Achtes Kapitel.


Achtes Kapitel.

Kein Preis ohne Fleiß. – Entlassung aus dem Verbande des Drury-Lane und Wiederaufnahme in denselben. – Mönch Lewis. – Lewis und Sheridan. – Sheridan und der Prinz von Wales. – Grimaldi bekommt einen Sohn und kommt um sein Geld.

Die Komödien des Teufels erlebten am Ostermontage ihre erste Aufführung, und ihr Erfolg basierte nicht zum geringsten auf Grimaldis Spiele. Er hatte zwei Rollen darin und mußte, abgesehen davon, daß er fechten, reiten, schießen mußte, nicht weniger als neunzehnmal sein Kostüm wechseln.

Das Stück machte einen sehr großen Erfolg und blieb die ganze Saison hindurch auf dem Spielplane.

Wir erzählten im vorigen Kapitel einiges von Grimaldis finanziellen Erfolgen, jetzt wollen wir uns einmal darnach umsehen, welche Mühe und Anstrengungen es ihm kostete, zu diesen Erfolgen zu gelangen.

In Sadlers Wells nahm die Abendarbeit ihren Anfang. Dort trat er in der großen und sehr anstrengenden Rolle des Teufels auf. Dann mußte er in einer kleinen Burleske, die gleich hinterher gegeben wurde, mitwirken. Dann gab er den Clown beim Seiltänzer, zuletzt den Clown in der Pantomime. Hier sang er zwei humoristische Lieder, die regelmäßig dacapo verlangt worden; und hatte er dieses Programm hinter sich, dann mußte er sich rasch umkleiden und nach Drury-Lane laufen, zumeist rennen, weil er dort im letzten Stücke auftrat.

Das war die Arbeit Grimaldis eine Woche um die andere; aber am siebenten Tage war er in der Regel so erschöpft, daß er kein Glied rühren konnte. Ganz sicher hat er seinen Kräften zuviel zugemutet und auf diese Weise zweifellos den Keim zu der völligen Entkräftung gelegt, die sich in späteren Jahren seiner bemächtigte, so daß er, im Alter wohl mit Recht sagen durfte, die bedeutenden Einnahmen, die er gehabt habe, hätten in keinem richtigen Verhältnisse zu der Arbeit gestanden, die er dafür habe leisten müssen, zudem gemeinhin unter sehr erschwerenden Umständen.

In Sadlers Wells war das Theater meist erst zu Ende, wenn es in Drury-Lane eben begonnen hatte. Oft mußte Grimaldi dann von dem einen zu dem andern Theater im Galopp laufen, ohne nur eine Minute inne zu halten. Was er damals im Rennen zu leisten vermochte, läßt sich daraus ersehen, daß er diese Strecke, zu der ein gewöhnlicher Fußgänger eine gute halbe Stunde brauchte, zuweilen in acht Minuten zurücklegte, einmal zum Beispiel mit dem um vieles jüngeren Sohne des damaligen Theaterzetteldruckers Fairbrother von Sadlers Wells nach Drury-Lane, einmal von Drury-Lane nach Sadlers Wells. Eine dritte solche Parforce-Tour machte er, wiederum in Gesellschaft des jungen Fairbrother, als die Drury-Lane-Truppe im italienischen Opernhause spielte, in vierzehn Minuten zwischen dort und Sadlers Wells, spielte die Rolle, die er im Kimon in dem großen Aufzug hatte, und rannte in dreizehn Minuten nach Sadlers Wells zurück, um dort seine Clown-Rolle abzutun. Mit seinen Pflichten nahm er es stets äußerst genau und seine Gewissenhaftigkeit war so groß, daß er das Publikum in seiner langen und mühevollen Laufbahn kein einziges Mal irre geführt hat und kein einziges Mal eine Rolle versäumt hat, in der er angekündigt worden.

Ein Vierteljahr wirkte er im Drury-Lane-Theater mit, ohne daß es infolge seiner Differenz mit John Kemble zu ärgerlichen Auseinandersetzungen gekommen wäre. Aber steif und förmlich verkehrten sie hinfort nur, und ein kaltes Kompliment war, wenn sie einander sahen, der einzige Beweis von Höflichkeit. Grimaldi fürchtete jedoch, daß es zu einem Bruche zwischen Kemble und ihm kommen werde, und diese Befürchtung ging auch in Erfüllung.

Am 26. Juni bekam er die Mitteilung, daß die Inhaber des Theaters auf seine Mithilfe in der nächstfolgenden Saison verzichteten. Unterzeichnet war die Mitteilung von Souffleur Powell. Grimaldi ärgerte sich heftig darüber, da ihm das Verhalten der Theaterdirektion nicht anders als hart und ungerecht vorkommen konnte. Zuerst wollte er gegen Sheridan eine Klage anstrengen, hätte wohl auch auf Grund des Vertrags den Prozeß gewinnen müssen, kam jedoch davon ab und zog es vor, sich an seinen treuen und redlichen Freund und Berater Mr. Hughes zu wenden, der ihm, nachdem er das Billet Powells gelesen, erklärte:

»Verbrennen Sie den Wisch und schlagen Sie sich die Geschichte ganz aus dem Sinne! Kommen Sie, wenn die Saison in Sadlers Wells zu Ende ist, zu mir nach Exeter und bleiben Sie so lange bei mir, bis in Sadlers Wells wieder gespielt wird. Sie sollen fünf Pfund wöchentlich und ein ganzes Benefiz haben. Es müßte doch merkwürdig zugehen, wenn Sie sich auf diese Weise nicht besser stehen sollten als in Ihrem damaligen Verhältnisse zum Drury-Lane-Theater.«

Grimaldi nahm dieses Angebot an und schlug sich die ganze Sache tatsächlich aus dem Kopfe.

Die Sommersaison in Sadlers Wells verging ihm sehr rasch. Im August sollte sich ein verdrießlicher Fall ereignen, dessen Folgen Grimaldi sehr schwer hätten treffen können. Er gab in der genannten Teufelskomödie den Unterhauptmann einer Räuberbande. In der einen Szene hielt er im Stiefel ein Pistol versteckt, das er plötzlich, – um einen Bühneneffekt zu bewirken – hervorziehen und abfeuern mußte. Bei der Vorstellung am 14. August entlud sich das Pistol beim Herausziehen und zerriß den Stiefel, wodurch Grimaldi einen recht possierlichen Räuberhauptmann abgab. Um aber den Auftritt nicht zu gefährden, verbiß er sich die Schmerzen, die er litt, und als er abtreten konnte, stellte sich heraus, daß der Strumpf in Brand geschossen war und die ganze Zeit über gebrannt hatte, die Grimaldi auf der Bühne weilte. Ja sogar der Pfropfen brannte noch unter dem Fuße.

Volle vier Wochen mußte Grimaldi das Zimmer hüten als Strafe für seine Standhaftigkeit.

In dieser Zeit nahm sich eine Schauspielerin vom Drury-Lane, Miß Bristow, seiner hingebungsvoll an, half ihm alle Morgen beim Verband der schmerzhaften Wunde und verkürzte ihm durch ihre Gesellschaft die Stunden, die ihm sonst gar eintönig verflossen wären. Aus Dankbarkeit nahm er sie am nächstfolgenden Weihnachtsabend zu seiner Frau und lebte mit ihr über dreißig Jahre im glücklichsten Einvernehmen, bis zu ihrem Ableben.

Im Drury-Lane nahmen die Vorstellungen am 30. September mit »Wie es euch gefällt« und »Blaubart« wieder ihren Anfang. Im letzten Stücke trat Grimaldi erst im vorletzten Akte auf, in einem Schwertkampfe, der nur zu dem Zwecke eingeschoben war, um zu den Vorbereitungen für den letzten Akt Zeit zu gewinnen. Das hatte Kemble außer acht gelassen und, statt für einen Ersatzmann zu sorgen, angeordnet, daß die Kampfszene wegfallen solle, wodurch für ihn wie für die Zuschauer recht unangenehme Folgen entstehen sollten.

Das Haus war dicht gefüllt. Alles ging gut bis zur letzten Szene. Sie gleich an die vorletzte anzuschließen, war unmöglich, und das Publikum, statt durch den Zweikampf abgelenkt zu werden, mußte die leere Bühne angaffen. Erst wurde gezischt, dann wurde die Schwertszene laut gefordert, und da keine Anstalt dazu getroffen wurde, schrien die einen, Kemble solle sie, wenn er keinen Darsteller dafür hätte, selbst spielen, während von anderer Seite gefordert wurde, er möge sich wenigstens sehen lassen und sich durch, ein paar schickliche Worte entschuldigen.

Schließlich war die nötige Zeit gewonnen worden, so daß die letzte Szene gespielt werden konnte; aber der Lärm nahm nicht ab, sondern zu, so daß der Vorhang unter Zischen und Pfeifen fallen mußte.

Sheridan hatte während der Vorstellung mit einigen guten Freunden in seiner Loge gesessen und sich wiederholt zu dem vollen Hause gratuliert, auch seiner Freude, daß alles so gut klappe, Kemble gegenüber Ausdruck gegeben und war nun nicht wenig alteriert über die Wandlung, die in der Stimmung des Publikums vor sich ging, und geriet in heftigen Zorn, als er die Ursache davon erfuhr.

Kaum fiel der Vorhang, so stürzte er auf die Bühne, wo die Schauspieler standen, und rief, es möchte sich niemand entfernen. Dann postierte er sich mit dem Rücken gegen den Vorhang und bat um Auskunft über die Ursache des Lärms, den das Publikum zwischen dem vorletzten und letzten Auftritt gemacht. Keiner traute sich zuerst mit der Sprache heraus, endlich faßte sich Barrymore, der den Blaubart spielte, ein Herz und sagte, es läge wohl nur daran, daß Roffey und Joe früher die Pause zwischen dem vorletzten und letzten Akte durch einen Schwertkampf ausgefüllt hätten, der aber jetzt hätte ausfallen sollen.

»Und weshalb ist er ausgefallen?« fragte Sheridan strengen Tones. »Mr. Kemble, warum fällt der Schwertkampf aus?«

Aber Kemble war, was Sheridan in seinem Zorne gar nicht bemerkt hatte, nicht auf der Bühne, statt seiner nahm wieder Barrymore das Wort.

»Weshalb die Szene ausfallen sollte, weiß ich nicht, Sir. Ich kann nur soviel sagen, daß meines Wissens die Direktion Mr. Grimaldi gekündigt und gleich entlassen hat.«

Da geriet Sheridan in hellen Zorn und rief, in seinem Hause wolle er selbst Herr sein, er lasse nicht über seinen Kopf hinweg disponieren, und was dergleichen Redensarten mehr waren. Auf der Stelle schickte er den Theaterdirektor zu Joe und Grimaldi und ließ ihn für den nächsten Tag Punkt zwölf Uhr um seinen Besuch bitten. Dann verließ er das Theater ohne sich auf weitere Auseinandersetzungen mit Kemble einzulassen, der inzwischen auf die Bühne gekommen war.

Am andern Tage hieß er Grimaldi auf das freundschaftlichste willkommen und erneuerte seinen Vertrag mit ihm unter der Bedingung, daß seine Gage um ein Pfund wöchentlich erhöht und ihm allmonatlich ein ganzes Benefiz zugestanden werden solle. Tags darauf kündigten die Zettel wieder Harlekin Amulett mit Joe Grimaldi als Darsteller der Hauptrolle an. Während der ersten Probe trat Kemble zu Grimaldi, gab seiner Freude, ihn wiederzusehen, wie auch der Hoffnung eines recht langen Zusammenwirkens Ausdruck. Grimaldi antwortete im gleichen Sinne. Seine Differenz mit Kemble hatte also nur die eine Folge für ihn, daß seine Gage erhöht würde, er gab infolgedessen den Plan, nach Exeter zu gehen, auf, hatte doch sein Schwiegervater mit seinem Anerbieten keinen andern Zweck verfolgt, als Joe entgegenzukommen, soweit es ihm seine Kräfte ermöglichten.

Damals verkehrte Grimaldi auch mit dem Verfasser eines vielgelesenen Romans »Der Mönch«, der wohl an zwanzig Auflagen erlebte, aber als ziemlich unsittliches Produkt in sehr geringem Renommee stand. Der Mann hieß Lewis, wurde aber in der Regel nicht anders als nach seinem Romane genannt. Er war von weibischem Aussehen, verkehrte viel in der Garderobe des Drury-Lane-Theaters und führte mit dem Theaterpersonal Unterhaltungen, die recht oft gegen den guten Ton verstießen, und die ihm von manchen gar übel angerechnet wurden.

Sheridan schien sich im stillen viel über ihn lustig zu machen, und nicht selten diente er ihm zur Zielscheibe seines Spottes. Aber ein Stück, das damals von ihm aufgeführt wurde, »Das Burggespenst«, und das dem damaligen Geschmacke die gebührliche Rechnung trug, machte ihn zu einer gewissen Respektsperson, mit der eine Theaterdirektion immerhin rechnen mußte. Sheridan hatte freilich von dem Stücke nur eine geringe Meinung, was wohl am besten die nachstehende Anekdote erweisen dürfte.

Er saß einmal mit Lewis in einer Weinstube, es war zu einem Disput zwischen ihnen gekommen – Lewis geriet in Hitze und bot Sheridan eine Wette an. »Um was soll die Wette gehen?« fragte Sheridan. – »Ich setze meine heutige Einnahme aus dem Burggespenst!« rief Lewis. – »Das wäre zuviel für solche Bagatelle von Streitobjekt. Wie aber, wenn ich den ganzen Wert des Stückes als literarisches Objekt dagegen setzte?«

Lewis nahm aber dergleichen satirische Ausfälle seines munteren Zechkameraden immer mit vollkommenem Gleichmute hin.

Hier möge eine andere kleine Anekdote folgen, die Grimaldi gern zum besten gab und die wir mit seinen eigenen Worten folgen lassen:

Im Winter des Jahres 1802 hatte ich häufig die Ehre, Seine Majestät Georg IV. bei mir zu sehen. Der König, damals noch Prinz von Wales, kam oft hinter die Kulissen des Drury-Lane-Theaters und erfreute jedermann durch seine Leutseligkeit und seine witzigen Bemerkungen. Am Abend des Dreikönigstages saßen wir, wie gewöhnlich, in der Garderobe, um den Dreikönigskuchen zu verspeisen, für den ein Mr. Baddeley testamentarisch drei Guineen gestiftet hatte. Als wir so recht fidel beisammen saßen, trat Sheridan mit dem Prinzen herein und sagte scherzend, mit einem Blick auf die große Krone, die den Kuchen zierte:

»Daß ein Kuchen solche Krone trägt, ist doch nicht in Ordnung. Was meinen Sie, Georg?«

Der Prinz begnügte sich, damit, zu lächeln.

Sheridan hob die Krone von dem Kuchen, präsentierte sie dem Prinzen und bat ihn um die Gnade, die Kleinigkeit anzunehmen. »Mit Nichten«, antwortete der Prinz, »wenn es mir auch nicht jeder glauben wird, so bleibt es doch nichtsdestoweniger wahr, daß mir der Kuchen lieber ist als die Krone.«

Mit diesen Worten lehnte er es ab, die Krone in Empfang zu, nehmen, und nahm an unserm fidelen Abend den fidelsten Anteil, behielt sich aber von dem Kuchen die besten Stücke.

In den Jahren 1801 und 1802 wurden im Drury-Lane-Theater Pantomimen nicht gegeben; auch in Sadlers Wells gab es 1802 wenig neues. Dafür wurde Grimaldi am 21. November ein Söhnchen geboren: ein Ereignis, das ihn unaussprechlich glücklich machte.

Sonst war dies Jahr für Grimaldi keineswegs glücklich. Ob es nun persönliches Pech bei ihm war, oder Mangel an gebotener Vorsicht, oder Unerfahrenheit in weltlichen Dingen, genug, er verlor das bißchen Geld in diesem Jahre, das er sich gespart hatte, und zwar auf eine Weise, wie er es sicher am allerwenigsten gerechnet hatte. Er hatte die Bekanntschaft eines damals für sehr reich gehaltenen Kaufmanns gemacht, namens Newland. Eines Morgens im Februar bekam er dessen Besuch, und nach einer kurzen Unterhaltung wurde er von ihm gebeten, ihm mit der Kleinigkeit von ein paar hundert Pfund auszuhelfen. Dieses Ansinnen wurde in einem Tone gestellt, als wenn Grimaldi noch eine besondere Ehre dadurch angetan würde.

»Ich habe momentan Mangel an barem Gelde«, schloß der Herr, »habe alles in mein Geschäft gesteckt und kann meine Werte nicht so schnell realisieren. Wenn Ihnen solches Darlehn – ich brauche es nur auf kurze Zeit und stelle Ihnen einen Sichtwechsel aus – keine Bedenken machte.«

Kurz, Grimaldi ließ sich bereit finden, gegen einen Sichtwechsel dem Manne seine Ersparnisse – bare 600 Pfund – auszuhändigen, erklärte, er habe nicht im geringsten Bedenken gegen die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit des Mannes, gäbe ihm sogar gern das dreifache, wenn er selbst soviel besäße – und legte statt seiner Guineen den Sichtwechsel in seine Schatulle. Newland dankte und ging, war in drei Wochen pleite, riß aus nach Amerika, starb unterwegs, und Grimaldi war seine Ersparnisse auf Heller und Pfennig los.

Neuntes Kapitel.


Neuntes Kapitel.

Ein merkwürdiger Vorfall.

Eines Abends im folgenden Jahre wurde Grimaldi im Drury-Lane-Theater in die Garderobe gerufen, wo ihn zwei Herren zu sprechen wünschten. Er ließ ihnen sagen, sie möchten sich so lange gedulden, bis er mit seiner Rolle durch sei. Sobald dies der Fall war, begab er sich in die Garderobe. Zwei junge Leute von weltmännischem Aussehen begrüßten ihn, der eine mit auffallender Wärme.

Er mochte im gleichen Alter sein mit Grimaldi und hatte, nach seiner Hautfarbe zu schließen, wahrscheinlich unter einem wärmeren Himmelsstriche gelebt. Nach der damals herrschenden Mode trug er einen blauen Leibrock mit vergoldeten Knöpfen, weiße Weste, lange anschließende Beinkleider und in der Hand ein dünnes Rohr mit goldnem Knopfe.

»Na, Joe«, rief er, Grimaldi die Hand entgegenstreckend, »wie geht’s dir, alter Junge?«

Grimaldi war höchlich verwundert, so vertraulich von einem ihm völlig unbekannten Menschen angeredet zu werden, und antwortete, daß er leider nicht das Vergnügen habe, den Herrn zu kennen. »Ei, mein lieber Joe, das ist aber mehr als spaßig«, rief der Unbekannte, laut lachend, und sein Begleiter stimmte in das Lachen ein.

Grimaldi wurde empfindlich und wollte sich entfernen, als der Unbekannte ihm die Frage stellte, ob er ihn wirklich nicht wiedererkenne, und sein Hemd auf der Brust auseinander klappte. Da erkannte Grimaldi an einer dort sichtbaren Narbe seinen seit Jahren verschollenen Bruder. Sie fielen einander in die Arme und weinten Tränen vor Freude. Am gerührtesten von beiden war Joe.

»Komm mit hinauf«, sagte er endlich, »Mr. Wroughton ist auch oben. Du besinnst dich doch auf ihn? Er verschaffte dir doch die Mittel, zur See zu gehen. O, der wird sich gar sehr freuen, dich wiederzusehen.«

Sie eilten fort, und der Begleiter des wiedergefundenen Bruders rief ihnen nach: »Ich muß Dir wohl gute Nacht sagen, John?«

John rief Zurück, daß er am andern Vormittag Punkt zehn Uhr wieder bei ihm sein werde, und ging mit Joe hinauf in die Garderobe, wo er mehreren Herren vorgestellt wurde. Joe hatte nicht viel Zeit übrig, nahm sie aber nach besten Kräften wahr und hörte zu seiner Freude von dem Bruder, daß ihm das Glück im Leben immer gelacht habe.

»Da sieh!« rief John lachend, und schlug an seine Brusttasche. »sechshundert Pfund schleppe ich bei mir!«

»Hältst Du es nicht für gefährlich, soviel Geld mit Dir herumzutragen?« versetzte Joe.

»Gefährlich?« antwortete Joe, »o! wir Seeleute kennen keine Gefahr! Käme ich aber auch um den Bettel, wäre ich doch noch kein Bettler.« Die Miene, die er dabei zog, ließ Joe nicht im unklaren, daß sein Bruder »sein Schäfchen ins Trockne gebracht habe.« Im nämlichen Moment wurde Joe auf die Bühne gerufen, und nun knüpfte Mr. Wroughton mit John eine Unterhaltung an, in der er ungefähr dasselbe von ihm hörte, was Joe von ihm vernommen: daß er Geld über Geld habe, – Worte, die er durch Vorweis eines von Gold strotzenden Beutels besonders bekräftigen zu müssen meinte.

Sobald das Stück zu Ende war, kam Joe wieder. Mr. Wroughton wünschte beiden unter viel Glückwünschen gute Nacht, und Joe fragte den Seemann, wie lange er schon in London weile. – »Ich bin erst vor ein paar Stunden angekommen«, antwortete John, »habe ein paar Bissen gegessen und bin dann ins Theater geeilt, um Dich dort zu treffen.«

»Und was denkst Du nun vorzunehmen?« fragte Joe. –

»O, mein einziger Zweck, nach London zu kommen, war der, Dich und die Mutter wiederzusehen«, antwortete John.

Joe forderte ihn nun auf, bei ihm und seiner Frau zu wohnen, wo er die Mutter ja sehen würde, und John ging mit Freuden darauf ein. Er sagte, er müsse die Mutter unbedingt sehen, da er sonst kein Auge schließen könne, und fragte, wo sie wohne. Joe bezeichnete ihm Haus und Straße, setzte aber hinzu, daß er im Theater nichts mehr zu verrichten habe, sich nur umkleiden wolle und dann zu seiner Verfügung stände.

John gab seiner Freude hierüber lebhaften Ausdruck, und Joe lief in die Garderobe, ihn auf der Bühne allein lassend.

Er war so erregt, daß er alles zwei-, dreimal machen mußte, daß er, statt in die Rockärmel, in die Beinkleider fuhr – kurz, er brauchte länger als sonst, um fertig zu werden, und als er endlich wieder die Treppe hinunter stürzte, lief ihm Powell in den Weg, hielt ihn mit ein paar nichtssagenden Reden auch noch ein paar Minuten auf, sagte ihm aber dabei, daß er eben noch ein paar Worte auch mit John gesprochen habe.

»Er wartet doch noch?« fragte Joe.

»Gewiß, auf der Bühne. Es ist ja kaum erst eine Minute her, daß ich ihn dort gesehen habe. Aber ich will Sie nicht weiter aufhalten. Wir fällt ein, daß er sagte, Sie blieben ja schrecklich lange. Er schien ungeduldig zu werden über Ihr langes Ausbleiben, sagte auch, Sie hätten nur ganz kurze Zeit wegbleiben wollen.«

Grimaldi sprang die letzten Stufen mit einem Satze hinunter. Aber als er die Bühne wieder betrat, war John nicht mehr da.

Bannister kam zu ihm und fragte ihn, wen er suche. »Meinen Bruder«, antwortete Joe; »ich! habe ihn vor einer kleinen Weile hier verlassen.«

»Ich habe ihn vor einer knappen Minute gesprochen«, antwortete Bannister, »er ging zum Portale hinunter, die große Freitreppe. Ich glaube, daß er nicht länger warten wollte. Aber Sie müssen ihn doch noch einholen.«

Grimaldi eilte zum Ausgange. Der Torwart sagte ihm, sein Bruder sei vor kaum einer Minute zur Tür hinaus und könne noch nicht ganz die Straße hinunter sein. Grimaldi lief ein paar mal in der Straße auf und ab, sah und hörte aber nichts von John. In seiner Freude hatte er vielleicht einen von seinen alten guten Freunden besucht mit der Absicht, gleich wieder zum Theater zurückzukommen. Ganz in der Nähe wohnte solch ein alter Freund, ein gewisser Bowley, mit dem er als Junge manch tolles Stückchen getrieben hatte.

Grimaldi rannte in dessen Wohnung. Auf sein heftiges Klopfen kam Bowley selber vor die Tür hinaus, augenscheinlich in der größten Verwunderung.

»Freilich, freilich!« antwortete er auf Grimaldis Frage, »John war da, wir haben ein paar flüchtige Worte miteinander gesprochen, aber er sagte, er habe heute gar keine Zeit, wolle aber morgen wiederkommen. Jesus«, rief er, »eine größere Überraschung hätte ich mir nicht träumen lassen. Nach so viel Jahren den Jungen wiederzusehen, und so unverhofft! so unverhofft!«

»Und wie lange ist er fort?« fragte Grimaldi.

»Das kann doch kaum eine Minute her sein?« antwortete Bowley; »länger auf keinen Fall, auf keinen Fall.«

»Und in welcher Richtung ist er fortgegangen?«

»Die Duke-Straße entlang.«

Grimaldi schloß hieraus, daß John zu seinem einstigen Hauswirte, einem gewissen Bailey, gegangen sein möchte, der in der Little-Wild-Straße seine Wohnung hatte. Er mußte lange klopfen, ehe ihm jemand antwortete. Eine alte Magd guckte endlich zu einem Fenster heraus und sagte, sie hatte doch schon einmal gesagt, daß der Herr nicht zu Hause sei. Wozu würde bloß noch einmal geklingelt? – Grimaldi gab sich zu erkennen. Das Mißverständnis klärte sich auf. Die Magd sagte, es habe vor wenigen Minuten erst jemand geklopft und nach dem Herrn gefragt, sei aber wieder gegangen, als sie ihm gesagt habe, der Herr sei nicht zu Hause. Grimaldi bat die Magd, ihm zu sagen, wie der Herr ausgesehen habe. Sie konnte aber nur sagen, daß er eine weiße Weste angehabt habe.

