung von Ihren Lippen kam, so wird sie gewiß stolz darauf sein«, sagte der würdevoll aussehende Mann. »Sie haben einen Herrn in Ihrem Gefolge, der schon einige hübsche Gedichtchen gemacht hat, glaube ich, mein Herr?«

»Mein Freund Snodgraß hat viel Sinn für die Dichtkunst«, antwortete Herr Pickwick.

»Auch Madame Leo Hunter, mein Herr. Dichtkunst ist ihr das Höchste, Sir. Sie betet sie an; ich darf sagen, ihre ganze Seele ist davon durchflochten. Sie hat auch selbst einige herrliche Stücke gemacht, Sir. Vielleicht haben Sie schon von ihrer Ode an einen sterbenden Frosch gehört?«

»Nicht, daß ich wüßte«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sie setzen mich in Erstaunen, Sir«, sagte Herr Leo Hunter. »Die Ode machte ungeheure« Aufsehen. Sie war mit einem L. und acht Sternchen unterzeichnet und erschien ursprünglich in einem Damenmagazin. Der Anfang lautet:

»Kann ich ohne inn’res Leiden
Seh’n dich unter Grausamkeiten
Elend, jämmerlich verscheiden?
Nein, ich wein‘,
Sterbend Fröschlein!«

»Hübsch«, bemerkte Herr Pickwick.

»Schön«, sagte Herr Leo Hunter: »so schlicht.«

»Sehr«, bemerkte Herr Pickwick.

»Der nächste Vers ist noch rührender; wollen Sie ihn hören?«

»Wenn es Ihnen recht ist«, versetzte Herr Pickwick.

»Er lautet also«, sagte der Würdevolle immer würdevoller:

»Sprich, ob ruchlos wilde Knaben
Schreiend dich aus deinem Graben
Mit dem Hund vertrieben haben?
Pein, o Pein,
Sterbend Fröschlein!«

»Schön gesagt«, bemerkte Herr Pickwick.

»Jedes Wort, mein Herr, jedes Wort«, sagte Herr Leo Hunter. »Aber Sie sollten die Verse aus dem Munde der Madame Leo Hunter selbst hören. Sie kann ihnen erst den rechten Ausdruck geben, mein Herr. Sie wird sie morgen früh stilvoll deklamieren.«

»Im Charakter?«

»Als Minerva. Ach, ich vergaß es – man erscheint in Charaktermasken.«

»O Himmel«, sagte Herr Pickwick mit einem Blick auf sein Äußeres – »unmöglich.«

»Unmöglich? Nicht doch, mein Herr; es läßt sich ganz leicht machen«, rief Herr Leo Hunter. »Der Jude Salomo Lucas in der Hohen Straße hat Tausende von Maskenanzügen. Bedenken Sie, wie viele geeignete Charaktere Ihnen zur Auswahl gegeben sind. Plato, Zeno, Epikur, Pythagoras – lauter Stifter von Klubs.«

»Ich weiß das«, sagte Herr Pickwick, »aber da ich mich diesen großen Männern nicht an die Seite stellen kann, so darf ich mir auch nicht herausnehmen, in ihrer Tracht zu erscheinen.«

Der Würdevolle überlegte lange und tief; endlich sagte er:

»Wenn ich recht überlege, mein Herr, so weiß ich nicht, ob es Madame Leo Hunter nicht vielleicht größeres Vergnügen bereiten würde, wenn ihre Gäste einen Mann von Ihrer Berühmtheit lieber in seinem eigenen Kostüm als in einem angenommenen zu sehen bekäme. Ich erlaube mir, in Ihrem Falle eine Ausnahme zu gestatten, Sir – ja, und was Madame Leo Hunter betrifft, so bin ich überzeugt, daß sie mir diesen Schritt nicht verübeln wird.«

»Wenn das der Fall ist«, erwiderte Herr Pickwick, »werde ich mit Vergnügen erscheinen.«

»Doch ich nehme Ihnen Ihre Zeit, mein Herr«, sagte der Würdevolle, als fiele ihm das plötzlich ein. »Ich kenne den Wert der Zeit, Sir. Ich will Sie nicht abhalten. Ich werde also der Madame Leo Hunter sagen, daß sie Sie und Ihre vortrefflichen Freunde zuversichtlich erwarten dürfe? Guten Morgen, Sir; ich bin stolz darauf, einen so ausgezeichneten Mann kennengelernt zu haben – keinen Schritt, mein Herr; kein Wort.«

Und ohne Herrn Pickwick Zeit zu Vorstellungen und Einwendungen zu lassen, schritt Herr Leo Hunter würdevoll zur Tür hinaus.

Herr Pickwick setzte seinen Hut auf und begab sich in den Pfauen: aber Herr Winkle hatte bereit« die Kunde von dem morgigen Maskenball dorthin gebracht.

»Madame Pott kommt auch«, waren die ersten Worte, womit er seinen Lehrer begrüßte.

»Wirklich?« versetzte Herr Pickwick.

»Als Apollo«, bemerkte Herr Winkle. »Nur hat Pott etwas gegen die Tunika einzuwenden.«

»Er hat recht. Er hat ganz recht«, sagte Herr Pickwick mit Nachdruck.

»Ja; – deshalb wird sie in einem weißen Atlaskleid mit goldenem Flitterwerk erscheinen.«

»Wird man dann aber auch wissen, was sie vorstellt: wird man das?« fragte Herr Snodgraß.

»Natürlich«, versetzte Herr Winkle unwillig, »Man sieht ja ihre Leier, nicht wahr?«

»Wahrhaftig, daran dachte ich nicht«, sagte Herr Snodgraß.

»Ich werde als Bandit auftreten«, fiel Herr Tupman dazwischen.

»Was!« rief Herr Pickwick, plötzlich zurückbebend.

»Als Bandit«, wiederholte Herr Tupman mit sanfter Stimme.

»Sie wollen damit doch nicht sagen«, versetzte Herr Pickwick mit einem strengen Blick auf seinen Freund, »Sie wollen damit doch nicht sagen, Herr Tupman, daß Sie im Sinne haben, in einer grünen Samtjacke mit einem Zweizollschwanze aufzutreten?«

»Ich habe es im Sinne, Sir«, erwiderte Herr Tupman warm. »Und warum sollte ich nicht, Sir?«

»Aus dem einfachen Grunde, Sir«, antwortete Herr Pickwick, ordentlich gereizt – »weil Sie zu alt dazu sind.«

»Zu alt?« rief Tupman.

»Und wenn es noch eines weiteren Grundes bedarf, der es verbietet«, fuhr Herr Pickwick fort: »Sie sind zu dick, Sir.«

»Mein Herr«, sagte Herr Tupman mit puterrotem Gesicht, »das ist eine Beleidigung.«

»Mein Herr«, versetzte Herr Pickwick in demselben Tone, »ich beleidige Sie dadurch nicht halb so sehr, wie Sie mich beleidigen würden, wenn Sie in meiner Gegenwart mit einer grünen Jacke und einem Zweizollschwanze erschienen.«

»Sie sind ja ein netter Bursche, Sir«, sagte Herr Tupman.

»Der Titel kommt Ihnen zu!« entgegnete Herr Pickwick.

Herr Tupman trat einen oder zwei Schritte vorwärts und sah Herrn Pickwick mit wildem Blick an. Herr Pickwick erwiderte ihn und verstärkte ihn sogar noch mit seinen beiden Brillengläsern in einen Brennpunkt. Seine Züge sprachen eine kühne Herausforderung aus. Herr Snodgraß und Herr Winkle sahen versteinert einem solchen Auftritt zwischen zwei solchen Männern zu.

»Mein Herr«, sagte Tupman nach einer kurzen Pause in einem dumpfen, tiefen Tone«, »Sie mich alt genannt.«

»Das habe ich«, erwiderte Herr Pickwick.

»Und dick.«

»Ich wiederhole das.«

»Und einen netten Burschen.«

»Der sind Sie.«

Es trat eine fürchterliche Pause ein.

»Meine Anhänglichkeit an Ihre Person, mein Herr«, sagte Herr Tupman mit einer Stimme, die von innerer Bewegung zitterte, während er zugleich seine Manschetten zurückschlug, »ist groß – sehr groß – aber an dieser Person muß ich augenblicklich Rache nehmen.«

»Nur zu, mein Herr«, erwiderte Herr Pickwick.

Durch den aufregenden Ton des Gesprächs gereizt, nahm der heroische Mann jetzt eine gebrochen-duldende Stellung an, die seine beiden Gefährten als eine Defensive ansahen.

»Was?« rief Snodgraß, plötzlich der Sprache, deren ihn sein grenzenloses Nerblüfftsein bis jetzt beraubt hatte, wieder mächtig werdend und trat, auf die Gefahr hin, von beiden Parteien Ohrfeigen zu bekommen, zwischen die Streitenden. »Was? Herr Pickwick, auf den die Augen der Welt gerichtet sind? Herr Tupman, auf den, wie auf uns alle, der Glanz seines unsterblichen Namens einen Widerschein warf? Schämen Sie sich, meine Herren; schämen Sie sich!«

Die ungewohnten Furchen, die die augenblickliche Leidenschaft auf Herrn Pickwicks klare und offene Stirn gezogen hatte, schwanden allmählich bei dieser Anrede seines jungen Freundes, wie Bleistiftlinien unter dem Radiergummi. Noch ehe Herr Snodgraß geendet hatte, hatte sein Gesicht wieder den gewohnten Ausdruck des Wohlwollens angenommen.

»Ich bin zu hitzig gewesen«, sagte Herr Pickwick: »allzu hitzig. Herr Tupman, Ihre Hand.«

Die Wolke verschwand von Herrn Tupmans Antlitz, als er mit Wärme die Hand seines Freundes ergriff.

»Auch ich war zu hitzig«, sagte er.

»Nein, nein«, unterbrach ihn Herr Pickwick; »Es war meine Schuld. Sie wollen die grüne Jacke tragen?«

»Nein, nein«, versetzte Herr Tupman.

»Wenn Sie mich verbinden wollen, so tun Sie es«, sagte Herr Pickwick.

»Wohlan, ich will«, antwortete Herr Tupman.

Es ward also beschlossen, daß Herr Tupman, Herr Winkle und Herr Snodgraß sämtlich in Charaktermasken erscheinen sollten. Auch Herr Pickwick ließ sich durch die Wärme seines Gefühls zur Einwilligung in eine Sache hinreißen, von der ihn sein besseres Urteil zurückgehalten hatte – einen schlagenderen Beweis seines liebenswürdigen Charakters würden wir wohl schwerlich haben geben können, und wenn auch alle Ereignisse, die in diesen Blattern erzählt werden, rein erdichtet wären.

Herr Leo Hunter hatte nicht zu viel von dem Vorrat des Herrn Salomon Lucas gesagt. Seine Garderobe war reichhaltig – sehr reichhaltig – freilich weder ganz klassisch, noch ganz neu. Auch war kein einziger von den Anzügen seines Magazins genau der Mode eines gewissen Zeitalters entsprechend, aber alles war mehr oder weniger reich an Flittern; und was kann hübscher sein, als Flitter? Man könnte mir entgegen halten, sie scheuen das Tageslicht, aber jedermann weiß, daß sie um so mehr beim Lampenschein schimmern. Wenn die Leute bei Tag Maskenbälle geben, und die Anzüge sich nicht so gut ausnehmen, als es bei Nacht der Fall wäre, so ist nichts klarer, als daß die Schuld lediglich an den Leuten liegt, und die Flitter nicht die mindeste Verantwortung haben. Also urteilte Herr Salomon Lucas, und veranlaßte durch seine überzeugenden Gründe die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß, sich Anzüge auszuwählen, wie sie sein Geschmack und seine Erfahrung für diese Gelegenheit besonders passend empfahl.

Aus dem »Stadtwappen« wurde zur Bequemlichkeit der Pickwickier ein Wagen gemietet, und für Herrn und Madame aus demselben Magazin eine Halbkutsche requiriert. Aus zartem Dankgefühl für die erhaltene Einladung hatte Herr Pott in der Eatanswill-Zeitung über die bevorstehende Festlichkeit bereits im bestimmtesten Tone versichert, man finde eine Fülle der abwechselndsten und bezauberndsten Genüsse – einen blendenden Glanz von Schönheit und Talent – eine großartige und verschwenderische Gastfreundschaft – vor allem aber eine Pracht, durch den auserlesensten Geschmack gemildert, und Reichtum, durch vollkommenes Ebenmaß und seinsten Ton verherrlicht. Gegen so etwas erscheine die fabelhafte Pracht morgenländischcr Feenreiche in ebenso dunklen und trüben Farben, wie der Geist der milzsüchtigen und unmännlichen Geschöpfe erscheinen müsse, die sich die Frechheit herausnähmen, die Veranstaltungen der tugendhaften und vortrefflichen Dame, auf deren Altar dieser demütige Zoll der Bewunderung geopfert werde, mit dem Geiste des Neides zu besudeln. Letzteres war eine beißende Ironie gegen die Unabhängigen, die, aus Ärger darüber, daß sie nicht geladen wurden, das ganze Fest vier Nummern hindurch herabzusetzen suchten, wobei sie den gröbsten Druck anwandten, und die Schimpfworte in Initialbuchstaben prangen ließen.

Der Morgen kam; es war ein entzückender Anblick, Herrn Tupman im Banditenkostüme zu sehen, mit eng anschließender Jacke, die wie ein Nadelkissen auf seinem Rücken und seinen Schultern saß. Der obere Teil seiner Beine war in Samthosen gehüllt, der untere war mit den verschlungenen Binden umflochten, worauf alle Banditen besonders viel halten. Es war ergötzlich, sein offenes und geistreiches Gesicht mit stattlichem Schnurr- und Backenbart, dem Kunsterzeugnisse der Korkmalerei, aus einem offenen Hemdkragen hervorschauen zu sehen. Seine zuckerhutförmige, mit Bändern und Farben aller Art geschmückte Kopfbedeckung mußte er auf den Knien halten, weil kein Wagen hoch genug gewesen wäre, um ihm Raum zwischen Kopf und Kutschendach zu gestatten. Ebenso lustig und angenehm war der Anblick des Herrn Snodgraß in blauem Atlaswams und Mantelkragen, weißen seidenen Strümpfen, Schuhen und griechischem Helm, einem Kostüm, von dem jeder weiß (und wenn auch nicht, doch wenigstens Salomon Lucas wußte), daß es die regelmäßige, authentische, alltägliche Tracht der Troubadoure von der frühesten Zeit an bis zu ihrem endlichen Verschwinden von der Oberfläche der Erde war. All das war entzückend, aber es war noch nichts gegen das Freudengeheul der Menge, als der Wagen abfuhr. Ihm folgte Herrn Potts Halbkutsche, die an Herrn Potts Haustür den großen Pott als russischen Justizbeamten mit einer furchtbaren Knute in der Hand, aufnahm – ein geschmackvoll gewähltes Sinnbild der großen und gewaltigen Macht der Eatanswill-Zeitung und der furchtbaren Art und Weise, womit er öffentliche Beleidigungen geißelte.

»Bravo!« riefen die Herren Tupman und Snodgraß au« dem Wagen, als sie die wandelnde Allegorie erblickten.

»Bravo!« ertönte die Stimme des Herrn Pickwick aus dem Wagen.

»Hurra – hoch, Pott!« schrie die Menge.

Unter diesen Begrüßungen stieg Herr Pott in die Halbkutsche mit jenem sanften, würdevollen Lächeln, das zur Genüge dartat, wie er seine Macht fühlte und sie anzuwenden wußte.

Hierauf trat Madame Pott aus dem Hause, die dem Apollo fabelhaft ähnlich ausgesehen hätte, wäre sie nicht mit einem Weiberrock angetan gewesen. Sie hing am Arme Herrn Winkles, der in seiner hellroten Jacke unmöglich für etwas anderes als für einen Weidmann genommen werden konnte, wenn ihm dieser Anzug nicht eine ebenso große Ähnlichkeit mit einem Postknecht gegeben hätte. Zuletzt erschien Herr Pickwick, dem die Jungen so laut wie irgend jemand applaudierten, wahrscheinlich weil seine Strümpfe und Gamaschen den Eindruck von Reliquien auf sie machten. Herr Weller (der beim Servieren behilflich sein mußte), saß auf dem Bock des Gefährts, in dem sein Gebieter saß, und beide Lokomotiven bewegten sich Herrn Leo Hunters Park zu. Männer, Weiber, Knaben und Mädchen, die sich versammelt hatten, die Gäste in ihren Maskenanzügen zu sehen, brüllten vor Vergnügen und Ausgelassenheit, als Herr Pickwick, den Banditen an dem einen und den Troubadour an dem andern Arme, feierlich dem Eingange zuschritt. Noch nie hatte man ein solches Hallo vernommen, wo Herr Tupman sich anstrengte, unter dem Parktore seinen Zuckerhut auf den Kopf zu befestigen.

Alle Anordnungen waren aufs entzückendste getroffen: die prophetischen Worte Potts über die Pracht der Feenreiche waren buchstäblich erfüllt, und die boshaften Verleumdungen der kriechenden Unabhängigen fanden volle Widerlegung durch die Wirklichkeit. Der Park war über fünfviertel Morgen groß, und war voll Menschen! Nie strahlte Schönheit, feiner Ton und Literatur in einem solchen Glanze. Da war die junge Dame, die die Poesie in der Eatanswill-Zeitung vertrat, in der Tracht einer Sultanin auf den Arm eines jungen Herrn gestützt, der dem Departement der Kritik vorstand und – die Stiefeln ausgenommen – sehr passend in die Uniform eines Feldmarschalls gekleidet war. Eine zahllose Menge Genies war anwesend, und jeder vernünftige Mensch würde es sich zur Ehre gerechnet haben, sie dort zu treffen. Aber was mehr als alles ist, es waren ein halbes Dutzend Löwen von London zugegen – Autoren, wirkliche Autoren, die ganze Vücher geschrieben und sie nachher dem Druck übergeben hatten – und hier seht ihr sie herumgehen gleich gewöhnlichen Menschen, lächelnd und unaufhörlich schwatzend – dazu noch eine ordentliche Portion Unsinn, ohne Zweifel in der wohlwollenden Absicht, sich den gemeinen Leuten um sie her verständlich zu machen. Überdies traf man dort eine Musikkapelle mit Papiermützen: vier sogenannte Alpensänger in der Tracht ihres Landes, und ein Dutzend gemietete Aufwärter, gleichfalls in dem Kostüme ihrer Gegend, das freilich etwas schmutzig war. Vor allem aber ragte Madame Leo Hunter als Minerva hervor, die Gesellschaft empfangend und bei dem Gedanken, so ausgezeichnete Leute um sich versammelt zu sehen, von Stolz und Freundlichkeit überfließend.

»Herr Pickwick, Madame«, sagte ein Diener, als sich der Genannte mit dem Hute in der Hand und dem Banditen und dem Troubadour an den Armen der Göttin des Tages näherte.

»Was – was?« rief Madame Leo Hunter mit erkünstelter Entzückung.

»Hier«, sagte Herr Pickwick.

»Ist’s möglich, daß ich wirklich das Glück habe, Herrn Pickwick in eigener Person vor mir zu sehen?« rief Madame Leo Hunter aus.

»Keinen andern, Madame«, versetzte Herr Pickwick mit einer sehr tiefen Verbeugung. »Erlauben Sie mir, meine Freunde – Herrn Tupman – Herrn Winkle – Herrn Snodgraß – der Verfasserin des »sterbenden Fröschleins« vorzustellen.«

Sehr wenige Leute, wohl nur die, so selbst den Versuch gemacht haben, wissen, wie schwer es hält, in eng anliegenden Beinkleidern von grünem Samt, einer eng anliegenden Jacke und einem hohen Turm auf dem Kopfe sich zu verneigen. Wenige wissen, wie schwer es fällt, in blauen Atlashosen, weißen Seidenstrümpfen oder Kniehosen und Stulpenstiefeln, die für jemand anders gemacht und dem, der sie trägt, ohne die entfernteste Rücksicht auf die Dimensionen seines Körpers, auf den Leib gepreßt wurden – wenige, sage ich, wissen es, wie schwer es hält, unter solchen Verhältnissen Verbeugungen zu machen. Noch nie sah man solche Verdrehungen, wie Herrn Tupmans Knochengestell machte, um Geschmeidigkeit und Grazie an den Tag zu legen – noch nie sah man so sinnreiche Stellungen, wie seine Freunde in ihren Maskenanzügen annahmen.

»Herr Pickwick«, sagte Madame Leo Hunter, »ich nehme Ihnen das Versprechen ab, den ganzen Tag nicht von meiner Seite zu gehen. Es sind Hunderte von Personen hier, denen ich Sie durchaus vorstellen muß.«

»Sie sind sehr gütig, Madame«, erwiderte Herr Pickwick.

»Vorerst sehen Sie hier meine kleinen Mädchen; ich hätte sie beinahe vergessen«, sagte die Minerva, vergnügt auf ein paar völlig erwachsene junge Damen deutend, von denen die eine ungefähr zwanzig, die andre ein oder zwei Jahre älter sein mochte, und die beide sehr jugendlich gekleidet waren. Ab sie sich dadurch ein junges Aussehen geben oder ihre Mama jünger machen wollten, darüber spricht sich Herr Pickwick nicht bestimmt aus.

»Sie sind sehr schön«, bemerkte Herr Pickwick, als sich die Mädchen nach der Vorstellung wieder entfernten.

»Sie sehen ihrer Mutter von oben bis unten gleich, mein Herr«, sagte Herr Pott in majestätischem Ton.

»O, Sie Schelm«, rief Madame Leo Hunter, den Herausgeber scherzend mit ihrem Fächer auf die Schulter klopfend (Minerva mit einem Fächer!).

»Nun, nun, meine teuerste Madame Hunter«, verteidigte sich Herr Pott, der in Den gewöhnlich den Trompeter machte, »Sie wissen, daß vergangenes Jahr, als Ihr Porträt in der königlichen Akademie ausgestellt war, beim Anblick desselben alle Welt fragte, ob es Sie oder Ihre jüngste Tochter vorstellen sollte; denn Sie sahen einander so ähnlich, daß von einer Unterscheidung gar keine Rede sein konnte.«

»Gut, und wenn es auch der Fall war, was brauchen Sie es hier vor Fremden zu erzählen?« sagte Madame Leo Hunter, der, jetzt ruhigen Löwen der Eatanswill-Zeitung mit einem zweiten Schlag berührend.

»Graf, Graf«, rief jetzt Madame Leo Hunter einem stark bebarteten Individuum in fremder Uniform zu, das eben vorüberging.

»Ah! Sie wünschen mich zu sprech?« sagte der Graf, sich umwendend.

»Ich wünsche zwei sehr geistvolle Männer einander vorzustellen«, erwiderte Madame Leo Hunter. »Herr Pickwick, ich mache mir großes Vergnügen daraus, Sie dem Grafen Smorltork vorzustellen.« Dann flüsterte sie Herrn Pickwick schnell die Worte zu – »der berühmte Fremde – sammelt Material für sein großes Werk über England – hem! – Graf Smorltork, Herr Pickwick.«

Herr Pickwick begrüßte den Grafen mit der einem so großen Manne gebührenden Achtung, und der Graf zog ein Notizbuch hervor.

»Wie sagen Sie, Madame Hunt?« fragte der Graf die Grazie mit graziösem Lächeln. » Pig wig oder Big wig Pig, Schwein – wig, Perücke; Bigwig – große Perücke. –- Anspielung auf die große Perücke der Justizbeamten, insbesondere der Rechtsanwälte. – wie man die Rechtsgelehrten nennt? Richter – ah! ich seh, das ist’s. Big wig« –

Und der Graf war eben im Begriff, Herrn Pickwick als Rechtsanwalt in sein Notizbuch einzutragen, der seinen Namen, den er führte, dem Beruf verdankte, da unterbrach ihn Madame Leo Hunter in seinem Geschäft.

»Nein, nein, Graf«, bemerkte die Dame, »Pickwick.«

»Ah, ah, ich versteh«, versetzte der Graf, »Pihg Taufname, Wihg Familienname: schön, sehr schön. Pihg Wihg. Wie geht es Ihnen, Herr Wihg?«

»Sehr gut, ich danke Ihnen«, antwortete Herr Pickwick mit der ganzen Leutseligkeit, die man an ihm gewöhnt war. »Sind Sie schon lange in England?«

»Lange – sehr lange Zeit – vierzehn Tage – mehr noch.«

»Werden Sie lange bleiben?«

»Ein Woch noch.«

»Da werden Sie genug zu tun haben«, sagte Herr Pickwick lächelnd, »in dieser Zeit alles nötige Material zu sammeln.«

»Ist schon gesammelt«, erwiderte der Graf.

»Wirklich?« fragte Herr Pickwick.

»Sie sind hier«, fügte der Graf hinzu, mit der Hand an die Stirne greifend. »Großes Buch zu Hause – voll Notizen – Musik, Malerei, Wissenschaft, Poesie, Politik, alles.«

»Das Kapitel Politik, mein Herr«, bemerkte Herr Pickwick, »ist ein schwieriges Studium von unberechenbarem Umfang.«

»Ah«, sagte der Graf, das Notizbuch wieder hervorziehend, »sehr gut, schöne Wort, ein Kapitel damit zu beginn. Siebenundvierzigstes Kapitel. Politik. Das Kapitel Politik begreif ich sich –«

Und Herrn Pickwicks Bemerkung wanderte in Graf Smorltorks Notizbuch, mit Variationen und Zusätzen, wie sie dem Grafen seine üppige Phantasie eingab, oder seine unvollkommene Kenntnis der Sprache veranlaßte.

»Graf«, sagte Madame Leo Hunter.

»Madame Hunt«, antwortete der Graf.

»Dies ist Herr Snodgraß, Herrn Pickwicks Freund und ein Dichter.«

»Halt«, rief der Graf, sein Notizbuch abermals zückend. »Gegenstand. Dichtkunst – Kapitel, literarische Freunde – Name Snowgraß Der Graf verdreht den Namen: snow = Schnee, grass = Gras.: sehr schön. Snowgraß vorgestellt – großer Dichter, Freund Pihg – Wihgs – von Madame Hunt, Verfasserin eines andern schön Gedichts – wie heißt doch? – Fröschlein – sterbend Fröschlein – sehr schön – wirklich sehr schön.«

Und der Graf steckte sein Notizbuch ein und entfernte sich unter verschiedenen Bücklingen und Empfehlungen, höchlich vergnügt, seine Sammlung mit den wichtigsten Entdeckungen bereichert zu haben.

»Ein bewunderungswürdiger Mann, der Graf Smorltork«, bemerkte Madame Leo Hunter.

»Ein tiefer Philosoph«, sagte Pott.

»Ein heller Kopf, ein starker Geist«, fügte Herr Snodgraß hinzu.

Die Umstehenden stimmten in die Lobeserhebung des Grafen Smorltork ein, wiegten die Köpfe und riefen einmütig: »O gewiß!«

Da die Begeisterung für Graf Smorltork immer höher stieg, so würde vielleicht sein Lob bis ans Ende der Festlichkeit gesungen worden sein, hätten sich nicht die vier sogenannten Alpensänger, um malerisch auszusehen, vor einem kleinen Apfelbaum aufgestellt, und ihre Nationallieder abzusingen begonnen. Das war ein Unternehmen, das durchaus nicht mit Schwierigkeiten verbunden war, denn das ganze große Geheimnis schien darin zu bestehen, daß drei von den sogenannten Sängern grunzten, wahrend der vierte heulte.

Nachdem diese interessante Vorstellung mit dem lautesten Beifall der ganzen Gesellschaft beendet war, trat sofort ein Junge auf, der durch die Beine eines Stuhls schlüpfte, über ihn wegvoltigierte, unter ihm durchkroch, mit ihm niederfiel und überhaupt alles mit ihm anfing, nur das nicht, wozu ein Stuhl bestimmt ist. Nach diesen Kunstproduktionen machte er eine Krawatte aus seinen Beinen, schlang sie um seinen Hals herum und lieferte so praktisch den Beweis, daß es einem menschlichen Wesen durchaus leicht falle, sich einer vergrößerten Kröte gleichzumachen – lauter Großtaten, die die versammelten Zuschauer höchlich ergötzten und vergnügten. Hierauf ließ sich die Stimme der Madame Pott mit einem schwachen Gepiepe vernehmen. Die gebildete Betonungsweise machte daraus etwas wie Gesang, der übrigens durchaus klassisch war und ihrer Charaktermaske vollkommen entsprach, weil Apollo selbst ein Komponist war, und Komponisten gewöhnlich weder ihre eigenen noch fremde Musikstücke singen können. Danach deklamierte Madame Leo Hunter ihre weltberühmte Ode an ein sterbendes Fröschlein, worauf sie dieselbe zum zweiten Male vortrug und vielleicht noch zweimal vorgetragen haben würde, wenn nicht der größte Teil der Gäste, der daran dachte, daß es hohe Zeit sei, den Magen zu befriedigen, die Erklärung abgegeben hätte, es würde höchst unartig sein, die Güte der Madame Leo Hunter zu mißbrauchen. Deswegen wollten die besorgten und bescheidenen Freunde der Madame Leo Hunter, trotz ihrer vollkommenen Bereitwilligkeit, die Ode noch einmal vorzutragen, von keiner nochmaligen Wiederholung mehr hören.

Als der Speisesaal geöffnet wurde, drängte sich alles, was irgend dazu gehörte, mit aller zu Gebote stehenden Eilfertigkeit hinein: denn Madame Leo Hunter hatte die Gewohnheit, hundert Karten austeilen und fünfzig Gedecke legen zu lassen, oder mit andern Worten, nur die eigentlichen Löwen zu füttern und das kleinere Geschmeiß für sich selbst sorgen zu lassen.

»Wo ist Herr Pott?« fragte Madame Leo Hunter, als sie besagte Löwen um sich am Tische versammelte.

»Hier bin ich«, rief der Herausgeber, in dem entferntesten Ende des Saals von aller Hoffnung auf Speise abgeschnitten, wenn die Wirtin nicht für ihn sorgte.

»Wollen Sie nicht heraufkommen?«

»Oh, bitte, lassen Sie ihn«, sagte Madame Pott mit dem verbindlichsten Ton – »Sie geben sich sehr viel unnötige Mühe, Madame Hunter. Du bist dort ganz gut aufgehoben – nicht wahr, mein Lieber?«

»O gewiß, meine Liebe«, erwiderte der unglückliche Pott mit herbem Lächeln.

O Knute! Der nervige Arm, der sie mit gigantischer Wucht über öffentliche Charaktere schwang, war durch einen Blick der herrschsüchtigen Madame Pott gelähmt.

Madame Leo Hunter sah sich triumphierend um. Graf Smorltork war eifrig damit beschäftigt, die Gänge des Gastmahls zu notieren; Herr Tupman präsentierte einigen Löwinnen den Hummersalat mit einer Grazie, wie sie nie zuvor ein Bandit an den Tag gelegt hatte; Herr Snodgraß hatte den jungen Herrn ausgestochen, der den Stachel der Kritik für die Eatanswill-Zeitung führte und war in einer leidenschaftlichen Unterhaltung mit der jungen Dame begriffen, die die Poesie darstellte; und Herr Pickwick machte im allgemeinen den Angenehmen. Nichts schien zu fehlen, um den erlesenen Zirkel zu vervollständigen, als Herr Leo Hunter, der bei solchen Gelegenheiten seinen Platz an den Eingangstüren hatte und sich mit den minder wichtigen Leuten unterhielt, plötzlich ausrief:

»Meine Liebe, hier kommt Herr Charles Fitz-Marshall.«

»O mein Lieber«, erwiderte Madame Leo Hunter, »wie sehnsüchtig habe ich ihn erwartet. Bitte, mach‘ Platz, Herrn Fitz-Marshall durchzulassen. Sage Herrn Fitz-Marshall, mein Lieber, er soll doch sogleich zu mir kommen, um sich wegen seines späten Erscheinens ausschelten zu lassen.«

»Komme, teuerste Madame –« rief eine Stimme, »– so schnell ich kann – Menge Volks – der Saal ganz voll – harte Arbeit – sehr hart.«

Herr Pickwick ließ Messer und Gabel aus der Hand fallen und starrte über die Tafel Herrn Tupman an, der ebenfalls Messer und Gabel verloren hatte, und aussah, als wollte er sofort in den Boden sinken.

»Ah!« rief die Stimme, als ihr Eigentümer sich durch die letzten fünfundzwanzig Türken, Offiziere und Kavaliere Karls II., die zwischen ihm und der Tafel waren, Bahn brach, »ordentliche Plättrolle – nicht eine Falte an meinem Rock, nach all diesem Quetschen – hätte mein Weißzeug ungeplättet lassen können, – ha! ha! kein übler Gedanke, das – es am Körper mangeln zu lassen – harter Prozeß – sehr hart.«

Mit diesen abgebrochenen Worten bahnte sich ein junger Mann in der Uniform eines Marine-Offiziers den Weg zur Tafel und wies den erstaunten Pickwickiern die leibhafte Gestalt und Gesichtsbildung Herrn Alfred Jingles.

Der anstößige Patron hatte kaum Zeit, die dargebotene Hand der Madame Leo Hunter zu ergreifen, als seine Augen den grimmen Blicken des Herrn Pickwick begegneten.

»Ach, ach«, rief Herr Jingle, »– ganz vergessen – Postillion noch keine Befehle – gebe sie sogleich – in einer Minute wieder hier.«

»Der Diener oder Herr Hunter wird dies im Augenblick besorgen, Herr Fitz-Marshall«, sagte Madame Leo Hunter.

»Nein, nein – will’s selber tun – dauert nicht lange – im Nu wieder da«, erwiderte Jingle.

Mit diesen Worten verschwand er unter der Menge.

»Wollen Sie mir die Frage erlauben, Madame«, sagte der erregte Herr Pickwick, sich von seinem Sitze erhebend, »wer der junge Mann ist, und wo er sich aufhält?«

»Es ist ein Gentleman von Vermögen, Herr Pickwick«, antwortete Madame Leo Hunter, »und ich sehne mich sehr danach, ihn Ihnen vorzustellen. Der Graf wird darüber enzückt sein.«

»Ja, ja«, erwiderte Herr Pickwick hastig. »Sein Aufenthalt –«

»Ist gegenwärtig im Engel zu Bury.«

»Zu Bury?«

»Zu Bury St.Edmunds, wenige Meilen von hier. – Aber ich bitte Sie, Herr Pickwick, Sie werden uns doch nicht verlassen? Nein, gewiß, Sie können nicht daran denken – so früh.«

Aber lange, ehe Madame Leo Hunter zu sprechen aufgehört, hatte Herr Pickwick sich in’s Gedränge geworfen und den Garten erreicht, wo ihn bald darauf Herr Tupman traf, der seinem Freunde auf den Fersen gefolgt war.

