Herakles zurückgelassen



Herakles zurückgelassen

Nach einer stürmevollen Fahrt landeten die Helden in einem Meerbusen Bithyniens bei der Stadt Kios. Die Mysier, die hier wohnten, empfingen sie gar freundlich, türmten dürres Holz zum wärmenden Feuer auf, machten den Ankömmlingen aus grünem Laub eine weiche Streu und setzten ihnen noch in der Abenddämmerung Wein und Speise zur Genüge vor. Herakles, der alle Bequemlichkeiten der Reise verschmähte, ließ seine Genossen beim Mahle sitzen und machte einen Streifzug in den Wald, um sich aus einem Tannenbaum ein besseres Ruder für den kommenden Morgen zu schnitzen. Bald fand er eine Tanne, die ihm gerecht war, nicht zu sehr mit Ästen beladen, in der Größe und im Umfang wie der Ast einer schlanken Pappel. Sogleich legte er Köcher und Bogen auf die Erde, warf sein Löwenfell ab, seine eherne Keule daneben und zog den Stamm, den er mit beiden Händen gefaßt, mitsamt den Wurzeln und der daranhängenden Erde heraus, so daß die Tanne dalag, nicht anders denn, als hätte sie ein Sturm entwurzelt. Inzwischen hatte sich sein junger Gefährte Hylas auch vom Tische der Genossen verloren. Er war mit dem ehernen Kruge aufgestanden, um Wasser für seinen Herrn und Freund zum Mahle zu schöpfen und auch alles andere ihm für seine Rückkehr vorzubereiten. Herakles hatte auf seinem Zuge gegen die Dryopen seinen Vater im Wortwechsel erschlagen, den Knaben aber aus dem Hause des Vaters mit sich genommen und sich zum Diener und Freunde erzogen. Als dieser schöne Jüngling an dem Quelle Wasser schöpfte, leuchtete der Vollmond. Wie er sich nun eben mit dem Kruge nach dem Wasserspiegel neigte, erblickte ihn die Nymphe des Quelles. Von seiner Schönheit betört, schlang sie den linken Arm um ihn, mit der Rechten ergriff sie seinen Ellenbogen und zog ihn so hinunter in die Tiefe. Einer der Helden, Polyphemos mit Namen, der die Rückkehr des Herakles nicht ferne von jenem Quell erwartete, hörte den Hilfeschrei des Knaben. Aber er fand ihn nicht mehr, dagegen begegnete er dem Herakles, der aus dem Walde zurückkam. »Unglücklicher«, rief er ihm entgegen, »muß ich der erste sein, der dir die Trauerbotschaft melde? Dein Hylas ist zum Quelle gegangen und nicht wieder zurückgekehrt; Räuber fahren ihn gefangen davon oder wilde Tiere zerreißen ihn; ich selbst habe seinen Angstruf gehört.« Dem Herakles floß der Schweiß vom Haupte, als er es hörte, und das Blut wallte ihm gegen die Brust. Zornig warf er die Tanne auf den Boden und rannte, wie ein von der Bremse gestochener Stier Hirten und Herde verläßt, mit durchdringendem Rufe durch das Dickicht der Quelle zu.

Jetzt stand der Morgenstern über dem Bergesgipfel; günstiger Wind erhub sich. Der Steuermann ermahnte die Helden, ihn zu benützen und das Schiff zu besteigen. Schon fuhren sie im Morgenlichte fröhlich dahin, als ihnen zu spät einfiel, daß zwei ihrer Genossen, Polyphemos und Herakles, von ihnen am Ufer zurückgelassen worden. Ein stürmischer Streit erhob sich unter den Helden, ob sie ohne die tapfersten Begleiter weitersegeln sollten. Iason sprach kein Wort, stille saß er, und der Kummer fraß ihm am Herzen; den Telamon aber übermannte der Zorn: »Wie kannst du so ruhig sitzen?« rief er dem Führer zu; »gewiß fürchtetest du, Herakles möchte deinen Ruhm verdunkeln! Doch was helfen da Worte? Und wenn alle Genossen mit dir einverstanden wären, so will ich allein zu dem verlassenen Helden umkehren.« Mit diesen Worten faßte er den Steuermann Tiphys an der Brust, seine Augen funkelten wie Feuerflammen, und gewiß hätte er sie gezwungen, nach dem Gestade der Mysier zurückzukehren, wenn nicht die beiden Söhne des Boreas, Kalais und Zetes, ihm in den Arm gefallen wären und mit scheltenden Worten zurückgehalten hätten. Zugleich stieg aus der schäumenden Flut Glaukos, der Meergott, hervor, faßte mit starker Hand das Ende des Schiffes und rief den Eilenden zu: »Ihr Helden, was streitet ihr euch? Was begehret ihr, wider den Willen des Zeus den mutigen Herakles mit euch in das Land des Aietes zu führen? Ihm sind ganz andere Arbeiten zu verrichten vom Schicksale bestimmt. Den Hylas hat eine liebende Nymphe geraubt, und aus Sehnsucht nach ihm ist er zurückgeblieben.« Nachdem er ihnen solches geoffenbart, tauchte Glaukos wieder in die Tiefe nieder, und das dunkle Wasser schäumte in Wirbeln um ihn. Telamon war beschämt, er ging auf Iason zu, legte seine Hand in des Helden Hand und sprach: »Zürne mir nicht, Iason! Der Schmerz hat mich verführt, unvernünftige Worte zu reden! Übergib meinen Fehler den Winden, und laß uns Wohlwollen üben wie früher!« Iason gab der Versöhnung gerne Gehör, und so fuhren sie bei starkem und günstigem Winde dahin. Polyphemos fand sich bei den Mysiern zurecht und baute ihnen eine Stadt. Herakles aber ging weiter, wohin ihn die Bestimmung des Zeus rief.

Hyakinthos



Hyakinthos

Der jüngste unter den Söhnen des lakonischen Königs Amyklas war Hyakinthos. Phöbos Apollon sah den lieblichen Knaben und gewann eine herzliche Zuneigung zu ihm. Ja, er gedachte ihn einstens in den Olymp zu erheben, auf daß er ihn ewig in seiner Nähe hätte. Aber ein trauriges Geschick gönnte dem Sterblichen die Verherrlichung nicht und raffte ihn in zarter Jugendblüte dahin. Oft verließ Apollon das heilige Delphi, um an dem Gestade des Eurotas in der Nähe der mauerlosen Stadt Sparta sich der Gesellschaft seines Lieblings zu erfreuen. Leier und Bogen vergaß er über heitern Spielen und verschmähte es nicht, mit Hyakinthos auf der Jagd durch die rauhen Höhen des Taygetos zu schweifen. Einst um die Mittagsstunde, als die Sonne ihre heißen Strahlen senkrecht herniedersandte, warfen die beiden ihre Gewänder von sich, salbten ihre Körper mit Öl und begannen die Diskosscheibe zu werfen. Da nahm Apollon zuerst die schwere Scheibe, schwang sie wägend im Arm und schleuderte sie dann so gewaltig in die Höhe, daß sie am Himmel eine Wolke zerteilte. Lange währte es, bis das runde Erz wieder auf die Erde herabfiel. Eifrig, es seinem göttlichen Lehrmeister nachzutun, sprang der Knabe hinzu und wollte die Scheibe fassen. Aber vom felsigen Grunde prallte sie jach in die Höhe und ach – dem holden Kinde ins Antlitz. Bleich wie der Getroffene eilte Apollon herbei und fing den Zusammenbrechenden in seinen Armen auf. Bald suchte er die erstarrenden Glieder zu erwärmen, bald wischte er das Blut von der schrecklichen Wunde, bald legte er heilsame Kräuter auf, um die fliehende Seele seines Lieblings zu halten. Doch alles war vergebens! Wie eine zarte Blume, im Garten gebrochen, plötzlich ihr welkendes Haupt herniedersinken läßt, so sank das Haupt des armen Knaben, welk und matt, zurück an die Brust des Gottes. Dieser rief ihn mit den zärtlichsten Namen und bedeckte sein Antlitz mit bittern Tränen. Ach, warum ist er denn ein Gott, daß er nicht für ihn oder doch mit ihm sterben kann! Endlich rief er: »Nein, süßes Kind, nicht völlig sollst du sterben, mein Lied soll von dir singen, und als Blume noch sollst du meinen Schmerz verkünden.« So rief Apollon, und siehe, aus dem strömenden Blut, das die Gräser rot färbt, sprießt eine Blume hervor von düsterm Glanz wie tyrischer Purpur, lilienförmig wachsen an einem Stengel zahlreiche Blumen, und jede zeigt auf ihren Blättchen in deutlicher Schrift die Seufzer des Gottes: Aï, das ist: Wehe! Wehe! – So ersteht nun mit jedem Lenz die Blume, die des Götterlieblings Namen fährt, und stirbt wie jener bald wieder dahin, ein Bild der Vergänglichkeit alles Schönen auf der Erde. In Lakonien aber ward alljährlich, wenn der Sommer kam, dem Hyakinthos und seinem göttlichen Freunde zu Ehren ein großes Fest, die Hyakinthien, gefeiert, wobei man des Knaben wehmütig, als eines Frühverstorbenen, und heiter, als eines Vergötterten, gedachte.

Hektor in Troja



Hektor in Troja

Hektor hatte unterdessen die Buche des Zeus und das Skäische Tor erreicht. Hier umringten ihn die Weiber und Töchter der Trojaner und forschten ängstlich nach Gemahlen, Söhnen, Brüdern und Verwandten. Nicht allen wußte er Bescheid zu geben; er ermahnte nur alle, die Götter anzuflehen. Doch viele hatten seine Nachrichten in Weh und Jammer versenkt. Jetzt war er am Palaste seines Vaters angekommen. Dieser war ein herrliches Gebäude, ringsum mit weithin sich dehnenden Säulenhallen geschmückt; im Innern waren fünfzig Gemächer aus glattem Marmor, eins ans andere nachbarlich angebaut. Hier wohnten die Söhne des Königes mit ihren Gemahlinnen. Auf der andern Seite des inneren Hofes reihten sich zwölf Marmorsäle aneinander, wo die Eidame des Königes mit seinen Töchtern hausten. Das Ganze war von einer hohen Mauer umschlossen und bildete für sich allein eine stattliche Burg. Hier begegnete Hektor seiner guten Mutter Hekabe, die eben zu ihrer liebsten und anmutigsten Tochter Laodike zu gehen im Begriffe war. Die greise Königin eilte auf Hektor zu, faßte ihm die Hand und sprach voll Sorgen und Liebe: »Sohn, wie kommst du zu uns aus der wütenden Schlacht? Die entsetzlichen Männer müssen uns wohl hart bedrängen, und du kommst gewiß, die Hände zu Zeus zu erheben. So verziehe denn, bis ich dir vom lieblichen Wein bringe, daß du dem Vater Zeus und den andern Göttern ein Trankopfer darbringen kannst und darauf dich selbst mit einem Labetrunk erquicken; denn der Wein ist doch die kräftigste Stärkung für einen müden Kämpfer!« Aber Hektor erwiderte der Königin: »Laß mir keinen Wein reichen, geliebte Mutter, daß du mich nicht entnervest und ich meiner Kraft vergesse; auch dem Göttervater scheue ich mich mit ungewaschener Hand Wein zu spenden; du hingegen geh, von den edelsten Frauen Trojas umringt, mit Räuchwerk zu Athenes Tempel, lege der Göttin dein köstlichstes Gewand auf die Knie und gelobe ihr zwölf untadelige Kühe, wenn sie sich unser erbarmt. Ich aber will hingehen, meinen Bruder Paris in die Schlacht zu berufen. Schlänge ihn doch die Erde lebendig hinab, denn er ist zu unserem Verderben geboren!«

