Zehntes Kapitel. Zwei Zusagen.


Zehntes Kapitel. Zwei Zusagen.

Noch mehr Monate waren zu der Zahl zwölf gekommen und verronnen, und Mr. Charles Darnay wirkte in England als ein höherer Lehrer der französischen Sprache und Literatur. In unsern Tagen würde man ihn Professor genannt haben: damals aber war er eben Privatlehrer. Er hielt Jünglingen, die Zeit und Interesse für das Studium einer lebendigen Sprache hatten, die durch die ganze Welt gesprochen wurde, Vorlesungen und brachte ihnen Geschmack bei für die wissenschaftlichen und poetischen Werke der Franzosen; auch konnte er in gutem Englisch darüber schreiben und sie gut ins Englische übersetzen. Solche Lehrer waren in jener Zeit nicht häufig; denn gewesene Prinzen und künftige Könige hatten sich noch nicht dem Lehrfach zugewendet, wie denn auch noch kein zugrundegerichteter Adel aus Tellsons Büchern gestrichen wurde, nachdem seine Mitglieder Köche oder Zimmerleute geworden waren. Der junge Mr. Darnay wurde bald als Lehrer, der seinen Schülern den Lehrstoff gut und angenehm beizubringen verstand, und als Übersetzer, der nicht bloß mit einer Wörterbuchsprachkenntnis arbeitete, bekannt und unterstützt. Er war außerdem ein gründlicher Kenner der Verhältnisse seines Vaterlandes, die immer interessanter wurden, und so gelang es ihm denn, sich durch seine Beharrlichkeit und seinen unermüdlichen Fleiß ein gutes Auskommen zu verschaffen.

Er hatte von London nicht erwartet, daß er auf einem Pflaster von Gold wandeln oder in einem Rosenbett ruhen dürfe, denn mit solchen hochfliegenden Erwartungen würde er es nie vorwärts gebracht haben. Er war auf Arbeit gefaßt gewesen, die er fand und aufs beste ausnützte. Hierin bestand sein Auskommen.

Einen gewissen Teil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er den Studenten Vorlesungen hielt, als eine Art geduldeter Schmuggler, der einen Schleichhandel trieb mit europäischen Sprachen, statt durch das Zollhaus Griechisch und Lateinisch einzuführen; seine übrige Zeit verlebte er in London.

Nun ist von den Tagen an, als es immer Sommer in Eden war, bis zu denen, in denen es in den tieferen Breiten fast immer wintert, die Welt des Mannes unabänderlich denselben Weg gegangen, den auch Charles Darnay ging dem Weibe nach.

Er hatte Lucie Manette geliebt von der Stunde seiner Gefahr an. Nie war ihm ein Ton so süß und so lieb vorgekommen wie der Ton ihrer mitleidvollen Stimme; nie hatte er ein so zartes, schönes Gesicht gesehen wie das ihrige, als sie ihm gegenüberstand an dem Grabe, das für ihn bereits offen dalag. Doch war von ihm der Gegenstand noch nie berührt worden. Der Mord in dem verlassenen Schlosse weit weg jenseits der wogenden Wellen und der langen, staubigen Straßen in dem steinernen Schloß, das selbst zu einem bloßen nebligen Traum geworden hatte vor einem Jahr stattgefunden, er aber seitdem nie, auch nicht durch eine Silbe, ihr den Zustand seines Herzens geoffenbart.

Daß er sich nicht ohne gute Gründe dessen enthielt, wußte er. Es war wieder ein Sommertag, als er, von seiner Kollegiumsbeschäftigung spät in London angelangt, um die ruhige Ecke in Soho einbog mit der Absicht, eine Gelegenheit herbeizuführen, um Doktor Manette sein Inneres zu erschließen. Es war abends um die Zeit, von der er wußte, daß sich Lucie mit Miß Proß außer dem Hause befand.

Der Doktor saß eben lesend in seinem Armstuhl am Fenster. Er war allmählich wieder in den Besitz der Tatkraft gelangt, die ihn unter seinen früheren Leiden aufrechterhalten, aber auch diese um so schmerzlicher für ihn gemacht hatte. Man konnte ihn jetzt einen sehr tatkräftigen Mann mit ehernem Willen und fester Ausdauer nennen. In seiner wiedergewonnenen Energie zeigte sich indes bisweilen etwas Unstetes, Raschaufzuckendes, wie sich dies im Anfange auch bei seinen andern wiedererwachenden Fähigkeiten kundgetan hatte; allerdings bemerkte man es nie oft, und in letzter Zeit war es immer seltener und seltener geworden.

Er studierte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengung mit Leichtigkeit ertragen und war dabei heiter und zufrieden. Als Charles Darnay bei ihm eintrat, legte er sein Buch beiseite und bot ihm die Hand.

»Charles Darnay! Ich freue mich, Sie zu sehen. Wir haben Sie schon vor drei oder vier Tagen zurückerwartet. Mr. Stryver und Sydney Carton waren gestern hier, und beide erklärten, Sie übertreiben die Pünktlichkeit.«

»Ich bin ihnen sehr verbunden für ihr Interesse an der Sache«, versetzte er mit einiger Kälte für die Angezogenen, aber dafür mit desto mehr Wärme gegen den Doktor. »Miß Manette «

»Ist wohl«, sagte der Doktor, ihm ins Wort fallend, »und Ihre Rückkehr wird uns allen Freude machen. Sie ist in Haushaltungsangelegenheiten ausgegangen, wird aber bald wieder hier sein.«

»Doktor Manette, ich weiß, daß sie abwesend ist, und wollte diese Gelegenheit benutzen, mit Ihnen zu sprechen.«

Es folgte ein Schweigen der Verlegenheit.

»Ja?« »ersetzte endlich der Doktor mit sichtlichem Zwange. »So bringen Sie Ihren Stuhl her und reden Sie.«

Mr. Darnay willfahrte in Beziehung auf den Stuhl, schien aber das Reden weniger leicht zu finden.

»Ich habe seit anderthalb Jahren das Glück gehabt, Doktor Manette«, begann er zuletzt, »hier so vertraut angesehen zu werden, daß ich hoffe, der Gegenstand, der mir auf dem Herzen liegt, werde «

Er schwieg, denn der Doktor streckte seine Hand aus, um ihm Einhalt zu tun. Nachdem dieser eine Weile in seiner Gebärde verharrt und dann die Hand wieder zurückgezogen hatte, fragte er:

»Ist Lucie der Gegenstand?«

»Ja.«

»Es kommt mir zu jeder Zeit schwer an, über sie zu sprechen: besonders schmerzlich aber wird mir’s, wenn ich von ihr reden hören soll in dem Tone, dessen Sie sich eben bedienten, Charles Darnay.«

»Es ist der Ton heißer Verehrung, treuer Huldigung und wahrer Liebe, Doktor Manette«, versetzte der andere ehrerbietig.

Abermals eine Pause der Verlegenheit, ehe der Doktor erwiderte:

»Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, ich glaube es.«

Sein Zwang war so augenfällig, und man sah so klar, wie er aus der Abgeneigtheit, diesen Gegenstand zu berühren, hervorging, daß Charles Darnay zögerte.

»Soll ich fortfahren, Sir?«

Abermalige Pause.

»Ja; fahren Sie fort.«

»Sie werden sich wohl denken, was ich sagen will, obgleich Sie nicht wissen können, mit welchem Ernst ich es sage, und wie tief ich es fühle, wenn Sie nicht mein innerstes Herz und die Hoffnungen und Befürchtungen kennen, mit denen es sich schon so lange trägt. Mein teurer Doktor Manette, ich liebe Ihre Tochter warm, innig, uneigennützig und hingebend. Wenn es je Liebe in der Welt gab, so liebe ich sie. Sie haben selbst geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich das Wort nehmen.«

Der Doktor saß mit abgewendetem Gesicht da und hielt die Augen auf den Boden geheftet. Bei den letzten Worten streckte er hastig seine Hand wieder aus und rief:

»Nicht so, Herr; lassen Sie das. Ich beschwöre Sie, rufen Sie mir nicht dies in Erinnerung.«

Sein Ausruf trug so unverkennbar den Charakter eines wahren Schmerzes, daß er Charles Darnay noch lange nachher in den Ohren klang. Er bewegte die ausgestreckte Hand und schien damit Darnay anzuflehen, daß er innehalten möchte. Wenigstens deutete sich letzterer die Sache so und blieb still.

»Ich bitte Sie um Verzeihung«, sagte der Doktor nach einer Weile in gedämpftem Ton. »Ich zweifle nicht daran, daß Sie Lucie lieben. Dies mag Sie zufriedenstellen.«

Er drehte sich auf seinem Sitz gegen ihn hin, ohne ihn jedoch anzusehen oder die Augen aufzuschlagen. Sein Kinn ruhte auf der unterstützenden Hand, und das weiße Haar überschattete sein Gesicht.

»Haben Sie mit Lucie gesprochen?«

»Nein.«

»Ihr geschrieben?«

»Nie.«

»Es wäre unedel, wenn ich mir den Anschein geben wollte, als fühle ich nicht, daß Ihre Selbstverleugnung in den Rücksichten für ihren Vater begründet ist. Der Vater dankt Ihnen.«

Er bot seine Hand an, aber seine Augen folgten ihr nicht.

»Ich weiß « sagte Darnan achtungsvoll »wie sollte es mir, der ich euch Tag für Tag zusammen gesehen habe, Doktor Manette, entgangen sein, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche, so rührende und ganz den Umstanden angemessene Zuneigung besteht, wie man sie selbst in der Zärtlichkeit zwischen einem Vater und einem Kinde nur selten findet. Ich weiß, Doktor Manette wie sollte ich es nicht wissen , daß ihr Herz Ihnen die volle Innigkeit und das Vertrauen des Kindes, gemischt mit der Liebe und dem Pflichtgefühl der zur Jungfrau herangewachsenen Tochter, bewahrt hat. Ich weiß, daß sie jetzt, nachdem ihre Kindheit des Vaters beraubt war, sich Ihnen widmet mit der warmen Glut und Beständigkeit ihres reiferen Alters und Charakters, vereint mit der Zutraulichkeit und Liebe jener früheren Zeit, in der sie den Vater missen mußte. Ich weiß vollkommen wohl, daß Sie, wenn Sie aus einer andern Welt zu ihr zurückgekehrt wären, in ihren Augen keine heiligere Glorie hätten tragen können, als die ist, in welcher sie Sie stets erblickt. Ich weiß, daß, wenn sie sich an Sie anklammert, die Arme des Kindes, der Jungfrau und des Weibes zugleich Ihren Nacken umfangen halten. Ich weiß, daß in ihrer Liebe zu Ihnen sie ihre Mutter sieht und liebt, wie diese in ihrem Alter war daß sie Sie sieht und liebt als einen Mann in meinem Alter daß sie die Mutter mit ihrem gebrochenen Herzen liebt und Ihnen liebend folgt durch Ihre schrecklichen Prüfungen bis zu Ihrer glücklichen Erlösung. Ich habe all dies in meinem Innern geschaut Tag und Nacht, seit ich Sie in Ihrem Heimwesen kennenlernte.«

Ihr Vater saß stumm da, das Antlitz niedergebeugt. Sein Atem ging ein wenig schneller, aber er unterdrückte alle weiteren Zeichen der Aufregung.

»Mein teurer Doktor Manette, ich wußte dies immer, sah Sie beide stets in diesem geheiligten Lichte und habe deshalb an mich gehalten an mich gehalten, solange die Mannesnatur es vermochte. Ich fühlte, und fühle es auch jetzt, daß ein Einmengen meiner Liebe – der meinigen sogar –als eine Berührung Ihrer Liebe mit etwas Unheiligerem erscheint. Aber ich liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe.«

»Ich glaube es«, entgegnete ihr Vater traurig. »Es ist mir schon früher so vorgekommen. Ich glaube es.«

»Aber glauben Sie ja nicht«, sagte Darnay, an dessen Ohr der wehmütige Ton der Stimme wie ein Vorwurf schlug, »daß mir ernst sein könnte mit dem, was ich jetzt sage, wenn in dem für mich überglücklichen Fall, daß sie mein Weib werden wollte, nur entfernt an eine Trennung zwischen Ihnen gedacht werden müßte. Abgesehen davon, daß ich weiß, wie wenig Hoffnung mir dann bliebe, müßte es mir auch in dem Lichte einer Schändlichkeit erscheinen. Wenn der Gedanke an eine solche Möglichkeit, selbst für noch so ferne Zeit, je in dem verborgensten Winkel meines Herzens geweilt hätte oder darin überhaupt Eingang zu finden vermöchte, so könnte ich nicht jetzt diese geehrte Hand berühren.«

Und er legte bei diesen Worten die seinige auf die des Doktors.

»Nein, mein teurer Doktor Manette. Wie Sie ein freiwilliger Verbannter aus Frankreich; wie Sie aus der Heimat vertrieben durch ihre Zerrüttung, ihre Bedrückung und ihr Elend; wie Sie meinen Unterhalt und eine glücklichere Zukunft von der eigenen Anstrengung erwartend, sehne ich mich nur danach, Ihrem Glücksstern zu folgen, Leben und Herd mit Ihnen zu teilen und Ihnen treu zu sein bis in den Tod. Ich will Lucien von ihrem Vorrecht, Ihr Kind, Ihre Gefährtin und Freundin zu sein, nichts entziehen: aber zu Hilfe kommen möchte ich ihr dabei und sie noch inniger an Sie heften, wenn dies anders möglich ist.«

Seine Hand ruhte noch immer auf der ihres Vaters. Nachdem letzterer für einen Augenblick, aber nicht kalt, die Berührung erwidert hatte, stützte er die Hände auf die Stuhllehne und blickte zum erstenmal seit dem Beginn der Besprechung auf. In seinem Gesicht zeigte sich ein Kampf ein Kampf, begleitet von jenem gelegentlichen Ausdruck, der so leicht in düsteren Zweifel und Furcht überging.

»Sie sprechen so gefühlvoll und männlich, Charles Darnay, daß ich Ihnen aus voller Seele danke und auch Ihnen mein ganzes Herz oder doch fast mein ganzes Herz aufschließen will. Haben Sie Grund zu glauben, daß Lucie Sie liebt?«

»Nein. Bis jetzt nicht.«

»Ist es der unmittelbare Zweck dieses Vertrauens, darüber mit meinem Vorwissen Gewißheit zu erhalten?«

»Nicht gerade. Ich erwarte dies vor Wochen noch nicht zu erfahren, obschon ich meine Hoffnungsfülle, sei sie nun eine begründete oder nicht, mir bewahren möchte.«

»Verlangen Sie Unterstützung von mir?«

»Nein, Sir, obschon ich es für möglich gehalten habe, es dürfte in Ihrer Macht liegen, mich zu leiten, wenn es Ihnen passend erscheinen sollte.«

»So erwarten Sie wohl eine Zusage?« »Ja.«

»Des Inhalts?«

»Ich begreife wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben kann. Auch ist mir klar, daß ich in Miß Manettes unschuldigem Herzen, selbst wenn sie mein Bild darin trüge, obschon ich nicht so anmaßend bin, dies zu vermuten, keinen Platz zu behaupten vermöchte im Widerspruch mit ihrer Liebe zu ihrem Vater.«

»Wenn dies der Fall ist, sehen Sie wohl, was anderweitig daraus folgen müßte?«

»Ich begreife nicht minder, daß ein Wort aus dem Munde ihres Vaters zugunsten eines Bewerbers bei ihr mehr Gewicht hätte als die ganze übrige Welt. Aus diesem Grunde, Doktor Manette«, fügte Darnay bescheiden, aber mit Festigkeit bei, »möchte ich um dieses Fürwort nicht bitten, und wenn mein Leben daran hinge.«

»Ich traue Ihnen dies zu. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen aus inniger Liebe ebensogut wie aus weiter Spaltung; im ersteren Falle sind sie gar zart und verfänglich und schwer zu ergründen. Meine Tochter Lucie ist in dieser Beziehung ein solches Geheimnis für mich; ich habe keine Vermutung über den Zustand ihres Herzens.«

»Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, es «

Da er zögerte, so ergänzte ihr Vater den Satz.

»Es bemühe sich ein anderer Freier um sie?«

»Das ist ist’s, was ich sagen wollte.«

Nach einigem Nachdenken erwiderte der Doktor:

»Sie haben Mr. Carton selbst hier gesehen. Auch Mr. Stryver kommt gelegentlich her. Wenn es der Fall wäre, so könnte nur einer von diesen zweien in Frage kommen.«

»Oder beide«, sagte Darnay.

»Ich hatte nicht an beide gedacht und halte es auch nicht für wahrscheinlich. Sie verlangen eine Zusage von mir. Sprechen Sie, worin soll sie bestehen?«

»Wenn Miß Manette je von freien Stücken sich mit einem ähnlichen Vertrauen an Sie wendet, wie ich es heute zu tun gewagt habe, so bitte ich Sie, mir meine heutigen Worte und Ihren Glauben daran zu bezeugen. Ich hoffe, Sie haben eine so gute Meinung von mir, daß Sie Ihren Einfluß nicht gegen mich geltend machen werden, und will daher nichts mehr zu meinen Gunsten sagen. Um dies allein bitte ich: Sie haben ein unbezweifeltes Recht, mir eine Gegenbedingung zu stellen, und ich werde sie unverweilt erfüllen.«

»Sie haben mein Versprechen ohne Bedingung«, sagte der Doktor. »Ich glaube, daß Ihre Absichten so rein und treu sind, wie Sie sie darstellen. Auch glaube ich, daß Sie das Band zwischen mir und meinem andern mir viel teureren Ich erhalten und nicht geschwächt zu sehen wünschen. Wenn sie mir einmal erklärt, daß Sie ein wesentliches Erfordernis sind zu ihrem vollkommenen Glück, so werde ich sie Ihnen nicht versagen. Sollten auch, Charles Darnay « Der junge Mann hatte dankbar seine Hand ergriffen. Ihre Hände waren vereinigt, während der Doktor fortfuhr

»Sollten auch Meinungen, Gründe oder Besorgnisse irgendwelcher Art, aus alter oder neuer Zeit, gegen den Mann sprechen, den sie wirklich liebt vorausgesetzt, daß ihm dabei keine persönliche Verantwortlichkeit zur Last fällt , so mögen sie um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir alles ist mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht, mehr als Pah! das ist eitles Gerede.«

Die Art, wie er plötzlich abbrach, und der starre Blick, der auch noch nachher anhielt, war so befremdlich, daß Darnay fühlte, wie seine eigene Hand in der des Doktors kalt wurde, als dieser sie langsam los- und fallen ließ.

»Sie haben mir etwas sagen wollen«, begann Doktor Manette wieder, und ein Lächeln zog über sein Gesicht. »Was war es doch?«

Der junge Mann wußte nicht, was er antworten sollte, bis ihm einfiel, daß er von einer Bedingung gesprochen hatte. Mit erleichtertem Herzen griff er auf diesen Umstand zurück und entgegnete:

»Ihr Vertrauen verdient auch von meiner Seite vertrauensvolles Entgegenkommen. Sie werden sich erinnern, daß mein gegenwärtiger Name nicht der wahre, obschon nur eine leichte Abänderung von dem meiner Mutter ist. Ich wünsche Ihnen hierüber und über den Grund meines Aufenthaltes in England eine Erklärung zu geben.«

»Halt!« sagte der Doktor von Beauvais.

»Es drängt mich dazu, denn ich möchte Ihr Vertrauen besser verdienen und kein Geheimnis vor Ihnen haben.«

»Halt!«

Der Doktor hielt für einen Moment die Hände vor seine Ohren und legte sie dann auf Darnays Lippen.

