Achtzehntes Kapitel.


Achtzehntes Kapitel.

Woraus zu ersehen, daß ein erfindsamer Geist unter Umständen durch einen Rheumatismus zu erhöhter Tätigkeit angespornt werden kann.

Herr Pickwick hatte eine starke Natur, die Strapazen und Anstrengungen aller Art ertragen konnte; allein in der denkwürdigen Nacht, wovon das letzte Kapitel handelt, war ihr doch gar zu viel zugemutet worden. In der Nachtluft gewaschen und sodann in einer dumpfen Ecke getrocknet zu werden, ist ein ebenso gefährlicher, wie eigenartiger Prozeß. Kurz, Herr Pickwick hatte sich eine Erkältung zugezogen, die ihn in das Bett bannte.

Obgleich indessen die körperlichen Kräfte des großen Mannes dadurch ziemlich geschwächt waren, so behielten doch die Fähigkeiten seines Geistes durchaus ihre ursprüngliche Stärke. Er besaß viel Elastizität, und seine gute Laune stellte sich in Bälde wieder ein. Selbst der Arger über sein letztes Abenteuer hatte sich nicht lange in seinem Gemüt zu behaupten gewußt, und er stimmte mit herzlicher Unbefangenheit in das schallende Gelächter ein, das Wardle bei jeder Anspielung aufschlug.

Ja, noch mehr. Während der zwei Tage, die Herr Pickwick das Bett hüten mußte, war Sam sein beständiger Wärter. Am ersten ließ sich dieser angelegen sein, seinem Herrn durch muntere Erzählungen und Gespräche die Langeweile zu vertreiben, am zweiten aber verlangte Herr Pickwick Tinte, Feder und Papier und schrieb vom Morgen bis zum Abend. Am dritten durfte er wieder aufstehen und entsandte seinen Diener an Herrn Wardle und Herrn Trundle mit der Botschaft, wenn sie auf den Abend ein Glas Wein bei ihm trinken wollten, so werde es ihm eine große Freude sein. Die Einladung wurde mit größtem Vergnügen angenommen, und als sie bei ihrem Weine saßen, zog Herr Pickwick unter mehrfachem Erröten beifolgende kleine Erzählung hervor, mit dem Bemerken, er habe sie während seiner letzten Unpäßlichkeit nach der kunstlosen Erzählung des Herrn Weller niedergeschrieben.

Der Dorfschulmeister.
Eine Erzählung von treuer Liebe.

In einem ganz kleinen Dörfchen, sehr weit von London entfernt, lebte vor Zeiten ein kleiner Mann, namens Nathaniel Pipkin, der Schulmeister des Ortes war. Er wohnte in einem kleinen Häuschen in der kleinen Hauptstraße, kaum zehn Minuten von dem Kirchlein entfernt, und beschäftigte sich tagtäglich von neun bis vier Uhr damit, den kleinen Knaben ein bißchen Gelehrsamkeit einzuimpfen. Nathaniel Pipkin war ein arg- und harmloses, gutmütiges Geschöpf, hatte eine aufgeworfene Nase, einwärts gebogene Beine, schielte ein bißchen und hinkte etwas. Seine Zeit teilte er zwischen Kirche und Schule, und dabei glaubte er steif und fest, es könne auf Gottes Erdboden keinen so gescheiten Mann wie den Pfarrer, kein so achtunggebietendes Gemach, wie die Sakristei, und kein so wohlbestelltes Erziehungshaus wie das seinige geben.

Einmal, ein einziges Mal in seinem Leben hatte Nathaniel Pipkin einen Bischof gesehen, einen leibhaftigen Bischof, mit seinen Armen in den weiten Ärmeln und seinem Kopf in einer Perücke. Er hatte ihn bei einer Konfirmation gehen sehen und sprechen hören, und als der genannte Bischof bei diesem Anlaß die Hand auf seinen Kopf legte, da wurde Nathaniel Pipkin so übermannt von Ehrfurcht und heiliger Scheu, daß er geradezu in Ohnmacht fiel und vom Kirchendiener hinausgetragen werden mußte.

Das war ein großes Ereignis, eine erschreckende Epoche in Nathaniel Pipkins Leben, und so ziemlich der einzige Vorfall, der die glatte Oberfläche des Stromes seines ruhigen Daseins kräuselte. Aber an einem schönen Nachmittage wandte er in einem Augenblick der Geistesabwesenheit seine Augen von der Tafel weg, auf die er ein fürchterliches Addierexempel für einen unartigen Jungen zu malen beabsichtigte; und siehe da, sie hafteten auf dem blühenden Antlitz der Jungfrau Maria Lobbs, der einzigen Tochter des alten Lobbs, des großen Sattlers, der gegenüber wohnte. Nun hatten die Augen des Herrn Pipkin schon manchmal in der Kirche und anderwärts auf dem hübschen Gesicht der Maria Lobbs gehaftet, aber die Augen der Maria Lobbs hatten nie so glänzend gestrahlt, und ihre Wangen nie so rosig ausgesehen, wie gerade in diesem Augenblick! Kein Wunder, daß Nathaniel Pipkin nicht imstande war, seine Augen von dem Antlitz der Jungfer Lobbs abzuwenden; kein Wunder, daß Jungfrau Lobbs, als sie sich von einem jungen Manne angestarrt sah, ihren Kopf zu dem Fenster wieder hereinzog, aus dem sie hervorgeguckt hatte, es schloß und die Vorhänge zusammenzog; kein Wunder, daß Nathaniel Pipkin unmittelbar darauf über den kleinen Bösewicht herfiel, der vorhin gesündigt hatte und ihn nach Herzenslust durchprügelte. Alles das war ganz natürlich und gibt nicht den mindesten Stoff zum Verwundern.

Das aber ist zum Verwundern, daß ein Mann von Nathaniel Pipkins Zurückgezogenheit, blöder Art und überaus kärglichem Einkommen von selbigem Tage an sich das Herz faßte, nach der Hand und Liebe der einzigen Tochter des trotzköpfigen alten Lobbs zu streben – des alten Lobbs, des reichen Sattlers, der mit einem einzigen Federstrich das ganze Dörfchen hätte kaufen können, ohne deshalb eine Lücke in seiner Kasse zu verspüren – des alten Lobbs, von dem alle Welt wußte, daß er Haufen von Geld in der Bank der nächsten Stadt angelegt hatte. Man erzählte sich von ihm, daß er zahllose unerschöpfliche Schätze besitze, die er in der kleinen eisernen Truhe mit dem großen Schlüsselloch auf dem Kamingesimse im hintern Zimmer aufbewahrte – und man wußte sehr wohl, daß er bei festlichen Gelegenheiten seinen Tisch mit einer Teekanne, einem Milchtopf und einer Zuckerbüchse aus echtem Silber schmückte, und daß er im Stolze seines Herzens zu prahlen pflegte, alle diese Dinge sollten das Eigentum seiner Tochter werden, sobald sie einen Mann nach ihren Wünschen gefunden hätte. Ich wiederhole es, es gibt Veranlassung zu tiefem Erstaunen und gewaltiger Verwunderung, daß Nathaniel Pipkin die Verwegenheit haben konnte, seine Augen nach dieser Richtung wandern zu lassen. Aber die Liebe ist blind, und Nathaniel hatte einen Fehler an den Augen, welche zwei Umstände zusammengenommen ihn vielleicht hinderten, die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen.

Hätte der alte Lobbs auch nur die entfernteste Ahnung vom Zustand der Gefühle Pipkins gehabt, er hätte ohne weiteres das Schulhaus bis auf den Grund niedergerissen, oder dessen Beherrscher vom Erdboden vertilgt, oder sonst eine Handlung wilder Raserei begangen: denn der alte Lobbs war ein schrecklicher Mensch, wenn sein Stolz gekränkt oder sein Blut in Wallung gebracht war. Um’s Himmels willen, welche donnernden Flüche schallten nicht über die Straße, wenn er sich manchmal über die Trägheit seines knöchernen Lehrlings mit den dünnen Beinen ärgerte, so daß Nathaniel Pipkin vor Angst und Entsetzen in den Schuhen erbebte und seinen Schülern vor Schaudern die Haare zu Berge standen.

Trotz alledem setzte sich Nathaniel Pipkin alle Tage, wenn die Schule vorüber und die Jungen entlassen waren, an das vordere Fenster. Er tat, als lese er in einem Buche, und warf dabei seine Blicke seitwärts über die Straße, um die glänzenden Augen der Maria Lobbs zu suchen; auch hatte er nicht viele Tage so gesessen, als die glänzenden Augen sich an einem oberen Fenster zeigten, gleichfalls, wie es schien, sehr mit Lesen beschäftigt. Das war Labsal und Wonne für das Herz Nathaniel Pipkins. Es war schon keine Kleinigkeit, stundenlang dazusitzen und das hübsche Gesicht anzuschauen, wenn er seine Augen niedergesenkt hatte. Aber wenn Maria Lobbs ihre Augen vom Buche aufzuschlagen begann und ihre Strahlen in der Richtung gegen Nathaniel Pipkin schießen ließ, da war seine Wonne und seine Anbetung wirklich grenzenlos. Eines Tages endlich, als er wußte, daß der alte Lobbs ausgegangen war, hatte Nathaniel Pipkins die Verwegenheit, der Maria Lobbs eine Kußhand zuzuwerfen, und Maria Lobbs, statt das Fenster zuzuschlagen und die Vorhänge zusammenzuziehen, warf ihm ebenfalls eine Kußhand zu und lächelte. Darauf beschloß Nathaniel Pipkin, möge daraus entstehen, was da wolle, ohne weiteren Aufschub ihr den Zustand seiner Gefühle zu entdecken.

Ein hübscherer Fuß, ein fröhlicheres Herz, ein holdseligeres Grübchengesicht und eine schlankere Gestalt schwebte niemals über die Erde hin, um sie zu zieren, als die der Maria Lobbs, der Tochter des alten Sattlers. Ihre funkelnden Augen blitzten schelmisch und hätten auch in eine minder empfängliche Brust, als es die Nathaniel Pipkins war, ihren Weg gefunden. Beim lustigen Schall ihres fröhlichen Gelächters hätte sich das Gesicht des finstersten Menschen- Hassers aufheitern müssen. Sogar der alte Lobbs selbst vermochte auch in der höchsten Wut den Schmeicheleien seines hübschen Töchterleins nicht zu widerstehen. Hatte sie zum Beispiel in Verbindung mit ihrer Base Kätchen, einem wilden, mutwilligen, bezaubernden, kleinen Mädchen, einen wirklichen Plan auf den Alten, was, aufrichtig gestanden, nicht selten vorkam, so vermochte er ihnen nichts abzuschlagen, und wenn sie einen Teil der zahllosen, unerschöpflichen Schätze verlangt hätten, die dem Lichte des Tages durch die eiserne Truhe entzogen waren.

Nathaniel Pipkins Herz pochte gewaltig, als er an einem Sommerabend dieses reizende Pärchen einige hundert Schritte vor sich auf dem gleichen Felde wandeln sah, auf dem er selbst so manches Mal bis zum Einbruch der Nacht herumgestreift war und über die Schönheit der Maria Lobbs nachgesonnen hatte. Aber so oft er auch schon daran gedacht hatte, wie keck er vor Maria Lobbs treten und ihr von seiner Leidenschaft erzählen wollte, wenn er ihr nur einmal begegnen könnte, so fühlte er doch jetzt, da er sie so unerwartet vor sich sah, daß ihm alles Blut ins Gesicht stieg, offenbar zum großen Nachteil seiner Beine, die ihres gewöhnlichen Anteils beraubt, unter ihm zitterten. Wenn die Mädchen stehen blieben, um eine Blume zu pflücken oder auf einen Vogel zu lauschen, so stand Nathaniel Pipkin ebenfalls still und stellte sich, als wäre er in tiefes Nachsinnen versunken, wie es auch in der Tat der Fall war. Er dachte unaufhörlich darüber nach, was er wohl tun solle, wenn sie, was unfehlbar bald geschehen mußte, umkehrten, und dann von Angesicht zu Angesicht vor ihn träten.

Aber obgleich er zu blöde war, sich ihnen anzuschließen, so konnte er es doch nicht über sich gewinnen, sie aus den Augen zu lassen. Wenn sie daher schneller gingen, so ging auch er schneller, schlenderten sie langsam, so schlenderte er auch, und blieben sie stehen, so blieb er ebenfalls stehen. So würden sie es vielleicht bis zum Einbruch der Nacht getrieben haben, hätte nicht Kätchen schelmisch zurückgeblickt und Nathaniel aufmunternd zugewinkt, daß er näher kommen sollte. Kätchen hatte etwas schlechterdings Unwiderstehliches in ihrem Wesen, und so folgte Nathaniel Pipkin der Einladung.

Nach vielem Erröten von seiner Seite und einem unmäßigen Gekicher seitens der gottlosen kleine Base ließ sich Nathaniel Pipkin auf dem betauten Grase auf seine Knie nieder und erklärte, daß er fest entschlossen sei, hier auf immer zu bleiben, wenn man ihm nicht erlaube, als der angenommene Liebhaber der Maria Lobbs aufzustehen. Jetzt drang das lustige Gelächter der Maria Lobbs durch die ruhige Nachtluft – ohne jedoch dieselbe, wie es schien, zu beunruhigen, denn es klang so überaus lieblich – und das gottlose kleine Bäschen kicherte noch unmäßiger als zuvor, und Nathaniel Pipkin errötete tiefer als je.

Endlich, als Maria Lobbs von dem liebekranken kleinen Manne immer heftiger bestürmt wurde, wandte sie ihr Haupt ab und flüsterte ihrer Base zu, sie solle sagen (oder Kätchen tat wenigstens, als hätte sie so gesagt), daß sie sich durch Herrn Pipkins Bewerbung hochgeehrt fühle; freilich habe ihr Vater über ihre Hand und ihr Herz zu verfügen, aber gegen Herrn Pipkins Verdienst könne niemand unempfindlich sein. Da das alles mit großer Ernsthaftigkeit gesagt wurde, und da Nathaniel Pipkin mit Maria Lobbs nach Hause ging und ihr beim Abschied beinahe einen Kuß geraubt hätte, so legte er sich als glücklicher Mann zu Bett und träumte die ganze Nacht davon, wie der alte Lobb erweicht, die große Truhe geöffnet und Maria heimgeführt wurde.

Am andern Tag sah Nathaniel Pipkin den alten Lobbs auf seinem alten grauen Klepper ausreiten. Nachdem die gottlose kleine Base am Fenster eine Menge Zeichen gemacht hatte, deren Gegenstand und Bedeutung er keineswegs verstehen konnte, sprang der knöcherne Lehrjunge mit den dünnen Beinen zu ihm herüber und sagte ihm, sein Herr werde die ganze Nacht nicht nach Hause kommen, und die Damen erwarten Herrn Pipkin Schlag sechs Uhr zum Tee. Wie an diesem Tage Schule gehalten wurde, wußte weder Nathaniel Pipkin noch seine Zöglinge. Aber auch diese Stunden gingen einmal vorüber, und als die Jungen heimgegangen waren, wandte Nathanicl Pipkin alle übrige Zeit bis sechs Uhr dazu an, sich zu seiner Zufriedenheit anzukleiden. Nicht als ob er sich lange hätte besinnen müssen, welchen Anzug er an diesem Tage tragen solle, da ihm hierin überhaupt keine Wahl zustand, aber die unendlich wichtige und schwierige Aufgabe war, seinen Anzug so anzuziehen, daß er darin aufs Vorteilhafteste erscheinen mußte.

Es war eine allerliebste kleine Gesellschaft zusammen, bestehend aus Maria Lobbs, ihrer Base Kätchen und drei oder vier mutwilligen, muntern, rosenwangigen Mädchen. Nathaniel Pipkin überzeugte sich durch den Augenschein, daß die Gerüchte von den Schätzen des alten Lobbs nicht übertrieben waren. Die Teekanne, der Milchtopf und die Zuckerbüchse, alles von echtem Silber, standen wirklich auf dem Tisch, ebenso echt silberne Löffelchen, um den Tee umzurühren, desgleichen echte Porzellantassen, um daraus zu trinken, und echte Porzellanplatten, worauf die Kuchen und Weißbrotschnitten lagen. Das einzige Unangenehme im ganzen Hause war ein Vetter von Maria Lobbs, ein Bruder von Kätchen, den Maria Lobbs ›Heinrich‹ nannte, und der Maria Lobbs an der einen Seite des Tisches für sich allein in Beschlag genommen zu haben schien. Es ist ja gewiß etwas Herrliches, bei Familien Zuneigung und Liebe zu erblicken, aber man muß nichts übertreiben. Nathaniel Pipkin konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß Maria Lobbs eine ganz besondere Zärtlichkeit für ihre Verwandten hegen müsse, wenn sie ihnen allen so viele Aufmerksamkeit schenke, wie diesem Vetter. Nach dem Tee, als die gottlose kleine Base das Blindekuhspiel vorschlug, geschah es auf die eine oder andere Art, daß Nathaniel Pipkin fast immer der Blinde war, und wenn er einmal den Vetter anrührte, so mußte er gewiß auch bemerken, daß Maria Lobbs ganz in der Nähe war. Und obgleich die gottlose kleine Muhme und die andern Mädchen ihn zwickten, bei den Haaren zupften, ihm Stühle in den Weg stellten und manche Possen spielten, so schien doch Maria Lobbs niemals ihm nahe zu kommen, und einmal – einmal hätte Nathaniel Pipkin darauf schwören können, er vernehme den Schall eines Kusses, gefolgt von einem leisen Schmälen der Maria Lobbs und einem halb unterdrückten Kichern ihrer Freundinnen. Alles das war sonderbar – sehr sonderbar, und man kann nicht sagen, was Nathaniel Pipkin deswegen getan oder nicht getan haben würde, wenn seine Gedanken nicht plötzlich in einen neuen Kanal abgeleitet worden wären.

Was seinen Gedanken die neue Richtung gab, war ein neues Klopfen an der Haustür, und die Person, die so laut an der Haustür klopfte, war niemand anders, als der alte Lobbs selbst, der unerwartet zurückgekehrt war, und trotz einem Küper darauf loshämmerte, denn es verlangte ihn nach dem Abendessen. Diese schreckliche Kunde war nicht sobald von dem knöchernen Lehrjungen mit den dünnen Beinen überbracht worden, als die Mädchen schnell die Treppe hinauf in Maria Lobbs Schlafzimmer huschten. Der Vetter aber und Nathaniel Pipkin wurden in Ermangelung besserer Schlupfwinkel in ein paar Wandschränke gesteckt. Nachdem Maria Lobbs und die gottlose kleine Base alles auf die Seite geschafft und im Zimmer aufgeräumt hatten, öffneten sie die Haustür dem alten Lobbs, der andauernd gehämmert hatte.

Unglücklicherweise war der alte Lobbs wie gewöhnlich, wenn er großen Hunger verspürte, abscheulich schlechter Laune. Nathaniel Pipkin konnte ihn deutlich knurren hören, wie einen alten Hofhund mit heiserer Kehle, und so oft der unglückliche Lehrjunqe mit den dünnen Beinen ins Zimmer kam, so begann der alte Lobbs ganz türkisch zu fluchen und zu donnern; dabei natürlich aus keinem andern Grunde, als um seine Brust von der Last überflüssiger Flüche zu befreien. Endlich wurde das Abendessen, das man aufgewärmt hatte, auf den Tisch gestellt, und nun griff der alte Lobbs wie ein hungriger Wolf zu: nachdem er sodann in möglichster Bälde aufgeräumt hatte, küßte er die Tochter und verlangte seine Pfeife.

Die Natur hatte Nathaniel Pipkins Knie nicht sehr nahe zusammengestellt: als er aber den alten Lobbs nach seiner Pfeife verlangen hörte, da schlugen sie gegeneinander, als ob sie sich zu Pulver reiben wollten, denn in dem nämlichen Schrank, in dem er sich befand, hing an ein paar Nägeln die Pfeife mit dem großen, silberbeschlagenen, braungerauchten Kopfe, die er seit den letzten fünf Jahren regelmäßig jeden Nachmittag und Abend im Munde des alten Lobbs gesehen hatte. Die beiden Mädchen sprangen dieser Pfeife wegen treppauf und treppab. Sie suchten nach ihr überall, nur nicht da, wo sie, wie ihnen sehr wohl bewußt, zu finden war. Der alte Lobbs aber tobte inzwischen ganz schrecklich. Endlich fiel ihm der Schrank ein, und er ging auf ihn zu. Ein kleiner Mann, wie Nathaniel Pipkin, konnte nicht mit Erfolg die Tür innen festhalten, wenn ein großer, starker Mann, wie der alte Lobbs, sie nach außen riß. Der alte Lobbs tat nur einen Ruck: sie flog auf und enthüllte Nathaniel Pipkin, der aufrecht darin stand und vom Kopf bis zu den Füßen zitterte. Lieber Himmel, mit welchem schrecklichen Blick der alte Lobbs ihn ansah, ihn beim Kragen herausriß und auf Armlänge vor sich hinhielt!

»Wie zum Teufel kommt Ihr da hinein?« schrie der alte Lobbs mit furchtbarer Stimme.

Da Nathaniel Pipkin keine Antwort zu geben vermochte, so schüttelte ihn der alte Lobbs zwei oder drei Minuten lang hin und her, um ihm seine Gedanken in Ordnung zu bringen.

»Was macht Ihr hier?« brüllte Lobbs von neuem; »ich glaube beinahe, Ihr seid meiner Tochter wegen gekommen?«

Der alte Lobbs sagte dies nur zum Hohn, denn er glaubte nicht, daß menschliche Frechheit so weit gehen könnte, um Nathaniel Pipkin zu einem solchen Schritte zu verführen. Wie groß war sein Zorn, als das arme Männlein erwiderte:

»Ja, Herr Lobbs, das bin ich – ich bin Ihrer Tochter wegen gekommen. Ich liebe sie, Herr Lobbs.«

»Wie, Ihr triefnäsiger, schiefmäuliger, kleiner Knirps!« keuchte der alte Lobbs, bei diesem verwegenen Geständnis wie vom Donner gerührt. »Was soll das bedeuten? Ihr könnt mir so etwas ins Gesicht sagen? Hol‘ mich der Teufel, wenn ich Euch nicht den Hals umdrehe.«

Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß der alte Lobbs in seiner grenzenlosen Wut diese Drohung ausgeführt hätte, wäre sein Arm nicht durch eine neue höchst unerwartete Erscheinung gelähmt worden, nämlich durch den Vetter, der aus seinem Schrank hervortrat, auf den alten Lobbs zuging und sagte:

»Ich kann nicht zugeben, Sir, daß dieser harmlose Mensch, den die Mädchen zum Spaß eingeladen haben, so edelmütig das Verbrechen (wenn es nämlich ein Verbrechen ist) auf sich nimmt, dessen ich selbst schuldig bin und das ich jetzt bekennen will. Ich liebe Eure Tochter, Sir, und ich bin hierher gekommen, um sie zu sehen.«

Der alte Lobbs riß seine Augen weit auf, aber nicht weiter, als Nathaniel Pipkin.

»Du?« fragte Lobbs, als er endlich wieder zu Atem gekommen war.

»Ja, ich.«

»Aber ich habe dir doch schon lange mein Haus verboten.«

»Allerdings, sonst würde ich nicht verstohlen bei Nacht gekommen sein.«

Es tut mir leid, von dem alten Lobbs sagen zu müssen, daß er den Vetter wahrscheinlich zu Boden geschlagen hätte, wäre nicht seine hübsche Tochter mit ihren glänzenden, in Tränen schwimmenden Augen fest an seinem Arme gehangen.

»Wehre ihm nicht, Marie«, sagte der junge Mann; »wenn er mich schlagen will, so laß ihn. Ich möchte um alle Reichtümer der Welt kein Haar seines grauen Alters verletzen.«

Bei diesem Vorwurf senkte der Alte die Augen und sie begegneten denen seiner Tochter.

Ich habe bereits ein- oder zweimal gesagt, daß es sehr glänzende Augen waren, und obgleich sie jetzt voll Tränen standen, so wurde doch ihre Macht dadurch keineswegs geschwächt. Der alte Lobbs blickte weg, als wolle er verhüten, sich von ihr überreden zu lassen. Aber der Zufall fügte es, daß seine Blicke dem Gesicht der gottlosen kleinen Base begegneten, die halb für ihren Bruder zitternd, halb über Nathaniel Pipkin lachend, so schelmisch und bezaubernd aussah, daß kein Mann, weder alt noch jung, sie ungestraft anschauen konnte. Sie schob schmeichelnd ihren Arm in den des Alten, flüsterte ihm etwas ins Ohr, und der alte Lobbs mochte machen, was er wollte, er mußte lächeln, während ihm zu gleicher Zeit eine Träne die Wange hinabrollte.

Nach fünf Minuten wurden auch die Mädchen aus dem Schlafzimmer herabgeholt und erschienen mit mädchenhaftem Gekicher. Während nun das junge Volk wieder ganz lustig wurde, nahm der alte Lobbs die Pfeife, zündete sie an und, komisch – daß gerade diese Pfeife Tabak die lieblichste und angenehmste war, die er jemals geraucht hatte.

Nathaniel Pipkins hielt es fürs beste, sein Geheimnis für sich zu behalten, und stieg dadurch bei dem alten Lobbs, der ihn mit der Zeit das Rauchen lehrte, zu hoher Gunst empor. So saßen sie denn noch manches Jährlein an schönen Abenden draußen im Garten und schmauchten und tranken mit vielem Behagen. Nathaniel Pipkin erholte sich bald von den Wirkungen seiner Liebe, denn wir finden im Kirchenbuche seinen Namen als Zeugen bei der Hochzeit der Maria Lobbs mit ihrem Vetter. Auch geht aus anderen Urkunden hervor, daß er in der Hochzeitnacht in das Gefängnis des Dorfes gesperrt wurde, weil er in einem Zustand gänzlicher Trunkenheit allerlei Exzesse auf den Straßen begangen, wobei der knöcherne Lehrling mit den dünnen Beinen ihm treulich Beistand geleistet hatte.

Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

Die Pickwickier.

Den ersten Lichtstrahl, der die Nacht erhellt und das Dunkel, in das die frühere Geschichte der öffentlichen Laufbahn des unsterblichen Pickwick eingehüllt scheint, in blendenden Glanz verwandelt, erhalten wir durch einen Blick in den nachstehenden Auszug aus den Verhandlungen des Pickwick-Klubs, den der Herausgeber dieser Papiere mit Vergnügen seinen Lesern zum offenkundigen Beweise vorlegt, mit welcher gewissenhaften Sorgfalt, unermüdlichen Beharrlichkeit und feinen Unterscheidungsgabe er die ihm anvertrauten zahlreichen und verschiedenartigen Dokumente durchforschte.

Mai 12, 1817. Unter Joseph Smiggers Esq.B.V.P. – P.K.M. Beständiger Vize-Präsident. – Pickwick-Klub-Mitglied. Die Abkürzung Esq. bedeutet »Esquire«, was heute soviel besagt wie »Wohlgeboren«. Ursprünglich heißt Esquire »Schildträger«, »Knappe« und bezeichnete ritterlichen Rang, später Standespersonen überhaupt. Präsidium wurden folgende Entschließungen einstimmig angenommen:

»Daß die Gesellschaft mit den Gefühlen der vollkommensten Zufriedenheit und unbedingter Beistimmung die durch Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M. Präsident. – Pickwick-Klub-Mitglied., mitgeteilten, spekulativen Untersuchungen über die Quelle der Fischteiche von Hampstead Hampstead, Vorort Londons mit malerischem, viel besuchten Hyde-Park, 7 Kilometer vom Zentrum. nebst einigen Bemerkungen über die Theorie des Froschsprungs vorlesen hörte und dem besagten Samuel Pickwick, Esq.P.P.K.M., ihren wärmsten Dank dafür abstattet.«

»Doß die Gesellschaft innigst von den Vorteilen überzeugt ist, die der Wissenschaft aus obengenanntem Werk, sowie überhaupt aus den unermüdlichen Forschungen des Samuel Pickwick, Esq. P.P.K.M., in Hornsey, Highgate Einst selbständige Ortschaften, heute längst Vororte von London, nördlich der Themse., Brixton und Camberwell Zwei Stadtteile Londons, südlich der Themse. erwachsen müssen; und daß sie daher den unschätzbaren Gewinn nicht verkennen kann, der sich für die Fortschritte und Verbreitung des Wissens unausbleiblich ergeben muß, wenn dieser gelehrte Mann seine Spekulationen auf ein weiteres Feld ausdehnt, größere Reisen unternimmt und dadurch die Sphäre seiner Beobachtungen erweitert.«

»Daß die Gesellschaft in der obgedachten Absicht einen Vorschlag in ernste Erwägung gezogen, der von vorbesagtem Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M., und drei andern sogleich namhaft zu machenden Pickwickiern ausgegangen, um eine neue Abteilung der vereinten Pickwickier unter der Benennung der › korrespondierenden Gesellschaft‹ des Pickwick-Klubs zu bilden.«

»Daß der besagte Vorschlag die Billigung und Genehmigung der Gesellschaft erhalten habe.«

»Daß daher die korrespondierende Gesellschaft des Pickwick-Klubs hiermit konstituiert ist, und daß Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M., Tracy Tupman, Esq. P. K. M., Augustus Snodgraß, Esq. P. K. M., und Nathaniel Winkle, Esq. P. K. M., hierdurch zu Mitgliedern derselben ernannt und ersucht worden sind, von Zeit zu Zeit persönliche Berichte über ihre Reisen und Untersuchungen, Beobachtungen der Charaktere und Gebräuche, und alle ihre Abenteuer nebst den dazugehörigen Papieren und Dokumenten, zu denen Lokalszenen oder Ideenverbindungen Veranlassung geben könnten, an den in London residierenden Pickwick-Klub einzusenden.«

»Daß die Gesellschaft von ganzem Herzen den Grundsatz anerkennt, nach dem jedes Mitglied der korrespondierenden Abteilung seine Reisekosten selbst tragen soll, und daß sie nicht das geringste dagegen einzuwenden hat, wenn die Mitglieder der besagten Sektion in Voraussetzung der obigen Bedingung ihre Reisen und Untersuchungen solange fortsetzen, wie es ihnen beliebt.«

»Daß endlich die Mitglieder der vorbesagten korrespondierenden Gesellschaft hierdurch in Kenntnis gesetzt worden, wie der Klub ihren Vorschlag, das Porto für die von ihnen eingehenden Briefe und Pakete ihrerseits tragen zu wollen, in Erwägung gezogen und denselben der großen Geister, von denen er ausging, für völlig würdig gefunden, weshalb er sich hiermit vollkommen einverstanden erklärt.«

Ein zufälliger Beobachter, fügt der Sekretär hinzu, dessen Aufzeichnungen wir den hier folgenden Bericht verdanken, würde vielleicht nichts Außerordentliches an dem Kahlkopf und der großgläserigen Brille gefunden haben, die während der Ablesung obiger Entschließungen unverwandt auf sein (des Sekretärs) Gesicht gerichtet waren. Für solche aber, die wußten, daß unter dieser Glatze Pickwicks gigantisches Gehirn arbeitete, und daß die strahlenden Augen Pickwicks unter jenen Gläsern funkelten, hatte der Anblick in der Tat ein hohes Interesse. Da saß er, der Mann, der die Teiche von Hampstead bis zu ihren Quellen erforscht und durch seine Theorie des Froschsprungs die ganze gelehrte Welt in Alarm gesetzt hatte, so ruhig und unbeweglich wie die tiefen Wasser der ersteren an einem kalten Wintertage, oder wie ein einsames Exemplar der letzteren in dem geheimsten Winkel eines irdenen Krugs. Und um wieviel interessanter wurde das Schauspiel, als auf den einstimmigen Ruf » Pickwick!« der ausgezeichnete Mann langsam den stark gebauten Holzstuhl, auf dem er gesessen, bestieg und voll Feuer und Leben den von ihm selbst gegründeten Klub anredete! Welch eine Studie für einen Künstler bot diese Szene dar!

Der beredte Pickwick – da steht er, die eine Hand mit Grazie hinter seinem Rockschoß verbergend, während die andere die Lüfte zerteilt, um seine glühende Ansprache zu unterstützen: seine erhabene Stellung macht seine enganschließenden Unaussprechlichen und Gamaschen bemerkbar, die an einem Mann von gewöhnlichem Schlag vielleicht gar nicht aufgefallen wären, so aber, da sie einen Pickwick bekleideten, wenn wir uns des Ausdrucks bedienen dürfen, eine unwillkürliche Achtung und Ehrfurcht einflößen; da steht er: umringt von den Männern, die sich freiwillig entschlossen haben, die Gefahren seiner Reisen und den Ruhm seiner Entdeckungen mit ihm zu teilen.

Zu seiner Rechten sitzt Mr. Tracy Tupman, der nur zu empfängliche Tupman, der mit der Weisheit und Erfahrung reiferer Jahre die Begeisterung und Glut des Jünglings in der anziehendsten und verzeihlichsten aller menschlichen Schwächen – der Liebe – vereinigt. Die Jahre und das Wohlleben haben seiner einst romantischen Gestalt eine weitere Ausdehnung gegeben; die schwarzseidene Weste hat sich immer mehr hervorgrdrängt! Zoll für Zoll ist die goldene Uhrkette vor Tupmans Horizont entrückt worden, und gradweise ist das volle Kinn über die Grenzen der weißen Krawatte hinausgequollen! aber Tupmans Inneres hat keine Veränderung erlitten – Bewunderung des schönen Geschlechts ist immer noch seine Hauptleidenschaft.

Zur Linken seines großen Meisters sitzt der poetische Snodgraß, und neben ihm Herr Winkle, der Freund der Wälder und Jagden, der eine poetisch in einen geheimnisvoll blauen Mantel mit einem Kragen von Kaninchenfell eingehüllt, während der andere mit einem neuen grünen Jagdkleid, einem schottischen Halstuch und dicht anschließenden Tuchbeinkleidern den Glanz noch erhöht.

Herrn Pickwicks Rede bei dieser Gelegenheit, sowie die darauffolgenden Debatten sind in dir Verhandlungen des Klubs eingetragen. Beide haben mit den Debatten anderer berühmter Körperschaften große Ähnlichkeit, und da es immer interessant ist, der Verwandtschaft zwischen den Äußerungen großer Männer nachzuspüren, so teilen wir hier wenigstens den Eingang mit.

Herr Pickwick bemerkte (sagt der Sekretär), daß jedem Manne der Ruhm am Herzen liege. Der poetische Ruhm liege seinem Freunde Snodgraß am Herzen, der Ruhm der Eroberungen in gleichem Grade seinem Freunde Tupman, und das Verlangen, Ruhm einzuernten auf den Gebieten der Jagd, der Luft und des Wassers, entzünde vor allem die Brust seines Freundes Winkle. Er (Herr Pickwick) wolle nicht in Abrede ziehen, daß er durch menschliche Leidenschaften und Gefühle bewegt werde (Beifall) – vielleicht menschliche Schwächen habe – (lauter Ausruf »Nein! nein!«); aber soviel glaube er sagen zu dürfen, daß, wenn sich je das Feuer der Selbstsucht in seinem Busen entzünde, dieses augenblicklich wieder durch den Wunsch gedämpft werde, vor allem der Menschheit zu dienen, deren Wohl der Fittig sei, auf dem sich sein Geist emporschwinge, sowie er die Philanthropie als sein Lebensprinzip betrachte. (Stürmischer Beifall.) Er wolle es offen gestehen und gebe das Geständnis seinen Feinden preis, er habe einigen Stolz gefühlt, als er der Welt seine Theorie des Froschsprungs mitteilte; man möge das Verdienst derselben nun anerkennen oder nicht. (Ein Ausruf »Es geschieht!« und lauter Beifall.) Er wolle der Versicherung eines ehrenwerten Pickwickiers, dessen Stimme er soeben vernommen, Glauben schenken. Aber wenn sich auch der Ruhm jener Abhandlung bis zu der äußersten Grenze der Welt verbreitete, so würde doch der Stolz, womit er auf die Autorschaft dieses Erzeugnisse« blicke, nicht mit dem Stolze zu vergleichen sein, mit dem er in diesem, dem stolzesten Augenblicke seines Daseins, um sich her schaue. (Beifall.) Er sei nur ein geringes Individuum! (»Nein! nein!«) könne jedoch nicht umhin, zu fühlen, daß man ihn zu einer mit großer Ehre und einiger Gefahr verknüpften Bestimmung auserkoren habe. Das Reisen sei jetzt eine mißliche Sache; die Straßen wären in einem beunruhigten, und die Gemüter der Kutscher in einem keineswegs befestigten Zustande! die ehrenwerten Mitglieder möchten die Blicke richten, wohin sie wollten, und die Szenen berücksichtigen, die sich ringsumher ereigneten. Überall würden Wagen umgeworfen, gingen Pferde durch, schlügen Boote um, und platzten Dampfkessel. (Beifall – eine Stimme: »Nein!«) Nein? Möge doch der ehrenwerte Pickwickier, der so laut »Nein!« rief, vortreten und es leugnen, wenn er kann! (Beifall.) Wer war es, der »Nein!« rief? (Enthusiastischer Beifall.) – War es etwa ein eitler und unzufriedener Mann – um nicht zu sagen ein rechthaberischer Schulfuchs – (lauter Beifall), der eifersüchtig auf das vielleicht unverdienterweise seinen ( Pickwicks) Untersuchungen zuteil gewordene Lob, und ärgerlich über das Fehlschlagen seiner eigenen schwachen Versuche, mit ihm ( Pickwick) zu wetteifern, jetzt auf diese niedrige und gehässige Art – –

Hier erhob sich Herr Blotton (von Aldgate), um zur Ordnung zu rufen. Spielte der ehrenwerte Pickwickier damit auf ihn an? (Man ruft: »Zur Ordnung!–Ja!– Nein!– Weiter! – Nicht weiter!« usw.)

Herr Pickwick erklärte, er werde sich durch Geschrei nimmermehr zum Schweigen bringen lassen. Er habe allerdings den ehrenwerten Herrn gemeint. (Große Aufregung.)

Herr Blotton sagte, er weise die falsche und lächerliche Anklage des ehrenwerten Herrn mit tiefer Verachtung zurück. (Große Bewegung.) Der ehrenwerte Herr sei ein Aufschneider. (Ungeheure Verwirrung und lautes Rufen: »Zur Ordnung! zur Ordnung!«)

Herr Augustus Snodgraß eilte nach dem Prajidentenstuhl. Er wünschte zu wissen, (hört!) ob man es zugeben wolle, daß dieser schimpfliche Streit zwischen zwei Mitgliedern des Klubs fortgesetzt werde. (Hört! hört!)

Der Präsident war fest überzeugt, daß der ehrenwerte Pickwickier den Ausdruck zurücknehmen werde, dessen er sich soeben bedient habe.

Herr Blotton erklärte, mit aller Achtung vor dem Präsidenten, daß er dies nicht tun werde.

Der Präsident erkannte es für gebieterische Pflicht, den ehrenwerten Herrn zu fragen, ob er sich des ihm entschlüpften Ausdrucks im gewöhnlichen Sinne bedient habe.

Herr Blotton nahm keinen Anstand, die Frage zu verneinen. Er habe das Wort im Pickwickischen Sinne gebraucht. (Hört! hört!) Er fühle sich verpflichtet, zu erklären, daß er persönlich die größte Hochachtung vor dem ehrenwerten Herrn hege, und er habe ihn nur aus dem Pickwickischen Gesichtswinkel für einen Aufschneider angesehen. (Hört! hört!)

Herr Pickwick fühlte sich durch die offene, aufrichtige und genügende Erklärung seines ehrenwerten Freundes vollkommen zufriedengestellt, und fügte zugleich hinzu, daß auch seine eigenen Bemerkungen bloß im Pickwickischen Sinne zu verstehen gewesen wären. (Beifall.)

Hier schließt der Eingang, und wir zweifeln nicht, daß damit wohl auch die Debatte zu Ende war, nachdem sie zu einem so befriedigenden Resultate geführt hatte. Es liegen uns zwar keine offiziellen Berichte von den Tatsachen vor, die der Leser in dem folgenden Kapitel finden wird, aber sie wurden sorgfältig aus Briefen und andern so unzweifelhaft echten handschriftlichen Dokumenten geschöpft, daß die zusammenhängende Darstellung derselben dadurch gerechtfertigt wird.

 

Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Worin mit wenigen Worten zwei Momente dargetan werden: erstens, die Macht der Krämpfe, und zweitens, die Gewalt der Umstände.

Zwei Tage nach dem Frühstück bei Madame Hunter blieben die Pickwickier noch in Eatanswill und harrten ängstlich auf die Nachrichten von ihrem verehrten Meister. Herr Tupman und Herr Snodgraß waren wieder lediglich auf ihre eigenen geselligen Talente angewiesen; denn Herr Winkle wohnte auf die dringendsten Einladungen hin dauernd in Potts Hause, allwo er seine ganze Zeit der liebenswürdigen Gattin Potts widmete. Bisweilen vermehrte Herr Pott selbst die Gesellschaft, um das Glück der beiden vollständig zu machen. Tief in seine großartigen Pläne für die öffentliche Wohlfahrt und die Unterdrückung des Unabhängigen versunken, pflegte sich dieser große Mann von seinem hohen geistigen Standpunkt nicht in die niedrige Sphäre gewöhnlicher Geister herabzulassen. Bei dieser Gelegenheit aber und offenbar, um einen Pickwickier dadurch zu ehren, stieg er von seinem Thronsockel herab, um auf der ebenen Erde zu wandeln, wobei er gütig seine Bemerkungen dem Verständnisse der großen Menge anpaßte, und wenn auch nicht dem Geiste nach, doch wenigstens äußerlich ihr anzugehören schien.

Bei diesem Benehmen des berühmten Publizisten gegen Herrn Winkle kann man sich leicht denken, daß gewaltige Überraschung auf dem Gesichte dieses Herrn zu lesen war, als eines Morgens, während er allein frühstückte, Herr Pott hastig die Tür aufriß und ebenso hastig wieder zuschlug. Dann schritt er majestätisch auf ihn zu, stieß seine dargebotene Hand zurück, knirschte mit den Zähnen, als ob er dadurch seinen Worten noch größere Schärfe geben wollte, und donnerte ihm mit ingrimmiger Stimme zu:

»Schlange!«

»Sir!« rief Herr Winkle, von seinem Stuhle aufspringend.

»Schlange, Sir«, wiederholte Herr Pott, indem er seine Stimme erhob und sie dann plötzlich wieder dämpfte: »ich sagte Schlange, Sir – nehmen Sie den Ausdruck in seiner schärfsten Bedeutung.«

»Wenn du bis morgens um zwei Uhr in der vertrautesten Kameradschaft mit einem Manne zusammen saßest, und er kommt um halb zehn Uhr mit der ernsten Begrüßung: ›Schlange!‹ zu dir, so kannst du mit Fug und Recht schließen, daß sich in der Zwischenzeit irgend etwas Unangenehmes zugetragen hat.«

So dachte auch Herr Winkle. Er erwiderte Herrn Potts eherne Blicke und nahm auf Verlangen dieses Herrn die »Schlange« so stark er konnte. Er wußte sich aber die Sache so wenig zu erklären, und antwortete nach einem tiefen Stillschweigen von einigen Minuten:

»Schlange, Sir? Schlange, Herr Pott? Was meinen Sie damit, Sir? – Sie belieben zu scherzen.«

»Scherzen, Sir?« rief Pott mit einer Bewegung der Hand, die ein starkes Verlangen verriet, seinem Gaste den Teetopf aus britischem Metall an den Kopf zu schleudern. »Jawohl – Scherzen! Doch nein, ich will ruhig sein: ich will ruhig sein, Sir«; setzte Herr Pott hinzu, und warf sich zum Beweis seiner Ruhe mit schäumendem Munde in einen Stuhl.

»Mein lieber Herr!« versetzte Herr Winkle.

»Mein lieber Herr?« erwiderte Herr Pott. »Wie können Sie sich unterstehen, Sir, lieber Herr zu mir zu sagen? Wie können Sie es wagen, mir ins Gesicht zu sehen und so zu sagen?«

»Schon gut, mein Herr«, antwortete Winkle; »wenn es aber so gemeint ist, wie können Sie es wagen, mir ins Gesicht zu sehen und mich eine Schlange zu nennen, Sir?«

»Weil Sie eine sind«, erwiderte Herr Pott.

»Beweisen Sie es, Sir«, sagte Herr Winkle aufgebracht. »Beweisen Sie es.«

Grimme Wut spiegelte sich auf dem tiefsinnigen Gesichte des Redakteurs, als er den Unabhängigen von diesem Morgen aus der Tasche zog. Er legte den Finger auf einen bestimmten Artikel und warf das Blatt Herrn Winkle über den Tisch zu.

Herr Winkle nahm es und las wie folgt:

»Unser obskurer und schmutzig gesinnter Kollege hat die Frechheit gehabt, in einigen Ekel erregenden Bemerkungen über die letzte Wahl für diesen Flecken die unantastbare Heiligkeit des Privatlebens zu verletzen und auf eine Art, die nicht mißverstanden werden kann, die persönlichen Angelegenheiten unseres letzten Kandidaten, Herrn Fizkins, zu begeifern, der übrigens trotz seiner unverdienten Niederlage, wie wir mit Sicherheit hinzusetzen, das nächste Mal den Sieg davontragen wird. Was beabsichtigte unser erbärmlicher, feiger Kollege damit? Was würde der Schurke sagen, wenn wir, gleich ihm, alle dem Publikum schuldigen Rücksichten des Anstandes beiseite setzen und den Schleier lüften wollten, der glücklicherweise sein Privatleben vor dem allgemeinen Gelächter, um nicht zu sagen, vor dem allgemeinen Abscheu, noch schützt? Was würde er sagen, wenn wir Tatsachen und Umstände bezeugen und erklären wollten, die notorisch genug sind und von jedermann gesehen werden, nur nicht von unserem maulwurfsäugigen Kollega? Was würde er sagen, wenn wir nachfolgendes Gedichtchen drucken lassen wollten, das uns ein talentvoller Mitbürger und Korrespondent zugeschickt hat, als wir eben die ersten Worte dieses Artikels niederschrieben:

»Auf einen messingenen Pott.«

«Pott! hättest damals du gewußt,
Wie falsch das Weib an deiner Brust,
Vergangen wäre dir der Dünkel.
Du hättest sie (und wie so gern)
Gelassen jenem süßern Herrn,
Den sie jetzt küßt und drückt, dem W…«

»Was«, sagte Herr Pott feierlich, »was reimt sich auf Dünkel, mein feiner Herr?«

»Was sich auf Dünkel reimt?« erwiderte Madame Pott, die in diesem Augenblick eintrat und dem Befragten zuvorkam. »Was sich auf Dünkel reimt? Nun, ich dächte Winkle.«

So sprechend, lächelte Madame Pott den verblüfften Pickwickier süß an und streckte ihm die Hand entgegen. Der aufgeregte junge Mann wollte sie in seiner Verwirrung ergreifen, als Herr Pott zornig zwischen ihn und seine Frau trat.