Die Mutter tat, wie der Sohn sie angewiesen. Sie stieg in die duftende Kammer hinunter, wo die schönsten Seidengewande verwahrt lagen, die Paris selbst aus Sidon mitgebracht hatte, als er auf Umwegen mit Helena nach der Heimat schiffte. Eines davon, das größte, schönste, mit den herrlichsten Bildern durchwirkte, das zuunterst von allen lag, suchte sie hervor und wandelte nun, von der Schar der edelsten Weiber begleitet, nach der Burg, zu Athenes Tempel. Hier öffnete ihnen Antenors Gattin Theano, die trojanische Priesterin der Pallas, das Haus der Göttin. Die Frauen reihten sich um das Bild Athenes und huben mit Klagetönen die Hände zu der Göttin empor. Dann nahm Theano das Gewand aus den Händen der Königin, legte es auf die Knie des Bildes und flehte zu der Tochter des Zeus: »Pallas Athene, Beschirmerin der Städte, erhabene, machtvolle Göttin, brich du dem Diomedes den Speer, laß ihn selbst, auf sein Angesicht gestürzt, vor unsern Toren sich wälzen; erbarme dich der Stadt, der Frauen, der stammelnden Kinder! In dieser Hoffnung weihen wir dir zwölf untadelige Kühe.«

Aber Pallas Athene verweigerte ihnen im Herzen ihre Bitte. Hektor war inzwischen im Palaste des Paris angekommen, der hoch auf der Burg, in der Nähe vom Königspalast und von Hektors Wohnung, stand; denn beide Fürsten hatten von der Königswohnung abgesonderte Häuser. Er trug in der Rechten seinen Speer, der elf Ellen lang und dessen eherne Spitze am Schaft mit einem goldenen Ring umlegt war. Er fand den Bruder, wie er in seinem Gemache die Waffen musterte und das Horn des Bogens glättete; seine Gemahlin Helena saß emsig unter den Weibern und leitete ihr Tagewerk. Als Hektor jenen sah, schalt er ihn und rief. »Du tust nicht recht, so im Unmute hier zu sitzen, Bruder; um deinetwillen schlägt sich das Volk vor der Stadt im Feldgetümmel! Du selbst aber würdest mit jedem andern zanken, den du so saumselig zum Treffen sähest. Auf denn, ehe die Stadt unter den Feuerbränden unseres Feindes auflodert, hilf sie verteidigen mit uns!« Paris antwortete ihm: »Du tadelst mich nicht mit Unrecht, Bruder; doch habe ich nicht aus Unmut, sondern nur aus Gram hier in der Untätigkeit gesessen. Nun aber hat mir meine Gattin freundlich zugeredet, in die Schlacht hinauszugehen; so verziehe denn, bis ich meine Rüstung angezogen habe, oder geh: ich hoffe dir bald nachzufolgen.« Hektor schwieg darauf, aber Helena redete ihn mit Worten der Beschämung an: »O Schwager, ich bin ein schnödes, unheilstiftendes Weib! Hätte mich doch die Meereswoge verschlungen, ehe ich mit Paris hier ans Land stieg! Nun das Übel aber einmal verhängt worden: wäre ich doch wenigstens nur die Genossin eines besseren Mannes, der die Schmach und die vielen Vorwürfe, die er sich zuzieht, auch empfände; so aber hat er kein Herz im Leibe und wird keines haben, und die Frucht seiner Feigheit wird nicht ausbleiben. Aber du, Hektor, komm doch herein und ruhe von der Arbeit, die wegen meiner, des schändlichen Weibes, die wegen der Freveltat meines Gatten doch zumeist auf deinen Schultern lastet!« »Nein, Helena«, sprach Hektor, »heiß mich nicht so freundlich sitzen, ich darf wahrlich nicht: mein Herz drängt mich, den Trojanern zu helfen. Muntere du nur diesen Menschen da auf, und er selbst spute sich, daß er mich bald innerhalb der Stadtmauern erreiche. Ich will zuvor noch in meine eigene Wohnung gehen und nach Weib, Söhnlein und Gesinde schauen.« So sprach Hektor und enteilte. Aber er fand die Gattin nicht zu Hause. »Als sie hörte«, sprach zu ihm die Schaffnerin, »daß die Trojaner Not leiden und der Sieg sich zu den Griechen neige, verließ sie die Wohnung, wie außer sich, um einen der Stadttürme zu besteigen, und die Wärterin mußte ihr das Kind nachtragen.«

Schnell legte Hektor den Weg durch die Straßen Trojas jetzt wieder zurück. Als er das Skäische Tor erreicht, kam seine Gemahlin Andromache, die blühende Tochter des kilikischen Eëtion von Theben, eilenden Laufes gegen ihn her; die Dienerin, ihr folgend, trug das unmündige Knäblein Astyanax, schön wie ein Gestirn, an der Brust. Mit stillem Lächeln betrachtete der Vater den Knaben, Andromache aber trat ihm unter Tränen zur Seite, drückte ihm zärtlich die Hand und sprach: »Entsetzlicher Mann! gewiß tötet dich noch dein Mut, und du erbarmst dich weder deines stammelnden Kindes noch deines unglückseligen Weibes, das du bald zur Witwe machen wirst. Werde ich deiner beraubt, so wäre es das beste, ich sänke in den Boden hinab. Den Vater hat mir Achill getötet, meine Mutter hat der Bogen der Artemis erlegt, meine sieben Brüder hat auch der Pelide umgebracht, ohne dich habe ich keinen Trost, Hektor: du bist mir Vater und Mutter und Bruder. Darum erbarme dich, bleib hier auf dem Turm; mach dein Kind nicht zur Waise, dein Weib nicht zur Witwe! Das Heer stelle dort an den Feigenhügel: dort steht die Mauer dem Angriffe frei und ist am leichtesten zu ersteigen, dorthin haben die tapfersten Krieger, die Ajax beide, Idomeneus, die Atriden und Diomedes schon dreimal den Sturm gelenkt, sei es, daß ein Seher es ihnen offenbarte, sei’s, daß das eigene Herz dieselben trieb!«

Liebreich antwortete Hektor seiner Gemahlin: »Auch mich härmt alles dieses, Geliebteste; aber ich müßte mich vor Trojas Männern und Frauen schämen, wenn ich, erschlafft wie ein Feiger, hier aus der Ferne zuschaute. Auch mein eigner Mut erlaubt es mir nicht, er hat mich immer gelehrt, im Vorderkampfe zu streiten; zwar das Herz weissagt es mir: der Tag wird kommen, wo die heilige Troja hinsinkt und Priamos und all sein Volk; aber weder der Trojaner Leid noch der eigenen Eltern und der leiblichen Brüder, wenn sie dann unter dem Schwert der Griechen fallen, geht mir so zu Herzen wie das deine, wenn dich, die Weinende, ein Danaer in die Knechtschaft führen wird und du dann zu Argos am Webestuhl sitzest oder Wasser trägst, vom harten Zwang belastet, und dann wohl ein Mann, dich in Tränen schauend, spricht: ›Das war Hektors Weib!‹ Decke mich der Grabhügel, ehe ich von deinem Geschrei und deiner Entführung hören muß!« So sprach er und streckte die Arme nach seinem Knäbchen aus; aber das Kind schmiegte sich schreiend an den Busen der Amme, von der Zärtlichkeit des Vaters erschreckt und vor dem ehernen Helm und dem fürchterlich flatternden Roßschweif erbangend. Der Vater schaute das Kind und die Mutter lächelnd an, nahm sich schnell den schimmernden Helm vom Haupte, legte ihn zu Boden, küßte sein geliebtes Söhnchen und wiegte es auf dem Arm. Dann flehte er zum Himmel empor: »Zeus und ihr Götter! laßt dies mein Knäblein werden wie mich selbst, voranstrebend dem Volk der Trojaner; laßt es mächtig werden in Troja und die Stadt beherrschen, und dereinst sage man, wenn es beutebeladen aus dem Streite heimkehrt: der ist noch weit tapferer als sein Vater; und darüber soll sich seine Mutter herzlich freuen!« Mit diesen Worten gab er den Sohn der Gattin in den Arm, die unter Tränen lächelnd ihn an den Busen drückte. Hektor aber streichelte sie, inniger Wehmut voll, mit der Hand und sagte: »Armes Weib, traure mir nicht zu sehr im Herzen, gegen das Geschick wird mich niemand töten; dem Verhängnis aber ist noch kein Sterblicher entronnen. Auf, geh du zur Spindel und zum Webestuhl und befiehl deinen Weibern! Den Männern Trojas liegt die Sorge für den Krieg ob, am meisten aber mir!« Als er dies gesagt, setzte sich Hektor den Helm auf und ging davon. Andromache schritt dem Hause zu, indem sie wiederholt rückwärts blickte und herzliche Tränen weinte. Als die Mägde in der Kammer sie erblickten, teilte sich ihnen allen ihr Gram und ihre Betrübnis mit, und Hektor wurde bei lebendigem Leib in seinem Palast betrauert.

Auch Paris hatte nicht gezaudert; in strahlenden Erzwaffen eilte er durch die Stadt, wie ein stattliches Roß die Halfter zerreißt und nach dem Strombade rennt. Er erreichte den Bruder, als dieser sich eben von seiner Gattin Andromache gewendet hatte. »Nicht wahr«, rief ihm Paris von weitem zu, »ich habe dich, mein älterer Bruder, durch mein Zaudern aufgehalten und bin nicht da zur rechten Zeit!« Aber Hektor antwortete ihm freundlich: »Mein Guter, billig zu reden bist du ein tapferer Streiter; nur säumst du oft gern und willst nicht, und sieh, da kränkt es mich dann innig, wenn ich unter dem Trojanervolke, das so viel für dich erduldet, schmähliche Reden über dich hören muß. Doch das wollen wir ein andermal ausmachen, wenn wir die Griechen aus Troas verjagt haben und um den Krug der Freiheit im Palaste sitzen!«

Hektor und Ajax im Zweikampf



Hektor und Ajax im Zweikampf

Als die Göttin Athene vom Olymp herab die beiden Brüder so zum Kampfe hineilen sah, flog sie stürmisch hinunter zur Stadt Troja. An des Zeus Buche begegnete ihr Apollo, der von der Zinne der Burg, von wo er die Schlacht der Trojaner lenkte, daherkam und seine Schwester anredete: »Welch ein heftiger Eifer treibt dich vom Olymp herunter, Pallas? Bist du noch immer auf den Fall der Trojaner bedacht, Erbarmungslose? Wolltest du mir doch gehorchen und für heute den Entscheidungskampf ruhen lassen! Ein andermal mögen sie die Feldschlacht erneuern, weil ihr, du und Hera, doch nicht ruhet, bis ihr die hohe Stadt Troja verwüstet habt!« Ihm antwortete Athene: »Fernhintreffer, es sei, wie du sagst; und in derselben Absicht bin ich auch vom Olymp herabgekommen. Aber sage mir, wie gedenkst du den Männerkampf zu stillen?« »Wir wollen«, sprach Apollo, »dem gewaltigen Hektor seinen Mut noch steigern, daß er einen der Danaer zum entscheidenden Zweikampf herausfordert; laß uns dann sehen, was diese tun.« Athene war das zufrieden.

