Die Griechen



Die Griechen

Die Versündigung, die sich Paris als Gesandter zu Sparta gegen Völkerrecht und Gastrecht hatte zuschulden kommen lassen, trug im Augenblick ihre Früchte und empörte gegen ihn ein bei dem Heldenvolke der Griechen alles vermögendes Fürstengeschlecht. Menelaos, König von Sparta, und Agamemnon, sein älterer Bruder, König von Mykene, waren Nachkommen des Tantalos, Enkel des Pelops, Söhne des Atreus, aus einem an hohen wie an verruchten Taten reichen Stamme; diesen beiden mächtigen Brüdern gehorchten außer Argos und Sparta die meisten Staaten des Peloponneses, und die Häupter des übrigen Griechenlands waren mit ihnen verbündet. Als daher die Nachricht von dem Raube seiner Gattin Helena den König Menelaos bei seinem greisen Freunde Nestor zu Pylos traf, eilte der entrüstete Fürst zu seinem Bruder Agamemnon nach Mykene, wo dieser mit seiner Gemahlin Klytämnestra, der Halbschwester Helenas, regierte. Der teilte den Schmerz und den Unwillen seines Bruders; doch tröstete er ihn und versprach, die Freier Helenas ihres Eides zu gemahnen. So bereisten die Brüder ganz Griechenland und forderten seine Fürsten zur Teilnahme an dem Kriege gegen Troja auf. Die ersten, die sich anschlossen, waren Tlepolemos, ein berühmter Fürst aus Rhodos, ein Sohn des Herakles, der sich erbot, neunzig Schiffe zu dem Feldzuge gegen die trügerische Stadt Troja zu stellen; dann Diomedes, der Sohn des unsterblichen Helden Tydeus, der mit achtzig Schiffen die mutigsten Peloponnesier der Unternehmung zuzuführen versprach. Nachdem die beiden Fürsten mit den Atriden zu Sparta Rat gepflogen, erging die Aufforderung auch an die Dioskuren oder Zeussöhne Kastor und Pollux, die Brüder Helenas. Diese aber waren schon auf die erste Nachricht von der Entführung ihrer Schwester dem Räuber nachgesegelt und bis zur Insel Lesbos, ganz nahe an die trojanische Küste, gekommen; dort ergriff ein Sturm ihr Schiff und verschlang es. Die Dioskuren selbst verschwanden; aber die Sage versicherte, sie seien nicht in den Wellen umgekommen, sondern ihr Vater Zeus habe sie als Sternbilder an den Himmel versetzt, wo sie als Beschirmer der Schiffahrt und Schutzgötter der Schiffahrenden ihr sorgenvolles Amt von Zeitalter zu Zeitalter verwalten. Indessen erhub sich ganz Griechenland und gehorchte der Aufforderung der Atriden; zuletzt waren nur zwei berühmte Fürsten noch zurück. Der eine war der schlaue Odysseus aus Ithaka, der Gemahl Penelopes. Dieser wollte sein junges Weib und seinen zarten Knaben Telemachos der treulosen Gattin des Spartanerköniges zuliebe nicht verlassen. Als daher Palamedes, der Sohn des Fürsten Nauplios aus Euböa, der vertraute Freund des Menelaos, mit dem Sparterfürsten zu ihm kam, heuchelte er Narrheit, spannte zu dem Ochsen einen Esel an den Pflug und pflügte mit dem seltsamen Paare sein Feld, indem er in die Furchen, die er zog, statt des Samens Salz ausstreute. So ließ er sich von beiden Helden treffen und hoffte dadurch von dem verhaßten Zuge freizubleiben. Aber der einsichtsvolle Palamedes durchschaute den verschlagensten aller Sterblichen, ging, während Odysseus seinen Pflug lenkte, heimlich in seinen Palast, brachte seinen jungen Sohn Telemachos aus der Wiege herbei und legte diesen in die Furche, über die Odysseus eben hinwegackern wollte. Da hob der Vater den Pflug sorgfältig über das Kind hinweg und wurde von den laut aufschreienden Helden seines Verstandes überwiesen. Er konnte sich jetzt nicht länger mehr weigern, an dem Zuge teilzunehmen, und versprach, die bitterste Feindschaft gegen Palamedes in seinem listigen Herzen, zwölf bemannte Schiffe aus Ithaka und den Nachbarinseln dem Könige Menelaos zur Verfügung zu stellen.

Der andere Fürst, dessen Zustimmung noch nicht erfolgt, ja dessen Aufenthalt man nicht einmal kannte, war Achill, der junge, aber herrliche Sohn des Peleus und der Meeresgöttin Thetis. Als dieser ein neugebornes Kind war, wollte seine unsterbliche Mutter auch ihn unsterblich machen, steckte ihn, von seinem Vater Peleus ungesehen, des Nachts in ein himmlisches Feuer und fing so an zu vertilgen, was vom Vater her an ihm sterblich war. Bei Tage aber heilte sie die versengten Stellen mit Ambrosia. Dies tat sie von einer Nacht zur andern. Einmal aber belauschte sie Peleus und schrie laut auf, als er seinen Sohn im Feuer zucken sah. Diese Störung hinderte Thetis, ihr Werk zu vollbringen, sie ließ den unmündigen Sohn, der auf diese Weise sterblich geblieben war, trostlos liegen, entfernte sich und kehrte nicht mehr in den Palast ihres Gatten zurück, sondern entwich in das feuchte Wellenreich der Nereiden. Peleus aber, der seinen Knaben gefährlich verwundet glaubte, hub ihn vom Boden auf und brachte ihn zu dem großen Wundarzt, dem Erzieher so vieler Helden, dem weisen Zentauren Chiron. Dieser nahm ihn liebreich auf und nährte den Knaben mit Bärenmark und mit der Leber von Löwen und Ebern. Als nun Achill neun Jahre alt war, erklärte der griechische Seher Kalchas, daß die ferne Stadt Troja in Asien, welcher der Untergang durch griechische Waffen bevorstehe, ohne den Knaben nicht werde erobert werden können. Diese Wahrsagung drang auch zu seiner Mutter Thetis hinab durch die tiefe See, und weil sie wußte, daß jener Feldzug ihrem Sohn den Tod bringen würde, so stieg sie wieder empor aus dem Meere, schlich sich in ihres Gatten Palast, steckte den Knaben in Mädchenkleider und brachte ihn in dieser Verwandlung zu dem Könige Lykomedes auf der Insel Skyros, der ihn unter seinen Mädchen als Jungfrau heranwachsen ließ und in weiblichen Arbeiten großzog. Als aber dem Jüngling der Flaum um das Kinn zu keimen anfing, entdeckte er sich in seiner Verkleidung der lieblichen Tochter des Königes, Deïdameia. Die gleiche zärtliche Neigung vereinigte in der Verborgenheit den Heldenjüngling mit der königlichen Jungfrau, und während er bei allen Bewohnern der Insel für eine Verwandte des Königs galt und auch bei Deïdameia für nichts anderes gelten sollte, war er heimlich ihr Gemahl geworden. Jetzt, wo der Göttersohn zur Besiegung Trojas unentbehrlich war, entdeckte der Seher Kalchas, dem wie sein Geschick so auch sein Aufenthalt kein Geheimnis geblieben, diesen letztern den Atriden; und nun schickten die Fürsten den Odysseus und den Diomedes ab, ihn in den Krieg zu holen. Als die Helden auf der Insel Skyros ankamen, wurden sie dem Könige und seinen Jungfrauen vorgeführt. Aber das zarte Jungfrauengesicht verbarg den künftigen Helden, und so scharfsichtig der Blick der beiden Griechenfürsten war, so vermochten sie doch nicht, ihn aus der Mädchenschar herauszuerkennen. Da nahm Odysseus seine Zuflucht zu einer List. Er ließ wie von ungefähr in den Frauensaal, in dem die Mädchen sich befanden, einen Schild und einen Speer bringen und dann die Kriegstrompete blasen, als ob der Feind heranrückte. Bei diesen Schreckenstönen entflohen alle Frauen aus dem Saale, Achill aber blieb allein zurück und griff mutig zu dem Speer und zu dem Schilde. Jetzt ward er von den Fürsten entlarvt und erbot sich, an der Spitze seiner Myrmidonen oder Thessalier, in Begleitung seines Erziehers Phönix und seines Freundes Patroklos, welcher mit ihm einst bei Peleus aufgezogen worden war, mit fünfzig Schiffen zu dem griechischen Heere zu stoßen.

Zum Versammlungsort aller griechischen Fürsten und ihrer Scharen und Schiffe wurde die Hafenstadt Aulis in Böotien, an der Meerenge von Euböa, durch Agamemnon ausersehen, den die Volkshäupter als den tätigsten Beförderer der Unternehmung zum obersten Befehlshaber derselben ernannt hatten.

In jenem Hafen sammelten sich nun außer den genannten Fürsten mit ihren Schiffen unzählige andere. Die vornehmsten darunter waren der riesige Ajax, der Sohn des Telamon aus Salamis, und sein Halbbruder Teucer, der treffliche Bogenschütze; der kleine, schnelle Ajax aus dem Lokrerlande; Menestheus aus Athen, Askalaphos und Ialmenos, Söhne des Kriegsgottes, mit ihren Minyern aus Orchomenos; aus Böotien Peneleos, Arkesilaos, Klonios, Prothoënor; aus Phokis Schedios und Epistrophos; aus Euböa und mit den Abanten Elephenor; mit einem Teile der Argiver und andern Peloponnesiern außer Diomedes, Sthenelos, der Sohn des Kapaneus, und Euryalos, der Sohn des Mekistheus; aus Pylos Nestor der Greis, der schon drei Menschenalter gesehen; aus Arkadien Agapenor, der Sohn des Ankaios; aus Elis und andern Städten Amphimachos, Thalpios, Diores und Polyxenos; aus Dulichion und den Echinadischen Inseln Meges, der Sohn des Phyleus; mit den Ätoliern Thoas, der Sohn des Andraimon; aus Kreta Idomeneus und Meriones; aus Rhodos der Heraklide Tlepolemos; aus Syme Nireus, der schönste Mann im griechischen Heere; aus den Kalydnischen Inseln die Herakliden Pheidippos und Antiphos; aus Phylake Podarkes, Sohn des Iphiklos; aus Pherai in Thessalien Eumelos, der Sohn des Admet und der frommen Alkestis; aus Methone, Thaumakia und Meliböa Philoktet; aus Trikka, Ithome und Öchalia die zwei heilkundigen Männer Podaleirios und Machaon; aus Ormenion und der Umgegend Eurypylos, der Sohn des Euaimon; aus Argissa und der Gegend Polypötes, der Sohn des Peirithoos, des Theseusfreundes; Guneus aus Kyphos, Prothoos aus Magnesia.