»Zurück, Madame, zurück«, rief der Zeitungsschreiber. »Willst du ihm vor meinen eigenen Augen die Hand geben?«

»Herr Pott!« sagte seine Gattin erstaunt.

»Elende«, donnerte der Mann, »da sieh her. Hier Madame – ein Gedichtchen auf einen messingenen Pott. Ein messingener Pott, das bin ich, Madame. Das falsche Weib, Madame, das sind Sie.«

Voller Wut, während über das Gesicht seiner Frau etwas wie Zittern glitt, warf ihr Herr Pott die Tagesnummer des Eatanswiller Unabhängigen zu Füßen.

»Auf mein Wort, Sir«, sagte die erstaunte Madame Pott, indem sie das Blatt aufhob. »Auf mein Wort, Sir –«

Herr Pott krümmte sich unter den verachtungsvollen Blicken seiner Gemahlin. Er hatte einen verzweifelten Versuch gemacht, seinen Mut ein bißchen in die Höhe zu schrauben, aber vergebens.

In den unschuldigen Worten: »auf mein Wort, Sir«, scheint an und für sich nichts Schreckliches zu liegen, wenn man sie liest. Aber der Ton, in dem sie ausgesprochen, und der Blick, von dem sie begleitet wurden, schienen ein Unwetter zu verkünden, das sich über Potts Haupt zusammengezogen, und brachten ihre volle Wirkung hervor. Auch der ungeschickteste Beobachter hätte in seiner besorgten Miene die Bereitwilligkeit lesen können, seine Wellingtons-Stiefel jedem geeigneten Gehilfen abzutreten, der in diesem Augenblick Lust dazu verraten hätte.

Mrs. Pott las den Artikel, stieß einen lauten Schrei aus, warf sich ihrer ganzen Länge nach auf den Fußboden vor dem Kamin nieder, schrie dabei und stampfte dermaßen mit den Absätzen ihrer Schuhe, daß über den augenblicklichen Zustand ihrer Gefühle kein Zweifel obwalten konnte.

»Meine Teure«, sagte der erschreckte Pott, – »ich sagte ja nicht, daß ich glaube – ich – –«

Aber die Stimme des unglücklichen Mannes wurde von dem Geschrei seiner Ehehälfte übertäubt.

»Meine liebe Madame Pott, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich«, sagte Herr Winkle: aber das Geschrei und Gestampfe wurde immer lauter und heftiger.

»Meine Teure«, begann Herr Pott von neuem, »es tut mir äußerst leid. Wenn du keine Rücksicht auf deine Gesundheit nehmen willst, so nimm doch Rücksicht auf mich, meine Teure. Wir werden bald einen Auflauf vor dem Hause haben.«

Aber je inständiger Herr Pott bat, um so gellender und kreischender wurde das Geschrei seiner Gemahlin.

Zum Glück befand sich eine Madame Pott sehr ergebene Leibwache im Hause: eine junge Dame, deren wichtiges Amt die Aufsicht über die Toilette ihrer Gebieterin war. Außerdem machte sie sich durch allerlei andere Dienste, hauptsächlich aber dadurch nützlich, daß sie ihr bei all ihren Wünschen und Neigungen, die denen des unglücklichen Potts zuwiderliefen, jeden erdenklichen Vorschub leistete. Das Geschrei drang natürlich zu den Ohren der jungen Dame und führte sie mit einer Eilfertigkeit in das Zimmer, die das ausgesuchte Arrangement ihrer Haube und Locken wesentlich zu verwirren drohte.

»O meine teuerste Gebieterin«, rief die Leibwache, indem sie sich wie wahnsinnig neben der zu Boden liegenden Madame Pott auf die Knie warf; »o meine teuerste Gebieterin, was ist hier vorgefallen?«

»Dein Herr – dieses Ungeheuer«, murmelte die Patientin.

Pott war sichtlich bereits auf dem Wege, nachzugeben.

»Es ist Spott und Schande«, sagte die Leibwache in vorwurfsvollem Tone. »Ja, er wird Sie noch zu Tode quälen, Madame. – O Sie arme, liebe Frau.«

Pott wurde immer weicher. Die Gegenpartei fuhr in ihren Angriffen fort.

»O, verlaß mich nicht – verlaß mich nicht, Goodwin«, murmelte Madame Pott, krampfhaft die Handgelenke besagter Goodwin umfassend. »Du bist das einzige Geschöpf auf der Welt, das es gut mit mir meint.«

Bei dieser liebevollen Ansprache spielte die Goodwin auf eigene Rechnung ein bißchen Haustragödie und vergoß einen Strom von Tränen.

»Niemals, Madame – niemals«, entgegnete Goodwin. »O Sir, Sie sollten sich mehr in acht nehmen – ja, wahrhaftig, das sollten Sie! Sie wissen nicht, wie sehr es Madame schaden kann; aber Sie werden es schon einmal bereuen – ich habe es immer gesagt.«

Der unglückliche Pott betrachtete angstvoll die Szene, sagte aber nichts.

»Goodwin«, sagte Madame Pott mit sanfter Stimme.

»Madame«, erwiderte Goodwin.

»O, wenn du wüßtest, wie ich diesen Mann geliebt habe – –«

»Verbannen Sie diese trüben Erinnerungen, Madame«, sagte die Leibgardistin.

Pott schnitt ein jammervoll ängstliches Gesicht. Es war Zeit zu einem Hauptangriff.

»Und jetzt«, schluchzte Madame Pott, – »jetzt muß ich mich so behandeln lassen, muß mir in Gegenwart eines Dritten, der so gut wie ein Fremder ist, Vorwürfe machen und mich ausschelten lassen. Aber, Goodwin, ich dulde es nicht länger«, fuhr Madame Pott fort, indem sie sich in den Armen ihrer Wärterin aufrichtete. »Mein Bruder, der Leutnant, soll auch ein Wort dazu sagen. Ich will mich scheiden lassen, Goodwin.«

»Es würde ihm jedenfalls recht geschehen«, sagte Goodwin.

Was für Gedanken die Bedrohung mit einer Scheidung in Herrn Potts Brust auch erregt haben mag, er unterließ es, ihnen Worte zu geben, und begnügte sich mit der de- und wehmütigen Anfrage:

»Willst du mich anhören, meine Teure?«

Irenes Schluchzen war die einzige Antwort. Die Krämpfe stellten sich immer heftiger ein. Madame Pott verlangte zu wissen, warum sie eigentlich geboren sei und stellte eine Menge Fragen dieser oder ähnlicher Art.

»Meine Teure«, sagte Herr Pott in möglichst überzeugendem Tone, »gib doch solchen peinigenden Empfindungen keinen Raum. Ich habe keinen Augenblick geglaubt, daß der Artikel auch nur die mindeste Begründung haben könnte. Nein, meine Teure, das wäre ja rein unmöglich. Es ärgerte mich nur, meine Liebe – ja ich darf wohl sagen, es machte mich wütend, daß das Unabhängigenpack sich erfrechen konnte, so etwas einrücken zu lassen – das ist ja alles.«

Und Herr Pott warf einen flehenden Blick auf die unschuldige Ursache des ganzen Unheils, als wolle er ihn bitten, ja nichts von der Schlange zu sagen.

»Und was für Maßregeln, mein Herr, gedenken Sie zu ergreifen, um Genugtuung zu erhalten?« fragte Herr Winkle, dessen Mut in eben dem Maße zunahm, als er Pott den seinigen verlieren sah.

»Ach, Goodwin«, ächzte Madame Pott, »will er vielleicht den Redakteur des Unabhängigen durchpeitschen? Will er das, Goodwin?«

»Still, still, Madame: bitte, seien Sie doch ruhig«, versetzte die Leibwache. »Ich glaube, daß er es tun will, wenn Sie es wünschen, Madame.«

»Allerdings«, sagte Pott, da sein Weib geneigt schien, die Krämpfe aufhören zu lassen. – »Es versteht sich von selbst, daß ich das tue.«

»Wann, Goodwin – wann?« sagte Mrs. Pott, noch unentschlossen wegen der Krämpfe.

»Auf der Stelle, das versteht sich«, erwiderte Herr Pott! »noch ehe sich der Tag neigt.

»Ach, Goodwin«, fing Madame Pott aufs neue an, »das ist das einzige Mittel, der Verleumdung zuvorzukommen und mich vor der Welt ins wahre Licht zu stellen.«

»Ganz gewiß, Madame«, erwiderte Goodwin. »Kein Mann, der wirklich ein Mann ist, könnte sich dessen weigern.«

Da die Krämpfe noch immer drohend im Hinterhalt lauerten, so versicherte also Herr Pott aufs neue, daß er es tun wolle. Aber Madame Pott war schon von dem bloßen Gedanken, daß ihre Ehre im mindesten in Zweifel gezogen wurde, dermaßen gekränkt, daß sie noch ein halb dutzendmal im Begriffe war, einen Rückfall zu bekommen. Und ohne Zweifel wäre das auch geschehen, hatte nicht die unverdrossene Goodwin durch unermüdliche Anstrengungen und der arme geschlagene Pott durch wiederholtes flehentliches Bitten um Verzeihung es verhindert. Endlich, als der unglückliche Mann wieder auf den ihm gebührenden Standpunkt heruntergeängstigt und heruntergeächzt war, erholte sich Madame Pott wieder, und die Gesellschaft ging zum Frühstück.

»Das niederträchtige Zeitungsgeträtsche wird Sie doch nicht veranlassen, Ihren Aufenthalt hier abzukürzen, Herr Winkle?« sagte Madame Pott, durch die Spuren ihrer Tränen hindurch lächelnd.

»Ich hoffe nicht«, fiel Herr Pott ein, in diesem Augenblick von dem inneren Wunsche durchdrungen, daß sein Gast an der gerösteten Brotschnitte, die er eben an seine Lippen führte, ersticken und dadurch seinem Aufenthalte auf immer ein Ende gemacht werden möchte! »Ich hoffe nicht.«

»Sie sind gar zu gütig«, sagte Herr Winkle, »aber ich habe heute früh, als ich noch in meinem Schlafzimmer war, einen Brief von Herrn Tupman erhalten, worin er mir meldet, es sei ein Schreiben von Herrn Pickwick eingetroffen, der uns bitte, noch heute zu ihm nach Bury zu kommen. Wir sind deshalb beide entschlossen, heute mittag abzureisen.«

»Sie werden aber doch wieder zurückkommen?« sagte Madame Pott.

»Ganz gewiß«, erwiderte Herr Winkle.

»Darf ich mich darauf verlassen?« fragte Madame Pott, ihrem Gast verstohlenerweise einen zärtlichen Blick zuwerfend.

»O, freilich«, antwortete Herr Winkle.

Das Frühstück wurde nun schweigend beendigt, denn jedes Mitglied der Gesellschaft brütete über seine eigenen persönlichen Angelegenheiten. Madame Pott bedauerte sehr, einen Verehrer zu verlieren. Ihr Ehegemahl ärgerte sich über sein unüberlegtes Versprechen, den Redakteur der Unabhängigen mit der Hetzpeitsche zu behandeln, und Herr Winkle bereute es, daß er sich in eine so widerwärtige Lage versetzt hatte. Der Mittag rückte heran, und nach manchem Lebewohl und vielfachen Versprechungen der Rückkehr riß er sich endlich los.

»Sobald er sich wieder zeigt, vergifte ich ihn«, schwur Herr Pott bei sich selbst, als er sich in seine Studierstube zurückzog, allwo er seine Donnerkeile schmiedete.

»Wenn ich je einmal wieder zurückkomme und mich aufs neue mit diesem Pack einlasse«, dachte Herr Winkle, als er seinen Weg nach dem Pfauen nahm, »so verdiene ich selbst eine Tracht Prügel – und damit Punktum.«

Seine Freunde waren bereit, die Kutsche und Pferde ebenfalls, und im Verlauf von einer halben Stunde befanden sie sich auf derselben Straße, auf der Herr Pickwick und Sam kürzlich ihre Reise gemacht hatten. Da wir jedoch über den Weg bereits gesprochen haben, so fühlen wir uns nicht berufen, Auszüge aus Herrn Snodgraß‘ schöner poetischen Beschreibung mitzuteilen.

Ehren-Sam stand an dem Tor des Engels, um sie zu empfangen, und führte sie in das Zimmer des Herrn Pickwick. Die Überraschung Winkles und Snodgraß‘ und die Verwirrung Tupmans waren nicht gering, als sie hier den alten Wardle und Trundle antrafen.

»Wie steht’s?« sagte der Alte, Herrn Tupmans Hand ergreifend. »Sehen Sie doch nicht so sentimental und empfindsam darein. Es läßt sich einmal nicht anders machen, alter Freund. Um ihretwillen hätte ich gewünscht, daß Sie sie bekommen hätten, aber in Ihrem Interesse freut es mich sehr, daß es anders gekommen ist. Ein junger Kerl, wie Sie, kann es heutzutage immer noch besser treffen – wie?«

Mit diesem Trost klopfte der alte Wardle Herrn Tupman auf die Schulter und lachte herzlich.

»Nun, und wie geht es denn Ihnen, meine verehrtesten Herren?« fuhr der alte Herr fort, Herrn Winkle und Herrn Snodgraß zu gleicher Zeit die Hände schüttelnd. »Ich habe soeben zu Pickwick gesagt, daß wir Sie über Weihnachten alle zu Gast haben müssen, es wird eine Hochzeit bei uns geben – und zwar diesmal eine Hochzeit im buchstäblichen Sinne des Wortes.«

»Eine Hochzeit?« rief Herr Snodgraß, blaß wie die Wand.

»Ja, eine Hochzeit. Erschrecken Sie nur nicht darüber«, sagte der muntere Alte: »es handelt sich nur um Trundle und Bella.«

»Ist das alles?« fragte Herr Snodgraß, erlöst von einem peinlichen Zweifel, der sich zentnerschwer auf seine Brust geworfen hatte. »Da gratuliere ich herzlich, Sir. Und was macht denn unser Joe?«

»O, der ist wohl«, erwiderte der alte Herr. »Noch immer sehr schläfrig.«

»Und Ihre Mutter, und der geistliche Herr und alle die andern?«

»Alles bei bestem Wohlsein.«

»Und wo«, – sagte Herr Tupman, sich anstrengend. »Wo ist – sie, Sir?«

Und er wandte den Kopf ab und bedeckte seine Augen mit der Hand.

» Sie?« sagte der alte Herr mit sachverständigem Kopfschüttcln. »Meinen Sie etwa meine ledige Verwandte – he?«

Herr Tupmann gab mit einem Wink zu erkennen, daß seine Frage sich auf die unglückliche Rachel beziehe.

»O, sie ist fort«, sagte der alte Herr. »Sie lebt bei Verwandten, weit von hier. Sie konnte sich mit den Mädchen nicht vertragen, und darum ließ ich sie ziehen. Aber kommen Sie jetzt, das Essen steht auf dem Tisch. Sie müssen nach Ihrer Fahrt hungrig geworden sein. Ich habe Appetit ohne Fahrt: greifen wir zu.«

Dem Mahl widerfuhr alle Gerechtigkeit, und beim Nachtisch erzählte Herr Pickwick zum ungemeinen Schrecken und Unwillen seiner Zuhörer das Abenteuer, das er bestanden, und welcher Erfolg die schändlichen Kunststücke des teuflischen Jingle gekrönt habe.

»Und der Rheumatismus, den ich in dem Garten geholt«, schloß Herr Pickwick, »macht mich bis auf den jetzigen Augenblick lahm.«

»Ich habe auch so eine Art Abenteuer gehabt«, sagte Herr Winkle lächelnd, und erzählte sofort von dem boshaften Schmähartikel im Eatanswiller Unabhängigen und der daraus entstandenen Unruhe im Hause seines Freundes, des Redakteurs.

Herrn Pickwicks Stimme verdunkelte sich während der Erzählung. Seine Freunde bemerkten es und beobachteten ein tiefes Stillschweigen, als Herr Winkle zu Ende war. Herr Pickwick schlug mit geballter Faust bedeutungsvoll auf den Tisch und sprach, wie folgt: –

»Ist es nicht ein verwunderlicher Umstand, daß wir bestimmt zu sein scheinen, keines Menschen Haus zu betreten, ohne ihm auf die eine oder andere Art Unruhe zu bereiten? Ich frage, beweist es nicht die Unbesonnenheit, oder noch schlimmer, die Schlechtigkeit – oh, so etwas aussprechen zu müssen! – meiner Freunde, daß sie, unter welchem Dach man sie auch einquartieren mag, jedesmal den Seelenfrieden und das Glück irgendeines arglosen weiblichen Wesens stören? Ist es nicht, sage ich – –«

Herr Pickwick würde wahrscheinlich noch einige Zeit so fortgefahren haben, wäre der Fluß seiner Beredsamkeit nicht durch Sam, der einen Brief überbrachte, unterbrochen worden. Er fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirne, nahm seine Brille herunter, rieb die Gläser ab und setzte sie dann wieder auf. Seine Stimme hatte die gewohnte Sanftheit des Tones wieder bekommen, als er folgendermaßen begann: –

»Was hast du da, Sam?«

»Ich war soeben auf der Post«, erwiderte Herr Weller, »und dort gab man mir diesen Brief, der schon zwei Tage da gelegen. Er ist mit einer Oblate versiegelt und von einer geübten Hand adressiert.«

»Ich kenne diese Hand nicht«, sagte Herr Pickwick, den Brief öffnend. »Barmherziger Gott, was ist das, es muß ein Scherz sein; es – es – kann nicht wahr sein.«

»Was ist’s denn?« fragten alle zugleich.

»Es ist doch niemand gestorben?« sagte Wardle, beunruhigt über die Bestürzung, die sich auf Herrn Pickwicks Gesicht malte.

Herr Pickwick gab keine Antwort, sondern stieß den Brief über den Tisch und bat Herrn Tupman, ihn vorzulesen; dabei sank er mit einem Schrecken erregenden Blick starren Entsetzens auf seinen Stuhl zurück.

Mit zitternder Stimme las Herr Tupman den Brief, wovon wir hier eine Abschrift geben:

»Freemans-Court, Cornhill, den 28. August 1830. Bardell gegen Pickwick. Sir!

Beauftragt von Frau Martha Bardell, eine Klage wegen Nichterfüllung eines Eheversprechens gegen Sie einzuleiten, wofür die Klägerin eine Entschädigung von 1500 Pfund verlangt, sind wir so frei, Sie zu benachrichtigen, daß der Prozeß von uns bei dem öffentlichen Zivil-Gerichtshof anhängig gemacht worden ist. Wir ersuchen Sie, uns mit umgehender Post Ihren Rechtsbeistand in London zu nennen, dem wir dann die weiteren Mitteilungen zu übermitteln haben.

Inzwischen verbleiben wir, Sir,

Ihre gehorsamsten Diener

Dodson und Fogg. An Herrn Samuel Pickwick.«

In dem stummen Erstaunen, womit jeder seinen Nachbar, und dann alle zusammen Herrn Pickwick anblickten, lag etwas so Ausdrucksvolles, daß lange Zeit keiner zu sprechen wagte. Endlich brach Herr Tupman das Stillschweigen.

»Dodson und Fogg«, wiederholte er mechanisch.

»Bardell und Pickwick«, sagte Herr Snodgraß nachdenkend.

»Seelenfrieden und Glück argloser weiblicher Wesen«, murmelte Herr Winkle in einer Art Zerstreutheit.

»Es ist eine Verschwörung«, sagte Herr Pickwick, als er endlich die Kraft zu sprechen wiedererhielt; »eine niederträchtige Verschwörung von diesen zwei hungerleidendcn Rechtsanwälten, Dodson und Fogg. Frau Bardell würde so etwas nie tun; – sie hat weder das Herz noch eine Veranlassung dazu. Es ist lächerlich – einfach lächerlich.«

»Was ihr Herz anbelangt«, sagte Wardle lächelnd, »so müssen Sie es freilich am besten beurteilen können. Ich will Ihnen Ihren guten Mut nicht benehmen, aber so viel kann ich wohl mit Zuversicht sagen, daß in Beziehung auf Ihren Prozeß den Herren Dodson und Fogg ein weit besseres Urteil zustehen dürfte, als jedem von uns.«

»Es ist ein niederträchtiger Versuch, mir Geld abzuzwacken«, sagte Herr Pickwick.

»Ich hoffe, daß es sonst weiter nichts ist«, versetzte Herr Wardle mit kurzem, trockenen Husten.

»Wer hat mich jemals anders mit ihr umgehen gesehen, als wie ein Hausbewohner mit seiner Hausbesitzerin umzugehen pflegt?« eiferte Herr Pickwick mit großer Heftigkeit weiter. »Wer hat mich jemals mit ihr allein gesehen? Nicht einmal meine Freunde hier – –«

»Ein einziges Mal ausgenommen«, sagte Herr Tupman.

Herr Pickwick wechselte die Farbe.

»Ah so«, sagte Wardle. »Nun, das ist von Wichtigkeit. Es ist doch hoffentlich dabei nichts Verdächtiges vorgefallen?«

Herr Tupman warf seinem Meister einen schüchternen Blick zu.

»Nein«, sagte er, »es war nichts Verdächtiges; aber – ich weiß nicht, wie es zuging! Denken Sie sich nur – sie lag in seinen Armen.«

»Gütiger Himmel«, schluchzte Herr Pickwick, als sich nun die volle Erinnerung an die betreffende Szene seiner bemächtigte; »was für ein schrecklicher Beweis von der Gewalt der Umstände! Ja, es war so – es war so.«

»Und unser Freund beschwichtigte ihren Kummer«, sagte Herr Winkle etwas boshaft.

»Ja, das tat ich«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich leugne es nicht; es ist so.«

»Sieh mal an!« sagte Wardle; »für einen gänzlich harmlosen Fall sieht dies doch etwas wunderlich aus – was meinen Sie, Herr Pickwick – wie? Ja, Sie sind ein Schelm – ein alter Fuchs!«

Dabei lachte er, daß die Gläser auf dem Kredenztisch erklirrten.

»Was für ein schreckliches Zusammentreffen von Scheingründen«, rief Herr Pickwick, sein Kinn in die Hände stützend. »Winkle – Tupman – ich bitte Sie wegen meiner Bemerkung von vorhin um Verzeihung. Wir sind samt und sonders Opfer der Umstände, und ich bin das beklagenswerteste.«

Nach dieser Verteidigungsrede begrub Herr Pickwick sein Haupt in seine Hände und sann still nach, während Herr Wardle den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft einem nach dem andern bedeutungsvolle Winke und Blicke zuwarf.

»Ich will aber doch mit der Sache ins klare kommen«, sagte endlich Herr Pickwick, sein Haupt erhebend und auf den Tisch schlagend. »Ich muß diesen Dodson und Fogg selbst sprechen. Morgen fahre ich nach London.«

»Morgen noch nicht«, sagte Wardle; »Sie sind noch zu lahm.«

»Nun gut, so gehe ich übermorgen.«

»Übermorgen ist der erste September, und Sie haben uns zugesagt, unter allen Umständen mit auf die Güter des Sir Geoffrey Maning zu gehen, um daselbst ein Frühstück mit uns einzunehmen, wenn Sie auch die Jagd nicht mitmachen wollen.«

»Nun gut, auf einen Tag soll es mir nicht ankommen«, sagte Herr Pickwick; »also am Donnerstag. – Sam!«

»Sir«, antwortete Herr Weller.

»Bestelle auf Donnerstag früh für uns beide zwei Plätze nach London.«

»Sehr wohl, Sir.«

Herr Weller verließ das Zimmer und schlenderte, die Hände in den Taschen und die Augen auf die Erde geheftet, langsam weiter, um seinen Auftrag auszurichten.

»Ein netter Vogel, mein Herr«, sagte Herr Weller, als er die Straße entlang ging. »Hängt sich da an Frau Bardell, die noch obendrein ein Kind hat. Aber so geht’s mit diesen alten Burschen, trotz ihres ehrlichen Aussehens. Hätt’s mir nicht träumen lassen, so etwas hinter ihm zu suchen – nein gewiß nicht.«

Und in diesem Tone weiter moralisierend, lenkte Herr Samuel Weller seine Schritte nach dem Postbureau.

Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

Ein angenehmer Tag mit einem unangenehmen Schluß.

Die Vögel, die zum Glück für ihre Gemütsruhe und ihr körperliches Wohlbehagen in seliger Unwissenheit über die Vorbereitungen blieben, die am ersten September zu ihrer Beunruhigung getroffen wurden, begrüßten ohne Zweifel den Morgen dieses Tages als einen der schönsten, den sie in dieser Jahreszeit je gesehen hatten, Manches junge Rebhuhn, das mit der ganzen Ziererei der Jugend selbstgefällig auf dem Stoppelfelde einherstolzierte, und manches alte, das ebensowenig das Gericht ahnend, das über sie ergehen sollte, mit der verächtlichen Miene der Weisheit und Erfahrung dessen leichtfertigem Treiben aus den runden Äuglein zuschaute, badete sich voll wonnetrunkener Gefühle in der frischen Morgenluft und lag wenige Stunden nachher leblos am Boden. Doch wir werden sentimental. Fahren wir in unserm Texte fort.

Es war also, um prosaisch zu berichten, ein schöner Morgen – so schön, daß man kaum geglaubt hätte, die wenigen Monate eines englischen Sommers seien schon vorübergeflogen. Hecken, Felder und Bäume, Hügel und Moorland boten dem Auge die wechselreichen Schattierungen eines vollen, saftigen Grüns. Kaum ein Blatt war gefallen, kaum ein gelbes Pünktchen mischte sich mit der Farbe des Sommers und verriet den Anfang des Herbstes. Der Himmel war wolkenlos; die Sonne schien hell und warm. Der Gesang der Vögel und das Gesumme von Myriaden Sommerinsekten erfüllte die Luft. Die Gärten prangten voller Blumen jeglicher Farbe in üppiger Schönheit und funkelten im Morgentau gleich Beeten blitzender Juwelen. Alles trug den Stempel des Sommers und noch war nicht eine von seinen schönen Farben verblichen.

An einem solchen Morgen hielt ein offener Wagen mit drei Pickwickiern (Herr Snodgraß hatte es vorgezogen zu Hause zu bleiben) nebst den Herren Wardle, Trundle und Sam Weller, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß, vor einem Tor an der Landstraße. Hinter diesem hatten sich ein großer, starkknochiger Wildhüter und ein Junge in Halbstiefeln und Lederhosen postiert, jeder mit einer Jagdtasche von bedeutender Größe und ein paar Hühnerhunden versehen.

»Sie denken doch nicht«, flüsterte Herr Winkle Herrn Wardle zu, als man den Wagentritt niederließ, »daß wir Hühner genug schießen werden, um diese Jagdtaschen zu füllen?«

»Füllen?« rief der alte Wardle. »Was denn sonst? Sie sollen die eine füllen und ich die andere; und wenn wir damit fertig sind, so geht es erst noch an die Taschen unserer Jagdwämser.«

Herr Winkle stieg ab, ohne auf diese Bemerkung etwas zu erwidern, dachte aber in seinem Herzen, wenn die Gesellschaft so lange im Freien bleiben würde, bis er eine von den Jagdtaschen gefüllt hatte, so würde sie sich wohl einen bedeutenden Schnupfen holen,

»Na, Juno, schön – na, altes Mädchen! – leg dich, Daphne, leg dich«, sagte Wardle, die Hunde liebkosend. »Herr Geoffrey ist natürlich noch in Schottland, Martin?«

Der große Wildhüter bejahte und sah staunend auf Herrn Winkle, der seine Flinte so hielt, als ob er den Wunsch hegte, seine Rocktasche möchte ihm die Mühe ersparen, den Hahn zu spannen und dann auf Herrn Tupman, der sie so trug, als ob er sich vor ihr fürchtete – welch letztere Annahme zu bezweifeln eigentlich auch kein vernünftiger Grund vorhanden war.

»Meine Freunde sind noch nicht oft dabei gewesen, Martin«, sagte Wardle, der den Blick bemerkte. »Da heißt’s: ›Leben und Lernen‹. Aber sie werden schon noch tüchtige Schützen werden. Bitte übrigens um Verzeihung, Herr Winkle, Sie haben etwas Übung.«

Herr Winkle lächelte auf dieses Kompliment aus seiner blauen Halsbinde hervor und verwickelte sich in seiner bescheidenen Verwirrung so seltsam in seine Flinte, daß er sich, wenn sie geladen gewesen wäre, notwendig auf der Stelle hätte erschießen müssen.

»Sie müssen das Ding da anders halten, wenn es einmal geladen ist«, sagte der große Wildhüter mürrisch, »oder der Teufel soll mich holen, wenn Sie so nicht einen von uns kalt machen.«

Herr Winkle, veränderte auf die Ermahnung plötzlich seine Stellung und brachte den Flintenlauf dabei in ziemlich kräftige Berührung mit Herrn Wellers Kopf.

»Holla«, rief Sam, den heruntergeschlagenen Hut aufhebend und seine Schläfe reibend: »holla, mein Herr: wenn Sie so kommen, können Sie mit einem Schlag eine von diesen Taschen füllen, und noch mehr dazu.«

Hier lachte der lederhosige Junge aus vollem Halse und versuchte dabei auszusehen, als ob es jemand anders gewesen wäre, worüber Herr Winkle voll Majestät die Stirn runzelte.

»Wo haben Sie dem Jungen gesagt, daß er uns mit dem Korbe erwarten solle?« fragte Wardle.

»Dort an dem großen Baume auf dem Hügel um zwölf Uhr, Sir.«

»Der gehört, glaube ich, nicht zu Herrn Geoffreys Gut – oder?«

»Nein, Sir, aber er ist nahe dabei. Der Platz gehört dem Kapitän Boldwig; aber es wird uns niemand stören. Auch ist dort prächtiger Rasen.«

»Sehr schön«, versetzte der alte Wardle. »Aber nun ist’s Zeit. Je bälder, je besser! Wollen Sie uns also um zwölf Uhr treffen, Pickwick?«

Herr Pickwick hatte eine besondere Sehnsucht, der Jagd zuzusehen, zumal, da es ihm um Herrn Winkles Leib und Leben bange war und es an einem so einladenden Morgen wahre Tantalusqual gewesen wäre, wieder umzukehren und seinen Freunden den Genuß allein zu überlassen. Er erwiderte deshalb mit einer sehr traurigen Miene:

»Tja, ich denke, daß ich wohl muß.«

»Ist der Herr kein Schütze, Sir?« fragte der lange Wildhüter.

»Nein«, antwortete Wardle: »und außerdem kommt er mit seinem Beine nicht recht fort.«

»Ich würde sehr gern mitgehen«, sagte Herr Pickwick – »sehr gern.«

Es entstand eine kleine Pause des Bedauerns.

»Jenseits der Hecke ist eine Schiebkarre«, sagte der Junge. »Wenn darauf der Diener seinen Herrn auf den Pfaden nachrollen würde, der Karren läßt sich leicht über die Schranken heben.«

»Ganz recht«, sagte Herr Weller, der recht interessiert war, weil er selbst ein brennendes Verlangen hatte, die Jagd mit anzusehen. »Ganz recht, ein guter Einfall, du Stöpsel: in einer Minute will ich ihn da haben.«

Aber es erhob sich eine Schwierigkeit. Der lange Wildhüter protestierte feierlich dagegen, daß ein Gentleman auf einer Schiebkarre zu einer Jagdpartie fahren sollte, und nannte das eine grobe Verletzung aller weidmännischen Regeln und Gebräuche.

Da war nun guter Rat teuer, aber er war nicht unbezahlbar. Der Wildhüter erhielt Geld und gute Worte, und machte nun seinem Herzen dadurch Luft, daß er dem erfinderischen Jungen, der zuerst das Vehikel vorgeschlagen hatte, eins hinter die Ohren versetzte. Herr Pickwick wurde auf den Karren gesetzt, und die Jagdgesellschaft brach auf, wobei Wardle und der lange Wildhüter den Zug anführten und Herr Pickwick von Sam hinterher geschoben wurde.

»Halt, Sam!« rief Herr Pickwick, als sie in der Mitte des ersten Feldes angekommen waren.

»Was gibt’s?« fragte Wardle.

»Der Karren soll mir keinen Schritt weiter«, sagte Herr Pickwick entschlossen, »bis Herr Winkle seine Flinte anders hält.«

»Wie soll ich sie denn halten?« fragte der unglückliche Winkle.

»Die Mündung gegen den Boden gekehrt«, versetzte Herr Pickwick.

»Das ist nicht weidmännisch«, meinte Winkle.

»Ich kümmere mich nicht darum«, erwiderte Herr Pickwick, »ob es weidmännisch ist oder nicht: ich will nun einmal niemanden zulieb – um einer bloßen Förmlichkeit willen, auf einen Karren erschossen werden.«

»Ich wette, der Herr wird den Schuß jemand in den Leib jagen, ehe er daran denkt«, brummte der Lange.

»Nun, mir soll’s auch so recht sein«, sagte der arme Herr Winkle, seinen Flintenschaft nach oben kehrend. – »So!«

»Es geht doch nichts über ein ruhiges Leben«, sagte Herr Weller; und der Zug bewegte sich wieder vorwärts.

»Halt!« rief Herr Pickwick, als sie wieder einige Meter vorwärts gedrungen waren.

»Was gibt’s schon wieder?« fragte Wardle.

»Tupmans Flinte ist nicht gesichert; ich seh es, sie ist nicht gesichert«, rief Herr Pickwick.

»Wie? was? nicht gesichert?« fragte Herr Tupman im Tone großer Angst.

»Ich meine, wie Sie sie tragen«, sagte Herr Pickwick. »Es tut mir leid, wieder eine Störung zu veranlassen, aber ich kann nicht zugeben, daß es weiter geht, bis Sie Ihr Gewehr halten, wie Herr Winkle.«

»Ich dächte auch, Sie ließen sich raten, Sir«, sagte der lange Wildhüter, »oder es könnte ebensowohl der Fall sein, daß der Schuß in Ihre eigene Hüfte führe, als in eine andere.«

Herr Tupman brachte mit der verbindlichsten Hast sein Feuergewehr in die verlangte Richtung, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die beiden Jagdliebhaber schritten mit umgekehrten Waffen daher, wie ein paar Soldaten bei einem königlichen Leichenbegängnis.

Plötzlich standen die Hunde. Die Gesellschaft stahl sich noch einen Schritt weiter und blieb gleichfalls stehen.

»Was machen denn die Hunde mit ihren Beinen?« flüsterte Herr Winkle. »Sie stehen so wunderlich da,«

»Pst! sehen Sie’s denn nicht?« versetzte Wardle leise: »sie stellen etwas.«

»Stellen etwas?« fragte Herr Winkle, umherschauend, als ob er irgend etwas Besonderes in der Landschaft zu entdecken erwartete, dem die scharfsinnigen Tiere eine vorzugsweise Aufmerksamkeit widmeten. »Stellen etwas? Und was stellen sie denn?«

»Sperren Sie Ihre Augen auf«, sagte Herr Wardle in der Aufregung des Augenblicks, ohne die Frage zu beachten. »Los!«

Ein scharfes, schwirrendes Geräusch, und Herr Winkle bebte zurück, als wäre er erschossen. Piff, paff erscholl es: der Rauch schwebte schnell über das Gefilde und verschwand in der Luft.

»Wo sind sie?« fragte Herr Winkle, in dem Zustande der höchsten Aufregung sich nach allen Richtungen umsehend. »Wo sind sie? Sagen Sie mir, wann ich schießen soll. Wo sind sie – wo sind sie?«

»Wo sie sind?« entgegnete Wardle, ein paar Hühner aufhebend, die die Hunde zu seinen Füßen gelegt hatten. »Wo sie sind? Nun, hier sind sie.«

»Nein, nein – ich meine die andern«, sagte der verwirrte Winkle.

»Für diesmal weit genug weg«, erwiderte Wardle, seine Flinte kaltblütig wieder ladend.

»In fünf Minuten werden wir wahrscheinlich eine zweite Kette antreffen«, sagte der lange Wildhüter. »Wenn der Herr jetzt zu schießen anfängt, so kann der Schuß gerade in dem Augenblicke aus dem Lauf kommen, wo sie auffliegen.«

»Ha, ha, ha!« lachte Herr Weller.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, der seinen Gefährten wegen seiner Verwirrung und Verlegenheit bemitleidete.

»Sir!«

»Lache nicht.«

»Gewiß nicht, Sir!« antwortete Herr Weller und verzerrte seine Gesichtszüge hinter dem Schiebkarren zur großen Belustigung des Jungen mit den Lederhosen, der deshalb in ein wieherndes Gelächter ausbrach und von dem langen Wildhüter einige Puffe bekam. D.h. dieser suchte damit nur einen Vorwand, sich umzudrehen und seine eigene Lachlust zu verbergen.

»Bravo, alter Kamerad«, sagte Herr Wardle zu Herrn Tupman: »Sie feuerten doch wenigstens.«

»O ja«, erwiderte Herr Tupman mit stolzem Selbstgefühl: »ich schoß.«

»Bravo: Sie werden das nächste Mal treffen, wenn Sie gut zielen. Es ist sehr leicht – nicht wahr?«

»Ja, es ist sehr leicht«, sagte Herr Tupman. »Übrigens erhielt ich dabei einen Stoß an die Schulter, der mich fast zu Boden geworfen hätte. Ich ließ mir’s nicht träumen, daß die kleinen Dinger hinten ausschlagen könnten.«

»Ah«, sagte der alte Herr lächelnd, »Sie werden sich daran mit der Zeit schon gewöhnen. Nun – alles bereit? – Alles in Ordnung mit dem Schiebkarren hier?«

»Alles in Ordnung, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»So komm.«

»Halten Sie sich fest, Herr«, sagte Sam, den Schiebkarren aufhebend.

»O weh, o weh«, rief Herr Pickwick; und vorwärts ging’s, so schnell wie es nötig war.

»Halten Sie jetzt mit dem Schiebkarren«, rief Wardle, als dieser über eine Schranke in das nächste Feld gehoben worden war und Herr Pickwick wieder darauf Platz genommen hatte.

»Ganz recht, Sir«, versetzte Herr Weller und hielt.

»Nun folgen Sie mir langsam, Winkle«, sagte der alte Herr, »und kommen Sie diesmal nicht zu spät.«

»Sorgen Sie nicht für mich«, antwortete Herr Winkle. »Stehen sie?«

»Nein, noch nicht; ruhig jetzt, ruhig.«

Sie schlichen vorwärts und würden in aller Stille hingekommen sein, hätte nicht Herr Winkle bei Ausführung einer sehr schwierigen Wendung mit seiner Flinte in dem entscheidenden Augenblick zufälligerweise den Drücker berührt. Der Schuß ging über den Kopf des Jungen weg genau dorthin, wo des großen Mannes Hirnschale geragt hätte, wenn dieser statt jenem dagestanden wäre.

»Was in aller Welt haben Sie gemacht?« fragte der alte Wardle, als die Hühner lustig davonflogen.

»Eine solche Flinte habe ich in meinem Leben nicht gesehen«, bemerkte der alte Winkle, das Schloß betrachtend, als ob das irgend etwas hülfe. »Sie geht von selbst los.«

»Ach was – geht von selbst los!« versetzte Wardle mit etwas gereiztem Tone; »ich wollte, sie würde auch von selbst etwas treffen.«

»Oh, das kann in kurzem geschehen, Sir«, bemerkte der Lange mit dumpfer, prophetischer Stimme.

»Was wollen Sie mit dieser Bemerkung, Sir?« fragte Herr Winkle ärgerlich.

»Nichts Besonderes, Sir – nichts Besonderes«, erwiderte der Wildhüter. »Ich selbst habe keine Familie, Sir; und dieses Jungen Mutter bekäme was Hübsches von Herrn Geoffrey, wenn er auf seinem Gute erschossen würde. Laden Sie wieder, Sir – laden Sie wieder.«

»Nehmt ihm die Flinte ab!« rief Herr Pickwick vom Schiebkarren herunter, über die schwarzen Ahnungen des Langen von Schauern geschüttelt, »Nehmt ihm die Flinte ab! Hört mich niemand?«

Aber niemand wollte dem Befehle Folge leisten, und Herr Winkle, der einen rebellischen Blick auf Herrn Pickwick schoß, lud seine Flinte auf’s neue und ging mit der übrigen Gesellschaft weiter.

Wir sind verpflichtet, unter Berufung auf Herrn Pickwicks Autorität ausdrücklich zu bemerken, daß Herr Tupman in seinem Verfahren weit mehr Klugheit und Besonnenheit an den Tag legte, als Herr Winkle. Doch wollen wir damit den Kenntnissen des letztgenannten Herrn in allen Fächern der Jagdwissenschaft keineswegs zunahe treten. Wie nämlich Herr Pickwick schon bemerkte, so ist es, was auch immer Schuld daran sein mag, schon seit fast undenklichen Zeiten immer wieder vorgekommen, daß oft gerade die besten und größten Philosophen, die in die Tiefe der Wissenschaft eingedrungen waren, nicht das Glück hatten, die Theorie auf die Praxis zu übertragen.

Herrn Tupmans Verfahren war, wie das bei den größten Entdeckungen gewöhnlich der Fall ist, äußerst einfach. Mit dem schnellen Scharfblick des Genies hatte er die beiden Hauptsachen, auf die es ankam, mit einem Male gefunden – erstens sein Gewehr abzuschießen, ohne sich selbst zu verletzen, und zweitens, es abzuschießen ohne Gefahr für die Umstehenden. Nachdem er nun die Schwierigkeit, überhaupt zu schießen, überwunden hatte, war natürlich das Beste, was er tun konnte, die Augen fest zuzudrücken und in die Luft zu feuern.

Einmal sah Herr Tupmann, als er nach dieser Heldentat die Augen wieder aufschlug, ein fettes Rebhuhn verwundet zu Boden fallen. Er stand eben im Begriff, Wardle zu seinem unwandelbaren Glück zu gratulieren, als dieser Herr auf ihn zutrat, und ihm warm die Hand drückte.

»Tupmann«, sagte der alte Herr, »Sie hatten es gerade auf dieses Huhn abgesehen?«

»Nein«, sagte Herr Tupman, »nein.«

»Sie haben es«, erwiderte Wardle; »ich sah es, wie Sie’s gemacht haben – ich bemerkte, wie Sie es herausgeschossen haben – ich beobachtete Sie, wie Sie Ihre Flinte nahmen und darauf zielten, und ich kann Ihnen sagen, der beste Schütze auf der Welt hätte es nicht hübscher machen können. Sie sind geschickter, als ich geglaubt hatte, Herr Tupman; – Sie sind schon besser bei der Sache.«

Vergeblich lehnte Herr Tupmann mit einem Lächeln und einer Selbstverleugnung, die sonst nie zu seinen Tugenden gehörte, die Ehre ab. Aber eben dieses Lächeln wurde für einen Beweis des Gegenteils angesehen; und von dem Augenblicke an stand sein Ruf fest begründet. Das ist aber nicht der einzige Ruhm, der so leicht erworben worden; auch sind so glückliche Umstände nicht allein auf die Hühnerjagd beschränkt.

Herr Winkle schoß fort und fort, und der Rauch wirbelte dahin, ohne weitere bemerkenswerte Ergebnisse herbeizuführen; bald feuerte er seine Flinte in die Luft, bald ging der Schuß so nahe am Boden hin, daß er das Leben der beiden Hunde in eine unsichere und heikle Lage versetzte. Als Liebhaberpröbchen betrachtet, hatten seine Schüsse sehr viel Abwechselndes und Kunstvolles. Sollte aber ein bestimmtes Ziel gesetzt sein, so waren seine Versuche wohl als ganz mißlungen zu betrachten. Es ist ein anerkannter Grundsatz, jede Kugel hat ihr Ziel. Wenden wir diesen Satz aber auf Herrn Winkles Schrotkörner an, so waren es unglückliche Findelkinder, die, ihrer natürlichen Rechte beraubt, nirgends zu Hause sind und ohne Zweck und Ziel umherirren.

»Das ist ein schwüler Tag – nicht wahr?« sagte Wardle, als er auf den Schiebkarren zuging und sich den Schweiß von seinem glühend roten Gesicht wischte.

»Sicherlich«, versetzte Herr Pickwick. »Die Sonne ist fürchterlich heiß, sogar für mich. Wie es erst Sie empfinden müssen!«

»Ja«, sagte der alte Herr; »es ist ziemlich heiß. Doch es ist zwölf Uhr vorbei. Sehen Sie dort den grünen Hügel?«

»Gewiß.«

»Dort werden wir unsern Lunch halten: und, bei Jupiter, da ist auch der, Junge schon mit dem Korbe, so pünktlich wie eine Sekundenuhr.«

»Das ist er«, sagte Herr Pickwirk aufgeheitert. »Ein guter Junge das. Ich will ihm gleich einen Schilling geben. Los, Sam, fahre mich hin!«

»Halten Sie sich fest, Sir«, sagte Herr Weller, durch die Aussicht auf den Jagdschmaus gestärkt: »aus dem Weg, du Lederhosenjunge. Wenn Ihr mein kostbares Leben schätzt, so werft mich nicht um, wie der Gentleman zu dem Kutscher sagte, als man ihn zum Galgen führte.«

Und seinen Schritt in starken Trab verwandelnd, fuhr Herr Weller seinen Herrn schnell auf den grünen Hügel, setzte ihn geschickt neben dem Korbe ab und fing mit der größten Eile an auszupacken.

»Eine Kalbspastete«, begann Herr Weller seinen Monolog, als er die Speisen auf den Rasen legte. »Etwas Gutes um eine Kalbspastete, wenn man die Dame kennt, die sie zubereitet hat, und man sicher ist, daß sie von keiner Katze kommt. Und doch – worin liegt der Unterschied, wenn beide einander so ähnlich sind, daß sie selbst die Pastetenbäcker nicht unterscheiden können?«

»Können Sie das in der Tat nicht, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Nein, Herr«, antwortete Herr Weller, nach seinem Hute greifend. »Logierte einmal im nämlichen Hause mit einem solchen Pastetenbäcker, und das war ein recht hübscher Mann – ein durchtriebener Kauz – konnte aus allem Pasteten machen. ›Was für ne Riesenmenge Katzen halten Sie doch, Herr Brooks?‹ fragte ich ihn im Vertrauen. – ›O ja‹, sagte er, ›es sind ziemlich viele.‹ – ›Sie müssen ein großer Katzenfreund sein‹, sagte ich. – ›Andere Leute sind’s‹, sagte er mir zuwinkend: ›sie haben aber jetzt ihre Zeit nicht bis der Winter kommt.‹ – ›Sie haben ihre Zeit nicht?‹ fragte ich. – ›Nein‹, sagte er: ›Früchte haben ihre im Sommer, Katzen im Winter.‹ – ›Was meinen Sie damit?‹ fragte ich. – ›Meinen?‹ sagte er. ›Nun, ich meine, daß ich mich mit der Schlächterzunft nicht einlassen will, um die Fleischpreise zu steigern‹, sagte er. ›Herr Weller‹, sagte er, meine Hand heftig drückend und mir in die Ohren flüsternd – ›sagen Sie das nicht weiter, es liegt nur an der Zubereitung. Meine Fabrikate werden aus lauter solchen edlen Tieren gemacht‹, sagte er, auf ein sehr hübsches, gestreiftes Kätzchen deutend, ›und ich stutze sie zu Ochsenfleisch, Kalbfleisch oder Nieren zu, wie es verlangt wird: und noch mehr‹, sagte er, ›ich kann in einer Minute aus Kalbfleisch Ochsenfleisch, oder aus Ochsenfleisch Nieren, oder aus einem von diesen Hammelfleisch machen, wie der Markt wechselt und der Geschmack verschieden ist.‹«

»Sam, das muß ein sehr erfinderischer junger Mann gewesen sein«, sagte Herr Pickwick mit einem leichten Schauder.

