Neunzehntes Kapitel. Ein ärztliches Gutachten.


Neunzehntes Kapitel. Ein ärztliches Gutachten.

Von angstvollem Wachen erschöpft, schlief Mr. Lorry auf seinem Posten ein. Am zehnten Morgen seiner peinlichen Sorge wurde er in dem Zimmer, wo ihn bei finsterer Nacht der schwere Schlaf überwältigt hatte, durch den hellen Sonnenschein aufgeweckt.

Er rieb die Augen und lichtete sich auf, konnte aber dadurch nicht aus dem Zweifel kommen, ob er nicht noch immer schlafe. Denn als er nach der Tür des Doktors hinging und hineinsah, bemerkte er, daß die Bank und die Schuhmachergerätschaften beiseite gerückt waren und der Doktor lesend am Fenster saß. Er trug seinen gewöhnlichen Morgenanzug, und sein Gesicht, das Mr. Lorin deutlich sehen konnte, hatte ungeachtet der tiefen Blässe den ruhigen, aufmerksamen Ausdruck des Studiums.

Mr. Lorry fühlte sich, nachdem er sich von seinem Wachen überzeugt hatte, einige Augenblicke schwindelig ungewiß, ob nicht vielleicht das frühere Schuhmacher: ein unruhiger Traum, eine ängstigende Ausgeburt seines eigenen Gehirns gewesen sei; denn sah er nicht mit eigenen Augen den Freund wieder vor sich im gewohnten Anzug, mit dem alten Aussehen und in seiner ordnungsmäßigen Beschäftigung, und konnte er irgendwo ein Zeichen wahrnehmen, daß der Wechsel, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wirklich stattgefunden hatte?

Doch dies war nur die Frage seines ersten verwirrten Staunens; die Antwort ergab sich von selbst. Wenn jener Eindruck sich nicht auf eine entsprechende und zureichende Ursache gründete, wie kam er, Jarvis Lorry, hierher? Wie hätte er in seinen Kleidern auf dem Sofa von Doktor Manettes Ordinationszimmer einschlafen und über alle diese Dinge sich am frühen Morgen vor der Schlafzimmertür des Doktors Gedanken machen können?

Nach einigen Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wäre noch ein Tüttelchen von einem Zweifel übrig gewesen, so würde ihr Reden es vollends beseitigt haben; aber er war mittlerweile klar im Kopfe geworden und über den Zweifel weggekommen. Er meinte, man solle ruhig bleiben bis zur gewöhnlichen Frühstückszeit, und dann wollten sie den Doktor empfangen, wie wenn nichts Ungewöhnliches vorgefallen sei. Zeigte er dabei seine gewöhnliche Gemütsverfassung, so wollte Mr. Lorry zu weiterer Leitung und Führung vorsichtig das Gutachten einzuholen suchen, um das es ihm in seiner Bekümmernis so ängstlich zu tun gewesen war.

Da Miß Proß sich seinem Urteil unterordnete, so wurde der Plan mit aller Sorgfalt ausgearbeitet. Mr. Lorry hatte noch reichlich Zeit zu seiner ordnungsmäßigen methodischen Toilette und präsentierte sich daher um die Frühstückszeit in seiner gewöhnlichen weißen Leinwand und mit seinen gewöhnlichen sauberen Beinen. Der Doktor wurde wie sonst gerufen und kam zum Frühstück.

Soweit sich aus den behutsamen Annäherungen, die Mr. Lorry allein rätlich schienen, ein Urteil bilden ließ, so meinte der Doktor anfangs, daß die Hochzeit seiner Tochter erst am Tage zuvor stattgefunden habe; eine wie zufällig hingeworfene Anspielung aber auf den Wochen- und Monatstag bewog ihn nachzuzählen und machte ihn augenscheinlich unruhig, obschon er sich in allen anderen Dingen so gefaßt benahm, daß Lorry zu dem Entschlusse kam, sich den Beistand zu sichern, auf den er es abgehoben hatte. Und der Beistand wurde ihm zuteil.

Nachdem das Frühstück vorüber und der Tisch abgeräumt war, blieb Mr. Lorry noch bei dem Doktor sitzen und begann in ausholender Weise:

»Mein werter Manette, ich bin ungemein begierig, im Vertrauen Euer Gutachten über einen sehr merkwürdigen Fall zu hören, der großes Interesse für mich hat; das heißt, mir eben kommt er sehr merkwürdig vor. Ihr seid ein einsichtsvoller, erfahrener Mann und beurteilt ihn vielleicht anders.«

Der Doktor warf einen Blick nach seinen Händen, die von seinem jüngsten Arbeiten her noch unsauber waren, und zeigte eine unruhige Miene, hörte aber aufmerksam zu. Dieses Hinschauen nach seinen Händen war schon öfter vorgekommen.

»Doktor Manette«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er sanft seinen Arm anfaßte, »die Sache betrifft einen mir sehr lieben Freund. Ich bitte, zieht sie in Erwägung und erteilt mir einen guten Rat in seinem Interesse, vor allem aber um seiner Tochter seiner Tochter willen, mein lieber Manette.«

»Wenn ich Euch recht verstehe«, sagte der Doktor in gedämpftem Ton, »so meint Ihr eine geistige Störung «

»Ja«

»Sprecht unumwunden«, versetzte der Doktor. »Ich muß die Einzelheiten kennen.«

Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden, und fuhr fort:

»Mein lieber Manette, es handelt sich um eine aus alter Zeit her stammende Störung, um schwere und bittere Schläge auf das Gefühl, auf das Gemüt, auf auf auf den Geist, wie Ihr’s nennt. Den Geist. Es handelt sich um eine Erschütterung, die den Leidenden man kann nicht sagen, wie lange niederwarf, weil ich glaube, daß er die Zeit selbst nicht zu berechnen weiß und auf andere Art kein Aufschluß darüber zu gewinnen ist. Von dieser Erschütterung hatte er sich durch einen Prozeß wieder erholt, von dem er sich keine Rechenschaft geben kann, wie ich ihn selbst einmal in eindringlichster Weise öffentlich versichern hörte. Die Erholung war so vollständig gewesen, daß er aller seiner Geisteskräfte wieder mächtig wurde; er ging viel unter die Menschen und erweiterte die reichen Vorräte seines Wissens immer mehr und mehr. Aber unglücklicherweise« er hielt inne und atmete tief auf »hat ein kleiner Rückfall stattgefunden.«

Der Doktor fragte mit leiser Stimme:

»Von welcher Dauer?«

»Neun Tage und Nächte.«

»Wie zeigte sich die Sache? Vermutlich« er schaute wieder nach seinen Händen »in Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung, die mit jener Störung im Zusammenhang stand?«

»So ist es.«

»Habt Ihr ihn auch in jener ursprünglichen Beschäftigung beobachtet?« fragte der Doktor in bestimmtem, ruhigem Tone, obschon noch immer mit derselben leisen Stimme.

»Einmal.«

»Und als der Rückfall über ihn kam, war er nur in einzelnen oder in allen Beziehungen so wie damals?«

»Ich denke, in allen.«

»Ihr spracht von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von dem Rückfall?«

»Nein; er ist vor ihr geheimgehalten worden, und ich hoffe, sie soll nie etwas davon erfahren. Nur ich weiß davon und eine andere Person, der man trauen darf.«

Der Doktor ergriff seine Hand und flüsterte:

»Das war sehr liebevoll, sehr umsichtig von Euch.«

Mr. Lorry erwiderte den Händedruck, und beide saßen eine Weile schweigend beieinander.

»Nun, mein lieber Manette«, fuhr Mr. Lorry endlich in der rücksichtsvollsten und teilnehmendsten Weise wieder fort, »ich bin bloß ein Geschäftsmann und verstehe mich nicht auf so verwickelte und schwierige Dinge. Es fehlt mir an den nötigen Kenntnissen, an der erforderlichen Einsicht, und ich bedarf einer Leitung. Aber es gibt keinen Mann in der Welt, von dem ich mir eine bessere Führung verspräche als von Euch. Sagt mir, was mag der Grund dieses Rückfalls gewesen sein? Sind wohl weitere zu befürchten? Kann ihnen vorgebeugt werden? Wie wäre ein solcher Rückfall zu behandeln? Welche Ursachen liegen dabei zugrunde? Und was kann ich tun für meinen Freund? Gewiß ist niemand so von Herzen bereit, einem Freunde zu dienen als ich, wenn ich nur wüßte, wie ich mich zu verhalten hätte; aber in einem solchen Falle bin ich nicht einmal imstande, einen Anfang zu machen. Vielleicht könnte ich vieles leisten, wenn mich Eure Klugheit, Einsicht und Erfahrung auf den rechten Weg weisen wollte; aber ohne Leitung und Belehrung vermag ich nichts. Ich bitte, geht mit mir auf die Sache ein; setzt mich in den Stand, ein wenig klarer zu sehen, und belehrt mich, wie ich mich nützlicher machen kann.«

Nach diesen ernsten Worten blieb Doktor Manette gedankenvoll sitzen, und Lorry drang nicht weiter in ihn.

»Mein teurer Freund, ich halte es für wahrscheinlich«, sagte der Doktor, der sich Gewalt antun mußte, das Schweigen zu unterbrechen, »daß der von Euch beschriebene Rückfall dem Gegenstand desselben nicht ganz unerwartet kam.«

»Fürchtete er sich vielleicht davor?« wagte Mr. Lorry zu fragen.

»Sehr.« Dieses Wort wurde von einem unwillkürlichen Schaudern begleitet. »Ihr könnt Euch keine Vorstellung machen, wie eine solche Furcht auf der Seele eines Leidenden lastet und wie schwer wie fast unmöglich es ihm ist, sich zu einer Äußerung über den ihn drückenden Gegenstand zu zwingen.«

»Würde es ihm wohl eine namhafte Erleichterung schaffen«, fragte Lorry weiter, »wenn er es über sich gewinnen könnte, dieses geheime Brüten, wenn es eben auf ihm lastet, jemand mitzuteilen?«

»Ich glaube es; aber dies ist, wie ich bereits bemerkte, fast eine Unmöglichkeit ja, ich glaube sogar, in manchen Fällen eine reine Unmöglichkeit.«

»Nun«, sagte Mr. Lorry, indem er nach einer abermaligen Pause wieder die Hand auf den Arm des Doktors legte, »von was leitet Ihr diesen Anfall her?«

»Ich glaube«, versetzte Doktor Manette, »daß ein starkes und außerordentliches Wiederaufleben der Gedanken und Erinnerungen, die das erstemal Anlaß zu seiner Krankheit gaben, stattgefunden haben muß. Ich denke mir, daß er sich eine traurige Vergangenheit lebhaft wieder vor die Seele führte. Wahrscheinlich hat auch lange vorher eine geheime Furcht, daß unter gewissen Umständen oder vielmehr bei einer gewissen Gelegenheit jene Erinnerungen wieder erwachen dürften, seinen Geist in Spannung erhalten. Er suchte sich wohl vergeblich darauf vorzubereiten, und vielleicht war gerade die Mühe, die er sich deshalb gab, Ursache, daß er um so weniger Widerstand zu leisten vermochte.«

»Kann er sich wohl dessen erinnern, was bei diesem Rückfall vorging?« fragte Mr. Lorry mit leicht begreiflichem Zaudern.

Der Doktor warf einen kummervollen Blick im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und antwortete mit dumpfer Stimme:

»Nicht im geringsten.«

»Und was haltet Ihr von der Zukunft?« deutete Mr. Lorry an.

»Was die Zukunft betrifft, so habe ich große Hoffnung«, erwiderte der Doktor mit mehr Festigkeit. »Wenn es dem Himmel in seiner Gnade gefallen hat, ihn so bald wieder genesen zu lassen, so möchte ich viel hoffen. Ist er unter dem Druck eines verwickelten Etwas erlegen, das er lange gefürchtet, lange unbestimmt vorausgesehen und vergeblich bekämpft hat, und folgte die Genesung nach dem Entladen und Vorübergehen der Wolke, so möchte ich glauben, daß das Schlimmste vorüber ist.«

»Na, das ist ein großer Trost. Gott sei Dank dafür!« sagte Mr. Lorry.

»Ja, Gott sei Dank!« wiederholte der Doktor, andachtsvoll das Haupt neigend.

»Es gibt übrigens noch zwei andere Punkte, über die ich Belehrung wünsche«, sagte Mr. Lorry. »Darf ich fortfahren?«

»Ihr könnt Eurem Freunde keinen besseren Dienst erweisen.«

Der Doktor gab ihm die Hand.

»Zuerst also. Er ist ans Studieren gewöhnt und betreibt es mit Eifer; er läßt sich’s ungemein angelegen sein, sich in dem Wissen seines Berufes zu vervollkommnen, macht Versuche und treibt viele ähnliche Dinge. Tut er darin nicht zuviel?«

»Ich glaube es nicht. Es liegt vielleicht in seiner geistigen Organisation, daß er stets einer eigentümlichen Beschäftigung bedarf. Möglich, daß er es teilweise aus natürlichem Antrieb tut, vielleicht ist’s auch teilweise eben eine Folge seines Leidens. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigt, desto mehr steht zu besorgen, daß er eine krankhafte Richtung einschlägt. Vielleicht hat er sich selbst beobachtet und diese Entdeckung gemacht.«

»Ihr glaubt also überzeugt sein zu dürfen, daß er sich nicht über Gebühr anstrengt?«

»Ja, ich glaube dies.«

»Mein lieber Manette, wenn er sich aber doch überarbeitete«

»Mein lieber Lorry, ich zweifle, ob dies so leicht geschehen kann. Es hat eine Überspannung in der einen Richtung stattgefunden, und sie bedarf eines Gegengewichts.«

»Habt Nachsicht mit einem Geschäftsmann, der etwas hart begreift. Nehmen wir für einen Augenblick an, er überarbeite sich wirklich; könnte dies nicht zu einer Wiederkehr seines Zustandes führen?«

»Ich glaube nicht. Nein, ich glaube nicht«, fuhr Doktor Manette mit der Festigkeit der Überzeugung fort, »daß etwas anderes als jener eine Gedankengang diese Wirkung haben kann, und bin überzeugt, daß nur ein außerordentliches Zerren an der alten Saite einen Rückfall zu veranlassen vermag. Nach den Vorgängen übrigens und nach der erfolgten Genesung kann ich mir nicht wohl denken, wie eine solche ungestüme Erregung wieder möglich ist. Ich hoffe und lebe fast des zuversichtlichen Glaubens, daß die Quellen des Rückfalls sich erschöpft haben.«

Er sprach dies mit der Zaghaftigkeit eines Menschen, der weiß, welcher kleine Umstand bisweilen imstande ist, die zarte Organisation des Geistes zu verwirren, zugleich aber mit einer Zuversicht, als habe er sein Vertrauen allmählich aus eigener schwerer Erfahrung und Trübsal gewonnen. Der Freund wollte natürlich diese Überzeugung nicht entmutigen. Er stellte sich an, als fühle er eine Erleichterung, die ihm in Wirklichkeit fehlte, und suchte nun an seinen zweiten und letzten Punkt zu kommen. Allerdings mußte er sich selbst sagen, daß er der verfänglichere war; aber er durfte ihn nicht übergehen, wenn er seines Gespräches mit Miß Proß an jenem Sonntagmorgen und alles dessen gedachte, was er während der letzten neun Tage gesehen hatte.

»Die Beschäftigung, die er unter dem Einfluß der so bald und so glücklich vorübergegangenen Störung wieder aufnahm«, sagte Mr. Lorry nach einigem Räuspern, »war wir wollen sagen Schmiedearbeit. Ja, Schmiedearbeit. Nehmen wir zur näheren Beleuchtung des Falles an, er habe sich in seiner schlimmen Zeit ein wenig an der Esse beschäftigt. Wir wollen sagen, er sei unerwartet wieder vor seinem Blasbalg gefunden worden. Ist es nicht ein Übel, daß er dieses Handwerkszeug behalten hat?«

Der Doktor beschattete sich die Stirn mit der Hand und klopfte krampfhaft mit der Ferse den Boden.

»Er hatte ihn immer in seiner Nähe«, fuhr Mr. Lorry mit einem ängstlichen Blick auf seinen Freund fort. »Wäre es nicht besser, wenn er ihn beiseite schaffte?«

Noch immer schlug die Ferse bebend gegen den Boden, und noch immer hielt der Doktor die Hand vor die Stirn.

»Ihr findet es nicht leicht, hier einen Rat zu erteilen?« sagte Mr. Lorry. »Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch meine ich «

Er schüttelte den Kopf und hielt inne.

»Ihr seht«, nahm endlich Doktor Manette nach einer beunruhigenden Pause das Wort, »wie gar schwer es ist, das innerste Triebwerk in dem Geist dieses armen Mannes konsequent zu erklären. Er sehnte sich wieder einmal angstvoll nach dieser Beschäftigung, und sie war ihm hochwillkommen, als er wieder an sie ging. Ohne Zweifel brachte sie ihm große Erleichterung in seiner Not, indem sie an die Stelle der Gehirnverwirrung die der Finger und, als er sich wieder einübte, die Fertigkeit der Hände an die Stelle der Fertigkeit des Geistes setzte, einem quälenden Ideengang nachzuhängen. Deshalb konnte er auch den Gedanken nicht ertragen, das Werkzeug aus seinem Bereich zu schaffen. Er ist zwar jetzt hoffnungsvoller, als er je gewesen, und spricht sogar mit einer Art Zuversicht von sich selber: aber dennoch glaube ich, daß ihm der Gedanke, er könnte seiner alten Beschäftigung wieder bedürfen und sie nicht finden, ein Gefühl von Schrecken einflößt, wie man es empfinden mag, wenn ein schwerer Schlag dem Herzen eines verlorenen Kindes droht.«

Sein Äußeres war eine bildliche Erläuterung seiner Worte, als er den Blick zu Mr. Lorrys Gesicht erhob.

»Aber könnte nicht wohlgemerkt, ich möchte nur Auskunft haben als ein Geschäftsmann, der mühsam sich abarbeiten muß und bloß mit ganz materiellen Dingen, Guineen, Schillingen und Banknoten zu tun hat könnte nicht die Beibehaltung des Gegenstandes auch ein Festhalten der Idee zur Folge haben? Schafft man die Sache fort, Doktor Manette, so dürfte mit ihr auch die daran haftende Furcht weichen. Mit einem Wort, ist es nicht ein Zugeständnis an die letzere, wenn man die Esse nicht entfernt?«

Abermaliges Schweigen.

»Ihr begreift aber doch«, sagte der Doktor bebend, »sie ist eine so alte Gefährtin.«

»Ich würde sie nicht behalten«, entgegnete Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn er gewann an Festigkeit, je unruhiger er den Doktor werden sah. »Ich wäre dafür, sie zu opfern. Allerdings möchte ich dazu Eure Zustimmung haben. Ich bin überzeugt, daß sie nichts Gutes stiftet. Sagt ja dazu als ein lieber wackerer Mann um seiner Tochter willen, mein teurer Manette!«

Es war merkwürdig, den Kampf mitanzusehen, der in seinem Innern vorging.

»Sei es denn um ihretwillen; ich gebe meine Zustimmung. Aber nehmt es nicht weg in seiner Gegenwart. Tut es, wenn er fort ist, und laßt ihn den alten Freund erst vermissen, wenn er nach einiger Zeit wieder zurückkommt.«

Mr. Lorry sagte dies bereitwillig zu, und die Besprechung war zu Ende. Sie brachten den Tag auf dem Lande zu, und der Doktor fühlte sich vollkommen hergestellt. Auch die nächsten drei Tage verliefen vortrefflich, und am vierzehnten machte er sich auf den Weg, Lucie und ihrem Gatten entgegen. Mr. Lorry hatte ihm mitgeteilt, welche Vorsichtsmaßregeln er getroffen, um dem jungen Paare das Schweigen des Vaters zu erklären, und der Doktor in seinem späteren Schreiben an Lucie darauf Bezug genommen, so daß sie von dem Vorgefallenen nichts ahnen konnte.

An dem Abend nach seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem Hackmesser, einem Meißel, einer Säge und einem Hammer nach Manettes Schlafgemach; Miß Proß begleitete ihn mit einem Licht. Hier nun hackte er bei verschlossenen Türen und in geheimnisvoller, schuldbewußter Weise die Schuhmachersbank in Stücke, während Miß Proß, die dazu leuchtete, mit ihrer abenteuerlichen Figur sich ausnahm, als leiste sie Beihilfe zu einem Mord. Nachdem das Holzwerk ordentlich zerstückt war, wurde ohne Zögern in der Küche mit den Trümmern ein Autodafé vorgenommen, das übrige Gerät aber, Schuhwerk und Leder im Garten verscharrt. Zerstören und Heimlichkeit erscheint jedoch ehrlichen Gemütern in einem so schlimmen Licht, daß es Mr. Lorry und Miß Proß, als sie ihre Tat vollbrachten und die Spuren derselben beseitigten, fast vorkam, als begingen sie gemeinsam ein abscheuliches Verbrechen ein Eindruck, der sich auch in ihren Mienen und Bewegungen kundtat.

Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte.


Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte.

Als das neuvermählte Paar wieder in der Heimat anlangte, war Sydney Carton die erste Person, die, und zwar kaum einige Stunden nach ihrem Eintreffen, sich mit ihren Glückwünschen einstellte. Er hatte sich in Kleidung, Aussehen und Manieren nicht viel geändert; aber in seinem Wesen lag ein gewisser rauher Zug von Anhänglichkeit, der Charles Darnays Beobachtung zum erstenmal auffiel.

Er ersah die Gelegenheit, den jungen Ehemann an ein Fenster zu führen, um ungehört mit ihm sprechen zu können.

»Mr. Darnay«, begann Carton, »ich wünsche, daß wir Freunde werden.«

»Ich hoffe, das sind wir schon.«

»Ihr seid gütig genug, mich dessen zu versichern als Redensart; aber ich will nichts von Redensarten. Wenn ich sage, ich wünsche, daß wir Freunde seien, so meine ich damit etwas anderes.«

Natürlich lautete nun Darnays in scherzhaftem Ton gehaltene Frage, was er denn eigentlich meine.

»Meiner Seele, ich kann dies weit leichter fühlen als es Euch begreiflich machen«, versetzte Carton lächelnd. »Doch ich will es versuchen. Ihr erinnert Euch wohl einer gewissen famosen Gelegenheit, bei der ich mehr mehr als gewöhnlich betrunken war?«

»Ich entsinne mich allerdings einer famosen Gelegenheit, bei der Ihr mich zwanget zu gestehen, daß Ihr getrunken habt.«

»Auch ich weiß das noch. Der Fluch jener Gelegenheit lastet schwer auf mir, und ich muß immer an sie zurückdenken. Ich hoffe, man wird mir dies eines Tages anrechnen, wenn für mich das Ende aller Tage gekommen ist. Ihr braucht nicht unruhig zu werden; ich will nicht predigen.«

»Von Unruhigwerden ist keine Rede. Ernst bei Euch hat für mich wahrhaftig nichts Beunruhigendes.«

»Hm!« sagte Carton mit einem unbekümmerten Schwenken der Hand, als wolle er diesen Gedanken wegschieben. »Bei der fraglichen trunkenen Gelegenheit einer von den vielen, wie Ihr wißt war ich zweifelhaft über den Punkt, ob Ihr mir gefallt oder nicht. Ich wünsche, Ihr könntet dies vergessen.«

»Das ist schon lange geschehen.«

»Wieder eine Redensart! Aber Mr. Darnay, mir wird das Vergessen nicht so leicht wie Euch, wenn man Euch so hört. Ich hab‘ es noch gut in der Erinnerung, und eine unbekümmert hingeworfene Antwort wird mich’s nicht vergessen machen.«

»Wenn es eine unbekümmert hingeworfene Antwort war«, entgegnete Darnay, »so bitte ich um Verzeihung. Ich hatte dabei keine andere Absicht, als einen unbedeutenden Vorfall, der Euch zu meinem Erstaunen zuviel beunruhigt, für beseitigt zu erklären. Ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf, daß ich ihn mir längst aus dem Sinn geschlagen habe. Gütiger Himmel, was ist auch da nachzutragen? Muß ich Euch nicht im Gegenteil stets dankbar sein für den wichtigen Dienst, den Ihr mir an jenem Tag erwiesen habt?«

»Was den wichtigen Dienst betrifft«, sagte Carton, »so muß ich, wenn Ihr so von ihm sprecht. Euch gestehen, daß er nur ein auf Effekt berechneter Advokatenkunstgriff war. Ich weiß nicht, ob ich, als ich ihn leistete, mich viel darum kümmerte, was aus Euch werden mochte. Wohlverstanden, ich sage, als ich ihn leistete. Ich spreche von der Vergangenheit.«

»Ihr macht mir die Verpflichtung leicht«, versetzte Darnay: »aber ich will nicht Streit mit Euch anfangen wegen Eurer unbekümmerten Entgegnung.«

»Reine Wahrheit, Mr. Darnay; Ihr könnt mir’s glauben. Doch ich bin von meiner vorigen Rede abgekommen; ich sprach vom Freundwerden. Nun, Ihr kennt mich und wißt, daß man bei mir den höheren und besseren Aufschwung des Menschen nicht suchen darf. Wenn Ihr daran zweifelt, so fragt Stryver; er wird es bestätigen.«

»Ich will mir lieber meine eigene Ansicht bilden, als die seinige zu Hilfe nehmen.«

»Gut. Jedenfalls kennt Ihr mich als einen Bruder Liederlich, der nie etwas Gutes getan hat und nie etwas Gutes tun wird.«

»Ich weiß nicht, ob das letztere richtig ist.«

»Aber ich weiß es, und Ihr müßt mir aufs Wort glauben. Wohlan! Wenn Ihr es über Euch gewinnen könnt, zu dulden, daß ein so nichtsnutziger Bursche, ein Mensch von so zweideutigem Ruf, hin und wieder zu Euch ins Haus kommen darf, so möchte ich um die Erlaubnis bitten, als eine privilegierte Person hier ein- und auszugehen. Seht mich als ein nutzloses wenn ich nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen mir und Euch bemerkt hätte, so würde ich beifügen, als ein garstiges Stück Möbel an, das man um seiner alten Dienste willen duldet und unbeachtet stehen läßt. Ich glaube nicht, daß ich die Erlaubnis mißbrauchen werde. Es ist hundert gegen eins zu wetten, daß ich sie nicht öfter als viermal im Jahre benutze, aber ich fände eine Beruhigung darin, wenn ich mir sagen könnte, daß ich sie habe.«

»Wollt Ihr’s versuchen?«

»Das ist ein anderer Ausdruck dafür, daß ich als auf dem von mir angedeuteten Fuße stehend betrachtet werden soll. Ich danke Euch, Darnay. Darf ich mir mit Eurer Erlaubnis diese Freiheit nehmen?«

»Ich denke wohl, Carton, nach unserer langen Bekanntschaft.«

Sie reichten sich die Hand darauf. Sydney trat ins Zimmer zurück und nahm sich nach einer Minute dem äußern Anschein nach wieder so gehaltlos aus wie immer.

