Dido und Äneas



Dido und Äneas

Aber die himmlische Mutter des Helden war nicht beruhigt über sein Schicksal, sie fürchtete die doppelzüngigen Tyrer und das betrügliche Königshaus. Auch daß Juno, die Todfeindin des Äneas, Schutzgöttin des Landes war, machte ihr schwere Sorge. Sie sann deswegen auf eine ganz neue List. Ihr Sohn, der Liebesgott, sollte die Gestalt des Knaben Askanius annehmen und an seiner Stelle in Karthagos Hofburg erscheinen. Würde nun Dido den holden Jungen beim königlichen Schmause auf den Schoß nehmen und ihn harmlos herzen und küssen, so sollte ihr Amor das heimliche Feuer und betörende Gift der Liebe einhauchen.

Der Liebesgott gehorchte dem Gebot seiner Mutter, er entledigte sich in aller Eile seiner Flügel und wandelte in kurzem, vergnügt über die Rolle, die er zu spielen hatte, dem kleinen Julus oder Askanius täuschend ähnlich, an der Hand des Achates, der keinen Betrug ahnte, der Königsstadt entgegen. Den wahren Askanius hatte Venus im Schlummer in ihr eigenes Gebiet, in den Hain Idaliums, entführt und ihn dort in duftenden Majoran unter kühle Schatten gelegt.

Als Achates mit dem kleinen Gott an der Hand in Karthagos Burg eintraf, hatte sich die Königin schon auf einem goldenen, mit köstlichen Teppichen gepolsterten Throngestelle in der Mitte des Saales niedergelassen; Äneas und die trojanischen Helden kamen von allen Seiten herbei und lagerten sich die Tische entlang auf purpurne Polster; Diener boten Reinigungswasser und Handtücher herum und langten das Brot aus den Körben hervor; fünfzig Mägde standen in langen Reihen in der Küche, vor den dampfenden Speisen an flammenden Herden; andere hundert Mägde und ebenso viele schmucke Diener türmten die Gerichte auf den Tischen umher und stellten die goldenen Becher vor die Gäste. Auch die Tyrier kamen jetzt scharenweise herbei und lagerten sich auf das Gebot ihrer Königin an den Tafeln. Die Geschenke des Äneas wurden herumgegeben und bewundert. Dann richteten sich aller Blicke auf den kleinen vermeintlichen Julus, der mit heuchlerischen Umarmungen sich an den Hals seines Vaters warf, seinen Mund mit Küssen bedeckte und wunderkluge Worte dazu sprach. Die arme Dido besonders, die schon von dem Gott ihrem Verderben geweiht war, konnte ihr Gemüt gar nicht sättigen und blickte bald den Knaben, bald die Geschenke mit immer funkelnderen Augen an. Der kleine Liebesgott riß sich endlich von dem erheuchelten Vater los und eilte auf die Königin zu. Diese nahm ihn arglos auf die Arme, blickte ihn liebreich an und herzte ihn zärtlich, ohne zu ahnen, welch ein mächtiger Gott sich ihr anschmiege. Amor aber, den listigen Befehlen seiner Mutter gehorsam, vermischte allmählich das Bild des verblichenen Gemahls in ihrem Geist und reizte die erstorbenen Gefühle ihrer Brust zu neuer lebendiger Neigung.

Der Schmaus ging zu Ende, die Gerichte wurden von den Tafeln genommen, gewaltige Weinkrüge aufgestellt und die Becher aufs neue gefüllt. Lautes Rauschen wälzte sich durch die Säle des Palastes; die Nacht war herbeigekommen, und flammende Kronleuchter hingen von dem goldenen Deckengetäfel herunter. Jetzt ließ sich Dido die herrlichste Schale, schwer von Gold und Edelsteinen, reichen und füllte sie bis zum Rande mit Wein; sie war längst der Mundbecher aller tyrischen Könige. Diese hielt die Königin, von ihrem Throne sich erhebend, hoch in der Rechten, und in diesem Augenblick verstummte der Lärm in den Sälen des Palastes. »Jupiter«, sprach sie mit feierlicher Stimme, »Mächtiger Beschirmer des Gastrechtes, laß diesen Tag den Tyriern und unsern trojanischen Freunden günstig sein, und unsere späten Enkel mögen desselben noch mit Lust gedenken! Auch du, Freudengeber Bacchus, auch du, huldreiche Juno, sei mit uns!« So sprechend, goß sie das Trankopfer auf den Tisch aus, nippte dann von der goldenen Schale selbst und bot sie dem tyrischen Häuptlinge, der ihr zunächst saß. Nun machte der Pokal bei Tyriern und Trojanern die Runde, und derweil sang ein lockiger Sänger zur goldenen Zither sinnvolle Lieder vom Ursprunge der Welt, der Menschen und der Tiere. Als der Gesang zu Ende war, hing Dido an dem Munde des erzählenden Äneas, vernahm seine Schicksale mit pochendem Herzen und schlürfte in langen Zügen das Gift der süßen Liebe ein.

Didos Liebe betört den Äneas



Didos Liebe betört den Äneas

Die Mienen, die Worte des Helden gruben sich der Königin tief ins Herz. Als die Gäste den Palast längst verlassen hatten und sie wenige schlaflose Stunden auf ihrem Lager zugebracht, suchte sie das Gemach ihrer geliebten Schwester und vertrautesten Freundin Anna auf und begann dieser ihr ganzes Herz aufzuschließen. »Schwester Anna«, sprach sie, »mich ängstigen wunderbare Träume. Welch ein seltener Gast hat unsere Wohnungen betreten! Welche Waffen, welcher Mut, welche Blicke! Man sieht ihm wohl an, daß er von den Göttern abstammt! Und welches Geschick hat er erfahren, welche Kriege durchgekämpft, welche Fahrten bestanden! Wahrhaftig, Schwester, wenn ich nicht unwiderruflich beschlossen hätte, mich durch das Band der Ehe keinem Mann mehr zu gesellen, seit der Tod mich um meine Erstlingsliebe betrogen hat: dieser einzigen Schwäche könnte ich vielleicht unterliegen. Aber eher soll mich die Erde verschlingen, eher der Blitz mich treffen, ehe ich meinem ermordeten Gemahl die Treue breche; er hat meine Liebe mit sich fortgenommen, er behalte sie auch im Grabe!« Tränen erstickten ihre Stimme, und sie vermochte nicht weiterzusprechen.

Ihre Schwester blickt sie mitleidig an und erwiderte: »Dido, ich liebe dich mehr als mein Leben; willst du deine holde Jugend denn ganz im Witwengram verjammern? Meinst du, der Staub deines Gatten kümmre sich um deine Entsagung? Kommt es dir denn gar nicht in den Sinn, in welchem Gebiete du hausest, daß du auf der einen Seite von kriegerischen Gätulen, von unbändigen Numidierstämmen, von ungastlichen Sandbänken, auf der andern Seite von wasserlosen Wüsten eingeschlossen bist? Und welche Kriege drohen dir von Tyrus her, von deinem unversöhnlichen Bruder? Glaube mir, durch Gunst unserer Schutzgöttin Juno ist es geschehen, daß die trojanischen Schiffe hier gelandet sind. Schwester, wie mächtig würde unsere Stadt, wie mächtig das Reich durch eine solche Vermählung werden! Wie wird sich der Ruhm der Pöner steigern, von den Waffen der Trojaner begleitet! Sei klug, liebe Schwester, opfere den Göttern, stelle Gastgebote an, umstricke die Helden mit Zögerungen aller Art, solange ihre Flotte noch zerschellt ist und die Winde den Schiffen zuwider sind.« Anna entflammte mit diesen Worten Didos glühende Seele noch mehr und schläferte alle Scheu in ihrem Herzen ein. Sie gingen zusammen in die Tempel und opferten den Göttern. Dann führte Dido den geliebten Helden durch ihre Stadt, zeigte ihm den sidonischen Königsglanz und feierte ihrem Gaste zu Ehren ein neues Mahl; wieder herzte sie den Askanius, das Ebenbild seines Vaters, wieder konnte sie nicht satt werden, den Helden von Trojas Leiden erzählen zu hören.

Dies alles war der Göttermutter Juno vom Olymp herab nicht entgangen. Der rechte Zeitpunkt, den Helden für immer um das verheißene Italien zu betrügen und das Volk der Trojaner in fremden Stämmen sich verlieren zu lassen, schien ihr gekommen. Sie suchte ihre Tochter Venus auf und begann heftig, doch freundlich zu ihr: »Wahrhaftig, du und dein Knabe, ihr habt einen schönen Sieg davongetragen! Doch wozu noch längeren Hader? Laß uns ein Ehebündnis und damit ewigen Frieden schließen! Du hast, was du mit ganzer Seele suchtest: Dido glüht von Liebe zu Äneas. Wohlan! laß uns die Völker verschmelzen, sie mag dem trojanischen Gatten dienen, und die Tyrier sollen seine Hochzeitsgabe sein.«

Venus merkte die heimliche Absicht der Heuchlerin wohl; sie erwiderte aber ganz willfährig: »Wie könnte ich so töricht sein, dir dieses zu verweigern, Mutter? Wie könnte ich es wagen wollen, in endlosem Kampfe mich mit dir zu messen? Ich fürchte nur, Jupiter möchte den Verein beider Völker nicht gestatten. Doch du bist ja seine Gemahlin, dir ziemt es, sein Herz durch Bitten geneigt zu machen. Was du zuwege bringst, ist mir recht.« »Laß das meine Sorge sein«, erwiderte Juno vergnügt; »vor allen Dingen muß der Bund geschlossen werden. Laß mich nur die Geschicke lenken, Geschehenem wird Jupiter seine Billigung nicht versagen.« Zustimmend und freundlich nickte Cythere, aber im Herzen spottete sie des Betrugs.

Am nächsten Morgen veranstaltete die Königin eine große Jagd, ihren fremden Gästen zu Ehren. Auserlesene Jünglinge mit Schlingen, Netzen, breiten Jagdspießen, von Reitern und Spürhunden begleitet, verließen die Tore. Vor dem Palaste stand der Zelter der Königin, mit Gold geschmückt und mit Purpurdecken behangen, und kaute mutig an seinem beschäumten Gebiß; an der Pforte harrten die Pönerfürsten. Endlich trat Dido heraus, umdrängt von großem Jagdgefolge; sie trug ein buntgesticktes sidonisches Jägerkleid, darüber einen mit goldener Schnalle aufgeschürzten Purpurrock; ein goldenes Diadem umschlang ihre Stirne, und von der Schulter hing ihr der goldene Köcher. Vier Trojaner waren in ihrem Zuge, darunter auch der muntere Julus. Endlich schloß sich der schönste von allen, Äneas, mit seinen vertrautesten Helden ebenfalls der Begleitung an.