Das Gespräch der Unsterblichen hatte der Seher Helenos in seiner Seele vernommen; eilig trat er zu Hektor und sprach: »Weiser Sohn des Priamos, wolltest du diesmal meinem Rate gehorchen, der ich dein liebender Bruder bin? Heiß die andern alle, Trojaner und Griechen, vom Streite ruhen; du selbst aber fordre den Tapfersten aller Argiver zur Entscheidung heraus. Du kannst es ohne Gefahr; denn, glaube meinem Seherworte, der Tod ist noch nicht über dich verhängt.«

Hektor freute sich dieses Worts. Er hemmte die trojanischen Heerhaufen und trat, den Speer in der Mitte haltend, zwischen die kämpfenden Heere, und auf dieses Zeichen ruhte alsbald der Streit auf beiden Seiten; denn auch Agamemnon hieß seine Griechen sich lagern. Athene und Apollo aber setzten sich beide in Gestalt zweier Geier auf die Buche des Zeus und freuten sich des Männergewühls, bis beide Ordnungen, von Schilden, Helmen und hervorragenden Lanzen dicht umstarrt, gedrängt dasaßen, nur so viel sich regend als das Meer, wenn das Gekräusel des Westes darüber hinschauen. In der Mitte beider Völker begann jetzt Hektor: »Trojaner und ihr Griechen, höret, was mir mein Herz gebietet! Den Bundesvertrag, den wir jüngst geschlossen, hat Zeus nicht genehmigt, vielmehr beiden Völkern böse Entschlüsse eingegeben, bis entweder ihr selbst Troja erobert oder vor uns erlieget bei euren Schiffen. Nun sind die tapfersten Helden Griechenlands in eurem Heere. Welchem von solchen sein Herz gebeut, mit mir, dem göttergleichen Hektor, den Vorkampf zu wagen, der trete heraus! Die Bedingung, die ich stelle, ist diese, und Zeus sei mein Zeuge: wenn mein Gegner mich mit dem Speer erlegt, mag er meinen Waffenraub zu den Schiffen hinabtragen, doch meinen Leib nach Troja senden, daß er der Ehre des Scheiterhaufens in der Heimat teilhaftig werde; wenn aber mir Apollo Ruhm gewährt und ich meinen Gegner erlege, so hänge ich seine Rüstung im Tempel des Phöbos zu Troja auf, und den Erschlagenen möget ihr bei euren Schiffen mit Pracht bestatten und ihm am Hellespont ein Mal auftürmen, von dem einst in späten Zeiten der Schiffer noch sage: ›Sehet, hier ragt der Grabhügel des längstverstorbenen Mannes, der einst im Streit mit dem göttergleichen Hektor erlag!‹«

Also sprach jener; die Danaer aber schwiegen, denn es war schimpflich, den Kampf zu verweigern, und gefahrvoll, ihn anzunehmen. Endlich stand Menelaos auf und strafte seine Landsleute mit den Worten: »Wehe mir, ihr Prahler: Weiber, nicht Männer! Wäre es doch eine unvertilgbare Schande, wenn kein Danaer dem Hektor zu begegnen wagte! Möchtet ihr euch alle in Kot und Wasser verwandeln, wie ihr miteinander dasitzet, jeder ohne Herz und ohne Ruhm! So will ich denn mich selbst zum Kampfe gürten und den Göttern den Ausgang anempfehlen!« So sprach er und warf sich in die Rüstung; und sein Tod wäre beschlossen gewesen, wenn nicht die Fürsten der Griechen aufgefahren wären und ihn zurückgehalten hätten. Ja selbst Agamemnon ergriff seine Rechte und sprach: »Bruder, bedenke dich! was fällt dir ein, den stärkern Mann bekämpfen zu wollen, vor dem selbst andern, als du bist, graut; mit dem Achill selber in der Feldschlacht sich zu messen gestutzt hat! Wir bitten dich alle, tritt zurück und setze dich nieder!« So wandte Agamemnon seinem Bruder das Herz. Und nun hielt Nestor eine strafende Rede an das Volk und erzählte seinen eigenen Zweikampf mit Ereuthalion, dem Arkadier. »Wäre ich noch so jugendlich«, endete er, »noch so ungeschwächter Kraft wie damals, so sollte Hektor seinen Kämpfer bald gefunden haben!« Auf seine Strafrede erhuben sich neun Fürsten in dem Heere: vor allen Agamemnon, ihm zunächst Diomedes, drauf die beiden Ajax zugleich; dann Idomeneus, sein Genosse Meriones, Eurypylos, Thoas und Odysseus. Sie alle erboten sich zu dem gefürchteten Kampf. »Das Los soll entscheiden«, begann von neuem Nestor; »wen es auch trifft, freuen werden sich die Griechen und der Erkorene mit, wenn er aus dem erbitterten Streit als Sieger hervorgeht.« Nun bezeichnete sich jeder selbst ein Los; alle zusammen wurden in den Helm Agamemnons geworfen; das Volk betete; Nestor schüttelte den Helm, und heraus sprang das Los des Telamonssohnes Ajax. Ein Herold zeigte dasselbe herumwandelnd den acht Helden vor Ajax, aber keiner erkannte es, bis die Reihe an den kam, der es sich selbst bezeichnet hatte. Freudig warf Ajax das Los vor die Füße und rief. »Freunde, wahrlich, es ist meines, und mein Herz ist froh, denn ich hoffe, über Hektor zu siegen. Ihr alle betet in der Stille oder laut, während ich mich rüste.« Das Volk gehorchte ihm, und bald stürmte Ajax, den riesigen Leib in blinkende Erzwaffen gehüllt, zum Kampfe vor, dem ungeheuren Kriegsgott selber ähnlich. Ein Lächeln flog über sein finsterernstes Antlitz, wie er mächtigen Schrittes, die gewaltige Lanze schwingend, einherwandelte. Alle Danaer freuten sich ringsum seines Anblicks, und Schrecken durchschauderte die Schlachtreihen der Trojaner. Ja dem gewaltigen Hektor selbst fing sein Herz im Busen an zu schlagen, aber er konnte nicht mehr ins Gewühl seiner Scharen zurückfliehen, hatte er doch selbst den Zweikampf gefordert.

Ajax näherte sich ihm, den ehernen siebenhäutigen Schild vortragend, den der berühmte Künstler Tychios ihm einst gefertigt. Als er ganz nahe vor Hektor stand, sprach er drohend: »Hektor, nun erkennst du, daß es im Danaervolk auch außer dem löwenherzigen Peliden noch Helden gibt, und zwar ihrer genug. Wohlan denn, beginne den blutigen Kampf!« Ihm antwortete Hektor: »Göttergleicher Sohn des Telamon, versuche mich nicht wie ein schwaches Kind oder ein unkriegerisches Weib. Sind mir doch die Männerschlachten wohlbekannt; ich weiß den Stierschild rechts und links hinzuwenden, weiß den Tanz des schrecklichen Kriegsgotts zu Fuße zu tanzen und die Rosse im Gewühl zu lenken! Wohlan, nicht mit heimlicher List sende ich den Speer nach dir, tapferer Held, nein, öffentlich: laß sehen, ob er dich treffe!« Mit diesen Worten entsandte er in hohem Schwung die Lanze, und sie fuhr dem Ajax in den Schild, durchdrang sechs Schichten und ermattete erst in der siebenten Haut. Jetzt flog die Lanze des Telamoniers durch die Luft: diese durchschmetterte dem Hektor den ganzen Schild, durchschnitt seinen Leibrock und würde ihm in die Weiche gedrungen sein, wenn nicht Hektor ihrem Fluge ausgebogen wäre. Beide zogen die Speere aus den Waffen und rannten wie unverwüstliche Waldeber aufs neue gegeneinander an. Hektor zielte, mit dem Speere stoßend, dem Ajax auf die Mitte des Schilds; aber seine Lanzenspitze bog sich und durchbrach das Erz nicht. Ajax hingegen durchbohrte mit dem Speere den Schild seines Gegners und streifte ihm selbst den Hals, daß ihm schwarzes Blut entspritzte. Nun wich Hektor wohl ein wenig rückwärts, seine nervige Rechte ergriff jedoch einen Feldstein und traf damit die Schildbuckel des Feindes, daß das Erz erdröhnte. Ajax aber hub einen noch viel größeren Stein vom Boden auf und sandte ihn mit solchem Schwunge dem Hektor zu, daß er den Schild einwärts brach und den Gegner am Knie verletzte, so daß derselbe rücklings hinsank; doch verlor er den Schild nicht aus den Händen, und Apollo, der ihm unsichtbar zur Seite stand, richtete ihn schnell vom Boden wieder auf. Beide wären jetzt mit dem Schwert aufeinander losgegangen, um den Streit endlich zu entscheiden: da eilten die Herolde der beiden Völker, Idaios, der Troer, Talthybios, der Grieche, herbei und streckten die Stäbe zwischen die Kämpfenden. »Nicht weiter gekämpft, ihr Kinder«, rief Idaios, »ihr seid ja beide tapfer, beide von Zeus geliebt; wir alle haben das gesehen! Jetzt aber kommt die Nacht herbei, gehorchet der Nacht.« »Ermahne du deinen eignen Volksgenossen!« entgegnete dem Herold Ajax, »er ist es ja, der den Tapfersten der Griechen zum Kampfe hervorgerufen hat! Will er es so, so mag ich dir gehorchen!«Und nun sprach Hektor selbst zu seinem Gegner: »Ajax, ein Gott hat dir den gewaltigen Leib, die Kraft und die Speerkunde verliehen: doch laß uns heute vom Entscheidungskampfe ausruhen; ein andermal wollen wir ihn erneuern und so lange fechten, bis ein Gott einem von beiden Völkern Sieg und Kriegsruhm verleiht! Nun laß uns aber auch noch einander rühmliche Gaben schenken, damit es einst bei Trojanern und Griechen heiße: sehet, sie kämpften miteinander den Kampf der Zwietracht, aber in Freundschaft sind sie voneinander geschieden!« So sprach Hektor und reichte dem Gegner sein Schwert mit dem silbernen Griff samt Scheide und zierlichem Wehrgehenk. Ajax aber löste seinen purpurnen Gurt vom Leibe und bot ihn dem Hektor dar. Dann schieden beide voneinander. Ajax zog sich in die Schar der Griechen zurück, Hektor ins Gewühl der Trojaner. Diese waren froh, ihren Helden unverletzt aus den Händen des furchtbaren Ajax zurückzuerhalten.