In Grimaldi stiegen unbestimmte Befürchtungen auf. Er lief nach dem Schauspielhause zurück, wo aber John nicht wieder vorgesprochen habe, lief von einem Hause zum andern, wo er den Bruder zu finden hoffte, aber weder hier noch dort hatte derselbe sich blicken lassen. Noch einmal eilte er nach dem Schauspielhause zurück, das eben geschlossen wurde, denn die Zeit war schon weit vorgerückt, und nun fiel ihm ein, daß er ja dem Bruder die Wohnung der Mutter bezeichnet hatte. Was konnte wahrscheinlicher sein, als daß der so lange verlorene Sohn sich dorthin begeben hatte? Er lief nach Hause, suchte unterwegs die Fassung wieder zu gewinnen; die Mutter sah blässer aus als sonst, wenigstens kam es ihm so vor; John war aber nicht da.

»Hat sich etwas besonderes zugetragen?« fragte er die Mutter weiter.

»Nein«, antwortete die Mutter; »nicht, daß ich wüßte.«

»Es ist kein Fremder dagewesen? kein uns lieber Verwandter, den wir lange Zeit nicht gesehen haben?« fragte Grimaldi, in dessen Herzen sich, alle Befürchtungen von neuem regten.

»Wie soll ich diese Worte verstehen?« erwiderte die Mutter.

»O ich wollte Dir nur sagen, daß John wiedergekehrt ist und Geld genug mit heimgebracht hat, um uns alle glücklich und zufrieden zu machen.«

Die Mutter schrie vor Freude laut auf, dann fiel sie in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich gekommen war, erzählte Grimaldi, was sich zugetragen habe. Seine Mutter und seine Frau waren aufs höchste verwundert. Die letzte meinte, John werde wohl mit anderen Bekannten und Freunden zusammengekommen sein und sicher noch kommen. Sie bestand darauf, daß ihr Mann sich zu Bett legte, da er sehr angegriffen und von dem vielen Herumlaufen aufs äußerste erschöpft war. Sie selbst blieb die ganze Nacht auf, aber – der verlorene Sohn kam nicht, auch den anderen Vormittag, den ganzen anderen Tag nicht. Er war, so schnell er aufgetaucht war, so schnell auch wieder verschwunden, und bis zu diesem Augenblicke, da ich diese Zeilen schreibe, ist nichts wieder von ihm gehört worden. Es ist auch nicht das geringste Anzeichen, das zu einer Aufklärung über sein Verschwinden hätte führen können, bis heutigentags zum Vorschein gekommen.

Grimaldi hat es, wie man sich wohl denken kann, an den größten Anstrengungen, Licht in die mysteriöse Sache zu bringen, nicht fehlen lassen, und ist in seinen Bemühungen hierin von allen Bekannten und Freunden bereitwillig unterstützt worden. Ein hochgestellter Herr von der Admiralität interessierte sich lebhaft für den Fall und ließ alle in den letzten Tagen angekommenen Schiffe revidieren, brachte die ganze Polizei auf die Beine, ließ in allen verdächtigen Häusern Nachsuchung halten. Aber – es war alles vergeblich. Von dem jungen Manne fand sich keine Spur. Über sein Verbleiben konnte nichts ermittelt werden.

Natürlich fehlte es an allerhand Kombinationen nicht. Zwei hatten die größte Wahrscheinlichkeit von allen anderen für sich.

Der Lord von der Admiralität vertrat die Ansicht, daß John zum Matrosen gepreßt worden und vielleicht in einem der damals häufigen Kämpfe zur See geblieben sein möchte. Er war früher unter einem angenommenen Namen gefahren, und das erschwerte natürlich die Nachsuchung wesentlich. Mehr hatte jedoch die Vermutung eines routinierten Polizeibeamten für sich, der die Meinung vertrat, der junge Mensch möchte von Leuten, die darum gewußt, daß er viel Geld bei sich trug, in irgend eine Spelunke oder Lasterhöhle verschleppt und dort ausgeplündert und erschlagen worden sein.

Leichtblütig war John immer gewesen, hatte auch Gefahren niemals ernstlich, genommen. Was vor allem für diese Kombination zu sprechen schien, war der auffällige Umstand, daß der Freund, mit dem er bei Grimaldi gewesen war, mit ihm zusammen verschwunden war und – verschwunden blieb. Hätte er um Johns Verschwinden nichts gewußt, so hätte er doch gewiß Erkundigungen nach ihm angestellt, zumal er sich doch am anderen Vormittag Punkt zehn Uhr mit ihm hatte treffen wollen. Er ließ jedoch nicht das geringste von sich hören. Es war auch nicht die geringste Spur von ihm aufzufinden, und um so bedenklicher war die Angelegenheit insofern, als John ihn gar nicht einmal Grimaldi vorgestellt hatte.

Kein Wunder, daß ihn Grimaldi sowohl als seine Angehörigen für den Schuldigen oder wenigstens für den Mitschuldigen an einem Verbrechen hielten, dem der zum zweiten Male verlorene Sohn und Bruder zum Opfer gefallen war – ob mit Recht oder Unrecht, dürfte wohl für alle Zeit in Dunkel gehüllt bleiben.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Signor Bologna und seine Familie. – Ein Ausflug mit ihr nach Kent. – Mr. Mackintosh, der wohlsituierte Landeigentümer. – Eine große Feldjagd und eine Szene mit einem Wirt, einem Wildhüter, Bologna und Grimaldi, die sich im »Garricks-Kopfe« abspielte.

Signor Bologna, seinen Freunden besser bekannt als Jacj Bologna, war ein Landsmann von Grimaldis Vater und gleich diesem aus Genua gebürtig. Im Jahre 1787 kam er mit Weib, zwei Jungen und einem Mädchen nach England. Auch er war ein Pantomimen-Künstler, während seine Frau auf dem Drahtseile tanzte. John, sein ältester Sohn, war Harlekin und stand später als solcher in hohem Rufe; Louis, der jüngere, war Tänzer; die Tochter Barbara Tänzerin.

Anfangs waren sie beim Sadlers Wells-Theater engagiert. Dort wurde auch Grimaldi mit Bologna bekannt, später befreundet, und ihre Freundschaft hielt stand bis an ihren Tod, also eine gar geraume Zeit, denn sie waren verhältnismäßig jung miteinander zusammengekommen.

Anno 1804 wirkten sie abermals beim Sadlers Wells-Theater, und das freundschaftliche Verhältnis wurde von neuem aufgewärmt. Grimaldi spielte auch wieder im Drury-Lane-Theater, und auch Bologna war stark in Anspruch genommen. Eines Abends klagten sie einander ihre Not über die viele Arbeit, die sie hätten, und Bologna fiel ein, daß ihn ein guter Bekannter, der in Kent einen kleinen Landsitz hatte, schon immer eingeladen hatte, ihn einmal auf ein paar Tage zu besuchen und mit ihm auf die Jagd zu gehen, wenn es anginge, deshalb auch einen Bekannten mitzubringen. Bologna lud nun Grimaldi dazu ein. Auf eine Vorfrage, ob ihr Besuch auch recht komme, erwiderte der alte Bekannte Bolognas, daß die beiden Herren je eher je lieber gesehen seien, und so fuhren sie am 6. November in einem Einspänner von London weg.

Unterwegs erzählte Bologna seinem Kameraden, Mr. Mackintosh, zu dem sie unterwegs seien, sei ein reicher Grundbesitzer, habe weder ein Amt noch ein Geschäft, sei aber im Besitze einer sehr schönen Jagd. Grimaldi war über diese Mitteilungen äußerst erfreut und sehr gespannt auf die Bekanntschaft mit Mr. Mackintosh, auch nicht wenig stolz darauf, Gast eines so vornehmen Herrn zu sein.

Unter solchem Gespräch kamen sie nach Bromley, das nur etwa zwei Stunden noch von Mackintosh Wohnsitze entfernt war. Hier begegneten sie einem Manne in barchentnem Wamse, der in einem zweirädrigen Karren fuhr, vor den ein auf einem Beine lahmer Pony gespannt war, kurzerhand hielt und die beiden mit lautem, vertraulichem Zurufe willkommen hieß.

Grimaldi wunderte sich hierüber nicht wenig, denn er hatte den Mann im ganzen Leben noch nicht gesehen, ganz verdutzt aber wurde er, als sich Bologna mit ihm die Hände schüttelte und ihn Grimaldi schließlich als Mr. Mackintosh vorstellte. »Ich bin sehr erfreut, mein lieber Joe«, sagte Mackintosh im Brusttone der Gönnerschaft, »daß ich Sie bei mir sehe. Ich habe es mir wohl gedacht, daß ich Sie auf dieser Landstraße treffen würde, und will Ihnen nun als Führer Dienste leisten.«

Grimaldi sagte ein paar Worte, um sich für die etwas plumpe Höflichkeit zu bedanken. Darauf setzten sich Karren und Einspänner wieder in Bewegung.

»Recht schade, meine Herren«, sagte Mr. Mackintosh, »daß Sie einen recht ungünstigen Tag, wenigstens für die Jagd, gewählt haben. Wir haben doch morgen Feiertag. Sie können sich aber morgen ein bißchen bei uns umsehen, und übermorgen, ja übermorgen wollen wir den Leuten etwas hören lassen! Da soll’s von früh bis spät in die Nacht hinein knallen!«

»Gibt’s heuer viel Hühner?« fragte Bologna.

»In Menge, meine Herren, in Menge!« versetzte Mackintosh, und auf eine Weise, wie auch in einem Tone, die es Grimaldi unmöglich machte, den seinen Mann in ihm zu entdecken, von welchem Bologna ihm soviel gesprochen hatte. Er sollte aber bald noch besseren Grund zur Verwunderung bekommen.

Etwa anderthalb Stunden mochten sie gefahren sein, als Bologna an Mackintosh die Frage stellte, ob sie es noch weit bis zum Fahrtziele hätten.

»Durchaus nicht«, antwortete Mackintosh, »dort steht ja mein Haus.«

Bei diesen Worten wies er auf ein sehr bescheidenes Gasthaus an der Straße, vor dem ein Schild mit dem Namen Mackintosh und der Zeile darunter hing: »Gute Unterkunft für Menschen und Vieh …«

Bologna blickte erst Grimaldi, dann die Schenke, zuletzt den Mann in Barchentwamse an; aber der letztere war von seinem bescheidenen Gasthöfchen augenscheinlich so eingenommen, daß ihm die Verwunderung seiner Gäste gar nicht auffiel.

»O«, sagte er, »Sie finden bei mir die besten Weine, Biere und Aale, Rauch- und Schnupftabak, Betten und Stallung, auch eine Kegelbahn, und was ein Menschenherz sonst noch wünschen kann.«

»Entschuldigen Sie, lieber Mackintosh«, sagte Bologna, der offenbar verdrießlich war, während Grimaldi sich fast das Lachen nicht verhalten konnte, »aber ich bin immer der Meinung gewesen, Sie hätten gar kein Geschäft.«

»Ich habe auch keines«, antwortete Mackintosh, »das Geschäft gehört meiner Mutter.«

Darüber war nun Bologna noch verdrießlicher, und Grimaldi mußte jetzt hell auflachen, was jedoch Mackintosh durchaus nicht verdroß, sondern amüsierte, meinte er doch fast eine Schmeichelei darin zu erblicken. »Ja«, sagte er, »man kann mich mit Recht für einen Gentleman ansehen, für einen Gentleman im wahrsten Sinne des Wortes, »denn ich tue weiter nichts, als in meinem Fuhrwerke herumkutschieren oder mit meinem Gewehr und meiner Angelrute umherstreifen. Alles Geschäft besorgt meine Mutter. Ich bin aber der einzige Sohn und werde also doch einmal mich mit dem Krame abfinden müssen.« Ein Weilchen verhielt er sich still. Dann schlug er Bologna vertraulich mit der Peitsche über die Schulter und setzte dann hinzu: »Daß Sie in eine Herberge kämen, haben Sie wohl nicht gedacht?«

»Nein, ganz gewiß nicht«, antwortete Bologna verdrießlich.

»Hab’s mir wohl gedacht, alter Junge«, erwiderte Mackintosh mit herzlichem Lachen, »meine Londoner Bekannten lasse ich eigentlich niemals hineinsehen, was ich eigentlich bin, ausgenommen ein paar besonders gute Freunde, wie Sie und Joe zum Beispiel. Ich wiege sie vielmehr immer in der Meinung, es sei Gott weiß was mit mir los, und darauf fallen sie auch alle hinein. Was kommt übrigens an auf die Meinung der Menschen? Wenn man bloß immer den Beutel recht voll hat – Geld, mein Junge, Geld ist nun einmal die Hauptsache in der Welt… Aber wir sind zur Stelle. Steigen Sie aus, und seien Sie versichert, daß es Ihnen bei mir gefallen wird. Wenigstens soll es Ihnen an nichts bei mir fehlen. Ich will Sie halten, wie es kein Edelmann besser könnte.«

In seinem Benehmen und seiner Weise lag eine gewisse Biederkeit, die für ihn einnehmen mußte. Grimaldi sagte deshalb, weil Bologna verdrießlich blieb und mit keinem Worte auf seine freundliche Rede erwiderte, ein paar höfliche Phrasen. Mackintosh war dafür sehr dankbar, führte seine beiden Gäste ins Haus und stellte sie seiner Mutter als ein paar sehr gute Freunde aus London vor. Sie wurden aufs beste aufgenommen und bewirtet und saßen bald bei einem guten Bauernessen, das im Verein mit dem schäumenden Biere Bolognas Verdruß bald beseitigte.

Als sie gegessen hatten, machten sie einen Spaziergang. Es war eine ganz nette Gegend, sehr schönes Hügel- und Wiesenland, auch ein recht stattlicher Wald. Zum Abend gab es wieder reichliches Essen und fast noch einen besseren Schoppen als bei Tage und als sie sich zu Bett verfügten, ließ Bologna von Herzen gelten, »daß sie es ganz gut getroffen hätten.« Aber er meinte trotzdem, »man dürfe den Tag nicht vor dem Abend loben«, sondern mit seinem Urteil noch immer so lange warten, bis man gesehen habe, wie es mit dem Wildbestande beschaffen sei. Am andern Tage verging die Zeit mit Essen und Trinken, allerhand Plausch mit einkehrenden Gästen, auch mit Mr. Mackintosh und seiner Mutter. Dann hieß es die Flinten instand setzen, und dann kam die Rede auf das Jagdvergnügen, von dem Mackintosh seinen beiden Gästen gar nicht Rühmens genug hermachen konnte.

Am dritten Tage nahmen sie den Morgenimbiß zu sehr früher Stunde ein und brachen dann mit ihrem Wirte auf, der kein Gewehr mitnehmen, sondern seinen Gästen bloß als Führer dienen wollte.

Nach einiger Zeit kamen sie an eine Steige, dann ging es über einen Anger, zuletzt kamen sie an ein niedriges Gatter, das zu einem schönen Stück Heideland führte. Da rief Mackintosh, der eine Strecke hinter ihnen geblieben war, sie sollten Halt machen.

»Ein Weilchen, bloß ein Weilchen!« rief er, »Sie wissen doch nicht so gut Bescheid wie ich!«

Er trat dicht an das Gatter, guckte hinüber und kehrte eilig zurück.

»Wir kommen gerade recht«, sagte er eifrig, »es sind Hühner über Hühner im Felde.«

Sie schlichen ans Tor heran, waren aber erstaunt, weiter nichts als Tauben zu sehen.

»Na, das ist doch eine stattliche Kette!« rief Mackintosh und schlug in die Hände vor Freude.

»Eine Kette?« wiederholte Grimaldi; »aber wo denn? Ich sehe ja bloß Tauben.«

»Bloß Tauben?« wiederholte Mackintosh; »aber, was dachten Sie denn bei mir zu finden?«

»Na, zum wenigsten doch Fasanen und Rebhühner!« riefen beide Weidmänner wie aus einem Munde.

Bologna wurde wieder ärgerlich und hätte fast seinen Grimm ,über diese Enttäuschung Luft gemacht; aber Mackintosh stellte sich aufs höchste verwundert.

»Fasanen und Rebhühner?« wiederholte er, »nein, von so etwas ist hier keine Rede! Ich habe Sie nach Kent zitiert, Hühner zu knallen; aber Tauben sind doch was noch weit besseres. Da haben Sie welche, und nun knallen Sie dazwischen, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich habe gehalten, was ich versprochen habe, und mehr zu tun braucht kein Mensch. Fasanen und Rebhühner! Aber woran haben Sie denn gedacht, meine Herren?«

»Der Musje windbeutelt«, flüsterte Bologna Grimaldi zu, »aber knallen wir ihn wenigstens soviel wie möglich von seinen Tauben weg!«

Grimaldi ließ sich nicht weiter dazu nötigen und richtete im Verein mit Bologna eine arge Verwüstung unter der »Taubenkette« an. Wenigstens zwanzig brachten sie auf dem Stück Heideland zur Strecke; fünf fielen auf der andern Seite des Gatters, und eine ganze Reihe fiel in den Busch nieder, wo sie sich ohne Hund nicht auffinden ließen. Das Jagdglück stellte ihre Laune wieder her, die Suche machte ihnen Zerstreuung, und so ging alles eine Zeitlang aufs beste, bis Mackintosh endlich meinte, nun müßten Sie wohl alles aufheben, was geschossen worden sei.

»Das sollte ich auch meinen«, sagte Bologna darauf; »aber was wird mit den Tauben, die in den Busch gefallen sind?«

»Die werden Sie wohl im Stiche lassen müssen«, versetzte Mackintosh, »es möchte wohl zu lange aufhalten, wenn Sie sie suchen wollten. Ich möchte Ihnen im Gegenteil raten, sich möglichst schnell auf die Socken zu machen.«

Bologna und Grimaldi schauten einander betroffen an, aber keiner von ihnen sagte ein Wort.

»Hören Sie doch, was ich Ihnen sage«, rief Mackintosh wieder, »es wird gut sein, Sie suchen das Weite!«

»Und weshalb denn?« fragte Bologna.

»Weshalb?« wiederholte Mackintosh, »na, der Grund ist doch nicht weit zu suchen, dächte ich: weil Sie Tauben geschossen haben!«

»Und deshalb sollen wir das Weite suchen?« fragte Bologna, außer sich vor Entrüstung.

»Aber Sie sind heute wirklich recht schwer von Begriffen,« antwortete Mackintosh, »denken Sie denn gar nicht daran, daß es unser Squire sehr ungnädig aufnehmen könnte, wenn es ihm zu Ohren käme? Und was liegt näher, als daß er Sie in seinem Zorn einstecken lassen wird, wenn Sie sich nicht beizeiten auf und davon machen? Ich dächte, das müßten Sie doch kapieren? Wenn Sie sich raten lassen wollen, so machen Sie sich auf die Socken und geben fürsorglich acht, daß Sie ihm nicht in den Weg kommen.«

»Pah!« rief Bologna verächtlich, »wie ich sehe, wissen Sie mit den Gesetzen unseres Landes nicht sonderlich Bescheid. Es möchte wohl keinen Squire von England glücken, uns einlochen zu lassen, weil wir auf seinem Felde ein paar Tauben weggeknallt haben, die Ihr Eigentum sind.«

»Die Tauben mein Eigentum?« rief Mackintosh, »die Tauben gehören ja doch mir nicht, sondern dem Squire, und wenn er merkt, daß ihm welche davon geschossen worden sind, speit er doch Feuer und Flammen! Wie konnten Sie aber auch so in die Kette hinein platzen! Wie gesagt, lassen Sie sich in aller Güte raten! Sie haben Tauben genug – mehr als nötig – aber machen Sie sich nun aus dem Staube!« Bologna und Grimaldi waren wie vom Donner gerührt und gafften einander erst sprachlos an, dann wurden sie zornig, dann packte sie die Angst, und nach einigen ernsten Vorhaltungen, die sich Macintosh mit bewundernswürdiger Ruhe anhörte, meinten sie, etwas besseres als seinen Rat so schnell wie möglich befolgen, könnten sie tatsächlich nicht tun.

Ohne Zeit zu verlieren, kehrten sie ins Gasthaus zurück, packten ihre Siebensachen, nahmen schnell noch ein paar Happen zu sich, verabschiedeten sich von ihrem merkwürdigen Wirte und seiner Mutter und setzten sich in ihren Einspänner. Mackintosh schnitt ein so dummehrliches Gesicht und zwinkerte so verschmitzt mit den Augen, daß sie sich trotz ihres Ärgers nicht enthalten konnten, herzlich zu lachen.

Am andern Morgen trafen sie einander zufällig im Covent-Garden. Ihr Jagdabenteuer stimmte sie sogleich wieder lustig, und um sich, noch einmal darüber so recht auszulachen, gingen sie in den »Garricks-Kopf« in der Bow-Street und ließen sich eine Flasche Xeres kommen.

Der Wirt war ein früherer Harlekin vom Drury-Lane-Theater, der sich ein bißchen Geld gespart hatte. Bologna und Grimaldi luden ihn als alten Bekannten ein, die Flasche zusammen mit ihnen auszustechen. Er nahm die Einladung mit Vergnügen an und führte sie in die sogenannte gute Stube. Dort erzählten sie ihm zu seinem nicht geringen Gaudium den Ausflug nach Kent und was ihnen dabei zugestoßen war. Als sie fertig waren, sagte er:

»Hätten Sie es mir doch nur gesagt, daß Sie einmal auf die Jagd gehen möchten. Ich hätte Ihnen leicht dazu verhelfen können. Ich bin doch aus Hayes, meine ganze Sippe wohnt dort drunten in Kent, und ich bin mit allen Waldhütern der Grafschaft auf gutem Fuße. Wenn sie zur Stadt kommen, kehren sie immer bei mir ein und hätten sich gewiß ein Vergnügen daraus gemacht, ein paar so guten Freunden von mir einmal einen Gefallen zu tun.«

»Ach!« meinte Bologna, »dann hätten wir, statt Tauben, auch Rebhühner vor die Flinte bekommen!«

Spencer lachte wieder. Da trat ein junger Mensch in die Stube, den weder Bologna noch Grimaldi kannte. Spencer gab ihm aber die Hand und bat ihn, sich mit an den Tisch zu setzen.

»Ei, was bringt Sie denn schon wieder in die Stadt?« fragte er den jungen Menschen.

»Ach! wieder eine recht dumme Geschichte!« rief der Mann; »es sind ein paar Londoner Tunichtgute bei uns draußen gewesen und haben meinem Herrn an fünfzig bis sechzig Tauben abgeschossen. Ich bin nun hergeschickt worden, sie ausfindig zu machen und arretieren zu lassen, habe deshalb auch schon einen Konstabel mitgebracht, der unten in der Gaststube sitzt und sich ein Glas Ale gut schmecken läßt.«

Bologna wurde käseweis, Grimaldi feuerrot. Spencer zwinkerte ihnen mit den Augen zu und sagte nach einer Weile in aller Ruhe:

»Wie denken Sie es denn anzufangen, Joseph, die beiden Galgenstricke ausfindig zu machen? In London ist das doch nicht so leicht!«

»Na, eine kleine Spur haben wir ja schon«, sagte der Wildhüter, denn ein solcher war es, wie Bologna und Grimaldi gleich vermutet hatten: »ich habe nämlich herausbekommen, daß sie bei Mackintosh eingekehrt sind und daß der junge Mackintosh sie kennen soll. Gestern abend bin ich ihm auf die Bude gerückt und habe ihn gefragt, wer die beiden Musjes seien und wo sie wohnten. Er wollte nicht mit der Sprache herausrücken. Da sagte ich ihm, daß wir uns dann an ihn halten würden. Darauf sagte er: »O, bekannt sind sie mir nicht, sind auch keine Freunde von mir; ich weiß bloß, daß sie bei irgend einem Theater in London angestellt sind, der eine als Clown, der andere als Harlekin.« Mehr war nicht aus ihm herauszubringen. Deshalb komme ich nun zu Ihnen her, weil ich ja weiß, daß Sie mit dem ganzen Theatervolk auf du und du sind, und wollte Sie fragen, was für ein Clown und was für ein Harlekin es wohl gewesen sein mögen.«

»Hat der Squire wirklich solchen Zorn?« fragte Spencer.

»Er hat sich verschworen, die ganze Strenge des Gesetzes gegen die beiden Missetäter walten zu lassen.«

Grimaldi geriet in die heftigste Unruhe, Bologna nicht minder. Davor, daß Spencer sie denunzieren würde, bangte ihnen freilich nicht; wohl aber davor, daß ihm Worte entschlüpfen möchten, die den Wildhüter hinter das Geheimnis bringen könnten. Bologna hätte man übrigens bloß ansehen dürfen, um auf der Stelle zu wissen, daß er der Schuldige sei. Aus seinem Gesichte war alle Farbe gewichen, und er zitterte so heftig, daß er das Glas, als er es zum Munde führen wollte, absetzen mußte. Dabei starrte er den Wildhüter in einem fort an, als seien sie ihm, wie dem Gerber im Märchen, alle Felle weggeschwommen.

»Eins scheint der Squire in seinem Zorn vergessen zu haben«, meinte Spencer und lachte wieder laut, »das Sprichwort, daß die Nürnberger keinen hängen, sie hätten ihn denn zuvor.«

»Das stimmt freilich«, versetzte Joseph, »und wenn Sie mir nicht dabei helfen, dann glaube ich kaum, die beiden Taubendiebe ermitteln zu können. Es mag wohl Clowns und Harlekins die Menge hier geben? Nicht wahr?«

»O, wie Sand am Meere etwa«, antwortete Spencer; »ich bin ja gleich einer von dem Korps.«

»Gewesen, aber doch jetzt nicht mehr«, meinte der Wildhüter lächelnd; »aber Sie knallen doch anderer Leute Tauben nicht weg.«

»Das nun freilich nicht«, versetzte Spencer mit der ruhigsten Miene von der Welt; »aber ich will Ihnen im Vertrauen sagen, Joseph, die beiden Musjes, wie Sie sie nannten, sind ein paar gute Freunde von mir.«

»So? Wirklich?« fragte Joseph, indem er Spencer näher rückte – »nun, dann werden Sie mir freilich nicht beistehen wollen, sie ausfindig zu machen – wie?«

Bologna warf Grimaldi einen Blick zu, der auf das deutlichste verriet, daß nun doch alles vorbei und keine Möglichkeit mehr vorhanden sei, dem Schicksale zu entrinnen.