»Sagen Sie mir’s, wenn ich Sie darum frage, nicht jetzt. Wenn Ihre Bewerbung zu etwas führt und Lucie Sie liebt, so sollen Sie an Ihrem Hochzeitsmorgen mir darüber Mitteilung machen. Versprechen Sie dies?«

»Recht gern.«

»Geben Sie mir Ihre Hand. Sie muß demnächst nach Haus kommen, und es ist besser, daß sie uns heute abend nicht beisammen sieht. Gehen Sie. Gott behüte Sie!«

Es war schon dunkel, als Charles Darnay sich entfernte; und es war eine Stunde später und noch dunkler, als Lucie nach Hause kam. Sie eilte allein in das Zimmer, denn Miß Proß war nach ihrer Kammer hinaufgegangen, und wunderte sich nicht wenig, ihres Vaters Lesestuhl leer zu finden.

»Vater!« rief sie ihm. »Lieber Vater!«

Keine Antwort; aber sie hörte ein dumpfes Hämmern aus der Schlafkammer. Sie eilte rasch durch das dazwischen liegende Gemach und sah zu der Tür hinein, kam aber entsetzt wieder zurückgelaufen und rief vor sich hin:

»Was soll ich tun! Was soll ich tun!«

Die Ungewißheit währte jedoch nur einen Augenblick. Sie kehrte zurück, klopfte an die Tür und rief ihm leise zu. Auf den Ton ihrer Stimme ließ das Gehämmer nach; er kam sogleich zu ihr heraus, und sie gingen geraume Zeit miteinander auf und ab.

Selbige Nacht kam sie noch aus ihrem Bett wieder herunter, um nach ihm zu sehen. Er schlief tief. Sein Schuhmacherhandwerkszeug und die alte unbeendigte Arbeit lag da wie gewöhnlich.

Elftes Kapitel. Ein Kameradschaftsbild.


Elftes Kapitel. Ein Kameradschaftsbild.

»Sydney«, sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder vielmehr am Morgen zu seinem Schakal, »misch noch eine Schüssel Punsch; ich habe dir etwas zu sagen.«

Sydney hatte in dieser Nacht, in der Nacht vorher und so viele Nächte nacheinander doppelt ins Geschirr müssen, um vor dem Eintritt der langen Vakanz unter Mr. Stryvers Papieren wacker aufzuräumen. Die Lichtung war endlich bewerkstelligt, was Stryver an Rückständen hatte, schön eingebracht und alles vom Halse geschafft, bis der November mit seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und wieder die Mühle mit Korn versah.

Die scharfe Anstrengung hatte Sydney weder lebhafter noch nüchterner gemacht. Es waren sogar feuchte Extrahandtücher nötig gewesen, um ihn durch die Nacht zu schleppen, wie denn auch eine entsprechende Extraquantität Wein den Tüchern vorausging; so befand er sich denn in einem sehr schadhaften Zustand, als er seinen Turban herabriß und in das Becken warf, in dem er ihn während der letzten sechs Stunden zeitweilig annetzte.

»Bist du an der andern Schüssel Punsch?« fragte Stryver, noch stattlicher von dem Sofa aus, auf dem er rücklings lag, sich umsehend, während er die Hände in der Hosentasche stecken hatte.

»Ja.«

»Nun, so sieh her. Ich will dir etwas sagen, über das du dich wundern wirst; und du denkst vielleicht darüber, ich sei doch nicht ganz der schlaue Kerl, für den du mich hieltest. Ich habe im Sinn zu heiraten.«

»Ist dir’s Ernst?«

»Ja. Und nicht nach Geld. Was sagst du jetzt?«

»Ich fühle mich nicht aufgelegt, viel zu sagen. Wer ist sie?«

»Rate.«

»Kenn‘ ich sie?«

»Rate.«

»’s ist mir nicht ums Raten zu tun um fünf Uhr morgens, wenn mir das Hirn im Kopfe siedet und brät. Wenn du willst, daß ich raten soll, so mußt du mich zum Mittagessen einladen.«

»Wohlan denn, so will ich dir’s sagen«, entgegnete Stryver, langsam sich zu einer sitzenden Haltung aufrichtend. »Sydney, ich verzweifle schier daran, mich dir verständlich zu machen, weil du ein so gar unempfindlicher Hund bist.«

»Und du«, erwiderte Sydney, geschäftig den Punsch rührend, »bist ein so empfindsamer und poetischer Geist.«

»Na«, sagte Stryver mit lärmendem Lachen, »ich hoffe, ich kenne mich zu gut, als daß ich Anspruch darauf erheben sollte, die Seele der Romantik zu sein; aber ein feinerer Kerl als du bin ich doch.«

»Du willst damit sagen, daß du mehr Glück hast.«

»Nein, das nicht. Ich meine, ich sei ein Mann von mehr von mehr «

»Sag‘ Galanterie, weil du eben daran bist«, half ihm Carton fort.

»Gut, ich will sagen Galanterie. Damit meine ich«, fuhr Stryver fort, indem er sich gegen seinen mit dem Punsch beschäftigten Freund aufspielte, »ich bin ein Mann, der sich’s mehr angelegen sein läßt, sich angenehm zu machen der sich mehr Mühe gibt, den Angenehmen zu spielen und der besser weiß als du, wie man in Damengesellschaft sich benehmen muß, um angenehm zu erscheinen.«

»Weiter«, sagte Sydney Carton.

»Nein, ehe ich fortfahre, muß ich dir meine Herzensmeinung sagen«, entgegnete Stryver, in seiner polternden Weise den Kopf schüttelnd. »Du bist so viel wie ich vielleicht mehr als ich in Doktor Manettes Haus gewesen. Wahrhaftig, ich habe mich dort geschämt über dein mürrisches Wesen. Du bist dort immer still und so verdrossen gewesen, daß ich, auf Leben und Seele, mich für dich schämen mußte.

»Es käme einem Advokaten von deiner Praxis wohl zustatten, wenn er sich über etwas schämen lernte«, entgegnete Sydney; »du bist mir daher zu Dank verpflichtet.«

»Nein, so kommst du mir nicht los«, erwiderte Stryver, die Antwort gegen ihn hinschulternd. »Es ist meine Pflicht, dir zu sagen, Sydney und ich sage dir’s ine Gesicht zu deinem Besten daß du ein verteufelt unmanierlicher Bursche bist in derartiger Gesellschaft. Du bist ein unangenehmer Kerl.«

Sydney trank ein Glas von dem Punsche, den er gemacht hatte, und lachte.

»Sieh mich an«, sagte Stryver, sich breit machend. »Ich habe weniger nötig als du, mich angenehm zu machen, weil ich in unabhängigeren Verhältnissen lebe. Warum tu‘ ich’s gleichwohl?«

»Ich habe bis jetzt nie etwas davon bemerkt«, brummte Carton.

»Ich tu‘ es, weil es politisch ist. Ich tu‘ es aus Grundsatz. Und sieh‘ mich an ich bring‘ es vorwärts.«

»Aber in deinen Mitteilungen über deine Ehestandsgelüste kommst du nicht vorwärts«, versetzte Carton mit unbekümmerter Miene: »ich wünschte, du hieltest dich an diesen Punkt. Was mich betrifft wirst du denn nie begreifen, daß ich unverbesserlich bin?«

Er stellte diese Frage mit einer Miene der Verachtung.

»Und was hast du von deinem Unverbesserlichsein?« lautete die in nicht sehr besänftigendem Ton abgegebene Erwiderung seines Freundes.

»Was ich davon habe? Nichts wie überhaupt von meinem Sein«, sagte Carton. »Nun, wer ist die Glückliche?«

»Wohlan, die Nennung des Namens darf dich nicht bestürzt machen, Sydney«, entgegnete Mr. Stryver, der ihn mit dem prunkhaften Anschein von Freundlichkeit auf die Enthüllung, die ihm auf der Zunge schwebte, vorbereiten wollte, »weil ich weiß, daß deine Reden nicht immer ernst gemeint sind, und wenn es auch der Fall wäre, so läge nichts daran. Ich schicke diese kleine Einleitung voraus, weil du einmal von der jungen Dame geringschätzig gesprochen hast.«

»Ich?«

»Ja: und zwar hier in diesem Zimmer.«

Sydney Carton sah zuerst den Punsch und dann seinen artigen Freund an; dann trank er den Punsch und betrachtete den artigen Freund aufs neue.

»Du hast die junge Dame eine goldhaarige Puppe genannt. Die junge Dame ist Miß Manette. Wenn du ein Mensch wärest, dem man in solchen Dingen nur ein bißchen Empfindung oder Zartgefühl zutrauen dürfte, Sydney, so könnte ich mich durch jene Äußerung beleidigt fühlen; aber du bist nicht urteilsfähig in diesem Punkte. Es fehlt dir dafür ganz und gar der Sinn, und wenn ich an jenen Ausdruck zurückdenke, so kann ich mich darüber ebensowenig ärgern, als wenn einer ein Gemälde von mir tadelte, der nichts von Gemälden versteht, oder wenn einer gegen ein Musikstück von mir etwas aussetzte, dem es an musikalischem Gehör gebricht.«

Sydney Carton trank den Punsch sehr schnell hinunter, Glas auf Glas, und sah dabei seinen Freund an.

»Nun weißt du alles, Sydney«, sagte Mr. Stryver. »Ich mache mir nichts aus dem Vermögen. Sie ist ein scharmantes Geschöpf, und ich habe mich entschlossen, nach Neigung zu heiraten. Im ganzen kann ich, denke ich, eine Neigungsheirat wohl erschwingen. Sie erhält in mir einen Mann, der in ziemlich geordneten Verhältnissen lebt und sich immer besser macht einen Mann von Distinktion. Es ist eine gute Partie für sie; aber sie verdient eine gute Partie. Bist du nicht erstaunt?«

Carton trank noch immer den Punsch und versetzte:

»Warum soll ich erstaunt sein?«

»Die Wahl hat deinen Beifall?«

Carton, der forttrank, erwiderte:

»Warum sollte ich ihr nicht Beifall zollen?«

»Nun, du nimmst die Sache leichter auf, als ich vermutete«, sagte sein Freund Stryver, »und bist in Beziehung auf mich weniger geldsüchtig, als ich dachte, obschon du natürlich in der langen Zeit unserer Bekanntschaft dich überzeugt haben mußt, daß dein alter Stubenbursche ein Mann von ziemlich festem Willen ist. Ja, Sydney, ich habe meine bisherige Lebensweise mit dem ewigen Einerlei satt, und es erscheint mir als ein angenehmer Gedanke, eine Heimat zu haben, in die man sich zurückziehen kann, sobald man Lust dazu hat andernfalls kann man ja wegbleiben. Auch fühle ich, daß Miß Manette sich in jeder Stellung gut ausnehmen, somit auch mir immer Ehre machen wird. Ich bin daher entschlossen. Und nun, Sydney, alter Knabe, möchte ich noch ein Wörtchen über deine Aussichten mit dir reden. Du mußt selbst gestehen, du bist auf einem schlimmen Wege in der Tat, auf einem sehr schlimmen Wege. Du weißt den Wert des Geldes nicht zu schätzen, lebst, als ob du nicht umzubringen seist, und wirst eines Tages arm und krank liegen bleiben. Du solltest wahrhaftig an eine Pflegerin denken.«

Die protzige Gönnermiene, mit der er dies sprach, ließ ihn zweimal so groß und viermal so anstößig erscheinen.

»Laß dir daher empfehlen«, fuhr Stryver fort, »der Sache ins Gesicht zu schauen. Ich habe dies in meiner Art getan, tu‘ du es in der deinigen. Heirate. Sorg‘ dir für eine Person, die auf dich acht gibt. Sage mir nicht, du findest keinen Gefallen an weiblicher Gesellschaft und habest kein Verständnis, keinen Takt dafür. Sorg‘ für jemand. Sieh dich nach einer achtbaren Frauensperson mit einigem Vermögen um, etwa nach einer, die eine Wirtschaft hat oder Zimmer vermietet und heirate sie rundweg zum Schutz für einen regnerischen Tag. Das paßt für dich. Überleg‘ dir`s, Sydney.«

»Ich will`s überlegen«, sagte Sydney.

Zwölftes Kapitel. Der Mann von Zartgefühl.


Zwölftes Kapitel. Der Mann von Zartgefühl.

Nachdem Mr. Stryver mit sich über den hochherzigen Entschluß einig geworden war, des Doktors Tochter zu einer guten Partie zu verhelfen, nahm er sich vor, sie von ihrem Glück zu unterrichten, noch ehe er London verließ, um die lange Vakanz anzutreten. Einige geistige Debatten über den Punkt zeitigten in ihm die Ansicht, daß er ebensogut die Präliminarien als bereits abgetan betrachten könne; es lasse sich dann ganz nach Muße die Übereinkunft treffen, ob er ihr seine Hand eine oder zwei Wochen vor dem Michaelitermin oder in der kleinen Weihnachtsvakanz zwischen diesem und Sankt Hilari geben solle.

Was die starke Seite dieses Prozesses betraf, so bezweifelte er sie keinen Augenblick, sondern sah klar, welcher Wahrspruch erfolgen mußte. Der Jury vorgeführt mit seinen substantiellen weltlichen Gründen die einzigen Gründe, die er je der Beachtung würdig gehalten war es ein so einfacher Fall, daß sich kein schwacher Punkt darin finden ließ. Er trat selbst für den Kläger auf; seinem Anzeigenbeweise war so wenig anzuhaben, daß der Anwalt für die Verklagte sein Konzept wegwarf, und die Jury hielt es nicht einmal für der Mühe wert, auch nur beiseite zu treten und die Sache in Erwägung zu ziehen. Nachdem der Prozeß in solcher Weise durchgefochten war, stand in Stryver C. J. die Überzeugung fest, daß es keinen einfacheren Fall geben könne.

Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Vakanz mit einer förmlichen Einladung ein, Miß Manette nach den Anlagen von Vauxhall mitzunehmen; da dies abgelehnt wurde, so kam Ranclagh in Vorschlag, und als unerklärlicherweise auch daraus nichts wurde, fand er es für gebührend, sich in Soho zu präsentieren und dort seiner edlen Gesinnung Ausdruck zu geben.

Nach Soho also schulterte vom Temple aus Mr. Stryver seinen Weg, während auf der langen Vakanz noch die frische Blume ihrer Kindheit lag. Jedermann, der ihn schon auf der Dunstan-Seite von Templebar sah mit seinen nach Soho hinübergreifenden Projekten, mußte sich wundern über seine Sicherheit und die Stärke, denn die Knospen seiner Entwürfe kamen auf dem ganzen Wege in dem Beiseitestoßen aller schwächeren Leute zum Aufblühen.

Sein Weg führte ihn an Tellsons vorbei. Er hatte hier nicht nur Bankgelder liegen, sondern wußte auch, daß Mr. Lorry ein intimer Freund der Familie Manette war. Mr. Stryver nahm daraus Anlaß, in das Haus zu treten und Mr. Lorry zu eröffnen, welcher glänzende Horizont sich über Soho auftun solle. Er drückte die knarrende Tür auf, stolperte die zwei Treppen hinab, kam an den zwei alten Kassierern vorbei und schulterte sich in das moderige Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen Büchern mit Linien für Zahlen saß. Das Fenster hatte eiserne Gitter, als habe man es gleichfalls für Zahlen liniiert und als sei alles unter den Wolken nur eine Summe.

»Holla!« rief Mr. Stryver. »Wie geht’s Euch? Ich hoffe, Ihr seid wohl?«

Stryver hatte die großartige Eigentümlichkeit, daß er für jeden Platz oder Raum zu groß zu sein schien. Er war für Tellsons so viel zu groß, daß die alten Kontoristen in den fernen Ecken mit protestierenden Mienen aufschauten, als würden sie von ihm an die Wand gedrückt. Das Haus selbst, das in fernster Perspektive gravitätisch die Zeitung las, beugte sich mißvergnügt, als habe Stryvers Kopf sich in seiner verantwortlichen Weste gefangen.

Der höfliche Mr. Lorry versetzte in einem Musterton von Stimme, den er unter solchen Umständen männiglich angeraten haben würde:

»Wie befinden Sie sich, Mr. Stryver? Wie geht es Ihnen, Sir?«

Und sie drückten sich die Hände. Es lag in der Art des Händedrucks bei Tellsons etwas Eigentümliches, das sich an jedem Kontoristen einem Kunden gegenüber bemerklich machte, als wenn das Haus die Luft beherrsche. Mr. Lorry vollzog seinen Händedruck in einer selbstverleugnenden Weise wie ein Mann, der ihn für Tellson und Co. abgibt.

»Kann ich etwas für Sie tun, Mr. Stryver?« fragte Mr. Lorry mit einer Geschäftsmiene.

»Nein, ich danke Ihnen. Mein Besuch ist privat und gilt Ihnen, Mr. Lorry. Ich bin gekommen, um ein Wörtchen mit Ihnen zu sprechen.«

»Ah, in der Tat!« sagte Mr. Lorry, sein Ohr senkend, während sein Auge nach dem Haus in der Perspektive hinschweifte.

»Ich bin im Begriff«, fuhr Mr. Stryver fort, indem er zutraulich seine Arme auf das Pult stützte (es schien nur zur Hälfte Raum für ihn zu haben, obschon es ein großes Doppelpult war), »ich bin im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette, einen Heiratsantrag zu machen, Mr. Lorry.«

»Ach herrje!« rief Mr. Lorry, sich das Kinn reibend und seinen Besuch zweifelhaft ansehend.

»Ach herrje, Sir?« wiederholte Stryver, zurücktretend. »Warum ach herrje? Wie muß ich Ihre Meinung verstehen, Mr. Lorry?«

»Meine Meinung?« antwortete der Geschäftsmann. »Sie ist natürlich nur freundschaftlich und anerkennungsvoll es macht Ihnen alle Ehre und kurz, meine Meinung ist ganz, wie Sie sie nur wünschen könnten. Aber in der Tat, Sie wissen, Mr. Stryver « Mr. Lorry hielt inne und schüttelte in ganz eigentümlicher Weise den Kopf, als müsse er gegen seinen Willen innerlich beifügen »Sie wissen, es spricht so allerlei gegen Sie.«

»Na«, sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das Pult schlug, die Augen weiter aufsperrte und tief Atem holte, »wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich mich hängen lassen.«

Mr. Lorry zupfte über den Ohren an seiner Stutzperücke, als könne er dadurch das Verständnis erleichtern, und nagte dann an der Fahne seiner Feder.

»Zum Teufel, Sir«, sagte Stryver, ihn mit großen Augen ansehend, »bin ich nicht eine annehmbare Partie?«

»O du meine Güte, ja. O ja. Sie sind annehmbar«, versetzte Mr. Lorry. »Wenn irgend jemand, so sind Sie annehmbar.«

»Lebe ich nicht in guten Verhältnissen?«

»Oh, wenn Sie das meinen, ja, Sie leben in guten Verhältnissen«, sagte Mr. Lorry.

»Und kann ich’s nicht immer weiter bringen?«

»Was dies betrifft«, entgegnete Mr. Lorry erfreut, ein weiteres Zugeständnis machen zu können, »Sie wissen, daß dies niemand in Zweifel zieht.«

»Nun denn, was auf Erden wollen Sie mit Ihrem Herrje sagen, Mr. Lorry?« fragte Stryver in merklicher Verblüfftheit.

»Ich ich Sind Sie im Begriff, eben jetzt zu ihr zu gehen?« erwiderte Mr. Lorry.

»Geradeswegs!« sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult.