»Es ist umsonst«, sagte Tupman. »Er ist fort.«

»Ich weiß es«, erwiderte Herr Pickwick; »aber ich will ihm folgen.«

»Ihm folgen? Wohin?« fragte Tupmann.

»Nach dem Bury in den Engel«, versetzte Herr Pickwick hastig. »Wissen wir, wen er dort betrügt? Er betrog einmal einen würdigen Mann, und wir waren die unschuldige Ursache. Er soll es nicht wieder tun, wenn ich es hindern kann; ich will ihn entlarven, Sam! Wo ist mein Diener?«

»Ah, sind Sie da, Sir?« rief Herr Weller, aus einem abgelegenen Winkel hervorkommend, wo er eben damit beschäftigt gewesen war, eine Madeiraflasche zu untersuchen, die er eine oder zwei Stunden vorher beim Frühstück weggekapert hatte. »Hier ist Ihr Diener, Sir, – stolz auf diesen Titel, wie das lebende Skelett sagte, als man es ums Geld sehen ließ.«

»Folgt mir augenblicklich«, sagte Herr Pickwick. »Tupman, wenn ich in Bury bin, können Sie dorthin kommen, sobald ich schreibe. Bis dahin leben Sie wohl.«

Vorstellungen waren fruchtlos. Herr Pickwick blieb unerschütterlich; sein Entschluß war gefaßt. Herr Tupman kehrte zur Gesellschaft zurück; und in einer Stunde hatte er alle Gedanken an Herrn Alfred Jingle oder Charles Fitz-Marshall in einer heitern Quadrille und einer Flasche Champagner erstickt.

Während dieser Zeit saßen Herr Pickwick und Sam Weller oben auf einer Postkutsche, von Minute zu Minute die Entfernung zwischen sich und der guten alten Stadt Bury Saint Edmunds Bury, Stadt nahe bei Manchester, malerisch auf einem Hügel am Irwell sich erhebend, nahe dabei das Dorf Summerseat, das in Dickens Roman. »Nicholas Nickleby« eine Rolle spielt. kürzer werden lassend.

Siebzehntes Kapitel.


Siebzehntes Kapitel.

Zu voll von Abenteuern, als daß es kurz beschrieben werden könnte.

Es gibt keinen Monat im ganzen Jahre, in dem die Natur ein schöneres Aussehen hat, als im Monat August. Der Lenz hat viele Schönheiten, und der Mai ist ein heiterer, blumenreicher Monat, aber der Kontrast zum Winter ist es, der die Reize dieser Jahreszeit hervorhebt. Der August hat diesen Vorteil nicht. Er erscheint, wenn wir von nichts anderm wissen, als von klarem Himmel, grünen Wiesen und süß duftenden Blumen – wenn die Erinnerung an Schnee und Eis und rauhe Winde so ganz aus unserm Gedächtnis gelöscht ist, als wären diese Dinge von der Erde überhaupt verschwunden – und doch, welch reizende Zeit!

Baumgärten und Kornfelder wimmeln von fröhlichen Arbeitern; die Bäume beugen sich unter ihrem reichen Segen, und das gelbe Korn, das die Landschaft vergoldet, schüttelt seine Ähren unter dem leisesten Lüftchen, das darüber hinwogt, als sehnte es sich nach der Sichel, wie der Bräutigam nach der Braut. Ein Geist der Sanftmut und des Friedens scheint über der ganzen Erde zu schweben. Selbst der schwere Kornwagen bewegt sich geräuschlos über das Erntefeld und ist nur dem Auge bemerkbar.

Während die Kutsche schnell durch die Felder und Baumgärten dahinrollt, die die Straße durchzieht, bleiben Weiber und Kinder, die in Garben das Korn zusammenbinden oder die zerstreuten Ähren sammeln, gruppenweise stehen und feiern für einen Augenblick. Das sonnenverbrannte Gesicht mit einer noch brauneren Hand beschattet, betrachten sie die Reisenden mit neugierigen Augen, indessen ein pausbackiger Knabe, zu klein, um zu arbeiten, und zu unartig, um zu Hause gelassen werden zu können, aus seinem Sicherheitskorbe herauskrabbelt, vor Vergnügen schreit und auf den Boden stampft. Der Schnitter hält in seiner Arbeit inne und sieht mit verschlungenen Armen dem Gefährte nach, wenn seine Räder vorübergerollt sind. Die groben Ackergäule werfen einen schläfrigen Blick auf die schmucken Kutschenpferde, der so deutlich, als es ein Pferdeblick vermag, die Meinung ausdrückt: das ist alles sehr schön anzusehen, aber langsam über ein Ackerfeld hinzugehen, ist im Grunde doch besser, als eine heiße Arbeit wie eure auf der staubigen Straße. Werft einen Blick hinter euch, wenn ihr um eine Straßenecke wendet, und die Weiber und Kinder haben ihre Arbeit wieder aufgenommen, der Schnitter bückt sich wieder mit seiner Sichel, die Ackergäule ziehen wieder am Wagen, und alles ist wieder in Bewegung. Eine Szene wie diese verfehlte ihre Wirkung auf das empfängliche Gemüt Herrn Pickwicks nicht. Mit dem Entschlusse, den er gefaßt, beschäftigt, den schändlichen Jingle in seiner wahren Gestalt zu entlarven, mochte er seine betrügerischen Pläne ausspinnen, wo er wollte, saß er anfangs stumm und in Gedanken verloren da, über die Mittel brütend, die ihn zum Ziele führen könnten. Nach und nach lenkte sich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die Dinge, die ihn umgaben, und zuletzt hatte er von seinem Ausfluge so viel Genuß, als hätte er ihn aus den heitersten Beweggründen der Welt unternommen.

»Ein entzückender Anblick, Sam«, bemerkte Herr Pickwick.

»Geht noch über die Schornsteinhüte, Sir«, versetzte Herr Weller, an seinen Hut greifend.

»Ich glaube, du hast in deinem ganzen Leben beinahe nichts gesehen, als Kaminhüte, Ziegelsteine und Mörtel«, sagte Herr Pickwick lächelnd.

»Bin nicht immer Hausknecht gewesen, Sir«, entgegnete Herr Weller mit Kopfschütteln. »Ich war einmal Fuhrknecht.«

»Wann war das?« fragte Herr Pickwick.

»Als ich zum ersten Male kopfüber in die Welt geworfen wurde, um mich von ihr herumtrudeln zu lassen«, antwortete Sam. »Zuerst war ich bei einem Trödler, dann bei einem Fuhrmann, dann brachte ich es zum Aushelfer und dann zum Hausknecht. Jetzt bin ich Diener bei einem Herrn. Nächstens werde ich vielleicht selbst ein Herr werden, mit einer Pfeife im Munde und einem Sommerhaus im Hintergarten. Wer weiß? Mich sollte es keinen Augenblick wundernehmen.«

»Du bist ein ganzer Philosoph, Sam«, bemerkte Herr Pickwick.

»Es liegt, glaube ich, in der Familie, Sir«, versetzte Herr Weller. »Mein Vater ist sehr stark nach dieser Richtung hin veranlagt. Wenn meine Stiefmutter ihn auszankt, pfeift er. Wenn sie in Wut gerät und seine Pfeife zerbricht, so geht er langsam hinaus und holt sich eine andere. Wenn sie laut aufkreischt und in Ohnmacht fällt, so raucht er ganz gemütlich, bis sie wieder zu sich kommt. Das ist die Philosophie, Sir, – nicht wahr?«

»Auf alle Fälle ein guter Ersatz dafür«, versetzte Herr Pickwick lachend. »Es muß dir im Laufe deines Lebens oft gut zustatten gekommen sein, Sam?«

»Zustatten gekommen, Sir?« rief Sam. »Da haben Sie ganz recht. Ich ging also vom Trödler fort, und ehe ich zum Fuhrmann kam, hatte ich vierzehn Tage lang freie Wohnung.«

»Freie Wohnung?« fragte Herr Pickwick.

»Ja – die drei Bogen unter der Waterloobrücke Eine verkehrsreiche Brücke über die Themse in London, direkt auf Waterloo-Road mündend.. Eine hübsche Schlafstätte – nur zehn Minuten von allen städtischen Gebäuden – freilich, eins war daran auszusetzen, ihre Lage ist etwas zu luftig. Ich sah seltsame Dinge dort.«

»Hm, das glaube ich«, versetzte Herr Pickwick mit einer Miene, die großes Interesse verriet.

»Dinge, Sir«, fuhr Weller fort, »die ihr liebevolles Herz durchbohren und auf der andern Seite wieder herauskommen. Ich fand hier nicht die regelrecht professionierten Strolche; glauben Sie mir, die wissen was Besseres, als das. Junge Bettler und Bettlerinnen, die es noch nicht weit in ihrem Beruf gebracht haben, schlagen dort bisweilen ihr Quartier auf. Aber gewöhnlich sind es die ausgehungerten, heimatlosen Geschöpfe, die sich in den feuchten Winkeln jener einsamen Plätze niederkauern; arme Luder, die den Zweipfennigstrick nicht auftreiben können.«

»Was ist denn das, Sam, der Zweipfennigstrick?« fragte Herr Pickwick.

»Der Zweipfennigstrick, Sir«, versetzte Herr Weller, »ist eine wohlfeile Herberge, wo das Bett zwei Pfennig für die Nacht kostet.«

»Warum nennt man denn ein Bett einen Strick?« fragte Herr Pickwick.

»Gott segne Ihre Unschuld, mein Herr, das tut man nicht«, erwiderte Sam. »Als die Dame und der Herr des Hotels das Geschäft anfingen, pflegten sie die Betten auf den Boden zu legen; aber dies wollte nicht klecken; anstatt bescheiden einen zwei Pfennig werten Schlaf zu genießen, pflegten die Schlafgänger den halben Tag liegenzubleiben. Darum haben sie jetzt zwei Stricke ungefähr sechs Fuß von einander und drei Fuß vom Boden; auf die werden die Betten gelegt, die aus Bändern von grober Sackleinwand gemacht sind.«

»Na ja«, sagte Herr Pickwick.

»Na ja«, wiederholte Herr Weller, »der Vorteil springt in die Augen. Um sechs Uhr morgens werden die Stricke an einem Ende abgelöst und sämtliche Schlafgänger fallen herunter. Die Folge ist, daß sie völlig wach ganz ruhig aufstehen und fortgehen.«

»Verzeihung, Sir«, sagte Sam, seinen Wortschall plötzlich hemmend. »Ist dies Bury Saint Edmunds?«

»Ja, das ist’s«, erwiderte Herr Pickwick.

Die Kutsche rasselte durch die wohlgepflasterten Straßen eines hübschen Städtchens von wohlhabenden und reinlichem Aussehen, und hielt vor einem großen Gasthof in einer breiten, offenen Straße, beinahe gerade der alten Abtei gegenüber.

»Und dies«, sagte Herr Pickwick emporschauend, »ist der Engel. Wir steigen hier ab, Sam, aber einige Vorsicht ist notwendig. Bestelle ein besonderes Zimmer, und nenne meinen Namen nicht. Du verstehst mich.«

»Wie ein Orakel, Sir«, versetzte Herr Weller mit einem schlauen Winke, und nachdem er Herrn Pickwicks Gepäck aus dem hintern Kasten genommen, in den es in der Eile geworfen war, als sie in die Eatanswiller Postkutsche stiegen, verschwand Herr Weller, um seinen Auftrag auszurichten. Augenblicklich wurde ein besonderes Zimmer bestellt und Herr Pickwick ohne Verzug hineinbugsiert.

»Nun ist das Erste, Sam«, sagte Herr Pickwick, »das Erste, was geschehen muß –«

»Das Essen, Sir«, unterbrach ihn Herr Weller, »Es ist schon sehr spät.«

»Ach ja«, sagte Herr Pickwick, auf seine Uhr sehend. »Du hast recht, Sam.«

»Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, mein Herr«, fügte Herr Weller hinzu, »so würde ich mich an Ihrer Stelle nach dem Essen zu Bett begeben und erst morgen ans Werk gehen, nachdem ich erst mal ordentlich ausgeschlafen hätte. Nichts ist so erquickend, wie ein ordentlicher Schlaf, Sir, sagte die Kellnerin, ehe sie das Glas Opium leerte.«

»Du magst wohl recht haben, Sam«, versetzte Herr Pickwick. »Aber ich muß mich zuerst überzeugen, daß er im Hause ist und nicht so schnell fortgeht.«

»Überlassen Sie das mir, Sir«, sagte Sam. »Lassen Sie mich ein hübsches, kleines Abendessen bestellen, unten nachforschen, während es zubereitet wird: in fünf Minuten will ich dem Hausknecht jedes Geheimnis entlockt haben.«

»Mach es so«, sagte Herr Pickwick.

Und Herr Weller entfernte sich alsbald.

In einer halben Stunde saß Herr Pickwick vor einem sehr befriedigenden Abendessen; und in drei Viertelstunden kam Herr Weller mit der Nachricht zurück, Herr Charles Fitz-Marshall habe befohlen, man solle ihm sein Zimmer bis auf weiteres vorbehalten. Er sei ausgegangen, um den Abend in einem benachbarten Privathause zuzubringen: weiter habe er den Hausknecht angewiesen, bis zu seiner Zurückkunft aufzubleiben, und sei dann mit seinem Diener weggegangen.

»Kann ich nun morgen mit seinem Diener anbinden«, schloß Herr Weller seinen Bericht, »so muß er mir alle Verhältnisse seines Herrn entdecken.«

»Was fällt dir ein?« fiel Herr Pickwick ein.

»Wohin denken Sie, Herr: das ist so der Brauch bei den Dienern«, erwiderte Herr Weller.

»Ach, ich habe nicht daran gedacht«, sagte Herr Pickwick. »Gut.«

»Dann können Sie die Sache angreifen, wie es am besten geht, Herr, und wir können uns danach richten.«

Da es sich zeigte, daß das die beste Anordnung war, die gctroffen werden konnte, so ward der Vorschlag endlich angenommen. Herr Weller zog sich mit der Erlaubnis seines Herrn zurück, um seinen Abend auf seine Weise zuzubringen, und sah sich bald darauf in der Trinkstube von der versammelten Gesellschaft zum Präsidenten erwählt. Er erfüllte den ehrenvollen Posten so sehr zur allgemeinen Zufriedenheit, daß das Gelächter und Beifallsgeschrei bis in Herrn Pickwicks Zimmer drang und die gewohnte Zeit seiner Ruhe wenigstens um drei Stunden abkürzte.

Am folgenden Morgen früh vertrieb Herr Weller sodann die Nachwehen des vorhergehenden Abends durch ein Halbpennysturzbad (er hatte nämlich einem jungen Kavalier, der im Stallknechtdienst angestellt war, das genannte Geldstück gegeben, um ihm so lange Wasser über Kopf und Gesicht zu pumpen, bis er vollkommen hergestellt sein würde). Da ward er einen jungen Burschen in maulbeerfarbener Livree gewahr, der auf einer Bank im Hofe saß, mit einer Miene tiefen Nachsinnens. Er las in einem Dinge, das einem Gebetbuche gleich sah, warf aber nichtsdestoweniger von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf das Individuum unter der Pumpe, als ob er irgendein Interesse an seinem Tun und Lassen nähme.

»Du scheinst mir ein seltsamer Kamerad, deinem Aussehen nach«, dachte Herr Weller, als seine Augen zum ersten Mal den Blicken des Fremden in der maulbeerfarbenen Livree begegneten, der ein breites, schmutziges, häßliches Gesicht, tief eingefallene Augen und einen riesenhaften Schädel hatte, von dem eine Portion schlichtes, schwarzes Haar niederrollte. »Ein seltsamer Kamerad«, dachte Herr Weller, fing an sich zu waschen und dachte nicht mehr weiter über ihn nach.

Immer schielte der Mensch von seinem Gebetbuche nach Sam und von Sam in sein Gebetbuch, als ob er eine Unterhaltung anzuknüpfen wünschte. Endlich fragte Sam, um ihm eine Gelegenheit dazu zu geben, mit einem vertraulichen Kopfnicken:

»Wie geht es Ihnen, Herr Hauskandidat?«

»Gottlob, gut, ziemlich gut, Herr«, antwortete der Mensch mit bedächtiger Langsamkeit, und machte das Buch zu. »Ich hoffe bei Ihnen findet das gleiche statt, mein Herr?«

»Nun, wenn ich weniger Ähnlichkeit mit einer wandelnden Branntweinflasche in mir fühlen würde, wäre ich diesen Morgen ganz wohlauf«, antwortete Sam. »Logieren Sie in diesem Hause?«

Der Maulbeerfarbene bejahte.

»Warum haben Sie denn gestern Nacht nicht mitgemacht?« fragte Sam, sein Gesicht mit dem Handtuche reibend. »Sie mögen mir ein lustiger Bruder sein – sieht so gesellig aus, wie eine lebende Forelle in einem Weidenkorb«, setzte Herr Weller leise hinzu.

»Ich war gestern abend mit meinem Herrn auswärts«, erwiderte der Fremde.

»Wie nennt er sich?« fragte der Herr Weller, dem eine plötzliche Aufregung noch mehr Blut ins Gesicht trieb, als er bereits durch die Reibung mit dem Handtuche hervorgerufen hatte.

»Fitz-Marshall«, antwortete der Maulbeerfarbene.

»Geben Sie mir die Hand«, sagte Herr Weller nähertretend; »ich möchte gern mit Ihnen bekannt werden. Ihr Gesicht gefällt mir, alter Kamerad.«

»Nun, das ist höchst seltsam«, bemerkte der Maulbeerfarbene mit großer Einfalt. »Sie gefielen mir so sehr, daß ich vom ersten Augenblick an, da ich Sie unter der Pumpe sah, mit Ihnen zu sprechen wünschte.«

»Wirklich?«

»Auf mein Wort. Nun, ist das nicht kurios?«

»Sehr sonderbar«, sagte Sam, sich im Innern über die Gefügigkeit des Fremden gratulierend.

»Wie nennen Sie sich, mein Erzvater?«

»Hiob.«

»Das ist j» wirklich ein wackerer Name: der einzige meines Wissens, der nicht verketzert worden ist. Wie heißen Sie weiter?«

»Trotter«, antwortete der Fremde. »Und Sie?«

Sam dachte an die von seinem Herrn anempfohlene Behutsamkeit und antwortete:

»Mein Name ist Walker und mein Herr heißt Wilkins. Wollen Sie ein Morgenschlückchen mit mir nehmen, Herr Trotter?«

Herr Trotter ging auf den angenehmen Vorschlag ein, steckte sein Buch in die Jackentasche und begleitete Herrn Weller in die Trinkstube. Dort waren sie bald mit der Untersuchung einer aufheiternden Mischung beschäftigt, die sich in einem zinnernen Gefäß befand und aus einer gewissen Quantität Wacholderbranntwein und Nelkenessenz gebraut war.

»Und was haben Sie für eine Stellung?« fragte Sam, als er das Glas seines Gefährten zum zweiten Male füllte.

»Eine schlechte«, antwortete Hiob mit den Lippen schmatzend, »eine sehr schlechte.«

»Das ist doch nicht Ihr Ernst?« fragte Sam.

»Mein vollkommener Ernst. Das Schlimmste ist, mein Herr will heiraten.«

»Ach nein!«

»Ja; und noch schlimmer ist das, er will eine unermeßlich reiche Erbin aus dem Mädchenpensionat entführen.«

»Ein Teufelskerl das«, äußerte Sam, seines Gefährten Glas wieder füllend. »Ist vermutlich ein Mädchenpensionat in der Stadt, nicht wahr?«

Obgleich diese Frage scheinbar im unbefangensten Tone von der Welt vorgebracht wurde, so deutete doch Hiob Trotter durch Gebärden umständlich genug an, daß er die Absicht seines neuen Freundes durchschaue. Er leerte sein Glas, sah seinen Gefährten geheimnisvoll an, winkte mit seinen beiden Äuglein, zuerst mit dem rechten, dann mit dem linken, und machte endlich eine Bewegung mit dem Arme, als ob er in Gedanken pumpte, um dadurch anzuzeigen, daß er (Herr Trotter) sich als einen Brunnen betrachte, der von Herrn Samuel Weller ausgepumpt werden sollte.

»Nein, nein«, sagte endlich Herr Trotter. »Das darf nicht jedermann wissen, das ist ein Geheimnis, ein großes Geheimnis, Herr Walker.«

Während der Maulbeerfarbene also sprach, stülpte er sein Glas um, seinen Gefährten auf diese Weise daran erinnernd, daß er nun nichts mehr hätte, um seinen Durst zu löschen. Sam verstand den Wink, und weil er die Zartheit fühlte, mit der sie gegeben worden, ließ er das zinnerne Gefäß wieder füllen, worüber die kleinen Äuglein des Maulbeerfarbenen vor Freude glänzten.

»Und so ist’s also ein Geheimnis?« fragte Sam.

»Ich vermute fast, es ist so was«, erwiderte der Maulbeerfarbene, sein Tränklein mit freundlichem Gesicht schlürfend.

»Vermutlich ist Ihr Herr reich?« fragte Sam.

Herr Trotter lächelte, und das Glas in der Linken haltend, klopfte er mit der Rechten viermal auf die Tasche seiner maulbeerfarbenen Hose, als wollte er damit andeuten, daß sein Herr das auch tun, d.h. auf seine Hosentaschen klopfen könnte, ohne irgend jemand durch Geldgeklimper neidisch zu machen,

»Ach«, sagte Sam, »liegt da der Hund begraben?«

Der Maulbeerfarbene nickte bejahend.

»Gut, aber denken Sie nicht, alter Sünder«, fing nun Herr Weller an, »daß Sie da ein köstlicher Schurke sind, wenn Sie Ihren Herrn die junge Dame entführen lassen?«

»Ich weiß es«, sagte Hiob Trotter seufzend und einen Blick tiefer Zerknirschung auf seinen Gefährten werfend: »ich weiß es, und das ist gerade ein nagender Wurm in meinem Innern. Aber was soll ich tun?«

»Tun?« fragte Sam. »Die Sache der Vorsteherin melden und Ihren Herrn verlassen.«

»Würden Sie mir glauben?« erwiderte Hiob Trotter. »Die junge Dame gilt als die Unschuld und Besonnenheit selbst. Sie würde es leugnen und mein Herr auch. Wer würde mir glauben? Ich würde meine Stelle verlieren und wegen Verrats oder so etwas verklagt werden: das ist alles, was ich dadurch gewönne.«

»Da haben Sie recht«, sagte Sam nachdenklich, »da haben Sie recht.«

»Wenn ich einen glaubwürdigen Herrn wüßte, der die Sache auf sich nähme«, fuhr Herr Trotter fort, »so würde ich einige Hoffnung hegen, die Entführung zu hintertreiben; aber das ist gerade der schwierigste Punkt, Herr Walker; das ist’s gerade. Ich kenne keinen Herrn hier; und dann, wenn ich es auch einem sagte, würde er mir die Geschichte glauben?«

»Kommen Sie mit«, sagte Sam, plötzlich aufspringend und den Maulbeerfarbenen am Arme nehmend; »mein Herr ist der Mann, den Sie suchen.«

Und nach kurzem Widerstand von selten Hiob Trotters führte Sam seinen neugefundenen Freund in Herrn Pickwicks Zimmer, stellte ihn seinem Herrn vor und wiederholte kurz das Zwiegespräch, das sie soeben gehabt hatten.

»Es tut mir sehr leid um meinen Herrn«, sagte Hiob Trotter, ein rosenfarbenes, gewürfeltes Taschentuch von ungefähr drei Quadratzoll vor die Augen haltend.

»Dieses Gefühl macht Ihnen viel Ehre«, verfehle Herr Pickwick: »aber es ist nichtdestoweniger Ihre Pflicht.«

»Ich weiß, es ist meine Pflicht, mein Herr«, verfetzte Hiob mit großer Rührung. »Wir sollten alle unsere Pflicht tun, Sir, und ich suche demütig die meine zu erfüllen, Sir; aber es ist eine schwere Prüfung, einen Herrn zu verraten, dessen Kleider man trägt und dessen Brot man ißt, selbst wenn er ein Schurke ist, Sir.«

»Sie sind ein sehr guter Mensch«, bemerkte Herr Pickwick sehr gerührt, »ein ehrlicher Mensch.«

»Gehen Sie, gehen Sie«, fiel Sam ein, der Herrn Trotters Tränen voller Ungeduld mit angesehen hatte. »Geben Sie dieses Wasserhandwerk auf: es führt Sie doch zu nichts.«

»Sam«, sagte Herr Pickwick vorwurfsvoll, »ich sehe es sehr ungern, daß du so wenig Achtung vor den Gefühlen dieses jungen Mannes hast.«

»Seine Gefühle sind sehr gut, mein Herr«, versetzte Herr Weller, und weil sie so schön sind, und es schade wäre, wenn er sie verlöre, hielte ich es für besser, wenn er sie in seiner Brust behielte, als wenn er sie im heißen Wasser verdampfen läßt. Sie führen doch zu nichts. Tränen haben noch nie eine Uhr aufgezogen oder eine Dampfmaschine getrieben. Wenn Sie wieder einmal in eine Tabakskneipe gehen, junger Mensch, so stopfen Sie sich die Pfeife mit dieser Betrachtung: für jetzt aber stecken Sie das bißchen rote Baumwolle in die Tasche. Es ist nicht schön, daß Sie so damit herumfuchteln, als wären Sie ein Seiltänzer.«

»Mein Diener hat recht«, sagte Herr Pickwick zu Hiob, »wiewohl seine Art sich auszudrücken etwas unmanierlich und bisweilen unverständlich ist.«

»Er hat recht, mein Herr«, sagte Herr Trotter, »ich will mich beherrschen.«

»Sehr schön«, versetzte Herr Pickwick, »und wo ist denn das Mädchenpensionat?«

»Es ist ein großes, altes, backsteinernes Haus, gerade vor der Stadt«, erwiderte Hiob Trotter.

»Und wann«, fragte Herr Pickwick, »wann soll der schändliche Plan ausgeführt werden – wann soll die Entführung stattfinden?«

»Heute abend, mein Herr«, antwortete Hiob.

»Heute abend«, rief Herr Pickwick,

»Noch heute abend, mein Herr«, versicherte Hiob Trotter. »Das ist’s, was mich so sehr beunruhigt.«

»Es müssen augenblicklich Maßregeln getroffen werden«, sagte Herr Pickwick. »Ich will die Dame sogleich sprechen, die die Mädchenschule hält.«

»Bitte um Verzeihung, mein Herr«, sagte Hiob, »aber so geht es nicht.«

»Warum nicht?« fragte Herr Pickwick.

»Mein Herr ist ein sehr schlauer Kamerad.«

»Das weiß ich«, sagte Herr Pickwick.

»Und er hat sich bei der guten Dame so eingeschwatzt«, fuhr Hiob fort, »daß sie nichts zu seinem Nachteil glauben würde, und wenn Sie sich auf Ihre nackten Knie würfen und es durch einen Eid bekräftigten: besonders da Sie keinen andern Beweis haben, als die Aussagen eines Dieners, der wegen irgendeines Vergehens, das ihr mein Herr zu nennen für gut fände (und das würde er sicher sagen), fortgejagt worden sei und nun aus Rache so handle.«

»Was soll dann aber geschehen?« fragte Herr Pickwick.

»Nichts kann die alte Dame überzeugen, als wenn wir ihn auf der Tat ertappen«, versetzte Hiob.

»Die alten Katzen wollen mit dem Kopf gegen die Wand rennen«, bemerkte Herr Weller in Paranthese.

»Aber dieses auf der Tat Ertappen, fürchte ich, möchte ziemlich schwer auszuführen sein«, sagte Herr Pickwick.

»Ich weiß nicht, mein Herr«, entgegnete Herr Trotter, nachdem er einige Minuten lang nachgedacht hatte. »Ich meine, es sollte sehr leicht gehen.«

»Wie?« fragte Herr Pickwick.

»Nun«, erwiderte Herr Trotter, »mein Herr und ich sind mit den beiden Mägden im Einverständnis und werden uns um zehn Uhr in der Küche verstecken. Wenn sich die Familie zur Ruhe begeben hat, werden wir aus der Küche und die junge Dame aus ihrem Schlafzimmer hervorkommen. Eine Postkutsche wartet auf uns und wir fahren ab.«

»Gut«, sagte Herr Pickwick.

»Gut, mein Herr: da dachte ich, wenn Sie im Garten hinten warten würden, allein –.«

»Allein?« wiederholte Herr Pickwick, »und warum allein?«

»Ich finde es sehr natürlich«, versetzte Hiob, »daß es der alten Dame nicht erwünscht sein könnte, wenn eine unangenehme Entdeckung vor mehr Personen gemacht würde, als notwendig dazu gehören. Der jungen Dame ebensowenig, mein Herr. – Bedenken Sie ihre Gefühle.«

»Sie haben ganz recht«, sagte Herr Pickwick; »diese Rücksicht ist ein Beweis von großem Zartgefühl. Fahren Sie fort. Sie haben ganz recht.«

»Gut; ich dachte, mein Herr, wenn Sie im hintern Garten allein warteten und ich Sie dann Punkt halb zwölf Uhr durch die Tür einließe, die aus dem Hausgang in den Garten führt, so würden Sie gerade im rechten Augenblicke ankommen, um mir den Plan des schlechten Mannes vereiteln zu helfen, von dem ich unglücklicherweise umgarnt worden bin,«

Hier seufzte Herr Trotter tief auf.

»Betrüben Sie sich deshalb nicht«, bemerkte Herr Pickwick; »hätte er auch nur ein Weniges von dem Zartgefühl, das Sie auszeichnet, wie untergeordnet auch Ihre Stellung ist, ich würde noch einige Hoffnung auf ihn setzen.«

Hiob Trotter verbeugte sich tief, und trotz Herrn Wellers Vorstellungen traten wieder Tränen in seine Augen.

»So einen Kameraden habe ich noch nie gesehen«, äußerte Sam. »Der Kuckuck soll mich holen, der einen Wasserschwamm im Kopfe hat, der immer gepreßt wird.«

»Sam«, sagte Herr Pickwick mit großer Strenge, »halte deinen Mund.«

»Sehr wohl, Sir«, versetzte Herr Weller.

»Der Plan gefällt mir nicht«, sagte Herr Pickwick nach tiefem Nachdenken, »Warum kann ich mich nicht mit den Verwandten der jungen Dame besprechen?«

»Weil sie hundert Meilen von hier wohnen, mein Herr«, antwortete Hiob Trotter.

»Da ist der Riegel vorgeschoben«, sagte Herr Weller leise vor sich hin.

»Dann dieser Garten?« fragte Herr Pickwick weiter; »wie soll ich hineinkommen?«

»Die Mauer ist sehr niedrig, mein Herr, und Ihr Diener kann Ihnen das Bein halten.«

»Mein Diener kann mir das Bein halten«, wiederholte Herr Pickwick mechanisch. »Sie sind also gewiß an der Tür, von der Sie sagten?«

»Sie können sie nicht verfehlen, mein Herr: es ist die einzige, die in den Garten führt. Pochen Sie nur daran, wenn sie den Glockenschlag hören, und ich werde Ihnen augenblicklich öffnen.«

»Der Plan gefällt mir nicht«, sagte Herr Pickwick: »aber da ich keinen andern weiß und das ganze Lebensglück der jungen Dame auf dem Spiele steht, so willige ich ein. Ich werde bestimmt kommen.«

Zum zweiten Male also verwickelte Herrn Pickwick seine angeborene Herzensgüte in ein Unternehmen, von dem er sich sonst ferngehalten hätte.

»Wie heißt das Haus?« fragte Herr Pickwick.

»Westgatehouse, mein Herr. Sie wenden sich rechts, wenn Sie ans Ende der Stadt kommen; es steht allein in geringer Entfernung von der Landstraße, und der Name steht auf einem Messingschild am Tore.

»Ich kenne es«, antwortete Herr Pickwick. »Ich habe es früher schon gesehen, als ich in dieser Stadt war. Sie können sich auf mich verlassen.«

Herr Trotter machte eine zweite Verbeugung und wandte sich der Türe zu, als ihm Herr Pickwick einen Goldfuchs in die Hand drückte.

»Sie sind ein wackerer Bursche«, sagte Herr Pickwick, »und ich bewundere Ihr gutes Herz. Keinen Dank. Vergessen Sie die Stunde nicht – elf Uhr,«

»Haben Sie deshalb keine Sorge, mein Herr«, erwiderte Hiob Trotter.

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und Sam folgte ihm.

»Hört«, sagte der letztere, »das Heulen ist doch nicht so übel. Bei solchen Aussichten würde ich auch tropfen, wie eine Dachrinne, wenn’s regnet. Wie bringen Sie das fertig?«

»Es kommt mir aus dem Herzen, Herr Walker«, erwiderte Hiob feierlich. »Guten Morgen, mein Herr.«

»Ihr seid ein rechter Pinsel, ja gewiß; – doch einerlei; jetzt haben wir doch alles aus Euch herausgebracht«, dachte Herr Weller, als sich Hiob entfernte.

Die Gedanken aber, die Herrn Trotters Geist durchkreuzten, können wir nicht genau angeben, weil wir sie nicht wissen.

Der Tag neigte sich, der Abend kam, und kurz vor zehn Uhr berichtete Sam Weller, Herr Jingle und Herr Hiob seien miteinander ausgegangen, ihre Sachen seien schon gepackt und sie hätten eine Kutsche befohlen. Der Anschlag sollte offenbar ausgeführt werden, wie Herr Trotter vorher angegeben.

Halb elf schlug es. Also war es Zeit für Herrn Pickwick, daß er an sein zartes Geschäft ging. Sam brachte ihm den Mantel, aber er wies das Anerbieten zurück, um beim Übersteigen der Mauer nicht gehindert zu werden, und in Begleitung seines Dieners trat er den Weg an.

