Einunddreißigstes Kapitel.


Einunddreißigstes Kapitel.

Wie sich die Pickwickier die Bekanntschaft einiger feiner junger Männer aus einer liberalen Geschäftsbränche zunutze machen; wie sie sich auf dem Eise belustigen, und wie ihr Besuch endete.

»Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick, als dieser geschätzte Diener am Morgen des Christtags mit warmem Wasser in sein Schlafzimmer trat, »ist’s noch immer gefroren?«

»Das Wasser im Waschbecken hat eine Eismaske vorgenommen, Sir«, antwortete Sam.

»Strenges Wetter, Sam«, bemerkte Herr Pickwick.

»Prächtiges Wetter, wenn man einen guten Pelz an hat, wie der Eisbär zu sich selbst sagte, als er sich im Schlittschuhlaufen erprobte«, erwiderte Herr Weller.

»Ich werde in einer Viertelstunde unten sein, Sam«, sagte Herr Pickwick, indem er seine Nachtmütze losband.

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Sam. »Es sind ein paar Beinsäger drunten.«

»Ein paar was?« rief Herr Pickwick aus, indem er sich im Bett aufrichtete.

»Ein paar Knochensäger«, sagte Sam.

»Was ist denn das, Knochensäger?« fragte Herr Pickwick, nicht ganz gewiß, ob es ein lebendige« Geschöpf sei, oder etwas zu essen.

»Wie? wissen Sie nicht, was ein Knochensäger ist, Sir?« fragte Herr Weller: »ich dachte, jeder Mensch wüßte, daß ein Knochensäger ein Wundarzt ist.«

»O, ein Wundarzt also?« sagte Herr Pickwick lächelnd,

»Allerdings, Sir«, erwiderte Sam. »Die unten Befindlichen sind jedoch keine regelrecht durchstudierten Knochensäger, sondern nur ein paar Lehrlinge.«

»Mit andern Worten, sie sind Medizin Studierende, vermutlich?« sagte Herr Pickwick.

Sam Weller nickte.

»Das freut mich«, sagte Herr Pickwick und warf seine Nachtmütze kräftig auf die Bettdecke. »Das sind prächtige Kerle, vortreffliche Kerle, mit einem Urteil, das durch Beobachtung und Reflexion gereift ist, mit einem durch Lektüre und Studium verfeinerten Geschmack. Die Nachricht freut mich sehr.«

»Sie rauchen Zigarren beim Küchenfeuer«, sagte Sam.

»Ach«, bemerkte Herr Pickwick, indem er sich die Hände rieb, »sich gütlich tun bei geistigen Getränken – das sehe ich gern.«

»Und einer von ihnen«, fuhr Sam fort, ohne auf seines Herrn Unterbrechung zu achten, »einer von ihnen streckt seine Beine auf den Tisch und trinkt den puren Branntwein, während der andere – der mit der Brille – ein Fäßchen Austern zwischen seinen Beinen hat: er öffnet die Schalen wie mit Dampfkraft, und sobald er den Inhalt geleert hat, zielt er mit demselben nach unserm jungen Wassersüchtling, der fest eingeschlafen in der Kaminecke sitzt.«

»Exzentrizitäten des Genies, Sam« – sagte Herr Pickwick. »Du kannst gehen.«

Sam entfernte sich also, und Herr Pickwick ging nach Verlauf einer Viertelstunde zum Frühstück hinunter.

»Da ist er endlich«, sagte der alte Wardle. »Pickwick, das ist Miß Allens Bruder, Herr Benjamin Allen – Ben nennen wir ihn, und so können Sie ihn auch nennen, wenn Sie wollen. Dieser Herr ist sein spezieller Freund, Herr –«

»Herr Bob Sawyer«, unterbrach ihn Herr Benjamin Allen, worauf Herr Bob Sawyer und Herr Benjamin Allen zusammen lachten.

Herr Pickwick verbeugte sich gegen Bob. Sawyer und Bob Sawyer verbeugte sich gegen Herrn Pickwick; Bob und sein spezieller Freund machten sich hierauf mit großem Eifer über das ihnen vorgesetzte Essen her; und Herr Pickwick hatte Gelegenheit, beide näher zu beobachten.

Herr Benjamin Allen war ein kräftiger, derbgliederiger, untersetzter junger Mann, mit schwarzem, kurzgeschnittenem Haar und blassem, etwas langem Gesicht. Er hatte eine Brille und trug ein weißes Halstuch. Unter seinem einfachen schwarzen Oberrock, der bis ans Kinn zugeknöpft war, erschien die übliche Zahl pfeffer- und salzfarbiger Beine, die in ein paar halbgeputzter Stiefel endigten. Obwohl die Ärmel seines Rockes kurz waren, zeigte sich doch keine Spur von Manschetten. Auch sein Gesicht, das lang genug war, um eine Verkürzung durch Vatermörder zu ertragen, ließ auch nicht die entfernteste Andeutung eines solchen Weißzeugs blicken. Überhaupt schien das ganze Äußere des Jünglings vom Meltau befallen zu sein, während es zugleich ziemlich nach den Wohlgerüchen Kubas duftete.

Herr Bob Sawyer war in einen groben blauen Rock gekleidet, der weder ein Überrock noch ein Oberrock war, vielmehr Natur und Eigenschaften von beiden teilte. Herr Sawyer zeigte jene nachlässige Geziertheit und Renommiersucht junger Herren, die in den Straßen bei Tag rauchen, bei Nacht in ihnen toben und lärmen, die Kellner vertraut beim Vornamen rufen und diverse sonstige Handlungen kurzweiliger Art sich zuschulden kommen lassen. Er trug ein paar gestreifte Beinkleider, eine grobe geschlossene Weste mit zwei Reihen Knöpfen, und beim Ausgehen führte er einen dicken Stock mit einem großen Knopf bei sich. Er vermied Handschuhe und sah im ganzen aus wie ein liederlicher Robinson Crusoe.

Das waren die zwei Ehrenleute, denen Herr Pickwick vorgestellt wurde, als er am Christtagmorgen seinen Sitz am Frühstückstisch einnahm.

»Ein herrlicher Morgen, meine Herren«, sagte Herr Pickwick.

Herr Bob Sawyer nickte beifällig und bat Herrn Benjamin Allen um Senf.

»Kommen Sie weit her diesen Morgen, meine Herren?« fragte Herr Pickwick.

»Vom Blauen Löwen zu Muggleton«, antwortete Herr Allen kurz.

»Sie sollten gestern abend bei uns gewesen sein«, sagte Herr Pickwick.

»Wir sollten, ja«, erwiderte Bob Sawyer; »aber der Branntwein war zu gut, um so schnell von ihm loskommen zu können: nicht wahr, Ben?«

»Gewiß«, sagte Herr Benjamin Allen. »Auch die Zigarren waren nicht übel, und der Schweinebraten ebenfalls – nicht wahr, Bob?«

»Allerdings«, entgegnete Bob.

Und die Busenfreunde erneuerten ihren Angriff auf das Frühstück heftiger als zuvor, als ob die Erinnerung der gestrigen Abendmahlzeit die Eßlust aufs neue gereizt hätte.

»Leg nur tüchtig vor, Bob!« sagte ermunternd Herr Allen zu seinem Gefährten.

»Ja, gern«, erwiderte Bob Sawyer.

Und so tat er es denn, um seinen Freund zufriedenzustellen.

»Es geht nichts übers Sezieren; das macht Appetit«, sagte Herr Bob Sawyer, die Tafelrunde ringsum musternd.

Herrn Pickwick überfiel ein leichter Schauder.

»Beiläufig, Bob«, sagte Herr Allen, »bist du bald zu Ende mit deinem Fuß?«

»Nächstens«, erwiderte Sawyer, ihm während des Sprechens ein halbes Huhn vorlegend.

»Er ist sehr muskulös für einen Kinderfuß.«

»So?« versetzte Herr Allen nachlässig.

»Gewiß«, entgegnete Bob Sawyer mit vollem Munde.

»Ich habe auf einen Arm subkribiert«, sagte Herr Allen. »Wir legen zusammen; die Liste ist bald voll, nur konnten wir noch niemand bekommen, der einen Kopf braucht. Ich wünschte, du nähmest ihn.«

»Nein«, erwiderte Bob Sawyer, »kann solchen Aufwand nicht erschwingen.«

»Pah!« sagte Allen.

»In der Tat nicht«, entgegnete Bob Sawyer; »ein Gehirn wollte ich mir gefallen lassen, aber einen ganzen Kopf könnte ich nicht erstehen.«

»Still, still, meine Herren, bitte«, sagte Herr Pickwick, »ich höre die Damen.«

Während Herr Pickwick sprach, kamen die Damen, galant begleitet von den Herren Snodgraß, Winkle und Tupman, von einem Morgenspaziergang zurück.

»Um Gottes willen, Ben!« sagte Arabella in einem Ton, der mehr Erstaunen als Vergnügen beim Anblick ihres Bruders ausdrückte.

»Komme, dich morgen nach Hause mitzunehmen«, erwiderte Benjamin.

Herr Winkle erblaßte und kehrte sich um.

»Siehst du Bob Sawyer nicht, Arabella?« fragte Herr Benjamin Allen, wie im Tone des Vorwurfs.

Jetzt sah Arabella, daß auch Bob da war, und bot ihm graziös die Hand. Ingrimm erfüllte Herrn Winkles Herz, als Bob Sawyer die dargebotene Hand tüchtig drückte.

»Lieber Ben«, sagte Arabella errötend, »bist – bist du Herrn Winkle vorgestellt worden?«

»Bis jetzt nicht, werde mich aber glücklich schätzen, es zu werden, Arabella«, erwiderte ihr Bruder gravitätisch.

Hierbei verbeugte sich Herr Allen grämlich gegen Herrn Winkle, während Herr Winkle und Herr Bob Sawyer einander mit mißtrauischen Augen ansahen.

Die Ankunft der zwei neuen Gäste und die nun folgende Unterhaltung zwischen Herrn Winkle und der jungen Dame mit den Pelzstiefeln würde aller Wahrscheinlichkeit nach die bisherige Heiterkeit sehr unangenehm gestört haben, hätten nicht der fröhliche Sinn Herrn Pickwicks und der gute Humor des Hausherrn für das allgemeine Beste ihr möglichstes getan. Herr Winkle stieg allmählich in Gunst bei Herrn Benjamin Allen und knüpfte selbst mit Herrn Bob Sawyer eine freundliche Unterhaltung an, der durch Branntwein, Frühstück und Gespräch aufgelebt, allgemach in einen Zustand äußerster Munterkeit überging, Er erzählte mit viel Behagen eine angenehme Anekdote, nämlich die Beseitigung einer Geschwulst am Kopfe eines Patienten. Das Ganze erläuterte er mit seinem Austermesser und einem Stück Brot zur großen Erbauung der versammelten Gesellschaft. Dann ging der ganze Zug in die Kirche, wo Herr Benjamin Allen fest einschlief. Herr Bob Sawyer dagegen lenkte seine Gedanken von weltlichen Gegenständen dadurch ab, daß er auf den Einfall geriet, seinen Namen mit großen Buchstaben von ungefähr vier Zoll Länge in den Kirchstuhl einzuschneiden.

»Nun«, sagte Wardle, nachdem einem kräftigen Lunch mit den angenehmen Begleiterscheinungen von Doppelbier und Kirschgeist hinreichende Gerechtigkeit widerfahren war: »was sagen Sie zu einer Stunde Schlittschuhlaufen? Wir werden Zeit genug haben.«

»Fabelhaft!« sagte Herr Benjamin Allen.

»Vortrefflich!« rief Herr Bob Sawyer.

»Sie laufen natürlich Schlittschuh, Winkle?« fragte Wardle.

»Ja – ja, o ja«, erwiderte Herr Winkle. »Aber ich – ich – bin ein bißchen aus der Übung.«

»O, laufen Sie Schlittschuh, Herr Winkle«, sagte Arabella, »Ich sehe es so gern.«

»Es ist so graziös«, sagte eine andere junge Dame.

Ein dritte junge Dame meinte, es wäre elegant, und eine vierte sagte, daß es »schwanengleich« sei.

»Ich würde es mit Vergnügen tun«, sagte Herr Winkle rot werdend; »aber ich habe keine Schlittschuhe.«

Der Einwand war aber bald beseitigt. Trundle hatte ein Paar, und der fette Junge erklärte, drunten sei noch ein halbes Dutzend, worüber Herr Winkle große Freude bezeigte, obwohl er eine verlegene Miene machte.

Der alte Wardle schlug den Weg nach einer ziemlich ausgedehnten Eisfläche ein. Der fette Junge und Herr Weller schaufelten und kehrten den Schnee weg, der die Nacht über gefallen war. Herr Bob Sawyer schnallte seine Schlittschuhe mit einer Gewandtheit an, die Herrn Winkle völlig wunderbar vorkam. Er beschrieb mit seinem linken Fuß Zirkel und Figuren einer Acht und führte unermüdlich noch viele andere vergnügliche und in Erstaunen setzende Künste auf dem Eise aus, zur ausnehmenden Zufriedenheit des Herrn Pickwick, des Herrn Tupman und der Damen, deren Begeisterung aufs höchste gesteigert wurde, als der alte Wardle und Benjamin Allen, durch vorgenannten Bob Sawyer unterstützt, einige mystische Evolutionen formierten, die sie »Haspeltanz« nannten.

Die ganze Zeit über hatte Herr Winkle, blau vor Kälte an Gesicht und Händen, ein Loch in seine Fußsohlen gebohrt, die Schlittschuhe verkehrt angezogen und die Riemen in einen ganz komplizierten, verdrehten Zustand gebracht, wobei ihm Herr Snodgraß behilflich war, denn er verstand noch weniger als ein Hindu von Schlittschuhen. Endlich aber wurden mit Hilfe des Herrn Weller die unheilvollen Schlittschuhe befestigt, zugeschnallt, und Herr Winkle erhob sich auf seine Füße.

»Nun los, Sir«, sagte Sam ermunternd, »auf! und zeigen Sie, was Sie können.«

»Halt, Sam, halt«, sagte Herr Winkle, heftig zitternd und Sams Arme fassend wie einer der dem Ertrinken nahe ist. »Wie schlüpfrig es ist, Sam!«

»Nichts Ungewöhnliches auf’m Eis, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Stehen Sie nur gerade, Sir!«

Diese Bemerkung Herrn Wellers geschah mit Bezug auf eine Demonstration, die Herr Winkle gerade machte: denn er streckte wie ein Gaukler seine Füße in die Luft und schien mit dem Kopf auf dem Eis gehen zu wollen.

»Das – das – sind sehr ungeschickte Schlittschuhe; nicht wahr, Sam?« fragte Herr Winkle wankend.

»Ich glaube eher, es ist ein ungeschickter Herr auf ihnen, Sir«, erwiderte Sam.

»Nun, Winkle, kommen Sie; die Damen sind voller Erwartung«, schrie Herr Pickwick, ohne zu wissen, was vorging.

»Ja, ja«, erwiderte Herr Winkle mit bedenklichem Lächeln. »Ich komme.«

»Frisch drauf los«, sagte Sam, indem er sich loszumachen strebte. »Nun, Sir, auf und davon!«

»Halten Sie mich ein bißchen, Sam«, keuchte Herr Winkle, sich fest an Herrn Weller anklammernd. »Es fällt mir ein, ich habe ein paar Röcke zu Hause, die ich nicht brauche, Sam. Sie sollen sie haben, Sam.«

»Danke bestens, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Sie brauchen nicht an den Hut zu greifen, Sam«, sagte hastig Herr Winkle. »Machen Sie Ihre Hand nicht los. Ich wollte Ihnen diesen Morgen fünf Schillinge zum Christgeschenk geben, Sam. Sie sollen sie diesen Nachmittag erhalten, Sam.«

»Sie sind sehr gütig, Sir«, erwiderte Weller.

»Halten Sie mich nur erst, Sam: wollen Sie?« sagte Herr Winkle. »Hier – so ist’s recht. Ich werde mich bald zurechtfinden, Sam. Nicht zu schnell, Sam, nicht zu schnell.«

Herr Winkle segelte, mit dem halben Leib vorwärts gebeugt, unter Beihilfe des Herrn Weller, auf eine ganz besondere unschwanengleiche Weise ab, als Herr Pickwick vom entgegengesetzten Ufer ganz unschuldig rief –

»Sam!«

»Herr?« sagte Herr Weller.

»Komm her. Ich brauche dich.«

»Lassen Sie mich los, Sir«, sagte Sam. »Hören Sie nicht, wie mein Herr ruft? Lassen Sie mich los, Sir.«

Mit gewaltsamer Anstrengung befreite sich Herr Weller von dem Griff des ringenden Pickwickiers, und als er das tat, brachte er dem unglücklichen Herrn Winkle einen ziemlichen Stoß bei. Mit einer Schnelligkeit, die weder das Resultat von Gewandtheit noch von Übung war, flog der unglückliche Herr in den Mittelpunkt des Haspels, im nämlichen Augenblick, als Herr Bob Sawyer einen Bogen von unvergleichlicher Schönheit beschrieb. Herr Winkle lief gegen ihn an, und mit lautem Krachen schlugen beide schwer hin. Herr Pickwick eilte zur Stelle. Bob Sawyer half sich wieder auf die Beine, aber Herr Winkle war viel zu klug, so etwas in Schlittschuhen zu tun. Er setzte sich, krampfhaft lächelnd, aufs Eis, aber die Angst stand in allen seinen Gesichtszügen.

»Haben Sie sich verletzt?« fragte Herr Benjamin Allen mit großer Besorgtheit.

»Nicht sehr«, sagte Herr Winkle, indem er seinen Rücken tüchtig rieb.

»Ich will Sie zur Ader lassen«, sagte Herr Benjamin mit großer Eilfertigkeit.

»Nein danke«, erwiderte entschlossen Herr Winkle.

»Aber es ist mein Ernst: es wäre besser, Sie ließen es geschehen«, sagte Allen.

»Danke Ihnen«, versetzte Herr Winkle, »ich meine nicht.«

»Was sagen Sie dazu, Herr Pickwick?« fragte Bob Sawyer.

Herr Pickwick war aufgebracht und unwillig. Er winkte Herrn Weller und sagte mit fester stimme:

»Nimm ihm seine Schlittschuhe ab.«

»Nein, ich habe ja eben erst recht angefangen«, entgegnete Herr Winkle.

»Nimm ihm seine Schlittschuhe ab«, wiederholte mit Bestimmtheit Herr Pickwick.

Der Befehl war nicht zu umgehen. Herr Winkle gestattete Sam stillschweigend Folge zu leisten.

»Hilf ihm auf«, sagte Herr Pickwick.

Und von Sam unterstützt stand er auf.

Herr Pickwick ging ein paar Schritte zurück, winkte seinen Freund, filierte ihn mit durchdringendem Blick, und sprach in leisem, aber vernehmlichem und kräftigem Ton die denkwürdigen Worte:

»Sie sind ein Aufschneider, Sir!«

»Was?« entgegnete Herr Winkle auffahrend.

»Ein Aufschneider, Sir. Ich will deutlicher sprechen, wenn Sie es wünschen. Ein Lügner, Sir.«

Mit diesen Worten drehte sich Herr Pickwick auf dem Absatz um und ging zu den andern Freunden.

Während Herr Pickwick sich so seinen Ärger herunterredete, hatten Herr Weller und der fette Junge durch vereinte Anstrengung eine Schleifbahn gemacht und übten sich darauf meisterhaft und glänzend. Sam Weller insbesondere gefiel sich besonders in jenen Schleifen, die man »Pochen an Schuhflickers Tür« nennt. Sie bestehen darin, daß man auf einem Fuß über das Eis hingleitet und ihm gelegentlich mit dem andern einen Doppelschlag gibt, wie ein Zweipenny-Briefträger. Es war eine gute, lange Schleifbahn, und die Bewegung hatte für Herrn Pickwick, der vom Stillstehen tüchtig durchgefroren war, etwas Beneidenswertes.

»Allem Anschein nach eine treffliche Übung, um sich warm zu machen – nicht wahr?« sagte er zu Herrn Wardle, der sich infolge seiner unermüdlichen Anstrengung, die Füße wie ein Paar Kompasse übereinander zu legen und komplizierte Figuren in das Eis zu zeichnen, ganz außer Atem gejagt hatte.

»Ja, das ist es«, erwiderte Wardle. »Schleifen Sie?«

»Ich pflegte wohl in Rinnsteinen zu schleifen, als ich noch ein Knabe war«, antwortete Herr Pickwick

»Versuchen Sie es mal«, sagte Wardle.

»O, machen Sie uns das Vergnügen, Herr Pickwick«, riefen sämtliche Damen.

»Ich würde mich sehr glücklich schätzen, zu Ihrer Erheiterung etwas beizutragen«, erwiderte Herr Pickwick; »aber ich habe es seit dreißig Jahren nicht mehr getan.«

»Ach was, Unsinn!« sagte Wardle, und legte seine Schlittschuhe mit dem Ungestüm weg, das alle seine Handlungen charakterisierte. »Hierher! ich werde Ihnen Gesellschaft leisten; kommen Sie mit.«

Und der aufgeräumte alte Knabe fuhr die Schleifbahn hinunter, mit einer Geschwindigkeit, die der des Herrn Weller sehr nahe kam und es jedenfalls dem fetten Jungen zuvortat.

Herr Pickwick besann sich eine Weile, zog seine Handschuhe aus, warf sie in seinen Hut, nahm zwei oder drei kurze Anläufe, hielt ebensooft wieder an, nahm zuletzt noch einen Anlauf und glitt mitten unter dem Beifallrufen aller Zuschauer langsam und gravitätisch die Bahn hinunter, die Füße ungefähr anderthalb Ellen auseinanderspreizend.

»Halten Sie den Topf im Kochen, Sir«, sagte Sam.

Dann nahm Wardle einen zweiten Anlauf, dann Herr Pickwick, dann Sam, dann Herr Winkle, dann Herr Bob Sawyer, dann der fette Junge, dann Herr Snodgraß, einer dem andern auf der Ferse folgend, und einer dem andern nachjagend, mit einem Eifer, als ob alle ihre künftigen Lebensaussichtcn von dieser Expedition abhingen.

Das Interessanteste dabei war, die Art zu beobachten, wie Herr Pickwick seine Rolle bei dieser Zeremonie spielte – die torturvolle Besorgnis zu bemerken, mit der er auf seinen Hintermann blickte, wenn er in Gefahr stand, überholt zu werden – zu sehen, wie die Kraft, wenn er begonnen, sich allgemach erschöpfte, und wie er sich langsam auf der Bahn umdrehte, mit dem Gesicht gegen den Punkt, von dem er abgestoßen – das heitere Lächeln zu betrachten, das sich über sein Antlitz verbreitete, wenn er am Ende der Bahn war – dann wieder die Geschwindigkeit, mit der er wieder einlenkte, seinem Vorgänger nachrannte, in seinen schwarzen Gamaschen behaglich durch den Schnee trippelte, und wie seine Augen von Frohsinn und Heiterkeit durch seine Brille strahlten. Wenn er umgeworfen wurde (was sich im Durchschnitt jedes dritte Mal zutrug), so war es der entzückendste Anblick, den man sich denken kann: ihm zuzusehen, wie er mit glühendem Gesicht Hut, Handschuhe und Taschentuch aufhob und seine Stelle in der Reihe mit feurigem Enthusiasmus wieder einnahm, den nichts dämpfen konnte.

Der Spaß war auf seinem Gipfel, das Schleifen rasch im Gange, das Gelächter wurde immer lauter, als man plötzlich ein starkes, heftiges Krachen hörte. Das war ein Rennen dem Ufer zu, ein wildes Schreien der Damen und ein Hilferufen Herrn Tupmans. Eine große Eismasse war geborsten, das Wasser wogte darüber her, und Herrn Pickwicks Hut, Handschuhe und Taschentuch schwammen auf der Oberfläche: das war alles, was man von Herrn Pickwick sehen konnte.

Schrecken und Angst malte sich auf jedem Gesicht, die Herren standen verblüfft und die Damen wurden ohnmächtig. Herr Snodgraß und Herr Winkle hielten einander bei der Hand und hefteten ihre starren Blicke auf die Stelle, wo ihr Führer untergegangen war: während Herr Tupman, um schleunige Hilfe zu schaffen und zugleich allen, die ihn holen konnten, die möglichst deutliche Vorstellung von dem Vorfall zu geben, eilig quer über das Feld rann und aus Leibeskräften »Feurio!« schrie.

Im nämlichen Moment, als der alte Wardle und Sam Weller sich dem Eisloche mit vorsichtigen Schritten näherten, und Herr Benjamin Allen eilig mit Herrn Bob Sawyer sich über die Zweckmäßigkeit beriet, der ganzen Gesellschaft zur Ader zu lassen, um sich ein wenig in ihrer Praxis zu üben – im nämlichen Moment tauchten ein Gesicht, Kopf und Schultern aus dem Wasser auf und zeigten Gesichtszüge und Brille des Herrn Pickwick.

»Halten Sie sich einen Augenblick – nur einen einzigen Augenblick«, kreischte Herr Snodgraß.

»Ja, tun Sie es: ich beschwöre Sie – um meinetwillen«, brüllte tief ergriffen Herr Winkle.

Die Beschwörung war freilich unnötig! denn wenn Herr Pickwick es auch abgelehnt hätte, sich um eines andern willen zu halten, so würde er es doch wahrscheinlich um seiner selbst willen getan haben.

»Fühlen Sie Boden, alter Freund?« sagte Wardle.

»Ja gewiß«, erwiderte Herr Pickwick, sich das Wasser von Kopf und Gesicht schüttelnd unö nach Luft schnappend. »Ich fiel auf den Rücken. Ich konnte anfangs nicht festen Fuß fassen.«

Der Schlamm auf Herrn Pickwicks Rock, soweit er sichtbar war, gab Zeugnis von der Richtigkeit seiner Behauptung; und da die Besorgnis der Zuschauer bei der plötzlichen Bemerkung des fetten Jungen, daß das Wasser nirgends über fünf Fuß tief sei, mehr und mehr verschwand, so wurden Kraftanstrengungen gemacht, ihn herauszuziehen. Unter vielen Kotspritzern und Krachen brachte man es endlich so weit, daß Herr Pickwick aus seiner unbehaglichen Stellung glücklich herausgezogen wurde und wieder auf trockenem Land stehen konnte.

»Ach, er wird den Tod haben von dieser Erkältung«, sagte Emilie.

»Lieber, alter Herr!« sagte Arabella. »Lassen Sie mich diesen Schal um Sie wickeln, Herr Pickwick.«

»Ja, das ist das beste, was Sie tun können«, sagte Wardle; »und wenn Sie ihn anhaben, so rennen Sie nach Hause, so schnell, wie Ihre Füße Sie tragen können, und gerade ins Bett hinein.«

Ein Dutzend Schals wurden im Augenblick dargeboten. Nachdem drei oder vier der dicksten ausgewählt worden, wurde Herr Pickwick eingewickelt; von Herrn Weller begleitet, machte er sich auf den Weg – ein sonderbarer Anblick, wie der alte Herr, triefend, ohne Hut, die Arme festgebunden, so bedenklich dahinhumpelte, als ob er sechs gute englische Meilen in der Stunde zu machen gehabt hätte.

Allein Herr Pickwick bekümmerte sich in einem so extremen Falle nicht um den Schein. Fortgezogen von Sam Weller eilte er was er nur konnte, bis Manor Farm erreicht war. Dort war Herr Tupman etwa fünf Minuten früher angekommen und hatte die alte Frau bis zum Herzklopfen erschreckt: denn in ihrer Taubheit hatte sie ihre fixe Lieblingsidee hervorgekramt, es brenne im Kamin – ein Unglück, das sie sich jedesmal in glühenden Farben vorstellte, wenn jemand in ihrer Nähe die geringste Unruhe zeigte.

Herr Pickwick eilte ins Bett zu kommen. Sam Weller machte ein helloderndes Feuer im Zimmer an und trug das Mittagessen auf. Nachher wurde eine Bowle Punsch gebracht und ein großes Trinkgelage zu Ehren seiner glücklichen Rettung veranstaltet. Der alte Wardle wollte nichts vom Aufstehen hören, und so führte Herr Pickwick im Bette den Vorsitz. Eine zweite und dritte Bowle wurde bestellt: und als Herr Pickwick am nächsten Morgen erwachte, war kein Symptom von Rheumatismus an ihm zu spüren, was beweist, wie Herr Bob Sawyer ganz richtig bemerkte, daß in solchen Fällen nichts über den Punsch geht, und daß, wenn je heißer Punsch als Vorbeugungsmittel nicht wirkte, der Grund einzig darin lag, daß der Patient nicht genug davon genommen hatte.

Am nächsten Morgen brach die heitere Gesellschaft auf. In jüngeren Jahren nimmt man’s damit nicht so schwer. Aber um so schmerzlicher sind Trennungen im spätern Leben. Der Tod, die Selbstsucht und Glückswechsel trennen jeden Tag manche glückliche Gruppe und zerstreuen sie weit und breit; und die Knaben und Mädchen kommen nie wieder zurück. Wir wollen damit nicht sagen, daß dies hier der Fall war, wir wollen dem Leser nur zu wissen tun, daß die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft sich in ihre betreffenden Wohnungen zerstreuten; daß Herr Pickwick und seine Freunde ihren Sitz oben in der Muggletonkutsche wieder einnahmen, und daß Arabella Allen unter dem Geleite und Schutze ihres Bruders Benjamin und seines Spezialfreundes, des Herrn Bob Sawyer, sich wieder an ihren Bestimmungsort begab, wo er auch liegen mochte – wir dürfen sagen, daß Herr Winkle ihn wußte; aber wir gestehen, wir wissen es nicht.

Ehe sie schieden, nahmen Herr Bob Sawyer und Herr Benjamin Allen mit einer geheimnisvollen Miene Herrn Pickwick beiseite. Herr Bob Sawyer legte seinen Zeigefinger zwischen zwei Rippen des Herrn Pickwick, wobei er, mit der ihm eigenen Spaßhaftigkeit seine Kenntnis der Anatomie des menschlichen Körpers entwickelnd, fragte –

»Alter Knabe, wo haben Sie Ihren Wohnsitz aufgeschlagen?«

Herr Pickwick erwiderte, daß er gegenwärtig sein Quartier im »Georg und Geier« habe.

»Ich wünschte, Sie kämen und besuchten mich«, sagte Bob Sawyer.

»Nichts würde mir größeres Vergnügen machen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Meine Wohnung ist«, sagte Herr Bob Sawyer, eine Karte hervorziehend, »Landstraße, Borough, nahe bei Guys, und deshalb bequem für mich. Wenn Sie an der St. Georgenkirche vorbei sind, dreht sich der Weg ein klein wenig rechter Hand von der Landstraße ab.«

»Ich werde es finden«, sagte Herr Pickwick.

»Kommen Sie von Donnerstag über vierzehn Tage, und bringen Sie die andern Herrschaften mit«, sagte Herr Bob Sawyer; »ich werde selbigen Abend eine kleine medizinische Gesellschaft haben.«

Herr Pickwick erklärte, es würde ihm eine Freude sein, der medizinischen Gesellschaft beizuwohnen. Herr Bob Sawyer versicherte ihm, es würde lustig zugehen und sein Freund Ben sei auch dabei. Man schüttelte sich die Hände und verabschiedete sich.

Hier wird man nun wohl die Frage an uns stellen, ob Herr Winkle während dieser kurzen Unterhaltung mit Arabella Allen flüsterte, und wenn, was er sagte: und ferner, ob Herr Snodgraß im besonderen mit Emilie Wardle korwersierte, und wenn, was er sagte. Darauf bemerken wir, was immer sie zu den Damen gesagt haben mögen, zu Herrn Pickwick oder Herrn Tupman sagten sie achtundzwanzig Meilen weit gar nichts, seufzten sehr oft, verschmähten Ale und Branntwein und sahen nachdenklich darein. Wenn unsere nachdenkenden Leserinnen eine ersprießliche Nutzanwendung aus diesen Tatsachen machen können, so bitten wir sie, es nur immerhin zu tun.

 

Drittes Kapitel


Drittes Kapitel

Eine neue Bekanntschaft. Die Erzählung des wandernden Schauspielers. Eine unangenehme Störung und ein unerfreuliches Zusammentreffen.

Herr Pickwick war in Sorgen wegen des ungewöhnlich langen Ausbleibens seiner zwei Freunde, und ihr geheimnisvolles Benehmen während des ganzen Morgens trug keineswegs dazu bei, sie zu vermindern. Um so größer war seine Freude, als er sie wieder ins Zimmer treten sah; und nun ging es an ein Fragen, was ihn so lang ihrer Gesellschaft beraubt hätte. Herr Snodgraß schickte sich eben zur Beantwortung dieser Fragen an, eine getreue, umständliche Erzählung der Ereignisse des Tages zu beginnen, als er plötzlich innehielt, denn er bemerkte, daß außer Herrn Tupman auch noch ihr Reisegefährte von gestern und ein zweiter Fremder von gleich wunderlichem Äußeren zugegen waren. Der letztere war ein Mann, dessen fahles Gesicht und eingesunkene Augen die Spuren von Kummer trugen, während das straffe schwarze Haar, das ihm wirr über die Stirn herunterhing, die von Natur schon genug ausgeprägten Züge nur noch auffallender machte. Seine stechenden Augen hatten einen fast unnatürlichen Glanz, seine Backenknochen traten stark hervor und sein Unterkiefer war so lang und hager, daß man hätte glauben können, seine Züge wären durch Muskelanstrengung für einen Augenblick zusammengepreßt, wenn nicht der halbgeöffnete Mund und der unbewegliche Ausdruck angezeigt hätten, daß dies das natürliche Aussehen des Mannes sei. Um seinen Hals war eine dichte grüne Binde geschlungen, deren breite Enden über die Brust herunterhingen und sogar noch durch die Knopflöcher seiner alten Weste hervorsahen. Außerdem trug er noch einen langen schwarzen Überrock, weite braune Beinkleider und große, ziemlich schadhafte Stiefeln.

Herrn Winkles Blick fiel zuerst auf diese nicht sehr einladende Erscheinung, als Herr Pickwick mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging und ihm den Fremden mit der Meldung: »Ein Freund unseres Freundes hier«, vorstellte.

»Wir haben diesen Morgen in Erfahrung gebracht,« fuhr er fort, »daß unser Freund mit dem hiesigen Theater in Verbindung steht, obgleich er nicht wünscht, daß es allgemein bekannt werde, und gegenwärtiger Herr ist gleichfalls ein Schauspieler. Er war eben im Begriff, uns mit einer kleinen Theateranekdote zu erfreuen, als Sie eintraten.«

»Ein wahres Anekdotenbuch«, sagte der Grünrock von gestern in leisem, vertraulichem Tone, indem er auf Herrn Winkle zuging. »Possierlicher Bursche – bloß ein Spieler stummer Rollen – kein eigentlicher Schauspieler – wunderlicher Mensch – Unglück aller Art; wir kennen ihn nur unter dem Namen: trübsinniger Jemmy.«

Herr Winkle und Herr Snodgraß begrüßten den Herrn, der ihnen als der trübsinnige Jemmy bezeichnet war, höflich, riefen nach Branntwein und Wasser, um es der übrigen Gesellschaft gleich zu tun, und setzten sich an den Tisch.

»Nun, Sir,« begann Herr Pickwick, »wollen Sie uns das Vergnügen machen, in dem, was Sie uns zu erzählen beabsichtigten, fortzufahren?«

Der Trübsinnige nahm eine schmutzige Papierrolle au« seiner Tasche und wandte sich mit einer Grabesstimme, die zu seiner äußeren Erscheinung ganz und gar paßte, an Herrn Snodgraß, der eben sein Notizenbuch zur Hand genommen hatte.

»Sind Sie der Dichter?«

»Ich – ich versuchte mich bisweilen in poetischen Leistungen«, versetzte Herr Snodgraß etwas verblüfft über diese plötzliche Frage.

»Ach, Poesie ist für das Leben, was die Lichter und Musik für die Bühne. Nimmt man dem einen seinen falschen Glanz und der andern ihre Illusionen – bleibt dann in der Wirklichkeit noch etwas, für das man sich abmühen möchte?«

»Sehr wahr, Sir«, versetzte Snodgraß.

»Vor den Lampen des Proszeniums sitzen,« fuhr der Trübsinnige fort, »heißt soviel, als ein großartiges Hofgepränge schauen und die seidenen Gewänder der prachtliebenden Menge bewundern – hinter ihnen sein ist gleichbedeutend mit dem Verfertigen all dieses Prunks, wobei man unbeachtet bleibt und wo niemand sich darum kümmert, ob die armen Unglücklichen schwimmen oder sinken, leben oder Hungers sterben, wie es gerade das Schicksal fügt.«

»Sie haben da wohl recht«, entgegnete Herr Snodgraß, denn das eingesunkene Auge des Trübsinnigen ruhte auf ihm, und er fühlte die Notwendigkeit, etwas zu sagen.

»Weiter, Jemmy,« sagte der spanische Reisende, »nicht alles ins Tragische – kein Lamentieren – frisch – munter!«

»Wollen Sie sich nicht ein Glas einschenken, ehe Sie anfangen, Sir?« fragte Herr Pickwick.

Der Trübsinnige faßte diesen Wink auf, mischte sich ein Glas Grog, schluckte langsam die Hälfte herunter, öffnete dann seine Papierrolle und begann die folgende Geschichte, die sich in den Klubakten mit der Aufschrift ›Erzählung des wandernden Schauspielers‹ findet, halb lesend, halb aus dem Gedächtnis vorzutragen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Herr Pickwick reist nach Ipswich und besteht mit einer Dame von mittlerem Alter mit gelben Haarwickeln ein romantisches Abenteuer.

