Dreizehntes Kapitel. Zweiundfünfzig.


Dreizehntes Kapitel. Zweiundfünfzig.

In dem dunkeln Gefängnis der Conciergerie erwarteten die Verurteilten des Tages ihr Schicksal. Es waren ihrer soviel wie Wochen im Jahr. Zweiundfünfzig sollten an jenem Nachmittage aus der Lebenströmung der Stadt hinausgetragen werden ins Meer der Ewigkeit. Bevor noch ihre Zellen sich geleert hatten, waren schon neue Bewohner dafür bestimmt; bevor ihr Blut mit dem gestern vergossenen zusammenfloß, hatte man schon diejenigen wieder ausgelesen, deren Blut morgen sich mit dem ihrigen mischen sollte.

Vier Dutzend und vier waren abgezählt. Von dem siebzigjährigen Generalpächter, der mit all seinen Schätzen sich nicht sein Leben erkaufen konnte, bis zu der zwanzigjährigen Näherin, die nicht einmal in ihrer Armut und niedrigen Stellung einen Schutz fand. Wie leibliche Krankheiten, die den Lastern und der Nachlässigkeit der Menschen entspringen, ihre Opfer in allen Ständen suchen, so warf auch die schreckliche moralische Krankheit, die geboren ward aus unsäglichen Leiden, unerträglicher Bedrückung und herzloser Gleichgültigkeit, alles ohne Unterschied nieder.

Darnay schmeichelte sich, seit er aus dem Gerichtssaale zurückgekehrt war, in seiner einsamen Zelle mit keinen trügerischen Hoffnungen mehr. In jeder Zeile der Erzählung, die er mit angehört, hatte er sein Todesurteil vernommen. Er sah vollkommen ein, daß kein persönlicher Einfluß ihn zu retten vermochte. Die Millionen hatten ihn verurteilt! welche Macht konnten ihnen gegenüber die Einzelnen geltend machen?

Gleichwohl wurde es ihm, das Antlitz des geliebten Weibes noch in frischer Erinnerung, nicht leicht, sich in das Unvermeidliche zu finden. Er hing noch fest an dem Leben, und es wurde ihm schwer, sehr schwer, es aufzugeben. Wenn er sich alle Mühe gab, sich da loszumachen, so klammerte er sich dort um so fester an, und gewann er es über sich, seine Kraft nicht mehr länger nutzlos erschöpfen zu wollen, so schloß sich seine Hand unmittelbar darauf in neuem Krampfe. Auch war in allen seinen Gedanken ein Jagen, in seinem Herzen ein erhitztes, stürmisches Arbeiten, das keine Ergebung aufkommen ließ. Wenn er für einen Augenblick verzichtet zu haben glaubte, so schien sein Weib und sein Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und ihn der Selbstsucht zu zeihen.

Doch so war es nur im Anfang. Bald gewann die Erwägung die Oberhand, daß das Schicksal, das ihm bevorstand, ihm nicht zum Schimpf gereiche; denn Scharen hatten vor ihm denselben Gang als Unschuldige angetreten und fügten sich Tag für Tag standhaft in ihr Los. Ein kräftigender Gedanke, dem sich noch die weitere Betrachtung anschloß, daß viel von dem künftigen Seelenfrieden seiner Lieben von der Seelengröße abhing, mit der er aus dem Leben schied. So gewann er allmählich eine ruhigere Stimmung die ihn befähigte, seinen Gedanken einen höheren Aufschwung zu geben und daraus Trost zu holen.

Eh‘ es noch am Abend nach seiner Verurteilung völlig dunkel geworden war, hatte er bereits diesen Sieg über sich davongetragen. Da er jetzt Licht und Schreibmaterialien kaufen durfte, so setzte er sich nieder, um zu schreiben, bis die Lichter im Gefängnis gelöscht werden mußten.

Er schrieb einen langen Brief an Lucie, in dem er ihr erklärte, daß er von ihres Vaters Einkerkerung nichts gewußt habe, bis er es von ihr selbst erfuhr, und daß er noch viel weniger von der Beteiligung seines Vaters und seines Onkels an diesem Elend unterrichtet gewesen sei, ehe jene Schrift in seiner Gegenwart verlesen wurde. Er habe ihr schon früher mitgeteilt, wie ihr Vater es zur Bedingung seiner Einwilligung in ihre Vermählung gemacht, daß er auch gegen sie den aufgegebenen Namen geheimhalte; dies sei die einzige Zusage gewesen, die er ihm am Morgen der Trauung abgenommen, und er sehe jetzt den Grund davon vollkommen ein. Er bitte sie, um ihres Vaters willen sich nie zu erkundigen, ob er das Vorhandensein jener Schrift ganz vergessen oder ob er dieser für den Moment sich erinnert habe bei der Geschichte vom Tower an jenem Sonntag unter der lieben Platane im Garten. Wenn er eine unbestimmte Erinnerung daran bewahrte, so könne es keinem Zweifel unterliegen, daß er vermutet habe, jene Schrift sei mit der Bastille zugrunde gegangen, weil keiner Erwähnung davon geschehen sei unter den von den Volkshaufen dort aufgefundenen Reliquien der Gefangenen, über die ja in alle Welt hinaus geschrieben worden war. Er ersuche sie freilich brauche er ihr dies nicht erst ans Herz zu legen ihren Vater dadurch zu trösten, daß sie in der möglichst schonenden Weise ihn überzeuge, wie er nichts getan hatte, worüber er sich mit Recht einen Vorwurf machen müßte, sondern im Gegenteil um ihrer beiden willen sein eigenes Ich der Vergessenheit überantwortet habe. Er versichere sie seiner dankbaren Liebe bis ans Ende und schicke ihr seinen Segen. Dabei beschwöre er sie, so wahr sie sich im Himmel wiederfinden würden, sich ihrem Kinde zu widmen und ihrem Vater zum Trost zu leben.

Auch ihrem Vater schrieb er in demselben Sinn und fügte an ihn bei, daß er sein Weib und sein Kind ausdrücklich seiner Obhut vertraue. Dies tat er in sehr kräftigen Ausdrücken, indem er hoffte, dadurch die Verzweiflung oder gefährliche Rückblicke in die Vergangenheit abzuwehren, in die der alte Mann, wie er fürchtete, wieder versinken konnte.

Mr. Lorry empfahl er seine Angehörigen, indem er ihm zugleich Aufschlüsse über seine Vermögensangelegenheiten gab. Nachdem er noch die Versicherungen dankbarer Freundschaft und warmer Anhänglichkeit beigefügt hatte, war er mit seiner Arbeit fertig. Cartons gedachte er mit keiner Silbe. Sein Herz war so voll von den übrigen, daß sich für diesen kein Platz mehr fand.

Er war mit seinen Briefen zustande gekommen, noch ehe die Lichter gelöscht werden mußten. Als er sich auf seine Streu niederlegte, tat er es unter dem Eindruck, daß er mit dieser Welt abgeschlossen habe.

Aber sie winkte ihm in seinem Schlafe wieder zurück und zeigte sich in den verlockendsten Gestalten. Frei und glücklich, leichten Herzens und auf eine unerklärliche Weise befreit, bewohnte er wieder das alte Haus in Soho, obschon dieses ganz anders aussah als sonst; Lucie befand sich an seiner Seite und erzählte ihm, es sei alles nur ein Traum und er nie fortgewesen. Eine Pause des Vergessens, und es kam ihm vor, er sei hingerichtet worden und wieder zu ihr zurückgekommen, tot zwar und voll Frieden, aber doch immer noch der alte. Abermals eine Pause des Vergessens, und er erwachte am trüben Morgen, ohne zu wissen, ob er war und was mit ihm vorgegangen, bis es plötzlich in seinem Geiste wieder klar wurde: »Dies ist der Tag deines Todes.«

So waren ihm die Stunden entschwunden bis zu dem Tag, an dem die zweiundfünfzig Köpfe fallen sollten. Und nun er dem Ausgang mit Fassung entgegensah und er ihn mit ruhigem Heldenmut bestehen zu können hoffte, begann in seinen wachen Gedanken eine neue Tätigkeit, die sich nur schwer bewältigen ließ.

Er hatte nie das Instrument gesehen, das seinem Leben ein Ende machen sollte. Wie hoch stand es vom Boden ab – wie viele Stufen führten zu ihm wo stand es wohl wie faßte man ihn an waren die ihn berührenden Hände mit Blut befleckt wie mußte er sein Gesicht drehen wer kam zuerst, wer zuletzt an die Reihe? Diese und viele ähnliche Gedanken drängten sich ihm gegen seinen Willen wieder und wieder unzähligemal auf. Sie waren keine Folge der Furcht, da er dieses Gefühl überwunden hatte, sondern nahmen eher ihren Ursprung in einem seltsamen Drange, zu wissen, wie er sich verhalten sollte, wenn die Zeit kam allerdings ein Wunsch, der in einem riesigen Mißverhältnis stand zu den paar kurzen Augenblicken, auf die er sich bezog, und ihm eher von einem andern Geist als von seinem eigenen eingegeben zu sein schien.

Die Stunden entwichen, wahrend er auf und ab ging, und die Uhren verkündigten lauter Zahlen, die er nicht wieder hören sollte. Neun vorbei für immer, zehn vorbei für immer, elf vorbei für immer, und die letzte Zwölf stand bald bevor. Nach einem schweren Kampf mit der regellosen Gedankentätigkeit, die ihn so verwirrte, wurde er auch über sie Herr. Er ging auf und ab und sprach leise die Namen seiner Lieben vor sich hin. Das Ärgste war vorüber. Er konnte frei von den sinnberückenden Vorstellungen auf und ab wandeln und für sich und für sie beten.

Zwölf vorbei für immer.

Er hatte vernommen, daß drei die letzte Stunde sein werde, und wußte, daß man die Gefangenen etwas früher abzuholen pflegte, weil die Karren nur langsam und schwerfällig durch die Straßen holperten. Er nahm sich daher vor, sich zwei als die Zeit des Aufbruchs vorzuhalten und in der Zwischenzeit gehörige Kraft zu sammeln, um imstande zu sein, auch auf andere kräftigend einzuwirken.

Während er mit auf der Brust gekreuzten Armen regelmäßigen Schrittes und in ganz anderer Stimmung als in dem Gefängnis La Force auf und ab ging, hörte er ohne Überraschung in der Ferne eins schlagen. Die Stunde war ihm nicht kürzer vorgekommen als die meisten andern. Mit demütigem Dank für die wiedergewonnene Fassung dachte er: »Jetzt habe ich noch eine«, und fuhr in seinem Spaziergang fort.

Fußtritte auf der Steinflur draußen vor der Tür. Er blieb stehen.

Der Schlüssel wurde in das Schloß gesteckt und umgedreht. Ehe die Tür aufging, oder beim Öffnen derselben sagte ein Mann leise in englischer Sprache:

»Er hat mich nie hier gesehen; ich bin ihm stets ferngeblieben. Geht allein hinein; ich will in der Nähe warten. Verliert keine Zeit!«

Die Tür ging rasch auf und wieder zu, und nun stand Angesicht in Angesicht, ruhig, mit dem Licht eines Lächelns auf seinen Zügen Sydney Carton, der den Zeigefinger warnend auf die Lippe legte, ihm gegenüber.

Es war eine so merkwürdige Klarheit in seinem Äußeren, daß der Gefangene im ersten Augenblick ein Geschöpf seiner Einbildungskraft vor sich zu sehen glaubte. Aber er sprach, und es war seine Stimme. Er drückte dem Gefangenen die Hand, und es war ein wirklicher Druck.

»Von allen Menschen auf Erden habt Ihr wohl mich am wenigsten zu sehen erwartet?« sagte er.

»Ich konnte nicht glauben, daß Ihr es seid kann es kaum jetzt glauben. Ihr seid doch nicht« ein plötzlicher Argwohn stieg in ihm auf »ein Gefangener?«

»Nein. Ich besitze zufällig Gewalt über einen von den Schließern hier, und diesem Umstand habe ich zu danken, daß ich vor Euch stehe. Ich komme von ihr von Eurer Frau, mein lieber Darnay.«

Der Gefangene drückte ihm die Hand.

»Ich bringe Euch eine Bitte von ihr.«

»Die wäre?«

»Eine sehr ernste, dringende und flehentliche Bitte, die sie in den ergreifendsten Tönen ihrer Euch so wohlbekannten Stimme an Euch richtet.«

Der Gefangene wendete sein Angesicht halb ab.

»Ihr habt keine Zeit, mich zu fragen, warum ich der Überbringer sei und auf was sie abziele, wie denn auch mir die Zeit zum Antworten gebricht. Laßt’s Euch genügen, wenn ich Euch sage: legt diese Eure Stiefel ab und zieht die meinigen an.«

Hinter dem Gefangenen stand ein Stuhl an der Wand der Zelle. Carton hatte mit Blitzeseile ihn darauf niedergedrückt und stand im Nu barfüßig vor ihm.

»Zieht meine Stiefel an. Hand angelegt; zieht herzhaft hurtig!«

»Carton, von hier ist an ein Entrinnen nicht zu denken. Es geht nicht. Ich zöge Euch nur mit in den Untergang. Es ist Wahnsinn.«

»Es wäre allerdings Wahnsinn, wenn ich Euch zumuten wollte zu fliehen; aber tu ich dies denn? Wenn ich von Euch verlange, Ihr sollet zu jener Tür hinausgehen, dann mögt Ihr sagen, es sei Wahnsinn, und könnt dableiben. Tauscht Eure Halsbinde gegen die meinige. Euren Rock gegen den meinigen aus. Und während Ihr dies tut, will ich das Band aus Eurem Haar nehmen und Euer Haar so durcheinander werfen wie das meinige.«

Mit wunderbarer, fast übernatürlich scheinender Behendigkeit und Kraft des Willens sowohl als der Tat zwang er dem andern alle diese Veränderungen auf. Der Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind.

»Carton! Lieber Carton! Es ist Wahnsinn. Es kann nicht gelingen und ist nie gelungen; man hat es schon versucht, aber es ist immer mißglückt. Ich bitte Euch, macht mir den Tod nicht durch den Eurigen noch herber.«

»Verlang‘ ich denn von Euch, Ihr sollet zu der Tür hinausgehen, mein lieber Darnay? Wenn ich Euch dieses Ansinnen stelle, so ist es immer noch Zeit, Euch zu weigern. Ihr habt da Tinte, Feder und Papier auf Eurem Tisch. Ist Eure Hand stetig genug, um zu schreiben?«

»Sie war es, als Ihr hereinkamt.«

»So nehmt Euch wieder zusammen und schreibt, was ich Euch diktiere. Rasch, Freund, rasch!«

Die Hand an den wirren Kopf drückend, setzte sich Darnay vor dem Tisch nieder. Carton stand dicht neben ihm und hatte die rechte Hand in seiner Brust stecken.

»Schreibt genau, was ich sage.«

»An wen soll ich adressieren?«

»An niemanden.« Carton hatte noch die Hand in seiner Brust.

»Datum?«

»Kein«.«

Der Gefangene schaute bei jeder Frage auf. Carton stand mit der Hand in seiner Brust neben ihm und sah auf ihn nieder.

»Wenn Ihr Euch der Worte erinnert«, sagte Carton diktierend, »die vor langer Zeit zwischen uns fielen, so werdet Ihr diese Zeilen leicht verstehen, wenn sie Euch zu Gesicht kommen. Ich weiß, Ihr erinnert Euch ihrer. Es liegt nicht in Eurer Natur, etwas Derartiges zu vergessen.«

Er zog seine Hand aus der Brust; als der Gefangene zufällig verwundert von seinem Papier aufsah, fuhr die Hand zurück und schloß sich über etwas.

»Habt Ihr geschrieben zu vergessen?« fragte Carton.

»Ja. Was habt Ihr in der Hand? Eine Waffe?«

»Nein. Ich bin nicht bewaffnet.«

»Was habt Ihr sonst?«

»Ihr werdet’s bald erfahren. Schreibt fort. Es sind nur noch wenige Worte.« Er diktierte wieder. »Ich danke Gott, daß die Zeit gekommen ist, in der ich sie betätigen kann, und wenn ich es tue, so geschieht es ohne Leid und Bedauern.« Während er diese Worte, ohne seine Augen von dem Schreiber zu verwenden, sprach, bewegte sich seine Hand leicht und langsam gegen das Gesicht des Gefangenen hin.

Die Feder entsank Darnays Fingern, und er starrte ausdruckslos umher.

»Was ist dies für ein Geruch?« fragte er.

»Geruch?«

»Es ist mir etwas in die Nase gekommen.«

»Ich weiß von nichts. Ihr bildet Euch dies ein. Nehmt die Feder wieder auf, daß wir fertig werden. Rasch, rasch!«

Der Gefangene suchte, als sei sein Gedächtnis verwirrt oder sein Geist nicht in Ordnung, sich zu sammeln. Wahrend er mit umwölktem Blick und schwer gehendem Atem Carton ansah, schaute dieser, die Hand wieder in seiner Brust, stetig auf ihn nieder.

»Rasch, rasch!«

Der Gefangene beugte sich abermals über sein Papier.

»Wäre es nicht so«, Cartons Hand stahl sich wieder sachte und behutsam nieder, »so würde ich nicht die Gelegenheit dazu benutzt haben. Aber dann lastete wohl«, die Hand schwebte vor dem Gesicht des Gefangenen, »noch manche schwere Verantwortung auf meiner Seele. Wäre es anders gewesen «

Carton sah nach der Feder hin und bemerkte, daß sie träge nur noch unleserliche Zeichen hinkritzelte. Seine Hand bewegte sich nicht mehr nach der Brust. Der Gefangene sprang mit einem vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand war dicht und fest an seinen Nasenlöchern, und dessen linker Arm hatte sich um seinen Leib geschlungen. Einige Augenblicke kämpfte er schwach gegen den Mann an, der gekommen war, um für ihn sein Leben zu opfern. Aber nach Ablauf einer Minute oder so lag er besinnungslos am Boden.

Hurtig und mit ebenso sicherer Hand wie mit treuem Herzen schlüpfte Carton in die Kleider, die der Gefangene abgelegt hatte, kämmte sich das Haar zurück und band es mit dem Band zusammen, das Darnay getragen hatte. Dann rief er leise: »So, jetzt herein!« und der Spion trat in die Zelle.

»Seht Ihr?« sagte Carton aufschauend, während er neben dem besinnungslosen Manne auf einem Knie lag und das Papier in dessen Brusttasche steckte: »lauft Ihr da große Gefahr?«

»Mr. Carton«, antwortete der Spion mit einem schüchternen Fingerschnippen, »bei der Menge des Geschäfts an diesem Platze liegt meine Gefahr nicht hierin, wenn Ihr nur der Übereinkunft im Ganzen treu bleibt.«

»Fürchtet nichts von mir. Ich werde treu sein bis in den Tod.«

»Dies müßt Ihr auch, Mr. Carton; denn an der Zahl Zweiundfünfzig darf nichts fehlen. Wenn Ihr in diesem Anzug auftretet, so werde ich nichts zu fürchten haben.«

»Seid unbesorgt. Ich werde bald da sein, wo ich Euch nicht mehr schaden kann, und so Gott will, sind die andern bald weit von hier. Legt Hand an und bringt mich nach der Kutsche.«

»Euch?« fragte der Spion ängstlich.

»Den, mit dem ich mich ausgewechselt habe, Mensch. Ihr geht wieder zu dem Tor hinaus, durch das Ihr mich hereingebracht habt?«

»Natürlich.«

»Ich war schwach und elend, als ich mit Euch herkam, und seitdem ist mir viel schlechter geworden. Der Abschiedsschmerz hat mich überwältigt. Solche Dinge sind hier schon oft, nur zu oft vorgekommen. Euer Leben steht in Eurer eigenen Hand. Geschwind, ruft Beistand herbei!«

»Ihr schwört, mich nicht zu verraten?« sagte der zitternde Spion, der noch im letzten Augenblick zögerte.

»Mensch, Mensch!« rief Carton mit dem Fuße stampfend, »habe ich nicht bereits das feierliche Gelübde getan, dies zu Ende zu bringen? Warum vergeudest du jetzt die kostbaren Augenblicke? Schafft ihn nach dem Hofe hinunter, setzt Euch selbst zu ihm in den Wagen, bringt ihn zu Mr. Lorry und sagt ihm, er brauche kein anderes Belebungsmittel als frische Luft; er soll meiner Worte und seiner Zusage von gestern nacht eingedenk sein und unverweilt fortfahren.«

Der Spion entfernte sich, und Carton nahm an dem Tisch Platz, die Stirne mit den Händen unterstützend. Bald darauf kehrte Barsad mit zwei Männern zurück.

»He, was ist dies?« sagte der eine, die hingestreckte Gestalt betrachtend. »So tief betrübt, daß sein Freund in der Lotterie der heiligen Guillotine einen Preis gewonnen hat?«

»Einem guten Patrioten«, bemerkte der andere, »wäre es kaum schwerer zu Herzen gegangen, wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.«

Sie hoben den Besinnungslosen auf, schoben ihn in eine Sänfte, die sie mit herausgebracht hatten, und schickten sich an, ihn fortzutragen.

»Die Zeit ist kurz, Evrémonde«, sagte der Spion mit warnender Stimme.

»Ich weiß es wohl«, antwortete Carton. »Ich bitte, nehmt meinen Freund in acht, und verlaßt mich.«

»So kommt, meine Kinder«, sagte Barsad. »Auf und fort!«

Die Tür schloß sich, und Carton war allein. Er lauschte so aufmerksam, als er konnte, ob sich nicht ein Ton vernehmen lasse, der Argwohn oder gar Entdeckung verriete. Nein. Schlüssel klirrten, Türen schlugen zu, und Fußtritte bewegten sich durch die fernen Gänge; aber aus keiner Richtung tönte ein Lärm oder Getöse, das als ungewöhnlich erscheinen konnte. Nachdem er eine Weile freier geatmet hatte, setzte er sich an den Tisch nieder und horchte aufs neue, bis die Glocke zwei schlug.

Nun begannen Töne hörbar zu werden, die er nicht fürchtete, da er ihre Bedeutung ahnte. Mehrere Türen wurden der Reihe nach geöffnet, endlich auch seine eigene. Ein Schließer mit einer Liste in der Hand sah bloß herein und sagte: »Folgt mir, Evrémonde.« Der Mann führte ihn weit weg nach einem großen dunkeln Saal. Es war ein trüber Wintertag, und bei dem Dunkel von innen und dem Dunkel von außen konnte er die andern, die man hergebracht hatte, um ihnen die Hände zu binden, nur undeutlich unterscheiden. Einige standen, andere saßen. Etliche, aber nur wenige, gingen unstet und jammernd hin und her. Die meisten verhielten sich still und hatten die Blicke auf den Boden geheftet.

Er stand in einem dunkeln Winkel an die Wand gelehnt, als nach ihm noch mehr von den zweiundfünfzig hereingebracht wurden. Ein Mann machte im Vorübergehen halt, um ihn als einen Bekannten zu umarmen. Furcht vor Entdeckung durchschauerte ihn. Aber der Mann ging weiter. Einige Augenblicke später erhob sich eine weibliche Gestalt mit mädchenhaften Zügen, ein liebliches, schmächtiges, leichenblasses Gesicht mit großen, weit offenen, geduldigen Augen von dem Sitze, wo er sie beobachtet hatte, und kam auf ihn zu, um ihn anzureden.

»Bürger Evrémonde«, sagte sie, ihn mit kalter Hand berührend, »ich bin die arme Näherin, die mit Euch in der Force saß.«

Er murmelte als Antwort:

»Richtig. Ich vergaß, wessen Ihr angeklagt seid.«

»Des Komplotts, obschon der gerechte Himmel weiß, daß ich so unschuldig bin wie nur irgendein Mensch. Wie wäre es auch möglich? Wer dächte ans Verschwören mit einem so armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin?«

Das schmerzliche Lächeln, mit dem sie dies sprach, bewegte ihn so, daß ihm Tränen in die Augen traten.