»Das war er, Sir«, versetzte Herr Weller, in seinem Zuge fortfahrend: »und die Pasteten waren schön. – Eine Zunge – es ist was Gutes um eine Zunge, wenn es keine Weiberzunge ist. Brot, Schweinsknöchel, man könnte sie nicht schöner malen – kaltes Rindfleisch in Schnitten, sehr gut. Was ist in den steinernen Krügen, du junger Dachs?«

»In diesen ist Bier«, antwortete der Junge, ein paar große steinerne Flaschen, die mit einem ledernen Riemen zusammengebunden waren, von der Schulter nehmend: »in den andern kalter Punsch.«

»Ein hübsche» Zwischenmahl, wenn man’s so im Ganzen beisammen hat«, sagte Herr Weller, die Gänge der Mahlzeit mit großem Behagen überblickend. »Nun, meine Herren: drauf los, wie der Engländer zu dem Franzosen sagte, als sie die Bajonette aufsteckten.«

Es bedurfte keiner zweiten Einladung für die Gesellschaft, dem Mahle seine volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ebenso waren keine dringenden Bitten nötig, Herrn Weller, den langen Wildhüter und die beiden Jungen dahin zu bringen, daß sie sich in einiger Entfernung ins Gras streckten und eine dezente Portion von den Speisen nahmen. Eine alte Eiche diente der Gruppe zu einem freundlichen Obdach, Ackerland und Wiesen, von üppigen Hecken durchschnitten, üppig mit Wald ausgeschmückt, lag zu ihren Füßen.

»Es ist entzückend – ganz entzückend!« sagte Herr Pickwick, dessen ausdrucksvolles Gesicht durch die Wirkung der Sonne schnell fast bis zum Bersten der Haut aufgetrieben wurde.

»Ja, das ist’s – das ist’s, alter Kamerad«, versetzte Wardle. »Kommen Sie: ein Glas Punsch.«

»Mit großem Vergnügen«, sagte Herr Pickwick, und die Heiterkeit seines Gesichtes, nachdem er es getrunken, zeugte von der Aufrichtigkeit seiner Antwort. »Gut«, meinte Herr Pickwick, mit den Lippen schnalzend. »Sehr gut. Ich möchte noch eins. Kühlend, sehr kühlend. Kommen Sie, meine Herren«, fuhr Herr Pickwick fort, noch immer den Krug festhaltend: »einen Toast. Unsere Freunde zu Dingley Dell!«

Der Toast wurde mit lautem Beifall aufgenommen.

»Ich will Ihnen sagen, was ich tun will, um wieder zu einem guten Schuß zu kommen«, sagte Herr Winkle, der Brot und Hammelfleisch mit einem Taschenmesser zerschnitt und verspeiste. »Ich will ein ausgestopftes Rebhuhn auf eine Stange stecken und mich daran üben, indem ich mich zuerst in geringer Entferung davon aufstelle und allmählich meine Schußlinie verlängere. Ich glaube, das ist eine treffliche Übung.«

»Ich kenne einen Gentleman, Sir«, sagte Herr Wellcr, »der es auch so machte und mit einem Meter anfing. Aber er versuchte es nicht zum zweitenmal, denn er blies den Vogel auf den ersten Schuß so rein herunter, daß niemand mehr eine Feder von ihm sah.«

»Sam«, rief Herr Pickwick.

»Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Sei so gut und behalte deine Anekdoten für dich, bis man dich fragt.«

»Sehr wohl, Sir.«

Und Freund Weller kniff das eine Auge zu, das nicht durch die eben an die Lippen geführte Bierkanne verdeckt war. Er tat es auf eine so spaßhafte Weise, daß die beiden Jungen mit Lachen nicht mehr aufhören konnten und sogar der Lange sich zu lächeln herabließ.

»Ja, gewiß, das ist ein vorzüglicher kalter Punsch«, bemerkte Herr Pickwick, den steinernen Krug betrachtend: »’s ist aber auch ein warmer Tag und – Tupman, mein lieber Freund, ein Glas Punsch?«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Herr Tupman.

Nachdem er das Glas geleert hatte, trank Herr Pickwick ein anderes, bloß mal, um zu sehen, ob Pomeranzenschalen in dem Punsch seien, denn Pomeranzenschalen waren ihm von jeher zuwider. Da er aber fand, daß keine darin waren, trank er noch ein weiteres Glas auf die Gesundheit ihres abwesenden Freundes, und dann fühlte er sich gebieterisch aufgefordert, noch ein anderes zu Ehren des unbekannten Punschbereiters vorzuschlagen.

Diese Reihe von Gläsern verfehlte nicht ihre entsprechende Wirkung auf Herrn Pickwick. Sein Gesicht funkelte im sonnigsten Lächeln: Fröhlichkeit spielte um seine Lippen, und rosige Laune glänzte in seinem Auge. Allmählich geriet Herr Pickwick immer mehr unter den Einfluß des Getränks, dessen anregende Eigenschaft durch die Hitze noch erhöht wurde. Herr Pickwick konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Gesang vorzutragen, den er in seiner Kindheit gehört hatte; und da der Versuch mißlang, suchte er sein Gedächtnis durch eine noch größere Anzahl von Gläsern zu erhöhter Tätigkeit anzuspornen. Das schien jedoch eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen. Hatte er nämlich zuvor die Worte des Gesangs vergessen, so vergaß er jetzt, wie man überhaupt in artikulierten Tönen sprechen muß; und endlich, nachdem er sich auf seine Beine gestellt hatte, um eine ergreifende Rede an die Gesellschaft zu halten, fiel er auf den Schiebkarren und schlief augenblicklich ein.

Nachdem der Korb wieder gepackt war, und man es rein unmöglich gefunden hatte, Herrn Pickwick aus seinem Todesschlafe zu wecken, fand eine Beratung statt, ob es besser sei, wenn Herr Weller seinen Herrn wieder zurückführe, oder wenn er ihn liegen lasse, wo er lag, bis sich alle wieder auf den Rückweg begeben würden. Schließlich entschied man sich für das Letztere. Da die weitere Expedition nur noch eine knappe Stunde dauern sollte und Herr Weller sehr inständig bat, die Gesellschaft begleiten zu dürfen, so wurde beschlossen, Herrn Pickwick auf dem Karren zu lassen und ihn auf dem Rückweg wieder mitzunehmen, Man machte sich also auf, und Herr Pickwick schnarchte ganz behaglich im Schatten fort.

Daß Herr Pickwick im Schatten fortgeschnarcht hätte, bis seine Freunde zurückgekommen wären, oder statt dessen geschnarcht hätte, bis sich die Schatten des Abends auf das Gefilde lagerten, scheint unzweifelhaft, wenn man nur voraussetzt, daß er es ungestört hätte tun können. Das war aber leider nicht der Fall. Es kam anders.

Kapitän Boldwig war ein kleiner rasch aufbrausender Mann, in einer steifen, schwarzen Halsbinde und einem blauen Überrock. Zuweilen ließ er sich herab, sein Gut zu inspizieren und vergaß dann nie, ein dickes spanisches Rohr mit messingner Zwinge, einen Gärtner und Untergärtner mit sehr ergebenen Gesichtern mitzunehmen. Diesen (den Gärtnern, nicht dem Stock) erteilte Kapitän Boldwig mit aller gebührenden Hoheit und Barschheit seine Befehle. Denn Kapitän Boldwigs Schwägerin hatte einen Marquis geheiratet, und des Kapitäns Wohnsitz war eine Villa. Sein Grundstück war ein Landgut, und es war alles sehr großartig und auf großen Fuß eingerichtet,

Herr Pickwick hatte noch keine halbe Stunde geschlafen, als der kleine Kapitän Boldwig, von seinen beiden Gärtnern begleitet, so schnell daherschritt, wie es seine Wichtigkeit und Würde erlaubte. Als nun Kapitän Boldwig an die Eiche kam, blieb er stehen, holte tief Atem, sah sich in der Gegend um, als ob die Gegend sich hochgeehrt fühlen müßte, daß er sie in Augenschein nahm, stieß dann mit seinem Stock kräftig auf den Boden und wandte sich an seinen Obergärtner.

»Hunt!« rief Kapitän Boldwig.

»Ja, Sir«, sagte der Gärtner.

»Harke diesen Platz morgen früh – hörst du, Hunt?«

»Ja, Sir.«

»Und sorge dafür, daß er überhaupt in ordentlichem Stande erhalten wird – hörst du, Hunt?«

»Ja, Sir.«

»Und erinnere mich daran, anschlagen zu lassen, daß niemand ungestraft mein Landgut betreten darf. Auch Selbstschüsse muß ich anbringen und überhaupt alles tun, was das gemeine Pack fernhält. Hörst du, Hunt? Hörst du?«

»Wird besorgt, Sir.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte der andere, mit der Hand an den Hut greifend.

»Nun, Wilkins, was ist’s mit dir?« fragte Kapitän Boldwig.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir – aber ich meine, man hat heute schon Ihr Gebot übertreten.«

»Was!!« rief der Kapitän, sich rings umschauend.

»Ja, Sir. – Man hat, glaube ich, hier gezecht.«

»Gnade Gott den Verwegenen, wenn sie das riskierten!« sagte Kapitän Boldwig, als er die Überbleibsel, die auf dem Rasen zerstreut lagen, gewahrte. »Wahrhaftig, sie haben hier wirklich ein Gelag gehalten. Ich wollte, ich hätte die Landstreicher hier«, sprach der Kapitän, seinen Knotenstock schwingend.

»Ich wollte, ich hätte die Landstreicher hier«, wiederholte der Kapitän wütend.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sprach Wilkins, »aber –«

»Aber was? He?« brüllte der Kapitän, und den furchtsamen Blicken Wilkins folgend, fielen seine Augen auf den Schiebkarren und Herrn Pickwick.

»Wer seid Ihr, Spitzbube?« rief der Kapitän, Herrn Pickwick mit seinem Stocke einige Stöße versetzend. »Wie heißt Ihr?«

»Kalter Punsch«, murmelte Herr Pickwick und sank wieder in Schlaf.

»Wie?« fragte Kapitän Boldwig.

Keine Antwort.

»Wie sagte er, daß er heiße?« fragte der Kapitän wieder.

»Punsch Das englische Punch bezeichnet zugleich einen Hanswurst. glaube ich, Sir«, erwiderte Wilkins.

»Das ist eine Unverschämtheit, eine verfluchte Unverschämtheit«, sagte Kapitän Boldwig. »Er stellt sich nur, als ob er schlafe«, fuhr der Kapitän ganz empört fort. »Es ist ein Betrunkener; es ist ein betrunkener Plebejer. Bring‘ ihn weg, Wilkins, bring‘ ihn auf der Stelle weg.«

»Wohin soll ich ihn bringen, Sir?« fragte Wilkins ganz schüchtern.

»Bring‘ ihn zum Teufel«, antwortete Kapitän Boldwig.

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Wilkins.

»Halt!« rief der Kapitän.

Wilkins hielt.

»Führe ihn« – sagte der Kapitän – »sperr‘ ihn in einen Tierstall, und wir wollen sehen, ob er sich auch Punsch nennt, wenn er zu sich kommt. Er soll mich nicht für den Narren halten – nein, er soll mich nicht für den Narren halten. Schaff‘ ihn weg.«

Auf diesen diktatorischen Befehl wurde Herr Pickwick weggeschafft, und der große Kapitän Boldwig setzte voll Zorn seinen Spaziergang fort.

Unbeschreiblich war das Erstaunen der kleinen Gesellschaft, als sie bei ihrer Rückkehr fand, daß Herr Pickwick samt dem Schiebkarren verschwunden war. Es war das rätselhafteste, unerklärlichste Ereignis, von dem man jemals gehört hatte. Wenn sich ein Lahmer ohne weiteres auf die Füße geholfen hätte und auf und davon gegangen wäre, so würde das schon ein sehr außerordentlicher Fall gewesen sein. Aber wenn dazu noch ein schwerer Karren kam, den er zu seinem Vergnügen vor sich herschob, so steigerte das die Sache bis zum wahrhaften Wunder. Sie durchsuchten jeden Winkel im ganzen Umkreis, sowohl miteinander, als auch einzeln. Sie schrien, pfiffen, lachten, riefen ihn beim Namen – alles mit gleichem Mißerfolg. Herr Pickwick war nicht aufzufinden, und nach einigen Stunden fruchtlosen Nachsuchens gelangten sie zu dem unerfreulichen Schluß, daß sie ohne ihn nach Hause zurückkehren müßten.

Mittlerweile war Herr Pickwick nach dem Stall geschafft und dort glücklich abgesetzt worden. Zum außerordentlichen Vergnügen und zur Belustigung nicht nur aller Jungen im Dorfe, sondern von dreiviertel der Bevölkerung überhaupt, die sich rings um ihn versammelt hatten, um sein Erwachen abzuwarten, schlief er noch immer auf seinem Schiebkarren. Hatte es ihnen den höchsten Genuß gewährt, ihn hereingeschafft zu sehen, wieviel hundertmal größer war ihr Entzücken, als er ein paar Mal verdröselt nach Sam rief und sich auf seinem Schiebkarren halb aufrichtete. Mit grenzenlosem Erstaunen betrachtete er die Gesichter vor sich.

Sein Erwachen begleitete ein allgemeines Jubelgeheul. Seine vertatterte Frage: »Was ist denn los?« veranlaßte ein zweites, das womöglich noch lauter war als das erste.

»Das ist ein Hauptspaß«, brüllte das Volk.

»Wo bin ich?« rief Herr Pickwick.

»Im Tierstall«, hieß es.

»Wie kam ich hierher? Was hab ich getan? Von wem bin ich hergebracht worden?«

»Boldwig – Kapitän Boldwig«, war die einzige Antwort.

»Laßt mich hinaus«, rief Herr Pickwick. »Wo ist mein Diener? wo sind meine Freunde?«

»Ihr habt ja schöne Freunde, Hurra!«

Eine Rübe flog ihm an den Kopf, dann eine Kartoffel, dann ein Ei, dann folgten noch andere praktische Beweise der Volkslaune.

Wie lange dieser Auftritt gedauert, oder wieviel Herr Pickwick noch gelitten haben würde, kann niemand sagen, wäre nicht plötzlich ein Wagen herbeigekommen, aus dem der alte Wardle und Sam Weller stiegen. Der alte Wardle bahnte sich in kürzerer Zeit, als man es, wenn auch nicht lesen, doch wenigstens schreiben kann, zu Herrn Pickwick eine Gasse und hob ihn in demselben Augenblicke in den Wagen, als Freund Weller im Boxkampf mit dem Amtsbüttel den dritten und letzten Gang gemacht hatte.

»Lauft zur Polizei«, schrie ein Dutzend Stimmen.

»Lauft nur brav«, sagte Herr Weller, sich auf den Bock schwingend. »Mein Kompliment – Master Wellers Kompliment – an den Amtmann, und sagt ihm, ich habe ihm seinen Büttel lahmgeschlagen. Wenn er einen neuen anstellen wolle, so werde ich morgen wieder kommen und ihn gleichfalls lahmschlagen! Fahr zu, alter Knabe!«

»Ich werde vor allem eine Klageschrift gegen diesen Kapitän Boldwig wegen grundloser Verhaftung einreichen und sie gleich morgen nach London senden«, sagte Herr Pickwick, sobald die Kutsche zum Flecken hinausfuhr.

»Wir haben uns, scheint es, eine Überschreitung der Grenze zuschulden kommen lassen«, sagte Wardle.

»Das geht mich gar nichts an«, erwiderte Herr Pickwick: »ich bringe die Klage an.«

»Das lassen Sie lieber bleiben«, sagte Wardle.

»Nein, gewiß nicht; bei –« doch da Herr Pickwick Wardles ironisches Lächeln wahrnahm, so hielt er inne, und fragte – »Warum denn nicht?«

»Weil«, antwortete der alte Wardle, vor Lachen beinahe platzend, »weil man den Stiel umdrehen und sagen könnte, wir hätten zu viel kalten Punsch getrunken.«

Herrn Pickwicks Gesicht lächelte, er mochte sich sträuben wie er wollte: das Lächeln wurde zum Lachen, das Lachen zum Wiehern, und das Wiehern wurde allgemein. Um ihre gute Laune zu erhalten, stiegen sie am ersten Wirtshause an der Straße ab und befahlen ein Glas Grog pro Kopf und eine Flasche Steifen für Herrn Samuel Weller.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Das zeigt, wie Dodson und Fogg Männer vom Geschäft und ihre Schreiber Männer von Welt sind; und wie ein rührendes Zusammentreffen zwischen Herrn Weller und seinem lange vermißten Vater stattfindet; ferner zeigt es, was für ausgezeichnete Geister in der Elster zusammenkommen und was für ein Kapitalkapitel das folgende Kapitel sein wird.

In einem schmutzigen Hause am äußersten Ende von Freemans Court Cornhill saßen in einem Vorderzimmer des Erdgeschosses die vier Schreiber der Herren Dodson und Fogg, zweier Anwälte seiner Majestät bei den Gerichtshöfen von Kings Bench und Common Pleas zu Westminsier und Prokuratoren beim Oberkanzleigericht. Vorbesagte Schreiber erfreuten sich im Laufe ihrer Kanzleistunden ungefähr ebenso vieler günstiger Licht- und Sonnenblicke, wie jemand zu erhalten hoffen darf, der in einem Brunnen von ordentlicher Tiefe steht, ohne jedoch den Vorteil zu haben, den dieser seinem abgeschlossenen Aufenthalt verdankt – den Vorteil nämlich, die Sterne bei Tage zu sehen.

Die Schreibstube der Herren Dodson und Fogg war ein dunkles, dumpfiges, muffiges Zimmer mit einem Nebengemach, das die Schreiber durch eine hohe spanische Wand von dem gemeinen Volke trennte. Außerdem waren da ein paar alte hölzerne Stühle, eine sehr laut tickende Uhr, ein Kalender, ein Regenschirmständer, eine Reihe hölzerner Hutnägel, einige Wandbretter, worauf verschiedene schmutzige Aktenfaszikel lagen, einige alte hölzerne Schubladen mit Aufschriften und allerlei baufällige, steinerne Tintenkrüge von verschiedener Gestalt und Größe. Eine Glastür führte in das Vorzimmer der Amtsstube: und auf der andern Seite der Glastür zeigte sich am nächsten Freitag morgen nach dem Ereignis, von dem wir im letzten Kapitel getreuen Bericht erstatteten, Herr Pickwick nebst Herrn Weller, der seinem Gebieter auf dem Fuße folgte.

»Na los, herein!« rief eine Stimme aus dem Verschlag auf Herrn Pickwicks bescheidenes Anklopfen.

Also eingeladen, traten Herr Pickwick und Sam ein.

»Ist Herr Dodson oder Herr Fogg zu Hause?« fragte Herr Pickwick artig und näherte sich mit dem Hut in der Hand dem Verschlage.

»Herr Dodson ist nicht zu Hause und Herr Fogg hat dringende Geschäfte«, knurrte die Stimme; und zugleich sah der Kopf des Redners mit einer Feder hinter dem Ohr über die spanische Wand nach Herrn Pickwick.

Es war ein unförmlicher Kopf, feuerfarbenes Haar, sorgfältig nach der einen Seite gescheitelt und mit Pomade glattgestrichen, umschattete in kleinen, halbkreisförmigen Locken ein glattes Gesicht mit kleinen Äuglein, das von einem sehr schmutzigen Hemdkragen und einer schwarzen, strickartigen Halsbinde eingefaßt war.

»Herr Dodson ist nicht zu Hause und Herr Fogg hat dringende Geschäfte«, sagte der Mann, dem der Kopf gehörte.

»Wann wird Herr Dodson zurückkommen, Sir?« fragte Herr Pickwick.

»Weiß nicht.«

»Wird Herr Fogg lange beschäftigt sein, mein Herr?«

»Keine Ahnung.«

Nun begann der Mann mit großer Überlegung seine Feder zu schneiden, während ein anderer Schreiber, der ein abführendes Brausepulver mischte, unter dem Schutzdache seines Lichtschirmes beifällig lachte.

»So will ich warten«, sagte Herr Pickwick.

Keine Antwort folgte, und so setzte sich Herr Pickwick unaufgefordert und horchte auf die laut tickende Uhr, wie auch auf die murmelnde Unterhaltung der Schreiber.

»Das war ein Spaß, nicht wahr?« sagte einer von den Herren in einem braunen Rock mit messingnen Knöpfen und tintenfarbenen Tuchhosen am Schlusse einer unglaublichen Erzählung seiner Abenteuer vom vorigen Abend.

»Verdammt nett – verdammt nett«, sagte der Brausepulvermann.

»Tom Eummins führte den Vorsitz«, fuhr der Mann mit dem braunen Rock fort. »Es war halb fünf Uhr, als ich nach Somers Town kam, und ich hatte mir so schön einen angesäuselt, daß ich das Schlüsselloch nicht finden konnte und die Alte aus den Federn pochen mußte. Möchte nur wissen, was der alte Fogg sagen würde, wenn er das erführe. Ich könnte, glaub‘ ich, hier Abschied feiern, nicht wahr?«

Sie lachten zusammen über die geistreiche Glosse.

»Mit Fogg war es diesen Morgen ein rechter Spaß«, sagte der Mann in dem braunen Rock, »während Jack im obern Stock die Papiere sortierte und ihr beide auf dem Stempelbureau waret. Fogg war hier und las die Briefe durch, als der Kerl von Camberwell – ihr wißt es ja, der, dem wir die Klageschrift gemacht hatten – hereinkam; wie hieß er doch?«

»Ramsey«, antwortete der Schreiber, der mit Herrn Pickwick gesprochen hatte.

»Ach ja, Ramsey – ein amüsanter Kunde mit jämmerlichem Gesicht. ›Nun, Sir‹, sagte der alte Fogg mit einem stolzen Blick – Ihr kennt seine Weise – ›nun, Sir, kommen Sie, um die Sache abzumachen?‹ – ›Ja, Sir‹, sagte Ramsey, seine Hand in die Tasche steckend und das Geld herausziehend; ›die Schuld macht zwei Pfund, zehn Schilling, und die Kosten drei Pfund fünf Schilling; da –‹; und er seufzte tief, als er das Geld hinlegte, das in Löschpapier gewickelt war. Der alte Fogg sah zuerst auf das Geld, dann auf ihn, und endlich räusperte er sich in seiner Manier, daß ich schon merkte, wo er hinaus wollte. ›Sie wissen wohl nicht, daß eine Deklaration eingegeben ist, wodurch die Kosten bedeutend vermehrt werden?‹ sagte Fogg. – ›Das kann unmöglich sein, Sir‹, sagte Ramsey zurückbebend: ›die Zeit war erst gestern Abend abgelaufen, Sir.‹ – ›Ich sage Ihnen, es ist so‹, erwiderte Fogg! ›meine Schreiber haben sie soeben eingegeben. Herr Wicks, ist nicht Herr Jackson fort, um die Deklaration in der Sache Bullman und Ramsey einzureichen?‹ Natürlicherweise sagte ich ja, und dann hustete Fogg wieder und sah auf Ramsey. ›Mein Gott‹, sagte Ramsey, ›ich habe mich beinahe zu Tode gemartert, um dieses Geld aufzutreiben und es zu rechter Zeit abzuliefern, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?‹ – ›Durchaus nicht‹, versetzte Fogg kaltblütig!; ›Sie brauchen nur zurückzukehren, etwas mehr aufzutreiben und es zu rechter Zeit zu bringen.‹ – ›Ich kann’s, bei Gott, nicht mehr zusammenbringen‹, sagte Ramsey, mit der Faust auf den Tisch schlagend. ›Beleidigen Sie mich nicht, Sir‹, sagte Fogg, absichtlich aufbrausend. ›Ich beleidige Sie nicht, Sir‹, sagte Ramsey. – ›Sie entfernen sich, Sir‹, versetzte Fogg; ›Sie entfernen sich aus dieser Schreibstube, Sir, und kommen erst wieder, Sir, wenn Sie sich zu betragen gelernt haben.‹ Ramsey wollte etwas erwidern, aber Fogg ließ ihn nicht zum Wort kommen. Er, d. h. Ramsey, steckte daher sein Geld wieder ein und schlich hinaus. Die Tür war kaum geschlossen, als der alte Fogg sich mit süßem Lächeln zu mir wandte und die Deklaration aus seiner Rocktasche zog. ›Hier Wicks, nehmen Sie eine Droschke, fahren Sie so schnell wie möglich in den Temple hinab und reichen Sie das ein. Die Kosten stehen ganz sicher, denn es ist ein zuverlässiger Mann mit einer großen Familie und einem wöchentlichen Einkommen von fünfundzwanzig Schillingen. Wenn er es zu einem Verhaftbefehl kommen läßt, wie er schließlich muß, so weiß ich, daß die Leute, in deren Dienst er steht, schon für die Bezahlung Sorge getragen werden. So zwicken wir ihm ab so viel wir können, Herr Wicks; es ist das eine christliche Handlungsweise, denn bei seiner großen Familie und seinem schmalen Einkommen kann ihm solche Lektion nur eine heilsame Warnung sein, sich nicht wieder in Schulden zu stürzen – nicht wahr, Herr Wicks, nicht wahr?‹ – und Fogg lächelte beim Hinausgehen so gutmütig, daß es eine Lust war, ihn anzusehen. »Er ist ein Muster von Geschäftemann«, sagte Wicks im Tone der höchsten Bewunderung, »ein Muster – nicht wahr?«

Die drei andern stimmten von Herzen bei, und waren ganz begeistert von der Mitteilung.

»Feine Leute das, Sir«, flüsterte Herr Weller seinem Herrn zu: »haben einen sehr hübschen Begriff von einem Spaß, Sir.«

Herr Pickwick nickte beifällig und hustete, um die Aufmerksamkeit der jungen Herrn hinter dem Verschlage auf sich zu lenken.

 

Diese ließen sich nun nach dem Genuss ihrer Unterhaltung herab, von den Fremden Notiz zu nehmen.

»Ich möchte wissen, ob Fogg jetzt seine Geschäfte beendet hat«, sagte Jackson.

»Will nachsehen«, erwiderte Wicks, gemächlich vom Stuhle aufstehend. »Wen soll ich Herrn Fogg melden?«

»Pickwick«, antwortete der berühmte Held dieser Memoiren.

Herr Jackson ging die Treppe hinauf, kehrte aber bald wieder mit der Meldung zurück, Herr Fogg würde in fünf Minuten für Herrn Pickwick zu sprechen sein, und setzte sich wieder hinter sein Pult.

»Wie, sagte er, daß er heiße«, flüsterte Wicks.

»Pickwick«, antwortete Jackson. »Er ist der Beklagte in der Sache Bardell und Pickwick.«

Nun ließ sich ein Scharren mit den Füßen, verbunden mit dem Tone eines unterdrückten Lachens hinter dem Verschlag hören.

»Sie beobachten Sie, Sir«, flüsterte Herr Weller.

»Sie beobachten mich, Sam?« versetzte Herr Pickwick. »Was willst du damit sagen?«

Herr Weller deutete mit dem Daumen über seine Schulter, und als Herr Pickwick aufsah, bemerkte er die erfreuliche Tatsache, dass alle vier Schreiber mit dem Ausdrucke größten Vergnügens ihre Köpfe über die spanische Wand reckten, um Gesicht und Gestalt des Mannes, der mit einem weiblichen Herzen gespielt und die Ruhe eines Frauenzimmers gestört haben sollte, genau zu betrachten. Als er aber aufblickte, verschwand die Kopfreihe rasch. Im nächsten Augenblick hörte man Schreibfedern heftig über die Papiere hinkratzen.

Plötzlich ertönte die Glocke, die in der Schreibstube hing, und rief Herrn Jackson in Foggs Zimmer. Jackson kam zurück und meldete, Herr Fogg sei bereit, Herrn Pickwick zu empfangen, wenn er sich die Treppe hinaufbemühen wolle.

Also ging Herr Pickwick die Treppe hinauf und ließ Sam Weller unten. An der Tür eines nur eine Treppe höher gelegenen Hinterzimmers standen in mächtigen Buchstaben die imponierenden Worte: »Herr Fogg.« Jackson pochte und führte auf das »Herein« Herrn Pickwick ins Zimmer.

»Ist Herr Dodson da?« fragte Herr Fogg.

»Soeben ist er gekommen, Sir«, erwiderte Jackson.

»Sagen Sie ihm, er möchte hierher kommen.«

»Ja, Sir«, antwortete Jackson und entfernte sich.

»Nehmen Sie Platz, Sir«, sagte Fogg. »Hier ist das Papier. Mein Kollege wird sogleich hier sein; wir können dann über die Sache reden.«

Pickwick nahm einen Stuhl und das Papier, aber anstatt das Blatt zu lesen, schielte er darüber weg und fasste den Geschäftsmann ins Auge. Es war ein ältlicher Herr mit einem sinnigen Gesicht, ein Vegetarier, in schwarzem Rock, dunkel melierten Beinkleidern und kurzen, schwarzen Gamaschen – eine Art von Wesen, das mit dem Pulte, an dem es schrieb, verwachsen und ungefähr ebensoviel, wie dieses, zu denken oder zu fühlen schien.

Nach einigen Minuten Schweigen erschien Herr Dodson, ein plumper, stämmig gebauter Mann, mit strengem Blick und lauter Stimme; die Unterhaltung begann sofort.

»Das ist Herr Pickwick«, sagte Fogg.

»Ah, Sie sind der Beklagte in der Sache Bardell und Pickwick?« fragte Dodson.

»Ja, Sir«, versetzte Pickwick.

»Nun, Sir«, fuhr Dodson fort, »was machen Sie für einen Vorschlag?«

»Ja«, wiederholte Fogg, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider steckend und sich in seinem Armstuhl zurücklehnend: »was machen Sie für einen Vorschlag, Herr Pickwick?«

»Pst, Fogg«, sagte Dodson, »lassen Sie mich hören, was Herr Pickwick zu sagen hat.«

»Ich komme, meine Herren«, erwiderte Herr Pickwick mit einem gelassenen Blick auf die beiden Kollegen: »ich komme, meine Herren, um die Überraschung auszudrücken, womit ich Ihr gestriges Schreiben las, und Sie zu fragen, was Sie für einen Grund haben, eine Klage gegen mich vorzubringen?«

»Grund, eine –«

So weit war Fogg gekommen, als er von Dodson unterbrochen wurde.

»Herr Fogg«, erklärte Dodsun, »ich will sprechen.«

»Verzeihung, Herr Dodson«, sagte Fogg.

»Was den Grund zur Klage betrifft, Sir«, fuhr Dvdson mit Würde und Salbung fort, »so können Sie Ihr eigenes Gewissen und Ihre eigenen Gefühle fragen. Wir lassen uns gänzlich durch die Angabe unseres Klienten leiten, mag dieselbe nun wahr oder falsch, glaubhaft oder unglaubhaft sein. Aber wie dem auch sei – ich sage Ihnen unumwunden, unsere Gründe sind stark und unumstößlich. Sie mögen ein unglücklicher Mann sein, oder aus Absicht gehandelt haben; aber wenn man mich als Geschworenen bei meinem Eide aufforderte, eine Meinung über Ihr Betragen abzugeben, so würde ich unumwunden sagen, daß darüber nur eine Ansicht statthaben könne.«

Hier richtete sich Dodson mit der Miene beleidigter Tugend auf und sah auf Fogg, der seine Hände tiefer in die Taschen steckte und mit klugem Kopfschütteln im Tone vollkommenster Beistimmung sagte:

»Ganz gewiß.«

»Wohlan, Sir«, bemerkte Herr Pickwick, auf dessen Gesicht sich die innere Pein ausdrückte: »Sie werden mir erlauben. Sie zu versichern, daß ich, was diesen Fall anbetrifft, ein sehr unglücklicher Mann bin.«

»Ich hoffe, Sie sind es, Sir«, erwiderte Dodson, »und ich will auch glauben, daß einem so etwas passieren kann. Wenn Sie aber wirklich an dem, was man Ihnen zur Last legt, unschuldig sind, so sind Sie unglücklicher, als ich je geglaubt hätte, daß irgend jemand möglicherweise sein könnte. Was sagen Sie dazu, Herr Fogg?«

»Ich sage ganz dasselbe, was Sie sagen«, versetzte Fogg mit ungläubigem Lächeln.

»Mein Herr, die Schrift, die die Klage einleitet«, fuhr Dodson fort, »ist regelrecht ausgestellt. Herr Fogg, wo ist das Einschreibebuch?«

»Hier«, antwortete Fogg, einen Quartband in Pergament herüberreichend.

»Hier ist eingetragen«, begann Dodson wieder, »›Middlesex. Klagschrift von Martha Bardell, Witwe, gegen Samuel Pickwick. Schadenersatz 1500 Pfund. Dodson und Fogg für die Klägerin, den 28. August 1830.‹ Alles regelrecht, Sir; vollkommen regelrecht.«

Und Dodson hustete und sah auf Fogg, der in sein ›vollkommen regelrecht‹ einstimmte, worauf beide Herrn Pickwick wieder mit ihren Blicken aufs Korn nahmen.

»Verstehe ich Sie recht«, bemerkte Herr Pickwick, »und ist es wirklich Ihre Absicht, diese Klage einzureichen?«

»Verstehen, Sir? – Sie verstehen uns ganz recht«, erwiderte Dodson mit so viel Lächeln, als es die Wichtigkeit seiner Person zuließ.

»Und die Entschädigung soll sich wirklich auf fünfzehnhundert Pfund belaufen?« fragte Herr Pickwick.

»Zu dem, daß Sie uns recht verstehen«, erwiderte Dodson, »kann ich noch die Versicherung hinzufügen, daß sie sich auf den dreifachen Betrag belaufen würde, wenn wir etwas über unsere Klientin vermocht hätten.«

»Ich glaube, Madame Bardell hat noch ausdrücklich bemerkt«, warf Fogg mit einem Blicke auf Dodson hin, »sie würde sich auf keinen Pfennig weniger einlassen.«

»Das ist keine Frage«, versetzte Dodson ernst: »denn die Klage war eben erst eingeleitet, und es wäre Herrn Pickwick nicht einmal gestattet worden, sich gleich anfangs zu vergleichen, selbst wenn er Lust dazu gehabt hätte.«

»Wenn Sie keine Vorschläge machen, Sir«, sagte Dodson, ein Stück Pergament in seiner rechten Hand auseinanderlegend und mit seiner linken Hand Herrn Pickwick ein Papier aufdrängend, das die Kopie enthielt, »so tue ich wohl besser, Ihnen eine Abschrift von diesem Blatte zu überreichen. Hier ist das Original.«

»Sehr gut, meine Herren«, sagte Herr Pickwick, voll Ingrimm aufstehend: »mein Rechtsanwalt wird Ihnen das weitere sagen.«

»Wir werden uns sehr glücklich schätzen, es zu hören«, versetzte Fogg, sich die Hände reibend.

»Sehr«, sagte Dodson, die Tür öffnend.

»Und ehe ich gehe, meine Herren«, bemerkte Herr Pickwick, sich oben an der Treppe noch einmal umwendend, »erlauben Sie mir zu sagen, daß von allem schändlichen und niederträchtigen Vorgehen –«

»Halten Sie, mein Herr, halten Sie«, unterbrach ihn Dodson mit großer Höflichkeit. »Herr Jackson – Herr Wicks –«

»Sir!« riefen die beiden Schreiber, am Fuße der Treppe erscheinend.

»Ich bedarf Ihrer gerade dazu, daß Sie hören, was dieser Herr sagt«, versetzte Dodson. »Bitte, fahren Sie fort, Sir – schändliches und niederträchtiges Vorgehen – haben Sie, glaube ich, gesagt?«

»Allerdings«, antwortete Herr Pickwick in höchstem Zorne. »Ich habe gesagt, Sir, daß von allem schändlichen und niederträchtigen Vorgehen, das je geschah, dies das niederträchtigste ist. Und ich wiederhole es, mein Herr.«

»Sie hörten das, Herr Wicks?« rief Dodson.

»Sie werden diese Ausdrücke nicht vergessen, Herr Jackson«, sagte Fogg.

»Vielleicht beliebt es Ihnen, uns Betrüger zu nennen, Sir?« fragte Dodson. »Bitte Sie, Sir, wenn Sie sich aufgelegt fühlen – tun Sie es, Sir.«

»Ich tue es auch«, sagte Herr Pickwick; »Sie sind Betrüger.«

»Sehr schön«, versetzte Dodson, »Sie können es doch unten hören, Herr Wicks?«

»O ja, Sir«, antwortete Wicks.

»Sie werden besser tun, eine oder zwei Stufen weiter heraufzukommen, wenn Sie es nicht verstehen«, fügte Herr Fogg hinzu.

»Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort. Es wäre noch besser, wenn Sie uns Diebe nennen würden, Sir; oder vielleicht beliebt es Ihnen, einen von uns tätlich anzugreifen? Tun Sie sich keinen Zwang an, Sir, wenn Sie Lust dazu haben; wir werden nicht den geringsten Widerstand leisten. Bitte, probieren Sie es nur!«

Da sich Fogg lockender Weise in den Bereich von Herrn Pickwicks geballter Faust stellte, so wäre zweifelsohne seine Bitte erfüllt worden, hätte sich nicht Sam, der Zeuge des Streites war, ins Mittel gelegt. Er rannte plötzlich aus der Schreibstube die Treppe hinauf und ergriff seinen Herrn beim Arm.

»Kommen Sie mit fort«, sagte Herr Weller. »Ballschlagen ist ein sehr hübsches Spiel, wenn nicht Sie der Ball und zwei Rechtsgelehrte die Ballschläger sind. In diesem Fall ist es zu erhitzend, um lustig zu sein. Kommen Sie mit mir, Sir. Wenn Sie sich dadurch Luft machen wollen, daß Sie jemand durchbläuen, so kommen Sie heraus in den Hof und bläuen Sie mich durch, aber hier ist die Sache etwas zu kostspielig.«

Und ohne die geringsten Umstände zog Herr Weller seinen Herrn die Treppe hinunter in den Hof. Nachdem er ihn sicher bis Cornhill gebracht hatte, trat er hinter ihn und schickte sich an, ihm zu folgen, wohin er ihn auch führen würde.

Herr Pickwick ging zerstreut vorwärts, bis er dem Rathaus gegenüberstand, und wandte dann seine Schritte Cheapside zu. Sam wurde neugierig, wohin es jetzt gehen sollte, als sich sein Herr umwandte:

»Sam, ich gehe jetzt gleich zu Herrn Perker.«

»Dahin hätten Sie gestern abend schon gehen sollen, Sir«, versetzte Herr Weller.

»Ich glaube das auch«, bemerkte Herr Pickwick.

»Und ich weiß es«, erwiderte Herr Weller.

»Nun, nun, Sam«, entgegnete Herr Pickwick, »’s ist auch jetzt noch nicht zu spät. Aber vorerst muß ich ein Glas Grog haben, denn ich bin etwas aus der Fassung gebracht worden. Wo ist das wohl zu bekommen, Sam?«

Herrn Wellers Lokalkenntnisse in London waren ausgebreitet und speziell. Er antwortete, ohne sich im geringsten zu besinnen –:

»Im zweiten Hofe rechter Hand – das vorletzte Haus auf derselben Seite der Straße –- Sie setzen sich an die Tafel neben dem Kamin; denn die andern haben alle ein Bein in der Mitte, und das ist sehr unbequem.«

Herr Pickwick hielt sich genau an seines Dieners Angaben und trat, von diesem gefolgt, in die bezeichnete Schenke, wo ihm der warme Grog alsbald vorgesetzt wurde, während sich Herr Weller in achtungsvoller Entfernung, obwohl am gleichen Tische, niederließ und mit einer Pinte Porter bedient wurde.

Das Zimmer war recht ordinär und stand augenscheinlich unter dem besonderen Schutze der Lohnkutscher: denn verschiedene Herren, die ganz den Anschein hatten, als gehörten sie dieser gelehrten Profession an, tranken und rauchten an den verschiedenen Wandtischen. Unter ihnen zog besonders ein stämmiger, ältlicher Mann mit rotem Gesicht Herrn Pickwicks Aufmerksamkeit auf sich. Er saß am gegenüberstehenden Wandtische und rauchte ganz gewaltig. Aber jedesmal nach einem halben Dutzend Paffs nahm er seine Pfeife aus dem Mund und sah zuerst auf Herrn Weller und dann auf Herrn Pickwick. Dann begrub er in einem Maßkruge so viel von seinem Gesicht, als die Dimensionen des Gefäßes zu fassen vermochten, und warf seine Blicke abermals auf Sam und Herrn Pickwick. Das wiederholte er jedesmal, wenn er seiner Pfeife zugesprochen hatte, aus der er mit der Miene tiefen Nachdenkens qualmende Wolken blies. Endlich legte er seine Beine auf die Bank, lehnte sich rückwärts an die Wand und begann ohne weitere Unterbrechung zu paffen und durch den Rauch die neuen Ankömmlinge zu betrachten, als ob er sich vorgenommen hätte, ihnen so viel als immer möglich abzusehen.

Anfangs waren die Bewegungen des stämmigen Mannes der Beobachtung Herrn Wellers entgangen. Als er aber sah, daß sich Herrn Pickwicks Augen immer von neuem nach ihm hinwandten, sah er ebenfalls dorthin und legte dabei die Hand über die Augen, als ob er den Gegenstand, den er betrachtete, halb erkennte und sich nur noch der Identität versichern wollte. Seine Zweifel wurden jedoch schnell behoben; denn nachdem der Stämmige eine dichte Rauchwolke vor sich hergeblasen hatte, kam eine rauhe Stimme, die irgendeiner seltsamen Anstrengung der Bauchrednerkunst abgezwungen zu sein schien, hinter dem großen Tuche hervor, das ihm Hals und Brust verhüllte; und langsam erklang es – »Wie, Sammy?«

»Wer ist das, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Nein, das hätte ich nicht geglaubt, Sir«, versetzte Herr Weller mit erstaunter Miene; »es ist der Alte.«

»Der Alte?« fragte Herr Pickwick; »was für ein Alter?«

»Mein Vater, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Wie geht’s, Alter?«

Nach dieser schönen Aufwallung kindlicher Zärtlichkeit machte Herr Weller neben sich Platz, und der Stämmige kam mit der Pfeife im Munde und dem Krug in der Hand herüber, seinen Sohn zu begrüßen.

»Na, Sammy«, sagte der Alte, »ich habe dich seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen.«

»Es ist noch länger, Alter«, erwiderte der Sohn. »Was macht die Stiefmutter?«

»Ei, ich will dir was sagen, Sammy«, antwortete Herr Weller senior mit feierlicher Miene; »es gab nie ein hübscheres Weib, so lange sie noch Witfrau war, denn ich bin doch schon ihr Zweiter – – ein mildes Ding war sie, Sammy, und nun kann ich von ihr sagen, weil sie eine so ungemein angenehme Witfrau war, so ist es sehr schade, daß sie ihren Stand verlassen hat. Sie hätte nicht mehr heiraten sollen; sie benimmt sich nicht wie ein Eheweib, Sammy.«

»Ach nein – ist das wahr?« fragte Herr Weller Junior.

Herr Weller senior schüttelte den Kopf und fügte mit einem Seufzer:

»Ich habe es einmal zu oft getan, Sammy; ich habe es einmal zu oft getan. Nimm dir ein Beispiel an deinem Vater, Junge, und hüte dich dein ganzes Leben lang vor Witfrauen, besonders wenn sie ein Wirtshaus gehabt haben, Sammy.«

Als er diesen väterlichen Rat mit großem Pathos erteilt hatte, stopfte er seine Pfeife aus einer zinnernen Tabaksdose, die er in der Tasche bei sich trug. Er zündete die frische Pfeife an der Asche der alten an und fuhr fort mit großem Eifer zu rauchen.

»Bitt‘ schön, Herr, Verzeihung, Herr«, sagte er, auf denselben Gegenstand zurückkommend, nach einer langen Pause zu Herrn Pickwick; »ich hoffe, ich war doch nicht persönlich, Sir? Ich hoffe, Sie haben doch keine Witwe geheiratet?«

»Nein«, versetzte Herr Pickwick lachend, und während er lachte, flüsterte Sam Weller seinem Vater zu, in welchem Verhältnisse er zu dem Herrn stehe.

»Bitt‘ schön, Herr, Verzeihung«, sagte Herr Weller senior, seinen Hut abnehmend; »ich hoffe, Sie haben doch an Sammy nichts auszusetzen, Sir.«

»Durchaus nichts«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sehr erfreut, dies zu hören, Herr«, sagte der alte Mann; »gab mir auch Mühe mit seiner Erziehung; ließ ihn auf der Gasse herumlaufen, als er noch ganz klein war: da hilf dir selbst. Es ist das einzige Mittel, einen Jungen gescheit zu machen, Herr.«

»Ein etwas gewagtes Verfahren, sollte ich meinen«, sagte Herr Pickwick lächelnd.

»Und kein ganz zuverlässiges«, fügte Weller junior bei. »Ich habe es dieser Tage erfahren.«

»Nicht doch«, sagte der Vater.

»Ich habe es erfahren«, erwiderte der Sohn, und begann so kurz wie möglich zu erzählen, wie ihn Hiob Trotter mit seiner Kriegslist an der Nase herumgeführt hatte.

Herr Weller senior lauschte mit größter Aufmerksamkeit, und am Schlusse sagte er –

»War nicht einer von diesen Kerlen schlank und hoch gewachsen – hatte langes Haar und schwatzte im Galopp?«

Herr Pickwick verstand das letzte nicht ganz, aber da er das erste begriff, sagte er auf gut Glück: »Ja.«

»Der andere ist ein schwarzhaariger Kerl in einer maulbeerfarbenen Livree, mit einem sehr großen Kopf?«

»Ja, ja, er ist’s«, fielen Herr Pickwick und Sam hastig ein.

»Dann weiß ich, wo sie sind, und wies mit ihnen steht«, sagte Herr Weller. »Sie sind beide zu Ipswich Ipswich, eine aufblühende Stadt im südöstlichen England. und zwar in guter Ruhe.«

»Was Sie sagen«, rief Herr Pickwick.

»Es ist Tatsache«, erwiderte Herr Weller, »und ich will Ihnen sagen, woher ich es weiß. Ich fahre dann und wann mit einer Ipswicher Kutsche für einen Freund. Ich fuhr gerade an dem Tage, wo Sie die Nacht vorher den Repfmatisimus holten. Im Mohrenknaben zu Chelmsford – sie waren da gerade angelangt – nahm ich sie auf und führte sie direkt nach Ipswich. Dort sagte mir der Diener – ich meine den Maulbeerfarbigen – sie würden sich hier geraume Zeit aufhalten.«

»Ich will ihm nach«, sagte Herr Pickwick. »Wir können Ipswich so gut besuchen, wie jeden andern Ort. Ja, ja, ich will ihm nach.«

»Seid Ihr auch ganz gewiß, daß sie es waren, Alter?« fragte Weller junior.