»Ist dies das Gepäck deines Herrn, Sammy?« fragte Herr Weiler senior seinen lieben Sohn, als er mit einer Reisetasche und einem kleinen Mantelsack in den Hof des Gasthauses zum Ochsen zu Whitechapel trat.

»Wie schlau Ihr doch zu raten wißt!« erwiderte Herr Weller der jüngere, seine Bürde im Hofe ablegend und sich daraufsetzend. »Der Herr wird den Augenblick selbst hier sein.«

»Er kommt vermutlich in einer Droschke?« fragte der Vater.

»Jawohl, er hat für acht Pence sich das Vergnügen gekauft, zwei Meilen lang ein bißchen geschunden zu werden«, antwortete der Sohn. »Wie steht’s heute morgen mit der Frau Stiefmutter?«

»Wunderlich, Sammy, wunderlich«, erwiderte der ältere Herr Weller mit ernstem Tone; »sie ist neuerdings unter die Pietisten gegangen, Sammy, und ich kann dich versichern, daß sie nun gewaltig fromm ist. Es ist ein zu gutes Geschöpf für mich, Sammy – ich fühle es, ich verdiene sie nicht.«

»Das ist viel Selbstverleugnung von Euch«, bemerkte Herr Samuel.

»Wahrhaftig«, versetzte sein Vater mit einem Seufzer. »Sie hält’s jetzt mit einer neuen Erfindung – erwachsene Leute wiedergeboren werden zu lassen – die neue Geburt, glaube ich, nennen sie es. Ich wäre nur begierig, das System in Anwendung bringen zu sehen, Sammy, und möchte Zeuge sein, wie deine Stiefmutter wiedergeboren wird, da ich sie dann doch zu einer Amme bringen müßte. – Was glaubst du, was die Weiber vor einigen Tagen gemacht haben?« fuhr Herr Weller nach einer kurzen Pause fort, und legte dabei seinen Zeigefinger ein halbes dutzendmal bedeutungsvoll an die Nase; »was meinst du, was sie vor ein paar Tagen gemacht haben?«

»Weiß nicht«, erwiderte Sam.

»Gehen hin und geben einem Kerl, den sie ihren Hirten nennen, ein großes Teetrinken. Ich stand eben am Bilderladen auf unserm Platz und besah die Bilder, als ich unter andern auch einen kleinen Zettel sah, worauf zu lesen stand, die Karte koste eine halbe Krone. ›Man wende sich an das Komitee, Sekretär: Madame Weller.‹ Und wie ich heimkam, da hielt das Komitee seine Sitzung in unserer hinteren Stube – vierzehn Weiber: ich wollte, du hättest sie gehört, Sammy. Sie stimmten über Beschlüsse ab, votierten Beiträge und machten allerhand solches Zeug. Na, schön, da mich deine Stiefmutter plagte, hinzugehen, und ich selbst auch wunderliche Dinge zu sehen hoffte, wenn ich ihr folgte, so unterschrieb ich mich auch für eine Karte. Freitag abends sechs Uhr putzte ich mich ordentlich heraus und mache mich mit der Alten auf den Weg. Da treten wir in eine muffige Diele, wo Teeschalen da waren für dreißig Personen, und ein ganzer Schwarm von Weibern, die anfingen, miteinander zu flüstern und mich anzugaffen, als wenn sie noch nie einen stattlichen Achtundfünfziger gesehen hätten. Bald drang lautes Gepolter die Treppe herab, und ein langbeiniger Kerl mit roter Nase und weißer Halsbinde stürmt herein und singt: ›der Hirte kommt zu seiner treuen Herde‹: ihm folgt ein fetter Schwarzkittel mit einem breiten, blassen Gesicht, der in einem fort den Mund zum Lächeln verzieht, wie ein Affe. Ein solcher Kerl kommt also, Sammy: ›den Friedenskuß‹, sagt der Hirte, und dann küßt er alle die Weiber ringsherum, und als er damit fertig ist, fängt der mit der roten Nase an. Ich dachte eben daran, ob ich’s nicht auch so machen sollte, besonders da eine sehr hübsche Frau neben mir saß, als eben der Tee und deine Mutter, die ihn gebraut hatte, die Treppe herabkam. Und nun ging’s los. Was das für ein herrlicher lauter Gesang war, Sammy, während der Tee bereitet wurde: was für ein Beten und Essen und Trinken! Ich wollte, du hättest den Hirten in den Schinken und die Semmelkuchen einhauen sehen! So sah ich noch niemand essen und trinken. Der Rotnasige war schon keiner, den du gern auf deinen gedeckten Tisch losgelassen hättest: aber gegen den Hirten war er nichts. Gut; nachdem der Tee vorüber war, stimmten sie einen andern Lobgesang an, und danach begann der Hirte zu predigen, und es war gar nicht übel, wenn man bedenkt, wie schwer ihm die Semmeln im Magen liegen mußten. Auf einmal bricht er los und schreit: ›wo ist der Sünder, wo ist der erbärmliche Sünder?‹ und alle Weiber sehen auf mich und fangen an zu schluchzen, als lägen sie im Sterben. Das Ding kam mir etwas seltsam vor, aber ich sagte nichts. Plötzlich bricht er wieder los, sieht mich scharf an und sagt: ›wo ist der Sünder, wo ist der erbärmliche Sünder?‹ und alle Weiber schluchzen wieder, noch zehnmal lauter als vorher. Darauf werde ich ein bißchen wild. Ich trete etwas vor und sage, ›mein Freund‹, sage ich, ›gilt diese Bemerkung mir?‹ – Statt mich um Verzeihung zu bitten, wie es ein Gentleman getan hätte, treibt er es noch massiver als vorher, und nennt mich ›ein Gefäß‹, Sammy, ›ein Gefäß des Zorns‹ – und dergleichen mehr. Mein Blut war natürlich etwas aufgeregt. Ich gab ihm zwei oder drei für sich selber und dann noch zwei oder drei, die er dem Kerl mit der roten Nase einhändigen konnte, und ging fort. Ich wollte, du hättest gehört, Sammy, wie die Weiber schrien, als sie den Hirten unter den Tisch hervorzogen. – Holla, das ist ja dein Herr leibhaftig.«

Während Herr Weller so sprach, stieg Herr Pickwick aus einer Droschke und trat in den Hof.

»Ein schöner Morgen, Sir«, sagte Herr Weller senior.

»In der Tat sehr schön« – erwiderte Herr Pickwick.

»In der Tat sehr schön«, wiederholte ein rothaariger Mann mit einer naseweisen Nase und einer blauen Brille, der sich zu gleicher Zeit mit Herrn Pickwick aus der Droschke geschoben hatte. »Reisen nach Ipswich, Sir?«

»Ja«, antwortete Herr Pickwick.

»Außerordentlicher Zufall. Ich auch.«

Herr Pickwick verbeugte sich.

»Haben Ihren Sitz oben?« fragte der Rothaarige.

Herr Pickwick verbeugte sich wieder.

»Seltsam, seltsam – ich sitze auch oben«, sagte der Rothaarige. – »Wir fahren also positiv miteinander.«

Und der Rothaarige, der eine sehr wichtig aussehende, spitznasige, geheimnisvoll tuende Person war, und den Vögeln die Gewohnheit abgesehen zu haben schien, jedesmal, wenn er etwas vorbrachte, den Kopf in die Höhe zu werfen – lächelte, als hätte er eine der wichtigsten Entdeckungen gemacht, auf die jemals der menschliche Geist gekommen war.

»Ich freue mich sehr auf Ihre Gesellschaft, Sir«, sagte Herr Pickwick.

»Ach«, erwiderte der neue Ankömmling, »es ist angenehm für uns beide – oder nicht? Gesellschaft, sehen Sie – Gesellschaft ist – ist – ist ein ganz anderes Ding, als Einsamkeit – nicht wahr?«

»Das wird niemand leugnen«, sagte Herr Weller, sich mit einem freundlichen Lächeln in die Unterhaltung mischend. »Ich nenne so etwas eine Binsenwahrheit, wie der Mann meinte, der Hundefleisch verkaufte, als ihm die Magd sagte, er wäre kein Gentleman.«

»Ah«, bemerkte der Rothaarige, Herrn Weller mit einem vornehmen Blick von Kopf bis zu Fuß betrachtend. »Ein Freund von Ihnen, Sir?«

»Nicht direkt ein Freund«, erwiderte Herr Pickwick halblaut: »er ist mein Diener. Aber ich erlaube ihm manche Freiheiten, da ich ihn, unter uns gesagt, für einen originellen Kopf halte, auf den ich mir etwas zugute tue.«

»Tja«, sagte der Rothaarige, »sehen Sie, das ist Geschmacksache. Ich bin kein Freund von Originalität; ich kann sie nicht leiden; sehe die Notwendigkeit davon nicht ein. – Ihr Name, Sir?«

»Hier ist meine Karte, Sir«, erwiderte Herr Pickwick, durch die schnell aufgeworfene Frage und die sonderbaren Manieren höchlich ergötzt.

»Ah«, sagte der Rothaarige, die Karte in seine Brieftasche legend, »Pickwick; sehr schön. Es ist mir lieb, wenn ich den Namen eines Menschen weiß; man erspart sich manche Verlegenheit. Hier ist meine Karte, Sir. Magnus, Sie werden bemerken, Sir, Magnus heiße ich. Ein hübscher Name, nicht wahr?«

»In der Tat ein sehr hübscher Name«, versetzte Herr Pickwick, und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Ich halte ihn auch dafür«, erwiderte Herr Magnus. »Sie werden bemerken, es steht auch ein schöner Taufname davor. Erlauben Sie, mein Herr, wenn Sie die Karte ein wenig schief halten, auf diese Art, so fällt das Licht auf den Hauptstrich. Hier – Peter Magnus – klingt gut, glaube ich, Sir?«

»Sehr«, bestätigte Herr Pickwick.

»Seltsam mit diesen Anfangsbuchstaben, Sir«, sagte Herr Magnus. »Sie werden bemerken – P. M. – post meridian Post meridian (aus lateinisch » post meridiem«) heißt »vom Nachmittage«, »nachmittäglich«; daher das nachfolgende Wortspiel.. In der Eile unterzeichne ich mich oft in Briefen an genaue Bekannte ›Nachmittag‹. Nein, wie das dann meine Freunde amüsiert, Herr Pickwick.«

»Es läßt sich denken, daß ihnen das viel Spaß macht«, versetzte Herr Pickwick, Herrn Magnus Freunde um die Leichtigkeit beneidend, womit sie zu unterhalten waren.

»Nun, meine Herren«, rief der Hausknecht, »es ist angespannt. Wenn es Ihnen recht ist –«

»Ist all‘ mein Gepäck drin?« fragte Herr Magnus.

»Alles in Ordnung, Sir.«

»Ist der rote Reisesack drin?«

»Alles in Ordnung, Sir.«

»Und der gestreifte Sack?«

»Vorn im Kutschenkorb, Sir.«

»Und das Löschpapierpaket?«

»Unter dem Sitz, Sir.«

»Und das lederne Hutfutteral?«

»Alles drin, Sir!«

»Nun, wollen Sie einsteigen?« fragte Herr Pickwick.

»Sie entschuldigen«, antwortete Magnus, auf dem Rade, auf das er bereits getreten war, stehenbleibend; »in diesem Zustande der Ungewißheit kann ich nicht einsteigen. Ich sehe es diesem Menschen an, daß das lederne Hutfutteral nicht darin ist.«

Die feierlichen Verwahrungen des Hausknechts waren gänzlich fruchtlos, und das lederne Hutfutteral mußte aus dem tiefsten Grunde des Kutschenkorbs herausgerissen werden, um Herrn Magnus zu überzeugen, daß es gut aufgehoben wäre. Nachdem er sich über diesen Punkt beruhigt hatte, fühlte er eine innere Ahnung, erstens sein roter Reisesack sei verlegt, und zweitens sein gestreifter Sack sei gestohlen, und endlich, das Löschpapierpaket sei aufgegangen. Als ihm alles vor Augen geführt worden war und er sich durch persönliche Inspektion mit seinem Sinn von der Haltlosigkeit aller seiner Befürchtungen überzeugt hatte, ließ er sich bereden, ganz auf die Droschke zu klettern; und da nun jeder Stein von seinem Herzen gewälzt war, fühlte er sich behaglich und glücklich.

»Sie sind etwas ängstlich – nicht wahr, Sir?« fragte Herr Weller senior, den Fremden von der Seite ansehend, al« er seinen Platz bestieg.

»Ja, ich bin um diese Kleinigkeiten etwas besorgt«, sagte der Fremde; »aber jetzt ist alles in Ordnung – alles ganz in Ordnung.«

»Nun, das ist ein großes Glück«, sagte Herr Weller. »Sammy, hilf deinem Herrn auf den Bock! Das andere Bein, Sir – das da: geben Sie mir Ihre Hand, Sir: so – jetzt, auf. Sie waren leichter, als Sie noch ein Kind waren, Sir.«

»Das ist nicht zu bestreiten, Herr Weller«, sagte der atemlose Herr Pickwick in guter Laune, als er den Kutschersitz erklommen hatte.

»Schwinge dich vorn hinauf, Sammy«, sagte Herr Weller. »Nun, William, laß laufen. Nehmen Sie sich in acht vor dem Torweg, meine Herren. ›Kopf ab‹, wie jener Pastetenbäcker sagte. – So ist’s recht, William. Laß jetzt los.«

Und die Kutsche fuhr Whitechapel hinan, zur Bewunderung der ganzen Einwohnerschaft dieses ziemlich stark bevölkerten Viertels.

»Das ist keine hübsche Nachbarschaft, Sir«, bemerkte Sam, an den Hut greifend, wie er es immer machte, wenn er eine Unterhaltung mit seinem Herrn anknüpfte.

»Wahrhaftig, nein, Sam«, erwiderte Herr Pickwick, die vollgepfropfte Straße übersehend, durch die sie fuhren.

»Es ist doch äußerst merkwürdig, Sir«, sagte Sam, daß Armut und Austern immer beisammen zu sein scheinen.«

»Ich verstehe dich nicht, Sam«, versetzte Herr Pickwick.

»Ich meine damit, Sir«, erwiderte Sam, »daß, je ärmer ein Ort, desto stärker die Nachfrage nach Austern ist. Sehen Sie hier, Sir, allemal das sechste Haus ist ein Austernladen – die Straßen sind ganz voll davon. Es kommt mir, meiner Seele, vor, daß, wer recht arm ist, aus dem Hause läuft und aus lauter Verzweiflung Austern frißt.«

»Das ist ganz gewiß«, sagte Herr Weller senior, »und ebenso ist es auch mit dem Lachs.«

»Das sind zwei höchst merkwürdige Tatsachen, die mir vorher nie aufgefallen sind«, sagte Herr Pickwick. »Auf der ersten Station, wo wir anhalten, will ich sie notieren.«

Inzwischen hatten sie den Schlagbaum zu Mile End erreicht. Ein tiefes Schweigen herrschte nun während der ersten zwei bis drei Meilen, als sich Herr Weller senior plötzlich an Herrn Pickwick wandte, und folgendermaßen begann:

»So ein Baumwächter, Sir, führt doch ein wunderliches Leben.«

»Ein was?« fragte Herr Pickwick.

»Ein Baumwächter.«

»Was verstehst du unter einem Baumwächter?« fragte Herr Peter Magnus.

»Der Alte meint einen Schlagbaumwächter, meine Herren«, kommentierte Herr Weller junior.

»Ah, ich verstehe«, sagte Herr Pickwick. »Ja, ein sehr sonderbares Leben. Sehr unbequem.«

»Es sind aber auch lauter Leute, die irgendeinmal in ihrem Leben Schiffbruch gelitten haben«, bemerkte Herr Weiler senior.

»So so«, rief Herr Pickwick.

»Ja. Und die Folge davon ist, daß sie sich von der Welt zurückziehen und bei den Schlagbäumen ihr Heil finden, teils in der Absicht, um allein zu sein, teils um sich an den Menschen zu rächen, indem sie ihnen Zoll abnehmen.«

»Das habe ich freilich noch nicht gewußt«, sagte Herr Pickwick.

»Tatsache, Sir«, versetzte Herr Weller. »Wenn es Herren der Gesellschaft wären, so würde man sie Menschenverächter nennen, so aber sind es bloß Baumwächter.«

Durch solche Unterhaltung, die den unschätzbaren Reiz hatte, das Nützliche mit dem Angenehmen zu vereinen, verkürzte Herr Weller während des größten Teils des Tages die Langeweile der Reise. An Stoff zum Gespräch fehlte es nie, denn selbst in dem Fall, daß in Herrn Wellers Redseligkeit eine Pause eintrat, wurde sie durch Herrn Magnus mehr als hinreichend ergänzt, der ein außerordentliches Verlangen zeigte, sich mit allen Verhältnissen seiner Reisegefährten bekanntzumachen, und sich auf jeder Station mit lauter Stimme ängstlich nach der Sicherheit der beiden Säcke, des ledernen Hutfutterals und des Löschpapierpakets erkundigte.

In der Hauptstraße von Ipswich, linker Hand, nicht weit von dem freien Platz, der vor dem Rathause liegt, steht ein Gasthof, der weit und breit unter dem Namen »Das große weiße Roß« bekannt ist, und durch ein steinernes, wütendes Tier mit fliegender Mähne und fliegendem Schweif über der Haupttür, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem wahnsinnigen Karrengaul hat, noch mehr in die Augen fallt. Das große weiße Roß ist in der Nachbarschaft wegen derselben Eigenschaft berühmt, wie ein Preisochse oder eine in der Grafschaftsgeschichte aufgezeichnete Rübe, oder ein ungeheures Schwein – nämlich wegen seiner riesenhaften Größe. Nirgends trifft man wieder solche Labyrinthe von Gängen ohne Fußteppiche, solche Reihen dumpfiger, finsterer Zimmer, soviel Speise- oder Schlafhöhlen unter einem Dache, wie zwischen den vier Wänden des großen, weißen Rosses zu Ipswich.

Vor diesem ungeheuren Gasthof war es, wo die Londoner Postkutsche jeden Abend zur selben Stunde hielt, und eben diese Londoner Postkutsche war es, von der gerade an dem Abend, da dieses Kapitel unserer Geschichte spielt, Herr Pickwick, Sam Weller und Herr Peter Magnus hinabstiegen.

»Steigen Sie hier ab, Sir?« fragte Herr Peter Magnus, als der gestreifte Sack und der rote Sack und das lederne Hutfutteral und das Löschpapierpaket sämtlich im Hausgange untergebracht waren. »Steigen Sie hier ab, Sir?«

»Ja«, entgegnete Herr Pickwick.

»Wie seltsam!« rief Herr Magnus. »Ein außerordentlicheres Zusammentreffen kann ich mir nicht vorstellen. Ich steige auch hier ab. Ich hoffe, wir speisen zusammen?«

»Mit Vergnügen«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich weiß übrigens nicht gewiß, ob ich hier nicht einige Freunde treffe. – Ist ein Herr Tupman hier abgestiegen, Kellner?«

Ein korpulenter Mann mit einer Serviette von vierzehn Tagen unter dem Arm und mit gleich alten Strümpfen an den Beinen unterbrach auf Herrn Pickwicks Frage seine Beschäftigung, die Straße hinunterzusehen. Nachdem er das Äußere des Fragestellers vom Deckel seines Hutes bis zum untersten Knopfe seiner Gamaschen eine Minute lang gemustert hatte, sagte er mit Nachdruck:

»Nein!«

»Auch kein Herr namens Snodgraß?« fragte Herr Pickwick.

»Nein!«

»Oder Winkle?«

»Nein!«

»So sind meine Freunde heute noch nicht gekommen«, bemerkte Herr Pickwick. »Wir werden also allein speisen. – Geben Sie uns ein eigenes Zimmer, Kellner.«

Auf diese Aufforderung hin ließ sich der korpulente Mann herab, dem Hausknecht zu befehlen, das Gepäck der Herren hineinzutragen, und führte sie sodann durch einen langen, finsteren Gang in ein großes schlechtes Zimmer mit einem rußigen Kamin, auf dem sich ein kleines Feuerchen jämmerlich abmühte, behagliche Wärme aufzubringen, obgleich ihm vor der deprimierenden Umgebung fast die Puste ausging. Nach einer Stunde wurde den Reisenden ein Stück Fisch und Beefsteak vorgesetzt, und als der Tisch abgeräumt war, zogen die Herren Pickwick und Peter Magnus ihre Stühle ans Feuer, wo sie auf ihre Bestellung zum Besten des Gastgebers eine Flasche von dem möglichst schlechtesten Portwein zu dem möglichst höchsten Preis erhielten, und zu ihrem eigenen Besten Branntwein und Wasser tranken.

Herr Peter Magnus hatte von Natur einen sehr großen Hang, sich mitzuteilen. Der Grog brachte eine so wunderbare Wirkung hervor, daß er die verborgensten Geheimnisse seiner Brust offenbarte. Nachdem er viel von sich, seiner Familie, seinen Verbindungen, seinen Freunden, seinen Erholungen, seinen Geschäften und seinen Brüdern (gesprächige Leute haben immer viel von ihren Brüdern zu reden) erzählt hatte, nahm er Herrn Pickwick mehrere Minuten lang durch seine gefärbten Brillengläser in blauen Augenschein, und fragte dann mit bescheidener Miene.

»Und warum denken Sie wohl – warum denken Sie wohl, Herr, Pickwick – daß ich hierher gereist bin?«

»Auf mein Wort«, erwiderte Herr Pickwick, »ich kann unmöglich raten. Geschäfte halber vielleicht?«

»Zum Teil getroffen, Sir«, versetzte Herr Peter Magnus; »zum Teil aber auch fehlgeschossen. Raten Sie noch einmal, Herr Pickwick.«

»Da muß ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben, ob Sie’s mir sagen wollen oder nicht, wie Sie es für gut halten: denn erraten kann ich es nicht, und wenn ich die ganze Nacht darüber nachdächte.«

»Nun denn, hihihi!« sagte Herr Peter Magnus mit verschämtem Kichern, »was würden Sie denken, Herr Pickwick, wenn ich hierhergekommen wäre, um einen Heiratsantrag zu machen? hihihi.«

»Was ich denken würde? Je nun, daß Sie höchstwahrscheinlich damit Erfolg haben werden«, erwiderte Herr Pickwick mit dem freundlichsten Lächeln.

»Ach«, sagte Herr Magnus, »denken Sie das wirklich, Herr Pickwick? Meinen Sie das?«

»Sicher«, antwortete Herr Pickwick.

»Nicht doch, Sie scherzen.«

»Nein, gewiß nicht.«

»Nun denn«, sagte Herr Magnus; »um Ihnen ein kleines Geheimnis zu entdecken – ich glaube es auch. Auch will ich’s Ihnen verraten, Herr Pickwick, obwohl ich von Natur fürchterlich eifersüchtig bin – die Dame ist hier im Hause.«

Damit nahm Herr Magnus seine Brille ab, um zu blinzeln, und setzte sie dann wieder auf.

»Das war es also, warum Sie vor dem Essen so oft aus dem Zimmer liefen?« fragte Herr Pickwick neckisch.

»Pst – ja, Sie haben recht; das war’s. Doch war ich nicht blind verliebt genug, um mich ihr zu zeigen.«

»Nicht?«

»Nein; Sie wissen, das geht nicht, wenn man eben erst von der Reise kommt; will warten bis morgen, Sir – dann habe ich noch einmal so gute Aussichten. In diesem Reisesack, Herr Pickwick, befindet sich ein Anzug, und in diesem Futteral ein Hut, wovon ich mir einen außerordentlichen Eindruck verspreche.«

»Wirklich?« fragte Herr Pickwick.

»Ja; Sie müssen bemerkt haben, wie ich heute so besorgt darum war. Ich glaube, daß ein solcher Anzug und ein solcher Hut nirgends sonst für Geld zu haben ist, Herr Pickwick.«

Herr Pickwick wünschte dem beglückten Eigentümer der unwiderstehlichen Kleidungsstücke zu ihrer Erwerbung Glück, und Herr Peter Magnus versank auf einige Augenblicke in tiefes Nachsinnen.

»Es ist ein hübsches Geschöpf«, sagte Herr Magnus.

»Wirklich?« fragte Herr Pickwick.

»Sehr hübsch«, erwiderte Herr Magnus, »sehr hübsch. Sie wohnt ungefähr 20 Meilen von hier, Herr Pickwick. Ich erfuhr, daß sie heute abend und morgen noch den ganzen Vormittag hier bleiben wird, und nun bin ich hergereist, um diese günstige Gelegenheit zu benutzen. Meiner Ansicht nach ist ein Gasthof ein sehr geeigneter Platz, um einem ledigen Frauenzimmer einen Antrag zu machen. Auf der Reise wird ihr die Verlassenheit ihrer Lage fühlbarer, als wenn sie zu Hause ist. Was halten Sie davon, Herr Pickwick?«

»Ich halte das für sehr gut möglich«, versetzte der Angeredete.

»Verzeihung, Herr Pickwick«, sagte Herr Peter Magnus, »aber ich bin von Natur etwas neugierig; was mag Sie hierhergeführt haben?«

»Ein weit weniger angenehmes Geschäft«, erwiderte Herr Pickwick, dem bei der Erinnerung das Blut in die Wangen stieg – »ich bin hierhergekommen, Sir, um die Verräterei und Falschheit einer Person zu entlarven, in deren Ehre und Treue ich unbegrenztes Vertrauen gesetzt habe.«

»Ach, um Gottes willen«, sagte Herr Peter Magnus, »das ist sehr unangenehm. Es ist vermutlich eine Dame? Nicht wahr? Ach, schlau, Herr Pickwick, schlau. Doch, Herr Pickwick, ich möchte Ihren Gefühlen um alles in der Welt nicht zu nahe treten. Schmerzlich so was, Sir, sehr schmerzlich. Scheuen Sie sich nicht, Herr Pickwick, wenn Sie Ihren Gefühlen Luft zu machen wünschen. Ich weiß, was es heißt, in der Liebe getäuscht zu werden, Sir; ich selbst habe schon drei- oder viermal solche Erfahrung gemacht.«

»Ich bin Ihnen für Ihre Teilnahme an dem, was Sie für den Grund meines Ärgers halten, sehr verbunden«, sagte Herr Pickwick, seine Uhr aufziehend und auf den Tisch legend, »aber –«

»Nein – nein«, fiel Herr Peter Magnus ein: «kein Wort mehr. – Es tut Ihnen weh, ich seh‘ es. Wieviel Uhr haben wir, Herr Pickwick?«

»Zwölf Uhr durch.«

»Himmel, dann ist es aber höchste Zeit, schlafen zu gehen. Ich darf nicht länger aufbleiben, da ich sonst morgen blaß aussehen würde, Herr Pickwick.«

Und erschreckt von dem bloßen Gedanken an ein solches Unglück, klingelte Herr Peter Magnus dem Stubenmädchen. Nachdem der gestreifte Reisesack, der rote Reisesack, das lederne Hutfutteral und das Löschpapierpaket in sein Schlafzimmer gebracht worden waren, zog er sich mit einem lackierten Leuchter nach dem einen Ende des Hauses zurück, während Herr Pickwick und ein anderer lackierter Leuchter durch eine Unzahl verschlungener Gänge nach dem andern geführt wurde.

»Das ist Ihr Zimmer, Sir«, bemerkte das Stubenmädchen.

»Gut«, erwiderte Herr Pickwick, sich rings umsehend.

Es war ein ziemlich geräumiges, mit zwei Betten versehenes Gemach, in dem ein Feuer brannte – jedenfalls ein weit wohnlicherer Aufenthalt, als Herr Pickwick vermöge seiner kurzen Erfahrung von den Bequemlichkeiten des großen weißen Rosses erwartet hatte.

»Im andern Bette schläft natürlich niemand?« fragte Herr Pickwick.

»Nein, Sir.«

»Schön. Sagen Sie meinem Diener, ich brauche ihn nicht mehr, aber morgen möchte er mir um halb neun Uhr warmes Wasser heraufbringen.«

»Ja, Sir.«

Und Herrn Pickwick eine gute Nacht wünschend, zog sich das Stubenmädchen zurück und ließ ihn allein.

Herr Pickwick setzte sich vor das Feuer, und eine Reihe von Bildern zog an seinem Geiste vorüber. Zuerst dachte er an seine Freunde, und grübelte darüber nach, wann sie etwa kommen würden; dann kehrten seine Gedanken bei Frau Martha Bardell ein, und von dieser Dame wanderten sie vermöge einer natürlichen Ideenfolge in die düstere Schreibstube von Dodson und Fogg. Von Dodson und Fogg flogen sie in einem rechten Winkel unmittelbar in den Mittelpunkt der Geschichte von dem seltsamen Klienten; und dann kehrten sie in das große weiße Roß zu Ipswich zurück, wo sie sein Bewußtsein noch klar genug fanden, um ihn gewahren zu lassen, daß er eben im Begriff sei, einzuschlafen. Er erhob sich also von seinem Stuhl und begann sich auszukleiden, als er sich erinnerte, daß er seine Uhr unten auf dem Tische habe liegen lassen. Diese Uhr aber stand bei Herrn Pickwick in besonderer Gunst, da er sie eine größere Anzahl von Jahren, als wir uns hier anzugeben berufen fühlen, unter dem Schatten seiner Weste mit sich herumgetragen hatte. Noch nie hatte Herr Pickwick auch nur an die Möglichkeit gedacht, einzuschlafen, ohne sie unter seinem Kopfkissen oder in seiner Uhrtasche über seinem Kopfe ticken zu hören. Aber es war schon spät, und da er zu dieser Stunde der Nacht die Glocke nicht mehr ziehen wollte, so schlüpfte er in seinen Rock, den er soeben abgelegt hatte, nahm den lackierten Leuchter und ging still die Treppe hinunter.

Je mehr Treppen aber Herr Pickwick hinunterging, desto mehr schien er wieder hinaufsteigen zu müssen, und so ging es fort und fort; wenn Herr Pickwick in einen schmalen Gang gekommen war und sich bereits Glück zu wünschen anfing, den Hausflur erreicht zu haben, so zeigte sich eine neue Treppe vor seinen erstaunten Blicken. Endlich kam er in einen mit Steinplatten belegten Vorsaal, den er, soviel er sich erinnerte, beim Eintritt in das Haus gesehen hatte. Er durchsuchte Gang für Gang, öffnete Zimmer für Zimmer, und endlich, als er bereits im Begriff stand, in der Verzweiflung seine Nachforschungen aufzugeben, fand er die Tür des Zimmers, in dem er den Abend zugebracht hatte, und sah sein vemißtes Eigentum auf dem Tische liegen. Er ergriff die Uhr im Triumph und begab sich sofort auf den Rückweg nach seinem Schlafzimmer. War aber seine Herreise mit Schwierigkeiten und Gefahren verbunden gewesen, so war sein Rückzug noch unendlich schwieriger.

In jeder Richtung verzweigten sich Reihen von Türen, vor denen Stiefel von jeglicher Gestalt, Fasson und Größe standen. Ein Dutzendmal faßte er behutsam den Griff einer Schlafzimmertür an, die die seinige zu sein schien, als eine barsche Stimme im Innern ertönte, »zum Teufel, wer ist da?« oder »was wollt Ihr hier?« worauf er sich mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Schnelligkeit auf den Zehen davonmachte. Er war bereits am Rande der Verzweiflung, als endlich eine offene Tür seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er blickte hinein – endlich die rechte.

Dort standen zwei Betten, deren Lage ihm noch vollkommen erinnerlich war, und auf dem Kamin brannte noch das Feuer. Seine Kerze, die schon, als er sie empfangen, nicht zu den längsten gehörte, war in dem Luftzuge, dem er auf seiner Wanderung durch die langen Gänge ausgesetzt gewesen, herabgebrannt, und fiel, als er eben die Tür hinter sich schloß, in die Röhre des Leuchters hinunter. »Hat nichts zu bedeuten«, meinte Herr Pickwick: »ich kann mich ebensogut beim Schein des Feuers auskleiden.«

Die Betten standen, das eine rechts, das andere links von der Tür, und waren von der Wand durch einen Gang getrennt, der breit genug war, daß man von ihm aus ins Bett steigen konnte. Nachdem er die Vorhänge seines Bettes auf der Außenseite sorgfältig zugezogen hatte, setzte sich Herr Pickwick auf den Strohsessel, der am Ende des besagten Ganges neben dem Bett stand, und entledigte sich langsam seiner Schuhe und Gamaschen. Dann legte er seinen Rock, seine Weste und seine Halsbinde ab, setzte bedächtig seine mit einer Troddel versehene Nachtmütze auf und befestigte sie auf seinem Kopf, indem er die Bänder, die an diesem Teile seines Bettanzugs nie fehlten, unter dem Kinn zusammenknüpfte. In diesem Augenblick dachte er an die närrische Verlegenheit, in der er

 

sich eben befunden hatte, lehnte sich in den Strohsessel zurück, und lachte so herzlich über sich selbst, daß es für einen jeden Mann von wohlbestelltem Gemüt höchst ergötzlich gewesen wäre, das Lächeln zu beobachten, das seine liebenswürdigen Züge unter der Nachtmütze verklärte.

»Kann man sich auch etwas Possierlicheres träumen«, sagte Herr Pickwick zu sich selbst, und lachte dabei so herzlich, daß beinahe die Bänder seiner Nachtmütze krachten – »kann man sich auch etwas Possierlicheres träumen, als sich in diesem Gebäude zu verlieren, und auf den Treppen umherzuirren? Drollig, drollig, sehr drollig.«

Hier lachte Herr Pickwick wieder, und zwar herzlicher als je, und stand im Begriff, in der möglich besten Laune das Geschäft des Auskleidens fortzusetzen, als er plötzlich durch eine höchst unerwartete Unterbrechung gestört wurde. Es trat nämlich jemand mit einem Licht ins Zimmer, verschloß die Tür hinter sich, und stellte das Licht auf das Nachttischchen.

Das Lächeln, das auf Herrn Pickwicks Zügen spielte, ward augenscheinlich in einen Blick grenzenlosesten Erstaunens verwandelt. Die Person, wer sie auch immer sein mochte, war so plötzlich und mit so wenig Geräusch eingetreten, daß Herr Pickwick keine Zeit gehabt hatte, zu rufen, oder sich ihrem Eintritt zu widersetzen. Wer konnte es sein? Ein Räuber? Irgendein Spitzbube, der ihn vielleicht, mit der schönen Uhr in der Hand, die Treppe heraufkommen sah? Was war zu tun?

Der einzige Weg, um den geheimnisvollen Besuch mit so wenig Gefahr für sich selbst als möglich zu beobachten, war der, ins Bett zu schlüpfen und hinter den Vorhängen der entgegengesetzten Seite hinauszuspähen. Hierzu nahm Herr Pickwick also seine Zuflucht. Er hielt die Vorhänge vorsichtig mit der Hand zusammen, so daß man nichts als sein Gesicht und seine Nachtmütze sehen konnte, setzte seine Brille auf, nahm sein Herz in beide Hände und lugte hinaus.

Herr Pickwick fiel vor Schrecken beinahe in Ohnmacht. Denn vor dem Toilettenspiegel stand eine Dame von mittlerem Alter mit gelben Haarwickeln, die eifrig damit beschäftigt war, dasjenige zu bürsten, was die Damen ihren »Wilhelm« nennen. Wie nun auch die arglose Dame von mittlerem Alter in das Zimmer gekommen sein mochte, soviel war gewiß, daß sie die Nacht über hier zu bleiben gesonnen war, denn sie hatte ein Nachtlicht mit einem Lichtschirm mitgebracht, das sie mit lobenswerter Vorsicht gegen Feuersgefahr in ein Waschbecken auf den Boden gestellt hatte, wo es, gleich einem riesenhaften Leuchtturm in einem ungemein kleinen See, fortglimmte.

»Gott im Himmel«, dachte Herr Pickwick, »was für ein furchtbares Ereignis.«

»Hem!« machte die Dame, und Herrn Pickwicks Kopf fuhr mit der Schnelligkeit eines Taschenspielers zurück.

»So etwas Fürchterliches ist mir noch nie begegnet« – dachte der arme Pickwick, indem kalte Schweißtropfen durch seine Nachtmütze drangen. »Noch nie. Das ist ja schauderhaft.«

Er konnte unmöglich dem dringenden Verlangen widerstehen, zu beobachten, was nun weiter vor sich gehen sollte. Herrn Pickwicks Kopf zeigte sich also wieder zwischen den Vorhängen. Der Anblick, der sich ihm darbot, war noch entsetzlicher als vorher. Die Dame von mittlerem Alter hatte ihr übriges Haar zurechtgebürstet, sorgfältig in eine musselinene, mit schmalen, gefalteten Spitzen besetzte Schlafhaube verhüllt, und sah gedankenvoll ins Feuer.

»Die Sache fängt an, bedenklich zu werden«, überlegte Herr Pickwick bei sich selbst. »So kann es nicht fortgehen. Die Unbefangenheit dieser Dame ist mir ein klarer Beweis, daß ich ins falsche Zimmer geraten sein muß. Wenn ich sie anrufe, so bringt sie das ganze Haus in Aufruhr, und wenn ich ruhig bleibe, so können die Folgen noch fürchterlicher sein.«

Es ist durchaus nicht nötig, zu bemerken, daß Herr Pickwick einer von den bescheidensten und zartfühlendsten Sterblichen war. Der bloße Gedanke, seine Nachtmütze einer Dame zu zeigen, erfüllte ihn mit Schauder, aber er hatte die verdammten Bänder in einen Knoten zusammengezogen, den er um alle Welt nicht aufzulösen vermochte. Und doch mußte er sich entdecken. Es stand ihm nur noch ein Ausweg zu Gebote. Er zog sich hinter die Vorhänge zurück, und gab die Laute von sich –

»Ha – Hm!«

Daß die Dame bei diesen unerwarteten Tönen außerordentlich erschrak, war offenbar, denn sie stolperte gegen den Lichtschirm, und daß sie sich überredete, es müsse nur Einbildung gewesen sein, war ebenfalls klar, denn als Herr Pickwick, den die voraussichtliche Ohnmacht der Dame beinahe versteinert hatte, wieder hinauszuspähen wagte, blickte sie wie zuvor nachdenklich ins Feuer.