»Ich fürchte mich nicht zu sterben, Bürger Evrémonde; aber ich habe nichts verbrochen. Ich sterbe gern, wenn die Republik, die den Armen so viel Gutes bringen soll, von meinem Tod einen Vorteil hat. Nur sehe ich nicht ein, wie dies möglich ist, Bürger Evrémonde. So ein armes, schwaches, kleines Geschöpf!«

Eine letzte Erdenregung – sein Herz schlug wärmer und voll Mitleid für das bejammernswürdige junge Wesen.

»Ich hörte, Ihr seid in Freiheit gesetzt, Bürger Evrémonde, und hoffte, es möchte wahr sein.«

»Es war so. Aber ich wurde wieder festgenommen und verurteilt.«

»Wenn ich auf Euren Wagen komme, Bürger Evrémonde, so erlaubt Ihr mir wohl, mich an Eurer Hand zu halten? Ich fürchte mich nicht; aber ich bin klein und schwach, und es würde mich ermutigen.«

Als sie ihre geduldigen Augen zu seinem Gesicht erhob, las er darin einen plötzlichen Zweifel und dann den Ausdruck des Erstaunens. Er drückte ihre magern, vom Hunger abgezehrten Finger und fühlte sie an seine Lippen.

»Ihr wollt für ihn sterben?« flüsterte sie.

»Und für sein Weib und sein Kind. Pst! Ja.«

»Und Ihr wollt mir erlauben, daß ich mich an Eurer Hand halte, edler Fremdling?«

»Pst! Ja, meine arme Schwester: bis ans Ende.« Dieselben Schatten, die auf das Gefängnis niederfallen, lagern um dieselbe frühe Stunde des Nachmittags auf dem Gewühl, das draußen die Barriere umgibt. Eine Kutsche, die Paris verlassen will, kommt angefahren und wird visitiert.

»Wer kommt da? Wer ist drinnen? Papiere?«

Die Papiere wurden hinausgereicht und untersucht.

»Alexander Manette. Arzt. Franzose. Welcher ist es?«

Dieser hier, der hilflose, unverständlich vor sich hinmurmelnde, geistesschwache alte Mann.

»Es scheint, der Bürger Doktor ist nicht recht bei Sinnen. Das Revolutionsfieber wird ihm wohl zu stark gewesen sein.«

Jawohl; viel zu stark.

»Ha, es geht vielen so. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist’s?«

Diese hier.

»Ja, die ist’s augenscheinlich. Lucie, das Weib Evrémondes, nicht wahr?«

Ja.

»Ha, Evrémonde hat seinen Paß anderswohin visiert erhalten. Lucie, ihr Kind. Geborne Engländerin. Ist’s diese?«

Sie und keine andere.

»Gib mir einen Kuß, Kind des Evrémonde. Na, du hast einen guten Republikaner geküßt, und das ist etwas Neues in deiner Familie. Vergiß es nicht. Sydney Carton. Rechtsanwalt. Engländer. Welcher ist’s?«

Er liegt hier in der Wagenecke. Auch er wird besichtigt.

»Es scheint, der englische Advokat ist ohnmächtig?«

Man hofft, er werde sich erholen, wenn er in die frische Luft kommt. Er ist von schwächlicher Gesundheit und wurde von einem Freund getrennt, der sich das Mißfallen der Republik zugezogen hat.

»Sonst nichts? Das will nicht viel heißen. Viele ziehen sich das Mißfallen der Republik zu und müssen durch das kleine Fenster schauen. Jarvis Lorry. Bankier. Engländer. Welcher ist’s?«

»Ich bin’s natürlich; es ist sonst niemand mehr da.«

Jarvis Lorry ist’s, der alle die früheren Fragen beantwortet hat. Er ist ausgestiegen und steht da, die Hand auf dem Kutschenschlag, um den Barrierewächtern Auskunft zu geben. Sie umwandeln gemächlich den Wagen und besteigen das Fußbrett, um das wenige Gepäck auf dem Dache zu untersuchen. Die Landleute lungern umher, drängen sich rechts und links an den Kutschenschlag und glotzen hinein. Ein Kind, das die Mutter auf den Armen trägt, streckt den kleinen Arm aus, um das Weib eines Aristokraten anzurühren, der zur Guillotine gegangen ist.

»Da habt Ihr Eure unterzeichneten Papiere, Jarvis Lorry.«

»Kann man abfahren, Bürger?«

»Man kann abfahren. Vorwärts, Postillione. Glückliche Reise!«

»Gott befohlen, Bürger. Die erste Gefahr vorüber!«

Letztere Worte spricht Jarvis später, während er mit einem Blick nach oben die Hände faltet. Im Wagen herrscht Angst und Weinen, und der besinnungslose Reisende atmet schwer.

»Geht es nicht zu langsam? Kann man die Postknechte nicht bewegen, schneller zu fahren?« fragt Lucie, sich an den alten Mann anschmiegend.

»Es würde einer Flucht gleichsehen, meine Liebe. Wir dürfen sie nicht zu sehr drängen, um nicht Verdacht zu wecken.«

»Schaut zurück, schaut zurück, und seht, ob wir nicht verfolgt werden.«

»Der Weg ist frei, mein Kind. Bis jetzt kann ich noch nichts von einer Verfolgung wahrnehmen.«

Häuser zu zwei und drei ziehn an uns vorüber. Einzeln stehende Meiereien, verfallenere Gebäude, Gerbereien und dergleichen, offenes Land, Alleen mit laublosen Bäumen. Unter uns hartes unebenes Pflaster, zu beiden Seiten tiefer weicher Schmutz. Bisweilen geraten wir, wenn wir den rüttelnden Steinen ausweichen wollen, in spritzenden Schlamm, und bisweilen bleiben wir in den Pfützen und Geleisen stecken. Die Qual unserer Ungeduld wird dann so überwältigend, daß wir in wildem Schrecken aussteigen, davonrennen, uns irgendwo verstecken, kurz, alles tun wollen, nur nicht halten.

Aus dem freien Feld wieder zu verfallenen Gebäuden, einsamen Meierhöfen, Gerbereien und dergleichen, Häusern zu zwei oder drei und laublosen Alleen. Haben diese Männer uns getäuscht und bringen sie uns auf einem andern Weg wieder zurück? Sind wir nicht schon einmal hier gewesen? Gott sei Dank, nein. Ein Dorf. Schaut zurück, und seht, ob wir nicht verfolgt werden. Pst! das Posthaus.

Unsere vier Pferde werden gemächlich ausgespannt; die Kutsche bleibt träg und ohne Pferde in der engen Straße stehen, als wolle sie nie wieder fort. Langsam treten die neuen Rosse, eines um das andere, in ein sichtbares Dasein; in aller Muße kommen die neuen Postknechte nach und saugen und flechten an den Schmicken ihrer Peitschen. Gemächlich zählen die alten Postillione ihr Geld, verrechnen sich und kommen zu unbefriedigenden Resultaten. Und die ganze Zeit über klopfen unsere gepreßten Herzen mit einer Geschwindigkeit, als wollten sie den schnellsten Galopp der schnellsten Pferde, die je ihre Muskelkraft versuchten, überbieten.

Endlich sitzen die neuen Postknechte in ihren Sätteln, und die alten bleiben zurück. Wir haben das Dorf im Rücken. Es geht bergauf, wieder bergab und weiter in dem nassen Tiefland. Plötzlich geraten die Postillione in einen von lebhaften Gebärden begleiteten Wortwechsel; sie halten die Rosse an, daß sie sich bäumen. Wir werben verfolgt!

»Ho, ihr da drinnen im Wagen hört ihr?«

»Was soll’s?« fragt Mr. Lorry zum Fenster hinaussehend.

»Wie viele haben sie gesagt?«

»Ich verstehe Euch nicht.«

»Die andern Postknechte. Wie viele heut unter die Guillotine?«

»Zweiundfünfzig.«

»Ich sagt‘ es ja; eine hübsche Zahl. Mein Mitbürger da behauptet, sie hätten von zweiundvierzig gesprochen. Zehn Köpfe mehr sind schon der Mühe wert. Die Guillotine arbeitet wacker; sie gefällt mir. Hi, vorwärts!«

Die Nacht bricht herein mit ihrer Dunkelheit. Er bewegt sich stärker, beginnt wieder aufzuleben und unverständliche Worte zu stammeln. Er meint, sie seien noch immer beisammen, nennt ihn bei Namen und fragt ihn, was er in der Hand habe, O gütiger Himmel, erbarme dich unser und steh‘ uns bei! Schaut hinaus, und seht, ob wir nicht verfolgt werden!

Der Wind jagt uns nach, die Wolken fliegen uns nach, der Mond segelt hinter uns her, und die ganze wilde Nacht ist hinter uns her: aber bis jetzt werden wir von nichts anderm verfolgt.

Siebentes Kapitel. Ein Klopfen an die Tür.


Siebentes Kapitel. Ein Klopfen an die Tür.

»Ich habe ihn gerettet.« Es war nicht einer von den Träumen, in die er so oft zurückverfallen war. Nein, er war wirklich da. Und doch zitterte sein Weib, und eine unbestimmte Angst lastete schwer auf ihr.

Die ganze Luft umher war so dick und düster, die Leute zeigten ein so fieberisches, leidenschaftlich rachsüchtiges Wesen, die Unschuldigen wurden so beharrlich auf einen hohlen Verdacht oder auf platte Anzeigen der Bosheit hin zum Tod geschleppt, und es war so rein unmöglich, zu vergessen, wie viele nicht minder makellose Personen als ihr Gatte, die von andern ebenso geliebt wurden, wie sie ihn liebte, jeden Tag das Schicksal erleiden mußten, dem er mit knapper Not entgangen war, daß ihr Herz sich nicht so frei und leicht fühlen konnte, wie es die Umstände gestatteten. Der Winterabend war im Begriff, in die Schatten der Nacht zu versinken, und noch immer rollten die schrecklichen Karren durch die Straßen. Ihr Geist folgte ihnen und schien ihn unter den Verurteilten zu suchen; dann schmiegte sie sich inniger an den Gegenwärtigen an und zitterte noch mehr.

Ihr Vater, der ihr ermunternd zusprach, trug dieser weiblichen Schwäche gegenüber, ob der er sich nicht genug wundern konnte, eine mitleidige Überlegenheit zur Schau. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmachen, kein Hundertfünf, Nordturm! Er hatte die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, vollbracht, sein Versprechen gelöst und Charles gerettet. Alle konnten sich jetzt an ihn anlehnen.

In ihrer Haushaltung ging es sehr ärmlich her nicht nur, weil man dadurch am wenigsten beim Volke Anstoß erregte, sondern auch, weil sie nicht reich waren und Charles während seiner Gefangenschaft bedeutende Zahlungen hatte leisten müssen, für die eigene schlechte Kost und Bewachung sowohl wie für die der ärmeren Gefangenen. Zum Teil aus diesem Grund, zum Teil, um keinen Spion im Hause zu haben, hielten sie keine Magd. Der Bürger und die Bürgerin, die am Hoftor als Pförtner funktionierten, leisteten ihnen gelegentlich Dienste, und Jerry, der von Mr. Lorry fast ganz an sie abgetreten worden, spielte den Diener und schlief bei Nacht im Hause.

Auf Befehl der einen und unteilbaren Republik mit dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod mußte an der Tür oder dem Türpfosten eines jeden Hauses der Name der Bewohner mit leicht leserlicher Schrift von gewisser Größe in einer gewissen bequemen Höhe vom Boden angebracht sein. Mr. Jerry Crunchers Name schmückte daher gebührend den Türpfosten zu unterst, und bei einbrechender Nacht kam der Inhaber des Namens selbst von der Beaufsichtigung eines Flachmalers zurück, den Doktor Manette angewiesen hatte, der Liste den Namen Charles Evrémonde, genannt Darnay, beizufügen.

Bei der allgemeinen Furcht und dem Mißtrauen, in dem man zu jener Zeit lebte, war auch eine Änderung in die gewöhnlichen harmlosen Haushaltungsbräuche gekommen. In der kleinen Wirtschaft des Doktors wurden, wie in so vielen andern, die Gegenstände des täglichen Verbrauchs jeden Abend in geringen Mengen aus verschiedenen kleinen Läden zusammengetragen; denn jedermann wollte Aufsehen vermeiden und so wenig wie möglich Anlaß zu Neid und Nachrede geben.

Schon seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher das Geschäft des Einkaufes besorgt, wobei erstere den Beutel führte und letzterer den Korb trug. Sie traten jeden Abend, sobald man die Straßenlaternen anzündete, diesen Dienst an, kauften das Nötige ein und brachten es nach Hause. Durch ihren langen Umgang mit einer französischen Familie wäre Miß Proß wohl in der Lage gewesen, das Französische so gut zu lernen, wie sie ihr Englisch kannte, wenn sie Lust dazu gehabt hätte. Aber eben an der Lust fehlte es ihr ganz und gar, und so verstand sie von »diesem Unsinn«, wie sie es zu nennen beliebte, nicht mehr als Mr. Cruncher. Die Art ihres Marktens bestand darin, daß sie dem Krämer ohne näheres Eingehen auf die Beschaffenheit des gewünschten Artikels irgendein Nennwort an den Kopf warf und, wenn es zufällig nicht das rechte war, sich im Laden nach der Ware umschaute, sie zu Händen nahm und nicht wieder losließ, bis der Handel geschlossen war. Ohne ein Handeln ging es dabei nicht ab, und bei der Würdigung des Preises hielt sie stets einen Finger weniger in die Höhe als der Verkäufer, wie viele dieser ihr auch vorzeigen mochte.

»Nun, Mr. Cruncher«, sagte Miß Proß, deren Augen ganz rot von Glück waren, »wenn Ihr bereit seid, so bin ich’s auch.«

Jerry versicherte heiser, daß er Miß Proß zu Diensten stehe. Sein Rost hatte sich längst abgetragen; aber nichts vermochte die Spieße seines Haares niederzufeilen.

»Wir brauchen alle möglichen Dinge und werden nicht so bald damit fertig werden«, sagte Miß Proß. »Unter anderm Wein. Diese Rotköpfe werden saubere Trinksprüche ausbringen, wo wir ihn auch kaufen mögen.«

»Soviel Ihr davon versteht, Miß«, entgegnete Mr. Jerry, »wird es so ziemlich aufs gleiche hinauslaufen, ob sie Eure Gesundheit trinken oder die des Meisters Urian.«

»Wer ist das?« fragte Miß Proß.

Mr. Cruncher erklärte ihr mit einiger Zaghaftigkeit die Bedeutung des Ausdrucks.

»Ha!« sagte Miß Proß, »es ist kein Dolmetscher nötig, um zu erraten, was diese Unholde sagen wollen. Sie haben nur einen Gedanken im Kopfe, und der ist Unfug und nächtliches Morden.«

»Pst, meine Liebe! Bitte, bitte, seid vorsichtig«, rief Lucie.

»Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein«, entgegnete Miß Proß; »aber unter uns darf ich wohl sagen, ich hoffe, daß wir auf der Straße keinem zwiebeligen oder tabakigen Ersticktwerden in der Form von Umarmungen in der Runde begegnen. Geht mir nur nicht von diesem Feuer weg, mein Vögelchen, bis ich wieder zurück bin. Nehmt den lieben Mann in acht, der Euch aufs neue geschenkt worden ist, und laßt Euer hübsches Köpfchen auf seiner Schulter ruhen, wie Ihr’s jetzt tut, bis ich Euch wiedersehe. Darf ich eine Frage an Euch stellen, Doktor Manette, eh‘ ich ausgehe?«

»Ich denke wohl, daß man Euch diese Freiheit gestatten kann«, antwortete der Doktor lächelnd.

»Um Gottes willen, sprecht mir nicht von Freiheit; wir haben von dieser Geschichte vollkommen genug gehabt«, sagte Miß Proß.

»Still, meine Liebe! Schon wieder?« bemerkte Lucie verweisend.

»Na, mein Herzchen«, sagte Miß Proß mit einem nachdrücklichen Kopfnicken, »das Lange und das Breite davon ist, daß ich eine Untertanin Seiner Allergnädigsten Majestät Georgs des Dritten bin«, Miß Proß knixte bei dem Namen, »und als solche halte ich mich an den Grundsatz: Zum Geier mit ihrer Politik! In die Hölle mit ihren Spitzbubentücken! Auf ihn setzen wir unsere Hoffnung! Gott erhalte den König!«

Mr. Cruncher sprach in einer Anwandlung von Loyalität Miß Proß mit knurrender Stimme die Worte nach, als respondiere er in einer Kirche.

»Es freut mich, daß Ihr so viel englisches Blut im Leibe habt, obschon ich wünschte. Eure Stimme hätte weniger von Erkältung gelitten«, sagte Miß Proß beifällig. »Aber um auf die Frage zu kommen, Doktor Manette. Wir haben« es lag in der Art der guten Person, über jeden Gegenstand, der ihnen allen besondere Sorge machte, eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau zu stellen und ihn gleichsam nur gelegentlich zu berühren, »wir haben jetzt doch gute Aussicht, von diesem Ort fortzukommen?«

»Ich fürchte, noch nicht. Es wäre jetzt noch gefährlich für Charles.«

»Heididum!« rief Miß Proß, unterdrückte aber gutmütig einen Seufzer, als sie nach dem im Widerschein des Feuers glänzenden Goldhaar ihres Lieblings hinblickte »nun, dann hilft nichts, als Geduld haben und warten. Wir müssen den Kopf oben behalten und Hände und Füße brauchen, wie mein Bruder Salomon zu sagen pflegte. Jetzt, Mr. Cruncher! Rührt Euch nicht von der Stelle, meine Vögelchen!«

Sie entfernten sich, und Lucie, ihr Gatte, ihr Vater und das Kind blieben bei dem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde mit jedem Augenblick von dem Bankhaus her erwartet. Miß Proß hatte die angezündete Kerze in eine Ecke beiseite gestellt, damit sie sich ungestört des behaglichen Feuerlichtes erfreuen konnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte die Händchen um seinen Arm geschlungen, während er ihr in einem Ton, der kaum viel mehr als ein Flüstern genannt werden konnte, ein Märchen von einer großen mächtigen Fee zu erzählen begann, die eine Gefängnismauer sich auftun ließ und einen Gefangenen befreite, der ihr einmal einen Dienst geleistet hatte. Der Geist der Ruhe herrschte in dem Gemach und schien auch allmählich Eingang in dem Herzen Lucies zu finden.

»Was ist das?« rief sie plötzlich.

»Meine Liebe, nimm dich zusammen«, sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und seine Hand auf die ihrige legte. »Du befindest dich in einem ganz verstörten Zustande. Du erschrickst vor jeder Kleinigkeit vor einem Nichts. Du, deines Vaters Tochter?«

»Ich meinte, Vater«, sagte Lucie sich entschuldigend, mit bleichem Gesicht und stotternder Stimme, »ich habe einen fremden Tritt auf der Treppe gehört.«

»Kind, auf der Treppe herrscht eine Totenstille.«

Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, als ein Schlag gegen die Tür geführt wurde.

»O Vater, Vater, was kann dies sein? Versteckt Charles rettet ihn!«

»Mein Kind«, sagte der Doktor, indem er aufstand und seine Hand auf ihre Schulter legte, »ich habe ihn ja schon gerettet. Welche Schwäche, meine Liebe. Ich will nach der Tür gehen.«

Er nahm das Licht auf, ging durch die beiden Vorderzimmer und öffnete. Es folgte darauf ein Füßegetrampel, und vier rauhe Männer in roten Mützen, die mit Säbeln und Pistolen bewaffnet waren, traten in das Gemach.

»Der Bürger Evrémonde, genannt Darnay«, sagte der erste.

»Wer sucht ihn?« versetzte Darnay.

»Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich sah Euch heute vor dem Tribunal. Ihr seid wieder der Gefangene der Republik.«

Die vier umgaben die Stelle, wo er mit seinem Weib und seinem Kinde stand, die sich an ihn anklammerten.

»Sagt mir, wie das kommt. Warum bin ich wieder ein Gefangener?«

»Ihr habt einfach in die Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.«

Auf Doktor Manette hatte dieser Besuch so versteinernd gewirkt, daß er mit dem Lichte in der Hand wie eine ausdrücklich zum Leuchten bestimmte Statue dastand. Nachdem diese Worte gesprochen waren, stellte er das Licht nieder, trat dem Manne gegenüber, nahm ihn nicht unsanft bei dem Bruststreif seines rotwollenen Hemdes und sprach:

»Ihr kennt ihn, habt Ihr gesagt. Kennt Ihr auch mich?«

»Jawohl, Bürger Doktor.«

»Wir alle kennen Euch, Bürger Doktor«, sagten die andern drei.

Er sah verwirrt bald den einen, bald den andern an und fuhr nach einer Pause mit gedämpfter Stimme fort:

»Wollt Ihr dann mir auf seine Frage antworten? Wie kommt das?«

»Bürger Doktor«, versetzte der erste mit Widerstreben, »er ist bei der Sektion von Saint Antoine angezeigt worden. Dieser Bürger«, er deutete auf den zweiten der Eingetretenen, »ist von Saint Antoine.«

Der bezeichnete Bürger nickte mit dem Kopfe und fügte bei:

»Er ist in Saint Antoine angeklagt.«

»Weshalb?« fragte der Doktor.

»Bürger Doktor«, entgegnete der erste mit dem früheren Widerstreben, »fragt nicht weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch fordert, so werdet Ihr ohne Zweifel als ein guter Patriot Euch glücklich schätzen, sie zu bringen. Die Republik geht über alles. Das Volk ist das Höchste. Evrémonde, wir können nicht warten.«

Wieder verhaftet

»Noch ein einziges Wort«, bat der Doktor. »Wollt Ihr mir sagen, wer ihn angezeigt hat?«

»Es ist gegen die Regel«, antwortete der erste, »aber Ihr könnt den von Saint Antoine da fragen.«

Der Doktor richtete den Blick auf den Mann. Dieser scharrte unruhig mit den Füßen, rieb sich den Bart ein wenig und sagte endlich:

»Na, es ist freilich gegen die Regel; aber die Anklage und zwar eine schwere geht von dem Bürger und der Bürgerin Defarge und noch von einem Dritten aus.«

»Wer ist dieser Dritte?«

»Das fragt Ihr, Bürger Doktor?«

»Ja.«

»Dann«, versetzte der von Saint Antoine mit einem eigentümlichen Blicke, »werdet Ihr morgen die Antwort hören für jetzt bin ich stumm.«

Zweites Kapitel. Der Schleifstein.


Zweites Kapitel. Der Schleifstein.

Tellsons Bank befand sich in dem Saint-Germain-Viertel von Paris und hatte den einen Flügel eines großen Hauses inne, das vermittelst eines Hofes zugängig und gegen die Straße durch eine hohe Mauer und ein starkes Tor abgesperrt war. Das Haus gehörte einem vornehmen Adligen, der es bewohnt hatte, bis er sich in der Kleidung seines Koches den Unruhen entzog und über die Grenze ging. Jetzt ein gehetztes Wild, das vor den Jägern floh, war er doch trotz seiner Umwandlung kein anderer als derselbe Monseigneur, der für Mundgerechtmachung seiner Schokolade drei starke Männer brauchte, den Koch nicht mitgerechnet.