»Das täte ich nicht, wenn ich an Ihrer Stelle wäre.«

»Warum nicht?« fragte Stryver. »Ich habe Sie in der Klemme«, fügte er bei, forensisch den Zeigefinger schüttelnd. »Sie sind ein Geschäftsmann und müssen als solcher Gründe anzugeben wissen. Nennen Sie mir Ihren Grund. Warum würden Sie nicht hingehen?«

»Weil ich einen solchen Schritt nicht tun möchte«, versetzte Mr. Lorry, »wenn ich nicht Anhaltspunkte für die Vermutung hätte, daß meine Werbung erfolgreich sein werde.«

»Hol‘ mich der Henker, das überbietet alles«, rief Stryver.

Mr. Lorry blickte zuerst nach dem fernen Haus hin und dann auf den beleidigten Stryver.

»Sitzt da ein Geschäftsmann ein Mann von Jahren ein Mann von Erfahrung sitzt in einer Bank«, sagte Stryver, »und nachdem ich ihm drei Hauptgründe für den besten Erfolg namhaft gemacht habe, fragt er nach den Anhaltspunkten dafür. Fragt danach und hat noch den Kopf zwischen den Schultern!«

Mr. Stryver betonte diese Eigentümlichkeit mit einem Nachdruck, als wäre die Frage unendlich weniger merkwürdig gewesen, wenn dem Frager der Kopf zu den Füßen gelegen hätte.

»Wenn ich von Erfolg spreche, so habe ich den Erfolg bei der jungen Dame im Auge, und wenn ich von Gründen und Anhaltspunkten rede, so meine ich damit solche, die auf die junge Dame Eindruck machen. Die junge Dame, mein guter Herr«, sagte Mr. Lorry, Stryver sanft auf den Arm klopfend, »die junge Dame. Die junge Dame geht vor allem.«

»Ihr wollt mir also zu verstehen geben, Mr. Lorry«, entgegnete Stryver, sich mit den Ellenbogen breit machend, »daß Sie von der fraglichen Dame die wohlerwogene Meinung hegen, sie sei eine zimperliche Närrin?«

»Das nicht gerade. Doch möchte ich Ihnen erklären, Mr. Stryver«, sagte Mr. Lorry errötend, »daß ich von niemand, wer es auch sei, ein achtungswidriges Wort über diese junge Dame anhören will. Und wenn mir ein Mann bekannt wäre ich hoffe, es ist nie der Fall von so roher Gesittung und so übermütigem Charakter, daß er sich nicht zu enthalten vermöchte, an diesem Pulte achtungswidrig von dieser jungen Dame zu sprechen, so sollte nicht einmal Tellsons mich hindern, ihm tüchtig meine Meinung zu sagen.«

Die Notwendigkeit, seinem Unmut nur in gedämpftem Ton Luft zu machen, hatte Mr. Stryvers Blutgefäße für den Fall wirklichen Zorns in einen gefährlichen Zustand versetzt; aber auch Mr. Lorrys Adern befanden sich, trotz ihrer sonstigen methodischen Blutströmung, nun die Reihe des Zürnens an ihm war, in nicht geringerer Aufregung.

»Das ist’s, was ich Ihnen bemerken wollte, Sir«, sagte Mr. Lorry. »Es ist mir lieb, wenn Sie mich verstanden haben.«

Mr. Stryver saugte eine Weile an dem Ende eines Lineals und zischte dann durch die Zähne eine Arie, die ihm wahrscheinlich Zahnweh machte. Endlich unterbrach er das peinliche Schweigen durch die Worte:

»Dies ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie raten mir also mit Bedacht, nicht nach Soho zu gehen und meine Hand anzubieten die Hand Stryvers, eines Advokaten vor dem Kingsbench?«

»Sie wünschen meinen Rat zu hören, Mr. Stryver?«

»Ja.«

»Sehr gut. Sie sollen ihn haben. Meine Meinung ist von Ihnen vollkommen richtig gedeutet worden.«

»Dann kann ich weiter nichts sagen«, entgegnete Stryver mit einem erkünstelten Lachen, »als daß dies alles überbietet ha, ha! die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.«

»Verstehen Sie mich wohl«, fuhr Mr. Lorry fort. »Als Geschäftsmann steht mir keine Befugnis zu, etwas über diese Angelegenheit zu sagen, denn als Geschäftsmann weiß ich nichts von ihr. Aber ich habe gesprochen als ein alter Mann, der Miß Manette auf seinen Armen getragen hat, und als ein treuer Freund des Hauses, der mit ganzer Seele an Miß Manette und ihrem Vater hängt. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihr Vertrauen nicht gesucht habe. Meinen Sie nicht, daß ich recht haben könnte?«

»Gewiß nicht«, versetzte Stryver pfeifend. »Doch freilich, wer kann bei Dritten für gesunden Menschenverstand stehen? Nur selber ist der Mann. Ich vermute diesen gesunden Verstand in einer gewissen Region, Sie vermuten dort zimperlichen Butterbrotunsinn. ’s ist mir neu aber vielleicht haben Sie recht.«

»Was ich vermute, Mr. Stryver, habe ich auch zu prädizieren das Recht. Und verstehen Sie mich wohl, Sir«, fügte Mr. Lorry abermals errötend bei, »ich dulde nicht selbst hier bei Tellsons nicht , daß irgend jemand meine Worte nach seinem Sinn verdrehe.«

»Ah, ich bitte um Verzeihung«, sagte Stryver.

»Schon gut; ich danke Ihnen. Aber was ich noch bemerken wollte, Mr. Stryver es könnte Ihnen peinlich sein, wenn Sie finden müßten, daß Sie im Irrtum gewesen; ebenso peinlich dürfte Doktor Manette die Aufgabe fallen, gegen Sie rund heraus zu sprechen; und am allerpeinlichsten möchte wohl Miß Manette eine offene Erklärung werden. Sie wissen, daß ich so glücklich bin, mich der Ehre eines vertrauten Umgangs mit der Familie zu erfreuen. Wenn’s Ihnen genehm ist Sie sollen dabei gar nicht zur Sprache kommen und in keiner Weise kompromittiert werden, so will ich es auf mich nehmen, meinen Rat zu verbessern, indem ich in dieser Richtung einige Beobachtungen anstelle. Sollten Sie mit dem Ergebnis derselben nicht zufrieden sein, so steht es Ihnen immer frei, selbst zu untersuchen, ob ich richtig gesehen habe; sind Sie aber befriedigt mag es nun hinauslaufen, auf was es will , so bleibt beiden Partien erspart, was man sich gern ersparen möchte. Was sagen Sie dazu?«

»Wie lange müßte ich dann noch in London bleiben?«

»Oh, es handelt sich nur um einige Stunden. Ich kann heute abend nach Soho gehen und Sie dann in Ihrer Wohnung aufsuchen.«

»Dann sag‘ ich ja«, versetzte Stryver. »Jetzt möcht‘ ich doch nicht hin, denn wenn’s vielleicht so steht, so bin ich nicht mehr so erpicht auf die Sache. Ich sage ja und erwarte Sie heute abend. Guten Morgen.«

Dann wandte sich Mr. Stryver und stürmte durch die Bank hinaus, so daß die zwei alten Kontoristen sich mit aller Macht hinter ihren Ladentischen halten mußten, um von dem Luftstrom nicht umgeblasen zu werden. Das Publikum sah diese ehrwürdigen, schwächlichen Gestalten stets im Akt der Verbeugung, und man glaubte allgemein, wenn sie einen Kunden hinauskomplimentiert hätten, setzten sie in dem leeren Bureau ihre Bücklinge fort, um gleich für einen andern Ankömmling bereit zu sein.

Der Advokat war schlau genug, zu ahnen, daß der Bankier in Kundgebung seiner Ansicht nicht so weit gegangen wäre, wenn ihn nicht eine moralische Überzeugung dabei geleitet hätte. Obschon er nicht auf das Schlucken einer so großen Pille vorbereitet gewesen, würgte er sie dennoch hinunter. »Und nun«, sagte Mr. Stryver, als er sie endlich drunten hatte, indem er seinen forensischen Zeigefinger nach dem Temple im allgemeinen schüttelte, »werde ich mich am besten aus der Sache herauswinden, wenn ich euch alle auf den Holzweg setze.«

Das war ein Stückchen von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, und er fand in diesem Gedanken eine große Erleichterung. »Du sollst mich nicht durch einen Korb blamieren, junges Frauenzimmer«, sagte Mr. Stryver. »Dafür will ich sorgen.«

Als daher Mr. Lorry spät abends gegen zehn Uhr bei Mr. Stryver einsprach, stak dieser in einer Menge von absichtlich umhergestreuten Büchern und Akten und schien den Gegenstand vom Morgen ganz vergessen zu haben. Er tat sogar erstaunt über Mr. Lorrys Besuch und benahm sich überhaupt zerstreut und wie ein Mann, der sich im Drange seiner Geschäfte kaum zu helfen weiß. »Nun«, sagte der gutmütige Sendling, nachdem er eine volle halbe Stunde vergeblich versucht hatte, dem verfänglichen Punkte beizukommen, »ich bin in Soho gewesen.«

»In Soho?« wiederholte Mr. Stryver kalt. »Ah, freilich an was denke ich doch!«

»Und es ist mir jetzt nicht mehr zweifelhaft«, fuhr Mr. Lorry fort, »daß ich in unserer kürzlichen Unterhaltung recht hatte. Meine Ansicht hat sich bestätigt, und ich wiederhole meinen Rat.«

»Ich versichere Ihnen«, versetzte Mr. Stryver in der freundlichsten Weise, »daß mir dies leid tut um Ihret- und um des armen Vaters willen. Ich weiß, dies muß immer ein peinlicher Gegenstand sein für die Familie; sprechen wir daher lieber nicht mehr davon.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Mr. Lorry.

»Kann mir’s denken«, entgegnete Mr. Stryver, indem er gleichsam in geschmeidiger Abfertigung den Kopf schüttelte: »doch es liegt nichts daran.«

»Ei ja, es liegt etwas daran«, drängte Mr. Lorry.

»Nein, ich versichere Ihnen, es liegt nichts daran. Wenn ich Verstand suchte, wo keiner ist, und einen löblichen Ehrgeiz voraussetzte, wo dieser fehlt, so war ich eben in einem Irrtum, über den ich mich jetzt erhaben fühle; das hat nichts geschadet. Junge Frauenzimmer haben schon oft ähnliche Torheiten begangen und sie später in Armut und Dunkelheit bereuen müssen. Von einem uneigennützigen Standpunkte aus tut es mir leid, daß die Sache zerfiel, weil sie für andere in weltlicher Beziehung eine Wohltat gewesen wäre; wenn ich sie aber in Beziehung auf mein Ich betrachte, so kann ich mich nur freuen, daß nichts aus ihr wurde, da ich in weltlicher Beziehung sehr schlecht dabei gefahren wäre; es ist kaum nötig, zu sagen, daß ich damit nichts gewinnen konnte. Doch es hat nichts geschadet. Ich habe dem jungen Frauenzimmer keinen Antrag gestellt, und unter uns, nach weiterer Erwägung glaube ich kaum, daß ich mich je soweit bloßgestellt hätte. Mr. Lorry, niemand vermag die zimperlichen Schwindeleien leerköpfiger Mädchen im Zaum zu halten; wer dies zu können vermeint, wird sich immer getäuscht finden. Doch ich bitte, nichts weiter davon. Ich sage Ihnen, um anderer willen tut es mir leid, aber für mich selbst bin ich froh darüber. Und ich bin Ihnen in der Tat sehr verbunden für Ihren Rat wie auch für Ihre Gefälligkeit, für mich auf den Busch zu klopfen. Sie kennen das junge Frauenzimmer besser als ich; Sie hatten recht es wäre nichts gewesen.«

Mr. Lorry war entsetzt und sah ganz dumm Mr. Stryver an, während dieser, als er ihn nach der Tür hinschulterte, einen wahren Regen von Großmut, Nachsicht und Wohlwollen auf sein irrendes Haupt niederschauern ließ.

»Nehmen Sie’s von der besten Seite, mein lieber Herr«, sagte Mr. Stryver. »Sprechen Sie nicht mehr davon, und ich danke Ihnen nochmal, daß Sie mir gestattet haben, Sie auszuholen. Gute Nacht!«

Mr. Lorry stand in der Nacht draußen, ohne zu wissen, wie es zugegangen war. Mr. Stryver lag rücklings auf seinem Sofa und blinzelte nach der Decke hin.

Dreizehntes Kapitel. Der Mann ohne Zartgefühl.


Dreizehntes Kapitel. Der Mann ohne Zartgefühl.

Wenn Sydney Carton je irgendwo leuchtete, so leuchtete er gewiß nie in dem Hause des Doktors Manette. Er war im Laufe eines vollen Jahres oft dort gewesen und hatte sich stets nur als denselben verdrossenen, mürrischen Bummler erwiesen. Wenn es ihm ums Reden zu tun war, so sprach er gut; aber das Licht seines Innern drang nur selten durch die Wolke der Trägheit, die ihn mit so verhängnisvollem Düster umschattete.

Und doch kümmerte er sich um die Straßen, die jenes Haus umgaben, und die stummen Steine ihres Pflasters. Manche Nacht war er unstet und unglücklich daran auf- und abgewandelt, wenn der Wein nicht als flüchtiger Erfreuer auf ihn gewirkt hatte; an manchem traurigen Frühmorgen sah man seine einsame Gestalt dort lungern und lungern, wenn die ersten Strahlen der Sonne die architektonische Schönheit der fernen Kirchtürme und Prachtbauten hervorhoben, wie vielleicht der stille Morgen ein Gefühl für bessere Dinge, die sonst vergessen und unerreichbar waren, in seinem Geiste wachrief. Letzter Zeit hatte das vernachlässigte Bett in dem Tempelhof ihn spärlicher als je gesehen, und oft war er, nachdem er sich nur für ein paar Minuten darauf hingeworfen, wieder aufgestanden, um jene Ecke zu umspuken.

An einem Tage im August – denn Mr. Stryver hatte, nachdem er seinen Schakal unterrichtet, daß er sich in der Heiratsangelegenheit eines Besseren besonnen habe, sein Zartgefühl nach Devonshire geführt, und der Anblick und der Wohlgeruch der Blumen in den Citystraßen boten einiges Gute selbst dem Schlimmsten, einige Gesundheit auch dem Kranken, und ein bißchen Jugend selbst dem Ältesten betraten Sydneys Füße wieder dasselbe Pflaster. Sie irrten anfangs unschlüssig umher, bis sie allmählich von einem Gedanken belebt wurden, und in der Ausarbeitung dieses Gedankens trugen sie ihn nach der Tür des Doktors hin.

Man wies ihn die Treppe hinauf, und er fand Lucie bei ihrer Arbeit allein. Es war ihr in seiner Nähe nie recht behaglich gewesen, und sie empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er neben ihrem Tisch Platz nahm. Wie sie jedoch bei dem Austausch der gewöhnlichen ersten Gemeinplätze ihm ins Gesicht sah, bemerkte sie eine Veränderung darin.

»Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton.«

»Nein. Aber das Leben, das ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit eben nicht förderlich. Was ist auch von oder bei solchen Wüstlingen zu erwarten?«

»Ist es nicht verzeihen Sie mir, aber die Frage liegt mir schon auf den Lippen ist es nicht schade, daß Sie nicht einen besseren Wandel führen?«

»Gott weiß, es ist eine Schmach.«

»Warum werden Sie nicht anders?«

Als sie teilnehmend nach ihm hinsah, wurde sie durch den Anblick von Tränen in seinem Auge wehmütig überrascht. Auch in seiner Stimme waren Tränen, während er antwortete:

»Es ist zu spät. Von einem Besserwerden ist keine Rede mehr. Aber schlechter wird’s werden, und ich werde noch tiefer sinken.«

Er stützte den Ellbogen auf den Tisch und bedeckte die Augen mit seiner Hand. Der Tisch zitterte in dem Schweigen, das nun folgte.

Sie hatte ihn nie in einer so weichen Stimmung gesehen und kam darüber sehr in Not. Er bemerkte dies, ohne daß er sie ansah, und sagte:

»Ich bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich breche zusammen unter dem Gewicht dessen, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?«

»Wenn es Sie erleichtert, ja. Wie sehr würde ich mich freuen, Mr. Carton, wenn ich Sie dadurch glücklicher machen könnte.«

»Gott segne Sie für Ihr zartes Mitleid.«

Nach einer kleinen Weile enthüllte er sein Gesicht und fuhr mit festerer Stimme fort:

»Scheuen Sie sich nicht, mich anzuhören, und schrecken Sie nicht zurück vor meinen Worten. Ich gleiche einem Menschen, der jung gestorben ist. Mein ganzes Leben kann als gewesen betrachtet weiden.«

»Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Teil davon noch vorhanden ist. Gewiß, Sie können Ihrer selbst noch viel, viel würdiger werden.«

»Sagten Sie Ihrer, Miß Manette und obschon ich das besser weiß, obschon ich das Geheimnis meines elenden Herzens besser kenne , so werde ich es Ihnen nie vergessen.«

Sie wurde blaß und zitterte. Er kam ihr zu Hilfe mit seiner starren Verzweiflung an sich selbst, die dem Gespräch einen von jedem anderen so verschiedenen Charakter verlieh.

