Roman

29. Kapitel


Tom will sterben

Es war spät in der Nacht, und Tom lag stöhnend und blutend in einem alten verlassenen Raume des Baumwollhauses unter einzelnen zerbrochenen Maschinenteilen, Haufen beschädigter Baumwolle und anderem Gerumpel, das sich dort gesammelt hatte.

Die Nacht war feucht und schwül, und in der dicken Luft schwärmten Myriaden Moskitos, welche die ruhelose Marter seiner Wunden noch vermehrten, während ein brennender Durst – eine alle anderen übertreffende Folter – das Maß des physischen Schmerzes bis aufs äußerste füllte.

»Ach, guter Herrgott! Schau herab auf mich – gib mir den Sieg! – Gib mir den Sieg über alles!« betete der arme Tom in seiner Angst.

Schritte ließen sich in dem Zimmer hinter ihm hören, und der Schimmer einer Laterne fiel auf sein Auge.

»Wer ist da? O um Gottes Erbarmen willen, gebt mir Wasser!«

Cassy – denn diese war es – setzte ihre Laterne hin, goß Wasser aus einer Flasche, hob seinen Kopf in die Höhe und gab ihm zu trinken – darauf leerte er noch zwei andere Becher mit fieberischer Hast.

»Trinkt, soviel Ihr wollt«, sagte sie, »ich wußte, wie es kommen würde. Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in der Nacht hierher schleiche, um Leuten in Eurer Lage Wasser zu bringen.«

»Ich danke Euch, Missis«, sagte Tom, als er mit Trinken fertig war.

»Nennt mich nicht Missis! Ich bin ein elender Sklave, wie Ihr seid – noch schlechter und niedriger, als Ihr jemals werden könnt!« sagte sie bitter. »Aber jetzt«, sagte sie, indem sie nach der Tür ging, und einen kleinen Strohsack hereinzog, über welchen sie mit kaltem Wasser angefeuchtete Laken gebreitet hatte, »versucht, armer Mann, Euch hier auf den Strohsack zu wälzen.«

Steif von Wunden und Schwielen, gelang es Tom erst nach längerer Zeit diese Bewegung zu bewerkstelligen; aber als es ihm gelungen war, fühlte er eine erhebliche Erleichterung von der kühlenden Wirkung der feuchten Leintücher.

Die Frau, welche durch lange Übung unter den Opfern roher Grausamkeit einiges Geschick in den heilenden Künsten erlangt hatte, machte noch verschiedene Umschläge um Toms Wunden, durch deren Hilfe er sich bald etwas erleichtert fühlte.

»So«, sagte die Frau, als sie unter seinen Kopf eine Rolle beschädigter Baumwolle gelegt hatte, die als Kissen diente, »das ist das Beste, was ich für Euch tun kann.«

Tom dankte ihr; und die Frau setzte sich auf den Fußboden hin, zog ihre Knie an sich, schlang die Arme darum und sah starr und mit einem bitteren und leidenden Ausdruck auf dem Gesichte vor sich hin. Ihre Kopfbedeckung fiel zurück, und lange, weiche Locken von schwarzem Haar wallten um ihr eigentümliches, melancholisches Gesicht.

»Es nützt Euch nichts, armer Mann!« begann sie endlich. »Es nützt Euch nichts, daß Ihr hier so etwas versucht. Ihr wart ein braver Kerl – Ihr hattet das Recht auf Eurer Seite; aber es ist alles vergebens, und für Euch außer aller Frage dagegen anzukämpfen. Ihr seid in den Händen des Teufels; er ist der Stärkste; und Ihr müßt nachgeben.«

Nachgeben! Und hatten nicht menschliche Schwäche und physische Qual ihm schon dasselbe zugeflüstert? Tom durchzuckte es bei diesem Gedanken, denn die finstere Frau mit ihren wilden Augen und ihrer melancholischen Stimme schien ihm eine Verkörperung der Versuchung zu sein, mit der er gekämpft hatte. »O Herr!« stöhnte er. »Wie kann ich nachgeben?«

»Es nützt nichts, den Herrn anzurufen – er erhört Euch nie«, sagte die Frau mit kalter Ruhe. »Es gibt keinen Gott, glaube ich; oder wenn es einen gibt, hat er Partei für unsere Gegner genommen. Alles geht gegen uns, im Himmel und auf Erden, alles treibt und stößt uns in die Hölle. Warum sollen wir nicht hingehen?«

Tom schloß die Augen und schauderte über die bösen gottlosen Worte.

»Ihr seht«, sagte die Frau, »Ihr wißt nichts davon – ich aber kenne es. Ich bin fünf Jahre auf dieser Plantage gewesen und habe mit Leib und Seele diesem Manne gehört, und ich hasse ihn, wie ich den Teufel hasse. Ihr seid hier auf einer einsamen Plantage, zehn Meilen von jeder anderen entfernt, mitten in den Sümpfen; kein Weißer ist hier, welcher bezeugen könnte, wenn Ihr lebendig verbrannt, in heißem Wasser gesotten, in zollkleine Stückchen zerschnitten, von den Hunden zerrissen oder zu Tode gepeitscht würdet. Es gibt hier kein Gesetz von Gott oder dem Menschen, das Euch oder einem von uns das mindeste nützen könnte; und dieser Mann! Es gibt nichts Schlechtes auf Erden, was er nicht schlecht genug wäre zu tun. Ich könnte Euch das Haar zu Berge stehen und die Zähne klappern machen, wenn ich nur erzählen wollte, was ich hier gesehen und erfahren habe – und Widerstand hilft nichts! Wollte ich mit ihm leben? War ich nicht ein anständig und fein erzogenes Weib? Und er – Gott im Himmel, was war er und was ist er? Und doch habe ich mit ihm diese fünf Jahre gelebt und jeden Augenblick meines Lebens verwünscht – Tag und Nacht! Und jetzt hat er eine neue mitgebracht – ein junges Ding von nur 15 Jahren; und sie ist fromm erzogen, wie sie sagt. Ihre gute Herrin hat sie gelehrt, die Bibel zu lesen, und sie hat ihre Bibel mit hergebracht – in die Hölle mit ihr!« Und das Weib stieß ein wildes und klägliches Lachen aus, das mit seltsamem, unheimlichem Klange durch den alten verfallenen Schuppen hallte.

Tom faltete die Hände; alles war Finsternis und Entsetzen. »O Jesus! Herr Jesus! Hast Du uns arme Sünder ganz vergessen?« rief er endlich aus. »Hilf, Herr, ich verderbe!«

Die Frau fuhr mit finsterer Entschiedenheit fort:

»Und was sind diese jämmerlichen niederen Geschöpfe, mit denen Ihr arbeitet, daß Ihr ihretwegen leiden wollt? Jeder einzelne von ihnen würde sich gegen Euch wenden, sowie er eine Gelegenheit dazu fände. Sie sind alle so schlecht und grausam gegeneinander, als sie nur sein können; Eure Leiden, sie vor Schaden zu bewahren, nützen zu nichts.«

»Die armen Geschöpfe!« sagte Tom. »Was hat sie grausam gemacht? Und wenn ich nachgebe, gewöhne ich mich daran und werde allmählich ebenso wie sie! Nein, nein, Missis! Ich habe alles verloren – Weib und Kinder und einen guten Herrn – und er hätte mich freigelassen, wenn er nur eine Woche länger gelebt hätte. Ich habe alles auf dieser Welt verloren, und es ist fort, für immer – und ich kann nicht auch noch den Himmel verlieren; nein, ich kann nicht auch noch schlecht werden!«

»Aber es ist unmöglich, daß uns der Herr die Sünde anrechnet«, sagte die Frau, »er kann sie uns nicht zur Last legen, wenn wir dazu gezwungen werden; er legt sie nur denen zur Last, die uns dazu getrieben haben.«

»Ja«, sagte Tom, »aber das hält uns nicht ab, gottlos zu werden. Wenn ich so hartherzig werde, wie Sambo, und so gottlos, so macht es keinen sehr großen Unterschied für mich, wie ich so geworden bin; es ist das Gottlossein – das ist’s, wovor ich mich fürchte.«

Das Weib sah mit einem verstörten und aufgeregten Blick Tom an, als ob ein neuer Gedanke in ihr aufleuchtete, und dann sprach sie mit schwerem Seufzen:

»O Gott der Gnaden! Ihr sprecht die Wahrheit! O – o – o!« und laut stöhnend sank sie auf den Boden hin, wie eine von dem äußersten Grade der Seelenangst Gefolterte sich krümmend.

Eine Pause des Schweigens trat ein, in welcher man das Atmen der beiden hören konnte, bis Tom mit schwacher Stimme sagte: »Ach bitte, Missis!«

Die Frau erhob sich plötzlich, und ihr Gesicht hatte wieder seinen gewöhnlichen, finsteren, melancholischen Ausdruck angenommen.

»Bitte, Missis, sie haben meinen Rock dort in die Ecke geworfen, und in meiner Rocktasche steckt meine Bibel – wenn Missis mir sie herreichen wollte.«

Cassy stand auf und holte sie. Tom schlug eine mit starken Strichen bezeichnete und stark abgelesene Seite auf, welche von den letzten Lebensszenen desjenigen handelt, durch dessen Leiden wir geheilt werden.

»Wenn Missis nur so gut sein wollte, das zu lesen – es ist besser als Wasser.«

Cassy nahm das Buch mit einer trockenen und stolzen Miene und überblickte die Stelle. Dann las sie laut mit einer weichen Stimme und einer eigentümlichen Schönheit der Betonung die rührende Geschichte von Christi Leiden. Oft, wie sie las, zitterte ihre Stimme oder stockte manchmal ganz, wo sie dann mit einer Miene ruhiger Fassung innehielt, bis sie ihre Bewegung bezwungen hatte. Als sie zu den rührenden Worten kam: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« warf sie das Buch hin, verhüllte das Gesicht mit den schweren Locken ihres Haares und schluchzte laut mit krampfhafter Heftigkeit.

Tom weinte auch und ließ dann und wann einen halb unterdrückten Ausruf hören.

»Wenn wir uns nur so halten könnten!« sagte Tom. »Ihm schien es so natürlich zu kommen, und wir haben so angestrengt darum zu ringen! O Herr hilf uns! O himmlischer Herr Jesus, hilf uns!

»Missis«, sagte Tom nach einer Pause, »ich erkenne wohl, daß Ihr in allem viel weiter sein müßt als ich; aber eine Sache könnte Missis sogar von dem armen Tom lernen. Ihr sagt, der Herr nehme Partei gegen uns, weil er uns mißhandeln und peinigen läßt; aber Ihr seht, wie es mit seinem eigenen Sohn geschah, dem himmlischen Herrn der Herrlichkeit. War er nicht immer arm? Und ist es einem von uns schon so schlimm ergangen wie ihm? Der Herr hat uns nicht vergessen – des bin ich gewiß. Wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm herrschen, sagt die Schrift; aber wenn wir ihn verleugnen, wird er uns auch verleugnen. Haben sie nicht alle gelitten – der Herr und alle die Seinen? Wir lesen, wie sie gesteinigt und zersägt wurden und in Schaffellen und Ziegenfellen herumirrten und entblößt, bekümmert und gequält waren. Daß wir leiden, ist kein Grund, uns glauben zu machen, der Herr hätte sich gegen uns gewendet, sondern gerade das Gegenteil, wenn wir nur an ihm festhalten und uns nur der Sünde nicht ergeben.«

»Aber warum bringt er uns in Lagen, wo wir nicht anders können als sündigen?« sagte die Frau.

»Ich glaube, wir können anders«, sagte Tom.

»Ihr werdet es sehen«, sagte Cassy. »Was wollt Ihr machen? Morgen werden sie Euch wieder vornehmen. Ich kenne sie und habe all ihr Tun gesehen; ich mag gar nicht daran denken, was sie Euch alles noch tun werden – und sie werden Euch doch noch zum Nachgeben bringen!«

»Herr Jesus!« sagte Tom. »Du wirst meine Seele in Deine Obhut nehmen! O Herr, ich bitte Dich! – Laß mich nicht nachgeben.«

»Ach, ich habe auch von andern schon dieses Rufen und Beten gehört«, sagte Cassy, »und doch hat man sie mürbe gemacht, bis sie sich fügten. Da ist Emmeline, die versucht auch, es auszuhalten, und Ihr versucht es – aber was nützt es? Ihr müßt nachgeben oder Euch zollweise töten lassen.«

»Nun, dann will ich den Tod leiden!« sagte Tom. »Mögen sie es auch noch so lange hinausziehen, sie können es nicht verhindern, daß ich endlich einmal sterbe! – Und danach können sie nichts mehr tun. Ich bin ruhig! Ich bin entschlossen! Ich weiß, der Herr wird mir helfen und mich durchbringen.«

Die Frau antwortete nicht, sie saß da und heftete die schwarzen Augen starr auf den Fußboden.

»Vielleicht ist das der Weg«, murmelte sie vor sich hin, »aber für die, welche nachgegeben haben, ist keine Hoffnung mehr – keine! Wir leben in Schmutz und werden ekelhaft, bis wir uns vor uns selbst ekeln! Und wir sehnen uns zu sterben und wagen doch nicht, uns den Tod zu geben. Keine Hoffnung! Keine Hoffnung! Keine Hoffnung! – Dies Mädchen da – gerade so alt, wie ich war. Ihr seht mich jetzt«, sagte sie in hastiger Rede zu Tom, »seht, was ich bin! Ich bin in Wohlleben und Üppigkeit aufgewachsen. Meine erste Erinnerung ist, daß ich als Kind in glänzenden Zimmern spielte, daß man mich wie eine Puppe anputzte und Gesellschaft und Gäste meine Schönheit anpriesen. Vor den Salonfenstern war ein Garten; und dort spielte ich mit meinen Brüdern und Schwestern unter den Orangenbäumen Verstecken. Ich ging in ein Kloster, und dort lernte ich Musik, Französisch, Sticken und was sonst nicht; und als ich 14 Jahre alt war, verließ ich es, um meines Vaters Leichenbegräbnis beizuwohnen. Er starb sehr rasch, und als sie seine Geschäfte abschlossen, fand ich, daß kaum genug da war, um die Schulden zu decken; und als die Gläubiger ein Inventar des Mobiliareigentums aufnahmen, kam ich auch mit auf das Verzeichnis. Meine Mutter war eine Sklavin, und mein Vater hatte immer beabsichtigt, mich frei zu lassen; aber er hatte es nicht getan, und so kam ich mit zum Verkauf. Ich hatte stets gewußt, was ich war, aber hatte mir nie besondere Gedanken darüber gemacht. Niemand denkt sich, daß ein gesunder, starker Mann bald sterben könnte. Mein Vater war vier Stunden vor dem Tode noch gesund – er war eins der ersten Choleraopfer in New Orleans. Am Tage nach dem Begräbnisse nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder und begab sich auf ihres Vaters Plantage. Ich dachte, sie behandelte mich sonderbar, aber wußte sonst nichts. Ein junger Advokat hatte die Ordnung des Geschäfts übernommen; und er kam jeden Tag, besuchte das Haus und redete mit mir sehr höflich. Eines Tages brachte er einen jungen Mann mit sich, den ich für den schönsten halten mußte, den ich jemals gesehen. Ich werde diesen Abend nie vergessen; ich ging mit ihm im Garten spazieren. Ich fühlte mich einsam und bekümmert, und er war so gut und freundlich gegen mich; und er sagte mir, er hätte mich gesehen, ehe ich ins Kloster ging und mich schon seit langer Zeit geliebt, und wollte mein Freund und Beschützer sein. Kurz, obgleich er mir nicht sagte, daß er 2000 Dollar für mich bezahlt hatte und ich sein Eigentum war, gab ich mich ihm doch gern hin, denn ich liebte ihn!« unterbrach sich die Frau. »O wie ich diesen Mann liebte! Wie ich ihn jetzt noch liebe, und immer lieben werde, solange ich atme. Er war so schön, so stolz, so edel! Er gab mir ein schönes Haus mit Dienerschaft, Pferden, Wagen, Möbeln und schönen Kleidern. Alles, was sich mit Geld kaufen ließ, schenkte er mir; aber ich legte auf das alles keinen Wert, ich kümmerte mich nur um ihn. Ich liebte ihn mehr, als meinen Gott und meine Seele; und wenn ich’s auch versuchte, konnte ich doch nicht anders tun, als nach seinen Wünschen.

Nur eines wünschte ich noch, daß er mich heiraten möchte. Ich dachte, wenn er mich wirklich so liebte, wie er sagte, und wenn ich das war, wofür er mich zu halten schien, so könnte er nichts dawider haben, mich zu heiraten und mich freizulassen. Aber er überzeugte mich, daß es unmöglich sei, und sagte mir, wenn wir nur einander treu wären, so war das eine Ehe vor Gott. Wenn das wahr ist, war ich dann nicht dieses Mannes Gattin? War ich ihm nicht treu? Sieben Jahre lang studierte ich jeden seiner Blicke und jede seiner Bewegungen, und lebte und atmete nur ihm zu Gefallen. Er bekam das gelbe Fieber und zwanzig Tage und Nächte wachte ich bei ihm – ich allein; und reichte ihm alle seine Medizin und tat alles für ihn; und dann nannte er mich seinen guten Engel und sagte, ich hätte ihm das Leben gerettet. Wir hatten zwei schöne Kinder. Das erste war ein Knabe und wir nannten ihn Henry; er war das Ebenbild seines Vaters – er hatte so schöne Augen, so eine Stirn, und das Haar umwallte ihn in reichen Locken – und er besaß das ganze Feuer des Vaters und auch seine Talente. Die kleine Elise, sagte er, sähe mir ähnlich. Er sagte mir immer, ich sei die schönste Frau in Louisiana, so stolz war er auf mich und die Kinder. Er sah es gern, wenn ich sie anputzte und mit ihnen in einem offenen Wagen ausfuhr und Bemerkungen hörte, welche die Leute über uns machten; und er redete mir beständig von den schönen Sachen vor, die sie meinen Kindern und mir zum Lobe gesprochen hatten. Ach das waren glückliche Tage! Ich hielt mich für so glücklich, als nur ein Mensch sein konnte; aber nun kamen böse Zeiten. Ein Vetter von ihm, der sein vertrauter Freund war, kam nach New Orleans. Er hielt große Stücke auf ihn; aber von dem ersten Augenblicke an, ich weiß nicht, warum, flößte er mir Furcht ein, denn ich fühlte mich überzeugt, daß er uns ins Unglück bringen würde. Er gewöhnte Henry, mit ihm auszugehen, und oft kam er nicht vor zwei oder drei Uhr nachts nach Hause. Ich wagte kein Wort zu sagen, denn Henry war so stolz und heftig, daß ich mich vor ihm fürchtete. Er nahm ihn mit in die Spielhäuser, und er war einer von denen, die sich nicht mehr halten lassen, wenn sie einmal dort sind. Und dann führte er ihn bei einer anderen Dame ein, und ich erkannte bald, daß sein Herz nicht mehr mir gehörte. Er sagte es mir nie, aber ich sah es – ich wußte es Tag für Tag. Ich fühlte, wie mir das Herz brach, aber konnte kein Wort sagen. Darauf erbot sich der Elende, mich und die Kinder ihm heimlich abzukaufen, um seine Spielschulden zu tilgen, die seiner Verheiratung, die er im Sinne hatte, im Wege standen – und verkaufte uns. Eines Tages sagte er mir, er habe Geschäfte außerhalb der Stadt und werde auf zwei oder drei Wochen verreisen. Er war zärtlicher als gewöhnlich und sagte, er werde wiederkommen; aber er täuschte mich nicht, ich wußte, daß die Zeit gekommen war, mir war es, als wäre ich Stein geworden; ich konnte weder sprechen noch eine Träne vergießen. Er küßte mich und küßte die Kinder viele Male und verließ uns. Ich sah ihn aufs Pferd steigen und blickte ihm nach, bis er ganz außer Gesichtsbereich war, dann sank ich bewußtlos zu Boden. Dann kam er, der Elende! Er kam, mich in Besitz zu nehmen. Er sagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft hätte, und zeigte mir die Papiere. Ich verfluchte ihn vor Gott und sagte ihm, ich wollte lieber sterben, als mit ihm leben.

›Ganz wie es Euch beliebt‹, sagte er. ›Aber wenn Ihr Euch nicht verständig benehmt, so verkaufe ich Eure beiden Kinder an einen Ort, wo Ihr sie nie wiedersehen sollt.‹ Er sagte mir, er habe sich von dem ersten Male an, wo er mich gesehen, vorgenommen, mich zu besitzen; und er habe Henry verführt und ihn zum Schuldenmachen verlockt, damit er willens werde, mich zu verkaufen. Durch seine Veranstaltung habe er sich in eine andere Frau verliebt; und ich möchte daraus sehen, daß er nach solchen Bemühungen seinen Vorsatz nicht wegen ein paar Tränen oder Ohnmachten aufgeben werde.

Ich fügte mich, denn die Hände waren mir gebunden. Er hatte meine Kinder; wenn ich mich seinem Willen in irgend etwas widersetzte, so drohte er, sie zu verkaufen, und machte mich so unterwürfig, wie er nur wünschte. Oh, was das für ein Leben war! Mit brechendem Herzen jeden Tag zu leben – immer fort und fort zu leben, wo nur Jammer war; und mit Leib und Seele an einen Mann gefesselt zu sein, den ich haßte. Henry hatte ich früher gern vorgelesen oder ihm vorgespielt oder mit ihm gewalzt und gesungen; aber alles, was ich für diesen tat, war mir eine wahre Last – und doch wagte ich nicht, ihm etwas zu verweigern. Er war sehr herrisch und barsch gegen die Kinder. Elisa war ein schüchternes kleines Wesen; aber Henry war keck und feurig, wie sein Vater und hatte sich noch vor keinem Menschen gebeugt. Diesen zankte und schimpfte er immer aus; und ich verlebte jeden Tag in Furcht und Besorgnis. Ich versuchte, dem Kinde Ehrerbietigkeit zu lehren – ich versuchte, sie fern voneinander zu halten, denn ich hing an diesen Kindern, wie an meinem Leben; aber es nützte mir nichts. Er verkaufte beide Kinder. Er fuhr eines Tages mit mir aus, und als ich nach Hause kam, waren sie nirgends aufzufinden! Er sagte mir, er hätte sie verkauft; er zeigte mir das Geld, den Preis ihres Blutes. Da war es, als ob alles Gute mich verließe. Ich wütete und fluchte – verfluchte Gott und die Menschen; und eine Zeitlang, glaube ich, fürchtete er sich wirklich vor mir. Aber er gab nicht nach. Er sagte mir, meine Kinder wären verkauft, aber ob ich sie jemals wiedersehen würde, hinge ganz von ihm ab; und wenn ich mich nicht ruhig verhielte, würden sie es empfinden. Nun, man kann ja alles mit einer Frau machen, wenn man ihre Kinder in der Gewalt hat. Mich machte sein Drohen unterwürfig; ich ließ mir alles gefallen; er schmeichelte mir mit der Hoffnung, daß er sie vielleicht zurückkaufen werde, und so vergingen eine oder zwei Wochen. Eines Tages ging ich spazieren und kam an der Calabuse vorbei. Ich sah ein Gedränge um die Tür stehen und hörte die Stimme eines Kindes – und plötzlich riß sich mein Henry von zwei oder drei Männern los, die ihn hielten, stürzte schreiend auf mich los und klammerte sich an mein Kleid an. Sie kamen fürchterlich fluchend hinter mir her; und ein Mann, dessen Gesicht ich nie vergessen werde, sagte ihm, daß er nicht so entkommen solle; daß er mit in die Calabuse müsse und dort eine Lektion zu bekommen, die er nicht so leicht vergessen werde. Ich versuchte, für ihn vorzubitten – sie lachten mich nur aus; der arme Knabe schrie und sah mir flehend ins Gesicht, und klammerte sich an mich an, bis sie ihn mit Gewalt fortschleppten und mir dabei fast das ganze Kleid herunterrissen; und wie sie ihn hineintrugen, schrie er immer noch: ›Mutter! Mutter! Mutter!‹ Ein Mann stand dabei, der mit mir Mitleid zu haben schien. Ich bot ihm all mein Geld für seine Fürsprache an. Er schüttelte den Kopf und sagte, der Mann behaupte, der Knabe sei unverschämt und widerspenstig gewesen, seit er ihn besitze; und er wolle ein für allemal seinen Trotz brechen. Ich wandte mich um und eilte fort; und auf jedem Schritte glaubte ich ihn schreien zu hören. Ich erreichte unsere Wohnung und stürzte außer Atem in das Wohnzimmer, wo ich Butler fand. Ich erzählte ihm alles und bat ihn, hinzugehen und sich für den Knaben zu verwenden. Er lachte nur und sagte, dem Knaben geschehe ganz recht. Sein Trotz müsse gebrochen werden – je eher desto besser; was könnte ich anderes erwarten? fragte er mich.

In diesem Augenblicke war es mir, als zerspränge etwas in meinem Kopfe. Mir schwindelte und Raserei ergriff mich. Ich erinnere mich noch, ein großes, scharfes Bowiemesser auf dem Tisch liegen gesehen zu haben; ich erinnere mich noch dunkel, daß ich es ergriff und auf ihn losstürzte; und dann wurde alles finster und ich wußte nichts mehr – viele, viele Tage lang nicht.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem sauberen Zimmer – aber nicht in meinem. Eine alte Negerin war meine Krankenwärterin; und ein Arzt besuchte mich, und man gab sich sehr viel Mühe mit mir. Nach einer Weile erfuhr ich, daß er fort war und mich in diesem Hause zurückgelassen hatte, um verkauft zu werden; und deshalb trugen sie soviel Sorge für mich.

Ich wollte nicht gesund werden und hoffte es auch nicht; aber mir zum Trotz verging das Fieber, und ich genas und stand endlich vom Krankenlager auf. Dann mußte ich mich jeden Tag anputzen; und Herren besuchten uns und rauchten ihre Zigarre und sahen mich an und stellten Fragen und handelten um mich. Ich war so düster und schweigsam, daß niemand mich haben wollte. Sie drohten, mich auszupeitschen, wenn ich nicht heiterer würde und mir Mühe gäbe, mich angenehm zu machen. Endlich kam eines Tages ein Herr, namens Stuart. Er schien einige Teilnahme für mich zu empfinden; er sah, daß mir etwas Schreckliches auf dem Herzen lag, und besuchte mich oft, wenn ich allein war, und überredete mich endlich, ihm mein Herz auszuschütten. Er kaufte mich zuletzt und versprach alles mögliche zu tun, um meine Kinder aufzufinden und zurückzukaufen. Er ging in das Hotel, wo mein Henry gewesen war; sie sagten ihm, er wäre an einen Pflanzer oben am Pearl River verkauft; das ist das letzte, was ich von ihm gehört habe. Dann entdeckte er auch, wo meine Tochter war; eine alte Frau hatte sie in ihrem Hause. Er bot eine bedeutende Summe für sie, aber sie wollten sie nicht verkaufen. Butler erfuhr, daß er sie für mich kaufen wollte; und er ließ mir sagen, daß ich sie nie bekommen würde. Capitain Stuart war sehr gut gegen mich; er besaß eine prächtige Plantage und nahm mich mit dorthin. Im Laufe eines Jahres wurde mir ein Sohn geboren. O dieses Kind! – Wie ich es liebte! Wie ähnlich das kleine Wesen meinem armen Henry sah! Aber ich hatte meinen Entschluß gefaßt – ja, ich hatte mir vorgenommen, kein Kind emporwachsen zu lassen! Ich nahm den Kleinen in meine Arme, als er zwei Wochen alt war, und küßte ihn, und weinte über ihm; und dann gab ich ihm Laudanum ein und hielt ihn fest an meine Brust gedrückt, während er in den Tod hinüberschlief. Wie ich über der Leiche trauerte und weinte! Und wem ist es je im Traume eingefallen, daß ich ihm anders als aus Irrtum das Laudanum gegeben habe? Aber es ist eine von den wenigen Taten, über die ich mich jetzt noch freue. Ich bereue es bis heute noch nicht; wenigstens ist er von aller Plage frei. Was konnte ich dem armen Kinde Besseres geben als den Tod? Nach einer Weile kam die Cholera, und Capitain Stuart starb; alles starb, was leben wollte: Nur ich – ich, obgleich ich mich bis an die Pforten des Todes drängte – ich lebte! Dann wurde ich verkauft und ging von Hand zu Hand, bis ich welk und runzelig wurde und das Fieber bekam; und dann kaufte mich dieser Elende und brachte mich hierher – und hier bin ich!«

Die Frau schwieg. Sie hatte ihre Geschichte mit einem wilden leidenschaftlichen Haß erzählt und schien sich dabei manchmal an Tom zu wenden, manchmal mit sich selbst zu sprechen. So heftig und überwältigend war die Kraft, mit der sie erzählte, daß Tom sogar eine Zeitlang die Schmerzen seiner Wunden vergaß, und sich auf einen Ellenbogen gestützt erhob und ihr zusah, wie sie ruhelos auf und ab ging, während ihr langes schwarzes Haar sie in schweren Locken umwallte.