Er war schon fort, und Miß Proß, der Doktor, Mr. Lorry und Charles Darnay saßen im Laufe des Abends beisammen; da erwähnte der letztere in allgemeinen Ausdrücken dieses Gesprächs und ließ einige Bemerkungen über Cartons merkwürdigen Leichtsinn fallen. Er tat es nicht mit Bitterkeit oder Härte, sondern einfach so, wie jeder wohl urteilen mußte, der Zeuge von dem Treiben gewesen war.

Daß dies die Gedanken seiner schönen jungen Frau beschäftigen könne, fiel ihm nicht entfernt ein; aber als er später sich in seine eigene Wohnung zurückzog, fand er, wie sie seiner harrte und in dem Ausdruck ihres Gesichtes das alte hübsche Furchen der Stirne stark hervortrat.

»Wir sind diesen Abend recht gedankenvoll«, sagte Darnay, seinen Arm um sie schlingend.

»Ja, mein lieber Charles«, versetzte sie, indem sie ihre Hände auf seine Brust legte und einen fragenden Blick auf ihn heftete, »wir sind diesen Abend etwas gedankenvoll, weil wir etwas auf dem Herzen haben.«

»Was wäre das, Lucie?«

»Willst du mir versprechen, nicht mit weiteren Fragen in mich zu dringen, wenn ich dich um etwas bitte?«

»Ob ich’s will! Was werde ich nicht meiner Geliebten versprechen?«

Und er streifte mit der einen Hand die goldenen Locken von der Wange zurück und legte die andere auf das Herz, das für ihn schlug.

»Ich denke, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und Achtung, als du heute abend gegen ihn an den Tag gelegt hast.«

»Wirklich, mein Herz? Und warum?«

»Das ist es eben, was du mich nicht fragen sollst. Aber ich denke ja ich weiß, daß es so ist.«

»Wenn du es weißt, so ist es genug. Und was verlangst du von mir, meine Liebe?«

»Ich möchte dich bitten, mein Teurer, stets edelmütig gegen ihn zu sein und, wenn er abwesend ist, seine Fehler mit Milde zu beurteilen. Ich möchte dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, welches er allerdings nur sehr, sehr selten enthüllt, aber ein Herz, in dem er tiefe Wunden trägt. Mein Lieber, ich habe es bluten sehen.«

»Es ist mir ein peinlicher Gedanke«, sagte Charles Darnay erstaunt, »wenn ich ihm unrecht getan habe. Ich hätte dies nie von ihm geglaubt.«

»Mein teurer Gatte, es ist so. Leider wird er nicht mehr zu bessern sein, und ich gebe kaum der Hoffnung Raum, daß sein Charakter und seine Verhältnisse jetzt noch eine Umkehr gestatten; aber ich bin überzeugt, daß etwas Gutes in ihm liegt und daß er noch edler, sogar hochherziger Handlungen fähig ist.«

Sie nahm sich in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlorenen Menschen so schön aus, daß ihr Gatte sie hätte stundenlang ansehen mögen.

»Und, o mein teurer Charles«, drängte sie, indem sie sich inniger an ihn schmiegte, den Kopf an seine Brust legte und die Augen zu den seinigen aufschlug, »vergiß nicht, daß wir leicht stark sein können in unserem Glück; er aber ist schwach in seinem Elend.«

Diese Bitte ging zu Herzen.

»Ich will es nicht vergessen, meine Liebe. Ich will dessen eingedenk sein, solang ich lebe.«

Er beugte sich über das goldlockige Haupt, drückte auf die rosigen Lippen die seinigen und umschlang sie mit seinen Armen. Wenn damals ein verirrter Wanderer, der durch die finsteren Straßen schritt, ihre unschuldige Enthüllung hätte hören und mit ansehen können, wie ihr Gatte den Tau des Mitleids von den holden, liebestrahlenden blauen Augen wegküßte, so würde er wohl, und vielleicht nicht bloß dieses erstemal, in die Nacht hinausgerufen haben:

»Gott segne sie für ihr zartes Erbarmen!«

Einundzwanzigstes Kapitel. Widerhallende Fußtritte.


Einundzwanzigstes Kapitel. Widerhallende Fußtritte.

Wie bereits bemerkt wurde, war die Ecke, an der der Doktor wohnte, eine wunderbare Ecke für Echos. Stets emsig bemüht, den goldenen Faden fortzuspinnen, der ihren Gatten, ihren Vater, sie selbst und ihre alte Beschützerin und Gefährtin zu einem Leben voll stillen Glückes verband, saß Lucie in dem stillen Hause an der ruhigen, dem Echo so zugänglichen Ecke und lauschte auf die widerhallenden Fußtritte.

Obschon sie eine vollkommen glückliche junge Frau war, gab es doch anfangs Zeiten, in denen die Arbeit langsam ihren Händen entsank und ihr Auge sich trübte. Denn in den Widerhallen klang etwas es war nur leicht, fernab und kaum vernehmlich; aber es regte doch ihr Herz sehr auf. Ein Schwanken zwischen Hoffen und Zweifel ein Hoffen auf eine Liebe, die ihr zurzeit unbekannt war, und der Zweifel, ob sie auf Erden bleiben werde, um sich dieser neuen Wonne zu erfreuen, machte ihr oft zu schaffen. Unter den Widerhallen erhob sich dann der Ton von Fußtritten an ihrem eigenen frühen Grabe, erhoben sich Gedanken an den Gatten, den sie trostlos und in bitterer Trauer um sie zurücklassen mußte; sie kamen in Wellenbewegungen auf sie zu, um sich an ihr zu brechen.

Diese Zeit entschwand, und die kleine Lucie lag an ihrem Herzen. Nun mischte sich unter die näher kommenden Echos der Tritt winziger Füßchen und kindliches Geplapper. Mochten die lauteren Halle sich hervordrängen, wie sie wollten, die junge Mutter an der Wiege hatte nur ein Ohr für diese. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig unter dem Lachen des Kindes, und der göttliche Kinderfreund, dem sie dasselbe in ihren Ängsten empfohlen hatte, schien wie vor alters das junge Wesen auf den Arm zu nehmen, so daß sie eine heilige Lust darüber empfand.

Immer eifrig an dem goldenen Faden beschäftigt, der sie alle zusammenhielt, und den Dienst ihres glücklichen Einflusses unbemerkt überall einflechtend in das Gewebe ihres gemeinsamen Lebens, hörte Lucie in den Echos der Jahre nur freundliche und beruhigende Laute. Der Tritt ihres Gatten klang darin stark und glückverkündend, der ihres Vaters fest und gleichmäßig. Und siehe, auch Miß Proß in ihrem Korsettgerüst weckte das Echo wie ein ungebärdiger Zelter unter der Peitsche, der neben der Platane im Garten schnaubte und die Erde stampfte.

Selbst wenn Töne des Leides sich unter die anderen mischten, so waren sie nicht hart oder grausam. Sogar als goldiges Haar, dem ihrigen gleich, auf einem Kissen lag und eine Glorie bildete um das abgezehrte Gesicht eines Knäbchens, das da mit einem strahlenden Lächeln sagte: »Lieber Papa und Mama, es tut mir leid, euch beide und mein hübsches Schwesterlein zu verlassen; aber ich bin gerufen und muß gehen« sogar damals, als die junge Seele sich den sorglichen Händen, denen sie vertraut gewesen, entzog, waren es nicht lauter Schmerzenstränen, die die Wange der Mutter befeuchteten. Lasset sie zu mir kommen und wehret ihnen nicht! Sie sehen das Angesicht meines Vaters. Oh, Vater beseligende Worte!«

So mengte sich das Rauschen eines Engelflügels in die anderen Widerhalle, die nicht mehr ausschließlich der Erde angehörten, sondern auch einen Hauch vom Himmel in sich aufgenommen hatten. Das Seufzen der Winde, die über ein kleines Grab im Garten wehten, trat gleichfalls dazu, und Lucie hörte beides deutlich wie ein leises Geflüster, wie das Atmen einer an dem sandigen Gestade schlafenden sommerlichen See, während die kleine Lucie, die in komischem Eifer ihre Morgenaufgabe lernte oder neben dem Schemel ihrer Mutter eine Puppe ankleidete, in den Zungen der beiden Städte plauderte, die in ihr Leben verwoben waren.

Die Echos bezogen sich nur selten auf die wirklichen Tritte Sydney Cartons. Im höchsten Fall ein Halbdutzendmal des Jahres machte er von seinem Privilegium, uneingeladen kommen zu dürfen, Gebrauch; und dann verlebte er den Abend unter ihnen, wie er früher oft getan hatte. Wenn er erschien, war er nie vom Wein erhitzt. Und noch einen anderen Umstand, von dem seit Menschenaltern alle wahren Echos geflüstert haben, brachten die lispelnden Widerhalle mit ihm in Verbindung.

Nie hat ein Mann wahrhaft ein Weib geliebt, sie verloren und der Frau und Mutter, wenn er sie sah, eine reine und unveränderliche Anhänglichkeit bewahrt, ohne daß von ihren Kindern eine eigentümliche Teilnahme, ein instinktartiges Gefühl des Mitleids für ihn an den Tag gelegt worden wäre. Welche zarten, geheimen Gefühle in einem solchen Falle berührt werden, erzählt kein Echo. Aber die Sache ist einmal so und verhielt sich hier in derselben Weise. Carton war der erste Fremde, dem die kleine Lucie ihre runden Ärmchen entgegenbreitete, und er behielt sein Plätzchen bei, als sie größer wurde. Auch das Knäblein hatte fast noch im letzten Augenblick von ihm gesprochen. »Der arme Carton! Küss ihn für mich!«

Mr. Stryver schuftete sich durch das Rechtsgeschäft wie ein mächtiges Dampfschiff durch trübes Wasser und zog seinen nützlichen Freund als ein Schleppboot in seinem Kielwasser nach. Da ein so begünstigtes Fahrzeuglein gewöhnlich arg umhergestoßen wird und sich meist unter Wasser befindet, so fehlte es auch Sydney nicht an entsprechender Überschwemmung. Aber gleichgültig und von den Banden der Gewohnheit umstrickt, die mächtiger auf ihn wirkten als irgendein spornendes Gefühl seiner Verlassenheit und Herabwürdigung, fand er sich in seine Lebensweise. Er dachte ebensowenig daran, sich aus seiner Schakalstellung erheben zu wollen, wie man von einem wirklichen Schakal annehmen kann, er trage sich mit der stolzen Absicht, selbst ein Löwe zu werden. Stryver war reich; er hatte eine noch blühende Witwe mit einem schönen Vermögen und drei Buben geheiratet, an denen sich jedenfalls nichts Glänzendes bemerken ließ als das glattgestrichene Haar auf ihren Knödelköpfen.

Diese drei jungen Gentlemen hatte Mr. Stryver, der aus jeder Pore Gönnerschaft der allerwiderlichsten Art schwitzte, wie ebenso viele Schafe vor sich her nach der stillen Ecke in Soho getrieben und Lucies Gatten mit den zarten Worten als Schüler angeboten: »Holla, da bring‘ ich drei Stücke Käsbrot zu Eurem ehelichen Picknick, Darnay.« Ob der höflichen Zurückweisung dieser Zugabe zum Diner war Mr. Stryver vor Entrüstung so aufgeschwollen, daß er später von dem Umstande eine stetige Nutzanwendung auf die Erziehung der gedachten jungen Gentlemen machte, indem er sie anwies, sich vor dem Bettelstolz, wie ihn dieses Schulmeisterlein zur Schau stelle, in acht zu nehmen. Er pflegte auch, wenn er bei seinem Rotwein saß, gegen Mrs. Stryver über die Kunstgriffe, die Mrs. Darnay früher in Anwendung brachte, um ihn zu »fangen«, und über den Diamantenschliff seiner eigenen Schlauheit zu deklamieren, die ihn vor den ihm gelegten Schlingen bewahrte. Einige seiner guten Freunde vom Kingsbench, die gelegentlich sich seinen Roten schmecken ließen und die Lüge mit anhörten, entschuldigten diese durch die Annahme, er habe sie so oft erzählt, daß er jetzt selbst daran glaube, obschon dies eigentlich nur eine so unverbesserliche Erschwerung eines ursprünglichen Vergehens wäre, daß man gut daran tun würde, einen derartigen Übeltäter nach einem gehörig verborgenen Plätzchen zu nehmen, um ihn abseits aufzuhängen.

Solche Stimmen machten sich unter den Echos bemerklich, auf die Lucie bisweilen gedankenvoll, bisweilen belustigt und lachend in ihrer widerhallenden Ecke lauschte, bis ihr Töchterlein sechs Jahre alt war. Wie nahe ihrem Herzen die Widerhalle von den Tritten ihres Kindes, ihres teuren, stets tätigen, geisteskräftigen Vaters und ihres geliebten Gatten gingen, brauchen wir nicht erst zu sagen ebensowenig, wie das leichteste Echo ihres gemeinsamen Haushalts, der unter ihrer weisen, das Zierliche wahrenden Wirtlichkeit sogar reicher erschien als bei einer verschwenderischen Ausstattung, Musik für ihr Ohr war. Besonders süß klangen ihr aber die Widerhalle, die ihr die Worte ihres Vaters zutrugen, daß er sie seit ihrer Verheiratung, wenn es möglich sei, sogar noch liebevoller gegen ihn finde als vorher, oder von ihrem Gatten ihr die Versicherung gaben, er bemerke nicht, daß irgendeine Sorge oder Pflicht ihrer Liebe zu ihm und ihrer treuen Handreichung Abtrag tue, sondern müsse vielmehr fragen, worin doch der geheime Zauber liege, daß sie einander so alles in allem sein können, als wären sie in eins verschmolzen, ohne daß es je den Anschein gewinne, es sei zuviel Geschäft vorhanden oder müsse etwas übereilt werden.

Es gab aber auch andere Echos, die während dieser ganzen Zeit aus der Ferne drohend sich vernehmlich machten. Und um die Zeit von Lucies sechstem Geburtstag waren sie allmählich in einen schrecklichen Ton übergegangen, als kämpfe in Frankreich ein mächtiger Sturm mit einer furchtbar hochgehenden See.

Gegen die Mitte des Juli, im Jahre Siebzehnhundertneunundachtzig, kam eines Abends Mr. Lorry noch spät von Tellsons her und setzte sich neben Lucie und Charles im Dunkeln an das Fenster. Es war ein drückend schwüler Abend, und alle drei gedachten jenes Sonntagabends, als sie von der nämlichen Stelle aus den Blitzen zugesehen hatten.

»Ich glaubte schon«, sagte Mr. Lorry, seine braune Perücke zurückschiebend, »ich werde die Nacht über bei Tellsons bleiben müssen. Wir haben den ganzen Tag so alle Hände voll zu tun gehabt, daß wir nicht wußten, wo wir anfangen und wo wir enden sollten. In Paris ist eine solche Unruhe, daß man uns vor lauter Vertrauen fast niederrennt. Unsere Kunden über dem Wasser drüben scheinen uns ihre Gelder nicht schnell genug zusenden zu können. Es ist eine wahre Manie unter ihnen, ihr Eigentum nach England zu schicken.«

»Das sieht schlimm aus«, versetzte Darnay.

»Schlimm, sagt Ihr, mein lieber Darnay? Ja, aber wir wissen nicht, ob Grund dafür vorhanden ist. Die Leute sind oft so unvernünftig. Wir bei Tellsons werden zum Teil alt, und man sollte uns nicht ohne genügende Veranlassung aus unserem gewohnten Gange bringen.«

»Ihr wißt ja«, sagte Darnay, »wie düster und drohend der Himmel ist.«

»Das weiß ich freilich«, pflichtete Mr. Lorry bei, indem er sich zu überreden suchte, daß er wirklich ärgerlich und brummig sei, »aber ich bin einmal entschlossen, nach der Plackerei des langen Tages verdrießlich zu sein. Wo ist Manette?«

»Hier«, sagte der Doktor, der eben in das dunkle Zimmer getreten war.

»Freut mich, daß ich Euch zu Hause treffe; denn das Gedränge und das Unkengeschrei, von dem ich den ganzen lieben Tag umgeben war, hat mich mehr, als sich der Mühe verlohnt, angegriffen. Ihr wollt doch hoffentlich nicht ausgehen?«

»Nein, ich bin bereit, mit Euch ein Brettspiel zu spielen, wenn Ihr wollt«, sagte der Doktor.

»Wenn ich aufrichtig sprechen soll, heut ist mir’s nicht darum zu tun. Ich bin nicht in der Stimmung, heute abend Euren Gegenpart zu machen. Ist das Teebrett noch da, Lucie? Ich seh‘ es nicht.«

»Natürlich. Man hat auf Euch gewartet.«

»Danke, meine Liebe. Ist mein Engelchen schon zu Bett gebracht?«

»Schläft schon gesund.«

»Recht so; alles gut und wohlbehalten. Gott sei Dank, ich weiß wahrhaftig nicht, warum hier nicht alles gut und wohlbehalten sein sollte. Aber man hat mir den ganzen Tag so zugesetzt, und ich bin nicht mehr so jung, wie ich war. Danke schön. Jetzt kommt und nehmt Euren Platz im Kreise; wir wollen ruhig zusammensitzen und auf die Echos lauschen, über die Ihr Eure eigene Theorie habt.«

»Keine Theorie, nur Phantasie.«

»Also schön, Phantasie also, mein weises Lämmlein«, sagte Mr. Lorry, ihre Hand streichelnd. »Sie sind sehr zahlreich und sehr laut, nicht wahr? Wir wollen hören.«

Ungestüme, tolle und gefährliche Fußtritte, die sich gewaltsam in das Leben anderer drängen Fußtritte, die nicht leicht wieder zu verwischen sind, wenn sie einmal ihre roten Spuren zeigen, toben weit weg in Saint Antoine, während der kleine Kreis zu London im dunkeln Stübchen am Fenster sitzt.

Saint Antoine war an jenem Morgen eine unabsehbare schwarze Masse hin und her wogender Vogelscheuchen gewesen, und über den Wellen von Köpfen sah man Stahlklingen und Bajonette in der Sonne blitzen und blinken. Ein furchtbares Getöse brüllte aus der Kehle von Saint Antoine, und ein Wald von nackten Armen in der Luft glich dürren Baumzweigen im Winterwinde: die Finger hielten krampfhaft jede Waffe oder jedes als Waffe brauchbare Gerät umkrallt, das aus der Tiefe unten, gleichviel wie weit weg, sich in die Höhe gearbeitet hatte.

Wer sie austeilte, woher sie kamen, wo es den Anfang nahm, durch welche Vermittlung sie schockweise zumal, fast mit Blitzesschnelle über den Häuptern der Menge so wirr zitterten und umherzuckten, darüber konnte der Haufen selbst keine Auskunft geben; aber Musketen waren verteilt worden, Patronentaschen, Pulver, Kugeln, eiserne und hölzerne Stangen, Messer, Äxte, Piken, kurz, was der Scharfsinn der Verzweiflung in eine Wehr umzuwandeln vermochte. Männer, die nichts anderes auftreiben konnten, rissen sich die Hände blutig an den Steinen und Ziegeln, die sie aus den Mauern brachen. Jeder Puls, jedes Herz in Saint Antoine verriet eine fieberhafte Spannung und loderte in wilder Fieberhitze. Jedes lebende Wesen achtete sein Leben gering und war im Wahnsinn der Leidenschaft bereit, es zu opfern.

Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so umkreiste dieses tobende Gewühl Defarges Weinschenke, und jeder menschliche Tropfen in dem Kessel bekundete das Streben, sich nach der Stelle hintreiben zu lassen, wo Defarge selbst, bereits von Schweiß und Pulver geschwärzt, Befehle ausgab, Waffen verteilte, den einen zurückstieß, den andern vorwärtszog, dort einem die Wehr abnahm, um sie einem andern zu geben, und im wildesten Gewühl des Aufruhrs sich abarbeitete.

»Halt dich in meiner Nähe, Jacques Drei«, rief Defarge, »und ihr, Jacques Eins und Zwei, trennt euch und tretet an die Spitze von so vielen dieser Patrioten, wie sich euch anschließen wollen. Wo ist mein Weib?«

»Hier bin ich«, entgegnete Madame so ruhig wie immer, obschon sie diesmal nicht strickte. Ihre entschlossene Rechte hatte, statt der gewöhnlichen leichteren Beschäftigung, zu einer Axt gegriffen. Auch trug sie eine Pistole und ein Schlachtmesser im Gürtel.

»Wohin willst du, Frau?«

»Vorderhand mit dir«, versetzte Madame. »Gelegentlich wirst du mich an der Spitze der Weiber sehen.«

»So kommt!« rief Defarge mit dröhnender Stimme. »Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Die Bastille!«

Mit einem Gebrüll, als habe aller Atem Frankreichs sich in diesem verabscheuten Worte zusammengedrängt, erhob sich die lebende See Woge an Woge und überflutete die Stadt nach dieser Richtung hin. Lärmglocken läuteten, Trommeln wirbelten, die See tobte und donnerte an ihr neues Gestade. Der Angriff begann.

Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, dicke Steinmauern, acht feste Türme, Kanonen, Musketen, Feuer und Rauch. Durch Feuer und Rauch, im Feuer und Rauch denn die Masse warf ihn hinauf gegen eine Kanone, und im Nu war er der Kanonier arbeitete Defarge von der Weinschenke zwei heiße Stunden wie ein mannhafter Krieger.

Ein tiefer Graben, eine einfache Zugbrücke, dickes Steingemäuer, acht starke Türme, Kanonen, Musketen, Pulver und Rauch. Eine Zugbrücke niedergelassen! »Strengt euch an, ihr Kameraden alle, strengt euch an. Drauf, Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Eintausend, Jacques Zweitausend, Jacques Fünfundzwanzigtausend; im Namen aller Engel oder aller Teufel, wie ihr wollt, ans Werk!« So rief Defarge von der Weinschenke, noch immer bei seiner Kanone stehend, die längst heiß geworden war.

»Mir nach, ihr Weiber!« rief Madame Defarge. »Wie, können wir nicht so gut totschlagen wie die Männer, wenn der Platz genommen ist?«

Und ihr nach strömten mit schrillem, durstigem Geschrei Schwärme von Weibern in verschiedener Bewaffnung, von Hunger und Rachsucht getrieben.

Kanonen, Musketen, Feuer und Rauch. Aber noch immer der tiefe Graben, die dicken Mauern und die acht festen Türme. Kleine Verschiebungen in dem wogenden Meere, veranlaßt durch das Stürzen der Verwundeten. Blitzende Waffen, hellodernde Fackeln, von nassem Stroh dampfende Lastwagen, unverdrossene Arbeit in allen Richtungen an den benachbarten Barrikaden, Geschrei, Musketensalven, Flüche, Tapferkeit sondergleichen, krachendes grobes Geschütz und Rottenfeuer, und das wütende Brüllen der lebendigen See. Aber noch der tiefe Graben, die einzelne Zugbrücke, das dicke Gemäuer und die acht festen Türme; Defarge von der Weinschenke noch immer an seiner Kanone, und die Kanone doppelt heiß nach einem Dienst von vier heißen Stunden.

Eine weiße Fahne aus dem Innern der Festung und Unterhandlung man bemerkte dies nur undeutlich im tobenden Sturme, und von Hören war gar nicht die Rede. Plötzlich hob sich die See unermeßlich weiter und höher und fegte Defarge von der Weinschenke über die niedergelassene Zugbrücke hin, an dem dicken steinernen Außengemäuer vorbei und hinein zwischen die übergebenen acht festen Türme.

So unwiderstehlich war die Gewalt des Meeres, das ihn dahin trug, daß er, als kämpfe er mit einer Brandung der Südsee, nicht zu atmen und den Kopf umzuwenden vermochte, bis er im äußeren Hofe der Bastille gelandet war. Hier hielt er sich an eine Mauerecke und versuchte umherzuschauen. Jacques Drei war in seiner Nähe. Madame Defarge, noch immer an der Spitze von einigen Weibern, befand sich, das Messer schwingend, weiter entfernt, gleichfalls im Innern. Überall war Tumult, Jubel, betäubende und tolle Verwirrung, haarsträubender Lärm und wütendes Gebärdenspiel.

»Die Gefangenen!«

»Die Listen!«

»Die geheimen Kerker!«

»Die Folterwerkzeuge!«

»Die Gefangenen!«

Unter all diesen Rufen und zehntausend andern, die man nicht verstand, wurde der, der »die Gefangenen« betraf, vorzugsweise aufgegriffen von der See, die hineinrauschte, als wäre die Menschenmenge so endlos wie Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen vorbeirollten, die Gefängnisbeamten mit sich führten und sie mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn sie nicht auch über den verborgensten Winkel Aufschluß gaben, faßte Defarge mit starker Faust einen dieser Männer, einen Graukopf, der eine brennende Fackel in der Hand trug, an der Brust, riß ihn beiseite und brachte ihn zwischen sich und die Mauer.