Als die Gesellschaft das Gebirg erreicht hatte, zerstreute sie sich bald auf der unwegsamen Wildbahn; von den Felsenkuppen sah man bald Gemsen über die Hügel her stürzen; auf der andere Seite verließen Hirsche in stäubender Flucht ihre Berge, drängten sich in bange Haufen zusammen und durchrannten die offenen Felder. Mitten im Tale tummelte der Knabe Julus sein mutiges Pferd und flog damit bald an diesen, bald an jenen Jägern vorüber; das schüchterne Wild war ihm viel zu gering, immer hoffte er, es werde ein schäumender Eber angelaufen kommen oder ein Löwe mit gelber Mähne hinter dem Hügel hervorschreiten.

Die Jäger waren so ganz in ihre Lust vertieft, daß sie nicht merkten, wie der Himmel sich zu verdunkeln begann, und das drohende Ungewitter, das sich in den Wolken zusammenzog, erst entdeckten, als der Wind durch die Bäume sauste und plötzlich Regen und Hagel herniederströmte. Tyrier und Trojaner suchten, zerstreut und verirrt, durch Felder und Wälder sich verschiedenen Schutz vor dem Unwetter. Während nun angeschwollene Waldströme von den Bergen stürzten und ein Zufluchtsort vom andern vereinzelt und abgeschnitten wurde, fanden sich durch Junos Veranstaltung die Königin Dido und der Trojanerheld Äneas zugleich in der nämlichen Grotte zusammen, um vor dem immer tobenderen Ungewitter Schutz zu finden. Mit dem Aufruhre der Natur, beim Leuchten der Blitze und dem Krachen des Donners entfesselte sich auch die bisher zurückgehaltene Neigung der Königin; sie vergaß aller weiblichen Scheu und gestand dem Helden ihre glühende Liebe. Da schwanden dem betörten Äneas die göttlichen Verheißungen, er erwiderte ihre Zärtlichkeiten und versiegelte mit einem leichtsinnigen Schwur die Ausbrüche ihrer Leidenschaft.

Die Argonauten im Lande der Dolionen



Die Argonauten im Lande der Dolionen

Thrakische Winde trieben hier das Schiff in die Nähe der phrygischen Küste, wo auf dem Eilande Kyzikos die erdgeborenen Riesen in ungezähmter Wildheit und die friedlichen Dolionen nebeneinander wohnten. Jenen hingen sechs Arme vom Leibe herunter, zwei an den mächtigen Schultern und vier an den beiden Seiten. Die Dolionen stammten vom Meeresgotte ab, der sie auch gegen jene Ungeheuer schirmte. Ihr König war der fromme Kyzikos. Dieser und sein ganzes Volk, als sie von der Ankunft des Schiffes und dem Geschlechte der Männer gehört, gingen den Argonauten liebreich entgegen, empfingen sie gastfreundlich und überredeten sie, noch weiter zu rudern und das Schiff im Hafen der Stadt vor Anker zu legen. Der König hatte längst einen Orakelspruch erhalten: Wenn die göttliche Schar der Heroen käme, so sollte er sie liebreich aufnehmen und ja nicht bekriegen. Er versah sie deswegen reichlich mit Wein und Schlachtvieh. Er selbst war noch ganz jung, und kaum erst war ihm der Bart gewachsen. Im Königshause wartete sein die junge Gattin, die er eben erst aus ihres Vaters Hause heimgeführt hatte; dennoch verließ er sie, um, dem Götterspruche folgsam, das Mahl mit den Fremden zu teilen. Hier erzählten sie ihm von dem Ziel und Zweck ihrer Fahrt, und er unterrichtete sie über den Weg, den sie zu nehmen hätten. Am andern Morgen bestiegen sie einen hohen Berg, um selbst die Lage der Insel und das Meer zu überschauen. Inzwischen waren von der andern Seite des Eilands die Riesen hervorgebrochen und hatten den Hafen mit Felsblöcken gesperrt. In diesem lag das Schiff Argo, von Herakles, der auch diesmal nicht an das Land gestiegen war, bewacht. Als dieser die Ungeheuer das boshafte Werk unternehmen sah, schoß er ihrer viele mit seinen Pfeilen zu Tode. Zu gleicher Zeit kamen auch die übrigen Helden zurück und richteten mit Pfeilen und Speeren unter den Riesen eine furchtbare Niederlage an, so daß sie in dem engen Hafen wie ein umgehauener Wald dalagen, die einen mit Kopf und Brust im Wasser, mit den Füßen auf dem Ufersande, die andern mit den Füßen im Meere, mit Kopf und Brust am Ufer; beide Fischen und Vögeln zur Beute bestimmt. Nachdem die Helden diesen glücklichen Kampf bestanden hatten, lösten sie unter günstigem Winde die Ankertaue und segelten hinaus in die offene See. Aber in der Nacht legte sich der Wind; bald erhob sich ein Sturm von der entgegengesetzten Seite, und so wurden sie genötigt, noch einmal am gastlichen Lande der Dolionen vor Anker zu gehen, ohne daß sie es wußten; denn sie glaubten sich an der phrygischen Küste. Ebensowenig erkannten die Dolionen, die bei dem Geräusche der Landung sich aus ihrer nächtlichen Ruhe erhoben hatten, die Freunde wieder, mit denen sie gestern so fröhlich gezecht hatten. Sie griffen zu den Waffen, und eine unglückselige Schlacht entspann sich zwischen Gastfreunden. Iason selbst stieß dem gütigen Könige Kyzikos den Speer mitten in die Brust, ohne ihn zu kennen und von ihm gekannt zu sein. Die Dolionen wurden endlich in die Flucht geschlagen und schlossen sich in die Mauern ihrer Stadt ein. Am andern Morgen wurde beiden der Irrtum offenbar.

Bitterer Schmerz ergriff den Argonautenführer Iason mit allen seinen Helden, als sie den guten Dolionenkönig in seinem Blute liegen sahen. Drei Tage lang trauerten in friedlicher Vermischung die Helden und die Dolionen, rauften sich die Haare und stellten den Gebliebenen zu Ehren gemeinschaftlich Trauerkampfspiele an; dann schifften die fremden Helden weiter, Klite aber, die Gemahlin des gefallenen Dolionenköniges, erdrosselte sich mit dem Stricke; sie hatte den Tod ihres Gatten nicht überleben wollen.

Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea



Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea

Inzwischen hatten Aietes und alle Kolcher Medeas Liebe, Taten und Flucht erfahren. Sie traten bewaffnet auf dem Markte zusammen, und bald sah man sie mit lautem Schalle das Ufer des Flusses hinabziehen: Aietes fuhr auf einem festgezimmerten Wagen, mit den Pferden, die ihm der Sonnengott verliehen; in der Linken trug er einen runden Schild, in der Rechten eine lange Pechfackel; an seiner Seite lehnte die gewaltige Lanze. Die Zügel der Rosse handhabte sein Sohn Absyrtos. Als sie aber an der Mündung des Flusses angekommen waren, da fuhr das Schiff, von den unermüdlichen Ruderern getrieben, schon weit auf der hohen See. Fackel und Schild entsank dem König; er hub die Hände gen Himmel, rief Zeus und den Sonnengott zu Zeugen der Übeltaten und erklärte grimmig seinen Untertanen: wenn sie ihm die Tochter nicht, zu Wasser oder zu Land ergriffen, herbeiführen würden, so daß er, seines Herzens Gelüste folgend, Rache üben könnte, so sollten sie es alle mit ihren Häuptern büßen. Die erschrockenen Kolcher zogen noch an demselben Tage ihre Schiffe in die See, spannten die Segel aus und fuhren hinaus ins Meer; ihre Flotte, welche des Königes Sohn Absyrtos befehligte, glich einer unabsehbaren Vogelschar, welche die Luft verdunkelnd über die See dahinschwirrt.

In die Segel der Argonauten blies der günstigste Wind; schon mit der dritten Morgenröte banden sie das Schiff beim Flusse Halys am Ufer der Paphlagonen an. Hier brachten sie auf Medeas Geheiß der Göttin Hekate, die sie gerettet hatte, ein Opfer. Da fiel ihrem Führer und auch andern Helden bei, daß der alte Wahrsager Phineus ihnen zur Rückfahrt auf einem neuen Wege geraten hatte; der Gegenden aber war keiner kundig. Nun belehrte sie Argos, der Sohn des Phrixos, der es aus Priesterschriften wußte, daß sie nach dem Isterflusse steuern sollten, dessen Quellen fern in den Rhipäischen Bergen murmeln und der das Füllhorn seiner Wasser zur Hälfte ins Ionische, zur andern Hälfte ins Sizilische Meer ergießt. Als Argos dies geraten, erschien die breite Himmelsfurche eines Regenbogens in der Richtung, in welcher sie fahren sollten, und der günstige Wind ließ nicht ab zu wehen und das Himmelszeichen hörte nicht auf zu leuchten, bis sie glücklich an die ionische Mündung des Flusses Ister gelangt waren.