»Ein recht resolutes Frauenzimmer das«, dachte Herr Pickwick und hustete wieder: »ha – hm.«

Die letzteren Töne, die denen so sehr glichen, wodurch der wilde Riese Blunderbore, nach der Erzählung des Märchens, gewöhnlich seine Ansicht ausdrückte, daß es Zeit sei, den Tisch zu decken, waren zu deutlich, um noch einmal als Wirkungen der Einbildungskraft zu gelten.

»Gott sei mir gnädig!« rief die Dame von mittlerem Alter; »was ist das?«

»Es ist – es ist – nur ein Herr, Madame«, sagte Herr Pickwick hinter den Vorhängen.

»Ein Herr!« rief die Dame, mit einem furchtbaren Entsetzensschrei.

»Jetzt ist’s aus«, dachte Herr Pickwick.

»Eine fremde Mannsperson!« schrie die Dame.

Noch einen Augenblick, und das Haus kam in Aufruhr. Ihre Kleider rauschten, als sie der Tür zueilte.

»Madame«, – rief Herr Pickwick, seinen Kopf hervorstreckend, in der äußersten Verzweiflung. »Madame.«

Obgleich Herr Pickwick keinen bestimmten Zweck dabei hatte, als er den Kopf hinausstreckte, so brachte er dadurch doch augenblicklich eine gute Wirkung hervor. Wie wir bereits gemeldet haben, war die Dame nahe an der Tür. Sie mußte sie passieren, um die Treppe zu erreichen, und würde sie zweifelsohne bereits erreicht haben, hätte sie nicht die plötzliche Erscheinung von Herrn Pickwicks Nachtmütze in die entfernteste Ecke des Zimmers zurückgetrieben, von wo aus sie wilde Blicke auf Herrn Pickwick schoß, die von Herrn Pickwick seinerseits erwidert wurden.

»Elender!« – sagte die Dame, die Hand vor die Augen haltend, »was suchen Sie hier?«

»Nichts, Madame – durchaus nichts, Madame«, antwortete Herr Pickwick ernsthaft.

»Nichts?« rief die Dame, die Augen aufschlagend.

»Nichts, Madame, auf meine Ehre«, versicherte Herr Pickwick, mit so nachdrücklichem Kopfschütteln, daß die Troddel seiner Nachtmütze hin und her tanzte. »Ich sinke vor Scham, eine Dame in meiner Nachtmütze anzureden (hier riß die Dame ihre Schlafmütze hastig herunter) beinahe in die Erde, aber ich kann den Knoten nicht lösen, Madame (hier zog Herr Pickwick, zum Beweis für seine Behauptung, mit furchtbarer Gewalt an den Bändern). Es ist mir jetzt klar, Madame, daß ich in das falsche Zimmer geraten bin. Ich war noch nicht fünf Minuten hier, als Sie plötzlich eintraten.«

»Wenn diese unwahrscheinliche Geschichte wirklich wahr sein soll« – sagte die Dame unter heftigem Schluchzen, »so werden Sie sich augenblicklich entfernen.«

»Mit dem größten Vergnügen, Madame« – erwiderte Herr Pickwick.

»Augenblicklich, Sir«, wiederholte die Dame.

»Gewiß, Madame«, fiel Herr Pickwick eiligst ein. »Gewiß, Madame. Ich – ich – bin untröstlich, Madame«, sagte Herr Pickwick, indem er sich unten am Bettgestell zeigte, »die unschuldige Ursache dieser Unruhe und Aufregung gewesen zu sein: ganz untröstlich, Madame!«

Die Dame deutete auf die Tür.

In diesem Augenblick zeigte sich trotz der ungemein mißlichen Umstände eine vorzügliche Eigenschaft von Herrn Pickwicks Charakter. Obgleich er nach Art der alten Nachtwächter seinen Hut hastig über die Nachtmütze gedrückt hatte: obgleich er seine Schuhe und Gamaschen in der Hand und seinen Rock und seine Weste auf den Armen trug, so konnte doch nichts seine angeborene Höflichkeit zurückdrängen.

»Ich bin über die Maßen untröstlich, Madame«, sagte Herr Pickwick mit einer sehr tiefen Verbeugung.

»Wenn Sie das sind, so werden Sie das Zimmer sogleich verlassen«, erwiderte die Dame.

»Unverzüglich, Madame: augenblicklich, Madame«, sagte Herr Pickwick, die Tür öffnend, wobei seine Schuhe mit großem Gepolter zu Boden fielen.

»Ich hoffe, Madame –« begann Herr Pickwick wieder, seine Schuhe aufnehmend und sich mit einer wiederholten Verbeugung nach der Dame umwendend, »ich hoffe, Madame, mein unbescholtener Charakter und die große Achtung, die ich Ihrem Geschlecht zolle, werden ein gutes Wörtchen zur Entschuldigung für mich –«

Doch ehe Herr Pickwick seinen Satz vollenden konnte, hatte ihn die Dame bereits in den Gang gedrängt, und die Tür hinter ihm verschlossen und verriegelt.

So viele Gründe Herr Pickwick auch haben mochte, sich Glück zu wünschen, daß es bei der ungeheuren Gefahr, die ihm gedroht hatte, so gnädig abgegangen war, war doch seine gegenwärtige Lage durchaus nicht beneidenswert. Er war allein, in einem offenen Gang, in einem fremden Hause, nur halb angekleidet, mitten in der Nacht. In der undurchdringlichen Finsternis konnte er unmöglich den Weg nach einem Zimmer finden, das er mit dem Licht nicht entdeckt hatte, und wenn er bei seinen fruchtlosen Versuchen das geringste Geräusch machte, so lief er Gefahr, von irgendeinem wachsamen Reisenden erschossen zu werden. Es blieb ihm daher nichts übrig, als zu bleiben, wo er war, bis der Tag anbrach. Er tappte noch einige Schritte vorwärts und stolperte dabei zu seinem unendlichen Schrecken über mehrere Paar Stiefel, dann drückte er sich in eine kleine Nische in der Wand, um den Morgen mit soviel philosophischer Ruhe wie möglich zu erwarten.

Er war aber nicht dazu bestimmt, diese neue Geduldsprobe voll durchmachen zu müssen: denn er war noch nicht lange in seinem Schlupfwinkel versteckt, als sich zu seinem unaussprechlichen Schrecken am Ende des Ganges ein Mann mit einem Lichte zeigte. Aber plötzlich verwandelte sich sein Schrecken in Freude, als er die Gestalt seines treuen Dieners erkannte. Es war in der Tat Samuel Weller, der eben im Begriff war, sich zur Ruhe zu begeben. Er hatte sich solange mit dem Hausknecht unterhalten, der die Briefpost erwartete.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, plötzlich vor ihn hintretend, »wo ist mein Schlafzimmer?«

Herr Weller starrte seinen Herrn mit größtem Erstaunen an, und erst nachdem dieser die Frage dreimal wiederholt hatte, wandte er sich um und führte ihn nach dem lange gesuchten Zimmer.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, als er zu Bett ging, »ich habe heute nacht einen der außerordentlichsten Mißgriffe getan, die man je erlebt hat.«

»Sehr glaublich, Sir«, erwiderte Herr Weller trocken,

»Aber ich bin entschlossen, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort, »mich, wenn wir auch noch ein halbes Jahr in diesem Hause bleiben sollten, nie wieder allein in dieses Labyrinth zu wagen.«

»Das ist der klügste Entschluß, den Sie fassen können, Sir«, versetzte Herr Weller. »Sie sollten jemand haben, der nach Ihnen sieht, wenn Ihr Verstand auf die Wanderschaft geht.«

»Was meinst du damit, Sam?« fragte Herr Pickwick, indem er sich im Bett aufrichtete und die Hand hervorstreckte, als wolle er noch mehr sagen, dann aber hielt er plötzlich inne, legte sich auf die Seite und wünschte seinem Diener gute Nacht.

»Gute Nacht, Sir«, antwortete Herr Weller, ging zur Tür hinaus – blieb stehen – schüttelte den Kopf – ging weiter – stand still – putzte das Licht – schüttelte den Kopf wieder – und trat endlich langsam in sein Schlafzimmer, offenbar in das tiefste Nachdenken versunken.

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

In dem Herr Samuel Weller alle seine Kräfte aufbietet, mit Herrn Trotter eine alte Rechnung auszugleichen.

In einem kleinen Gemach, in der Nähe der Ställe, saß am Morgen, der auf Herrn Pickwicks Abenteuer mit der Dame von mittlerem Alter und den gelben Haarwickeln folgte, Herr Weller senior, mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach London beschäftigt. Seine Stellung war ganz dazu geeignet, sein Porträt zu zeichnen, weshalb wir es dem Leser vorführen wollen.

Es ist wohl möglich, daß Herrn Wellers Profil in einer früheren Periode seines Lebens kühne und scharfe Umrisse darbot. Aber unter dem Einfluß des »guten Lebens« und einer außerordentlichen Neigung zur Indolenz hatte er seine Dimensionen vergrößert, und seine kühnen fleischigen Formen waren so weit über die ihnen von Natur angewiesenen Grenzen getreten, daß es sehr schwer hielt, etwas mehr als die äußerste Spitze einer hochroten Nase zu entdecken, wenn man sein Gesicht nicht ganz en face betrachtete. Sein Kinn hatte aus derselben Ursache jene würdevolle und imposante Form angenommen, die man gewöhnlich durch Vorsehung des bedeutungsvollen »doppel« zu bezeichnen pflegt, und seine Gesichtsfarbe war aus jenen eigentümlichen Mischungen des Kolorits zusammengesetzt, die man nur bei Herren seines Gewerbes und bei halbgarem Rostbeef findet. Um seinen Nacken schlang sich ein karmoisinrotes Halstuch, wie man es auf Reisen zu tragen pflegt, und ging in so unmerklichen Stufen in das Kinn über, daß man kaum die Falten des einen von denen des andern unterscheiden konnte. Über den Enden des Tuches trug er eine lange Weste von rotgestreiftem Zeuge, und darüber wieder einen grünen Rock mit breitem Saum und großen Metallknöpfen, von denen die beiden, die in der Taille saßen, so weit von einander abstanden, daß man sie unmöglich zu gleicher Zeit sehen konnte. Sein kurzes, glattes, schwarzes Haar lugte kaum unter der breiten Krempe eines niederen braunen Hutes hervor. Seine Beine steckten in kurzen Hosen und farbigen Stulpenstiefeln: und von seiner geräumigen Westentasche hing eine kupferne Uhrkette, die ein einziges Petschaft und einen Schlüssel von gleichem Material endigte, nachlässig herunter.

Wir haben gesagt, Herr Weller sei mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach London beschäftigt gewesen; er nahm nämlich zur Stärkung ein entsprechende« Frühstück zu sich. Auf dem Tische vor ihm stand eine Flasche Ale Ein Bier, das ohne Hopfen bereitet wird., ein kaltes Stück Ochsenfleisch, ein mächtiger Laib Brot, und jedem dieser Gegenstände schenkte er mit der strengsten Unparteilichkeit abwechslungsweise seine Gunst. Er hatte soeben ein mächtiges Stück von dem letzteren abgeschnitten, als Fußtritte nahten; er hob den Kopf und sah seinen Sohn, der eben in das Zimmer trat.

»’n Morgen, Sammy«, sagte der Vater.

Der Sohn näherte sich dem Bierkruge, winkte seinem Vater zu, und verhalf sich, als Erwiderung des Grußes, zu einem kräftigen Schlucke.

»Du hast einen guten Zug, Sammy«, bemerkte Herr Weller der ältere, in den Krug hineinsehend, den sein Erstgeborener bis zur Hälfte geleert hatte. »Du hättest ja eine ungewöhnlich noble Auster Weil die Auster in ihrem Saft schwimmt, nimmt Vater Weiler diesen Vergleich auf. abgegeben, Sammy, wenn du auf dieser Lebensstufe geboren worden wärest.«

»Ja, ich darf sagen, ich hätte mir da auch etwas Ordentliches gegönnt«, erwiderte Sam , sich mit respektablem Eifer über das kalte Ochsenfleisch hermachend.

»Es schmerzt mich tief, Sammy«, sagte der ältere Herr Weller, schüttelte als Vorbereitung zum Trinken das Bier und beschrieb mit dem Krug kleine Kreise. »Es schmerzt mich sehr, Sammy, aus deinem Munde zu hören, daß du dich von dem maulbeerfarbenen Kerl für’n Narren halten ließest. Vor drei Tagen dachte ich noch, Sammy, die Namen Weller und Narr könnten niemals miteinander in Berührung kommen.«

»Doch natürlich den Fall ausgenommen, wo es sich um gewisse Witwen handelt«, fiel Sammy ein.

»Witwen, Sammy«, erwiderte Herr Weller, die Farbe etwas verändernd, »Witwen sind Ausnahmen von jeder Regel. Ich habe mal davon gehört, wieviel durchschnittliche Jungfern von einer Witwe aufgewogen werden, wenn es sich darum handelt, einen hinters Licht zu führen; ich glaube fünfundzwanzig, doch weiß ich nicht gewiß, ob es nicht mehr sind.«

»Nun, das ist doch ziemlich viel«, sagte Sam.

»Übrigens«, fuhr Herr Weller fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, »ist das etwas ganz anderes. Du weißt Sammy, wie jener Advokat sagte, als er den Herrn verteidigte, der seine Frau mit dem Schüreisen schlug, wenn er lustig wurde. ›Und am Ende, Mylord‹, sagte er, ›ist es nichts weiter, als eine liebenswürdige Schwachheit.‹ Und das sage ich in bezug auf meine Neigung zu Witwen, Sammy, und so wirst auch du sagen, wenn du so alt bist, wie ich.«

»Ich weiß«, versetzte Sam, »ich hätte sollen gescheiter sein.«

»Sollen gescheiter sein?« wiederholte Herr Weller mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Sollen gescheiter sein? Ja, ich kenne einen jungen Burschen, der nicht den vierten Teil von deiner Erziehung genossen hat – der noch keine sechs Monate auf den Marktplätzen kampierte – der hätte sich nicht so anführen lassen. Nein, Sammy, dem wäre das nicht passiert, Sammy.«

In der Gemütserregung, die durch diese peinlichen Gedanken hervorgerufen wurde, zog Herr Weller die Glocke und befahl einen zweiten Krug Ale.

»Aber das Schwatzen nützt jetzt nichts mehr«, sagte Sam; »es ist vorbei und die Sache läßt sich nicht mehr ändern. Das ist mein Trost, wie sie in der Türkei sagen, wenn sie dem Unrechten den Kopf abgeschlagen haben. Jetzt ist die Reihe an mir, Vater, und wenn ich diesen Trotter hier unter die Klauen bekomme, so soll er seine Lebtage daran denken.«

»Das hoffe ich von dir, Sammy, das hoffe ich von dir«, antwortete Herr Weller. »Auf dein Wohl, Sammy! und mögest du bald die Schmach abwaschen, mit der du unsern Familiennamen befleckt hast.«

Zu Ehren dieses Toastes nahm Herr Weller wenigstens zwei Drittel von dem Inhalte des neu hingestellten Kruges zu sich, und händigte ihn seinem Sohne ein, daß dieser über den Rest verfüge.

»Und nun Sammy«, sagte Herr Weiler, die große doppelgehäusige silberne Uhr, die am Ende der kupfernen Kette hing, zu Rate ziehend. »Nun ist’s Zeit, daß ich auf die Post gehe, um mich dort einschreiben zu lassen und zuzusehen, wie die Kutsche geladen wird; denn Postkutschen, Sammy, sind wie Kanonen, die mit großer Sorgfalt geladen werden müssen, ehe sie losgehen.«

Diesen seinem Gewerbe entlehnten Scherz des Vaters begleitete Herr Weller junior mit dem Lächeln kindlicher Liebe. Sein verehrter Erzeuger fuhr mit feierlichem Tone fort. –

»Mein Sohn Samuel, ich verlasse dich jetzt, und niemand weiß, wann ich dich wiedersehe. Deine Stiefmutter ist mir dann vielleicht zuviel geworden, und tausend Dinge können sich ereignet haben, bis du wieder etwas von dem berühmten Herrn Weller von Bell Savage hörst. Der Familienname hängt nun größtenteils von dir ab, Samuel, und ich hoffe, du wirst ihm keine Schande machen. In allen geringeren Stücken der Erziehung kann ich mich, das weiß ich, so gut auf dich verlassen, wie auf mich selbst. Ich habe dir also nur noch einen Rat zu geben. Wenn du in die Fünfzig kommst und Neigung fühlst, dich mit irgendeiner Person zu verheiraten – gleichviel, wer es sei – so schließe dich in dein Kämmerlein ein, wenn du eins hast, und vergifte dich unverzüglich. Hängen ist etwas Gemeines, also daran darfst du nicht denken. Vergifte dich, mein Sohn Samuel, vergifte dich, und du wirst nachher froh darüber sein.«

Bei diesen liebevollen Ermahnungen sah Herr Weller seinem Sohne ernst ins Gesicht. Dann machte er eine imposante Verbeugung, indem er den rechten Fuß vorrückte und mit dem Absatz einen Halbkreis beschrieb. Schließlich verschwand er aus Sams Augen.

In der ernsten Stimmung, die diese Worte hervorgerufen, verließ Herr Samuel Weller das große weiße Roß und richtete seine Schritte gegen die St.-Klemens-Kirche, wo er versuchte, seine Schwermut zu vergessen. Er schlenderte um die altertümliche Umgebung dieses Gebäudes herum. Nach einiger Zeit sah er sich auf einem abgelegenen Platze – in einer Art Hof von ehrwürdigem Ansehen – der, wie er bemerkte, keinen andern Ausgang hatte, als die Öffnung, durch die er eingetreten war. Er war eben daran, wieder umzukehren, als er durch eine plötzliche Erscheinung gleichsam an die Erde gebannt wurde, wie der Leser sogleich hören wird. In seine Gedanken vertieft, hatte Herr Samuel Weller von Zeit zu Zeit an den roten Backsteinhäusern hinaufgesehen, und dabei manchem rotwangigem Dienstmädchen zugenickt, das einen Vorhang aufzog oder ein Fenster in einem Schlafzimmer öffnete. Da ging das grüne Gartentor am Ende des Hofes auf, und ein Mann, der eintrat, schloß es wieder sorgfältig hinter sich ab, worauf er mit schnellen Schritten der Stelle zuging, wo Herr Weller stand.

Als Einzeltatsache, ohne alle Nebenumstände betrachtet, lag nicht gerade etwas Außerordentliches in dieser Erscheinung; denn in vielen Teilen der Welt kommen Männer aus Gärten, schließen grüne Tore hinter sich ab und gehen rasch ihres Weges weiter, ohne die Augen der Welt in besonderem Grade auf sich zu ziehen. Es ist also klar, daß an der Person, oder in den Manieren dieses Mannes, oder in beiden etwas liegen mußte, was Herrn Wellers Aufmerksamkeit besonders anzog. Ob das der Fall war oder nicht, müssen wir der Beurteilung des Lesers überlassen, wenn wir das Benehmen des fraglichen Individuums geschildert haben werden.

Als der Mann das grüne Tor hinter sich abgeschlossen hatte, ging er, wie wir schon zweimal bemerkt haben, mit schnellen Schritten im Hofe vorwärts. Aber kaum hatte er Herrn Weller zu Gesicht bekommen, als er anhielt und stillstand, als ob er im Augenblicke unschlüssig geworden wäre, was er tun sollte. Da das grüne Tor hinter ihm abgeschlossen war, und der Hof keinen andern Ausgang hatte, als den in der Front, so gelangte er natürlich bald zu dem Entschluß, er müsse an Herrn Samuel Weller vorbei, um hinauszukommen. Er nahm also seinen schnellen Schritt wieder auf und starrte gerade vor sich hin, während er weiterging. Das Außerordentlichste an dem Mann war aber, daß er sein Gesicht in die fürchterlichsten und entsetzlichsten Fratzen verzerrte, die man jemals gesehen hat. Noch nie ward ein Gebilde der Natur durch plastische Verstellung in einem Augenblicke so kunstreich maskiert, wie das Gesicht dieses Menschen durch seine Mimik.

»Nun« – sagte Herr Weller zu sich selbst, als der Mann näher kam. »Ich hätte darauf schwören mögen, er sei’s.«

Der Mann kam herbei, und sein Gesicht war noch furchtbarer entstellt, als je.

»Ich könnte einen Eid darauf ablegen, es ist sein schwarzes Haar und sein maulbeerfarbener Anzug«, sagte Herr Weller: »nur habe ich bis jetzt noch nie ein solches Gesicht gesehen.«

Während Herr Weller das sagte, nahmen die Züge des Mannes einen dämonischen, scheußlichen Ausdruck an. Er mußte jedoch ganz nahe an Sam vorüber, und der forschende Blick dieses Herrn erkannte trotz dieser furchtbaren Gesichtsverzerrungen doch etwas, was Herrn Hiob Trotters kleinen Äuglein glich, deutlich genug, um vor einer Verwechselung sicher zu sein.

»Holla, guter Freund«, schrie Sam überlaut.

Der Fremde stand still.

»Holla«, widerholte Sam in noch rauherem Tone.

Der Mann mit dem fürchterlichen Gesicht sah mit der größten Überraschung den Hof hinauf und den Hof hinunter und an den Fenstern der Häuser empor – überall hin, nur nicht auf Sam Weller – und tat dann einen Schritt weiter, als er durch einen dritten Ruf wieder zum Stehen gebracht wurde.

»Holla, mein guter Freund«, – schrie Sam zum drittenmal.

Jetzt gab’s kein Ausweichen mehr; der Fremde mußte endlich Sam Wellern gerade ins Gesicht sehen.

»Es hilft doch nichts – Hiob Trotter«, sagte Sam. »Lassen Sie diese Alfanzereien. Sie sind nicht so außerordentlich schön, daß Sie die paar natürlichen Züge in Ihrem Gesicht wegzuwerfen brauchen. Bringen Sie Ihre Augen nur wieder in gewöhnliche Lage, oder ich schlage sie Ihnen aus dem Kopf heraus. Hören Sie?«

Da Herr Weller durchaus geneigt schien, seine Worte zur Tat werden zu lassen, so gestattete Herr Trotter seinem Gesicht, allmählich seinen ursprünglichen Ausdruck wieder anzunehmen, und rief mit freudigem Erstaunen:

»Was seh‘ ich? Herr Walker!«

»Ach was!« versetzte Sam, »es macht Ihnen Freude, mich zu sehen, – nicht wahr?«

»Freude!« rief Hiob Trotter – »o, Herr Walker, hätten Sie nur gewußt, wie ich mich nach diesem Wiedersehen sehnte. Es ist zu viel, Herr Walker; ich kann es nicht ertragen, nein, ich kann nicht.«

Und mit diesen Worten brach Herr Trotter in einen Strom von Tränen aus, umschlang Herrn Weller mit den Armen und drückte ihn, im Übermaß der Freude, fest ans Herz.

»Gehen Sie«, rief Sam, über dieses Benehmen höchlich entrüstet und vergeblich bemüht, sich der Umarmung seines enthusiastischen Freundes zu entziehen. – »Gehen Sie weg, sag‘ ich Ihnen. Was heulen Sie denn so über mich hinein, Sie Handfeuerspritze?«

»Weil es mir so viel Freude macht. Sie zu sehen«, versetzte Hiob Trotter, Herrn Weller allmählich loslassend, nachdem die ersten Symptome von dessen Kampfbegierde verschwunden waren. »Oh, Herr Walker, das ist zu viel.«

»Zu viel?« wiederholte Sam, »Ich glaube auch, es ist zu viel.«

»Nun, was haben Sie mir denn zu sagen, he?«

Herr Trotter gab keine Antwort, denn sein kleines rosafarbenes Taschentuch hatte vollauf zu tun.

»Was haben Sie mir denn zu sagen, ehe ich Ihnen den Kopf einschlage?« wiederholte Weller in drohendem Tone.

»Wie?« rief Herr Trotter, mit einem Blicke tugendhaften Erstaunens.

»Was haben Sie mir zu sagen?«

»Ich, Herr Walker?«

»Nennen Sie mich nicht Walker. Mein Name ist Weller, Sie wissen das gut genug. Was haben Sie mir zu sagen?«

»Ach Gott, Herr Walker – Weller, meine ich – eine Menge Dinge, wenn Sie mich dahin begleiten wollen, wo wir ungestört miteinander sprechen können. Wenn Sie wüßten, wie sehr mich nach Ihnen verlangt hat, Herr Weller –«

»Mag freilich gewaltig gewesen sein«, bemerkte Sam trocken.

»Außerordentlich, außerordentlich, lieber Herr«, erwiderte Herr Trotter, ohne eine Miene zu verziehen. »Aber geben Sie mir die Hand, Herr Weller.«

Sam betrachtete seinen Kameraden einige Sekunden lang und erfüllte dann, wie durch plötzliche Eingebung dazu getrieben, sein Verlangen.

»Was macht –« fragte Hiob Trotter, als sie miteinander weitergingen – »was macht Ihr lieber, guter Herr? Oh, das ist ein würdiger Mann, Herr Weller. Ich hoffe, er hat sich in jener fürchterlichen Nacht doch keine Erkältung zugezogen?«

Es lag ein vorübergehender Ausdruck tief versteckter Bosheit in Hiob Trotters Auge, als er dies sagte, und ein Schauer durchrieselte Herrn Wellers geballte Faust, der ihm ein heftiges Verlangen einflößte, Herrn Trotters Rippen eine nähere Erklärung darüber abzufordern. Aber Sam bezwang sich und antwortete, seinem Herrn gehe es recht gut.

»O, wie mich das freut«, versetzte Herr Trotter. »Ist er hier?«

»Ist Ihr Herr hier?« fragte Sam dagegen.

»Oh ja, er ist hier, und es schmerzt mich, Herr Weller, Ihnen sagen zu müssen, daß er’s ärger treibt, als je.«

»Wirklich?« sagte Sam.

»Ja: ’s ist zum Erbarmen – schrecklich!«

»In einer Mädchenschule?« fragte Sam.

»Nein, in keiner Mädchenschule,« erwiderte Hiob Trotter, mit demselben boshaften Blick, den Sam vorhin bemerkt hatte – »in keiner Mädchenschule.«

»In dem Hause mit dem grünen Tor?« fragte Sam weiter, seinen Kameraden genau ins Auge fassend.

»Nein – nein – oh, dort nicht«, versetzte Hiob mit einer Eile, die man durchaus nicht an ihm gewohnt war.

»Was taten denn Sie dort?« fragte Sam, ihn scharf ansehend. – »Gingen Sie vielleicht bloß zufälligerweise durch das Tor?«

»Nun, Herr Weller,« erwiderte Hiob, »ich trage keine Bedenken, Ihnen meine kleinen Geheimnisse mitzuteilen, denn Sie wissen, was für eine Neigung wir gleich beim ersten Zusammentreffen für einander faßten. Sie erinnern sich, wie angenehm jener Morgen war?«

»Oh ja,« antwortete Sam ungeduldig; »ich erinnere mich. Nun?«

»Nun,« fuhr Hiob in dem leisen abgemessenen Tone eines Menschen fort, der jemandem ein wichtiges Geheimnis mitteilt, »in jenem Hause mit dem Tore, Herr Weller, ist eine zahlreiche Dienerschaft.«

»Das sieht man ihm an«, fiel Sam ein.

»Nun, und unter dieser Dienerschaft«, sprach Herr Trotter weiter, »befindet sich eine Köchin, die sich eine Kleinigkeit erspart hat, Herr Weller, und die, wenn sie sich häuslich niederlassen kann, einen kleinen Kramladen anzulegen gesonnen ist.«

»So?«

»Ja, Herr Weller. Nun, Freundchen, ich traf sie in einer Kapelle, die ich gewöhnlich besuche – ein sehr hübsches Kapellchen in dieser Stadt, Herr Weller, wo man aus Nummer vier der Sammlung geistlicher Lieder singt, die ich gewöhnlich in einem kleinen Buche bei mir trage. Sie haben es vielleicht in meiner Hand gesehen – und ich wurde mit ihr bekannt, Herr Weller, und daraus entspann sich ein näheres Verhältnis zwischen uns, und ich darf Ihnen sagen, Herr Weller, daß ich Aussicht habe, in dem Laden der Krämer zu werden.«

»Ei, und Sie werden ein sehr liebenswürdiger Krämer werden«, versetzte Sam, einen Seitenblick tiefgewurzelten Widerwillens auf Hiob werfend.

»Der große Vorteil ist der, Herr Weller,« fuhr Hiob fort, während sich seine Augen mit Tränen füllten, »daß ich dann meinen gegenwärtigen, schimpflichen Dienst bei dem gottlosen Mann verlassen und mich einem besseren und tugendhafteren Leben weihen kann – einem Leben, das meiner Erziehung mehr entspricht, Herr Weller.«

»Sie müssen sehr gut erzogen worden sein«, bemerkte Sam.

»O gewiß, Herr Weller, gewiß«, erwiderte Hiob.

Und bei der Erinnerung an die Unschuld seiner jugendlichen Tage zog Herr Trotter das rosafarbene Taschentuch hervor, und weinte reichliche Tränen.

»Sie müssen ein ungemein gutes Kind gewesen sein, als Sie noch in die Schule gingen«, bemerkte Sam.

»Das war ich, Sir«, erwiderte Hiob mit einem schweren Seufzer, »ich war der Abgott der Schule.«

»Ach, das wundert mich nicht«, meinte Sam, »Was muß das für Ihre glückliche Mutter eine Freude gewesen sein!«

Bei diesen Worten drückte Herr Hiob Trotter einen Zipfel des rosafarbenen Taschentuchs in den Winkel eines jeden seiner beiden Augen und fing bitterlich zu weinen an.

»Was ist’s doch eigentlich mit diesem Menschen?« sagte Sam unwillig. »Die Wasserwerke von Chelsea sind nichts gegen Sie: was zerfließen Sie schon wieder in Tränen – macht’s etwa das Bewußtsein Ihrer Schurkerei?«

»Ich kann meine Gefühle nicht unterdrücken, Herr Weller«, antwortete Hiob nach einer kurzen Pause. »Wer hatte sich auch träumen lassen, daß mein Herr das Gespräch argwöhnte, das ich mit dem Ihrigen hatte, und daß er mich in einer Postkutsche wegbringen lassen würde, nachdem er zuvor die sanfte junge Dame und die Vorsteherin der Schule zu der Aussage überredet hatte, sie wüßten nichts von ihm. Ach, es schaudert mich, Herr Weller, wenn ich daran denke, daß er die Arme nur verließ, um einer besseren Spekulation nachzugehen.«

»Also so verhielt sich die Sache – wirklich?« fragte Herr Weller.

»Sie dürfen mir aufs Wort glauben«, erwiderte Hiob.

»Gut«, sagte Sam, als sie jetzt am Gasthofe angekommen waren; »ich möchte gern ein wenig mit Ihnen plaudern, Hiob. Wenn Sie sonst nicht versagt sind, würde es mich freuen, Sie so gegen acht Uhr im großen weißen Rosse zu sehen.«

»Ich werde mich mit Vergnügen einfinden«, sagte Hiob.

»Sie werden wohl daran tun«, erwiderte Sam mit einem vielsagenden Blick, »oder ich suche Sie sonst vielleicht hinter dem grünen Tore auf, und dann wäre es möglich, daß ich Sie ausstäche.«

»Ich werde mich gewiß einstellen,« bemerkte Herr Trotter, drückte Herrn Weller mit dem größten Eifer die Hand und entfernte sich.

»Nimm dich in acht, Hiob Trotter«, sagte Sam, ihm nachsehend; »nimm dich in acht, oder du dürftest diesmal den Kürzeren ziehen; denn gewiß, ich lasse mich nicht zum zweitenmal hinters Licht führen.«

Nachdem Herr Weller diesen Monolog gehalten und Hiob so lange mit seinen Blicken verfolgt hatte, bis dieser verschwunden war, machte er sich auf den Weg nach seines Herrn Schlafzimmer.

»Es ist alles im Zug, Sir«, sagte Sam.

»Was ist im Zug, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Ich habe sie ausfindig gemacht, Sir«, antwortete Sam.

»Ausfindig gemacht? Wen?«

»Den sauberen Spitzbuben und den melancholischen Kerl mit dem schwarzen Haar.«

»Unmöglich, Sam!« rief Herr Pickwick heftig aus. »Wo sind sie, Sam – wo sind sie?«

»Pst – pst«, erwiderte Herr Weller und setzte Herrn Pickwick, während er ihm beim Ankleiden half, den Operationsplan auseinander, den er entworfen hatte.

»Aber wann soll dieses geschehen, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Alles zu rechter Zeit, Sir«, erwiderte Sam.

Ob es übrigens zu rechter Zeit geschah oder nicht, werden wir später sehen.

 

Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Worin Herr Peter Magnus eifersüchtig wird und die Dame von mittlerem Alter einen Verdacht schöpft, der die Pickwickier dem Arme der Gerechtigkeit überliefert.

Als Herr Pickwick in das Zimmer trat, worin er mit Herrn Peter Magnus den vorhergehenden Abend verbracht, hatte sich dieser bereits mit dem größten Teil des Inhalts der beiden Reisesäcke, des ledernen Hutfutterals und des Löschpapierpakets so vorteilhaft wie möglich herausgeputzt, und ging im Zustande der höchsten Aufregung und Gemütsbewegung im Zimmer auf und nieder.

»Guten Morgen, Sir«, begann Herr Peter Magnus. »Was sagen Sie zu mir?«

»Das muß einen großen Effekt machen – in der Tat«, erwiderte Herr Pickwick, den Anzug des Herrn Magnus mit gutmütigem Lächeln betrachtend.

»Ja, ich glaube es selbst«, sagte Herr Magnus. »Herr Pickwick, ich habe meine Visitenkarte hinaufgeschickt.«

»Was Sie da sagen!« entgegnete Herr Pickwick.

»Ja: und sie ließ mir durch den Kellner sagen, sie erwarte mich um elf Uhr – um elf Uhr, Sir: es fehlt nur noch eine Viertelstunde.«

»Eine kurze Zeit«, bemerkte Herr Pickwick.

»Ja, sie ist ziemlich kurz«, erwiderte Herr Magnus, »etwas zu kurz, um sich wohl dabei zu fühlen – meinen Sie nicht, Herr Pickwick?«

»Selbstvertrauen tut in solchen Fällen sehr viel«, bemerkte Herr Pickwick.

»Ich glaube das auch, Sir«, sagte Herr Peter Magnus. »Ich habe übrigens großes Selbstvertrauen, Sir. Und in der Tat, Herr Pickwick, ich sehe nicht ein, warum ein Mann in einem Fall, wie diesem, sich fürchten sollte. Es ist ja nichts, dessen man sich zu schämen braucht. Es ist eine Sache gegenseitiger Übereinkunft, weiter nichts. Der Gatte auf der eine Seite, die Gattin auf der andern. Das ist meine Ansicht von der Sache, Herr Pickwick.«

»Sie ist sehr philosophisch«, versetzte Herr Pickwick. »Aber das Frühstück wartet, Herr Magnus: kommen Sie.«

Sie setzten sich zum Frühstück, aber trotz der Prahlerei des Herrn Peter Magnus konnte man nicht verkennen, daß sein Nervensystem in hohem Grade angegriffen war, wovon Mangel an Appetit, eine Neigung, das Teegeschirr umzustoßen, ein vergebliches Bemühen, lustig zu sein und ein unwiderstehlicher Hang, alle Augenblicke auf die Uhr zu sehen, die hauptsächlichsten Symptome waren.

»Hihihi«, kicherte Herr Magnus mit erkünstelter Heiterkeit, indem er vor innerer Bewegung keuchte. »Es sind nur noch zwei Minuten, Herr Pickwick. Sehe ich blaß aus, Sir?«

»Nicht sehr«, erwiderte Herr Pickwick.

Es trat eine kurze Pause ein.

»Verzeihung, Herr Pickwick, waren Sie je in Ihrem Leben in einer solchen Lage?«

»Sie meinen in der Lage eines Freiers?« fragte Herr Pickwick.

»Ja.«

»Noch nie«, erwiderte Herr Pickwick mit großem Nachdruck. »Noch nie.«

»Sie wissen also nicht, wie man sich dabei zu benehmen hat?« fragte Herr Magnus.

»Nun, ich habe auch schon meine Gedanken darüber gehabt«, antwortete Herr Pickwick; »aber da ich sie noch nie auf dem Prüfstein der Erfahrung erprobt habe, möchte ich Ihnen nicht raten, Ihr Benehmen danach einzurichten.«

»Ich wäre Ihnen aber für jede Andeutung sehr verbunden, Sir«, sagte Herr Magnus, mit einem Blick auf die Uhr, deren Zeiger bereits auf fünf Minuten nach elf wies.

»Wohlan, Sir«, begann Herr Pickwick, mit dem feierlichen Tone, womit der große Mann, wenn er wollte, seinen Bemerkungen einen ungemeinen Nachdruck verleihen konnte –, »ich würde zuerst der Schönheit und den vortrefflichen Eigenschaften der Dame meine Huldigung zollen und dann auf meine eigene Unwürdigkeit übergehen.«

»Ganz gut«, bemerkte Magnus.