Es war Vollmond, doch das Gestirn hinter den Wolken. Die Nacht war mild und ohne Regen, aber ungewöhnlich finster. Wege, Hecken, Häuser und Bäume waren in tiefe Schatten gehüllt. Die Luft war heiß und schwül, am Rande des Horizontes zitterte schwach das sommerliche Wetterleuchten, der einzige Schein, der die dichte Finsternis unterbrach, in die alles gehüllt war. Kein Laut störte die Stille, außer dem entfernten Gebell eines wachsamen Haushundes.

Sie fanden das Haus, lasen die Messinglatte, gingen um die Mauer herum und hielten an dem Teil, der sie vom Garten trennte.

»Sam, du kehrst in den Gasthof zurück, wenn du mir hinübergeholfen hast«, sagte Herr Pickwick.

»Sehr wohl, mein Herr.«

»Und bleibst auf, bis ich zurückkomme.«

»Halte mir das Bein, und wenn ich sage ›Über‹, so hebst du mich sachte in die Höhe,«

»Ganz recht, mein Herr.«

Nachdem die Präliminarien festgesetzt waren, kletterte Herr Pickwick auf die Mauer hinauf und gab das Signal »Über«, dem dann buchstäblich gehorcht wurde. Ob sein Körper einigen Anteil an der Schnellkraft seines Geistes, oder ob Herr Weller von sachte in die Höhe heben etwas gröbere Begriffe hatte als Herr Pickwick, die unmittelbare Folge seines Beistandes war die, daß der unsterbliche Gentleman völlig über die Mauer in das unten liegende Gartenbeet geworfen wurde, wo er drei Stachelbeerbüsche und einen Rosenstock zu Boden drückte und in seiner vollen Länge hinstürzte.

»Sie haben sich doch nicht verletzt, Sir?« flüsterte Sam ziemlich laut, sobald er sich von dem Schreck über das geheimnisvolle Verschwinden seines Herrn etwas erholt hatte.

»Ich habe mich nicht verletzt, Sam«, antwortete Herr Pickwick von der anderen Seite der Mauer: »ich denke vielmehr, du hast mich verletzt.«

»Ich hoffe nicht, mein Herr«, sagte Sam.

»Mach dir keine Sorgen darüber«, versetzte Herr Pickwick aufstehend: »es sind nur ein paar Schrammen. Geh jetzt, man könnte uns sonst hören.«

»Guten Abend, Sir.«

»Guten Abend.«

Mit leisen Schritten entfernte sich Sam Weller und ließ Herrn Pickwick allein im Garten.

Dann und wann zeigten sich Lichter an den verschiedenen Fenstern des Hauses oder schimmerten von den Treppen herüber, als ob die Bewohner sich zur Ruhe begäben, Herr Pickwick wollte nicht vor der bestimmten Zeit an die Tür treten und versteckte sich einstweilen in eine Mauerecke.

Es war eine Lage, die manchem den Mut benommen hätte; allein Herr Pickwick fühlte weder Niedergeschlagenheit noch Kleinmut. Er wußte, daß sein Zweck in der Hauptsache ein guter war und setzte ein unbeschränktes Vertrauen in den hochherzigen Hiob. Seine Lage war zwar mißlich, um nicht zu sagen traurig, aber ein innerlicher Geist kann sich immer mit Nachdenken beschäftigen. Herr Pickwick dachte sich in einen Schlummer hinein, aus dem er durch die Glockenschläge der benachbarten Kirche erweckt wurde – es schlug halb zwölf.

»Es ist Zeit«, dachte Herr Pickwick, leise näher tretend. Er sah am Hause hinauf. Die Lichter waren verschwunden und die Läden verschlossen. – Alles zu Bett, ohne Zweifel. Er ging auf den Zehen der Tür zu und pochte leise. Zwei bis drei Minuten gingen vorüber, ohne daß eine Antwort erfolgte. Er pochte lauter und dann noch lauter.

Endlich hörte man Fußtritte auf der Treppe, und dann schien das Licht einer Kerze durch das Schlüsselloch. Lange Zeit verging mit Aufschließen und Aufriegeln, und sachte ging die Tür auf. Sie öffnete sich nach außen, und wie sie weiter und weiter aufgemacht wurde, zog sich Herr Pickwick mehr und mehr hinter dieselbe zurück. Wie groß war sein Erstaunen, als er bei einem vorsichtigen Blick die Bemerkung machte, daß die Person, die sie öffnete, nicht Hiob Trotter war, sondern ein Dienstmädchen, mit einem Licht in der Hand. Herr Pickwick zog seinen Kopf zurück, mit einer Geschwindigkeit, die einem Taschenspieler Ehre gemacht haben würde.

»Es muß die Katze gewesen sein, Sara«, sagte das Dienstmädchen, sich an jemand im Hause wendend. »Bs, ws, ws – zi, zi, zi.«

Aber kein Tier ließ sich durch diese Lockungen herbeirufen; das Mädchen schloß sachte die Tür und schob den Riegel wieder vor, Herrn Pickwick an der Mauer lassend, an die er sich festgedrückt hatte.

»Das ist sehr seltsam«, dachte Herr Pickwick. »Sie sind vermutlich über die gewöhnliche Stunde aufgeblieben. Höchst unglücklicher Zufall, daß sie gerade diese Nacht vor allen andern zu einem solchen Zwecke ausersehen haben – außerordentlich.« Und mit diesen Gedanken zog sich Herr Pickwick behutsam in den Mauerwinkel zurück, in dem er sich vorher versteckt hatte, des Augenblickes harrend, wo es ratsam sein würde, das Signal zu wiederholen.

Er war noch nicht fünf Minuten dort, als ein heller Blitzstrahl die Nacht durchriß, und ein lauter Donnerschlag folgte, der mit furchtbarem Getöse in der Ferne verhallte – dann kam ein zweiter Blitzstrahl, heller als der andere, und ein zweiter Donnerschlag, lauter als der erste, und nieder strömte der Regen mit einer Kraft und einer Wut, die alles mit sich fortrissen,

Herr Pickwick wußte es sehr wohl, daß ein Baum ein sehr gefährlicher Nachbar in einem Donnerwetter ist. Er hatte einen Baum zu seiner Rechten, einen Baum zu seiner Linken, einen dritten vor sich und einen vierten hinter sich. Wäre er geblieben, wo er war, so hätte er leicht das Opfer eines Zufalls werden können; hätte er sich mitten im Garten gezeigt, so wäre er vielleicht von einem Nachtwächter gesehen worden; ein- oder zweimal suchte er die Mauern zu übersteigen, aber da er diesmal keine anderen Beine hatte, als die, womit ihn die Natur versehen, so erreichte er durch seine Anstrengungen nur so viel, daß seine Knie und Schienbeine höchst unangenehme Schmarren bekamen und sein ganzer Körper in einem sehr reichlichen Schweiß geriet.

»Welch furchtbare Lage«, seufzte Herr Pickwick, als er nach dieser Leibesübung seine Stirne abgewischt hatte. Er sah an dem Hause hinauf. Alles war finster. Sie mußten jetzt zu Bette gegangen sein. Er wollte das Signal wieder versuchen.

Auf den Zehen schlich er über den nassen Sand und klopfte an die Tür. Er hielt den Atem an und lauschte am Schlüsselloch. Keine Antwort – sehr seltsam. Er pochte wieder und lauschte abermals. Von Innen vernahm er leises Geflüster; dann rief eine Stimme:

»Wer ist hier?«

»Das ist nicht Hiob«, dachte Herr Pickwick, sich eilig wieder fest an die Wand stellend. »Es ist eine Frau,«

Er hatte kaum Zeit gehabt, diesen Schluß zu ziehen, als ein Fenster über der Treppe aufgerissen wurde und drei oder vier weibliche Stimmen die Frage wiederholten – »wer ist da?«

Herr Pickwick rührte weder Hand noch Fuß. Es war klar, daß sich das ganze Haus in Aufruhr befand; darum faßte er den Entschluß, zu bleiben, wo er war, bis sich der Lärm gelegt hätte, und dann eine übernatürliche Anstrengung zu machen, über die Mauer zu gelangen oder im Versuche umzukommen.

Gleich allen Entschlüssen Pickwicks war dies der beste, den er unter diesen Umständen fassen konnte; aber unglücklicherweise war er auf die Voraussetzung gegründet, sie würden es nicht wagen, die Tür zu öffnen. Wie groß war seine Bestürzung, als er Schloß und Riegel gehen hörte und die Tür sich immer weiter und weiter öffnen sah. Schritt für Schritt zog er sich in die Ecke zurück. Aber er mochte machen, was er wollte, so konnte er es nicht verhindern, daß seine Person dem weiteren Vordringen der Türe ein Ziel setzte.

»Wer ist hier?« kreischte von der Treppe her ein zahlreicher Chor von Stimmen, die der Jungfer Vorsteherin, den Lehrerinnen, fünf weiblichen Dienstboten und dreißig Schülerinnen angehörten, alle halb gekleidet und in einem Wald von Haarwickeln.

Natürlich sagte Herr Pickwick nicht, wer hier war, und dann ging die Weise des Chors über in ein – »Ach Gott! bin ich erschrocken.«

»Köchin«, rief die Dame des Hauses, die die Vorsicht beobachtet hatte, oben auf der Treppe zuhinterst der ganzen Gruppe stehenzubleiben. – »Köchin, warum gehen Sie nicht ein paar Schritte in den Garten vor?«

»Verzeihung, Madame, ich habe keine Neigung dazu«, antwortete die Köchin.

»Huch, nein! was ist die Köchin für ein dummes Ding«, riefen die dreißig Schülerinnen.

»Köchin«, sagte die Dame des Hauses mit größter Würde: »halten Sie bitte keine Gegenansprachen. Ich bestehe darauf, daß Sie sogleich im Garten nachsehen.«

Hier fing die Köchin zu weinen an, und das Stubenmädchen sagte, »es wäre eine Schande!« eine Teilnahme, für die ihm augenblicklich aufgesagt wurde.

»Hören Sie, Köchin?« fragte die Dame des Hauses, ungeduldig mit dem Fuße stampfend.

»Hörten Sie Ihre Gebieterin nicht, Köchin?« sagten die drei Lehrerinnen.

»Was für ein dreistes Ding, diese Köchin!« riefen die dreißig Schülerinnen.

Die unglückliche Köchin, also gedrängt, trat einen oder zwei Schritte vorwärts, und ihr Licht so haltend, daß sie überhaupt nirgends etwas sehen konnte, erklärte sie, es sei nichts da und es müsse der Wind gewesen sein. So sollte eben das Tor geschlossen werden, als eine wißbegierige Schülerin, die zwischen den Angeln durchgespäht hatte, ein furchtbares Geschrei anhob, das die Köchin, das Stubenmädchen und alle Verwegeneren im Augenblicke wieder zurückrief.

»Was ist denn los, Miß Smithers?« fragte die Dame des Hauses, als die besagte Miß Smithers in hysterische Krämpfe verfiel, als ob sie die Kräfte von vier jungen Ladies hätte.

»Mein Gott, liebe Miß Smithers«, sagten die übrigen neunundzwanzig Schülerinnen,

»Ach, ein Mann – ein Mann hinter der Tür«, kreischte Miß Smithers.

Die Dame des Hauses hörte nicht so bald diesen erschrecklichen Ruf, als sie sich in ihr Schlafgemach zurückzog, die Tür doppelt verriegelte und ganz regelrecht in Ohnmacht fiel. Die Schülerinnen und Lehrerinnen und die Mägde fielen rückwärts die Treppe hinauf und aufeinander. Nie ward noch ein solches Schreien, In-Ohnmacht -Fallen und Händeringen erlebt. Mitten aber in der Verwirrung tauchte Herr Pickwick aus seinem Verstecke hervor und zeigte sich.

»Meine Damen – meine lieben Damen«, sagte Pickwick.

»Ach, er nennt uns Liebe«, rief die älteste und häßlichste Lehrerin. »O der Elende.«

»Meine Damen«, schrie Herr Pickwick, durch das Gefährliche seiner Lage zur Verzweiflung gebracht. »Hören Sie mich an, ich bin kein Räuber. Ich wünsche mit der Dame des Hauses zu sprechen.«

»Ach, welch fürchterliches Ungeheuer!« rief eine andere Lehrerin. »Er wünscht Miß Tomkins zu sprechen.«

Hier ertönte ein allgemeines Geschrei.

»Ziehe jemand die Sturmglocke«, rief ein Dutzend Stimmen.

»Tun Sie das nicht – tun Sie das nicht«, schrie Herr Pickwick. »Sehen Sie mich an. Sehe ich einem Räuber gleich? Meine lieben Damen – Sie dürfen mir Hände und Füße binden oder mich in eine Kammer sperren, wenn es Ihnen beliebt. Nur hören Sie, was ich zu sagen habe. Nur hören Sie mich.«

»Wie kamen Sie in unsern Garten?« stotterte das Stubenmädchen.

»Rufen Sie die Name des Hauses, und ich will ihr alles erzählen, durchaus alles«, rief Herr Pickwick, seine Lungen aufs äußerste anstrengend. »Seien Sie ruhig, rufen Sie sie, und Sie sollen alles hören.«

Vielleicht war es Herrn Pickwicks Aussehen oder Betragen, vielleicht aber auch die Versuchung, etwas zu hören, das für den Augenblick noch in Geheimnis gehüllt war – eine Versuchung, der ein weibliches Wesen bekanntlich kaum widerstehen kann – was den vernünftigeren Teil der Hausbewohnerinnen (einige wenige Individuen) wieder in einen Zustand vergleichungsmäßiger Ruhe versetzte. Diese machten den Vorschlag, Herr Pickwick sollte sich zum Beweise seiner Aufrichtigkeit einem persönlichen Arrest unterwerfen. Unser Mann willigte ein, aus dem Innern eines Verschlags heraus, in dem die Tagesschülerinnen ihre Hüte und Butterschnitten aufbewahrten, mit Miß Tomkins Zwiesprache zu halten. Alsbald schlüpfte er also freiwillig in sein Gefängnis, das hinter ihm abgeschlossen wurde. Das belebte den Mut der andern, und als Miß Tomkins wieder zu sich und heruntergebracht worden war, begann die Zwiesprache.

»Was hatten Sie in meinem Garten zu suchen. Sie Mensch, Sie?« fragte Miß Tomkins mit schwacher Stimme.

»Ich kam, um Sie in Kenntnis zu setzen, daß eine von Ihren jungen Damen diesen Abend entlaufen wollte«, antwortete Herr Pickwick aus dem Innern des Verschlags.

»Entlaufen?« riefen Miß Tomkins, die drei Lehrerinnen, die dreißig Schülerinnen und die fünf Mägde. »Mit wem?«

»Mit Ihrem Freund, Herrn Charles Fitz-Marshall.«

»Meinem Freund? Ich kenne keine solche Person.«

»Gut, mit Herrn Jingle also.«

»Ich habe diesen Namen in meinem Leben nie gehört.«

»Dann bin ich betrogen und genasführt worden«, sagte Herr Pickwick. »Ich bin das Opfer einer Verschwörung geworden – einer gemeinen und niederträchtigen Verschwörung. Schicken Sie in den Engel, Madame, wenn Sie mir nicht glauben. Schicken Sie in den Engel nach Herrn Pickwicks Diener, ich beschwöre Sie, Madame.«

»Es muß doch ein Herr aus der Gesellschaft sein – er hält einen Diener«, sagte Miß Tomkins zu der Schreib- und Rechenlehrerin.

»Ich glaube. Miß Tomkins«, versetzte die Schreib- und Rechenlehrerin, »sein Diener hält ihn. Ich glaube, es ist ein Wahnsinniger, Miß Tomkins, und der andere sein Wächter.«

»Sie mögen recht haben, Miß Gwymm«, antwortete Miß Tomkins. »Lassen Sie zwei von den Mägden nach dem Engel gehen und die übrigen hier bleiben, um uns zu beschützen.«

So wurden also zwei von den Mägden nach dem Engel entsandt und drei blieben zurück, um Miß Tomkins zu beschützen, und außer ihnen noch die drei Lehrerinnen und die dreißig Schülerinnen. Und Herr Pickwick saß im Verschlag hinter einen Hügel von Butterschnitten gesperrt und erwartete die Rückkehr der Gesandtinnen mit aller ihm zu Gebote stehenden Philosophie und Gemütsstärke.

Anderthalb Stunden gingen vorüber, ehe sie zurückkehrten, und als sie kamen, erkannte Herr Pickwick außer der von Samuel Weller noch zwei andere Stimmen, deren Laut bekannt an sein Ohr schlug, aber wem sie gehörten, konnte er sich beim besten Willen nicht entsinnen.

Es erfolgte eine sehr kurze Rücksprache. Die Tür wurde geöffnet, Herr Pickwick schlüpfte aus dem Verschlag und sah die ganze Einwohnerschaft von Westgatehouse, Herrn Samuel Weller und – den alten Wardle und dessen zukünftigen Schwiegersohn, Herrn Trundle, vor sich.

»Mein teurer Freund«, sagte Herr Pickwick, schnell vortretend und Herrn Wardles Hand ergreifend; »mein teurer Freund, ich bitte Sie ums Himmels willen, erklären Sie dieser Dame die unglückliche und furchtbare Lage, in der ich bin. Sie müssen es von meinem Diener gehört haben: sagen Sie jedenfalls, mein teurer Freund, daß ich weder ein Räuber, noch ein Wahnsinniger bin.«

»Ich habe es gesagt, mein teurer Freund. Ich habe es bereits gesagt«, erwiderte Herr Wardle, die Rechte seines Freundes schüttelnd, während Herr Trundle dasselbe mit seiner Linken tat.

»Und wer sagt oder gesagt hat«, fiel Herr Weller ein, indem er einige Schritte vorwärts trat, »sagt, was nicht wahr ist. Es verhält sich gerade umgekehrt. Wenn hier im Bereich dieses Hauses Männer sind, die das geäußert haben, so werde ich mich sehr glücklich schätzen, ihnen hier in diesem Zimmer sehr überzeugende Beweise davon zu geben, daß sie sich geirrt haben, sobald die sehr achtungswerten Damen so gütig sein werden, sich zurückzuziehen und besagte Männer alle nacheinander hierher zu bescheiden.«

Nachdem er diese Aufforderung mit sehr geläufiger Zunge vorgebracht hatte, schlug Herr Weller mit der geballten Faust heftig in die offene Handfläche und gab Miß Tomkins einen freundlichen Wink: allein diese war durch seine Voraussetzung, als läge es in den Grenzen der Möglichkeit, daß sich im Bereiche ihrer Schule für junge Damen irgendein Mann fände, über alle Maßen erschrocken.

Herrn Pickwicks Sache war bald abgemacht, da sie nun schon so weit in Ordnung gebracht war. Aber weder auf dem Rückwege mit seinen Freunden, noch nachher vor einem knisternden Feuer und vor dem für ihn so notwendig gewordenen Nachtessen war ein Wort aus ihm herauszubringen. Er schien ganz vertattert und der Empfindung beraubt. Einmal, und nur ein einziges Mal, wandte er sich an Herrn Wardle mit der Frage:

»Wie kommen Sie hierher?«

»Trundle und ich sind eigentlich in der Absicht hier, eine lustige Jagdpartie zu machen«, antwortete Wardle. »Wir kamen heute abend an, und waren erstaunt, von Ihrem Diener zu hören, daß Sie auch hier wären. Aber jedenfalls, es freut mich. Sie zu treffen«, sagte der lustige Alte, ihn auf den Rücken klopfend. »Es freut mich. Sie zu treffen. Vor allem werden wir eine lustige Partie haben und Herrn Winkle zugleich Gelegenheit geben, auch sein Glück zu probieren – nicht wahr, alter Knabe?«

Herr Pickwick gab keine Antwort. Er fragte nicht einmal nach seinen Freunden zu Dingley Dell und zog sich bald in sein Schlafzimmer zurück, nachdem er Samuel befohlen hatte, das Licht zu holen, wenn er läuten würde.

Die Glocke ertönte zweimal und Herr Weller trat ein.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, unter seiner Decke hervorblickend.

»Herr«, antwortete Weller.

Herr Pickwick schwieg, und Herr Weller putzte das Licht.

»Sam«, sagte Herr Pickwick wieder, als ob er sich bis zur Verzweiflung anstrenge.

»Herr«, antwortete Herr Weller abermals,

»Wo ist Trotter?«

»Hiob, Herr?«

»Ja.«

»Fort, Herr.«

»Mit seinem Herrn vermutlich.«

»Freund oder Herr, oder was er immer sein mag, er ist fort mit ihm«, erwiderte Herr Weller. »Das ist ein Pärchen, Sir.«

»Jingle vermutete wahrscheinlich meine Absicht und schickte seinen Diener mit dieser Geschichte hinter dich her«, sagte Herr Pickwick, halb erstickend.

»So ist’s, Sir«, versetzte Herr Weller.

»Es war natürlich alles erlogen?«

»Alles, Sir«, antwortete Herr Weller. »Der Spitzbube hat uns pfiffig hinters Licht geführt.«

»Nun, ich denke, das nächste Mal entwischt er uns nicht wieder so leicht, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Ich denk’s auch, Sir.«

»Wann und wo ich auch diesen Jingle wieder antreffen mag«, fuhr Herr Pickwick fort, indem er sich im Bette aufrichtete und einen schrecklichen Hieb nach seinem Kissen führte, »es soll ihm eine persönliche Züchtigung zuteil werden, abgesehen davon, daß ich ihn der Welt in seinem wahren Lichte zeige. Ja, das soll geschehen, »der ich will nicht Pickwick heißen.«

»Und wo ich auch diesen melancholischen Schuft mit seinem schwarzen Haar erwische«, sagte Sam, »wenn ich ihm nicht wirkliches Wasser in die Augen treibe, so will ich nicht Weller heißen. – Gute Nacht, Sir.«

 

Achtzehntes Kapitel.


Achtzehntes Kapitel.

Woraus zu ersehen, daß ein erfindsamer Geist unter Umständen durch einen Rheumatismus zu erhöhter Tätigkeit angespornt werden kann.

Herr Pickwick hatte eine starke Natur, die Strapazen und Anstrengungen aller Art ertragen konnte; allein in der denkwürdigen Nacht, wovon das letzte Kapitel handelt, war ihr doch gar zu viel zugemutet worden. In der Nachtluft gewaschen und sodann in einer dumpfen Ecke getrocknet zu werden, ist ein ebenso gefährlicher, wie eigenartiger Prozeß. Kurz, Herr Pickwick hatte sich eine Erkältung zugezogen, die ihn in das Bett bannte.

Obgleich indessen die körperlichen Kräfte des großen Mannes dadurch ziemlich geschwächt waren, so behielten doch die Fähigkeiten seines Geistes durchaus ihre ursprüngliche Stärke. Er besaß viel Elastizität, und seine gute Laune stellte sich in Bälde wieder ein. Selbst der Arger über sein letztes Abenteuer hatte sich nicht lange in seinem Gemüt zu behaupten gewußt, und er stimmte mit herzlicher Unbefangenheit in das schallende Gelächter ein, das Wardle bei jeder Anspielung aufschlug.

Ja, noch mehr. Während der zwei Tage, die Herr Pickwick das Bett hüten mußte, war Sam sein beständiger Wärter. Am ersten ließ sich dieser angelegen sein, seinem Herrn durch muntere Erzählungen und Gespräche die Langeweile zu vertreiben, am zweiten aber verlangte Herr Pickwick Tinte, Feder und Papier und schrieb vom Morgen bis zum Abend. Am dritten durfte er wieder aufstehen und entsandte seinen Diener an Herrn Wardle und Herrn Trundle mit der Botschaft, wenn sie auf den Abend ein Glas Wein bei ihm trinken wollten, so werde es ihm eine große Freude sein. Die Einladung wurde mit größtem Vergnügen angenommen, und als sie bei ihrem Weine saßen, zog Herr Pickwick unter mehrfachem Erröten beifolgende kleine Erzählung hervor, mit dem Bemerken, er habe sie während seiner letzten Unpäßlichkeit nach der kunstlosen Erzählung des Herrn Weller niedergeschrieben.

Der Dorfschulmeister.
Eine Erzählung von treuer Liebe.

In einem ganz kleinen Dörfchen, sehr weit von London entfernt, lebte vor Zeiten ein kleiner Mann, namens Nathaniel Pipkin, der Schulmeister des Ortes war. Er wohnte in einem kleinen Häuschen in der kleinen Hauptstraße, kaum zehn Minuten von dem Kirchlein entfernt, und beschäftigte sich tagtäglich von neun bis vier Uhr damit, den kleinen Knaben ein bißchen Gelehrsamkeit einzuimpfen. Nathaniel Pipkin war ein arg- und harmloses, gutmütiges Geschöpf, hatte eine aufgeworfene Nase, einwärts gebogene Beine, schielte ein bißchen und hinkte etwas. Seine Zeit teilte er zwischen Kirche und Schule, und dabei glaubte er steif und fest, es könne auf Gottes Erdboden keinen so gescheiten Mann wie den Pfarrer, kein so achtunggebietendes Gemach, wie die Sakristei, und kein so wohlbestelltes Erziehungshaus wie das seinige geben.

Einmal, ein einziges Mal in seinem Leben hatte Nathaniel Pipkin einen Bischof gesehen, einen leibhaftigen Bischof, mit seinen Armen in den weiten Ärmeln und seinem Kopf in einer Perücke. Er hatte ihn bei einer Konfirmation gehen sehen und sprechen hören, und als der genannte Bischof bei diesem Anlaß die Hand auf seinen Kopf legte, da wurde Nathaniel Pipkin so übermannt von Ehrfurcht und heiliger Scheu, daß er geradezu in Ohnmacht fiel und vom Kirchendiener hinausgetragen werden mußte.

Das war ein großes Ereignis, eine erschreckende Epoche in Nathaniel Pipkins Leben, und so ziemlich der einzige Vorfall, der die glatte Oberfläche des Stromes seines ruhigen Daseins kräuselte. Aber an einem schönen Nachmittage wandte er in einem Augenblick der Geistesabwesenheit seine Augen von der Tafel weg, auf die er ein fürchterliches Addierexempel für einen unartigen Jungen zu malen beabsichtigte; und siehe da, sie hafteten auf dem blühenden Antlitz der Jungfrau Maria Lobbs, der einzigen Tochter des alten Lobbs, des großen Sattlers, der gegenüber wohnte. Nun hatten die Augen des Herrn Pipkin schon manchmal in der Kirche und anderwärts auf dem hübschen Gesicht der Maria Lobbs gehaftet, aber die Augen der Maria Lobbs hatten nie so glänzend gestrahlt, und ihre Wangen nie so rosig ausgesehen, wie gerade in diesem Augenblick! Kein Wunder, daß Nathaniel Pipkin nicht imstande war, seine Augen von dem Antlitz der Jungfer Lobbs abzuwenden; kein Wunder, daß Jungfrau Lobbs, als sie sich von einem jungen Manne angestarrt sah, ihren Kopf zu dem Fenster wieder hereinzog, aus dem sie hervorgeguckt hatte, es schloß und die Vorhänge zusammenzog; kein Wunder, daß Nathaniel Pipkin unmittelbar darauf über den kleinen Bösewicht herfiel, der vorhin gesündigt hatte und ihn nach Herzenslust durchprügelte. Alles das war ganz natürlich und gibt nicht den mindesten Stoff zum Verwundern.

Das aber ist zum Verwundern, daß ein Mann von Nathaniel Pipkins Zurückgezogenheit, blöder Art und überaus kärglichem Einkommen von selbigem Tage an sich das Herz faßte, nach der Hand und Liebe der einzigen Tochter des trotzköpfigen alten Lobbs zu streben – des alten Lobbs, des reichen Sattlers, der mit einem einzigen Federstrich das ganze Dörfchen hätte kaufen können, ohne deshalb eine Lücke in seiner Kasse zu verspüren – des alten Lobbs, von dem alle Welt wußte, daß er Haufen von Geld in der Bank der nächsten Stadt angelegt hatte. Man erzählte sich von ihm, daß er zahllose unerschöpfliche Schätze besitze, die er in der kleinen eisernen Truhe mit dem großen Schlüsselloch auf dem Kamingesimse im hintern Zimmer aufbewahrte – und man wußte sehr wohl, daß er bei festlichen Gelegenheiten seinen Tisch mit einer Teekanne, einem Milchtopf und einer Zuckerbüchse aus echtem Silber schmückte, und daß er im Stolze seines Herzens zu prahlen pflegte, alle diese Dinge sollten das Eigentum seiner Tochter werden, sobald sie einen Mann nach ihren Wünschen gefunden hätte. Ich wiederhole es, es gibt Veranlassung zu tiefem Erstaunen und gewaltiger Verwunderung, daß Nathaniel Pipkin die Verwegenheit haben konnte, seine Augen nach dieser Richtung wandern zu lassen. Aber die Liebe ist blind, und Nathaniel hatte einen Fehler an den Augen, welche zwei Umstände zusammengenommen ihn vielleicht hinderten, die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen.

Hätte der alte Lobbs auch nur die entfernteste Ahnung vom Zustand der Gefühle Pipkins gehabt, er hätte ohne weiteres das Schulhaus bis auf den Grund niedergerissen, oder dessen Beherrscher vom Erdboden vertilgt, oder sonst eine Handlung wilder Raserei begangen: denn der alte Lobbs war ein schrecklicher Mensch, wenn sein Stolz gekränkt oder sein Blut in Wallung gebracht war. Um’s Himmels willen, welche donnernden Flüche schallten nicht über die Straße, wenn er sich manchmal über die Trägheit seines knöchernen Lehrlings mit den dünnen Beinen ärgerte, so daß Nathaniel Pipkin vor Angst und Entsetzen in den Schuhen erbebte und seinen Schülern vor Schaudern die Haare zu Berge standen.

Trotz alledem setzte sich Nathaniel Pipkin alle Tage, wenn die Schule vorüber und die Jungen entlassen waren, an das vordere Fenster. Er tat, als lese er in einem Buche, und warf dabei seine Blicke seitwärts über die Straße, um die glänzenden Augen der Maria Lobbs zu suchen; auch hatte er nicht viele Tage so gesessen, als die glänzenden Augen sich an einem oberen Fenster zeigten, gleichfalls, wie es schien, sehr mit Lesen beschäftigt. Das war Labsal und Wonne für das Herz Nathaniel Pipkins. Es war schon keine Kleinigkeit, stundenlang dazusitzen und das hübsche Gesicht anzuschauen, wenn er seine Augen niedergesenkt hatte. Aber wenn Maria Lobbs ihre Augen vom Buche aufzuschlagen begann und ihre Strahlen in der Richtung gegen Nathaniel Pipkin schießen ließ, da war seine Wonne und seine Anbetung wirklich grenzenlos. Eines Tages endlich, als er wußte, daß der alte Lobbs ausgegangen war, hatte Nathaniel Pipkins die Verwegenheit, der Maria Lobbs eine Kußhand zuzuwerfen, und Maria Lobbs, statt das Fenster zuzuschlagen und die Vorhänge zusammenzuziehen, warf ihm ebenfalls eine Kußhand zu und lächelte. Darauf beschloß Nathaniel Pipkin, möge daraus entstehen, was da wolle, ohne weiteren Aufschub ihr den Zustand seiner Gefühle zu entdecken.

Ein hübscherer Fuß, ein fröhlicheres Herz, ein holdseligeres Grübchengesicht und eine schlankere Gestalt schwebte niemals über die Erde hin, um sie zu zieren, als die der Maria Lobbs, der Tochter des alten Sattlers. Ihre funkelnden Augen blitzten schelmisch und hätten auch in eine minder empfängliche Brust, als es die Nathaniel Pipkins war, ihren Weg gefunden. Beim lustigen Schall ihres fröhlichen Gelächters hätte sich das Gesicht des finstersten Menschen- Hassers aufheitern müssen. Sogar der alte Lobbs selbst vermochte auch in der höchsten Wut den Schmeicheleien seines hübschen Töchterleins nicht zu widerstehen. Hatte sie zum Beispiel in Verbindung mit ihrer Base Kätchen, einem wilden, mutwilligen, bezaubernden, kleinen Mädchen, einen wirklichen Plan auf den Alten, was, aufrichtig gestanden, nicht selten vorkam, so vermochte er ihnen nichts abzuschlagen, und wenn sie einen Teil der zahllosen, unerschöpflichen Schätze verlangt hätten, die dem Lichte des Tages durch die eiserne Truhe entzogen waren.

Nathaniel Pipkins Herz pochte gewaltig, als er an einem Sommerabend dieses reizende Pärchen einige hundert Schritte vor sich auf dem gleichen Felde wandeln sah, auf dem er selbst so manches Mal bis zum Einbruch der Nacht herumgestreift war und über die Schönheit der Maria Lobbs nachgesonnen hatte. Aber so oft er auch schon daran gedacht hatte, wie keck er vor Maria Lobbs treten und ihr von seiner Leidenschaft erzählen wollte, wenn er ihr nur einmal begegnen könnte, so fühlte er doch jetzt, da er sie so unerwartet vor sich sah, daß ihm alles Blut ins Gesicht stieg, offenbar zum großen Nachteil seiner Beine, die ihres gewöhnlichen Anteils beraubt, unter ihm zitterten. Wenn die Mädchen stehen blieben, um eine Blume zu pflücken oder auf einen Vogel zu lauschen, so stand Nathaniel Pipkin ebenfalls still und stellte sich, als wäre er in tiefes Nachsinnen versunken, wie es auch in der Tat der Fall war. Er dachte unaufhörlich darüber nach, was er wohl tun solle, wenn sie, was unfehlbar bald geschehen mußte, umkehrten, und dann von Angesicht zu Angesicht vor ihn träten.

Aber obgleich er zu blöde war, sich ihnen anzuschließen, so konnte er es doch nicht über sich gewinnen, sie aus den Augen zu lassen. Wenn sie daher schneller gingen, so ging auch er schneller, schlenderten sie langsam, so schlenderte er auch, und blieben sie stehen, so blieb er ebenfalls stehen. So würden sie es vielleicht bis zum Einbruch der Nacht getrieben haben, hätte nicht Kätchen schelmisch zurückgeblickt und Nathaniel aufmunternd zugewinkt, daß er näher kommen sollte. Kätchen hatte etwas schlechterdings Unwiderstehliches in ihrem Wesen, und so folgte Nathaniel Pipkin der Einladung.

