Herakles und Eurystheus



Herakles und Eurystheus

Vor des Herakles Geburt hatte Zeus im Rate der Götter erklärt, der erste Perseusenkel, welcher geboren werden würde, sollte der Beherrscher aller übrigen Nachkommen des Perseus werden. Diese Ehre war seinem und Alkmenens Sohne zugedacht. Aber Heras Hinterlist, welche dieses Glück dem Sohne der Nebenbuhlerin nicht gönnte, kam ihm zuvor und ließ den Eurystheus, der auch ein Enkel des Perseus war, obwohl er später als Herakles zur Welt kommen sollte, früher geboren werden. Dadurch war Eurystheus König zu Mykene im Argiverlande und der später geborene Herakles ihm unterworfen. Jener sah mit Besorgnis den steigenden Ruhm seines jungen Verwandten und berief ihn, als seinen Untertan, zu sich, um ihm verschiedene Arbeiten aufzutragen. Da Herakles nicht gehorchte, so ließ Zeus selbst, der seinem Ratschlusse nicht zuwiderhandeln wollte, seinem Sohne befehlen, dem Argiverkönige seine Dienste zu widmen. Aber der Halbgott entschloß sich ungerne, der Diener eines Sterblichen zu sein; er ging nach Delphi und befragte das Orakel darüber. Dieses gab ihm zur Antwort: die von Eurystheus erschlichene Oberherrschaft sei von den Göttern dahin gemildert, daß Herakles zehn Arbeiten, welche jener ihm auflegen würde, zu vollbringen habe. Wenn solches geschehen sei, sollte er der Unsterblichkeit teilhaftig werden.

Herakles fiel hierüber in tiefe Schwermut; einem Geringeren zu dienen widerstrebte seinem Selbstgefühl und deuchte ihm unter seiner Würde; aber Zeus, dem Vater, nicht zu gehorchen, erschien ihm unheilbringend und unmöglich zugleich. Diesen Augenblick ersah sich Hera, aus deren Seele die Verdienste des Herakles um die Götter den Haß nicht zu tilgen vermocht hatten, und verwandelte seinen düstern Unmut in wilde Raserei. Er kam so ganz von Sinnen, daß er seinen geliebten Neffen Iolaos ermorden wollte, und als dieser entfloh, erschoß er seine eigenen Kinder, die ihm Megara geboren hatte, im Wahne, sein Bogen ziele nach Giganten. Es währte lange, bis er von diesem Wahnsinne wieder frei wurde; als er zur Erkenntnis seines Irrtums kam, bekümmerte er sich tief über sein schweres Unglück, verschloß sich in sein Haus und vermied allen Verkehr mit den Menschen. Als endlich die Zeit seinen Kummer linderte, entschloß er sich, die Aufträge des Eurystheus zu übernehmen, und kam zu diesem nach Tiryns, das auch zu dessen Königreiche gehörte.

Glaukos und Diomedes



Glaukos und Diomedes

Auf dem Schlachtfelde rannten jetzt der Lykier Glaukos, der Enkel des Bellerophontes, und der Tydide Diomedes aus den Heeren hervor und begegneten voll Kampfgier einander. Als Diomedes den Gegner in der Nähe sah, maß er ihn mit den Blicken und sprach: »Wer bist du, edler Kämpfer? Noch nie bist du mir in der Feldschlacht begegnet, doch jetzt sehe ich dich vor andern weit hervorragen, da du es wagest, dich meiner Lanze entgegenzustellen; denn mir kommen nur Kinder in den Weg, die zum Unglücke geboren sind. Bist du aber ein Gott, der sterbliche Gestalt angenommen hat, so begebe ich mich des Kampfes. Ich fürchte den Zorn der Himmlischen und verlange nicht ferner nach dem Streite mit unsterblichen Göttern. Doch wenn du ein Sterblicher bist, so komm immerhin heran, du sollst dem Tode nicht entgehen!« Darauf antwortete der Sohn des Hippolochos: »Diomedes, was fragst du nach meinem Geschlecht? Wir Menschen sind wie Blätter im Walde, die der Wind verweht und der Frühling wieder treibt! Willst du es aber wissen, so höre: Mein Urahn ist Aiolos, der Sohn des Hellen, der zeugte den schlauen Sisyphos, Sisyphos zeugte den Glaukos, Glaukos den Bellerophontes, Bellerophontes den Hippolochos, und des Hippolochos Sohn bin ich. Dieser schickte mich her gen Troja, daß ich andern vorstreben und der Väter Geschlecht nicht schänden sollte.« Als der Gegner geendigt, stieß Diomedes seinen Schaft in die Erde und rief ihm mit freundlichen Worten zu: »Wahrlich, edler Fürst, so bist du ja mein Gastfreund von Väterzeiten her, Öneus, mein Großvater, hat deinen Großvater Bellerophontes zwanzig Tage lang gastlich in seinem Hause beherbergt; und unsere Ahnen haben sich schöne Ehrengeschenke gereicht: der meine dem deinen einen purpurnen Leibgurt, der deinige dem meinigen einen goldenen Henkelbecher, den ich noch in meiner Behausung verwahre. So bin ich denn dein Wirt in Argos und du der meine in Lykien, wenn ich je dorthin mit meinem Gefolge komme. Darum wollen wir uns im Schlachtgetümmel beide mit unsern Lanzen vermeiden. Gibt es doch für mich noch Trojaner genug zu töten und für dich der Griechen genug! Uns aber laß die Waffen miteinander vertauschen, damit auch die andern sehen, wie wir uns von Väterzeiten her rühmen, Gastfreunde zu sein!« So redeten jene, schwangen sich von den Streitwagen herab, faßten sich liebreich die Hände und gelobten einander gegenseitige Freundschaft. Zeus aber, der alles, was geschah, zugunsten der Griechen lenkte, verblendete den Sinn des Glaukos, daß er seine goldene Rüstung mit der ehernen des Diomedes wechselte; es war, wie wenn ein Mann gegen neun Farren hundert hergäbe.

Haimon und Antigone



Haimon und Antigone

Als Kreon seinen Sohn herbeieilen sah, glaubte er nicht anders, als das über seine Braut gefällte Urteil müsse diesen gegen den Vater empört haben. Haimon setzte jedoch seinen verdächtigenden Fragen Worte voll kindlichen Gehorsams entgegen, und erst, nachdem er den Vater von seiner frommen Anhänglichkeit überzeugt hatte, wagte er es, für seine geliebte Braut Fürbitte zu tun. »Du weißt nicht, Vater«, sprach er, »was das Volk spricht, was es zu tadeln findet. Dein Auge schreckt jeden Bürgersmann zurück, irgend etwas zu sprechen, das deinem Ohre nicht willkommen ist; mir hingegen wird es möglich, auch derlei Dinge im Dunkel zu hören. Und so laß mich dir denn sagen, daß diese Jungfrau von der ganzen Stadt bejammert, daß ihre Handlung von der ganzen Bürgerschaft als wert des Nachruhms gepriesen wird, daß niemand glaubt, sie, die fromme Schwester, die ihren Bruder nicht von Hunden und Vögeln zerfleischen ließ, habe den Tod als Lohn verdient! Darum, geliebter Vater, gib der Stimme des Volkes nach; tu es den Bäumen gleich, die längs dem angeschwollenen Waldstrome gepflanzt, sich ihm nicht entgegenstemmen, sondern der Gewalt des Wassers nachgeben und unverletzt bleiben, während diejenigen Bäume, die es wagen, Widerstand zu leisten, durch die Wellen von Grund aus entwurzelt werden.« »Will der Knabe mich Verstand lehren?« rief Kreon verächtlich aus; »es scheint, er kämpft im Bunde mit dem Weib!« »Ja, wenn du ein Weib bist!« antwortete der Jüngling schnell und lebhaft, »denn nur zu deinem Besten ist dies alles gesagt!« »Ich merke wohl«, endete der Vater entrüstet, »blinde Liebe zu der Verbrecherin hält deinen Sinn in Banden; aber lebendig wirst du diese nicht freien. Denn wisse: ferne, wo keine Menschentritte schallen, soll sie bei lebendem Leibe in einem verschlossenen Felsengrabe geborgen werden. Nur wenig Speise wird ihr mitgegeben, so viel, als nötig ist, die Stadt vor der Befleckung zu bewahren, die der Greuel eines unmittelbaren Mordes ihr zuziehen würde. Mag sie dann von dem Gotte der Unterwelt, den sie doch allein ehrt, sich Befreiung erflehen; zu spät wird sie erkennen, daß es klüger ist, den Lebenden zu gehorchen als den Toten.« Zornig wandte sich Kreon mit diesen Worten von seinem Sohne ab, und bald waren alle Anstalten getroffen, den gräßlichen Beschluß des Tyrannen zu vollziehen. Öffentlich vor allen Bürgern Thebens wurde Antigone nach dem gewölbten Grabe abgeführt, das ihrer wartete; sie stieg unter Anrufung der Götter und der Geliebten, mit welchen sie vereinigt zu werden hoffte, unerschrocken hinab.

Noch immer lag der verwesende Leichnam des erschlagenen Polyneikes unbegraben da. Die Hunde und Vögel nährten sich von ihm und bedeckten die Stadt, indem sie die Überreste des Toten hin und her trugen. Da erschien der greise Seher Tiresias vor dem Könige Kreon, wie er einst vor Ödipus erschienen war, und verkündete jenem aus dem Vogelfluge und der Opferschau ein Unheil. Schlimmer, übelgesättigter Vögel Gekrächz hatte er vernommen, das Opfertier auf dem Altare, statt hell in Flammen zu verlodern, war unter trübem Rauche verkohlt. »Offenbar zürnen uns die Götter«, endete er seinen Bericht, »wegen der Mißhandlung des erschlagenen Königssohnes. Sei darum nicht halsstarrig, Herrscher; weiche dem Entseelten, sieh nicht nach Ermordeten! Welcher Ruhm ist es, Tote noch einmal zu töten? Laß ab davon; in guter Meinung rate ich dir!« Aber Kreon wies, wie damals Ödipus, den Wahrsager mit kränkenden Worten zurück, schalt ihn geldgierig und beschuldigte ihn der Lüge. Da entbrannte das Gemüt des Sehers, und ohne Schonung zog er von den Augen des Königes den Schleier weg, der die Zukunft bedeckte. »Wisse«, sprach er, »daß die Sonne nicht untergehen wird, ehe du aus deinem eigenen Blute einen Leichnam für zwei Leichen zum Ersatze bringst. Doppelten Frevel begehst du, indem du den Toten der Unterwelt vorenthältst, der ihr gebührt, und die Lebende, die der Oberwelt angehört, nicht herauflässest zu ihr! Schnell entführe mich, Knabe! Geben wir diesen Mann seinem Unglück preis!« So ging er an der Hand seines Führers, auf seinen Seherstab gestützt, davon.

Hektor in Troja



Hektor in Troja

Hektor hatte unterdessen die Buche des Zeus und das Skäische Tor erreicht. Hier umringten ihn die Weiber und Töchter der Trojaner und forschten ängstlich nach Gemahlen, Söhnen, Brüdern und Verwandten. Nicht allen wußte er Bescheid zu geben; er ermahnte nur alle, die Götter anzuflehen. Doch viele hatten seine Nachrichten in Weh und Jammer versenkt. Jetzt war er am Palaste seines Vaters angekommen. Dieser war ein herrliches Gebäude, ringsum mit weithin sich dehnenden Säulenhallen geschmückt; im Innern waren fünfzig Gemächer aus glattem Marmor, eins ans andere nachbarlich angebaut. Hier wohnten die Söhne des Königes mit ihren Gemahlinnen. Auf der andern Seite des inneren Hofes reihten sich zwölf Marmorsäle aneinander, wo die Eidame des Königes mit seinen Töchtern hausten. Das Ganze war von einer hohen Mauer umschlossen und bildete für sich allein eine stattliche Burg. Hier begegnete Hektor seiner guten Mutter Hekabe, die eben zu ihrer liebsten und anmutigsten Tochter Laodike zu gehen im Begriffe war. Die greise Königin eilte auf Hektor zu, faßte ihm die Hand und sprach voll Sorgen und Liebe: »Sohn, wie kommst du zu uns aus der wütenden Schlacht? Die entsetzlichen Männer müssen uns wohl hart bedrängen, und du kommst gewiß, die Hände zu Zeus zu erheben. So verziehe denn, bis ich dir vom lieblichen Wein bringe, daß du dem Vater Zeus und den andern Göttern ein Trankopfer darbringen kannst und darauf dich selbst mit einem Labetrunk erquicken; denn der Wein ist doch die kräftigste Stärkung für einen müden Kämpfer!« Aber Hektor erwiderte der Königin: »Laß mir keinen Wein reichen, geliebte Mutter, daß du mich nicht entnervest und ich meiner Kraft vergesse; auch dem Göttervater scheue ich mich mit ungewaschener Hand Wein zu spenden; du hingegen geh, von den edelsten Frauen Trojas umringt, mit Räuchwerk zu Athenes Tempel, lege der Göttin dein köstlichstes Gewand auf die Knie und gelobe ihr zwölf untadelige Kühe, wenn sie sich unser erbarmt. Ich aber will hingehen, meinen Bruder Paris in die Schlacht zu berufen. Schlänge ihn doch die Erde lebendig hinab, denn er ist zu unserem Verderben geboren!«