»Wenn es möglich gewesen wäre, daß Sie die Liebe des Mannes hätten erwidern können, den Sie vor sich sehen eines armseligen, mißbrauchten, dem Trunk ergebenen Geschöpfs, wie Sie es vor sich sehen so würde er doch selbst am Tag und in der Stunde seines Glücks sich bewußt geblieben sein, daß er nur Elend, Leid und Reue über Sie bringen könnte daß er Sie entehren und mit sich in den Staub ziehen würde. Ich weiß wohl, daß Sie kein zarteres Gefühl für mich hegen können und verlange es auch nicht; ja, ich danke sogar Gott dafür, daß es nicht sein kann.«

»Kann ich nicht auch sonst zu Ihrer Rettung beitragen, Mr. Carton? Kann ich ich bitte nochmals um Verzeihung Sie nicht zurückrufen auf einen besseren Weg? Sollte es mir denn in keiner Weise möglich sein, Ihr Vertrauen zu vergelten? Ich weiß, es ist ein Vertrauen«, fügte sie nach einigem Stocken bescheiden und mit Tränen im Auge hinzu »ich weiß, Sie würden dies zu niemand anders sagen. Kann ich es nicht zu Ihrem eigenen Besten wenden, Mr. Carton?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Nein, Miß Manette, es ist nicht mehr möglich. Wenn Sie mir noch ein wenig weiter zuhören wollen, so ist alles geschehen, was Sie je für mich tun können. Ich wünsche, Sie mögen wissen, daß Sie der letzte Traum meiner Seele gewesen sind. Trotz meiner Herabwürdigung bin ich doch nicht so ganz verkommen gewesen, daß nicht Ihr und Ihres Vaters Anblick, desgleichen der Anblick einer Heimat, wie sie durch Sie geworden ist, alte Schatten, die ich längst vergangen geglaubt, wieder in mir wachgerufen hätte. Seit ich Sie kennenlernte, quälte mich eine Reue, die mir sonst als eine Unmöglichkeit erschienen wäre, und ich hörte in mir alte flüsternde Stimmen mich aufwärts drängen, die ich für auf immer verstummt hielt. Es kamen mir längst entschwundene Gedanken von neuem Streben, einem neuen Anfang von einem Abschütteln der Trägheit und Sinnlichkeit von einer Wiederaufnahme des aufgegebenen Kampfes. Ein Traum, alles ein Traum, der mit nichts endet und den Schläfer läßt, wo er sich niederlegte; aber ich möchte, daß Sie wissen, daß Sie ihn eingeflößt haben!«

»Ist nichts davon zurückgeblieben? O Mr. Carton, besinnen Sie sich! Versuchen Sie es noch einmal!«

»Nein, Miß Manette; ich habe dabei stets empfunden, welch ein unwürdiges Geschöpf ich bin. Und doch gab ich der Schwäche nach, und sie hat noch immer Macht über mich, zu wünschen, daß Sie erfahren möchten, mit welcher plötzlichen Gewalt Sie den Aschenhaufen, der ich bin, in helle Lohe umgewandelt haben freilich nur in ein Feuer, das seiner Wesenheit nach von der meinigen unzertrennlich war und nicht zünden, nicht leuchten, kurz, keinen Dienst leisten, sondern nur müßig brennen konnte.«

»Wenn es mein Mißgeschick wollte, Mr. Carton, daß ich Sie noch unglücklicher machen mußte, als Sie waren, ehe Sie mich kennenlernten «

»Sprechen Sie nicht so, Miß Manette, denn wenn es überhaupt noch möglich gewesen wäre, so würden Sie mich gerettet haben. Sie werden nie die Ursache sein, wenn es mit mir noch schlimmer geht.«

»Wenn Ihr Seelenzustand, wie Sie mir ihn schildern, doch einigermaßen einem Einfluß von meiner Seite zuzuschreiben ist, wäre dieser Einfluß ich weiß nicht, ob ich mich recht klar machen kann nicht dahin zu wenden, daß er Ihnen von Nutzen würde? Besitze ich gar keine Macht, die Ihnen nützen könnte?«

»Ich bin hergekommen, Miß Manette, um das Beste, dessen ich noch fähig bin, zu verwirklichen. Lassen Sie mich durch den Rest meines verfehlten Lebens die Erinnerung tragen, daß als letztes Aufflackern ich Ihnen mein Herz aufgeschlossen habe, und daß damals noch etwas in mir war, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.«

»Ach, ich bitte Sie wieder und wieder aufs flehentlichste und aus dem Grund meiner Seele, glauben Sie mir, Sie sind noch besserer Dinge fähig.«

»Muten Sie mir keinen solchen Glauben zu. Miß Manette. Ich habe mich geprüft und weiß es besser. Doch ich betrübe Sie und will deshalb ein Ende machen. Darf ich, wenn ich mir diesen Tag wieder vergegenwärtige, die Überzeugung in mir tragen, das letzte Vertrauen meines Lebens ruhe nur in Ihrer reinen, unschuldigen Brust und werde nie von jemand geteilt werden?«

»Wenn Ihnen dies ein Trost ist, so nehmen Sie meine Versicherung.«

»Auch nicht von dem teuersten Wesen, das das Schicksal Ihnen zuführt?«

»Mr. Carton«, versetzte sie nach einer Pause voll Aufregung, »das Geheimnis betrifft Sie, nicht mich, und ich verspreche Ihnen, es zu achten.«

»Ich danke Ihnen. Noch einmal Gottes Segen über Sie.«

Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging nach der Tür.

»Sorgen Sie nicht, Miß Manette, daß ich je auch nur mit dem flüchtigsten Wort auf dieses Gespräch zurückkommen werde. Es soll nie wieder von mir berührt werden. Wenn ich tot wäre, so könnte es nicht sicherer bewahrt sein. Noch in meiner Sterbestunde soll mir die eine heilige Erinnerung vorschweben ich werde Sie dankbar dafür segnen , daß meine letzten Bekenntnisse über mich Ihnen gemacht wurden und daß mein Name, mein Elend und meine Verirrungen Ihnen zu Herzen gingen. Möge es sonst leicht und glücklich sein!«

Er war so ganz anders, als er sich bisher je gezeigt hatte, und der Gedanke, wieviel er verschleudert und wieviel er jeden Tag unterdrückt und verdorben hatte, erfüllte Lucie Manette mit solcher Wehmut, daß sie, als er dastand und nach ihr zurückschaute, helle Tränen vergoß.

»Trösten Sie sich«, sagte er; »ich bin eines solchen Gefühls nicht wert, Miß Manette. Noch eine Stunde oder zwei, und die gemeinen Kameradschaften und Angewöhnungen, an denen ich hänge, obschon ich sie verachte, werden bewirken, daß ich solche Tränen noch weniger verdiene als der nächste beste Elende, der sich über die Straße schleppt. Trösten Sie sich! Aber in meinem Innern werde ich gegen Sie stets sein, was ich jetzt bin, obschon mein Äußeres sich darstellen wird, wie Sie es bisher gesehen haben. Glauben Sie mir dies; außer dieser Bitte liegt mir nur noch eine am Herzen.«

»Ich will Ihnen glauben, Mr. Carton.«

»Also meine letzte. Habe ich diese noch vorgebracht, so will ich Sie von einem Gast befreien, mit dem Sie, wie ich wohl weiß, nichts gemein haben und der durch eine unüberspringbare Kluft von Ihnen getrennt ist. Ich weiß, es ist nutzlos, es zu sagen, aber es drängt sich mir aus der Seele hervor. Für Sie und jeden, der Ihnen teuer ist, könnte ich alles tun. Wäre meine Laufbahn von besserer Art, so daß sie mir Gelegenheiten böte, Opfer zu bringen, so wollte ich sie mit Freuden benützen, für Sie und Ihre Lieben. Versuchen Sie in ruhigen Stunden sich daran zu erinnern, daß dies mein heißer, aufrichtiger Ernst ist. Die Zeit wird kommen, vielleicht bald kommen, die Ihnen neue Bande bringt Bande, die Sie noch stärker und zärtlicher an die Heimat fesseln, der Sie zur Zierde gereichen die heiligsten Bande, die das Glück Ihres Lebens ausmachen. O Miß Manette, wenn das kleine Ebenbild von dem Angesicht eines glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie Ihre eigene Schönheit in dem Sprößling zu Ihren Füßen neu aufblühen sehen, so denken Sie hin und wieder daran, daß es einen Menschen gibt, der bereitwillig sein Leben hingäbe, um ein Leben, das Sie liebt, an Ihrer Seite zu erhalten.«

Er sagte »Lebewohl!«, sagte »Ein letztes Gott behüt!« und verließ sie.

Zweites Kapitel. Der Postwagen.


Zweites Kapitel. Der Postwagen.

Es war die Doverstraße, die an einem Freitag des November spät abends vor der ersten der Personen lag, mit denen unsere Erzählung zu schaffen hat, und auf derselben Straße wackelte auch die Postkutsche von Dover Shooter’s Hill hinan. Die Person stampfte gleich den übrigen Personen neben dem Wagen im Schlamm bergan – nicht weil den Umständen nach ein Spaziergang besonderes Vergnügen gewährte, sondern weil die Steigung so jäh, das Pferdegeschirr so lästig, der Schmutz so tief und die Kutsche so schwer war, daß die Rosse schon dreimal hatten halten müssen und außerdem einmal sogar die meuterische Absicht verraten hatten, mit Sack und Pack wieder nach Blackheath umzukehren. Doch kannten Zügel und Peitsche, Postknecht und Schaffner gemeinsam jenen Kriegsartikel, der die Annahme verbot, daß es mit Verstand begabte Tiere gäbe; und obgleich dieser Satz eher eine schonende Behandlung begründen sollte, hatte man doch durch die gegenwärtige erzielt, daß das Gespann kapitulierte und zu seiner Pflicht zurückkehrte.

Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen arbeiteten sich die Pferde durch den tiefen Straßenschlamm, indem sie zwischenhinein zappelten und strauchelten, als wolle bei ihnen alles aus den Gelenken gehen. Sooft der Kutscher sie mit einem behutsamen »Oha!« haltmachen ließ, schüttelte das nächste Handpferd ungestüm den Kopf und das dahinter befindliche Geschirr, gleichsam um mit ungewöhnlicher Emphase anzudeuten, daß die Kutsche da nicht hinaufzubringen sei. Und wenn das Roß in solcher Weise rasselte, fuhr der Passagier, wie ängstliche Reisende zu tun pflegen, zusammen und zeigte eine traurige Miene.

Auf allen Taleinschnitten lag ein qualmender Nebel, der sich in seiner Trübseligkeit bergan wälzte wie ein böser Geist, der Ruhe sucht, ohne sie finden zu können. Er war feucht und ungemein kalt und bewegte sich in langsam aufeinanderfolgenden kleinen Wellenzügen, denen eines faulen Seestriches nicht unähnlich, durch die Luft. Sein Gewölk ließ das Licht der Kutschenlaternen nur auf ein paar Schritte unterscheiden, und der Dampf der sich abmühenden Pferde ging darin auf, so daß man meinen konnte, die abgehetzten Tiere seien die Quelle des ganzen Nebelmeeres.

Außer den gedachten Reisenden schritten noch zwei andere neben der Kutsche her. Alle drei waren bis über die Ohren verhüllt und trugen Stulpenstiefel. Keiner davon hätte nach dem Augenschein sich ein Urteil über das Aussehen des andern bilden können, und jeder war gegen die Geistesaugen seiner beiden Mitpassagiere ebenso verhüllt wie gegen ihre leiblichen. In jenen Tagen hütete man sich wohl vor allzu schneller Vertraulichkeit, da jeder, dem man auf der Straße begegnete, ein Räuber oder der Verbündete von Räubern sein konnte. Mit Charakteren der letzteren Gattung traf man besonders leicht zusammen, denn jedes Posthaus, jede Schenke konnte jemanden aufweisen, der im Solde des »Kapitäns« stand, mochte es nun der Wirt selbst oder irgendein unscheinbarer Stallbediensteter sein. So dachte auch der Lenker der Doverpost an jenem Freitagabend des Novembers Siebzehnhundertfünfundsiebzig, während er, Shooters Hill hinanholpernd, in seinem Kasten hinten auf dem Wagen stand, sich die Füße klopfte und weder Auge noch Hand von der Truhe vor ihm verwandte, in der auf einem Unterbau von Stutzsäbeln ein geladener Musketon und sechs oder acht geladene Reiterpistolen lagen.

Die Doverpost befand sich wie gewöhnlich in der angenehmen Lage, daß der Wagenführer die Reisenden und jeder Reisende seine Mitpassagiere und den Wagenführer, kurz, einer den andern beargwöhnte und der Postillion sich auf niemand als auf seine Pferde verlassen mochte, obschon auch er, sofern das liebe Vieh in Frage kam, es mit gutem Gewissen auf beide Testamente hätte beschwören können, daß es nicht für eine solche Reise paßte.

»Oha!« rief der Postillion. »So recht. Jetzt nur noch einen Zug, und ihr seid droben. Hol‘ euch der Teufel dafür, denn ich habe Not genug gehabt, euch hinaufzubringen. – Joe!« »Holla!« entgegnete der Wagenführer. »Wieviel Uhr schätzt Ihr, Joe?« »Gut zehn Minuten über elf.« »Oh, Mord und Tod«, rief der Postknecht ärgerlich, »und noch nicht einmal auf dem Shooter. Zu – hü! Vorwärts mit euch!«

Das emphatische Pferd, das in einem Akt der entschlossensten Verneinung von der Peitsche erreicht worden war, fing wieder kräftig an zu klettern, und die drei andern Rosse folgten seinem Beispiel. Noch einmal arbeitete sich die Doverpost vorwärts, und die Stulpstiefel der Reisenden klatschten nebenher. Sie hatten mit dem Wagen haltgemacht und demselben treulich Gesellschaft geleistet. Wäre einem von den dreien der vermessene Gedanke gekommen, den andern den Vorschlag zu machen, sie wollten in Dunkel und Nebel ein wenig vorausgehen, so hätte er sich damit sicher der Gefahr ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.

Der letzte Anlauf brachte den Postwagen auf die Höhe des Berges. Die Pferde hielten wieder an, um sich zu verschnaufen, und der Wagenlenker stieg ab, um für die kommende Bergsenkung den Radschuh einzulegen und den Passagieren den Kutschenschlag zu öffnen.

»Pst, Joe!« sagte der Postillion in warnendem Ton, indem er von seinem Bock niederschaute.

»Was wißt Ihr, Tom?«

Beide lauschten.

»Ich höre ein Pferd uns nachtraben, Joe.«

»Und ich sag‘, es galoppiert, Tom«, versetzte der Wagenlenker, indem er seinen Schlag losließ und hurtig nach seinem Platz hinaufkletterte. »Meine Herren, in des Königs Namen, geschwind eingestiegen!«

Der für unsere Geschichte vorgemerkte Passagier stand eben auf dem Kutschentritt und wollte hinein; die beiden andern hielten sich dicht hinter ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen. Der erstere blieb halb in, halb außer der Kutsche auf seinem Tritt, das andere Paar drunten auf der Straße. Sie alle blickten lauschenden Ohrs von dem Postillion auf den Wagenführer und von dem Wagenführer auf den Postillion. Beide gaben ihnen die Blicke zurück, und selbst das emphatische Pferd spitzte die Ohren und schaute rückwärts, ohne einen Widerspruch zu erheben.

Die Stille, die auf das Aufhören des Rädergerassels und Rossegestampfs folgte, machte das Schweigen der Nacht nur um so eindrucksvoller. Das Schnauben der Pferde teilte der Kutsche eine zitternde Bewegung mit, als befände sie sich in einem Zustand von Aufregung. Die Herzen der Passagiere klopften vielleicht hörbar laut. Jedenfalls erzählte die stille Pause sehr verständlich von Leuten, die außer Atem waren, aber gleichwohl keine Luft einzuziehen wagten und unter beschleunigtem Herzschlagen dessen harrten, was da kommen sollte.

Man hörte, daß ein Pferd in wütendem Galopp den Berg hinaufjagte.

»Oho!« brüllte der Wagenlenker, so laut er konnte, in die Nacht hinaus. »Ihr dort – halt! – oder ich gebe Feuer!«

Der Hufschlag hielt plötzlich inne, und mit Not kämpfte sich die Stimme eines Mannes durch den Nebel: Ist das die Dover-Post?«

»Was kümmert’s Euch, wer wir sind?« entgegnete der Wagenlenker. »Wer seid Ihr

»Ich frage, ob dies die Dover-Post ist.«

»Wozu braucht Ihr dies zu wissen?«

»Ich will zu einem ihrer Passagiere.«

»Wie heißt der Passagier?«

»Mr. Jarvis Lorry.«

Der Reisende auf dem Tritt ließ sogleich merken, daß dies sein Name sei. Der Wagenlenker, der Postillion und die beiden andern Passagiere betrachteten ihn mißtrauisch.

»Bleibt, wo Ihr seid«, rief der Wagenlenker der Stimme im Nebel zu, »denn wenn mir aus Versehen etwas passiert, so könnt‘ ich’s Eurer Lebtage nicht wieder gutmachen. Der Gentleman namens Lorry soll unumwunden antworten.«

»Was gibt’s!« fragte darauf der Passagier mit leiser, unsicherer Stimme. »Wer will etwas von mir? Ist es Jerry?«

»Die Stimme dieses Jerry gefällt mir gar nicht, wenn er wirklich so heißt«, brummte der Wagenlenker vor sich hin. »Der Jerry ist heiserer, als mir lieb ist.«

»Ja, Mr. Lorry.«

»Was gibt’s?«

»Man hat mich Euch mit einer Depesche nachgeschickt. Von T. und Co.«

»Ich kenne diesen Boten, Schaffner«, sagte Lorry, wieder auf die Straße hinaustretend, wobei ihm die beiden andern Passagiere, die nicht geschwind genug in die Kutsche kommen, den Schlag schließen und das Fenster aufziehen konnten, von hinten her hurtiger, als sich eben mit der Höflichkeit vertrug, Beihülfe leisteten. »Laßt ihn herankommen: es ist nichts Unrechtes.«

»Ich will’s hoffen, bin aber noch nicht so fest überzeugt davon«, sprach der Wagenlenker rauh vor sich hin. »He, Ihr!«

»Nun, was soll’s?« entgegnete Jerry, noch heiserer als zuvor.

»Reitet im Schritt heran – habt Ihr mich verstanden? Und wenn Ihr an Eurem Sattel Halfter habt, so kommt mir ihnen mit der Hand nicht zu nahe; denn ich habe verteufelt hurtig etwas versehen, und wenn es geschieht, so nimmt es die Form des Bleis an. So, jetzt laßt mich Euch mustern.«

Die Gestalt des Reiters kam langsam durch den wirbelnden Nebel gegen die Seite des Postwagens her, wo der Reisende stand. Dann machte der Fremde halt, blickte zu dem Schaffner auf und händigte dem Passagier ein Brieflein ein. Das Roß des Boten schnaubte mächtig, und Mann und Tier waren vom Huf bis zur Hutspitze mit Schmutz bespritzt.

»Schaffner«, sagte der Passagier im Tone ruhiger Geschäftszuversicht.

Der wachsame Schaffner, der die Rechte am Schaft, die Linke am Lauf seines Musketons hatte und kein Auge von dem Reiter verwandte, antwortete kurz:

»Sir!«

»Es ist nichts zu befürchten. Ich gehöre zu Tellsons Bank. Ihr müßt Tellsons Bank in London kennen. Ich reise in Geschäftsangelegenheiten nach Paris. Hier ein Krone Trinkgeld. Darf ich dies lesen?«

»So macht nur rasch, Sir.«

Er trat an die auf seiner Seite brennende Kutschenlaterne, öffnete das Schreiben und las – zuerst für sich, dann laut:

»›Wartet in Dover auf Mamsell.‹ Ihr seht, dies ist nicht lang, Schaffner. Jerry, sagt, meine Antwort darauf sei: Ins Leben zurückgerufen.«

Jerry richtete sich in seinem Sattel auf. »Das ist eine verwettert kuriose Antwort«, sagte er in seinem heisersten Tone.

»Richtet das aus, und man wird daraus ersehen, daß ich den Brief erhalten habe, ohne daß ich Euch eine schriftliche Antwort mitgebe. Jetzt macht, daß Ihr wieder zurückkommt. Gute Nacht.«

Mit diesen Worten öffnete der Passagier den Wagenschlag und stieg ein. Diesmal halfen ihm seine Reisegefährten nicht, sondern taten, als ob sie schliefen, nachdem sie zuvor mit aller Behendigkeit Uhren und Börsen in ihren Stiefeln verborgen hatten. Ihr angeblicher Schlummer sollte sie wohl nur vor der Gefahr bewahren, zu einer andern Art von Tätlichkeit Anlaß zu geben.

Die Kutsche holperte wieder weiter, und da es jetzt bergab ging, wurde der Nebel immer dichter. Der Wagenführer legte den Musketon wieder in die Truhe, musterte ihren übrigen Inhalt, sah nach den Pistolen, die er noch als Zugabe in seinem Gürtel stecken hatte, und visitierte dann einen kleineren Behälter unter seinem Sitz, in dem sich einige Schmiedegeräte, ein paar Fackeln und eine Zunderbüchse befanden. Er war nämlich mit solcher Sorgfalt ausgestattet worden, um für den hin und wieder vorkommenden Fall, daß die Kutschenlichter vom Sturm ausgeblasen würden, sich einschließen und unter Vermittlung von Stahl und Stein mit leidlicher Sicherheit und Gemächlichkeit, wenn’s gut ging, binnen fünf Minuten ein Licht zustande bringen zu können.

»Tom!« flüsterte es über das Kutschendach herunter.