Hektor von Apollo gekräftigt



Hektor von Apollo gekräftigt

Erst bei ihren Wagen machten die Trojaner wieder halt, erschrocken und bleich vor Angst. Jetzt aber erwachte Zeus auf dem Gipfel des Ida und erhob sein Haupt aus Heras Schoße. Schnell sprang er empor und überschaute mit einem Blicke Griechen und Trojaner, diese in die Flucht getrieben, jene stürmisch verfolgend; mitten in ihren Reihen seinen Bruder Poseidon; er sah Hektorn auf dem Wege zur Stadt mitten im Felde aus dem Wagen gehoben zu Boden liegen, die Genossen um ihn her; schwer atmete der Bewußtlose und spie Blut, denn kein Schwächerer hatte ihn getroffen. Voll Mitleid ruhte der Blick des Vaters der Götter und Menschen auf ihm; dann wandte er sich drohend zu Hera, sein Angesicht verfinsterte sich, und er sprach: »Arglistige Betrügerin, was hast du getan? Fürchtest du nicht, die erste Frucht deines Frevels selbst zu genießen? Denkst du nicht mehr daran, wie du, die Füße an zwei Ambosse gehängt, die Hände mit goldner Fessel geschürzt, zur Strafe in der Luft schwebtest und kein Olympischer dir zu nahen wagte, ohne von mir auf die Erde geschleudert zu werden, damals, als du die Götter des Orkans gegen meinen Sohn Herakles aufgewiegelt? Verlangt dich darnach zum zweiten Male?«

Hera stutzte eine Weile schweigend, dann sprach sie: »Himmel und Erde und die Flut des Styx sollen meine Zeugen sein, daß nicht mein Geheiß den Erderschütterer gegen die Trojaner aufgehetzt hat; ihn wird die eigne Regung getrieben haben. Ja eher möchte ich ihm selbst freundlich zureden, daß er deinem Befehle, du wolkig Blickender, sich füge.« Des Zeus Stirne wurde heiterer; denn noch immer wirkte der Gürtel Aphrodites, den Hera bei sich trug. Endlich sprach er besänftigt: »Hegtest du im Rate der Unsterblichen gleiche Gesinnung mit mir, Gemahlin, so würde freilich Poseidon seinen Sinn bald nach unser beider Herzen umlenken. Wenn es dir aber ernst ist, so geh und rufe mir Iris und Apollo herbei, daß jene meinem Bruder befehle, aus dem Kampf zum Palaste heimzukehren, und Phöbos Apollo den Hektor heile, zur Schlacht aufmuntere und mit neuer Kraft beseele!« Mit erschrockenem Antlitze gehorchte Hera und trat in den olympischen Saal ein, wo die Unsterblichen zechten. Diese sprangen ehrerbietig von den Sitzen empor und streckten ihr die Becher entgegen. Sie aber ergriff den Becher der Themis, schlürfte vom Nektar und meldete des Zeus Machtgebot. Windschnell fuhr Iris hinab auf das Schlachtfeld. Als Poseidon den Befehl seines Bruders aus ihrem Munde vernahm, sprach er zuerst unmutsvoll: »Traun, das ist nicht brüderlich gesprochen! Auch soll er nicht mit Gewalt meinen Willen hemmen, denn ich bin, was er ist. Hat gleich das Los um die Herrschaft mir nur das graue Meer zugeteilt, dem Pluto die Hölle und ihm den Himmel: die Erde wie der Olymp ist uns allen gemein!« »Soll ich diese trotzige Rede, so wie du sie gesprochen, dem Göttervater überbringen?« fragte Iris zögernd. Da besann sich der Gott, und das Heer der Danaer verlassend, rief er: »Nun wohl, ich gehe! Das aber wisse Zeus: trennt er sich von mir und den andern olympischen Freunden der Griechen und beschließt Trojas Vertilgung nicht, so entflammt uns unheilbarer Zorn!« So sprach er, in die Fluten tauchend; und Augenblicks vermißten die Danaer seine Gegenwart.

Seinen Sohn Phöbos Apollo sandte dagegen Zeus zu Hektor vom Olymp hinab. Dieser fand ihn nicht mehr liegend auf dem Boden, sondern schon wieder aufgerichtet und von Zeus gestärkt. Der Angstschweiß hatte nachgelassen; der Atem war leichter; ihn erfrischte wiederkehrendes Leben. Als Apollo sich ihm mitleidig näherte, blickte er traurig auf und sprach: »Wer bist du, Bester der Himmlischen, der nach mir fragt? Hast du es schon gehört, daß der gewaltige Ajax mich bei den Schiffen mit einem Stein an die Brust getroffen und mitten im Siege gehemmt hat? Glaubte ich doch, noch an diesem Tage den schwarzen Hades schauen zu müssen!« »Sei getrost«, antwortete ihm Apollo, »Siehe, mich selbst, seinen Sohn Phöbos, sendet dir Zeus, dich ferner, wie ich wohl auch von selbst früher getan habe, von nun an auf sein Geheiß zu schirmen, und ich werde das goldene Schwert, das du in meinen Händen siehest, für dich schwingen. Besteige deinen Wagen wieder: ich selbst eile voran, ebne euren Rossen den Weg und helfe dir die Griechen in die Flucht jagen!«

Kaum hatte Hektor die Stimme des Gottes vernommen, so sprang er, wie ein mutiges Roß das Halfter an der Krippe zerreißt, vom Boden auf und schwang sich in seinen Wagen. Die Griechen aber, als sie den Helden herbeifliegen sahen, standen starr und ließen plötzlich von der Verfolgung ab, wie Jäger und Hunde, die einem Hirsch ins Waldesdickicht nachfolgen, vor einem zottigen Löwen erschrecken, der ihnen plötzlich drohend in den Weg kommt. Der erste, der Hektors ansichtig geworden, war der Ätolier Thoas, ein beredter Mann, der sogleich die Fürsten der Griechen, in deren Mitte er kämpfte, aufmerksam machte und ausrief: »Wehe mir, welch Wunder erblicke ich mit meinen Augen dort! Hektor, den wir alle unter dem Steinwurfe des Telamoniers stürzen sahen, kommt aufrecht auf dem Wagen heran, freudigen Mutes dem Vorkampfe zueilend; gewiß, ihm steht Zeus der Donnerer zur Seite! So gehorchet denn meinem Rate: heißt die Masse des Heeres sich auf die Schiffe zurückziehen; wir aber, die Tapfersten im Heere, wollen ihm mit Abwehr begegnen; und unsre Schar zu durchbrechen wird er sich scheuen, wenn er auch noch so mörderisch herantobt.«

Die Helden gehorchten dem vernünftigen Rate; sie beriefen die edelsten Fürsten und Kämpfer, und diese reiheten sich schnell um die beiden Ajax, um Idomeneus, Meriones und Teucer her: hinter ihnen aber zog sich alles Volk auf die Schiffe zurück. Die Trojaner ihrerseits drangen mit Heereskraft vor; sie führte Hektor, hoch auf seinem Streitwagen stehend; ihn selbst, in Gewölk eingehüllt, Apollo der Gott, den grauenvollen Ägisschild in der Hand. Die griechischen Helden harrten der Feinde in gedrängtem Häuflein; lautes Geschrei stieg aus beiden Heeren: bald sprangen die Pfeile und sausten die Speere; aber die Geschosse der Trojaner hafteten alle in Feindesleibern, weil Phöbos Apollo mit ihnen war, und sobald dieser die gräßliche Ägis gegen das Antlitz der Danaer schüttelte, laut und fürchterlich aus seiner dunkeln Wolke dazu aufschreiend, bebte den Griechen das Herz im Busen, und sie vergaßen der Abwehr. So erschlug denn Hektor zuerst den Führer der Böotier, Stichios, dann Arkesilaos, den edeln Genossen des Menestheus; Äneas raubte dem Athener Iasos und dem Medon, dem Halbbruder des lokrischen Ajax, Leben und Waffen; vor Polydamas sank Mekisteus, vor Polites Echios und Klonios vor Agenor: den Deïochos aber, der aus dem Vorderkampfe floh, schoß Paris durch den Rücken, daß die Lanzenspitze zur Brust herausdrang. Während die Trojaner diese alle der Rüstungen entblößten, flohen die Griechen in Verwirrung, dem Graben und den Pfählen zustürzend, bebten da- und dorthin; und manche retteten sich in der Not auch schon über die Mauer. Hektor rief unter seine Trojaner hinein, daß es hallte: »Laßt die Leichname in ihren blutigen Rüstungen liegen und sprengt geradenwegs auf die Schiffe zu. Wen ich nicht auf dem Wege dorthin treffe, der ist des Todes!« So schrie er, geißelte seine Rosse über die Schultern und lenkte dem Graben zu: und ihm folgten alle Helden Trojas mit ihren Streitwagen. Apollo stampfte mit seinen Götterfüßen die emporragenden Ränder des Grabens in der Mitte hinab und schuf ihnen so die Brücke eines Pfades, so lang und breit, als der Schwung eines Wurfspießes reicht. Auf diesem Wege überschritt der Gott selbst zuerst den Graben, und mit einem Stoße seiner Ägis warf er die Mauer der Griechen über den Haufen, wie ein am Meeresufer spielendes Kind den Sandhaufen, den es aufgebaut hat, auseinanderstört. Die Griechen waren jetzt wieder in den Schiffsgassen zusammengedrängt und hoben ihre Hände flehend zu den Göttern empor. Auf Nestors Gebet aber donnerte Zeus mit gnädigem Halle.

Die Trojaner deuteten das Zeichen vom Himmel zu ihren eigenen Gunsten, stürzten sich mit Wutausbruch mit Roß, Wagen und Mann über die Mauerbrücke und kämpften von ihren Streitwagen herab, während die Griechen sich auf die Verdecke ihrer Schiffe flüchteten und von deren Borden herab sich wehrten.

Während Griechen und Trojaner noch um den Wall kämpften, saß Patroklos immer noch in dem schönen Zelte des Helden Eurypylos und pflegte die Wunde desselben, lindernde Säfte dareinträufelnd. Als er aber hörte, wie die Troer mit Macht an die Mauer rannten und das Getümmel und Angstgeschrei der flüchtenden Danaer vor seine Ohren kam, schlug er sich die Hüfte mit der flachen Hand und rief laut aufjammernd: »Nein, Eurypylos, so gerne ich dich noch weiter pflegen möchte, länger darf ich nicht bei dir verweilen, denn draußen wird es zu laut! So behilf dich denn mit deinem Waffengenossen. Ich selbst aber eile zu meinem Freunde, dem Peliden, und versuche es, ob ich mit Hilfe der Götter und mit meinem Zuspruche ihn nicht zu bewegen vermag, an der Feldschlacht endlich wieder Anteil zu nehmen!« Kaum hatte er das Wort geendet, als seine behenden Füße ihn auch schon aus dem Zelte trugen.

Inzwischen tobte der Kampf bei den Schiffen, ohne daß der Vorteil sich auf eine Seite geneigt hätte. Um eines der Schiffe stritten sich Hektor und Ajax; aber jener vermochte diesen nicht vom Borde zu vertreiben und den Feuerbrand in das Fahrzeug zu werfen; dieser nicht, jenen zu verdrängen. Der Speer des Telamoniers streckte Kaletor, den Verwandten Hektors, an dessen Seite nieder; die Lanze Hektors traf Lykophron, den Streitgenossen des Ajax. Auf seinen Fall eilte Teucer dem Bruder zu Hilfe und schoß dem Wagenlenker des Polydamas, Kleitos, einen Pfeil in den Nacken. Polydamas, der zu Fuße focht, hemmte die leer davoneilenden Rosse. Ein zweiter Pfeil Teucers flog auf Hektor, aber Zeus ließ die Sehne zerreißen und das Geschoß seitwärts abirren; der Bogenschütze empfand schmerzlich die feindselige Gewalt des Gottes. Ajax ermahnte den Bruder, Bogen und Pfeil zu lassen und zu Schild und Speer zu greifen; dies tat der Held und bedeckte sich mit einem stattlichen Helme. Hektor dagegen rief seinen Kämpfern zu: »Mutig fortgestritten, ihr Männer! Eben sah ich, wie der Donnerer der tapfersten Griechen einem das Geschoß zerbrochen hat! Drum auf mit Heereskraft zum Schiffskampfe! Mit uns sind die Götter!« »Schande über euch, Argiver«, rief auf der andern Seite Ajax, »nun gilt’s zu sterben oder den Schiffen Rettung zu schaffen! Wenn der gewaltige Hektor diese mit Feuer zerstört, gedenket ihr zu Fuße über die Meerflut heimzukehren? Oder meint ihr, Hektor lade euch zum Reigentanz und nicht zum Kampfe? Viel besser ist’s, die Wahl des Todes oder Lebens zu beschleunigen, als in schmählicher Unentschiedenheit hinzuschmachten, von schlechteren Männern, die hinter dem Schirme der Götter fechten, vertilgt!« So rief Ajax und streckte einen Trojanerhelden nieder, aber für jeden Fallenden vergalt ihm Hektor mit dem Fall eines andern. Endlich entspann sich ein mörderischer Kampf um die Leiche und Rüstung des Dolops, den Menelaos gefällt hatte. Hektor bot alle Brüder und Verwandten auf; Ajax und seine Freunde dagegen umzäunten die Schiffe mit einem Gehege von Schilden und Lanzen. Da munterte Menelaos den schmucken Sohn des Nestor, Antilochos, auf und rief ihm zu: »Es ist doch keiner jünger und schneller im ganzen Heer als du und auch nicht tapferer, o Jüngling! Es wäre schön, wenn du hervorsprängest und einen der Trojaner erlegtest!« So reizte er den Antilochos, der sofort aus dem Gewühle herauseilte, sich umschaute und den blinkenden Wurfspeer absandte. Als er zielte, flogen die Trojaner auseinander, dennoch traf sein Geschoß den Melanippos, den Sohn Hiketaons, unter der Brustwarze, daß er zusammenstürzte und die Waffen um ihn prasselten. Herzu sprang Antilochos, wie der Hund auf das Hirschkalb, das der Jäger auf der Lauer durchschossen; als ihm aber Hektor entgegenlief, entfloh er wie ein Wild, das Hund oder Hirten der Herde zerrissen und, sich der bösen Tat bewußt, davonflieht, wenn es eine Männerschar herannahen sieht. Die Geschosse der Trojaner folgten ihm, und Antilochos wandte sich erst wieder um, als er bei den Seinigen in Sicherheit war.