Die Mutter tat, wie der Sohn sie angewiesen. Sie stieg in die duftende Kammer hinunter, wo die schönsten Seidengewande verwahrt lagen, die Paris selbst aus Sidon mitgebracht hatte, als er auf Umwegen mit Helena nach der Heimat schiffte. Eines davon, das größte, schönste, mit den herrlichsten Bildern durchwirkte, das zuunterst von allen lag, suchte sie hervor und wandelte nun, von der Schar der edelsten Weiber begleitet, nach der Burg, zu Athenes Tempel. Hier öffnete ihnen Antenors Gattin Theano, die trojanische Priesterin der Pallas, das Haus der Göttin. Die Frauen reihten sich um das Bild Athenes und huben mit Klagetönen die Hände zu der Göttin empor. Dann nahm Theano das Gewand aus den Händen der Königin, legte es auf die Knie des Bildes und flehte zu der Tochter des Zeus: »Pallas Athene, Beschirmerin der Städte, erhabene, machtvolle Göttin, brich du dem Diomedes den Speer, laß ihn selbst, auf sein Angesicht gestürzt, vor unsern Toren sich wälzen; erbarme dich der Stadt, der Frauen, der stammelnden Kinder! In dieser Hoffnung weihen wir dir zwölf untadelige Kühe.«

Aber Pallas Athene verweigerte ihnen im Herzen ihre Bitte. Hektor war inzwischen im Palaste des Paris angekommen, der hoch auf der Burg, in der Nähe vom Königspalast und von Hektors Wohnung, stand; denn beide Fürsten hatten von der Königswohnung abgesonderte Häuser. Er trug in der Rechten seinen Speer, der elf Ellen lang und dessen eherne Spitze am Schaft mit einem goldenen Ring umlegt war. Er fand den Bruder, wie er in seinem Gemache die Waffen musterte und das Horn des Bogens glättete; seine Gemahlin Helena saß emsig unter den Weibern und leitete ihr Tagewerk. Als Hektor jenen sah, schalt er ihn und rief. »Du tust nicht recht, so im Unmute hier zu sitzen, Bruder; um deinetwillen schlägt sich das Volk vor der Stadt im Feldgetümmel! Du selbst aber würdest mit jedem andern zanken, den du so saumselig zum Treffen sähest. Auf denn, ehe die Stadt unter den Feuerbränden unseres Feindes auflodert, hilf sie verteidigen mit uns!« Paris antwortete ihm: »Du tadelst mich nicht mit Unrecht, Bruder; doch habe ich nicht aus Unmut, sondern nur aus Gram hier in der Untätigkeit gesessen. Nun aber hat mir meine Gattin freundlich zugeredet, in die Schlacht hinauszugehen; so verziehe denn, bis ich meine Rüstung angezogen habe, oder geh: ich hoffe dir bald nachzufolgen.« Hektor schwieg darauf, aber Helena redete ihn mit Worten der Beschämung an: »O Schwager, ich bin ein schnödes, unheilstiftendes Weib! Hätte mich doch die Meereswoge verschlungen, ehe ich mit Paris hier ans Land stieg! Nun das Übel aber einmal verhängt worden: wäre ich doch wenigstens nur die Genossin eines besseren Mannes, der die Schmach und die vielen Vorwürfe, die er sich zuzieht, auch empfände; so aber hat er kein Herz im Leibe und wird keines haben, und die Frucht seiner Feigheit wird nicht ausbleiben. Aber du, Hektor, komm doch herein und ruhe von der Arbeit, die wegen meiner, des schändlichen Weibes, die wegen der Freveltat meines Gatten doch zumeist auf deinen Schultern lastet!« »Nein, Helena«, sprach Hektor, »heiß mich nicht so freundlich sitzen, ich darf wahrlich nicht: mein Herz drängt mich, den Trojanern zu helfen. Muntere du nur diesen Menschen da auf, und er selbst spute sich, daß er mich bald innerhalb der Stadtmauern erreiche. Ich will zuvor noch in meine eigene Wohnung gehen und nach Weib, Söhnlein und Gesinde schauen.« So sprach Hektor und enteilte. Aber er fand die Gattin nicht zu Hause. »Als sie hörte«, sprach zu ihm die Schaffnerin, »daß die Trojaner Not leiden und der Sieg sich zu den Griechen neige, verließ sie die Wohnung, wie außer sich, um einen der Stadttürme zu besteigen, und die Wärterin mußte ihr das Kind nachtragen.«

Schnell legte Hektor den Weg durch die Straßen Trojas jetzt wieder zurück. Als er das Skäische Tor erreicht, kam seine Gemahlin Andromache, die blühende Tochter des kilikischen Eëtion von Theben, eilenden Laufes gegen ihn her; die Dienerin, ihr folgend, trug das unmündige Knäblein Astyanax, schön wie ein Gestirn, an der Brust. Mit stillem Lächeln betrachtete der Vater den Knaben, Andromache aber trat ihm unter Tränen zur Seite, drückte ihm zärtlich die Hand und sprach: »Entsetzlicher Mann! gewiß tötet dich noch dein Mut, und du erbarmst dich weder deines stammelnden Kindes noch deines unglückseligen Weibes, das du bald zur Witwe machen wirst. Werde ich deiner beraubt, so wäre es das beste, ich sänke in den Boden hinab. Den Vater hat mir Achill getötet, meine Mutter hat der Bogen der Artemis erlegt, meine sieben Brüder hat auch der Pelide umgebracht, ohne dich habe ich keinen Trost, Hektor: du bist mir Vater und Mutter und Bruder. Darum erbarme dich, bleib hier auf dem Turm; mach dein Kind nicht zur Waise, dein Weib nicht zur Witwe! Das Heer stelle dort an den Feigenhügel: dort steht die Mauer dem Angriffe frei und ist am leichtesten zu ersteigen, dorthin haben die tapfersten Krieger, die Ajax beide, Idomeneus, die Atriden und Diomedes schon dreimal den Sturm gelenkt, sei es, daß ein Seher es ihnen offenbarte, sei’s, daß das eigene Herz dieselben trieb!«

Liebreich antwortete Hektor seiner Gemahlin: »Auch mich härmt alles dieses, Geliebteste; aber ich müßte mich vor Trojas Männern und Frauen schämen, wenn ich, erschlafft wie ein Feiger, hier aus der Ferne zuschaute. Auch mein eigner Mut erlaubt es mir nicht, er hat mich immer gelehrt, im Vorderkampfe zu streiten; zwar das Herz weissagt es mir: der Tag wird kommen, wo die heilige Troja hinsinkt und Priamos und all sein Volk; aber weder der Trojaner Leid noch der eigenen Eltern und der leiblichen Brüder, wenn sie dann unter dem Schwert der Griechen fallen, geht mir so zu Herzen wie das deine, wenn dich, die Weinende, ein Danaer in die Knechtschaft führen wird und du dann zu Argos am Webestuhl sitzest oder Wasser trägst, vom harten Zwang belastet, und dann wohl ein Mann, dich in Tränen schauend, spricht: ›Das war Hektors Weib!‹ Decke mich der Grabhügel, ehe ich von deinem Geschrei und deiner Entführung hören muß!« So sprach er und streckte die Arme nach seinem Knäbchen aus; aber das Kind schmiegte sich schreiend an den Busen der Amme, von der Zärtlichkeit des Vaters erschreckt und vor dem ehernen Helm und dem fürchterlich flatternden Roßschweif erbangend. Der Vater schaute das Kind und die Mutter lächelnd an, nahm sich schnell den schimmernden Helm vom Haupte, legte ihn zu Boden, küßte sein geliebtes Söhnchen und wiegte es auf dem Arm. Dann flehte er zum Himmel empor: »Zeus und ihr Götter! laßt dies mein Knäblein werden wie mich selbst, voranstrebend dem Volk der Trojaner; laßt es mächtig werden in Troja und die Stadt beherrschen, und dereinst sage man, wenn es beutebeladen aus dem Streite heimkehrt: der ist noch weit tapferer als sein Vater; und darüber soll sich seine Mutter herzlich freuen!« Mit diesen Worten gab er den Sohn der Gattin in den Arm, die unter Tränen lächelnd ihn an den Busen drückte. Hektor aber streichelte sie, inniger Wehmut voll, mit der Hand und sagte: »Armes Weib, traure mir nicht zu sehr im Herzen, gegen das Geschick wird mich niemand töten; dem Verhängnis aber ist noch kein Sterblicher entronnen. Auf, geh du zur Spindel und zum Webestuhl und befiehl deinen Weibern! Den Männern Trojas liegt die Sorge für den Krieg ob, am meisten aber mir!« Als er dies gesagt, setzte sich Hektor den Helm auf und ging davon. Andromache schritt dem Hause zu, indem sie wiederholt rückwärts blickte und herzliche Tränen weinte. Als die Mägde in der Kammer sie erblickten, teilte sich ihnen allen ihr Gram und ihre Betrübnis mit, und Hektor wurde bei lebendigem Leib in seinem Palast betrauert.

Auch Paris hatte nicht gezaudert; in strahlenden Erzwaffen eilte er durch die Stadt, wie ein stattliches Roß die Halfter zerreißt und nach dem Strombade rennt. Er erreichte den Bruder, als dieser sich eben von seiner Gattin Andromache gewendet hatte. »Nicht wahr«, rief ihm Paris von weitem zu, »ich habe dich, mein älterer Bruder, durch mein Zaudern aufgehalten und bin nicht da zur rechten Zeit!« Aber Hektor antwortete ihm freundlich: »Mein Guter, billig zu reden bist du ein tapferer Streiter; nur säumst du oft gern und willst nicht, und sieh, da kränkt es mich dann innig, wenn ich unter dem Trojanervolke, das so viel für dich erduldet, schmähliche Reden über dich hören muß. Doch das wollen wir ein andermal ausmachen, wenn wir die Griechen aus Troas verjagt haben und um den Krug der Freiheit im Palaste sitzen!«

Hektor und Ajax im Zweikampf



Hektor und Ajax im Zweikampf

Als die Göttin Athene vom Olymp herab die beiden Brüder so zum Kampfe hineilen sah, flog sie stürmisch hinunter zur Stadt Troja. An des Zeus Buche begegnete ihr Apollo, der von der Zinne der Burg, von wo er die Schlacht der Trojaner lenkte, daherkam und seine Schwester anredete: »Welch ein heftiger Eifer treibt dich vom Olymp herunter, Pallas? Bist du noch immer auf den Fall der Trojaner bedacht, Erbarmungslose? Wolltest du mir doch gehorchen und für heute den Entscheidungskampf ruhen lassen! Ein andermal mögen sie die Feldschlacht erneuern, weil ihr, du und Hera, doch nicht ruhet, bis ihr die hohe Stadt Troja verwüstet habt!« Ihm antwortete Athene: »Fernhintreffer, es sei, wie du sagst; und in derselben Absicht bin ich auch vom Olymp herabgekommen. Aber sage mir, wie gedenkst du den Männerkampf zu stillen?« »Wir wollen«, sprach Apollo, »dem gewaltigen Hektor seinen Mut noch steigern, daß er einen der Danaer zum entscheidenden Zweikampf herausfordert; laß uns dann sehen, was diese tun.« Athene war das zufrieden.

Das Gespräch der Unsterblichen hatte der Seher Helenos in seiner Seele vernommen; eilig trat er zu Hektor und sprach: »Weiser Sohn des Priamos, wolltest du diesmal meinem Rate gehorchen, der ich dein liebender Bruder bin? Heiß die andern alle, Trojaner und Griechen, vom Streite ruhen; du selbst aber fordre den Tapfersten aller Argiver zur Entscheidung heraus. Du kannst es ohne Gefahr; denn, glaube meinem Seherworte, der Tod ist noch nicht über dich verhängt.«

Hektor freute sich dieses Worts. Er hemmte die trojanischen Heerhaufen und trat, den Speer in der Mitte haltend, zwischen die kämpfenden Heere, und auf dieses Zeichen ruhte alsbald der Streit auf beiden Seiten; denn auch Agamemnon hieß seine Griechen sich lagern. Athene und Apollo aber setzten sich beide in Gestalt zweier Geier auf die Buche des Zeus und freuten sich des Männergewühls, bis beide Ordnungen, von Schilden, Helmen und hervorragenden Lanzen dicht umstarrt, gedrängt dasaßen, nur so viel sich regend als das Meer, wenn das Gekräusel des Westes darüber hinschauen. In der Mitte beider Völker begann jetzt Hektor: »Trojaner und ihr Griechen, höret, was mir mein Herz gebietet! Den Bundesvertrag, den wir jüngst geschlossen, hat Zeus nicht genehmigt, vielmehr beiden Völkern böse Entschlüsse eingegeben, bis entweder ihr selbst Troja erobert oder vor uns erlieget bei euren Schiffen. Nun sind die tapfersten Helden Griechenlands in eurem Heere. Welchem von solchen sein Herz gebeut, mit mir, dem göttergleichen Hektor, den Vorkampf zu wagen, der trete heraus! Die Bedingung, die ich stelle, ist diese, und Zeus sei mein Zeuge: wenn mein Gegner mich mit dem Speer erlegt, mag er meinen Waffenraub zu den Schiffen hinabtragen, doch meinen Leib nach Troja senden, daß er der Ehre des Scheiterhaufens in der Heimat teilhaftig werde; wenn aber mir Apollo Ruhm gewährt und ich meinen Gegner erlege, so hänge ich seine Rüstung im Tempel des Phöbos zu Troja auf, und den Erschlagenen möget ihr bei euren Schiffen mit Pracht bestatten und ihm am Hellespont ein Mal auftürmen, von dem einst in späten Zeiten der Schiffer noch sage: ›Sehet, hier ragt der Grabhügel des längstverstorbenen Mannes, der einst im Streit mit dem göttergleichen Hektor erlag!‹«