»Ihr sagt mir«, sagte sie nach einer Pause, »daß es einen Gott gäbe – einen Gott, der herunterblickt und alle diese Dinge sieht. Vielleicht ist’s wahr. Die Klosterschwestern erzählten mir manchmal von einem Tage des Gerichts, wo alles ans Licht kommen soll; wird das nicht ein Tag der Rache werden!

Sie glauben, unsere Leiden seien ein Nichts – es sei ein Nichts, was unsere Kinder zu leiden hätten! Es ist alles nur unbedeutend; und doch bin ich auf den Straßen herumgestrichen, während es mir vorkam, als hätte ich Elend genug auf meinem eigenen Herzen, um die ganze Stadt darunter zu begraben. Ich habe gewünscht, die Häuser möchten auf mich fallen oder die Erde unter mir einsinken. Ja, am Tage des Gerichts will ich vor Gott treten und meine Kinder an Leib und Seele zugrunde gerichtet haben!

Als ich noch ein Mädchen war, glaubte ich, fromm zu sein; ich liebte Gott und betete gern. Jetzt bin ich eine verlorene Seele, verfolgt von Teufeln, die mich Tag und Nacht quälen; sie treiben mich beständig an – und ich werde es gewiß auch nächstens tun!« sagte sie und ballte die Faust, während ein Blitz des Wahnsinns aus ihren schweren Augen schoß. »Ich will ihn hinschicken, wo er hingehört – er hat nicht weit zu gehen – nächstens, und wenn sie mich dafür lebendig verbrennen!« Ein langes wildes Gelächter schallte durch den verlassenen Raum und verlief sich in ein hysterisches Schluchzen; krampfhaft stöhnend und zuckend warf sie sich auf den Erdboden.

In wenigen Augenblicken schien der Anfall vorüber zu sein; sie stand langsam auf und schien sich zu sammeln.

»Kann ich noch etwas für Euch tun, armer Mann?« sagte sie und trat an Toms Lager. »Soll ich Euch noch etwas Wasser reichen?«

Es lag eine anmutsvolle und mitleidige Lieblichkeit in ihrer Stimme und ihrem Wesen, wie sie das sagte, die einen seltsamen Gegensatz zu ihrer früheren Wildheit bildete.

Tom trank das Wasser und sah sie voll Ernst und Mitleid an.

»O Missis, ich wollte, Ihr ginget zu Ihm, der Euch das Wasser des Lebens reichen kann!«

»Zu Ihm gehen! Wo ist er? Wo ist er?« sagte Cassy.

»Er, von dem Ihr mir vorgelesen habt – der Herr.«

»Ich habe oft ein Bild von ihm über dem Altare gesehen, als ich noch ein Kind war«, sagte Cassy, und ihre Augen starrten, wie in einem melancholischen Traum versunken vor sich hin. »Aber hier ist er nicht! Hier ist nichts als Sünde und lange endlose Verzweiflung! O!« und sie legte die Hand auf ihre Brust und holte tief Atem, als wollte sie eine schwere Bürde heben.

Tom machte eine Gebärde, als wollte er wieder zu sprechen anfangen, aber sie unterbrach ihn mit einem sehr entschiedenen Winke.

»Sprecht nicht, armer Mann. Versucht lieber zu schlafen, wenn’s Euch möglich ist.« Und nachdem sie den Wasserkrug an sein Bett gestellt hatte, daß er ihn erreichen konnte, und es ihm auch in anderer Weise möglichst bequem gemacht hatte, verließ Cassy den Schuppen.

3. Kapitel


Ein Abend in Onkel Toms Hütte

Onkel Toms Hütte war ein kleines Blockhaus, dicht neben dem »Hause«, wie der Neger die Herrenwohnung par excellence nennt. Davor war ein hübscher Gartenfleck, wo jeden Sommer Erdbeeren, Himbeeren und viele andere Früchte und Gemüse unter sorgfältiger Pflege gediehen. Die ganze Vorderseite war von einer großen roten Begonie und einer einheimischen Multiflorarose bedeckt, die sich ineinander verschlangen und kaum ein Fleckchen der rohen Balken erblicken ließen. Hier fanden auch im Sommer verschiedene lebhaft gefärbte Blumen wie Ringelblumen, Petunien und andere eine Stelle, wo sie ihren Glanz zeigen konnten, und waren die Freude und der Stolz von Tante Chloes Herzen.

Wir wollen einmal in das Haus eintreten. Das Abendessen im Herrenhause ist vorbei, und Tante Chloe, die seiner Bereitung als erste Köchin vorstand, hat anderen in der Küche das Geschäft überlassen, das Geschirr wegzuräumen und zu waschen, und ist nun unter ihrem eigenen gemütlichen Dache, um für ihren Alten das Abendessen zu bereiten. Deshalb könnt Ihr Euch sicher darauf verlassen, daß sie vor dem Feuer steht und mit gespanntem Interesse gewisse brodelnde Sachen in einem Kasserol überwacht und dann und wann mit ernster Überlegung den Deckel eines Schmorkessels abhebt, aus welchem ein Dampf emporsteigt, der unzweifelhaft etwas Gutes erraten läßt. Sie hat ein rundes, schwarzes, glänzendes Gesicht, so glänzend, daß man fast glauben könnte, sie wäre mit Eiweiß lackiert, wie eins ihrer eigenen Teebrote. Ihr ganzes dickes Gesicht strahlt unter ihrem gut gestärkten karierten Turban von Selbstgenügsamkeit und Zufriedenheit, nicht unvermischt, müssen wir gestehen, mit dem Selbstbewußtsein, welches der ersten Kochkünstlerin der ganzen Umgegend zukommt, wofür Tante Chloe allgemein gehalten wird.

Eine Köchin war sie gewiß bis zum innersten Kern ihrer Seele. Jede Henne, Truthenne oder Ente auf dem Hofe wurde ernsthaft, wenn sie Tante Chloe nahen sah, und schien bange an ihren letzten Augenblick zu denken; denn gewiß war ihr Kopf immer so sehr mit Schlachten, Füllen und Braten beschäftigt, daß jedes einsichtsvolle Huhn, das noch lebte, darüber erschrecken konnte. Ihr Maiskuchen in allen seinen zahllosen Varietäten war ein erhabenes Geheimnis für alle weniger geübten Bäcker, und ihr fetter Bauch wackelte ihr von ehrlichem Stolz und Freude, wenn sie die fruchtlosen Anstrengungen einer oder der andern Nebenbuhlerin erzählte, die danach gestrebt hatte, ihren hohen Standpunkt zu erreichen.

Die Ankunft von Gesellschaft im Herrenhause, das Anordnen von Staatsdiners und Soupers, riefen die ganze Energie ihrer Seele wach, und kein Anblick war ihr angenehmer, als ein ganzer Haufen von Reisekoffern in der Veranda; dann sah sie neue Anstrengungen und neue Siege vor sich.

Jetzt gerade blickt jedoch Tante Chloe in die Schmorpfanne, bei welcher angenehmen Beschäftigung wir sie lassen wollen, bis wir mit unserer Schilderung der Hütte fertig sind.

In einer Ecke derselben stand ein Bett, sauber mit einer schneeweißen Decke zugedeckt, und vor demselben lag ein Stück Teppich von nicht unbeträchtlicher Größe. Auf dieses Stück Teppich bildete sich Tante Chloe etwas ein, weil es ganz entschieden vornehm war, und dasselbe und das Bett, vor dem es lag, und die ganze Ecke wurde mit ausgezeichneter Rücksicht behandelt und soweit möglich vor den plündernden Einfällen und Entheiligungen des Kleinen bewahrt. Eigentlich war diese Ecke der Salon des Hauses. In der andern Ecke stand ein Bett von viel bescheideneren Ansprüchen und offenbar zum Gebrauch bestimmt. Über dem Kamin hingen ein paar sehr bunte Bilder aus der Heiligen Schrift und ein Porträt des Generals Washington von einer Zeichnung und einem Kolorit, welche gewiß diesen großen Mann in Erstaunen gesetzt hätten, wenn sie ihm zu Gesicht gekommen wären.

Auf einer Bretterbank in der Ecke waren ein paar Knaben mit Wollköpfen und funkelnden schwarzen Augen beschäftigt, die ersten Gehübungen eines kleinen Kindes zu beaufsichtigen, die, wie es gewöhnlich der Fall ist, darin bestanden, daß es auf die Füße zu stehen kam, einen Augenblick das Gleichgewicht suchte und dann wieder niederfiel. Natürlich wurde jeder fehlgeschlagene Versuch mit lebhaftem Beifall begrüßt, als wäre er ganz entschieden gelungen.

Ein in seinen Beinen etwas gichtischer Tisch war vor das Fenster gerückt und mit einem Tischtuch bedeckt; verschiedenes Geschirr von sehr lebhaftem Muster stand darauf wie Anzeichen einer bevorstehenden Mahlzeit. An diesem Tisch saß Onkel Tom, Mr. Shelbys bester Mann.

Er war ein großer, breitschultriger, kräftig gebauter Mann von tiefem glänzendem Schwarz und einem Gesicht, dessen echt afrikanische Züge ein Ausdruck von ernster und tüchtiger Verständigkeit, mit Freundlichkeit und Wohlwollen verbunden, auszeichnete. In seiner ganzen Physiognomie lag etwas von Selbstachtung und Würde, die jedoch mit einer vertrauenden und bescheidenen Einfachheit verbunden waren.

Er hatte gerade sehr viel mit einer vor ihm liegenden Schiefertafel zu tun, auf welcher er vorsichtig und langsam bemüht war, einige Buchstaben nachzumalen, wobei ihn der junge Master George, ein lebhafter, hübscher Knabe von 13 Jahren, beaufsichtigte, der die Würde seiner Stellung als Lehrer ganz zu fühlen schien.

»Nicht auf die Seite, Onkel Tom – nicht auf die Seite«, sagte er munter, als Onkel Tom mit großer Mühe den Schwanz eines g auf der falschen Seite in die Höhe zog. »Das wird ein q, sieh her.«

»So, so, wirklich«, sagte Onkel Tom und sah mit einem ehrerbietigen, bewundernden Gesicht zu, während sein junger Lehrer zu seiner Erbauung unzählbare q und g auf die Tafel machte; darauf nahm er den Schieferstift zwischen seine groben schweren Finger und fing geduldig von vorn an.

»Wie leicht den weißen Leuten alles wird!« sagte Tante Chloe, indem sie einen Augenblick von der Kuchenform aufsah, die sie mit einem auf die Gabel aufgespießten Stück Speck bestrich, und den jungen Master George stolz anblickte. »Wie er jetzt schreiben kann! Und lesen! Und abends hierher zu kommen und seine Lektionen uns vorzulesen – das ist gewaltig interessant!«

»Aber, Tante Chloe, ich werde gewaltig hungrig«, sagte George.

»Ist denn der Kuchen in der Pfanne dort bald fertig?«

»Beinahe gut, Master George«, sagte Tante Chloe, indem sie den Deckel ein wenig in die Höhe hob und hineinguckte; »wird schön braun – wunderschön braun. Ach das überlaßt mir! Missis ließ neulich Sally versuchen, Kuchen zu backen, nur damit sie’s lerne, sagte sie. ›Ach gehen Sie, Missis!‹ sagte ich. ›Es tut einem ordentlich das Herz weh, gute Speisen so verderben zu sehen! Der Kuchen hebt sich nur auf einer Seite, kriegt keine Form, so wenig wie mein Schuh – geht mir!‹« Und mit dieser letzten Abfertigung der Uneingeweihtheit Sallys nahm Tante Chloe den Deckel von der Backpfanne und zeigte den Augen einen schön gebackenen Pfundkuchen, dessen sich kein Konditor in der Stadt hätte zu schämen brauchen. Da dies offenbar der Mittel- und Hauptpunkt des Festes war, so fing jetzt Tante Chloe an, sich ernstlich mit dem Anrichten des Abendessens zu beschäftigen.

»Ihr da, Mose und Pete, geht aus dem Wege, ihr Nigger! Fort hier, Polly, mein Schätzchen, Mutter wird dir hernach schon was geben. Und Sie, Master George, nehmen Sie jetzt die Bücher weg und setzen Sie sich hin mit meinem Alten, und ich will die Würste anrichten und Ihnen die erste Form voll Waffeln vorsetzen, ehe Sie sich umsehen können.«

»Sie wollten, ich solle zum Abendbrot nach Hause kommen«, sagte George; »aber ich wußte zu gut, was besser ist, Tante Chloe.«

»Gewiß, gewiß, Goldkind«, sagte Tante Chloe und häufte ihm den Teller voll dampfender Waffeln. »Sie wußten, daß Ihr altes Tantchen das Beste für Sie aufhebt. O das überlaßt Ihr, geht mir!« Und dabei gab Tante Chloe George einen freundlichen Stoß in die Seite, der über die Maßen spaßhaft sein sollte, und wendete sich wieder mit großem Eifer zu ihrer Kuchenform.

»Nun den Kuchen her«, sagte Master George, als er in der Beschäftigung mit den Waffeln ein wenig nachgelassen hatte, und damit schwenkte der junge Bursche ein großes Messer über den fraglichen Gegenstand.

»Ums Himmels willen, Master George!« sagte Tante Chloe mit großem Ernste und ergriff ihn beim Arme. »Sie werden ihn doch nicht mit dem großen Messer schneiden? Sie verderben ihn ganz und gar – zerbrechen die schöne, gewölbte Decke? Hier ist ein dünnes, altes Messer, das ich bloß dazu geschärft habe. So, so – geht so leicht auseinander wie eine Feder! Nun essen Sie – was Besseres, als das, kriegen Sie nicht.«

»Tom Lincoln sagt«, entgegnete George mit vollem Munde, »daß ihre Jinny besser kochen kann als du!«

»Die Lincolns haben nicht viel zu bedeuten, gar nicht!« sagte Tante Chloe geringschätzig. »Ich meine im Vergleich mit unsern Leuten. Es sind ganz achtbare Leute in bescheidener einfacher Weise; aber etwas Vornehmes zuwege zu bringen, davon haben sie auch gar keinen Begriff. Stellen Sie einmal Master Lincoln neben Master Shelby! O Gott! Und Mistreß Lincoln, kann sie so in das Zimmer hereinrauschen, wie meine Missis – so recht vornehm, wißt Ihr! O geht mir! Sprecht mir nicht von den Lincolns!« Und Tante Chloe warf den Kopf zurück wie eine Person, die da vermeint, sie kenne die Welt etwas.

»Nun, ich habe dich aber doch sagen hören«, sagte George, »daß Jinny eine leidliche Köchin sei.«

»Das habe ich gesagt«, sagte Tante Chloe, »das kann ich sagen. Eine gute, einfache, gewöhnliche Küche, die kann Jinny besorgen; kann ein gutes Laib Brot backen – ihre Kartoffeln ziemlich kochen – ihre Maiskuchen sind nicht besonders, nicht besonders sind sie, aber doch sind sie leidlich – aber Gott, wenn man zu den höhern Zweigen kommt, was kann sie da? Nun ja, sie macht Pasteten – jawohl; aber mit was für einer Rinde? Kann sie den echten, geschmeidigen Teig backen, der im Munde zerschmilzt und in die Höhe steigt, wie ein Eiderbett? Nun, ich war drüben bei Miß Marys Hochzeit, und Jinny zeigte mir die Hochzeitkuchen. Jinny und ich sind gute Freundinnen, wissen Sie. Ich sagte kein Wort; aber gehen Sie mir, Master George! Wahrhaftig, ich könnte eine ganze Woche lang kein Auge zutun, wenn ich solche Kuchen gemacht hätte. Gott, sie taugten auch gar nichts!«

»Und wahrscheinlich bildet sich Jinny was Besonderes darauf ein«, sagte George.

»Gewiß, gewiß! Ich sehe sie noch, wie sie mir sie zeigte, so unschuldig ja sehen Sie, das ist es eben, Jinny weiß es nicht besser. Gott, die Familie ist nichts! Man kann es nicht verlangen, daß sie es weiß! Das ist nicht ihr Fehler. Ach, Master George, Sie kennen nicht die Hälfte Ihrer Privilegien in Ihrer Familie und Erziehung.« Hier seufzte Tante Chloe und verdrehte vor Bewegung die Augen.

»O gewiß, Tante Chloe, ich kenne alle meine Pasteten- und Pudding-Privilegien«, sagte George. »Frag Tom Lincoln, ob ich nicht jedesmal über ihn krähe, wenn ich ihn sehe.«

Tante Chloe lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und brach über diesen Witz ihres jungen Herrn in ein so herzliches Lachen aus, daß ihr die Tränen über die glänzenden schwarzen Backen herabrollten, wobei sie scherzend Master George schlug und puffte und ihm sagte, er sollte gehen, und er sei so ein Mensch – und er sei imstande, sie tot zu machen; und zwischen jeder dieser Todesprophezeiungen brach sie wieder in ein Gelächter aus, das stets länger und lauter als das vorige war, bis George wirklich zu glauben anfing, er sei ein ganz gefährlich witziger Kerl, und er müsse sich wohl in acht nehmen, nicht gar zu drollig zu sein.

»Und das sagten Sie Tom wirklich! O Gott! Was die jungen Leute nicht alles tun! Sie kräheten über Tom, o Gott! Master George, Sie können ja einen Holzbock zu lachen machen.«

»Ja«, sagte George, »ich sagte zu ihm: ›Tom, du solltest einen Kuchen von Tante Chloe sehen; das sind die wahren‹«, sagte ich.

»’s ist wirklich schade, daß es Tom nicht gekonnt hat«, sagte Tante Chloe, auf deren wohlwollendes Herz der Gedanke an Toms umnachteten Seelenzustand einen starken Eindruck zu machen schien. »Sie sollten ihn eigentlich nächster Tage einmal hierher zum Essen einladen, Master George«, setzte sie hinzu; »das würde sich ganz hübsch von Ihnen ausnehmen. Sehen Sie, Master George, Sie dürfen auf niemand herabsehen wegen Ihrer Privilegien, weil unsere Privilegien uns von Gott gegeben sind, – wir sollten das niemals vergessen«, sagte Tante Chloe und machte ein ganz andächtiges Gesicht.

»Gut, ich werde nächste Woche Tom einmal hierher einladen«, sagte George; »und du tust dein Bestes, Tante Chloe, und er soll Augen machen! Er soll essen, daß er es vierzehn Tage lang nicht verwinden kann; nicht wahr?«

»Ja, ja, gewiß«, sagte Tante Chloe voll Freude, »das sollen Sie sehen. Gott, wenn man an manche unserer Diners denkt! Erinnern Sie sich noch an die große Hühnerpastete, die ich machte, als wir General Knox das Diner gaben? Ich und Missis hätten uns fast wegen der Pastetenrinde gezankt. Ich möchte wissen, was Ladies manchmal in den Kopf kommt, aber manchmal, wenn jemand die schwerste Verantwortlichkeit auf sich hat und sozusagen das Herz ganz voll hat von seinem Geschäft, da wählen sie gerade die Zeit, nur um um einen herumzustehen und hineinzureden! Missis nun wollte, ich sollte dieses so machen und jenes anders machen; und zuletzt wurde ich ordentlich giftig und sagte: ›Aber Missis, sehen Sie doch einmal Ihre schönen weißen Hände an mit den langen Fingern, die alle von Ringen funkeln wie meine weißen Lilien, wenn der Tau dran hängt; und sehen Sie dann meine großen, schwarzen, plumpen Hände an. Meinen Sie nun nicht, daß der Herr mich geschaffen hat, um den Pastetenteig zu backen, und Sie, um im Gesellschaftszimmer zu bleiben?‹ Ja, ich war wirklich giftig, Master George.«

»Und was sagte die Mutter?« sagte George.

»Was sie sagte? – Nun, man sah es, ihre Augen lachten – ihre großen schönen Augen; und sie sagte: ›Tante Chloe, ich glaube wirklich, du hast darin ziemlich recht‹ sagte sie; und sie ging hinein ins Gesellschaftszimmer. Sie hätte mir eigentlich eins über den Kopf geben sollen, weil ich so giftig war; aber ’s ist einmal so – mit Damen in der Küche kann ich nichts machen!«

»Ja, du hast dich mit diesem Diner hervorgetan – ich erinnere mich noch, daß jeder das sagte«, sagte George.

»Nicht wahr? Und stand ich nicht an demselben Tage hinter der Tür des Speisezimmers, und sah ich nicht, wie der General sich noch dreimal von meiner Pastete geben ließ, und hörte ich nicht, wie er sagte: ›Sie müssen eine ganz besonders gute Köchin haben, Mrs. Shelby.‹ Gott! Ich wäre fast geplatzt!«

»Und der General weiß, was gut kochen heißt«, sagte Tante Chloe und richtete sich selbstbewußt in die Höhe. »Sehr hübscher Mann, der General! Stammt aus einer unserer allerbesten Familien von Altvirginien! Er weiß, wo Barthel Most holt, der General – so gut wie ich. Sie müssen wissen, Master George, jede Art Pastete hat ihre Feinheiten; aber nicht jedermann weiß, was sie sind oder worin sie bestehen sollten. Aber der General weiß es; das spürte ich gleich in seinen Bemerkungen. Ja, er weiß, wo die Feinheiten sind!«

Mittlerweile hatte Master George den Zustand erreicht, den selbst ein Knabe erreichen kann (unter ungewöhnlichen Verhältnissen), wo er auch nicht einen Bissen mehr essen konnte, und daher hatte er jetzt Muße, den Haufen von wolligen Köpfen und glänzenden Augen zu bemerken, welche ihnen aus der anderen Ecke hungrig zusahen.

»Hier Mose, Pete«, sagte er, indem er große Bissen abbrach und sie ihnen zuwarf; »ihr wollt auch was haben, nicht? Tante Chloe, backe ihnen ein paar Waffeln.«

Und George und Tom rückten auf einen gemütlichen Platz in die Kaminecke, während Tante Chloe, nachdem sie einen ansehnlichen Haufen Waffeln gebacken, das Kleinste auf den Schoß nahm und anfing, abwechselnd den Mund der Kinder und ihren eigenen zu füllen und Mose und Pete ebenfalls zu bedenken, welche vorzuziehen schienen, ihre Portionen zu verzehren, während sie unter dem Tische auf dem Erdboden herumkollerten, sich gegenseitig kitzelten und gelegentlich das Kleinste an den Zehen zupften.

»Wart, still da!« sagte die Mutter und stieß dann und wann ziemlich aufs Geratewohl mit dem Fuße unter den Tisch, wenn der Lärm gar zu arg wurde. »Könnt ihr euch nicht anständig benehmen, wenn euch weiße Herrschaften besuchen? Wollt ihr gleich ruhig sein! Nehmt euch in acht, sonst nehme ich euch ein Knopfloch tiefer vor, wenn Master George fort ist!«

Was diese schreckliche Drohung besagen sollte, ist schwer zu deuten; aber gewiß ist, daß ihre grauenhafte Unbestimmtheit auf die jungen Sünder, denen sie galt, sehr wenig Eindruck machte.

»Ach, sie sind noch so voller Lachen, daß sie sich nicht benehmen können«, sagte Onkel Tom.

Hier kamen die Jungen unter dem Tisch hervor und fingen mit tüchtig mit Sirup bekleisterten Händen und Gesicht das Kleine lebhaft zu küssen an.

»Marsch, fort mit euch!« sagte die Mutter und stieß ihre wolligen Köpfe beiseite. »Ihr klebt alle zusammen und kommt nicht wieder los voneinander, wenn ihr es so macht. Geht an den Brunnen und wascht euch!« sagte sie und unterstützte ihre Ermahnungen mit einem Klaps, der sehr derb klang, aber nur noch mehr Gelächter aus den Jungen hervorzulocken schien, wie sie übereinander weg zur Türe hinauspurzelten, wo sie vor lauter Lust hell aufkreischten.

»Hat man schon so ungezogene Rangen gesehen?« sagte Tante Chloe etwas selbstgefällig, wie sie ein für solche Gelegenheiten aufgespanntes, altes Handtuch hervorbrachte, etwas Wasser aus der gesprungenen Teekanne darauf goß und nun den Sirup von dem Gesicht und den Händen des Kleinsten abwusch; wie es dann poliert war, bis es glänzte, setzte sie es Tom auf den Schoß, während sie sich mit dem Abräumen des Tisches beschäftigte. Das Kleinste benutzte die Zwischenzeit, um Tom an der Nase zu zupfen, ihn im Gesichte zu kratzen und mit seinen dicken runden Händen in dem wolligen Haar herumzuwühlen, welches ihm ganz besonderes Vergnügen zu machen schien.

»Ist es nicht ein munteres Kerlchen?« sagte Tom und hielt das Kind auf Armlänge vor sich hin, um es ordentlich zu besehen; dann stand er auf, setzte es auf seine breite Schulter und fing an, mit ihm herumzuspringen und zu tanzen, während Master George mit dem Taschentuch nach ihm schlug, und Mose und Pete, die wieder hereingekommen waren, hinterherbrüllten wie Bären, bis Tante Chloe erklärte, daß es zum Kopfabreißen sei. Da nach ihrer eigenen Aussage diese chirurgische Operation in der Hütte täglich vorkam, so wurde dadurch die Lust nicht im mindesten vermindert, bis sich jedermann wieder in einen Zustand der Fassung gebrüllt, gesprungen und getanzt hatte.

»Nun, ich hoffe, ihr seid nun fertig«, sagte Tante Chloe, die aus einem roh gearbeiteten Kasten geschäftig ein Rollbett hervorgeholt hatte.

»Und jetzt kriecht da hinein, du Mose und du Pete, denn jetzt geht das Meeting an.«

»Ach, Mutter, wir wollen noch nicht schlafen. Wir wollen aufbleiben zum Meeting – Meeting ist so hübsch. Es gefällt uns.«

»Ach, Tante Chloe, schieb‘ es wieder drunter und lasse sie aufbleiben«, sagte Master George in entschiedenem Tone und gab dem Bette einen Stoß.