Die Kolcher ließen aber mit ihrer Verfolgung nicht nach und kamen, schneller segelnd, mit ihren leichten Schiffen noch vor den Helden an der Mündung des Isters an. Hier legten sie sich, an verschiedenen Buchten und Inseln des Ausflusses verteilt, in den Hinterhalt und verstellten den Helden, als diese sich in der Mündung des Stromes vor Anker gelegt, den Ausweg. Die Argonauten, die Menge der Kolcher fürchtend, landeten und warfen sich auf eine Insel des Flusses; die Kolcher folgten, und ein Treffen bereitete sich vor. Da traten die bedrängten Griechen in Unterhandlung, und von beiden Teilen wurde verabredet, daß jedenfalls die Griechen das Goldne Vlies, das der König dem Helden Iason für seine Arbeit versprochen hatte, davontragen sollten; die Königstochter Medea aber sollten sie auf einer zweiten Insel, im Tempel der Artemis, aussetzen, bis ein gerechter Nachbarkönig als Schiedsrichter entschieden hätte, ob sie zu ihrem Vater zurückkehren oder ob sie den Helden nach Griechenland folgen sollte. Bittere Sorgen bemächtigten sich der Jungfrau, als sie solches hörte; sie führte sogleich ihren Geliebten seitwärts an einen Ort, wo keiner seiner Genossen sie hören konnte; dann sprach sie unter Tränen: »Iason, was habt ihr über mich beschlossen? Hat das Glück alles bei dir in Vergessenheit gesenkt, was du mir mit heiligem Eide in der Not versprochen? In dieser Hoffnung habe ich Leichtsinnige, Ehrvergessene Vaterland, Haus und Eltern verlassen, was mein Höchstes war. Für deine Rettung treibe ich auf dem Meere mit dir um; meine Vermessenheit hat dir das Goldne Vlies verschafft; für dich habe ich Schmach auf den Frauennamen geladen, deswegen folge ich dir als dein Mädchen, als dein Weib, als deine Schwester ins griechische Land. Und darum beschirme mich auch, laß mich nicht allein hier, überlaß mich nicht den Königen zum Urteil. Wenn mich jener Richter meinem Vater zuspricht, so bin ich verloren; wie wäre dir dann deine Rückkehr angenehm? Wie könnte des Zeus Gemahlin, Hera, dieses billigen, sie, deren du dich rühmest? Ja, wenn du mich verlässest, so wirst du einst, in Elend versunken, mein gedenken. Wie ein Traum soll dir das Goldne Vlies in den Hades entschwinden! Aus dem Vaterlande sollen dich meine Rachegeister treiben, wie ich durch deine Verkehrtheit aus meinem Vaterlande getrieben worden bin!« So sprach sie in wilder Leidenschaft und gedachte Feuer in das Schiff zu legen, alles zu verbrennen und sich selbst hineinzustürzen. Bei ihrem Anblicke ward Iason scheu, das Gewissen schlug ihm, und er sprach mit begütigenden Worten: »Fasse dich, Gute! Mir selbst ist jener Vertrag nicht Ernst! Suchen wir ja nur einen Aufschub der Schlacht, weil eine ganze Wolke von Feinden uns umringt, um deinetwillen. Denn alles, was hier wohnt, ist den Kolchern befreundet und will deinem Bruder Absyrtos helfen, daß er dich als Gefangene dem Vater zurückbringe. Wir alle aber, wenn wir jetzt den Kampf beginnen, werden elendiglich umkommen, und deine Lage wird noch hoffnungsloser, wenn wir gestorben sind und dich den Feinden als Beute zurücklassen. Vielmehr soll jener Vertrag nur ein Hinterhalt sein, der den Absyrtos ins Verderben stürzt; denn wenn ihr Führer tot ist, so werden den Kolchern die Nachbarn keine Hilfe mehr leisten wollen.« So sprach er schmeichelnd, und Medea gab ihm den gräßlichen Rat: »Höre mich. Ich habe einmal gesündigt und, vom Verhängnis verblendet, Übles getan. Rückwärts kann ich nicht mehr, so muß ich vorwärtsschreiten im Frevel. Wehre du im Treffen die Lanzen der Kolcher ab; ich will den Bruder betören, daß er sich in deine Hände gibt. Du empfange ihn mit einem glänzenden Mahle; kann ich dann die Herolde überreden, daß sie ihn zum Zwiegespräch allein mit mir lassen: alsdann – ich kann nicht widerstehen – magst du ihn töten und die Schlacht den Kolchern liefern.« Auf diese Weise legten die beiden dem Absyrtos einen schweren Hinterhalt. Sie sandten ihm viele Gastgeschenke, darunter ein herrliches Purpurkleid, das die Königin von Lemnos dem Iason gegeben hatte, welches einst die Huldgöttinnen selbst dem Gotte Dionysos gefertiget und das mit himmlischem Dufte getränkt war, seit der nektartrunkene Gott darauf geschlummert hatte. Den Herolden redete die schlaue Jungfrau zu, Absyrtos sollte im Dunkel der Nacht auf die andere Insel zum Artemistempel kommen; dort wollten sie eine List ausdenken, wie er das Goldne Vlies wiederbekäme und es dem Könige, ihrem Vater, zurückbringen könnte; denn sie selbst, so heuchelte sie, sei von den Söhnen des Phrixos mit Gewalt den Fremdlingen überliefert worden. Nachdem sie so die Friedensboten betört hatte, spritzte sie von ihren Zauberölen in den Wind, so viel, daß ihr Duft auch das wildeste Tier vom höchsten Berge herabzulocken kräftig gewesen wäre. Es geschah, wie sie gewünscht hatte. Absyrtos, durch die feierlichsten Versprechungen betrogen, schiffte in dunkler Nacht nach der heiligen Insel hinüber. Dort allein mit der Schwester zusammengekommen, versuchte er das Gemüt der Verschlagenen, ob sie wirklich eine List gegen die Fremdlinge hegte; aber es war, als wenn ein schwacher Knabe durch einen angeschwollenen Bergstrom waten wollte, über den kein kräftiger Mann ungestraft setzen kann. Denn als sie mitten im Gespräch waren und die Schwester ihm alles zusagte, da stürzte plötzlich Iason aus dem verborgenen Hinterhalte hervor, das bloße Schwert in der Hand. Die Jungfrau aber wandte ihre Augen ab und bedeckte sich mit dem Schleier, um den Mord ihres Bruders nicht mit ansehen zu müssen. Wie ein Opfertier stürzte der Königssohn unter den Streichen Iasons und bespritzte Gewand und Schleier der abgekehrten Medea mit seinem Bruderblut. Aber die Rachegöttin, die nichts übersieht, schaute aus ihrem Verstecke mit finsterem Auge die gräßliche Tat, die hier begangen ward. Nachdem Iason sich von dem Morde gereinigt und den Leichnam begraben hatte, gab Medea den Argonauten mit einer Fackel das verabredete Zeichen. Diese legten ihr Fahrzeug neben das Schiff, auf dem Absyrtos zur Artemisinsel gekommen war, und fielen, wie Habichte über Taubenscharen oder Löwen über Schafherden, über die ihres Führers beraubten Begleiter des Absyrtos her. Keiner entging dem Tode. Iason, der den Seinigen zu Hilfe kommen wollte, erschien zu spät, denn schon war der Sieg entschieden.

Die Argonauten zu Lemnos



Die Argonauten zu Lemnos

Auf dieser Insel hatten das Jahr zuvor die Weiber alle ihre Männer, ja das ganze männliche Geschlecht, vom Zorn Aphroditens verfolgt und von Eifersucht getrieben, weil jene sich Nebenweiber aus Thrakien geholt hatten, ausgerottet. Nur Hypsipyle hatte ihren Vater, den König Thoas, verschont und in einer Kiste dem Meere zur Rettung übergeben. Seitdem fürchteten sie unaufhörlich einen Angriff von seiten der Thrakier, der Verwandten ihrer Nebenbuhlerinnen, und blickten oft mit ängstlichen Augen nach der hohen See hinaus. Auch jetzt, wo sie das Schiff Argo heranrudern sahen, stürzten sie alle miteinander aufgeschreckt aus den Toren und strömten, mit Waffen angetan, wie Amazonen ans Ufer. Die Helden verwunderten sich höchlich, als sie das ganze Gestade voll von bewaffneten Weibern und keinen Mann erblickten. Sie fertigten in einem Nachen einen Herold mit dem Friedensstabe an die seltsame Versammlung ab, der von den Frauen vor die unvermählte Königin Hypsipyle gebracht wurde und in bescheidenen Worten die Bitte der Argoschiffer um gastliche Rast vorbrachte. Die Königin versammelte ihr Frauenvolk auf dem Marktplatze der Stadt; sie selbst setzte sich auf den steinernen Thron ihres Vaters; ihr zunächst lagerte sich, auf einen Stab gestützt, die greise Amme; dieser zur Rechten und zur Linken saßen je zwei blondhaarige, zarte Jungfrauen. Nachdem sie der Versammlung das friedliche Ansinnen der Argonauten vorgelegt, sprach sie aufgerichtet: »Liebe Schwestern, wir haben eine große Freveltat begangen und in der Torheit uns männerlos gemacht; wir sollten gute Freunde, wenn sie sich uns darbieten, nicht zurückstoßen. Aber wir müssen auch dafür sorgen, daß sie nichts von unserer Untat erfahren. Darum ist mein Rat, den Fremden Speise, Wein und alle Notdurft in ihr Schiff tragen zu lassen und durch solche Bereitwilligkeit sie ferne von unsern Mauer zu halten.«