Dies waren nebst den Atriden, Odysseus und Achill die Fürsten und Gebieter der Griechen, die, keiner mit wenigen Schiffen, sich in Aulis sammelten. Die Griechen selbst wurden damals bald Danaer genannt, von dem alten ägyptischen Könige Danaos her, der sich zu Argos im Peloponnese niedergelassen hatte, bald Argiver, von der mächtigsten Landschaft Griechenlands, Argolis oder dem Argiverlande; bald Achajer oder Achiver, von dem alten Namen Griechenlands Achaja. Später heißen sie Griechen, von Graikos, dem Sohne des Thessalos, und Hellenen, von Hellen, dem Sohne des Deukalion und der Pyrrha.

Die Helden vor Theben angekommen



Die Helden vor Theben angekommen

»Da habt ihr ein Vorzeichen, wie der Feldzug sich enden wird«, sprach der Seher Amphiaraos finster, als das Gebein des Knaben Opheltes entdeckt war. Aber die anderen alle dachten mehr an die Erlegung der Schlange und priesen diese als eine glückliche Vorbedeutung. Und weil sich das Heer eben von einer großen Bedrängnis erholt hatte, so war alles guter Dinge; der schwere Seufzer des Unglückspropheten wurde überhört, und der Zug ging lustig weiter. Es währte nicht viele Tage mehr, so war das Heer der Argiver unter den Mauern von Theben angekommen.

In dieser Stadt hatte Eteokles mit seinem Oheim Kreon alles zu einer hartnäckigen Verteidigung vorbereitet und sprach zu den versammelten Bürgern: »Bedenket jetzt, ihr Mitbürger, was ihr eurer Vaterstadt schuldig seid, die euch in ihrem milden Schoße aufgezogen und zu wackeren Kriegern gebildet hat. Ihr alle, vom Jünglinge, der noch nicht Mann ist, bis zum Manne, dessen Locke schon grau wird, wehret euch für sie, für die Altäre der heimischen Götter, für Väter, Weiber und Kinder und für euren freien Boden! Mir meldet der Vogelschauer, daß in der nächsten Nacht das Argiverheer sich zusammenziehen und einen Angriff auf die Stadt machen wird. Darum, ihr alle, auf die Mauerzinnen, an die Tore geeilt! Brecht vor mit allen Waffen! Besetzt die Schanzen, stellt euch in die Türme mit euren Geschossen, bewahret jeden Ausgang sorgfältig und fürchtet euch nicht vor der Menge der Feinde! Draußen schleichen meine Kundschafter umher, und ich bin gewiß, daß sie mir genaue Kunde bringen. Nach ihren Meldungen werde ich handeln.«

Während Eteokles so zu seinen Reitern sprach, stand auf der höchsten Zinne des Palastes mit einem greisen Waffenträger ihres Großvaters Laïos die Jungfrau Antigone. Sie war nach ihres Vaters Tode nicht lange unter dem liebevollen Schutze des Königes Theseus zu Athen geblieben, sondern hatte mit ihrer Schwester Ismene in ihre Heimat zurückverlangt, wohin eine unbestimmte Hoffnung, ihrem Bruder Polyneikes nützlich werden zu können, und auch die Liebe zu ihrer Vaterstadt sie trieb, deren Belagerung durch den Bruder sie nicht billigen konnte und deren Schicksal sie teilen wollte. Dort war sie von dem Fürsten Kreon und ihrem Bruder Eteokles mit offenen Armen aufgenommen worden; denn sie betrachteten die Jungfrau als einen freiwilligen Geisel und eine willkommene Vermittlerin. Diese war jetzt die alte Zedertreppe des Palastes emporgestiegen und stand auf der Plattform, wo ihr der Greis die Stellung der Feinde erklärte. Ringsum auf den Fluren um die Stadt, die Ufer des Ismenos entlang und um die von alters berühmte Quelle Dirke her war das mächtige Feindesheer gelagert. Es hatte sich eben in Bewegung gesetzt, und Truppenschar sonderte sich von Truppenschar. Das ganze Gefilde schimmerte von Erzglanz wie ein wogendes Meer. Massen von Fußvolk und Reiterei schwärmten brausend um die Tore der belagerten Stadt. Die Jungfrau erschrak bei diesem Anblicke; der Greis jedoch sprach ihr Trost ein: »Unsere Mauern sind hoch und fest, unsere Eichentore liegen in schweren eisernen Riegeln. Von innen bietet die Stadt alle Sicherheit und ist voll mutiger, den Kampf nicht scheuender Krieger.« Darauf fing er an, die Fragen des Mädchens nach einzelnen hervorragenden Führern zu beantworten: »Der, welcher dort, im leuchtenden Helme, seinen blanken Erzschild mit Leichtigkeit schwingend, einer Heerschar voranzieht, das ist der Fürst Hippomedon, der um das Gewässer Lernas in Mykene wohnt; hoch ragt sein Wuchs empor wie eines erdentsprossenen Giganten! – Weiter rechts dort, der sein Roß über den Dirkebach setzt, in fremder Waffentracht wie ein Halbbarbar, das ist deines Bruders Schwager, Tydeus, des Öneus Sohn; er und seine Ätoler tragen schwere Schilde und sind die besten Lanzenwerfer, ich kenne ihn an seinem Wappenschilde; denn ich bin schon als Unterhändler in das feindliche Lager abgeschickt worden.« »Wer ist denn«, fragte jetzt das Mägdlein, »der jugendliche Held dort, im unjugendlichen Haare, der mit wildem Blicke an jenem Helden-Grabmal vorüberschreitet und dem völlig gerüstetes Volk langsam nachfolgt?« »Das ist Parthenopaios«, belehrte sie der Alte, »der Sohn Atalantes, der Freundin der Artemis. Aber siehst du dort die zwei Helden, am Grabe der Niobetöchter? Der ältere ist Adrastos, der Führer des ganzen Zuges; den jüngeren, kennst du den?« »Ich sehe«, rief Antigone schmerzlich bewegt, »nur die Brust und den Umriß seines Leibes, und doch erkenne ich ihn; es ist mein Bruder Polyneikes! O könnte ich mit den Wolken fliegen und bei ihm sein und meinen Arm um den Hals des lieben Flüchtlings schlagen! Wie funkelt seine goldene Rüstung gleich der Sonne Morgenstrahl! Doch wer ist jener dort, der, mit fester Hand die Rosse zügelnd, einen weißen Wagen lenkt und die Geißel so ruhig und besonnen schwingt?« »Das ist«, sprach der Greis, »der Seher Amphiaraos, meine Herrin!« »Aber siehest du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und sie mißt und sorglich die Stellen erkundet, an welchen die Basteien dem Sturme zugänglich wären?« »Das ist der übermütige Kapaneus, der unserer Stadt so schrecklich hohnspricht, der euch zarte Jungfrauen an Lernas Gewässer in die Knechtschaft führen will!« – Antigone erblaßte und verlangte umzukehren; der Greis reichte ihr die Hand und geleitete sie hinunter in die Mädchenzelle.

Die Herakliden kommen nach Athen



Die Sage von den Herakliden

Die Herakliden kommen nach Athen

Als Herakles in den Himmel versetzt war und sein Vetter Eurystheus, König von Argos, ihn nicht mehr zu fürchten hatte, verfolgte seine Rache die Kinder des Halbgottes, deren größerer Teil mit Alkmene, der Mutter des Helden, zu Mykene, der Hauptstadt von Argos, lebte. Sie entflohen seinen Nachstellungen und begaben sich in den Schutz des Königes Keyx zu Trachis. Als aber Eurystheus von diesem kleinen Fürsten ihre Auslieferung verlangte und gar mit einem Kriege drohte, hielten sie sich unter seinem Schutze nicht mehr für sicher, verließen Trachis und flüchteten sich durch Griechenland. Vaterstelle bei ihnen vertrat der berühmte Neffe und Freund des Herakles, der Sohn des Iphikles, Iolaos. Wie dieser in jungen Jahren mit Herakles alle Mühsale und Abenteuer geteilt hatte, so nahm er auch jetzt, schon ergraut, die verlassene Kinderschar des Freundes unter seine Flügel und schlug sich mit ihnen durch die Welt. Ihre Absicht war, sich den Besitz des Peloponnes, den ihr Vater erobert hatte, zu sichern; so kamen sie, unablässig von Eurystheus verfolgt, nach Athen, wo der Sohn des Theseus, Demophoon, regierte, der den unrechtmäßigen Besitzer des Thrones, Menestheus, eben verdrängt hatte. Zu Athen lagerte sich die Schar auf der Agora oder dem Markt am Altare des Zeus und flehte den Schutz des athenischen Volkes an. Noch nicht lange saßen sie so, als auch schon wieder ein Herold des Königes Eurystheus einhergeschritten kam. Er stellte sich trotzig vor Iolaos hin und sprach in höhnendem Tone: »Du meinst wohl gar hier einen sicheren Sitz gefunden zu haben und in eine verbündete Stadt gekommen zu sein, törichter Iolaos! Freilich, es wird auch jemand einfallen, deine unnütze Bundesgenossenschaft mit der des mächtigen Eurystheus zu vertauschen! Darum fort von hier mit allen deinen Sippen gen Argos, wo euer nach Urteil und Recht die Steinigung wartet!« Iolaos antwortete ihm getrost: »Das sei ferne! Weiß ich doch, daß dieser Altar eine Stätte ist, die mich nicht nur vor dir, dem Unmächtigen, sondern selbst vor den Heerscharen deines Herrn schützen wird, und daß es das Land der Freiheit ist, in welches wir uns gerettet haben.« »So wisse«, entgegnete ihm Kopreus – so hieß der Herold –, »daß ich nicht allein komme, sondern hinter mir eine genügende Macht, welche deine Schützlinge bald von dieser vermeintlichen Freistätte hinwegreißen wird!«

