36. Kapitel


36. Kapitel

Tom Pinch wagt sich nach London, um sein Glück zu machen. Was ihm gleich im Anfang begegnete

Wie verändert erschien Salisbury Tom Pinch, als das Traumbild »Pecksniff« für ihn zerronnen war. Er sah zwar noch immer dieselben wunderbaren Läden, fand den Ort noch ebenso geheimnisvoll und luxuriös, überschätzte seinen Reichtum und seine Bevölkerung ebenso wie früher, aber dennoch war es nicht mehr das alte Salisbury oder überhaupt etwas, das ihm nur entfernt ähnlich gesehen hätte. Während im Wirtshaus das Frühstück bereitet wurde, begab sich Tom auf den Markt. Es war derselbe wie früher, überfüllt von denselben Käufern und Verkäufern, die rührig ihre Geschäfte betrieben; es war dasselbe Zungengewirr und das Gackern der Hühner in den Käfigen, die gleiche schöne Schaustellung frischer Butter, die in Leinwand von blendendem Weiß auf den Brettern lag, dieselben Höklerbuden mit ihren kleinen Rasierspiegeln, Schnürbändern, Schnallen, Hosenstegen und sämtlicher Kurzware waren zu sehen, kurz, alles und jedes war dasselbe, aber dennoch erschien Tom alles so ganz anders als früher. Inmitten des Marktplatzes vermißte er das Götzenbild, das er im Geiste immer dorthin gestellt, und kahl und öde sah es jetzt aus, wo dieses Bildnis fehlte.

Dennoch wirkte die Veränderung der Dinge nicht allzu verbitternd auf ihn, war er doch nicht einsichtsvoll genug, zu wissen, daß es vernünftig und weise ist, wenn man sich einmal in einem Menschen getäuscht hat, sich an der Menschheit im allgemeinen zu rächen und fortan niemandem mehr zu trauen. Nicht nur, daß diese Lebensregel von gewissen tiefsinnigen Poeten und ehrenwerten Männern verfochten wird, so entspricht sie auch dem Gerechtigkeitsbegriff jenes guten Wesirs aus Tausendundeiner Nacht, der bekanntlich alle Lastträger von Bagdad umzubringen befahl, weil man vermutete, daß einer dieser unglücklichen Gilde sich gegen das Gesetz vergangen habe.

Tom war so lange gewohnt gewesen, mit dem Pecksniff seiner Einbildung sich den Tee zu versüßen, ihn, sozusagen, als Butter auf sein Brot zu streichen und ihn als höchste Würze seines Bieres mit einzuschlürfen, daß er jetzt am ersten Morgen nach seiner Entlassung ein recht schales Frühstück hielt. Auch wurde sein Appetit zum Mittagessen nicht sonderlich durch den Umstand geschärft, daß er ernstlich über seine eigenen Angelegenheiten nachdachte und mit seinem Freunde, dem Organisten, darüber Beratung pflog. Der Organistengehilfe gab seine Meinung dahin ab, Tom müsse unter allen Umständen nach London gehen, da es eine ähnliche Stadt auf der Welt nicht mehr gäbe. Dies mochte im allgemeinen richtig sein, wenn es auch an und für sich betrachtet keinen hinreichenden Grund für Tom abgab, sich dorthin zu wenden.

Tom selbst hatte schon früher an London gedacht und mit diesem Orte seine Schwester sowie auch seinen alten Freund John Westlock in Verbindung gebracht, dessen Rat er natürlich in dieser wichtigen Krisis seines Geschickes einzuholen gedachte. Er beschloß deshalb, sich unverzüglich auf den Weg zu machen, und begab sich auf der Stelle nach dem Postbureau, um sich einen Außenplatz zu sichern. Da die Diligence jedoch bereits überfüllt war, sah er sich genötigt, seine Abfahrt bis zum nächsten Tag zu verschieben. Aber auch dieser Umstand hatte nicht nur seine Schatten-, sondern auch seine Lichtseiten, denn wenn auch Toms Börse wieder mit einer unerwarteten Belastung bedroht war, so hatte er doch Gelegenheit, Mrs. Lupin zu schreiben und sie zu bitten, sie möge seinen Koffer an den bekannten alten Wegweiser bringen lassen, damit er seine Habseligkeiten gleich mit nach der Hauptstadt nehmen und sich auf diese Weise die Frachtkosten ersparen könne.

»So«, sagte er, legte die Feder aus der Hand und schöpfte wieder Hoffnung, »na, so weit wären wir glücklich.«

Er konnte sich nicht verhehlen, daß er, nachdem er einmal so weit mit sich ins reine gekommen war, ein ungewohntes Gefühl von Freiheit empfand und den unbestimmten Eindruck hatte, es sei Feiertag. Wohl kamen Momente des Bangens und der Niedergeschlagenheit immer wieder über ihn, aber dennoch fühlte er ein gewisses inneres Behagen bei dem Gedanken, er sei jetzt sein eigener Herr und könne auf eigene Faust Pläne schmieden. Freilich war seine Lage bei seinem mangelnden Selbstvertrauen höchst verwirrend für ihn, aber trotz aller seiner Sorgen gab der Gedanke den Speisen, die er im Wirtshause genoß, einen ganz eigenen Beigeschmack und breitete zwischen ihn und seine Aussichten einen Traumnebel, hinter dem die Zukunft wie in magischem Licht verheißungsvoll hervorwinkte.

So innerlich hin und her geworfen, legte sich Tom ein zweites Mal in den niedrigen Vierpfoster in der Nähe der beiden Ölbilder, die den ehemaligen Wirt und den fetten Ochsen darstellten, und in gleicher Stimmung verbrachte er auch den ganzen folgenden Tag. Als endlich die Postkutsche mit der goldenen Inschrift »London« hinten um die Ecke bog, machte ihr Anblick einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er fast geneigt war, davonzulaufen. Er tat es jedoch nicht, setzte sich vielmehr mutig auf den Bock und blickte auf die vier Grauschimmel herunter, ganz verwirrt von dem Glanz und der Neuheit seiner Lage.

Übrigens hätte auch ein weniger bescheidener Mensch, als Tom es war, verwirrt sein können, so dicht neben einem solchen Kutscher zu sitzen. Der Mann trug seine Handschuhe nicht wie ein anderer in der Hand, sondern, wie er da auf dem Straßenpflaster stand und noch nicht einmal seinen Posten eingenommen hatte, zog er sie an mit einer Miene, als ob die Lenkung von vier Grauschimmeln einfach eine Bagatelle wäre. Ähnlich verfuhr er auch mit seinem Hute. Er verrichtete damit Wunderdinge, zu deren Vollbringung ihn nur eine unbegrenzte Pferdekenntnis und schrankenlose Waghalsigkeit befähigen konnte. Kleine Wertpakete wurden ihm mit besonderen Weisungen ans Herz gelegt, er verstaute sie in diesem Hute und setzte ihn dann wieder auf, als ob die Gesetze der Schwere in diesem Fall keine Gültigkeit hätten. Und dann erst der Kondukteur! »Siebzig Meilen im Tag«, sagte schon sein Backenbart. Seine Manieren waren sozusagen ein kurzer Galopp und seine Unterhaltung ein regelmäßiger Trab. Er selbst glich der Eilkutsche, die einen Abhang hinunterfährt: ein unaufhaltsamer Galopp. Sogar ein Frachtwagen hätte Flügel bekommen müssen, wenn ein solcher Kondukteur mit seinem Horn daraufgesessen hätte.

»London wirft seine Schatten voraus«, dachte Tom, als er auf dem Bocke saß und um sich blickte. »Ein solcher Kutscher und ein derartiger Schaffner haben noch nie auf Erden existiert.«

Der Wagen selbst war kein langsamer Postwagen, sondern eine renommistische, liederliche und luxuriöse Londoner Stadtkarosse. Die ganze Nacht auf den Rädern und bei Tag im Schuppen – das reinste Luderleben –, nahm das leichtsinnige Ding nicht mehr Notiz von Salisbury, als ob es das nächste beste Dorf gewesen wäre, rasselte geräuschvoll durch die nobeln Straßen, verhöhnte die Kathedrale, nahm gerade die schlechtesten Ecken am schärfsten, jagte alles aus dem Wege und raste über die offene Landstraße hinunter mit lustig herausforderndem Hörnerklang als letztem fröhlichem Scheidegruß.

Es war ein bezaubernder Abend, mild und hell. Trotz der Last, mit der die Größe und Unermeßlichkeit Londons seine Seele beschwerte, konnte Tom doch nicht dem angenehmen Eindruck widerstehen, den die rasche Bewegung in der herrlichen Luft auf ihn hervorbrachte. Die vier Grauschimmel griffen wacker aus, und das Posthorn tönte lustig dazwischen. Zuweilen ließ auch der Kutscher seine Stimme dareinschallen, und die Räder surrten harmonisch dazu. Die Messingringe an den Geschirren tönten wie ein kleines Glockenspiel, und klingend, klimpernd und klirrend bildete das ganze Riemenzeug von den Schnallen der vordersten Koppelriemen an bis zu dem Handgriff des Hinterkorbes ein einziges großes musikalisches Instrument.

Hussa! Vorbei an Hecken, Toren und Bäumen, vorbei an Landhäusern und Scheunen und heimkehrenden Arbeitern, vorüber an Eselkarren, die die Fuhrleute seitwärts in den Graben zogen, und an leeren Leiterwagen mit sich aufbäumenden Rossen, bis die Eilkutsche die schmale Wendung der Straße passiert hatte, vorüber an einsamen Kirchen und Kirchlein in ihren stillen Winkeln mit ländlichen Friedhöfen ringsum, wo die Gräber grünten und die Maßliebchen auf den Herzen der Toten schliefen; vorüber an Bächen, in denen das Vieh seine Hufe kühlte und die Binsen wuchsen, an Wildgehegen, Meierhöfen und Schobern, die im schwindenden Abendlicht wie verwitterte altersbraune Giebeldächer aussahen, hinab den kiesbestreuten Abhang durch aufspritzende Wasserlachen und wieder im Galopp auf die ebene Straße hinauf.

»Ob der Koffer da sei«, als sie den alten Meilenzeiger erreichten?

Der Koffer? Mrs. Lupin war selbst mitgekommen. Großartig, wie es sich für eine Wirtin schickt, war sie in ihrer eigenen Kalesche gekommen und saß jetzt, die Liebliche, auf einem Mahagoniklappsitz, mit der entzückendsten Miene von der Welt ihr Drachenpferd lenkend. Und der Postwagen hielt neben ihrer Kutsche, deren Rad er fast streifte, und der Schaffner schmetterte, während ihr Knecht den Koffer hinaufpackte, die frohen Klänge seines Hornes in die Luft und fern hinab durch die Kaminessen Pecksniffs, als wolle die Post ihren Jubel ausdrücken, daß Tom Pinch endlich frei sei.

»Sie sind wirklich zu gütig«, sagte Tom und beugte sich von seinem Außensitz nieder, um Mrs. Lupin die Hand zu reichen. »Hätte ich das gewußt, würde ich Sie nicht bemüht haben.«

»Bemüht haben, Mr. Pinch!?« rief die Drachenwirtin.

»Freilich, ich weiß ja, es macht Ihnen Freude«, versetzte Tom und drückte ihr herzlich die Hand. »Was gibt es Neues?«

Die Wirtin schüttelte den Kopf.

»Sagen Sie, daß Sie mich gesehen haben«, fuhr Tom fort, »und sagen Sie, ich sei froh und heiter und nicht ein bißchen niedergeschlagen. Und bitte, seien Sie ein Gleiches, denn schließlich wird doch noch alles wieder gut werden. – Gott befohlen!«

»Aber Sie werden mir doch schreiben, wenn Sie sich irgendwo einen dauernden Aufenthalt gewählt haben, Mr. Pinch?« fragte Mrs. Lupin besorgt.

»Wenn ich mir einen dauernden Aufenthalt gewählt habe?« rief Tom, unwillkürlich die Augen aufreißend; »ja, ja, natürlich; dann werde ich sofort schreiben. Vielleicht wäre es übrigens besser, wenn ich es schon früher täte, denn es könnte immerhin einige Zeit dauern, bis ich einen bleibenden Wohnsitz gefunden habe. Meine Barschaft ist nicht allzu groß, und ich habe nur einen einzigen Freund. Übrigens will ich ihn von Ihnen grüßen. Sie haben ja immer gut mit Mr. Westlock gestanden. Also, leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl«, rief Mrs. Lupin und langte hastig aus ihrem Wagen einen Korb, aus dem der Hals einer langen Flasche hervorguckte. »Bitte, nehmen Sie das; und Gott befohlen.«

»Soll ich den Korb für Sie nach London mitnehmen?« fragte Tom.

Die Wirtin war bereits im Begriff, ihre Kalesche umzudrehen.

»Nein, nein«, rief sie, »es ist nur eine kleine Erfrischung auf den Weg. – Vorwärts, Jack! Alles in Ordnung! Gott befohlen!«

Sie war schon eine Viertelmeile weg, ehe Tom sich sammeln konnte. Dann blickte er sich um und winkte ihr mit der Hand zu, was sie herzlich erwiderte.

»Das ist also das letzte Lebewohl von dem alten Wegweiser«, dachte Tom, »wo ich so oft gestanden habe und dieselbe Postkutsche habe vorbeifahren sehen und von so vielen Kameraden Abschied genommen habe. Sonst kam mir der Postwagen immer wie ein großes Ungeheuer vor, das zu gewissen Zeiten erschien, um meine Freunde in die Welt hinaus zu entführen. Jetzt nimmt es auch mich mit sich, damit ich mein Glück in der Fremde suche. Weiß Gott, wo ich es finden werde.«

Und es wurde ihm weh ums Herz, wenn er dachte, wie er vor alters so oft die Gasse hinauf und nach Mr. Pecksniffs Wohnung zurückgegangen war. In seiner trübseligen Stimmung fiel sein Blick wieder auf den Korb auf seinen Knien, den er beinahe ganz vergessen hatte.

»Sie ist die freundlichste und rücksichtsvollste Frau von der Welt«, murmelte er. »Jetzt begreife ich erst, warum sie ihren Jack so schnell weggerufen hat. Bloß damit ich ihm kein Trinkgeld geben konnte. Die ganze Zeit über hatte ich das Geld für ihn bereit, aber er sah mich auch nicht ein einziges Mal an, während er mir doch sonst – ich kenne ihn doch so gut – freundlich zugegrinst hätte. Wirklich, die Güte der Leute rührt mich fast bis zu Tränen.« Sein Blick begegnete dem Auge des Kutschers. Der Mann blinzelte ihm verschmitzt zu.

»Merkwürdig hübsche Frau für ihr Alter, was?« fragte er.

»Da bin ich ganz Ihrer Meinung; sie ist wirklich bildschön«, rief Tom.

»Schöner als so manche junge, was meinen Sie?«

»Als so manche junge«, pflichtete Tom bei.

»Ich für meinen Teil mach mir gar nix aus jungen Frauenzimmern«, behauptete der Kutscher kühn.

Das war nun allerdings Geschmackssache, und Tom fühlte sich nicht berufen, die Frage weiter zu erörtern.

»Die jungen verstehn zum Beispiel nix von Erfrischungen«, fing der Kutscher nach einer Weile wieder an. »Ein Frauenzimmer muß schon so ziemlich in die Jahre gekommen sein, ehe sie soviel Verstand hat, einem ein derartiges Körbchen mitzubringen.«

»Wollen Sie vielleicht wissen, was drin ist?« fragte Tom lächelnd.

Da der Kutscher bloß lachte und Tom selbst ebenfalls neugierig war, so packte er aus und legte die Delikatessen nacheinander auf das Wagenbrett. Ein kaltes gebratenes Huhn, ein paar Lagen Schinkenschnitten, ein Brotlaib mit schöner brauner Kruste, ein Stück Käse, eine Tüte mit Zwieback, ein halbes Dutzend Äpfel, ein Messer, eine Scheibe Butter, ein wenig Salz und eine Flasche alten Xeres. Es war auch ein Brief dabei, und Tom steckte ihn in die Tasche.

Der Kutscher schien es so ernst mit seinem Lobe von Mrs. Lupin zu meinen und gratulierte Tom so herzlich, daß dieser um des Rufes der guten Witwe willen es für nötig hielt, dem Manne auseinanderzusetzen, der Korb sei eine Erkenntlichkeit rein platonischer Natur und ihm lediglich aus Freundschaft überreicht worden. Nachdem er dies mit tiefem Ernste auseinandergesetzt – denn er hielt es für seine Pflicht, dem lockern Vogel reinen Wein einzuschenken, damit dieser nicht etwa auf schlechte Gedanken komme –, bedeutete er ihm, es werde ihn freuen, das Geschenk mit ihm zu teilen, und schlug ihm vor, sie wollten, sooft es der Kutscher bei seiner Erfahrung und Kenntnis des Weges für angebracht halte, den Korb als gute Freunde gemeinschaftlich plündern. Von da an plauderten sie so vertraut und freundlich miteinander, daß, obgleich Tom mehr von Einhörnern verstand als von Pferden, der Kutscher schließlich zu seinem Freunde, dem Schaffner sagte, er wünsche sich niemals einen besseren Reisegefährten auf dem Bock als den jetzigen – besonders was die Unterhaltung beträfe –, so kurios der Mann auch aussehe.

Und, hussa, weiter ging’s unter den dunkelnden Schatten dahin, die die Umrisse der Bäume verschlangen, und durch Licht und Düster vorüber am Dorfanger, wo noch die Cricketspieler weilten und das frische Gras seinen Duft in die Nacht ausströmte. Hussa! Vorwärts mit vier frischen Pferden vom »Falben Hirsch«, wo die Zecher, die Reisenden anstaunend, im Torweg standen und das ausgespannte Grauschimmelquartett mit hängenden Zügeln unter dem Jubel der Dorfjugend sich in die Schwemme trollte. Dann weiter mit klappernden, funkensprühenden Hufen über die alte steinerne Brücke wieder hinab den schattigen Weg bis ans offene Tor, und weit, weit weg in den Wald hinein.

Hussa, mit dem Mond um die Wette! Hussa, hussa! Kaum ist die Schönheit der Nacht so recht empfunden, da kommt auch schon der Tag herangehüpft. Hussa! Noch drei Stationen, und die Landwege sind zu einer fortlaufenden Straße geworden. Vorbei an Gemüsegärten, Häuserreihen, Villen, Terrassen und Plätzen – vorbei an Frachtwagen, Kutschen und Karren – vorbei an Frühaufstehern und Arbeitern, an verspäteten Nachtschwärmern, betrunkenen und nüchternen Lastträgern – vorbei an Ziegelhaufen und Steinmauern und hinein auf das rasselnde Pflaster, wo sich auf einer Postkutsche ein ruhiger Sitz auf die Dauer nicht so leicht behaupten läßt; hussa, hinunter die zahllosen Windungen und durch das endlose Labyrinth der Wege, bis das alte Gasthaustor erreicht ist. Betäubt und schwindelnd steigt Tom Pinch ab – er ist in London.

»Und noch obendrein fünf Minuten vor der Zeit«, erklärt der Kutscher, als ihm Tom die Fahrt bezahlt.

»Ach«, versetzt Mr. Pinch, »ich würde mir nicht soviel daraus gemacht haben, wenn es auch fünf Stunden nach der Zeit wäre; ich weiß wahrhaftig nicht, wohin ich so früh gehen oder was ich anfangen soll.«

»Man erwartet Sie also nicht?« fragte der Kutscher.

»Wer?«

»Nun, sie.« Im Kopf des Kutschers hat es sich nämlich so festgesetzt, Tom müsse nach London gekommen sein, um einen ausgebreiteten Kreis ängstlich besorgter Verwandter und Freunde zu besuchen, daß es ziemlich schwer gewesen sein würde, es dem Manne auszureden. Tom versuchte es auch nicht erst, vermied vielmehr jede weitere Erörterung des Themas und verfügte sich in das Wirtshaus, wo er vor dem Kaminfeuer, das in einer vom Hofe aus zugänglichen Gaststube brannte, bald in Schlummer verfiel. Als er erwachte, waren die Leute im Hause bereits sämtlich auf den Beinen. Er wusch sich, brachte seine Kleider in Ordnung, was er nach der Reise wirklich sehr nötig hatte, und machte sich, da es inzwischen acht Uhr geworden, sofort auf den Weg, um seinen alten Freund John aufzusuchen.

John Westlock wohnte in Furnivals Inn, High Holborn, das ungefähr eine Viertelstunde von dem Wirtshaus entfernt lag, von Tom aber nicht in so kurzer Zeit erreicht wurde, da er einen großen Umweg machte und die Richtung verfehlte. Als er endlich vor Johns Türe anlangte, blieb er, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, stehen und wagte kaum den Klopfer zu ergreifen, denn es war ihm durchaus nicht wohl zumute bei dem Gedanken, er müsse nun berichten, was zwischen ihm und Mr. Pecksniff vorgefallen war – hatte er doch die sichere Ahnung, daß John über die Enthüllung in einen geradezu schrecklichen Jubel ausbrechen werde.

»Und doch muß es geschehen«, sagte sich Tom, »ob nun früher oder später. Es ist besser, ich warte nicht länger.«

– Rat tat tat. –

»Ich fürchte, man klopft in London anders«, murmelte Tom, »es hat nicht besonders zuversichtlich geklungen. Wahrscheinlich öffnet man auch aus diesem Grunde die Türe nicht.«

Ob nun so oder so, eines war sicher: es kam niemand. Sicher war ferner, daß Tom dastand und den Klopfer ansah – verwundert, wo denn in der Nähe der Gentleman wohne, der da in einem fort aus Leibeskräften »herein« rief.

»Meiner Seel«, sagte er sich endlich. »Er wohnt vielleicht gar hier drinnen, und die Aufforderung gilt mir. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vielleicht kann man die Türe von außen aufmachen. Wahrhaftig, ja.« Und, wirklich, es ging. Er drückte die Klinke herunter, und kaum hatte er dies getan, rief dieselbe Stimme, die er vorhin schon gehört, ungeduldig: »Warum kommen Sie denn nicht herein? Hören Sie denn nicht?! Wollen Sie noch lange draußen stehen bleiben?«

Tom trat aus dem kleinen Flur in das Zimmer, aus dem diese Worte herausgerufen wurden, und kaum war er eines Herrn im Schlafrock und Pantoffeln – die Stiefel standen daneben und zum Anziehen bereit – ansichtig geworden, der mit einer Zeitung in der Hand bei seinem Frühstück saß, als dieser auch schon, auf die Gefahr hin, seinen Teetisch umzuwerfen, auf ihn losstürzte und ihn in die Arme schloß.

»Tom, mein Junge, Tom!«

»Ich freue mich wirklich, Sie zu sehen, Mr. Westlock«, sagte Tom Pinch, drückte ihm beide Hände und zitterte ärger als je. »Wie freundlich Sie sind.«

»Mr. Westlock?« wiederholte John. »Was soll denn das heißen, Pinch? Du hast doch hoffentlich meinen Taufnamen nicht vergessen?«

»Nein, John, vergessen habe ich ihn nicht«, versetzte Tom Pinch. »O Gott, wie liebenswürdig du bist.«

»In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen solchen Narren gesehen«, rief John. »Was soll das heißen, daß du mir das schon zum zweitenmal sagst? Ich möchte doch gern wissen, ob ich vielleicht anders sein sollte. Da, setz dich nieder, Tom, und sei ein vernünftiger Mensch. Wie geht’s dir, mein Junge? Es freut mich innig, dich zu sehen.«

»Und wie froh ich bin, dich zu sehen«, sagte Tom.

»Das Vergnügen ist natürlich gegenseitig«, rief John, »und wir halten’s selbstverständlich wie in frühern Zeiten. Hätte ich geahnt, daß du kommst, Tom, würde ich dir ein Frühstück vorbereitet haben. Mir ist freilich eine solche Überraschung lieber als das beste Frühstück von der Welt, aber bei dir ist’s etwas anderes, und ich zweifele nicht, daß du hungrig bist wie ein Wolf. So wie die Dinge liegen, mußt du dich eben behelfen, wie du kannst, Tom. Wir werden’s übrigens beim Dinner schon nachholen. Da, nimm ein wenig Zucker – übrigens, das erinnert mich an den Zucker bei Pecksniffs. Haha, was macht er denn, der Bursche? Wann kommt er nach London? – Nun, so greife doch endlich zu, Tom! Es sind zwar nur Überbleibsel, aber auch diese sind nicht ganz zu verachten. Gesulzter Wildschweinkopf! Versuche ihn mal, Tom! Mache nur den Anfang! Was du doch für ein seltsamer Kerl bist, und wie ich mich freue, dich wiederzusehen!«

Während John in freudiger Erregung dies alles nur so hervorstieß, lief er unaufhörlich zwischen dem Schrank und dem Tisch hin und her, brachte alle Arten von Dingen in Töpfen herbei, löffelte eine gewaltige Menge Tee aus der Büchse, ließ ein paar Semmeln in seine Stiefel fallen, goß heißes Wasser über die Butter und beging noch eine ganze Reihe ähnlicher Mißgriffe, ohne sich jedoch dadurch verstimmen zu lassen.

»So«, sagte er, sich zum fünfzigstenmal wieder niedersetzend, aber sofort wieder aufspringend, um eine weitere Bereicherung des Frühstücks herbeizuschaffen.

»Jetzt sind wir so gut mit allem versehen, daß wir es wohl bis zum Mittagessen aushalten können und jetzt zu deinen Neuigkeiten kommen. Also, vor allem – was macht Pecksniff?«

»Ich weiß nicht«, lautete Toms ernste Antwort.

John stellte die eben ergriffene Teekanne wieder nieder und blickte seinen Freund erstaunt an.

»Ich weiß nicht, was er macht«, wiederholte Tom Pinch, »und kümmere mich auch nicht darum. Aber selbstverständlich wünsche ich ihm nichts Böses. Ich habe ihn verlassen, John – für immer verlassen.«

»Freiwillig?«

»Nein, das nicht. Er hat mich entlassen. Ich habe jetzt eingesehen, daß ich mich in ihm getäuscht habe, und es wäre mir unter keinen Umständen länger möglich gewesen, bei ihm zu bleiben. Ich bedaure tief, gestehen zu müssen, daß du hinsichtlich Beurteilung seines Charakters recht hattest. Es ist vielleicht lächerlich und schwach von mir, John, aber ich kann dir nur versichern, daß es mich tief geschmerzt hat, als ich diese Entdeckung machte.«

Tom hatte durchaus nicht nötig, seinen Freund so bittend anzusehen, er möge nicht lachen, denn eher würde John daran gedacht haben, ihn zu Boden zu schlagen.

»Es war alles ein Traum; jetzt ist’s, Gott sei Dank, vorüber«, fuhr Tom fort. »Wie es zuging, will ich dir später einmal erzählen. Du mußt Nachsicht mit meiner Torheit haben, John, aber ich möchte jetzt weder daran denken noch davon sprechen.«

»Ich schwöre dir, Tom«, sagte Westlock nach einer kurzen Pause sehr ernsthaft, »wenn ich so sehe, wie tief es dich schmerzt, so weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen oder betrüben soll, daß du endlich diese Entdeckung gemacht hast. Ich mache mir sogar Vorwürfe bei dem Gedanken, wie oft ich dir gegenüber darüber scherzen konnte. Ich hätte dich besser kennen sollen.«

»Mein lieber, lieber Freund«, rief Tom und streckte John beide Hände entgegen, »es ist wirklich riesig hochherzig und brav von dir, daß du mich und meine Mitteilung so aufnimmst. Es macht mich erröten, daß ich nur einen Augenblick deswegen beunruhigt sein konnte. – Du glaubst gar nicht, welche Last du mir vom Herzen genommen hast«, setzte er hinzu und griff wieder zu Messer und Gabel. »Und jetzt werde ich dem Wildschweinkopf aber ganz fürchterlich zusetzen.«

John, auf diese Art an seine Wirtspflichten erinnert, machte sich unverzüglich daran, die einander widersprechendsten Speisen auf Toms Teller aufzuhäufen, und Mr. Pinch ließ sich das Frühstück vortrefflich schmecken und wurde bald wieder fröhlich und guter Laune.

»Alles recht hübsch und schön«, sagte John, den Verheerungen, die sein Gast unter den Speisen anrichtete, mit großem Vergnügen zusehend, »aber jetzt zu andern Plänen. Du mußt natürlich bei mir bleiben. Wo ist dein Koffer?«

»Im Wirtshaus«, sagte Tom. »Ich hatte nicht im Sinn –«

»Mir ganz egal, was du im Sinn gehabt hast oder nicht«, fiel ihm John Westlock ins Wort, »was du jetzt im Sinn hast, ist wichtiger. Du wolltest doch zu mir kommen und mich um meinen Rat fragen – ist es nicht so, Tom?«

»Allerdings.«

»Und du wirst ihn befolgen, wenn ich ihn dir gegeben habe?«

»Ja«, versetzte Tom lächelnd, »vorausgesetzt, daß er gut ist, was ich natürlich nicht bezweifle, wenn er aus deinem Munde kommt.«

»Bravo! – Also, dann sei nicht gleich im Anfang der alte verstockte Bursche, Tom, oder ich schweige und behalte meinen unschätzbaren Rat für mich. Du bist bei mir zu Besuch – und ich wollte nur, ich hätte eine Orgel für dich.«

»Dafür würden sich die übrigen Hausbewohner wohl sehr bedanken«, lautete Toms Antwort.

»Also, laß mal sehen. – Zuerst wirst du wohl heute früh deine Schwester besuchen wollen«, fing John wieder an, »und wirst natürlich lieber allein hingehen wollen. Ich begleite dich ein Stück Wegs und sehe mich dabei in der Stadt um, wo ich allerlei zu besorgen habe, und nachmittags treffen wir uns dann wieder hier. Da, steck das in die Tasche, Tom, es ist der Schlüssel zur Entreetür; wenn du zuerst nach Hause kommst, wirst du ihn nötig haben.«

»Wahrhaftig«, rief Tom, »sich auf diese Weise bei einem Freunde einzuquartieren –«

»Aber ich habe doch zwei Schlüssel«, unterbrach ihn John Westlock. »Ich kann doch nicht mit beiden zugleich öffnen; oder? Was du doch für ein lächerlicher Mensch bist, Tom –! Wünschest du vielleicht etwas Besonderes zu Mittag zu essen?«

»O Gott, nein«, rief Tom.

»Also gut, dann überlaß das mir. Willst du jetzt ein Glas Kirschgeist haben?«

»Nicht einen Tropfen! – Was das doch für merkwürdige Quartiere in London sind. Alles kann man da haben!«

»Ach, Gott behüte, Tom – nichts als ein paar Junggesellenbequemlichkeiten; eine Art ›Robinson-Crusoe-Wirtschaft‹, weiter nichts. Was meinst du, wollen wir jetzt einen Spaziergang machen?«

»Oh, sehr gerne«, rief Tom, »ich bin bereit, wann es dir paßt.«

Mr. Westlock fischte die Semmeln aus seinen Stiefeln, warf sich in seine Kleider und reichte Tom zur Unterhaltung die Zeitung hin. Als er gebürstet und gekämmt wieder zurückkehrte, fand er Mr. Pinch in düsterer Stimmung, das Zeitungsblatt in der Hand.

»Träumst du, Tom?«

»Nein«, sagte Mr. Pinch leise, »ich habe mir nur die Annoncen durchgelesen – im Glauben, es könnte möglicherweise etwas darunter sein, was für mich paßte. Aber wie mir schon so oft aufgefallen ist, scheint immer der sonderbare Fall einzutreffen, daß die Leute sich nicht zueinander finden wollen. Da gibt es alle Arten von Dienstherren, die alle Arten von Dienern haben wollen, alle Arten von Dienern, die alle Arten von Dienstherrn brauchen können, aber zu finden scheinen sie einander nie. Hier zum Beispiel sieht sich ein Gentleman in einer öffentlichen Stellung durch vorübergehende Verlegenheit veranlaßt, fünfhundert Pfund aufnehmen zu müssen, und in der nächsten Annonce meldet sich ein anderer Gentleman, der genau diese Summe ausborgen will. Aber die beiden werden sich gewiß nicht zusammenfinden. Und dann ist hier eine Dame in unabhängiger Stellung, die Kost und Logis bei einer ruhigen Familie sucht – und daneben eine Familie, die sich fast ganz mit denselben Worten eine Dame in unabhängiger Stellung wünscht. Aber die Dame wird nicht hingehen, John. Ebenso wenig werden diese ledigen Gentlemen hier, die ein freundliches Schlafzimmer mit gelegentlicher Benützung des Salons brauchen, sich je mit den Leuten hier ins Einvernehmen setzen, die in einem Haus mit Garten nur fünf Minuten von der Börse entfernt wohnen. Es scheint wirklich«, sagte Tom und legte das Blatt mit einem tiefen Seufzer aus der Hand, »daß die Menschen zufrieden sind, wenn sie ihre Anliegen nur drucken lassen können. Es scheint eine Art Trost für sie drin zu liegen, zu publizieren: ich brauche das und jenes und kann’s nicht bekommen und glaube auch nicht, es jemals bekommen zu können.«

John Westlock lachte über den komischen Einfall, und dann gingen sie zusammen fort. Viele Jahre waren vergangen, seit Tom das letztemal in London gewesen, und auch damals hatte er so wenig davon kennengelernt, daß ihn jetzt jede Kleinigkeit interessierte. Besonders begierig war er, unter andern Merkwürdigkeiten auch jenes Viertel zu sehen, wo, wie er gehört hatte, die Leute vom Lande ausgeraubt und ermordet zu werden pflegen. Ja, es schien ihm gar nicht recht zu passen, als er nach einer halben Stunde Wegs bemerkte, daß nicht einmal ein Taschendieb sich seiner Börse bemächtigt hatte. John Westlock erfand daher extra einen solchen für ihn und zeigte ihm einen höchst respektablen Fremden als hervorragendes Mitglied dieser Gilde. Dann erst war Mr. Pinch endlich zufrieden.

Nachdem sie eine ziemlich weite Strecke zusammen zurückgelegt, machte John Tom kurz vor Camberwell so genau mit jeder Biegung der Straße zur Villa des reichen Gelb- und Rotgießers bekannt, daß Tom den Weg unmöglich verfehlen konnte, und ließ ihn dann allein seine Visite machen.

Mr. Pinch war vor dem großen Glockenzug angekommen und läutete; sehr bescheiden natürlich. Der Portier erschien.

»Bitte, wohnt hier Miss Pinch?« fragte Tom.

»Miss Pinch ist hier Gouvernante«, versetzte der Portier und musterte dabei Tom von oben bis unten, als wollte er sagen: na, du scheinst mir ja ein recht netter Kunde zu sein. Wo kommst du eigentlich her?

»Ganz recht, das ist die junge Dame«, sagte Tom. »Ist sie zu Hause?«

»Kann ich unmöglich wissen«, versetzte der Portier.

»Möchten Sie dann vielleicht die Güte haben, zu fragen«, ersuchte Tom. Er genierte sich fast, diese Bitte vorgebracht zu haben, denn die Möglichkeit eines solchen Schrittes schien dem Portier durchaus nicht einzuleuchten.

Seine Pflicht als Portier war, nach Ertönen der Haustürglocke, wie üblich, die innere Glocke zu ziehen – denn bei dem Gelb- und Rotgießer ging es genau wie bei einem Baron zu –, und das hatte er auch getan. Er wurde bezahlt, daß er das Haustor auf und zu mache, und nicht, um Fremden Auskunft zu geben. Er überließ also das Weitere dem livrierten Bedienten, der in diesem Augenblick erschien.

»Hallo, was wollen Sie hier? Hier herein gefälligst, junger Herr.«

»Oh«, sagte Tom und trat in den Garten, »ich habe nicht bemerkt, daß noch jemand da ist. – Bitte, ist Miss Pinch zu Hause?«

»Drin ist sie wohl«, versetzte der Lakai, als wolle er sagen: »zu Hause« ist nur die gnädige Frau.

»Ich möchte sie gerne sprechen«, sagte Tom.

Der Lakai, ein lebhafter junger Mann, bemerkte in diesem Augenblick zufällig eine davonfliegende Taube, und das interessierte ihn dermaßen, daß er nicht antworten konnte, bis der Vogel hinter dem Dach verschwand. Dann endlich lud er Tom ein, weiterzukommen, und führte ihn in eine Art Sprechzimmer.

»Der Name?« fragte er langsam, indem er an der Türe stehen blieb.

»Melden Sie gefälligst: ihr Bruder.«

»Mutter?« fragte der Lakai mit gedehnter Stimme.

»Bruder!« wiederholte Tom etwas lauter. »Sie würden mich übrigens sehr verbinden, wenn Sie zuvörderst sagen wollten, ein Herr sei da, und dann erst erklärten, ich sei Miss Pinchs Bruder, denn sie erwartet mich nicht und weiß gar nicht, daß ich in London bin. Ich möchte sie nicht gerne erschrecken.«

Das Interesse des Bedienten an Toms Bemerkungen hatte schon bei dessen zweitem oder drittem Wort aufgehört, er war aber doch so gütig, bis zum Schluß der Rede zu warten. Dann zog er die Türe hinter sich zu und entfernte sich.

»Mein Gott«, murmelte Tom, »ist das ein unehrerbietiges, unartiges Benehmen. Ich will nur hoffen, daß der Bediente hier noch neu ist und daß Ruth anders behandelt wird.«

Er wurde in seinen Betrachtungen durch das Geräusch von Stimmen aus dem anstoßenden Zimmer unterbrochen. Es schien, als ob sich jemand stritte, unwillig wäre oder schelte; und schließlich brach beinahe ein Sturm aus. Mitten durch diesen Lärm hindurch glaubte Tom die Stimme des Lakaien zu hören, der ihn anmeldete, und gleich darauf entstand plötzlich eine ganz unnatürliche Stille. Tom stand am Fenster und dachte bei sich, was das wohl für ein häuslicher Zwist sein könne, hoffte aber, Ruth würde nichts damit zu tun haben. Da ging plötzlich die Türe auf, und seine Schwester warf sich ihm an die Brust.

»Gott im Himmel«, rief Tom und blickte sie, nachdem sie sich gegenseitig zärtlich umarmt hatten, mit großem Stolze an, »wie du dich verändert hast, Ruth! Wirklich, wenn ich dich anderswo getroffen hätte, Schwesterchen, so würde ich dich kaum erkannt haben. Hast du dich aber herausgemacht!« setzte er mit verhaltenem Entzücken hinzu, »du bist so groß, so – weißt du – so hübsch geworden!«

»Wenn du es sagst, Tom –«

»Nein, nein, das muß jeder sagen«, beteuerte Tom und streichelte Ruth sanft die Locken. »Das ist eine Tatsache und nicht nur eine Ansicht von mir. Was gibt’s denn aber?« fuhr er fort und blickte sie genauer an, »du bist so aufgeregt, du hast geweint.«

»Ich? Gott behüte, Tom.«

»Dummes Zeug,« sagte Tom fest, »rede dich nicht heraus. Ich sehe es doch. Sage mir offen und aufrichtig, was es gegeben hat. Ich bin jetzt nicht mehr bei Mr. Pecksniff und will mir in London eine Stelle suchen. Wenn du dich also hier im Hause nicht glücklich fühlst – und ich fürchte sehr, daß es so ist, und fange an zu glauben, du hast mich aus Liebe und Rücksicht bisher davon nicht verständigt –, so darfst du auch nicht länger bleiben.«

Sein Blut war in Wallung. Möglich, daß der genossene Schweinskopf daran schuld war, jedenfalls aber der Lakai und, vor allem: der Anblick seiner hübschen Schwester. Was ihn selbst anging, konnte Tom viel vertragen, aber auf Ruth war er stolz und in diesem Punkte daher sehr empfindlich.

Es schwante ihm plötzlich, daß es vielleicht noch mehr als einen Pecksniff auf der Welt geben könne, und die Haut fing ihm an zu prickeln.

»Wir wollen das später einmal besprechen, Tom«, wich Ruth aus und beschwichtigte ihren Bruder mit einem Kuß. »Ich fürchte allerdings, ich werde nicht mehr lang hier bleiben können.«

»Du kannst nicht?« versetzte Tom. »Nun gut, dann darfst du es auch nicht, meine Liebe. Auf das Mitleid der Leute hier sollst du nicht angewiesen sein, mein Wort drauf.«

In diesem Augenblick unterbrach sie der Lakai und meldete im Auftrag seines Herrn, man wünsche Mr. Thomas Pinch zu sprechen, ehe er ginge, zugleich aber auch Miss Pinch.

»Gehen Sie voraus. Zeigen Sie mir den Weg«, sagte Tom. »Ich will sogleich meine Aufwartung machen.«

Sie traten in das anstoßende Zimmer, aus dem vorhin der Lärm gekommen war, und fanden dort einen Herrn in mittleren Jahren mit wichtiger Miene und protzenhaftem Auftreten und desgleichen eine Dame in mittleren Jahren mit einer Art Accisbeamtengesicht, wenigstens schienen Essig und Pfeffer darin die hervorragendsten Elemente. Ferner war dieselbe Schülerin von Miss Pinch zugegen, die bei einer früheren Gelegenheit von Mrs. Todgers den Namen »Sirup« bekommen hatte, und weinte und schluchzte; – offenbar aus reiner Bosheit.

»Mein Bruder«, stellte Ruth Pinch Tom schüchtern vor.

»Oh«, rief der Gentleman und musterte Tom von oben bis unten. »Sie sind also Miss Pinchs Bruder. – Entschuldigen Sie eine Frage: wie kommt es, daß Sie ihr so gar nicht ähnlich sehen?«

»Miss Pinch hat de facto einen Bruder«, bemerkte die Dame.

»Ja, ja. Miss Pinch erzählt immer von ihrem Bruder, statt sich mit meiner Erziehung zu beschäftigen«, schluchzte der Zögling.

»Sophie, du hast zu schweigen«, rief der Gentleman. – »Setzen Sie sich gefälligst«, lud er Tom ein.

Mr. Pinch setzte sich und blickte in stummem Erstaunen von einem Gesicht zum andern.

»Bleiben Sie gefälligst, Miss Pinch«, fuhr der Gentleman fort und warf Ruth einen geringschätzigen Seitenblick zu.

Sofort stand Tom auf, um für seine Schwester einen Stuhl zu holen und nahm dann wieder Platz.

»Es freut mich sehr, Sir, daß Sie zufällig heute gerade Ihre Schwester besuchen«, begann der Gelb- und Rotgießer wieder; »denn, wenn ich es auch grundsätzlich nicht billige, daß eine junge Person, die in meiner Familie als Gouvernante in Diensten steht, Besuche annimmt, so kommt mir der Ihrige doch im gegenwärtigen Falle sehr apropos und gelegen. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir mit Ihrer Schwester durchaus nicht zufrieden sind.«

»Wir sind sogar sehr unzufrieden mit ihr«, warf die Dame hin.

»Ich will Miss Pinch keine Aufgaben mehr hersagen, und wenn man mich dafür zu Tode prügelt«, schluchzte der Seraph.

»Sophie!« rief der Vater, »du hast zu schweigen.«

»Würden Sie mir die Frage erlauben, worin der Grund Ihrer Unzufriedenheit besteht?« fragte Tom.

»Ja«, entgegnete der Gentleman, »das will ich. Nicht, daß ich annehme, Sie hätten ein Recht zu fragen, aber ich will es. Ihre Schwester hat nicht die mindeste angeborene Fähigkeit, sich Achtung zu verschaffen, und dies bildet eine unablässige Quelle von Mißhelligkeiten zwischen uns. Trotzdem sie schon seit einiger Zeit in unserer Mitte weilt und die hier gegenwärtige junge Dame sozusagen fast unter ihren Augen aufgewachsen ist, so hat dennoch diese junge Dame hier keine Achtung vor ihr. Miss Pinch ist vollständig unfähig gewesen, sich die Achtung meiner Tochter und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich behaupte«, setzte der Gentleman hinzu und ließ seine Hand gravitätisch auf den Tisch niederfallen, »ich behaupte nun, daß hierin ein radikaler Fehler liegt. Sie, als ihr Bruder, sind vielleicht geneigt, es in Abrede zu ziehen –«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, unterbrach Tom, »ich bin durchaus nicht geneigt, es in Abrede zu ziehen, sondern bin sogar überzeugt, daß ein radikaler Fehler hier obwalten muß – ein geradezu unausrottbarer Fehler.«

»Gott im Himmel«, rief der Gentleman und sah sich würdevoll im Zimmer um, »was muß ich alles täglich mit ansehen! Was für Resultate entspringen aus dieser Charakterschwäche Miss Pinchs? Was müssen als Vater meine Gefühle sein, wenn ich entdecken muß, daß meine Tochter – während ich doch Miss Pinch wiederholt ausdrücklich ermahnt habe, sie solle ihre Schülerin anhalten, in allen Ausdrücken gewählt und in ihrer Haltung gentil zu sein, wie es sich für meiner Tochter Stellung im Leben gebührt, und höflich und reserviert gegen untergebene Personen zu sein –, ich sage, wenn ich finden muß, daß diesen Morgen erst noch meine Tochter Miss Pinch eine Bettlerin nannte –«

»Ein bettelhaftes Ding«, verbesserte die Dame des Hauses.

»Das ist noch viel schlimmer!« rief der Gentleman triumphierend, »noch viel schlimmer! Ein bettelhaftes Ding! Welch gemeiner, roher, verächtlicher Ausdruck.«

»Höchst verächtlich«, rief Tom. »Es freut mich, daß man sich hier so außerordentlich klar darüber ist.«

»So klar, Sir«, bestätigte der Gentleman und dämpfte seine Stimme zu größter Eindringlichkeit, »so klar, daß ich Miss Pinch erst vor ein paar Minuten noch mein Ehrenwort gab, ich würde die Beziehungen zwischen uns augenblicklich gelöst haben, wenn ich nicht wüßte, daß sie eine schutzlose junge Person – eine freundlose Waise ist.«

»O Sir«, rief Tom und erhob sich von seinem Sessel, denn er war nicht länger imstande, sich zurückzuhalten, »bitte lassen Sie sich durch solche Rücksichten durchaus nicht bestimmen. Das wäre nichts weniger als angebracht, Sir. Ruth ist keineswegs schutzlos und wird sofort Ihr Haus verlassen. – Liebe Ruth, bitte setze deinen Hut auf.«

»Na, das ist ja eine recht hübsche Familie«, rief die Frau des Hauses spitzig. »Er ist zweifellos ihr Bruder. Das ist jetzt wohl keine Frage mehr.«

»Ebensowenig kann ein Zweifel obwalten«, versetzte Tom, »daß die junge Dame dort das Resultat Ihrer Erziehung und nicht derjenigen meiner Schwester ist. – Liebe Ruth, bitte setze deinen Hut auf.«

»Junger Mann«, fuhr der Gelbgießer hochmütig auf, »wenn Sie mit dieser Impertinenz, die Ihnen übrigens angeboren zu sein scheint und auf die zu reagieren ich mich weiter nicht herablasse, sagen wollen, daß das Fräulein hier – meine älteste Tochter – von jemand anderem als von Miss Pinch erzogen worden sei, so – brauche ich nichts weiter hinzuzufügen. Ich verstehe Sie nicht. Ich – äh –«

»Sir«, rief Tom und faßte den Gelbgießer fest ins Auge, »wenn Sie nicht verstehen, was ich meine, so will ich es Ihnen erklären. Wenn Sie aber den Sinn meiner Worte begreifen, so muß ich Sie bitten, bei Ihren Antworten nicht diese Ausdrucksweise beizubehalten. Meine Meinung ist, daß kein Mensch erwarten kann, sein Kind werde das achten, was der eigene Vater herabsetzt.«

»Hahaha«, brach der Gentleman los. »Albernes Geschwätz. Das gewöhnliche lächerliche Geschwätz.«

»Nein, eine gewöhnliche Wahrheit, Sir!« entgegnete Tom. »Eine Wahrheit, die der gewöhnlichste Verstand einzusehen imstande ist. Ihre Gouvernante kann sich das Vertrauen und die Achtung Ihrer Kinder einfach nicht gewinnen. Jawohl. Zeigen Sie ihr lieber selbst erst Achtung, und dann sehen Sie sich die Resultate an.«

»Miss Pinch setzt doch ihren Hut auf, liebe Frau, nicht wahr?« fragte der Gelbgießer.

»Seien Sie unbesorgt, Sir«, rief Tom. »Sie brauchen nicht im geringsten daran zu zweifeln. – Übrigens wende ich mich an Sie, Sir! Sie haben mir Ihre Meinung gesagt, Sir, und mich extra deswegen in Ihr Zimmer kommen lassen; ich habe daher das Recht, auch meine Meinung zu sagen. – Ich bin weder aufbrausend noch grob«, setzte er hinzu, »was ich von der Art und Weise, wie Sie mit mir reden, nicht behaupten kann. Hinsichtlich meiner Schwester hier möchte ich die einfache Wahrheit auseinandersetzen.«

»Sie können auseinandersetzen, was Sie wollen, junger Mann«, erwiderte der Gentleman mit affektiertem Gähnen. »Liebe Frau, zahle Miss Pinch ihren Lohn aus.«

»Wenn Sie behaupten«, fuhr Tom fort, der trotz seiner scheinbaren äußerlichen Ruhe doch innerlich kochte, »daß meine Schwester nicht die Fähigkeit besitzt, sich die Achtung Ihrer Kinder zu verschaffen, so muß ich Ihnen erwidern, daß das durchaus nicht der Fall ist. Sie ist so gut erzogen, so gebildet und von Natur aus so geeignet, sich Achtung zu verschaffen, wie nur irgendeine junge Dame, die sich zu dem Sklavendienst einer Gouvernante erniedrigt. Wie können Sie nun, wenn Sie nur mit gewöhnlichem Durchschnittsverstand begabt sind, erwarten, daß Ihre Tochter meine Schwester mit Achtung behandelt, wo Sie ihr nicht einmal die Achtung der Dienstboten des Hauses zu sichern wissen.«

»Unerhört, wirklich unerhört«, rief der Gentleman, »das ist ja recht nett.«

»Nein, es ist sehr schlimm, Sir«, sagte Tom. »Es ist sehr schlimm, es ist gemein, niedrig und grausam. – Achtung!? Ich dächte denn doch, daß Kinder im allgemeinen hell genug von Verstand sind, um sich zu merken und nachzuahmen, was sie an ihren Eltern sehen. Wieso oder warum soll denn ein Kind einen Menschen achten, vor dem niemand sonst Respekt hat und den jeder über die Achsel ansieht! Wie soll ein Kind Lust zu seinen Studien bekommen, wenn es sieht, wie sehr die eigene Gouvernante trotz ihrer Bildung mißhandelt wird. Achtung!? – Stellen Sie das Allerachtenswerteste Ihren Töchtern in dem Lichte dar, in dem Sie ihnen meine Schwester zu zeigen beliebten – gleichviel, was es sein mag, es wird in den Staub getreten werden.«

»Sie führen eine sehr unverschämte Sprache, junger Mann«, fuhr der Gentleman auf.

»Nein, ich rede leidenschaftslos, aber mit größter Entrüstung und voller Verachtung vor einem solchen Vorgehen wie dem Ihrigen oder dem jedes Menschen, der sich dergleichen erlaubt. Wie können Sie als Mann von Ehre darüber erstaunt oder mißvergnügt sein, daß Ihre Tochter meine Schwester ein bettelhaftes Ding nennt, wenn Sie selbst ihr ganz dasselbe auf ebenso deutliche Art, wenn auch nicht in Worten sagen? Wenn sogar Ihr Portier und Ihr Lakai sich erlauben dürfen, jedem Fremden gegenüber Miss Pinch als ein bettelhaftes Ding hinzustellen? Und was Ihr Mißtrauen gegen sie betrifft, so dürften Sie sie in diesem Falle nicht zur Erzieherin Ihrer Kinder machen und haben vor allem kein Recht, sie so zu behandeln.«

»Kein Recht?« rief der Gelb- und Rotgießer.

»Nein, kein Recht«, wiederholte Tom. »Und wenn Sie glauben, sich durch eine gewisse jährliche Summe ein derartiges Recht zu sichern, so überschätzen Sie den Wert Ihres Geldes unendlich, denn das Gehalt ist wohl in jeder Hinsicht der nebensächlichste Punkt in Ihrem gegenseitigen Vertrage. Und wenn Sie Ihre Bezahlungen auch auf die Minute einhalten, so können Sie trotzdem ein Bankrottier sein. – So, jetzt habe ich weiter nichts mehr zu sagen«, schloß Tom, der jetzt, wo die Sache vorbei war, immer aufgeregter wurde. »Ich bitte Sie nur um Erlaubnis, in Ihrem Garten warten zu dürfen, bis meine Schwester fertig ist.«

Er ließ es nicht mehr zu einer Antwort kommen, sondern ging sogleich aus dem Zimmer.

Er hatte sich noch nicht halbwegs beruhigt, als seine Schwester ihm nachkam. Sie weinte. Tom konnte den Gedanken nicht ertragen, daß es vielleicht jemand vom Hause aus sehen könnte, und verwies es ihr.

»Sie werden glauben, daß du ungern fortgehst«, redete er ihr zu. »Du gehst doch nicht etwa wirklich ungern?«

»O nein, Tom, nein! Ich habe mich schon seit langer Zeit danach gesehnt.«

»Also gut, dann weine nicht«, sagte Tom.

»Es tut mir nur leid um dich, lieber Bruder«, schluchzte Ruth.

»Um mich? Da solltest du dich doch eher freuen. Ich werde mich doppelt so glücklich fühlen, wenn wir beisammen sind. Nur Mut gefaßt und Kopf hoch! So, jetzt gehen wir zusammen fort, wie es unser würdig ist. Nicht in Wut oder Winseln, sondern fest und voller Selbstvertrauen.«

Der Einfall, daß Tom und seine Schwester hätten winseln können, wäre wohl unter allen Umständen eine Abgeschmacktheit gewesen, aber Tom fand in seiner Aufregung kein besseres Wort. Er trat durch das Gartenhaus – so viel Entschlossenheit in seinem Gesicht, daß ihn der Portier kaum wiedererkannte.

Sie waren eine Strecke weit nebeneinander hergegangen, und Tom, der inzwischen ruhiger und gefaßter geworden, hatte sich wieder ganz erholt, als ihn seine Schwester mit ihrem hübschen Stimmchen fragte:

»Wohin gehen wir eigentlich, Tom?«

»Lieber Himmel«, rief Tom und blieb stehen. »Ich weiß es wirklich nicht.«

»Du weißt es nicht? Hast du denn nicht irgendwo eine Wohnung?« fragte Ruth und blickte fragend zu ihm auf.

»Nein, vorderhand noch nicht. Ich bin erst heute morgen angekommen. Wir müssen uns vor allem ein Quartier suchen.«

Tom verschwieg ihr, daß er eigentlich bei seinem Freunde John hatte wohnen wollen, konnte aber andererseits natürlich nicht daran denken, bei ihm gleich zwei Personen einzuquartieren, von denen noch dazu eine ein Mädchen war. Überdies wußte er, daß das Ruth nur beunruhigt und in Verlegenheit gebracht hätte. Andererseits aber wollte er sie auch nicht, während er zu John ging, irgendwo zurücklassen, denn er hätte John ja alles erzählen müssen, und das hätte den Verdacht erwecken können, als spekuliere er auf seine Gastfreundschaft. Er sagte daher nochmals, sie müßten sich gleich jetzt eine Wohnung mieten, und zwar so selbstverständlich, als habe er den Wegweiser zu allen vermietbaren Quartieren von London in der Tasche.

»Wo wollen wir uns also ein Quartier suchen?« fragte er. »Was meinst du?«

Ruth wußte über diesen Punkt ebensowenig Bescheid wie er. Sie steckte ihm nur ihre kleine Börse in die Rocktasche, faltete ihre beiden kleinen Händchen über seinem Arm und schwieg.

»Es müßte in einer wohlfeilen Gegend sein«, sagte Tom, »aber nicht allzu weit von London. – Laß mal sehen. Meinst du nicht, daß Islington das richtige wäre?«

»Ich denke, es wäre sogar vortrefflich, Tom.«

»Man nannte es früher das lustige Islington«, sagte Tom. »Vielleicht verdient es noch immer den Namen. Um so besser dann, was?«

»Wenn’s nicht zu teuer ist«, meinte Ruth.

»Natürlich, wenn’s nicht zu teuer ist. Also wo liegt Islington? Ich glaube, wir könnten nichts Besseres tun, als uns unverzüglich dorthin begeben. Komm.«

Ruth würde ihm wahrscheinlich überallhin gefolgt sein, und so gingen sie denn Arm in Arm seelenruhig und vergnügt weiter. Bald machten sie die Entdeckung, daß Islington nicht in dieser Richtung lag, und Tom sah sich daher nach einem direkt gehenden Omnibus um, den er denn auch bald entdeckte.