Die Königin hatte sich wieder niedergesetzt und dagegen die alte Amme sich erhoben. Mit Mühe richtete sie ihren Kopf aus den Schultern auf und sprach: »Sendet immerhin den Fremdlingen Geschenke: dies ist wohlgetan. Denket aber auch daran, was euch bevorsteht, wenn die Thrakier kommen. Und wenn ein gnädiger Gott diese fernehält, seid ihr darum vor allem Übel sicher? Zwar die alten Weiber, wie ich, können ruhig sein; wir werden sterben, ehe die Not dringend wird, ehe alle unsere Vorräte zu Ende sind. Ihr Jüngeren aber, wie wollet ihr alsdann leben? Werden sich die Ochsen für euch von selbst ins Joch spannen und den Pflug durchs Ackerfeld ziehen? Werden sie an eurer Statt, wenn das Jahr herum ist, die reifen Ähren abschneiden? Denn ihr selbst werdet diese und andere harte Arbeiten nicht verrichten wollen. Ich rate euch, weiset den erwünschen Schutz nicht ab, der sich euch darbietet; vertrauet Gut und Habe den edelgeborenen Fremdlingen an und laßt sie eure schöne Stadt verwalten!« Dieser Rat gefiel allen Weibern von Lemnos wohl. Die Königin schickte eine der beisitzenden Jungfrauen mit dem Herold auf das Schiff, um den Argonauten den günstigen Beschluß der Frauenversammlung kundzutun. Die Helden waren über die Nachricht hocherfreut, sie glaubten nicht anders, als Hypsipyle sei ihrem Vater nach dessen Tode in friedlicher Übernahme der Herrschaft gefolgt. Iason warf den purpurnen Mantel, ein Geschenk der Athene, über seine Schultern und wandelte der Stadt zu, einem schimmernden Sterne ähnlich. Als er in die Tore einzog, strömten ihm die Frauen mit lautem Gruße nach und erfreuten sich des Gastes. Er aber heftete mit sittsamer Scheu die Augen auf den Boden und eilte dem Palaste der Königin zu. Dienende Mägde taten die hohen Pforten weit vor ihm auf, die Jungfrau führte ihn in das Gemach ihrer Herrin. Hier nahm er dieser gegenüber auf einem prachtvollen Stuhle Platz. Hypsipyle schlug die Augen nieder, und ihre jungfräulichen Wangen röteten sich. Verschämt wandte sie sich an ihn mit den schmeichelnden Worten: »Fremdling, warum weilet ihr so scheu außerhalb unserer Tore? Diese Stadt wird ja nicht von Männern bewohnt, daß ihr euch zu fürchten hättet. Unsere Gatten sind uns treulos geworden; sie sind mit thrakischen Weibern, die sie im Kriege erbeutet, in das Land ihrer Nebenweiber gezogen und haben ihre Söhne und männlichen Diener mit sich genommen; wir aber sind hilflos zurückgeblieben. Darum, wenn es euch gefällt, kehret hier, bei unsrem Volke, ein, und magst du, sollst du an meines Vaters Thoas Statt die Deinigen und uns beherrschen. Du wirst das Land nicht tadeln, es ist bei weitem die fruchtbarste Insel in diesem Meere. Geh daher, guter Führer, melde deinen Genossen unsern Vorschlag und bleibet nicht länger außerhalb der Stadt.« So sprach sie und verhehlte nur die Ermordung der Männer. Ihr erwiderte Iason: »Königin, die Hilfe, die du uns Hilfsbedürftigen anbietest, nehmen wir mit dankbarem Herzen an; wenn ich meinen Genossen die Nachricht zurückgebracht habe, will ich in eure Stadt zurückkehren, aber den Zepter und die Insel behalte du selbst! Nicht als ob ich sie verachte; aber mich erwarten schwere Kämpfe im fernen Lande.« Iason reichte der königlichen Jungfrau die Hand zum Abschiedsgruße, dann eilte er zurück ans Ufer. Bald kamen auch die Frauen auf schnellen Wagen nach, mit vielen Gastgeschenken. Ohne Mühe überredeten sie die Helden, die ihres Führers Botschaft schon vernommen hatten, die Stadt zu betreten und in ihren Häusern einzukehren. Iason nahm seine Wohnung in der Königsburg selbst, die andern da und dort; nur Herakles, der Feind weibischen Lebens, blieb mit wenigen auserlesenen Genossen zurück auf dem Schiffe. Jetzt füllten fröhliche Mahlzeiten und Tänze die Stadt; duftiger Opferdampf stieg zum Himmel; Einwohnerinnen und Gäste ehrten den Schutzgott der Insel, Hephaistos, und Aphrodite, seine Gemahlin. Von Tag zu Tag wurde die Abfahrt verschoben; und noch lange hätten die Helden bei den freundlichen Wirtinnen verweilt, wenn nicht Herakles vom Schiffe herbeigekommen wäre und die Genossen, ohne der Weiber Wissen, um sich versammelt hätte. »Ihr Elenden«, schalt er, »hattet ihr nicht genug Frauen im eigenen Lande? Seid ihr der Hochzeit bedürftig hierhergekommen? Wollt ihr als Bauern zu Lemnos das Feld pflügen? Freilich! ein Gott wird für uns das Vlies holen und es uns zu Füßen legen! Lieber lasset uns jeden in seine Heimat zurückkehren; jener mag sich mit Hypsipyle vermählen, die Insel Lemnos mit seinen Söhnen bevölkern und von fremden Heldentaten hören!«

Keiner wagte gegen den Helden, der so sprach die Augen aufzuheben oder ihm zu widersprechen. Von der Versammlung weg rüsteten sie sich zur Abfahrt. Aber die Lemnierinnen, ihre Absicht erratend, umschwärmten sie wie summende Bienen mit Klagen und Bitten. Doch ergaben sie sich zuletzt in den Entschluß der Helden. Hypsipyle trat mit tränenden Augen aus der Schar hervor, nahm Iason bei der Hand und sprach: »Geh, und mögen dir die Götter samt deinen Genossen, wie du es wünschest, das Goldene Vlies verleihen! Wenn du je zu uns zurückkehren willst, so erwartet dich diese Insel und das Zepter meines Vaters. Aber ich weiß es wohl, du hast diese Absicht nicht. So gedenke denn wenigstens meiner in der Ferne!« Iason schied mit Bewunderung von der edlen Königin und bestieg zuerst das Schiff, nach ihm die andern Helden alle. Sie lösten die Taue, mit welchen das Fahrzeug ans Land gebunden war, die Ruderer setzten sich in Bewegung, und in kurzer Zeit hatten sie den Hellespont hinter sich.

Die Dioskuren



Die Dioskuren

Leda, die Mutter der schönen Helena, hatte zwei Söhne, Kastor und Polydeukes. Jener war der Sohn des Königs Tyndareus von Sparta, aber Zeus selbst galt für den Vater des Polydeukes; daher war letzterer unsterblich, Kastor dagegen sterblich. Da aber die Zwillingsbrüder, am schroffen Meeresabhang des wilden Taygetosgebirges geboren, einander an Gestalt und Gemüt völlig glichen und sich so herzlich liebten, nannte man sie auch beide Tyndariden nach Kastors Vater oder Dioskuren, das heißt Zeussöhne. Sie waren ihr ganzes Leben hindurch, ja auch im Tode unzertrennlich und unternahmen ihre mancherlei kühnen Heldenstücke immer gemeinsam. Von Schönheit und Anmut strahlend, zu Frohsinn und hilfreicher Güte geneigt, wuchsen sie zu herrlichen Jünglingen heran; Kastor war vor allem erfahren in der Kunst, unbändige Rosse zu lenken, Polydeukes aber wurde der berühmteste Faustkämpfer. Schon in früher Jugend hatten sie Gelegenheit, ihren unwiderstehlichen Heldenmut zu bewähren, als Theseus ihre geliebte Schwester Helena entführt hatte. Auf ihren windschnellen Rossen, die die Götter ihnen geschenkt hatten, jagten sie dem kühnen Räuber nach und befreiten die Schwester aus der festen Burg Aphidnai, wo sie gefangen saß. Später beteiligten sich die Zwillinge an der Jagd des Kalydonischen Ebers und vor allem an der Argonautenfahrt, wo Polydeukes den berühmten Faustkampf mit dem riesigen Bebrykenkönig Amykos bestand. Durch diese und viele andere Heldentaten erwarben sich die Dioskuren unsterblichen Ruhm, so daß der große Herakles sie zu Leitern der von ihm erneuerten Olympischen Spiele erkor.

In Messenien herrschte damals der König Aphareus, ein Schwager des Tyndareus, welcher ebenfalls zwei gewaltige Heldensöhne hatte, den Lynkeus und den Idas. Lynkeus, das heißt Luchsauge, führte seinen Namen mit Recht, denn seine Augen konnten durch einen Baumstamm, ja selbst durch den Erdboden hindurchschauen. Sein Bruder Idas war von ungeheurer Körperkraft und so verwegenem Mute, daß er es einst sogar mit dem erhabenen Apollon aufnahm. Die Tochter des Flußgottes Euenos, die schöne Marpessa, ward nämlich von Apollon geliebt und in seinem Tempel eingeschlossen. Aber Idas, der ebenfalls von heftiger Liebe zu der Jungfrau ergriffen war, brach in das Heiligtum ein und raubte die Geliebte. Als nun der erzürnte Gott ihm drohend entgegentrat, spannte Idas unerschrocken den Bogen gegen ihn, und es wäre zum Kampfe gekommen, wenn nicht Zeus selbst dem Streite ein Ende gemacht hätte, indem er der Marpessa freie Wahl zwischen dem göttlichen und dem sterblichen Freier ließ. Da wählte sie den Idas, der sie freudig heimführte; doch ein hartes Geschick raffte die blühende Gattin bald dahin.

Mit den beiden Aphariden Lynkeus und Idas waren die Dioskuren anfangs innig befreundet; zuletzt aber wurden die Freunde zu Todfeinden, und das ging so zu: Die zwei Brüderpaare zogen einstmals auf Beute aus. In Arkadien raubten sie eine herrliche Rinderherde, die sie untereinander zu teilen beschlossen; dem Idas übertrugen die drei andern das Amt der Teilung. Da zerlegte dieser einen Stier aus der Beute in vier Stücke und bestimmte, daß der, welcher seinen Teil zuerst verzehrt haben würde, die Hälfte des Raubes, der zweite das übrige haben sollte. Nun begann der seltsame Wettstreit. Aber kaum hatten die andern sich ans Essen gemacht, da war Idas mit seinem Teil schon fertig und half nun auch dem Bruder, sein Stück zu verspeisen. So hatten die Aphariden die Wette gewonnen und führten die ganze Beute lachend hinweg, während die Dioskuren leer ausgingen. Aus Zorn hierüber brachen nun diese in Messenien ein, entführten die schönen Töchter des Leukippos, Phöbe und Hilaeira, welche die Bräute der Aphariden waren, und vermählten sich mit ihnen. Dann brachten sie ihren Raub in Sicherheit und versteckten sich in einem hohlen Eichbaum; aus diesem Hinterhalt lauerten sie den Aphariden auf, um sie zu überfallen; denn sie wußten wohl, daß diese ihren Schimpf nicht ruhig ertragen, sondern sie verfolgen würden. Lynkeus aber eilte schnellen Fußes zum Taygetos und stieg auf den höchsten Gipfel; von da durchspähte er die ganze Insel des Pelops bis an die Küsten des blauen Meeres, und bald erblickte er mit den gewaltigen Augen die beiden im hohlen Stamme versteckt, Kastor den Rossebezwinger und den preiswerten Helden Polydeukes, und zeigte sie seinem Bruder Idas. Rasch schlichen sie nun herzu, und ehe die Dioskuren sie gewahr wurden, schleuderte Idas den schweren Wurfspeer und durchbohrte Kastors Brust, daß er zu Boden sank. Polydeukes sah den blutenden Bruder zu seinen Füßen; da sprang er wütend hervor, um mit beiden Feinden zugleich zu kämpfen. Seinem Andrang vermochten sie nicht zu widerstehen, in wilder Flucht rannten sie dahin, bis an das Grab ihres Vaters Aphareus. Dort hob der starke Idas den Stein vom Grabhügel und schmetterte ihn gegen des Verfolgers Brust. Aber wie ein Fels im Meere stand Polydeukes, unerschüttert von der Wucht des anprallenden Marmors. Nun stürmte er auf Lynkeus ein und schleuderte ihm die Lanze tief in die Weichen, daß dieser sterbend zu Boden stürzte. Ein furchtbarer Kampf begann zwischen Polydeukes und Idas; jeder brannte vor Begierde, seinen toten Bruder zu rächen. Da blickte Zeus hernieder und nahm sich seines lieben Sohnes an. Eben war Idas im Begriff, einen riesigen Feldstein dem Gegner ans Haupt zu werfen, da entsandte der Donnerer einen feurigen Blitzstrahl, und von der himmlischen Flamme verzehrt, endete der letzte Apharide.