»Dazu werden Sie mich wohl nicht bekommen«, antwortete Spencer, »gehen Sie also in Gottes Namen in alle Londoner Haupt- und Nebentheater und suchen Sie unter allen Clowns und Harlekins, die von ihnen beschäftigt werden, hübsch fleißig nach, ob sie die rechten beiden herausfinden. Aber gut werden Sie tun, den Himmel um seinen Beistand zu ersuchen, denn Possen werden Ihnen wohl genug gespielt werden, genug, daß Sie Ihr Leben daran zu lachen haben.«

Joseph schnitt ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Hm«, sagte er endlich, »wenn’s gute Freunde von Ihnen sind, Mr. Spencer, so muß man die Geschichte freilich aus anderm Lichte betrachten.« »Ich will Ihnen was sagen«, meinte Spencer und klopfte dem Wildhüter auf die Achsel, »reden wir nicht weiter über den Jux, meine Freunde werden die Tauben bezahlen und Ihnen, wenn Sie damit einverstanden sind, noch ein Beafsteak und eine Flasche Wein bezahlen. Wie denken Sie darüber?«

Josephs Mienen heiterten sich auf. »O!« rief er, »über die Tauben werden wir schon einig…und wenn die beiden Galgenstricke gute Freunde von Ihnen sind, dann wollen wir die Sache als abgemacht ansehen. Der Squire wird sich schon beruhigen – dafür lassen Sie mich sorgen. Was aber das Beafsteak und die Flasche Wein angeht, nun, Spencer, so wissen Sie, daß ich kein Kostverachter bin, nur müssen mir die beiden Herren versprechen, noch einmal nach Kent hinunter zu kommen. Ich will mich dann bemühen, Ihnen ein richtiges Jagdvergnügen zu verschaffen.« –

»Na, das ist doch mal ein Wort, Joseph«, rief Spencer, indem er zeremoniell aufstand und sich in Positur setzte, »und da Sie so vernünftig sind, so will ich nicht länger hinterm Berge halten. Das hier sind die beiden Galgenstricke, wie Sie sie schon ein paarmal genannt haben. Aber Sie können ihnen um so eher Pardon gewähren, als sie von Mackintosh irre geführt worden und der Meinung gewesen sind, als hätten sie Mackintosh Tauben vor der Flinte gehabt. Gestatten Sie also, die Herren miteinander bekannt zu machen: Mr. Bologna und Mr. Grimaldi – Mr. Joseph Clarke.«

Allgemeines Gelächter. Dann eine vergnügte Zecherei, bei der ein paar Flaschen Xeres ausgestochen wurden, nicht bloß eine. Grimaldi und Bologna nahmen die Einladung Mr. Clarkes mit Vergnügen an, kutschierten an dem festgesetzten Tage noch einmal nach Kent hinaus und erlegten in Zeit von anderthalb bis zwei Stunden vier Hasen und ein Dutzend Fasanen. Vergnügt und guter Dinge kehrten sie wieder nach London zurück, ohne diesmal ihren Freund Mackintosh mit umzustoßen, aber geradezu entzückt von ihrem neuen Freunde Clark, dem man vielleicht nicht allzu viel Unrecht antut, wenn man ihm unterstellt, daß er im Einverständnis mit Spencer den beiden Taubenschützen bloß einen lustigen Streich gespielt und sich ein gutes Mittagsbrot auf billige Kosten verschafft habe.

Im Drury-Lane-Theater wurde vorm Feste nichts neues auf die Bühne gebracht. John Kemble hatte seine Stellung beim Schlusse der vorletzten Saison quittiert und sich bei einem andern Unternehmen beteiligt, im Covent-Garden, wo er Mr. W. Lewis‘ Anteil übernommen hatte. Er übernahm dort die Regie, und an seine Stelle im Drury-Lane kam Mr. Wroughton.

Im Januar 1806 wurde dort eine klägliche Pantomime, »Harlekins häuslicher Herd«, aufgeführt, die sich jedoch wider Erwarten der Gesellschaft bis zu Ostern hielt und ganz erheblichen Beifall fand. Grimaldi äußerte hierüber wiederholt seine Verwunderung gegenüber Mr. T. Didin, dem fruchtbaren Theaterdichter damaliger Zeit, dessen Vater, Charles, Mitbesitzer des Covent-Garden-Theaters war. Dibdin räumte ein, daß das Stück wenig wert sei, und meinte, die gute Aufnahme, die es gefunden, sei ausschließlich dem guten Spiele der Darsteller zuzuschreiben: ein Fall der auch heute noch dann und wann sich ereignen soll.

Im Jahre 1805 nahmen die Vorstellungen wie gewöhnlich in Sadlers Wells zu Ostern ihren Anfang. Grimaldi und Bologna waren auch diesmal engagiert, und die Saison wies sich als überaus günstig: es waren soviel Kasse-Abende gewesen wie kaum je vorher.

Als »Harlekins häuslicher Herd« vom Repertoir gesetzt wurde, trat Grimaldi während der ganzen übrigen Zeit im Drury-Lane kaum noch ein halbes Dutzend mal auf. Im Juni wurde das Theater geschlossen und am 29. September mit Othello und Lodoiska wiedereröffnet. In dem letzten Stücke spielte nicht bloß Grimaldi, sondern auch seine Frau und seine Mutter mit.

Als er zum letzten Male in dieser Saison auftrat, hatte er eine Unterredung mit dem Direktor, die anfangs ganz günstig zu verlaufen schien, dann jedoch Ursache wurde, daß er nach Verlauf von etwa sechs Wochen das Theater, auf dem er zuerst aufgetreten war und fast vierundzwanzig Jahre mit dem denkbar günstigsten Erfolge gespielt hatte, ganz verließ.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

»Baron Münchhausen«. – Wie Ellar, der Harlekin, durch den Mond sprang und dabei sich die Hand verstauchte. – Grimaldi wird Miteigentümer von Sadlers-Wells. – Anekdoten vom Herzog von York, von Sir Godfrey Webster, einer goldenen Tabaksdose, Ihrer hochseligen Majestät, von Newcastle-Lachs und einem Kohlenbergwerk.

Grimaldi hätte nicht so eilig wieder nach London zurückzukehren brauchen, denn in Covent-Garden hatte er erst im November wieder aufzutreten, und auch da nur ein paar Abende in La Perouse. Da es aber leicht möglich war, daß er in ein paar Tagen spielen mußte, trug er Bedenken, sich auf länger als acht Tage zu einem Gastspiele in der Provinz zu verpflichten.

Das Theater in Sadlers-Wells wurde geschlossen, gerade als er in London eintraf. Die letzte Saison war so kläglich gewesen, daß verschiedene Besitzanteile von der Direktion veräußert wurden. Grimaldi hatte dadurch, daß man sein Engagement nicht erneuerte, keinen Schaden gehabt in finanzieller Hinsicht, und dabei bei weitem nicht soviel Mühe und Anstrengung aufwenden müssen, als wenn er dort weitergespielt hätte. Zu seiner im vorigen Kapitel genannten Gastspiel-Einnahme kamen noch die Beträge von 150, 70 und 100 Pfund, die er in Birmingham, Leicester und Chester löste, so daß er im ganzen für 56 Spielabende nahezu 1750 Pfund bekommen hat. In Sadlers-Wells hätte er es aber, einschließlich der Benefiz-Abende, nur auf 660 Pfund in 186 Vorstellungen gebracht, so daß er also 130 Abende weniger hätte zu spielen brauchen und doch um 1075 Pfund annähernd besser wegkam.

Die Weihnachtspantomime in Covent-Garden hieß »Baron Münchhausen« und wurde mit ebenso großem Beifall aufgenommen wie seit einigen Jahren alle vorhergehenden Stücke. Während ihrer Aufführung trug sich ein Vorfall zu, der als ein Beispiel menschlicher Brutalität erwähnt zu werden verdient.

In Sadlers-Wells war ein Tagarbeiter beschäftigt, der unter anderm auch mit verwandt wurde, einen Teppich zu halten, in welchem die Spieler bei den Sprüngen, die sie auszuführen hatten, aufgefangen wurden. Dieser Mensch trat eines Tags zu dem Harlekin Ellar, hielt den Teppich hoch und sagte, ein so knochentrockener Lappen wie das Ding da, sei ihm noch nicht vorgekommen. Diese Redensart des Tagarbeiters bedeutete nichts weiter, als daß ihm ein Trinkgeld gegeben werden möchte. Ob nun Harlekin Ellar gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt war, oder andere Gründe hatte, sich, still zu verhalten, kurz, er ließ den Tagarbeiter stehen und ging seiner Wege, der andere knurrte ihm ein paar grillige Worte hintendrein, und verschiedene, die sie mit angehört hatten, sagten Ellar am andern Morgen, daß er sich vor dem Menschen vorsehen möchte, denn er habe gedroht, an ihm Rache nehmen zu wollen.

Ellar lachte über die Drohung. Bis zum dritten Abend ging alles ganz gut; in der Szene aber, in der Ellar durch den Mond springen muß, kamen ihm am vierten Abend Bedenken, so daß er mit dem Weiterspiele zögerte und Grimaldi zuflüsterte, »ich fürchte, die Kerle werden mich nicht auffangen; dreimal habe ich schon geklopft und gefragt, ob sie fertig seien, aber es hat keiner auch nur mit einem Worte Bescheid getan.«

»Das ist doch ganz ausgeschlossen«, versetzte Grimaldi; »wer wird denn an so etwas denken? Springen Sie dreist, Freund! Vorwärts! Vorwärts! Es passiert Ihnen sicher nichts.«

Aber Ellar zauderte noch immer, bis Grimaldi ihn aufmerksam machte, daß das Publikum unruhig zu werden anfinge.

»Nun gut!« flüsterte Ellar, »ich will den Sprung schon riskieren; aber der Himmel weiß, wie das Ding enden wird!«

Seine Furcht war nicht grundlos gewesen, denn die Arbeiter, die den Sprungteppich zu halten hatten, hielten ihn so, daß er ihn unmöglich erreichen konnte, sondern stürzen mußte. Daß es so kommen werde, hatte er vorausgesehen und wollte lieber eine Hand, als den Hals brechen, richtete es also ein, daß er auf die Hände fiel, nahm aber dabei keinerlei Schaden, sondern konnte, freilich mit sehr großen Schmerzen, seine Rolle weiter spielen.

Natürlich wurde der Vorfall sogleich auf der Direktion gemeldet. Alle Arbeiter wurden im Hofe versammelt und ihnen mit sofortiger Entlassung gedroht, falls nicht sofort festgestellt würde, daß bei dem Vorfalle keinerlei schlimme Absicht vorgelegen habe. Der Obmann erklärte, sich für seine Leute verbürgen zu können, und appellierte an Mr. Ellar, ob er selbst glaube, daß jemand aus der Arbeiterschaft sich derart habe an ihm versündigen wollen; Mr. Ellar antwortete hierauf, er habe im ersten Augenblick wohl dergleichen Gedanken gehabt, sei aber davon abgekommen, und glaube weit eher an einen schlimmen Zufall. Grimaldi aber sagte er beim Nachhausegehen, er habe im letzten Augenblicke noch Mitleid gehabt mit der Familie des Unglücklichen, der – wie ihm zu Ohren gekommen sei – eine Frau mit sechs Kindern zu ernähren habe.

Ellars Verhalten war umso edler, als er nicht den leisesten Zweifel darein setzte, daß jener Mensch, dem er das Trinkgeld verweigert, mit Absicht so gehandelt hatte, und daß er elend ums Leben dabei gekommen wäre, wenn er es nicht so einzurichten gewußt hätte, daß er, statt auf den Kopf, auf die Hände fiel. –

Wenn man bedenkt, welch großen und schweren Gefahren Pantomimiker ausgesetzt sind, so muß man sich wundern, daß Grimaldi in seiner doch ziemlich langen Künstlerlaufbahn so wenig Unglück ausgesetzt gewesen ist. Freilich hat er dem Clown einen neuen, ruhigen Charakter geliehen und sich eigentlich nie auf Gliederverrenkungen gestützt, sondern seine Erfolge nur durch das Mienenspiel erreicht: er brachte sein Publikum zum Lachen dadurch, daß er mit dem Kopfe wohl agierte, aber nicht auf dem Kopfe stand. Grimaldi war eben in seinem Felde ein ausgemachtes Genie und darf als der Schöpfer eines neuen Clown-Genres bezeichnet werden.

Im Februar 1818 wurde ihm wiederholt bedeutet, daß er, falls er sich direkt an die Eigentümer von Sadlers-Wells wenden wollte, sichere Aussicht hätte, auf Bedingungen hin, wie er sie stellen könne, wieder in den Bühnenverband aufgenommen zu werden; aber er hatte keine Lust, darauf einzugehen, zum Teil, weil er noch immer Verdruß empfand über die Behandlung, die ihm zuteil geworden war, zum Teil aber auch, weil ihm durch seine Gastspiele in der Provinz weit bessere Einnahmen zugefallen waren, als während der ganzen Jahre, die er in London gespielt hatte.

Als jedoch Mrs. Hughes, die Witwe seines langjährigen, immer getreuen Freundes, selbst an ihn herantrat mit der Bitte, der Direktion entgegenzukommen, da wurde er in seinem Entschlusse schwankend und erklärte endlich, daß er sein Verhältnis zum Sadlers-Wells-Theater wohl zu erneuern bereit sei, doch nur unter der Bedingung, daß man ihn als Miteigentümer ausnehme. Er rechnete, auf diese Weise jeder etwaigen Wiederholung des Versuches, ihn an die Wand zu drücken, und auch durch den Gewinnanteil allen Alterssorgen überhoben zu werden.

Er sollte sich aber in diesen Erwartungen, wie in mancher anderen, bitter täuschen. Sein Antrag wurde nach mancherlei Beratungen zwischen den Mitgliedern der Direktion, allerdings angenommen; er kaufte eine Anzahl von Aktien von Mrs. Hughes selbst und verpflichtete sich zum Wiedereintritt in den Verband der Bühne, doch mit dem Vorbehalt, daß er in der letzten Julihälfte alljährlich auf sechs Wochen zu Gastspielreisen in der Provinz beurlaubt würde.

In der ersten Saison nach seinem Wiedereintritt war das Ergebnis keineswegs rosig, In den ersten Monaten ging wohl alles gut, sobald er aber in die Provinz gereist war, blieb das Haus leer, und als er im September zurückkehrte, erwartete ihn die Nachricht, daß statt mit Gewinn, mit Verlust gearbeitet worden sei. Er war darüber nicht wenig überrascht, aber auch sehr ärgerlich, denn das Sadlers-Wells-Theater hatte immer in dem Rufe einer sichern Rente gestanden, und er hatte bestimmt darauf gerechnet, durch diesen Schritt eine erkleckliche Höhe seines Einkommens zu erreichen.

Ein paar Tage nach dem Schlusse der Saison fand die erste Versammlung der Geschäftsteilhaber statt; die Rechnungen wurden geprüft, und es stellte sich heraus, daß der Verlust noch bei weitem höher war als zuerst angenommen wurde. Für jeden Aktionär bezifferte er sich auf 330 Pfund.

Grimaldi bezahlte, meinte nun aber gewiß sein zu dürfen, daß er von dem Gewinn aus seinen Gastspielreisen nicht mehr viel übrig behalten werde, und bereute es bitter, sich zu solchem Schritte entschlossen zu haben.

Als er eines Abends in Covent-Garden im »Baron Münchhausen« spielte, sah er den Herzog von York in einer Loge, zusammen mit Sir Godfrey Webster und einem dritten Herrn. Die hohen Herren lachten herzlich über die Komödie, und nach einer Szene mitten im Stücke, winkte Sir Webster Grimaldi zu sich.

»Recht saure Arbeit heute, Grimaldi?« sagte er, »nicht wahr?«

»Nicht bloß sauer, Sir Godfrey, sondern auch heiß!«

»So nehmen Sie eine Prise Zur Erfrischung, Joe«, erwiderte Sir Godfrey kordial und bot ihm die größte Tabaksdose, die Grimaldi je gesehen hatte. Grimaldi betrachtete sie verwundert, Sir Godfrey aber sagte, auf den Pantalon zeigend, der auf der Bühne stand:

»Präsentieren Sie sie dem Herren und sehen Sie einmal zu, ob er Lust zu einem Prischen hat.«

Grimaldi mußte gleich darauf wieder in einer sehr drolligen Szene auftreten, und stolzierte mit seiner Riesendose umher, die ganz wie eine absichtlich geschmiedete Karikatur aussah. Pantalon sah ihn aber mißtrauisch an und fragte:

»Woher haben Sie denn dieses Exemplar von Dose? Doch nicht etwa gemaust?«

Grimaldi beteuerte unter allerhand Grimassen, daß sie, ein Geschenk von hohem Herrn sei. Pantalon fragte, wer der Geber sei, und Grimaldi wies auf die Loge des Herzogs, in die eben Sir Godfrey wieder eingetreten war.

Es wurde wiederum, und noch mehr als vordem, gelacht. Der Herzog mußte sich tatsächlich den Bauch, halten, denn Grimaldi führte seine Rolle mit beispielloser Verve durch.

Im Fortgehen fragte Pantalon:

»Wo wollen Sie denn mit der Dose hin?«

»Dorthin, wo sie schon oft gewesen ist«, antwortete Grimaldi, gen oben zeigend, »zum Onkel Pumpmeyer!«

Unter stürmischem Applaus trat er ab, und nach einigen wenigen Augenblicken war Sir Godfrey wieder bei ihm, mochte er nun seine Dose tatsächlich in Gefahr wähnen, oder nicht.

»Grimaldi, das haben Sie großartig gemacht!« rief er ihm schon von weitem zu. »Sie haben mir eine Wette gewonnen, und sollen nun Ihre Hälfte abhaben.«

Er drückte ihm bei diesen Worten fünf Guineen in die Hand; der Herzog war unbemerkt eingetreten und sagte:

»Ah, teilen sich also die Herren in mein Geld! Aber lassen Sie sich sagen, Sir Godfrey, Mr. Grimaldi ist freilich kein Lastträger, allein ich zweifle nicht im geringsten, daß er Ihnen Ihre Dose unter solchen Bedingungen jeden Abend tragen würde.«

Der Herzog kehrte hierauf in seine Loge zurück, und da er sich nicht oft hinter den Kulissen blicken ließ, sah ihn Grimaldi außer diesem nur noch ein einziges Mal, nämlich im Jahre 1824, wo Seine Königliche Hoheit beim Theater-Hilfsfonds-Diner präsidierte und sich bei einem Tischnachbarn nach Grimaldis Befinden erkundigte, auch den Wunsch aussprach, ihm vorgestellt zu werden.

Grimaldi kam dem Wunsche zuvor, indem er sich in seinem Kostüm, dem eines Steward, sogleich zeigte.

Der Herzog war überaus huldreich gegen ihn, gab seinem Bedauern, daß Grimaldi seiner Körperschwäche wegen sein Fach hätte aufgeben müssen, wie auch der Hoffnung Ausdruck, daß er doch wieder in die Lage gesetzt werden würde, in seinem Fache zu wirken, da »sein Verlust ja ein Nationalunglück wäre«, und setzte hinzu, als Grimaldi sich hierfür bedankt hatte, »daß er sich seines Vaters sehr wohl erinnere, daß derselbe ein sehr drolliger Herr gewesen sei und ihm und einer Schwester von ihm Tanzunterricht gegeben habe.« – Er setzte hinzu, »daß sich Grimaldi, sofern er ihm je einmal gefällig sein könne, sich ohne allen Rückhalt an ihn wenden möge.«

In früheren Jahren hatte Grimaldi häufig Georg den Vierten, und zwar noch, als Prinz von Wales, in Drury Lane gesehen, und König Wilhelm besuchte als Herzog von Clarence ebenso oft Covent-Garden, wo sein schlichtes, anspruchsloses Wesen im Gegensatz zu dem abgeschmackten Geckentum der anderen jungen Herren vom Hochadel allgemein vorteilhaft auffiel, und zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung wurde, die für die letzteren nichts weniger als schmeichelhaft ausfielen.

Grimaldi trat einmal hastig in das Garderobenzimmer und war nicht wenig erstaunt, den Herzog von Clarence zu erblicken, im Gespräch mit einigen seiner Knaben, die er oft einmal ins Theater mitnahm.

Grimaldi verbeugte sich nicht ohne Verlegenheit und wollte sich wieder entfernen, der Herzog forderte ihn jedoch auf zu bleiben.

»Ich bitte Ihre Königliche Hoheit um Vergebung«, sagte er; »denn ich muß fürchten zu stören.«

»Stören?« wiederholte er lächelnd; »nicht doch! Ich bin der einzige, der hier stört.«

Bei diesen Worten stand er auf und wollte nicht eher wieder Platz nehmen, als bis sich Grimaldi in seiner Nähe gesetzt hatte.

Die Saison in Covent-Garden schloß am 17. Juli. Zwei Tage später hatte er sein Benefiz in Sadlers-Wells, das ihm beinahe 250 Pfund einbrachte, und am folgenden Morgen reiste er ab, um seine Gastspielreise in die Provinz anzutreten. Zunächst ging es nach Liverpool, wo er vom 27. Juli bis zum 19. August spielte. Seine Einnahme betrug hier 327 Pfund, also mehr, als er im Jahre vorher hier gelöst hatte.

Von Liverpool begab er sich nach Lancaster, dessen Theater ein Gegenstück zu dem in Berwick war. Hier trat er an zwei Abenden auf und machte eine Einnahme von 112 Pfund.

Von Lancaster reiste er nach Newcastle, wo er fünfmal auftrat und als seinen Gewinnanteil 244 Pfund einstrich. Hier bekam er ein Schreiben von Harris, worin ihm angezeigt wurde, daß er am 7. September in Covent-Garden sein müßte, da dort die Saison eröffnet würde. Das zwang ihn, sein Engagement in Edinburg aufzugeben, was ihm höchst verdrießlich war, da er bloß eine Tagereise von Edinburg entfernt war und dort auf eine Einnahme von mindestens 500 Pfund hätte rechnen dürfen. Er kehrte nach London zurück und hatte nach ein paar Tagen eine sehr unangenehme Auseinandersetzung mit Harris.

»Ei, Joe!« rief ihm dieser, sichtlich verwundert, entgegen; »ich habe auf ein Wiedersehen mit Ihnen erst in etwa drei Wochen gerechnet!«

Seinerseits nicht weniger verwundert, rief Grimaldi:

»Was? erst in drei Wochen?«

»Freilich, ich habe gemeint, Sie wollten in Schottland spielen!«

»Freilich war das meine Absicht, Sie schrieben mir aber doch, daß ich in diesen drei Tagen wieder hier sein müßte, und ich habe meine Edinburger Reise und bare fünfhundert Pfund schießen lassen, um Ihrer Aufforderung auf der Stelle nachzukommen.«

»Ah, jetzt sehe ich, wie die Sache steht… Sie sind gleich an dem Tage von Newcastle abgereist, an welchem Ihnen mein Schreiben zukam?«

Grimaldi bejahte.

»Schade! Ich habe mich gleich darauf anders besonnen und Ihnen auch wieder geschrieben, daß Sie bis zur ersten Oktoberwoche bleiben könnten. Da Sie nun aber hier sind, wollen wir schon Arbeit für Sie finden. In der anderen Woche werden wir es ein paar Abende mit »Mutter Gans« versuchen.«

Grimaldi sagte nichts darauf, Harris bemerkte seine trostlose Miene und setzte hinzu:

»Lassen Sie es nur gut sein! Denn was Ihr Edinburger Engagement angeht, so will ich Sie seinerzeit schon auf diese oder jene Weise zu entschädigen suchen.«

Grimaldi bedankte sich bei ihm, und Mr. Harris vergaß auch nicht, was er versprochen hatte.

Während seines Aufenthaltes in Newcastle fiel ihm ein, daß dorther der beste Lachs käme, den man in London kannte, und daß er auch seinen Namen nach der Stadt führte. Darum dachte er, sich ihn wohl schmecken zu lassen an der Stätte, wo er doch sicher am besten sein müßte, und bestellte sich ein Gericht davon zum Abendbrote.

Der Kellner antwortete: »Sehr wohl, Sir!« aber in einem Tone, wie wenn er den Auftrag nicht recht verstanden hätte.

Grimaldi fragte ihn deshalb noch einmal, ob er gehört habe, was er wünsche.

»Allerdings, Sir«, antwortete der Kellner, »Sie sollen auch bekommen, was Sie bestellt haben.«

Grimaldi kam nun am Abend in den Gasthof zurück. Der Appetit auf Lachs hatte ihm schon unterwegs den Mund wässerig gemacht. Er fand den Tisch bereits gedeckt. Der Kellner trug eine verdeckte Schüssel auf, hob die Glocke auf, und Grimaldi erblickte – nicht Lachs, sondern Hammelkoteletten.

»Ich habe ja eingemachten Lachs bestellt«, sagte er.

»Ach, ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte der Kellner, nicht ohne Verlegenheit.

»Sie haben es wohl vergessen, Kellner?« fragte Grimaldi.