Monseigneur war fort, und die drei starken Männer taten für die Sünde, ihm einen hohen Lohn abgenommen zu haben, dadurch Buße, daß sie sich mehr als bereit und willig erwiesen, ihm am Altar der aufdämmernden einen und unteilbaren Republik mit dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod den Hals abzuschneiden. Monseigneurs Haus war anfangs mit Sequester belegt und dann vom Fiskus eingezogen worden. Es ging mit allen Dingen so schnell, und Dekret folgte auf Dekret mit so wilder Hast, daß jetzt in der dritten Nacht des herbstlichen Monats September patriotische Regierungskommissare im Besitz von Monseigneurs Haus waren, es mit der Trikolore bezeichnet hatten und in den Prunkzimmern Branntwein tranken.

Ein Geschäftsplatz in London, wie Tellsons Geschäftsplatz in Paris war, würde das Haus bald aus dem Häuschen und in die Zeitung gebracht haben. Denn was hätte wohl die gesetzte britische Achtbarkeit und Zahlungsfähigkeit zu den Kübeln mit Orangenbäumen in einem Bankhof, oder gar zu einem Liebesgott über dem Zahltisch gesagt? Doch so war es nun einmal. Tellsons hatten zwar den Kupido übertüncht; aber man konnte ihn noch immer in seiner leichten Leinwandbekleidung an der Decke sehen, wie er seinem nicht seltenen Brauche gemäß vom Morgen bis in die Nacht nach dem Geld zielte. In der Londoner Lombardstraße wäre durch den blinden Heiden 2, durch den mit einem Vorhang versehenen Alkoven hinter dem unsterblichen Knaben, durch den in die Wand eingelassenen Spiegel und durch die jungen Kontoristen, die bei jeder Gelegenheit an öffentlichen Tanzbelustigungen teilnahmen, unvermeidlich der Bankerott herbeigeführt worden. In Frankreich aber konnten Tellsons mit solchen Dingen recht gut fortfahren, ohne daß, solang die Zeit nicht aus ihrem Geleise kam, irgend jemand sich darüber entsetzte und sein Geld zurücknahm.

Welches Geld fortan gezogen wurde auf Tellsons und wieviel dort liegenblieb, verloren oder vergessen, welche Vorräte von Silbergeschirr und Geschmeide in Tellsons Verstecken lagen, während deren Inhaber in Gefängnissen moderten oder im Lause der Zelt einen gewaltsamen Tod fanden: wie viele Abrechnungen mit Tellsons in dieser Welt nimmer zum Abschluß kommen sollten, sondern in die andere hinübergeschleppt werden mußten niemand hätte in seiner Nacht mehr Auskunft darüber geben können als Mr. Jarvis Lorrn, obschon ihm diese Fragen schwer zu schaffen machten. Er saß bei einem frisch angezündeten Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war frühzeitig kalt geworden), und auf seinem ehrlichen, mutigen Gesichte lag ein tieferer Schatten, als ihn die Hängelampe werfen oder irgendein Gegenstand im Zimmer verzerrt wiedergeben konnte ein Schatten des Entsetzens.

Er hatte die Räumlichkeiten der Bank bezogen, voll Treue gegen das Haus, von dem er ein Teil geworden wie der tiefwurzelnde Efeu. Sie erfreuten sich zufällig einer gewissen Sicherheit infolge der patriotischen Bestimmung des Hauptgebäudes. Aber das treue Herz des alten Ehrenmannes nahm dies nicht in Anschlag. Seiner Pflichterfüllung gegenüber waren ihm solche Nebenumstände gleichgültig. Auf der anderen Seite des Hofes, unter einer Kolonnade, befand sich ein ausgedehnter Kutschenraum, in dem noch immer Monseigneurs Kutschen standen. An zweien der Säulen waren zwei große flackernde Pechpfannen befestigt, und vor ihnen, im Freien, sah man einen mächtigen Schleifstein, eine rohe Maschine, die man augenscheinlich in der Eile aus einer benachbarten Schmiede oder sonstigen Werkstätte herbeigeschafft hatte. Mr. Lorry schauderte, wenn er beim Aufstehen durch das Fenster dieser harmlosen Gegenstände ansichtig wurde, und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch die Blenden davor geöffnet und mit zitternden Händen beide wieder geschlossen.

Von der Straße hinter der hohen Mauer und dem starken Tor her vernahm man das gewöhnliche Gesumm einer großen Stadt und daraus bisweilen unbeschreibliches Klingen, gespenstisch und unirdisch, als ob ungewohnte Töne von schrecklicher Beschaffenheit zum Himmel aufstiegen.

»Gott sei Dank«, sagte Mr. Lorry, die Hände zusammenschlagend, »daß niemand, der mir nah und teuer ist, sich heute nacht in dieser schrecklichen Stadt befindet. Möge Er Erbarmen haben mit allen, die in Gefahr sind!«

Bald nachher ertönte die Glocke an dem großen Tor. »Sie sind zurückgekommen«, dachte er und blieb lauschend sitzen. Aber es brach nicht geräuschvoll in den Hof herein, wie er erwartet hatte. Er hörte, wie das Tor wieder zuschlug: dann war alles still.

Die Bangigkeit, die seine Brust beengte, flößte ihm in bezug auf die Bank jene unbestimmte Unruhe ein, deren man sich unter solchen Umständen nicht erwehren kann, wenn man sich einer schweren Verantwortlichkeit bewußt ist. Wohl war alles gut gehütet, und er wollte eben bei den treuen Wächtern einen Umgang halten, als seine Tür plötzlich aufging und zwei Gestalten hereinstürzten, bei deren Anblick er erstaunt zurückfuhr.

Lucie und ihr Vater! Lucie, die ihre Arme ihm entgegenbreitete, mit jenem alten Nick, so voll des konzentriertesten und angespanntesten Ernstes, daß es den Anschein gewann, er sei ausdrücklich auf ihr Gesicht gestempelt, um ihm Kraft und Nachdruck zu verleihen in diesem einen Abschnitt ihres Leben«.

»Was soll dies?« rief Mr. Lorry in atemloser Verwirrung. »Was gibt es? Lucie! Manette! Was ist vorgefallen? Was führt euch hierher? Was ist los?«

Blaß und außer sich, mit flehentlicher Miene stürzte sie in seine Arme und rief:

»O mein teurer Freund mein Gatte!«

»Euer Gatte, Lucie?«

»Charles.«

»Was ist mit Charles?«

»Er ist hier.«

»Hier in Paris?«

»Ja, schon seit einigen Tagen seit drei oder vier ich weiß nicht, wie vielen; denn ich kann meine Gedanken nicht zusammenbringen. Eine edelmütige Absicht führte ihn ohne unser Vorwissen hierher: er wurde an der Barriere angehalten und ins Gefängnis geschickt.«

Der alte Mann stieß einen ununterdrückbaren Schrei aus. Jetzt im nämlichen Augenblick läutete die Glocke an dem großen Tore wieder, und tumultuarische Fußtritte und Stimmen drangen in den Hof.

»Was ist dies für ein Lärm?« fragte der Doktor, am das Fenster tretend.

»Seht nicht hinaus«, rief Mr. Lorry. »Seht ja nicht hinaus, Manette! So lieb Euch Euer Leben ist, rührt die Blende nicht an.«

Der Doktor wandte sich um, ohne die Hand von dem Fensterriegel zu entfernen, und sagte mit einem ruhigen, kühnen Lächeln:

»Mein teurer Freund, ich habe in dieser Stadt ein gefeites Leben: denn bin ich nicht ein Bastillegefangener gewesen? Es gibt keinen Patrioten in Paris in Paris? nein in ganz Frankreich, der, wenn er weiß, daß ich in der Bastille lag mich anders antasten würde, als um mich mit Umarmungen zu überhäufen und im Triumph umherzutragen. Mein altes Unglück hat mir eine Gewalt verliehen, die uns durch die Barriere half, uns dort Kunde von Charles verschaffte und uns hierher brachte. Ich wußte, daß dies der Fall sein würde wußte, daß es mir gelingen müsse, Charles von aller Gefahr zu befreien, und habe es Lucie zum voraus gesagt. Was ist doch dies für ein Getöse?«

Seine Hand machte sich aufs neue mit dem Fenster zu schaffen.

»Schaut nicht hinaus!« rief Mr. Lorry in heller Verzweiflung. »Nein, Lucie, meine Liebe, auch Ihr nicht!« Er umschlang sie mit den Armen und hielt sie zurück. »Erschreckt nicht so, meine Liebe: ich schwöre Euch feierlich, daß mir nichts von einem Unglück bekannt ist, das Charles betroffen haben könnte. Ja, ich hatte nicht einmal eine Ahnung, daß er in dieser unseligen Stadt sich befindet. In welchem Gefängnis ist er?«

»In der Force!«

»In der Force! Lucie, mein Kind, wenn Ihr je in Eurem Leben wacker und zu etwas brauchbar gewesen seid und Ihr wäret das ja immer so nehmt Euch jetzt zusammen und tut genau, was ich Euch heiße: denn es hängt mehr davon ab, als Ihr denkt oder ich Euch sagen kann. Heute abend kann ich Euch unmöglich aus dem Hause lassen, da alles, was Ihr auch jetzt tun möchtet, zu nichts führen würde. Ich muß Euch dies um Charles willen befehlen, obschon ich weiß, daß es das Schwerste ist, was man von Euch verlangen kann. Aber vorderhand müßt Ihr gehorsam, still und ruhig sein und mir erlauben, daß ich Euch in einem der hinteren Zimmer verberge. Ich wünsche, ein paar Minuten mit Eurem Vater allein zu sein, und da sich’s dabei um Leben und Tod handeln kann, so muß dies sogleich geschehen.«

»Ich will gern alles tun, was Ihr verlangt. Ich sehe in Eurem Gesicht, daß Ihr wohl wißt, wie ich nicht anders kann, da ich ja Euer treues Herz kenne.«

Der alte Mann küßte sie, schob sie in sein Zimmer und drehte den Schlüssel um; dann kam er hastig zurück, öffnete das Fenster und teilweise die Blende, legte die Hand auf den Arm des Doktors und sah mit ihm in den Hof hinunter.

Da war ein Gedränge von Männern und Weibern, nicht sehr zahlreich, aber doch nahezu genug, um den Hof zu füllen; es mochten im ganzen vierzig oder fünfzig Köpfe sein. Die Leute, die im Besitz des Hauses waren, hatten sie zum Tore hereingelassen, und sie eilten zur Arbeit an den Schleifstein, der wahrscheinlich da aufgestellt worden war, weil man den Platz für bequem und abgeschieden gehalten.

Aber welche schrecklichen Arbeiter – welche schreckliche Arbeit!

Der Schleifstein hatte eine doppelte Handhabe, an der sich wie toll ein paar Männer abmühten, deren Gesichter, wenn beim jeweiligen Auftauchen derselben das lange Haar zurückschlug, schrecklicher und grausamer sich ausnahmen als die Gesichter der wildesten Wilden in ihrem barbarischsten Kriegesschmuck. Falsche Augenbrauen und falsche Schnurrbärte klebten daran. Die gräßlichen Fratzen troffen von Blut und Schweiß, waren verzerrt vom Heulen und strotzten und glotzten von bestialischer Aufregung und Mangel an Schlaf. Während die Wüteriche drehten und drehten, fielen die verfilzten Haare bald über die Augen nieder, bald nach dem Nacken zurück. Weiber standen daneben und hielten ihnen zum Trinken Wein an den Mund: und unter dem niederträufelnden Blut, dem niederträufelnden Wein und den Funken, die dem Stein entsprühten, schien die ganze entsetzliche Atmosphäre nur aus Blut und Feuer zu bestehen. In der ganzen Gruppe konnte das Auge kein Gesicht entdecken, das nicht dieselbe gräßliche Bemalung gezeigt hätte. Bis zum Gürtel nackte Männer, die sich wechselseitig gegen den Schleifstein hindrängten, trugen die Blutmale über den ganzen Leib und die Glieder hin; andere zeigten in den elenden Lumpen ihrer Bekleidung überall Blut und Blut, und wieder andere hatten sich teuflisch mit geraubten Weiberkleidern, Spitzen und Bändern herausgeputzt, die durch und durch von Blut starrten. Auch die Äxte, die Messer, die Bajonette, die Säbel, die man zum Schärfen herbeibrachte, waren davon gerötet. Einige der zerhackten Säbel steckten an der Seite ihrer Eigentümer in Gurten von Stricken, Leinwandbinden oder abgerissenen Kleiderstreifen Bandeliere der verschiedensten Art, aber alle in demselben Bade gefärbt. Und während die Träger dieser Waffen sie zurückrissen aus dem Funkenstrome und hinausstürzten in die Straßen, glühte es von demselben Rot in ihren wahnsinnigen Augen Augen, die mit einem gezielten Schuß zu versteinern jeder nicht zum Vieh gewordene Zuschauer zwanzig Jahre seines Lebens gegeben haben würde.

Alles dies wurde geschaut in einem Augenblick, wie etwa der Gesichtskreis eines Ertrinkenden oder irgendeines anderen menschlichen Wesens bei einem ähnlich bedrohlichen Lebensabschnitt eine Welt umfassen würde, wenn sie da wäre. Sie zogen sich vom Fenster zurück, und der Doktor blickte fragend seinem Freund in das aschfahle Gesicht.

»Sie ermorden die Gefangenen«, flüsterte Mr. Lorry, sich furchtsam in dem Zimmer umsehend. »Wenn Ihr wirklich von dem überzeugt seid, was Ihr sagt wenn Ihr die Macht habt, die Ihr zu besitzen meint und ich glaube, daß es so ist , so gebt Euch diesen Teufeln zu erkennen und laßt Euch von ihnen nach La Force mitnehmen. Vielleicht ist es schon zu spät was weiß ich? aber zögert keine Minute länger.«

Doktor Manette drückte ihm die Hand, eilte ohne Kopfbedeckung aus dem Zimmer und befand sich schon im Hof, als Mr. Lorry die Blende wieder zurückschob.

Sein wallendes weißes Haar, sein merkwürdiges Gesicht und die ungestüme Zuversichtlichkeit seines Benehmens, als er die Waffen wie Wasser zurückdrängte, führte im Nu ihn bis in die Mitte des um den Stein versammelten Haufens. Für einige Augenblicke trat eine Pause ein. Lorry vernahm ein Gewühl, ein Gemurmel und den undeutlichen Ton seiner Stimme: dann sah er, wie alle ihn umringten und wie er in der Mitte einer zwanzig Mann langen Reihe unter dem Rufe hinausgedrängt wurde: »Es lebe der Bastillegefangene! Hilfe der Verwandtschaft des Bastillegefangenen in der Force! Platz da vorn für den Bastillegefangenen! Rettet den gefangenen Evrémonde in der Force!« Und tausend Stimmen antworteten auf das Geschrei.

Mit klopfendem Herzen schloß Mr. Lorry die Blende und das Fenster wieder und schob den Vorhang vor. Dann eilte er zu Lucie und teilte ihr mit, daß ihr Vater unter dem Beistand des Volkes hingegangen sei, um ihren Gatten aufzusuchen. Sie hatte ihr Kind und Miß Proß bei sich, aber es fiel ihm nicht ein, sich über diese ihre Gesellschaft zu wundern, und er erstaunte erst lange nachher darüber, als ihm die Nacht so viel Ruhe gestattete, den anderen Anwesenden seine Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Lucie war, seine Hand umfassend, in einem Zustand von Betäubung zu Boden gesunken. Miß Proß hatte das Kind auf sein Bett niedergelegt, und ihr Haupt ruhte erschöpft neben dem teuren Pflegling auf dem Kissen. Oh, die lange, lange Nacht mit dem Stöhnen des armen Weibes! Und oh, die lange, lange Nacht, ohne daß ihr Vater oder Kunde von ihm zurückkam!

Noch zweimal ertönte in der Dunkelheit die Glocke des großen Tores; die Unterbrechung der Stille wiederholte sich, und aufs neue ging und sprühte der Schleifstein.

»Was ist dies?« rief Lucie erschreckt.

»Pst! Die Soldaten schärfen dort ihre Säbel«, antwortete Mr. Lorry. »Das Haue ist jetzt Nationaleigentum und dient als eine Art Rüstplatz, meine Liebe.«

Noch zweimal im ganzen; aber das letztemal ging die Arbeit nur matt und krampfhaft von statten. Bald nachher begann der Tag aufzudämmern. Mr. Lorry machte sich sanft von der ihn umklammernden Hand los und schaute vorsichtig wieder hinunter. Ein Mann, der derart mit Blut überzogen war, daß er einen schwerverwundeten, auf dem Schlachtfeld wieder zum Bewußtsein gekommenen Soldaten hätte vorstellen können, richtete sich neben dem Schleifstein von dem Pflaster auf und schaute unstet um sich her. Der erschöpfte Mörder bemerkte in dem unvollkommenen Licht einen von den Wagen Monseigneurs, taumelte auf die prächtige Karosse zu, kletterte hinein und schloß den Schlag, um sich auf den üppigen Polstern auszuruhen.

Der große Schleifstein Erde drehte sich, als Mr. Lorry wieder hinaussah, und die Sonne schien rot in den Hof. Aber der kleine Schleifstein stand einsam da in der ruhigen Morgenluft, und das Rot auf ihm rührte nicht von der Sonne her, die es auch nimmer zu bleichen vermochte.

  1. Amor als Liebesgott wird oft blind dargestellt; daher »der blinde Heide«.

Der Schatten


Der Schatten

Eine der ersten Rücksichten, die bei dem Beginn der Geschäftsstunden in Mr. Lorrys Geschäftshirn auftauchten, galt dem Umstand, daß er nicht befugt sei, Tellsons zu gefährden, indem er der Frau eines gefangenen Emigranten unter dem Dach der Bank einen Zufluchtsort gestattete. Sein Privateigentum, seine Sicherheit, ja, sein Leben würde er bereitwillig und ohne Zögern für Lucie und ihr Kind aufs Spiel gesetzt haben; aber das in ihn gesetzte Vertrauen legte ihm auch eine schwere Verantwortung auf, der gegenüber er der strenge Geschäftsmann war.

Er dachte zunächst an Defarge, dessen Weinhaus er wieder aufsuchen wollte, um sich mit ihm über die sicherste Wohnstätte, die sich in der wildbewegten Stadt finden ließ, zu beraten. Nach einigem Erwägen aber besann er sich eines anderen. Defarge wohnte in dem gewalttätigsten Stadtteil und besaß in demselben ohne Zweifel großen Einfluß, ja, war wohl gar an dem wilden Treiben der Bewohner tief beteiligt.

Der Mittag kam, ohne daß der Doktor zurückkehrte. Da jede Minute Tellsons mehr bloßstellte, so ging Mr. Lorry mit Lucie zu Rate. Sie sagte, ihr Vater habe davon gesprochen, für kurze Zeit in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung zu mieten. Da sich hiergegen nichts einwenden ließ und der wackere Alte voraussah, daß Charles, wenn alles gut mit ihm ging und er in Freiheit gelangte, doch nicht hoffen durfte, aus der Stadt fortzukommen, so machte er sich auf den Weg, um ein geeignetes Quartier zu suchen, das er dann auch richtig hoch oben in einer abgelegenen Nebenstraße fand, wo die geschlossenen Jalousien eines melancholischen Gebäude-Vierecks lauter verlassene Wohnungen anzeigten.

Dahin schaffte er nun ohne Säumen Lucie mit ihrem Kind und Miß Proß, indem er ihnen mehr Trost mit auf den Weg gab, als er selbst empfand. Er ließ Jerry bei ihnen, der, wenn er sich unter die Tür stellte, schon einen Stoß aushalten konnte, und kehrte an seine Arbeit zurück. Freilich brachte er eine verstörte, traurige Stimmung mit, und es wollte mit der Arbeit gar nicht recht vorwärtsgehen.

So lag es denn schwer und drückend auf seiner Seele, bis er endlich die Bank schließen konnte. Er war wieder wie am Abend zuvor allein in seinem Zimmer und machte sich eben Gedanken, was er jetzt anfangen sollte, als er auf der Treppe Tritte vernahm. Einige Augenblicke später stand ein Mann vor ihm, der ihn scharf ins Auge faßte und bei seinem Namen anredete.

»Euer Diener«, versetzte Mr. Lorry. »Kennt Ihr mich?«

Es war ein kräftig gebauter Mensch mit dunklem krausem Haar, der seine fünfundvierzig bis fünfzig zählen mochte. Statt aller Antwort wiederholte er nur ohne einen Wechsel in der Betonung die Worte:

»Kennt Ihr mich?«

»Ich muß Euch schon irgendwo gesehen haben.«

»Vielleicht in meinem Weinhaus?«

Mr. Lorry entgegnete mit großer Aufregung und Teilnahme:

»Ihr kommt von Doktor Manette?«

»Ja. Ich komme von Doktor Manette.«

»Und was sagt er? Was läßt er mich durch Euch wissen?«

Defarge legte in seine zitternde Hand einen offenen Papierstreifen, auf dem in des Doktors Handschrift die Worte zu lesen waren:

»Charles ist wohlbehalten, obwohl es im gegenwärtigen Augenblick für mich nicht geraten ist, diesen Ort zu verlassen. Ich habe die Gunst ausgewirkt, daß der Überbringer dieses auch ein paar Zeilen von Charles an seine Frau besorgen darf. Laßt ihn zu ihr.«

Das Billett war der Bezeichnung nach eine Stunde vorher in der Force geschrieben worden.

»Wollt Ihr mich in die Wohnung seiner Frau begleiten?« sagte Mr. Lorry mit froher Erleichterung, nachdem er die Zuschrift laut gelesen hatte.

»Ja«, antwortete Defarge.

Mr. Lorry hatte die seltsam zurückhaltende und mechanische Art, in der Defarge sprach, bis jetzt kaum beachtet. Er setzte seinen Hut auf, und sie gingen miteinander in den Hof hinunter. Dort fanden sie zwei Frauen, von denen die eine strickte.

»Wahrhaftig, Madame Defarge!« sagte Mr. Lorry, der sie vor siebenzehn Jahren genau in derselben Haltung zum letztenmal gesehen hatte.

»Sie ist es«, bemerkte ihr Gatte.

»Geht Madame mit uns?« fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie mit ihnen gleichen Schritt hielt.

»Ja. Sie muß imstande sein, Personen und Gesichter zu erkennen. Es geschieht um ihrer Sicherheit willen.«

Nachgerade begann das Benehmen Defarges Mr. Lorry aufzufallen: er sah ihn zweifelhaft an und ging weiter. Die beiden Frauen folgten; die zweite war die Rache.

Sie gingen mit möglichster Geschwindigkeit durch die dazwischenliegenden Straßen, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinan und wurden von Jerry eingelassen. Lucie war allein und weinte. Man denke sich ihr Entzücken, als Mr. Lorry ihr Nachricht von ihrem Mann brachte. Sie drückte krampfhaft die Hand, die ihr sein Billett überlieferte, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was dieselbe Hand während der letzten Nacht in seiner Nähe getan hatte und, ohne einen Zufall, wohl an ihm selbst verübt haben würde.

»Meine Teure fasse Mut. Ich bin wohl, und Dein Vater besitzt Einfluß auf meine Umgebung. Du kannst mir nicht antworten auf diese Zeilen. Küsse unser Kind in meinem Namen.«

Dies war die ganze Mitteilung. Der Empfängerin aber erschien sie von so hohem Wert, daß sie sich von Defarge an dessen Weib wandte und eine der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, liebevolle, dankbare weibliche Handlung; aber die Hand hatte keine Erwiderung dafür sie sank kalt und schwer nieder und nahm ihr Stricken wieder auf.

In der Berührung lag etwas, was Lucie erschreckte. Wie sie eben das Blatt in ihrem Busen verbergen wollte, hielt sie, die Hände bereits an ihrem Hals, plötzlich inne und schaute angstvoll auf Madame Defarge. Diese setzte der gefurchten Stirn einen kalten, teilnahmlosen Starrblick entgegen.