»He, Joe?«

»Habt Ihr gehört, was da ausgerichtet werden soll?«

»Ja, Joe.«

»Was denkt Ihr Euch dabei, Tom?«

»Nichts, Joe.«

»Wie das so seltsam zusammentrifft«, sagte der Schaffner vor sich hin. »Mir geht es gerade ebenso.«

Sobald Jerry sich in Nacht und Nebel allein sah, stieg er ab, nicht nur, um es seinem Pferd leichter zu machen, sondern auch um sich den Staub aus dem Gesicht zu wischen und aus seinem Hutstulp die angesammelte große Wassermenge zu schütteln. So stand er, die Zügel seines Tieres über den schwer besudelten Ärmel geschlungen, da, bis er von dem weiterrollenden Postwagen nichts mehr hörte und die Nacht wieder mäuschenstill geworden war. Dann wandte er sich, um zu Fuß bergab zu gehen.

»Nach dem Galopp von Temple Bar her mag ich mich deinen vier Beinen nicht mehr anvertrauen, alte Mähre, bis ich dich wieder in der Ebene habe«, sagte der heisere Bote, sein Tier betrachtend. »»Ins Leben zurückgerufen«. Das ist eine verteufelt kuriose Botschaft, und du könntest dich nicht auf viele dergleichen einlassen, Jerry. Laß dir sagen, Jerry, du kämest in eine verzweifelt schlechte Karriere, wenn das Ins-Leben-Zurückrufen zur Mode würde.«

Siebentes Kapitel. Ein vornehmer Herr in der Stadt.


Siebentes Kapitel. Ein vornehmer Herr in der Stadt.

Monseigneur, einer der Mächtigen bei Hof, hielt zu Paris in seinem prachtvollen Palast seinen vierzehntägigen Empfang. Monseigneur befand sich in seinem innern Zimmer, dem Heiligtum der Heiligtümer, zu dem von den äußern her der Schwarm andächtiger Verehrer wallfahrtet. Monseigneur war im Begriff, Schokolade zu trinken. Monseigneur konnte ungeheuer viel schlucken, und einige mißgünstige Geister sagten ihm nach, er werde bald sogar mit ganz Frankreich fertig werden; aber die Morgenschokolade brachte Monseigneur nicht durch seinen Schlund hinunter ohne die Beihilfe von vier starken Männern, den Koch nicht mitgerechnet.

Ja. Vier Männer waren dazu nötig, alle vier funkelnd von prächtiger Vergoldung, und der oberste darunter wäre außerstande gewesen, ohne ein paar goldene Uhren in der Tasche, die mit der edlen, reinen, von Monseigneur aufgebrachten Mode wetteiferten, die glückliche Schokolade zu Monseigneurs Lippen zu führen. Ein Lakai brachte die Schokoladekanne in die hochheilige Gegenwart; ein zweiter schlug und quirlte die Schokolade mit dem kleinen Instrument, das er für diesen Zweck mit sich führte; ein dritter präsentierte das begünstigte Tellertuch, und ein vierter, der mit den zwei Uhren, schenkte die Schokolade ein. Es war unmöglich für Monseigneur, einen dieser Schokoladebeamten zu missen und sein Haupt hochzutragen unter dem bewundernden Himmel; ein schwerer Flecken hätte seinen Wappenschild betroffen, wenn seine Schokolade unedel nur von drei Mann wäre serviert worden; von nur zweien hätte Monseigneur den Tod gehabt.

Monseigneur war die letzte Nacht bei einem kleinen Souper gewesen, bei welchem die Komödie und die große Oper ihre zauberhaften Vertreter hatte. Der gnädige Herr liebte es, an solchen kleinen Abendpartien mit hinreißender Gesellschaft teilzunehmen, und war überhaupt so artig und für Eindrücke empfänglich, daß ihm unter den ermüdenden Stoffen der Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnisse die Komödie und die große Oper weit höher standen als die Not von ganz Frankreich. Ein glücklicher Umstand für das letztere, wie überhaupt für alle in derselben Weise begünstigten Länder! Zum Beispiel auch für England in den unvergeßlichen Tagen des fröhlichen Stuart, der es verkaufte.

Monseigneur hatte eine wahrhaft adlige Idee vom öffentlichen Geschäftsgang im allgemeinen, indem er wollte, daß alles seinen eigenen Weg gehe; in Beziehung auf öffentliche Geschäfte im besonderen aber hegte er die gleichfalls echt adelige Idee, daß alles jenen Weg gehen müsse, der zur Vergrößerung seiner Macht und seines Vermögens beitrug. Eine weitere von seinen echt adeligen Ideen war, daß die Welt im allgemeinen sowohl wie im besonderen nur seinem Wohlergehen zu dienen habe. Sein Wahlspruch lautete nur mit einer unbedeutenden Variante für das persönliche Hauptwort im Original: »Die Erde und ihre Fülle sind mein, sagt Monseigneur«.

Monseigneur hatte indes allmählich die Entdeckung gemacht, daß sich in seine Angelegenheiten, die eigenen sowohl wie die öffentlichen, auch gemeine Verlegenheiten einschlichen, und sich deshalb mit einem Generalpächter zu verbünden genötigt gesehen; denn was die öffentlichen Finanzen betraf, so konnte er nicht alles und alles damit machen und mußte sie deshalb jemand überlassen, der dies besser verstand; bei der Rücksicht auf die Privatfinanzen dagegen erschien der Umstand maßgebend, daß Generalpächter reich waren und Monseigneur nach Generationen des Luxus und der Verschwendung arm zu werden begann. Monseigneur hatte daher seine Schwester, als es noch rechte Zeit war, den Schleier, dieses wohlfeilste Gewand, das sie tragen konnte, abzuwehren, aus dem Kloster geholt, um mit diesem Preis einen sehr reichen Generalpächter, der arm an Familie war, zu beglücken. Besagter Generalpächter, der stets einen passenden Stock mit goldenem Knopf bei sich führte, befand sich eben unter der Gesellschaft in den Vorzimmern, hochgefeiert von der ganzen Menschheit, mit Ausnahme der höheren Menschheit von Monseigneurs Blut, das einschließlich seiner eigenen Frau mit der stolzesten Verachtung auf ihn niederschaute.

Der Generalpächter war ein Mann, der etwas ausgeben konnte. Dreißig Rosse standen in seinen Ställen, vierundzwanzig männliche Dienstleute saßen in seinen Hallen, und sechs Wärterinnen bedienten seine Gemahlin. Als ein Mann, von dem man annahm, sein ganzes Geschäft bestehe im Zugreifen und Plündern, wo es nur immer etwas gab, war der Generalpächter, welchen Einfluß auch seine ehelichen Beziehungen auf die gesellschaftliche Moral üben mochten, wenigstens die größte Realität unter den Personen, die an jenem Tage im Palast von Monseigneur ihre Aufwartung machten.

Denn die Gemächer, wie schön sie sich auch ausnahmen und in dem Geschmack und der Kunstfertigkeit jener Zeit prunkten, waren in Wirklichkeit wenigstens keine gesunde Realität, und wenn man sie mit den Vogelscheuchen in Lumpen und Nachtkappen anderswo nicht einmal weit davon, denn von den Wachtürmen der Notre-Dame-Kirche aus konnte man in gleichen Abständen die Gegensätze überschauen verglich, so boten sie, falls im Hause von Monseigneur jemand sich damit abgeben mochte, sogar den Anblick einer recht unbehaglichen Realität. Offiziere vom Heer ohne militärische Kenntnisse, Flottenoffiziere ohne eine Vorstellung von einem Schiffe, Zivilbeamte ohne einen Begriff vom öffentlichen Dienst, keckstirnige Geistliche von der schlimmsten weltlichen Welt mit sinnlichen Augen, frechen Zungen und noch frecheren Sitten, alle insgesamt für ihre Berufszweige unpassend, trieben sich zu Dutzend und Dutzenden in den Vorzimmern herum und wurden fett im Genusse aller einträglichen Stellen, die ihnen zufielen, bloß weil sie zum Kreise von Monseigneur gehörten. Ferner sah man viele, die nicht unmittelbar zu Monseigneur oder dem Staate, gleichwohl aber auch nicht zu irgend etwas Realem oder einem Leben in Beziehung standen, das seine irdischen Zwecke auf einem offenen, geraden Wege anstrebt. Ärzte, die reich geworden waren von leckeren Heilmitteln gegen eingebildete, nie vorhanden gewesene Krankheiten, lächelten ihren kurfähigen Patienten in Monseigneurs Antichambres zu. Projektmacher, die aller Art Rezepte erfunden hatten gegen die kleinen, dem Staate anhaftenden Schäden, aber keines, durch das im Ernst auch nur eine einzige Sünde ausgerottet worden wäre, schütteten ihr zur Verzweiflung bringendes Gefasel in jedes Ohr, dessen sie bei Monseigneurs Empfang habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, die die Welt mit Worten ummodelten und aus Kartenblättern babylonische Türme zur Erstürmung des Himmels bauten, unterhielten sich in der wundervollen Versammlung bei Monseigneur mit ungläubigen Chemikern, die ein Auge auf die Umwandlung der Metalle hatten. Feine Herren, die ihre vorzügliche Bildung schon in jener denkwürdigen Zeit, wie noch heute, durch ihre völlige Gleichgültigkeit gegen alles kundgaben, was sonst naturgemäß das menschliche Interesse anspricht, trugen einen Zustand der musterhaftesten Langeweile im Palast Monseigneurs zur Schau. Diese verschiedenen Notabilitäten aus der feinen Welt von Paris hatten ein so eigentümliches Familienleben hinter sich, daß es die Spione unter den versammelten Anhängern Monseigneurs, aus denen wohl eine gute Hälfte dieser hochgebildeten Gesellschaft bestand, schwer gefunden haben würden, unter den Engeln dieser Sphäre auch nur ein einziges weibliches Wesen zu entdecken, das durch ihr Aussehen und Benehmen hätte merken lassen, daß es eine Mutter sei. In der Tat war eine solche Stellung in der Frauenwelt, mit Ausnahme des bloßen Akts, ein lustiges Geschöpf ins Leben einzuführen und dieser geht noch nicht weit, um den Namen einer Mutter zu etwas Reellem zu machen dem vornehmen Kreise etwas ganz Unbekanntes. Bauernweiber blieben bei ihren ungeleckten Kindern und zogen sie groß; bezaubernde Großmütter aber von sechzig kleideten sich und machten Abendpartien mit wie in ihrem zwanzigsten Jahr.

Die höchste Unrealität entstellte jedes Menschenwesen in der bunten Mischung, die Monseigneur ihre Aufwartung machte. In dem äußersten Zimmer befand sich ein halbes Dutzend exzeptioneller Personen, die seit ein paar Jahren sich mit der unbestimmten Ahnung trugen, daß der Gang der Dinge im allgemeinen doch nicht der rechte sei. Um in einer hoffnungsvollen Weise ihn zu bessern, hatte sich die Hälfte dieses halben Dutzends zu der phantastischen Sekte der Konvulsionäre geschlagen, und sie gingen eben mit sich zu Rat, ob sie nicht auf der Stelle schäumen, toben, brüllen und in epileptische Zuckungen verfallen sollten, um so als Richtschnur für Monseigneur einen höchst verständlichen Fingerzeig für die Zukunft zu geben. Die übrigen drei neben diesen Derwischen waren zu einer andern Sekte übergegangen, die die Welt durch einen Gallimathias über »das Zentrum der Wahrheit« zu bessern beabsichtigte, indem sie behauptete, die Menschheit sei (was allerdings keines Beweises bedurfte) aus diesem Zentrum gewichen, aber noch nicht über die Peripherie hinausgelangt letzteres müsse man verhindern oder wohl durch die Zurückführung nach dem Mittelpunkt erwirken durch Fasten und Geisterseherei. Natürlich fand unter diesen ein starrer Verkehr mit Geistern statt, der für die Welt wunderbar viel Gutes wirkte, obschon es leider nie bekannt geworden ist.

Einen Trost bot wenigstens die Gesellschaft in Monseigneurs prächtigem Palast man sah überall eine vollkommen tadellose Kleidung. Hätte es sich nur beweisen lassen, daß der Tag des Gerichts bloß ein großer Galatag, sei, so würde hier gewiß männiglich als für alle Ewigkeit fehlerfrei erfunden worden sein. Das Gekräusel, Gepuder und Aufsteifen des Haars, die seine künstlich erhaltene und aufgefrischte Gesichtsfarbe, die ritterlich anzusehenden Degen und die Ehren, die man dem Geruchssinn erwies, mußten zuverlässig alles für immer und immer im besten Gang erhalten. Die feinen Herren von der ausgesuchtesten Bildung trugen kleine Gehänge, die klimperten, wenn ihre Inhaber erschöpft sich vorüber bewegten; die goldenen Fesseln klangen wie kostbare Glöcklein, und dieses Klingen bildete in Verbindung mit dem Rauschen von Seide, Perkal und seiner Leinwand in der Luft ein Fächeln, das Saint Antoine und seinen verzehrenden Hunger weit von hinnen scheuchte.

Der Putz war der einzige unfehlbare Talisman und Zauber, um alle Dinge an ihrem Platz zu erhalten. Jedermann war für einen Ball in Kostüme gekleidet, der nie aufhören sollte. Von dem Palast der Tuilerien an durch Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtsbehörden und die ganze Gesellschaft (die Vogelscheuchen ausgenommen) lief der kostümierte Ball hinab bis zum Scharfrichter, der zur Aufrechterhaltung des Zaubers »frisiert und gepudert, in goldgesticktem Rock; Tanzschuhen und weißseidenen Strümpfen« seinen Dienst versehen mußte. Vor Galgen und Rad das Beil war eine Seltenheit hatte Monsieur Paris, wie die Hauptstadt von ihren untergeordneten Kollegen nach bischöflichem Vorgang betitelt wurde, in seiner gewähltesten Gala den Vorsitz. Und wer von der Gesellschaft aus Monseigneurs Empfangszimmern in dem Jahre unseres Herrn Siebzehnhundertachtzig konnte möglicherweise zweifeln, daß je ein System ein Ende nehmen konnte, das seine Wurzel in einem frisierten, gepuderten und goldbetreßten Henker mit Tanzschuhen und weißseidenen Strümpfen hatte!

Nachdem Monseigneur seine vier Mann ihrer Bürde entledigt und seine Schokolade eingenommen hatte, ließ er die Tür des Heiligtums der Heiligtümer öffnen und trat hinaus. Welche Unterwürfigkeit jetzt, welches Katzenbuckeln und Wedeln, welche Kriecherei und Wegwerfung! Da beugte man sich körperlich und geistig in einer Ausdehnung, daß nichts mehr für den Himmel übrigblieb dies vielleicht einer der Gründe, warum ihn die Verehrer Monseigneurs nie behelligten.

Dahin ein Versprechen, dorthin ein Lächeln entsendend, hier einem glücklichen Sklaven ein Wort zuflüsternd, dort einem andern mit der Hand zuwinkend, schritt Monseigneur leutselig durch die Salons bis in die entfernte Region des Zentrums der Wahrheit. Dort wandte er sich, kehrte zurück, erreichte im Laufe der Zeit abermals das Heiligtum mit den dienenden Schokoladegeistern, ließ die Türen schließen und wurde nicht mehr gesehen.

Die Schaustellung war vorüber, das Fächeln in der Luft wurde zu einem kleinen Sturm, und die kostbaren Glöcklein klingelten die Treppen hinunter. Bald war von dem ganzen Gedränge nur noch eine einzige Person übrig, die, den Hut unter dem Arme und die Schnupftabakdose in der Hand, an den Spiegeln vorbei langsam gleichfalls sich nach dem Ausgang hin bewegte.

»Hole dich der Teufel!« sagte die also beschriebene Persönlichkeit, indem sie an der letzten Tür haltmachte und sich gegen das Heiligtum umdrehte. Zugleich schüttelte sie den Schnupftabak von ihren Fingern, als sei er der Staub ihrer Füße, und schritt ruhig die Treppe hinab.

Die Person war ein Mann von ungefähr sechzig, schön gekleidet, von stolzem Wesen und mit einem Gesicht, das einer seinen Maske glich. Ein Gesicht von durchscheinender Nässe, jeder Zug darin klar bestimmt, und nur ein einziger markierter Ausdruck auf demselben. Die sonst schön geformte Nase war an der Spitze der Nasenlöcher etwas eingedrückt, und in diese beiden Gruben schien das einzige Wandelbare, das in dem Gesicht je bemerklich wurde, sich geflüchtet zu haben. Sie wechselten nämlich bisweilen die Farbe und zeigten gelegentlich eine Ausdehnung und ein Zusammenziehen, als ob sie leicht pulsierten: dadurch verliehen sie den Zügen einen Ausdruck von Tücke und Grausamkeit. Bei aufmerksamer Prüfung konnte man wahrnehmen, wie zu Herstellung dieses Ausdrucks namentlich auch der Umstand mitwirkte, daß die Linien des Mundes und der Augenkreise viel zu dünn und wagerecht waren; gleichwohl konnte nach dem Gesamteindruck das Gesicht als schön und merkwürdig bezeichnet werden.

Der Inhaber desselben ging die Treppe nach dem Hofe hinunter, stieg in seinen Wagen und fuhr von hinnen. Bei dem Empfang hatten nur wenige mit ihm gesprochen: er war beiseite gestanden, und Monseigneur hätte wohl in seinem Benehmen gegen ihn ein wenig wärmer sein können. Den Umständen nach schien es ihm ein angenehmes Schauspiel zu gewähren, wie das gemeine Volk vor seinen Pferden auseinanderstob und oft kaum dem Niedergetretenwerden entrann. Der Kutscher hieb auf seine Tiere los, als, griffe er einen Feind an; aber die wütende Rücksichtslosigkeit des Dieners brachte nicht die mindeste Veränderung hervor in dem Gesicht oder an den Lippen seines Herrn. Bisweilen wurde selbst in jener tauben Stadt und in jener stummen Zeit die Klage laut, daß in den engen Straßen ohne Seitenwege für die Fußgänger der wilde adelige Brauch des raschen Fahrens das gemeine Volk gefährde und oft in barbarischer Weise verstümmele; aber wenige kümmerten sich darum so viel, um zum zweitenmal daran zu denken, und so überließ man es auch hier wie in allem andern der Kanaille, sich aus ihrer Bedrängnis zu helfen, so gut sie konnte.

In tollem Rasseln und einer unmenschlichen Unbekümmertheit, die man in unsern Tagen unbegreiflich fände, jagte der Wagen durch die Straßen und um die Ecken, während die Weiber schreiend davor ausrissen und Männer gegenseitig sich oder Kinder aus dem Wege zerrten. Endlich fegte er um einen Eckbrunnen; eines der Räder hüpfte leicht auf, und alsbald brach aus vielen Kehlen ein lautes Geschrei los, vor dem die Rosse stampfend und ausschlagend stehenblieben.

Ohne die letztere Unbequemlichkeit würde der Wagen wahrscheinlich nicht haltgemacht haben. Wagen fuhren so oft weiter und ließen Verwundete hinter sich warum auch nicht? Aber der erschreckte Kammerdiener war hurtig abgestiegen, und zwanzig Hände hatten die Pferde bei den Zügeln gefaßt.

»Was hat’s gegeben?« fragte Monsieur, ruhig hinausschauend. Ein großer Mann mit einer Nachtmütze hatte unter den Pferdehufen hervor ein Bündel hervorgelangt und auf die Brunnenfliesen gelegt: er kniete davor im Schlamm und in der Nässe und heulte darüber wie ein wildes Tier.