Die Fahrt verging ihnen sehr angenehm, denn Tom berichtete dabei, wie es ihm ergangen war. Und Ruth erzählte ihm ihre eigene Geschichte, und beide bemerkten, daß sie sich viel mehr zu sagen hatten, als Zeit dazu war, da sie bereits am Ziele ihrer Reise anlangten, kaum nachdem sie mit ihrem Plaudern angefangen zu haben glaubten.

»Jetzt«, sagte Tom, »müssen wir uns erst einmal nach einer bescheidenen Straße umsehen und dann schauen, wo Vermietzettel in den Fenstern hängen.«

So gingen sie denn friedlich nebeneinander her, als kämen sie eben aus einem eigenen behaglichen Heim und suchten für irgendeinen Dritten ein Logis. Tom war noch immer so unbekümmert sorglos wie je, aber jetzt, wo sich seine Schwester auf ihn verließ, fühlte er ein größeres Selbstvertrauen und kam sich geradezu wie ein sieghafter Wagehals vor.

So wanderten sie wohl ein paar Stunden hin und her und besichtigten ein paar Dutzend Wohnungen, was sie schließlich sehr ermüdete, besonders, da sie keine passende finden konnten. Endlich entdeckten sie in einem altmodischen kleinen Haus in einer Sackgasse zwei kleine Schlafzimmer und ein dreieckiges Wohnzimmer, die ihnen passend erschienen. Es erregte einigermaßen Argwohn, daß sie sogleich einzuziehen wünschten, aber auch diese Schwierigkeit war rasch beseitigt, als sie die erste Woche vorausbezahlten und sich auf John Westlock, Esquire, Furnivals Inn, Holborn, beriefen.

Es war wirklich ein köstlicher Anblick, wie Tom und seine Schwester nach Erledigung dieses höchst wichtigen Geschäftes mit einer Art furchtsamen Entzückens beim Bäcker, Fleischer und Krämer umherliefen, sich miteinander über allerhand Bestellungen berieten und beim geringsten Dreinreden von Seiten der Verkäufer in höchste Verwirrung gerieten. Als sie nach dem dreieckigen Wohnstübchen zurückkehrten und Ruth, mit tausend Kleinigkeiten beschäftigt, fröhlich umhertrippelte, zuweilen stehenblieb, um »ihrem alten Tom« einen Kuß zu geben oder ihm zuzulächeln – da rieb sich Mr. Pinch so vergnügt die Hände, als ob ganz Islington ihm gehöre.

Es war bereits spät am Nachmittag und für Tom hohe Zeit, sein Rendezvous einzuhalten. Nachdem er sich mit seiner Schwester besprochen, daß sie heute zur Feier des Tages Hammelkoteletten zu Abend essen wollten, um sich für das versäumte Dinner zu entschädigen, machte er sich auf den Weg, um seine wunderbaren Erlebnisse seinem Freunde John mitzuteilen.

»So habe ich jetzt mit einem Male ein Hauswesen«, dachte er. »Wie behaglich könnten Ruth und ich zusammenleben, wenn ich nur eine Beschäftigung bekäme. Ach Gott, ach Gott, dieses ewige ›Wenn‹. Aber es nützt nichts, den Mut zu verlieren – dazu ist immer noch Zeit, wenn ich alles vergeblich versucht habe. Und auch dann würde mir damit wenig geholfen sein. Mein Wort«, murmelte er und beschleunigte seine Schritte, »ich weiß wahrhaftig nicht, was John sich denken wird. Er wird wahrscheinlich der Meinung sein, ich hätte mich in eine jener Straßen verirrt, wo man die Leute vom Lande umbringt, und denkt vielleicht, man habe mich schon längst zu einer Pastete oder dergleichen verarbeitet.«

37. Kapitel


37. Kapitel

Tom Pinch verirrt sich und findet, daß es jemand anderem ebenso gegangen ist. Er häuft glühende Kohlen auf das Haupt eines gedemütigten Feindes

Das Fatum führte ihn nicht in eine von jenen kannibalischen Pastetenküchen, die nach der Darstellung so vieler Sagen vom Lande in der Hauptstadt einen lebhaften Kleinhandel mit Menschenfleisch betreiben, und ebensowenig wurde er die Beute von Uhren- und Beutelschneidern, von Taschendieben und anderen unblutigen Spitzbuben, von der die Polizei alles ganz genau weiß, und ebensowenig verstrickte er sich in eine der zahlreichen Menschenfallen, die, ohne daß man es ahnt, an den öffentlichen Plätzen der Hauptstadt stets aufgestellt sind. Aber seinen Weg verlor er, und zwar gleich anfangs, und bei dem Versuch, ihn wieder aufzufinden, verirrte er sich immer mehr und mehr.

Nun hielt er es bei seinem kindlichen Mißtrauen gegenüber London für die erste Regel, ja niemanden um den Weg nach Furnivals Inn zu befragen, wenn er es irgend vermeiden könne, außer wenn er zufällig in die Nähe des Münzamtes oder der englischen Bank käme. In diesem Falle wollte er natürlich hineingehen und im Vertrauen auf die vollkommene Solidität des Institutes ein paar höfliche Fragen riskieren. So schritt er also weiter seines Weges, las die Namen aller Straßen und durchschnitt sie zur Hälfte, und so kam er aus der Goswell Street nach Alderman Bury, verirrte sich in Barbican und geriet, da er beharrlich auf der unrechten Seite des Londoner Walls blieb, in die Themse Street. Mit einem Instinkt, der hätte wunderbar genannt werden können, wenn dieser Ort das beabsichtigte Ziel seiner Reise gewesen wäre, langte er schließlich beim Monumente an.

Der Mann im Mond konnte für Tom kein geheimnisvolleres Wesen sein als der Mann, der im Monument wohnte. Sofort kam ihm der Gedanke, der Mann, der hier als Einsiedler so abgeschieden von der ganzen Menschheit wohne, müsse der richtige sein, den er nach dem Wege fragen könne.

Tom schritt auf das Denkmal zu und atmete erleichtert auf, als er sah, daß der Mann im Monument noch gewisse Überreste irdischer Eigenschaften hatte. Trotz des kunstreichen Gesteins seiner Wohnung schien er doch noch an gewissen ländlichen Erinnerungen zu hängen: er liebte Pflanzen, hielt Vögel in Käfigen und junge Bäume in Zubern. Er selbst saß vor der Monumenttüre – vor seiner eigenen Türe – wahrhaftig ein großartiger Gedanke! – und gähnte so ungeniert, als ob gar kein Denkmal da sei, in dessen Anwesenheit sich so etwas nicht schicke.

Tom näherte sich dem merkwürdigen Wesen, um wegen des Weges nach Furnivals Inn Erkundigungen einzuziehen, da kamen zwei Fremde dem Denkmal zugeschritten, um es zu besichtigen. Es waren ein Herr und eine Dame; und der Herr fragte:

»Kostet?«

Der Mann im Monument brummte: »Einen Stutz pro Kopf.«

Das schien ein höchst ordinärer Ausdruck angesichts des erhabenen Denkmals.

Der Herr zückte einen Schilling, und der Mann im Monument öffnete eine kleine dunkle Tür. Als der Herr und die Dame im Finstern verschwunden waren, warf er sie wieder ins Schloß und kehrte langsam zu seinem Stuhl zurück.

Dann setzte er sich nieder und grinste.

»Die haben auch keine Ahnung, wieviel Stufen da nauf führen«, sagte er, »nicht ums Doppelte möcht ich da naufkrallen.«

Der Mann im Monument war also offenbar ein Zyniker – ein ganz weltlich gesinnter Mensch! Ihn konnte Tom unmöglich um den Weg fragen, und er war daher fest entschlossen, sich anderswo Rats zu erholen.

»Gott im Himmel«, rief in diesem Augenblick eine wohlbekannte Stimme, »wahrhaftig, er ist es!«

Mr. Pinch fühlte sich gleichzeitig im Rücken mit einem Sonnenschirm spitzig berührt. Als er sich umwandte, um zu sehen, wer ihn in dieser Weise begrüße, erkannte er sogleich die älteste Tochter seines ehemaligen Chefs.

»Miss Pecksniff!« rief er erstaunt aus.

»Gott im Himmel, Mr. Pinch«, rief Cherry, »ja. Was treiben denn Sie hier?«

»Ich habe mich ein wenig verirrt«, stotterte Tom, »ich –«

»Ich habe gehört, Sie hätten Ihre sieben Zwetschgen zusammengepackt und seien auf und davon gegangen?« fragte Charitas. »Das wäre nur sehr in Ordnung, wo sich Papa so weit vergißt.«

»Ja, ich habe ihn verlassen«, bestätigte Tom. »Aber es geschah im besten beiderseitigen Einvernehmen –«

»Ist er schon verheiratet?« fragte Cherry mit einem nervösen Zucken um ihre Mundwinkel.

»Nein, noch nicht«, antwortete Tom errötend. »Offen gestanden glaube ich auch nicht, daß es je der Fall sein wird, wenn Miss Graham der Gegenstand seiner Neigung sein sollte.«

»Lächerlich, Mr. Pinch!« rief Charitas erregt; »Sie sind viel zu leichtgläubig und haben überhaupt keine Ahnung, welcher Tricks solche Naturen fähig sind. – Wir leben in einer gottlosen Welt, glauben Sie mir.«

»Nun, und Sie?« deutete Tom an, um dem Thema rasch eine andere Wendung zu geben. »Gedenken Sie nicht zu heiraten, Miss Pecksniff?«

»O Gott, nein«, zierte sich Cherry und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms krumme Linien auf einen Pflasterstein des Monumenthofes. »Ich – aber wahrhaftig – ich – kann Ihnen das hier nicht erklären. Wollen Sie nicht mit hineinkommen?«

»Sie wohnen hier?« fragte Tom.

»Ja«, antwortete Miss Pecksniff und deutete mit ihrem Schirm auf Todgers‘ Etablissement. »Ich wohne dort bei dieser Dame – vorderhand –.« Der große Nachdruck, den sie auf dieses Wort legte, ließ Tom erraten, daß sie von ihm erwarte, er werde etwas darüber sagen.

»Nur vorderhand? Sie gedenken also wahrscheinlich, bald wieder nach Hause zu reisen?«

»Nein, Mr. Pinch«, lachte Miss Charitas, »nein, dafür bedanke ich mich bestens. Eine Stiefmutter, die jünger ist – ich wollte sagen: die fast gleichalterig ist mit der ältesten Tochter, würde mir wahrhaftig nicht passen. – Nö«, setzte sie hämisch und schaudernd hinzu.

»Ich dachte nur, weil Sie von ›vorderhand‹ sprachen –« bemerkte Tom.

»Ach, ich hätte mir nicht im entferntesten gedacht, daß Sie wegen dieses Ausdrucks so scharf mit mir ins Gericht gehen würden, Mr. Pinch«, flötete Charitas errötend, »sonst hätt ich ihn nicht gebraucht. Aber wollen Sie jetzt nicht mit hineinkommen?«

Tom suchte nach einer Entschuldigung und wies darauf hin, daß er ein Rendezvous in Furnivals Inn habe, sich von Islington aus verirrt habe und statt dessen zum Monument geraten sei. Miss Pecksniff zierte sich zuerst außerordentlich auf seine Frage, ob sie nicht vielleicht den Weg nach Furnivals Inn wisse, rückte aber schließlich mit einem Vorschlag heraus:

»Ein Gentleman – ein guter Bekannter von mir – ich will nicht gerade sagen, ein Freund, aber – doch – eine Art Bekanntschaft – wirklich, ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken soll, Mr. Pinch, aber Sie dürfen nicht glauben, daß irgendwelche Beziehungen zwischen uns bestehen und, wenn dies auch der Fall wäre, so ist die Sache doch bis heute noch nicht so weit gediehen – aber wie dem auch sei, – – also dieser Gentleman geht, glaube ich, da er dort Geschäfte hat, ebenfalls nach Furnivals Inn, und ich bin fest überzeugt, er wird sich sehr freuen, Sie zu begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren können. Aber kommen Sie jetzt mit. Sie finden wahrscheinlich meine Schwester Gratia bei Todgers’«, setzte sie mit einem verhaltenen spöttischen Lächeln hinzu.

»Dann will ich doch lieber versuchen, mich allein zurechtzufinden«, rief Tom hastig. »Ich muß annehmen, daß es ihr nichts weniger als angenehm sein wird, mich zu sehen. Der unglückliche Vorfall damals mit ihrem jetzigen Gatten und mir kann sie unmöglich freundlich von mir denken lassen, trotzdem mich wahrhaftig keine Schuld trifft.«

»Verlassen Sie sich darauf, sie hat kein Wort davon gehört«, beruhigte ihn Cherry und verbiß ein spöttisches Lachen, »und im übrigen glaube ich auch nicht, daß sie Ihnen deshalb besonders böse wäre.«

»Wie? Was sagen Sie da?« rief Tom höchst erstaunt.

»Ach Gott, ich sage gar nichts«, wich Charitas aus. »Wenn ich nicht schon von Kindheit an gewußt hätte, wie sich Hinterlist und Betrug an dem Täter rächen, Mr. Pinch, so müßte ich es jetzt sehen, wo die Sachen eine so eigentümliche Wendung genommen haben.« Dabei lächelte sie wieder geheimnisvoll wie zuvor. »Aber ich will nichts gesagt haben – ich verwahre mich dagegen. – – Aber jetzt kommen Sie doch endlich mit!«

Tom fühlte, hier lag ein Geheimnis vor, und eine leise Angst um Gratia bemächtigte sich seiner. Wie er jetzt in seiner Unschlüssigkeit Charitas genauer anblickte, bemerkte er deutlich, daß in ihrem Gesicht etwas wie Triumph aufleuchtete, trotzdem sie hastig ihre Augen abwandte.

Eine dunkle Vorahnung beschlich ihn, aber dennoch konnte er sich Miss Pecksniffs Benehmen nicht deuten. Natürlich konnte er nicht wissen, daß sie entzückt nach jeder Gelegenheit griff, ihrer Schwester ein Leid zu bereiten. Er stellte sich Gratia noch immer als das leichtsinnige junge Mädchen vor, das sie einst gewesen, immer voller Geringschätzung gegen ihn und nichts weniger als bemüht, ihre Gefühle ihm gegenüber zu verbergen –, mit einem Wort, er hatte nur eine unklare Vorstellung, daß Miss Pecksniff nicht so ganz schwesterlich oder wohlgesinnt handle, wenn sie ihn jetzt einlud, und er entsprach daher ihrem Wunsche, sie zu begleiten.

Die Haustüre wurde geöffnet, und Charitas stieg ihm voran zum Besuchszimmer hinauf.

»Ach, Gratia«, rief sie und steckte den Kopf zur Türe hinein; »ich fürchtete schon, du seiest nach Hause gegangen. Rate einmal, wen ich hier auf der Straße getroffen und hergebracht habe! Mr. Pinch! Das überrascht dich, nicht wahr?«

Aber Gratia war durchaus nicht so überrascht wie Tom, als er sie jetzt zu Gesicht bekam; – nicht halb so sehr.

»Mr. Pinch hat Papa verlassen, liebe Gratia«, fuhr Charitas fort, »und seiner Zukunft steht jetzt nichts mehr im Wege. Ich habe ihm versprochen, Augustus, der dieselbe Richtung geht, werde ihm nach Furnivals Inn den Weg zeigen. – Augustus, lieber Freund, wo stecken Sie denn?«

Diese Worte waren eine Beschwörungsformel, die Mr. Augustus Moddle galten. Gleich darauf verließ Miss Pecksniff das Zimmer, und Tom Pinch und Gratia waren allein.

Wenn Gratia von jeher Toms beste Freundin gewesen wäre, statt ihn so behandelt zu haben, wie sie es getan, so hätte sein ehrliches Herz nicht von tieferem Mitleid für sie ergriffen sein können, als es jetzt der Fall war.

»O Gott«, begann Gratia, »wirklich, Sie sind der allerletzte, den ich zu sehen gehofft hätte.«

Es schmerzte Tom, sie so in ihrer alten Weise sprechen zu hören, denn er hatte das nicht von ihr erwartet. Trotzdem empfand er das tiefste Mitleid für sie, denn sie sah traurig verändert aus gegen früher, wenn ihre Redeweise auch immer noch hochmütig klang.

»Es nimmt mich wunder, daß Sie Gefallen daran finden können, mich zu besuchen, Mr. Pinch. Ich kann mir gar nicht erklären, wie Ihnen ein solcher Einfall kommen konnte. Ich habe mir, wie Sie wissen, nie viel aus Ihnen gemacht und dächte, Liebe hätten wir gerade nicht aneinander verschwendet, Mr. Pinch«, sagte sie und machte sich nervös mit den Bändern ihres Hutes zu schaffen, der neben ihr auf dem Sofa lag – sichtlich im Geiste ganz woanders.

»Wir haben doch niemals einen Streit miteinander gehabt!« wendete Tom milde ein. – Er hatte darin vollkommen recht, denn zu einem Zwist gehören bekanntlich zwei. – »Ich hatte gehofft, Sie würden sich freuen, einem alten Bekannten die Hand zu drücken. Schauen Sie, lassen Sie uns doch nicht vergangene Dinge wieder aufrühren«, setzte er hinzu, »und wenn ich Sie jemals gekränkt habe, so vergeben Sie mir.«

Gratia sah ihn einen Augenblick an, ließ dann den Hut aus den Händen fallen, bedeckte ihr Gesicht und brach in Tränen aus.

»Ach, Mr. Pinch«, jammerte sie, »ich habe Sie ja wahrhaftig niemals gut behandelt, aber doch hätte ich nicht gedacht, daß Sie so unversöhnlich wären. Ich habe nicht geglaubt, daß Sie so grausam sein könnten.«

Sie sprach jetzt so ganz anders als sonst, daß es Tom tief ergriff; sie machte ihm offenbar einen Vorwurf, und er verstand sie nicht.

»Ich weiß ja, ich habe mir’s niemals anmerken lassen, aber doch glaubte ich an Sie so fest, daß ich zuverlässig Ihren Namen genannt haben würde, wenn man mich nach einem Menschen gefragt hätte, dem ich am wenigsten zutraue, daß er sich zu rächen imstande sei.«

»Sie würden meinen Namen genannt haben –«, wiederholte Tom mechanisch.

»Ja«, versetzte Gratia mit Nachdruck. »Ich habe oft daran gedacht.«

Eine Weile sann Tom nach, dann setzte er sich neben sie auf einen Stuhl.

»Glauben Sie wirklich«, sagte er, »oder können Sie nur einen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß ich je meine Worte anders meinen könnte, als wie ich sie buchstäblich sage? Wenn ich Sie jemals beleidigt habe, so bitte ich Sie um Entschuldigung – denn es ist ja möglich, daß ich es oft und vielmals getan habe. Aber Sie haben mich nie gekränkt. Weshalb sollte ich mich also an Ihnen rächen wollen, selbst wenn ich schlecht genug wäre, an etwas Derartiges zu denken!?«

Eine Weile schwieg Gratia, dann dankte sie ihm unter Tränen und schluchzte, seit sie die Heimat verlassen, habe sie sich nie so schmerzlich berührt und doch wieder innerlich so getröstet gefühlt. Dennoch weinte sie bitterlich fort, und es schnitt Tom tief ins Herz, ihre Tränen mit anzusehen, um so mehr, als er deutlich begriff, wie sehr sie seiner Teilnahme bedurfte.

»Beruhigen Sie sich, nehmen Sie’s nicht so schwer!« redete er ihr zu, »Sie waren doch sonst immer so heiter und fröhlich den ganzen lieben Tag lang.«

»Ach ja, früher«, rief sie in einem Tone, der ihm tief zu Herzen ging.

»Es wird schon wieder alles gut werden«, versuchte er sie zu trösten.

»Nein, nie, nie mehr. Oh, nie mehr! – Wenn Sie jemals Gelegenheit haben sollten, mit dem alten Mr. Chuzzlewit zu sprechen«, setzte sie hastig hinzu und blickte Tom fest ins Gesicht – »es kam mir bisweilen vor, als habe er Sie gern, wolle sich’s aber nicht anmerken lassen – nicht wahr, dann sagen Sie ihm, daß Sie mich hier gesehen haben und daß ich Ihnen mitgeteilt habe: was er damals auf dem Kirchhof mit mir gesprochen, sei unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.«

Tom versprach es ihr.

»Oft und oft habe ich mir seitdem seine Worte ins Gedächtnis zurückgerufen und gewünscht, dort begraben zu liegen. Es läge mir sehr, sehr viel daran, wenn er erführe, wie wahr er gesprochen hat; wenn ich es auch seitdem niemandem gesagt habe und dieses Eingeständnis auch niemals mehr über meine Lippen kommen wird.«

Tom versprach ihr, Mr. Chuzzlewit alles mitzuteilen, fügte jedoch hinzu, es komme ihm sehr unwahrscheinlich vor, daß er jemals mit dem alten Herrn wieder zusammentreffen werde. »Aber es könnte ja sein«, fügte er hinzu, denn er wollte Gratia nicht noch mehr betrüben.

»Wenn er das alles je durch Sie erfährt, lieber Mr. Pinch«, fuhr Gratia fort, »so sagen Sie ihm auch, daß ich es ihm nicht um meinetwillen mitteilen lasse, sondern bloß, damit er nachsichtiger und geduldiger und vertrauensvoller gegen andere sein möge, wenn sich ein ähnlicher Fall wieder ereignen sollte. Sagen Sie ihm, er ahne nicht, wie wenig damals dazu gefehlt hat, und ich hätte mich anders entschieden, als ich es getan.«

– »Ja, ja«, versprach Tom. »Ich will es ausrichten.« –

»Als ich ihm seiner Hilfe am unwürdigsten schien, war ich vielleicht am meisten geneigt, seinen Worten nachzugeben – ja, ja, ich weiß, es ist so: ich habe seitdem oft und oft darüber nachgedacht. Wenn er mir nur noch ein wenig mehr zugeredet hätte – nur noch eine Viertelstunde länger geblieben wäre –, ich glaube ganz gewiß, ich wäre gerettet gewesen. Sagen Sie ihm, daß ich ihm deshalb keinen Vorwurf mache, sondern ihm dankbar bin, daß er es überhaupt versucht hat. Bitten Sie ihn zugleich um Christi Liebe willen, der Jugend gegenüber barmherzig zu sein und des Kampfes mit Milde zu gedenken, den ein schlecht beratenes und leichtsinniges Geschöpf gekämpft, um die Kraft zu verbergen, die ihn Schwäche dünkte. Bitten Sie ihn, dies nie zu vergessen, wenn ihm je wieder ein ähnlicher Fall unterkommen sollte.«

Wenn auch Tom den Sinn von Gratias Worten nicht vollständig begriff, so konnte er ihn doch so ziemlich erraten. Bis ins Innerste erschüttert, ergriff er ihre Hand und sagte ihr – oder wollte es wenigstens – einige Worte des Trostes. Sie fühlte und verstand sie, so unartikuliert sie auch klangen. Er war so fassungslos, daß er kaum wußte, was vorging; erst später glaubte er sich zu erinnern, sie habe sich ihm zu Füßen werfen und ihn segnen wollen. Als sie sich entfernt hatte, bemerkte er plötzlich, daß er nicht allein im Zimmer war. Mrs. Todgers war eingetreten und schüttelte betrübt das Haupt. Er sah die Dame jetzt zum erstenmal, erriet jedoch, sie müsse die Frau des Hauses sein, und da er so große Teilnahme in ihren Blicken las, hatte sie im Handumdrehen sein Herz gewonnen.

»Ach, Sir, Sie sind gewiß ein alter Freund, wie ich sehe?« fragte sie.

»Ja, so ist’s«, antwortete Tom.

»Aber gewiß –« fuhr Mrs. Todgers fort und schloß leise die Türe, »hat sie Ihnen nicht gesagt, worin ihre Leiden bestehen?«

Tom war höchlichst betroffen über diese Worte, denn sie enthielten tatsächlich die Wahrheit.

»Wirklich«, gab er zu, »sie hat mir nichts darüber gesagt.«

»Und sie wird Ihnen auch nichts Näheres darüber sagen, selbst wenn Sie täglich mit ihr zusammenkämen. Nie läßt sie eine Silbe der Erklärung oder der Klage darüber laut werden. Aber dennoch«, setzte Mrs. Todgers hinzu und seufzte, »dennoch weiß ich, wie schwer ihr ums Herz ist.«

Tom nickte bekümmert und seufzte:

»Ich auch.«

»Ich bin fest überzeugt«, schluchzte Mrs. Todgers und zog ihr Taschentuch aus der flachen Retiküle, »daß niemand auch nur annähernd weiß, was das arme junge Geschöpf durchzumachen hat. Aber, trotzdem sie fast täglich herkommt, um ihr armes gequältes Herz zu erleichtern und weinend in der Ecke sitzt, bis der Anfall vorüber ist, und dabei immer jammert: ›Ach, Mrs. Todgers, ich bin heute so traurig, wollte Gott, ich läge schon im Grabe‹, so weiß ich doch nichts weiter von ihr. Und trotz alledem«, setzte Mrs. Todgers hinzu und steckte ihr Tuch wieder ein, »weiß ich, daß sie mich für eine gute Freundin hält.«

Mrs. Todgers hätte berechtigterweise sagen können: »für ihre beste Freundin«. Die Herren vom Handelsstande und die Sorgen um die tägliche Fleischbrühe hatten zwar Mrs. Todgers‘ Herz ein wenig verhärtet, und sie dachte fast an nichts anderes als an Erwerb – der übrigens in ihrem Falle so unbedeutend war, daß man es ihr nachsehen mußte, wenn sie die Augen offen hielt und an allen Ecken und Enden sparte, aber in irgendeinem Winkel ihres Herzens und vor einem ganz verborgenen Schubfach war eine geheime Tür, und auf der stand das Wort »Weib« geschrieben. Und wenn Gratia die Feder berührte, so flog sie weit auf, um ihr ein Asyl zu bieten.

In diesem Augenblick trat Charitas mit ihrem Verehrer ein.

»Mr. Thomas Pinch«, stellte sie Tom, sich in die Brust werfend, vor: »– Mr. Moddle –. Wo ist übrigens meine Schwester?«

»Fortgegangen, Miss Pecksniff«, antwortete Mrs. Todgers. »Es war höchste Zeit.«

»Ach«, seufzte Charitas mit einem lauernden Blick auf Tom, »– ach, du lieber Himmel.«

»Sie hat sich sehr, sehr verändert, seit sie mit einem andern – – seit sie verheiratet ist, Mrs. Todgers«, bemerkte Mr. Moddle.

»Mein lieber Augustus!« sagte Miss Pecksniff spitz. »Ich glaube wirklich, dies wohl schon fünfzigtausendmal von Ihnen gehört zu haben. Gott, sind Sie ein langweiliger Mensch.«

Es folgte ein etwas lahmes Liebesgeplänkel, das lediglich von Miss Pecksniff ausging, denn Mr. Moddle benahm sich wesentlich zurückhaltender, als es gewöhnlich bei jungen Liebhabern der Fall sein soll, und stellte überhaupt eine geradezu stupende Geistesträgheit zur Schau.

Er wurde übrigens auch nicht lebendiger, als Tom mit ihm die Straße hinaufging, und seufzte so unheimlich, daß es wahrhaft erschrecklich anzuhören war. Um ihn aufzuheitern, wünschte ihm Tom viel Glück für die Zukunft.

»Glück?!« rief Moddle, »haha.«

»Ist das aber ein seltsamer junger Mensch«, dachte Tom.

»Der Weltschmerz hat wohl noch nicht sein Siegel auf Sie gedrückt? Sie kümmern sich wahrscheinlich noch darum, was noch einmal aus ihnen werden wird?« fragte Mr. Moddle.

Tom gab zu, daß er diesbezüglich allerdings noch so manches Interesse fühle.

»Bei mir ist das nicht der Fall«, versetzte Mr. Moddle. »Die Erde kann mich zurückhaben, sobald sie will. – Ich bin bereit.«

Tom schloß aus diesen und ähnlichen Ausdrücken, der junge Mann müsse wahrscheinlich eifersüchtig sein, und überließ ihn daher sich selbst und seinen Gedanken, die übrigens so düster zu sein schienen, daß er förmlich aufatmete, als sie sich vor dem Tore von Furnivals Inn trennten.

Die Essenszeit war schon ein paar Stunden vorüber, und John Westlock ging, ängstlich besorgt um Tom, unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Der Tisch war gedeckt, der Wein sorgsam in Karaffen gegossen, und würziger Speisenduft erfüllte die Luft.

»Na, hör mal, Tom, alter Junge, wo in aller Welt hast du denn so lange gesteckt?« rief John. »Dein Koffer ist übrigens angekommen. Aber jetzt zieh deine Stiefel aus und setz dich gefälligst nieder.«

»Es tut mir wirklich leid, sagen zu müssen, daß ich unmöglich bleiben kann«, entschuldigte sich Tom Pinch, atemlos von der Hast, mit der er die Treppe heraufgeeilt war.

»Nicht bleiben?«

»Bitte, fange jetzt nur an zu essen«, keuchte Tom, »ich will dir inzwischen meine Gründe dafür angeben. Ich kann dir dabei nicht Gesellschaft leisten, denn ich darf mir den Appetit für die Hammelrippchen nicht verderben und –«

»Es sind doch gar keine Hammelrippen da, lieber Freund«, unterbrach ihn John.

»Nein, aber in Islington.«

John Westlock riß die Augen auf und schwur hoch und teuer, er werde keinen Bissen anrühren, ehe sich Tom nicht deutlicher erklärt habe.

Mr. Pinch setzte sich daher nieder und erzählte ihm seine ganze Geschichte.

John Westlock kannte seinen Freund zu gut und achtete sein Feingefühl zu sehr, als daß er ihn gefragt hätte, wozu er alle diese Maßregeln getroffen, ohne sich vorher mit ihm besprochen zu haben. Tom müsse, sagte er, sofort zu seiner Schwester zurückkehren, da der Ort, wo er sie gelassen, ihr zu wenig bekannt sei. – Er werde sogleich einen Fiaker nehmen, und bei dieser Gelegenheit könnten sie gleich den Koffer mitnehmen.

»Und jetzt, Tom«, sagte er, als sie eingestiegen waren, »habe ich eine Frage an dich, die du mir offen und ehrlich beantworten mußt: Brauchst du Geld? – Aber natürlich, du mußt ja welches brauchen.«

»Nein, nein, gewiß nicht!« beteuerte Tom. »Ich danke dir wirklich herzlich, aber sowohl meine Schwester wie ich sind vorläufig noch versorgt. Und dann habe ich noch eine Fünfpfundnote, die mir Mrs. Lupin in einem Brief am Kreuzweg aufdrängte.«

An der Haustür von Toms Wohnung trennten sie sich. John Westlock blieb im Wagen sitzen, als er aber eines entzückenden süßen kleinen Geschöpfchens ansichtig wurde, das aus dem Haus stürzte, Tom um den Hals fiel und ihm den Koffer in den Flur tragen half, da hätte er nicht das mindeste dagegen einzuwenden gehabt, mit seinem Freund zu tauschen.

30. Kapitel


30. Kapitel

Es zeigt sich, daß selbst in dem besten Familienleben die Harmonie gestört werden kann

Wie es die erste Sorge des Chirurgen ist, wenn er ein Glied amputiert hat, die Pulsadern, die sein grausames Messer durchschnitten, zu unterbinden, so ist es die Pflicht dieser Erzählung, die in ihrem schonungslosen Verlauf vom Pecksniffschen Rumpf den rechten Arm, nämlich Gratia, abgetrennt hat, nach dem väterlichen Stamm zu sehen und zu betrachten, wie dieser in allen seinen verschiedenen Verzweigungen sich ohne Stütze behalf.

Zuvörderst müssen wir von Mr. Pecksniff bemerken, daß er, nachdem er seine jüngere Tochter mit dem auserlesensten aller irdischen Güter, nämlich mit einem zärtlichen und nachsichtigen Gatten versehen und durch ihre glückliche Versorgung den heißesten Wunsch seines Vaterherzens befriedigt hatte, in neuer jugendlicher Kraft auflebte und sich, getragen von den Flügeln eines reinen Gewissens, zu jeder Art von Flug befähigt fühlte. Die guten Väter in den Theaterstücken pflegen, wenn sie ihren Töchtern die Männer ihrer Liebe gegeben haben, sich selber zu beglückwünschen und sich zu versichern, daß sie nun nichts mehr auf Erden zu tun haben und der Herr sie in Frieden zu sich nehmen könne, wenn sie sich auch selten beeilen, wirklich in die Grube zu fahren. Mr. Pecksniff war ein Vater von der weiseren und praktischeren Sorte und schien daher zu glauben, er müsse jetzt erst recht zu leben anfangen, und, da er sich einer Bequemlichkeit beraubt sah, sich mit einer andern umgeben.

Wie geneigt übrigens auch der Wackere war, scherzhaft zu tun und sich in den Gärten seiner Phantasie zu ergehen, so stand ihm doch fortwährend ein Hindernis im Wege. Die zarte Cherry, aufgestachelt von dem Bewußtsein, sie erfahre nur Verachtung und eine Unbill, die, statt mit der Zeit nachzulassen, nur immer üppiger und üppiger in ihrem Herzen wucherte – die zarte Cherry war in offener Rebellion begriffen. Sie führte erbittert Krieg gegen ihren teuern Papa und ließ den Ehrenmann sozusagen ein wahres Hundeleben führen – besser gesagt, es gab keinen Hund in seiner Hütte, im Stalle oder im Hause, dem es nur halb so schlimm ergangen wäre wie Pecksniff in der Nähe seines liebevollen Kindes.

Vater und Tochter saßen beim Frühstück; Tom hatte sich zurückgezogen, und sie waren allein. Mr. Pecksniff machte anfangs ein finsteres Gesicht, allmählich heiterte sich aber seine Miene auf, und er blickte verstohlen auf seine Tochter. Ihre Nase war sehr rot und hatte etwas Spitziges, Herausforderndes.

»Cherry«, begann Mr. Pecksniff milde, »was liegt denn eigentlich zwischen uns? Mein Kind, warum sind wir so entzweit?«

Miss Cherrys Antwort war keine rechte Erwiderung auf diesen Zärtlichkeitserguß, denn sie lautete: »Possen, dummes Zeug, Papa!«

»Possen? Dummes Zeug?« wiederholte Mr. Pecksniff angelegentlich und besorgt.

»Es ist zu spät, Papa«, entgegnete die Tochter ruhig, »so mit mir zu sprechen. Ich weiß ganz gut, was vorgeht und was ich davon zu halten habe.«

»Das ist hart«, rief Mr. Pecksniff, seine Tasse anredend. »Das ist sehr hart! Du bist doch mein Kind. Ich habe dich auf den Armen getragen, als du noch formlose Wollschuhe – ich möchte sagen ›Muffler‹ – trugst, und das ist schon viele Jahre her.«

»Du brauchst mich deshalb nicht zu verhöhnen, Papa«, versetzte Cherry indigniert, »ich bin nicht gar so viel älter als meine Schwester, die du ja jetzt glücklich an deinen Freund angebracht hast.«

»Ach, Menschennatur, Menschennatur, arme Menschennatur«, stöhnte Mr. Pecksniff, den Kopf über die Menschennatur schüttelnd, als ob er selbst ein viel höheres, weit über alle Menschennatur erhabenes Wesen sei. »Zu denken, daß dieser Zwist aus einer solchen Ursache entspringt. Du mein lieber Himmel!«

»Jawohl, aus einer solchen Ursache!« höhnte Cherry »Nenne lieber die Ursache beim wirklichen Namen, sonst tue ich’s! Jawohl ich! Und ich will und werde es!«

Vielleicht war die Energie, mit der sie diese Worte aussprach, ansteckend, jedenfalls änderte Mr. Pecksniff plötzlich Ton und Miene, wurde sehr böse – um nicht zu sagen »ingrimmig« – und rief: »Du willst und wirst es? Aber du hast es ja in einem fort getan! Gestern, heute, jetzt! Du lässest jeden Anstand beiseite und machst kein Geheimnis aus deiner Gemütsart. Hundertmal gewiß schon hast du dich Mr. Chuzzlewit gegenüber gehenlassen und kompromittiert!«

»Ich?!« rief Cherry mit bitterm Lächeln. »Oh, natürlich! Übrigens wenn auch! Ich mache mir nichts daraus.«

»Und auch mich hast du bloßgestellt«, sagte Mr. Pecksniff vorwurfsvoll.

Miss Cherry antwortete nur mit einem geringschätzigen Lächeln.

»Da es nun schon einmal zu einer Aussprache gekommen ist«, begann Mr. Pecksniff von neuem und schüttelte drohend das Haupt, »so laß dir ein für allemal gesagt sein, daß ich dergleichen nicht mehr zugeben werde. Keinen Unsinn jetzt mehr, Miss.«

»Ich werde tun«, sagte Cherry, wiegte sich auf ihrem Stuhle hin und her und erhob ihre Stimme zum lautesten Diskant, »ich werde tun, Papa, was mir beliebt und was ich bisher getan habe. Ich lasse mich nicht in allem und jedem unterdrücken, verlaß dich drauf. Man hat mich schmachvoller mißhandelt als irgend jemanden auf der Welt« – sie fing an zu weinen und zu schluchzen – »und ich kann mich auch weiterhin auf das Ärgste von deiner Seite gefaßt machen, das weiß ich. Aber ich mache mir nichts daraus; – nein, ich mache mir nichts daraus!«

Mr. Pecksniff geriet durch den lauten Ton, in dem sie sprach, so außer sich, daß er sich zuerst in wilder Unruhe umsah, ob er kein Mittel finden könne, sie zu beruhigen, dann aber stand er auf und schüttelte seine Tochter, bis die Schmachtlocke auf ihrer Frisur wie eine Feder hin und her nickte. Charitas war durch diesen Angriff so in Erstaunen versetzt, daß er damit wirklich den gewünschten Erfolg erzielt zu haben schien.

»So werde ich dir jedesmal kommen«, rief Mr. Pecksniff nach Luft schnappend und nahm seinen Sitz wieder ein, »wenn du dich noch mal unterstehst, mit mir in so lauter Weise zu sprechen. Was willst du eigentlich damit sagen, daß du von schmählicher Behandlung sprichst? Wenn Jonas deine Schwester vorzog, so möchte ich gerne wissen, wer das hätte ändern können. – Was geht denn die ganze Geschichte mich an?«

»Hat man mich vielleicht nicht als Handhabe benutzt und meine Gefühle mit Füßen getreten? Hat er nicht zuerst mir den Hof gemacht?« schluchzte Cherry und rang die Hände. »Oh, daß ich eine derartige Behandlung erleben mußte!«

»Du wirst sie noch einmal erleben«, beteuerte Mr. Pecksniff, »wenn du mich so weit treibst und ich kein anderes Mittel mehr habe, den Anstand in diesem bescheidenen Hause aufrechtzuerhalten. Ich verstehe dich nicht. Ich muß mich wahrhaftig wundern, daß du so wenig Einsicht und Verstand beweist. Wenn Jonas sich nichts aus dir machte, wie kannst du jetzt noch wünschen, ihn zu besitzen?«

»Ich ihn besitzen wollen!« stöhnte Cherry. »Ich ihn besitzen wollen! Papa!«

»Nun also, wozu machst du dann einen solchen Spektakel?« rief Mr. Pecksniff. »Wenn du nichts mehr von ihm wissen willst?«

»Weil man falsch und hinterlistig an mir gehandelt hat!« schrie Cherry. »Und weil mein eigner Vater und meine leibliche Schwester sich gegen mich verschworen haben. Auf sie bin ich nicht böse«, setzte sie hinzu und machte ein bitterböses Gesicht. – »Ich bemitleide sie; ich bedaure sie; weiß ich doch, was für ein Schicksal ihrer harrt – bei dem Schuft!«

»Mr. Jonas wird nicht daran sterben, daß du ihn einen Schuft nennst«, sagte Pecksniff mit steigender Ergebung. »Nenne ihn meinetwegen, wie du willst, aber mach der Sache jetzt ein Ende!«

»Nein, kein Ende, Papa!« kreischte Charitas. »Nein, kein Ende! Es ist das auch nicht das einzige, was zwischen uns liegt. Ich will und werde mich nicht darein fügen, und es ist besser, wenn du das ein für allemal jetzt erfährst. Nein, ich will und werde mich nicht darein fügen; ich bin nicht blind oder blödsinnig! Alles, was ich zu sagen habe, ist: – ich will nicht!«

Was Miss Cherry nun auch damit sagen wollte, jedenfalls fühlte sich Mr. Pecksniff erschüttert, und sein armseliger Versuch, eine würdevolle Miene aufzusetzen, scheiterte kläglich. Sein Zorn verwandelte sich im Handumdrehen in Demut, und seine Worte wurden schmeichlerisch.

»Meine Liebe«, lenkte er ein, »wenn ich in der Aufregung eines zornigen Augenblicks zu einem nicht zu rechtfertigenden Mittel meine Zuflucht nahm, um einen Gefühlsausbruch zu unterdrücken, der darauf hinausgelaufen wäre, sowohl dich wie mich herabzuwürdigen, so bitte ich dich um Verzeihung. Ein Vater, der sein Kind um Verzeihung bittet!« rief Mr. Pecksniff. »Ich dächte, das müßte ein Anblick sein, der selbst die wildeste Natur zu besänftigen vermochte!«

Miss Cherry besänftigte er nun aber ganz und gar nicht – wahrscheinlich, weil ihre Natur nicht wild genug war. Sie bestand im Gegenteil wiederholt auf ihrer Behauptung, sie sei nicht blödsinnig oder blind und werde »es« unter gar keinen Umständen weiter ruhig mit ansehen.

»Du mußt in einem Irrtum befangen sein, mein Kind«, versuchte Mr. Pecksniff auszuweichen, »aber ich will nicht weiter fragen, was du meinst; ich verlange es auch nicht zu wissen. Nein, bitte«, sagte er, mit der Hand abwehrend, und wieder stieg ihm das Blut in die Wangen, »lassen wir das Thema fallen, mein Kind. Sei es, wie es wolle.«

»Es ist nicht mehr als recht und billig, daß das Thema zwischen uns vermieden werden soll«, versetzte Cherry; »aber um imstande zu sein, es vermeiden zu können, muß ich dich zuvörderst bitten, mir ein Heim zu geben.«

Mr. Pecksniff sah sich gedrückt im Zimmer um und fragte: »Ein Heim, mein Kind?«

»Ein anderes Heim, Papa«, wiederholte Cherry mit düsterer Feierlichkeit. »Verschaffe mir bei Mrs. Todgers oder sonstwo eine Unterkunft. Hier kann und will ich nicht länger wohnen bleiben, wenn es schon einmal so weit gekommen ist.«

Möglich, daß in Miss Pecksniffs Geist bei dem Gedanken an Mrs. Todgers ein Traumgesicht von allerlei verliebten Herren auftauchte, die danach schmachteten, ihr anbetend zu Füßen zu fallen, möglich auch, daß Mr. Pecksniff bei seiner neu erwachenden Jugendlichkeit den Hinweis auf das gedachte Etablissement als willkommenes Mittel betrachtete, eine drückende, hemmende Bürde loszuwerden, jedenfalls klang der Vorschlag seinem aufmerksamen Ohr durchaus nicht wie etwa ein Totengeläute aller Hoffnungen.

Aber er war ein Mann von tiefem Gefühl und höchster Empfindsamkeit, er drückte daher sein Taschentuch mit beiden Händen gegen die Augen, wie Leute seines Schlages es gern zu tun pflegen. Besonders, wenn sie sich beobachtet wissen. »Eins meiner Täubchen«, schluchzte er, »hat mich bereits verlassen und sich an die Brust eines Gatten geschmiegt, und das andere will seinen Flug jetzt zu Mrs. Todgers nehmen! Ach, was soll aus mir werden? Ich weiß es nicht! Doch, was liegt daran – –?«

Selbst diese Bemerkung, die noch pathetischer dadurch wurde, daß er von Schmerz übermannt mitten darin abbrach, machte auf Charitas keinerlei Eindruck. Sie blieb mürrisch, starr und unbeugsam.

»Stets habe ich«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »stets habe ich meiner Kinder Glück dem meinigen – ich will sagen: das meinige dem meiner Kinder aufgeopfert, und ich werde nicht so spät noch beginnen, mein Leben nach anderen Grundsätzen einzurichten. Wenn du bei Mrs. Todgers glücklicher sein zu können glaubst als im Hause deines Vaters, so gehe zu Mrs. Todgers! Denke nicht dabei an mich, mein Kind!« setzte er mit Rührung hinzu. »Ich werde mich auch mit der Einsamkeit abzufinden trachten.«

Miss Charitas wußte ganz genau, daß ihr Vorschlag ihrem Vater in Wirklichkeit große Freude bereitete, sie unterdrückte daher ihre eigene und begann auf die näheren Bedingungen einzugehen. Mr. Pecksniffs Äußerungen darüber waren anfangs so abweisend, daß ein nochmaliger Streit und vielleicht sogar ein nochmaliges Schütteln zu folgen drohte, aber allmählich kamen sie zu einer Art von Verständigung, und der Sturm ging leichter vorüber, als es anfangs den Anschein hatte. In Wirklichkeit bot Miss Charitas‘ Vorschlag so viel Annehmlichkeiten für beide Teile, daß es seltsam hätte zugehen müssen, wenn sie nicht zu einer Einigung gekommen wären. Sie beschlossen daher, das Projekt für alle Fälle vorerst einmal zu versuchen, und zwar sogleich. Unpäßlichkeit, der Wunsch nach Ortsveränderung sowie die Sehnsucht, ihrer Schwester nahe zu sein, sollten als Entschuldigung für Cherrys Abreise vor Mr. Chuzzlewit und Mary dienen, die beide die junge Dame ohnehin seit einiger Zeit für sehr nervös erregt hielten. Nachdem dies Abkommen getroffen war, gab Mr. Pecksniff seiner Tochter seinen Segen mit aller Würde eines selbstlosen Vaters, der zwar ein schweres Opfer gebracht hat, sich aber mit dem Gedanken tröstet, daß jede gute Tat den Lohn in sich selbst trägt.

So waren sie zum erstenmal wieder versöhnt seit jener verhängnisvollen Nacht, wo Mr. Jonas, die ältere Schwester verschmähend, seine Leidenschaft für die jüngere eingestanden und Mr. Pecksniff ihm darin – aus moralischen Gründen – Vorschub geleistet hatte.

Aber wie ging es – im Namen der sieben Weltwunder – zu, daß Mr. Pecksniff und Cherry sich jetzt so plötzlich voneinander trennen wollten? Was hatte ihr Verhältnis zueinander so sehr getrübt? Warum gab Miss Pecksniff mit solcher Emphase zu verstehen, daß sie weder blind noch blödsinnig sei und nicht länger mehr ruhig zusehen wolle? Es war doch ausgeschlossen, daß Mr. Pecksniff noch einmal daran dachte zu heiraten? Oder sollte wirklich seine Tochter mit dem scharfen Auge einer alten Jungfer einen solchen Plan in seinem Hirn durchschaut haben?

Gehen wir der Sache einmal nach.

Mr. Pecksniff, als Mann ohne Fehl und Tadel, als ein Charakter, an dem der Hauch der Verleumdung spurlos verging wie gemeiner Hauch an einer polierten Fläche, konnte sich erlauben, was sich gewöhnliche Menschen nicht gestatten durften: Er kannte die Reinheit seiner eigenen Beweggründe, und wenn eine Triebfeder in ihm tätig war, ließ er sie walten und wirken, wie es nur ein sehr guter (oder ein sehr schlechter) Mann imstande ist. Hatte er starke und auf der Hand liegende Gründe, ein zweites Weib zu freien? Ja, allerdings! Und nicht bloß etwa einen oder zwei, sondern eine ganze Menge.

In dem alten Martin Chuzzlewit war allmählich eine große Veränderung vor sich gegangen. Schon in jener Nacht, wo er so zur Unzeit in Mr. Pecksniffs Hause erschienen, war er gegen früher außerordentlich zahm und leicht zu behandeln. Dies schrieb Mr. Pecksniff dem tiefen Eindruck zu, den des Bruders Tod auf ihn gemacht haben mußte. Von jener Stunde an aber schien sich Mr. Chuzzlewits Charakter nach und nach vollständig umgewandelt und beinah bis zu einer stumpfen Gleichgültigkeit gegenüber jedermann, Mr. Pecksniff ausgenommen, herabgemildert zu haben. Sein Aussehen glich zwar so ziemlich seinem frühern, aber sein Geist war nicht mehr der alte. Nicht, daß diese oder jene Leidenschaft stärker oder schwächer geworden wäre, nein, das Kolorit des ganzen Mannes war sozusagen verblichen. Wenn ein Zug verschwand, trat kein anderer an seine Stelle. Zu gleicher Zeit nahmen auch seine Sinne ab; er hatte ein weniger scharfes Gesicht, war bisweilen schwerhörig, achtete nicht viel auf das, was um ihn herum vorging, und konnte oft tagelang stumm vor sich hinbrüten. Diese Veränderung nahm einen so schnellen Verlauf, daß man sie kaum bemerkte, als sie bereits vollkommen gediehen war. Mr. Pecksniff nahm sie zuerst wahr, und da ihm ein ähnlicher Vorgang bei Anthony Chuzzlewit noch frisch in Erinnerung war, glaubte er in dessen Bruder Martin denselben Prozeß rapiden Alterns zu erkennen.

Bei Mr. Pecksniffs Zartgefühl bedeutete dies für ihn einen sehr traurigen Anblick. Er sah voraus, daß sein geschätzter Verwandter das Opfer hinterlistiger Personen werden und sein Reichtum in unwürdige Hände fallen mußte. Und das berührte ihn so schmerzlich, daß er sich vornahm, die Erbschaft für sich selbst zu sichern, all das schleicherische Pack fernzuhalten und das Ei, wie man zu sagen pflegt, für sich selbst auszubrüten. Nach und nach begann er zu versuchen, ob Mr. Chuzzlewit ein fügsames Werkzeug in seiner Hand zu werden verspreche. Da dies der Fall zu sein schien – ja, da Martin sich sogar sehr geschmeidig und weich wie Wachs in seinen Händen erwies und sich nach Belieben kneten ließ, so machte er es sich in seiner Herzensgüte zur Aufgabe, jeden fremden, ihm feindlichen Einfluß zu unterbinden und alle leitenden Fäden selbst in die Hand zu bekommen. Und als schließlich jede kleine Probe, auf die er Mr. Chuzzlewit zu stellen wagte, über Erwarten günstig ausfiel, so glaubte er schon des alten Mannes harte Taler in seinen eignen, nichts weniger als weltlich gesinnten Taschen klimpern zu hören. Aber sooft er über dieses Thema nachdachte – und er tat es in seiner eifrigen Weise wirklich recht oft –, und wenn er sich mit himmelwärts jubelndem Herzen die Verkettung der Umstände vergegenwärtigte, die den alten Herrn zur Strafe für die Übeltäter und zum Triumph der Gerechtigkeit in seine Hand gegeben, stets fühlte er, daß Mary Graham einen hindernden Faktor in seiner ganzen Berechnung bilde. Mochte man sagen, was man wollte, Mr. Pecksniff erkannte ganz genau, daß Martin sie liebte. Er erriet es durch tausend kleine Anzeichen. Stets hatte sie der alte Herr gern um sich, und nie war er ruhig, wenn er sie abwesend wußte. Daß er wirklich das Gelübde getan habe, ihr in seinem Testamente nichts zu vermachen, daran zweifelte Mr. Pecksniff sehr, und selbst wenn er es getan hätte, so gab es ja tausenderlei Mittel, um das Gelübde zu umgehen und um sein Gewissen zu beruhigen. Auch wußte Pecksniff, daß Marys schutzlose Stellung in der Welt eine Qual für die Denkungsweise des alten Mannes bedeuten mußte. Martin hatte es ihm oft genug angedeutet. »Was nun«, sagte sich Mr. Pecksniff, »wenn ich sie heiratete? Wie wäre das?«

Er strich sich das Haar in die Höhe und warf einen Blick auf seine Büste von Spoker: »Was, wenn ich mich zuerst seiner Zustimmung versicherte – er ist ziemlich geistesschwach, der Ärmste – und sie dann heiratete?«

Mr. Pecksniff hatte ein großes Verständnis für Schönheit, besonders an Frauen, und verstand es, besonders bei Frauen, sich einzuschmeicheln. Wie bereits erwähnt, ließ er Mrs. Todgers gegenüber seinerzeit auch nicht den geringfügigsten Anlaß ungenutzt, sie zu umarmen – es war dies so eine Art Gewohnheit von ihm, ein Teil des sanften Edelmutes seines Charakters.

Ehe noch der Gedanke in ihm auftauchte, sich wieder zu verheiraten, hatte er Mary bereits manchen Beweis seiner höchsten Bewunderung gegeben. Sie hatte es nicht mit Unwillen aufgenommen; das war nun wohl weiter nicht von Bedeutung; – aber, wie diese Idee in ihm allmählich heranreifte, wurden diese Beweise zu lebhaft, um dem scharfsichtigen Auge Cherrys zu entgehen, die mit einem Mal den Plan durchschaute. In Wirklichkeit aber hatte Pecksniff von Anbeginn die Gewalt von Marys Reizen empfunden. So vereinigten sich also Neigung und Eigennutz und lenkten das Wägelchen seiner Pläne.

Mr. Pecksniff war viel zu weichherzig und versöhnlich, als daß man von ihm hätte erwarten können, er gebe vielleicht irgendeinem Gedanken Raum, sich an dem jungen Martin wegen der unverschämten Ausdrücke, die dieser sich beim Abschiede erlaubt, zu rächen und ihn womöglich noch gründlicher von aller Hoffnung auf eine Wiederversöhnung mit seinem Großvater auszuschließen. Vor einer Zurückweisung seiner eigenen Person von seiten Marys war ihm nicht bange, denn er fühlte sich vollkommen überzeugt, daß ihre Lage trostlos sein müsse, wenn sie ihn und Mr. Chuzzlewit gegen sich habe. Und was die Wünsche ihres eigenen Herzens betraf, so fanden diese kein Verständnis in Mr. Pecksniffs moralischer Anschauung. Er war sich bewußt, was für ein rechtschaffener Mann er war und welchen Segen er für jede Frau auf Erden bedeuten müsse. Seine Tochter hatte jetzt rücksichtslos das Thema zur Sprache gebracht und bewiesen, daß sie die Sachlage durchschaute. Es blieb ihm daher nichts weiter übrig, als lediglich seinen Plan so gewandt wie möglich und so schlau wie nur irgend denkbar zu verfolgen.

»Nun, mein wertgeschätzter Herr«, sagte er eines Tages zu dem alten Martin, als dieser im Garten umherschlenderte, wie er zu tun pflegte, wenn er Lust dazu hatte, »wie steht das werte Befinden an diesem köstlichen Morgen?«

»Meinen Sie mich?« fragte der alte Mann.

»Aha«, murmelte Mr. Pecksniff, »er hat heute wieder seinen tauben Tag. – Wen könnt ich denn sonst meinen, mein werter Herr?«

»Sie hätten auch Mary meinen können«, brummte der alte Mann.

»Allerdings. Sehr richtig. Ich dürfte doch gewiß auch von ihr wie von einer teuern, lieben Freundin sprechen, nicht wahr«, sondierte Mr. Pecksniff.

»Selbstverständlich«, entgegnete der alte Martin, »und ich denke, sie verdient es auch.«

»Sie denken?!« rief Mr. Pecksniff. »Sie denken bloß, Mr. Chuzzlewit?«

»Ich kann Sie nicht recht verstehen«, versetzte Martin. »Bitte, reden Sie doch lauter.«

»Er wird auch von Tag zu Tag tauber«, brummte Pecksniff. – – »Also, ich wollte sagen, mein werter Herr, ich fürchte, daß ich mich auf eine Trennung von Cherry gefaßt machen muß.«

»Was hat sie denn angestellt?« fragte Mr. Chuzzlewit.

»Oh, nichts. Gar nichts!« beteuerte Mr. Pecksniff, beinahe schreiend. – »Er ist heute ganz kindisch. – Er wird jeden Tag marastischer«, brummte er in sich hinein.

»Also warum soll sie dann fort?«

»Sie fühlt sich nicht recht wohl. Die beiden Schwestern liebten einander aufs zärtlichste von der Wiege an, und ich denke, ich will Cherry der Abwechslung wegen nach London schicken – und zwar für ziemlich lange Zeit, Sir, wenn ich sehe, daß es ihr dort gut gefällt.«

»Sehr gut«, versetzte Martin, »und sehr verständig.«

»Es freut mich von Herzen, das von Ihnen zu hören. – – Ich hoffe, ich darf Ihnen doch während der traurigen Zeit ihrer Abwesenheit ein wenig Gesellschaft leisten?« fragte Mr. Pecksniff.

»Ich habe durchaus nicht vor, mich derselben zu entziehen«, lautete Martins Antwort.