»Meine Liebe«, sagte Mr. Lorry, zur Erklärung das Wort nehmend, »es gibt häufig Aufstände in den Straßen, und obgleich es nicht wahrscheinlich ist, daß Ihr dadurch beunruhigt werden könntet, so wünscht doch Madame Defarge diejenigen zu sehen, die sie in solchen Zeiten zu beschützen die Macht hat, damit sie dieselben kenne und ihre Identität zu beweisen imstande sei. Ich glaube«, sagte Mr. Lorry, in seinen beruhigenden Worten innehaltend, da ihm das eisige Benehmen der drei mehr und mehr auffiel, »daß dies der Zweck des Besuche« ist, Bürger Defarge?«

Defarge warf einen düsteren Blick auf sein Weib und antwortete nur mit einem dumpfen Ton, den man für eine Bejahung nehmen konnte.

»Es wird gut sein, Lucie«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er in Ton und Benehmen alles aufbot, um die Szene traulicher zu machen, »wenn Ihr das liebe Kind und die gute Proß herkommen laßt. Unsere gute Proß ist eine Engländerin, Defarge, und versteht nicht französisch.«

Die fragliche Dame, die der festen Überzeugung lebte, daß sie es mit jeder Ausländerin aufnehmen könne, ließ sich weder durch Bedrängnis noch durch Gefahr einschüchtern: sie trat mit verschlungenen Armen ein und bemerkte gegen die Rache, die ihren Blicken zuerst begegnete, in englischer Sprache:

»Schockschwerenot, Madame Ohnesorge, ich hoffe. Ihr befindet Euch ordentlich.«

Dann beehrte sie Madame Defarge mit einem britischen Hüsteln: aber keine von den beiden Weibern schenkten ihr eine sonderliche Beachtung.

»Ist dies das Kind?« sagte Madame Defarge, zum erstenmal in ihrer Arbeit innehaltend und mit der Stricknadel, als sei diese der Finger des Schicksals, auf die kleine Lucie deutend.

»Ja, Madame«, antwortete Mr. Lorry. »Dies ist das Töchterlein und das einzige Kind des armen Gefangenen.«

Der Schatten, der auf Madame Defarge und ihrer Begleitung ruhte, schien so finster und drohend auf das kleine Wesen niederzufallen, daß die Mutter instinktartig neben demselben auf den Boden niederkniete und es an ihre Brust drückte, Und der Schatten von Madame Defarge und den beiden andern traf nun drohend und finster Mutter und Kind zugleich.

»Es ist genug. Mann«, sagte Madame Defarge. »Ich habe sie gesehen. Wir brauchen nicht länger zu verweilen.«

Aber das abgemessene Wesen hatte genug Drohendes in sich – nicht deutlich ausgesprochen, wohl aber unbestimmt und verhalten –, so daß die Unruhe Lucie, die ihre Hand flehend auf das Kleid der Madame Defarge legte, die Worte eingab:

»Ihr werdet gütig sein gegen meinen armen Gatten. Ihr werdet ihm nichts zuleide tun. Wollt Ihr mir, wenn Ihr könnt, behilflich sein, ihn zu sehen?«

»Ich habe hier nichts mit Eurem Gatten zu schaffen«, entgegnete Madame Defarge, mit vollkommener Fassung auf sie niederschauend. »Die Tochter Eures Vaters ist’s, die mich hergeführt hat.«

»So seid um meinetwillen barmherzig gegen meinen Mann um meines Kindes willen! Sie soll ihre Händchen zusammenlegen und Euch um Erbarmen bitten. Wir fürchten uns mehr vor Euch als vor diesen anderen.«

Madame Defarge nahm dies als ein Kompliment auf und sah ihren Mann an. Defarge, der inzwischen unruhig an seinem Daumennagel gebissen hatte, erwiderte ihren Blick und suchte seinem Gesicht einen strengeren Ausdruck zu geben.

»Was schreibt Euch Euer Mann in seinem Billett?« fragte Madame Defarge mit einem lauernden Lächeln. »Einfluß sagt er etwas von Einfluß?«

»Ja, daß mein Vater Einfluß besitze auf seine Umgebung«, versetzte Lucie, die hastig den Papierstreifen hervorzog, aber den geängstigten Blick nicht auf die Zeilen warf, sondern ihn unverwandt auf der Fragerin haften ließ.

»So wird er ihm zuverlässig loshelfen«, sagte Madame Defarge. »Ich wünsche Glück.«

»Als Gattin und Mutter flehe ich zu Euch«, rief Lucie aus tiefster Seele, »habt Erbarmen mit mir und gebraucht die Gewalt, die Ihr besitzt, nicht gegen, sondern für meinen unschuldigen Mann. Ihr seid auch ein Weib erbarmt Euch der Gattin und der Mutter!«

Madame Defarge schaute kalt wie immer auf die Flehende nieder und sagte, indem sie sich an ihre Freundin, die Rache, wandte:

»Die Weiber und Mütter, die wir seit der Zeit gesehen haben, als wir noch so klein wie dieses Kind oder noch kleiner waren, sind gemeiniglich nicht sehr berücksichtigt worden. Haben wir nicht oft genug gesehen, wie man ihre Gatten und Väter ins Gefängnis warf und von ihnen getrennt hielt? Sind wir nicht unser Leben lang Zeugen gewesen, daß man Weiber und Kinder der Armut, der Not, dem Hunger, dem Durst, der Krankheit und dem Elend, kurz Bedrückungen und Vernachlässigungen aller Art preisgab?«

»Wir haben nichts anderes gesehen«, versetzte die Rache.

»Wir haben dies lange Zeit getragen«, fuhr Madame Defarge fort, indem sie den Blick wieder zu Lucie senkte. »Urteilt selbst, ob die Not eines Weibes und einer Mutter uns jetzt sonderlich anfechten kann.«

Sie nahm ihre Strickerei wieder auf und entfernte sich. Die Rache folgte. Defarge war der letzte und machte die Tür hinter sich zu.

»Mut, meine teure Lucie«, sagte Mr. Lorry, indem er sie aufrichtete. »Mut, Mut! Bis jetzt ist alles gut gegangen viel, viel besser, als es in den letzten Tagen so vielen armen Seelen erging. Verzaget nicht, sondern danket vielmehr dem Himmel.«

»Ich hoffe, daß ich nicht undankbar bin: aber dieses schreckliche Weib scheint einen Schatten auf mich und alle meine Hoffnungen zu werfen.«

»Pst! pst!« sagte Mr. Lorry. »Wozu dieser Kleinmut in Eurem wackeren Herzen? Ein Schatten ja: aber auch nur ein wesenloser Schatten, Lucie.«

Aber der Schatten in dem Benehmen dieser Defarge lagerte trotzdem auch auf ihm schwarz genug, und seine Seele fühlte sich tief bekümmert.

Viertes Kapitel. Windstille im Gewitter.


Viertes Kapitel. Windstille im Gewitter.

Doktor Manette kehrte erst am Morgen des vierten Tages seiner Abwesenheit wieder zurück. Was sich von den Vorfällen jener schrecklichen Zeit vor Lucie geheimhalten ließ, blieb ihr sorgfältig verborgen, und sie wußte noch lange hernach, nachdem sie sich für immer von Frankreich getrennt hatte, nicht, daß elftausend wehrlose Gefangene jeden Geschlechts und Alters vom Pöbel ermordet worden waren, daß dieses entsetzliche Schlachten vier Tage und vier Nächte gewährt hatte, und daß die Luft um sie her den greulichen Duft eines Leichenfeldes in sich barg. Was sie wußte, beschränkte sich darauf, daß ein Angriff auf die Gefängnisse gemacht worden sei, der alle politischen Gefangenen in Gefahr brachte, und daß das Volk einige herausgerissen und ermordet habe.

Dem Mr. Lorry teilte der Doktor unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß die Mörderbande ihn durch eine Szene des Gemetzels nach dem Gefängnis La Force gebracht habe. Dort sei von einem Gerichtshofe, dessen Mitglieder sich selbst ernannt hatten, Sitzung gehalten worden. Man habe die Gefangenen einzeln vorgeführt und in Bausch und Bogen erkannt, ob sie sofort abgetan, in Freiheit gesetzt oder, wie bei einigen wenigen geschah, wieder in ihre Zellen zurückgebracht werden sollten. Durch seine Führer dem Tribunal vorgestellt, habe er seinen Namen und Beruf genannt und sich als einen Bastillegefangenen zu erkennen gegeben, den man ohne Urteil und Recht achtzehn Jahre eingekerkert. Von den Richtern sei sodann einer aufgestanden und habe seine Identität bezeugt, nämlich Defarge.

Nachdem er aus den auf dem Tische liegenden Registern die Überzeugung gewonnen, daß sein Schwiegersohn noch unter den lebenden Gefangenen sei, habe er für dessen Leben und Freiheit eine bewegliche Bitte an das Tribunal gerichtet, dessen Mitglieder zum Teil schliefen, zum Teil wachten, zum Teil blutig vom Mord, zum Teil rein, zum Teil nüchtern, zum Teil betrunken waren. Bei den ersten wilden Begrüßungen, mit denen man ein so denkwürdiges Opfer des gestürzten Systems überschüttete, sei ihm zugestanden worden, daß Charles Darnay vor den ungesetzlichen Gerichtshof gebracht und verhört werde. Auch habe dem Anschein nach wenig zu seiner alsbaldigen Befreiung gefehlt; aber dann sei ein Hindernis (welcher Art dieses gewesen, hatte der Doktor nicht aufklären können) dazwischengetreten, das eine kurze geheime Besprechung zur Folge hatte. Der Präsident des Tribunals habe sodann Doktor Manette erklärt, der Gefangene müsse in Haft bleiben, solle aber um seinetwillen in einen sicheren, unverletzlichen Gewahrsam kommen. Der Gefangene sei auf ein Zeichen sogleich wieder in das Innere des Gefängnisses zurückgeführt worden. Er aber, der Doktor, habe dann dringlich um die Erlaubnis gebeten, bei seinem Schwiegersohn bleiben und sich persönlich davon überzeugen zu dürfen, daß derselbe weder aus Haß noch aus Zufall in die Hände der Banden gerate, deren mordgieriges Gezeter vor dem Tor draußen die Verhandlungen so oft unterbrach. Nachdem ihm hierin willfahrt worden, sei er in der Mordhalle geblieben, bis die Gefahr vorüber gewesen.

Die Auftritte, die er dort erlebte und die nur kurze Ruhepunkte für ein dürftiges Mahl oder den Schlaf gestatteten, sollen unerzählt bleiben. Die wahnsinnige Freude der Gefangenen, die gerettet worden waren, hatte ihn kaum weniger betäubt als die tolle Wildheit, mit der man die anderen in Stücke hieb. Ein Gefangener sei dort gewesen, sagte er, den man entlassen habe, gegen den aber irrtümlich einer von den Mördern beim Hinausgehen einen Pikenstoß führte. Der Doktor war ersucht worden, zu ihm zu gehen und seine Wunde zu verbinden; als er aber zu demselben Tor hinauskam, fand er ihn in den Armen einer Gesellschaft von Samaritern, die auf den Leichen ihrer Opfer saßen. Mit einer Inkonsequenz, die so ungeheuerlich war als irgend etwas in diesem schrecklichen nächtlichen Traume, hatten sie dem Arzte willige Handreichung getan, den Verwundeten mit der größten Sorgfalt gepflegt, eine Tragbahre für ihn gemacht und ihn mit aller Behutsamkeit fortgeschafft, dann aber wieder ihre Waffen aufgegriffen und aufs neue so blutdürstig dreingeschlagen, daß der Doktor die Augen mit den Händen bedeckte und diesen Greueln gegenüber ohnmächtig wurde.

Während Mr. Lorry diese vertrauliche Mitteilung anhörte, beobachtete er sorgsam das Gesicht seines jetzt zweiundsechzigjährigen Freundes, und in seinem Innern regte sich die Furcht, solche schrecklichen Erfahrungen könnten das alte Übel wieder aufwühlen: aber er hatte Mr. Manette nie so gesehen wie jetzt, nie denselben in seinem gegenwärtigen Charakter gekannt. Jetzt zum erstenmal fühlte der Doktor, daß sein früheres Leiden ihm Kraft und Macht verlieh; zum erstenmal fühlte er, daß er in jenem scharfen Feuer langsam das Eisen geschmiedet, mit dem er die Tür zu dem Gefängnis des Gatten seiner Tochter erbrechen und ihn in Freiheit setzen konnte. »Alles hat sich zum besten gefügt, mein Freund, und nichts ist umsonst und verloren gewesen. Wie mein geliebtes Kind dazu behilflich war, mich mir selbst zurückzugeben, so will ich mich jetzt bemühen, ihr den teuersten Teil ihres Ichs wiederzuverschaffen, und unter Gottes Beistand wird es mir gelingen!« So Doktor Manette. Und Jarvis Lorry mußte ihm wohl glauben, wenn er die leuchtenden Augen, das entschlossene Gesicht, den ruhigen Blick und die kräftige Haltung des Mannes betrachtete, dessen Leben ihm stets in dem Licht eines Uhrwerkes vorgekommen war, das man für eine lange Reihe von Jahren abgestellt hatte, und das, nun es wieder im Gang war, durch verstärkte Energie für den langen Schlummer seiner Kräfte Ersatz leistete.

Selbst größere Kämpfe, als der Doktor damals zu bestehen hatte, würden sich an der Festigkeit seines Willens gebrochen haben. Von seiner Stellung als Arzt Gebrauch machend, dem seine Pflicht auferlegte, mit Menschen aller Art, Gefangenen und Freien, Reichen und Armen, Guten und Bösen zu verkehren, wußte er seinen persönlichen Einfluß so weise zu benutzen, daß er bald zum Inspektionsarzt von drei Gefängnissen, darunter der Force, ernannt wurde. Er konnte nun Lucie die Versicherung geben, daß ihr Gatte sich nicht mehr in Einzelhaft, sondern unter den übrigen Gefangenen befand; er sah Charles alle Wochen und konnte ihr Liebesbotschaften von seinen eigenen Lippen bringen; bisweilen wußte Charles sogar ihr ein Briefchen zuzustellen, obschon nie durch des Doktors Hand: aber sie durfte ihm nicht darauf antworten, denn der unsinnige Wahnglaube an Gefängniskomplotte zielte besonders auf jene Emigranten ab, von denen man wußte, daß sie im Ausland Freunde gewonnen oder dauernde Verbindungen eingegangen hatten.

Das neue Leben des Doktors war ohne Zweifel ein sorgenvolles, aber der schlaue Mr. Lorry bemerkte bald, daß ihm dabei ein gewisser Stolz zur Stütze diente. Es war ein natürlicher, ein ehrenwerter Stolz, frei von allem Ungehörigen; aber doch kam er ihm als eine Merkwürdigkeit vor. Der Doktor wußte, daß die Tochter und der Freund mit seiner Gefangenschaft bisher stets das Bild seiner geistigen Verwirrung, seiner Entbehrungen und seiner Schwäche in Verbindung gebracht hatten. Nun dies anders war und er sich um seiner alten Prüfungen willen mit Kräften versehen sah, von denen sich beide die endliche Bergung und Befreiung Darnays versprachen, fühlte er sich durch den Wechsel so gehoben, daß er die Leitung von allem übernahm und von ihnen, den Schwachen, verlangen konnte, ihm, dem Starken, zu vertrauen. Das Verhältnis zwischen ihm und Lucie hatte sich umgekehrt, jedoch nur, wie dies unbeschadet der innigsten Dankbarkeit geschehen konnte; denn sein höchstes Glück bestand darin, ihr, die ihm so viel geopfert hatte, einige Dienste zu leisten. »Ganz merkwürdig anzusehen«, dachte Mr. Lorry in seiner gemütlich schlauen Weise, »aber ganz natürlich und in der Ordnung. So nimm nur das Steuer, mein lieber Freund, und halt es fest; es könnte in keinen besseren Händen sein.«

Aber obgleich sich der Doktor unablässig alle Mühe gab, die Befreiung von Charles Darnay durchzusetzen oder es wenigstens dahin zu bringen, daß er vor Gericht gestellt wurde, war doch die Flut der Zeit zu schnell und zu mächtig für ihn. Die neue Ära begann. Der König wurde gerichtet, verurteilt und enthauptet, die Republik mit dem Wahlspruch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod erklärte sich für einen Kampf auf Leben und Tod gegen die Waffen einer ganzen Welt; das schwarze Banner flatterte Tag und Nacht über den hohen Türmen von Notre-Dame; dreimalhunderttausend Mann, die gegen die Tyrannen der Erde aufgeboten waren, erhoben sich aus den verschiedenen Teilen Frankreichs, als seien überall mit breiten Würfen die Drachenzähne gesät worden und gleich gut gediehen auf dem Berge und in der Ebene, im Felsgestein und im Alluvialschlamm, unter dem klaren Himmel des Südens wie unter den Wolken des Nordens, in Feld und Wald, in Weinbergen und Ölgärten, unter dem gemähten Gras und den Stoppeln des Ackers, die fruchtbaren Ufer der breiten Flüsse entlang und im Sande der Meeresküste. Welche Einzelsorge konnte etwas ausrichten gegen die Überschwemmung des Jahres Eins der Freiheit gegen eine Überschwemmung, die aus den Tiefen emporstieg, nicht von oben her kam und sich nicht wieder zerteilte, als sich die Fenster des Himmels schlössen.

Da war kein Halten, kein Erbarmen, kein Friede, kein Zwischenraum der Ruhe, kein Zeitmaß. Obgleich Tag und Nacht so regelmäßig einander folgten, wie in der Jugend der Zeit, als es Abend und Morgen ward, der erste Tag, gab es doch kein anderes Zählen. Der Anhaltspunkt war in dem tobenden Fieber einer Nation verlorengegangen wie in dem Fieber eines Kranken. Jetzt zeigte, die unnatürliche Stille einer ganzen Stadt unterbrechend, der Henker dem Volke den Kopf eines Königs und jetzt (es schien fast in demselben Atem zu geschehen) das Haupt seiner schönen Witwe, das in acht langen Monaten der Gefangenschaft und des Elends Zeit gehabt hatte, grau zu werden.

Und doch – wie seltsam macht sich das Gesetz des Widerspruchs in allen solchen Fällen geltend war es eine lange Zeit, die so schnell dahinflammte. Ein revolutionäres Tribunal in der Hauptstadt und vierzig- oder fünfzigtausend revolutionäre Komitees über das ganze Land; ein Gesetz gegen die Verdächtigen, das mit einem Federzug alle Sicherheit für Freiheit oder Leben austilgte und die Guten und Unschuldigen den Schlechten und Schuldigen überantwortete; Gefängnisse gepfropft voll mit Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und doch kein Gehör finden konnten dies waren lauter Dinge, die zur Tagesordnung und schon nach einigen Wochen zu selbstverständlichen Bräuchen wurden, als stammten sie aus unvordenklichen Zeiten her. Vor allem aber gewöhnte man sich schnell an eine gräßliche Gestalt so gut, als sei sie schon mit dir Schöpfung der Welt ins Dasein getreten an die Gestalt des scharfen Frauenzimmers, Guillotine genannt.

Sie war das populäre Thema für Scherze. Man nannte sie das beste Mittel gegen Kopfweh, ein untrügliches Präservativ gegen das Grauwerden der Haare. Sie verlieh dem Teint eine eigentümliche Zartheit und war das Nationalrasiermesser, das am schärfsten rasierte. Wer die Guillotine küßte, guckte durch das kleine Fenster und nieste in den Sack. Sie war das Zeichen für die Wiedergeburt des Menschengeschlechts und hatte das Kreuz ersetzt. Medaillen mit ihrem Bilde wurden auf der Brust getragen, von der das Kreuz entfernt worden; man beugte sich vor ihr und glaubte an sie, während man von dem Kreuze nichts mehr wissen wollte.

Sie schor so viele Köpfe ab, daß sie und der Boden, den sie am meisten befleckten, von moderndem Kot starrte. Man zerlegte sie in Stücke wie ein Spielzeug für einen jungen Teufel und setzte sie wieder zusammen, wenn sich Gelegenheit zu ihrem Gebrauch ergab. Sie brachte den Beredten zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder und vernichtete die Schönheit und die Tugend. Zweiundzwanzig Freunden von hoher öffentlicher Stellung, einundzwanzig lebenden und einem toten, hatte sie an einem Morgen in ebenso vielen Minuten die Köpfe abgehauen. Der Name des starken Mannes im Alten Testament war auf den Hauptwürdenträger übergegangen, der sie spielen ließ; und mit dieser Waffe war er stärker als sein Namensvetter und blinder; denn er riß jeden Tag die Tore von Gottes eigenem Tempel weg.

Unter diesen Schrecken und der zu ihnen gehörigen Brut ging der Doktor sicheren Hauptes umher; denn er vertraute seiner Macht, verfolgte behutsam seinen Zweck und zweifelte keinen Augenblick daran, daß es ihm endlich gelingen werde, Lucies Gatten zu retten. Aber der Strom der Zeit wühlte so schnell und tief und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß Charles schon ein Jahr und drei Monate im Gefängnis geschmachtet hatte, ohne daß der Doktor sich in seinem zuversichtlichen Vertrauen beirren ließ. In jenem Dezembermonat war die Revolution um so viel schändlicher und unsinniger geworden, daß die Flüsse des Südens anschwollen von den Leichen der gewaltsam Ertränkten und die Gefangenen in Reihen und Vierecken niedergeschossen wurden unter der südlichen Wintersonne. Gleichwohl ging der Doktor sicheren Hauptes unter den Schrecken umher. Niemand war zu jener Zeit besser in Paris bekannt als er; und niemand befand sich in einer befremdlicheren Lage. Still, menschenfreundlich, unentbehrlich im Spital und im Gefängnis, und seine Kunst mit gleichem Eifer übend an dem Meuchelmörder und dem Opfer, nahm er eine Ausnahmestellung ein. Wo es die Anwendung seiner Geschicklichkeit galt, schied ihn das Aussehen und die Geschichte des Bastillegefangenen von allen anderen Menschen aus. Er wurde ebensowenig beargwöhnt oder bezweifelt, als sei er in der Tat vor achtzehn Jahren wirklich vom Tode erweckt worden oder al« wandle er als ein Geist unter den Sterblichen.

Fünftes Kapitel. Der Holzspalter.


Fünftes Kapitel. Der Holzspalter.

Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie keinen Augenblick sicher, ob nicht am anderen Tage die Guillotine ihrem Gatten den Kopf abschlage. Jeden Tag holperten schwerfällig die mit Verurteilten gefüllten Karren durch die gepflasterten Straßen. Liebliche Mädchen; glänzende Frauen, braunhaarig, schwarzhaarig und grau; Jünglinge, Männer und Greise; Hochgeborene und Geringe alles roter Wein für La Guillotine, alles täglich ans Licht gefördert aus den dunklen Kellern der eklen Gefängnisse und durch die Straßen geführt, um ihren brennenden Durst zu stillen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod der letzte ist am leichtesten zu erringen, o Guillotine!

Wenn die Plötzlichkeit des Unglücks und die wirbelnden Räder der Zeit die eines Resultats harrende Tochter zu dumpfer Verzweiflung getrieben hätten, so wäre es ihr ergangen wie so vielen; aber von der Stunde an, als sie in dem Dachstübchen von Saint Antoine das weiße Haupt an ihre frische junge Brust gedrückt, hatte sie unwandelbar den übernommenen Pflichten nachgelebt und blieb ihnen namentlich treu in der Zeit der Heimsuchung, wie es stets bei treuen und guten stillen Seelen der Fall ist.