»Hm, ja – es kann sein – ich muß es wirklich vergessen haben.«

»Na, ich kann ja auch Koteletten essen; aber vergessen Sie es, bitte, nicht wieder, daß ich morgen abend Lachs haben will.«

»Gewiß nicht, Sir«, antwortete der Kellner, und damit hatte die Sache für diesen Abend ihr Ende.

Am nächsten Abend lud Grimaldi den Direktor ein, mit ihm zu speisen. Der Tisch war gedeckt, sie setzten sich, die Glocke wurde abgehoben, und sie sahen – ein Beefsteak.

»Was ist denn das?« fragte Grimaldi den Kellner; »haben Sie den Lachs wieder vergessen?«

»Ich – ich – glaube wirklich, Sie hätten Beefsteak befohlen, Sir. Ich werde Sorge tragen, daß Sie morgen abend Lachs bekommen.«

»Vergessen Sie es aber ja nicht zum dritten Male! Ich reise übermorgen ab, und es ist mir daran sehr viel gelegen!«

»Verlassen Sie sich darauf, Sir!«

Am folgenden Abende fand Grimaldis Benefiz statt. Das Haus war wieder sogut wie ausverkauft, Grimaldi trat als Acres und als Clown auf, nahm sein Geld in Empfang, sagte dem Direktor Lebewohl und eilte ermüdet, sich noch immer auf den Lachs freuend, nach seinem Gasthofe zurück.

»Nicht vergessen, Kellner?«

»Nein, Sir.«

»Schön! bringen Sie mir noch die Rechnung, denn ich reise morgen in aller Frühe ab.«

Der Kellner entfernte die Glocke. Diesmal hatte man Kalbskoteletten darunter verborgen. Grimaldi wurde unwillig und befahl dem Kellner, den Wirt heraufzurufen, der gleich darauf erschien.

Grimaldi trug ihm seine Beschwerde vor, die der Wirt durchaus nicht verstand, bis es endlich nach vielem Hin- und Herreden zur Sprache kam, daß gepökelter Lachs keinem Menschen in Newcastle bekannt war und nur nach London verschickt werde. Der einfältige Kellner hatte keine Ahnung davon gehabt, was Grimaldi eigentlich hatte haben wollen. Es war ihm aber zuwider gewesen, sich als unwissend zu bekennen, und er hatte es daher für das beste gehalten, die am meisten begehrten Gerichte der Reihe nach zubereiten zu lassen in der Hoffnung, endlich doch das richtige zu finden.

Grimaldi besichtigte auf dieser Reise, jedoch nur sehr oberflächlich, ein Kohlenbergwerk. Durch eine interessante Schilderung, die ihm der Theaterdirektor davon gegeben, war seine Neugier geweckt worden. Er wurde in einem Korbe 2 – 300 Fuß hinuntergelassen, und kaum hatte der Führer, der ihn unten im Stollen in Empfang genommen, ein paar Schritte weiter geführt, als ein Kohlenklumpen von drei Tonnen Gewicht dicht hinter ihm herunterstürzte.

»Jesus! Was ist denn das?« rief Grimaldi in großer Bestürzung.

»Was denn weiter?« wurde ihm geantwortet, »es ist bloß ein bißchen, Kohle heruntergerutscht … das passiert immer ein paarmal tagsüber.«

»So? Na, ich – danke!« rief Grimaldi und lief eilends wieder zum Förderkorbe; »fahren Sie mich lieber gleich wieder hinauf!«

Der Korb kam wieder herunter, und Grimaldi konnte es kaum erwarten, bis er wieder oben war. Er verspürte nicht im geringsten Neigung, sich den Kopf von »einem bißchen« Kohle einschlagen zu lassen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Gewinn und Verlust. – Grimaldis Sohn auf dem Covent-Garden-Theater. – Sein letztes Engagement in Sadlers-Wells. – Die Riesen im Dubliner Pavillon. – Beunruhigender Gesundheitszustand. – Sein Engagement beim Koburg-Cheater. – Mr. Harris Liberalität. – Grimaldis letztes Auftreten in Covent-Garden. – Besuch in Cheltenham und Birmingham. – Oberst Berkeley, Mr. Charles Kemble und Mr. Bunn.

Durch seine sechswöchentliche Gastspielreise im Jahre 1818 gewann Grimaldi 680 Pfund, aber die schlechte Saison in Sadlers-Wells verschlang die ganze Summe wieder, und er besaß abermals weiter nichts als sein Salär; indessen hoffte er auf Ersatz in der nächstfolgenden Saison.

Die Weihnachtspantomime in Covent-Garden war »Harlekin Donquichotte«. Sie fand nicht den Beifall, den die früheren Pantomimen auf dieser Bühne gefunden hatten, obwohl Grimaldi darin zuerst als Sancho Pansa und dann als Clown auftrat. Man ließ daher im April eine andere folgen: »Harlekin und Aschenbrödel,« die aber auch keine bessere Aufnahme fand und nicht lange gegeben wurde. Im März war er einige Abende unbeschäftigt und nahm deshalb eine Einladung nach Lynn in Norfolk an, wo er viermal auftrat und eine Einnahme von 160 Pfund machte.

In Sadlers-Wells war die diesjährige Eröffnung von vielen Schwierigkeiten und Verlegenheiten begleitet. Zehn Tage vor dem Beginn der Saison legte Dibdin ganz unerwartet seinen Direktorposten nieder und ließ sich kaum bestimmen, die notwendigen Anordnungen auch nur für die erste Woche zu treffen. Es war niemand ausfindig zu machen, der für ihn hätte eintreten mögen, und so mußte sich Grimaldi dazu bequemen und deshalb seine diesmalige Gastspieltour mit all ihren Vorteilen aufgeben. Er brachte eine neue Pantomime eigener Erfindung »Die Schicksalsgöttinnen« zur Aufführung, die sich während der ganzen Saison hielt und auch immer gutbesetzte Häuser erzielte. Hierdurch besserten sich die finanziellen Verhältnisse für die Eigentümer einigermaßen.

Grimaldi merkte zu seiner nicht geringen Besorgnis in diesem Jahre zum ersten Male, daß seine Kräfte langsam abzunehmen anfingen. Zu spät sah er ein, daß ihn eine rechtzeitige Ruhe von längerer Zeit wahrscheinlich in den Stand gesetzt hätte, in seinem Berufe über die Mitte der vierziger Jahre hinaus zu wirken.

Vom September des Jahres 1819, wo Covent-Garden wieder eröffnet wurde, bis Weihnachten, wo die neue Pantomime »Harlekin und der Mönch« in Szene ging, gab er häufig den Kasrak im »Aladdin.«

In dieser Saison wurde sein Sohn auch ständig im Covent-Garden-Theater beschäftigt. Zuerst trat er als Fribble auf, dann in der Rolle des Liebhabers, die einen der lustigsten Pantomimen-Charaktere bildete. Man sah ihn in der Regel als Gigerl kostümiert; in der Handlung begünstigte ihn der Vater der Kolombine, während Kolombine selbst nichts von ihm wissen mochte. Dagegen nahm er regen Teil an der Jagd nach dem Helden und der Heldin der Pantomime, und Sache des Clowns war es, ihn in eine recht lächerliche Situation zu bringen.

Am 23. April übernahm Mr. Howard Payne das Theater auf eine Saison. Da sich kein anderer Direktor hatte finden wollen, war es ihm gelassen worden. Aber auch er büßte einen sehr bedeutenden Betrag ein, und Grimaldi fing der Spekulation langsam müde zu werden an. Da er jedoch allen Grund hatte, mit dem Ertrage seiner beiden Benefize zufrieden zu sein, reiste er im September in bester Stimmung und ohne jede Ahnung, daß er nur noch einmal, nämlich an seinem Abschiedsabend, in Sadlers-Wells auftreten sollte, nach Dublin ab.

Seine Reisegefährten waren Ellar und sein Sohn. Sie hatten zusammen Urlaub bekommen und waren zusammen von Harris, dem Direktor des Dubliner »Pavillon«-Theaters, engagiert worden. Ehedem Verhandlungssaal gewesen, war es vollkommen rund und für Theateraufführungen höchst ungeeignet, die Bühne selbst so eng, daß man, als die Vorbereitungen zum »Harlekin Gulliver« getroffen wurden, beim besten Willen nicht wußte, wohin die Leute aus Brobdignac gebracht werden sollten, denn sie nahmen soviel Raum ein, daß man sie, ehe der Vorhang aufgezogen wurde, im vollen Kostüm in einen dunklen Winkel postieren mußte, aus dem sie, sobald sie auf der Bühne zu erscheinen hatten, hervorgeholt und, wenn sie abtreten mußten, wieder zurückwandern mußten, um dann bis zum Schlusse der Pantomime dort ruhig auszuhalten.

Es blieb den unglücklichen Riesen weiter nichts übrig als sich in ihr etwas prekäres Schicksal zu schicken. Sie erregten Grimaldis Mitleid in hohem Maße, und nachdem die ersten Vorstellungen vorüber waren, fragte er sie, ob sie sich entschließen könnten, auch für die Folge das gleiche Maß von Hitze und Anstrengung zu ertragen.

»Wir haben uns die Geschichte überlegt«, antwortete der Wortführer von ihnen, »und sind für jeden Abend bereit, sofern uns Euer Gnaden einen Whisky nach Schluß der Vorstellung versprechen.«

Das geschah natürlich, und die Riesen betrugen sich fürderhin sehr artig und nett und betranken sich nicht ein einziges Mal.

Sieben Wochen verweilte die Gesellschaft in Dublin. Für Grimaldi war das Gastspiel sehr einträglich, brachte ihm doch sein Benefiz allein 200 Pfund.

Die Pantomime, die in Covent-Garden gespielt wurde, hieß: »Harlekin und Mutter Bunch« – unter welch letzterer Figur eine in Kindermärchen häufig vorkommende Hexe zu verstehen ist – und beide Grimaldis hatten darin Rollen.

Ostern wurde Sadlers-Wells auf drei Saisons an den mit Grimaldi befreundeten Mr. Egerton, einen Schauspieler vom Covent-Garden-Theater, verpachtet; Grimaldi konnte sich aber mit einigen Paragraphen des Vertrags nicht zufrieden geben, sodaß er es vorzog, seine Unterschrift zu verweigern. Dadurch kam es zu einem gespannten Verhältnis zwischen ihm und Egerton. Obgleich dasselbe anhielt, bewahrte Grimaldi dem einstigen Freunde doch immer eine hohe Achtung, die er gewiß auch verdiente.

Im Herbste begaben sich Ellar und Grimaldi Vater und Sohn wieder nach Dublin, verweilten vorher aber noch fünf Wochen in Birmingham, dessen Theater damals in dem Besitze eines Mr. Bunn war. Beide traten hier in der Pantomime »Mönch Baco« auf, die wohl über fünfzigmal gegeben wurde. Mr. Bunn war, wie von ihm bekannt war, höchst liberal und zahlte Grimaldi wöchentlich 20, seinem Sohne 9 Pfund, wozu noch für jeden ein Benefiz aus halben Gewinn an der Einnahme hinzukam.

Grimaldi wurde damals zu seinem unsäglichen Schmerz gewahr, daß es mit seiner Gesundheit immer schlechter wurde, und daß ihm ein frühes und gebrechliches Alter winkte. Am achtzehnten Spielabend wurde ihm im Theater so übel, daß er sich krank melden und einen Arzt zu Rate ziehen mußte. Nach acht Tagen war er wohl wieder so weit, daß er spielen konnte, – er fühlte aber, daß er nicht mehr der alte war, daß seine Kräfte vielmehr zusehends schwächer wurden. Die bösen Ahnungen, die ihn beschlichen, sollten sich auch bald erfüllen, und zwar so plötzlich, daß er selbst, aller früheren Anzeichen ungeachtet, davon überrascht wurde.

Am 6. Dezember reisten sie von Dublin ab nach London zurück, und schon am Tage nach ihrer Rückkehr begannen die Weihnachtsproben in Covent-Garden. Grimaldi hatte die Reise sehr angegriffen; er fühlte sich schwächer denn je vorher.

Die Pantomime, in der er wieder mit seinem Sohne zusammen auftrat, war: »Der gelbe Zwerg«. Sie wurde 44 Mal gegeben, Grimaldi wollte aber trotzdem nicht daran glauben, daß sie beim Publikum in sonderlich großer Gunst stände. Er spielte die Titelrolle, während sein Sohn als Midshipman auftrat.

Sein Gesundheitszustand wurde im Verlauf des Sommers zusehends schlechter. Auf ein paar Tage wurde es wohl dann und wann besser; vielleicht hätte er sich auch jetzt noch, da er in Sadlers-Wells nicht mehr aufzutreten brauchte, den Rest seiner Kräfte erhalten können, wenn er sich hätte entschließen können, während seiner Ferien sich völliger Ruhe hinzugeben. Aber der Pächter des damaligen Koburg- und heutigen Viktoria-Theaters, Mr. Glossop, machte ihm ein so vorteilhaftes Angebot, daß er nicht widerstehen konnte. Er verpflichtete sich zu einem sechswöchentlichen Gastspiele, das ihm eine so bedeutende Summe brachte, daß er es sicher verlängert hätte, wäre ihm nicht so unwohl geworden, daß er der Bühne gänzlich Valet sagen mußte.

Man riet ihm zu einer Brunnenkur in Cheltenham. Im August reiste er dorthin ab, ließ sich aber, als er sich halbwegs besser fühlte, von seinem alten Kollegen Farley, der das dortige Theater gepachtet hatte, zu einem zwölfmaligen Gastspiele bewegen. Er machte eine Einnahme von 150 Pfund und kehrte merkwürdigerweise gesunder und heiterer nach London zurück, als er gerechnet hatte, sodaß er bei Eröffnung der Saison im Covent-Garden-Theater mitwirken konnte.

»Harlekin und Werwolf« mit dem Untertitel »Die schlummernde Schönheit« hieß die Pantomime dieser Saison. Sie fand wiederum die beifälligste Aufnahme. Freilich hatte Mr. Harris es an Fleiß und Kosten nicht fehlen lassen und verstand es auch, seinen Eifer auf die Mitglieder seiner Truppe zu übertragen, für deren Winke und Ratschläge er immer ein williges Ohr hatte. Sämtliche Kostüme wurden auf Direktionskosten angeschafft. Von den Darstellern erhielt jeder ein Maß Wein so oft die Pantomime gegeben wurde, am Tage der ersten Aufführung sogar eine Einladung zu einem splendiden Diner im Piazza-Kaffeehause, wohin sie sich nach beendigter Probe begaben. Farley führte hierbei den Vorsitz, während Brandon sein Stellvertreter war. In dem Stücke wirkte sowohl Grimaldi als sein Sohn. Es hielt sich bis Ostern 1823. Dann wurde das von Farley verfaßte Melodrama »Das Sonnen-Gesicht oder die Peruanische Waise« gegeben. Grimaldi hatte darin eine Hauptrolle, die er aber schon an den ersten Abenden nur mit äußerster Anstrengung durchzuführen vermochte. Es fing ihm an Kraft zu fehlen an; seine Gelenke waren steif, seine Muskeln erschlafften, und heftige Krämpfe waren die stetige Folge der Anstrengungen, die er sich auferlegte. Wenn er von der Bühne abtrat, mußte er von Männern aufgefangen, mußten ihm die Glieder gerieben werden, und zwar solange, bis sein Stichwort fiel.

Die Zuschauer, die sich vor Lachen ausschütten wollten, solange er spielte, hatten keine Ahnung von den gräßlichen Schmerzen, die er zu leiden hatte, während ihm von allen Seiten Beifall geklatscht wurde.

So ging es bis zum vierundzwanzigsten Abend. Da war er nicht mehr imstande, seine Rolle zu Ende zu spielen, und auf den Tod erschöpft, außerstande, ein Glied zu rühren, wurde er in die Garderobe getragen.

Jetzt erinnerte er sich der Entstehung und allmählichen Entwickelung seines Leidens; jetzt fiel ihm wieder ein, daß sich alle Doktoren, die er im Verlaufe der Jahre deshalb konsultiert hatte, vergeblich bemüht hatten, ihm Heilung zu bringen, und die schreckliche Gewißheit, daß er sein Spiel werde einstellen müssen, drängte sich ihm auf. Er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte wie ein Kind. Am andern Morgen zeigte er der Direktion an, daß er, schwerer Erkrankung zufolge, seine Rolle aufgeben müsse.

Sein Sohn übernahm die Rolle auf der Stelle und war schon am ersten Abend imstande, sie mit Erfolg zu spielen. Das Stück erlebte 45 Aufführungen; wohl fing Grimaldi’s Zustand sich in der zweiten Woche zu bessern an, zu nochmaligem Auftreten in diesem Stücke ließ er sich aber nicht bestimmen. Die schlimmsten Ahnungen erfüllten ihn; es vergingen aber noch immer ein paar Jahre, ehe er die Hoffnung, sich auf dem Theater noch einmal zu betätigen, gänzlich aufgab.

Im August begab er sich zum zweiten Male nach Cheltenham und erholte sich soweit, daß er wieder ein paarmal auftreten konnte. Das Theater stand auch hier unter Farleys Leitung. Am ersten Abend kam Bunn und erzählte ihm, daß Kemble in Birmingham gastiere und Oberst Berkeley ihm versprochen habe, zu seinem Benefiz aufzutreten – was er öfter einmal tat, schon darum in der Regel mit großem Applaus, weil er ein bildhübscher Mann war und infolgedessen um »Verhältnisse« nicht eben verlegen war – Bunn sagte Grimaldi, in welcher Rolle er zu spielen gedenke. Dann setzte er aber hinzu, daß ihn auch die Absicht hergeführt habe, mit Grimaldi zu sprechen, ob nicht auch er sich bereit finden lassen wolle, ein paarmal in Birmingham mitzuwirken.

Zuerst mochte Grimaldi nichts davon hören; schließlich willigte er aber auf die Bedingungen hin ein, daß er nur zweimal zu spielen gehalten sei und daß ihm die Hälfte der beidesmaligen Einnahme zustehe.

An dem für Kemble festgesetzten Benefiz-Abende traf er mit seinem Sohne in Birmingham ein, hatte aber, da Kemble hier wie überall als bedeutender Künstler Englands außerordentlich beliebt war, nicht unbegründete Besorgnis, daß dieser Umstand ihm selbst von großem Nachteil sein würde, und äußerte noch am selben Abend Kemble gegenüber, in Drury Lane seien seinem Sohne acht Pfund geboten worden; würden ihm die Besitzer von Covent-Garden aber auch nur sechs Pfund bewilligt haben, so hätte er sich darein gefunden, auch unter solcher Bedingung zu spielen, um nicht eine Bühne zu verlassen, wo seinem Vater während so langer Jahre so unsäglich viel Wohltaten zugeflossen seien.

Kemble erwiderte darauf: »Mein lieber Joe, Ihr Anerbieten ist so außerordentlich freundlich, daß ich mich auf der Stelle damit einverstanden erkläre. Ihrem Sohne werden die gleichen Bedingungen bei uns zugestanden, wie sie ihm das Covent-Garden-Theater gewährt hat.«

Grimaldi begab sich in die Garderobe und traf dort den Oberst Berkeley, der ihm sagte, er hätte gar zu gern einmal den Valentin gespielt mit Grimaldi zusammen als Orson. Grimaldi antwortete darauf, daß er es sich selbst zur hohen Ehre anrechne, einmal mit Oberst Berkeley zusammen zu spielen.

»Schön,« sagte der Oberst darauf, »wir wollen die Sache als abgemacht ansehen; sobald Sie hier fertig sind, erwarte ich Sie für einen Abend in Cheltenham. Mit Farley werde ich dann alles notwendige verabreden. Ihr Sohn mag den Grünen Ritter spielen. Ich gebe Ihnen hundert Pfund Renumeration. Wollen mal zusehen, Joe, was wir beide zusammen zur Unterhaltung des Publikums ausrichten können.«

Aber aus diesem Plane sollte nichts werden. Grimaldi gab an Kembles Benefiz-Abend noch eine kleine, von ihm selbst verfaßte Pantomime zum besten: »Puck und die Puddinge,« mit der er einen so stürmischen Applaus erntete, daß er sich um vieles wohler fühlte, als seit langer Zeit, und sich auch bestimmen ließ, noch ein weiteres Mal aufzutreten. Er erntete fast noch mehr Applaus, als an den beiden vorhergegangenen Abenden, und hatte eine Einnahme von 186 Pfund. Bunn gab, als er sie ihm überreichte, der Hoffnung Ausdruck, ihn recht bald, zur Freude ganz Englands, wiederhergestellt und in alter Frische wiederzusehen.

Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Zerstörung des Covent-Garden-Theaters durch eine Feuersbrunst. – Grimaldi begibt sich nach Manchester, wo ihm, wie auch in Liverpool, ein Unglücksfall zustößt. – Die Kneipe zum »Sir Middleton« in Sadlers-Wells und mehreres von ihren Gästen.

Wie es immer bei Grimaldi war, so auch diesmal: es kamen Umstände, mit denen kein Mensch gerechnet hätte, die ihn um einen Teil des in Birmingham so geschwind verdienten Geldes bringen sollten. Kurz vor der Abfahrt von London nach Birmingham hatte es ihm an Geld gefehlt. Er hatte einen Freund, in den er volles Vertrauen setzte, damit beauftragt, ihm einen Wechsel in Höhe von 150 Pfund zu diskontieren. Der Freund hatte den Wechsel genommen, eingesteckt und versprochen, abends das Geld zu bringen. Der Abend war wohl gekommen, nicht aber das Geld, und das Geld war auch noch nicht da, als Grimaldi aus Birmingham zurückkehrte. Der Freund war nirgends zu finden, dafür hatte Grimaldi bald darauf das Vergnügen, die ganze Summe zu bezahlen, ohne einen Heller von dem Gelde gesehen zu haben.

Während der Saison 1808 hatte Grimaldi seine vornehmste und glücklichste Rolle in der Burlette »Der schnurrige Kauz oder: Mrs. Scaite im Serail« zu spielen. Es war ein abgeschmacktes und triviales Machwerk, dessen Held, von Grimaldi gespielt, Jeremias, Sohn einer Fischhändlerswitwe Scaite, von Grimaldis Mutter gespielt, der »Hans im Glück« war. Auch Grimaldis, nebenbei gesagt, sehr häßliche Frau hatte eine Rolle in dem Stück. Grimaldis beiden Benefize fielen aufs glänzendste aus, und das Theater wurde am 26. September nach einer höchst gewinnreichen Reihe von Abenden geschlossen.

Die Saison in Covent-Garden, die mit dem 13. Juli zu Ende gegangen war, begann wieder am 12. September. Sieben Tage später brannte das Schauspielhaus bis auf den Grund ab. Die Bühne wurde nach dem italienischen Opernhause, in der Folge nach dem Haymarket-Theater verlegt.

Da man jedoch für Grimaldi dort zurzeit keine Verwendung hatte, nahm er eine Einladung nach Manchester an, dessen Theater damals unter der Leitung der Herren Ward, Lewis, Knight stand.

Zwischen den beiden damals den Verkehr Londons mit Manchester verbindenden Postkutschen-Gesellschaften bestand ein lebhafter Wettbewerb. Aus Rücksicht auf die Sicherheit der Passagiere war ihnen von der Behörde aufgegeben worden, daß keine ihrer Kutschen der andern vorausfahren dürfe. Grimaldi hatte seinen Sitz in der Hinteren bekommen. In Maclesfield gerieten die beiden Kutschen, als sie hielten, um die Pferde zu wechseln, so hart aneinander, daß beide umgeworfen wurden. Glücklicherweise kamen sämtliche Reisende ohne Schaden davon, Grimaldi kam insofern am schlechtesten dabei weg, als fünf starke Männer auf ihn zu liegen kamen, unter deren Wucht er sich nur mühsam hervorarbeiten konnte.

Er spielte in Manchester an sechs Abenden und einmal in Liverpool. Seine Einnahme aus diesem siebenmaligen Auftreten bezifferte sich auf 251 Pfund.

Es begegneten ihm dabei ein paar Unglücksfälle, die bös genug abliefen, leicht aber noch böser hätten ablaufen können, In Manchester arrangierte er eine nette kleine Pantomime, »Luftschlösser« betitelt, in der er natürlich wieder den Clown spielte. Gleich in der ersten Szene hatte er aus einer großen, mitten auf der Bühne stehenden Bowle herauszusteigen, die die Aufschrift »Stachelbeer-Narr« trug, und konnte nur durch eine von ihr versteckte Versenkung hinein gelangen. Gleich bei der ersten Vorstellung rissen die Stricke, als er schon mit der Bühne in gleicher Höhe sich befand, und er stürzte wieder hinunter in die Tiefe. Im ersten Augenblick war er wie betäubt, kam aber bald wieder zu sich, ging die Treppe hinauf, betrat die Bühne und spielte, wie wenn ihm gar nichts passiert wäre.

Während des ersten Auftritts verspürte er noch Schmerzen, die aber in der Aufregung, in die ihm seine Rolle versetzte, sich allmählich legten, und als die Pantomime zu Ende war, fühlte er sich so munter, wie zu Anfang derselben.

Das Theater in Liverpool stand unter der gleichen Direktion wie das zu Manchester. Die ganze Truppe reiste dorthin und nahm auch den Maschinisten mit. Grimaldi kanzelte ihn wegen seiner Fahrlässigkeit tüchtig ab und ermahnte ihn, sich in Liverpool größerer Achtsamkeit zu befleißigen. Wohl versprach er es, hielt aber leider nicht Wort. Eben tauchte Grimaldi unter dem Jubel des Publikums aus der Bowle hervor – es wurde natürlich in Liverpool die gleiche Pantomime aufgeführt wie in Manchester – als die Stricke abermals nachgaben, so daß er in der Versenkung hängen blieb. Eine Zeitlang gelang es ihm, sich festzuhalten; schließlich stürzte er aber doch hinunter und verletzte sich dabei die Schultern. Er litt empfindliche Schmerzen, so daß er die erste Szene nur mit der größten Mühe zu Ende spielen konnte; dagegen spielte er alle übrigen, durch den Beifall des Publikums angefeuert, ohne auch nur an seinen Anfall noch zu denken.