»Warum wollen Sie übrigens«, flötete Mr. Pecksniff, zog den Arm des alten Herrn durch den seinigen und ging langsam neben ihm her; »warum wollen Sie eigentlich, mein werter Herr, nicht zu mir ziehen und bei mir bleiben? Ich bin überzeugt, ich könnte Sie mit mehr Komfort umgeben, so bescheiden auch mein Dach sein mag – mit mehr Komfort, als sie in dem Dorfwirtshause drüben werden finden können. Und verzeihen Sie mir, Mr. Chuzzlewit, verleihen Sir mir, wenn ich sage, daß ein Haus wie der ›Drache‹ trotz der Ordnung, die dort waltet – und soviel ich weiß, gehört Mrs. Lupin zu den würdigsten Wirtinnen dieser Gegend –, kaum ein passendes Heim für Miss Graham bedeutet.«

Martin sann einen Augenblick nach, drückte dann seinem Begleiter die Hand und erwiderte:

»Ja, Sie haben ganz recht.«

»Schon der Anblick der Kegelbahn«, fuhr Mr. Pecksniff beredt fort, »steht durchaus nicht im Einklang mit einer so zarten und feinen Natur.«

»Freilich«, gab der alte Herr zu. »Es ist eine ordinäre Belustigung fürs Volk.«

»Für das allergemeinste Volk!« verbesserte Mr. Pecksniff. »Warum wollen Sie also Miss Graham nicht hierher bringen, Sir? Hier steht Ihnen doch mein Haus zur Verfügung. Ich bewohne es allein, denn Tom Pinch zähle ich nicht. Unsere liebe Freundin soll das Zimmer meiner Tochter bekommen, und Sie selbst können sich ein beliebiges anderes auswählen. Wir werden uns diesbezüglich schon einigen.«

»Ja, das glaube ich auch«, murmelte Martin.

Mr. Pecksniff drückte ihm die Hand. »Ich sehe, wir verstehen uns, mein werter Herr.« – Ich kann ihn um den kleinen Finger wickeln dachte er innerlich mit Jubel.

»Die Entschädigungssumme müssen Sie mir überlassen«, sagte der alte Mann nach einer Pause von ungefähr einer Minute.

»Reden Sie nicht von Entschädigung!« bat Mr. Pecksniff flehentlich.

»Ich frage Sie aber«, wiederholte Martin mit einem Anflug seiner alten Hartnäckigkeit, »ob Sie die Entschädigungssumme mir überlassen wollen oder nicht.«

»Wenn Sie es wünschen, muß ich es wohl, mein werter Herr«, gab Mr. Pecksniff betrübt zu.

»Ich bestehe darauf. Sie wissen, daß ich auf dergleichen immer bestehe. Ich will bezahlen, wenn ich irgendwo wohne; auch wenn es bei Ihnen ist. Außerdem behalte ich mir vor, eines Tages noch anderweitigen verwandtschaftlichen Pflichten nachzukommen, Pecksniff.«

Der würdige Architekt war viel zu ergriffen, um ein Wort sprechen zu können. Er versuchte eine Träne auf die Hand seines Gönners niederträufeln zu lassen, konnte aber in seiner ausgetrockneten Gefühlsretorte nicht genug Feuchtigkeit aufbringen.

»Möge dieser Tag noch ferne sein«, lautete sein frommer Ausruf. »Ach, wenn ich nur Worte finden könnte, um Ihnen zu sagen, welch tiefes Interesse ich an Ihnen und den Ihrigen nehme! – – Ich meine damit unsere schöne verwaiste junge Freundin.« »Sehr wahr«, erwiderte Martin. »Sehr wahr! Sie bedarf allerdings eines Menschen, der sich für sie interessiert. Ich habe unrecht getan, daß ich sie in dieser Weise an mich fesselte. Obgleich sie eine Waise ist, würde sie doch jemanden gefunden haben, der sie beschützt und dessen Gefühle sie erwidert hätte. Als sie noch ein Kind war, gefiel ich mir in dem Gedanken, ich erwiese ihr eine Wohltat, während ich doch nur meiner Laune nachging, als ich sie als Schranke zwischen mich und falschherzige Schurken setzte. Jetzt, wo sie ein Weib ist, habe ich diesen Trost nicht mehr. Sie hat keine andere Stütze als sich selbst. Ich habe sie in eine so schiefe Stellung zur Welt gebracht, daß jeder Hund sie anbellen oder vor ihr kriechen kann, je nachdem er Lust dazu hat. Ihre Lage verdient in der Tat die größte Berücksichtigung.«

»Und was, wenn ihre Stellung verändert und festgestellt würde?« deutete Mr. Pecksniff an.

»Wie könnte das sein? Soll ich sie vielleicht Näherin oder Gouvernante werden lassen?«

»Gott behüte!« rief Mr. Pecksniff. »Nein, mein werter Herr, es gibt noch andere Mittel. Es gibt wirklich noch andere. Ich fühle mich jetzt zu sehr aufgeregt und verstimmt und möchte das Thema nicht weiter verfolgen; ich weiß kaum, wie ich die Worte stellen soll. Erlauben Sie mir, die Sache ein andermal wieder zur Sprache zu bringen?«

»Sie sind doch nicht unwohl?« fragte Martin besorgt.

»Nein, nein!« versicherte Pecksniff. »Nein! Erlauben Sie mir nur, das Thema ein andermal wieder zur Sprache zu bringen. Ich möchte jetzt zu meiner Beruhigung ein wenig Spazierengehen. – Gott zum Gruß!«

Der alte Herr erwiderte den frommen Wunsch und drückte dem würdigen Vetter die Hand. Als er sich umwandte und langsam dem Hause zuschritt, blieb Mr. Pecksniff stehen und blickte ihm nach. Er hatte sich merkwürdig rasch von seiner soeben an den Tag gelegten Aufregung erholt, die man bei jedem andern als ihm für einen bloßen Kunstgriff hätte halten können, um dem alten Martin in gewisser Hinsicht auf den Puls zu fühlen. Der Wechsel, der in dem alten Herrn vorgegangen, sprach sich jetzt so augenfällig in dessen äußerer Erscheinung aus, daß Pecksniff, als er ihm nachblickte, nicht umhin konnte, vor sich hinzumurmeln:

»Ich kann ihn wahrhaftig bereits um den kleinen Finger wickeln. Wer hätte das gedacht!«

Der alte Martin sah sich in diesem Augenblick wieder um und grüßte freundlich. Pecksniff winkte zurück.

»Und wie lange ist es her«, murmelte Mr. Pecksniff, »daß er mich nicht einmal ansehen wollte! Wie wohltuend diese Veränderung wirkt! Knetbar wie Wachs ist das menschliche Herz und verwickelt der Prozeß seiner Läuterung. Äußerlich ist der Mensch ganz der alte, und doch kann ich ihn um den kleinen Finger wickeln! Wer hätte das gedacht!«

Und in der Tat schien es wirklich nichts mehr zu geben, was Mr. Pecksniff mit dem alten Herrn nicht hätte anfangen können. Mochte er tun oder sagen, was er wollte, alles war recht, und was er anriet, geschah. Martin war nur den Schlichen so vieler dürftiger Glücksjäger entronnen und in der Höhle seines Argwohns und Mißtrauens so viele Jahre dahingewelkt, um das Werkzeug und Spielzeug dieses rechtschaffenen Mannes zu werden. Mit dem Ausdruck glückseliger Überzeugung auf dem strahlenden Antlitz setzte der würdige Architekt seinen Morgenspaziergang fort.

Das Sommerwetter in seiner Brust spiegelte sich auch in der Natur ab. Durch tiefgrüne Fernsichten, wo sich die Zweige zu Laubengängen verschlangen und sich das Sonnenlicht in schimmernde Strahlenbündel verwandelte, durch betautes Farnkraut, wo die Hasen erschreckt bei der Annäherung von menschlichen Schritten aufsprangen und flohen, an umgrünten, stillen Lachen vorbei, über umgestürzte Baumstämme und tief hinab in träumerische Schluchten durch raschelndes altes Laub, dessen bloßer Duft Erinnerung bedeutete, schlenderte Mr. Pecksniff friedlich dahin. Durch Wiesen, Pförtchen und Hecken, von wilden Rosen duftend, an Hütten mit Strohdächern vorüber, deren Bewohner sich demütig vor ihm neigten wie vor einem Mann, der zugleich gut und weise ist, wandelte der würdige Architekt in stiller Betrachtung einher. Bienen flogen dahin, summend bei ihrer Arbeit, die müßigen Mücken drehten sich bald in engern, bald in weitern Kreisen oder tanzten lustig in der Luft vor ihm her. Die Farbe des hohen Grases kam und ging, von den Wolken beschattet oder dem Lichte erhellt, je nachdem der Himmel sein Antlitz wechselte. Die Vögel sangen fröhlich auf den Zweigen, und Mr. Pecksniff huldigte der Schönheit des Tages dadurch, daß er im Gehen seinen Plänen nachhing.

In seiner Gedankenfülle strauchelte er zufällig über die im Wege liegenden Wurzeln eines alten Baumes. Er erhob seine frommen Augen, um den Boden vor sich zu mustern, und stutzte ein wenig, als er das verkörperte Abbild seiner Grübeleien nicht weit vor sich erblickte. Mary selbst. Und allein!

Einen Augenblick blieb er stehen, unwillkürlich, wie um umzukehren; sein nächster Impuls jedoch war, näherzutreten, und er tat das auch mit raschem Schritt. Dabei trällerte er so süß und mit soviel Unschuld vor sich hin, daß ihm nur die Federn und Schwingen fehlten, um ein Vögelein zu sein.

Als Mary die holden Töne hinter sich hörte, die nicht den Sängern des Waldes angehörten, blickte sie sich um. Mr. Pecksniff küßte seine Fingerspitzen und war im Nu an ihrer Seite.

»Am Busen der Natur?« säuselte er mild. »Auch mir geht es so.« – Mary erwiderte, der Morgen sei so schön, daß sie sich habe weiter in den Park verlocken lassen, als ihre ursprüngliche Absicht gewesen. Sie wolle übrigens jetzt umkehren. Mr. Pecksniff flötete, daß das gleiche bei ihm zutreffe und er sie deshalb begleiten wolle.

»Nehmen Sie meinen Arm, süßes Mädchen«, sagte er.

Mary lehnte ab und schlug einen so raschen Schritt ein, daß er sich genötigt sah, es ihr sanft zu verweisen.

»Sie hatten doch gar keine Eile, als ich auf Sie zukam! Warum sind Sie denn jetzt so grausam und eilen so? Sie fürchten sich doch nicht vor mir?«

»Allerdings will ich Ihnen ausweichen«, antwortete Mary und wandte ihm ihr zornglühendes Antlitz zu. »Sie wissen ganz gut, daß ich Ihnen ausweiche. Lassen Sie mich los, Mr. Pecksniff, Ihre Berührung ist mir unangenehm!«

Seine Berührung! Unangenehm! Was? Diese keusche, patriarchalische Berührung, die Mrs. Todgers – gewiß eine zartfühlende Dame – nicht nur ohne Widerrede, sondern bestimmt mit offenkundigem Vergnügen geduldet hätte! Es mußte hier ein Irrtum obwalten. Mr. Pecksniff bedauerte tief, solche Worte hören zu müssen.

»Wenn Sie noch nicht bemerkt haben, daß es so ist, so bitte ich Sie, diese Versicherung jetzt von meinen Lippen entgegenzunehmen. Wenn Sie ein Gentleman sind, fahren Sie nicht fort, mich weiter zu belästigen«, rief Mary.

»Ich verstehe«, sagte Mr. Pecksniff milde. »Ich würde ein solches Benehmen an einer meiner Töchter nur löblich finden, warum sollte ich es an einem so schönen Wesen tadeln? Freilich, es ist hart, es schneidet mir in die Seele, aber ich kann Ihnen trotzdem nicht böse sein, Mary.«

Miss Graham wollte sagen, daß es ihr leid tue, ihn vielleicht verletzt zu haben, brach aber in Tränen aus. Abermals näherte sich ihr Mr. Pecksniff, ergriff ihre Hand, küßte ihr sie und fuhr folgendermaßen fort:

»Es freut mich, daß wir uns begegnet sind; es freut mich von Herzen. Bin ich doch imstande, jetzt mein Herz von einer schweren Last zu erleichtern und im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen. Mary«, fügte er mit seinen zartesten Tönen hinzu – so zart, daß er beinahe quiekste, »Mary, mein Leben, ich liebe dich!«

Eine ärgerliche Sache, diese jungfräuliche Ziererei! Mary tat jetzt gar, als ob sie schauderte!

»Ich liebe Sie«, wiederholte Mr. Pecksniff, »mein süßes Leben. Mit einer Innigkeit, die sogar mir völlig überraschend kommt. Ich glaubte, daß dieses Gefühl mit einer Frau zu Grabe getragen worden sei, die an Vorzügen des Körpers und des Geistes Ihnen glich. Aber ich finde, daß ich im Irrtum war.«

Mary suchte ihre Hand loszumachen, sie hätte sich aber ebensowenig den Umarmungen einer zärtlichen Boa Constrictor entziehen können, wenn man etwas so Greuliches mit dem trefflichen Architekten vergleichen darf.

»Obgleich ich Witwer bin«, fuhr Mr. Pecksniff, die Ringe an Marys Fingern betrachtend und mit seinem fetten Daumen einer zarten blauen Ader folgend, fort, »Witwer mit zwei Töchtern, so bin ich dennoch frei. Eine davon ist, wie Sie wissen, verheiratet, und die andere steht im Begriffe – ich gestehe es – warum sollte ich auch nicht –, in der Voraussicht, daß sich meine Lage verändern wird, das Vaterhaus zu verlassen. Ich bin ein Mann von Charakter, hoffe ich, und wie ich höre, sprechen die Leute gut von mir; auch glaube ich annehmen zu dürfen, daß meine Persönlichkeit und meine Manieren nichts von einem Ungeheuer an sich haben. Ach, du schlimme Hand«, fügte er zärtlich hinzu, die widerstrebende Beute anredend, »warum hast du mich in Fesseln geschlagen? Warte du!«

Und er klopfte die Hand, um sie zu strafen, drückte sie aber dann voll Versöhnlichkeit an seine Weste, um sie wieder zu trösten.

»Gesegnet mit den nötigsten irdischen Gütern und in der Gesellschaft unseres verehrungswürdigen Freundes, meine Teuerste«, fuhr er fort, »werden wir glücklich sein; und wenn ›er‹ dereinst eingeht in den Hafen der ewigen Ruhe, werden wir uns zu trösten wissen, mein schönes Himmelsschlüsselchen; was meinen Sie dazu?«

»Vielleicht«, erwiderte Mary hastig, »sollte ich Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens dankbar sein, aber ich kann nicht sagen, daß ich es wirklich wäre. Ich will annehmen, daß Sie meinen Dank wenigstens verdienen. So nehmen Sie ihn denn und verlassen Sie mich jetzt gefälligst, Mr. Pecksniff.«

Mit einem salbungsvollen Lächeln zog der Vortreffliche ihre Hand wieder an seine Brust.

»Bitte, bitte, lassen Sie mich los, Mr. Pecksniff«, rief das junge Mädchen, »ich kann Sie nicht weiter anhören und Ihren Antrag nicht annehmen. Es gibt gewiß viele junge Damen, denen er sicher erwünscht wäre, aber bei mir ist das durchaus nicht der Fall. Ich muß daher von Ihnen als einen Akt der Freundlichkeit und des Anstandes verlangen, daß Sie mich endlich loslassen.«

Mr. Pecksniff ging ruhig weiter neben ihr her, den Arm um ihre Taille gelegt, so zufrieden, als wenn alles in bester Ordnung und sie in wahrhafter Liebe miteinander verbunden wären.

»Wenn Sie mich durch Ihre überlegene Kraft zwingen wollen«, sagte Mary, als sie sah, daß gute Worte nicht die geringste Wirkung auf Pecksniff ausübten, jetzt mit offenem Unwillen, »wenn Sie mich als der Stärkere zwingen, Sie zu begleiten und unterwegs Ihren Unverschämtheiten als Zielscheibe zu dienen, so soll es Ihnen wenigstens nicht möglich sein zu verhindern, daß ich Ihnen offen heraus meine Meinung sage. Ich empfinde den tiefsten Abscheu vor Ihnen, denn ich kenne Ihren wahren Charakter und verachte Sie aus dem tiefsten Grund meines Herzens.«

»Nicht doch«, wehrte Mr. Pecksniff süß ab, »nein, nein, nein!«

»Welchen Kunstgriffen oder unglücklichen Zufällen Sie Ihren Einfluß über Mr. Chuzzlewit verdanken, weiß ich nicht«, fuhr Mary fort, »er mag vielleicht stark genug sein, sogar den Eindruck dieses Vorganges auszutilgen, wenn ich die ganze Sache Mr. Chuzzlewit erzählen sollte, aber verlassen Sie sich darauf, ich werde meinen väterlichen Freund trotzdem von allem, was vorgefallen ist, unterrichten.«

Mr. Pecksniff hob langsam und schmachtend seine schweren Augenlider und senkte sie dann wieder. Es war soviel, als sage er mit vollkommenster Seelenruhe: ja, ja, in der Tat!

»Ist es nicht genug«, fuhr Mary fort, »daß Sie sein Wesen verkehren und an seinem Charakter rütteln, daß Sie alle seine Vorurteile Ihren eigenen schlimmen Zwecken anpassen und ein von Natur aus wohlwollendes Herz verhärten, indem Sie die Wahrheit davon fernhalten und nur lügenhaften und berechnenden Ansichten Zutritt gestatten? Ist es nicht genug, daß Sie Ihre Macht zu solchen Dingen mißbrauchen, müssen Sie auch noch roh, grausam und niederträchtig gegen mich handeln?«

Noch immer führte Mr. Pecksniff sie ruhig weiter und blickte so milde drein wie ein Lamm auf der Weide.

»Ist denn nichts imstande, Sie zu rühren, Sir!?« rief Mary.

»Meine Teuerste«, begann Mr. Pecksniff mit einem ruhigen Lächeln, »die Gewohnheit der Selbstprüfung und die Übung der – soll ich Tugend sagen?«

»Der Heuchelei«, verbesserte Mary.

»Nein, nein«, rief Mr. Pecksniff und drückte und liebkoste die gefangene Hand vorwurfsvoll, »der Tugend – der Tugend – haben mich befähigt, so auf der Hut zu sein gegen mich selbst, daß es wirklich schwerhält, mich aus der Fassung zu bringen. Es ist vielleicht eine wunderliche Tatsache, aber seien Sie überzeugt, daß es jedermann schwer finden wird, mich zu reizen. Und konnte sie glauben«, fügte Mr. Pecksniff, die Hand fester anfassend, neckisch hinzu, »daß sie dazu imstande sein werde?! Wie wenig kennt sie mein Herz.«

Das war allerdings richtig! Marys Gefühl war so seltsam beschaffen, daß sie die Liebkosungen einer Kröte oder Natter, vielleicht sogar die Umarmung eines Bären Mr. Pecksniffs Zärtlichkeit vorgezogen haben würde.

»Nun, nun, nun«, fuhr der Treffliche fort, »ein paar Worte werden alles wieder ins Gleichgewicht bringen und das beste Einverständnis zwischen uns herstellen. Nein, ich bin Ihnen nicht böse, meine Liebe.«

»Sie nicht böse!«

»Nein«, versicherte Mr. Pecksniff, »ich bin es nicht, Sie dürfen mir’s aufs Wort glauben. Und auch Sie sind es mir nicht.«

An seinem Arme aber pochte ein Herz, das ein anderes Lied sang. – »Ich bin überzeugt, Sie sind es nicht«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »und ich will Ihnen den Grund sagen, warum. Es gibt zwei Martin Chuzzlewits, meine Liebe, und wenn Sie aus Übereilung und Zorn dem einen etwas sagen, so kann man nicht wissen, was für ernste Folgen das für den andern haben könnte. Sie wünschen doch dem jüngeren von beiden nicht zu schaden, wie?«

Mary zitterte heftig und blickte Mr. Pecksniff mit so stolzer Verachtung an, daß er seine Augen abwandte – ohne Zweifel bloß, um nicht gegen die Überzeugung seines bessern Selbsts sich von ihr beleidigt zu fühlen.

»Ein schlecht begrabener Zwist, mein Herzchen, kann sich leicht in lodernden Haß verwandeln, bedenken Sie das«, fuhr der Treffliche langsam fort. »Es wäre gewiß höchst bedauerlich, einem beinahe enterbten jungen Mann in seinen auf sehr schwachen Füßen stehenden Aussichten noch mehr zu schaden, aber wie leicht ist das getan. Ach, wie leicht! Sie glauben, ich hätte wirklich Einfluß auf unsern verehrungswürdigen Freund? Nun, vielleicht ist es so – vielleicht ist es so.« Dabei erhob er seinen Blick zu dem ihrigen und nickte ihr mit einer wahrhaft bezaubernd neckischen Miene zu.

»Nein«, schloß er gedankenvoll, »an Ihrer Stelle, mein süßes Herzchen, würde ich um alles in der Welt mein Geheimnis für mich behalten. Ich bin durchaus nicht überzeugt – bin im Gegenteil weit davon entfernt –, ob es überhaupt unsern Freund überraschen würde. Er und ich haben erst diesen Morgen ein Gespräch miteinander gehabt, und er verlangt sehnlichst, höchst sehnlich danach, Sie entsprechend versorgt zu wissen. Wie dem übrigens auch sein mag, die Folgen Ihrer Mitteilung würden stets dieselben bleiben und Martin junior könnte dadurch ernstlich zu Schaden kommen. Sie wissen, ich bemitleide Martin junior«, säuselte Pecksniff mit überzeugendem Lächeln. »Obgleich er es nicht verdient, so empfinde ich dennoch Mitleid mit ihm.«

Mary weinte jetzt so bitterlich und war so betrübt, daß der Treffliche es für geraten hielt, sie von seiner Umarmung zu befreien und bloß an der Hand zu halten.

»Was unsern eigenen Anteil an diesem kostbaren Geheimnisse betrifft, so wollen wir’s für uns behalten, nur unter uns besprechen, und Sie werden sich die Sache überlegen. Ich weiß, mein Herz, Sie werden mir recht geben; ich weiß es bestimmt. Denken Sie jetzt, wie Sie wollen, darüber, aber Sie werden es tun. Ich glaube mich zu erinnern – ich weiß in der Tat nicht mehr, wo oder wie ich es gehört habe«, setzte Pecksniff mit bezaubernder Offenherzigkeit hinzu, »daß Sie und Martin junior in kindlichem Alter eine Art von zärtlicher Zuneigung zueinander empfanden. Wenn wir einmal verheiratet sind, werden Sie mit Vergnügen daran zurückdenken, daß diese Liebe zu Martins Bestem nicht weitergedauert hat, sondern zu seinem Heil und zu seinem Vorteil im Sande verlief. Und dann wollen wir sehen, was wir tun können, um Martin junior mit einer Kleinigkeit im Leben weiterzuhelfen. Habe ich also wirklich einigen Einfluß bei unserm verehrungswürdigen Freund? – Nun, vielleicht ist es so, wer weiß.«

Das Gehölz, in dem dieses zärtliche Gespräch geführt wurde, stieß dicht an Mr. Pecksniffs Haus. Sie waren jetzt so nahe davor, daß er stehenblieb, Marys kleinen Finger nahm und in scherzhaftem Tone wie zum Abschied sagte:

»Soll ich hineinbeißen?«

Da er keine Antwort erhielt, küßte er den Finger, beugte sich nieder, neigte sein aufgedunsenes, welkes Gesicht zu Mary herab und entließ sie gnädigst mit einem Segenswunsch, der aus einem solchen Munde vollständig hinreichen mußte, sie von Stund an für ihr ganzes übriges Leben glücklich zu machen.

Galanterie im wahren Sinne des Wortes soll einen Mann erheben und veredeln, und wirklich hat die Liebe schon so manchen Cimon verschönt, aber an Mr. Pecksniff schien sie, vielleicht weil sie für ein so erhabenes Wesen eine gar zu irdische Erscheinung war, keine ungewöhnliche Veränderung hervorzubringen. Im Gegenteil, er schien sich in sich selbst verkriechen zu wollen und unglücklich darüber zu sein, daß es ihm nicht recht gelingen wollte, sich schön zu fühlen. Seine Schuhe schienen ihm zu groß, seine Ärmel zu lang, seine Haare zu schütter, sein Hut zu klein, seine Züge zu ordinär. Sein bloßer Hals kam ihm vor, als würde ihm ein Strick ausgezeichnet stehen. Einige Minuten lang wurde ihm abwechselnd heiß und kalt; – er fühlte sich beklommen, blamiert, kurz, alles, nur nicht pecksniffisch. Aber bald faßte er sich wieder und lenkte mit so wohlwollender Miene seine Schritte dem Hause zu, als sei er der Hohepriester der Sommermorgenfeier gewesen.

Mit den Worten: »Ich habe bereits alles für meine morgige Abreise vorbereitet«, empfing ihn Charitas.

»So bald gedenkst du mich zu verlassen, mein Kind?«

»Unter den bewußten Umständen kann ich nicht bald genug fortkommen«, versetzte Charitas. »Ich habe an Mrs. Todgers geschrieben, mir die näheren Bedingungen eines Unterkommens für mich anzugeben, und habe sie gebeten, mich jedenfalls an der Postkutsche zu erwarten, wenn ich ankomme. – Sie werden jetzt ganz Ihr eigener Herr sein, Mr. Pinch.«

– Mr. Pecksniff hatte einen Augenblick das Zimmer verlassen, und Tom war eingetreten. –

»Mein eigener Herr?« wiederholte Tom.

»Ja. Es wird niemand mehr in Ihre Verhältnisse eingreifen, wenigstens hoffe ich das. Hem! Was für eine wandelbare Welt unser Erdenleben doch ist!«

»Wie? Wollen – wollen Sie sich auch verheiraten, Miss Pecksniff?« fragte Tom höchlichst überrascht.

»Das nicht gerade«, stotterte Cherry. »Ich bin noch zu keinem Entschluß gekommen, – obschon ich glaube, daß ich’s könnte, wenn ich wollte, Mr. Pinch.« »Natürlich können Sie es«, versicherte Tom und sagte damit die volle Wahrheit, denn er glaubte tief innerlich fest daran.

»Nein«, sagte Cherry, »mir ist’s nicht ums Heiraten zu tun, denn es hat mir bisher noch keiner gefallen. – Hm! – Aber ich will nicht mehr länger bei Papa bleiben. Ich habe gewisse Gründe dazu, die jedoch vorderhand noch ein Geheimnis bleiben müssen. Ich versichere Ihnen, daß ich Ihrer stets in Freundschaft gedenken werde, schon um des Mutes willen, den Sie in jener Nacht bewiesen haben. Was also Sie und mich betrifft, so scheiden wir als die besten Freunde.«

Tom dankte ihr für ihre Freundschaft und ihr Vertrauen, obwohl sie so geheimnisvoll tat, daß es ihn förmlich verwirrte. In seiner unbegrenzten Zuneigung zu der Familie hatte er schon Gratias Verlust lebhafter empfunden, als irgendein Mensch begreifen konnte, der nicht wußte, daß Pinch die Ursachen aller erlittenen Kränkungen nur seinem eigenen Mangel an Verdiensten zuschrieb. Er hatte sich kaum in den Abgang der jüngeren Schwester hineinfinden können, und nun sollte er auch noch erleben, daß er Charitas verlor! Sie war sozusagen unter seinen Augen aufgewachsen. Beide Schwestern bildeten einen Teil von Mr. Pecksniff und einen Teil von ihm – waren die Mittelpunkte von Mr. Pecksniffs Liebe und seinen eigenen Dienstleistungen. Nein, das war zu viel! – Vor lauter Brüten über diese schrecklichen Veränderungen konnte Tom in der nächsten ganzen Nacht kaum zwei Stunden schlafen. Als der Morgen graute, meinte er, er müsse von Unmöglichkeiten geträumt haben; aber nein, als er die Treppe hinunterging, sah er mit eigenen wachen Augen, daß die Koffer gepackt, die Hutschachteln zusammengeschnürt und andere Vorbereitungen, die den ganzen Tag in Anspruch nahmen, für Miss Charitas‘ Abreise getroffen wurden.

Als die Zeit des Abschieds gekommen war, legte Miss Charitas die Haushaltsschlüssel mit großer Würde auf den Tisch, sagte dem ganzen Hause Lebewohl und verließ ihr väterliches Heim – zur heimlichen Wonne des Dienstmädchens, das, wie gewisse Lästerzungen später behaupteten, am nächsten Sonntagsgottesdienst deswegen ein besonders inniges Dankgebet zum Himmel schickte.

31. Kapitel


31. Kapitel

Mr. Pinch wird einer Pflicht enthoben, die er im Grunde genommen niemals hatte, und Mr. Pecksniff erfüllt eine Pflicht, die er der gesamten Menschheit schuldig zu sein glaubt

Die Schlußworte des vorigen Kapitels leiten sehr passend den Anfang des gegenwärtigen ein, denn dieses hat ebenfalls mit einer Kirche zu tun, und zwar mit einer Kirche, die wir schon oft erwähnt haben und in der Tom Pinch gratis die Orgel zu spielen pflegte.

Eine Woche nach Miss Charitas‘ Abreise nach London machte Mr. Pecksniff an einem schwülen Nachmittag einen einsamen Spaziergang, und dabei fiel es ihm ein, auch einmal den Kirchhof zu besuchen. Wie er so zwischen den Grabsteinen umherschlenderte und die eine oder andere brauchbare Sentenz auf den Grabinschriften seinem Gedächtnis einzuprägen bemüht war – versäumte er doch nie eine Gelegenheit, sich mit moralischen Raketen zu versehen, die er bei passender Gelegenheit loslassen konnte –, begann Tom gerade mit seinem Orgelspiel.

Tom benützte fast jeden freien Augenblick dazu, und da es ein einfaches kleines Instrument war, das man allein mit den Füßen bedienen konnte, so waren keine Blasbalgtreter nötig, obgleich sämtliche Knaben oder Männer des Dorfes ihm gewiß mit Freuden ihre Dienste angeboten haben würden und ihm geholfen hätten, bis sie vor Anstrengung umgefallen wären.

Mr. Pecksniff hatte im allgemeinen gegen Musik nichts einzuwenden – nicht das mindeste – das betonte er stets –, hielt aber die Tonkunst im großen und ganzen für eine Art Spielerei, die gerade gut genug wäre für Toms geistige Fähigkeiten. Mit Bezug auf das Orgelspiel seines Faktotums war er ganz besonders nachsichtig, denn wenn Tom an Sonntagen spielte, hatte er so die Empfindung, er selbst werde dadurch zum Wohltäter an der ganzen Gemeinde. Sooft es daher unmöglich war, Tom anderweitig auszunutzen, erlaubte er ihm gern, sich auf diesem Instrumente zu üben – ein Beweis von Rücksicht, den Mr. Pinch stets dankbar anerkannte. Der Nachmittag war sehr schwül, und Mr. Pecksniff hatte einen weiten Spaziergang hinter sich. Er erfreute sich, wie gesagt, keines besonders musikalischen Gehörs, wußte es aber zu würdigen, wenn eine Melodie einen beruhigenden Einfluß auf seine Seele übte. Und das war eben jetzt der Fall. Tönte sie ihm doch zu wie ein harmonisches Schnarchen. Er näherte sich der Kirche, blickte durch die Fensterscheiben neben dem Eingang und erblickte Tom, wie er hinter den zurückgeschlagenen Vorhängen der Emporkirche ausdrucksvoll und mit tiefer Innigkeit spielte.

Die Kirche hatte etwas Einladendes in ihrer Kühle; die alte eichene Decke, von Querbalken getragen, die altersgrauen Mauern, die marmornen Täfelungen und der geborstene steinerne Fußboden boten einen erfrischenden Anblick. Efeublätter schlugen sanft an die Fenster gegenüber, und das Sonnenlicht fiel schräg herein, und der Hintergrund des Kirchenschiffs lag in verlockendem Schatten.

Aber das verführerischste Plätzchen von allen war ein mit roten Vorhängen und weichen Kissen versehener Kirchenstuhl, in dem die Würdenträger des Ortes, deren Oberhaupt Mr. Pecksniff war, sich sonntags einschlossen. Mr. Pecksniffs Sitz befand sich in der Ecke – in einer sehr behaglichen Ecke, wo sich in diesem Augenblick sein umfangreiches Gebetbuch auf dem Pulte breitmachte. So beschloß Pecksniff denn hineinzugehen und ein wenig auszuruhen.

Leise trat er ein, teils, weil es eine Kirche war, teils, weil er immer einen sehr leisen Schritt hatte, teils, weil Tom eine feierliche Melodie spielte, teils, weil er nicht bemerkt werden wollte. Er klinkte die Türe des hohen Kirchstuhls auf, schlüpfte hinein und machte sie wieder hinter sich zu. Dann setzte er sich auf seinen gewohnten Platz, streckte sich bequem aus und schickte sich an, der Musik zu lauschen.

Es ist ein unerklärlicher Umstand, daß er sich schläfrig fühlen konnte, wo doch die Macht der Ideenverbindung hätte hinreichen müssen, ihn wach zu erhalten, aber dennoch war es der Fall. Er hatte noch keine fünf Minuten in seinem verborgenen Winkelchen gesessen, als er einzunicken begann. Sooft er träge seine Augen öffnete, so oft nickte er abermals wieder ein. Die Lider fielen ihm zu, und er nickte aufs neue und verfiel auf diese Art in eine Art Halbbewußtsein, bis auch dieses verschwamm und er so unbeweglich schlummerte wie die Kirchenwände selbst.

Lange noch nachdem er eingeschlafen, hörte er die Orgel, wenn er sich auch nicht klarmachen konnte, daß es eine Orgel war – so wenig wie es ein Ochse imstande gewesen wäre. Nach einer Weile fing er an, in Zwischenräumen traumhafte Stimmen zu hören. Eine Art träge Neugierde weckte ihn. Er schlug die Augen auf. Schlaftrunken blickte er auf die Vorhänge und in seinem Stuhl umher, und eben war er wieder auf bestem Wege einzunicken, als es ihm schien, als ob doch wirkliche Stimmen in der Kirche zu vernehmen wären – gedämpfte Stimmen, die in seiner Nähe angelegentlich miteinander sprachen und in murmelndem Echo von den Wänden widerhallten. Er setzte sich auf und horchte. Ehe er noch ein Dutzend Sekunden gelauscht hatte, war er so vollkommen wach wie nur je in seinem Leben. Augen, Ohren und Mund weit offen, beugte er sich mit äußerster Vorsicht ein wenig vor, lüftete den Vorhang und blickte hinaus.

Tom Pinch und Mary waren es.

Natürlich.

Er hatte ihre Stimme erkannt und wußte bereits, was sie sprachen. Wie der Schädel eines Guillotinierten guckte sein Kopf hervor, mit dem Kinn gerade über dem Rande des Kirchenstuhles, so daß er sogleich wieder untertauchen konnte, falls einer der Sprechenden sich umdrehte. In dieser Stellung horchte Mr. Pecksniff. Und er horchte mit solcher Anstrengung, daß selbst sein Haar und sein Hemdkragen sich aufzurichten schienen, als wollten sie ebenfalls mithorchen.

»Nein«, hörte er Tom sagen, »außer dem einzigen aus New York ist kein Brief weiter an mich gelangt. Aber seien Sie deshalb nicht beunruhigt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß sie weiter ins Land hineingezogen sind, wo die Briefpost noch nicht so regelmäßig funktioniert. Er bemerkte es gleich in dem Schreiben, daß es in der Stadt, in die sie zu gehen gedächten, wohl so sein werde. In Eden, Sie wissen.«

»Es ist eine schwere Sorge für mich«, klagte Mary. »Sie dürfen es nicht als solche empfinden«, tröstete Tom; »sagt doch das Sprichwort, daß nichts so schnell wandert wie schlimme Neuigkeiten, und wenn Martin nur das Geringste zugestoßen wäre, so würden Sie zuverlässig längst davon erfahren haben. Ich habe oft gewünscht, Ihnen dies sagen zu können«, fuhr er einigermaßen verlegen fort, »aber Sie haben mir niemals Gelegenheit dazu gegeben.«

»Ich habe immer gefürchtet«, sagte Mary, »Sie könnten glauben, ich scheute mich, Ihnen mein Vertrauen zu schenken, Mr. Pinch.«

»N-nein«, stammelte Tom, »ich kann Ihnen versichern, daß ich niemals etwas Derartiges geglaubt habe; – ich – ich – hätte den Gedanken sogleich unterdrückt. Als eine Ungerechtigkeit gegen Sie. Ich fühle, wie delikat es für Sie sein muß, sich gerade mir anzuvertrauen«, setzte er rasch hinzu, »aber seien Sie überzeugt, ich würde mein Leben dransetzen, Ihnen nur einen Tag Unruhe zu ersparen, weiß Gott. Ich fürchtete, manchmal Ihr Mißfallen zu erregen, – weil – weil ich die Kühnheit hatte, zuweilen Ihre Gedanken erraten zu wollen. Dann wieder bildete ich mir ein, daß Ihr gutes Herz Sie veranlasse, sich von mir fernzuhalten.«

»Wirklich?«

»Es war sehr töricht, sehr anmaßend und lächerlich, etwas Derartiges zu glauben«, fuhr Tom fort, »aber ich fürchtete, Sie könnten es für möglich halten, daß ich – daß ich – Sie zu viel bewundern und darüber – – meinen eigenen Seelenfrieden verlieren könnte und – daß Sie deshalb auf die geringe Hilfe verzichteten, die Sie sonst von mir angenommen hätten. – – Wenn Ihnen je ein solcher Gedanke kam«, stotterte er, »bitte, so lassen Sie ihn jetzt fallen. Ich brauche nur wenig zu meinem Glück und werde hier zufrieden leben, wenn Sie und Martin mich längst vergessen haben. Ich bin ein armes, schüchternes und unbeholfenes Geschöpf und kein Mann von Welt; und Gott behüte, daß Sie je mehr an mich dächten als an einen alten Mönch.«

»Lieber Mr. Pinch«, Mary reichte Tom die Hand, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr mich Ihre Güte rührt. Ich habe Ihnen nie durch den geringsten innern Zweifel unrecht getan, – nie aufgehört zu fühlen, daß Sie uns alles das – ja mehr als alles – waren, was Martin mir von Ihnen sagte. Ohne Ihre stumme und zartsinnige Freundschaft hätte ich mich hier sehr unglücklich gefühlt, aber Sie sind mir ein guter Engel gewesen, der mir Dankbarkeit, Hoffnung und Mut eingeflößt hat«

»Ich fürchte, ich gleiche so wenig einem Engel«, entgegnete Tom kopfschüttelnd, »wie einem von den steinernen Cherubim auf den Gräbern hier. Ich glaube nicht, daß es viele wirkliche Engel dieser Art gibt. Aber ich möchte wissen (wenn Sie es mir sagen wollen), warum Sie so ganz und gar über Martin geschwiegen haben.«

»Weil ich fürchtete, Ihnen wehe zu tun.«

»Mir wehe zu tun!« rief Tom.

»Ich meine, Ihnen zu schaden bei Ihrem Herrn.«

– Der Ehrenmann, von dem die Rede war, duckte sich unter den Kirchenstuhl. –

»Bei Pecksniff?« rief Tom, freudig erregt. »O du mein Himmel! Der denkt nicht an so etwas! Er ist der beste aller Sterblichen. Er würde nur um so glücklicher sein, je wohler Sie sich fühlen. Nein, nein, vor Pecksniff brauchen Sie sich nicht zu fürchten, der ist wahrhaftig kein Spion.«

So mancher an Mr. Pecksniffs Stelle würde, wenn es möglich gewesen wäre, augenblicklich durch den Boden des Prunkstuhls getaucht sein, um in Kalkutta oder irgendeiner unbewohnten Gegend bei den Antipoden wieder zum Vorschein zu kommen. Mr. Pecksniff kauerte sich nur zusammen, horchte noch gespannter als früher und lächelte bloß.

Mary schien inzwischen widersprochen zu haben, denn Tom fuhr fort und beteuerte mit ehrlichem Eifer:

»Ich weiß wirklich nicht, wie es kommt, aber sooft ich mich in dieser Weise auslasse, muß ich finden, daß niemand Mr. Pecksniff Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Es ist dies eine der außerordentlichsten Merkwürdigkeiten, die ich mir nur denken kann, aber dennoch ist es der Fall. Da haben wir zum Beispiel Mr. John Westlock, der als Zögling hier weilte. In allen andern Sachen ist er sonst der beste Mensch von der Welt, aber ich glaube wirklich, er würde Pecksniff am liebsten durchgepeitscht haben, wenn er hätte können. Und John ist nicht der einzige. Jeder Zögling, der noch hier gewesen ist, ist mit demselben eingefleischten Haß gegen Pecksniff wieder fortgegangen. Da war zum Beispiel Mark Tapley. Wenn er auch eine ganz andere Lebensstellung bekleidete«, fuhr Tom fort, »so ist es doch ganz entsetzlich, wie auch er, als er noch im ›Drachen‹ angestellt war, sich über Pecksniff ausließ. Und dann Martin! – Martin war der Schlimmste von allen. Aber ich vergesse ja ganz: natürlich war er es, der Sie darauf brachte, Mißtrauen gegen Mr. Pecksniff zu hegen; Sie kamen offenbar deshalb mit Vorurteilen hierher. Sie werden einsehen, Miss Graham, unter solchen Umständen ist man kein unbefangener Beobachter.«

Und voll Triumph über diese große Entdeckung rieb sich Tom mit großer Selbstzufriedenheit die Hände.

»Mr. Pinch«, rief Mary, »Sie täuschen sich.«

»Nein, nein«, widersprach Tom, »Sie täuschen sich in ihm. Aber«, fuhr er, rasch seinen Ton ändernd, fort, »was gibt es, was haben Sie denn nur, Miss Graham?«

Langsam brachte Mr. Pecksniff sein Haar, seine Stirne, seine Augenbrauen und schließlich sein Auge über den Kirchenstuhlrand. Das junge Mädchen saß neben der Türe auf einer Bank und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Tom beugte sich über sie.

»Was ist Ihnen?« rief Tom abermals. »Habe ich etwas gesagt, was Sie kränken konnte? Oder hat sich irgend jemand erlaubt, Ihnen wehe zu tun. Bitte, weinen Sie doch nicht. Bitte, sagen Sie mir, was Ihnen fehlt. Ich kann es nicht mit ansehen, daß Sie so betrübt sind. Barmherziger Himmel, ich war in meinem ganzen Leben noch nie so außer mir und so tief ergriffen.«

Mr. Pecksniff hielt sein Auge wie gebannt noch immer auf dieselbe Stelle gerichtet. Nur ein Bohrer oder ein glühendroter Draht wäre imstande gewesen, seinem Blick eine andere Richtung zu geben.

»Ich würde Ihnen gegenüber schweigen, Mr. Pinch«, schluchzte Mary, »wenn ich’s nur übers Herz bringen könnte! Aber Ihre Selbsttäuschung hat etwas so Schreckliches und übersteigt so alles Maß, und es ist so durchaus nötig für uns, auf unsrer Hut zu sein und uns keine Blöße zu geben, daß mir keine andere Wahl bleibt, als Ihnen mitzuteilen, wer mich bedrängt. Ich bin ausdrücklich hierher gekommen, um Ihnen davon Mitteilung zu machen. Ich glaube, dennoch würde mir der Mut gefehlt haben, wenn Sie mich nicht zufälligerweise gerade auf das Thema gebracht hätten.«

Tom blickte sie fest an und schien durch seine Miene sagen zu wollen: »Was wird da wohl noch alles herauskommen«, aber er ließ kein Wort laut werden.

»Dieser Mensch, den Sie für den besten aller Sterblichen halten – « begann Mary aufblickend, mit bebenden Lippen und blitzenden Augen.

»Gott im Himmel«, stöhnte Tom, »halten Sie noch einen Augenblick inne. – Dieser Mensch, den ich für den besten aller Sterblichen halte? Sie meinen natürlich Pecksniff? Ja, natürlich, Sie müssen Pecksniff meinen. Barmherziger Himmel, überlegen Sie sich, was Sie sagen! Was hat er getan? Wenn er nicht der beste Mensch ist, was wäre er sonst?«

»Er ist der schlechteste, der falscheste, hinterlistigste, niederträchtigste, grausamste, schmutzigste, schamloseste Schuft!« rief das junge Mädchen bebend vor Entrüstung.

Tom ließ sich auf seinen Sitz zurückfallen und schlug die Hände zusammen.

»Wie wollen Sie einen Menschen nennen«, fuhr Mary fort, »der mich in seinem Hause als Gast aufnimmt – als Gast wider Willen! –, der meine Verhältnisse kennt, meine Verlassenheit und Hilflosigkeit, und sich dennoch untersteht, mich vor seinen Töchtern in ein so schiefes Licht zu bringen, daß sogar ein Kind, wenn es mein Bruder wäre, mir instinktiv zur Hilfe käme?«

»Einen Schurken!« rief Tom. »Einen solchen Menschen würde ich einen Schurken nennen.«

Mr. Pecksniff tauchte unter.

»Als mein einziger Freund«, fuhr Mary fort, »– und er ist ein lieber und wohlwollender Freund – noch im Besitz seiner vollen Geisteskraft war, demütigte er sich vor ihm, wurde aber fortgewiesen wie ein Hund, weil man ihn damals durchschaute. Jetzt kriecht er wieder an diesen Freund heran, wo dieser in geistesschwachen Zustand versunken ist, und mißbraucht den Einfluß, den er sich erschlichen, zu bösen und niedrigen Zwecken!«

»Ein solcher Mensch wäre ein Schurke«, rief Tom.

»Und wie, Mr. Pinch, würden Sie einen Menschen nennen, der in der Annahme, es müßte seine Pläne fördern, wenn ich seine Frau wäre, mich mit der niederträchtigen Drohung zum Schweigen zwingt, falls ich ihn nicht heirate, solle Martin, auf dessen Haupt ich leider schon soviel Unglück gehäuft habe, noch tiefer ins Verderben gestürzt werden? Wie ist ein Mensch zu nennen, der sogar meine Treue gegen den, den ich von ganzer Seele liebe, zu einer Qual für mich selbst und zu einem Unrecht an dem Gegenstand meiner Neigung macht – der mich, mag ich tun, was ich will, zu seinem Werkzeug stempelt, um dem wehe zu tun, auf dessen Haupt ich Segen über Segen herabflehen möchte?! Was ist der Mensch, der mich in alle diese grausamen Schlingen verstrickt, der mir bei hellichtem Tage mit glatter Zunge und lächelndem Gesicht seine selbstsüchtigen Ziele auseinandersetzt – der mich wider meinen Willen umarmt und seine Lippen auf meine Hand drückt«, fuhr das aufgeregte Mädchen fort, »die ich am liebsten abhauen möchte, wenn ich dadurch die Schande der Herabwürdigung seiner Berührung wegwaschen könnte?«

»Ich sage«, rief Tom mit Feuer, »er ist ein Schurke! Und ein Bösewicht! Und wer es auch sein mag – ich sage – er ist ein doppelzüngiger und niederträchtiger Schurke!«

Mary bedeckte ihr Gesicht wieder mit ihren Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Die Leidenschaft, die sich während dieser Enthüllungen aufrechterhalten, schien sich jetzt in dem überwältigenden Gefühl der Schmach und des Kummers aufzulösen.

Jeder Anblick von Schmerz wäre imstande gewesen, Tom an seiner empfindungsreichsten Stelle zu fassen, aber ein Anblick wie dieser war es ganz besonders. Marys Tränen und Schluchzen waren Pfeile in sein Herz. Er versuchte sie zu trösten, setzte sich neben sie und bot seine ganze schwache Beredsamkeit auf, indem er in Worten des Lobes und der Hoffnung von Martin zu ihr sprach. Trotzdem er sie mit einer Hingebung liebte, wie wohl nur selten ein Weib geliebt wird, so redete er doch ohne Unterlaß von Martin. Nicht alle Schätze Indiens hätten ihn verlocken können, sich selbst auch nur zu erwähnen.

Als sich Mary einigermaßen beruhigt, stellte sie Tom vor, der von ihr geschilderte Mensch sei Pecksniff in seiner wahren Gestalt. Wort für Wort, Satz für Satz, soweit ihr Gedächtnis ausreichte, erzählte sie Tom, was zwischen ihr und dem Ehrenmanne im Gehölz vorgefallen war – ohne Zweifel zur größten Erbauung des Betreffenden selbst, der in seinem Verlangen, hinter dem Vorhang hervorzugucken, und andererseits in seiner Furcht, gesehen zu werden, fortwährend auf- und niedertauchte wie der schlaue Gockel im Puppenkasten, der sich fürchtet, mit dem Prügel eins auf den Kopf zu bekommen. Als sie ihre Erzählung beendet und Tom ersucht hatte, so zu tun, als ob er von dem, was vorgefallen, nicht die geringste Ahnung habe, dankte sie ihm für seine Teilnahme, und dann trennten sie sich, da Fußtritte draußen im Kirchhof hörbar wurden. Tom blieb allein in der Kirche zurück.

Und jetzt brach ein Sturm von Aufregung und das ganze Elend plötzlicher Erkenntnis über ihn herein. Der Stern, der ihm von Jugend auf durch sein ganzes Leben geleuchtet, war im Nu in eklen Dunst aufgelöst. Nicht daß Pecksniff, wie er ihn sich vorgestellt, zu existieren aufgehört hätte, nein – er hatte niemals existiert. Wäre er gestorben, wäre Tom doch wenigstens eine teure Erinnerung geblieben, aber nach dieser Entdeckung war auch das vorüber. Da Toms Blindheit in dieser Hinsicht total und nicht partiell gewesen, so stand jetzt alles mit einem Schlage in entsetzlicher Deutlichkeit vor ihm. Sein Pecksniff hatte sich niemals die Schurkereien zuschulden kommen lassen können, von denen er soeben gehört; – es konnte nur ein Pecksniff sein, der zu allem fähig war und ohne Zweifel sein ganzes Leben lang Niederträchtigkeiten verübt hatte. Von der erhabenen Höhe, auf die Tom das Ideal seines Herzens gestellt, war es auf einmal kopfüber heruntergestürzt und

»Nicht des Königs Gebot und Heeresmacht reichten hin,
die Statue wieder aufzurichten.«

Legionen von Titanen hätten nicht vermocht, Pecksniff aus dem Schlamme hervorzuziehen und wieder rein zu waschen. Aber er – Tom –, der darunter litt, hatte seinen Kompaß verloren, seine Himmelskarte war zerrissen, seine Uhr stehengeblieben, sein Mast war über Bord gegangen, sein Anker losgerissen, und er selbst trieb wie ein Wrack im weiten Meer.

Mr. Pecksniff beobachtete ihn mit lebhaftem Interesse. Er erriet die Bedeutung von Toms innerlichen Selbstgesprächen und war gespannt, wie er sich wohl weiter benehmen würde. Eine Zeitlang raste Mr. Pinch wie ein Verrückter im Kirchenschiff auf und nieder, hin und wieder haltmachend, um sich an einen Stuhl zu lehnen und nachzugrübeln. Dann wieder starrte er ausdruckslos auf ein altes, geschmackvoll mit Menschenschädeln und gekreuzten Knochen verziertes Monument, als wäre es das schönste Kunstwerk, das er je gesehen, trotzdem er es zu andern Zeiten mit größter Verachtung behandelt haben würde, setzte sich nieder oder ging abermals auf und ab, bis er endlich zur Orgel emporstieg und mit zögernder Hand nach den Tasten suchte. Aber der sonst so vertraute Klang und die hehren Töne waren dahin. Er schlug einen langen wehmütigen Akkord an, dann ließ er den Kopf auf die Hände sinken und überließ sich ganz seiner hoffnungslosen Stimmung.

»Ich würde mir noch nicht soviel daraus machen«, jammerte er, erhob sich von seinem Stuhl und starrte in die Kirche hinunter, »ich würde mir noch nicht soviel daraus machen, wenn ich es wäre, dem er so Schreckliches zugefügt, denn ich habe seine Geduld oft auf die Probe gestellt, war auf seine Nachsicht angewiesen und war ihm nie eine Hilfe, wie es ein anderer hätte sein können. Ich würde es mir nicht so zu Herzen nehmen, Pecksniff«, fuhr er fort, ohne zu ahnen, wer ihm unten im Kirchenstuhl zuhörte, »wenn du mir unrecht getan hättest, denn ich würde hinreichende Entschuldigung dafür gefunden haben; und wie weh du mir auch getan hättest, so würde ich dich doch immer noch haben achten können. O Gott, warum mußtest du so tief in meinen Augen sinken! Ach, Pecksniff, es gibt nichts auf der Welt, das ich nicht mit Freuden hingeben würde, wenn ich mir meine alte Verehrung für dich dadurch wieder erkaufen könnte.«

Mr. Pecksniff setzte sich auf das Polster nieder und zupfte seinen Hemdkragen in die Höhe, während Tom, bis ins Innerste aufgewühlt, sich in diesen Ausrufen erging. Nach einer Weile hörte er Mr. Pinch die Treppe hinunterkommen und mit den Kirchenschlüsseln klirren. Als er vorsichtig das Auge über den Rand des Kirchenstuhls erhob, sah er ihn langsam hinausgehen und die Türe hinter sich schließen.

Lange wagte er nicht, sein Versteck zu verlassen, denn er bemerkte durch die Kirchenfenster, wie Tom zwischen den Gräbern hin und her wandelte und manchmal an einem Gedenkstein stehenblieb wie ein Leidtragender, der den Verlust eines lieben Freundes betrauert. Selbst als Tom den Kirchhof verlassen, blieb Mr. Pecksniff noch immer sitzen, nicht sicher, ob Tom nicht am Ende doch noch einmal zurückkomme. Endlich trat er aus der Kirche hinaus und ging mit unbefangener Miene in die Sakristei, wo sich knapp am Boden ein Fenster befand, durch das er bloß hinauszusteigen brauchte.

Er befand sich in höchst seltsamer Gemütsverfassung und eilte sich durchaus nicht, fortzukommen. Er schien sogar eher Lust zu haben, noch ein Viertelstündchen zu vertrödeln, wenigstens öffnete er den Schrank in der Sakristei und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel des Pfarrers, der an der Türe hing. Da er bemerkte, daß sein Haar einigermaßen in Unordnung war, erlaubte er sich, von der kanonischen Bürste Gebrauch zu machen. Dann öffnete er einen zweiten Schrank, machte ihn aber sogleich wieder zu, da ihn der Anblick eines schwarzen und eines weißen Chorrocks erschreckte, die, an ihren Haken baumelnd, ganz den Eindruck machten, als ob sich zwei Pfarrer in der Garderobe erhängt hätten. Sich plötzlich erinnernd, im ersten Schrank eine Flasche Portwein und einen Rest Zwieback gesehen zu haben, sperrte er lieber wieder diesen auf und führte sich mit großem Behagen die beiden Labsale zu Gemüte – alles mit höchst tiefsinniger Miene, als wären seine Gedanken ganz anderswo.

Dann schien er plötzlich einen festen Entschluß zu fassen – wenn er überhaupt geschwankt hatte –, stellte Flasche und Zwieback wieder an ihren Ort und öffnete das Fenster. Ohne Schwierigkeiten gelangte er auf den Kirchhof und ging geraden Weges nach Hause.

»Mr. Pinch zu Hause?« fragte er die Dienstmagd.

»Er ist soeben gekommen, Sir.«

»Soeben gekommen, so?« wiederholte Mr. Pecksniff gut gelaunt. »Er ist wahrscheinlich oben?«

»Ja, Sir, er ist hinaufgegangen. Soll ich ihn rufen?«

»Nein«, sagte Mr. Pecksniff, »nein, du brauchst ihn nicht zu rufen, Jane, ich danke dir, Jane. Was machen übrigens deine Verwandten, Jane?«

»Sie befinden sich ziemlich wohl, ich danke Ihnen, Sir.«

»Freut mich, freut mich. Sag ihnen, daß ich mich nach ihrem Befinden erkundigt habe, Jane. – Ist Mr. Chuzzlewit drinnen?«

»Ja, Sir, er ist im Zimmer drin und liest.«

»Im Wohnzimmer und liest. So, so. Sehr gut. Ich denke, ich werde ihm ein wenig Gesellschaft leisten.«

Noch nie hatte man Mr. Pecksniff in besserer Laune gesehen.

Als er jedoch in das Zimmer trat, wo der alte Herr mit Feder, Tinte und Papier tätig war – Mr. Pecksniff sah immer darauf, daß er mit Schreibmaterialien wohlversehen war –, da machte er ein minder heiteres Gesicht. Er war nicht etwa erzürnt oder rachsüchtig, mürrisch oder verdrießlich – nein, durchaus nicht –, aber betrübt war er, schmerzlich betrübt. Und als er neben dem alten Herrn Platz nahm, da stahlen sich zwei Tränen – nicht Tränen wie die, mit denen die Engel eine Sündenschuld auslöschen, sondern eher solche, bei denen sie eine Schuld eintragen –, zwei solche Tränen also stahlen sich über seine menschenfreundlichen Wangen herab.