Tante Chloe schien, nachdem sie auf diese Weise den Schein gerettet, recht gern das Bett wieder hinunterzuschieben und sagte dabei: »Nun, vielleicht profitieren sie was davon.«

Das Haus trat nun zu einer Komiteesitzung zusammen, um die zu treffenden Anordnungen zum Meeting in Erwägung zu ziehen.

»Wie wir mit den Stühlen auskommen sollen, weiß ich wahrhaftig nicht!« sagte Tante Chloe. Da man das Meeting schon seit unvordenklicher Zeit beim Onkel Tom gehalten hatte, ohne mehr Stühle zu besitzen, so schien einige Berechtigung zu der Hoffnung vorhanden zu sein, daß sich wohl auch diesmal ein Weg finden werde.

»Der alte Onkel Peter hat vorige Woche beide Beine aus dem ältesten Stuhle dort herausgesungen«, meinte Mose.

»Wart du! Ich will wetten, du hast sie selbst herausgezogen; ’s ist einer von deinen Streichen«, sagte Tante Chloe.

»Nun, er steht schon, wenn wir ihn nur recht fest an die Wand rücken«, sagte Mose.

»Dann darf Onkel Peter nicht drauf sitzen, weil er immer rutscht, wenn er zu singen anfängt. Neulich abends ist er fast durch das ganze Zimmer gerutscht«, sagte Pete.

»O Gott! Dann laßt ihn drauf sitzen«, sagte Mose, »und dann fängt er an: ›Ihr Heiligen und ihr Sünder alle‹ und plauz! liegt er unten.« – Und Mose ahmte die Nasentöne des Alten ganz genau nach und platzte auf den Erdboden nieder, um die eingebildete Katastrophe vor Augen zu bringen.

»Wollt ihr nicht ungezogen sein!« sagte Tante Chloe. »Schämt ihr euch nicht?«

Master George lachte jedoch mit dem Sünder und erklärte mit Entschiedenheit, daß Mose ein Blitzkerl sei. Daher schien die mütterliche Ermahnung nicht allzuviel Erfolg zu haben.

»Nun, Alter«, sagte Tante Chloe, »dann mußt du wohl die Fässer hereinrollen.«

»Mutters Fässer sind wie die der Witwe, von der Master George in dem guten Buch vorlas – sie sind immer sicher«, sagte Mose beiseite zu Pete.

»Eins gab doch nach vorige Woche«, sagte Pete, »daß alle mitten im Singen zusammenpurzelten; das war doch nicht so sicher, nicht?«

Während dieses leisen Zwiegespräches zwischen Mose und Pete hatte Onkel Tom zwei leere Fässer in die Hütte gerollt und sie mit ein paar Steinen an jeder Seite an ihre Stelle befestigt. Nun legte man Bretter darüber; kehrte dann noch verschiedene Butten und Eimer um, stellte die wackeligen Stühle an ihren Platz und war nun mit der Vorbereitung zum Meeting fertig.

»Master George liest so schön, daß er gewiß gern dableibt und für uns liest«, sagte Tante Chloe; »gewiß ist das viel hübscher.«

George gab bereitwillig seine Beistimmung, denn ein Knabe ist zu allem bereit, was ihm eine Wichtigkeit gibt.

Das Zimmer füllte sich bald mit einer sehr gemischten Gesellschaft von den alten grauköpfigen Patriarchen von achtzig bis zu den jungen Mädchen und Burschen von 15 Jahren. Man begann mit einem harmlosen Klatschen über verschiedene Gegenstände, wie z. B. wo die alte Tante Sally ihr neues rotes Kopftuch her habe, und wie Missis der Lissy das geblümte Mousselinkleid schenken wolle, sowie ihre neuen Sachen fertig wären, und wie Master Shelby eine neue Rotfuchsstute kaufen wolle, die eine große Vermehrung der Herrlichkeiten des Gutes sein werde. Einige der Andächtigen gehörten benachbarten Familien, die ihnen erlaubt hatten, dem Meeting beizuwohnen. Sie hatten mancherlei Pikantes von dem, was im Hause und auf dem Gute geschah, zu erzählen, und diese kleine Münze der Unterhaltung ging ebenso rasch von Hand zu Hand, wie dieselbe Münzsorte in vornehmen Kreisen.

Nach einer Weile fing zur offenbaren Freude aller Anwesenden das Singen an. Nicht einmal der Nachteil der näselnden Intonierung konnte die Wirkung der von Natur schönen Stimmen in diesen wilden und lebhaften Melodien beeinträchtigen. Der Text bestand zuweilen aus den wohlbekannten und gewöhnlichen Kirchenhymnen, trug aber auch manchmal einen wilden und unbestimmten Charakter, der von Camp-Meetings herstammte.

Verschiedene Ermahnungen oder Erzählungen aus dem eigenen Leben folgten und unterbrachen zuweilen das Singen.

Onkel Tom galt der Nachbarschaft in Religionssachen für eine Art Patriarchen. Von Natur mit einem Charakter begabt, in welchem das Sittliche stark vorherrschte, und dabei im Besitz eines umfassenden und gebildeteren Geistes als seine anderen Schicksalsgenossen, stand er in hoher Achtung und galt für eine Art Geistlichen; und der einfache, herzliche, aufrichtige Ton seiner Ermahnungen hätte selbst besser erzogene Personen erbauen können. Aber ganz besonders zeichnete er sich im Gebet aus. Nichts konnte die rührende Einfalt, die kindliche Innigkeit seines Gebetes übertreffen, das er mit Stellen aus der Heiligen Schrift ausschmückte, welche so ganz mit ihm verwachsen zu sein schienen, daß sie wie ein Teil von ihm selbst geworden waren und unbewußt von seinen Lippen flossen. Und so sehr wirkte sein Gebet stets auf die frommen Empfindungen seiner Zuhörerschaft, daß sie sich oft in den Bemerkungen, welche ringsum laut wurden, zu verlieren drohte.

Während dieses Auftritts in der Hütte des Sklaven geht ein ganz anderer in den Gemächern des Herrn vor sich.

Der Handelsmann und Mr. Shelby saßen miteinander in dem früher erwähnten Speisezimmer an einem mit Papieren und Schreibmaterialien bedeckten Tisch.

Mr. Shelby zählte aufmerksam einige Pack Banknoten, die er, wie er sie durchgezählt hatte, dem Handelsmann hinschob, der sie ebenfalls zählte.

»Alles in Ordnung«, sagte der Handelsmann; »und nun die Unterschrift zu den Papieren hier.«

Mr. Shelby griff hastig nach den Verkaufskontrakten und unterzeichnete sie, wie ein Mann, der ein unangenehmes Geschäft in möglichster Eile abmacht, und schob sie dann mit dem Geld wieder hin.

Haley zog nun aus seinem abgenutzten Mantelsack ein Pergament hervor und übergab es, nachdem er es einen Augenblick besehen, Mr. Shelby, welcher es mit einer Gebärde schlechtverhehlter Hast nahm.

»Nun ist die Sache abgemacht«, sagte der Handelsmann und stand auf.

»Abgemacht«, sagte Mr. Shelby in nachdenklichem Tone; und mit einem langen Atemzug wiederholte er: »Abgemacht.«

»Sie scheinen sich nicht besonders darüber zu freuen, wie mir vorkommt«, sagte der Handelsmann.

»Haley«, sagte Mr. Shelby, »ich hoffe, Sie werden nicht vergessen, daß Sie mir bei Ihrer Ehre versprechen, Tom nicht zu verkaufen, ohne zu wissen, was er für einen Herrn bekommt.«

»Nun, Sie haben es ja eben getan, Sir«, sagte der Handelsmann.

»Verhältnisse, wie Sie wissen, zwangen mich dazu«, sagte Shelby mit stolzer Kälte.

»Nun, Sie wissen, Verhältnisse können auch mich dazu zwingen«, sagte der Handelsmann. »Jedoch ich will mein Bestes tun, um Tom einen guten Herrn zu verschaffen; grausame Behandlung hat er von mir nicht zu befürchten. Wenn es etwas gibt, wofür ich dem Herrn danke, so ist es, daß ich in keiner Weise grausam bin.«

Nach den Erläuterungen, welche der Handelsmann früher über seine menschenfreundlichen Grundsätze gegeben hatte, fühlte sich Mr. Shelby durch diese Erklärung nicht besonders beruhigt; aber da sie der beste Trost waren, den der Gegenstand erlaubte, so ließ er den Handelsmann mit Schweigen sich entfernen und suchte Zuflucht in einer einsamen Zigarre.

30. Kapitel


Nimm dich in acht, Simon Legree!

Das große Wohnzimmer in Legrees Haus war ein großes langes Gemach mit einem geräumigen Kamin. Früher waren die Wände mit einer brillanten und teuren Tapete bedeckt gewesen, die jetzt zerrissen und mißfarbig vermodernd von den feuchten Wänden herabhing. Überall war der eigentümliche Geruch, aus Moder, Schmutz und Verfall zusammengesetzt, vorherrschend, wie man ihn oft in dumpfigen, alten Häusern bemerkt. Die Tapete war stellenweise von Bier- und Weinflecken verunziert oder mit mit Kreide geschriebenen Notizen und langen zusammenaddierten Zahlenreihen bedeckt, als ob sich jemand hier im Rechnen geübt hätte. Im Kamin stand eine Pfanne mit glühenden Holzkohlen, denn obgleich das Wetter nicht kalt war, war es des Abends in diesem großen Zimmer doch immer feucht und schaurig; und außerdem brauchte Legree Feuer, seine Zigarre anzubrennen und das Wasser zu seinem Punsch heiß zu machen. Die rötliche Glut der Holzkohle beleuchtete das unordentliche und ungemütliche Aussehen des Zimmers – Sättel, Zäume, verschiedenes Geschirr, Reitpeitschen, Überröcke und verschiedene andere Kleidungsstücke lagen überall im Zimmer in verwirrter Mannigfaltigkeit herum, und die schon früher erwähnten Hunde hatten sich nach eigenem Geschmack und Belieben mitten darunter gelagert.

Legree braute sich eben ein Glas Punsch, wozu er das heiße Wasser aus einem zersprungenen Kruge mit abgebrochenem Ausguß goß, und brummte dabei:

»Die Pest über diesen Sambo, daß er einen solchen Skandal zwischen mir und den neuen Leuten anfängt! Der Kerl kann vor einer Woche nicht arbeiten – gerade in der drängendsten Zeit des Jahres!«

»Ja, das sieht Euch ganz ähnlich!« sagte eine Stimme hinter seinem Stuhle. Es war Cassy, die während seines Selbstgesprächs unbemerkt eingetreten war.

»Ha! Teufelsweib! Du bist also wieder da, nicht wahr?«

»Ja, ich bin wieder da«, sagte sie kalt; »und noch dazu, um meinen eigenen Willen zu haben!«

»Du lügst, Metze! Ich werde mein Wort halten. Entweder benimm dich vernünftig oder bleibe unten in den Baracken und iß und arbeite mit den übrigen.«

»Lieber wollte ich 10000mal in dem schmutzigsten Loche der Baracken wohnen, als in deiner Gewalt sein!« sagte die Frau.

»Aber du bist doch bei alledem in meiner Gewalt«, sagte er und sah sie mit wildem Grinsen an. »Das ist wenigstens mein Trost. So setze dich hier auf meinen Schoß, liebes Kind; höre auf vernünftiges Zureden«, sagte er und faßte sie am Arme.

»Simon Legree, nimm dich in acht!« sagte das Weib mit einem raschen Blitz in dem Auge und einem so wilden und wahnwitzigen Blick, daß er fast Entsetzen erregte. »Du fürchtest dich vor mir, Simon«, sprach sie langsam, »und du hast Ursache dazu! Aber nimm dich in acht, denn ich habe den Teufel im Leibe.«

Die letzten Worte flüsterte sie ihm mit zischendem Tone ins Ohr.

»Hinaus! Ich glaube bei meiner Seele, es ist wahr!« sagte Legree, indem er sie von sich stieß und voll Unruhe ansah. »Aber trotz allem, Cassy«, sagte er, »warum kannst du nicht gut mit mir sein, wie früher?«

»Gut sein!« sagte sie bitter. Sie brach kurz ab – eine Welt von erstickenden Empfindungen stieg in ihrem Herzen empor und drängte ihre Worte zurück.

Cassy hatte über Legree immer die Art Einfluß behalten, den ein kräftiges leidenschaftliches Weib stets über den rohsten Mann bewahren kann; aber in letzter Zeit war sie unter dem verabscheuten Joche ihrer Sklaverei immer reizbarer und ruheloser geworden, und ihre Reizbarkeit machte sich manchmal in wahnwitzigem Wüten Luft; und wegen dieser Anfälle fing Legree an sie zu fürchten, denn er war ganz von der abergläubischen Angst vor Wahnsinnigen beherrscht, die man bei rohen und ungebildeten Gemütern häufig findet. Als Legree Emmeline mit nach Hause brachte, flammten alle noch glimmenden Funken weiblichen Gefühls in dem ausgebrannten Herzen Cassys auf, und sie nahm Partei für das Mädchen, und ein wütender Zank fand zwischen ihr und Legree statt. In seiner Wut schwor Legree, er werde sie zur Feldarbeit verwenden, wenn sie sich nicht ruhig verhalte. Mit stolzem Trotz erklärte Cassy, sie werde freiwillig aufs Feld gehen. Und sie arbeitete dort einen Tag, wie wir beschrieben haben, um zu zeigen, wie vollkommen sie die Drohung verachte. Legree war den ganzen Tag über von einer heimlichen Unruhe beherrscht, denn Cassy hatte einen Einfluß auf ihn, von dem er sich nicht befreien konnte. Als sie ihren Korb an die Waage brachte, hatte er ein Zeichen der Nachgiebigkeit erwartet und sie mit halb versöhnlichem, halb spöttischem Tone angeredet; und sie hatte mit der bittersten Verachtung geantwortet.

Die grausame Behandlung des armen Tom hatte sie nur noch mehr gereizt; und sie war Legree bloß in das Haus nachgegangen, um ihn wegen seiner Roheit auszuschelten.

»Ich wollte, du benähmst dich anständig, Cassy«, sagte Legree.

»Du sprichst von Anständigbenehmen! Und was hast du getan? Du, der nicht immer Verstand genug hat, seine teuflische Hitze im Zaume zu halten, um nicht einen seiner besten Arbeiter in der dringendsten Jahreszeit untauglich zu machen!«

»Ich war ein Narr, das ist wahr, daß ich’s dazu kommen ließ«, sagte Legree. »Aber da der Bursche den Kopf aufsetzte, mußte sein Trotz gebrochen werden.«

»Ich glaube nicht, daß du seinen Trotz brechen wirst!«

»Nicht?« sagte Legree und stand leidenschaftlich auf. »Das möchte ich doch sehen! Er wäre der erste Nigger, der’s mit mir aufgenommen hätte! Ich lasse ihm jeden Knochen im Leibe zerschlagen, aber nachgeben muß er!«

Gerade da ging die Tür auf und Sambo trat ein. Er näherte sich seinem Herrn mit einer Verbeugung und hielt ihm ein gefaltetes Papier hin.

»Was ist das, du Hund?« sagte Legree.

»’s ist ’n Hexending, Master!«

»Was?«

»Etwas, was sich Nigger von Hexen geben lassen. Sie fühlen dann nichts, wenn sie gepeitscht werden. Er hatte es mit einer schwarzen Schnur um den Hals gebunden.«

Legree war wie die meisten gottlosen und grausamen Menschen abergläubisch.

Er nahm das Papier und öffnete es nicht ohne Zittern.

Es fiel ein Silberdollar heraus und eine lange glänzende Locke von blondem Haar, die sich, als wäre sie lebendig, um Legrees Finger schlang.

»Hölle und Teufel!« schrie er in plötzlicher Leidenschaft, indem er mit den Füßen stampfte und wütend an der Haarlocke zerrte, als ob sie ihn brenne. »Wo ist die hergekommen? Nehmt sie weg! – Verbrennt sie!« kreischte er, indem er sie abriß und in das Kohlenbecken warf. »Wozu hast du sie mir gebracht?«

Sambo stand mit weit offenem Munde und erstarrt vor Staunen da; und Cassy, die das Zimmer eben verlassen wollte, blieb ebenfalls stehen und sah ihn voller Verwunderung an.

»Daß du mir nicht wieder solches Teufelszeug herbringst«, sagte er und drohte Sambo, der eiligst seinen Rückzug nach der Tür nahm, mit der Faust, dann hob er den Silberdollar auf und warf ihn klirrend durch die Fensterscheibe hinaus in die Nacht.

Sambo war froh, als er mit heiler Haut zur Tür hinaus war. Als er fort war, schien sich Legree über seinen Schreckanfall ein wenig zu schämen. Er setzte sich mürrisch in seinen Stuhl und trank langsam seinen Punsch.

Cassy wollte unbemerkt von ihm hinausgehen und schlüpfte fort, um den armen Tom zu pflegen, wie wir bereits erzählt haben.

Aber was war mit Legree geschehen – und was konnte in einer einfachen blonden Haarlocke diesen rohen Mann, dessen Herz mit jeder Form der Grausamkeit vertraut war, entsetzen? Um eine Antwort darauf zu geben, müssen wir viele Jahre zurückgehen. So verhärtet und verworfen auch der gottlose Mann jetzt zu sein schien, so hatte es doch eine Zeit gegeben, wo ihn eine Mutter an ihrem Busen eingewiegt und ihn mit Gebeten und frommen Liedern eingesungen hatte – wo das Wasser der heiligen Taufe seine jetzt sündenbeladene Stirn benetzt hatte. In frühester Kindheit hatte eine blondhaarige Mutter ihn beim Schalle der Sabbatglocke zur Gottesverehrung und zum Gebete geführt. Im fernen Neuengland hatte diese Mutter ihren einzigen Sohn mit langdauernder unveränderlicher Liebe und geduldigen Gebeten aufgezogen. Von einem hartherzigen Vater gezeugt, an welchen diese sanfte Frau eine Welt von ungewürdigter Liebe verschwendet hatte, war Legree in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Roh, widerspenstig und tyrannisch, verachtete er ihre Ratschläge und Ermahnungen und riß sich schon in früher Jugend von ihr los, um sein Glück zur See zu versuchen. Nur ein einziges Mal kehrte er nach Hause zurück, und da umfing ihn seine Mutter mit der Sehnsucht eines Herzens, das etwas lieben muß und nichts anderes zu lieben hat, und suchte ihn mit heißem Gebete und Flehen einem sündigen Leben zu seinem ewigen Seelenheil zu entreißen.

Das war Legrees Tag der Gnade. An jenem Tage riefen ihn gute Engel; an jenem Tage war er fast gewonnen, und die Barmherzigkeit hielt ihn an der Hand. Sein Herz wurde innerlich weich – er kämpfte in sich – aber die Sünde trug den Sieg davon, und er setzte die ganze Kraft seiner rauhen Natur gegen die Überzeugung seines Gewissens. Er zechte und fluchte und war wilder und brutaler als je. Und eines Abends, wo seine Mutter in der letzten Qual ihrer Verzweiflung sich ihm zu Füßen warf, stieß er sie mit dem Fuße von sich, daß sie bewußtlos zu Boden sank, und floh mit rohen Flüchen auf sein Schiff. Das nächste Mal hörte Legree von seiner Mutter bei einem Gelage mit betrunkenen Zechgenossen, wo man ihm einen Brief übergab. Er brach ihn auf und eine lange Haarlocke fiel heraus und wickelte sich um seine Finger. Der Brief meldete ihm den Tod seiner Mutter und daß sie ihn sterbend gesegnet und ihm verziehen habe. Das Böse besitzt eine schauerliche unheilige Zauberkraft, welches die herrlichsten und heiligsten Dinge zu Phantomen des Schreckens und Entsetzens macht. Die bleiche zärtliche Mutter – ihr Sterbegebet und ihre vergebende Liebe – wirkten in dem dämonischen Sünderherzen wie ein Verdammungsurteil, begleitet von einer bangen Furcht vor dem Gericht und dem göttlichen Zorne. Legree verbrannte die Haarlocke und verbrannte den Brief, und wie er sie in der Flamme zischen und prasseln sah, schauderte er innerlich, wie er an das ewige Feuer dachte. Er versuchte sich die Erinnerung durch Zechen und Schwelgen und Fluchen zu vertreiben, aber oft in tiefer Nacht, deren feierliche Stille die Seele des Lasterhaften zu gezwungener Einkehr in sich selbst treibt, hatte er die bleiche Mutter neben seinem Bette stehen sehen und gefühlt, wie sich das weiche Haar um seine Finger wickelte, bis der kalte Todesschweiß ihm am Gesicht hinablief und er entsetzt aus dem Bette sprang.

»Verwünscht!« sprach Legree vor sich hin, wie er seinen Punsch nippte. »Wie ist er dazu gekommen? Ob es nicht gerade aussah, wie – hu! Ich dachte, ich hätte das vergessen. Verflucht will ich sein, wenn ich glaube, man könnte überhaupt was vergessen – zum Henker damit! Es ist mir so einsam! Ich will Emmeline rufen. Sie kann mich nicht leiden – der Zieraffe! ’s ist mir einerlei – ich will schon machen, daß sie kommt!«

Legree trat in eine große Vorhalle, aus welcher man auf eine Wendeltreppe, die früher einmal prächtig gewesen, in das obere Geschoß ging; aber der Durchgang war schmutzig und liederlich und von Kisten und unansehnlichem Gerumpel versperrt. Die mit keinem Teppich überzogene Treppenflucht schien sich in dem Dunkel hinaufzuwinden, niemand weiß, wohin. Der blasse Mondschein schimmerte durch ein zerbrochenes Fenster über der Tür. Die Luft war dumpf und schaurig, wie in einem Grabgewölbe.

Legree blieb an dem Fuß der Treppe stehen und hörte eine Stimme singen. Es kam ihm in dem öden alten Hause so seltsam und geisterhaft vor, vielleicht, weil seine Nerven schon in einem angegriffenen Zustande waren. »Horch! Was ist das?« Eine wilde pathetische Stimme sang ein unter den Sklaven sehr gebräuchliches Kirchenlied:

»O Jammer, Jammer, Jammer wird erschallen,
Wenn Christus auf dem Richterthrone sitzt!«

»Verdammt sei das Mädchen!« sagte Legree. »Ich will ihr das Maul stopfen. – Emmeline! Emmeline!« rief er laut und drohend; aber nur ein spöttischer Widerhall von den Wänden antwortete ihm. Die liebliche Stimme sang weiter:

»Dort trennen Eltern sich von Kindern!
Dort trennen Eltern sich von Kindern,
Um nimmer wieder sich zu sehn!«

Und klar und laut schallte durch die leeren Hallen der Refrain:

»O Jammer, Jammer, Jammer wird erschallen,
Wenn Christus auf dem Richterthrone sitzt!«

Legree blieb stehen. Er hätte sich geschämt, es zu erzählen, aber große Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn und sein Herz schlug laut vor Furcht; es war ihm sogar, als sähe er in dem Raume vor sich etwas Weißes sich erheben und schimmern, und schauderte bei dem Gedanken, daß die Gestalt seiner toten Mutter ihm plötzlich erscheinen könnte.

»Eins weiß ich«, sagte er vor sich hin, wie er zurück in sein Zimmer wankte und sich hinsetzte; »ich will diesen Kerl von nun an ungeschoren lassen; was brauchte ich nur sein verfluchtes Papier anzugreifen? Ich glaube wahrhaftig, ich bin behext! Ich habe seit der Zeit beständig gefröstelt oder geschwitzt! Wo mag er die Haarlocke herhaben? Es kann doch nicht die gewesen sein! Die habe ich verbrannt, das weiß ich! Es wäre doch närrisch, wenn eine Haarlocke wieder auferstehen könnte!«

Ach Legree! Diese goldene Locke war bezaubert; jedes Haar derselben hielt dich mit einem Zauber von Schrecken und Reue umfangen und wurde von einer höheren Macht benutzt, deine grausamen Hände zu binden, damit sie dem Hilflosen nicht das äußerste Leid zufügten!

»Ihr da!« sagte Legree, indem er mit dem Fuße stampfte und den Hunden pfiff. »Steht auf und leistet mir Gesellschaft!« Aber die Hunde öffneten nur schläfrig ein Auge und machten es wieder zu.

»Ich werde Sambo und Quimbo rufen, daß sie mir was vorsingen und einen ihrer Höllentänze tanzen, um mir diese gräßlichen Gedanken zu vertreiben«, sagte Legree, und er setzte seinen Hut auf, trat auf die Veranda hinaus und stieß in ein Horn, mit dem er gewöhnlich seine beiden Sklavenaufseher herbeirief.

Wenn Legree bei gnädiger Laune war, ließ er oft diese beiden Würdigen zu sich aufs Zimmer kommen, machte ihnen erst den Kopf mit Whisky warm und fand dann einen Spaß daran, sie singen, tanzen oder sich balgen zu lassen, wie es ihm seine Laune eingab.

Als Cassy zwischen ein und zwei Uhr nachts von ihren dem armen Tom geleisteten Liebesdiensten zurückkehrte, hörte sie wildes Schreien, Jauchzen und Singen, untermischt mit Hundegebell und andere Symptome allgemeinen Aufruhrs aus Legrees Zimmer erschallen.

Sie ging die Verandastufen hinauf und sah hinein. Legree und die beiden Aufseher, alle drei in einem Zustande viehischer Betrunkenheit, sangen, brüllten, warfen Stühle um und zogen sich allerlei lächerliche und gräßliche Gesichter.

Sie legte ihre kleine zarte Hand auf den Fensterrahmen und sah ihnen zu. Es lag eine Welt von Seelenschmerz, bitterer Verachtung und wildem Groll in den schwarzen Augen, während sie hinblickte. »Wäre es eine Sünde, die Welt von einem solchen Elenden zu befreien?« sprach sie zu sich selbst.

Sie ging um das Haus herum nach einer Hintertür, schlich sich die Treppe hinauf und klopfte an Emmelines Tür.

31. Kapitel


Emmeline und Cassy

Cassy trat ins Zimmer und fand Emmeline bleich vor Furcht in der entferntesten Ecke desselben sitzen. Wie sie eintrat, fuhr das Mädchen angstvoll empor; aber als es Cassy erkannte, sprang es auf, ergriff ihren Arm und sagte: »O Cassy, Ihr seid’s? Ach, wie es mich freut, daß Ihr kommt. Ich fürchtete, es wäre –. Ach, Ihr wißt gar nicht, was für ein schrecklicher Lärm den ganzen Abend unten gewesen ist!«

»Ich sollte es wissen«, sagte Cassy trocken. »Ich habe es oft genug gehört!«

»O, Cassy, sagt mir, können wir nicht fort von hier? Es ist mir gleichgültig, wohin – meinetwegen in den Sumpf unter die Schlangen! Könnten wir nicht irgendwohin weg von hier?«

»Nirgendshin, als in unser Grab«, sagte Cassy.

»Habt Ihr es jemals versucht?«

»Ich habe genug gesehen von Versuchen und was danach folgte«, sagte Cassy.

»Ich wollte gern in den Sümpfen leben und die Rinde von den Bäumen nagen. Ich fürchte mich vor den Schlangen; aber lieber wollte ich eine neben mir haben, als ihn«, sagte Emmeline schaudernd.

»Es sind schon viele hier Eurer Meinung gewesen«, sagte Cassy. »Aber Ihr könntet nicht in den Sümpfen bleiben – die Hunde würden Euch aufspüren, und man würde Euch zurückbringen und dann – dann –.«

»Was würde er tun?« sagte das Mädchen und sah ihr mit atemloser Spannung ins Gesicht.

