Die Symplegaden



Die Symplegaden

Phineus nahm dankbar und gerührt Abschied von seinen Rettern, die weiter- und mancherlei neuen Schicksalen entgegenfuhren. Zuerst wurden sie durch vierzigtägige Nordwestwinde aufgehalten, bis Opfer und Gebet zu allen zwölf Göttern ihnen zu frischer Fahrt verhalf. Sie waren im besten Segeln begriffen, als ein lautes Tosen ihnen von ferne schon ans Ohr schlug. Es war das Krachen der immer zusammenstoßenden und immer wieder zurückprallenden Symplegaden, der Widerhall der Ufer und das Zischen des zusammengepreßten Meeres. Tiphys, der Steuermann, stellte sich wachsam ans Steuerruder. Euphemos, der Held, erhub sich im Schiffe und hielt auf der flachen Rechten eine Taube. Wenn diese, hatte Phineus ihnen geweissagt, furchtlos zwischen den Felsen hindurchflöge, so dürften auch sie kecklich die Durchfahrt wagen. Eben öffneten sich die Felsen: Euphemos ließ die Taube fliegen; alle richteten ihre Häupter in Erwartung empor. Die Taube flog mitten hindurch, aber schon näherten sich die Felsen wieder, das schäumende Meer wallte zischend einer Wolke gleich auf; ein Brausen erfüllte Wasser und Luft; jetzt stießen die Felsen zusammen und klemmten der Taube die letzten Schwanzfedern ab, doch war sie glücklich hindurchgekommen. Mit lauter Stimme ermunterte Tiphys die Ruderer, dann aber öffneten sich die Felsen wieder, und die in den Zwischenraum strömende Flut zog das Schiff mit sich hinein. Jetzt hing das Verderben über ihrem Haupte: eine turmhohe Woge wälzte sich ihnen entgegen, bei deren Anblick alle die Köpfe bückten. Aber Tiphys hieß mit den Rudern innehalten, und die schäumende Welle wälzte sich unschädlich unter dem Kiele hin und hob das Schiff hoch über die zusammenschwimmenden Felsen empor. Die Helden arbeiteten, daß die Ruder sich krümmten; jetzt riß der Strudel das Schiff wieder mitten in die Felsen hinab. Schon stießen die Felsen zu beiden Seiten an den Bauch des Schiffes; da gab ihm die Schutzgöttin Athene einen unsichtbaren Stoß, daß es glücklich durchkam und die zusammenschlagenden Felsen nur eben noch die äußersten Bretter des Hinterteiles zermalmten. Als erst die Helden den Äther und die offene See wieder vor sich sahen, da atmeten sie von der Todesangst wieder auf, und es war ihnen, als wären sie aus der Unterwelt emporgetaucht. »Das ist nicht durch unsre Kraft geschehen«, rief Tiphys, »wohl fühlte ich hinter mir die göttliche Hand Athenes, deren Schnellkraft das Schiff durch die Felsen stieß! Nichts haben wir fortan zu fürchten; alle andern Arbeiten nach dieser Gefahr hat uns Phineus als leicht geschildert.« Aber Iason schüttelte traurig sein Haupt und sprach: »Guter Tiphys, ich habe die Götter versucht, daß ich dieses Unternehmen mir von Pelias auflegen ließ; lieber hätte ich mich von ihm in Stücke sollen hauen lassen! Jetzt bringe ich in Seufzen die Nächte nach den Tagen zu, nicht für mich besorgt, nein, nur auf euer Leben und Heil bedacht, und wie ich aus so gräßlichen Gefahren euch der Heimat unverloren zurückgeben soll.« So sprach der Held, seine Genossen zu versuchen. Diese aber jubelten ihm freudig zu und verlangten vorwärts.

Die vierte Arbeit des Herakles bis zur sechsten



Die vierte Arbeit des Herakles bis zur sechsten

Sofort ging es an die vierte Unternehmung. Sie bestand darin, den Erymanthischen Eber, der, gleichfalls der Artemis geheiligt, die Gegend des Berges Erymanthos verwüstete, lebendig nach Mykene zu liefern. Auf seiner Wanderung nach diesem Abenteuer kehrte Herakles unterwegs bei Pholos, dem Sohne des Silenos, ein. Dieser, der wie alle Zentauren halb Mensch, halb Roß war, empfing seinen Gast sehr freundlich und setzte ihm das Fleisch gebraten vor, während er selbst es roh verzehrte. Aber Herakles begehrte zu der feinen Mahlzeit auch einen guten Trunk. »Lieber Gast«, sprach Pholos, »es liegt wohl ein Faß in meinem Keller, dieses aber gehört allen Zentauren gemeinschaftlich zu, und ich trage Bedenken, es öffnen zu lassen, weil ich weiß, wie wenig die Zentauren nach Gästen fragen.« »Öffne es nur guten Muts«, erwiderte Herakles; »ich verspreche dir, dich gegen alle ihre Anfälle zu verteidigen; mich dürstet!« Es hatte aber dieses Faß Bakchos, der Gott des Weines, selbst einem Zentauren mit dem Befehle übergeben, dasselbe nicht eher zu eröffnen, als bis nach vier Menschenaltern Herakles in dieser Gegend einkehren würde. So ging denn Pholos in den Keller; kaum hatte er das Faß eröffnet, so rochen die Zentauren den Duft des starken alten Weines und umringten, haufenweise herbeiströmend, mit Felsstücken und Fichtenstämmen bewaffnet, die Höhle des Pholos. Die ersten, die es wagten, einzudringen, jagte Herakles mit geschleuderten Feuerbränden zurück; die übrigen verfolgte er mit Pfeilschüssen bis nach Malea, wo der gute Zentaur Chiron, des Herakles alter Freund, wohnte. Zu diesem flüchteten seine Stammesbrüder. Aber Herakles hatte, als sie eben mit ihm zusammentrafen, mit dem Bogen auf sie gezielt und schoß einen Pfeil ab, der, durch den Arm eines andern Zentauren dringend, unglücklicherweise in das Knie Chirons fuhr und dort steckenblieb. Jetzt erst erkannte Herakles den Freund seiner früheren Tage, lief bekümmert hinzu, zog den Pfeil heraus und legte ein Heilmittel auf, das der arzneikundige Chiron selbst hergegeben hatte. Aber die Wunde, vom Gifte der Hyder durchdrungen, war unheilbar; der Zentaur ließ sich in seine Höhle bringen und wünschte, hier in den Armen seines Freundes zu sterben. Vergeblicher Wunsch! Der Arme hatte nicht daran gedacht, daß er zu seiner Qual unsterblich sei. Herakles nahm von dem Gequälten unter vielen Tränen Abschied und versprach ihm, es koste, was es wolle, den Tod, den Erlöser, zu senden. Wir wissen aus der Sage von Prometheus, daß er Wort gehalten hat. Als Herakles von der Verfolgung der übrigen Zentauren in seines Freundes Höhle zurückkehrte, fand er Pholos, seinen liebreichen Wirt, auch tot. Dieser hatte aus einem Zentaurenleichnam den Todespfeil gezogen; während er sich nun wunderte, wie ein so kleines Ding so große Geschöpfe hatte niederwerfen können, entglitt das vergiftete Geschoß seiner Hand, fuhr ihm in den Fuß und tötete ihn auf der Stelle. Herakles war sehr betrübt, er bestattete ihn ehrenvoll, indem er ihn unter den Berg legte, der seitdem Pholoë genannt ward. Dann ging er weiter, den Eber zu jagen; er trieb denselben mit Geschrei aus dem Dickicht des Waldes heraus, verfolgte ihn ins tiefe Schneefeld, fing hier das erschöpfte Tier mit einem Stricke und brachte es, wie ihm befohlen war, lebendig nach Mykene.

Darauf schickte ihn der König Eurystheus zur fünften Arbeit fort, die eines Helden wenig würdig war. Er sollte den Viehhof des Augias in einem einzigen Tage ausmisten. Augias war König in Elis und hatte eine Menge Viehherden. Sein Vieh stand nach Art der Alten in einer großen Verzäunung vor dem Palaste. Dreitausend Rinder hatten da geraume Zeit gestanden, und so hatte sich seit vielen Jahren eine unendliche Menge Mist angehäuft, den nun Herakles zur Schmach und, was unmöglich schien, in einem einzigen Tage hinausschaffen sollte.

Als der Held vor den König Augias trat und, ohne etwas von dem Auftrage des Eurystheus zu erwähnen, sich zu dem genannten Dienste erbot, maß dieser die herrliche Gestalt in der Löwenhaut und konnte kaum das Lachen unterdrücken, wenn er dachte, daß einen so edlen Krieger nach so gemeinem Knechtsdienste gelüsten könne. Indessen dachte er bei sich: ›Der Eigennutz hat schon manchen wackern Mann verführt; es mag sein, daß er sich an mir bereichern will. Das wird ihm wenig helfen. Ich darf ihm immerhin einen großen Lohn versprechen, wenn er mir den ganzen Stall ausmistet, denn er wird in dem einen Tage wenig genug hinaustragen.‹ Darum sprach er getrost: »Höre, Fremdling, wenn du das kannst und mir an einem Tage all den Mist herausschaffest, so will ich dir den zehnten Teil meines ganzen Viehbestandes zur Belohnung überlassen.« Herakles ging die Bedingung ein, und der König dachte nun nicht anders, als daß er zu schaufeln anfangen würde. Herakles aber, nachdem er zuvor den Sohn des Augias, Phyleus, zum Zeugen jenes Vertrages genommen hatte, riß den Grund des Viehhofs auf der einen Seite auf, leitete die nicht weit davon fließenden Ströme Alpheios und Peneios durch einen Kanal herzu und ließ sie den Mist wegspülen und durch eine andere Öffnung wieder ausströmen. So vollzog er einen schmachvollen Auftrag, ohne zu einer Handlung sich zu erniedrigen, die eines Unsterblichen unwürdig gewesen wäre. Als aber Augias erfuhr, daß dies von Herakles als Auftrag des Eurystheus geschehen sei, verweigerte er den Lohn und leugnete geradezu, ihn versprochen zu haben; doch erklärte er sich bereit, die Streitsache einem richterlichen Spruche anheimzustellen. Als die Richter beisammensaßen, das Urteil zu fällen, trat Phyleus, von Herakles aufgefordert, auf, zeugte gegen seinen eigenen Vater und erklärte, daß dieser allerdings über einen Lohn mit Herakles übereingekommen sei. Augias wartete den Spruch nicht ab, er ergrimmete und befahl dem Sohne wie dem Fremdling, sein Reich auf der Stelle zu verlassen.