Bei diesen Worten erhuben die Herakliden einen Klageruf, und Iolaos wandte sich mit lauter Stimme an die Bewohner Athens: »Ihr frommen Bürger«, rief er, »duldet es nicht, daß die Schützlinge eures Zeus mit Gewalt fortgeführt werden, daß der Kranz, den wir als Flehende auf dem Haupte tragen, besudelt wird, daß die Götter Entehrung und eure ganze Stadt Schmach treffe!« Auf diesen durchdringenden Hilferuf strömten die Athener von allen Seiten auf den Markt herbei und sahen nun erst die Schar der Flüchtlinge um den Altar sitzen. »Wer ist der ehrwürdige Greis? Wer sind die schönen lockichten Jünglinge?« so tönte es von hundert Lippen zugleich. Als sie vernahmen, daß es Herakles‘ Söhne seien, die den Schutz der Athener anflehten, ergriff die Bürger nicht nur Mitleid, sondern auch Ehrfurcht, und sie befahlen dem Herolde, der bereit schien, Hand an einen der Flüchtlinge zu legen, sich von dem Altare zu entfernen und sein Begehren bescheidentlich dem Könige des Landes vorzutragen. »Wer ist der König dieses Landes?« fragte Kopreus, durch die entschiedene Willensäußerung der Bürger eingeschüchtert. »Es ist ein Mann«, war die Antwort, »dessen Schiedsrichterspruche du dich gar wohl unterwerfen darfst. Demophoon, der Sohn des unsterblichen Theseus, ist unser König.«

Die Herakliden teilen den Peloponnes



Die Herakliden teilen den Peloponnes

Nachdem die Herakliden auf solche Weise den ganzen Peloponnes erobert hatten, errichteten sie dem Zeus, ihrem väterlichen Ahnherrn, drei Altäre, worauf sie opferten; dann begannen sie die Städte durchs Los zu verteilen. Das erste Los war Argos, das zweite Lakedaimon, das dritte Messene. Sie wurden einig darüber, daß in einer Urne voll Wassers gelost werden sollte. Nun ward beschlossen, daß jeder ein Los hineinwerfen sollte, das mit seinem Namen bezeichnet war. Da warfen Temenos und die Söhne des Aristodemos, die Zwillinge Eurysthenes und Prokles, bezeichnete Steine hinein, der schlaue Kresphontes aber, der am liebsten Messene gewonnen hätte, warf eine Erdscholle in das Wasser. Diese löste sich auf. Nun wurde bestimmt, wessen Stein zuerst aus dem Bauch der Urne gegriffen würde, der solle Argos erhalten; der Stein des Temenos kam zum Vorschein. Dann wurde über Lakedaimon gelost; da kam der Stein der Aristodemossöhne. Nach dem dritten fand man überflüssig zu suchen, und so bekam Kresphontes Messene. Als sie hierauf mit ihren Begleitern den Göttern auf ihren Altären opferten, da wurden ihnen seltsame Zeichen zuteil; denn jeder fand auf seinem Altare ein anderes Tier. Diejenigen, welche Argos durchs Los erhalten hatten, fanden darauf eine Kröte; die, denen Lakedaimon zuteil geworden war, einen Drachen; die endlich, die Messene bekommen hatten, einen Fuchs. Nachdenklich geworden über diese Zeichen, befragten sie die einheimischen Wahrsager. Diese deuteten die Sache also: »Welche die Kröte erhalten haben, werden am besten tun, in ihrer Stadt daheimzubleiben, denn das Tier hat keinen Schutz auf der Wanderung; die, denen sich der Drache auf den Altar gelagert, werden gewaltige Angreifer werden und mögen sich immerhin über die Grenzen ihres Landes hinauswagen; die endlich, denen der Fuchs auf ihren Altar gelegt worden, sollen es weder mit der Einfalt halten noch mit der Gewalt: ihre Schutzwehr soll die List sein.«

Diese Tiere wurden in der Folge die Schildwappen der Argiver, Spartaner und Messenier. Nun bedachten sie auch ihren einäugigen Führer Oxylos und gaben ihm das Königreich Elis zum Lohne seiner Feldherrnschaft. Vom ganzen Peloponnese aber blieb allein das bergige Hirtenland Arkadien unbesiegt durch die Herakliden. Von den drei Reichen, die sie auf dieser Halbinsel begründeten, hatte nur Sparta eine längere Dauer. Zu Argos hatte Temenos dem Deïphontes, auch einem Ururenkel des Herakles, seine Tochter Hyrnetho, die er unter allen seinen Kindern am meisten liebte, zur Ehe gegeben und zog ihn in allem zu Rate, so daß man vermutete, daß er ihm und seiner Tochter auch die Regierung zuwenden wolle. Darüber ergrimmten seine eigenen Söhne, verschworen sich gegen ihn und erschlugen ihren Vater. Die Argiver erkannten zwar den ältesten Sohn als König an; weil sie aber Freiheit und Gleichheit vor allem liebten, so beschränkten sie die Königsgewalt so sehr, daß ihm und seinen Nachkommen nichts übrigblieb als der Königstitel.

Die Nacht und der Morgen im Palaste



Die Nacht und der Morgen im Palaste

Die Königin sagte dem Fremdling gute Nacht, Odysseus begab sich in den Vorsaal, wo ihm Eurykleia ein Bett bereitet hatte, das er sich gefallen ließ. Über eine ungegerbte Stierhaut waren Schafspelze zum Lager gebreitet, und den Liegenden deckte ein Mantel zu. Lang wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager; die schändlichen Mägde, die mit den Freiern zuhielten, stürmten unter Scherz und Gelächter an ihm vorüber, daß sie ihm das Herz im Innersten empörten. Aber der Held schlug an seine Brust, strafte sich selbst und sprach im Geiste: ›Duld es, mein Herz, hast du doch schon Härteres ertragen! Weißt du nicht mehr, wie du beim Zyklopen saßest und ihm zusehen mußtest, wie das Ungeheuer deine Genossen fraß? Dulde!‹ So bezwang er sein Herz; doch warf er sich noch lange hin und her und sann auf Rache gegen die Freier, als sich auf einmal Athene in Jungfrauengestalt über sein Haupt neigte und seinen bangen Gedanken, wie er über so viele Meister werden sollte, mit den Worten ein Ziel setzte: »Kleinmütiger, verläßt man sich doch schon auf einen geringeren Freund, auf einen Sterblichen, der nicht so reich an Ratschluß und an Kraft ist; ich aber bin eine Göttin und beschirme dich in jeder Gefahr; und wenn dich fünfzig Scharen voll Mordlust umringten, dennoch würdest du es hinausführen! Überlaß dich immerhin dem Schlummer, denn endlich tauchst du aus der Trübsal auf.« So sprach sie und bedeckte ihm die Augenlider mit süßem Schlaf.

Penelope ihrerseits erwachte nach einem kurzen Schlummer, setzte sich aufrecht in ihrem Bette hin und fing laut an zu weinen. Unter Tränen richtete sie ihr Gebet an die Göttin Artemis: »Zeus‘ heilige Tochter«, rief sie flehend, »träfe doch auf der Stelle dein Pfeil mein Herz oder raffte mich ein Sturmwind hinweg und würfe mich ans fernste Ufer des Ozeans, ehe ich meinem Gemahl Odysseus untreu werden und mich dem schlechteren Manne vermählen muß! Erträglich ist das Leiden, wenn man den Tag durchweint und doch die Nacht über Ruhe hat; mich aber peinigt ein Dämon selbst im Schlafe mit den schmerzlichsten Träumen! So war mir im Augenblicke noch, als stände mein Gatte mir zur Seite, herrlich von Gestalt, ganz wie er mit dem Kriegsheere von dannen zog, und mein Herz war voll Freude, denn ich meinte zuversichtlich, daß es Wahrheit sei!« So schluchzte Penelope, und Odysseus vernahm die Stimme der Weinenden. Es war ihm ganz bange, vor der Zeit erkannt zu werden. Eilig raffte er sich auf, verließ den Palast, und unter freiem Himmel betete er zu Zeus um ein günstiges Zeichen für seine Pläne. Da erschien ein gewaltiges Licht am Himmel, und ein plötzlicher Donner rollte über dem Palaste hin. In der nahen Mühle des Palastes hielt eine Müllerin still, die die ganze Nacht durch gemahlen, blickte zum Himmel empor und rief. »Wie doch Zeus donnert, und ist weit und breit kein Gewölk zu sehen! Er hat wohl irgendeinem Sterblichen ein Zeichen gewährt! O Vater der Götter und Menschen, möchtest du auch meinen Wunsch erfüllen und die verfluchten Freier vertilgen, die mich Tag und Nacht in der Mühle das Mehl zu ihren Schmäusen bereiten lassen!« Odysseus freute sich der guten Vorbedeutung und kehrte in den Palast zurück.

Hier wurde es allmählich laut, die Mägde kamen und zündeten das Feuer auf dem Herd an; Telemach warf sich in die Kleider, trat an die Schwelle der Frauengemächer und rief der Pflegerin mit verstellten Worten: »Mütterchen, habt ihr den Gast auch mit Speise und Lager geehrt, oder liegt er unbeachtet da? Die Mutter scheint mir ganz die Besinnung verloren zu haben, daß sie den schlechten Freiern soviel Ehre erweist und den besseren Mann ungeehrt läßt!« »Du tust meiner Herrin unrecht«, antwortete Eurykleia, »der Fremdling trank so lange und so viel Wein, als ihm beliebte, und Speise verlangte er auch keine mehr. Man bot ihm ein köstliches Lager an, aber er verschmähte es; mit Mühe ließ er sich ein schlechteres gefallen.«

Nun eilte Telemach, von seinen Hunden begleitet, auf den Markt in die Volksversammlung. Die Schaffnerin aber befahl den Mägden, alles zu dem bevorstehenden Schmause des Neumondfestes zuzubereiten; und nun legten die einen purpurne Teppiche auf die schmucken Sessel, andere scheuerten die Tische mit Schwämmen, wieder andere reinigten die Mischkrüge und die Becher, und ihrer zwanzig eilten an den Quellbrunnen, Wasser zu schöpfen. Auch die Diener der Freier kamen heran und spalteten Holz in der Vorhalle. Der Sauhirt kam mit den fettesten Schweinen herbei und grüßte seinen alten Gast aufs freundlichste. Melanthios mit zwei Geißhirten brachte die auserlesensten Ziegen, die von den Knechten in der Halle angebunden wurden. Dieser sprach im Vorübergehen zu Odysseus mit höhnischem Ton: »Alter Bettler, bist du immer noch da und weichst nicht von der Türe? Wir nehmen wahrscheinlich nicht Abschied voneinander, bevor du meine Fäuste gekostet! Gibt es denn gar keine anderen Schmäuse, denen du nachzuziehen hast?« Odysseus erwiderte auf diese Schmähworte nichts, sondern schüttelte nur das Haupt.