»Verstehen Sie mich recht – Unwürdigkeit nur ihr gegenüber«, fuhr Herr Pickwick fort: »denn um zu zeigen, daß ich nicht im allgemeinen unwürdig sei, würde ich kurz mein früheres Leben und meine gegenwärtige Stellung schildern. Daraus würde ich nach dem Gesetze der Analogie folgern, daß ich für jede andere Person ein höchst wünschenswerter Gegenstand sein müßte: dann würde ich mich über die Glut meiner Liebe und die Tiefe meines Gefühls verbreiten und mich vielleicht auch versucht finden, ihre Hand zu fassen.«

»Ja, ich begreife«, bemerkte Herr Magnus; »das wäre ein höchst wichtiger Punkt.«

»Dann, Sir, würde ich«, fuhr Herr Pickwick fort, indem er immer wärmer wurde, je glühender die Farben waren, in denen sich ihm der Gegenstand darstellte – »dann würde ich ihr die offene und einfache Frage vorlegen: ›Wollen Sie mich?‹ und ich glaube zu der Annahme berechtigt zu sein, daß sie daraufhin ihr Gesicht abwenden würde.«

»Glauben Sie, das sicher annehmen zu dürfen?« fragte Herr Magnus: »denn täte sie das nicht zu rechter Zeit, so käme ich in Verlegenheit.«

»Ich glaube, daß sie es tun wird«, meinte Herr Pickwick. »Dann, Sir, würde ich ihre Hand drücken, und ich glaube – ich glaube, Herr Magnus – wenn ich das einmal getan hätte, würde ich, vorausgesetzt, sie hätte sich das gefallen lassen, sachte das Taschentuch, das sie in diesem Augenblicke, wie mich meine geringe Kenntnis der menschlichen Natur vermuten läßt, vor die Augen halten dürfte, wegziehen und ihr mit aller Achtung einen Kuß rauben. Ich glaube, ich würde sie küssen, Herr Magnus. Was aber diesen speziellen Punkt betrifft, so bin ich entschieden der Meinung, die Dame würde mir sodann, wenn sie mich überhaupt wollte, ein verschämtes ›Ja‘ in die Ohren flüstern.«

Herr Magnus schauderte zusammen, blickte in Herrn Pickwicks geistvolles Gesicht, schüttelte ihm nach einer kurzen Pause (der Zeiger wies auf zehn Minuten nach elf) mit Wärme die Hand, und rannte wie ein Verzweifelter aus dem Zimmer.

Herr Pickwick war einige Schritte gegangen, und der große Zeiger der Uhr war, auch wie Pickwick weitergehend, auf Halb angelangt, als sich plötzlich die Tür öffnete. Er wandte sich um und wollte eben Herrn Peter Magnus begrüßen, erblickte aber statt seiner das fröhliche Antlitz des Herrn Tupman, das heitere Gesicht des Herrn Winkle und die geistvollen Züge des Herrn Snodgraß.

Während sie Herr Pickwick bewillkommte, trippelte Herr Peter Magnus ins Zimmer.

»Meine Freunde – der Herr, von dem ich sprach, Herr Magnus«, sagte Herr Pickwick.

»Ihr Diener, meine Herren«, sprach Herr Magnus, offenbar in großer Aufregung: »Herr Pickwick, erlauben Sie mir, einen Augenblick mit Ihnen zu sprechen.«

Bei diesen Worten steckte Herr Magnus seinen Zeigefinger in Herrn Pickwicks Knopfloch und sagte, ihn in eine Fenstervertiefung ziehend:

»Wünschen Sie mir Glück, Herr Pickwick, ich befolgte ihren Rat buchstäblich.«

»Und es lief alles gut ab, nicht wahr?« fragte Herr Pickwick.

»Ganz gut, Sir – hätte nicht besser gehen können«, erwiderte Herr Magnus, »sie ist mein.«

»Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück«, versetzte Herr Pickwick, seinem neuen Freunde mit Wärme die Hand schüttelnd.

»Sie müssen sie sehen, Sir«, sagte Herr Magnus; »kommen Sie bitte. – Sie entschuldigen einen Augenblick, meine Herren.«

Und Herr Magnus zog Herrn Pickwick aus dem Zimmer und ging eilends mit ihm fort. Er blieb an der nächsten Türe im Gang stehen und pochte leise an.

»Herein!« rief eine weibliche Stimme.

Und sie gingen hinein.

»Fräulein Witherfield«, sagte Herr Magnus, »erlauben Sie mir, Ihnen meinen vertrauten Freund, Herrn Pickwick, vorzustellen. – Herr Pickwick, ich wünschte, daß Sie Fräulein Witherfield kennenlernten.«

Die Dame stand am oberen Ende des Zimmers; Herr Pickwick verbeugte sich, nahm die Brille aus seiner Westentasche und setzte sie auf. Diese Handlung war nicht sobald vorüber, als er mit einem Ausbruch der Überraschung einige Schritte zurückwich, und die Dame mit einem halbunterdrückten Schrei die Hände vors Gesicht hielt und auf einen Stuhl sank, worüber Herr Peter Magnus fassungslos wurde und mit dem Ausdruck der höchsten Bestürzung bald die eine, bald die andere Person anstarrte.

Solch Benehmen war doch wahrhaft unbegreiflich. Aber die Sache war die: Herr Pickwick hatte nicht sobald seine Brille aufgesetzt, als er in der künftigen Frau Magnus die Dame erkannte, in deren Zimmer er in der vorhergehenden Nacht auf eine so unverantwortliche Weise eingedrungen war; und die Brille saß nicht sobald auf Herrn Pickwicks Nase, als die Dame plötzlich das Gesicht erkannte, das sie mit allen Schrecknissen einer Nachtmütze umgeben gesehen hatte.

Die Dame schrie, und Herr Pickwick starrte sie an.

»Herr Pickwick«, rief Herr Magnus ganz bestürzt, »was soll das heißen, Sir? – Was soll das heißen?« fügte er in einem noch lauteren, drohenden Tone hinzu.

»Sir«, sagte Herr Pickwick, über die Art und Weise etwas unwillig, womit ihn Herr Peter Magnus so plötzlich angefahren hatte. »Ich muß die Beantwortung dieser Frage ablehnen.«

»Sie lehnen sie ab, Sir?« fragte Magnus.

»Ja, das tue ich, Sir«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich werde nichts sagen, was die Dame kompromittieren oder unangenehme Erinnerungen in ihrer Brust erwecken könnte, ohne ihre Erlaubnis und Zustimmung.«

»Fräulein Witherfield«, sagte Herr Peter Magnus, »kennen Sie diese Person?«

»Ob ich sie kenne?« erwiderte die Dame von mittlerem Alter zögernd.

»Ja, ob Sie ihn kennen, Madame; ich fragte, ob Sie ihn kennen?« fragte Herr Magnus wild.

»Ich habe ihn schon gesehen«, versetzte die Dame von mittlerem Alter.

»Wo?« rief Herr Magnus, »wo?«

»Das würde ich um alles in der Welt nicht offenbaren«, erwiderte die Dame von mittlerem Alter, von ihrem Sitze aufstehend und ihr Gesicht abwendend.

»Ich verstehe Sie, Madame«, sagte Herr Pickwick. »Ich achte Ihr Zartgefühl; auch durch mich soll es nicht offenbar werden, verlassen Sie sich darauf.«

»Auf mein Wort, Madame«, bemerkte Herr Magnus, »in Anbetracht des Verhältnisses, in dem ich zu Ihnen stehe, behandeln Sie diese Sache ziemlich gleichgültig – ziemlich gleichgültig, Madame.«

»Grausamer Herr Magnus«, entgegnete die Dame von mittlerem Alter, und vergoß reichliche Tränen.

»Richten Sie Ihre Vorwürfe an mich, Sir«, fiel Herr Pickwick ein; »ich allein bin zu tadeln, wenn irgend jemand zu tadeln ist.«

»Ah, Sie allein sind zu tadeln, Sir?« sagte Herr Magnus. »Ich – ich – durchschaue das, Sir. Sie bereuen jetzt Ihren Entschluß – nicht wahr?«

»Meinen Entschluß?« bemerkte Herr Pickwick.

»Ihren Entschluß, Sir. Starren Sie mich nur nicht so an, Sir«, sagte Herr Magnus: »ich erinnere mich noch recht wohl Ihrer Worte von gestern abend. Sie kamen hierher, Sir, die Treulosigkeit und Falschheit einer Person zu entlarven, auf deren Ehre und Treue Sie alles gebaut hatten – nicht wahr?«

Hier verzog Herr Peter Magnus sein Gesicht in spöttisches Lächeln, und seine grüne Brille abnehmend – die er wahrscheinlich bei seinem Anfall von Eifersucht für überflüssig hielt – rollte er seine kleinen Äuglein auf eine wirklich schauderhafte Weise.

»Nicht wahr?« fragte Herr Magnus und wiederholte sein Lächeln mit größerem Effekt. »Doch, Sie sollen mir antworten, Sir.«

»Antworten? auf was?« fragte Herr Pickwick.

»Schon gut, Sir«, versetzte Herr Magnus, im Zimmer auf und ab schreitend – »schon gut.«

Es muß etwas Umfassendes in dem Ausdruck »schon gut!« liegen, denn wir erinnern uns nicht, irgendeinen Wortwechsel auf der Straße, im Theater, im Wirtshaus oder sonstwo erlebt zu haben, wo dies nicht die stehende Erwiderung auf alle herausfordernden Fragen gewesen wäre, »Und Sie nennen sich einen Gentleman, Sir?« – »Schon gut, Sir!« – »Habe ich mir eine Äußerung gegen dieses junge Frauenzimmer erlaubt, Sir?« – »Schon gut, Sir!« – »Soll ich Ihnen den Kopf gegen die Wand stoßen, Sir?« – »Schon gut, Sir!« – Es muß auch in diesem allgemein angenommenen Ausdruck »schon gut« ein versteckter Spott liegen, der in dem Busen dessen, an den er gerichtet ist, größeren Unwillen erwecken muß, als die beredtesten Schimpfwörter hervorrufen können.

Wir behaupten damit keineswegs, daß die Anwendung dieser lakonischen Redeweise in Herrn Pickwicks Seele genau den Unwillen erregte, den er in einer gewöhnlichen Brust hervorgerufen haben würde. Wir erinnern nur daran, daß Herr Pickwick die Tür öffnete und hastig rief:

»Tupman, kommen Sie herein!«

Herr Tupman erschien augenblicklich mit dem Blicke des höchsten Erstaunens.

»Tupman«, sagte Herr Pickwick, »ein Geheimnis von etwas zarter Natur, das diese Dame berührt, ist die Ursache eines Streites, der sich zwischen diesem Herrn und mir erhoben hat. Ich versichere ihm in Ihrer Gegenwart, daß dies Geheimnis aber ganz und gar nichts mit seinen Angelegenheiten zu tun hat. Zugleich bitte ich Sie dringend, ihm klarzumachen, daß er bei Fortsetzung des Streites und bei weiterem Zweifel an meine Wahrhaftigkeit mich aufs höchste beleidigt.«

Während Herr Pickwick das sagte, sah er Herrn Peter Magnus mit einem Blick an, der mehr sagte als ganze Bände.

Herrn Pickwicks offenes, ehrenhaftes Benehmen, verbunden mit jener Kraft und Energie der Sprache, die ihn so sehr auszeichnete, würden einen vernünftigen Menschen beruhigt haben, aber unglücklicherweise war gerade in diesem Augenblick der Geist des Herrn Peter Magnus in einer Verfassung, auf die sich das Eigenschaftswort »vernünftig« nicht recht anwenden ließ. Anstatt also Herrn Pickwicks Erklärung aufzunehmen, wie er sie hätte aufnehmen sollen, fuhr er fort, sich in eine glühende, verzehrende Leidenschaft zu versetzen, und von dem, was er seinen Gefühlen schuldig sei, und andern dergleichen Dingen zu sprechen, wobei er seiner Deklamation dadurch Nachdruck gab, daß er in schnellen Schritten auf und nieder ging, sich durch die Haare fuhr und gelegentlich Herrn Pickwicks menschenfreundlichem Gesicht die Faust unter die Nase hielt.

Herr Pickwick hatte im Bewußtsein seiner Unschuld und Redlichkeit und in dem aufregenden Gefühle, die Dame von mittlerem Alter unglücklicherweise in eine so unangenehme Lage versetzt zu haben, nicht die ruhige Fassung, die man an ihm gewohnt war. Die Folge davon war, daß die Worte hitzig und die Stimmen heftiger wurden, und Herr Magnus endlich Herrn Pickwick bemerkte, »er werde von ihm hören«, worauf Herr Pickwick mit lobenswerter Höflichkeit erwiderte: »je früher er von ihm hören würde, desto lieber wäre es ihm.« Voll Schrecken stürzte die Dame von mittlerem Alter aus dem Zimmer, und Herr Tupman zog Herrn Pickwick mit sich fort, Herrn Peter Magnus sich und seinen Gedanken überlassend.

Hätte die Dame von mittlerem Alter viel mit der großen Welt zu tun gehabt, oder überhaupt die Art und Weise derer gekannt, die Gesetze machen und Gebräuche feststellen, so würde sie gewußt haben, daß solche stürmische Auftritte zu den harmlosesten Dingen von der Welt gehören. Aber da sie die größte Zeit über auf dem Lande gelebt und noch nie Parlamentsverhandlungen gelesen hatte, so war sie in diesen besonderen Verfeinerungen des zivilisierten Lebens wenig bewandert. Als sie ihr Zimmer erreicht und sich eingeschlossen hatte, drangen sich beim Nachdenken über die Szene, von der sie soeben Zeuge gewesen, ihrer Phantasie die fürchterlichsten Bilder von Blutvergießen und Mord auf, unter denen ein Bildnis des Herrn Peter Magnus in Lebensgröße, von vier Mann nach Hause getragen und mit einem ganzen Faß voll Kugeln in seiner linken Seite geschmückt, eines der allerkleinsten war. Je mehr die Dame von mittlerem Alter nachdachte, desto mehr erschrak sie, und endlich beschloß sie, sich in das Haus des ersten Beamten der Stadt zu begeben und ihn zu ersuchen, die Personen des Herrn Pickwick und des Herrn Tupman unverzüglich in Sicherheit zu bringen.

Zu diesem Entschluß wurde die Dame von mittlerem Alter durch verschiedene Betrachtungen bestimmt, von denen der unwiderlegliche Beweis, den sie dadurch von ihrer Ergebenheit gegen Herrn Peter Magnus lieferte, und ihre Besorgnis für sein Leben, die hauptsächlichsten waren. Sie war mit seinem eifersüchtigen Temperament zu wohl bekannt, um auch nur die leiseste Anspielung auf den eigentlichen Grund ihrer Aufregung beim Anblicke des Herrn Pickwick zu wagen, und setzte so viel Vertrauen auf ihren Einfluß und ihre Überredungsgabe, daß sie sich mit der Hoffnung schmeichelte, seine stürmische Eifersucht beruhigen zu können, wenn Herr Pickwick entfernt wäre und kein neuer Streit entstehen könnte. Von diesem Gedanken erfüllt, hüllte sich die Dame von mittlerem Alter in Haube und Schal und begab sich geraden Weges nach der Wohnung des Bürgermeisters.

Nun war George Nupkins, Esquire, der besagte erste Beamte, eine so bedeutende Person, wie der schnellste Läufer am einundzwanzigsten Juni, der nach Angabe des Kalenders der längste Tag im ganzen Jahr ist und also die größte Zeit zum Suchen gestattet, nur eine zwischen Sonnenauf- und -niedergang finden könnte. Gerade an diesem Morgen war Herr Nupkins in einem Zustande besonderer Aufregung, denn es hatte eine Revolution in der Stadt gegeben. Sämtliche Schüler der größten Schule hatten sich verschworen, einem Obsthändler, der ihnen ein Dorn im Auge war, die Fenster einzuwerfen, den Büttel ausgespottet und den Polizeimeister, einen ältlichen Mann in Stulpenstiefeln, der beordert war, den Aufruhr zu unterdrücken, und der wenigstens schon ein halbes Jahrhundert lang den Frieden der Stadt in seiner Obhut gehabt hatte – mit Kot beworfen. Und Herr Nupkins saß in seinem Sorgenstuhle, runzelte majestätisch die Stirne und kochte vor Wut, als eine Dame gemeldet wurde, die ihn in einer besonderen und dringenden Privatangelegenheit zu sprechen wünsche. Herr Nupkins nahm einen ruhig-furchtbaren Blick an und befahl, die Dame hereinzuführen, ein Befehl, dem wie allen Verordnungen von Kaisern, Königen und andern großen Mächten der Erde Folge geleistet wurde, und Fräulein Witherfield ward also im Zustande reizender Aufregung hereingeführt.

»Muzzle!« rief der Beamte.

Muzzle war ein Diener von untersetzter Statur, mit einem langen Leib und kurzen Beinen.

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

»Bring einen Stuhl und verlaß das Zimmer!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

»Nun, Madame, wollen Sie mir Ihre Angelegenheit mitteilen?« sagte der Beamte.

»Sie ist sehr schmerzlicher Art, Sir«, bemerkte Fräulein Witherfield.

»Wohl möglich, Madame«, versetzte der Beamte. »Beruhigen Sie sich, Madame.«

Herr Nupkins nahm einen wohlwollenden Blick an.

»Und dann sagen Sie mir, Madame, was für eine gesetzliche Angelegenheit Sie zu mir führt.« Hier triumphierte der Beamte über den Menschen, und sein Blick wurde wieder streng.

»Es ist sehr betrübend für mich, Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen«, sagte Fräulein Witherfield, »aber ich fürchte, es soll hier einen Zweikampf geben.«

»Hier, Madame?« rief der Beamte. »Wo, Madame?«

»In Ipswich.«

»In Ipswich, Madame? – Einen Zweikampf in Ipswich?« sagte der Beamte, bei dem bloßen Gedanken daran ganz außer sich vor Schrecken. »Unmöglich, Madame, so etwas kann in dieser Stadt nicht beabsichtigt werden, davon bin ich überzeugt. – Beim Himmel, Madame, wissen Sie nichts von der Tätigkeit unserer städtischen Polizei? Haben Sie nie davon gehört, Madame, daß ich am 4. Mai dieses Jahres, nur von sechzig Sicherheitspolizisten begleitet, in einen Wettkampfkreis eindrang, und auf die Gefahr hin, der wilden Leidenschaft eines wütenden Pöbels zum Opfer zu fallen, einen Boxkampf zwischen Dumpling von Middlesex und Bantam von Suffolk verhinderte? – Ein Duell in Ipswich, Madame! Ich glaube es nicht – ich glaube es nicht«, fuhr der Beamte, mit sich selbst redend, fort, »daß zwei Menschen die Kühnheit haben sollten, einen solchen Friedensbruch in dieser Stadt zu beabsichtigen.«

»Meine Angabe ist leider nur zu richtig«, sagte die Dame von mittlerem Alter. »Ich war beim Streit gegenwärtig.«

»Es ist ein ganz außerordentlicher Fall«, bemerkte der erstaunte Beamte. »Muzzle!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

»Rufe sogleich Herrn Jinks – augenblicklich.«

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

Muzzle entfernte sich, und ein blasser, spitznasiger, halbverhungerter, schäbig gekleideter Schreiber von mittlerem Alter trat ins Zimmer.

»Herr Jinks«, rief der Beamte – »Herr Jinks!«

»Sir«, erwiderte Herr Jinks.

»Diese Dame, Herr Jinks, spricht von einem Duell, das in dieser Stadt beabsichtigt sein soll.«

Herr Jinks, der nicht bestimmt wußte, wie er sich benehmen sollte, lächelte mit der Miene des Untergebenen.

»Was lachen Sie darüber, Herr Jinks?« fragte der Beamte.

Herr Jinks nahm augenblicklich eine ernste Miene an.

»Herr Jinks«, sagte der Beamte, »Sie sind ein Narr.«

Herr Jinks blickte demütig zu dem großen Manne empor und nagte an seiner Feder.

»Sie können etwas Komisches in dieser Angabe finden, Sir, aber ich muß Ihnen sagen, Herr Jinks, daß Sie sehr wenig Grund haben, darüber zu lachen,« sagte der Beamte.

Der halbverhungerte Jinks seufzte, als wäre er sich vollkommen bewußt, daß er sehr wenig Grund habe, zu lachen: und nachdem er den Befehl erhalten hatte, die Aussage der Dame zu Protokoll zu nehmen, setzte er sich und schrieb sie nieder.

»Dieser Pickwick ist also die Hauptveranlassung, wie ich höre?« fragte der Beamte, als das Protokoll geschlossen war.

»Ja«, erwiderte die Dame von mittlerem Alter.

»Und der andere Aufrührer – wie ist sein Name, Herr Jinks?«

»Tupman, Sir.«

»Tupman ist der zweite?«

»Ja, Sir.«

»Die andere Hauptperson, sagen Sie, ist verschwunden, Madame?«

»Ja«, erwiderte Fräulein Witherfield mit einem kurzen Hüsteln.

»Ganz gut«, sagte der Beamte. »Das sind zwei Gurgelabschneider von London, die hierher gekommen sind, um Seiner Majestät Untertanen zu töten, weil sie denken, in dieser Entfernung von der Hauptstadt sei der Arm des Gesetzes schwach und gichtbrüchig. Ich will ein Erempel an ihnen statuieren. Setzen Sie die Verhaftbefehle auf, Herr Jinks. – Muzzle!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden.«

»Ist Grummer unten?«

»Ja, Euer Gnaden.«

»Schick‘ ihn herauf.«

Der gehorsame Muzzle ging und kehrte bald mit dem Herrn in den Stulpenstiefeln zurück, der sich hauptsächlich durch eine Kupfernase, eine heisere Stimme, einen schnupftabakfarbenen Überrock und einen unsteten Blick auszeichnete.

»Grummer!« rief der Beamte.

»Euer Gnaden?«

»Ist die Stadt jetzt ruhig?«

»Ziemlich, Euer Gnaden«, erwiderte Grummer. »Die Gemüter sind etwas beruhigt, weil die Knaben zum Kricketspiel sind.«

»Nur energische Maßregeln dringen in diesen Zeiten durch, Grummer«, sagte der Beamte in entschiedenem Ton. »Wenn das Ansehen der königlichen Beamten für nichts geachtet wird, so müssen wir die Aufruhrakte verlesen lassen. Wenn die Zivilbehörde die Fenster nicht schützen kann, so muß die militärische Macht die Zivilbehörde und die Fenster schützen. Ich glaube, das ist ein Grundsatz der Verfassung, Herr Jinks?«

»Gewiß, Sir«, versetzte Jinks.

»Ganz recht«, sagte der Beamte, die Verhaftbefehle unterzeichnend. »Grummer, Sie werden mir heute Nachmittag diese Personen vorführen. Sie finden sie im großen weißen Roß. Sie erinnern sich des Falls Dumpling von Middlesex und Bantam von Suffolk, Grummer?«

Herr Grummer deutete durch Kopfnicken an, daß er ihn nicht vergessen werde – was auch wirklich nicht leicht geschehen konnte, da er täglich daran erinnert wurde.

»Dies ist noch verfassungswidriger«, sagte der Beamte: »dies ist ein noch größerer Friedensbruch, ein noch größerer Eingriff in Seiner Majestät Vorrechte. Ich glaube, das Duell ist eines der unbestrittensten Vorrechte Seiner Majestät, Herr Jinks?«

»In der Magna Carta ausdrücklich stipuliert, Sir«, antwortete Herr Jinks.«

»Einer von den glänzendsten Juwelen in der britischen Krone, von Seiner Majestät durch die politische Union den Baronen aus den Händen gewunden, glaube ich, Herr Jinks?« sagte der Beamte.

»So ist es«, versetzte Herr Jinks.

»Ganz recht«, bemerkte der Beamte, sich stolz aufrichtend: »es soll in diesem Landesteile von Seiner Majestät Besitzungen nichtverletzt werden. Grummer, verschaffen Sie sich Beistand und vollziehen Sie diese Verhaftbefehle so bald wie möglich. – Muzzle!«

»Hier, Euer Gnaden.«

»Begleiten Sie diese Dame.«

Fräulein Witherfield zog sich zurück, mit hoher Bewunderung über die Gelehrsamkeit und den Scharfsinn des Beamten erfüllt. Herr Nupkins zog sich zum Essen zurück. Herr Jinks zog sich in sich selbst zurück, und das war, mit Ausnahme des Ruhebettes in seinem kleinen Stübchen, das bei Tag von der Familie seiner Hauswirtin bewohnt wurde, der einzige Rückzug, der ihm gestattet war. Schließlich zog sich auch Herr Grummer zurück, um durch Vollziehung des ihm gewordenen Auftrags die Schmach abzuwaschen, die ihm und dem andern Repräsentanten Seiner Majestät – dem Büttel – im Laufe des Vormittags angetan war.

Während diese bestimmten und entschlossenen Vorbereitungen zur Erhaltung des Friedens Seiner Majestät getroffen wurden, hatten sich Herr Pickwick und seine Freunde, die großen Ereignisse, die im Werden waren, nicht von ferne ahnend, ruhig zur Tafel gesetzt und waren alle sehr gesprächig und in bester Unterhaltung begriffen. Herr Pickwick erzählte eben zum großen Ergötzen seiner Freunde, besonders des Herrn Tupman, sein nächtliches Abenteuer, als sich die Tür öffnete und ein etwas abschreckendes Gesicht in das Zimmer spähte. Die Augen dieses Gesichts ruhten einige Sekunden forschend auf Herrn Pickwick und waren allem Anschein nach mit dem Ergebnis ihrer Untersuchung zufrieden; denn der Leib, zu dem das abschreckende Gesicht gehörte, schob sich langsam ins Zimmer und zeigte die Gestalt einet ältlichen Person in Stulpenstiefeln: kurz, um den Leser nicht länger in Unwissenheit zu lassen, die Augen waren die unsteten Augen des Herrn Grummer, und der Leib war das Eigentum des gleichen Herrn.

Herrn Grummers Verfahren war seinem Berufe angemessen, aber eigentümlich. Seine erste Handlung war Verriegelung der Tür. Seine zweite sorgfältige Abtrocknung seines Kopfes und Gesichts mit einem baumwollenen Taschentuch, seine dritte die, daß er seinen Hut mit dem baumwollenen Taschentuche darin auf einen Stuhl stellte, und die vierte, daß er einen kurzen, mit einer messingenen Krone versehenen Stab mit gravitätischer und geisterhafter Miene gegen Herrn Pickwick schwang.

Herr Snodgraß war der erste, der das Schweigen der Überraschung brach. Er sah Herrn Grummer einige Minuten lang fest an und deutete ihm dann mit Nachdruck:

»Das ist ein Privatzimmer, Sir – ein Privatzimmer.«

Herr Grummer schüttelte den Kopf und erwiderte:

»Es gibt kein Privatzimmer vor Seiner Majestät, wenn einmal die Hausschwelle überschritten ist. Das ist Gesetz. Viele Leute behaupten, eines Engländers Haus sei seine Burg. Das ist aber Larifari.«

Die Pickwickier starrten einander mit verwunderten Augen an.

»Wer ist Herr Tupman«, fragte Herr Grummer. Herrn Pickwick hatte er nämlich vermöge seiner Auffassungsgabe sogleich erkannt.

»Ich heiße Tupman«, sagte der Betreffende.

»Und ich heiße Gesetz«, erwiderte Herr Grummer

»Wie?« fragte Herr Tupman.

»Gesetz«, wiederholte Herr Grummer, »Gesetz, Zivil- und Exekutivgewalt, das sind meine Titel; und hier ist meine Vollmacht, lautend auf Tupman und Pickwick – wegen Friedensbruch gegen unsern regierenden Herrn, den König – auf diesen besondern Fall ausgestellt – und alles regulär. – Ich verhafte Euch, Pickwick; Tupman – die Besagten.«

»Was wollen Sie mit dieser Unverschämtheit?« fragte Herr Tupman aufspringend. »Verlassen Sie das Zimmer – verlassen Sie das Zimmer.«

»Holla«, rief Herr Grummer, sich eiligst an die Tür machend und sie einen oder zwei Zoll öffnend: »Dubbley!«

»Gut«, antwortete eine Baßstimme aus dem Gang.

»Kommt herein, Dubbley«, rief Herr Grummer.

Auf dieses Kommandowort schob sich ein sechs Fuß hoher und verhältnismäßig dicker Mann mit einem schmutzigen, roten Gesicht durch die halbgeöffnete Tür ins Zimmer, wobei er besagtem Gesicht den Vortritt ließ und die übrigen Körperteile nachzog.

»Sind die andern Gerichtsdiener draußen, Dubbley?« fragte Herr Grummer.

Herr Dubbley, der seine Worte sparte, nickte bejahend.

»So ruft die Abteilung herein, Dubbley«, sagte Herr Grummer.

Herr Dubbley tat, wie ihm befohlen, und ein halbes Dutzend Männer, jeder mit kurzem Stabe und messingener Krone, stellten sich im Zimmer auf. Herr Grummer steckte seinen Stab in die Tasche und sah auf Herrn Dubbley. Herr Dubbley steckte seinen Stab in die Tasche und sah auf seine Abteilung! und die Abteilung steckte ihre Stäbe in die Tasche und sah auf die Herren Tupman und Pickwick.

Herr Pickwick und seine Schüler erhoben sich wie ein Mann.

»Was soll dieses stürmische Eindringen in ein Privatzimmer?« fragte Herr Pickwick.

»Wer wagt es, mich zu verhaften?« rief Herr Tupman.

»Was habt ihr hier zu suchen, ihr Schufte?« sagte Herr Snodgraß.

Herr Winkle sagte nichts, sondern heftete nur seine Augen auf Grummer und schleuderte ihm einen Blick zu, der, hätte dieser nur einiges Gefühl gehabt, seinen Hirnschädel durchbrochen und auf der andern Seite wieder herausgekommen wäre. Aber so äußerte er durchaus keine sichtbare Wirkung.

Als die Exekutivgewalt bemerkte, daß Herr Pickwick und seine Freunde geneigt waren, sich dem Ansehen des Gesetzes zu widersetzen, stülpte sie sehr bedeutungsvoll ihre Rockärmel hinauf, als ob es in ihrem Berufe läge und sich gleichsam von selbst verstände, daß sie die Herren vorerst zu Boden schlagen und dann mitnehmen müßte. Diese Demonstration verfehlte ihre Wirkung auf Herrn Pickwick nicht.

Er besprach sich einige Minuten lang leise mit Herrn Tupman, erklärte sich dann bereit, nach des Bürgermeisters Wohnung mitzugehen, und bat nur noch die Anwesenden, davon Kenntnis zu nehmen, daß es sein fester Entschluß sei, im Augenblicke, wo er wieder in Freiheit sein würde, diese ungeheure Verletzung seiner Vorrechte als Engländer zu ahnden. Darüber schlugen die Eindringlinge ein lautes Gelächter an – den einzigen Herrn Grummer ausgenommen, der zu bedenken schien, daß der geringste Eingriff in das göttliche Recht der Obrigkeit eine Art Gotteslästerung sei, die man nicht dulden könne.

Als aber Herr Pickwick sich bereit erklärt hatte, sich den Gesetzen seines Landes zu fügen, und die Kellner, Hausknechte, Stubenmädchen und Postjungen, die von der angedrohten Widersetzlichkeit einen ergötzlichen Aufstand erwartet hatten, enttäuscht und mißmutig auseinandergingen, erhob sich eine Schwierigkeit, die man nicht vorhergesehen hatte.

Trotz seiner Verehrung der bestehenden Behörden weigerte sich Herr Pickwick bestimmt, sich gleich einem gemeinen Verbrecher, von den Dienern der Gerechtigkeit umringt und bewacht, über die öffentliche Straße führen zu lassen. Ebenso bestimmt weigerte sich Herr Grummer bei der noch immer herrschenden Erregung der Gemüter (denn es war ein halber Feiertag und die Schuljugend noch nicht nach Hause zurückgekehrt) auf der andern Seite der Straße zu gehen und Herrn Pickwicks Ehrenwort anzunehmen, daß er sich geraden Wegs zum Bürgermeister verfügen wolle. Beide, Herr Pickwick und Herr Tupman, weigerten sich ebenso bestimmt, die Kosten einer Postkutsche zu bezahlen, die das einzige anständige Vehikel war, das man bekommen konnte. Der Streit wurde hitzig, das Deklamieren zog sich in die Länge, und eben war die Exekutionsgewalt im Begriff, Herrn Pickwicks Weigerung durch ein ganz gewöhnliches Auskunftsmittel zu beseitigen: ihn nämlich nach dem Hause des Bürgermeisters zu schleppen, als man sich erinnerte, daß im Hofe eine alte Sänfte stand, die ursprünglich für einen mit der Gicht behafteten Grundeigentümer gemacht war und Herrn Pickwick und Herrn Tupman wenigstens ebenso anständig befördern konnte, als eine moderne Postkutsche. Die Sänfte wurde geholt und auf den Hausflur gebracht. Herr Pickwick und Herr Tupman schlüpften hinein und ließen die Vorhänge nieder; ein paar Träger wurden bald gefunden, und der Zug setzte sich in bester Ordnung in Bewegung. Die Gehilfen der Diener der Gerechtigkeit umgaben das Vehikel; Herr Grummer und Herr Dubbley schritten triumphierend voran, Herr Snodgraß und Herr Winkle gingen Arm in Arm hinterdrein, und die, die hinter den Ohren noch nicht trocken waren, von Ipswich bildeten den Nachtrab.

Die Krämer der Stadt hatten zwar nur eine sehr unbestimmte Vorstellung von der Natur des Vergehens, wurden aber doch durch dieses Schauspiel höchlich erbaut. Es war der starke Arm des Gesetzes, der mit der Kraft von tausend Pferdestärken auf zwei Verbrecher aus der Hauptstadt selbst fiel. Die gewaltige Maschine wurde durch ihren eigenen Bürgermeister geleitet und durch ihre eigenen Amtsdiener befördert, und durch ihre vereinten Anstrengungen waren die Frevler in dem engen Raum einer Sänfte sicher aufgehoben. Mancher Zuruf des Beifalls und der Bewunderung begrüßte Herrn Grummer, als er den Zug, mit dem Stab in der Hand, anführte. Laut und anhaltend war das Geschrei, das die hinter den Ohren noch nicht Trockenen erhoben, und mitten unter diesen vereinigten Zeugnissen des öffentlichen Beifalls bewegte sich der Zug langsam und feierlich vorwärts.

Herr Weller kehrte gerade in seiner Morgenjacke mit den schwarzen Kattunärmeln ziemlich niedergeschlagen von einer erfolglosen Beaugenscheinigung des geheimnisvollen Hauses mit dem grünen Tor zurück, als er, die Augen erhebend, eine die Straße hinabwogende Volksmenge sah, die einen Gegenstand umgab, der sehr viel von dem Ausehen einer Sänfte hatte. Gerne seine Gedanken von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen ablenkend, trat er beiseite, um die Menge vorbeizulassen, und da er hörte, daß sie größtenteils zu ihrem Privatvergnügen schrie und lärmte, begann er sofort, nur um sich aufzuheitern, ebenfalls aus vollem Halse zu schreien.

Herr Grummer ging vorüber, Herr Dubbley ging vorüber, die Sänfte ging vorüber, die Leibwache ging vorüber, und Sam stimmte noch immer in das enthusiastische Geschrei der Menge. Dabei schwenkte er seinen Hut, als ob er den höchsten Grad der wildesten Lust erreicht hätte, denn er ahnte die Wahrheit nicht im mindesten, als er plötzlich bei der unerwarteten Erscheinung der Herren Winkle und Snodgraß verstummte.

»Was ist los, meine Herren«, rief Sam. »Wen tragen sie denn da in diesem Trauerschilderhaus?«

Beide Herren antworteten zugleich, aber ihre Worte verhallten im allgemeinen Lärmen.

» Wer ist’s?« schrie Sam wieder.

Und wieder erfolgte eine gleichzeitige Antwort: und ob er gleich die Worte nicht vernehmen konnte, so sah er doch an der Bewegung der beiden Lippenpaare, daß sie das Zauberwort »Pickwick« aussprachen.

Das war genug. – In der nächsten Minute hatte sich Herr Weller Bahn gebrochen, brachte die Träger zum Stehen und trat vor den stattlichen Grummer hin.

»Holla, Alter«, rief Sam: »wen habt Ihr da in dieser Tragbahre?«

»Zurück«, rief Herr Grummer, dessen Würde, wie die Würde einer Menge anderer Leute, durch das bißchen Volksgunst wunderbar gehoben wurde.

»Schlagt ihn nieder, wenn er nicht weicht«, sagte Herr Dubbley.

»Ich bin Euch sehr verbunden, Alter«, versetzte Sam, »daß Ihr wenigstens meine Neigung um Rat fragt, und noch mehr bin ich es dem andern Herrn, der aussieht, als wäre er eben einer Riesenkarawane entlaufen, für seinen hübschen Vorschlag verpflichtet. Aber lieber wäre es mir, ihr gebet mir eine Antwort auf meine Frage, wenn es euch nichts verschlägt. – Wie geht es Ihnen, Sir?« Diese letztere Bemerkung war mit der Miene des Gönners an Herrn Pickwick gerichtet, der durch das Vorderfenster spähte.

Herr Grummer war völlig sprachlos vor Entrüstung. Er zog seinen Stab mit der messingenen Krone aus der Tasche hervor und schwenkte ihn vor Sams Augen.

»Ach«, sagte Sam, »recht hübsch, besonders die Krone, die ungemein viel Ähnlichkeit mit einer Königskrone hat.«

»Zurück!« schrie der entrüstete Herr Grummer.