Also sprach jener; die Danaer aber schwiegen, denn es war schimpflich, den Kampf zu verweigern, und gefahrvoll, ihn anzunehmen. Endlich stand Menelaos auf und strafte seine Landsleute mit den Worten: »Wehe mir, ihr Prahler: Weiber, nicht Männer! Wäre es doch eine unvertilgbare Schande, wenn kein Danaer dem Hektor zu begegnen wagte! Möchtet ihr euch alle in Kot und Wasser verwandeln, wie ihr miteinander dasitzet, jeder ohne Herz und ohne Ruhm! So will ich denn mich selbst zum Kampfe gürten und den Göttern den Ausgang anempfehlen!« So sprach er und warf sich in die Rüstung; und sein Tod wäre beschlossen gewesen, wenn nicht die Fürsten der Griechen aufgefahren wären und ihn zurückgehalten hätten. Ja selbst Agamemnon ergriff seine Rechte und sprach: »Bruder, bedenke dich! was fällt dir ein, den stärkern Mann bekämpfen zu wollen, vor dem selbst andern, als du bist, graut; mit dem Achill selber in der Feldschlacht sich zu messen gestutzt hat! Wir bitten dich alle, tritt zurück und setze dich nieder!« So wandte Agamemnon seinem Bruder das Herz. Und nun hielt Nestor eine strafende Rede an das Volk und erzählte seinen eigenen Zweikampf mit Ereuthalion, dem Arkadier. »Wäre ich noch so jugendlich«, endete er, »noch so ungeschwächter Kraft wie damals, so sollte Hektor seinen Kämpfer bald gefunden haben!« Auf seine Strafrede erhuben sich neun Fürsten in dem Heere: vor allen Agamemnon, ihm zunächst Diomedes, drauf die beiden Ajax zugleich; dann Idomeneus, sein Genosse Meriones, Eurypylos, Thoas und Odysseus. Sie alle erboten sich zu dem gefürchteten Kampf. »Das Los soll entscheiden«, begann von neuem Nestor; »wen es auch trifft, freuen werden sich die Griechen und der Erkorene mit, wenn er aus dem erbitterten Streit als Sieger hervorgeht.« Nun bezeichnete sich jeder selbst ein Los; alle zusammen wurden in den Helm Agamemnons geworfen; das Volk betete; Nestor schüttelte den Helm, und heraus sprang das Los des Telamonssohnes Ajax. Ein Herold zeigte dasselbe herumwandelnd den acht Helden vor Ajax, aber keiner erkannte es, bis die Reihe an den kam, der es sich selbst bezeichnet hatte. Freudig warf Ajax das Los vor die Füße und rief. »Freunde, wahrlich, es ist meines, und mein Herz ist froh, denn ich hoffe, über Hektor zu siegen. Ihr alle betet in der Stille oder laut, während ich mich rüste.« Das Volk gehorchte ihm, und bald stürmte Ajax, den riesigen Leib in blinkende Erzwaffen gehüllt, zum Kampfe vor, dem ungeheuren Kriegsgott selber ähnlich. Ein Lächeln flog über sein finsterernstes Antlitz, wie er mächtigen Schrittes, die gewaltige Lanze schwingend, einherwandelte. Alle Danaer freuten sich ringsum seines Anblicks, und Schrecken durchschauderte die Schlachtreihen der Trojaner. Ja dem gewaltigen Hektor selbst fing sein Herz im Busen an zu schlagen, aber er konnte nicht mehr ins Gewühl seiner Scharen zurückfliehen, hatte er doch selbst den Zweikampf gefordert.

Ajax näherte sich ihm, den ehernen siebenhäutigen Schild vortragend, den der berühmte Künstler Tychios ihm einst gefertigt. Als er ganz nahe vor Hektor stand, sprach er drohend: »Hektor, nun erkennst du, daß es im Danaervolk auch außer dem löwenherzigen Peliden noch Helden gibt, und zwar ihrer genug. Wohlan denn, beginne den blutigen Kampf!« Ihm antwortete Hektor: »Göttergleicher Sohn des Telamon, versuche mich nicht wie ein schwaches Kind oder ein unkriegerisches Weib. Sind mir doch die Männerschlachten wohlbekannt; ich weiß den Stierschild rechts und links hinzuwenden, weiß den Tanz des schrecklichen Kriegsgotts zu Fuße zu tanzen und die Rosse im Gewühl zu lenken! Wohlan, nicht mit heimlicher List sende ich den Speer nach dir, tapferer Held, nein, öffentlich: laß sehen, ob er dich treffe!« Mit diesen Worten entsandte er in hohem Schwung die Lanze, und sie fuhr dem Ajax in den Schild, durchdrang sechs Schichten und ermattete erst in der siebenten Haut. Jetzt flog die Lanze des Telamoniers durch die Luft: diese durchschmetterte dem Hektor den ganzen Schild, durchschnitt seinen Leibrock und würde ihm in die Weiche gedrungen sein, wenn nicht Hektor ihrem Fluge ausgebogen wäre. Beide zogen die Speere aus den Waffen und rannten wie unverwüstliche Waldeber aufs neue gegeneinander an. Hektor zielte, mit dem Speere stoßend, dem Ajax auf die Mitte des Schilds; aber seine Lanzenspitze bog sich und durchbrach das Erz nicht. Ajax hingegen durchbohrte mit dem Speere den Schild seines Gegners und streifte ihm selbst den Hals, daß ihm schwarzes Blut entspritzte. Nun wich Hektor wohl ein wenig rückwärts, seine nervige Rechte ergriff jedoch einen Feldstein und traf damit die Schildbuckel des Feindes, daß das Erz erdröhnte. Ajax aber hub einen noch viel größeren Stein vom Boden auf und sandte ihn mit solchem Schwunge dem Hektor zu, daß er den Schild einwärts brach und den Gegner am Knie verletzte, so daß derselbe rücklings hinsank; doch verlor er den Schild nicht aus den Händen, und Apollo, der ihm unsichtbar zur Seite stand, richtete ihn schnell vom Boden wieder auf. Beide wären jetzt mit dem Schwert aufeinander losgegangen, um den Streit endlich zu entscheiden: da eilten die Herolde der beiden Völker, Idaios, der Troer, Talthybios, der Grieche, herbei und streckten die Stäbe zwischen die Kämpfenden. »Nicht weiter gekämpft, ihr Kinder«, rief Idaios, »ihr seid ja beide tapfer, beide von Zeus geliebt; wir alle haben das gesehen! Jetzt aber kommt die Nacht herbei, gehorchet der Nacht.« »Ermahne du deinen eignen Volksgenossen!« entgegnete dem Herold Ajax, »er ist es ja, der den Tapfersten der Griechen zum Kampfe hervorgerufen hat! Will er es so, so mag ich dir gehorchen!«Und nun sprach Hektor selbst zu seinem Gegner: »Ajax, ein Gott hat dir den gewaltigen Leib, die Kraft und die Speerkunde verliehen: doch laß uns heute vom Entscheidungskampfe ausruhen; ein andermal wollen wir ihn erneuern und so lange fechten, bis ein Gott einem von beiden Völkern Sieg und Kriegsruhm verleiht! Nun laß uns aber auch noch einander rühmliche Gaben schenken, damit es einst bei Trojanern und Griechen heiße: sehet, sie kämpften miteinander den Kampf der Zwietracht, aber in Freundschaft sind sie voneinander geschieden!« So sprach Hektor und reichte dem Gegner sein Schwert mit dem silbernen Griff samt Scheide und zierlichem Wehrgehenk. Ajax aber löste seinen purpurnen Gurt vom Leibe und bot ihn dem Hektor dar. Dann schieden beide voneinander. Ajax zog sich in die Schar der Griechen zurück, Hektor ins Gewühl der Trojaner. Diese waren froh, ihren Helden unverletzt aus den Händen des furchtbaren Ajax zurückzuerhalten.

Hektor von Apollo gekräftigt



Hektor von Apollo gekräftigt

Erst bei ihren Wagen machten die Trojaner wieder halt, erschrocken und bleich vor Angst. Jetzt aber erwachte Zeus auf dem Gipfel des Ida und erhob sein Haupt aus Heras Schoße. Schnell sprang er empor und überschaute mit einem Blicke Griechen und Trojaner, diese in die Flucht getrieben, jene stürmisch verfolgend; mitten in ihren Reihen seinen Bruder Poseidon; er sah Hektorn auf dem Wege zur Stadt mitten im Felde aus dem Wagen gehoben zu Boden liegen, die Genossen um ihn her; schwer atmete der Bewußtlose und spie Blut, denn kein Schwächerer hatte ihn getroffen. Voll Mitleid ruhte der Blick des Vaters der Götter und Menschen auf ihm; dann wandte er sich drohend zu Hera, sein Angesicht verfinsterte sich, und er sprach: »Arglistige Betrügerin, was hast du getan? Fürchtest du nicht, die erste Frucht deines Frevels selbst zu genießen? Denkst du nicht mehr daran, wie du, die Füße an zwei Ambosse gehängt, die Hände mit goldner Fessel geschürzt, zur Strafe in der Luft schwebtest und kein Olympischer dir zu nahen wagte, ohne von mir auf die Erde geschleudert zu werden, damals, als du die Götter des Orkans gegen meinen Sohn Herakles aufgewiegelt? Verlangt dich darnach zum zweiten Male?«

Hera stutzte eine Weile schweigend, dann sprach sie: »Himmel und Erde und die Flut des Styx sollen meine Zeugen sein, daß nicht mein Geheiß den Erderschütterer gegen die Trojaner aufgehetzt hat; ihn wird die eigne Regung getrieben haben. Ja eher möchte ich ihm selbst freundlich zureden, daß er deinem Befehle, du wolkig Blickender, sich füge.« Des Zeus Stirne wurde heiterer; denn noch immer wirkte der Gürtel Aphrodites, den Hera bei sich trug. Endlich sprach er besänftigt: »Hegtest du im Rate der Unsterblichen gleiche Gesinnung mit mir, Gemahlin, so würde freilich Poseidon seinen Sinn bald nach unser beider Herzen umlenken. Wenn es dir aber ernst ist, so geh und rufe mir Iris und Apollo herbei, daß jene meinem Bruder befehle, aus dem Kampf zum Palaste heimzukehren, und Phöbos Apollo den Hektor heile, zur Schlacht aufmuntere und mit neuer Kraft beseele!« Mit erschrockenem Antlitze gehorchte Hera und trat in den olympischen Saal ein, wo die Unsterblichen zechten. Diese sprangen ehrerbietig von den Sitzen empor und streckten ihr die Becher entgegen. Sie aber ergriff den Becher der Themis, schlürfte vom Nektar und meldete des Zeus Machtgebot. Windschnell fuhr Iris hinab auf das Schlachtfeld. Als Poseidon den Befehl seines Bruders aus ihrem Munde vernahm, sprach er zuerst unmutsvoll: »Traun, das ist nicht brüderlich gesprochen! Auch soll er nicht mit Gewalt meinen Willen hemmen, denn ich bin, was er ist. Hat gleich das Los um die Herrschaft mir nur das graue Meer zugeteilt, dem Pluto die Hölle und ihm den Himmel: die Erde wie der Olymp ist uns allen gemein!« »Soll ich diese trotzige Rede, so wie du sie gesprochen, dem Göttervater überbringen?« fragte Iris zögernd. Da besann sich der Gott, und das Heer der Danaer verlassend, rief er: »Nun wohl, ich gehe! Das aber wisse Zeus: trennt er sich von mir und den andern olympischen Freunden der Griechen und beschließt Trojas Vertilgung nicht, so entflammt uns unheilbarer Zorn!« So sprach er, in die Fluten tauchend; und Augenblicks vermißten die Danaer seine Gegenwart.

Seinen Sohn Phöbos Apollo sandte dagegen Zeus zu Hektor vom Olymp hinab. Dieser fand ihn nicht mehr liegend auf dem Boden, sondern schon wieder aufgerichtet und von Zeus gestärkt. Der Angstschweiß hatte nachgelassen; der Atem war leichter; ihn erfrischte wiederkehrendes Leben. Als Apollo sich ihm mitleidig näherte, blickte er traurig auf und sprach: »Wer bist du, Bester der Himmlischen, der nach mir fragt? Hast du es schon gehört, daß der gewaltige Ajax mich bei den Schiffen mit einem Stein an die Brust getroffen und mitten im Siege gehemmt hat? Glaubte ich doch, noch an diesem Tage den schwarzen Hades schauen zu müssen!« »Sei getrost«, antwortete ihm Apollo, »Siehe, mich selbst, seinen Sohn Phöbos, sendet dir Zeus, dich ferner, wie ich wohl auch von selbst früher getan habe, von nun an auf sein Geheiß zu schirmen, und ich werde das goldene Schwert, das du in meinen Händen siehest, für dich schwingen. Besteige deinen Wagen wieder: ich selbst eile voran, ebne euren Rossen den Weg und helfe dir die Griechen in die Flucht jagen!«

Kaum hatte Hektor die Stimme des Gottes vernommen, so sprang er, wie ein mutiges Roß das Halfter an der Krippe zerreißt, vom Boden auf und schwang sich in seinen Wagen. Die Griechen aber, als sie den Helden herbeifliegen sahen, standen starr und ließen plötzlich von der Verfolgung ab, wie Jäger und Hunde, die einem Hirsch ins Waldesdickicht nachfolgen, vor einem zottigen Löwen erschrecken, der ihnen plötzlich drohend in den Weg kommt. Der erste, der Hektors ansichtig geworden, war der Ätolier Thoas, ein beredter Mann, der sogleich die Fürsten der Griechen, in deren Mitte er kämpfte, aufmerksam machte und ausrief: »Wehe mir, welch Wunder erblicke ich mit meinen Augen dort! Hektor, den wir alle unter dem Steinwurfe des Telamoniers stürzen sahen, kommt aufrecht auf dem Wagen heran, freudigen Mutes dem Vorkampfe zueilend; gewiß, ihm steht Zeus der Donnerer zur Seite! So gehorchet denn meinem Rate: heißt die Masse des Heeres sich auf die Schiffe zurückziehen; wir aber, die Tapfersten im Heere, wollen ihm mit Abwehr begegnen; und unsre Schar zu durchbrechen wird er sich scheuen, wenn er auch noch so mörderisch herantobt.«