»Ganz gewiß, Sammy«, erwiderte sein Vater; »denn ihr Äußeres war sehr auffallend. Außerdem wunderte ich mich, wie ich sah, daß der Herr so vertraut mit seinem Diener war, und noch mehr – als sie vorn saßen, gerade hinter dem Bock. Da hörte ich sie lachen und sagen, wie sie mit dem alten Hitzkopf gespielt hätten.«

»Alten – was?« fragte Herr Pickwick.

»Alten Hitzkopf, Sir, womit ohne Zweifel Sie gemeint waren, Sir.«

Es liegt eigentlich nichts Gemeines oder Beschimpfendes in der Benennung »alter Hitzkopf«, aber es ist doch nicht gerade eine achtungsvolle oder schmeichelhafte Bezeichnung. Die Erinnerung an alle Widerwärtigkeiten, die ihm schon durch Jingle widerfahren waren, hatte sich in Herrn Pickwicks Geist gesammelt, sobald Herr Weller zu sprechen angefangen hatte. Es bedurfte nur noch eines Tropfens, um das Maß voll zu machen, und der »alte Hitzkopf« brachte das fertig.

»Ich will ihm nach«, rief Herr Pickwick mit einem heftigen Schlag auf den Tisch.

»Ich werde übermorgen vom Ochsen in Whitechapel aus nach Ipswich hinunterfahren«, sagte Herr Weller der Ältere, »und wenn Sie wirklich hinreisen wollen, so fahren Sie am besten mit mir.«

»Sehr wahr«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich kann nach Bury schreiben, daß ich in Ipswich zu treffen sei. Wir fahren mit Euch. Aber eilt nicht so sehr, Herr Weller. Wollt Ihr nicht noch eins trinken?«

»Sie sind sehr gütig, Sir«, antwortete Herr Weller stockend. – »Vielleicht ein Gläschen Branntwein auf Ihre Gesundheit und auf Sammys Glück würde nichts schaden.«

»Gewiß nicht«, versetzte Herr Pickwick. »Ein Glas Branntwein hierher.«

Der Branntwein wurde gebracht. Herrn Wellers Haarmähne flog dankbar nickend auf Herrn Pickwick und Sam zu, und das Getränk stürzte in seine geräumige Kehle hinab, als wäre es ein Fingerhütchen voll gewesen.

»Schon recht, Vater«, sagte Sam; »aber nehmt Euch in acht, alter Knabe, oder Ihr werdet wieder einen Besuch von Eurem alten Freunde, dem Podagra, bekommen.« –

»Ich habe ein Prachtmittel dagegen gefunden, Sammy«, erwiderte Herr Weller und setzte das Glas nieder.

»Ein Prachtmittel gegen das Podagra?« sagte Herr Pickwick und zog hastig sein Notizbuch hervor. »Und was wäre das?«

»Das Podagra, Sir«, versetzte Herr Weller; »das Podagra ist ein Übel, das von einem zu bequemen und behaglichen Leben herrührt. Wenn Sie jemals von dem Podagra befallen werden, Sir, so heiraten Sie eine Witfrau, die eine gute laute Stimme hat und sie auch zu gebrauchen weiß, und Sie werden es nie wieder bekommen. Das ist ein Prachtrezept, Herr. Ich nahm es regelmäßig, und ich bürge dafür; es vertreibt jede Krankheit, die von zu großem Wohlbehagen herrührt.«

Als Herr Weller dieses unschätzbare Geheimnis preisgegeben hatte, trank er sein Glas vollends aus, blinzelte wehmütig, seufzte tief und entfernte sich langsam.

»Nun, was denkst du von dem, was dein Vater sagt, Sam?« fragte Herr Pickwick lächelnd.

»Was ich denke, Sir?« erwiderte Herr Weller. »Nun, ich denke, er ist ein Opfer der Ehe, wie Blaubarts Hauskaplan mit einer Träne des Mitleids sagte, als er ihn begrub.«

Herr Pickwick antwortete nichts auf diesen sehr passend angebrachten Schluß, bezahlte die Rechnung und machte sich auf den Weg nach Grays Inn. Als er das entlegene Viertel erreicht hatte, war es bereits acht Uhr vorüber, und der ununterbrochene Strom von Herren in bespritzten Stiefeln, schmutzigen weißen Hüten und abgetragenen Kleidern, der zu den verschiedenen Ausgängen herauswogte, sagte ihm, daß die Mehrzahl der Schreibstuben für diesen Tag geschlossen sei. –

Nachdem er zwei steile und schmutzige Treppen erstiegen hatte, fand er seine Ahnung bestätigt. Herrn Perkers Außentür war verschlossen, und die Grabesstille, die auf Herrn Wellers wiederholtes Anklopfen sich einstellte, verkündete, daß die Schreiber Feierabend gemacht hätten.

»Das ist eine schöne Geschichte, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Ich hätte keine Stunde verlieren sollen, um ihn zu sprechen; denn ich weiß wohl, daß ich jetzt die ganze Nacht kein Auge schließen kann, weil ich nun nicht das ruhige Gefühl habe, die Angelegenheit einem Fachmann übergeben zu haben.«

»Hier kommt eine alte Frau die Treppe herauf, Sir«, bemerkte Herr Weller. »Vielleicht weiß sie, wo wir jemand finden können. Holla, alte Dame, wo sind Herrn Perkers Leute?«

»Herrn Perkers Leute?« sagte ein dürres, elend aussehendes, altes Weib, oben an der Treppe stehenbleibend, um Atem zu schöpfen: »Herrn Perkers Leute sind fort, und ich will eben die Schreibstube schließen.«

»Sind Sie Herrn Perkers Magd?« fragte Herr Pickwick.

»Ich bin Herrn Perkers Wäscherin«, antwortete das alte Weib.

»Komisch«, sagte Herr Pickwick halb seitwärts zu Sam; »es ist doch sonderbar, Sam, daß man die alten Weiber in diesem Viertel Wäscherinnen nennt. Möchte doch wissen, warum das geschieht?«

»Es kommt, glaube ich, daher, daß ihnen das Waschen in den Tod zuwider ist.«

»Sollte mich nicht wundern«, erwiderte Herr Pickwick mit einem Blick auf die Alte, deren Äußeres sowie der Zustand der Schreibstube, die sie jetzt geöffnet hatte, einen eingewurzelten Widerwillen gegen die Anwendung von Seife und Wasser verriet. »Wissen Sie, wo ich Herrn Perker finden kann?«

»Nein, ich weiß es nicht«, antwortete die Alte mürrisch; »er ist jetzt in der Stadt.«

»Das ist mißlich«, versetzte Herr Pickwick. »Können Sie mir nicht sagen, wo sein Schreiber ist?«

»O ja; aber er würde mir’s nicht sehr danken, wenn ich es Ihnen sagte«, erwiderte die Wäscherin.

»Ich habe ein ganz besonderes Geschäft mit ihm«, fuhr Herr Pickwick fort.

»Läßt sich das nicht morgen auch noch erledigen?« fragte das Weib.

»Nicht gut«, erwiderte Herr Pickwick.

»Nun ja, wenn es etwas ganz Besonderes ist«, sagte die Alte, »so will ich sagen, wo er ist; ich hoffe, ich werde keinen Ärger davon haben. Wenn Sie jetzt gerade in die Elster gehen und am Schenktisch nach Herrn Lowten fragen, so wird man Sie zu ihm führen, denn so heißt Herrn Perkers Schreiber.«

Nachdem Herr Pickwick noch ferner belehrt worden war, das fragliche Gasthaus stehe in einem Hofe und habe den doppelten Vorteil, daß es in der Nähe von Clare Market sei und an die Rückseite von New-Inn stoße, so kam er mit Sam die gefährliche Treppe glücklich wieder hinunter und suchte die Elster auf.

Diese beliebte Schenke, die Herr Lowten und Konsorten zum Schauplatz ihrer Zechgelage machten, war, was gewöhnliche Leute mit dem Namen »Kneipe« bezeichnet haben würden. Der Wirt war ein Mann, der sich aufs Geldmachen verstand. Das bezeugte ein kleiner Verschlag unter dem Schenkzimmerfenster, der an Gestalt und Größe einer Sänfte ähnlich sah und um billigen Preis an einen Schuhflicker vermietet war. Daß der Wirt aber zugleich ein menschenfreundliches Gemüt hatte, bezeugte seine Fürsorge für einen Pastetenbäcker, der seine Leckerbissen ungestört an der Türschwelle verkaufte. An den niederen Fenstern, die mit safranfarbenen Vorhängen geziert waren, steckten zwei bis drei gedruckte Karten und empfahlen Devonshire-Apfelwein und Danziger Sprossenbier. Eine große schwarze Tafel mit weißen Buchstaben aber zeigte einem verehrlichen Publikum an, daß 500 000 Fässer Doppelbier in den Kellern des Etablissements lägen, wobei sie den Geist in einer nicht unangenehmen Ungewißheit über die Richtung ließen, in der sich diese ungeheuren Gewölbe ausdehnen möchten. Fügen wir noch hinzu, daß ein wetterbeschädigtes Schild das halbverblichene Abbild einer Elster darstellte, die eine krumme Linie von brauner Farbe aufmerksam betrachtete – ein Gekleckse, das man den Nachbarn von Jugend auf als einen Baumstumpf bezeichnet hatte, so haben wir von dem Äußeren des Gebäudes alles gesagt, was nötig ist.

Als sich Herr Pickwick vor dem Schanktisch blicken ließ, trat eine ältliche Frau hinter einem darinstehenden Schirm hervor.

»Ist Herr Lowten hier, Madame?« fragte Herr Pickwick.

»Ja, Sir«, erwiderte die Wirtin. »Charley, führe den Herrn zu Herrn Lowten.«

»Der Herr kann jetzt nicht hinein«, erwiderte ein hinkender Laufjunge mit rotem Kopfe, »denn Herr Lowten singt eben ein lustiges Lied, und er würde ihn aus der Rolle bringen. Es wird indessen im Augenblick aus sein, Sir.«

Der rotköpfige Laufjunge hatte kaum zu sprechen aufgehört, als ein allgemeines Hämmern auf die Tische, und ein lebhaftes Klingeln der Gläser ankündete, daß der Gesang eben beendet worden war. Herr Pickwick überließ es seinem Diener, sich am Ausschank zu stärken, und wurde zu Herrn Lowten geführt.

Auf die Ankündigung, »es will Sie jemand sprechen, Sir«, richtete ein junger Mann mit aufgedunsenem Gesicht, der den Stuhl am oberen Ende der Tafel einnahm, seine Blicke erstaunt nach der Gegend, aus der die Stimme kam. Sein Erstaunen schien sich keineswegs zu vermindern, als seine Augen auf einer Person haften blieben, die er nie zuvor gesehen hatte.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir«, begann Herr Pickwick, »und auch für die andern Herren tut es mir leid, daß ich Sie störe, aber ich komme in einer sehr dringenden Angelegenheit, und wenn Sie mir in einer Ecke dieses Zimmers fünf Minuten lang Gehör schenken wollen, so werden Sie mich sehr zu Dank verpflichten.«

Der junge Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht stand auf, zog einen Stuhl in einen dunklen Winkel zu Herrn Pickwick und lauschte aufmerksam seiner Schmerzensgeschichte.

»Ja«, sagte er, als Herr Pickwick geendet hatte, »Dodson und Fogg – erfahrene Praktiker das – Kapitalgeschäftsleute, Dodson und Fogg, Sir.«

Herr Pickwick gab die praktischen Kenntnisse der Herren Dodson und Fogg zu, und Lowten fuhr fort:

»Perker ist nicht hier und wird auch vor Ende der nächsten Woche nicht zurückkommen. Aber wenn Sie eine Entgegnung wünschen und mir die Abschrift der Klage mitteilen wollen, so kann ich alle Schritte einleiten, die bis zu seiner Zurückkunft nötig sind.«

»Eben deshalb bin ich hier«, sagte Herr Pickwick, ihm die Schrift einhändigend. »Wenn etwas Besonderes vorfällt, können Sie mir durch die Post nach Ipswich schreiben.«

»Ganz recht«, antwortete Herrn Perkers Schreiber: und als er sah, daß Herrn Pickwicks Augen neugierig über die Tafel liefen, fügte er hinzu: »Wollen Sie uns auf ein halbes Stündchen ihre Gesellschaft gönnen? Wir haben heute abend ein Kapitalklübchcn beisammen. Hier ist Samkins und Greens Sekretär und Smithers und Prices Kanzlist und Pimkins und Thomas‘ Schreiber – singt vortrefflich, ja, das tut er – und da ist ferner noch Jack Bamber und so weiter. Sie kommen vermutlich vom Lande, wollen Sie nicht mitmachen?«

Pickwick konnte der lockenden Gelegenheit, die menschliche Natur zu studieren, nicht widerstehen. Er ließ sich an die Tafel führen und der Gesellschaft in gehöriger Form vorstellen. Als ihm ein Sitz neben dem Präsidenten eingeräumt war, bestellte er ein Glas von seinem Lieblingsgetränk.

Ganz gegen die Erwartung Herrn Pickwicks erfolgte tiefe Stille.

»Ich hoffe, der Glimmstengel wird Ihnen nicht unangenehm sein, Sir?« sagte sein Nachbar zur Rechten, in einem gestreiften Hemd mit Mosaikknöpfen, mit einer Zigarre im Munde.

»Nicht im geringsten«, erwiderte Herr Pickwick: »ich bin ein sehr großer Freund davon, obgleich ich selbst nicht rauche.«

»Das möchte ich von mir nicht behaupten«, fiel ein anderer Herr an der gegenüberstehenden Seite des Tisches ein. »Rauchen ersetzt mir Wohnung, Speise und Trank.«

Herr Pickwick sah den Sprecher an und dachte: »wenn es ihm auch die weiße Wäsche ersetzen würde, so wäre es noch besser.«

Eine neue Pause trat ein. Herr Pickwick war ein Fremder, und seine Gegenwart hatte offenbar etwas Drückendes für die Gesellschaft.

»Herr Grundy wird uns mit einem Liedchen erfreuen«, sagte der Präsident.

»Nein, er wird es nicht«, sagte Herr Grundy.

»Warum nicht?« fragte der Präsident.

»Weil ich nicht kann«, versetzte Herr Grundy.

»Sie würden besser sagen, ›weil ich nicht mag‹«, erwiderte der Präsident.

»Nun denn, ich mag nicht«, sagte Herr Grundy.

Und Herrn Grundys bestimmte Weigerung, die Gesellschaft zu unterhalten, veranlaßte abermaliges Schweigen.

»Will niemand die Unterhaltung beleben?« fragte der Präsident mit dem Tone der Mutlosigkeit.

»Warum beleben Sie sie nicht selbst, Herr Präsident?« sagte ein junger Mann mit einem Backenbart, einem schielenden Auge und einem schmutzigen, offenen Hemdkragen, am untern Endes des Tisches.

»Hört, hört!« rief der rauchende Herr mit den Mosaikknöpfen.

»Weil ich nur ein einziges Lied kann und es bereits gesungen habe«, versetzte der Präsident: »es kostet ja ein Strafglas für jeden in der Gesellschaft, wenn man an einem Abend dasselbe Lied zweimal singt.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, und das Gespräch stockte abermals.

»Ich war heute abend«, sagte Herr Pickwick, »der Hoffnung, etwas zur Sprache zu bringen, wobei die ganze Gesellschaft an der Unterhaltung teilnehmen könnte – ich war heute abend an einem Orte, den Sie alle ohne Zweifel sehr gut kennen, den aber ich seit vielen Jahren nicht mehr besucht hatte, und von dem ich überhaupt sehr wenig weiß; ich meine Grays Wirtschaft, meine Herren. Merkwürdige kleine Winkel an einem großen Ort, wie London, diese alten Gastwirtschaften.«

»Wahrhaftig«, flüsterte der Präsident Herrn Pickwick über den Tisch zu, »Sie haben hier etwas angeschnitten, das wenigstens einen von uns für immer in Anspruch nehmen würde. Der alte Jack Bamber wird bald herausrücken; man hat ihn noch nie über etwas anderes sprechen hören, als über die Gastwirtschaften, in denen er einsam sein Leben verbrachte, bis er beinahe wahnsinnig wurde.«

Der Mensch, auf den Lowten anspielte, war ein kleiner gelber hochschultriger Mann, dessen Gesicht Herrn Pickwick bis jetzt noch nicht ins Auge gefallen war, weil er die Gewohnheit hatte, vor sich niederzusehen, wenn er schwieg. Als aber der Alte seine gefurchte Stirn erhob, und sein helles, graues Auge mit einem forschenden, durchdringenden Blick auf ihn richtete, mußte er sich doch wundern, daß so ausdrucksvolle Züge seiner Aufmerksamkeit auch nur für einen Augenblick entgangen waren. Auf seinen Zügen lag beständig ein unveränderliches bitteres Lächeln. Sein Kinn ruhte in einer langen fleischlosen Hand, mit Nägeln von außerordentlicher Länge. Als er seinen Kopf auf die Seite neigte und unter seinen borstigen, grauen Augenbrauen hervorschaute, lag in seinem durchdringenden Blick ein seltsamer Ausdruck grollender Schlauheit, vor dem man das Auge unwillkürlich niederschlug. Das war der Mann, der jetzt sein Gesicht der Gesellschaft zukehrte und seine Gedanken in einen lebendigen Strom von Worten ergoß. Da jedoch dieses Kapitel lang und der Alte eine merkwürdige Person war, so erfordert es die Achtung vor ihm und die Konsequenz vor uns, ihn in einem neuen sprechen zu lassen.

 

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Zweiundzwanzigstes Kapitel

In dem der Alte sich über sein Lieblingsthema verbreitet und eine Geschichte von einem wunderlichen Klienten erzählt.

»Aha!« sagte der bejahrte Mann, von dessen Äußerem der Schluß des letzten Kapitels eine kurze Schilderung gegeben. »Aha, wer sprach von den Gastwirtschaften?«

»Ich, mein Herr«, versetzte Herr Pickwick. »Ich bemerkte, was für sonderbare alte Plätze das seien.«

» Sie?« sagte der Alte verächtlich. »Was wissen Sie von der Zeit, wo sich junge Leute in diesen einsamen Räumen einschlossen und lasen; nichts als lasen, Stunde für Stunde und Nacht für Nacht, bis ihr Verstand unter dem Druck ihrer mitternächtlichen Studien erstickte; bis ihre Geisteskräfte erschöpft waren, bis ihnen das Morgenlicht keine Erquickung, keine Gesundheit mehr brachte, und sie unter der unnatürlichen Anstrengung, ihre Jugendkräfte den trockenen alten Büchern zu widmen, unterlagen? Kommen wir auf spätere Zeiten, auf ganz andere Tage: was wissen Sie von dem allmählichen Dahinschwinden unter der verzehrenden Glut des Fiebers – von den großen Folgen des schnellen Lebens und der Ausschweifung, denen so viele in diesen Räumen zum Opfer gefallen sind? Wie viele Unglückliche, die vergebens um Gnade gefleht, glauben Sie, sind mit gebrochenem Herzen aus der Schreibstube des Gerichtsanwalts hinausgewankt, um eine Ruhestätte in der Themse oder eine Zuflucht im Gefängnisse zu finden? Das sind keine gewöhnlichen Häuser! Da ist nicht ein Brett im alten Getäfel, das, wenn es die Gabe der Sprache und des Gedächtnisses hätte, nicht aus der Wand hervorspringen und seine Schreckensgeschichte, den Roman eines Lebens, Sir – den Roman eines Lebens erzählen könnte. So alltäglich sie auch jetzt aussehen mögen, so sage ich Ihnen, es sind seltsame alte Plätze, und ich möchte lieber irgendein Märchen mit einem furchtbar klingenden Namen hören, als die wahre Geschichte einer alten Zimmerreihe dieser Gebäude.«

Es lag etwas so Sonderbares in der plötzlichen Erregung des Alten und in dem Gegenstande, der sie hervorgerufen hatte, daß Herr Pickwick einfach stumm war. Der Alte milderte seine Heftigkeit, nahm den Seitenblick wieder an, der während dieser Aufregung verschwunden, und fuhr fort –

»Betrachten wir sie in einem andern Lichte – dem alltäglichsten und am wenigsten romantischen. Was sind das doch für schöne Plätze langsamer Marter! Denken Sie sich den dürftigen Mann, der sein Alles zugesetzt, sich an den Bettelstab gebracht und seine Freunde ausgepreßt hat – wie er das Gewerbe antritt, das ihm nicht einen Bissen Brot verschaffen kann. Die Erwartung – die Hoffnung – die Verzweiflung – die Furcht – das Elend – die Armut – die Vernichtung seiner Hoffnungen, und das Ende seiner Laufbahn: – vielleicht der Selbstmord, oder noch schlimmer: der schuftige, zerlumpte Trunkenbold. Habe ich nicht recht?«

Der alte Mann rieb sich die Hände und warf einen vergnügten Blick seitwärts, als ob es ihn freute, einen andern Gesichtspunkt gefunden zu haben, aus dem er seinen Lieblingsgegenstand betrachten konnte.

Herr Pickwick sah den Alten mit großer Neugierde an. Die übrigen Mitglieder der Gesellschaft lächelten und sahen still vor sich hin.

»Sprecht mir von Euren deutschen Universitäten«, sagte das kleine Männchen – »Pah, pah! wir haben hier zu Lande Romantik genug, ohne eine halbe Meile weit danach zu gehen; die Leute denken nur nicht daran.«

»Ich wenigstens dachte noch nie an die Romantik dieses Ortes«, sagte Herr Pickwick lachend.

»Das glaube ich gern«, erwiderte der kleine Alte. »So pflegte einer meiner Freunde zu fragen, ›was ist denn besonderes an diesem Zimmer?‹ – ›Seltsam alte Gemächer‹, antwortete ich. – ›Das ist’s noch nicht‹, sagte er. – ›Sie sind einsam‹, bemerkte ich. – ›Auch das ist’s nicht‹, erwiderte er. – Eines Morgens wurde er vom Schlage gerührt, als er eben seine Tür öffnen wollte. Er hakte sich dabei mit dem Kopf in seinen eigenen Briefkasten fest, und dort hing er anderthalb Jahre lang. Jedermann glaubte, er wäre aus der Stadt gezogen.«

»Und wie fand man ihn endlich?« fragte Herr Pickwick.

»Das Gericht beschloß, die Tür aufbrechen zu lassen, da er seit zwei Jahren keinen Hauszins bezahlt hatte. Es geschah; das Schloß wurde erbrochen, und dem Pförtner, der die Tür öffnete, fiel ein sehr staubiges Gerippe in einem blauen Rock, kurzen, schwarzen Beinkleidern und seidenen Strümpfen nach vorn in die Arme. Seltsam das, recht seltsam, nicht wahr?«

Der kleine Alte neigte seinen Kopf noch mehr auf die Seite und rieb sich die Hände mit unaussprechlichem Behagen.

»Ich weiß noch einen andern Fall«, sagte der kleine Alte, als er sich von seinem Kichern einigermaßen erholt hatte, »der sich in Cliffords Wirtschaft zutrug. Der Bewohner einer Mansarde – ein schlimmer Kamerad – schloß sich in den Verschlag seiner Schlafkammer ein und nahm eine Dosis Arsenik. Der Hausmeister dachte, er habe sich aus dem Staube gemacht, öffnete und nahm ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf. Ein anderer kam, mietete die Zimmer, möblierte sie und zog ein. Sonderbar; er konnte nicht schlafen – es war ihm überall unwohl und unbehaglich. >Seltsam<, sagte er; >ich will das andere Zimmer zu meinem Schlafzimmer und dieses zu meiner Wohnstube machen.< Er traf die Veränderung und schlief in der Nacht sehr gut, aber in kurzem fand er, daß er des Abends nicht lesen konnte; er wurde ängstlich und unwohl, putzte unaufhörlich sein Licht und starrte im Zimmer umher. – >Ich weiß nicht, was das ist<, sagte er, als er eines Abends vom Schauspiel nach Hause kam und, den Rücken gegen die Wand gekehrt, um sich nicht einbilden zu können, daß jemand hinter ihm stehe, ein Glas kalten Grog trank, >ich weiß nicht, was das ist<, sagte er, und in demselben Augenblick blieb sein Auge auf dem Verschlag haften, der bisher immer verschlossen gewesen war, wobei ihn ein Schauder vom Kopf bis zu den Füßen durchrieselte. Ich habe dieses seltsame Gefühl schon früher gehabt< – sagte er – >ich kann nicht anders denken, als mit diesem Verschlag muß es nicht richtig sein.< Er ermannte sich, nahm seinen Mut zusammen, zerschmetterte das Schloß mit dem Schüreisen, öffnete die Tür, und sehe, da stand in der Ecke der letzte Mieter ganz aufrecht mit einem Fläschchen, das er fest in der Hand hielt, das Angesicht mit dem Gepräge eines schmerzhaften Todes gestempelt.«

Als der kleine Alte schwieg, sah er rings auf die aufmerksamen Gesichter seiner erstaunten Zuhörer mit dem Lächeln unheimlicher Freude.

»Was für seltsame Dinge erzählen Sie uns da?« sagte Herr Pickwick, des alten Manes Gesicht mit seiner Brille genau prüfend.

»Seltsam?« wiederholte der kleine Alte – »Unsinn! Sie halten sie für seltsam, weil Sie nichts davon wissen. Sie sind kurzweilig, aber nicht außergewöhnlich.«

»Kurzweilig?« rief Herr Pickwick unwillkürlich.

»Ja, kurzweilig; oder sind sie’s etwa nicht?« versetzte der kleine Alte, mit einem satanischen Seitenblick; und ohne eine Antwort zu erwarten, fuhr er fort:

»Ich weiß noch einen andern Mann – wartet mal, ja, es mögen jetzt vierzig Jahre sein, – der eine alte, dumpfe, modrige Reihe von Zimmern in einem der ältesten Wirtshäuser mietete, die seit Jahren verschlossen waren und leerstanden. Man erzählte sich eine Menge Altweibermärchen über die Wohnung, und auf jeden Fall gehörte sie keineswegs zu den heitersten.

Aber er war arm, und die Zimmer kosteten keine große Miete – ein hinreichender Grund für ihn, wenn sie auch noch zehnmal schlimmer gewesen wären, als es wirklich der Fall war. Er mußte einige niet- und nagelfeste, wurmstichige Hausgeräte mit annehmen – einen großen wurmstichigen Papierschrank mit großen Glastüren und einem grünen Vorhang dahinter. Es war ein ziemlich unnützes Ding für ihn, denn er hatte keine Papiere hineinzutun, und was seine Garderobe anbelangte, so trug er sie so ziemlich vollständig bei sich, ohne sich sonderlich dadurch beschwert zu fühlen. Er hatte jedoch seine ganze Habe herbeischaffen lassen – es war nicht ganz ein Karren voll – und es im Zimmer auf eine Art verteilt, daß seine vier Stühle womöglich ein Dutzend vorstellen sollten.

Abends saß er vor dem Fenster und trank das erste Glas von zwei Maß Whisky, die er einstweilen auf Pump genommen hatte, wobei er Betrachtungen anstellte, ob er sie jemals bezahlen könnte, und wenn dieser Fall einträte, nach wieviel Jahren dies wohl möglich wäre; als seine Augen auf die Glastüren des Papierschranks fielen.

›Ach‹, seufzte er, ›wenn ich nicht genötigt gewesen wäre, dieses häßliche Ding da nach der Schätzung des alten Maklers mit in den Kauf zu nehmen, so hätte ich mir für das Geld was Ordentliches anschaffen können. Ich will dir was sagen, alter Kamerad‹, sprach er laut zu dem Schrank, bloß weil er sonst niemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, ›wenn es nicht mehr kosten würde, dein altes Gerippe zu zerschlagen, als es je wert gewesen ist, so hätte ich in einem Nu Feuer aus dir gemacht.‹

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als aus dem Innern des Kastens ein Laut hervorkam, der einem schwachen Ächzen glich. Es erschreckte ihn anfangs. Aber nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, bildete er sich ein, es müßte von irgendeinem jungen Manne im anstoßenden Zimmer herrühren, der vielleicht beim Mittagessen seinen Magen überladen hatte, weshalb er seinen Fuß auf die Feuerplatte setzte und das Schüreisen zur Hand nahm, um das Feuer anzuschüren. In diesem Augenblick wurde der Laut wiederholt. Eine der Glastüren öffnete sich ganz langsam, und eine blasse, abgemagerte Gestalt in einem schmutzigen, abgetragenen Anzuge ward sichtbar, die aufrecht im Schranke stand.

Die Gestalt war groß und hager, und das Gesicht drückte Gram und Angst aus; aber es lag etwas in ihrer Farbe und in dem fleischlosen geisterhaften Aussehen der ganzen Erscheinung, was keinem Bewohner dieser Welt angehören konnte. ›Wer sind Sie?‹ fragte der neue Mietsmann erbleichend, das Schüreisen mit der Hand aufhebend und auf das Gesicht der Gestalt zielend – ›wer sind Sie?‹

›Wirf dieses Eisen nicht nach mir‹, erwiderte die Gestalt – wenn du auch noch so richtig zieltest, so würde es doch ohne Widerstand durch mich hindurch in die Wand hinter mir fahren. Ich bin ein Geist.‹

›Was wollen Sie denn hier?‹ stammelte der Mieter. – ›In diesem Zimmer‹, antwortete die Erscheinung, ›wurde mein irdisches Glück vernichtet und ich und meine Kinder zu Bettlern gemacht. In diesem Schranke wurden die Papiere, die mit den Jahren immer mehr anwuchsen, zu hohen Stößen aufeinandergetürmt. In diesem Zimmer teilten, als ich vor Gram über fehlgeschlagene Hoffnungen gestorben war, zwei listige Hyänen das Vermögen unter sich, um das ich während eines ganzen elenden Lebens gestritten hatte, und von dem zuletzt nicht ein Pfennig für meine unglücklichen Nachkommen übrigblieb. Ich schreckte sie von diesem Platze weg und besuchte nun seit jenem Tage jede Nacht – denn dies ist die einzige Zeit, in der es mir gestattet ist, auf die Erde zurückzukehren – den Schauplatz meines langen Elends. Dieses Zimmer gehört mir: überlaß es mir.‹

›Wenn Sie sich’s durchaus in den Kopf gesetzt haben, hier zu spuken‹, erwiderte der Mieter, der während dieser prosaischen Erzählung des Geistes Zeit gehabt hatte, sich zu sammeln – ›will ich mit dem größten Vergnügen Ihren Wünschen entsprechen. Wollen Sie aber wohl so gefällig sein, mir eine Frage zu erlauben?‹

›Sprich‹, sagte die Erscheinung ernst.

›Nun denn!‹ begann der Mieter! ›ich beziehe meine Bemerkung nicht persönlich auf Sie, weil sie auf alle Geister, von denen ich je gehört habe, gleich anwendbar ist. Aber es will mich etwas sonderbar bedünken, daß ihr, da ihr doch Gelegenheit habt, die schönsten Plätze auf der Erde zu besuchen – denn vermutlich seid ihr doch nicht auf irgendeinen bestimmten Raum beschränkt – daß ihr, sage ich, immer gerade zu denjenigen Plätzen zurückkehrt, wo ihr am unglücklichsten gewesen seid?‹ – ›Wahrhaftig, du hast ganz recht: daran habe ich nicht gedacht‹, versetzte der Geist. – ›Sie sehen‹, fuhr der Mieter fort, ›dies ist ein sehr unwohnliches Zimmer. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, möchte ich fast behaupten, dieser Schrank ist nicht ganz frei von Wanzen. Ich meine wirklich, Sie könnten weit wohnlichere Aufenthaltsorte finden. Vom Londoner Klima nichts zu sagen, denn dieses ist vornweg nicht das angenehmste.‹

›Sie haben ganz recht, Sir‹, sagte der Geist höflich: ›das ist mir bis jetzt noch nicht eingefallen: doch will ich nun sogleich eine Luftveränderung vornehmen‹ – und wirklich begann seine Gestalt, während er noch sprach, zu verschwinden, und bald waren seine Beine unsichtbar geworden.

›Und wenn Sie‹, rief ihm der Mieter nach, ›wenn Sie die Güte haben wollen, auch die übrigen Damen und Herren, die in alten leeren Häusern spuken, darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich anderswo weit besser befinden dürften, so würden Sie der menschlichen Gesellschaft eine sehr große Wohltat erzeigen.‹

›Das will ich tun‹, erwiderte der Geist: ›wir müssen in der Tat sehr dumme Wichte sein. Ich begreife gar nicht, wie wir so töricht sein konnten.‹

Mit diesen Worten verschwand der Geist: und was noch merkwürdiger ist«, fügte der Alte mit einem schlauen Blick auf die Gesellschaft hinzu, »er kam nicht wieder.«

»Das ist nicht so übel, wenn es wahr ist«, bemerkte der Mann mit den Mosaikknöpfen, eine frische Zigarre anzündend.

» Wenn?« rief der Alte mit einem Blick der tiefsten Verachtung. »Ich glaube«, setzte er, sich zu Lowten wendend, hinzu, »er würde beinahe behaupten, meine Geschichte von dem seltsamen Klienten, den wir hatten, als ich in der Schreibstube eines Gerichtsanwalts war, sei auch nicht wahr – es sollte mich nicht wundernehmen.«

»Ich wage nicht, überhaupt etwas darüber zu sagen, denn ich habe die Geschichte noch nie gehört«, bemerkte der Besitzer der Mosaikverzierungen.

»Ich wünschte. Sie erzählten sie, Sir«, sagte Herr Pickwick.

»O ja, tun Sie es«, bat Lowten; »es hat sie noch niemand gehört als ich, und ich habe sie beinahe rein vergessen.«

Der Alte sah sich rings an der Tafel um, und sein Blick hatte etwas Furchtbareres als je. Es war, als ob er über die Spannung triumphierte, die auf allen Gesichtern lag. Dann begann er, mit der Hand sein Kinn streichend und zur Decke emporsehend, als ob er die Begebenheiten in sein Gedächtnis zurückzurufen suchte, wie folgt:

Des alten Mannes Erzählung von dem seltsamen Klienten.

»Es liegt wenig daran«, sagte der Alte, »wo oder auf welche Weise ich diese kurze Geschichte aufgefangen habe. Wenn ich sie übrigens in der Ordnung erzählen wollte, in der sie zu meiner Kenntnis kam, so müßte ich in der Mitte beginnen, und nachdem ich an den Schluß gekommen wäre, zum Anfang zurückkehren. Es genügt, wenn ich bemerke, daß sich einige von den darin vorkommenden Vorfällen unter meinen eigenen Augen zugetragen haben. Was die übrigen betrifft, so weiß ich, daß sie sich wirklich zutrugen, und es sind noch mehrere Personen am Leben, die sich derselben nur zu wohl erinnern werden.

In dem Borough High-Street bei der Sankt-Georges-Kirche und auch auf derselben Seite steht, wie die meisten Leute wissen, das kleinste unserer Schuldgefängnisse Marshalsea. Ob es gleich in späteren Zeiten bei weitem nicht mehr der schmutzige, unflätige Winkel war, der es früher gewesen, so hat es doch auch in diesem verbesserten Zustande wenig Verführerisches für den Lüstling und wenig Tröstliches für den Leichtsinn. Der zum Tode verurteilte Verbrecher in Newgate hat einen ebenso geräumigen Hofraum, um sich Bewegung zu machen und frische Luft zu schöpfen, als der zahlungsunfähige Schuldner im Marshalsea-Gefängnis.

Es kann Einbildung von mir sein, oder vielleicht vermag ich den Platz nicht von den alten Erinnerungen zu trennen, die sich daran knüpfen, aber dieser Teil von London ist mir in der Seele zuwider. Die Straße ist breit, die Läden sind geräumig, das Geräusch der vorüberrasselnden Fuhrwerke, die Fußtritte eines ununterbrochenen Menschenstromes – das ganze, laute, geschäftige Treiben des Verkehrs ertönt in ihr von Morgen bis Mitternacht. Aber die Nebenstraßen sind schlecht und eng: Armut und Ausschweifung liegen eiternd in den vollgepfropften Gäßchen; Mangel und Elend sind in dem engen Gefängnisse zusammengesperrt: eine finstere düstere Luft scheint, wenigstens in meinen Augen, auf dem Ganzen zu lasten, und ihm ein trübes, schmutziges Aussehen zu geben.

Manche Augen, die seitdem schon lange im Grabe geschlossen sind, haben diesen Schauplatz ziemlich unbesorgt betrachtet, wenn sie zum ersten Male das Tor des alten Marshalsea-Gefängnisses überschritten: denn die Verzweiflung kommt selten mit dem ersten schweren Schlage des Schicksals. Der Mensch hat Vertrauen auf unerprobte Freunde, er erinnert sich der vielen Anerbietungen, die ihm von seinen lustigen Kameraden so freigebig gemacht worden, als er ihrer nicht bedurfte; er hat Hoffnung – die Hoffnung der glücklichen Unerfahrenheit. Wenn er auch vom ersten Schlage niedergebeugt wird, so keimt die Hoffnung in seinem Busen und blüht für kurze Zeit, bis sie unter dem zerstörenden Einfluß der Enttäuschung und Verlassenheit dahinschwindet. Wie bald blickten dieselben Augen tief eingesunken und glanzlos aus dem Gesicht hervor, das vom Hunger abgezehrt und von der Einsperrung bleich geworden war, in Tagen, wo es nicht bloß Redensart war, wenn man sagte, die Schuldner vermodern im Gefängnis ohne Hoffnung auf Erlösung und ohne Aussicht auf Freiheit! Diese Abscheulichkeit besteht in ihrer vollen Ausdehnung nicht mehr! aber es ist noch genug von ihr vorhanden, um Dinge zu ermöglichen, die das Herz zerreißen.

Es sind jetzt zwanzig Jahre, daß eine Mutter mit ihrem Kind, so gewiß wie der Morgen kam, Tag für Tag an dem Gefängnistor sich zeigte. Oft kamen sie nach einer schlaflosen Nacht voll Elend und Qual eine ganze Stunde zu früh. Dann ging die junge Mutter traurig wieder weg, führte das Kind nach der alten Brücke und nahm es auf den Arm, um ihm das im Licht der Morgensonne erglühende Wasser zu zeigen, und ihm durch den Anblick der lärmenden Vorbereitungen zum Geschäft und Vergnügen, den der Fluß in dieser frühen Tagesstunde darbietet, Unterhaltung und Spaß zu machen. Aber bald setzte sie es nieder, verbarg das Gesicht in ihrem Halstuch und ließ den hervorbrechenden Tränen freien Lauf. Kein Ausdruck von Teilnahme oder Lust leuchtete aus diesem abgemagerten Krankengesicht. Erinnerungen hatte das Kind nicht viel, aber sie waren sämtlich von derselben Art: alle knüpften sich an die Armut und das Elend seiner Eltern. Stundenweise saß es auf den Knien seiner Mutter und beobachtete mit kindischem Mitgefühl die Tränen, die sich über ihre Wangen stahlen. Dann schlich es sich still in einen dunklen Winkel und schluchzte sich in den Schlaf. Die rauhe Wirklichkeit des Lebens, mit so vielen seiner traurigsten Entbehrungen – Hunger, Durst, Kälte und Mangel – hatte es seit dem ersten Aufdämmern seiner Vernunft in seiner ganzen Ausdehnung erfahren; und ob es gleich die Gestalt eines Kindes hatte, so fehlten ihm doch der leichte Sinn, das freundliche Lachen und die funkelnden Augen.

Der Vater und die Mutter sahen das Kind und dann einander mit Gedanken des furchtbarsten Seelenschmerzes an, denen sie keine Worte zu geben wagten. Der gesunde, starke Mann, der sonst beinahe jede Anstrengung hätte ertragen können, schwand unter dem lastenden Druck der Einsperrung und der ungesunden Luft eines vollgepfropften Gefängnisses sichtlich dahin. Die zarte Frau wankte unter den vereinten Wirkungen körperlicher und geistiger Leiden dem Grabe entgegen; an des Kindes Herzen nagte der Tod.

Der Winter kam und mit ihm die kalte regnerische Witterung, die so viele Wochen lang anhält. Das unglückliche Weib hatte sich in ein armseliges Zimmer in der Nähe des Ortes, wo ihr Gatte gefangensaß, zurückgezogen. Obgleich die Veränderung durch ihre zunehmende Armut notwendig gemacht worden war, so fühlte sie sich doch jetzt glücklicher, denn sie war ihm näher. Zwei Monate lang wartete sie und ihr Kind regelmäßig alle Morgen auf das Öffnen des Tors. Eines Tages erschien sie zum ersten Male nicht. Am andern Morgen kam sie, aber sie war allein, das Kind war tot.

Die, welche mit kaltem Herzen von den Verlusten des Armen als einer glücklichen Erlösung für die Hingeschiedenen und einer segensreichen Erleichterung für die Hinterbliebenen reden, wissen wenig von dem Schmerz solcher Verluste. Ein stiller Blick der Liebe und Achtung, wenn sich alle andern Augen kalt von uns abwenden – das Bewußtsein, daß wir uns der Teilnahme und Liebe eines Wesens erfreuen, wenn alle andern uns verlassen haben – ist ein Halt, eine Stütze, ein Trost in der tiefsten Betrübnis, die kein Reichtum erkaufen, keine Gewalt gewähren kann. Das Kind hatte stundenlang zu seiner Eltern Füßen gesessen, die kleinen Händchen geduldig gefaltet und das abgezehrte, bleiche Gesicht auf sie gerichtet. Sie hatten es von Tag zu Tag dahinwelken sehen, und obgleich sein kurzes Dasein ein freudloses gewesen und es jetzt den Frieden und die Ruhe gefunden hatte, die ihm, so jung es noch war, in dieser Welt versagt waren, so waren es doch seine Eltern, und sein Verlust drang ihnen tief ins Herz.

Die, welche das veränderte Gesicht der Mutter betrachteten, sahen deutlich, daß der Tod ihren Drangsalen und ihrem Elend bald ein Ende machen mußte. Die Mitgefangenen ihres Gatten mochten sich ihm in seinem Gram und Jammer nicht aufdringen und überließen ihm das kleine Gemach, das er bisher mit zwei Leidensgefährten geteilt hatte, allein. Seine Gattin bewohnte es mit ihm, und ohne Schmerz, aber auch ohne Hoffnung, welkte sie langsam dem Grabe zu.

Eines Abends war sie in ihres Gatten Armen ohnmächtig geworden. Er hatte sie ans offene Fenster getragen, um sie durch die Luft wieder ins Leben zurückzurufen, als ihm das Licht des Mondes, das auf ihr Gesicht fiel, eine Veränderung in ihren Zügen zeigte, die ihn so sehr ergriff, daß er gleich einem hilflosen Kind unter ihrer Last wankte.

›Setze mich nieder, Georg‹, sagte sie mit matter Stimme. Er tat es und, sich neben sie setzend, bedeckte er sein Gesicht mit seinen Händen und brach in Tränen aus.

›Es ist sehr hart, Georg, dich zu verlassen‹, sagte sie; ›aber es ist der Wille Gottes, und du mußt dich um meinetwillen darein ergeben. Ach, wie danke ich ihm, daß er unser Kind zu sich genommen. Es ist jetzt glücklich und im Himmel. Was würde es hier getan haben ohne seine Mutter?‹

›Du darfst nicht sterben, Marie, du darfst nicht sterben‹, sagte der Gatte aufspringend. Er ging hastig auf und nieder und schlug sich mit der geballten Faust vor den Kopf. Dann setzte er sich wieder neben sie, nahm sie in seine Arme und sagte ruhiger: ›Ich bitte dich, sei guten Muts, liebes Kind; du wirst dich wieder erholen.‹

›Nimmermehr Georg; nimmermehr‹, sagte die Sterbende. ›Sorge dafür, daß sie mich neben mein armes Kind legen. Aber versprich mir, wenn du je diesen traurigen Ort verlassen und reich werden wirst, uns in einem stillen ländlichen Kirchhof, weit, weit von hier – sehr weit von hier – begraben zu lassen, wo wir im Frieden ruhen können. Willst du mir das versprechen, lieber Georg?‹

›Ich verspreche es, ich verspreche es‹, sagte der Mann, sich leidenschaftlich vor ihr auf die Knie werfend. ›Rede mit mir, Marie – nur ein Wort: einen Blick – nur einen –‹

Er verstummte, denn der Arm, der seinen Nacken umschlungen hielt, wurde steif und schwer. Ein tiefer Seufzer rang sich aus der abgezehrten Gestalt, die in seinen Armen lag; die Lippen bewegten sich und ein Lächeln spielte auf ihrem Gesicht. Aber die Lippen waren bleich und das Lächeln verzog sich zu einem schrecklichen Starrblick. Er war allein auf der Welt.

In der Stille und Einsamkeit seines elenden Gemachs kniete der unglückliche Mann in der darauffolgenden Nacht vor der Leiche seines Weibes, und rief Gott zum Zeugen eines furchtbaren Eidschwurs an, daß er von Stunde an nur darauf ausgehe, ihren und seines Kindes Tod zu rächen; daß er von nun an bis zum letzten Augenblicke seines Lebens alle seine Kräfte nur diesem einen Zwecke widmen wolle; daß seine Rache langwierig und fürchterlich, und sein Haß ewig und unauslöschlich sein solle, und daß er den Gegenstand dieses Hasses bis an die Grenzen der Welt verfolgen wolle.

Die höchste Verzweiflung und eine übermenschliche Leidenschaft hatten in dieser einen Nacht auf seinem Gesicht und in seiner ganzen Gestalt solche Verheerungen angerichtet, daß seine Leidensgefährten vor ihm zurückbebten, als er an ihnen vorüberkam. Seine Augen waren blutunterlaufen und quollen hervor. Sein Gesicht war totenbleich und sein Körper wie unter der Last der Jahre gebeugt. In der Heftigkeit seines Seelenschmerzes hatte er seine Unterlippe beinahe ganz durchbissen; das Blut war am Kinn niedergeflossen und hatte sein Hemd und sein Halstuch befleckt. Keine Träne, kein Klageslaut entfloh ihm, aber der unstete Blick und die regellose Hast, mit der er im Hofe auf und ab rannte, verrieten das Fieber, das in seiner Brust brannte.

Ohne Verzug mußte der Leichnam aus dem Gefängnis entfernt werden. Der verlassene Gatte empfing diese Mitteilung mit vollkommener Ruhe und billigte die Anordnungen, die man deshalb traf.