Einen dankbaren Blick nur schickte Polydeukes zum Vater empor, dann eilte er zu seinem sterbenden Bruder zurück. Noch war dieser nicht tot, aber schwer röchelte die wunde Brust im Todeskampfe. Da stürzte Polydeukes laut weinend an der Seite des heißgeliebten Bruders nieder und rief mit gewaltiger Stimme: »O Vater Zeus, wie soll mein Jammer enden? O laß mich sterben mit diesem zusammen, Herr! Ehre und Freude ist dem Manne verloren, der seines liebsten Freundes beraubt ward.« Da schwebte der Götterkönig zu ihm herab und sprach: »Du bist unsterblich, denn du bist mein Sohn. Dieser aber entstammt einem sterblichen Vater. Wohlan denn! Frei stell ich dir selber die Wahl: Willst du, dem Tod und dem verhaßten Alter entflohen, im Olymp bei den seligen Göttern, selbst ein Gott, in Ewigkeit wohnen, doch ohne Kastor: es sei dir gewährt; oder willst du alles mit dem lieben Bruder teilen, so magst du mit ihm zugleich die Hälfte der Zeit in der finstern Unterwelt, die andere Hälfte im goldenen Himmelssaal weilen.« Also sprach der Gott, und jenem war das Herz nicht einen Augenblick von schwankendem Zweifel bedrückt; freudig und ohne Zaudern wählte er das gemeinsame Schicksal mit dem Bruder. Da erschloß Zeus dem Kastor Auge und Zunge. Und so bringen die Zwillinge, unzertrennlich wie im irdischen Leben, einen Tag beim Vater Zeus und den übrigen Göttern, den andern im dunkeln Hades gemeinsam zu. Die Menschen aber beten zu ihnen in allen Nöten des Lebens, denn sie verehren die Dioskuren als gnädige Helfer in Gefahr. Im Getümmel der Schlacht erscheinen die Brüder als leuchtende Sterne dem bedrängten Helden und führen ihn zum Sieg; auf tobender See, in Sturm und Wetter schweben sie auf goldenen Flügeln herab, den verzweifelnden Schiffbrüchigen zu helfen. Sankt-Elms-Feuer nennt jetzt der Seemann die wundersame heilkündende Lohe, welche in der Finsternis des Unwetters an Masten, Segeln und Tauen plötzlich aufleuchtet und in der der Grieche die hilfreichen Zwillinge herniedersteigen sah.

Die drei ersten Arbeiten des Herakles



Die drei ersten Arbeiten des Herakles

Die erste Arbeit, welche dieser König ihm auferlegte, bestand darin, daß Herakles ihm das Fell des Nemeischen Löwen herbeibringen sollte. Dieses Ungeheuer hauste auf dem Peloponnes, in den Wäldern zwischen Kleonai und Nemea in der Landschaft Argolis. Der Löwe konnte mit keinen menschlichen Waffen verwundet werden. Die einen sagten, er sei ein Sohn des Riesen Typhon und der Schlange Echidna, die andern, er sei vom Mond auf die Erde herabgefallen. Also zog Herakles gegen den Löwen aus, den Köcher auf dem Rücken, den Bogen in der einen Hand, in der andern eine Keule aus dem Stamme eines wilden Ölbaumes, den er selbst auf dem Helikon angetroffen und mitsamt den Wurzeln ausgerissen hatte. Als er in den Wald von Nemea kam, ließ Herakles seine Augen nach allen Seiten schweifen, um das reißende Tier zu entdecken, ehe er von ihm erblickt würde. Es war Mittag, und nirgends konnte er die Spur des Löwen bemerken, nirgends den Pfad zu seinem Lager erkunden; denn keinen Menschen traf er auf dem Felde bei den Stieren oder im Walde bei den Bäumen an: alle hielt die Furcht in ihre fernen Gehöfte verschlossen. Den ganzen Nachmittag durchstreifte er den dichtbelaubten Hain, entschlossen, seine Kraft zu erproben, sobald er des Ungeheuers ansichtig würde. Endlich gegen Abend kam der Löwe auf einem Waldwege gelaufen, um vom Fang in seinen Erdspalt zurückzukehren: er war von Fleisch und Blut gesättigt, Kopf, Mähne und Brust troffen von Mord, mit der Zunge leckte er sich das Kinn. Der Held, der ihn von ferne kommen sah, rettete sich in einen dichten Waldbusch, wartete, bis der Löwe näher kam, und schoß ihm dann einen Pfeil in die Flanken zwischen Rippen und Hüfte. Aber das Geschoß drang nicht ins Fleisch, es prallte wie von einem Steine ab und flog zurück auf den moosigen Waldboden. Das Tier hob seinen zur Erde gekehrten blutigen Kopf empor, ließ die Augen forschend nach allen Seiten rollen und im aufgesperrten Rachen die entsetzlichen Zähne sehen. So streckte es dem Halbgotte die Brust entgegen, und dieser sandte schnell einen zweiten Pfeil ab, um ihn mitten in den Sitz des Atems zu treffen; aber auch diesmal drang das Geschoß nicht bis unter die Haut, sondern prallte von der Brust ab und fiel zu den Füßen des Ungetüms nieder. Herakles griff eben zum dritten Pfeile, als der Löwe, die Augen seitwärts drehend, ihn erblickte; er zog seinen langen Schweif an sich bis zu den hinteren Kniekehlen, sein ganzer Nacken schwoll von Zorn auf, unter Murren sträubte sich seine Mähne, sein Rücken wurde krumm wie ein Bogen. Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung auf seinen Feind los. Herakles aber warf seine Pfeile aus der Hand und seine eigene Löwenhaut vom Rücken, mit der Rechten schwang er über dem Haupte des Tieres die Keule und versetzte ihm einen Schlag auf den Nacken, daß es mitten im Sprunge wieder zu Boden stürzte und auf zitternden Füßen zu stehen kam, mit dem Kopfe wackelnd. Eh es wieder aufatmen konnte, kam ihm Herakles zuvor; er warf auch noch Bogen und Köcher zu Boden, um ganz ungehindert zu sein, nahte dem Untier von hinten, schlang die Arme um seinen Nacken und schnürte ihm die Kehle zu, bis es erstickte und seine grauenvolle Seele zum Hades zurücksandte. Lange versuchte er vergebens, die Haut des Gefallenen abzuweiden; sie wich keinem Eisen, keinem Steine. Endlich kam ihm in den Sinn, sie mit den Klauen des Tiers selbst abzuziehen, was auch sogleich gelang. Später verfertigte er sich aus diesem herrlichen Löwenfell einen Panzer und aus dem Rachen einen neuen Helm; für jetzt aber nahm er Kleid und Waffen, in denen er gekommen war, wieder zu sich und machte sich, das Fell des Nemeischen Löwen über den Arm gehängt, auf den Rückweg nach Tiryns. Als der König Eurystheus ihn mit der Hülle des gräßlichen Tieres daherkommen sah, geriet er über die göttliche Kraft des Helden in solche Angst, daß er in einen ehernen Topf kroch. Auch ließ er forthin den Herakles nicht mehr unter seine Augen kommen, sondern ihm seine Befehle nur außerhalb der Mauern durch Kopreus, einen Sohn des Pelops, zufertigen.

Die zweite Arbeit des Helden war, die Hydra zu erlegen, die ebenfalls eine Tochter des Typhon und der Echidna war. Sie war zu Argolis, im Sumpfe von Lerna aufgewachsen und pflegte aufs Land herauszukommen, die Herden zu zerreißen und das Feld zu verwüsten; dabei war sie unmäßig groß, eine Schlange mit neun Häuptern, von denen acht sterblich, das in der Mitte stehende aber unsterblich war. Herakles ging auch diesem Kampfe mutig entgegen; er bestieg sofort einen Wagen; sein geliebter Neffe Iolaos, der Sohn seines Stiefbruders Iphikles, der lange Zeit sein unzertrennlicher Gefährte blieb, setzte sich als Rosselenker ihm an die Seite, und so ging es im Fluge Lerna zu. Endlich wurde die Hyder auf einem Hügel bei den Quellen der Amymone sichtbar, wo sich ihre Höhle befand. Hier ließ Iolaos die Pferde halten; Herakles sprang vom Wagen und zwang durch Schüsse mit brennenden Pfeilen die vielköpfige Schlange, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Die kam zischend hervor, und ihre neun Hälse schwankten emporgerichtet auf dem Leibe, wie die Äste eines Baumes im Sturm. Herakles ging unerschrocken ihr entgegen, packte sie kräftig und hielt sie fest. Sie aber umschlang einen seiner Füße, ohne sich auf weitere Gegenwehr einzulassen. Nun fing er an, mit seiner Keule ihr die Köpfe zu zerschmettern. Aber er konnte nicht zum Ziele kommen. War ein Haupt zerschlagen, so wuchsen deren zwei hervor. Zugleich kam der Hyder ein Riesenkrebs zu Hilfe, der den Helden empfindlich am Fuße faßte. Den tötete er jedoch mit seiner Keule und rief dann den Iolaos zu Hilfe. Dieser hatte schon eine Fackel gerüstet; er zündete damit einen Teil des nahen Waldes an, und mit den Bränden überfuhr er die neu wachsenden Häupter der Schlange bei ihrem ersten Emporkeimen und hinderte sie so, hervorzutreiben. Auf diese Weise wurde der Held der emporwachsenden Köpfe Meister und schlug nun der Hyder auch das unsterbliche Haupt ab; dieses begrub er am Wege und wälzte einen schweren Stein darüber. Den Rumpf der Hyder spaltete er in zwei Teile, seine Pfeile aber tauchte er in ihr Blut, das giftig war. Seitdem schlug des Helden Geschoß unheilbare Wunden.