Als aber das Nachspiel vorüber war – eine jener unter dem Schlagwort »Entertainents« üblichen Dialoge, mit Liedern und Tänzen durchsetzt, die sowohl szenarisch als auch inhaltlich in der Regel das beste bieten – und er sich auf den Heimweg nach seinem Gasthause machte, konnte er vor Schmerzen kaum vom Flecke. Er nahm zu seiner bewährten Einreibung Zuflucht, wurde aber in einem Zustande großer Hilflosigkeit zu Bett gebracht und mußte sich am andern Morgen in den Wagen, in welchem er nach London zurückfuhr, tragen lassen.

Er spielte auf dem Haymarket-Theater nur selten bis nach Weihnachten. Dort wurde dann die »Mutter Gans« mit einer neuen Schlußszene wiedergegeben, in der man die Trümmer des Covent-Garden-Theaters erblickte, durch Harlekins Zauberrute in ein neues und glänzendes Gebäude verwandelt.

Im März trat er zum ersten Wale in der Pantomime »La Peyrouse« als Kanko auf, einer sehr anstrengenden pantomimischen Rolle, die aber kein Clown war. Am 23. Mai hatte er sein Benefiz. Ein paar Abende nachher schloß die Saison und mit ihr, wie hier bemerkt werden mag, die Kunstlaufbahn des berühmten Lewis, der sich, zu dieser Zeit von der Bühne ganz zurückzog.

Im folgenden Jahre brachte Sadlers-Wells keine besondere Novität. Ein Stück, »Johnnie Armstrong«, worin Grimaldi den Kirstie, eine Art »Prüfstein« – wie der Narr in Shakespeares »Wie es Euch gefällt«, spielte – fand großen Beifall, und die Saison erwies sich als höchst gewinnreich, wie damals alle in Sadlers-Wells-Theater.

Dort wurde die Pantomime in der Regel zuerst gegeben, so daß Grimaldis Obliegenheiten in der Regel um halb neun Uhr zu Ende waren. Dann begab er sich in der Regel auf ein Stündchen in das Gasthaus »Zum Sir Middleton«, trank mit ein paar guten Bekannten ein Gläschen Wein, mit Wasser vermischt, und kutschierte dann in seinem Gig nach Finchley hinüber.

In diesem Gasthof war er hie und da mit einem gewissen George Hamilton zusammen, einem jungen Manne aus Clerkenwell, der ein Juweliergeschäft betrieb und ein sehr angenehmer Gesellschafter, aber leichter Vogel war, gern einen über den Durst trank, viel Geld durchbrachte, sich wenig um sein Geschäft bekümmerte, nicht gern davon hörte, daß er ein Geschäft betrieb, sondern sich lieber als vornehmer Herr aufspielte.–

Dabei war er ein gewandter Kaufmann und verdiente sehr gut in seinem Geschäft, allgemein ging aber die Rede, daß er weit mehr ausgebe, als er einnehme. Grimaldi war ein gutherziger Mensch und wollte ihn oft zum bessern lenken, aber Hamilton ließ von seinem leichtsinnigen Wandel nicht ab.

Hamilton hatte auch ein körperliches Gebrechen, es fehlte ihm nämlich der dritte Finger an der linken Hand. Er bemühte sich immer, dieses Gebrechen zu verstecken dadurch, daß er ein paar andere Finger einzog, so daß es, wenn er die Hand einmal sehen lassen mußte – was er nicht gern tat – dann immer aussah, als wenn er bloß zwei Finger hätte.

Grimaldi machte seine Bekanntschaft zuerst im Jahre 1808, seit Ostern 1809 traf er aber häufiger mit ihm zusammen. In der Zwischenzeit hatte Hamilton sich verheiratet und brachte, wie es damals bei den Gewerbetreibenden Brauch und Sitte war, häufig seine junge hübsche Frau mit ins Gasthaus.

Grimaldi achtete anfangs wenig darauf, bis ihm auffiel, daß sich mit Hamilton eine ernstliche Veränderung vollzog. Der junge Mann wurde heftig und reizbar, führte unzusammenhängende Reden, und schon in seinem Blick und seinen Mienen verriet sich ein höchst unruhiges Gemüt. Auch in seiner Kleidung hatte sich viel geändert, er hatte sich früher immer wie ein anständiger, in behäbigen Verhältnissen lebender Bürger getragen, entfaltete jetzt aber einen eigentümlichen Prunk, trug eine Menge Ringe und andere Schmucksachen, verletzte die anderen ehrsamen Bürger, die im »Sir Middleton« verkehrten, durch geringschätzige Reden über das Handwerk und dessen Betrieb, und geriet häufig in ernsten Wortwechsel darüber.

Seine Frau war darüber sichtlich sehr unglücklich. In ihrer Gegenwart nahm er sich freilich immer zusammen, trank auch nicht soviel wie sonst, wenn er allein einkehrte, hatte aber der Unarten noch übergenug an sich, daß sie, wenn sie sich unbemerkt wähnte, oft die bittersten Tränen weinte.

Eines Abends brachte er einen Kumpan mit, der durch sein Aussehen und Benehmen vom ersten Augenblicke an das lebhafteste Mißtrauen weckte, Hamilton stellte ihm Grimaldi vor, der sich aber, als er merkte, daß beide schon einen Rausch hatten, ablehnend gegen jede Unterhaltung verhielt und sich, sobald es unauffällig geschehen konnte, aus dem Gasthaufe entfernte.

Von da ab kamen die beiden Kumpane häufiger zusammen in dem »Sir Middleton«, und gar bald fiel es auf, daß Hamilton den Fremden immer dann mitbrachte, wenn er einen Rausch hatte. Niemand kannte denselben und niemand mochte ihn leiden. Die Stammgäste des Hauses steckten dann immer die Köpfe zusammen und schüttelten bedenklich und geheimnisvoll die Köpfe.

Eines Abends saß Grimaldi allein und in die Lektüre eines Zeitungsblattes vertieft in der Gaststube, als Hamilton in Begleitung seiner Frau und eben dieses Fremden auch eintrat, Hamilton war so berauscht, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Seine Frau hatte verweinte Augen, dagegen zeigte der Fremde ein höchst vergnügtes, doch um so häßlicher wirkendes Gesicht.

Grimaldi hielt sich das Zeitungsblatt so vor das Gesicht, daß ihn die drei Leute nicht sehen konnten, aber er merkte genau auf das Gesprächs das sie zusammen führten, Hamilton ließ Bier kommen, seine Frau bat ihn, doch lieber mit nach Hause zu gehen, er versprach es ihr, sobald er sein Glas ausgetrunken haben würde, war aber, als es vom Kellner auf den Tisch gesetzt wurde, bereits eingeschlafen.

Grimaldi hatte jetzt zum ersten Male den Namen des Unbekannten, Archer, gehört. Ein paar Minuten betrachtete nun dieser seinen in Schlaf versunkenen Kameraden, dann beugte er sich plötzlich zu dessen Frau hinüber und stieß sie mit dem Ellbogen an. Die Frau blickte erschrocken auf. Der Wicht blinzelte verächtlich nach dem Trunkenbolde hinüber, nahm ihre Hand und drückte sie auf eine kaum mißzuverstehende Weise. Die Frau sprang entrüstet auf und warf Archer einen niederschmetternden Blick zu. Aber eine Stunde saß er nun mit verschränkten Armen da, wandte die Augen nicht vom Boden, raffte sich aber endlich auf und half der Frau, ihren betrunkenen Mann zu wecken.

Hamilton schüttete den Inhalt seines Glases hinunter, und nun entfernten sich die drei Leute wieder. Die Frau ging Archer sichtlich aus dem Wege und vermied es auch, ihn nur mit dem Arme zu streifen.

Der Auftritt hatte Grimaldi in unbeschreibliche Erregung versetzt. Er blieb eine ganze Stunde länger als sonst in dem Gasthause sitzen und ging ernstlich mit sich zu Rate, wie er sich Hamilton gegenüber verhalten solle. Zuerst hielt er es für das beste, Hamilton scharf ins Gebet zu nehmen, dann aber schien es ihm für geratener, erst mit seiner Frau über den Fall zu sprechen und ihrer Entscheidung das weitere Verhalten anheimzustellen. Seine Frau riet ihm, sich mit der Sache nicht weiter zu befassen, sondern es der Klugheit und dem Pflichtgefühl von Hamiltons Frau zu überlassen, ihren Mann auf die rechte Bahn zu führen und vor dem hinterhältigen Freunde zu warnen.

Das nächste mal traf er im »Sir Middleton« Hamilton allein, der ihm sogleich zunickte und sich erkundigte, ob er noch immer nach Finchley hinaus führe.

»Nein«, antwortete Grimaldi; »aber ich wollte, ich könnte es. Leider hält mich eine Verpflichtung in der Stadt davon ab.«

»Ich dachte, Sie führen alle Abende im Sommer hinaus«, warf Hamilton gleichgültig hin.

»Nein, alle Abende nicht, aber doch fünfmal in der Woche.«

»Fahren Sie morgen hinaus?« fragte Hamilton, »Morgen bestimmt«, antwortete Grimaldi, »in dieser Woche überhaupt jeden Abend, nur eben heute nicht.«

Darauf sagten sie einander gute Nacht und gingen auseinander.

Es kamen aber am andern Tage ein paar Kollegen von auswärts nach London und besuchten Grimaldi, so daß er auch an den nächsten beiden Tagen nicht die Fahrt nach der Stadt antreten konnte.

Am vierten Tage darauf aber, am 9. Juli, ging er wieder in den »Sir Middleton«, um vor der Heimfahrt noch ein Gläschen zu trinken. Da erinnerte er sich lebhaft an die unglückliche Frau und ihren leichtsinnigen Mann und erkundigte sich, ob etwa dieser zugegen sei. Man antwortete ihm, Hamilton hätte sich seit dem Abend nicht mehr sehen lassen, an welchem Grimaldi mit ihm zum letzten Male gesprochen hätte.

Als Grimaldi seine Zeche bezahlen wollte, sah er erst, daß er nur zwei Einpfundnoten bei sich hatte. Er gab dem Aufwärter eine, um sie wechseln zu lassen, und steckte die andere in die Westentasche. Es war seine Gewohnheit, Banknoten in einer Brieftasche bei sich zu führen, die er aber zu Hause hatte liegen lassen.

Der Aufwärter brachte ihm das Geld, das er herausbekam. Er bestieg sein Gig und fuhr ab. In Tottenham Court Road wurde er durch ein Geschäft und in Kentish Town durch einen Freund abgehalten, mit dem er ein halbes Stündchen verplauderte, so daß es fast Mitternacht geworden war, als er sich seiner Wohnung näherte.

Sechzehntes Kapitel.


Sechzehntes Kapitel.

Ein Abenteuer mit Straßenräubern und dessen Folgen.

Es war eine schöne, sternhelle Nacht, und nach der am Tage herrschenden Hitze wehte ein recht erfrischendes Lüftchen. Grimaldi fuhr rascher als gewöhnlich, weil er besorgte, daß die Seinigen wegen seines langen Ausbleibens unruhig werden möchten. Plötzlich stand sein Pferd still.

An der Stelle, wo dies geschah, war eine Senkung, in der sich dann und wann Wasser ansammelte, und vor der Grimaldi manchmal zu halten pflegte, um langsam hindurch zu fahren. Er bückte sich vornüber, um sich zu überzeugen, daß er schon bei der bekannten Stelle angelangt sei, und hörte, während er so tat, einen leisen Pfiff.

Unmittelbar darauf sprangen hinter einer Hecke drei Männer hervor, von denen der eine dem Pferde in die Zügel fiel, die beiden anderen an das Gig herantraten, Grimaldi Pistolen vorhielten und sein Geld abforderten.

Ein paar Augenblicke lang saß er sprachlos da, rief aber gleich darauf: »Gnade, Ihr Herren, Gnade!« denn er hörte, wie die Räuber die Hähne ihrer Gewehre spannten, und wußte sogleich, daß er in ihre Hände gegeben war, denn wie hätte er denken können, gegen drei Bewaffnete aufzukommen?

»Es soll Ihnen nichts geschehen«, sagte der eine, »wenn Sie uns sogleich Ihr Geld ausliefern.«

»Nein, nein, wir tun Ihnen nichts«, sagte der andere, »Ihr Geld ist alles, was wir wollen.«

»Das sollen Sie haben«, erklärte Grimaldi, »nur fügen Sie mir kein Leid zu, meine Herren.«

Grimaldi fuhr in die Taschen und musterte dabei sorgsam die Gesichter der Räuber, die so dicht mit schwarzem Flor vermummt waren, daß er keinen Zug zu erkennen vermochte. Auch trugen sie lange, schwarze Kittel.

»Tummeln Sie sich, tummeln Sie sich«, drängte der eine; »das Geld – das Geld her! Wir können uns unter keinen Umständen länger aufhalten.«

Grimaldi reichte ihm seine Börse. Der Räuber, der das Pferd hielt, sah sich scharf um und fragte:

»Was hat er Dir gegeben, Tom?«

Worauf der Raubgeselle antwortete: »die Börse!«

»Damit ist’s nicht getan! Sie haben noch mehr Geld bei sich. Ich weiß es. Wollen Sie uns all Ihr Geld auf der Stelle herausgeben?«

»Ich habe wirklich weiter nichts bei mir«, versetzte Grimaldi, »ich habe ja sonst noch in meiner Brieftasche Geld, habe sie aber heute zu Hause liegen lassen.«

»Sie haben aber mehr Geld bei sich«, versetzte der andere wieder, »ich weiß es. Greifen Sie doch mal in Ihre Westentasche!«

Grimaldi hatte nicht an die Banknote gedacht, die er dort hinein geschoben hatte. Er händigte sie dem Räuber ohne weiteres aus. »So! Nun ist’s gut, Tom!« sagte der eine Räuber, der sich rechts von ihm postiert, und trat, als wenn er sich entfernen wollte, hinter das Gig.

Es waren die ersten Worte, die dieser gesprochen hatte, und Grimaldi kam es so vor, als sei ihm die Stimme bekannt, obwohl er sich im Augenblicke nicht besinnen konnte, wo und wann er sie gehört hatte. Zum Nachsinnen darüber blieb ihm keine Zeit, denn der Räuber, der das Pferd hielt, fragte eben seinen links vom Gig stehenden Kameraden, ob er sich die Uhr hätte geben lassen. Der Gefragte verneinte, hielt nun Grimaldi von neuem das Pistol vor und forderte ihm die Uhr ab.

Grimaldi gab sie ihm, freilich nicht ohne einen recht schweren Seufzer, war es doch mit seinem Medaillon, die ihm einst zum Präsent gemacht worden war, und als er sie hergab, konnte er sich nicht enthalten, die Worte zu sagen:

»Wüßten Sie, wer ich bin, dann würden Sie gewiß nicht so mit mir herumspringen!«

»O, wir kennen Sie sehr wohl, Mr. Grimaldi«, antwortete der beim Pferde stehende Räuber, »seit drei Abenden haben wir auf Sie gelauert und meinten fast schon, daß Sie auch heute nicht kommen würden.«

Die beiden anderen lachten. Aber der Räuber, dessen Stimme Grimaldi bekannt geklungen hatte, forderte den andern, der die Uhr genommen hatte, energisch auf, sie Grimaldi zurückzugeben, und riß sie seinem Kameraden, als er nicht gleich gehorchen wollte, aus der Hand, um sie Grimaldi selbst wiederzugeben. Dabei sah nun Grimaldi, daß dieser Räuber bloß drei Finger an der Hand hatte, oder bloß zwei Finger zu haben schien.

Die Buschklepper entfernten sich nun mit der höchsten Eile, und den Beraubten befiel, als er sich nun allein sah, eine fast größere Furcht, als ihn vordem beherrscht hatte. Es war ihm zumute, als hinge die Rettung seines Lebens nur von augenblicklicher Flucht ab, und daß er viel schneller vom Flecke kommen dürfte, wenn er, statt weiter zu fahren, die Strecke bis nach Hause liefe.

Er folgte dieser Eingebung des Augenblicks, war mit einem Satze aus dem Gig, kam aber dabei zu Falle und schlug sich die Schläfe wund. Er raffte sich indes gleich wieder empor und rannte, ohne weiter zu überlegen, ins Blaue hinein, bis er einem Manne in den Weg lief, der auf einer Streifwacht begriffen war und ihn recht gut kannte. Noch völlig außer sich, erzählte Grimaldi dem Manne, was ihm eben begegnet war.

»Habe so etwas vermutet«, sagte der Streifwächter, »habe den drei Kerlen aufgepaßt und ihnen erst gestern noch gesagt, daß es mir gar nicht recht behagen wolle, daß sie auf meinem Striche herumschnüffelten, und daß ich, wenn etwas vorgehen solle, was das Tageslicht zu scheuen hätte, es ihnen aufs Kerbholz schreiben würde. Seien Sie nur ruhig, Sir. Ich weiß, wo die Patrone zu finden ist, und gebe Ihnen Brief und Siegel, daß wir sie binnen jetzt und zwei Stunden dingfest gemacht haben.«

»Und was soll ich dabei tun?« fragte Grimaldi.

»Am besten wird’s schon sein«, versetzte der Grenzwächter, wenn Sie sich gar nicht dabei betätigen. Suchen Sie nur so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, und lassen Sie sich morgen mittag um zwölf Uhr in der Bow-Street sehen. Dort werde ich Ihnen die drei Kerle vorführen, oder es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen.«

In diesem Augenblick kam Grimaldis Pferd mit dem Gig getrabt. Grimaldi bestieg es wieder und traf nunmehr bald zu Hause ein. Seine Frau befand sich in der ärgsten Unruhe über sein langes Ausbleiben, und sein verstörtes Wesen, wie die Verletzung an der Schläfe setzte sie in große Angst, Er gab vor, im Schlafe aus dem Gig gestürzt zu sein, und sagte, es sei ihm nicht wohl. Auch am folgenden Tage bot er alles auf, die Wahrheit von ihr verborgen zu halten, was irgend in seinen Kräften stand. Jedes Zeitungsblatt, das in sein Haus kam, sah er sorgfältig durch, ob über den Vorfall etwas darin veröffentlicht stände, und es gelang ihm, ihr den häßlichen Vorfall ganze zwei Jahre verborgen zu halten, so daß sie erst davon etwas erfuhr, als er seinen Landaufenthalt in Finchley überhaupt aufgab.

»O, Joe«, rief sie, sobald sie davon erfuhr, »hätte ich das früher gewußt, so hätte ich keine Nacht ruhig in Finchley geschlafen.«

»Das eben war es, was ich befürchtete«, antwortete er; »aber mir war Finchley ans Herz gewachsen, und ich habe doch so manche glückliche Stunde hier verlebt, daß Du es mir nicht verdenken kannst, wenn ich mir seinen stillen Frieden noch ein paar Jahre erhalten wollte.«

Nach dem Raubanfalle floh ihn der Schlaf. Er konnte die Gedanken nicht abwenden von den schlimmen Folgen, die derselbe ohne Frage nach sich ziehen mußte. Davon, daß Hamilton sich unter den Räubern befunden hatte, war er so gut wie überzeugt. Es kamen zuviel Verdachtsmomente zusammen, als daß er daran hätte zweifeln können. Was sollte aus der jungen, liebenswürdigen und ohne Zweifel kreuzbraven Frau werden, wenn ihr Mann wegen Straßenräuberei zum Tode verurteilt würde? Fieberhaft erregt und auf den Tod betrübt stand er am andern Morgen auf, und nur die eine Hoffnung erleichterte sein Gemüt, daß es den Räubern gelingen möchte, unerkannt London wieder zu erreichen; denn er wollte das Geld, das ihm entwendet worden, ja herzlich gern missen, wenn er nur nicht erlebte, daß seinetwegen einer seiner Mitmenschen vom Leben zum Tode gebracht oder andere ins Unglück gestürzt würden.

Er schützte bei seiner Frau vor, daß für den Vormittag eine Probe angesetzt worden und er demzufolge gezwungen sei, gleich nach dem Frühstück nach London zurückzufahren. Er fuhr aber nicht nach dem Theater, sondern nach der Bow-Street, wo der Streifwächter schon auf ihn wartete. Grimaldis Hoffnung, daß die Missetäter entschwunden seien, schwand auf den Nullpunkt.

»Na, sagt ich es nicht«, rief ihm der Mann entgegen, »die Geschichte hat sich fein gemacht. Ich habe drei Kerle gefaßt und zweifle keinen Augenblick, daß es die Galgenvögel sind, die über Sie hergefallen.«

Zitternd vor Angst, fragte Grimaldi, ob von den geraubten Gegenständen etwas bei den Leuten gefunden worden sei. Mit augenscheinlichem Verdrusse antwortete der Streifwächter, daß dies nun freilich nicht der Fall sei, daß sie aber nichtsdestoweniger verurteilt werden würden, da sich die Identität ihrer Personen ohne Frage würde feststellen lassen; er zweifelte auch nicht, daß sich dann auch die geraubte Banknote wiederfinden werde. –

Ohne sich Zeit zu lassen, brachte er Grimaldi gleich zum Sheriff. Grimaldi erzählte diesem, was ihm begegnet war, unterließ dabei aber nicht ausdrücklich zu betonen, daß die Räuber sich an seiner Person gar nicht vergriffen hätten, daß er auch nicht Anklage wider sie erheben wolle, sofern sich das irgend umgehen ließe. Der Streifwächter war hierüber höchst aufgebracht, zumal der Sheriff bemerkte, daß die angeführten mildernden Umstände beim Urteilsspruch allerdings in Betracht kommen würden, das Strafverfahren selbst aber nach Lage der Umstände in keiner Weise aufhalten könnten.

Hierauf machte nun der Grenzwächter seine eidliche Aussage. Er hätte drei Männer festgenommen, bei keinem von ihnen aber weder gestohlenes Gut, noch Waffen, noch Reste von einer Vermummung gefunden. Der Sheriff ordnete an, daß Grimaldi mit den drei Arrestanten konfrontiert werden solle, und fragte ihn, ob er sie wiedererkennen würde. Grimaldi meinte, einen bestimmt, und nun wurde er in ein Nebenzimmer geführt, wo er, wie er erwartete, George Hamilton erblickte. Die beiden anderen Arrestanten waren ihm gänzlich unbekannt; sie hatten sich dem Sheriff gegenüber als »Gentlemen« bezeichnet, man hätte aber mit dem jungen »Mirabel« in dem Lustspiele »Der Unbeständige« ausrufen können: »Wie Gurgelabschneider sehen Sie aus, und nicht wie Gentlemen – dergleichen feine Herren sah ich fürwahr noch nie – wie Sie – wie Sie!«

Hamilton benahm sich mit der größten Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart. Er trat Grimaldi mit der größten Ruhe entgegen und sagte:

»Ei, wie geht es Ihnen denn, mein lieber Herr Grimaldi? Ist es nicht kurios, daß man mich, einem alten guten Bekannten von Ihnen, anschuldigen will, Sie räuberisch angefallen zu haben. Aber es passieren wirklich Dinge in der Welt, über die man sich erschrecken, nicht bloß verwundern könnte!«

So viel Ruhe und Geistesgegenwart er aber auch bewies, so waren bei Grimaldi doch die letzten Besorgnisse verschwunden, daß er sich doch vielleicht irren könnte. Das geübte Auge eines alten Bühnenkünstlers ließ sich so leicht nicht irre führen. Augenscheinlich hatte Hamilton all seine Kraft zusammengenommen, um über die Situation hinwegzukommen, die, wie er sich nicht eine Sekunde im Zweifel war, für sein Leben im höchsten Grade gefährlich war.

»Sie kennen ihn, Herr Grimaldi?« fragte der Sheriff.

»Jawohl, recht gut«, antwortete Grimaldi.

»Dann werden Sie wohl auch sagen können, ob er einer von den Räubern ist, die Sie gestern überfallen haben?«

Hamilton nahm eine Miene an, wie wenn er Grimaldis Erklärung mit der allergrößten Ruhe entgegensähe. Der anwesende Polizist und der Grenzwächter traten ein wenig beiseite, um ein paar leise Worte zu wechseln. Grimaldi hob unterdes die linke Hand so empor, daß er nur zwei Finger davon sehen ließ, und schüttelte mit ernster Miene den Kopf.

Hamilton erkannte auf der Stelle, daß er erkannt war. Seine ganze erzwungene Selbstbeherrschung und Festigkeit verließ ihn, er wurde leichenblaß und zitterte an allen Gliedern. Er sah ganz so aus, wie wenn er umsinken wollte; es gelang ihm indes, sich noch einmal zu sammeln. Er warf Grimaldi einen flehenden Blick zu, legte einen Finger auf den Mund und heftete die Augen auf den Boden.

»Nun, Sir, da haben wir ja die sauberen Vögel«, sagte der Streifwächter, »können Sie eidlich erhärten, daß es die drei gewesen sind, die Ihnen gestern nacht Ihr Geld abgenommen haben?«

Tausend Gedanken schwirrten Grimaldi durch den Kopf; aber noch immer beherrschte ihn der Wunsch, den jungen Menschen, der seiner festen Überzeugung nach noch ein Neuling im Verbrechen war, zu retten. Nach kürzer Überlegung erklärte er, daß er sich seiner Sache nicht so gewiß wäre, um eine eidliche Aussage geben zu können. »Dann bist Du entweder auf falscher Fährte«, meinte der Polizist zu dem Grenzwächter, »oder die Kerle haben mehr Glück als Ihnen zukommt.«

Grimaldi erklärte dem Sheriff noch einmal, daß er sein Gewissen nicht mit einem Eide beschweren wolle, da er, wie gesagt, seiner Sache nicht völlig sicher sei, und empfahl sich so schnell, wie es die Umstände irgend gestatteten.