Nach vielem Erröten von seiner Seite und einem unmäßigen Gekicher seitens der gottlosen kleine Base ließ sich Nathaniel Pipkin auf dem betauten Grase auf seine Knie nieder und erklärte, daß er fest entschlossen sei, hier auf immer zu bleiben, wenn man ihm nicht erlaube, als der angenommene Liebhaber der Maria Lobbs aufzustehen. Jetzt drang das lustige Gelächter der Maria Lobbs durch die ruhige Nachtluft – ohne jedoch dieselbe, wie es schien, zu beunruhigen, denn es klang so überaus lieblich – und das gottlose kleine Bäschen kicherte noch unmäßiger als zuvor, und Nathaniel Pipkin errötete tiefer als je.

Endlich, als Maria Lobbs von dem liebekranken kleinen Manne immer heftiger bestürmt wurde, wandte sie ihr Haupt ab und flüsterte ihrer Base zu, sie solle sagen (oder Kätchen tat wenigstens, als hätte sie so gesagt), daß sie sich durch Herrn Pipkins Bewerbung hochgeehrt fühle; freilich habe ihr Vater über ihre Hand und ihr Herz zu verfügen, aber gegen Herrn Pipkins Verdienst könne niemand unempfindlich sein. Da das alles mit großer Ernsthaftigkeit gesagt wurde, und da Nathaniel Pipkin mit Maria Lobbs nach Hause ging und ihr beim Abschied beinahe einen Kuß geraubt hätte, so legte er sich als glücklicher Mann zu Bett und träumte die ganze Nacht davon, wie der alte Lobb erweicht, die große Truhe geöffnet und Maria heimgeführt wurde.

Am andern Tag sah Nathaniel Pipkin den alten Lobbs auf seinem alten grauen Klepper ausreiten. Nachdem die gottlose kleine Base am Fenster eine Menge Zeichen gemacht hatte, deren Gegenstand und Bedeutung er keineswegs verstehen konnte, sprang der knöcherne Lehrjunge mit den dünnen Beinen zu ihm herüber und sagte ihm, sein Herr werde die ganze Nacht nicht nach Hause kommen, und die Damen erwarten Herrn Pipkin Schlag sechs Uhr zum Tee. Wie an diesem Tage Schule gehalten wurde, wußte weder Nathaniel Pipkin noch seine Zöglinge. Aber auch diese Stunden gingen einmal vorüber, und als die Jungen heimgegangen waren, wandte Nathanicl Pipkin alle übrige Zeit bis sechs Uhr dazu an, sich zu seiner Zufriedenheit anzukleiden. Nicht als ob er sich lange hätte besinnen müssen, welchen Anzug er an diesem Tage tragen solle, da ihm hierin überhaupt keine Wahl zustand, aber die unendlich wichtige und schwierige Aufgabe war, seinen Anzug so anzuziehen, daß er darin aufs Vorteilhafteste erscheinen mußte.

Es war eine allerliebste kleine Gesellschaft zusammen, bestehend aus Maria Lobbs, ihrer Base Kätchen und drei oder vier mutwilligen, muntern, rosenwangigen Mädchen. Nathaniel Pipkin überzeugte sich durch den Augenschein, daß die Gerüchte von den Schätzen des alten Lobbs nicht übertrieben waren. Die Teekanne, der Milchtopf und die Zuckerbüchse, alles von echtem Silber, standen wirklich auf dem Tisch, ebenso echt silberne Löffelchen, um den Tee umzurühren, desgleichen echte Porzellantassen, um daraus zu trinken, und echte Porzellanplatten, worauf die Kuchen und Weißbrotschnitten lagen. Das einzige Unangenehme im ganzen Hause war ein Vetter von Maria Lobbs, ein Bruder von Kätchen, den Maria Lobbs ›Heinrich‹ nannte, und der Maria Lobbs an der einen Seite des Tisches für sich allein in Beschlag genommen zu haben schien. Es ist ja gewiß etwas Herrliches, bei Familien Zuneigung und Liebe zu erblicken, aber man muß nichts übertreiben. Nathaniel Pipkin konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß Maria Lobbs eine ganz besondere Zärtlichkeit für ihre Verwandten hegen müsse, wenn sie ihnen allen so viele Aufmerksamkeit schenke, wie diesem Vetter. Nach dem Tee, als die gottlose kleine Base das Blindekuhspiel vorschlug, geschah es auf die eine oder andere Art, daß Nathaniel Pipkin fast immer der Blinde war, und wenn er einmal den Vetter anrührte, so mußte er gewiß auch bemerken, daß Maria Lobbs ganz in der Nähe war. Und obgleich die gottlose kleine Muhme und die andern Mädchen ihn zwickten, bei den Haaren zupften, ihm Stühle in den Weg stellten und manche Possen spielten, so schien doch Maria Lobbs niemals ihm nahe zu kommen, und einmal – einmal hätte Nathaniel Pipkin darauf schwören können, er vernehme den Schall eines Kusses, gefolgt von einem leisen Schmälen der Maria Lobbs und einem halb unterdrückten Kichern ihrer Freundinnen. Alles das war sonderbar – sehr sonderbar, und man kann nicht sagen, was Nathaniel Pipkin deswegen getan oder nicht getan haben würde, wenn seine Gedanken nicht plötzlich in einen neuen Kanal abgeleitet worden wären.

Was seinen Gedanken die neue Richtung gab, war ein neues Klopfen an der Haustür, und die Person, die so laut an der Haustür klopfte, war niemand anders, als der alte Lobbs selbst, der unerwartet zurückgekehrt war, und trotz einem Küper darauf loshämmerte, denn es verlangte ihn nach dem Abendessen. Diese schreckliche Kunde war nicht sobald von dem knöchernen Lehrjungen mit den dünnen Beinen überbracht worden, als die Mädchen schnell die Treppe hinauf in Maria Lobbs Schlafzimmer huschten. Der Vetter aber und Nathaniel Pipkin wurden in Ermangelung besserer Schlupfwinkel in ein paar Wandschränke gesteckt. Nachdem Maria Lobbs und die gottlose kleine Base alles auf die Seite geschafft und im Zimmer aufgeräumt hatten, öffneten sie die Haustür dem alten Lobbs, der andauernd gehämmert hatte.

Unglücklicherweise war der alte Lobbs wie gewöhnlich, wenn er großen Hunger verspürte, abscheulich schlechter Laune. Nathaniel Pipkin konnte ihn deutlich knurren hören, wie einen alten Hofhund mit heiserer Kehle, und so oft der unglückliche Lehrjunqe mit den dünnen Beinen ins Zimmer kam, so begann der alte Lobbs ganz türkisch zu fluchen und zu donnern; dabei natürlich aus keinem andern Grunde, als um seine Brust von der Last überflüssiger Flüche zu befreien. Endlich wurde das Abendessen, das man aufgewärmt hatte, auf den Tisch gestellt, und nun griff der alte Lobbs wie ein hungriger Wolf zu: nachdem er sodann in möglichster Bälde aufgeräumt hatte, küßte er die Tochter und verlangte seine Pfeife.

Die Natur hatte Nathaniel Pipkins Knie nicht sehr nahe zusammengestellt: als er aber den alten Lobbs nach seiner Pfeife verlangen hörte, da schlugen sie gegeneinander, als ob sie sich zu Pulver reiben wollten, denn in dem nämlichen Schrank, in dem er sich befand, hing an ein paar Nägeln die Pfeife mit dem großen, silberbeschlagenen, braungerauchten Kopfe, die er seit den letzten fünf Jahren regelmäßig jeden Nachmittag und Abend im Munde des alten Lobbs gesehen hatte. Die beiden Mädchen sprangen dieser Pfeife wegen treppauf und treppab. Sie suchten nach ihr überall, nur nicht da, wo sie, wie ihnen sehr wohl bewußt, zu finden war. Der alte Lobbs aber tobte inzwischen ganz schrecklich. Endlich fiel ihm der Schrank ein, und er ging auf ihn zu. Ein kleiner Mann, wie Nathaniel Pipkin, konnte nicht mit Erfolg die Tür innen festhalten, wenn ein großer, starker Mann, wie der alte Lobbs, sie nach außen riß. Der alte Lobbs tat nur einen Ruck: sie flog auf und enthüllte Nathaniel Pipkin, der aufrecht darin stand und vom Kopf bis zu den Füßen zitterte. Lieber Himmel, mit welchem schrecklichen Blick der alte Lobbs ihn ansah, ihn beim Kragen herausriß und auf Armlänge vor sich hinhielt!

»Wie zum Teufel kommt Ihr da hinein?« schrie der alte Lobbs mit furchtbarer Stimme.

Da Nathaniel Pipkin keine Antwort zu geben vermochte, so schüttelte ihn der alte Lobbs zwei oder drei Minuten lang hin und her, um ihm seine Gedanken in Ordnung zu bringen.

»Was macht Ihr hier?« brüllte Lobbs von neuem; »ich glaube beinahe, Ihr seid meiner Tochter wegen gekommen?«

Der alte Lobbs sagte dies nur zum Hohn, denn er glaubte nicht, daß menschliche Frechheit so weit gehen könnte, um Nathaniel Pipkin zu einem solchen Schritte zu verführen. Wie groß war sein Zorn, als das arme Männlein erwiderte:

»Ja, Herr Lobbs, das bin ich – ich bin Ihrer Tochter wegen gekommen. Ich liebe sie, Herr Lobbs.«

»Wie, Ihr triefnäsiger, schiefmäuliger, kleiner Knirps!« keuchte der alte Lobbs, bei diesem verwegenen Geständnis wie vom Donner gerührt. »Was soll das bedeuten? Ihr könnt mir so etwas ins Gesicht sagen? Hol‘ mich der Teufel, wenn ich Euch nicht den Hals umdrehe.«

Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß der alte Lobbs in seiner grenzenlosen Wut diese Drohung ausgeführt hätte, wäre sein Arm nicht durch eine neue höchst unerwartete Erscheinung gelähmt worden, nämlich durch den Vetter, der aus seinem Schrank hervortrat, auf den alten Lobbs zuging und sagte:

»Ich kann nicht zugeben, Sir, daß dieser harmlose Mensch, den die Mädchen zum Spaß eingeladen haben, so edelmütig das Verbrechen (wenn es nämlich ein Verbrechen ist) auf sich nimmt, dessen ich selbst schuldig bin und das ich jetzt bekennen will. Ich liebe Eure Tochter, Sir, und ich bin hierher gekommen, um sie zu sehen.«

Der alte Lobbs riß seine Augen weit auf, aber nicht weiter, als Nathaniel Pipkin.

»Du?« fragte Lobbs, als er endlich wieder zu Atem gekommen war.

»Ja, ich.«

»Aber ich habe dir doch schon lange mein Haus verboten.«

»Allerdings, sonst würde ich nicht verstohlen bei Nacht gekommen sein.«

Es tut mir leid, von dem alten Lobbs sagen zu müssen, daß er den Vetter wahrscheinlich zu Boden geschlagen hätte, wäre nicht seine hübsche Tochter mit ihren glänzenden, in Tränen schwimmenden Augen fest an seinem Arme gehangen.

»Wehre ihm nicht, Marie«, sagte der junge Mann; »wenn er mich schlagen will, so laß ihn. Ich möchte um alle Reichtümer der Welt kein Haar seines grauen Alters verletzen.«

Bei diesem Vorwurf senkte der Alte die Augen und sie begegneten denen seiner Tochter.

Ich habe bereits ein- oder zweimal gesagt, daß es sehr glänzende Augen waren, und obgleich sie jetzt voll Tränen standen, so wurde doch ihre Macht dadurch keineswegs geschwächt. Der alte Lobbs blickte weg, als wolle er verhüten, sich von ihr überreden zu lassen. Aber der Zufall fügte es, daß seine Blicke dem Gesicht der gottlosen kleinen Base begegneten, die halb für ihren Bruder zitternd, halb über Nathaniel Pipkin lachend, so schelmisch und bezaubernd aussah, daß kein Mann, weder alt noch jung, sie ungestraft anschauen konnte. Sie schob schmeichelnd ihren Arm in den des Alten, flüsterte ihm etwas ins Ohr, und der alte Lobbs mochte machen, was er wollte, er mußte lächeln, während ihm zu gleicher Zeit eine Träne die Wange hinabrollte.

Nach fünf Minuten wurden auch die Mädchen aus dem Schlafzimmer herabgeholt und erschienen mit mädchenhaftem Gekicher. Während nun das junge Volk wieder ganz lustig wurde, nahm der alte Lobbs die Pfeife, zündete sie an und, komisch – daß gerade diese Pfeife Tabak die lieblichste und angenehmste war, die er jemals geraucht hatte.

Nathaniel Pipkins hielt es fürs beste, sein Geheimnis für sich zu behalten, und stieg dadurch bei dem alten Lobbs, der ihn mit der Zeit das Rauchen lehrte, zu hoher Gunst empor. So saßen sie denn noch manches Jährlein an schönen Abenden draußen im Garten und schmauchten und tranken mit vielem Behagen. Nathaniel Pipkin erholte sich bald von den Wirkungen seiner Liebe, denn wir finden im Kirchenbuche seinen Namen als Zeugen bei der Hochzeit der Maria Lobbs mit ihrem Vetter. Auch geht aus anderen Urkunden hervor, daß er in der Hochzeitnacht in das Gefängnis des Dorfes gesperrt wurde, weil er in einem Zustand gänzlicher Trunkenheit allerlei Exzesse auf den Straßen begangen, wobei der knöcherne Lehrling mit den dünnen Beinen ihm treulich Beistand geleistet hatte.

Neuntes Kapitel.


Neuntes Kapitel.

Deutlicher Beweis für die Behauptung, daß die Bahn treuer Liebe keine Eisenbahn ist.

Die stille Abgeschiedenheit von Dingley Dell, die Anwesenheit so vieler Zierden des schönen Geschlechts, die sorgsame Pflege und Aufmerksamkeit, die sie an den Tag legten, war der Steigerung jener sanfteren Gefühle außerordentlich günstig, die die Natur tief in Herrn Tracy Tupmans Brust gesenkt hatte. Diese Gefühle schienen jetzt bestimmt, sich auf einen liebenswürdigen Gegenstand zu konzentrieren. Die jungen Damen waren hübsch, ihr Äußeres einnehmend, ihr Betragen tadellos. Aber in den Augen von Jungfer Tante lag eine Majestät, in ihrer Miene eine Würde, in ihrem Gang ein gewisses Noli me tangere, worauf jene bei ihrer Jugend keinen Anspruch machen konnten. Darin tat die Tante es jedem Frauenzimmer zuvor, das Tupman je gesehen hatte. Daß in dem Wesen beider etwas Verwandtes, in ihrem Gemüte etwas Übereinstimmendes, in ihrer Brust eine gewisse geheimnisvolle Sympathie lag, war klar.

Ihr Name war der erste Laut, der über Herrn Tupmans Lippen trat, als er blutend im Grase lag, und ihr krampfhaftes Lachen war der erste Ton, der zu seinen Ohren drang, als er nach Hause gebracht wurde.

Aber hatte ihre Aufregung den Grund in einer liebenswürdigen weiblichen Empfindsamkeit überhaupt, die bei jeder ähnlichen Gelegenheit zum Vorschein gekommen wäre? Oder war sie durch ein tieferes, zärtlicheres Gefühl hervorgerufen worden, das nur er allein unter allen Männern erwecken konnte? Das waren Zweifel, die sein Gehirn marterten, als er hilflos auf dem Sofa lag – Zweifel, die er auf einmal und für immer zu lösen beschloß.

Es war Abend. Isabella und Emilie hatten mit Herrn Trundle einen Spaziergang gemacht. Die taube alte Frau war in ihrem Lehnstuhl eingeschlafen: das Schnarchen des fetten Jungen drang dumpf und eintönig aus der entfernten Küche herüber. Die sorglosen Mägde lehnten am Hoftor und genossen die Süßigkeit des Feierabends, indem sie mit gewissen unbeholfenen Tieren spielten, die zum Haushalte gehörten. Da saß denn das interessante Pärchen, von niemand beachtet und auf nichts achtend, nur von sich selbst träumend: da saßen sie wie ein Paar sorgfältig zusammengelegte Handschuhe – ineinandergeschlungen.

»Ich habe meine Blumen vergessen«, bemerkte Jungfer Tante.

»So begießen wir sie«, sprach Herr Tupman mit schmeichelndem Tone.

»Sie würden sich in der Abendluft erkälten«, sagte Jungfer Tante zärtlich.

»Nein, nein«, erwiderte Herr Tupman aufstehend. »Es macht mir gar nichts. Ich will Sie begleiten.«

Die Dame legte schweigend die Schlinge zurecht, in der der linke Arm des junaen Mannes lag, ergriff seinen rechten und führte ihn in den Garten.

Am oberen Ende desselben war eine Laube von Geisblatt, Jasmin und Schlingpflanzen – einer von jenen Ruheplätzen, die empfindsame Seelen zur Bequemlichkeit der Spinnen errichten.

Jungfer Tante ergriff eine große Gießkanne, die in einem Winkel stand und war im Begriff, die Laube zu verlassen. Herr Tupman hielt sie zurück und zog sie auf einen Sitz neben sich nieder.

»Fräulein Wardle«, sagte er.

Jungfer Tante zitterte, daß einige Steinchen, die zufälligerweise den Weg in die Gießkanne gefunden hatten, klirrten wie eine Kinderklapper.

»Fräulein Wardle,« sagte Herr Tupman, »Sie sind ein Engel.«

»Herr Tupman«, rief Rachel aus, so rot wie die Gießkanne selbst.

»Wahrlich,« sagte der beredte Pickwickier, »ich fühle es nur zu sehr.«

»Alle Frauenzimmer sind Engel, wenn man die Männer so hört«, flüsterte die Dame in scherzhaftem Tone.

»Was wären Sie sonst, oder womit könnte ich Sie ohne Vermessenheit vergleichen?« versetzte Herr Tupman. »Wo sah man je ein Frauenzimmer, das Ihnen glich? Wo könnte ich sonst eine so seltene Vereinigung von geistigen Vorzügen und körperlicher Schönheit finden? Wo könnte ich sonst – – – O!«

Hier schwieg Herr Tupman und drückte die Hand, die auf dem Handgriff der glücklichen Gießkanne ruhte.

Die Dame wandte ihren Kopf auf die Seite und flüsterte sanft:

»Die Männer sind voll Lug und Trug.«

»Ja, sie sind es, sie sind es«, versicherte Herr Tupman; »aber nicht alle. Hier lebt wenigstens einer, der keinen Wankelmut kennt – einer, der sein ganzes Dasein Ihrem Glück opfern könnte – der nur in Ihren Blicken lebt – der nur in Ihrem Lächeln atmet – der die schwere Bürde des Lebens einzig und allein um Ihretwillen trägt.«

»Könnte man einen solchen Mann finden?« fragte die Dame.

»Nur könnte finden?« erwiderte der glühende Tupman. »Er ist gefunden. Er ist hier, Fräulein Wardle.«

Und ehe die Dame seine Absicht ahnte, lag er schon zu ihren Füßen auf den Knien. ,

»Stehen Sie auf, Herr Tupman«, sagte Rachel.

»Nimmermehr«, war die entschlossene Antwort. »O Rachel! sagen Sie, daß Sie mich lieben.«

»Herr Tupman,« bemerkte Jungfer Tante mit abgewandtem Gesicht – »ich kann kaum Worte finden: doch – doch – Sie sind mir nicht ganz gleichgültig.«

Herr Tupman hörte nicht so bald dieses Geständnis, als er sich ganz dem Drange seiner Begeisterung hingab und tat, was, soviel wir wissen (denn wir haben in diesem Punkte nicht viel Erfahrung), unter solchen Umständen jedermann tut. Er sprang auf, schlang seinen Arm um den Nacken der Jungfer Tante und preßte eine Menge Küsse auf ihre Lippen, die sie nach pflichtschuldigem Zieren und Sträuben so geduldig hinnahm, daß wir nicht angeben können, wie viele ihr Herr Tupman noch aufgedrückt haben würde, wäre die Dame nicht plötzlich erschreckt worden und voller Angst in die Worte ausgebrochen –

»Herr Tupman, wir werden beobachtet! Wir sind entdeckt!«

Herr Tupman sah sich um und gewahrte die tellergroßen Augen des fetten Jungen. Der Junge hatte dabei nicht im mindesten einen Gesichtszug, den auch nur ein noch so erfahrener Physiognomiker dem Erstaunen, der Neugierde oder irgendeiner bekannten Leidenschaft, die sonst die Brust der Vlcnschen bewegt, hatte zuschreiben können. Er glotzte völlig regungslos in die Laube. Herr Tupman betrachtete den fetten Jungen, und der fette Junge betrachtete Herrn Tupman, und je länger Herr Tupman dessen völlig ausdrucksloses Gesicht ansah, desto mehr überzeugte er sich, daß er entweder nicht wußte oder nicht verstand, was vorgegangen war. In dieser Voraussetzung fragte er mit festem Tone:

»Was suchst du hier?«

»Das Essen ist auf dem Tisch«, war die rasche Antwort.

»Bist du eben erst gekommen?« fragte Herr Tupman mit einem durchdringenden Blick.

»Soeben«, erwiderte der fette Junge.

Herr Tupmam sah ihn wieder scharf an, aber der Junge verzog keine Miene.

Herr Tupman nahm den Arm der Jungfer Tante und ging dem Hause zu; der fette Junge folgte.

»Er weiß nicht, was vorgefallen ist«, flüsterte er.

»Nichts?« fragte Jungfer Tante.

Sie hörten einen Ton hinter sich, wie von einem halbunterdrückten Lachen. Herr Tupman sah sich forschend um. Nein; der fette Junge konnte es nicht gewesen sein. In seinem ganzen Gesichte war keine Spur von Freude, und überhaupt kein anderer Ausdruck als der der Eßlust zu finden.

 

»Er muß geschlafen haben«, flüsterte Herr Tupman.

»Ich zweifle nicht im geringsten daran«, versetzte Jungfer Tante.

Beide lachten herzlich.

Aber Herr Tupman irrte sich. Der fette Junge hatte zum ersten Male nicht geschlafen. Er hatte gewacht – völlig gewacht und alles mit angesehen.

Das Abendessen ging vorüber, ohne daß jemand eine allgemeine Unterhaltung anzuknüpfen gesucht hätte. Die alte Frau ging zu Bett; Isabelle Wardle widmete ihre Aufmerksamkeit ausschließlich Herrn Trundle; Jungfer Tante hatte für niemand Augen, als für Herrn Tupman, und Emiliens Gedanken schienen in der Ferne zu verweilen – vielleicht bei dem abwesenden Snodgraß.

Elf Uhr – zwölf Uhr – ein Uhr hatte es geschlagen, und die Herren waren noch nicht zurück. Bestürzung und Unruhe war auf jedem Gesicht zu lesen. Sollten Sie vielleicht überfallen und ausgeplündert worden sein? Sollte man Leute mit Laternen aussenden und sie auf allen Wegen suchen lassen, die sie möglicherweise eingeschlagen haben konnten? Oder sollte man – – Horch! Sie sind’s. Was konnte sie solange aufhalten? Auch eine fremde Stimme! Wem konnte sie angehören? Sie eilten in die Küche, um nach den Ankömmlingen zu sehen, und überzeugten sich alsbald von dem wahren Stand der Dinge.

Herr Pickwick lehnte, die Hände in den Taschen und den Hut über das linke Auge gedrückt am Anrichttische, wackelte mit dem Kopf und griente unaufhörlich, ohne daß man irgendeinen Grund davon entdecken konnte. Der alte Herr Wardle hielt einen fremden Herrn bei der Hand, dem er mit flammendem Gesichte etwas von ewiger Freundschaft vorlallte. Herr Winkle hielt sich an der Wanduhr und rief mit matter Stimme auf jedes Mitglied der Familie, das heute Nacht vom Bettgehen sprechen würde, Feuer und Schwefel vom Himmel herab. Herr Snodgraß aber war auf einen Stuhl gesunken, mit dem Ausdruck des fürchterlichsten und hoffnungslosesten Elends, das sich die Phantasie eines Menschen vorstellen kann, in jedem Zuge seines verstörten Gesichts.

»Ist etwas vorgefallen?« fragten die drei Damen.

»Nichts ist vorgefallen«, versetzte Herr Pickwick. »Wir, hup – wir sind, hup – alles in Ordnung. – Ich sage, Wardle, es ist alles in Ordnung, nicht wahr?«

»Das will ich meinen«, sagte der lustige Hauswirt. »Meine Lieben, hier ist mein Freund, Herr Jingle – Herrn Pickwicks Freund, Herr Jingle ist gekommen – macht uns einen kleinen Besuch.«

»Ist Herrn Snodgraß etwas zugestoßen« fragte Emilie ängstlich.

»Nicht das mindeste, mein Fräulein«, erwiderte der Fremde. »Kricketschmaus – herrliche Gesellschaft – Kapitalsänger – alter Portwein – Rotwein – gut – sehr guter – Wein, mein Fräulein – Wein.«

»Es lag nicht am Weine«, lallte Herr Snodgraß mit gebrochener Stimme. »Der Lachs war schuld.« (Die Schuld liegt bei solchen Gelegenheiten nie am Wein, sondern immer an etwas anderem.)

»Wäre es nicht besser, Sie gingen zu Bett?« fragte Emilie. »Zwei von den Knechten können die Herren hinaufführen.«

»Ich gehe nicht zu Bett«, sagte Herr Winkle bestimmt.

»Kein Mensch auf der Welt soll mich führen«, erwiderte Herr Pickwick kühn, worauf er wieder ebenso gutmütig, wie zuvor, griente.

»Hurra!« rief Herr Winkle.

»Hurra!« wiederholte Herr Pickwick, seinen Hut abnehmend und auf den Boden schleudernd, worauf er seine Brille mit gleicher Wuppdizität mitten in die Küche warf. – Dann lachte er über dieses Vergnügen laut auf.

»Lassen Sie – uns, hup – noch – eine, hup – Flasche trinken«, äußerte Herr Winkle anfangs mit lauter, später mit immer schwächerer Stimme.

Sein Kopf sank auf die Brust. Er lallte noch etwas von seinem unabänderlichen Entschluß, nicht zu Bette zu gehen, und von blutiger Reue, den alten Tupman diesen Morgen nicht vollends »abgedeckt« zu haben, worauf er in einen festen Schlaf fiel. Von zwei jungen Burschen unter der persönlichen Oberaufsicht des fetten Jungen wurde er zu Bett gebracht. Bald darauf vertraute Herr Snodgraß seinen Leichnam der Sorge denselben Herrschaften an. Herr Pickwick nahm den dargebotenen Arm Herrn Tupmans und verschwand ganz in der Stille, stets mit demselben Lächeln auf den Lippen. Herr Wardle aber gab Herrn Trundle die Ehre, ihn die Treppe hinauf zu geleiten, und entfernte sich mit dem völlig vergeblichen Versuch, eine feierliche und würdevolle Miene anzunehmen, nachdem er zuvor von der ganzen Familie einen so zärtlichen Abschied genommen hatte, als ginge er jetzt unmittelbar dem Schafott entgegen.

»Was für ein fataler Auftritt!« sagte Jungfer Tante.

»Abscheulich!« stimmten die beiden jungen Damen bei.

»Schrecklich – schrecklich!« sagte Jingle mit ernster Miene. Er hatte aber auch anderthalb Flaschen mehr zu sich genommen, als irgendein anderes Mitglied der Gesellschaft. »Ein peinlicher Anblick – gewiß.«

»Ein artiger Mann!« flüsterte die Jungfer Tante Herrn Tupman zu.

»Sieht auch nicht übel aus!« flüsterte Emilie Wardle.

»O sicher«, bemerkte die Jungfer Tante.

Herr Tupman dachte an die Witwe zu Rochester, und sein Herz ward unruhig. Die halbstündige Unterhaltung, die jetzt folgte, war nicht geeignet, die Stimme seiner Besorgnis zu beschwichtigen. Der neue Ankömmling war sehr gesprächig, und die Menge seiner Anekdoten wurde nur durch die Überbietung an Höflichkeit übertroffen. Herr Tupman fühlte, daß er in dem gleichen Maße, in dem Jingles Popularität stieg, in den Schatten zurücktrat. Sein Lachen war gezwungen – seine Lustigkeit erheuchelt, und als er endlich seine schmerzenden Schläfe zwischen die Bettlaken steckte, wünschte er sich mit furchtbarer Lust, Jingles Kopf in diesem Augenblicke zwischen der Decke und der Matratze unter seinen Händen zu haben.

Der unverwüstliche Fremde stand des andern Tages zeitig auf und gab sich alle Mühen, während seine Gefährten die Folgen ihrer Schlemmerei noch im Bette verdämmerten, die Heiterkeit des Frühstücks durch seine Unterhaltung zu erhöhen. Es gelang ihm auch so vollkommen, daß sogar die taube alte Frau sich einige seiner besten Scherze durch ihr Hörrohr wiederholen ließ und gar herablassend gegen die Jungfer Tante bemerkte, er (Jingle) sei ein ausgelassener junger Mensch – eine Ansicht, der ihre Tochter und ihre Enkelinnen durchaus beistimmten.

Es war die Gewohnheit der alten Dame, sich an jedem schönen Sommermorgen in die Laube zu begeben, die dem Leser bereits durch Herrn Tupmans zärtliches Abenteuer bekannt ist. Zu diesem Ende mußte der fette Junge von einem Kleiderrechen hinter der Schlafzimmertür der alten Frau einen dicht anschließenden schwarzen Atlashut, einen warmen baumwollenen Schal und einen starken Stock mit einem großen Handgriff holen, und nachdem sie sich so behaglich eingehüllt und die eine Hand auf den Stock, die andere auf die Schulter des fetten Jungen gestützt hatte, begann sie mit Muße ihren Spaziergang nach der Laube, wo sie der fette Diener für eine halbe Stunde den Annehmlichkeiten, die mit dem Genusse frischer Luft verbunden sind, überließ. Nach Ablauf dieser Frist kam er sodann wieder, um die Mutter seines Gebieters ins Haus zurückzuführen.

Die alte Dame ging in diesen Dingen nicht von ihrer gewohnten Weise ab, und da diese Zeremonie schon drei Sommer hintereinander ohne ein Abweichen von der Regel geübt worden, so war sie nicht wenig überrascht, als sie bemerkte, daß der fette Junge, statt wieder fortzugehen, nur einige Schritte von der Laube wegtrat, sich sorgfältig nach allen Richtungen umsah, und dann ganz verstohlen und mit ungemein geheimnisvoller Miene wieder umkehrte.

Die alte Dame war furchtsam – wie es die meisten alten Damen sind – und so kam sie gleich auf den Gedanken, der gedunsene Junge führe einen Mordanschlag gegen sie im Schild, um sich in den Besitz des Kleingeldes, das sie bei sich trug, zu setzen. Sie würde daher um Hilfe gerufen haben, wenn ihre körperliche Gebrechlichkeit ihr nicht schon längst die Kraft des Schweigens benommen hätte. Deshalb mußte sie sich begnügen, Joes Bewegungen mit den Gefühlen unaussprechlicher Todesangst zu beobachten, die sich keineswegs milderte, als der Junge ganz dicht an sie herankam und mit einem – wie es ihr schien – drohenden Tone ins Ohr schrie:

»Madame!«

Nun fügte sich’s gerade, daß in demselben Augenblick Herr Jingle in dem Garten spazierenging und sich zur Zeit in der unmittelbaren Nähe der Laube befand. Er hörte den lauten Ruf und blieb stehen, wozu er durch dreierlei Gründe veranlaßt wurde – einmal, weil er nichts anderes zu tun hatte, dann weil seine Neugier kein Bedenken kannte, und endlich, weil seine Person durch Gestrüpp verborgen war. Wie gesagt – er machte halt und horchte.

»Madame!« schrie der fette Junge.

»Ach, Joe,« sagte die zitternde alte Dame, »ich bin dir gewiß stets eine gütige Gebieterin gewesen und habe dich stets aufs freundlichste behandelt. Du hast nie viel arbeiten müssen und doch immer genug zu essen gehabt.«

Das war eine Berufung auf Joes empfindsamste Gemütsseite. Er schien gerührt und entgegnete mit Nachdruck:

»Ich verkenne das nicht.«

»Was kannst du aber weiter von mir wollen?« versetzte die alte Dame etwas ermutigt.

»Es wird Sie kalt überlaufen, wenn ich’s Ihnen sage«, erwiderte Joe.

Das klang wie ein ziemlich blutdürstiger Dankeserguß, und da die alte Dame die Art, wie ein solches Phänomen herbeigeführt werden könnte, nicht ganz begriff, so kehrten alle ihre Schrecken wieder.

»Was meinen Sie wohl, was ich gestern hier in dieser Laube gesehen habe?« sagte der Junge.

»Barmherziger Himmel! Was!« rief die alte Dame, beunruhigt durch die Wichtigtuerei in dem Benehmen des wohlbeleibten Burschen.

»Der fremde Herr – der mit dem zerschossenen Arm – hat geküßt und umarmt – –«

»Wen, Joe – wen? Ich hoffe doch nicht eine der Mägde?«

»Schlimmer als das!« brüllte der Junge in das Ohr der alten Dame.

»Wie, gar eine meiner Enkelinnen?«

»Noch schlimmer!«

»Noch schlimmer, Joe?« versetzte die alte Dame, die schon ein solches Unterfangen für das Non plus ultra männlicher Verwegenheit betrachtete. »Wer ist’s gewesen, Joe? Ich will es durchaus wissen.«

»Fräulein Rachel.«

»Was?« schrie die Dame in schrillem Tone. »Sprich lauter.«

»Fräulein Rachel«, schrie der fette Junge.

»Meine Tochter?«

Der fette Junge bejahte die Frage mit öfters wiederholtem Kopfnicken, wobei seine gedunsenen Backen wie Gallerte schwabbelten.

»Und sie ließ sich’s gefallen?« rief die alte Dame.

Ein Grinsen stahl sich über die Züge des dicken Burschen, als er erwiderte:

»Ich sah es, wie sie ihn wieder küßte.«

Hätte Herr Jingle in diesem Augenblick den Ausdruck, den das Gesicht der alten Dame bei dieser Mitteilung annahm, wahrnehmen können, so wäre er höchstwahrscheinlich in ein Gelächter ausgebrochen, das seine Anwesenheit notwendig verraten haben würde. So aber lauschte er aufmerksam weiter und vernahm einige abgebrochene Sätze, als da waren: – »ohne meine Zustimmung!« – »noch zu meinen Lebzeiten« – »ich arme, unglückliche Frau« – »hätte sie nicht warten können, bis ich tot bin« – und dergleichen, worauf er die Stiefelsohlen des fetten Jungen, der sich jetzt entfernte und die alte Dame allein ließ, im Sand knirschen hörte.