Der dritte Auftrag des Eurystheus war, die Hirschkuh Kerynitis lebendig zu fangen; dies war ein herrliches Tier, hatte goldene Geweihe und eherne Füße und weidete auf einem Hügel Arkadiens. Sie war eine der fünf Hindinnen gewesen, an welchen die Göttin Artemis ihre erste Jagdprobe abgelegt hatte. Diese allein von den fünfen hatte sie wieder in die Wälder laufen lassen, weil es vom Schicksal beschlossen war, daß Herakles sich einmal daran müde jagen sollte. Ein ganzes Jahr verfolgte er sie, kam auf dieser Jagd zu den Hyperboreern und an die Quellen des Isterflusses und holte die Hindin endlich am Flusse Ladon, unweit der Stadt Önoe, am artemisischen Berge, ein. Doch wußte er des Tieres nicht auf andere Weise Meister zu werden, als daß er es durch einen Pfeilschuß lähmte und dann auf seinen Schultern durch Arkadien trug. Hier begegnete ihm die Göttin Artemis (Diana) mit Apoll, schalt ihn, daß er das Tier, das ihr geheiligt war, habe töten wollen, und machte Miene, ihm die Beute zu entreißen. »Nicht Mutwille hat mich bewogen, große Göttin«, sprach Herakles zu seiner Rechtfertigung, »die Notwendigkeit hat mich gezwungen, es zu tun; wie könnte ich sonst vor Eurystheus bestehen?« So besänftigte er den Zorn der Göttin und brachte das Tier lebendig nach Mykene.

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia



Fünftes Buch

Äneas – Zweiter Teil

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia

Äneas mußte das Ende Didos, das sein Leichtsinn herbeigeführt hatte, obgleich ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach Sizilien, wo er vom Könige Acestes, dessen Mutter eine Trojanerin war, gütig aufgenommen wurde und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr zuvor bei Drepanum begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die trojanischen Frauen, von der Botin Junos, Iris, angereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte, daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen rettete Jupiter durch einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein Vater Anchises im Traum und brachte ihm Jupiters Befehl, die älteren Weiber und unkriegerischen Greise in Sizilien zurückzulassen; er selbst solle mit dem Kern der Mannschaft nach Italien segeln.

Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirtes die Stadt Acesta in Sizilien und bevölkerte sie mit den Greisen und den alten Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen, Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Diesmal gewährte ihm Neptunus, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und blauesten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heitern Nacht sich unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische Gott des Schlafes hatte sich von den am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen des Äthers herabgesenkt und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas selbst dem wachsamen Steuermanne Palinurus, der auf dem hohen Verdeck am Steuer saß: »Sohn des Jasius«, sprach er leise zu ihm, »Siehest du nicht, wie das Meer die Flotte selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, endlich einmal auch ein Stündlein dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten Augen der steten Arbeit; komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!« Palinurus vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben und sprach: »Was sprichst du? Ich soll das tückische Element nicht kennen, wenn es Ruhe heuchelt, und ihm vertrauen? Ich, den so oft der Betrug des heitern Himmels hintergangen hat!« So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte ihm in einem Zweige ein paar Tropfen von Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich schlossen sich seine Augen. Dann zerbrach er die Planken am Steuer und gab dem Schlummernden einen Stoß, daß er mitsamt dem Ruder kopfüber in die Wellen stürzte. Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme Steuermann und rief umsonst, mit den Wellen ringend, die Hilfe seiner schlafenden Genossen an.

Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versprochenen Schutze des Meergottes, auch ohne Steuermann ihren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Äneas fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Kajeta. Damals hatte er diesen Namen noch nicht und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme des Helden, welche Kajeta hieß, nach der Landung hier starb und, ehe der Zug weiterging, an dem Orte feierlich beigesetzt wurde. Dann begab sich der Führer noch einmal mit seinen Genossen zu Schiffe und gelangte glücklich in den Hafen von Ostia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach der Tiberstrom, gelb von Sande, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesange den Ausfluß und durchschwebten den Hain.

Das italische Land, in welchem sich die trojanischen Auswanderer nun befanden, war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder beherrschte ein schon alternder König mit Namen Latinus, ein Sohn des Faunus und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor allen Turnus, der schönste aller Jünglinge, der Sohn des Rutulerköniges Daunus, und ihn begünstigte die Mutter Lavinias, die Königin Amata, vor allen andern. Aber schreckhafte Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen und dem Phöbus geweiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bienenschwarm, der mit lautem Gesumse durch die heitere Luft herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der ganze Schwarm wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter. Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach: »Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus einer Himmelsgegend nach einer andern Himmelsgegend, und sehe ihn zuoberst in dieser Burg herrschen!« Und wiederum geschah ein neues Zeichen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater am Altare stand und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen glühe und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Glut durch den ganzen Palast. Das wurde nun vollends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten: zwar Lavinia selbst – so lautete die Deutung der Seher – gehe einem herrlichen Geschick und großem Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte darüber das Orakel seines Vaters Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herrschaft der ganzen Welt bestimmt sei.

Am Tibergestade streckte sich der gelandete Äneas mit seinem Sohne Julus und den übrigen Trojanerfürsten unter einem hohen, schattigen Baume nieder und bereitete ein Mahl. In der Eile nahmen sie sich nicht einmal die Mühe, das Geräte aus den Schiffen herbeizuholen, sondern sie buken breite Weizenkuchen, die ihnen statt der Tische und Teller dienten und auf welchen sie die Speisen ausbreiteten. Als der kleine Vorrat, den sie mit zu Lande gebracht, verzehrt und ihr Hunger noch nicht gestillt war, ergriffen sie Teller und Tische von Weizenmehl und bissen rüstig ein. Da sagte der kleine Julus lachend: »Wir verzehren ja unsere eigenen Tische!« Dieser Scherz fiel allen mit schwerem, entscheidendem Gewicht ins Ohr. Freudig sprang Äneas vom Boden auf und rief. »Heil dir, du fremdes Land! Du bist’s, das mir vom Geschicke verheißene! Auf heitre Weise wird erfüllt, was uns die Harpyie Celäno als etwas Entsetzliches prophezeit hatte. Der Hunger werde uns an unbekannten Gestaden, so krächzte sie, nötigen, die eigenen Tische zu verzehren. Wohlan denn, es ist geschehen, der Spruch hat sich erfüllt, von dem auch mein Vater Anchises mir geweissagt hatte. ›Wenn dieses geschieht‹, sprach er, ›dann ist das Ende der Mühseligkeiten da, dann bauet Häuser!‹«

Jetzt erkundigten sich die Fremdlinge, welche das fruchtbare Land durchstreifend bald auf Wohnungen stießen, nach dem Volk und Könige des Landes, und schnell ward eine Gesandtschaft an Latinus, den König der Laurenter, beschlossen.

Der Tod des Paris



Der Tod des Paris

Als die Griechen das ersehnte Schiff, das den Philoktet mit den beiden Helden am Borde hatte, in den Hafen des Hellesponts einlaufen sahen, eilten sie scharenweise unter lautem Jubel an den Strand. Philoktet streckte die schwächlichen Hände hinaus und wurde von seinen beiden Begleitern ans Ufer gehoben, welche mühselig den Hinkenden in die Arme der harrenden Danaer führten. Diese jammerte seines Anblickes. Da sprang einer der Helden aus dem Haufen heraus, heftete einen forschenden Blick auf die Wunde, rief mit lauter Rührung seinen Vater Pöas bei Namen und versprach, ihn mit der Götter Hilfe schnell zu heilen. Laut jauchzten die Griechen auf, als sie seine Verheißung hörten. Es war Podaleirios der Arzt, ein alter Freund des Pöas. Schnell schaffte dieser die nötigen Heilmittel herbei; die Argiver aber wuschen und salbten den Körper des alten Helden. Die Unsterblichen gaben ihren Segen: das verzehrende Übel schwand ihm aus den Gliedern und aller Jammer aus der Seele. Der sieche Leib des Helden Philoktet blühte auf wie ein Ährenfeld, das, am Regen dahinwelkend, von sommerlichen Winden erquickt wird. Die Atriden selbst, die Häupter des Volkes staunten, als sie ihn so gleichsam vom Tode auferstehen sahen, und nachdem er sich an Trank und Speise gelabt, trat Agamemnon zu ihm, ergriff ihn bei der Hand und sprach mit sichtbarer Beschämung: »Lieber Freund! Es ist in der Betörung unseres Geistes, aber auch nach göttlicher Fügung geschehen; hege nicht länger Groll darüber im Herzen, die Götter haben uns genug dafür gestraft und diese Versuchung über uns verhängt, um uns ihren Zorn fühlen zu lassen. Für jetzt nimm die Geschenke freundlich auf, die wir dir bereitet haben: sieben trojanische Jungfrauen, zwanzig Rosse und zwölf Dreifüße. Daran labe dein Herz und nimm in meinem eigenen Zelte Platz. Beim Mahl und allenthalben soll dir königliche Ehre erwiesen werden.«

»Lieben Freunde«, erwiderte Philoktet gütig, »ich zürne nicht mehr, weder dir, Agamemnon, noch irgendeinem andern Danaer, sollte sich auch einer an mir vergangen haben. Weiß ich doch, daß der Sinn edler Männer beugsam ist und sich bald streng, bald nachgiebig zeigen muß. Doch jetzt laßt uns schlafen gehen, denn wer sich nach dem Kampfe sehnt, tut wohler daran, sich des Schlummers zu freuen als des Schmauses!« So sprach er und eilte ins Gezelte seiner Freunde, wo er bis an den Morgen behaglich der Ruhe pflegte.