Nun stürzte Trojas Volk wie eine Schar blutgieriger Löwen unter die Schiffe: Zeus schien entschlossen, den unbarmherzigen Wunsch der gleich ihrem Sohne Achill zürnenden Thetis ganz zu gewähren. Doch wartete er nur darauf, bis er die aufflammende Lohe eines einzigen in Flammen gesetzten Schiffes erblickte, um alsdann wieder Flucht und Verfolgung über die Trojaner zu verhängen und den Griechen aufs neue Siegesruhm zu gewähren. Hektor wütete unterdessen voll Grimm: der Schaum stand ihm um die Lippen, die Augen funkelten ihm unter den düsteren Brauen, und fürchterlich wehte der Busch von seinem Helme. Weil ihm nur noch wenige Lebenstage gewährt waren, so rüstete ihn Zeus vor allen Männern noch einmal mit Kraft und Herrlichkeit aus: denn schon lenkte ihm Pallas Athene das grause Todesverhängnis entgegen. Jetzt aber durchbrach er die Reihen der Feinde, wo er die dichtesten Haufen und die besten Rüstungen sah. Doch er versuchte lang umsonst einzubrechen; die dichtgeschlossene Schar der Danaer stand wie ein getürmter Meerfels, an dem die Brandung umsonst in die Höhe schäumt; dennoch warf er sich auf die Heerscharen, wie im Sturm eine Woge sich in ein Schiff hineinstürzt, daß endlich ein Grauen sich der Griechen bemächtigte und sie miteinander die Flucht ergriffen. Einem jedoch, der, als er zur Flucht sich umdrehte, unten am Schilde sich stieß und rückwärts fiel – es war der Sohn des berüchtigten Kopreus, Periphetes aus Mykene, ein besserer Mann als sein häßlicher Vater –, bohrte dicht bei seinen fliehenden Genossen Hektor die Lanze in die Brust.

Schon wichen die Griechen von den vorderen Schiffen zurück; doch zerstreuten sie sich nicht durch die Gassen des Lagers, sondern Scham und zugleich Furcht hielt sie bei den Zelten in Scharen aufgestellt zusammen, und sie ermahnten einander gegenseitig, vor allen der greise Held Nestor, der mit seinem Schlachtruf die Herzen der Männer ermutigte. Ajax der Telamonier aber umwandelte die Schiffsverdecke, ein zweiundzwanzig Ellen langes Ruder, mit Eisenringen gefügt, in seiner Rechten; und wie ein geschickter Rossespringer von einem Pferde aufs andre zum Staunen der Zuschauer hüpft, so sprang er von einem Schiffsgetäfel aufs andere und schrie mit schrecklicher Stimme zu den Griechen hinab. Aber auch Hektor weilte nicht untätig im Hafen der Seinigen, sondern wie ein funkelnder Adler auf die Scharen von Kranichen oder Schwänen stürzt, die sich am Ufer eines Stroms gelagert haben, so drang er geradenwegs auf eines der Meerschiffe stürmend los; Zeus selbst gab ihm im Rücken einen Stoß, daß er voranflog und seine ganze Schar ihm nachstürmte.

Da erhub sich von neuem um die Schiffe ein erbitterter Kampf. die Griechen wollten lieber sterben als entfliehen, von den Trojanern hoffte ein jeder, den ersten Fackelbrand in die Schiffe zu schleudern. Und nun faßte Hektor das Steuerende des schönen Schiffes, das den Protesilaos gen Troja geführt hatte, aber nicht wieder heimbringen sollte, weil er der erste war, der nach der Landung im Gefechte gegen die Trojaner gefallen war. Um dieses Schiff kämpften und mordeten jetzt Danaer und Troer; da war keine Rede mehr von Bogenschuß oder auch nur von Speerwurf: zusammengedrängt schwangen alle nur scharfe Beile, Äxte und Schwerter gegeneinander und führten Lanzen zum Stich. Manches gute Schwert stürzte dort aus der Hand in den Staub oder von den Schultern der Streitenden herab, und der Boden schwamm in Blut. Hektor aber, nachdem er einmal das Schiff gefaßt, umklammerte es fest und rief: »Jetzt Feuer her und den Schlachtruf erhoben! Jetzt schickt uns Zeus den Tag, der uns für alle andern schadlos hält! Jetzt die Schiffe erobert, welche uns so viel Jammer gebracht haben! Jetzt wird kein Ältester uns hindern, den Sieg zu benützen: Zeus selbst ermahnt und befiehlt uns jetzt!«

Auch Ajax vermochte Hektors Andrange nun nicht mehr zu widerstehen, die Geschosse drängten ihn zu sehr; er wich ein wenig vom Verdecke des Schiffs und schwang sich auf die Bank des Steuermanns. Aber auch von hier aus spähte er umher, wo abzuwehren sei, und richtete seine Lanze gegen die mit Feuerbränden eindringenden Trojaner; zugleich donnerte er seine Volksgenossen an: »Freunde, jetzt seid Männer! oder wähnet ihr, hinter den Schiffen stehen euch noch andere Helfer, noch ein stärkerer Wall, der euch schirmen könnte? Ihr habt keine Stadt, hinter deren Mauern ihr euch flüchten könntet wie die Trojaner; auf Feindesboden, fern vom Lande der Väter, an den Meeresrand sind wir hingedrängt! Unser ganzes Heil beruht nur auf unserem Arme!« So rief er und empfing jeden Feind, der mit einer Fackel sich dem Schiffe näherte, mit einem Lanzenstich, daß bald zwölf Leichen vor ihm den Boden deckten.

Hektors Leichnam in Troja



Hektors Leichnam in Troja

Hermes begleitete den König bis an die Furt des Skamander. Dort schied er aus dem Wagen und entflog zum hohen Olymp. Priamos und der Herold aber trieben seufzend und wehklagend die Rosse mit dem Wagen des Königes und die Maultiere mit dem Leichnam in die Stadt. Es war früher Morgen, alles lag noch im Schlummer, und niemand sah sie herankommen; nur Kassandra hatte die Burg von Pergamos erstiegen und erschaute von ferne ihren Vater im Wagensitze stehend, den Herold mit dem Maultierwagen und in diesem auf Gewanden ausgestreckt den Leichnam. Da begann sie laut zu wehklagen und rief, daß es in der stillen Stadt widerhallte: »Schaut doch hin, ihr Troer und ihr Troerinnen, dort kommt ja Hektor, ach nur der tote Hektor! Habt ihr euch jemals des Lebenden erfreut, wenn er siegreich aus der Feldschlacht zurückkehrte, so begrüßt jetzt auch den Gestorbenen!« Auf ihren Ruf blieb kein Mann und kein Weib in der Feste; denn aller Herzen durchdrang eine grenzenlose Trauer. Am Tore begegneten Männer und Frauen, voran die Mutter und die Gattin Hektors, dem Führer des Leichenwagens; jene beiden rauften ihr Haar aus, stürzten sich auf den Wagen und legten ihre Hände auf das Haupt des Erschlagenen; die Menge umringte sie in Tränen, und sie hätten den Wagen mit ihrem Wehklagen bis zum Abend aufgehalten, wenn nicht Priamos von seinem Wagensitz zu dem Volke geredet hätte: »Macht Platz und laßt die Maultiere hindurchgehen; wenn ich ihn ins Haus geführt, möget ihr euch satt weinen!« Auf seinen Ruf wichen die Volkshaufen ehrfurchtsvoll dem Wagen.

Sobald die Leiche am Palaste des Königes angekommen war, wurde sie auf ein schönes Gestell gelegt und Sänger zugeordnet, welche mit kläglichen Lauten den Trauergesang unter dem Nachseufzen der Weiber anstimmten. Vor allen klagte die Fürstin Andromache, die noch in der Blüte ihres Lebens, vor dem Leichname stand und sein Haupt in ihren Händen hielt. »Herrlicher Gatte«, rief sie, »so verlorst du dein Leben und lässest mich als Witwe hier im Palaste und mit mir unser unmündiges Kind. Ach, schwerlich blüht dieses wohl zum Jünglinge heran! Denn vorher noch wird Troja zerstört, da du, der Stadt Verteidiger, starbest, du Schutz der züchtigen Frauen und der stammelnden Kinder! Bald werden diese nun gefangen zu den Schiffen hinweggeführt, und ich mitten unter ihnen. Du aber, mein trauter Astyanax, wirst Schmach und Arbeit unter einem grausamen Fronherrn mit deiner Mutter teilen. Oder es faßt dich ein Grieche am Arm und schmettert dich vom Turme herab, weil dein Vater Hektor ihm Bruder, Vater oder Sohn getötet; denn freilich schonte dein Vater auch nicht, wo es die Entscheidung galt: deswegen wehklagen auch jetzt die Völker um ihn ringsumher in der Burg. Unaussprechlichen Gram hast du deinen Eltern bereitet, Hektor, endlose Verzweiflung mir selbst. Nicht von dem Sterbelager hast du die Hand mir gereicht, nicht ein Abschiedswort voll Weisheit mir zugerufen, dessen ich Tag und Nacht unter Tränen der Wehmut gedenken könnte!«

Nach Andromache erhub Hekabe, die Mutter, klagend ihre Stimme. »Hektor, o du mein Herzenskind, wie lieb warest du selbst den Göttern, die deiner auch beim bittersten Tode nicht vergessen haben. Mit dem Schwert getötet und geschleift, ruhest du doch so frisch in unserm Hause, als hätte dich das linde Geschoß Apollos vom silbernen Bogen unversehens hingestreckt.« So sprach sie sich selber tröstend und vergoß eine Flut von Tränen. Jetzt nahm auch Helena das Wort. »Hektor«, klagte sie, »du, mir lieber als alle Brüder meines Mannes; zwanzig Lebensjahre sind mir entflohen, seit mich Unglückselige Paris gen Troja geführt hat, und nie in dieser langen Zeit hörte ich auch nur ein Wörtlein im Bösen von dir. Zwar König Priamos war immer auch milde gegen mich wie ein Vater, aber wenn ein anderer im Hause, Bruder oder Schwester des Gatten, seine Mutter oder eine Schwägerin, mich hart anließ, die besänftigtest du immer, und dein freundliches Herz redete mir zugut. In dir ist mein Tröster und Freund gestorben; mit Abscheu werden sich jetzt alle von mir abwenden!«