»Was gibt es?« fragte der alte Martin. »Pecksniff, Mensch, was fehlt Ihnen denn?«

»Es tut mir von Herzen leid, daß ich Sie stören muß, mein wertgeschätzter Freund, und noch mehr schmerzt mich die Ursache, die mich dazu zwingt. Mein guter, mein würdiger Freund, ich bin schmählich hintergangen worden!«

»Sie sind hintergangen worden?«

»Ach«, jammerte Mr. Pecksniff in tiefster Seelenqual, »betrogen auf die entsetzlichste Weise, grausam hintergangen von jemandem, Sir, in den ich das unbeschränkteste Vertrauen setzte. – Hintergangen, Mr. Chuzzlewit von – – Thomas Pinch!«

»Schlimm, schlimm, sehr schlimm«, murmelte Martin Chuzzlewit und legte sein Buch nieder, »sehr schlimm. Aber vielleicht irren Sie sich. Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?«

»Vollständig sicher, mein wertgeschätzter Freund. Meine eigenen Augen und Ohren sind meine Zeugen, ich hätte es sonst nicht geglaubt. Ich hätte es nicht geglaubt, Mr. Chuzzlewit, und wenn ein feuriger Drache es von der Spitze der Salisbury-Kathedrale verkündet hätte. Ich hätte gesagt«, rief Mr. Pecksniff, »der Drache lügt. Einen derartigen Glauben hegte ich zu Thomas Pinchs Treue, daß ich dem Drachen die Lüge in den Hals zurückgeschleudert und Thomas an mein Herz gedrückt hätte. Aber ich selbst, Sir, bin leider kein Drache, und es bleibt mir keine Hoffnung – keine Möglichkeit –, die Sache zu beschönigen.«

Martin Chuzzlewit schien diese so unerwartete Nachricht sehr zu beunruhigen. Er bat Mr. Pecksniff, sich zu fassen, und fragte, wieso Mr. Pinch ihn denn hintergangen habe.

»Das ist ja eben das Schlimme an der Sache, Sir«, rief Mr. Pecksniff. »Es betrifft eine Angelegenheit, die Sie sehr nahe angeht. Ach, ist es nicht genug«, rief er mit einem Aufblick zum Himmel, »daß mich ein so schwerer Schlag trifft, muß er auch meine Freunde treffen?!«

»Sie erschrecken mich!« rief der alte Mann sich verfärbend. »Ich bin nicht mehr so stark wie früher; Sie erschrecken mich, Pecksniff!«

»Fassen Sie sich, mein wertgeschätzter Freund«, redete ihm Mr. Pecksniff tröstend zu. »Wir wollen handeln, wie die Umstände es erheischen. Sie werden alles erfahren, Sir. Es soll Ihnen Genugtuung werden. Aber vorerst müssen Sie mich entschuldigen, Sir, Sie müssen mich entschuldigen. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die ich der menschlichen Gesellschaft schuldig bin!«

Er zog die Klingel, und Jane erschien.

»Sei so gut und schicke Mr. Pinch herunter, Jane.«

Tom kam – gezwungen und verändert in seinem ganzen Benehmen, niedergeschlagen, gedrückt und sichtlich verlegen. Er brachte es nicht über sich, Mr. Pecksniff ins Gesicht zu sehen.

Der Ehrenmann warf Mr. Chuzzlewit einen Blick zu, als wolle er sagen: »Sie sehen selbst«, und redete Tom folgendermaßen an: »Mr. Pinch, ich habe das Fenster in der Sakristei offen gelassen. Würden Sie die Güte haben, es zuzusperren und mir dann die Schlüssel des Gotteshauses herzubringen!«

»Das Sakristeifenster, Sir?« stotterte Tom.

»Ich denke, Sie verstehen mich doch, Mr. Pinch«, entgegnete Mr. Pecksniff streng. »Jawohl, Mr. Pinch, das Sakristeifenster. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß ich nach einem ermüdenden Spaziergang in der Kirche einschlief und soeben erst einige Bruchstücke« – er legte einen besonderen Nachdruck auf dieses Wort – »eines gewissen Zwiegesprächs zwischen zwei Personen mit anhören mußte. Eine davon schloß die Kirche zu, als sie hinausging, und ich sah mich genötigt, das Gotteshaus durch das Sakristeifenster zu verlassen. Tun Sie mir also den Gefallen, das Sakristeifenster jetzt zu schließen, und kommen Sie dann zu mir zurück.« – Kein Physiognom auf der Welt hätte Toms Gesicht bei diesen Worten beschreiben können. Es lag Verwunderung darin und milder Vorwurf, aber weder Furcht noch Schuldbewußtsein, wenn auch ersichtlich eine Menge gewaltiger Gefühle miteinander um die Oberherrschaft rangen. Er verbeugte sich und ging, ohne auch nur ein einziges Wort – weder im Guten noch im Bösen – zu erwidern.

»Pecksniff!« rief Martin zitternd. »Was hat das alles zu bedeuten? Übereilen Sie sich nicht. Es könnte Ihnen später vielleicht leid tun.«

»Nein, mein wertgeschätzter Freund«, rief Mr. Pecksniff mit Festigkeit. »Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die ich der menschlichen Gesellschaft schuldig bin, und ich will mich ihrer entledigen, koste es, was es wolle.«

Um seine Pflicht gegenüber der menschlichen Gesellschaft erfüllen zu können, mußte Pecksniff Tom erst wieder zurückkehren lassen; er benützte daher die Zwischenzeit, seinen »wertgeschätzten« Freund entsprechend zu präparieren. Mary befand sich in ihrem Zimmer, und eine Störung von ihrer Seite stand nicht zu befürchten, da der stets rücksichtsvolle Mr. Pecksniff den alten Herrn gebeten hatte, ihr sagen zu lassen, sie solle vor einer halben Stunde nicht herunterkommen. Ihre Gefühle mußten selbstverständlich geschont werden.

»Haben Sie das Sakristeifenster geschlossen, Mr. Pinch?« fragte Pecksniff, als Tom zurückkehrte.

»Gewiß, Sir!«

»Ich danke Ihnen. Und jetzt sind Sie vielleicht so freundlich, mir die Schlüssel auszufolgen, Mr. Pinch.«

Tom legte sie auf den Tisch. Er hielt den ganzen Bund an dem Schlüssel zur Orgelgalerie, obgleich dieser einer der kleinsten war, und sah ihn noch lange traurig an, als er ihn aus der Hand gelegt. Er war ein alter, lieber Freund von ihm gewesen – ein Kamerad seit langer, langer Zeit.

»Mr. Pinch«, begann Mr. Pecksniff kopfschüttelnd. »Mr. Pinch, wirklich, ich wundere mich, daß Sie mir noch ins Gesicht sehen können!«

Aber Tom sah ihm dennoch ins Gesicht, und während er sonst für gewöhnlich eine gebückte Haltung zu haben pflegte, stand er jetzt doch so gerade vor ihm, wie nur ein Mensch stehen kann.

»Mr. Pinch«, Pecksniff griff nach seinem Taschentuch, ahnend, daß er es sehr bald brauchen werde, »ich will nicht von der Vergangenheit reden. Ich will Ihnen und mir diese Pein ersparen.«

Toms Auge war nicht sehr ausdrucksvoll für gewöhnlich, leuchtete aber jetzt um so mehr, als er Mr. Pecksniff anblickte und erwiderte:

»Ich danke Ihnen, Sir! Es freut mich sehr, daß Sie nicht von der Vergangenheit sprechen wollen!«

»Die Gegenwart genügt uns«, unterbrach ihn Mr. Pecksniff und ließ, um seine Verlegenheit zu verbergen, einen Penny fallen, »und je früher sie vorbei ist, desto besser. – – Ich will Sie nicht entlassen, Mr. Pinch, ohne nicht vorher ein Wort der Erklärung einzufügen. Nach dem, was vorgefallen ist, wäre es zwar vollkommen gerechtfertigt, wenn ich es täte, aber es könnte immerhin wie Übereilung aussehen, und das wünsche ich nicht«, er ließ abermals einen Penny fallen. »Ich bin vollkommen meiner selbst Herr, und deshalb will ich Ihnen jetzt wiederholen, was ich bereits zu Mr. Chuzzlewit gesagt habe.«

Tom sah den alten Herrn an, der hin und wieder, wie zur Billigung von Mr. Pecksniffs Gesinnungen und Aussprüchen, mit dem Kopfe nickte, sich sonst aber in keiner Weise in das Gespräch mischte.

»Aus diesen Bruchstücken einer Unterhaltung also, die ich soeben in der Kirche mit anhörte, Mr. Pinch – und zwar zwischen Ihnen und Miss Graham – ich sage ›Bruchstücke‹, weil ich ziemlich weit entfernt von Ihnen schlummerte, als ich von Ihren Stimmen aufgeweckt wurde –, und aus dem, was ich mit ansah, erkannte ich (und ich hätte viel darum gegeben, Mr. Pinch, wenn ich es nicht hätte müssen), daß Sie sich, alle Bande der Pflicht und Ehre vergessend, Sir, gegen die geheiligten Gesetze der Gastfreundschaft, denen Sie als Bewohner dieses Hauses Treue schuldig waren, unterfangen haben, Liebeserklärungen an Miss Graham zu richten.«

Tom sah ihm unverwandt ins Auge.

»Wollen Sie es leugnen, Sir?« fragte Mr. Pecksniff, ließ ein Pfund zwei Schillinge und vier Pence zu Boden fallen und tat sehr geschäftig, sie wieder aufzulesen.

»Nein, Sir«, erwiderte Tom, »ich leugne es nicht.«

»Sie leugnen es also nicht!« rief Mr. Pecksniff und warf dem alten Herrn einen triumphierenden Blick zu. »Bitte, haben Sie dann die Güte, das Geld zusammenzuzählen, Mr. Pinch, und Ihren Namen unter diese Quittung zu setzen – Sie leugnen es also nicht?«

Nein, Tom leugnete es nicht; er verschmähte es, zu leugnen. Er erkannte, daß Mr. Pecksniff als »Horcher an der Wand seine eigene Schand« gehört hatte und sich nicht das geringste daraus machte, in der Achtung – oder vielmehr Verachtung – seines ehemaligen Schülers noch tiefer zu sinken. Er sah, daß Pecksniff diese Fabel ersonnen hatte als das leichteste Mittel, ihn loszuwerden, und daß er auf sein Nichtleugnen gerechnet hatte. Er begriff sofort, daß die Wahrheit den alten Martin noch mehr gegen Mary und den jungen Martin aufbringen müsse. Pecksniff rechnete mit seinem Edelmut und hatte offenbar das Märchen von den Bruchstücken erfunden. – Leugnen? Nein!

»Der Betrag stimmt also? Wie, Mr. Pinch?« fragte Pecksniff.

»Vollkommen, Sir.«

»Es wartet ein Mann unten in der Küche«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »um Ihr Gepäck dahin zu schaffen, wo Sie es wünschen. Sie scheiden jetzt, Mr. Pinch, aus diesem Hause, und ich kenne Sie von diesem Augenblick an nicht länger.«

Ein unnennbares Gefühl – Mitleid, Kummer, alte Anhänglichkeit, verkannte und zurückgewiesene Dankbarkeit, Enttäuschung: keines von diesen Gefühlen und doch etwas von allen – zerriß Toms empfindsames Herz beim Abschied. Es wohnte keine Seele in Pecksniffs Kadaver, und doch war Tom nicht imstande, den Mann in seiner wahren Gestalt bloßzustellen. Selbst jetzt nicht. Auch wenn er keinem geliebten Wesen dadurch geschadet haben würde, wenn er die Wahrheit enthüllt hätte.

»Ich will nicht in Worte fassen«, ächzte Mr. Pecksniff unter Tränen, »was für einen Schlag dies für mich bedeutet, wie es mich angreift und wie es auf mein Gefühl wirken und mein Innerstes verletzen muß. Ich achte es für nichts. Ich kann schwerere Bürde tragen als irgendein anderer, aber was ich hoffen will und was Sie hoffen müssen – wenn nicht eine große Verantwortlichkeit auf Ihnen lasten soll, Mr. Pinch –, ist, daß dieser Verrat meine Ansichten von der Menschheit im allgemeinen nicht ändern möge – oder der Reinheit meines Herzens schaden – oder, wenn ich so sagen darf, die Schwingen meiner Seele brechen. Ich hoffe, es wird nicht der Fall sein. Es soll Ihnen zum Troste gereichen – wenn nicht jetzt, so doch in Zukunft –, zu wissen, daß ich mich nach Kräften bemühen werde, nicht schlechter von meinen Nebenmenschen im allgemeinen zu denken, dessentwegen, was zwischen uns vorgefallen ist! – Leben Sie wohl!«

Tom hatte ihm anfänglich einen kleinen Lanzettstich, der in seiner Macht stand, ersparen wollen, als er ihn aber so reden hörte, besann er sich anders und sagte:

»Ich glaube, Sie haben etwas in der Kirche vergessen, Sir.«

»Nicht daß ich wüßte«, rief Mr. Pecksniff.

»Dies hier ist, glaube ich, doch Ihr Augenglas? Nicht wahr?«

»Oh! – Hm«, stotterte Mr. Pecksniff verlegen und verwirrt. »Hm. Ich danke Ihnen. Legen Sie es nur auf den Tisch, wenn ich bitten darf.«

»Ich habe es gefunden«, fuhr Tom, jedes Wort sorgsam abwägend, fort, »als ich das Sakristeizimmer zuschließen wollte, und zwar im Kirchenstuhl.«

Das war kompromittierend. Mr. Pecksniff hatte es weggelegt, als er mit dem Kopf im Kirchenstuhl auf- und abgetaucht war, um nicht damit gegen das Getäfel zu stoßen, und hatte es beim Fortgehen ganz vergessen. Als Tom nach der Emporkirche zurückkehrte und nachgrübelte, von wo aus man ihn denn habe belauschen können, wurde er auf die offenstehende Tür des Betstuhls aufmerksam. Er warf einen Blick hinein und fand das Glas. Er gab jetzt durch Rückerstattung der Lorgnette Mr. Pecksniff zu verstehen, daß er genau wußte, wo der Lauscher gesessen, und daß es sich durchaus nicht um das Mitanhören von »Bruchstücken« der Unterhaltung handeln konnte.

»Ich bin froh, daß er fort ist«, sagte der alte Martin tief aufatmend, als Tom das Zimmer verlassen hatte.

»Es ist allerdings eine Erleichterung«, pflichtete Mr. Pecksniff bei. »Eine große Erleichterung! – Nachdem ich nunmehr – wie ich hoffe, mit leidlicher Festigkeit – mich der Pflicht entledigt habe, die ich der menschlichen Gesellschaft schulde, so will ich mich mit Ihrer Erlaubnis in den Garten zurückziehen, um in Demut und Schmerz ein paar Tränen zu vergießen.«

Tom ging die Treppe hinunter, räumte sein Büchersims ab, packte seine Werke, seine Noten und die alte Geige in seinen Koffer, langte seine Kleider heraus – es waren ihrer nicht viele –, legte sie auf die Bücher und verfügte sich in das Arbeitszimmer, um sein Instrumentenfutteral zu holen.

Es stand dort ein zerfetzter alter Stuhl, dem die Roßhaare aus dem Überzug herausstanden wie eine Perücke – eine wahre Bestie von einem Stuhl. Und dennoch hatte Tom seit seinem Hiersein täglich darauf gesessen. Er und der Stuhl waren immer älter und schäbiger geworden, Zöglinge hatten ihre Lehrzeit überstanden, Jahreszeiten waren gekommen und gegangen, und immer hatten Tom und das altbenutzte Möbel mitsammen durch dick und dünn ausgehalten. Dieser Teil des Zimmers wurde traditionell »Toms Ecke« genannt. Man hatte sie ihm zugewiesen, da sie in starker Zugluft und ziemlich weit vom Feuer entfernt lag. Von jeher hatte er dort gesessen. An die Wand waren mit Kohle Porträts von Pecksniff gezeichnet, von denen jedes die schwachen Seiten des Edelmannes fürchterlich karikierte, und diabolische Sprüche und Redensarten – schreiende Gegensätze seines Charakters – waren auf Schleifen geschrieben, die ihm aus dem Munde heraushingen. Jeder Zögling hatte etwas Neues dazu erfunden. Phantasieporträts von Toms Vater mit einem einzigen Auge mitten auf der Stirn, seiner Mutter mit einer ungeheuern Nase – und seiner Schwester, die, im Gegensatz dazu, durchwegs fabelhaft schön gehalten war und Tom infolgedessen mit den übrigen Scherzen versöhnte. Unter weniger ungewöhnlichen Umständen würde es ihm tief ins Herz geschnitten haben, all diese Dinge zu verlassen und dabei denken zu müssen, daß er sie heute wohl zum letzten Male sah. So aber fiel es ihm verhältnismäßig leicht. Es gab keinen Pecksniff, hatte nie einen Pecksniff gegeben, und alle übrigen Schmerzen traten vor diesem einen in den Hintergrund.

Als Tom wieder in seine Schlafkammer trat, um seinen Koffer und Reisesack zuzuschließen, mit Gamaschen und Überrock angetan, den Hut auf dem Kopf und den Stock in der Hand, sah er sich zum letztenmal darin um. An so manchem frühen Sommermorgen und in Winternächten beim Schein ersparter Lichtstümpchen hatte er sich in diesem Zimmer oft halb blind gelesen. Hier war es, wo er das erstemal versucht, unter der Bettdecke Violine spielen zu lernen – ein Experiment, von dem er übrigens auf die Vorstellungen der Zöglinge hin, wenn auch nur ungern, bald wieder abgestanden war. Zu jeder andern Zeit würde er bei dem Gedanken an alles, was er hier gelernt, an die vielen Stunden, die er hier verbracht, und sogar um der Träume willen, die er hier geträumt, mit Schmerz von dieser Stube geschieden sein. Aber es gab keinen Pecksniff – es hatte nie einen Pecksniff gegeben. Und Pecksniffs Unwirklichkeit erstreckte sich sogar bis in die Kammer, in der dieses jetzt so wesenlose Geschöpf, auf einem Bette sitzend, so oft mit größtem Nachdruck Moral gepredigt hatte, daß Tom die Augen feucht geworden waren, wie er atemlos auf die schwungvollen Worte gelauscht.

Der Mann, der den Koffer fortbringen sollte (ein alter Bekannter aus dem »Drachen«) kam jetzt die Treppe heraufgestampft und machte Tom (dem er unter gewöhnlichen Umständen kollegial zugenickt haben würde), eine linkische Verbeugung, als wisse er von dem Vorgefallenen, wünsche aber zu betonen, daß er diesbezüglich seine eigenen Gedanken habe. Die Ehrenbezeugung fiel ziemlich plump aus, denn der Mann war bloß ein Stallknecht, aber Tom liebte ihn darum, und der Abschied von ihm kam ihm schwerer an als der von dem Hause.

Tom wollte ihm das Gepäck tragen helfen, aber wie schwer es auch war, der Mann aus dem »Drachen« schien es so wenig zu fühlen wie ein Elefant seinen Palankin. Er schwang es auf den Rücken und schob sich damit die Treppe herunter, als sei es ihm leichter – er war ein handfester Kerl –, einen Koffer zu tragen, als krank und ledig zu gehen. In der Haustüre stand Jane, aus tiefstem Herzen schluchzend, und vor der Treppe Mrs. Lupin, die ebenfalls weinte und die Hand ausstreckte, um sich von »Mr. Pinch« zu verabschieden.

»Aber nicht wahr, Sie kommen doch noch einmal in den ›Drachen‹, Mr. Pinch?«

»Nein«, versetzte Tom, »nein. Ich gehe heute abend noch nach Salisbury, denn ich kann hier nicht bleiben. Um Gottes willen, machen Sie mir das Herz nicht so schwer, Mrs. Lupin.«

»Aber Sie müssen noch mit in den ›Drachen‹, Mr. Pinch! Und wenn’s auch nur für diese Nacht wäre. Wohlverstanden, nicht als Reisender, sondern als lieber Besuch für mich.«

»O Gott, o Gott«, jammerte Tom, sich die Augen wischend. »Die Freundlichkeit der Leute wird mir noch das Herz brechen. Wirklich, ich muß heute abend noch nach Salisbury, meine liebe, gute Mrs. Lupin; wenn Sie aber meinen Koffer in Ihre Obhut nehmen wollen, bis ich Ihnen darum schreibe, so würde ich das als den größten Gefallen betrachten, den Sie mir erweisen können.«

»Ich wollte«, rief Mrs. Lupin, »daß es zwanzig Koffer wären, Mr. Pinch; ich würde sie sämtlich wie meine eigenen behüten!«

»Ich danke Ihnen«, sagte Tom. »Das sieht Ihnen wieder ähnlich. Und jetzt Gott befohlen. – Gott befohlen.«

Es standen noch mehrere andere Leute, alte und junge, vor der Tür; einige weinten wie Mrs. Lupin, andere suchten wie Tom tapfer und mannhaft dreinzusehen, wieder andere waren in heimlicher Bewunderung Mr. Pecksniffs verloren, des Mannes, der sozusagen durch ein Augenblinzeln auf einen Bogen Papier eine Kirche zu bauen imstande war – während bei andern ein ähnliches Gefühl für Tom zu erkennen war.

Mr. Pecksniff war zugleich mit seinem alten Schüler auf der Schwelle erschienen und hielt, während Tom mit Mrs. Lupin sprach, den Arm majestätisch ausgestreckt, als wolle er sagen: »So fahre denn hin!« Als Tom sich entfernt hatte und um die Ecke gebogen war, schüttelte er den Kopf, schloß die Augen, seufzte tief auf und zog die Türe hinter sich zu. Daraus mußten natürlich auch Toms beste Freunde schließen, Mr. Pinch habe etwas ganz Schreckliches begangen, denn sonst hätte sicherlich ein Mann wie Mr. Pecksniff nie und nimmer eine derartige Empfindung an den Tag legen können. Hätte sich’s um einen gewöhnlichen Zwist gehandelt, bemerkten sie, so würde er doch ein paar Worte des Abschieds gesprochen haben. So aber war es augenfällig, daß Mr. Pinch sich schwer an ihm vergangen haben mußte.

Tom hörte von all dem nichts mehr, denn er trabte, so rasch er konnte, des Weges, bis er das Chausseehäuschen erblickte, wo ihn die Familie des Mauteinnehmers an dem frostigen Morgen begrüßt hatte, als er einst mit dem jungen Martin denselben Weg gegangen war. Das Dorf hatte er bereits im Rücken, und der Schlagbaum war seine letzte Prüfung. Als die Kinder des Mautwächters ihm jubelnd entgegeneilten, wäre er am liebsten querfeldein davongelaufen.

»Mr. Pinch, lieber Mr. Pinch«, rief die Frau des Schlagbaumwächters, »zu so ungewöhnlicher Zeit kommen Sie – noch dazu mit einem Bündel – hier vorbei?«

»Ich gehe nach Salisbury«, erklärte Tom.

»Ja, und wo ist denn das Gig?« rief die Frau und spähte die Straße hinab in der Vermutung, Tom habe irgendwo umgeworfen, ohne daß sie es bemerkt hatte.

»Ich gehe heute zu Fuß«, sagte Tom. »Ich –« er konnte keine Ausrede erfinden, denn er fühlte, wie die nächste Frage lauten werde, wenn er der Antwort auswich. »Ich bin nicht mehr bei Mr. Pecksniff.«

Der Mautwächter – ein alter Brummbär, der stets eine Pfeife im Mund hatte und meistens auf einem Gartenstuhl saß, der absichtlich so zwischen zwei kleinen Fenstern aufgestellt war, daß man beide Seiten der Straße leicht übersehen konnte – kam im Nu herausgestürzt.

»Nicht mehr bei Mr. Pecksniff?« rief er.

»Nein«, sagte Tom. »Ich habe ihn verlassen.«

Der Schlagbaumwächter sah seine Frau an, überlegend, ob er sie ausfragen solle oder sie hineinschicken, damit sie nach den Kindern sehe. Er entschloß sich zu letzterem und befahl ihr barsch, sich augenblicklich in das Häuschen zu trollen.

»Sie haben Mr. Pecksniff verlassen?« rief er, die Arme verschränkend, und stellte sich breit hin. »Ebensogut hätte ich geglaubt, mir würde der Kopf davonfliegen.«

»Ach«, murmelte Tom, »gestern abend hätte ich mir’s auch noch nicht träumen lassen. Gute Nacht.«

Wenn nicht gerade in diesem Augenblick ein großer Zug Ochsen durchgekommen wäre, würde der Schlagbaumwächter schnurstracks ins Dorf gerannt sein, um sich zu erkundigen, was denn los sei. So aber griff er wieder zu seiner Pfeife und zog sein Weib ins Vertrauen. Allein auch der vereinigte Scharfsinn beider konnte nichts herausklügeln, und so gingen sie bildlich gesprochen »im Dunkeln« zu Bett. Sooft übrigens nachts ein Frachtwagen oder ein anderes Fuhrwerk durchkam und der Kutscher fragte: »Was gibt’s Neues?« betrachtete sich der Mauteinnehmer den Mann beim Lichte seiner Laterne, um sich zu überzeugen, ob es auch einer sei, der sich für das Thema interessiere, und fragte dann in einem solchen Fall, sich fester in seinen Mantel hüllend:

»Sie haben doch schon von Mr. Pecksniff da drunten gehört?«

»Natürlich!«

»Und auch von seinem jungen Mann, dem Mr. Pinch?«

»Freilich!«

»Pinch ist jetzt fort von ihm!«

Und jedesmal nach einer derartigen Mitteilung stürzte er wieder in seine Hütte und ließ sich nicht mehr blicken, während der andere sprachlos vor Erstaunen seines Weges zog.

Aber das alles geschah lange, nachdem Tom bereits schlafen gegangen war. Zur Zeit befand er sich noch auf der Straße nach Salisbury, das er so bald wie möglich zu erreichen strebte. Anfangs war der Abend wunderschön, der Himmel umwölkte sich jedoch gegen Sonnenuntergang, und gleich darauf fiel dichter Regen. Zehn lange Meilen marschierte Pinch so, gänzlich durchnäßt, bis endlich ferne Lichter auftauchten und das Weichbild der Stadt ihn aufnahm. Er begab sich unverzüglich in das Wirtshaus, wo er damals auf Martin gewartet, beantwortete in Kürze die Fragen, die man hinsichtlich Mr. Pecksniffs Befinden an ihn richtete, und bestellte ein Bett. Er hatte weder Lust, etwas zu essen, noch etwas zu trinken, sondern setzte sich, während das Schlafzimmer für ihn hergerichtet wurde, im Gastzimmer an einen leeren Tisch, dachte über die Ereignisse des Tages nach und überlegte, was er jetzt wohl anfangen solle oder könne. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als das Stubenmädchen eintrat und meldete, das Bett sei fertig.

Es war ein niedriger Vierpfoster, dieses Bett, der sich in der Mitte wie ein Trog vertiefte. Das Zimmer stand voll von überflüssigen Tischen und Kommoden mit offenen Schubladen, in denen nasse Wäsche lag. Das ölgemalte Porträt eines auffallend fetten Ochsen hing über dem Kamin, und das Bild eines ehemaligen Wirtes, der dem Ochsen so ähnlich sah, daß man ihn ganz gut für seinen Bruder hätte halten können, glotzte zu Füßen des Bettes herunter. Ein Gemisch der wunderlichsten Gerüche kämpfte mit dem Duft alten Lavendels, und das Fenster schien seit undenklichen Zeiten nicht geöffnet worden zu sein, wenigstens trotzte es erfolgreich allen Bemühungen, es zu öffnen. An und für sich waren das nur Kleinigkeiten, aber sie machten den Ort noch unbehaglicher und trugen keineswegs dazu bei, Tom seine Lage vergessen zu machen. Pecksniff war aus der Welt geschieden– hatte nie auf Erden gelebt–, und es wollte schon viel sagen, daß Tom es nicht über sich brachte, ihn wie sonst in sein Nachtgebet einzuschließen.

Aber er fühlte sich nachher wohler und ging zu Bett, um von dem zu träumen, der nie gewesen.

32. Kapitel


32. Kapitel

Handelt wieder von Todgers‘ und einer Pflanze, die dort im Verborgenen hinwelkte

Früh am Morgen nach jenem Tag, an dem Miss Pecksniff dem Schauplatz ihrer Mädchenzeit Lebewohl gesagt, wurde sie in London, gleich nach ihrer Ankunft, von Mrs. Todgers in Empfang genommen und in das friedliche Heim im Schatten des Monumentes geleitet.

Mrs. Todgers sah infolge ihrer Sorgen um die tägliche Fleischbrühe und andere häusliche Kümmernisse, die ihr Geschäft mit sich brachte, ziemlich angegriffen aus, legte aber dennoch ihre gewohnte, angelegentliche und warme Teilnahme an den Tag.

»Und was macht Ihr lieber Papa, meine süße Miss Pecksniff?« fragte sie.

Miss Pecksniff teilte ihr – im Vertrauen natürlich – mit, daß der Treffliche daran denke, eine junge Frau Mama heimzuführen, und wiederholte ihren Ausspruch, daß sie weder blind noch blödsinnig sei und das nicht ruhig mit anzusehen gedenke.

Mrs. Todgers war über diese Neuigkeit empörter, als man hätte annehmen sollen. Sie war geradezu erbittert; sie sagte, es herrsche keine Wahrheit in den Herzen der Männer, und je inniger einer spreche, desto falscher und verräterischer sei er in der Regel. Mit erstaunlicher Klarheit durchschaute sie, daß der Gegenstand von Mr. Pecksniffs Zuneigung eine ränkevolle, wertlose und gottvergessene Person sei – eine Ansicht, die selbstverständlich von Miss Charitas vollständig bestätigt wurde, und dann versicherte sie mit Tränen in den Augen, sie liebe Miss Pecksniff wie eine Schwester und fühle die Kränkung, als ob sie ihr selbst angetan worden wäre.

»Und was die liebe, liebe Gratia anbetrifft«, sagte sie, »so habe ich sie erst ein einziges Mal seit ihrer Verheiratung gesehen und muß sagen, sie kam mir leider sehr bekümmert vor. – Übrigens, meine liebe Miss Pecksniff, ich habe immer gedacht, Sie sollten die Frau von Mr. Jonas werden?«

»Ach, du mein Himmel, nein«, rief Cherry, den Kopf schüttelnd; »o nein, Mrs. Todgers; – Gott sei vor! Nicht um alles in der Welt hätte ich mein Jawort gegeben.«

»Ich muß zugeben, daß Sie eigentlich recht haben«, versetzte Mrs. Todgers mit einem Seufzer. »Mir hat die Sache gleich nicht recht gefallen. – Und nun gar erst das Elend, das wir hier im Hause erlebt haben durch die Heirat, meine liebe Miss Pecksniff – es ist geradezu unglaublich.«

»Was sagen Sie da, Mrs. Todgers?« rief Charitas erstaunt.

»Schrecklich, ganz schrecklich«, wiederholte Mrs. Todgers mit Nachdruck. »Sie erinnern sich doch noch an den jüngsten Gentleman aus der Gesellschaft, meine Liebe?«

»Freilich!«

»Und Sie haben gewiß bemerkt, mit was für Augen er immer Ihre Schwester anzusehen pflegte und daß immer eine Art Versteinerung über ihn kam, sooft sie in seiner Gesellschaft war.«

»So? – Ich habe nichts davon bemerkt«, sagte Cherry verdrießlich. »Das ist doch alles dummes Zeug, Mrs. Todgers.«

»Nein, nein, meine Liebe«, beharrte Mrs. Todgers auf ihrer Ansicht, »ich habe ihn oft und oft gesehen, wie er beim Dinner über der Pastete gesessen ist und ihm der Löffel im Mund steckenblieb, wenn er Ihre Schwester ansah. Ich selbst kann’s bezeugen, wie er immer in der Ecke unsres Salons gestanden ist und sie mit einem so feuchten und melancholischen Blick angeschaut hat – fast wie ein Brunnen, aus dem man Tränen herauspumpen kann, und gar nicht wie ein Mann.«

»Möglich! – Ich kann weiter nichts sagen, als daß ich gar nichts dergleichen bemerkt habe«, versetzte Cherry hartnäckig.

»Und gar erst, als die Heirat stattfand«, fuhr Mrs. Todgers unbeirrt fort, »und alles in der Zeitung stand und die Nachricht hier beim Frühstück verlesen wurde, da hab ich wahrhaftig schon gemeint, er wolle vollständig verrückt werden. Seine Heftigkeit, meine liebe Miss Pecksniff, die schrecklichen Reden, die er über Selbstmord laut werden ließ und so, die Wildheit, die er an den Tag legte, wenn er seinen Tee trank, und die Wut, mit der er immer in sein Butterbrot gebissen hat – und dann gar erst, wie ihn Mr. Jinkins verhöhnt hat –, alles das sind Eindrücke, die ich nie vergessen kann.«

»Nur schade, daß er sich nicht wirklich umgebracht hat«, spöttelte Miss Pecksniff.

»Sich umgebracht?« rief Mrs. Todgers. »Nein, schon am Abend hatte er diese Absicht aufgegeben. Er wollte nur mehr andere Leute umbringen. Es gab da einen kleinen Radau – ich hoffe, Sie halten das nicht für einen ordinären Ausdruck, Miss Pecksniff, aber unsere Herren führen ihn immer im Mund –, also wie gesagt, meine Liebe, es gab da plötzlich, wenn auch ganz im Guten, einen Mordsradau unter ihnen, und dann sprang er plötzlich schäumend vor Wut auf, und wenn ihn nicht drei Herren festgehalten hätten, würde er sicher Mr. Jinkins mit einem Stiefelzieher totgeschlagen haben.«

– Miss Pecksniffs Miene drückte außerordentliche Gleichgültigkeit aus. –

»Aber jetzt«, schloß Mrs. Todgers, »ist er der zahmste Mensch von der Welt. Die Tränen treten ihm in die Augen, wenn man ihn nur ansieht. An Sonntagen sitzt er gewöhnlich den ganzen lieben langen Tag bei mir und jammert mir in so kläglicher Weise vor, daß es mir fast unmöglich ist, mich um das Hauswesen so zu kümmern, wie es die Herren Kostgänger wünschen. Seinen einzigen Trost noch findet er in weiblicher Gesellschaft. Er nimmt mich mit ins Theater, und zwar so oft, daß ich manchmal fürchte, es geht über seine Mittel, und wenn ich ihn anschau, die ganze Vorstellung hindurch hat er Tränen in den Augen. Besonders, wenn’s ein Lustspiel ist. Ach, und gestern erst! Wie ich da wieder erschrocken bin«, Mrs. Todgers legte die Hand aufs Herz, »die Hausmagd hat seinen Betteppich zum Fenster hinausg’hängt, und da hab ich schon glaubt, er sei’s.«

Die Verachtung, mit der Miss Pecksniff diesen pathetischen Bericht über den Seelenzustand des jüngsten Gentlemans der Gesellschaft anhörte, ließ bemerken, daß sie nicht sonderlich viel Teilnahme für den Unglücklichen empfand. Sie schien im Gegenteil die Sache sehr leicht zu nehmen und erkundigte sich, was sonst noch für Veränderungen in dem Logierhause für die Herren vom Handelsstande vorgefallen seien.

Mr. Bailey war fort und hatte – so vergänglich ist alle Größe auf Erden – ein altes Weib, das unter dem unmöglichen Insulanernamen »Tamaroo« vorgestellt wurde, zur Nachfolgerin erhalten. Wie sich später herausstellte, hatten – stets zu Scherzen aufgelegt – die Kostgänger Mrs. Todgers‘ ihr diesen Namen gegeben. Das Wort, hieß es, solle aus einer englischen Ballade stammen und den kühnen, feurigen Charakter eines gewissen Lohnkutschers illustrieren, der darin eine große Rolle spielte. Offenbar hatten sie den Namen Mr. Baileys Nachfolgerin gegeben, da sie nichts weniger als »feurig« war, von einem Anfall von Rotlauf hie und da vielleicht abgesehen. Man hatte die alte Frau auf allgemeinen Wunsch engagiert und außerdem auf ein Gelübde Mrs. Todgers‘ hin, daß nun und nimmermehr Jungen die Türen ihres Kosthauses für junge Gentlemen vom Handelsstand verdunkeln sollten.

Mrs. Tamaroo zeichnete sich durch einen vollständigen Mangel an Fassungskraft für alles mögliche aus und war ein förmliches Mausoleum für Botschaften und kleine Pakete. Wenn man sie mit Briefen auf die Post schickte, so war ihr erstes, sie durch allerlei Spalten und Ritzen von Privathaustüren zu schieben, in der Einbildung, jede Türe mit einem Loch oder Schlitz müsse ein Briefkasten sein. Sie war klein und alt und trug stets eine grobe Schürze, vorn mit einem Lätzchen und hinten mit Fransen, dazu fortwährend Bandagen um ihre Handgelenke, die mit einer chronischen Verrenkung behaftet zu sein schienen. Bei jeder Gelegenheit, wenn es galt, die Haustüre zu öffnen, benahm sie sich außerordentlich vorsichtig, dagegen um so weniger, wenn es sich darum handelte, sie zu schließen, und wenn sie die Gäste bei der Tafel bediente, geschah es stets mit dem Hut auf dem Kopf.

Das war aber auch so ziemlich die einzige große Veränderung im Hause außer der, die mit dem jüngsten Gentleman der Gesellschaft vorgegangen war. Schon durch seine bloße Erscheinung bestätigte er Mrs. Todgers‘ Erzählung, nur schien er noch viel empfindlicher, als sie ihm nachgesagt. Ganz neue schreckliche Begriffe von Vorausbestimmung spukten in seinem Hirn, und er sprach viel von dem »Geschick« der Menschen, worüber er gewisse Privatoffenbarungen erhalten zu haben schien, die nicht jedermann zugänglich waren; wenigstens wußte er ganz genau, daß es das Fatum der armen Gratia gewesen sei, sein Leben in der Knospe zu zertreten. Er tat ungemein tränenreich und sentimental, und da bekanntlich jedermann seine Bestimmung haben muß, so setzte er sich in den Kopf, die seinige bestehe darin, daß er ohne Unterlaß Tränen im Auge haben müsse.

Wohl Tag für Tag versicherte er Mrs. Todgers, die Sonne sei für ihn untergegangen und die Wogen über ihn dahingerollt. Der Juggernaut habe ihn überfahren und die tödliche Upaspalme von Java ihn vergiftet. – Sein Name war Moddle.

Diesem also höchst unglücklichen Mr. Moddle gegenüber benahm sich nun Miss Pecksniff anfangs mit großer Reserve, da sie durchaus nicht in der Stimmung war, sich mit Klageliedern zu Ehren ihrer verheirateten Schwester unterhalten zu lassen. Das hatte gerade noch gefehlt, um den armen jungen Herrn vollständig zu zerschmettern, und bitter beklagte er sich darüber gegen Mrs. Todgers.

»Selbst sie wendet sich von mir ab, Mrs. Todgers«, jammerte er.

»Aber warum versuchen Sie denn auch nicht, ein bißchen heiterer zu sein«, stellte ihm Mrs. Todgers vor.

»Heiterer zu sein, Mrs. Todgers? Heiterer?!« rief der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«. »Wo sie mich doch an die Tage erinnert, die für immer dahin sind, Mrs. Todgers!«

»Dann täten Sie besser, sie auf eine kurze Zeit zu meiden«, rief Mrs. Todgers, »und sich ihr erst allmählich zu nähern! So möchte ich’s wenigstens machen.«

»Aber ich kann sie nicht meiden«, stöhnte Mr. Moddle. »Es fehlte mir die Willenskraft dazu. Ach, Mrs. Todgers, wenn Sie wüßten, welchen Trost mir der Anblick ihrer Nase gibt.«

»Ihrer Nase, Sir?« rief Mrs. Todgers.

»Ihres Profils im allgemeinen«, erklärte der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«, »aber besonders der ihrer Nase. Sie hat so viel Ähnlichkeit –«, wieder gab er einem Schmerzensausbruche Raum, »– sie hat so viel Ähnlichkeit mit der Nase derer, die jetzt einem andern angehört, Mrs. Todgers.«

Aufmerksam wie stets, verfehlte Mrs. Todgers natürlich nicht, den Inhalt dieses Gesprächs Miss Cherry zu hinterbringen, die zwar darüber lachte, aber noch am selben Abend Moddle mit größerer Rücksicht behandelte und ihm so viel wie möglich ihr Profil zukehrte. Mr. Moddle war zum mindesten ebenso sentimental wie gewöhnlich, aber er saß ruhig da und starrte sie mit glänzenden Augen an, als danke er ihr für diese Wohltat.

»Nun, Sir«, lobte ihn am nächsten Tag die Besitzerin des Logierhauses, »Sie haben sich ja gestern abend sehr zusammengenommen. Ich denke, Sie kommen doch wieder drüber weg.«

»Bloß, weil sie der so ähnlich sieht, die einem andern gehört, Mrs. Todgers«, seufzte der Jüngling. »Wenn sie spricht und wenn sie lächelt, glaube ich immer wieder ihr Antlitz vor mir zu sehen, Mrs. Todgers.«

Auch dies wurde Miss Cherry hinterbracht, die daraufhin am Abend aufs liebenswürdigste plauderte und lächelte, ja sogar Mr. Moddle wegen seiner Niedergeschlagenheit neckte und ihn zuletzt aufforderte, einen Rubber Whist mit ihr zu spielen. Mr. Moddle nahm den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, und so spielten sie mehrere Partien zu sechs Pence, die Miss Cherry samt und sonders gewann. Zum Teil mochte dies vielleicht der Galanterie des jungen Gentlemans zuzuschreiben sein, aber gewiß trug auch sein Gemütszustand Schuld an der Niederlage, denn sein Blick war so häufig von Tränen getrübt, daß er die Achter für Zehner und die Buben für Damen hielt, was ihm auf die Dauer der Zeit immerhin Nachteil brachte.

Am siebenten Whistabend, als Mrs. Todgers, die wie immer kiebitzte, den Vorschlag machte, sie sollten eigentlich um Pfänder oder Küsse spielen, sah man Mr. Moddle sogar die Farbe wechseln. Und am vierzehnten Abend küßte er im Flur, als Miss Pecksniff schlafen ging, ihr in Hast die Lichtschere; er hatte zwar auf die Hand, die sie trug, gezielt, sie aber leider verfehlt.

Schließlich fing Mr. Moddle an, auf die Idee zu kommen, Miss Pecksniff habe die Mission, ihn zu trösten; und Miss Pecksniff ihrerseits fing an zu glauben, es sei vielleicht ihre »Mission«, Mrs. Moddle zu werden. Moddle war noch recht jung – im Gegensatz zu Cherry –, hatte gute Aussichten in seinem Beruf und überdies ein beinahe sicheres Einkommen. Wirklich, die Sache war nicht so übel.

Überdies hatte er als Gratias Verehrer gegolten! Gratia hatte mit ihm renommiert und einst zu ihrer Schwester gesagt, er sei eine Eroberung von ihr. Hinsichtlich Aussehen, Temperament und Benehmen schlug er Jonas bei weitem, außerdem war er leicht lenkbar und überhaupt ganz der Mann, sich den Launen einer Frau zu fügen. Kurz, er verhielt sich zu Jonas wie ein Lamm zu einem Bären. Ha, welcher Triumph!

Inzwischen dauerte das Kartenspiel Abend für Abend fort, und Mrs. Todgers wurde kaltgestellt. Der »jüngste Gentleman der Gesellschaft« zeigte nicht mehr die frühere Vorliebe für ihre Gesellschaft und fing an – Miss Pecksniff mit ins Theater zu nehmen. Auch begann er, wie Mrs. Todgers sich ausdrückte, das Essen zu schwänzen und sich zu ganz ungesetzlichen Zeiten zu entfernen. Ja, zweimal empfing er sogar, wie Mrs. Todgers verriet, anonyme Briefe mit Empfehlungskarten von Geschäften für Brautausstattungen und Möbel. – Offenbar eine Bosheit von seiten des höchst ungentlemanliken Schuftes Jinkins, doch fehlte es leider an Beweisen, um ihn zur Rede stellen zu können. Alles das – so belehrte Mrs. Todgers ihre jungfräuliche Freundin – sprach eine so einfache und klare Sprache, daß kein Mißverständnis mehr möglich war.

»Meine liebe Miss Pecksniff, Sie können sich drauf verlassen«, sagte sie, »er brennt nur drauf, Ihnen seine Hand anzutragen.«

»Gott bewahre – was denken Sie! – Wenn’s so wäre, warum tut er’s dann nicht?« rief Cherry.

»Die Männer sind viel schüchterner, als man glaubt, meine Liebe«, orakelte Mrs. Todgers. »Sie gehen immer um den heißen Brei herum wie die Katzen, Monate und Monate lang hab ich g’sehn, wie meinem Todgers die Worte auf der Zunge g’legen sind, bevor er sich ausgesprochen hat.«

Miss Pecksniff meinte, Mr. Todgers könne hier denn doch nicht als passendes Beispiel angesehen werden.

»Aber ja, meine Liebe! Sicher!« remonstrierte Mrs. Todgers, sich in die Brust werfend. »Oh, er war seinerzeit ein sehr feiner Mann, das kann ich Ihnen versichern. Nein, nein, Sie müssen Mr. Moddle ein bissel einheizen, Miss Pecksniff, wenn Sie ihn zum Reden bringen wollen. Aber verlassen Sie sich drauf, dann wird’s plötzlich in einem ganz andern Tempo gehen.«

»Wirklich, ich wüßte nicht, in welcher Art ich das tun könnte, Mrs. Todgers«, erwiderte Charitas. »Er geht mit mir spazieren, spielt mit mir Whist und leistet mir oft stundenlang allein Gesellschaft.«

»Schon recht«, meinte Mrs. Todgers, »das ist ja alles unerläßlich, meine Liebe, und kann auch nicht anders sein.«

»Und dann setzt er sich stets ganz dicht neben mich.«

»Auch damit hat’s seine Richtigkeit«, entgegnete Mrs. Todgers.

»Und sieht mich beständig an.«

»Das kann ich mir denken«, rief Mrs. Todgers.

»Und dann legt er seinen Arm auf die Stuhllehne oder das Sofa oder was es sonst grad ist, wenn ich sitze – natürlich hinter mich.«

»Natürlich, freilich.«

»Und dann stehen ihm so oft die Tränen in den Augen.«

Mrs. Todgers meinte zwar, Mr. Moddle könne etwas Besseres tun als weinen; er solle lieber an des großen Lord Nelsons Signal zur Schlacht bei Trafalgar denken, indessen, sagte sie, er werde schon kühner werden oder besser gesagt, anbeißen, wenn Miss Pecksniff eine entschiedenere Stellung einnehme und ihm offen bedeute, daß es schließlich doch endlich einmal zu einem klaren Resultat kommen müsse.

So nahm sich denn die junge Dame vor, ihr Benehmen entsprechend einzurichten, und empfing bei nächster Gelegenheit Mr. Moddle mit kalter gezwungener Miene. Wirklich brachte sie ihn nach und nach dadurch so weit, daß er niedergeschlagen fragte, warum sie denn so verändert sei. Und da gestand sie ihm, sie halte es für notwendig, für ihren beiderseitigen Frieden einen entscheidenden Schritt zu tun. Sie seien in der letzten Zeit viel beisammen gewesen und hätten das süße Gefühl echter Seelenharmonie gekostet – sie ihrerseits könne ihn nicht mehr so leicht vergessen, noch werde sie je aufhören, seiner mit wärmster Freundschaft zu gedenken, aber die Leute hätten immerhin darüber zu reden angefangen, man habe die Sache bemerkt, und es sei notwendig, daß sie einander hinfort nicht mehr wären, als sich jede andere Dame und jeder andere Herr in Gesellschaft sind. Sie sei froh, daß sie rechtzeitig den Mut gefunden, offen mit ihm zu reden, solange sie noch Gewalt über ihr Herz habe. Es hätte sie große Kämpfe gekostet, das gebe sie zu, aber so schwach sie auch sei und so weiblich sie auch denke, so hoffe sie doch, den Sieg über sich selbst davontragen zu können.

Mr. Moddle, der darüber ganz außer sich geriet und reichlich Tränen vergoß, erkannte sofort, daß es sein Schicksal sei, andern Menschen Unglück zu bringen – dasselbe Unheil, das auch ihn betroffen –, er sei eine Art unbewußter Vampir und Miss Pecksniff ihm von den Schicksalsgöttinnen als Opfer Numero eins zugesandt worden. Charitas erklärte diese Ansicht für sündhaft und spornte ihn daraufhin zu der weiteren Frage an, ob sie mit einem gebrochenen Herzen vorliebnehmen könne, und als sich herausstellte, daß sie dazu vollständig imstande sei, legte Mr. Moddle einen schauerlichen Eid der Treue ab, der sofort angenommen und erwidert wurde.

Der junge Mann ertrug sein Glück mit größter Mäßigung. Statt zu jubeln, vergoß er mehr und reichlichere Tränen, als man bisher an ihm bemerkt hatte, und sagte schließlich schluchzend:

»Was für ein Tag ist dies gewesen! Ich gehe heut nicht mehr ins Kontor. Gott, was für ein Tag der Prüfung ist das heute für mich gewesen!«

33. Kapitel


33. Kapitel

Wie sich die Dinge in Eden weiter entwickelten. Martin gehen allmählich die Augen auf

Der Übergang von Mr. Moddle nach Eden ist leicht und natürlich. Mr. Moddle weilte, als er in der Atmosphäre von Miss Pecksniffs Liebe dahinlebte, in einem irdischen Paradies – und Eden war gleichfalls ein irdisches Paradies. Wenigstens behauptete das die Karte der Terraingesellschaft. Poetisch genommen, war die schöne Miss Pecksniff zu gut für die Menschheit angesichts ihres geknickten inneren Zustandes, und ein gleiches ließ sich auch hinsichtlich Edens behaupten, der blühenden Stadt, die Zephania Scadder, General Choke und andere Würdenträger und Federchen an den gewaltigen Fängen des amerikanischen Adlers, der stets himmelhoch im reinsten Äther schwebt und sich nie und nimmer mit beschmutzten Flügeln in den Kot herniederläßt, so über alle Maßen zu loben pflegten.

Als Mark Tapley, den Martin in dem »Landvermessungsbureau« in Eden zurückgelassen, sich durch genügende Betrachtung ihres gemeinsamen Mißgeschicks wirksam gestärkt und ermutigt hatte, ging er mit erneuter Heiterkeit daran, sich nach Hilfe umzusehen, und wünschte sich dabei unterwegs zu seiner beneidenswerten Lage, die ihm jetzt endlich zuteil geworden, Glück.

»Ich habe mir bisweilen gedacht«, sagte er sich, »eine verlassene Insel sei so das Richtige für mich, aber da hätte ich nur für mich allein zu sorgen gehabt, und weil ich von Natur aus leicht zufriedengestellt bin, hätte sich nicht viel Ehre dabei einlegen lassen. So muß ich jetzt mit für meinen Associé sorgen, und das ist so recht mein Fahrwasser. Ja, ja. Ich brauche offenbar einen Menschen, der beständig umfällt, wenn er aufrecht stehen sollte. Ich brauche einen Menschen, der in der Schule des Lebens so weit hinter mir zurück ist, daß er immer wieder ein großes ›A‹ in sein Schreibbuch malt, ohne weiterzukommen – einen Menschen, der sein eigener Mantel und Überzieher ist und sich beständig darin einwickelt. Und den habe ich jetzt«, fügte Mr. Tapley nach einer Pause hinzu. »Und das ist ein Riesenglück!«

Er hielt inne, um sich umzusehen, in welches der Blockhäuser er sich begeben sollte.

»Ich weiß wirklich nicht, wohin«, brummte er. »Man muß zugeben, das eine hat eine so gewinnende Außenseite wie das andere. Deshalb sind sie vermutlich auch innen alle gleich, ausgestattet mit allem Komfort, den sich ein Alligator im Naturzustand nur wünschen kann. – Wollen übrigens mal sehen. Der Bürger, der uns gestern abend begegnete, lebt sozusagen unter Wasser in dem Hundestall rechter Hand an der Ecke. Ich will ihn aber nicht belästigen, wenn es nicht unbedingt sein muß, den armen Kerl. Er ist ein gar zu trauriger Bursche. Doch da steht ja ein Haus mit einem Fenster! Ich fürchte, man wird drin sehr stolz sein; ich weiß nicht, ob nicht schon das Vorhandensein einer Türe allzu aristokratisch ist. Na, ich will’s mal mit der ersten versuchen.«

Und er ging nach der ersten Hütte und klopfte mit dem Finger an, Auf den Ruf »Herein!« öffnete er die Türe.

»Nachbar«, begann er, »– ich bin nämlich wirklich ein Nachbar, wenn Sie mich auch nicht kennen –, ich komme Sie um etwas bitten. Hallo! Hallo! Schlaf ich oder wach ich?«

Er hatte nämlich plötzlich seinen Namen nennen hören und sich von zwei kleinen Jungen am Rockschoß gefaßt gefühlt – und zwar von den beiden Kindern, die er an Bord des edlen und schnellsegelnden Paketschiffes jeden Morgen hergenommen, um ihnen die Gesichter zu waschen.

»Meine Augen müssen mich täuschen«, rief er. »Ich kann es nicht glauben! Nein, es kann doch nicht sein, daß das dieselbe Frau dort ist mit dem kleinen Mädchen, das jetzt gar so elend aussieht – und das ist doch ihr Mann, der nach New York kam, um sie zu holen!« Dann blickte er auf die beiden Jungen nieder und fügte hinzu: »Und das sollten die beiden jungen Stricke sein, die mich so gern gehabt haben? Nein, sie können ihnen nur ähnlich sein! Schlafe ich, oder bin ich wach?!«

In ihrer Freude, Mr. Tapley wiederzusehen, vergoß die Frau heiße Tränen, und der Mann drückte ihm beide Hände und wollte ihn gar nicht wieder loslassen. Die beiden Buben umarmten seine Beine, und das kranke Kind in den Armen der Mutter streckte seine fieberglühenden Fingerchen aus und murmelte mit heißer, trockener Kehle Marks unvergeßlichen Namen.

Es war dieselbe Familie – daran ließ sich nicht mehr zweifeln –, verändert zwar durch Edens gesunde Luft, aber trotzdem dieselbe.

»Das nenne ich mir eine Art von Morgenbesuch«, rief Mark tief aufatmend, »der alle andern weit hinter sich läßt. – Wart ein bissel. Ich komme gleich darüber hinweg. – Diese werten Gäste hier gehören nicht zu meinen Freunden. Stehen sie auf der Besuchsliste des Hauses?«

Seine Frage bezog sich auf ein paar dürre Schweine, die mit ihm hereingeschlüpft waren und jetzt den Hausinsassen zwischen den Beinen herumliefen. Da sie nicht zu den Bewohnern des Schlosses gehörten, wurden sie von den beiden kleinen Jungen unverzüglich wieder hinausgejagt.

»Ich teile zwar nicht die allgemeine Abneigung gegen Kröten«, fuhr Mark mit einem Blick auf den Boden fort, »aber wenn ich die zwei oder drei, die ich hier beisammen sehe, bewegen könnte, eine Weile hinauszuspazieren, meine jungen Freunde, so glaube ich, sie würden die freie Luft sehr erfrischend finden. Nicht, daß ich etwas gegen sie einzuwenden hätte – Kröten sind recht schmucke Tiere«, fügte Mr. Tapley hinzu und setzte sich auf einen Schemel. »Sie sind gefleckt um die Kehle herum, haben helle Augen, ein besonnenes Temperament und sind entzückend schlüpfrig, aber ich glaube dennoch, daß sie sich vorteilhafter vor der Türe draußen ausnehmen würden.«

Durch derartige Reden suchte sich Mark den Anschein von Heiterkeit und Sorglosigkeit zu geben, aber insgeheim ließ er seine Augen bekümmert umherschweifen. Das blasse und abgemagerte Aussehen der Familie, die Veränderung, die mit der armen Mutter vorgegangen war, das fieberkranke Kind auf ihrem Schoß, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die auf allen Gesichtern lag, machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Er überblickte dies alles so schnell und klar wie die rohen Gesimse, gestützt von Pflöcken, die zwischen den Balken staken, aus denen das Haus gezimmert war – das Mehlfaß in der Ecke, das als Tisch diente, die Decken, Tücher, die Spaten und andern Hausrat an der Wand, den Moder, der den Boden überzog, die dumpfe Feuchtigkeit überall und den Schwamm und Schimmel, die in jeder Spalte und Ritze der Hütte wucherten.

»Wie sind denn Sie hierhergekommen?« fragte der Mann, als die ersten Ausbrüche des Erstaunens vorüber waren.