Beinahe sämtliche Bewohner des Gefängnisses hatten sich versammelt, um der Wegschaffung der Leiche zuzusehen. Sie wichen auf beiden Seiten zurück, als der unglückliche Witwer erschien, der rasch vorwärts schritt und auf einem kleinen eingefaßten Platze, nahe am Gefängnistor, von den Übrigen entfernt, stehenblieb. Die Menge hatte sich aus angeborenem Zartgefühl zurückgezogen. Der grobe Sarg wurde langsam auf den Schultern fortgetragen, und Totenstille herrschte unter den Anwesenden, die nur durch die lauten Wehklagen der Frauen und den Widerhall der Tritte der Träger auf dem Steinpflaster unterbrochen wurde. Sie erreichten den Ort, wo der Arme stand, und machten halt. Er legte seine Hand auf den Sarg, zog mechanisch das Tuch an, womit er bedeckt war, und winkte ihnen, weiterzugehen. Die Schließer am Eingange des Gefängnisses nahmen ihre Hüte ab, als die Leiche vorübergetragen wurde, und im nächsten Augenblick schloß sich das schwere Tor hinter dem Zuge. Der Arme sah mit einem gläsernen Blick auf die Menge und fiel mit seiner ganzen Schwere zu Boden.

Viele Wochen lang lag er Tag und Nacht in den wildesten Fieberträumen. Aber das Bewußtsein seines Verlustes und die Erinnerung an sein Gelübde verließen ihn keinen Augenblick. Unaufhörlich wechselten die Szenen vor seinen Augen. Schauplatz folgte auf Schauplatz und Ereignis auf Ereignis, mit der Blitzesschnelle des Wahnwitzes. Aber alle knüpften sich auf die eine oder andere Weise an den großen Gegenstand, mit dem sein Geist beschäftigt war. Er segelte über die grenzenlose Fläche des Ozeans; die Wolken über ihm waren blutrot und die wilden Wasser kochten und schäumten in furchtbarer Wut auf allen Seiten. Ein anderes Schiff fuhr vor ihm her, das gegen den heulenden Sturm mit aller Kraft ankämpfte, die Segel flatterten zerrissen vom Mast, und das Verdeck war voll von Gestalten, die hin und her geworfen wurden, während sich ungeheure Wellen jeden Augenblick über ihm brachen und ihre Opfer in die rauchende See schwemmten. Sie fuhren durch das brüllende Gewässer mit einer Eile und Gewalt, der nichts widerstehen konnte; sie zerschmetterten den Bug des vorderen Schiffes und drückten es in den Grund. Aus dem furchtbaren Wirbel, der das sinkende Wrack umschäumte, stieg ein so lautes und durchdringendes Geschrei empor – das fürchterliche Angstgeschrei hundert Unglücklicher, die in den Wellen ertranken – daß es das Wutgebrüll der Elemente übertäubte, und hallte und widerhallte, bis es die Luft, das Firmament und den Ozean zu durchdringen schien. Doch was war das? – der alte Graukopf, der aus dem Wasser emportauchte, mit dem Blicke des Todeskampfes und dem Angstgeschrei um Hilfe, von den Wellen gepeitscht! Ein Blick und er war über Bord gesprungen und arbeitete sich mit Riesenkraft durch die wilde See. Er schwamm auf diesen zu; er kam dicht an ihn heran. Es waren seine Züge; der Alte sah ihn kommen und suchte ihm vergeblich zu entrinnen. Aber er faßte ihn fest um den Leib und zog ihn in die Tiefe nieder. Hinunter, hinunter mit ihm, fünfzig Klafter tief; seine Anstrengungen wurden schwächer und schwächer, bis sie endlich ganz aufhörten. Er war tot; er hatte ihn getötet und seinen Schwur gehalten.

Barfuß und allein ging er über den brennenden Sand einer ungeheuren Wüste. Der Sand versetzte ihm den Atem und blendete ihn. Die feinen Körnchen drangen durch alle Poren seiner Haut und peinigten ihn fast bis zum Wahnsinn, Gigantische Staubmassen schwebten, vom Winde getragen und von der brennenden Sonne durchglüht, in der Ferne gleich Säulen lebendigen Feuers dahin. Die Gebeine eines Menschen, der in der traurigen Wüste umgekommen, lagen zerstreut zu seinen Füßen. Ein furchtbarer Glanz beleuchtete alles, was ihn umgab; und so weit sein Auge reichte, begegnete es nur Bildern des Schreckens und Entsetzens. Vergeblich mühte er sich, mit der am Gaumen klebenden Zunge einen Angstruf hervorzustoßen und lief wie wahnsinnig weiter. Mit übernatürlicher Kraft watete er durch den Sand, bis er von Ermattung und Durst erschöpft, bewußtlos zu Boden sank. Welch eine erfrischende Kühle belebte ihn wieder! Was für ein murmelnder Laut war das? Wasser! Es war wirklich ein Quell; und der klare frische Strom ergoß sich zu seinen Füßen. Er trank in tiefen Zügen, warf seine schmerzhaften Glieder auf den Rasen und sank in erquickenden Schlummer. Der Laut sich nähernder Fußtritte weckte ihn. Ein alter Mann mit grauen Haaren wankte vorwärts, um seinen brennenden Durst zu löschen. Er war es wieder; er schlang seine Arme um des alten Mannes Leib und hielt ihn zurück. Er krümmte sich in furchtbaren Krämpfen und schrie nach Wasser, denn es bedurfte nur eines Tropfens, sein Leben zu fristen. Aber er hielt den Alten fest, und weidete sich mit gierigem Auge an seinem Todeskampf, und als das leblose Haupt auf die Brust hinsank, stieß er den Leichnam mit den Füßen von sich.

Als ihn das Fieber verließ und sein Bewußtsein wiederkehrte, war er auf einmal reich und frei. Er vernahm, daß sein Vater, der ihn im Gefängnis hatte sterben lassen wollen – der die, welche ihm teurer waren als sein eigenes Leben, an Mangel und Gram, den keine Arznei zu heilen vermag, hatte sterben lassen – tot in seinem Daunenbette gefunden worden sei. Dieser Vater war fest entschlossen gewesen, seinen Sohn als Bettler auf der Welt zurückzulassen. Aber auf seine Gesundheit und Kraft pochend, hatte er die Enterbung hinausgeschoben, bis es zu spät war. – Nun mochte er in der andern Welt die Zähne knirschen, bei dem Gedanken an den Reichtum, den ihm seine Versäumnis hinterlassen hatte. Dazu erwachte er – und zu noch mehr – nämlich zur Erinnerung an den Zweck, für den er jetzt leben sollte, und zur Erinnerung daran, daß sein Feind seines eigenen Weibes Vater war – der Mann, der ihn ins Gefängnis geworfen und der seine Tochter und ihr Kind, die zu seinen Füßen um Gnade gefleht, vor die Tür gestoßen hatte.

O, wie verwünschte er die Schwäche, die ihn noch hinderte, sich aufzumachen und für seine Rachepläne tätig zu sein! Er ließ sich von dem Schauplatze seines Verlustes und Elends wegführen und wählte sich einen ruhigen Wohnplatz an der Meeresküste – nicht in der Hoffnung, seinen innern Frieden und seine Seligkeit wiederzufinden; denn beide waren für immer entflohen, sondern um seine gesunkenen Kräfte wieder zu heben und über seinen Lieblingsplan nachzudenken. Und hier warf ihm auch irgendein böser Geist die erste Gelegenheit zu der furchtbarsten Rache in den Weg.

Es war Sommer. In seine finstern Gedanken vertieft, verließ er früh am Abend seine einsame Wohnung und verfolgte einen schmalen Pfad zwischen den Klippen nach einem wilden und einsamen Ort, der auf seinen Streifereien seine Phantasie besonders erregt hatte. Er setzte sich auf verwitterte Felstrümmer und blieb dort, das Gesicht mit den Händen bedeckt, stundenlang – oft bis die Nacht völlig hereingebrochen war und die langen Schatten der zürnenden Klippen über seinem Kopf alles um ihn her in dichte Finsternis verhüllt hatten.

Hier saß er an einem ruhigen Abend in seiner gewohnten Stellung, bisweilen den Kopf erhebend, um den Flug einer Seemöwe zu beobachten, oder mit seinen Blicken den prächtigen Rosenstreifen zu verfolgen, der in der Mitte des Ozeans anfing und bis zu seinem äußersten Rande hinzulaufen schien. Eben ging die Sonne unter, als die tiefe Stille des Orts durch einen lauten Hilferuf unterbrochen wurde. Er lauschte, ob er auch recht gehört habe, als sich der Ruf mit noch größerer Stärke wiederholte, und schnell aufspringend eilte er in der Richtung weiter, aus der jener Ruf gekommen war.

Das Vorgefallene erklärte sich auf einen Blick selbst: Einige zerstreute Kleidungsstücke lagen am Strand; der Kopf eines Menschen zeigte sich in geringer Entfernung von der Küste über den Wellen. Ein alter Mann lief, in Todesangst die Hände ringend, auf und nieder, und schrie um Hilfe. Der Wiedergenesene, dessen Kräfte nun wieder so ziemlich hergestellt waren, warf den Rock weg und eilte der See zu, um sich hineinzustürzen und den Ertrinkenden ans Ufer zu ziehen.

›Eilen Sie, Sir; um Gotteswillen, eilen Sie. Helfen Sie, helfen Sie im Namen des Höchsten. Es ist mein Sohn‹, rief der Greis im Wahnsinne der Angst, als er auf ihn zulief. ›Mein einziger Sohn und dort stirbt er vor den Augen seines Vaters.‹

Auf das erste Wort, das aus dem Munde des Alten kam, hemmte der Fremde seinen Schritt und blieb mit übereinandergeschlagenen Armen regungslos vor ihm stehen.

›Großer Gott‹, rief der Greis, sich plötzlich erinnernd – ›Heyling!‹

Der Fremde lächelte und schwieg.

›Heyling‹, sagte der Alte mit wildem Ton – ›mein Kind, Heyling, mein liebes Kind; sehen Sie, sehen Sie,‹ und nach Atem ringend, deutete der unglückliche Vater auf den Ort, wo der Jüngling um sein Leben kämpfte.

›Horch‹, sagte der Alte – ›er ruft wieder. Er lebt noch. Heyling, retten Sie ihn, retten Sie ihn.‹

Der Fremde lächelte wieder und blieb regungslos wie eine Bildsäule.

›Ich habe unrecht an Ihnen gehandelt‹, rief der Alte, auf die Knie sinkend und seine Hände faltend – ›rächen Sie sich; nehmen Sie mein Alles, mein Leben; stoßen Sie mich mit dem Fuße ins Wasser, und wenn die menschliche Natur den Widerstand unterdrücken kann, so will ich sterben, ohne eine Hand oder einen Fuß zu rühren. Tun Sie es, Heyling, tun Sie es, aber retten Sie meinen Sohn; er ist so jung, Heyling, so jung, Heyling, und soll schon sterben.‹

›Hören Sie‹, sagte der Fremde, den Alten fest beim Handgelenk fassend – ›ich will Leben für Leben, und hier ist eines. Mein Kind starb vor den Augen seines Vaters einen weit qualvolleren Tod, als der junge Verschwender des Vermögens seiner Schwester jetzt einen stirbt, während ich spreche. Sie lachten – lachten Ihrer Tochter ins Gesicht, als der Tod schon seine Knochenhand ausgereckt hatte – lachten damals unserer Leiden. Was sagen Sie jetzt dazu? Sehen Sie dorthin, sehen Sie dorthin.‹

Mit diesen Worten deutete der Fremde auf die See. Ein schwacher Schrei drang von dort herüber; die letzte Anstrengung des Sterbenden bewegte die spielenden Wellen auf wenige Sekunden, und der Ort, wo er in sein frühes Grab gesunken, war von dem übrigen Wasser nicht mehr zu unterscheiden.

 

Drei Jahre waren verflossen, als an der Haustür eines Londoner Anwalts, den damals das Publikum als einen Mann kannte, der in der Übernahme von Rechtsgeschäften nicht sehr bedenklich war, ein Mann aus einem Wagen stieg und den Anwalt in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Obgleich der Frühling seines Lebens offenbar noch nicht ganz vorüber war, hatte dieser Herr doch ein blasses, eingefallenes und abgehärmtes Gesicht, und es bedurfte der scharfen Beobachtungsgabe des Geschäftsmannes nicht, um auf einen Blick zu bemerken, daß Krankheit oder Kummer mehr zur Veränderung seines Äußeren beigetragen, als der bloße Zahn der Zeit in doppelt soviel Jahren, wie er auf sich haben mochte, hätte hervorbringen können.

›Ich bitte Sie, ein Rechtsgeschäft für mich zu übernehmen.‹

Der Anwalt verbeugte sich dienstfertig und sah auf ein großes Paket, das der Herr in den Händen hatte. Der Fremde bemerkte den Blick und fuhr fort:

›Es ist kein gewöhnliches Geschäft‹, sagte er. ›Auch sind diese Papiere nicht ohne langwierige Bemühungen und große Kosten in meine Hand gekommen.‹

Der Anwalt warf einen noch neugierigeren Blick auf die Papiere, und der Fremde löste die Schnur, die sie zusammenhielt, und legte eine Menge Verschreibungen mit einigen Abschriften, Urkunden und andern Dokumenten vor.

›Auf diese Papiere‹, fuhr der Klient fort, ›erhob, wie Sie finden werden, der Mann, auf dessen Namen sie lauten, eine Reihe von Jahren hindurch große Summen. Es bestand eine stillschweigende Übereinkunft zwischen ihm und dem Manne, der sie ursprünglich in den Händen gehabt hatte, und von dem ich nach und nach das Ganze um das Drei- und Vierfache des Nennwertes gekauft habe – daß diese Pfandscheine von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten, bis eine bestimmte Reihe von Jahren verflossen wäre. Eine solche Übereinkunft ist aber nirgends bestimmt ausgedrückt. Er hat in neuerer Zeit viele Verluste erlitten, und wenn diese Schuldbriefe auf einmal eingelöst werden sollten, so würden sie ihn zugrunde richten.‹

›Das Ganze beläuft sich auf etliche tausend Pfund‹, sagte der Anwalt, einen Blick auf die Papiere werfend.

›So ist es‹, antwortete der Klient.

›Was sollen wir tun?‹ fragte der Anwalt.

›Was tun?‹ erwiderte der Klient mit plötzlicher Heftigkeit. – ›Sie sollen jeden Kunstgriff des Gesetzes anwenden, der in Ihrer Gewalt steht, jeden Kniff gebrauchen, den der Scharfsinn auszudenken und die Bosheit durchzuführen vermag; gute Mittel, wie schlechte, den offenen Druck des Gesetzes und die ganze Schlauheit eines scharfsinnigen Praktikers. Ich möchte ihn einen qualvollen, langsamen Tod sterben lassen; ihn zugrunde richten, sein Hab und Gut an mich bringen und ihn von Haus und Hof vertreiben, daß er in seinen alten Tagen sein Brot vor den Türen betteln und in einem gemeinen Kerker sterben muß.‹

›Aber die Kosten, mein Wertester – die Kosten von all‘ dem?‹ erwiderte der Anwalt, als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte. – ›Wenn der Beklagte ein ruinierter Mann ist, wer wird die Kosten bezahlen, Sir?‹

›Nennen Sie irgendeine Summe‹, sagte der Fremde, während seine Hand vor innerer Aufregung so heftig zitterte, daß er kaum die Feder halten konnte, die er bei diesen Worten ergriff, – ›irgendeine Summe und Sie sollen sie haben. Scheuen Sie sich nicht, sie zu nennen, ich werde sie nicht zu groß finden, wenn ich meinen Zweck erreiche.‹

Der Anwalt nannte aufs Geratewohl eine bedeutende Summe, die er als Vorschuß nötig haben würde, um sich gegen die Möglichkeit eines Verlustes zu decken, aber mehr in der Absicht, sich zu überzeugen, wie weit sein Klient wirklich zu gehen gesonnen wäre, als in der Hoffnung, seine Forderung bewilligt zu sehen.

Der Fremde schrieb für den ganzen Betrag eine Anweisung an seinen Bankier und ging.

Sie wurde bezahlt, und da der Anwalt dadurch seinen fremden Klienten als einen verläßlichen Mann erkannte, schritt er mit allem Ernst ans Werk. Mehr als zwei Jahre lang saß Herr Heyling seit dieser Zeit ganze Tage in seiner Schreibstube über den Papieren, die sich immer mehr anhäuften, und las mit freudestrahlenden Augen die dringenden Vorstellungen, die Bitten um einen kleinen Aufschub, weil sonst der Schuldner seinem unvermeidlichen Untergang entgegeneilen würde – Briefe, die immer häufiger wurden, als einmal eine Forderung nach der andern eingeklagt worden.

Auf alle Gesuche um eine kurze Nachsicht erfolgte nur eine einzige Antwort – das Geld müsse bezahlt werden. Haus und Hof, samt allem, was dazu gehörte, ward nach und nach bei den zahlreichen Pfändungen, die jetzt angeordnet wurden, weggenommen, und der alte Mann hatte unfehlbar ins Gefängnis wandern müssen, wenn er sich nicht der Wachsamkeit der Gerichtsboten durch die Flucht entzogen hätte. Der unversöhnliche Haß Heylings wurde durch den Erfolg seiner rachsüchtigen Bemühungen nicht nur nicht befriedigt, sondern durch das Elend, das er über sein Schlachtopfer verhängte, noch gesteigert.

Als er die Flucht des alten Mannes vernahm, kannte seine Wut keine Grenzen; er knirschte mit den Zähnen vor Ingrimm, zerraufte sich das Haar und stieß schreckliche Flüche gegen die Männer aus, die mit der Verhaftung beauftragt waren. Nur die wiederholte Versicherung, daß man des Flüchtlings gewiß habhaft werden würde, beruhigte ihn einigermaßen. Nach allen Richtungen wurden Spione ausgesandt, alle mögliche List wurde angewandt, um seinen Zufluchtsort zu entdecken; aber es war alles vergeblich. Ein halbes Jahr verfloß, und er war immer noch nicht aufgefunden.

Endlich erschien Heyling eines Abends spät, nachdem man ihn seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen hatte, in der Privatwohnung seines Anwalts und ließ ihm sagen, ein Herr wünsche ihn augenblicklich zu sprechen. Noch ehe der Anwalt, der ihn von oben an der Stimme erkannt hatte, seinem Diener bestellen konnte, ihn herauszuführen, war der Klient schon oben an der Treppe und drang blaß und atemlos ins Besuchszimmer. Er schloß die Tür, um von niemand gehört zu werden, sank in einen Armstuhl und sagte mit leiser Stimme –

»Pst, ich habe ihn endlich gefunden.‹

»Was Sie sagen«, erwiderte der Anwalt. – »Das ist schön, Verehrtester, sehr schön.«

»Er hält sich in einer erbärmlichen Wohnung in Lamden-Town versteckt«, sagte Heyling – »es ist vielleicht ebensogut, daß wir ihn aus den Augen verloren, denn er hat dort die ganze Zeit über im größten Elend gelebt, und er ist arm – sehr arm.«

»Sehr gut‹, erwiderte der Anwalt – »Sie wünschen natürlich, daß die Verhaftung morgen früh vorgenommen werde?«

»Ja«, versetzte Heyling: »doch halten Sie! Nein, erst übermorgen. Sie erstaunen, daß ich sie verschieben will«, setzte er mit schrecklichem Lächeln hinzu, »aber ich hatte es vergessen. Übermorgen feiert er seinen Jahrestag: wir wollen ihn dann festnehmen.« »Auch gut«, antwortete der Anwalt. »Wollen Sie die Instruktion für den Gerichtsboten niederschreiben?«

»Nein, er soll herkommen, abends acht Uhr ich will ihn dann begleiten.«

Sie kamen am bestimmten Abend zusammen, setzten sich in eine Mietkutsche und ließen an der Ecke der alten Pancrasstraße halten, wo das Arbeitshaus des Kirchspiels steht. Es war schon ganz dunkel geworden, als sie dort ausstiegen. Nachdem sie an der düstern Mauer, die sich am Veterinärhospital hinaufzieht, hingegangen waren, traten sie in eine kleine Nebenstraße, die Little College Street genannt wird, oder wenigstens damals so genannt wurde, und die, wie sie auch jetzt beschaffen sein mag, in jenen Tagen still und einsam genug war, da sie fast nichts anderes als Moorgrund und Sümpfe in ihrer Umgebung hatte.

Nachdem Heyling die Reisemütze, die sein Haupt bedeckte, halb über das Gesicht heruntergezogen und sich in seinen Mantel gehüllt hatte, blieb er vor dem erbärmlichsten Häuschen der ganzen Straße stehen, und pochte leise an die Tür. Sie ward augenblicklich von einer alten Frau geöffnet, die sich höflich vor dem Ankömmling verbeugte, und durch ihre Miene zu verstehen gab, daß sie ihn erkannte. Heyling flüsterte dem Gerichtsboten zu, er möchte unten zurückbleiben, schlich leise die Treppe hinauf und trat rasch in das Vorderzimmer.

Das Opfer seiner Nachforschungen und seines unversöhnlichen Hasses, jetzt ein abgelebter Greis, saß vor einem nackten, tannenen Tische, auf dem ein elendes Talglicht brannte. Er schrak beim Eintritt des Fremden zusammen und stand zitternd von seinem Sitze auf.

»Was gibt es wieder – was gibt es wieder?« rief der Alte – »was für ein neues Elend kommt über mich? Was bringen Sie mir?«

»Ein Wort mit Ihnen«, erwiderte Heyling; und während er sprach, setzte er sich an das andere Ende des Tisches, und Mantel und Kappe zurückschlagend, enthüllte er sein Gesicht. Der alte Mann schien plötzlich der Sprache beraubt, er fiel rücklings auf seinen Stuhl, und die Hände zusammenschlagend, starrte er mit dem Blicke des Entsetzens und der Furcht auf die Erscheinung.

»Heute sind es sechs Jahre«, sagte Heyling, »daß ich Ansprüche habe auf das Leben, das Sie mir für das meines Kindes schulden. Vor der leblosen Hülle Ihrer Tochter, alter Mann, schwur ich, von nun an nur der Rache zu leben. Nie habe ich, auch nur auf einen Augenblick, meinen Zweck aus den Augen verloren; denn wenn es der Fall gewesen wäre, so würde mir ein einziger Gedanke an ihren leidenden Blick der Ergebung, als sie dahinschied, oder an das sterbende Antlitz unseres unschuldigen Kindes meine Aufgabe ins Gedächtnis gerufen haben. Meiner ersten Handlung der Vergeltung werden Sie sich erinnern; dies ist meine letzte.«

Der alte Mann schauerte zusammen und seine Hände fielen kraftlos an seiner Seite nieder.

»Morgen verlasse ich England«, fuhr Heyling nach einer kurzen Pause fort. – »Heute nacht noch übergebe ich Sie dem lebendigen Tode, dem Sie sie geopfert haben – einem hoffnungslosen Gefängnis.« –

Er sah dem alten Manne ins Antlitz und schwieg: dann hielt er ihm das Licht vors Gesicht, stellte es sachte wieder nieder und verließ das Zimmer.

»Es wäre gut, wenn Sie nach dem alten Manne sehen würden«, sagte er zu der Frau, als er die Tür öffnete und dem Gerichtsboten winkte, ihm auf die Straße zu folgen – »Ich glaube, es ist ihm nicht wohl.«

Die Frau verschloß die Tür, eilte hastig die Treppe hinauf und fand ihn entseelt. Der Schlag hatte ihn getötet.

 

Unter einem einfachen Grabstein auf einem der stillsten und abgelegensten Kirchhöfe in Kent, wo wilde Blumen durch das Gras schimmern und die liebliche Landschaft der Umgegend die schönste Stelle im Garten England bildet, ruhen die Gebeine der jungen Mutter und ihres holden Kindes. Aber die Asche des Vaters mischt sich nicht mit der ihrigen; und von jener Nacht an erhielt der Anwalt auch nicht mehr den entferntesten Aufschluß über das weitere Schicksal seines seltsamen Klienten.«

 

Als der Alte seine Erzählung beendigt hatte, trat er an einen hölzernen Nagel in einer Ecke des Zimmers, nahm Hut und Überrock und schritt, ohne weiter ein Wort zu sagen, langsam hinaus. Da der Herr mit den Mosaikknöpfen eingeschlafen und der größere Teil der Gesellschaft in das unterhaltende Spiel vertieft war, geschmolzenen Talg in ihren Grog träufeln zu lassen, verließ Herr Pickwick unbemerkt das Zimmer, bezahlte seine und Herrn Wellers Zeche und ging in Gesellschaft dieses Herrn zur Haustür der Elster hinaus.

 

Vierzehntes Kapitel.


Vierzehntes Kapitel.

Nachrichten über Eatanswill – über den Stand der dortigen Parteien – und über die Wahl eines Parlaments-Mitglieds für diesen alten, loyalen und patriotischen Flecken.

Wir wollen offen gestehen, daß wir bis zu der Zeit, wo wir uns zuerst in die Masse der Papiere des Pickwick-Klubs versenkten, noch nie etwas von Eatanswill gehört hatten; auch wollen wir mit gleicher Freimütigkeit bekennen, daß wir bis auf den heutigen Tag vergeblich den Beweisen für die wirkliche Existenz einer Ortschaft dieses Namens nachgeforscht haben. In jede von Herrn Pickwicks Aufzeichnungen und Angaben das größte Vertrauen setzend, und uns nicht erkühnend, unsere eigenen Gedanken den gedachten Notizen des großen Mannes entgegenzustellen, haben wir jede Autorität zu Rate gezogen, die wir für den fraglichen Gegenstand überhaupt auftreiben konnten. Wir haben jeden Namen in den Listen A und B durchgegangen, ohne dem von Eatanswill zu begegnen: wir haben mit der größten Sorgfalt jeden Winkel auf den Spezialkarten unserer Grafschaften geprüft, und unsere Untersuchung hatte dasselbe Resultat.

Wir glauben daher annehmen zu dürfen, daß Herr Pickwick, aus einer ängstlichen Besorgnis, um nirgends Anstoß zu geben, und aus jenem Zartgefühl, das ihm nach dem Zeugnis aller, die ihn kennen, in so hohem Grade eigen ist, absichtlich einen fingierten für den wirklichen Namen der Stadt eingesetzt hat, in der er seine Beobachtungen anstellte. Wir werden in dieser Vermutung durch einen an sich geringfügigen und unbedeutenden, aber aus unserm Gesichtspunkt Beachtung verdienenden Umstand bestärkt. In Herrn Pickwicks Tagebuch steht nämlich die Tatsache aufgezeichnet, daß er sich mit seinen Gefährten auf der Post habe einschreiben lassen, um mit dem Norwicher Norwich, (heute) Großstadt und Grafschaft im östlichen England. Wagen abzufahren. Diese Notiz ist jedoch später wieder ausgestrichen, als wenn er die Absicht gehabt hätte, sogar die Richtung zu verheimlichen, in der jener Waldflecken gelegen ist. Wir wollen daher keine weiteren Vermutungen über diesen Punkt wagen, sondern lieber mit unserer Erzählung fortfahren, uns mit dem reichen Material begnügend, das uns die Charaktere derselben an die Hand geben.

Die Leute in Eatanswill hatten, wie die Bewohner so mancher andern Städte, eine gar hohe Meinung von ihrer Bedeutsamkeit, und jedermann daselbst, ein großes Gewicht auf sein Beispiel legend, hielt sich für verpflichtet, mit Leib und Seele einer der beiden großen, das Städtchen spaltenden Parteien – den Blauen und den Gelben – beizutreten. Die Blauen ließen keine Gelegenheit vorübergehen, wo sie den Gelben entgegentreten konnten, sowie dagegen die Gelben jede Gelegenheit ergriffen, mit den Blauen Händel anzufangen. Die Folge davon war, daß es jedesmal zu Skandalszenen kam, wenn die Gelben und Blauen auf dem Rathaus, dem Markte oder bei Versammlungen auf öffentlichen Plätzen zusammentrafen. Bei diesem Mangel an Harmonie wurde jede Angelegenheit in Eatanswill zur Parteifrage. Wenn die Gelben den Vorschlag machten, den Marktplatz mit neuen Laternen zu versehen, so zettelten die Blauen öffentliche Versammlungen an und brachen den Stab über den wahnsinnigen Plan. Wenn die Blauen einen neuen Brunnen in der Hauptstraße anlegen wollten, so schrien die Gelben, einer für alle und alle für einen über Verrücktheit. Es gab blaue Läden und gelbe Läden, blaue Wirtshäuser und gelbe Wirtshäuser: – es gab sogar einen blauen Flügel und einen gelben Flügel in den Kirchen.

Natürlich war es ein wesentliches und notwendiges Erfordernis, daß jede dieser gewaltigen Parteien ihr besonderes Organ hatte: darum tauchten in der Stadt zwei neue Blätter auf – die Eatanswill-Zeitung und der Eatanswill-Unabhängige; die erstere vertrat die Grundsätze der Blauen, die letztere trug entschieden Gelb als Grundfarbe. Beides waren ausgezeichnete Blätter. Welche vorzügliche leitende Artikel, welche mutigen Angriffe! – »Unsere unwürdige Nebenbuhlerin, die Zeitung« – »das gemeine und niederträchtige Journal, der Unabhängige« – »das erbärmliche Lügenblatt, der Unabhängige« – »die schändliche Verläumderin, die Zeitung« – diese und andere kühne Ausfälle waren in jeder Nummer zu Dutzenden anzutreffen und riefen bei der einen Hälfte der Bevölkerung die ungemessenste Freude, bei der andern die höchste Erbitterung hervor.

Herr Pickwick hatte vermöge seines gewohnten Scharfsinns und Sehergeistes einen besonders günstigen Moment zu seiner Reise in den Flecken gewählt. Nie war eine solche Spannung vorgekommen. Der ehrenwerte Samuel Slumkey von Slumkey Hall war der blaue Kandidat, und Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge bei Eatanswill, wurde von seinen Freunden dazu ausersehen, das Interesse der Gelben zu vertreten. Die Zeitung stellte den Wählern von Eatanswill vor, daß nicht nur die Augen Englands, sondern der ganzen zivilisierten Welt auf sie gerichtet seien; und der Unabhängige verlangte in gebieterischem Tone zu wissen, ob die Bürger von Eatanswill wirklich die großen Männer wären, für die sie von jeher gehalten worden seien, oder elende, sklavische Werkzeuge, die weder den Namen Engländer noch die Segnungen der Freiheit verdienten. Noch nie zuvor war die Stadt in eine solche Aufregung versetzt worden.

Es war abends spät, als Herr Pickwick und seine Freunde in Begleitung ihres dienstbaren Geistes Sam von dem Dache der Eatanswiller Postkutsche herabstiegen. Große blaue Seidenfahnen flatterten an den Wänden des Gasthauses zum Stadtwappen, und an jedem Fenster waren ungeheure Papierbogen angeklebt, worauf mit gigantischen Buchstaben geschrieben stand, daß hier das Komitee des ehrenwerten Samuel Slumkey täglich seine Sitzungen halte. Ein Menge Gaffer war auf der Straße versammelt und betrachtete einen Mann auf dem Balkon, der sich zugunsten des Herrn Slumkey heiser schrie und bereits ein kirschrotes Gesicht hatte; doch die Kraft und Stärke seiner Beweisgründe wurde von dem beständigen Gerassel einer großen Trommel, die das Komitee des Herrn Fizkins an der Straßenecke aufgestellt hatte, einigermaßen geschwächt. An seiner Seite stand ein geschäftiges Männchen, das von Zeit zu Zeit den Hut abnahm und die Menge zu dem Beifallstumult aufforderte, der dann auch mit der größten Begeisterung erscholl. Als der kirschrote Herr sich röter als jemals geschrien hatte, schien er seinen Zweck ebensogut erreicht zu haben, als hätte ihn jedermann verstanden.

Die Pickwickier waren kaum abgestiegen, als sie von einer Gesellschaft der »Redlichen und Unabhängigen« umringt wurden, die sie alsbald mit dreimaligem donnernden Freudengeschrei empfingen, in das sofort die ganze Menge, denn für die Menge ist es nicht immer nötig zu wissen, wem ihr Freudengeschrei gilt, mit furchtbarem Triumphgebrüll einstimmte, das sogar den Kirschroten auf dem Balkon zum Schweigen brachte.

»Hurra!« schrie die Menge zum Schluß.

»Noch ein Hurra«, kreischte der Kleine auf dem Balkon, und wieder brüllte die Menge, als wären ihre Lungen von Gußeisen mit Stahlfedern.

»Slumkey für immer!« schrien die Redlichen und Unabhängigen.

»Slumkey für immer!« wiederholte Herr Pickwick, seinen Hut abnehmend.

»Nicht Fizkin«, schrie der Haufe.

»In keinem Falle«, rief Herr Pickwick.

»Hurra!«

Und es erfolgte ein abermaliges Gebrüll, wie von einer ganzen Menagerie, wenn der Elefant die Glocke zur kalten Küche gezogen hat.

»Wer ist Slumkey?« flüsterte Tupman.

»Weiß nicht«, versetzte Herr Pickwick ebenso leise. »Pst! stellen Sie keine Fragen. Es ist immer das beste, bei solchen Gelegenheiten zu tun, was der große Haufe tut.«

»Aber gesetzt, es sind zwei Haufen«, warf Herr Snodgraß dazwischen.

»Dann hält man sich an den größten«, entgegnete Herr Pickwick.

Ganze Bände hätten nicht mehr sagen können.

Sie traten ins Haus. Die Menge bildete Spalier und brüllte. Der erste Gegenstand, nach dem sie sich erkundigten, war ein Nachtlager.

»Können wir hier Betten haben?« fragte Herr Pickwick den Kellner.

»Weiß nicht, mein Herr«, versetzte der junge Mann; »fürchte, es ist alles besetzt, Herr – will nachfragen, Herr.«

Er entfernte sich, kehrte aber augenblicklich wieder zurück und fragte, ob die Herren »Blaue« wären.

Da weder Herr Pickwick, noch seine Gefährten ein besonderes Interesse an dem einen oder dem andern Kandidaten nahmen, so war die Frage etwas schwer zu beantworten. Bei dieser Alternative erinnerte sich Herr Pickwick seines neuen Freundes, Herrn Perker.

»Kennen Sie einen Herrn, Namens Perker?« fragte Herr Pickwick.

»Ohne Zweifel, mein Herr; Agent des ehrenwerten Herrn Samuel Slumkey.«

»Ein Blauer, denke ich?«

»O ja, mein Herr.«

»Dann sind wir auch Blaue«, sagte Herr Pickwick; aber da er bemerkte, daß der junge Mann bei dieser Erklärung der Anhängerschaft etwas unschlüssig aussah, so gab er ihm seine Karte und ersuchte ihn, wenn Herr Perker gerade im Hause sein sollte, alsbald diesem vorgestellt zu werden.

Der Kellner entfernte sich und kehrte im Augenblick wieder mit der Einladung zurück, Herr Pickwick möchte folgen. Er führte ihn in ein großes Zimmer im ersten Stock, wo Herr Perker an einem langen Tische saß, der mit Büchern und Papieren bedeckt war.

»Ah – ah, mein lieber Herr«, sagte der kleine Mann, ihm entgegentretend: »sehr glücklich, Sie zu sehen, mein lieber Herr, sehr glücklich. Bitte, nehmen Sie Platz. So haben Sie also Ihren Plan ausgeführt? Sie sind hierher gekommen, um einer Wahl beizuwohnen – nicht wahr?«

Herr Pickwick bejahte.

»Ein großer Kampf, mein lieber Herr«, sagte der Kleine.

»Ich bin entzückt, dies zu hören«, versetzte Herr Pickwick, seine Hände reibend; »mir ist nichts lieber, als fester Patriotismus, auf welcher Seite er auch sein mag – und so ist es also ein heißer Kampf?«

»O ja«, antwortete der Kleine, »sehr heiß, in der Tat. Wir haben alle Gasthäuser für unsere Partei in Beschlag genommen und unsern Gegnern nichts als die Bierschenken gelassen – ein vorzüglicher Staatsstreich, mein lieber Herr, nicht wahr?«

Und der Kleine lächelte selbstgefällig und nahm eine tüchtige Prise.

»Und wie wird wohl das Ergebnis des Kampfes sein?« fragte Herr Pickwick.

»Noch zweifelhaft, mein lieber Herr; ziemlich zweifelhaft bis jetzt«, antwortete der Kleine. »Fizkins Leute haben dreiundreißig Wähler im Weißen Hirsch in den Wagenschuppen gesperrt.«

»In den Wagenschuppen!« fragte Herr Pickwick, über diesen Staatsstreich gewaltig erstaunt.

»Sie haben sie dort eingesperrt, bis sie dieselben nötig haben«, fuhr der Kleine fort. »Der Zweck ist, wie Sie sehen, daß wir ihnen nicht beikommen sollen; und selbst wenn wir es könnten, würde es nichts helfen, denn ste haben sie absichtlich betrunken gemacht. Ein gescheiter Bursche, Fizkins Agent – sehr gescheit in der Tat.«

Herr Pickwick starrte dem Sprecher ins Gesicht und sagte nichts.

»Und doch haben wir Hoffnung«, setzte Herr Perker seine Mitteilungen fort, indem er seine Stimme bis zum Geflüster dämpfte. »Wir hatten eine kleine Teegesellschaft hier, gestern abend – fünfundvierzig Frauen, lieber Herr – und gaben jeder einen grünen Sonnenschirm zum Andenken, als sie nach Hause gingen.«

»Einen Sonnenschirm?« fragte Herr Pickwick.

»Tatsache, mein lieber Herr, Tatsache. Fünfundvierzig grüne Sonnenschirme zu sieben Schillingen und sechs Penre das Stück. Alle Frauen lieben den Putz – außerordentlich, die Wirkung dieser Sonnenschirme. Sicherten uns ihre Männer alle, und die Hälfte ihrer Brüder – Strümpfe, Flanell und all das Zeug ist Larifari. Meine Idee, mein Teuerster, ganz meine Idee. Hagel, Regen oder Sonnenschein, Sie können keine zwanzig Schritte auf der Straße gehen, ohne wenigstens einem halben Dutzend grüner Sonnenschirme zu begegnen.«

Hier brach der Mann in eine Art krampfhaften Gelächters aus, das durch den Eintritt eines Dritten unterbrochen wurde.

Es war eine kleine, schmale Figur mit rotem Haar, das hin und wieder lichte Stellen zeigte, und mit einem Gesicht, in dem sich feierliche Wichtigkeit neben unergründlicher Gelehrsamkeit ausdrückte. Er trug einen langen, braunen Oberrock, eine schwarze Tuchweste und modefarbene Beinkleider. Ein Monokel hing an seiner Brust, und auf seinem Kopfe saß ein niederer Hut mit breiter Krempe. Der neue Ankömmling wurde Herrn Pickwick als Herr Pott, Herausgeber der Eatanswill-Zeitung vorgestellt. Nach einigen wenigen einleitenden Bemerkungen wandte sich Herr Pott an Herrn Pickwick und fragte in feierlichem Tone:

»Dieser Kampf erregt großes Interesse in der Hauptstadt, mein Herr?«

»Ich glaube, ja«, antwortete Herr Pickwick.

»Ich habe Grund, zu vermuten«, sagte Herr Pott, und sah Herrn Pickwick auf seine Zustimmung hin an – »ich habe Grund, zu vermuten, daß mein Artikel im letzten Sonnabendblatt einiges dazu beigetragen hat.«

»Ohne Zweifel«, bestätigte der Kleine.

»Die Presse ist doch ein mächtiger Hebel«, meinte Pott.

Herr Pickwick gab seine vollste Zustimmung zu dieser Bemerkung.

»Aber ick schmeichle mir, mein Herr«, sagte Pott, »daß ich die ungeheure Gewalt, die mir anvertraut ist, nie mißbraucht habe. Ich schmeichle mir, mein Herr, daß ich das edle Werkzeug, das in meine Hände gelegt ist, nie gegen den heiligen Schoß des Privatlebens oder den zarten Hauch des persönlichen Rufes gekehrt habe – ich schmeichle mir, mein Herr, daß ich meine Kräfte, so schwach sie auch sein mögen – und sie sind schwach, wie ich wohl weiß – dem Streben geweiht habe – einen Vertreter der Prinzipien des – welche – sind –«

Hier schien den Herausgeber der Eatanswill-Zeitung ein Räuspern anzuwandeln, und Herr Pickwick kam ihm zu Hilfe und sagte:

»Gewiß.«

»Und was, mein Herr«, sagte Pott – »wie, mein Herr – erlauben Sie mir die Frage an Sie, als einen unparteiischen Mann – wie ist die öffentliche Meinung in London über meinen Kampf mit dem Unabhängigen?«

»Sehr aufgeregt ist alles, da ist kein Zweifel«, erwiderte Herr Perker mit einem Blick voll Schlauheit, der wahrscheinlich bloß zufällig war.

»Der Kampf«, versetzte Pott, »soll solange dauern, wie ich Kraft und Leben habe und das bißchen Talent, mit dem ich begabt bin, mir innewohnt. Von diesem Kampfe, und mag er die Gemüter noch so sehr aufregen und die Geister in Bewegung setzen, daß sie die gewöhnlichen Geschäfte des alltäglichen Lebens darüber versäumen – von diesem Kampfe sage ich, will ich nicht ablassen, bis ich meinen Fuß auf den Unabhängigen von Eatanswill gesetzt habe. Die Bevölkerung von London und die Bevölkerung unseres Vaterlandes soll wissen, daß sie auf mich rechnen kann – daß ich sie nicht verlassen werde, daß ich entschlossen bin, ihre Sache zu verfechten bis ans Ende.«

»Ihre Denkungsart ist edel, mein Herr«, sagte Herr Pickwick, und schüttelte dem edelmütigen Pott die Hand.

»Sie sind, wie ich bemerke, mein Herr, ein Mann von Einsicht und Kopf«, bemerkte Herr Pott, beinahe atemlos durch die Heftigkeit, womit er seinen Patriotismus auskramte. »Ich bin sehr erfreut, die Bekanntschaft eines Mannes, wie Sie, zu machen,«

»Und ich«, erwiderte Herr Pickwick, »fühle mich hochgeehrt durch die gute Meinung, die Sie von mir hegen. Erlauben Sie mir, mein Hcrr, Ihnen meine Reisegefährten vorzustellen, die die übrigen Mitglieder des Klubs bilden, den ich – mit Stolz sage ich es – gegründet habe.«

»Es wird mir ein außerordentliches Vergnügen sein«, antwortete Herr Pott.

Herr Pickwick verließ das Zimmer, holte seine drei Freunde und stellte sie in der gebührenden Form dem Herausgeber der Eatanswill-Zeitung vor.

»Nun, mein lieber Pott«, fragte der kleine Herr Perker, »nun lst die Frage, was machen wir mit unsern Freunden.«

»Wir können, denke ich, hier im Hause unterkommen«, meinte Herr Pickwick.

»Nicht ein elendes Bett mehr, lieber Herr, nicht ein Bett mehr frei.

»Sehr ärgerlich«, murrte Herr Pickwick.

»Außerordentlich«, bemerkten seine Reisegefährten.

»Mir fällt etwa» dazu ein«, vermittelte Herr Pott, »etwas, das zum Zweck führen dürfte. Es sind noch zwei Betten im Pfauen, und ich darf kühn behaupten, was Frau Pott betrifft, so wird es sie außerordentlich freuen, Herrn Pickwick und einen seiner Freunde bei sich zu bewirten, wenn die beiden andern Herren und ihre Niener sich, so gut es geht, im Pfauen behclfen wollen.«

Nachdem Herr Pott seine Einladung mehrmals wiederholt und Herr Pickwick sich wiederholt mit der Erklärung gesträubt hatte, er könne sich nicht entschließen, Herrn Potts liebenswürdige Ehehälfte zu belästigen oder zu stören, ward man sich darüber klar, daß dies der einzig mögliche Ausweg sei. Und so wurde er denn begangen.

Nach der gemeinschaftlichen Tafel im Stadtwappen schieden die Freunde. Herr Tupman und Herr Snodgraß verfügten sich in den Pfauen, und Herr Pickwick und Herr Winkle begaben sich in die Wohnung des Herrn Pott, nachdem sie zuvor ausgemacht hatten, sich am nächsten Morgen wieder im Stadtwappen zu versammeln und den Zug des ehrenwerten Samuel Slumkey auf den Wahlplatz zu begleiten.

Herrn Potts Familie bestand aus ihm und seiner Ehehälfte. Alle Männer, die ihr Genius auf eine große Höhe in der Welt gestellt hat, haben gewöhnlich irgendeine kleine Schwäche an sich, die durch den Gegensatz zu ihrem öffentlichen Charakter noch mehr hervorgehoben wird. Hatte Herr Pott eine Schwäche an sich, so war es vielleicht die, daß er zu sehr unter dem Pantoffel stand. Wir fühlen uns nicht berechtigt, irgendeinen besonderen Nachdruck auf diese Tatsache zu legen, weil bei der gegenwärtigen Gelegenheit Herr Pott sein ganzes einnehmendes Wesen aufbieten mußte, um die beiden Herren bei sich einzuführen.

»Meine Liebe«, sagte Herr Pott, »Herr Pickwick – Herr Pickwick aus London.«

Madame Pott empfing den väterlichen Handdruck mit bezaubernder Anmut, und Herr Winkle, der noch gar nicht vorgestellt worden war, machte in einem dunklen Winkel Kratzfuß auf Kratzfuß, der nicht beachtet wurde.

»Mein lieber Pott«, sagte Madame Pott.

»Mein Leben«, sagte Herr Pott.

»Bitte, stelle den andern Herrn vor.«

»Bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Herr Pott. »Erlauben Sie – Madame Pott, Herr – Herr –«

»Winkle«, ergänzte Herr Pickwick.

»Winkle«, wiederholte Herr Pott, und die Zeremonie der Einführung war vorüber.

»Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Madame«, bemerkte Herr Pickwick, »daß wir schon nach einer so kurzen Bekanntschaft eine solche Störung in ihrem Hauswesen veranlassen.«

»Sprechen Sie nicht davon, meine Herren, bitte«, versetzte die weibliche Hälfte der Pottschen Familie. »Es ist ein hoher Genuß für mich, ich versichere Sie, wenn ich nur wieder neue Gesichter sehe. Ich lebe so von einem Tag zum andern, von einer Woche zur andern in dieser Dunkelheit, und niemand besucht mich.«

»Niemand, meine Liebe?« rief Pott in schalkhaftem Tone,

»Niemand, als du entgegnete Madame Pott heftig.

»Sie müssen wissen, Herr Pickwick«, erläuterte der Wirt die Klage seiner Frau, »wir sind von einer Menge Genüssen und Vergnügungen ausgeschlossen, an denen wir unter andern Verhältnissen teilnehmen könnten. Meine öffentliche Stellung als Herausgeber der Eatanswill-Zeitung, der Ruf, in dem dieses Blatt in der ganzen Gegend steht, mein bewegtes Treiben im Strudel der Politik –«

»Mein lieber Pott«, unterbrach ihn Madame.

»Mein Leben« – wollte der Herausgeber fortfahren.

»Es wäre mir angenehm, mein Leben, wenn du versuchen wolltest, ein Thema zur Sprache zu bringen, an dem diese Herren sich auch vernünftig beteiligen können.«

»Aber meine Liebe«, sagte Herr Pott mit großer Bescheidenheit, »Herr Pickwick nimmt Anteil daran.«

»Gut für ihn, wenn er kann«, versetzte Madame Pott mit Nachdruck. »Ich wenigstens habe deine Politik für mein Leben satt, und die Zänkereien mit dem Unabhängigen und was dergleichen Unsinn mehr ist, widern mich an. Ich begreife nicht, Pott, wie du nur deine Albernheit so auskramen magst.«

»Aber, meine Liebe« – sagte Herr Pott.