»Verzeihung, Monsieur le Marquis«, sagte ein zerlumpter, unterwürfiger Mann, »es ist ein Kind.«

»Warum macht der Mann diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?«

»Entschuldigt, Monsieur le Marquis leider ja.«

Der Brunnen stand etwas an der Seite, denn die Straße mündete hier in einen Platz ein, der seine zehn oder zwölf Schritte im Geviert maß. Als der große Mann plötzlich vom Boden aufsprang und auf den Wagen zugelaufen kam, fuhr Monsieur le Marquis für einen Augenblick mit der Hand an seinen Degenknopf.

»Umgebracht!« schrie der Mann in wilder Verzweiflung, aus hohlen Augen zu ihm hinstarrend und die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Tot!«

Die Leute drängten sich näher heran und schauten auf Monsieur le Marquis. Und in den vielen Augen, die auf ihm hafteten, gab sich nur der Ausdruck der Hast und der Aufmerksamkeit kund; nirgends ein Zeichen von Drohung oder Zorn. Auch wurde nicht gesprochen; nach dem ersten Schrei war das Volk verstummt. Die Stimme des unterwürfigen Mannes, der geantwortet hatte, klang matt und zahm in ihrer äußersten Untertänigkeit. Monsieur le Marquis ließ die Blicke über die Menge hingleiten, als bestände sie nur aus Ratten, die aus ihren Löchern hervorgekommen wären.

Er nahm seine Börse heraus.

»Es ist außerordentlich«, sagte er, »daß die Leute so wenig auf sich selbst und ihre Kinder achtgeben. Eines oder das andere von euch ist einem immer im Weg. Wie weiß ich, ob nicht meine Pferde Schaden genommen haben? Sieh nach. Gib ihm dies.«

Er warf dem Kammerdiener ein Goldstück zu, und alle Köpfe streckten sich vorwärts, um es allen Augen möglich zu machen, zu sehen, wo es niederfiel. Abermals rief der große Mann in einem unbeschreiblichen Ton: »Tot!« Er wurde angehalten durch einen rasch herbeikommenden andern Mann, dem der Haufe Platz machte. Als der unglückliche Vater ihn erkannte, fiel er ihm um den Hals, weinte und schluchzte und deutete nach dem Brunnen, wo einige Weiber sich über dem regungslosen Bündel niederbeugten und sorgsam sich damit zu schaffen machten. Auch sie verhielten sich so still wie die Männer.

»Ich weiß alles, weiß alles«, sagte der letzte Ankömmling. »Sei ein Mann, Gaspard. Für die arme kleine Puppe da ist es besser, so zu sterben, als zu leben. Sie ging ohne Schmerz aus der Welt: hätte sie auch nur eine Stunde glücklich in ihr leben können?«

»Ah, Ihr seid ein Philosoph«, sagte der Marquis lächelnd. »Wie heißt Ihr?«

»Defarge.«

»Euer Gewerbe?«

»Weinhändler.«

»Lest dies auf, Philosoph und Weinhändler«, sagte der Marquis, indem er auch ihm ein Goldstück hinwarf, »und tut Euch damit gütlich. Wie steht’s mit den Pferden alles in Ordnung?«

Ohne die Menge eines weiteren Blicks zu würdigen, lehnte sich Monsieur le Marquis auf seinen Sitz zurück und wollte eben mit der Miene eines Mannes, der zufällig etwas zerbrochen und als zahlungsfähige Person den Preis dafür erlegt hat, von hinnen fahren, als seine Ruhe plötzlich durch ein Geldstück zerstört wurde, das in den Wagen hineinflog und klingend zu Boden fiel.

»Halt!« sagte Monsieur le Marquis. »Haltet die Pferde! Wer hat geworfen?««

Er blickte nach der Stelle zurück, wo einen Augenblick vorher Defarge, der Weinhändler, gestanden hatte, sah aber nur noch den unglücklichen Vater, der, das Antlitz im Staub, am Boden lag, und neben ihm die Gestalt eines braunen stämmigen Weibes, das ihr Strickzeug in der Hand hatte.

»Ihr Hundepack!« sagte der Marquis ruhig und mit unverändertem Gesichtsausdruck, die bekannten Stellen an seiner Nase ausgenommen, wie gern würde ich über jeden von euch wegfahren, um euch von der Erde zu vertilgen. Wüßte ich, welcher Schuft in den Wagen geworfen, und hätte ich ihn nahe genug, so ließe ich ihn unter die Räder schleudern.«

Die Lage des Volkes war so gedrückt, und es hatte so viel von dem erleben müssen, was ein solcher Mann innerhalb und außerhalb des Gesetzes mit ihm anfangen durfte, daß keine Stimme, keine Hand, ja, nicht einmal ein Auge sich erhob. Unter den Männern wenigstens nicht. Nur das Weib mit dem Strickzeug warf einen festen Blick auf den Marquis. Es war aber unter seiner Würde, dies zu bemerken, sein Auge glitt verächtlich hin über sie und über die andern Ratten: dann lehnte er sich wieder in seinen Sitz zurück und gab Befehl weiterzufahren.

E« wurde weitergefahren, und andere Karossen kamen in rascher Folge vorbeigesaust: der Minister, der Staatsprojektenmacher, der Generalpächter, der Doktor, der Advokat, der Geistliche, die große Oper, die Komödie, kurz, der ganze Kostümball in seinem bunten Durcheinander wirbelte vorbei. Die Ratten krochen aus ihren Löchern und sahen stundenlang zu; Soldaten und Polizeidiener gingen oft zwischen ihnen und dem Schauspiel hin und her und bildeten Schranken, hinter die die Ratten zurückmußten. Der Vater hatte längst sein Bündel aufgenommen und ein Versteck dafür gesucht, während die Weiber, die das Bündel gepflegt hatten, als es auf den Brunnenfliesen lag, noch dasaßen und dem Rinnen des Wassers und dem Rollen des Kostümballs zusahen; auch jene Frau, die mit ihrem Strickzeug dagestanden, strickte fort mit der Beharrlichkeit einer Nonne. Das Wasser des Brunnens lief fort, der rasche Fluß lief weiter, der Tag verlief in den Abend, so viel Leben der Stadt verlief nach der Regel, daß Ebbe und Flut auf niemand warten, im Tod, die Ratten schliefen wieder dicht beisammen in ihren dunklen Löchern, für den Kostümball waren die Souperlichter angezündet, und alles verlief im alten Gange.

Achtes Kapitel. Ein vornehmer Herr auf dem Lande.


Achtes Kapitel. Ein vornehmer Herr auf dem Lande.

Eine schöne Landschaft und das Getreide darauf am Reifen, aber nicht im Überfluß gebaut. Striche mageren Roggens, wo Hafer hätte stehen sollen, Streifen ärmlicher Bohnen und Erbsen oder rauhen Gemüses statt des Weizens. Auch in der seelenlosen Natur wie in den Männern und Weibern, die sie pflegten, die vorherrschende Neigung, nur ungern zu vegetieren, ein kleinmütiger Hang, zu verzagen und hinzuwelken.

Monsieur le Marquis schleppte sich in seinem von vier Postpferden und zwei Postknechten geführten Reisewagen, der wohl hätte leichter sein können, einen steilen Berg hinan. Das Rot auf dem Gesicht von Monsieur le Marquis tat seiner hohen Bildung keinen Abtrag; es kam nicht von innen, sondern wurde durch einen äußerlichen Umstand veranlaßt, über den er keine Gewalt hatte durch die untergehende Sonne.

Die Strahlen der letzteren trafen den Reisewagen, als dieser die Höhe des Berges erreicht hatte, mit so vollem Glanz, daß sein Insasse in Purpur getaucht zu sein schien. »Es wird bald vorüber sein«, sagte Monsieur le Marquis, seine Hände ansehend.

In der Tat stand die Sonne schon so tief, daß sie im nächsten Augenblick untergehen konnte. Als dem Rad der schwere Hemmschuh angepaßt wurde und der Wagen mit einem Brandgeruch und in einer Wolke von Staub bergab rutschte, schwand die purpurne Glut rasch dahin; die Sonne und der Marquis gingen zusammen hinunter, und beim Abnehmen des Radschuhs war auch kein Hauch von Rot mehr vorhanden.

Dagegen war noch da eine unebene Landschaft, schön und offen, ein kleines Dorf am Fuße des Berges, jenseits wieder eine Anhöhe, ein Kirchturm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Felsen mit einer Feste darauf, die als Gefängnis diente. Der Marquis überschaute diese im Abendschatten mehr und mehr sich verdüsternden Gegenstände mit der Miene eines Mannes, der sich seinem Heimwesen nähert.

Da« Dorf hatte seine einzige ärmliche Straße mit einem ärmlichen Brauhaus«, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einem ärmlichen Poststall, einem ärmlichen Brunnen, kurz, lauter ärmlichen Zugehörnissen. Aber auch die Bevölkerung war arm, und viele von den Einwohnern saßen vor den Türen und schnitzelten Zwiebel oder etwas Ähnliches zum Nachtessen, während andere an dem Brunnen standen und Blätter, Gras und sonstige kleine Erderzeugnisse wuschen, die sich essen ließen. Auch fehlte es nicht an ausdrucksvollen Zeichen über den Grund ihrer Verarmung, denn feierliche Inschriften, die anzeigten, daß man hier die Staatssteuer, die Kirchensteuer, die grundherrliche Steuer, den Gemeindeschaden und die Akzise einziehe, waren in so reichlicher Anzahl vorhanden, daß man sich nur wundern mußte, wenn das Dörflein überhaupt noch unverschluckt dastand.

Auch einige Kinder ließen sich blicken, aber keine Hunde. Was die Männer und Weiber betraf, so hatten sie in Beziehung auf ihre Erdenverhältnisse eine geringe Wahl entweder drunten im Dörflein hinter der Mühle ein Leben für Hungersterben, oder droben auf dem Felsen im Gefängnis Haft und Tod.

Durch einen Vorreiter und das Knallen der Peitschen angekündigt, die wie hurtige Schlangen über den Köpfen der Postknechte durch die Abendluft zuckten, fuhr Monsieur le Marquis, wie von Furien begleitet, mit seinem Reisewagen vor dem Tor des Posthofes an. Dieser befand sich in der Nähe des Brunnens, und die Bauernweiber unterbrachen ihre Arbeit, um nach ihm hinzusehen. Auch er schaute zu ihnen hinüber und bemerkte auf allen Gesichtern das Gepräge jener Magerkeit, durch die die Franzosen auf ein Jahrhundert hindurch sprichwörtlich geworden sind.

Monsieur le Marquis warf eben seine Blicke auf die unterwürfigen Gestalten, die sich vor ihm beugten, wie er selbst bei Hof vor Monseigneur sich gebeugt hatte, nur mit dem Unterschied, daß jene bloß zu leiden, aber keine Gnaden auszuteilen hatten als sich ein grauköpfiger Knecht der Gruppe anschloß.

»Bring‘ mir jenen Kerl her«, sagte der Marquis zu dem Vorreiter.

Der Kerl wurde, die Mütze in der Hand, hergebracht, und die andern Kerle schlössen sich ihm an, um zu sehen und zu hören, in der Art, wie’s die Leute auch an den Pariser Brunnen zu halten pflegten.

»Ich kam auf dem Herweg an dir vorbei?«

»Monseigneur, es ist wahr; ich hatte auf der Straße die Ehre der Begegnung.«

»Beim Bergauffahren und auf der Höhe des Berges?«

»Ja, Monseigneur.«

»Nach was hast du so aufmerksam geschaut?« »Monseigneur, ich schaute nach dem Manne.«

Er beugte sich ein wenig und deutete mit seiner zerlumpten Mütze unter den Wagen. Alle seine Kameraden beugten sich gleichfalls, um unter den Wagen zu sehen.

»Welchen Mann, Schwein? Und warum schautest du nach ihm?«

»Verzeihung, Monseigneur, er hing in der Kette des Radschuhs.«

»Wer?« fragte der Reisende.

»Monseigneur, der Mann.«

»Hole der Teufel alle diese Dummköpfe! Hast du keinen Namen für diesen Mann? Du kennst alle Leute in der ganzen Gegend. Wer war er?«

»Monseigneur halten zu Gnaden, er war nicht aus der Gegend. Ich hab‘ ihn Tag meines Lebens nicht gesehen.«

»Und er hing in der Kette erdrosselt?«

»Mit Eurer Gnaden Erlaubnis, das war eben das Wunder, Monseigneur. Sein Kopf hing über so!«

Er wandte sich seitwärts gegen den Wagen und kehrte sich zurück, das Gesicht himmelwärts gedreht und den Kopf niederhängend; dann richtete er sich wieder auf, fuchtelte mit seiner Mütze und machte eine Verbeugung.

»Wie sah er aus?«

»Monseigneur, er war weißer als ein Müller. Ganz mit Staub bedeckt, weiß wie ein Gespenst und so lang wie ein Gespenst.«

Die Beschreibung machte ungemeines Aufsehen unter dem kleinen Haufen; aber aller Augen schauten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob er nicht ein Gespenst auf seinem Gewissen hatte.

»Das hast du wahrhaftig gut gemacht«, sagte der Marquis, der sich glücklicherweise besann, daß ein solcher Wurm ihn nicht aufbringen konnte; »du siehst, wie ein Dieb meinen Wagen begleitet, tust aber dein großes Maul nicht auf. Pah! Schafft ihn beiseite, Monsieur Gabelle.«

Monsieur Gabelle war der Postmeister und nebenbei Einzieher einer der verschiedenen Steuersorten. Er war mit großer Diensteifrigkeit herausgekommen, um an dem Verhör mitzuhelfen, und hatte in amtlicher Weise den zu Verhörenden am Wamsärmel festgehalten.

»Fort setzt!« sagte Monsieur Gabelle.

»Versichert Euch des Fremden, wenn er im Dorf eine Nachtherberge sucht, und überzeugt Euch, ob sein Gewerbe ein ehrliches ist, Gabelle.«

»Monseigneur, es ist mir ungemein schmeichelhaft, dero Befehle ausführen zu dürfen.«

»Ist er davongelaufen, Kerl? Wo ist der verfluchte Hund?«

Der verfluchte Hund stak bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde unter dem Wagen und deutete mit seiner blauen Mütze auf die Kette. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde holte ihn geschickt wieder hervor und präsentierte ihn atemlos dem Herrn Marquis.

»Ist der Mann davongelaufen, Schafskopf, als man den Radschuh brauchte?«

»Monseigneur, er stürzte sich den Berghang hinunter, den Kopf voran, wie man tut, wenn man sich in den Fluß wirft.«

»Sorgt für die Sache, Gabelle. Vorwärts!«

Das Halbdutzend stak noch gleich Schafen zwischen den Rädern und sah nach der Kette; die Räder aber drehten sich so plötzlich, daß sie von Glück sagen konnten, wenn sie ihre Haut und ihre Knochen retteten. Außerdem hatten sie freilich sehr wenig zu retten, da es ihnen sonst kaum so gut gelungen wäre.

Der rasche Anlauf, den der Wagen vom Dorf aus genommen hatte, wurde bald gehemmt durch die jenseits gelegene steile Anhöhe. Die Bewegung ging allmählich in Schritt über, und der Wagen pendelte und holperte zwischen den vielen süßen Düften der Sommernacht bergan. Die Postknechte, die jetzt statt der Furien von tausend sommerfadigen Schnaken umkreist wurden, flochten ruhig die zerfaserten Endschlingen ihrer Peitschen wieder zusammen; der Kammerdiener ging neben den Pferden her, und den Vorreiter hörte man aus grauer Ferne voraustraben.

An der steilsten Stelle der Anhöhe befand sich ein kleiner Friedhof mit einem Kreuz und einem neuen großen Christusbild daran. Es war eine ärmliche Bildhauerarbeit, ausgeführt von einem ungeübten Dorfschnitzer; aber er hatte sein Werk nach dem Leben ausgeführt nach seinem eigenen vielleicht denn die Figur war schrecklich mager und abgezehrt.

Vor diesem traurigen Sinnbild einer Not, die seit lange immer größer wurde und den höchsten Grad noch nicht erreicht hatte, kniete ein Weib. Sie wandte sich um, als der Wagen auf sie zukam, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.

»Sind Sie es, Monseigneur? Monseigneur, eine Bitte.«

Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber unverändertem Gesicht sah Monseigneur hinaus.

»Was ist schon wieder? Was soll’s? Immer Bitten!«

»Monseigneur, um des barmherzigen Gottes willen, mein Mann, der Waldhüter «

»Was ist mit deinem Mann, dem Waldhüter? Immer dasselbe mit euch Leuten. Er kann wohl nicht zahlen?«

»Er hat alles bezahlt, Monseigneur. Er ist tot.«

»Nun, dann hat er Ruhe. Kann ich ihn dir zurückgeben?«

»Leider nein, Monseigneur. Aber er liegt dort unter einem Häuflein armseligen Grases.«

»Was weiter?«

»Monseigneur, der Häuflein armseligen Grases sind so viele.«

»Nun, und dann?«

Sie sah alt aus, obschon sie jung war. Ihr Benehmen verriet den tiefsten Kummer. Sie schlug wiederholt mit wildem Schmerz ihre dürren, dickadrigen Hände zusammen und legte dann eine derselben auf den Kutschenschlag zart und liebkosend, als sei er eine Menschenbrust, von der sich Gefühl für die flehentliche Berührung erwarten ließ.

»Monseigneur, hört mich! Monseigneur, hört meine Bitte! Mein Mann ist aus Mangel gestorben; so viele sterben aus Not, und noch viele werden vor Mangel zugrunde gehen.«

»Was willst du von mir? Kann ich sie füttern?«

»Monseigneur, das weiß der liebe Gott; aber ich verlange dies nicht. Meine Bitte beschränkt sich nur darauf, daß ein Stückchen Stein oder Holz mit meines Mannes Namen darauf an die Stelle gesetzt werde, wo er liegt. Der Platz wird sonst bald vergessen und nicht mehr aufzufinden sein, wenn ich gestorben bin an derselben Krankheit und ich gleichfalls mein Bett finden soll unter einem Häuflein ärmlichen Grases. Monseigneur, es sind ihrer so viele; sie vermehren sich so schnell; es gibt so viel Not. Monseigneur! Monseigneur!«

Der Kammerdiener schob sie von dem Schlag zurück: der Wagen war in einen raschen Trab übergegangen, und die Postknechte trieben vorwärts, daß sie bald zurückblieb. Monseigneur aber verminderte, wieder von den Furien begleitet, rasch den Abstand von einer oder zwei Wegstunden, der ihn noch von seinem Schlosse trennte.

Die süßen Düfte der Sommernacht verbreiteten sich über alles um ihn her und umhüllten auch unparteiisch wie der fallende Regen die staubige, zerlumpte, von Arbeit erschöpfte Gruppe an dem nicht fern gelegenen Brunnen, der der Knecht unter Beihilfe der blauen Mütze, ohne die er nichts war, eines breiten feinen gespenstischen Mann beschrieb, solange sie zuhören wollte. Da sie jedoch endlich auch dieses satt bekam, so verschwand allmählich einer nach dem andern, und aus den kleinen Fenstern begannen Lichter zu flimmern, die, als die Fenster wieder dunkel wurden und mehr Sterne herauskamen, statt ausgelöscht zu werden, an den Himmel hinaufgeschossen zu sein schienen.

Um diese Zeit breitete sich der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen breitkronigen Bäumen über den Marquis. Und der Schatten wurde gegen das Licht einer Fackel vertauscht, als sein Wagen haltmachte und das Portal seines Schlosses für ihn geöffnet wurde.

»Ich erwarte Monsieur Charles; ist er aus England angelangt?«

»Noch nicht, Monseigneur.«

Neuntes Kapitel. Das Gorgonenhaupt.


Neuntes Kapitel. Das Gorgonenhaupt.