Nun betrat ein ehrlicher Mann der Palast; es war Philötios, der den Freiern ein Rind und gemästete Ziegen zu Schiffe herbeigebracht hatte. Dieser sprach im Vorübergehen zu dem Sauhirten: »Eumaios, wer ist doch der Fremdling, der jüngst in dieses Haus kam? Er gleicht an Gestalt ganz und gar unserm Könige Odysseus. Geschieht es doch wohl, daß das Elend auch einmal Könige zu Bettlern umgestaltet!« Dann nahte er sich dem verkleideten Helden mit einem Handschlage und sprach: »Fremder Vater, so unglücklich du scheinest, so möge es dir wenigstens in Zukunft wohlergehen! Mich überlief der Schweiß, als ich dich sah, und Tränen traten mir in die Augen, denn ich mußte an Odysseus gedenken, der jetzt wohl auch, in Lumpen gehüllt, in der Welt umherirrt, wenn er anders noch lebt! Schon als Jüngling hat er mich zum Hüter seiner Rinder gemacht, deren Zucht vortrefflich gedeiht, leider aber muß ich sie andern zum Schmause daherführen! Auch wäre ich längst vor Ärger aus diesem Lande geflohen, wenn ich nicht immer noch hoffte, Odysseus kehre dereinst zurück und jage diesen Schwarm auseinander.« »Kuhhirt«, erwiderte ihm Odysseus, »du scheinst kein schlechter Mann zu sein; ja beim Zeus schwöre ich dir, heute noch, und solange du im Palaste bist, kehrt Odysseus heim, und deine Augen werden es schauen, wie er die Freier abschlachtet!« »Möchte Zeus es wahr machen«, sagte der Rinderhirt; »meine Hände sollten auch dabei nicht feiern!«

Die Rache



Die Rache

Da streifte sich Odysseus die Lumpen rückwärts von den Armen, und Bogen und Köcher voll Geschossen in der Hand, sprang er auf die hohe Schwelle; hier schüttete er sich die Pfeile vor seinen Füßen aus und rief in die Versammlung hinab: »Der erste Wettkampf wäre nun vollbracht, ihr Freier! Nun folgt der zweite; und jetzt wähle ich mir ein Ziel, wie es noch kein Schütze getroffen hat; und doch gedenke ich es nicht zu verfehlen.« So sprach er und zielte mit dem Bogen auf Antinoos. Dieser hob eben den gehenkelten goldenen Pokal und führte ihn ahnungslos zum Munde. Da fuhr ihm der Pfeil des Odysseus in die Gurgel, daß die Spitze aus dem Genick hervordrang. Der Becher entstürzte seiner Hand; dem Erschossenen fuhr ein dicker Blutstrahl aus der Nase, und während er zur Seite sank, stieß er den Tisch samt den Speisen mit dem Fuße um, daß diese auf den Boden rollten. Als die Freier den Fallenden gewahrten, sprangen sie tobend von ihren Thronsesseln auf; rings durchforschten sie die Wände des Saales nach Waffen: aber da war kein Speer und kein Schild zu sehen. Nun machten sie sich mit grimmigen Scheltworten Luft: »Was schießest du auf Männer, verfluchter Fremdling? Unsern edelsten Genossen hast du getötet. Aber es ist dein letzter Schuß gewesen, und bald werden dich die Geier fressen!« Sie meinten nämlich, er habe ihn, ohne es zu wollen, getroffen, und ahneten nicht, daß sie alle das gleiche Schicksal bedrohe. Odysseus aber rief mit donnernder Stimme zu ihnen herunter: »Ihr Hunde, ihr meinet, ich komme nimmermehr von Troja zurück; deswegen verschwelgtet ihr mein Gut, verführtet mein Gesinde, warbet bei meinem Leben um mein eigenes Weib, scheutet Götter und Menschen nicht! Jetzt aber ist die Stunde eueres Verderbens gekommen!«

Wie sie solches hörten, wurden die Freier bleich, und Entsetzen ergriff sie. Jeder sah sich schweigend um, wie er entfliehen möchte; nur Eurymachos faßte sich und sprach: »Wenn du wirklich Odysseus der Ithaker bist, so hast du ein Recht, uns zu schelten, denn es ist viel Unziemliches im Palast und auf dem Lande geschehen. Aber der, der an allem schuldig war, liegt ja bereits von deinem Pfeil erschossen. Denn Antinoos ist’s, der das alles angestiftet hat, und zwar warb er nicht einmal ernstlich um deine Gemahlin, sondern er selbst wollte König in Ithaka werden und gedachte deinen Sohn heimlich zu ermorden. Doch der hat ja nun sein Teil. Du aber schone deiner Stammesgenossen; laß dich versöhnen! Jeder von uns soll dir zwanzig Rinder zum Ersatz für das Verzehrte bringen, auch Erz und Gold, soviel dein Herz verlangt, bis wir dich wieder günstig gemacht haben!« »Nein, Eurymachos«, antwortete Odysseus finster, »und wenn ihr mir all euer Erbgut bötet und noch mehr, ich werde nicht ruhen, bis ihr mir alle mit dem Tod eure Missetaten gebüßt habt. Tut, was ihr wollt, kämpfet oder fliehet, keiner wird mir entrinnen!«

Herz und Knie zitterten den Freiern. Noch einmal sprach Eurymachos, und zwar jetzt zu seinen Freunden: »Lieben Männer, dieses Mannes Hände wird niemand mehr aufhalten; ziehet die Schwerter, wehrt sein Geschoß mit den Tischen ab; alsdann werfen wir uns auf ihn selber, suchen ihn von der Schwelle zu verdrängen, dann zerstreuen wir uns durch die Stadt und rufen unsere Freunde auf« So sprach er, zog sein Schwert aus der Scheide und sprang mit gräßlichem Geschrei empor. Da durchbohrte ihm der Pfeil des Helden die Leber; das Schwert sank ihm aus der Hand, er wälzte sich mitsamt dem Tische zu Boden, warf Speisen und Becher zur Erde und schlug mit der Stirne auf den Estrich. Den Sessel stampfte er mit den Füßen hinweg; es waren die letzten Zuckungen, und er lag tot auf dem Boden. Nun stürmte Amphinomos gegen Odysseus hinan, um sich mit dem Schwerte Bahn durch den Eingang zu machen. Aber diesen erreichte Telemachs Speer im Rücken zwischen den Schultern, so daß er vorn aus der Brust hervordrang und der Getroffene auf das Angesicht zu Boden fiel. Telemach entzog sich nach dieser Tat dem Gewühle der Freier durch einen Sprung, und stellte sich zu seinem Vater auf die Schwelle, dem er einen Schild, zwei Lanzen und einen ehernen Helm zubrachte. Dann eilte er selbst zur Türe hinaus und in die Rüstkammer. Hier suchte er für sich und die Freunde noch weitere vier Schilde, acht Lanzen und vier Helme mit wallendem Roßschweif aus. Damit waffneten sie sich, er und die beiden treuen Hirten. Die vierte Rüstung brachte er dem Vater, und so standen nun alle vier nebeneinander.

Solange Odysseus noch Pfeile hatte, streckte er mit jedem Schuß einen Freier darnieder, daß sie übereinandertaumelten. Dann lehnte er den Bogen an den Türpfosten, warf sich eilig den vierfachen Schild über die Schultern, setzte sich den Helm aufs Haupt, dessen Busch fürchterlich nickte, und faßte zwei mächtige Lanzen. In dem Saale war noch eine Seitenpforte angebracht, die in einen Gang führte, der in den Hausflur auslief. Die Öffnung der Pforte war aber eng und faßte nur einen einzigen Mann. Dieses Pförtchen hatte Odysseus dem Eumaios zur Hut anvertraut; nun aber, da jener seine Stelle verlassen, sich zu waffnen, blieb es unbewacht. Einer von den Freiern, Agelaos, bemerkte dieses. »Wie wäre es«, rief er, »Freunde, wenn wir uns durch die Seitenpforte flüchteten und so in die Stadt gelangten, um das Volk aufzuwiegeln, dann hätte der Mann bald ausgewütet!« »Sei kein Tor«, sagte Melanthios zu ihm, der Ziegenhirt, der in der Nähe stand und auf der Seite der Freier war, »Pforte und Gang sind so enge, daß nur ein einzelner Mann hindurchkann, und wenn sich von jenen vieren nur einer darvorstellt, so wehrt er uns allen. Laß lieber mich unbemerkt hinausschlüpfen, so hol ich euch Waffen genug vom Söller.« Dies tat der Ziegenhirt und kam auf wiederholten Gängen mit zwölf Schilden und ebenso vielen Helmen und Lanzen zurück. Unerwartet sah Odysseus seine Feinde mit Rüstungen umhüllt und lange Speere in den Händen bewegend. Er erschrak und sprach zu seinem Sohne Telemach: »Das hat uns eine der falschen Mägde oder der arge Geißhirt zugerichtet!« »Ach, Vater, ich bin selbst schuldig«, erwiderte Telemach; »ich habe vorhin, als ich die Waffen holte, die Türe der Rüstkammer in der Eile nur angelehnt.« Der Sauhirt eilte nun hinauf zur Kammer, um sie zu verschließen. Durch die offene Türe sah er, wie drin schon wieder der Geißhirt stand, weitere Waffen zu holen. Er eilte mit dieser Nachricht nach der Schwelle zurück. »Soll ich mich des Schalks bemächtigen?« fragte er seinen Herrn. »Ja«, erwiderte dieser, »nimm den Rinderhirten mit, überfallet ihn in der Kammer, drehet ihm die Hände und Füße auf den Rücken und hänget ihn mit einem starken Seil an die Mittelsäule der Kammer, daß er in Qualen harre. Dann schließet die Türe zu und kehret zurück.« Die Hirten gehorchten. Sie beschlichen den Falschen, wie er eben im Winkel der Kammer nach Waffen umherspähte. Als er wieder zu der Schwelle kam, in der einen Hand einen Helm, in der andern einen alten verschimmelten Schild, packten sie ihn, warfen den Schreienden zu Boden, fesselten ihm Hände und Füße auf dem Rücken, knüpften an einen Haken der Decke ein langes Seil, schlangen es um seinen Leib und zogen ihn an der Säule bis dicht an die Balken empor. »Wir haben dich sanft gebettet«, sprach der Sauhirt, »schlaf wohl!« Nun verschlossen sie die Pforte und kehrten auf ihre Posten zu den Helden zurück. Unverhofft gesellte sich zu den vieren ein fünfter Streiter: es war Athene in Mentors Gestalt, und Odysseus erkannte die Göttin freudig. Als die Freier den neuen Kämpfer bemerkten, rief Agelaos zornig hinauf. »Mentor, ich sage dir, laß dich durch Odysseus nicht verleiten, die Freier zu bekriegen, sonst ermorden wir mit Vater und Sohn auch dich und dein ganzes Haus!« Athene entbrannte bei diesen Worten, sie spornte den Odysseus an und sprach: »Dein Mut scheint mir nicht mehr derselbe zu sein, Freund, wie du ihn zehn Jahre lang vor Troja bewiesest. Durch deinen Rat sank diese Stadt; und nun, wo es gilt, in deiner eigenen Heimat Palast und Gut zu verteidigen, zagest du den Freiern gegenüber?« So sprach sie, seinen Mut anzufeuern, für ihn zu streiten gedachte sie nicht. Denn plötzlich schwang sie sich in Vogelgestalt empor und saß einer Schwalbe gleich, auf dem rußigen Gebälk der Decke. »Mentor ist wieder hinweggegangen, der Prahler«, rief Agelaos seinen Freunden zu, »die viere sind wieder allein. Laßt uns nun den Kampf wohl überlegen; nicht alle zugleich werfet eure Lanzen, sondern ihr sechse da zuerst; und zielet mir fein alle nur auf Odysseus: liegt er nur einmal, so kümmern uns die andern wenig.« Aber Athene vereitelte ihnen den gewaltigen Wurf: des einen Lanze durchbohrte den Pfosten, des andern fuhr in die Tür; andern blieb sie in der Wand stecken. Jetzt rief Odysseus seinen Freunden zu: »Wohl gezielt und geschossen!« und alle vier schickten ihre Lanzen ab, und keiner fehlte: Odysseus traf den Demoptolemos, Telemach den Euryades, den Elatos der Sauhirt, der Rinderhirt den Peisander, welche miteinander in den Staub sanken. Einen Augenblick flüchteten sich die noch übrigen Freier in den äußersten Winkel des Saals: bald aber wagten sie sich wieder hervor und zogen die Speere aus den Leichnamen. Dann schossen sie neue Lanzen ab; die meisten fehlten wieder, nur der Speer des Amphimedon streifte dem Telemach die Knöchelhaut an der einen Hand, und des Ktesippos Lanze ritzte dem Sauhirt die Schulter über dem Schild. Beide wurden zum Lohne von den Verletzten durch Lanzenwürfe getötet, und der Sauhirt begleitete seinen Wurf mit den Worten: »Nimm dies, du Lästerer, für den Kuhfuß, mit dem du meinen Herrn beschenktest, als er noch im Saale bettelte!«