Sobald die neue Wohnung eingerichtet war und ihr Vater sich in seinen Beruf wieder hineingefunden hatte, ordnete sie ihren kleinen Haushalt geradeso, als ob ihr Mann anwesend sei. Alles hatte seinen bestimmten Platz und seine bestimmte Zeit. Die kleine Lucie unterrichtete sie so regelmäßig, als wären sie noch in ihrer englischen Heimat beisammen. Die kleinen Kunstgriffe, mit denen sie sich in den Wahn hineintäuschte, daß sie bald wieder vereinigt sein würden, die leichten Vorbereitungen für seine baldige Zurückkehr, das Herrichten seines Stuhls und seiner Bücher dies und das feierliche Nachtgebet namentlich für einen lieben Gefangenen unter den vielen unglücklichen Seelen, die im Gefängnis und unter dem Schatten des Todes lebten, waren fast die einzigen ausgesprochenen Tröstungsmittel ihres schweren Herzens.

In ihrem Äußeren zeigte sie keine besondere Veränderung. Die einfachen, schwarzen, an Trauer mahnenden Kleider, die sie und ihr Kind trugen, waren so sauber und geordnet, wie in glücklicheren Tagen ihr hellerer Anzug. Sie sah bleich aus, und der alte ernste Zug in ihrem Gesicht kam nicht mehr bloß gelegentlich, sondern war bleibend geworden; in jeder andern Beziehung aber konnte man sie noch immer sehr hübsch und anmutig nennen. Bisweilen ließ sie abends, wenn sie ihren Vater küßte, ihren den ganzen Tag über unterdrückten Schmerz zum Ausbruch kommen, wobei sie ihm versicherte, daß er ihre einzige Stütze und Zuversicht sei unter der Sonne, und dann pflegte er mit Entschiedenheit darauf zu antworten: »Nichts kann ihm zustoßen ohne mein Vorwissen, und ich weiß, daß ich ihn zu retten vermag, Lucie.«

Sie hatten in dieser veränderten Lebensweise noch nicht viele Wochen verbracht, als ihr Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:

»Meine Liebe, in dem Gefängnis ist ein oberes Zimmer, zu dem Charles bisweilen um drei Uhr nachmittags Zutritt hat. Kann er hinkommen dies hängt freilich von manchen Ungewißheiten und Zufälligkeiten ab , so meint er, dich in der Straße sehen zu können, wenn du dich an einem gewissen Platz aufstellst, den ich dir zeigen will. Du wirst ihn freilich nicht sehen, mein armes Kind, und selbst wenn es der Fall wäre, würde es nicht rätlich sein, ein Zeichen des Erkennens zu geben.«

»Oh, zeigt mir den Platz, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.«

Von dieser Zeit an wartete sie dort bei jedem Wetter täglich zwei Stunden. Sobald die Glocke zwei schlug, war sie an der Stelle, und um vier Uhr entfernte sie sich wieder voll Ergebung. Wenn es für ihr Kind nicht zu naß oder zu kalt war, so gingen sie miteinander; zu andern Zeiten tat sie es allein; unter allen Umständen aber ließ sie es keinen Tag fehlen.

Es war die dunkle schmutzige Ecke einer krummen Straße. Die Hütte eines Holzspalters stellte an diesem Ende die einzige wohnliche Stätte dar; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage fiel dem Manne ihre Anwesenheit auf.

»Guten Tag, Bürgerin.«

»Guten Tag, Bürger.«

Diese Art der Anrede war jetzt durch ein Dekret vorgeschrieben. Die Ausbundpatrioten hatten sich ihrer schon einige Zeit vorher bedient, aber jetzt war sie Gesetz für jedermann.

»Wieder hierher einen Spaziergang gemacht, Bürgerin?«

»Wie Ihr seht, Bürger.«

Der Holzspalter, ein kleiner Mann mit einem schwunghaften Gebärdenspiel (er war früher Straßenarbeiter gewesen), warf einen Blick nach dem Gefängnis, deutete danach hin, hielt seine zehn Finger gegittert vor das Gesicht und schaute spaßhaft durch.

»Aber geht mich nichts an«, sagte er und ging seinem Gewerbe nach.

Am andern Tage sah er sich wieder nach ihr um und redete sie an, sobald sie erschien.

»Wie, schon wieder einen Spaziergang, Bürgerin?«

»Ja, Bürger.«

»Ah, und ein Kind dazu! Dies ist wohl deine Mutter, meine kleine Bürgerin?«

»Soll ich ja sagen, Mama?« flüsterte die kleine Lucie, sich dicht an sie anschmiegend.

»Ja, mein Kind.«

»Ja, Bürger.«

»Ah! Aber geht mich nichts an. Ich kümmere mich nur um meine Arbeit. Seht meine Säge da ich nenne sie meine kleine Guillotine. Ratsch, ratsch, ratsch; ratsch, ratsch, ratsch! Und herunter ist sein Kopf!«

Während er so sprach, fiel das Scheit, und er warf es in einen Korb.

»Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Schaut wieder her. Ritsch, ritsch, ritsch; ritsch, ritsch, ritsch! Und ihr Kopf ist gefallen! Jetzt ein Kind. Retsche, retsche; retsche, retsche! Da kommt sein Kopf. Die ganze Familie!«

Lucie schauderte, als er zwei weitere Scheiter in seinen Korb warf; aber wenn der Holzspalter dort arbeitete, mußte sie notwendig von ihm gesehen werden. Sie redete ihn daher, um sich seine Geneigtheit zu sichern, immer zuerst an und gab ihm auch öfters ein Trinkgeld, das er sich recht gern gefallen ließ.

Er war ein neugieriger Bursche, und wenn sie bisweilen im Aufschauen nach dem Dach und den Gittern des Gefängnisses, in der Erhebung ihres Herzens zu dem Gatten seiner ganz vergessen hatte, konnte sie auf einmal bemerken, daß er, das Knie auf seine Bank gestützt und die Säge mitten in der Arbeit ruhen lassend, ihr zusah. »Aber geht mich nichts an«, pflegte er bei solchen Gelegenheiten zu sagen und ließ dann wieder hurtig seine Säge gehen.

Bei jedem Wetter, im Schnee und Winterfrost, in den schneidenden Frühjahrswinden, im heißen Sommersonnenschein, im Herbstregen und wieder im Schnee und Winterfrost verbrachte Lucie jeden Tag zwei Stunden an diesem Platz, und jeden Tag küßte sie, eh‘ sie sich entfernte, die Gefängnismauer. Ihr Gatte sah sie, wie sie von ihrem Vater erfuhr, einmal unter fünf oder sechs Malen, vielleicht auch zwei- oder dreimal hintereinander, dann aber wieder eine Woche oder zwei gar nicht. Es war genug, daß er sie sehen konnte, wenn er Gelegenheit dazu fand, und ergab sich diese auch nur einmal in der Woche, so machte sie um der Möglichkeit willen doch gern jeden Tag diesen Gang.

So verging der Monat Dezember, und ihr Vater wandelte noch immer sicheren Hauptes unter den Schrecken umher. Eines Nachmittags, als eben ein leichter Schnee fiel, war sie wieder an der gewöhnlichen Ecke angelangt. Es war ein Tag wilder Freude irgendein Fest. Sie hatte auf dem Herwege die Häuser mit kleinen Spießen, auf denen kleine rote Mützen ragten, auch mit dreifarbigen Bändern und meist in den beliebten dreifarbigen Buchstaben mit der unvermeidlichen Inschrift geziert gesehen: Eine und unteilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod!

Die erbärmliche Hütte des Holzspalters war so klein, daß ihre ganze Oberfläche nur einen sehr unbedeutenden Raum bot für diese Inschrift. Gleichwohl hatte er jemanden aufgetrieben, der sie für ihn hinschmierte, obschon das Wort Tod kaum mehr einen Platz finden konnte. Über dem Giebel seines Hauses sah man den Spieß und die Mütze, an der es kein guter Bürger fehlen lassen durfte, und in einem Fenster hatte er seine Säge ausgestellt mit der Bezeichnung: »Kleine heilige Guillotine«; denn das große scharfe Frauenzimmer war inzwischen vom Volk heilig gesprochen worden. Sein Sägeschopf war geschlossen und er nicht zu Hause. Diese Einsamkeit gereichte Lucie zu großem Trost.

Aber er war nicht weit weg. Sie hörte bald das Gestampf von Füßen und näher kommendes Geschrei, das sie mit Furcht erfüllte Einen Augenblick später wogte ein Volkshaufe um die Ecke ter Gefängnismauer, und in der Mitte desselben befand sich der Holzspalter Hand in Hand mit der Rache. Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten einher wie fünftausend böse Geister. Die Musik bildete ihr eigener Gesang. Sie tanzten zu dem beliebten Revolutionslied und hatten dazu einen wilden Takt, der wie ein gemeinsames Zähneknirschen klang. Männer tanzten mit Weibern, Weiber mit Weibern und Männer mit Männern, wie sie eben der Zufall zusammenführte. Anfangs nahmen sie sich nur wie ein Strom von groben roten Mützen und grobwollenen Lumpen aus. Aber als sie den Platz füllten und um Lucie her haltmachten, begann auf einmal eine gräßliche Tanzfigur in wildem Toben. Sie bewegten sich vorwärts und rückwärts, schlugen sich nach den Händen, packten sich bei den Köpfen, wirbelten allein umher, faßten sich dann und drehten sich paarweise, bis viele davon niedersanken. Während nun diese am Boden lagen, gaben die anderen sich die Hände und führten um sie her einen Reigen auf. Dann riß der Ring, und die einzelnen Partner bildeten wieder Ringe aus zwei und vier, die sich drehten und drehten, bis alle auf einmal haltmachten; dann fingen sie wieder von vorne an, klopften und packten sich, zerrten einander und kreisten dann in einer verkehrten Richtung. Plötzlich machten sie wieder halt, schlugen aufs neue ihren Takt an, bildeten Reihen von der Breite der Straße und fegten mit tiefgesenkten Häuptern und hocherhobenen Händen davon. Kein Ringkampf hätte nur halb so schrecklich aussehen können als dieser Tanz. Er war so ausdrücklich eine herabgekommene Belustigung ein Etwas, das, aus einem unschuldigen Ursprung herstammend, in wahre Teufelei ausgeartet war eine gesunde Ergötzlichkeit, umgewandelt in ein Mittel, das Blut aufzuregen, die Sinne außer sich zu bringen und das Herz zu stählen. Die Anmut, die sich darin noch sichtbar machte, ließ den Tanz nur um so häßlicher erscheinen, indem sie zeigte, wie verkehrt und verworfen alles von Natur aus Gute geworden war. Der jungfräuliche Busen so bloß, der hübsche, fast kindliche Kopf so verdreht, die feinen Füße, grob sich bewegend in dieser Pfütze von Kot und Blut, waren lauter Typen einer aus den Fugen gegangenen Zeit.

Dies war die Carmagnole. Während sie vorüberrauschte und Lucie entsetzt und verwirrt auf der Schwelle zu der Hütte des Holzspalters zurückblieb, fiel der flockige Schnee so ruhig und blieb so weiß und so weich liegen, als sei der Boden nie der Schauplatz einer solchen Szene gewesen.

»O mein Vater!« denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder aufschlug, die sie eine Weile mit der Hand verhüllt hatte »welch ein häßlicher, entsetzlicher Anblick!«

»Ich weiß es, meine Liebe, ich weiß es habe ihn schon oft mit angesehen. Doch fürchte dich nicht. Niemand von ihnen wird dir etwas zuleide tun.«

»Ich fürchte nichts für mich selbst, Vater. Aber wenn ich an meinen Gatten denke und an das Erbarmen dieses Volkes«

»Wir wollen ihn bald aus dem Bereiche seines Erbarmens geschafft haben. Ich verließ ihn, wie er zu dem Fenster hinankletterte, und komme her, es dir zu sagen. Es ist niemand hier, der dich sehen kann. Wirf ihm einen Kuß zu nach dem höchsten Dachsims hinauf.«

»Ich tue es, Vater, und meine Seele eilt mit hin.«

»Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Tochter?«

»Nein, Vater«, versetzte Lucie mit sehnsüchtigen Tränen im Auge, während sie eine Kußhand nach dem Gefängnis hin sandte, »nein.«

Ein Fußtritt im Schnee. Madame Defarge.

»Ich grüße Euch, Bürgerin«, sagte der Doktor.

»Ich grüße Euch, Bürger.«

Dies im Vorübergehen. Weiter nicht. Madame Defarge war fort, hingeglitten wie ein Schatten über den weißen Weg.

»Gib mir deinen Arm, meine Liebe. Du kannst seinetwegen mit heiterem, mutigem Geist nach Hause gehen. Es war gut so«, bemerkte er, als sie den Platz verlassen hatten; »es wird nicht umsonst sein. Charles ist auf morgen vorgeladen.«

»Auf morgen?«

»Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet; aber es müssen Vorkehrungen getroffen werden, die sich nicht besorgen ließen, ehe er vor das Tribunal geladen war. Bis jetzt hat er noch keine Mitteilung erhalten; ich weiß jedoch, daß er auf morgen vorbeschieden ist und nach der Conciergerie gebracht werden soll. Ich bin in guter Zeit unterrichtet worden. Du hast doch keine Angst?«

Sie vermochte kaum hervorzubringen:

»Ich verlasse mich auf Euch.«

»Dies kannst du unbedingt. Die Ungewißheit wird bald zu Ende sein, mein Herz. In wenigen Stunden ist er dir zurück gegeben. Ich habe ihm jeden erdenklichen Schutz gesichert. Jetzt muß ich Lorry aufsuchen.«

Er hielt inne. Man hörte ein schwerfälliges Gerassel von Rädern. Beide wußten nur zu gut, was es zu bedeuten hatte. Eins. Zwei. Drei. Drei Karren fuhren mit ihrer unglücklichen Ladung über den tondämpfenden Schnee.

»Ich muß Lorry sprechen«, wiederholte der Doktor, indem er sie in eine andere Richtung führte.

Der standhafte alte Ehrenmann hielt noch immer aus auf seinem Posten. Er und seine Bücher wurden häufig in Anspruch genommen, wenn es sich um beschlagnahmtes und der Nation zugefallenes Eigentum handelte. Was er für die Eigentümer retten konnte, das rettete er. In der ganzen Welt hätte sich kein besserer Mann finden lassen, um in aller Stille und Verschwiegenheit festzuhalten, was Tellsons zur Verwahrung übergeben war.

Ein trüber rotgelber Himmel und der von der Seine aufsteigende Nebel verkündeten den Einbruch der Dunkelheit. Es war schon finster, als sie die Bank erreichten. Der stattliche Palast von Monseigneur war verheert und verlassen. Über einem Haufen von Staub und Asche im Hofe las man die Inschrift: Nationaleigentum. Eine und unteilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.

Wer mochte dies wohl sein bei Mr. Lorry, der Eigentümer des Reitkleids auf dem Sessel, der nicht gesehen werden wollte? Von welchem neuen Ankömmling kam der Doktor voll Aufregung und Überraschung heraus, um seinen Liebling zu umarmen? Wem wiederholte er augenscheinlich ihre stotternden Worte, als er mit lauter Stimme und das Gesicht der Tür zugewendet, aus der er gekommen, sagte: »Nach der Conciergerie gebracht und auf morgen vorgeladen«?

Sechstes Kapitel. Triumph.


Sechstes Kapitel. Triumph.

Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, der öffentliche Ankläger und ein entschiedenes Schwurgericht hielten jeden Tag Sitzung. Ihre Listen wurden jeden Abend ausgegeben und von den Kerkermeistern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen. Der ständige Schließerwitz lautete: »Kommt heraus und hört die Abendzeitung, ihr da drinnen.«

»Charles Evrémonde, genannt Darnay!«

So begann endlich die Abendzeitung in der Force.

Wenn ein Namen verlesen war, trat der Bezeichnete beiseite auf einen Platz, der jenen vorbehalten blieb, die auf der verhängnisvollen Liste standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, kannte diesen Brauch aus langer Erfahrung; er hatte Hunderte so weggehen sehen.

Der gedunsene Kerkermeister, der zum Lesen eine Brille brauchte, schaute über die Gläser weg, um sich zu überzeugen, daß er seinen Platz eingenommen hatte, und fuhr dann in der Liste fort, indem er nach jedem Namen dieselbe Pause machte. Es waren ihrer dreiundzwanzig; aber nur zwanzig hatten geantwortet; denn einer von den so aufgebotenen Gefangenen war im Gefängnis gestorben und vergessen worden, die beiden andern hatte man bereits guillotiniert und gleichfalls vergessen. Die Liste kam zum Verlesen in der gewölbten Halle, wo Darnay am Abend seiner Ankunft der Gesellschaft der Gefangenen begegnete. Von jenen waren alle samt und sonders bei dem Gemetzel gefallen. Jedes Menschenwesen, an dem er seitdem Anteil genommen und das den Platz wieder verlassen, hatte den Tod auf dem Schafott gefunden.

Man tauschte hastig ein freundliches Lebewohl aus; aber das Abschiednehmen war bald vorüber. Es gehörte ja zu den alltäglichen Ereignissen, und die Gesellschaft in der Force hatte mit Vorbereitungen zu einem Pfänderspiel und einem kleinen Konzert für den Abend zu schaffen. Sie drängten sich wohl an die Gitter und vergossen da einige Tränen; aber bei der in Aussicht genommenen Unterhaltung gab es zwanzig Plätze auszufüllen, und die Zeit war so kurz bis zu der Stunde des Verschlusses, nach der die gemeinsamen Räume und Gänge den großen Hunden überantwortet wurden, die hier während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren gewiß nicht unempfindlich oder gefühllos; aber sie wollten die ihnen so kurz zugemessene Zeit ausnützen. In ähnlicher Art, obschon mit einem feinen Unterschied, ließen sich bekanntlich, ohne Zweifel in einer Art Fieber oder Trunkenheit, manche hinreißen, der Guillotine, die sie verschlang, unnötig zu trotzen, sicherlich nicht aus bloßer Prahlerei, sondern angesteckt von der wilden Zerrüttung, die allgemein die Gemüter befallen hatte. In Pestzeiten haben manche Leute eine besondere Empfänglichkeit für die Krankheit, eine schrecklich anziehende Neigung, an ihr zu sterben. Und in jeder Brust liegen ähnliche Wunden verborgen; es bedarf nur der Umstände, sie ins Leben zu rufen.

Der Korridor zu der Conciergerie war kurz und dunkel, die Nacht in ihren von Ungeziefer wimmelnden Zellen lang und kalt. Am andern Tage hatten fünfzehn Gefangene vor Gericht zu erscheinen, ehe Charles Darnays Name an die Reihe kam. Alle die fünfzehn wurden zum Tode verurteilt, und die Verhandlungen währten im ganzen anderthalb Stunden.

Charles Evrémonde, genannt Darnay, wurde endlich vorgeladen.

Die Richter auf der Bank hatten Federhüte auf; sonst herrschte die grobe rote Mütze und die dreifarbige Kokarde als Kopfbedeckung vor. Wenn man die Schwurrichter und das lärmende Publikum betrachtete, konnte man zu dem Glauben kommen, man lebe in der verkehrten Welt und die Verbrecher säßen zu Gericht über die ehrlichen Leute. Der gemeinste, schlechteste und blutdürstigste Pöbel einer Stadt, dem es gewiß nie an gemeinen und schlechten Bluthunden fehlte, hatte die Oberhand und machte lärmend seine Bemerkungen; er durfte Beifall klatschen, sein Mißfallen kundgeben, dem Urteile vorgreifen und das Resultat beschleunigen, ohne daß man ihm Einhalt tat. Die Männer waren großenteils in verschiedener Weise bewaffnet; von den Weibern trugen einige Messer, die andern Dolche, die einen aßen und tranken während des Zusehens, andere strickten. Unter den letzteren befand sich eine, die bei ihrer Arbeit noch ein lediges Strickzeug unter dem Arme hatte. Sie saß in einer vorderen Reihe an der Seite eines Mannes, den Darnay seit seiner Ankunft an der Barriere nicht mehr gesehen hatte und in dem er sogleich Defarge wiedererkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder zweimal ins Ohr flüsterte und daß sie allem Anscheine nach sein Weib war; am meisten fiel ihm aber an den beiden auf, daß sie, obschon sie sich möglichst in seine Nähe gemacht hatten, doch nie nach ihm hinsahen. Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf etwas zu warten und für nichts als für die Geschworenen ein Auge zu haben. Unter dem Präsidenten saß Doktor Manette in seinem gewöhnlichen ehrbaren Anzuge. Soviel der Gefangene wahrnehmen konnte, waren er und Mr. Lorry die einzigen nicht zum Gerichtspersonal gehörigen Männer, die ihre gewöhnlichen Kleider trugen und nicht das grobe Gewand der Carmagnole zur Schau stellten.

Charles Evrémonde, genannt Darnay, wurde von dem öffentlichen Ankläger als ein Emigrant bezeichnet, dessen Leben an die Republik verwirkt sei kraft des Dekrets, das alle zurückkehrenden Emigranten zum Tode verurteilte. Es wurde als belanglos angesehen, daß das Dekret erst in die Zeit nach seiner Rückkehr fiel. Er war da, das Gesetz war da, man hatte ihn in Frankreich aufgegriffen, und sein Leben wurde gefordert.

»Zur Guillotine mit ihm!« rief das Publikum. »Ein Feind der Republik!«

Der Präsident klingelte, um die Lärmenden zum Schweigen zu bringen, und fragte den Gefangenen, ob es wahr sei, daß er viele Jahre in England gelebt habe.

Es wurde nicht geleugnet.

Und dennoch wolle er kein Emigrant sein? Als was er sich denn bezeichne?

Hoffentlich nicht als einen Emigranten im Sinn und Geist des Gesetzes.

Warum nicht? wünschte der Präsident zu wissen.

Weil er freiwillig eine Stellung und einen Titel aufgegeben habe, der ihm verhaßt geworden. Er habe sein Vaterland verlassen, eh‘ das Wort Emigrant in dem Sinne, wie man es jetzt nehme, vor Gericht üblich war, weil er lieber von seinem eigenen Fleiße in England als von dem des mit Lasten überhäuften Volkes in Frankreich seinen Unterhalt ziehen wollte.

Welche Beweise konnte er dafür beibringen?

Er übergebe die Namen von zwei Zeugen: Theophil Gabelle und Alexander Manette.

Aber er habe in England geheiratet, erinnerte ihn der Präsident.

Ja, aber keine Engländerin.

Eine Bürgerin von Frankreich?

Ja. Von Geburt.

Ihr Name und ihre Familie?

»Lucie Manette, einzige Tochter des Doktor Manette, des wackeren Arztes, der hier sitzt.«

Diese Antwort machte einen günstigen Eindruck auf die Zuhörerschaft. Ein jubelndes Geschrei zu Ehren des wohlbekannten wackeren Doktors erfüllte die Halle. So sehr ließ sich das Volk von einer augenblicklichen Stimmung hinreißen, daß man Tränen sah auf mehreren wilden Gesichtern, die einen Augenblick vorher den Gefangenen noch angestiert hatten, als juckten ihnen die Fäuste, ihn auf die Straßen hinauszuzerren und totzuschlagen.

Diese paar Schritte auf seinem gefährlichen Wege hatte Charles Darnan ganz nach Doktor Manettes wiederholter Weisung getan. Derselbe vorsichtige Rat diente ihm auch weiter zur Richtschnur und hatte ihm jeden Zoll seines Weges vorbereitet.

Der Präsident fragte ihn, warum er eben zu einer solchen Zeit und nicht früher zurückgekehrt sei.

Er sei fortgeblieben, lautete die einfache Antwort, weil er in Frankreich keine anderen Mittel für seinen Unterhalt hatte als diejenigen, auf die er verzichtet habe, während er sich in England durch Unterricht in der französischen Sprache und Literatur fortbringen konnte. Seine Rückkehr sei auf die dringliche schriftliche Bitte eines französischen Bürgers erfolgt, der ihm vorstellte, daß durch seine Abwesenheit dessen Leben bedroht werde. Er sei gekommen, um das Leben eines Bürgers zu retten und, was auch daraus für ihn folgen mochte, der Wahrheit Zeugnis zu geben. Ob dies die Republik für ein Verbrechen ansehe?