Herakles kehrte nun unter neuen Abenteuern zu Eurystheus zurück. Dieser aber wollte die eben vollbrachte Arbeit nicht gültig sein lassen, weil Herakles Lohn dafür gefordert habe. Dennoch schickte er ihn sogleich wieder auf ein sechstes Abenteuer aus und gab ihm auf, die Stymphaliden zu verjagen. Dies waren ungeheure Raubvögel, so groß wie Kraniche, mit eisernen Flügeln, Schnäbeln und Klauen versehen. Sie hausten um den See Stymphalos in Arkadien und besaßen die Macht, ihre Federn wie Pfeile abzudrücken und mit ihren Schnäbeln selbst eherne Panzer zu durchbrechen; dadurch richteten sie in der Umgebung unter Menschen und Vieh große Verwüstungen an, und wir kennen sie schon vom Argonautenzuge her. Herakles, des Wanderns gewohnt, langte nach kurzer Reise bei dem See an, der von einem großen Gehölze dicht umschattet ruhte. In diesen Wald hatte sich eben eine unermeßliche Schar jener Vögel geflüchtet, aus Furcht, von den Wölfen geraubt zu werden. Herakles stand ratlos da, als er die ungeheure Menge erblickte, und wußte nicht, wie er über so viele Feinde Meister werden sollte. Auf einmal fühlte er einen leichten Schlag auf der Schulter; hinter sich blickend, ward er Athenes Riesenerscheinung gewahr, die ihm zwei mächtige eherne Klappern in die Hände gab, welche Hephaistos ihr verfertigt hatte; sie bedeutete ihm, diese gegen die Stymphaliden anzuwenden, und verschwand wieder. Herakles bestieg nun eine Anhöhe in der Nähe des Sees und schreckte die Vögel, indem er die Klappern zusammenschlug. Diese hielten das gellende Getöse nicht aus, sondern flogen furchtsam aus dem Walde hervor. Darauf griff Herakles zum Bogen, legte Pfeil um Pfeil an und schoß ihrer viele im Fluge weg. Die andern verließen die Gegend und kamen nicht wieder.

Die Zerstörung Trojas



Die Zerstörung Trojas

Die Trojaner überließen sich die halbe Nacht hindurch der Freude bei Schmaus und Gelage; Syringen und Flöten ertönten, Tanz und Gesang lärmten ringsumher und dazwischen die bunt durcheinander schallenden Stimmen der Schmausenden. Die Becher wurden einmal über das andere bis zum Rande mit Wein gefüllt, mit beiden Händen erfaßt und leergetrunken, bis die Trinkenden zu stammeln anfingen und ihr Geist in dumpfe Betäubung versank. Endlich lagen sie alle in tiefem Schlafe begraben, und die Mitternacht war herangekommen. Jetzt erhub sich Sinon, der mit andern Trojanern im Freien geschmaust und sich zuletzt schlafend gestellt hatte, von seinem Polster, schlich hinaus zu den Toren, zündete eine Fackel an und ließ, dem Strande und der Insel Tenedos zugekehrt, den Schiffen der Griechen zum verabredeten Zeichen ihren lodernden Brand in die Lüfte wehen. Dann löschte er sie wieder, schlich sich zu dem Pferde hin und pochte leise an den hohlen Bauch, wie ihn Odysseus geheißen hatte. Die Helden vernahmen den Laut; alle aber kehrten ihre Häupter lauschend dem Odysseus zu: dieser ermahnte sie, leise und mit aller möglichen Vorsicht auszusteigen; er hielt die Ungeduldigsten zurück, öffnete ganz still, nach dem Rate des Epeios, dein Riegel der Türe, streckte den Kopf ein wenig hinaus und sandte seine spähenden Blicke allenthalben umher, ob nicht einer der Trojaner erwacht sei. Dann, wie ein heißhungriger Wolf sachte zwischen Hirten und Hunden hindurch in den Pferch schleicht, stieg er die Sprossen der Leiter herab, die Epeios zugleich mit dem Pferde verfertigt und jetzt heruntergelassen hatte, und ein Held um den andern folgte ihm mit klopfendem Herzen. Als die Höhlung des Rosses sich ganz entleert hatte, schüttelten sie ihre Lanzen, zogen ihre Schwerter und verbreiteten sich durch die Straßen und in die Häuser der Stadt. Ein gräßliches Gemetzel entstand unter den schlaftrunkenen und berauschten Trojanern; Feuerbrände wurde in ihre Wohnungen geschleudert, und bald loderten die Dächer über ihren Häuptern. Zu gleicher Zeit trieb ein günstiger Fahrwind die Flotte der Griechen, die auf Sinons Fackelzeichen von Tenedos aufgebrochen war, in den Hafen des Hellesponts, und bald stürzte sich das ganze Heer der Danaer durch die breite Mauerlücke, durch welche tags zuvor das Roß hineingezogen worden war, in die Stadt, von Kampfbegierde schnaubend. Jetzt erst erfüllte sich die eroberte Stadt recht mit Trümmern und Leichnamen, Halbtote und Verstümmelte krochen zwischen den Leichen umher, nur hier und dort ward noch einem aufrecht Fliehenden die Lanze in den Rücken gestoßen. Das winselnde Heulen geängsteter Hunde scholl in den Straßen und mischte sich ins Stöhnen der Verwundeten und in die Wehklage der jammernden Frauen und unmündigen Kinder.

Doch war der Kampf für die Griechen selbst auch nicht unblutig; denn obgleich die meisten Feinde waffenlos waren, so wehrten sie sich doch, so gut sie konnten. Die einen schleuderten Becher, die andern Tische, noch andere frisch von dem Herde genommene Feuerbrände auf die eingedrungenen Danaer; andere waffneten sich mit Bratspießen, Beilen und Streitäxten, was ihnen gerade unter die Hände kam; und so stießen die Griechen selbst, während sie mit Feuer und Schwert in der Stadt wüteten, auf genug Tote und Sterbende der Ihrigen. Manche zerschmetterte auch ein Steinwurf von den Dächern; andere wurden von den Flammen der brennenden Häuser ergriffen oder von zusammenstürzenden zermalmt. Und als sie endlich die Burg des Priamos selbst stürmten, in welche sich viele Trojaner geflüchtet und wo sich diese mit Rüstungen, Lanzen und Schwertern versehen hatten, kamen ihrer viele im ordentlichen Kampfe durch die Hand der Feinde, die sich verzweifelt verteidigten, ums Leben.

Während des Kampfes wurde es in der Stadt mitten in der Nacht immer heller, denn der wachsende Brand der Häuser und Paläste und die vielen Fackeln, die hier und dort von den Achajern geschwungen wurden, leuchteten dem Kampfe; dadurch wurde aber auch dieser immer sicherer und erbitterter, denn die Sieger fürchteten sich nicht mehr, den befreundeten Mann mit dem Feinde zu verwechseln, und nun traf ihr Racheschwert erst recht mit Auswahl die edelsten Helden der Trojaner. Diomedes schlug zum Tode den Koröbos, den Sohn des gewaltigen Mygdon, indem er ihm die Lanze in den Schlund stieß; dann den Eidam des greisen Trojaners Antenor, den gewaltigen Speerschwinger Eurydamas. Hierauf kam ihm Ilioneus, einer der ältesten Troer, entgegen; dieser sank vor dem gezückten Schwerte des griechischen Helden in die Knie, und mit der einen Hand sein eigenes Schwert emporhebend, mit der andern das Knie des Siegers umfassend, rief er mit bebender Stimme: »Wer du auch seiest von den Argivern: laß ab von deinem Zorne! Kann ja dem Manne nur der Sieg über den Jüngeren, Kräftigeren Ruhm bringen! Darum, so gewiß du selbst dereinst ein Greis werden willst, schone des Greisen!« Einen Augenblick hielt Diomedes sein Schwert zurück und besann sich, dann aber stieß er es dem Gegner in die Kehle mit den Worten: »Freilich hoffe auch ich mich des Alters zu freuen; jetzt aber brauche ich meine Kraft und sende alle meine Feinde zum Hades!« So ging er hin und erschlug noch einen nach dem andern. Auf gleiche Weise wüteten Ajax der Lokrer und Idomeneus. Neoptolemos aber suchte sich die Söhne des Priamos aus und tötete ihrer drei, dazu den Agenor, der einst mit seinem Vater Achill den Kampf gewagt hatte. Endlich stieß er auf den König Priamos selbst, der an einem unter freiem Himmel errichteten Altare des Zeus in Gebeten lag. Gierig zückte Neoptolemos sein Schwert, und Priamos blickte ihm furchtlos ins Auge: »Töte mich«, rief er, »Kind des tapfern Achill; nachdem ich so vieles ertragen und fast alle meine Kinder sterben sah, wie möchte ich länger das Licht der Sonne schauen? O hätte mich schon dein Vater getötet! So labe denn du dein mutiges Herz an mir und entrücke mich allem Kummer!« »Greis«, erwiderte Neoptolemos, »du ermahnest mich zu dem, wozu mich mein eigenes Herz antreibt!« Und damit trennte er leicht das Haupt des ergrauten Greises vom Rumpfe, wie ein Schnitter in der Sommerhitze die Ähre auf dem trocknen Saatfelde abmäht: es rollte zu Boden weithin, und der Rumpf lag mit den andern trojanischen Leichen vermischt. Grausamer noch verfuhren die gemeinen Krieger des griechischen Heeres; sie hatten im Palaste des Königs den Astyanax aufgefunden, Hektors zarten Sohn, rissen ihn aus den Armen der Mutter und schleuderten ihn, aus Haß gegen Hektor und sein Geschlecht, von der Zinne eines Turmes hinab. Als er der Mutter entrissen wurde, rief diese den Räubern entgegen: »Warum stürzet ihr nicht auch mich von der schrecklichen Mauer herab oder in die lodernden Flammen? Seit mir Achill den Gatten getötet, lebte ich nur noch in unserm Kinde; befreit auch mich von der Qual eines längeren Lebens!« Aber die Mörder erhörten sie nicht und gingen davon.