»Was würde er nicht tun? solltet Ihr lieber fragen«, sagte Cassy. »Er hat sein Handwerk unter den Piraten Westindiens gut gelernt. Ihr würdet nicht viel schlafen, wenn ich Euch Sachen erzählen wollte, die ich gesehen habe – Sachen, die er manchmal als gute Späße erzählt. Ich habe hier Schreie gehört, die ich mehrere Wochen lang nicht habe vergessen können. Dort bei den Baracken ist ein abgelegener Platz, wo Ihr einen schwarzen verbrannten Baum sehen könnt, rund um den die Erde mit Kohle und Asche bedeckt ist. Fragt jemanden, was dort geschehen ist, und seht, ob sie es wagen werden, es Euch zu sagen.«

»Ach was meint Ihr?«

»Ich mag es Euch nicht erzählen. Der Gedanke daran ist mir verhaßt. Und ich sage Euch, Gott allein weiß, was wir vielleicht morgen noch zu sehen bekommen, wenn dieser arme Mann so aushält, wie er angefangen hat.«

»Entsetzlich!« sagte Emmeline, deren Wangen leichenblaß wurden. »O Cassy, sagt mir, was ich tun soll!«

»Was ich getan habe. Lebt so gut, als es Euch erlaubt ist; tut, was Ihr müßt, und macht es gut mit Hassen und Verwünschungen.«

»Er wollte durchaus, ich sollte von seinem abscheulichen Branntwein trinken«, sagte Emmeline, »und er ist mir so verhaßt –«

»Ihr tut besser, wenn Ihr welchen trinkt«, sagte Cassy. »Er war mir auch einmal ein Abscheu, und jetzt kann ich nicht ohne ihn leben. Man muß etwas haben; die Sachen sehen nicht so schrecklich aus, wenn man sich das angewöhnt.«

»Die Mutter sagte mir immer, ich sollte nie einen Tropfen davon anrühren«, sagte Emmeline.

»Die Mutter hat es Euch gesagt!« sagte Cassy mit herzdurchdringendem, bitterem Nachdruck auf dem Worte Mutter verweilend. »Wozu sagen Mütter überhaupt etwas? Was nützt es? Ihr müßt doch alle verkauft und bezahlt werden, und Eure Seelen gehören dem, welcher Euch erwirbt. So geht es einmal in der Welt zu. Ich sage, trinkt Branntwein, trinkt so viel Ihr könnt, und es wird Euch leichter auf der Welt werden.«

»O Cassy! Habt Mitleid mit mir!«

»Mitleid! Habe ich es nicht? Habe ich nicht eine Tochter – Gott weiß, wo sie jetzt ist und wem sie gehört! Sie wird wohl den Weg gehen, den ihre Mutter vor ihr gegangen ist und den ihre Kinder nach ihr gehen müssen! Dieser Fluch dauert in alle Ewigkeit fort!«

»Ich wollte, ich wäre nie geboren!« sagte Emmeline und rang die Hände.

»Das habe ich schon oft gewünscht«, sagte Cassy. »Ich habe mich an den Wunsch gewöhnt. Ich würde sterben, wenn ich’s wagte«, sagte sie und sah mit der stillen und starren Verzweiflung, welche sich gewöhnlich in ihrem Gesicht ausdrückte, wenn sie schwieg, in die Nacht hinaus.

»Es wäre gottlos, sich selbst das Leben zu nehmen«, sagte Emmeline.

»Ich weiß nicht, warum; es ist nicht gottloser, als so wie wir zu leben und Tag für Tag zu sein. Aber die Schwestern erzählten mir Dinge, als ich im Kloster war, die mir Furcht vor dem Tode einflößten. Wenn es nur das Ende von allem wäre, ja dann –«

Emmeline wendete sich weg und verbarg ihr Gesicht mit den Händen.

Während dieses Gespräch in der Kammer stattfand, war Legree von den Folgen des Gelages unten im Zimmer in Schlaf gesunken. Legree war kein Trunkenbold. Seine grobe, starke Natur verlangte und ertrug eine beständige Anreizung, die eine feinere Natur ganz aus den Angeln gehoben hätte. Aber eine ihm tief eingeprägte Neigung zur Vorsicht hielt ihn ab, oft der Versuchung in solchem Maße nachzugeben, daß er alle Gewalt über sich verlor.

Diese Nacht hatte er jedoch in seinen fieberischen Versuchen, aus seiner Seele die schrecklichen Elemente des Schmerzes und der Reue, die in ihm erwachten, zu verbannen, mehr als gewöhnlich genossen, so daß er, als er seine schwarzen Zechgenossen entlassen hatte, schwer in einen Sessel sank und fest einschlief.

Als Legree am nächsten Morgen erwachte, schenkte er sich ein großes Glas Branntwein ein und trank es halb aus.

»Ich habe eine höllische Nacht gehabt!« sagte er zu Cassy, die gerade zu einer entgegengesetzten Türe hineintrat.

»Du wirst bald noch viele von der Art haben«, sagte sie trocken.

»Was meinst du damit?«

»Das wirst du schon mit der Zeit sehen«, gab Cassy in demselben Tone zurück. »Aber jetzt, Simon, habe ich dir einen guten Rat zu geben.«

»Beim Teufel auch!«

»Mein Rat ist«, sagte Cassy ruhig, wie sie hier und da im Zimmer einige Ordnung herzustellen versuchte, »daß du Tom ungeschoren läßt.«

»Was geht das dich an?«

»Was? Allerdings eigentlich nichts. Wenn du Lust hast, für einen Burschen 1200 Dollar zu bezahlen und ihn in der pressantesten Zeit der Lese zugrunde zu richten, bloß um deiner Bosheit zu genügen, so geht das mich nichts an. Ich habe mein möglichstes getan.«

»So? Was mischest du dich in meine Angelegenheiten?«

»Sie gehen mich eigentlich nichts an, das ist wahr. Ich habe dir schon zu verschiedenen Zeiten einige tausend Dollar erspart, weil ich deine Sklaven gepflegt habe – und das ist mein Dank dafür. Wenn du mit einer geringeren Ernte auf den Markt kommst als die übrigen, so verlierst du wahrscheinlich deine Wette, nicht? Tomkins wird wahrscheinlich nicht auf dich herabsehen, und du wirfst ihm das Geld auf den Tisch, nicht wahr? Ich sehe dich schon!«

Wie viele andere Plantagenbesitzer hatte Legree nur einen Ehrgeiz – die größte Ernte für dieses Jahr zu haben; und gerade für diese Lese war er in der nächsten Stadt mehrere Wetten eingegangen. Mit dem den Frauen eigentümlichen Takt hatte daher Cassy die einzige Saite berührt, die bei ihm anklingen konnte.

»Nun, es soll bei dem bleiben, was er bekommen hat«, sagte Legree, »aber er muß mich um Verzeihung bitten und sich besser aufzuführen versprechen.«

»Das wird er nicht tun«, sagte Cassy.

»Nicht, he?«

»Nein, er wird es nicht tun«, sagte Cassy.

»Ich möchte das Warum wissen, Mistreß«, sagte Legree mit dem äußersten Hohne.

»Weil er gut gehandelt hat und es weiß und nicht sagen wird, er habe unrecht getan.«

»Wer, zum Teufel, schert sich darum, was er weiß? Der Nigger soll sagen, was ich haben will, oder –«

»Oder du verlierst deine Wette wegen der Baumwollernte, weil du ihn gerade, wenn er am notwendigsten ist, von der Feldarbeit fern hältst.«

»Aber er wird nachgeben – natürlich; als ob ich die Nigger nicht kennte! Er wird heute morgen betteln wie ein Hund.«

»Das wird er nicht, Simon; du kennst diese Art nicht. Du kannst ihn zollweise töten, aber du bekommst nicht das erste Wort der Nachgiebigkeit aus ihm heraus.«

»Wir werden sehen. Wo ist er?« sagte Legree und ging hinaus.

»In der Rumpelkammer des Speichers, wo der Baumwollgin steht«, sagte Cassy.

Obgleich Legree sich so tapfer gegen Cassy geäußert hatte, verließ er doch das Haus mit einem Grade von Bangigkeit, die bei ihm nicht gewöhnlich war. Seine Träume während vergangener Nacht und Cassys Abmachungen hatten einen großen Eindruck auf sein Gemüt gemacht. Niemand sollte Zeuge seines Versuchs bei Tom sein, und er beschloß, wenn er ihn nicht durch Einschüchterung zur Unterwerfung bringen könnte, seine Rache bis auf eine gelegene Zeit zu verschieben.

»Nun, Bursche«, sagte Legree mit einem verächtlichen Fußstoße, »wie geht dir’s heute? Sagte ich dir nicht, ich wollte dich eine Kleinigkeit lehren? Wie gefällt dir’s denn eigentlich? Wie ist dir denn die Peitsche bekommen, Tom? Nicht wahr, ganz so munter, wie gestern abend, nicht wahr? Du könntest jetzt wohl nicht einen armen Sünder mit einem Stück Predigt dienen? He?«

Tom gab keine Antwort.

»Steh auf, du Bestie!« sagte Legree und gab ihm wieder einen Fußtritt.

Das war nicht leicht für einen, der so wund und schwach war, und da es Tom sehr viel Mühe machte, lachte Legree roh.

»Was macht dich nur heute morgen so munter, Tom, oder hast du dich vielleicht diese Nacht erkältet?«

Tom war mittlerweile auf die Füße gekommen und stand seinem Herrn mit ruhiger und unbewegter Stirn gegenüber.

»Den Teufel auch, es geht noch!« sagte Legree und betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen. »Ich glaube, du hast noch nicht genug bekommen. Jetzt, Tom, kniest du nieder und bittest mich für deine Streiche von gestern abend um Verzeihung.«

Tom regte sich nicht.

»Knie nieder, du Hund!« sagte Legree und schlug ihn mit der Reitpeitsche.

»Master Legree«, sagte Tom, »ich kann nicht. Ich habe nur getan, was ich für recht hielt. Ich werde es wieder so machen, wenn die Gelegenheit dazu kommt. Ich werde nie eine grausame Handlung begehen. Komme, was da wolle.«

»Ja, aber du weißt nicht, was da kommen mag, Master Tom. Du denkst, was du bekommen hast, sei etwas. Ich sage dir, das ist noch nichts – noch gar nichts. Wie würde dir’s gefallen, wenn man dich an einen Baum bände und ein langsames Feuer rings um dich anzündete? Wäre das nicht hübsch – he, Tom?«

»Master«, sagte Tom, »ich weiß, Sie können schreckliche Dinge tun, aber« – er richtete sich empor und schlug die Hände zusammen – »aber nachdem Sie den Leib getötet haben, können Sie weiter nichts tun. Und ach, dann kommt die ganze Ewigkeit!«

»Ewigkeit« – das Wort durchzuckte des Negers Seele, wie er sprach, mit Licht und Macht – es zuckte auch durch des Sünders Seele wie ein Skorpionenstich. Legree knirschte mit den Zähnen, aber die Wut machte ihn stumm, und Tom sprach wie ein von Fesseln befreiter Mann mit klarer und heiterer Stimme:

»Master Legree, da Sie mich gekauft haben, will ich Ihnen ein wahrer und getreuer Knecht sein. Sie sollen alle Arbeit meiner Hände, alle meine Zeit, alle meine Kräfte haben, aber meine Seele gebe ich in keines sterblichen Menschen Hand. Ich will an dem Herrn festhalten und seine Gebote über alles setzen, mag ich sterben oder leben, darauf können Sie sich verlassen. Master Legree, ich fürchte mich nicht im geringsten vor dem Tode. Ich würde ebensogern gleich sterben als leben bleiben. Sie können mich peitschen, mich hungern lassen, mich verbrennen – es wird mich nur zeitiger dahin bringen, wohin ich verlange.«

»Ich will dich aber schon nachgeben machen, ehe ich mit dir fertig bin!« schrie ihn Legree voll Wut an.

»Ich werde Hilfe haben«, sagte Tom. »Es wird Ihnen nie gelingen.«

»Wer, zum Teufel, soll dir helfen?« sagte Legree höhnisch.

»Gott der Allmächtige!« sagte Tom.

»Verdammt seist du!« sagte Legree und schlug Tom mit seiner schweren Faust zu Boden.

In diesem Augenblick fühlte Legree eine kalte weiche Hand auf der seinen. Er drehte sich um – es war Cassy; aber die kalte weiche Berührung erinnerte ihn an seinen Traum von voriger Nacht, und es drängten sich durch sein Gehirn alle die schrecklichen Bilder der ruhelosen Nächte und ein Teil des Entsetzens, welches dieselben begleitete.

»Willst du immer unverständig sein?« sagte Cassy auf französisch. »Laß ihn gehen! Überlaß es mir, ihn wieder tauglich zu machen. Ist es nicht ganz so, wie ich gesagt habe?«

Man sagt, der Alligator oder das Rhinozeros hätten, obgleich in kugelfeste Panzer eingehüllt, jeder eine Stelle, wo sie leicht verletzlich wären; und bei wilden, frechen und gottlosen Verworfenen besteht dieser wunde Fleck gewöhnlich in einer abergläubischen Furcht. »Hörst du!« sagte er zu Tom. »Ich schone dich jetzt, weil die Arbeit treibt und ich alle meine Leute brauche, aber ich vergesse nie. Ich merke es dir auf dem Kerbholze an, und es wird schon die Zeit kommen, wo du es mir mit deinem alten, schwarzen Fell bezahlen mußt – das merke dir!«

Legree drehte sich um und ging zur Tür hinaus.

32. Kapitel


Freiheit!

Eine Zeitlang müssen wir Tom in den Händen seiner Peiniger lassen und mittlerweile uns wieder einmal um die Schicksale Georges und seiner Gattin bekümmern, die wir in befreundeter Obhut in einer Farm an der Landstraße verließen.

Tom Loker wälzte sich stöhnend in einem höchst fleckenlos reinen Quäkerbett unter der mütterlichen Aufsicht der Tante Dorcas herum, die in ihm einen ziemlich ebenso fügsamen Patienten fand, wie in einem kranken Büffel.

Man denke sich eine hohe, würdevolle, durchgeistigt aussehende Frau, deren weiße Musselinmütze silberweißes Haar umschließt und deren breite klare Stirn sich über gedankenvollen grauen Augen wölbt; ein schneeweißes Halstuch von Crepp de Lisse faltet sich sauber über ihren Busen; ihr glänzendes braunes Seidenkleid rauscht friedlich, wie sie im Zimmer hin und her schwebt.

»Zum Teufel!« sagte Tom Loker und wirft sich unter den Bettüchern herum.

»Ich muß dich bitten, Thomas, dich nicht solcher Worte zu bedienen«, sagte Tante Dorcas, während sie ruhig das Bett wieder zurechtmachte.

»Na, ich will’s nicht tun, Großmutter, wenn’s mir möglich ist«, sagte Tom. »Aber ’s ist so verwünscht heiß, daß man wohl einmal fluchen möchte.«

Dorcas nahm ein Fußkissen vom Bett, strich die Decken wieder glatt und stopfte sie unter, bis Tom fast wie ein großes Wickelkind aussah, wobei sie bemerkte:

»Ich wünschte, Freund, du ließest das Fluchen und Schwören und dächtest über dein Leben nach.«

»Was, zum Teufel«, sagte Tom, »soll ich darüber nachdenken? Das ist das allerletzte, woran ich denken möchte – hol’s der Henker!« Und Tom warf sich im Bett herum und brachte dabei wieder das Bettzeug in die schrecklichste Unordnung.

»Der Bursche und das Mädel sind hier, vermute ich«, sagte er nach einer Pause mürrisch.

»Sie sind hier«, sagte Dorcas.

»Sie täten besser, so rasch als möglich weiterzureisen und über den See zu fahren«, sagte Tom.

»Das werden sie wahrscheinlich tun«, sagte Tante Dorcas und strickte ruhig weiter.

»Und hört«, sagte Tom, »wir haben Korrespondenten in Sandusky, welche für uns auf die Boote achtgeben, ’s ist mir einerlei, ob Ihr’s jetzt erfahrt. Ich hoffe jetzt, sie entkommen, bloß um Marks zu ärgern – der verwünschte Laffe! – verdamme ihn!«

»Thomas!« sagte Dorcas.

»Ich sage Euch, Großmutter, wenn Ihr einen Burschen zu stark zustöpselt, so platzt er«, sagte Tom. »Aber was die Dirne betrifft – sagt ihr, sie solle sich verkleiden, damit man sie nicht erkennt. Ihr Signalement ist nach Sandusky geschickt.«

»Wir werden das Nötige besorgen«, sagte Dorcas mit charakteristischer Ruhe.

Da wir hier von Tom Loker Abschied nehmen, so können wir gleich jetzt erzählen, daß, nachdem er an einem rheumatischen Fieber, welches sich seinen anderen Leiden zugesellte, drei Wochen bei den Quäkern krank gelegen, mit einem demütigeren und besseren Gemüt aufstand, und anstatt sich auf die Sklavenfängerei zu begeben, nach einer der neuen Ansiedlungen zog, wo seine Anlagen eine bessere Verwendung im Fange von Bären, Wölfen und anderen Bewohnern der Wälder fanden. Er erwarb sich damit sogar eine Art Ruhm im Lande. Tom sprach immer mit großer Ehrerbietung von den Quäkern. »Hübsche Leute«, pflegte er zu sagen, »wollten mich bekehren, aber paßte mir doch nicht recht. Aber ich sage Euch, Fremder, einen Kranken können sie vortrefflich auffieren, das ist wahr! Machen wahrhaftig die beste Kraftbrühe und andere Chosen.«

Da man von Tom erfahren hatte, daß man in Sandusky auf die Flüchtlinge ein Auge haben werde, so hielt man es für das Geratenste, sie zu teilen. Jim und seine alte Mutter traten ihre Reise für sich an; und ein oder zwei Abende später wurden George und Elise mit ihrem Kinde heimlich nach Sandusky gefahren und unter einem gastlichen Dache untergebracht, bevor sie ihre letzte Tagesreise zur Freiheit über den See antraten.

Ihre Nacht war jetzt fast vorüber und der Morgenstern der Freiheit erhob sich glänzend vor ihnen. Freiheit! begeisterndes Wort! Was ist sie? Ist sie etwas mehr als ein Name, eine rhetorische Phrase? Warum, Männer und Frauen Amerikas, erzittert Euch das Herz bei diesem Wort, für welches Eure Bären bluteten und für welches Eure besseren Mütter gern ihre edelsten Söhne hingeben?

Kann einer Nation etwas herrlich und teuer sein, was nicht zugleich einem Manne herrlich und teuer ist? Was ist Freiheit einer Nation anders, als Freiheit für jeden einzelnen derselben? Was ist Freiheit für den Jüngling, der dort sitzt, die Arme über die breite Brust geschlagen, die Farbe afrikanischen Bluts auf seiner Wange und dunkles Feuer im Auge – was ist Freiheit für George Harris? Euren Vätern war Freiheit das Recht einer Nation, eine Nation zu sein. Ihm ist es das Recht eines Menschen, ein Mensch und kein Tier zu sein; das Recht, das Weib seines Herzens sein Weib zu nennen und es vor gesetzloser Gewalttat zu schützen; das Recht, sein Kind zu beschützen und zu erziehen; das Recht, eine eigene Religion, einen eigenen Charakter zu haben, ohne dem Willen eines andern unterworfen zu sein. Alle diese Gedanken bewegten mit Ungestüm Georges Herz, wie er nachdenklich den Kopf auf die Hand stützte und seiner Gattin zusah, die ihre zierliche Gestalt in Manneskleider hüllte, die man ihr als die sicherste Verhüllung für ihre Flucht vorgeschlagen hatte.

»Nun die Hauptsache«, sagte sie, wie sie vor dem Spiegel stand und ihr reiches schwarzes Lockenhaar auf die Schultern herabfallen ließ. »Ist’s nicht fast schade, George?« sagte sie, wie sie ein paar Locken spielend emporhob, »’s ist schade, daß alles abgeschnitten werden muß.«

George lächelte trübe und gab keine Antwort.

Elisa sah wieder in den Spiegel, und die Schere funkelte, wie sie eine lange Locke nach der andern von ihrem Haupte trennte.

»So, so wird’s gehen«, sagte sie und nahm eine Haarbürste, »nun noch ein paar kunstreiche Striche.«

»So – bin ich nicht ein hübscher Junge?« sagte sie und wendete sich lachend und errötend zu ihrem Gatten.

»Du wirst immer hübsch sein, magst du tun, was du willst«, sagte George.

»Weshalb bist du so ernst?« sagte Elisa, indem sie auf ein Knie niedersank und ihre Hand auf die seine legte. »Wir sind nur 24 Stunden von Kanada«, sagte sie. »Nur ein Tag und eine Nacht auf dem See und dann – o dann!«

»O Elisa!« sagte George und zog sie an sich. »Das ist’s eben! Jetzt zieht sich mein ganzes Schicksal auf einen einzigen kleinen Punkt zusammen. Dem Ziele so nahe zu sein, es fast zu erblicken – und dann alles verlieren. Ich könnte es nicht überleben, Elisa.«

»Fürchte dich nicht«, sagte seine Frau hoffnungsvoll. »Der gute Gott wird uns nicht so weit geführt haben, wenn er uns nicht vollends retten wollte. Es ist mir, als fühlte ich seine Nähe, George.«

»Du bist wie eine Heilige, Elisa«, sagte George und drückte sie krampfhaft an sich. »Aber – ach, sage mir! Kann uns wirklich diese große Gnade bestimmt sein? Werden diese langen Jahre des Elends zu Ende sein? – Werden wir frei sein?«

»Ich bin dessen gewiß, George«, sagte Elisa mit einem Blicke himmelwärts, während Tränen der Hoffnung und der Begeisterung in ihren langen dunklen Wimpern glänzten. »Ich fühle es innerlich, daß Gott uns heute noch aus der Sklaverei erlösen wird.«

»Ich will dir glauben, Elisa«, sagte George und stand rasch auf. »Ich will glauben. Komm, wir wollen fort. Wahrhaftig«, sagte er, indem er sie auf Armlänge von sich entfernt hielt und sie bewundernd anschaute, »du bist ein hübscher Junge. Dieses klein gelockte Haar steht dir ganz allerliebst. Setz deine Mütze auf. So – ein wenig auf die eine Seite. Du bist mir noch nie so hübsch vorgekommen. Aber es ist fast Zeit für den Wagen; ich möchte wissen, ob Missis Smith Harry angezogen hat?« Die Tür ging auf, und eine anständige Frau von mittleren Jahren trat ein, den kleinen Harry, wie ein Mädchen angezogen, an der Hand führend.

»Was er für ein hübsches Mädchen vorstellt«, sagte Elisa und drehte sich um. »Wir müssen ihn Harriet nennen, meine ich. Klingt nicht der Name allerliebst?«

Das Kind betrachtete mit ernstem Gesicht seine Mutter in ihrem neuen und ungewohnten Anzuge und beobachtete ein tiefes Schweigen, währenddessen es nur manchmal tief seufzte und unter seinen dunklen Locken hervor nach ihr lugte.

»Kennt Harry die Mama nicht?« sagte Elisa und streckte ihm die Hände entgegen.

Das Kind klammerte sich schüchtern an die Frau.

»Laß doch, Elisa, warum versuchst du ihn zu dir zu locken, da du doch weißt, daß er sich fern von dir halten soll.«

»Ich weiß, daß es unverständig ist«, sagte Elisa, »aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß er sich von mir abwendet. Aber komm – wo ist mein Mantel? Hier – wie nehmt ihr Männer den Mantel um, George?«

»Du mußt ihn so tragen«, sagte ihr Mann und warf ihn über seine Achsel.

»So also«, sagte Elisa und machte es ihm nach; »und ich muß fest auftreten und lange Schritte machen und den Leuten keck ins Gesicht sehen.«

»Gib dir keine Mühe«, sagte George. »Man findet gelegentlich einmal einen bescheidenen jungen Mann, und ich glaube, diese Rolle zu spielen würde dir leichter sein.«

»Und diese Handschuhe! Himmlische Güte!« sagte Elisa. »Meine Hände verlieren sich ja darin.«

»Ich rate dir, sie beileibe nicht auszuziehen«, sagte George. »Dein niedliches feines Händchen könnte uns alle verraten. Also, Missis Smith, Sie sollen unter unserer Obhut reisen und unser Tantchen sein – vergessen Sie das nicht.«

»Wie ich höre«, sagte Mrs. Smith, »sind Leute dagewesen, die alle Schiffscapitaine vor der Aufnahme eines Mannes und einer Frau mit einem kleinen Knaben gewarnt haben.«

»Wirklich!« sagte George. »Nun, wenn wir Leute der Art sehen, können wir es ihnen sagen.«

Ein Wagen fuhr jetzt vor der Tür vor, und die befreundete Familie, welche die Flüchtlinge aufgenommen hatte, drängte sich jetzt um sie, um Lebewohl zu sagen.

Die Verkleidungen, welche unsere Freunde angelegt hatten, waren nach den Winken Tom Lokers eingerichtet. Mrs. Smith, eine achtbare Frau aus Kanada, wohin sie flüchteten, und die zum Glück gerade im Begriff stand, dorthin über den See zurückzukehren, hatte sich erboten, die Rolle von Harrys Tante zu spielen; und um ihn an sie zu gewöhnen, war er die beiden letzten Tage ganz ihrer Obhut überlassen worden, und ein Extrazuschuß von Liebkosungen nebst einem unerschöpflichen Reichtum von Kuchen und Kandis hatten eine sehr innige Anhänglichkeit von seiten des jungen Herrn erzeugt.

Die Kutsche fuhr nach dem Kai. Die beiden jungen Männer stiegen aus und gingen über die Planke aufs Boot, wobei Elisa voll Galanterie Missis Smith den Arm bot und George auf das Gepäck achtgab.

George stand vor dem Büro des Capitains und bezahlte für die Gesellschaft, als er zwei Männer neben sich folgendes reden hörte.

»Ich habe auf jeden einzelnen achtgegeben, der an Bord gekommen ist«, sagte der eine, »und ich weiß, sie sind nicht auf diesem Boote.«

Die Stimme war die des Sekretärs des Bootes. Der andere, mit dem er sprach, war unser alter Freund Marks, der mit der ihm eigenen schätzbaren Ausdauer nach Sandusky gekommen war, um zu sehen, wen er verschlingen könnte.

»Man kann die Frau kaum von einem Weißen unterscheiden«, sagte Marks. »Der Mann ist ein sehr heller Mulatte. In der einen Hand ist er gebrandmarkt.«

Die Hand, mit der George die Billets und das kleine Geld nahm, zitterte ein wenig, aber er drehte sich kaltblütig um, warf einen unbefangenen Blick auf den Sprecher und ging langsam nach einem anderen Teil des Bootes, wo Elisa auf ihn wartete.

Mrs. Smith zog sich mit dem kleinen Harry in die Damen-Kajüte zurück, wo die dunkle Schönheit des vermeintlichen kleinen Mädchens manche schmeichelhafte Bemerkung von den Passagieren hervorrief.

George hatte die Genugtuung, Marks über das Brett ans Ufer gehen zu sehen, als die Glocke zum letzten Male läutete; und er seufzte erleichtert auf, als das Boot abstieß und eine unübersteigliche Kluft zwischen sie gesetzt hatte.

Es war ein herrlicher Tag. Die blauen Wellen des Eriesees tanzten funkelnd im Sonnenschein. Ein frischer Wind wehte vom Ufer, und das stolze Boot arbeitete sich tapfer durch die widerstrebenden Wasser.