Es war ein merkwürdiger Zufall, aber dessenungeachtet eine Tatsache, daß Herr Jingle schon in den ersten fünf Minuten seiner Ankunft zu Manor Farm den Entschluß gefaßt hatte, das Herz der Jungfer Tante ohne Verzug in Belagerungszustand zu versetzen. Er besaß Menschenkenntnis genug, um zu merken, daß sein dreistes Benehmen dem schönen Gegenstand seiner Wünsche keineswegs mißfiel. Er hegte die lebhafte Vermutung, daß sie auch in dem Besitze des wünschenswertesten aller Erfordernisse – nämlich eines unabhängigen Vermögens, sei. Die gebieterische Notwendigkeit, seinen Nebenbuhler auf eine oder die andere Weise auszustechen, tauchte rasch in seiner Seele auf, und er entschloß sich, ohne Verzug die zweckdienlichen Hebel in Bewegung zu setzen. Fielding Henry Fielding, berühmter englischer Romandichter, der von 1707 bis 1754 lebte; Hauptwerk: »Tom Jones, oder die Geschichte eines Findlings«. sagt, der Mann sei Feuer und das Weib Stroh, die der Fürst der Finsternis miteinander in Berührung bringe, um eine helle Lohe zu veranlassen. Herr Jingle wußte, daß junge Männer bei alten Jungfern sind, was die Lunte für das Schießpulver, und so nahm er sich vor, die Wirkung einer Explosion ohne Zeitverlust zu versuchen.

Über diesen wichtigen Entwurf brütend, schlich er sich aus seinem Schlupfwinkel und näherte sich unter dem Schutze des vorerwähnten Gesträuchs dem Hause. Das Glück schien seine Absicht zu begünstigen: denn eben verließ Herr Tupman mit den übrigen Herren den Garten durch eine Seitentür, und die jüngeren Damen hatten, wie er wohl wußte, gleich nach dem Frühstück einen Spaziergang angetreten. Das Feld war also gesäubert.

Die Tür des Speisezimmers war halb offen. Er blickte hinein. Die Jungfer Tante saß mit ihrem Strickstrumpf drinnen. Er hustete – sie sah auf und lächelte. Zögern gehörte nicht zu Herrn Jingles Charakter. Er legte die Finger geheimnisvoll an seine Lippen, trat ein und machte die Tür hinter sich zu.

»Fräulein Wardle –« sagte Herr Jingle mit erkünsteltem Ernst – »entschuldigen meine Zudringlichkeit – kurze Bekanntschaft – keine Zeit zu Zeremonien – alles entdeckt!«

»Sir!« entgegnete Jungfer Tante etwas überrascht über diese unerwartete Annäherung, und zweifelhaft, ob der Mann wohl auch bei Trost sei.

»Pst!« sagte Herr Jingle mit theatralischem Flüstern – »großer Junge – Knödelgcsicht – Pflugräderaugen – Spitzbube!«

Hier schüttelte er nachdrücklich den Kopf, während Jungfer Tante in innerer Beklemmung erzitterte.

»Es scheint, Sie spielen auf Joe an, Sir?« versetzte die Dame, indem sie sich zusammennahm, um gefaßt zu erscheinen.

»Ja, Fräulein – verdammter Joe! – Verräterischer Schlingel, Joe – schwatzte bei der alten Dame – alte Dame wütend – rast – tobt – Laube – Tupman – Küssen und Umarmen – derartiges – tja, Fräulein – wie?«

»Herr Jingle«, sagte die alte Jungfer, »wenn Sie hierher kommen, um mich zu beleidigen – – «

»Nicht doch – nicht im geringsten«, versetzte der nicht zu verblüffende Jingle. – »Hörte die Geschichte – kam her. Sie vor der Gefahr zu warnen – Dienste anzubieten – Skandal zu vermeiden. Nicht zu denken an Beleidigung – will augenblicklich wieder gehen«.

Und er wandte sich um, als wollte er seine Drohung in Vollzug setzen.

»Aber was soll ich tun?« sagte die arme Jungfer in Tränen ausbrechend. »Mein Bruder wird rasen!«

»Läßt sich denken«, entgegnete Herr Jingle nach einer Pause – »wird wütend sein.«

»Ach, Herr Jingle, was kann ich sagen?« rief die Jungfer Tante in einem weiteren trostlosen Tränenstrom.

»Sagen? – Er hat geträumt«, versetzte Herr Jingle kaltblütig.

Ein Strahl der Hoffnung dämmerte in der Seele der armen Jungfer auf, als sie diesen Rat hörte. Herr Jingle nahm es in acht und verfolgte seinen Vorteil.

»Pah, pah! – Nichts leichter – verwünschter Blaustrumpf – liebenswürdige Dame – fetter Junge mit der Hundspeitsche traktiert – Ihnen geglaubt – alles vorbei – alles gut«.

Ob die Wahrscheinlichkeit eines Herauswindens aus dieser unzeitigen Entdeckung den Gefühlen der guten Jungfer so vergnüglich vorkam, oder ob das Prädikat »liebenswürdige Dame«, das ihr beigelegt wurde, das Bittere ihres Kummers milderte – wir wissen es nicht. Sie errötete und warf einen dankbaren Blick auf Herrn Jingle.

Der gewandte Gentleman seufzte tief auf, heftete ein paar Minuten seine Augen auf die Jungfer, sank dann ganz theatralisch zusammen und schlug die Blicke nieder.

»Sie scheinen unglücklich zu sein, Herr Jingle«, sagte die Dame mit teilnehmender Stimme. »Darf ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre gütige Vermittlung dadurch bezeugen, daß ich Sie nach dem Grunde Ihres Leidens frage, um ihn womöglich beseitigen zu können?«

»Ach!« rief Herr Jingle mit abermaliger Komödiengeberde – »beseitigen? – Mein Unglück beseitigen, wo Ihre Liebe einem Mann zugewandt ist, der einen solchen Segen gar nicht zu schätzen weiß? – einem Manne, der sich eben jetzt mit Absichten auf die Neigung der Nichte desselben Wesens trägt, das – doch nein, er ist mein Freund, und so will ich seine Mängel nicht enthüllen. Fräulein Wardle – leben Sie wohl!«

Bei dem Schlusse dieser Anrede, der zusammenhängendsten, die man je aus seinem Munde vernommen hatte, brachte Herr Jingle den mehrmals erwähnten Rest eines Schnupftuchs an die Augen und wandte sich gegen die Tür.

»Bleiben Sie, Herr Jingle!« rief die Jungfer Tante mit Nachdruck. »Sie haben eine Anspielung auf Herrn Tupman gemacht – erklären Sie sich näher.«

»Nie!« rief Jingle in dem Tone seines Gewerbes. »Nie!«

Und um zu zeigen, daß er nicht weiter gefragt zu werden wünschte, rückte er einen Stuhl dicht an die Seite der Jungfer Tante und setzte sich nieder.

»Herr Jingle,« sagte die Tante, »ich bitte, ich beschwöre Sie, wenn irgendein schreckliches Geheimnis mit Herrn Tupman in Verbindung steht, so lüften Sie den Schleier.«

»Kann ich,« versetzte Herr Jingle, die Augen auf Fräulein Wardles Antlitz heftend – »kann ich mit ansehen – ein so liebliches Wesen – geopfert auf dem Altare herzloser Habsucht?« Er schien einige Augenblicke mit verschiedenen widerstreitenden Gefühlen zu kämpfen, und fuhr dann mit leiser, gedämpfter Stimme fort: »Tupman hat nichts als Ihr Geld im Auge.«

»Der Elende!« rief die Jungfer voller Entrüstung.

Herrn Jingles Zweifel waren gelöst: sie hatte Geld.

»Und was noch mehr ist,« fuhr Herr Jingle fort, »er liebt eine andere.«

»Eine andere?« entgegnete Fräulein Wardle. »Und wer wäre diese?«

»Kleines Mädchen – schwarze Augen – Nichte Emilie.«

Eine Pause.

Auf der ganzen Welt gab es niemand, gegen den Jungfer Tante eine tödlichere und tiefer gewurzelte Eifersucht nährte, als gerade diese Nichte. Ein Glutstrom schoß ihr über Gesicht und Nacken, sie wiegte den Kopf mit der Miene unaussprechlicher Verachtung hin und her. Endlich biß sie sich in die dünnen Lippen, warf sich in die Brust und begann:

»Es kann nicht sein. Ich mag es nicht glauben.«

»Sie beobachten«, meinte Jingle.

»Das will ich«, versetzte die Tante.

»Auf ihre Blicke acht haben –«

»Soll geschehen.«

»Sein Flüstern.«

»Ja.«

»Wird am Tisch neben ihr sitzen –«

»Das mag er.«

»Ihr Artigkeiten sagen –«

»Sei’s drum,«

»Ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit erweisen –«

»Meinetwegen.«

»Mit Ihnen brechen.«

»Mit mir brechen?«, rief die Jungfer Tante. »Er mit mir brechen? Gut! Recht so!«

Und sie zitterte in der Wut getäuschter Hoffnung.

»Wollen Sie sich überzeugen?« fragte Jingle.

»Ich will.«

»Ihm entschlossen entgegentreten?«

»Ja.«

»Nachher nicht wieder mit ihm anbinden?«

»Auf keinen Fall.«

»Die Bewerbungen eines andern annehmen?«

»Ja.«

»So tun Sie es.«

Herr Jingle fiel auf seine Knie nieder, verharrte fünf Minuten in dieser Stellung, und erhob sich wieder als der begünstigte Liebhaber der Jungfer Tante – für den Fall, daß sich Herrn Tupmans Treulosigkeit herausstellen sollte.

Die Schuldigkeit des Beweises haftete auf Herrn Alfred Jingle, und er entledigte sich ihrer noch am nämlichen Tage beim Diner. Jungfer Tante mochte kaum ihren Augen trauen. Herr Tracy Tupman saß an Emiliens Seite und liebäugelte, flüsterte und lächelte mit Herrn Snodgraß in die Wette. Kein Wort – nicht einen Blick hatte er für sie, die tags zuvor noch der Stolz seines Herzens war.

»Verwünschter Bube!« dachte der alte Herr Wardle, dem seine Mutter Joes Erzählung mitgeteilt hatte. »Verwünschter Bube! Er muß geschlafen und geträumt haben. Eitel Einbildung!«

»Der Verräter!« dachte die alte Jungfer ihrerseits. »Der gute Herr Jingle hat mich nicht hintergangen. O, wie hasse ich den Bösewicht!« –

Die folgende Unterhaltung aber wird dazu dienen, unsern Lesern die scheinbar unerklärliche Veränderung in Herrn Tracy Tupmans Benehmen zu enträtseln.

Es war Abend – Schauplatz der Garten. Auf einem Nebenwege ergingen sich zwei Gestalten – die eine ziemlich klein und beleibt, die andere hoch und hager. Sie waren Herr Tupman und Herr Jingle. Die kleinere begann das Gespräch.

»Nun, wie habe ich meine Rolle gespielt?«

»Vortrefflich – fabelhaft – hätt’s selbst nicht besser machen können – Sie müssen in dieser Weise fortfahren – morgen – jeden Abend – bis auf ein weiteres Zeichen.«

»Wünscht es Rachel noch immer?«

»Natürlich – tut’s freilich nicht gern – aber muß sein – Verdacht abwenden – fürchtet ihren Bruder – sagt, es lasse sich nicht ändern – nur noch einige Tage – bis die alten Leute verblendet sind – Ihrem Glücke dann die Krone aufsetzen.«

»Läßt sie mir sonst nichts sagen?«

»Versichert Liebe, – treue – unverbrüchliche Liebe. Soll ich ihr etwas ausrichten?«

»Mein lieber Freund«, versetzte der nichts ahnende Tupman, glühend die Hand des vermeintlichen Freundes ergreifend, »versichern auch Sie Fräulein Rachel gleichfalls meiner wärmsten Liebe – sagen Sie ihr, wie schwer mir diese Verstellung wird – sagen Sie ihr alles, was sich in einem solchen Falle sagen läßt: aber fügen Sie auch bei, wie sehr ich die Notwendigkeit des Benehmens fühle, das sie mir diesen Morgen durch Sie anempfehlen ließ. Sagen Sie ihr, daß ich ihre Weisheit verehre und ihre kluge Vorsicht bewundere.«

»Soll geschehen. Weiter nichts?«

»Nein; nur noch das, daß ich mich glühend nach dem Augenblick sehne, »wo ich sie die Meinige nennen und jede Maske ablegen kann.«

»Wird besorgt – wird besorgt. Noch etwas auf dem Herzen?«

»Ach, mein Freund,« sagte der arme Tupman, abermals die Hand seines Gefährten ergreifend, »empfangen Sie meinen wärmsten Dank für ihre uneigennützige Güte, und vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen je, auch nur mit dem Gedanken, Sie könnten mir im Wege stehen, unrecht getan habe. Mein teurer Freund, kann ich Ihnen je Ihren Dienst vergelten?«

»Reden Sie nicht davon«, versetzte Herr Jingle.

Er hielt sogleich inne, als ob er sich plötzlich auf etwas besinne, und sagte: »Übrigens, können Sie nicht zehn Pfund entbehren? – Im Augenblick zu besonderen Zwecken benötigt – zahle wieder in drei Tagen.«

»Aber mit Vergnügen«, versetzte Herr Tupman in der Überfülle seines Herzens. »Drei Tage sagen Sie?«

»Nur drei Tage – alles vorüber dann – keine weiteren Schwierigkeiten.«

Herr Tupman zählte das Geld auf die Hand seines Gefährten, und dieser ließ, während sie zurückgingen, Stück für Stück in seine Tasche gleiten.

»Vorsichtig«, sagte Herr Jingle – » ja keinen Blick.«

»Keine Silbe.«

»Nicht die leiseste.«

»Alle Ihre Aufmerksamkeit auf die Nichte – eher etwas unartig gegen die Tante – der einzige Weg, die Alten hinters Licht zu führen.«

»Soll alles pünktlich geschehen«, sagte Herr Tupman laut.

»Ja, ja, tu es nur pünktlich!« dachte Herr Jingle; und sie traten ins Haus.

Die Szene des Nachmittags wurde am Abend wiederholt, und ein gleiches geschah an den drei nächstfolgenden Nachmittagen und Abenden. Am vierten war der Wirt ungemein aufgeräumt, denn er hatte sich von der Haltlosigkeit der Klage gegen Tupman überzeugt. Bei Herrn Tupman aber stand es ähnlich, da ihm Herr Jingle mitgeteilt hatte, seine Angelegenheit würde bald zur Entscheidung kommen. Herr Pickwick war ebenfalls heiter, weil er selten anders war. Nur von Snodgraß ließ sich das nicht sagen, denn er war eifersüchtig auf Herrn Tupman, während wieder die alte Dame, weil sie im Whistspiel gewonnen, und Herr Jingle nebst Fräulein Tante – diese aus sehr erheblichen Gründen, die in einem andern Kapitel unserer ereignisreichen Geschichte erzählt werden sollen – sich der fröhlichen Stimmung der Mehrzahl anschlossen.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Eine Entdeckung und eine Verfolgung.

Die Speisen standen auf dem Tisch, die Stühle waren herangerückt, Flaschen, Krüge und Gläser aus dem Wandschrank hervorgeholt, und alles verkündigte die Nähe des vergnüglichsten Zeitabschnitts im Verlauf des Tages.

»Wo ist Rachel?« fragte Herr Wardle.

»Ja, und wo Herr Jingle?« fügte Herr Pickwick bei.

»Ach du mein Himmel«, sagte der Hausherr, »es nimmt mich wunder, daß ich ihn nicht schon früher vermißte. Ich glaube, ich habe seine Stimme wenigstens schon zwei Stunden nicht mehr gehört. Liebe Emilie, klingle doch mal.«

Die Klingel wurde gezogen und der Junge trat ins Zimmer.

»Wo ist Fräulein Rachel?«

Er wußte nichts.

»Wo ist Herr Jingle?«

Er wußte es gleichfalls nicht.

Alle blickten sich überrascht an. Es war spät – bereits elf Uhr vorbei. Herr Tupman lachte sich ins Fäustchen. Sie spazierten natürlich irgendwo herum und unterhielten sich von ihm. Ha, ha! Ein herrlicher Einfall – Kapitalspaß!

»Tut nichts – tut nichts«, sagte Herr Wardle nach einer kurzen Pause. »Ich wette, sie werden bald da sein. Mit dem Nachtessen warte ich nie auf jemand.«

»Treffliche Hausordnung, das«, bemerkte Herr Pickwick. »Bewunderungswürdig.«

»Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, meine Herren«, sagte der Hausherr.

»Wenn Sie erlauben«, versetzte Herr Pickwick.

Und die Gesellschaft ließ sich nieder.

Ein ungeheures Stück kalten Rinderbratens stand auf dem Tisch, und Herr Pickwick wurde mit einer kräftigen Portion davon versehen. Er erhob eben die Gabel zu seinen Lippen und war im Begriffe, den Mund zu öffnen und den Brocken dem obern Ende seines Verdauungskanals anzuvertrauen, als sich plötzlich von der Küche her der summende Ton vieler Stimmen vernehmen ließ. Er hielt inne und legte die Gabel nieder. Herr Wardle hielt gleichfalls inne, und ließ unwillkürlich das Tranchiermesser in dem Fleische stecken. Er sah Herrn Pickwick an, und Herr Pickwick blickte auf Herrn Wardle.

Schwere Fußtritte ließen sich von dem Hausflur vernehmen. Die Tür ging plötzlich auf, und herein trat der Mann, der Herrn Pickwick gleich bei seiner ersten Ankunft die Stiefeln gereinigt hatte, hinter ihm der fette Junge und das ganze Hausgesinde.

»Was, zum Teufel, soll das heißen?« rief der Hausherr.

»Hat etwa der Küchenschornstein Feuer gefangen, Emma?« fragte die alte Dame.

»Ach Gott, ’s wird doch das nicht sein, Großmutter!« kreischten die jungen Damen.

»Was ist los?« rief der Hausherr.

Der Mann haschte nach Luft und keuchte mit schwacher Stimme:

»Sie sind fort, Herr – auf und davon, Sir!«

Bei dieser Eröffnung sah man Herrn Tupman Messer und Gabel niederlegen und erblassen.

»Wer ist fort?« sagte Herr Wardle heftig.

»Herr Jingle und Fräulein Rachel – in einer Postkutsche – vom Blauen Löwen in Muggleton aus. Ich war dort – konnte sie aber nicht zurückhalten; und so lief ich, hast du was kannst du, um es hier mitzuteilen.«

»Und ich mußte die Kosten dazu herschießen!« rief Herr Tupman, ganz außer sich aufspringend. »Er hat zehn Pfund von mir mitgenommen! Haltet ihn auf! Er hat mich betrogen! Ich lasse mir’s nicht gefallen! Ich will mein Recht haben, Pickwick! Ich will nicht ruhig zusehen, wenn ich um mein Eigentum geprellt werde!«

Mit diesen und ähnlichen unzusammenhängenden Ausrufen rannte Herr Tupman wie toll im Zimmer umher.

»Gott behüte uns!« rief Herr Pickwick, die. außerordentlichen Gebärden seines Freundes mit entsetzten Blicken betrachtend. »Er ist übergeschnappt; was fangen wir an?«

»Was wir anfangen?« entgegnete der Hausherr, der bloß Pickwicks letzte Worte gehört hatte. »Spannt das Pferd in die Deichsel. Ich will im Löwen eine Postkutsche nehmen und ihnen augenblicklich nachsetzen. Wo –« rief er, als der Mann sich entfernte, um den Befehl zu vollziehen – »wo ist der heillose Kerl, der Joe?«

»Hier bin ich – aber kein heilloser Kerl«, versetzte eine Stimme. Es war die des fetten Jungen.

»Lassen Sie mich, Pickwick!« schrie Wardle, als er auf den unglücklichen Joe losstürzen wollte. »Er hat sich von diesem Schurken, dem Jingle, bestechen lassen, damit er mir eine falsche Witterung beibringe und mir mit einer Geschichte von meiner Schwester und Ihrem Freunde Tupman einen blauen Dunst vormache.« (Hier sank Herr Tupman auf seinen Stuhl zurück.) »Lassen Sie mich – ich muß ihm zu Leibe.«

»Ach, halten Sie ihn ja fest!« kreischten die Frauenzimmer, und aus ihrem Geschrei hörte man das Heulen des fetten Jungen deutlich heraus.

»Weg da!« rief der alte Mann. »Zurück mit Ihren Händen, Herr Winkle! Lassen Sie mich los, Herr Pickwick!«

Es war erbaulich, in diesem Augenblicke des Tumults und der Verwirrung den ruhigen und philosophischen Ausdruck in Herrn Pickwicks Gesicht wahrzunehmen. Er stand da, allerdings etwas gerötet von der Kraftanstrengung, die weite Taille seine« korpulenten Wirtes mit starken Armen umschlingend, und verhütete so einen tätlichen Ausbruch von dessen leidenschaftlichem Zorn, während der fette Junge von sämtlichen Damen zur Tür hinausgeschoben und gezerrt wurde. Er hatte indes kaum losgelassen, als der Bediente mit der Meldung hereintrat, daß der Wagen bereit wäre.

»Lassen Sie ihn nicht allein fort!« riefen die Frauenzimmer. »Es gibt ein Unglück!«

»Ich will ihn begleiten«, sagte Herr Pickwick.

»Sie sind ein wackerer Freund, Pickwick«, sagte Herr Wardle, seine Hand ergreifend. »Emma, gib Herrn Pickwick einen Schal um den Hals – rasch! Seht nach eurer Großmutter, Mädchen; sie ist ohnmächtig geworden. So kommen Sie – sind Sie fertig?«

Da Herr Pickwick inzwischen Mund und Kinn hastig in einen großen Schal gehüllt, den Hut auf seinen Kopf gepflanzt und den Überrock über den Arm geworfen hatte, antwortete er mit Ja.

Sie sprangen in den Wagen. »Laß dem Pferd den Zügel, Tom«, sagte Herr Wardle: und fort ging’s über die schmalen Feldwege weg, holter, polter über die Wagengeleise und an den Knicks vorbei, daß alle Augenblicke zu befürchten stand, das leichte Fuhrwerk möchte in Stücke fliegen.

»Haben sie einen starken Vorsprung?« rief Herr Wardle, als der Wagen vor dem blauen Löwen anlangte, um den sich, so spät es war, ein kleines Häufchen Neugieriger versammelt hatte.

»Nicht über drei Viertelstunden«, lautete die vielstimmige Antwort.

»Schnell eine Kutsche mit Vieren! – Heraus damit! Man kann den kleinen Wagen nachher ausspannen.«

»Nun, Jungen!« rief der Wirt: »eine Kutsche und vier Pferde! Hurtig – zeigt ein bißchen Leben!«

Die Stallknechte und Jungen eilten weg. Laternen huschten hin und her: Pferdehufe klapperten auf dem unebenen Hofpflaster, die Kutsche rumpelte aus dem Schuppen heraus, und alle« war voll Leben und Bewegung.

»Nun – wird’s noch diese Nacht?« rief Wardle ungeduldig.

»Kommt eben in den Hof, Sir«, versetzte der Stallknecht.

Und der Wagen kam – die Pferde wurden eingespannt – die Postillions sprangen hinzu – die Reisenden stiegen ein.

»Wohlgemerkt – die Siebenmeilenstation muß in weniger als einer halben Stunde gemacht sein«, rief Herr Wardle.

»Fort!«

Die Jungen brauchten Peitsche und Sporn, die Kellner schrien, die Stallknechte fluchten, und dahin flog der Wagen in wütender Eile.

»Eigentümliche Lage«, dachte Herr Pickwick, als er einen Augenblick Zeit zum Überlegen gewann. »Eigentümliche Lage für den Präsidenten des Pickwick-Klubs. Dumpfe Kutsche – fremde Pferde – fünfzehn Meilen in einer Stunde – und nachts zwölf Uhr!« Die ersten drei oder vier Meilen verlautete kein Wort unter den beiden Herren, da jeder zuviel mit seinen eigenen Gedanken zu schaffen hatte, um an den andern eine Bemerkung zu richten. Aber jetzt, da die warm gewordenen Pferde einmal im Zuge waren, wurde auch Pickwick durch die Raschheit der Bewegung aufgerüttelt, und er konnte nicht länger, ganz stumm da zu sitzen.

»Ich denke, wir werden sie sicher einholen«, begann er.

»Ich hoffe es«, versetzte sein Gefährte.

»Eine schöne Nacht«, sagte Herr Pickwick nach dem klaren Monde aufblickend.

»Um so schlimmer«, entgegnete Wardle, »denn sie haben für ihren Vorsprung den Vorteil des Mondlichts, der uns fehlt, da der Mond keine Stunde mehr am Himmel stehen wird.«

»In der Dunkelheit wird’s freilich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit fortgehen können – oder?« fragte Herr Pickwick.

»Gewiß nicht«, versetzte Herr Wardle trocken.

Herrn Pickwicks Aufregung begann sich ein wenig zu legen, als er über die Unbequemlichkeiten und Gefahren einer Reise nachdachte, auf die er sich so unüberlegt eingelassen hatte. Endlich wurde er jedoch durch das laute Rufen des Postillions auf dem Leitgaule aus seinen Betrachtungen geweckt.

»Hallo! Hallo!« rief der erste Postillion.

»Hallo! Hallo!« wiederholte der zweite.

»Hallo! Hallo!« stimmte der alte Wardle lustig mit ein, indem er den Kopf und den halben Körper zum Fenster hinaussteckte.

»Hallo! Hallo!« schrie Herr Pickwick am kräftigsten von allen, obgleich er durchaus nicht wußte, warum?

Und während dieses vierfachen »Hallos« machte der Wagen halt.

»Was gibt’s?« fragte Herr Pickwick.

»Wir sind an einem Schlagbaum und werden hier etwas von den Flüchtigen hören«, versetzte der alte Wardle.

Nach Verlauf von fünf Minuten, die unter Klopfen und Schreien verbracht wurden, trat ein alter Mann, nur in Hemd und Beinkleidern, aus dem Schlagbaumhäuschen und schob die Barre zurück.

»Wie lange ist’s, seit eine Postkutsche hier passierte?« fragte Herr Wardle.

»Wie lange?«

»Ja, wie lange?«

»Kann’s nicht genau sagen. Gar lange wird’s nicht sein, aber auch nicht gar kurz – just so zwischen drin, denke ich.«

»Es kam aber doch wirklich eine Kutsche vorbei.«

»O ja; ne Kutsche ist vorbeigekommen.«

»Aber seit wie lange, mein Freund«, mischte sich Herr Pickwick ein. »Vor einer Stunde vielleicht?«

»So was mag’s gewesen sein«, versetzte der Mann.

»Oder zwei Stunden? fragte der Postillion des hinteren Zugs.

»Könnten auch zwei Stunden sein«, entgegnete der alte Mann zweifelhaft.

»Fort, Jungen«, rief der Wardle ärgerlich: »haltet euch nicht mit dem alten Dummkopf auf.«

»Dummkopf?« rief der alte Mann mit einem Grinsen, indem er den Balken halb vorschob und in die Mitte des Weges trat, um der Kutsche nachzusehen, die mit der zunehmenden Entfernung rasch den Blicken verschwand. »Lange kein solcher, als der da drinnen. Verliert er da seine zehn Minuten und geht so klug fort, wie er hergekommen ist. Wenn jeder Schlagbaumwärter seinen Goldfuchs nur halb so gut verdient, wie ich, so wirst du die andere Kutsche vor Michaelis nicht einholen, alter Fettbauch.«

Und weiter grinsend schloß der Mann den Schlagbaum vollends, trat in sein Haus und schob den Riegel hinter sich zu.

Inzwischen ging die Kutsche stets mit gleicher Geschwindigkeit weiter, bis sie am Ende der Station anlangte. Der Mond ging, wie Herr Wardle richtig bemerkt hatte, zeitig unter, und große Ballen schwarzer Wolken, die schon seit einiger Zeit den Himmel umzogen, sammelten sich bald zu einer einzigen dunklen Masse. Große Regentropfen, die hin und wieder an die Wagenfenster schlugen, schienen den Reisenden das rasche Annähern einer stürmischen Nacht zu verkündigen. Der Wind, der ihnen gerade entgegenblies, fegte in furchtbaren Stößen die schmale Straße daher und heulte greulich in den die Chaussee begrenzenden Bäumen. Herr Pickwick wickelte sich fester in seinen Überrock, drückte sich behaglich in eine Ecke des Wagens und verfiel in ein gesundes Schläfchen, aus dem er erst wieder erwachte, als die Kutsche halt machte und der Ton der Stallklingel nebst dem lauten Ruf: »Rasch! Pferde vor!« erscholl.

Aber hier gab es wieder eine Zögerung. Die Postjungen lagen in einem so geheimnisvoll tiefen Schlaf, daß man bei jedem fünf Minuten brauchte, um ihn zu wecken. Der Stallknecht hatte den Stallschlüssel verlegt, und selbst als dieser gefunden war, verwechselten die Postillione die Pferdegeschirre, so daß das Geschäft der Zurichtung wieder aufs neue begonnen werden mußte. Wäre Herr Pickwick allein gewesen, diese vielen Hindernisse hätten jedem Weiterfahren auf einmal ein Ziel gesteckt! aber der alte Herr Wardle war nicht so leicht zu entmutigen. Er ging bei allem so rührig an die Hand, knuffte hin und wieder einen der Burschen, zog da eine Schnalle an und legte dort eine Kette ein, so daß der Wagen in weit kürzerer Zeit, als sich unter so vielen Schwierigkeiten erwarten ließ, zum Abfahren bereit stand.

Sie nahmen die Reise – allerdings nicht unter besonders günstigen Umständen – wieder auf. Die Station war fünfzehn Meilen lang, die Nacht finster, der Sturm heftig, und der Regen schüttete in Strömen. Es war unmöglich, unter solchen Verhältnissen rasch vorwärts zu kommen. Ein Uhr hatte es bereits geschlagen, und man brauchte fast zwei Stunden, um die andere Station zu erreichen. Hier trafen sie jedoch auf einen Umstand, der alle ihre Hoffnungen wieder aufleben machte und ihren sinkenden Mut hob.

»Wann ist diese Nacht eine Kutsche angekommen?« rief der alte Wardle, aus seinem eigenen Wagen springend, und auf ein Fuhrwerk deutend, das, mit Kot bedeckt, auf dem Hof stand.

»Vor nicht ganz einer Viertelstunde, Sir«, versetzte der Stallknecht, an den diese Frage gerichtet war.

»Ein Herr und eine Dame?« fragte Wardle mit fast atemloser Hast.

»Ja, Sir.«

»Der Herr groß – dünn – lange Beine?«

»Ja, Sir.«

»Dame ältlich – schmales Gesicht – etwas mager – wie?«

»Ja, Sir.«

»Beim Himmel, sie sind’s, Pickwick!« rief der alte Herr.

»Sie wären schon früher angelangt, wenn ihnen nicht ein Zugstrang zerrissen wäre«, sagte der Stallknecht.

»Sie sind’s«, rief Herr Wardle. »Gerechter Himmel, sie sind’s! Geschwind – eine Kutsche und vier Pferde! Wir holen sie ein, noch ehe sie die nächste Station erreichen. Jedem einen Goldfuchs, Jungens – rührt euch – tapfer – so; brave Burschen.«

Unter solchen Ermunterungen rannte der alte Herr geschäftig im Hofe hin und her. Er war in einer Aufregung, die sich sogar Herrn Pickwick mitteilte, so daß dieser Gentleman gleichfalls an dem Einschirren der Pferde mithalf und auf eine ganz wundersame Weise nach den Rossen und den Rädern sah, fest überzeugt, durch seine Mitwirkung die Vorbereitungen zum schleunigsten Aufbruch wesentlich zu fördern.

»Hinein – hinein!« rief der alte Wardle, indem er in den Wagen stieg, den Tritt nachzog und den Schlag schloß. »Kommen Sie – beeilen Sie sich.«

Und noch ehe Herr Pickwick wußte wie, fühlte er sich durch einen tüchtigen Ruck von seiten des alten Herrn und durch einen Nachschub des Stallknechts durch den andern Schlag in den Wagen gehoben. Dann ging es wieder weiter.

»So – jetzt sind wir wieder in Bewegung«, rief der alte Herr frohlockend.

Das war auch in der Tat der Fall, wie Herr Pickwick aus den häufigen Zusammenstößen mit der Kutschenwand und seinem Nachbar am besten empfand.

»Greifen Sie nach dem Halter«, sagte Herr Wardle, als ihm Herrn Pickwicks Kopf gegen die Rippen fuhr.

»Ich bin in meinem Leben nie so gerüttelt worden«, entgegnete Herr Pickwick.

»Macht nichts«, versetzte sein Gefährte: »wird bald vorüber sein. Halten Sie sich nur fest.«

Herr Pickwick drückte sich so fest er konnte in seine Ecke, und der Wagen rollte schneller als je dahin.

Sie hatten in dieser Weise ungefähr drei Meilen zurückgelegt, als Herr Wardle, der auf ein paar Minuten durch den Schlag hinaus gesehen, plötzlich den von Kot bespritzten Kopf zurückzog und in atemloser Hast ausrief:

»Dort sind sie!«

Herr Pickwick steckte den Kopf gleichfalls durch das Fenster. Ja, es war eine Kutsche mit vier Pferden, die in vollem Galopp in kurzer Entfernung vor ihnen dahinsprengte.

»Vorwärts! vorwärts!« schrie der alte Herr. »Zwei Goldfüchse für jeden. Jungen – holt sie ein – drauf – drauf!«

Die Pferde der ersten Kutsche jagten in höchster Eile davon, und Herrn Wardles jagten wütend hinterdrein.

»Ich sehe seinen Kopf«, rief der cholerische alte Herr; »ich will verdammt sein, wenn ich nicht seinen Kopf sehe.«

»Ich gleichfalls«, sagte Herr Pickwick. »Er ist’s!«

Herr Pickwick hatte sich nicht geirrt. Herrn Jingles Gesicht, über und über mit Straßenkot bespritzt, war deutlich an dem Fenster der Kutsche zu erkennen, und die ungestümen Bewegungen seines Armes verrieten, daß er die Postillione antrieb, ihr Äußerstes zu tun.