Den Eurydamas hatte der Wurf des Odysseus niedergestreckt. Jetzt erstach er mit der Lanze Agelaos, den Sohn des Damastor; Telemach jagte dem Leiokritos, den Speer durch den Bauch; Athene schüttelte ihren verderblichen Ägisschild von der Decke herab und jagte den Freiern Entsetzen ein, daß sie wie Kinder, von der Bremse gestochen, oder wie kleine Vögel vor den Klauen des Habichts im Saale hin und her irrten. Odysseus und seine Freunde waren von der Schwelle herabgesprungen und durchwüteten mit Morden den Saal, daß überall Schädel krachten, Röcheln sich erhob und der Boden von Blute floß.

Einer der Freier, Leiodes, warf sich dem Odysseus zu Füßen, umklammerte seine Knie und rief: »Erbarme dich! Nie habe ich Mutwillen in deinem Hause getrieben, habe die andern gezähmt, aber sie folgten mir nicht! Ich bin ihr Opferer und habe nichts getan, soll ich denn auch fallen?« »Wenn du ihr Opferer bist«, erwiderte Odysseus finster, »so hast du wenigstens für sie gebetet!« und nun raffte er das Schwert des Agelaos, das dieser im Tode sinken lassen, vom Boden auf und hieb dem Leiodes, während er noch flehte, das Haupt vom Nacken, daß es in den Staub rollte.

Nahe an der Seitenpforte stand der Sänger Phemios, die Harfe in den Händen. Er überlegte in der Todesangst, ob er sich durch das Pförtchen in den Hof zu retten suchen oder die Knie des Odysseus umfassen sollte. Endlich entschloß er sich zum letztern, legte die Harfe zwischen dem Mischkrug und Sessel zu Boden und warf sich vor Odysseus nieder. »Erbarme dich meiner!« rief er, seine Knie umschlingend; »du selbst bereutest es, wenn du den Sänger erschlagen hättest, der Götter und Menschen mit seinem Lied erfreut. Ich bin der Lehrling eines Gottes, und wie einen Gott will ich dich im Gesange feiern! Dein Sohn kann es mir bezeugen, daß ich nicht freiwillig hierherkam, daß sie mich gezwungen haben, zu singen!« Odysseus hob das Schwert, doch zögerte er; da sprang Telemach herzu und rief. »Halt, Vater, verwunde mir diesen nicht, er ist unschuldig; auch den Herold Medon, wenn er nicht schon von den Hirten oder dir ermordet ist, laß uns verschonen; er hat mich schon als Kind im Hause so sorglich gepflegt und wollte uns immer wohl.« Medon, der, in eine frische Rinderhaut gehüllt, unter seinem Sessel verborgen lag, hörte die Fürbitte, wickelte sich los und lag bald dem Telemach flehend zu Füßen. Da mußte der finstere Held Odysseus lächeln und sprach: »Seid getrost, ihr beide, Sänger und Herold, Telemachs Bitte schützt euch. Gehet hinaus und verkündiget den Menschen, wieviel besser es sei, gerecht als treulos zu handeln.« Die zwei eilten aus dem Saale und setzten sich, noch immer vor Todesangst zitternd, im Vorhofe nieder.

Die drei letzten Arbeiten des Herakles



Die drei letzten Arbeiten des Herakles

Als der Held das Wehrgehenk der Königin Hippolyte zu Eurystheus Füßen niedergelegt hatte, gönnte dieser ihm keine Rast, sondern schickte ihn sogleich wieder aus, die Rinder des Riesen Geryones herbeizuschaffen. Dieser besaß auf der Insel Erythia, im Meerbusen von Gadira (Cadix), eine Herde schöner braunroter Rinder, die ein anderer Riese und ein zweiköpfiger Hund ihm hüteten. Geryones selbst war ungeheuer groß, hatte drei Leiber, drei Köpfe, sechs Arme und sechs Füße. Kein Erdensohn hatte sich je an ihn gewagt; Herakles sah wohl, wie viele Vorbereitungen dieses beschwerliche Unternehmen erfordere. Es war weltbekannt, daß des Geryones Vater, Chrysaor, der den Namen Goldschwert von seinem Reichtum hatte, König von ganz Iberien (Spanien) war, daß außer Geryones noch drei tapfere und riesige Söhne für ihn stritten und jeder Sohn ein zahlreiches Heer von streitbaren Männern unter seinem Befehle hatte. Eben darum hatte Eurystheus dem Herakles jene Arbeit aufgetragen; denn er hoffte, auf einem Kriegszug in ein solches Land werde er sein verhaßtes Leben doch endlich lassen müssen. Doch Herakles ging den Gefahren nicht erschrockener entgegen als allen seinen früheren Taten. Er sammelte seine Heere auf der Insel Kreta, die er von wilden Tieren befreit hatte, und landete zuerst in Libyen. Hier rang er mit dem Riesen Antaios, der neue Kräfte erhielt, sooft er seine Mutter, die Erde, berührte; aber Herakles hielt ihn in die freie Luft und drückte ihn da zu Tode. Auch reinigte er Libyen von den Raubtieren; denn er haßte wilde Tiere und ruchlose Menschen, weil er in ihnen allen das Bild des übermütigen und ungerechten Herrschers erblickte, dem er so lange dienstbar gewesen war.

Nach einer langen Wanderung durch wasserlose Gegenden kam er endlich in ein fruchtbares, von Flüssen durchströmtes Gebiet. Hier gründete er eine Stadt von ungeheurer Größe und nannte sie Hekatompylos (Hunderttor). Zuletzt gelangte er an den Atlantischen Ozean, gegenüber von Gadira; hier pflanzte er die beiden berühmten Heraklessäulen auf. Die Sonne brannte entsetzlich; Herakles ertrug es nicht länger, er richtete seine Augen nach dem Himmel und drohte mit aufgehobenem Bogen, den Sonnengott niederzuschießen. Dieser bewunderte seinen Mut und lieh ihm, um weiterzukommen, die goldne Schale, in welcher der Sonnengott selbst seinen nächtlichen Weg vom Niedergange bis zum Aufgange zurücklegt. Auf dieser fuhr Herakles mit seiner nebenher segelnden Flotte nach Iberien hinüber. Hier fand er die drei Söhne des Chrysaor mit drei großen Heeren, einen nicht weit vom andern gelagert; er aber tötete die Anführer alle im Zweikampfe und eroberte das Land. Dann kam er nach der Insel Erythia, wo Geryones mit seinen Herden hauste. Sobald der doppelköpfige Hund seine Ankunft innewurde, fuhr er auf ihn los; allein Herakles empfing ihn mit dem Knittel, erschlug ihn und darauf auch den riesigen Rinderhirten, der dem Hunde zu Hilfe gekommen war. Dann eilte er mit den Rindern davon; aber Geryones holte ihn ein, und es kam zu einem schweren Kampfe. Hera selbst erschien, dem Riesen beizustehen; jedoch Herakles schoß ihr einen Pfeil in die Brust, daß die Göttin verwundet entfliehen mußte. Auch der dreifache Leib des Riesen, der in der Gegend des Magens zusammenlief, fing hier den tödlichen Pfeil auf und mußte erliegen. Unter glorreichen Taten vollbrachte Herakles seinen Rückweg, indem er zu Lande die Rinder durch Iberien und Italien trieb. Bei Rhegium in Unteritalien entlief ihm einer seiner Ochsen, setzte über die Meerenge und entkam so nach Sizilien. Sogleich trieb er auch die andern Ochsen ins Wasser und schwamm, indem er einen Stier am Horn faßte, nach Sizilien hinüber. Unter mancherlei Taten kam der Held nun glücklich über Italien, Illyrien und Thrakien nach Griechenland zurück und auf dem Isthmus an.