»Nun, wir sind vorige Woche mit dem Dampfer angekommen«, erklärte Mark. »Unsere Absicht ist, so geschwind wie möglich unser Glück zu machen und uns ein großes Vermögen zu erwerben. Aber wie geht’s denn Ihnen? Sie sehen ja vortrefflich aus.«

»Wir sind nur noch ein wenig krank«, seufzte die arme Frau und beugte sich über ihr Kind. »Aber es wird schon gehen, wenn wir uns erst an das Klima gewöhnt haben.« Es gibt hier so manchen, dachte Mark, der den ganzen Rest seines Lebens dazu aufbraucht, sich daran zu gewöhnen.

Dann sagte er heiter:

»Freilich – natürlich wird’s besser kommen. Bei uns allen! Wir dürfen nur den Mut nicht verlieren und müssen gute Nachbarn bleiben. Es wird schon noch alles wieder recht werden. Übrigens, so nebenbei: Das erinnert mich, daß mein Associé ziemlich schlimm daran ist. Ich kam hierher, um für ihn um Hilfe zu bitten. Ich wollte, Sie gingen mit mir hinüber und gäben mir einen Rat, Meister.«

Es hätte eine sehr unvernünftige Bitte sein müssen, die Mr. Tapley abgeschlagen worden wäre, da man seiner freundlichen Dienstleistungen an Bord des Schiffes nur zu dankbar gedachte. Sofort erhob sich der Mann, um ihn zu begleiten. Ehe sie gingen, nahm Mark das kranke Kind in seine Arme und versuchte die Mutter zu trösten, aber er erkannte, daß der Tod bereits seine Hand auf das arme kleine Geschöpf gelegt hatte.

Sie fanden Martin in seine Bettdecke eingewickelt und auf dem Boden liegend. Allem Anschein nach war er wirklich sehr krank, denn er schauderte und schüttelte sich fürchterlich, nicht, wie es bei Leuten der Fall ist, die frieren, sondern in heftigen Krämpfen, die seinen ganzen Körper erschütterten. Marks Freund erkannte die Krankheit sofort als eine böse Art von Wechselfieber, die hierzulande sehr häufig sei und sich noch so manchen Tag steigern und steigern werde. Er selbst habe mehrere Jahre daran gelitten und könne Gott nicht genug danken, daß er mit dem Leben davongekommen sei. So manchen seiner Nachbarn habe er daran sterben sehen.

»Na, vom Leben ist dir wahrhaft nicht viel übriggeblieben«, brummte Mark und betrachtete sorgenvoll die ausgemergelte Gestalt des Mannes. »Eden hoch, für immer!«

Sie hatten einige Arzeneien in ihren Koffern mitgebracht, und der Mann konnte dank seiner traurigen Erfahrungen Mark angeben, wie sie angewendet werden müßten und wie man Martins Leiden am besten erleichtern könne. In seiner Aufmerksamkeit begnügte er sich jedoch nicht damit, lief fleißig ab und zu und leistete Mark in allen seinen Versuchen, die Lage seines Associés erträglicher zu machen, nach Kräften Beistand. Trost für die Zukunft konnte er ihm freilich nicht spenden; die Jahreszeit war ungesund und die Ansiedlung, genau genommen, ein großes Grab. Noch in derselben Nacht starb sein Kind, und Mark half es ihm am nächsten Tage unter einem Baum beerdigen.

Bei all seinen mannigfaltigen Krankenwärterpflichten gegenüber Martin – dieser wurde immer anspruchsvoller, je mehr sich sein Übel verschlimmerte – arbeitete Mark Tapley dennoch von früh bis spät, teils innerhalb, teils außerhalb des Hauses, und es gelang ihm mit Beihilfe seines Freundes sowohl als anderer Nachbarn, das erkaufte Landstück ein bißchen wenigstens herzurichten. Nicht, daß er vielleicht auf die Zukunft Hoffnung gesetzt oder in diesem Sinne gearbeitet hätte. Innerlich hielt er die Lage für ganz verzweifelt, aber gerade deswegen glaubte er »Ehre einzulegen«.

»Ich gebe die Hoffnung auf, mich so emporzuarbeiten, wie ich wohl wünschen möchte«, vertraute er Martin in einem freien Augenblick an, das heißt, an einem Abend, als er nach hartem Tagewerk die Wäsche des Hauses wusch. »Ich sehe nur, daß es endlich so gekommen ist, wie ich mir schon lange gewünscht habe.«

»Wollen Sie vielleicht, daß es uns noch schlechter gehe als gegenwärtig?« stöhnte Martin unter seiner Decke hervor.

»Na, sehen Sie doch nur, wie leicht es schlimmer hätte kommen können, Sir«, sagte Mark, »wenn nicht das neidische Schicksal immer hinter mir her wäre, um mir ein Bein zu stellen. In der Nacht, in der wir ankamen, glaubte ich schon, die Sachen ließen sich recht hübsch an, das will ich nicht leugnen.«

»Und wie machen sie sich denn jetzt?« seufzte Martin.

»Ach!« rief Mark. »Gar nicht so, wie Sie vielleicht fürchten. Gehe ich da den ersten Morgen, den ich frei habe, aus, und was geschieht? Ich begegne der Familie, die wir kennen. Von diesem Augenblick an unterstützen uns die Leute fortwährend und auf alle mögliche Weise. Wäre ich über eine Schlange gestolpert und von ihr gebissen worden oder auf sonst einen Patrioten von der stärksten Sorte gestoßen oder hätte ich ein Bowie-Messer in den Leib bekommen oder ein Trupp »Sympathizers« mit umgeklappten Halskragen hätten mich zum »Löwen« ernannt, da hätte ich mich vielleicht noch auszeichnen und gewissermaßen Ehre einlegen können, so aber scheint mir das große Ziel meiner Reise vollständig verfehlt. Es wird mir eben nie so gehen, wie ich möchte, das sehe ich schon. Wie geht es Ihnen übrigens heute abend, Sir?«

»Schlimmer als je«, klagte der arme Martin.

»Das ist immerhin etwas«, meinte Mark, »aber noch immer nicht genug. Ich müßte erst selbst mal recht krank werden und doch fidel dabei bleiben bis zum letzten Augenblick – dann glaube ich, könnte ich sagen: so, jetzt bin ich zufrieden.«

»Um Gottes willen, reden Sie nicht so«, sagte Martin entsetzt. »Was sollte ich denn anfangen, Mark, wenn auch Sie noch krank würden?«

Wenn diese Bemerkung auch nicht besonders schmeichelhaft war, so schien sie doch Mr. Tapleys gute Laune sehr zu erhöhen. Lustig fuhr er fort zu waschen und bemerkte, »sein Barometer steige«.

»Ein Gutes wenigstens hat dieser Ort, Sir, was mich zur Heiterkeit stimmt«, fing er wieder an und rieb drauflos, »nämlich, daß der Ort an und für sich so eine Art kleine Vereinigte Staatenrepublik ist. Es sind noch zwei oder drei amerikanische Ansiedler hier übriggeblieben, und die nehmen immer noch so das Maul voll, als ob Eden der gesündeste und lieblichste Ort der Welt wäre. Sie sind wie der Hahn, der sich versteckt hat, um nicht geschlachtet zu werden, aber das Krähen trotzdem nicht lassen kann. Sie können das Maul nicht halten; sie sind dazu geboren und können nicht anders, was auch daraus folgen möge.«

Noch während er das sagte, blickte er von seiner Arbeit auf und nach der Türe und entdeckte dort einen hagern Kerl in blauem Kittel und Strohhut, eine kurze schwarze Pfeife im Mund und einen über und über mit Knoten bedeckten Hickory-Stock in der Hand. Der Mensch rauchte und kaute gleichzeitig Tabak und spuckte so häufig aus, daß eine ganze Allee von braunen Klecksen den Weg frankierte, den er gekommen war. »Aha, da ist schon einer!« rief Mark. »Hannibal Chollop!«

»Fordern Sie ihn nicht auf, einzutreten«, bat Martin mit matter Stimme.

»Wird nicht nötig sein«, meinte Mark, »der kommt schon von selbst, Sir.«

Und seine Bemerkung erwies sich auch als vollständig richtig. Das Gesicht des Kerls war so eckig und knotig wie sein Stock, und ein gleiches ließ sich auch von seinen Händen sagen. Sein Haarschopf sah aus wie ein alter, schwarzer Scheuerbesen. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sich der Mann auf die Kiste, schlug ein Bein über das andere, schielte Mark an und begann mit der Pfeife im Munde:

»Na, Mr. Co, wie bringen Sie’s vorwärts, Sir?«

– Mr. Tapley hatte sich nämlich allen Fremden unter dem Namen »Mr. Co« vorgestellt. –

»So so la la, Sir. Ziemlich leidlich«, versetzte Mark.

»Was? Ist das nicht Mr. Chuzzlewit?« fragte der Yankee. »Wie geht’s Ihnen, Sir?«

Martin schüttelte stumm den Kopf und zog unwillkürlich die Decke über die Ohren. Er fühlte, daß Hannibal im Begriff stand, auszuspucken, und sozusagen auf ihn zielte.

»Sie brauchen auf mich keine Rücksicht zu nehmen, Sir«, bemerkte Mr. Chollop selbstgefällig. »Ich bin gefeit gegen alle Arten von Fieber. Fürchte keine Ansteckung.«

»Mein Beweggrund war egoistischer Natur«, sagte Martin, unter seiner Decke hervorblickend, »ich fürchte, Sie könnten –«

»Seien Sie unbesorgt, Sir«, beruhigte ihn Mr. Chollop. »Ich spucke auf einen Zoll genau.«

Und sofort lieferte er einen Beweis dieser höchst erfreulichen Fertigkeit.

»Ich brauche höchstens«, fuhr Hannibal fort, »zwei Fuß freien Platz im Umkreis und kann mich verpflichten, nie darüber hinauszugehen. Ich habe schon einmal zehn Fuß weit gespuckt, aber damals galt es eine Wette.«

»Hoffentlich haben Sie die gewonnen, Sir?« fragte Mark.

»Gewiß, Sir, selbstverständlich habe ich die Wette gewonnen«, rief Mr. Chollop. Dann schwieg er eine Weile, eifrig bemüht, um die Kiste, auf der er saß, einen magischen Kreis zu spucken. Als ihm dies gelungen, begann er wieder:

»Wie gefällt Ihnen unser Land, Sir?« Dabei blickte er Martin lauernd an.

»Durchaus nicht«, lautete die Antwort.

Ohne im mindesten die Miene zu verziehen, fuhr Mr. Chollop fort zu rauchen, bis ihn endlich wieder die Lust anwandelte zu reden. Dann nahm er die Pfeife aus dem Munde und sagte:

»Wundert mich nicht, etwas Derartiges von Ihnen zu hören; es bedarf einer gewissen geistigen Erhebung, sozusagen einer Zustutzung des Verstandes, in Amerika zu leben. Der menschliche Geist ist nicht sofort für die Freiheit vorbereitet, Mr. Co.«

Er wandte sich an Mark, da er sah, daß Martin die Augen geschlossen hatte und sich unruhig auf seiner Lagerstätte hin und her wälzte. In seiner Qual wünschte der arme Kranke den Besuch zu allen Teufeln, und da er sowieso schon halb wahnsinnig war von fieberhafter Aufregung, fiel ihm die dröhnende Stimme dieses neuen Schreckbildes geradezu unerträglich auf die Nerven.

»Eine kleine körperliche Erhebung könnte auch nicht schaden, glauben Sie nicht, Sir?« meinte Mark. »Wo man mit einem so feinen alten Sumpf wie diesem hier zu tun hat.«

»Sie nennen das einen Sumpf, Sir?« rief Chollop würdevoll.

»Natürlich, was denn sonst?« entgegnete Mark. »Ich für meinen Teil bin hinsichtlich dieses Punktes über jeden Zweifel hinaus.«

»Diese Ansicht klingt wieder mal echt europäisch!« sagte »Major« Chollop, »und überrascht mich auch weiter nicht. Was würde England drüben wohl sagen, wenn’s son Sumpf aufzuweisen hätte, Sir?«

»Ich schätze, es würde sagen, es sei ein scheußlicher Sumpf«, versetzte Mark, »und daß es sich das Fieber lieber auf irgend eine andere Art einimpfen lassen wollte.«

»Europäisch!« höhnte Mr. Chollop mit sardonisch mitleidigem Lächeln. »Echt europäisch.«

Und dann saß er wieder da – stumm und ungeniert, als sei er zu Hause, dabei fortwährend rauchend wie ein Schlot.

Hannibal Chollop gehörte selbstverständlich ebenfalls zu den »hervorragendsten Köpfen« des Landes. Aber außerdem war er noch eine wirklich berühmte Person. Seine Freunde im Süden und Westen pflegten ihn für gewöhnlich ein »Prachtexemplar aus echtem Schrot und Korn« zu nennen, und überdies stand er in hoher Achtung wegen seiner Begeisterung für die Freiheit, zu deren besserer Betätigung er stets ein paar Revolver in der Rocktasche trug. Außer andern ähnlichen Spielereien führte er noch einen Stockdegen, den er gewöhnlich den »Nasenstäuber« nannte, und ein großes Messer bei sich, dem er die Bezeichnung »Magenputzer« als Anspielung auf die vielen nützlichen Dienste, die es ihm bei verschiedenen kleinen Streitigkeiten zu leisten pflegte, gegeben hatte. Alle diese Waffen hatte er bei mehreren Gelegenheiten, die gebührend in den Zeitungen hervorgehoben worden waren, mit ausnehmend gutem Erfolge gebraucht, und er selbst stand in hohem Ansehen wegen seiner Ritterlichkeit, um so mehr, als er einmal einem andern Gentleman das Auge »herausgeputzt«, als dieser ein wenig zudringlich an seine Haustüre geklopft hatte.

Mr. Chollop erfreute sich eines ausgesprochenen Hanges zum Nomadenleben, und in einem weniger fortgeschrittenen Staate wäre er vielleicht verkannt und als gefährlicher Vagabund eingesperrt worden. In einem Weltteil jedoch, wo er so viele geistesverwandte Genossen hatte, wurden seine hervorragenden Eigenschaften natürlich geschätzt und gewürdigt. Er war eben unter einem glücklichen Stern geboren, was man nicht von allen Menschen sagen kann, die ihrer Zeit vorauseilen. Er liebte es, schon wegen seines Hanges zum »Nasenstübern« und zum »Magenputzen«, sich an den äußersten Grenzen der gesellschaftlichen Welt, nämlich in den Städten und Marktflecken des Innern herumzutreiben. Von einem Ort zum andern wandernd, fing er überall ein Geschäft an – gewöhnlich eine Zeitung –, das er dann sogleich wieder verkaufte; und gewöhnlich schloß er den Handel damit, daß er den neuen Herausgeber, ehe dieser noch sein Eigentum angetreten, provozierte, erstach, erschoß oder ihm mit dem Daumen ein Auge herausquetschte.

Zu ähnlichen Spekulationen war er auch nach Eden gekommen, hatte sie jedoch bald aufgegeben und stand jetzt im Begriff, die »Stadt« zu verlassen. Jedem neuen Bekannten stellte er sich als einen geradezu fanatischen Anhänger der »Freiheit« vor. Konsequent vertrat er die Sache der Sklaverei und des Lynchgesetzes und empfahl in Wort und Schrift, unwandelbar jeden unpopulären Menschen, dessen Ansichten von den seinigen abweichen sollten, zu »federn« oder zu »teeren«. Das nannte er das »Banner der Zivilisation in den wilderen Gärten des Vaterlandes aufpflanzen«.

Zweifellos hätte Mr. Chollop dieses Banner auch in Eden auf Marks Unkosten aufgepflanzt – zum Dank für dessen Freimut, aber die Ansiedlung war gar zu öde und verfallen, und überdies wollte er selbst bald abreisen. Er begnügte sich daher, Mark einen seiner Revolver zu zeigen und zu fragen, was er von einer solchen Waffe halte.

»Es ist noch nicht lange her, daß ich einen Kerl in Illinois damit niederknallte«, bemerkte er kühl.

»So«, sagte Mark ebenso kühl, »sehr liberal gedacht von Ihnen und sehr unverfroren.«

»Ich knallte ihn nieder, Sir«, fuhr Mr. Chollop fort, »da er im ›Spartanischen Porticus‹, einem bekannten Wochenblatt, behauptete, die alten Athener seien über das jetzige Locofoco-Programm hinausgegangen.«

»Und was ist denn da weiter dabei?« fragte Mark.

»Echt europäisch, das wieder einmal nicht zu wissen«, brummte Mr. Chollop und rauchte wütend weiter. »Echt europäisch.«

Nachdem er eine Weile wieder an seinem magischen Kreis gearbeitet, fing er von neuem an:

»Sie fühlen sich in Eden also nicht besonders zu Hause, was?«

»Nein«, lachte Mark, »könnte ich nicht sagen.«

»Sie vermissen vermutlich die Belastungen Ihres Landes – die Häusersteuern?«

»Nein, vor allem die Häuser«, meinte Mark.

»Fenstersteuern gibt’s hier auch nicht«, fuhr Mr. Chollop fort.

»Aber auch keine Fenster, die man besteuern könnte«, meinte Mark.

»Und keine Scheiterhaufen, keine Kerker, keine Prügelprofose, keine Schafotte, keine Daumenschrauben und keinen Pranger«, knurrte Mr. Chollop.

»Dagegen Revolver und Bowie-Messer«, erwiderte Mark. »Aber was will das weiter sagen! Bagatelle!«

In diesem Augenblick kam der Nachbar, der ihnen am Abend ihrer Ankunft begegnet war, zur Türe gewankt und warf einen Blick herein.

»Nun, Sir«, redete ihn Mr. Chollop an, »und wie kommen Sie voran?«

Offenbar sehr mäßig – – der Mann gab es mit einem Brummen zu verstehen.

»Mr. Co und ich«, erklärte Mr. Chollop, »disputieren gerade ein wenig miteinander; man sollte ihn mal ’n bißchen zahm machen, da er es wagt, zwischen der alten Welt und der neuen gewisse Vergleiche anzustellen, meinen Sie nicht auch?«

»Nun ja«, gab der armselige Schatten zu, »vielleicht.«

»Ich habe nur behauptet, Sir«, wandte sich Mark an den neuen Gast, »daß ich die Stadt, in der zu leben wir die Ehre haben, für – sumpfig halte. Was ist Ihre Ansicht?«

»Ich schätze wohl, daß sie zu gewissen Zeiten ziemlich feucht ist«, gab der Mann zögernd zu.

»Aber nicht so dumpfig wie England«, rief Mr. Chollop mit grimmiger Miene.

»Oh, so dumpfig wie England natürlich nicht. Das liegt schon in den verschiedenartigen Institutionen der Länder«, rief der Mann.

»Ich will nicht hoffen, daß es in ganz Amerika einen Sumpf gibt, der nicht diese ganze, jämmerliche Insel von Dreck und Sirup drüben aufwöge«, bemerkte Chollop mit Entschiedenheit. »Sie haben doch aus freiem Antrieb und direkt von Scadder gekauft, Sir, nicht?« wandte er sich wieder an Mark.

Mr. Tapley bejahte.

Mr. Chollop blinzelte dem andern »Bürger« zu. »Scadder ist ein famoser Bursche; einer, der’s noch weit bringen wird; einer, der in die Höhe kommen wird und immer auf die richtige Seite fällt, nie auf die beschmierte. Was?« Und abermals blinzelte er dem andern »Bürger« zu.

»Wenn’s nach mir ginge, käme er so hoch, daß er mit dem Kopf am Galgen hinge«, sagte Mark.

Mr. Chollop war so entzückt über die Gerissenheit seines vortrefflichen Landsmannes, der die beiden Engländer so gut hineingelegt, daß er sich nicht länger zurückhalten konnte und in ein wieherndes Gelächter ausbrach.

Am seltsamsten aber war, daß jetzt die amerikanische Vaterlandsliebe auch bei dem andern hervorbrach – bei dem kranken, elenden Schatten von einem Menschen. Er schien über Scadders Spitzbüberei so begeistert zu sein, daß er sein eigenes Unglück ganz vergaß und laut hinausjohlte. Mr. Scadder sei ein pfiffiger Bursche, sagte er, und habe schon eine ganze Menge englisches Geld auf diese Weise an sich gebracht. Das sei so sicher wie daß die Sonne aufgehe.

Mr. Hannibal Chollop ergötzte sich weidlich an dem Spaß, blieb aber sitzen, rauchte unentwegt drauflos und umspuckte den magischen Kreis, ohne ein Wort an die andern zu richten oder Miene zum Aufbruch zu machen. Offenbar litt er unter der üblichen amerikanischen Einbildung, es sei die größte Aufmerksamkeit, die ein treuer und erlauchter Bürger der Vereinigten Staaten jemandem erweisen könne, wenn er ein fremdes Haus auf zwei oder drei Stunden in einen Spucknapf verwandelte. Endlich erhob er sich aber doch.

»Ich werde mich jetzt sachte auf die Socken machen«, brummte er.

Mark ersuchte ihn, sich nur ja zu schonen und sich in acht zu nehmen, daß er sich draußen kein Bein bräche.

»Bevor ich gehe«, unterbrach ihn Mr. Hannibal streng, »möchte ich Ihnen noch ein Wörtchen sagen. Sie sind verdammt scharf, das muß man Ihnen lassen.«

Mark bedankte sich für das Kompliment.

»Aber ein bißchen gar zu scharf, als daß man Ihnen das Handwerk nicht einmal legen würde. Sie werden noch mal so viel Revolverkugeln in den Leib kriegen, daß Sie aussehen wie ein Sieb, darauf möchte ich wetten.«

»Weshalb?« fragte Mark. »Wir lassen nicht mit uns spaßen, Sir«, rief Chollop in drohendem Tone, »wir leben hier nicht in einem despotischen Land. Wir sind ein Vorbild für die Welt, und mit uns darf man sich keine Witze erlauben, merken Sie sich das!«

»Was! Rede ich etwas zu frei?« fragte Mark spöttisch.

»Ich habe schon wegen einer geringern Sache einen niedergeknallt«, brummte Mr. Chollop mit finsterm Blick. »Und habe stärkere Männer gekannt, die sich wegen größerer Kleinigkeiten haben dünne machen müssen. Wegen viel geringerer Kleinigkeiten habe ich Leute gelyncht werden sehen und in tausend Fetzen gehauen werden von unsern Bürgern. Wir repräsentieren die Intelligenz der Menschheit und sind das Salz der Erde und die Blüte der sittlichen Kraft. Wollt ihr dahinten in England vielleicht aufmucken? Wir haben verdammt scharfe Zähne, das kann ich Ihnen sagen. Also nehmen Sie sich in acht, Sir.«

Mit dieser Warnung schied Mr. Chollop samt Messer, Revolver und Stockdegen, zu Hieb, Stich und Schuß bereit bei dem leisesten Widerspruch.

»Kommen Sie nur unter der Decke hervor jetzt, Sir«, sagte Mark, »er ist fort. – Was ist das?« fügte er halblaut hinzu, kniete nieder, um seinem Associé ins Gesicht zu sehen, und ergriff dessen fiebernde Hand, »das kommt von dem albernen Geschwätz, jetzt phantasiert er und kennt mich nicht.«

Martin war in der Tat gefährlich krank – ja sogar dem Tode nahe. – In diesem Zustand blieb er viele Tage lang, während welcher Zeit Mark ihn ohne Rücksicht auf sich selbst pflegte. Abgemattet an Leib und Seele, den ganzen Tag angestrengt arbeitend, die ganze Nacht über wachend, erschöpft von den ungewohnten Strapazen, umgeben von grauenvollen Bildern und entmutigenden Szenen, klagte Mark dennoch nicht mit einer Silbe. Wenn er je Martin für selbstsüchtig gehalten hatte, für unüberlegt, bloß anfallsweise energisch und dann wieder zu indolent in ihrer verzweifelten Lage, so vergaß er das jetzt alles, dachte nur an die bessern Eigenschaften seines Schicksalsgefährten und blieb ihm mit Leib und Seele ergeben.

Viele Wochen vergingen, ehe Martin wieder kräftig genug war, von Marks Arm und einem Stock unterstützt umherzuwanken, und dann ging es mit seiner Genesung mangels gesunder Luft und guter Nahrung sehr langsam vonstatten. Er befand sich noch in sehr geschwächtem Zustand, als das Unglück eintrat, das er so sehr befürchtet. Mark erkrankte gleichfalls.

Wohl kämpfte der tapfere Bursche lange dagegen an, aber die Krankheit war stärker als er. Alle seine Bemühungen waren umsonst.

»Für den Augenblick auf den Boden geschmissen, Sir«, sagte er eines Morgens und sank auf sein Bett zurück, »aber nur immer fidel!«

Ja, allerdings niedergestreckt, und zwar durch ein schweres Fieber.

Wenn Marks Freunde sich schon gegen Martin liebevoll gezeigt, um so teilnahmsvoller benahmen sie sich jetzt gegen Mark. Und nun kam die Reihe an Martin, zu arbeiten, an dem Krankenlager zu wachen und während der langen Nächte auf jeden Laut in der düstern Wildnis draußen zu lauschen. Der arme Mr. Tapley lag delirierend da, schob im Geiste im »Drachen« Kegel, machte Mrs. Lupin Liebeserklärungen, wähnte an Bord der »Schraube« zu sein, wanderte mit dem alten Tom Pinch auf englischen Landstraßen dahin und verbrannte in Eden Baumstümpfe.

Aber sooft ihm Martin Medizin einflößte oder ihn auf sonstige Weise pflegte oder von irgendeiner Arbeit nach Hause kam, heiterten sich seine Mienen auf, und er rief: »Fidel, Sir, nur immer fidel!«

Und als nun Martin darüber nachzudenken begann und Mark betrachtete, wie er dalag, ohne ihm auch nur mit der leisesten Klage oder einem Seufzer Vorwürfe zu machen, und fortwährend bemüht, männlich und standhaft zu erscheinen, fragte er sich, warum dieser Mensch, den Erziehung und äußere Umstände so wenig begünstigt hatten, soviel besser sei als er selbst, dem bisher alle Hindernisse aus dem Wege geräumt worden waren. An einem Krankenbett zu sitzen, besonders am Krankenbett eines Menschen, den man voller Lebenskraft und Energie zu sehen gewohnt ist, das weckt das Nachdenken wie nicht so bald etwas anderes auf der Welt. Deshalb fing auch Martin an, sich zu fragen, worin sie beide denn so verschieden seien.

Sich diese Frage zu beantworten, wurde ihm sehr erleichtert durch die öftern Besuche von Marks guter Freundin, ihrer Reisegefährtin auf der »Schraube«. Erinnerte es ihn doch daran, wie sehr verschieden die Art, in der er und andererseits Mark sich benommen, gewesen war. Auch Tom Pinch fiel ihm ein. Mit Recht nahm er an, daß Tom unter ähnlichen Umständen sich wohl genau so wie Mark benommen haben würde, und er fragte sich, wie zwei so sehr voneinander verschiedene Menschen dennoch in gewissen Dingen einander ähnlich und ihm so unähnlich sein konnten. Auf den ersten Blick hatten diese Betrachtungen nichts Betrübendes, aber dennoch wirkten sie niederdrückend auf ihn.

Martin war von Natur offen und hochherzig, allein er war bei seinem Großvater aufgewachsen und wie gewöhnlich in solchen Fällen verpflanzte sich der Fehler des einen gerade auf den, der am meisten darunter litt. Von der Selbstsucht gilt dies ganz besonders, ebenso von Mißtrauen, Hinterhältigkeit und Habgier. Martin hatte als Kind unbewußt geschlossen: mein Erzieher denkt soviel an sich, daß ich, wenn ich’s nicht ebenso mache, bald ganz unterdrückt sein werde, und so wurde er denn schließlich selber selbstsüchtig.

Aber er war sich dessen nie bewußt geworden. Hätte ihm jemand seinen Egoismus vorgeworfen, so würde er diese Beschuldigung unwillig zurückgewiesen und den Betreffenden für einen Verleumder gehalten haben. Er hätte es nie einzusehen gelernt. Aber erst vor kurzem fast vom Tode auferstanden, um jetzt jemanden zu bewachen, der selber dem Grabe nahe war, fühlte er, wie wenig daran gefehlt hatte, um ihn selbst unter die Erde zu bringen, und was für ein armes elendes Ding der Mensch ist.

Es war natürlich, daß er – er hatte monatelang Muße dazu – über seine eigene Genesung und Marks jetzige Gefahr nachdachte. Dies brachte ihn auf den Gedanken, wer von ihnen beiden denn eher entbehrlich sei und aus welchem Grunde. Da lüftete sich der geistige Vorhang ein wenig, und das wahre Ich begann sich zu zeigen.

Außerdem fragte er sich, als er Mr. Tapleys Tod stündlich erwartete, ob er denn auch seine Pflicht gegen ihn getan und Marks Eifer und Treue verdient und gehörig vergolten habe. Nein. So kurz ihr Zusammensein gewesen, so erinnerte er sich doch so manchen Falles, in dem er sich durchaus nicht untadelig benommen, und als er sich weiter fragte, warum nicht, erhob sich der Vorhang noch ein wenig mehr, und das wahre Ich brach in vollem Glanze hervor.

Es währte ziemlich lange, ehe er sein Inneres so ganz kennengelernt hatte und die volle Wahrheit einzusehen begann. Aber in der furchtbaren Einsamkeit dieses entsetzlichsten aller Orte, wo alle Hoffnung so ferngerückt, aller Ehrgeiz erstickt war und der Tod an der Tür lauerte, da kam das Nachdenken über ihn, und er fühlte und erkannte die Fehler seines Lebens und sah deutlich, welch häßlicher Fleck darauf lag.

Eden war eine harte Schule, um eine so harte Lektion zu lernen, aber die Lehrer, nämlich der Sumpf, der Busch und die verpestete Luft hatten ihre besondere rauhe Methode.

Feierlich nahm Martin sich vor, wenn seine Kräfte je wiederkehren sollten, an der gewonnenen Erkenntnis festzuhalten und die Selbstsucht in seiner Brust unter allen Umständen auszurotten. Er hegte, und mit Recht, so viel Mißtrauen gegen sich, daß er sogar beschloß, nicht ein Wort eitler Reue oder guter Vorsätze zu Mark zu sagen, sondern fest und im stillen an der Ausführung seines Entschlusses zu arbeiten. Und dennoch lag nicht ein Gran von Stolz darin; – nichts als wahre Demut und Beharrlichkeit, das beste Rüstzeug, das er tragen konnte. So weit ihn Eden körperlich heruntergebracht, so hoch hatte es ihn innerlich erhoben.

Nach langwieriger Krankheit, in deren schlimmsten Stadien Mark oft nicht ein Wort sprechen konnte und nur mit zitternder Hand imstande war, sein »fidel« auf eine Schiefertafel zu schreiben, stellten sich endlich Symptome wiederkehrender Gesundung ein. Sie kamen und gingen. Das Leben flackerte einige Zeit hin und her, aber zuletzt begann der Kranke, sich entschieden besser zu fühlen und mit jedem Tag kräftiger zu werden. Als er sich wohl genug fühlte, um ohne sofortige Erschöpfung sprechen zu können, beriet sich Mark mit ihm über einen Plan, den er noch vor einigen Monaten sofort in Vollzug gesetzt haben würde, ohne einen andern Kopf als den eigenen damit zu behelligen.

»Unser Fall ist verzweifelt«, begann er, »das unterliegt keiner Frage. Der Ort ist eine Einöde, die Zustände hier werden inzwischen genügend bekannt geworden sein, und wir dürfen daher nicht hoffen, das verkaufen zu können, was man uns so niederträchtigerweise aufgeschwatzt hat, selbst wenn wir es mit unserm Gewissen zu vereinigen vermöchten. Wir haben unsere Heimat einem tollen Unternehmen zuliebe verlassen und unser Ziel verfehlt. Es bleibt uns daher nur noch eine einzige Hoffnung, auf die wir lossteuern müssen, und sie besteht darin, diese Ansiedlung zu verlassen und nach England zurückzukehren. Gleichviel, durch welche Mittel wir es zustande bringen, aber zurück müssen wir, Mark!«

»Ja, das ist’s, Sir«, rief Mr. Tapley voller Nachdruck, »um das handelt sich’s, um weiter nichts.«

»Nun haben wir –« fuhr Martin fort – »auf dieser Seite des Ozeans nur einen einzigen Freund, der uns helfen könnte, und das ist Mr. Bevan.«

»Habe auch schon an ihn gedacht, als Sie damals krank lagen«, sagte Mark.

»Wenn England nicht so furchtbar weit wäre, so würde ich an meinen Großvater schreiben«, sagte Martin, »und ihn um Geld anflehen, um uns aus dieser Wolfsfalle zu befreien, in die wir so tückischerweise gelockt worden sind. Soll ich es erst mit Mr. Bevan versuchen, was meinen Sie?«

»Ich dächte, ja«, riet Mark. »Er war ein sehr freundlicher Herr.«

»Die wenige Habe, in die wir unser Geld gesteckt haben«, nahm Martin seine Rede wieder auf, »würde, wenn wir sie verkauften, immerhin etwas einbringen, und was sich daraus erzielen läßt, soll ihm augenblicklich zurückgezahlt werden. Aber hier können wir nichts an den Mann bringen.«

»Nein, hier gibt’s nur Tote«, stimmte Mr. Tapley bei und schüttelte traurig den Kopf, »und Schweine. Und die kaufen beide nichts.«

»Soll ich ihm das schreiben und ihn um soviel Geld bitten, daß wir auf die billigste Weise New York oder irgendeinen andern Hafen zu erreichen imstande sind, wo wir hoffen können, durch Dienst an Bord freie Überfahrt nach Hause zu bekommen? Soll ich ihm nicht zugleich auch meine Verhältnisse schildern und sagen, daß ich ihn sofort nach unserer Ankunft in England, und müßte ich mich auch an meinen Großvater wenden, bezahlen will?«

»Freilich«, rief Mark, »höchstens sagt er ›nein‹. Aber es wäre sehr wünschenswert, daß er ›ja‹ sagte. Wenn Sie sich also nicht genieren, es mit ihm zu versuchen, Sir –«

»Genieren?!« rief Martin. »Es ist doch meine Schuld, daß wir hierher verschlagen wurden, und ich muß wahrhaftig alles tun, damit wir wieder fortkommen. Voller Schmerz denke ich an die Vergangenheit zurück. Hätte ich auf Ihren Ratschlag gehört, Mark, so würden wir jetzt nicht hier sein.«

Mr. Tapley war höchlichst erstaunt über dieses freimütige Eingeständnis, beteuerte aber mit großem Eifer, daß dies kein Haar an der Sache geändert hätte, denn er allein habe sofort beschlossen, nach Eden zu gehen, kaum daß der Name zum erstenmal gefallen war.

Sodann las ihm Martin ein Schreiben an Mr. Bevan vor, das er bereits aufgesetzt hatte. Es war offenherzig und freimütig gehalten und schilderte ihre Lage und alles andere ohne die mindeste Beschönigung. Er erzählte darin Mr. Bevan, was sie für Ungemach ausgestanden, und trug ihm seine Bitte in bescheidenen, aber dennoch dringlichen Ausdrücken vor. Mark billigte begeistert den Inhalt, und so beschlossen sie, den Brief mit dem nächsten Dampfboot, das in Eden Holz einnehmen würde – denn daran war wirklich kein Mangel –, abzuschicken. Da Martin Mr. Bevans Wohnort nicht kannte, so adressierte er ihn an Mr. Norris in New York und schrieb auf das Kuvert die Bitte: »nachsenden«. Es dauerte länger als eine Woche, ehe ein Dampfboot erschien, aber endlich wurden sie eines Morgens durch das Geschnaufe des »Esau Slodge« geweckt – ein Name, den das Schiff einem der »bedeutendsten Köpfe« des Landes verdankte. Sie eilten zum Landungsplatz und warfen den Brief in den Schiffspostbeutel. Neugierig, die Abfahrt des »Esau Slodge« zu sehen, blieben sie auf der Laufplanke stehen und brachten dadurch eine solche »Verkehrsstockung« hervor, daß der Kapitän ihnen wünschte, zu feinem Mehl gesiebt und zu kleinen Spänen verschnitzelt zu werden, wenn sie nicht wie der Blitz verschwänden. Er wolle sie mit Eimern hinunterspülen, schimpfte er, wenn sie sich nicht sofort zum Teufel scherten.

Vor acht oder zehn Wochen frühestens durften sie unter keinen Umständen auf eine Antwort hoffen. Mit der letzten Kraft, die ihnen noch geblieben, widmeten sie sich in der Zwischenzeit einem Versuch, das Grundstück zu beackern und ein Stück davon urbar zu machen und zu gemeinnützigen Zwecken vorzubereiten. So ungeheuer mangelhaft ihre Bewirtschaftung auch war, so war sie immer noch weit besser als die ihrer Nachbarn. Mark besaß einige praktische Kenntnisse darin, und Martin lernte von ihm, während die andern Einsiedler untätig auf ihrem faulen Sumpf sitzen blieben und sämtlich hierher gekommen zu sein schienen in der Meinung, daß das Landbebauen eine allen Menschen angeborene Fähigkeit sei. Sie halfen einander zwar nach ihrer Weise und wo sie konnten, vollbrachten ihre Arbeit aber so hoffnungslos wie deportierte Verbrecher.

Oft sprachen Mark und Martin, wenn sie abends allein beisammen saßen, von der Heimat, von trauten Plätzen zu Hause und von Leuten, die sie gemeinsam kannten, bisweilen voller Hoffnung, sie wiederzusehen, dann wieder verzagt, als ob bereits alles vorüber sei. Bei solchen Anlässen war Mr. Tapley immer sehr erstaunt, Martin so gänzlich verändert zu sehen.

Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll, dachte er eines Nachts; er ist so ganz anders, als ich ihn mir anfangs vorgestellt habe. Er denkt nicht halb soviel an sich selbst, als ich annahm. Ich muß ihn mir einmal genauer ansehen. – »Hallo! Schlafen Sie, Sir?«

»Nein, Mark.«

»Sie denken wohl an zu Hause, Sir?«

»Jawohl, Mark.« »Ich auch, Sir. Ich denke gerade, was Mr. Pinch und Mr. Pecksniff jetzt wohl machen mögen.«

»Der arme Tom«, seufzte Martin gedankenvoll.

»Er ist ein schwacher Mensch«, warf Mr. Tapley hin. »Er spielt die Orgel umsonst, Sir. Denkt niemals an sich.«

»Ich wünschte auch, er dächte ein bißchen mehr an sich«, gab Martin zu; »wenn ich auch nicht sagen kann, warum ich das wünschte. Wir würden ihn dann vielleicht nicht halb so gern haben.«

»Er läßt sich von andern ausnutzen, Sir«, warf Mark wieder einen Brocken hin.

»Ja, allerdings«, sagte Martin nach einer kleinen Pause. »Ich weiß es ganz gut, Mark.«

Es klang soviel Ruhe durch seine Worte durch, daß sein Kompagnon das Thema fallenließ und eine Weile lang schwieg, bis ihm wieder etwas einfiel.

»Ach, Sir«, murmelte er und seufzte. »Sie haben der jungen Dame wegen viel aufs Spiel gesetzt.«

»Nun, ich will Ihnen was sagen – davon bin ich doch nicht so ganz überzeugt, Mark«, rief Martin, und zwar so energisch und hastig, daß er sich eigens dazu in seinem Bette aufsetzte. – »Die Sache ist durchaus nicht so klar. Sie können sich darauf verlassen, daß Mary sehr unglücklich ist. Sie hat mir den Frieden ihrer Seele aufgeopfert und auch ihre Interessen sehr gefährdet. Dabei ist sie nicht mal in der Lage, von denen fortlaufen zu können, die sie so eifersüchtig bewachen und ihr alle möglichen Hindernisse in den Weg legen. Sie hat wahrhaftig viel zu leiden, die Ärmste, und dabei sind ihr noch dazu die Hände gebunden. Bei mir war es ein anderer Fall. Ich fange überhaupt an zu glauben, daß sie mehr zu dulden hat, als es je bei mir der Fall war. Wirklich, meiner Seel, ich zweifle keinen Moment daran.«

Mr. Tapley machte im Finstern große Augen, ohne jedoch den Sprecher zu unterbrechen.

»Da wir gerade bei diesem Thema halten«, fuhr Martin fort, »so will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Jener Ring –«

»Welcher Ring, Sir?« fragte Mark und riß die Augen noch weiter auf. »Der Ring, den sie mir zum Abschied gab. – Sie hat ihn gekauft; – sie wußte ganz gut, daß ich trotz meiner Armut stolz war (Gott behüte mich – stolz!) und vielleicht einmal Geld brauchen könnte.«

»Wer hat Ihnen denn das gesagt, Sir?« fragte Mark.

»Ich sage es. Ich weiß es. Ich habe wohl hundertmal daran gedacht, lieber Freund, und ich nahm das Geschenk von ihrer Hand wie ein Vieh und ließ mir in dem Augenblick, als ich mich von ihr trennte, nicht im Traume einfallen, wie sich die Sache verhielt, während doch schon damals eine schwache Ahnung der Wahrheit in mir hätte aufdämmern sollen. Aber es ist schon spät«, setzte Martin innehaltend hinzu, »und ich weiß, daß Sie schwach und müde sind. Sie reden ja nur, um mich aufzuheitern. Gute Nacht! Gott behüte Sie, Mark.«

Gott behüte mich – da war ich gut auf dem Holzweg, dachte Mr. Tapley und drehte sich mit glücklichem Gesichte zur Wand. Ist das ein Leim! In einen derartigen Dienst wäre ich mein Lebtag nicht getreten. Da ist wenig Ehre einzulegen, wenn man lustig ist.

Die Zeit entschwand, und andere Dampfboote erschienen aus der Richtung, in der die beiden alle ihre Hoffnungen konzentrierten, aber immer noch traf keine Antwort auf ihren Brief ein. Regen, Hitze und die schädlichen Bodenausdünstungen mit allen ihren Übeln bekamen langsam Oberhand über sie. Die Erde, die Luft, die Pflanzenwelt und das Wasser, das sie tranken – alles war gesättigt mit tödlichen Keimen. Ihre gemeinsame Reisegefährtin hatte schon vorher zwei ihrer Kinder verloren und begrub jetzt ihr letztes. Doch derartige Sachen sind viel zu gewöhnlich und in der weiten Welt zu bekannt, um überhaupt noch Teilnahme zu erregen. Die großen Bürger werden reich, und freundlose Opfer siechen dahin, sterben und werden vergessen. Das ist alles.

Endlich kam ein Boot schnaubend den scheußlichen Fluß herauf und machte bei Eden halt. Mark erwartete seine Ankunft bei der Holzhütte und erhielt an Bord einen Brief, den er sogleich an Martin trug. Zitternd sahen sie einander an.

»Er fühlt sich schwer an«, stammelte Martin. Und als er ihn öffnete, fiel ein kleines Paket mit Dollarnoten auf den Boden.

Was sie anfangs sagten, taten oder fühlten, konnte keiner von ihnen später recht angeben. Alles, was Mark jemals zu berichten vermochte, lief darauf hinaus, er sei atemlos an das Ufer zurückgeeilt und habe dem Kapitän, noch ehe das Zeichen zur Abfahrt gegeben, die Frage gestellt, wann das Boot wieder zurückkehren und hier anhalten werde.

»In zehn oder zwölf Tagen«, lautete die Antwort.

Dessenungeachtet begannen sie aber schon am selben Abend ihre ganze Habe zusammenzupacken. Als dieses Stadium der Aufregung vorüber war, glaubte jeder von ihnen, zuverlässig sterben zu müssen, ehe der Dampfer wieder zurückkehren werde. Doch lebten sie immer noch, als endlich nach Verlauf von drei entsetzlich langen Wochen das Schiff Eden anlief.

Bei Sonnenaufgang an einem Herbsttag standen sie auf dem Verdeck.

»Nur Mut, wir werden uns wiedersehen!« rief Martin und winkte den zwei abgezehrten Gestalten am Ufer zu. »In der alten Welt.«

»Oder in der nächsten«, murmelte Mark vor sich hin. »Sie so Seite an Seite stehen zu sehen, ist beinahe das Schlimmste von allem.«

Dann setzte sich das Schiff in Bewegung. Mark und Martin sahen einander an und blickten dann zurück nach dem Landungssteg, der immer weiter und weiter im Hintergrund verschwand.

Das Blockhaus mit der offenen Türe und den sich darüber neigenden Bäumen – der trübe Morgendunst und die Sonne jenseits mit ihrem düsterroten Licht – die Dünste, die von Wasser und Land aufstiegen – der rasche Strom, der die ekelhaften Ufer zerwusch und dadurch nur noch flacher und langweiliger machte, wie oft kehrte nicht alles das in ihren Träumen wieder –, und jedesmal atmeten sie wie befreit auf, wenn sie erwachten und erkannten, daß es nur das Schattenspiel der Erinnerung gewesen.

34. Kapitel


34. Kapitel

Mark und Martin begeben sich in die Heimat und begegnen unterwegs einigen hervorragenden »Köpfen des Landes«

Unter den Reisenden an Bord des Dampfschiffs zog zuvörderst ein ausgemergelter Gentleman ihre Aufmerksamkeit auf sich, der, auf einem niedrigen Feldstuhl sitzend, die Beine auf ein Mehlfaß gelegt hatte, als wolle er mit seinen Fußknöcheln die Aussicht bewundern.

Er hatte straffes schwarzes Haar, in der Mitte des Kopfes gescheitelt und zu beiden Seiten über den Rockkragen niederwallend. Eine schmale Bartfranse umsäumte sein Kinn über dem bloßen Hals. Er trug einen weißen Hut, einen schwarzen Anzug, der an den Ärmeln zu lang und an den Beinen zu kurz war, schmutzige braune Strümpfe und Schnürstiefel. Sein Teint, von Natur schon unappetitlich, erschien noch schmutziger infolge der sorgsam geübten Sparsamkeit des Mannes hinsichtlich Seife und Wasser. Dasselbe traf auch bei allen waschbaren Teilen seiner Kleidung zu, die er ganz gut einmal zu seiner eigenen Bequemlichkeit sowohl wie aus Achtung für seinen Verkehr hätte wechseln können. Der Gentleman mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre alt sein, saß unter dem Schatten eines großen grünen Baumwollschirms zu einem Häuflein zusammengekauert und kaute an seinem Tabakröllchen wie eine Kuh am Grase.

An all dem wäre nun nichts Auffälliges gewesen, denn jeder Gentleman an Bord schien mit seiner Wäscherin auf Kriegsfuß zu stehen und von früher Jugend auf das armselige, erbärmliche Geschäft, sich selbst zu waschen, aufgegeben zu haben. Überdies war jeder Gentleman sozusagen vollgepfropft mit Kautabak und, was die Gliedmaßen beim Sitzen und Liegen anbelangte, nahezu grotesk verrenkt. Im Äußern dieses Gentlemans lag jedoch eine so eigentümliche Mischung von Schlauheit und Weisheit, daß Martin sofort erkannte, er habe es hier mit einem durchaus nicht gewöhnlichen Charakter zu tun. Und schließlich stellte es sich auch heraus, daß dies tatsächlich der Fall war. »Wie geht’s, Sir?« tönte nämlich plötzlich eine Stimme in Martins Ohr.

»Wie geht’s Ihnen, Sir?« lautete Martins Erwiderung.

Der erste Sprecher war ein kleiner schmächtiger Gentleman mit einer Tuchmütze auf dem Kopf und einem langen, losen Rock aus grünwollenem Stoff, der an den Taschen mit schwarzem Samt verbrämt war. »Sie sind wohl aus Europa, Sir?«

»Allerdings«, antwortete Martin.

»Da können Sie von Glück sagen, Sir.«

Martin dachte das auch, bemerkte aber rechtzeitig, daß der Gentleman seine Bemerkung in einem ganz andern Sinne meinte, als es anfänglich geschienen.

»Da können Sie von Glück sagen, daß Sie Gelegenheit haben, unsern Elijah Pogram von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen.«

»Ihren Elijahpogram?« versetzte Martin in der Meinung, es sei ein einziges Wort und bedeute irgendein öffentliches Gebäude.

»So ist es, Sir.«

Martin versuchte eine Miene zu machen, als ob er den Yankee verstehe, konnte aber der Sache nicht auf den Grund kommen.

»So ist es, Sir«, wiederholte der Gentleman. »Unser Elijah Pogram, Sir, sitzt in diesem Augenblick, wie er leibt und lebt, dort beim Dampfkessel«

In diesem Augenblick legte der Gentleman unter dem grünen Schirm seinen rechten Zeigefinger an die Augenbraue, als ob er soeben über höchst bedeutsame Fragen nachgrüble.

»So, so. Das also ist Elijah Pogram!« rief Martin.

»So ist es«, versetzte der Amerikaner. »Das ist Elijah Pogram.«

»Oh!« rief Martin. »Da staune ich wirklich außerordentlich!« In Wirklichkeit hatte er nicht die geringste Idee, wer Mr. Elijah Pogram sein könne, da er den Namen in seinem ganzen Leben noch nie gehört hatte.

»Wenn der Schiffskessel zerspringen sollte, Sir«, fing der Fremde wieder an, »jetzt in diesem Augenblick – so wäre dies ein Festtag im Kalender des Despotismus. In seinen Folgen für die Menschheit vielleicht ebenso groß, Sir, wie unser glorreicher vierter Juli. Jawohl, Sir, das ist seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram, Kongreßmitglied – einer der größten Geister unseres Landes. Sehen Sie sich einmal seine Stirne an.«

»Höchst bemerkenswert«, sagte Martin.

»So ist es, Sir. Als unser unsterblicher Chiggle, Sir, die berühmte Pogramstatue aus Marmor meißelte, die in ganz Europa zu soviel Streit und Geschrei Anlaß gab, soll er gesagt haben, die Stirne sei übermenschlich. Das war noch vor der allgemeinen Pogrambewegung und folglich eine verdammt gescheite Prophezeiung.«

»Was ist das: die Pogrambewegung?« fragte Martin, in der Meinung, es handle sich wahrscheinlich um eine Wirtshausreklame.

»Eigentlich Pogramtrutzbewegung, Sir«, verbesserte der Amerikaner.

»Ja, ja, natürlich«, rief Martin. »Wo hab ich denn meine Gedanken. Sie trotzte –«

»Sie trotzte der ganzen Welt, Sir«, ergänzte der Gentleman gravitätisch. »Die Bewegung forderte die Welt im allgemeinen heraus, sich mit uns zu messen, entwickelte das Programm der Erschließung unsrer innern Hilfsquellen, die uns instand setzen, das Universum zu bekriegen. Sie wünschen gewiß, Elijah Pogram kennenzulernen, Sir?«

»Wenn Sie die Güte haben wollten«, sagte Martin.

»Mr. Pogram«, rief der Fremde – Mr. Pogram hatte übrigens jedes Wort des Dialoges gehört – »hier steht ein Gentleman aus Europa, Sir; aus England, Sir; aber ich dächte, edeldenkende Feinde können ganz gut auf dem neutralen Boden des Privatlebens miteinander zusammenkommen.«

Der ausgemergelte Mr. Pogram schüttelte Martin die Hand, wie ein Uhrwerk, das soeben abläuft; aber quasi als Gegensatz dazu fing er gleich darauf wieder zu kauen an und bewegte langsam seine Kiefer wie ein Uhrwerk, das gerade aufgezogen wird.

»Mr. Pogram«, erklärte der Gentleman, »ist ein Diener der Öffentlichkeit. Wenn der Kongreß seine Ferien antritt, zeigt sich Mr. Pogram dem Volke in den einzelnen Bezirken der Vereinigten Freien Staaten, deren begabter Sohn er ist.«

Martin dachte, wenn seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram zu Hause geblieben wäre und seine Schuhe allein auf Reisen geschickt hätte, daß damit der gleiche Zweck ebensogut erfüllt worden wäre; denn diese waren im Grunde genommen so ziemlich das Sehenswerteste an ihm.

Schließlich stand Mr. Pogram auf, und nachdem er ein paar Tabakknödel, die ihn in seiner Artikulation gehindert haben würden, ausgespuckt hatte, suchte er sich einen Platz, wo er sich bequem anlehnen konnte, und begann mit Martin zu plaudern, dabei sich stets mit seinem grünen Schirme beschattend.

Als er mit den Worten: »Wie gefällt Ihnen –« begann, fiel ihm Martin sofort in die Rede und ergänzte:

»Amerika, nicht wahr?«

»Jawohl, Sir«, versetzte Mr. Elijah Pogram. – Inzwischen hatte sich ein Häuflein Passagiere, um mit zuzuhören, was jetzt folgen werde, um sie versammelt, und Martin hörte den ersten Gentleman einem Herrn, sich die Hände reibend, zuflüstern:

»Geben Sie acht, Pogram wird ihm einheizen, daß er braun und blau anläuft. Mordsspaß, das.«

»Nun«, fuhr Martin nach einem kurzen Zögern fort, »ich weiß aus Erfahrung, daß ihr Amerikaner immer gern diese Frage stellt mit der Absicht, ein gewisses eingebildetes Übergewicht vis-à-vis einem Fremden zur Geltung zu bringen. Sie wollen eben nur eine ganz bestimmte Antwort zu hören bekommen und keine andere. Ich habe nun aber durchaus keine Lust, diese eine gewisse Antwort zu geben und kann es auch nicht mit gutem Gewissen tun. Deshalb will ich lieber schweigen.«

Mr. Pogram gedachte jedoch, in seiner nächsten Sitzung eine große Rede zu halten über die Urteile und Vorurteile des Auslandes und das Thema schriftstellerisch zu verwerten, und da er die »freie und unabhängige« Gewohnheit liebte, sich jede Art von »Auskunft« auf jede nur mögliche zudringliche Art zu verschaffen und sie dann öffentlich mit seinem Zwecke dienenden Verdrehungen zu benutzen, so ließ er sich nicht so leicht abspeisen und trachtete durch alle möglichen Mittel Martin seine Ansichten auf die eine oder die andere Weise herauszulocken; denn wäre ihm das nicht gelungen, so hätte er sich ja etwas erfinden müssen, und das wäre doch viel zu mühsam gewesen. Er notierte sich demgemäß im Geiste seine Antwort voraus und fing von neuem an:

»Sie kommen aus Eden, Sir. Wie hat Ihnen Eden gefallen?«

Martin sagte ihm seine Meinung über diesen Teil von Amerika ziemlich offen und in recht starken Ausdrücken.

»Sonderbar«, meinte Mr. Pogram und warf einen listigen Blick auf die Gruppe ringsum. »Der Haß gegen unser Vaterland und seine Institutionen und die nationale Antipathie im britischen Volksgebiet ist wahrhaftig tief eingewurzelt.«

»Gott im Himmel, Sir«, rief Martin. »Ist denn die Edener Landaktien-Gesellschaft mit Mr. Scadder an der Spitze mit all dem Jammer und Elend, das sie verschuldet, eine amerikanische Institution? Hat je ein Mensch gehört oder behauptet, daß sie einen Teil der hiesigen Regierungsform ausmache?«

»Ich bin der Ansicht«, sagte Mr. Pogram, abermals umherblickend, und nahm seine Rede wieder auf, wo ihn Martin unterbrochen, »der Grund liegt zum Teil in der Eifersucht und in den Vorurteilen, zum Teil in der angebotenen Untauglichkeit des britischen Volkes, die erhabenen Institutionen unseres Vaterlandes gebührend zu würdigen. Ich hoffe, Sir«, fuhr er zu Martin gewendet fort, »daß Sie in Eden die Bekanntschaft eines Gentlemans namens Chollop gemacht haben.«

»Allerdings«, gab Martin zu. »Übrigens, mein Freund hier kann diese Frage vielleicht besser beantworten als ich, da ich damals sehr schwer krank daniederlag. – Mark, der Gentleman spricht von Mr. Chollop.«

»Oh! Jawohl, Sir, jawohl, ich kenne ihn«, entgegnete Mark.

»Ein glänzendes Vorbild unseres vaterländischen Kernvolkes, Sir?« warf Pogram fragend hin.

»Jawohl, Sir«, rief Mark.

Seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram sah seine Freunde an, als wolle er sagen: »Jetzt gebt mal acht! Gebt acht, was jetzt kommen wird!« – Ein allgemeines leises Gemurmel zollte dem Pogramgenie seinen Tribut.

»Unser Landsmann ist ein Musterbild des Menschen, wie er frisch und stark aus der Hand der Natur hervorgeht«, rief Pogram begeistert. »Er ist ein echtes Kind dieser freien Hemisphäre. Grünend wie die Gebirge unseres Landes, frisch und übersprudelnd wie unsere Salzquellen, unberührt von verpestenden Konvenienzen wie unsere weiten, grenzenlosen Prärien. Rauh mag er sein, aber das sind auch unsere Bären. Wild mag er sein, doch das sind auch unsere Büffel. Aber er ist ein Kind der Natur und ein Kind der Freiheit, und voller Stolz ruft er den Despoten und Tyrannen zu: ›Meine herrliche Heimat ist dort, wo die Sonne zur Ruhe geht.‹«

Dies stimmte teilweise auf Chollop, teilweise auf einen gewissen berüchtigten Postmeister im Westen, der vor nicht sehr langer Zeit wegen Unterschlagung aus seinem Amte entfernt werden mußte. Doch da der Mann für Mr. Pogram gestimmt, hatte dieser von seinem Sitz im Kongreß das Todesurteil auf das Haupt des unpopulären Präsidenten, der diese Unzukömmlichkeiten aufgedeckt, herabgedonnert.