»Zeigt mir den Nordturm!« sagte Defarge. »Rasch!«

»Recht gern«, versetzte der Mann, »wenn Ihr mit mir kommen wollt. Aber es ist niemand dort.«

»Was hat Einhundertundfünf, Nordturm, zu bedeuten?« fragte Defarge. »Nun, wird’s bald?«

»Was es zu bedeuten hat, Herr?«

»Ist’s ein Gefangener, eine Gefängnisnummer, oder will es so viel besagen, daß ich Euch den Schädel einschlagen soll?«

»Nieder mit ihm!« krächzte Jacques Drei, der gleichfalls herangekommen war.

»Monsieur, es ist eine Zelle.«

»Zeigt sie mir.«

»So folgt mir.«

Jacques Drei mit seiner gewöhnlichen Hungermiene, den es augenscheinlich verdroß, daß das Zwiegespräch nicht, wie es den Anschein gehabt, mit einem Blutvergießen endete, faßte Defarge am Arme, als dieser den Schließer festhielt. Sie hatten während des kurzen Gespräches die Köpfe ganz nahe zusammenstecken müssen, um sich verstehen zu können; so furchtbar war das Getöse des lebenden Meeres bei seinem Eindringen in die Festung und bei seinem Überfluten der Höfe, Gänge und Treppen. Und auch draußen schlug es gegen die Mauern mit heiserem Gebrüll, aus dem hin und wieder tumultuarische Einzelrufe wie weißer Gischt gen Himmel spritzten.

Durch finstere Gewölbe, die nie das Licht der Sonne erleuchtet hatte, vorbei an schrecklichen Türen zu dunklen Löchern und Keuchen, ausgetretene Treppenfluchten hinab und wieder aufwärts auf steilen, verwitterten Stein- oder Ziegeltreppen, die man mit trockengelegten Wasserfallbetten vergleichen konnte, eilten die drei aneinander geklammerten Männer, Defarge, der Schließer und Jacques Drei, dahin, so schnell es nur gehen mochte. Hin und wieder, namentlich anfangs, faßte sie die Flut und riß sie mit fort. Als es aber mit dem Abwärtssteigen ein Ende hatte und das Klettern im Turme begann, waren sie allein. Durch die dicken Mauern und Gewölbe vernahmen sie den Sturm, der in und außerhalb der Feste wütete, nur noch wie ein dumpfes Getöse, als seien sie durch den Lärm, aus dem sie kamen, taubhörig geworden.

Der Schließer machte vor einer niederen Tür halt, steckte einen Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete langsam und sagte, als sie mit gebeugten Köpfen hineingingen:

»Hundertundfünf, Nordturm.«

Hoch in der Wand befand sich eine kleine, stark vergitterte Fensteröffnung ohne Scheiben und davor ein steinerner Schirm, so daß man den Himmel nur sehen konnte, wenn man sich tief niederduckte und aufwärtsschaute. Ein kleiner, mit schweren Querstangen geschützter Kamin ragte um ein paar Fuß herein. Auf dem Herde sah man ein Häufchen alter, federiger Holzasche. Es war noch ein Schemel, ein Tisch und ein Strohbett vorhanden. In einer der vier geschwärzten Wände steckte ein rostiger eiserner Ring.

»Leuchtet mit der Fackel langsam an den Wänden herum, daß ich sie sehen kann«, sagte Defarge zum Schließer.

Der Mann gehorchte, und Defarges Augen folgten aufmerksam dem Lichte.

»Halt! Schau her, Jacques.«

»A.M.«!« krächzte Jacques Drei lesend.

»Alexander Manette«, sagte ihm Defarge ins Ohr, während er mit dem vom Pulver geschwärzten und verbrannten Zeigefinger den Buchstaben folgte. »Und hier steht geschrieben: »ein armer Arzt«. Ohne Zweifel war er es auch, der hier in den Stein einen Kalender einkritzelte. Was hast du in der Hand? Ein Hebeisen? Gib es mir!«

Er hatte noch den Zündstock seiner Kanone in der Hand; nachdem er diesen rasch gegen das andere Werkzeug ausgewechselt, machte er sich an den wurmstichigen Tisch und Schemel und schlug sie mit ein paar Streichen in Stücke.

»Halt das Licht höher!« rief er zornig dem Schließer zu. »Untersuche diese Trümmer sorgfältig, Jacques. Und sieh, da hast du mein Messer«, er warf es ihm hin; »schlitz‘ das Bett auf und untersuche das Stroh. Höher mit dem Licht, du!«

Mit einem drohenden Blick auf den Schließer kletterte er auf den Herd, sah sich im Kamin um, klopfte mit seinem Brecheisen an die Seiten desselben und machte sich dann über das darüber angebrachte eiserne Gitter her. Nach einigen Minuten löste sich stäubend der Mörtel ab, und er wandte sein Gesicht beiseite, um den niederfallenden Stücken auszuweichen. Dann tastete er mit vorsichtiger Hand in den Kamin, in der alten Holzasche und in einem Spalt des Kamins, in dem sein Werkzeug sich verfangen oder den es gerissen hatte, umher.

»Nichts in dem Holz und nichts in dem Stroh, Jacques?«

»Nichts.«

»So wollen wir’s mitten in die Zelle auf einen Haufen schaffen. Gut. Jetzt zünd‘ an, du!«

Der Schließer steckte das Holzhäuflein in Brand, das bald hoch und heiß aufloderte. Dann schlüpften sie wieder gebückt durch die niedere Türwölbung, ließen hinter sich brennen und kehrten nach dem Hofe zurück. Auf dem Wege dahin schien sich allmählich ihr Gehör wieder zu schärfen, bis sie sich aufs neue in dem tobenden Wellenspiele befanden.

Dort kochte und brandete es, um Defarge zu suchen. Saint Antoine wollte durchaus seinen Weinwirt an der Spitze der Wache über den Gouverneur sehen, der die Bastille verteidigt und auf das Volk geschossen hatte. Es stand sonst zu befürchten, derselbe möchte nicht an das Stadthaus zum Gericht abgeliefert werden, sondern er könnte entkommen und das Blut des Volkes, das nach so vielen Jahren der Mißachtung plötzlich einigen Wert gewann, ungerächt bleiben.

In dem heulenden Knäuel von Kampf und Leidenschaft um den verabscheuten Offizier her, der sich durch seinen grauen Rock und die roten Dekorationen auszeichnete, befand sich nur eine einzige feststehende Figur, und zwar die eines Weibes. »Seht, da ist mein Mann!« rief sie, auf ihn hindeutend. »Da ist Defarge!« Sie trat auf den schrecklichen alten Offizier zu und hielt sich beharrlich an seiner Seite, während Defarge und die übrigen ihn durch die Straßen schleppten. Sie wich nicht von ihm, als er in die Nähe seines Bestimmungsortes kam und ein schwerer Regen von Hieben und Stichen gegen ihn losbrach; und sie war ihm, als er endlich tot niedersank, so nah, daß sie, die nun plötzlich Leben zeigte, ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und ihm mit dem lange bereit gehaltenen Schlachtmesser den Kopf vom Rumpf trennen konnte.

Die Stunde war da, in der Saint Antoine seinen schrecklichen Gedanken, statt der Laternen Menschen emporzuziehen, auszuführen gedachte, um zu zeigen, was er sein und tun konnte. Saint Antoines Blut wallte auf, während da der Tyrannei und des Herrschens mit der eisernen Hand drunten war drunten auf den Stufen des Stadthauses, wo der Leichnam des Gouverneurs lag – drunten an der Schuhsohle der Madame Defarge, als sie auf den Körper trat, um für die Verstümmelung festen Halt zu gewinnen. »Herunter mit der Laterne dort!« rief Saint Antoine, der mit blutgierigen Blicken sich nach neuen Todeswerkzeugen umsah. »Da ist einer von seinen Soldaten; er soll Wache bei ihm halten!« Der Posten ward in die Luft aufgepflanzt, und die See rauschte weiter.

Eine See schwarzen, drohenden Wassers, die zerstörend Welle gegen Welle schleuderte, unergründet in ihren Tiefen und unerkannt in ihrer Kraft! Eine erbarmenlose See wild hin und her bewegter Gestalten, rachedürstender Stimmen und in dem Glutofen der Leiden so sehr gehärteter Gesichter, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr auf sie machen konnte!

Aber in dem Meer der Gesichter, auf denen Trotz und Wut einen so wild lebendigen Ausdruck gewonnen, gab es zwei Gruppen, je sieben an der Zahl, die so sehr gegen die übrigen abstachen, daß nie eine rollende See denkwürdigere Schiffstrümmer vor sich hergetrieben hatte. Sieben Gesichter von Gefangenen, plötzlich durch den Sturm befreit, der ihre Gräber zerbrochen, wurden über den Häuptern der Menge dahingetragen. Sie waren verschüchtert, verwirrt, erstaunt und verwundert, als sei der Jüngste Tag gekommen und als gehe der gräßliche Jubel um sie her von den Seelen der Verdammten aus. Dann gab es noch sieben andere Gesichter sie wurden noch höher getragen und waren die Gesichter von Toten, deren gesenkte Lider und halb sichtbare Augen des Jüngsten Tages harrten. Unbewegliche Gesichter, aber doch mit einem Ausdrucke von Spannung darauf, der sich nicht vernichten ließ; Gesichter gewissermaßen in einer schrecklichen Ruhe, als wollten sie bald die gesenkten Augen wieder erheben und mit blutlosen Lippen Zeugnis ablegen: »Das hast du getan!«

Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die Schlüssel zu dem fluchbeladenen Fort mit seinen acht festen Türmen, einige aufgefundene Papiere und andere Denkwürdigkeiten von Gefangenen aus alter Zeit, denen die Herzen längst im Tode gebrochen waren dies und Ähnliches mischte sich in den lauten Widerhall der Fußtritte, als Saint Antoine in der Mitte des Juli Eintausendsiebenhundertneunundachtzig durch die Straßen von Paris zog. O Himmel, zerstreue Lucies Phantasien und halte diese Fußtritte fern von ihrem Leben! Denn sie sind ungestüm, toll und gefährlich und lassen sich so lange nach der Zeit, da das Faß vor der Tür von Defarges Weinschenke barst, nicht leicht wieder säubern, wenn sie einmal rot geworden sind.

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Immer höhere See.


Zweiundzwanzigstes Kapitel. Immer höhere See.

Der ausgehungerte Saint Antoine hatte erst eine Jubelwoche durchgemacht, in der er seinen Bissen hartes bitteres Brot, so gut er konnte, mit dem Hochgenuß brüderlicher Umarmungen und Glückwünsche würzte, als Madame Defarge wieder wie gewöhnlich am Zahltisch vor ihren Kunden thronte. Sie trug keine Rose in ihrem Kopfputz, denn die große Brüderschaft der Spione war schon in dieser einen kurzen Woche so verschüchtert worden, daß sie es nicht wagte, sich der Gnade des Heiligen anzuvertrauen. Die Laternen in der Straße hatten einen gar zu bedeutsamen, elastischen Schwung.

Madame Defarge saß mit verschlungenen Armen in der heißen Morgensonne und betrachtete die Weinstube und die Straße. Da wie dort lungerten einige Gruppen schmutziger, erbärmlich aussehender Müßiggänger, jetzt augenscheinlich im Bewußtsein einer Gewalt, die sie ihrem Elend verdankten. Die zerlumpteste Nachtmütze, die der ungewaschenste Kopf schräg aufsitzen hatte, schien zu sagen: »Ich weiß, wie schwer es mir, dem Bedecker dieses, geworden ist, das Leben in mir zu erhalten: aber weißt du, wie es mir, dem Bedecker dieses, jetzt ein so Leichtes ist, das Leben in dir zu vernichten?« Jeder magere nackte Arm, der vorher ohne Arbeit war, hatte jetzt hinreichend Beschäftigung, wenn er nur zuschlagen wollte. Die Finger der strickenden Weiber waren boshaft lüstern geworden, seit sie wußten, daß sie zerreißen konnten. Saint Antoine sah anders als früher; das Bild, an dem seit Jahrhunderten gehämmert worden war, hatte durch die beendigenden Schläge der letzten Zeit mächtig an Ausdruck gewonnen.

Madame Defarge stand beobachtend da, und in ihren Zügen las man unterdrückten Beifall, wie sich dies von der Führerin der Weiber von Saint Antoine erwarten ließ. Eine aus ihrer Schar saß ihr strickend zur Seite. Diese, das kleine, gedrungene Weib eines verhungerten Krämers und Mutter von zwei Kindern, hatte sich als ihr Leutnant bereits den Ehrennamen »die Rache« erworben.

»Hör‘!« sagte die Rache. »Was ist das? Wer kommt?«

Als ob eine von der äußersten Grenze des Saint-Antoine-Viertelbis zur Tür des Weinhauses gelegte Zündschnur plötzlich angezündet worden sei, wälzte sich ein rasch weiter greifendes Murmeln heran.

»Es ist Defarge«, sagte Madame. »Stille, Patriotinnen!«

Defarge kam, die rote Mütze in der Hand, atemlos heran und sah sich um.

»Aufgemerkt überall da!« sagte Madame. »Hört ihn!«

Defarge blieb keuchend im Vordergrunde der gierigen Augen und der weit offenen Mäuler stehen, die sich vor der Tür draußen gesammelt hatten, während sie in der Weinstube aufgesprungen waren.

»Rede, Mann. Was gibt es?«

»Neuigkeiten aus der andern Welt.«

»Wie das?« versetzte Madame verächtlich. »Aus der andern Welt?«

»Erinnert sich jemand hier des alten Foulon, der dem verhungerten Volke zurief, es solle Gras fressen der da starb und zur Hölle fuhr?«

»Jeder!« antwortete es aus allen Kehlen.

»Die Neuigkeiten betreffen ihn. Er ist unter uns.«

»Unter uns?« klang wieder der allgemeine Ruf: »Tot?«

»Nicht tot. Er fürchtete uns so sehr und zwar mit Recht , daß er sich für tot ausgeben und zum Schein ein großartiges Leichenbegängnis halten ließ. Aber man hat ihn auf dem Land draußen versteckt lebend aufgefunden und hierher gebracht. Ich bin Zeuge gewesen, wie man ihn eben gefangen auf dem Stadthause ablieferte, und sagte ihm, daß er uns nicht ohne Grund fürchtete. Sprecht ihr alle hatte er nicht Ursache dazu?«

Wenn es der unglückselige, mehr als siebzigjährige alte Sünder nie zuvor gewußt hätte, so würde ihn der auf diese Frage antwortende gemeinsame Ruf aufs gründlichste belehrt haben.

Dann folgte ein Augenblick tiefer Stille. Defarge und sein Weib sahen einander scharf an. Die Rache beugte sich nieder, und es erscholl der wilde Ton einer hinter dem Zahltische stehenden Trommel, die sie anschlug.

»Patrioten!« rief Defarge mit entschiedener Stimme, »sind wir bereit?«

Im Nu hatte Madame Defarge ihr Messer in dem Gürtel. Die Trommel scholl durch die Straßen, als seien sie und der Trommler herbeigezaubert worden: die Rache rannte unter furchtbarem Gezeter, die Arme wie vierzig Furien zumal über dem Haupte zusammenschlagend, von Haus zu Haus, um die Weiber aufzubieten.

Die Männer waren schrecklich, wie sie in ihrem blutgierigen Zorn zu den Fenstern herausschauten, nach der nächsten besten Waffe griffen und in die Straßen herausstürzten: aber die Weiber boten einen Anblick, der dem Kühnsten das Blut erstarren machen konnte. Von den Geschäften ihrer armen und kahlen Haushaltung, von ihren Kindern und von ihren Alten und Kranken hinweg, die nackt und verhungert auf dem Boden lagen, stürmten sie mit aufgelösten Haaren hinaus und erregten sich gegenseitig durch die wildesten Rufe und Handlungen bis zum Wahnsinn. »Der Schurke Foulon ist gefangen, Schwester! Der alte Foulon gefangen, Mutter! Der elende Foulon gefangen, Tochter!« Dann stürzte ein Dutzend anderer in ihre Mitte, die sich die Brust zerschlugen, das Haar zerrauften und in den Ruf ausbrachen: »Foulon noch am Leben! Foulon, der den verhungerten armen Leuten sagte, sie sollen Gras fressen! Foulon, der meinen armen Vater Gras fressen hieß, als ich ihm kein Brot zu geben hatte! Foulon, der meinem Kinde Gras zu saugen empfahl, als diese Brüste versiegt waren vor Mangel! O Mutter Gottes, dieser Foulon! O Himmel, unsere Leiden! Höre mich, mein totes Kind und mein vor Elend verkommener Vater ich schwöre es auf meinen Knien, auf diesen Steinen, dich zu rächen an Foulon! Männer, Brüder, Jünglinge, wir verlangen das Blut, den Kopf Foulons! Gebt uns das Herz Foulons gebt uns Foulon mit Leib und Seele! Reißt Foulon in Stücke und verscharrt ihn, daß Gras wachse aus seinem Leibe!« Unter solchem Geschrei rannten die Weiber wie toll umher und schlugen auf ihre eigenen Freunde los, bis sie im Übermaß ihrer Leidenschaft ohnmächtig zusammenbrachen und nur die zu ihnen gehörigen Männer sie retten konnten, daß sie nicht unter den Füßen zerstampft wurden.

Gleichwohl ging kein Augenblick verloren; kein Augenblick! Dieser Foulon befand sich auf dem Stadthause und konnte wieder befreit werden. Nie, solange Saint Antoine seiner Leiden und des erfahrenen Unrechts eingedenk war! Bewaffnete Männer und Weiber strömten so schnell aus dem Viertel hinaus und zogen selbst die letzten Reste mit solcher Anziehungskraft nach, daß in einer Viertelstunde außer einigen alten Weibern und winselnden Kindern kein menschliches Wesen mehr in Saint Antoine zu finden war.

Nein. Sie hatten inzwischen den Gerichtssaal, in dem sich der häßliche, boshafte alte Mann befand, gefüllt, und was nicht hineinging, hielt den anstoßenden freien Platz und die benachbarten Straßen besetzt. Die Defarge, Mann und Frau, die Rache und Jacques Drei standen im Gedränge vornan und in nicht großer Entfernung von dem Gehaßten.

»Seht!« rief Madame, mit ihrem Messer nach ihm hinweisend. »Seht den alten Schurken mit Stricken gebunden. Es war gut, daß man ihm ein Bund Heu auf den Rücken schnürte. Ha, ha! Sehr gut. Er soll es jetzt fressen!«

Madame steckte ihr Messer unter den Arm und klatschte mit den Händen wie im Schauspiel.

Die hinter Madame Defarge Stehenden erklärten den weiter rückwärts Befindlichen die Ursache dieser Beifallsäußerung, und so ging die Erklärung von Mund zu Mund, bis weit hinaus in die Straßen, wo jetzt bis an den Saum der Menschenmassen hinaus ein wütendes Klatschen erscholl. So vergingen schleppende zwei oder drei Stunden, und Madame Defarges häufige ungeduldige Kundgebungen über das Zeugengedresche wurden mit wunderbarer Schnelligkeit in die Ferne fortgepflanzt um so schneller, als einige im Klettern wohlgeübte Männer nach den Fenstern hinaufgestiegen waren und, da sie Madame gut kannten, von hier aus zwischen ihr und dem Volke draußen Telegraphendienst leisteten.

Endlich stand die Sonne so hoch, daß ein freundlicher Strahl von ihr unmittelbar das Haupt des alten Gefangenen traf, als wolle sie ihn schirmen oder ihm Hoffnung einflößen. Dies war unerträglich mit anzusehen. Im Nu ging die Schranke wie von Sägmehl und Spreu, die überraschend lange bestanden hatte, in die Winde, und er befand sich in den Händen von Saint Antoine.

Es war schnell bekannt bis ans äußerste Ende der Volksmenge. Defarge hatte über ein Geländer und einen Tisch weggesetzt und den unglücklichen Elenden mit tödlicher Umarmung umschlungen. Madame Defarge, die ihm nachfolgte, machte sich alsbald mit einem der Stricke, die ihn gefesselt hielten, zu schaffen. Die Rache und Jacques Drei hatten sich ihnen noch nicht angeschlossen, und die Männer in den Fenstern waren noch nicht wie Raubvögel auf ihre Beute in die Halle hinuntergestoßen, als schon von der ganzen Stadt her der Ruf zu erschallen schien: »Bringt ihn heraus! Heraus mit ihm an die Laterne!«

Mit dem Kopfe voran, hinab und hinauf über die Treppen des Gebäudes: jetzt auf den Knien, jetzt auf den Beinen und jetzt auf dem Rücken; geschleppt, gezerrt und von Heu- und Strohwischen fast erstickt, die Hunderte von Händen ihm ins Gesicht stießen; zerrissen, zerbeult, blutend und doch ohne Unterlaß flehentlich um Gnade bittend, jetzt in der vollen Beweglichkeit der Todesangst, wenn ein kleiner Raum um ihn her dadurch gebildet wurde, daß die Hinteren die Vorderen zurückzogen, um ihn besser sehen zu können, jetzt wie ein Scheit Holz durch einen Wald von Beinen gezogen so brachte man ihn bis zu der nächsten Straßenecke, wo eine der verhängnisvollen Laternen stand. Madame Defarge ließ ihn los wie etwa die Katze eine Maus und betrachtete ihn still und ruhig, während die anderen sich bereit machten und er sie anflehte. Dabei schrien die Weiber ohne Unterlaß, und die Männer meinten allen Ernstes, man solle ihm so lange Gras in den Mund stopfen, bis er tot sei. Auf einmal ging es mit ihm in die Höhe. Der Strick riß, und sie fingen den Schreienden wieder auf. Zum zweitenmal wieder hinauf; abermals riß der Strick, und der Mann ward aufgefangen. Beim drittenmal war der Strick barmherzig und hielt. Bald nachher ragte sein Kopf auf einer Pike und hatte Gras genug im Munde, um ganz Saint Antoine zu jubelnden Tänzen zu veranlassen.

Doch das schlimme Werk des Tages war noch nicht zu Ende, Das Blut von Saint Antoine hatte sich bei dem Schreien und Tanzen so erhitzt, daß es wieder wild aufkochte, als abends sich die Kunde verbreitete, der Schwiegersohn des Hingeschlachteten, gleichfalls einer von den Feinden und Verächtern des Volkes, komme mit einer Bedeckung nach Paris, unter der sich nur von Kavallerie fünfhundert Mann befänden, Saint Antoine schrieb seine Verbrechen mit flammender Schrift nieder, bemächtigte sich seiner würde ihn aus dem Herzen einer Armee herausgerissen haben, die sich dazu hergab, einen Foulon zu beschützen steckte seinen Kopf und sein Herz auf Spieße und trug die drei Siegeszeichen des Tages in einer Wolfsprozession durch die Straßen.

Erst bei dunkler Nacht kamen die Männer und Weiber zu den brotlosen weinenden Kindern zurück. Nun wurden die ärmlichen Bäckerläden belagert, und sie warteten geduldig, bis die Reihe des Brotkaufens an sie kam. Während sie mit schwachem und leerem Magen harrten, vertrieben sie sich die Zeit damit, daß sie einander umarmten und die Triumphe des Tages in ihrem Geplauder nochmals genossen. Allmählich wurden die Reihen des zerlumpten Volkes kleiner. Ärmliche Lichter begännen in den hohen Fenstern sich zu zeigen, und in den Straßen wurden dürftige Feuer angemacht, an denen die Nachbarn gemeinschaftlich das Nachtessen kochten, das sie in den Häusern verzehrten.

Ein elendes ungenügendes Nachtessen, bei dem von Fleisch oder von einer Soße für ihr grobes Brot keine Rede war. Doch goß geselliges Beisammensein einigen Nährstoff in steinharte Speisen und wußte denselben einige Funken Heiterkeit zu entlocken. Väter und Mütter, die unter den Schlimmsten des Tages gewesen waren, spielten sanft mit ihren abgezehrten Kindern, und Liebende liebten und hofften trotz einer Welt wie die vor ihnen und um sie her.

Es war fast Morgen, als Defarges Weinschenke ihre letzten Kunden entließ, und Monsieur Defarge sagte, als er die Tür schloß, in heiserem Ton zu Madame:

»Endlich ist es gekommen, meine Liebe.« »Nun ja«, entgegnete Madame. »Nahezu.«

Saint Antoine schlief, die Defarge schliefen, und sogar die Rache schlief mit ihrem verhungerten Krämer, und die Trommel hatte Ruhe. Die Stimme der Trommel war die einzige in Saint Antoine, die durch Blut und Schrecken nicht verändert worden war. Die Rache als Hüterin der Trommel konnte sie wecken, und sie klang dann wieder wie zu der Zeit, ehe die Bastille fiel oder der alte Foulon ergriffen wurde; nicht so war es mit den heiseren Tönen der Männer und Weiber im Schoß von Saint Antoine.

Drittes Kapitel. Nächtliche Schatten.


Drittes Kapitel. Nächtliche Schatten.

Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werte Tatsache, daß jedes menschliche Wesen seiner Eigenart nach für andere zu einem tiefen Geheimnis wird. Wenn ich nachts in einer großen Stadt anlange, so erfüllt es mich mit hehren Gedanken, daß jedes von jenen dunkel aufeinander gehäuften Häusern sein eigenes Geheimnis einschließt und jedes klopfende Herz in den Hunderttausenden von menschlichen Wesen irgendeine heimliche, ihm besonders teure Vorstellung birgt. Selbst das Grausen, das uns der Tod einflößt, hat in diesem Umstand seinen Grund. Ich kann nicht mehr in dem mir teuer gewordenen Buche blättern und darf nicht hoffen, es mit der Zeit zu Ende zu lesen. Ich soll nicht mehr schauen in die Tiefen des unergründlichen Wassers, in dem ich, je nachdem es durch augenblickliche Lichter erhellt wurde, manchen weit unter der Oberfläche befindlichen Schatz erschaute. Das Schicksal wollte es, daß das Buch sich schloß und für immer mit einer unlöslichen Klammer versehen ward, nachdem ich kaum eine Seite gelesen hatte. Es war bestimmt, daß das Wasser den starren Banden ewigen Eises verfiel, als das Licht noch auf seiner Oberfläche spielte und ich in ahnungsloser Unwissenheit am Ufer stand. Mein Freund ist tot, mein Nachbar ist tot, meine Liebe, der Schatz meiner Seele, ist tot. Wir haben da die unerbittliche Fortdauer eines Geheimnisses, das stets in jeder Persönlichkeit war und das ich bis zum Ende meines Daseins in die meinige übertragen habe. Und gibt es wohl auf irgendeinem Friedhof dieser Stadt, den ich durchwandle, einen Schläfer, der unerforschlicher wäre, als es mir der innern Persönlichkeit nach ihre rührigen Bewohner sind oder ich es ihnen bin?