Der Pöbel rief begeistert »Nein!«, und der Präsident rührte die Klingel, um Ruhe herzustellen. Vergeblich. Das Geschrei »Nein, nein!« machte fort, bis die Rufer genug hatten und von selbst nachließen.

Der Präsident fragte nach dem Namen dieses Bürgers. Der Angeklagte antwortete darauf, daß der Bürger sein erster Zeuge sei. Er bezog sich auch mit Zuversicht auf das Schreiben dieses Zeugen, das man ihm an der Barriere abgenommen und das sich ohne Zweifel unter den auf dem Gerichtstische liegenden Akten vorfinden werde.

Der Doktor hatte dafür Sorge getragen, daß es nicht fehlte, und sich persönlich davon überzeugt. Es wurde jetzt hervorgeholt und verlesen. An den Bürger Gabelle erging die Aufforderung, sich darüber zu äußern, und er beglaubigte seinen Brief. Er deutete ferner mit ungemeiner Zartheit und Höflichkeit an, daß er im Drange der Geschäfte, die den Gerichten durch die Menge der Feinde der Republik bereitet wurden, in seinem Abteigefängnis übersehen oder vielleicht in patriotischem Eifer vergessen worden sei bis vor ungefähr drei Tagen; man habe ihn dann vorgefordert und auf die Erklärung der Geschworenen hin, daß die Anklage gegen ihn, soweit sie ihn selbst betreffe, durch die Gestellung des Bürgers Evrémonde, genannt Darnay, erledigt sei, in Freiheit gesetzt.

Dann wurde Doktor Manette ins Verhör genommen. Seine große Beliebtheit bei dem Volke und die Klarheit seiner Antworten machten einen tiefen Eindruck. Als er aber im Verlaufe zeigte, wie der Angeklagte nach seiner Befreiung aus langer Kerkerhaft sein erster Freund gewesen, wie derselbe während seines Aufenthaltes in England sich immer treu und aufopferungsvoll gegen ihn und seine Tochter in ihrer Verbannung benommen, wie er, weit entfernt, bei der dortigen aristokratischen Regierung in Gunst zu stehen, von derselben sogar als ein Feind Englands und ein Freund der Vereinigten Staaten auf Leib und Leben verklagt worden als er alle diese Umstände mit großer Umsicht und mit der vollen Gewalt der Wahrheit und des Ernstes ins Licht stellte, wurden Geschworene und Pöbel eines Sinnes. Und als er sich endlich noch auf Monsieur Lorry, einen anwesenden englischen Gentleman, berief, der wie er selbst Zeuge jenes englischen Kriminalprozesses gewesen und seine Aussagen darüber bestätigen könne, erklärten die Geschworenen, daß sie genug gehört hätten und über ihre Abstimmung schon im reinen seien, wofern der Präsident sie anhören wolle.

Bei jeder abgegebenen Stimme (die Geschworenen verrichteten ihren Dienst laut und einzeln) brach der Pöbel in einen Beifallsjubel aus. Sämtliche Voten lauteten zugunsten des Gefangenen, und der Präsident erklärte ihn für frei.

Dann begann eine von jenen außerordentlichen Szenen, durch die bisweilen der große Haufe seinen Wankelmut kundtat, seine Empfänglichkeit für Gefühle der Großmut und des Erbarmens an den Tag legte, oder eine kleine Abschlagszahlung machen wollte an der hochangeschwollenen Schuld seiner grausamen Wut. Niemand vermag jetzt mehr zu entscheiden, aus welchem Beweggrunde solche merkwürdigen Auftritte sich erklären ließen, obschon wahrscheinlich alle drei Momente zusammenwirkten und das zweite darin die Oberhand behauptete. Kaum war die Freilassung ausgesprochen, als Tränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut, und der Gefangene von den Männern und Weibern, die an ihn gelangen konnten, mit so vielen brüderlichen Umarmungen beehrt wurde, daß er nach seiner langen und ungesunden Haft in Gefahr stand, von Erschöpfung ohnmächtig zu werden, um so mehr, da er recht wohl wußte, wie bereit und eifrig bei einer andern Wendung dasselbe Volk sich gezeigt haben würde, ihn in Stücke zu reißen und seine Gliedmaßen durch die Straßen zu streuen.

Er mußte jetzt andern Angeklagten Platz machen, die gerichtet werden sollten, und sein Abtreten bewahrte ihn für den Augenblick vor der Fortsetzung dieser Liebkosungen. Es kamen fünf zu gleicher Zeit an die Reihe, die als Feinde der Republik verurteilt wurden, weil sie ihr nicht durch Wort oder Tat Beistand geleistet hatten. Das Tribunal beeilte sich so sehr, sich und die Nation für die entgangene Augenweide zu entschädigen, daß diese fünf, die bestimmt waren, binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet zu werden, herunterkamen, ehe noch Darnay den Platz verlassen hatte. Der erste von ihnen teilte ihm sein Schicksal mit dem unter den Gefangenen üblichen Zeichen, einem aufgehobenen Finger, der »Tod« bedeutete, mit, während alle zusammen in den Ruf ausbrachen: »Lang lebe die Republik!«

Die fünf hatten allerdings kein Publikum gehabt, durch das die Verhandlungen über sie verlängert worden wären; denn als Charles mit dem Doktor durch das Tor herauskam, traf er davor ein großes Gedränge, in dem sich alle Gesichter, die er im Gerichtshof bemerkt hatte, zu befinden schienen, zwei ausgenommen, nach denen er sich vergeblich umsah.

Bei seinem Heraustreten machte sich der Volkshaufen wieder an ihn, weinte, umarmte ihn, jubelte und tat alles dies abwechselnd und durcheinander, bis sogar der Fluß, an dessen Ufer die tolle Szene spielte, toll zu werden schien wie die Menschen auf dem Lande.

Sie setzten ihn auf einen großen Sessel, den sie entweder aus dem Gerichtssaale selbst oder aus einem andern Gelasse des Gebäudes mitgenommen hatten, ließen darüber eine rote Fahne flattern und schmückten die Lehne mit einem Spieß und der roten Mütze darauf. Vergeblich wehrte der Doktor bittend ab. Die Männer nahmen ihn samt diesem Triumphwagen auf die Schulter und trugen ihn nach Hause. Um ihn her wogte ein wildes Meer von roten Mützen und warf aus seiner stürmischen Tiefe solche Wracks von Gesichtern in die Höhe, daß er mehr als einmal zweifelte, ob er auch wirklich bei Sinnen sei und ob er nicht auf dem Guillotinekarren dem Tode entgegenholpere.

In wilder traumartiger Prozession trugen sie ihn dahin, umarmten jedermann, dem sie begegneten, und zeigten aller Welt den Helden des Tages. Sie röteten durch den Tritt ihrer Füße die beschneiten Straßen mit der vorherrschenden republikanischen Farbe, wie sie den Boden unter dem Schnee mit einem noch tieferen Rot gefärbt hatten, und brachten ihn nach dem Hofe des Gebäudes, wo seine Gattin wohnte. Ihr Vater war vorausgegangen, um sie vorzubereiten, und wie Charles wieder auf eigene Füße zu stehen kam, sank sie ihm bewußtlos in die Arme.

Während er sie an seine Brust gedrückt hielt und ihr schönes Antlitz das seine vor der Menge verbarg, so daß seine Tränen und ihre Lippen sich ungesehen begegnen konnten, fingen einige aus dem Haufen zu tanzen an. Im Nu hatte dieselbe Manie auch alle andern ergriffen, und der Hofraum war überflutet von der Carmagnole. Sie setzten dann auf den freigewordenen Sessel ein junges Frauenzimmer aus ihrer Mitte, um sie als Göttin der Freiheit umherzutragen. Und nun strömte und flutete es in die benachbarten Straßen hinaus, das Flußufer entlang und über die Brücke. Wer des Weges kam, wurde von der Carmagnole aufgenommen und mit fortgerissen.

Charles drückte dem Doktor, der stolz und siegesbewußt vor ihm stand, und Mr. Lorry, der atemlos sich der Wasserhose der Carmagnole entrungen hatte, die Hand, küßte die kleine Lucie, die man zu ihm emporgehoben, damit sie mit ihren Ärmchen seinen Hals umschlingen konnte, drückte die immer eifrige und treue Miß Proß, die ihm das Kind dargeboten, an sich und nahm seine Gattin in die Arme, um sie nach ihrer Wohnung hinaufzutragen.

»Lucie! Mein Leben! Ich bin gerettet!«

»Oh, mein teurer Charles, laß mich Gott auf den Knien dafür danken, wie ich zu ihm gebetet habe.«

Alle beugten ehrfurchtsvoll die Häupter und die Herzen. Als er sie wieder in seinen Armen hatte, sagte er zu ihr:

»Und nun danke deinem Vater, meine Liebe. Kein anderer Mann in ganz Frankreich hätte für mich tun können, was er tat.«

Sie legte das Haupt an ihres Vaters Brust, wie er vor langer, langer Zeit seinen armen Kopf an die ihrige gelegt hatte. Er war glücklich, daß er ihr vergelten konnte, fühlte sich belohnt für seine Leiden und war stolz auf seine Stärke.

»Du mußt nicht schwach sein, mein Herz«, sagte er verweisend, »mußt nicht so zittern. Ich habe ihn gerettet.«

Neunzehntes Kapitel. Ein ärztliches Gutachten.


Neunzehntes Kapitel. Ein ärztliches Gutachten.

Von angstvollem Wachen erschöpft, schlief Mr. Lorry auf seinem Posten ein. Am zehnten Morgen seiner peinlichen Sorge wurde er in dem Zimmer, wo ihn bei finsterer Nacht der schwere Schlaf überwältigt hatte, durch den hellen Sonnenschein aufgeweckt.

Er rieb die Augen und lichtete sich auf, konnte aber dadurch nicht aus dem Zweifel kommen, ob er nicht noch immer schlafe. Denn als er nach der Tür des Doktors hinging und hineinsah, bemerkte er, daß die Bank und die Schuhmachergerätschaften beiseite gerückt waren und der Doktor lesend am Fenster saß. Er trug seinen gewöhnlichen Morgenanzug, und sein Gesicht, das Mr. Lorin deutlich sehen konnte, hatte ungeachtet der tiefen Blässe den ruhigen, aufmerksamen Ausdruck des Studiums.

Mr. Lorry fühlte sich, nachdem er sich von seinem Wachen überzeugt hatte, einige Augenblicke schwindelig ungewiß, ob nicht vielleicht das frühere Schuhmacher: ein unruhiger Traum, eine ängstigende Ausgeburt seines eigenen Gehirns gewesen sei; denn sah er nicht mit eigenen Augen den Freund wieder vor sich im gewohnten Anzug, mit dem alten Aussehen und in seiner ordnungsmäßigen Beschäftigung, und konnte er irgendwo ein Zeichen wahrnehmen, daß der Wechsel, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wirklich stattgefunden hatte?

Doch dies war nur die Frage seines ersten verwirrten Staunens; die Antwort ergab sich von selbst. Wenn jener Eindruck sich nicht auf eine entsprechende und zureichende Ursache gründete, wie kam er, Jarvis Lorry, hierher? Wie hätte er in seinen Kleidern auf dem Sofa von Doktor Manettes Ordinationszimmer einschlafen und über alle diese Dinge sich am frühen Morgen vor der Schlafzimmertür des Doktors Gedanken machen können?

Nach einigen Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wäre noch ein Tüttelchen von einem Zweifel übrig gewesen, so würde ihr Reden es vollends beseitigt haben; aber er war mittlerweile klar im Kopfe geworden und über den Zweifel weggekommen. Er meinte, man solle ruhig bleiben bis zur gewöhnlichen Frühstückszeit, und dann wollten sie den Doktor empfangen, wie wenn nichts Ungewöhnliches vorgefallen sei. Zeigte er dabei seine gewöhnliche Gemütsverfassung, so wollte Mr. Lorry zu weiterer Leitung und Führung vorsichtig das Gutachten einzuholen suchen, um das es ihm in seiner Bekümmernis so ängstlich zu tun gewesen war.

Da Miß Proß sich seinem Urteil unterordnete, so wurde der Plan mit aller Sorgfalt ausgearbeitet. Mr. Lorry hatte noch reichlich Zeit zu seiner ordnungsmäßigen methodischen Toilette und präsentierte sich daher um die Frühstückszeit in seiner gewöhnlichen weißen Leinwand und mit seinen gewöhnlichen sauberen Beinen. Der Doktor wurde wie sonst gerufen und kam zum Frühstück.

Soweit sich aus den behutsamen Annäherungen, die Mr. Lorry allein rätlich schienen, ein Urteil bilden ließ, so meinte der Doktor anfangs, daß die Hochzeit seiner Tochter erst am Tage zuvor stattgefunden habe; eine wie zufällig hingeworfene Anspielung aber auf den Wochen- und Monatstag bewog ihn nachzuzählen und machte ihn augenscheinlich unruhig, obschon er sich in allen anderen Dingen so gefaßt benahm, daß Lorry zu dem Entschlusse kam, sich den Beistand zu sichern, auf den er es abgehoben hatte. Und der Beistand wurde ihm zuteil.

Nachdem das Frühstück vorüber und der Tisch abgeräumt war, blieb Mr. Lorry noch bei dem Doktor sitzen und begann in ausholender Weise:

»Mein werter Manette, ich bin ungemein begierig, im Vertrauen Euer Gutachten über einen sehr merkwürdigen Fall zu hören, der großes Interesse für mich hat; das heißt, mir eben kommt er sehr merkwürdig vor. Ihr seid ein einsichtsvoller, erfahrener Mann und beurteilt ihn vielleicht anders.«

Der Doktor warf einen Blick nach seinen Händen, die von seinem jüngsten Arbeiten her noch unsauber waren, und zeigte eine unruhige Miene, hörte aber aufmerksam zu. Dieses Hinschauen nach seinen Händen war schon öfter vorgekommen.

»Doktor Manette«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er sanft seinen Arm anfaßte, »die Sache betrifft einen mir sehr lieben Freund. Ich bitte, zieht sie in Erwägung und erteilt mir einen guten Rat in seinem Interesse, vor allem aber um seiner Tochter seiner Tochter willen, mein lieber Manette.«

»Wenn ich Euch recht verstehe«, sagte der Doktor in gedämpftem Ton, »so meint Ihr eine geistige Störung «

»Ja«

»Sprecht unumwunden«, versetzte der Doktor. »Ich muß die Einzelheiten kennen.«

Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden, und fuhr fort:

»Mein lieber Manette, es handelt sich um eine aus alter Zeit her stammende Störung, um schwere und bittere Schläge auf das Gefühl, auf das Gemüt, auf auf auf den Geist, wie Ihr’s nennt. Den Geist. Es handelt sich um eine Erschütterung, die den Leidenden man kann nicht sagen, wie lange niederwarf, weil ich glaube, daß er die Zeit selbst nicht zu berechnen weiß und auf andere Art kein Aufschluß darüber zu gewinnen ist. Von dieser Erschütterung hatte er sich durch einen Prozeß wieder erholt, von dem er sich keine Rechenschaft geben kann, wie ich ihn selbst einmal in eindringlichster Weise öffentlich versichern hörte. Die Erholung war so vollständig gewesen, daß er aller seiner Geisteskräfte wieder mächtig wurde; er ging viel unter die Menschen und erweiterte die reichen Vorräte seines Wissens immer mehr und mehr. Aber unglücklicherweise« er hielt inne und atmete tief auf »hat ein kleiner Rückfall stattgefunden.«

Der Doktor fragte mit leiser Stimme:

»Von welcher Dauer?«

»Neun Tage und Nächte.«

»Wie zeigte sich die Sache? Vermutlich« er schaute wieder nach seinen Händen »in Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung, die mit jener Störung im Zusammenhang stand?«

»So ist es.«

»Habt Ihr ihn auch in jener ursprünglichen Beschäftigung beobachtet?« fragte der Doktor in bestimmtem, ruhigem Tone, obschon noch immer mit derselben leisen Stimme.

»Einmal.«

»Und als der Rückfall über ihn kam, war er nur in einzelnen oder in allen Beziehungen so wie damals?«

»Ich denke, in allen.«

»Ihr spracht von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von dem Rückfall?«

»Nein; er ist vor ihr geheimgehalten worden, und ich hoffe, sie soll nie etwas davon erfahren. Nur ich weiß davon und eine andere Person, der man trauen darf.«

Der Doktor ergriff seine Hand und flüsterte:

»Das war sehr liebevoll, sehr umsichtig von Euch.«

Mr. Lorry erwiderte den Händedruck, und beide saßen eine Weile schweigend beieinander.

»Nun, mein lieber Manette«, fuhr Mr. Lorry endlich in der rücksichtsvollsten und teilnehmendsten Weise wieder fort, »ich bin bloß ein Geschäftsmann und verstehe mich nicht auf so verwickelte und schwierige Dinge. Es fehlt mir an den nötigen Kenntnissen, an der erforderlichen Einsicht, und ich bedarf einer Leitung. Aber es gibt keinen Mann in der Welt, von dem ich mir eine bessere Führung verspräche als von Euch. Sagt mir, was mag der Grund dieses Rückfalls gewesen sein? Sind wohl weitere zu befürchten? Kann ihnen vorgebeugt werden? Wie wäre ein solcher Rückfall zu behandeln? Welche Ursachen liegen dabei zugrunde? Und was kann ich tun für meinen Freund? Gewiß ist niemand so von Herzen bereit, einem Freunde zu dienen als ich, wenn ich nur wüßte, wie ich mich zu verhalten hätte; aber in einem solchen Falle bin ich nicht einmal imstande, einen Anfang zu machen. Vielleicht könnte ich vieles leisten, wenn mich Eure Klugheit, Einsicht und Erfahrung auf den rechten Weg weisen wollte; aber ohne Leitung und Belehrung vermag ich nichts. Ich bitte, geht mit mir auf die Sache ein; setzt mich in den Stand, ein wenig klarer zu sehen, und belehrt mich, wie ich mich nützlicher machen kann.«

Nach diesen ernsten Worten blieb Doktor Manette gedankenvoll sitzen, und Lorry drang nicht weiter in ihn.

»Mein teurer Freund, ich halte es für wahrscheinlich«, sagte der Doktor, der sich Gewalt antun mußte, das Schweigen zu unterbrechen, »daß der von Euch beschriebene Rückfall dem Gegenstand desselben nicht ganz unerwartet kam.«

»Fürchtete er sich vielleicht davor?« wagte Mr. Lorry zu fragen.

»Sehr.« Dieses Wort wurde von einem unwillkürlichen Schaudern begleitet. »Ihr könnt Euch keine Vorstellung machen, wie eine solche Furcht auf der Seele eines Leidenden lastet und wie schwer wie fast unmöglich es ihm ist, sich zu einer Äußerung über den ihn drückenden Gegenstand zu zwingen.«

»Würde es ihm wohl eine namhafte Erleichterung schaffen«, fragte Lorry weiter, »wenn er es über sich gewinnen könnte, dieses geheime Brüten, wenn es eben auf ihm lastet, jemand mitzuteilen?«

»Ich glaube es; aber dies ist, wie ich bereits bemerkte, fast eine Unmöglichkeit ja, ich glaube sogar, in manchen Fällen eine reine Unmöglichkeit.«

»Nun«, sagte Mr. Lorry, indem er nach einer abermaligen Pause wieder die Hand auf den Arm des Doktors legte, »von was leitet Ihr diesen Anfall her?«

»Ich glaube«, versetzte Doktor Manette, »daß ein starkes und außerordentliches Wiederaufleben der Gedanken und Erinnerungen, die das erstemal Anlaß zu seiner Krankheit gaben, stattgefunden haben muß. Ich denke mir, daß er sich eine traurige Vergangenheit lebhaft wieder vor die Seele führte. Wahrscheinlich hat auch lange vorher eine geheime Furcht, daß unter gewissen Umständen oder vielmehr bei einer gewissen Gelegenheit jene Erinnerungen wieder erwachen dürften, seinen Geist in Spannung erhalten. Er suchte sich wohl vergeblich darauf vorzubereiten, und vielleicht war gerade die Mühe, die er sich deshalb gab, Ursache, daß er um so weniger Widerstand zu leisten vermochte.«

»Kann er sich wohl dessen erinnern, was bei diesem Rückfall vorging?« fragte Mr. Lorry mit leicht begreiflichem Zaudern.

Der Doktor warf einen kummervollen Blick im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und antwortete mit dumpfer Stimme:

»Nicht im geringsten.«

»Und was haltet Ihr von der Zukunft?« deutete Mr. Lorry an.

»Was die Zukunft betrifft, so habe ich große Hoffnung«, erwiderte der Doktor mit mehr Festigkeit. »Wenn es dem Himmel in seiner Gnade gefallen hat, ihn so bald wieder genesen zu lassen, so möchte ich viel hoffen. Ist er unter dem Druck eines verwickelten Etwas erlegen, das er lange gefürchtet, lange unbestimmt vorausgesehen und vergeblich bekämpft hat, und folgte die Genesung nach dem Entladen und Vorübergehen der Wolke, so möchte ich glauben, daß das Schlimmste vorüber ist.«

»Na, das ist ein großer Trost. Gott sei Dank dafür!« sagte Mr. Lorry.

»Ja, Gott sei Dank!« wiederholte der Doktor, andachtsvoll das Haupt neigend.

»Es gibt übrigens noch zwei andere Punkte, über die ich Belehrung wünsche«, sagte Mr. Lorry. »Darf ich fortfahren?«

»Ihr könnt Eurem Freunde keinen besseren Dienst erweisen.«

Der Doktor gab ihm die Hand.

»Zuerst also. Er ist ans Studieren gewöhnt und betreibt es mit Eifer; er läßt sich’s ungemein angelegen sein, sich in dem Wissen seines Berufes zu vervollkommnen, macht Versuche und treibt viele ähnliche Dinge. Tut er darin nicht zuviel?«

»Ich glaube es nicht. Es liegt vielleicht in seiner geistigen Organisation, daß er stets einer eigentümlichen Beschäftigung bedarf. Möglich, daß er es teilweise aus natürlichem Antrieb tut, vielleicht ist’s auch teilweise eben eine Folge seines Leidens. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigt, desto mehr steht zu besorgen, daß er eine krankhafte Richtung einschlägt. Vielleicht hat er sich selbst beobachtet und diese Entdeckung gemacht.«

»Ihr glaubt also überzeugt sein zu dürfen, daß er sich nicht über Gebühr anstrengt?«

»Ja, ich glaube dies.«

»Mein lieber Manette, wenn er sich aber doch überarbeitete«

»Mein lieber Lorry, ich zweifle, ob dies so leicht geschehen kann. Es hat eine Überspannung in der einen Richtung stattgefunden, und sie bedarf eines Gegengewichts.«

»Habt Nachsicht mit einem Geschäftsmann, der etwas hart begreift. Nehmen wir für einen Augenblick an, er überarbeite sich wirklich; könnte dies nicht zu einer Wiederkehr seines Zustandes führen?«

»Ich glaube nicht. Nein, ich glaube nicht«, fuhr Doktor Manette mit der Festigkeit der Überzeugung fort, »daß etwas anderes als jener eine Gedankengang diese Wirkung haben kann, und bin überzeugt, daß nur ein außerordentliches Zerren an der alten Saite einen Rückfall zu veranlassen vermag. Nach den Vorgängen übrigens und nach der erfolgten Genesung kann ich mir nicht wohl denken, wie eine solche ungestüme Erregung wieder möglich ist. Ich hoffe und lebe fast des zuversichtlichen Glaubens, daß die Quellen des Rückfalls sich erschöpft haben.«

Er sprach dies mit der Zaghaftigkeit eines Menschen, der weiß, welcher kleine Umstand bisweilen imstande ist, die zarte Organisation des Geistes zu verwirren, zugleich aber mit einer Zuversicht, als habe er sein Vertrauen allmählich aus eigener schwerer Erfahrung und Trübsal gewonnen. Der Freund wollte natürlich diese Überzeugung nicht entmutigen. Er stellte sich an, als fühle er eine Erleichterung, die ihm in Wirklichkeit fehlte, und suchte nun an seinen zweiten und letzten Punkt zu kommen. Allerdings mußte er sich selbst sagen, daß er der verfänglichere war; aber er durfte ihn nicht übergehen, wenn er seines Gespräches mit Miß Proß an jenem Sonntagmorgen und alles dessen gedachte, was er während der letzten neun Tage gesehen hatte.