So fand sich der Tod bald in diesem Hause ein, bald in jenem, und nur ein einziges verschonte er. Dies war die Wohnung des greisen Trojaners Antenor, der einst den Menelaos und Odysseus, als sie nach Troja gekommen waren, am Leben erhalten und gastfreundlich bewirtet hatte. Dafür schenkten ihm jetzt die Danaer dankbar Leben und Besitztum.

Äneas, der herrliche Held, der jüngst noch mit unverwüstlicher Kraft beim Sturme der Stadt von den Mauern herab gekämpft hatte, als er Troja brennen sah und nach langer, vergeblicher Gegenwehr dem Feinde, den er auch jetzt seinen Sieg teuer bezahlen ließ, weichen mußte, handelte wie ein mutiger Schiffer im Sturm, der, nachdem er das Schiff lange gelenkt, endlich das hoffnungslos Verlorne den Wellen überläßt und sich in ein Boot rettet. Er nahm den Vater Anchises auf die breiten Schultern, seinen Sohn Askanios an die Hand und eilte davon. Der Knabe drängte sich dicht an den Vater und streifte mit den Füßen kaum die Erde; Äneas aber sprang mit schnellem Fuß über unzählige Leichen hinweg, indem er den Sohn auf dem besseren Wege leitete; und Aphrodite, seine Mutter, war mit ihm: denn wohin er seinen Fuß setzte, wichen ihm die Flammen aus, die Rauchwolken zerteilten sich, Pfeile und Wurfspieße, welche die Danaer gegen ihn schleuderten, fielen, ohne zu treffen, auf die Erde nieder.

An andern Stellen raste der Mord. Menelaos fand vor den Gemächern seiner treulosen Gemahlin Helena den Deïphobos, den Sohn des Priamos, der seit Hektors Tode die Stütze des Hauses und Volkes war und welchem nach dem Tode des Paris Helena als Gemahlin zuteil geworden war, noch in die Betäubung des nächtlichen Freudengelages versenkt. Bei seiner Annäherung taumelte dieser vom Boden auf und flüchtete in die Gänge des Palastes. Menelaos aber ereilte ihn und stieß ihm den Speer in den Nacken. »Stirb du vor der Türe meiner Gattin«, rief er mit donnernder Stimme; »hätte doch meine Lanze den Unheilstifter, den Paris, also getroffen! Nun ist dieser schon längst geschlachtet; und du solltest dich meiner Gattin erfreuen, du Frevler? Wisse, daß kein Verbrecher dem Arme der Themis, der Göttin der Gerechtigkeit, entgeht!« So sprechend, stieß Menelaos den Leichnam auf die Seite und ging hin, den Palast zu durchforschen; denn sein Herz, von widerstreitenden Empfindungen bewegt, begehrte nach Helena, seiner Gemahlin. Diese hielt sich, vor dem Zorn ihres rechtmäßigen Gatten zitternd, in einem dunkeln Winkel des Hauses verborgen, und erst spät gelang es ihm, sie zu entdecken. Bei ihrem ersten Anblicke trieb ihn die Eifersucht, sie zu ermorden: aber Aphrodite hatte sie mit holdem Liebreiz geschmückt, stieß ihm das Schwert aus der Hand, verscheuchte den Grimm aus seiner Brust und erweckte in seinem Herzen die alte Liebe. Es war ihm unmöglich, bei dem Anblicke ihrer überirdischen Schönheit das Schwert aufs neue zu erheben; die Stärke brach ihm zusammen, und einen Augenblick vergaß er alles, was sie verschuldet hatte. Da hörte er die den Palast durchtobenden Argiver hinter sich, und ein Gefühl der Scham ergriff ihn, indem er bedachte, daß er vor seinem treulosen Weibe nicht wie ein Rächer, sondern wie ein Sklave dastehe. Wider Willen raffte er das Schwert, das er auf die Erde geworfen, wieder auf, bezwang seine Neigung und drang von neuem auf die Gattin ein. Doch im Herzen war es ihm nicht Ernst, und willkommen erschien ihm daher sein Bruder Agamemnon, der plötzlich hinter ihm stehend die Hand auf seine Schulter legte und ihm zurief. »Laß ab, lieber Bruder Menelaos! Es ziemt sich nicht, daß du dein ehelich Weib, um welches wir so viele Leiden erduldet haben, erschlagest! Lastet doch die Schuld weniger auf Helena, wie mir deucht, als auf Paris, welcher so schnöde das Gastrecht gebrochen hat. Dieser aber, sein ganzes Geschlecht, sein ganzes Volk sind ja jetzt bestraft und vernichtet!« So sprach Agamemnon, und Menelaos gehorchte ihm zögernd, aber mit Freuden.

Während dies auf Erden vorging, beklagten die Unsterblichen, in dunkle Wolken gehüllt, den Fall Trojas. Nur Hera, die Todfeindin der Trojaner, und Thetis, die Mutter des frühe dahingesunkenen Achill, jauchzten im Herzen vor Lust auf. Pallas Athene selbst, der doch durch Trojas Untergang ihr Wille geschehen war, konnte sich der Tränen nicht enthalten, als sie sah, wie Ajax, der wilde Sohn des Oïleus, in ihrem Heiligtum es wagte, die fromme Kassandra, ihre Priesterin, die sich in Athenes Tempel geflüchtet hatte und ihre Bildsäule schutzflehend umarmt hielt, mit rohen Händen anzutasten und sie an den Haaren zerrend herauszuschleppen. Zwar durfte die Göttin die Tochter ihrer Feinde nicht unterstützen; aber die Wangen glühten ihr vor Scham und vor Zorn; ihr Bildnis gab einen Ton, der Boden ihres Heiligtums dröhnte, und den Blick vom Frevel abgekehrt, schwur sie in ihrem Herzen, die Missetat zu rächen.

Lange noch dauerte der Brand und das Gemetzel. Die Flammensäule Trojas stieg hoch in den Äther hinauf und verkündete den Untergang der Stadt den Bewohnern der Inseln und den Schiffen, die hin und her das Meer besegelten.

Dolon und Rhesos



Dolon und Rhesos

Als Odysseus die unwillkommene Botschaft aus dem Zelte des Peliden mitbrachte, verstummten Agamemnon und die Fürsten. Kein Schlaf legte sich die ganze Nacht über auf die Augenlider der Atriden; in banger Angst erhoben sich beide noch lang vor Tagesanbruch und teilten sich in ihr Geschäft. Menelaos ging, die Helden Mann für Mann in den Zelten zu bearbeiten; Agamemnon aber wandelte nach der Lagerhütte Nestors. Er fand den Greis noch im weichen Bette ruhend; Rüstung, Schild, Helm, Gurt und zwei Lanzen lagen an der Seite des Lagers. Der Greis, aus dem Schlaf erweckt, stützte sich auf den Ellbogen und rief dem Atriden zu: »Wer bist du, der in finsterer Nacht, wo andere Sterbliche schlummern, so einsam durch die Schiffe wandelt, als suchtest du einen Freund oder ein verlaufenes Maultier? So rede doch, du Schweigender, was suchst du?« »Erkenne mich, Nestor«, sprach jener leise, »ich bin Agamemnon, den Zeus in so unergründliches Leid versenkt hat; kein Schlaf kommt in meine Augen; mein Herz klopft; meine Glieder zittern aus Angst um die Danaer. Laß uns zu den Hütern hinabgehen, ob sie nicht schlummern. Weiß doch keiner von uns, ob die Feinde nicht noch in der Nacht einen Angriff machen werden!« Nestor zog eilig seinen wollenen Leibrock an, warf den Purpurmantel um, ergriff die Lanze und durchwandelte mit dem Könige die Schiffsgassen. Zuerst weckten sie Odysseus, der auf ihren Ruf sogleich den Schild um die Schultern warf und ihnen folgte; dann nahte sich Nestor dem Zelt und der Lagerstatt des Tydiden, berührte ihm den Fuß mit der Ferse und weckte ihn scheltend. »Unmüßiger Greis«, antwortete der Held im halben Schlafe, »du kannst doch nimmer von der Arbeit ruhen! Gäbe es nicht Jüngere genug, die das Heer bei Nacht durchwandern und die Helden aus dem Schlafe wecken könnten? Aber du bist unbändig, Alter!« »Du hast wohlziemend geredet«, erwiderte ihm Nestor, »habe ich doch selbst Völker genug, dazu treffliche Söhne, die dies Amt verrichten könnten. Aber die Bedrängnis der Achiver ist viel zu groß, als daß ich nicht selbst tun sollte, was das Herz mir gebietet. Auf der Schwertspitze steht bei ihnen Untergang und Leben; deswegen erhebe dich und hilf du selbst uns den Ajax und Meges, den Sohn des Phyleus, wecken!« Diomedes warf sogleich sein Löwenfell um die Schultern und holte die verlangten Helden. Nun musterten sie zusammen die Schar der Hüter, aber keinen fanden sie schlafend: alle saßen munter und wach in ihren Rüstungen da.

Allmählich waren jetzt alle Fürsten vom Schlaf aufgeweckt worden, und bald saß die Ratsversammlung vollständig beisammen. Nestor aber begann das Gespräch: »Wie wär es, ihr Freunde«, sagte er, »wenn jetzt ein Mann die Kühnheit hätte, hinzugehen zu den Trojanern, ob er nicht etwa einen der Äußersten erhaschen könnte oder ihren Rat erlauschen und erfahren, ob sie hier auf dem Schlachtfelde zu bleiben gedenken oder mit dem Siege sich in ihre Stadt zurückzuziehen? Edle Gaben sollten den kühnen Mann belohnen, der solches wagte!« Als Nestor ausgeredet, stand Diomedes auf und erbot sich zu dem Wagnisse, falls ein Begleiter sich zu ihm gesellen wollte. Da fanden sich viele bereit: die Ajax beide, Meriones, Antilochos, Menelaos und Odysseus; und Diomedes sprach: »Wenn ihr mir anheimstellet, den Genossen selbst zu wählen, wie sollte ich des Odysseus vergessen, der in jeder Gefahr ein so entschlossenes Herz zeigt und den Pallas Athene liebt! Wenn er mich begleitet, glaube ich, wir würden aus einem Flammenofen zurückkehren; denn er weiß Rat wie keiner.« »Schilt und rühme mich nicht zu sehr«, antwortete Odysseus, »du redest beides vor kundigen Männern! Aber gehen wir; denn die Sterne sind schon weit vorgerückt, und wir haben nur noch ein Dritteil von der Nacht übrig.«

Darauf hüllten sich beide in furchtbare Rüstung und machten sich unkenntlich; Diomedes ließ Schwert und Schild bei den Schiffen und entlehnte das zweischneidige Schwert des Helden Thrasymedes sowie dessen Sturmhaube und Stierhaut, ohne Federbusch und Roßschweif. Dem Odysseus gab Meriones Bogen, Köcher und Schwert und einen Helm von Leder und Filz mit Schweinshauern. So verließen sie das griechische Lager und wandelten in der Nacht dahin. Da hörten sie einen Reiher von der rechten Seite schreiend vorüberflattern, wurden des Glückszeichens froh, das ihnen Pallas Athene sendete, und flehten zu ihr um Begünstigung ihres Unternehmens. So gingen sie durch Waffen, Blut und Leichen im Dunkel dahin, an Mut zween wilden Löwen gleich.