Was dieses natürliche, unveräußerliche Erbe betrifft, so besaß es der Bote auf seinem Roß ebensogut wie der König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann von London. Nicht anders erging es den drei im engen Raum einer holperigen alten Postkutsche eingeschlossenen Passagieren, die sich wechselseitig so vollkommene Geheimnisse waren, als führen sie stundenweit voneinander jeder in einer eigenen sechsspännigen Equipage.

Der Bote ritt in leichtem Trab wieder zurück und hielt dabei fleißig vor den Wirtshäusern, um sich einen Trunk zu holen, zeigte aber dabei eine entschiedene Neigung, nicht viel Worte zu verschwenden und den Hutrand über den Augen aufgestülpt zu tragen. Freilich hatte er Augen, denen eine solche Dekoration recht gut stand: denn sie waren dunkel auf der Oberfläche, ohne Tiefe in Form oder Farbe und viel zu nah beieinander, als fürchte jedes, über etwas ertappt zu werden, wenn sie nicht treu zusammenhielten. Sie hatten einen finstern Ausdruck, und der alte Hut saß über ihnen wie ein dreieckiger Spucknapf, während unter ihnen die Flügel der dicken, Kinn und Hals umhüllenden Halsbinde fast bis zu den Knien niederfielen. Wenn er zu einem Trunk haltmachte, drückte er, solange er mit der Rechten sich den Branntwein in die Kehle goß, mit der Linken seine Hülle nieder, zog sie aber, sobald er sich angefeuchtet hatte, augenblicklich wieder in die Höhe.

»Nein, Jerry, nein«, fuhr der Bote auf seinem Ritt in dem alten Thema fort, »das wäre nichts für dich, Jerry. Du bist ein ehrlicher Handwerksmann, Jerry, und dies paßt nicht in deinen Kram. Zurückgerufen –! Ei der Kuckuck, man sollte meinen, er sei ein Trinker gewesen.«

Der Auftrag verwirrte ihm den Sinn dermaßen, daß er mehrmal den Hut abnehmen mußte, um sich den Kopf zu kratzen. Sein Scheitel war elend kahl; sonst aber hatte er ein steifes schwarzes Haar, das sich überall borstig emporsträubte und fast bis zu seiner stumpfen Nase bergab wuchs. Der Kopf schien aus einer Schlosserwerkstatt zu kommen; denn er sah weit eher einer oben mit Spitzeisen geschirmten Mauer als einem natürlichen Schopf ähnlich, so daß der beste Laubfroschspringer es abgelehnt haben würde, über diesen allergefährlichsten Menschen von der Welt einen Satz zu machen.

Während er mit dem Auftrag, den er durch den Wächter im Portierstübchen neben der Haustür von Tellsons Bank bei Temple Bar an die vornehmeren Personen drinnen ausrichten zu lassen hatte, seines Weges trabte, nahmen die Schatten der Nacht für ihn lauter Gestalten an, die aus seiner Botschaft hervorzuquellen schienen, während sie für sein Roß Umrisse gewannen, die aus dessen Privatbesorgnissen entsprangen. Letztere mußten wohl sehr zahlreich sein: denn das Tier scheute vor jedem Schatten am Wege.

Wie lange holterte und polterte, rasselte und schulterte der Postwagen mit seinen drei unerforschlichen Personen im Innern auf dem langweiligen Weg dahin! Und wem enthüllten sich die Schatten der Nacht in den Formen, die die schimmernden Augen und die unsteten Gedanken an die Hand gaben?

Tellsons Bank kam dabei in dem Postwagen nicht zu kurz. Während der Bankpassagier, den einen Arm durch die Riemenschlinge gezogen, die das ihrige tat, um ihn vor einem Zusammenstoß mit dem Nachbar oder vor einem Wurf in die Ecke zu bewahren, wenn die Kutsche einen besonders schweren Stoß erlitt, mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Sitze nickte, wurden für ihn die kleinen Kutschenfenster, die durch dieselben trüb hereinblinkenden Kutschenlichter und der mächtige Reisesack des gegenübersitzenden Passagiers zu einer Bank mit eifrigem Geschäftsbetrieb. Das Rasseln des Pferdegeschirrs war das Geklingel des Geldes, und in fünf Minuten wurden mehr Wechsel bezahlt, als Tellson trotz seiner ausgedehnten in- und ausländischen Geschäftsverbindungen in dreimal soviel Zeit auszuzahlen gewöhnt war. Dann taten sich Tellsons unterirdische feste Räume mit ihren wertvollen Schätzen und Geheimnissen, wie sie dem Passagier bekannt waren – und er wußte nicht wenig davon – vor ihm auf. Er ging, die großen Schlüssel und das matt brennende Licht in der Hand, darunter umher und fand alles so sicher und wohlverwahrt, so still und in Ordnung, wie er es zuletzt gesehen hatte.

Aber obschon die Bank unablässig in seiner Phantasie arbeitete und auch der Postwagen ihn stets in unklarer Weise, wie etwa ein Schmerz, wenn man ein Betäubungsmittel genommen hat, an seine Gegenwart erinnerte, so war doch auch noch ein anderer Gedankenstrom vorhanden, der ihm die ganze Nacht hindurch keine Ruhe ließ. Er befand sich auf dem Weg, jemanden aus dem Grabe herauszugraben.

Die Schatten der Nacht zeigten ihm allerdings unter der Menge der Gesichter, die sie ihm vorführten, das wahre der begrabenen Person nicht. Dafür aber vergegenwärtigten ihm alle die Umrisse eines Mannes von fünfundvierzig Jahren, die hauptsächlich durch den Ausdruck der Leidenschaften und ihres unheimlichen Wesens sich voneinander unterschieden. Stolz, Verachtung, Trotz, Starrsinn, Unterwürfigkeit und Jammern folgten der Reihe nach. Ebenso der Wechsel in den eingesunkenen, leichenfahlen Wangen und in den abgezehrten Körperformen. Das Gesicht blieb jedoch in der Hauptsache dasselbe, und jeder der Köpfe war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der schlummernde Reisende dieses Gespenst:

»Wie lange schon begraben?«

Und jedesmal lautete die Antwort in der gleichen Weise:

»Fast achtzehn Jahre.«

»Habt Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?«

»Längst.«

»Ihr wißt doch, daß Ihr ins Leben zurückgerufen seid?«

»So höre ich.«

»Ich hoffe, dies hat noch einen Wert für Euch?«

»Ich weiß darauf nichts zu sagen.«

»Soll ich sie Euch zeigen? Wollt Ihr mich zu ihr begleiten?«

Die Antworten auf diese Frage waren verschieden und widersprechend. Bisweilen lautete die gebrochene Erwiderung: »Halt! Es würde mich töten, wenn ich sie zu bald sähe.« Ein andermal wurde sie durch einen milden Tränenregen eingeleitet und klang: »Nehmt mich zu ihr.« Bisweilen folgte auf die Frage ein wirres Glotzen und die Entgegnung: »Ich kenne sie nicht – verstehe Euch nicht.«

Unter solchem eingebildeten Zwiegespräch konnte der Passagier in seiner Phantasie graben, graben und graben – jetzt mit einem Spaten, jetzt mit einem großen Schlüssel, oder wohl gar mit den Händen – um das unglückliche Wesen herauszuschaffen. Und war es endlich, Gesicht und Haare mit Erde beklebt, gehoben, so verfiel es plötzlich wieder zu Staub. Der Passagier konnte dann zusammenfahren und das Fenster niederdrücken, um sich durch den Regen und Nebel, die seine Wangen feuchteten, an die Wirklichkeit erinnern zu lassen.

Doch selbst wenn seine Augen sich für den Nebel und Regen, für den beweglichen Lichtstreifen auf der Straße und für die stoßweise weiter und weiter zurückweichenden Heckenpartien am Wege auftaten, pflegten die Nachtschatten außerhalb der Kutsche mit dem Gang der Nachtschatten im Innern wieder zusammenzutreffen. Da stand vielleicht das wirkliche Bankhaus bei Temple Bar, das wirkliche Geschäft des abgelaufenen Tages, der feste Kellerraum, der ihm nachgeschickte Eilbote und die Antwort, die er durch ihn zurücksagen ließ. Und mitten aus diesen Bildern trat dann wieder das gespenstige Gesicht hervor, das er abermals anredete:

»Wie lange schon begraben?«

»Fast achtzehn Jahr.«

»Ich hoffe, das Leben hat noch einen Wert für Euch.«

»Weiß nicht.«

Und er grub, grub, grub immerfort, bis ihn einer der Mitreisenden durch eine ungeduldige Bewegung mahnte, er solle das Fenster wieder aufziehen. Dann legte er seinen Arm aufs neue in die Lederschlinge und machte sich Gedanken über die beiden schlummernden Gestalten, bis zuletzt sein Geist wieder von ihnen abkam und abermals sich in die Bank und zu dem Grabe verirrte.

»Wie lange schon begraben?«

»Fast achtzehn Jahre.«

»Hattet Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?«

»Längst.«

Diese Worte klangen noch so deutlich in seinen Ohren wie nur irgendein wirklich gesprochenes Wort, als der müde Reisende zu dem Bewußtsein erwachte, daß es Tag und die Schatten der Nacht dahin seien.

Er ließ das Fenster nieder und schaute nach der aufgehenden Sonne hinaus. Da war ein Strich umgepflügten Landes und der Pflug noch an derselben Stelle, wo man am Abend zuvor die Pferde ausgespannt hatte, auf dem Acker. Jenseits desselben sah man ein Buschwäldchen, in dem noch viele Blätter von brennendem Rot oder goldigem Gelb an den Zweigen zitterten. Die Erde war kalt und feucht, der Himmel aber klar, und die Sonne erhob sich in ruhiger Pracht.

»Achtzehn Jahre!« sagte der Passagier, zu der Sonne aufblickend. »Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben zu sein!«

Der ehrliche Gewerbsmann


Der ehrliche Gewerbsmann

Wenn Mr. Jeremias Cruncher mit seinem greulichen Zwerge neben sich in der Fleetstraße auf seinem Schemel saß, so sah er jeden Tag eine Menge der verschiedensten Gegenstände vor seinen Augen vorüberziehen. Und wer konnte auch irgendwo in der Fleetstraße während der geschäftigen Stunden des Tages seinen Platz haben, ohne stetig von zwei endlosen Prozessionen geblendet und betäubt zu werden, von denen eine westwärts der Sonne nach und die andere ostwärts der Sonne entgegenzog?

Seinen Strohhalm im Munde, betrachtete Mr. Cruncher die beiden Ströme gleich dem heidnischen Bauern, der vor Jahrhunderten die Obliegenheit hatte, einen Strom zu überwachen, nur mit dem Unterschiede, daß Jerry sich keine Aussicht machte, seine beiden je versiegen zu sehen. Es wäre dies auch keineswegs eine hoffnungsvolle Erwartung gewesen, sofern ein kleiner Teil seines Einkommens darin bestand, daß er furchtsame Weiber, meist schmuck herausgeputzte Personen, die die Hälfte des Lebens bereits hinter sich hatten, von der Tellsonschen Seite nach dem andern Ufer hinüberlotste. So kurz auch ein solcher Verkehr in dem einzelnen Falle war, versäumte doch Nr. Cruncher nie, sich für die Dame in einem Grade zu interessieren, daß er gegen sie den lebhaften Wunsch ausdrückte, es möchte ihm die Ehre zuteil werden, auf ihre Gesundheit zu trinken. Und mit den Gaben, die ihm zur Erfüllung dieser wohlwollenden Absicht gereicht wurden, verstärkte er, wie wir eben bemerkten, seine Finanzen.

Es gab eine Zeit, in der an einem öffentlichen Platze ein Dichter auf einem Schemel saß und angesichts der Menschen sich seine Gedanken machte. Mr. Cruncher saß auch an öffentlichem Platze auf einem Schemel; da er aber kein Dichter war, so dachte er so wenig wie möglich und schaute nur umher.

So war er auch zu einer Zeit beschäftigt, als die Menschenmassen spärlicher, der verspäteten Damen immer weniger wurden und seine Angelegenheiten sich im allgemeinen auf so wenig prosperierendem Fuße befanden, daß in seiner Brust der lebhafte Verdacht erwachte, Mrs. Cruncher müsse wieder aufs entschiedenste hingefallen sein. Da fügte sich’s denn, daß ein ungewöhnliches Gedränge nach Westen, das sich die Fleetstraße herunter bewegte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine Blicke in diese Richtung entsendend, machte er die Wahrnehmung, daß eine Art Leichenzug einherkam, und daß der Lärm, der ihn begleitete, von protestierenden Volksmassen herrührte.

»Junger Jerry«, sagte Mr. Cruncher, sich an seinen Sprößling wendend, »’s ist eine Leiche.«

»Hurra, Vater!« rief der junge Jerry.

Der junge Gentleman stieß diesen jubelnden Ton mit geheimnisvoller Bedeutung aus; der alte aber nahm ihn so übel, daß er die Gelegenheit ersah, dem wackern Jüngling eine Ohrfeige zu geben.

»Was soll das heißen? Warum krakeelst du so, und was willst du deinem Vater damit sagen, du junger Rüpel? Der Bub wird mir allmählich zuviel«, sagte Mr. Cruncher, ihn vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtend. »Ja, wohl da Hurra! Laß mich das nicht wieder hören, oder du sollst’s zu fühlen kriegen. Hast du mich verstanden?«

»Ich hab’s nicht bös gemeint«, versicherte der junge Jerry, den getroffenen Teil reibend.

»Das will ich hoffen, denn mit deinen Tücken kämst du mir übel an«, sagte Mr. Cruncher. »Da, steig‘ auf diesen Sitz hinauf und schau‘ mir nach den Leuten.«

Sein Sohn gehorchte. Das Gewühl kam näher. Man lärmte und zischte um einen unscheinbaren Trauerwagen und um eine unscheinbare Trauerkutsche her, in der nur ein einziger Leidtragender mit den für die Würde seiner Stellung unerläßlich scheinenden, schwarzen Florbehängen saß. Die Stellung gefiel ihm übrigens, wie man wohl sehen könnte, nicht sonderlich: denn es sammelte sich um die Kutsche immer mehr Pöbel, der Grimassen gegen ihn schnitt, spottete, zischte und ihm nebst vielen andern Komplimenten, die zu zahlreich und saftig für die Wiederholung sind, unablässig den Ehrentitel »Spion« zurief.

Leichenbegängnisse hatten für Mr. Cruncher stets eine merkwürdige Anziehungskraft besessen: er strengte immer alle seine Sinne an und geriet in Aufregung, wenn ein Leichenzug an Tellsons vorbeikam. Die Aufregung war natürlich um so größer, wenn ei von einem ungewöhnlichen Gefolge begleitet wurde, und unser Ehrenmann fragte daher den ersten besten, der gegen ihn anrannte:

»Was gibt’s da, Bruder? Was treibt man?«

»Ich weiß nicht«, versetzte der Mann. »Y-ha! Spion!«

Er fragte einen andern: »Wer ist’s?«

»Weiß nicht«, entgegnete der Gefragte, schlug aber gleichwohl die Hände zusammen und schrie aus Leibeskräften: »Y-ha! Spion! Y-ha! Spion!«

Endlich kugelte einer, der besser über das Nähere des Vorgangs unterrichtet war, gegen ihn an, und von diesem erfuhr Mr. Cruncher, daß das Leichenbegängnis einem gewissen Robert Cly galt.

»War der ein Spion?« fragte Cruncher.

»Old-Bailey-Spion«, erwiderte der Auskunftgeber. »Joho! Y-ha! Old-Bailey-Spi-i-on!«

»Der Tausend, ja«, rief Jerry, sich der Gerichtsverhandlung erinnernd, der er beigewohnt hatte. »Ich hab‘ ihn gesehen. Er ist also tot?«

»Tot wie eine Hammelkeule«, entgegnete der andere, »und kann nicht tot genug sein. Holt sie heraus da! Spione! Heraus mit ihnen! Spione!«

Diese Idee erschien bei der vorherrschenden Abwesenheit einer Idee überhaupt so annehmbar, daß die Menge sie mit Begier aufgriff: sie wiederholte das »Heraus!« so laut und bedrängte die beiden Fuhrwerke so sehr, daß sie nicht mehr weiter konnten. Man riß den Kutschenschlag auf, der einzige Leidtragende fiel von selbst heraus und befand sich für einen Augenblick in den Händen des Pöbels: er war jedoch so hurtig und wußte seine Zeit so gut zu benutzen, daß er im nächsten Augenblicke schon eine Nebenstraße hinaufeilte, nachdem er seinen Mantel, seinen Hut, seinen langen Hutflor, das weiße Taschentuch und anderes symbolisches Trauerzubehör im Stiche gelassen hatte.

Das Volk riß diese Hinterlassenschaft in Stücke und streute sie mit wilder Lust weit und breit umher, während die Gewerbsleute hastig ihre Buden schlössen; denn in jenen Zeiten war ein Pöbelhaufen ein gefürchtetes Ungeheuer und durch nichts zu halten. Man hatte sich bereits bis zum Öffnen des Wagens und Herunternehmen des Sarges verstiegen, als mit einem Male ein genialerer Geist den Vorschlag machte, man solle den Leichnam unter schallendem Jubel an den Ort seiner Bestimmung bringen. Praktische Andeutungen waten gewiß sehr am Platze, und so fand auch diese eine beifällige Aufnahme. Im Nu hatten acht Mann das Innere und ein Dutzend das Äußere der Kutsche eingenommen, während sich so viele, als nur immer hinaufgingen, auf das Dach des Leichenwagens setzten. Unter den erstgenannten Freiwilligen befand sich Jerry Cruncher selbst, der seinen spießigen Kopf bescheiden gegen eine Wahrnehmung von Tellsons aus in der hintersten Ecke der Trauerkutsche schützte.

Die diensttuenden Leichenbesorger erhoben zwar einige Einwendungen gegen diesen Wechsel in der Zeremonie, bestanden aber nicht lange darauf, denn der Fluß lag in beunruhigender Nähe, und einige Stimmen ließen die Andeutung fallen, daß ein kaltes Bad ein sehr wirksames Mittel sei, um widerspenstige Personen zur Vernunft zu bringen. Der umgemodelte Zug brach auf mit einem kutschierenden Schornsteinfeger auf dem Bock des Leichenwagens, während der Kutscher überwachend ihm zur Seite saß; in gleicher Weise vertrat den Dienst der Leitung ein von dem ordentlichen Kutscher unterstützter Pastetenbäcker auf der Trauerkutsche. Ein Bärenführer, damals ein populärer Straßencharakter, wurde, noch eh‘ der Zug den Strand erreicht hatte, als Zierobjekt in den öffentlichen Dienst gepreßt, und der Bär, der schwarz und sehr schäbig war, verlieh dem Teile der Prozession, in dem er marschierte, ein echtes und gerechtes Leichenbestattungsaussehen.

So ging unter Biertrinken, Tabakrauchen, Brüllen und karikierten Trauergebärden der unordentliche Zug seines Weges, bei jedem Schritte Zuwachs aufnehmend, während vor ihm her überall die Läden sich schlossen. Sein Bestimmungsort war die alte Sankt-Pankraz-Kirche, weit draußen in den Feldern. Man langte im Laufe der Zeit dort an; die Menge stürmte in den Kirchhof hinein und besorgte in ihrer Art und zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit die Beerdigung des verstorbenen Robert Cly.

Nachdem der Tote bestattet war, sah sich die Masse genötigt, sich nach einem andern Zeitvertreib umzusehen, weshalb ein anderer genialer Geist (oder vielleicht der frühere) auf den Einfall kam, Leute, die zufällig vorübergingen, als Old-Bailey-Spione zu bezeichnen und die Volksrache auf sie zu lenken. Demgemäß wurden einige Dutzend harmloser Personen, die vielleicht in ihrem ganzen Leben Old Bailey nie gesehen hatten, hin und her gezerrt und mißhandelt. Der Übergang zu dem Spaße des Fenstereinwerfens und dann zum Plündern der Wirtshäuser war leicht und natürlich. Als endlich nach Ablauf mehrerer Stunden etliche Gartenhäuschen in Trümmern lagen und zur Bewaffnung der kriegerisch gesinnten Gemüter unterschiedliche Hofumzäunungen eingerissen waren, verbreitete sich das Gerücht von der Ankunft der Garden. Vor dieser bedrohlichen Kunde schmolz der Haufen allmählich zusammen. Vielleicht kamen die Garden, vielleicht auch nicht: genug, der Auflauf nahm das gewöhnliche Ende.

Mr. Cruncher hatte sich an den Schlußbelustigungen nicht beteiligt, sondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um mit den Leichenbestattern sich zu unterhalten und ihnen sein Beileid auszudrücken. Der Platz übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn. Er besorgte sich aus der nahen Schenke eine Pfeife, rauchte wacker drauf los, sah zu dem Gitter hinein und betrachtete sich wohlbedächtig die Stelle.

»Jerry«, sagte Mr. Cruncher, sich selbst anredend, »du siehst, daß man heute den Cly dort begraben hat, und du weißt aus eigener Anschauung, daß er ein junger, gutgebauter Bursche war.«

Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine Weile länger seinen Gedanken Gehör geschenkt hatte, trat er den Heimweg an, um vor der Schlußstunde sich wieder auf seinem Posten bei Tellsons zu zeigen. Ob seine Betrachtung über Sterblichkeit eine schlimme Einwirkung auf seine Leber geübt oder ob er vorher schon sich nicht recht wohl gefühlt hatte vielleicht wollte er auch nur einem ausgezeichneten Mann eine kleine Aufmerksamkeit erweisen; kurz, er machte unterwegs einen kleinen Besuch bei seinem ärztlichen Ratgeber, einem Chirurgen von hohem Ruf.

Der junge Jerry tröstete mit pflichtschuldiger Teilnahme seinen Vater und meldete, daß in seiner Abwesenheit kein Geschäft vorgekommen sei. Die Bank wurde geschlossen: die alten Kontoristen kamen heraus; es wurde die gewöhnliche Wache bestellt, und Mr. Cruncher begab sich mit seinem Sohn nach Hause zum Tee.

»Ich weiß jetzt, wo es steckt«, sagte Mr. Cruncher beim Eintreten zu seiner Frau. »Wenn mir, einem ehrlichen Geschäftsmann, heute nacht mein Ausgang mißglückt, so kann ich überzeugt sein, daß du gegen mich gebetet hast, und ich werde dich dafür so gut bearbeiten, als ob ich mit eigenen Augen zugesehen hätte.«

Die verzagte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.

»Was, das tust du angesichts meiner?« rief Cruncher mit den Zeichen unwilliger Besorgnis.

»Ich sage ja nichts.«

»Gut: aber du sollst auch nichts denken. Du könntest mir ebensogut umfallen wie denken: denn das eine wie das andere geht gegen »mich. Ich sag‘ dir, laß es bleiben.«

»Ja, Jerry.«

»Ja, Jerry«, wiederholte Mr. Cruncher, sich zum Tee niedersetzend. »Es ist mir ernst, und darum kein Wort mehr. Du hast Ursache, zu sagen: Ja, Jerry.«

Mr. Cruncher hatte keine besondere Absicht bei dieser zänkischen Bekräftigung, sondern bediente sich ihrer nur, um, wie dies häufig von den Leuten geschieht, im allgemeinen eine ironische Unzufriedenheit kundzugeben. ,

»Du mit deinem Ja, Jerry«, sagte Mr. Cruncher indem er ein Stück aus seinem Butterbrot biß. »Ah, ich kann mir’s denken glaub’s wohl.«

»Du gehst heute nacht aus?« fragte sein anständiges Weib, als er abermals einen Biß tat.

»Ja.«

»Darf ich mitgehen, Vater?« fragte sein Sohn hastig.

»Nein, du darfst nicht. Ich gehe fischen, wie deine Mutter weiß. Ja, das ist der Zweck meines Ausgangs. Fischen.«

»Dein Fischzeug ist ziemlich rostig, nicht wahr, Vater?«

»Das kann dir gleichgültig sein.«

»Bringst du auch Fische nach Hause, Vater?«

»Wenn’s nicht geschieht, wird’s morgen schmale Kost geben«, versetzte der Ehrenmann mit Kopfschütteln. »Du hast doch jetzt genug gefragt. Ich werde erst ausgehen, nachdem du längst im Bett bist.«

Er beschäftigte sich für den Rest des Abends damit, daß er ein äußerst wachsames Auge auf Mrs. Cruncher hielt und sie durch stetiges Zanken hinderte, auch nur in Gedanken zu seinem Nachteil zu beten. In dieser Absicht drängte er auch seinen Sohn, seine Mutter stets im Atem zu halten, und die unglückliche Frau hatte schwer darunter zu leiden; denn Mr. Cruncher zog lieber jede Kleinigkeit an den Haaren herbei, um ihr Vorwürfe zu machen, als daß er ihr nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken gelassen hätte. Selbst der frömmsten Person wäre es unmöglich gewesen, der Wirksamkeit eines ehrlichen Gebetes tiefere Anerkennung zu zollen, als durch dieses Mißtrauen gegen das arme Weib geschah. Geradeso sieht man oft entschiedene Gespensterleugner durch eine Geistergeschichte in Zittern geraten.