George und seine Gattin standen Arm in Arm am Rande des Bootes, wie sich dasselbe der kleinen Stadt Amherbstberg in Kanada näherte. Er atmete kurz und schwer, ein Nebelschleier sammelte sich vor seinen Augen, er drückte schweigend die kleine Hand, die zitternd auf seinem Arme lag. Die Glocke läutete, das Boot hielt an. Ohne recht zu wissen, was er tat, suchte er sein Gepäck zusammen und sammelte seine kleine Gesellschaft. Sie landeten. Sie blieben stehen, bis das Boot wieder abstieß; und dann knieten der Gatte und die Gattin mit Tränen und Umarmungen, und ihr verwundertes Kind in den Armen haltend, nieder und erhoben ihre Herzen zu Gott!

Mrs. Smith brachte die kleine Gesellschaft bald in das gastliche Haus eines guten Missionars, den christliches Erbarmen als einen Hirten für die Verstoßenen und Heimatlosen, welche beständig an diesem Ufer ein Asyl finden, hierher gesetzt hat.

33. Kapitel


Der Sieg

Haben nicht viele von uns in diesem mühseligen Leben manchmal gedacht, daß es leichter sei, zu sterben, als zu leben?

Als Tom seinem Peiniger gegenüberstand und seine Drohungen hörte und in innerster Seele gefaßt war, daß sein Stündlein gekommen sei, war ihm das Herz von Mut geschwollen, und er dachte, er könnte Folterqual und Feuer und alles ertragen, wenn ihm die Vision Jesu und des Himmels nur einen Schritt weiter davonwinkte; aber als der Peiniger fort und die Aufregung des Augenblicks vergangen war, kehrte der Schmerz seiner zerschlagenen und müden Glieder und das Gefühl seines gänzlich versunkenen, hoffnungslosen, verlassenen Zustandes wieder; und der Tag entschwand langsam und mühselig genug.

Lange bevor seine Wunden geheilt waren, bestand Legree darauf, daß er wieder regelmäßig auf dem Felde arbeiten müsse; und dann kam Tag nach Tag voll Schmerz und Mühsal, erschwert durch jede Art von Ungerechtigkeit und Schmach, welche die Bosheit einer gemeinen und tückischen Seele ersinnen konnte. Wer in unseren Umständen Schmerzensprüfungen ausgesetzt gewesen ist, selbst mit allen den Erleichterungen, welche wir meistens dabei genießen, muß wissen, welche Gereiztheit davon hervorgebracht wird. Tom wunderte sich nicht mehr über das mürrische Wesen seiner Kameraden; ja, er fand sogar, daß die ruhige und sonnenheitere Stimmung, die bei ihm gewöhnlich war, durch dieselbe Gereiztheit gar arg beeinträchtigt werde. Er hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, Muße zum Lesen der Bibel zu finden, aber hier gab es so etwas wie Muße nicht. In der lebhaftesten Zeit der Lese nahm Legree keinen Anstand, alle seine Arbeiter sonntags und wochentags mit gleicher Hast anzutreiben. Warum sollte er auch nicht? Er erntete dadurch mehr Baumwolle und gewann seine Wette; und wenn ein paar Sklaven zugrunde gingen, so konnte er bessere kaufen. Anfangs pflegte Tom einen oder zwei Verse seiner Bibel beim Schimmer des Feuers zu lesen, wenn er von seiner Tagesarbeit nach Hause gekommen war; aber nach der grausamen Züchtigung, die er erlitten, kam er meistens so erschöpft nach Hause, daß ihm der Kopf schwindelte und die Augen vergingen, wenn er zu lesen versuchte, und er sehnte sich zu sehr, sich mit den andern in gänzlicher Erschöpfung auf das Lager hinzustrecken.

Es ist seltsam, daß der religiöse Frieden und das Gottvertrauen, das ihn bisher aufrechterhalten, unter diesen Seelenkämpfen und in dieser verzweifelnden Nacht schwächer wurde. Das dunkelste Problem dieses geheimnisvollen Lebens hatte er beständig vor Augen: zertretene und zugrunde gerichtete Seelen, den Sieg der Bösen und Gott, der dazu schwieg.

Wochen und Monate lang rang Tom in seiner Seele in Nacht und Kummer. Er dachte an Miß Ophelias Brief, an seine Freunde in Kentucky und betete inbrünstig zu Gott, ihm seine Befreiung zu schicken; und dann wartete er Tag für Tag in der unbestimmten Hoffnung, jemand zu seiner Erlösung kommen zu sehen; und als niemand kam, drängte er bittere Gedanken zurück – daß es vergebens sei, Gott zu dienen – daß Gott ihn vergessen habe. Manchmal sah er Cassy; und manchmal, wenn man ihn ins Haus berief, erblickte er flüchtig Emmelines melancholische Gestalt, aber er hatte mit beiden wenig Verkehr, denn er hatte nicht einmal Zeit, mit jemand zu verkehren. Eines Abends saß er ganz niedergeschlagen und zerschmettert bei ein paar verglimmenden Bränden, über denen sein dürftiges Abendessen kochte. Er legte noch ein paar Stücke Reißholz aufs Feuer und versuchte, die Flamme heller zu machen, und zog dann seine zerlesene Bibel aus der Tasche. Da waren alle die angezeichneten Stellen, die seine Seele so oft begeistert hatten – Worte von Patriarchen und Propheten, von Dichtern und Weisen, die von früher Zeit an dem Menschen Mut zugesprochen – Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, die uns auf der Lebensbahn begleitet. Hatte das Wort seine Kraft verloren, oder konnte das geschwächte Auge und der müde Sinn nicht mehr bei der Berührung auf die mächtige Inspiration antworten? Mit einem schweren Seufzer steckte er sie wieder in die Tasche. Ein rohes Lachen weckte ihn; er blickte auf – Legree stand vor ihm.

»Nun, alter Bursche«, sagte er, »wie es scheint, findest du, daß du mit deiner Religion nicht auskommst! Ich dachte gleich, ich würde dir das noch durch deine Wolle einbläuen!«

Der grausame Hohn war schlimmer als Hunger und Kälte und Entblößung. Tom schwieg.

»Du warst ein Tor«, sagte Legree, »denn ich hatte dich zu etwas Gutem bestimmt, als ich dich kaufte. Du hättest dich besser befinden können als Sambo oder Quimbo und gute Zeit gehabt; und anstatt daß du alle Tage oder einen Tag um den andern deine Prügel kriegst, hättest du über alle anderen den Herrn spielen und die Nigger verprügeln können; und gelegentlich hätte ich dir dann auch einmal gut mit Whiskypunsch eingeheizt. Na, meinst du nicht, es wäre besser, du nähmest Vernunft an? Wirf den alten Plunder da ins Feuer und tritt zu meiner Kirche über!«

»Der Herr verhüte das!« sagte Tom voll Inbrunst.

»Du siehst, der Herr wird dir nicht helfen. Wenn er das wollte, so würde er nicht geduldet haben, daß ich dich kaufte! Deine ganze Religion ist nichts als Lug und Trug, Tom. Ich kenne ja die ganze Geschichte. Besser ist’s, du hältst dich zu mir, ich bin etwas und kann etwas tun!«

»Nein, Master«, sagte Tom, »ich halte zu Ihm. Der Herr mag mir helfen oder nicht; aber ich werde an Ihm festhalten und an Ihn glauben bis zuletzt!«

»Dann bist du nur ein noch größerer Narr!« sagte Legree, indem er höhnisch nach ihm spuckte und ihm einen Fußtritt gab. »Tut nichts, ich will schon noch deinen Trotz brechen, darauf kannst du dich verlassen!« Und damit entfernte sich Legree.

Wenn eine schwere Last die Seele bis auf die niedrigste Stufe, wo sie es noch ertragen kann, niederdrückt, so machen Körper und Seele mit jedem Nerv einen sofortigen und verzweifelten Versuch, die Last abzuwerfen; und deshalb geht der tiefste Seelenschmerz oft einer rückkehrenden Flut von Freude und Mut voraus. So war es jetzt bei Tom. Die atheistischen Verhöhnungen seines grausamen Herrn brachten seine schon vorher niedergeschlagene Seele auf den niedrigsten Standpunkt herab, aber obgleich die gläubige Hand immer noch an dem ewigen Felsen festhielt, so tat sie es doch nur noch mit schlaffem verzweifelndem Griff. Tom saß wie ein Betäubter vor dem Feuer. Plötzlich schien alles um ihn zu verbleichen, und es erschien ihm ein Gesicht von einem mit Dornen gekrönten Haupt, zerschlagen und blutend. Tom betrachtete mit Ehrfurchtsschauern und Staunen die majestätische Geduld des Gesichts; die tiefen pathetischen Augen durchzuckten ihn bis ins innerste Herz, seine Seele erwachte, wie er mit einer Flut von Tränen der Rührung die Hände hob und auf die Knie niedersank. Und jetzt veränderte sich allmählich das Gesicht, die spitzen Dornen verwandelten sich in eine Strahlenkrone und in unfaßbarem Glanze sah er dasselbe Gesicht sich voller Erbarmen über ihn neigen und eine Stimme sagen: »Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf einem Stuhl zu sitzen, wie ich überwunden habe, und bin gesessen mit meinem Vater auf seinem Stuhl.«

Wie lange Tom dagelegen, wußte er nicht. Als er wieder zu sich kam, war das Feuer verloschen, seine Kleider waren naß von kaltem Tau; aber die schreckliche Seelenkrisis war vorbei, und in der Freude, die ihn erfüllte, fühlte er Hunger, Kälte, Erniedrigung, getäuschte Hoffnung nicht länger. Aus seiner tiefsten Seele sagte er sich in jener Stunde von jeder Hoffnung im Leben los und brachte seinen eigenen Willen als gehorsames Opfer dem Unendlichen dar.

Allen fiel die Veränderung Toms auf. Heiterkeit und Munterkeit schien ihm wieder zurückzukehren, und eine Ruhe, welche keine Beleidigung und keine Schmach stören konnte, schien sich seiner bemächtigt zu haben.

»Was, zum Teufel, ist in Tom gefahren?« sagte Legree zu Sambo. »Vor einer kleinen Weile noch ließ er das Maul hängen, und jetzt ist er so munter wie ein Heimchen.«

»Weiß nicht, Master, will vielleicht fortlaufen.«

»Möchte ihn das schon versuchen sehen«, sagte Legree mit einem wilden Grinsen, »nicht wahr, Sambo?«

»Gewiß, gewiß! Ha! Ho!« sagte der schwarze Kobold und stimmte mit kriechender Unterwürfigkeit in das Lachen ein. »Gott, der Spaß, zu sehen, wie er im Schlamme steckenbleibt und durch den Busch bricht und rennt, während die Hunde ihn gepackt haben! Gott, ich lachte damals, wie wir die Molly fingen, bis zum Platzen. Ich dachte, sie würden sie zerreißen, ehe ich sie losbringen konnte. Sie trägt die Narben von dem Spaß immer noch.«

»Und wird sie wohl mit ins Grab nehmen«, sagte Legree. »Aber hab‘ ein scharfes Auge auf ihn, Sambo! Wenn der Nigger so was im Sinne hat, so hoffe ich, du wirst ihn erwischen.«

»Das kann Master mir überlassen!« sagte Sambo. »Ich will ihn schon haschen! Ho, ho, ho!«

Dieses Gespräch fand statt, als Legree aufs Pferd stieg, um nach der benachbarten Stadt zu reiten. Als er des Nachts zurückkehrte, kam er auf den Gedanken, nach den Baracken zu reiten, um zu sehen, ob alles sicher sei.

Es war eine herrliche Mondscheinnacht, und die Schatten der zierlich gestalteten Chinabäume zeichneten sich in seinen Umrissen auf dem Rasen unten ab, und in der Luft herrschte die heitere Stille, welche zu stören fast gottlos erschien. Legree befand sich noch in einiger Entfernung von den Baracken, als er eine Stimme singen hörte. Das war hier etwas Ungewöhnliches, und er hielt sein Pferd an, um zu lauschen. Eine wohltönende Tenorstimme sang:

»Und ist mir dann mein Anspruch klar
Auf Himmelsherrlichkeit,
So sag ich Fahrwohl jeder Furcht,
Vergesse jedes Leid.«

»So!« brummte Legree vor sich hin. »So denkt er also? Wie mir diese verwünschten Methodistenlieder verhaßt sind! Heda! Du Nigger!« rief er, wie er Tom erkannte, und drohte ihm mit der Reitpeitsche. »Wie kannst du solchen Lärm machen, wenn du im Bett liegen solltest? Halt dein altes schwarzes Maul und mach, daß du hineinkommst.«

»Ja, Master«, sagte Tom mit bereitwilliger Heiterkeit, wie er aufstand, um hineinzugehen.

Legree erbitterte Toms offenbar glückliche Stimmung über die Maßen, und er ritt an ihn heran und bearbeitete ihm tüchtig Kopf und Rücken.

»Da, du Hund«, sagte er, »sieh zu, ob du dich auch jetzt noch so wohl befindest.«

Aber die Schläge trafen jetzt nur den äußeren Menschen und nicht wie früher das Herz. Tom stand vollkommen unterwürfig da; und doch konnte es sich Legree nicht verhehlen, daß er seine Macht über seinen Sklaven, er wußte selbst nicht, wie, verloren hatte. Und wie Tom in seiner Hütte verschwand, und er sich plötzlich mit seinem Pferd umdrehte, schoß durch seine Seele einer jener lebhaften Strahlen, welche oft Blitze des Gewissens in die dunkle und lasterhafte Seele senden. Er erkannte recht gut, daß Gott zwischen ihm und seinem Opfer stand, und er lästerte ihn. Dieser unterwürfige und schweigende Mann, den weder Hohn noch Drohungen, noch Schläge und Mißhandlungen aus dem Gleichgewicht bringen konnten, rief eine Stimme in ihm wach, gleich der, welche einstmals sein Herr und Meister in dem Besessenen erweckte und welche sagte: Ach Jesu, Du Sohn Gottes, was haben wir mit Dir zu schaffen? Bist Du hergekommen, um uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?

Toms ganze Seele strömte über von Teilnahme und Mitleid für die armen Unglücklichen, in deren Mitte er lebte. Ihm schien es, als ob seine Lebenssorgen nun vorüber wären, und als ob er aus dem wunderbaren Schatz von Frieden und Freude, der ihm von oben geschenkt worden, etwas zur Erleichterung ihrer Leiden spenden müsse. Es ist wahr, die Gelegenheiten waren selten, aber auf dem Weg nach dem Felde und wieder zurück fanden sich für ihn Veranlassungen, den Müden, den Mutlosen und den Verzweifelnden eine helfende Hand zu reichen. Die armen, niedergedrückten, entmenschten Geschöpfe konnten dies anfangs kaum begreifen; aber als er Woche nach Woche und Monat nach Monat damit fortfuhr, fingen Saiten, die lange stumm geblieben waren, in ihren erstarrten Herzen zu klingen an. Allmählich und unmerklich gewann der sonderbare, stille, geduldige Mann, der bereit war, jedermanns Bürde zu tragen und niemands Hilfe suchte – der vor allen zurücktrat und zuletzt kam, und am wenigsten nahm, aber der erste war, sein Scherflein mit jedem, der es bedürfte, zu teilen – der Mann, der in kalten Nächten seine zerrissene Decke hingab, um einer in Fieberfrost zitternden Frau einige Erleichterung zu verschaffen, und der auf dem Felde die Körbe der Schwächeren füllte trotz der schrecklichen Gefahr, sein eigenes Maß nicht voll zu machen – und der, obgleich mit unermüdlicher Grausamkeit von ihrem gemeinsamen Tyrannen verfolgt, doch nie auf ihn schimpfte oder fluchte – dieser Mann begann endlich eine sonderbare Gewalt über sie zu gewinnen; und als die Zeit des großen Arbeitsdranges vorüber war und sie wieder ihren Sonntag für sich hatten, drängten sich viele um ihn, um ihn von Jesus erzählen zu hören. Sie wären gern an einem besonderen Platze zusammengekommen, um zu hören und zu beten und zu singen; aber Legree wollte das nicht gestatten und trieb solche Versammlungen mehr als einmal mit Flüchen und gräßlichen Verwünschungen auseinander, so daß die gesegnete Botschaft von Mund zu Mund wandern mußte. Aber wer kann die kindliche Freude beschreiben, mit der einige dieser armen Verstoßenen, deren Leben eine freudenlose Wanderung nach einem dunklen unbekannten Ziele ist, von einem barmherzigen Erlöser und einer himmlischen Heimat hörten?

Die arme Mulattin, deren einfachen Glauben der Sturm von Grausamkeit und Unrecht, den sie hatte erdulden müssen, fast erdrückt und vernichtet hatte, fühlte ihre Seele erhoben von den Hymnen und Stellen der Heiligen Schrift, welche dieser demütige Missionar von Zeit zu Zeit, wenn sie von dem Felde kamen oder aufs Feld gingen, in die Ohren flüsterte; und selbst das halbwahnwitzige Gemüt Cassys fühlte sich durch seine einfache und unaufdringliche Einwirkung beruhigt und besänftigt.

Von den zerschmetternden Qualen ihres Lebens zum Wahnsinn und zur Verzweiflung angestachelt, hatte Cassy in ihrer Seele oft an eine Stunde der Vergeltung gedacht, wo ihre Hand an ihrem Bedrücker alle Ungerechtigkeit und Grausamkeit rächen sollte, deren Zeugin sie gewesen oder die sie selbst hatte leiden müssen.

Eines Nachts, als in Toms Hütte alles in Schlaf gesunken war, erweckte ihn plötzlich der Anblick ihres Gesichts, das zu dem als Fenster dienenden Loch zwischen den Balken hereinschaute. Sie winkte ihm mit einer stummen Gebärde, herauszukommen.

Tom trat vor die Tür hinaus. Es war zwischen ein und zwei Uhr nachts heller, ruhiger, heiliger Mondschein. Wie das Licht des Mondes auf Cassys große schwarze Augen fiel, bemerkte Tom, daß in ihnen eine wilde und eigentümliche Flamme glühte, sehr verschieden von ihrer gewöhnlichen, starren Verzweiflung.

»Kommt, Vater Tom«, sagte sie und ergriff mit ihrer kleinen Hand seinen Arm und zog ihn mit einer Kraft an sich heran, als ob die Hand von Stahl wäre. »Kommt, ich habe Euch etwas zu sagen.«

»Was gibt’s, Miß Cassy?«

»Tom, hättet Ihr Eure Freiheit gern?«

»Sie wird mir werden, wenn es Gott gefällt, Missis«, sagte Tom.

»Ja, aber Ihr könnt schon heute nacht frei werden«, sagte Cassy mit plötzlicher Energie. »Kommt.«

Tom zögerte.

»Kommt!« flüsterte sie ihm zu und starrte ihn mit ihren schwarzen Augen an. »Kommt mit mir! Er schläft – er schläft fest. Ich habe genug in seinen Branntwein getan, daß er nicht so bald erwacht; ich wollte, ich hätte mehr gehabt, dann hätte ich Euch nicht gebraucht. Aber kommt, die Hintertür ist nicht verschlossen; dort findet Ihr ein Beil, ich habe es hingestellt – die Tür seines Zimmers ist offen; ich will Euch den Weg zeigen. Ich würde es selbst tun, aber mein Arm ist zu schwach dazu. Kommt mit mir!«

»Nicht für zehntausend Welten, Missis«, sagte Tom fest, indem er stehen blieb und sie aufhielt, wie sie fort wollte.

»Aber denkt an alle diese armen Geschöpfe«, sagte Cassy. »Wir können sie alle freilassen und uns in die Sümpfe flüchten, und eine Insel finden und für uns leben; ich habe gehört, daß das welchen geglückt ist. Jedes Leben ist besser als dieses!«

»Nein!« sagte Tom fest. »Nein! Gutes kommt nie aus dem Bösen. Lieber wollte ich mir die rechte Hand abhacken!«

»Dann tue ich es allein«, sagte Cassy und wendete sich zum Gehen.

»O Miß Cassy«, sagte Tom und warf sich ihr in den Weg, »um des guten Herrn willen, der für Euch gestorben ist, verkauft nicht auf diese Weise Eure unsterbliche Seele dem Teufel! Daraus kann nur Böses werden. Der Herr hat uns nicht berufen zum Zorn. Wir müssen dulden und seine Stunde erwarten.«

»Warten!« sagte Cassy. »Habe ich nicht gewartet – gewartet, bis mir der Kopf schwindelte und das Herz vertrocknet ist? Wie hat er mich gepeinigt? Wie hat er Hunderte von armen Geschöpfen gepeinigt? Preßt er nicht aus Euch das Herzblut heraus? Ich bin berufen! Sie rufen mich! Seine Zeit ist gekommen, und ich muß sein Herzblut haben.«

»Nein, nein, nein!« sagte Tom und hielt ihre kleinen Hände fest, die sich mit krampfhafter Heftigkeit zusammenballten. »Nein, arme, verirrte Seele, das dürft Ihr nicht tun! Der gute gesegnete Herr hat kein anderes Blut vergossen, als sein eigenes, und das vergoß er für uns, als wir seine Feinde waren. Herr, hilf uns seinen Schritten folgen und unsere Feinde lieben.«

»Lieben!« sagte Cassy mit wildem Blick. »Solche Feinde lieben, das ist dem Menschen nicht gegeben.«

»Das ist wohl wahr, Missis«, sagte Tom mit einem Blick zum Himmel, »aber Er gibt es uns, und das ist der Sieg. Wenn wir bei allem und für alles lieben und beten können, so ist der Kampf vorüber und der Sieg gekommen – Ehre sei Gott in der Höhe!«

Die tiefste Inbrunst Toms, seine sanfte Stimme und seine Tränen fielen wie Tau auf das verzweifelte, stürmisch bewegte Gemüt der Unglücklichen. Das unheimliche Feuer in ihrem Auge wurde sanfter; sie senkte den Blick, und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand erschlafften, als sie sagte:

»Habe ich Euch nicht gesagt, daß mich böse Geister verfolgten? Ach, Vater Tom, ich kann nicht beten! Ich wollte, ich könnte es. Ich habe nicht gebetet, seitdem meine Kinder verkauft wurden! Was Ihr sagt, muß recht sein – ich weiß, es muß recht sein; aber wenn ich zu beten versuche, kann ich nur hassen und verwünschen. Ich kann nicht beten.«

»Arme Seele!« sagte Tom voll Mitleid. »Der Satanas begehrte Euer, daß er Euch möchte sichten, wie den Weizen. Ich bete zu dem Herrn für Euch. O Miß Cassy, wendet Euch dem guten Herrn Jesus zu. Er ist gekommen, um die Betrübten zu stärken und die, welche klagen, zu trösten.«

Cassy stand stumm da, während große schwere Tränen aus ihren zu Boden gesenkten Augen flossen.

»Miß Cassy«, sagte Tom zögernd, nachdem er sie einen Augenblick schweigend betrachtet hatte, »wenn Ihr nur fort von hier kommen könntet – wenn es möglich wäre – so würde ich Euch und Emmeline raten, zu entfliehen; d. h. wenn Ihr’s ohne Blutschuld tun könntet – nicht anders.«

»Würdet Ihr’s mit uns versuchen, Vater Tom?«

»Nein«, sagte Tom, »es war eine Zeit, wo ich’s getan hätte, aber der Herr hat mir eine Arbeit unter diesen armen Leuten aufgetragen, und ich will bei ihnen bleiben und mein Kreuz mit ihnen tragen bis ans Ende. Mit Euch ist es anders; für Euch ist es ein Fallstrick – es ist mehr, als Ihr tragen könnt, und es ist besser, Ihr entflieht, wenn Ihr könnt.«

»Ich kenne keinen Weg, als durch das Grab«, sagte Cassy. »Jedes vierfüßige Tier und jeder Vogel kann irgendwo ein Obdach finden, selbst die Schlangen und Alligatoren haben eine Stelle, wo sie ruhen können; aber für uns gibt es keine Stätte. Bis in die finstersten Sümpfe verfolgen uns ihre Hunde und spüren uns auf. Jeder Mann und jegliche Sache ist gegen uns, selbst die Tiere nehmen gegen uns Partei, und wohin sollen wir uns wenden?«

Tom stand schweigend da; endlich sprach er: »Er, welcher Daniel aus der Löwengrube rettete, der die Männer in dem feurigen Ofen errettete – Er, der auf dem Meere wandelte und dem Winde Schweigen gebot – Er lebt noch; und ich habe den Glauben, zu vertrauen, daß Er Euch erlösen kann. Versucht es, und ich will mit meiner ganzen Kraft für Euch beten.«

Welches wunderbare Gesetz der Seele bewirkt es, daß ein lange übersehener und wie ein nutzloser Stein mit Füßen getretener Gedanke plötzlich als ein entdeckter Diamant in einem neuen Lichte strahlt! Cassy hatte schon manche Stunde alle möglichen oder wahrscheinlichen Fluchtpläne überlegt und sie alle als hoffnungslos und unausführbar aufgegeben; aber in diesem Augenblick blitzte ihr ein Plan durch den Geist, der so einfach und in allen seinen Einzelheiten ausführbar war, daß er auf der Stelle neue Hoffnung erweckte.

»Vater Tom! Ich werde es versuchen!« rief sie plötzlich.

»Amen!« sagte Tom. »Der Herr helfe Euch!«

22. Kapitel


Das Letzte auf Erden

Die Statuetten und Bilder in Evas Zimmer waren mit weißen Tüchern verhüllt, und nur leises Atemholen und gedämpfte Schritte hörte man dort, und das Licht stahl sich feierlich durch die teilweise geschlossenen Fenster.

Das Bett war weiß verhangen, und unter der ruhenden Engelsgestalt lag ein schlummerndes Kind, schlummernd, um nie wieder zu erwachen.

Für solche, wie du bist, geliebte Eva, gibt es keinen Tod! Weder die Nacht noch den Schatten des Todes; nur ein so glänzendes Verschwimmen, wie wenn der Morgenstern im goldenen Frühlicht aufgeht. Dein ist der Sieg ohne die Schlacht – die Krone ohne den Kampf.

So dachte St. Clare, als er mit übereinandergeschlagenen Armen vor der Leiche stand und sie betrachtete. Ach! Wer wagt zu sagen, was er dachte? Denn von der Stunde an, wo Stimmen im Sterbezimmer gesagt hatten: »Sie ist verschieden«, war alles um ihn ein wüster Nebel gewesen, eine schwere Dämmerung des Schmerzes. Er hatte Stimmen an sein Ohr schlagen hören; er war gefragt worden und hatte geantwortet; sie hatten ihn gefragt, wann das Begräbnis sei, und wo sie begraben werden solle; und er hatte ungeduldig geantwortet, daß ihm das einerlei sei.

Adolf und Rosa hatten das Sterbezimmer eingerichtet; so leichtfertig, launenhaft und kindisch sie auch im allgemeinen waren, so waren sie doch weichherzig und voller Gefühl.

Es standen immer noch Blumen im Zimmer – alle weiß, zart und wohlriechend, mit zierlichen, trauernden Blättern. Auf Evas kleinem mit einer weißen Decke überzogenen Tischchen stand ihre Lieblingsvase mit einer einzigen weißen Moosrosenknospe. Die Falten der Draperien und der Vorhänge hatten Adolf und Rosa mit dem feinen Blick, der ihrer Rasse eigentümlich ist, geordnet und wieder geordnet. Selbst jetzt, wo St. Clare nachdenklich dastand, kam die kleine Rosa mit einem Korbe weißer Blumen mit vorsichtigem leisem Schritt in das Zimmer. Sie trat zurück, als sie St. Clare erblickte, und blieb ehrerbietig stehen; aber da sie sah, daß er sie nicht bemerkte, kam sie näher, um die Leiche zu schmücken. St. Clare sah sie, wie in einem Traume, während sie zwischen die zarten Händchen einen schönen Capjasmin steckte und mit bewunderungswürdigem Geschmack andere Blumen rund um das ganze Lager anbrachte.