Die Helden gehorchten dem vernünftigen Rate; sie beriefen die edelsten Fürsten und Kämpfer, und diese reiheten sich schnell um die beiden Ajax, um Idomeneus, Meriones und Teucer her: hinter ihnen aber zog sich alles Volk auf die Schiffe zurück. Die Trojaner ihrerseits drangen mit Heereskraft vor; sie führte Hektor, hoch auf seinem Streitwagen stehend; ihn selbst, in Gewölk eingehüllt, Apollo der Gott, den grauenvollen Ägisschild in der Hand. Die griechischen Helden harrten der Feinde in gedrängtem Häuflein; lautes Geschrei stieg aus beiden Heeren: bald sprangen die Pfeile und sausten die Speere; aber die Geschosse der Trojaner hafteten alle in Feindesleibern, weil Phöbos Apollo mit ihnen war, und sobald dieser die gräßliche Ägis gegen das Antlitz der Danaer schüttelte, laut und fürchterlich aus seiner dunkeln Wolke dazu aufschreiend, bebte den Griechen das Herz im Busen, und sie vergaßen der Abwehr. So erschlug denn Hektor zuerst den Führer der Böotier, Stichios, dann Arkesilaos, den edeln Genossen des Menestheus; Äneas raubte dem Athener Iasos und dem Medon, dem Halbbruder des lokrischen Ajax, Leben und Waffen; vor Polydamas sank Mekisteus, vor Polites Echios und Klonios vor Agenor: den Deïochos aber, der aus dem Vorderkampfe floh, schoß Paris durch den Rücken, daß die Lanzenspitze zur Brust herausdrang. Während die Trojaner diese alle der Rüstungen entblößten, flohen die Griechen in Verwirrung, dem Graben und den Pfählen zustürzend, bebten da- und dorthin; und manche retteten sich in der Not auch schon über die Mauer. Hektor rief unter seine Trojaner hinein, daß es hallte: »Laßt die Leichname in ihren blutigen Rüstungen liegen und sprengt geradenwegs auf die Schiffe zu. Wen ich nicht auf dem Wege dorthin treffe, der ist des Todes!« So schrie er, geißelte seine Rosse über die Schultern und lenkte dem Graben zu: und ihm folgten alle Helden Trojas mit ihren Streitwagen. Apollo stampfte mit seinen Götterfüßen die emporragenden Ränder des Grabens in der Mitte hinab und schuf ihnen so die Brücke eines Pfades, so lang und breit, als der Schwung eines Wurfspießes reicht. Auf diesem Wege überschritt der Gott selbst zuerst den Graben, und mit einem Stoße seiner Ägis warf er die Mauer der Griechen über den Haufen, wie ein am Meeresufer spielendes Kind den Sandhaufen, den es aufgebaut hat, auseinanderstört. Die Griechen waren jetzt wieder in den Schiffsgassen zusammengedrängt und hoben ihre Hände flehend zu den Göttern empor. Auf Nestors Gebet aber donnerte Zeus mit gnädigem Halle.

Die Trojaner deuteten das Zeichen vom Himmel zu ihren eigenen Gunsten, stürzten sich mit Wutausbruch mit Roß, Wagen und Mann über die Mauerbrücke und kämpften von ihren Streitwagen herab, während die Griechen sich auf die Verdecke ihrer Schiffe flüchteten und von deren Borden herab sich wehrten.

Während Griechen und Trojaner noch um den Wall kämpften, saß Patroklos immer noch in dem schönen Zelte des Helden Eurypylos und pflegte die Wunde desselben, lindernde Säfte dareinträufelnd. Als er aber hörte, wie die Troer mit Macht an die Mauer rannten und das Getümmel und Angstgeschrei der flüchtenden Danaer vor seine Ohren kam, schlug er sich die Hüfte mit der flachen Hand und rief laut aufjammernd: »Nein, Eurypylos, so gerne ich dich noch weiter pflegen möchte, länger darf ich nicht bei dir verweilen, denn draußen wird es zu laut! So behilf dich denn mit deinem Waffengenossen. Ich selbst aber eile zu meinem Freunde, dem Peliden, und versuche es, ob ich mit Hilfe der Götter und mit meinem Zuspruche ihn nicht zu bewegen vermag, an der Feldschlacht endlich wieder Anteil zu nehmen!« Kaum hatte er das Wort geendet, als seine behenden Füße ihn auch schon aus dem Zelte trugen.

Inzwischen tobte der Kampf bei den Schiffen, ohne daß der Vorteil sich auf eine Seite geneigt hätte. Um eines der Schiffe stritten sich Hektor und Ajax; aber jener vermochte diesen nicht vom Borde zu vertreiben und den Feuerbrand in das Fahrzeug zu werfen; dieser nicht, jenen zu verdrängen. Der Speer des Telamoniers streckte Kaletor, den Verwandten Hektors, an dessen Seite nieder; die Lanze Hektors traf Lykophron, den Streitgenossen des Ajax. Auf seinen Fall eilte Teucer dem Bruder zu Hilfe und schoß dem Wagenlenker des Polydamas, Kleitos, einen Pfeil in den Nacken. Polydamas, der zu Fuße focht, hemmte die leer davoneilenden Rosse. Ein zweiter Pfeil Teucers flog auf Hektor, aber Zeus ließ die Sehne zerreißen und das Geschoß seitwärts abirren; der Bogenschütze empfand schmerzlich die feindselige Gewalt des Gottes. Ajax ermahnte den Bruder, Bogen und Pfeil zu lassen und zu Schild und Speer zu greifen; dies tat der Held und bedeckte sich mit einem stattlichen Helme. Hektor dagegen rief seinen Kämpfern zu: »Mutig fortgestritten, ihr Männer! Eben sah ich, wie der Donnerer der tapfersten Griechen einem das Geschoß zerbrochen hat! Drum auf mit Heereskraft zum Schiffskampfe! Mit uns sind die Götter!« »Schande über euch, Argiver«, rief auf der andern Seite Ajax, »nun gilt’s zu sterben oder den Schiffen Rettung zu schaffen! Wenn der gewaltige Hektor diese mit Feuer zerstört, gedenket ihr zu Fuße über die Meerflut heimzukehren? Oder meint ihr, Hektor lade euch zum Reigentanz und nicht zum Kampfe? Viel besser ist’s, die Wahl des Todes oder Lebens zu beschleunigen, als in schmählicher Unentschiedenheit hinzuschmachten, von schlechteren Männern, die hinter dem Schirme der Götter fechten, vertilgt!« So rief Ajax und streckte einen Trojanerhelden nieder, aber für jeden Fallenden vergalt ihm Hektor mit dem Fall eines andern. Endlich entspann sich ein mörderischer Kampf um die Leiche und Rüstung des Dolops, den Menelaos gefällt hatte. Hektor bot alle Brüder und Verwandten auf; Ajax und seine Freunde dagegen umzäunten die Schiffe mit einem Gehege von Schilden und Lanzen. Da munterte Menelaos den schmucken Sohn des Nestor, Antilochos, auf und rief ihm zu: »Es ist doch keiner jünger und schneller im ganzen Heer als du und auch nicht tapferer, o Jüngling! Es wäre schön, wenn du hervorsprängest und einen der Trojaner erlegtest!« So reizte er den Antilochos, der sofort aus dem Gewühle herauseilte, sich umschaute und den blinkenden Wurfspeer absandte. Als er zielte, flogen die Trojaner auseinander, dennoch traf sein Geschoß den Melanippos, den Sohn Hiketaons, unter der Brustwarze, daß er zusammenstürzte und die Waffen um ihn prasselten. Herzu sprang Antilochos, wie der Hund auf das Hirschkalb, das der Jäger auf der Lauer durchschossen; als ihm aber Hektor entgegenlief, entfloh er wie ein Wild, das Hund oder Hirten der Herde zerrissen und, sich der bösen Tat bewußt, davonflieht, wenn es eine Männerschar herannahen sieht. Die Geschosse der Trojaner folgten ihm, und Antilochos wandte sich erst wieder um, als er bei den Seinigen in Sicherheit war.

Nun stürzte Trojas Volk wie eine Schar blutgieriger Löwen unter die Schiffe: Zeus schien entschlossen, den unbarmherzigen Wunsch der gleich ihrem Sohne Achill zürnenden Thetis ganz zu gewähren. Doch wartete er nur darauf, bis er die aufflammende Lohe eines einzigen in Flammen gesetzten Schiffes erblickte, um alsdann wieder Flucht und Verfolgung über die Trojaner zu verhängen und den Griechen aufs neue Siegesruhm zu gewähren. Hektor wütete unterdessen voll Grimm: der Schaum stand ihm um die Lippen, die Augen funkelten ihm unter den düsteren Brauen, und fürchterlich wehte der Busch von seinem Helme. Weil ihm nur noch wenige Lebenstage gewährt waren, so rüstete ihn Zeus vor allen Männern noch einmal mit Kraft und Herrlichkeit aus: denn schon lenkte ihm Pallas Athene das grause Todesverhängnis entgegen. Jetzt aber durchbrach er die Reihen der Feinde, wo er die dichtesten Haufen und die besten Rüstungen sah. Doch er versuchte lang umsonst einzubrechen; die dichtgeschlossene Schar der Danaer stand wie ein getürmter Meerfels, an dem die Brandung umsonst in die Höhe schäumt; dennoch warf er sich auf die Heerscharen, wie im Sturm eine Woge sich in ein Schiff hineinstürzt, daß endlich ein Grauen sich der Griechen bemächtigte und sie miteinander die Flucht ergriffen. Einem jedoch, der, als er zur Flucht sich umdrehte, unten am Schilde sich stieß und rückwärts fiel – es war der Sohn des berüchtigten Kopreus, Periphetes aus Mykene, ein besserer Mann als sein häßlicher Vater –, bohrte dicht bei seinen fliehenden Genossen Hektor die Lanze in die Brust.

Schon wichen die Griechen von den vorderen Schiffen zurück; doch zerstreuten sie sich nicht durch die Gassen des Lagers, sondern Scham und zugleich Furcht hielt sie bei den Zelten in Scharen aufgestellt zusammen, und sie ermahnten einander gegenseitig, vor allen der greise Held Nestor, der mit seinem Schlachtruf die Herzen der Männer ermutigte. Ajax der Telamonier aber umwandelte die Schiffsverdecke, ein zweiundzwanzig Ellen langes Ruder, mit Eisenringen gefügt, in seiner Rechten; und wie ein geschickter Rossespringer von einem Pferde aufs andre zum Staunen der Zuschauer hüpft, so sprang er von einem Schiffsgetäfel aufs andere und schrie mit schrecklicher Stimme zu den Griechen hinab. Aber auch Hektor weilte nicht untätig im Hafen der Seinigen, sondern wie ein funkelnder Adler auf die Scharen von Kranichen oder Schwänen stürzt, die sich am Ufer eines Stroms gelagert haben, so drang er geradenwegs auf eines der Meerschiffe stürmend los; Zeus selbst gab ihm im Rücken einen Stoß, daß er voranflog und seine ganze Schar ihm nachstürmte.

Da erhub sich von neuem um die Schiffe ein erbitterter Kampf. die Griechen wollten lieber sterben als entfliehen, von den Trojanern hoffte ein jeder, den ersten Fackelbrand in die Schiffe zu schleudern. Und nun faßte Hektor das Steuerende des schönen Schiffes, das den Protesilaos gen Troja geführt hatte, aber nicht wieder heimbringen sollte, weil er der erste war, der nach der Landung im Gefechte gegen die Trojaner gefallen war. Um dieses Schiff kämpften und mordeten jetzt Danaer und Troer; da war keine Rede mehr von Bogenschuß oder auch nur von Speerwurf: zusammengedrängt schwangen alle nur scharfe Beile, Äxte und Schwerter gegeneinander und führten Lanzen zum Stich. Manches gute Schwert stürzte dort aus der Hand in den Staub oder von den Schultern der Streitenden herab, und der Boden schwamm in Blut. Hektor aber, nachdem er einmal das Schiff gefaßt, umklammerte es fest und rief: »Jetzt Feuer her und den Schlachtruf erhoben! Jetzt schickt uns Zeus den Tag, der uns für alle andern schadlos hält! Jetzt die Schiffe erobert, welche uns so viel Jammer gebracht haben! Jetzt wird kein Ältester uns hindern, den Sieg zu benützen: Zeus selbst ermahnt und befiehlt uns jetzt!«

Auch Ajax vermochte Hektors Andrange nun nicht mehr zu widerstehen, die Geschosse drängten ihn zu sehr; er wich ein wenig vom Verdecke des Schiffs und schwang sich auf die Bank des Steuermanns. Aber auch von hier aus spähte er umher, wo abzuwehren sei, und richtete seine Lanze gegen die mit Feuerbränden eindringenden Trojaner; zugleich donnerte er seine Volksgenossen an: »Freunde, jetzt seid Männer! oder wähnet ihr, hinter den Schiffen stehen euch noch andere Helfer, noch ein stärkerer Wall, der euch schirmen könnte? Ihr habt keine Stadt, hinter deren Mauern ihr euch flüchten könntet wie die Trojaner; auf Feindesboden, fern vom Lande der Väter, an den Meeresrand sind wir hingedrängt! Unser ganzes Heil beruht nur auf unserem Arme!« So rief er und empfing jeden Feind, der mit einer Fackel sich dem Schiffe näherte, mit einem Lanzenstich, daß bald zwölf Leichen vor ihm den Boden deckten.