»Und wohlgemerkt, keine Possen morgen«, sagte Mr. Cruncher. »Wenn es mir als einem ehrlichen Geschäftsmann gelingt, eine Hammelkeule oder zwei heimzubringen, so laß mich nicht hören, daß du nichts davon anrühren, sondern bei deinem Brot bleiben wollest. Und wenn ich als ehrlicher Geschäftsmann imstande bin, mir ein bißchen Bier kommen zu lassen, so schwatze mir nicht von Wasser. Wer in Rom ist, muß tun, wie man in Rom tut. Und tust du’s nicht, so wird dir Rom sauber über den Kopf fahren. Ich bin dein Rom, das weißt du.«

Und dann begann er wieder zu brummen:

»Kommst mir da immer mit deinem abgesonderten Essen und Trinken! Ich möchte nur wissen, wie du hier zu Essen und Trinken kommen wolltest mit deinem heuchlerischen Wesen und deinem gefühllosen Benehmen. Schau deinen Buben an gehört er nicht dir? Er ist so dünn wie ein Span. Du willst dich eine Mutter nennen und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer Mutter ist, ihr Kind zum Wachsen zu bringen.«

Dies berührte bei dem jungen Jerry eine zarte Seite. Er beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch sonst darüber vernachlässigen mochte, besonders die Vollziehung der mütterlichen Pflicht sich angelegen sein zu lassen, auf die der Vater so liebevoll und fein hingedeutet hatte. So entschwand der Abend ln der Familie Cruncher, bis endlich der junge Jerry die Weisung erhielt, zu Bett zu gehen. An seine Mutter wurde der gleiche Befehl erlassen, dem sie demütig gehorchte. Mr. Cruncher kürzte sich die früheren Stunden der Nacht durch Pfeiferauchen und trat seinen Ausflug erst gegen ein Uhr an. Um diese kleinzahlige gespenstische Stunde erhob er sich von seinem Stuhl, zog einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete einen Schrein und holte einen Sack, ein Brecheisen von anständiger Größe, ein Seil, eine Kette und anderes derartiges Fischgerät heraus. Nachdem er diese Gegenstände geschickt bei sich versteckt hatte, warf er Mrs. Cruncher einen trotzigen Abschiedsblick zu und ging hinaus.

Der junge Jerry, der nur so getan hatte, als kleide er sich aus, war im Nu wieder aus seinem Bett und hinter dem Vater her. Im Schutz der Dunkelheit folgte er ihm zur Stube hinaus, die Treppe hinunter, in den Hof und auf die Straße. Wegen des Wiedernachhausekommens war ihm nicht bange, denn die Tür stand um der vielen Mietleute willen die ganze Nacht durch offen.

Von dem löblichen Ehrgeiz getrieben, die Kunst und das Geheimnis von seines Vaters ehrlichem Gewerbe zu studieren, ließ der junge Jerry, der sich so nahe, wie seine Augen beieinander standen, an die Häuser und Mauern hielt, seinen geehrten Erzeuger nicht aus dem Auge. Der geehrte Erzeuger steuerte nordwärts und war noch nicht weit gegangen, als sich ihm ein anderer Nachtgeselle anschloß, mit dem er gemeinschaftlich weitertrabte.

Nach einer halbstündigen Wanderung waren sie außer dem Bereiche neugieriger Lampen und der noch neugierigeren Nachtwächter draußen auf einsamer Landstraße. Hier wurde noch ein dritter Fischer aufgelesen, und zwar so in aller Stille, daß der junge Jerry, wenn er abergläubisch gewesen wäre, wohl hätte auf den Gedanken kommen können, daß der zweite Genosse der edlen Kunst sich plötzlich verdoppelt habe.

Die drei gingen weiter, und der junge Jerry folgte ihnen, bis sie unter einer Wegböschung haltmachten, auf der ein niedriges Backsteingemäuer mit einem eisernen Geländer bemerklich wurde. In dem Schatten der Böschung und des Gemäuers stahlen sie sich von der Straße ab, eine Sackgasse hinauf, die durch die acht bis zehn Fuß hohe Mauer begrenzt wurde. Der junge Jerry kauerte in einer Ecke nieder und schaute die Gasse hinauf. Der erste Gegenstand, dessen er ansichtig wurde, war sein geehrter Erzeuger, dessen Umrisse scharf gegen einen wässerigen, umwölkten Mond abstachen, wie derselbe hurtig ein eisernes Gittertor hinankletterte. Er war bald hinüber: darauf folgte der Zweite und dann der Dritte. Sie alle langten weich auf dem Boden hinter dem Gitter an und blieben eine Weile liegen, vielleicht, um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Füßen weiter.

Jetzt war an dem jungen Jerry die Reihe, sich dem Gitter zu nähern, er tat dies mit verhaltenem Atem. Er duckte sich dort wieder in eine Ecke, sah hinein und bemerkte, daß die drei Fischer in dem hohen Grase weiterkrochen. Und alle die Grabsteine es war ein großer Kirchhof schienen wie weiße Gespenster zuzuschauen, und der Kirchturm selbst sah darein wie der Geist eines ungeheuren Riesen. Sie krochen nicht weit, sondern machten bald halt und richteten sich auf. Dann begannen sie zu fischen.

Anfangs fischten sie mit einem Spaten. Dann gewann es den Anschein, als setze der geehrte Erzeuger ein Instrument von der Gestalt eines großen Korkziehers an. Welcher Art indes die Werkzeuge sein mochten, die Leute arbeiteten mit allem Eifer, bis der schauerliche Schlag der Kirchenuhr den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit einem Haar, so steif wie das seines Vaters, von dannen floh.

Aber der lang gehegte Wunsch, von diesen Dingen mehr zu erfahren, hielt ihn nicht nur in seinem Lauf an, sondern lockte ihn sogar wieder zurück. Sie fischten noch beharrlich fort, als er zum zweitenmal zum Gitter hineinsah, schienen aber jetzt etwas an der Angel zu haben. Es ging an ein Schrauben; von unten ließ sich ein ächzender Ton vernehmen, und die schattigen Gestalten strengten sich an, als höben sie eine schwere Last. Allmählich brach sich diese Last durch die Erde und kam an die Oberfläche. Der junge Jerry wußte recht gut, was jetzt kommen mußte; aber als er es wirklich sah und dabei bemerkte, wie sein Vater sich anschickte, es mit dem Stemmeisen aufzubrechen, wandelte ihn bei dem Anblick eine solche Angst an, daß er wieder Reißaus nahm und nicht eher haltmachte, bis er eine schöne Strecke Wegs hinter sich hatte.

Er würde auch dann noch nicht angehalten haben, wenn ihm nicht der Atem ausgegangen wäre; denn sein Rennen war eine Art Wettlauf mit Gespenstern, denen er aus dem Weg zu kommen zitterte. Es war ihm, als habe er gesehen, wie der Sarg ihm nachkam; er stellte sich vor, als hüpfe derselbe hinter ihm her, gerade auf seinem schmäleren Ende sich bewegend und stets auf dem Punkt, ihn einzuholen und an seiner Seite weiterzuhüpfen, vielleicht gar ihn am Arm zu nehmen kurz, es war ein fürchterlicher Verfolger. Dazu noch ein inkonsequenter, überall gegenwärtiger Dämon; denn da der Spuk die ganze Nacht hinter ihm mit Schrecken erfüllte, so stürzte er in die Straße hinaus, um die dunklen Alleen zu vermeiden, fürchtend, das Gespenst möchte wie ein wassersüchtiger Papierdrache ohne Schwanz und Flügel hinter den Bäumen hervor auf ihn zukommen. Auch in den Torwegen versteckte es sich, rieb seine schrecklichen Schultern an den Türpfosten und zog sie, als lache es, bis an die Ohren hinauf. Es versteckte sich im Schatten der Straße und blieb tückisch auf dem Rücken liegen, um ihm ein Bein zu stellen. Und diese ganze Zeit über hüpfte es ohne Unterlaß hart hinter ihm drein, so daß Jerry junior, als er endlich zu Hause anlangte, halbtot zu sein meinte. Ja, selbst da wollte es noch nicht von ihm ablassen, sondern es folgte ihm mit einem Gepolter auf jeder Stufe die Treppe hinauf, stieg mit ihm ins Bett hinein und plumpste schwer und tot ihm auf die Brust, bis er endlich einschlief.

Aus diesem angstvollen Schlummer wurde der junge Jerry in seinem Alkoven nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in dem Familienzimmer geweckt. Diesem mußte etwas nicht nach Wunsche gegangen sein; so schloß wenigstens der junge Jerry aus dem Umstand, daß der Alte Mrs. Cruncher an den Ohren hatte und ihr den Hinterkopf an dem Kopfbrett ihres Bettes zerbeulte.

»Ich hab‘ dir’s gesagt, ich wolle«, sagte Mr. Cruncher; »und jetzt hast du’s.«

»Jerry, Jerry, Jerry«, rief sein Weib flehentlich.

»Du hast ein Aber gegen den Profit des Geschäfts«, sagte Jerry, »und darunter haben ich und meine Kameraden zu leiden. Du sollst ehren und gehorchen warum zum Teufel tust du’s nicht?«

»Ich gebe mir ja alle Mühe, eine gute Frau zu sein«, versicherte die Arme unter Tränen.

»Ist man eine gute Frau, wenn man sich dem Geschäfte des Mannes widersetzt? Heißt es den Mann ehren, wenn man sein Gewerbe verachtet? Heißt es dem Manne gehorchen, wenn man ihm den Gehorsam verweigert in der Lebensfrage seines Geschäftes?«

»Du hast also wieder zu dem schrecklichen Gewerbe gegriffen, Jerry?«

»Für dich ist es genug«, versetzte Mr. Cruncher, »das Weib eines ehrlichen Geschäftsmanns zu sein, und du hast nicht nötig, deinen Weiberkopf mit Berechnungen anzustrengen, wenn er einem Beruf nachgeht oder nicht. Ein Weib, das ehrt und gehorcht, läßt ihn gewähren. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn die religiösen so sind, so will ich lieber eine unreligiöse. Du hast so wenig ein natürliches Gefühl für deine Pflicht, als es dieses Themsebett da für einen Pfahl hat, und sie muß deshalb gleichermaßen in dich hineingeschlagen werden.«

Der Streit wurde mit gedämpfter Stimme geführt und endigte damit, daß der ehrliche Geschäftsmann die kotigen Stiefel vom Fuß schleuderte und der Länge nach sich auf den Boden legte. Nachdem sein Sohn einen scheuen Blick nach ihm, wie er so rücklings dalag mit den rostigen Händen als Kissen unter dem Kopfe, hingeworfen hatte, legte auch er sich wieder und schlief aufs neue ein.

Zum Frühstück gab es keinen Fisch und auch nicht viel anderes. Mr. Cruncher war verstimmt und mißmutig und hielt stets einen eisernen Topfdeckel in der Nähe als Korrektionsgeschoß für Mrs. Cruncher, im Falle sie Miene machte, ihren Morgensegen zu sprechen oder zu denken. Zu der gewohnten Stunde hatte er sich gewaschen und gekämmt und machte sich mit seinem Sohne auf den Weg, um seinen vorweisbaren Beruf anzutreten.

Der junge Jerry, der mit seinem Schemel unter dem Arm neben seinem Vater in dem Gedränge der sonnigen Fleetstraße dahinschritt, war ein ganz anderer junger Jerry als in der letzten Nacht, solange er durch Einsamkeit und Dunkel vor seinem schrecklichen Verfolger her nach Hause lief. Sein Geist hatte sich mit dem Tage aufgefrischt, und die Nebel waren mit der Nacht vergangen, eine Eigentümlichkeit, in der er an jenem schönen Morgen viele seinesgleichen hatte, in der Fleetstraße sowohl wie in der Stadt London überhaupt. »Vater«, sagte der junge Jerry unterwegs, indem er zugleich Sorge trug, sich auf Armeslänge fernzuhalten und den Schemel zwischen sich und den Alten zu bringen, »was ist ein Auferstehungsmann?«

Mr. Cruncher blieb wie auf das Pflaster gebannt stehen, ehe er antwortete:

»Wie soll ich dies wissen?«

»Ich dachte, du wüßtest alles, Vater«, lautete die arglose Erwiderung des Knaben.

»Hm! Nun«, entgegnete Mr. Cruncher, den Weg wieder aufnehmend und den Hut lüpfend, um seinen Spießen freies Spiel zu lassen, »er ist ein Geschäftsmann.«

»Und was erwirbt er?« fragte der schlaue junge Jerry.

»Was er erwirbt?« versetzte Mr. Cruncher nach einigem Besinnen. »Er handelt mit wissenschaftlichen Gegenständen.«

»Nicht wahr, mit Leichnamen, Vater?« fragte der aufgeweckte Knabe.

»Ich glaube, es ist etwas der Art«, antwortete Mr. Cruncher.

»Oh, Vater, ich möchte wohl auch ein Auferstehungsmann werden, wenn ich einmal groß bin.«

Mr. Cruncher fühlte sich beruhigt, schüttelte aber doch bedenklich und moralisierend den Kopf.

»Es hängt davon ab, wie du deine Talente entwickelst. Laß dir’s angelegen sein, deine Talente auszubilden, und sprich von solchen Dingen gegen niemand mehr, als gerade notwendig ist; denn vorderhand kann man noch nicht wissen, für was du mit der Zeit passen magst.«

Als der junge Jerry, in solcher Weise ermutigt, einige Schritte vorausging, um den Schemel in den Schatten der Bar aufzustellen, fügte Mr. Cruncher für sich selbst hinzu:

»Jerry, ehrlicher Geschäftsmann, es ist Hoffnung vorhanden, daß der Knabe noch ein Segen für dich und ein Ersatz werden wird für seine Mutter!«

Fünfzehntes Kapitel. Strickzeug.


Fünfzehntes Kapitel. Strickzeug.

Es gab früher als gewöhnlich Gäste in Monsieur Defarges Weinstube. Schon morgens um sechs Uhr hatten bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster hineinschauten, drinnen andere Gesichter bemerkt, die sich über ihre Weingläser niederbeugten. Selbst in den besten Zeiten verkaufte Monsieur Defarge nur sehr dünnen Wein, aber er schien eben jetzt ganz ungewöhnlich dünn zu sein. Ein saurer Wein obendrein, oder ein sauer machender, denn er übte auf die Stimmung der Trinker einen gar trüben Einfluß. Keine lebhafte barchanalische Flamme loderte aus der gepreßten Traube des Monsieur Defarge, sondern ein glostendes Feuer, das im verborgenen brannte, lag in ihrer Hefe verborgen. Es war der dritte Morgen dieser Frühtrunke in Monsieur Defarges Weinstube. Sie hatten am Montag begonnen, und heute war es Mittwoch. Man konnte es übrigens eher ein Morgenbrüten nennen als ein Trinken; denn seit die Tür geöffnet worden, hatten viele Leute zugehört, geflüstert und waren wieder fortgeschlichen, die, selbst wenn es ihren Seelen gegolten, keine Münze auf den Zahltisch hätten legen können. Sie waren jedoch in der Stube ebenso angesehen, wie wenn sie über ganze Fässer Wein zu verfügen vermocht hätten, und man sah sie von Sitz zu Sitz, von einer Ecke zur andern gleiten, wie sie mit gierigen Blicken statt des Trunks die Reden einsogen.

Ungeachtet des außerordentlichen Zulaufs von Gästen war der Inhaber des Weinschanks nicht sichtbar. Er wurde auch nicht vermißt; denn niemand von denen, die über die Schwellen schritten, sah sich nach ihm um oder fragte nach ihm. Niemand wunderte sich, daß nur Madame Defarge die Abgabe des Weines von ihrem Sitze aus überwachte, mit einem Teller voll Kleingeld vor sich, auf dem das ursprüngliche Gepräge so entstellt und abgerieben war wie auf der menschlichen Scheidemünze, aus deren zerlumpten Taschen es gekommen war.

Ein zurückhaltendes Interesse und eine vorherrschende Geistesabwesenheit wurde vielleicht bemerkt von den Spionen, die in die Weinstube hineinschauten; denn ihre Blicke reichen überall hin nach Hoch und Nieder, von dem Palaste des Königs an bis zu dem Kerker des Verbrechers. Die Spielkarten lagen müßig, Dominospieler bauten in Gedanken mit den Steinen Türme, Trinker zeichneten mit dem verschütteten Wein Figuren auf den Tisch, ja, sogar Madame Defarge stocherte mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Ärmel und achtete nur auf etwas Unsichtbares und Unhörbares in weiter Ferne.

Saint Antoine verblieb in dieser eigentümlichen Weinlaune bis zum Mittag. Es war um die zwölfte Stunde, als zwei staubige Männer durch die Gassen der Vorstadt unter den Laternen vorbeikamen. In dem einen erkennen wir Monsieur Defarge, in dem andern einen Straßensteinschläger mit einer blauen Mütze. Voll Staub und Durst traten sie in die Weinstube. Ihre Ankunft hatte in der Brust von Saint Antoine eine Art Feuer angezündet, das, je weiter sie kamen, mehr und mehr um sich griff und an den meisten Türen und Fenstern in den Gesichtern flackernd hervorloderte. Aber niemand war ihnen gefolgt, und niemand ließ ein Wort verlauten, als sie in die Weinstube traten, obschon jedes Auge sich ihnen zuwandte.

»Guten Tag, meine Herren«, sagte Monsieur Defarge.

Dies war, scheint es, ein Signal, das allen die Zunge löste, denn es entlockte die Antwort im Chor: »Guten Tag.«

»Es ist schlimmes Wetter, meine Herren«, sagte Defarge den Kopf schüttelnd.

Hierauf sah jeder seinen Nachbar an; dann schlugen alle ihre Augen nieder und blieben stumm sitzen. Ein einziger machte davon eine Ausnahme; er stand auf und verließ das Zimmer.

»Frau«, sagte Defarge laut, sich an Madame Defarge wendend, »ich bin eine schöne Strecke gereist mit diesem wackeren Knecht, der Jacques heißt. Ich traf ihn zufällig anderthalb Tagmärsche von Paris. Er ist ein guter Mensch, dieser Knecht Jacques. Gib ihm zu trinken, Frau.«

Ein zweiter Mann stand auf und ging hinaus. Madame Defarge setzte dem Knecht namens Jacques Wein vor, worauf dieser gegen die Gesellschaft seine blaue Mütze lüftete und trank. Er zog aus der Brust seiner Bluse ein Stück rauhen, schwarzen Brotes heraus, brach sich in Zwischenräumen einen Bissen und kaute und trank in der Nähe von Madame Defarges Zahltisch. Ein Dritter stand auf und ging hinaus.

Defarge labte sich mit einem Schlucke Wein, genoß indes weniger, als es dem Fremden gereicht worden, da ihm als dem Hausherrn das Getränk keine Seltenheit war; dann blieb er wartend stehen, bis der Mann vom Lande seinen Imbiß gegessen hatte. Er sah von den Anwesenden niemand an, und auch von diesen hatte niemand ein Auge für ihn, nicht einmal Madame Defarge, die eifrig in ihrem Stricken fortfuhr.

»Seid Ihr fertig mit Eurem Mahle, Freund?« fragte er, nachdem er dem Fremden gehörig Zeit gelassen hatte.

»Ja; ich danke Euch.«

»So kommt. Ihr sollt das Gemach sehen, das Ihr, wie ich Euch sagte, haben könnt. Es wird Euch gewiß gut gefallen.«

Aus der Weinstube auf die Straße, von der Straße in den Hof, von dem Hofe eine steile Treppe hinan, von der Treppe in ein Dachstübchen früher das Dachstübchen, in dem ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank vorwärts gebeugt saß und Schuhe anfertigte.

Es war kein weißhaariger Mann mehr da, wohl aber harrten darin die drei, die einzeln die Schenkstube verlassen hatten. Und zwischen ihnen und dem in weiter Ferne sich befindenden grauhaarigen Manne bestand das einzige kleine Verbindungsglied, daß sie ihn einmal durch die Risse in der Mauer gesehen hatten.

Defarge schloß sorgfältig die Tür und begann mit gedämpfter Stimme:

»Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Drei, dies ist der Zeuge, der mir, dem Jacques Vier, infolge der Verabredung, entgegengekommen ist. Er wird euch alles sagen. Sprecht, Jacques Fünf.«

Der Knecht, der seine blaue Mütze in der Hand hatte, wischte sich die braune Stirn damit und sagte:

»Wo soll ich anfangen, Herr?«

»Fangt von vorn an«, lautete Monsieur Defarges nicht unvernünftige Erwiderung.

»Gut, ihr Herren«, begann der Knecht: »ich sah ihn, laufenden Sommer ist’s ein Jahr, unter der Kutsche des Marquis, wie er in der Kette hing. Schaut, wie das war. Ich hatte meiner Arbeit den Rücken gekehrt, die Sonne ging unter, die Kutsche des Marquis fuhr langsam bergan, und er hing in der Kette so.«

Und der Knecht machte wieder das alte Kunststück, in dem er es seitdem zu einer großen Vollkommenheit gebracht haben mußte, da es während eines ganzen Jahres die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltungszuflucht seines Dorfes gewesen war.

Jacques Eins fiel ein und fragte, ob er den Mann je zuvor gesehen habe.

»Nie«, antwortete der Knecht, indem er wieder eine lotrechte Stellung annahm.

Jacques Drei wollte wissen, wie er ihn nachher wiedererkannt habe.

»An seiner langen Gestalt«, versetzte der Knecht halblaut, indem er den Finger an seine Nase legte. »Als Monsieur le Marquis an jenem Abend zu mir sagte: Sag‘, wie er aussah, gab ich ihm zur Antwort: Lang wie ein Gespenst«

»Ihr hättet sagen sollen, klein wie ein Zwerg«, bemerkte Jacques Zwei.

»Was wußte ich? Die Tat war damals noch nicht geschehen, und er hatte mich nicht zu seinem Vertrauten gemacht. Auch muß ich bemerken, daß ich selbst unter den obwaltenden Verhältnissen nicht mein Zeugnis anbot. Monsieur le Marquis deutet mit dem Finger auf mich, während ich neben unserem kleinen Brunnen stehe, und sagt: Bringt mir diesen Schurken her. Wahrhaftig, meine Herren, ich hab‘ nicht aus freien Stücken gezeugt.«

»Es ist so, Jacques«, bemerkte Defarge halblaut gegen den Mann, der ihn unterbrochen hatte. »Weiter.«

»Gut«, sagte der Knecht mit geheimnisvoller Miene. »Der lange Mensch verschwindet und wird gesucht wie viele Monate? Neun, zehn, elf?«

»Was liegt an der Zahl?« versetzte Defarge. »Er war gut verborgen, wurde aber zuletzt unglücklicherweise aufgefunden. Fahrt fort.«

»Ich bin wieder an dem Bergabhang bei meinem Steinhaufen, und die Sonne ist wieder am Untergehen. Ich nehme mein Werkzeug zusammen, um nach dem Dorfe und in mein Häuschen zurückzukehren, das schon im Dunkeln liegt. Wie ich meine Augen aufrichte, seh‘ ich über den Berg her sechs Soldaten kommen. In ihrer Mitte geht ein Mann, dem die Arme an die Seiten gebunden sind so.«

Mit Hilfe der unentbehrlichen Mütze stellte er einen Menschen dar, dem mit auf dem Rücken zugeknoteten Stricken die Ellenbogen an den Brustkorb befestigt sind.

»Ich trete von meinem Steinhaufen zurück, meine Herren, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeikommen zu sehen (’s ist ein einsamer Weg, wo alles, was vorkommt, sich des Sehens verlohnt). Wie sie näher kommen, bemerke ich anfangs weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind mit einem gebundenen langen Mann; sie kommen meinem Auge fast schwarz vor, mit Ausnahme der Seite, wo die Sonne untergeht und wo sie einen roten Schein haben. Gut, meine Herren; ich sah, daß ihre langen Schatten über der Wegböschung weg sich an der entfernteren Berganhöhe abmalen und wie die Schatten von Riesen erscheinen. Ferner bemerke ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß jeder ihrer Schritte, wie sie tramp, tramp einherkommen, neuen Staub aufwühlt. Aber sobald sie mir ganz nahe gekommen sind, erkenne ich den langen Mann, und er erkennt mich. Ach, wie gern wär‘ er wohl wieder über den Abhang hinuntergekugelt wie an dem Abend, als ich ihm fast an demselben Platz zum erstenmal begegnete.«

Er beschrieb es, als ob sie dort wären, und es war sichtbar, daß er es lebhaft vor Augen hatte; vielleicht war ihm in seinem Leben nicht viel zu Gesicht gekommen.

»Ich lasse die Soldaten nicht merken, daß ich den langen Mann kenne; und auch er gibt kein Zeichen, daß er mich erkannt hat; wir aber verständigen uns durch die Augen. Vorwärts! sagt der Führer der Abteilung und deutet auf das Dorf; macht, daß er zu seinem Grabe kommt. Und sie treiben ihn schneller an. Ich folge. Seine Arme sind geschwollen wegen der festen Bande; seine hölzernen Schuhe sind plump und schwer, so daß er kaum gehen kann. Weil es nun nicht recht vorwärts will, so helfen sie mit den Gewehren nach so.«

Er veranschaulichte das Vorwärtstreiben des Gefangenen durch Stöße mit den Musketenkolben.