Und um diesem Befehl mehr Kraft zu geben, stieß er mit der einen Hand das metallene Sinnbild des Stabs in Sams Halstuch, faßte ihn mit der andern am Kragen, eine Artigkeit, die Herr Weller dadurch zu erwidern suchte, daß er ihn alsbald zu Boden schlug, nachdem er zuvor mit der größten Bedachtsamkeit einen Träger niedergeschlagen hatte, auf dem Grummer nun liegen konnte.

Ob Herr Winkle von einem vorübergehenden Anfalle jener Art von Wahnsinn befallen war, die au« einem Gefühl des erduldeten Unrechts entspringt, oder ob er durch Herrn Wellers Tapferkeit angesteckt wurde, läßt sich nicht ermitteln. Aber gewiß ist, daß er nicht sobald Herrn Grummer stürzen sah, als er einen furchtbaren Angriff auf einen kleinen jungen machte, der neben ihm stand, worauf Herr Snodgraß mit echt christlichem Sinn, und um niemanden unversehens zu überfallen, mit sehr lauter Stimme ankündigte, er werde jetzt beginnen – eine Erklärung, nach der er mit der größten Überlegung seinen Rock auszog. Er wurde jedoch sogleich umringt und festgenommen; und es ist bloße Gerechtigkelt gegen ihn und Herrn Winkle, wenn wir sagen, daß beide nicht den geringsten Versuch machten, sich oder Herrn Weller zu befreien, der nach dem tapfersten Widerstände durch die Überzahl überwältigt und festgenommen wurde. Der Zug stellte sich wieder in Ordnung, die Träger traten an ihre Plätze, und alles setzte sich wieder in Bewegung.

Herrn Pickwicks Entrüstung während dieses ganzen Vorfalls kannte keine Grenzen. Er sah nur, wie Sam die Gehilfen der Gerechtigkeit in allen Richtungen niederwarf – das einzige, dessen er gewahr werden konnte, da er weder die Tür der Sänfte zu öffnen noch die Vorhänge aufzuziehen vermochte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe des Herrn Tupman, die Decke durchzustoßen, und auf den Sitz steigend, auf dem er sich so fest wie möglich zu halten suchte, indem er seine Hand auf seines Freundes Schulter legte, begann er eine Rede an das Volk zu halten, worin er sich über die unverantwortliche Art beklagte, mit der er behandelt worden, und alle zu Zeugen aufrief, daß sein Diener zuerst angegriffen worden sei. In dieser Ordnung erreichten sie das Haus des Bürgermeisters; die Sänfteträger trabten, die Gefangenen folgten, Herr Pickwick hielt Reden und die Menge schrie.

 

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Worin unter andern ergötzlichen Dingen gezeigt wird, welche Würde und Unparteilichkeit Herr Nupkins an den Tag legte, und wie Herr Weller Herrn Hiob Trotters Ball mit derselben Kraft zurückschlug, mit der er geworfen wurde – nebst andern Begebenheiten, die man am gehörigen Ort finden wird.

Herrn Wellers Entrüstung, als er fortgebracht wurde, war nicht gering, und sprach sich in zahllosen Anspielungen auf die Persönlichkeit und Handlungsweise Herrn Grummers und seines Amtsgenossen, sowie in heldenmütigen Herausforderungen gegen seine sechs Untergebenen aus.

Herr Snodgraß und Herr Winkle lauschten mit tiefem Respekt auf den Strom der Beredsamkeit, den ihr Meister von der Sänfte herabgoß, und dessen reißendem Lauf die ernstlichen Bitten Herrn Tupmans, den Deckel des Vehikels zu schließen, nicht einen Augenblick aufzuhalten vermochten. Doch Herrn Wellers Zorn wich plötzlich der Neugierde, als der Zug in denselben Hofraum einbog, in dem er den Ausreißer Hiob Trotter getroffen hatte. Die Neugierde machte einem Gefühle der freudigsten Überraschung Platz, als der allgewichtige Herr Grummer den Trägern Halt zu machen gebot, mit würdevollem und festem Gang auf dasselbe grüne Tor, durch das Hiob Trottcr herausgekommen war, zuschritt, und hastig am Glockenzuge riß, der an der Seite desselben hing. Auf dieses Zeichen erschien eine schmucke, rotwangige Dirne, die vor Erstaunen über das rebellische Aussehen der Gefangenen und die leidenschaftliche Sprache Herrn Pickwicks die Hände über dem Kopf zusammenschlug und Herrn Muzzle herbeirief. Herr Muzzle öffnete den einen Flügel des Tores, um die Sänfte, die Gefangenen und die Diener des Gerichts einzulassen, und schlug sie augenblicklich der andringenden Menge wieder vor der Nase zu, worauf diese voll Entrüstung und Neugierde ihren Gefühlen dadurch Luft machte, daß sie noch eine oder zwei Stunden lang an das Tor polterte und an der Glocke zog. Alle nacheinander nahmen an dieser Unterhaltung Teil: nur drei oder vier Glückliche hatten eine Ritze im Tor entdeckt, die eine freie Aussicht auf nichts gestattete. Nun starrten sie mit jener unermüdeten Beharrlichkeit in das Innere, mit der sich der Pöbel an den Fenstern des vorderen Zimmers eines Wundarztes die Nasen abstößt, wenn ein Betrunkener, der auf der Straße von einem Hundekarren überfahren wurde, im hinteren Zimmer der chirurgischen Inspektion unterworfen wird.

Am Fuße einer Treppe, die zur Haustür führte und die auf beiden Seiten von einer amerikanischen Aloe in grünem Topfe bewacht wurde, machte die Sänfte halt. Herr Pickwick und seine Freunde wurden in den Hausflur geführt, aus dem sie, nach vorhergegangener Anmeldung durch Muzzle, zu Herrn Nupkins gewiesen und sofort der hochachtbaren Person dieses patriotischen Beamten vorgestellt wurden.

Die Szene war ergreifend und ganz darauf berechnet, das Herz des Schuldbewußten mit Schrecken zu erfüllen und ihm einen richtigen Begriff von der Strenge und Majestät des Gesetzes beizubringen. Vor einem großen Bücherkasten, an einem großen Tisch, hinter einem großen Buche, in einem großen Stuhl saß Herr Nupkins, noch weit größer, als irgendeiner von den genannten Dingen, so groß diese auch immer waren. Der Tisch war mit Säulen von Akten geschmückt, und am entfernteren Ende desselben ragten Kopf und Schultern des Herrn Iinks hervor, der in dem eifrigen Geschäft begriffen war, so geschäftig wie möglich auszusehen. Nachdem die ganze Gesellschaft eingetreten, verschloß Muzzle sorgfältig die Tür und stellte sich hinter den Stuhl seines Herrn, um seine Befehle zu erwarten. Herr Nupkins lehnte sich mit feierlicher Würde zurück und betrachtete die Gesichter seiner unfreiwilligen Gäste mit durchbohrenden Blicken.

»Wer ist die Person, Grummer?« sagte Herr Nupkins, auf Herrn Pickwick deutend, der als Sprecher mit dem Hut in der Hand dastand und sich mit der äußersten Höflichkeit und Ehrerbietung verneigte.

»Ihr Gestrengen, das ist der Pickwick«, erwiderte Grummer.

»Keinen solchen Ton, alte Lichtschere«, fiel Herr Weller ein, sich mit Ellbogenstößen in die vorderste Reihe drängend – bitt‘ um Verzeihung, Sir, aber dieser – Ihr dienstbarer Geist in den Stulpenstiefeln – würde als Zeremonienmeister nirgends ein anständiges Auskommen finden. Dies, Sir«, fuhr Herr Weller, Grummer zurückdrängend, mit launiger Vertraulichkeit gegen den Oberbeamten fort – »dies ist Pickwick, Esquire; dies Herr Tupman; jener Herr Snodgraß, und der andere neben ihm Herr Winkle, lauter vortreffliche Ehrenmänner, deren Bekanntschaft zu machen Sie sich sehr glücklich schätzen werden. Je schneller Sie übrigens Ihre Amtsdiener auf einen Monat oder zwei ins Kittchen schicken, desto schneller und besser werden wir uns verständigen. Zuerst das Geschäft, dann das Vergnügen, wie König Richard der Dritte sagte, als er den andern König im Tower erstach, und ehe er die Kleinen erwürgte.«

Am Schlusse dieser Anrede bürstete Herr Weller seinen Hut mit dem rechten Ellenbogen und nickte Jinks huldvoll zu, der ihn mit unaussprechlichem Entsetzen zu Ende gehört hatte.

»Wer ist dieser Mensch, Grummer?« fragte der Oberbeamte.

»Ein ganz verzweifelter Kerl, Ihr Gestrengen«, erwiderte Grummer. »Er suchte die Gefangenen zu befreien und griff die Diener des Gesetzes an – wir nahmen ihn deswegen fest und brachten ihn hierher.«

»Daran habt ihr ganz recht getan«, entgegnete der Oberbeamte. »Es ist augenscheinlich ein ganz unglaublicher Halunke.«

»Es ist mein Diener, Sir«, sagte Herr Pickwick zornig.

»So, es ist Ihr Diener – so?« fragte Herr Nupkins. – »Also eine Verschwörung, dem Ansehen der Gesetze zu trotzen und die Boten des Gerichts zu ermorden. Pickwicks Diener! – Schreiben Sie das nieder, Herr Jinks.«

Herr Jinks schrieb.

»Euer Name, Bursche«, donnerte Herr Nupkin«.

»Weller«, antwortete Sam.

»Ein sehr hübscher Name für die Liste von Newgate Newgate ist das älteste Gefängnis in London.«, bemerkte Herr Nupkins.

Das war ein Scherz; folglich brachen Jinks, Grummer, Dubbley, sämtliche Gerichtsboten und Muzzle in ein Gelächter aus, das fünf Minuten lang dauerte.

»Notieren Sie den Namen, Herr Jinks«, sagte der Beamte.

»Zwei L, alter Knabe«, rief Sam.

Hier lachte ein unglücklicher Gerichtsbote wieder, worüber ihm der Beamte alsbald mit Verhaftung drohte. Es ist in solchen Fällen etwas Gefährliches, über den Unrechten zu lachen.

»Wo seid Ihr zu Hause?« fragte der Oberbeamte.

»Überall und nirgends«, erwiderte Sam.

»Notieren Sie das, Herr Jinks«, sagte der Beamte, der in eine förmliche Wut geriet.

»Unterstreichen Sie es auch«, bemerkte Sam.

»Er ist ein Landstreicher, Herr Jinks«, rief der Beamte, »ein Landstreicher nach seinem eigenen Geständnis – nicht wahr, Herr Jinks.«

»Ganz gewiß, Sir.«

»Ich will ihn einsperren lassen – ich will ihn einsperren lassen, als einen Landstreicher«, sagte Herr Nupkins.

»Das ist mir eine saubere Justiz hierzulande«, bemerkte Sam; »da gibt es keinen Beamten, der nicht zwei Streiche macht, wenn er andere Leute wegen eines einsperrt.«

Über diesen Witz lachte ein anderer Gerichtsdiener und machte dann eine so krampfhafte Anstrengung, eine ernste Miene zu erzwingen, daß der Beamte den Täter augenblicklich entdeckte.

»Grummer«, rief der Beamte, vor Wut ganz karfunkelrot werdend, »wie können Sie es wagen, einen so unverantwortlichen Taugenichts zum Gehilfen der Gerechtigkeit zu machen? Wie können Sie es wagen, Sir?«

»Es tut mir herzlich leid. Euer Gestrengen«, stammelte Grummer.

»Herzlich leid?« rief der wütende Beamte. »Sie sollen mir büßen für diese Pflichtvergessenheit, Herr Grummer; ich will ein Exempel an Ihnen statuieren. Nehmen Sie dem Burschen den Stab ab. Er ist betrunken. Ihr seid betrunken, Kerl.«

»Ich bin nicht betrunken. Euer Gnaden«, erwiderte der Mann.

»Ihr seid betrunken«, entgegnete der Beamte. »Wie könnt Ihr Euch unterfangen, zu sagen. Ihr seid nicht betrunken, wenn ich sage, Ihr seid es? Riecht er nicht nach Schnaps, Grummer?«

»Entsetzlich, Ihr Gestrengen«, erwiderte Grummer, der eine entfernte Ahnung hatte, daß es irgendwo nach Rum rieche.

»Ich wußte es, daß er danach riecht«, bemerkte Herr Nupkins, »Gleich beim Eintritt ins Zimmer sah ich es ihm an seinen aufgelaufenen Augen an, daß ei betrunken ist. Haben Sie seine aufgelaufenen Augen nicht bemerkt, Herr Jinks?«

»Jawohl, Sir.«

»Ich habe diesen Morgen nicht einen Tropfen Branntwein gesehen«, sagte der Mann, der so nüchtern war, wie er nur sein konnte.

»Wie wagt Ihr es, mir eine Lüge ins Gesicht zu sagen?« rief Herr Nupkins. »Ist er nicht in diesem Augenblick betrunken, Herr Jinks?«

»Jawohl, Sir«, versetzte Jinks.

»Herr Jinks«, bemerkte der Beamte, »ich lasse den Kerl einsperren wegen Unverschämtheit. Setzen Sie den Verhaftungsbefehl auf, Herr Jinks.«

Und der Gerichtsdiener wäre ohne weiteres eingesperrt worden, allein Jinks, der der Ratgeber des Beamten war und drei Jahre lang in der Schreibstube eines Grafschaftsanwalts gelernt hatte, flüsterte dem Beamten zu, er glaube, das gehe nicht wohl an. Darauf hielt der Beamte eine Rede, worin er sagte, er wolle es aus Rücksicht auf die Familie des Gerichtsdieners beim Verweise und bei der Entlassung bewenden lassen. Demgemäß wurde derselbe eine Viertelstunde lang tüchtig gewaschen und seiner Verpflichtung enthoben; und Grummer, Dubbley, Muzzle und sämtliche übrigen Gerichtsdiener bewunderten murmelnd Herrn Nupkins Großmut.

»Jetzt, Herr Jinks, lassen Sie Grummer schwören«, sagte der Beamte.

Grummer wurde sofort vereidigt; aber da er etwas verworren sprach, und Herrn Nupkins‘ Mittagessenszeit nahe war, so machte dieser die Sache kurz und legte Grummern die Antworten auf die Zunge, die denn auch immer so bejahend wie möglich ausfielen. Das Verhör ging also seinen Gang, und Herr Weller wurde zweier tätlicher Angriffe, Herr Winkle einer Drohung und Herr Snodgraß eines Stoßes überführt. Als das alles zur Zufriedenheit des Beamten erledigt war, hielten der Beamte und Herr Jinks eine stille Beratung.

Die Beratung dauerte ungefähr zehn Minuten; dann zog sich Herr Jinks auf seinen Platz am Ende des Tisches zurück, und der Beamte setzte sich nach einem vorbereitenden Räuspern in seinen Stuhl und war eben im Begriff, seine Anrede zu beginnen, als Herr Pickwick mit den Worten einfiel:

»Ich bitte um Verzeihung, Sir, wenn ich Sie unterbreche«, sagte Herr Pickwick, »aber bevor Sie das Urteil, das Sie auf die stattgehabten Verhandlungen gegründet haben mögen, aussprechen und in Vollzug setzen, muß ich mein Recht in Anspruch nehmen, gehört zu werden, insofern die Sache meine Person betrifft.«

»Halten Sie den Mund«, rief ihm der Beamte kategorisch zu.

»Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen, Sir«, sagte Herr Pickwick.

»Halten Sie den Mund«, unterbrach ihn der Beamte, »oder ich werde meinen Gerichtsdiener befehlen. Sie abzuführen.«

»Sie mögen Ihrem Gerichtsdiener befehlen, was Ihnen beliebt, Sir«, fiel Herr Pickwick ein; »und nach dem, was ich von der Subordination gesehen habe, die unter Ihnen gehandhabt wird, zweifle ich nicht, daß sie alles ausführen, was Sie ihnen nur immer befehlen; aber ich muß mir die Freiheit nehmen, Sir, so lange mein Recht, gehört zu werden, zu beanspruchen, bis ich mit Gewalt entfernt werde.

»Pickwick und Grundsatz!« rief Herr Weller mit sehr vernehmlicher Stimme.

»Sam, sei ruhig«, sagte Herr Pickwick.

»Stumm wie eine durchlöcherte Trommel«, entgegnete Sam.

Herr Nupkins betrachtete Herrn Pickwick mit dem Blicke des höchsten Erstaunens, als er eine so unerhörte Keckheit an den Tag legte, und war augenscheinlich im Begriff, eine sehr zornige Erwiderung zu geben, als ihn Herr Jinks an den Ellenbogen stieß und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Auf dieses gab der Beamte eine halbvernehmliche Antwort, und dann erneuerte sich das Geflüster.

Endlich wandte sich der Beamte, seinen Verdruß hinunterschluckend, an Herrn Pickwick, und sagte in scharfem Tone – »was haben Sie mir zu sagen?«

»Vorerst«, begann Herr Pickwick, einen Blick durch seine Brille werfend, vor dem sogar Herr Nupkins die Augen niederschlug – »vorerst wünschte ich zu erfahren, warum ich und meine Freunde hierher gebracht wurden?«

»Muß ich es ihm sagen?« flüsterte der Beamte Jinks zu.

»Ich denke, es wird das beste sein, Sir«, flüsterte Jinks dem Beamten zu.

»Es ist mir eine polizeiliche Anzeige zugekommen, daß man besorgt. Sie wollen einen Zweikampf ausfechten, und daß die andere Person, Tupman, Ihr Sekundant und Helfershelfer sei. Deshalb – nun, Herr Jinks?«

»Jawohl, Sir.«

»Deshalb fordere ich Sie beide auf, eine – nicht wahr, so ist’s richtig, Herr Jinks?«

»Jawohl, Sir.«

»Eine – eine – was, Herr Jinks?« fragte der Beamte ärgerlich,

»Eine Bürgschaft zu stellen, Sir.«

»Ja. Deshalb fordere ich Sie beide auf – wie ich eben sagen wollte, als ich durch meinen Schreiber unterbrochen wurde – eine Bürgschaft zu stellen.«

»Eine gute Bürgschaft«, flüsterte Herr Jinks.

»Ich verlange eine gute Bürgschaft«, sagte der Beamte.

»Von Bürgern aus der Stadt«, flüsterte Jinks.

»Es müssen Bürger aus der Stadt sein«, sagte der Beamte.

»Fünfzig Pfund jeder«, flüsterte Jinks! »und natürlich Hausbesitzer.«

»Ich verlange zwei Bürgen, jeden von fünfzig Pfund«, sagte der Beamte laut, mit großer Würde, »und es müssen natürlich Hausbesitzer sein.«

»Aber ums Himmels willen, Sir«, rief Herr Pickwick, gleich Herrn Tupman vor Erstaunen und Unwillen außer sich: «wir sind in dieser Stadt völlig fremd. Ich kenne ebensowenig einen Hausbesitzer hier, wie ich mit irgend jemandem einen Zweikampf auszufechten gedenke.«

»Ich bin meiner Sache gewiß«, versetzte der Beamte, »ich bin meiner Sache gewiß – Sie nicht auch, Herr Jinks?«

»Jawohl, Sir.«

»Haben Sie noch mehr zu bemerken?« fragte der Beamte.

Herr Pickwick hatte allerdings noch weit mehr zu bemerken und würde es auch, obwohl nicht sehr zu seinem Vorteil oder zur Zufriedenheit des Beamten, getan haben, wäre er nicht in dem Augenblick, wo er zu sprechen aufhörte, von Herrn Weller an den Ellenbogen gestoßen worden. Darauf ließ er sich mit dem genannten Herrn in eine so ernste Unterhaltung ein, daß er die Frage des Beamten völlig überhörte. Herr Nupkins war indes nicht der Mann, eine Frage von der Art zweimal zu stellen, und so begann er denn nach einem zweiten vorbereitenden Geräusper seine Entscheidung auszusprechen, während die Gerichtsboten voll Ehrfurcht und Bewunderung stillschweigend zuhörten.

Herr Weller sollte für den ersten Angriff um zwei, und für den zweiten um drei, Herr Winkle um zwei und Snodgraß um ein Pfund gestraft werden, und außerdem, lautete Herrn Nupkins Erkenntnis, den Frieden gegen seiner Majestät Untertanen und namentlich gegen seinen Gerichtsdiener Daniel Grummer beschwören. Von Pickwick und Tupman hatte er bereits die Bürgschaft gefordert.

Kaum hatte der Beamte zu sprechen aufgehört, als Herr Pickwick mit einem Lächeln, das sich über sein wieder aufgeheitertes Gesicht verbreitete, einige Schritte vortrat und sagte:

»Ich bitte den Bürgermeister um Verzeihung, aber darf ich die Erlaubnis nachsuchen, Sie in einer für Sie selbst sehr wichtigen Angelegenheit fünf Minuten lang insgeheim zu sprechen?«

»Was?« fragte der Beamte.

Herr Pickwick wiederholte sein Gesuch.

»Das ist eine sehr außerordentliche Bitte«, sagte der Beamte – »eine geheime Unterredung?«

»Eine geheime Unterredung«, wiederholte Herr Pickwick mit festem Tone: »nur wünschte ich, daß mein Diener dabei gegenwärtig wäre, insofern ich die Mitteilung, die ich Ihnen zu machen habe, zum Teil ihm verdanke.«

Der Beamte sah voll Erstaunen auf Herrn Jinks, Herr Jinks auf den Beamten, und die Gerichtsdiener auf einander. Herr Nupkins erbleichte plötzlich. Konnte Weller in einer Anwandlung von Gewissensbissen irgendeine heimliche Verschwörung gegen sein Leben entdeckt haben? Es war ein furchtbarer Gedanke. Er war ein Staatsbeamter, und er wurde blasser, als er an Julius Cäsar und Herrn Perceval dachte.

Der Beamte sah wieder auf Herrn Pickwick und winkte Herrn Jinks.

»Was halten Sie von diesem Gesuch, Herr Jinks?« flüsterte Herr Nupkins.

Herr Jinks, der nicht genau wußte, was er davon halten sollte und anzustoßen fürchtete, lächelte bedenklich und schüttelte langsam den Kopf, während er seine Mundwinkel hinaufzog.

»Herr Jinks«, sagte der Beamte mit strengem Tone. »Sie sind ein Esel, Sir.«

Als er diese lakonische Ansicht ausgesprochen hatte, lächelte Herr Jinks wieder – doch etwas weniger als zuvor – und zog sich allgemach in seinen Winkel zurück.

Herr Nupkins ging einige Minuten mit sich selbst zu Rate, erhob sich dann von seinem Stuhl, bedeutete Herrn Pickwick und Sam Weller, ihm zu folgen, trat in ein kleines Zimmer, das an die Amtsstube stieß, ersuchte hierauf Herrn Pickwick, sich bei der gegenüberliegenden Wand des Gemaches aufzustellen. Dann erklärte er sich bereit, die Mitteilungen, welcher Art sie auch sein möchten, anzuhören, wobei er die Hand an der halbgeschlossenen Tür hatte, um sogleich entrinnen zu können, im Falle die Herren nur die geringste Miene machen sollten, Feindseligkeiten zu beginnen.

»Ich will sofort zur Sache kommen, Sir«, begann Herr Pickwick; »es betrifft Sie und Ihre Ehre wesentlich. Ich habe allen Grund zu der Vermutung, Sir, daß Sie einem groben Betrüger in Ihrem Hause Ein- und Ausgang gestatten.«

»Zwei«, unterbrach ihn Sam, »das maulbeerfarbene Untier steckt voll Tränen und Schurkerei.«

»Sam«, fiel Herr Pickwick ein; »wenn ich mich diesem Herrn verständlich machen soll, so muß ich dich bitten, deinen Gefühlen Einhalt zu tun.«

»Tut mir sehr leid, Sir«, versetzte Herr Weller; »aber wenn ich bedenke, was der Hiob für ein Kerl ist, so kann ich mir nicht helfen; ich muß die Klappe einen oder zwei Zoll weit aufmachen.«

»Mit einem Wort, Sir«, sagte Herr Pickwick, »ist mein Diener recht daran, wenn er vermutet, daß ein gewisser Kapitän Fitz-Marshall hier aus- und eingeht? – Denn«, fügte Herr Pickwick hinzu, als er sah, daß Herr Nupkins im Begriff stand, ihn zornig zu unterbrechen – »denn wenn er recht hat, so kenne ich diese Person als einen –«

»Pst, pst«, fiel Herr Nupkins, die Tür schließend, ein. »Sie kennen ihn – als was?«

»Als einen nichtswürdigen Abenteurer – einen ehrlosen Halunken – einen Mann, der die Gesellschaft plündert und die Leute mit seinen Schurkereien, seinen albernen, dummen, erbärmlichen Schurkereien hinters Licht führt«, rief der aufgeregte Herr Pickwick,

»Ach Gott«, seufzte Herr Nupkins, tief errötend und plötzlich sein ganzes Benehmen ändernd. »Ach Gott, Herr –«

»Pickwick«, ergänzte Sam.

»Pickwick«, sagte der Beamte, »ach Gott, Herr Pickwick – bitte, nehmen Sie Platz – das kann nicht Ihr Ernst sein. Kapitän Fitz-Marshall?«

»Nennen Sie ihn nicht Kapitän«, fiel Sam ein, »auch nicht Fitz-Marshall: er ist weder das eine noch das andere. Er ist ein herumziehender Komödiant, weiter nichts. Sein Name ist Jingle: und wenn es je einen Wolf in maulbeerfarbener Haut gab, so ist es Hiob Trotter.«

»Es ist reine Wahrheit, Sir«, sagte Herr Pickwick, als ihn der Beamte voll Bestürzung anstarrte. »Ich habe in dieser Stadt nichts anderes zu tun, als die Person, von der wir sprechen, zu entlarven.«

Und Herr Pickwick begann dem schreckensbleichen Herrn Nupkins einen kurzen Abriß von Herrn Jingle zu geben. Er erzählte, wie er ihn zuerst kennengelernt, wie er Fräulein Wardle entführt, wie er die Dame gegen ein Lösegeld gerne wieder freigegeben, wie er ihn um Mitternacht in eine Mädchenschule gelockt, und wie er (Herr Pickwick) es jetzt für seine Pflicht halte, seine Ansprüche auf seinen Stand und Namen in ihrer Nichtigkeit darzustellen. Während dieser Erzählung stieg alles warme Blut, das in Herrn Nupkins‘ Adern kreiste, bis in die äußersten Spitzen seiner Ohren. Er hatte den Kapitän bei einem Pferderennen in der Nachbarschaft zufälligerweise getroffen. Entzückt durch seine lange Liste aristokratischer Bekanntschaften, seine ausgedehnten Reisen und sein fashionables Benehmen, hatten Frau Nupkins und Fräulein Nupkins Herrn Kapitän Fitz- Marshall und wieder Kapitän Fitz-Marshall und Kapitän Fitz- Marshall hinten und vorn bei allen Matadoren ihrer auserlesenen Gesellschaft eingeführt, bis endlich ihre Busenfreundinnen, Frau Porkenham und das Fräulein Porkenham und deren Bruder, Herr Sidney Porkenham, vor Eifersucht und Verzweiflung beinahe platzten. Und nun, nach all diesem hören zu müssen, er sei ein elender Abenteurer, ein herumziehender Komödiant und, wo nicht ein Betrüger, doch wenigstens ein Mann, der einem solchen so ähnlich sah, daß es schwer hielt, einen Unterschied zu entdecken. Himmel! was würden die Porkenham sagen? Wie würde Herr Sidney Porkenham triumphieren, wenn er erführe, daß man ihn um eines solchen Nebenbuhlers willen hintangesetzt? Wie konnte er bei der nächsten Quartalsitzung dem alten Porkenham unter die Augen treten, und wenn die Geschichte bekannt wurde, wie hätte er dadurch der Opposition der herrschenden Partei das Messer selbst in die Hand gegeben?«

»Aber bei alledem«, sagte Herr Nupkins, dessen Gesicht sich nach einem langen Stillschweigen wieder für einen Augenblick aufheiterte: »bei alledem ist das eine bloße Behauptung. Fitz-Marshall ist ein sehr einnehmender Mann – und hat ohne Zweifel viele Feinde. Welche Beweise haben Sie für die Wahrheit Ihrer Angaben?«

»Stellen Sie ihn mir gegenüber«, erwiderte Herr Pickwick: »das ist alles, was ich verlange und alles, was ich mir ausbitte. Stellen Sie ihn mir und meinen Freunden gegenüber, so werden Sie keiner weiteren Beweise bedürfen.«

»Nun«, versetzte Herr Nupkins, »das läßt sich sehr leicht bewerkstelligen, denn er wird diesen Abend hier sein, und dann würde zugleich das Aufsehen vermieden. Es wäre mir bloß – bloß – um den jungen Mann selbst, Sie verstehen mich. Ich – ich möchte aber doch vorerst Madame Nupkins über das Geeignete eines solchen Schrittes um Rat fragen. Auf alle Fälle, Herr Pickwick, müssen wir unser Amtsgeschäft ins reine bringen, ehe wir an etwas anderes gehen können. Haben Sie die Güte, wieder in das andere Zimmer zu treten.«

Sie kehrten in das Amtszimmer zurück.

»Grummer«, rief der Beamte mit feierlichem Tone.

»Ihr Gestrengen«, erwiderte Grummer mit dem Lächeln eines Günstlings.

»Gehen Sie«, sagte der Beamte streng, »und nehmen Sie sich in acht, daß Sie sich künftig nicht mehr übereilen. Es geziemt Ihnen gar nicht, und ich kann Sie versichern, Sie haben sehr wenig Ursache, darüber zu lächeln. War der Bericht, den Sie mir soeben erstattet, durchaus der Wahrheit getreu? Besinnen Sie sich wohl, Mensch.«

»Ihr Gestrengen«, stotterte Grummer, »ich –«

»Ah, Sie kommen in Verwirrung – nicht wahr?« sagte der Beamte. »Herr Jinks, bemerken Sie seine Verwirrung?«

»Jawohl, Sir«, erwiderte Jinks.

»Wiederholen Sie jetzt Ihre Aussagen, Grummer«, sagte der Beamte; »und noch einmal warne ich Sie, besinnen Sie sich wohl. – Herr Jinks, nehmen Sie seine Angaben zu Protokoll.«

Der unglückliche Grummer begann also seinen Bericht aufs neue: allein die Art und Weise, wie Herr Jinks seine Worte zu Protokoll und der Beamte sie auf die Wagschale legte, verbunden mit seinem natürlichen Hang zu Weitschweifigkeiten und seiner außerordentlichen Verwirrung, verwickelte ihn in einem Zeitraum von weniger als drei Minuten in eine solche Menge von Widersprüchen, daß Herr Nupkins auf einmal erklärte, er könne ihm keinen Glauben schenken. Die Strafen wurden also erlassen, und Herr Jinks wußte im Augenblick ein paar Bürgen. Als nun die ganze feierliche Gerichtsverhandlung zur allgemeinen Zufriedenheit geschlossen war, wurde Herr Grummer schimpflich hinausgewiesen – ein furchtbarer Beweis der Unbeständigkeit menschlicher Größe und der unsicheren Stellung eines Günstlings der Großen. –

Frau Nupkins war eine majestätische Person in einem blauen Gazeturban und lichtbraunen falschen Haaren. Fräulein Nupkins besaß alles Hochfahrende ihrer Mama, außer dem Turban, und alles Falsche dieser, außer den Haaren. Wenn die Ausübung dieser liebenswürdigen Eigenschaft Mutter und Tochter, wie es nicht selten der Fall war, in eine unangenehme Lage versetzte, so kamen beide darin überein, die Schuld auf Herrn Nupkins‘ Schultern zu legen. Als daher Herr Nupkins Frau Nupkins aufsuchte und ihr verriet, was Herr Pickwick ihm anvertraut hatte, erinnerte sich Frau Nupkins plötzlich, daß sie immer so etwas der Art erwartet, daß sie immer gesagt, dahin würde es noch kommen; daß man nie auf ihren Rat geachtet, daß sie wirklich gar nicht wisse, wofür Herr Nupkins sie halte, und so weiter.

»Der Gedanke«, sagte Fräulein Nupkins, aus jedem Augenwinkel eine Träne von kaum bemerkbaren Dimensionen hervorpressend: »der Gedanke, so zum besten gehalten worden zu sein –«

»Dafür kannst du dich bei deinem Papa bedanken«, fiel Frau Nupkins ein. »Wie habe ich den Mann gebeten und beschworen, sich nach des Kapitäns Familienverhältnissen zu erkundigen: wie bin ich in ihn gedrungen, einen entscheidenden Schritt zu tun! Ich weiß gewiß, niemand wird mir’s glauben – niemand.«

»Aber meine Liebe«, sagte Herr Nupkins.

»Entschuldige dich nicht, du machst die Sache nur schlimmer: entschuldige dich nicht«, fiel Frau Nupkins ein.

»Meine Liebe«, begann Herr Nupkins aufs neue, »du hast doch selbst Kapitän Fitz-Marshall so sehr begünstigt; hast ihn beständig zu uns eingeladen, meine Liebe, und hast keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ihn auch in andere Gesellschaften einzuführen.«

»Hab ich es nicht gesagt, Henriette?« entgegnete Frau Nupkins, sich mit der Miene des schwer beleidigten Weibes an ihre Tochter wendend: hab‘ ich es nicht gesagt, dein Papa werde es umdrehen und alles mir aufbürden? Hab‘ ich es nicht gesagt?«

Hier schluchzte Frau Nupkins.

»Ach, Papa!« rief Fräulein Nupkins und schluchzte ebenfalls.

»Ist es nicht himmelschreiend? Nachdem er alle diese Schmach über uns gebracht und uns lächerlich gemacht hat, treibt er noch seinen Spott mit mir und sagt, ich sei schuld daran!« rief Frau Nupkins.

»Wie können wir uns je wieder in Gesellschaft blicken lassen?« sagte Fräulein Nupkins.

»Wie können wir den Porkenhams unter die Augen treten?« fragte Frau Nupkins.

»Oder den Grigs?« sagte Fräulein Nupkins.

»Oder den Slummintowkens?« fragte Frau Nupkins. »Doch was kümmert das deinen Papa? Was gilt das ihm?«

Bei diesem furchtbaren Gedanken weinte Frau Nupkins so heftig, wie man nur im tiefsten Seelenschmerz weinen kann, und Fräulein Nupkins folgte ihrem Beispiele.

Frau Nupkins Tränen fuhren fort, mit großer Geschwindigkeit zu fließen, bis sie ein wenig Zeit gewonnen hatte, die Sache zu überdenken. Darauf fiel dann ihre Entscheidung dahin aus, es werde das beste sein, wenn man Herrn Pickwick und seine Freunde bis zur Ankunft des Kapitäns zu bleiben bäte, um Herrn Pickwick die gewünschte Gelegenheit zu verschaffen. Würden sich dann seine Angaben als wahr herausstellen, so könnte der Kapitän ohne weiteres Aufsehen aus dem Hause gewiesen und den Porkenhams leicht vorgespielt werden, er sei durch den Einfluß seiner Familie bei Hof zum Generalgouverneur von der Teufelsinsel oder vom Pfefferland oder irgendeiner andern Kolonie in jenen gesunden Himmelsstrichen ernannt worden, die die Europäer so sehr bezaubern, daß sie, wenn sie einmal dort sind, nicht mehr leicht zur Rückkehr bestimmt werden können.

Als Frau Nupkins ihre Tränen trocknete, trocknete auch Fräulein Nupkins die ihren, und Herr Nupkins war äußerst froh, daß die Sache so abgemacht wurde, wie Frau Nupkins vorgeschlagen hatte. Also wurde Herr Pickwick mit seinen Freunden, nachdem sie sich zuvor von allen Spuren ihres letzten Erlebnisses rein gewaschen hatten, den Damen vorgestellt und bald darauf in einen Speisesaal geführt. Herr Weller, in dem der Beamte vermöge des ihm eigenen Scharfblicks binnen einer halben Stunde einen der feinsten Burschen von der Welt entdeckt hatte, wurde der Sorgfalt und Pflege Herrn Muzzles empfohlen, dem besonders eingeschärft wurde, Weller mit sich herunter zu nehmen und mit der gehörigen Achtung zu behandeln.

»Wie geht es Ihnen, Sir?« fragte Herr Muzzle, als er Herrn Weller die Küchentreppe hinunterführte.

»Nun, es hat seit der kurzen Zeit, daß ich Sie in der Amtsstube hinter dem Stuhle Ihres Herrn aufgepflanzt sah, keine große Veränderung in meinen inneren Zuständen stattgefunden«, versetzte Sam.

»Sie werden mich entschuldigen, daß ich Ihnen damals so wenig Aufmerksamkeit erwiesen«, bemerkte Herr Muzzle. »Sie wissen, mein Herr hatte Sie mir noch nicht vorgestellt. Himmel, wie er jetzt so große Stücke auf Sie hält, Herr Weller! Sie dürfen dessen versichert sein!«

»Ach, was er für ein artiger Herr ist!« sagte Sam.

»Nicht wahr?« erwiderte Muzzle.

»Soviel Humor«, meinte Sam.

»Und ein so beredter Mann«, sagte Muzzle, »seine Gedanken fließen – nicht wahr?«

»Wundervoll«, versetzte Sam; »sie stürzen heraus und stoßen die Köpfe so hart aneinander, daß sie sich ganz verwirrt machen; man weiß oft kaum, was er damit will – nicht wahr?«

»Das ist eben die große Kunst, die in seinem Vortrage liegt«, bemerkte Herr Muzzle. »Geben Sie acht, hier kommt die letzte Stufe, Herr Weller. Wollen Sie sich nicht die Hände waschen, Sir, ehe wir zu den Damen gehen? Hier ist ein Becken mit Wasser, Sir, und hinter der Tür ein reines Handtuch.«

»Es könnte nicht schaden, wenn ich mich etwas säuberte«, erwiderte Herr Weller, das Handtuch dick mit Seife überschmierend und das Gesicht reibend, bis es wieder schimmerte. »Wie viele Damen sind hier?«

»Nur zwei sind in unserer Küche«, antwortete Herr Muzzle, »eine Köchin und ein Stubenmädchen. Wir halten einen Jungen für die gewöhnlichen Arbeiten, und außerdem noch ein Laufmädchen; aber sie essen im Waschhause.«

»Ah, sie essen im Waschhause – wirklich?« fragte Herr Weller.