Die Tür ging wieder auf, und Topsy mit vom Weinen geschwollenen Augen erschien, etwas unter der Schürze versteckt haltend. Rosa machte eine rasche abwehrende Gebärde, aber jene trat einen Schritt ins Zimmer herein.

»Du mußt hinaus«, sagte Rosa mit scharfem bestimmtem Flüstern: »Du hast hier nichts zu suchen.«

»O bitte, laß mich! Ich habe eine Blume mitgebracht – eine so hübsche Blume!« sagte Topsy und hielt eine halb aufgeblühte Teerosenknospe empor. »Laß mich nur die einzige hinlegen.«

»Marsch fort!« sagte Rosa noch entschiedener.

»Sie soll bleiben!« sagte St. Clare plötzlich mit dem Fuße stampfend. »Sie soll hereinkommen.«

Rosa entfernte sich rasch, und Topsy trat ans Bett und legte ihre Blume zu Füßen der Leiche, dann warf sie sich plötzlich mit einem Schrei wilder Verzweiflung neben dem Bett nieder und weinte und stöhnte laut.

Miß Ophelia kam in das Zimmer geeilt und versuchte, sie aufzuheben und zu beruhigen; aber vergebens.

»O Miß Eva! O Miß Eva! Ich wollte, ich wäre auch tot – ja gewiß!« Es lag eine wilde herzzerreißende Verzweiflung in diesem Aufschrei; das Blut schoß in St. Clares weißes marmorgleiches Gesicht, und die ersten Tränen, die er seit Evas Tode geweint, standen ihm in den Augen.

»Steh auf, Kind!« sagte Miß Ophelia mit sanfterer Stimme: »Weine nicht so. Miß Eva ist im Himmel; sie ist ein Engel geworden.«

»Aber ich kann sie nicht sehen!« sagte Topsy. »Ich werde sie nie wieder sehen!« und sie fing wieder an zu schluchzen.

Alle standen einen Augenblick lang schweigend da.

»Sie sagte, sie hätte mich lieb«, sagte Topsy – »das hat sie gesagt! O Gott, o Gott! Ich habe nun niemanden mehr – niemanden!«

»Das ist nur zu wahr«, sagte St. Clare; »aber bitte«, sagte er zu Miß Ophelia, »versuche du, ob du das arme Geschöpf nicht trösten kannst.«

»Ich wollte, ich wäre gar nicht geboren«, sagte Topsy. »Es lag mir gar nichts daran, auf die Welt zu kommen; und ich sehe gar keinen Nutzen dabei.«

Miß Ophelia hob sie sanft, aber fest vom Boden auf und nahm sie mit in ihr Zimmer; aber bis sie dort waren, fielen ihr ein paar Tränen aus den Augen.

»Topsy, du armes Kind«, sagte sie, als sie dieselbe in ihr Zimmer führte, »verzweifle nicht! Ich kann dich lieben, obgleich ich nicht bin, wie das geliebte, selige Kind. Ich hoffe, ich habe durch sie ein wenig von der Liebe unseres Heilands gelernt. Ich kann dich liebhaben; ich werde dich lieben und versuchen, dir beizustehen, daß du eine gute Christin wirst.«

Miß Ophelias Stimme sagte mehr, als ihre Worte, und mehr noch als diese sagten die ehrlichen Tränen, welche aus ihren Augen strömten. Von dieser Stunde an erlangte sie einen Einfluß auf das Gemüt des verlassenen Kindes, den sie nie wieder verlor.

»O meine Eva, deren kurze Spanne Zeit auf dieser Erde so viel Gutes bewirkt hat«, dachte St. Clare, »welche Rechenschaft werde ich von meinen vielen Jahren abzulegen haben?«

Eine Weile lang hörte man leises Geflüster und Schritte in dem Zimmer, wie einer nach dem andern hereinschlich, um die Leiche zu sehen; und dann kam der kleine Sarg; und dann war das Begräbnis, und Wagen fuhren vor der Tür vor und Freunde kamen und setzten sich nieder; und man sah weiße Schärpen und Bänder und Kreppschleifen und Trauernde in schwarzem Krepp; und es wurden Worte aus der Bibel gelesen und Gebete gesprochen; und St. Clare lebte und ging herum und bewegte sich wie einer, der jede seiner Tränen vergossen hat. Bis zuletzt erblickte er nur einen Gegenstand, den goldenen Lockenkopf im Sarge; aber dann sah er, wie das Tuch darüber gebreitet und der Deckel des Sarges verschlossen wurde; und er ging mit, als sie ihn neben die andern stellten, bis zu einem kleinen Fleck hinten im Garten, und dort neben der Moosbank, wo sie und Tom so oft miteinander gesprochen und gesungen und gelesen hatten, war das kleine Grab. St. Clare stand neben demselben – schaute mit leerem Blick hinab; er sah, wie sie den kleinen Sarg hinunterließen; er hörte undeutlich die feierlichen Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird nicht sterben, sondern das ewige Leben haben«, und wie die Erde darauf geworfen wurde und das kleine Grab ausfüllte, konnte er es nicht für wahr halten, daß sie seine Eva hier vor seinen Augen verscharrten.

Und so war es auch nicht! – Nicht Eva, sondern nur den schwachen Keim der strahlenden unsterblichen Gestalt, in der sie noch erscheinen wird an dem Tage Christi unseres Herrn.

Und sie waren alle fort, und die Leidtragenden kehrten alle zurück nach dem Hause, das sie nicht mehr sehen sollte; und aus Maries Zimmer war das Licht ausgesperrt, und sie lag auf dem Bett und schluchzte und stöhnte in unbezwinglichem Schmerz und rief jeden Augenblick nach allen ihren Dienstboten. Natürlich hatten diese keine Zeit zu weinen – wozu auch? Der Schmerz war ihr Schmerz, und sie war fest überzeugt, daß niemand auf Erden ihn so wie sie fühlte oder fühlen könnte und wollte.

»St. Clare vergoß keine Träne«, sagte sie: »Er sympathisierte nicht im mindesten mit ihr; es sei wirklich wunderbar, zu denken, wie hartherzig und gefühllos er sein müsse, da er doch jedenfalls wisse, wie sie leide.« So sehr sind die Menschen die Sklaven ihrer Augen und Ohren, daß viele von den Dienstboten wirklich glaubten, Missis leide bei weitem am meisten bei dieser Gelegenheit, vorzüglich, da Marie jetzt Anfälle von hysterischen Krämpfen bekam und nach dem Arzt schickte und erklärte, sie liege im Sterben; und das Laufen und Rennen und das Herbeischleppen von Wärmflaschen und das Warmmachen von Flanell und das Reiben und der allgemeine Lärm, den diese Anfälle verursachten, waren eine wahre Zerstreuung.

Tom jedoch hatte ein Gefühl in seinem Herzen, das ihn zu seinem Herrn hinzog. Er folgte ihm, traurig und sehnsüchtig, wohin er ging; und wenn er ihn so blaß und ruhig in Evas Zimmer über ihrer aufgeschlagenen kleinen Bibel sitzen sah, obgleich er keinen Buchstaben oder kein Wort darin erkannte, da sah Tom in diesem ruhigen, starren, tränenlosen Auge größeren Schmerz als in allem Seufzen und Jammern Mariens.

In wenigen Tagen kehrte die Familie St. Clare wieder nach der Stadt zurück, denn Augustin verlangte in der Ruhelosigkeit des Schmerzes nach einer anderen Umgebung, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So verließen sie denn Haus und Garten mit dem kleinen Grabe und begaben sich wieder nach New Orleans, und St. Clare bewegte sich geschäftig auf den Straßen und war bestrebt, die Kluft in seinem Herzen mit Eile und Rührigkeit und Ortsveränderungen auszufüllen; und Leute, die ihn auf der Straße sahen oder ihm in dem Café begegneten, erfuhren den Verlust, den er erlitten, nur durch den Flor um seinen Hut, denn er lächelte und spaßte und las die Zeitungen und unterhielt sich über Politik und besorgte Geschäftsangelegenheiten; und wer konnte wissen, daß diese ganze lächelnde Außenseite nur eine hohle Schale um ein Herz sei, das ein dunkles und stilles Grab war.

»Mr. St. Clare ist ein eigener Mann«, sagte Marie zu Miß Ophelia in klagendem Tone. »Ich glaubte immer, wenn er etwas auf der Welt liebte, so sei es unsere teuere Eva, aber er scheint sie sehr leicht zu vergessen. Ich kann ihn nie dazu bringen, von ihr zu sprechen. Ich glaubte wahrhaftig, er würde mehr Gefühl zeigen!«

»Stille Wasser sind oft die tiefsten, habe ich immer sagen hören«, sagte Miß Ophelia orakelhaft.

»Ach, das glaube ich gar nicht; das ist alles nur Rederei. Wenn Leute Gefühl haben, so werden sie es zeigen – sie können nicht anders; aber es ist immer ein großes Unglück, viel Gefühl zu besitzen. Ich wollte lieber, ich hätte eine Natur, wie St. Clare. Meine Gefühle nagen mir so am Herzen!«

»Aber gewiß, Missis, Master St. Clare wird so mager wie ein Schatten. Sie sagen, er esse gar nichts«, sagte Mammy. »Ich weiß, daß er Miß Eva nicht vergißt; das kann niemand – das liebe gesegnete Wesen!« setzte sie hinzu und wischte sich die Augen.

»Nun, jedenfalls nimmt er gar keine Rücksicht auf mich«, sagte Marie; »er hat mir kein Wort der Teilnahme gesagt, und er muß doch wissen, wieviel mehr eine Mutter fühlt, als es einem Manne je möglich ist.«

»Das Herz kennt seine eigene Bitterkeit«, sagte Miß Ophelia mit Ernst.

»Das denke ich eben auch. Ich weiß recht gut, was ich fühle – kein anderer Mensch scheint es zu wissen. Eva erriet es manchmal, aber sie ist nicht mehr!« Und Marie legte sich zurück in ihrem Sofa und schluchzte trostlos.

Marie war eine von den unglücklich konstituierten Sterblichen, in deren Augen alles, was für immer verloren ist, einen Wert annimmt, den es nie hatte, solange sie im Besitz desselben waren. Was sie besaß, schien sie nur zu besitzen, um Fehler darin zu finden; aber sowie es nicht mehr vorhanden war, so legte sie einen ungemessenen Wert darauf.

Zu gleicher Zeit mit diesem Gespräch in der Wohnstube fand ein anderes in der Bibliothek St. Clares statt.

Tom, der seinem Herrn beständig voller Unruhe Schritt für Schritt nachging, hatte ihn einige Stunden vorher in die Bibliothek gehen sehen; und nachdem er vergeblich gewartet hatte, ob er wieder herausgehen werde, beschloß er, sich etwas darin zu tun zu machen. Er trat leise ein. St. Clare lag auf einem Sofa am hinteren Ende des Zimmers. Er lag auf seinem Gesicht, und Evas Bibel lag aufgeschlagen nicht weit von ihm. Tom ging zu ihm hin und blieb vor dem Sofa stehen. Er zögert, und während er noch zögerte, erhob sich St. Clare plötzlich. Das ehrliche Gesicht so voller Schmerz und mit einem so flehenden Ausdruck von Liebe und Teilnahme fiel seinem Herrn auf. Er legte seine Hand auf die Toms und beugte sich mit dem Kopfe darüber.

»Ach, Tom, die ganze Welt ist so leer, wie ein hohles Ei.«

»Ich weiß es, Master – ich weiß es«, sagte Tom. »Aber ach, wenn Master nur hinaufsehen wollte – hinauf, wo unsere liebe Miß Eva ist – hinauf zu dem lieben Herrn Jesus!«

»Ach, Tom! Ich blicke hinauf; aber das Schlimmste ist, daß ich gar nichts oben sehe. Ich wollte, ich könnte was sehen.«

Tom seufzte schwer.

»Es scheint Kindern und armen ehrlichen Burschen, wie du bist, gegeben zu sein, zu sehen, was wir nicht sehen«, sagte St. Clare. »Woher kommt das?«

»Du hast solches verborgen vor den Weisen und Klugen, und hast’s offenbart den Unmündigen«, sagte Tom halblaut vor sich hin; »ja, Vater, also war es wohlgefällig vor Dir.«

»Tom, ich glaube nicht – ich kann nicht glauben; ich habe mir das Zweifeln angewöhnt«, sagte St. Clare. »Ich möchte dieser Bibel glauben, und ich kann nicht.«

»Guter Master, beten Sie zu dem guten Gott: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!«

»Wer weiß etwas von etwas?« sagte St. Clare zu sich selbst, während seine Augen träumerisch herumschweiften. »War alle diese schöne Liebe und Treue nur eine von den ewig wechselnden Phasen menschlichen Gefühls, die auf nichts Wirklichem beruhen und mit dem letzten Atemzuge vergehen? Und gibt es keine Eva mehr – keinen Himmel – keinen Christus – nichts?«

»Ach, lieber Master, wohl gibt es noch etwas! Ich weiß es; ich bin davon überzeugt«, sagte Tom und sank auf die Knie. »Lieber, lieber Master, glauben Sie!«

»Woher weißt du, daß es einen Christus gibt, Tom? Du hast nie den Herrn gesehen.«

»Ich habe ihn in meiner Seele gefühlt, Master – fühle ihn jetzt! O, Master, als man mich wegverkaufte von meiner Alten und den Kindern, war ich fast ebenso verzweifelt. Es war mir, als wäre nichts mehr übrig auf der Welt; und dann stand der gute Herr bei mir und sprach: ›Fürchte dich nicht, Tom!‹ und er bringt Licht und Freude in die Seele des Armen und macht, daß alles Friede wird; und ich fühle mich so glücklich und liebe jedermann und bin bereit des Herrn zu sein, und des Herrn Willen geschehen zu lassen und dorthin zu gehen, wohin mich der Herr sendet. Ich weiß, daß das nicht von mir kommen konnte, denn ich war ein armes unglückliches Menschenkind; es kam von dem Herrn; und ich weiß, daß er es auch für Master tun wird.«

Tom sprach mit halb erstickter Stimme. St. Clare legte den Kopf auf seine Schulter und drückte die harte, treue, schwarze Hand.

»Ich würde beten, Tom, wenn jemand da wäre, wenn ich bete; aber es ist mir stets, als spräche ich in die leere Luft. Aber bete du, Tom, und zeige mir, wie ich beten soll.«

Toms Herz war voll; er schüttete es im Gebete aus, wie Wasser, das ein Damm lange zurückgehalten hat. Eine Sache war klar genug: Tom glaubte, es höre ihn jemand, mochte jemand da sein oder nicht. Ja, St. Clare fühlte sich selbst auf der Flut seines Glaubens und Gefühls fast bis an die Tore des Himmels getragen, den er sich so lebendig vorzustellen schien. Es schien ihn Eva näherzubringen.

»Ich danke dir, guter Tom«, sagte St. Clare, als Tom aufstand. »Ich höre dich gern, Tom; aber jetzt geh und laß mich allein; ein andermal wollen wir mehr davon sprechen.«

Tom verließ schweigend das Zimmer.

23. Kapitel


Wieder vereint

Woche nach Woche schwand im Hause St. Clares dahin, und die Wellen des Lebens nahmen wieder ihre ehemalige Glätte an der Stelle an, wo die kleine Barke untergesunken war. Denn wie gebieterisch, wie gleichgültig, wie rücksichtslos gegen alle unsere Empfindungen sich der harte kalte einförmige Lauf täglicher Wirklichkeiten fortbewegt! Noch müssen wir essen und trinken und schlafen und wieder erwachen – noch feilschen, kaufen, verkaufen, Frage stellen und beantworten – mit einem Worte, tausend Schatten verfolgen, obgleich alles Interesse an ihnen erstorben ist; die kalte mechanische Gewohnheit des Lebens ist geblieben, nachdem alle lebendige Teilnahme dafür vorüber ist.

Alle Interessen und Hoffnungen von St. Clares Leben waren unbewußt mit diesem Kinde verwachsen gewesen. Nur für Eva verwaltete er sein Vermögen; nur für Eva richtete er seine Zeit ein; und das oder jenes für Eva zu tun – für sie zu kaufen, zu verbessern, zu verändern oder anzuordnen – war so lange seine Gewohnheit gewesen, daß jetzt, wo sie nicht mehr war, nichts mehr für ihn zu denken oder zu tun zu sein schien. Allerdings gab es noch ein andres Leben, ein Leben, welches, wenn man einmal daran glaubt, wie ein feierliches bedeutsames Zeichen vor den sonst bedeutungslosen Ziffern der Zeit steht und ihnen einen geheimen und ungezählten Wert verleiht. St. Clare wußte dies recht gut, und oft in mancher trüben Stunde hörte er diese zarte Kinderstimme aus dem Himmel herab ihm zurufen und sah die kleine Hand ihm den Weg des Lebens weisen; aber eine schwere Erstarrung des Schmerzes lag auf ihm – er konnte sich nicht erheben. Er war eine von den Naturen, welche religiöse Gegenstände nach eigenen Wahrnehmungen und Ahnungen besser und klarer fassen können, als mancher methodische und praktische Christ. Die Gabe, die feineren Schattierungen und Beziehungen sittlicher Verhältnisse zu würdigen und zu fühlen, scheint oft denen eigen zu sein, die ihr Leben in leichtsinniger Mißachtung derselben verbringen. Daher sprechen Moore, Byron, Goethe oft Worte, die das echte religiöse Gefühl wahrer ausdrücken, als Leute, deren ganzes Leben davon beherrscht ist. In solchen Geistern ist Mißachtung der Religion ein noch schrecklicherer Verrat – eine noch größere Todsünde.

St. Clare hatte nie den Anspruch gemacht, sich von religiösen Verpflichtungen beherrschen zu lassen; und eine gewisse Feinheit des Gefühls rief in ihm eine solche instinktmäßige Ansicht über die Ausdehnung der Forderungen des Christentums hervor, daß er sich schon im voraus vor dem Umfang scheute, den, wie er fühlte, die Forderungen seines Gewissens annehmen würden, wenn er sich ihnen einmal fügte, denn so inkonsequent ist die Menschennatur, vorzüglich im Idealen, daß etwas gar nicht zu unternehmen oft besser erscheint, als etwas zu unternehmen und das vorgesteckte Ziel nicht zu erreichen.

Dennoch war St. Clare in vielen Hinsichten ein anderer Mensch. Er las Evas Bibel ehrlich und mit Ernst; er dachte weniger leichtsinnig und praktischer über seine Verhältnisse zu seinen Dienstboten, und es genügte, ihn sehr unzufrieden mit seinem früheren und gegenwärtigen Benehmen zu machen; und etwas tat er bald nach seiner Rückkehr nach New Orleans: Er begann nämlich die nötigen gesetzlichen Schritte zu Toms Freilassung, die, sobald nur die notwendigen Formalitäten beendigt werden konnten, stattfinden sollte.

Unterdessen schloß er sich jeden Tag mehr an Tom an. In der ganzen weiten Welt schien ihn nichts so sehr an Eva zu erinnern; und er wollte ihn beständig um sich haben, und so zurückhaltend und unnahbar er hinsichtlich seiner tieferen Gefühle war, dachte er doch fast laut mit Tom. Auch würde sich niemand darüber gewundert haben, wenn er gesehen hätte, mit welchem Ausdruck von Liebe und Hingebung Tom fortwährend seinem jungen Herrn folgte.

»Nun, Tom«, sagte St. Clare eines Tages, als er die gesetzlichen Formalitäten zu seiner Freilassung begonnen hatte, »ich werde dich zum freien Manne machen; also packe deinen Koffer und mache dich fertig, nach Kentucky abzureisen.«

Der plötzliche Freudenschimmer, der über Toms Gesicht flog, wie er die Hände zum Himmel erhob, sein innig gefühltes: »Der Herr sei gepriesen!« überraschte St. Clare fast unangenehm; es gefiel ihm nicht, daß Tom so bereitwillig war, ihn zu verlassen.

»Du hast es hier nicht so sehr schlecht gehabt, daß du so entzückt darüber zu sein brauchst, Tom«, sagte er trocken.

»Nein, nein, Master! Das ist’s nicht – es ist weil ich ein freier Mann bin! Darüber freue ich mich so sehr.«

»Aber Tom, meinst du nicht, daß du dich für deinen Teil besser befunden hast, als wenn du frei wärst?«

»Nein gewiß nicht, Master St. Clare«, sagte Tom mit plötzlicher Energie. »Nein, gewiß nicht!«

»Aber Tom, du hättest unmöglich durch deine Arbeit solche Kleider und solche Kost verdienen können, wie du immer bei mir hast!«

»Das weiß ich alles, Master St. Clare; Master ist zu gut gewesen; aber Master, lieber hätte ich schlechte Kleider, schlechte Wohnung und alles schlecht, und es wäre mein eigen, als wenn ich alles vom Besten hätte, und es gehörte einem andern! Das wollte ich, Master; ich glaube, es ist Menschennatur, Master!«

»Das mag es sein, Tom, und du wirst in einem oder ein paar Monaten fortgehen und mich verlassen«, setzte er etwas mißvergnügt hinzu; »wiewohl kein Sterblicher weiß, warum du es anders machen solltest«, sagte er in heiterem Tone; und er stand auf und ging im Zimmer auf und ab.

»Nicht, so lange Master unglücklich ist«, sagte Tom. »Ich bleibe bei Master, solange er mich braucht – so lange ich von Nutzen sein kann.«

»Nicht, solange ich unglücklich bin, Tom!« sagte St. Clare und sah traurig zum Fenster hinaus. »Und wann werde ich nicht mehr unglücklich sein?«

»Wenn Master St. Clare ein Christ ist«, sagte Tom.

»Und gedenkst du wirklich zu bleiben, bis es dazu kommt?« sagte St. Clare halb lächelnd, als er sich vom Fenster umdrehte und seine Hand auf Toms Schulter legte. »Ach, Tom, du einfältiger törichter Bursche! So lange mag ich dich nicht behalten. Geh heim zu deiner Frau und deinen Kindern und grüße sie alle von mir.«

»Ich vertraue, daß der Tag kommen wird«, sagte Tom voll Ernst und mit Tränen in den Augen; »der Herr hat Arbeit für Master.«

»Arbeit?« sagte St. Clare. »Nun laß einmal hören, Tom, was für eine Arbeit das ist, sprich!«

»Nun, sogar einem armen Burschen, wie mir, ist eine Arbeit aufgegeben vom Herrn; und Master St. Clare, der gelehrt und reich ist und viele Freunde hat – wieviel könnte er für den Herrn tun?«

»Tom, du scheinst zu denken, daß der Herr sehr viel für sich zu tun verlangt«, sagt St. Clare lächelnd.

»Wir tun für den Herrn, wenn wir seinen Geschöpfen etwas tun«, sagte Tom.

»Gute Theologie, Tom, besser als die, welche Dr. B. predigt, das will ich beschwören«, sagte St. Clare.

Das Gespräch wurde hier durch die Anmeldung von Besuch unterbrochen. Marie St. Clare fühlte den Verlust Evas so tief, wie sie nur überhaupt etwas fühlen konnte; und da sie eine Frau war, die eine große Fähigkeit besaß, alle anderen unglücklich zu machen, wenn sie sich unglücklich fühlte, so hatten die Dienstboten und ihre unmittelbare Umgebung noch viel stärkeren Grund, den Verlust ihrer jungen Herrin zu beklagen, deren gewinnende Weise und sanftes Vorbitten sie oft vor den tyrannischen und selbstsüchtigen Forderungen ihrer Mutter geschützt hatten. Die arme alte Mammy besonders, deren Herz von allen natürlichen Familienbanden getrennt, sich an diesem einen schönen Wesen getröstet hatte, fühlte, daß ihr das Herz fast gebrochen war. Sie weinte Tag und Nacht, und das Übermaß des Schmerzes machte sie weniger geschickt und gewandt, ihre Herrin zu bedienen, als gewöhnlich, was auf ihr unbeschütztes Haupt ein beständiges Unwetter von Scheltworten herabzog.

Miß Ophelia fühlte den Verlust; aber in ihrem guten und ehrlichen Herzen trug er Frucht für das ewige Leben. Sie war sanfter und milder, und obgleich in jeder Pflicht so eifrig wie früher, tat sie doch jetzt alles in einer stilleren und demütigeren Art, wie eine, die nicht vergebens mit ihrem Herzen zu Rate gegangen ist. Sie gab sich mehr Mühe, Topsy zu unterrichten – legte hauptsächlich die Bibel zugrunde – schauderte nicht länger vor ihrer Berührung zurück und zeigte keinen schlecht unterdrückten Ekel mehr, weil sie keinen fühlte. Sie betrachtete sie nun in dem milden Lichte, das Eva zuerst ihren Augen gezeigt hatte, und sah in ihr nur eine unsterbliche Kreatur, die Gott ihr überschickt hatte, sie zur Herrlichkeit und zur Tugend zu führen. Topsy wurde nicht auf einmal eine Heilige; aber das Leben und der Tod Evas brachten eine merkwürdige Veränderung in ihr hervor. Die verhärtete Gleichgültigkeit war verschwunden, es war jetzt Gefühl, Hoffnung, Verlangen und ein Streben nach dem Guten vorhanden – ein unregelmäßiges, oft unterbrochenes, aber stets erneutes Streben. Eines Tages, als Miß Ophelia nach Topsy geschickt hatte, trat diese herein und schob etwas hastig in den Busen.

»Was hast du da wieder, du Satanskind? Du hast gewiß wieder was gestohlen«, sagte die herrische kleine Rosa, die sie gerufen hatte, und packte sie zugleich derb am Arme.

»Gehen Sie nur, Miß Rosa!« sagte Topsy und riß sich von ihr los. »Das geht Sie nichts an!«

»Nur nicht so frech!« sagte Rosa. »Ich sah, wie du was verstecktest – ich kenne deine Streiche«, und Rosa packte sie wieder beim Arm und versuchte in ihren Busen zu greifen, während Topsy ganz wütend strampelte und tapfer für ihr gutes Recht focht. Der Lärm und die Verwirrung des Gefechts führten Miß Ophelia und St. Clare herbei.

»Sie hat was gestohlen!« sagte Rosa.

»Nein, das ist nicht wahr«, schrie Topsy, vor Leidenschaft schluchzend.

»Gib es her, was es auch ist!« sagte Miß Ophelia sanft. Topsy zauderte, aber auf einen zweiten Befehl zog sie aus ihrem Busen ein in den Fuß eines ihrer alten Strümpfe gewickeltes Päckchen hervor.

Miß Ophelia machte es auf. Ein kleines Buch lag darin, ein Geschenk Evas an Topsy mit einem einzigen Bibelvers für jeden Tag des Jahres, und in einem Papier die Haarlocke, welche Eva ihr an dem denkwürdigen Tage gegeben, wo sie ihren letzten Abschied genommen.

St. Clare war sehr gerührt von dem Anblick; das kleine Buch war in einen langen Streifen schwarzen Flor, von den Trauerkleidern gerissen, gewickelt.

»Warum hast du das um das Buch gewickelt?« sagte St. Clare und zeigte ihr den Flor.

»Weil – weil – weil es von Miß Eva war. Ach, nehmen Sie mir es nicht weg, bitte!« sagte sie; und sie setzte sich auf den Boden, zog die Schürze über den Kopf und schluchzte krampfhaft.