Die Rettungsschlacht



Die Rettungsschlacht

Bewunderungsvoll blickten der scheidenden Jungfrau König und Bürger Athens, voll Wehmut und Schmerz die Herakliden und Iolaos nach. Aber das Schicksal erlaubte beiden Teilen nicht, ihren Gedanken und Empfindungen nachzuhängen. Denn kaum war Makaria verschwunden, als ein Bote mit freudiger Miene und lautem Rufe dem Altare zugerannt kam. »Seid gegrüßt, ihr lieben Söhne!« rief er, »sagt mir, wo ist der Greis Iolaos? Ich habe ihm Freudenbotschaft zu bringen!« Iolaos erhub sich vom Altare, aber er konnte den tiefen Schmerz nicht mit einemmal aus den Zügen verbannen, so daß der Bote selbst ihn vor allen Dingen nach der Ursache seiner Traurigkeit fragen mußte. »Ein häuslicher Kummer bedrückt mich«, erwiderte der alte Held;»forsche nicht weiter, sage mir lieber, was dein fröhlicher Blick Gutes bringt!« »Kennst du mich denn nicht mehr«, sprach jener, »den alten Diener des Hyllos, der ein Sohn ist des Herakles und der Deïanira? Du weißt, daß mein Herr sich auf der Flucht von euch getrennt hat, um Bundesgenossen zu werben. Nun ist er zur guten Stunde mit einem mächtigen Heere gekommen und steht dem Könige Eurystheus gerade gegenübergelagert.« Eine freudige Bewegung durchlief die Schar der Flüchtlinge, die den Altar umringt hielten, und teilte sich auch den Bürgern mit. Die greise Alkmene selbst lockte diese frohe Botschaft aus den Frauengemächern des Palastes hervor, und der alte Iolaos, auf keine Widerrede achtend, ließ sich Streitwaffen bringen und schnallte sich den Harnisch an den Leib. Er empfahl die Obhut über die Kinder seines Freundes und ihre Ahne den Ältesten Athens, die in der Stadt zurückblieben. Mit der jungen Mannschaft und ihrem Könige Demophoon zog er selbst aus, sich mit dem Heere des Hyllos zu vereinigen. Als nun die verbündete Schar in schöner Schlachtordnung stand und das Feld weithin von blanken Waffenrüstungen glänzte, gegenüber aber auf einen Steinwurf das gewaltige Heer des Königs Eurystheus, er selbst an der Spitze, seine unabsehbaren Reihen dehnte, da stieg Hyllos, der Sohn des Herakles, von seinem Streitwagen, stellte sich mitten in die Gasse, welche die feindlichen Heere noch frei gelassen hatten, und rief dem gegenüberstehenden Argiverkönige zu: »Fürst Eurystheus! ehe überflüssiges Blutvergießen seinen Anfang nimmt und zwei große Städte sich um weniger Menschen willen bekämpfen und mit Vernichtung bedrohen, höre meinen Vorschlag! Laß uns beide durch redlichen Zweikampf den Streit entscheiden: falle ich von deiner Hand, so magst du die Kinder des Herakles, meine Geschwister, mit dir führen und handeln mit ihnen, wie dir gefällt; wird mir aber gegeben, dich zu fällen, so soll die väterliche Würde und seine Wohnung und Herrschaft im Peloponnes mir und den Seinigen allen gesichert sein!« Das Heer der Verbündeten gab durch lauten Zuruf seinen Beifall zu erkennen, und auch die Scharen der Argiver murrten zustimmend herüber. Nur der arge Eurystheus, wie er schon vor Herakles seine Feigheit bewiesen hatte, schonte auch jetzt seines Lebens, wollte von dem Vorschlage nichts hören und verließ die Schlachtreihe nicht, an deren Spitze er stand. Auch Hyllos trat jetzt wieder zu seinem Heere zurück, die Seher opferten, und bald ertönte der Schlachtruf »Mitbürger«, rief Demophoon den Seinigen zu, »bedenkt, daß ihr für Haus und Herd, für die Stadt, die euch geboren und ernähret hat, kämpft!« Auf der andern Seite beschwor Eurystheus die Seinigen, Argos und Mykene keinen Schimpf anzutun und dem Rufe dieses mächtigen Staates Ehre zu machen. Jetzt ertönten die tyrrhenischen Trompeten, Schild klang an Schild; Geräusch der Wagen, Stoß der Speere, Klirren der Schwerter erscholl, und dazwischen der Wehruf der Gefallenen. Einen Augenblick wichen die Verbündeten der Herakliden vor dem Stoße der argivischen Lanzen, die ihre Reihen zu durchbrechen drohten; doch bald wehrten sie die Feinde ab und rückten selbst vor; nun entstand erst das rechte Handgemenge, das den Kampf lange unentschieden ließ. Endlich wankte die Schlachtordnung der Argiver, ihre Schwerbewaffneten und ihre Streitwagen wandten sich zur Flucht. Da kam auch den alten Iolaos die Lust an, seine Greisenjahre noch durch eine Tat zu verherrlichen, und als eben Hyllos auf seinem Streitwagen an ihm vorbeirollte, um dem fliehenden Feindesheer in den Nacken zu kommen, streckte er die Rechte zu ihm empor und bat ihn, daß Hyllos ihn an seiner Statt den Wagen möge besteigen lassen. Dieser wich ehrerbietig dem Freunde seines Vaters und dem Beschützer seiner Brüder, er stieg vom Wagen, und statt seiner schwang sich der alte Iolaos in den Sitz. Es wurde ihm nicht leicht, mit seinen greisen Händen das Viergespann zu bewältigen, doch trieb er es vorwärts und war an das Heiligtum der pallenischen Athene gekommen, als er den fliehenden Wagen des Eurystheus in der Ferne dahinstäuben sah. Da erhob er sich in seinem Wagen und flehte zu Zeus und Hebe, der Göttin der Jugend, der unsterblichen Gemahlin seines in den Olymp versetzten Freundes Herakles, ihm nur für diesen Tag der Schlacht wieder Jünglingskraft zu verleihen, damit er sich an dem Feinde des Herakles rächen könne. Da war ein großes Wunder zu schauen: zwei Sterne senkten sich vom Himmel hernieder und setzten sich auf das Joch der Rosse, zugleich hüllte sich der ganze Wagen in eine dichte Nebelwolke; dies dauerte nur wenige Augenblicke, so waren Sterne und Nebel wieder verschwunden, in dem Wagen aber stand Iolaos verjüngt, mit braunen Locken, aufrechtem Nacken, nervigen Jünglingsarmen, in jugendfester Hand die Zügel des Viergespanns haltend. So stürmte er dahin und erreichte den Eurystheus, als er schon die Skeironischen Felsen im Rücken hatte, beim Eingang in ein Tal, durch welches der Argiver flüchten wollte. Eurystheus erkannte seinen Verfolger nicht und wehrte sich von seinem Wagen herab; aber die dem Iolaos von den Göttern verliehene Jünglingsstärke siegte, er zwang seinen alten Gegner vom Wagen herunter, band ihn auf seinen eigenen fest und führte ihn so als den Erstling des Sieges dem verbündeten Heere zu. Jetzt war die Schlacht ganz gewonnen, das führerlose Heer der Argiver stürzte in wilder Flucht davon; alle Söhne des Eurystheus und unzählige Streiter wurden erschlagen, und bald war kein Feind auf attischem Boden mehr zu sehen.

Die Schlacht. Diomedes



Die Schlacht. Diomedes

Bald begegneten sich die Heere in einem Raum; Schild traf auf Schild, Speer kreuzte sich mit Speer, und lautes Getöse, hier Wehklagen, dort Frohlocken, erhob sich ringsum. Wie sich im Spätling zwei geschwollene Bergströme im Hinabsturz vermischen, so vermählte sich das Geschrei der kämpfenden Heere. Der erste Held, welcher fiel, war der Trojaner Echepolos, der sich zu weit in den Vorkampf gewagt hatte. Diesem durchbohrte Nestors Sohn Antilochos mit der Lanzenspitze die Stirne, daß er umsank wie ein Turm. Schnell ergriff Elephenor, der griechische Fürst, den Fuß des Gefallenen, um ihn den Geschossen zu entziehen und der Rüstung zu berauben. Aber wie er sich bückte, ihn zu schleifen, entblößte er sich die Seite unter dem Schild; dies sah Agenor, der Trojaner, und durchbohrte ihm die Seite mit dem zuckenden Speer, daß der Grieche tot in den Staub sank. Über ihm tobte der Kampf beider Heere fort, und wie Wölfe erwürgten sie einander.

Ajax traf den blühenden Simoeisios im Vorwärtsdringen rechts über der Brust, daß ihm der Speer zur Schulter herausfuhr und er in den Staub hintaumelte; dann stürzte er sich auf ihn und beraubte ihn der Rüstung; gegen ihn warf der Trojaner Antiphos die Lanze; diese verfehlte ihn zwar, traf aber Leukos, den tapfern Freund des Odysseus, wie er eben den Toten hinwegschleifte. Das schmerzte den Odysseus, und vorsichtig umschauend, schleuderte er seinen Wurfspieß ab, vor dem die Trojaner zurückprallten; und er traf einen Sohn des Königes Priamos, den Bastard Demokoon, so daß die Spitze von einer Schläfe zur andern durchdrang. Als dieser in dumpfem Falle hinstürzte, wichen die vordersten Kämpfer der Trojaner rückwärts und selbst Hektor mit ihnen. Die Griechen aber jauchzten laut auf, schoben die Leichname beiseite und drangen tiefer in die Schlachtreihen der Trojaner ein.

Darüber erzürnte Apollo und ermunterte die Trojaner von der Stadt aus, indem er ihnen zurief. »Räumet doch den Argivern das Feld nicht! Ist doch ihr Leib weder von Stein noch von Eisen, und ihr bester Held Achill kämpft nicht einmal, sondern grollt bei den Schiffen.« Auf der andern Seite trieb Athene die Danaer in den Kampf, und so fielen von beiden Teilen noch viele Helden.

Da rüstete Pallas den Sohn des Tydeus, Diomedes, mit besonderer Kraft und Kühnheit aus, daß er vor allem Danaervolk hervorstrahlte und sich unsterblichen Ruhm gewann. Helm und Schild machte sie ihm glänzend wie ein Gestirn der Herbstnacht und trieb ihn hinein ins wildeste Getümmel der Feinde. Nun befand sich unter den Trojanern ein Priester des Hephaistos, mit Namen Dares, ein mächtiger, reicher Mann, der zwei Söhne, Phegeus und Idaios, mutige Männer, in die Schlacht gesendet hatte. Diese sprengten aus den Reihen der Ihrigen auf Diomedes hervor mit ihren Streitwagen, während der griechische Held zu Fuße kämpfte. Zuerst sandte Phegeus seine Lanze ab; sie fuhr aber links an der Schulter des Tydiden vorbei, ohne ihn zu verwunden. Des Diomedes Wurfspieß dagegen traf den Phegeus in die Brust und stürzte ihn vom Wagen. Als sein Bruder Idaios dieses sah, wagte er es nicht, den Leichnam seines Bruders zu schirmen, sondern sprang vom Wagen und entfloh, indem der Beschirmer seines Vaters, Hephaistos, Finsternis um ihn her verbreitete; denn dieser wollte nicht, daß sein Priester beide Söhne verlöre.

Jetzt nahm Athene ihren Bruder, den Kriegsgott Ares, bei der Hand und sprach zu ihm: »Bruder, wollen wir nicht Troer und Griechen jetzt sich selbst überlassen und eine Weile zusehen, welchem Volke die Fürsehung unsers Vaters den Sieg zuwende?« Ares ließ sich von der Schwester aus der Schlacht hinausführen, und so waren die Sterblichen sich selbst überlassen; doch wußte Athene wohl, daß ihr Liebling Diomedes mit ihrer Kraft ausgerüstet streite. Nun fingen die Argiver an, den Feind erst recht hart zu bedrängen, und vor jedem griechischen Führer sank ein Trojaner dahin. Agamemnon jagte dem Hodios den Speer ins Schulterblatt; Idomeneus durchstach den Phaistos aus Tarne, daß er dem Wagen entstürzte; der kundige Jäger Skamandrios wurde von der spitzen Lanze des Menelaos durchbohrt; den kunstvollen Phereklos, der dem Paris die räuberischen Schiffe gezimmert hatte, traf Meriones; und andere fielen von anderer Hand. Der Tydide aber durchtobte das Feld wie ein angeschwollener Herbststrom, und man wußte nicht, gehörte er den Griechen oder den Trojanern an, denn bald war er da, bald dort. Wie nun der Kampf ihn so hin und her trieb, faßte Lykaons Sohn, Pandaros, sich ihn ins Auge, richtete seinen Bogen auf ihn und schoß ihm mit dem Pfeil gerade in die Schulter hinein, so daß sein Blut über den Panzer hinabströmte. Pandaros, solches sehend, jauchzte und rief hinterwärts zu seinen Genossen: »Drängt euch heran, ihr Trojaner, spornt eure Rosse! Ich habe den tapfersten Danaer getroffen! Bald wird er umsinken und ausgewütet haben, wenn anders mich Apollo aus Lykien zum Kampfe selbst herbeigerufen hat!« Doch den Diomedes hatte das Geschoß nicht tödlich verwundet; er stellte sich vor seinen Streitwagen und rief seinem Freund und Wagenlenker Sthenelos zu: »Steige doch vom Wagen, mein Geliebter, und zeuch mir den Pfeil aus der Schulter!« Sthenelos sprang eilig herab und tat also: das helle Blut spritzte dabei aus den Panzerringen. Da betete Diomedes zu Athene: »Blauäugige Tochter des Zeus! Wenn du je schon meinen Vater beschirmt hast, so sei auch mir jetzt gnädig! Lenke meinen Speer auf den Mann, der mich verwundet hat und jetzt frohlockt, auf daß er nicht lange mehr das Licht der Sonne schaue!« Athene hörte sein Flehen und beseelte ihm Arme und Füße, daß sie leicht wurden wie der Leib eines Vogels und er, unbeschwert von seiner Wunde, in die Schlacht zurückeilen konnte. »Geh«, sprach sie zu ihm, »ich habe auch die Finsternis von deinen Augen genommen, daß du Sterbliche und Götter in der Schlacht unterscheiden kannst; hüte dich darum, wenn ein Unsterblicher auf dich zugewandelt kommt, dich mit solchem in einen Kampf einzulassen! Nur Aphrodite, wenn sie dir naht, magst du mit deinem Speere verwunden!«

Nun flog Diomedes in das vorderste Treffen zurück, mit dreifachem Mut und mit Kraft wie ein Berglöwe ausgerüstet. Hier hieb er den Astynoos durch einen Streich ins Schultergelenke nieder; dort durchbohrte er den Hypeiron mit der Lanze; dann erlegte er zwei Söhne des Eurydamas, dann zwei spätgeborne Söhne des Phainops, daß dem Vater nur der Gram zurückblieb; dann warf er zwei Söhne des Priamos, den Chromios und Echemmon zugleich aus dem Wagen mit Gewalt und beraubte sie der Rüstung, indes die Seinigen den erbeuteten Streitwagen nach den Schiffen abführten.