Jetzt hatte Herakles zehn Arbeiten vollbracht, weil aber Eurystheus zwei nicht gelten ließ, so mußte er sich bequemen, noch zwei weitere zu verrichten.

Einst, bei der feierlichen Vermählung des Zeus mit Hera, als alle Götter dem erhabenen Paar ihre Hochzeitsgeschenke darbrachten, wollte auch Gaia (die Erde) nicht zurückbleiben; sie ließ am Westgestade des großen Weltmeeres einen ästereichen Baum voll goldener Äpfel hervorwachsen. Vier Jungfrauen, Hesperiden genannt, Töchter der Nacht, waren die Wärterinnen dieses heiligen Gartens, den außerdem noch ein hundertköpfiger Drache bewachte, Ladon, ein Sprößling des Phorkys, des berühmten Vaters so vieler Ungeheuer, und der erdgeborenen Keto. Kein Schlaf kam je über die Augen dieses Drachen, und ein fürchterliches Gezisch verkündete seine Nähe; denn jede seiner hundert Kehlen ließ eine andere Stimme hören. Diesem Ungeheuer, so lautete der Befehl des Eurystheus, sollte Herakles die goldenen Äpfel der Hesperiden entreißen. Der Halbgott machte sich auf den langen und abenteuervollen Weg, auf welchem er sich dem blinden Zufall überließ, denn er wußte nicht, wo die Hesperiden wohnten. Zuerst gelangte er nach Thessalien, wo der Riese Termeros hauste, der alle Reisenden, denen er begegnete, mit seinem harten Hirnkasten zu Tode rannte. Aber an des göttlichen Herakles Schädel zersplitterte das Haupt des Riesen. Weiter vorwärts, am Flusse Echedoros, kam dem Helden ein anderes Ungetüm in den Weg, Kyknos, der Sohn des Ares und der Pyrene. Dieser, von dem Halbgotte nach den Gärten der Hesperiden befragt, forderte statt aller Antwort den Wanderer zum Zweikampf heraus und wurde von Herakles erschlagen. Da erschien Ares, der Gott, selbst, den getöteten Sohn zu rächen, und Herakles sah sich gezwungen, mit ihm zu kämpfen. Aber Zeus wollte nicht, daß seine Söhne Bruderblut vergössen, und ein plötzlich mitten zwischen beide geschleuderter Blitz trennte die Kämpfer. Herakles schritt nun weiter durchs illyrische Land, eilte über den Fluß Eridanos und kam zu den Nymphen des Zeus und der Themis, die an den Ufern dieses Stromes wohnten. Auch an sie richtete der Held seine Frage. »Geh zu dem alten Stromgotte Nereus«, war ihre Antwort, »der ist ein Wahrsager und weiß alle Dinge. Überfall ihn im Schlafe und binde ihn, so wird er, gezwungen, den rechten Weg dir angeben.« Herakles befolgte diesen Rat und bemeisterte sich des Flußgottes, obgleich dieser nach seiner Gewohnheit sich in allerlei Gestalten verwandelte. Er ließ ihn nicht eher los, bis er erkundet hatte, in welcher Weltgegend er die goldenen Äpfel der Hesperiden antreffen werde. Hierüber belehrt, durchzog er weiter Libyen und Ägypten. Über das letztere Land herrschte Busiris, der Sohn des Poseidon und der Lysianassa. Ihm war bei einer neunjährigen Teurung durch einen Wahrsager aus Zypern das grausame Orakel geworden, daß die Unfruchtbarkeit aufhören sollte, wenn dem Zeus jährlich ein fremder Mann geschlachtet würde. Zum Danke machte Busiris den Anfang mit dem Wahrsager selbst; allmählich fand der Barbar ein Gefallen an dieser Gewohnheit und schlachtete alle Fremdlinge, welche nach Ägypten kamen. So wurde denn auch Herakles ergriffen und zu den Altären des Zeus geschleppt. Er aber riß die Bande, die ihn fesselten, entzwei und erschlug den Busiris mitsamt seinem Sohn und dem priesterlichen Herold. Unter mancherlei Abenteuern zog der Held weiter, befreite, wie schon erzählt worden ist, den an den Kaukasus geschmiedeten Titanen Prometheus und gelangte endlich, nach der Anweisung des Entfesselten, in das Land, wo Atlas die Last des Himmels trug und in dessen Nähe der Baum mit den goldenen Äpfeln von den Hesperiden gehütet wurde. Prometheus hatte dem Halbgotte geraten, sich nicht selbst dem Raube der goldenen Früchte zu unterziehen, sondern den Atlas auf diesen Fang auszusenden. Er selbst erbot sich dafür diesem, solange das Tragen des Himmels auf sich zu nehmen. Atlas bezeigte sich willig, und Herakles stemmte die mächtigen Schultern dem Himmelsgewölbe unter. Jener dagegen machte sich auf, schläferte den um den Baum sich ringelnden Drachen ein, tötete ihn, überlistete die Hüterinnen und kam mit drei Äpfeln, die er gepflückt, glücklich zu Herakles. »Aber«, sprach er, »meine Schultern haben nun einmal empfunden, wie es schmeckt, wenn der eherne Himmel nicht auf ihnen lastet. Ich mag ihn fürder nicht wieder tragen.« So warf er die Äpfel vor dem Halbgott auf den Rasen und ließ diesen mit der ungewohnten, unerträglichen Last stehen. Herakles mußte auf eine List sinnen, um loszukommen. »Laß mich«, sprach er zu dem Himmelsträger, »nur einen Bausch von Stricken um den Kopf winden, damit mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt.« Atlas fand die Forderung billig und stellte sich, nach seiner Meinung auf wenige Augenblicke, dem Himmel wieder unter. Aber er konnte lange warten, bis Herakles ihn wieder ablöste, und der Betrüger wurde zum Betrogenen. Denn jener nahm die Früchte vom Rasen auf und ging davon. Er brachte sie dem Eurystheus, der sie, da sein Zweck, den Herakles aus dem Wege zu räumen, doch nicht erreicht war, dem Helden wieder als Geschenk zurückgab. Der legte sie auf dem Altare Athenes nieder; die Göttin aber wußte, daß es der heiligen Bestimmung dieser göttlichen Früchte zuwider war, irgendwo anders aufbewahrt zu werden, und so trug sie die Äpfel wieder in den Garten der Hesperiden zurück.

Statt den verhaßten Nebenbuhler zu vernichten, hatten die bisher ihm von Eurystheus aufgetragenen Arbeiten den Herakles nur in dem Berufe verherrlicht, der ihm vom Schicksal angewiesen war; sie hatten ihn als Vertilger jener Unmenschlichkeit auf Erden, als den echt menschlichen Wohltäter der Sterblichen dargestellt. Das letzte Abenteuer aber sollte er in einer Region bestehen, wohin ihn – so hoffte der arglistige König – seine Heldenkraft nicht begleiten würde; ein Kampf mit den finsteren Mächten der Unterwelt stand ihm bevor: er sollte Kerberos, den Höllenhund, aus dem Hades heraufbringen. Dies Untier hatte drei Hundsköpfe mit gräßlichen Rachen, aus denen unaufhörlich giftiger Geifer träufte, ein Drachenschwanz hing ihm vom Leibe herunter, und das Haar der Köpfe und des Rückens bildeten zischende, geringelte Schlangen. Sich für diese Grausen erregende Fahrt zu befähigen, ging Herakles in die Stadt Eleusis im attischen Gebiete, wo eine Geheimlehre über göttliche Dinge der Ober- und Unterwelt von kundigen Priestern gehegt wurde, und ließ sich von dem Priester Eumolpos in die dortigen Geheimnisse einweihen, nachdem er an heiliger Stätte vom Morde der Zentauren entsündigt worden war. So mit geheimer Kraft, den Schrecken der Unterwelt zu begegnen, ausgerüstet, wanderte er in den Peloponnes und nach der lakonischen Stadt Tainaron, wo sich die Mündung der Unterwelt befand. Hier stieg er, von Hermes, dem Begleiter der Seelen, geleitet, die tiefe Erdkluft hinab und kam zur Unterwelt vor die Stadt des Königes Pluto. Die Schatten, die vor den Toren der Hadesstadt traurig lustwandelten – denn in der Unterwelt ist kein heiteres Leben wie im Sonnenlichte –, ergriffen die Flucht, als sie Fleisch und Blut in lebendiger Menschengestalt erblickten; nur die Gorgone Medusa und der Geist Meleagers hielten stand. Nach jeder wollte Herakles einen Schwertstreich führen, aber Hermes fiel ihm in den Arm und belehrte ihn, daß die Seele der Abgeschiedenen leere Schattenbilder und vom Schwerte nicht verwundbar seien. Mit der Seele Meleagers dagegen unterhielt sich der Halbgott freundlich und empfing von ihm sehnsüchtige Grüße für die Oberwelt an seine geliebte Schwester Deianira. Ganz nahe zu den Pforten des Hades gekommen, erblickte er seine Freunde Theseus und Peirithoos, der letzte hatte sich in der Unterwelt, vom andern begleitet, als Freier der Persephone eingefunden, und beide waren wegen dieses frechen Unterfangens von Pluto an den Stein, auf den die Ermüdeten sich niedergelassen hatten, gefesselt worden. Als beide den befreundeten Halbgott erblickten, streckten sie flehend die Hände nach ihm aus und zitterten vor Hoffnung, durch seine Kraft die Oberwelt wieder erklimmen zu können. Den Theseus ergriff auch Herakles wirklich bei der Hand, befreite ihn von seinen Banden und richtete ihn vom Boden, an den er gefesselt gelegen hatte, wieder auf. Ein zweiter Versuch, auch den Peirithoos zu befreien, mißlang, denn die Erde fing an, ihm unter den Füßen zu beben. Vorschreitend erkannte Herakles auch den Askalaphos, der einst verraten hatte, daß Persephone von den Rückkehr verwehrenden Granatäpfeln des Hades gegessen; er wälzte den Stein ab, den Demeter in Verzweiflung über den Verlust ihrer Tochter auf ihn gewälzt hatte. Dann fiel er unter die Herden des Pluto und schlachtete eines der Rinder, um die Seelen mit Blute zu tränken; dies wollte der Hirte dieser Rinder, Menötios, nicht gestatten und forderte deswegen den Helden zum Ringkampfe auf. Herakles aber faßte ihn mitten um den Leib, zerbrach ihm die Rippen und gab ihn nur auf Bitten der Unterweltsfürstin Persephone selbst wieder frei. Am Tore der Totenstadt stand der König Pluto und verwehrte ihm den Eintritt. Aber das Pfeilgeschoß des Heroen durchbohrte den Gott an der Schulter, daß er Qualen der Sterblichen empfand und, als der Halbgott nun bescheidentlich um Entführung des Höllenhundes bat, sich nicht länger widersetzte. Doch forderte er als Bedingung, daß Herakles desselben mächtig werden sollte, ohne die Waffen zu gebrauchen, die er bei sich führe. So ging der Held, einzig mit seinem Brustharnische bedeckt und mit der Löwenhaut umhangen, aus, das Untier zu fahen. Er fand ihn an der Mündung des Acheron hingekauert, und ohne auf das Bellen des Dreikopfs zu achten, das wie ein sich in Widerhallen vervielfältigender dumpfer Donner tönte, nahm er die Köpfe zwischen die Beine, umschlang den Hals mit den Armen und ließ ihn nicht los, obgleich der Schwanz des Tieres, der eine lebendige Schlange war, sich vorwärts bäumte und der Drache ihn in die Weiche biß. Er hielt den Nacken des Ungetümes fest und schnürte ihn so lange zu, bis er über das ungebärdige Tier Meister ward, da er es dann aufhob und durch eine andere Mündung des Hades bei Trözen im argoischen Lande glücklich wieder zur Oberwelt auftauchte. Als der Höllenhund das Tageslicht erblickte, entsetzte er sich und fing an, den Geifer von sich zu speien; davon wuchs der giftige Eisenhut aus dem Boden hervor. Herakles brachte das Ungeheuer in Fesseln sofort nach Tiryns und hielt es dem staunenden Eurystheus, der seinen eigenen Augen nicht traute, entgegen. Jetzt verzweifelte der König daran, jemals des verhaßten Zeussohnes loszuwerden, ergab sich in sein Schicksal und entließ den Helden, der den Höllenhund zurück in die Unterwelt brachte.