Während diese Auskundschaftung im griechischen Lager verabredet wurde, hatte in der Versammlung seiner Trojaner Hektor denselben Vorschlag gemacht und aus der griechischen Beute, die er hoffte, einen Wagen und zwei der edelsten Rosse dem Manne versprochen, der es über sich nehmen würde, den Zustand des griechischen Lagers zu erforschen. Nun befand sich unter dem trojanischen Volke der Sohn des Eumedes, eines edlen Herolds, namens Dolon, ein an Geld und Erz wohlbegüterter Mann von unansehnlicher Gestalt, aber ein gar hurtiger Läufer, neben fünf Schwestern der einzige Sohn. Diesen reizte die Kühnheit seines Herzens, daß er gegen das Versprechen, den Wagen und die Rosse des Achill zu erhalten, es über sich nahm, das feindliche Kriegsheer zu durchwandern, bis er an Agamemnons Feldherrnschiff käme, um dort den Fürstenrat der Danaer zu belauschen. Er hängte eilend seinen Bogen um die Schulter, hüllte sich in ein graues, zottiges Wolfsfell, setzte einen Otterhelm auf das Haupt, faßte den Wurfspieß und ging mit Begier seinen Weg. Dieser aber führte ihn ganz nahe an den auf gleichem Gange begriffenen Griechenhelden vorüber. Odysseus merkte den Tritt des Herannahenden und flüsterte seinem Gesellen zu: »Diomedes, dort kommt ein Mann aus dem trojanischen Lager herangewandelt; entweder es ist ein Kundschafter, oder er will die Leichname auf dem Schlachtfelde berauben; lassen wir ihn ein wenig vorübergehen, dann wollen wir ihm nachjagen und ihn entweder erhaschen oder nach den Schiffen treiben.« Nun schmiegten sich beide abseits von dem Wege unter die Toten, und Dolon lief sorglos vorüber. Als er einen Bogenschuß entfernt war, hörte er das Geräusch der Helden und stand stille, denn er vermutete, daß Hektor ihn durch befreundete Boten zurückrufen lasse; bald aber waren die Helden nur noch einen Speerwurf entfernt, und jetzt erkannte er sie als Feinde. Nun regte er seine schnellen Knie und flog dahin wie ein Hund, der einen Hasen verfolgt. »Steh oder ich werfe meine Lanze nach dir«, donnerte Diomedes und entsandte seinen Speer, jedoch mit Vorsatz fehlend, so daß das Erz über die Schulter des Laufenden hin in den Boden fuhr. Dolon stand, starr und bleich vor Schrecken; sein Kinn bebte, und die Zähne klapperten ihm. »Fahet mich lebendig«, rief er unter Tränen, als die herankeuchenden Helden ihn mit beiden Händen festhielten, »ich bin reich und will euch als Lösegeld Eisenerz und Gold geben, soviel ihr nur wollet!« »Sei getrost«, sprach Odysseus zu ihm, »und mach dir keine Todesgedanken, aber sag uns die Wahrheit, was dich diesen Weg führte.« Als Dolon zitternd und bebend alles gestanden, sprach Odysseus lächelnd: »Fürwahr, du hast keinen schlechten Geschmack, Bursche, daß deine Seele nach dem Gespann des Peliden gelüstet! Jetzt aber sage mir auf der Stelle: wo verließest du den Hektor, wo stehen seine Rosse, wo ist das Kriegsgeräte? wo sind die andern Trojaner? wo die Bundesgenossen?« Dolon antwortete: »Hektor berät sich mit den Fürsten am Grabmale des Ilos; das Kriegsheer ist ohne besondere Wachen um Feuer gelagert, die fern herbeigerufenen Bundesgenossen aber, die für keine Weiber und Kinder zu sorgen haben, schlafen getrennt von dem Heere und unbewacht. Wenn ihr in das trojanische Lager wandeln wollet, so stoßet ihr zuerst auf die eben angekommenen Thrakier, die um ihren Fürsten Rhesos, den Sohn des Eïoneus, hingestreckt ruhen. Seine blendend weißen Rosse sind die schönsten, größesten und schnellfüßigsten, die ich je gesehen habe; sein Wagen ist mit Silber und Gold köstlich geschmückt; er selbst trägt eine wundervolle goldne Rüstung wie ein Unsterblicher und nicht wie ein Mensch. Nun wißt ihr alles, führet mich nun nach den Schiffen oder laßt mich gebunden hier und überzeuget euch, daß ich die Wahrheit gesagt habe.« Aber Diomedes schaute den Gefangenen finster an und sprach: »Ich merke wohl, Betrüger, du sinnest auf Flucht; aber meine Hand wird dafür sorgen, daß du den Argivern nicht mehr verderblich sein kannst!« Zitternd erhob Dolon seine Rechte, das Kinn des Helden flehentlich zu berühren, als schon das Schwert des Tydiden ihm durch den Nacken fuhr, daß das Haupt des Redenden in den Staub hinrollte. Hierauf nahmen ihm die Helden den Otterhelm vom Scheitel, zogen dem Rumpfe das Wolfsfell ab, lösten den Bogen, nahmen den Speer des Getöteten zur Hand und legten die ganze Rüstung zum Merkmale für den Heimweg auf einige Rohrbüschel; dann gingen sie vorwärts und stießen endlich auf die harmlos schlafenden Thrakier. Bei jedem stand ein Doppelgespann von stampfenden Rossen; die Rüstungen lagen in schöner Ordnung und in dreifachen Reihen blinkend auf dem Boden. In der Mitte schlief Rhesos, und seine Rosse standen am hintersten Wagenringe, mit Riemen angebunden. »Hier sind unsre Leute«, sprach Odysseus ins Ohr des Tydiden; »jetzt gilt es Tätigkeit, löse du die Rosse ab, oder besser, töte du die Männer und laß mir die Rosse.« Diomedes antwortete ihm nicht, sondern wie ein Löwe unter Ziegen oder Schafe fährt, hieb er wild um sich her, daß sich ein Röcheln unter seinem Schwert erhub und der Boden rot von Blute ward. Bald hatte er zwölf Thrakier gemordet; der kluge Odysseus aber zog jeden Getöteten, am Fuß ihn ergreifend, zurück, um den Rossen eine Bahn zu machen. Nun hieb Diomedes auch den dreizehnten nieder: und dies war der König Rhesos, der eben in einem schweren Traume stöhnte, den ihm die Götter gesendet hatten. Inzwischen hatte Odysseus die Rosse vom Wagen abgelöst, mit Riemen verbunden und, indem er sich seines Bogens anstatt der Geißel bediente, sie aus dem Haufen hinweggetrieben. Dann gab er seinem Genossen ein Zeichen durch leises Pfeifen: dieser besann sich, ob er den köstlichen Wagen an der Deichsel wegziehen oder auf den Schultern hinaustragen sollte; da nahte ihm warnend Pallas, die Göttin, und trieb ihn zur Flucht. Eilend bestieg Diomedes das eine Roß, Odysseus trieb, nebenher laufend, beide mit dem Bogen an, und nun flogen sie dem Schiffslager wieder zu.

Der Schutzgott der Trojaner, Apollo, hatte bemerkt, wie sich Athene zu Diomedes gesellte. Dies verdroß ihn; er machte sich ins Getümmel des trojanischen Heeres und weckte den tapfern Freund des Rhesos, den Thrakier Hippokoon, aus dem Schlaf. Als dieser die Stelle, wo die Rosse des Fürsten gestanden, leer und ermordete Männer am Boden zuckend fand, rief er laut wehklagend den Namen seines Freundes. Die Trojaner stürzten im Aufruhr heran und starrten vor Schrecken, als sie die entsetzliche Tat sahen.

Unterdessen hatten die beiden Griechenhelden den Ort wieder erreicht, wo sie den Dolon getötet hatten; Diomedes sprang vom Rosse, schwang sich aber wieder hinauf, nachdem er die Rüstung den Händen des Freundes überreicht; Odysseus bestieg das andere Tier, und bald waren sie mit den rasch dahinfliegenden Pferden bei den Schiffen angekommen. Nestor hörte zuerst das Stampfen der Hufe und machte die Fürsten der Griechen aufmerksam; aber ehe er sich recht besinnen konnte, ob er geirrt oder Wirkliches vernommen, waren die Helden mit den Rossen da, schwangen sich vom Pferde, reichten den Freunden die Hände ringsumher zum Gruße und erzählten unter dem Jubel des Heeres den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens. Dann trieb Odysseus die Rosse durch den Graben, und die andere Achiver folgten ihm jauchzend zur Lagerhütte des Tydiden. Dort wurden die Pferde zu den andern Rossen des Fürsten an die mit Weizen wohlgefüllte Krippe gebunden. Die blutige Rüstung Dolons aber legte Odysseus hinten im Schiffe nieder, bis sie bei einem Dankfest Athenes prangen könnte. Nun spülten sich beide Helden mit der Meerflut Schweiß und Blut von den Gliedern, setzten sich zum warmen Bad in Wannen, salbten sich mit Öl und genossen das Frühmahl beim vollen Kruge; und Pallas Athene ward mit dem Trankopfer nicht vergessen.