Das Schloß des Monsieur le Marquis war ein großer schwerfälliger Bau, mit einem großen steinbepflasterten Hof davor und zwei mächtigen Steintreppen, die sich an eine steinerne Terrasse von dem Hauptportal anschlossen. Eine steinerne Schicht überall, mit schweren Steinbalustraden, steinernen Urnen, steinernen Blumen, steinernen Menschengesichtern und steinernen Löwenköpfen überall, als sei sie vor zwei Jahrhunderten unmittelbar nach dem Fertigwerden vom Haupt der Meduse bestrahlt worden.

Vor der breiten Flucht der niedrigen Treppen stieg Monsieur le Marquis aus dem Wagen; die Fackel ging ihm voran und störte die Dunkelheit hinreichend, um einer Eule in dem Dach des mächtigen, hinter den Bäumen steckenden Marstalls eine laute Gegenvorstellung zu entlocken. Alles andere war so ruhig, daß die treppauf getragene Fackel und die Fackel, die man unter dem Portal hielt, brannten, als seien sie nicht in freier Luft, sondern in einem abgesperrten Prunksaal. Außer der Stimme der Eule ließ sich kein weiterer Laut vernehmen als das Plätschern einer Fontäne in ihrem steinernen Becken; denn es war eine von jenen dunkeln Nächten, die ihren Atem stundenlang anhalten und dann zu einem tiefen Seufzer ausholen, um unmittelbar darauf abermals atemlos zu werden.

Das Portal schlug hinter ihm zu, und Monsieur le Marquis schritt durch eine Halle, die grimmig starrte von alten Sauspießen, Hirschfängern und Weidmessern, noch grimmiger aber von gewissen schweren Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher Bauer vor seinem Hingang zu seinem Wohltäter Tod bitter empfunden hatte, wenn sein Herr zornig war.

Die größern Gelasse vermeidend, die dunkel und während der Nacht geschlossen waren, folgte Monsieur le Marquis seinem Fackelträger eine Treppe hinan nach einer Tür zu einem Korridor. Sie ging auf und gestattete ihm den Zugang zu seiner gewöhnlichen Wohnung, die aus drei Gemächern, seinem Schlafzimmer und zwei andern bestand. Hochgewölbte Räume mit kalten Böden, die mit Teppichen belegt waren, große Feuerböcke auf den Herden für das Brennholz im Winter und aller Luxus, der für den Prunk eines Marquis in einem an Luxus gewöhnten Lande und Zeitalter paßten. Die Mode des vorletzten Ludwig, von der Linie, die nicht zu unterbrechen war des vierzehnten Ludwig zeichnete sich durch ihr reiches Möbelwerk aus, in das jedoch Abwechslung kam durch viele Gegenstände, die dazu dienten, alle Blätter aus der Geschichte Frankreichs zu illustrieren.

Im dritten Gemache, einem runden Zimmer in einem der vier löschhutbedachten Türme des Schlosses, stand für zwei eine Soupertafel gedeckt. Es war ein kleines hohes Zimmer mit weit offenem Fenster und geschlossenen Jalousien, so daß die Nacht nur in schmalen, schwarzen Horizontallinien, abwechselnd mit den breiten Linien von Steinfarbe, hereinschien.

»Mein Neffe«, sagte der Marquis mit einem Blick auf die Vorbereitungen zum Nachtessen, »ist, wie ich höre, noch nicht angekommen.«

»Nein; man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.«

»Ah; es ist nicht wahrscheinlich, daß er heute noch eintreffen wird. Doch laß den Tisch immerhin, wie er ist; ich werde in einer Viertelstunde bereit sein.« Nach einer Viertelstunde war Monseigneur bereit und setzte sich zu seinem reichen, gewählten Mahle nieder. Sein Stuhl stand dem Fenster gegenüber. Er hatte sich Suppe geschöpft und wollte eben sein Glas Bordeaux an die Lippen führen, als er es wieder niedersetzte.

»Was ist das?« fragte er ruhig, aufmerksam auf die Horizontallinien von Schwarz und Steinfarbe schauend.

»Monseigneur, was?«

»Vor dem Laden draußen. Öffnet die Jalousien.«

Es geschah.

»Nun?«

»Monseigneur, es ist nichts. Ich kann nichts wahrnehmen als die Bäume und die Nacht.«

Der Diener, der sprach, hatte die Läden weit aufgeworfen und in die leere Finsternis hinausgeschaut; er stand jetzt mit dieser Leere im Hintergrund da und harrte weiterer Befehle.

»Gut«, sagte der durch nichts zu störende Gebieter. »Du magst wieder schließen.«

Auch dies geschah, und der Marquis setzte sein Nachtessen fort. Er mochte etwa zur Hälfte fertig sein, als er wieder mit seinem Glas in der Hand anhielt. Er hörte Rädergerassel, das rasch immer naher kam und zuletzt vor dem Schloß haltmachte.

»Fragt, wer angekommen ist.«

Es war der Neffe von Monseigneur. Der Marquis hatte früh am Nachmittag nur einen Vorsprung von ein paar Wegstunden vor ihm; wie scharf aber auch der Neffe fuhr, war es ihm doch nicht gelungen, Monseigneur einzuholen. In den Posthäusern hörte er, daß sein Onkel schon dagewesen sei.

Man solle ihm sagen, sagte Monseigneur, daß das Nachtessen seiner harre und er gebeten würde, hereinzukommen. Nach einer Weile trat er ein. Es war der Mann, den man in England als Charles Darnay kannte.

Monseigneur empfing ihn auf höfliche Weise, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen.

»Du hast gestern Paris verlassen?« sagte der Neffe zu Monseigneur, als er seinen Sitz am Tische einnahm.

»Ja. Und du?«

»Ich komme direkt.«

»Von London?«

»Ja.«

»Du hast lange gebraucht zu deinem Kommen«, sagte der Marquis mit einem Lächeln.

»Im Gegenteil, ich komme direkt.«

»Entschuldige, ich meine nicht die Zeit, die du zur Reise brauchtest; es währte so lange, bis du dich zu der Reise entschlossest.«

»Ich wurde abgehalten durch « der Neffe zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort »verschiedene Geschäfte.«

»Ohne Zweifel«, sagte der höfliche Onkel.

Solange das Diner dauerte, fiel kein weiteres Wort zwischen ihnen; als sie aber nach dem Kaffee allein beisammen saßen, begann der Neffe, der nach dem Onkel hinsah und den Augen des maskenähnlichen schönen Gesichts begegnete, die Unterhaltung.

»Wie du dir denken kannst, bin ich zurückgekommen, um den Zweck zu verfolgen, der mich fortführte, Er brachte mich an große und unerwartete Gefahr; aber es ist ein heiliges Ziel, und wenn es mich das Leben gekostet hätte, so würde ich mich, hoffe ich, wie ein Mann in den Tod gefunden haben.«

»Nicht in den Tod«, sagte der Onkel; »es ist nicht notwendig, zu sagen, in den Tod.«

»Ich zweifle«, entgegnete der Neffe, »ob du es für der Mühe wert gehalten haben würdest, mich zurückzuhalten, wenn es mich wirklich bis an den äußersten Rand des Grabes geführt hätte.«

Die Nasengruben und das Längerwerden der feinen geraden Linien in dem grausamen Gesicht sahen bei diesen Worten unheilverkündend aus. Der Onkel machte eine anmutige Gebärde des Protestes, die aber so augenfällig das Ergebnis der feinen Bildung war, daß sie nicht beruhigte.

»In der Tat«, fuhr der Neffe fort, »soviel ich in Erfahrung brachte, hast du ausdrücklich darauf hingearbeitet, daß die verdächtigen Umstände, die gegen mich sprachen, noch verdächtiger erschienen.«

»Nein, nein, nein«, sagte der Onkel scherzhaft.

»Wie dem übrigens sein mag«, fuhr der Neffe fort, indem er den Marquis mit tiefem Mißtrauen betrachtete, »ich weiß, daß deine Diplomatik mir durch alle Mittel Einhalt tun und in der Wahl derselben kein Bedenken zeigen würde.«

»Mein Freund, ich hab‘ dir dies im voraus erklärt«, sagte der Onkel mit einem seinen Pulsieren der zwei Gruben. »Habe die Güte, dich zu erinnern, daß ich längst dir dies selbst gesagt habe.«

»Ich erinnere mich.«

»Danke schön«, sagte der Marquis in sehr süßem Ton.

Der Ton klang noch eine Weile in der Luft, fast wie der eines musikalischen Instruments.

»In Wirklichkeit«, fuhr der Neffe fort, »es ist nur dein schlimmes und mein gutes Glück, was mich hier vor einem französischen Gefängnis bewahrt hat.«

»Ich verstehe das nicht ganz«, versetzte der Onkel, seinen Kaffee schlürfend. »Darf ich um eine Erklärung bitten?«

»Ich glaube, wenn du nicht bei Hof in Ungnade wärest, und nicht schon seit Jahren dich diese Wolke umschattete, so würde längst ein lettre de cachet mich für unbestimmte Zeit nach irgendeiner Festung geschickt haben.«

»Es ist möglich«, sagte der Onkel mit großer Ruhe. »Um der Ehre der Familie willen hätte ich mich wohl entschließen können, dich bis zu dieser Ausdehnung zu inkommodieren. Ich bitte, entschuldige mich.«

»Ich bemerke, daß zum Glück der vorgestrige Empfangstag wie gewöhnlich ein kalter war«, entgegnete der Neffe.

»Ich würde nicht sagen, zum Glück«, erwiderte der Onkel mit größter Höflichkeit, »denn ich wüßte dies nicht so gewiß. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, unterstützt von den Vorteilen der Einsamkeit, dürfte auf dein Schicksal einen weit günstigeren Einfluß üben, als dies dein sonstiges Handeln tun kann. Doch es ist nutzlos, diese Frage zu verhandeln. Ich bin, wie du sagst, im Nachteil. Jene kleinen Korrektionsmittel, die milden Stützpunkte der Macht und Ehre von Familien, die geringen Gunstbezeugungen, die dir so ungelegen kommen könnten, sind jetzt nur noch durch Einfluß und Zudringlichkeit zu erwirken. So viele suchen darum nach, und sie werden verhältnismäßig so wenigen erteilt. Früher war es anders, aber in allen solchen Dingen hat sich Frankreich sehr verschlechtert. Unsere Vorfahren besaßen vor nicht gar langer Zeit, dem Pöbel ihrer Umgebung gegenüber, das Recht über Leben und Tod. Von diesem Zimmer sind viele solche Galgenstricke hinausgeschleppt worden, um gehangen zu werden, und wir selbst können uns noch erinnern, daß in dem nächsten Gemach, meinem Schlafzimmer, ein Kerl auf der Stelle erdolcht wurde, weil er ein unverschämtes Zartgefühl zur Schau stellte in Beziehung auf seine Tochter seine Tochter! Wir haben viele Vorrechte verloren: eine neue Philosophie ist in die Mode gekommen, und die Behauptung unserer Stellung könnte heutzutage ich gehe nicht so weit, zu sagen, würde, sondern nur könnte uns in ernstliche Angelegenheit bringen. Alles sehr schlimm, sehr schlimm!«

Der Marquis nahm eine gebildete kleine Prise Tabak und schüttelte den Kopf, mit ziemlicher Eleganz an einem Lande verzweifelnd, das ihm diese großen Mittel der Wiedergeburt vorenthielt.

»Wir haben sowohl in alten Zeiten wie in der neuen unsere Stellung in einer Weise behauptet«, versetzte der Neffe düster, »daß ich glaube, unser Name ist mehr verabscheut als irgendeiner in Frankreich.«

»Wollen wir dies hoffen«, sagte der Onkel. »Verabscheuung der Hochgestellten ist die unwillkürliche Huldigung der Niedrigen.«

»In der ganzen Gegend ringsumher«, fuhr der Neffe in dem früheren Tone fort, »gibt es kein Gesicht, das mit Achtung zu mir aufblickt: ich begegne in den Mienen nur dem finstern Ausdruck der Furcht und der Sklaverei.«

»Ein Kompliment für die Größe der Familie«, sagte der Marquis, »verdient durch die Art, wie die Familie ihre Größe gewahrt hat. Ha!«

Und er nahm wieder eine ganz kleine Prise und legte leicht die Beine übereinander. Aber als der Neffe, einen Ellenbogen auf den Tisch gestützt, gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte, schaute die schöne Maske seitwärts mit einer stärkeren Konzentration von Strenge, Verschlossenheit und Abneigung nach ihm hin, als sich mit der vorgeschützten Gleichgültigkeit ihres Trägers vereinbaren ließ.

»Druck ist die einzige nachhaltige Philosophie«, bemerkte der Marquis. »Der finstere Ausdruck der Furcht und Sklaverei, mein Freund, macht, daß diese Hunde der Peitsche gehorsam bleiben, solange dieses Dach« er sah danach aufwärts »den Himmel ausschließt.«

Das dauerte vielleicht nicht so lange, als der Marquis meinte. Hätte man ihm in jener Nacht ein Bild seines Schlosses zeigen können, wie es nur einige Jahre später aussah, und wie fünfzig ähnliche Schlösser gleichfalls nach der kurzen Frist von einigen Jahren aussahen, so würde er wohl in den gespenstischen, verkohlten, ausgeraubten Trümmern sein Eigentum nicht wiedererkannt haben. Und was das gerühmte Dach betraf, so hätte er wohl gefunden, daß es in einer Neuen Art den Himmel ausschloß, nämlich für immer vor den Blicken der Körper, die mit seinem Blei durchschossen wurden, aus den Läufen von hunderttausend Musketen.

»Inzwischen«, sagte der Marquis, »werde ich für die Ehre und Ruhe der Familie sorgen, wenn du es nicht tun willst. Doch du wirst müde sein. Wollen wir die Unterhaltung für heute abbrechen?«

»Nur noch einen Augenblick.«

»Eine Stunde, wenn’s beliebt.«

»Wir haben unrecht getan«, versetzte der Neffe, »und ernten jetzt die Früchte unseres Unrechts.«

»Wir haben unrecht getan?« wiederholte der Marquis mit einem fragenden Lächeln, indem er fein zuerst auf seinen Neffen, dann auf sich deutete.

»Unsere Familie, unsere ehrenwerte Familie, deren Ehre uns beiden in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Sogar in meines Vaters Zeit übten wir eine Welt voll Unrecht und schädigten jedes menschliche Wesen, wer es auch sein mochte, das uns in unserem willkürlichen Treiben störte. Doch warum spreche ich von der Zeit meines Vaters, da sie auch die deinige ist? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und nächsten Nachfolger von ihm selbst trennen?«

»Der Tod hat das getan«, sagte der Marquis.

»Und mich hat er an ein System gefesselt«, erwiderte der Neffe, »das mir schrecklich ist wegen seiner Unmacht und seiner Verantwortlichkeit. Ich suchte die letzte Bitte von den Lippen meiner teuren Mutter zu erfüllen und dem letzten Blick aus ihren lieben Augen zu gehorchen, die mir flehentlich Erbarmen und Güte anempfahlen. Vergeblich marterte ich mich ab, die Macht dazu und Beistand zu gewinnen.«

»Wenn du diese bei mir suchst, mein Neffe«, sagte der Marquis, indem er mit seinem Zeigefinger dessen Brust berührte sie standen jetzt bei dem Herd »so sei versichert, daß deine Mühe stets vergeblich sein wird.«

Jede feine gerade Linie in dem klaren Weiß seines Gesichts war grausam, verschmitzt und unheimlich zusammengezogen, während er so, die Tabaksdose in der Hand, seinem Neffen gegenüberstand. Und abermals berührte er dessen Brust, als sei sein Finger die feine Spitze eines Dolches, die er mit aller Höflichkeit ihm ins Herz zu drücken Lust hatte.

»Mein Freund«, sagte er, »ich werde das System, in dem ich gelebt habe, verfolgen, bis ich tot bin.«

Nach diesen Worten nahm er eine kulminierende Prise und steckte die Dose in seine Tasche.

»Besser, ein vernünftiges Wesen zu sein«, fügte er hinzu, nachdem er die kleine Klingel auf dem Tisch geläutet hatte, »und sich in seine natürliche Bestimmung zu fügen. Aber ich sehe, du bist verloren, Monsieur Charles.«

»Dieses Eigentum und Frankreich sind allerdings für mich verloren«, sagte der Neffe traurig. »Ich verzichte darauf.«

»Gehört beides dir, daß du darauf verzichten könntest? Auf Frankreich meinetwegen, aber auf dieses Eigentum? Es ist kaum des Erwähnens wert, aber gehört es noch dir?«

»Die Worte, die ich brauchte, haben nicht den Sinn, als ob ich Anspruch darauf erhübe. Wenn es morgen von dir auf mich überginge «

»Ich bin so eitel, zu hoffen, daß dies nicht wahrscheinlich ist.«

»Oder in zwanzig Jahren erst «

»Du erweisest mir zu viel Ehre«, sagte der Marquis; »doch gefällt mir diese Annahme besser.«

»So würde ich ihm entsagen und irgendwo anders mein Leben durchzubringen suchen. Der Verzicht würde mir nicht schwer. Was ist es auch anders als eine Wildnis voll Elend und Ruin.«

»Ha!« sagte der Marquis, in dem prunkvollen Zimmer umherschauend.

»Hier macht es sich wohl schön genug für das Auge; aber in seiner Ganzheit unter freiem Himmel und im Lichte des Tages betrachtet, ist es ein zusammenbröckelnder Bau von Verschwendung, schlechter Verwaltung, Erpressung, Schulden, Verpfändung, Druck, Hunger, Blöße und Leiden.«

»Ha!« wiederholte der Marquis mit selbstzufriedener Miene.

»Wenn es je mein wird, so soll es in Hände kommen, die besser geeignet sind, es wenn dies je möglich ist allmählich von dem Druck zu befreien, der darauf lastet. Die nächste Generation des unglücklichen Volkes, das an die Scholle geheftet ist und erduldet hat, was man nur erdulden kann, kriegt es dann vielleicht besser. Ich vermag nichts; denn es liegt ein Fluch darauf wie auf dem ganzen Lande.«

»Und du?« sagte der Onkel. »Verzeihe mir meine Neugierde. Hoffst du bei deiner neuen Philosophie auch standesgemäß leben zu können?«

»Ich werde tun, was andere meiner Landsleute, vielleicht der höchste Adel darunter, auch werden tun müssen arbeiten.«

»In England zum Beispiel?«

»Ja. In diesem Lande ist die Familienehre sicher vor mir. Der Familienname kann durch mich nicht zu Schaden kommen, denn ich führe dort einen andern.« Auf den Ruf der Klingel waren in dem anstoßenden Schlafzimmer die Lichter angezündet worden, deren Helle durch die Verbindungstür hereindrang. Der Marquis schaute in diese Richtung und hörte auf den Tritt des sich entfernenden Kammerdieners.

»Ich habe bereits gesagt, daß ich fühle, wie sehr ich dir für mein dortiges Fortkommen verpflichtet bin. Im übrigen ist es ein Asyl für mich.«

»Die prahlerischen Engländer sagen, es sei ein Asyl für viele. Du kennst einen Landsmann, der dort auch ein Asyl gefunden hat einen Doktor?«

»Ja.«

»Mit einer Tochter?«

»Ja.«

»Ja«, sagte der Marquis. »Du bist müde. Gute Nacht!«

Während er in der höflichsten Weise das Haupt verbeugte, lag in seinem lächelnden Gesicht ein Heimlichtun, und er übertrug auch in seine Worte den Ausdruck des Geheimnisses, so daß die Augen und Ohren seines Neffen notwendig Notiz davon nehmen mußten. Zu gleicher Zeit krümmten sich die feinen geraden Linien der Augenlider, die dünnen geraden Lippen und die Marken der Nase mit einem Sarkasmus, der das Gesicht eigentlich teuflisch schön erscheinen ließ.