Mr. Pograms Worte hatten eine glänzende Wirkung. Die Umstehenden waren entzückt, und einer von ihnen sagte laut, daß es Martin hören mußte: er schätze, der Fremde habe jetzt ein Pröbchen von der Beredsamkeit Amerikas zu kosten bekommen und betrachte sich wohl als gänzlich erledigt.

Mr. Pogram wartete, bis sich seine Zuhörer wieder beruhigt hatten, und fuhr dann zu Mark gewendet fort:

»Sie scheinen diese Ansicht nicht zu teilen, Sir?«

»Je nun«, meinte Mark, »gefallen hat mir Mr. Chollop nicht besonders; das könnte ich gerade nicht behaupten, Sir. Er kam mir vor wie ein Eisenfresser, und ich war auch nicht sonderlich entzückt, daß er mit seinen kleinen Mordwerkzeugen, die er bei sich zu führen liebt, immer so rasch bei der Hand war.« »Es ist doch höchst seltsam!« rief Mr. Pogram und hob seinen Schirm höher empor, um darunter hervor seine Umgebung besser mustern zu können. »Es ist doch höchst auffallend! Wiederum bemerken Sie den eingewurzelten Haß, den die Engländer gegen uns und unsere Institutionen hegen – –«

»Mein Gott, sind Sie aber ein sonderbares Volk!« unterbrach Martin. »Ist denn Mr. Chollop und die ganze Menschenklasse, die er repräsentiert, eine der Institutionen des Landes? Sind Revolver, Stockdegen, Bowie-Messer und dergleichen vielleicht Institutionen, auf die man stolz sein könnte? Sind blutige Duelle, rohe Kämpfe, wilde Überfälle, Niederknallen und Erstechen auf offener Straße Institutionen von Amerika? Vielleicht bekommt man nächstens noch zu hören, daß Ehrlosigkeit und Betrug gleichfalls zu den ›Institutionen‹ dieser großen Republik gehören.«

Kaum waren diese Worte seinen Lippen entflohen, da blickte seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram schon wieder bedeutsam umher.

»Dieser krankhafte Haß gegen unsere Institutionen«, bemerkte er, »ist wirklich ein vortreffliches Studium für den Psychologen. – – Er spielt jetzt gar auf die ›Repudiation‹ an.«

»Ach Gott, Sie können ja alles, wenn Sie wollen, zur Institution machen«, meinte Martin lachend, »und ich gestehe, ich bin schon bald so weit, daß ich schließlich alles für möglich halte. Aber der größte Teil von alledem umfaßt bei uns eine einzige ›Institution‹, und die nennen wir Old Bailey oder Zuchthaus.«

Da in diesem Augenblick die Glocke zum Dinner rief, rannte alles nach der Kajüte, und auch Mr. Elijah Pogram wurde von solcher Eile ergriffen, daß er ganz vergaß, seinen Regenschirm zuzumachen, und sich mit ihm dermaßen in der Kajütentüre verklemmte, daß man ihn nur mit Mühe wieder befreien konnte. Ein paar Minuten lang entfesselte diese Störung fast eine Revolution unter den heißhungrigen Passagieren hinter ihm, die schon im Geiste die Teller sahen, die Messer und Gabeln arbeiten hörten und genau wußten, was geschehen würde, wenn sie versäumten, sich rechtzeitig Plätze zu erobern. Sie rasten förmlich, und mehrere ehrenwerte Bürger, die bereits an der Tafel saßen, es bemerkten und trachteten, die Situation für sich nach Kräften auszunutzen, gerieten infolge ihrer unnatürlichen Anstrengungen, alles aufgetragene Fleisch hinunterzuschlingen, bevor die andern kämen, in Todesgefahr, so daß die meisten von ihnen zu ersticken drohten. Endlich jedoch wurde die Regenschirmbarrikade mit Todesmut gestürmt und die Festung genommen. Nach hartnäckigem Kampfe befanden sich schließlich Elijah Pogram und Martin Seite an Seite, wie etwa im Parterre eines Londoner Theaters, und die nächsten vier Minuten schnappte Mr. Pogram von allem, was noch zu erwischen war, wie ein Rabe große Brocken auf. Nachdem er sein Dinner, das sich so ungewöhnlich lange verzögerte, glücklich hinter sich hatte, nahm er seine Unterhaltung mit Martin wieder auf und bat ihn, sich ihm gegenüber ohne Rückhalt auszusprechen, denn er sei ein Philosoph und erfreue sich infolgedessen einer unerschütterlichen Seelenruhe. Martin vernahm das mit Vergnügen, denn er hatte sich bereits mit der Vermutung getragen, Mr. Elijah Pogram sei ein Anhänger jener gewissen hemmungslosen republikanischen Ideen und pflege seine Gesinnungen mehr mit Messer und Revolver als mit Feder und Tinte zum Ausdruck zu bringen.

»Was halten Sie zum Beispiel von meinen anwesenden Landsleuten?« fragte Mr. Elijah Pogram.

»Ach Gott, es sind recht nette Leute«, meinte Martin.

Und das waren sie allerdings, wenigstens sprach niemand ein Wort; jeder hatte, wie in Amerika in solchen Fällen üblich, nur auf seine Privatschlingorgane Bedacht; genauer gesagt, benahm sich der größte Teil der Anwesenden bei Tisch wie das Schwein beim Trog.

Seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram warf Martin einen Blick zu, der soviel ausdrücken sollte wie: »Ich weiß ganz gut, das ist nicht dein Ernst«, und bald erhielt er auch eine Bestätigung dieser Ansicht.

Gegenüber saß ein Gentleman, der im buchstäblichsten Sinne des Wortes mit Tabaksaft durchtränkt war. Ein kleiner Bart aus Tabakjauche, an seinen Mundwinkeln und an seinem Kinn eingetrocknet, zierte seine Lippe. Das bedeutete indes in Amerika einen so gewöhnlichen Schmuck, daß er kaum Martins Aufmerksamkeit fesselte, allein der gute Bürger, der offenbar darauf brannte, seine republikanische Gleichheit jedem Fremden zu beweisen, zog jetzt sein Messer durch den Mund und schnitt sich dann von der Butter ab, eben als Martin sich davon nehmen wollte. Die ganze Sache hatte etwas derartig »Saftiges« an sich, daß einem Gassenkehrer dabei übel geworden wäre.

Als Mr. Elijah Pogram, dem dies natürlich ein Alltagsereignis war, bemerkte, daß Martin verekelt seinen Teller zurückschob und auf die Butter verzichtete, geriet er in großes Entzücken darob und sagte:

»Wirklich, ich muß gestehen – der geradezu krankhafte Haß von euch Engländern gegen die Institutionen unseres Landes ist geradezu erstaunlich.«

»Meiner Seel!« fuhr Martin auf. »Sie bilden da Zusammenhänge, daß es wirklich unglaublich ist. Da macht einer mit Absicht ein Schwein aus sich, und das nennen Sie eine – ›Institution‹!«

»Es mangelt uns an Zeit, uns mit Formalitäten abzugeben, Sir«, erklärte Mr. Elijah Pogram.

»Abzugeben?!« rief Martin. »Ich dächte, es handelt sich hier einfach darum, daß der Herr drüben vorzieht, sich die Manieren eines Wilden anzueignen und jede gute selbstverständliche Sitte beiseite zu lassen, die doch jedem Gebildeten vorschreiben muß, nicht andern Leuten geradezu absichtlich Ekel einzuflößen. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der Herr da drüben von Haus aus ganz gut weiß, was schicklich ist, und nur glaubt, seine ›Unabhängigkeit‹ dadurch zu beweisen, daß er sich wie ein Vieh aufführt.«

»Er ist aus unserm Lande gebürtig und daher von Natur aus vorurteilsfrei und unverfroren«, sagte Mr. Pogram.

»Bedenken Sie einmal, wozu dies alles noch führen soll, Mr. Pogram!« stellte Martin vor. »Die große Masse Ihrer Landsleute fängt an, hartnäckig gewisse kleine Regeln zu vernachlässigen, die mit Vornehmheit, Sitte, Regierung oder Vaterland durchaus nichts zu tun haben, sondern lediglich Dinge des Anstandes und der gewöhnlichsten Sittlichkeit sind. Sie leisten Ihnen darin Vorschub, indem Sie alle Angriffe auf derartige gesellige Verstöße mit beißenden Antworten erwidern und die größte Unflätigkeit als schönen Nationalzug erklären. Aber aus Mißachtung kleinerer Verpflichtungen entsteht allmählich auch das Bedürfnis, sich jeder Rücksicht auf die größeren zu entäußern und, sagen wir einmal, schließlich die Bezahlung jeder Schuld im allgemeinen zu verweigern. Was daraus folgen wird, weiß ich nicht, aber jeder von uns muß, wenn er nur will, einsehen, daß nur etwas Ähnliches daraus resultieren kann wie der Vorgang, der einen Baum zum Verwelken bringt, wenn seine Wurzel anfängt zu faulen.«

Mr. Pogram war zu sehr Philosoph, um dies einsehen zu können. Sie gingen also wieder auf das Verdeck, wo der Amerikaner seinen frühern Posten einnahm, weiterkaute und schließlich infolge der unvermeidlichen Tabakvergiftung in einen an Lethargie grenzenden Zustand versank.

Nach einer mehrtägigen ermüdenden Fahrt gelangten sie wieder an demselben Kai an, wo Mark am Abend ihres Aufbruchs nach Eden beinahe das Schiff versäumt hätte. Kapitän Kedgick stand gerade dort und schien sehr überrascht, als er die beiden an Land steigen sah.

»Zum Teufel nochmal«, rief der Kapitän, »na, das ist aber merkwürdig!«

»Wir können doch bei Ihnen übernachten, Kapitän?« fragte Martin. »Schätze, Sie können wohl im Hotel bleiben, wenn Sie Lust dazu haben«, entgegnete Mr. Kedgick kühl. »Aber unsern Leuten wird’s nicht sonderlich gefallen, daß Sie wieder zurückkommen.«

»Wieso denn nicht, Kapitän Kedgick?« fragte Martin.

»Man hat bestimmt erwartet, Sie würden sich dort dauernd niederlassen«, entgegnete Kedgick achselzuckend. »Sie können doch nicht leugnen, daß sich die Leute in diesem Punkte enttäuscht sehen müssen?«

»Was meinen Sie damit?« fragte Martin erstaunt.

»Sie hätten sie damals nicht ›empfangen‹ sollen«, erklärte der Kapitän, »das hätten Sie bleiben lassen müssen

»Aber, lieber Freund«, entgegnete Martin, »habe ich denn darauf bestanden? Es geschah doch von meiner Seite durchaus nicht freiwillig. Sagten Sie mir denn nicht, es gäbe einen Skandal und es würde mir das Fell über die Ohren gezogen wie einer wilden Katze, wenn ich’s abschlüge? Wurde mir denn nicht sogar gedroht, wenn ich die Leute nicht empfinge?«

»Davon weiß ich nichts«, versetzte der Kapitän. »Aber wenn unsern Leuten mal der Kamm schwillt, so wird er hochrot, das kann ich Ihnen versichern.«

Mit diesen Worten blieb er zurück, um sich Mark anzuschließen, während Martin mit Mr. Elijah Pogram voraus zum National-Hotel ging.

»Sie sehen, Kapitän, wir sind glücklich und lebendig wieder zurückgekommen«, fing Mark wieder an.

»Hätt es nicht gedacht«, brummte der Kapitän. »Der Mensch hat kein Recht, ein öffentlicher Charakter zu sein, wenn er sich nicht auch den öffentlichen Voraussetzungen fügt. Unsere fashionable Welt wäre nicht zu dem Lever gekommen, wenn sie das gewußt hätte.«

Kein Zureden vermochte den Kapitän umzustimmen: beharrlich bestand er darauf, es übelzunehmen, daß die beiden Engländer nicht in Eden gestorben waren. Die Gäste des National-Hotels hatten hinsichtlich dieses Punktes gleichfalls sehr ausgesprochene Ansichten, und es war ein großes Glück, daß ihnen keine Zeit blieb, über ihre Enttäuschung nachzudenken, denn die Anwesenheit seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram forderte unbedingt, daß man ihm sofort ein Lever gab.

Da das gemeinschaftliche Souper bei Ankunft des Dampfbootes bereits vorüber war, so nahmen Martin, Mark und Mr. Pogram den Tee, und was dazu gehörte, an der öffentlichen Tafel gesondert ein. Und gleich darauf trat die Deputation ein, die dem Kongreßmitglied die zugedachte Ehre ankündigen sollte. Sie bestand aus sechs Gentlemen und einem noch im Stimmwechsel begriffenen Jüngling.

»Sir!« begann der erste Sprecher.

»Mr. Pogram!« schrillte der Jüngling dazwischen.

Der Sprecher, dadurch an seine Anwesenheit erinnert, stellte ihn vor:

»Doktor Ginery Dunkle, Sir! Ein Herr von ganz hervorragender poetischer Begabung. Er ist erst vor kurzem hier angekommen und bedeutet für uns eine Akquisition ersten Ranges, Sir. Ich kann Ihnen das versichern. Jawohl, Sir. Hier – Mr. Jodd, Sir. Mr. Izzard, Sir. Mr. Julius Bib, Sir.«

»Julius Washington Merryweather Bib«, ergänzte Mr. Bib. »Ich bitte um Verzeihung, Sir, pardon: also Mr. Julius Merryweather Bib – aus der Holzbranche, Sir; ein sehr angesehener Gentleman. Und hier – Oberst Groper, und hier – Professor Piper. Mein Name, Sir, ist Oscar Buffum.«

Jeder der vorgestellten Herren trat bei Nennung seines Namens einen Schritt vor, nickte seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram zu, schüttelte ihm die Hand und glitt dann wieder in den Hintergrund. Als die Vorstellungszeremonien beendet waren, fing der erste Sprecher wieder an.

»Sir!«

»Mr. Pogram!« schrillte der Jüngling abermals dazwischen.

»Vielleicht«, wendete sich der Sprecher sofort an ihn, »sind Sie so gütig, Doktor Ginery Dunkle, unsern kleinen Antrag dem Herrn gegenüber vorzutragen.«

Dem schrillen jungen Mann konnte nichts erwünschter sein; sofort trat er vor.

»Mr. Pogram! Sir! Einige unserer Mitbürger, Sir«, begann er, »vernahmen von Ihrer Ankunft im National-Hotel und wünschten aus Anerkennung Ihrer Dienste für das Vaterland, Sir, das Vergnügen zu haben, Sie näher kennenzulernen und sich mit Ihnen auszusprechen in einem Zeitpunkt, der für unser ganzes großes freies Vaterland so bedeutsam ist.«

»Hört, hört!« rief Oberst Groper mit lauter Stimme. »Sehr gut, hört, hört! Ausgezeichnet!«

»Und deshalb, Sir«, fuhr der junge Doktor fort, »erbitten sie sich die Ehre Ihrer Gesellschaft bei einem kleinen Lever, Sir – um acht Uhr an der Damentable d’hôte.«

Mr. Pogram verbeugte sich und erwiderte:

»Mitbürger!«

»Sehr gut!« rief der Oberst. »Hört, hört! Ausgezeichnet!«

Mr. Pogram dankte dem Oberst mit einer Verbeugung und fing dann wieder an:

»Ihre Anerkennung, meine Herren, meiner Bemühungen in Sachen der gemeinsamen Wohlfahrt geht mir sehr zu Herzen. Zu allen Zeiten und an allen Orten – an dem Damentable d’hôte, meine Herrn, und auf dem Schlachtfelde – werde ich es mir zur Ehre anrechnen, mit Ihnen zusammenzutreffen. Und mögen, meine Freunde, dereinst die Worte auf meinem Grabe geschrieben stehen: ›Er war Kongreßmitglied unseres gemeinsamen Vaterlandes und unermüdlich in seinem Amte‹.«

»Das Komitee, Sir«, unterbrach ihn der schrille Jüngling, »wird Ihnen fünf Minuten vor acht Uhr seine Aufwartung machen. Gestatten Sie, daß ich mich jetzt empfehle, Sir.«

Mr. Pogram drückte ihm und allen andern Herrn noch einmal die Hand.

Als die Gentlemen sich fünf Minuten vor acht Uhr wieder einstellten, leierten sie einer nach dem andern mit melancholischer Stimme den Bewillkommnungsgruß herunter: »Wie geht es Ihnen, Sir.«

Sie wechselten dann mit Mr. Pogram abermals Händedrücke, als seien sie in der Zwischenzeit mindestens ein Jahr über Land gewesen und träfen sich jetzt bei einem Leichenbegängnis.

Mittlerweile hatte sich Mr. Pogram ein wenig restauriert und sowohl Haare wie Gesicht hergerichtet, sorgfältig bestrebt, sich seiner Statue, die im Lande allgemein bekannt war, so ähnlich wie möglich zu machen. Es glückte ihm, und jeder Mann, der nur halbwegs normalsichtig war, rief sofort, wenn er ihn erblickte, aus: »Das ist er, wie er leibt und lebt; ganz wie er damals die Trutzrede hielt!«

Auch das Komitee hatte sich verschönt, und als es in den Table-d’hôte-Saal strömte, hörte man viele Damenhände klatschen, und Ausrufe: Pogram! Pogram! Manche Herren stiegen sogar auf die Stühle, um den berühmten Mann besser sehen zu können.

Stolz, so der allgemeine Mittelpunkt zu sein, blickte Mr. Pogram wohlgefällig umher, lächelte und bemerkte gleichzeitig zu dem schrillen jungen Herrn, er wisse wahrhaftig so mancherlei Gutes über die Schönheit der Töchter ihres gemeinsamen Vaterlandes zu sagen, aber nie habe er einen solchen Blütenkranz von Damen beisammen gesehen. Später ließ dies der schrille Jüngling zu Elijah Pograms großer Überraschung in die Zeitung setzen.

»Wir möchten Sie höflichst bitten, Sir, wenn es Ihnen angenehm ist«, meldete sich Mr. Buffum und legte Hand an Mr. Pogram, gerade, als ob er ihm Maß zu einem Rock nehmen wolle, »sich gefälligst mit dem Rücken gegen die Wand rechts in der vordersten Ecke zu stellen, damit unsere Mitbürger mehr Platz haben. Wenn Sie sich mit dem Rücken gefälligst an die eine Seite des Vorhangs anlehnen und das linke Bein hinter den Ofen stecken, Sir, so wird hoffentlich genügend Raum bleiben.«

Mr. Pogram tat, wie ihm geheißen, und keilte sich in einen Winkel, worunter seine Ähnlichkeit mit der bekannten Pogramstatue allerdings beträchtlich litt.

Sodann begann die Unterhaltung des Abends. Die Herren brachten ihre Damen herbei, stellten sie zuerst vor und erwiesen sich dann gegenseitig den gleichen Dienst. Dabei fragte man ununterbrochen Mr. Pogram, was er von dieser oder jener politischen Frage halte, musterte ihn von oben bis unten, betrachtete sich gegenseitig und machte höchst unglückliche Gesichter. Die Damen auf ihren Stühlen blickten durch ihre Lorgnons auf Mr. Elijah Pogram und sagten so laut, daß man es unfehlbar hören mußte: »Wenn er nur endlich spräche! Warum spricht er denn eigentlich nicht? Man fordere ihn doch zum Reden auf!«

Von Zeit zu Zeit warf Mr. Elijah Pogram einen Blick auf die Damen, dann wieder auf die Decke und gab gelegentlich mit der Miene eines Senators kurze Gutachten ab, wenn man ihn darum anging. Das Ganze machte den Eindruck, als ob der große Zweck der Zusammenkunft lediglich darin bestünde, Seine Hochwohlgeboren um keinen Preis aus seiner Ecke herauszulassen und ihn dort fest eingekeilt zu halten.

Plötzlich verkündete ein Tumult vor der Türe die Ankunft irgendeiner Notabilität, und gleich darauf sah man einen sehr aufgeregten ältlichen Gentleman sich in die Massen stürzen, um sich einen Weg zu Seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram zu bahnen. Martin, der sich in einer fernen Ecke ein kleines Lauschwinkelchen gesichert hatte und Mark an seiner Seite wußte, vermeinte diesen Gentleman zu kennen, wenn er auch nicht gleich wußte, wo er ihn hintun sollte. Aber sofort wurde ihm jeder Zweifel genommen, denn der Herr rief mit Stentorstimme, wobei ihm die Augen fast aus dem Kopfe quollen: »Sir, gestarteten Sie – Mrs. Hominy!«

»Gott segne das Frauenzimmer, Mark« rief Martin. »Da ist sie schon wieder!«

»Ja, da kommt sie«, lachte Mr. Tapley. »Pogram kennt sie, wie man sieht. Sie ist doch eine öffentliche Person! – Hat stets ein wachsames Auge aufs Vaterland, Sir! Wenn der Gatte dieser Dame meinen Prinzipien huldigt, so muß er ein ungemein ›fideler‹ alter Herr sein.«

Die Menge bildete eine Gasse, und Mrs. Hominy schritt mit aristokratischem Gang, das Taschentuch in der Hand und die klassische Haube auf, langsam wie eine Prozession hindurch. Mr. Pogram sprach sein Entzücken aus, sie zu sehen, und sofort trat allgemeine Stille ein. Man begriff, wenn eine Frau wie Mrs. Hominy mit einem Manne wie Mr. Pogram zusammentraf, so mußte notwendigerweise etwas Höchstinteressantes dabei herauskommen. Die ersten Begrüßungen wurden mit leiser Stimme ausgetauscht, wurden aber bald hörbarer, denn Mrs. Hominy war sich ihrer Stellung bewußt und sich darüber klar, was man von ihr erwartete. Anfangs setzte sie dem berühmten Kongreßmitglied ziemlich scharf zu und kanzelte es wegen eines gewissen von ihm abgegebenen Votums herunter, das sie als die »Mutter der modernen Gracchen« ausdrücklich durch eine Zeile gesperrt gedruckten Textes abzulehnen für nötig gefunden hätte. Mr. Pogram wich einer Erwiderung geschickt durch zeitgemäße Anspielung auf das sternengesprenkelte Banner aus, das die merkwürdige Kraft zu haben scheine, sooft es gehißt werde, jeden ausbrechenden Sturm im Keim zu ersticken – und die Sache lief glatt ab. Es kamen sodann gewisse Fragen über Tarife, Handelsverträge, Grenzstreitigkeiten und Import und Export zur Verhandlung. Mrs. Hominy redete nicht nur, wie man sagt, wie ein Buch, sondern rezitierte geradezu fort und fort den Inhalt ihrer eigenen Werke.

»O Gott, was ist das!« rief sie plötzlich und öffnete ein kleines Billett, das ihr ein sehr erhitzt aussehender Gentleman einhändigte. »Sagen Sie! Oh, man denke!«

Und laut las sie folgendes vor:

»Zwei literarische Damen vermelden der ›Mutter der modernen Gracchen‹ ihr Kompliment und bitten ihre talentvolle Mitbürgerin, sie freundlichst Seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram vorzustellen, den sie beide so oft und naturgetreu als Statue von der Hand des großen Meisters, Mr. Chiggle, bewundert haben. Auf eine mündliche Andeutung von Seiten der ›Mutter der modernen Gracchen‹, daß sie dem Gesuche der beiden Damen willfahren wolle, würden sie sich sodann das Vergnügen nehmen, sich der glänzenden Versammlung, die das patriotische Vorgehen eines Pogram zu ehren gedenkt, anzuschließen. Es würde dies vielleicht dazu beitragen, ein weiteres Band der Einigkeit zwischen den beiden Damen und der ›Mutter der modernen Gracchen‹ zu knüpfen; – um so mehr, als beide Damen hinsichtlich Denkungsweise vollständig zum Transzendentalismus gravitieren.«

Sofort erhob sich Mrs. Hominy, eilte zur Tür und kam nach einer Minute mit den beiden Damen zurück, die sie mit der ganzen Würde, die ihr so eigentümlich war, durch die Gasse in dem Gedränge dem großen Mr. Elijah Pogram zuführte. Das Ganze glich, wie der schrille junge Mann verzückt ausrief, aufs Haar der letzten Szene aus dem Coriolan.

Eine der Damen trug eine braune Perücke von bemerkenswertem Umfang. An der Stirne der andern stak, durch irgendein geheimnisvolles Mittel befestigt, eine riesige Kamee in der Form und Größe einer Kirchweih-Himbeertorte, die im Zentrum das Kapitol zu Washington erblicken ließ.

»Miss Toppit und Miss Codger«, stellte Mrs. Hominy vor.

»Codger, scheint mir, ist der Name der Dame, den ich so oft in den englischen Zeitungen als den der ältesten hier lebenden Einwohnerin gelesen habe«, flüsterte Mark.

»Einem Pogram durch eine Mrs. Hominy vorgestellt zu werden«, begann Miss Codger, »bedeutet in der Tat ein außerordentliches Moment in dem Eindruckskomplex dessen, was wir gemeinhin unser Gefühl nennen. Warum wir es so nennen oder wieso es überhaupt Eindrücke aufnimmt oder ob wir überhaupt eindrucksfähig sind oder ob es wirklich, wie uns unsere Sinne vortäuschen, einen Pogram und eine Mrs. Hominy gibt – oder ob nicht vielmehr ein tätiges Prinzip obwaltet, dem wir unbewußt diesen Titel geben –, das ist ein viel zu verwickeltes philosophisches Thema, als daß es im gegenwärtigen Augenblick eine Kritik vertrüge.«

»Geist und Materie«, fügte die Dame in der Perücke hinzu, »gleiten rasch in den Strudel der Unendlichkeit hinab. Auf heult das Erhabene gen Himmel, und sanft schlummert das stille Ideal in den verschwiegenen Kammern der Phantasie. Es zu hören ist süß, aber wild auflachet der ernste Philosoph und sagt zum Grotesken: Was soll das? Haltet mir fest dieses Phantom. Gehet und bringet es her! Und so entschwindet die Vision.«

Nach diesen Worten ergriffen die beiden Damen Mr. Pograms Hände und drückten sie an ihre Lippen. Sodann rief die Mutter der modernen Gracchen nach Stühlen, damit die drei literarischen Damen allen Ernstes beginnen könnten, den armen Mr. Pogram regelrecht zu bearbeiten und in die Enge zu treiben, auf daß er sich in seinen glänzendsten Farben zeige.

Wieso Mr. Pogram sogleich aus den Tiefen seines Geistes herauftauchte und die drei literarischen Damen nie darin gewesen waren, ist nicht des Erzählens wert. Genug, alle vier warfen, um sich über Wasser zu halten, gewaltig nach allen Seiten mit großen Worten um sich und faselten das Blaue vom Himmel herunter. Natürlich war man allgemein der Ansicht, daß hier der schärfste geistige Wettkampf stattfand, den man je im National-Hotel erlebt. Dem schrillstimmigen Jüngling standen des öftern die Tränen in den Augen, und die ganze Versammlung wurde gewahr, daß ihr vor lauter Denken der Kopf brummte. Als schließlich noch das Komitee Mr. Elijah Pogram aus seiner Ecke erlösen mußte und wohlbehalten wieder in das nächste Zimmer geleitete, glühte alles förmlich vor Bewunderung.

»Eine Bewunderung, die sich Luft machen muß«, erklärte Mr. Buffum, »wenn man nicht bersten soll. Ich bin Ihnen wahrhaft dankbar, Mr. Pogram. Ich fließe über, Sir, vor stolzer Verehrung vor Ihnen und tiefer Erregung. Das Gefühl, dem Ausdruck zu geben ich vorschlagen möchte, Sir, heißt: ›Mögen Sie immer so unerschütterlich bleiben, Sir, wie Ihre Marmorstatue; mögen Sie stets ein so großer Schrecken für Ihre Feinde bleiben, wie Sie es jetzt sind.‹«

Mr. Pogram dankte seinem Freund und Landsmann für die liebenswürdigen Wünsche, und das Komitee begab sich nach abermaligem feierlichem Händeschütteln zu Bett. Nur der Doktor eilte noch in eine Zeitungsredaktion, um dort ein kurzes Gedicht niederzuschreiben, zu dem ihn die Ereignisse des Abends begeistert hatten. Es begann mit den »Sternen auf dem Banner der Republik« und trug den Titel: »Ein Fragment, geistig empfangen anläßlich eines Begebnisses, bei dem Seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram sich mit drei von Columbias schönsten Töchtern in eine philosophische Dissertation einließ«, von Doktor Ginery Dunkle, Troja.

Wenn sich Mr. Pogram so sehr auf sein Bett freute wie Martin, so war er für seine Mühewaltung jedenfalls reichlich belohnt. Am nächsten Tage verkauften Martin und Mark ihre Habseligkeiten um jeden Preis an dieselben Händler zurück, von denen sie sie erworben, traten dann ihre Weiterreise an und wurden abermals Mr. Pograms Reisegefährten bis kurz vor New York. Als das berühmte Kongreßmitglied im Begriffe stand, sie zu verlassen, wurde es plötzlich höchst gedankenschwer und nahm, nachdem es eine Weile vor sich hingebrütet, Martin beiseite.

»Wir müssen uns jetzt trennen, Sir«, begann es.

»Ach, lassen Sie sich das nicht so zu Herzen gehen«, tröstete Martin, »wir müssen uns dareinschicken.«

»Darum handelt es sich nicht, Sir!« entgegnete Mr. Pogram. »Keineswegs! Aber ich sähe es gern, wenn Sie ein Exemplar von meiner Trutzrede annehmen wollten.«

»Ich danke Ihnen verbindlichst, Sir«, sagte Martin. »Sie sind sehr gütig. Es würde mich sehr freuen.«

»Auch darum handelt es sich nicht, Sir«, fing Pogram wieder an. »Hätten Sie den Mut, ein Exemplar nach England mitzunehmen?«

»Natürlich«, versicherte Martin, »warum denn nicht.«

»Die Rede ist etwas scharf, Sir«, gab Pogram zu bedenken.

»Das macht nichts«, meinte Martin. »Wenn Sie wollen, nehme ich ein ganzes Dutzend mit.«

»Nein, Sir«, wehrte Mr. Pogram ab; »ein Dutzend, das wäre mehr als zuviel. Also, wenn Sie wirklich vor der Gefahr nicht zurückschrecken, Sir, so ist hier ein Exemplar für Ihren Lordkanzler «, er zog eine Broschüre aus der Tasche, »und hier ein zweites für ihren ersten Staatssekretär. Ich wünschte, daß die Leute, Sir, es läsen und meine Gesinnungen kennenlernten, damit sie später nicht Unkenntnis vorschützen können. Aber immerhin möchte ich nicht, daß Sie sich meinetwegen in Gefahr begeben, Sir!«

»Es ist nicht die geringste Gefahr dabei, versichere ich Ihnen«, lachte Martin, dann steckte er die Pamphlete in die Tasche und verabschiedete sich von Mr. Pogram.

Mr. Bevan hatte ihm geschrieben, daß er sie zu einer bestimmten Zeit – und glücklicherweise kamen sie zurecht – in einem bestimmten Hotel in der Stadt erwarten wolle. Ohne Verzug begaben sich Mark und Martin dorthin und hatten die Freude, ihren wackern Freund bereits dort zu finden und sich herzlich und warm von ihm aufgenommen zu sehen.

»Es tut mir wirklich sehr leid und beschämt mich tief«, sagte Martin, »daß ich Ihnen so zur Last fallen muß, aber werfen Sie nur einen Blick auf unsere Kleidung, und Sie werden erkennen, wie heruntergekommen wir sind.«

»Ich bin weit davon entfernt zu glauben, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, der der Rede wert wäre«, unterbrach ihn Mr. Bevan. »Ich muß mir vielmehr Vorwürfe machen, daß ich unwissentlich die Hauptursache Ihrer Leiden geworden bin. Ich hätte mir ebensowenig träumen lassen, daß Sie nach Eden gehen oder sich hier überhaupt noch goldene Berge versprechen würden, als ich daran dachte, selber nach Eden zu gehen.«

»Die Sache ist so: Ich faßte nämlich den verrückten Entschluß, und zwar in sanguinischer Unbesonnenheit«, erklärte Martin. »Am liebsten möchte ich gar nichts mehr davon hören. Mark da wurde überhaupt nicht in der Sache gefragt.«

»Nun, er wird wohl auch in anderer Hinsicht keine Stimme gehabt haben«, meinte Mr. Bevan mit einem Lachen, das klar verriet, wie genau er Marks und Martins Charaktere durchschaute.

»Ich fürchte, allerdings keine besondere«, gab Martin errötend zu, »aber man lebt, um zu lernen, Mr. Bevan. Und wenn man dann infolge eigener Unbesonnenheit knapp vor dem Tode steht, so lernt man’s nur um so schneller.« »Was haben Sie jetzt im Sinn?« fragte Mr. Bevan. »Sie gedenken wohl sofort nach England zurückzukehren?«

»Allerdings, allerdings«, versetzte Martin hastig, denn er bangte schon vor dem Gedanken an irgendeine andere Möglichkeit. »Hoffentlich ist das auch Ihr Rat?«

»Gewiß. Ich weiß überhaupt nicht, warum Sie nach Amerika kamen. Freilich kommt derartiges leider nur zu oft vor, als daß wir weiter viel Worte drüber zu verlieren brauchten. Sie wissen natürlich nicht, daß das Schiff, in dem Sie mit unserm Freund, dem General Fladdock, die Reise hierher gemacht haben, im Hafen liegt?«

»Wirklich?« rief Martin.

»Ja. Die Fahrtliste besagt, daß es morgen in See gehen wird.«

Das war eine verlockende und doch zugleich sehr peinliche Nachricht, denn Martin begriff, daß er nicht hoffen durfte, an Bord eines derartigen Schiffes irgendeine Beschäftigung zu erhalten. Das Geld, das er noch besaß, reichte nicht zu einem Viertel hin, die Summe zurückzuzahlen, die er sich bereits ausgeborgt; und wenn es selbst zur Heimreise gelangt hätte, würde er es doch kaum über sich gewonnen haben, alles dafür auszugeben. Er setzte dies Mr. Bevan in Kürze auseinander und teilte ihm seinen Plan mit.

»Das ist ein ebenso verrückter Einfall wie der, nach Eden zu gehen«, versetzte der Amerikaner. »Sie müssen einfach wegfahren, und zwar reisen wie ein Christ – wenigstens wie es ein Christ als Vorderkajütenpassagier tun kann – und mir noch einige Dollar mehr schuldig werden, als Sie beabsichtigten. Wenn Mr. Mark im Schiff drüben nachsehen will, wie viele Passagiere angemeldet sind, und findet, daß Sie an Bord gehen können, ohne im Zwischendeck direkt zu ersticken, so lautet mein Rat: Fahren Sie. Wir beide können uns inzwischen in der Stadt umsehen. Zu Norris brauchen wir ja nicht zu gehen – außer es läge Ihnen besonders viel daran! –, und am Nachmittag können wir dann alle drei gemeinschaftlich dinieren.«

Martin konnte nur seinen Dank stammeln, und damit war die Sache abgemacht.

Als Mark das Zimmer verließ, eilte ihm Martin nach und riet ihm, unter allen Umständen Plätze auf der »Schraube« zu belegen, und wenn sie selbst auf dem bloßen Deck kampieren müßten: ein Auftrag, den Mr. Tapley, der natürlich genau so dachte, bereitwilligst zu besorgen versprach.

Als er später wieder mit Martin allein zusammentraf, war er in prächtigster Laune und hatte offenbar etwas mitzuteilen, auf das er sich nicht wenig zugute tat.

»Ich habe Mr. Bevan hinters Licht geführt, Sir«, sagte er grinsend vor Vergnügen.

»Mr. Bevan hinters Licht geführt!?« wiederholte Martin.

»Der Koch der ›Schraube‹ hat das Schiff verlassen und gestern geheiratet«, versetzte Mr. Tapley.

Martin sah ihn ratlos an.

»Als ich nun an Bord kam und man mich erkannte«, fuhr Mark fort, »kam der Maat zu mir und fragte mich, ob ich nicht auf der Heimreise die Stelle des Kochs übernehmen wolle. ›Sie sind ja daran gewöhnt‹, sagte er, ›und haben auf der Herfahrt sowieso für jedermann gekocht.‹ Und so bin ich jetzt Koch«, fügte Mark hinzu, »wenn ich auch einen Eid drauf leisten kann, daß ich mich früher nie auf dergleichen verstanden habe.«

»Und was haben Sie drauf erwidert?« fragte Martin.

»Was ich erwidert habe?« rief Mark. »Nun, ich habe gesagt, daß ich alles nehmen wolle, was ich kriegen könne. ›Wenn es sich so verhält‹, sagte der Maat, ›nun gut, dann bringen Sie mal ein Glas Rum her.‹ Und das geschah. Und mein Lohn, Sir«, rief Mark jubelnd, »bestreitet auch Ihre Überfahrt. Ich habe schon das Mangelholz in Ihr Kabuff gelegt, um es zu reservieren. Es ist die bequemste Koje rückwärts in der Ecke. – So weit wären wir jetzt. – Hoch England und Britannia drauf und dran!«

»Sie sind der famoseste Bursche, den es je gegeben hat«, jubelte Martin und drückte Mark warm die Hand. »Aber was meinen Sie damit, daß Sie sagten, Sie hätten Mr. Bevan angeführt?«

»Na, begreifen Sie’s denn nicht?« rief Mark. »Natürlich sagen wir ihm kein Wort. Wir nehmen sein Geld an, wenn wir’s auch natürlich nicht behalten wollen, schreiben ihm dann ein Briefchen, erklären ihm die ganze Sache, tun das Geld hinein und lassen ’s im Gasthof mit dem Auftrag, es ihm erst zuzustellen, wenn wir fort sind. Verstehen Sie jetzt?«

Martins Entzücken über diesen Einfall kannte keine Grenzen, und der Vorschlag Mr. Tapleys wurde natürlich angenommen. Sie verbrachten zu dritt einen heitern Abend, blieben im Hotel über Nacht, besorgten den Brief und gingen am nächsten Morgen mit so leichtem Herzen an Bord, wie es einem Menschen nach soviel erlebtem Elend nur zumute sein kann.

»Leben Sie wohl – und tausendmal Dank«, sagte Martin zu Mr. Bevan. »Wie werde ich Ihnen jemals für all Ihre Güte danken können!«

»Wenn Sie je ein reicher oder einflußreicher Mann werden«, entgegnete Mr. Bevan, »so können Sie ja versuchen, Ihre Regierung zu veranlassen, daß sie sich mehr um ihre Untertanen kümmert, wenn diese im Ausland ihr Glück probieren wollen. Erzählen Sie, welche Erfahrung Sie selbst als Auswanderer gemacht haben, und legen Sie es der Regierung nahe, mit wie wenig Mühe viel Elend verhindert werden könnte.«

Hoi a ho! Die Ankerketten rasselten um das Gangspill. Mit vollen Segeln stach das Schiff in See, und sein breites Bugspriet deutete gerade nach England zu. Wie eine Wolke lag Amerika bald hinter den Reisenden.

»Na, Koch, über was brüten Sie so angelegentlich?« fragte Martin lustig.

»Ich habe mir soeben gedacht«, entgegnete Mark, »wenn ich nun ein Maler wäre und aufgefordert würde, den amerikanischen Adler zu malen, wie ich’s wohl angreifen sollte.«

»Sie müßten ihn eben so adlerähnlich machen, wie Sie könnten.«

»Nö«, sagte Mark. »Das wäre nichts für mich. Ich würde ihn zeichnen wie ’ne Fledermaus, weil er kein Licht verträgt – wie den Hahn auf dem Mist, weil er sich so patzig macht – wie ’n Pfau wegen seiner Eitelkeit – und wie ’n Strauß, weil er glaubt, man sieht ihn nicht, wenn er den Kopf in den Sand steckt.«

26. Kapitel


26. Kapitel

Ein unerwartetes Zusammentreffen und eine vielversprechende Aussicht

Die subtilen Zusammenhänge zwischen Bärten und Vögeln und die geheime Quelle jener Anziehungskraft, die so häufig einen Barbier veranlaßt, mit letzteren Handel zu treiben, sind Fragen so unwägbarer Art, daß wir ihre Beleuchtung wissenschaftlichen Korporationen überlassen müssen. Um so mehr, als derartige Bemühungen zu keinem besondern Resultat zu führen scheinen. Für uns genügt es zu wissen, daß der Haarkünstler, der die Ehre hatte, Mrs. Gamp in seinem ersten Stock zu beherbergen, das Geschäft des Rasierens mit dem des Vogelabrichtens verband und daß dies keine ursprüngliche Idee von ihm oder gar eine Erfindung war, da es in allen Nebenstraßen und Vorstädten ringsum ein ganzes Heer von Konkurrenten in diesem Fache gab.

Sein Name war Paul Sweedlepipe, aber für gewöhnlich wurde er Poll Sweedlepipe genannt, und tatsächlich glaubte ein großer Teil seiner Freunde und Nachbarn, er hieße wirklich so.

Von der Treppe und der Privatwohnung seiner Aftermieterin abgesehen, war Poll Sweedlepipes ganzes Haus ein einziger großer Vogelbauer. Kampfhähne präsidierten in der Küche; Fasanen durchstrahlten mit dem Glanz ihres goldenen Gefieders die Dachstube; Bantamhühner hockten im Keller auf ihren Stangen; Eulen hatten das Schlafzimmer in Besitz genommen, und Exemplare von allen kleineren Vogelarten zwitscherten und zirpten im Laden. Das Treppenhaus war den Kaninchen geweiht. Hier, in Behältern von allen Formen und Arten, in alten Packkisten, Koffern, Kommoden und dergleichen, vermehrten sie sich mit bewunderungswürdiger Rastlosigkeit und steuerten ihr Teil zu dem komplizierten Dufte bei, der unparteiisch und ohne Ansehen der Person jede Nase begrüßte, die sich in Sweedlepipes Rasierstube blicken ließ.

Trotzdem fand so manche Nase ihren Weg dahin; besonders am Sonntagmorgen vor der Kirche. Bekanntlich müssen sich sogar Erzbischöfe am Sabbat rasieren lassen. Der Bart läßt sich nicht am Wachsen hindern, selbst nicht am Kinn gemeiner Tagelöhner. Solche untergeordnete Personen sind natürlich nicht imstande, sich einen eigenen Kammerdiener leisten zu können, und gehen daher zu Leuten, die das Geschäft von Fall zu Fall versehen, und bezahlen sie – oh, Schlechtigkeit des Kupfergeldes! – mit schmutzigen Pennystücken. Poll Sweedlepipe, der Sünder, rasierte alle, die da kamen, für je einen Penny und schnitt ihnen außerdem, wenn sie es wünschten, für zwei Pence das Haar. Da er außerdem ein lediger Mann war und auch mit seinem Vogelhandel sich ein wenig erwarb, befand er sich in leidlich guten Umständen.

Er war ein kleiner, ältlicher Mann mit einer feuchten kalten rechten Hand, von der sogar der beständige Verkehr mit Kaninchen und Vögeln den Geruch der Bartseife nicht zu entfernen vermochte. Poll hatte etwas Vogelartiges in seinem ganzen Wesen, nicht etwa vom Falken oder Adler, sondern eher von dem Sperling, der im Schornstein seine Nester baut und die Nähe menschlicher Gesellschaft liebt. Doch war er nicht streitsüchtig wie dieser, sondern friedlich wie die Taube. Pathetisch stolzierte er durch die Straßen und hatte in dieser Hinsicht gleichfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit der Taube, und auch mit deren Gegirr ließ sich sein monotones Geschwätz vergleichen. Von Geburt aus sehr neugierig, fragte er viel, und wenn er am Abend vor der Türe seines Ladens stand, die Nachbarn beobachtend, den Kopf seitwärts geneigt und schlau mit einem Auge blinzelnd, hätte man ihn auch mit einem Raben verwechseln können. Aber trotzdem war nicht mehr Arglist in Poll als in einem gewöhnlichen Rotkehlchen. Zum Glück wurden seine ornithologischen Eigenheiten, wenn sie auf dem Punkte waren, zu weit zu gehen, erstickt, aufgelöst, eingeschmolzen und neutralisiert durch den Barbier in ihm, genau so wie sich sein kahles Haupt – sonst dem Kopf einer geschorenen Elster zum Verwechseln ähnlich – zu beiden Seiten in eine Perücke schwarzer Krauslocken auslief, den Schädel selbst freilassend, um die ungeheuern Verstandeskräfte anzudeuten.

Seine äußerst schrille zitternde Stimme war die Veranlassung, daß die Spottvögel von Kingsgate Street behaupteten, er hätte von Rechts wegen ein Frauenzimmer werden müssen. Er besaß zudem ein überaus empfindliches Herz, und wenn er zuweilen ein oder ein halbes Schock Spatzen zu einem Wettschießen zu liefern hatte, so pflegte er stets mitleidigen Tones zu bemerken, es sei doch höchst sonderbar, daß diese Vögel eigens zu diesem Zweck geschaffen sein sollten. Zur Erörterung der Frage, ob die Menschen zum Vogelmord geschaffen seien, reichte seine Philosophie nicht aus.

Da sein Gewerbe gewissermaßen mit dem Jagdsport verquickt war, trug er einen Samtrock, blaue Strümpfe, Schnürschuhe, ein hellfarbiges Halstuch und einen sehr hohen Hut. Angesichts seines mehr friedlichen Barbierberufs jedoch bequemte er sich, gewöhnlich eine nicht allzu saubere Schürze, eine Flanelljacke und manchesterne Kniehosen zu tragen.

In diesem Kostüm, aber mit aufgeschlagener Schürze – zum Zeichen, daß er Feierabend gemacht – schloß er eines Abends, mehrere Wochen nach den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen, seine Türe und blieb auf der Schwelle stehen und horchte, bis die kleine, zerbrochene Klingel drin zu läuten aufgehört hatte. Ehe dies geschehen war, hielt Mr. Sweedlepipe es nämlich niemals für rätlich, sein Geschäftslokal sich selber zu überlassen.

»Es ist das ungebärdigste Ding von einer kleinen Klingel unter der Sonne«, sagte Poll, »aber jetzt endlich schweigt sie doch.«

Mit diesen Worten rollte er seine Schürze noch ein bißchen höher zusammen und eilte die Straße hinunter. Eben wollte er nach Holborn einbiegen, als er gegen einen jungen livrierten Herrn anrannte. Der Jüngling war zwar klein, aber desto kecker und wandte sich mit den lebhaftesten Zeichen von Unwillen augenblicklich gegen ihn um.

»Na, Sie Dummkopf!« rief der junge Herr. »Sie können wohl nicht aufschauen, was? Oder achtgeben, wohin Sie gehen, was? Wozu haben Sie eigentlich Ihre Augen, was? Oh, Sie!«

Der junge Gentleman sprach die beiden letzten Worte in lautem Ton und mit fürchterlichem Nachdruck, als ob sie die Quintessenz aller bittern Kränkungen in sich faßten, aber plötzlich wich sein Zorn der Überraschung, und er rief mit milderem Tone aus:

»Was, Polly!«

»Ja, was seh ich, Sie sind’s?« rief Polly. »Aber Sie können’s doch gar nicht sein!« »Nein, ich bin’s nicht«, scherzte der Jüngling. »Es ist mein Sohn. Mein ältester. Er macht seinem Vater alle Ehre, nicht wahr, Polly?« Mit diesem geistreichen Witz machte er auf dem Pflaster halt und drehte sich langsam um, um sich von allen Seiten anstaunen zu lassen, sehr zum Verdruß der Passanten, die nicht in so heiterer Stimmung waren wie er.

»Wahrhaftig, das hätt ich nicht geglaubt«, sagte Poll. »Sie haben also Ihren alten Dienst verlassen, wie ich sehe, wie?«

»Und ob«, entgegnete der junge Herr, der inzwischen die Hände in die Taschen seiner weißen Beinkleider gesteckt hatte und freudestrahlend neben dem Barbier einherstolzierte. »Haben Sie eine Idö, was ein Paar Stulpenstiefel sin, Polly? Wenn nücht, so schauen Sie sich mal düse da an.«

»Prächtig!« rief Mr. Sweedlepipe.

»Oder haben Sie schon mal einen Knopf mit Wappen gesehen? Sehen Sie ihn nicht an, wenn Sie kein Kenner sind; denn die Löwenköpfe darauf wissen bloß Leute von Geschmack zu würdigen und keine Mopsnasen nücht.«

»Prächtig!« rief der Barbier abermals. »Grasgrüner Rock mit Gold besetzt, und noch dazu eine Kokarde am Hut!«

»Das will ich meinen«, rief der Jüngling stolz. »Übrigens, aus der Kokarde mache ich mir einen Quark! Das einzige an ihr ist noch, daß sie sich nicht dreht. Sonst würde sie sich nicht vüll von dem Fendilador, wo wir bei Todgers‘ im Küchenfenster hatten, unterscheiden. Haben Sie übrigens nicht den Namen der Alten in der Zeitung gelesen?«

»Nein«, entgegnete der Barbier. »Hat sie umgeschmissen?«

»Wenn sie’s nicht hat, so wird sie’s bald nachholen«, entgegnete Bailey, »ohne mich kann sie doch das Geschäft nicht führen! Na, und wie gehts denn Ihnen?«

»So ziemlich gut«, sagte Polly, »wohnen Sie in diesem Stadtteil, oder wollten Sie mich gerade besuchen? – Was für Geschäfte führen Sie nach Holborn?«

»Holborn ist mir ganz Wurst«, versetzte Mr. Bailey mit Verachtung, »ich hab nur noch im Westend zu tun. Jetzt hab ich endlich den richtigen Herrn gekriegt, wo zu mir paßt. Sein Gesicht kann man vor lauter Schnurrbart nicht sehen, und seinen Schnurrbart nicht vor lauter Wichse. Das nenn ich mir einen Schenlmän! Oder möchten Sie vielleicht nicht gern in einem Kabriolett fahren? Ich trau es mich auch gar nicht, es Ihnen anzubieten. Sie würden schon beim bloßen Anschauen ohnmächtig werden, wenn Sie mich im kurzen Trab um die Ecke kommen sehen.«

Und um seinem Freund einen Begriff von der Wirkung einer derartigen equestrischen Betätigung zu geben, ahmte Mr. Bailey in eigener Person die Bewegung eines galoppierenden Pferdes nach und warf dabei seinen Kopf so hoch, daß er damit gegen einen Brunnen anstieß und ihm der Hut herunterflog.

»Er ist aus der ›Kauliflower‹ und ein Bruder des ›Capricorn‹. Seit mir ihm haben, is er schon durch die Fenster von zwei Käseladen durchgsprungen, und verkauft is er worden, weil er seine Herrin erschlagen hat. Ja, das nenn ich mir einen Gaul!«

»Aber da werden Sie ja gar keine Hänflinge mehr von mir kaufen wollen«, bemerkte Poll mit einem melancholischen Blick auf seinen jungen Freund, »oder Kanarienvögel, um sie über dem Abtritt aufzuhängen.«

»Na, das sollte mir einfallen«, rief Mr. Bailey. »Billiger als mit einem Pfau geb ich’s jetzt nimmer. Selbst der ist mir schon zu gemein; – na, und wie geht’s Ihnen denn so im allgemeinen«

»Ach, ziemlich gut«, sagte Polly.

Er beantwortete die Frage zum zweitenmal, weil er zum zweitenmal gefragt wurde, und Mr. Bailey fragte zum zweitenmal, weil darin eine gewisse sportmäßige Nonchalance lag, die sich zu den weißen Hosen, den Maschen an den Knien und den Stulpenstiefeln sehr gut ausnahm.

»Und wo wollen Sie hin, alter Bursche?« fuhr Mr. Bailey mit seiner neckischen Anmut fort; – er war eben hinsichtlich Konversation ein ganzer Weltmann geworden, während der Barbier in diesem Punkte noch das reinste Kind war.

»Ich will meine Mietsfrau heimführen«, sagte Poll.

»Ein Weib?« rief Mr. Bailey. »Wegen einer Zwanzigpfundnote!«

Der kleine Barbier beeilte sich zu erklären, daß die Betreffende weder ein junges noch ein hübsches Weib sei, sondern eine Wärterin, die einige Wochen bei einem Gentleman gewissermaßen hausgehalten und diesen Abend ihren Platz zu verlassen habe, um ihn einer andern und legitimeren Persönlichkeit zu räumen, nämlich der jungen Frau des betreffenden Gentleman.

»Er führt nämlich seine Neuvermählte heute abend heim«, erklärte er, »und drum hole ich meine Mieterin ab. – Bei Mr. Chuzzlewit, gerade hinter der Post – und helf ihr den Koffer tragen.«

»Jonas Chuzzlewit?« fragte Mr. Bailey.

»Ja. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Na, na, was denn!« rief Mr. Bailey. »Ganz und gar nicht. Und sie kenn ich natürlich auch nicht. Wieso denn auch. – Die beiden sind doch durch mich zusammengekommen.«

»Was Sie nicht sagen«, rief Paul.

»Hum«, hüstelte Bailey. »Sie ist übrigens nicht übel. Aber ihre Schwester wär mir lieber gewesen. Das war die Lustigere von beiden. Ich hab einen Mordsjux mit ihr ghabt. Damals nämlich.«

Mr. Bailey sprach, als ob er schon mit einem oder dreiviertel Bein im Grabe stünde und sein Erlebnis vor zwanzig oder dreißig Jahren vorgefallen wäre. Poll Sweedlepipe in seiner Bescheidenheit war jedoch durch die frühreife Altklugheit und Gönnermiene seines jungen Freundes sowohl wie durch dessen Stiefel, Kokarde und Livree so vollständig verdutzt, daß förmlich ein Nebel vor seinen Augen schwamm und er nicht den jugendlichen Master Bailey aus Todgers‘ Speisehaus für die Herren Handelsbeflissenen vor sich sah, den er vor einem Jahre kennengelernt, wo dieser ein paarmal Zweipencevögel bei ihm eingekauft hatte, sondern die Akme aller Wettrenngrooms in London, den Inbegriff aller Stallwissenschaftler der Neuzeit, ein Wesen vornehmster Art, das schon viele Dezennien gelebt und furchtbare Erfahrungen gemacht haben mußte. Und wahrhaftig, wenn Mr. Baileys Geist schon in Todgers‘ wolkiger Atmosphäre von jeher glänzend geleuchtet, so übersprang er jetzt doch geradezu Zeit und Raum, ließ den unbefangenen Zuschauer an dem gesunden Urteile seiner Sinne zweifeln und machte seinen Glauben an die Wahrheit und Unerschütterlichkeit der Naturgesetze wanken. Wie er so über das bucklige Pflaster von Holbornhill hinwegspazierte, war er allerdings noch ein Knabe, und zwar ein recht kleiner, aber er blinzelte, dachte und sprach dabei wie ein Greis, und nur die äußerste Oberfläche an ihm machte den Eindruck der Jugend. Er war ein unerklärliches Wesen geworden – eine Sphinx in Hosen und Stulpenstiefeln. Dem Barbier blieb daher keine andere Wahl, als selbst von Sinnen zu kommen oder Master Bailey für ein unerklärliches Phänomen zu halten. Er wählte wohlweislich das letztere.

In seiner Leutseligkeit geruhte Master Bailey, ihm noch weiter Gesellschaft zu leisten und ihn unterwegs mit allerhand Plaudereien über verschiedene Sportsthemen zu unterhalten, besonders über die beziehungsweisen Vorzüge der Pferde mit weißen Füßen und derer ohne weiße Füße; – hinsichtlich des vornehmsten Stils, die Roßschweife zu kupieren, hatte Mr. Bailey seine eigenen Ansichten, die er zwar auseinandersetzte, dabei aber seinen Freund bat, sich keineswegs dadurch bestimmen zu lassen, denn er wisse gar wohl, daß er das Unglück habe, verschiedener Meinung wie einige gewisse hochstehende Autoritäten zu sein. So plauderte er fort, bis er schließlich auf das Rezept eines Schnapses zu sprechen kam, der von einem Mitglied des Jockeyklubs erfunden worden war. Mittlerweile hatten sie den Bestimmungsort des Barbiers beinahe erreicht, und als Mr. Bailey bemerkte, daß er noch eine Stunde Zeit übrig habe, wünschte er, wenn es seinem Freunde angenehm sei, Mrs. Gamp vorgestellt zu werden.

Paul klopfte an Jonas Chuzzlewits Türe. Sie wurde sofort geöffnet, und gleich darauf fand der Friseur Gelegenheit, die beiden distinguierten Persönlichkeiten miteinander bekannt zu machen.