Noch am nämlichen Tage wurden die drei Arrestanten aus der Haft entlassen.

Ein paar Tage später erschien Hamilton in Grimaldis Wohnung, erklärte sich offen und ehrlich als des Verbrechens schuldig, setzte aber hinzu, er sei dazu nicht bloß durch die Begier, schneller und leichter als durch seiner Hände Arbeit zu Gelde zu kommen, sondern hauptsächlich durch seinen guten Freund Archer verführt worden, gelobte aber bei seinem Seelenheile, daß dies Verbrechen sein erstes gewesen sei, und auch sein letztes sein solle.

Er nannte Grimaldi einmal über das andere seinen Wohltäter, dankte ihm auf das innigste und wollte gehen. Aber Grimaldi hielt ihn noch einige Augenblicke zurück, erzählte ihm, wie Archer sich an jenem Abende, als er im »Sir Widdleton« beim Biere eingeschlummert war, gegen seine Frau benommen, und hielt ihm eindringlich die Verwerflichkeit seines bisherigen Lebenswandels vor, ließ ihn auch über die Folgen nicht im unklaren, die derselbe unweigerlich nach sich ziehen müßte. Hamilton wiederholte hierauf die Versicherungen seiner Reue und sein Gelübde, sich zu bessern, und ging dann.

Grimaldi hatte allen Grund, sich seiner edelmütigen Handlungsweise in dieser Sache von Herzen zu freuen, denn Hamilton blieb dem ihm gegebenen Versprechen treu und wohnte noch beinahe zwanzig Jahre in Clerkenwell als redlicher Mann und tüchtiger Goldschmied.

In diesem ganzen letzten Zeitraume hatte Grimaldi jährlich immer drei Benefiz-Abende, nämlich zwei im Sadlers-Wells- und eines im Covent-Garden-Theater. Eine lange Reihe von Jahren hindurch erschien an jedem Morgen solchen Tages ein vornehmer Herr bei ihm in der Wohnung und ließ sich, gegen sofortige Bezahlung zehn Logenbillets geben, ging aber immer schleunigst wieder weg, als wenn ihm alles daran gelegen sei, mit keinerlei Frage, wer er sei und wie er heiße, behelligt zu werden.

Grimaldi bekam auch öfter Geldsendungen von unbekannten Personen für Theaterbilletts zugeschickt. Was ihm dabei auffiel, war der Umstand, daß in der Regel Leute, die seinen Benefiz-Abend in Sadlers-Wells besuchten, im Covent-Garden-Theater fehlten, und umgekehrt. Er achtete deshalb auf den Herrn, der an jedem Benefizmorgen sich die Logenbilletts abholte, nicht besonders; vielfach traf es sich auch, daß er selbst nicht zu Hause war; aber seine Frau und seine Mutter hatten sich an den Besuch des Herrn so gewöhnt, daß sie, wenn am Abend vorher die Billetts zurechtgelegt wurden, regelmäßig sagte:

»Vergiß nicht, zehn auf den Kaminsims für den Herrn zu legen, damit der Herr nicht zu warten braucht, der morgen in aller Frühe ganz bestimmt kommen wird.«

Zwölf Jahre oder länger war der Herr schon pünktlich zur gleichen Stunde erschienen, als Grimaldi einmal das Hausmädchen, das die Billetts gewöhnlich aus der Stube herausholte, um sie dem fremden Herrn zu geben, nach seinem Aussehen fragte.

»Was besonderes ist ja nicht an ihm«, erwiderte das Mädchen, »außer daß…« »Nun, was willst Du sagen?« fragte Grimaldi.

»Außer daß er an der linken Hand bloß zwei Finger hat«, sagte das Mädchen.

Nun hatte sich das Geheimnis auf einmal aufgeklärt.

Mr. Hamilton sollte noch auf sehr beklagenswerte Weise sein Leben verlieren. Im Hause eines Nachbars von ihm war Feuer ausgebrochen. Mit ein paar anderen Männern stürzte er in das Haus hinein, mitten in den Qualm und Rauch, um einige Kinder zu retten, deren Leben aufs äußerste gefährdet war. Bis in das zweite Stockwerk drang er hinauf, da aber gaben die Dielen nach, unten stand schon alles in Flammen, er verbrannte selbst elendiglich, und sein zu Kohle verbrannter Leichnam wurde erst nach einigen Tagen unter dem Schutt ausgegraben.

Siebzehntes Kapitel.


Siebzehntes Kapitel.

Eröffnung des neuen Covent-Garden-Theaters. – Die großen Tumulte wegen des sogenannten »alten Preises«. – Grimaldis erste Auftreten als Clown in den Straßen. – Augenblickliche Verlegenheiten. – Triumphe in Cheltenham und Gloucester. – Besuch in Berkeley Castle und Bekanntschaft mit Lord Byron. – Fischbrühe und Apfelstrudel. – Abreise nach Bath.

Am 18. September wurde das neue Theater in Covent-Garden mit Shakespeares »Macbeth« und dem musikalischen Nachspiele »Der Quäker« eröffnet, und gleichzeitig hiermit hob der große Lärm an, der um den sogenannten »Alten Preis« sich drehte, und aus der Entrüstung hervorging, die durch die Erhöhung der Eintrittspreise in das Publikum getragen wurde. Es kam infolgedessen im Theater zu Auftritten, wie sie wohl kaum je einmal in einem Theater erlebt worden sein dürften. Der Lärm wurde manchmal so laut, daß die Schauspieler gar nicht spielen konnten. Um den Lärm zu erhöhen, brachten die schlimmsten unter den Tumultanten allerhand Instrumente mit ins Theater, Pfeife, Klappern ec. Ein adeliger Herr, der einen Stammsitz im Parterre hatte, schwang den ganzen Abend über eine jener Glocken, mit denen die Kehrichtleute ihr Erscheinen anzeigten, und die damals das Entsetzen von ganz London waren, und ließ sich durch die höflichsten Vorstellungen nicht bewegen, mit dieser gräßlichen Musik Einhalt zu tun. Ein paar andere Leute, denen es auch nicht darauf ankam, wie sie ihren Empfindungen Luft machten, wenn sie es nur tun konnten, schleppten ein paar lebendige Ferkelchen in ihren Taschen mit, denen sie im geeigneten Augenblick so lange das Schwänzchen kniffen, bis sie jämmerlich zu quieken anfingen.

Aber man begnügte sich nicht mit solchem Höllenlärm, sondern zürnte alle Augenblicke den Direktor, John Kemble, auf die Bühne, und wenn es ihm schließlich gelang, sich ein paar Sekunden Gehör zu verschaffen, mußte er doch immer unverrichteter Sache wieder abtreten. Allabendlich waren Scharen von Polizisten im Theater. Versuchten sie aber einmal, ein paar der Hauptschreier zu verhaften, so wurden sie vom ganzen Publikum in Schutz genommen, versteckt oder rechtzeitig durch eine Seitentür oder wohl auch durch ein Fenster aus dem Theater spediert, so daß die Polizei das Nachsehen hatte. Es kam zu häufigen Kämpfen zwischen Polizei und Publikum, bei denen ein Mensch beinahe zu Tode gekommen wäre.

Es verging wohl kein Abend, ohne daß feurige Reden aus dem Parterre, den Logen oder von der Galerie herunter gehalten wurden, ja zuweilen hörte man ihrer ein halbes Dutzend auf einmal.

Die Sheriffs hatten ununterbrochen mit Feststellungen von allerhand Verstößen gegen die öffentliche Ruhe zu tun, und so ging es wohl siebzig Abende hindurch. – An allen Ecken, in allen Gängen, auf allen Sitzreihen des Theaters sah man Plakate angeheftet, die sich auf die Vorgänge bezogen, oder in denen allerhand Jux verkündigt wurde, z. B.:

Öffentliche Bekanntmachung. – Dieses Haus ist mit sämtlichem Inventar preiswert zu verkaufen, da die Herren Kemble & Co. ihr Geschäft an den Nagel zu hängen gedenken.

Oder:

Sobald die Vorstellungen ihren Anfang nahmen, drehte sich das ganze Publikum wie ein Mann herum und wandte der Bühne den Rücken zu. Waren die Vorstellungen zu Ende, was wegen des schrecklichen Lärms meistens schon gegen halb zehn Uhr der Fall war, dann stimmte alles eine Parodie auf die Volkshymne an, in welcher Gott um Segen für Johnny Bull gebeten wurde, damit er den Genuß aus den höheren Theaterpreisen recht lange für sich habe; dann wurde zu Ehren der alten Preise ein Ringeltanz ausgeführt, worauf wieder Reden über Reden gehalten wurden, bis dann endlich alles sich in seine Penaten zurückzog.

Wie bei allen öffentlichen Fragen, waren die Ansichten der Presse natürlich auch bei dieser geteilt. Während die Times und die Morning Post das neue System befürworteten, trat das Morning Chronicle für die alten Preise ein und führte die Sache der Tumultanten mit ebenso viel Eifer wie Beharrlichkeit.

Als der Spektakel ein paar Abende hindurch gedauert hatte, schickte John Kemble zu Grimaldi und ließ ihm sagen, da das Publikum kein Drama sehen wolle, gedächte er es mit einer Pantomime zu probieren und ließ für den folgenden Abend den Don Juan ankündigen, in welchem Grimaldi seine alte Rolle, den Scaramuz, spielen sollte. Grimaldi wurde mit großem Jubel begrüßt, und es traf sich merkwürdigerweise, daß gerade an diesem Abend so gut wie gar keine Ruhestörungen vor sich gingen. Grimaldi schrieb sich das zum Teil als sein persönliches Verdienst zu gute und war darüber nicht wenig erfreut. Auch Kemble war wieder heiter und guter Dinge und schüttelte dem Kollegen, als er abgetreten war, kordial die Hand.

»Bravo, Joe, bravo!« sagte er zu ihm, »jetzt haben wir sie, und nun wollen wir vorderhand bei der Pantomime bleiben.«

Das taten sie wohl, aber daß »sie sie damit gehabt hätten«, traf nicht zu, denn am andern Abend ging der Spektakel wieder von frischem los und weit ärger als zuvor, so daß das ganze Theaterpersonal erklärte, noch nie im Leben einen so gräßlichen Spektakel gehört zu haben.

Am 25. Dezember kehrte endlich wieder Ruhe ein, nachdem die Theaterdirektion die Erklärung abgegeben hatte, es bei den alten Preisen lassen zu wollen, und alle Klagen gegen Personen zurückzog, die infolge dieses in der Theatergeschichte ohne Beispiel dastehenden Spektakels mit den Gerichten in Kollision, gekommen waren. John Kemble fiel die unangenehme Aufgabe zu, dem Publikum im Theater hiervon Mitteilung zu machen. Er bewies hierbei ebenso große Ruhe wie Würde. Das Publikum klatschte ihm Beifall, und von allen Sitzreihen regneten Zettel auf die Bühne mit dem Aufdruck: »So ist’s recht! Nun sind wir zufrieden!«

Damit war der Krawall aus der Welt.

Zu Weihnachten wurde »Harlekin als Hausierer, oder: Der Spukbrunnen« in Szene gesetzt und höchst beifällig aufgenommen, auch an zweiundfünfzig Abenden hintereinander wiederholt.

Im März des Jahres 1810 trat Grimaldi zum ersten Male als Scaramuz im »Deserteur von Neapel« auf; auch die »Mutter Gans« wurde wieder gegeben. Im Juli wurde das Theater geschlossen und im Oktober wieder eröffnet. Im Sadlers-Wells-Theater kam keine Novität heraus, und in Covent-Garden trat Grimaldi wie immer zu dieser Zeit in einer neuen Pantomime auf: »Harlekin Asmodi, oder: Kupido auf Krücken«, die sechsundvierzigmal hintereinander gegeben wurde.

In diesem Monate mußte Grimaldi den Clown auf allen beiden Bühnen spielen. In Sadlers-Wells war die Pantomime das erste, im Covent-Garden das letzte Stück, das gegeben wurde. In beiden Häusern hatte er dieselbe Rolle; es war deshalb, auch wenn ihm Zeit dazu geblieben wäre, unnötig sich umzukleiden, sondern er nahm in der Regel eine Droschke und ließ sich gleich im Clown-Kostüme von dem einen Theater zum andern fahren.

Eines Abends ließ sich aber keine Droschke auftreiben, weil es wie mit Mulden vom Himmel goß, und kein Mensch auf den Straßen laufen konnte. Grimaldi blieb keine Zeit zum Besinnen. Als er noch ein Weilchen gewartet hatte, in der Hoffnung, der ausgeschickte Bote werde noch mit einer Droschke vorgefahren kommen, blieb ihm schließlich nichts übrig, als den Weg durch die Stadt zu Fuße zu machen.

Da es stockfinster war, ging in der ersten Zeit alles ganz gut. Kaum aber war er nach Clerkenwall gekommen, wo die Kaufläden hell erleuchtet waren, als er auch durch sein Kostüm schnell Aufsehen erregte. An einer Ecke lief er einem Manne in den Weg, der ihn sogleich erkannte und mit dem Rufe: »Oho, Joe Grimaldi! Joe Grimaldi!« begrüßte.

Mehr war nicht nötig. Grimaldi beeilte sich zwar, in die nächste Straße zu schlüpfen. Es half ihm aber nichts. Schon war ihm ein dichter Schwarm auf den Fersen unter Geschrei und Gejohle. Die einen ließen seinen Namen erschallen, andere warfen die Mützen und Hüte in die Luft oder drückten ihren Jubel auf andere Weise aus. In Holborn fand er endlich einen Mietswagen. Der Menschenschwarm wurde aber immer zahlreicher und folgte ihm unermüdlich und unter verdoppeltem Geschrei und Jubel.

Da ließ er, den Kopf zum Wagen heraussteckend, sein weitbekanntes, man kann dreist sagen, berühmtes Gelächter erschallen. Der Haufe stimmte ein, schrie ihm Beifall zu, und hunderte von Stimmen wurden laut, daß er wohlbehalten nach Covent-Garden gebracht werden müsse.

Gesagt, getan. Eine Leibwache bildete sich um ihn, freilich von einer so urwüchsigen Sorte, wie sie wohl kaum jemand begleitet haben dürfte, und das Geschrei und Gejohle wollte, als er vor dem Theater aus dem Wagen stieg, kein Ende nehmen. Ein Teil seiner Geleitschaft eilte auf die Galerie und begrüßte ihn, als er sich auf der Bühne zeigte, zum endlichen Ergötzen aller Anwesenden, denen der Vorfall bekannt geworden war, durch den Jubelruf: »Wir haben ihn wieder, wir haben ihn wieder!« und ein nicht enden wollendes Hurra erklang wieder im Theater, alle Räume desselben durchbrausend.

In der Saison des Jahres 1811 wurde in Sadlers-Wells der »Große Teufel« wieder in Szene gesetzt. Grimaldi spielte darin eine Rolle, in der er unermeßlichen Beifall erntete. Im Juli stürzte er auf ein gespanntes Seil und trug einen nicht unerheblichen Brustschaden davon, der ihn mehrere Wochen ans Haus fesselte.

Im Oktober trat er wieder in Covent-Garden und zwar in »Asmodi«, in »Mutter Gans«, »Valentine und Orson« und »Raymond und Agnes« auf, in welch letzterem Stücke er den Robert gab. Am 26. Dezember wurde die neue Pantomime gebracht. Sie hieß: »Harlekin und Padmanaha, oder der goldene Fisch« und gefiel außerordentlich.

Im Juni 1812 trat er, was bis dahin erst einige Male geschehen war, im eigentlichen Drama auf. Er spielte nämlich den »Acres« in Sheridans erstem Lustspiele »Der Nebenbuhler« und machte an diesem einen Abend eine Einnahme von 200 Pfund.

Im Laufe des Jahres 1812 entstanden ihm einige finanzielle Verdrießlichkeiten, und zwar einerseits dadurch, daß er zugleich eine Wohnung in der Stadt und eine auf dem Lande hatte, anderseits aber auch durch die Verschwendung seiner Frau, die, so vortrefflich sie sonst war, doch auch ihren Fehler hatte, der in stark übertriebener Putzsucht bestand. Er sagte sich, daß Einschränkungen notwendig seien, gab sein Landhaus auf, schaffte seinen Diener ab, verkaufte Pferd und Gig und übergab die Ordnung seiner Angelegenheiten demselben Mr. Harmer, den er vor ein paar Jahren unter so sonderbaren Umständen kennen gelernt hatte. Nach Verlauf von sieben bis acht Monaten waren alle seine Gläubiger bis auf den letzten Heller befriedigt.

Im Jahre 1812 gab es in Sadlers-Wells nichts Bemerkenswertes. Sein zweites Benefiz im Oktober brachte ihm 225 Pfund ein. Man nahm an, daß die Einnahme eines Abends 200 Pfund nicht übersteigen könne, Grimaldi hatte jedoch nie eine Benefiz-Einnahme unter 210 Pfund, einmal sogar, wovon sogleich die Rede sein soll, eine Einnahme von annähernd 270 Pfund; indessen können wir nicht behaupten, daß sich sämtliche Personen, die zu dieser Einnahme beigesteuert hatten, auch, wirklich im Schauspielhause befanden.

In der zweiten Hälfte des Oktobers machte Grimaldi sich anheischig, an zwei Abenden in Cheltenham aufzutreten. Direktor Watson hatte ihm die Hälfte der gesamten Einnahme zugesichert. Vor seiner Fahrt nach Cheltenham besprach er sich mit Mr. Hughes, dem Vater seiner ersten Frau. Dieser sagte ihm, daß Cheltenham einer der ungünstigsten Theaterplätze sei insofern, als sie zuviel andere Vergnügungen böte. Grimaldi meinte aber, außer den Kosten doch vielleicht auf 40-50 Pfund zu kommen, und wagte die Reise. Er trat in der Rolle des Scaramuz auf, und mit großem Beifall, gab am zweiten Abend in einer kleinen, selbst ersonnenen Pantomime den Clown und erzielte an beiden Abenden ein ausverkauftes Haus. Direktor Watson wußte ihn zu bestimmen, daß er noch zwei Tage länger verweilte und auch in dem nur etwa acht Stunden entfernten Gloucester auftrat, wo Watson ein zweites Theater besaß. Grimaldi tat ihm den Gefallen und trat auch in Gloucester mit großem Erfolge auf.

Nach Schluß des Theaters führte Watson seinen Gast zu einem solennen Abendessen. Als sie fertig waren, sagte Watson:

»Nun aber, lieber Joe, ist die Zeit so kostbar, daß ich Ihnen nur ein einziges Glas Punsch vergönnen kann.« –

Grimaldi erwiderte, daß er nicht verstände, was Watson damit sagen wolle.

»Weiter nichts, als daß es meiner Meinung nach um zwölf Uhr nachgerade Zeit zum Zubettgehen ist.«

»Ganz einverstanden, lieber Watson. Nur meine ich, daß es nicht gerade Ihre Gewohnheit sei, sich früh zu Bett zu begeben. Gestern abend ließen Sie mich erst drei volle Stunden später gehen, und vorgestern, dünkt mich, war es noch später.«

»Das wohl. Ich möchte nur, daß Sie morgen ein bißchen zeitig mit mir ausführen.«

»Und was nennen Sie zeitig?«

»Hm, wir müssen vor drei Uhr aufbrechen.« »0, wenn Sie sich mit dergleichen Plänen tragen«, antwortete Grimaldi lachend, »dann sage ich Ihnen ohne weiteres gute Nacht«, – und begab sich auf der Stelle in sein Schlafzimmer.

Zur festgesetzten Stunde kutschierten sie zusammen nach Berkeley Castle, von dessen Besitzer, dem Oberst Berkeley, der als ältester Sohn des Earl of Berkeley unter dem Titel eines Lords Dursley für Gloucester im Unterhause saß, ihnen eine Einladung zum Besuche zugegangen war. Grimaldi war mit dem Obersten bekannt, hin und wieder sein Tischgast gewesen und wurde sehr freundlich im Schlosse aufgenommen, wo sich eine zahlreiche Gesellschaft zusammengefunden hatte.

Unter anderen ausgezeichneten Personen war auch Lord Byron anwesend, den Grimaldi oft gesehen und der seinen Benefiz-Vorstellungen immer beigewohnt hatte, mit dem er jedoch noch niemals ein Wort gesprochen hatte.

Der Oberst machte ihn mit allen Anwesenden bekannt, denen er noch fremd war, auch mit Lord Byron, der sogleich auf ihn zutrat und ihm unter tiefen Verbeugungen und mit der übertriebensten Höflichkeit sagte: »wie grenzenlos er sich darüber freue, einen Menschen von so seltenen und ausgezeichneten Talenten kennen zu lernen« usw.

Grimaldi merkte sogleich, daß Lord Byron ihn nur zum besten haben wollte, und hätte ihm am liebsten auf der Stelle dafür gedient, unterließ es aber, weil er keinerlei Anstoß zu Ärgernis geben wollte, und weil er dachte, daß sich ihm schon noch Gelegenheit geben würde, dem Lord mit gleicher Münze zu zahlen.

Er beschränkte sich also zunächst darauf, die Verbeugungen mit doppelter und dreifacher Höflichkeit zu erwidern, schnitt aber, als die Zeremonie der Vorstellung vorüber war, dem Lord Berkeley ein so possierliches Gesicht, zwischen Vergnügen und Argwohn die Mitte haltend, daß alle Umstehenden hellaut auflachen mußten, während Byron, der das Gesicht nicht sah, sich so verwundert über diesen jähen Ausbruch ungebundener Höflichkeit umguckte, daß das Gelächter auf allen Seiten von neuem ausbrach.

»Grimaldi«, sagte der Oberst, »Sie müssen nach dem Frühstück einen Pirschgang mit uns machen und bleiben dann zu Mittag unserer Gast. Es wird früh gegessen werden. Sie können also noch immer zur rechten Zeit im Theater sein.«

Es wurde auf die Jagd gegangen, die ohne Zwischenfall, aber auch ohne Ergebnisse verlief. Beim Essen saß Grimaldi zwischen Lord Byron und einem jungen Herrn vom Adel, den er, wie ihm einfiel, in der Garderobe des Covent-Garden-Theaters hin und wieder gesehen hatte, dessen Name ihm aber nicht mehr gegenwärtig war.

Als das Essen seinen Anfang nahm, flüsterte der junge Herr seinem Nachbar Grimaldi die Frage zu, ob er wohl schon einmal mit Lord Byron zu Tisch gespeist habe?

Grimaldi verneinte.

»Dann will ich Ihnen sagen«, nahm der junge Herr wieder das Wort, »warum ich danach gefragt habe. Ich wollte Sie nur auf eine Eigentümlichkeit des Lords aufmerksam machen, die Sie also noch nicht kennen, die zwar an sich unbedeutend ist, aber beachtet sein will, wenn man sich den Lord nicht zum Feinde machen will, und das empfiehlt sich für einen Künstler entschieden nicht, da man niemals weiß, wie man solchen Herrn noch einmal im Leben gebrauchen kann.«

Grimaldi dankte dem freundlichen jungen Manne, ohne zu merken, daß dieser weiter nichts im Schilde führte, als ihm zusammen mit dem Lord noch einmal zum besten zu haben.

»Die Eigentümlichkeit, auf die ich Sie aufmerksam machen möchte«, fuhr der junge Herr fort, »besteht darin, daß es Lord Byron nicht liebt, wenn man von seiner Artigkeit keinen Gebrauch, macht. Ich möchte Ihnen deshalb raten, wenn er Ihnen etwas anbietet, sei es Speise oder Trank – was ganz sicher geschehen wird – sich ja nicht zu weigern, es anzunehmen.«

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mylord«, antwortete Grimaldi, »und erkenne Ihre Güte in Wahrheit als eine recht große Gunst an. Seien Sie versichert, daß ich mich sorgfältig bemühen werde, Ihrem Rate gemäß zu handeln.«

Nicht lange, so forderte ihn Lord Byron auf, von einer Schüssel nach der andern zu nehmen, so daß er sich schließlich zu übernehmen fürchtete und um sein Auftreten in Gloucester Bange bekam.

Beim Nachtisch bot ihm der Lord ein Stück Apfelstrudel an, der eine Lieblingsspeise von Grimaldi bildete, und den er schon deshalb nicht ausschlagen mochte. Kaum aber fing er an davon zu essen, als Lord Byron verwundert die Hände über dem Kopfe zusammenschlug und rief:

»Aber, Mr. Grimaldi, Sie essen den Strudel ohne Paprika?«

»Paprika, Mylord?« fragte Grimaldi verwundert.

»Nun freilich, Paprika gehört doch zu jedem Nachtisch und gibt einem Apfelstrudel erst die rechte Würze.«

Grimaldi wollte das nun freilich gar nicht einleuchten, aber der junge Herr zur Rechten stieß ihn mit dem Ellbogen an, und Grimaldi besann sich auf den Wink, den er ihm gegeben hatte, verneigte sich artig gegen den Lord und schüttete sich Paprika über den Apfelstrudel. Nach einigen vergeblichen Versuchen, einen Bissen von diesem paprizierten Apfelstrudel hinunterzubringen, drehte er sich zeremoniell zu dem Lord herum und bat ihn, gelten zu lassen, daß wohl kaum noch jemand der Liebenswürdigkeit und Güte Seiner Herrlichkeit soviel Aufmerksamkeit und Rücksicht habe widerfahren lassen wie er. Doch möchten Seine Herrlichkeit gütigst entschuldigen, wenn er das ihm huldvollst empfohlene Mixtum compositum von Apfelstrudel mit Paprika ablehne, denn wenn er auch durch solche Weigerung als unhöflicher Mensch zu erscheinen fürchten müsse, so sei es ihm doch nicht möglich, seinen Magen diese Speise zuzumuten, ohne ihn rebellisch zu machen.