»Ja«, wiederholte der Marquis. »Ein Doktor mit einer Tochter. Ja, so beginnt die neue Philosophie! Du bist müde. Gute Nacht!«

Es würde ebensoviel genützt haben, eines der steinernen Gesichter außerhalb des Schlosses, zu fragen, wie in dem seinen Auskunft zu suchen. Der Neffe forschte vergeblich darin, als er sich nach der Tür hin bewegte.

»Gute Nacht!« sagte der Onkel. »Ich habe das Vergnügen, dich morgen früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchtet meinem Herrn Neffen nach seinem Zimmer! Und verbrennt meinetwegen meinen Herrn Neffen in seinem Bett«, fügte er vor sich hin hinzu, ehe er abermals die Klingel rührte und damit den Kammerdiener nach seinem Schlafgemach beschied.

Der Kammerdiener kam und ging. Monsieur le Marquis spazierte in seinem weiten Schlafrock auf und ab, um sich in jener heißen, stillen Nacht ordentlich für den Schlaf vorzubereiten. Seine weichen Pantoffeln machten, während er umherwandelte, kein Geräusch auf dem Boden; er bewegte sich dahin wie ein veredelter Tiger und nahm sich dabei aus wie irgendein verzauberter Marquis von der schlechten, reuelosen Sorte im Märchen, der eben seine periodische Umwandlung in die Gestalt des gedachten Untiers antreten will oder beendigt hat.

Er durchschritt sein üppiges Schlafgemach von einem Ende bis zum andern und beschäftigte sich mit den Eingebungen seiner kürzlichen Reise, die ungebeten sich seinem Geiste vergegenwärtigten mit dem langsamen Berganfahren abends, mit der untergehenden Sonne, dem Hinabfahren, der Mühle, dem Gefängnis auf dem Felsen, dem Dörflein im Tal, den Bauern am Brunnen und dem Knecht, der mit seiner blauen Mütze nach der Kette unter dem Wagen deutete. Der Brunnen erinnerte ihn an den zu Paris, auf dessen Fliesen das kleine Bündel lag, an die Weiber, die sich darüberhin beugten, und an den großen Mann mit den gerungenen Händen der »tot!« rief.

»Ich bin jetzt abgekühlt«, sagte Monsieur le Marquis, »und kann zu Bett gehen.«

Auf dem großen Herd blieb nur ein einziges Licht brennen. Er ließ die dünnen Gazevorhänge um sich her niederfallen und hörte, als er sich zum Schlafen anschickte, die Nacht mit einem langen Seufzer ihr Schweigen brechen.

Die steinernen Gesichter an den Außenmauern starrten blind drei schwerfällige Stunden in die Nacht hinaus. Drei schleppende Stunden rasselten die Pferde in den Ställen an ihren Krippen; die Hunde bellten, und die Eule machte einen Lärm, der nur sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Geräusch hatte, den die Dichter konventionell den Eulen zuzuschreiben pflegen. Es ist überhaupt der hartnäckige Brauch solcher Geschöpfe, kaum je das zu sagen, was man ihnen auf die Zunge legt.

Drei schleppende Stunden starrten die steinernen Gesichter des Schlosses, Löwen sowohl wie Menschen, blind in die Nacht hinaus. Tiefes Dunkel lag auf der ganzen Landschaft; das tiefe Dunkel verstärkte noch die eigene Stille damit, daß es den Staub auf allen Wegen zur Ruhe brachte. Mit dem Friedhof war es soweit gekommen, daß seine kleinen Häuflein ärmlichen Grases sich nicht mehr unterscheiden ließen und die Figur hätte vom Kreuz heruntersteigen können, ohne daß man es merkte. Durch das ganze Dorf lagen die Steuereinnehmer und die Besteuerten in tiefem Schlaf. Träumend vielleicht von Banketten, wie der Hungernde so gern tut, und von Ruhe und Bequemlichkeit, wie man dies von dem gehetzten Sklaven und dem Jochochsen erwarten kann, schliefen die ausgemergelten Einwohner gesund; sie wurden genährt und fühlten sich frei.

Drei dunkle Stunden lief der Brunnen im Dorf ungesehen und ungehört, und die Fontäne im Schloß plätscherte ungesehen und ungehört beide verrinnend wie die Minuten, die aus dem Born der Zeit fielen. Dann begannen die grauen Wasser beider im Lichte ein gespenstisches Aussehen anzunehmen, und die Augen der Steingesichter an dem Schloß taten sich auf.

Heller und Heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der stillen Bäume berührte und ihren Strahlenglanz über den Berg ausgoß. In der Glut schienen die Wasser der Schloßfontäne sich in Blut zu verwandeln und die steinernen Gesichter purpurn sich zu röten. Laut und lebhaft klang der Gesang der Vögel, und auf dem verwitterten Sims vor dem großen Fenster des Schlafzimmers von Monsieur le Marquis sang ein kleines Vögelchen mit Macht sein süßestes Lied. Darüber schien das nächste Steingesicht erstaunt die Augen aufzureißen und mit offenem Munde und niedergelassener Kinnlade sich zu entsetzen. Die Sonne war voll aufgegangen, und im Dorfe wurde es lebendig. Die Fenster taten sich auf, wurmstichige Türen wurden entriegelt, und fröstelnd kamen Leute heraus in die noch kühle, frische Luft. Dann begann die selten erleichterte Mühe des Tages unter der Dorfeinwohnerschaft. Einige an den Brunnen, andere aufs Feld hinaus: Männer und Weiber hier, um zu graben und zu schaufeln, Männer und Weiber dort, um nach dem ärmlichen Vieh zu sehen und knöcherne Kühe hinauszutreiben auf eine Weide, wie sie sich eben an den Wegrainen finden ließ. In der Kirche und vor dem Kreuz eine oder zwei kniende Gestalten, und dem Gebet der letzteren zuhörend die Leitkuh, die in dem Unkraut um das Kreuz her ein Frühstück zusammenzubringen suchte.

Das Schloß erwachte, wie es seiner Würde ziemte, später; aber es erwachte allmählich und sicher. Zuerst röteten sich die einsamen Sauspieße und Weidmesser wie vor alters und blitzten dann blank im Morgensonnenschein. Dann gingen Türen und Fenster auf; die Pferde in den Ställen sahen über ihre Schultern nach dem Licht und der Frische zurück, die zur Tür hereinströmten; Blätter funkelten und rauschten vor den eisernen Fenstergittern; Hunde zerrten mit Ungestüm an ihren Ketten und wollten losgelassen werden.

Alle diese unbedeutenden Vorkommnisse gehörten dem Schlendrian des Lebens und dem wiederkehrenden Morgen an. Aber doch wohl nicht auch das Läuten der großen Glocke auf dem Schloß, das Aufundabrennen auf den Treppen, das Dahinhuschen von Personen auf der Terrasse, das Stiefeln und Stampfen da, dort und überall, oder das hurtige Satteln von Pferden und das Fortreiten?

Welche Winde brachten Kunde von dieser Hast an den grauhaarigen Knecht, der schon jenseits des Dorfes auf der Höhe an der Arbeit war, und dessen Mittagsmahl es war leicht genug; eine Krähe hätte es forttragen können in einem Bündel auf dem Steinhaufen neben ihm lag? Hatten die Vögel einige Körnchen davon ins Weite getragen und nach Art ihres zufälligen Aussäens eines über ihm niederfallen lassen? Sei dem, wie ihm wolle, der Knecht jagte an jenem frühen Morgen, als gelte es sein Leben, knietief im Staub den Berg hinab und hielt nicht inne, bis er den Brunnen erreicht hatte.

Die ganze Dorfeinwohnerschaft war um den Brunnen versammelt; sie standen in ihrer gedrückten Weise umher und flüsterten miteinander, zeigten aber keine andere Erregung als die einer mürrischen Neugier und Überraschung. Die Leitkühe, die man hastig hereingebracht und an den nächsten besten Haltpfählen angebunden hatte, guckten dumm zu oder legten sich nieder und zerkauten nochmals das ärmliche Futter, das sie bei ihrem unterbrochenen Schleudergang abgemäht hatten. Einige Leute aus dem Schloß, einige aus dem Posthaus und sämtliche Steuerbeamte waren mehr oder weniger bewaffnet und drängten sich nach der andern Seite der kleinen Straße zusammen. Bereits war der Knecht in die Mitte einer Gruppe von fünfzig besonderen Freunden gedrungen und zerschlug sich mit seiner blauen Mütze die Brust. Was hatte alles dies zu bedeuten, und warum warf Monsieur Gabelle sich so hurtig hinter einem Bedienten aufs Pferd, um, das Tier doppelt belastend und gleichsam eine neue Auflage von Bürgers Lenore bildend, im Galopp dahingetragen zu werden?

Es bedeutete, daß droben im Schloß ein steinernes Gesicht weiter war.

Die Gorgone hatte in der Nacht das Schloß wieder betrachtet und das noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt das steinerne Gesicht, auf das es schon seit zweihundert Jahren gewartet.

Es lag auf dem Kissen von Monsieur le Marquis. Es glich einer schönen Maske, die plötzlich aufgeschreckt, erzürnt und versteinert wurde. Im Herzen der damit in Verbindung stehenden steinernen Figur steckte ein Messer. Um das Heft desselben war ein Papierstreifen gerollt und auf diesen gekritzelt:

»Im Galopp mit ihm zu Grabe! Dies von Jacques.«

Einleitung.


Einleitung.

Nach »Klein Dorrit«, dem Roman, der sich ganz mit dem Privatleben befaßt, nämlich mit der Seele eines reinen Kindes und seiner armen Umwelt, ließ Dickens 1859 die Erzählung »Zwei Städte« ( Tale of two cities) folgen, die der Geschichte große Gegenstände zum Hintergrund der Handlung hat. Die zwei Städte sind London und Paris im Zeitalter der französischen Revolution, und wie nun Dickens diese schicksalsschwere Epoche, erlebt durch einzelne Menschen, darstellt, wie er den Widerhall dieses elementaren Gesellschaftsereignisses in London und in seiner Umwelt wiedergibt, das zeugt von einer schlechterdings kaum zu überbietenden Meisterschaft. Darum gibt es viele Literaturkenner, die dieses Werk Dickens‘ als seine beste Leistung überhaupt ansprechen.

Das tragische »Muß« der Revolution, ihre furchtbare Notwendigkeit wird von Dickens mit tiefem historischen Verständnis in seiner Darstellung aufgezeigt. Wenn die geduldigen unterdrückten Volksmassen nirgends Recht finden können, weil die herrschende Klasse in bösestem Egoismus ihnen keinen Raum zum Atmen läßt, dann wiederholt sich im Wandel der Jahrhunderte immer wieder das Phänomen der gewaltsamen Umwälzung und Befreiung. Dann aber springt mit dem Genius der Freiheit auch der Dämon der Gier und die Bestie im Menschen aus der Volksseele hervor, und die Ideen der Gleichheit und der Brüderlichkeit können sich nicht sündlos halten von pöbelhafter Blutgier. Die Sünde der Reichen wird heimgesucht an deren unschuldigen Kindern, und aus eben jener Sünde der Reichen erwächst die Sünde der Armen in Formen furchtbarer Rache. Das Geschlecht der Evrémondes hat in frivoler Genußsucht entsetzlich an den Untergebenen gesündigt, und nun führt Dickens aus, wie die Strafe oder die Vergeltung deren schuldlose Nachfahren trifft. Dickens zeigt, welche verheerende Wendung die Revolution bei den rasenden Volksmassen nimmt. Er malt die furchtbaren Tage, da die Guillotine ihre Triumphe feiert; aber er zeigt auch dem Adel, dessen Sittenlosigkeit und Tyrannei zu alledem führte, seine Schuld, seine Riesenschuld. Er schildert zuständlich; er ist mit ganzem Herzen dabei, ohne einseitig Partei zu nehmen. Er ist Dichter und »steht auf einer höhern Warte, als auf der Zinne der Partei«. Er ist »dichterisch-objektiv«, und darum ergreift dieses Werk den Leser in so besonderem Maße, weil dieser dadurch unmittelbar in die Tragik des Menschenlebens geschichtlich großen Stils geführt wird. Der Roman bietet hier dasselbe Beste, was das Drama hervorragenden Formats zu bieten hat: die Frage an das Weltenschicksal, das Warum, das uns auf den »Brettern, die die Welt bedeuten«, erschüttert und erhebt. – Nur am Rande angemerkt sei auch hier wieder die meisterliche Zeichnung der lebensechten Figuren. – Dadurch, daß das Ganze durch die Bande der Liebe nach England hinüberspielt, erhalten wir zugleich ein eindrucksvolles Spiegelbild der französischen Revolution im englischen Geistes- und Kulturleben.

Bei diesem vorletzten Band der Dickens-Werke aus dem Gutenberg-Verlag hat ebenso wie bei dem letzten Band, der die Weihnachtserzählungen bringt, Frau Clara Weinberg dem Herausgeber bei der Textrevision freundlichst mitgeholfen.

P. Th. H.

Erstes Kapitel. Die damalige Zeit.


Erstes Kapitel. Die damalige Zeit.

 

Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten.

Auf dem Thron von England saß damals ein König mit einem mächtigen Kieferwerk und eine Königin mit einem einfachen Gesicht. Den Thron von Frankreich zierte ein Herrscherpaar von ganz den nämlichen Eigenschaften. Und in beiden Ländern erschien es der königlichen Umgebung, Mundschenk, Truchseß und so weiter, klarer als Kristall, daß im allgemeinen der Stand der Dinge geordnet sei für alle Zeiten.

Es war das Jahr unseres Herrn Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. England erfreute sich damals wie noch heute der Gnade geistiger Offenbarungen. Mrs. Southcott hatte eben ihren gebenedeiten fünfundzwanzigsten Geburtstag zurückgelegt, auf dessen erhabenes Herannahen ein prophetischer Leibgardist die Welt durch die Ankündigung hingewiesen hatte, man möge sich darauf gefaßt halten, daß London und Westminster von der Erde verschlungen werden würden. Sogar der Hahnengassengeist war erst seit einem Dutzend Jährchen zur Ruhe gebracht, nachdem er seine Botschaften in derselben Weise, wie seine übernatürlich unoriginellen Nachfolger erst im letztabgelaufenen Jahr noch getan, durch Klopfen kundgegeben hatte. Botschaften im irdischen Sinn des Wortes waren jüngst der englischen Krone und Nation von einem Kongreß britischer Untertanen in Amerika zugegangen und haben seltsamerweise einen weit wichtigeren Einfluß auf das menschliche Geschlecht geübt als alle Mitteilungen, die seitdem von der Sippe der Hahnengassengeister hervorgegackert worden sind.

Mit Frankreich, das, was geistige Dinge betrifft, im ganzen weit weniger begünstigt ist als sein Schwesterland mit dem Schild und dem Dreizack, ging es ungemein glatt und hurtig bergab, indem es Papiergeld machte und es verjubelte. Unter der Führung seiner christlichen Hirten vergnügte es sich nebenbei mit allerlei menschenfreundlichen Belustigungen, indem es zum Beispiel über einen jungen Menschen, der unter strömendem Regen zu Ehren einer fünfzig oder sechzig Schritt vor ihm vorübergehenden Mönchsprozession nicht in den Staub knien wollte, sein Urteil dahin aussprach, daß man ihm die Hände abhauen, die Zunge herausreißen und seinen noch lebenden Leib verbrennen solle. Wohl möglich, daß um die Zeit, in der dieser arme Unglückliche seinen grausamen Tod erlitt, der Holzhauer Schicksal in den Wäldern Frankreichs oder Norwegens bereits die Bäume zum Fällen und für die Sägemühle bezeichnet hatte, deren Bretter zur Herstellung eines in der Geschichte mit Schrecken genannten beweglichen Gerüstes mit einem Sack und einem Beil dienen sollten. Möglich auch, daß in der Umgegend von Paris unter den rohen Schuppen der bäuerlichen Gehöfte von ländlichem Staub bespritzte, von Schweinen umschnüffelte und als Hühnersteigen dienende Karren standen, die der Bauer Tod sich schon vorgemerkt hatte, um das Futter der Revolution herbeizuführen. Jener Holzhauer und jener Bauer sind unablässig in Tätigkeit; aber sie arbeiten im stillen fort, und niemand hört ihren leisen Tritt. Um so besser, denn der Argwohn, daß sie wach seien, hätte für atheistisch und hochverräterisch gegolten.

In England konnte man sich auf Ordnung und öffentlichen Schutz nicht eben viel zugute tun. Verwegene Einbrüche durch bewaffnete Kerle und Beraubungen auf offener Straße kamen selbst in der Hauptstadt fast jede Nacht vor. Man warnte die Familien, nicht aufs Land zu ziehen, ohne daß sie vorher ihre Einrichtung in einem Speditionsgeschäft geborgen hatten. Der nächtliche Räuber war bei Tag ein Geschäftsmann in der Stadt, und wenn er von irgendeinem Gewerbsgenossen, den er in seiner Eigenschaft als »Kapitän« anhielt, erkannt und mit mißliebigen Vorstellungen behelligt wurde, so schoß er ihn ritterlich durch den Kopf und spornte sein Roß weiter. Der Postwagen wurde von sieben Räubern angefallen; der Führer schoß drei davon nieder, erlag aber selbst den andern vieren, »weil ihm die Munition ausgegangen war«, und nun erst konnte der Wagen mit Behaglichkeit geplündert werden. Der Lord-Mayor von London, diese hochmächtige Person, mußte auf dem Turnhamer Rasen einem einzelnen Straßenräuber standhalten und angesichts seines Gefolges seinen werten Leib von dem Galgenstrick ausplündern lassen. Gefangene in den Londoner Gefängnissen lieferten ihren Schließern förmliche Schlachten, und die Majestät des Gesetzes ließ sie mit Musketensalven zu Paaren treiben. In den Salons des Hofes stibitzten Diebe den vornehmen Herren Diamantenkreuze von den Hälsen weg. Musketiere zogen nach St. Giles, um nach Schleichwaren zu fahnden, und wurden von einem Pöbelhaufen, den sie ihrerseits in der gleichen Weise bearbeiteten, mit Schüssen empfangen. Das waren lauter Dinge, die man für nichts Außerordentliches ansah. Dabei hatte der Henker alle Hände voll zu tun, indem er das eine Mal die unterschiedlichen Verbrecher in langen Reihen aufknüpfte, ein andermal sein Amt Samstags an einem einzelnen Hauseinbrecher übte, der am Dienstag ergriffen worden war, heute in Newgate dem Dutzend nach Leuten die Hand brandmarkte. Morgen vor dem Tor von Westminsterhall Flugschriften den Flammen übergab, und dann wieder einen trotzigen Mörder und einen armen Strauchdieb, der einem Bauernbuben ein Sechspencestück abgejagt hatte, in die Ewigkeit beförderte.

Alles dies und noch tausend ähnliche Dinge geschahen, begannen und endigten in dem lieben alten Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. Und auf dem Schauplatz dieser Ereignisse traten, während der Holzhauer und der Bauer unbeachtet fortarbeiteten, jene beiden mächtigen Kieferwerke und jenes Paar einfacher schöner Frauengesichter geräuschvoll genug auf und behaupteten ihre göttlichen Rechte mit gewaltiger Hand. So führte das Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig ihre Majestäten sowohl wie die Myriaden kleiner Wesenheiten, darunter auch die Personen unserer Geschichte, dahin auf den vor ihnen liegenden Pfaden.