Es war ein glücklicher Zug Mrs. Gamps bei ihrem doppelten Berufe, daß sie sich für jung und alt gleich interessierte. Sie kam daher Mr. Bailey mit großer Freundlichkeit entgegen.

»Dös is schön von Ihna«, sagte sie zu ihrem Hauswirt, »daß Sie kommen und noch dazu an so netten Freind mitbringen; aber ich fürchte, ich muß Sie bitten einzutreten, da das junge Paar noch nicht angekommen is.«

»Sind das Spätlinge, nicht?« sagte der Barbier, nachdem Mrs. Gamp sie die Küchentreppe hinuntergeführt hatte. »Freilich ja, bsonders, wenn man den Fittich der Liebe ins Auge faßt«, sagte Mrs. Gamp.

Mr. Bailey fragte, ob der »Fittich der Liebe« je einen silbernen Becher gewonnen habe oder ob man mit einigermaßen Aussicht auf Erfolg auf ihn wetten könne; wandte sich aber verächtlich ab, als man ihn belehrte, daß der »Fittich der Liebe« kein Pferd, sondern bloß ein poetischer oder figürlicher Ausdruck sei. Mrs. Gamp war so erstaunt über die ansprechenden Manieren und das nonchalante Benehmen des jungen Herrn, daß sie schon im Begriffe stand, ihrem Wirte die Frage zuzuflüstern, ob Mr. Bailey ein Mann oder ein Knabe sei, als Mr. Sweedlepipe, der ihre Absicht merken mochte, dem Gespräch noch rechtzeitig eine andere Wendung gab.

»Er kennt Madame Chuzzlewit«, sagte er laut.

»Er schaut mir ganz danach aus, als ob’s überhaupt nix gäb, was er net kennt«, bemerkte Mrs. Gamp. »Mir scheint, der hat’s faustdick hinter die Ohren.«

Mr. Bailey nahm dies als ein Kompliment auf und gab, seine Krawatte zurechtzupfend, zu: »So ziemlich.«

»So wissen Sie wahrscheinlich auch, wie die Mrs. Chuzzlewit mit ihrem Taufnamen heißt?« fragte Mrs. Gamp.

»Charitas«, sagte Mr. Bailey.

»Nein, nein, ’s is a andrer Name«, entgegnete Mrs. Gamp.

»Na, dann heißt sie Cherry. Cherry ist die Abkürzung davon. Das kommt aufs nämliche heraus.«

»Es fängt mit keinem ›C‹ an«, erwiderte Mrs. Gamp und schüttelte den Kopf, »sondern mit einem ›G‹.«

»Hui!« rief Mr. Bailey und klopfte eine kleine Wolke von Kreide aus seinem weißen linken Hosenbein. »Nachher hat er die Lustige gheirat.«

Da diese Worte ziemlich geheimnisvoll klangen, so bat Mrs. Gamp um eine nähere Erklärung, die Bailey auch gab, wobei sie mit begierigem Ohr auf seine Worte lauschte. Sie waren noch tief im Gespräche begriffen, als unten ein Wagen vorfuhr und ein Doppelschlag an die Haustüre die Ankunft des neuvermählten Paares verkündete. Mrs. Gamp behielt sich vor, das Ende von Mr. Baileys Geschichte auf dem Heimwege anzuhören, ergriff eine Kerze und eilte fort, um die junge Gebieterin des Hauses willkommen zu heißen.

»I wünsch Ihna von Herzen alls Glück und Segen«, begann sie, die Eintretenden mit einem Knicks empfangend, »und auch Ihnen, Mr. Jonas. Die junge Gnädige sieht a bisserl hergnommen von der Reis aus, Mr. Chuzzlewit. –– Na, ist dös aber a herzigs kleins Frauerl!«

»Sie hat mir lange genug darüber vorlamentiert«, brummte Mr. Jonas. »Na, so leuchten Sie uns doch gefälligst!« »Hier herauf, Madame, wenn’s beliebt«, säuselte Mrs. Gamp und ging mit der Kerze voran. »Mir haben alles so gemütlich hergricht, wie’s nur immer gangen ist, aber es gibt noch mancherlei, was Sie umändern werdn, wenn S‘ Ihna amal Zeit nemmen, a bisserl herumzuschaun. – Na, so a liabs kleins Frauerl! –– Aber«, fügte Mrs. Gamp in Gedanken hinzu, »bsonders guat aufg’legt sieht’s net aus.«

Sie hatte recht; es war nicht der Fall. Der Tod, der aus dem Hause gewichen war, um dem Brautabend Platz zu machen, schien seine Schatten zurückgelassen zu haben. Die Luft war dumpf und drückend, der Raum dunkel, und ein unheimliches Düster lagerte in jedem Winkel und jeder Ecke. Vor dem Kamin saß, wie ein Wesen von böser Vorbedeutung, der alte Buchhalter, den Blick auf einige verglommene Holzstücke gerichtet. Er stand jetzt auf und sah die beiden an.

»Na, da sind Sie ja, Chuff«, sagte Jonas gleichgültig und staubte seine Stiefel ab; »noch immer im Lande der Lebenden, was?«

»Noch immer im Lande der Lebenden, Sir«, versetzte Mrs. Gamp, »und das hat Mr. Chuffey Ihnen zu danken, wie ich’s ihm schon oft und oft gsagt hab.«

Mr. Jonas war nicht gerade in der besten Stimmung, denn er sah sich bloß nach der Sprecherin um und bemerkte:

»Wir brauchen Sie jetzt nicht mehr länger, Mrs. Gamp.«

»Glei geh i«, entgegnete die Wärterin, »wann i net vielleicht für die Gnädige was zu tun hab. – Habn S‘ nix«, fügte sie mit einem süßen Blick hinzu und kramte dabei in ihrer Tasche, »was i für Ihna besorgen könnt? – Na, so a liabs Frauerl!« »Nein«, entgegnete Gratia beinahe weinend; »es ist das beste, Sie gehen jetzt.«

Mit einem verzückten Schielblick, das eine Auge auf die Zukunft, das andere auf die junge Frau geheftet, und mit einem teils spirituellen, teils spirituosen schalkhaften Ausdruck im Gesicht, in dem sie jedoch etwas Berufsmäßiges nicht ganz unterdrücken konnte, stöberte Mrs. Gamp abermals in ihrer Tasche herum und brachte eine Karte zum Vorschein, auf der die Inschrift ihres Wohnungsschildes abgedruckt war.

»Wenn i bitten dürft, meine junge Gnädige – na, is dös aber a liabs jungs Frauerl –«, bemerkte sie mit leiser Stimme, »so hebn S‘ die Karten irgendwo auf, wo Sies leicht bei der Hand haben. I bin bei die Damen gut eingführt, und dies ist mei Gschäftskarten. Gamp ist mein Name. Und da i weit herumkomm, werd i so frei sein, hie und da wieder vorzusprechen, um zu fragen, wie’s mit Ihrer Gsundheit steht. – Na, is dös aber a liabs jungs Frauerl –«

Und mit vielem Blinzeln, Hüsteln, Nicken, Lächeln und Knicksen, was zur Herstellung eines geheimnisvollen und vertraulichen Rapportes zwischen ihr und der jungen Frau dienen sollte, rief Mrs. Gamp Gottes Segen auf das Haus herab, bis sie sich glücklich unter Blinzeln, Hüsteln, Nicken und Lächeln zum Zimmer hinausgeknickst hatte.

»Aber dös muß i sagen, und wann i dafür als a Märdyrer auf ’n Scheiterhaufen müßt«, bemerkte sie flüsternd, als sie unten anlangte, »lustig siehts grad net aus, da müßt i lügn.«

»Na, warten S‘ nur, bis Sie’s lachen hörn«, meinte Mr. Bailey.

»Hern«, grunzte Mrs. Gamp. »Ja, ja, dös will i, Kleiner.«

Weiter wurde kein Wort mehr gewechselt. Mrs. Gamp setzte ihren Hut auf, Mr. Sweedlepipe schulterte ihren Koffer, und Mr. Bailey begleitete sie beide nach Kingsgate Street, unterwegs Mrs. Gamp den Ursprung und Verlauf seiner Bekanntschaft mit Mrs. Chuzzlewit und ihrer Schwester erzählend. Es war so recht bezeichnend für die Frühreife des jungen Mannes, daß er sich einbildete, Mrs. Gamp habe eine zärtliche Neigung zu ihm gefaßt, und höchlichst über diesen Mißgriff ergötzt schien. –

Als die Türe schwer ins Schloß fiel, setzte sich Mrs. Jonas in einen Lehnstuhl, und ein seltsamer Schauder kroch ihr über den Rücken, während sie sich in dem Zimmer umsah. Es war beinahe noch ganz so, wie sie es von früher her kannte, schien ihr aber viel trauriger zu sein. Sie hatte es zu ihrem Empfange fröhlicher aussehend gehofft.

»Es ist dir wahrscheinlich nicht gut genug, was?« fragte Jonas, sie mit seinen Blicken belauernd.

»Ja, es ist sehr öde hier«, entgegnete Gratia, sich zusammennehmend.

»Es wird noch viel öder werden«, knurrte Jonas, »wenn du solche Gesichter schneidest. – Recht liebenswürdig von dir! Gleich am Anfang. Donnerwetter noch mal, du hattest doch Leben genug in dir, als es dir gefiel, mich zu plagen. – Übrigens, das Mädchen ist in der Küche unten. Ziehe die Klingel, damit das Nachtessen kommt, während ich mir die Stiefel ausziehe.«

Gratia sah ihrem Gatten nach, wie er sich entfernte, und stand auf, um zu tun, wie er ihr geheißen, da legte plötzlich der alte Chuffey sanft seine Hand auf ihren Arm.

»Sie sind doch nicht verheiratet?« fragte er hastig. »Doch nicht etwa verheiratet?«

»Ja, seit einem Monat – Gott im Himmel, was haben Sie denn?«

Chuffey antwortete, er habe gar nichts, und wandte sich von ihr ab. In ihrer Angst und ihrem Erstaunen drehte sie sich jedoch nach ihm um und bemerkte, wie er, die zitternden Hände über den Kopf erhoben, flüsterte:

»Wehe, wehe, wehe über dieses verfluchte Haus!«

Das war ihr Willkommen, ihr Willkommen am häuslichen Herd!

27. Kapitel


27. Kapitel

Zeigt, daß alte Freunde nicht nur mit neuen Gesichtern, sondern auch mit fremdem Gefieder auftreten können. Desgleichen, daß manchmal der der Geleimte ist, der andere zu leimen denkt

Mr. Bailey junior – denn der junge Sportsmann, einst von so allgemeiner Ersprießlichkeit für Todgers‘ hatte für immer dieser Firma den Rücken gekehrt –, Mr. Bailey junior, gerade groß genug, um einem forschenden Auge nicht direkt zu entgehn, saß auf dem Bock von seines Herrn Kabriolett und blickte mit Gleichgültigkeit auf die Welt herab. Langsam kutschierte er um die Mittagsstunde, seinen Herrn erwartend, Pall Mall auf und nieder. Das Pferd, das sich einer so ausgezeichneten Herkunft erfreute, indem es den »Capricorn« zum Bruder und die »Kauliflower« zur Mutter hatte, zeigte sich seiner hohen Verwandtschaft würdig, das heißt, es bäumte sich wie ein Wappenroß und kaute an dem Gebiß, bis seine Brust ganz weiß von Schaum war. Das plattierte Geschirr und die juchtenledernen Zügel glänzten in der Sonne, daß die Fußgänger bewundernd stehenblieben, während Mr. Bailey in steifer, wohlgefälliger Haltung umherblickte. Er schien zu sagen: »Ein Schubkarren, meine guten Leute, nichts als ein Schubkarren. Habt ihr eine Ahnung, was wir alles könnten, wenn wir wollten!« Und weiter fuhr er, seine kurzen, grünen Arme über dem Spritzleder ausbreitend, als wäre er unter den Achselhöhlen mit Haken daran befestigt.

Mr. Bailey hatte eine hohe Meinung von dem Sohne der Kauliflower und schätzte dessen Tugenden ungemein, aber er sagte es ihm nie; im Gegenteil, es war seine Taktik, wenn er das Pferd kutschierte, es mit respektswidrigen, wenn nicht beleidigenden Ausdrücken zu überschütten, wie zum Beispiel: »Na also, was is denn, dummes Luder? Links oder rechts gefällig? Na, wohin denn schon wieder. Oha! Mistviech!« usw. Diese abgerissenen Bemerkungen begleitete er gewöhnlich mit einem Ruck am Zügel oder einem Peitschenknall, was zu manchem Wettstreit und Messen der Kräfte Anlaß gab und jetzt damit enden zu wollen schien, daß das edle Roß wieder einmal in Porzellanläden und andere wenig geeignete Orte rennen wollte.

Augenblicklich war Mr. Bailey besonders gut aufgelegt und daher ungewöhnlich hart gegen seinen Pflegling, und demgemäß beschränkte sich das edle Tier fast ausschließlich darauf, auf den Hinterbeinen zu gehen und sich ohne Unterlaß in dem Riemenwerk zu verfangen, was den Spaziergängern ungemein großen Spaß machte. Mr. Bailey jedoch ließ sich das nicht anfechten, und immer hatte er noch Zeit und Muße genug, um jeden, der ihm den Weg versperrte, mit einem Platzregen von Artigkeiten zu überschütten. So rief er zum Beispiel einem stämmigen Kohlenträger in einem Wagen, der ihm gerade über den Weg fuhr, zu: »Na, Lausbub, so was kutschiert auch schon?!« Ein paar ältliche Damen, die noch rasch über die Straße wollten und dann wieder zurückeilten, fragte er, warum sie nicht ins Arbeitshaus gingen und sich einen Begräbnisschein ausstellen ließen. Und die Straßenjugend verleitete er durch freundliche Worte, hinten aufzuspringen, um sie, wenn sie oben waren, wieder herunterzupeitschen – kurz, mit derartigen Lichtblitzen eines unerschöpflichen Humors vertrieb er sich auf seiner Runde um St. James Square die Zeit und fuhr auf der andern Seite wieder ganz langsam nach Pall Mall hinein, als hätte er sein Tier nie anders als im Schneckentempo kutschiert.

Erst, als er diese Belustigungen einige Male wiederholt und den Apfelstand an der Ecke so gefährdet hatte, daß es ein wahres Wunder war, wieso derselbe unbeschädigt bleiben konnte, machte er an der Türe eines gewissen Hauses in Pall Mall halt und sprang, offenbar einem erhaltenen Befehle gehorsam, heraus. Nachdem er einige Minuten die Zügel gehalten und mit jedem Ruck oder Zügelriß an den Nüstern des Sohnes der Kauliflower diesen auf die Hinterbeine gebracht, stiegen zwei Personen in das Kabriolett, von denen die eine die Zügel ergriff und rasch davonfuhr. Mr. Bailey mußte erst einige hundert Schritt vergebens hintendrein laufen, aber schließlich gelang es ihm, seine kurzen Beine auf den eisernen Tritt zu bringen und endlich samt seinen Stiefeln auf das kleine Fußbrett hintenauf zu gelangen. Dann freilich bot er ein sehenswürdiges Schauspiel: bald auf dem linken, bald auf dem rechten Bein balancierend, suchte er einmal rechts, einmal links um das Kabriolett herumzugucken, und dann wieder bemühte er sich, hochmütig über das Kleinfuhrwerk hinwegzublicken, das rasselnd zwischen den Kutschen und Karren umherfuhr; kurz, er war vom Scheitel bis zur Zehe ganz und gar »Newmarket«.

Die Außenseite von Mr. Baileys Gebieter rechtfertigte im vollen Maße die Schilderung, die der begeisterte Jüngling dem verwunderten Poll gegeben. Er trug einen Wald von pechschwarz glänzendem Haar auf dem Kopf, auf den Backen, auf dem Kinn und auf der Oberlippe. Seine Kleidung, von feinstem und modernstem Schnitt, war aus den teuersten Stoffen gefertigt. Eingewebte Blumen von Gold, Blau, Grün und Rot zierten seine Weste, und kostbare Ketten und Juwelen funkelten an seiner Brust. Die Finger waren mit Brillantringen so überladen, daß sie sich kaum biegen ließen, und das Sonnenlicht spiegelte sich in seinem glänzenden Hut und in seinen Stiefeln wie in geschliffenem Glas.

Und doch, wenn auch mit verändertem Namen und umgewandelter Außenseite, war es niemand anders als Mr. Tigg.

Wohl war das Äußere nach innen gekehrt und das innere nach außen, und ein fremdes Gefieder zierte den ganzen Mann, aber es war Mr. Tigg. Wenn auch nicht Mr. Montague Tigg, sondern Mr. Tigg Montague; derselbe diabolische, tapfere militärische Haudegen, Mr. Tigg. Das Metall war vergoldet, lackiert und neu punziert, aber trotzdem die alte Legierung.

Neben ihm saß mit lächelndem Munde ein Gentleman von geringeren Prätentionen und von geschäftsmäßigem Aussehen, den er mit »David« anredete. Sollte das wirklich der David mit dem anrüchigen Wappen der drei goldenen Kugeln sein? David, der Pfandverleihergehilfe? Allerdings, derselbe David war es.

»Das Sekretärsgehalt, David«, näselte Mr. Montague, »– denn das Institut ist jetzt begründet – beträgt achthundert Pfund im Jahr; Wohnung, Heizung und Licht frei und fünfundzwanzig Stück Aktien als Anteil; selbstverständlich. Ist das genug?« David lächelte und nickte, nickte und lächelte, rieb sich die Nase mit seinem kleinen verschlossenen Portefeuille, das er bei sich führte; – alles mit einer Miene, die deutlich verriet, daß er selbst der Sekretär war.

»Na also, wenn’s genug ist«, fuhr Mr. Montague fort, »so will ich’s bei der heutigen Sitzung in meiner Eigenschaft als Präsident in Vorschlag bringen.«

Der Sekretär lächelte wieder – lachte sogar, rieb sich abermals pfiffig die Nase und sagte:

»Es war ein Kapitalgedanke, meinen Sie nicht?«

»Was war ein Kapitalgedanke, David?« fragte Mr. Montague.

»Na, die Anglo-Bengalische«, kicherte der Sekretär.

»Die Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehen- und Lebensversicherungskompagnie ist ein Kapitalgeschäft, das wollen wir hoffen. Was David? Hahaha!« lachte Mr. Montague.

»Kapital! Allerdings«, rief der Sekretär ebenfalls lachend, »in einem Sinne wenigstens.«

»In dem allein wichtigen Sinne des Wortes«, verbesserte der Präsident. »Das ist Nummer eins, David.«

»Wie hoch«, fragte der Sekretär unter fortwährendem Gelächter, »wird sich nach dem nächsten Prospekt das eingezahlte Kapital belaufen?«

»Eine Zwei und so viel Nullen dahinter, wie der Drucker auf die Zeile bringen kann«, versetzte Mr. Montague. »Ha, ha, ha.«

Darüber lachten beide, und der Sekretär so heftig, daß er mit den Füßen das Spritzleder niederstampfte, worüber der Sohn der Kauliflower beinahe in einen Austernladen hineinrannte und Mr. Bailey einen so plötzlichen Stoß erhielt, daß er für einen Augenblick an einem einzigen Haltriemen hing und wie die symbolische Gestalt einer jungen Fama mit den Beinen in der Luft schwebte.

»Sind Sie ein pfiffiger Kunde!« rief David bewundernd, als er sich wieder gefaßt hatte.

»Sagen Sie: ein Genie, David.«

»Gut also – meiner Seel, Sie sind ein Genie. Ich hab’s ja immer gewußt, daß Sie ein tüchtiges Mundwerk hatten, aber nie würde ich geglaubt haben, daß Sie nur halb der Mann wären, der Sie wirklich sind. Nie wär mir so was eingefallen.« »Ich weiß mich den Umständen anzupassen, David; das ist schon an und für sich eine geniale Eigenschaft«, erklärte Mr. Tigg. »Wenn Sie zum Beispiel in dieser Minute eine Wette von hundert Pfund an mich verlören, David, und sie bezahlen müßten, was verteufelt unwahrscheinlich wäre, würde ich mich sofort der veränderten Sachlage anzupassen wissen.«

– Allerdings war nicht zu leugnen, daß Mr. Tigg sich den »Umständen anzupassen« gewußt hatte, und sofern er das Geschäft der Prellerei jetzt in einem großartigen Maßstabe betrieb, auch ein größerer Mann geworden war.

»Ha, ha, ha!« kicherte der Sekretär und legte mit steigender Vertraulichkeit seine Hand auf den Arm des Präsidenten, »wenn ich Sie so ansehe und an Ihre Güter in Bengalen denke – ha, ha, ha! –«

Die halb ausgesprochene Idee schien für Mr. Montague nicht weniger belustigend zu sein als für seinen Freund, wenigstens lachte er ebenfalls herzlich.

»Daß diese«, nahm David seine Rede wieder auf, »daß diese Ihre Güter in Bengalen – alle Ansprüche an die Kompagnie decken sollen! Wenn ich Sie mir so ansehe und mir alles das denke – meiner Seel, ich glaube, ich zerspringe vor Lachen.«

»Es sind auch verflucht hübsche Besitzungen«, sagte Mr. Tigg Montague. »Die Tigerjagden allein sind schon eine Bank wert, David.« – David fuhr fort zu lachen, sich die Seiten zu halten und sich die Augen zu wischen, ohne etwas anderes herauszubringen als: »Ach Gott, sind Sie ein Gerissener!«

»Ein Kapitalgedanke!« fing Mr. Tigg, nach einer Weile auf die erste Bemerkung seines Begleiters zurückkommend, wieder an. »Ohne Zweifel war es ein Kapitalgedanke. Es war meine Idee.«

»O nein, es war die meine«, remonstrierte David. »Ehre dem, dem Ehre gebührt. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich einige Pfund zurückgelegt hätte?«

»Ganz recht«, gab Tigg zu, »aber sagte ich Ihnen nicht, daß auch mir ein paar Pfund zugefallen seien?«

»Jawohl«, erwiderte David. »Aber das hat ja mit der Idee nichts zu tun. – Wer hat Ihnen den Vorschlag gemacht, wir sollten unser Geld zusammenschließen, ein Bureau errichten und die Lärmtrommel schlagen?« »Und wer sagte«, rief Mr. Tigg, »wir könnten ganz ohne Geld ein Bureau errichten und Aufsehen erregen, wenn wir’s nur in gehörigem Maßstabe anfingen? – Seien Sie vernünftig und gerecht – und sagen Sie mir, von wem die Idee ausging?«

»Nun ja« – David sah sich genötigt, dieses Zugeständnis zu machen – »hierin haben Sie einen gewissen Vorsprung vor mir. Ich will mich übrigens auch nicht mit Ihnen auf gleiche Höhe stellen, sondern verlange nur das bißchen Ehre, das mir bei dem Geschäfte zukommt.«

»Alles, was Ihnen gebührt, sollen Sie haben«, versetzte Mr. Tigg. »Die glatte Arbeit der Gesellschaft, David – die Bücher, die Eintragungen, die Zirkulare, Annoncen, Tinte, Papier und Feder, Siegellack- und Oblatenwirtschaft –, alles das wird bewunderungswürdig von Ihnen besorgt. Sie sind ein Allerweltskritzler, das bestreite ich nicht, aber der ganze weitere Ausbau, David – das erfinderische und sozusagen poetische Departement –«

»Gehört Ihnen«, ergänzte David. »Fraglos! Und bei so ner Frachtequipage mit all den schönen Dingen, die Sie am Leibe haben, und bei dem Leben, das Sie führen, glaube ich, ist’s ein recht angenehmes Departement, das Sie übernommen haben.«

»Erfüllt es nicht seinen Zweck? Ist es nicht Anglo-Bengalisch?« fragte Mr. Tigg.

»Ja, allerdings.«

»Und glauben Sie vielleicht, daß Sie es könnten?«

»Nein«, gab David zu.

»Ha, ha«, lachte Mr. Tigg, »dann seien Sie mit Ihrer Stellung und mit Ihrem Profit zufrieden, lieber Freund, und segnen Sie den Tag, der uns an dem Ladentisch unseres gemeinschaftlichen ›Onkels‹ zusammenführte, denn es war ein goldener Tag für Sie.«

Wie man leicht aus diesem Gespräche entnehmen konnte, hatten sich die beiden Biedermänner in ein großartiges Unternehmen eingelassen, und da dabei alles zu gewinnen und nichts zu verlieren war, schien das Geschäft vortrefflich angelegt zu sein.

Die »Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungskompagnie« trat eines Morgens ins Dasein, aber nicht etwa als Säugling, sondern als eine völlig ausgewachsene Kompagnie, die schon recht gut alleine laufen konnte und all und überall Geschäfte machte. Eine Filiale befand sich im Westende der Stadt, im ersten Stockwerk einer Schneiderswohnung, und das Hauptbureau lag in einer neuen Straße der City, den ganzen geräumigen Teil eines Hauses umfassend, das reichlich mit Stuck und Spiegelscheiben geschmückt, mit Drahtgaze vor allen Fenstern und mit der Aufschrift »Anglo-Bengalische Kompagnie« versehen war. Am Eingangstor stand die Inschrift: »Bureau der Anglo-Bengalischen uneigennützigen Leih- und Lebensversicherungsgesellschaft«. Daneben hing ein großes Messingschild mit derselben Ankündigung, blitzblank gehalten, um Kunden anzulocken. An Werktagen, nach den Bureaustunden, geriet die ganze City davor außer sich und an Sonntagen den ganzen langen Tag über, denn es stach mehr in die Augen als sogar ein Bankschild. Innen waren die Räume frisch gemörtelt, geweißt, tapeziert, mit neuen Comptoirtischen, Stühlen und Fußteppichen versehen, kurz, auf alle mögliche Art neu ausstaffiert und mit kostspieliger und solider Einrichtung möbliert. Geschäft! Funkelnagelneue grüne Hauptbücher mit roten Rücken, wie starke, flachgeschlagene Spielbälle, die Hof- und bürgerlichen Adreßbücher, Tagebücher, Almanache, Briefkasten, Maschinen, um Briefe zu wiegen, ganze Reihen von Feuereimern, um eine Feuersbrunst im ersten Augenblick zu ersticken und das ganze ungeheure Vermögen in Wechseln und Banknoten retten zu können, das der Gesellschaft gehörte – dann eiserne Geldschränke, Bureauuhren und Geschäftssiegel von ungeheurem Umfang, die an und für sich schon Sicherheit verbürgten – und Solidität! Man brauchte sich nur die massiven Marmorblöcke an den Kaminen ansehen und das prächtige Dachsims oben am Hause! Sogar auf den Kohlenkasten waren die Insignien der »Anglo-Bengalischen uneigennützigen Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« angebracht. Sie wiederholten sich an allen Enden und Ecken, daß einem die Augen übergingen und der Kopf schwindelig wurde, in Kupfer gestochen über jedem Bogen Briefpapier und im Schnörkelrand um das Siegel. Sie leuchteten einem entgegen von den Rockknöpfen des Portiers, wiederholten sich wohl zwanzigmal in jedem Zirkular und jeder öffentlichen Annonce, in der Mr. David Crimple Esquire, Sekretär und stellvertretender Direktor, sich die Freiheit nahm, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Angaben hinsichtlich der Vorteile zu lenken, die die Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehen- und Lebensversicherungsgesellschaft bot und die vollkommen bewiesen, daß jede Verbindung mit diesem Institut für das Publikum soviel wie ein fortwährendes Weihnachtsgeschenk und eine Art sich selbst füllender Sparbüchse bedeutete und daß niemand bei diesem Geschäfte etwas riskieren konnte als das Bureau allein, das bei seiner anerkannten großen Freigebigkeit nur auf Schaden rechnete. Und das war – erlaubte sich David Crimple, Esquire, zu bemerken – wohl die beste Garantie, die das Direktorium billigerweise für seine Solidität bieten konnte.

Beiläufig bemerkt, lautete der Name dieses Gentleman ursprünglich Crimp, da aber »Crimp« auf englisch soviel bedeutet wie Seelenverkäufer und der ominöse Klang daher leicht mißdeutet werden konnte, war er in Crimple verwandelt worden.

Waren dies nicht Beweise und Bekräftigungen genug, um alles Mißtrauen gegen die »Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« im Keime zu ersticken? Damit aber außerdem niemand in Tigg Montague, Esquire, von Pall Mall und Bengalen, oder irgendeinen anderen Namen auf der imaginären Liste der Direktoren Zweifel setze, falls man Mr. Tigg noch nicht in seinem Kabriolett gesehen, so hatte das Institut einen Portier angestellt, eine wunderbare Erscheinung in einer großen roten Weste und einem kurzschößigen pfeffer-und-salz-farbigen Frack, der die skeptischsten Gemüter zum Glauben schneller bekehren mußte als das ganze Institut ohne ihn. Zwischen ihm und dem Direktorium bestand keinerlei Verbindung; niemand wußte, wo er früher Portier gewesen, und niemand hatte ihm ein Zeugnis oder sonstige Auskunft abverlangt. Von keiner Seite waren Fragen gestellt worden. Das geheimnisvolle Geschöpf hatte sich, nur auf seine Figur bauend, für die Stelle gemeldet und sie auch augenblicklich auf seine eigenen Bedingungen hin erhalten. Seine Ansprüche schienen allerdings recht bedeutend, aber er wußte ohne Zweifel, daß niemand eine so große Weste tragen könne wie er, und fühlte den vollen Wert seiner Befähigung für ein derartiges Institut. Wenn er auf dem ausdrücklich für ihn entworfenen Sessel in einer Ecke des Bureaus saß, seinen glänzenden Hut an einem Nagel über sich, da war es unmöglich, an der Solidität des Unternehmens zu zweifeln. Das Vertrauen verdoppelte sich sozusagen mit jedem Quadratzoll seiner Weste und häufte sich wie bei dem Rechenexempel mit dem Schachbrett und dem Weizenkorn zu einer ungeheuern Summe. Man wußte von Leuten, die ihr Leben für tausend Pfund versichern wollten, sobald sie aber seiner ansichtig wurden, das Formular sofort für zweitausend ausfüllten. Und doch war der Mann durchaus kein Riese. Sein Frack konnte eher klein als groß genannt werden. Der ganze Zauber lag lediglich in seiner Weste. Achtbarkeit, Vermögensstand, große Güter in Bengalen oder sonstwo, hinlängliche Mittel zur Deckung jeden Betrages von seiten der Kompagnie, die ihn angestellt – alles das war in diesem einzigen Kleidungsstücke ausgedrückt.

Rivalisierende Unternehmungen hatten getrachtet, ihn an sich zu locken; selbst Lombard Street hatte ihm ein schönes Auskommen angeboten, und reiche Landgemeinden hatten ihm zugeflüstert: sei unser Kirchspieldiener. Aber dennoch blieb er unentwegt der Anglo-Bengalischen Kompagnie treu. Ob er ein findiger Spitzbube oder ein aufgeblasener Einfaltspinsel war, ließ sich unmöglich ermitteln, jedenfalls schien er auf seine Prinzipalschaft unbedingtes Vertrauen zu setzen. Sein Ansehen war gravitätisch vor lauter eingebildeten Geschäftssorgen. Obwohl er nichts zu tun und nichts zu behüten oder zu bewachen hatte, machte er ein Gesicht, als ob die Last seiner zahllosen Pflichten und die Kenntnisse der Schätze, die in den Geldkästen der Gesellschaft begraben lagen, ihn ungeheuer niederdrückten und ihn feierlich und gedankenvoll stimmten.

Als das Kabriolett vor das Haupttor gefahren kam, erschien dieser Würdenträger barhäuptig auf der Schwelle und rief laut: »Platz für den Präsidenten, Platz für den Präsidenten, wenn’s gefällig ist« – sehr zur Verwunderung der Umstehenden, die, wie wohl kaum zu erwähnen nötig, von diesem Augenblick an ihre Aufmerksamkeit beständig der Anglo-Bengalischen Kompagnie zuwandten. Mit einem anmutigen Satz sprang Mr. Tigg aus dem Wagen, gefolgt von dem Sekretär, der jetzt sehr abgemessen und respektvoll geworden war, und stieg die Treppe empor, wobei ihm der Portier mit dem fortwährenden Rufe voranschritt: »Platz, wenn ich bitten darf, Platz! Der Präsident der Kompagnie, meine Herren!« – In gleicher Weise, nur mit noch kräftigerer Stentorstimme, führte er den Präsidenten durch das öffentliche Bureau, wo einige Klienten bescheiden warteten, in ein ehrfurchtgebietendes Gemach mit der Inschrift: Beratungssaal. Sofort schloß sich die Türe dieses Heiligtums jedoch wieder, um den großen Kapitalisten dem Anblick der Profanen zu entziehen.

Der »Beratungssaal« war mit einem türkischen Teppich belegt und geschmückt mit dem Porträt von Tigg Montague, Esquire, als Präsidenten. Außerdem befanden sich darin ein sehr imposanter offizieller Lehnstuhl, zu dem ein elfenbeinerner Hammer und eine kleine Handglocke gehörten, ein Nebentisch und eine lange Tafel, auf der hie und da einige Bogen Löschpapier, Foliobogen, saubere Federn und Tintenfässer standen. Nachdem der Präsident höchst feierlich seinen Sitz eingenommen, stellte sich ihm der Sekretär zur Rechten, während sich der Portier hinter ihm kerzengerade als farbiger Westenhintergrund aufpflanzte. Das war das ganze Kollegium –– alles übrige gehörte ins Reich der Fiktion.

»Bullamy!« rief Mr. Tigg.

»Sir!«

»Richten Sie dem Doktor der Gesellschaft mein Kompliment aus. Ich möchte ihn gerne sprechen.«

Bullamy, der Portier, räusperte sich, eilte in das Bureau hinaus und rief: »Der Herr Präsident wünschen den Doktor der Gesellschaft zu sprechen!«

Gleich darauf kehrte er mit dem fraglichen Herrn zurück, und beim jedesmaligen Öffnen der Sitzungszimmertüre reckten die harmlosen Klienten ihre Hälse und stellten sich auf die Zehen, voll sehnsüchtigen Verlangens, nur einen Blick in das geheimnisvolle Gemach werfen zu dürfen.

»Jobling, mein lieber Freund!« rief Mr. Tigg. »Wie geht’s Ihnen? Bullamy, warten Sie draußen! Crimple, Sie brauchen uns nicht zu verlassen. Mein lieber Jobling, es freut mich, Sie zu sehen!« »Und wie geht es Ihnen, Mr. Montague?« fragte der Arzt, sich behaglich in den Lehnstuhl werfend – das Sitzungszimmer hatte nämlich lauter Lehnstühle –, und holte eine schöne goldene Tabatiere aus der Tasche seiner schwarzen Atlasweste, »wie geht es Ihnen? Ein bißchen angegriffen vom Geschäfte, wie? Wenn dem so ist, so ruhen Sie sich ein wenig aus. Oder ein bißchen Fieber vom Weine, hm? In diesem Falle Wasser. Sind Sie wohl und geht es Ihnen ganz gut, dann nehmen Sie einen Lunch. Es ist äußerst heilsam, sich um diese Tageszeit zur Auffrischung der Magensäfte eines Lunchs zu bedienen, Mr. Montague.«

Der Arzt, er war derselbe, der Anthony Chuzzlewit zu Grabe geleitet und Mrs. Gamps Patienten im Ochsen behandelt hatte, lächelte bei diesen Worten und fügte so nebenbei hinzu, einige Schnupftabakskörner von seinem Busenstreif schnippend:

»Sie müssen wissen, ich selbst pflege zu dieser Tageszeit stets etwas zu mir zu nehmen.«

»Bullamy!« rief der Präsident sofort und läutete mit der kleinen Glocke.

»Sir?«

»Lunch!«

»Aber doch nicht hoffentlich um meinetwillen«, wehrte der Doktor ab. »Oh, Sie sind sehr gütig; ich danke Ihnen. Sie beschämen mich. Wenn ich in meiner Praxis auf Geld sähe, Mr. Montague, würde ich die Sache nur gegen ein Honorar erwähnt haben. Verlassen Sie sich darauf, mein werter Herr, wenn Sie sich’s nicht zur Regel machen, täglich und pünktlich einen Lunch zu nehmen, so kommen Sie bald unter meine Hände. Erlauben Sie mir übrigens, das näher zu beleuchten. In Mr. Crimples Bein zum Beispiel –«

Der Sekretär fuhr unwillkürlich zurück, denn der Doktor hatte ihn in der Hitze seines Belehrungseifers am Bein gepackt und dieses quer über sein eigenes gelegt, als wäre er eben im Begriff, es zu amputieren.

»In Mr. Crimples Bein werden Sie bemerken«, fuhr der Arzt fort, schlug die Manschetten zurück und umspannte den Schenkel mit beiden Händen, »da, wo das Knie in die Gelenkhöhle paßt, hier – das heißt zwischen dem Bein und der Gelenkhöhle –, befindet sich ein gewisses Quantum animalischen Öles.« »Wozu suchen Sie sich dazu gerade mein Bein aus«, fragte Mr. Crimple und blickte den Arzt ängstlich an. »Es ist doch nicht interessanter als irgendein anderes, nicht wahr?«

»Kehren Sie sich nicht daran, mein lieber Herr«, versetzte der Arzt abweisend, »ob es wie andere Beine ist oder nicht.«

»Aber es geht mich doch etwas an«, wendete David ein.

»Ich wähle einen speziellen Fall, Mr. Montague«, fuhr der Doktor fort, »um, wie Sie sehen, meine Bemerkung zu illustrieren. In diesem Teil von Mr. Crimples Bein also befindet sich eine gewisse Menge animalischen Öles. In jedem von Mr. Crimples Gelenken befindet sich mehr oder weniger von derselben Flüssigkeit. Gut. Wenn nun Mr. Crimple seine Mahlzeiten vernachlässigt oder sich die gehörige Ruhe versagt, so nimmt dieses Öl ab. – Es verzehrt sich. Was ist die Folge davon? Mr. Crimples Knochen vermorschen, Sir. Mr. Crimple wird ein magerer, schwächlicher, verkümmerter und elender Mensch.« Dann ließ Doktor Jobling Mr. Crimples Bein plötzlich fallen, als befände sich der Patient, dem es angehörte, bereits in diesem angenehmen Zustande, schlug seine Manschetten wieder herunter und blickte den Präsidenten triumphierend an.

»Unsere Kunst ermöglicht es uns, gewisse Naturgeheimnisse zu durchschauen«, sagte er. »Das versteht sich übrigens von selbst. Wofür studierten wir denn sonst? Nur zu diesem Zwecke machen wir unsern Kurs an der Universität und sichern uns eine geachtete Stellung in der Gesellschaft. – – Es ist außerordentlich seltsam, wie wenig man im allgemeinen von solchen Gegenständen weiß. Wo glauben Sie zum Beispiel« – er lehnte sich lächelnd in seinem Stuhle zurück, schloß das eine Auge und bildete mit seinen Händen ein Dreieck, wozu beide Daumen die Basis abgaben – »wo glauben Sie zum Beispiel, daß Mr. Crimples Magen liegt?«

Mr. Crimple klopfte noch aufgeregter als vorhin mit der Hand auf die Stelle unter seiner Weste.

»Weit gefehlt«, rief der Doktor, »weit gefehlt! Übrigens ein ganz gewöhnlicher Irrtum. Mein werter Herr, Sie haben vollständig unrichtige Begriffe.«

»Wenn er in Unordnung ist, fühle ich ihn hier, weiter weiß ich nichts«, entschuldigte sich Mr. Crimple. »Das bilden Sie sich nur ein«, verwies der Arzt streng. »Die Wissenschaft gibt hierüber bündigere Auskunft. Ich hatte einmal einen Patienten« – er berührte dabei einen der vielen Trauerringe auf seinen Fingern und neigte das Haupt ein wenig – »einen Gentleman, der mir die Ehre erwies, in seinem Testamente meiner auf eine sehr schöne Weise zu gedenken – ›aus Anerkennung‹, wie er es zu nennen beliebte, ›für den unablässigen Eifer und die hohe Kunst meines Freundes und Hausarztes, John Jobling, Esquire, usw. usw.‹ – Dieser Gentleman also war so sehr von der Idee eingenommen, sein Leben lang an einer irrigen Ansicht über die Lage dieses Organs gelitten zu haben, daß er, als ich ihm bei meiner medizinischen Ehre und Reputation versicherte, er sei im Irrtum, in Tränen darüber ausbrach, die Hand ausstreckte und sagte: ›Jobling, Gott segne Sie dafür!‹ Unmittelbar darauf verlor er die Sprache und fand zuletzt in Brixton seine letzte Ruhestätte.«

»Platz, wenn ich bitten darf«, rief Bullamy draußen, »Platz, wenn ich bitten darf. Erfrischungen für das Sitzungszimmer!«

»Ha!« rief der Doktor, sich humorvoll die Hände reibend, und rückte seinen Stuhl näher an den Tisch. »Die wahre Lebensversicherung, Mr. Montague, die beste Versicherungspolice auf Erden, mein werter Herr! Ja, wir müssen vorsorglich handeln und essen und trinken, solange wir können. – Was meinen Sie, Mr. Crimple?«

Der Sekretär stimmte bei, wenn auch etwas mürrisch, als ob seine Vorfreude, sich den Magen zu füllen, durch die Erschütterung seiner vorgefaßten Meinung über die Lage dieses Organs immerhin gelitten hätte. Aber die Erscheinung des Portiers und Unterportiers mit je einem Servierbrett, das mit einem schneeweißen, teilweise zurückgeschlagenen Tuche bedeckt war, so daß man ein paar gebratene Hühner nebst Kompott und Salat zu sehen bekam, stellte bald wieder seine gute Laune her. Noch erhöht wurde sie durch die Ankunft einer Flasche Champagner und einer andern mit vortrefflichem Madeira. Und bald griff er zu Messer und Gabel mit einem Appetit, der dem des Arztes kaum in etwas nachgab.

Der Lunch wurde sehr luxuriös serviert mit einem Überfluß von schöngeschliffenen Gläsern und Porzellantellern, denn man schien damit andeuten zu wollen, daß ein zur Schau getragener Prunk in Essen und Trinken keine unwichtige Beigabe zu dem Geschäfte der Anglo-Bengalischen Kompagnie ausmache. Im Verlaufe des Mahles wurde der Assekuranzarzt immer aufgeräumter und rotköpfiger, und jeder Bissen, den er aß, und jeder Tropfen Wein, den er trank, schienen seinen Augen neuen Glanz zu verleihen und auf Nase und Stirn neue Funken anzuzünden.

In gewissen Teilen der City und der Nachbarschaft war Mr. Jobling eine sehr populäre Persönlichkeit. Er hatte ein auffallend glattes Kinn und eine zuversichtliche Fettstimme, die einem das Herz aufgehen machte wie ein Lichtstrahl, der sich in dem rötlichen Medium eines auserlesenen alten Burgunders bricht. Seine Halsbinde und sein Jabot waren stets von fleckenlosestem Weiß, seine Kleider von glänzendstem Schwarz, seine Uhrkette höchst gewichtig und die Petschafte daran so groß, wie man nur welche zu sehen kriegt. Seine blanken Stiefel knarzten, wenn er ging. Bestimmt konnte er besser als irgend sonst ein Lebendiger den Kopf schütteln, sich die Hände reiben oder den Rücken vor dem Ofen wärmen. Auch hatte er eine eigentümliche und seinen Patienten großes Vertrauen einflößende Weise an sich, mit den Lippen zu schmatzen und während der Berichte seiner Patienten: »Ah!« zu sagen. Er schien damit auszudrücken: »Was Sie sagen wollen, weiß ich viel besser als Sie, aber fahren Sie nur immerhin fort, fahren Sie nur immerhin fort.« Mochte er nun etwas zu sagen haben oder nicht, jedenfalls schwatzte er in einem fort, und man wußte allgemein, daß er voll von Anekdoten stak. Aus demselben Grunde nahm man auch an, daß der Umfang seiner Erfahrung und der daraus gezogene Gewinn jeder Beschreibung spotte. Seine weiblichen Patienten konnten ihn gar nicht genug lobpreisen, und die kältesten und zurückhaltendsten unter seinen männlichen Patienten pflegten zu ihren Freunden stets zu sagen: »Was man auch immer von Joblings medizinischer Geschicklichkeit halten mag – und es ist nicht zu leugnen, daß er einen großen Ruf hat –, soviel steht nun einmal fest, er ist einer der angenehmsten Menschen, die es je gegeben hat.«

Doktor Jobling war aus mehreren Gründen – und darunter war der nicht unwichtigste, daß er seine meisten Patienten unter den Handelsständen hatte – gerade der Mann, den die Anglo-Bengalische Gesellschaft als Assekuranzarzt brauchte. Er war aber viel zu gescheit, um sich mit ihr weiter zu identifizieren, als daß er als ihr bezahlter ärztlicher Beistand galt, oder um sein Verhältnis zu ihr von andern mißverstehen zu lassen, wenn er es verhindern konnte. Daher ließ er sich gegenüber jedem, der darüber etwas wissen wollte, ungefähr in folgender Art und Weise aus:

»Ja, was die Anglo-Bengalische betrifft, werter Herr, so ist mein Wissen sehr beschränkt, sehen Sie, sehr beschränkt. Ich bin dort Assekuranzarzt gegen ein gewisses monatliches Fixum. ›Der Arbeiter ist seines Lohnes wert‹, und ich bekomme mein Geld sehr pünktlich; folglich bin ich verpflichtet, von dem Institut, soweit ich es kenne, nur das Beste zu sagen. (Es kann keinen honetteren Menschen auf der Welt geben als Jobling, denkt dann der Patient, der eben selbst Joblings Rechnung bezahlt.) – Wenn Sie mich aber, lieber Freund, über die Kapitalien der Gesellschaft fragen, so bin ich außerstande, Ihnen zu dienen. Ich habe keinen Sinn für Ziffern, und wenn ich mich darüber äußern soll, so bin ich in Verlegenheit. Außerdem verbietet es mir das Zartgefühl. – Und Zartgefühl – Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin wird mir darin recht geben – sollte eine der ersten Eigenschaften eines guten Arztes sein (nichts kann schöner oder gentlemanliker sein als das Gefühl, das Jobling hat, denkt dann der Patient). Sehr gut, werter Herr, also so steht die Sache. – Sie kennen Mr. Montague nicht persönlich? Tut mir leid. Ein ungemein liebenswürdiger Herr. Ein vollkommener Gentleman in jeder Hinsicht. Er hat Vermögen, das heißt, in Indien. Haus und alles aufs kostbarste, höchst elegant, in verschwenderischer Fülle! Und Gemälde, die, selbst vom anatomischen Gesichtspunkt aus betrachtet, vollkommen sind. – Falls Sie also mit der Gesellschaft einen Vertrag schließen wollen, so bringe ich Sie durch, verlassen Sie sich darauf. – Ich kann Sie übrigens mit gutem Gewissen für vollständig gesund erklären. Wenn ich eine menschliche Konstitution verstehe, so ist es die seine, und diese kleine Unpäßlichkeit hat ihm mehr genützt, Madame«, sagt der Doktor dann und wendet sich an die Gattin des Patienten, »als wenn er die Hälfte von all den unsinnigen Mixturen aus meiner Apotheke verschluckt hätte. Denn das Zeug ist Unsinn, um es ehrlich zu gestehen: die Hälfte davon ist Unsinn – in Anbetracht einer Konstitution wie der seinen.« (Jobling ist der liebenswürdigste Mensch, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe, denkt der Patient, und auf mein Ehrenwort, ich will mir die Sache überlegen.) – –

»Sie haben uns diesen Morgen vier neue Policen und ein Anlehen zugewiesen, nicht wahr?« fragte Mr. Crimple, nach Beendigung des Lunchs einige Papiere durchlesend, die der Portier hereingebracht. »Famos!«

»Jobling, mein lieber Freund«, rief Mr. Tigg, »mögen Sie recht lange leben.«

»Lächerlich, Unsinn. Auf mein Wort, ich maße mir wirklich nicht an, Ihnen jemanden ›zugewiesen‹ zu haben«, sagte der Doktor. »Ich würde Ihnen damit das Geld aus der Tasche stehlen. Ich empfehle niemand hierher; ich sage nur, was ich weiß. Meine Patienten fragen mich, wie ich über die Sache denke, und mehr, als ich weiß, kann ich ihnen ja auch nicht sagen. Vorsicht ist meine schwache Seite, das ist wahr, und sie ist es gewesen, seit ich ein Junge war, das heißt«, sagte der Doktor und füllte sein Glas, »Vorsicht mit Rücksicht auf andere Leute. Ob ich selbst dieser Gesellschaft mein Vertrauen schenken würde, wenn ich nicht schon seit vielen Jahren anderswohin mein Geld schickte, ist eine zweite Frage.«

Er suchte eine Miene anzunehmen, als ob daran gar kein Zweifel wäre, aber er fühlte, daß es ihm nur schlecht gelang, er änderte daher das Thema und lobte den Wein.

»Da wir gerade vom Weine reden«, fuhr er fort, »so erinnere ich mich da an eines der besten Gläser alten hellen Oportos, das ich je in meinem Leben getrunken habe, und das war bei einem Leichenbegängnis. – – Haben Sie übrigens nie – von diesem Herrn hier gehört, Mr. Montague, wie?« Dabei händigte er Mr. Tigg eine Karte ein.

»Er ist doch hoffentlich nicht tot?« fragte Tigg. »In diesem Falle wäre mir die Ehre seiner Gesellschaft nicht wünschenswert.«

»Ha, ha, ha!« lachte der Doktor. »Nein, nicht ganz. Indes, beteiligt war er dabei.« »Oh!« rief Tigg, sich den Schnurrbart streichend, und warf einen Blick auf den Namen. »Ich entsinne mich jetzt. Nein, er ist niemals hier gewesen.«

Die Worte waren noch nicht seinen Lippen entflohen, als Bullamy eintrat und dem Arzt eine Karte überreichte.

»Kaum malt man den – –« sagte der Doktor aufstehend, »– den Teufel an die Wand –«

»– so ist er schon da, wie?« ergänzte Mr. Tigg.

»Nein, nein, Mr. Montague, nein«, entgegnete der Doktor, »im gegenwärtigen Falle können wir das – wenigstens vom Teufel – nicht sagen, denn dieser Gentleman denkt nicht entfernt daran, einer zu sein.«

»Um so besser«, entgegnete Mr. Tigg, »kann der Anglo-Bengalischen Gesellschaft nur angenehm sein. – Bullamy, räumen Sie den Tisch ab und tragen Sie den Rest zur andern Türe hinaus. – Mr. Crimple: Geschäft.«

»Soll ich den Herrn hereinführen?« fragte Doktor Jobling.

»Wird mich unendlich freuen«, antwortete Mr. Tigg, sich mit süßem Lächeln die Fingerspitzen küssend.

Sofort begab sich der Arzt in das Bureau hinaus und kehrte gleich darauf mit Jonas Chuzzlewit zurück.

»Mr. Montague«, stellte er vor, »erlauben Sie: mein Freund, Mr. Chuzzlewit – mein lieber Freund – unser Präsident. Sie müssen nämlich wissen«, setzte er hinzu, hielt mit unendlicher Feinheit inne und sah sich lächelnd um, »daß darin etwas Besonderes liegt. Ich sage: a unser Präsident. Und warum sage ich unser Präsident? Weil er nicht mein Präsident ist, müssen Sie wissen. Ich stehe in keiner andern Verbindung mit der Gesellschaft, als daß ich für eine gewisse Entlohnung – ein Salär, sozusagen – als Arzt meine bescheidenen Meinungen abgebe, gerade wie ich es für jeden andern auch tun könnte. Warum sage ich nun dennoch unser Präsident? Einfach darum, weil ich die Phrase fortwährend um mich herum wiederholen höre. So groß ist die unwillkürliche Wirkung der geistigen Fähigkeiten bei dem nachahmungsliebenden zweifüßigen Geschöpfe Gottes. – Mr. Crimple, ich glaube, Sie schnupfen. Nein? Das ist nicht recht von Ihnen, Sie sollten schnupfen.« Während dieser Bemerkungen von Seiten des Doktors und der sehr vernehmlichen Prise, mit der sie abgeschlossen wurden, nahm Jonas ungeniert Platz, so rüpelhaft wie nur je.

Es liegt wohl in jedes Menschen Natur, namentlich aber in der einer gemeinen Seele, sich durch Äußerlichkeiten imponieren zu lassen. Auf Jonas übten daher die prächtigen Möbel einen sehr entschiedenen Einfluß aus.

»Nun, ich weiß, die Herren haben Geschäfte miteinander«, fuhr der Doktor fort, »und ihre Zeit ist kostbar. Meine übrigens auch. In diesem Augenblick erwarten mich nebenan mehrere Klienten, die mir die Entscheidung über ihr Leben anvertraut haben, und außerdem muß ich später noch eine Reihe von Visiten machen. – Da ich das Glück hatte, Sie einander vorzustellen, meine Herren, kann ich ja wieder an meine Geschäfte gehen. Also leben Sie wohl! Aber ehe ich gehe, Mr. Montague, erlauben Sie mir, daß ich von diesem meinem Freunde, der jetzt neben Ihnen sitzt, sage: dieser Gentleman hat mehr dazu beigetragen, mich mit der Menschheit und der Welt zu versöhnen, als irgendein Lebender oder Toter auf Erden. – Gott befohlen!«

Mit diesen Worten eilte Doktor Jobling aus dem Zimmer und begann in seinem offiziellen Departement den wartenden Klienten sowohl seine Gewissenhaftigkeit hinsichtlich der Erfüllung seiner Berufspflichten wie auch die große Schwierigkeit der Aufnahme in die Anglo-Bengalische uneigennützige Lebensversicherungsgesellschaft deutlich und nachdrucksvoll vor Augen zu führen. Er befühlte ihnen den Puls, besichtigte ihre Zungen, horchte an ihren Rippen, klopfte ihnen an den Brustkasten und so weiter und so weiter.

Wenn er übrigens nicht bereits im voraus wußte, die Anglo-Bengalische Gesellschaft werde jede Art von Leben bereitwillig assekurieren, so war er nicht entfernt der Jobling, für den ihn seine Freunde hielten – nicht der Originaljobling, sondern ein jämmerlicher Nachdruck.

Mr. Crimple mußte bald gleichfalls Geschäfte halber aufbrechen, und so blieben Jonas Chuzzlewit und Mr. Tigg miteinander allein. »Ich erfahre von unserm Freunde«, begann Mr. Tigg mit gewinnender Leichtigkeit und rückte seinen Stuhl neben den seines Gastes, »Sie gedächten –«

»Zum Donnerwetter noch mal, er hat kein Recht, etwas derartiges zu behaupten«, rief Jonas, Mr. Tigg unterbrechend. »Ihm habe ich mein Vorhaben gewiß nicht anvertraut. Wenn er sich einbildet, ich käme in einer derartigen Absicht her, so soll er dafür einstehen. Ich habe damit nichts zu tun.«

Er sagte dies ziemlich grob heraus, fast in beleidigendem Tone; und außer dem gewohnten Mißtrauen, das er stets an den Tag zu legen pflegte, lag etwas in seinem Benehmen, als ob er sich gewissermaßen gegen den Eindruck, den die Pracht der Umgebung auf ihn machte, zu wehren versuchte.

»Wenn ich herkomme, um eine oder ein paar Fragen zu stellen, mir einen oder ein paar Belege zeigen zu lassen, damit ich mir die Sache überlegen kann, so verpflichtet mich das noch zu gar nichts. Darüber müssen wir uns zuerst verständigen, wissen Sie.«

»Mein Bester!« rief Mr. Tigg, Jonas auf die Schulter klopfend. »Ihre Offenheit gefällt mir! Wenn Leute wie wir gleich von Anfang an offen miteinander reden, so wird das am besten jedem möglichen Mißverständnis vorbeugen. Warum sollte ich vor Ihnen bemänteln, was Sie ganz genau wissen, wovon sich aber die Menge nichts träumen läßt? Wir Versicherungskompagnien sind lauter Raubvögel, nichts als Raubvögel. Es fragt sich jetzt nur, ob wir auch Ihnen dienen können, während wir uns selbst dienen – ob wir eine Ausfütterung für Ihr Nest finden können und dabei das unserige noch doppelt auszufüttern imstande sein werden. Sie sind natürlich in unser Geheimnis eingeweiht. Sie stehen hinter den Kulissen. Wir werden uns ein Verdienst daraus machen, ehrlich gegen Sie zu sein, weil wir ganz genau wissen, daß es nicht anders geht.«

Es lag vollständig in Mr. Jonas‘ Charakter, augenblicklich bereit zu sein, rückhaltslos zu glauben, wenn von einer Spitzbüberei die Rede war. Es gibt ebenso gut eine Einfalt der Unschuld wie eine solche des Gaunertums. Hätte Mr. Tigg von Anfang an eine hohe Ehrenhaftigkeit vorgeschützt, so würde Jonas ihn beargwöhnt haben, und wäre er ein Musterbild von Rechtschaffenheit gewesen. So aber, wo er von vornherein auf Jonas‘ Denkweise einging, erschien er diesem als ein höchst netter Mensch, mit dem man offen reden konnte.