»Während sie gleich wettrennenden Tollhäuslern den Berg hinabrasen, fällt er. Sie heben ihn wieder auf und lachen. Sein mit Staub bedecktes Gesicht blutet; aber er kann nicht danach hinlangen, und sie lachen wieder darüber. Sie bringen ihn nach dem Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen, um ihn zu sehen. Man führt ihn an der Mühle vorbei und nach dem Gefängnis hinauf. Das ganze Dorf sieht, wie in der dunklen Nacht das Gefängnistor sich auftut und ihn verschlingt so.«

Er öffnete den Mund, so weit er konnte, und ließ ihn mit einem klappenden Ton der Zähne wieder zuschnappen. Als Defarge bemerkte, daß der Mann nicht Lust hatte, den gemachten Eindruck durch ein abermaliges Öffnen zu beeinträchtigen, so sagte er zu ihm: »Fahrt fort, Jacques.«

»Das ganze Dorf«, fuhr der Knecht mit gedämpfter Stimme fort, während er zugleich sich auf die Fußspitzen stellte, »zieht sich zurück; das ganze Dorf flüstert bei dem Brunnen; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen, der auf dem Felsen hinter Schloß und Riegel sitzt und nur wieder aus dem Gefängnis herauskommen soll, um zu sterben. Am Morgen nehme ich mein Werkzeug auf die Schulter und meinen Bissen Schwarzbrot in die Tasche, um ihn unterwegs zu essen, und mache auf meinem Gang zur Arbeit einen Umweg nach dem Gefängnis. Da sehe ich ihn hoch oben hinter dem Gitter eines eisernen Käfigs blutig und staubig wie gestern hervorschauen. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken. Ich wage es nicht, ihn anzurufen, und er betrachtet mich mit Augen wie ein toter Mann.«

Defarge und die drei warfen einander finstere Blicke zu. Ihre Mienen waren unheimlich, zurückhaltend und rachgierig, während sie der Geschichte des Landmanns zuhörten; auch ließ sich in ihrer Haltung etwas Gebieterisches nicht verkennen. Sie nahmen sich wie ein roher Gerichtshof aus. Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett und hatten das Kinn auf die Hand gestützt, während ihre Augen unverwandt auf dem Knecht hafteten. Jacques Drei, der ebenso aufmerksam war, stützte sich hinter ihnen auf das eine Knie und fuhr ohne Unterlaß mit der Hand über die in Aufregung spielenden Muskeln seiner Lippen und Nase. Defarge stand zwischen ihnen und dem Erzähler, dem er seinen Platz im Licht des Fensters angewiesen, und ließ seine Blicke von ihm auf die drei und von den dreien wieder auf ihn zurückgleiten.

»Weiter, Jacques«, sagte Defarge.

»Er bleibt einige Tage droben in seinem Käfig. Das Dorf schaut nur verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es betrachtet immer aus der Ferne das Gefängnis auf dem Felsen, und abends, wenn es sich nach vollbrachtem Tagewerk zum Plaudern am Brunnen versammelt, wenden sich alle Augen dem Gefängnis zu. Früher pflegten sie sich auf das Posthaus zu richten, jetzt aber ist der Fels ihr Ziel. Sie flüstern sich am Brunnen zu, obgleich der Mann zum Tode verurteilt sei, werde er doch nicht hingerichtet werden; sie sagen, es seien in Paris Bittschriften eingereicht worden, die auseinandersetzten, der Tod seines Kindes habe ihn geisteskrank gemacht; sie sagen, der König selbst habe eine solche Bittschrift in Empfang genommen. Was weiß ich? Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht.«

»So hört denn, Jacques«, fiel ihm stummer Eins dieses Namens ins Wort. »Eine Bittschrift ist dem König und der Königin wirklich überreicht worden. Wir alle, die wir hier zugegen sind, mit alleiniger Ausnahme von Euch, haben gesehen, wie der König sie in Empfang nahm, als er mit der Königin an seiner Seite durch die Straßen fuhr. Defarge, den Ihr hier seht, war es, der unter Lebensgefahr mit der Schrift in der Hand vor die Pferde hintrat.«

»Und hört weiter, Jacques«, sagte die kniende Nummer Drei mit erstaunlich gieriger Miene, als hungere sie nach etwas, was weder Speise noch Trank war, die Finger wieder und wieder über die Lippen hinführend, »die Garde, Reiter und Fußgänger umgaben den Bittsteller und mißhandelten ihn mit Schlägen. Hört Ihr’s?«

»Jawohl, ihr Herren.«

»Fahrt fort«, sagte Defarge.

»Andererseits munkelt man am Brunnen davon«, fuhr der Landmann fort, »er sei in unsere Gegend gebracht worden, um hier den Tod zu erleiden, und er werde ganz gewiß hingerichtet werden. Ja, man will sogar wissen, weil er Monseigneur umgebracht habe und Monseigneur der Vater seiner Leibeigenen sei, so werde ihn der Tod des Vatermörders treffen. Ein alter Mann sagt am Brunnen, man gebe ihm das Messer in die rechte Hand, haue sie ihm ab und verbrenne sie vor seinen Augen; dann reiße man Löcher in seine Arme, in seine Brust, in seine Beine und gieße kochendes Öl, geschmolzenes Blei, heißes Harz, Wachs und brennenden Schwefel hinein; endlich reiße man ihm mit vier starken Pferden Glied für Glied aus dem Leibe. Der alte Mann sagt, all dies sei wirklich einem Gefangenen geschehen, der einen Versuch auf das Leben des verstorbenen Königs Ludwig des Fünfzehnten machte. Aber wie kann ich wissen, ob er nicht lügt? Ich bin kein Studierter.«

»Hört mich noch einmal an, Jacques«, sagte der Mann mit der unruhigen Hand und der gierigen Miene. »Der Name jenes Gefangenen war Jacques Damíens, und der ganze Vorgang fand bei hellem Tage auf der offenen Straße dieser Stadt Paris statt. Und nichts war merkwürdiger in dem ungeheuren Zusammenlauf der Zuschauer als die Menge von hohen und vornehmen Damen, die kein Auge wandten von dem Schauspiel, solange es dauerte; es wurde nämlich bis in die Nacht hinein verlängert, und der Unglückliche hatte schon zwei Beine und einen Arm verloren, als er immer noch atmete. Dies ist geschehen na, wie alt seid Ihr?«

»Fünfunddreißig«, sagte der Knecht, der wie ein Sechziger aussah.

»Es ist also geschehen, wie Ihr schon über zehn Jahre alt waret. Ihr hättet es selbst noch mit ansehen können.«

»Genug«, sagte Defarge mit grämlicher Ungeduld. »Lang lebe der Teufel! Macht weiter.«

»Nun, die einen munkeln dies, die andern das; sie sprechen von nichts anderem, und selbst der Brunnen scheint in diesen Ton einzufallen. Endlich einmal Sonntags nachts, während das ganze Dorf im Schlaf liegt, kommen Soldaten den Schlangenweg vom Gefängnis herunter, und ihre Schüsse hallen von den Steinen der nahen Straße wieder. Werkleute graben, Werkleute hämmern, die Soldaten lachen und singen, und am Morgen steht neben dem Brunnen ein vierzig Fuß hoher Galgen und vergiftet das Wasser.«

Der Knecht sah eher durch die Decke hindurch als nach ihr hinauf und machte ein Zeichen, als sehe er den Galgen irgendwo am Himmel.

»Alle Arbeit bleibt liegen, alles versammelt sich da, niemand führt die Kühe aus, die Kühe sind da wie alles andere. Um Mittag Trommelwirbel. Soldaten sind während der Nacht ins Gefängnis marschiert, und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist gebunden wie früher, und in seinem Munde steckt ein Knebel, der so fest und in einer Art angebracht ist, daß es fast aussieht, als ob er lache.« Er erläuterte dies damit, daß er mit den Daumen die Mundwinkel bis zu den Ohren zurückzog. »An dem obern Teil des Galgens ist das Messer mit der Klinge aufwärts und der Spitze in der Luft befestigt. Da hängt man ihn vierzig Fuß hoch und läßt ihn hängen und das Wasser vergiften.«

Sie sahen einander an, während er seine blaue Mütze zum Abwischen des Schweißes benutzte, den ihm die Erinnerung an das Schauspiel ausgetrieben hatte.

»Es ist schrecklich, meine Herren. Wie können die Weiber und die Kinder Wasser holen? Wer kann abends unter einem solchen Schatten plaudern? Darunter, habe ich gesagt? Als ich am letzten Montag um Sonnenuntergang das Dorf verließ und von dem Berge aus zurückschaute, fiel der Schatten quer über die Kirche hin, über die Mühle, an dem Gefängnis vorbei, und schien sich über die ganze Erde zu erstrecken, bis dahin, meine Herren, wo das Himmelsgewölbe ist.«

Der Hungrige nagte, während er die andern drei ansah, an einem von seinen Fingern, und die Finger zitterten unter der dem Manne innewohnenden Gier.

»Das ist alles, meine Herren. Ich verließ, wie mir angedeutet worden war, um Sonnenuntergang das Dorf und wanderte selbige Nacht und den halben andern Tag fort, bis ich, wie die Verabredung lautete, diesen Kameraden traf. Mit ihm reiste ich weiter, bald zu Fuß, bald fahrend, den Rest des gestrigen Tages und die ganze Nacht durch. Und nun seht ihr mich.«

Nach einem düsteren Schweigen sagte der erste Jacques:

»Gut: Ihr habt treu gehandelt und erzählt. Wollt Ihr vor der Tür draußen ein bißchen auf uns warten?«

»Recht gern«, versetzte der Knecht.

Defarge führte ihn an den Anfang der Treppe, hieß ihn dort niedersitzen und kehrte zurück. Als er wieder in dem Dachstübchen anlangte, waren die drei aufgestanden und steckten die Köpfe zusammen.

»Wie meinst du, Jacques?« fragte Nummer Eins. »Einzutragen?«

»Einzutragen als zum Untergang verurteilt«, versetzte Defarge.

»Großartig!« krächzte der Mann mit dem Hunger.

»Das Schloß und das ganze Geschlecht?« fragte der Erste.

»Schloß und Geschlecht«, entgegnete Defarge. »Vernichtung.«

Der hungrige Mann wiederholte mit entzücktem Krächzen sein »Großartig« und begann an einem andern Finger zu nagen.

»Seid Ihr gewiß«, fragte Jacques Zwei den Defarge, »daß uns aus der Art, wie das Register geführt wird, keine Verlegenheit erwachsen kann? Ohne Zweifel ist es sicher, da es außer uns niemand zu entziffern imstande ist: aber werden wir immer in der Lage sein, es zu tun oder, wie ich vielmehr sagen sollte, wird sie es immer können?«

»Jacques«, entgegnete Defarge, sich hoch aufrichtend, »wenn es meine Frau auf sich nehmen wollte, das Register nur in ihrem Gedächtnis zu führen, so würde kein Wort, keine Silbe davon verlorengehen; gestrickt aber mit ihren eigenen Maschen und ihren symbolischen Zeichen; ist es ihr stets so klar wie die Sonne. Ihr könnt euch auf Madame Defarge verlassen, für die elendeste Memme, die da lebt, wäre es viel leichter, sich aus dem Buch der Lebendigen zu streichen, als nur einen Buchstaben seines Namens oder seiner Verbrechen aus Madame Defarges gestricktem Register zu tilgen.«

Es folgte darauf ein Gemurmel des Beifalls und des Vertrauens; dann stellte der hungrige Mann die Frage:

»Soll dieser Bauer bald wieder zurückgeschickt werden? Ich hoffe es. Er ist sehr einfältig; könnte er nicht gefährlich werden?«

»Er weiß nichts«, sagte Defarge, »wenigstens nichts weiter, als was ihn leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen könnte. Ich nehm‘ ihn auf mich: laßt ihn bei mir bleiben. Ich will für ihn sorgen und ihm seinen Weg anweisen. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen, den König, die Königin, den Hof; so mag er am Sonntag seinen Willen haben.«

»Wie?« rief der Mann mit dem Hunger, die Augen weit aufreißend. »Ist es ein gutes Zeichen, daß er das Königtum und den Adel zu sehen wünscht?«

»Jacques«, sagte Defarge, »bist du klug, so zeigst du einer Katze Milch, wenn du willst, daß sie danach dürsten soll. Bist du klug, so zeigst du einem Hunde seine natürliche Beute, wenn du willst, daß er sie eines Tages erjage.«

Weiter wurde nichts gesprochen, und man riet nun dem Knecht, den man bereits schlafend auf der obersten Treppenstufe fand, daß er ein wenig der Ruhe pflegen solle. Dazu war nicht viel Überredens notwendig; er schlief bald ein.

Für einen derartigen Sklaven aus der Provinz mochte es in Paris leicht schlimmere Quartiere geben als Defarges Weinhaus. Mit Ausnahme einer geheimnisvollen Furcht vor Madame, die ihm keine Ruhe ließ, verbrachte er sein neues Leben recht angenehm. Aber Madame saß den ganzen Tag an ihrem Zahltisch und achtete so merkwürdig wenig auf ihn, ja sie schien so fest entschlossen zu sein, nicht bemerken zu wollen, wie sein Dasein doch keine so ganz oberflächliche Bedeutung habe, daß er in seinen Holzschuhen zitterte, sooft sein Auge auf sie fiel. Denn er machte sich immer Gedanken darüber, wie unmöglich es sei, vorauszusehen, was die Frau zunächst sich herausnehmen werde, und fühlte die Überzeugung, wenn sie sich’s in ihren bunt geschmückten Kopf setzen sollte, zu behaupten, sie sei Zeuge gewesen, wie er einen Mord begangen und hintendrein seinem Opfer die Haut abgezogen habe, so müsse sie unfehlbar ihren Zweck erreichen bis zum vollen Ende des Spiels.

Als daher der Sonntag kam, war der Knecht, obschon er das Gegenteil behauptete, gar nicht erfreut über die Kunde, daß Madame und Monsieur ihn selbst nach Versailles begleiten wollten. Ein anderer verwirrender Umstand war, daß Madame auf dem ganzen Wege in dem offenen Wagen strickte, und am meisten brachte ihn in Verlegenheit, daß sie nachmittags, als sie auf die Kutsche des Königs und der Königin wartete, in dem Menschengewühl keinen Augenblick ihr Strickzeug aus der Hand legte.

»Ihr arbeitet recht fleißig, Madame«, sagte ein Mann in ihrer Nähe.

»Ja«, antwortete Madame Defarge: »ich habe viel zu tun.«

»Was fertigt Ihr, Madame?«

»Allerlei.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel«, erwiderte Madame Defarge schnell besonnen, »Leichentücher.«

Der Mann suchte, sobald es tunlich war, weiter von ihr wegzukommen, und der Knecht fächelte sich mit seiner blauen Mütze, da ihm die Luft gewaltig schwül und dunstig vorkam. Es bedurfte eines Königs und einer Königin, um ihn wieder aufzufrischen, und zum Glück brauchte er auf diese Stärkung nicht mehr lange zu warten. Der breitgesichtige König kam mit der schönen Königin in einer vergoldeten Kutsche angefahren, begleitet von den hellscheinenden Trabanten des Hofes, einem flimmernden Schwarme von lachenden Frauen und feinen Herren. Und von den Juwelen und Seidenstoffen, von dem Puder und der Pracht, von den stolzen Gestalten und den verächtlich umherblickenden schönen Gesichtern beiderlei Geschlechts schöpfte der Knecht in vollen Zügen bis zur Trunkenheit, so daß er, als hätte er nie von der damaligen Allgegenwart der Jacques‘ gehört, aus Leibeskräften rief: »Lang lebe der König! Lang lebe die Königin! Lang lebe alles und jedermann!« Dann kamen die Gärten, die Hofräume, Terrassen, Fontänen, grüne Dämme, wieder König und Königin, abermals glänzende Trabanten, noch mehr »Lang leben sie alle«, bis er absolut weinte vor Rührung. Während dieses ganzen Schauspiels, das etwa drei Stunden anhielt, hatte er im Schreien, Weinen und Gerührtsein viele Kameraden, und Defarge hielt ihn die ganze Zeit über am Kragen, als wolle er ihn abhalten, auf die Gegenstände seiner kurzen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu reißen.

»Bravo!« sagte Defarge, nach dem Schluß der Szene ihm mit einer Gönnermiene auf den Rücken klopfend; »Ihr seid ein guter Bursch.«

Der Knecht kam nun wieder zu sich und kraute sich bedenklich den Kopf, ob er nicht mit seinen letzten Demonstrationen einen Fehlgriff getan habe. Doch nein.

»Ihr seid ein Kerl, wie wir ihn brauchen«, flüsterte ihm Defarge ins Ohr. »Ihr laßt diese Toren glauben, daß es immer so fort gehen werde. Dies macht sie um so unverschämter und führt desto schneller ihr Ende herbei.«

»Ei, das ist wahr«, entgegnete der Knecht nachdenklich.

»Das Narrenvolk weiß nichts. Während sie den Atem in Euch und Hunderten Euresgleichen geringer anschlagen als den ihrer Pferde und Hunde und ihm gern für alle Zeiten den Garaus machen möchten, erfahren sie doch nur, was dieser Atem ihnen sagt. Mögen sie immerhin noch eine Weile in ihrer Täuschung erhalten bleiben; man kann es hierin nicht zu arg machen.«

Madame sah mit hochmütiger Miene nach ihrem Klienten hin und nickte bestätigend.

»Was Euch betrifft«, sagte sie, »so könnt Ihr wahrscheinlich schreien und Tränen vergießen bei allem, wenn es nur prunkt und Lärm macht. Sprecht, ist es nicht so?«

»In der Tat, Madame, ich glaube es. Es ist mir für den Augenblick so.«

»Wenn man Euch einen Haufen Puppen zeigte und Ihr die Aufgabe hättet, zu Eurem Nutz und Frommen sie zu zerreißen und zu verderben, so würdet Ihr wohl mit den am reichsten und buntest gekleideten den Anfang machen. Sprecht, ist’s nicht so?«

»Wahrhaftig, ja, Madame.«

»Ja. Und wenn man Euch einen Schwarm Vögel wiese, die nicht fliegen können, und Euch erlaubte, ihnen zu Eurem Nutz und Frommen die Federn auszuraufen, so würdet zuerst Ihr nach denen mit dem schönsten Gefieder greifen. Ist’s nicht so?«

»Jawohl, Madame.«

»Ihr habt heute die Puppen und die Vögel gesehen«, sagte Madame Defarge, nach der Stelle zurückdeutend, wo der Zug zuletzt sich bewegt hatte. »Gehen wir jetzt nach Hause.«

Sechzehntes Kapitel. Noch mehr Strickzeug.


Sechzehntes Kapitel. Noch mehr Strickzeug.

Madame Defarge und ihr Herr Gemahl kehrten traulich miteinander in den Schoß von Saint Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze durch Dunkelheit und Staub die ermüdende Allee neben der Straße sich hinunterbewegte und langsam in die Kompaßrichtung strebte, wo das Schloß des jetzt in seinem Grabe liegenden Monsieur le Marquis auf das Flüstern der Bäume lauschte. Die steinernen Gesichter hatten nunmehr so reichlich Muße, den Bäumen und dem Brunnen zuzuhören, daß die Dorfvogelscheuchen, die bei ihrem Spähen auf eßbares Grün oder brennbares abgestorbenes Reis sich in die Nähe des steinernen Hofes und der Terrassentreppe verirrten, in ihrer ausgehungerten Einbildungskraft auf den Gedanken kamen, die Gesichter seien anders geworden. In dem Dorfe erhielt sich noch ein Gerücht freilich nur schwach und abnehmend wie die Einwohnerschaft selbst , die Gesichter haben, als das Messer gestoßen wurde, den Ausdruck des Stolzes in den von Zorn und Schmerz umgewandelt, und als die baumelnde Gestalt vierzig Fuß hoch über dem Brunnen hing, sei abermals eine Veränderung vorgegangen, denn sie trügen von da an und für immer die grausame Miene gesättigter Rache. Auf dem steinernen Gesicht über dem großen Fenster des Schlafgemaches, wo der Mord geschah, zeigten sich in der gemeißelten Nase zwei feine Grübchen, die jedermann erkennen konnte, vorher aber nie jemand gesehen hatte; und wenn bei seltenen Gelegenheiten zwei oder drei zerlumpte Bauern aus dem Haufen der andern auftauchten, um einen hastigen Blick nach dem versteinerten Monsieur le Marquis zu werfen, so konnte keiner auch nur eine Minute mit dem mageren Finger danach hindeuten, ohne daß die übrigen auseinanderstoben, um unter Moos und Gebüsch sich zu bergen wie die Hasen, die freilich, glücklicher als sie, da auch ihre Nahrung fanden.

Schloß und Hütte, Steingesicht und baumelnde Gestalt, der rote Fleck auf dem Steinboden und das reine Wasser in dem Dorfbrunnen, Tausende von Morgen Landes, eine ganze Provinz von Frankreich, ja sogar ganz Frankreich lag unter dem Nachthimmel zu einer schwachen haarbreiten Linie konzentriert. So liegt eine ganze Welt mit ihrer Größe und Kleinheit in dem flimmernden Punkt eines Sterns. Und da bloßes menschliches Wissen einen Lichtstrahl zu spalten und die Art seiner Zusammensetzung zu zergliedern vermag, so liest wohl ein höherer Verstand in dem schwachen Widerschein dieser unserer Erde jeden Gedanken und jede Tat, jede Tugend und jedes Laster in den Seelen der darauf lebenden verantwortlichen Geschöpfe.

Die Defarges, Mann und Frau, kamen unter dem Schein der Sterne in einem holpernden Fiaker zu dem Tor jenes Teils von Paris, nach dem natürlich ihre Reise ging. Wie gewöhnlich mußte vor dem Wachhaus der Barriere haltgemacht werden, und die gewöhnlichen Laternen kamen zu der gewöhnlichen Untersuchung aus dem Wachhaus heraus. Monsieur Defarge stieg aus. Er kannte ein paar von den Soldaten und einen von der Polizei. Mit letzterem stand er auf sehr vertrautem Fuße, weshalb er ihn aufs freundschaftlichste grüßte.

Saint Antoine hatte die Defarges mit seinen mächtigen Schwingen wieder umfangen, und sie suchten, da sie an der Grenzscheide des Heiligen ausgestiegen waren, zu Fuß ihren Weg durch den schwarzen Kot und den Unrat der Straßen. Da sagte Madame Defarge zu ihrem Mann:

»Rede, mein Freund; was hat Jacques von der Polizei dir mitgeteilt?«

»Heute sehr wenig, aber doch alles, was er weiß. Es ist wieder ein Spion für unsern Stadtteil aufgestellt worden. Vielleicht sind’s ihrer viel mehr, aber er hat nur von diesem einen Kenntnis.«

»Wirklich?« versetzte Madame Defarge mit kalter Geschäftsmiene, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Dann ist’s nötig, ihn einzutragen. Wie heißt der Mann?«

»Er ist ein Engländer.«

»Um so besser. Sein Name?«

»Barsad«, sagte Defarge, indem er durch die Aussprache ihn zu einem französischen machte; doch hatte er sich’s so angelegen sein lassen, ihn genau zu erfahren, daß in den Buchstaben kein Irrtum obwalten konnte.

»Barsad«, wiederholte Madame. »Gut. Taufname?«

»John.«

»John Barsad«, murmelte Madame ein paarmal vor sich hin. »Gut. Weiß man, wie er aussieht?«

»Alter ungefähr vierzig Jahre, Höhe fünf Fuß neun Zoll, schwarzes Haar, dunkle Hautfarbe, im allgemeinen ein ziemlich hübsches Gesicht, schwarze Augen, schmales, langes, bleiches Antlitz, Adlernase, aber nicht geradstehend, sondern eigentümlich gegen die linke Wange hin geneigt, daher ein unheimlicher Ausdruck.«

»Meiner Treu, das ist ein Porträt!« sagte Madame lachend. »Er soll morgen eingetragen werden.«

Sie hatten das Weinhaus erreicht, das, weil es bereits Mitternacht war, geschlossen war. Madame nahm drinnen ihren Posten alsbald an dem Pult ein, zählte die kleine Münze, die in ihrer Abwesenheit eingegangen, untersuchte die Vorräte, ging die Einträge im Buch durch, machte selbst weitere, befragte den Kellner über alles mögliche und ließ ihn endlich zu Bett gehen. Dann leerte sie den Inhalt der Geldschüssel zum zweitenmal aus und begann denselben, zu sicherer Aufbewahrung für die Nacht, partienweise in ihr Taschentuch zu knüpfen, so daß dadurch eine Kette getrennter Knoten gebildet wurde. Diese ganze Zeit über ging Defarge mit der Pfeife im Munde auf und ab und sah mit wohlgefälliger Bewunderung zu, ohne sich einzumengen. Ein solches Aufundabwandeln war überhaupt sein ganzer Lebensgang.

Die Nacht war heiß, und in der dumpfen, von einer ekelhaften Nachbarschaft umgebenen Weinstube roch es nicht am besten. Monsieur Defarges Geruchssinn gehörte zwar nicht zu den feinen, aber der Wein dünstete viel schärfer aus als sonst, und ebenso kam es ihm bei dem Rum, dem Anis und dem Branntwein vor. Er schnüffelte über das Gemisch dieser Gerüche, als er die ausgerauchte Pfeife weglegte.

»Du bist erschöpft«, sagte Madame, von ihren Geldknoten aufschauend. »Es riecht wie sonst auch.«

»Ich bin allerdings etwas müde«, räumte der Gatte ein.

»Und etwas niedergedrückt dazu«, sagte Madame, deren scharfes Auge nie so sehr in Anspruch genommen war, daß es nicht einige Blicke für ihn hätte erübrigen können. »Oh, die Männer, die Männer!«

»Aber meine Liebe«, begann Defarge.

»Nun, meine Liebe«, wiederholte Madame mit entschiedenem Kopfnicken »was soll meine Liebe? Du bist heute nacht sehr kleinmütig, mein Bester.«

»Nun ja«, sagte Defarge, als ob ein Gedanke sich von seiner Brust losrisse, »es ist in der Tat eine lange Zeit.«

»Ja, wohl eine lange Zeit«, versetzte seine Frau. »Und wenn es keine lange Zeit wäre? Rache und Vergeltung wollen Zeit haben; das ist die Regel.«

»Der Blitz, der auf einen Menschen niederfährt, braucht nicht lange«, sagte Defarge.

»Aber wie lange braucht’s«, fragte Madame ruhig, »um den Blitz vorzubereiten? Sag‘ mir dies.«

Defarge richtete gedankenvoll den Kopf auf, als ob auch in diesem etwas brüte.

»Es ist für ein Erdbeben keine lange Frist nötig«, sagte Madame, »eine Stadt zu zerstören. Wohlan, so sag‘ mir, wie lang das Erdbeben braucht, bis es zum Losbrechen fertig ist.«

»Vermutlich lange«, sagte Defarge.

»Aber wenn es einmal so weit ist, so kracht es und mahlt alles in Trümmer. In der Zwischenzeit schafft es vorbereitend, ohne daß man etwas davon hört oder sieht. Dies ist ein Trost für dich; halt ihn fest.«

Sie knüpfte mit flammendem Aug‘ einen Knoten, als ob sie einen Feind erdroßle.