Die Entdeckung



Die Entdeckung

Lange Zeit schlief das grauenhafte Geheimnis, und Ödipus, bei manchen Gemütsfehlern ein guter und gerechter König, herrschte glücklich und geliebt an Iokastes Seite über Theben. Endlich aber sandten die Götter eine Pest in das Land, die unter dem Volke grausam zu wüten begann und gegen welche kein Heilmittel fruchten wollte. Die Thebaner suchten gegen das fürchterliche Übel, in welchem sie eine von den Göttern gesandte Geißel erblickten, Schutz bei ihrem Herrscher, den sie für einen Günstling des Himmels hielten. Männer und Frauen, Greise und Kinder, die Priester mit Ölzweigen an ihrer Spitze, erschienen vor dem königlichen Palaste, setzten sich um und auf die Stufen des Altars, der vor demselben stand, und harrten auf die Erscheinung ihres Gebieters. Als Ödipus, durch den Zusammenlauf herausgerufen, aus seiner Königsburg trat und nach der Ursache fragte, warum die ganze Stadt von Opferrauch und Klagelaut erfüllt sei, antwortete ihm im Namen aller der älteste Priester: »Du siehest selbst, o Herr, welches Elend auf uns lastet: Triften und Felder versengt unerträgliche Hitze; in unsern Häusern wütet die verzehrende Seuche; umsonst strebt die Stadt aus den blutigen Wogen des Verderbens ihr Haupt emporzutauchen. In dieser Not nehmen wir unsere Zuflucht zu dir, geliebter Herrscher. Du hast uns schon einmal von dem tödlichen Zins erlöst, mit welchem uns die grimmige Rätselsängerin zehntete. Gewiß ist solches nicht ohne Götterhilfe geschehen. Und darum vertrauen wir auf dich, daß du, sei es bei Göttern oder Menschen, uns auch diesmal Hilfe finden werdest.« »Arme Kinder«, erwiderte Ödipus, »wohl ist mir die Ursache eures Flehens bekannt. Ich weiß, daß ihr kranket; aber niemand krankt im Herzen so wie ich. Denn mein Gemüt beseufzt nicht nur einzelne, sondern die ganze Stadt. Darum erwecket ihr mich nicht wie einen Entschlummerten aus dem Schlafe, sondern hin und her habe ich im Geiste nach Rettungsmitteln geforscht, und endlich glaube ich eines gefunden zu haben. Denn mein eigener Schwager Kreon ist von mir zum pythischen Apollo nach Delphi abgesandt worden, daß er frage, welch Werk oder welche Tat die Stadt befreien kann.«

Noch sprach der König, als auch Kreon unter die Menge trat und den Bescheid des Orakels dem Könige vor den Ohren des Volkes mitteilte. Dieser lautete freilich nicht tröstlich: »Der Gott befahl, einen Frevel, den das Land beherberge, hinauszuwerfen und nicht das zu pflegen, was keine Säuberung zu sühnen vermöge. Denn der Mord des Königes Laïos laste als eine schwere Blutschuld auf dem Lande.« Ödipus, ganz ohne Ahnung, daß jener von ihm erschlagene Greis derselbe sei, um dessen willen der Zorn der Götter sein Volk heimsuche, ließ sich die Ermordung des Königs erzählen, und noch immer blieb sein Geist mit Blindheit geschlagen. Er erklärte sich berufen, für jenen Toten Sorge zu tragen, und entließ das versammelte Volk. Sodann ließ er ins ganze Land die Verkündigung ausgehen, wem irgendeine Kunde von dem Mörder des Laïos geworden wäre, der sollte alles anzeigen; auch wer in fremdem Lande darum wüßte, dem sollte für seine Angabe der Lohn und Dank der Stadt zuteil werden. Der dagegen, der für einen Freund besorgt schweigen und die Schuld der Mitwissenschaft von sich abwälzen wollte, der sollte von allem Götterdienst, vom Opfermahle, ja von Umgang und Unterredung mit seinen Mitbürgern ausgeschlossen werden. Den Täter selbst endlich verfluchte er unter schauerlichen Beteurungen, wünschte ihm Not und Plage durch das ganze Leben an und zuletzt das Verderben. Und das sollte ihm widerfahren, selbst wenn er am Herde des Königes verborgen lebte. Zu allem dem sandte er zwei Boten an den blinden Seher Tiresias, der an Einsicht und Blick ins Verborgene fast dem wahrsagenden Apollo selber gleichkam. Dieser erschien auch bald, von der Hand eines leitenden Knaben geführt, vor dem Könige und in der Volksversammlung. Ödipus trug ihm die Sorge vor, die ihn und das ganze Land quäle. Er bat ihn, seine Seherkunst anzuwenden, um ihnen auf die Spur des Mordes zu verhelfen.

Aber Tiresias brach in einen Wehruf aus und sprach, indem er seine Hände abwehrend gegen den König ausstreckte: »Entsetzlich ist das Wissen, das dem Wissenden nur Unheil bringt! Laß mich heimkehren, König; trag du das Deine und laß mich das Meine tragen!« Ödipus drang jetzt um so mehr in den Seher; und das Volk, das ihn umringte, warf sich flehend vor ihm auf die Knie. Als er aber auch so keine weitern Aufschlüsse geben zu wollen bereit war, da entbrannte der Jähzorn des Königs Ödipus, und er schalt den Tiresias als Mitwisser oder gar Fausthelfer bei der Ermordung des Laïos. Ja, nur des Sehers Blindheit halte ihn ab, diesem allein die Untat zuzutrauen. Diese Beschuldigung löste dem blinden Propheten die Zunge. »Ödipus«, sprach er, »gehorche deiner eigenen Verkündigung. Rede mich nicht, rede keinen aus dem Volke fürder an. Denn du selbst bist der Greuel, der diese Stadt besudelt! Ja, du bist der Königsmörder, du bist derjenige, der mit dem Teuersten in fluchwürdigem Verhältnisse lebt.«

Ödipus war nun einmal verblendet: er schalt den Seher einen Zauberer, einen ränkevollen Gaukler; er warf Verdacht auch auf seinen Schwager Kreon und beschuldigte beide der Verschwörung gegen den Thron, von welchem sie durch ihre Lügengespinste ihn, den Erretter der Stadt, stürzen wollten. Aber nur noch näher bezeichnete ihn jetzt Tiresias als Vatermörder und Gatten der Mutter, weissagte ihm sein nahe bevorstehendes Elend und entfernte sich zürnend an der Hand seines kleinen Führers. Auf die Beschuldigung des Königes war indessen auch der Fürst Kreon herbeigeeilt, und es hatte sich ein heftiger Wortwechsel zwischen beiden entsponnen, den Iokaste, die sich zwischen die Streitenden warf, vergeblich zu beschwichtigen suchte. Kreon schied unversöhnt und im Zorn von seinem Schwager.

Noch blinder als der König selbst war seine Gemahlin Iokaste. Sie hatte kaum aus dem Munde des Gatten erfahren, daß Tiresias ihn den Mörder des Laïos genannt, als sie in laute Verwünschungen gegen Seher und Seherweisheit ausbrach.«Sieh nur, Gemahl«, rief sie, »wie wenig die Seher wissen; sieh es an einem Beispiel! Mein erster Gatte Laïos hatte auch einst ein Orakel erhalten, daß er durch Sohneshand sterben werde. Nun erschlug aber jenen eine Räuberschar am Kreuzweg, und unser einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden, ins öde Gebirge geworfen und nicht über drei Tage alt. So erfüllen sich die Sprüche der Seher!« Diese Worte, die die Königin mit Hohnlachen sprach, machten auf Ödipus einen ganz andern Eindruck, als sie erwartet hatte. »Am Kreuzweg«, fragte er in höchster Gemütsangst, »ist Laïos gefallen? O sprich, wie war seine Gestalt, sein Alter?« »Er war groß«, antwortete Iokaste, ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, »die ersten Greisenlocken schmückten sein Haupt; er war dir selbst, mein Gemahl, von Gestalt und Ansehen gar nicht unähnlich.« »Tiresias ist nicht blind, Tiresias ist sehend!« rief jetzt entsetzenvoll Ödipus, dem die Nacht seines Geistes auf einmal, wie durch einen Blitzstrahl, erleuchtet ward. Doch trieb ihn das Gräßliche selber, weiter danach zu forschen, als müßten auf seine Fragen Antworten kommen, welche die schreckliche Entdeckung auf einmal als Irrtum darstellten. Aber alle Umstände trafen zusammen, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener den ganzen Mord gemeldet habe. Dieser Knecht aber habe, sowie er den Ödipus auf dem Throne sah, flehentlich gebeten, ihn so weit als möglich von der Stadt weg auf die Weiden des Königes zu schicken. Ödipus begehrte ihn zu sehen, und der Sklave wurde vom Lande hereinbeschieden. Ehe er jedoch noch ankam, erschien ein Bote aus Korinth, meldete dem Ödipus den Tod seines Vaters Polybos und rief ihn auf den erledigten Thron des Landes.