Am andern Tage waren die Trojaner außerhalb der Mauer mit der Beerdigung ihrer Toten beschäftigt, als sie die Griechen schon wieder zum Streite heranrücken sahen. Polydamas, der weise Freund des gefallenen Hektor, riet ihnen, im Gefühl ihrer Schwäche sich hinter die Mauern zurückzuziehen und sich dort getrost zu verteidigen. »Troja«, sprach er, »ist das Werk der Götter, und ihre Werke sind nicht leicht zu zerstören; auch fehlt es uns weder an Speise noch an Getränk, und in den Hallen unseres reichen Königes Priamos liegen noch Vorräte genug, um dreimal soviel Volk zu sättigen, als wir sind.« Aber die Trojaner gehorchten seinem Rate nicht und jauchzten vielmehr dem Äneas Beifall, der sie zu rühmlichem Sieg oder Tod auf dem Schlachtfelde aufforderte. Bald stürmte der Kampf wieder in beider Heere Reihen. Neoptolemos erschlug zwölf Trojaner hintereinander mit dem Speere seines Vaters, aber auch Eurymenes, der Gefährte des kühnen Äneas, und Äneas selbst rissen blutige Lücken ins griechische Heer, und Paris tötete den Begleiter des Menelaos, den Demoleon aus Sparta. Dagegen rasete Philoktet unter den Trojanern wie der unbezwingliche Ares selber oder wie ein tosender Strom, der breite Fluren überschwemmt. Wenn ein Feind ihn nur von ferne erblickte, so war er verloren; schon des Herakles herrliche Rüstung, die er trug, schien die Troer zu verderben, als stünde das Medusenhaupt auf seinem Panzer. Zuletzt aber wagte es doch Paris und drang auf ihn ein, Bogen und Pfeile mutig in der Luft schwenkend. Auch schnellte er bald einen Pfeil ab; doch der schwirrte an Philoktet vorüber und verwundete seinen Nebenmann Kleodoros in die Schulter. Dieser wich, mit der Lanze fortkämpfend, zurück; aber ein zweiter Pfeil des Paris traf ihn zum Tode. Jetzt griff Philoktet zu seinem Bogen, und mit donnernder Stimme rief er: »Du trojanischer Dieb, Urheber alles unsres Unheils, du sollst es büßen, daß dich gelüstet hat, in der Nähe dich mit mir zu messen. Wenn du einmal tot bist, so wird deinem Haus und deiner Stadt das Verderben mit schnellen Schritten heraneilen!« So sprach er und zog die gedrehte Sehne des Bogens bis nahe an die Brust, so daß das Horn sich bog, und legte den Pfeil so auf, daß er nur ein weniges über den Bogen hervorragte. Mit einem Schwirren der Sehne flog das zischende Geschoß dahin und verfehlte aus der Hand des göttlichen Helden sein Ziel nicht, doch ritzte er dem Paris nur die schöne Haut, und auch dieser spannte seinen Bogen wieder; da traf ihn ein zweiter Pfeil des Philoktet in die Weiche, daß er nicht länger im Kampf auszuharren vermochte, sondern entfloh wie ein Hund vor dem Löwen, am ganzen Leibe zitternd.

Der blutige Kampf dauerte noch eine Weile fort, während die Ärzte sich um die schmerzliche Wunde des Paris bemühten. Aber das Dunkel der Nacht war eingebrochen, und die Trojaner kehrten in ihre Mauern, die Danaer zu ihren Schiffen zurück. Paris durchstöhnte die Nacht ohne Schlaf auf seinem Schmerzenslager. Der Pfeil war bis ins Mark des Gebeines eingedrungen und die Wunde durch die Wirkung des scheußlichen Giftes, in das die Pfeile des Herakles getaucht waren, ganz schwarz vor Fäulnis. Kein Arzt vermochte zu helfen, ob sie gleich Mittel aller Art anwandten. Da erinnerte sich der Verwundete eines Orakelspruches, daß ihm einst in der größten Not nur seine verstoßene Gattin Önone helfen könne, mit welcher er, als er noch Hirte auf dem Ida war, glückliche Tage verlebt hatte. Aus dem eigenen Munde der Gattin hatte er damals, als er nach Griechenland zog, diese Wahrsagung vernommen. So ließ er sich denn jetzt ungerne, aber von der harten Qual gezwungen, dem Berge Ida, wo seine erste Gemahlin noch immer wohnte, zutragen. Von dem Gipfel des Berges herab krächzten Unglücksvögel, als die Diener mit ihm hinanstiegen. Ihre Stimme erfüllte ihn bald mit Entsetzen, bald trieb ihn wieder die Lebenshoffnung, sie zu verachten. So kam er in der Wohnung seiner Gattin an. Die Dienerinnen und Önone selbst erfüllte der unerwartete Anblick mit Staunen; er aber stürzte sich zu den Füßen seines verschmähten Weibes und rief. »Ehrwürdige Frau, o hasse mich jetzt nicht in meiner Bedrängnis, weil ich dich einst unfreiwillig als Witwe zurückließ. Denn sieh, es waren die unerbittlichen Parzen, die mich Helena entgegengeführt. O wäre ich doch gestorben, ehe ich sie in den Palast meines Vaters gebracht! Doch jetzt beschwöre ich dich bei den Göttern und unserer früheren Liebe, habe Mitleid mit mir und befreie mich von dem quälenden Schmerz, indem du auf meine Wunde die Heilmittel auflegst, die nach deiner eigenen Weissagung mich allein zu retten vermögen!«

Aber seine Worte erweichten den harten Sinn der Verstoßenen nicht. »Was kommst du zu der«, sprach sie scheltend, »die du verlassen und dem bitteren Jammer preisgegeben hast, weil du an Helenas ewiger Jugend dich zu erfreuen hofftest? So geh nun und wirf dich ihr zu Füßen, ob sie dir helfen möge; meine Seele aber hoffe nicht mit deinen Tränen und Klagen zum Mitleid zu stimmen!« So schickte sie ihn wieder aus ihrer Behausung fort, ohne zu ahnen, daß ihr eigenes Schicksal an das ihres Gatten gebunden sei. Paris schleppte sich, von den Dienern gestützt und getragen, kummervoll über die Höhen des waldigen Ida hin, und Hera vom Olymp herab labte sich an dem Anblicke. Noch war er nicht an den Abhang des Berges gelangt, als er der giftigen Wunde erlag und seinen Geist noch auf den Gipfeln des Ida selbst aushauchte, so daß seine Buhlin Helena ihn nicht wieder erblickte.

Ein Hirte brachte seiner Mutter Hekabe die erste Kunde von seinem traurigen Tode. Ihr wankten die Knie bei der Nachricht, und sie sank bewußtlos nieder. Priamos aber wußte noch nichts davon, er saß klagend am Grabe seines Sohnes Hektor und erfuhr nicht, was draußen vorging. Helena dagegen ließ ihren strömenden Klagen bei der Botschaft ihren Lauf, wiewohl ihr Gemüt wenig davon empfand; denn sie war nicht sowohl über den Tod des Mannes betrübt als über ihre eigene Schuld, an welche sie sich jetzt mit Zagen erinnerte.

Unerwartete Reue bemächtigte sich der Seele Önones, die ferne von allen trojanischen Frauen auf der Höhe des Ida im einsamen Hause lag und der jetzt erst die Erinnerung an ihre mit Paris in Liebe verlebte Jugend zurückkehrte. Wie das Eis, das auf dem hohen Gebirge sich in den Wäldern angesetzt und die Klüfte umher deckt, unter dem lauen Hauche des Westwinds wieder schmilzt und in strömende Quellen zerfließt, so schmolz die Härtigkeit ihres Herzens dahin vor dem Kummer; das Herz ging ihr auf, und Ströme von Tränen quollen aus ihren lang vertrockneten Augen. Endlich raffte sie sich auf, öffnete mit Heftigkeit die Pforte ihres Hauses und stürzte wie ein Sturmwind hinaus. Von Fels zu Fels, über Schluchten und Bergströme trugen sie die flüchtigen Füße durch die Nacht hin. Mitleidsvoll blickte Selene vom blauen Nachthimmel auf sie herunter. Endlich gelangte sie an die Stelle des Gebirges, wo der Leichnam ihres Gatten auf dem Holzstoß flammte und von den Schafhirten des Berges umringt war, die dem Freund und dem Königssohn die letzte Ehre erwiesen. Als ihn Önone erblickte, machte sie der heftige Schmerz ganz sprachlos; sie verhüllte ihr schönes Antlitz in die Gewänder, sprang rasch auf den Scheiterhaufen, und ehe die Umstehenden sie retten, ja nur beklagen konnten, war sie mit der Leiche des Gatten ein Opfer der Flammen.

Der Tod Hektors



Der Tod Hektors

Immer näher kam Achill geschritten, dem Kriegsgott an furchtbarer Herrlichkeit gleich; auf der rechten Schulter bebte ihm entsetzlich seine Lanze aus Pelions Eschenholz, seine Erzwaffen schimmerten um ihn wie eine Feuersbrunst oder wie die aufgehende Sonne. Als Hektor ihn sah, mußte er unwillkürlich zittern; er vermochte nicht mehr stillezustehen: er wandte sich um, dem Tore zu, und hinter ihm her flog der Pelide, wie ein Falk der Taube nachstürzt, die oft seitwärts schlüpft, während der Raubvogel grad andringt in seinem Fluge. So flüchtete Hektor längs der Mauer von Troja über den Fahrweg hinüber an den beiden sprudelnden Quellen des Skamander vorbei, der warmen und der kalten, immer weiter um die Mauer: ein Starker floh, aber ein Stärkerer folgte. Also kreisten sie dreimal um die Stadt des Priamos, und vom Olymp sahen alle ewigen Götter dem Schauspiele mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Erwägt es wohl, ihr Götter«, sprach Zeus, »die Stunde der Entscheidung ist gekommen; jetzt fragt es sich: soll Hektor dem Tode noch einmal entfliehen, oder soll er, wie tapfer er auch sein mag, fallen?« Da nahm Pallas Athene das Wort und sprach: »Vater, wo denkst du hin? Einen Sterblichen, der längst dem Verhängnis anheimgefallen ist, willst du vom Tod erlösen? Tu, was dir gut dünkt, aber hoffe nicht, daß die Götter deinen Rat billigen werden!« Zeus nickte seiner Tochter Gewährung zu, und sie schwang sich wie ein Vogel von den Felsenhöhen des Olymp aufs Schlachtfeld hinab,

Hier floh Hektor noch immer vor seinem Verfolger, der ihn, wie ein Jagdhund den aus dem Lager aufgejagten Hirsch, bedrängte und ihm, wie dieser seinem Wild, keinen Schlupfwinkel und keine Rast gönnte. Auch winkte Achill seinem Volke zu, daß keiner sein Geschoß auf Hektorn werfen und ihm den Ruhm rauben sollte, der erste und einzige gewesen zu sein, der den furchtbarsten Feind der Griechen erlegte.