Europa



Europa

Im Lande Tyrus und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Königs Agenor, in der tiefen Abgeschiedenheit des väterlichen Palastes. Zu dieser ward nachmitternächtlicherweile, wo untrügliche Träume die Sterblichen besuchen, ein seltsames Traumbild vom Himmel gesendet. Es kam ihr vor, als erschienen zwei Weltteile in Frauengestalt, Asien und der gegenüberliegende, und stritten um ihren Besitz. Die eine der Frauen hatte die Gestalt einer Fremden; die andere – und dies war Asien – glich an Aussehen und Gebärde einer Einheimischen. Diese wehrte sich mit zärtlichem Eifer für ihr Kind Europa, sprechend, daß sie es sei, welche die geliebte Tochter geboren und gesäugt hätte. Das fremde Weib aber umfaßte sie wie einen Raub mit gewaltigen Armen und zog sie mit sich fort, ohne daß Europa im Innern zu widerstreben vermochte. »Komm nur mit mir, Liebchen«, sprach die Fremde, »ich trage dich als Beute dem Ägiserschütterer Zeus entgegen; so ist dir’s vom Geschicke beschieden.« Mit klopfendem Herzen erwachte Europa und richtete sich vom Lager auf, denn das Nachtgesicht war hell wie ein Anblick des Tages gewesen. Lange Zeit saß sie unbeweglich aufrecht im Bette, vor sich hinstarrend, und vor ihren weit aufgetanen Augensternen standen noch die beiden Weiber. Erst spät öffneten sich ihre Lippen zum bangen Selbstgespräche: »Welcher Himmlische«, sprach sie, »hat mir diese Bilder zugeschickt? Was für wunderbare Träume haben mich aufgeschreckt, die ich im Vaterhause süß und sicher schlummerte? Wer war doch die Fremde, die ich im Traume gesehen? Welch eine wunderbare Sehnsucht nach ihr regt sich in meinem Herzen? Und wie ist sie selbst mir so liebreich entgegengekommen, und auch als sie mich gewaltsam entführte, mit welchem Mutterblicke hat sie mich angelächelt! Mögen die seligen Götter mir den Traum zum besten kehren!«

Der Morgen war herangekommen; der helle Tagesschein vermischte den nächtlichen Schimmer des Traumes aus der Seele der Jungfrau, und Europa erhub sich zu den Beschäftigungen und Freuden ihres jungfräulichen Lebens. Bald sammelten sich um sie ihre Altergenossinnen und Gespielinnen, Töchter der ersten Häuser, welche sie zu Chortänzen, Opfern und Lustgesängen zu begleiten pflegten. Auch jetzt kamen sie, ihre Herrin zu einem Gange nach den blumenreichen Wiesen des Meeres einzuladen, wo sich die Mädchen der Gegend scharenweise zu versammeln und am üppigen Wuchse der Blumen und am rauschenden Halle des Meeres zu erfreuen pflegten. Alle Mädchen führten einen Korb zum Blumensammeln in den Händen. Europa selbst trug einen goldenen Korb, geschmückt mit glänzenden Bildern aus der Göttersage; er war ein Werk des Hephaistos, ein uraltes Göttergeschenk des Erderschütterers Poseidon, das dieser der Libya geschenkt hatte, als er um sie warb. Aus ihrem Besitze war es von Hand zu Hand als Erbstück in das Haus des Agenor gekommen. Mit diesem Brautschmuck angetan, eilte die holdselige Europa an der Spitze ihrer Gespielinnen den Meereswiesen zu, die voll der buntesten Blumen standen. Jubelnd zerstreute sich die Schar der Mädchen da- und dorthin, jede suchte sich eine Blume auf, die nach ihrem Sinne war. Die eine pflückte die glänzende Narzisse, die andere wandte sich der Balsam ausströmenden Hyazinthe zu, eine dritte erwählte sich das sanfter duftende Veilchen, andern gefiel der gewürzige Quendel, wieder andere brachen den gelben, lockenden Krokus. So flogen die Gespielinnen hin und her; Europa aber hatte bald ihr Ziel gefunden, sie stand, wie unter den Grazien die schaumgeborne Liebesgöttin, alle ihre Genossinnen überragend, und hielt hoch in der Hand einen vollen Strauß von glühenden Rosen.

Als sie genug Blumen gesammelt, lagerten sich die Jungfrauen, ihre Fürstin in der Mitte, harmlos auf dem Rasen und fingen an, Kränze zu flechten, die sie, den Nymphen der Wiese zum Dank, an grünenden Bäumen aufhängen wollten. Aber nicht lange sollten sie ihren Sinn an den Blumen ergötzen, denn in das sorglose Jugendleben Europas griff unversehens das Schicksal ein, das ihr der Traum der verschwundenen Nacht geweissagt hatte. Zeus, der Kronide, war von den Geschossen der Liebesgöttin, die allein auch den unbezwungenen Göttervater zu besiegen vermochten, getroffen und von der Schönheit der jungen Europa ergriffen worden. Weil er aber den Zorn der eifersüchtigen Hera fürchtete, auch nicht hoffen durfte, den unschuldigen Sinn der Jungfrau zu betören, so sann der verschlagene Gott auf eine neue List. Er verwandelte seine Gestalt und wurde ein Stier. Aber welch ein Stier! Nicht, wie er auf gemeiner Wiese geht oder unters Joch gebeugt den schwerbeladenen Wagen zieht; nein, groß, herrlich von Gestalt, mit schwellenden Muskeln am Halse und vollen Wampen am Bug; seine Hörner waren zierlich und klein, wie von Händen gedrechselt, und durchsichtiger als reine Juwelen; goldgelb war die Farbe seines Leibes, nur mitten auf der Stirne schimmerte ein silberweißes Mal, dem gekrümmten Horne des wachsenden Mondes ähnlich; bläulichte, von Verlangen funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe.

Ehe Zeus diese Verwandlung mit sich vornahm, rief er zu sich auf den Olymp den Hermes und sprach, ohne ihm etwas von seinen Absichten zu enthüllen: »Spute dich, lieber Sohn, getreuer Vollbringer meiner Befehle! Siehst du dort unten das Land, das links zu uns emporblickt? Es ist Phönizien; dieses betritt und treibe mir das Vieh des Königes Agenor, das du auf den Bergtriften weidend finden wirst, gegen das Meeresufer hinab.« In wenigen Augenblicken war der geflügelte Gott, dem Winke seines Vaters gehorsam, auf der sidonischen Bergweide angekommen und trieb die Herde des Königes, unter die sich auch, ohne daß Hermes es geahnt hätte, der verwandelte Zeus als Stier gemischt hatte, vom Berge herab nach dem angewiesenen Strande, eben auf jene Wiesen, wo die Tochter Agenors, von lyrischen Jungfrauen umringt, sorglos mit Blumen tändelte. Die übrige Herde nun zerstreute sich über die Wiesen ferne von den Mädchen; nur der schöne Stier, in welchem der Gott verborgen war, näherte sich dem Rasenhügel, auf welchem Europa mit ihren Gespielinnen saß. Schmuck wandelte er im üppigen Grase einher, über seiner Stirne schwebte kein Drohen, sein funkelndes Auge flößte keine Furcht ein, sein ganzes Aussehen war voll Sanftmut. Europa und ihre Jungfrauen bewunderten die edle Gestalt des Tieres und seine friedlichen Gebärden, ja sie bekamen Lust, ihn recht in der Nähe zu besehen und ihm den schimmernden Rücken zu streicheln. Der Stier schien dies zu merken, denn er kam immer näher und stellte sich endlich dicht vor Europa hin. Diese sprang auf und wich anfangs einige Schritte zurück; als aber das Tier sogar zahm stehenblieb, faßte sie sich ein Herz, näherte sich wieder und hielt ihm ihren Blumenstrauß vor das schäumende Maul, aus dem sie ein ambrosisches Atem anwehte. Der Stier leckte schmeichelnd die dargebotenen Blumen und die zarte Jungfrauenhand, die ihm den Schaum abwischte und ihn liebreich zu streicheln begann. Immer reizender kam der herrliche Stier der Jungfrau vor, ja sie wagte es und drückte einen Kuß auf seine glänzende Stirne. Da ließ das Tier ein freudiges Brüllen hören, nicht wie andere gemeine Stiere brüllen, sondern es tönte wie der Klang einer lydischen Flöte, die ein Bergtal durchhallt. Dann kauerte es sich zu den Füßen der schönen Fürstin nieder, blickte sie sehnsüchtig an, wandte ihr den Nacken zu und zeigte ihr den breiten Rücken. Da sprach Europa zu ihren Freundinnen, den Jungfrauen: »Kommt doch auch näher, liebe Gespielinnen, daß wir uns auf den Rücken dieses schönen Stieres setzen und unsere Lust haben; ich glaube, er könnte unserer viere aufnehmen und beherbergen. Er ist so zahm und sanftmütig anzuschauen, so holdselig; er gleicht gar nicht anderen Stieren; wahrhaftig, er hat Verstand wie ein Mensch, und es fehlt ihm gar nichts als die Rede!« Mit diesen Worten nahm sie ihren Gespielinnen die Kränze, einen nach dem andern, aus den Händen und behängte damit die gesenkten Hörner des Stieres, dann schwang sie sich lächelnd auf seinen Rücken, während ihre Freundinnen zaudernd und unschlüssig zusahen.

Der Stier aber, als er die geraubt, die er gewollt hatte, sprang vom Boden auf. Anfangs ging er ganz sachte mit der Jungfrau davon, doch so, daß ihre Genossinnen nicht gleichen Schritt mit seinem Gange halten konnten. Als er die Wiesen im Rücken und den kahlen Strand vor sich hatte, verdoppelte er seinen Lauf und glich nun nicht mehr einem trabenden Stiere, sondern einem fliegenden Roß. Und ehe sich Europa besinnen konnte, war er mit einem Satz ins Meer gesprungen und schwamm mit seiner Beute dahin. Die Jungfrau hielt mit der Rechten eins seiner Hörner umklammert, mit der Linken stützte sie sich auf den Rücken; in ihre Gewänder blies der Wind wie ein Segel; ängstlich blickte sie nach dem verlassenen Lande zurück und rief umsonst den Gespielinnen; das Wasser umwallte den segelnden Stier, und seine hüpfenden Wellen scheuend, zog sie furchtsam die Fersen hinauf Aber das Tier schwamm dahin wie ein Schiff; bald war das Ufer verschwunden, die Sonne untergegangen, und im Helldunkel der Nacht sah die unglückliche Jungfrau nichts um sich her als Wogen und Gestirne. So ging es fort, auch als der Morgen kam; den ganzen Tag schwamm sie auf dem Tiere durch die unendliche Flut dahin; doch wußte dieses so geschickt die Wellen zu durchschneiden, daß kein Tropfen seine geliebte Beute benetzte. Endlich gegen Abend erreichten sie ein fernes Ufer. Der Stier schwang sich ans Land, ließ die Jungfrau unter einem gewölbten Baume sanft vom Rücken gleiten und verschwand vor ihren Blicken. An seine Stelle trat ein herrlicher, göttergleicher Mann, der ihr erklärte, daß er der Beherrscher der Insel Kreta sei und sie schützen werde, wenn er durch ihren Besitz beglückt würde. Europa in ihrer trostlosen Verlassenheit reichte ihm ihre Hand als Zeichen der Einwilligung; und Zeus hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht.