»Die Beschäftigung, die er unter dem Einfluß der so bald und so glücklich vorübergegangenen Störung wieder aufnahm«, sagte Mr. Lorry nach einigem Räuspern, »war wir wollen sagen Schmiedearbeit. Ja, Schmiedearbeit. Nehmen wir zur näheren Beleuchtung des Falles an, er habe sich in seiner schlimmen Zeit ein wenig an der Esse beschäftigt. Wir wollen sagen, er sei unerwartet wieder vor seinem Blasbalg gefunden worden. Ist es nicht ein Übel, daß er dieses Handwerkszeug behalten hat?«

Der Doktor beschattete sich die Stirn mit der Hand und klopfte krampfhaft mit der Ferse den Boden.

»Er hatte ihn immer in seiner Nähe«, fuhr Mr. Lorry mit einem ängstlichen Blick auf seinen Freund fort. »Wäre es nicht besser, wenn er ihn beiseite schaffte?«

Noch immer schlug die Ferse bebend gegen den Boden, und noch immer hielt der Doktor die Hand vor die Stirn.

»Ihr findet es nicht leicht, hier einen Rat zu erteilen?« sagte Mr. Lorry. »Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch meine ich «

Er schüttelte den Kopf und hielt inne.

»Ihr seht«, nahm endlich Doktor Manette nach einer beunruhigenden Pause das Wort, »wie gar schwer es ist, das innerste Triebwerk in dem Geist dieses armen Mannes konsequent zu erklären. Er sehnte sich wieder einmal angstvoll nach dieser Beschäftigung, und sie war ihm hochwillkommen, als er wieder an sie ging. Ohne Zweifel brachte sie ihm große Erleichterung in seiner Not, indem sie an die Stelle der Gehirnverwirrung die der Finger und, als er sich wieder einübte, die Fertigkeit der Hände an die Stelle der Fertigkeit des Geistes setzte, einem quälenden Ideengang nachzuhängen. Deshalb konnte er auch den Gedanken nicht ertragen, das Werkzeug aus seinem Bereich zu schaffen. Er ist zwar jetzt hoffnungsvoller, als er je gewesen, und spricht sogar mit einer Art Zuversicht von sich selber: aber dennoch glaube ich, daß ihm der Gedanke, er könnte seiner alten Beschäftigung wieder bedürfen und sie nicht finden, ein Gefühl von Schrecken einflößt, wie man es empfinden mag, wenn ein schwerer Schlag dem Herzen eines verlorenen Kindes droht.«

Sein Äußeres war eine bildliche Erläuterung seiner Worte, als er den Blick zu Mr. Lorrys Gesicht erhob.

»Aber könnte nicht wohlgemerkt, ich möchte nur Auskunft haben als ein Geschäftsmann, der mühsam sich abarbeiten muß und bloß mit ganz materiellen Dingen, Guineen, Schillingen und Banknoten zu tun hat könnte nicht die Beibehaltung des Gegenstandes auch ein Festhalten der Idee zur Folge haben? Schafft man die Sache fort, Doktor Manette, so dürfte mit ihr auch die daran haftende Furcht weichen. Mit einem Wort, ist es nicht ein Zugeständnis an die letzere, wenn man die Esse nicht entfernt?«

Abermaliges Schweigen.

»Ihr begreift aber doch«, sagte der Doktor bebend, »sie ist eine so alte Gefährtin.«

»Ich würde sie nicht behalten«, entgegnete Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn er gewann an Festigkeit, je unruhiger er den Doktor werden sah. »Ich wäre dafür, sie zu opfern. Allerdings möchte ich dazu Eure Zustimmung haben. Ich bin überzeugt, daß sie nichts Gutes stiftet. Sagt ja dazu als ein lieber wackerer Mann um seiner Tochter willen, mein teurer Manette!«

Es war merkwürdig, den Kampf mitanzusehen, der in seinem Innern vorging.

»Sei es denn um ihretwillen; ich gebe meine Zustimmung. Aber nehmt es nicht weg in seiner Gegenwart. Tut es, wenn er fort ist, und laßt ihn den alten Freund erst vermissen, wenn er nach einiger Zeit wieder zurückkommt.«

Mr. Lorry sagte dies bereitwillig zu, und die Besprechung war zu Ende. Sie brachten den Tag auf dem Lande zu, und der Doktor fühlte sich vollkommen hergestellt. Auch die nächsten drei Tage verliefen vortrefflich, und am vierzehnten machte er sich auf den Weg, Lucie und ihrem Gatten entgegen. Mr. Lorry hatte ihm mitgeteilt, welche Vorsichtsmaßregeln er getroffen, um dem jungen Paare das Schweigen des Vaters zu erklären, und der Doktor in seinem späteren Schreiben an Lucie darauf Bezug genommen, so daß sie von dem Vorgefallenen nichts ahnen konnte.

An dem Abend nach seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem Hackmesser, einem Meißel, einer Säge und einem Hammer nach Manettes Schlafgemach; Miß Proß begleitete ihn mit einem Licht. Hier nun hackte er bei verschlossenen Türen und in geheimnisvoller, schuldbewußter Weise die Schuhmachersbank in Stücke, während Miß Proß, die dazu leuchtete, mit ihrer abenteuerlichen Figur sich ausnahm, als leiste sie Beihilfe zu einem Mord. Nachdem das Holzwerk ordentlich zerstückt war, wurde ohne Zögern in der Küche mit den Trümmern ein Autodafé vorgenommen, das übrige Gerät aber, Schuhwerk und Leder im Garten verscharrt. Zerstören und Heimlichkeit erscheint jedoch ehrlichen Gemütern in einem so schlimmen Licht, daß es Mr. Lorry und Miß Proß, als sie ihre Tat vollbrachten und die Spuren derselben beseitigten, fast vorkam, als begingen sie gemeinsam ein abscheuliches Verbrechen ein Eindruck, der sich auch in ihren Mienen und Bewegungen kundtat.

Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte.


Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte.

Als das neuvermählte Paar wieder in der Heimat anlangte, war Sydney Carton die erste Person, die, und zwar kaum einige Stunden nach ihrem Eintreffen, sich mit ihren Glückwünschen einstellte. Er hatte sich in Kleidung, Aussehen und Manieren nicht viel geändert; aber in seinem Wesen lag ein gewisser rauher Zug von Anhänglichkeit, der Charles Darnays Beobachtung zum erstenmal auffiel.

Er ersah die Gelegenheit, den jungen Ehemann an ein Fenster zu führen, um ungehört mit ihm sprechen zu können.

»Mr. Darnay«, begann Carton, »ich wünsche, daß wir Freunde werden.«

»Ich hoffe, das sind wir schon.«

»Ihr seid gütig genug, mich dessen zu versichern als Redensart; aber ich will nichts von Redensarten. Wenn ich sage, ich wünsche, daß wir Freunde seien, so meine ich damit etwas anderes.«

Natürlich lautete nun Darnays in scherzhaftem Ton gehaltene Frage, was er denn eigentlich meine.

»Meiner Seele, ich kann dies weit leichter fühlen als es Euch begreiflich machen«, versetzte Carton lächelnd. »Doch ich will es versuchen. Ihr erinnert Euch wohl einer gewissen famosen Gelegenheit, bei der ich mehr mehr als gewöhnlich betrunken war?«

»Ich entsinne mich allerdings einer famosen Gelegenheit, bei der Ihr mich zwanget zu gestehen, daß Ihr getrunken habt.«

»Auch ich weiß das noch. Der Fluch jener Gelegenheit lastet schwer auf mir, und ich muß immer an sie zurückdenken. Ich hoffe, man wird mir dies eines Tages anrechnen, wenn für mich das Ende aller Tage gekommen ist. Ihr braucht nicht unruhig zu werden; ich will nicht predigen.«

»Von Unruhigwerden ist keine Rede. Ernst bei Euch hat für mich wahrhaftig nichts Beunruhigendes.«

»Hm!« sagte Carton mit einem unbekümmerten Schwenken der Hand, als wolle er diesen Gedanken wegschieben. »Bei der fraglichen trunkenen Gelegenheit einer von den vielen, wie Ihr wißt war ich zweifelhaft über den Punkt, ob Ihr mir gefallt oder nicht. Ich wünsche, Ihr könntet dies vergessen.«

»Das ist schon lange geschehen.«

»Wieder eine Redensart! Aber Mr. Darnay, mir wird das Vergessen nicht so leicht wie Euch, wenn man Euch so hört. Ich hab‘ es noch gut in der Erinnerung, und eine unbekümmert hingeworfene Antwort wird mich’s nicht vergessen machen.«

»Wenn es eine unbekümmert hingeworfene Antwort war«, entgegnete Darnay, »so bitte ich um Verzeihung. Ich hatte dabei keine andere Absicht, als einen unbedeutenden Vorfall, der Euch zu meinem Erstaunen zuviel beunruhigt, für beseitigt zu erklären. Ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf, daß ich ihn mir längst aus dem Sinn geschlagen habe. Gütiger Himmel, was ist auch da nachzutragen? Muß ich Euch nicht im Gegenteil stets dankbar sein für den wichtigen Dienst, den Ihr mir an jenem Tag erwiesen habt?«

»Was den wichtigen Dienst betrifft«, sagte Carton, »so muß ich, wenn Ihr so von ihm sprecht. Euch gestehen, daß er nur ein auf Effekt berechneter Advokatenkunstgriff war. Ich weiß nicht, ob ich, als ich ihn leistete, mich viel darum kümmerte, was aus Euch werden mochte. Wohlverstanden, ich sage, als ich ihn leistete. Ich spreche von der Vergangenheit.«

»Ihr macht mir die Verpflichtung leicht«, versetzte Darnay: »aber ich will nicht Streit mit Euch anfangen wegen Eurer unbekümmerten Entgegnung.«

»Reine Wahrheit, Mr. Darnay; Ihr könnt mir’s glauben. Doch ich bin von meiner vorigen Rede abgekommen; ich sprach vom Freundwerden. Nun, Ihr kennt mich und wißt, daß man bei mir den höheren und besseren Aufschwung des Menschen nicht suchen darf. Wenn Ihr daran zweifelt, so fragt Stryver; er wird es bestätigen.«

»Ich will mir lieber meine eigene Ansicht bilden, als die seinige zu Hilfe nehmen.«

»Gut. Jedenfalls kennt Ihr mich als einen Bruder Liederlich, der nie etwas Gutes getan hat und nie etwas Gutes tun wird.«

»Ich weiß nicht, ob das letztere richtig ist.«

»Aber ich weiß es, und Ihr müßt mir aufs Wort glauben. Wohlan! Wenn Ihr es über Euch gewinnen könnt, zu dulden, daß ein so nichtsnutziger Bursche, ein Mensch von so zweideutigem Ruf, hin und wieder zu Euch ins Haus kommen darf, so möchte ich um die Erlaubnis bitten, als eine privilegierte Person hier ein- und auszugehen. Seht mich als ein nutzloses wenn ich nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen mir und Euch bemerkt hätte, so würde ich beifügen, als ein garstiges Stück Möbel an, das man um seiner alten Dienste willen duldet und unbeachtet stehen läßt. Ich glaube nicht, daß ich die Erlaubnis mißbrauchen werde. Es ist hundert gegen eins zu wetten, daß ich sie nicht öfter als viermal im Jahre benutze, aber ich fände eine Beruhigung darin, wenn ich mir sagen könnte, daß ich sie habe.«

»Wollt Ihr’s versuchen?«

»Das ist ein anderer Ausdruck dafür, daß ich als auf dem von mir angedeuteten Fuße stehend betrachtet werden soll. Ich danke Euch, Darnay. Darf ich mir mit Eurer Erlaubnis diese Freiheit nehmen?«

»Ich denke wohl, Carton, nach unserer langen Bekanntschaft.«

Sie reichten sich die Hand darauf. Sydney trat ins Zimmer zurück und nahm sich nach einer Minute dem äußern Anschein nach wieder so gehaltlos aus wie immer.

Er war schon fort, und Miß Proß, der Doktor, Mr. Lorry und Charles Darnay saßen im Laufe des Abends beisammen; da erwähnte der letztere in allgemeinen Ausdrücken dieses Gesprächs und ließ einige Bemerkungen über Cartons merkwürdigen Leichtsinn fallen. Er tat es nicht mit Bitterkeit oder Härte, sondern einfach so, wie jeder wohl urteilen mußte, der Zeuge von dem Treiben gewesen war.

Daß dies die Gedanken seiner schönen jungen Frau beschäftigen könne, fiel ihm nicht entfernt ein; aber als er später sich in seine eigene Wohnung zurückzog, fand er, wie sie seiner harrte und in dem Ausdruck ihres Gesichtes das alte hübsche Furchen der Stirne stark hervortrat.

»Wir sind diesen Abend recht gedankenvoll«, sagte Darnay, seinen Arm um sie schlingend.

»Ja, mein lieber Charles«, versetzte sie, indem sie ihre Hände auf seine Brust legte und einen fragenden Blick auf ihn heftete, »wir sind diesen Abend etwas gedankenvoll, weil wir etwas auf dem Herzen haben.«

»Was wäre das, Lucie?«

»Willst du mir versprechen, nicht mit weiteren Fragen in mich zu dringen, wenn ich dich um etwas bitte?«

»Ob ich’s will! Was werde ich nicht meiner Geliebten versprechen?«

Und er streifte mit der einen Hand die goldenen Locken von der Wange zurück und legte die andere auf das Herz, das für ihn schlug.

»Ich denke, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und Achtung, als du heute abend gegen ihn an den Tag gelegt hast.«

»Wirklich, mein Herz? Und warum?«

»Das ist es eben, was du mich nicht fragen sollst. Aber ich denke ja ich weiß, daß es so ist.«

»Wenn du es weißt, so ist es genug. Und was verlangst du von mir, meine Liebe?«

»Ich möchte dich bitten, mein Teurer, stets edelmütig gegen ihn zu sein und, wenn er abwesend ist, seine Fehler mit Milde zu beurteilen. Ich möchte dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, welches er allerdings nur sehr, sehr selten enthüllt, aber ein Herz, in dem er tiefe Wunden trägt. Mein Lieber, ich habe es bluten sehen.«

»Es ist mir ein peinlicher Gedanke«, sagte Charles Darnay erstaunt, »wenn ich ihm unrecht getan habe. Ich hätte dies nie von ihm geglaubt.«

»Mein teurer Gatte, es ist so. Leider wird er nicht mehr zu bessern sein, und ich gebe kaum der Hoffnung Raum, daß sein Charakter und seine Verhältnisse jetzt noch eine Umkehr gestatten; aber ich bin überzeugt, daß etwas Gutes in ihm liegt und daß er noch edler, sogar hochherziger Handlungen fähig ist.«

Sie nahm sich in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlorenen Menschen so schön aus, daß ihr Gatte sie hätte stundenlang ansehen mögen.

»Und, o mein teurer Charles«, drängte sie, indem sie sich inniger an ihn schmiegte, den Kopf an seine Brust legte und die Augen zu den seinigen aufschlug, »vergiß nicht, daß wir leicht stark sein können in unserem Glück; er aber ist schwach in seinem Elend.«

Diese Bitte ging zu Herzen.

»Ich will es nicht vergessen, meine Liebe. Ich will dessen eingedenk sein, solang ich lebe.«

Er beugte sich über das goldlockige Haupt, drückte auf die rosigen Lippen die seinigen und umschlang sie mit seinen Armen. Wenn damals ein verirrter Wanderer, der durch die finsteren Straßen schritt, ihre unschuldige Enthüllung hätte hören und mit ansehen können, wie ihr Gatte den Tau des Mitleids von den holden, liebestrahlenden blauen Augen wegküßte, so würde er wohl, und vielleicht nicht bloß dieses erstemal, in die Nacht hinausgerufen haben:

»Gott segne sie für ihr zartes Erbarmen!«

Einundzwanzigstes Kapitel. Widerhallende Fußtritte.


Einundzwanzigstes Kapitel. Widerhallende Fußtritte.

Wie bereits bemerkt wurde, war die Ecke, an der der Doktor wohnte, eine wunderbare Ecke für Echos. Stets emsig bemüht, den goldenen Faden fortzuspinnen, der ihren Gatten, ihren Vater, sie selbst und ihre alte Beschützerin und Gefährtin zu einem Leben voll stillen Glückes verband, saß Lucie in dem stillen Hause an der ruhigen, dem Echo so zugänglichen Ecke und lauschte auf die widerhallenden Fußtritte.

Obschon sie eine vollkommen glückliche junge Frau war, gab es doch anfangs Zeiten, in denen die Arbeit langsam ihren Händen entsank und ihr Auge sich trübte. Denn in den Widerhallen klang etwas es war nur leicht, fernab und kaum vernehmlich; aber es regte doch ihr Herz sehr auf. Ein Schwanken zwischen Hoffen und Zweifel ein Hoffen auf eine Liebe, die ihr zurzeit unbekannt war, und der Zweifel, ob sie auf Erden bleiben werde, um sich dieser neuen Wonne zu erfreuen, machte ihr oft zu schaffen. Unter den Widerhallen erhob sich dann der Ton von Fußtritten an ihrem eigenen frühen Grabe, erhoben sich Gedanken an den Gatten, den sie trostlos und in bitterer Trauer um sie zurücklassen mußte; sie kamen in Wellenbewegungen auf sie zu, um sich an ihr zu brechen.

Diese Zeit entschwand, und die kleine Lucie lag an ihrem Herzen. Nun mischte sich unter die näher kommenden Echos der Tritt winziger Füßchen und kindliches Geplapper. Mochten die lauteren Halle sich hervordrängen, wie sie wollten, die junge Mutter an der Wiege hatte nur ein Ohr für diese. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig unter dem Lachen des Kindes, und der göttliche Kinderfreund, dem sie dasselbe in ihren Ängsten empfohlen hatte, schien wie vor alters das junge Wesen auf den Arm zu nehmen, so daß sie eine heilige Lust darüber empfand.

Immer eifrig an dem goldenen Faden beschäftigt, der sie alle zusammenhielt, und den Dienst ihres glücklichen Einflusses unbemerkt überall einflechtend in das Gewebe ihres gemeinsamen Lebens, hörte Lucie in den Echos der Jahre nur freundliche und beruhigende Laute. Der Tritt ihres Gatten klang darin stark und glückverkündend, der ihres Vaters fest und gleichmäßig. Und siehe, auch Miß Proß in ihrem Korsettgerüst weckte das Echo wie ein ungebärdiger Zelter unter der Peitsche, der neben der Platane im Garten schnaubte und die Erde stampfte.

Selbst wenn Töne des Leides sich unter die anderen mischten, so waren sie nicht hart oder grausam. Sogar als goldiges Haar, dem ihrigen gleich, auf einem Kissen lag und eine Glorie bildete um das abgezehrte Gesicht eines Knäbchens, das da mit einem strahlenden Lächeln sagte: »Lieber Papa und Mama, es tut mir leid, euch beide und mein hübsches Schwesterlein zu verlassen; aber ich bin gerufen und muß gehen« sogar damals, als die junge Seele sich den sorglichen Händen, denen sie vertraut gewesen, entzog, waren es nicht lauter Schmerzenstränen, die die Wange der Mutter befeuchteten. Lasset sie zu mir kommen und wehret ihnen nicht! Sie sehen das Angesicht meines Vaters. Oh, Vater beseligende Worte!«

So mengte sich das Rauschen eines Engelflügels in die anderen Widerhalle, die nicht mehr ausschließlich der Erde angehörten, sondern auch einen Hauch vom Himmel in sich aufgenommen hatten. Das Seufzen der Winde, die über ein kleines Grab im Garten wehten, trat gleichfalls dazu, und Lucie hörte beides deutlich wie ein leises Geflüster, wie das Atmen einer an dem sandigen Gestade schlafenden sommerlichen See, während die kleine Lucie, die in komischem Eifer ihre Morgenaufgabe lernte oder neben dem Schemel ihrer Mutter eine Puppe ankleidete, in den Zungen der beiden Städte plauderte, die in ihr Leben verwoben waren.

Die Echos bezogen sich nur selten auf die wirklichen Tritte Sydney Cartons. Im höchsten Fall ein Halbdutzendmal des Jahres machte er von seinem Privilegium, uneingeladen kommen zu dürfen, Gebrauch; und dann verlebte er den Abend unter ihnen, wie er früher oft getan hatte. Wenn er erschien, war er nie vom Wein erhitzt. Und noch einen anderen Umstand, von dem seit Menschenaltern alle wahren Echos geflüstert haben, brachten die lispelnden Widerhalle mit ihm in Verbindung.

Nie hat ein Mann wahrhaft ein Weib geliebt, sie verloren und der Frau und Mutter, wenn er sie sah, eine reine und unveränderliche Anhänglichkeit bewahrt, ohne daß von ihren Kindern eine eigentümliche Teilnahme, ein instinktartiges Gefühl des Mitleids für ihn an den Tag gelegt worden wäre. Welche zarten, geheimen Gefühle in einem solchen Falle berührt werden, erzählt kein Echo. Aber die Sache ist einmal so und verhielt sich hier in derselben Weise. Carton war der erste Fremde, dem die kleine Lucie ihre runden Ärmchen entgegenbreitete, und er behielt sein Plätzchen bei, als sie größer wurde. Auch das Knäblein hatte fast noch im letzten Augenblick von ihm gesprochen. »Der arme Carton! Küss ihn für mich!«

Mr. Stryver schuftete sich durch das Rechtsgeschäft wie ein mächtiges Dampfschiff durch trübes Wasser und zog seinen nützlichen Freund als ein Schleppboot in seinem Kielwasser nach. Da ein so begünstigtes Fahrzeuglein gewöhnlich arg umhergestoßen wird und sich meist unter Wasser befindet, so fehlte es auch Sydney nicht an entsprechender Überschwemmung. Aber gleichgültig und von den Banden der Gewohnheit umstrickt, die mächtiger auf ihn wirkten als irgendein spornendes Gefühl seiner Verlassenheit und Herabwürdigung, fand er sich in seine Lebensweise. Er dachte ebensowenig daran, sich aus seiner Schakalstellung erheben zu wollen, wie man von einem wirklichen Schakal annehmen kann, er trage sich mit der stolzen Absicht, selbst ein Löwe zu werden. Stryver war reich; er hatte eine noch blühende Witwe mit einem schönen Vermögen und drei Buben geheiratet, an denen sich jedenfalls nichts Glänzendes bemerken ließ als das glattgestrichene Haar auf ihren Knödelköpfen.