»Ich sage dir«, fuhr Madame fort und streckte pathetisch die Hand aus, »daß es, wenn es auch lange braucht, doch schon auf dem Wege ist und kommen wird. Ich sage dir, es weicht nicht zurück und macht keinen Augenblick halt. Ich sage dir, es rückt ohne Unterlaß näher. Sieh umher und betrachte dir das Leben aller, die wir kennen, die Gesichter aller unserer Bekannten merke auf die Wut und die Unzufriedenheit, worin die Jacquerie mit jeder Stunde sich mehr befestigt. Könnten solche Zustände bleiben? Pah! wie närrisch du mir vorkommst.«

»Mein braves Weib«, erwiderte Defarge, der gesenkten Hauptes und mit auf dem Rücken verschlungenen Händen dastand, einem gelehrigen Schüler gleich, der seinem Katecheten aufmerksames Gehör schenkt, »ich beanstande von alledem nichts. Aber es hat schon so lange gedauert, und so mag es wohl kommen du weißt wohl, Frau, wie leicht dies möglich ist , daß wir’s nicht mehr erleben.«

»Nun und was dann?« fragte Madame, abermals einen Knoten drehend, als gelte es, einen neuen Feind zu erwürgen.

»Dann sehen wir eben den Triumph der Sache nicht«, antwortete Defarge mit einem halb kläglichen, halb apologetischen Achselzucken.

»So haben wir doch mitgeholfen«, sagte Madame, wieder mit dem Arme fuchtelnd. »Nichts, was wir tun, wird umsonst gewesen sein. Doch glaube ich aus voller Seele, wir können den Triumph noch mit ansehen. Und wenn es auch nicht sein sollte, und ich wüßte dies gewiß, so zeige man mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen, und ich will «

Madame biß jetzt die Zähne zusammen und drehte einen wahrhaft schrecklichen Knoten.

»Halt!« rief Defarge, ein wenig errötend, da ihn die Worte seiner Ehehälfte wie ein Vorwurf der Feigheit trafen, »auch ich werde mich durch nichts zurückschrecken lassen.«

»Ja; aber es ist eine Schwäche von dir, daß man dir zuweilen dein Opfer und die Gelegenheit zeigen muß, um deinen Mut aufrecht zu halten. Sei ein Mann auch ohne dies. Wenn die Zeit kommt, kannst du einen Tiger und einen Teufel loslassen, aber so lange mußt du warten und Tiger und Teufel an der Kette halten nicht zeigen, aber immer dafür vorbereitet sein.«

Madame verstärkte den Schluß dieses Stückchens Rat damit, daß sie mit ihrer Geldkette auf den kleinen Zahltisch schlug, als klopfe sie jemand das Gehirn heraus; dann nahm sie mit ruhiger Miene das Schnupftuch unter den Arm und bemerkte, es sei Zeit zum Schlafengehen.

Am nächsten Mittag sah man die merkwürdige Frau wieder in der Weinstube, mit emsigem Stricken beschäftigt, auf ihrem gewöhnlichen Platz. Eine Rose lag neben ihr, und wenn sie hin und wieder nach der Blume hinsah, so geschah es ohne einen Wechsel in ihrer gedankenvollen Miene. Einige Gäste saßen oder standen mit oder ohne Trunk umher. Es war ein sehr heißer Tag, und Scharen von Fliegen, die ihre neugierigen und gewagten Forschungen auf alle die klebrigen kleinen Gläser in der Nähe von Madame ausdehnten, fielen tot zu Boden. Ihr Untergang machte keinen Eindruck auf die außen herumspazierenden Fliegen, die in der gelassensten Weise auf sie niederschauten, als seien sie selbst Elefanten oder sonst etwas ebenso Verschiedenes, bis sie von dem gleichen Schicksal ereilt wurden. Merkwürdig, was für ein kopfloses Volk die Fliegen sind! Vielleicht dachten sie bei Hofe ebenso an jenem heißen Sommertage.

Eine durch die Tür eintretende Gestalt warf einen Schatten auf Madame Defarge; ohne hinzusehen, fühlte sie, daß dies ein neuer Gast war. Sie legte ihr Strickzeug nieder und steckte die Rose in ihren Kopfputz, ehe sie umschaute.

Es war seltsam. Sobald Madame Defarge die Rose aufgenommen hatte, hörten die Gäste auf zu sprechen und verloren sich allmählich aus der Weinstube.

»Guten Tag, Madame«, grüßte der neue Ankömmling.

»Guten Tag, Monsieur.«

Dies sprach sie laut, dann aber fügte sie innerlich hinzu, während sie wieder nach ihrem Strickzeug griff: »Ha, guten Tag. Alter ungefähr vierzig, Höhe fünf Fuß neun Zoll, schwarzes Haar, im allgemeinen ein ziemlich hübsches Gesicht, dunkle Hautfarbe, schwarze Augen, schmales, langes, bleiches Antlitz, Adlernase, aber nicht geradstehend, sondern eigentümlich gegen die linke Wange hin geneigt, daher ein unheimlicher Ausdruck! Guten Tag ein für allemal.«

»Darf ich um ein Gläschen alten Kognak und um einen Schluck frischen Wassers bitten, Madame?«

Madame willfahrte in höflicher Weise.

»Vortrefflicher Kognak dies, Madame.«

Es war das erstemal, daß ihm dieses Kompliment zuteil wurde, und Madame Defarge kannte sich zu gut aus, um es für etwas anderes zu nehmen. Sie sagte jedoch, daß dieses Lob dem Kognak schmeichelhaft sei, und nahm ihr Gestrick wieder auf.

»Ihr strickt ja recht geschickt, Madame.«

»Gewohnheit.«

»Auch ein recht hübsches Muster.«

»Meint Ihr?« versetzte Madame, mit einem Lächeln nach ihm hinsehend.

»Zuverlässig. Darf man fragen, was es geben soll?«

»Zeitvertreib«, sagte Madame, ihn noch immer lächelnd ansehend, während ihre Finger hurtig fortarbeiteten.

»Also nicht für den Gebrauch?«

»Je nachdem. Möglich, daß ich es eines Tages benutzen kann. Kommt die Zeit je nun«, fügte Madame bei, indem sie tief aufatmete und in einer Art ernster Koketterie mit dem Kopfe nickte, »so gedenke ich Gebrauch davon zu machen.«

Es war merkwürdig, aber der Geschmack von Saint Antoine schien sich durch eine Rose in dem Kopfputz der Madame Defarge verletzt zu fühlen. Zwei Männer, die gesondert nacheinander eintraten, hatten augenscheinlich Lust, etwas zu bestellen: als sie aber dieser Neuerung ansichtig wurden, stotterten sie, taten, als hätten sie einen Freund gesucht, der nicht da war, und entfernten sich wieder. Von den Gästen, die beim Eintritt des Fremden in der Weinstube gewesen, sah man keinen mehr; alle waren fortgegangen. Der Spion hatte seine Augen gut offen gehabt, aber nicht bemerken können, daß ein Zeichen gegeben worden wäre. Ihr Verschwinden war ganz natürlich und unverdächtig vor sich gegangen, als habe demselben durchaus keine Absicht, höchstens eine leere Börse zugrunde gelegen.

»John«, dachte Madame, in ihrer Arbeit innehaltend, obschon ihre Finger, während ihre Augen auf dem Fremden ruhten, automatisch sich fortbewegten. »Wenn du lange genug bleibst, so stricke ich in deinem Beisein das Wort Basard aus.«

»Ihr habt einen Mann, Madame?«

»Kinder?«

»Nein.«

»Das Geschäft scheint schlecht zu gehen.«

»Sehr schlecht. Die Leute sind so arm.«

»Ach, das unglückliche, bedauernswürdige Volk! Und noch obendrein so gedrückt, wie Ihr sagt.«

»Wie Ihr sagt«, versetzte Madame, ihn verbessernd und gewandt ein Extra-Etwas in seinen Namen strickend, was nichts Gutes für ihn bedeutete.

»Ich bitte um Verzeihung: allerdings habe ich so gesagt, aber, versteht sich, damit nur einen Gedanken von Euch ausgedrückt. Natürlich.«

»Einen Gedanken von mir ?« erwiderte Madame von oben herab. »Ich und mein Mann haben genug zu tun, diese Weinstube im Gang zu halten, ohne daß wir uns mit Gedanken plagen. Hier, denkt man an nichts weiter, als wie man sein Leben durchschlägt. Dies ist der Gegenstand unserer Gedanken, und er nimmt uns vom Morgen bis in die Nacht voll in Anspruch, ohne daß wir unsere Köpfe mit dem Denken für andere zu behelligen brauchen. Tue dies jeder für sich selbst: ich will nichts davon.«

Der Spion, der sich eingefunden hatte, um womöglich einige Krümlein aufzulesen oder etwas anzuspinnen, ließ auf seinem unheimlichen Gesicht nichts von dem Ärger seines Innern merken, sondern stand in galantem Geplauder da, lehnte seinen Ellenbogen auf Madame Defarges kleinen Zahltisch und schlürfte gelegentlich von seinem Kognak.

»Eine schlimme Geschichte, jene Hinrichtung Gaspards, Madame. Ach, der arme Gaspard!« fügte er mit einem mitleidigen Seufzer hinzu.

»Ei was«, entgegnete Madame leichthin und mit Kälte, »wenn die Leute in solcher Absicht zum Messer greifen, so müssen sie’s eben büßen. Er wußte im voraus, was ein solcher Luxus kostet, und hat den Preis dafür bezahlt.«

»Ich glaube«, sagte der Spion, seine Stimme zu einem Ton dämpfend, der zum Vertrauen einlud, und in jedem Muskel seines boshaften Gesichtes eine gekränkte revolutionäre Empfindlichkeit ausdrückend, »in Beziehung auf den armen Schelm herrscht viel Teilnahme und Unwille in diesem Stadtteil? Wir sprechen dies unter uns.«

»Wirklich?« versetzte Madame, sich einfältig stellend.

»Ist’s nicht so?«

»Da kommt mein Mann«, entgegnete Madame Defarge.

Der Inhaber der Weinstube blieb unter der Tür stehen. Der Spion grüßte, indem er an seinen Hut langte und unter einschmeichelndem Lächeln den Wirt mit den Worten anredete:

»Guten Tag, Jacques.«

Defarge sah ihn mit großen Augen an.

»Guten Tag, Jacques«, wiederholte der Spion mit etwas weniger Zuversicht oder mit einem weniger zutraulichen Lächeln unter dem Einfluß dieses Blickes.

»Ihr seid im Irrtum, Herr«, versetzte der Inhaber der Weinstube, »und haltet mich für jemand anders. Ich heiße nicht so. Mein Name ist Ernest Defarge.«

»Es kommt auf eines heraus«, sagte der Spion leichthin, obschon mit verbissenem Arger. »Guten Tag.«

»Guten Tag«, entgegnete Defarge trocken.

»Ich sagte eben zu Madame, mit der ich mich bei Eurem Eintritt zu unterhalten das Vergnügen hatte, man erzähle sich und es ist auch kein Wunder , daß das unglückliche Schicksal des armen Gaspard viel Teilnahme und Unwillen in Saint Antoine geweckt habe.«

»Gegen mich hat sich niemand in dieser Weise ausgesprochen«, sagte Defarge, den Kopf schüttelnd. »Ich weiß nichts davon.«

Nach diesen Worten trat er hinter den kleinen Zahltisch, legte seine Hand auf die Lehne des Stuhles, in dem Madame saß, und blickte über diese Schranke nach dem ihnen jetzt gegenüberstehenden Menschen hin, dem er sowohl wie sie von ganzem Herzen eine Kugel ins Hirn gegönnt hätte.

Der Spion, der sich auf sein Geschäft verstand, ließ sich in seiner nachlässigen Stellung nicht beirren, sondern trank sein Gläschen Kognak aus, nahm dann einen Schluck Wasser und bat um ein weiteres Glas. Madame Defarge bediente ihn, griff dann wieder zu ihrem Strickzeug und summte eine Arie vor sich hin.

»Ihr scheint Euch in diesem Viertel gut auszukennen das heißt, besser als ich«, bemerkte Monsieur Defarge.

»Durchaus nicht; aber ich hoffe bekannt zu werden. Ich fühle eine tiefe Teilnahme für seine unglücklichen Bewohner.«

»Ha!« murmelte Defarge.

»Das Vergnügen, mich mit Euch zu unterhalten, Monsieur Defarge, erinnert mich daran«, fuhr der Spion fort, »daß ich die Ehre habe, Euren Namen mit interessanten Vorgängen der Vergangenheit in Verbindung bringen zu können.«

»So?« versetzte Defarge gleichgültig.

»Jawohl. Ich weiß, daß Ihr nach der Freilassung des Doktor Manette Euch als sein alter Diener seiner angenommen habt. Er wurde Euch übergeben. Ihr seht, daß ich von den Verhältnissen unterrichtet bin.«

»Dies scheint in der Tat der Fall zu sein«, sagte Defarge.

Madame hatte ihm nämlich durch eine gelegentliche Berührung mit dem Ellenbogen, während sie im übrigen fortstrickte und trillerte, ihre Meinung angedeutet, daß er am besten tun werde, zu antworten, aber nur kurz.

»Zu Euch kam auch seine Tochter«, fuhr der Spion fort, »die ihn Euch abnahm und mit ihm nach England zurückkehrte; sie wurde begleitet von einem sauberen braunen Herrn wie hieß er doch? in einer Stutzperücke Lorry bei der Bank von Tellson und Kompanie.«

»Ganz richtig«, erwiderte Defarge.

»Sehr interessante Erinnerungen«, sagte der Spion. »Ich habe Doktor Manette und seine Tochter in England kennengelernt.«

»So?« entgegnete Defarge.

»Ihr hört wohl nicht mehr viel von ihnen?« fragte der Spion.

»Nein«, entgegnete Defarge.

»Eigentlich nie«, fiel Madame ein, die ihr Summen einstellte und von ihrer Arbeit aufsah. »Wir erfuhren, daß sie gut in England angelangt waren, und erhielten noch einen oder vielleicht zwei Briefe; aber seitdem sind sie ihren eigenen Lebensweg gegangen und wir den unsrigen. Wir haben keine Korrespondenz unterhalten.«

»Es ist vollkommen so, Madame«, sagte der Spion. »Sie wird demnächst heiraten.«

»Demnächst?« wiederholte Madame. »Sie war hübsch genug, daß man glauben sollte, sie hätte das längst getan. Ihr Engländer seid kalt, scheint mir.«

»Oh, Ihr wißt, daß ich ein Engländer bin?«

»Ich bemerke es an Eurer Sprache«, entgegnete Madame; »nach ihr beurteile ich den Mann.«

Er schien diese Identifikation nicht für ein Kompliment aufzunehmen; doch machte er gute Miene dazu und lachte. Nachdem er seinen Kognak ausgeschlürft hatte, fügte er hinzu:

»Ja, Miß Manette ist im Begriff, sich zu verehelichen. Aber nicht an einen Engländer, sondern an einen Mann, der wie sie selbst durch seine Geburt Frankreich angehört. Und da wir von Gaspard gesprochen haben – ach der arme Gaspard! es war grausam, sehr grausam – seltsamerweise muß es sich fügen, daß sie den Neffen des Herrn Marquis heiratet, um dessentwillen Gaspard um so viele Fuß erhöht wurde mit andern Worten, den gegenwärtigen Marquis. Aber er lebt unbekannt in England und ist dort kein Marquis, sondern läßt sich Mr. Charles Darnay nennen. D’Aulnais heißt die Familie seiner Mutter.«

Madame Defarge strickte stetig fort; aber die Kunde machte einen sichtlichen Eindruck auf ihren Gatten. Er mochte hinter dem kleinen Zahltisch tun, was er wollte – Licht schlagen oder seine Pfeife anzünden seine Unruhe verbarg sich nicht, und seine Hand blieb unsicher. Der Spion hätte kein Spion sein müssen, wenn dies ihm entgangen wäre und sich nicht seinem Gedächtnis eingeprägt hätte.

Nachdem Mr. Barsad wenigstens dieses Körnchen vielleicht ließ sich doch etwas daraus machen aufgefischt hatte, zahlte er, da kein anderer Gast kam, um ihm zu einem weiteren zu verhelfen, seine Zeche und verabschiedete sich, wobei er in höflicher Weise das Vergnügen fernerer Besuche bei Monsieur und Madame Defarge in Aussicht nahm. Er hatte sich schon einige Minuten in den Gassen von Saint Antoine verloren, während Mann und Frau noch immer für den Fall, daß er wieder zurückkäme, die gleiche Haltung bewahrten wie bei seinem Abgange.

»Kann es wahr sein, was er von Mamselle Manette gesagt hat?« begann endlich Defarge, der noch immer rauchend hinter seiner Frau stand und die Hand auf der Stuhllehne liegen hatte, mit gedämpfter Stimme.

»Da er’s gesagt hat«, versetzte Madame, ihre Augenbrauen ein wenig in die Höhe ziehend, »so ist es wahrscheinlich eine Lüge. Indes wäre es wohl möglich.«

»Wenn’s so wäre « sagte Defarge und hielt wieder inne.

»Wenn’s so wäre?« wiederholte seine Frau.

»Und wenn es so weit kommt, daß wir den Triumph erleben, so hoffe ich um ihretwillen, daß die Vorsehung ihren Mann von Frankreich fernhält.«

»Ihren Mann«, sagte, Madame Defarge mit ihrer gewöhnlichen Fassung, »wird das ihm bestimmte Schicksal ereilen, wo er auch sei, und seinem Ziele zuführen. Was kümmert uns dies?«

»Ja, aber doch sonderbar oder ist es wenigstens nicht jetzt sehr sonderbar«, versetzte Defarge, gewissermaßen unterhandelnd mit seiner Frau, als möchte er sie zu einem Zugeständnis bewegen, »daß bei aller unserer Sympathie für ihren Herrn Vater und sie der Name ihres Gatten in diesem Augenblick neben dem des höllischen Schurken, der uns eben verlassen hat, eingezeichnet werden mußte?«

»Wenn es so weit kommt, werden sich noch seltsamere Dinge zutragen«, antwortete Madame. »Ich habe allerdings beide hier, und sie stehen da um ihrer Verdienste willen. Das genügt.«

Während sie so sprach, rollte sie ihre Strickerei zusammen und nahm die Rose aus dem Tuche, das sie sich um den Kopf gebunden hatte. Entweder ahnte Saint Antoine instinktartig die Beseitigung des anstößigen Schmuckes, oder hatte er darauf gelauert; kurz, der Heilige faßte bald nachher den Mut, wieder einzutreten, und die Weinstube erhielt abermals das gewohnte Aussehen.

Abends, um die Zeit, als Saint Antoine vorzugsweise sein Inneres nach außen kehrte, indem er sich auf die Türstufen und Fenstersimse setzte oder um die Ecken der stinkenden Straßen und Sackgassen kam, um ein wenig frischere Luft zu suchen, konnte man Madame Defarge ordnungsmäßig mit dem Strickzeuge in der Hand von einer Stelle, von einer Gruppe zur andern gehen sehen als einen Missionar ihresgleichen hat es schon viele gegeben , den die Welt hervorzubringen besser unterlassen hatte. Alle die Weiber strickten. Sie strickten unnütze Dinge, aber die mechanische Arbeit war ein mechanischer Ersatz für Essen und Trinken; die Hände bewegten sich statt der Kiefer und statt des Verdauungsapparats. Hätten die klapperdürren Finger geruht, so würden die Magen das Kneifen des Hungers schwerer empfunden haben.

Aber wie die Finger gingen, so gingen auch die Augen und die Gedanken. Und während Madame Defarge von Gruppe zu Gruppe wandelte, gingen alle drei rascher und eifriger unter jedem Weiberhaufen, mit dem sie gesprochen hatte.

Ihr Mann rauchte unter der Tür und sah ihr mit Bewunderung zu. »Eine große Frau«, sagte er, »eine starke Frau, eine großartige Frau, eine schrecklich großartige Frau!«

Die Dunkelheit brach herein; dann kam da« Läuten der Kirchturmglocken und der ferne Zapfenstreich der königlichen Garde. Die Weiber saßen da und strickten und strickten. Es wurde Nacht um sie her. Eine andere Dunkelheit brach ebenso sicher herein, wenn einmal die Kirchenglocken, die von vielen stolzen Türmen lieblich über Frankreich hinläuteten, zu donnernden Kanonen umgeschmolzen waren und der Trommelschlag erscholl, um eine unglückliche Stimme zu ersticken jene Nacht, allgewaltig wie die Stimme der Macht und des Überflusses, der Freiheit und des Lebens. Es dunkelte so sehr um die Weiber her, die strickend und strickend dasaßen, daß sie ihr eigenes Ich umgaben mit dem tiefen nächtigen Schatten eines noch nicht errichteten Gebäudes, in dem sie sitzen wollten, um zu stricken, zu stricken und fallende Köpfe zu zählen.

Siebzehntes Kapitel. Ein Abend.


Siebzehntes Kapitel. Ein Abend.

Nie ging an der stillen Ecke in Soho die Sonne glänzender und herrlicher unter als an jenem denkwürdigen Abend, den der Doktor mit seiner Tochter unter der Platane verbrachte. Nie warf der Mond einen milderen Glanz über das große London als an jenem Abend, während sie noch unter dem Baume saßen und er durch die Blätter auf ihre Gesichter niederschien.

Lucie sollte am andern Morgen vor den Altar treten. Diesen letzten Abend hatte sie ihrem Vater vorbehalten, und sie saßen allein unter der Platane.

»Du bist glücklich, mein lieber Vater?«

»Vollkommen, mein Kind.«

Sie hatten wenig miteinander gesprochen, obschon sie bereits eine geraume Zeit dasaßen. Auch als es noch hell genug war, um zu arbeiten oder zu lesen, hatte sie weder ihr gewöhnliches Geschäft aufgenommen noch ihm vorgelesen. Unter solchem Zeitvertreib war ihr oft und vielmal unter dem Baum der Abend an seiner Seite entschwunden; aber der heutige glich den anderen nicht ganz, und es ließ sich da nichts erzwingen.

»Auch ich bin heute abend sehr glücklich, lieber Vater. Ich fühle mich selig in der Liebe, mit der der Himmel mich gesegnet hat in meiner Liebe zu Charles und in Charles‘ Liebe zu mir. Aber wenn nicht gleichwohl mein Leben fortwährend dir gewidmet sein dürfte, oder wenn diese Heirat es nötig machte, getrennt von dir zu leben, wäre es auch nur um einige Straßenlängen, so würde ich mich unglücklicher fühlen, als ich dir sagen kann, und müßte mir stets Vorwürfe machen. Selbst so, wie es ist «

Selbst so, wie es war, vermochte sie nicht weiter über ihre Stimme zu gebieten.

In dem melancholischen Mondlicht – es ist immer melancholisch, während das der Sonne oder jenes Licht, das man Menschenleben nennt, nur beim Kommen und Gehen diesen Charakter zeigt schlang sie den Arm um seinen Hals und legte das Gesicht an seine Brust.

»Teuerster Vater, kannst du mir dieses letztemal sagen, daß du dich ganz und vollkommen überzeugt fühlst, keine neue Liebe, keine neuen Pflichten von meiner Seite werden je den alten einen Abtrag tun? Ich weiß es wohl: aber weißt auch du es? Sagt dir dein Herz, daß du ruhig sein darfst?«

Ihr Vater antwortete mit einer heitern Überzeugungsfestigkeit, die keine erkünstelte sein konnte: »Vollkommen ruhig, mein Leben. Ja, mehr als dies«, fügte er hinzu, indem er sie zärtlich küßte; »meine Zukunft erscheint mir in dem Lichte deiner Verheiratung weit glänzender, als sie es ohne diese sein könnte, oder als je die Vergangenheit war.«

»Wenn ich dies hoffen könnte, mein Vater!«

»Glaube es nur, meine Liebe, es ist in der Tat so. Und es ist ja ganz einfach, daß es so sein muß. Du, die du so jung und aufopferungsvoll bist, hast freilich keinen Sinn für die Angst, die mich stets quälte, dein Leben könnte ein verfehltes sein «

Sie führte ihre Hand nach seinen Lippen; er aber nahm sie in die seinige und wiederholte das Wort.

»Verfehlt, mein Kind um meinetwillen der natürlichen Ordnung der Dinge entrückt. Bei deiner Uneigennützigkeit kannst du nicht begreifen, wie schwer mir dies auf der Seele gelegen hat; aber frage dich selbst – wie kann mein Glück vollkommen sein, wenn zu dem deinigen etwas fehlt?«

»Wenn ich Charles nie gesehen hätte, mein Vater, so wäre ich an deiner Seite vollkommen glücklich gewesen.«

»Aber du hast ihn gesehen, mein Kind, und es ist Charles. Wäre er’s nicht, so wär‘ es ein anderer gewesen. Wo nicht, so müßte ich mich selbst als die Ursache betrachten, und dann hätte die Nachtseite meines Lebens ihren Schatten über mich hinausgeworfen, um dich zu treffen.«

Es war seit der Gerichtsverhandlung das erstemal, daß sie ihn auf seine Leidensperiode anspielen hörte. Die Worte weckten in ihr ein neues befremdliches Gefühl, dessen sie sich noch lange nachher erinnerte.

»Sieh«, sagte der Doktor von Beauvais, seine Hand gegen den Mond erhebend, »ich habe von meinem Gefängnisfenster zu ihm aufgeschaut, obschon ich sein Licht nicht ertragen konnte. Ich habe nach ihm gesehen, als mich der Gedanke, er beleuchte das, was ich verloren, mit einer solchen Qual erfüllte, daß ich mit dem Kopfe gegen die Kerkerwände rannte. Ich sah nach ihm in einem so starren und des Lebens baren Zustande, daß ich an nichts zu denken vermochte als an die Zahl von Horizontallinien, die sich durch seine volle Scheibe ziehen ließen, und an die Zahl der senkrechten, mit denen man sie schneiden konnte.« Dann fügte er in seiner in sich gekehrten, gedankenvollen Weise bei: »Ich erinnere mich, es waren ihrer zwanzig so wie so, und die zwanzigste wollte nur noch mit Not hineingehen.«

Das unheimliche Gefühl, da« sie beschlich, als sie hörte, daß er auf diese Zeit zurückkam, beengte ihre Brust desto mehr, je länger er dabei verweilte, obschon in der Art seiner Rückblicke nichts lag, was Besorgnis einflößen konnte. Er schien einfach sich den Gegensatz seines dermaligen heiteren und glücklichen Zustandes zu den schweren Leiden der Vergangenheit vorzuführen.