Bei dieser Botschaft sprach die Königin abermals triumphierend: »Hohe Göttersprüche, wo seid ihr? Der Vater, den Ödipus umbringen sollte, ist sanft an Altersschwäche verschieden!« Anders wirkte die Nachricht auf den frömmeren König Ödipus, der, obgleich er noch immer gerne geneigt war, den Polybos für seinen Vater zu halten, es doch nicht begreifen konnte, wie ein Orakel unerfüllt bleiben sollte. Auch wollte er nicht nach Korinth gehen, weil seine Mutter Merope dort noch lebte und der andere Teil des Orakels, seine Heirat mit der Mutter, immer noch erfüllt werden konnte. Diesen Zweifel benahm ihm freilich der Bote bald. Er war derselbe Mann, der vor vielen Jahren das neugeborne Kind von einem Diener des Laïos auf dem Berge Kithairon empfangen und ihm die durchbohrten und gebundenen Fersen gelöst hatte. Er bewies dem Könige leicht, daß er nur ein Pflegesohn, wiewohl Erbe des Königes Polybos von Korinth sei. Ein dunkler Trieb nach Wahrheit ließ den Ödipus nach jenem Diener des Laïos verlangen, der ihn als Kind dem Korinther übergeben hatte. Von seinem Gesinde erfuhr er, daß dies derselbe Hirte sei, der, von dem Morde des Laïos entronnen, jetzt an der Grenze das Vieh des Königes weide.

Als Iokaste solches hörte, verließ sie ihren Gemahl und das versammelte Volk mit einem lauten Wehruf. Ödipus, der sein Auge absichtlich mit Nacht zu bedecken suchte, mißdeutete ihre Entfernung. »Gewiß befürchtet sie«, sprach er zu dem Volke, »als ein Weib voll Hochmut, die Entdeckung, daß ich unedlen Stammes sei. Ich aber halte mich für einen Sohn des Glückes und schäme mich dieser Abkunft nicht!« Jetzt erschien der greise Hirte, der aus der Ferne herbeigeholt worden war und von dem Korinther sogleich als derjenige erkannt wurde, der ihm einst den Knaben auf dem Kithairon übergeben hatte. Der alte Hirt aber war ganz blaß vor Schrecken und wollte alles leugnen; nur auf die zornigen Drohungen des Ödipus, der ihn mit Stricken zu binden befahl, sagte er endlich die Wahrheit: wie Ödipus der Sohn des Laïos und der Iokaste sei, wie der furchtbare Götterspruch, daß er den Vater ermorden werde, ihn in seine Hände geliefert, er aber ihn aus Mitleid erhalten habe.

Die Epigonen



Die Epigonen

Zehn Jahre nachher entschlossen sich die Söhne der vor Theben umgekommenen Helden, Epigonen oder Nachkömmlinge genannt, zu einem neuen Feldzuge gegen diese Stadt, den Tod ihrer Väter zu rächen. Es waren ihrer acht: Alkmaion und Amphilochos, die Söhne des Amphiaraos, Aigialeus, der Sohn Adrasts, Diomedes, der Sohn des Tydeus, Promachos, des Parthenopaios Sohn, Sthenelos, der Sohn des Kapaneus, Thersander, des Polyneikes, und Euryalos, des Mekisteus [Fußnote] Sohn. Auch der alte König Adrastos, aus dem Kampfe der Väter allein noch übrig, gesellte sich zu ihnen, übernahm jedoch den Oberbefehl nicht, sondern wollte ihn einem jüngeren und rüstigeren Helden lassen. Da befragten die Verbündeten das Orakel des Apollo darüber, wen sie zum Anführer wählen sollten. Dieses bezeichnete ihnen den Alkmaion, des Amphiaraos Sohn. Also ward Alkmaion von ihnen zum Feldherrn gewählt. Er aber war ungewiß, ob er diese Würde annehmen dürfte, bevor er den Vater gerächt; deswegen ging auch er hin zum Gotte und befragte das Orakel. Apoll antwortete ihm, er solle beides ausführen. Seine Mutter Eriphyle war bisher nicht nur im Besitze des verderblichen Halsbandes gewesen, sie hatte sich auch das zweite unheilbringende Geschenk Aphroditens, den Schleier, zu verschaffen gewußt. Thersander, der Sohn des Polyneikes, der den Schleier als Erbe besaß, hatte ihn ihr, wie einst sein Vater das Halsband, geschenkt und sie damit bestochen, daß sie ihren Sohn Alkmaion überreden sollte, an dem Feldzuge gegen Theben teilzunehmen. Dem Orakelspruche gehorsam, übernahm Alkmaion den Oberbefehl und verschob seine Rache auf die Heimkehr. Er brachte nicht nur aus Argos selbst ein ansehnliches Heer zusammen, sondern viel kampflustige Krieger aus den Nachbarstädten vereinigten sich mit ihm, und nun führte er eine ansehnliche Streitmacht unter Thebens Tore. Hier erneuerte sich durch die Söhne der hartnäckige Kampf, wie er zehn Jahre früher von den Vätern gekämpft worden war. Aber die Söhne waren glücklicher als die Väter, und der Sieg entschied sich für Alkmaion. In der Hitze des Streites fiel nur einer der Epigonen, Aigialeus, der Sohn des Königs Adrastos, welchen der Anführer der Thebaner, Laodamas, des Eteokles Sohn, mit eigener Hand tötete, dafür aber von Alkmaion, dem Feldherrn der Epigonen, erschlagen wurde. Nach dem Verluste ihres Führers und vieler Mitbürger verließen die Thebaner das Schlachtfeld und flohen hinter ihre Mauern zurück. Hier suchten sie Rat bei dem blinden Tiresias, dem Seher, der, jetzt wohl hundert Jahre alt, noch immer in Theben lebte. Er riet ihnen, den einzigen Rettungsweg einzuschlagen, nämlich die Stadt zu verlassen, während sie einen Herold mit Friedensaufträgen an die Argiver absendeten. Sie gingen den Vorschlag ein, fertigten einen Abgesandten an die Feinde ab, und während dieser unterhandelte, luden sie ihre Kinder und Frauen auf Wagen und flohen aus der Stadt. Im Dunkel der Nacht kamen sie in eine Stadt Böotiens, die Tilphusion hieß. Aus dem Quelle, der bei der Stadt floß, tat der blinde Tiresias, der selbst geflüchtet war, einen kalten Trunk und starb. Noch in der Unterwelt wurde der weise Seher ausgezeichnet. Er lief nicht gedankenlos umher wie andere Schatten, sondern sein hoher Sinn und Seherverstand war ihm geblieben. Seine Tochter Manto hatte die Flucht nicht geteilt; sie war in Theben zurückgelassen worden und fiel hier den Eroberern, welche die verödete Stadt besetzten, in die Hände. Diese hatten ein Gelübde getan, das Beste, was sie von Beute zu Theben finden würden, dem Apollo zu weihen. Nun urteilten sie, daß dem Gotte kein Teil der Beute besser gefallen könne als die Seherin Manto, welche die göttliche Gabe von ihrem Vater ererbt hatte. Deswegen brachten die Epigonen dieselbe nach Delphi und weihten sie dem Gott als Priesterin. Hier wurde sie immer vollkommener in der Wahrsagekunst und anderer Weisheit und bald die berühmteste Seherin ihrer Zeit. Oft sah man bei ihr einen greisen Mann aus und ein gehen, den sie herrliche Gesänge lehrte, welche bald in ganz Griechenland widertönten. Es war der Mäonier Homer.

Die Erziehung des Herakles



Die Erziehung des Herakles

Als Amphitryon das hohe Geschick des Knaben aus dem Munde des Sehers vernahm, beschloß er, ihm eine würdige Heldenerziehung zu geben, und Heroen aller Gegenden versammelten sich, den jungen Herakles in allen Wissenschaften zu unterrichten. Sein Vater selbst unterwies ihn in der Kunst; einen Wagen zu regieren; den Bogen spannen und mit Pfeilen zielen lehrte ihn Eurytos, die Künste der Ringer und Faustkämpfer Harpalykos. Kastor, der Zeuszwilling, unterrichtete ihn in der Kunst, schwerbewaffnet und geordnet im Felde zu fechten. Linos aber, der greise Sohn Apollos, lehrte ihn den Gesang und den zierlichen Schlag der Leier. Herakles zeigte sich als gelehrigen Knaben; aber Härte konnte er nicht ertragen; der alte Linos war ein grämlicher Lehrer. Als er ihn einst mit ungerechten Schlägen zurechtwies, griff der Knabe nach seinem Zitherspiel und warf es dem Hofmeister an den Kopf, daß dieser tot zu Boden fiel. Herakles, obgleich voll Reue, wurde dieser Mordtat halber vor Gericht gefordert; aber der berühmte gerechte Richter Rhadamanthys sprach ihn frei und stellte das Gesetz auf, daß, wenn ein Totschlag Folge der Selbstverteidigung gewesen, Blutrache nicht stattfinde. Doch fürchtete Amphitryon, sein überkräftiger Sohn möchte sich wieder Ähnliches zuschulden kommen lassen, und schickte ihn deswegen auf das Land zu seinen Ochsenherden. Hier wuchs er auf und tat sich durch Größe und Stärke vor allen hervor. Als ein Sohn des Zeus war er furchtbar anzusehen. Er war vier Ellen lang, und Feuerglanz entströmte seinen Augen. Nie fehlte er im Schießen des Pfeils und im Werfen des Spießes. Als er achtzehn Jahre alt geworden, war er der schönste und stärkste Mann Griechenlands, und es sollte sich jetzt entscheiden, ob er diese Kraft zum Guten oder zum Schlimmen anwenden werde.