Diese drei jungen Gentlemen hatte Mr. Stryver, der aus jeder Pore Gönnerschaft der allerwiderlichsten Art schwitzte, wie ebenso viele Schafe vor sich her nach der stillen Ecke in Soho getrieben und Lucies Gatten mit den zarten Worten als Schüler angeboten: »Holla, da bring‘ ich drei Stücke Käsbrot zu Eurem ehelichen Picknick, Darnay.« Ob der höflichen Zurückweisung dieser Zugabe zum Diner war Mr. Stryver vor Entrüstung so aufgeschwollen, daß er später von dem Umstande eine stetige Nutzanwendung auf die Erziehung der gedachten jungen Gentlemen machte, indem er sie anwies, sich vor dem Bettelstolz, wie ihn dieses Schulmeisterlein zur Schau stelle, in acht zu nehmen. Er pflegte auch, wenn er bei seinem Rotwein saß, gegen Mrs. Stryver über die Kunstgriffe, die Mrs. Darnay früher in Anwendung brachte, um ihn zu »fangen«, und über den Diamantenschliff seiner eigenen Schlauheit zu deklamieren, die ihn vor den ihm gelegten Schlingen bewahrte. Einige seiner guten Freunde vom Kingsbench, die gelegentlich sich seinen Roten schmecken ließen und die Lüge mit anhörten, entschuldigten diese durch die Annahme, er habe sie so oft erzählt, daß er jetzt selbst daran glaube, obschon dies eigentlich nur eine so unverbesserliche Erschwerung eines ursprünglichen Vergehens wäre, daß man gut daran tun würde, einen derartigen Übeltäter nach einem gehörig verborgenen Plätzchen zu nehmen, um ihn abseits aufzuhängen.

Solche Stimmen machten sich unter den Echos bemerklich, auf die Lucie bisweilen gedankenvoll, bisweilen belustigt und lachend in ihrer widerhallenden Ecke lauschte, bis ihr Töchterlein sechs Jahre alt war. Wie nahe ihrem Herzen die Widerhalle von den Tritten ihres Kindes, ihres teuren, stets tätigen, geisteskräftigen Vaters und ihres geliebten Gatten gingen, brauchen wir nicht erst zu sagen ebensowenig, wie das leichteste Echo ihres gemeinsamen Haushalts, der unter ihrer weisen, das Zierliche wahrenden Wirtlichkeit sogar reicher erschien als bei einer verschwenderischen Ausstattung, Musik für ihr Ohr war. Besonders süß klangen ihr aber die Widerhalle, die ihr die Worte ihres Vaters zutrugen, daß er sie seit ihrer Verheiratung, wenn es möglich sei, sogar noch liebevoller gegen ihn finde als vorher, oder von ihrem Gatten ihr die Versicherung gaben, er bemerke nicht, daß irgendeine Sorge oder Pflicht ihrer Liebe zu ihm und ihrer treuen Handreichung Abtrag tue, sondern müsse vielmehr fragen, worin doch der geheime Zauber liege, daß sie einander so alles in allem sein können, als wären sie in eins verschmolzen, ohne daß es je den Anschein gewinne, es sei zuviel Geschäft vorhanden oder müsse etwas übereilt werden.

Es gab aber auch andere Echos, die während dieser ganzen Zeit aus der Ferne drohend sich vernehmlich machten. Und um die Zeit von Lucies sechstem Geburtstag waren sie allmählich in einen schrecklichen Ton übergegangen, als kämpfe in Frankreich ein mächtiger Sturm mit einer furchtbar hochgehenden See.

Gegen die Mitte des Juli, im Jahre Siebzehnhundertneunundachtzig, kam eines Abends Mr. Lorry noch spät von Tellsons her und setzte sich neben Lucie und Charles im Dunkeln an das Fenster. Es war ein drückend schwüler Abend, und alle drei gedachten jenes Sonntagabends, als sie von der nämlichen Stelle aus den Blitzen zugesehen hatten.

»Ich glaubte schon«, sagte Mr. Lorry, seine braune Perücke zurückschiebend, »ich werde die Nacht über bei Tellsons bleiben müssen. Wir haben den ganzen Tag so alle Hände voll zu tun gehabt, daß wir nicht wußten, wo wir anfangen und wo wir enden sollten. In Paris ist eine solche Unruhe, daß man uns vor lauter Vertrauen fast niederrennt. Unsere Kunden über dem Wasser drüben scheinen uns ihre Gelder nicht schnell genug zusenden zu können. Es ist eine wahre Manie unter ihnen, ihr Eigentum nach England zu schicken.«

»Das sieht schlimm aus«, versetzte Darnay.

»Schlimm, sagt Ihr, mein lieber Darnay? Ja, aber wir wissen nicht, ob Grund dafür vorhanden ist. Die Leute sind oft so unvernünftig. Wir bei Tellsons werden zum Teil alt, und man sollte uns nicht ohne genügende Veranlassung aus unserem gewohnten Gange bringen.«

»Ihr wißt ja«, sagte Darnay, »wie düster und drohend der Himmel ist.«

»Das weiß ich freilich«, pflichtete Mr. Lorry bei, indem er sich zu überreden suchte, daß er wirklich ärgerlich und brummig sei, »aber ich bin einmal entschlossen, nach der Plackerei des langen Tages verdrießlich zu sein. Wo ist Manette?«

»Hier«, sagte der Doktor, der eben in das dunkle Zimmer getreten war.

»Freut mich, daß ich Euch zu Hause treffe; denn das Gedränge und das Unkengeschrei, von dem ich den ganzen lieben Tag umgeben war, hat mich mehr, als sich der Mühe verlohnt, angegriffen. Ihr wollt doch hoffentlich nicht ausgehen?«

»Nein, ich bin bereit, mit Euch ein Brettspiel zu spielen, wenn Ihr wollt«, sagte der Doktor.

»Wenn ich aufrichtig sprechen soll, heut ist mir’s nicht darum zu tun. Ich bin nicht in der Stimmung, heute abend Euren Gegenpart zu machen. Ist das Teebrett noch da, Lucie? Ich seh‘ es nicht.«

»Natürlich. Man hat auf Euch gewartet.«

»Danke, meine Liebe. Ist mein Engelchen schon zu Bett gebracht?«

»Schläft schon gesund.«

»Recht so; alles gut und wohlbehalten. Gott sei Dank, ich weiß wahrhaftig nicht, warum hier nicht alles gut und wohlbehalten sein sollte. Aber man hat mir den ganzen Tag so zugesetzt, und ich bin nicht mehr so jung, wie ich war. Danke schön. Jetzt kommt und nehmt Euren Platz im Kreise; wir wollen ruhig zusammensitzen und auf die Echos lauschen, über die Ihr Eure eigene Theorie habt.«

»Keine Theorie, nur Phantasie.«

»Also schön, Phantasie also, mein weises Lämmlein«, sagte Mr. Lorry, ihre Hand streichelnd. »Sie sind sehr zahlreich und sehr laut, nicht wahr? Wir wollen hören.«

Ungestüme, tolle und gefährliche Fußtritte, die sich gewaltsam in das Leben anderer drängen Fußtritte, die nicht leicht wieder zu verwischen sind, wenn sie einmal ihre roten Spuren zeigen, toben weit weg in Saint Antoine, während der kleine Kreis zu London im dunkeln Stübchen am Fenster sitzt.

Saint Antoine war an jenem Morgen eine unabsehbare schwarze Masse hin und her wogender Vogelscheuchen gewesen, und über den Wellen von Köpfen sah man Stahlklingen und Bajonette in der Sonne blitzen und blinken. Ein furchtbares Getöse brüllte aus der Kehle von Saint Antoine, und ein Wald von nackten Armen in der Luft glich dürren Baumzweigen im Winterwinde: die Finger hielten krampfhaft jede Waffe oder jedes als Waffe brauchbare Gerät umkrallt, das aus der Tiefe unten, gleichviel wie weit weg, sich in die Höhe gearbeitet hatte.

Wer sie austeilte, woher sie kamen, wo es den Anfang nahm, durch welche Vermittlung sie schockweise zumal, fast mit Blitzesschnelle über den Häuptern der Menge so wirr zitterten und umherzuckten, darüber konnte der Haufen selbst keine Auskunft geben; aber Musketen waren verteilt worden, Patronentaschen, Pulver, Kugeln, eiserne und hölzerne Stangen, Messer, Äxte, Piken, kurz, was der Scharfsinn der Verzweiflung in eine Wehr umzuwandeln vermochte. Männer, die nichts anderes auftreiben konnten, rissen sich die Hände blutig an den Steinen und Ziegeln, die sie aus den Mauern brachen. Jeder Puls, jedes Herz in Saint Antoine verriet eine fieberhafte Spannung und loderte in wilder Fieberhitze. Jedes lebende Wesen achtete sein Leben gering und war im Wahnsinn der Leidenschaft bereit, es zu opfern.

Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so umkreiste dieses tobende Gewühl Defarges Weinschenke, und jeder menschliche Tropfen in dem Kessel bekundete das Streben, sich nach der Stelle hintreiben zu lassen, wo Defarge selbst, bereits von Schweiß und Pulver geschwärzt, Befehle ausgab, Waffen verteilte, den einen zurückstieß, den andern vorwärtszog, dort einem die Wehr abnahm, um sie einem andern zu geben, und im wildesten Gewühl des Aufruhrs sich abarbeitete.

»Halt dich in meiner Nähe, Jacques Drei«, rief Defarge, »und ihr, Jacques Eins und Zwei, trennt euch und tretet an die Spitze von so vielen dieser Patrioten, wie sich euch anschließen wollen. Wo ist mein Weib?«

»Hier bin ich«, entgegnete Madame so ruhig wie immer, obschon sie diesmal nicht strickte. Ihre entschlossene Rechte hatte, statt der gewöhnlichen leichteren Beschäftigung, zu einer Axt gegriffen. Auch trug sie eine Pistole und ein Schlachtmesser im Gürtel.

»Wohin willst du, Frau?«

»Vorderhand mit dir«, versetzte Madame. »Gelegentlich wirst du mich an der Spitze der Weiber sehen.«

»So kommt!« rief Defarge mit dröhnender Stimme. »Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Die Bastille!«

Mit einem Gebrüll, als habe aller Atem Frankreichs sich in diesem verabscheuten Worte zusammengedrängt, erhob sich die lebende See Woge an Woge und überflutete die Stadt nach dieser Richtung hin. Lärmglocken läuteten, Trommeln wirbelten, die See tobte und donnerte an ihr neues Gestade. Der Angriff begann.

Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, dicke Steinmauern, acht feste Türme, Kanonen, Musketen, Feuer und Rauch. Durch Feuer und Rauch, im Feuer und Rauch denn die Masse warf ihn hinauf gegen eine Kanone, und im Nu war er der Kanonier arbeitete Defarge von der Weinschenke zwei heiße Stunden wie ein mannhafter Krieger.

Ein tiefer Graben, eine einfache Zugbrücke, dickes Steingemäuer, acht starke Türme, Kanonen, Musketen, Pulver und Rauch. Eine Zugbrücke niedergelassen! »Strengt euch an, ihr Kameraden alle, strengt euch an. Drauf, Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Eintausend, Jacques Zweitausend, Jacques Fünfundzwanzigtausend; im Namen aller Engel oder aller Teufel, wie ihr wollt, ans Werk!« So rief Defarge von der Weinschenke, noch immer bei seiner Kanone stehend, die längst heiß geworden war.

»Mir nach, ihr Weiber!« rief Madame Defarge. »Wie, können wir nicht so gut totschlagen wie die Männer, wenn der Platz genommen ist?«

Und ihr nach strömten mit schrillem, durstigem Geschrei Schwärme von Weibern in verschiedener Bewaffnung, von Hunger und Rachsucht getrieben.

Kanonen, Musketen, Feuer und Rauch. Aber noch immer der tiefe Graben, die dicken Mauern und die acht festen Türme. Kleine Verschiebungen in dem wogenden Meere, veranlaßt durch das Stürzen der Verwundeten. Blitzende Waffen, hellodernde Fackeln, von nassem Stroh dampfende Lastwagen, unverdrossene Arbeit in allen Richtungen an den benachbarten Barrikaden, Geschrei, Musketensalven, Flüche, Tapferkeit sondergleichen, krachendes grobes Geschütz und Rottenfeuer, und das wütende Brüllen der lebendigen See. Aber noch der tiefe Graben, die einzelne Zugbrücke, das dicke Gemäuer und die acht festen Türme; Defarge von der Weinschenke noch immer an seiner Kanone, und die Kanone doppelt heiß nach einem Dienst von vier heißen Stunden.

Eine weiße Fahne aus dem Innern der Festung und Unterhandlung man bemerkte dies nur undeutlich im tobenden Sturme, und von Hören war gar nicht die Rede. Plötzlich hob sich die See unermeßlich weiter und höher und fegte Defarge von der Weinschenke über die niedergelassene Zugbrücke hin, an dem dicken steinernen Außengemäuer vorbei und hinein zwischen die übergebenen acht festen Türme.

So unwiderstehlich war die Gewalt des Meeres, das ihn dahin trug, daß er, als kämpfe er mit einer Brandung der Südsee, nicht zu atmen und den Kopf umzuwenden vermochte, bis er im äußeren Hofe der Bastille gelandet war. Hier hielt er sich an eine Mauerecke und versuchte umherzuschauen. Jacques Drei war in seiner Nähe. Madame Defarge, noch immer an der Spitze von einigen Weibern, befand sich, das Messer schwingend, weiter entfernt, gleichfalls im Innern. Überall war Tumult, Jubel, betäubende und tolle Verwirrung, haarsträubender Lärm und wütendes Gebärdenspiel.

»Die Gefangenen!«

»Die Listen!«

»Die geheimen Kerker!«

»Die Folterwerkzeuge!«

»Die Gefangenen!«

Unter all diesen Rufen und zehntausend andern, die man nicht verstand, wurde der, der »die Gefangenen« betraf, vorzugsweise aufgegriffen von der See, die hineinrauschte, als wäre die Menschenmenge so endlos wie Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen vorbeirollten, die Gefängnisbeamten mit sich führten und sie mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn sie nicht auch über den verborgensten Winkel Aufschluß gaben, faßte Defarge mit starker Faust einen dieser Männer, einen Graukopf, der eine brennende Fackel in der Hand trug, an der Brust, riß ihn beiseite und brachte ihn zwischen sich und die Mauer.

»Zeigt mir den Nordturm!« sagte Defarge. »Rasch!«

»Recht gern«, versetzte der Mann, »wenn Ihr mit mir kommen wollt. Aber es ist niemand dort.«

»Was hat Einhundertundfünf, Nordturm, zu bedeuten?« fragte Defarge. »Nun, wird’s bald?«

»Was es zu bedeuten hat, Herr?«

»Ist’s ein Gefangener, eine Gefängnisnummer, oder will es so viel besagen, daß ich Euch den Schädel einschlagen soll?«

»Nieder mit ihm!« krächzte Jacques Drei, der gleichfalls herangekommen war.

»Monsieur, es ist eine Zelle.«

»Zeigt sie mir.«

»So folgt mir.«

Jacques Drei mit seiner gewöhnlichen Hungermiene, den es augenscheinlich verdroß, daß das Zwiegespräch nicht, wie es den Anschein gehabt, mit einem Blutvergießen endete, faßte Defarge am Arme, als dieser den Schließer festhielt. Sie hatten während des kurzen Gespräches die Köpfe ganz nahe zusammenstecken müssen, um sich verstehen zu können; so furchtbar war das Getöse des lebenden Meeres bei seinem Eindringen in die Festung und bei seinem Überfluten der Höfe, Gänge und Treppen. Und auch draußen schlug es gegen die Mauern mit heiserem Gebrüll, aus dem hin und wieder tumultuarische Einzelrufe wie weißer Gischt gen Himmel spritzten.

Durch finstere Gewölbe, die nie das Licht der Sonne erleuchtet hatte, vorbei an schrecklichen Türen zu dunklen Löchern und Keuchen, ausgetretene Treppenfluchten hinab und wieder aufwärts auf steilen, verwitterten Stein- oder Ziegeltreppen, die man mit trockengelegten Wasserfallbetten vergleichen konnte, eilten die drei aneinander geklammerten Männer, Defarge, der Schließer und Jacques Drei, dahin, so schnell es nur gehen mochte. Hin und wieder, namentlich anfangs, faßte sie die Flut und riß sie mit fort. Als es aber mit dem Abwärtssteigen ein Ende hatte und das Klettern im Turme begann, waren sie allein. Durch die dicken Mauern und Gewölbe vernahmen sie den Sturm, der in und außerhalb der Feste wütete, nur noch wie ein dumpfes Getöse, als seien sie durch den Lärm, aus dem sie kamen, taubhörig geworden.

Der Schließer machte vor einer niederen Tür halt, steckte einen Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete langsam und sagte, als sie mit gebeugten Köpfen hineingingen:

»Hundertundfünf, Nordturm.«

Hoch in der Wand befand sich eine kleine, stark vergitterte Fensteröffnung ohne Scheiben und davor ein steinerner Schirm, so daß man den Himmel nur sehen konnte, wenn man sich tief niederduckte und aufwärtsschaute. Ein kleiner, mit schweren Querstangen geschützter Kamin ragte um ein paar Fuß herein. Auf dem Herde sah man ein Häufchen alter, federiger Holzasche. Es war noch ein Schemel, ein Tisch und ein Strohbett vorhanden. In einer der vier geschwärzten Wände steckte ein rostiger eiserner Ring.

»Leuchtet mit der Fackel langsam an den Wänden herum, daß ich sie sehen kann«, sagte Defarge zum Schließer.

Der Mann gehorchte, und Defarges Augen folgten aufmerksam dem Lichte.

»Halt! Schau her, Jacques.«

»A.M.«!« krächzte Jacques Drei lesend.

»Alexander Manette«, sagte ihm Defarge ins Ohr, während er mit dem vom Pulver geschwärzten und verbrannten Zeigefinger den Buchstaben folgte. »Und hier steht geschrieben: »ein armer Arzt«. Ohne Zweifel war er es auch, der hier in den Stein einen Kalender einkritzelte. Was hast du in der Hand? Ein Hebeisen? Gib es mir!«

Er hatte noch den Zündstock seiner Kanone in der Hand; nachdem er diesen rasch gegen das andere Werkzeug ausgewechselt, machte er sich an den wurmstichigen Tisch und Schemel und schlug sie mit ein paar Streichen in Stücke.

»Halt das Licht höher!« rief er zornig dem Schließer zu. »Untersuche diese Trümmer sorgfältig, Jacques. Und sieh, da hast du mein Messer«, er warf es ihm hin; »schlitz‘ das Bett auf und untersuche das Stroh. Höher mit dem Licht, du!«

Mit einem drohenden Blick auf den Schließer kletterte er auf den Herd, sah sich im Kamin um, klopfte mit seinem Brecheisen an die Seiten desselben und machte sich dann über das darüber angebrachte eiserne Gitter her. Nach einigen Minuten löste sich stäubend der Mörtel ab, und er wandte sein Gesicht beiseite, um den niederfallenden Stücken auszuweichen. Dann tastete er mit vorsichtiger Hand in den Kamin, in der alten Holzasche und in einem Spalt des Kamins, in dem sein Werkzeug sich verfangen oder den es gerissen hatte, umher.

»Nichts in dem Holz und nichts in dem Stroh, Jacques?«

»Nichts.«

»So wollen wir’s mitten in die Zelle auf einen Haufen schaffen. Gut. Jetzt zünd‘ an, du!«

Der Schließer steckte das Holzhäuflein in Brand, das bald hoch und heiß aufloderte. Dann schlüpften sie wieder gebückt durch die niedere Türwölbung, ließen hinter sich brennen und kehrten nach dem Hofe zurück. Auf dem Wege dahin schien sich allmählich ihr Gehör wieder zu schärfen, bis sie sich aufs neue in dem tobenden Wellenspiele befanden.

Dort kochte und brandete es, um Defarge zu suchen. Saint Antoine wollte durchaus seinen Weinwirt an der Spitze der Wache über den Gouverneur sehen, der die Bastille verteidigt und auf das Volk geschossen hatte. Es stand sonst zu befürchten, derselbe möchte nicht an das Stadthaus zum Gericht abgeliefert werden, sondern er könnte entkommen und das Blut des Volkes, das nach so vielen Jahren der Mißachtung plötzlich einigen Wert gewann, ungerächt bleiben.

In dem heulenden Knäuel von Kampf und Leidenschaft um den verabscheuten Offizier her, der sich durch seinen grauen Rock und die roten Dekorationen auszeichnete, befand sich nur eine einzige feststehende Figur, und zwar die eines Weibes. »Seht, da ist mein Mann!« rief sie, auf ihn hindeutend. »Da ist Defarge!« Sie trat auf den schrecklichen alten Offizier zu und hielt sich beharrlich an seiner Seite, während Defarge und die übrigen ihn durch die Straßen schleppten. Sie wich nicht von ihm, als er in die Nähe seines Bestimmungsortes kam und ein schwerer Regen von Hieben und Stichen gegen ihn losbrach; und sie war ihm, als er endlich tot niedersank, so nah, daß sie, die nun plötzlich Leben zeigte, ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und ihm mit dem lange bereit gehaltenen Schlachtmesser den Kopf vom Rumpf trennen konnte.

Die Stunde war da, in der Saint Antoine seinen schrecklichen Gedanken, statt der Laternen Menschen emporzuziehen, auszuführen gedachte, um zu zeigen, was er sein und tun konnte. Saint Antoines Blut wallte auf, während da der Tyrannei und des Herrschens mit der eisernen Hand drunten war drunten auf den Stufen des Stadthauses, wo der Leichnam des Gouverneurs lag – drunten an der Schuhsohle der Madame Defarge, als sie auf den Körper trat, um für die Verstümmelung festen Halt zu gewinnen. »Herunter mit der Laterne dort!« rief Saint Antoine, der mit blutgierigen Blicken sich nach neuen Todeswerkzeugen umsah. »Da ist einer von seinen Soldaten; er soll Wache bei ihm halten!« Der Posten ward in die Luft aufgepflanzt, und die See rauschte weiter.

Eine See schwarzen, drohenden Wassers, die zerstörend Welle gegen Welle schleuderte, unergründet in ihren Tiefen und unerkannt in ihrer Kraft! Eine erbarmenlose See wild hin und her bewegter Gestalten, rachedürstender Stimmen und in dem Glutofen der Leiden so sehr gehärteter Gesichter, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr auf sie machen konnte!

Aber in dem Meer der Gesichter, auf denen Trotz und Wut einen so wild lebendigen Ausdruck gewonnen, gab es zwei Gruppen, je sieben an der Zahl, die so sehr gegen die übrigen abstachen, daß nie eine rollende See denkwürdigere Schiffstrümmer vor sich hergetrieben hatte. Sieben Gesichter von Gefangenen, plötzlich durch den Sturm befreit, der ihre Gräber zerbrochen, wurden über den Häuptern der Menge dahingetragen. Sie waren verschüchtert, verwirrt, erstaunt und verwundert, als sei der Jüngste Tag gekommen und als gehe der gräßliche Jubel um sie her von den Seelen der Verdammten aus. Dann gab es noch sieben andere Gesichter sie wurden noch höher getragen und waren die Gesichter von Toten, deren gesenkte Lider und halb sichtbare Augen des Jüngsten Tages harrten. Unbewegliche Gesichter, aber doch mit einem Ausdrucke von Spannung darauf, der sich nicht vernichten ließ; Gesichter gewissermaßen in einer schrecklichen Ruhe, als wollten sie bald die gesenkten Augen wieder erheben und mit blutlosen Lippen Zeugnis ablegen: »Das hast du getan!«

Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die Schlüssel zu dem fluchbeladenen Fort mit seinen acht festen Türmen, einige aufgefundene Papiere und andere Denkwürdigkeiten von Gefangenen aus alter Zeit, denen die Herzen längst im Tode gebrochen waren dies und Ähnliches mischte sich in den lauten Widerhall der Fußtritte, als Saint Antoine in der Mitte des Juli Eintausendsiebenhundertneunundachtzig durch die Straßen von Paris zog. O Himmel, zerstreue Lucies Phantasien und halte diese Fußtritte fern von ihrem Leben! Denn sie sind ungestüm, toll und gefährlich und lassen sich so lange nach der Zeit, da das Faß vor der Tür von Defarges Weinschenke barst, nicht leicht wieder säubern, wenn sie einmal rot geworden sind.