»Ich sah nach ihm und machte mir dabei tausendmal Gedanken über das noch ungeborene Kind, dem man mich entrissen hatte. Lebte es noch war es lebend ans Licht gekommen oder hatte es der Jammer der Mutter getötet? War es ein Sohn, der mit der Zeit seinen Vater rächte? (Es gab während meiner Haft eine Zeit, in der mein Rachedurst unerträglich war.) War es ein Sohn, der vielleicht von meiner Geschichte nie etwas erfuhr und am Ende wohl gar auf den Gedanken kam, sein Vater sei aus der Welt geschieden durch eigenen Willen und eigene Tat? Oder war es eine Tochter, die zum Weibe heranwuchs?«

Sie zog ihn näher an sich und küßte ihn auf die Wange und auf die Hand.

»Ich habe mir meine Tochter vorgestellt, wie sie meiner ganz vergessen oder vielmehr, wie sie nichts von mir wußte oder ahnte. Jahr um Jahr verzeichnete ich mir die Fortschritte ihres Alters. Ich sah sie mit einem Manne verheiratet, der nichts wußte von meinem Schicksal. War ich doch ganz weggewischt aus der Erinnerung der Lebenden, und in der nächsten Generation nahm bloß ein leerer Raum meine Stelle ein.«

»Mein Vater, wenn ich nur anhören soll, daß du so von einer Tochter dachtest, die nicht vorhanden war, so schnürt es mir das Herz zusammen, als sei ich dieses Kind gewesen.«

»Du, Lucie? Eben aus dem Trost und der Stärkung, die ich dir verdanke, quellen solche Erinnerungen und ziehen zwischen uns und dem Monde dieses letzten Abends hin. Was habe ich eben gesagt?«

»Sie wußte nichts von dir. Sie kümmerte sich nicht um dich.«

»Richtig. Aber in anderen mondhellen Nächten, wenn die Trauer und das Schweigen mich in einer andern Weise ansprachen und eine Art kummervollen Friedens in meine Seele ausgossen, wie dies jede Erregung tun konnte, die den Schmerz zu ihrer Unterlage hatte bildete ich mir ein, sie komme in meine Zelle und führe mich hinaus aus den Kerkermauern ins Freie. Ich habe ihr Bild oft im Mondlicht gesehen, wie ich dich jetzt sehe, mit dem Unterschiede, daß ich sie nie in den Armen hatte; es stand zwischen dem kleinen vergitterten Fenster und der Tür. Aber du begreifst wohl, daß dies nicht das Kind war, von dem ich spreche?«

»Die Gestalt war nicht wesenhaft; das das Bild, die Vorstellung?«

»Nein. Es war etwa« anderes. Es stand vor meinem verstörten Gesichtssinn, ohne sich zu bewegen. Das Phantom, das meinem Geiste keine Ruhe ließ, war ein anderes und wirklicheres Kind. Dem Äußeren nach unterschied ich weiter nichts, als daß es seiner Mutter glich. Das andere hatte auch diese Ähnlichkeit wie du, war aber nicht dasselbe. Kannst du mir folgen, Lucie? Ich glaube, kaum. Du müßtest auch eine einsame Gefangene gewesen sein, um solche wirre Unterschiede zu begreifen.«

Sein gefaßtes ruhige« Wesen konnte nicht hindern, daß ihr das Blut kalt durch die Adern lief, als er in solcher Weise seinen alten Zustand zu zergliedern versuchte.

»In jener friedlicheren Mondlichtstimmung bildete ich mir ein, sie komme zu mir und führe mich hinaus, um mir zu zeigen, wie ihr ehelicher Hausstand voll war von liebenden Erinnerungen an den verlorenen Vater. Mein Bild hing in ihrem Zimmer, und ich lebte in ihren Gebeten. Ihr Leben war tätig, heiter, nützlich, aber in allem lag ein Zug aus meiner kläglichen Geschichte.«

»Mein Vater, jenes Kind war ich. An Güte kann ich mich zwar nicht mit ihm messen, aber in meiner Liebe war ich es.«

»Und sie zeigte mir ihre Kinder«, fuhr der Doktor von Beauvais fort, »und sie hatten von mir gehört und hatten gelernt, mich zu bemitleiden. Wenn sie an einem Staatsgefängnis vorbeikamen, wagten sie es nicht, sich seinen finstern Mauern zu nähern; aber sie blickten zu den Gittern in die Höhe und sprachen flüsternd miteinander. Sie konnte mich nie befreien, und es kam mir vor, sie führe mich immer wieder zurück, nachdem sie mir solche Dinge gezeigt hatte. Dann aber sank ich, meiner Seele in Tränen Erleichterung schaffend, auf die Knie nieder und segnete sie.«

»Mein Vater, ich hoffe, ich bin dies Kind. O mein teurer Vater, wirst du mich morgen mit der gleichen Inbrunst segnen?«

»Lucie, ich führe diese alten Leiden meinem Geiste vor, weil ich heute abend Grund habe, dich mehr zu lieben, als ich in Worten auszudrücken vermag, und Gott für mein Glück zu danken. In meinen wildesten Träumen habe ich mich nie zu dem Glück erhoben, das mir an deiner Seite wurde und das uns fortan bevorsteht.«

Er umarmte sie, empfahl sie feierlich dem Himmel und dankte Gott, daß er sie ihm geschenkt hatte. Dann gingen sie in das Haus zurück.

Zu der Vermählung war niemand gebeten als Mr. Lorry; nicht einmal eine Brautjungfer sollte mitgehen, die hagere Miß Proß ausgenommen. Wegen der Heirat brauchte die alte Wohnstätte nicht geändert zu werden: sie hatten dieselbe ausdehnen können, indem sie die oberen Zimmer, die früher dem apokryphischen Mieter gehörten, für sich nahmen, und weiter verlangten sie nichts.

Doktor Manette war bei dem kleinen Nachtessen sehr heiter. Sie saßen nur zu drei am Tisch, er, Lucie und Miß Proß. Er bedauerte, daß Charles nicht da war, hatte mehr als halb Lust, dem kleinen Komplott der Liebe, das ihn fernhielt, zu zürnen, und trank aus der Fülle seines Herzens auf seine Gesundheit.

So kam für ihn die Zeit, Lucie gute Nacht zu sagen, und sie trennten sich. Aber in der Stille der dritten Morgenstunde ging sie leise die Treppe hinunter nach seinem Zimmer, da sie nicht frei war von unbestimmten Befürchtungen.

Alles stand an seinem Platze; alles war ruhig, und er lag in sanftem Schlaf, das weiße Haar malerisch über das wenig zerdrückte Kissen hingegossen, während seine Hände auf der Decke lagen. Sie stellte ihr unnötiges Licht in einen beschattenden Winkel, schlich an sein Bett und berührte seine Lippen mit den ihrigen: dann beugte sie sich zu ihm nieder und betrachtete ihn.

Sein schönes Gesicht war von den bitteren Wassern der Gefangenschaft durchwühlt; er aber hatte die Spuren ihres Ganges mit dem Ausdruck einer so festen Entschlossenheit bedeckt, daß er selbst im Schlaf Gewalt über sie behielt. In selbiger Nacht sah man wohl durch das ganze weite Gebiet des Schlafs kein Gesicht, das in seinem ruhigen, willenskräftigen und behutsamen Kampfe mit einem unsichtbaren Feinde mehr Interesse geboten hätte.

Sie legte schüchtern die Hand auf die teure Brust und betete zu Gott, er möge ihre Liebe gegen ihn so treu erhalten, wie sie es wünsche und wie es sein Unglück verdiene. Dann nahm sie die Hand wieder weg, küßte ihn nochmal auf die Lippe und entfernte sich. Und als endlich die Sonne aufging, zitterten die Laubschatten der Platane auf seinem Gesicht so leicht, wie ihre Lippen sich bewegt hatten, als sie für ihn betete.

Achtzehntes Kapitel. Neun Tage.


Achtzehntes Kapitel. Neun Tage.

Der Hochzeitsmorgen war herrlich angebrochen, und draußen vor der geschlossenen Tür zu dem Zimmer des Doktors, wo dieser noch mit Charles Darnay Rücksprache hielt, stand alles bereit. Man konnte mit jedem Augenblicke nach der Kirche aufbrechen. Da war die schöne Braut, Mr. Lorry und Miß Proß, für die das Ereignis, mit dem sie sich um seiner Unvermeidlichkeit willen allmählich ausgesöhnt hatte, ein unbedingt beseligendes gewesen wäre, wenn nicht in einem Winkel ihrer Seele der Gedanke gelauert hätte, daß der Platz des Bräutigams eigentlich ihrem Bruder Salomon gehörte.

»Deshalb also«, sagte Mr. Lorry, der die Braut nicht genug bewundern konnte und rund um sie herumgegangen war, um jedes Stück ihres hübschen bescheidenen Anzugs zu mustern, »deshalb also, meine holdselige Lucie, habe ich Euch als kleines Kind über den Kanal herüberbringen müssen. Gott behüt‘ mich, wie wenig dachte ich damals, was ich tat, und wie leicht schlug ich die Verpflichtung an, die ich seinerzeit meinem Freunde Mr. Charles auferlegen sollte.«

»Es lag nicht in Eurem Willen«, bemerkte die praktische Miß Proß, »und Ihr konntet’s ja nicht wissen. Unsinn!«

»Meint Ihr? Gut; aber Ihr müßt nicht weinen«, sagte der sanfte Mr. Lorry.

»Ich weine nicht«, versetzte Miß Proß: »aber Ihr tut es.«

»Ich, meine Proß?« (Mr. Lorry war nachgerade so dreist geworden, gelegentlich sich einen Scherz gegen sie zu erlauben.)

»Ja, gerade eben; ich sah es mit eigenen Augen und wundere mich auch nicht darüber. Ein solches Geschenk von Silbergeschirr, wie Ihr’s ihnen gemacht habt, ist übrigens wohl imstande, jedermann Tränen zu entlocken. Es ist keine Gabel, kein Löffel darunter, über die ich nicht gestern nacht, als der Korb kam, geweint hätte, bis ich sie nicht mehr sehen konnte.«

»Das gereicht mir zu hohem Vergnügen«, entgegnete Mr. Lorry, »obschon ich auf Ehre nicht die Absicht hatte, durch diese unbedeutenden Erinnerungszeichen jemand Sand in die Augen zu streuen. Du mein Himmel, bei solchen Anlässen mag ein Mann sich wohl Gedanken darüber machen, was er alles versäumt hat. Herrje, Herrje, wenn ich erwäge, daß es nun fast schon fünfzig Jahre eine Mrs. Lorry geben könnte!«

»Nicht im geringsten«, bemerkte Miß Proß.

»Ihr meint doch nicht, daß es keine Mrs. Lorry hätte geben können?« versetzte Mr. Lorry.

»Pah!« sagte Miß Proß. »Ihr waret ein Hagestolz schon in der Wiege.«

»Hum, das scheint mir auch wahrscheinlich«, erwiderte Mr. Lorry, mit strahlender Miene seine Stutzperücke zurechtrückend.

»Und Ihr truget den Schnitt des Hagestolzen«, fuhr Miß Proß fort, »noch ehe Ihr in die Wiege kamt.«

Ermunterung.

»Dann bin ich, sollt‘ ich meinen, sehr stiefmütterlich behandelt worden«, sagte Mr. Lorry; »man hätte mir doch bei der Wahl des Schnitts eine Stimme lassen sollen. Doch genug. Meine teure Lucie« er legte sanft den Arm um ihren Leib »ich höre, im nächsten Zimmer rührt sich’s, und Miß Proß und ich als ein paar förmliche Geschäftsleute wollen die letzte gute Gelegenheit nicht verlieren, Euch etwas zu sagen, was Ihr gern hört. Ihr laßt Euren guten Vater in Händen, die so sorglich und liebevoll sind wie die Eurigen; man wird ihm während der nächsten vierzehn Tage, die Ihr in Warwickshire und seiner Nachbarschaft zuzubringen gedenkt, alle mögliche Aufmerksamkeit widmen, und sogar Tellson soll beziehungsweise ihm nachstehen. Wenn er dann nach Ablauf der vierzehn Tage sich Euch und Eurem Gatten anschließt, um den weiteren zweiwöchigen Ausflug durch Wales mitzumachen, so werdet Ihr sagen, wir haben ihn Euch in der besten Gesundheit und in der glücklichsten Gemütsstimmung zugeschickt. Nun, ich höre einen Tritt sich der Tür nähern. Erlaubt mir, mein teures Mädchen, Euch mit einem altmodischen Junggesellen-Segen zu küssen, ehe dieser Jemand kommt, um sein Eigentum in Anspruch zu nehmen.«

Er hielt einen Augenblick das schöne Antlitz vor sich hin, um den wohlbekannten Ausdruck der Stirne zu betrachten, und hielt dann mit einer Zartheit, die, wenn man dergleichen Dinge altmodisch finden will, mit ihrem Alter jedenfalls bis auf Adam hinaufreichte, ihr helles Goldhaar gegen das braune seiner Stutzperücke.

Die Tür des Nachbarzimmers öffnete sich, und der Doktor kam mit Charles Darnay heraus. Er war so leichenblaß ganz anders als beim Hineingehen , daß keine Spur von Farbe sich auf seinem Gesicht wahrnehmen ließ. Aber in seiner Haltung und in seinem Benehmen zeigte sich keine Veränderung, etwa mit der einzigen Ausnahme, daß Mr. Lorrys scharfer Blick aus einem schattenhaften Zuge entnahm, die frühere Angst und Furcht müsse wie ein kalter Wind über ihn hingegangen sein.

Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab nach dem Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemietet hatte. Die anderen folgten in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer benachbarten Kirche, wo keine fremden Augen zuschauten, Charles Darnay und Lucie Manette glücklich vermählt.

Außer den Tränen, die während des Trauungsaktes aus dem Lächeln der kleinen Gruppe hervorblitzten, glänzten auch einige feurige, funkelnde Diamanten, die kürzlich der Dunkelheit in Mr. Lorrys Taschen entwischt waren, an der Hand der Braut. Sie kehrten nach Hause zurück zum Frühstück. Alles war gut abgelaufen, und zur gehörigen Zeit vermischte sich das goldige Haar, wie in dem Pariser Dachstübchen, so abermals hier mit den weißen Locken im Lichte der Morgensonne auf der Schwelle der Tür zum Abschied.

Ein schwerer Abschied, obschon nicht auf lange. Ihr Vater aber sprach ihr Mut zu und sagte endlich, während er sich sanft aus ihren umschlingenden Armen losmachte: »Nehmt sie, Charles, sie ist Euer.« Ihre bebende Hand winkte noch aus dem Kutschenfenster, und dann war sie fort.

Da die Ecke nicht dem Anlauf von Müßiggängern und Neugierigen ausgesetzt war und man nur sehr wenige und einfache Vorbereitungen getroffen hatte, so standen der Doktor, Mr. Lorry und Miß Proß allein auf der Straße. Wie sie jedoch sich in den willkommenen Schatten der kühlen alten Halle zurückzogen, bemerkte Mr. Lorry, daß mit dem Doktor eine große Veränderung vorgegangen war, als habe der dort aufgehobene goldene Arm einen giftigen Schlag nach ihm geführt.

Natürlich hatte er viel in sich verschlossen, und es stand zu erwarten, daß es, wenn der Zwang vorüber war, zu einem Losbruch kommen müsse. Aber es war der alte, scheue, irre Blick, der Mr. Lorry beunruhigte, und die gedankenlose Art, wie er nach seinem Kopfe griff und traurig nach seinem Zimmer hinaufstieg, erinnerte seinen Freund an den Weinschenk Defarge und an die Fahrt in der sternenhellen Nacht.

»Ich denke«, flüsterte er nach ängstlicher Erwägung Miß Proß zu, »ich denke, es ist am besten, wenn wir jetzt nicht mit ihm reden, sondern ihn ganz ungestört lassen. Ich muß bei Tellsons ein wenig nachsehen und komme schnell wieder zurück. Wir führen ihn dann aufs Land hinaus, machen dort Mittag, und alles wird wieder recht sein.«

Mit dem Nachsehen bei Tellsons ging es übrigens nicht so hurtig; er wurde zwei Stunden aufgehalten. Als er zurückkam, stieg er ohne Anfrage allein die alte Treppe hinan. Auf dem Flur zu des Doktors Zimmern angelangt, machte er betroffen halt, da er einen Ton hörte wie dumpfes Klopfen!

»Gütiger Gott!« rief er erschrocken. »Was ist dies?«

Miß Proß kam entsetzt auf ihn zu.

»O weh! o weh! Alles ist verloren!« rief sie, die Hände ringend. »Was kann ich meinem Vögelchen sagen? Er kennt mich nicht und macht Schuhe!«

Mr. Lorry tat, was er konnte, um sie zu beruhigen, und ging selbst in des Doktors Zimmer. Die Bank war gegen das Licht gerückt, wie er sie früher gesehen, als der Schuhmacher darauf arbeitete; sein Haupt war niedergebeugt, und die Hände gingen fleißig.

»Doktor Manette. Mein lieber Freund, Doktor Manette!«

Der Doktor sah ihn einen Augenblick halb fragend, halb in einer Weise an, als sei er ärgerlich über die Störung; dann beugte er sich wieder zu seinem Geschäfte nieder.

Er hatte Rock und Weste abgelegt; sein Hemd stand am Halse offen, wie er es sonst bei dieser Arbeit gewöhnt gewesen, und selbst der alte hagere, verblichene Ausdruck lag wieder auf seinem Gesicht. Er arbeitete eifrig, ungeduldig sogar, als wolle er hereinbringen, was er durch die Störung versäumt hatte.

Mr. Lorry betrachtete, was er in der Hand hatte, und sah, daß es ein Schuh von der alten Größe und Form war. Er nahm den anderen, der neben ihm lag, auf und fragte ihn, was dies sei.

»Ein Schuh für ein junges Frauenzimmer«, murmelte er, ohne aufzusehen. »Er sollte schon längst fertig sein. Laßt ihn liegen.«

»Aber, Doktor Manette, so seht mich doch an.«

Er gehorchte in der früheren mechanischen, unterwürfigen Weise, ohne in seiner Arbeit auszusetzen.

»Ihr kennt mich doch, mein lieber Freund? Besinnt Euch. Dies ist keine Beschäftigung, die für Euch paßt. Nehmt Eure Gedanken zusammen, Freund.«

Nichts konnte ihn bewegen, weiterzusprechen. Er schaute, wenn man ihn dazu aufforderte, für einen Augenblick auf, aber keine Überredung war imstande, ihm ein weiteres Wort zu entlocken. Er arbeitete, arbeitete und arbeitete schweigend, und Worte machten auf ihn denselben Eindruck, als wären sie in die Luft oder gegen eine echolose Wand gesprochen. Den einzigen Hoffnungsstrahl glaubte Mr. Lorry in dem Umstand zu entdecken, daß er bisweilen verstohlen aufsah, ohne daß er gefragt wurde. Es schien darin wenigstens ein Ausdruck von Neugierde oder Verlegenheit zu liegen, als versuche er, mit einigen Zweifeln in seinem Geist zurechtzukommen.

Zwei Dinge schienen Mr. Lorry zunächst von besonderer Wichtigkeit zu sein, erstlich, man müsse den Sachverhalt vor Lucie, und zweitens, man müsse ihn vor allen geheimhalten, die den Doktor kannten. Zu Ausführung der letzteren Vorsichtsmaßregel tat er ohne Säumen gemeinschaftlich mit Miß Proß die geeigneten Schritte, indem er aussprengen ließ, daß Mr. Manette unwohl sei und einige Tage völliger Ruhe bedürfe. Um die wohlwollende Täuschung, die an der Tochter geübt werden sollte, zu unterstützen, mußte Miß Proß an sie schreiben, er habe eine Berufung zu einem Kranken erhalten, und sich dabei auf einen angeblich von ihm selbst geschriebenen, aus ein paar hastig hingeworfenen Zeilen bestehenden Brief beziehen, der mit der gleichen Post an sie abgegangen sei.

Diese Maßregeln, die sich für alle Fälle empfahlen, traf Mr. Lorry in der Hoffnung, daß die Geistesirre nur vorübergehend sein werde. Besserte sich’s bald wieder, so hatte er noch etwas anderes im Rückhalt; er wollte sich nämlich auf die beste Art ein sicheres ärztliches Gutachten von dem Zustand des Doktors verschaffen. In letzterer Absicht beschloß er, mit möglichst wenigem Aufsehen ihn persönlich zu überwachen; er traf daher zum erstenmal in seinem Leben Vorkehrungen, um eine Zeitlang von Tellsons wegbleiben zu können, und bezog seinen Posten an dem Fenster in demselben Zimmer.

Nach kurzer Zeit machte er übrigens die Wahrnehmung, daß es schlimmer als nutzlos war, ihn anzureden, da er, wenn man ihm zusetzte, ganz verstört wurde. Er gab deshalb diesen Versuch schon am ersten Tage wieder auf und beschloß, nur sich selbst stets ihm vorzuhalten als stillschweigenden Widerspruch gegen die Halluzination, in der er befangen war oder in die er verfallen wollte. So blieb er denn am Fenster auf seinem Sitz, wo er las und schrieb und in scherzhafter Weise seine Bemerkungen über den freien Platz vor dem Hause machte.

Doktor Manette genoß, was man ihm zu essen und zu trinken reichte, und arbeitete an jenem ersten Tage fort, bis es so dunkel wurde, daß er nichts mehr sah arbeitete sogar eine halbe Stunde länger, als es Mr. Lorry möglich gewesen wäre, zum Lesen oder Schreiben noch etwas zu sehen. Nachdem er sein Werkzeug als für diesen Abend nutzlos beiseite gelegt hatte, stand Mr. Lorry auf und sagte zu ihm:

»Wollt Ihr nicht ausgehen?«

Er schaute in der alten Weise rechts und links vor sich auf den Boden, schaute in der alten Weise auf und wiederholte mit der alten tonlosen Stimme:

»Ausgehen?«

»Ja; mit mir einen Spaziergang machen. Warum nicht?«

Er versuchte nicht, auf diese Frage zu antworten, und sprach auch kein Wort weiter. Aber Mr. Lorry meinte, er sehe, daß der Doktor, während er mit dem Ellenbogen auf den Knien und den Kopf mit den Händen unterstützend im Dunkeln sich vorwärtsbeugte, in irgendeiner nebligen Weise die Frage an sich stelle: »Warum nicht?« Die Schlauheit des Geschäftsmannes erkannte darin einen Vorteil, und er beschloß, ihn festzuhalten.

Miß Proß und er teilten die Nacht in zwei Wachen und beobachteten ihn von Zeit zu Zeit aus dem anstoßenden Zimmer. Er schritt lange auf und ab, eh‘ er sich niederlegte, und als er es endlich tat, versank er bald in Schlaf. Am Morgen stand er zeitig wieder auf und begab sich schnurstracks nach seiner Bank, um wieder zu arbeiten.

An diesem zweiten Tage grüßte ihn Mr. Lorry heiter bei seinem Namen und redete mit ihm über Dinge, die ihm in der letzten Zeit gut bekannt gewesen waren, es erfolgte aber keine Antwort darauf, obschon man sah, daß er hörte, was man sagte, und daß er, wennschon in wirrer Weise, über das Gesprochene nachdachte. Dies ermutigte Mr. Lorry, Miß Proß des Tages öfters mit ihrer Arbeit ins Zimmer kommen zu lassen, bei welcher Gelegenheit sie von Lucie und ihrem dabei anwesenden Vater ruhig und ganz in der gewöhnlichen Weise sprachen, als ob alles wie sonst sei. Dies geschah ohne demonstrative Zugaben, weder lang noch oft genug, um ihm damit lästig zu werden, und Mr. Lorrys wohlwollendes Herz fühlte sich glücklich in der vermeintlichen Wahrnehmung, daß er öfter aufschaue und daß ihm gelegentlich die Disharmonie seiner Umgebung mit seinem Treiben aufzufallen schien.

Als es dunkel wurde, fragte ihn Mr. Lorry wieder wie früher:

»Lieber Doktor, wollt Ihr nicht ausgehen?«

Und wie früher wiederholte er:

»Ausgehen?«

»Ja; mit mir einen Spaziergang machen. Warum nicht?«

Diesmal tat Mr. Lorry, als gehe er nach verweigerter Antwort allein aus; er blieb eine Stunde fort und kehrte dann wieder zurück. In der Zwischenzeit hatte der Doktor den Sitz am Fenster eingenommen: er saß da und schaute auf die Platane hinunter. Wie aber Mr. Lorry wieder eintraf, schlich er nach seiner Bank zurück.

Die Zeit entschwand sehr langsam, und Mr. Lorrys Hoffnungen verdüsterten sich mehr und mehr. Das Herz wurde ihm mit jedem Tage schwerer. Der dritte kam und ging, der vierte, der fünfte. Fünf Tage, sechs Tage, sieben Tage, acht Tage, neun Tage.

Mit immer trüberen Hoffnungen und immer schwerer werdendem Heizen verbrachte Mr. Lorry diese angstvolle Zeit. Das Geheimnis blieb bewahrt, und die nichts ahnende Lucie war glücklich; aber es konnte ihm nicht entgehen, daß der Schuhmacher, dessen Hand anfangs außer Übung gewesen, eine schreckliche Geschicklichkeit gewann, und daß er nie so sehr sich auf seine Arbeit erpicht gezeigt, seine Finger sich nie so gewandt und hurtig erwiesen hatten als in dem Zwielicht des neunten Abends.