Aus langer Betäubung erwachte Europa, als schon die Morgensonne am Himmel stand. Sie fand sich einsam, sah mit verirrten Blicken um sich her, als wollte sie die Heimat suchen. »Vater, Vater!« rief sie mit durchdringendem Wehelaut, besann sich eine Weile und rief wieder: »Ich verworfene Tochter, wie darf ich den Vaternamen nur aussprechen? Welcher Wahnsinn hat mich die Kindesliebe vergessen lassen!« Dann sah sie wieder, wie sich besinnend, umher und fragte sich selbst: »Woher, wohin bin ich gekommen? – Zu leicht ist ein Tod für die Schuld der Jungfrau! Aber wache ich denn auch und beweine einen wirklichen Schimpf? Nein, ich bin gewiß unschuldig an allem, und es neckt meinen Geist nur ein nichtiges Traumbild, das der Morgenschlaf wieder entführen wird! Wie wäre es auch möglich, daß ich mich hätte entschließen können, lieber auf dem Rücken eines Untieres durch unendliche Fluten zu schwimmen, als in holder Sicherheit frische Blumen zu pflücken!« – So sprach sie und fuhr mit der flachen Hand über die Augenlider, als wollte sie den verhaßten Traum verwischen. Als sie aber um sich blickte, blieben die fremden Gegenstände unverrückt vor ihren Augen; unbekannte Bäume und Felsen umgaben sie, und eine unheimliche Meeresflut schäumte, an starren Klippen sich brechend, empor am niegeschauten Gestade. »Ach, wer mir jetzt den Stier auslieferte«, rief sie verzweifelnd, »wie wollte ich ihn zerfleischen; nicht ruhen wollte ich, bis ich die Hörner des Ungeheuers zerbrochen, das mir jüngst noch so liebenswürdig erschien! Eitler Wunsch! Nachdem ich schamlos die Heimat verlassen, was bleibt mir übrig als zu sterben? Wenn mich nicht alle Götter verlassen haben, so sendet mir, ihr Himmlischen, einen Löwen, einen Tiger! Vielleicht reizt sie die Fülle meiner Schönheit, und ich muß nicht warten, bis der entsetzliche Hunger an diesen blühenden Wangen zehrt!« Aber kein wildes Tier erschien; lächelnd und friedlich lag die fremde Gegend vor ihr, und vom unumwölkten Himmel leuchtete die Sonne. Wie von Furien bestürmt, sprang die verlassene Jungfrau auf »Elende Europa«, rief sie, »hörst du nicht die Stimme deines abwesenden Vaters, der dich verflucht, wenn du deinem schimpflichen Leben nicht ein Ende machst! Zeigt er dir nicht jene Esche, an welche du dich mit deinem Gürtel aufhängen kannst? Deutet er nicht hin auf jenes spitze Felsgestein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm der Meeresflut begraben wird? Oder willst du lieber einem Barbarenfürsten als Nebenweib dienen und als Sklavin von Tag zu Tag die zugeteilte Wolle abspannen, du, eines hohen Königes Tochter?« So quälte sich das unglückliche verlassene Mädchen mit Todesgedanken und fühlte doch nicht den Mut in sich, zu sterben. Da vernahm sie plötzlich ein heimliches spottendes Flüstern hinter sich, glaubte sich belauscht und blickte erschrocken rückwärts. In überirdischem Glanze sah sie da die Göttin Aphrodite vor sich stehen, ihren kleinen Sohn, den Liebesgott, mit gesenktem Bogen zur Seite. Noch schwebte ein Lächeln auf den Lippen der Göttin, dann sprach sie: »Laß deinen Zorn und Hader, schönes Mädchen! Der verhaßte Stier wird kommen und dir die Hörner zum Zerreißen darreichen; ich bin es, die dir im väterlichen Hause jenen Traum gesendet. Tröste dich, Europa! Zeus ist es, der dich geraubt hat; du bist die irdische Gattin des unbesiegten Gottes; unsterblich wird dein Name werden, denn der fremde Weltteil, der dich aufgenommen hat, heißt hinfort Europa!«

Eurystheus vor Alkmene



Eurystheus vor Alkmene

Das Heer der Sieger war in Athen eingezogen, und mit Iolaos, der jetzt wieder in seiner vorigen Greisengestalt erschien, stand der gedemütigte Verfolger des Heldengeschlechtes, Hände und Füße mit Fesseln gebunden, vor der Mutter des Herakles. »Kommst du endlich, Verhaßter!« rief ihm die Greisin zu, als sie ihn vor ihren Augen stehen sah. »Hat dich nach so langer Zeit die Strafgerechtigkeit der Götter ergriffen? Senke dein Angesicht nicht so zur Erde, sondern blicke deinen Gegnern Aug ins Auge. Du bist also der, der meinen Sohn so viele Jahre hindurch mit Arbeit und Schmach überhäuft, ihn ausgesandt hat, giftige Schlangen und grimmige Löwen zu erwürgen, damit er im verderblichen Kampf erliege, ihn hinuntergejagt in das finstere Reich des Hades, damit er dort der Unterwelt verfiele? Und nun treibst du mich, seine Mutter, und diese Schar seiner Kinder, soviel an dir ist, aus ganz Griechenland fort und wolltest sie von den beschirmenden Altären der Götter hinwegreißen? Aber du bist auf Männer und eine freie Stadt gestoßen, die dich nicht gefürchtet haben. Jetzt ist’s an dir zu sterben, und du darfst dich glücklich preisen, wenn du nur sterben mußt. Denn da du mannigfachen Frevel verübt hast, so hättest du auch verdient, durch mancherlei Qual einen vielfachen Tod zu leiden!« Eurystheus wollte dem Weibe gegenüber keine Furcht zeigen; er raffte sich zusammen und sprach mit erzwungener Kaltblütigkeit: »Du sollst kein Wort aus meinem Munde hören, das einem Flehen gliche; ich weigere mich nicht, zu sterben. Nur so viel sei mir vergönnt zu meiner Rechtfertigung zu sagen, daß nicht ich es gewesen bin, der freiwillig dem Herakles als Widersacher entgegengetreten. Hera, die Göttin, war es, die mir auftrug, diesen Kampf zu bestehen. Alles, was ich getan habe, ist in ihrem Auftrage geschehen. Da ich mir nun aber einmal wider Willen den mächtigen Mann und Halbgott zum Feinde gemacht, wie hätte ich nicht darauf bedacht sein sollen, alles aufzubieten, was mich vor seinem Zorne sicherstellen konnte? Wie hätte ich nicht nach seinem Tode sein Geschlecht verfolgen sollen, aus welchem lauter Feinde und Rächer ihres Vaters mir entgegenwuchsen? Tue nun mit mir, was du willst; ich verlange nicht nach dem Tode; aber es schmerzt mich auch nicht, wenn ich das Leben verlassen soll.« So sprach Eurystheus und schien mit Ruhe sein Schicksal zu erwarten. Hyllos selbst sprach für seinen Gefangenen, und die Bürger Athens riefen auch die milde Sitte ihrer Stadt an, die den überwundenen Verbrecher zu begnadigen pflegte. Aber Alkmene blieb unerbittlich; sie gedachte aller Leiden, die ihr unsterblicher Sohn auf Erden zu dulden hatte, solange er ein Knecht des grausamen Königs war; ihr schwebte der Tod der geliebten Enkelin vor Augen, die sie hierher begleitet hatte und freiwillig in den Tod gegangen war, um dem mit übergewaltiger Heeresmacht drohenden Eurystheus den Sieg zu entreißen; sie malte sich mit grausen Farben aus, welch Schicksal ihr selbst und allen ihren Enkeln zuteil geworden wäre, wenn Eurystheus als Sieger und nicht als Gefangener jetzt vor ihr stände: »Nein, er soll sterben«, rief sie, »kein Sterblicher soll diesen Verbrecher mir entreißen!« Da kehrte sich Eurystheus zu den Athenern und sprach: »Euch, ihr Männer, die ihr gütig für mich gebeten habt, soll mein Tod keinen Unsegen bringen. Wenn ihr mich eines ehrlichen Begräbnisses würdiget und mich bestattet, wo das Verhängnis mich ereilt hat, am Tempel der pallenischen Athene, so werde ich als ein heilbringender Gast die Grenze eures Landes bewachen, daß kein Heer sie jemals überschreiten soll. Denn wisset, daß die Nachkommen dieser Jünglinge und Kinder, die ihr hier beschützet, euch einst mit Heeresmacht überfallen und euch die Wohltat schlecht lohnen werden, die ihr ihren Vätern erzeigt habt. Alsdann werde ich, der geschworne Feind des Herakleischen Geschlechtes, euer Retter sein.« Mit diesen Worten ging er unerschrocken zum Tode und starb besser, als er gelebt hatte.