Grimaldi fiel ein Stein vom Herzen, als er sah, daß Lord Byron nicht bloß nicht ungehalten auf ihn wurde, sondern sich vor Lachen ausschütten zu wollen schien. Weshalb der Lord so lachte, hat Grimaldi, wie er später oft erzählt hat, sich nicht recht klar machen können, es müßte denn gewesen sein, daß man sich auf seine Kosten einen Scherz habe erlauben wollen; um dies aber ernstlich anzunehmen, dazu war Grimaldi ein viel zu harmloser Mensch.

Nicht lange darauf kehrten die Herrschaften nach Gloucester zurück. Das Theater war an diesem Abend ebenso vollbesetzt wie am Abend vorher und auf Grimaldis Teil entfielen von der Einnahme bare 195 Pfd.

Er reiste am folgenden Morgen zurück, traf in der Nacht wieder zu Hause ein und begab sich am andern Morgen zu seinem Schwiegervater Hughes, um ihm zu zeigen, wie kräftig er diesmal seine böse Prophezeiung, Cheltenham betreffend, Lügen strafen könne. Mr. Hughes freute sich aber herzlich über die goldene Ernte, die Grimaldi dort gehalten hatte.

Abends begab sich Grimaldi nach Covent-Garden, wo ihm Mr. Harris sagte, daß ihn Diamond, der Besitzer des Bather und Bristoler Theaters, auf die Zeit von 5 Wochen zu engagieren vorhabe und ihm außer einem halben Benefiz in jedem Orte eine wöchentliche Gage von 25 Pfund zusichere. Mr. Harris konnte ihm weiter sagen, daß ihm von seiten der Covent-Gardener Direktion nichts im Wege stände, daß ihm seine Gage aber unbeanstandet weiter bezahlt werden solle, auch wenn er bis Weihnachten sich auf Gastrollen begebe. Grimaldi drückte Mr. Harris für diese Liebenswürdigkeit dankbar die Hand, schrieb Diamond sofort, daß er den Vorschlag annehmen wolle, und reiste kurz darauf nach Bath ab.

Achtzehntes Kapitel.


Achtzehntes Kapitel.

Ein Diner bei einem Geistlichen in Bath. – Grimaldis Sohn tritt zum ersten Male auf. – Mr. Hughes segnet das Zeitliche. – Grimaldi spielt an einunddemselben Abende auf drei Theatern – und zum Lohne für seine Mühe wird ihm seine Gage – einbehalten. – Er erkrankt schwer. – Abermalige Reise nach Bath. – Davidge, »Billy Coombes« und der Koffer. – Besagten Billys Neigung zu Jux und Alfanz.

Zwei Tage nach seiner Ankunft in Bath spielte er vor einem ausverkauften Hause und erntete den lebhaftesten Beifall. In Bristol war er nicht minder glücklich. Dort war das Haus sogar so besetzt, daß buchstäblich kein Apfel zur Erde fallen konnte. In Bath spielte er an fünf, in Bristol an zwei Abenden der Woche. In diesen Wochen machte er eine Einnahme von über dreihundert Pfund. Das Wetter war aber miserabel, und da er, wenn das Theater in Bristol aus war, noch an demselben Abend nach Bath zurückkehren mußte, litt er stark unter Erkältungen und war von Herzen froh, als die fünf Gastwochen vorüber waren. Während seines Aufenthaltes in Bath widerfuhr ihm von einer Seite, von der man es am allerwenigsten erwartet hätte, eine recht garstige Unhöflichkeit.

Grimaldi sowohl als der Bassist Higman, der damals in großem Rufe stand und später das Original zum Gabriel in Walter Scotts »Guy Mannering« abgab, bekamen eine Einladung zum Mittagessen von seiten eines geistlichen Herrn.

Beide nahmen die Einladung an und fanden bei ihrer Ankunft eine ziemlich zahlreiche Herrengesellschaft dort versammelt.

Sobald das Tafeltuch abgenommen worden, forderte der Wirt, mehr im befehlenden als bittenden Tone, den Bassisten auf, ein paar Nummern von seiner Kunst zum besten zu geben. Obwohl nun Higman kaum den letzten Bissen hinunter hatte, kam er dem Ansinnen doch nach, weil er nicht den Schein wecken wollte, als wenn er sich sträube, sein Scherflein zur Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.

Die Gesellschaft zollte dem Künstler den verdienten Beifall, und unmittelbar darauf wendete der Wirt sich mit der nämlichen Aufforderung und in dem nämlichen Tone an Grimaldi, der aber um einige Frist ersuchte, da es ihm mit dem besten Willen nicht möglich sei, so kurz nach dem Essen zu singen.

»Wie, Mr. Grimaldi«, rief der Geistliche heftig, »Sie weigern sich, etwas zu singen! Aber – zu welchem Zwecke habe ich Sie denn eingeladen?«

»Dann wäre es mir freilich lieber gewesen, Sir«, antwortete Grimaldi, »Sie hätten mir das gleich bei der Einladung gesagt! Sie hätten mir dann die Unannehmlichkeit erspart, Ihnen meinen Besuch zu machen und mich, wie ich mich jetzt leider gezwungen sehe, Ihnen wieder höchst unzeremoniös zu empfehlen.« Mit diesen Worten entfernte er sich. Daß ein Clown, der nur im Theater eine Rolle spielte, einem gelehrten geistlichen Herrn, der in der Gesellschaft eine der ersten Stellen einnahm, eine solche Anstandslektion geben mußte, verschwand natürlich nicht, ohne Aufsehen zu machen, von der Tagesordnung.

Zum Weihnachtsfeste dieses Jahres wurde in Covent-Garden die Pantomime gegeben: »Harlekin und der rote Zwerg oder: Der diamantene Fels« – und machte einen sehr großen Erfolg. Am Ostermontage 1813 wurde zum ersten Male Farleys Melodrama: »Aladdin oder die Wunderlampe« gegeben, entlehnt dem berühmten Märchen »Tausendundeine Nacht«. Grimaldi spielte darin die Rolle des stummen Sklaven Kasrak, die eine seiner beliebtesten werden sollte.

Diese Saison war wieder sehr gewinnreich für Grimaldi, der auch ein Ballett arrangierte: Jux und Quacksalberei«, das allabendlich wiederholt werden mußte.

In Covent-Garden wurde das Theater im September wieder eröffnet, und Grimaldi war diesmal vor wie nach Weihnacht beschäftigt, da sich »Aladdin« ununterbrochen als ein sehr zugkräftiges Stück erwies. Von Weihnachten an wurde »Harlekin und die Schwäne oder: Das Bad der Schönheit« gegeben, von Ostern ab »Sadak und Kalasrade«, worin Grimaldi den Hassan spielte.

Da er sich jetzt nicht mehr mit dem Sammeln von Fliegen befaßte, sich auch keine Tauben mehr hielt, auch seine Landwohnung in Finchley aufgegeben hatte, widmete er all seine Muße seinem Sohne, den er teils in dem Institute, das er selbst besucht hatte, teils durch Privatlehrer unterrichten ließ, da er sich nicht in den Gedanken, sich von ihm zu trennen und ihn in eines der größeren Pensionate zu geben, hineinfinden konnte.

Mit rühmenswertem Eifer nahm er sich der Aufgabe, seinen Sohn für’s Leben zu bilden, jetzt selbst an. Obwohl der Knabe erst in seinem zwölften Jahre stand, hatte er doch schon recht anerkennenswerte Fortschritte in allen Unterrichtsfächern gemacht und schrieb das Französische schon recht geläufig. Von früh an hatte er große Vorliebe für die Musik gezeigt und auf der Violine unter Anleitung eines der besten Lehrer im Lande schon eine gewisse Meisterschaft errungen. Er tanzte auch vortrefflich, und da er sowohl Neigung als auch Anlage zum Theater hatte, beschloß Grimaldi, ihm dieselbe Laufbahn, wie er sie mit soviel Ruhm zurückgelegt, ergreifen zu lassen, und bildete ihn für Melodrama und Pantomime vor, von der Hoffnung erfüllt, in seinen alten Tagen, wenn die schöne Zeit seines Ruhmes und seiner Erwerbsfähigkeit vorüber sein würde, in den Triumphen des Sohnes wieder aufzuleben, daß im Sohne sein ganzes Leben noch einmal an ihm vorüberziehen würde, wenn er ihn erfolgreich auftreten sähe in den Rollen, die ihn schon zu einem Lieblinge des Volkes und ihm nicht bloß den Verlust eines nicht unbeträchtlichen Vermögens wett gemacht, sondern zu einer unabhängigen und geachteten Stellung in der Gesellschaft verholfen hatten.

Dergleichen Gedanken waren erklärlich, begreiflich und natürlich, und der liebevolle Vater erfreute sich an ihnen viele Jahre lang.

Aber im höheren Rate des Schicksals war es anders beschlossen. Der Sohn sollte früher als der Vater das Zeitliche segnen, doch obgleich ihm diese Vereitelung seiner teuersten Hoffnung in den späteren Lebenstagen herben Kummer verursachte, bemühte er sich doch, sie mit Standhaftigkeit und Ergebung zu tragen.

Am 26. April begann seine Arbeit in Sadlers-Wells-Theater wieder, und zwar spielte er in dem Drama »Der Sklave als Seeräuber«, das mit vielem Beifall über die Bühne ging, die Rolle des Sklaven. Sein erstes Benefiz trug ihm 215, sein zweites 265 Pfund ein. Es war das letzte, das er in Sadlers-Wells-Theater hatte.

Ganz besonders glänzend wurde das erste Auftreten seines Sohnes als Freitag im »Robinson Crusoe«. Den Robinson spielte Grimaldi selbst, der somit den Sohn in demselben Stücke einführte, in welchem sein Vater ihn vor dreißig Jahren eingeführt hatte. Sechs Wochen lang übte er ihn für dem Debüt fortwährend und unermüdlich ein, doch mehr, weil er sich selbst mit dem fürsorglichen Eifer dafür interessierte, als weil es nötig gewesen wäre, denn der Sohn faßte nicht nur sehr schnell den Unterricht des Vaters, sondern ging sogar einigermaßen darüber hinaus.

Sein Auftreten wurde bis zu den letzten Tagen vor dem bestimmten Abende geheim gehalten, und als es endlich angekündigt worden, war der Zudrang unermeßlich. Das Benefiz wurde, wie schon gesagt, eins der besten Grimaldis. Vater und Sohn ernteten enthusiastischen Beifall, und auch in allen Journalen und Zeitungen wurden ihnen die begeistertsten Lobsprüche zuteil. Grimaldi erklärte wiederholt, daß er noch niemals einen besseren Freitag auf der Bühne gesehen habe. Man wird sagen, daß hierbei eine Portion väterlicher Eigenliebe mitsprechen dürfte; aber Grimaldi hat noch lange nachher, und auch, als sein Vater schon tot war, Lob und Tadel also gleich machtlos waren, ihm zu schaden oder zu nützen, die gleiche Meinung von den Fähigkeiten seines Sohnes aufrecht erhalten und seiner Überzeugung, daß er es ihm innerhalb weniger Jahre gleich getan, wenn ihn nicht in seinen besten Leistungen gar übertroffen hätte, bei jeder sich dazu bietenden Gelegenheit festgehalten.

Am 20. Dezember des nämlichen Jahres 1814 erlitt er einen schweren Verlust durch den Tod seines aufrichtigen und stets getreuen Freundes, des Vaters seiner ersten Frau, Mr. Hughes.

Als ein abermaliges Beispiel dafür, wie manche geheime Seelenpein ein Schauspieler zu erdulden hat, mag hier bemerkt werden, daß er sich, als der Freund gestorben war, tagtäglich genötigt sah, mehrere Stunden den Proben der tollsten Szenen in Pantomimen, in denen er auftrat, beizuwohnen, sogar am Begräbnistage, an welchem er zwischen dem Theater und dem Kirchhofe hin und her rennen mußte, um die durch das Begräbnis unterbrochene Probe zu beenden und sich für den Abend in die Fähigkeit zu setzen, dem Theaterpublikum durch seine Komik schallendes Gelächter zu entlocken.

Die neue Pantomime, für die obige Worte zutreffen, gründete sich auf die Historie vom vielmal hintereinander gewählten Londoner Lordmayor Whittington und seiner Katze. Sie wurde an vielen Abenden hintereinander gegeben. Bei ihrer ersten Aufführung war Grimaldi fast außerstande, seine Rolle durchzuspielen; es gelang ihm jedoch, und zuletzt spielte er wieder mit seinem gewöhnlichen Feuer, aber freilich zum großen Nachteil für seine Gesundheit.

In Sadlers-Wells wurde in dieser Saison die Harlekinade »Der sprechende Vogel« inszeniert, worin Grimaldi zuerst den Vogel, dann den Clown gab. Während der Zeit ihrer Aufführung spielte er an demselben Abend auf drei verschiedenen Theatern drei sehr schwere, und darunter zwei Clown-Rollen.

Er war mit einem gewissen Hayward gut bekannt, der mit einer sehr braven Schauspielerin vom Surrey-Theater verheiratet war und ihn darum anging, an ihrem Benefiz-Abende mitzuwirken. Grimaldi suchte von dem Direktor des Sadlers-Wells-Theaters die hierzu erforderliche Erlaubnis nach, bekam sie auch, konnte aber Mr. Harris nicht darum angehen, da derselbe gerade verreist war. Indessen meinte Grimaldi, daß dies wenig zu sagen haben werde, da im Covent-Garden-Theater gerade kein Stück, worin er eine Rolle hatte, auf dem Repertoir stand.

Nun wurde aber unglücklicherweise für das Benefiz der Mr. Hayward das Stück »La Peyrouse« angesetzt, worin er beschäftigt war. Er eilte nach dem über der Themse gelegenen Surrey hinüber und entschuldigte sich mit der Unmöglichkeit, sein Versprechen erfüllen zu können. Man mochte aber nichts davon hören und sagte ihm, es würde sich wohl alles noch einrichten lassen. Alan werde das Stück, worin er eine Rolle übernommen, zuerst geben, er könnte dann in Sadlers-Wells und zuletzt in Covent-Garden spielen, und damit er nicht zu spät käme, sollte ein Wagen mit den besten Pferden, die nur anzuschaffen wären, für ihn bereit stehen.

Er ging darauf ein, da es ihm leid tat, seinem Freunde und dessen Frau solchen Strich durch die Rechnung zu machen, spielte mit Bologna auf dem Surrey-Theater in der Pantomime, warf sich nach, dem letzten Aktschluß augenblicklich in die vierspännige Postchaise und karriolte nach Sadlers-Wells, in Bolognas Gesellschaft, den es interessierte, sogleich zu erfahren, wie die Sache ablaufen würde.

Sie langten im Sadlers-Wells-Theater an gerade in dem Augenblicke, als die Ouvertüre begonnen wurde. Grimaldi schminkte sich in größter Hast, warf sich in das Kostüm des sprechenden Vogels und war eben fertig, als sein Stichwort fiel. Bei den letzten Szenen stieg eine nicht geringe Beängstigung in ihm auf; er blickte fortwährend nach der Schauspielerloge hinauf, um zu sehen, ob Bologna noch da wäre, der zu Covent-Garden die Rolle des Laperouse spielte und eine halbe Stunde vor ihm auftreten mußte. Bologna wartete in seiner Loge das Ende der Aufführung ab und fuhr mit Grimaldi in dem gleichen Geschwindigkeitstempo, wie sie nach Sadlers-Wells gefahren waren, nach Covent-Garden, und schon hatten sie sich beide kostümiert, als die letzten Takte der Ouvertüre erklangen.

Grimaldi hatte sich beim Umkleiden erholt, spielte wie sonst und litt zu Ende des Stücks keine größere Ermüdung wie sonst. Die einzige Erfrischung, die er während des ganzen Abends zu sich nahm, bestand in einem Glase Warmbier und einem Zwieback.

Auf sein Spiel an drei verschiedenen Orten an einunddemselben Abend tat er sich nicht wenig zu gute, denn obwohl er achtundzwanzig Abende hintereinander in zwei Theatern als Clown aufgetreten war, hatte er doch nie am gleichen Abend auf drei Bühnen gespielt, und wie weit voneinander entfernt in räumlicher Hinsicht war das Surray- vom Sadlers-Wells-Theater?

Am nächsten Tage bekam er eine Probe von der Gesinnung, die Fawcett beständig gegen ihn hegte, und hätte sich nicht Harris so wohlwollend gegen ihn bewiesen, so hätte Fawcett ihm sicher bei allerhand Gelegenheit viel Schaden zugefügt.

Als er nämlich, seine wöchentliche Gage von zehn Pfund bei der Kasse abheben wollte, wurde ihm der höfliche, aber strikte Bescheid, Mr. Fawcett habe seine Gage gesperrt. Grimaldi begab sich daraufhin sofort zu Fawcett und erkundigte sich nach der Ursache solcher Maßregel. Fawcett erklärte ihm kühl, der einzige Grund, der die Direktion bestimmt habe, ihm die Gage zu sperren, sei sein Auftreten im Surrey-Theater, ohne die Erlaubnis der Covent-Gardener Direktion hierzu einzuholen. »Ohne uns ein Wort davon vergönnt, ohne unsere Genehmigung dazu eingeholt zu haben«, so lauteten die Worte, die Mr. Fawcett brauchte. Grimaldi begnügte sich, um darzutun, wie gleichgültig ihm die Sache an sich sei, damit, daß er die hierauf passende Antwort aus dem Schauspieler-Prolog im »Hamlet«:

»Für uns und unsre Vorstellung
Mit tiefergebner Huldigung
Erbitten wir Genehmigung«

vor sich hin trällerte.

An der Schauspielhaustür traf er Harris, der eben von einer Reise heimgekehrt war und sich mit kordialem Händedruck auf das freundlichste nach seinem Befinden erkundigte.

Grimaldi antwortete: »Wir geht’s so gut, wie es einem gehen kann, dem man die Gage gesperrt hat.«

»Was haben Sie sich zu schulden kommen lassen, Joe?« fragte Harris.

»Ich habe drüben im Surrey-Theater mitgespielt auf Haywards Bitten, seiner Frau ein gutes Benefiz schaffen zu helfen.«

»Ach, ich merke, Sie unterließen es, die Direktion um Zustimmung zu bitten?«

»Es war niemand von der Direktion anwesend, der meiner Meinung nach sich zu dieser Angelegenheit zustimmend oder ablehnend hätte äußern können. Mit Mr. Fawcett hatte ich nichts zu schaffen, und Sie waren verreist. Da Fawcett in keinerlei Beziehung zu meinem Rollenfache steht, meinte ich, nur mit Mr. Farley sprechen zu sollen. Mit ihm habe ich über die Sache gesprochen, und er sagte mir, ich solle nur ruhig in Surrey spielen, da ich hier doch nicht vermißt werden dürfte.«

»Nun, so gehen Sie zu Brandon«, erwiderte Harris nach kurzem Besinnen, »und sagen Sie ihm, daß ich ihn ersuchen ließe, Ihnen Ihr Geld zu geben. Noch eins, lieber Grimaldi: ich habe mit Diamond verabredet, daß Sie es im Oktober wieder bei ihm versuchen sollen, unter den gleichen Bedingungen wie vorigesmal. Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie hier abkommen können, und auch nicht, wie jetzt, in Strafe genommen werden.«

Grimaldi drückte ihm seinen aufrichtigen Dank aus, ging zum andern Male an die Kasse, bekam seine Gage und begab sich heim.

Am 15. des nächstfolgenden Monats hatte Grimaldi sein erstes diesjähriges Benefiz in Sadlers-Wells. Er trat als Don Juan, sein Sohn als Scaramuz auf. Der Jüngling gab seine Rolle ganz vorzüglich, und fand so großen Beifall, daß Grimaldis Hoffnungen auf ihn sich noch erheblich verstärkten, ja er meinte, der Sohn werde den Namen Grimaldi noch berühmter machen, als er schon durch ihn geworden sei. Die Einnahme des Abends bezifferte sich auf 230 Pfund.

Drei Monate darauf, am 9. Oktober, sollte sein zweites Benefiz stattfinden; aber zwei Tage vorher, an einem Sonnabend, verfiel er plötzlich in eine schwere Krankheit, die ihren Anfang damit nahm, daß ihm das Atemholen überaus erschwert wurde. Es wurde ihm gleich eine Ader geschlagen, was ihm auch Erleichterung schuf; kurze Zeit nachher trat aber ein Rückfall ein, und es vergingen vier Wochen, bevor er wieder einen Fuß aus dem Hause setzen konnte.

In seiner körperlichen Verfassung hatte sich zweifellos eine wesentliche Veränderung vollzogen, denn bis dahin war er nicht einen einzigen Tag krank gewesen, und von jetzt ab war er keinen Tag mehr recht gesund.

Er mußte für sein Benefiz einen Ersatzmann stellen. Die Einnahme war ganze fünfzig Pfund geringer, aber die Freude, daß sich sein Sohn als Scaramuz abermals Ehren eingelegt, blieb ihm wenigstens.

Nach vier Wochen ging es ihm wieder besser. Er entschloß sich, dem mit Diamond geschlossenen Abkommen gemäß, nach Bath zu reisen, und spielte dort, wie auch in Bristol, bis Mitte Dezember. Aus diesem Gastspiele löste er annähernd 300 Pfund.

Um diese Zeit herum schloß er Bekanntschaft mit Davidge, dem Pächter des Surrey-Theaters, der in Bath und Bristol den Harlekin gab und noch ein schmächtiges Herrchen war, von dem sich kaum jemand gedacht hätte, daß er einmal zum »dicksten Manne Englands« werden würde.

Grimaldi spielte natürlich den Clown. Den Pantalon, der ein sehr mittelmäßiger Künstler war, nannten sie gewöhnlich »Billy Combes«. Warum? wußte eigentlich niemand recht. Aber sein richtiger Name war es nicht. Vielleicht, weil er einmal betrunken auf der Bühne erschienen war; das hatte man ihm arg verübelt, und Davidge nahm verschiedentlich Gelegenheit, Billy Combes zu drohen, daß ihm das noch nicht geschenkt sein solle.

Eines Abends, während die beiden Freunde durch ihr Spiel große Heiterkeit erweckten, wies er nach einem Koffer hin, der in der Pantomime gebraucht wurde, und flüsterte Grimaldi zu, es hinge ein Schloß mit einem Schlüssel dran, und Billy müsse sich darin verstecken; ein so feiner Spaß, ihn einzusperren, fände sich sobald nicht wieder.

Gesagt, getan. Das Publikum ergötzte sich königlich. Es waren nur noch zwei Auftritte zu spielen, und Davidge sollte sie beginnen.

Als er auf die Bühne ging, fragte ihn Grimaldi, ob er den Pantalon wieder aus dem Koffer hinaus gelassen habe. »Nein«, lautete die Antwort, »aber es soll sogleich geschehen, wenn ich wieder abtrete.«

Er tanzte mit diesen Worten auf die Bühne, Grimaldi folgte ihm, und die gewöhnlichere Katzbalgerei nahm ihren Anfang. Nach fünf Minuten war die Pantomime beendet, Grimaldi hatte seine Krankheit noch nicht überwunden, er fühlte sich noch gar sehr abgespannt und verfügte sich sogleich in sein Gasthaus, um sich zu Bett zu begeben.

Am folgenden Morgen war wieder Probe. Grimaldi hatte sich einige neue Szenen ausgesonnen, um in die Pantomime etwas mehr Abwechselung zu bringen. Indessen hatte die Probe nicht den gewöhnlichen guten Fortgang, da der Pantalon ausblieb. Grimaldi fragte Davidge, sobald er ihn sah, wo dieser bleibe?

»Billy scheint den Spaß krumm genommen zu haben«, setzte er hinzu, »und heute früh nicht kommen zu wollen? Falls er auch heute abend wegbleiben sollte, kann’s eine schöne Bescherung setzen,«

»Was meinen Sie damit?« fragte Davidge erschrocken.

»Nun, er ist doch nicht da, wir haben zu ihm nach Hause geschickt, dort ist er aber auch nicht.«

»Schockschwerenot!« rief da Davidge, »ich habe doch nicht etwa vergessen, ihn aus dem Koffer zu erlösen?«

Alles lief und erkundigte sich, und schließlich wurde, nach langem Suchen, der Koffer in einem Keller unter der Bühne gefunden. Wie er dorthin gekommen, darüber verlautete nicht das geringste. Niemand war imstande, darüber etwas zu erfahren. Der arme Pantalon befand sich in einem höchst traurigen Zustande, war jedoch glücklicherweise noch am Leben, da der Koffer ein paar Risse und Spalten aufwies, durch die Luft genug kam, um das Ersticken zu verhindern. Billy Coombes kam bald wieder zu sich. Seine Haft im Koffer hatte auch keine schlimmen Folgen für ihn hinterlassen. Er erzählte, daß er so laut wie möglich gerufen, auch lange Zeit geklopft habe, was aber infolge des fortwährenden Lärmens hinter der Szene überhört worden sein müsse.

Nun kam es auch an den Tag, wie der Koffer den Weg in den Keller hinunter gefunden hatte: er war einfach beim Abräumen in eine Versenkung hinunter gelassen worden. Ganz unverständlich war und blieb es aber, daß auch hierbei der Lärm des armen Pantalon, mochte er noch so durch die Bretter abgedämpft worden sein, ungehört hatte verhallen können.

Pantalon selbst hatte sich damit getröstet, daß man ihn am andern Morgen vermissen und dann wohl befreien werde, und war in dieser Zuversicht schließlich eingenickt und hatte geschlafen, bis man sich seiner endlich wirklich erinnerte.

Billy Coombes oder wie er sonst heißen mochte, verursachte einmal durch eine schlagfertige Antwort auf der Bühne ein schallendes Gelächter. Es wurde Romeo und Julie gegeben, und er spielte den Simson. Die Theatergarderobe war sehr dürftig, und er bekam infolgedessen einen ebenso buntscheckigen wie zur Rolle überhaupt gar nicht passenden Anzug, besonders der Rock war ihm zu groß, so daß ihm die Ärmelaufschläge weit über die Hände hinunterhingen.