Die Spannung war aufs höchste gesteigert. Felder, Bäume und Hecken schienen mit der Schnelligkeit des Windes an ihnen vorbeizufliegen, so jagten die Rosse dahin. Sie waren hart an der ersten Kutsche und konnten Jingles Stimme selbst unter dem Rädergerassel die Postillione antreiben hören. Der alte Wardle schäumte vor Zorn und Wut. Er warf ihm »Schurken« und »Spitzbuben« zu Dutzenden nach und schüttelte die Faust nachdrücklich gegen den Gegenstand seiner Entrüstung. Aber Herr Jingle antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln und erwiderte die Drohungen des alten Herrn durch lautes Frohlocken, als seine Pferde unter Beihilfe der Peitsche und des Sporns rascher anzogen und die Verfolger weit hinter sich ließen.

Herr Pickwick hatte eben seinen Kopf zurückgezogen und Herr Wardle, von seinem Schreien erschöpft, das gleiche getan, als sie durch einen furchtbaren Stoß des Wagens gegen die Vorderseite geschleudert wurden. Ein dumpfer Ton – ein lautes Krachen – ein Rad flog ab, und die Kutsche schlug um.

Nach einigen Augenblicken der Verwirrung und Bestürzung, in denen sich nichts als das Ausschlagen der Pferde und das Klirren der Glasscheiben vernehmen ließ, fühlte sich Herr Pickwick gewaltsam aus dem zertrümmerten Wagen hervorgezogen, und als er endlich auf seinen Beinen stand und sich aus den Schößen seines Überrocks auswickelte, die den Gebrauch seiner Brille wesentlich beeinträchtigten, gewahrte er den ganzen Umfang des Unheils, das ihnen zugestoßen war.

Der alte Herr Wardle stand ihm ohne Hut und mit zerrissenen Kleidern zur Seite, und die Bruchstücke des Wagens lagen zu ihren Füßen. Die Postillions, denen es gelungen war, die Stränge abzuschneiden, standen, beschmutzt und von dem scharfen Ritt erschöpft, bei ihren Pferden. Die andere Kutsche hatte einen Vorsprung von ungefähr hundert Schritten und machte halt, als man dort das Krachen vernahm. Die Postillione blickten aus ihren Sätteln mit grinsenden Gesichtern zurück, und Herr Jingle, der das Unglück aus dem Kutschenfenster mit angesehen hatte, zeigte gleichfalls eine nicht unzufriedene Miene. Der Tag brach eben an, so daß sich die ganze Szene im Dämmerlicht des Morgens deutlich unterscheiden ließ.

»Holla!« rief der schamlose Jingle: »Jemand beschädigt? – Ältere Herren – nicht leicht – gefährliche Arbeit – wahrhaftig.«

»Sie sind ein Schurke!« brüllte Wardle.

»Ha! ha!« lachte Herr Jingle. Dann fügte er mit einem bedeutsamen Winke und einer Bewegung seines Daumens gegen das Innere seiner Kutsche bei – »ich sage – sie ist ganz wohl – besten Gruß von ihr – bittet. Sie möchten sich ihretwegen nicht bemühen – läßt Tuppy grüßen – wollen Sie nicht hinten aufsitzen? – Vorwärts, Jungen«!«

Die Postillione nahmen wieder ihre frühere Haltung ein, und die Kutsche rasselte weiter, während Herr Jingle höhnend sein Taschentuch zum Fenster hinausflattern ließ.

Nichts von dem ganzen Abenteuer – nicht einmal der Umsturz des Wagens – war imstande gewesen, Herrn Pickwicks Gemütsruhe zu trüben. Aber die Bosheit dieses Menschen, der zuerst von seinem treuen Begleiter Geld borgte und dann dessen Namen schmählicher Weise zu »Tuppy« abkürzte, war mehr, als er ertragen konnte. Er holte tief Atem, wurde rot bis an seine Brille und sagte langsam und nachdrücklich:

»Wenn ich je wieder mit diesem Menschen zusammentreffe, so will ich –«

»Ja, ja,« unterbrach ihn Herr Wardle; »das ist alles ganz recht. Aber während wir hier stehen und schwatzen, verschafft er sich eine Heiratserlaubnis und läßt sich in London trauen.«

Herr Pickwick hielt inne und stöpselte die Flasche, die er aus Wut entkorkt hatte, wieder zu.

»Wie weit ist’s bis zur nächsten Station?« fragte Herr Wardle einen der Postillione.

»Sechs Meilen – gelt Tom?«

»Etwas drüber.«

»Etwas über sechs Meilen, Sir.«

»Da ist nichts anderes zu machen, als zu Fuß hinzugehen, Pickwick«, sagte Herr Wardle.

»Freilich, ’s gibt keinen andern Ausweg«, versetzte dieser wahrhaft große Mann.

Sie sandten nun einen der Postjungen zu Pferd voraus, um einen neuen Wagen samt Pferden zu bestellen, und ließen den andern bei der zerbrochenen Kutsche zurück, während sie selbst sich mannhaft in Bewegung setzten, nachdem sie zuvor den Hals durch ihre Tücher geschützt und ihre Hüte niedergekrempt hatten, um sich so viel wie möglich gegen den Regen zu schützen, der jetzt nach kurzem Nachlassen wieder in Strömen zu fließen begann.

 

Elftes Kapitel.


Elftes Kapitel.

Klärt alle etwa vorhandenen Zweifel über Herrn Jingles Uneigennützigkeit auf.

In London gibt es verschiedene alte Wirtshäuser, die in einer Zeit, wo die Postkutschen ihre Fahrten in einer ernsteren und feierlicheren Weise – als heutzutage, zurücklegten, die Hauptquatiere der berühmtesten Postwagen waren, obgleich sie jetzt zu wenig mehr, als zu Warte- und Einschreiblokalen für Frachtfuhrleute heruntergesunken sind. Der Leser würde sich umsonst unter den Goldenen Kreuzen, Ochsen und Löwen, die in Londons verbesserten Straßen die Gasthöfe zieren, nach einem dieser alten Hotels umsehen, sondern müßte dazu seinen Schritt nach den obskurieren Stadtteilen richten, wo er hin und wieder eines in einen düstern Winkel gedrückt antreffen könnte. Da bietet es mit einer Art finsterer Störrigkeit der Verschönerung der Umgebung Trotz.

In dem Borough Boroughs (deutsch mit unserm »Burg« identisch) waren in alter angelsächsischer Zeit feste Verteidigungsplätze; später bedeuteten sie Ortschaften mit dem Recht einer Gemeinde. stehen noch ungefähr ein halb Dutzend solcher Häuser, die ihre äußere Form unverändert beibehalten haben und ebenso gut der modernen Verschönerungssucht, als den Eingriffen des Spekulationsgeistes entgangen sind. Es sind große, geräumige, wunderliche alte Gebäude mit Galerien, Hausfluren und Treppen, weit und altväterisch genug, um Stoff zu hundert Gespenstergeschichten zu liefern, falls wir je in die traurige Notwendigkeit versetzt werden sollten, solche zu erfinden. Ja, es würde bis an der Zeiten Ende währen, wollte man die unzähligen und wahrhaftigen Legenden erschöpfen, die sich an die alte Londoner Brücke und ihre nächste Nachbarschaft auf der Surreyseite knüpfen.

Auf dem Hofe eines dieser Wirtshäuser, das kein geringeres Schildzeichen, als das des weißen Hirschen führte, war an demselben Morgen, der Herrn Pickwicks und Herrn Wardles Unglücksnacht folgte, ein Mann emsig mit Bürsten eines schmutzigen Stiefelpaares beschäftigt. Er trug eine grobe, gestreifte Weste mit schwarzen Kalikoärmeln und blauen Glasknöpfen, braune Kniehosen und desgleichen Gamaschen. Ein hellrotes Taschentuch war lose und ungezwungen um seinen Hals geknüpft, und ein alter weißer Hut saß nachlässig auf dem einen Ohr. Er hatte zwei Reihen Stiefel – die eine gereinigt, die andere noch schmutzig – vor sich, und bei jedem Zuwachs der gewichsten Reihe hielt er einen Augenblick inne, um das Ergebnis seiner Tätigkeit mit Behagen zu überschauen.

Im Hof zeigte sich nichts von dem rührigen, lärmenden Treiben, das die charakteristische Eigenschaft eines von vielen Fuhrwerken besuchten Gasthauses ist. Drei oder vier schwerfällige Frachtwagen waren bis an die Decke des die Hofmauer von einer Seite überragenden leichten Daches beladen und reichten wohl bis zu den Fenstern des zweiten Stocks eines gewöhnlichen Hauses. Sie standen ruhig unter ihren Schuppen, während ein weiterer Wagen, der wahrscheinlich an diesem Morgen abfahren wollte, in den freien Raum hinausgezogen war. Eine doppelte Reihe von Galerien mit plumpen, alten Geländern führte zu den Schlafzimmern und lief in der ganzen inneren Seite des Hauses herum. Eine gleichfalls doppelte Reihe von Klingeln, die mit den Schlafzimmern in Verbindung standen, hingen, durch einen kleinen Dachvorsprung gegen den Regen geschützt, über der Tür der Gaststube. Zwei oder drei Zweiradwagen und Kutschen hatten in den Schuppen ihr Unterkommen gefunden. Nur der schwere Huftritt eines Fuhrmannsgauls oder das Klirren einer Kette an dem hinteren Ende des Hofes verkündete hin und wieder einem Neugierigen, daß in jener Richtung der Stall läge. Fügen wir noch bei, daß einige Jungen in leinenen Kitteln auf dem schweren Gepäck, den Wollsäcken und andern Artikeln, die auf den Strohhaufen umherlagen, schliefen, so haben wir den Hof des Weißen Hirschen, High Street, Borough, wie er sich an diesem Morgen darstellte, so ausführlich wie möglich beschrieben.

Auf lautes Klingeln zeigte sich in der oberen Schlafzimmergalerie ein dralles Dienstmädchen, das an die Tür pochte, von innen einen Auftrag erhielt und über das Geländer rief:

»Sam!«

»Was ist?« versetzte der Mann mit dem weißen Hut.

»Nummer Zweiundzwanzig will seine Stiefel.«

»Frage Nummer Zweiundzwanzig, ob er sie gleich jetzt haben, oder ob er warten will, bis er sie kriegt«, war die Antwort.

»Ach, sei kein Narr, Sam«, entgegnete das Mädchen begütigend: »der Herr will die Stiefel jetzt.«

»Wenn ich auch ein Narr bin, mein Jüngferchen, so tanze ich doch nicht nach deiner Pfeife«, sagte der Stiefelputzer. »Sieh mal diese Stiefel an – elf Paar und ein Schuh, der der stelzbeinigen Nummer Sechs gehört. Die elf Paar Stiefel sind bis halb neun und der Schuh bis neun Uhr bestellt. Wer ist Nummer zweiundzwanzig, das er vor den andern etwas voraus haben will? Nein, nein: ’s muß alles der Reihe nach gehen, wie Henkersmeister Knüpfauf sagt, wenn er einen heißen Arbeitstag hat. Tut mir leid, Sir, daß Sie warten müssen: die Reihe wird aber bald an Sie kommen.«

Mit diesen Worten nahm der Mann mit dem weißen Hut wieder seine Arbeit auf und bürstete auf einen Stulpenstiefel mit erneuter Wucht los.

Abermals Klingeln, und die geschäftige alte Wirtin im Weißen Hirsch erschien auf der entgegengesetzten Galerie.

»Sam!« rief die Wirtin. »Wo ist der faule Schlingel – Sam! Da seid Ihr ja! Warum gebt Ihr keine Antwort?«

»Wäre nicht höflich, zu antworten, ehe Sie gesprochen haben«, entgegnete Sam grämlich.

»Da; putze geschwind diese Schuhe für Nummer Siebzehn und bring sie dann in das Zimmer Nummer Fünf im ersten Stock.«

Die Wirtin warf ein Paar Schuhe in den Hof und ging weiter.

»Nummer Fünf«, sagte Sam, als er die Schuhe aufhob, eln Stück Kreide aus seiner Tasche langte und das Merkzeichen ihrer Bestimmung auf die Sohlen schrieb. »Damenschuhe und ein Extrazimmer. Denke mir, die ist nicht mit dem Botenwagen angekommen.«

»Sie kam erst diesen Morgen«, rief das Mädchen, die noch immer auf dem Galeriegeländer lehnte, »mit einem Herrn in einer Mietkutsche, demselben, der jetzt seine Stiefel will. Mach doch rasch; weiter hast du nichts mit der Sache zu schaffen.«

»Warum sagtest du mir das nicht gleich?« versetzte Sam unwillig, indem er die fraglichen Stiefel aus dem übrigen Haufen herauslangte. »Konnte ich’s riechen, daß sie einem andern, als einem der gewöhnlichen Dreipfennigfuchser gehörten? Eigenes Zimmer und dazu eine Dame! Wenn er so etwas von einem hohen Tier ist, so trägt er doch des Tags einen Schilling ein, die sonstigen Aufträge abgerechnet.«

Angespornt durch diese begeisternde Aussicht bürstete Master Samuel so emsig drauf los, daß in ein paar Minuten Stiefel und Schuhe in einem Glanze dastanden, sogar das Herz des liebenswürdigen Herrn Warren mit Neid zu erfüllen (denn für den Weißen Hirsch lieferten Day und Martin den Wichsebedarf). Darauf verfügte sich der Stiefelputzer mit den Prachtproben seiner Kunst an die Tür von Nummer Fünf.

»Herein!« rief eine männliche Stimme auf Sams Klopfen.

Sam machte seinen besten Kratzfuß, als er einen Herrn und eine Dame beim Frühstück sitzen sah. Nachdem er diensteifrig die Stiefel des Herrn rechts und links, und die Schuhe der Dame rechts und links zu ihren Füßen niedergelegt hatte, zog er sich wieder zurück.

»Hausknecht!« sagte der Herr.

»Sir«, versetzte Sam, die Tür wieder schließend, während er die Hand auf der Klinke ruhen ließ.

»Wißt Ihr – nun, wie heißt’s doch gleich – Doktor Commons?«

»Ja, Sir.«

»Wo ist es?«

»Pauls Kirchhof, Sir; niederer Bogengang nach der Straße zu, ein Buchladen an der einen, ein Gasthof an der andern Seite, und in der Mitte zwei Türsteher als Lizenzagenten Agenten, die Heiratserlaubnis besorgten und zugleich den Heiratsvermittler spielten.«

»Lizenzagenten?« fragte der Herr.

»Lizenzagenten«, wiederholte Sam. »Zwei Kerle mit weißen Schürzen – greifen nach dem Hut, wenn man durchgeht – ›Lizenz, Sir, Lizenz?‹ Kurioser Leuteschlag – und ihre Herren auch – Anwälte von Old Bailey, Sir – fehlt nicht.«

»Und was wollen sie denn?«, fragte der Herr.

»Was sie wollen? Sie, Sir! Und das wäre erst noch nicht das schlimmste. Sie setzen allen Herren Dinge in den Kopf, von denen sie sich in ihrem Leben noch nichts träumen ließen. Mein Vater, Sir, ist ein Kutscher – war Witwer – ein dicker Mann – ungemein stark. Als seine Frau starb, hinterließ sie ihm vierhundert Pfund.

Er geht zu den Commons, den Anwalt aufzusuchen und das Geld einzustreichen – putzt sich heraus – Stulpenstiefel an – einen Strauß ins Knopfloch – breitkrempigen Hut auf – grünes Halstuch um – ganz wie so’n Kavalier. Geht durch den Bogengang, denkt an nichts, als wie er sein Geld anlegen will – kommt ein Agent auf ihn zu, langt an den Hut – ›Lizenz, Sir, Lizenz?‹ – ›Was ist das für ein Ding?‹ fragte mein Vater. – ›Lizenz, Sir!‹ – ›Nun, was soll’s mit der Lizenz da?‹ sagt mein Vater. – ›Heiratslizenz›, versetzte der Agent. – ›Hol‘ mich der Henker, wenn mir so was einfällt‹, sagt mein Vater. – ›Ich denken, Sie könnten eine brauchen‹ – sagt der Agent. Mein Vater macht halt und besinnt sich ein bißchen. – ›Nein‹, sagt er, ›geht zum Kuckuck, ich bin zu alt und noch obendrein zu dick dazu.‹ – ›Nicht im geringsten, Sir‹, sagt der Agent. – ›Das wäre der Teufel‹, sagt mein Vater.

– ›Können sich darauf verlassen‹, sagt der Agent: ›wir haben erst letzten Montag einen Herrn verheiratet, der zweimal so dick war wie Sie.‹ – ›Wie – ist das wirklich wahr?‹ sagte mein Vater. – ›Ganz bestimmt‹, sagte der Agent: ›Sie sind ein Schneider gegen ihn – hier herein, Sir, hier herein!‹

Und mein Vater läuft ihm richtig nach, wie ein zahmer Affe einem Leierkasten, in eine kleine Schreibstube, wo ein Kerl hinter besudeltem Papier und blechernen Kapseln sitzt und gewaltig beschäftigt tut. ›Bitte, nehmen Sie Platz, während ich die Urkunde ausfertige, Sir‹, sagt der Advokat. ›Danke, Sir‹, sagt mein Vater, setzt sich, reißt Mund und Augen auf und glotzt die Namen an den Kapseln an. – ›Wie ist Ihr Name?‹ fragte der Advokat. ›Tony Weller‹, sagt mein Vater. – ›Kirchspiel?‹ sagt der Advokat. – ›Belle Savage‹, sagt mein Vater; denn da pflegte er sein Fuhrwerk einzustellen. Was man mit einem Kirchspiel wollte, wußte er nicht. – ›Der Name des Frauenzimmers?‹ sagte der Advokat. Mein Vater ist wie aus den Wolken gefallen. ›Hol mich der Henker, wenn ich’s weiß‹, sagt er. – ›Wie, Sie wissen’s nicht?‹ sagt der Anwalt. ›So wenig wie Sie‹, sagt mein Vater: ›kann man ihn nicht nachher hineinschreiben?‹ – ›Unmöglich‹, sagt der Anwalt. – ›Auch recht‹, sagt mein Vater: ›so schreiben Sie Frau Clarke.‹ – ›Was weiter?‹, sagt der Advokat und tunkt seine Feder in die Tinte. – ›Susanna Clarke im Marquis von Granby zu Dorting‹, sagt mein Vater: ›sie wird mich nehmen, wenn ich sie darum angehe – Hab‘ zwar noch nichts davon zu ihr gesagt: aber ich weiß, sie nimmt mich.‹ Die Lizenz wird ausgestellt und sie nimmt ihn – und was noch mehr ist, sie hat ihn jetzt, und ich habe von den vierhundert Pfund nicht ein einziges zu sehen gekriegt. Doch bitte um Verzeihung, Sir«, fügte Sam zum Schlusse bei; »aber wenn ich auf diese verdrießliche Geschichte komme, so geht’s bei mir fort wie bei einem frischgeschmierten Karren.«

Sam harrte noch einen Augenblick, ob nichts weiteres gewünscht werde, und verließ, als das nicht der Fall war, das Zimmer.

»Halb zehn – gerade die rechte Zeit – brechen wir auf«, sagte der Gentleman, den wir dem Leser wohl kaum als Herrn Jingle vorzustellen brauchen.

»Zeit – wofür?« fragte die Jungfer Tante kokettierend.

»Lizenz, teuerster Engel – Meldung an den Geistlichen – Sie die Meinige nennen – morgen –« versetzte Herr Jingle, indem er der Jungfer Tante die Hand druckte.

»Die Lizenz?« sagte Rachel errötend.

»Die Lizenz«, wiederholte Herr Jingle. –

»Hopphopp – geschwinde die Lizenz,
Hopphopp – geschwind zurücke.«

»So eilen Sie doch nicht so«, sagte Fräulein Rachel.

»Eilen? – Stunden – Tage – Wochen – Monate – Jahre sind nichts, wenn wir vereinigt sind – können kommen dann – mit Wagen – Eisenbahn – tausend Pferdekräfte – ficht uns nimmer an.«

»Könnte – könnte unsere Trauung nicht heute noch vollzogen werden?« fragte Rachel.

»Unmöglich – kann nicht sein – Meldung an den Geistlichen – Lizenz heute – Trauung morgen.«

»Ich fürchte nur, mein Bruder könnte uns finden«, sagte Rachel.

»Finden? Pah – zu sehr durchgeschüttelt vom Wagensturz – zudem – außerordentliche Vorsicht – Postkutsche aufgegeben – zu Fuß gegangen – Mietkutsche genommen – in Borough Quartier gemacht – letzter Platz in der Welt, wo gesucht wird – ha! ha! – kapitaler Einfall das – wahrhaftig.«

»Aber bleiben Sie nicht lange aus«, sagte die alte Jungfer zärtlich, als Herr Jingle den zerknüllten Hut auf seinen Kopf pflanzte.

»Lange entfernt bleiben von Ihnen? – Grausame Zauberin!«

Und Herr Jingle hüpfte scherzhaft auf die alte Jungfer zu, drückte einen keuschen Kuß auf ihre Lippen und tänzelte aus dem Zimmer.

»Der liebe Mann!« rief Fräulein Rachel, als sich die Tür hinter ihm schloß.

»Verwünschte alte Schachtel!« sagte Herr Jingle, als er den Hausflur erreichte.

Es ist eine schmerzliche Aufgabe, Betrachtungen über die Treulosigkeit des menschlichen Geschlechts anzustellen. Wir unterlassen es daher, den Faden von Herrn Jingles Gedanken weiter zu verfolgen, die ihn auf seinem Wege zu Doktor Commons beschäftigten. Es reicht für den Zweck unserer Erzählung hin, wenn wir melden, daß unser Ehrenmann glücklich den Schlingen der beiden Drachen mit den weißen Schürzen, die den Eingang dieses Zauberschlosses hüteten, entging und wohlbehalten in dem Bureau des Generalvikars anlangte. Dort wurde ihm im Namen des Erzbischofs von Canterbury ein höchst schmeichelhaftes Dokument mit der Aufschrift: »Dem lieben und getreuen Alfred Jingle und der lieben getreuen Rachel Wardle unsern Gruß«, ausgefertigt. Er steckte das geheimnisvolle Pergament sorgfältig in seine Tasche und kehrte triumphierend nach Borough zurück.

Er war noch nicht in seinem Quartier angelangt, als drei Herren – zwei wohlbeleibte und ein magerer – in den Hof des Weißen Hirschen traten und sich daselbst umsahen, als suchten sie jemand, an den sie einige Fragen stellen konnten. Master Samuel Weller war gerade beschäftigt, ein Paar Stulpen, das Eigentum eines Pächters, der sich eben nach den Mühseligkeiten des Boroughmarktes bei einem kleinen Lunch Mahlzeit zwischen dem Frühstück und dem in England spät in den Nachmittag fallenden Mittagessen. an etlichen Pfunden kalten Rindfleisches und einigen Kannen Bier erlabte, blank zu reiben, als der magere Herr auf ihn zuging.

»Mein Freund«, begann der magere Herr.

»Das ist auch einer, der umsonst etwas will«, dachte Sam; »sonst würde er mich nicht seinen Freund nennen. – Was steht zu Diensten, Sir?« sagte er laut.

»Mein Freund«, versetzte der magere Herr mit einleitendem Räuspern – »logieren gegenwärtig viele Leute im Hause? Sehr geschäftig, wie ich sehe.«

Sam warf einen verstohlenen Blick auf den Frager. Es war ein kleiner, ausgetrockneter Mann mit einem dunklen, runzligen Gesicht und kleinen, unruhigen schwarzen Augen, die zu jeder Seite der kleinen inquisitorischen Nase hervorblinzelten, als ob sie fortwährend mit diesem Teile seines Antlitzes Verstecken spielten. Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug Stiefel, so glänzend wie seine Augen, eine schmale, weiße Halsbinde und ein feines Hemd mit einem Brusteinsatz. Eine goldene Uhrkette mit Petschaften hing an seiner Weste, und in den Händen, die er beim Sprechen mit der Miene eines geübten Examinators unter die Frackschöße steckte, hielt er ein Paar schwarze Lederhandschuhe.

»Viel zu tun, wie ich sehe?« sagte der kleine Mann.

»O, ’s geht an, Sir«, versetzte Sam. »Wir machen nicht Bankrott, werden aber auch nicht reich. Wir essen unsern Schöpsenbraten ohne Kapern und kümmern uns wenig um Meerrettich, wenn wir Ochsenfleisch kriegen können.«

»Ah«, sagte der kleine Mann, »Ihr seid ein Durchtriebener, wie ich merke – nicht wahr?«

»Mein ältester Bruder war mit dieser Krankheit geplagt«, entgegnete Sam. »Vielleicht habe ich auch etwas davon aufgefangen, da wir miteinander in einem Bette zu schlafen pflegten.«

»Das ist ein wunderliches, altes Haus«, sagte der kleine Mann, sich umsehend.

»Hätten Sie uns nur durch ein Wort zu wissen getan, daß Sie kommen wollten, so würden wir es haben ausbessern lassen«, versetzte der unerschütterliche Sam.

 

Der kleine Mann schien etwas verblüfft über diese ausweichenden Antworten, und er besprach sich nun mit den beiden beleibten Herren. Dann holte sich der kleine Mann eine Prise Schnupftabak aus einer silbernen Dose und war augenscheinlich im Begriff, seine Fragen wieder aufzunehmen, als ihm einer der beleibten Herren, der in einem gutmütigen Gesicht eine Brille hatte und ein Paar schwarze Gamaschen trug, zuvor kam.

»Es handelt sich nämlich darum«, sagte der Herr mit dem gutmütigen Gesichte, »daß mein Freund hier (er deutete dabei auf den andern beleibten Herrn) Euch einen halben Goldfuchs geben will, wenn Ihr auf zwei oder drei Fragen genü –«

»Ei, mein lieber Herr – mein lieber Herr«, unterbrach ihn der kleine Mann: »ich bitte, erlauben Sie mir, mein lieber Herr. Der erste Grundsatz in der Behandlung solcher Fälle besteht darin, daß man sich in keiner Weise darein mengt, wenn man die Sache einmal einem Geschäftsmann übertragen hat, da dieser mit Recht unbedingtes Vertrauen verlangen kann. In der Tat, Herr –« er wandte sich an den andern beleibten Gentleman und fügte bei, »– ich habe den Namen Ihres Freundes vergessen.«

»Pickwick«, sagte Herr Wardle, denn es war kein anderer als dieser Ehrenmann.

»Ah, Pickwick: richtig, Herr Pickwick. Mein lieber Herr, entschuldigen Sie – ich werde mich glücklich schätzen, Ihre Privatansichten als die eines Freundes des Hauses entgegenzunehmen. Aber Sie müssen einsehen, wie wenig sich die Einmengung eines derartigen Arguments, einer goldenen Schmeichelei, wie sie das Anbieten einer halben Guinee ist, mit meinen Grundsätzen verträgt. Gewiß, lieber Herr, gewiß!«

Und der kleine Mann nahm eine beweisende Prise Tabak, wozu er das Gesicht in ungemein gelehrte Falten legte.

»Ich wollte weiter nichts«, sagte Herr Pickwick, »als die höchst mißliebige Angelegenheit zu einem möglichst schleunigen Ende bringen.«

»Ganz recht – ganz recht«, sagte der kleine Mann.

»In dieser Absicht«, fuhr Herr Pickwick fort, »machte ich Gebrauch von einem Argumente, das mir meine Erfahrung als das förderlichste für alle Fälle bezeichnet.«

»Ja, ja«, sagte der kleine Mann: »sehr gut, sehr gut – in der Tat. Aber Sie hätten mir das mitteilen sollen. Ich bin überzeugt, mein lieber Herr, daß Sie über den Umfang des Vertrauens, den ein Geschäftsmann zu beanspruchen hat, nicht im unklaren sein können. Wenn über diesen Punkt eine Autorität nötig sein sollte, möchte ich Sie auf den wohlbekannten Fall von Barnwell Anspielung auf Lillos Schauspiel »Der Kaufmann von London«, in dem ein junger Kaufmann Georg Barnwell um eine Dirne zugrunde gerichtet war. Dieses Werk ist das Muster des bürgerlichen Trauerspiels geworden. Unter seinem Einfluß schrieb Lessing seine »Miß Sara Sampson«. und –«

»Was geht uns Georg Barnwell an«, fiel Sam ein, der diesem kurzen Zwiegespräch verwundert zugehört hatte. »Jedermann weiß, was das für ein Fall war, und es ist immer meine Ansicht gewesen, daß das junge Weibsbild den Strick eher verdiente als er. Doch das gehört nicht hierher. Sie wollen mich für einen halben Goldfuchs ausfragen. Gut, ich habe nichts dagegen – kann ich mehr tun, Sir? (Herr Pickwick lächelte.) Nun ist aber die zweite Frage, was zum Teufel Sie von mir wollen, wie der Mann sagte, als er den Geist sah Anspielung auf Shakespeares »Hamlet« – die Geister-Szene.

»Wir wünschen zu wissen –« sagte Herr Wardle.

»Ei, mein lieber Herr – mein lieber Herr«, fiel der geschäftige kleine Mann ein.

Herr Wardle zuckte die Achseln und schwieg.

»Wir wünschen zu wissen«, sagte der kleine Mann feierlich, »und wir fragen deshalb gerade Euch, um im Hause keine Besorgnisse zu erregen – wir wünschen zu wissen, sage ich, wer gegenwärtig im Wirtshause logiert.«

»Wer im Hause logiert?« versetzte Sam, in dessen Geist sich die Bewohner stets in der Form des Artikels vergegenwärtigten, der seiner unmittelbaren Besorgung anheimgegeben war. »Da ist ein Stelzfuß in Nummer Sechs«, ein Paar hessische Stiefel in Nummer Dreizehn, zwei Paar Halbstiefel in dem Krämerstübchen, diese gelben Stulpen in dem Kämmerchen neben dem Schenktisch, und fünf weitere Stulpenstiefel in dem Gastzimmer.«

»Weiter nichts?« fragte der kleine Mann.

»Halt, einen Moment«, versetzte Sam, sich plötzlich entsinnend. »Ein Paar ziemlich abgetragene Wellingtonstiefel und ein Paar Damenschuhe in Nummer Fünf.«

»Was sind das für Schuhe?« fragte Wardle hastig, den Sams wunderliche Aufzählung der Wirtshausgäste ebensosehr, wie Herrn Pickwick verwirrt hatte.

»Machwerk aus der Provinz«, entgegnete Sam.

»Und der Name des Meisters?«

»Brown.«

»Woher?«

»Von Muggleton.«

»Sie sind’s!« rief Herr Wardle. »Beim Himmel, wir haben sie gefunden.«

»Pst!« sagte Sam. »Die Wellingtonstiefel sind zu Doktors Commons gegangen.«

»Unerhört«, sagte der kleine Mann.

»Ja, er holt eine Lizenz.«

»Wir kommen gerade noch zur rechten Zeit«, rief Herr Wardle. »Zeigt uns das Zimmer: wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

»Bitte, lieber Herr – bitte«, sagte der kleine Mann: »nur vorsichtig – vorsichtig.«

Er zog aus seiner Tasche eine rotseidene Börse, sah Sam fest an und zog ein Goldstück heraus.

Sam verzog sein Gesicht zu einem ausdrucksvollen Grinsen.

»Führt uns rasch nach dem Zimmer, aber ohne uns anzumelden, und das Goldstück ist Euer«, sagte der kleine Mann.

Sam warf die gelben Stulpen in eine Ecke und ging durch einen dunklen Gang und ein weites Treppenhaus voran. Am Ende des zweiten Ganges hielt er inne und streckte seine Hand aus.

»Hier«, flüsterte der Sachwalter, als er das Geld in die Hand ihres Führers legte.

Sam trat noch einige Schritte weiter vor, wobei ihm die beiden Freunde und ihr rechtskundiger Ratgeber folgten: dann blieb er an einer Tür stehen.

»Ist dies das Zimmer?« fragte der kleine Herr leise.

Sam nickte bejahend.

Der alte Wardle öffnete die Tür, und alle drei traten in demselben Augenblick ins Zimmer, als Herr Jingle, der eben zurückgekehrt war, der Jungfer Tante die Lizenz vorlegte.

Die Jungfer Tante stieß einen lauten Schrei aus, warf sich in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit ihren Händen. Herr Jingle knüllte die Lizenz zusammen und steckte sie in seine Rocktasche. Die unwillkommenen Gäste traten in die Mitte des Zimmers.

»Ha – Sie elender – heilloser Schurke!« rief Herr Wardle, fast atemlos vor Zorn.

»Lieber Herr – lieber Herr«, sagte der kleine Mann, seinen Hut auf den Tisch legend. »Bitte, bedenken Sie doch – bitte. Großer Skandal, Ehrenkränkung, Entschädigungsklage. Beruhigen Sie sich, lieber Herr, bitte –«

»Wie konnten Sie sich unterstehen, meine Schwester aus meinem Hause zu entführen?« fragte der alte Mann.

»Ja – ja – sehr gut«, sagte der kleine Gentleman. »Das können Sie fragen. Wie konnten Sie sich unterstehen, Sir? – Antwort, Sir.«

»Wer zum Teufel sind denn Sie?« fragte Herr Jingle mit einer Heftigkeit, daß der kleine Herr unwillkürlich um einige Schritte zurücktrat.

»Wer er ist. Sie Halunke«, rief Herr Wardle dazwischen. »Mein Rechtsbeistand ist er – Herr Perker von Grans Inn. Perker, ich will, daß dieser Kerl gerichtlich verfolgt – zur Strafe gezogen wird – ja, ich will – ich will – Gott verdamme mich – ich will den Elenden zugrunde richten. Und du«, fuhr Herr Wardle, sich plötzlich an seine Schwester wendend, fort, du, Rachel, was soll das heißen, daß du in einem Alter, wo du doch einmal hättest klug werden sollen, mit einem Landstreicher davonläufst, Schande über deine Familie bringst und dich selber unglücklich machst? Setze deinen Hut auf und komm mit. Geschwind eine Mietkutsche, und bringt die Rechnung dieser Dame, hört Ihr – hört Ihr?«

»Sofort Sir«, versetzte Sam, der Herrn Wardles ungestümem Klingeln voll Eile Folge geleistet hatte. Jedem mußte das als ein Wunder erscheinen, der nicht gerade wußte, daß Ehren-Sam während des ganzen Vorgangs vor der Tür gestanden und durch das Schlüsselloch zugesehen hatte.