So sprach sie unter Tränen, und das zahllos versammelte Volk seufzete. Da rief Priamos über das Gedränge hin: »Jetzt, ihr Trojaner, bringet Holz für den Scheiterhaufen zur Stadt her und besorget nicht, daß etwa ein Hinterhalt der Danaer auf euch laure. Der Sohn des Peleus, als er mich von den Schiffen entließ, hat mir verheißen, uns keinen Schaden zu tun, bis der zwölfte Morgen gekommen wäre.«

Die Völker gehorchten; schnell wurden Lastwagen mit Stieren und Maultieren bespannt, und alles versammelte sich vor der Stadt. Neun Tage lang führten sie Holz, eine ganze Waldung, herbei; am zehnten Morgen wurde die Leiche Hektors unter lauten Wehklagen hinausgetragen, auf das hohe Scheitergerüst niedergelegt und dieses in Flammen gesetzt. Das ganze Volk stand um den brennenden Holzstoß versammelt; als er niedergebrannt war, löschten sie den glimmenden Schutt mit Wein, und die Brüder und Streitgenossen des Verstorbenen lasen das weiße Gebein unter Tränen aus der Asche zusammen. Mit weichen Purpurgewanden umhüllt, ward es in ein goldenes Kästchen gelegt und in die hohle Gruft gesenkt. Dichte Quadern verschlossen diese, dann wurde der Grabhügel aufgeschüttet, und ringsum saßen Späher, damit nicht ein plötzlicher Überfall der Griechen sie störte. Als die Erde aufgeschüttet war, zog alles Volk in die Stadt zurück, und im Königshause des Priamos wurde das feierliche Totenmahl begangen.

Herakles am Scheidewege



Herakles am Scheidewege

Herakles selbst begab sich um diese Zeit von Hirten und Herden weg in eine einsame Gegend und überlegte bei sich, welche Lebensbahn er einschlagen sollte. Als er so sinnend dasaß, sah er auf einmal zwei Frauen von hoher Gestalt auf sich zukommen. Die eine zeigte in ihrem ganzen Wesen Anstand und Adel, ihren Leib schmückte Reinlichkeit, ihr Blick war bescheiden, ihre Haltung sittsam, fleckenlos weiß ihr Gewand. Die andere war wohlgenährt und von schwellender Fülle, das Weiß und Rot ihrer Haut durch Schminke über die natürliche Farbe gehoben, ihre Haltung so, daß sie aufrechter schien als von Natur, ihr Auge war weit geöffnet und ihr Anzug so gewählt, daß ihre Reize soviel als möglich durchschimmerten. Sie warf feurige Blicke auf sich selbst, sah dann wieder um sich, ob nicht auch andere sie erblickten; und oft schaute sie nach ihrem eigenen Schatten. Als beide näher kamen, ging die erste ruhig ihren Gang fort, die andere aber, um ihr zuvorzukommen, lief auf den Jüngling zu und redete ihn an: »Herakles! ich sehe, daß du unschlüssig bist, welchen Weg durch das Leben du einschlagen sollst. Willst du nun mich zur Freundin wählen, so werde ich dich die angenehmste und gemächlichste Straße fuhren; keine Lust sollst du ungekostet lassen, jede Unannehmlichkeit sollst du vermeiden. Um Kriege und Geschäfte hast du dich nicht zu bekümmern, darfst nur darauf bedacht sein, mit den köstlichsten Speisen und Getränken dich zu laben, deine Augen, Ohren und übrigen Sinne durch die angenehmsten Empfindungen zu ergötzen, auf einem weichen Lager zu schlafen und den Genuß aller dieser Dinge dir ohne Mühe und Arbeit zu verschaffen. Solltest du jemals um die Mittel dazu verlegen sein, so fürchte nicht, daß ich dir körperliche oder geistige Anstrengungen aufbürden werde; im Gegenteil, du wirst nur die Früchte fremden Fleißes zu genießen und nichts auszuschlagen haben, was dir Gewinn bringen kann. Denn meinen Freunden gebe ich das Recht, alles zu benützen.«

Als Herakles diese lockenden Anerbietungen hörte, sprach er verwundert: »O Weib, wie ist denn aber dein Name?« »Meine Freunde«, antwortete sie »nennen mich die Glückseligkeit; meine Feinde hingegen, die mich herabsetzen wollen, geben mir den Namen der Liederlichkeit

Mittlerweile war auch die andere Frau herzugetreten. »Auch ich«, sagte sie, »komme zu dir, lieber Herakles, denn ich kenne deine Eltern, deine Anlagen und deine Erziehung. Dies alles gibt mir die Hoffnung, du würdest, wenn du meine Bahn einschlagen wolltest, ein Meister in allem Guten und Großen werden. Doch will ich dir keine Genüsse vorspiegeln, will dir die Sache darstellen, wie die Götter sie gewollt haben. Wisse also, daß von allem, was gut und wünschenswert ist, die Götter den Menschen nichts ohne Arbeit und Mühe gewähren. Wünschest du, daß die Götter dir gnädig seien, so mußt du die Götter verehren; willst du, daß deine Freunde dich lieben, so mußt du deinen Freunden nützlich werden; strebst du, von einem Staate geehrt zu werden, so mußt du ihm Dienste leisten; willst du, daß ganz Griechenland dich um deiner Tugend willen bewundere, so mußt du Griechenlands Wohltäter werden; willst du ernten, so mußt du säen; willst du kriegen und siegen, so mußt du die Kriegskunst erlernen; willst du deinen Körper in der Gewalt haben, so mußt du ihn durch Arbeit und Schweiß abhärten.« Hier fiel ihr die Liederlichkeit in die Rede. »Siehst du wohl, lieber Herakles«, sprach sie, »was für einen langen, mühseligen Weg dich dieses Weib zur Zufriedenheit führt? Ich hingegen werde dich auf dem kürzesten und bequemsten Pfade zur Seligkeit leiten.« »Elende«, erwiderte die Tugend, »wie kannst du etwas Gutes besitzen? Oder welches Vergnügen kennst du, die du jeder Lust durch Sättigung zuvorkommst? Du issest, ehe dich hungert, und trinkest, ehe dich dürstet. Um die Eßlust zu reizen, suchst du Köche auf; um mit Lust zu trinken, schaffst du dir kostbare Weine an, und des Sommers gehst du umher und suchest nach Schnee; kein Bett kann dir weich genug sein, deine Freunde lässest du die Nacht durchprassen und den besten Teil des Tages verschlafen: darum hüpfen sie auch sorglos und geputzt durch die Jugend dahin und schleppen sich mühselig und im Schmutze durch das Alter, beschämt über das, was sie getan, und fast erliegend unter der Last dessen, was sie tun müssen. Und du selbst, obwohl unsterblich, bist gleichwohl von den Göttern verstoßen und von guten Menschen verachtet. Was dem Ohre am lieblichsten klingt, dein eigenes Lob, hast du nie gehört; was das Auge mehr als alles erfreut, ein eigenes gutes Werk, hast du nie gesehen. – Ich hingegen habe mit den Göttern, habe mit allen guten Menschen Verkehr. An mir besitzen die Künstler eine willkommene Gehilfin, an mir die Hausväter eine treue Wächterin, an mir hat das Gesinde einen liebreichen Beistand. Ich bin eine redliche Teilnehmerin an den Geschäften des Friedens, eine zuverlässige Mitkämpferin im Kriege, die treueste Genossin der Freundschaft. Speise, Trank und Schlaf schmeckt meinen Freunden besser als den Trägen. Die Jüngeren freuen sich des Beifalls der Alten, die Älteren der Ehre bei den Jungen; mit Vergnügen erinnern sie sich an ihre früheren Handlungen und fühlen sich bei ihrem jetzigen Tun glücklich, durch mich sind sie geliebt von den Göttern, geliebt von den Freunden, geachtet vom Vaterland. Und kommt das Ende, so liegen sie nicht ruhmlos in Vergessenheit begraben, sondern gefeiert von der Nachwelt, blühen sie fort im Angedenken aller Zeiten. Zu solchem Leben, Herakles, entschließe dich: vor dir liegt das seligste Los.«

Herakles bei Admetos



Herakles bei Admetos

Zu der Zeit, als der Held, aus dem Hause des Königs von Öchalia mit Unwillen entwichen, in der Irre umherstreifte, hat sich folgendes begeben. Zu Pherai in Thessalien lebte der edle König Admet mit seiner jungen und schönen Gemahlin Alkestis, die ihren Gatten über alles liebte, von blühenden Kindern umringt, von glücklichen Untertanen geliebt. In früherer Zeit, als Apollo, der die Zyklopen getötet hatte, aus dem Olymp entflohen war und sich gezwungen sah, einem Sterblichen dienstbar zu werden, hatte ihn Admet, der Sohn des Pheres, liebreich aufgenommen; ihm hatte er als Sklave die Rinder geweidet. Seitdem stand der König unter dem wirksamen Schutze des später von seinem Vater Zeus wieder zu Gnaden angenommenen Gottes. Als nun die Lebenszeit Admets verstrichen und vom Schicksal ihm der Tod zuerkannt war, da wirkte sein Freund Apollo, dem dies als einem Gotte bewußt, bei den Schicksalsgöttinnen aus, daß sie ihm gelobten, Admet solle dem Hades, der ihn bedrohte, entfliehen, wenn ein anderer Mensch für ihn sterben und in das Totenreich hinabsteigen wollte. Apollo verließ daher den Olymp und kam nach Pherai zu seinem alten Gastfreunde, ihm und den Seinigen die Botschaft von dem Tode, den das Geschick über ihn beschlossen, zu überbringen, zugleich aber ihm das Mittel anzugeben, wodurch er seinem Schicksal zu entrinnen vermöge. Admet war ein redlicher Mann, aber er liebte das Leben; und auch alle die Seinigen samt seinen Untertanen erschraken, daß dem Hause die Stütze, der Gattin und den Kindern Gatte und Vater, dem Volke ein milder Herrscher geraubt werden sollte. Deswegen ging Admet umher und forschte, wo er einen Freund fände, der für ihn sterben wollte. Aber da war nicht einer, der dazu Lust gehabt hätte, und sosehr sie vorher den Verlust, der ihnen bevorstände, bejammert hatten, so kalt wurde ihr Sinn, als sie hörten, unter welcher Bedingung ihm das Leben erhalten werden könnte. Selbst der greise Vater des Königes, Pheres, und die gleichfalls hochbetagte Mutter, die den Tod jede Stunde vor sich sahen, wollten das wenige Leben, das sie noch zu hoffen hatten, nicht für den Sohn dahingeben. Nur Alkestis, seine blühende, lebensvolle Gattin, die glückliche Mutter hoffnungsvoll heranblühender Kinder, war von so reiner und aufopfernder Liebe zu dem Gemahl beseelt, daß sie sich bereit erklärte, dem Sonnenlichte für ihn zu entsagen. Kaum war diese Erklärung aus ihrem Munde gegangen, als auch schon der schwarze Priester der Toten, Thanatos (der Tod), den Toren des Palastes nahte, sein Opfer ins Schattenreich hinabzuführen. Denn er wußte Tag und Stunde genau, an welchem Admet vom Schicksale bestimmt gewesen war, zu sterben. Als Apollo den Tod herankommen sah, verließ er schnell den Königspalast, um, der Gott des Lebens, von seiner Nähe nicht entheiligt zu werden. Die fromme Alkestis aber, als sie den entscheidenden Tag sich nahen sah, reinigte sich, als Opfer des Todes, in fließendem Wasser, nahm festliches Gewand und Geschmeide aus dem Schranke von Zedernholz, und nachdem sie so sich ganz würdevoll geschmückt, betete sie vor ihrem Hausaltare zur Göttin der Unterwelt. Dann umschlang sie Kinder und Gemahl und trat endlich, von Tag zu Tag mehr abgezehrt, zur bestimmten Stunde von ihren Dienerinnen umringt, an der Seite ihres Gatten und ihrer Kinder, in das Gemach, wo sie den Boten der Unterwelt empfangen wollte. Hier schickte sie sich zum feierlichen Abschiede von den Ihrigen an. »Laß mich zu dir reden, was mein Herz begehrt«, sprach sie zu ihrem Gemahle. »Weil dein Leben mir teurer ist als das meinige, sterbe ich für dich jetzt, wo mir das Sterben noch nicht drohte, wo ich, einen edlen Thessalier zum zweiten Gemahle wählend, im beglückten Fürstenhause hätte wohnen können. Aber ich wollte nicht leben, deiner beraubt, die verwaisten Kinder anschauend. Dein Vater und deine Mutter haben dich verraten, da doch ihnen Sterben rühmlicher gewesen wäre; denn dann wärest du nicht einsam geworden und hättest keine Waisen aufzuziehen gehabt. Doch da es die Götter einmal so gefügt haben, so bitte ich dich nur, meiner Wohltat eingedenk zu sein und den Kleinen, welche du nicht weniger liebest als ich, die ich sie verlassen muß, kein anderes Weib als Mutter zuzuführen, das, von Neid gequält, sie selber plagen könnte.« Unter Tränen schwur ihr der Gemahl, daß, wie sie im Leben die Seine gewesen, so auch im Tode nur sie ihm Gattin heißen solle. Dann übergab ihm Alkestis die wehklagenden Kinder und sank ohnmächtig nieder.