Gespräche beim Sauhirten



Gespräche beim Sauhirten

In der Hütte des Sauhirten zu Ithaka saß Odysseus mit Eumaios und den andern Hirten am Abende dieses Tages vergnüglich bei der Nachtkost, und um ihn zu versuchen, wie lang er ihm wohl Herberge gönnen werde, sprach er nach dem Essen zu seinem Wirt: »Morgen, mein Freund, will ich an meinem Bettelstab in die Stadt gehen, um euch nicht länger beschwerlich zu fallen. Da rate mir denn und gib mir einen Begleiter mit, der mir den Weg zeige, denn ich will in der Götter Namen die Stadt durchirren und sehen, wo ich ein wenig Wein und Brot erhalte. Auch möchte ich gern in den Palast des Königs Odysseus gehen und dort seiner Gemahlin Penelope sagen, was ich von ihm weiß. Am Ende würde ich auch den Freiern gegen Unterkunft und Speise meine Dienste anbieten; verstehe ich mich doch trefflich aufs Holzspalten, Feueranmachen, Bratspießwenden, Speisevorlegen und Weinverteilen und auf andere derlei Geschäfte, wie sie Vornehme von den Geringern zu fordern pflegen.« Aber der Sauhirt runzelte die Stirn und erwiderte: »Gast, was kommt dir für ein Gedanke in den Sinn, willst du dich ganz ins Verderben stürzen? Meinst du, die trotzigen Freier werden nach deinen Diensten lüstern sein? Die haben ganz andere Diener, als du einer wärst! Jünglinge in den zierlichsten Kleidern, mit blühendem Antlitze, das Haupt von Salben duftend, stehen ihnen zu Gebot und bedienen die prächtigen Tische, welche stets mit Fleisch, Brot und Wein belastet sind. Bleib du bei uns, wo deine Gesellschaft weder mir noch den Meinigen beschwerlich ist, und warte auf den guten Sohn des Odysseus, der dich mit aller Notdurft wohl versorgen wird!«

Odysseus nahm das Anerbieten dankbar an und bat darauf den Hirten, ihm auch zu erzählen, wie es den Eltern seines Herrn gehe, ob sie noch leben oder schon in den Hades hinabgestiegen seien. »Laërtes, der Vater, lebt noch«, antwortete ihm Eumaios, »aber er beweint untröstlich den entfernten Sohn und die Gattin, die der Gram um den Verlorenen getötet hat. Auch ich muß diese gute Frau beweinen; ist doch sie es, die mich mit ihrer Tochter Ktimene fast wie einen Sohn aufgezogen hat. Als später die Tochter nach Same vermählt wurde, stattete mich die Mutter reichlich aus und schickte mich hierher aufs Land. Jetzt muß ich freilich vieles entbehren und nähre mich, so gut ich kann, von meinem Amte hier. Penelope, die jetzige Königin, kann nichts für mich tun; sie ist von den Freiern umgeben und bewacht, und ein ehrlicher Diener kann gar nicht bis zu ihr durchdringen.« »Guter Sauhirt«, fragte Odysseus weiter, »woher stammest du denn, und wie bist du in den Dienst dieses Hauses gekommen?« Der Hirt schenkte seinem Gaste den Becher wieder voll und erwiderte: »Trink, mein guter Alter, und laß dich die lange Geschichte nicht verdrießen; hier zwingt uns ja niemand, früh zu Bette zu gehen, und wir können die ganze Nacht durchschwatzen. Dort über Ortygia hin liegt eine nicht sonderlich bevölkerte, aber fruchtbare und gesunde Insel mit Namen Syria, mit zwei Städten. Über beide herrschte als mächtiger Fürst mein Vater Ktesios, der Sohn des Ormenos. Als ich noch ein kleiner Knabe war, landeten dort trügerische Seefahrer aus Phönizien, die allerlei niedliche Waren auf ihrem Schiffe zum Verkauf mitbrachten und lang an unsrer Küste blieben. Nun hatten wir damals ein phönizisches Weib, schön und schlank von Gestalt, die mein Vater als Sklavin erstanden hatte und die wegen ihrer kunstreichen Arbeiten sehr beliebt war, in unserer Wohnung. Diese wurde mit einem der phönizischen Krämer ihrer Landsleute vertraut und hängte ihr Herz an ihn. Der Schiffer versprach ihr, sie mit sich als seine Gattin in seine und ihre Heimat nach Sidon zu führen, und die treulose Sklavin gelobte ihm dagegen, aus meines Vaters Hause nicht nur die Hände voll Gold als Fährlohn mitzubringen, sondern auch noch etwas Besseres: ›Ich erziehe nämlich‹, sagte sie, ›den kleinen Sohn des Fürsten; er ist schon recht gescheit für sein Alter und läuft so mit, wenn ich Gänge außer dem Hause zu machen habe. Diesen schaffe ich euch auf das Schiff, und ihr werdet keinen kleinen Gewinn von ihm machen.‹

So sprach das falsche Weib und ging nach dem Palaste zurück, als wenn nichts geschehen wäre; denn die Kaufleute verweilten noch ein ganzes Jahr auf der Insel. Als sie sich endlich mit dem schwerbeladenen Schiffe zur Heimfahrt rüsteten, erschien ein listiger Mann mit einem goldenen Halsbande im Palaste meines Vaters und bot es zum Verkauf an. Mutter und Mägde umstanden ihn im Saal, faßten es eine um die andere mit der Hand, musterten es mit den Augen und feilschten um den Preis. Währenddessen gab der Mann – denn es war ein Bote der Phönizier – dem Weib einen heimlichen Wink. Kaum hatte er das Haus verlassen, so nahm diese mich an der Hand und entführte mich aus dem Palast. Im Vorsaale fand sie Tische und Becher für Gäste des Vaters aus der Ratsversammlung gerüstet. Da sah ich, wie sie schnell drei goldene Gefäße hinwegnahm und im Wurf ihres Gewandes verbarg; in meiner Einfalt besann ich mich nicht darüber, sondern folgte ihr. Die Sonne war eben am Untergehen, als wir im Hafen anlegten und mit der übrigen Mannschaft das Schiff bestiegen.

Wir fuhren mit günstigem Winde ab und mochten etwa sechs Tage lang gesteuert sein, als das verräterische Weib, vom Pfeile der Artemis, wie man sagt, getroffen, plötzlich im Schiffsraume tot zu Boden fiel, wie ein Seehuhn, das der Jäger geschossen. Man warf sie über Bord, den Fischen zur Beute, und ich kleines Kind blieb allein, ohne einen Menschen, der sich meiner angenommen hätte, auf dem Schiffe. Die Phönizier aber landeten endlich in Ithaka, wo mich der alte Laërtes von den Kaufleuten erhandelte. Auf diese Weise habe ich zuerst unsre Insel mit Augen gesehen.«

»Nun«, sprach Odysseus, »du darfst doch nicht ganz unzufrieden mit deinem Schicksale sein, denn Zeus hat dir zu dem Bösen doch auch Gutes beschert und einem freundlichen Mann in die Hand gegeben, der es dir an nichts fehlen ließ und auf dessen Gute du noch immer in Gemächlichkeit lebst. Ich Armer dagegen irre in beständiger Verbannung umher.«

Unter solchen Gesprächen war ihnen die Nacht fast ganz dahingeschwunden, und sie schliefen nur noch weniges, bis die anbrechende Morgenröte sie weckte.

Die Helden vor Theben angekommen



Die Helden vor Theben angekommen

»Da habt ihr ein Vorzeichen, wie der Feldzug sich enden wird«, sprach der Seher Amphiaraos finster, als das Gebein des Knaben Opheltes entdeckt war. Aber die anderen alle dachten mehr an die Erlegung der Schlange und priesen diese als eine glückliche Vorbedeutung. Und weil sich das Heer eben von einer großen Bedrängnis erholt hatte, so war alles guter Dinge; der schwere Seufzer des Unglückspropheten wurde überhört, und der Zug ging lustig weiter. Es währte nicht viele Tage mehr, so war das Heer der Argiver unter den Mauern von Theben angekommen.

In dieser Stadt hatte Eteokles mit seinem Oheim Kreon alles zu einer hartnäckigen Verteidigung vorbereitet und sprach zu den versammelten Bürgern: »Bedenket jetzt, ihr Mitbürger, was ihr eurer Vaterstadt schuldig seid, die euch in ihrem milden Schoße aufgezogen und zu wackeren Kriegern gebildet hat. Ihr alle, vom Jünglinge, der noch nicht Mann ist, bis zum Manne, dessen Locke schon grau wird, wehret euch für sie, für die Altäre der heimischen Götter, für Väter, Weiber und Kinder und für euren freien Boden! Mir meldet der Vogelschauer, daß in der nächsten Nacht das Argiverheer sich zusammenziehen und einen Angriff auf die Stadt machen wird. Darum, ihr alle, auf die Mauerzinnen, an die Tore geeilt! Brecht vor mit allen Waffen! Besetzt die Schanzen, stellt euch in die Türme mit euren Geschossen, bewahret jeden Ausgang sorgfältig und fürchtet euch nicht vor der Menge der Feinde! Draußen schleichen meine Kundschafter umher, und ich bin gewiß, daß sie mir genaue Kunde bringen. Nach ihren Meldungen werde ich handeln.«