»Pah! Unsinn, sprich mir nichts mehr davon«, unterbrach ihn Madame Pott. »Spielen Sie Ecarté>, mein Herr?«

»Ich wäre unendlich glücklich, es unter Ihrer Anweisung zu lernen«, erwiderte Herr Winkle.

»Gut; stell dieses Tischchen in das Fenster, und laß mich nichts mehr von deiner langweiligen Politik hören.«

»Hannchen«, rief Herr Pott dem Mädchen zu, das die Lichter brachte, »geh hinunter in mein Studierzimmer und hole mir den Jahrgang von 1828 der Zeitung. Ich will Ihnen vorlesen –« fuhr der Herausgeber fort, sich an Herrn Pickwick wendend, »ich will Ihnen einige von meinen Leitartikeln vorlesen, die ich damals über den Narreneinfall der Gelben, einen neuen Zollgeldeinnehmer an unserm Schlagbaum anzustellen, schrieb; ich denke, sie werden Ihnen gefallen.«

»Ich höre mit Vergnügen zu«, sagte Herr Pickwick.

Der Jahrgang kam, der Herausgeber setzte sich, und Herr Pickwick nahm an seiner Seite Platz.

Wir haben das Tagebuch Herrn Pickwicks vergebens durchblättert, in der Hoffnung, einen Auszug aus jenem schönen Aufsatze zu finden. Wir haben allen Grund, zu glauben, daß er von dem Feuer und der Frische der Darstellung ganz bezaubert wurde, und Herr Winkle erinnerte sich auch wirklich des Umstandes, daß Herrn Pickwicks Augen während der ganzen Dauer der Vorlesung wahrscheinlich im Übereifer des Genusses geschlossen waren.

Die Ankündigung, daß das Essen bereit sei, machte dem Ecarté sowohl, als der Wiederholung der Schönheiten der Eatanswill- Zeitung ein Ende. Madame Pott war lauter Entzücken und hatte ihre rosenfarbenste Laune. Herr Winkle hatte schon bedeutende Fortschritte in ihrer guten Meinung gemacht, und sie trug kein Bedenken, ihm im Vertrauen die Mitteilung zu machen, daß Herr Pickwick »ein köstlicher Alter« sei, ein Ausdruck, der einen Grad von Familiarität verriet, den sich nur wenige von denjenigen erlaubt haben würden, die mit dem Riesengeiste des Mannes näher bekannt waren. Nichtsdestoweniger haben wir es aufgezeichnet, um dadurch zugleich einen rührenden und überzeugenden Beweis zu geben, wie sehr er bei jeder Klasse der Gesellschaft in Achtung stand, und wie leicht es ihm war, sich Herzen und Gefühle zu öffnen.

Es war spät in der Nacht – lange nachdem sich Herr Tupman und Herr Snodgraß im hintersten Winkel des Pfauen dem Schlafe überlassen hatten – als sich die beiden Freunde zur Ruhe begaben. Die Sinne Herrn Winkles wurden bald vom Schlafe umfangen, aber seine Gefühle waren entzündet und seine Bewunderung erregt worden; und noch manche Stunden, nachdem der Schlaf ihn von der Außenwelt abgeschlossen hatte, schwebten das Angesicht und die Gestalt der reizenden Madame Pott seiner glühenden Einbildungskraft immer wieder vor.

Das Getöse und der Lärm, der am folgenden Morgen gehört wurde, waren ausreichend, um jeden Gedanken, der nicht unmittelbar mit der bevorstehenden Wahl in Verbindung stand, dem verzücktesten Träumer aus dem Kopfe zu treiben. Das Rasseln der Trommeln, das Blasen der Hörner und Trompeten, das Schreien der Menschen und das Trappeln der Pferde hallte vom ersten Anbruch des Tages wieder und wieder durch die Straßen; und ein Gelegenheitsgefecht zwischen den Plänklern beider Parteien belebte die Vorbereitungen und brachte zugleich eine angenehme Abwechslung in das Ganze.

»Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick, als sein Diener in das Schlafzimmer trat, wie er eben seine Toilette vollendete. »Heute ist alles auf den Beinen, denke ich?«

»Regelrechtes Wettrennen, Herr«, antwortete Herr Weller; »unsere Leute halten heute Versammlung drunten im Stadtwappen, und haben sich bereits heiser gejohlt.«

»Ja«, fragte Herr Pickwick, »sie scheinen ihrer Partei ergeben, was Sam?«

»Mein Lebtag sah ich keine solche Ergebenheit.«

»Fabelhaft, nicht wahr?« fragte Herr Pickwick.

»Unerhört«, erwiderte Sam. »Nie sah ich Leute so viel essen und trinken. Nimmt mich wunder, daß sie’s nur ertragen können.«

»Das ist eine zur Unzeit angebrachte Güte von der hiesigen Honoratiorenschaft«, versetzte Herr Pickwick.

»Sehr möglich«, erwiderte Sam kurz.

»Wackere, muntere, herzhafte Gesellen scheinen es zu sein«, bemerkte Herr Pickwick, aus dem Fenster sehend.

»Sehr munter«, erwiderte Sam; »ich und die zwei Kellner im Pfauen hatten die Unabhängigenschaft, die gestern dort zu Nacht speiste, unter der Pumpe.«

»Die Unabhängigenwähler unter der Pumpe?« rief Herr Pickwick.

»Ja«, antwortete sein Bedienter. »Jeder schlief, wo er gefallen war; wir zogen sie diesen Morgen aus dem Dreck, einen nach dem andern, und stellten sie unter den Pumpbrunnen – alle in schönster Ordnung. Das Komitee zahlte den Streich mit einem Schilling für das Stück.«

»Ist es möglich?« rief der erstaunte Herr Pickwick.

»Gott behüte uns, Sir«, sagte Sam, »wo sind denn Sie getauft worden, daß Sie sich so darüber wundern? Das ist noch nichts – ganz und gar nichts.«

»Nichts?« fragte Herr Pickwick.

»Noch gar nichts«, antwortete der Bediente. »Den Abend vor der letzten Wahl bestach die Gegenpartei das Schenkmädchen in dem Stadtwappen, einen Hokuspokus mit dem Branntwein zu machen, den sie den vierzehn noch nicht eingeschriebenen Wählern reichte, die über Nacht im Hause waren.«

»Was verstehst du unter dem Hokuspokus mit dem Branntwein?« fragte Herr Pickwick.

»Sie tat ein Schlaftränkchen drein«, versetzte Sam. »Hol‘ mich der Kuckuck, wenn sie nicht alle wie die Ratten schliefen, bis die Wahl schon zwölf Stunden vorüber war. Man machte den Versuch, einen davon auf einen Schubkarren zu nehmen und ins Wahllokal zu bringen – aber er war nicht imstande, zu stimmen, und so mußte er wieder in sein Bett zurückgebracht werden.«

»Seltsame Kniffe das«, sagte Herr Pickwick, halb zu sich selbst, halb zu Sam.

»Nicht halb so seltsam, Sir, als der wunderbare Streich, der einmal zu einer Wahlzeit hier in dem nämlichen Orte meinem eigenen Vater begegnete«, versetzte Sam.

»Was war das?« fragte Herr Pickwick.

»Nun, er führte einmal jemand her«, fing Sam an; »die Wahlzeit war vor der Tür, und er wurde von der einen Partei bestellt, Wahlmänner von London abzuholen. Den Abend vorher läßt ihn das Komitee der andern Partei in der Stille rufen, und er geht mit dem Boten, der ihn in eine große Stube führt –- vollgepfropft mit Herren, Haufen von Papier, Tinte, Federn und dergleichen.

›Ah, Herr Weller‹, sagt der Herr auf dem Stuhl, ›freut mich, Sie zu sehen, mein Herr; wie geht’s Ihnen.‹ – ›Sehr wohl, danke Ihnen, Sir‹, sagt mein Vater; ›hoffe, Sie sind auch wohlauf‹, sagt er. – ›Ziemlich wohl, danke Ihnen‹, sagte der Herr; ›setzen Sie sich, Herr Weller – bitte, setzen Sie sich.‹ – Mein Vater setzt sich, und er und der Herr sahen einander scharf ins Gesicht. ›Kennen Sie mich nicht mehr?‹ fragt der Herr. – ›Nicht daß ich wüßte‹, antwortet mein Vater. – ›Oh, aber ich kenne Sie‹, sagt der Herr; ›kannte Sie schon, als Sie noch ganz klein waren‹, sagt er. – ›Möglich, ich kenne Sie nicht‹, sagt mein Vater. – ›Das ist sehr seltsam‹, sagt der Herr. – ›Sehr‹, sagt mein Vater. – ›Sie müssen ein kurzes Gedächtnis haben‹, sagt der Herr. – ›O ja, ein ganz kurzes‹, sagt mein Vater. – ›Ich glaube es‹, sagt der Herr. – Dann schenkten sie ihm ein Glas Wein ein, unterhalten sich mit ihm über sein Fuhrwerk, machen ihn ganz guter Laune, und drücken ihm zuletzt eine Zwanzigpfundnote in die Hand. –›’s ist ein schlechter Weg nach London‹, sagt der Herr. – »Stellenweise sehr schlecht‹, sagt mein Vater. – ›Besonders am Kanal, glaube ich‹, sagt der Herr. – ›Schmutzig genug wenigstens‹, sagt mein Vater. –›Nun, Herr Weller‹, sagt der Herr, ›ich weiß. Sie führen eine gute Peitsche und können mit Ihren Rossen anfangen, was Sie wollen. Wir halten große Stücke auf Sie, Herr Weller, und wenn Ihnen auf Ihrer Fahrt mit den Wahlmännern ein kleiner Unfall zustoßen sollte, wenn Sie dieselben zum Beispiel in den Kanal würfen, ohne daß einer dabei zu Schaden käme, so soll dieses Geld ihr Eigentum sein‹, sagt er. – ›Meine Herren, Sie sind sehr gütig‹, sagt mein Vater, ›und ich will mit einem zweiten Glas Wein Ihre Gesundheit trinken‹, sagt er, und tut es auch, knöpft dann das Geld in seine Tasche und macht seinen Kratzfuß. – Sie werden es kaum glauben«, fuhr Sam mit der größten Leichtfertigkeit fort, »daß, als er des andern Tags mit den Wählern herunter kam, der Wagen umpurzelte und die Passagiere samt und sonders in den Kanal fielen.«

»Sie kamen aber doch wieder heraus?« fragte Herr Pickwick hastig.

»Nun«, versetzte San, gedehnt, »ich glaube, ein alter Herr ist vermißt worden: ich weiß, sein Hut kam wieder zum Vorschein, aber ich bin nicht überzeugt, ob sein Kopf dabei war oder nicht. Aber was mich bei diesem außerordentlichen und wunderbaren Zufall am meisten wundert, ist, daß der Herr sagte, mein Vater werde am selbigen Platz am selben Tag umwerfen.«

»Es ist ohne Zweifel ein ganz außerordentlicher Zufall«, sagte Herr Pickwick. »Aber, bürste meinen Hut aus, Sam, denn ich höre Herrn Winkle zum Frühstück rufen.«

Mit diesen Worten ging Herr Pickwick in« Wohnzimmer hinab, wo er das Frühstück aufgestellt und die Familie bereits versammelt fand. Das Mahl wurde hastig verschlungen; der Hut eines jeden von den Herren war mit einem ungeheuren blauen Bande geziert, das von den schönen Händen der Madame Pott selbst herumgeschlungen worden war. Da es Herr Winkle übernommen hatte, die Dame auf den Giebel eines Hauses zu führen, das in der unmittelbaren Nähe des Wahllokals stand, so begaben sich Herr Pickwick und Herr Pott allein nach dem Stadtwappen, wo ein Mitglied des Slumkey-Komitees von einem Hinterfenster aus eine Rede an sechs kleine Jungen und ein Mädchen hielt, die er bei jedem neuen Satze mit dem imponierenden Titel: »Männer von Eatanswill« anredete, worüber die sechs Jungen jedesmal ein ungeheures Jubelgeschrei erhoben.

Der Hofraum verriet unzweideutige Merkmale oon Glanz und Stärke der Blauen von Eatanswill. Ein regelrechtes Heer von Trägern blauer Fahnen war aufgestellt, die zum Teil mit einer, zum Teil mit zwei Stangen, und alle mit angemessenen Inschriften !n vier Fuß hohen und verhältnismäßig breiten Buchstaben prangten. Auch war ein großes Orchester aus Trompetern, Fagotisten und Trommlern zu sehen, vier Mann hoch aufgestellt, die ihr Geld wert waren, besonders die Trommelschläger, sehr handfeste Männer. Ferner Konstablerkorps Konstabler, eine Art Schutzpolizei, Sicherheitsbeamte von verschiedenen Rangordnungen. Als Amtszeichen tragen sie mit dem königlichen Wappen versehene Stäbe. mit blauen Stäben, zwanzig Komiteemitglieder mit blauen Schärpen und eine Menge Wahlmänner mit blauen Kokarden, zu Roß und zu Fuß; ein offener Wagen mit vier Pferden für den ehrenwerten Samuel Slumkey und vier Zweispänner für seine Freunde und Gönner.

Die Fahnen flatterten, das Musikkorps spielte auf, die Konstabler fluchten, die zwanzig Komiteemitglieder plapperten, die Menge brüllte, die Pferde bäumten sich und die Postknechte schwitzten. Jeder und jedes in der ganzen Versammlung waren insbesondere zu Nutz, Frommen, Ehren und Ruhm des ehrenwerten Samuel Slumkey von Slumkey Hall, eines der Bewerber um die Vertretung des Fleckens Eatanswill im Hause der Gemeinen des vereinigten Königreichs, anwesend.

Laut und lang war das Jubelgeschrei und gewaltig das Rauschen einer der blauen Fahnen mit der Inschrift: »Freiheit der Presse«, als das rothaarige Haupt des Herrn Pott an einem der Fenster der unten stehenden Menge sichtbar wurde; und überwältigend war der Enthusiasmus, als der ehrenwerte Samuel Slumkey selbst in Stulpenstiefeln und mit einer blauen Halsbinde sich zeigte, besagten Pott an der Hand faßte und durch melodramatische Pantomimen seine überschwenglichen Verbindlichkeiten der Eatanswill-Zeitung gegenüber vor der Menge bekundete.

»Ist alles bereit?« fragte der ehrenwerte Samuel Slumkey Herrn Perker.

»Alles, mein lieber Herr«, war die Antwort des kleinen Mannes.

»Es wurde, hoffe ich, nichts versäumt?« sagte der ehrenwerte Samuel Slumkey.

»Nichts ist vergessen worden, lieber Herr, durchaus nichts. Am Hoftor stehen zwanzig frischgewaschene Männer für Sie, um ihnen die Hand zu schütteln; und sechs Kinder sind bereits auf den Armen ihrer Mütter, um sie auf die Wangen tätscheln und nach ihrem Alter fragen zu können; geben Sie sich besonders mit den Kindern ab, lieber Herr – so etwas hat immer große Wirkung.«

»Ich will daran denken«, sagte der ehrenwerte Samuel Slumkey.

»Und, vielleicht, lieber Herr« – meinte das besorgte Männchen – »vielleicht, wenn Sie könnten – ich sage nicht, daß es unerläßlich sei – aber wenn Sie sich entschließen könnten, eines von ihnen zu küssen, es würde einen sehr starken Eindruck auf die Menge machen.«

»Würde es nicht ebensoviel Wirkung tun, wenn es der täte, der mich vorschlägt, oder der, der den Vorschlag unterstützt?« fragte der ehrenwerte Samuel Slumkey.

»Nein, ich zweifle beinahe«, versetzte der Agent; »wenn Sie es selbst übernehmen würden, lieber Herr, ich meine fast, das würde auf Ihre Popularität einen äußerst günstigen Einfluß haben.«

»Gut«, erwiderte der ehrenwerte Samuel Slumkey im Tone der Resignation. »Dann muß ich es eben selbst tun; was liegt im Grunde daran?«

»Ordnet den Zug!« riefen die zwanzig Komiteemitglieder.

Unter dem Jubelgeschrei der versammelten Menge traten das Musikkorps und die Konstabler, das Komitee und die Wahlmänner, die Berittenen und die Wagen in Reih und Glied – jeder von den Zweispännern mit soviel Herren vollgepfropft, als aufrecht darin Platz hatten; und der für Herrn Perker bestimmte war mit Herrn Pickwick, Herrn Tupman, Herrn Snodgraß und ungefähr einem halben Dutzend Komiteemitgliedern vollgestopft.

Es war ein Augenblick ungeheurer Spannung, als der Zug auf den ehrenwerten Samuel Slumkey wartete. Plötzlich erscholl ein gewaltiges Jubelgeschrei.

»Er kommt«, rief der kleine Herr Perker mit einer Aufregung, die um so größer war, als der Zug nicht sehen konnte, was vorging.

Ein zweites, weit stärkeres Jubelgeschrei.

»Er hat den Männern die Hände geschüttelt«, rief der kleine Agent.

Ein dritter, noch weit intensiverer Jubel.

»Er hat die Kleinen getätschelt«, sagte Herr Perker vor Freude zitternd.

Ein Gebrüll, das die Lüfte erbeben ließ.

»Er hat eins von ihnen geküßt«, schrie das entzückte Männchen.

Ein zweites Gebrüll.

»Er hat ein anderes geküßt«, kreischte der Aufgeregte.

Ein drittes Gebrüll.

»Er küßt sie alle!« schrie der Begeisterte.

Und die Wolken donnerten von dem betäubenden Jubelgeschrei der Menge, der Zug setzte sich in Bewegung.

Wie er sich aber nun eigentlich mit dem zweiten Zuge verwickelte, und wie er sich aus der darauf folgenden Verwirrung wieder herausarbeitete, ist mehr, als wir zu beschreiben vermögen; denn Herrn Pickwick wurde gleich anfangs von einer gelben Fahnenstange der Hut bis ans Kinn über das Gesicht geschlagen. Als er wieder einen Blick auf seine Umgebung gewinnen konnte, sah er sich, wie er erzählt, mitten in einer ungeheuren Staubwolke, von grimmigen, wilden Gesichtern und tüchtig arbeitenden Fäusten umringt. Er wurde von einer unsichtbaren Gewalt ans dem Wagen gerissen und persönlich in den Kampf verwickelt, aber mit wem oder wie, oder wo, das ist er nicht imstande, zu bestimmen. Dann fühlte er sich von der andrängenden Menge auf eine hölzerne Treppe hinaufgeschoben, und als er seinen Hut frei machte, sah er sich von seinen Freunden umgeben und stand ganz vorn auf der linken Seite des Wahlgerüsts. Die rechte war von den Gelben eingenommen und das Zentrum für den Bürgermeister und seine Beamten bestimmt. Einer der letzteren, der wohlbeleibte Ausrufer von Eatanswill, gebot mit einer ungeheuren Glocke Schweigen. Dann verbeugten sich Herr Horatio Fizkin und der ehrenwerte Samuel Slumkey, beide die Hand an der linken Brust, mit äußerster Leutseligkeit gegen die brausende See von Köpfen, die vor dem Gerüst wogte und mit Schreien, Jauchzen, Jubeln und Brüllen ein Getöse hervorbrachte, das einem Erdbeben Ehre gemacht hätte.

»Dort ist Winkle«, sagte Herr Tupman, seinen Freund an den Ellbogen stoßend.

»Wo?« fragte Herr Pickwick, seine Brille hervorziehend, die er glücklicherweise bis jetzt in der Tasche behalten hatte.

»Dort«, antwortete Herr Tupman, »auf jenem Dachgiebel.«

Und wirklich saß er in der bleiernen Traufrinne eines Ziegeldaches ganz behaglich auf einem Stuhle neben Madame Pott. Sie winkten zum Zeichen der Erkennung mit ihren Taschentüchern, und Herr Pickwick warf der Dame zur Erwiderung des Kompliments eine Kußhand zu.

Die Feierlichkeit hatte noch nicht begonnen, und da eine untätige Menge immer zu Späßen aufgelegt ist, so war diese höchst unschuldige Handlung hinreichend, ihre Spottlust zu wecken.

»He, du alter, schlechter Kerl«, rief eine Stimme, »schielst du noch nach Dirnen?«

»So ein grauer Sünder!« rief eine andere.

»Setzt seine Brille auf, um nach einer verheirateten Frau zu schielen«, sagte eine dritte.

»Wie er ihr zuwinkt mit seinem alten, verzwickten Auge«, rief eine vierte.

»Gib auf deine Frau acht, Pott«, kreischte eine fünfte – und dann erhob sich ein schallendes Gelächter.

Da diese Spottrcden von hämischen Vergleichen zwischen Herrn Pickwick und einem alten Bock und andern Witzeleien der Art begleitet waren, und überdies noch die Ehre einer unschuldigen Dame antasteten, kannte Herrn Pickwicks Zorn keine Grenzen. Da aber im nämlichen Augenblick Schweigen geboten wurde, begnügte er sich damit, auf die Menge einen Blick voll Mitleid über ihren beschränkten Verstand zu werfen, worauf sie ein noch brüllenderes Gelächter aufschlug, als je vorher.

»Stille!« riefen die Beisitzer des Bürgermeisters.

»Whiffin, gebietet Stille«, sagte der Bürgermeister mit einer Würde, wie sie seine hohe Stellung erforderte.

Auf diesen Befehl hin gab der Ausrufer ein zweites Konzert mit seiner Glocke, worauf ein Mann in der Menge ausrief: »Semmeln!« und ein neues Gelächter war die Folge.

»Meine Herren«, rief der Bürgermeister so laut, wie es nur immer die Kraft seiner Stimme gestattete. »Meine Herren, Brüder, Wahlmänner des Fleckens Eatanswill, wir sind heute hier versammelt, um einen Repräsentanten an die Stelle unseres letzteren –«

Hier wurde der Bürgermeister durch eine Stimme in der Menge unterbrochen:

»Glück dem Bürgermeister, und möge er nie den Nagel und die Drahtpfanne verlassen, wodurch er sein Geld erworben hat!«

Diese Anspielung auf das Gewerbe des Redners wurde mit ungeheurem Beifallsgeschrei aufgenommen, das unter Begleitung der Glockenmusik des öffentlichen Ausrufers den übrigen Teil seiner Rede, mit Ausnahme des Schlußsatzes, unverständlich machte. Darin nämlich dankte er der Versammlung für die stille Aufmerksamkcit, womit sie ihn von Anfang bis zu Ende angehört hätte – eine Dankbezeugung, die ein zweites Jubelgeschrei hervorrief, das ungefähr eine Viertelstunde dauerte.

Darnach bat ein großer, hagerer Mann mit einer sehr steifen weißen Halsbinde – nachdem er wiederholt von der Menge aufgefordert worden war, »einen Knaben nach Hause zu schicken und anzufragen, ob er seinen Stimmzettel nicht unter dem Kopfkissen habe liegen lassen« – die Versammlung um die Erlaubnis, eine taugliche und geeignete Person zu nennen, die ihre Interessen im Parlament vertreten könnte. Und als er Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge bei Eatanswill, genannt hatte, erhoben die Fizkinisten ein beifälliges und die Slumkeyisten ein mißbilligendes Geschrei. Das hielt solange an und war so laut, daß er und sein Beistand, statt zu sprechen, ebensogut lustige Lieder hätten singen können, ohne daß dadurch irgendwer klüger geworden wäre.

Nachdem die Freunde Horatio Fizkins Esq. ihren Triumph gefeiert hatten, trat ein galliges Männchen mit einem rötlichgelben Gesicht auf, um eine andere taugliche und geeignete Person vorzuschlagen, die die Wahlbürger von Eatanswill im Parlament vertreten könnte. Ohne Zweifel würde der Rötlichgelbe trefflich davongekommen sein, wäre er nicht zu gallsüchtig gewesen, um nicht der Menge eine willkommene Zielscheibe des Witzes zu werden. Aber nachdem er einige Sätze voll blumenreicher Beredsamkeit vorgebracht hatte, klagte der Rötlichgelbe die von der Menge an, die ihn unterbrochen hatten. Er ging dann nach diesem fruchtlosen Bemühen zu Drohungen gegen die Herren auf der Wahlbühne über. Ein Aufruhr entstand, der ihn in die Notwendigkeit versetzte, seine Gefühle nur noch in einer ernsten Gebärdensprache auszudrücken. Darauf überließ er die Rednerbühne seinem Beistand, der eine Rede von halbstündiger Dauer vom Papier herunterlas und sich auf keine Weise hätte stören lassen. Denn er hatte sie obendrein der Eatanswill-Zeitung eingesandt, in der sie Wort für Wort abgedruckt war.

Dann trat Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge, bei Eatanswill, in höchsteigener Person auf, um die Wahlversammlung anzureden. Aber er hatte kaum zu sprechen begonnen, als die Musikbande, die von dem ehrenwerten Samuel Slumkey aufgestellt war, mit einer Heftigkeit einfiel, gegen die ihre Leistungen am Morgen nur Kinderspiel waren. Zur Vergeltung fing die Partei der Gelben an, die Köpfe und Schultern der Blauen zu bearbeiten. Darauf machten die Blauen den Versuch, sich von der unangenehmen Nachbarschaft der Gelben zu befreien. Nun folgte eine Rauferei, ein Knuffen und Puffen, das wir ebensowenig billigen können, als es der Bürgermeister konnte. Dieser entsandte zwölf Mann von seinen Konstablern mit dem strikten Befehl, die Rädelsführer zu greifen, deren Anzahl sich ungefähr auf zweihundertfünfzig belaufen haben mag.

Diese Auftritte versetzten Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge, und seine Freunde in Zorn und Wut, bis zuletzt Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge, um die Erlaubnis bat, seinen Gegner, den ehrenwerten Samuel Slumkey von Slumkey Hall, zu fragen, ob diese Musikbande mit seiner Bewilligung spiele, eine Frage, deren Beantwortung der ehrenwerte Samuel Slumkey von sich ablehnte. Darauf wies Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge, dem ehrenwerten Samuel Slumkey von Slumkey Hall die Faust, und der ehrenwerte Samuel Slumkey, dadurch gereizt, forderte den Horatio Fizkin, Esq., zum Kampf auf Leben und Tod heraus.

Nach solcher Verletzung aller bekannten Gesetze und Regeln befahl der Bürgermeister ein neues Glockenkonzert und erklärte, er werde sowohl Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge, als auch den ehrenwerten Samuel Slumkey von Slumkey Hall vor sich rufen lassen, um den Frieden zu beschwören. Auf diese furchtbare Drohung legten sich die Beistände der beiden Kandidaten ins Mittel, und nachdem sich die Anhänger einer jeden der zwei Parteien drei Viertelstunden lang gegenseitig herumgezankt hatten, neigte Horatio Fizkin Esq. seinen Hut gegen den ehrenwerten Samuel Slumkey, und der ehrenwerte Samuel Slumkey den seinen gegen Horatio Fizkin Esq. Das klingende Spiel hörte auf. Die Menge war zum Teil beruhigt, und Horatio Fizkin Esq. konnte nun fortfahren.

Die Reden der beiden Kandidaten, so verschieden sie in jeder Rücksicht waren, ließen den großen Vorzügen und Verdiensten der Wahlbürger von Eatanswill volle Gerechtigkeit widerfahren. Jeder sprach sich dahin aus, daß die Welt noch nie freiere, aufgeklärtere, patriotischere, hochherzigere, uneigennützigere Männer gesehen habe, als die wären, die für ihn zu stimmen versprochen hätten. Jeder deutete dunkel darauf hin, daß die Wahlmänner auf der entgegengesetzten Partei an gewissen Schwächen leiden, die sie unfähig machen, die wichtigen Pflichten zu erfüllen, die ihnen obliegen. Fizkin drückte seine Bereitwilligkeit aus, alles zu tun, was man von ihm begehre; Slumkey seinen Entschluß, nichts zu unterlassen, was man von ihm verlange. Beide sagten, der Handel, die Industrie und der Wohlstand von Eatanswill lägen ihnen mehr am Herzen, als alles andere auf der Welt; und jeder meinte, mit Zuversicht behaupten zu dürfen, daß er der Held des Tages werden würde.

Darauf wurde durch Handaufheben abgestimmt. Der Bürgermeister erklärte sich für den ehrenwerten Samuel Slumkey von Slumkey Hall. Horatio Fizkin, Esq. von Fizkin Lodge, verlangte Stimmenzählung, und Stimmenzählung wurde angeordnet. Dann wurde dem Bürgermeister eine Dankadresse übermittelt für sein würdiges Benehmen auf dem Sitze des Präsidenten. Der Bürgermeister dankte ergebenst für diesen Beweis der Zufriedenheit, während er im stillen wünschte, einen Sitz für sein würdiges Benehmen gehabt zu haben (denn er hatte während der ganzen Dauer der Feierlichkeit gestanden).

Die Züge reihten sich wieder aneinander, die Wagen arbeiteten sich langsam durch das Gedränge, und das Volk ging fluchend und jauchzend auseinander, je nachdem es seine Gefühle oder seine Laune mit sich brachten.

Während der ganzen Zeit der Stimmenzählung war die Stadt in fieberhafter Aufregung. Alles wurde auf dem liberalsten und nobelsten Fuße betrieben. – Steuerbare Artikel waren in allen Wirtshäusern außerordentlich wohlfeil, und Sänften paradierten in allen Straßen zur Bequemlichkeit der Wahlmänner, die von einem vorübergehenden Schwindel befallen wurden: eine Epidemie, die während des Parteikrieges unter der sämtlichen stimmfähigen Bürgerschaft in einem höchst beunruhigenden Grade herrschte. Unter ihrem Wirken konnte es geschehen, daß davon angesteckt viele Mitglieder besinnungslos auf dem Pflaster anzutreffen waren. Eine kleine Anzahl von Wahlmännern hielt seine Stimme bis auf den letzten Tag zurück. Das waren berechnende und nachdenkende Personen, die sich noch von keiner Partei durch die vorgebrachten Argumente hatten bestechen lassen, obschon sie mit jeder häufig Konferenzen hielten. Eine Stunde vor dem Abschlusse der Zählung bat Herr Perker um die Ehre einer geheimen Unterredung mit diesen einsichtsvollen, diesen hochherzigen, diesen patriotischen Männern. Es wurde ihm willfahrt. Seine Argumente waren kurz aber überzeugend. Sie gingen miteinander in den Stimmensaal; und als sie ihre Namen eingetragen hatten, wurde auch der ehrenwerte Samuel Slumkey von Slumkey Hall als Parlamentsmitglied eingetragen.

Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Enthält eine kurze Schilderung der Gesellschaft im Pfauen und eine Erzählung von einem Krämer.

Es ist angenehm, von den Wirren und Kämpfen der Politik zu der friedlichen Ruhe des Privatlebens zurückzukehren. Obgleich eigentlich kein erklärter Anhänger der einen oder andern Partei, war Herr Pickwick doch von der Begeisterung des Herrn Pott so weit angesteckt, daß er seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit den Vorgängen widmete, von denen das vorhergehende Kapitel eine Schilderung gibt, die aus seinem eigenen Gedenkbuche entlehnt ist. Auch Winkle ging indessen nicht müßig, sondern verwandte seine ganze Zeit auf angenehme Spaziergänge und Ausflüge in die Umgegend mit Madame Pott, die sich dabei einmal von dem langweiligen Einerlei erholte, über das sie ständig klagte.

Während sich auf diese Art die beiden Herren im Hause des Journalisten völlig heimisch gemacht hatten, waren die Herren Tupman und Snodgraß großenteils auf ihre eigenen Hilfsquellen der Unterhaltung beschränkt. Ziemlich unbekümmert um öffentliche Angelegenheiten, vertrieben sie sich die Zeit mit Ergötzlichkeiten, wie sie der Pfau darbot, und das waren eine Art Kegelbillard im ersten Stockwerk und eine abgelegene Kugelbahn im Hinterhofe. In die Raffinements dieser beiden Erholungsspiele, die weit tiefer liegen, als man gewöhnlich glaubt, wurden sie nach und nach durch Herrn Weller eingeweiht, der ein vollendeter Kenner solcher Zeitvertreibe war. Wenn sie also auch in hohem Grade den Genuß der Gesellschaft des Herrn Pickwicks entbehrten, so besaßen sie doch Mittel und Wege, die Zeit und ihre Länge sich angenehm zu verkürzen.

Abends bot der Pfau Reize, die unsere beiden Freunde so sehr anzogen, daß sie sogar den Einladungen des geistreichen, wenn auch nicht sehr poetischen Herrn Pott widerstanden. Abends war nämlich das Gastzimmer der Versammlungsort eines geselligen Kreises, dessen Eigenheiten und besondere Art Herr Tupman mit dem größten Vergnügen beobachtete, und dessen Gespräche und Handlungen Herr Snodgraß aufzuzeichnen pflegte.

Die meisten Leute wissen, was man gewöhnlich unter einem Gastzimmer versteht. Das des Pfauen zeichnete sich in materieller Hinsicht nicht vor den andern gemeinhin aus. Es war nämlich ein großes, kahl aussehendes Zimmer, dessen Einrichtung ohne Zweifel ein bißchen mehr vorstellte, als sie noch neu war: ein großer Tisch in der Mitte, eine Menge Tischchen in den Ecken, ein bedeutender Vorrat verschieden geformter Stühle und ein alter türkischer Teppich, dessen Dimensionen zu der Größe des Zimmers ungefähr dasselbe Verhältnis hatten, wie etwa ein Damentaschentuch zum Fußboden eines Schilderhäuschen. Die Wände waren mit einer oder zwei großen Landkarten verziert, und in einer Ecke hingen an einer langen Reihe von großen hölzernen Nägeln verschiedene regengewohnte grobe Überröcke mit doppelten Kragen. Auf dem Kamingesimse fand man ein hölzernes Tintenzeug mit einem Federstümpfchcn und einer halben Oblate, ein Reisehandbuch und einen Wegweiser, eine Geschichte der Grafschaft ohne Einband und die sterblichen Überreste einer Forelle in einem gläsernen Sarge. Die Atmosphäre war mit Tabaksdampf durchsetzt, der dem ganzen Zimmer und besonders den staubigen roten Fenstervorhängen seine Rauchfarbe mitgeteilt hatte. Auf dem Schenktische standen oder lagen in reizvoller Unordnung eine Menge verschiedenartiger Geräte, von denen einige sehr schmutzige Fischsoßefläschchen, ein paar Reitgerten, zwei bis drei Fuhrmannspeitschen und eben so viele Reisemäntel, ein Besteckbehälter und der Senftopf am meisten in die Augen fielen.

Hier saßen am Abend nach dem Schlusse der Wahl Herr Tupmann und Herr Snodgraß neben einigen andern jeweiligen Bewohnern des Hauses, rauchend und trinkend.

»Ja, liebe Leute«, sagte eine wohlgenährte, gesund aussehende Persönlichkeit von Vierzig, mit nur einem Auge – einem sehr hellen, schwarzen Auge, das mit einem schelmischen Ausdruck von guter Laune und Aufgeräumtheit blinzelte; »unserm edlen Selbst, liebe Leute! Das ist immer mein Toast, den ich der Gesellschaft vorschlage; auf Mariens Wohl trinke ich für mich allein. He, Marie!«

»Geht Eurer Wege, Spötter«, sagte das Schenkmädchen, wiewohl offenbar durch das Kompliment nicht aufgebracht.

»Spring‘ nicht davon, Marie«, sagte der Schwarzäugige.

»Laßt mich im Frieden, Ausgeschämter«, versetzte die junge Dame.

»Denke nicht dran«, versetzte der Einäugige, dem Mädchen nachrufend, das eben das Zimmer verließ. »Ich komme bald nach, Marie.«

Hier winkte er, mit einem für ihn durchaus nicht schwierigen Prozeß, der Gesellschaft mit einem Auge zu, woran eine ältliche Persönlichkeit mit einem schmutziggelben Gesicht und einer Tonpfeife ein ausnehmendes Wohlgefallen fand.

»Merkwürdige Geschöpfe, die Weiber«, sagte der mit dem Negergesicht nach einer Pause.

»O! haben nicht Unrecht«, bestätigte ein Mann mit einem kupferroten Gesicht hinter einer Zigarre.

Nach diesem philosophischen Aphorismus entstand eine zweite Pause.

»Aber es gibt noch seltsamere Dinge in der Welt als die Weiber, denke ich«, bemerkte der Mann mit dem schwarzen Auge, eine große holländische Pfeife mit sehr geräumigem Kopfe langsam füllend.

»Sind sie verheiratet?« fragte das Negergesicht.

»Kann mich damit nicht rühmen.«

»Dacht mir’s doch.«

Hier lachte das Negergesicht laut vor Bewunderung seines Scharfsinns, und ein Mann mit einer sanften Stimme und einem feinen Gesichtchen, der es sich jederzeit zur Pflicht machte, jedermanns Ansicht beizupflichten, stimmte in das Lachen ein.

»Die Weiber, meine Herren«, sagte der enthusiastische Herr Snodgraß, »sind aber doch die Stützen und Zierden unseres Lebens.«

»Allerdings«, sagte der Herr mit dem Milchgesicht.

»Wenn sie guter Laune sind«, sprach das Negergesicht dazwischen.

»Ja, da haben Sie ganz recht«, stimmte das Milchgesicht ein.

»Ich weise diese Einschränkung zurück«, sagte Herr Snodgraß, dessen Gedanken ohne Zweifel zu Emilie Wardle zurückkehrten; »ich weise sie mit Unwillen – mit Empörung zurück. Zeigen Sie mir den Mann, der etwas gegen die Frauen als Frauen hat, und ich behaupte kühn, er ist kein Mann.«

Und Herr Snodgraß nahm seine Zigarre aus dem Munde und schlug mit geballter Faust auf den Tisch.

»Das ist ein gründliches Argument«, sagte das Milchgesicht.

»Eine Behauptung, der ich widerspreche«, unterbrach ihn das Negergesicht.

»Und es liegt gewiß sehr viel Wahres an dem, was Sie bemerken«, pflichtete das Milchgesicht bei.

»Ihre Gesundheit, mein Herr«, sagte der Krämer mit dem einen Auge, Herrn Snodgraß beifällig zuwinkend.

Herr Snodgraß erwiderte das Kompliment.

»Ich höre immer gern ein gutes Argument«, fuhr der Krämer fort, »besonders ein so scharfes, wie dieses; es ist sehr belehrend. Aber der kleine Diskurs über die Weiber bringt mich auf eine Geschichte, die ich einen alten Oheim von mir erzählen hörte, und eben die Erinnerung daran führte mich auf die Behauptung, es gebe bisweilen noch merkwürdigere Dinge als die Weiber.«

»Ich möchte wohl diese Geschichte hören«, sagte das Kupfergesicht mit der Zigarre.

»Möchten Sie«, war die einzige Erwiderung des Krämers, der mit großer Gewalt fortrauchte.

»Auch ich möchte es«, sagte Herr Tupman, zum ersten Male den Mund öffnend. Er war immer darauf bedacht, den Schatz seines Wissens zu erweitern.

»Möchten Sie? Wohlan denn, ich erzähle sie. Nein, ich tu‘ es nicht. Ich weiß, ihr würdet sie nicht glauben«, erwiderte der Mann mit dem schelmischen Auge, seinem Sehorgane noch einen schelmischeren Ausdruck gebend.

»Wenn Sie sagen, sie ist wahr, so glaube ich sie natürlich«, sagte Herr Tupman.

»Wohlan, unter der Bedingung will ich sie erzählen«, erwiderte der Reisende. »Haben Sie je von dem großen Handelshause Bilson und Slum gehört? Doch es tut nichts zur Sache, ob Sie davon gehört haben oder nicht, denn die Herren haben sich schon längst vom Geschäfte zurückgezogen. Es ist jetzt achtzig Jahre, seitdem diese Geschichte einem Reisenden dieses Hauses begegnet ist: er war ein besonderer Freund meines Oheims, und mein Oheim erzählte mir die Sache. Es ist ein sonderbarer Titel, aber er nannte sie nur

die Krämersgeschichte

und pflegte sie folgendermaßen wiederzugeben:

An einem Winterabend, gegen fünf Uhr, als es eben dunkel zu werden anfing, hätte man einen Mann in einem Zweiradwagen sehen können, der sein müdes Pferd längs der Straße hintrieb, die über die Marlborough-Ebene nach Bristol Alte Stadt und Grafschaft im südwestlichen England, einst neben London die wichtigste Stadt Britanniens. führt. Ich sage, man hätte sehen können, und ich zweifle auch nicht, man hätte gesehen, wenn einer, der nicht blind war, des Weges gegangen wäre: aber das Wetter war so schlecht und die Nacht so kalt und naß, daß niemand über Feld ging, als das Wasser. So fuhr denn der Reisende einsam und traurig auf der Mitte der Straße dahin. Wenn ein Krämer aus jenen Tagen den kleinen Zweiradwagen mit den tonfarbenen Kasten und den roten Rädern, nebst der launischen, übelgestimmten, trabenden Mähre, die die Mitte zwischen einem Metzgergaul und einem Zweipennypostklepper hielt, gesehen hätte – er würde sogleich erkannt haben, daß der Reisende niemand anders sein konnte, als Tom Smart von dem großen Hause Bilson und Slum, Cateatonstreet City. Da nun aber kein Krämer auf dem Wege war, um es zu sehen, so wußte überhaupt niemand von der Sache, weshalb sich Tom Smart und sein tonfarbener Wagen mit den roten Rädern und die launische Mähre mit dem stets gleichen Trott gemeinsam fortbewegten, und das Geheimnis unter sich teilten, ohne daß jemand klüger dadurch geworden wäre.

Sogar in dieser traurigen Welt gibt es immerhin angenehmere Punkte als die Marlborough-Ebene, wenn ein starker Wind geht. Wenn Sie dabei noch einen düstern Winterabend, einen schmutzigen, aufgeweichten Weg und tüchtiges Regenwetter in Rechnung setzen und auf dem Wege des Experiments den Versuch an Ihrer höchsteigenen Person machen, so wird Ihnen die Erfahrung diesen Satz zur Genüge bestätigen.

Der Wind blies – nicht die Straße hinauf oder hinunter, obwohl das schon schlimm genug ist, sondern gerade in die Quere, indem er den Regen in den schiefen Linien niedertrieb, wie sie gewöhnlich in den Schreibheften der Elementarschulen zu sehen sind. Für einen Augenblick wollte er nachlassen, und der Reisende fing an, sich der Hoffnung zu schmeicheln, er, d. h. der Wind, werde sich, erschöpft von seiner bisherigen Wut, zur Ruhe legen, als er ihn leider auf einmal in der Entfernung wieder rauschen und pfeifen hörte.

Brausend fuhr der Sturm über die Hügel dahin, senkte auf die Ebene, tobte immer stärker und stärker, und immer näher und näher, bis er sich mit gewaltigen Stößen auf Roß und Mann warf, den scharfen Regen ihnen in die Ohren und seinen kalten Hauch gegen die Beine treibend. Darnach fuhr er dahin immer ferner und ferner, mit furchtbarem Getöse, als spottete er ihrer Schwäche und triumphierte stolz auf seine Gewalt und Kraft.

Die Mähre trabte durch dick und dünn mit herabhängenden Ohren, dann und wann den Kopf schüttelnd, als wolle sie ihr Mißfallen über dieses höchst unhöfliche Benehmen der Elemente zu erkennen geben. Dabei hielt sie jedoch immer einen guten Trott, bis sie ein Windstoß, der alle früheren an Wut übertraf, plötzlich veranlaßte, halt zu machen und sich mit ihren vier Beinen fest gegen den Boden zu stemmen, um nicht über den Haufen geblasen zu werden. Es ist ein besonderes Glück, daß sie das tat, denn wäre sie weggeblasen worden – die launische Mähre war leicht, der Wagen nicht schwer, und Tom Smarts Körperschwere fiel dabei ohnedem nicht ins Gewicht – so würden sie unfehlbar alle miteinander kopfüber, kopfunter gepurzelt sein, bis sie das Ende der Erde erreicht oder der Wind nachgelassen hätte; und jedenfalls ist es wahrscheinlich, daß weder die launische Mähre, noch der tonfarbene Wagen mit den roten Rädern, noch Tom Smart jemals wieder diensttauglich geworden wären.

›Nun, hole der Teufel mein Fuhrwerk samt dem Geschirr‹, sagte Tom Smart (Tom hatte bisweilen die üble Gewohnheit, zu fluchen), hole der Teufel mein Fuhrwerk samt dem Geschirr, sagte Tom: ›wenn das nicht lustig ist, so blase mich –‹

Sie wollen mich wahrscheinlich fragen, warum Tom Smart, der doch bereits zerblasen genug war, den Wunsch ausdrückte, demselben Prozesse abermals unterworfen zu werden. Ich kann es nicht sagen, und weiß nur, daß Tom Smart so sagte – oder wenigstens erzählte mein Oheim immer, daß er so sagte, und das kommt am Ende auf eins heraus.

›Zerblase mich‹, sagte Tom Smart, und die Mähre wieherte, als ob sie genau der gleichen Ansicht wäre.

›Munter, alte Lisel‹, sagte Tom, den Braunen mit dem oberen Ende seiner Peitsche auf den Nacken tätschelnd. So eine Nacht wie diese kann’s nicht weitergehen. Im ersten Haus, zu dem wir kommen, kehren wir ein, und je schneller du läufst, desto schneller geht es vorüber. Oho, alte Lisel – sachte – sachte.

Ob die launische Mähre mit den Tonarten von Toms Stimme hinreichend bekannt war, um seine Meinung zu verstehen, oder ob sie fand, es sei kälter, wenn sie stehenbleibe, als wenn sie vorwärtsgehe, kann ich natürlich nicht behaupten. Aber das kann ich sagen, daß Tom kaum den Mund geschlossen hatte, als sie die Ohren spitzte und fortrannte, und der tonfarbene Wagen mit einer Hast hinterdreinrasselte, daß man hätte glauben können, die roten Speichen müßten jeden Augenblick auf die Wiesen der Marlborough- Ebene hinausfliegen. Sogar Tom konnte wegen der Geschwindigkeit, womit er fortgerissen wurde, ihren Schritt nicht hemmen, bis sie aus eigenem Antrieb vor einem Gasthaus auf der rechten Seite der Straße, ungefähr eine halbe Viertelmeile vor dem Ende der Ebene halt machte.

Tom warf einen schnellen Blick auf das obere Stockwerk des Hauses, überließ die Leine dem Hausknecht und steckte die Peitsche neben den Bock. Es war ein sonderbares altes Haus, aus schmalen Backsteinen gebaut und von Querbalken durchzogen, mit Giebelfenstern, die die ganze Breite des Fußweges neben der Straße überragten, und mit einem niederen Tor und dunklem Eingang. Ein paar steile Stufen führten in das Haus hinab, während bei den modernen Gebäuden gewöhnlich ein halb Dutzend breite und niedere Stufen in das Haus hinaufgehen. Dennoch hatte das Ganze ein einladendes Aussehen, denn auf dem Schenktisch brannte ein helles, lustiges Licht, das einen breiten Strahl über die Straße warf und sogar die gegenüberstehende Hecke beleuchtete. Am entgegengesetzten Fenster flackerte ein rotes Licht, das in einem Augenblicke kaum bemerkbar war, aber im nächsten hell durch die herabgelassenen Vorhänge schimmerte und dadurch verriet, daß im Innern ein munteres Feuer brannte. Diese unbedeutenden Umstände mit dem Auge des erfahrenen Reisenden beobachtend, stieg Tom so behend ab, wie seine halberfrorenen Glieder gestatteten, und trat in das Haus.