»Ja«, versetzte Herr Muzzle: »wir versuchten es anfangs, sie an unsere Tafel zu ziehen, aber es ging nicht. Das Laufmädchen hat so furchtbar ungebildete Manieren und der Junge schnauft so schrecklich, wenn er ißt, daß wir es unmöglich fanden, mit ihnen bei Tisch zu sitzen.«

»Etwa wie ein junger Haifisch?« bemerkte Herr Weller. »O, fürchterlich«, erwiderte Herr Muzzle. »Das ist das schlimmste an einem Dienst auf dem Lande, Herr Weller: die jüngeren sind immer so außerordentlich roh. Bitte wollen Sie gefälligst hierher sich bemühen, Sir, hierher.«

So ging er Herrn Weller mit der größten Höflichkeit voran und führte ihn in die Küche.

»Marie«, sagte Herr Muzzle zu dem hübschen Stubenmädchen: »dies ist Herr Weller, ein Gentleman, den der Herr herunterschickt und unserer Fürsorge für seine Unterhaltung aufs beste empfiehlt.«

»Und Ihr Herr ist ein Kenner – und hat mich gerade an den rechten Platz geschickt«, bemerkte Herr Weller, indem er Marie mit einem Blick der Bewunderung betrachtete. »Wenn ich Herr im Hause wäre, Stoff zur Unterhaltung würde ich überall finden, wo Marie ist.«

»Bitte, Herr Weller«, sagte Marie errötend.

»Schön, von mir will niemand was«, rief die Köchin aus.

»Beim Himmel, ich habe nicht an Sie gedacht, Köchin«, sagte Herr Muzzle. »Erlauben Sie mir, Herr Weller, Sie vorzustellen.«

»Wie geht es Ihnen, Madame?« fragte Herr Weller. »Freut mich unendlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich hoffe, sie soll von langer Dauer sein, wie der Kavalier zu der Fünfpfundnote sagte.«

Als diese Vorstellungszeremonie vorüber war, zogen sich die Köchin und Marie an das Ende der Küche zurück, um zehn Minuten lang zu kichern, und kamen dann mit hochroten, lachenden Gesichtern wieder zur Gesellschaft, die sich sofort zu Tisch setzte.

Herrn Wellers Gewandtheit und Unterhaltungsgabe äußerten einen so unwiderstehlichen Einfluß auf seine neuen Freunde, daß sie, noch ehe das Mittagessen halb vorüber war, bereits auf dem vertrautesten Fuße mit ihm standen und in die Schurkenstreiche Hiob Trotters völlig eingeweiht waren.

»Ich konnte diesen Hiob nie ausstehen«, sagte Marie.

»Das war auch nicht wohl anders möglich, mein Schätzchen«, versetzte Herr Weller.

»Warum nicht?« fragte Marie.

»Weil sich Häßlichkeit und Schurkerei nie mit Schönheit und Tugend verschwistern können«, antwortete Herr Weller. »Nicht wahr, Herr Muzzle?«

»Sie haben ganz recht«, sagte dieser.

Hier lachte Marie und sagte, die Köchin habe sie zum Lachen gebracht, und die Köchin lachte und sagte, es sei nicht wahr.

»Ich habe kein Glas«, sagte Marie. ,

»Trinken Sie mit mir, meine Teuerste«, sagte Herr Weller; »setzen Sie Ihre Lippen an meinen Becher, so kann ich Sie durch Vermittlung küssen.«

»Schämen Sie sich, Herr Weller«, meinte Marie.

»Warum schämen, meine Teuerste?«

»Daß Sie so reden.«

»Pah; es ist ja nichts Arges. Es ist etwas Natürliches; nicht wahr, Jungfer Köchin?«

»Fragen Sie mich nicht so närrisch«, erwiderte die Köchin in der besten Laune. Darauf lachten die Köchin und Marie wieder solange, bis die letztgenannte Dame vom Bier, von der kalten Küche und dem Gelächter so angegriffen wurde, daß sie beinahe erstickte – eine gefährliche Krisis, die sie nur überstand mit Hilfe mehrerer Schläge auf den Rücken und anderer erforderlicher Aufmerksamkeiten, die ihr auf die zarteste Weise von Herrn Samuel Weller erwiesen wurden.

Diese laute Fröhlichkeit wurde plötzlich durch starkes Läuten am Gartentor unterbrochen, worauf der junge Herr, der seine Mahlzeit im Waschhause hielt, alsbald öffnete. Herr Weller widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem hübschen Stubenmädchen. Herr Muzzle war durch das Servieren in Anspruch genommen, und die Köchin hatte eben zu lachen aufgehört und führte gerade ein beträchtliches Stück Fleisch nach ihren Lippen, als die Küchentür aufging und Herr Hiob Trotter hereintrat.

Wir haben gesagt, daß Herr Hiob Trotter hereintrat, aber diese Behauptung kann auf die gewöhnliche Gewissenhaftigkeit der Geschichtsschreiber keinen Anspruch machen. Die Tür ging auf, und Herr Trotter erschien. Er wäre hereingetreten, und war wirklich im Begriff, hereinzutreten, als er beim Anblick des Herrn Weller unwillkürlich ein paar Schritte zurückbebte und vor Bestürzung und Schrecken die unerwartete Szene völlig regungslos anstarrte.

»Da ist er«, sagte Sam, vergnügt aufstehend. »Wir sprachen soeben von Ihnen. Wie geht es Ihnen? Wo haben Sie sich befunden? Treten Sie ein.«

Und seine Hand auf den maulbeerfarbenen Kragen des widerstandslosen Hiob legend, zog ihn Herr Weller in die Küche, schloß die Tür ab und händigte den Schlüssel Herrn Muzzle ein, der ihn ganz kaltblütig in seine Seitentasche steckte.

»Das ist höchst lustig«, rief Sam. »Denken Sie nur, mein Herr hat das Vergnügen, den Ihren oben zu sehen, und ich habe die Freude, Sie hier unten zu begrüßen. Wie steht es mit Ihnen und wie steht es mit dem Kramladen? Nun, es freut mich sehr, Sie zu treffen. Wie gut Sie aussehen! Es ist eine wahre Lust, Sie zu betrachten – nicht wahr, Herr Muzzle?«

»Gewiß«, meinte Herr Muzzle.

»Er ist so zutraulich«, bemerkte Sam.

»So aufgeräumt«, bestätigte Muzzle.

»Und so glücklich, uns zu sehen – das macht ihn so heiter«, sagte Sam. »Setzen Sie sich: setzen Sie sich.«

Herr Trotter ließ sich in einen Stuhl zwängen, der am Feuer stand, richtete seine Äuglein zuerst auf Herrn Weller, dann auf Herrn Muzzle und sagte nichts.

»Nun hätte ich Lust«, sagte Sam, »Sie aus einer Art von Neugierde in Gegenwart dieser Damen zu fragen, ob Sie sich nicht für einen so hübschen und artigen jungen Ehrenmann halten, wie nur je einer ein rotgewürfeltes Taschentuch und Nummer vier der geistlichen Liedersammlung bei sich trug.«

»Und wie nur je einer im Begriff war, sich mit einer Köchin zu verheiraten«, fügte die Dame unwillkürlich hinzu. »Der Schurke!«

»Ha, ha; sich von seinen bösen Wegen bekehren und dann einen Kramladen errichten!« sagte das Stubenmädchen.

»Jetzt will ich Euch was sagen, junger Mann«, begann Herr Muzzle, den die beiden letzteren Anspielungen in Wut versetzten, mit strengem Tone; »mit dieser Dame (auf die Köchin deutend) gedenke ich eine Verbindung fürs Leben zu schließen; und wenn Sie sich erdreisten, davon zu sprechen, Sie wollten mit ihr eine Verbindung zu einem Kramladen eingehen, so beleidigen Sie mich in einem der empfindlichsten Punkte, worin nur ein Mann den andern beleidigen kann. Verstehen Sie das, Sir?«

Hier schwieg Herr Muzzle, der einen großen Begriff von seiner Beredsamkeit hatte; denn er ahmte darin seinem Herrn nach, und wartete auf Antwort. ,

Aber Herr Trotter gab keine Antwort. Und so fuhr denn Herr Muzzle in strengem Ton fort:

»Es ist sehr wahrscheinlich, Sir, daß man Sie oben für einige Minuten nötig haben wird, Sir; denn mein Herr ist in diesem Augenblick damit beschäftigt, mit Ihrem Herrn, Sir, ein Hühnchen zu rupfen. Darum haben Sie einstweilen Muße, mit mir eine kleine Privatunterredung zu haben, Sir. Verstehen Sie das, Sir?«

Herr Muzzle wartete wieder auf Antwort, aber Herr Trotter täuschte abermals seine Erwartung.

»Nun denn«, sagte Herr Muzzle, »es tut mir sehr leid, mich in Gegenwart der Damen erklären zu müssen; aber das Dringende des Falls wird mich entschuldigen. Das anstoßende Gemach ist leer, Sir, wenn Sie dort hineintreten wollen, Sir; und Herr Weller wird nichts dagegen haben, und wir können unsere Sache dann ausfechten, bis die Glocke ertönt. Folgen Sie mir, Sir.«

Während Herr Muzzle also sprach, ging er ein paar Schritte der Tür zu, und um Zeit zu ersparen, zog er während des Gehens seinen Rock aus.

Kaum hatte die Köchin die letzten Worte dieser furchtbaren Herausforderung gehört, und gesehen, wie Herr Muzzle im Begriff war, sie zur Ausführung zu bringen, als sie einen lauten, durchdringenden Schrei ausstieß und auf Herrn Hiob Trotter losstürzte. Dieser war eben von seinem Stuhl aufgestanden, und nun zerkratzte und zerschlug sie ihm sein breites, plattes Gesicht mit jener Energie, die aufgeregten Damen eigentümlich ist. Sie fuhr ihm mit den Händen in sein langes, schwarzes Haar und riß ihm soviel davon aus, daß man fünf bis sechs Dutzend der größten Trauerringe 1 hätte daraus flechten können. Als sie dieses Bravourstück mit all jener Begeisterung vollbracht hatte, die ihr die feurige Liebe zu Herrn Muzzle einflößte, taumelte sie zurück, und da sie eine Dame von sehr erregbaren und feinen Gefühlen war, so fiel sie augenblicklich ohnmächtig unter den Tisch.

In diesem Augenblick ertönte die Glocke.

»Das gilt Ihnen, Hiob Trotter«, sagte Sam; und bevor Herr Trotter etwas antworten konnte – ja sogar bevor Herr Trotter Zeit hatte, die Wunden zu verstopfen, die ihm die besinnungslose Dame beigebracht – nahm ihn Sam an einem und Herr Muzzle an dem andern Arm, und indem ihn der eine vorn zog und der andere hinten schob, brachten sie ihn die Treppe hinauf ins Wohnzimmer.

Ein imposantes Bild entfaltete sich vor ihnen. Alfred Jingle, Esquire, alias Kapitän Fitz-Marshall, stand mit dem Hute in der Hand und einem Lächeln auf seinem trotz seiner höchst unangenehmen Lage völlig ruhigen Gesicht, an der Tür. Ihm gegenüber stand Herr Pickwick, der soeben eine strenge moralische Vorlesung gehalten haben mußte; denn seine linke Hand ruhte auf seiner Hüfte und seine rechte schwebte in der Luft – eine Haltung, die ihm eigen war, wenn er eine nachdrückliche Rede hielt. In einiger Entfernung stand Herr Tupman mit zornigem Gesicht und wurde von seinen beiden jüngeren Freunden sorglich zurückgehalten. Weiter hinten im Zimmer sah man Herrn Nupkins, Frau Nupkins und Fräulein Nupkins, großartig düster und wild empört.

»Was hindert mich«, sagte Herr Nupkins mit der Würde des Herrschers, als Hiob hereingebracht wurde – »was hindert mich, diese Menschen als Landstreicher und Betrüger verhaften zu lassen? Es ist törichte Nachsicht. Was hindert mich?«

»Stolz, alter Kamerad, Stolz«, erwiderte Jingle ganz wohlgemut. »Ließe sich nicht machen – ginge nicht – einen Kapitän ins Garn gelockt, he? – ha! ha! sehr hübsch – einen Mann für die Tochter – saurer Apfel – öffentlich werden – um alle Welt nicht – sehen verblüfft drein, ganz verblüfft.«

»Schändlicher!« rief Frau Nupkins; »wir verachten Ihre gemeinen Anspielungen.«

»Ich habe ihn von jeher gehaßt«, fügte Henriette hinzu.

»Ha, natürlich«, bemerkte Jingle. »Schlanker junger Mann – alter Liebhaber – Sidney Porkenham – reich – seiner Bursche – doch nicht so reich als der Kapitän, he? – Gebt ihm den Abschied – fort mit ihm – alles für den Kapitän – gibt nur einen Kapitän – alle Mädchen – rasend verliebt – he, Hiob he?«

Hier lachte Herr Jingle aus vollem Halse, und Hiob rieb sich die Hände vor Vergnügen und gab den ersten Laut von sich, seit er ins Haus getreten war – ein leises, kaum vernehmliches Kichern, das anzudeuten schien, wie er sich seines Lachens zu sehr freute, um es von sich zu geben.

»Nupkins«, bemerkte die ältere Dame, »unsere Unterhaltung ist nicht dazu geeignet, Dienstboten zu Zeugen zu haben. Schaffe die Schurken fort.«

»Jawohl, meine Liebe«, versetzte Herr Nupkin«. »Muzzle!«

»Ihro Gnaden –«

»Machen Sie die Tür auf.«

»Ja, Ihro Gnaden.«

»Verlassen Sie dieses Haus«, sagte Herr Nupkins, mit nachdrucksvoller Bewegung seiner Hand.

Jingle lächelte und ging auf die Tür zu.

»Halt!« rief Herr Pickwick.

Jingle blieb stehen.

»Ich hätte«, sagte Herr Pickwick, »eine weit empfindlichere Rache für die Behandlung nehmen sollen, die mir von Ihnen und Ihrem heuchlerischen Freunde widerfahren ist.«

Hier macht Hiob Trotter eine sehr höfliche Verbeugung und legte seine Hand aufs Herz.

»Ich wiederhole«, fuhr Herr Pickwick, immer zorniger werdend, fort: »ich hätte eine empfindlichere Rache nehmen sollen, aber ich begnüge mich damit, Sie zu entlarven, und ich glaube, das der Gesellschaft schuldig zu sein. Es ist das eine Nachsicht, Sir, für die Sie hoffentlich ein dankbares Gedächtnis haben werden.«

Als Herr Pickwick soweit gekommen war, hielt Hiob Trottet mit ironischer Würde die Hand ans Ohr, als läge ihm alles daran, ja keine Silbe von Herrn Pickwicks Rede zu verlieren.

»Und ich habe nur noch hinzuzufügen, Sir«, fuhr Herr Pickwick, außer sich vor Zorn, fort, »daß ich Sie für einen Schurken und einen – einen Galgenstrick – und – einen größeren Schandbuben halte, als mir je einer vorgekommen ist, oder als ich je von einem gehört habe, mit Ausnahme des höchst frommen und heiligen Landstreichers in der maulbeerfarbigen Livree.«

»Ha–ha–ha«, lachte Jingle. »Ehrlicher Kerl, Pickwick – gute Seele – wackerer alter Knabe – aber müssen nicht leidenschaftlich werden – bös‘ Ding das, sehr bös‘ – nun, nun – sehen uns wohl wieder – nur den Mut nicht sinken lassen – jetzt Hiob – komm.«

Mit diesen Worten setzte Herr Jingle den Hut in seiner gewohnten Weise auf und schritt aus dem Zimmer. Hiob Trotter blieb stehen, sah sich ringsum, lächelte, machte gegen Herrn Pickwick eine spöttisch-feierliche Verbeugung, warf Herrn Weller einen Blick zu, dessen freche Pfiffigkeit jeder Beschreibung spottet, und folgte den Fußtapfen seines hoffnungsvollen Herrn.

»Sam!« rief Herr Pickwick, als Herr Weller ihm nacheilte.

»Sir.«

»Bleib!«

Herr Weller schien unschlüssig.

»Bleib«, wiederholte Herr Pickwick.

»Darf ich diesen Hiob nicht im Garten noch etwas ausstäuben?« fragte Herr Weller.

»Nein«, erwiderte Herr Pickwick.

»Darf ich ihm nicht am Gartentor noch einen Fußtritt geben, Sir?« fragte Herr Weller.

»Nein, unter keinen Umständen«, entgegnete sein Herr.

Zum ersten Male seit seiner Anstellung sah Herr Weller für einen Augenblick mißvergnügt und unglücklich aus. Aber bald klärte sich sein Gesicht auf, denn der schlaue Herr Muzzle, der sich hinter die Haustür versteckt hatte, brach gerade im rechten Moment hervor und hatte das Glück, durch seine außerordentliche Gewandtheit Herrn Jingle und seinen Adjutanten kopfüber die Treppe hinab in die Töpfe zu werfen, worin die amerikanischen Aloen standen.

»Nachdem ich meine Pflicht erfüllt habe, Sir«, sagte Herr Pickwick zu Herrn Nupkins, »will ich mich jetzt mit meinen Freunden von Ihnen verabschieden. Wir danken Ihnen für die uns erwiesene Gastfreundschaft. Erlauben Sie mir, Sie in unser aller Namen zu versichern, daß wir diese nie in Anspruch genommen, noch uns auf eine solche Weise aus unserer früheren Verlegenheit gezogen hätten, wären wir nicht durch ein strenges Pflichtgefühl dazu bestimmt worden. Wir kehren morgen nach London zurück. Ihr Geheimnis ist sicher bei uns aufgehoben.«

Das war der Entgelt, mit dem Herr Pickwick gegen die Behandlung protestierte, die ihnen am Morgen widerfahren war. Er machte den Damen eine tiefe Verbeugung und verließ, ungeachtet der dringenden Einladung der Familie, mit seinen Freunden das Zimmer.

»Nimm deinen Hut, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Er ist unten, Sir«, erwiderte Sam, und eilte hinunter, um ihn zu holen.

Nun war aber niemand in der Küche als das hübsche Stubenmädchen, und da Sams Hut verlegt war, so mußte er ihn suchen, und das hübsche Stubenmädchen leuchtete ihm. Sie mußten die ganze Küche durchsuchen, und das hübsche Stubenmädchen ließ sich in ihrer Besorgnis um den Hut auf ein Knie nieder und durchstöberte alles, was in dem kleinen Winkel hinter der Tür aufgehäuft lag. Es war ein unbequemer Winkel, man konnte nicht hinkommen, ohne vorher die Tür zu schließen.

»Hier ist er«, rief das hübsche Stubenmädchen: »das ist er, nicht wahr?«

»Zeigen Sie«, sagte Sam.

Das hübsche Stubenmädchen hatte das Licht auf den Boden gestellt, und da es nur einen matten Schein von sich warf, war Sam genötigt, sich ebenfalls auf die Knie niederzulassen, um zu sehen, ob es wirklich sein Hut war oder nicht. Der Winkel war außerordentlich eng, und deswegen – es trug niemand anders die Schuld, als der Mann, der das Haus gebaut hatte – kamen Sam und das hübsche Stubenmädchen notwendig sehr nahe zusammen.

»Ja, da« ist er«, sagte Sam. »Leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl«, antwortete das hübsche Stubenmädchen.

»Leben Sie wohl«, sagte Sam: und als er das sagte, ließ er den Hut fallen, dessen Auffindung so viele Mühe gekostet hatte.

»Wie ungeschickt Sie sind«, rief das hübsche Stubenmädchen aus. »Sie werden ihn wieder verlieren, wenn Sie nicht besser acht geben.«

Und um dem vorzubeugen, setzte sie ihm selber den Hut auf den Kopf.

Ob nun das Gesicht des hübschen Stubenmädchens noch hübscher aussah, als es dem Gesichte Sams zugekehrt war, oder ob es eine zufällige Folge des Umstandes war, daß sie einander so nahe waren, das ist eine Frage, die bis auf diesen Tag noch nicht entschieden ist – kurz, Sam küßte sie.

»Sie haben das doch nicht absichtlich getan?« fragte das hübsche Stubenmädchen errötend.

»Nein«, antwortete Sam, »aber jetzt will ich es absichtlich tun.«

Somit küßte er sie wieder.

»Sam!« rief Herr Pickwick von der Treppe her.

»Ich komme, Sir«, erwiderte Sam, hinaufeilend.

»Wo bist du solange gewesen?« fragte Herr Pickwick.

»Es lag etwas hinter der Tür, Sir; darum konnten wir sie solange nicht aufmachen«, antwortete Sam.

Und das war der erste Akt von Herrn Wellers erster Liebe.

  1. Eine längst aus der Mode gekommene Liebhaberei, aus Menschenhaar künstliche Blumen, Schleifen und Schmucksachen, wie auch Trauerhalsketten und Trauerringe zu flechten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Das eine kurze Erzählung von dem weitern Verlauf des Prozesses zwischen Bardell und Pickwick enthält.

Da Herr Pickwick durch Jingles Entlarvung den Hauptzweck seiner Reise erreicht hatte, so beschloß er, alsbald nach London zurückzukehren, um sich mit den Maßregeln bekannt zu machen, die die Herren Dodson und Fogg während dieser Zeit ergriffen haben mochten. Diesen Entschluß mit der ganzen Kraft und Entschiedenheit seines Charakters verfolgend, stieg er am Morgen nach den merkwürdigen Ereignissen, die wir in den beiden vorhergehenden Kapiteln der Länge nach erzählt haben, auf den Rücksitz der ersten Kutsche, die Ipswich verließ, und langte mit seinen drei Freunden und Herrn Samuel Weller am selben Abend glücklich und wohlbehalten in der Hauptstadt an.

Hier trennten sich die Freunde auf kurze Zeit. Die Herren Tupman, Snodgraß und Winkle zogen sich in ihre verschiedenen Wohnungen zurück, um die Vorbereitungen zu treffen, die ihr bevorstehender Besuch zu Dingley Dell erforderte, und Herr Pickwick und Sam schlugen ihr einstweiliges üuartier in einem sehr guten, altmodischen und bequemen Gasthofe, nämlich bei »Georg und Geier«, Gast- und Kaffeehaus, George Jard, Lombard-8treet, auf.

Herr Pickwick hatte gespeist, seine zweite Flasche extra guten Portweins geleert, sein seidenes Taschentuch über den Kopf gezogen, seine Füße gegen das Kamingitter gestellt und sich in einen bequemen Armstuhl zurückgelehnt, als ihn der Eintritt des Herrn Weller mit seinem Mantelsack aus seinen stillen Betrachtungen weckte.

»Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Sir«, antwortete Herr Weller.

»Ich habe soeben daran gedacht«, sagte Herr Pickwick, »daß ich bei Frau Bardell in der Goswellstraße noch viele von meinen Sachen liegen habe, die ich gern holen lassen möchte, ehe ich die Stadt wieder verlasse.«

»Ganz recht, Sir«, versetzte Herr Weller.

»Ich könnte sie zwar für den Augenblick bei Herrn Tupman unterbringen«, fuhr Herr Pickwick fort, »aber bevor wir sie dort hinholen, müssen sie notwendig durchgemustert und zusammengepackt werden. Ich wünsche daher, daß du in die Goswellstraße gingest und sie in Ordnung brächtest.«

»Sogleich, Sir?« fragte Herr Weller.

»Sogleich«, erwiderte Herr Pickwick.

»Und halt, Sam«, fügte Herr Pickwick hinzu, indem er seine Börse hervorzog. »Wir sind noch mit der Hausmiete im Rückstand. Die Miete ist zwar erst Weihnachten fällig, aber bezahle sie nur, dann ist die Sache im reinen. Wir haben monatliche Kündigung. Hier ist der Mietvertrag. Gib ihn Frau Bardell und sage ihr, sie könne die Wohnung abgeben, wann es ihr beliebe.«

»Ganz recht, Sir«, versetzte Herr Weller.

»Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen, Sir?«

»Nein, Sam.«

Herr Weller ging langsam nach der Tür, als warte er noch auf etwas, öffnete sie langsam, trat langsam hinaus und zog sie langsam bis auf ein paar Zoll zu, als ihm Herr Pickwick nachrief –

»Sam!«

»Hier, Sir«, erwiderte Herr Weiler, eiligst zurückkehrend und die Tür hinter sich schließend.

»Ich habe nichts dagegen, Sam, wenn du zu erfahren versuchst, wie Frau Bardell gegenwärtig gegen mich gesinnt ist, und ob wohl die niederträchtige, grundlose Klage bis aufs äußerste getrieben werden soll. Ich sage, ich habe nichts dagegen, wenn du das tun willst, sofern dir selbst daran liegt, Sam«, sagte Herr Pickwick.

Sam nickte beifällig mit dem Kopfe und verließ das Zimmer. Herr Pickwick zog das seidene Taschentuch noch weiter über den Kopf herunter und schickte sich zu einem Schläfchen an. Herr Weller ging rasch seines Weges weiter, um seinen Auftrag auszurichten.

Es war nahe an neun Uhr, als er die Goswellstraßc erreichte. Im kleinen Wohnzimmer vorn brannten ein paar Kerzen, und in der Fensterblende schatteten sich ein paar Hauben ab. Frau Bardell hatte Gesellschaft.

Herr Weller pochte an die Tür, und nach ziemlich langer Zeit, währenddessen Sam eine Melodie pfiff und die Hausbesitzerin eine kurze, widerspenstige Kerze zu überreden suchte, sich anzünden zu lassen, klapperten ein paar kleine Stiefel über den Hausflur, und der junge Herr Bardell stand vor dem harrenden Weller.

»Nun, junger Dachs«, sagte Sam, »wie steht’s mit der Frau Mutter?«

»Es geht ihr ganz gut«, erwiderte Master Bardell; »und mir auch.«

»Na, Gott sei Dank«, versetzte Sam; »sag ihr, ich möchte sie gern sprechen, mein Goldkind.«

Also gebeten stellte Master Bardell das Licht unten an die Treppe und verschwand hinter der Tür des Wohnzimmers, um seine Botschaft auszurichten.

Die beiden Hauben, die sich an der Fensterblende abzeichneten, gehörten einigen von Frau Bardells vertrautesten Freundinnen, die soeben gekommen waren, um in Ruhe eine Tasse Tee zu trinken und sich ein paar Ferkelfüßchen mit geröstetem Käse schmecken zu lassen. Der Käse schmorte auf eine höchst einladende Weise in einem kleinen holländischen Backofen vor dem Feuer, und die Ferkelfüßchen schwammen ganz köstlich in einem zinnernen Topf. Frau Bardell und ihre beiden Freundinnen schwammen ebenfalls ganz köstlich in einer ruhigen Unterhaltung, die sich mit allen ihren vertrauten Bekannten und Freundinnen befaßte. Da kam Master Bardell von der Haustür zurück und richtete die Botschaft aus, die ihm Herr Samuel Weller anvertraut hatte.

»Herrn Pickwicks Diener?« rief Frau Bardell erblassend.

»Gott steh uns bei!« sagte Frau Cluppins.

»Wahrlich, das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich nicht zufälligerweise selbst hier wäre«, rief Frau Sanders.

Frau Cluppins war eine kleine, rührige, geschäftig aussehende Frau, und Frau Sanders eine große, wohlbeleibte Person mit einem Vollmondsgesicht. Und diese beiden bildeten die Gesellschaft.

Frau Bardell hielt es für zweckmäßig, die Aufgeregte zu spielen! und da keine von den dreien genau wußte, ob unter den obwaltenden Umständen Herrn Pickwicks Diener ohne die Vermittlung der Herren Dodson und Fogg eine Mitteilung angenommen werden könne, so waren alle in einiger Bestürzung. In diesem Stande der Unentschiedenheit war das erste, was sie tun zu müssen glaubten, den Knaben dafür zu knuffen, daß er Herrn Weller an der Tür gefunden hatte. Seine Mutter versetzte ihm also verschiedene Püffe, und der Knabe schrie nach Noten.

»Halt dein Maul, du junger Taugenichts«, rief Frau Bardell.

»Ja; plage deine arme Mutter nicht so«, sagte Frau Sanders.

»Sie ist ohnehin schon geplagt genug, Tommy«, fügte Frau Cluppins mit teilnehmender Resignation hinzu.

»Ach, wie unglücklich das arme Lamm ist!« rief Frau Sanders aus.

Bei all diesen moralischen Betrachtungen heulte Master Bardell nur um so lauter.

»Was soll ich jetzt tun?« sagte Frau Bardell zu Frau Cluppin«.

»Ich denke, Sie sollten ihn vorlassen«, erwiderte Frau Cluppin«: »aber auf keinen Fall ohne einen Zeugen.«

»Ich meine, zwei Zeugen wären noch gesetzmäßiger«, bemerkte Frau Sanders, die, wie die andere Freundin, vor Neugierde beinahe platzte.

»Es ist vielleicht am geratensten, ihn hereinkommen zu lassen«, sagte Frau Bardell.

»Ohne Zweifel«, versetzte Frau Cluppins, den Gedanken begierig auffassend. »Treten Sie herein, junger Mann, und schließen Sie vorher noch gefälligst die Haustür.«

Herr Weller folgte der Einladung sogleich, trat ins Wohnzimmer und begann sich seines Auftrags an Frau Bardell mit folgenden Worten zu entledigen:

»Tut mir sehr leid, wenn ich Ihnen persönlich beschwerlich falle, wie jener Räuber zu der alten Dame sagte, als er in ihr Haus eingebrochen war und sie auf das Feuer legte. Aber da ich und mein Herr eben erst in der Stadt angekommen sind und wir sogleich wieder abreisen wollen, so wollte ich Ihnen doch wenigstens meine Aufwartung machen.«

»Natürlich, der junge Mann ist an dem Fehler seines Herrn unschuldig«, sagte Frau Cluppins, von Herrn Wellers Persönlichkeit und Begrüßung tief ergriffen.

»Ohne Zweifel«, stimmte Frau Sanders ein, die, nach gewissen sehnsüchtigen Blicken auf die kleine Zinnplatte zu urteilen, eine genaue Berechnung anzustellen schien, wieweit wohl die Ferkelfüßchen reichen dürften, im Falle Sam zum Abendessen eingeladen würde.

»Alles, weswegen ich gekommen bin, ist kurz dies«, sagte Sam, ohne die Unterbrechung zu beachten. – »Erstens, den Mietvertrag meines Herrn zurückzugeben – hier ist er. Zweitens, die Miete zu bezahlen – hier ist sie. Drittens, zu sagen, daß alle seine Sachen zusammengepackt und einer Person eingehändigt werden sollen, die er danach schicken wird. Viertens, daß Sie die Wohnung, sobald es Ihnen beliebt, vermieten können – und das ist alles.«

»Was immer auch vorgefallen sein mag«, sagte Frau Bardell, »ich habe es immer gesagt und werde es immer sagen, daß sich Herr Pickwick in jeder Rücksicht, außer in einer, stets wie ein vollendeter Gentleman benommen hat. Das Geld war immer so sicher – wie die Bank von England – immer.«

Während Frau Bardell das sagte, hielt sie ihr Taschentuch vor die Augen und ging aus dem Zimmer, um die Quittung zu schreiben.

Sam wußte sehr gut, daß er nur zu schweigen brauchte, um die Weiber zum Sprechen zu bringen; er blickte daher in tiefer Stille abwechselnd nach der zinnernen Platte, dem gerösteten Käse, der Wand und der Zimmerdecke.

»Arme Freundin«, seufzte Frau Cluppins.

»Armes Ding«, rief Frau Sanders aus.

Sam sagte nichts. Er sah, daß sie zur Sache kamen.

»Ich kann mich wahrlich gar nicht fassen«, bemerkte Frau Cluppins, »wenn ich an eine solche Treulosigkeit denke. Ich möchte nicht gern etwas sagen, was Ihnen wehtun könnte, junger Mann, aber Ihr Herr ist ein Ungeheuer, und ich wollte, er wäre hier, daß ich es ihm ins Gesicht sagen könnte.«

»Auch ich wünschte, er wäre hier«, erwiderte Sam.

»Es ist schrecklich mit anzusehen, wie entsetzlich sie sich’s zu Herzen nimmt, wie schwermütig sie umherwankt, und wie sie an nichtmehr Vergnügen findet, außer wenn ihre Freundinnen aus christlichem Mitleid herüberkommen, um sie zu besuchen und zu trösten«, sagte Frau Cluppins mit einem Seitenblick auf die zinnerne Platte und den holländischen Backofen. »Ja, wahrhaft schrecklich!«

»Barbarisch«, rief Frau Sanders.

»Und Ihr Herr, junger Mann, ein Gentleman mit Vermögen, der den Aufwand für eine Frau gar nicht spürt«, fuhr Frau Cluppins mit großer Zungengeläufigkeit fort, »der also keinen Schatten von Entschuldigung für sich hat. – Warum heiratet er sie nicht?«

»Ja«, erwiderte Sam, »das ist eben die Frage, um die es sich handelt.«

»Frage? wahrlich«, entgegnete Frau Cluppins: »wenn sie meinen Geist hätte, sie würde ihn nicht lange fragen. Es gibt noch Gesetze für uns Frauen, zu welch erbärmlichen Geschöpfen sie uns auch machen möchten, wenn sie könnten, und das wird Ihr Herr auf seine Kosten erfahren, ehe er ein halbes Jahr älter ist.«

Bei dieser tröstlichen Betrachtung klärte sich Frau Cluppins‘ Gesicht auf, und sie lächelte Frau Sanders zu, und diese lächelte ihr wieder zu.

»Der Prozeß nimmt also seinen Fortgang; da ist kein Zweifel«, dachte Sam, als Frau Bardell mit der Quittung erschien.

»Hier ist die Quittung, Herr Weller«, sagte Frau Bardell, »und hier ist das Geld, das Sie noch herausbekommen. Ich hoffe. Sie werden einen Tropfen annehmen, um sich zu erwärmen, wäre es auch nur um der alten Bekanntschaft willen, Herr Weller.«

Sam sah den Vorteil ein, den er dadurch errang, und nahm das Anerbieten an, worauf Frau Bardell aus einem kleinen Schrank eine dunkle Flasche und ein Weinglas herausnahm. Sie war so tief in ihren Seelenschmerz versunken, daß sie nach Auffüllung von Herrn Wellers Glas noch drei weitere Glaser zutage förderte und sie ebenfall« füllte.

»Ach du meine Güte, Frau Bardell«, rief Frau Cluppins aus; »wo sind Sie, und was machen Sie da?«

»Wie kommen Sie mir vor?« fiel Frau Sanders ein.

»Ach, mein armer Kopf!« seufzte Frau Bardell mit trübem Lächeln.

Sam verstand natürlich das alles, darum sagte er ohne weitere«, er könne vor Tisch nie trinken, außer es trinke eine Dame mit ihm. Darauf wurde denn weidlich gelacht, und Frau Sanders erklärte sich bereit, ihn in dieser Hinsicht zufriedenzustellen: sie schlürfte also einen Tropfen aus ihrem Glase. Dann meinte Sam, es müsse herumgehen und so nahmen denn alle ein kleines Schlückchen. Dann schlug die Frau Cluppins den Toast vor: »auf guten Erfolg des Prozesses Bardell gegen Pickwicks, und dann leerten die Damen ihre Gläser zu Ehren dieses Trinkspruches und wurden alsbald sehr gesprächig.

»Ich vermute. Sie haben vernommen, was vorgeht, Herr Weller?« sagte Frau Bardell.

»Ich habe davon reden hören«, erwiderte Sam.

»Es ist entsetzlich, auf diese Art zum Stadtgespräche zu werden, Herr Weller«, sagte Frau Bardell. »Aber ich sehe nun ein, daß es das einzige war, was ich tun konnte, und meine Rechtsbeistände, die Herren Dodson und Fogg sagen mir, daß wir mit den Beweisen, die wir vorlegen können, gewinnen müssen. Ich wüßte wirklich nicht, was ich tun sollte, wenn es fehlschlüge, Herr Weller.«

Der bloße Gedanke, Frau Bardell könnte möglicherweise ihren Prozeß verlieren, ergriff Frau Sanders so heftig, daß sie sich in die Notwendigkeit versetzt sah, augenblicklich ihr Glas wieder zu füllen und wieder zu leeren. Sie fühlte, wie sie nachher gestand, sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn sie nicht die Geistesgegenwart gehabt hätte, dieses Mittel zu ergreifen.

»Wann wird wohl der Termin stattfinden?« fragte Sam.

»Entweder im Februar oder im März«, erwiderte Frau Bardell.

»Was für eine Menge von Zeugen da auftreten werden!« rief Frau Cluppins au«.

»O gewiß«, versetzte Frau Sanders.

»Und würden die Herren Dodson und Fogg nicht rasend werden, wenn die Klägerin nicht gewönne«, fügte die Frau Cluppins hinzu, »da sie den Prozeß auf Spekulation anfangen?«

»O gewiß«, sagte Frau Sander«.

»Aber die Klägerin muß gewinnen«, bemerkte Frau Cluppins,

»Ich hoffe es«, sagte Frau Bardell.

»O, darüber kann gar kein Zweifel obwalten«, setzte Frau Sanders hinzu.