Mr. Chuzzlewit änderte seine Stellung im Lehnsessel – er wurde dadurch nicht weniger linkisch, wenn auch etwas renommistischer – und erwiderte in seinem armseligen Dünkel lächelnd:

»Sie sind kein übler Geschäftsmann, Mr. Montague; ich muß Ihnen wirklich nachsagen, daß Sie sich auszukennen scheinen.«

»Tüt, tüt«, machte Mr. Tigg, vertraulich nickend und seine weißen Zähne zeigend, »wir sind doch keine Kinder, Mr. Chuzzlewit, und wahrhaftig schon gehörig ausgewachsen.«

Jonas pflichtete bei und entgegnete nach einem kurzen Schweigen, wobei er prahlerisch seine Beine spreizte und die Arme in die Hüften stemmte, um zu zeigen, wie vollkommen heimisch er sich fühle:

»Die Wahrheit ist –«

»Sprechen Sie mir nicht von Wahrheit«, fiel ihm Mr. Tigg grinsend ins Wort. »Es sieht so windbeutelig aus.«

Durch diese Äußerung höchlichst erbaut, begann Jonas aufs neue:

»Kurz und gut – –«

»Das klingt schon besser«, murmelte Tigg, »schon besser.«

»– ich halte mich für von ein oder zwei der alten Kompagnien, mit denen ich zu tun hatte, nicht reell bedient; – ich meine, ich hatte vorzeiten mit ihnen zu tun. Sie kamen mir damals mit Einwürfen, zu denen sie kein Recht hatten, warfen Fragen auf, zu denen sie gleichfalls nicht befugt waren, und betrieben die Sache nicht in einer Art, die mir gepaßt hätte.«

Dann schlug er plötzlich die Augen nieder und sah starr auf den Teppich. Mr. Tigg blickte ihn neugierig an. Jonas schwieg so lange, daß Mr. Tigg die Pause zu unterbrechen für geraten hielt und auf sehr freundliche Weise das Wort nahm:

»Wünschen Sie nicht vielleicht ein Glas Wein?«

»Nein, nein«, lehnte Jonas mit schlauem Blick ab, »nichts dergleichen; ich danke Ihnen. Keinen Wein bei Geschäften. Mag ja gut für Sie sein, aber für mich taugt das nicht.« »Was Sie doch für ein alter Praktikus sind, Mr. Chuzzlewit«, scherzte Tigg und lehnte sich in seinem Lehnstuhl zurück, ihn durch die halbgeschlossenen Augen anblinzelnd.

Jonas schüttelte als Antwort den Kopf, als wollte er sagen: »Da haben Sie recht«, und fuhr dann in scherzhaftem Tone fort:

»Nicht gerade so alt, wie Sie vielleicht denken, wenn ich mich auch verheiratet habe. Das ist ein Kinderstreich, werden Sie sagen. Vielleicht haben Sie recht, besonders da sie eine junge Person ist, aber man weiß doch nie, was diesen Weibern zustoßen kann. Kurz und gut, ich gedenke also ihr Leben zu versichern. Es ist nicht mehr als recht und billig, daß sich ein Mann für den Fall eines solchen Verlustes sicherstellt – sich quasi einen Trost bereithält.«

»Wenn ihn überhaupt etwas unter so herzzerbrechenden Umständen trösten kann«, murmelte Tigg mit halbgeschlossenen Augen.

»Richtig«, bestätigte Jonas, »wenn ihn überhaupt etwas trösten kann. Nun gesetzt den Fall, ich täte es bei Ihnen, so müßte es diskret gemacht werden, das wäre die Hauptsache, und ohne Umstände und ohne ihr den Kopf erst warm zu machen. Ich tue es nicht gern anders; Weiber pflegen sich in solchen Fällen immer gern einzureden, sie müßten deshalb gleich sterben.«

»Ja, ja, so ist es«, rief Mr. Tigg und warf dem schönen Geschlecht zu Ehren eine Kußhand in die Luft. »Sie haben vollständig recht. – O diese süßen kleinen leichtsinnigen Geschöpfe!«

»Gut«, brummte Jonas, »also jetzt wissen Sie es; und da mir die andern Gesellschaften immer so viel Späne machen, hätte ich Lust, unter Umständen mit Ihrer Kompagnie abzuschließen. Aber ich muß mich erst überzeugen, was für Sicherheiten die Gesellschaft zu bieten vermag. Das ist die –«

»Doch nicht schon wieder die Wahrheit?« protestierte Mr. Tigg, seine mit Brillantringen übersäte Hand ausstreckend. »Bitte, gebrauchen Sie doch nicht diesen Ausdruck, der einen so an die Sonntagsschule erinnert.«

»Also kurz und gut –« sagte Jonas, »kurz und gut, was habe ich für Sicherheit?«

»Die eingezahlten Kapitalien, mein Herr«, rief Mr. Tigg und griff nach einigen Papieren auf dem Tisch, »belaufen sich im gegenwärtigen Augenblick –«

»Ach, ich weiß doch ganz gut, was das mit den eingezahlten Kapitalien für eine Bewandtnis hat«, fiel ihm Jonas ins Wort.

»So, wissen Sie das!« brummte Tigg kurz abbrechend.

»Will’s meinen!«

Mr. Tigg schob die Papiere wieder zurück, rückte Mr. Jonas näher und flüsterte ihm ins Ohr:

»Ich weiß doch, daß Sie die Sache durchschauen. Ich weiß es ganz genau. Sehen Sie mich mal an!«

Es lag nicht in der Art Mr. Chuzzlewits, irgend jemandem gerade ins Gesicht zu sehen, aber so aufgefordert, machte er den Versuch, die Mienen des Präsidenten mit einem Blick zu überfliegen, wobei sich dieser ein wenig zurücklehnte, um seinem Visavis die Sache leichter zu machen.

»Kennen Sie mich denn nicht?« fragte er, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Sie müssen sich doch entsinnen, mich früher schon einmal gesehen zu haben?«

»Ihr Gesicht kam mir allerdings, schon als ich eintrat, bekannt vor«, gab Jonas zu, den Präsidenten mit noch größerer Aufmerksamkeit betrachend, »aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich Sie gesehen habe. Nein, ich kann mich wirklich nicht erinnern. War es auf der Straße?«

»Erinnern Sie sich denn nicht mehr an Pecksniffs Besuchszimmer?« fragte Tigg.

»An Pecksniffs Besuchszimmer?« wiederholte Jonas überrascht. »Sie meinen damit doch nicht, daß –«

»Ja!« rief Mr. Tigg. »Es war damals, als jene entzückende kleine Familienberatung stattfand, an der auch Sie nebst Ihrem liebenswürdigen Vater teilnahmen.«

»Sprechen wir nicht von ihm. Er ist tot. – Wozu die alten Erinnerungen wieder aufwärmen!« fuhr Jonas auf.

»Also tot«, sagte Tigg. »Also der ehrwürdige alte Gentleman ist tot. Sie sind, wenn man Sie so betrachtet, wirklich ein getreues Konterfei von ihm.«

Jonas nahm dieses Kompliment nicht mit der besten Miene auf, wahrscheinlich infolge seiner Privatansichten über das persönliche Äußere seines dahingegangenen Erzeugers, vielleicht auch, weil es ihm nicht sehr angenehm war, in Mr. Montague den Mr. Tigg von damals wiederzufinden. Der Präsident bemerkte es sogleich, klopfte ihm vertraulich auf den Ärmel und winkte ihn zum Fenster. Von diesem Augenblick an ließ Mr. Montague seiner Heiterkeit in ganz merkwürdiger Weise freien Lauf.

»Finden Sie mich seit damals so ganz und gar verändert?« fragte er. Jonas faßte die Prunkweste und die Juwelen seines Gegenübers fest ins Auge und antwortete:

»Zum Teufel auch – das will ich meinen!«

»Hab ich damals so schäbig ausgesehen?« fragte Mr. Montague weiter.

»Ganz verteufelt!« meinte Jonas.

Mr. Montague zeigte hinunter auf die Straße, wo Bailey gerade auf dem Kabriolett hielt.

»Hübsch. Fein. Was? Wissen Sie, wem das gehört?«

»Nein!«

»Mir! – Und gefällt Ihnen dieses Zimmer?«

»Es muß einen Haufen Geld gekostet haben«, brummte Jonas.

»Da haben Sie recht. Es gehört ebenfalls mir. – Warum also –« flüsterte Tigg und stieß Mr. Chuzzlewit mit dem Ellbogen an, »– warum nehmen Sie nicht also lieber Prämien, statt sie zu bezahlen? Treten Sie doch in Kompagnie mit uns.«

Jonas starrte ihn verwundert an.

»Ist das eine belebte Straße?« fragte Mr. Montague weiter, Jonas‘ Aufmerksamkeit auf die Menge unten lenkend.

»Na, und ob«, sagte Jonas, einen flüchtigen Blick hinunterwerfend und sogleich wieder den Präsidenten ins Auge fassend.

»Es gibt gedruckte Statistiken«, fuhr Mr. Tigg fort, »aus denen Sie ziemlich genau ersehen können, wieviel Menschen hier von früh bis abends vorbeigehen. Sie haben aber schwerlich einen Begriff, wie viele davon zu uns heraufkommen, bloß weil sie dieses Bureau da sehen, und ohne mehr davon zu wissen als von den Pyramiden. Ha, ha, treten Sie in Kompagnie mit uns, Sie sollen billig dazu kommen.« Jonas blickte ihn immer gespannter und gespannter an.

»Ich kann Ihnen nur sagen«, flüsterte ihm Mr. Tigg ins Ohr, »Sie ahnen nicht, wie viele davon sich bei uns noch Jahresrenten kaufen, Versicherungspolicen nehmen und uns auf hunderterlei Art und Weise ihr Geld herbringen, es uns aufzwingen und anvertrauen werden, als wenn wir das Schatzamt selbst wären, ohne doch mehr von uns zu wissen als Sie von jenem Gassenkehrer an der Ecke. Ha, ha, ha!«

Jonas verzog allmählich sein Gesicht zu einem Lächeln.

»Ja, ja«, lachte Mr. Montague, ihm im Scherz einen leichten Schlag auf den Bauch gebend, »Sie sind zu pfiffig für uns, Mr. Chuzzlewit, sonst würde ich Ihnen das alles gar nicht gesagt haben. – Übrigens, speisen Sie morgen mit mir in Pall Mall.«

»Gemacht!« versetzte Jonas einschlagend.

»Recht so«, rief Mr. Montague. »Und jetzt warten Sie noch ein bißchen. Nehmen Sie sich mal diese Papiere hier mit, um sie durchzulesen. Sehen Sie«, erklärte er, eines der gedruckten Formulare von dem Tisch herüberlangend, »B. ist zum Beispiel ein kleiner Handelsmann, ein Schreiber, ein Pfarrer, ein Künstler, ein Autor – oder was immer für ein Kerl.«

»Gut«, entgegnete Jonas, ihm gierig über die Schultern blickend, »nun, und?«

»B. verlangt also ein Anlehen – meinetwegen fünfzig oder hundert Pfund, vielleicht mehr, aber das ist hier gleichgültig. B. schreibt einen Schuldschein und stellt zwei gute Bürgen. Er wird angenommen, versichert sein Leben für den doppelten Betrag und bringt uns auch ein paar Freunde, vielleicht nur, um unser Institut weiterzuempfehlen. Und so weiter. Ha, ha, ha, ist unser Geschäft nicht ein guter Gedanke?«

»Zum Teufel, ein Kapitalgedanke!« rief Jonas. »Aber geht’s denn auch wirklich so?«

»Ob’s so geht?« wiederholte der Präsident. »Tag für Tag geht’s so, mein lieber Freund. Machen Sie doch nur mal die Augen auf. Das Ganze war meine Idee!«

»Sie macht Ihnen alle Ehre! Hol mich dieser und jener, wenn’s nicht ein famoses Geschäft ist«, sagte Jonas. »Das will ich meinen«, versetzte der Präsident, »und es freut mich, daß Sie es auch einsehen. – Und weiter: B. zahlt die höchsten gesetzlichen Interessen –«

»Das wäre nicht viel«, unterbrach ihn Jonas.

»Richtig, sehr richtig«, gab Mr. Tigg zu, »und es ist hart vom Gesetz, daß es uns so verwünscht aufsässig ist, während der Staat doch selbst so erstaunlich hohe Interessen von allen seinen Klienten nimmt, aber die Mildtätigkeit fängt eben beim eigenen Leibe an und die Gerechtigkeit beim Nachbar. Nun, wenn das Gesetz so hart mit uns umspringt, brauchen wir zum Beispiel den B. nicht gerade mit Handschuhen anzugreifen. Abgesehen davon, daß B. regelmäßig die Interessen zahlt, beziehen wir B’s Prämien von seinen Freunden. Dann rechnen wir B. noch so allerlei für die Obligationen auf, und ob wir ihn nun annehmen oder nicht, jedenfalls bekommt er seine Rechnung für sogenannte Erkundigungen (wir halten einen Mann für ein Pfund wöchentlich, der sie einholt) und eine Kleinigkeit für den Sekretär und so weiter. Kurz, mein guter Freund, wir sieben B. ordentlich durch und machen eine verteufelt rentable Melkkuh aus ihm. Ha, ha, ha, in Wahrheit kutschiere ich den B.«, fügte Tigg hinzu und deutete auf das Kabriolett hinunter. »Und es ist ein Pferd von guter Zucht, ha, ha, ha!«

Jonas gefiel dieser Spaß ungemein. Es war so ganz seine eigene Art, Humor zu empfinden.

»Ferner«, fuhr Mr. Tigg Montague fort, »verkaufen wir Leibrenten unter den allerniedrigsten und vorteilhaftesten Bedingungen, die sich auf dem Geldmarkt nur finden lassen, und die alten Damen und Herren in der Provinz draußen sind gerne Käufer. Ha, ha, ha – und wir zahlen sie auch – vielleicht, ha, ha, ha!«

»Aber man hat dabei viel Verantwortlichkeit«, meint Jonas mit bedenklicher Miene.

»Die nehme ich ganz und gar auf mich«, rief Mr. Tigg Montague, »ich bin hier allein für alles verantwortlich – ich bin die einzig verantwortliche Person im ganzen Institut, haha. – Dann haben wir noch die Lebensversicherungen ohne Anleihen – die gewöhnlichen Policen. Sie sind ebenfalls sehr einträglich und angenehm. Es fließt da ein Strom von Geld herein, sage ich Ihnen, und das wächst mit jedem Jahr – kurz, ein Kapitalprofit!« »Aber wenn die Policen anfangen, fällig zu werden?« wendete Jonas ein. »Das alles ist soweit recht hübsch und gut, solange das Unternehmen noch jung ist; was aber, wenn die Versicherten anfangen zu sterben? Daran muß man auch denken.«

»Um Ihnen zu zeigen, wie richtig unsere Kalkulation ist«, entgegnete Montague, »will ich Ihnen bemerken, daß wir im Anfang ein paar unglückliche Todesfälle hatten, die uns so auf den Hund brachten, daß uns nichts mehr als ein großes Piano übrigblieb.«

»Ein großes Piano?«

»Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, ich habe Geld erhoben auf jedes einzelne Stück Möbel, und schließlich blieb nur noch ein einziges großes Piano. Ich konnte nicht einmal darauf sitzen, denn es war ein großer Stehflügel. Aber, mein lieber Junge, wir haben durchgehalten. Wir haben eine Unmasse neuer Policen diese Woche ausgegeben – beiläufig gesagt, auch fette Provisionen für die Advokaten – und hatten, ehe man sich’s versah, die Krisis überstanden. Wenn es aber nun doch einmal so hageldicht über uns hereinbrechen sollte, wie Sie ganz richtig bemerkten, daß es früher oder später kommen könnte, so –« er beendigte den Satz in so leisem Flüsterton, daß nur ein paar unzusammenhängende Worte undeutlich zu hören waren, aber sie klangen ungefähr so wie »brennen wir durch!«

»Sie sind ja ein Mordskerl«, staunte Jonas mit dem Ausdruck höchster Verwunderung.

»Man kann leicht ein Mordskerl sein, mein lieber Junge, wenn man beständig bares Geld in die Tasche kriegt!« rief der Präsident und hielt sich vor Lachen den Bauch. »Sie dinieren also morgen mit mir?«

»Um wieviel Uhr?« fragte Jonas.

»Um sieben. Hier ist meine Adresse. Nehmen Sie auch die Dokumente da mit. Ich sehe schon, Sie treten sicher mit uns in Kompagnie.«

»Das weiß ich noch nicht«, sagte Jonas, »da gibt’s noch so mancherlei, was ich mir in der Nähe besehen muß.«

»Sie sollen, was Sie wollen, sehen und prüfen«, versprach Mr. Tigg und klopfte ihm auf den Rücken. »Aber Sie treten mit uns in Kompagnie, davon bin ich heute schon überzeugt. – Sie sind ganz der richtige Mann dazu. – – Bullamy!«

Gehorsam dem Ruf und der Klingel erschien die Weste, erhielt den Befehl, Jonas hinauszuführen, und ging ihm voran, wie gewöhnlich rufend: »Platz, wenn ich bitten darf, Platz, ein Herr aus dem Beratungszimmer, wenn ich bitten darf.«

Als Mr. Montague allein war, dachte er einige Minuten nach und rief dann mit erhobener Stimme: »Ist Nadgett im Bureau?«

»Hier ist er, Sir!«

Gleich darauf trat Mr. Nadgett ein, die Türe des Sitzungszimmers so sorgfältig hinter sich zuziehend, als ob ein Mordanschlag besprochen werden sollte.

Er war der erwähnte Mann, der für ein Pfund wöchentlich die Auskünfte einholte. Es war weder eine Tugend noch Verdienst von Mr. Nadgett, daß er seine ganzen Anglo-Bengalischen Geschäfte voller Heimlichkeit betrieb, denn er war für die Heimlichkeit sozusagen geboren. Er war ein kleiner vertrockneter alter Mann, und alles an ihm schien geheimnisvoll. Selbst die Sache mit seinem Blutkreislauf war nicht so ganz selbstverständlich, und niemand hätte ihm geglaubt, daß er sechs Unzen Blut in allen Organen zusammengenommen habe. Wie und wo er lebte, war ebenfalls ein Geheimnis, wo er wohnte, war ein Geheimnis, und selbst was er betrieb, war ein Geheimnis. In seiner schmutzigen alten Brieftasche bewahrte er verschiedene einander widersprechende Visitenkarten; auf einigen nannte er sich einen Kohlen-, auf andern einen Weinhändler, dann wieder einen Agenten, Rechnungsführer oder Kollekteur; rein als ob er selbst nicht wüßte, was er eigentlich sei. Immer hatte er eine Zusammenkunft mit irgend jemandem in der City; der Jemand kam aber nie. Stundenlang pflegte Nadgett vor der Börse zu sitzen und guckte jeden an, der aus und ein ging. Dasselbe pflegte er in Garraway’s und andern von Kaufleuten besuchten Kaffeehäusern zu tun, wo er sich zuweilen ein sehr nasses Taschentuch vor dem Feuer trocknete und sich stets nach dem Manne umsah, der niemals kommen wollte. Er trug beständig fadenscheinige, schäbige Kleider, die auf dem Rücken und auf den Knien weiß von Kalk waren. Seine Wäsche hielt er durch Rockzuknöpfen und Kragenaufschlagen so verborgen, daß man hätte glauben können, er trüge überhaupt keine. Vielleicht hatte er auch wirklich keine. Ferner trug er einen einzigen schmutzigen Biberhandschuh, den er beim Gehen wie beim Sitzen stets am Zeigefinger vor sich herbaumeln ließ. Der andere Handschuh war ein Geheimnis. Manche Leute sagten, Nadgett sei bankrotter Kaufmann, andere, er sei bereits als Säugling in einen alten Kanzleigerichtsprozeß hineingeraten, der noch immer schwebte, aber Genaues wußte niemand. In der Tasche trug er ein Stück Siegellack und ein altes mit Hieroglyphen verziertes kupfernes Petschaft, und oft schrieb er im geheimen in einem Winkel in dem erwähnten Kaffeehause lange Briefe. Aber sie schienen an niemanden gerichtet zu sein, wenigstens pflegte er sie in eine geheime Rocktasche zu stecken und einige Wochen später in ganz vergilbtem Zustande an sich selbst abzugeben, und wie es schien, jedesmal zu seiner eigenen größten Verwunderung. Kurz und gut, er war ein so seltsamer Kauz, daß, wenn er nach seinem Tode eine Million oder einen Dreier hinterlassen hätte, kein Mensch sich darüber gewundert haben würde, sondern alle nur gesagt hätten, es sei gerade so gekommen, wie sie’s erwartet hätten. Und doch war er insoweit kein Sonderling, als er zu einem der City eigentümlichen Schlag Leute gehörte, die für einander ein ebenso tiefes Geheimnis bedeuten wie für alle übrigen Menschen.

»Mr. Nadgett«, sagte Mr. Montague und schrieb von der Karte, die noch auf dem Tische lag, Jonas Chuzzlewits Adresse auf ein Stück Papier. »Jede Auskunft, die Sie mir über diesen Namen bringen können, soll mich freuen. Sei es, was es will. Was immer Sie erfahren können, berichten Sie mir, Mr. Nadgett.«

Mr. Nadgett setzte seine Augengläser auf und las den Namen mit großer Aufmerksamkeit, dann sah er über die Brille hinweg den Präsidenten an und verneigte sich. Dann nahm er die Brille ab und steckte sie ins Futteral. Dann steckte er das Futteral in die Tasche, sah noch einmal und ohne Brille das vor ihm liegende Papier an und zog zugleich seine Brieftasche von irgendwo am Rückgrat hervor. So groß sie war, so voll von Dokumenten steckte sie, aber dennoch fand er ein Plätzchen für den Zettel, und nachdem er sodann das Portefeuille sorgsam geschlossen, verstaute er es mit einer Art von feierlichem Taschenspielerkunstgriff wieder in derselben Gegend, aus der er es hervorgeholt hatte.

Ohne ein Wort zu sprechen, entfernte er sich schließlich mit einem abermaligen Bückling. Dabei öffnete er die Türe nicht weiter, als zum Hinauskommen unbedingt nötig war, und schloß sie so sorgfältig wie zuvor.

Den Rest des Morgens verbrachte der Präsident der Assekuranzgesellschaft damit, daß er unterschiedliche neue Anmeldungen zu Leibrenten, Käufen und Lebensversicherungen gnädigst mit seiner Unterschrift versah.

Die Gesellschaft hatte wahrhaftig Grund, den Kopf hoch zu tragen, denn es regnete nur so Policen über Policen.

28. Kapitel


28. Kapitel

Mr. Montague in seinem Heim und Mr. Jonas Chuzzlewit in dem seinigen

Es gab viele gewichtige Gründe, die Mr. Jonas Chuzzlewit lebhaft zugunsten des Planes einnahmen, den ihm der kühne Schöpfer desselben so keck und offen dargelegt hatte. Vor allem waren da drei besonders einleuchtende Punkte: Erstens konnte man Geld dabei machen, zweitens hatte das Geld einen eigentümlichen Zauber, da es schlauerweise auf anderer Leute Kosten gewonnen wurde, und drittens war mit dem ganzen Plan Auszeichnung und Anspruch auf ein gewisses Ansehen verbunden. Ein Direktorium ist an sich schon eine ehrfurchtgebietende Institution und ein Präsident ein gewaltiger Mann.

»So einen famosen Schnitt zu machen, einem Haufen Leute befehlen zu können und dabei gleichzeitig Gelegenheit zu haben, in gute Gesellschaft zu kommen – das ist keine so schlechte Sache«, dachte Jonas. Die beiden letzten Erwägungen spielten wohl angesichts seiner Habsucht nur eine untergeordnete Rolle, dessenungeachtet aber war er – um so mehr, als er wußte, daß ihm seine Persönlichkeit, sein Benehmen, sein Ruf und seine Gaben keinerlei Achtung erwerben konnten – äußerst begierig nach Macht und in seinem Herzen mindestens ein ebenso großer Tyrann, wie nur irgendein belorbeerter Eroberer, von dem die Geschichte weiß, es sein konnte.

Trotzdem nahm er sich vor, mit aller Schlauheit und der nötigen Vorsicht zu Werke zu gehen, namentlich aber den Grad der Vornehmheit in Mr. Montagues Privateinrichrung scharf ins Auge zu fassen. Bei seiner ganzen Hohlköpfigkeit fiel es ihm ebensowenig ein, daß dies gerade ausdrücklich in Montagues Wunsch liegen mußte, da er ihn doch sonst in so einem kritischen Moment nicht zu sich gebeten haben würde. Ebensowenig dachte er in seiner hohen Meinung von sich selbst an die Möglichkeit, das erwähnte Kraftgenie könne ihn in irgendeiner Weise zu überbieten imstande sein, hatte Tigg doch gleich anfangs selbst gesagt, er (Jonas) sei zu scharfsinnig für ihn, und Jonas glaubte dies augenblicklich, trotzdem er in anderer Hinsicht selbst einem Eide mißtraut hätte.

Mit zögernder Hand und doch mit dem schwachen Versuch, selbstbewußt aufzutreten, klopfte er an die Haustüre seines neuen Freundes in Pall Mall, als die bestimmte Stunde gekommen war. Mr. Bailey erschien sogleich und öffnete. Er war durchaus nicht stolz, sondern augenscheinlich sehr geneigt, von Jonas Notiz zu nehmen. Doch Jonas hatte ihn offenbar vergessen.

»Ist Mr. Montague zu Hause?«

»Dös glaub‘ i! Und’s Essen wartet a schon«, sagte Mr. Bailey mit der ganzen Nonchalance eines alten Bekannten. »Wollen S‘ Ihnern Hut mit naufnehmen oder ihn hier lassen?«

Mr. Jonas wollte ihn lieber unten lassen.

»Der alte Name, was?« fragte Bailey grinsend.

Mr. Jonas starrte ihn in stummer Empörung an.

»Sie erinnere Ihna woll nimmer an die alte Todgers«, fuhr Mr. Bailey fort und machte die Bewegung des Stiefelputzens. »Erinnern S‘ Ihna leicht nimmer, wie i Ihna angmeldt hab bei die jungen Damen? Es war halt doch a mordsmäßig alte Baracken, was? Und wie die Zeit vergeht, was? Aber sakrisch rausgmacht haben S‘ Ihna seitdem, was?« Ohne auf eine Anerkennung dieses Kompliments zu warten, führte er den Gast hinauf, meldete ihn und zog sich mit vertraulichem Blinzeln zurück.

Das untere Stockwerk des Hauses hatte ein wohlhabender Kaufmann inne. Mr. Montague bewohnte den oberen. Es war eine wahrhaft glänzende Wohnung! Das Zimmer, in dem Mr. Tigg Jonas empfing, war geräumig, elegant und mit ausgesuchter Eleganz möbliert. Gemälde, Kopien antiker Statuen aus Alabaster und Marmor, Porzellanvasen, hohe Spiegel, karmesinrote Vorhänge von schwerster Seide, vergoldetes Schnitzwerk, üppige Sofas, Schreibtische, mit kostbarem Holz eingelegt, und kostbare Nippesgegenstände jeder Art vervollständigten in luxuriösester Weise die Inneneinrichtung. Die einzigen Gäste außer Jonas waren der Doktor, der Sekretär und noch zwei andere Herren, die Montague jetzt in aller Form vorstellte.

»Mein teuerster Freund, ich bin ganz entzückt, Sie bei mir zu sehen. Jobling kennen Sie schon, glaube ich?«

»Das will ich meinen«, rief der Doktor scherzhaft und trat aus dem Kreise heraus, um dem neuen Gast die Hand zu drücken. »Ich schmeichle mir, diese Ehre zu haben. Ich hoffe, daß Sie mich noch nicht vergessen haben. Wie ich sehe, mein wertgeschätzter Herr, befinden Sie sich wohl, und das ist gut.«

»Mr. Wolf«, stellte Montague weiter vor, als ihn der Doktor zu Wort kommen ließ – »Mr. Chuzzlewit, – – Mr. Pip – Mr. Chuzzlewit.« Beide Herren fühlten sich ebenfalls außerordentlich glücklich, die Ehre zu haben, Mr. Chuzzlewits Bekanntschaft zu machen.

Der Doktor zog Jonas ein wenig beiseite und flüsterte ihm hinter der Hand zu:

»Männer von Welt, mein wertgeschätzter Herr – Männer von Welt! Hm, Mr. Wolf ist Literat – tun Sie, als ob Sie’s nicht wüßten – gibt ein famoses Wochenblatt heraus – bemerkenswert geschickter Bursche. Mr. Pip – vom Theater, ein ganz kapitaler Mensch – höchst kapitaler Mensch.«

»Nun«, sagte Mr. Wolf laut, verschränkte die Arme und nahm ein Gespräch wieder auf, das durch Jonas‘ Ankunft unterbrochen worden war, »nun, und was sagte Lord Nobley darauf?« »Verdammt nochmal«, entgegnete Pip, »er war einfach sprachlos. Aber Sie wissen doch, was für ein famoser Bursche Nobley ist.«

»Der famoseste Bursche unter der Sonne«, rief Wolf. »Vorige Woche noch sagte er zu mir: ›Zum Teufel, Wolf, ich hatte eine Pfründe zu vergeben, und wenn Sie nur auf der Universität gewesen wären – hol mich dieser und jener –, ich hätte einen Pfaffen aus Ihnen gemacht.‹«

»Sieht ihm ganz ähnlich!« jubelte Pip. »Und er hätt’s getan. Meiner Seel!«

»Ja, ja, so sicher wie nur was«, bekräftigte Wolf. »Aber Sie wollten uns doch erzählen –«

»Ja, ja«, rief Pip, »freilich. Also anfangs blieb er ganz stumm wie ein Fisch – wie ein Toter –, aber nach einer Minute sagte er zu dem Herzog: ›Fragen Sie Pip! Da ist Pip. Pip, unser gemeinsamer Freund. Fragen Sie Pip, er weiß es sicher.‹ ›Verdamm mich‹, sagte der Herzog. ›Na, gut, dann will ich mich an Pip wenden. Also raus mit der Sprache, hat sie krumme Beine oder nicht? Nur raus mit der Sprache!‹ ›Sie hat krumme Beine, Euer Durchlaucht, oder ich bin ganz blödsinnig.‹ – ›Bravo, Pip, gut gesprochen. – Pip, hol mich dieser und jener, wenn Sie nicht ein ganz famoser Kerl sind. Setzen Sie mich auf Ihre Besuchsliste, wenn ich in London bin, Pip‹ – und das hab ich getan, wahrhaftig ja.«

Der Schluß dieser Geschichte befriedigte ungemein, und die Ankündigung, daß das Dinner bereitstehe, nicht minder. Jonas begab sich mit seinem distinguierten Wirt in den Speisesaal und setzte sich zwischen ihn und seinen Freund, den Doktor. Die übrigen nahmen ihre Plätze ein wie Leute, die sich ganz zu Hause fühlen, und ließen dem Mahle volle Gerechtigkeit widerfahren.

Es war übrigens auch so vorzüglich, wie es sich nur für Geld oder auf Pump verschaffen ließ. Die Gerichte, der Wein und die Früchte konnten geradezu auserlesen genannt werden, und alles wurde auf das eleganteste serviert. Das Silberzeug war prachtvoll.

Mr. Jonas war eben im Geiste mit einem Überschlag begriffen, was es wohl gekostet haben möge, als er von seinem Wirte in seinen Grübeleien unterbrochen wurde. »Ein Glas Wein gefällig?«

»Oh«, murmelte Jonas, der sich bereits mehrere Gläser zu Gemüt gezogen, »selbstverständlich. Mit Vergnügen und soviel Sie wollen. Der Wein ist zu gut, als daß man auf eine solche Frage ›nein‹ sagen könnte.«

»Wohl gesprochen, Mr. Chuzzlewit«, rief Wolf.

»Tom Gag, der Possenreißer, ist nichts dagegen«, bekräftigte Pip.

»Allerdings. Wissen Sie, es ist, ha, ha, ha«, bemerkte der Doktor, legte einen Augenblick Gabel und Messer aus der Hand, um gleich darauf wieder emsig einzubauen, »– ein geradezu epigrammatischer Ausspruch.«

»Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei mir?« fragte Mr. Tigg halblaut Jonas.

»Na, deswegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. – Famos!« – knurrte Jonas kauend.

»Ich hielt es für das beste, keine Gesellschaft einzuladen«, erklärte Tigg. »Hatte ich nicht recht?«

»Na, und wie nennen Sie denn das hier?« fragte Jonas. »Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß Sie täglich so dinieren, wie?«

»Lieber Freund«, sagte Mr. Montague achselzuckend, »jeden Tag esse ich so und nie anders, wenn ich überhaupt zu Hause speise. Das ist so mein gewöhnlicher Stil. Ich dachte mir, wozu Ihretwegen große Umstände machen und was Ungewöhnliches herrichten. Sie hätten es ja doch gleich gemerkt. – – ›Haben Sie Gesellschaft?‹ fragte mich Crimple. Nein, ich wünsche es nicht«, sagte ich, »er soll uns nehmen, wie wir sind.«

»Verdammt fein leben Sie hier«, staunte Jonas. »Muß übrigens ein nettes Stück Geld kosten.«

»Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, allerdings, das tut es«, gab Mr. Tigg zu, »aber ich liebe es so. Ich schmeiße ganz gern auf diese Art Geld raus.«

Jonas blies die Backen auf.

»Wenn Sie uns beitreten, glaube ich, werden Sie Ihren Nutzanteil wohl auf andere Weise anbringen, wie?«

»Ja. Allerdings«, gestand Jonas. »Und da werden Sie auch ganz recht haben«, sagte Mr. Tigg mit freundschaftlicher Offenherzigkeit. »Sie brauchen so was nicht. Es ist auch nicht nötig. Bei uns braucht es immer nur einer zu tun, um das Ansehen der Gesellschaft zu wahren. Und da ich ein Vergnügen daran finde, so habe ich mir’s eben zur Pflicht gemacht. Es ist lediglich mein Departement. – – Sie machen sich doch hoffentlich nichts daraus, auf anderer Leute Kosten fein zu speisen?«

»Nicht das geringste.«

»Nun, dann hoffe ich, werden Sie so freundlich sein und öfters mit mir dinieren.«

»Na, dagegen hätte ich gerade nichts. Im Gegenteil.«

»Ich werde mich hüten, beim Wein mit Ihnen von Geschäften zu sprechen, das schwöre ich Ihnen«, fuhr Mr. Tigg fort. »Sie zeigten sich heute morgen verflucht gerieben. Übrigens, das muß ich denen da mal erzählen. Es wird ihnen einen Mordsspaß machen. Hallo, hör mal, Pip, mein Junge, ich muß dir da einen famosen kleinen Spaß erzählen von meinem Freund, Mr. Chuzzlewit hier. Er ist der schlaueste Bursche, den ich kenne, ich gebe dir mein heiliges Ehrenwort darauf. Der schlaueste Bursche unter der Sonne.«

Mr. Pip beteuerte mit einem fürchterlichen Eide, er sei schon längst überzeugt davon gewesen, trotzdem wurde aber die Anekdote erzählt und als ein Beweis von Mr. Jonas‘ kaufmännischem Genie mit lautem Beifall aufgenommen. Sodann gab Mr. Chuzzlewit selbst einige Proben seiner Geriebenheit zum Besten, da er nicht zurückstehen wollte, und Mr. Wolf, der darin mit ihm wetteiferte, tischte einige Glanzpunkte aus einem oder zwei ungeheuer humoristischen Artikeln auf, an denen er soeben arbeitete. Seine Witze, die, wie er es nannte, heiß genossen werden mußten, ernteten großes Lob, und die ganze Gesellschaft erklärte sie einstimmig für außerordentlich geistreich.

»Lebemänner, mein werter Herr!« flüsterte Jobling Jonas zu. »Durch und durch Leute von Welt. Für einen mehr wissenschaftlichen Menschen wie mich ist es geradezu eine Wohltat – eine Erfrischung sozusagen –, einmal in solche Gesellschaft zu kommen. Nicht nur angenehm – und nichts kann angenehmer sein –, es ist auch philosophisch belehrend, es ist ein Charakterstudium, mein werter Herr, ein wirkliches Charakterstudium!«

Es ist so erfreulich, wahres Verdienst, wo immer es sich im Leben zeigen mag, nach Gebühr zu würdigen, daß die allgemein harmonische Stimmung der Gesellschaft ohne Zweifel nicht wenig erhöht wurde durch den Umstand, daß man wußte, in welch hohem Ansehen bei den oberen Klassen der Gesellschaft und bei den ritterlichen Verteidigern des Vaterlandes in der Armee sowohl wie in der Flotte – namentlich aber bei der ersteren – die beiden »Herren von Welt« standen. Die unbedeutendsten ihrer Anekdoten fingen mit einem Oberst an, die Lords waren darin so wohlfeil wie ihre Flüche, und selbst das königliche Blut floß durch den schlammigen Kanal ihrer persönlichen Erinnerungen.

»Ich fürchte, Mr. Chuzzlewit hat ihn nicht gekannt«, sagte Mr. Wolf mit Bezug auf eine Person von höchster Abkunft, die in seiner letzten Anekdote figuriert hatte.

»Nein«, erklärte Mr. Tigg, »aber wir müssen ihn mit derartigen Leuten in Berührung bringen.«

»Er hatte ein großes Faible für die Literatur«, bemerkte Mr. Wolf.

»So?« sagte Mr. Tigg.

»Ja, ja. Er hielt mein Blatt viele Jahre. Wissen Sie, daß er selbst zuweilen einen Witz einschickte, der gar nicht so übel war? So fragte er zum Beispiel einen Herzog, der ein Freund von mir ist (Pip kennt ihn): Wie heißt der Herausgeber? – Wolf? – Wolf, so? Verflucht scharfes Gebiß, dieser Wolf, wir dürfen ihn nicht nennen, sonst kommt er ›gerennt‹ wie’s im Sprichwort heißt. Das war doch famos, und da es obendrein ein Kompliment war, ließ ich’s natürlich drucken.«

»Teufelsbund – der Herzog ist ein famoser Bursche«, bestätigte Pip, der jeden neuen Satz mit einem ganz besonders erfundenen Fluche zu begleiten beliebte. »Der Herzog ist ein Mordskerl. Kam er da neulich in unsere Garderobe, um eine kleine Schauspielerin nach Hause zu begleiten – etwas angesäuselt, aber nicht viel –, und fragte: ›Wo ist Pip? Ich will zu Pip! Man schaffe den Pip her!‹ Machen Sie doch nicht so’n Radau, Mylord! sagte ich. ›Dieser Shakespeare ist doch ein ekliger Gehirnfatzke‹, meinte er. ›Was ist denn eigentlich Gutes an Shakespeare? Habe ihn übrigens nie gelesen. Was zum Teufel ist denn dran, Pip? ’ne Masse Füße haben seine Verse, na ja, aber in seinen Dramen kommen keine Beene vor, die der Rede wert wären. Was meinen Sie dazu, Pip? Julia, Desdemona, Lady Macbeth, und wie sie alle heißen, könnten geradesogut gar keine Beine haben; wenigstens kriegt das Publikum nichts davon zu sehen. Warum bringt er da nicht lieber gleich die Miss Biffins – die Dame ohne Unterleib – auf die Bühne? Ich will Ihnen sagen, was an dem ganzen Shakespeare dran ist. Was die Leute dramatische Poesie nennen, ist nichts als ne Sammlung von ekligen Predigten. – Geh ich vielleicht ins Theater, um mich erbauen zu lassen? Nö, Pip. Wenn ich das wollte, ginge ich in die Kirche. Was ist der eigentliche Zweck der Dramen, Pip? Menschennatur. Und was sind Beene? Ooch Menschennatur! Also jefälligst Beene her! Sie, Pip, Sie sin mein Mann!‹ – Und ich sag es mit Stolz«, fügte Mr. Pip hinzu, »daß er mir wirklich von jeher sehr gewogen war.«

Die Unterhaltung wurde bald allgemein, und Mr. Jonas, um seine Meinung über das Thema »Poesie« befragt, erklärte sich ganz und gar mit Mr. Pip einverstanden, der darüber höchlichst erfreut schien. Und wirklich hatten auch Mr. Pip sowohl wie Mr. Wolf so viel mit Mr. Jonas gemein, daß sie bald sehr vertraut miteinander wurden, was Jonas, zumal die Flasche immer schneller kreiste, nach und nach sehr redselig stimmte. Wie immer in solchen Fällen gewann er dadurch jedoch nicht an Liebenswürdigkeit. Da er kein anderes Mittel zu haben glaubte, um sich mit den andern auf gleich und gleich zu stellen, als jene Schlauheit und Verschlagenheit, derentwegen man ihm bereits so viele Komplimente gemacht, so ließ er diese Eigenschaften in ihrem blendendsten Lichte strahlen und tat so schlau und scharfsinnig, daß er sich selbst überlistete und sich mit seinen scharfen Werkzeugen selbst die Finger zerschnitt.

Es lag so ganz in seiner Art und Weise, sich auf Kosten seines Wirtes, der so viel verschwendete, ohne etwas davon zu haben – wie er glaubte –, darüber lustig zu machen, daß man ihm ein so kostbares Mahl vorgesetzt habe, daß sogar in einer so zweideutigen Gesellschaft dieses Experiment hätte Anstoß erregen können, aber Mr. Tigg und Mr. Crimple, die ihren Mann bis in seine tiefsten Tiefen zu erforschen vorhatten, schürten ihn ununterbrochen, denn je mehr er sich gehen ließ, desto schneller erreichten sie ihren Zweck. Während so der eitle Pinsel meinte, er habe sich nach Igelweise zusammengerollt und die schärfsten Stacheln nach außen gekehrt, verriet er ihrer unablässigen Wachsamkeit nur alle seine verwundbaren Stellen.

Ob nun die beiden Gentlemen, die soviel zur Bereicherung der philosophischen Erfahrungen des Doktors beitrugen (der Doktor, beiläufig gesagt, entfernte sich in aller Stille, nachdem er seine gewohnte Quantität Wein getrunken), die Anleitung zu dieser Taktik unmittelbar von ihrem Wirte hatten oder sich nach dem richteten, was sie hörten und sahen, jedenfalls spielten sie ihre Rollen ausgezeichnet. Sie ersuchten Jonas um die Ehre seiner nähern Bekanntschaft und hofften, sie würden das Vergnügen haben, ihn bald in jene höhern Kreise einzuführen, in denen zu glänzen er direkt geschaffen sei. Auf die liebenswürdigste Weise versicherten sie ihm, daß sie mit allem Einfluß, der ihnen zu Gebote stünde, ganz zu seiner Verfügung seien. Mit einem Wort, sie sagten: »Seien Sie doch einer von uns.« Und Jonas versicherte, er sei ihnen unendlich verbunden, wobei er natürlich innerlich hinzusetzte: »Solang ihr mich freihaltet, kann mir auf der Welt doch nichts angenehmer sein.«

Nach dem Kaffee, der im Salon genommen wurde, bekam die Unterhaltung, die zumeist von Mr. Wolf und Mr. Pip bestritten wurde, etwas sehr stark Gepfeffertes. Als sie endlich erlahmten, nahm Jonas den Faden auf und ließ das Licht seiner Gerissenheit leuchten, das heißt, er fragte, was das oder jenes Möbelstück gekostet habe, gab seine Meinung ab, wieviel es in Wirklichkeit wert sei, und so weiter. Bei alledem glaubte er Mr. Montague grausam herabzusetzen und die eigenen Vorzüge aufs glänzendste herauszustreichen. Ein paar Gläser Champagnerpunsch frischten dann abermals die Abendunterhaltung, wenn auch nur vorübergehend, wieder auf, und nachdem die Gespräche zu einigen etwas lärmenden und nicht ganz verständlichen Erörterungen geführt hatten, entfernten sich die beiden Lebemänner, und Mr. Jonas schlief auf einem der Sofas ein.

Da man ihm nicht mehr begreiflich machen konnte, wo er sich befand, so erhielt Mr. Bailey den Auftrag, einen Fiaker zu holen, um den Herrn nach Hause zu bringen. Es war beinah drei Uhr morgens.

»Hat er angebissen?« flüsterte Crimple seinem Associé zu, als Sie den Schlafenden aus einer Ecke des Zimmers heraus beobachteten.

»Fraglos«, versetzte Tigg ebenso leise, »und zwar, wie mir scheint, sehr gründlich. Ist Nadgett übrigens hier gewesen?«

»Ja. Ich ging zu ihm hinaus. Als er hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, entfernte er sich wieder.«

»Warum denn?«

»Er sagte, er wolle gleich am Morgen, noch ehe Sie aufgestanden wären, wiederkommen.«

»Da muß ich Auftrag geben, daß er sogleich in der Frühe heraufgeschickt wird«, rief Mr. Tigg. »Heda! Da ist ja der Junge! Also Bailey, fahren Sie den Herrn nach Haus und sorgen Sie dafür, daß er gut zu Bett kommt. – Hallo! Mr. Chuzzlewit, wachen Sie doch auf!«

Mit Mühe brachten sie Jonas in eine aufrechte Stellung und halfen ihm die Treppe hinab, stülpten ihm dann den Hut auf den Kopf und hoben ihn in den Fiaker. Mr. Bailey schloß den Schlag, stieg auf den Bock neben den Kutscher und rauchte mit der Miene besondern Behagens eine Zigarre, denn die Aufgabe, die ihm zuteil geworden, hatte einen gewissen flotten und sportartigen Charakter, der seinem Geschmacke außerordentlich zusagte.

Als sie vor dem Haus in der City angekommen waren, sprang Mr. Bailey herunter und gab seinen lebhaften Empfindungen durch ein Klopfen Ausdruck, desgleichen in diesem Stadtviertel wahrscheinlich seit dem großen Brande in London nicht mehr gehört worden war. Dann trat er auf die Straße hinaus, um die Wirkung seiner Heldentat zu beobachten, und bemerkte, daß ein trübes Licht, das vorher am oberen Fenster sichtbar gewesen, bereits weggenommen war und offenbar die Treppe herunterwandelte. Um sich über die Person des Lichtträgers zum voraus Gewißheit zu verschaffen, eilte Mr. Bailey wieder zur Türe zurück und hielt sein Auge ans Schlüsselloch.

Sie selbst, die einst so Lustige, war es, die jetzt traurig und seltsam verändert herunterkam. So abgehärmt und niedergeschlagen, so unsicher und furchtsam, so gedemütigt und gebrochen sah sie aus, daß es wohl niemanden besonders überrascht hätte, sie ruhig im Sarge liegen zu sehen.

Sie stellte die Kerze im Vorhaus nieder und legte die Hand aufs Herz, dann drückte sie sie auf die Augen und an ihre fiebernde Stirn, sich dabei mit so unstetem hastigem Schritt der Türe nähernd, daß Mr. Bailey gänzlich seine Fassung verlor und immer noch in gebückter Stellung vor dem Schlüsselloch stand, als die Türe bereits aufging.

»Aha«, sagte er verlegen, »da sind Sie ja. Was gibt’s? Sie sind doch nicht krank?«

Trotz ihres Erstaunens über das Wiedersehen und über das veränderte Äußere des jungen Gentlemans schlich so viel von ihrem alten Lächeln wieder über ihr Gesicht, daß sich Baileys Miene aufheiterte. Aber schon im nächsten Augenblick war er wieder betrübt, denn er sah, daß Tränen in ihren Augen standen.

»Erschrecken Sie nicht«, sagte er, »es ist nix weiter passiert. Ich bring nur Mr. Chuzzlewit heim – er ist nicht krank – nur a bissel benebelt.«

Und dabei machte er eine taumelnde Bewegung, um Jonas‘ Zustand von Betrunkenheit mimisch auszudrücken.

»Kommt Ihr von Mrs. Todgers?« fragte Gratia zitternd.

»Von Mrs. Todgers?! Gott bewahr!« rief Mr. Bailey. »Mit der hab ich schon lang nix mehr zu schaffen. Die Bekanntschaft is jetzt aus. Er hat bei meinem Herrn im Westend diniert. Haben S‘ denn net gewußt, daß er bei uns is?«

»Nein«, versetzte Gratia mit matter Stimme.

»Na, bei uns geht’s hoch her, das kann ich Ihnen sagen. – Bleiben S‘ doch drin, damit S‘ Ihna net verkühlen, i wer ihn scho aufwecken.«

Mr. Bailey drückte in seinem ganzen Wesen eine so vollkommene Zuversicht aus, als sei er imstande, im Notfall den Schlafenden mit Leichtigkeit auf den Rücken zu nehmen, öffnete den Kutschenschlag, ließ den Tritt herunter, rüttelte Mr. Jonas auf und rief ihm ins Ohr:

»Wir sin jetzt z‘ Haus, wackeln S‘ gefälligst außer!«

Mr. Jonas Chuzzlewit war inzwischen so weit zu sich gekommen, um dieser Aufforderung entsprechen zu können, und plumpste zum Wagen heraus auf einen Kehrichthaufen, dabei die Persönlichkeit Mr. Baileys in nicht geringe Gefahr bringend. Als er sich auf das Pflaster gerettet, richtete ihn Mr. Bailey zuerst von vorn auf, schob dann gewandt von hinten nach und bugsierte ihn, nachdem er ihm auf solche Weise zu einer aufrechten Stellung verholfen, ins Haus.

»Gengan S‘ mit der Kerzen voraus«, bedeutete er Mrs. Jonas, »Sie brauchen net so zittern, er wird Ihna nix tun. I wenigstens, wann i a bissel z‘ vüll übern Durst trunken hab, bin die Gutmütigkeit selber.«

Gratia ging voran. Nach verschiedentlichem Hinundherstolpern und Herumtaumeln erreichten endlich ihr Gatte und Mr. Bailey das Wohnzimmer im ersten Stock, wo Jonas sich in einen Stuhl fallen ließ.

»So«, ächzte Mr. Bailey, »jetz is er scho wieder ganz beisamm. Lieber Gott, Sie brauchen doch net zu weinen. A Rausch is besser als a Fieber.«

Da saß jetzt der scheußliche Kerl mit zerknülltem Anzug, gedunsenem Gesicht und zerrauftem Haar, mit verglasten Augen um sich starrend, bis er allmählich zur Besinnung kam. Als er seine Gattin erkannte, schüttelte er die geballte Faust gegen sie.

»Oha!« rief Mr. Bailey in plötzlichem Grimm und legte sich zur Boxerstellung aus. »Was? Boshaft wollen S‘ a no sein? Da halten S‘ Ihna aber jetzt gfälligst zruck. Dös lassen S‘ lieber bleiben.«

»Ich bitte, gehen Sie fort«, flehte Gratia. »Bailey, mein lieber Junge, gehen Sie nach Hause! – Jonas«, flüsterte sie und beugte sich zu ihrem Gatten nieder, »Jonas!«

»Da schaue einer«, lallte Jonas und stieß sie mit ausgestrecktem Arm zurück, »da schaue einer! Seht sie nur an! Ein nette Bescherung, so was für einen Mann!«

»Lieber Jonas –« »Zum Teufel, ›lieber Jonas‹«, versetzte er mit heftiger Gebärde. »Eine hübsche Kette, um sie das ganze Leben mit sich zu schleppen! Du quieksende, weißgesichtige Katze, geh mir aus den Augen!«

»Ich weiß, du meinst es nicht im Ernst, Jonas! Du würdest nicht so sprechen, wenn du nüchtern wärst.«

Mit erkünstelter Heiterkeit reichte Gratia Bailey ein Trinkgeld und bat ihn abermals, sich zu entfernen. Ihre Aufforderung war so dringend, daß der junge Mann nicht den Mut hatte, länger zu bleiben. Im Flur unten machte er jedoch noch einmal halt und horchte.

»Ich würde nicht so reden, wenn ich nüchtern wäre?« rief Jonas. »Du mußt das natürlich besser wissen. Hab ich’s vielleicht im nüchternen Zustand nicht schon oft gesagt?«

»Leider sehr oft«, schluchzte Gratia unter Tränen.

»Hör mal«, gurgelte Jonas und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, »ich habe lang genug im Brautstand deine Launen fühlen müssen, jetzt sollst du mal meine ertragen. Ich habe mir das schon damals vorgenommen. Deswegen hab ich dich geheiratet. Wegen nichts sonst. Ich will jetzt sehen, wer der Herr und wer der Sklave ist.«

»Der Himmel weiß, daß ich gehorsam bin«, jammerte die junge Frau. »Mehr als ich selbst glaubte, je sein zu können.«

Jonas lachte in trunkener Freude auf.

»Begreifst du’s endlich, was? Nur Geduld, du wirst’s schon lernen, mit der Zeit. Ja, ja, Kobolde haben auch Klauen, mein Schatz. Jede geringschätzige Behandlung, jeden Possen, den du mir gespielt, jede Unverschämtheit, die du dir gegen mich erlaubt hast, will ich dir hundertfach zurückzahlen. Wozu hätte ich dich denn sonst geheiratet? – – Jawohl dich!« schrie er mit roher Verachtung.

»Es besänftigt ihn vielleicht, wenn er mich das Bruchstück des kleinen Liedes singen hört«, dachte sie, »von dem er sonst zu sagen pflegte, daß es ihm gefiele.« Sie versuchte es mit gequältem Herzen, um ihn wieder für sich zu gewinnen.

»Oho!« fing er sogleich wieder an; »du bist also taub. Du hörst mich nicht, was? Um so besser für dich. – Ich hasse dich! – Ich hasse mich selbst, daß ich dumm genug war, mir eine solche Fessel ans Bein zu binden, nur um das Vergnügen zu haben, dich nach Belieben mit Füßen treten zu können. Ich habe jetzt von Möglichkeiten erfahren, die mich instand gesetzt hätten, überall nach Belieben anzukommen, aber ich würde dennoch ledig bleiben. Gerade jetzt täte es mir not, ledig zu sein wegen der Freunde, die ich seit heute kenne. Statt dessen bin ich hier an dich angeschmiedet wie an einen Block. – Pfui Teufel! Was zeigst du mir deine bleiche Fratze, wenn ich nach Hause komme? Natürlich bloß, damit ich immer wieder daran erinnert werden soll, was?«

»Wie spät es schon ist«, sagte Gratia mit krampfhafter Heiterkeit und öffnete nach einer Weile die Fensterladen. »Bereits heller Tag, Jonas.«

»Heller Tag oder dunkle Nacht, was geht das mich an«, lautete die zarte Antwort.

»Die Nacht ist mir ja schnell vergangen; ich bin gern aufgeblieben«, sagte Gratia demütig.

»Untersteh dich nur noch einmal, meinetwegen aufzubleiben«, murrte Jonas.

»Ich habe die ganze Nacht über gelesen«, entschuldigte sich Gratia, »ich fing an, als du ausgingst, und las noch, als du nach Hause kamst. Es war die seltsamste Geschichte, Jonas, die ich mir denken kann – und wahr ist sie, wie es in dem Buche heißt. Ich werde sie dir morgen erzählen.«

»So, so, eine wahre Geschichte!« höhnte Jonas.

»So steht’s wenigstens in dem Buch.«

»Steht vielleicht was drin von einem Mann, der fest entschlossen ist, sein Weib unterzukriegen? Ihren Dickschädel und ihre Launen zu brechen wie Nußschalen? Und sie, wenn’s darauf ankommt, auch unter die Erde zu bringen?«

»Nein, nicht ein Wort«, stammelte Gratia verwirrt.

»So? Nicht? Auch gut«, brummte Jonas, »und doch wird es in Bälde eine wahre Geschichte werden, wenn auch in keinem Buch etwas davon steht. Ich sehe schon wieder, es ist ein Lügenbuch – ein passendes Buch für eine lügnerische Person wie dich. Aber du bist ja taub, ich habe das ganz vergessen.« Abermals trat eine Pause ein, und Mr. Bailey wollte sich eben fortschleichen, machte aber noch einmal halt, als er Gratias Fußtritt auf dem Flur hörte. Sie ging, wie es schien, noch einmal zu ihrem Gatten hinauf und versprach ihm mit liebevollen Worten, sie wolle ihm nachgeben, seinen Wünschen Rechnung tragen und ihm gehorchen, sagte, daß sie bestimmt noch glücklich miteinander würden, wenn er nur nachsichtig gegen sie sein wolle. Er antwortete mit einem Fluch und –

Mit einem Schlag? Jawohl, mit einem Schlag.

Dennoch ertönte kein zorniger Ruf und kein Vorwurf; ihr Weinen und Schluchzen wurde dadurch erstickt, daß sie sich an ihn anklammerte. Sie sagte nur, es im Schmerze ihres Herzens immer und immer wiederholend: »Wie konntest – wie konntest – wie konntest du nur!«

Die übrigen Worte gingen in ihrem Schluchzen unter.