In weniger als fünf Minuten saß er im Hinterzimmer, demselben, worin er das Feuer vermutet hatte, vor einem einladenden Brennstoffe, der aus einem kleinen Rest Kohlen und einem Vorrat Holz, groß genug, um ein Halbdutzend ordentlicher Reiserbüschelchen daraus zu machen, bestand. Das Holz, zur anderen Hälfte noch auf dem Kamine aufgestapelt, ging mit einem Knistern und Prasseln im Feuer auf, daß sich schon an diesem Geräusche das Herz eines vernünftigen Mannes hätte erwärmen können. Das war ein behaglicher Anblick, aber es war noch nicht alles: denn ein schmuckgekleidetes Mädchen mit feurigen Augen und zierlichen Knöcheln, breitete ein sehr reines weißes Tischtuch vor ihm aus. Da Tom mit seinen Füßen, die bereits in Pantoffeln steckten, auf dem Kamingitter und mit dem Rücken der offenen Türe zugekehrt dasaß, so sah er auf dem Schenktisch durch den Spiegel, der über dem Kaminsimse hing, köstliche Reihen grüner Flaschen mit goldenen Etiketten. Er sah ferner Krüge mit eingemachten Früchten, Käse, gekochten Schinken und Ochsenfleisch, in schönster Ordnung und in appetitlichster Weise auf Brettern aufgestellt.

Nun, dieser Anblick war auch behaglich; aber es war noch nicht alles, denn beim Büfett saß am niedlichsten aller Teetischchen, das vor dem hellsten aller Feuerchen stand, eine muntere Witwe von ungefähr achtundvierzig Jahren, mit einem Gesicht so einladend, wie das Zimmer selbst. Es war offenbar die Frau des Hauses und sie hatte die oberste Leitung über alle diese herrlichen Besitztümer. Nur eine störende Linie war in dem ganzen schönen Gemälde, und das war ein großer Mann – ein sehr großer Mann, der neben der Witwe beim Tee saß. Er hatte einen braunen Rock mit glänzenden Seidenknöpfen an, einen schwarzen Backenbart und wallendes schwarzes Haar. Es gehörte gerade kein großer Scharfblick dazu, um zu entdecken, daß er auf dem besten Wege war, seine Nachbarin zu überreden, nicht länger Witfrau zu sein, sondern auf ihn das Vorrecht zu übertragen, den ganzen Rest seines Lebens hindurch im Schenkstübchen zu sitzen.

Tom Smart war keineswegs von reizbarer oder mißgünstiger Gemütsart. Aber sei dem wie es wolle, der große Mann in dem braunen Rock mit den glänzenden Seidenknöpfen regte das Tröpfchen Galle auf, das in seiner Natur lag, und machte ihn um so unwilliger, als er dann und wann von seinem Sitze vor dem Spiegel aus gewisse unbedeutende Vertraulichkeiten zärtlicher Natur bemerkte, die zwischen dem großen Mann und der Witwe vorgingen. Sie bestätigten hinlänglich, daß der große Mann sich einer mit seiner Größe im Verhältnis stehenden Gunst erfreute,

Tom war ein großer Freund von warmem Punsch – ich darf sagen ein sehr großer Freund von warmem Punsch – und nachdem seine launische Mähre gut untergebracht und versorgt war, und er selbst das köstliche warme Abendessen, das ihm die muntere Witwe mit eigenen Händen angerichtet, bis auf den letzten Bissen einverleibt hatte, bat er zur Probe um ein Glas von seinem Lieblingsgetränk. Nun gab es im ganzen Kapitel der Haushaltungskunst nicht einen Artikel, auf den sich die Witwe besser verstand, als die Punschbereitung. Das erste Glas sagte Tom Smarts Gaumen so sehr zu, daß er darum ersuchte, ihm möglichst rasch ein zweites zu servieren. Warmer Punsch ist etwas Angenehmes – meine Herren – etwas höchst Angenehmes unter allen Umständen. Aber in der bequemen alten Stube, vor dem knisternden Feuer, während der Wind draußen tobte, daß alle Balken im ganzen Hause krachten, fand ihn Tom Smart über alle Maßen köstlich. Er ließ sich noch ein Glas geben, und dann noch eins – ich weiß nicht genau, ob er nach diesem nicht noch eins trank – aber je mehr er warmen Punsch trank, desto mehr dachte er an den großen Mann.

›Verdammte Unverschämtheit‹, sagte Smart bei sich selbst: ›was hat er in dem behaglichen Schenkstübchen zu tun? Und noch obendrein so ein häßlicher Kerl!‹ sagte Tom. ›Wenn die Witwe nur irgend Geschmack hätte, würde sie sich sicherlich einen Besseren erwählen.‹ Hier wandte sich Toms Auge von dem Spiegelglas nach dem Trinkglas, und da er allgemach sentimental wurde, leerte er das vierte Glas Punsch und befahl ein fünftes,

Tom Smart, meine Herren, hatte immer große Neigung zum Gastwirtleben. Sein Ehrgeiz hatte schon lange danach getrachtet, in einem Schenkstübchen zu stehen, das er sein eigen nennen könnte, angetan mit einem grauen Rock, kurzen Hosen und Stulpenstiefeln. Er setzte großen Wert darein, bei geselligen Mahlzeiten den Vorsitz zu führen, und dachte oft daran, wie wohl es ihm anstehen würde, in seinem eigenen Zimmer die Unterhaltung zu leiten, und und mit welch trefflichem Beispiel er seinen Kunden in der Trinkstube vorangehen könnte.

Alle diese Gedanken gingen Tom rasch durch den Kopf, als er vor dem knisternden Feuer beim warmen Punsche saß. Er fühlte sich beleidigt, daß der große Mann auf so gutem Wege sein sollte, ein solch treffliches Haus zu erobern, während er, Tom Smart, so weit davon entfernt war, wie je. Nachdem er so bei seinen letzten zwei Gläsern mit sich zu Rate gegangen war, ob er ein begründetes Recht hätte, einen Streit mit dem großen Mann darüber anzufangen, daß er in der Gunst der muntern Witwe so große Fortschritte gemacht habe, kam Tom Smart endlich zu der Überzeugung, er sei eben ein geschlagener und vom Schicksal verfolgter Mann und tue wohl am besten, wenn er jetzt zu Bett gehe.

Das schmucke Dienstmädchen leuchtete Tom über eine breite, alte Treppe voran, indem sie die Hand ans Licht hielt, damit es der Wind, der in einem solchen alten Gebäude leicht überall durchstreicht, nicht ausblasen sollte, aber diese Vorsichtsmaßregel erreichte ihren Zweck nicht. Er blies es doch aus und gab dadurch Toms Feinden Gelegenheit zu der Behauptung, er habe das Licht ausgelöscht, und nicht der Wind, und unter dem Vorwande, es wieder anzublasen, das Mädchen geküßt. Wie dem auch sei, es wurde ein anderes Licht gebracht und Tom durch eine Menge Gemächer und ein Labyrinth von Gängen in ein Zimmer geführt, das zu seiner Aufnahme hergerichtet worden. Das Mädchen wünschte gute Aacht und ließ ihn allein.

Es war ein großes, geräumiges Zimmer mit hohen Schränken und einem Bett, das für ein ganzes Alumnat Raum genug gehabt hätte, ein paar eiserne Truhen nicht zu erwähnen, die das Gepäck einer kleinen Armee hätten in sich aufnehmen können. Aber, was Toms Augen am meisten auffiel, war ein sonderbarer, unheimlich aussehender Lehnstuhl mit hohem Rücken und höchst phantastischem Schnitzwerk. Er hatte einen Überzug von geblümtem Damast, und die runden Knäufe seiner Beine waren sorgfältig mit einem roten Tuche umwunden, als hätte er Gicht in den Zehen. Von jedem andern sonderbaren Stuhle würde Tom nichts anderes gedacht haben, als er sei nun einmal ein sonderbarer Stuhl. Damit wäre die Sache abgemacht gewesen; aber dieser eigentümliche Stuhl hatte etwas Besonderes an sich, und Tom konnte doch nicht sagen, was; so seltsam und so verschieden von jedem andern hatte er noch kein Gerät gesehen; er schien ihn ganz zu fesseln. Tom setzte sich vor das Feuer und starrte eine halbe Stunde lang den alten Stuhl an. – Hole der Teufel den Stuhl, er war ein so seltsames altes Stück, daß er seine Augen nicht davon abzuwenden vermochte.

›Nein‹, sagte Tom, sich langsam auskleidend und während dieser ganzen Zeit den alten Stuhl anstarrend, der mit seiner geheimnisvollen Gestalt vor dem Bett stand, ›mein Lebtag sah ich noch nie ein so seltsames Möbel, wie das da. Sehr seltsam‹, sagte Tom, den der warme Punsch etwas nachdenklich gemacht hatte, ›sehr seltsam.‹ Tom schüttelte den Kopf mit der Miene hoher Weisheit und sah wieder auf den Stuhl. Er wußte nicht, was er daraus machen sollte, ging jedoch zu Bett, deckte sich warm zu und schlief ein.

Nach einer halben Stunde fuhr er aus dem Schlaf auf. Er hatte einen verwirrten Traum von großen Männern und Punschgläsern gehabt, und der erste Gegenstand, der sich seiner wachenden Einbildungskraft darbot, war der seltsame Stuhl.

›Ich will nicht mehr Hinsehen‹, sagte Tom zu sich selbst, drückte seine Augenlider zu und suchte sich zu überreden, er schlafe schon wieder ein. Umsonst. Nichts als seltsame Stühle tanzten vor seinen Augen, hoben die Beine empor, schwangen sich einander über den Rücken und machten allerlei tolle Sprünge.

›Ich will lieber einen wirklichen Stuhl sehen, als ein paar Dutzend eingebildete‹, sagte Tom, seinen Kopf unter der Bettdecke hervorstreckend. Er erkannte den Stuhl deutlich beim Schein des Feuers, wie er noch ebenso herausfordernd aussah, wie je.

Tom betrachtete den Stuhl starr, und wie er ihn so ansah, schien plötzlich eine außerordentliche Veränderung mit ihm vorzugehen. Das Schnitzwerk auf dem Rücken nahm allmählich die Züge und den Ausdruck eines alten gefurchten Menschengesichts an; das damastene Polster wurde eine altmodische Weste mit Schößen; die runden Knäufe verwandelten sich in ein paar Füße, die in roten Tuchpantoffeln steckten, und der ganze Stuhl glich einem häßlichen Alten aus dem vorigen Jahrhundert, mit untergestemmten Armen. Tom richtete sich im Bett auf und rieb seine Augen, um klar zu sehen. Vergebens. Der Stuhl war ein häßlicher alter Herr; und was noch mehr war, er winkte Tom zu.

Tom war von Natur ein herzhafter, mutiger Bursche und hatte zudem fünf Gläser warmen Punsch getrunken. Sein Ärger gewann daher bald die Oberhand über seine anfängliche Bestürzung, als er sah, wie der alte Herr mit so unverschämter Miene auf ihn hinstarrte und ihm zuwinkte, und er entschloß sich endlich, es nicht länger so geduldig hinzunehmen. Als ihm daher das alte Gesicht wieder stärker winkte als je, fragte Tom in sehr ärgerlichem Ton:

›Was zum Teufel hast du mir zu winken?‹

›Weil es mir so beliebt, Tom Smart‹, sagte der Stuhl, oder der alte Herr, wie Sie ihn nennen mögen. Doch hörte er auf zu winken, als Tom sprach und grinste ihn an, wie ein altersschwacher Affe.

›Woher weißt du meinen Namen, altes Nußknackergesicht?‹ fragte Tom Smart, etwas betreten; wenn er sich auch unbefangen stellte.

›Komm, komm, Tom‹, sagte der alte Herr, ›das ist nicht die Art, einen soliden spanischen Mahagoni anzureden. Gott straf mich, du könntest mir nicht weniger Achtung erweisen, selbst wenn ich nur furniert wäre.‹

Als er, der alte Herr, das sagte, warf er einen so zornigen Blick, daß Tom ordentlich erschrak.

›Ich wollte Sie durchaus nicht mit Verachtung behandeln, mein Herr‹, sagte Tom in einem demütigern Ton, als er ihn anfangs angenommen hatte.

›Schon recht, schon recht‹, erwiderte der Alte, ›es ist möglich, es ist möglich, Tom –‹

›Mein Herr –‹

›Ich kenne alle deine Verhältnisse, Tom; alle. Du bist sehr arm, Tom.‹

›Das ist nur zu gewiß‹, versetzte Tom, ›aber woher wissen Sie das?‹

›Forsche jetzt nicht danach‹, sagte der alte Herr! ›du bist auch ein viel zu großer Freund vom Punsch, Tom!‹

Tom Smart stand eben auf dem Punkt, zu behaupten, er habe seit seinem letzten Geburtstag keinen Tropfen mehr getrunken; aber als sein Auge dem Auge des alten Herrn begegnete, sah dieser so bekannt mit allem aus, daß Tom errötete und verstummte.

›Tom‹, fuhr der alte Herr fort, ›die Witwe ist eine hübsche Frau, eine außerordentlich hübsche Frau – nicht wahr, Tom?‹ Hier sperrte der Alte seine Augen weit auf, zog eins von seinen abgezehrten kleinen Beinen in die Höhe und machte dabei ein so widerlich verliebtes Gesicht, daß Tom einen rechten Ekel vor solchem leichtfertigen Benehmen faßte; – und gar noch in diesem Alter!

›Ich bin ihr Aufseher, Tom‹, sagte der alte Herr.

›So?‹ fragte Tom Smart.

›Ich kannte ihre Mutter, Tom‹, fuhr der Alte fort, ›und ihre Großmutter. Sie war sehr verliebt in mich – machte mir diese Weste, Tom.‹

›Wirklich?‹ fragte Tom Smart.

›Und diese Schuhe‹, erzählte der Alte weiter, einen seiner roten Tuchpantoffeln emporhebend; ›aber behalte das für dich, Tom. Ich möchte nicht, daß es bekannt würde, wie gut sie mir war. Es könnte die Familienverhältnisse stören.‹

Als der alte Geck das sagte, sah er so außerordentlich unverschämt drein, daß sich Tom Smart, wie er nachher erklärte, kein Gewissen daraus gemacht hätte, sich auf ihn zu setzen.

›Ich war zu meiner Zeit ein großer Liebling der Damen, Tom‹, fuhr der schamlose alte Sünder fort. ›Hundert schöne Weiber saßen stundenlang auf meinem Schoße. Was meinst du dazu, Bursche, he?‹ Der alte Herr war im Begriff, noch mehrere Heldentaten aus seiner Jugendzeit zu erzählen, als er einen solchen Anfall von Knarren bekam, daß er außerstande war, fortzufahren.

›Geschieht dir ganz recht, alter Kerl‹, dachte Tom Smart; sagte aber kein Wörtchen.

›Ach!‹ fing der Alte wieder an, ›ich habe nun meine liebe Not dafür. Ich werde alt, Tom, und habe beinahe alle meine Gelenkbänder eingebüßt. Auch habe ich eine Operation ausgestanden – man hat mir ein kleines Stück in den Rücken eingesetzt – und das war eine schwere Heimsuchung, Tom.‹

›Das glaube ich, mein Herr‹, sagte Tom Smart.

›Doch davon reden wir jetzt nicht‹, fuhr der alte Herr fort. ›Tom, du mußt die Witwe heiraten.‹

›Ich, mein Herr?‹ fragte Tom.

›Du‹, antwortete der alte Herr.

›Gott steh‘ Ihrem ehrwürdigen Haupte bei‹, sagte Tom – (er hatte nur noch einige Haare) – ›Gott steh‘ Ihrem ehrwürdigen Haupte bei! Sie will mich ja nicht.‹ Und Tom seufzte unwillkürlich, als er an das Schenkstübchen dachte.

›Sie will nicht?‹ fragte der alte Herr in festem Tone.

›Nein, gewiß nicht‹, antwortete Tom: ›sie hat einen andern aufs Korn genommen. – Einen großen Mann – einen verdammt großen Mann – mit einem schwarzen Backenbart.«

›Tom‹, sagte der alte Herr, ›sie wird ihn nicht nehmen.‹

›Nicht nehmen?‹ wiederholte Tom. ›Wären Sie im Schenkstübchen gewesen, alter Herr, so würden Sie anders reden.‹

›Pah! Pah!,‹ sagte der alte Herrn, ›weiß das alles.‹

›Was?‹ fragte Tom.

›Das Geküsse hinter der Tür und all das Zeug, Tom‹, antwortete der alte Herr, und nahm dabei wieder einen so frechen Blick an, daß Tom ordentlich zornig wurde: denn einen alten Knacker, der mehr Verstand haben sollte, von solchen Dingen sprechen zu hören, ist höchst widerlich – widerlicher, als alles! das ist Ihnen bekannt, meine Herren.

›Ich weiß das alles‹, sagte der alte Herr. ›Zu meiner Zeit habe ich das sehr oft gesehen, Tom, von mehr Leuten gesehen, als ich für gut finde, dir zu nennen; aber am Ende führte es doch zu nichts.‹

›Sie müssen sehr merkwürdige Dinge gesehen haben‹, bemerkte Tom mit forschendem Blick.

›Da magst du wohl recht haben, Tom‹, erwiderte der Alte mit sehr bedeutungsvollem Winke. ›Ich bin der letzte meiner Familie, Tom«, fügte er mit einem schwermütigen Seufzer hinzu.

›War sie zahlreich – Ihre Familie?« fragte Tom Smart.

›Wir waren unser zwölf, Tom‹, antwortete der alte Herr; ›hübsche, schmucke Gesellen mit festen Knochen, wie du nur einen sehen kannst. Keine von Euren neumodischen Mißgeburten, – alle mit Armen und herausgeputzt, daß einem das Herz im Leibe lachte, wenn man sie nur sah – doch ich sollte das nicht sagen.‹

›Und was wurde aus den andern, mein Herr?‹ fragte Tom Smart.

Der alte Herr führte den Ellbogen an sein Auge, als er erwiderte: ›Dahin, Tom, dahin. Wir hatten schweren Dienst, Tom, und sie waren nicht alle so stark gebaut, wie ich. Sie bekamen die Gicht in den Beinen und Armen und wanderten in Krankenhäuser und Hospitäler; einer von ihnen verlor durch den schweren Dienst und die übermäßige Anstrengung- alle seine Sinne – er wurde so elend, daß man ihn verbrennen mußte. Schauerlich das, Tom.‹

›Furchtbar!‹ bestätigte Tom Smart.

Der alte Knabe schwieg wieder einige Minuten lang, augenscheinlich mit seinen bewegten Gefühlen kämpfend, und fuhr dann fort:

›Doch ich komme von meinem Gegenstand ab, Tom. Jener große Mann, Tom, ist ein spitzbübischer Glücksritter. In demselben Augenblick, wo er die Witwe heiratete, würde er all ihr bewegliches Eigentum verkaufen und sich aus dem Staube machen. Was wäre die Folge davon? Sie wäre eine verlassene, zu Grunde gerichtete Frau, und ich würde in irgendeiner Trödlerbude an Erkältung sterben.‹

›Gut, aber –‹

›Unterbrich mich nicht‹, sagte der alte Herr. ›Von dir, Tom, habe ich eine ganz andere Meinung. Denn ich weiß, wenn du dich nur einmal in einem Wirtshause festgesetzt hättest, so würdest du es nimmer verlassen, solange es noch innerhalb seiner Wände etwas zu trinken gäbe.‹

›Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden‹, sagte Tom Smart.

›Eben deshalb‹, erklärte der alte Herr in diktatorischem Tone, ›sollst du, und nicht er, die Witwe haben.‹

›Wie ist das zu machen?‹ fragte Tom Smart hastig.

›Durch die Entdeckung, daß er schon verheiratet ist‹, versetzte der alte Herr.

›Wie kann ich das beweisen?‹ fragte Tom, und sprang halb aus dem Bette auf.

Der alte Herr hob seinen Arm in die Höhe und deutete nach einem der beiden Schränke und brachte ihn gleich wieder in seine vorige Lage zurück.

›Er denkt wohl nicht daran‹, sagte der alte Herr, ›daß er in der rechten Tasche seiner Beinkleider, die in diesem Schrank hängen, einen Brief steckengelassen hat, worin er dringend gebeten wird, zu seinem trostlosen Weibe mit sechs – höre, Tom – sechs Kindern, und alle noch unerzogen, zurückzukehren.‹

Wahrend der alte Herr in einem feierlichen Tone also sprach, wurden seine Züge immer unbestimmter und die Umrisse seiner Gestalt schwankender. Ein Schleier fiel über Tom Smarts Augen. Der alte Mann ging nach und nach in den Stuhl über, die Damastweste verwandelte sich in ein Polster, die roten Pantoffeln wurden zu kleinen roten Tuchläppchen, die die Knäufe umzogen. Das Licht wurde langsam matter und Tom Smart fiel auf sein Kissen zurück in die Arme des Schlafes.

Den andern Morgen erwachte Tom aus dem lethargischen Schlummer, in den er nach dem Verschwinden des alten Herrn gefallen war. Er setzte sich in seinem Bette auf und mühte sich einige Minuten lang vergebens ab, sich die Vorgänge der entwichenen Nacht in die Erinnerung zurückzurufen. Plötzlich tauchten sie wieder in seinem Gedächtnis auf. Er sah auf den Stuhl: es war ein phantastisches, grämlich aussehendes Stück Hausgerät, das ließ sich nicht bezweifeln. Aber, um zwischen ihm und einem alten Manne eine Ähnlichkeit zu entdecken, dazu gehörte denn doch eine ziemlich lebhafte und erfinderische Phantasie.

›Wie steht’s, alter Knabe?‹ fragte Tom. Er war bei Tage kühner: – wie die meisten Leute.

Der Stuhl blieb regungslos und sprach kein Wort.

›Ein ekliger Morgen‹, sagte Tom. Umsonst, der Stuhl war zu keiner Unterhaltung geneigt.

›Auf welchen Schrank hast du gedeutet? – das kannst du mir doch sagen‹, meinte Tom. Aber es war zum Kuckuck kein Wort aus dem Stuhl herauszubringen, meine Herren.

›Nun, es wird nicht schwer sein, sie irgendwie zu öffnen‹, sagte Tom, entschlossen aus seinem Bette aufspringend.

Er trat an einen der Schränke. Der Schlüssel steckte, er drehte um und öffnete. Es waren wirklich ein Paar Beinkleider im Schrank. Er fuhr mit der Hand in die Tasche derselben und zog den nämlichen Brief hervor, von dem der alte Herr gesprochen hatte.

›Seltsam‹, sagte Tom Smart, zuerst den Stuhl, dann den Schrank, dann den Brief und dann wieder den Stuhl ansehend. ›Sehr seltsam‹, sagte Tom. Aber da durchaus kein Schlüssel zu diesem Geheimnis vorhanden war, so hielt er es fürs zweckmäßigste, sich sogleich anzukleiden, die Sache mit dem großen Manne ins reine zu bringen – und seiner Not dadurch ein Ende zu machen.

Auf seinem Wege betrachtete Tom die Zimmer und Gänge mit dem prüfenden Blicke eines Gastwirts, und dachte dabei an die Möglichkeit, daß sie samt ihrem Inhalt in kurzem sein Eigentum werden könnten. Der große Mann stand in dem hübschen Schenkstübchen, die Hände auf dem Rücken, ganz, als ob er da zu Hause wäre. Er gaffte Tom mit einem nichtssagenden Blick an. Ein zufälliger Beobachter würde vermutet haben, er tue es bloß, um seine weißen Zähne zu zeigen. Aber Tom Smart sah darin ein triumphierendes Gefühl, das an der Stelle saß, wo das Herz des großen Mannes gewesen wäre, wenn er eins gehabt hätte. Tom lachte ihm ins Gesicht und verlangte die Wirtin zu sprechen.

›Guten Morgen, Madame‹, sagte Tom Smart, die Tür des Schenkstübchens schließend, als die Wirtin eintrat.

›Guten Morgen, mein Herr‹, antwortete die Witwe. ›Was befehlen Sie zum Frühstück?‹

Tom dachte darüber nach, wie er die Sache einfädeln sollte, und gab keine Antwort.

›Es gibt vortrefflichen Schinken‹, fuhr die Witwe fort, ›und ein schönes gespicktes Hühnchen. Soll ich Ihnen eins bringen, mein Herr?‹

Diese Worte weckten Tom aus seinem Nachdenken. Seine Bewunderung für die Witwe nahm zu, als sie sprach. ›Die gute Seele! wie man da versorgt wäre!‹

›Wer ist der Herr im Nebenzimmer, Madame?‹ fragte Tom.

›Er nennt sich Jinkins, mein Herr‹, antwortete die Wirtin, leicht errötend.

›Ein großer Mann‹, sagte Tom.

›Ein sehr schöner Mann‹, erwiderte die Witwe, ›und ein sehr gebildeter Herr.‹

›Ach was!‹ sagte Tom.

›Haben Sie noch etwas zu befehlen, mein Herr?‹ fragte die Witwe etwas verblüfft über Toms Benehmen.

›Nun ja‹, antwortete Tom. ›Liebe Frau, wollen Sie die Güte haben, einen Augenblick Platz zu nehmen.‹

Die Witwe sah ganz verdutzt aus, setzte sich aber doch, und Tom setzte sich auch, und zwar hart an ihre Seite. Ich weiß nicht, wie es kam, meine Herren – wirklich, mein Oheim pflegte zu erzählen, daß Tom gesagt habe, er wisse es nicht, wie es gekommen sei, daß – doch dem sei, wie ihm wolle, Toms Hand senkte sich auf den Handrücken der Witwe, und blieb dort liegen, während er mit ihr sprach.

›Liebe Frau‹, sagte Tom Smart – er hielt immer viel darauf, den Liebenswürdigen zu spielen – ›Liebe Frau, Sie verdienen es, einen vortrefflichen Mann zu bekommen – ja, das verdienen Sie.‹

›Bitte, mein Herr‹, sagte die Witwe so höflich sie konnte, denn Toms Art und Weise, die Unterhaltung zu beginnen, war etwas ungewöhnlich, um nicht zu sagen abschreckend, besonders wenn man in Betracht zog, daß er sie vor dem vorhergehenden Abend noch mit keinem Auge gesehen hatte. ›Bitte, mein Herr.‹

›Ich bin ein Feind der Schmeichelei, liebe Frau‹, fuhr Tom Smart fort. ›Sie verdienen einen ausgezeichneten Mann, und wer immer es auch werden mag, er wird ein sehr glücklicher Mann sein.‹

Als Tom das sagte, wanderten seine Augen unwillkürlich von dem Gesichte der Witwe auf die wohlausgestattete Umgebung.

Die Witwe sah verblüffter aus als je und versuchte aufzustehen. Tom drückte ihr sanft die Hand, als wäre es nur, um sie zurückzuhalten, und sie blieb sitzen. Witwen, meine Herren, sind gewöhnlich nicht so scheu, wie mein Oheim zu sagen pflegte.

›Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre gute Meinung‹, sagte die muntere Wirtin halb lachend, ›und wenn ich je wieder heirate –‹

›Wenn‹, wiederholte Tom Smart mit einem schelmischen Blick aus dem rechten Winkel seines linken Auges. ›Wenn –‹

›Nun‹, sagte die Wirtin, diesmal laut lachend. › Wenn ich es tue, so hoffe ich, einen so guten Mann zu bekommen, wie Sie ihn schildern.‹

›Jinkins zum Beispiel?‹ meinte Tom.

›Was fällt Ihnen ein, Sir?‹ rief die Witwe aus.

›O, sagen Sie mir nichts‹, versetzte Tom; ›ich kenne ihn.‹

›Ich bin überzeugt, niemand, der ihn kennt, kann ihm etwas Schlechtes nachsagen‹, versetzte die Witwe, aufgebracht durch die geheimnisvolle Miene, mit der Tom gesprochen hatte.

›Hm‹, murmelte Tom Smart.

Jetzt glaubte die Witwe, gehöre es sich, zu weinen. Sie nahm ihr Taschentuch und fragte, ob Tom sie beleidigen wolle; ob er es für die Sache eines Mannes von Ehre halte, einem andern Ehrenmanne hinter seinem Rücken die Ehre abzuschneiden: warum er, wenn er etwas zu sagen hätte, es dem Manne nicht als Mann in« Gesicht sage, anstatt ein armes, schwaches Weib so zu ängstigen und dergleichen.

›Ich will es ihm deutlich genug sagen‹, erwiderte Tom, ›nur will ich, daß Sie es vorher hören.‹

›Was ist es denn?‹ fragte die Witwe, Tom aufmerksam betrachtend.

›Sie werden staunen‹, sagte Tom, seine Hand in die Tasche steckend.

›Wenn Sie damit sagen wollen, daß er geldbedürftig ist‹, äußerte die Witwe, ›so weiß ich das bereits, und Sie brauchen sich nicht darum zu kümmern.‹

›Pah, Unsinn; das hätte nichts zu sagen‹, versetzte Tom Smart. ›Ich bin auch geldbedürftig. Das ist es nicht.‹

›Ach Gott, was kann es denn sein?‹ rief die arme Witwe.

›Erschrecken Sie nicht‹, sagte Tom Smart, zog langsam einen Brief aus der Tasche und entfaltete ihn. ›Werden Sie aber auch nicht schreien?‹ fragte Tom zweifelnd.

›Nein, nein‹, erwiderte die Witwe, ›geben Sie her.‹

›Werden Sie nicht in Ohnmacht fallen oder sonstige Zufälle bekommen?‹ fragte Tom.

›Nein, nein‹, erwiderte die Witwe hastig.

›Und rennen Sie nicht fort, um es ihm vorzuhalten?‹ sagte Tom. ›Ihre Einmischung ist dabei ganz unnötig, da ich die Sache auf mich zu nehmen gedenke.‹

›Alles recht, geben Sie nur her!‹ bat die Witwe.

›Hier‹, sagte Tom Smart, und gab der Witwe den Brief in die Hand.

Meine Herren, ich habe meinen Oheim sagen hören, daß Tom Smart behauptete, die Wehklagen der Witwe, in die sie bei der Enthüllung des Geheimnisses ausbrach, hätten ein Herz von Stein durchbohren können. Tom hatte gewiß ein starkes Herz, aber sie drangen bis in sein Innerstes. Die Witwe fiel bald auf diese, bald auf die andere Seite und rang die Hände.

›O Niedertracht und Schlechtigkeit eines Mannes!‹ rief die Witwe aus.

›Schrecklich, liebe Frau, aber beruhigen Sie sich‹, sagte Tom Smart.

›Ach, ich kann mich nicht beruhigen‹, schrie die Witwe. ›Ich werde nie mehr einen finden, den ich so lieben kann.‹

›O gewiß, Sie werden, mein liebes Herz‹, versicherte Tom Smart, aus Mitleid mit dem kläglichen Geschick der Witwe einen Strom dicker Tränen vergießend.

Im Eifer seines Bedauerns hatte Tom Smart seinen Arm um den Leib der Witwe geschlungen, und die Witwe hatte im Übermaße des Schmerzes Toms Hand ergriffen. Sie sah Tom ins Gesicht und lächelte mitten in ihren Tränen, und Tom sah der Witwe in ihr Gesicht und lächelte mitten in seinen Tränen.

Ich konnte nie erfahren, meine Herren, ob Tom in diesem entscheidenden Augenblick die Witwe küßte oder nicht. Meinem Oheim pflegte er zu sagen, er habe es nicht getan, aber das bezweifle ich fast. Unter uns gesagt, meine Herren, ich glaube, er tat es.

Jedenfalls ist soviel gewiß, daß eine halbe Stunde darauf Tom den sehr großen Mann aus dem Hause warf und einen Monat später die Witwe heiratete. Lange fuhr er noch auf seinem tonfarbenen Wagen mit den roten Rädern und mit der launischen Mähre im Lande herum, bis er endlich nach vielen Jahren sein Geschäft aufgab und mit seinem Weib nach Frankreich ging, worauf das alte Haus niedergerissen wurde.«

 

»Wollen Sie mir eine Frage erlauben«, sagte der fragelustige alte Herr: »was wurde denn aus dem Stuhl?«

»Nun«, versetzte der einäugige Krämer, »man hörte ihn am Tage der Hochzeit sehr stark krachen; aber Tom Smart konnte nicht bestimmt sagen, ob aus Vergnügen oder aus Gebrechlichkeit. Er neigte jedoch mehr zur letzteren Ansicht, denn der Stuhl sprach nachher nie wieder.«

»Jedermann glaubte die Geschichte, nicht wahr?« fragte das Negergesicht, seine Pfeife wieder füllend.

»Mit Ausnahme der Feinde Toms«, antwortete der Krämer. »Einige von ihnen sagten, Tom habe sie rein erfunden, und andere sind der Ansicht, er sei betrunken gewesen, habe sie geträumt, und den Fund durch Verwechslung der Beinkleider vor dem Schlafengehen getan. Aber niemand hörte darauf, was diese neidischen Seelen sagten.«

»Tom Smart sagte, es sei alles wahr?«

»Wort für Wort.«

»Und Ihr Oheim?«

»Buchstäblich.«

»Beide müssen sonderbare Männer gewesen sein«, sagte das Negergesicht.

»Ja, das waren sie auch – in der Tat!«

 

Neuntes Kapitel.


Neuntes Kapitel.

Deutlicher Beweis für die Behauptung, daß die Bahn treuer Liebe keine Eisenbahn ist.

Die stille Abgeschiedenheit von Dingley Dell, die Anwesenheit so vieler Zierden des schönen Geschlechts, die sorgsame Pflege und Aufmerksamkeit, die sie an den Tag legten, war der Steigerung jener sanfteren Gefühle außerordentlich günstig, die die Natur tief in Herrn Tracy Tupmans Brust gesenkt hatte. Diese Gefühle schienen jetzt bestimmt, sich auf einen liebenswürdigen Gegenstand zu konzentrieren. Die jungen Damen waren hübsch, ihr Äußeres einnehmend, ihr Betragen tadellos. Aber in den Augen von Jungfer Tante lag eine Majestät, in ihrer Miene eine Würde, in ihrem Gang ein gewisses Noli me tangere, worauf jene bei ihrer Jugend keinen Anspruch machen konnten. Darin tat die Tante es jedem Frauenzimmer zuvor, das Tupman je gesehen hatte. Daß in dem Wesen beider etwas Verwandtes, in ihrem Gemüte etwas Übereinstimmendes, in ihrer Brust eine gewisse geheimnisvolle Sympathie lag, war klar.

Ihr Name war der erste Laut, der über Herrn Tupmans Lippen trat, als er blutend im Grase lag, und ihr krampfhaftes Lachen war der erste Ton, der zu seinen Ohren drang, als er nach Hause gebracht wurde.

Aber hatte ihre Aufregung den Grund in einer liebenswürdigen weiblichen Empfindsamkeit überhaupt, die bei jeder ähnlichen Gelegenheit zum Vorschein gekommen wäre? Oder war sie durch ein tieferes, zärtlicheres Gefühl hervorgerufen worden, das nur er allein unter allen Männern erwecken konnte? Das waren Zweifel, die sein Gehirn marterten, als er hilflos auf dem Sofa lag – Zweifel, die er auf einmal und für immer zu lösen beschloß.

Es war Abend. Isabella und Emilie hatten mit Herrn Trundle einen Spaziergang gemacht. Die taube alte Frau war in ihrem Lehnstuhl eingeschlafen: das Schnarchen des fetten Jungen drang dumpf und eintönig aus der entfernten Küche herüber. Die sorglosen Mägde lehnten am Hoftor und genossen die Süßigkeit des Feierabends, indem sie mit gewissen unbeholfenen Tieren spielten, die zum Haushalte gehörten. Da saß denn das interessante Pärchen, von niemand beachtet und auf nichts achtend, nur von sich selbst träumend: da saßen sie wie ein Paar sorgfältig zusammengelegte Handschuhe – ineinandergeschlungen.

»Ich habe meine Blumen vergessen«, bemerkte Jungfer Tante.

»So begießen wir sie«, sprach Herr Tupman mit schmeichelndem Tone.

»Sie würden sich in der Abendluft erkälten«, sagte Jungfer Tante zärtlich.

»Nein, nein«, erwiderte Herr Tupman aufstehend. »Es macht mir gar nichts. Ich will Sie begleiten.«

Die Dame legte schweigend die Schlinge zurecht, in der der linke Arm des junaen Mannes lag, ergriff seinen rechten und führte ihn in den Garten.

Am oberen Ende desselben war eine Laube von Geisblatt, Jasmin und Schlingpflanzen – einer von jenen Ruheplätzen, die empfindsame Seelen zur Bequemlichkeit der Spinnen errichten.

Jungfer Tante ergriff eine große Gießkanne, die in einem Winkel stand und war im Begriff, die Laube zu verlassen. Herr Tupman hielt sie zurück und zog sie auf einen Sitz neben sich nieder.

»Fräulein Wardle«, sagte er.

Jungfer Tante zitterte, daß einige Steinchen, die zufälligerweise den Weg in die Gießkanne gefunden hatten, klirrten wie eine Kinderklapper.

»Fräulein Wardle,« sagte Herr Tupman, »Sie sind ein Engel.«

»Herr Tupman«, rief Rachel aus, so rot wie die Gießkanne selbst.

»Wahrlich,« sagte der beredte Pickwickier, »ich fühle es nur zu sehr.«

»Alle Frauenzimmer sind Engel, wenn man die Männer so hört«, flüsterte die Dame in scherzhaftem Tone.

»Was wären Sie sonst, oder womit könnte ich Sie ohne Vermessenheit vergleichen?« versetzte Herr Tupman. »Wo sah man je ein Frauenzimmer, das Ihnen glich? Wo könnte ich sonst eine so seltene Vereinigung von geistigen Vorzügen und körperlicher Schönheit finden? Wo könnte ich sonst – – – O!«

Hier schwieg Herr Tupman und drückte die Hand, die auf dem Handgriff der glücklichen Gießkanne ruhte.

Die Dame wandte ihren Kopf auf die Seite und flüsterte sanft:

»Die Männer sind voll Lug und Trug.«

»Ja, sie sind es, sie sind es«, versicherte Herr Tupman; »aber nicht alle. Hier lebt wenigstens einer, der keinen Wankelmut kennt – einer, der sein ganzes Dasein Ihrem Glück opfern könnte – der nur in Ihren Blicken lebt – der nur in Ihrem Lächeln atmet – der die schwere Bürde des Lebens einzig und allein um Ihretwillen trägt.«

»Könnte man einen solchen Mann finden?« fragte die Dame.

»Nur könnte finden?« erwiderte der glühende Tupman. »Er ist gefunden. Er ist hier, Fräulein Wardle.«

Und ehe die Dame seine Absicht ahnte, lag er schon zu ihren Füßen auf den Knien. ,

»Stehen Sie auf, Herr Tupman«, sagte Rachel.

»Nimmermehr«, war die entschlossene Antwort. »O Rachel! sagen Sie, daß Sie mich lieben.«

»Herr Tupman,« bemerkte Jungfer Tante mit abgewandtem Gesicht – »ich kann kaum Worte finden: doch – doch – Sie sind mir nicht ganz gleichgültig.«

Herr Tupman hörte nicht so bald dieses Geständnis, als er sich ganz dem Drange seiner Begeisterung hingab und tat, was, soviel wir wissen (denn wir haben in diesem Punkte nicht viel Erfahrung), unter solchen Umständen jedermann tut. Er sprang auf, schlang seinen Arm um den Nacken der Jungfer Tante und preßte eine Menge Küsse auf ihre Lippen, die sie nach pflichtschuldigem Zieren und Sträuben so geduldig hinnahm, daß wir nicht angeben können, wie viele ihr Herr Tupman noch aufgedrückt haben würde, wäre die Dame nicht plötzlich erschreckt worden und voller Angst in die Worte ausgebrochen –

»Herr Tupman, wir werden beobachtet! Wir sind entdeckt!«

Herr Tupman sah sich um und gewahrte die tellergroßen Augen des fetten Jungen. Der Junge hatte dabei nicht im mindesten einen Gesichtszug, den auch nur ein noch so erfahrener Physiognomiker dem Erstaunen, der Neugierde oder irgendeiner bekannten Leidenschaft, die sonst die Brust der Vlcnschen bewegt, hatte zuschreiben können. Er glotzte völlig regungslos in die Laube. Herr Tupman betrachtete den fetten Jungen, und der fette Junge betrachtete Herrn Tupman, und je länger Herr Tupman dessen völlig ausdrucksloses Gesicht ansah, desto mehr überzeugte er sich, daß er entweder nicht wußte oder nicht verstand, was vorgegangen war. In dieser Voraussetzung fragte er mit festem Tone:

»Was suchst du hier?«

»Das Essen ist auf dem Tisch«, war die rasche Antwort.

»Bist du eben erst gekommen?« fragte Herr Tupman mit einem durchdringenden Blick.

»Soeben«, erwiderte der fette Junge.

Herr Tupmam sah ihn wieder scharf an, aber der Junge verzog keine Miene.

Herr Tupman nahm den Arm der Jungfer Tante und ging dem Hause zu; der fette Junge folgte.

»Er weiß nicht, was vorgefallen ist«, flüsterte er.

»Nichts?« fragte Jungfer Tante.

Sie hörten einen Ton hinter sich, wie von einem halbunterdrückten Lachen. Herr Tupman sah sich forschend um. Nein; der fette Junge konnte es nicht gewesen sein. In seinem ganzen Gesichte war keine Spur von Freude, und überhaupt kein anderer Ausdruck als der der Eßlust zu finden.

 

»Er muß geschlafen haben«, flüsterte Herr Tupman.

»Ich zweifle nicht im geringsten daran«, versetzte Jungfer Tante.

Beide lachten herzlich.

Aber Herr Tupman irrte sich. Der fette Junge hatte zum ersten Male nicht geschlafen. Er hatte gewacht – völlig gewacht und alles mit angesehen.

Das Abendessen ging vorüber, ohne daß jemand eine allgemeine Unterhaltung anzuknüpfen gesucht hätte. Die alte Frau ging zu Bett; Isabelle Wardle widmete ihre Aufmerksamkeit ausschließlich Herrn Trundle; Jungfer Tante hatte für niemand Augen, als für Herrn Tupman, und Emiliens Gedanken schienen in der Ferne zu verweilen – vielleicht bei dem abwesenden Snodgraß.

Elf Uhr – zwölf Uhr – ein Uhr hatte es geschlagen, und die Herren waren noch nicht zurück. Bestürzung und Unruhe war auf jedem Gesicht zu lesen. Sollten Sie vielleicht überfallen und ausgeplündert worden sein? Sollte man Leute mit Laternen aussenden und sie auf allen Wegen suchen lassen, die sie möglicherweise eingeschlagen haben konnten? Oder sollte man – – Horch! Sie sind’s. Was konnte sie solange aufhalten? Auch eine fremde Stimme! Wem konnte sie angehören? Sie eilten in die Küche, um nach den Ankömmlingen zu sehen, und überzeugten sich alsbald von dem wahren Stand der Dinge.

Herr Pickwick lehnte, die Hände in den Taschen und den Hut über das linke Auge gedrückt am Anrichttische, wackelte mit dem Kopf und griente unaufhörlich, ohne daß man irgendeinen Grund davon entdecken konnte. Der alte Herr Wardle hielt einen fremden Herrn bei der Hand, dem er mit flammendem Gesichte etwas von ewiger Freundschaft vorlallte. Herr Winkle hielt sich an der Wanduhr und rief mit matter Stimme auf jedes Mitglied der Familie, das heute Nacht vom Bettgehen sprechen würde, Feuer und Schwefel vom Himmel herab. Herr Snodgraß aber war auf einen Stuhl gesunken, mit dem Ausdruck des fürchterlichsten und hoffnungslosesten Elends, das sich die Phantasie eines Menschen vorstellen kann, in jedem Zuge seines verstörten Gesichts.

»Ist etwas vorgefallen?« fragten die drei Damen.

»Nichts ist vorgefallen«, versetzte Herr Pickwick. »Wir, hup – wir sind, hup – alles in Ordnung. – Ich sage, Wardle, es ist alles in Ordnung, nicht wahr?«

»Das will ich meinen«, sagte der lustige Hauswirt. »Meine Lieben, hier ist mein Freund, Herr Jingle – Herrn Pickwicks Freund, Herr Jingle ist gekommen – macht uns einen kleinen Besuch.«

»Ist Herrn Snodgraß etwas zugestoßen« fragte Emilie ängstlich.

»Nicht das mindeste, mein Fräulein«, erwiderte der Fremde. »Kricketschmaus – herrliche Gesellschaft – Kapitalsänger – alter Portwein – Rotwein – gut – sehr guter – Wein, mein Fräulein – Wein.«

»Es lag nicht am Weine«, lallte Herr Snodgraß mit gebrochener Stimme. »Der Lachs war schuld.« (Die Schuld liegt bei solchen Gelegenheiten nie am Wein, sondern immer an etwas anderem.)

»Wäre es nicht besser, Sie gingen zu Bett?« fragte Emilie. »Zwei von den Knechten können die Herren hinaufführen.«

»Ich gehe nicht zu Bett«, sagte Herr Winkle bestimmt.

»Kein Mensch auf der Welt soll mich führen«, erwiderte Herr Pickwick kühn, worauf er wieder ebenso gutmütig, wie zuvor, griente.

»Hurra!« rief Herr Winkle.

»Hurra!« wiederholte Herr Pickwick, seinen Hut abnehmend und auf den Boden schleudernd, worauf er seine Brille mit gleicher Wuppdizität mitten in die Küche warf. – Dann lachte er über dieses Vergnügen laut auf.

»Lassen Sie – uns, hup – noch – eine, hup – Flasche trinken«, äußerte Herr Winkle anfangs mit lauter, später mit immer schwächerer Stimme.

Sein Kopf sank auf die Brust. Er lallte noch etwas von seinem unabänderlichen Entschluß, nicht zu Bette zu gehen, und von blutiger Reue, den alten Tupman diesen Morgen nicht vollends »abgedeckt« zu haben, worauf er in einen festen Schlaf fiel. Von zwei jungen Burschen unter der persönlichen Oberaufsicht des fetten Jungen wurde er zu Bett gebracht. Bald darauf vertraute Herr Snodgraß seinen Leichnam der Sorge denselben Herrschaften an. Herr Pickwick nahm den dargebotenen Arm Herrn Tupmans und verschwand ganz in der Stille, stets mit demselben Lächeln auf den Lippen. Herr Wardle aber gab Herrn Trundle die Ehre, ihn die Treppe hinauf zu geleiten, und entfernte sich mit dem völlig vergeblichen Versuch, eine feierliche und würdevolle Miene anzunehmen, nachdem er zuvor von der ganzen Familie einen so zärtlichen Abschied genommen hatte, als ginge er jetzt unmittelbar dem Schafott entgegen.