»Nun«, sagte Sam aufstehend und sein Gla« niederstellend, »alles, was ich sagen kann, ist, daß ich wünsche. Sie mögen ihn gewinnen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Weller«, erwiderte Frau Bardell mit Inbrunst.

»Und was Dodson und Fogg betrifft, die solche Dinge aus Gewinnsucht betreiben«, fuhr Herr Weller fort, »sowie die übrigen liebevollen und großmütigen Männer ihres Gewerbes, die die Leute für nichts und wieder nichts aufeinander Hetzen und ihre Schreiber dazu brauchen, unbedeutende Zwistigkeiten zwischen Nachbarn und Bekannten aufzustöbern und an die Vermittlung des Gesetzes zu verraten – was diese betrifft, so kann ich nur soviel sagen, daß ich wünsche, sie möchten den Lohn bekommen, den ich ihnen gern gäbe.«

»O, ich wünsche, sie möchten den Lohn bekommen, den ihnen jedes liebevolle und großmütige Herz zu geben geneigt wäre«, sagte Frau Bardell, durch diese Worte völlig gewonnen.

»Dazu sage ich Amen«, versetzte Sam, »und sie sollten nur dabei kräftig und glücklich werden! Wünsche Ihnen gute Nacht, meine Damen.«

Zur großen Beruhigung der Frau Sanders durfte Sam sich entfernen, ohne von der Hauswirtin eine Einladung zu den Ferkelfüßchen und dem gerösteten Käse zu erhalten. Diesen Leckerbissen ließen die Damen unter dem jugendlichen Beistand von Master Bardell alsbald vollste Gerechtigkeit widerfahren. Die Gerichte verschwanden wirklich spurlos unter ihren Bemühungen.

Herr Weller wandte seine Schritte zu »Georg und Geier« zurück, und er gab getreulich seinem Herrn Bescheid über die wohlberechneten Anschläge der Herren Dodson und Fogg, die er bei seinem Besuche in Frau Bardells Hause erfahren hatte. Eine Unterredung mit Herrn Perker, die am folgenden Tage stattfand, bestätigte Herrn Wellers Angaben nur zu sehr. Herr Pickwick aber traf Vorbereitungen zu seinem Weihnachtsbesuche in Dingley Dell mit dem erfreulichen Vorgefühl, daß zwei bis drei Monate später vor dem Gerichtshof von Common- Pleas eine Entschädigungsklage wegen Bruchs eines Eheversprechens gegen ihn anhängig gemacht werden würde. Dabei würde die Klägerin alle Vorteile für sich haben, die sich nicht nur aus der Gewalt der Umstände, sondern auch aus der Gewandtheit und dem Scharfsinn der Herren Dodson und Fogg für sie ergeben mußten.

Achtundzwanzigstes Kapitel.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

Samuel Weller macht eine Wallfahrt nach Dorking und sieht seine Stiefmutter.

Da bis zur Zeit, die zur Abreise der Pickwickier nach Dingley Dell anberaumt war, noch zwei Tage fehlten, so setzte sich Herr Weller, nachdem er früh zu Mittag gespeist hatte, bei »Georg und Geier« in ein Hinterstübchen, um darüber nachzudenken, wie er diese Zeit am zweckmäßigsten anwenden könnte. Es war ein außerordentlich schöner Tag, und er hatte noch keine zehn Minuten lang in seinem Geiste nachgedacht, als er plötzlich einen Anfall von kindlicher Liebe und Zärtlichkeit verspürte. Der Gedanke, seinen Vater besuchen und seiner Stiefmutter sich vorstellen zu müssen, stand so gebieterisch vor seiner Seele, daß er ganz erstaunt war, wie er bisher diese Pflicht so gänzlich vergessen haben konnte. Um die Versäumnis unverzüglich wieder einzuholen, ging er sofort zu Herrn Pickwick hinauf und bat ihn um Urlaub, damit er seinen lobenswerten Entschluß ausführen konnte.

»Von Herzen gern, Sam, von Herzen gern«, sagte Herr Pickwick, dessen Augen vor Freude über diesen Beweis der zärtlichen Gefühle seines Dieners funkelten; »von Herzen gern, Sam.«

Herr Weller verneigte sich dankbar.

»Ich sehe mit Vergnügen«, sagte Herr Pickwick, »daß du ein so zartes Gefühl für deine kindlichen Pflichten hast, Sam.«

»Das habe ich immer gehabt, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Es freut mich sehr, das von dir zu hören«, sagte Herr Pickwick beifällig.

»Ja, Sir«, versetzte Herr Weller: »so oft ich etwas von meinem Vater haben wollte, bat ich ihn jedesmal auf die artigste und höflichste Weise darum, und wenn er es mir nicht gab, so nahm ich es selber, aus Furcht, ich möchte mich zu einer Unart verleiten lassen, wenn ich es nicht bekäme. Ich ersparte ihm auf diese Weise unendlich viel Verdruß, Sir.«

»Das ist es nicht gerade, was ich meine, Sam«, versetzte Herr Pickwick kopfschüttelnd mit leichtem Lächeln.

»Hatte immer ein zartes Gefühl, Sir – immer die besten Absichten, wie jener Herr sagte, als er sein Weib im Stich ließ, weil sie unglücklich mit ihm zu sein schien.«

»Du kannst gehen, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Herr Weller: und nachdem er seine zierlichste Verbeugung gemacht und seine besten Kleider angelegt hatte, setzte er sich oben auf die Kutsche von Arundel und fuhr nach Dorking.

Der »Marquis von Granby« John Manners Marquis of Granby (1721–1770) war ein populärer englischer General, der bei der englischen Hilfsaktion für Friedrich den Großen im Siebenjährigen Krieg nach Deutschland entsandt wurde und sich hier militärisch sehr auszeichnete. war zu Wellers Zeiten das Muster eines Landstraßenwirtshauses der besseren Klasse – gerade groß genug, um bequem, und klein genug, um behaglich zu sein. An der Straßenseite des Hauses war ein großes Schild hoch oben angebracht, das den Kopf und die Schultern eines Mannes von dickblütigcm Naturell in rotem Rocke mit dunkelblauen Aufschlägen und einem dreieckigen Hute unter einem Himmel von gleich blauer Farbe darstellte. Über ihm waren ein paar Fahnen und unter seinem untersten Rockknopfe ein paar Kanonen angebracht. Das ganze aber sollte eine auffallende, unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Marquis von Granby glorreichen Angedenkens haben.

Am Fenster des Schenkstübchens präsentierte sich eine erlesene Sammlung von Geranien und eine Reihe dick mit Staub bedeckter Branntweinflaschen. Die offenen Fensterladen waren mit einer Menge goldener Inschriften dekoriert, die gute Betten und vorzügliche Weine verhießen, und die ebenso erlesene Gesellschaft von Bauern und Hausknechten, die an der Stalltüre neben den Futtertrögen herumlungerten, gaben einen Beweis von vornherein für die Vortrefflichkeit des Ales und Branntweins, die im Hause verkauft wurden. Sam Weller stieg ab und blieb vor der Haustür stehen, um mit dem Auge eines erfahrenen Reisenden alle diese kleinen Anzeichen eines lebhaften Geschäftsbetriebs zu mustern. Darauf ging er, mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen völlig zufrieden, raschen Schrittes hinein.

»Bitte schön«, rief eine gellende weibliche Stimme in dem Augenblick, da Sam seinen Kopf zur Tür hineinsteckte, »was wünschen Sie, junger Mann?«

Sam sah sich in der Richtung, aus der die Stimme kam, um. Sie gehörte einer ziemlich wohlbeleibten Dame von behaglichem Aussehen, die im Schenkstübchen neben dem Kamin saß und das Feuer unter dem Teekessel anblies. Sie war nicht allein, denn auf der andern Seite der Feuerstätte saß in einem Stuhl mit hohem Rücken ein Mann in fadenscheinigen schwarzen Kleidern, mit einem Rücken, der beinahe ebenso lang und straff war, wie die Lehne des Stuhles, und dieser Mann erregte sogleich Sams besondere Aufmerksamkeit.

Er hatte ein langes, schmales, heuchlerische« Gesicht, eine rote Nase und ein stechendes Auge, das an eine Klapperschlange erinnerte und entschieden auf eine schlechte Gesinnung hindeutete. Er trug sehr kurze Beinkleider und schwarze baumwollene Strümpfe, die gleich seinem übrigen Anzüge sehr abgeschabt waren. Seine Blicke waren steif, aber sein weißes Halstuch war es nicht, und die langen, schmalen Zipfel desselben hingen auf eine für das Auge sehr beleidigende Weise über seine eng zugeknöpfte Weste herab. Ein paar alte, abgetragene Biberhandschuhe, ein breitkrempiger Hut und ein verschossener grüner Regenschirm mit einer Menge von hervorstehenden Fischbeinen, die den Mangel eines Handgriffes am oberen Ende ersetzen zu müssen schienen, lagen auf dem Stuhl neben ihm. Die Ordnung und Sorgfalt aber, womit diese Dinge untergebracht waren, schienen darauf hinzudeuten, daß der Mann mit der roten Nase, wer er auch sein mochte, nicht die Absicht hatte, so schnell wieder weiterzugehen.

Um jedoch dem Mann mit der roten Nase Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir bemerken, daß er keineswegs weise gewesen wäre, wenn er solche Absicht, weiterzugehen, gehabt hätte. Er hätte wahrhaftig einen ausgezeichneten Kreis von Bekannten haben müssen, wenn er es irgendwo anders hatte behaglicher bekommen können. Das Feuer brannte hell unter dem Einflüsse des Blasebalgs, und der Kessel summte vergnüglich unter dem Einfluß beider. Auf dem Tische stand ein kleines Teeservice, und auf einer Platte vor dem Feuer rösteten langsam einige Butterbrotschnitten. Der Mann mit der roten Nase aber war eifrig damit beschäftigt, ein großes Stück Brot mittels einer langen messingenen Gabel in den genannten Leckerbissen zu verwandeln. Neben ihm stand ein Glas duftenden warmen Ananasgrogs mit einer Zitronenscheibe darin. So oft der Mann mit der roten Nase die Brotschnitte vors Auge hielt, um zu untersuchen, wie weit sie gar sei, nahm er ein paar Tropfen von dem warmen Ananasgrog zu sich und lächelte der ziemlich wohlbeleibten Dame zu, während sie das Feuer anblies.

Sam hatte sich so sehr in die Betrachtung dieser behaglichen Szene verloren, daß er die erste Frage der ziemlich Wohlbeleibten gänzlich überhörte. Erst als sie zweimal, und zwar jedesmal mit gellenderem Tone wiederholt worden war, kam er zu dem Bewußtsein der Unschicklichkeit seines Betragens.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Sam in Erwiderung der Frage der Dame.

»Nein«, versetzte Frau Weller, denn die ziemlich Wohlbeleibte war niemand ander«, als die weiland Witib und Universalerbin des seligen Herrn Clarke: – »nein, er ist nicht zu Hause, und ich erwarte ihn auch nicht.«

»Er ist wohl ausgefahren?« fragte Sam.

»Kann sein: vielleicht aber auch nicht«, erwiderte Frau Weller, eine Brotschnitte, die der Mann mit der roten Nase eben abgeschnitten hatte, mit Butter bestreichend: »ich weiß es nicht, und überdies kümmert es mich auch nicht. Sprechen Sie einen Segen, Herr Stiggins.«

Der Mann mit der roten Nase tat, was man verlangt hatte, und fiel dann augenblicklich mit großer Gefräßigkeit über die Brotschnitten her.

Gleich auf den ersten Blick hatte Sam aus dem Äußern des Mannes mit der roten Nase deutlich genug den Schluß gezogen, es möchte der Helfer des Hirten sein, von dem sein achtbarer Vater gesprochen. In dem Augenblick, da er ihn essen sah, waren alle seine Zweifel darüber behoben. Er merkte sogleich, daß er, um einstweilen sein Quartier hier aufschlagen zu können, unverzüglich festen Fuß fassen müsse. Demgemäß begann er damit, daß er seinen Arm über die Halbtür des Schenkstübchens legte, kaltblütig aufschloß und gemächlich hineinging.

»Stiefmutter«, sagte er, »wie geht’s Euch?«

»Wahrhaftig, ich glaube es ist ein Weller«, rief sie, ihre Augen mit nicht sehr vergnügtem Ausdruck auf Sams Gesicht richtend.

»Ich glaube es beinahe auch«, sagte der unerschütterliche Sam, »und ich hoffe, Hochwürden hier werden mich entschuldigen, wenn ich den Wunsch ausdrücke, Euer Weller zu sein, Stiefmutter.«

Das war doppelte Ladung; denn er gab damit zu verstehen, daß Frau Weller eine sehr anmutige Frau sei, und zugleich, daß Herr Stiggins ein geistliches Aussehen habe. Das Kompliment machte auch einen sichtbaren Eindruck auf beide, und Sam verfolgte seinen Vorteil, indem er seine Stiefmutter küßte.

»Ach, gehen Sie«, sagte Frau Weller, ihn von sich stoßend.

»Pfui, junger Mann«, schalt der Herr mit der roten Nase.

»Keine Beleidigung, Sir, keine Beleidigung«, versetzte Sam. »Doch Sie haben ganz recht; es ist aber auch etwas Mißliches, wenn Stiefmütter jung und hübsch sind – nicht wahr, Sir?«

»Es ist alles vergänglich«, sagte Herr Stiggins.

»Ach ja«, seufzte Frau Weller, ihre Haube zurechtsetzend.

Sam war der gleichen Meinung, verschloß sie aber in seine Brust.

Der Hirtenhelfer schien über Sams Ankunft keineswegs sehr erfreut. Als die erste Begeisterung über das Kompliment verflogen war, sah man es sogar Frau Weller an, daß sie Sams Gegenwart ohne die geringste Unzufriedenheit hätten entbehren können. Aber er war nun einmal da, und da man ihn anstandshalber nicht hinausweisen konnte, so setzten sich alle drei zum Tee.

»Und was macht der Vater?« fragte Sam.

Auf diese Frage hob Frau Weller Hände und Augen empor, als wäre der Gegenstand zu schmerzlich, um ihn zu berühren.

Herr Stiggins seufzte.

»Was hat dieser Herr?« fragte Sam.

»Er beklagt den Weg, den Ihr Vater wandelt«, erwiderte Frau Weller.

»Wirklich?« fragte Sam.

»Und er hat nur zu triftige Gründe dazu«, fuhr Frau Weller mit ernstem Tone fort.

Herr Stiggins nahm eine frische Butterschnitte und stieß einen schweren Seufzer aus.

»Es ist ein schrecklich ruchloser Mensch«, sagte Frau Weller.

»Ein Mensch, der einen empören kann«, setzte Herr Stiggins hinzu, biß ein großes, halbkreisförmiges Stück aus der Buttertoast heraus und seufzte wieder.

Sam fühlte sich sehr dazu aufgelegt, dem ehrwürdigen Herrn Stiggins Anlaß zum Seufzen zu geben, aber er bezwang seine Neigung und fragte nur:

»Nun, was ist’s denn mit dem Alten?«

»Was es mit ihm ist?« versetzte Frau Weller. »Oh, er hat ein verstocktes Herz. Alle Abende kommt dieser vortreffliche Mann – zürnen Sie nicht, Herr Stiggins, ich darf es behaupten, Sie sind ein vortrefflicher Mann – und bleibt vier Stunden lang bei uns, und das macht nicht den geringsten Eindruck auf ihn.«

»Ach, das ist freilich sonderbar«, bemerkte Sam. »Auf mich würde es einen starken Eindruck machen, wenn ich an seiner Stelle wäre, das weiß ich.«

»Die Sache ist die, mein junger Freund«, sagte Herr Stiggins mit feierlichem Tone, »er hat ein verhärtetes Herz. O, mein junger Freund, wer hätte den inständigen Bitten von sechzehn unserer schönsten Schwestern widerstehen können? Wer hätte ihren Ermahnungen sein Ohr verschlossen, unserer trefflichen Gesellschaft beizutreten, die Negerkinder in Westindien mit Flanelljacken und moralischen Taschentüchern versieht?«

»Was ist denn ein moralisches Taschentuch?« fragte Sam. »Ich habe noch nie solche Ware gesehen.«

»Taschentücher, die das Vergnügen mit der Belehrung verbinden, mein junger Freund«, erwiderte Herr Stiggins. »Es sind auserlesene Erzählungen mit Holzschnitten darauf gedruckt.«

»Ach, ich erinnere mich«, sagte Sam; »sie hängen in den Leinwandläden mit Betteleien und anderm dergleichen Zeug darauf.«

Herr Stiggins machte sich an eine dritte Butterschnitte und nickte beifällig.

»Und er wollte sich von den Damen nicht dazu bewegen lassen?« fragte Sam.

»Saß da und rauchte seine Pfeife und sagte, die Negerkinder wären – was, sagte er, was die Negerkinder seien?« sprach Frau Weller.

»Quatsch«, erwiderte Herr Stiggins höchst entrüstet.

»Sagte, die Negerkinder wären Quatsch«, wiederholte Frau Weller.

Und beide seufzten über das gottlose Benehmen des ältern Herrn Samuel.

Es wären noch eine Menge anderer Ruchlosigkeiten ähnlicher Art an den Tag gekommen. Aber da die Buttertoaste alle verspeist waren, der Tee immer schwächer wurde und da Sam nicht im geringsten Miene machte, sich zu entfernen, so erinnerte sich Herr Stiggins plötzlich daran, daß er eine höchst dringende Angelegenheit mit dem Hirten zu besprechen habe, und verabschiedete sich.

Kaum war das Teegeschirr abgetragen und der Herd ausgewaschen, als die Londoner Postkutsche Herrn Weller senior vors Haus brachte, seine Beine ihn in das Schenkstübchen trugen und seine Augen ihm seinen Sohn zeigten.

»Was, Sammy?« rief der Vater.

»Was, alter Adam!« rief der Sohn, und sie schüttelten sich herzlich die Hände.

»Freut mich sehr, dich zu sehen, Sammy«, sagte der ältere Herr Weller; »obschon es ein Geheimnis für mich ist, wie du es angefangen, deine Stiefmutter für dich einzunehmen. Ich wünschte nur, du schriebest mir das Rezept auf: das wär‘ mir das liebste.«

»Pst«, machte Sam, »sie ist zu Hause, Alter.«

»Sie hört nichts«, versetzte Herr Weller. »Nach dem Tee geht sie allemal und läuft sich ein paar Stunden lang auf dem Hausflur außer Atem, und so können wir uns mittlerweile etwas anfeuchten, Sammy.«

Sprach’s, mischte zwei Gläser Branntwein und Wasser und holte ein paar Pfeifen. Vater und Sohn setzten sich einander gegenüber, Sam auf der einen Seite des Kamins in den Stuhl mit der hohen Lehne, und Herr Weller senior auf der andern in einen gleichen von derselben Bequemlichkeit, und so hatten sie gegenseitig an einander ihre Freude – natürlich aber in den Schranken der gebührenden Würde.

»Jemand hier gewesen, Sammy?« fragte Herr Weller senior trocken, nach einem langen Stillschweigen.

Sam bejahte die Frage mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken.

»Der rotnasige Kerl?« fragte Herr Weller.

Sam nickte wieder.

»Ein liebenswürdiger Mann das, Sammy«, bemerkte Herr Weller heftig rauchend.

»Scheint so«, antwortete Sam.

»Viel Talent fürs Rechnungswesen«, sagte Herr Weller.

»So?« fragte Sam.

»Borgt am Montag achtzehn Pence, verlangt am Dienstag einen Schilling, um die halbe Krone vollzumachen, will am Mittwoch noch eine halbe Krone, daß es fünf Schilling ausmacht, und so doppelt er fort, bis er eine Fünfpfundnote hat, ehe man sich’s versieht: als ob er ein Hexenrechenbuch hätte, Sammy.«

Sam nickte.

»Ihr wolltet Euch also für die Flanelljacken nicht unterschreiben?« fragte Sam nach einer Pause, während man sich beiderseits mit Rauchen die Zeit vertrieb.

»Nein, wirklich nicht«, erwiderte Herr Weller. »Was sollen die jungen Neger mit Flanelljacken. Aber ich will dir was sagen, Sammy«, fuhr Herr Weller fort, indem er seine Stimme dämpfte und sich über den Kamin herüberbeugte, »gegen Zwangsjacken für gewisse Leute in unserm Lande hätte ich gar nichts einzuwenden.«

Bei diesen Worten versetzte sich Herr Weller langsam wieder in seine frühere Stellung und gab seinem Erstgeborenen einen bedeutungsvollen Wink.

»Ebenso seltsam kommt mir der Einfall vor, Taschentücher unter Leute auszuteilen, die sie gar nicht zu gebrauchen wissen«, bemerkte Sam.

»Sie machen einen Streich über den andern, Sammy«, versetzte sein Vater. »Letzten Sonntag gehe ich die Straße hinauf. Wen sehe ich an der Kirchentür stehen mit einem blauen Suppenteller in der Hand? Niemand anders als deine Stiefmutter. Ich glaube wahrhaftig, es war Münze für ein paar Goldmünzen drin, lauter Halbpennystücke, und als die Leute aus der Kirche kamen, regnete es Pence, daß man hatte glauben sollen, kein sterblicher Teller, der jemals aus der Werkstätte eines Töpfers hervorging, könnte diese Hülle und Fülle tragen. Wofür meinst du, daß da gebettelt wurde?«

»Vielleicht wieder für einen Tee?« fragte Sam.

»Bewahre«, erwiderte der Vater; »aber für des Hirten Wassersteuer, Sammy.«

»Des Hirten Wassersteuer?« fragte Sam.

»Ja«, erwiderte Herr Weller: »er war noch mit drei Quartalen im Rückstand – vielleicht hegte er die Ansicht, das Wasser sei für ihn ein ziemlich unnützer Artikel; denn er trinkt sehr wenig von dieser Flüssigkeit, Sammy, sehr wenig. Er kennt anderes Wasser, das wenigstens sechsmal mehr wert ist. Gut, dem sei wie ihm wolle; es war einmal nicht bezahlt und sie verschlossen ihm die Leitung. Was tut der Hirte? Er geht in die Kirche, gibt sich für einen Märtyrer aus und sagt, er hoffe, der Aufseher, der ihm das Wasser abgeschnitten hätte, werde in sich gehen und auf den rechten Weg zurückkehren. Aber in seinem Herzen denkt er, der Teufel möge ihn in sein Kundenbuch eintragen. Daraufhin berufen die Weiber eine Versammlung ein, singen einen Psalm, setzen deine Stiefmutter auf den Präsidentenstuhl, veranstalten auf den nächsten Sonntag eine Kollekte und händigen alles dem Hirten ein. Und wenn er nicht genug bekam, sich für sein ganzes Leben lang von der Wassersteuer freizumachen«, schloß Herr Weller seinen Vortrag, »so bin ich ein Esel und du bist auch einer, Sam, und damit basta.«

Herr Weller rauchte einige Minuten still und begann dann aufneue.

»Das Schlimmste an diesen Hirten ist, daß sie den jungen Weibern die Köpfe verdrehen. Der Herr erbarme sich über die guten Geschöpfe: sie glauben, es habe alles seine Richtigkeit, und wissen es nicht besser; aber man treibt nur sein Spiel mit ihnen, Samuel, man treibt nur sein Spiel mit ihnen.«

»Das denke ich auch«, sagte Sam.

»Das ist es«, versetzte Herr Weller mit ernstem Kopfschütteln; »und was mich am meisten ärgert, Samuel, sie vergeuden all ihre Zeit und Mühe damit, Kleider für kupferfarbige Leute zu machen, die sie nicht nötig haben, und keine Rücksicht auf fleischfarbige Christen nehmen, die sie nötig hätten. Wenn ich Herr wäre, Samuel, ich würde einige von diesen faulen Hirten hinter einen schweren Schiebkarren stellen, den sie mir Tag für Tag auf einem vierzehn Zoll breiten Brett auf und nieder fahren müßten. Das würde ihnen womöglich doch die Mücken aus dem Kopfe jagen.«

Als Herr Weller dieses freundliche Mittel mit großem Nachdruck empfohlen hatte, heftig dazu nickte und mit den Augen zwinkerte, leerte er sein Glas auf einen Zug und klopfte mit der ihm angeborenen Würde die Asche aus seiner Pfeife.

Als er so beschäftigt war, ließ sich im Gange eine gellende Stimme vernehmen.

»Das ist deine liebe Verwandte, Sammy«, sagte Herr Weller; und ins Zimmer herein stürmte seine Frau Gemahlin.

»Ach, du bist wieder zurückgekommen?« fragte Frau Weller.

»Ja, meine Liebe«, erwiderte Herr Weller, sich eine frische Pfeife stopfend.

»Ist Herr Stiggins wieder hier gewesen?« fragte Frau Weller.

»Nein, meine Liebe, er war nicht hier«, antwortete Herr Weller. Er nahm eine glühende Kohle mit der Zange aus dem Feuer, hielt sie über den Pfeifenkopf und zündete sich so seine Pfeife an. »Überdies«, fuhr er fort, »dächte ich, meine Liebe, es überleben zu können, wenn er gar nicht mehr käme.«

»Pfui, du ruchloser Mensch«, rief Frau Weller aus.

»Ich danke dir, meine Liebe«, erwiderte Herr Wellwer.

»Geht, geht, Vater«, sagte Sam, »keine Liebeserklärungen vor Fremden, hier kommen Hochwürden wieder.«

Daraufhin wischte Frau Weller hastig die Tränen ab, die sie so eben hervorzupressen angefangen hatte, und Herr Weller rückte seinen Stuhl unmutig in die Ecke des Kamins.

Herr Stiggins war leicht zu bewegen, ein Glas warmen Ananasgrog anzunehmen und ein zweites und ein drittes darauf folgen zu lassen, sich dann aber durch ein kleines Abendessen zu erquicken, bevor er sich wieder aufs neue mit dem Geschäft des Trinkens befaßte. Er saß an der gleichen Seite mit Herrn Weller, und so oft dieser Gentleman der Beobachtung seiner Frau entging, deutete er seinem Sohne die Regungen, die in der Tiefe seines Herzens versteckt lagen, dadurch an, daß er seine Faust über dem Kopfe des Hirtenhelfers hin- und herbewegte. Diese Geste machte seinem Sohne die ungetrübteste Freude, und sie war um so größer, als Herr Stiggins ruhig seinen Ananasgrog trank und gar nicht ahnte, was hinter ihm vorging.

Die Unterhaltung führten hauptsächlich Frau Weller und der ehrwürdige Herr Stiggins. Das abgehandelte Thema aber betraf die Tugenden des Hirten, die Trefflichkeit seiner Herde und die schweren Sünden und Verbrechen aller übrigen Menschen: Abhandlungen, die der ältere Herr Weller gelegentlich durch halbunterdrückte Anspielungen auf einen Gentleman namens Walker und andere naheliegende Kommentarien unterbrach.

Endlich ergriff Herr Stiggins, als er entschieden so viel Ananasgrog zu sich genommen, wie er schicklicherweise vertragen konnte, seinen Hut und verabschiedete sich. Gleich darauf wurde Sam von seinem Vater in sein Schlafgemach geführt. Der achtbare alte Herr schüttelte seinem Sohne feurig die Hand und schien geneigt, noch weiter sein Herz auszuschütten, aber als er sah, daß ihm Frau Weller folgte, gab er seine Absicht auf und wünschte ihm eine gute Nacht.

Sam war am folgenden Tage beizeiten auf. Als er in aller Eile gefrühstückt hatte, schickte er sich zur Rückkehr nach London an. Er hatte kaum den Fuß aus dem Hause gesetzt, als sein Vater vor ihm stand.

»Du gehst, Sammy?« fragte Herr Weller.

»Bin gerade im Begriff«, erwiderte Sam.

»Ich wünschte, du könntest diesen Stiggins unsichtbar machen und mitnehmen«, sagte Herr Weller.

»Ich schäme mich für Euch, alter Knabe«, sagte Sam mit vorwurfsvollem Tone. »Warum leidet Ihr es denn, daß er seine rote Nase in den »Marquis von Granby« hineinsteckt?«

Der ältere Herr Weller heftete einen ernsten Blick auf seinen Sohn und antwortete –

»Weil ich ein verheirateter Mann bin, Samuel; weil ich ein verheirateter Mann bin. Wenn du einmal ein verheirateter Mann bist, Samuel, so wirst du eine Menge Dinge verstehen lernen, die du jetzt nicht verstehst. Aber ob es der Mühe wert ist, so viel durchzumachen, um so wenig zu lernen, wie jener Waisenknabe sagte, als er mit dem Alphabet zu Ende war, das ist Geschmacksache. Ich bin der Meinung, daß es nicht der Mühe wert ist.«

»Na denn«, sagte Sam; »lebe wohl.«

»Halt, halt, Sammy«, erwiderte sein Vater.

»Ich habe nur noch das zu sagen«, sprach Sam, stehenbleibend: »wenn ich der Besitzer des »Marquis von Granby« wäre, und dieser Stiggins käme mir und fräße Buttertoaste in meinem Schenkstübchen, ich würde ihm –«

»Was?« fragte Herr Weller mit großer Hitze. »Was?«

»– Seinen Grog vergiften.«

»Wirklich?« fragte Herr Weller, seinem Sohne feurig die Hand schüttelnd. »Würdest du das wirklich, Sammy?– Würdest du das?«

»Ich würde es«, sagte Sam. »Anfangs würde ich zwar nicht so hart mit ihm verfahren, sondern ihn nur in die Wasserkufe stecken und den Deckel zuschlagen, und wenn ich dann fände, daß er gegen diese Güte unempfindlich wäre, würde ich ihn durch das andere Mittel zu bekehren suchen.«

Der ältere Herr Weller heftete einen Blick hoher, unaussprechlicher Bewunderung auf seinen Sohn und drückte ihm noch einmal die Hand. Dann aber ging er langsam weg und gab sich den zahllosen Gedanken hin, die der Rat seines Erstgeborenen in ihm erweckt hatte.

Sam sah so lange zurück, bis die Straße um eine Ecke bog. Dann verfolgte er seinen Weg nach London. Anfangs dachte er über die mutmaßlichen Wirkungen seines Rates und die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit nach, daß sein Vater ihn befolgen würde. Schließlich aber schlug er sich diesen Gedanken mit dem Trost aus dem Sinn, daß das nur die Zeit lehren könne, und so zu verfahren, wollen wir auch dem Leser raten.

Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

Die Pickwickier.

Den ersten Lichtstrahl, der die Nacht erhellt und das Dunkel, in das die frühere Geschichte der öffentlichen Laufbahn des unsterblichen Pickwick eingehüllt scheint, in blendenden Glanz verwandelt, erhalten wir durch einen Blick in den nachstehenden Auszug aus den Verhandlungen des Pickwick-Klubs, den der Herausgeber dieser Papiere mit Vergnügen seinen Lesern zum offenkundigen Beweise vorlegt, mit welcher gewissenhaften Sorgfalt, unermüdlichen Beharrlichkeit und feinen Unterscheidungsgabe er die ihm anvertrauten zahlreichen und verschiedenartigen Dokumente durchforschte.

Mai 12, 1817. Unter Joseph Smiggers Esq.B.V.P. – P.K.M. Beständiger Vize-Präsident. – Pickwick-Klub-Mitglied. Die Abkürzung Esq. bedeutet »Esquire«, was heute soviel besagt wie »Wohlgeboren«. Ursprünglich heißt Esquire »Schildträger«, »Knappe« und bezeichnete ritterlichen Rang, später Standespersonen überhaupt. Präsidium wurden folgende Entschließungen einstimmig angenommen:

»Daß die Gesellschaft mit den Gefühlen der vollkommensten Zufriedenheit und unbedingter Beistimmung die durch Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M. Präsident. – Pickwick-Klub-Mitglied., mitgeteilten, spekulativen Untersuchungen über die Quelle der Fischteiche von Hampstead Hampstead, Vorort Londons mit malerischem, viel besuchten Hyde-Park, 7 Kilometer vom Zentrum. nebst einigen Bemerkungen über die Theorie des Froschsprungs vorlesen hörte und dem besagten Samuel Pickwick, Esq.P.P.K.M., ihren wärmsten Dank dafür abstattet.«

»Doß die Gesellschaft innigst von den Vorteilen überzeugt ist, die der Wissenschaft aus obengenanntem Werk, sowie überhaupt aus den unermüdlichen Forschungen des Samuel Pickwick, Esq. P.P.K.M., in Hornsey, Highgate Einst selbständige Ortschaften, heute längst Vororte von London, nördlich der Themse., Brixton und Camberwell Zwei Stadtteile Londons, südlich der Themse. erwachsen müssen; und daß sie daher den unschätzbaren Gewinn nicht verkennen kann, der sich für die Fortschritte und Verbreitung des Wissens unausbleiblich ergeben muß, wenn dieser gelehrte Mann seine Spekulationen auf ein weiteres Feld ausdehnt, größere Reisen unternimmt und dadurch die Sphäre seiner Beobachtungen erweitert.«

»Daß die Gesellschaft in der obgedachten Absicht einen Vorschlag in ernste Erwägung gezogen, der von vorbesagtem Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M., und drei andern sogleich namhaft zu machenden Pickwickiern ausgegangen, um eine neue Abteilung der vereinten Pickwickier unter der Benennung der › korrespondierenden Gesellschaft‹ des Pickwick-Klubs zu bilden.«

»Daß der besagte Vorschlag die Billigung und Genehmigung der Gesellschaft erhalten habe.«

»Daß daher die korrespondierende Gesellschaft des Pickwick-Klubs hiermit konstituiert ist, und daß Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M., Tracy Tupman, Esq. P. K. M., Augustus Snodgraß, Esq. P. K. M., und Nathaniel Winkle, Esq. P. K. M., hierdurch zu Mitgliedern derselben ernannt und ersucht worden sind, von Zeit zu Zeit persönliche Berichte über ihre Reisen und Untersuchungen, Beobachtungen der Charaktere und Gebräuche, und alle ihre Abenteuer nebst den dazugehörigen Papieren und Dokumenten, zu denen Lokalszenen oder Ideenverbindungen Veranlassung geben könnten, an den in London residierenden Pickwick-Klub einzusenden.«

»Daß die Gesellschaft von ganzem Herzen den Grundsatz anerkennt, nach dem jedes Mitglied der korrespondierenden Abteilung seine Reisekosten selbst tragen soll, und daß sie nicht das geringste dagegen einzuwenden hat, wenn die Mitglieder der besagten Sektion in Voraussetzung der obigen Bedingung ihre Reisen und Untersuchungen solange fortsetzen, wie es ihnen beliebt.«

»Daß endlich die Mitglieder der vorbesagten korrespondierenden Gesellschaft hierdurch in Kenntnis gesetzt worden, wie der Klub ihren Vorschlag, das Porto für die von ihnen eingehenden Briefe und Pakete ihrerseits tragen zu wollen, in Erwägung gezogen und denselben der großen Geister, von denen er ausging, für völlig würdig gefunden, weshalb er sich hiermit vollkommen einverstanden erklärt.«

Ein zufälliger Beobachter, fügt der Sekretär hinzu, dessen Aufzeichnungen wir den hier folgenden Bericht verdanken, würde vielleicht nichts Außerordentliches an dem Kahlkopf und der großgläserigen Brille gefunden haben, die während der Ablesung obiger Entschließungen unverwandt auf sein (des Sekretärs) Gesicht gerichtet waren. Für solche aber, die wußten, daß unter dieser Glatze Pickwicks gigantisches Gehirn arbeitete, und daß die strahlenden Augen Pickwicks unter jenen Gläsern funkelten, hatte der Anblick in der Tat ein hohes Interesse. Da saß er, der Mann, der die Teiche von Hampstead bis zu ihren Quellen erforscht und durch seine Theorie des Froschsprungs die ganze gelehrte Welt in Alarm gesetzt hatte, so ruhig und unbeweglich wie die tiefen Wasser der ersteren an einem kalten Wintertage, oder wie ein einsames Exemplar der letzteren in dem geheimsten Winkel eines irdenen Krugs. Und um wieviel interessanter wurde das Schauspiel, als auf den einstimmigen Ruf » Pickwick!« der ausgezeichnete Mann langsam den stark gebauten Holzstuhl, auf dem er gesessen, bestieg und voll Feuer und Leben den von ihm selbst gegründeten Klub anredete! Welch eine Studie für einen Künstler bot diese Szene dar!

Der beredte Pickwick – da steht er, die eine Hand mit Grazie hinter seinem Rockschoß verbergend, während die andere die Lüfte zerteilt, um seine glühende Ansprache zu unterstützen: seine erhabene Stellung macht seine enganschließenden Unaussprechlichen und Gamaschen bemerkbar, die an einem Mann von gewöhnlichem Schlag vielleicht gar nicht aufgefallen wären, so aber, da sie einen Pickwick bekleideten, wenn wir uns des Ausdrucks bedienen dürfen, eine unwillkürliche Achtung und Ehrfurcht einflößen; da steht er: umringt von den Männern, die sich freiwillig entschlossen haben, die Gefahren seiner Reisen und den Ruhm seiner Entdeckungen mit ihm zu teilen.

Zu seiner Rechten sitzt Mr. Tracy Tupman, der nur zu empfängliche Tupman, der mit der Weisheit und Erfahrung reiferer Jahre die Begeisterung und Glut des Jünglings in der anziehendsten und verzeihlichsten aller menschlichen Schwächen – der Liebe – vereinigt. Die Jahre und das Wohlleben haben seiner einst romantischen Gestalt eine weitere Ausdehnung gegeben; die schwarzseidene Weste hat sich immer mehr hervorgrdrängt! Zoll für Zoll ist die goldene Uhrkette vor Tupmans Horizont entrückt worden, und gradweise ist das volle Kinn über die Grenzen der weißen Krawatte hinausgequollen! aber Tupmans Inneres hat keine Veränderung erlitten – Bewunderung des schönen Geschlechts ist immer noch seine Hauptleidenschaft.