Äneas, der tapfere Eidam des Königes Priamos, sah, wie dünn die Reihen der Trojaner unter den Streichen und Stößen des Tydiden wurden. Deswegen eilte er durch die stürmenden Geschosse hin, bis er den Pandaros traf, den er so anredete: »Sohn Lykaons, wo bleibt dein Bogen und Pfeil, wo dein Ruhm, den bisher kein Lykier, kein Trojaner dir streitig machte? Sende doch dem Manne, der den Troern so viel Böses tut, noch ein Geschoß zu, wenn er nicht anders ein unsterblicher Gott in menschlicher Gestalt ist!« Ihm antwortete Pandaros: »Wenn es nicht ein Gott ist, so ist’s der Tydide Diomedes, den ich erschossen zu haben glaubte. Ist er es aber, so hat sich ein Unsterblicher seiner erbarmt und steht ihm auch jetzt noch zur Seite! Dann bin ich wohl ein unglücklicher Kämpfer! Schon gegen zween griechische Heerfürsten sandte ich den Pfeil ab, verwundete beide, ohne sie zu töten, und habe sie nur wütender gemacht! Wahrhaftig, zur Unglücksstunde habe ich Köcher und Bogen genommen und bin damit vor Troja gezogen! Kehre ich je wieder heim, so soll mir ein Fremdling das Haupt abschlagen, wenn ich nicht Bogen und Pfeile mit den Händen zerknicke und diesen nichtigen Tand, der mich begleitet hat, ins lodernde Feuer werfe!«

»Nicht also!« sprach, ihn beruhigend, Äneas. »Besteige vielmehr meinen Streitwagen und lerne die Gewandtheit der trojanischen Pferde im Verfolgen und Entfliehen kennen. Verleiht Zeus dem Diomedes durchaus die Siegesehre, so werden sie uns sicher nach Troja hineintragen. Ich selbst will indessen zu Fuße des Kampfes warten.« Aber Pandaros bat ihn, die Rosse selbst lenken zu wollen, da er dieses Werkes nicht kundig sei, schwang sich zu ihm auf den Wagen, und so sprengten sie mit den hurtigen Tieren auf den Tydiden zu. Sein Freund Sthenelos sah sie herankommen, rief den Genossen an und sprach: »Sieh da, zwei tapfere Männer, die auf dich losstürmen, Pandaros und der Halbgott Äneas, Aphroditens Sohn! Diesmal laß uns zu Wagen entfliehen; dein Wüten dürfte dir nichts nützen gegen diese!«

Aber Diomedes blickte finster und erwiderte ihm: »Sage mir nichts von Furcht! Es liegt nicht in meiner Art, vor einem Kampfe zurückzubeben oder mich zu schmiegen. Meine Kraft ist noch nicht erschöpft; es verdrösse mich, untätig im Wagen stehen zu müssen. Nein, wie ich hier zu Fuße bin, will ich ihnen entgegenwandeln. Gelingt es mir, sie beide zu töten, so hemme du unsre Pferde, den Zaum am Sesselrand befestigend, und führe mir die Rosse des Äneas als Beute zu den Schiffen!« Indem flog die Lanze des Pandaros dem Tydiden entgegen, durchfuhr den Schild und prallte vom Panzer ab. »Nicht getroffen, gefehlt!« rief Diomedes dem jauchzenden Trojaner entgegen, und sein die Luft im Bogen durchsausender Speer fuhr dem Gegner unter dem Auge in den Kiefer, durch die Zähne und Zunge hindurch, daß die Spitze am Unterkinn wieder herauskam. Pandaros stürzte rasselnd vom Wagen und zuckte sterbend in der glänzenden Rüstung auf dem Boden. Seine Rosse rannten flüchtig auf die Seite; Äneas aber sprang herab und umwandelte den Leichnam wie ein trotziger Löwe, Schild und Speer vorstreckend und jeden zu erschlagen bereit, der ihn antasten würde. Jetzt ergriff Diomedes einen Feldstein, wie ihn zwei gewöhnliche Männer nicht aufheben konnten. Mit diesem traf er den Sohn des Anchises am Hüftgelenk, zermalmte dieses und zerriß ihm die Sehnen, daß der Held, die Rechte gegen den Boden stemmend, ins Knie sank und ihm die Sinne vergingen; und er wäre gestorben, wenn nicht Aphrodite ihren trauten Sohn mit den Lilienarmen umschlungen, ihn mit den Falten ihres silberhellen Gewandes umhüllt und aus der Schlacht getragen hätte. Sthenelos hatte inzwischen Wagen und Rosse des Äneas, dem Befehle seines Freundes folgsam, zu den Schiffen geführt und war auf dem eigenen Wagen bald wieder an der Seite des Tydiden angekommen. Dieser hatte mit seinen von Athene geöffneten Augen die Göttin Aphrodite erkannt, durch das Schlachtgetümmel verfolgt und mit ihrer Beute erreicht. Der Held stieß mit der Lanze nach ihr, und sein Speer drang durch die ambrosische Haut in die Handwurzel, daß ihr unsterbliches Blut zu rinnen begann. Die verwundete Göttin schrie laut auf und ließ den Sohn zur Erde sinken. Dann eilte sie ihrem Bruder Ares zu, den sie zur Linken der Schlacht, Wagen und Rosse in Nacht gehüllt, sitzen fand. »O Bruder«, rief sie flehend, »schaff mich weg, gib mir die Rosse, daß ich zum Olymp entkomme; mich schmerzt meine Wunde; Diomedes, der Sterbliche, hat mich verwundet: er wäre imstande, selbst mit unserem Vater Zeus zu kämpfen.« Ares überließ ihr den Wagen, und Aphrodite, auf der Höhe des Olymps angekommen, warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter Dione und wurde von ihr unter schmeichelnden Trostworten vor den Göttervater geleitet, der sie lächelnd empfing und ihr entgegenrief: »Drum wurden dir nicht die Werke des Krieges verliehen, mein liebes Töchterchen; ordne du Hochzeiten und laß die Schlachten den Kriegsgott besorgen!« Ihre Schwester Pallas und Hera aber sahen sie spöttisch von der Seite an und sprachen stichelnd: »Was wird es sein? Wahrscheinlich hat die schöne falsche Griechin unsere Schwester nach Troja gelockt, da wird sie Helenas Gewand gestreichelt und sich mit einer Spange geritzt haben!«.

Drunten auf dem Schlachtfeld hatte sich Diomedes auf den liegenden Äneas geworfen und holte dreimal aus, ihm den Todesstreich zu versetzen; aber dreimal hielt der zornige Gott Apollo, der nach der Schwester Verwundung herbeigeeilt war, ihm den Schild vor; und als jener das viertemal anstürmte, drohte er ihm mit schrecklicher Stimme: »Sterblicher, wage nicht, mit den Göttern dich zu messen!« Scheu und mit zauderndem Schritt entwich Diomedes. Apollo aber trug den Äneas aus dem Schlachtgewühl in seinen Tempel nach Troja, wo Leto, seine Mutter, und Artemis, seine Schwester, ihn in ihre Pflege nahmen. Auf dem Boden, wo der Held gelegen, schuf er sein Scheinbild, um das sich nun Trojaner und Griechen mit wilden Schlägen und Stößen zankten. Dann ermahnte Apollo den Ares, daß er den frechen Tydiden, der die Götter selbst bekämpfe, aus der Schlacht zu entfernen strebe. Und der Kriegsgott, in der Gestalt des Thrakiers Akamas, mischte sich im Getümmel unter die Söhne des Priamos und schalt sie: »Wie lange gönnet ihr den Griechen das Morden, ihr Fürsten? Wollt ihr warten, bis um die Tore eurer Stadt selbst gekämpft wird? Wißt ihr nicht, daß Äneas auf dem Boden liegt? Auf und retten wir den edlen Genossen aus der Hand der Feinde!« So erregte Ares die Herzen der Trojaner. Sarpedon, der Fürst der Lykier, näherte sich dem Hektor und sprach zu ihm: »Hektor, wohin ist dir dein Mut geschwunden? Rühmtest du dich doch jüngst, selbst ohne Verbündete, ohne Heeresmacht, mit deinen leiblichen Brüdern und Schwägern allein wolltest du Troja schirmen; nun aber sehe ich ihrer keinen in der Schlacht, sie schmiegen sich alle wie die Hunde vor dem Löwen, und wir Bundesgenossen allein müssen den Kampf aufrechterhalten!« Hektor fühlte den Vorwurf tief im Herzen, er sprang vom Wagen, schwenkte die Lanze, durchwandelte ermahnend alle Heldengeschwader und erweckte den tobenden Streit aufs neue. Seine Brüder und alle Trojaner kehrten die Stirne dem Feinde wieder zu. Auch den Äneas, mit Gesundheit und Kraft erfüllt, sandte Apollo wieder in den Kampf, daß er sich plötzlich unverletzt den Seinigen wieder zugesellte. Alle freuten sich, aber keiner nahm sich Zeit, ihn zu fragen; sie stürzten nur miteinander in die Schlacht.

Aber die Danaer, Diomedes, die beiden Ajax und Odysseus an der Spitze, erwarteten ruhig die Heranstürmenden wie ein unbewegliches Gewölk; und Agamemnon durcheilte die Heerschar und rief: »Jetzt seid Männer, o ihr Freunde, und ehret euch selbst in der Schlacht; denn wo ein Volk sich selbst ehrt, da stehen mehr Männer als fallen; aber für den Fliehenden gibt es keinen Ruhm und keine Rettung!« So rief er, schickte zuerst den Speer gegen die heranrückenden Trojaner ab und streckte den Freund des Äneas, den hochgeehrten Deïkoon, der immer im Vorderkampfe stritt, nieder. Aber auch die gewaltige Hand des Äneas tötete zwei der tapfersten Danaer, Krethon und Orsilochos, Söhne des Diokles, die zu Pherai im Peloponnes wie zwei freudige Berglöwen zusammen aufgewachsen waren. Um die Gefallenen trauerte Menelaos, schwenkte den Speer und warf sich rasch in das vorderste Gewühl. Ares selbst spornte sein Herz, denn er hoffte, daß ihn Äneas fällen werde. Aber Antilochos, Nestors Sohn, um den Völkerhirten besorgt, stürzte gleichfalls hervor an seine Seite, während jene beiden schon voll Kampfgier ihre Lanzen gegeneinander gezückt hatten. Als Äneas zwei Helden sich gegenübersah, wich er zurück; Menelaos und Antilochos retteten die beiden Leichen aus den Händen der Feinde und übergaben sie den Freunden; sie selbst wandten sich dem Vorkampfe wieder zu. Menelaos durchstach den Pylaimenes, Antilochos hieb seinem Wagenlenker Mydon das Schwert in die Schläfe, daß er auf den Scheitel gestellt in den Staub stürzte, bis ihn seine eigenen Rosse umwarfen, die Antilochos mit der Geißel den Griechen zutrieb.

Jetzt aber jagte Hektor mit den tapfersten Heerscharen der Trojaner voran, und der Kriegsgott selbst wandelte bald vor, bald hinter ihm her. Als Diomedes den Gott kommen sah, stutzte der Held, wie ein Wanderer vor einem brausenden Wasserfalle staunt, und rief dem Volke zu: »Staunet nicht über die Unerschrockenheit Hektors, ihr Freunde, denn immer geht ein Gott neben ihm her und wehrt das Verderben von ihm ab. Darum, wenn wir weichen, so weichen wir den Göttern!« Indessen stürmten die Schlachtreihen der Trojaner immer näher heran, und Hektor erschlug zwei tapfere Griechen auf einem Streitwagen, den Anchialos und Menesthes. Ajax, der Telamonier, eilte herbei, sie zu rächen; er traf mit der Lanze den Amphios, einen Verbündeten der Trojaner, unter dem Gurte, daß er in dumpfem Falle zu Boden stürzte; dann stemmte er den Fuß auf den Leichnam und zog die Lanze heraus; ein Hagel von Speeren hinderte ihn, den Gefallenen der Rüstung zu berauben.