Unter den Vorbereitungen zur Bestattung geschah es nun, daß der umherirrende Herakles nach Pherai und vor die Tore des Königspalastes kam. Eingelassen, geriet er in eine Unterredung mit den Dienern des Hauses, und zufällig kam Admet selbst dazu. Dieser nahm seinen Gast, den eigenen Kummer unterdrückend, mit großer Herzlichkeit auf, und als Herakles, durch den Anblick seiner Trauerkleider betroffen, ihn um seinen Verlust befragte, erwiderte er, um den Gast nicht zu betrüben oder gar zu verscheuchen, auf eine so verdeckte Weise, daß Herakles der Meinung war, es sei eine ferne Anverwandte des Admet, die zu Besuche bei dem Könige war, gestorben. Er blieb daher fröhlichen Sinnes, ließ sich von einem Sklaven in das Gastgemach geleiten und hier Wein vorsetzen. Als ihm die Traurigkeit des Dieners auffiel, schalt er diesen um sein übermäßiges Leid. »Was siehst du mich so ernst und feierlich an?« sprach er. »Ein Diener muß gefällig gegen Fremdlinge sein! Was ist’s auch, wenn eine Fremde in eurem Hause gestorben ist; weißt du denn nicht, daß dies das allgemeine Los der Menschen ist? Den Trübseligen ist das Leben eine Qual; geh, bekränze dich, wie du mich siehst, und trinke mit mir! Ich weiß gewiß, ein überwallender Becher wird bald alle Runzeln deiner Stirne vertreiben.« Aber der Diener wandte sich mit Grauen ab. »Uns traf ein Geschick«, sprach er, »dem nicht Lachen und Schmausen ziemt. Fürwahr, der Sohn des Pheres ist nur allzu gastfreundlich, daß er in so tiefer Trauer einen so leichtsinnigen Gast aufgenommen hat.« »Soll ich nicht fröhlich sein«, erwiderte Herakles verdrießlich, »weil eine fremde Frau gestorben ist?« »Eine fremde Frau!« rief der Diener verwundert. »Dir mochte sie fremd sein; uns war sie es nicht!« »So hat mir Admet seinen Unfall nicht recht berichtet«, sagte Herakles stutzend. Aber der Sklave sprach: »Nun sei du immerhin fröhlich; der Gebieter Weh geht ja nur ihre Freunde und Diener an!« Aber Herakles hatte keine Ruhe mehr, bis er die Wahrheit erfahren hatte. »Ist’s möglich«, rief er, »eines so herrlichen Weibes ward er beraubt, und dennoch hat er den Fremdling so gastlich aufgenommen? Trat ich doch mit geheimem Widerwillen zum Tore herein, und nun hab ich hier im Trauerhause das Haupt mit Kränzen geschmückt, gejubelt und getrunken! Aber sage mir, wo liegt das fromme Weib bestattet?« »Wenn du den geraden Weg gehst, der nach Larissa führt«, antwortete der Sklave, »so siehst du das schmucke Totenmal, das ihr schon aufgerichtet ist.« Mit diesen Worten verließ der Diener weinend den Fremdling.

Allein gelassen, brach Herakles in keine Klagen aus, sondern der Held hatte schnell einen Entschluß gefaßt. ›Retten muß ich‹, sprach er zu sich selbst, ›diese Gestorbene, sie wieder einführen in das Haus des Gatten; anders kann ich seine Gunst nicht würdig vergelten. Ich gehe an das Grabmal; dort harre ich des Thanatos, des Totenbeherrschers. Ich finde ihn wohl, wie er kommt, das Opferblut zu trinken, das ihm über dem Denkmal der Verstorbenen gespendet wird. Dann springe ich aus dem Hinterhalte hervor, ergreife ihn schnell, umschlinge ihn mit den Händen, und keine Macht auf Erden soll ihn mir entreißen, ehe er mir seine Beute überläßt.‹ Mit diesem Vorsatze verließ er in aller Stille den Palast des Königs.

Admet war in sein verödetes Haus zurückgekehrt und trauerte mit seinen verlassenen Kindern in schmerzlicher Sehnsucht nach der geopferten Gattin, und kein Trost getreuer Diener vermochte seinen Kummer zu lindern. Da betrat sein Gastfreund Herakles die Schwelle wieder, ein verschleiertes Weib an der Hand führend. »Du hast nicht wohl daran getan, o König, mir den Tod deiner Gattin zu verhehlen; du nahmst mich in dein Haus auf, als ob nur fremdes Leiden dich bekümmerte; so habe ich unwissend groß Unrecht getan und im Unglückshause fröhliches Trankopfer ausgegossen. Doch will ich dich in deinem Ungemache nicht noch weiter betrüben. Höre jedoch, warum ich noch einmal gekommen bin. Diese Jungfrau hier habe ich als Siegeslohn bei einem Kampfspiele empfangen. Nun gehe ich hin, neue Kämpfe zu bestehen. Bis ich diese vollbracht habe, übergebe ich dir die Jungfrau als Dienerin; sorge du für sie als das Eigentum eines Freundes.«

Admet erschrak, als er den Herakles so sprechen hörte. »Nicht, weil ich den Freund verachtet oder verkannt hätte«, erwiderte er, »habe ich dir meiner Gattin Tod verborgen, sondern um mir nicht noch mehr Leiden dadurch zu bereiten, daß ich dich in eines anderen Freundes Haus davonziehen ließe. Dieses Weib aber, Herr, bitte ich dich, einem andern Bewohner von Pherai zuzuführen, nicht mir, der ich soviel gelitten habe. Hast du ja doch genug Gastfreunde in dieser Stadt. Wie könnte ich ohne Tränen diese Jungfrau in meinem Hause erblicken? Den Männeraufenthalt könnte ich ihr nicht zur Wohnung geben, und sollte ich ihr die Gemächer der verstorbenen Gattin einräumen? Das sei ferne! Ich fürchte die üble Nachrede der Pheraier, ich fürchte auch den Tadel der Entschlafenen!« So sprach abwehrend der König; aber ein wunderbares Sehnen zog seine Blicke doch wieder auf die tief verschleierte Gestalt. »Wer du auch seiest, o Weib«, sagte er seufzend, »wisse, daß du an Größe und Gestalt wundersam meiner Alkestis gleichest. Bei den Göttern beschwöre ich dich, Herakles, führe mir diese Frau aus den Augen und quäle den Gequälten nicht noch mehr; denn wenn ich sie erblicke, wähne ich mein verstorbenes Gemahl zu sehen, ein Strom von Tränen bricht aus meinen Augen, und aufs neue versinke ich in Kümmernis.« Herakles unterdrückte sein wahres Gefühl und antwortete betrübt: »O wäre mir von Zeus die Macht verliehen, dir dein heldenmütiges Weib aus dem Schattenreich ans Licht zurückzuführen und dir für deine Güte solche Gunst zu erweisen!« »Ich weiß, du tätest es«, erwiderte Admet; »wann aber kehrte je ein Toter aus dem Schattenreiche zurück?« »Nun«, fuhr Herakles lebhafter fort, »weil dies nicht geschehen kann, so gestatte der Zeit, deinen Kummer zu lindern; den Toten geschieht doch kein Gefallen mit der Trauer. Verbanne auch den Gedanken nicht ganz, daß eine zweite Gattin dir einst noch das Leben erheitern kann. Endlich, mir zuliebe nimm das edle Mädchen, das ich dir hier bringe, in dein Haus auf. Versuch es wenigstens; sobald es dir nicht frommen sollte, soll sie dein Haus wieder verlassen!« Admet sah sich von dem Gaste, den er nicht beleidigen wollte, bedrängt; er befahl, jedoch nur ungerne, daß die Diener das Weib in die innern Gemächer geleiten sollten. Aber Herakles gab dieses nicht zu. »Vertraue«, sprach er, »mein Kleinod keinen Sklavenhänden, o Fürst! Du selbst, wenn es dir gefällt, sollst sie hineinführen!« »Nein«, sprach Admet, »ich berühre sie nicht; ich würde schon so das Wort, das ich der geliebten Toten gegeben habe, zu verletzen glauben. Eingehen möge sie, aber ohne mich!« Doch Herakles ruhte nicht, bis er die Hand der Verschleierten ergriffen hatte. »Nun dann«, sagte Herakles freudig, »so bewahre sie; blicke die Jungfrau auch recht an, ob sie wirklich deinem Ehegemahl gleicht, und ende deinen Gram!«

Damit enthüllte er die Verschleierte und gab dem in Staunen zweifelnden König seine wiederbelebte Gemahlin zu schauen. Während Admet, wie leblos, die Lebende an der Hand hielt und sich mit Furcht und Zittern an ihrem Anblick weidete, erzählte ihm der Halbgott, wie er den Thanatos am Grabeshügel ergriffen und seine Beute ihm abgerungen habe. Da sank der König in die Arme seines Weibes. Aber diese blieb sprachlos und durfte seinen zärtlichen Ausruf nicht erwidern. »Du wirst«, belehrte ihn Herakles, »ihre Stimme nicht wieder vernehmen, als bis die Totenweihe von ihr genommen und der dritte Tag erschienen ist. Doch führe sie getrost hinein in dein Gemach und erfreue dich ihres Besitzes. Er ist dir zuteil geworden, weil du an Fremdlingen so edle Gastfreundschaft geübt hast! Mich aber laß meinem Geschicke nachziehen!« »So zeuch in Frieden, Held!« rief Admet dem Scheidenden nach. »Du hast mich in ein besseres Leben zurückgeführt; glaube mir, daß ich meine Seligkeit dankbar erkenne! Alle Bürger meines Königreichs sollen mir Chortänze aufführen helfen, und Opferduft entsteige den Altären! Dabei wollen wir dein, o du mächtiger Zeussohn, in Dank und Liebe gedenken.«