Es war eine seltsame Mischung von Rührendem und Lächerlichem – der kleine alte Strumpf – der schwarze Flor – das Buch mit den Bibelversen – die blonde, weiche Locke – und Topsys trostloser Schmerz.

St. Clare lächelte, aber es standen ihm Tränen in den Augen, als er sagte:

»Sei ruhig – weine nicht; – du sollst es wiederhaben!« und er wickelte es wieder zusammen und warf es ihr in den Schoß. Dann zog er Miß Ophelia mit sich in das Zimmer.

»Ich glaube wirklich, du kannst etwas aus dem Mädchen machen«, sagte er, indem er mit dem Daumen über die Achsel wies. »Ein Gemüt, das einem wahren Schmerze zugänglich ist, ist des Guten fähig; du mußt versuchen, etwas aus ihr zu machen.«

»Das Kind hat sich sehr gebessert«, sagte Miß Ophelia. »Ich setze große Hoffnung auf sie; aber, Augustin«, sagte sie und legte die Hand auf seinen Arm, »eines muß ich dich fragen, wem soll das Kind gehören? – Dir oder mir?«

»Nun, ich habe es dir ja geschenkt«, sagte Augustin.

»Aber nicht in gesetzlicher Form, ich will sie nach gesetzlicher Form besitzen«, sagte Miß Ophelia.

»Hui! Cousine«, sagte Augustin. »Was wird die Abolitionistengesellschaft davon denken? Sie wird wegen deines Falles einen allgemeinen Fasttag ausschreiben, wenn du eine Sklavenbesitzerin bist!«

»Ach, Unsinn! Ich will sie als Eigentum haben, damit ich ein Recht habe, sie mit nach den freien Staaten zu nehmen, und ihr die Freiheit zu geben, damit nicht alles umsonst ist, was ich an ihr tue.«

»Ach, Cousine, was ist das für ein schreckliches Ding, Böses tun, damit Gutes daraus komme! Ich kann meine Billigung nicht dazu geben.«

»Ich will nicht scherzen, sondern verständig mit dir reden«, sagte Miß Ophelia. »Es nutzt gar nichts zu versuchen, aus diesem Kinde ein christliches Kind zu machen, wenn ich sie nicht vor den Zufälligkeiten und dem Unglück der Sklaverei rette; und wenn du sie mir wirklich lassen willst, so mußt du mir eine Schenkungsurkunde oder ein anderes gerichtliches Papier geben.«

»Nun gut, du sollst’s haben«, sagte St. Clare; und er setzte sich hin und schlug eine Zeitung auseinander, um sie zu lesen.

»Aber es muß gleich geschehen«, sagte Miß Ophelia.

»Wozu diese Eile?«

»Weil jetzt die einzige rechte Zeit ist, etwas zu tun. Komm nur her. Hier ist Papier, Feder und Tinte, schreib mir die Urkunde.«

St. Clare hatte, wie die meisten Menschen von seinem Charakter, einen herzlichen Widerwillen gegen sofortiges Handeln überhaupt; und deshalb war ihm Miß Ophelias bestimmte Forderung ziemlich unangenehm.

»Aber wozu denn eigentlich?« sagte er.

»Ich will die Sache sicher abgemacht haben«, sagte Miß Ophelia. »Du kannst sterben oder fallieren, und dann wird Topsy mit zur Auktion gebracht, und ich kann nichts dagegen tun.«

»Wahrhaftig, du bist recht vorsichtig. Freilich, da ich in der Hand eines Yankees bin, muß ich wohl nachgeben«, und St. Clare schrieb rasch eine Schenkungsurkunde, was, da er mit den gesetzlichen Formen vertraut war, ihm sehr leicht wurde, und schrieb seinen Namen mit großen krakeligen Buchstaben, die mit einem gewaltigen Zuge schlossen, darunter.

»Nun hast du es schwarz auf weiß, Miß Vermont«, sagte er, wie er es ihr übergab.

»Ein braver Junge«, sagte Miß Ophelia lächelnd. »Aber muß nicht auch noch ein Zeuge unterschreiben?«

»Auch das noch – richtig. Marie«, sagte er, indem er die Tür des Zimmers seiner Frau öffnete. »Marie, Cousine Ophelia will deine Unterschrift haben; hier schreib deinen Namen einmal hier drunter.«

»Was ist das?« sagte Marie, wie sie das Papier überlas. »Lächerlich! Ich dachte, die Cousine wäre zu fromm für so schreckliche Sachen«, sagte sie, während sie gleichgültig ihren Namen unterschrieb; »aber wenn sie Geschmack an diesem Stück Ware findet, so steht es ihr gern zu Diensten.«

»So, nun ist sie dein, mit Leib und Seele«, sagte St. Clare und reichte ihr das Papier hin.

»Sie gehört mir nicht mehr, als früher«, sagte Miß Ophelia. »Niemand als Gott hat ein Recht, sie mir zu geben; aber ich kann sie nun beschützen.«

»Nun, so ist sie durch eine juristische Fiktion dein Eigentum«, sagte St. Clare, wie er wieder in die Wohnstube zurückkehrte und die Zeitungen nahm.

Miß Ophelia, die selten lange in Mariens Gesellschaft blieb, folgte ihm, nachdem sie vorher das Papier sorgfältig aufgehoben hatte.

»Augustin«, sagte sie plötzlich, als sie mit Stricken beschäftigt dasaß, »hast du im Falle deines Todes irgendwie Vorsorge für deine Sklaven getroffen?«

»Nein«, sagte St. Clare, während er weiter las.

»Dann kann sich deine ganze Nachsicht gegen sie am Ende als eine sehr große Grausamkeit erweisen.« St. Clare hatte das schon selbst oft gedacht, aber er antwortete nachlässig:

»Nun, ich denke gelegentlich Vorsorge zu treffen.«

»Wann?« sagte Miß Ophelia.

»Oh, einen dieser Tage.«

»Aber wenn du vorher stirbst?«

»Cousine, was hast du nur?« sagte St. Clare, indem er die Zeitung hinlegte und sie ansah. »Meinst du, ich zeige Symptome des gelben Fiebers oder Cholera, daß du mit solchem Eifer an Anordnungen nach meinem Tode denkst?«

»Inmitten des Lebens sind wir im Tode«, sagte Miß Ophelia.

St. Clare stand auf, legte die Zeitung hin und ging ruhig nach der Tür, die auf die Veranda führte, um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihm nicht angenehm war. Mechanisch wiederholte er das letzte Wort: – »Tod!« – und wie er sich gegen das Geländer lehnte und dem funkelnden Wasser zusah, wie es im Springbrunnen emporstieg und wieder herunterfiel, und wie er in einem dampfenden und blendenden Nebel die Blumen und Bäume und Vasen des Hofes sah, wiederholte er abermals das mystische Wort, das jedem Munde so geläufig und doch von so grauenhafter Macht ist: »Tod! Seltsam, daß es ein solches Wort gibt«, sagte er, »und eine solche Sache und daß wir sie je vergessen; daß ein Mensch heute lebendig, warm und schön, voll von Hoffnungen, Wünschen und Bedürfnissen ist, und morgen fort ist, gänzlich und auf immer!«

Es war ein warmer goldener Abend; und wie er nach dem anderen Ende der Veranda ging, sah er Tom, der voll Eifer in seiner Bibel las, mit dem Finger jedem einzelnen Worte folgte, und sie mit ernstem Gesichte halblaut vor sich hin flüsterte.

»Soll ich dir vorlesen, Tom?« sagte St. Clare und setzte sich achtlos neben ihn.

»Wenn es Master gefällig ist«, sagte Tom dankbar, »Master macht es mir viel deutlicher.«

St. Clare nahm das Buch und blickte hinein und begann eine der Stellen zu lesen, welche Tom mit starken Strichen am Rande bezeichnet hatte. Sie lautete:

»Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.« St. Clare las weiter mit lebendigem Tone, bis er zu den letzten Versen kam.

»Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besuchet. Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, Herr, wann haben wir Dich gesehen hungrig oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und haben Dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich ich sage euch, was ihr nicht getan einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.«

Auf St. Clare schien die letzte Stelle großen Eindruck zu machen, denn er las sie zweimal; das zweite Mal langsam, als ob er sich die Worte überlegte.

»Tom«, sagte er, »diese Leute, welche so harte Strafe erleiden, scheinen genauso gelebt zu haben, wie ich – gut, ruhig und achtungswert, ohne sich zu bekümmern, wie viele ihrer Brüder hungerten oder dursteten oder krank oder gefangen waren.«

Tom gab keine Antwort.

St. Clare stand auf und ging gedankenvoll in der Veranda auf und ab, wobei er alles andere außer seinen Gedanken zu vergessen schien; so vertieft war er in sie, daß ihn Tom zweimal erinnern mußte, daß man zum Tee geklingelt habe, ehe er seine Aufmerksamkeit erregen konnte.

St. Clare war während der ganzen Teezeit zerstreut und gedankenvoll. Nach dem Tee nahmen er, Marie und Miß Ophelia von dem Salon Besitz.

»Ich las diesen Nachmittag Tom das Kapitel im Matthäus vor, welches das Gericht beschreibt, und es hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Man hätte meinen sollen, man müßte denen, die aus dem Himmel gestoßen werden, als Grund schreckliche Verbrechen schuld geben; aber nein – sie werden verdammt, weil sie nichts positiv Gutes getan, als ob das jedes mögliche Böse in sich schlösse.«

»Vielleicht«, sagte Miß Ophelia, »kann eine Person, welche nichts Gutes tut, nicht umhin Böses zu tun.«

»Und was«, sagte St. Clare und sprach gedankenvoll, aber mit tiefem Gefühl, »was wird zu einem gesagt werden, den sein Herz, seine Erziehung und die Bedürfnisse der Gesellschaft vergebens zu einem edlen Ziele aufgefordert haben, der als träumerischer und unparteiischer Zuschauer der Kämpfe, der Leiden und der Sünden der Menschheit dagestanden hat, während er hätte ein Arbeiter sein sollen?«

»Ich würde sagen«, sagte Miß Ophelia, »daß er bereuen und jetzt anfangen sollte.«

»Immer praktisch und auf das Ziel los«, sagte St. Clare, und ein Lächeln erhellte den Ernst seines Gesichts. »Du lassest mir nie Zeit zu allgemeinen Betrachtungen, Cousine, du lenkst mich immer bestimmt auf die wirkliche Gegenwart hin; du hast eine Art von ewigem Jetzt in deinem Sinne.«

»Jetzt ist die einzige Zeit, mit der wir etwas zu tun haben«, sagte Miß Ophelia.

»Arme kleine Eva – armes Kind«, sagte St. Clare. »Sie hatte sich in ihrer einfachen Kinderseele ein gutes Werk für mich vorgenommen.«

Es war das erste Mal seit Evas Tode, wo er eine so ausführliche Äußerung über sie tat, und während er sprach, unterdrückte er offenbar sehr starke Empfindungen.

»Meine Ansicht vom Christentum ist von der Art«, setzte er hinzu, »daß ich glaube, kein Mann kann sich aufrichtig dazu bekennen, ohne sich mit dem ganzen Gewicht seines Ichs gegen das ungeheure System der Ungerechtigkeit zu wenden, welches unserer ganzen Gesellschaft zugrunde liegt; und wenn nötig, sich selbst im Kampf zu opfern. Das heißt, ich meine, daß ich nicht anders Christ sein könnte, obgleich ich gewiß sehr viel aufgeklärte und christliche Leute kennengelernt habe, denen so etwas nicht einfällt; und ich gestehe, daß die Gleichgültigkeit von religiösen Leuten über diesen Gegenstand, ihr Mangel an Gefühl für Unrecht, welches mich mit Entsetzen erfüllte, in mir mehr Skepsis als alles andere erzeugt hat.«

»Wenn du alles das wußtest, warum hast du nicht danach gehandelt?« sagte Miß Ophelia.

»O, weil ich nur dasjenige Streben nach dem Guten besitze, welches darin besteht, auf dem Sofa zu liegen und die Kirche und die Geistlichkeit zu verwünschen, weil sie nicht Märtyrer und Bekenner sind. Du weißt ja, daß jedermann leicht sagen kann, wie andere Märtyrer sein sollten.«

»Nun, willst du es aber jetzt anders machen?« sagte Miß Ophelia.

»Gott allein kennt die Zukunft«, sagte St. Clare. »Ich habe mehr Mut als früher, weil ich alles verloren habe; und der, welcher nichts zu verlieren hat, kann sich allen Gefahren aussetzen.«

»Und was gedenkst du nun zu tun?«

»Meine Pflicht gegen die Niedrigen und Armen, hoffe ich, sobald ich sie entdecken kann«, sagte St. Clare, »und ich werde dabei bei meinen eigenen Leuten anfangen, für die ich noch nichts getan habe; und vielleicht zeigt es sich in einer späteren Zukunft, daß ich etwas für eine ganze Klasse tun kann, etwas, um mein Vaterland von der Schmach der falschen Lage, in welcher es sich allen anderen zivilisierten Nationen gegenüber befindet, zu befreien.«

»Hältst du es für möglich, daß eine Nation jemals ihre Sklaven freiwillig freiläßt?« sagte Miß Ophelia.

»Das weiß ich nicht«, sagte St. Clare. »Wir leben in einer Zeit großer Taten. Heroismus und Uneigennützigkeit zeigen sich hie und da auf Erden. Der ungarische Adel hat Millionen von Leibeigenen mit einem unermeßlichen pekuniären Verlust freigegeben; und vielleicht finden sich auch unter uns edle Geister, welche Ehre und Gerechtigkeit nicht nach Dollar und Cent abschätzen.«

»Ich glaube das kaum«, sagte Miß Ophelia.

»Aber nehmen wir einmal an, wir entschlössen uns morgen zur Emanzipation der Sklaven, wer würde diese Millionen erziehen und ihnen den Gebrauch der Freiheit lehren? Sie würden sich unter uns nie bestreben, was Ordentliches zu werden. Die Wahrheit ist, wir selbst sind zu träge und unpraktisch, um ihnen einen besonderen Begriff von dem Fleiße und der Energie zu geben, durch welche sie allein zu Menschen werden können. Sie werden nach dem Norden gehen müssen, wo die Arbeit Mode – allgemeine Gewohnheit ist; und jetzt sage mir einmal, besitzen eure nördlichen Staaten christliche Philanthropie genug, um sich ihrer Erziehung und Ausbildung zu unterziehen? Ihr schickt viele tausend Dollar nach fremden Missionen; aber würdet ihr’s ertragen können, wenn man die Heiden in eure Städte und Dörfer schickte und euch zumutete, eure Zeit, eure Gedanken und euer Geld aufzuwenden, um sie auf einen christlichen Standpunkt zu erheben? Das möchte ich wissen. Würdet ihr sie erziehen, wenn wir sie freiließen? Wie viele Familien in deiner Stadt würden einen Neger oder eine Negerin nehmen, sie unterrichten, Nachsicht mit ihnen haben und versuchen, sie zu Christen zu machen? Wie viele Kaufleute würden Adolf nehmen, wenn ich ihn zu einem Commis zu machen wünschte, oder wieviel Handwerker, wenn ich ihn ein Handwerk lernen lassen wollte? Wenn ich Jane und Rosa in eine Schule schicken wollte, wie viele Schulen in den nördlichen Staaten würden bereit sein, sie aufzunehmen? Wie viele Familien würden sie in Kost nehmen? Und dennoch sind sie so weiß, wie manche Frau im Norden oder im Süden. Du siehst, Cousine, ich verlange bloß Gerechtigkeit für uns. Wir sind in einer schlimmen Lage. Wir sind die augenfälligeren Tyrannen des Negers; aber die unchristlichen Vorurteile des Nordens sind ein fast ebenso harter Tyrann.«

»Das muß ich allerdings zugeben, Cousin«, sagte Miß Ophelia. »Ich war ganz in demselben Falle, bis ich sah, daß es meine Pflicht war, es zu überwinden; aber ich habe das Vertrauen, daß ich es überwunden habe, und ich weiß, es gibt viele gute Leute im Norden, denen in dieser Sache nur ihre Pflicht gelehrt zu werden braucht, und sie tun dieselbe. Es wäre gewiß eine größere Selbstverleugnung, Heiden in unsere Mitte aufzunehmen, als Missionare unter sie zu schicken; aber ich glaube, wir würden es tun.«

»Du würdest es tun, das weiß ich«, sagte St. Clare. »Ich möchte sehen, was du nicht tun würdest, wenn du es für deine Pflicht hieltest!«

»Nun, ich bin nicht ungewöhnlich gut«, sagte Miß Ophelia. »Andere würden dasselbe tun, wenn sie die Dinge so ansehen, wie ich. Ich gedenke, Topsy mit nach Hause zu nehmen, wenn ich wieder zurückkehre. Wahrscheinlich werden sich unsere Leute im Anfang wundern; aber ich glaube, sie werden sich daran gewöhnen, die Sache so anzusehen wie ich. Außerdem weiß ich, daß es im Norden viele Leute gibt, welche das tun, was du verlangst.«

»Ja, aber sie befinden sich in der Minderheit; und wenn wir in einem nur halbwegs großartigen Maßstabe zu emanzipieren anfingen, würden wir bald von euch hören.«

St. Clare ging noch einige Minuten im Zimmer auf und ab und sagte dann:

»Ich werde ein paar Augenblicke in das Kaffeehaus gehen und hören, was es Neues gibt.«

Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.

Tom folgte ihm auf den Gang bis zum Hofe hinaus und fragte, ob er ihn begleiten solle.

»Nein, Tom«, sagte St. Clare. »Ich werde in der Stunde zurück sein.«

Tom setzte sich unter die Veranda. Es war eine schöne mondhelle Nacht, und er sah den funkelnden Strahl des Springbrunnens steigen und fallen, und hörte seinem Geplätscher zu. Tom dachte an seine Heimat und daß er bald ein freier Mann und imstande sein werde, nach Belieben nach Hause zurückzukehren. Er dachte, wie er arbeiten würde, um seine Frau und seine Kinder loszukaufen. Er befühlte mit einer Art Freude die Muskeln seiner kräftigen Arme, wie er bedachte, daß sie nun bald sein Eigentum sein würden, und wieviel sie würden arbeiten können, um seine Familie frei zu machen. Dann dachte er an seinen edlen jungen Herrn, und daran schloß sich von selbst das gewöhnliche Gebet, das er stets für ihn zum Himmel geschickt hatte; und dann lenkten sich seine Gedanken auf die schöne Eva, die nun unter den Engeln sein mußte, und er dachte daran, bis er das freundliche Gesicht und das goldene Haar fast durch die funkelnden Tropfen des Springbrunnens zu schauen glaubte. Und mit solchen Gedanken beschäftigt, schlummerte er ein und träumte, sie käme auf ihn zugesprungen, wie er sie sonst immer gesehen, das Haar mit einem Jasminkranz geschmückt, mit heiterem Gesicht und freudestrahlenden Augen; aber wie er so auf sie blickte, schien sie sich vom Boden zu erheben, ihre Wangen nahmen eine bleichere Farbe an – ihre Augen hatten einen tiefen göttlichen Glanz, eine goldene Glorie schien ihr Haupt zu umgeben – und sie entschwand seinen Blicken; und Tom erwachte von einem lauten Klopfen und dem Schall vieler Stimmen vor der Haustür.

Er eilte zu öffnen; und mit gedämpfter Stimme und schwerem Tritt brachten mehrere Männer auf einer Tragbahre einen in einen Mantel gehüllten Körper herein. Das Licht der Lampe fiel voll auf das Gesicht; und Tom stieß einen wilden Schrei des Staunens und der Verzweiflung aus, der durch alle Galerien schallte, wie die Männer mit ihrer Bürde nach der offenen Tür des Salons gingen, wo Miß Ophelia noch immer mit Stricken beschäftigt saß.

St. Clare war in ein Kaffeehaus getreten, um die Abendzeitung zu lesen. Während er las, erhob sich in demselben Zimmer ein Zank zwischen zwei Herren, die beide halb berauscht waren. St. Clare und ein paar andere von den Gästen bemühten sich, sie auseinander zu bringen, und St. Clare empfing dabei einen tödlichen Stoß mit einem Bowiemesser, welches er einem von den Streitenden entreißen wollte.

Das ganze Haus erschallte von Weinen und Klagen, Geschrei und Jammer. Tom und Miß Ophelia schienen allein einige Fassung zu behalten; denn Marie lag in heftigen Krämpfen in ihrem Zimmer. Unter Miß Ophelias Leitung wurde eins der Sofas im Salon hastig zurechtgemacht, und der blutende Körper darauf gelegt. St. Clare war aus Schmerz und Blutverlust in Ohnmacht gefallen; aber da Miß Ophelia Stärkungsmittel anwendete, kam er wieder zu sich, schlug die Augen auf, sah sie starr an, blickte sich ernst im Zimmer um, ließ die Augen trauervoll über jeden Gegenstand schweifen, bis sie endlich auf dem Bilde seiner Mutter haftenblieben.

Der Arzt kam jetzt an und untersuchte den Verwundeten. Schon an dem Ausdrucke seines Gesichts ließ sich erkennen, daß keine Hoffnung mehr sei; aber er verband die Wunde, und er und Miß Ophelia und Tom waren in möglichster Fassung damit beschäftigt, während die erschrockenen Dienstboten, die sich um die Türen und Fenster der Veranda drängten, laut weinten und jammerten.

»Nun müssen auch alle diese Leute fort«, sagte der Arzt; »es hängt alles davon ab, daß Ruhe um ihn herrscht.«

St. Clare schlug die Augen auf und heftete einen starren Blick auf die jammernden Wesen, die Miß Ophelia und der Arzt zu bewegen suchten, das Zimmer zu verlassen. »Die armen Geschöpfe!« sagte er, und ein Ausdruck bitteren Selbstvorwurfs trübte sein Antlitz. Adolf weigerte sich unbedingt, zu gehen. Der Schreck hatte ihn aller Geistesgegenwart beraubt; er warf sich auf den Fußboden und nichts konnte ihn überreden aufzustehen. Die übrigen fügten sich Miß Ophelias dringenden Vorstellungen, daß ihres Herrn Rettung von ihrer Ruhe und ihrem Gehorsam abhänge.

St. Clare sprach nur wenig; er lag mit geschlossenen Augen da, aber es war klar, daß er mit schmerzlichen Gedanken kämpfte. Nach einer Weile reichte er seine Hand Tom, der neben ihm kniete, und sagte zu ihm:

»Tom! Armer Bursche!«

»Was ist, Master?« sagte Tom dringlich.

»Ich sterbe!« sagte St. Clare und drückte ihm die Hand. »Bete!«

»Wenn Sie einen Geistlichen wünschen –« sagte der Arzt.

Und St. Clare schüttelte hastig den Kopf und sagte noch einmal zu Tom: »Bete!«

Und Tom betete mit seiner ganzen Seele und seiner ganzen Kraft für die Seele, die im Verscheiden lag, für die Seele, die so starr und traurig aus diesen großen melancholischen blauen Augen heraussah. Es war buchstäblich ein Gebet, das mit lautem Jammern und Weinen sich an Gott wendete. Als Tom aufhörte, ergriff St. Clare seine Hand und sah ihn mit ernstem Blick an, aber sprach nicht. Er schloß die Augen, hielt aber die Hand immer noch fest, denn an den Toren der Ewigkeit fassen sich die schwarze und die weiße Hand mit gleicher Wärme. Dann murmelte er vor sich hin.

»Er phantasiert«, sagte der Arzt.

»Nein! Er erkennt endlich die Wahrheit!« sagte St. Clare mit Energie. »Endlich! Endlich!«

Die Anstrengung des Sprechens erschöpfte ihn. Die zunehmende Blässe des Todes verbreitete sich über sein Antlitz; aber mit ihm kam, wie von den Fittichen eines barmherzigen Engels herab, ein schöner Ausdruck des Friedens, wie bei einem müden Kinde, welches schläft.

So lag er einige Augenblicke da. Sie sahen, daß die mächtige Hand des Todes auf ihm ruhte. Unmittelbar vor dem Verscheiden öffnete er die Augen mit einem plötzlichen Erglänzen, wie vor Freude des Wiedererkennens, und sagte: »Mutter!« und dann war er tot!

24. Kapitel


Die Schutzlosen

Wir hören oft von dem Schmerz der Negersklaven bei dem Verlust eines guten Herrn und mit gutem Grunde, denn kein Geschöpf auf Gottes Erde kommt in eine so vollkommene schutzlose und unglückliche Lage als ein Sklave unter diesen Umständen.

Ein Kind, das seinen Vater verliert, hat noch den Schutz seiner Verwandten und des Gesetzes; es ist etwas und kann etwas tun – es hat anerkannte Rechte und eine anerkannte Stellung; der Sklave aber nicht. In den Augen des Gesetzes ist er in jeder Hinsicht so vollkommen rechtlos, wie ein Ballen Ware. Die einzige mögliche Anerkennung eines seiner Gefühle und Bedürfnisse als menschliches und unsterbliches Wesen kann nur von dem souveränen und unverantwortlichen Willen seines Herrn ausgehen; und wenn dieser Herr stirbt, so bleibt ihm nichts übrig.

Die Zahl der Menschen, welche eine ganz unverantwortliche Macht mit Menschlichkeit und Edelmut zu gebrauchen wissen, ist klein. Das weiß jeder, und der Sklave weiß es am besten von allen, deshalb fühlt er auch, daß er die Aussicht hat, zehn schlechte und tyrannische Herren gegen einen nachsichtigen und gütigen zu finden. Daher ist die Trauer um einen gütigen Herrn laut und lang, wie es ganz natürlich ist.

Als St. Clare ausgeatmet hatte, erfaßte Schrecken und Bestürzung seinen ganzen Haushalt. Er war ihnen entrissen worden in einem Augenblick, in der Blüte und Kraft seiner Jugend! Jedes Zimmer und jeder Gang des Hauses widerhallte von dem Schluchzen und Geschrei der Verzweiflung.

Marie, deren Nervensystem durch die langwierige Gewohnheit weichlichen Genusses geschwächt war, hatte der Gewalt der Erschütterung nichts entgegenzusetzen und fiel zu der Zeit, wo ihr Gatte seinen letzten Atemzug tat, aus einer Ohnmacht in die andere; und der, mit dem sie durch das heilige Band der Ehe verknüpft war, schied von ihr auf immer, ohne ihr ein einziges Abschiedswort sagen zu können.

Mit charakteristischer Stärke und Selbstbeherrschung hatte Miß Ophelia bis zuletzt bei ihrer Verwandten ausgehalten. Sie war ganz Auge, ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit, tat alles von dem wenigen, was getan werden konnte, und stimmte mit ganzem Herzen in das inbrünstige Gebet ein, welches der arme Sklave für die Seele seines sterbenden Herrn zu Gott geschickt hatte.

Als sie ihn zur letzten Ruhe bereiteten, fanden sie auf seiner Brust eine kleine einfache Kapsel mit einem Miniaturbild. Es stellte ein schönes und edles weibliches Gesicht dar; und auf der Rückseite lag unter einem Glase eine dunkle Haarlocke. Sie legten das Kleinod wieder auf den nicht mehr von Leben erfüllten Busen – Staub auf Staub – armselige, traurige Reliquien früherer Träume, welche einstmals dieses kalte Herz so warm schlagen machten!