Auf einer andern Seite trieb ein böses Verhängnis den Herakliden Tlepolemos auf den Lykier Sarpedon zu, dem er schon von weitem zurief. »Was nötigt dich, hier in Angst zu vergehen, weibischer Asiate, der du dich fälschlich rühmst, ein Zeussohn zu sein wie mein Vater Herakles! Du bist feige, und selbst wenn du ein Tapferer wärest, so solltest du jetzt dem Hades nicht entgehen!« »Habe ich mir noch keinen Ruhm erworben«, entgegnete ihm Sarpedon, »so soll dein Tod mir ihn verschaffen!« Und nun kreuzten sich die Lanzen beider Helden; der Wurfspieß des Sarpedon traf den prahlerischen Gegner gerade in den Hals, daß die Spitze hinten hervordrang und er entseelt zur Erde stürzte. Aber auch des Tlepolemos Speer hatte den linken Schenkel Sarpedons bis auf die Knochen durchbohrt, und nur sein Vater Zeus hemmte den Tod. Die Freunde führten den Bebenden aus dem Kampfe, so hastig, daß keiner bemerkte, wie er die aus dem Schenkel hervorragende Lanze noch nachschleppte. Auch die Leiche des Tlepolemos trugen die Griechen aus dem Kampfe zurück.

Während Odysseus in der führerlosen Schar der Lykier wütete und schon ganz nahe an dem flüchtenden Sarpedon war, erfreute diesen der Anblick des herannahenden Hektor, und er rief ihm mit schwacher Stimme zu: »Priamos‘ Sohn, laß mich nicht den Achivern zum Raube daliegen; verteidige mich, daß ich mein Leben ruhig in dieser Stadt aushauchen mag, wenn ich doch das Land der Väter, mein Weib und mein Söhnlein nicht mehr sehen soll!« Ohne ein Wort zu erwidern, drängte Hektor die verfolgenden Griechen zurück, so daß selbst Odysseus nicht wagte, weiter vorzudringen. Nun legten den Sarpedon seine Freunde unweit vom Skäischen Tore unter der hohen Buche nieder, die seinem Vater Zeus heilig war, und sein Jugendgenosse Pelagon zog ihm den Speer aus dem Schenkel. Einen Augenblick verließ den Verwundeten die Besinnung, doch atmete er bald wieder auf, und ein kühler Nordwind wehte seinen matten Lebensgeistern Erfrischung zu.

Ares und Hektor bedrängten jetzt die Griechen, daß sie allmählich rückwärts wichen zu ihren Schiffen. Sechs herrliche Helden fielen allein von Hektors Hand. Mit Schrecken überblickte vom Olymp herab Hera, die Göttermutter, das Gemetzel, das die Trojaner unter dem Beistande des Ares anrichteten. Auf ihren Antrieb ward Athenes Wagen mit den ehernen, goldumfaßten Rädern, der silbernen Deichsel und dem goldenen Joche gerüstet, in welches Hera selbst ihr schnellfüßiges Rossegespann fügte; Athene aber hüllte sich in ihres Vaters Panzer, bedeckte das Haupt mit dem goldenen Helm, ergriff den Schild mit dem Gorgonenhaupte, faßte den Speer und schwang sich auf den silbernen Sessel, der in goldenen Riemen hing. Neben ihr sitzend, schwenkte Hera die Geißel und beflügelte die Rosse. Des Himmels Tor, das die Horen hüteten, krachte von selbst auf, und die riesigen Göttinnen fuhren an den Zacken des Olymp vorüber. Auf der höchsten Kuppe saß Zeus, und ihr Gespann einen Augenblick zügelnd, rief ihm Hera, seine Gemahlin, zu: »Zürnst du denn gar nicht, Vater, daß dein Sohn Ares das herrliche Volk der Griechen wider das Geschick verdirbt? Siehst du, wie sich Aphrodite und Apollo freuen, die den Wüterich gereizt haben? Nun wirst du mir doch erlauben, daß ich dem Frechen einen Streich versetze, der ihn aus dem Kampfe hinausstößt!« »Immerhin soll es dir gestattet sein«, rief ihr Zeus von seinem Sitze zu, »sende nur frisch meine Tochter Athene gegen ihn, die am bittersten zu kämpfen versteht.« Nun flog der Wagen zwischen dem Sternengewölbe und der Erde dahin, bis er sich am Zusammenflusse des Simois und Skamander mitsamt den Rossen auf den Boden niederließ.

Die Göttinnen eilten sofort in die Männerschlacht, wo die Krieger wie Löwen und Eber um den Tydiden gedrängt standen. Zu ihnen gesellte sich Hera in Stentors Gestalt und rief mit der ehernen Stimme dieses Helden: »Schämet euch, ihr Argiver! Seid ihr nur furchtbar, solange Achill an eurer Seite ficht? Der sitzt nun bei den Schiffen, und ihr vermöget nichts!« Mit diesem Ruf erregte sie den wankenden Mut der Danaer. Athene aber bahnte sich den Weg zu Diomedes selbst. Sie fand diesen an seinem Wagen stehend und die Wunde abkühlend, die ihm der Pfeil des Pandaros gebohrt hatte. Der Druck des breiten Schildgehenkes und der Schweiß peinigten ihn, und seine Hand fühlte sich kraftlos; mit Mühe lüftete er den Riemen und trocknete sich das Blut. Nun faßte die Göttin Athene das Joch der Rosse, stützte ihren Arm darauf und sprach zu dem Helden gekehrt: »In Wahrheit, der Sohn des mutigen Tydeus gleicht seinem Vater nicht sonderlich; dieser zwar war nur klein von Gestalt, aber doch ein immer rüstiger Kämpfer; schlug er sich doch vor Theben einmal ganz wider meinen Willen, und doch konnte ich ihm meinen Beistand nicht versagen. Auch hättest du dich meiner Obhut und meiner Hilfe zu erfreuen; aber ich weiß nicht, was es ist – starren dir deine Glieder von der Arbeit oder lähmt dich die sinnberaubende Furcht: genug, du scheinst mir nicht der Sohn des feurigen Tydeus zu sein!« Diomedes blickte bei diesen Reden der Göttin auf, staunte ihr ins Gesicht und sprach: »Wohl erkenne ich dich, Tochter des Zeus, und will dir die Wahrheit unverhohlen sagen. Weder Furcht noch Trägheit lähmen mich, sondern der gewaltigsten Götter einer. Du selbst hast mir das Auge aufgetan, daß ich ihn erkenne. Es ist Ares, der Gott des Krieges, den ich im Treffen der Trojaner walten sah; sieh hier die Ursache, warum ich selbst zurückwich und auch dem übrigen Griechenvolke gebot, sich hier um mich zu sammeln!« Darauf antwortete ihm Athene: »Diomedes, mein auserwählter Freund! Hinfort sollst du weder den Ares noch einen andern der Unsterblichen fürchten; ich selbst will deine Helferin sein. Lenke nur mutig deine Rosse dem rasenden Kriegsgott selber zu!« So sprach sie, gab seinem Wagenlenker Sthenelos einen leichten Stoß, daß er willig vom Streitwagen sprang, und setzte sich selbst in den Sessel zu dem herrlichen Helden. Die Achse stöhnte unter der Last der Göttin und des Stärksten unter den Griechen. Sofort ergriff Pallas Athene Zügel und Peitsche und lenkte den Huftritt der Rosse Ares, dem Kriegsgotte, zu. Dieser raubte gerade dem tapfersten Ätolier, Periphas, den er erschlagen hatte, die Rüstung. Als er aber den Diomedes im Streitwagen auf sich zukommen sah – die Göttin hatte sich in undurchdringliche Nacht gehüllt –, ließ er den Periphas liegen und eilte auf den Tydiden zu, über Joch und Zügel seiner Rosse herausgelehnt und mit der Lanze nach der Brust des Helden zielend. Aber Athene, unsichtbar, ergriff sie mit der Hand und gab ihr eine andere Richtung, daß sie ohne Ziel in die Luft hinausflog. Nun erhub sich Diomedes in seinem Wagensitze, und Athene selbst lenkte den Stoß seines Speeres, daß es dem Ares unter dem ehernen Leibgurt in die Weiche fuhr. Der Kriegsgott brüllte, wie zehntausend Sterbliche in der Schlacht schreien: Trojaner und Griechen zitterten, denn sie glaubten bei heiterer Luft den Donner des Zeus zu hören. Diomedes aber sah den Ares, in Wolken gehüllt, wie in einem Orkane zum Himmel emporfahren. Dort setzte sich der Kriegsgott neben den Donnerer, seinen Vater, und zeigte ihm das aus der Wunde herabtriefende Blut. Aber Zeus schaute finster und sprach: »Sohn, winsle mir hier nicht an meiner Seite! Von allen Olympiern bist du mir der Verhaßteste; immer hast du nur Zank und Fehde geliebt, mehr als alle anderen gleichest du an Trotz und Starrsinn deiner Mutter. Gewiß hat dieses Weh dir auch ihr Rat bereitet! Dennoch kann ich nicht länger mit ansehen, wie du leidest, und der Arzt der Götter wird dich heilen.« So übergab er ihn dem Paion, welcher der Wunde wahrnahm, daß sie sich auf der Stelle schloß.

Inzwischen waren auch die andern Götter in den Olymp zurückgekehrt, um die Feldschlacht der Troer und Danaer wieder sich selbst zu überlassen. Zuerst brach jetzt Ajax, der Sohn Telamons, in das Gedränge der Trojaner und machte den Seinigen wieder Luft, indem er Akamas, dem gewaltigsten Thrakier, die Stirne unter dem Helm durchbohrte. Darauf erschlug Diomedes den Axylos und seinen Wagenlenker; vor Euryalos erlagen drei andere edle Trojaner, vor Odysseus Pidytes, vor Teucer Aretaon, vor Antilochos Ableros, vor Agamemnon Elatos, vor andern andere. Den Adrastos erhaschte Menelaos, als ihn die Rosse, strauchelnd, auf den Boden geworfen und mit dem Wagen unter andern herrenlosen Pferden zur Stadt enteilten. Der liegende Feind umschlang die Knie des Fürsten und flehte jämmerlich: »Fange mich lebendig, Atride, nimm volle Lösung von Erz und Gold aus dem Schatze meines Vaters, der sie dir willig gibt, wenn er mich wieder lebendig umarmen darf!« Menelaos fühlte sein Herz im Busen bewegt, da lief Agamemnon heran und strafte ihn mit den Worten: »Sorgst du so für deine Feinde, Menelaos? Fürwahr, sie haben es um dich im Heimatlande verdient! Nein, keiner soll unserm Arm entfliehen, auch der Knabe im Mutterschoße nicht! Alles, was Troja großgezogen hat, soll ohne Erbarmen sterben!« Da stieß Menelaos den Flehenden mit der Hand von sich, und Agamemnon durchbohrte ihm den Leib mit er Lanze. Unter den stürmenden Argivern hörte man Nestors hallenden Ruf: »Freunde, daß ja keiner, zu Raub und Beute gewendet, dahinten bleibe! jetzt gilt es nur, Männer zu töten; nachher könnt ihr gemächlich den Leichnamen die Rüstung abziehen!«

Bald wären jetzt die Trojaner ihrer Stadt überwunden zugeflohen, wenn nicht Helenos, der Sohn des Priamos, der kundigste Vogelschauer, sich zu Hektor und Äneas gewendet und so zu ihnen gesprochen hätte: »Alles beruht jetzt auf euch, ihr Freunde; nur wenn ihr das flüchtige Volk vor den Toren hemmet, vermögen wir selbst noch die Scharen der Danaer zu bekämpfen. Dir, Äneas, übertragen die Götter zunächst dieses Geschäft. Du aber, Bruder Hektor, eile gen Troja und sage unserer Mutter ein Wort. Sie soll die edelsten Weiber auf der Burg im Tempel Athenes versammeln, ihr köstlichstes Gewand auf die Knie der Göttin legen und ihr zwölf untadelige Kühe geloben, wenn sie sich der trojanischen Frauen und Kinder und ihrer Stadt erbarmt und den schrecklichen Tydiden abwehrt.« Unverdrossen sprang Hektor vom Wagen, durchwandelte ermahnend die Geschwader und enteilte nach der Stadt.

Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herakles



Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herakles

Der König Minos in Kreta hatte dem Gotte Poseidon (Neptun) versprochen, ihm zu opfern, was zuerst aus dem Meere auftauchen würde; denn Minos hatte behauptet, daß er kein Tier besitze, das würdig sei, zu einem so hohen Opfer zu dienen. Darum ließ der Gott einen ausnehmend schönen Stier aus dem Meere aufsteigen; den König aber verleitete die herrliche Gestalt des Tieres, das sich seinen Blicken darbot, dasselbe heimlich unter seine Herde zu stecken und dem Poseidon einen andern Stier als Opfer unterzuschieben. Hierüber erzürnt, hatte der Meergott zur Strafe den Stier rasend werden lassen, und dieser richtete nun auf der Insel Kreta große Verwüstungen an. Ihn zu bändigen und vor Eurystheus zu bringen, wurde dem Herakles als siebente Arbeit aufgetragen. Als er mit seinem Ansinnen nach Kreta und vor Minos kam, war dieser nicht wenig erfreut über die Aussicht, den Verderber der Insel loszuwerden, ja er half ihm selbst das wütende Tier einzufangen, und die Heldenkraft des Herakles bändigte den rasenden Ochsen so gründlich, daß, um den Stier nach dem Peloponnese zu schaffen, er sich von demselben auf dem ganzen Wege nach der See wie von einem Schiffe tragen ließ. Mit dieser Arbeit war Eurystheus zufrieden, ließ jedoch das Tier, nachdem er es eine kurze Zeit mit Wohlgefallen betrachtet, sofort wieder frei. Als der Stier nicht mehr im Banne des Herakles war, kehrte seine alte Raserei zurück, er durchirrte ganz Lakonien und Arkadien, streifte über den Isthmus nach Marathon in Attika und verheerte hier das Land wie vordem auf der Insel Kreta. Erst dem Theseus gelang es später, Meister über ihn zu werden.