Herakles der Neugeborne



Viertes Buch

Aus der Heraklessage

Herakles der Neugeborne

Herakles war ein Sohn des Zeus und der Alkmene, Alkmene eine Enkelin des Perseus; der Stiefvater des Herakles hieß Amphitryon, auch er war ein Enkel des Perseus und König von Tiryns, hatte jedoch diese Stadt verlassen, um in Theben zu wohnen. Hera, die Gemahlin des Zeus, haßte ihre Nebenbuhlerin Alkmene und gönnte ihr den Sohn nicht, von dessen Zukunft Zeus den Göttern selbst Großes verkündet hatte. Als daher Alkmene den Herakles geboren, glaubte sie ihn vor der Göttermutter in dem Palaste nicht sicher und setzte ihn an einem Platze aus, der noch in späten Zeiten das Heraklesfeld hieß. Hier wäre das Kind ohne Zweifel verschmachtet, wenn nicht ein wunderbarer Zufall seine Feindin Hera selbst, von Athene begleitet, des Weges geführt hätte. Athene betrachtete die schöne Gestalt des Kindes mit Verwunderung, erbarmte sich sein und bewog die Begleiterin, dem Kleinen ihre göttliche Brust zu reichen. Aber der Knabe sog viel kräftiger an der Brust, als sein Alter erwarten ließ; Hera empfand Schmerzen und warf das Kind unwillig zu Boden. Jetzt hob Athene dasselbe voll Mitleid wieder auf, trug es in die nahe Stadt und brachte es der Königin Alkmene als ein armes Findelkind, das sie aus Barmherzigkeit aufzuziehen bat. So war die leibliche Mutter, aus Angst vor der Stiefmutter, bereit gewesen, die Pflicht der natürlichen Liebe verleugnend, ihr Kind umkommen zu lassen; und die Stiefmutter, die von natürlichem Hasse gegen dasselbe erfüllt ist, muß, ohne es zu wissen, ihren Feind vom Tode erretten. Ja noch mehr: Herakles hatte nur ein paar Züge an Heras Brust getan, aber die wenigen Tropfen Göttermilch waren genügend, ihm Unsterblichkeit einzuflößen.

Alkmene hatte indessen ihr Kind auf den ersten Blick erkannt und es freudig in die Wiege gelegt. Aber auch der Göttin blieb nicht verborgen, wer an ihrer Brust gelegen und wie leichtsinnig sie den Augenblick der Rache vorübergelassen habe. Sogleich schickte sie zwei entsetzliche Schlangen aus, die, das Kind zu töten bestimmt, durch die offenen Pforten in Alkmenes Schlafgemach geschlichen kamen und, ehe die Dienerinnen des Gemaches und die schlummernde Mutter selbst es innewurden, sich an der Wiege emporringelten und den Hals des Knaben zu umstricken anfingen. Der Knabe erwachte mit einem Schrei und richtete seinen Kopf auf. Das ungewohnte Halsband war ihm unbequem. Da gab er die erste Probe seiner Götterkraft: er ergriff mit jeder Hand eine Schlange am Genick und erstickte die beiden mit einem einzigen Druck. Die Wärterinnen hatten die Schlangen jetzt wohl bemerkt; aber unbezwingbare Furcht hielt sie ferne. Alkmene war auf den Schrei ihres Kindes erwacht; mit bloßen Füßen sprang sie aus dem Bett und stürzte Hilfe rufend auf die Schlangen zu, die sie schon von den Händen ihres Kindes erwürgt fand. Jetzt traten auch die Fürsten der Thebaner, durch den Hilferuf aufgeschreckt, bewaffnet in das Schlafgemach; der König Amphitryon, der den Stiefsohn als ein Geschenk des Zeus betrachtete und liebhatte, eilte erschrocken herbei, das bloße Schwert in der Hand. Da stand er vor der Wiege, sah und hörte, was geschehen war; Lust, mit Entsetzen gemischt, durchbebte ihn über die unerhörte Kraft des kaum gebornen Sohnes. Er betrachtete die Tat als ein großes Wunderzeichen und rief den Propheten des großen Zeus, den Wahrsager Tiresias, herbei. Dieser weissagte dem Könige, der Königin und allen Anwesenden den Lebenslauf des Knaben: wie viele Ungeheuer auf Erden, wie viele Ungetüme des Meeres er hinwegräumen, wie er mit den Giganten selbst im Kampfe zusammenstoßen und sie besiegen werde und wie ihm am Ende seines mühevollen Erdenlebens das ewige Leben bei den Göttern und Hebe, die ewige Jugend, als himmlische Gemahlin erwarte.

Herakles im Dienste der Omphale



Herakles im Dienste der Omphale

Der Mord des Iphitos, obgleich im Wahnsinne verübt, lag schwer auf Herakles. Er wanderte von einem Priesterkönige zum andern, um sich reinigen zu lassen; erst zum Könige Neleus von Pylos, dann zu Hippokoon, König von Sparta: aber beide weigerten sich dessen; der dritte endlich, Deïphobos, ein König zu Amyklai, übernahm es, ihn zu entsühnen. Nichtsdestoweniger schlugen ihn die Götter zur Strafe der Untat mit einer schweren Krankheit. Der Held, sonst von Kraft und Gesundheit strotzend, konnte das plötzliche Siechtum nicht ertragen. Er wandte sich nach Delphi und hoffte bei dem pythischen Orakel Genesung zu finden. Aber die Priesterin verweigerte ihm, als einem Mörder, ihren Spruch. Da raubte er im Heldenzorn den Dreifuß, trug ihn hinaus aufs Feld und errichtete ein eigenes Orakel. Erbost über diesen kühnen Eingriff in seine Rechte, erschien Apoll und forderte den Halbgott zum Kampfe heraus. Aber Zeus wollte auch diesmal kein Bruderblut fließen sehen; er schlichtete den Kampf, indem er einen Donnerkeil zwischen die Streitenden warf. Jetzt erhielt endlich Herakles einen Orakelspruch, welchem zufolge er von seinem Übel befreit werden sollte, wenn er zu dreijährigem Knechtsdienste verkauft würde, das Handgeld aber als Sühne dem Vater gäbe, dem er den Sohn erschlagen. Herakles, von Krankheit überwältigt, fügte sich in diesen harten Spruch. Er schiffte sich mit einigen Freunden nach Asien ein und wurde dort von einem derselben mit seiner Einwilligung als Sklave verkauft an Omphale, die Tochter des Iardanos, die Königin des damaligen Mäoniens, was später Lydien hieß. Den Kaufpreis brachte der Verkäufer, dem Orakel gemäß, dem Eurytos, und als dieser das Geld zurückwies, übergab er es den Kindern des erschlagenen Iphitos. Jetzt wurde Herakles wieder gesund. Im Vollgefühle der wiedergewonnenen Körperkraft zeigte er sich anfangs auch als Sklave der Omphale noch als Held und fuhr fort, in seinem Berufe als ein Wohltäter der Menschheit zu wirken. Er züchtigte alle Räuber, welche das Gebiet seiner Herrin und der Nachbarn beunruhigten. Die Kerkopen, die in der Gegend von Ephesus hausten und durch Plünderung viel Schaden anrichteten, wurden von ihm teils erschlagen, teils gebunden der Omphale überliefert. Den König Syleus in Aulis, einen Sohn des Poseidon, der die Reisenden auffing und sie zwang, ihm die Weinberge zu hacken, erschlug er mit dem Spaten und grub seine Weinstöcke mit den Wurzeln aus. Den Itonen, die wiederholt ins Land der Omphale einfielen, zerstörte er ihre Stadt von Grund aus und machte sämtliche Einwohner zu Sklaven. In Lydien trieb damals Lityerses, ein unechter Sohn des Midas, sein Wesen. Er war ein reichbegüterter Mann und lud alle Fremden, die bei seinem Sitze vorüberreisten, höflich zu Gaste. Nach dem Mahle zwang er sie, mit ihm in seine Ernte zu gehen, und des Abends schlug er ihnen die Köpfe ab. Auch diesen Tyrannen brachte Herakles um und warf ihn in den Fluß Mäander. Einmal fuhr er auf einem dieser Züge die Insel Doliche an und sah hier einen Leichnam, von den Wellen herangespült, am Gestade liegen. Es war die Leiche des unglücklichen Ikaros, der mit den wachsgefügten Flügeln seines Vaters auf der Flucht aus dem Labyrinthe zu Kreta der Sonne zu nahe gekommen und in das Meer gefallen war. Mitleidig begrub Herakles den Verunglückten und gab der Insel, ihm zu Ehren, den Namen Ikaria. Für diesen Dienst errichtete der Vater des Ikaros, der kunstreiche Dädalos, das wohlgetroffene Bildnis des Herakles zu Pisa. Der Held selbst aber, als er einst dorthin kam, hielt das Bild, von der Dunkelheit der Nacht getäuscht, für belebt. Seine eigene Heldengebärde erschien ihm als das Drohen eines Feindes, er griff zu einem Steine und zerschmetterte so das schöne Denkmal, das seiner Barmherzigkeit vom Freunde gesetzt worden war. In die Zeit seiner Knechtschaft bei Omphale fiel auch die Teilnahme des Helden an der Jagd des Kalydonischen Ebers.

Omphale bewunderte die Tapferkeit ihres Knechts und mochte wohl ahnen, daß ein herrlicher, weltberühmter Held ihr Sklave sei. Nachdem sie erfahren, daß er Herakles, der große Sohn des Zeus sei, gab sie ihm nicht nur in Anerkenntnis seiner Verdienste die Freiheit wieder, sondern sie vermählte sich auch mit ihm. Aber Herakles vergaß hier im üppigen Leben des Morgenlandes der Lehren, die ihm die Tugend am Scheidewege seines Jugendlebens gegeben; er versank in weibische Wollust. Dadurch geriet er bei seiner Gemahlin Omphale selbst in Verachtung; sie kleidete sich in die Löwenhaut des Helden, ihm selbst aber ließ sie weichliche lydische Weiberkleider anlegen und brachte ihn in seiner blinden Liebe so weit, daß er, zu ihren Füßen sitzend, Wolle spann. Der Nacken, dem einst bei Atlas der Himmel eine leichte Last gewesen war, trug jetzt ein goldenes Weiberhalsband; die nervigen Heldenarme umspannten Armbänder, mit Juwelen besetzt; sein Haar quoll ungeschoren unter einer Mitra hervor; langes Frauengewand wallte über die Heldenglieder herab. So saß er, den Wocken vor sich, unter den ionischen Mägden, spann mit seinen knochigen Fingern den dicken Faden ab und fürchtete das Schelten seiner Herrin, wenn er sein Tagewerk nicht vollständig geliefert. War sie aber guter Laune, so mußte der Mann in Weibertracht ihr und ihren Frauen die Taten seiner Heldenjugend erzählen: wie er die Schlangen mit der Knabenhand erdrückt, wie den Riesen Geryones als Jüngling erlegt, wie der Hyder den unsterblichen Kopf abgeschlagen, wie den Höllenhund aus dem Rachen des Hades heraufgezogen. An diesen Taten ergötzten sich dann die Weiber, wie man an Ammenmärchen Freude hat.

Endlich, als seine Dienstjahre bei Omphale vorüber waren, erwachte Herakles aus seiner Verblendung. Mit Abscheu schüttelte er die Weiberkleider ab, und es kostete ihn nur das Wollen eines Augenblicks, so war er wieder der krafterfüllte Zeussohn, voll von Heldenentschlüssen. Der Freiheit zurückgegeben, beschloß er, zuallererst an seinen Feinden Rache zu nehmen.