Als sie nun zum viertenmal auf ihrer Runde um die Mauer an die Quellen des Skamander gelangt waren, da erhub sich Zeus auf dem Olymp, streckte die goldne Waage vor und legte zwei Todeslose hinein, das eine für den Peliden, das andre für Hektor. Dann faßte er die Waage in der Mitte und wog: da sank Hektors Waagschale tief nach dem Hades zu, und augenblicklich verließ Phöbos Apollo seine Seite. Zu Achill aber trat Athene die Göttin und flüsterte ihm ins Ohr: »Steh und erhole dich, während ich jenem zurede, dich kühn zu bekämpfen.« Achill lehnte sich, der Göttin gehorchend, auf seinen eschenen Speer, sie aber, in der Gestalt des Deïphobos, trat ganz nahe zu Hektor und sprach zu ihm: »Ach, mein älterer Bruder, wie bedrängt dich der Pelide! Wohlan, laß uns standhalten und ihn abwehren!« Freudig aufblickend erwiderte Hektor: »Du warst immer mein trautester Bruder, Deïphobos, jetzt aber muß dich mein Innerstes nur um so mehr hochachten, daß du dich, sobald mich dein Auge wahrnahm, aus der Stadt gewagt hast, während die andern alle hinter der Mauer sitzen!« Athene winkte dem Helden zu und schritt ihm, die Lanze gehoben, voran, dem ausruhenden Achill entgegen. Diesem rief Hektor zuerst zu: »Nicht länger entfliehe ich dir, Pelide; mein Herz treibt mich, dir fest entgegenzustehen, daß ich dich töte oder falle! Laß uns aber die Götter zu Zeugen eines Eidschwures nehmen: Wenn mir Zeus den Sieg verleiht, werde ich dich nimmermehr mißhandeln, sondern nachdem ich dir deine Rüstung abgezogen, die Leiche deinen Volksgenossen zurückgeben. Ein Gleiches sollst du mir tun!«

»Nicht von Verträgen geplaudert!« erwiderte finster Achill; »sowenig ein Hund zwischen Löwen und Menschen Freundschaft stiftet, sowenig zwischen Wölfen und Lämmern Eintracht besteht, sowenig wirst du mich mit dir befreunden. Einer von uns muß blutig zu Boden stürzen. Nimm deine Kunst zusammen, du mußt Lanzenschwinger und Fechter zugleich sein. Doch du wirst mir nicht entrinnen, all das Leid, das du den Meinigen mit der Lanze angetan hast, das büßest du mir jetzt auf einmal!« So schalt Achill und schleuderte die Lanze: doch Hektor sank ins Knie, und das Geschoß flog über ihn weg in die Erde; hier faßte es Athene und gab es dem Peliden, unbemerkt von Hektor, sogleich zurück. Mit zornigem Schwung entsandte nun Hektor auch seinen Speer, und dieser fehlte nicht, er traf mitten auf den Schild des Achill, aber prallte auch davon ab; bestürzt sah sich Hektor nach seinem Bruder Deïphobos um, denn er hatte keine zweite Lanze zu versenden. Doch dieser war verschwunden. Da wurde Hektor inne, daß es Athene war, die ihn getäuscht hatte. Wohl sah er ein, daß das Schicksal ihn jetzt fassen würde; er dachte daher nur darauf, wie er nicht ruhmlos in den Staub sinken wollte, zog sein gewaltiges Schwert von der Hüfte und stürmte, das geschwungene in der Rechten, wie ein Adler einher, der auf einen geduckten Hasen oder ein Lämmlein aus der Luft herabschießt. Der Pelide wartete den Streich nicht ab, auch er drang unter dem Schilde vor; sein Helm nickte, die Mähne flatterte, und sternhell strahlte sein Speer, den er grimmig in seiner Rechten schwenkte. Sein Auge durchspähte den Leib Hektors, forschend, wo etwa eine Wunde haften könnte. Da fand er alles blank von der geraubten Rüstung umhüllt: nur wo Achsel und Hals das Schlüsselbein verbindet, erschien die Kehle, die gefährlichste Stelle des Lebens am Leib, ein weniges entblößt. Dorthin lenkte Achill schnell besonnen seinen Stoß und durchstach ihm den Hals so mächtig, daß die Lanzenspitze zum Genick herausdrang. Doch durchschnitt ihm der Speer die Gurgel nicht so, daß der Verwundete nicht noch reden konnte, obgleich er in den Staub sank, während Achill laut frohlockte und den Leichnam Hunden und Vögeln preiszugeben drohte. Da begann der liegende Hektor, schon schwächer atmend, zu flehen: »Ich beschwöre dich bei deinem Leben, Achill, bei deinen Knien, bei deinen Eltern, laß nicht die Hunde bei den Schiffen der Danaer mich zerreißen! Nimm Erz und Gold, soviel du willst, zum Geschenk und entsende dafür meinen Leib nach Troja, daß Männer und Frauen dort ihm die Ehre des Scheiterhaufens zuteil werden lassen.«

Aber Achill schüttelte sein fürchterliches Haupt und sprach: »Beschwöre mich nicht bei meinen Knien und meinen Eltern, du Mörder meines Freundes! Niemand sei, der dir die Hunde verscheuche von deinem Haupt, und wenn mir deine Landsleute zwanzigfältige Sühnung darwögen und noch mehr verhießen. Ja, wenn dich Priamos mir selbst mit Gold aufwägen wollte!« »Ich kenne dich«, stöhnte Hektor sterbend, »ich ahnte, daß du nicht zu erweichen sein würdest; dein Herz ist eisern! Aber denk an mich, wenn die Götter mich rächen und am hohen Skäischen Tore du vom Geschosse Phöbos Apollos getroffen im Staube endest wie jetzt ich!« Mit dieser Weissagung verließ Hektors Seele den Leib und flog zum Hades hinunter. Achill aber rief der fliehenden nach: »Stirb du; mein Los empfang ich, wann Zeus und die Götter wollen!« So sprach er und zog den Speer aus dem Leichnam, legte ihn beiseite und zog die eigene, blutige Rüstung von den Schultern des Gemordeten.

Nun kamen aus dem griechischen Heere viel Streiter herbeigelaufen und betrachteten den Wuchs und die hohe Bildung des toten Hektor bewundernd, und mancher sprach, ihn anrührend: »Wunderbar, wieviel sanfter ist doch der Mann nun zu betasten, als da er den Feuerbrand in unsere Schiffe schleuderte!« Jetzt stellte sich Achill mitten unter das Volk und sprach: »Freunde und Helden! Nachdem die Götter mir verliehen haben, diesen Mann hier zu bändigen, der uns mehr Böses getan hat als alle andern zusammen, so laßt uns in unserer Rüstung die Stadt ein wenig auskundschaften, um zu erforschen, ob sie uns wohl die Burg räumen werden oder ob sie es wagen, uns auch ohne Hektor Widerstand zu leisten. Aber was rede ich? Liegt nicht mein Freund Patroklos noch unbestattet bei den Schiffen? Darum stimmet den Siegsgesang an, ihr Männer, und laßt uns vor allen Dingen meinem Freunde das Sühnopfer bringen, das ich ihm geschlachtet habe!«

Mit solchen Worten wandte sich der Grausame dem Leichnam aufs neue zu, durchbohrte ihm an beiden Füßen die Sehnen zwischen Knöchel und Fersen, durchzog sie mit Riemen von Stierhaut, band sie am Wagensitze fest, schwang sich in den Wagen und trieb seine Rosse mit der Geißel den Schiffen zu, den Leichnam nachschleppend. Staubgewölk umwallte den Geschleiften, sein jüngst noch so liebliches Haupt zog mit zerrüttetem Haar eine breite Furche durch den Sand. Von der Mauer herab erblickte seine Mutter Hekabe das grauenvolle Schauspiel, warf den Schleier ihres Hauptes weit von sich und sah jammernd ihrem Sohne nach. Auch der König Priamos weinte und jammerte. Geheul und Angstruf der Trojaner und der fremden Völker hallte durch die ganze Stadt. Kaum ließ sich der alte König abhalten, selbst in seinem zornigen Schmerz zum Skäischen Tore hinauszustürmen und dem Mörder seines Sohnes nachzueilen. Er warf sich zu Boden und rief: »Hektor, Hektor! Alle andern Söhne, die mir mein Feind erschlug, vergesse ich über dir: o wärest du doch nur in meinen Armen gestorben!«

Andromache, Hektors Gemahlin, hatte von dem ganzen Jammer noch nichts vernommen, ja ihr war nicht einmal ein Bote gekommen, der gemeldet hätte, daß ihr Gatte sich noch draußen vor den Toren befinde. Ruhig saß sie in einem der Gemächer des Palastes und durchwirkte ein schönes Purpurgewand mit bunter Stickerei. Und eben rief sie einer der Dienerinnen, einen großen Dreifuß ans Feuer zu stellen, um ihrem Gemahl ein wärmendes Bad vorzubereiten, wenn er aus der Feldschlacht käme. Da vernahm sie vom Turme her Geheul und Jammergeschrei. Finstre Ahnung im Herzen, rief sie: »Weh mir, ihr Mägde, ich fürchte, Achill habe meinen mutigen Gatten allein von der Stadt abgeschnitten und bedrohe seine Kühnheit, die ihn niemals im Haufen weilen läßt; folget euer zwei mir, daß wir schauen, was es gibt!« Mit pochendem Herzen durchstürmte sie den Palast, eilte auf den Turm und sah herab über die Mauer, wie die Rosse des Peliden den Leichnam ihres Gatten, erbarmungslos an den Wagen des Siegers gebunden, durchs Gefilde schleppten. Andromache sank rückwärts in die Arme ihrer Schwäger und Schwägerinnen in tiefe Ohnmacht, und der köstliche Haarschmuck, das Band, die Haube, die schöne Binde, das Hochzeitgeschenk Aphrodites, flogen weit weg von ihrem Haupte. Als sie endlich wieder aufzuatmen anfing, begann sie mit gebrochener Klage schluchzend vor Trojas Frauen: »Hektor! wehe mir Armen! Du, elend wie ich, zu Elend geboren, wie ich! In Schmerz und Jammer verlassen, sitze ich nun im Hause; eine Witwe mit unserem unmündigen Kinde, das des Vaters beraubt, die Augen gesenkt, mit immer betränten Wimpern aufwächst! Betteln wird es müssen bei den Freunden des Vaters und bald den am Rock, bald den am Ärmel zupfen, daß er ihm das Schälchen reiche und zu nippen gebe! Manchmal auch wird ein Kind blühender Eltern es vom Schmause verstoßen und sagen: ›Trolle dich, dein Vater ist ja nicht beim Gastmahl!‹ Dann flüchtet es sich weinend zu der Mutter, die keinen Gatten hat. Der aber wird die Hunde sättigen, und die Würmer werden den Überrest verzehren! Was helfen mir nun die schmucken zierlichen Gewande in den Kästen? Der Flamme will ich sie alle übergeben: was frommen sie mir? Hektor wird nicht mehr auf ihnen ruhen, nicht mehr in ihnen prangen!« So sprach sie weinend und wehklagend, und ringsumher seufzten die Trojanerinnen.