Während Eteokles so zu seinen Reitern sprach, stand auf der höchsten Zinne des Palastes mit einem greisen Waffenträger ihres Großvaters Laïos die Jungfrau Antigone. Sie war nach ihres Vaters Tode nicht lange unter dem liebevollen Schutze des Königes Theseus zu Athen geblieben, sondern hatte mit ihrer Schwester Ismene in ihre Heimat zurückverlangt, wohin eine unbestimmte Hoffnung, ihrem Bruder Polyneikes nützlich werden zu können, und auch die Liebe zu ihrer Vaterstadt sie trieb, deren Belagerung durch den Bruder sie nicht billigen konnte und deren Schicksal sie teilen wollte. Dort war sie von dem Fürsten Kreon und ihrem Bruder Eteokles mit offenen Armen aufgenommen worden; denn sie betrachteten die Jungfrau als einen freiwilligen Geisel und eine willkommene Vermittlerin. Diese war jetzt die alte Zedertreppe des Palastes emporgestiegen und stand auf der Plattform, wo ihr der Greis die Stellung der Feinde erklärte. Ringsum auf den Fluren um die Stadt, die Ufer des Ismenos entlang und um die von alters berühmte Quelle Dirke her war das mächtige Feindesheer gelagert. Es hatte sich eben in Bewegung gesetzt, und Truppenschar sonderte sich von Truppenschar. Das ganze Gefilde schimmerte von Erzglanz wie ein wogendes Meer. Massen von Fußvolk und Reiterei schwärmten brausend um die Tore der belagerten Stadt. Die Jungfrau erschrak bei diesem Anblicke; der Greis jedoch sprach ihr Trost ein: »Unsere Mauern sind hoch und fest, unsere Eichentore liegen in schweren eisernen Riegeln. Von innen bietet die Stadt alle Sicherheit und ist voll mutiger, den Kampf nicht scheuender Krieger.« Darauf fing er an, die Fragen des Mädchens nach einzelnen hervorragenden Führern zu beantworten: »Der, welcher dort, im leuchtenden Helme, seinen blanken Erzschild mit Leichtigkeit schwingend, einer Heerschar voranzieht, das ist der Fürst Hippomedon, der um das Gewässer Lernas in Mykene wohnt; hoch ragt sein Wuchs empor wie eines erdentsprossenen Giganten! – Weiter rechts dort, der sein Roß über den Dirkebach setzt, in fremder Waffentracht wie ein Halbbarbar, das ist deines Bruders Schwager, Tydeus, des Öneus Sohn; er und seine Ätoler tragen schwere Schilde und sind die besten Lanzenwerfer, ich kenne ihn an seinem Wappenschilde; denn ich bin schon als Unterhändler in das feindliche Lager abgeschickt worden.« »Wer ist denn«, fragte jetzt das Mägdlein, »der jugendliche Held dort, im unjugendlichen Haare, der mit wildem Blicke an jenem Helden-Grabmal vorüberschreitet und dem völlig gerüstetes Volk langsam nachfolgt?« »Das ist Parthenopaios«, belehrte sie der Alte, »der Sohn Atalantes, der Freundin der Artemis. Aber siehst du dort die zwei Helden, am Grabe der Niobetöchter? Der ältere ist Adrastos, der Führer des ganzen Zuges; den jüngeren, kennst du den?« »Ich sehe«, rief Antigone schmerzlich bewegt, »nur die Brust und den Umriß seines Leibes, und doch erkenne ich ihn; es ist mein Bruder Polyneikes! O könnte ich mit den Wolken fliegen und bei ihm sein und meinen Arm um den Hals des lieben Flüchtlings schlagen! Wie funkelt seine goldene Rüstung gleich der Sonne Morgenstrahl! Doch wer ist jener dort, der, mit fester Hand die Rosse zügelnd, einen weißen Wagen lenkt und die Geißel so ruhig und besonnen schwingt?« »Das ist«, sprach der Greis, »der Seher Amphiaraos, meine Herrin!« »Aber siehest du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und sie mißt und sorglich die Stellen erkundet, an welchen die Basteien dem Sturme zugänglich wären?« »Das ist der übermütige Kapaneus, der unserer Stadt so schrecklich hohnspricht, der euch zarte Jungfrauen an Lernas Gewässer in die Knechtschaft führen will!« – Antigone erblaßte und verlangte umzukehren; der Greis reichte ihr die Hand und geleitete sie hinunter in die Mädchenzelle.

Die Herakliden kommen nach Athen



Die Sage von den Herakliden

Die Herakliden kommen nach Athen

Als Herakles in den Himmel versetzt war und sein Vetter Eurystheus, König von Argos, ihn nicht mehr zu fürchten hatte, verfolgte seine Rache die Kinder des Halbgottes, deren größerer Teil mit Alkmene, der Mutter des Helden, zu Mykene, der Hauptstadt von Argos, lebte. Sie entflohen seinen Nachstellungen und begaben sich in den Schutz des Königes Keyx zu Trachis. Als aber Eurystheus von diesem kleinen Fürsten ihre Auslieferung verlangte und gar mit einem Kriege drohte, hielten sie sich unter seinem Schutze nicht mehr für sicher, verließen Trachis und flüchteten sich durch Griechenland. Vaterstelle bei ihnen vertrat der berühmte Neffe und Freund des Herakles, der Sohn des Iphikles, Iolaos. Wie dieser in jungen Jahren mit Herakles alle Mühsale und Abenteuer geteilt hatte, so nahm er auch jetzt, schon ergraut, die verlassene Kinderschar des Freundes unter seine Flügel und schlug sich mit ihnen durch die Welt. Ihre Absicht war, sich den Besitz des Peloponnes, den ihr Vater erobert hatte, zu sichern; so kamen sie, unablässig von Eurystheus verfolgt, nach Athen, wo der Sohn des Theseus, Demophoon, regierte, der den unrechtmäßigen Besitzer des Thrones, Menestheus, eben verdrängt hatte. Zu Athen lagerte sich die Schar auf der Agora oder dem Markt am Altare des Zeus und flehte den Schutz des athenischen Volkes an. Noch nicht lange saßen sie so, als auch schon wieder ein Herold des Königes Eurystheus einhergeschritten kam. Er stellte sich trotzig vor Iolaos hin und sprach in höhnendem Tone: »Du meinst wohl gar hier einen sicheren Sitz gefunden zu haben und in eine verbündete Stadt gekommen zu sein, törichter Iolaos! Freilich, es wird auch jemand einfallen, deine unnütze Bundesgenossenschaft mit der des mächtigen Eurystheus zu vertauschen! Darum fort von hier mit allen deinen Sippen gen Argos, wo euer nach Urteil und Recht die Steinigung wartet!« Iolaos antwortete ihm getrost: »Das sei ferne! Weiß ich doch, daß dieser Altar eine Stätte ist, die mich nicht nur vor dir, dem Unmächtigen, sondern selbst vor den Heerscharen deines Herrn schützen wird, und daß es das Land der Freiheit ist, in welches wir uns gerettet haben.« »So wisse«, entgegnete ihm Kopreus – so hieß der Herold –, »daß ich nicht allein komme, sondern hinter mir eine genügende Macht, welche deine Schützlinge bald von dieser vermeintlichen Freistätte hinwegreißen wird!«

Bei diesen Worten erhuben die Herakliden einen Klageruf, und Iolaos wandte sich mit lauter Stimme an die Bewohner Athens: »Ihr frommen Bürger«, rief er, »duldet es nicht, daß die Schützlinge eures Zeus mit Gewalt fortgeführt werden, daß der Kranz, den wir als Flehende auf dem Haupte tragen, besudelt wird, daß die Götter Entehrung und eure ganze Stadt Schmach treffe!« Auf diesen durchdringenden Hilferuf strömten die Athener von allen Seiten auf den Markt herbei und sahen nun erst die Schar der Flüchtlinge um den Altar sitzen. »Wer ist der ehrwürdige Greis? Wer sind die schönen lockichten Jünglinge?« so tönte es von hundert Lippen zugleich. Als sie vernahmen, daß es Herakles‘ Söhne seien, die den Schutz der Athener anflehten, ergriff die Bürger nicht nur Mitleid, sondern auch Ehrfurcht, und sie befahlen dem Herolde, der bereit schien, Hand an einen der Flüchtlinge zu legen, sich von dem Altare zu entfernen und sein Begehren bescheidentlich dem Könige des Landes vorzutragen. »Wer ist der König dieses Landes?« fragte Kopreus, durch die entschiedene Willensäußerung der Bürger eingeschüchtert. »Es ist ein Mann«, war die Antwort, »dessen Schiedsrichterspruche du dich gar wohl unterwerfen darfst. Demophoon, der Sohn des unsterblichen Theseus, ist unser König.«

Die Herakliden teilen den Peloponnes



Die Herakliden teilen den Peloponnes

Nachdem die Herakliden auf solche Weise den ganzen Peloponnes erobert hatten, errichteten sie dem Zeus, ihrem väterlichen Ahnherrn, drei Altäre, worauf sie opferten; dann begannen sie die Städte durchs Los zu verteilen. Das erste Los war Argos, das zweite Lakedaimon, das dritte Messene. Sie wurden einig darüber, daß in einer Urne voll Wassers gelost werden sollte. Nun ward beschlossen, daß jeder ein Los hineinwerfen sollte, das mit seinem Namen bezeichnet war. Da warfen Temenos und die Söhne des Aristodemos, die Zwillinge Eurysthenes und Prokles, bezeichnete Steine hinein, der schlaue Kresphontes aber, der am liebsten Messene gewonnen hätte, warf eine Erdscholle in das Wasser. Diese löste sich auf. Nun wurde bestimmt, wessen Stein zuerst aus dem Bauch der Urne gegriffen würde, der solle Argos erhalten; der Stein des Temenos kam zum Vorschein. Dann wurde über Lakedaimon gelost; da kam der Stein der Aristodemossöhne. Nach dem dritten fand man überflüssig zu suchen, und so bekam Kresphontes Messene. Als sie hierauf mit ihren Begleitern den Göttern auf ihren Altären opferten, da wurden ihnen seltsame Zeichen zuteil; denn jeder fand auf seinem Altare ein anderes Tier. Diejenigen, welche Argos durchs Los erhalten hatten, fanden darauf eine Kröte; die, denen Lakedaimon zuteil geworden war, einen Drachen; die endlich, die Messene bekommen hatten, einen Fuchs. Nachdenklich geworden über diese Zeichen, befragten sie die einheimischen Wahrsager. Diese deuteten die Sache also: »Welche die Kröte erhalten haben, werden am besten tun, in ihrer Stadt daheimzubleiben, denn das Tier hat keinen Schutz auf der Wanderung; die, denen sich der Drache auf den Altar gelagert, werden gewaltige Angreifer werden und mögen sich immerhin über die Grenzen ihres Landes hinauswagen; die endlich, denen der Fuchs auf ihren Altar gelegt worden, sollen es weder mit der Einfalt halten noch mit der Gewalt: ihre Schutzwehr soll die List sein.«

Diese Tiere wurden in der Folge die Schildwappen der Argiver, Spartaner und Messenier. Nun bedachten sie auch ihren einäugigen Führer Oxylos und gaben ihm das Königreich Elis zum Lohne seiner Feldherrnschaft. Vom ganzen Peloponnese aber blieb allein das bergige Hirtenland Arkadien unbesiegt durch die Herakliden. Von den drei Reichen, die sie auf dieser Halbinsel begründeten, hatte nur Sparta eine längere Dauer. Zu Argos hatte Temenos dem Deïphontes, auch einem Ururenkel des Herakles, seine Tochter Hyrnetho, die er unter allen seinen Kindern am meisten liebte, zur Ehe gegeben und zog ihn in allem zu Rate, so daß man vermutete, daß er ihm und seiner Tochter auch die Regierung zuwenden wolle. Darüber ergrimmten seine eigenen Söhne, verschworen sich gegen ihn und erschlugen ihren Vater. Die Argiver erkannten zwar den ältesten Sohn als König an; weil sie aber Freiheit und Gleichheit vor allem liebten, so beschränkten sie die Königsgewalt so sehr, daß ihm und seinen Nachkommen nichts übrigblieb als der Königstitel.