»Nimm deinen Hut«, wiederholte Wardle.

»Wird nichts gereicht«, sagte Jingle. »Das Zimmer verlassen, Sir – nichts zu schaffen hier – Dame ist frei – kann nach Gutdünken handeln – über einundzwanzig Jahre.«

»Über einundzwanzig?« rief Herr Wardle verächtlich. »Jawohl – über einundvierzig.«

»Das bin ich nicht«, sagte die Jungfer Tante, deren Entrüstung über den Entschluß, in Ohnmacht zu fallen, die Oberhand gewann.

»Allerdings«, versetzte Herr Wardle. »Es fehlt keine Stunde zu den Fünfzig.«

Hier stieß Jungfer Tante einen lauten Schrei des Entsetzens aus und sank besinnungslos zusammen.

»Ein Glas Wasser!« rief der menschenfreundliche Pickwick der Wirtin zu.

»Ein Glas Wasser?« sagte der leidenschaftliche Wardle. »Bringt einen Zuber und gießt ihn über sie. Es wird ihr gut bekommen, sie hat eine solche Abkühlung reichlich verdient.«

»Pfui – Sie Unmensch!« rief die empfindsame Wirtin, »Die arme Dame.«

Und mit noch einigen andern Ausrufen, als da waren: »Kommen Sie, meine Liebe – trinken Sie ein wenig – es wird Ihnen gut tun – nehmen Sie sich’s nicht so zu Gemüt – das ist die Liebe« und dergleichen, benetzte die Wirtin, von ihrem Dienstmädchen unterstützt, die Schläfen der ohnmächtigen Jungfer Tante mit Essig, rieb ihr die Hände, kitzelte ihr die Nase, löste ihr Korsett und wandte die sonstigen üblichen Belebungsmittel an, mit denen mitleidige Frauen Damen beizuspringen pflegen, die sich bemühen, in Krämpfe und Ohnmacht zu fallen.

»Die Kutsche ist bereit, Sir«, sagte Sam, sich in der Tür zeigend.

»So kommt!« rief Herr Wardle. »Ich will sie die Treppe hinuntertragen.«

Bei diesem Vorschlage erneuerten sich die Krämpfe mit verdoppelter Heftigkeit.

Die Wirtin war eben im Begriff, einen sehr heftigen Protest gegen dieses Verfahren einzulegen, und hatte sich auch bereits durch die unwillige Frage, ob sich Herr Wardle für den Herrn der Schöpfung halte, Luft gemacht, als Herr Jingle sich ins Mittel legte.

»Hausknecht«, sagte er, »holt einen Polizeibeamten herbei.«

»Halt! halt!« sagte der kleine Herr Perker. »Überlegen Sie, Sir – überlegen Sie.«

»Ich will nichts überlegen«, versetzte Herr Jingle. »Sie ist ihr eigener Herr – will sehen, wer sich untersteht, sie fortzunehmen – gegen ihren Willen.«

»Ich will nicht fort«, flüsterte die Jungfer Tante; »mit meinem Willen gewiß nicht.«

Hier trat ein schrecklicher Rückfall ihres Zustandes ein.

»Meine lieben Herren«, sagte der kleine Mann leise, indem er Herrn Wardle und Herrn Pickwick beiseite nahm: »meine lieben Herren, wir sind da in einer verdrießlichen Lage. Es ist allerdings ein Unglück – gewiß; ein Unglück, wie mir nie eins vorgekommen. Aber in der Tat, meine lieben Herren, wir haben durchaus kein Recht, den freien Willen dieser Dame zu beschränken. Ich habe Sie im voraus darauf aufmerksam gemacht, lieber Herr, daß wir uns auf einen Vergleich gefaßt machen müßten.«

Es trat eine kurze Pause ein.

»Und welche Art von Vergleich würden Sie vorschlagen?« fragte Herr Pickwick.

»Je nun, lieber Herr, unser Freund ist in einer unangenehmen – in einer sehr unangenehmen Lage. Wir dürfen zufrieden sein, wenn wir mit einem Geldopfer davonkommen,«

»Ich will lieber alles über mich ergehen lassen, als diese Schmach geduldig hinnehmen und meine Schwester, so sehr sie es auch durch ihre Torheit verdient, einem lebenslänglichem Unglück preisgeben«, sagte Herr Wardle.

»Nun, ich denke fast, daß es gehen wird«, entgegnete der geschäftige kleine Mann. »Herr Jingle, wollen Sie einen Augenblick mit uns ins nächste Zimmer treten?«

Herr Jingle ließ sich’s gefallen, und die vier begaben sich in ein leeres Zimmer.

»Nun, Sir«, sagte der kleine Mann, nachdem er sorgfältig die Tür geschlossen hatte, »es gibt da keinen andern Weg, die Angelegenheit zu bereinigen – treten Sie einen Augenblick hierher, Sir – hierher, ans Fenster, wo wir uns allein besprechen können, Sir – so, Sir – ich bitte, nehmen Sie Platz, Sir. Unter uns gesagt, lieber Herr, wir wissen, daß Sie mit dieser Dame nur um ihres Geldes willen davongegangen sind. Runzeln Sie nicht die Stirn, Sir – runzeln Sie nicht die Stirn: wir sprechen ja unter uns, und unter dem wir verstehe ich nur Sie und mich. Wir sind beide Weltmänner und wissen recht wohl, daß dies bei unsern Freunden dort nicht der Fall ist – wie?«

Herrn Jingles Gesicht heiterte sich allmählich wieder auf, und etwas, das einem Blinzeln des Einverständnisses ähnlich sah, zuckte für einen Moment um sein linkes Auge.

»Sehr gut, sehr gut«, sagte der kleine Mann, als er den Eindruck, den er gemacht hatte, gewahrte. »Die Sache verhält sich indessen so, daß die Dame, ein paar hundert Pfund abgerechnet, vor dem Tode ihrer Mutter über wenig oder nichts zu verfügen hat, und diese ist noch eine sehr gesunde und rüstige Frau, mein lieber Herr.«

» Alt«, versetzte Herr Jingle kurz, aber mit nachdrücklicher Betonung.

»Nun ja«, sagte der Sachwalter mit einem leisen Husten. »Sie haben recht, lieber Herr, sie ist ziemlich alt. Aber sie stammt aus einer alten Familie, mein lieber Herr, alt in jedem Sinne des Worts. Der Gründer dieser Familie kam nach Kent, als Julius Cäsar in Britannien einfiel – und seitdem ist, mit Ausnahme eines einzigen, der unter einem der Heinriche enthauptet wurde, kein Glied dieser Familie vor dem fünfundachtzigsten Jahr gestorben. Die alte Dame ist jetzt dreiundsiebzig, lieber Herr.«

Der kleine Mann hielt inne und nahm eine Prise Tabak.

»Was weiter, lieber Herr? – Darf ich Ihnen keine Prise anbieten? Nicht? Ah, um so besser – kostspielige Angewohnheit. Nun, lieber Herr, Sie sind ein hübscher, junger Mann – ein Weltmann – könnten Ihr Glück machen, wenn Sie Vermögen hätten – nicht wahr?«

»Wozu das?« entgegnete Herr Jingle.

»Begreifen Sie mich nicht?«

»Nicht ganz.« ___

»Meinen Sie nicht – nun, lieber Herr, ich stelle es Ihnen nur anheim, aber meinen Sie nicht, daß fünfzig Pfund und die Freiheit besser wären, als Fräulein Wardle und ein langes Warten?«

»Geht nicht – nicht halb genug!« sagte Herr Jingle aufstehend.

»Besinnen Sie sich doch, mein lieber Herr«, wandte der kleine Sachwalter ein, indem er Jingle beim Rockknopf faßte, »’s ist eine schöne runde Summe – ein Mann wie Sie könnte sie in ganz kurzer Zeit verdreifachen. Mit fünfzig Pfund läßt sich was Schönes anfangen, lieber Herr.«

»Aber noch mehr mit hundertfünfzig«, entgegnete Herr Jingle kaltblütig.

»Nun, lieber Herr, wir wollen die Zeit nicht mit Strohdreschen verlieren«, nahm der kleine Mann wieder auf. »Sagen Sie – sagen Sie siebzig.«

»Reicht nicht«, versetzte Herr Jingle.

»Bleiben Sie doch, mein lieber Herr – bitte, eilen Sie nicht so sehr«, erwiderte der kleine Mann. »Achtzig? Kommen Sie – ich schreibe Ihnen auf der Stelle die Anweisung.«

»Ist nicht genug«, sagte Herr Jingle.

»Wohlan, lieber Herr«, entgegnete der kleine Mann, ihn noch immer zurückhaltend, »so sagen Sie mir geradezu, wieviel Sie haben wollen.«

»Kostspielige Angelegenheit«, versetzte Herr Jingle. »Geld aus meiner Tasche – Post, neun Pfund – Lizenz, drei – macht zwölf – Entschädigung hundert – hundertzwölf – Ehrenkränkung – Verlust der Dame –«

»Nun, nun, lieber Herr«, sagte der kleine Mann mit einem schlauen Blick, »die beiden letzten Punkte wollen wir aus dem Spiel lassen. Hundertzwölf – sagen Sie hundert.«

»Und zwanzig«, fügte Herr Jingle bei.

»Kommen Sie: ich will Ihnen die Anweisung schreiben«, entgegnete der kleine Mann, der sich in dieser Absicht an den Tisch setzte.

»Übermorgen zahlbar«, sagte der kleine Mann mit einem Blick auf Herrn Wardle; »und wir können inzwischen die Dame mitnehmen.«

Herr Wardle nickte verdrießlich seine Zustimmung.

»Hundert?« sagte der kleine Mann.

»Und zwanzig«, ergänzte Herr Jingle.

»Mein lieber Herr«, entgegnete der kleine Mann in einem Tone, der ihm die Sache richtig vorstellen sollte.

»Schreiben Sie«, fiel ihm Herr Wardle ins Wort, »daß wir den sauberen Zeisig loswerden.«

Der kleine Mann schrieb die Anweisung, und Herr Jingle steckte sie in seine Tasche.

»Aber jetzt verlassen Sie dieses Haus augenblicklich!« rief Herr Wardle auffahrend.

»Mein lieber Herr«, wandte der kleine Mann ein.

»Und merken Sie sich’s«, fuhr Herr Wardle fort, »daß mich nichts – nicht einmal die Rücksicht für die Ehre meiner Familie – veranlaßt haben würde, diesen Vergleich einzugehen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie mit dem Geld in der Tasche womöglich noch früher dem Teufel in den Rachen laufen werden, als es ohnedem der Fall wäre –«

»Mein lieber Herr«, suchte der kleine Mann aufs neue zu beschwichtigen.

»Beruhigen Sie sich, Perker«, versetzte Herr Wardle. »Verlassen Sie das Zimmer, Sir.«

»Soll augenblicklich geschehen«, erwiderte der unverschämte Komödiant. »Gott befohlen – Gott befohlen – Pickwick.«

Wenn ein leidenschaftsloser Zeuge zuletzt während der erwähnten Besprechung das Gesicht dieses ausgezeichneten Mannes hätte sehen können, den der Titel unseres Buches als den Haupthelden gegenwärtiger Blätter bezeichnet, so würde er sich wohl nicht wenig gewundert haben. Denn die Glut der Entrüstung, die aus den Augen des Ehrenmannes leuchtete, und die nicht zuletzt seine Brillengläser schmolz – ließ ihn geradezu majestätisch erscheinen in seinem Zorn. Seine Nasenlöcher zitterten und seine Fäuste ballten sich unwillkürlich, als er sich in der erwähnten Weise von dem Schurken begrüßen hörte. Aber er hielt wieder an sich – er rieb ihn nicht zu Staub.

»Da«, fuhr der verhärtete Bösewicht fort, indem er Herrn Pickwick die Lizenz vor die Füße warf: »Namen ändern lassen – alte Jungfer nach Haus nehmen – gut für Tuppy.«

Herr Pickwick war ein Philosoph; aber Philosophen sind im Grunde doch weiter nichts als geharnischte Menschen. Der Pfeil war gut gezielt und hatte durch den Panzer der Philosophie seinen Weg in das innerste Herz des Mannes gefunden. In der Überfülle seiner Wut schleuderte er Jingle das Tintenfaß nach und rannte wie toll hinter ihm her. Aber dieser war bereits verschwunden, und Herr Pickwick fand sich plötzlich von Sams Armen aufgehalten.

»Holla, Schreibgerät muß wohlfeil sein, wo Sie herkommen«, sagte der vortreffliche Stiefelgeneral. »Eine Tinte, die selber schreibt und überall ihre Zeichen an die Wand malt, alter Herr! Halten Sie – halten Sie, Sir! Was nützt es, einem Menschen mit so langen Beinen nachzurennen, der schon am andern Ende des Borough ist?«

Herrn Pickwicks Geist war – wie der aller wahrhaft großen Männer – jedem vernünftigen Grunde zugänglich. Er war ein rascher und tiefer Denker, und die Überlegung eines Augenblicks war genügend, ihn an die Machtlosigkeit seiner Wut zu erinnern. Sie dämpfte sich daher so schnell wieder, wie sie losgebrochen war. Er verschnaubte und warf wohlwollende Blicke auf seine Freunde.

Sollen wir den Leser mit den Wehklagen unterhalten, die nun folgten, als sich Fräulein Wardle von dem treulosen Jingle verlassen sah? Sollen wir einen Auszug aus Herrn Pickwicks meisterhafter Beschreibung dieser herzzerbrechenden Szene geben? Sein Tagebuch, mit Tränen teilnehmender Humanität bekleckst, liegt offen vor uns. Ein Wort, und es ist in den Händen des Druckers. – Doch nein! wir sind entschlossen. Fern sei es von uns, die Empfindungen unserer Leser mit der Schilderung eines so herben Schmerzes peinlich zu berühren.

Langsam und traurig kehrten andern Tags die beiden Freunde nebst der verlassenen Jungfrau mit der schwerfälligen Muggletoner Postkutsche nach Hause. Düster und trübe lagerte der schwarze Mantel einer Sommernacht auf den Fluren, als sie Dingley Dell erreichten und an dem Portale von Manor Farm aus dem Wagen stiegen.

Zwölftes Kapitel.


Zwölftes Kapitel.

Enthält eine weitere Reise und eine antiquarische Entdeckung; Herrn Pickwicks Entschluß, einer Parlamentswahl beizuwohnen; Manuskript des alten Geistlichen.

Eine Nacht der Ruhe in dem tiefen Schweigen von Dingley Dell und der Spaziergang einer Stunde in der duftigen erfrischenden Morgenluft reichten hin, bei Herrn Pickwick die Folgen der vorausgegangenen Körperermüdung und Gemütbedrückung zu verscheuchen. Dieser treffliche Mann war zwei ganze Tage von seinen Freunden und Jüngern getrennt gewesen, und es gehört keine gewöhnliche Phantasie dazu, den Grad der Freude und des Entzückens zu schildern, womit er Herrn Winkle und Herrn Snodgraß begrüßte, als er diesen Herren auf dem Heimwege von seinem frühen Spaziergange begegnete. Die Freude war gegenseitig, denn wer hätte Herrn Pickwicks strahlendes Gesicht sehen können, ohne an dem, was in seinem Innern vorging, teilzunehmen. Aber es schien doch auf den Zügen seiner Begleiter eine Wolke zu schweben, die dem großen Manne nicht entgehen konnte, und die er sich durchaus nicht zu enträtseln wußte. Es lag etwas Geheimnisvolles in ihrem Wesen, das ihn um so mehr beunruhigte, je ungewöhnlicher es war.

»Und was –« sagte Herr Pickwick, nachdem er seinen beiden Freunden die Hand gedrückt und sie sich gegenseitig aufs herzlichste bewillkommt hatten – »was macht Tupman?«

Herr Winkle, an den diese Frage vornehmlich gerichtet war, schwieg. Er wandte das Gesicht ab und schien von einer wehmütigen Erinnerung ergriffen zu werden.

»Snodgraß«, sagte Herr Pickwick ernst, »was macht unser Freund? Er ist doch nicht krank?«

»Nein«, versetzte Herr Snodgraß, und eine Träne zitterte an seiner gefühlvollen Wimper wie ein Regentropfen an einem Fensterrahmen. »Nein; er ist nicht krank.«

Herr Pickwick blieb stehen und sah abwechselnd bald den einen, bald den andern seiner Freunde an.

»Winkle – Snodgraß«, rief Herr Pickwick: »was soll das heißen? Wo ist unser Freund? Was ist vorgefallen? Sprecht – ich bitte – ich beschwöre – nein, ich befehle es euch – sprecht!« Es lag eine Feierlichkeit – eine Würde in Herrn Pickwick« Benehmen, denen sich nicht widerstehen ließ.

»Er ist fort«, sagte Herr Snodgraß.

»Fort?« rief Herr Pickwick; »fort?«

»Fort«, wiederholte Herr Snodgraß.

»Wo?« rief Herr Pickwick.

»Wir können nur Vermutungen aufstellen, die uns diese Zeilen an die Hand geben«, entgegnete Herr Snodgraß, indem er ein Schreiben aus seiner Tasche zog und es seinem Freunde überreichte. Gestern morgen, als ein Brief von Herrn Wardle mit der Meldung einlief, daß er am Abend seine Schwester zurückbringen würde, bemerkten wir, daß die Schwermut, die sich unseres Freundes tags zuror schon bemächtigt hatte, zunahm. Bald nachher verschwand er. Wir vermißten ihn den ganzen Tag über, und am Abend brachte uns der Stallknecht aus der Krone in Muggleton diesen Brief. Tupman hatte ihn am Morgen dort gelassen, mit der ausdrücklichen Einschärfung, ihn vor Abend nicht abzugeben.

Herr Pickwick öffnete den Brief. Es war die Handschrift seines Freundes und enthielt folgende Zeilen:

»Mein lieber Pickwick!

Sie, mein teurer Freund, sind außer dem Bereich vieler Gebrechlichkeiten und Schwächen, denen der gewöhnliche Mensch so gern anheimfällt. Sie wissen nicht, was es heißt, auf einmal von einem lieblichen, bezaubernden Wesen verlassen zu sein und das Opfer eines Elenden zu werden, der unter der Maske der Freundschaft die grinsende Fratze der Arglist verbarg. Ich hoffe auch, daß Sie es nie erfahren mögen.

Ein Brief unter der Adresse Lederne Flasche, Cobham in Kent‘ wird an mich gelangen – wenn ich noch am Leben bin. Ich fliehe den Anblick einer Welt, die mir verhaßt geworden ist. Sollte ich sie ganz und gar verlassen, so bemitleiden Sie mich, und vergeben Sie mir. Das Leben, mein lieber Pickwick, ist mir unerträglich geworden. Der Mut, der in der Seele flammt, ist des Lastträgers Tragriemen, an dem die schwere Bürde der Erdenmühen und Erdensorgen hängt – nehmen Sie ihn weg, so erdrückt uns das Gewicht. Teilen Sie dies Rachel mit – ach, dieser Name! –

Tracy Tupman.«

»Wir müssen auf der Stelle von Dingley Dell aufbrechen«, sagte Herr Pickwick, als er das Schreiben wieder zusammenlegte. »Es wäre nach dem, was vorgefallen, unter keinen Umständen für uns schicklich, länger hier zu bleiben. Wir haben die Verpflichtung, unserm Freunde zu folgen und ihn aufzusuchen.«

Mit diesen Worten ging er nach dem Hause voran.

Er tat daselbst unverzüglich sein Vorhaben kund und blieb, trotz der dringendsten Bitten, unerschütterlich. Geschäfte, sagte er, forderten seine unverzügliche Abreise.

Der alte Geistliche war zugegen.

»Wie, ist’s Ihnen wirklich Ernst, abzureisen?« sagte er, indem er Pickwick beiseite nahm.

Herr Pickwick wiederholte seine frühere Versicherung.

»So empfangen Sie hier ein kleines Manuskript«, fuhr der alte Herr fort, »von dem ich mir das Vergnügen versprach, es Ihnen selbst vorzulesen. Ich fand es unter den hinterlassenen Papieren eines Freundes von mir – eines Arztes an dem Irrenhaus unserer Grafschaft. Die Papiere wurden mir zum Verbrennen oder Aufbewahren, je nachdem ich es für gut fände, überantwortet. Ich kann kaum glauben, daß das Manuskript wirklich von einem Irren herrührt, obschon es keinesfalls die Handschrift meines Freundes ist. Mag es übrigens wirklich das Konzept eines Wahnsinnigen, oder den Rasereien irgendeines Unglücklichen nachgebildet sein, was mir wahrscheinlicher dünkt – lesen Sie es und urteilen Sie dann selbst.«

Herr Pickwick nahm das Manuskript und verabschiedete sich von dem wohlwollenden alten Herrn unter vielen Achtungs- und Freundschaftsversicherungen.

Schwerer wurde der Abschied von den Bewohnern Manor Farms, bei denen sie so viele Liebe und Gastfreundchaft genossen hatten. Herr Pickwick küßte die jungen Damen – wir hätten beinahe gesagt, als ob sie seine eigenen Töchter gewesen wären. Aber es schien diesem Gruße ein bißchen zu viel Feuer beigemischt zu sein, als daß dieser Vergleich ganz passend wäre. Er umarmte die Dame mit der Zärtlichkeit eines Sohnes und tätschelte die roten Wangen der Dienstmädchen in ziemlich patriarchalischer Weise, während er in die Hände einer jeden einige substantiellere Beweise seines Wohlwollens drückte. Noch herzlicher war der Abschied von ihrem wackeren alten Wirt und Herrn Trundle, und sie vermochten sich erst von den freundlichen Menschen loszureißen, als endlich nach vielem Rufen Herr Snodgraß aus einem dunklen Gange auftauchte, dem bald hernach Emilie mit nicht ganz so wie sonst leuchtenden Augen folgte.

Sie sahen oft nach Manor Farm zurück, als sie langsam weitergingen, und Herr Snodgraß warf manches Kußhändchen nach einem Gegenstand in die Luft, der ziemlich wie ein Damentaschentuch aussah und solange aus einem der oberen Fenster flatterte, bis sie in einen Feldweg einbogen und die Hecken das alte Haus verbargen. In Muggleton verschafften sie sich eine Mietkutsche nach Rochester.

Als sie an diesem Ort anlangten, hatte sich das Übermaß ihres Schmerzes soweit gelegt, daß sie ein ausgezeichnetes Mittagessen zu sich nehmen konnten. Sobald sie dann die nötigen Erkundigungen über den Weg eingeholt hatten, setzten sich die drei Freunde wieder in Bewegung, um eine Nachmittagsfußpartie nach Cobham Cobham ist eine kleine Ortschaft in der Grafschaft Kent mit einem Schloß, das durch seine Gemäldefammlung berühmt ist. Die Sammlung enthält Tizian, Rubens, van Dyk. Bei dem Schloß ist ein schöner Park. zu machen.

Es war ein köstlicher Spaziergang – ein angenehmer Juninachmittag, wobei sie der Weg durch einen dichten, schattigen Wald führte. Der kühle, leichte Wind säuselte sanft in dem reichen Blätterwerke, und die Vögel auf den Zweigen belebten die Landschaft durch ihre Lieder. Moos und Efeu bedeckten dicht die Rinde der alten Bäume, und das sanfte Grün des Rasens bekleidete den Grund wie ein seidener Teppich. Sie gelangten in einen offenen Park mit einer alten Halle in der malerischen und eigenartigen Bauart aus Elisabeths Zeiten. Auf jeder Seite zeigten sich lange Alleen aus stattlichen Eichen und Ulmen; große Rudel von Hochwild erquickten sich an dem frischen Grase. Hin und wieder lief ihnen ein aufgeschreckter Hase ebenso schnell über den Weg, wie die von den leichten Wolken geworfenen Schatten, einem Sommerlüftchen gleich, über ein sonnige Landschaft dahinfliegen.

»O wenn doch« – rief Herr Pickwick, sich in der Gegend umsehend – »wenn doch alle, die mit unserm Freunde das gleiche Leiden bedrückt, hierher kämen! Gewiß, die frühere Liebe zu der Welt müßte bald wieder zurückkehren.«

»Mir aus der Seele gesprochen«, sagte Herr Winkle.

»Und in der Tat«, fügte Herr Pickwick nach einer halben Stunde, als sie bei einem Dorfe angelangt waren, hinzu, »wenn man dabei bedenkt, daß ein Menschenhasser diesen Park geschaffen hat, so muß man sagen, daß das der schönste und lieblichste Aufenthalt ist, der mir je zu Gesicht kam.«

Auch damit waren Herr Winkle wie Herr Snodgraß einverstanden. Sie fragten nun nach der Ledernen Flasche und wurden an ein reinliches und bequemes Dorfwirtshaus gewiesen, in das die drei Reisenden traten und sich nach einem Herrn, Namens Tupman, erkundigten.

»Fuhre die Herren ins Gastzimmer, Tom«, sagte die Wirtin.

Ein stämmiger Bauernbursche öffnete an dem Ende des Hausflurs eine Tür, und die drei Freunde traten in ein langes niedriges Zimmer, in dem eine große Zahl von gepolsterten Sesseln mit hohen, wunderlich geschnitzten Lehnen stand. Eine Reihe alter Porträts und rauhkolorierter altertümlicher Bilder zierten die Wände. Am oberen Ende stand eine gedeckte Tafel mit gebratenem Geflügel, Schinken, Bier und dergleichen. Dahinter aber war Herr Tupman in einer Weise beschäftigt, die auf nichts weniger, als auf einen lebensüberdrüssigen Menschen schließen ließ.

Bei dem Eintritt seiner Freunde legte Herr Tupman Messer und Gabel nieder und trat ihnen mit einer Miene voll Trauer entgegen.

»Ich erwartete nicht, Sie hier zu sehen«, sagte er, Herrn Pickwicks Hand ergreifend. »Es ist zu gütig von Ihnen.«

»Ach«, sagte Herr Pickwick, indem er sich niedersetzte und den Schweiß, den ihm der Spaziergang verursacht, von der Stirn wischte. »Beenden Sie Ihr Mahl, und kommen Sie dann ein wenig mit mir ins Freie. Ich wünsche allein mit Ihnen zu sprechen.«

Herr Tupman tat, was von ihm verlangt wurde, und Herr Pickwick labte sich inzwischen an einer Kanne Bier. Die Mahlzeit wurde schleunigst beendet, und beide gingen miteinander hinaus.

Man sah sie ungefähr eine halbe Stunde in dem Kirchhof auf und ab spazieren, in der Herr Pickwick sich alle Mühe gab, den fürchterlichen Entschluß seines Freundes zu bekämpfen. Eine Wiederholung seiner Gründe wäre indessen ein fruchtloses Unterfangen: denn welche Sprache vermöchte Kraft und Ausdruck wiederzugeben, die das ganze Gebaren ihres Urhebers begleiteten? Ob Herr Tupman bereits seiner Einsamkeit müde war, oder ob er der eindringlichen Beredsamkeit seines Freundes nicht ganz widerstehen konnte – gleichviel, Tatsache ist, daß er nicht widerstand.

»Es kümmere ihn wenig«, sagte er, »wo er den Rest seines kummervollen Daseins hinschleppe! und da sein Freund einmal einen so großen Wert auf seine unbedeutende Begleitung lege, so wolle er sich’s ja gefallen lassen, ferner an seinen Abenteuern teilzunehmen.«

Herr Pickwick lächelte. Sie drückten sich die Hände und gingen zurück, um sich mit ihren Gefährten zu vereinen.

In diesem Augenblick machte Herr Pickwick jene unsterbliche Entdeckung, die der Stolz und der Ruhm seiner Freunde war und die Altertumsforscher aller Länder mit dem giftigsten Neide erfüllte. Sie waren an der Tür ihres Gasthauses vorbeigekommen und ein wenig ins Dorf hinuntergegangen, ehe sie sich der Stelle entsinnen konnten, wo es wirklich stand. Als sie wieder umkehrten, fiel Herrn Pickwicks Blick auf einen kleinen zerbrochenen Stein vor der Tür eines Bauernhauses, der halb in der Erde steckte. Er blieb stehen.

»Das ist doch sonderbar«, sagte Herr Pickwick.

»Was ist sonderbar?« fragte Herr Tupman, der jeden Gegenstand in seiner Nähe anschaute, nur den rechten nicht. »Gott behüte uns, was gibt’s denn?«

Es handelt sich nämlich um den Aufschrei eines nicht zu bewältigendcn Erstaunens, dadurch veranlaßt, daß Herr Pickwick, ganz begeistert von seiner Entdeckung, vor dem kleinen Steine auf die Knie niederfiel und mit seinem Taschentuche den Schmutz davon abzuwischen begann.

»Da ist eine Inschrift«, sagte Herr Pickwick.

»Ist’s möglich?« versetzte Herr Tupman.

»Ich kann es erkennen«, – fuhr Herr Pickwick fort, indem er aus Leibeskräften rieb und mit der höchsten Spannung durch seine Brille sah – »ich kann es erkennen – ein Kreuz und ein B, und dann ein T, Das ist wichtig«, fügte Herr Pickwick aufspringend hinzu. »Es ist irgendeine sehr alte Inschrift, vielleicht schon älter als die alten Armenhäuser dieses Orts. Sie darf nicht verlorengehen.«

Er klopfte an die Tür des Bauernhauses. Der Besitzer öffnete.

»Wißt Ihr mir nicht anzugeben, wie dieser Stein hierher kam, mein Freund?« fragte der wohlwollende Herr Pickwick.

»Nein, Sir«, antwortete der Bauer höflich; »er liegt schon hier, viel früher, als ich oder einer von uns geboren wurde.«

Herr Pickwick warf einen triumphierenden Blick auf seine Gefährten.

»Ihr – Ihr – legt vermutlich keinen besonderen Wert darauf«, sagte Herr Pickwick, zitternd vor innerer Beklemmung, »Würdet Ihr ihn nicht verkaufen?«

»Uh, wer würde ihn wohl kaufen?« fragte der Mann mit einem Ausdruck in seinem Gesicht, der wahrscheinlich sehr pfiffig sein sollte,

»Mit einem Wort, ich gebe Euch zehn Schillinge dafür, wenn Ihr ihn für mich ausgraben wollt«, entgegnete Herr Pickwick.

Man kann sich das Erstaunen des ganzen Dorfes vorstellen, als Herr Pickwick den Stein, der mit einem einzigen Spatenriß dem Grunde entnommen war, unter nicht geringer körperlicher Anstrengung eigenhändig nach dem Wirtshaus trug, und denselben, nachdem er ihn zuvor sorgfältig gewaschen, auf den Tisch legte.

Das Frohlocken und die Freude der Pickwickier kannte keine Grenzen; als endlich ihre Geduld und ihre Emsigkeit im Waschen und Abkratzen von günstigem Erfolg gekrönt wurde. Der Stein war uneben und zerbrochen, die Buchstaben standen schief und unregelmäßig. Trotzdem ließ sich das folgende Bruchstück einer Inschrift deutlich entziffern.


BILST
VM
PSSEI
NGRE
N.Z.
EICH
EN.

Herrn Pickwicks Augen leuchteten vor Entzücken, als er sich niedersetzte und den aufgefundenen Schatz von allen Seiten betrachtete. Er hatte das höchste Ziel seines Ehrgeizes erreicht. In einer wegen der Überreste aus früheren Jahrhunderten berühmten Grafschaft, in einem Dorfe, in dem sich gegenwärtig noch einige Denkwürdigkeiten älterer Zeiten vorfanden, hatte er – er, der Präsident des Pickwick-Klubs – eine seltsame und merkwürdige Inschrift von unzweifelhaft altem Ursprunge entdeckt, die der Beobachtung so vieler gelehrten Forscher vor ihm entgangen war. Er konnte kaum dem Zeugnis seiner Sinne trauen.

»Das – das« – sagte er – »gibt den Ausschlag. Wir kehren morgen nach London zurück.«

»Morgen?« riefen seine verwunderten Begleiter.

»Ja, morgen«, sagte Herr Pickwick. »Dieser Schatz muß rasch nach einem Orte gebracht werden, wo er mit Muße gründlich untersucht und gehörig verstanden werden kann. Auch habe ich noch einen andern Grund für diesen Schritt. In einigen Tagen findet eine Parlamentswahl in dem Flecken Eatonswill statt, in dem Herr Perker, ein Gentleman, den ich kürzlich kennenlernte, als Agent für einen der Kandidaten auftreten wird. Wir wollen Zeugen sein, und eine Szene, die für jeden Engländer von so hoher Wichtigkeit ist, aufs sorgfältigste beobachten.«

»Ja, das wollen wir«, stimmten die drei Freunde sehr lebhaft bei.

Herr Pickwick sah umher. Die Wärme und Anhänglichkeit seiner Jünger entzündete eine begeisterte Glut in seinem Innern. Er war ihr Führer und fühlte es.

»Wir wollen dieses glückliche Zusammentreffen durch einen guten Schluck feiern«, sagte er.

Der Vorschlag wurde, wie die früheren, mit einstimmigem Beifall aufgenommen. Nachdem Herr Pickwick den wichtigen Stein in einem von der Wirtin erkauften Bretterkistchen verpackt hatte, setzte er sich oben an dem Tische in einen Armstuhl. Sie verbrachten den Abend in heiterem Genusse und froher Unterhaltung.

Es war elf Uhr vorbei – eine späte Stunde für das kleine Dorf Cobham – als sich Herr Pickwick nach dem Schlafgemache begab, das für ihn bereitet war. Er öffnete das mit einem Gitter verwahrte Fenster, stellte das Licht auf den Tisch und erging sich in einer Reihe von Betrachtungen über die sich so rasch folgenden Ereignisse der letzten zwei Tage.

Ort und Stunde waren fürs Nachdenken gleich günstig, und Herr Pickwick wurde erst daraus geweckt, als die Turmuhr zwölf schlug. Der erste Glockenton drang feierlich an sein Ohr, sobald aber der letzte ausgeklungen hatte, wurde ihm die tiefe Stille unerträglich – es war ihm fast, als hätte er einen Freund verloren. Er fühlte sich angegriffen und aufgeregt, entkleidete sich rasch, stellte das Licht auf den Kamin und ging zu Bett.