Zur Linken seines großen Meisters sitzt der poetische Snodgraß, und neben ihm Herr Winkle, der Freund der Wälder und Jagden, der eine poetisch in einen geheimnisvoll blauen Mantel mit einem Kragen von Kaninchenfell eingehüllt, während der andere mit einem neuen grünen Jagdkleid, einem schottischen Halstuch und dicht anschließenden Tuchbeinkleidern den Glanz noch erhöht.

Herrn Pickwicks Rede bei dieser Gelegenheit, sowie die darauffolgenden Debatten sind in dir Verhandlungen des Klubs eingetragen. Beide haben mit den Debatten anderer berühmter Körperschaften große Ähnlichkeit, und da es immer interessant ist, der Verwandtschaft zwischen den Äußerungen großer Männer nachzuspüren, so teilen wir hier wenigstens den Eingang mit.

Herr Pickwick bemerkte (sagt der Sekretär), daß jedem Manne der Ruhm am Herzen liege. Der poetische Ruhm liege seinem Freunde Snodgraß am Herzen, der Ruhm der Eroberungen in gleichem Grade seinem Freunde Tupman, und das Verlangen, Ruhm einzuernten auf den Gebieten der Jagd, der Luft und des Wassers, entzünde vor allem die Brust seines Freundes Winkle. Er (Herr Pickwick) wolle nicht in Abrede ziehen, daß er durch menschliche Leidenschaften und Gefühle bewegt werde (Beifall) – vielleicht menschliche Schwächen habe – (lauter Ausruf »Nein! nein!«); aber soviel glaube er sagen zu dürfen, daß, wenn sich je das Feuer der Selbstsucht in seinem Busen entzünde, dieses augenblicklich wieder durch den Wunsch gedämpft werde, vor allem der Menschheit zu dienen, deren Wohl der Fittig sei, auf dem sich sein Geist emporschwinge, sowie er die Philanthropie als sein Lebensprinzip betrachte. (Stürmischer Beifall.) Er wolle es offen gestehen und gebe das Geständnis seinen Feinden preis, er habe einigen Stolz gefühlt, als er der Welt seine Theorie des Froschsprungs mitteilte; man möge das Verdienst derselben nun anerkennen oder nicht. (Ein Ausruf »Es geschieht!« und lauter Beifall.) Er wolle der Versicherung eines ehrenwerten Pickwickiers, dessen Stimme er soeben vernommen, Glauben schenken. Aber wenn sich auch der Ruhm jener Abhandlung bis zu der äußersten Grenze der Welt verbreitete, so würde doch der Stolz, womit er auf die Autorschaft dieses Erzeugnisse« blicke, nicht mit dem Stolze zu vergleichen sein, mit dem er in diesem, dem stolzesten Augenblicke seines Daseins, um sich her schaue. (Beifall.) Er sei nur ein geringes Individuum! (»Nein! nein!«) könne jedoch nicht umhin, zu fühlen, daß man ihn zu einer mit großer Ehre und einiger Gefahr verknüpften Bestimmung auserkoren habe. Das Reisen sei jetzt eine mißliche Sache; die Straßen wären in einem beunruhigten, und die Gemüter der Kutscher in einem keineswegs befestigten Zustande! die ehrenwerten Mitglieder möchten die Blicke richten, wohin sie wollten, und die Szenen berücksichtigen, die sich ringsumher ereigneten. Überall würden Wagen umgeworfen, gingen Pferde durch, schlügen Boote um, und platzten Dampfkessel. (Beifall – eine Stimme: »Nein!«) Nein? Möge doch der ehrenwerte Pickwickier, der so laut »Nein!« rief, vortreten und es leugnen, wenn er kann! (Beifall.) Wer war es, der »Nein!« rief? (Enthusiastischer Beifall.) – War es etwa ein eitler und unzufriedener Mann – um nicht zu sagen ein rechthaberischer Schulfuchs – (lauter Beifall), der eifersüchtig auf das vielleicht unverdienterweise seinen ( Pickwicks) Untersuchungen zuteil gewordene Lob, und ärgerlich über das Fehlschlagen seiner eigenen schwachen Versuche, mit ihm ( Pickwick) zu wetteifern, jetzt auf diese niedrige und gehässige Art – –

Hier erhob sich Herr Blotton (von Aldgate), um zur Ordnung zu rufen. Spielte der ehrenwerte Pickwickier damit auf ihn an? (Man ruft: »Zur Ordnung!–Ja!– Nein!– Weiter! – Nicht weiter!« usw.)

Herr Pickwick erklärte, er werde sich durch Geschrei nimmermehr zum Schweigen bringen lassen. Er habe allerdings den ehrenwerten Herrn gemeint. (Große Aufregung.)

Herr Blotton sagte, er weise die falsche und lächerliche Anklage des ehrenwerten Herrn mit tiefer Verachtung zurück. (Große Bewegung.) Der ehrenwerte Herr sei ein Aufschneider. (Ungeheure Verwirrung und lautes Rufen: »Zur Ordnung! zur Ordnung!«)

Herr Augustus Snodgraß eilte nach dem Prajidentenstuhl. Er wünschte zu wissen, (hört!) ob man es zugeben wolle, daß dieser schimpfliche Streit zwischen zwei Mitgliedern des Klubs fortgesetzt werde. (Hört! hört!)

Der Präsident war fest überzeugt, daß der ehrenwerte Pickwickier den Ausdruck zurücknehmen werde, dessen er sich soeben bedient habe.

Herr Blotton erklärte, mit aller Achtung vor dem Präsidenten, daß er dies nicht tun werde.

Der Präsident erkannte es für gebieterische Pflicht, den ehrenwerten Herrn zu fragen, ob er sich des ihm entschlüpften Ausdrucks im gewöhnlichen Sinne bedient habe.

Herr Blotton nahm keinen Anstand, die Frage zu verneinen. Er habe das Wort im Pickwickischen Sinne gebraucht. (Hört! hört!) Er fühle sich verpflichtet, zu erklären, daß er persönlich die größte Hochachtung vor dem ehrenwerten Herrn hege, und er habe ihn nur aus dem Pickwickischen Gesichtswinkel für einen Aufschneider angesehen. (Hört! hört!)

Herr Pickwick fühlte sich durch die offene, aufrichtige und genügende Erklärung seines ehrenwerten Freundes vollkommen zufriedengestellt, und fügte zugleich hinzu, daß auch seine eigenen Bemerkungen bloß im Pickwickischen Sinne zu verstehen gewesen wären. (Beifall.)

Hier schließt der Eingang, und wir zweifeln nicht, daß damit wohl auch die Debatte zu Ende war, nachdem sie zu einem so befriedigenden Resultate geführt hatte. Es liegen uns zwar keine offiziellen Berichte von den Tatsachen vor, die der Leser in dem folgenden Kapitel finden wird, aber sie wurden sorgfältig aus Briefen und andern so unzweifelhaft echten handschriftlichen Dokumenten geschöpft, daß die zusammenhängende Darstellung derselben dadurch gerechtfertigt wird.

 

Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Worin mit wenigen Worten zwei Momente dargetan werden: erstens, die Macht der Krämpfe, und zweitens, die Gewalt der Umstände.

Zwei Tage nach dem Frühstück bei Madame Hunter blieben die Pickwickier noch in Eatanswill und harrten ängstlich auf die Nachrichten von ihrem verehrten Meister. Herr Tupman und Herr Snodgraß waren wieder lediglich auf ihre eigenen geselligen Talente angewiesen; denn Herr Winkle wohnte auf die dringendsten Einladungen hin dauernd in Potts Hause, allwo er seine ganze Zeit der liebenswürdigen Gattin Potts widmete. Bisweilen vermehrte Herr Pott selbst die Gesellschaft, um das Glück der beiden vollständig zu machen. Tief in seine großartigen Pläne für die öffentliche Wohlfahrt und die Unterdrückung des Unabhängigen versunken, pflegte sich dieser große Mann von seinem hohen geistigen Standpunkt nicht in die niedrige Sphäre gewöhnlicher Geister herabzulassen. Bei dieser Gelegenheit aber und offenbar, um einen Pickwickier dadurch zu ehren, stieg er von seinem Thronsockel herab, um auf der ebenen Erde zu wandeln, wobei er gütig seine Bemerkungen dem Verständnisse der großen Menge anpaßte, und wenn auch nicht dem Geiste nach, doch wenigstens äußerlich ihr anzugehören schien.

Bei diesem Benehmen des berühmten Publizisten gegen Herrn Winkle kann man sich leicht denken, daß gewaltige Überraschung auf dem Gesichte dieses Herrn zu lesen war, als eines Morgens, während er allein frühstückte, Herr Pott hastig die Tür aufriß und ebenso hastig wieder zuschlug. Dann schritt er majestätisch auf ihn zu, stieß seine dargebotene Hand zurück, knirschte mit den Zähnen, als ob er dadurch seinen Worten noch größere Schärfe geben wollte, und donnerte ihm mit ingrimmiger Stimme zu:

»Schlange!«

»Sir!« rief Herr Winkle, von seinem Stuhle aufspringend.

»Schlange, Sir«, wiederholte Herr Pott, indem er seine Stimme erhob und sie dann plötzlich wieder dämpfte: »ich sagte Schlange, Sir – nehmen Sie den Ausdruck in seiner schärfsten Bedeutung.«

»Wenn du bis morgens um zwei Uhr in der vertrautesten Kameradschaft mit einem Manne zusammen saßest, und er kommt um halb zehn Uhr mit der ernsten Begrüßung: ›Schlange!‹ zu dir, so kannst du mit Fug und Recht schließen, daß sich in der Zwischenzeit irgend etwas Unangenehmes zugetragen hat.«

So dachte auch Herr Winkle. Er erwiderte Herrn Potts eherne Blicke und nahm auf Verlangen dieses Herrn die »Schlange« so stark er konnte. Er wußte sich aber die Sache so wenig zu erklären, und antwortete nach einem tiefen Stillschweigen von einigen Minuten:

»Schlange, Sir? Schlange, Herr Pott? Was meinen Sie damit, Sir? – Sie belieben zu scherzen.«

»Scherzen, Sir?« rief Pott mit einer Bewegung der Hand, die ein starkes Verlangen verriet, seinem Gaste den Teetopf aus britischem Metall an den Kopf zu schleudern. »Jawohl – Scherzen! Doch nein, ich will ruhig sein: ich will ruhig sein, Sir«; setzte Herr Pott hinzu, und warf sich zum Beweis seiner Ruhe mit schäumendem Munde in einen Stuhl.

»Mein lieber Herr!« versetzte Herr Winkle.

»Mein lieber Herr?« erwiderte Herr Pott. »Wie können Sie sich unterstehen, Sir, lieber Herr zu mir zu sagen? Wie können Sie es wagen, mir ins Gesicht zu sehen und so zu sagen?«

»Schon gut, mein Herr«, antwortete Winkle; »wenn es aber so gemeint ist, wie können Sie es wagen, mir ins Gesicht zu sehen und mich eine Schlange zu nennen, Sir?«

»Weil Sie eine sind«, erwiderte Herr Pott.

»Beweisen Sie es, Sir«, sagte Herr Winkle aufgebracht. »Beweisen Sie es.«

Grimme Wut spiegelte sich auf dem tiefsinnigen Gesichte des Redakteurs, als er den Unabhängigen von diesem Morgen aus der Tasche zog. Er legte den Finger auf einen bestimmten Artikel und warf das Blatt Herrn Winkle über den Tisch zu.

Herr Winkle nahm es und las wie folgt:

»Unser obskurer und schmutzig gesinnter Kollege hat die Frechheit gehabt, in einigen Ekel erregenden Bemerkungen über die letzte Wahl für diesen Flecken die unantastbare Heiligkeit des Privatlebens zu verletzen und auf eine Art, die nicht mißverstanden werden kann, die persönlichen Angelegenheiten unseres letzten Kandidaten, Herrn Fizkins, zu begeifern, der übrigens trotz seiner unverdienten Niederlage, wie wir mit Sicherheit hinzusetzen, das nächste Mal den Sieg davontragen wird. Was beabsichtigte unser erbärmlicher, feiger Kollege damit? Was würde der Schurke sagen, wenn wir, gleich ihm, alle dem Publikum schuldigen Rücksichten des Anstandes beiseite setzen und den Schleier lüften wollten, der glücklicherweise sein Privatleben vor dem allgemeinen Gelächter, um nicht zu sagen, vor dem allgemeinen Abscheu, noch schützt? Was würde er sagen, wenn wir Tatsachen und Umstände bezeugen und erklären wollten, die notorisch genug sind und von jedermann gesehen werden, nur nicht von unserem maulwurfsäugigen Kollega? Was würde er sagen, wenn wir nachfolgendes Gedichtchen drucken lassen wollten, das uns ein talentvoller Mitbürger und Korrespondent zugeschickt hat, als wir eben die ersten Worte dieses Artikels niederschrieben:

»Auf einen messingenen Pott.«

«Pott! hättest damals du gewußt,
Wie falsch das Weib an deiner Brust,
Vergangen wäre dir der Dünkel.
Du hättest sie (und wie so gern)
Gelassen jenem süßern Herrn,
Den sie jetzt küßt und drückt, dem W…«

»Was«, sagte Herr Pott feierlich, »was reimt sich auf Dünkel, mein feiner Herr?«

»Was sich auf Dünkel reimt?« erwiderte Madame Pott, die in diesem Augenblick eintrat und dem Befragten zuvorkam. »Was sich auf Dünkel reimt? Nun, ich dächte Winkle.«

So sprechend, lächelte Madame Pott den verblüfften Pickwickier süß an und streckte ihm die Hand entgegen. Der aufgeregte junge Mann wollte sie in seiner Verwirrung ergreifen, als Herr Pott zornig zwischen ihn und seine Frau trat.

»Zurück, Madame, zurück«, rief der Zeitungsschreiber. »Willst du ihm vor meinen eigenen Augen die Hand geben?«

»Herr Pott!« sagte seine Gattin erstaunt.

»Elende«, donnerte der Mann, »da sieh her. Hier Madame – ein Gedichtchen auf einen messingenen Pott. Ein messingener Pott, das bin ich, Madame. Das falsche Weib, Madame, das sind Sie.«

Voller Wut, während über das Gesicht seiner Frau etwas wie Zittern glitt, warf ihr Herr Pott die Tagesnummer des Eatanswiller Unabhängigen zu Füßen.

»Auf mein Wort, Sir«, sagte die erstaunte Madame Pott, indem sie das Blatt aufhob. »Auf mein Wort, Sir –«

Herr Pott krümmte sich unter den verachtungsvollen Blicken seiner Gemahlin. Er hatte einen verzweifelten Versuch gemacht, seinen Mut ein bißchen in die Höhe zu schrauben, aber vergebens.

In den unschuldigen Worten: »auf mein Wort, Sir«, scheint an und für sich nichts Schreckliches zu liegen, wenn man sie liest. Aber der Ton, in dem sie ausgesprochen, und der Blick, von dem sie begleitet wurden, schienen ein Unwetter zu verkünden, das sich über Potts Haupt zusammengezogen, und brachten ihre volle Wirkung hervor. Auch der ungeschickteste Beobachter hätte in seiner besorgten Miene die Bereitwilligkeit lesen können, seine Wellingtons-Stiefel jedem geeigneten Gehilfen abzutreten, der in diesem Augenblick Lust dazu verraten hätte.

Mrs. Pott las den Artikel, stieß einen lauten Schrei aus, warf sich ihrer ganzen Länge nach auf den Fußboden vor dem Kamin nieder, schrie dabei und stampfte dermaßen mit den Absätzen ihrer Schuhe, daß über den augenblicklichen Zustand ihrer Gefühle kein Zweifel obwalten konnte.

»Meine Teure«, sagte der erschreckte Pott, – »ich sagte ja nicht, daß ich glaube – ich – –«

Aber die Stimme des unglücklichen Mannes wurde von dem Geschrei seiner Ehehälfte übertäubt.

»Meine liebe Madame Pott, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich«, sagte Herr Winkle: aber das Geschrei und Gestampfe wurde immer lauter und heftiger.

»Meine Teure«, begann Herr Pott von neuem, »es tut mir äußerst leid. Wenn du keine Rücksicht auf deine Gesundheit nehmen willst, so nimm doch Rücksicht auf mich, meine Teure. Wir werden bald einen Auflauf vor dem Hause haben.«

Aber je inständiger Herr Pott bat, um so gellender und kreischender wurde das Geschrei seiner Gemahlin.

Zum Glück befand sich eine Madame Pott sehr ergebene Leibwache im Hause: eine junge Dame, deren wichtiges Amt die Aufsicht über die Toilette ihrer Gebieterin war. Außerdem machte sie sich durch allerlei andere Dienste, hauptsächlich aber dadurch nützlich, daß sie ihr bei all ihren Wünschen und Neigungen, die denen des unglücklichen Potts zuwiderliefen, jeden erdenklichen Vorschub leistete. Das Geschrei drang natürlich zu den Ohren der jungen Dame und führte sie mit einer Eilfertigkeit in das Zimmer, die das ausgesuchte Arrangement ihrer Haube und Locken wesentlich zu verwirren drohte.

»O meine teuerste Gebieterin«, rief die Leibwache, indem sie sich wie wahnsinnig neben der zu Boden liegenden Madame Pott auf die Knie warf; »o meine teuerste Gebieterin, was ist hier vorgefallen?«

»Dein Herr – dieses Ungeheuer«, murmelte die Patientin.

Pott war sichtlich bereits auf dem Wege, nachzugeben.

»Es ist Spott und Schande«, sagte die Leibwache in vorwurfsvollem Tone. »Ja, er wird Sie noch zu Tode quälen, Madame. – O Sie arme, liebe Frau.«

Pott wurde immer weicher. Die Gegenpartei fuhr in ihren Angriffen fort.

»O, verlaß mich nicht – verlaß mich nicht, Goodwin«, murmelte Madame Pott, krampfhaft die Handgelenke besagter Goodwin umfassend. »Du bist das einzige Geschöpf auf der Welt, das es gut mit mir meint.«

Bei dieser liebevollen Ansprache spielte die Goodwin auf eigene Rechnung ein bißchen Haustragödie und vergoß einen Strom von Tränen.

»Niemals, Madame – niemals«, entgegnete Goodwin. »O Sir, Sie sollten sich mehr in acht nehmen – ja, wahrhaftig, das sollten Sie! Sie wissen nicht, wie sehr es Madame schaden kann; aber Sie werden es schon einmal bereuen – ich habe es immer gesagt.«

Der unglückliche Pott betrachtete angstvoll die Szene, sagte aber nichts.

»Goodwin«, sagte Madame Pott mit sanfter Stimme.

»Madame«, erwiderte Goodwin.

»O, wenn du wüßtest, wie ich diesen Mann geliebt habe – –«

»Verbannen Sie diese trüben Erinnerungen, Madame«, sagte die Leibgardistin.

Pott schnitt ein jammervoll ängstliches Gesicht. Es war Zeit zu einem Hauptangriff.

»Und jetzt«, schluchzte Madame Pott, – »jetzt muß ich mich so behandeln lassen, muß mir in Gegenwart eines Dritten, der so gut wie ein Fremder ist, Vorwürfe machen und mich ausschelten lassen. Aber, Goodwin, ich dulde es nicht länger«, fuhr Madame Pott fort, indem sie sich in den Armen ihrer Wärterin aufrichtete. »Mein Bruder, der Leutnant, soll auch ein Wort dazu sagen. Ich will mich scheiden lassen, Goodwin.«

»Es würde ihm jedenfalls recht geschehen«, sagte Goodwin.

Was für Gedanken die Bedrohung mit einer Scheidung in Herrn Potts Brust auch erregt haben mag, er unterließ es, ihnen Worte zu geben, und begnügte sich mit der de- und wehmütigen Anfrage:

»Willst du mich anhören, meine Teure?«

Irenes Schluchzen war die einzige Antwort. Die Krämpfe stellten sich immer heftiger ein. Madame Pott verlangte zu wissen, warum sie eigentlich geboren sei und stellte eine Menge Fragen dieser oder ähnlicher Art.

»Meine Teure«, sagte Herr Pott in möglichst überzeugendem Tone, »gib doch solchen peinigenden Empfindungen keinen Raum. Ich habe keinen Augenblick geglaubt, daß der Artikel auch nur die mindeste Begründung haben könnte. Nein, meine Teure, das wäre ja rein unmöglich. Es ärgerte mich nur, meine Liebe – ja ich darf wohl sagen, es machte mich wütend, daß das Unabhängigenpack sich erfrechen konnte, so etwas einrücken zu lassen – das ist ja alles.«

Und Herr Pott warf einen flehenden Blick auf die unschuldige Ursache des ganzen Unheils, als wolle er ihn bitten, ja nichts von der Schlange zu sagen.

»Und was für Maßregeln, mein Herr, gedenken Sie zu ergreifen, um Genugtuung zu erhalten?« fragte Herr Winkle, dessen Mut in eben dem Maße zunahm, als er Pott den seinigen verlieren sah.

»Ach, Goodwin«, ächzte Madame Pott, »will er vielleicht den Redakteur des Unabhängigen durchpeitschen? Will er das, Goodwin?«

»Still, still, Madame: bitte, seien Sie doch ruhig«, versetzte die Leibwache. »Ich glaube, daß er es tun will, wenn Sie es wünschen, Madame.«

»Allerdings«, sagte Pott, da sein Weib geneigt schien, die Krämpfe aufhören zu lassen. – »Es versteht sich von selbst, daß ich das tue.«

»Wann, Goodwin – wann?« sagte Mrs. Pott, noch unentschlossen wegen der Krämpfe.

»Auf der Stelle, das versteht sich«, erwiderte Herr Pott! »noch ehe sich der Tag neigt.

»Ach, Goodwin«, fing Madame Pott aufs neue an, »das ist das einzige Mittel, der Verleumdung zuvorzukommen und mich vor der Welt ins wahre Licht zu stellen.«

»Ganz gewiß, Madame«, erwiderte Goodwin. »Kein Mann, der wirklich ein Mann ist, könnte sich dessen weigern.«

Da die Krämpfe noch immer drohend im Hinterhalt lauerten, so versicherte also Herr Pott aufs neue, daß er es tun wolle. Aber Madame Pott war schon von dem bloßen Gedanken, daß ihre Ehre im mindesten in Zweifel gezogen wurde, dermaßen gekränkt, daß sie noch ein halb dutzendmal im Begriffe war, einen Rückfall zu bekommen. Und ohne Zweifel wäre das auch geschehen, hatte nicht die unverdrossene Goodwin durch unermüdliche Anstrengungen und der arme geschlagene Pott durch wiederholtes flehentliches Bitten um Verzeihung es verhindert. Endlich, als der unglückliche Mann wieder auf den ihm gebührenden Standpunkt heruntergeängstigt und heruntergeächzt war, erholte sich Madame Pott wieder, und die Gesellschaft ging zum Frühstück.

»Das niederträchtige Zeitungsgeträtsche wird Sie doch nicht veranlassen, Ihren Aufenthalt hier abzukürzen, Herr Winkle?« sagte Madame Pott, durch die Spuren ihrer Tränen hindurch lächelnd.

»Ich hoffe nicht«, fiel Herr Pott ein, in diesem Augenblick von dem inneren Wunsche durchdrungen, daß sein Gast an der gerösteten Brotschnitte, die er eben an seine Lippen führte, ersticken und dadurch seinem Aufenthalte auf immer ein Ende gemacht werden möchte! »Ich hoffe nicht.«

»Sie sind gar zu gütig«, sagte Herr Winkle, »aber ich habe heute früh, als ich noch in meinem Schlafzimmer war, einen Brief von Herrn Tupman erhalten, worin er mir meldet, es sei ein Schreiben von Herrn Pickwick eingetroffen, der uns bitte, noch heute zu ihm nach Bury zu kommen. Wir sind deshalb beide entschlossen, heute mittag abzureisen.«

»Sie werden aber doch wieder zurückkommen?« sagte Madame Pott.

»Ganz gewiß«, erwiderte Herr Winkle.

»Darf ich mich darauf verlassen?« fragte Madame Pott, ihrem Gast verstohlenerweise einen zärtlichen Blick zuwerfend.

»O, freilich«, antwortete Herr Winkle.

Das Frühstück wurde nun schweigend beendigt, denn jedes Mitglied der Gesellschaft brütete über seine eigenen persönlichen Angelegenheiten. Madame Pott bedauerte sehr, einen Verehrer zu verlieren. Ihr Ehegemahl ärgerte sich über sein unüberlegtes Versprechen, den Redakteur der Unabhängigen mit der Hetzpeitsche zu behandeln, und Herr Winkle bereute es, daß er sich in eine so widerwärtige Lage versetzt hatte. Der Mittag rückte heran, und nach manchem Lebewohl und vielfachen Versprechungen der Rückkehr riß er sich endlich los.

»Sobald er sich wieder zeigt, vergifte ich ihn«, schwur Herr Pott bei sich selbst, als er sich in seine Studierstube zurückzog, allwo er seine Donnerkeile schmiedete.

»Wenn ich je einmal wieder zurückkomme und mich aufs neue mit diesem Pack einlasse«, dachte Herr Winkle, als er seinen Weg nach dem Pfauen nahm, »so verdiene ich selbst eine Tracht Prügel – und damit Punktum.«

Seine Freunde waren bereit, die Kutsche und Pferde ebenfalls, und im Verlauf von einer halben Stunde befanden sie sich auf derselben Straße, auf der Herr Pickwick und Sam kürzlich ihre Reise gemacht hatten. Da wir jedoch über den Weg bereits gesprochen haben, so fühlen wir uns nicht berufen, Auszüge aus Herrn Snodgraß‘ schöner poetischen Beschreibung mitzuteilen.

Ehren-Sam stand an dem Tor des Engels, um sie zu empfangen, und führte sie in das Zimmer des Herrn Pickwick. Die Überraschung Winkles und Snodgraß‘ und die Verwirrung Tupmans waren nicht gering, als sie hier den alten Wardle und Trundle antrafen.

»Wie steht’s?« sagte der Alte, Herrn Tupmans Hand ergreifend. »Sehen Sie doch nicht so sentimental und empfindsam darein. Es läßt sich einmal nicht anders machen, alter Freund. Um ihretwillen hätte ich gewünscht, daß Sie sie bekommen hätten, aber in Ihrem Interesse freut es mich sehr, daß es anders gekommen ist. Ein junger Kerl, wie Sie, kann es heutzutage immer noch besser treffen – wie?«

Mit diesem Trost klopfte der alte Wardle Herrn Tupman auf die Schulter und lachte herzlich.

»Nun, und wie geht es denn Ihnen, meine verehrtesten Herren?« fuhr der alte Herr fort, Herrn Winkle und Herrn Snodgraß zu gleicher Zeit die Hände schüttelnd. »Ich habe soeben zu Pickwick gesagt, daß wir Sie über Weihnachten alle zu Gast haben müssen, es wird eine Hochzeit bei uns geben – und zwar diesmal eine Hochzeit im buchstäblichen Sinne des Wortes.«

»Eine Hochzeit?« rief Herr Snodgraß, blaß wie die Wand.

»Ja, eine Hochzeit. Erschrecken Sie nur nicht darüber«, sagte der muntere Alte: »es handelt sich nur um Trundle und Bella.«

»Ist das alles?« fragte Herr Snodgraß, erlöst von einem peinlichen Zweifel, der sich zentnerschwer auf seine Brust geworfen hatte. »Da gratuliere ich herzlich, Sir. Und was macht denn unser Joe?«

»O, der ist wohl«, erwiderte der alte Herr. »Noch immer sehr schläfrig.«

»Und Ihre Mutter, und der geistliche Herr und alle die andern?«

»Alles bei bestem Wohlsein.«

»Und wo«, – sagte Herr Tupman, sich anstrengend. »Wo ist – sie, Sir?«

Und er wandte den Kopf ab und bedeckte seine Augen mit der Hand.

» Sie?« sagte der alte Herr mit sachverständigem Kopfschüttcln. »Meinen Sie etwa meine ledige Verwandte – he?«

Herr Tupmann gab mit einem Wink zu erkennen, daß seine Frage sich auf die unglückliche Rachel beziehe.

»O, sie ist fort«, sagte der alte Herr. »Sie lebt bei Verwandten, weit von hier. Sie konnte sich mit den Mädchen nicht vertragen, und darum ließ ich sie ziehen. Aber kommen Sie jetzt, das Essen steht auf dem Tisch. Sie müssen nach Ihrer Fahrt hungrig geworden sein. Ich habe Appetit ohne Fahrt: greifen wir zu.«

Dem Mahl widerfuhr alle Gerechtigkeit, und beim Nachtisch erzählte Herr Pickwick zum ungemeinen Schrecken und Unwillen seiner Zuhörer das Abenteuer, das er bestanden, und welcher Erfolg die schändlichen Kunststücke des teuflischen Jingle gekrönt habe.

»Und der Rheumatismus, den ich in dem Garten geholt«, schloß Herr Pickwick, »macht mich bis auf den jetzigen Augenblick lahm.«

»Ich habe auch so eine Art Abenteuer gehabt«, sagte Herr Winkle lächelnd, und erzählte sofort von dem boshaften Schmähartikel im Eatanswiller Unabhängigen und der daraus entstandenen Unruhe im Hause seines Freundes, des Redakteurs.

Herrn Pickwicks Stimme verdunkelte sich während der Erzählung. Seine Freunde bemerkten es und beobachteten ein tiefes Stillschweigen, als Herr Winkle zu Ende war. Herr Pickwick schlug mit geballter Faust bedeutungsvoll auf den Tisch und sprach, wie folgt: –

»Ist es nicht ein verwunderlicher Umstand, daß wir bestimmt zu sein scheinen, keines Menschen Haus zu betreten, ohne ihm auf die eine oder andere Art Unruhe zu bereiten? Ich frage, beweist es nicht die Unbesonnenheit, oder noch schlimmer, die Schlechtigkeit – oh, so etwas aussprechen zu müssen! – meiner Freunde, daß sie, unter welchem Dach man sie auch einquartieren mag, jedesmal den Seelenfrieden und das Glück irgendeines arglosen weiblichen Wesens stören? Ist es nicht, sage ich – –«

Herr Pickwick würde wahrscheinlich noch einige Zeit so fortgefahren haben, wäre der Fluß seiner Beredsamkeit nicht durch Sam, der einen Brief überbrachte, unterbrochen worden. Er fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirne, nahm seine Brille herunter, rieb die Gläser ab und setzte sie dann wieder auf. Seine Stimme hatte die gewohnte Sanftheit des Tones wieder bekommen, als er folgendermaßen begann: –

»Was hast du da, Sam?«

»Ich war soeben auf der Post«, erwiderte Herr Weller, »und dort gab man mir diesen Brief, der schon zwei Tage da gelegen. Er ist mit einer Oblate versiegelt und von einer geübten Hand adressiert.«

»Ich kenne diese Hand nicht«, sagte Herr Pickwick, den Brief öffnend. »Barmherziger Gott, was ist das, es muß ein Scherz sein; es – es – kann nicht wahr sein.«

»Was ist’s denn?« fragten alle zugleich.

»Es ist doch niemand gestorben?« sagte Wardle, beunruhigt über die Bestürzung, die sich auf Herrn Pickwicks Gesicht malte.

Herr Pickwick gab keine Antwort, sondern stieß den Brief über den Tisch und bat Herrn Tupman, ihn vorzulesen; dabei sank er mit einem Schrecken erregenden Blick starren Entsetzens auf seinen Stuhl zurück.

Mit zitternder Stimme las Herr Tupman den Brief, wovon wir hier eine Abschrift geben:

»Freemans-Court, Cornhill, den 28. August 1830. Bardell gegen Pickwick. Sir!

Beauftragt von Frau Martha Bardell, eine Klage wegen Nichterfüllung eines Eheversprechens gegen Sie einzuleiten, wofür die Klägerin eine Entschädigung von 1500 Pfund verlangt, sind wir so frei, Sie zu benachrichtigen, daß der Prozeß von uns bei dem öffentlichen Zivil-Gerichtshof anhängig gemacht worden ist. Wir ersuchen Sie, uns mit umgehender Post Ihren Rechtsbeistand in London zu nennen, dem wir dann die weiteren Mitteilungen zu übermitteln haben.

Inzwischen verbleiben wir, Sir,

Ihre gehorsamsten Diener

Dodson und Fogg. An Herrn Samuel Pickwick.«

In dem stummen Erstaunen, womit jeder seinen Nachbar, und dann alle zusammen Herrn Pickwick anblickten, lag etwas so Ausdrucksvolles, daß lange Zeit keiner zu sprechen wagte. Endlich brach Herr Tupman das Stillschweigen.

»Dodson und Fogg«, wiederholte er mechanisch.

»Bardell und Pickwick«, sagte Herr Snodgraß nachdenkend.

»Seelenfrieden und Glück argloser weiblicher Wesen«, murmelte Herr Winkle in einer Art Zerstreutheit.

»Es ist eine Verschwörung«, sagte Herr Pickwick, als er endlich die Kraft zu sprechen wiedererhielt; »eine niederträchtige Verschwörung von diesen zwei hungerleidendcn Rechtsanwälten, Dodson und Fogg. Frau Bardell würde so etwas nie tun; – sie hat weder das Herz noch eine Veranlassung dazu. Es ist lächerlich – einfach lächerlich.«

»Was ihr Herz anbelangt«, sagte Wardle lächelnd, »so müssen Sie es freilich am besten beurteilen können. Ich will Ihnen Ihren guten Mut nicht benehmen, aber so viel kann ich wohl mit Zuversicht sagen, daß in Beziehung auf Ihren Prozeß den Herren Dodson und Fogg ein weit besseres Urteil zustehen dürfte, als jedem von uns.«

»Es ist ein niederträchtiger Versuch, mir Geld abzuzwacken«, sagte Herr Pickwick.

»Ich hoffe, daß es sonst weiter nichts ist«, versetzte Herr Wardle mit kurzem, trockenen Husten.

»Wer hat mich jemals anders mit ihr umgehen gesehen, als wie ein Hausbewohner mit seiner Hausbesitzerin umzugehen pflegt?« eiferte Herr Pickwick mit großer Heftigkeit weiter. »Wer hat mich jemals mit ihr allein gesehen? Nicht einmal meine Freunde hier – –«

»Ein einziges Mal ausgenommen«, sagte Herr Tupman.

Herr Pickwick wechselte die Farbe.

»Ah so«, sagte Wardle. »Nun, das ist von Wichtigkeit. Es ist doch hoffentlich dabei nichts Verdächtiges vorgefallen?«

Herr Tupman warf seinem Meister einen schüchternen Blick zu.

»Nein«, sagte er, »es war nichts Verdächtiges; aber – ich weiß nicht, wie es zuging! Denken Sie sich nur – sie lag in seinen Armen.«

»Gütiger Himmel«, schluchzte Herr Pickwick, als sich nun die volle Erinnerung an die betreffende Szene seiner bemächtigte; »was für ein schrecklicher Beweis von der Gewalt der Umstände! Ja, es war so – es war so.«

»Und unser Freund beschwichtigte ihren Kummer«, sagte Herr Winkle etwas boshaft.

»Ja, das tat ich«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich leugne es nicht; es ist so.«

»Sieh mal an!« sagte Wardle; »für einen gänzlich harmlosen Fall sieht dies doch etwas wunderlich aus – was meinen Sie, Herr Pickwick – wie? Ja, Sie sind ein Schelm – ein alter Fuchs!«

Dabei lachte er, daß die Gläser auf dem Kredenztisch erklirrten.

»Was für ein schreckliches Zusammentreffen von Scheingründen«, rief Herr Pickwick, sein Kinn in die Hände stützend. »Winkle – Tupman – ich bitte Sie wegen meiner Bemerkung von vorhin um Verzeihung. Wir sind samt und sonders Opfer der Umstände, und ich bin das beklagenswerteste.«

Nach dieser Verteidigungsrede begrub Herr Pickwick sein Haupt in seine Hände und sann still nach, während Herr Wardle den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft einem nach dem andern bedeutungsvolle Winke und Blicke zuwarf.

»Ich will aber doch mit der Sache ins klare kommen«, sagte endlich Herr Pickwick, sein Haupt erhebend und auf den Tisch schlagend. »Ich muß diesen Dodson und Fogg selbst sprechen. Morgen fahre ich nach London.«

»Morgen noch nicht«, sagte Wardle; »Sie sind noch zu lahm.«

»Nun gut, so gehe ich übermorgen.«

»Übermorgen ist der erste September, und Sie haben uns zugesagt, unter allen Umständen mit auf die Güter des Sir Geoffrey Maning zu gehen, um daselbst ein Frühstück mit uns einzunehmen, wenn Sie auch die Jagd nicht mitmachen wollen.«

»Nun gut, auf einen Tag soll es mir nicht ankommen«, sagte Herr Pickwick; »also am Donnerstag. – Sam!«

»Sir«, antwortete Herr Weller.

»Bestelle auf Donnerstag früh für uns beide zwei Plätze nach London.«

»Sehr wohl, Sir.«

Herr Weller verließ das Zimmer und schlenderte, die Hände in den Taschen und die Augen auf die Erde geheftet, langsam weiter, um seinen Auftrag auszurichten.

»Ein netter Vogel, mein Herr«, sagte Herr Weller, als er die Straße entlang ging. »Hängt sich da an Frau Bardell, die noch obendrein ein Kind hat. Aber so geht’s mit diesen alten Burschen, trotz ihres ehrlichen Aussehens. Hätt’s mir nicht träumen lassen, so etwas hinter ihm zu suchen – nein gewiß nicht.«

Und in diesem Tone weiter moralisierend, lenkte Herr Samuel Weller seine Schritte nach dem Postbureau.