»Was für ein fataler Auftritt!« sagte Jungfer Tante.

»Abscheulich!« stimmten die beiden jungen Damen bei.

»Schrecklich – schrecklich!« sagte Jingle mit ernster Miene. Er hatte aber auch anderthalb Flaschen mehr zu sich genommen, als irgendein anderes Mitglied der Gesellschaft. »Ein peinlicher Anblick – gewiß.«

»Ein artiger Mann!« flüsterte die Jungfer Tante Herrn Tupman zu.

»Sieht auch nicht übel aus!« flüsterte Emilie Wardle.

»O sicher«, bemerkte die Jungfer Tante.

Herr Tupman dachte an die Witwe zu Rochester, und sein Herz ward unruhig. Die halbstündige Unterhaltung, die jetzt folgte, war nicht geeignet, die Stimme seiner Besorgnis zu beschwichtigen. Der neue Ankömmling war sehr gesprächig, und die Menge seiner Anekdoten wurde nur durch die Überbietung an Höflichkeit übertroffen. Herr Tupman fühlte, daß er in dem gleichen Maße, in dem Jingles Popularität stieg, in den Schatten zurücktrat. Sein Lachen war gezwungen – seine Lustigkeit erheuchelt, und als er endlich seine schmerzenden Schläfe zwischen die Bettlaken steckte, wünschte er sich mit furchtbarer Lust, Jingles Kopf in diesem Augenblicke zwischen der Decke und der Matratze unter seinen Händen zu haben.

Der unverwüstliche Fremde stand des andern Tages zeitig auf und gab sich alle Mühen, während seine Gefährten die Folgen ihrer Schlemmerei noch im Bette verdämmerten, die Heiterkeit des Frühstücks durch seine Unterhaltung zu erhöhen. Es gelang ihm auch so vollkommen, daß sogar die taube alte Frau sich einige seiner besten Scherze durch ihr Hörrohr wiederholen ließ und gar herablassend gegen die Jungfer Tante bemerkte, er (Jingle) sei ein ausgelassener junger Mensch – eine Ansicht, der ihre Tochter und ihre Enkelinnen durchaus beistimmten.

Es war die Gewohnheit der alten Dame, sich an jedem schönen Sommermorgen in die Laube zu begeben, die dem Leser bereits durch Herrn Tupmans zärtliches Abenteuer bekannt ist. Zu diesem Ende mußte der fette Junge von einem Kleiderrechen hinter der Schlafzimmertür der alten Frau einen dicht anschließenden schwarzen Atlashut, einen warmen baumwollenen Schal und einen starken Stock mit einem großen Handgriff holen, und nachdem sie sich so behaglich eingehüllt und die eine Hand auf den Stock, die andere auf die Schulter des fetten Jungen gestützt hatte, begann sie mit Muße ihren Spaziergang nach der Laube, wo sie der fette Diener für eine halbe Stunde den Annehmlichkeiten, die mit dem Genusse frischer Luft verbunden sind, überließ. Nach Ablauf dieser Frist kam er sodann wieder, um die Mutter seines Gebieters ins Haus zurückzuführen.

Die alte Dame ging in diesen Dingen nicht von ihrer gewohnten Weise ab, und da diese Zeremonie schon drei Sommer hintereinander ohne ein Abweichen von der Regel geübt worden, so war sie nicht wenig überrascht, als sie bemerkte, daß der fette Junge, statt wieder fortzugehen, nur einige Schritte von der Laube wegtrat, sich sorgfältig nach allen Richtungen umsah, und dann ganz verstohlen und mit ungemein geheimnisvoller Miene wieder umkehrte.

Die alte Dame war furchtsam – wie es die meisten alten Damen sind – und so kam sie gleich auf den Gedanken, der gedunsene Junge führe einen Mordanschlag gegen sie im Schild, um sich in den Besitz des Kleingeldes, das sie bei sich trug, zu setzen. Sie würde daher um Hilfe gerufen haben, wenn ihre körperliche Gebrechlichkeit ihr nicht schon längst die Kraft des Schweigens benommen hätte. Deshalb mußte sie sich begnügen, Joes Bewegungen mit den Gefühlen unaussprechlicher Todesangst zu beobachten, die sich keineswegs milderte, als der Junge ganz dicht an sie herankam und mit einem – wie es ihr schien – drohenden Tone ins Ohr schrie:

»Madame!«

Nun fügte sich’s gerade, daß in demselben Augenblick Herr Jingle in dem Garten spazierenging und sich zur Zeit in der unmittelbaren Nähe der Laube befand. Er hörte den lauten Ruf und blieb stehen, wozu er durch dreierlei Gründe veranlaßt wurde – einmal, weil er nichts anderes zu tun hatte, dann weil seine Neugier kein Bedenken kannte, und endlich, weil seine Person durch Gestrüpp verborgen war. Wie gesagt – er machte halt und horchte.

»Madame!« schrie der fette Junge.

»Ach, Joe,« sagte die zitternde alte Dame, »ich bin dir gewiß stets eine gütige Gebieterin gewesen und habe dich stets aufs freundlichste behandelt. Du hast nie viel arbeiten müssen und doch immer genug zu essen gehabt.«

Das war eine Berufung auf Joes empfindsamste Gemütsseite. Er schien gerührt und entgegnete mit Nachdruck:

»Ich verkenne das nicht.«

»Was kannst du aber weiter von mir wollen?« versetzte die alte Dame etwas ermutigt.

»Es wird Sie kalt überlaufen, wenn ich’s Ihnen sage«, erwiderte Joe.

Das klang wie ein ziemlich blutdürstiger Dankeserguß, und da die alte Dame die Art, wie ein solches Phänomen herbeigeführt werden könnte, nicht ganz begriff, so kehrten alle ihre Schrecken wieder.

»Was meinen Sie wohl, was ich gestern hier in dieser Laube gesehen habe?« sagte der Junge.

»Barmherziger Himmel! Was!« rief die alte Dame, beunruhigt durch die Wichtigtuerei in dem Benehmen des wohlbeleibten Burschen.

»Der fremde Herr – der mit dem zerschossenen Arm – hat geküßt und umarmt – –«

»Wen, Joe – wen? Ich hoffe doch nicht eine der Mägde?«

»Schlimmer als das!« brüllte der Junge in das Ohr der alten Dame.

»Wie, gar eine meiner Enkelinnen?«

»Noch schlimmer!«

»Noch schlimmer, Joe?« versetzte die alte Dame, die schon ein solches Unterfangen für das Non plus ultra männlicher Verwegenheit betrachtete. »Wer ist’s gewesen, Joe? Ich will es durchaus wissen.«

»Fräulein Rachel.«

»Was?« schrie die Dame in schrillem Tone. »Sprich lauter.«

»Fräulein Rachel«, schrie der fette Junge.

»Meine Tochter?«

Der fette Junge bejahte die Frage mit öfters wiederholtem Kopfnicken, wobei seine gedunsenen Backen wie Gallerte schwabbelten.

»Und sie ließ sich’s gefallen?« rief die alte Dame.

Ein Grinsen stahl sich über die Züge des dicken Burschen, als er erwiderte:

»Ich sah es, wie sie ihn wieder küßte.«

Hätte Herr Jingle in diesem Augenblick den Ausdruck, den das Gesicht der alten Dame bei dieser Mitteilung annahm, wahrnehmen können, so wäre er höchstwahrscheinlich in ein Gelächter ausgebrochen, das seine Anwesenheit notwendig verraten haben würde. So aber lauschte er aufmerksam weiter und vernahm einige abgebrochene Sätze, als da waren: – »ohne meine Zustimmung!« – »noch zu meinen Lebzeiten« – »ich arme, unglückliche Frau« – »hätte sie nicht warten können, bis ich tot bin« – und dergleichen, worauf er die Stiefelsohlen des fetten Jungen, der sich jetzt entfernte und die alte Dame allein ließ, im Sand knirschen hörte.

Es war ein merkwürdiger Zufall, aber dessenungeachtet eine Tatsache, daß Herr Jingle schon in den ersten fünf Minuten seiner Ankunft zu Manor Farm den Entschluß gefaßt hatte, das Herz der Jungfer Tante ohne Verzug in Belagerungszustand zu versetzen. Er besaß Menschenkenntnis genug, um zu merken, daß sein dreistes Benehmen dem schönen Gegenstand seiner Wünsche keineswegs mißfiel. Er hegte die lebhafte Vermutung, daß sie auch in dem Besitze des wünschenswertesten aller Erfordernisse – nämlich eines unabhängigen Vermögens, sei. Die gebieterische Notwendigkeit, seinen Nebenbuhler auf eine oder die andere Weise auszustechen, tauchte rasch in seiner Seele auf, und er entschloß sich, ohne Verzug die zweckdienlichen Hebel in Bewegung zu setzen. Fielding Henry Fielding, berühmter englischer Romandichter, der von 1707 bis 1754 lebte; Hauptwerk: »Tom Jones, oder die Geschichte eines Findlings«. sagt, der Mann sei Feuer und das Weib Stroh, die der Fürst der Finsternis miteinander in Berührung bringe, um eine helle Lohe zu veranlassen. Herr Jingle wußte, daß junge Männer bei alten Jungfern sind, was die Lunte für das Schießpulver, und so nahm er sich vor, die Wirkung einer Explosion ohne Zeitverlust zu versuchen.

Über diesen wichtigen Entwurf brütend, schlich er sich aus seinem Schlupfwinkel und näherte sich unter dem Schutze des vorerwähnten Gesträuchs dem Hause. Das Glück schien seine Absicht zu begünstigen: denn eben verließ Herr Tupman mit den übrigen Herren den Garten durch eine Seitentür, und die jüngeren Damen hatten, wie er wohl wußte, gleich nach dem Frühstück einen Spaziergang angetreten. Das Feld war also gesäubert.

Die Tür des Speisezimmers war halb offen. Er blickte hinein. Die Jungfer Tante saß mit ihrem Strickstrumpf drinnen. Er hustete – sie sah auf und lächelte. Zögern gehörte nicht zu Herrn Jingles Charakter. Er legte die Finger geheimnisvoll an seine Lippen, trat ein und machte die Tür hinter sich zu.

»Fräulein Wardle –« sagte Herr Jingle mit erkünsteltem Ernst – »entschuldigen meine Zudringlichkeit – kurze Bekanntschaft – keine Zeit zu Zeremonien – alles entdeckt!«

»Sir!« entgegnete Jungfer Tante etwas überrascht über diese unerwartete Annäherung, und zweifelhaft, ob der Mann wohl auch bei Trost sei.

»Pst!« sagte Herr Jingle mit theatralischem Flüstern – »großer Junge – Knödelgcsicht – Pflugräderaugen – Spitzbube!«

Hier schüttelte er nachdrücklich den Kopf, während Jungfer Tante in innerer Beklemmung erzitterte.

»Es scheint, Sie spielen auf Joe an, Sir?« versetzte die Dame, indem sie sich zusammennahm, um gefaßt zu erscheinen.

»Ja, Fräulein – verdammter Joe! – Verräterischer Schlingel, Joe – schwatzte bei der alten Dame – alte Dame wütend – rast – tobt – Laube – Tupman – Küssen und Umarmen – derartiges – tja, Fräulein – wie?«

»Herr Jingle«, sagte die alte Jungfer, »wenn Sie hierher kommen, um mich zu beleidigen – – «

»Nicht doch – nicht im geringsten«, versetzte der nicht zu verblüffende Jingle. – »Hörte die Geschichte – kam her. Sie vor der Gefahr zu warnen – Dienste anzubieten – Skandal zu vermeiden. Nicht zu denken an Beleidigung – will augenblicklich wieder gehen«.

Und er wandte sich um, als wollte er seine Drohung in Vollzug setzen.

»Aber was soll ich tun?« sagte die arme Jungfer in Tränen ausbrechend. »Mein Bruder wird rasen!«

»Läßt sich denken«, entgegnete Herr Jingle nach einer Pause – »wird wütend sein.«

»Ach, Herr Jingle, was kann ich sagen?« rief die Jungfer Tante in einem weiteren trostlosen Tränenstrom.

»Sagen? – Er hat geträumt«, versetzte Herr Jingle kaltblütig.

Ein Strahl der Hoffnung dämmerte in der Seele der armen Jungfer auf, als sie diesen Rat hörte. Herr Jingle nahm es in acht und verfolgte seinen Vorteil.

»Pah, pah! – Nichts leichter – verwünschter Blaustrumpf – liebenswürdige Dame – fetter Junge mit der Hundspeitsche traktiert – Ihnen geglaubt – alles vorbei – alles gut«.

Ob die Wahrscheinlichkeit eines Herauswindens aus dieser unzeitigen Entdeckung den Gefühlen der guten Jungfer so vergnüglich vorkam, oder ob das Prädikat »liebenswürdige Dame«, das ihr beigelegt wurde, das Bittere ihres Kummers milderte – wir wissen es nicht. Sie errötete und warf einen dankbaren Blick auf Herrn Jingle.

Der gewandte Gentleman seufzte tief auf, heftete ein paar Minuten seine Augen auf die Jungfer, sank dann ganz theatralisch zusammen und schlug die Blicke nieder.

»Sie scheinen unglücklich zu sein, Herr Jingle«, sagte die Dame mit teilnehmender Stimme. »Darf ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre gütige Vermittlung dadurch bezeugen, daß ich Sie nach dem Grunde Ihres Leidens frage, um ihn womöglich beseitigen zu können?«

»Ach!« rief Herr Jingle mit abermaliger Komödiengeberde – »beseitigen? – Mein Unglück beseitigen, wo Ihre Liebe einem Mann zugewandt ist, der einen solchen Segen gar nicht zu schätzen weiß? – einem Manne, der sich eben jetzt mit Absichten auf die Neigung der Nichte desselben Wesens trägt, das – doch nein, er ist mein Freund, und so will ich seine Mängel nicht enthüllen. Fräulein Wardle – leben Sie wohl!«

Bei dem Schlusse dieser Anrede, der zusammenhängendsten, die man je aus seinem Munde vernommen hatte, brachte Herr Jingle den mehrmals erwähnten Rest eines Schnupftuchs an die Augen und wandte sich gegen die Tür.

»Bleiben Sie, Herr Jingle!« rief die Jungfer Tante mit Nachdruck. »Sie haben eine Anspielung auf Herrn Tupman gemacht – erklären Sie sich näher.«

»Nie!« rief Jingle in dem Tone seines Gewerbes. »Nie!«

Und um zu zeigen, daß er nicht weiter gefragt zu werden wünschte, rückte er einen Stuhl dicht an die Seite der Jungfer Tante und setzte sich nieder.

»Herr Jingle,« sagte die Tante, »ich bitte, ich beschwöre Sie, wenn irgendein schreckliches Geheimnis mit Herrn Tupman in Verbindung steht, so lüften Sie den Schleier.«

»Kann ich,« versetzte Herr Jingle, die Augen auf Fräulein Wardles Antlitz heftend – »kann ich mit ansehen – ein so liebliches Wesen – geopfert auf dem Altare herzloser Habsucht?« Er schien einige Augenblicke mit verschiedenen widerstreitenden Gefühlen zu kämpfen, und fuhr dann mit leiser, gedämpfter Stimme fort: »Tupman hat nichts als Ihr Geld im Auge.«

»Der Elende!« rief die Jungfer voller Entrüstung.

Herrn Jingles Zweifel waren gelöst: sie hatte Geld.

»Und was noch mehr ist,« fuhr Herr Jingle fort, »er liebt eine andere.«

»Eine andere?« entgegnete Fräulein Wardle. »Und wer wäre diese?«

»Kleines Mädchen – schwarze Augen – Nichte Emilie.«

Eine Pause.

Auf der ganzen Welt gab es niemand, gegen den Jungfer Tante eine tödlichere und tiefer gewurzelte Eifersucht nährte, als gerade diese Nichte. Ein Glutstrom schoß ihr über Gesicht und Nacken, sie wiegte den Kopf mit der Miene unaussprechlicher Verachtung hin und her. Endlich biß sie sich in die dünnen Lippen, warf sich in die Brust und begann:

»Es kann nicht sein. Ich mag es nicht glauben.«

»Sie beobachten«, meinte Jingle.

»Das will ich«, versetzte die Tante.

»Auf ihre Blicke acht haben –«

»Soll geschehen.«

»Sein Flüstern.«

»Ja.«

»Wird am Tisch neben ihr sitzen –«

»Das mag er.«

»Ihr Artigkeiten sagen –«

»Sei’s drum,«

»Ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit erweisen –«

»Meinetwegen.«

»Mit Ihnen brechen.«

»Mit mir brechen?«, rief die Jungfer Tante. »Er mit mir brechen? Gut! Recht so!«

Und sie zitterte in der Wut getäuschter Hoffnung.

»Wollen Sie sich überzeugen?« fragte Jingle.

»Ich will.«

»Ihm entschlossen entgegentreten?«

»Ja.«

»Nachher nicht wieder mit ihm anbinden?«

»Auf keinen Fall.«

»Die Bewerbungen eines andern annehmen?«

»Ja.«

»So tun Sie es.«

Herr Jingle fiel auf seine Knie nieder, verharrte fünf Minuten in dieser Stellung, und erhob sich wieder als der begünstigte Liebhaber der Jungfer Tante – für den Fall, daß sich Herrn Tupmans Treulosigkeit herausstellen sollte.

Die Schuldigkeit des Beweises haftete auf Herrn Alfred Jingle, und er entledigte sich ihrer noch am nämlichen Tage beim Diner. Jungfer Tante mochte kaum ihren Augen trauen. Herr Tracy Tupman saß an Emiliens Seite und liebäugelte, flüsterte und lächelte mit Herrn Snodgraß in die Wette. Kein Wort – nicht einen Blick hatte er für sie, die tags zuvor noch der Stolz seines Herzens war.

»Verwünschter Bube!« dachte der alte Herr Wardle, dem seine Mutter Joes Erzählung mitgeteilt hatte. »Verwünschter Bube! Er muß geschlafen und geträumt haben. Eitel Einbildung!«

»Der Verräter!« dachte die alte Jungfer ihrerseits. »Der gute Herr Jingle hat mich nicht hintergangen. O, wie hasse ich den Bösewicht!« –

Die folgende Unterhaltung aber wird dazu dienen, unsern Lesern die scheinbar unerklärliche Veränderung in Herrn Tracy Tupmans Benehmen zu enträtseln.

Es war Abend – Schauplatz der Garten. Auf einem Nebenwege ergingen sich zwei Gestalten – die eine ziemlich klein und beleibt, die andere hoch und hager. Sie waren Herr Tupman und Herr Jingle. Die kleinere begann das Gespräch.

»Nun, wie habe ich meine Rolle gespielt?«

»Vortrefflich – fabelhaft – hätt’s selbst nicht besser machen können – Sie müssen in dieser Weise fortfahren – morgen – jeden Abend – bis auf ein weiteres Zeichen.«

»Wünscht es Rachel noch immer?«

»Natürlich – tut’s freilich nicht gern – aber muß sein – Verdacht abwenden – fürchtet ihren Bruder – sagt, es lasse sich nicht ändern – nur noch einige Tage – bis die alten Leute verblendet sind – Ihrem Glücke dann die Krone aufsetzen.«

»Läßt sie mir sonst nichts sagen?«

»Versichert Liebe, – treue – unverbrüchliche Liebe. Soll ich ihr etwas ausrichten?«

»Mein lieber Freund«, versetzte der nichts ahnende Tupman, glühend die Hand des vermeintlichen Freundes ergreifend, »versichern auch Sie Fräulein Rachel gleichfalls meiner wärmsten Liebe – sagen Sie ihr, wie schwer mir diese Verstellung wird – sagen Sie ihr alles, was sich in einem solchen Falle sagen läßt: aber fügen Sie auch bei, wie sehr ich die Notwendigkeit des Benehmens fühle, das sie mir diesen Morgen durch Sie anempfehlen ließ. Sagen Sie ihr, daß ich ihre Weisheit verehre und ihre kluge Vorsicht bewundere.«

»Soll geschehen. Weiter nichts?«

»Nein; nur noch das, daß ich mich glühend nach dem Augenblick sehne, »wo ich sie die Meinige nennen und jede Maske ablegen kann.«

»Wird besorgt – wird besorgt. Noch etwas auf dem Herzen?«

»Ach, mein Freund,« sagte der arme Tupman, abermals die Hand seines Gefährten ergreifend, »empfangen Sie meinen wärmsten Dank für ihre uneigennützige Güte, und vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen je, auch nur mit dem Gedanken, Sie könnten mir im Wege stehen, unrecht getan habe. Mein teurer Freund, kann ich Ihnen je Ihren Dienst vergelten?«

»Reden Sie nicht davon«, versetzte Herr Jingle.

Er hielt sogleich inne, als ob er sich plötzlich auf etwas besinne, und sagte: »Übrigens, können Sie nicht zehn Pfund entbehren? – Im Augenblick zu besonderen Zwecken benötigt – zahle wieder in drei Tagen.«

»Aber mit Vergnügen«, versetzte Herr Tupman in der Überfülle seines Herzens. »Drei Tage sagen Sie?«

»Nur drei Tage – alles vorüber dann – keine weiteren Schwierigkeiten.«

Herr Tupman zählte das Geld auf die Hand seines Gefährten, und dieser ließ, während sie zurückgingen, Stück für Stück in seine Tasche gleiten.

»Vorsichtig«, sagte Herr Jingle – » ja keinen Blick.«

»Keine Silbe.«

»Nicht die leiseste.«

»Alle Ihre Aufmerksamkeit auf die Nichte – eher etwas unartig gegen die Tante – der einzige Weg, die Alten hinters Licht zu führen.«

»Soll alles pünktlich geschehen«, sagte Herr Tupman laut.

»Ja, ja, tu es nur pünktlich!« dachte Herr Jingle; und sie traten ins Haus.

Die Szene des Nachmittags wurde am Abend wiederholt, und ein gleiches geschah an den drei nächstfolgenden Nachmittagen und Abenden. Am vierten war der Wirt ungemein aufgeräumt, denn er hatte sich von der Haltlosigkeit der Klage gegen Tupman überzeugt. Bei Herrn Tupman aber stand es ähnlich, da ihm Herr Jingle mitgeteilt hatte, seine Angelegenheit würde bald zur Entscheidung kommen. Herr Pickwick war ebenfalls heiter, weil er selten anders war. Nur von Snodgraß ließ sich das nicht sagen, denn er war eifersüchtig auf Herrn Tupman, während wieder die alte Dame, weil sie im Whistspiel gewonnen, und Herr Jingle nebst Fräulein Tante – diese aus sehr erheblichen Gründen, die in einem andern Kapitel unserer ereignisreichen Geschichte erzählt werden sollen – sich der fröhlichen Stimmung der Mehrzahl anschlossen.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Eine Entdeckung und eine Verfolgung.

Die Speisen standen auf dem Tisch, die Stühle waren herangerückt, Flaschen, Krüge und Gläser aus dem Wandschrank hervorgeholt, und alles verkündigte die Nähe des vergnüglichsten Zeitabschnitts im Verlauf des Tages.

»Wo ist Rachel?« fragte Herr Wardle.

»Ja, und wo Herr Jingle?« fügte Herr Pickwick bei.

»Ach du mein Himmel«, sagte der Hausherr, »es nimmt mich wunder, daß ich ihn nicht schon früher vermißte. Ich glaube, ich habe seine Stimme wenigstens schon zwei Stunden nicht mehr gehört. Liebe Emilie, klingle doch mal.«

Die Klingel wurde gezogen und der Junge trat ins Zimmer.

»Wo ist Fräulein Rachel?«

Er wußte nichts.

»Wo ist Herr Jingle?«

Er wußte es gleichfalls nicht.

Alle blickten sich überrascht an. Es war spät – bereits elf Uhr vorbei. Herr Tupman lachte sich ins Fäustchen. Sie spazierten natürlich irgendwo herum und unterhielten sich von ihm. Ha, ha! Ein herrlicher Einfall – Kapitalspaß!

»Tut nichts – tut nichts«, sagte Herr Wardle nach einer kurzen Pause. »Ich wette, sie werden bald da sein. Mit dem Nachtessen warte ich nie auf jemand.«

»Treffliche Hausordnung, das«, bemerkte Herr Pickwick. »Bewunderungswürdig.«

»Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, meine Herren«, sagte der Hausherr.

»Wenn Sie erlauben«, versetzte Herr Pickwick.

Und die Gesellschaft ließ sich nieder.

Ein ungeheures Stück kalten Rinderbratens stand auf dem Tisch, und Herr Pickwick wurde mit einer kräftigen Portion davon versehen. Er erhob eben die Gabel zu seinen Lippen und war im Begriffe, den Mund zu öffnen und den Brocken dem obern Ende seines Verdauungskanals anzuvertrauen, als sich plötzlich von der Küche her der summende Ton vieler Stimmen vernehmen ließ. Er hielt inne und legte die Gabel nieder. Herr Wardle hielt gleichfalls inne, und ließ unwillkürlich das Tranchiermesser in dem Fleische stecken. Er sah Herrn Pickwick an, und Herr Pickwick blickte auf Herrn Wardle.

Schwere Fußtritte ließen sich von dem Hausflur vernehmen. Die Tür ging plötzlich auf, und herein trat der Mann, der Herrn Pickwick gleich bei seiner ersten Ankunft die Stiefeln gereinigt hatte, hinter ihm der fette Junge und das ganze Hausgesinde.

»Was, zum Teufel, soll das heißen?« rief der Hausherr.

»Hat etwa der Küchenschornstein Feuer gefangen, Emma?« fragte die alte Dame.

»Ach Gott, ’s wird doch das nicht sein, Großmutter!« kreischten die jungen Damen.

»Was ist los?« rief der Hausherr.

Der Mann haschte nach Luft und keuchte mit schwacher Stimme:

»Sie sind fort, Herr – auf und davon, Sir!«

Bei dieser Eröffnung sah man Herrn Tupman Messer und Gabel niederlegen und erblassen.

»Wer ist fort?« sagte Herr Wardle heftig.

»Herr Jingle und Fräulein Rachel – in einer Postkutsche – vom Blauen Löwen in Muggleton aus. Ich war dort – konnte sie aber nicht zurückhalten; und so lief ich, hast du was kannst du, um es hier mitzuteilen.«

»Und ich mußte die Kosten dazu herschießen!« rief Herr Tupman, ganz außer sich aufspringend. »Er hat zehn Pfund von mir mitgenommen! Haltet ihn auf! Er hat mich betrogen! Ich lasse mir’s nicht gefallen! Ich will mein Recht haben, Pickwick! Ich will nicht ruhig zusehen, wenn ich um mein Eigentum geprellt werde!«

Mit diesen und ähnlichen unzusammenhängenden Ausrufen rannte Herr Tupman wie toll im Zimmer umher.

»Gott behüte uns!« rief Herr Pickwick, die. außerordentlichen Gebärden seines Freundes mit entsetzten Blicken betrachtend. »Er ist übergeschnappt; was fangen wir an?«

»Was wir anfangen?« entgegnete der Hausherr, der bloß Pickwicks letzte Worte gehört hatte. »Spannt das Pferd in die Deichsel. Ich will im Löwen eine Postkutsche nehmen und ihnen augenblicklich nachsetzen. Wo –« rief er, als der Mann sich entfernte, um den Befehl zu vollziehen – »wo ist der heillose Kerl, der Joe?«

»Hier bin ich – aber kein heilloser Kerl«, versetzte eine Stimme. Es war die des fetten Jungen.

»Lassen Sie mich, Pickwick!« schrie Wardle, als er auf den unglücklichen Joe losstürzen wollte. »Er hat sich von diesem Schurken, dem Jingle, bestechen lassen, damit er mir eine falsche Witterung beibringe und mir mit einer Geschichte von meiner Schwester und Ihrem Freunde Tupman einen blauen Dunst vormache.« (Hier sank Herr Tupman auf seinen Stuhl zurück.) »Lassen Sie mich – ich muß ihm zu Leibe.«

»Ach, halten Sie ihn ja fest!« kreischten die Frauenzimmer, und aus ihrem Geschrei hörte man das Heulen des fetten Jungen deutlich heraus.

»Weg da!« rief der alte Mann. »Zurück mit Ihren Händen, Herr Winkle! Lassen Sie mich los, Herr Pickwick!«

Es war erbaulich, in diesem Augenblicke des Tumults und der Verwirrung den ruhigen und philosophischen Ausdruck in Herrn Pickwicks Gesicht wahrzunehmen. Er stand da, allerdings etwas gerötet von der Kraftanstrengung, die weite Taille seine« korpulenten Wirtes mit starken Armen umschlingend, und verhütete so einen tätlichen Ausbruch von dessen leidenschaftlichem Zorn, während der fette Junge von sämtlichen Damen zur Tür hinausgeschoben und gezerrt wurde. Er hatte indes kaum losgelassen, als der Bediente mit der Meldung hereintrat, daß der Wagen bereit wäre.

»Lassen Sie ihn nicht allein fort!« riefen die Frauenzimmer. »Es gibt ein Unglück!«

»Ich will ihn begleiten«, sagte Herr Pickwick.

»Sie sind ein wackerer Freund, Pickwick«, sagte Herr Wardle, seine Hand ergreifend. »Emma, gib Herrn Pickwick einen Schal um den Hals – rasch! Seht nach eurer Großmutter, Mädchen; sie ist ohnmächtig geworden. So kommen Sie – sind Sie fertig?«

Da Herr Pickwick inzwischen Mund und Kinn hastig in einen großen Schal gehüllt, den Hut auf seinen Kopf gepflanzt und den Überrock über den Arm geworfen hatte, antwortete er mit Ja.

Sie sprangen in den Wagen. »Laß dem Pferd den Zügel, Tom«, sagte Herr Wardle: und fort ging’s über die schmalen Feldwege weg, holter, polter über die Wagengeleise und an den Knicks vorbei, daß alle Augenblicke zu befürchten stand, das leichte Fuhrwerk möchte in Stücke fliegen.

»Haben sie einen starken Vorsprung?« rief Herr Wardle, als der Wagen vor dem blauen Löwen anlangte, um den sich, so spät es war, ein kleines Häufchen Neugieriger versammelt hatte.

»Nicht über drei Viertelstunden«, lautete die vielstimmige Antwort.

»Schnell eine Kutsche mit Vieren! – Heraus damit! Man kann den kleinen Wagen nachher ausspannen.«

»Nun, Jungen!« rief der Wirt: »eine Kutsche und vier Pferde! Hurtig – zeigt ein bißchen Leben!«

Die Stallknechte und Jungen eilten weg. Laternen huschten hin und her: Pferdehufe klapperten auf dem unebenen Hofpflaster, die Kutsche rumpelte aus dem Schuppen heraus, und alle« war voll Leben und Bewegung.

»Nun – wird’s noch diese Nacht?« rief Wardle ungeduldig.

»Kommt eben in den Hof, Sir«, versetzte der Stallknecht.

Und der Wagen kam – die Pferde wurden eingespannt – die Postillions sprangen hinzu – die Reisenden stiegen ein.

»Wohlgemerkt – die Siebenmeilenstation muß in weniger als einer halben Stunde gemacht sein«, rief Herr Wardle.

»Fort!«

Die Jungen brauchten Peitsche und Sporn, die Kellner schrien, die Stallknechte fluchten, und dahin flog der Wagen in wütender Eile.

»Eigentümliche Lage«, dachte Herr Pickwick, als er einen Augenblick Zeit zum Überlegen gewann. »Eigentümliche Lage für den Präsidenten des Pickwick-Klubs. Dumpfe Kutsche – fremde Pferde – fünfzehn Meilen in einer Stunde – und nachts zwölf Uhr!« Die ersten drei oder vier Meilen verlautete kein Wort unter den beiden Herren, da jeder zuviel mit seinen eigenen Gedanken zu schaffen hatte, um an den andern eine Bemerkung zu richten. Aber jetzt, da die warm gewordenen Pferde einmal im Zuge waren, wurde auch Pickwick durch die Raschheit der Bewegung aufgerüttelt, und er konnte nicht länger, ganz stumm da zu sitzen.

»Ich denke, wir werden sie sicher einholen«, begann er.

»Ich hoffe es«, versetzte sein Gefährte.

»Eine schöne Nacht«, sagte Herr Pickwick nach dem klaren Monde aufblickend.

»Um so schlimmer«, entgegnete Wardle, »denn sie haben für ihren Vorsprung den Vorteil des Mondlichts, der uns fehlt, da der Mond keine Stunde mehr am Himmel stehen wird.«

»In der Dunkelheit wird’s freilich nicht mit der gleichen Geschwindigkeit fortgehen können – oder?« fragte Herr Pickwick.

»Gewiß nicht«, versetzte Herr Wardle trocken.

Herrn Pickwicks Aufregung begann sich ein wenig zu legen, als er über die Unbequemlichkeiten und Gefahren einer Reise nachdachte, auf die er sich so unüberlegt eingelassen hatte. Endlich wurde er jedoch durch das laute Rufen des Postillions auf dem Leitgaule aus seinen Betrachtungen geweckt.

»Hallo! Hallo!« rief der erste Postillion.

»Hallo! Hallo!« wiederholte der zweite.

»Hallo! Hallo!« stimmte der alte Wardle lustig mit ein, indem er den Kopf und den halben Körper zum Fenster hinaussteckte.

»Hallo! Hallo!« schrie Herr Pickwick am kräftigsten von allen, obgleich er durchaus nicht wußte, warum?

Und während dieses vierfachen »Hallos« machte der Wagen halt.

»Was gibt’s?« fragte Herr Pickwick.

»Wir sind an einem Schlagbaum und werden hier etwas von den Flüchtigen hören«, versetzte der alte Wardle.

Nach Verlauf von fünf Minuten, die unter Klopfen und Schreien verbracht wurden, trat ein alter Mann, nur in Hemd und Beinkleidern, aus dem Schlagbaumhäuschen und schob die Barre zurück.

»Wie lange ist’s, seit eine Postkutsche hier passierte?« fragte Herr Wardle.

»Wie lange?«

»Ja, wie lange?«

»Kann’s nicht genau sagen. Gar lange wird’s nicht sein, aber auch nicht gar kurz – just so zwischen drin, denke ich.«

»Es kam aber doch wirklich eine Kutsche vorbei.«

»O ja; ne Kutsche ist vorbeigekommen.«

»Aber seit wie lange, mein Freund«, mischte sich Herr Pickwick ein. »Vor einer Stunde vielleicht?«

»So was mag’s gewesen sein«, versetzte der Mann.

»Oder zwei Stunden? fragte der Postillion des hinteren Zugs.

»Könnten auch zwei Stunden sein«, entgegnete der alte Mann zweifelhaft.

»Fort, Jungen«, rief der Wardle ärgerlich: »haltet euch nicht mit dem alten Dummkopf auf.«

»Dummkopf?« rief der alte Mann mit einem Grinsen, indem er den Balken halb vorschob und in die Mitte des Weges trat, um der Kutsche nachzusehen, die mit der zunehmenden Entfernung rasch den Blicken verschwand. »Lange kein solcher, als der da drinnen. Verliert er da seine zehn Minuten und geht so klug fort, wie er hergekommen ist. Wenn jeder Schlagbaumwärter seinen Goldfuchs nur halb so gut verdient, wie ich, so wirst du die andere Kutsche vor Michaelis nicht einholen, alter Fettbauch.«

Und weiter grinsend schloß der Mann den Schlagbaum vollends, trat in sein Haus und schob den Riegel hinter sich zu.

Inzwischen ging die Kutsche stets mit gleicher Geschwindigkeit weiter, bis sie am Ende der Station anlangte. Der Mond ging, wie Herr Wardle richtig bemerkt hatte, zeitig unter, und große Ballen schwarzer Wolken, die schon seit einiger Zeit den Himmel umzogen, sammelten sich bald zu einer einzigen dunklen Masse. Große Regentropfen, die hin und wieder an die Wagenfenster schlugen, schienen den Reisenden das rasche Annähern einer stürmischen Nacht zu verkündigen. Der Wind, der ihnen gerade entgegenblies, fegte in furchtbaren Stößen die schmale Straße daher und heulte greulich in den die Chaussee begrenzenden Bäumen. Herr Pickwick wickelte sich fester in seinen Überrock, drückte sich behaglich in eine Ecke des Wagens und verfiel in ein gesundes Schläfchen, aus dem er erst wieder erwachte, als die Kutsche halt machte und der Ton der Stallklingel nebst dem lauten Ruf: »Rasch! Pferde vor!« erscholl.

Aber hier gab es wieder eine Zögerung. Die Postjungen lagen in einem so geheimnisvoll tiefen Schlaf, daß man bei jedem fünf Minuten brauchte, um ihn zu wecken. Der Stallknecht hatte den Stallschlüssel verlegt, und selbst als dieser gefunden war, verwechselten die Postillione die Pferdegeschirre, so daß das Geschäft der Zurichtung wieder aufs neue begonnen werden mußte. Wäre Herr Pickwick allein gewesen, diese vielen Hindernisse hätten jedem Weiterfahren auf einmal ein Ziel gesteckt! aber der alte Herr Wardle war nicht so leicht zu entmutigen. Er ging bei allem so rührig an die Hand, knuffte hin und wieder einen der Burschen, zog da eine Schnalle an und legte dort eine Kette ein, so daß der Wagen in weit kürzerer Zeit, als sich unter so vielen Schwierigkeiten erwarten ließ, zum Abfahren bereit stand.

Sie nahmen die Reise – allerdings nicht unter besonders günstigen Umständen – wieder auf. Die Station war fünfzehn Meilen lang, die Nacht finster, der Sturm heftig, und der Regen schüttete in Strömen. Es war unmöglich, unter solchen Verhältnissen rasch vorwärts zu kommen. Ein Uhr hatte es bereits geschlagen, und man brauchte fast zwei Stunden, um die andere Station zu erreichen. Hier trafen sie jedoch auf einen Umstand, der alle ihre Hoffnungen wieder aufleben machte und ihren sinkenden Mut hob.

»Wann ist diese Nacht eine Kutsche angekommen?« rief der alte Wardle, aus seinem eigenen Wagen springend, und auf ein Fuhrwerk deutend, das, mit Kot bedeckt, auf dem Hof stand.

»Vor nicht ganz einer Viertelstunde, Sir«, versetzte der Stallknecht, an den diese Frage gerichtet war.

»Ein Herr und eine Dame?« fragte Wardle mit fast atemloser Hast.

»Ja, Sir.«

»Der Herr groß – dünn – lange Beine?«

»Ja, Sir.«

»Dame ältlich – schmales Gesicht – etwas mager – wie?«

»Ja, Sir.«

»Beim Himmel, sie sind’s, Pickwick!« rief der alte Herr.

»Sie wären schon früher angelangt, wenn ihnen nicht ein Zugstrang zerrissen wäre«, sagte der Stallknecht.

»Sie sind’s«, rief Herr Wardle. »Gerechter Himmel, sie sind’s! Geschwind – eine Kutsche und vier Pferde! Wir holen sie ein, noch ehe sie die nächste Station erreichen. Jedem einen Goldfuchs, Jungens – rührt euch – tapfer – so; brave Burschen.«

Unter solchen Ermunterungen rannte der alte Herr geschäftig im Hofe hin und her. Er war in einer Aufregung, die sich sogar Herrn Pickwick mitteilte, so daß dieser Gentleman gleichfalls an dem Einschirren der Pferde mithalf und auf eine ganz wundersame Weise nach den Rossen und den Rädern sah, fest überzeugt, durch seine Mitwirkung die Vorbereitungen zum schleunigsten Aufbruch wesentlich zu fördern.

»Hinein – hinein!« rief der alte Wardle, indem er in den Wagen stieg, den Tritt nachzog und den Schlag schloß. »Kommen Sie – beeilen Sie sich.«

Und noch ehe Herr Pickwick wußte wie, fühlte er sich durch einen tüchtigen Ruck von seiten des alten Herrn und durch einen Nachschub des Stallknechts durch den andern Schlag in den Wagen gehoben. Dann ging es wieder weiter.

»So – jetzt sind wir wieder in Bewegung«, rief der alte Herr frohlockend.

Das war auch in der Tat der Fall, wie Herr Pickwick aus den häufigen Zusammenstößen mit der Kutschenwand und seinem Nachbar am besten empfand.

»Greifen Sie nach dem Halter«, sagte Herr Wardle, als ihm Herrn Pickwicks Kopf gegen die Rippen fuhr.

»Ich bin in meinem Leben nie so gerüttelt worden«, entgegnete Herr Pickwick.

»Macht nichts«, versetzte sein Gefährte: »wird bald vorüber sein. Halten Sie sich nur fest.«

Herr Pickwick drückte sich so fest er konnte in seine Ecke, und der Wagen rollte schneller als je dahin.

Sie hatten in dieser Weise ungefähr drei Meilen zurückgelegt, als Herr Wardle, der auf ein paar Minuten durch den Schlag hinaus gesehen, plötzlich den von Kot bespritzten Kopf zurückzog und in atemloser Hast ausrief:

»Dort sind sie!«

Herr Pickwick steckte den Kopf gleichfalls durch das Fenster. Ja, es war eine Kutsche mit vier Pferden, die in vollem Galopp in kurzer Entfernung vor ihnen dahinsprengte.

»Vorwärts! vorwärts!« schrie der alte Herr. »Zwei Goldfüchse für jeden. Jungen – holt sie ein – drauf – drauf!«

Die Pferde der ersten Kutsche jagten in höchster Eile davon, und Herrn Wardles jagten wütend hinterdrein.

»Ich sehe seinen Kopf«, rief der cholerische alte Herr; »ich will verdammt sein, wenn ich nicht seinen Kopf sehe.«

»Ich gleichfalls«, sagte Herr Pickwick. »Er ist’s!«

Herr Pickwick hatte sich nicht geirrt. Herrn Jingles Gesicht, über und über mit Straßenkot bespritzt, war deutlich an dem Fenster der Kutsche zu erkennen, und die ungestümen Bewegungen seines Armes verrieten, daß er die Postillione antrieb, ihr Äußerstes zu tun.

Die Spannung war aufs höchste gesteigert. Felder, Bäume und Hecken schienen mit der Schnelligkeit des Windes an ihnen vorbeizufliegen, so jagten die Rosse dahin. Sie waren hart an der ersten Kutsche und konnten Jingles Stimme selbst unter dem Rädergerassel die Postillione antreiben hören. Der alte Wardle schäumte vor Zorn und Wut. Er warf ihm »Schurken« und »Spitzbuben« zu Dutzenden nach und schüttelte die Faust nachdrücklich gegen den Gegenstand seiner Entrüstung. Aber Herr Jingle antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln und erwiderte die Drohungen des alten Herrn durch lautes Frohlocken, als seine Pferde unter Beihilfe der Peitsche und des Sporns rascher anzogen und die Verfolger weit hinter sich ließen.

Herr Pickwick hatte eben seinen Kopf zurückgezogen und Herr Wardle, von seinem Schreien erschöpft, das gleiche getan, als sie durch einen furchtbaren Stoß des Wagens gegen die Vorderseite geschleudert wurden. Ein dumpfer Ton – ein lautes Krachen – ein Rad flog ab, und die Kutsche schlug um.

Nach einigen Augenblicken der Verwirrung und Bestürzung, in denen sich nichts als das Ausschlagen der Pferde und das Klirren der Glasscheiben vernehmen ließ, fühlte sich Herr Pickwick gewaltsam aus dem zertrümmerten Wagen hervorgezogen, und als er endlich auf seinen Beinen stand und sich aus den Schößen seines Überrocks auswickelte, die den Gebrauch seiner Brille wesentlich beeinträchtigten, gewahrte er den ganzen Umfang des Unheils, das ihnen zugestoßen war.

Der alte Herr Wardle stand ihm ohne Hut und mit zerrissenen Kleidern zur Seite, und die Bruchstücke des Wagens lagen zu ihren Füßen. Die Postillions, denen es gelungen war, die Stränge abzuschneiden, standen, beschmutzt und von dem scharfen Ritt erschöpft, bei ihren Pferden. Die andere Kutsche hatte einen Vorsprung von ungefähr hundert Schritten und machte halt, als man dort das Krachen vernahm. Die Postillione blickten aus ihren Sätteln mit grinsenden Gesichtern zurück, und Herr Jingle, der das Unglück aus dem Kutschenfenster mit angesehen hatte, zeigte gleichfalls eine nicht unzufriedene Miene. Der Tag brach eben an, so daß sich die ganze Szene im Dämmerlicht des Morgens deutlich unterscheiden ließ.

»Holla!« rief der schamlose Jingle: »Jemand beschädigt? – Ältere Herren – nicht leicht – gefährliche Arbeit – wahrhaftig.«

»Sie sind ein Schurke!« brüllte Wardle.

»Ha! ha!« lachte Herr Jingle. Dann fügte er mit einem bedeutsamen Winke und einer Bewegung seines Daumens gegen das Innere seiner Kutsche bei – »ich sage – sie ist ganz wohl – besten Gruß von ihr – bittet. Sie möchten sich ihretwegen nicht bemühen – läßt Tuppy grüßen – wollen Sie nicht hinten aufsitzen? – Vorwärts, Jungen«!«

Die Postillione nahmen wieder ihre frühere Haltung ein, und die Kutsche rasselte weiter, während Herr Jingle höhnend sein Taschentuch zum Fenster hinausflattern ließ.

Nichts von dem ganzen Abenteuer – nicht einmal der Umsturz des Wagens – war imstande gewesen, Herrn Pickwicks Gemütsruhe zu trüben. Aber die Bosheit dieses Menschen, der zuerst von seinem treuen Begleiter Geld borgte und dann dessen Namen schmählicher Weise zu »Tuppy« abkürzte, war mehr, als er ertragen konnte. Er holte tief Atem, wurde rot bis an seine Brille und sagte langsam und nachdrücklich:

»Wenn ich je wieder mit diesem Menschen zusammentreffe, so will ich –«

»Ja, ja,« unterbrach ihn Herr Wardle; »das ist alles ganz recht. Aber während wir hier stehen und schwatzen, verschafft er sich eine Heiratserlaubnis und läßt sich in London trauen.«

Herr Pickwick hielt inne und stöpselte die Flasche, die er aus Wut entkorkt hatte, wieder zu.

»Wie weit ist’s bis zur nächsten Station?« fragte Herr Wardle einen der Postillione.

»Sechs Meilen – gelt Tom?«

»Etwas drüber.«

»Etwas über sechs Meilen, Sir.«

»Da ist nichts anderes zu machen, als zu Fuß hinzugehen, Pickwick«, sagte Herr Wardle.

»Freilich, ’s gibt keinen andern Ausweg«, versetzte dieser wahrhaft große Mann.

Sie sandten nun einen der Postjungen zu Pferd voraus, um einen neuen Wagen samt Pferden zu bestellen, und ließen den andern bei der zerbrochenen Kutsche zurück, während sie selbst sich mannhaft in Bewegung setzten, nachdem sie zuvor den Hals durch ihre Tücher geschützt und ihre Hüte niedergekrempt hatten, um sich so viel wie möglich gegen den Regen zu schützen, der jetzt nach kurzem Nachlassen wieder in Strömen zu fließen begann.