Jeder hat wohl schon den unbehaglichen Zustand erfahren, in dem das Gefühl körperlicher Ermattung vergebens gegen die Schlaflosigkeit ankämpft. Auch bei Herrn Pickwick war dies gegenwärtig der Fall. Er warf sich von einer Seite auf die andere, und schloß beharrlich die Augen, als wolle er dadurch den Schlummer locken; aber vergeblich. Lag nun der Grund in der ungewohnten Anstrengung des Tages, in dem genossenen Grog oder in dem fremden Bette – wie dem auch sein mag, seine Gedanken kehrten ohne Unterlaß zu den grausigen alten Bildern in der Gaststube und zu den alten Erzählungen zurück, wozu diese im Laufe des Abends Anlaß gegeben hatten. Nachdem er sich in dieser Weise eine Stunde ruhelos umhergeworfen hatte, kam er zu der unbehaglichen Überzeugung, daß er vergeblich einzuschlafen versuchte, weshalb er aufstand und sich teilweise ankleidete. »Alles«, dachte er, »ist besser, als daliegen in Phantasien allerschrecklichster Art.« Er sah zum Fenster hinaus – es war sehr dunkel. Er ging im Zimmer auf und ab – und fühlte sich höchst einsam.

Er war etliche Male vom Fenster zur Tür und von der Tür zum Fenster spaziert, als ihm zum ersten Male das Manuskript des alten Geistlichen wieder ins Gedächtnis kam. Ein guter Einfall! Bot es wenig Interesse, so mochte es ihn vielleicht in Schlaf wiegen. Er holte es daher aus seiner Rocktasche, rückte einen kleinen Tisch an die Seite seines Bettes, schneuzte das Licht, setzte seine Brille auf, und begann zu lesen. Es war eine wunderliche Handschrift – die Blätter bekleckst und beschmutzt. Auch der Titel hatte etwas Unheimliches, und Herr Pickwick konnte nicht umhin, ängstliche Blicke im Zimmer umherzuwerfen. Nach einiger Überlegung fühlte er jedoch die Albernheit, solchen Gefühlen Raum zu geben; er putzte das Licht abermals und las, wie folgt:

»Manuskript eines Irren.

Ja! – eines Irren! Wie mir dieses Wort vor vielen Jahren ins Herz geschnitten hätte! Wie es das Entsetzen, das mich zuweilen anzuwandeln pflegte, geweckt und das Blut glühend und zischend durch meine Adern gejagt haben würde, bis der kalte Tau der Angst in großen Tropfen auf meiner Haut gestanden und meine Knie vor Furcht eingeknickt wären! Aber jetzt liebe ich es. Es ist ein schönes Wort. Zeigt mir den Monarchen, dessen finsteres Zürnen je so gefürchtet worden wäre, wie der starre Blick des Wahnsinns – dessen Stricke und Beile nur halb so sicher wären, wie der Griff eines Tollen. Ha! ha! Es ist etwas Großes, wahnsinnig zu sein – angesehen zu werden wie ein wilder Löwe durch die Stäbe des Eisengitters – die lange stille Nacht durch zu heulen und mit den Zähnen zu knirschen und lustig mit den Ketten darein zu klirren – und dann, im Entzücken über diese köstliche Musik, sich im Stroh zu wälzen und zu wühlen. Es lebe das Tollhaus! O, es ist ein herrlicher Aufenthalt!

Ich erinnere mich der Zeit, wo mich der Gedanke, wahnsinnig zu sein, mit einem solchen Entsetzen erfüllte, daß ich oft, wenn ich aus dem Schlafe ausfuhr, auf die Knie niederfiel und brünstig zu Gott flehte, er möchte mich mit dem Fluche meiner Familie verschonen. Daß ich den Anblick der Heiterkeit und des Glückes floh, um mich an einsamen Orten zu verbergen, und manche schleppende Stunde damit zubrachte, die Fortschritte des Fiebers zu beobachten, das mein Gehirn verzehrte. Ich wußte, daß der Wahnsinn meinem Blute beigemischt war und in dem Mark meiner Knochen steckte; daß zwar eine Generation von dieser Pest bewahrt geblieben, aber daß ich der erste sei, bei dem sie wieder ins Leben treten würde. Ich wußte, daß es so sein mußte, daß es immer so gewesen und daß es immer so sein würde; und wenn ich mich in einem vollen Saale in irgendeine dunkle Ecke zurückzog und die Leute flüstern, sich zuwinken und die Augen nach mir richten sah, so wußte ich, daß sie von dem zum Wahnsinn Verdammten sprachen, und schlich hinweg, um in der Einsamkeit meinen Träumereien nachzuhängen.

So währte es Jahre – lange, lange Jahre. Die Nächte hier sind hin und wieder auch lang – sehr lang; aber sie sind nichts gegen die qualvollen, ruhelosen Nächte und schrecklichen Träume, die mich damals heimsuchten. Ein Schauder überläuft mich, wenn ich nur daran denke. Große, düstere Gestalten mit tückischen, höhnenden Gesichtern drückten sich in die Ecken meines Schlafgemachs, und beugten sich des Nachts über mein Bett, um mich wahnsinnig zu machen. Sie erzählten mir in leisem Flüstern, der Boden des alten Hauses, in dem der Vater meines Vaters starb, sei von seinem Blute befleckt, das er in tollem Wahnsinne selber vergoß. Ich hielt mir die Ohren zu, aber es schrie in meinem Kopfe, bis das Zimmer widerdröhnte, daß zwar eine Generation vor ihm vor Wahnsinn bewahrt geblieben, daß aber sein Großvater Jahre lang an die Erde gefesselt gewesen wäre, damit er sich nicht selbst in Stücke risse. Ich wußte, daß sie mir die Wahrheit sagten – ich wußte es nur zu gut. Ich hatte es Jahre lang vorher schon herausgefunden, obgleich man es mir zu verbergen suchte. Ha, ha! Ich war ihnen zu schlau, obgleich sie mich für toll hielten.

Endlich kam der Wahnsinn zum Ausbruch, und nun nahm es mich wunder, wie ich mich je davor hatte fürchten können. Ich konnte jetzt unter die Leute gehen und mit ihnen lachen und schreien, so gut wie einer. Ich wußte, daß ich wahnsinnig war, aber sie hatten nicht die mindeste Ahnung davon. Wie entzückt war ich in meinem Innern über den Streich, den ich ihnen jetzt spielte – ihnen, die früher auf mich deuteten und nach mir blinzelten, als ich noch nicht toll war, sondern nur in der Furcht lebte, ich könnte es eines Tages werden! Und wie jauchzte ich vor Freude, wenn ich allein war und dachte, wie gut ich mein Geheimnis zu wahren wußte, und wie rasch meine Freunde von mir weichen würden, wenn sie die Wahrheit erführen. Ich hätte vor Lust laut aufschreien mögen, wenn ein lärmender Zechgenosse allein mit mir speiste und ich mir das Leichengesicht und die behenden Beine des Mannes vorstellte, wenn er gewußt hätte, daß der liebe Freund, der neben ihm saß und sein Messer schärfte, ein Toller wäre, der die Macht und halb auch den Willen hätte, das gefährliche Werkzeug in sein Herz zu stoßen. O, es war ein lustiges Leben!

Reichtümer flossen mir zu. Schätze ergossen sich in meine Kassen und ich schwelgte in Vergnügen, deren Genuß durch das Bewußtsein von meinem wohlverborgenen Geheimnis tausendfältigen Wert für mich bekam. Ich erbte weitläufige Besitzungen. Das Gesetz – sogar das adlerscharfe Gesetz ließ sich täuschen und spielte umstrittene Tausende in die Hand eines Wahnsinnigen. Wo war der Verstand der scharfsichtigen, sogenannten vernünftigen Leute? Wo die Gewandtheit der Rechtsgelehrten, die sonst so leicht Nichtigkeitsgründe aufzufinden wissen? Die Schlauheit des Tollen hatte sie alle überlistet.

Ich hatte Geld. Nie machte man mir den Hof! Ach verschwendete es. Nie wurde ich gepriesen! Wie sich jene drei stolzen, hochmütigen Brüder vor mir demütigten! Und auch der alte, grauköpfige Vater – welche Achtung – welche Ehrerbietigkeit – welche aufopfernde Freundschaft! – ja, er betete mich an. Der alte Mann hatte eine Tochter, die jungen Männer eine Schwester, und alle fünf waren arm. Ich war reich, und als ich das Mädchen heiratete, sah ich in dem triumphierenden Lächeln, das auf den Gesichtern ihrer dürftigen Verwandten spielte, daß sie sich über das Gelingen ihres wohlangelegten Planes und der schönen Beute freuten. Es war an mir, zu lächeln. Zu lächeln? Nein, laut hinaus zu brüllen, die Haare zu raufen und auf der Erde zu kugeln vor lauter Entzücken. Sie ließen sich’s nicht träumen, die Tochter und Schwester an einen Wahnsinnigen verkuppelt zu haben.

Doch halt! Wenn sie es auch gewußt hätten, würden sie das Mädchen geschont haben? Das Glück einer Schwester gegen das Gold ihres Gatten – ist es mehr, als die leichteste Feder, die ich in die Luft blasen kann, im Vergleich zu der glänzenden Kette, die meinen Körper schmückt?

In einem Punkte wurde ich übrigens trotz meiner Schlauheit getäuscht. Wäre ich nicht wahnsinnig gewesen – denn obgleich die Tollen sonst gescheit genug sind, so stellt sich doch hin und wieder eine Verwirrung bei ihnen ein – so würde ich doch gewußt haben, daß das Mädchen weit lieber kalt und steif in einem bleiernen Sarge, denn als beneidete Braut in meinen Prunkgemächern wäre. Ich würde gewußt haben, daß ihr Herz einem schwarzäugigen Jungen gehörte, dessen Namen ich einmal in dem Flüstern ihres unruhigen Schlafes nennen hörte, wobei sie zugleich Andeutungen fallen ließ, sie sei mir geopfert worden, um den alten, weißköpfigen Mann und die hochmütigen Brüder der Armut zu entreißen.

Ich kann mich mancher Gestalten und Gesichter nicht mehr recht erinnern, aber ich weiß, daß das Mädchen schön war. Ich weiß das ganz gewiß; denn in hellen Mondnächten, wenn ich aus dem Schlafe aufschreckte, sehe ich still und regungslos in einem Winkel dieser Zelle eine leichte, welke Gestalt mit langen, schwarzen, über die Schultern fallenden Locken stehen, die sich von keinem irdischen Winde bewegen – die Augen starr auf mich geheftet, ohne je damit zu zucken oder sie zu schließen. Pst! das Blut strömt mir eiskalt zum Herzen, während ich dies niederschreibe. Es ist ihre Gestalt; das Gesicht ist sehr blaß und die Augen glänzen wie Glas? aber ich kenne sie wohl. Diese Gestalt bewegt sich nie, Verzicht nie die Stirn und den Mund, wie es die andern tun, die bisweilen diesen Ort erfüllen. Aber sie ist mir sogar noch schrecklicher, als die Gespenster, die mich vor Jahren zum Wahnsinn verlockten – sie kommt eben aus dem Grabe und hat ganz das Aussehen einer Leiche.

Fast ein Jahr lang sah ich dieses Gesicht immer blasser werden. Fast ein Jahr lang sah ich Tränen über die trauervollen Wangen rinnen, ohne daß ich den Grund kannte. Aber endlich kam ich doch darauf. Man konnte es mir nicht länger verbergen. Sie hatte mich nie geliebt, und ich glaubte auch nie, daß sie mich liebte. Sie verachtete meinen Reichtum und haßte den Glanz, der sie umgab; – das hatte ich nicht erwartet. Sie liebte einen andern. An eine solche Möglichkeit hatte ich nie gedacht. Seltsame Gefühle bemächtigten sich meiner, und irgendeine geheimnisvolle Macht flüsterte mir Gedanken zu, die in meinem Hirne wirbelten und tobten. Sie haßte ich nicht, wohl aber den Menschen, um den sie immer weinte. Ich beklagte – ja, ich beklagte – das elende Leben, zu dem sie von ihren kalten und selbstsüchtigen Verwandten verdammt worden war. Ich wußte, daß sie nicht lange leben konnte; aber der Gedanke, sie möchte vor ihrem Tode einem unglücklichen Geschöpf das Leben geben, das die Bestimmung trüge, den Wahnsinn auf seine Kinder wieder fortzupflanzen, gab den Ausschlag. Ich faßte den Entschluß, sie zu ermorden.

Viele Wochen lang trug ich mich mit dem Gedanken, sie zu vergiften, dann, sie zu ertränken und dann, sie zu verbrennen. Ein herrliches Schauspiel – das große Haus in Flammen, in denen das Weib des Wahnsinnigen zu Asche brannte. Dann auch noch der Spaß, eine große Belohnung für die Entdeckung des Täters auszusetzen und einen vernünftigen Menschen für eine Tat, die er nie beging, im Winde baumeln zu sehen – und all das durch die Schlauheit eines Wahnsinnigen! Ich dachte oft an diesen Plan, aber endlich gab ich ihn wieder auf. O, welch eine Lust ist es, Tag für Tag Rasiermesser zu schärfen, die Schärfe der Schneide zu befühlen und an das Klaffen zu denken, das ein Schnitt mit diesem dünnen, glänzenden Stahl hervorbringen würde!

Endlich flüsterten mir die Geister, die mich früher so oft besucht hatten, ins Ohr, die Zeit wäre gekommen und drückten mir dabei das offene Rasiermesser in die Hand. Ich faßte es mit festem Griff, stand leise von dem Bett auf und beugte mich über mein schlafendes Weib. Ihr Gesicht war mit den Händen bedeckt. Ich entfernte sie sacht, und sie sanken auf ihre Brust. Sie hatte geweint, denn ihre Wangen trugen noch die feuchten Spuren von Tränen. Ihr Gesicht war sanft und ruhig, und in dem Augenblicke, als ich sie betrachtete, überflog ein leichtes Lächeln ihre blassen Züge. Ich legte leise meine Hand auf ihre Schulter. Sie fuhr auf – aber nur ob eines vorübergehenden Traumgesichts. Ich beugte mich abermals über sie. Sie schrie auf und erwachte.

Eine einzige Bewegung meiner Hand würde für immer jeden Laut aus ihrer Kehle erstickt haben. Aber ich war erschreckt und trat zurück. Ihre Augen waren fest auf die meinen geheftet. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber sie schüchterten mich ein und lähmten meinen Mut. Sie erhob sich aus dem Bett und richtete unverwandt ihre Blicke auf mich. Ich zitterte; das Rasiermesser war in meiner Hand, aber ich konnte nicht von der Stelle. Sie ging auf die Tür zu. Als sie in deren Nähe kam, drehte sie sich um, und wandte die Augenvoon meinem Gesicht ab. Der Zauber war zerstört. Ich sprang auf sie zu und umfaßte ihren Arm. Schrei folgte auf Schrei, und sie sank zur Erde.

Jetzt hätte ich sie, ohne Widerstreben ermorden können, aber der Lärm hatte alles im Hause auf die Beine gebracht. Ich hörte Fußtritte auf den Treppen, brachte das Rasiermesser wieder an seinen Ort, öffnete die Tür und rief laut nach Hilfe.

Man kam, hob sie auf und legte sie wieder auf ihr Bett. So lag sie einige Stunden besinnungslos da; aber mit Leben und Sprache kehrte die Vernunft nicht mehr wieder; sie tobte in wilden und wütenden Delirien.

Man rief Ärzte herbei – große und berühmte Männer, die in prächtigen Equipagen, mit wunderschönen Pferden und prunkenden Livreedienern vorführen. Sie kamen wochenlang kaum von ihrem Bett. Endlich hielten sie eine Beratung und unterhielten sich mit leisen und feierlichen Stimmen in einem Nebenzimmer miteinander. Einer, der berühmteste von ihnen, nahm mich dann bei Seite, bat mich, ich solle mich auf das Schlimmste gefaßt machen, und erklärte mir – mir, dem Wahnsinnigen – daß mein Weib wahnsinnig sei. Er stand mit mir an einem offenen Fenster, blickte mir ins Gesicht, und seine Hand ruhte dabei auf meinem Arm. Mit einem Ruck hätte ich ihn auf die Straße hinunterschleudern können. Es wäre ein köstlicher Spaß gewesen, wenn ich es getan hätte; aber mein Geheimnis stand auf dem Spiele – und so ließ ich ihn gehen. Ein paar Tage hernach sagten sie mir, ich müßte meine Frau aufs strengste beaufsichtigen lassen und ihr einen Wärter an die Seite geben. – Ich! – Ich ging ins Freie, wo mich niemand hören konnte, und lachte, daß die Luft von meinem Jauchzen widertönte.

Sie starb des andern Tages. Der weißköpfige alte Mann folgte ihr zum Grabe, und die stolzen Brüder ließen eine Träne auf die starre Leiche der Unglücklichen fallen, deren Leiden sie, als sie noch lebte, ohne mit der Wimper zu zucken, mit angesehen hatten. All das war Nahrung für meine innere Lust, und ich lachte beim Heimfahren von dem Leichenbegängnis hinter dem weißen Taschentuch, das ich vor mein Gesicht hielt, daß mir die Tränen ins Auge traten.

Aber obgleich ich meinen Plan durchgeführt und sie unter die Erde gebracht hatte, so war ich doch unruhig und verstört. Ich fühlte, daß mein Geheimnis nicht lange mehr verborgen bleiben konnte. Ich vermochte nicht die wilde Lust und Freude, die in meinem Innern kochte, zu verbergen; ich mußte ihr, wenn ich allein zu Hause war, durch Hüpfen, Tanzen, Zusammenschlagen der Hände und lautes Hinausbrüllen Luft machen. Ging ich aus und sah ich eine geschäftige Menge durch die Straßen oder nach dem Theater eilen, oder hörte ich Musik und bemerkte ich Tanzende, so fühlte ich eine so tobende Lust, daß ich in die Häuser hätte brechen, den Leuten Glied für Glied vom Leibe reißen und laut aufheulen mögen in tollem Entzücken. Aber ich knirschte mit den Zähnen, stampfte mit den Füßen auf die Erde, und grub meine scharfen Nägel in meine Hände. Ich hielt mich gewaltsam zurück, und noch ahnte kein Mensch, daß ich wahnsinnig sei.

Ich erinnere mich noch – obgleich das unter die letzten Dinge gehört, deren ich mich noch entsinnen kann; denn von nun an vermische ich die Wirklichkeit mit meinen Träumen, und da ich so viel zu tun habe, daß ich mit der größten Eile nicht fertig zu werden vermag, so gebricht es mir an Zeit, beide aus der wunderlichen Verwirrung, in der sie vor mir auftauchen, zu trennen – ich erinnere mich noch, wie ich endlich meinen Zustand kundwerden ließ. Ha! ha! Es ist mir, als sähe ich noch die entsetzten Blicke, als fühlte ich noch die Leichtigkeit, womit ich sie von mir schleuderte, ihnen die geballten Fäuste in die aschfahlen Gesichter schlug, und dann auf den Flügeln des Windes dahineilte, die schreiende und tobende Menge weiter hinter mir zurücklassend. Die Kraft eines Riesen kehrte in meine Muskeln zurück, wenn ich nur daran denke. Da – seht, wie diese Eisenstange sich unter meinem wütenden Griff biegt. Ich könnte sie zerbrechen wie einen dürren Ast, wenn nur nicht die langen Gänge mit den vielen Türen wären – ich glaube nicht, daß ich mich zurechtfinden könnte – und wenn auch, ich weiß recht wohl, daß unten eiserne Tore sind, die man immer verriegelt und verschlossen hält. Sie wissen, mit was für einem schlauen Tollen sie es zu tun haben, und sie sind stolz darauf, mich hier zu haben, um mich zeigen zu können.

Laßt mich sehen, – ja; ich hatte einen Ausgang gemacht. Es war spät in der Nacht, als ich nach Hause kam, und ich traf den hochmütigsten der drei hochmütigen Brüder, der auf mich wartete – eines eiligen Geschäfts wegen, wie er sagte. Ich exinnere mich noch recht gut. Ich haßte diesen Menschen mit dem ganzen Hasse des Wahnsinns. Oft genug hatte es mir schon in den Fingern gejuckt, ihn zu zerreißen. Man sagte mir, daß er da wäre. Ich eilte rasch die Treppe hinauf. Er hatte mir etwa« mitzuteilen. Ich entließ die Dienerschaft. Es war spät und wir befanden uns allein – zum erstenmal.

Ich hielt anfangs meine Augen sorgsam von ihm angewandt; denn ich wußte, wovon er keine Ahnung hatte – ja, ich freute mich der Überzeugung, daß die Glut des Wahnsinns wie strahlendes Feuer aus meinen Blicken leuchtete. Wir saßen einige Minuten schweigend da. Endlich fing er an zu sprechen. Meine Ausschweifungen und die sonderbaren Reden so bald nach dem Tode seiner Schwester wären eine Kränkung ihres Andenkens. Wenn er das mit vielen Umständen, die anfangs seiner Beobachtung entgangen, zusammenhalte, so müsse er glauben, daß ich sie nicht gut behandelt hätte. Er wollte wissen, ob seine Annahme, ich beabsichtige einen Schatten auf ihr Andenken zu werfen und ihre Familie zu kränken, richtig sei. Er sei es der Uniform, die er trage, schuldig, diese Erklärung zu fordern.

Dieser Mensch hatte ein Offizierspatent bei der Armee – ein Patent, das mit meinem Gelde und mit dem Elend seiner Schwester erkauft war. Er war der Rädelsführer des Komplotts, das mich verstricken und ihm Griffe in meine Kassen erlauben sollte. Er war das Hauptwerkzeug gewesen, womit man die Schwester zwang, mich zu heiraten, obgleich er wußte, daß ihr Herz jenem Knaben mit der Kinderstimme gehörte. Seiner Uniform schuldig! Der Livree seiner Schande! Ich wandte meine Augen nach ihm – ich konnte nicht anders – aber ich sprach kein Wort. Ich sah die plötzliche Veränderung, die unter dem Glutstrahl meiner Blicke in ihm vorging. Er war ein kühner Mann, aber die Farbe wich aus seinem Gesicht – er rückte den Stuhl zurück. Ich rückte mit dem meinigen nach, und als ich lachte – ich war damals sehr lustig –, sah ich, daß er schauderte. Ich fühlte, wie der Wahnsinn in mir aufbrauste. Er fürchtete sich vor mir.

›Sie haben Ihre Schwester sehr geliebt, als sie noch am Leben war‹ – sagte ich – ›o gewiß, sehr geliebt!‹

Er sah unruhig im Zimmer umher, und ich gewahrte, wie seine Hand die Lehne seines Stuhles ergriff; aber er antwortete nicht.

›Ha, elender Bube‹, sagte ich; ›ich weiß alles; ich bin dem höllischen Komplott, das Ihr gegen mich geschmiedet, auf die Spur gekommen und weiß, daß ihr Herz an einem andern hing, ehe Ihr sie zwangt, mein Weib zu werden. Ich weiß es – ich weiß es.‹

Er sprang von seinem Stuhle auf, schwang denselben in der Luft und rief mir zu, zurückzutreten – denn ich war ihm, während ich sprach, immer näher gerückt.

Ich schrie eher, als ich sprach, denn ich fühlte ungestüme Leidenschaft durch meine Adern wirbeln, und die alten Geister flüsterten mir mit höhnendem Grinsen zu, ich solle ihm das Herz aus dem Leibe reißen.

›Gott verdamme dich‹, rief ich auffahrend und auf ihn losstürzend; ›ich habe sie getötet. Ich bin ein Wahnsinniger. Nieder mit dir! Blut – Blut muß ich sehen.‹

Ich warf den Stuhl, den er in seinem Entsetzen nach mir schleuderte, mit einem Schlage bei Seite, rückte ihm auf den Leib, und wir beide stürzten mit einem dumpfen Krachen zur Erde.

Ein herrlicher Kampf – denn er war ein großer starker Mann, der sich um sein Leben wehrte und ich ein Toller, der mit der Kraft des Wahnsinns rang und nach seinem Blute dürstete.

Ich kannte keine Kraft, die der meinen widerstehen konnte – und ich hatte recht. Abermals recht, obgleich ich wahnsinnig war! Sein Kämpfen wurde immer schwächer. Ich kniete auf seine Brust und umkrallte seine Rechte mit ehernen Griffen. Sein Gesicht wurde purpurrot, seine Augen sprangen aus dem Kopfe hervor, und er schien mich mit der hervortretenden Zunge zu verhöhnen. Ich drückte immer fester.

Die Tür flog plötzlich geräuschvoll auf, und eine Menge Volks drang herein, das sich gegenseitig zurief, den Wahnsinnigen zu ergreifen.

Mein Geheimnis war verraten, und mein Kampf galt jetzt nur noch meiner Freiheit. Ich war, ehe mich noch eine Hand berührte, wieder auf den Beinen, stürzte mich auf die Angreifenden und bahnte mir mit so kräftigen Armen, als hätte ich ein Beil in der Hand, mit dem ich alles niederschmetterte, einen Weg. Ich erreichte die Tür, schwang mich über das Treppengeländer und befand mich im Nu auf der Straße.

Ich eilte immer gerade aus, aber niemand wagte es, mich anzuhalten. Ich hörte den Ton von Fußtritten hinter mir und verdoppelte meine Hast. Die Tritte der Verfolger ließen sich immer schwächer und schwächer vernehmen und erstorben endlich ganz und gar. Aber immer noch jagte ich weiter über Sumpfgründe und Gräben, über Hecken und Zäune unter wildem Jubelgeschrei, und die wunderlichen Wesen, die mich von allen Seiten umgaben, stimmten darin überein, daß die ganze Luft von dem Geheule erfüllt war. Ich wurde von den Armen der Dämonen getragen, die im Winde dahinfegten und alle Hindernisse vor sich niederwarfen; das Getümmel und die Eile, womit sie mich fortzogen, machten mich schwindlig, bis sie mich endlich gewaltsam abschleuderten und ich mit einem schweren Falle auf die Erde stürzte. Als ich wieder erwachte, fand ich mich hier – hier in dieser lustigen Zelle, wo mich die Sonne selten besucht, deren Strahlen nur dazu dienen, mir die dunklen Schatten, die mich umringen, und die stumme Gestalt in ihrem Winkel zu zeigen. Wenn ich wachend daliege, so höre ich bisweilen wunderliche Rufe, die aus fernen Teilen dieses großen Gebäudes zu mir dringen. Was sie zu bedeuten haben, weiß ich nicht; aber sie kommen nie von der bleichen Gestalt, die ihrer nicht einmal achtet. Von den ersten Schatten des Abends bis zum frühsten Licht des Morgens steht sie regungslos an demselben Platz, horcht auf die Musik meiner Eisenkette und sieht zu, wie ich in meinem Strohlager wühle.«

 

Am Schlüsse dieses Manuskripts stand, von einer andern Hand geschrieben, folgende Note:

»Der Unglückliche, dessen Zustand in den vorstehenden Zeilen geschildert ist, bietet ein trauriges Beispiel von den verderblichen Folgen schlechter Erziehung und so lange fortgesetzter Ausschweifungen, bis sich ihre Folgen nicht mehr gutmachen ließen. Das wüste Leben seiner jüngeren Jahre hatte Fieber und Raserei erzeugt. In dieser bemächtigte sich seiner die wunderliche Vorstellung, daß der Wahnsinn in seiner Familie erblich sei – eine Vorstellung, die sich auf eine wohlbekannte pathologische Theorie gründete: sie wird teils von den Ärzten scharf bestritten, teils mit Nachdruck festgehalten. Das veranlaßte einen Trübsinn, der nach und nach in entschiedenen tobsüchtigen Wahnsinn überging. Es ist aller Grund zum Glauben vorhanden, daß die mitgeteilten Tatsachen, freilich in ihrer Darstellung durch eine kranke Phantasie verdreht, wirklich stattgefunden hatten, und wenn man die Verirrungen seiner Jugend kennt, so muß man sich nur wundern, daß seine Leidenschaften, sobald sie einmal des Zügels der Vernunft entbehrten, ihn nicht zu noch schrecklicheren Taten verleitet haben.«

Herrn Pickwicks Licht war ganz heruntergebrannt, als er mit dem Lesen des Manuskripts fertig war, und als das Licht plötzlich ohne ein vorangehendes warnendes Flackern auslöschte, schrak er in seinem aufgeregten Zustande lebhaft zusammen. Er warf hastig die Kleidungsstücke, die er beim Aufstehen angezogen, wieder ab, sah sich furchtsam im Gemache um, hüllte sich rasch in die Bettücher und verfiel bald darauf in tiefen Schlaf.

Der Morgen war schon weit vorgerückt, und die Sonne schien herrlich in sein Schlafgemach, als er erwachte. Die Beklemmung der letzten Nacht war mit den dunklen Schatten, die das Land umfingen, gewichen, und er fühlte in seinem Innern die Leichtigkeit und Heiterkeit des Morgens. Nach einem kräftigen Frühstück machten sich die vier Reisenden nebst einem Manne, der den Stein in dem Bretterkistchen trug, nach Gravesend auf den Weg. Sie erreichten diese Stadt gegen ein Uhr (ihr Gepäck hatten sie bereits von Rochester aus nach London zurückschicken lassen), und da sie glücklicherweise auf einem Postwagen noch Außensitze fanden, so langten sie gesund und heiter noch denselben Abend in ihrer Heimat an.

Die nächsten drei oder vier Tage verbrachten sie mit Vorbereitungen für ihren Besuch in dem Wahlflecken Eatanswill. Da jedoch der Bericht über alles, was auf dieses wichtige Unternehmen Bezug hat, ein gesondertes Kapitel fordert, so begnügen wir uns, in den Schlußzeilen des gegenwärtigen, die weitere Geschichte der antiquarischen Entdeckung in aller Kürze mitzuteilen.

Aus den Klubverhandlungen erhellt, daß Herr Pickwick in einer den Abend nach seiner Rückkehr abgehaltenen Generalversammlung eine Vorlesung über seinen Fund hielt, in der er viele scharfsinnige und gelehrte Vermutungen über die Bedeutung der Inschrift preisgab. Es wird darin auch mitgeteilt, daß ein geschickter Künstler eine getreue Zeichnung der Merkwürdigkeit angefertigt und diese lithographiert hatte, um Abdrücke davon der königlichen Altertumsforschergesellschaft und andern gelehrten Korporationen zu übersenden. Dieser Schritt setzte viele neidische und eifersüchtige Federn in Bewegung, wie denn auch Herr Pickwick selbst eine Broschüre erscheinen ließ, in der er auf sechsundvierzig engbedruckten Seiten siebenundzwanzig verschiedene Erklärungen der Inschrift veröffentlichte. Eine weitere Folge war, daß drei alte Herren ihre erstgeborenen Söhne mit dem Pflichtteil von einem Schilling testamentarisch bedachten, weil sie sich unterfangen hatten, den antiquarischen Wert der Entdeckung in Zweifel zu ziehen – daß ein enthusiastischer Altertumsfreund aus Verzweiflung, weil er den Sinn der Inschrift nicht zu ergründen vermochte, sich selbst entleibte – daß Herr Pickwick zum Ehrenmitglied von siebzehn einheimischen und fremden Gesellschaften ernannt wurde – und schließlich, daß keine dieser siebzehn Gesellschaften etwas aus der rätselhaften Schrift zu machen wußte, und daher alle darüber einstimmten, daß der Fund ein höchst außerordentlicher wäre.

Nur Herr Blotton – möge dieser Name der ewigen Verachtung aller Verehrer des Geheimnisvollen und Erhabenen anheimfallen – wir sagen, nur Herr Blotton unterfing sich, mit der Zweifelsucht und Sophistik gemeiner Seelen einen Erklärungsversuch geltend zu machen, der eben so schimpflich wie lächerlich war. Herr Blotton hatte nämlich, erfüllt von dem niedrigen Wunsche, den Glanz des unsterblichen Namens »Pickwick« zu besudeln, in Person eine Reise nach Cobham gemacht, und erlaubte sich nun nach seiner Rückkehr in einer Rede an den Klub die sarkastische Bemerkung, daß er den Mann, von dem der Stein gekauft wurde, gesprochen und daß dieser allerdings über das Alter des Steins keine Auskunft zu geben gewußt, wohl aber das Alter der Inschrift feierlich in Abrede gestellt hätte. Diese wäre nichts mehr und nichts minder als eine Arbeit, die er selbst in müßiger Stunde ausgeführt und die bloß » Bill Stump sein Grenzzeichen« bedeuten solle, wobei sich der gute Stump mehr an den Klang der Worte, als an die strengen Regeln der Orthographie gehalten hätte.

Der Pickwick-Klub nahm, wie sich von einem so erleuchteten Institut erwarten läßt, diese Erklärung mit der gebührenden Verachtung auf, schloß den übelwollenden und anmaßenden Herrn Blotton aus dem Klubverbande aus und stiftete Herrn Pickwick eine goldene Brille zum Beweise seines Vertrauens und zur Anerkennung für seine Verdienste. Herr Pickwick ließ sich dagegen malen und das Porträt – das er, wie wir nebenbei bemerken müssen, nicht zerstört zu sehen wünschte, wenn er einige Jahre älter geworden – im Versammlungszimmer aufhängen.

Herr Blotton war zwar ausgestoßen, aber nicht besiegt. Er schrieb gleichfalls eine Broschüre, widmete sie den siebzehn gelehrten Gesellschaften, wiederholte darin die bereits gemeldeten Angaben, und ließ nicht undeutlich merken, daß er die besagten siebzehn Korporationen für nichts mehr und nichts weniger als für eben so viele »Narrenverbände« halte. Dadurch wurde natürlich die gerechte Entrüstung dieser siebzehn Gesellschaften geweckt, und es erschienen mehrere neue Flugschriften. Die fremden gelehrten Gesellschaften korrespondierten mit den einheimischen! die einheimischen übersetzten die Flugschriften der fremden ins Englische, die Fremden die Flugschriften der einheimischen in alle nur erdenklichen Sprachen, und so begann der berühmte wissenschaftliche Streit, der in aller Welt unter dem Namen »Pickwickfehde« so berühmt geworden ist.

Der nichtswürdige Versuch, Herrn Pickwicks Ruhm zu schmälern, fiel indessen auf das Haupt seines boshaften Urhebers zurück. Die siebzehn gelehrten Gesellschaften erklärten den anmaßenden Blotton für einen unwissenden Ränkespinner und schickten fleißiger als je Abhandlungen in die Welt. Und bis auf diesen Tag ist der Stein ein unlesbares Denkmal von Herrn Pickwicks Größe und ein unvergängliches Siegeszeichen über die Kleinlichkeit seiner Feinde.