Billy war sehr ärgerlich darüber, aber das Publikum begrüßte ihn mit lautem Gelächter.

In der ersten Szene muß Simson den Daumen gegen Abraham, den Diener der nebenbuhlerischen Familie, beißen, worauf der nachstehende Dialog folgt:

Abraham: Beißt Ihr den Daumen gegen uns, Sir?«

Simson (beiseite): Ist das Recht auf unserer Seite, wenn ich Ja sage?

Gregor: Nein. Simson: Nein, Sir. Ich beiße meinen Daumen nicht gegen Euch, Sir. Aber ich beiße meinen Daumen, Sir.

Billy Coombes unterließ es, den Daumen zu beißen, überhaupt; der Schauspieler, der den Abraham gab, hielt es für das beste, anzunehmen, daß es geschehen sei, drehte sich zornig um und rief:

»So! Ihr beißt also den Daumen nicht wider uns, Sir?«

»Nein, Sir«, antwortete Billy Coombes mit lauter und vernehmlicher Stimme, »ich täte es mit Vergnügen, Sir, wenn mich mein Herr nicht in einen so verwünschten Rock gesteckt hätte« – er hielt die langen Ärmel in die Höhe – »daß ich platterdings nicht an meine Fäuste kommen kann.«

Die Zuschauer wollten sich vor Lachen ausschütten, und das Spiel war auf ein paar Minuten unterbrochen. Billy machte endlich von seinen komischen Versuchen, die Hände zu zeigen, ein Ende, gab das Stichwort, und der Dialog wurde fortgesetzt.

Als Grimaldi nach London zurückgekehrt war, nahmen die Proben der Pantomime: »Harlekin und die Sylphe des Eichbaums, oder der blinde Bettler von Bethnal Green« in Covent-Garden ihren Anfang. Sie wurde zu der gewöhnlichen Zeit und mit sehr großem Erfolge in Szene gesetzt, und im April 1816 folgte sie auf Pococks Melodrama: »Robinson Crusoe, oder der verwegene Buccanier« – in welchem Stücke Grimaldi den Freitag und Faley den Crusoe spielte.

Es war die glücklichste Bühnenbearbeitung der berühmten Erzählung Defoes, wurde an vielen Abenden und wird auch jetzt noch hin und wieder aufgeführt.

Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Grimaldi verläßt Sadlers-Wells-Theater infolge einer Veruneinigung mit den Eigentümern. – Lord Byron. – John Kemble zieht sich zurück. – Triumphe Grimaldis in der Provinz. – Auftritt in einer Badestube.

In Sadlers-Wells-Theater war die Hauptneuigkeit der Saison 1816 ein Melodrama, das viel Beifall fand: »Philipp und sein Hund«. Von 1782 – einschließlich 1820, war Grimaldi fortwährend, nur mit Ausnahme einer einzigen Saison, im Sadlers-Wells engagiert gewesen. Die Ursache seines Nicht-Engagements war die folgende.

Sein früherer Kontrakt lief ein paar Tage vor dem Schlusse der vorigen Saison ab, und Mr. Charles Dibdin fragte schriftlich bei ihm an, unter welchen Bedingungen er geneigt wäre, ihn zu erneuern. Grimaldi erwiderte, daß er zufrieden sein würde, wenn man statt der Pfunde Guineen gäbe.

Dibdin erklärte sich damit einverstanden, doch mit dem Hinzufügen, daß in Zukunft bloß ein einziges Benefiz bewilligt werden könnte; hierdurch wäre aber Grimaldis Einnahme bedeutend verringert worden, denn kein Benefiz hatte ihm bislang weniger als 150 Pfund eingebracht. Da er obendrein jedesmal 60 Pfund, nämlich mehr für das Haus bezahlte als eine Abendeinnahme zu betragen pflegte, glaubte er um so weniger, daß die Eigentümer gerechte Ursache zu ihrer beabsichten Kontraktänderung hätten.

Deshalb schrieb er also Dibdin, daß er auf das zweite Benefiz unter keinen Umständen verzichten könnte.

Er bekam keine Antwort, erwartete aber mit Bestimmtheit, daß die Direktion keine Saison ohne ihn eröffnen werde, da er ohne Frage der »Löwe des Theaters war und viel Geld in die Kassen brachte. Er irrte indessen, denn Dibdin ließ nichts von sich hören, und bald darauf kam ihm zu Ohren, daß an seiner Stelle Mr. Paulo engagiert worden sei.

Im November unternahm er nun einen viertägigen Ausflug nach Brighton. Das Theater daselbst befand sich im Besitze von John Brunton, der nebenher im Covent-Garden als Schauspieler angestellt war, und dessen Tochter, nachmals Mrs. Yates, als eine unserer besten Bühnen-Künstlerinnen geschätzt wurde. John Brunton, von dem eine Schwester mit Lord Craven verheiratet war, hat sich Grimaldi gegenüber immer als ein wohlwollender Freund gezeigt.

In Brighton kamen »Valentine und Orson«, der »Robinson Crusoe« und andere Stücke zur Aufführung, in denen Brunton Farleys Rollen gab. Die Einnahme war höchst befriedigend. Auf Grimaldis Anteil kamen 100 Pfund.

Damals kam Grimaldi öfter mit Lord Byron zusammen, sowohl in Covent-Garden, als in Gesellschaften, zu denen er eingeladen war, und sie traten zueinander in ein recht freundliches Verkehrsverhältnis. Lord Byron war ein höchst exzentrischer Herr und erwies sich als solcher auch gegen Grimaldi.

»Bisweilen«, erzählte Grimaldi, »schien der Lord in tiefe Melancholie versunken zu sein und bot dann das richtige Bild der Verzweiflung, denn sein Antlitz war in hohem Grade geeignet, den Ausdruck des tiefsten Schmerzes anzunehmen; zu anderen Zeiten war er sehr lebhaft und plauderte äußerst munter; bisweilen benahm er sich auch wie ein wahrer Geck und zeigte seine weißen Hände und Zähne mit einer fast lächerlichen Geziertheit. Aber gleichviel in welcher Stimmung er sich befand, und wie auch sein Benehmen sein mochte, seine bitteren, beißenden Sarkasmen blieben nie aus und wurden unter keinerlei Umständen vergessen.«

Grimaldi hatte niemals ähnliches gehört, und was er hörte, war nicht geeignet die heilige Scheu zu vermindern, die er seit seiner ersten Begegnung mit dem Lord vor diesem hegte. Byrons Benehmen gegen ihn bekundete indes immer viel Herablassung und Wohlwollen. Oft unterhielt er sich stundenlang mit ihm und wartete bisweilen, wenn Grimaldi auf die Bühne gerufen und das Gespräch dadurch eine Unterbrechung erlitt, stundenlang auf Grimaldis Rückkehr hinter die Kulissen, um das Gespräch sogleich wieder weiter zu führen.

Grimaldi widersprach ihm so gut wie nie, weil er fürchtete, selbst ein Gegenstand Byronscher Sarkasmen zu werden, und benahm sich, wenn etwas zur Sprache kam, worüber er die Meinung des Lords nicht kannte, immer doppelt vorsichtig und suchte vor allen Dingen die letzteren zu erforschen, um nicht in die Gefahr zu geraten, Anstoß bei ihm zu geben.

Ehe Lord Byron England auf Nimmerwiedersehen verließ, schenkte er Grimaldi, seiner Rede nach als Zeichen seiner Wertschätzung, eine wertvolle silberne Tabaksdose mit der Inschrift: »Seinem lieben Joe Grimaldi von Gordon Noel Byron.« Diese Dose wurde begreiflicherweise in den höchsten Ehren gehalten.

Lord Byron war übrigens immer sehr nobel gegen Grimaldi. Als er ihn 1808 zum ersten Male spielen sah, ließ er ihn bitten, ihm bei allen Benefizvorstellungen ein Logenbillet zu reservieren. Grimaldi erfüllte den Wunsch und erhielt am andern Tage immer eine Fünfpfund-Note durch die Post.

Die Pantomime, die in diesem Jahre im Covent-Garden gespielt wurde, »Harlekin Gulliver, oder: Die fliegende Insel«, fand so großen Beifall, daß sie vor Ostern 63 mal aufgeführt wurde, dagegen fiel das Stück »Der Marquis von Carabbos, oder: Kätzchen in Stiefeln«, das am 30. März zum ersten Male aufgeführt wurde, vollständig durch, und zwar mit Recht.

Am nämlichen Abend begann auch im Sadlers-Wells die Saison. Grimaldis Nichtauftreten veranlaßte unter den Zuschauern eine große Sensation. Es war erst durch die Theaterzettel bekannt geworden, daß statt seiner Paulo engagiert worden war. Grimaldi hatte ein paar Tage in Eggham verlebt, und als er nach London zurückkehrte, war er nicht wenig verwundert, drei Häuser in seiner Stadtgegend ganz mit Anschlagzetteln bedeckt zu sehen, auf denen in großen Lettern stand: »Kein Paulo! Joe, nur Joe, und Joe für immer!«

Es ist freilich behauptet worden, er habe selbst die Hand dabei im Spiele gehabt, er hat es jedoch bei Gelegenheiten, die sich ihm hierzu boten, auf das bestimmteste in Abrede gestellt.

Im Sadlers-Wells-Theater wurde die Saison eröffnet mit: »Philipp und sein Hund« und »Die Aprilnarren, oder: Monate und Mummenschanz«. Da er gehört hatte, daß Dibdin, falls es durch sein Nichtauftreten zu Störungen kommen sollte, beabsichtigen sollte, dem Publikum die Erklärung abzugeben, daß er nur auf sein ausdrückliches Begehr nicht wieder in den Bühnenverband aufgenommen worden sei, begab er sich am ersten Abend in eine Loge, um dem Publikum seinerseits auseinanderzusetzen, wie sich die Sache in Wahrheit verhielte.

Diese Unannehmlichkeit wurde ihm indessen erspart, da das Publikum seine Unzufriedenheit auf die empfindlichste Weise kund und zu wissen tat, nämlich dadurch, daß es – gar nicht ins Theater kam! Statt daß, wie sonst, alle Plätze besetzt waren, wies das Haus klaffende Lücken auf. In den Logen zählte man nur vierzig Personen, obendrein lauter »Freibillet-Inhaber«, im Parterre waren kaum hundert Stühle besetzt, und die Galerie war kaum zur Hälfte besetzt.

Grimaldi verweilte nur kurze Zeit im Theater, da Dibdin ihn zu einer Gegenansprache ans Publikum nicht nötigte, und begab sich nach Covent-Garden, um sich für seine Rolle im »Gestiefelten Kätzchen« zu kostümieren.

Am andern Morgen berichteten sämtliche Zeitungen, daß Grimaldi im Sadlers-Wells-Theater nicht mehr aufträte, und prophezeiten hieraus einen förmlichen Kassensturz. Nun begann bei den Direktoren in der Provinz eine förmliche Wettjagd um Grimaldi. Der erste, der sich Grimaldi sicherte, war Murray, dem die Bühnen in Edinburg und Glasgow gehörten. Er engagierte Grimaldi auf sechs Abende zu folgenden Bedingungen: Grimaldi sollte die beste Einnahme allein, Murray die nächstbeste allein zufallen, während die vier anderen, abzüglich von je 40 Pfund für die Unkosten, zwischen Murray und Grimaldi gleichmäßig geteilt werden sollten. Grimaldi ging natürlich hierauf ein.

Kaum hatte Murray den Kontrakt mit ihm unterzeichnet, als Direktor Knight aus Liverpool, dem auch die Bühne in Manchester gehörte, sich bei ihm melden ließ und ihm ein dreiwöchentliches Engagement unter noch besseren Bedingungen anbot. Dann folgten soviel Angebote, daß Grimaldi gar nicht imstande gewesen wäre, sie sämtlich anzunehmen, und wenn ihm statt sechs Wochen zwölf Monate zur Verfügung gestanden hätten. Nicht wenige davon waren so glänzender Natur, daß er sich nur mit dem größten Bedauern dazu entschließen konnte, sie von der Hand zu weisen.

Das »Gestiefelte Kätzchen« war, wie gesagt, durchgefallen, und so bot sich für Grimaldi im Covent-Garden keine weitere Beschäftigung mehr. Er nahm deshalb eine Einladung Bruntons, des Pächters vom Birmingham-Theater, auf sieben Abende für sich und seinen Sohn an. Letzterer trat in der Provinz zum ersten Male auf, und die Einnahmen beliefen sich auf die beispiellose Summe von je 200 Pfund den Abend.

Crisp, der Direktor vom Theater in Worcester, setzte ihm so lange mit Bitten aller Art zu, bis er sich zu einem Abend verpflichtete. Crisp ließ ihm die Wahl zwischen 40 Pfund fester Gage und Teilung der Einnahme zur Hälfte, Grimaldi entschied sich diesmal für das erstere. Er spielte den Scaramuz und erzielte ein ausverkauftes Haus. Außer dem Scaramuz gab er verschiedene Lieder zum besten und beschloß den Abend mit einer kleinen Pantomime aus dem Stegreife, in der sowohl er als auch sein Sohn als Clowns auftraten.

Abends soupierte er mit dem Direktor, der ihm beim Nachtische, mit der Beteuerung, daß er noch immer Grimaldi gegenüber erheblich im Vorteile bleibe, eine Fünfzig-Pfundnote überreichte. Grimaldi bekam hierdurch von Crisp eine sehr günstige Meinung und versicherte ihm, daß er sich seiner immer gern erinnern und auch jederzeit bereit sein werde, sich Zu einem neuen Engagement ihm gegenüber zu verpflichten.

Am folgenden Tage kehrte er nach London heim, wo er zu seiner Freude hörte, daß man seiner Dienste in Covent-Garden nicht bedurft hätte, und abermals Briefe von Theaterdirektoren vorfand, die sich um sein Engagement bemühten; er war jedoch außerstande, auf die ihm gemachten Vorschläge einzugehen.

Am 23. Juni trat John Kemble zum letzten Male im »Koriolan« und in »Cervantes‘ Bilde« auf, gab seine Rolle mit gewohnter Genialität und verabschiedete sich am Schlusse der Vorstellung durch eine kurze Anrede vom Publikum, dem er so manchen genußreichen Abend verschafft hätte. Aus den Logen wurde eine weißseidene Schärpe mit einem Kranze geworfen, fiel jedoch in das Orchester. Dort saß der französische Tragöde Talma, ein vertrauter Freund Kembles, der sich augenblicklich von seinem Sitze erhob, die Schärpe mit dem Kranze aufhob und unter mächtigem Applaus auf die Bühne hinauf reichte. Talma war, nebenbei gesagt, expreß von Paris herübergekommen, um dieser letzten Vorstellung Kembles beizuwohnen. Im Clarendon-Hotel, in der Bond-Street, fand ein solennes Diner statt. Am Tage darauf reiste Kemble nach einem Landsitze bei Toulouse ab und ist dort, wie die Rede ging, an den Folgen eines untätigen Wandels verstorben.

Grimaldi trat bis zum Schlusse der Covent-Gardener Saison nur noch einige Male auf und fuhr am 3. Juli nach Schottland. In Edinburg angekommen, vernahm er zu seiner nicht geringen Verwunderung von Murray, daß er, da Emery für Glasgow gewonnen wäre, dort nur an drei Abenden auftreten könnte. Es ließ sich nichts dawider tun, er mußte gute Miene zum bösen Spiele machen und reiste sogleich wieder nach Glasgow, wo er am folgenden Abend eine Rolle zu übernehmen hatte.

Da es Sonntag war, an welchem Tage in Schottland keine Postkutsche fährt, mußte er Extrapost nehmen und traf erst nach 11 ½ stündiger Fahrt in Glasgow ein. In halb soviel Zeit hätte er die Strecke zu Fuß zurücklegen können.

»Whittington«, »Don Juan«, »Valentine und Orson« und »Die Nebenbuhler« waren die Stücke, die in Glasgow zur Aufführung gebracht wurden. In den drei ersten spielte neben ihm auch sein Sohn; im letzten gab er Acres und zwar mit außerordentlichem Erfolge.

Er gab diese Rolle überall auf seinen Provinztouren und immer zur Belustigung und vollkommenen Befriedigung seines Auditoriums. Es ist irrig, wenn gesagt worden ist, er hätte in der Provinz Richard den Dritten gespielt. Von Rollen, die nicht ins pantomimische oder melodramatische Fach fielen, hat er nur den Acres, Moll Flaggon und vielleicht noch eine dritte gespielt, die aber nicht Richard der Dritte war.

Von Glasgow begab er sich wieder nach Edinburg, wo er zweimal als Acres auftrat. Ebenso ergötzte er die braven Leute von Old-Reekey – Alt-Qualmnest – außerordentlich mit dem damals volkstümlichen Liede »Tippitywitchie«, und er wie sein Sohn erhielten alle nur erdenklichen Gunstbeweise.

An seinem letzten Spielabend kam Mr. Murray zu ihm und überreichte ihm einen Check mit der Aufforderung, im nächsten Sommer sein Gastspiel zu wiederholen. –

Am 22. reiste Grimaldi nach Berwick, wo er sich für zwei Abende verpflichtet hatte. Über das dortige Stadttheater war er im ersten Augenblicke geradezu verblüfft. So etwas hatte er sein Lebtag noch nicht gesehen. Es befand sich auf einem Dachboden, und der Weg zu dem Gebäude führte über einen Viehhof. Zwei Treppen mußte man hinaufsteigen. Der Eingang war kläglich, unsauber und vor allem für Damen höchst unappetitlich. Das Innere des Theaters war dagegen so nett und vornehm, wie man es nur denken konnte.

Auch konnte Grimaldi sich nicht besinnen, je vor einem eleganteren und glanzvolleren Logenpublikum aufgetreten zu sein als hier in Berwick.

Die beiden Abende brachten ihm 92 Pfund ein. Am zweiten soupierte er mit dem Direktor, und während er mit ihm bei Tische saß, wurde ihm ein Schreiben überreicht, das von einem galonnierten Diener abgegeben worden war, der sich aber sogleich wieder entfernt hatte. Es lautete wie folgt:

»Sir, – nehmen Sie Inliegendes als Anerkennung Ihres Genies und als Dank für das herrliche Vergnügen entgegen, das Sie mir heute abend bereitet haben.

Ein Freund und Verehrer.«

Was drinnen lag, war – eine Fünfzig-Pfund-Note. –

Am folgenden Tage reiste Grimaldi nach Liverpool ab, wo er am 30. zum ersten Male auftrat. Er verweilte drei Wochen dort. Als Gage waren ihm 12 Pfund wöchentlich ausgesetzt worden, dazu ein halbes Benefiz oder eine Entschädigung von 40 Pfund für den Abend extra. Auch hier wählte er wieder das letztere.

Als der zu seinem Benefize angesetzte Abend – der letzte seines Engagements – herankam, begann er sorglich zu überlegen, ob er »auf das ganze Abenderträgnis« spekulieren wolle oder nicht. Er hatte in Liverpool keine Bekannte oder gar Freunde, die er hätte um Rat angehen können, war aber anderseits mit schier maßlosem Beifall aufgenommen worden. Da er mit sich nicht ins Reine kommen konnte, bat er seine zufällig anwesenden Kollegen Emery, Blanchard und Jack Johnstone um ihre Ansicht. Sie rieten ihm dazu, das Abenderträgnis zu nehmen, und er bezahlte obwohl er noch immer nicht recht auf den Erfolg rechnete, die 40 Pfund an die Kasse als seinen Anteil an den Unkosten des Abends.

Das Stück, das zur Aufführung kam, war »Die Nebenbuhler«. Er spielte wieder den Acres darin, und als Nachspiel kam die Pantomime »Harlekins Olio«, worin sein Sohn als Flipflap, eine Art Lakai des Harlekins, und er selbst als Clown auftrat.

Nach dem Zetteldruck verstrichen mehrere Tage, ohne daß die geringsten Anzeichen für ein günstiges Benefiz zu verspüren waren. Noch am Morgen des Aufführungstages hatte er erst vierzehn Eintrittskarten verkauft und begab sich höchst niedergeschlagen nach dem Schauspielhause. An der Logentür traf er Mr. Banks, einen der Direktoren, der ihn mit der Worten anredete:

»Na, Joe, heute gibt’s aber mal ein wirkliches Benefiz‘.«

»Hm, kann sein, kann sein,« versetzte er seufzend.

»Haben Sie das Logenbuch gesehen«, fuhr der Direktor mit etwas verwunderter Miene fort.

»Nein. Ich fürchte mich eigentlich davor«, antwortete Grimaldi.

»Fürchten, Joe? Aber, Grimaldi, wovor denn? Man weiß ja nicht, wie es Ihnen recht ist? Es sind sämtliche Logenplätze verkauft, und wenn noch mehr da wären, wären auch mehr noch verkauft.« So verhielt es sich auch. Die Einnahme dieses Abends belief sich auf 328 Pfund, überstieg also alle früheren, sogar diejenige des für den Liebling der Stadt, Miß O’Neil, angesetzten Benefiz-Abends, wie auch alle Einnahmen, die John Emery, Grimaldis Konkurrent, zu verzeichnen hatte.

Dadurch, daß Grimaldi sich nach dem Rate seiner Kollegen gerichtet hatte, erwuchs ihm ein Gewinn von mehr denn 280 Pfund. Er zeigte sich insofern dafür erkenntlich, als er ihnen ein solennes Diner zum besten gab. –

Es kamen Aufforderungen zu Gastspielen fast alle Tage, von fast sämtlichen Provinzbühnen. Er ging aber nur noch auf zwei davon ein: auf die von Preston für einen Abend, und auf eine von Mr. Crisp, dessen vornehmes Verhalten in Worcester er noch immer in bester Erinnerung hatte, nach Hereford auf vier Abende.

Zwei Tage nach seinem großen Benefiz begab er sich nach Preston, um seinem mit dem dortigen Direktor, Mr. Howard, abgeschlossenen Vertrage gerecht zu werden. Als er eine so große Menge von Quäkern in den Straßen der Stadt herumlaufen sah, sank ihm freilich der Mut. Howard tröstete ihn jedoch und machte ihm die besten Hoffnungen, und der Erfolg gab ihm auch recht. Grimaldi trat als Scaramuz auf, und mit soviel Beifall, daß er noch einen zweiten Abend zugeben mußte, an welchem er als Acres auftrat. Beide Abende war das Haus so gut wie ausverkauft, und von der Einnahmen beider Abende kamen auf seinen Teil 86 Pfund: ein Ergebnis, mit dem er um so zufriedener war, als er doch so gut wie nichts erwartet hatte.

Am zweiten Tage nach seiner Ankunft in Preston ereignete sich ein kleiner Vorfall, der ihn so sehr amüsierte, daß er ihn in einer Pantomimen-Szene zu benutzen gedachte. Als er bei einem Barbier eintrat, um sich den Bart abnehmen zu lassen, sah er ein allerliebstes junges Mädchen im Laden sitzen, mit einer Näharbeit beschäftigt, das sich von seinem Stuhle erhob, ihn zu begrüßen.

Grimaldi fragte nach dem Herrn Barbier.

»Er ist nur einen Augenblick hinausgegangen«, versetzte das Mädchen, »und muß gleich wieder da sein.«

Grimaldi antwortete, er wolle wiederkommen, machte einen Gang durch die benachbarten Straßen, traf zufällig Mr. Howard und ging mit ihm nach der Barbierstube zurück. Er fand denselben noch immer nicht anwesend, machte seinem Verdrusse, zum zweiten Male umsonst gekommen zu sein, durch ein paar grillige Worte Luft und wollte zum andern Male gehen. Da fragte ihn Howard, ob er mit dem Barbier etwas wichtiges zu sprechen hätte.

»Durchaus nicht,« antwortete Grimaldi, »bloß barbiert möchte ich sein.«

»O, wenn Sie mir das vorhin gesagt hätten«, sagte das Mädchen darauf, »so konnten Sie Ihren Bart schon längst los sein. Ich bediene ja die meisten Kunden vom Vater, ob er zu Hause ist oder nicht.«

Howard erklärte, daß ihn das Mädchen wohl schon an fünfzig Male rasiert habe. Grimaldi setzte sich nun und ließ sich einseifen, konnte aber seiner Lachlust nicht Herr werden, als ihm das Mädchen unter das Kinn griff, und wollte, als es ihm gar mit einem Stückchen Löschpapier an die Nasenspitze faßte, schier bersten vor Lachen. Das Mädchen mußte auch lachen, Mr. Howard auch, und Grimaldi schnitt die possierlichsten Gesichter. Da trat der Barbier in seine Stube, und ihm kam die Szene, deren unvermuteter Zeuge er wurde, auch so drollig vor, daß er in ein schallendes Gelächter ausbrach, auf einen Stuhl sank, sich vor Lachen den Bauch halten mußte und in abgerissenen Worten rief:

»Nein, solch einen schnurrigen Kauz, wie den Herrn, den mein Mädchen unterm Messer hat, habe ich, weiß Gott! mein Lebtag noch nicht bei mir gesehen!« Und dann rief er wieder: »Wissen Sie, lieber Mann, schneiden Sie bloß nicht mehr Gesichter, sonst muß man ja noch ersticken!«

Als sich zuletzt alle vier ausgelacht hatten, vollendete der Barbier das von seiner Tochter begonnene Werk. Grimaldi gab dem Mädchen einen Schilling als Donceur und verabschiedete sich, nachdem sich auch Mr. Howard hatte rasieren lassen.

Am 24. fuhr er nach Liverpool, nachdem er seine Gelder kassiert und allerhand Einkäufe bewirkt hatte; denn es war Brauch und Sitte bei ihm, einen Teil der Einnahmen bei den Geschäftsleuten der betreffenden Stadt zu lassen.