Als achte Arbeit trug nun sein Vetter dem Herakles auf, die Stuten des Thrakiers Diomedes nach Mykene zu bringen. Dieser war ein Sohn des Ares und König der Bistonen, eines sehr kriegerischen Volkes. Er besaß Stuten, die so wild und stark waren, daß man sie an eherne Krippen und mit eisernen Ketten band. Ihr Futter bestand nicht aus Hafer, sondern die Fremdlinge, welche das Unglück hatten, in die Stadt des Königes zu kommen, wurden ihnen vorgeworfen, und das Fleisch derselben diente den Rossen zur Nahrung. Als Herakles ankam, war sein erstes, den unmenschlichen König selbst zu fassen und ihn seinen eigenen Stuten vorzuwerfen, nachdem er die bei den Krippen aufgestellten Wächter übermannt hatte. Durch diese Speise wurden die Tiere zahm, und er trieb sie nun ans Gestade des Meeres. Aber die Bistonen kamen unter Waffen hinter ihm her, so daß Herakles sich umwenden und gegen sie kämpfen mußte. Er gab die Tiere seinem Liebling und Begleiter Abderos, dem Sohne des Hermes, zu bewachen. Als Herakles fort war, kam die Stuten wieder ein Gelüste nach Menschenfleisch an, und Herakles fand, als er die Bistonen in die Flucht geschlagen hatte und zurückgekehrt war, seinen Freund von den Rossen zerrissen. Er betrauerte den Getöteten und gründete ihm zu Ehren eine Stadt seines Namens, Abdera. Dann bändigte er die Stuten wieder und gelangte glücklich mit ihnen zu Eurystheus. Dieser weihte die Pferde der Hera. Ihre Nachkommenschaft dauerte noch lange fort, ja der König Alexander von Makedonien ritt noch auf einem Abkömmling derselben. Nachdem Herakles diese Arbeit ausgeführt, schiffte er sich mit dem Heere des Iason, der das Goldne Vlies holen sollte, nach Kolchis ein, wovon wir schon erzählt haben.

Von langer Irrfahrt zurückgekehrt, unternahm der Held den Zug gegen die Amazonen, um das neunte Abenteuer zu bestehen und das Wehrgehenk der Amazone Hippolyte dem Eurystheus zu bringen. Die Amazonen bewohnten die Gegend um den Fluß Thermodon in Pontus und waren ein großes Frauenvolk, das einzig Männerwerk trieb. Von ihren Kindern erzogen sie nur diejenigen, die weiblichen Geschlechts waren. In Scharen vereinigt, zogen sie zu Kriegen aus. Hippolyte, ihre Königin, trug als Zeichen ihrer Herrscherwürde den genannten Gürtel, den sie vom Kriegsgotte selbst zum Geschenk erhalten hatte. Herakles sammelte zu seinem Zuge freiwillige Kampfgenossen auf einem Schiffe, fuhr nach mancherlei Ereignissen ins Schwarze Meer und lief endlich in die Mündung des Flusses Thermodon und in den Hafen der Amazonenstadt Themiskyra ein. Hier kam ihm die Königin der Amazonen entgegen. Das herrliche Ansehen des Helden flößte ihr Hochachtung ein, und als sie die Absicht seines Kommens erkundet, versprach sie ihm das Wehrgehenk. Aber Hera, die unversöhnliche Feindin des Herakles, nahm die Gestalt einer Amazone an, mischte sich unter die Menge der übrigen und breitete das Gerücht aus, daß ein Fremder ihre Königin entführe. Augenblicklich schwangen sich alle Männinnen zu Pferde und griffen den Halbgott in dem Lager an, das er vor der Stadt aufgeschlagen hatte. Die gemeinen Amazonen fochten mit den Kriegern des Helden, die vornehmsten aber stellten sich ihm selbst gegenüber und bereiteten ihm einen schweren Kampf. Die erste, die den Streit mit ihm begann, hieß von ihrer Schnelligkeit Aëlla oder Windsbraut, aber sie fand an Herakles einen noch schnelleren Gegner, mußte weichen und ward auf windschneller Flucht von ihm eingeholt und niedergemacht. Eine zweite fiel auf den ersten Angriff, dann Prothoë, die dritte, die siebenmal im Zweikampf gesiegt hatte. Nach ihr erlagen acht andere, darunter drei Jagdgefährtinnen der Artemis, die sonst immer so sicher mit dem Wurfspieße getroffen hatten, nur diesmal ihr Ziel verfehlten und, vergebens unter ihren Schilden sich deckend, den Pfeilen des Heros erlagen. Auch Alkippe fiel, die geschworen hatte, ihr Leben lang unvermählt zu bleiben; den Schwur hielt sie, aber am Leben blieb sie nicht. Nachdem auch Melanippe, die tapfere Führerin der Amazonen, gefangen war, griffen alle zur wilden Flucht, und Hippolyte, die Königin, gab das Wehrgehenk heraus, wie sie auch vor der Schlacht versprochen hatte. Herakles nahm es als Lösegeld an und gab Melanippe dafür frei. Auf der Rückfahrt bestand der Held ein neues Abenteuer an der trojanischen Küste. Hier war Hesione, Laomedons Tochter, an einen Felsen gebunden und einem Ungeheuer zum Fraß ausgesetzt. Ihrem Vater hatte Poseidon die Mauern von Troja erbaut und den Lohn nicht erhalten; dafür verwüstete ein Seeuntier Trojas Gebiet so lange, bis der verzweifelte Laomedon ihm seine eigene Tochter preisgab. Als Herakles vorüberfuhr, rief ihn der jammernde Vater zu Hilfe und versprach, ihm für die Rettung der Tochter die herrlichen Rosse zu geben, die sein Vater von Zeus zum Geschenke bekommen hatte. Herakles legte an und erwartete das Ungetüm. Als es kam und den Rachen aufsperrte, die Jungfrau zu verschlingen, sprang er in den Rachen des Tieres, zerschnitt ihm alle Eingeweide und stieg aus dem Getöteten, wie aus einer Mördergrube, wieder hervor. Aber Laomedon hielt auch diesmal sein Wort nicht, und Herakles fuhr unter Drohungen davon.

Die späteren Heldentaten des Herakles



Die späteren Heldentaten des Herakles

Vor allen Dingen machte er sich auf den Weg, den gewalttätigen und eigenmächtigen König Laomedon, den Erbauer und Beherrscher Trojas, zu züchtigen. Denn als Herakles, von dem Amazonenkampfe zurückkehrend, die von dem Drachen bedrohte Tochter dieses Fürsten, Hesione, befreit hatte, hielt ihm der wortbrüchige Laomedon den versprochenen Lohn, die schnellen Zeuspferde, zurück und hieß ihn scheltend weiterziehen. Jetzt nahm Herakles nicht mehr als sechs Schiffe und nur eine geringe Menge Kriegsvolkes mit sich. Aber unter diesen waren die ersten Helden Griechenlands, Peleus, Oïkleus, Telamon. Zu dem letztern war Herakles in seine Löwenhaut gekleidet gekommen und hatte ihn eben beim Schmause getroffen. Telamon erhob sich vom Tische und reichte dem willkommenen Gast eine goldne Schale voll Weines, hieß ihn sitzen und trinken. Freudig bewegt von solcher Gastfreundschaft, hub Herakles die Hände gen Himmel und betete: »Vater Zeus, wenn du je meine Bitten gnädig erhöret hast, so flehe ich jetzt zu dir, daß du dem kinderlosen Telamon hier einen kühnen Sohn zum Erben verleihen mögest, so unverwundbar, wie ich es in dieser Haut des Nemeischen Löwen bin. Hoher Mut soll ihm immer zur Seite sein!« Kaum hatte Herakles das Wort geredet, so sandte ihm der Gott den König der Vögel, einen mächtigen Adler. Dem Herakles lachte darüber das Herz im Leibe; wie ein Wahrsager rief er begeistert aus: »Ja, Telamon, du wirst den Sohn haben, den du begehrst; herrlich wird er werden wie dieser gebieterische Adler, und Ajax soll sein Name sein, weithin gewaltig im Werk des Kriegsgotts.« So sprach er und setzte sich wieder nieder zum Schmause; dann zogen sie, Telamon und Herakles, vereint mit den andern Helden, in den Krieg gegen Troja. Als sie dort ans Land gestiegen, übertrug Herakles die Wache bei den Schiffen dem Oïkleus; er selbst mit den übrigen Helden rückte gegen die Stadt vor. Inzwischen hatte Laomedon mit eilig zusammengerafftem Volke die Schiffe der Heroen überfallen und den Oïkleus im Kampfe getötet; aber als er sich wieder entfernen wollte, wurde er von den Gefährten des Herakles umringt. Die Belagerung wurde unterdessen scharf betrieben; Telamon durchbrach die Mauer und war der erste, der in die Stadt eindrang. Erst hinter ihm kam Herakles. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß der Held sich in Tapferkeit von einem andern übertroffen sah; die schwarze Eifersucht bemächtigte sich seines Geistes, und ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf. er zückte das Schwert und war im Begriffe, den vor ihm herschreitenden Telamon niederzuhauen. Dieser blickte sich um und erriet das Vorhaben des Herakles an seiner Gebärde. Schnell besonnen, las er die nächstgelegenen Steine zusammen, und auf des Nebenbuhlers Frage, was er hier mache, erwiderte er: »Ich baue Herakles, dem Sieger, einen Altar!« Diese Antwort entwaffnete den eifersüchtigen Zorn des Helden. Sie kämpften wieder gemeinsam, und Herakles erlegte den Laomedon samt allen seinen Söhnen, nur einen ausgenommen, mit seinen Pfeilen. Als die Stadt erobert war, schenkte er Laomedons Tochter Hesione seinem Freunde Telamon als Siegesbeute. Zugleich gab er ihr die Erlaubnis, nach eigener Wahl einen der Gefangenen in Freiheit zu setzen. Sie wählte ihren Bruder Podarkes. »Es ist recht, er sei dein«, sagte Herakles, »aber er muß vorher die Schmach erlitten haben und Knecht gewesen sein; dann magst du ihn um den Preis, den du für ihn geben willst, hinnehmen!« Als der Knabe nun wirklich zum Sklaven verkauft war, riß Hesione ihren königlichen Schmuck vom Haupte und gab ihn als Lösegeld für den Bruder hin; daher trug dieser den Namen Priamos (der Losgekaufte) davon. Von ihm wird die Sage vieles zu erzählen haben.

Hera gönnte dem Halbgotte diesen Triumph nicht. Auf der Heimfahrt von Troja wurde er durch ihre Schickung von schweren Ungewittern überfallen, bis der ergrimmte Zeus ihrem Schalten Einhalt tat. Nach mancherlei Abenteuern beschloß der Held eine zweite Rache am König Augias zu nehmen, der ihm auch einst den versprochenen Lohn vorenthalten hatte; er bewältigte seine Stadt Elis und tötete ihn mitsamt seinen Söhnen. Dem Phyleus aber, der wegen seiner Freundschaft für Herakles vertrieben worden war, übergab er das Königreich Elis. Nach diesem Siege setzte Herakles die Olympischen Spiele ein und weihte ihrem ersten Stifter, Pelops, einen Altar, auch den zwölf Göttern Altäre, je zweien einen. Damals soll selbst Zeus in Menschengestalt mit Herakles gerungen und, überwunden, seinem Sohn zur Götterstärke Glück gewünscht haben. Dann zog Herakles gegen Pylos und den König Neleus, der ihm einst die Entsündigung verweigert hatte; er überfiel seine Stadt und machte ihn mit zehn seiner Söhne nieder. Nur der junge Nestor, der in der Ferne bei den Gereniern erzogen wurde, blieb verschont. In dieser Schlacht verwundete Herakles selbst den Gott der Unterwelt, den Hades, der den Pyliern zu Hilfe gekommen war.

Noch war Hippokoon von Sparta übrig zu bestrafen, der zweite König, der sich nach der Ermordung des Iphitos der Reinigung des Mörders entzogen hatte. Auch die Söhne dieses Königs hatten den Haß des Helden aufs neue sich zugezogen. Als er nämlich mit Öonos, seinem Oheim und Freunde, nach Sparta gekommen war, fiel diesen, der den Palast des Hippokoon betrachtete, ein großer molossischer Schäferhund an. Öonos begrüßte ihn mit einem Steinwurfe. Da rannten die Söhne des Königs hervor und erschlugen den Fremdling mit Knüppeln. Um nun auch seines Freundes Tod zu rächen, versammelte Herakles ein Heer gegen Sparta; auf dem Marsche durch Arkadien lud er auch den König Kepheus mit seinen zwanzig Söhnen zum Kampfe ein. Dieser fürchtete jedoch einen Einfall von seinen Nachbarn, den Argivern, und lehnte es anfangs ab, mitzuziehen. Aber Herakles hatte von Athene in einer ehernen Urne eine Locke des Medusenhaupts erhalten. Diese übergab er der Tochter des Kepheus, Sterope, und sprach: »Wenn das Heer der Argiver anrückt, so darfst du nur diese Locke, ohne auf sie hinzublicken, dreimal über die Stadtmauern emporhalten; dann werden eure Feinde die Flucht ergreifen!« Als Kepheus solches hörte, ließ er sich bewegen, mit allen seinen Söhnen auszuziehen. Die Argiver wurden auch glücklich von seiner Tochter abgetrieben; ihm selbst aber schlug der Feldzug zum Unheil aus: er wurde mit allen seinen Söhnen erschlagen und außer diesen auch der Bruder des Herakles, Iphikles. Herakles selbst aber eroberte Sparta, und nachdem er den Hippokoon und seine Söhne getötet, führte er den Tyndareos, den Vater der Dioskuren Kastor und Pollux, zurück und setzte ihn wieder auf den Thron, behielt sich aber das eroberte Reich, das er ihm übergab, für seine Nachkommen vor.