Toms ganze Seele war von Gedanken an die Ewigkeit erfüllt; und während er um die Leiche zu tun hatte, dachte er nicht ein einziges Mal daran, daß der plötzliche Schlag ihn in hoffnungslose Sklaverei zurückgestoßen hatte. Er fühlte keine Besorgnis um seinen Herrn, denn in jener Stunde, wo er sein Gebet in den Busen seines himmlischen Vaters ausgeschüttet, hatte er im Innersten seines Herzens eine Antwort der Ruhe und Gewißheit vernommen. In den Tiefen seiner eigenen liebereichen Natur fühlte er sich imstande, etwas von der Fülle göttlicher Liebe zu gewahren, denn ein altes Orakel sagt: »Wer in Liebe wohnet, wohnet in Gott und Gott in ihm.« Tom hoffte und vertraute, und Friede herrschte in ihm.

Aber das Leichenbegräbnis ging mit seinem prunkenden Aufzug von schwarzem Krepp und Gebeten und feierlichen Gesichtern vorüber, und die kalten schmutzigen Wellen des Alltagslebens fluteten zurück; und wieder ertönte die ewige zudringliche Frage: »Was soll nun geschehen?«

Die Frage drängte sich Marie auf, wie sie in weiten Morgenkleidern angetan, und umgeben von ängstlich besorgten Dienstboten in einem großen Lehnstuhl saß und Proben von Krepp und Bombassin besichtigte. Sie drängte sich Miß Ophelia auf, welche an die Heimkehr nach ihrer nördlichen Heimat zu denken anfing. Sie drängte sich mit stummem Schrecken den Dienstboten auf, die recht gut den gefühllosen tyrannischen Charakter der Herrin, in deren Gewalt sie sich jetzt befanden, kannten. Alle wußten recht gut, daß die Nachsicht, mit der sie behandelt worden waren, nicht von ihrer Herrin, sondern von ihrem Herrn herstammte; und daß jetzt, wo er nicht mehr war, jeder Schutz vor jeder tyrannischen Züchtigung fehlte, auf welchen eine durch Leiden verbitterte Launenhaftigkeit fallen konnte. Etwa vierzehn Tage nach dem Begräbnis hörte Miß Ophelia, die in ihrem Zimmer beschäftigt war, ein leises Klopfen an der Tür. Sie öffnete, und vor ihr stand Rosa, das hübsche Quadronmädchen, von dem wir schon öfter gesprochen, mit ungeordnetem Haar, und die Augen vom Weinen geschwollen.

»Ach, Miß Feely«, sagte sie und fiel vor ihr auf die Knie und faßte ihren Saum des Kleides, »bitte, bitte, verwenden Sie sich für mich! Bitten Sie für mich vor! Sie will mich auspeitschen lassen – sehen Sie nur!« und sie reichte Miß Ophelia ein Papier hin.

Es war eine Anweisung in Maries zierlicher und eleganter Handschrift an den Besitzer einer Auspeitschungsanstalt, der Überbringerin fünfzehn Streiche zu geben.

»Was hast du getan?« sagte Miß Ophelia.

»Sie wissen, Miß Feely, ich bin so heftig; es ist recht schlecht von mir. Ich probierte Miß Maries Kleid an, und sie schlug mich ins Gesicht, und ich brach heraus, ehe ich mir es überlegte und war unartig; und sie sagte mir, sie wolle es mir schon zeigen, und ein für allemal lehren, nicht den Kopf so hoch zu tragen wie früher; und sie schrieb diesen Zettel und befahl mir, ihn hinzutragen. Lieber wollte ich mich geradezu totschlagen lassen.«

Miß Ophelia stand da mit dem Papier in der Hand und überlegte, was zu tun sei.

»Ja, sehen Sie, Miß Feely«, sagte Rosa, »ich kümmerte mich um das Auspeitschen nicht so viel, wenn Miß Marie oder Sie es besorgten; aber von einem Manne sich auspeitschen lassen, und von einem so schrecklichen Manne! – Denken Sie nur die Schande, Miß Feely!«

Miß Ophelia wußte recht gut, daß es allgemeiner Brauch war, Frauen und junge Mädchen in die Auspeitschungsanstalt zu schicken, wo sie von den gemeinsten Kerlen – Kerle, die schlecht genug sind, um daraus ein Gewerbe zu machen – die roheste Entblößung und schmachvollste Züchtigung erdulden. Sie hatte es vorher gewußt, aber sie hatte es sich noch nie recht vorgestellt, bis sie die zarte Gestalt Rosas vor Schmerz krampfhaft erzittern sah.

Ihr ganzes ehrliches Frauenblut, das kräftige, neuengländische Freiheitsblut schoß ihr ins Gesicht und klopfte zornig in ihrem entrüsteten Herzen; aber mit ihrer gewöhnlichen Klugheit und Selbstbeherrschung bezwang sie sich, zerknitterte das Papier in der Hand und sagte bloß zu Rosa: »Setze dich, Kind, während ich zu deiner Herrin gehe.«

»Schändlich! Gräßlich! Unbegreiflich!« sagte sie zu sich selbst, als sie durch den Salon ging.

Als sie in Mariens Zimmer trat, saß diese in ihrem Lehnstuhl und Mammy kämmte ihr die Haare aus; Jane saß vor ihr auf dem Fußboden und rieb ihr die Füße.

»Wie befinden Sie sich heute, Cousine?« sagte Miß Ophelia.

Ein tiefer Seufzer und ein Schließen der Augen war die einzige Antwort für einen Augenblick; und dann sprach Marie: »O, ich weiß nicht, Cousine, ich glaube, so gut, wie ich mich jemals befinden werde!« und Marie trocknete sich die Augen mit einem Batisttaschentuch, das mit einer zollbreiten Kante von tiefstem Schwarz eingefaßt war.

»Ich komme«, sagte Miß Ophelia mit einem kurzen trockenen Husten, wie man ihn gewöhnlich anwendet, um einen schwierigen Gegenstand einzuleiten, »ich komme, um mit Ihnen wegen Rosa zu sprechen.«

Mariens Augen öffneten sich jetzt weit genug, und ihre blassen Wangen röteten sich, wie sie kurz antwortete: »Nun, was ist mit ihr?«

»Ihr Fehler tut ihr recht sehr leid.«

»Wirklich? Er wird ihr noch mehr leid tun, ehe ich mit ihr fertig bin! Ich habe die Unverschämtheit dieser Dirne lange genug ertragen; und jetzt will ich sie demütigen – sie soll vor mir im Staube kriechen!«

»Aber können Sie sie nicht auf eine andere Weise bestrafen, die nicht so beschimpfend wäre?«

»Ich will sie beschimpfen, das beabsichtige ich eben. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang auf ihr Zartgefühl und ihr gutes Aussehen und ihr feines Benehmen etwas eingebildet, daß sie ganz vergißt, wer sie ist; und ich will ihr eine Lehre geben, die sie wieder auf ihren rechten Standpunkt herunterbringt, das will ich meinen!«

»Aber bedenken Sie, Cousine, wenn Sie Zart- und Schamgefühl in einem jungen Mädchen vernichten, so verderben Sie dasselbe sehr rasch!«

»Zartgefühl!« sagte Marie mit spöttischem Lachen, »ein schöner Ausdruck für solche Geschöpfe! Ich will ihr zeigen, daß sie mit all ihrem Vornehmtun nicht besser ist als die zerlumpteste Straßendirne! Sie soll nicht mehr vornehm tun vor mir.«

»Sie werden diese Hartherzigkeit vor Gott zu verantworten haben!« sagte Miß Ophelia.

»Hartherzigkeit! Ich möchte wissen, wo die Hartherzigkeit wäre? Ich habe nur 15 Streiche befohlen und ihm geschrieben, er solle nicht so stark schlagen. Gewiß ist da nichts Hartherziges dabei!«

»Nichts Hartherziges!« sagte Miß Ophelia. »Gewiß würde jedes Mädchen lieber den Tod erleiden!«

»Das mag Ihnen so vorkommen, aber derartige Geschöpfe kennen solche Empfindungen nicht und gewöhnen sich daran; nur auf diese Weise lassen sie sich in Zucht erhalten. Läßt man sie nur einmal erst fühlen, daß sie sich mit ihrem Zartgefühl und Ähnlichem zieren dürfen, so nehmen sie sich alles mögliche heraus, wie es meine Dienstboten jetzt immer gemacht haben. Ich habe jetzt angefangen, sie zum Gehorsam zu bringen; und sie mögen es sich alle gesagt sein lassen, daß ich eine so gut auspeitschen lasse wie die andere, wenn sie sich nicht in acht nehmen!« sagte Marie und sah mit entschiedenem Blicke um sich.

Jane hing bei dieser Drohung eingeschüchtert den Kopf, denn es war ihr, als wäre es ganz insbesondere auf sie gemünzt. Miß Ophelia saß für einen Augenblick da, als ob sie ein explosives Pulver verschluckt hätte und auf dem Punkt stände, zu platzen. Aber sie sah bald die gänzliche Nutzlosigkeit ein, mit einer solchen Natur zu streiten, behielt entschlossen den Mund zu und verließ das Zimmer.

Es war ein schmerzliches Geschäft, Rosa zu sagen, daß nichts für sie habe geschehen können; und kurz darauf kam einer von den männlichen Dienstboten mit der Botschaft, daß Missis ihm befohlen habe, Rosa nach dem Auspeitschungshause zu bringen, wohin sie trotz allen ihren Tränen und Bitten geschleppt wurde.

Ein paar Tage später stand Tom nachdenklich unter dem Balkon, als Adolf zu ihm trat, der seit dem Tode seines Herrn sich ganz niedergebeugt und untröstlich gezeigt hatte. Adolf wußte, daß ihn Marie nie hatte leiden können; aber solange sein Herr lebte, hatte er wenig darauf geachtet. Jetzt, wo er nicht mehr war, war er in täglicher Furcht und täglichem Zittern herumgegangen, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen werde. Marie hatte mehrere Beratungen mit ihrem Advokaten gehabt. Nachdem man sich auch mit St. Clares Bruder besprochen, faßte man den Entschluß, das Haus und alle Sklaven zu verkaufen. Nur diejenigen, welche ihr persönliches Eigentum waren, wollte Marie behalten und sie mit auf die Plantage ihres Vaters nehmen.

»Weißt du, Tom, daß wir alle verkauft werden sollen?« sagte Adolf.

»Woher weißt du das?« sagte Tom.

»Ich versteckte mich hinter dem Vorhang, als Missis mit dem Advokaten sich besprach. In wenigen Tagen werden wir alle in die Auktion gegeben, Tom!«

»Des Herrn Wille geschehe!« sagte Tom, indem er die Arme übereinanderschlug und schwer seufzte.

»Wir werden nie wieder einen solchen Herrn bekommen«, sagte Adolf besorgt. »Aber lieber will ich mich verkaufen lassen, als in Missis‘ Besitz kommen.«

Tom wendete sich weg; sein Herz war voll. Die Hoffnung auf Freiheit, der Gedanke an Weib und Kinder in der Ferne erhoben sich vor seiner geduldigen Seele, wie vor den Augen des Schiffers, der fast im Hafen Schiffbruch leidet, der Kirchturm und die geliebten Dächer sich über dem Kamm einer schwarzen Woge erheben, nur, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Er drückte die Arme fest auf seine Brust, zwang die bitteren Tränen zurück und versuchte zu beten. Die arme, alte Seele hatte ein so sonderbares unerklärliches Vorurteil zugunsten der Freiheit, daß es ein harter Kampf für ihn war; und je mehr er sagte: »Dein Wille geschehe!« desto schlimmer wurde es ihm zumute.

Er suchte Miß Ophelia auf, die seit Evas Tode ihn stets mit ausgezeichneter und achtungsvoller Güte behandelt hatte.

»Miß Feely«, sagte er, »Master St. Clare versprach mir meine Freiheit. Er sagte mir, er hätte die nötigen vorbereitenden Schritte getan; und wenn jetzt vielleicht Miß Feely so gut sein wollte, mit Missis darüber zu sprechen, würde sie die Sache zu Ende bringen, da es Master St. Clares Wunsch war.«

»Ich will für dich sprechen, Tom, und mein Bestes tun«, sagte Miß Ophelia, »aber wenn es von Mrs. St. Clare abhängt, so kann ich nicht viel für dich hoffen. Dennoch will ich es versuchen.«

Dieser Zwischenfall ereignete sich wenige Tage nach dem mit Rosa, als Miß Ophelia schon Vorbereitungen zur Rückkehr in die Heimat traf.

Nach ernstlichem Nachdenken sagte sie sich, daß sie vielleicht bei ihrer früheren Verhandlung mit Marie zu unbedacht und warm in ihren Ausdrücken gewesen; und sie beschloß daher, jetzt zu versuchen, ihren Eifer zu mäßigen, und so versöhnlich als möglich zu sein. So nahm denn die gute Seele ihr Strickzeug und begab sich nach Mariens Zimmer, erfüllt von dem Entschluß, so angenehm als möglich zu sein und Toms Sache mit der ganzen diplomatischen Gewandtheit, die sie aufbieten könnte, zu verhandeln.

Sie fand Marie in ihrer ganzen Länge auf einem Sofa liegend, auf der einen Seite von Kissen unterstützt, während Jane, die eine Runde durch alle Läden gemacht hatte, ihr Proben von verschiedenen leichten schwarzen Stoffen vorlegte.

»Das würde wohl das beste sein«, sagte Marie und wählte eins aus; »ich weiß nur nicht, ob es eigentlich zur Trauer paßt.«

»O gewiß, Missis«, beteuerte Jane mit Eifer, »Missis General Derbennon trug ganz dasselbe nach dem Tode des Generals vorigen Sommer; es nimmt sich reizend aus.«

»Was meinen Sie dazu?« sagte Marie zu Miß Ophelia.

»Das ist Gewohnheitssache, sollte ich meinen«, sagte Miß Ophelia. »Sie können das besser beurteilen als ich.«

»Die Sache ist eigentlich die«, sagte Marie, »daß ich kein einziges Kleid mehr habe, das ich tragen kann, und da ich den Haushalt auflösen und nächste Woche abreisen will, so muß ich mich zu etwas entschließen.«

»Wollen Sie schon so bald abreisen?«

»Ja. St. Clares Bruder hat geschrieben, und er und der Advokat gaben den Rat, die Sklaven und das Möblement zu versteigern und das Haus der Obhut unseres Advokaten zu übergeben.«

»Über eine Sache wünschte ich mit Ihnen zu sprechen«, sagte Miß Ophelia. »Augustin versprach Tom die Freiheit und hat die vorbereitenden Schritte bei Gericht schon getan. Ich hoffe, Sie werden Ihren Einfluß anwenden, um die Sache vollends zum Abschluß zu bringen.«

»Das werde ich ganz und gar nicht tun«, sagte Marie kurz. »Tom ist einer unserer wertvollsten Sklaven, und es ist uns in keiner Weise zuzumuten. Übrigens, wozu will er frei sein? Er befindet sich in seiner gegenwärtigen Lage viel besser.«

»Aber er wünscht es sehr dringend, und sein Herr hat es ihm versprochen«, sagte Miß Ophelia.

»Ich glaube wohl, daß er sich die Freiheit wünscht«, sagte Marie, »sie wünschen sie alle, weil sie unzufriedene Geschöpfe sind, die stets nach dem verlangen, was sie nicht haben. Nun bin ich aus Grundsatz gegen jede Freilassung. Solange ein Neger unter der Obhut eines Herrn bleibt, führt er sich gut auf und bleibt ein achtbarer Mensch; aber sowie man ihn freigibt, wird er faul und will nicht arbeiten und gewöhnt sich das Trinken an und sinkt immer tiefer, bis er nichts mehr nutz ist. Ich habe es hundertmal versuchen sehen. Die Freiheit tut ihnen nicht gut.«

»Aber Tom ist solide, fleißig und fromm.«

»O, das brauchen Sie mir nicht zu sagen! Ich habe schon Hunderte von der Art gesehen. Er wird sich gut genug aufführen, solange er unter Aufsicht bleibt, weiter ist’s nichts.«

»Aber dann bedenken Sie«, sagte Miß Ophelia, »wenn Sie ihn in die Auktion schicken, wie leicht er dann einen schlechten Herrn bekommen kann.«

»Ach, das ist alles Rederei!« sagte Marie. »Es kommt nicht einmal unter Hunderten vor, daß ein guter Sklave einen schlechten Herrn bekommt; die meisten Herren sind gut, trotz allen Redens. Ich bin hier im Süden aufgewachsen und habe mein ganzes Leben hier zugebracht, und es ist mir kein Herr vorgekommen, der nicht seine Sklaven gut behandelt hätte, ganz so gut, als sie es verdienen. Ich habe darüber nicht die geringsten Besorgnisse.«

»Aber ich weiß«, sagte Miß Ophelia mit Energie, »daß es einer von Ihres Gatten letzten Wünschen war, daß Tom seine Freilassung erlange; es war eine der Versprechungen, die er unserer guten Eva auf ihrem Sterbebette gab, und ich sollte meinen, Sie könnten sich nicht für ermächtigt halten, sie zu mißachten.«

Marie bedeckte bei diesen Erinnerungen ihr Gesicht mit dem Taschentuche und fing an, mit großer Heftigkeit zu schluchzen und ihr Riechfläschchen zu gebrauchen.

»Alles sucht mich zu verletzen!« sagte sie. »Jedermann ist so rücksichtslos! Ich hätte von Ihnen nicht erwartet, daß Sie mich auf diese Weise an all mein Unglück erinnern würden; es ist so rücksichtslos! Aber niemand behandelt mich mit Rücksicht! – Meine Prüfungen sind so eigentümlich! Es ist so hart, daß mir meine einzige Tochter genommen werden mußte! – Und ein Gatte, der so vortrefflich für mich paßte – und ich bin so schwer zufriedenzustellen! Und Sie scheinen so wenig für mich zu fühlen und bringen es mir auf eine so leichtsinnige Weise in Erinnerung, während Sie doch wissen, wie sehr es mich angreift! Ich glaube wohl, daß Sie es gut meinen, aber es ist sehr, sehr rücksichtslos!« Und Marie schluchzte und schnappte nach Luft und befahl Mammy, das Fenster zu öffnen und ihr das Kampferfläschchen zu bringen und ihr die Stirn zu besprengen und das Kleid aufzuhefteln; und in der daraus entstehenden allgemeinen Verwirrung flüchtete Miß Ophelia in ihr Zimmer zurück.

Sie sah auf den ersten Blick, daß es zu nichts nützen werde, noch weiter ein Wort zu verlieren, denn Marie besaß eine ganz unbeschränkte Fähigkeit für hysterische Anfälle; und sie fand es nach diesem ersten Versuch stets angemessen, einen zu bekommen, wenn ihres Gatten oder Evas Wünsche in bezug auf die Dienerschaft zur Sprache kamen. Miß Ophelia tat daher das nächste beste, was sie für Tom tun konnte; sie schrieb für ihn einen Brief an Mrs. Shelby, in welchem sie seine Drangsale auseinandersetzte und dringlich bat, ihm zu helfen.

Den Tag darauf wurden Tom und Adolf und ungefähr ein halb Dutzend andere Sklaven nach dem Sklavenspeicher gebracht, um hier zur Verfügung des Händlers zu bleiben, der eine Partie zur Versteigerung zusammenbrachte.

25. Kapitel


Der Sklavenspeicher

Ein Sklavenspeicher? Vielleicht beschwören sich meine Leser schreckliche Vorstellungen von einem solchen Orte herauf. Aber nein, heutzutage haben die Menschen die Kunst gelernt, mit Bildung und Anstand zu sündigen, so daß die Augen und Empfindungen achtbarer Gesellschaft nicht verletzt werden. Menschenware steht hoch im Kurs und wird daher gut gefüttert, sorgfältig rein gehalten und rücksichtsvoll gepflegt, damit sie wohlbehäbig und kräftig und von Gesundheit glänzend zum Verkauf komme. Ein Sklavenspeicher in New Orleans ist ein Haus, das von außen vielen anderen reinlich gehaltenen nicht sehr unähnlich sieht und wo man jeden Tag unter einer Art Schuppen vor der Tür Reihen von Männern und Weibern stehen sehen kann, welche der Ware, die drinnen verkauft wird, als Schild dienen.

Ein oder zwei Tage nach der Unterredung zwischen Marie und Miß Ophelia wurden Tom, Adolf und ungefähr ein halb Dutzend andere von den Negern St. Clares der zärtlichen Obhut Mr. Skeggs‘ übergeben, des Eigentümers eines Sklavenspeichers, um den Tag darauf versteigert zu werden.

Tom hatte einen ziemlich anständigen Koffer von Kleidern bei sich, wie die meisten seiner Kameraden. Man brachte sie für die Nacht in einem langen Saale unter, wo viele andere Neger von jedem Alter, jeder Größe und jeder Farbenschattierung versammelt waren und aus deren Mitte brüllendes Gelächter und gedankenlose Lust erschallten.

»Aha! So ist’s recht! Immer munter, Bursche – immer munter!« sagte Mr. Skeggs, der Aufseher. »Meine Leute sind immer so lustig! Schön, schön, Sambo!« sagte er beifällig zu einem wohlbeleibten Neger, der den andern niedrige Hanswurstiaden vormachte, welche das laute Gelächter verursachten.

Wie sich leicht denken läßt, war Tom nicht in der Laune, an dieser Unterhaltung teilzunehmen; und er setzte daher seinen Koffer so weit als möglich von der lärmenden Gruppe hin, nahm darauf Platz und lehnte das Gesicht gegen die Wand.

Die Händler mit Menschenware geben sich gewissenhaft und systematisch Mühe, sie in einer lärmenden Heiterkeit zu erhalten, um dadurch alles Nachdenken zu ersticken und sie gegen ihre Lage unempfindlich zu machen. Das ganze Abrichtungssystem, nach welchem man den Neger von dem Augenblick an, wo er auf dem nördlichen Markte verkauft wird, bis zu seiner Ankunft im Süden behandelt, zielt darauf hinaus, sein Gefühl zu verhärten, ihn gedankenlos zu machen und zu vertieren.

Der Sklavenhändler sammelt seinen Transport in Virginien oder Kentucky und treibt ihn nach einem passend gelegenen, gesunden Orte – oft einen Badeort – um ihn zu mästen. Dort werden alle täglich reichlich gefüttert, und weil manche leicht schwermütig werden, so wird ihnen gewöhnlich beständig auf der Violine vorgespielt, und sie müssen täglich tanzen; und wer nicht lustig ist, in wessen Seele Gedanken an Frau oder Kind oder Familie zu stark sind, um ihm zu erlauben, heiter zu sein, der gilt für einen verstockten und gefährlichen Menschen und muß alle Mißhandlungen erdulden, welche die Bosheit eines gänzlich unverantwortlichen und verstockten Menschen ersinnen kann. Munter, gewandt und von heiterem Aussehen zu sein, vorzüglich vor Zuschauern, das wird ihnen beständig eingeprägt, teils durch die Hoffnung, dadurch einen guten Herrn zu erlangen, teils durch die Furcht vor den Mißhandlungen, mit denen sich der Sklavenhändler für den Ausfall von Gewinn rächt, wenn sie unverkauft bleiben.

»Was macht der Nigger hier?« sagte Sambo und trat zu Tom heran, als Mr. Skeggs den Saal verlassen hatte. Sambo war ein kohlschwarzer Neger, sehr groß und stark, sehr lebhaft, von geläufiger Zunge, und ein Meister in Hanswurstiaden und Gesichterschneiden.

»Was tust du hier?« sagte Sambo und stieß Tom freundschaftlich in die Seite. »Denkst wohl gar nach, he?«

»Ich soll morgen mit versteigert werden!« sagte Tom ruhig.

»Versteigert werden! – Ha! Ha! Jungens, ist das nicht ’n Spaß? Ich wollt‘, ’s ginge mir auch so! – Sage euch, wie ich sie zu lachen machen wollte! Aber was ist das – die ganze Partie kommt wohl morgen dran?« sagte Sambo und legte seine Hand ungeniert auf Adolfs Schulter.

»Bitte, laßt mich in Frieden!« sagte Adolf stolz und richtete sich mit größtem Widerwillen gerade in die Höhe.

»Seht nur mal her, ihr Burschen! Das ist einer von den weißen Niggern – von der milchweißen Sorte, und parfümiert!« sagte er, indem er zu Adolf herantrat und ihn anroch. »O Gott! Der paßte gut für einen Tabaksladen, sie könnten ihn zum Parfümieren des Schnupftabaks gebrauchen! Gott, er würde für einen ganzen Laden allein ausreichen, ha, ha!«

»Bleibt mir vom Leibe, sage ich Euch!« sagte Adolf voller Wut.

»O Gott, wie eklig wir sind – wir weißen Nigger. Seht uns mal an!« und Sambo karikierte auf groteske Weise Adolfs Benehmen. »Das nenne ich mir Feinheit und Grazie. Wir sind in einer guten Familie gewesen, sollte ich meinen.«

»Ja«, sagte Adolf, »ich hatte einen Herrn, der euch alle als alten Plunder hätte kaufen können.«

»Hui, was wir für Gentlemen sind!« sagte Sambo.

»Ich gehöre der Familie St. Clare«, sagte Adolf mit Stolz.

»Ei, was Ihr nicht sagt! Ich will des Henkers sein, wenn sie nicht froh sind, Euch los zu sein. Ich vermute, Ihr kommt mit einer Partie zersprungener Teekannen und ähnlicher Sachen zur Auktion!« sagte Sambo mit höhnischem Lachen.

Von diesem Hohne zur höchsten Wut gereizt, stürzte Adolf fluchend und rechts und links um sich schlagend auf Sambo los. Die übrigen lachten und brüllten, und der Aufruhr brachte den Aufseher an die Tür.

»Was gibt’s da, ihr Burschen? Ruhe, Ruhe!« sagte er und schwang eine große Peitsche.

Alle entflohen nach verschiedenen Richtungen mit Ausnahme Sambos, der im Vertrauen auf die Gunst, in welcher er als privilegierter Spaßvogel bei dem Aufseher stand, seinen Platz behauptete und sich mit drolligem Grinsen duckte, sooft jener nach ihm schlug.

»Ach, Master, wir sind’s nicht – wir sind ganz gesetzt – es sind die neuen Leute; das sind die ärgsten – lassen uns gar nicht in Ruhe!«

Der Aufseher wandte sich nun gegen Tom und Adolf, teilte, ohne weiter zu fragen, ein paar Püffe und Hiebe unter sie aus, ließ den allgemeinen Befehl für alle zurück, sich gut aufzuführen und sich schlafen zu legen, und verließ den Saal wieder.

Unter einem prächtigen Kuppelgewölbe bewegten sich Menschen aller Nationen auf dem marmornen Fußboden hin und her. Auf allen Seiten des kreisrunden Umgangs befanden sich kleine Bühnen oder Stände für Redner und Auktionatoren. Zwei derselben, die einander gegenüberstanden, waren jetzt von glänzenden und talentvollen Herren besetzt, die in untermischtem Englisch-Französisch voll Begeisterung die Gebote der Kenner auf ihre verschiedenen Waren steigerten. Eine dritte Bühne auf der anderen Seite war noch unbesetzt, aber schon von einer Gruppe umgeben, welche auf den Beginn der Auktion wartete. Hier erkennen wir sogleich die Dienerschaft des St. Clareschen Hauses, Tom, Adolf und die andern. Verschiedene Zuschauer, von denen jedoch vielleicht nicht alle zu kaufen gedenken, sammelten sich um die Gruppe, betasteten und untersuchten die einzelnen und besprachen ihre verschiedenen Vorzüge und ihr Aussehen mit derselben Ungeniertheit, mit der sich eine Gruppe Jockeys über ein Pferd unterhält.

»Hallo, Alf! Was bringt dich hierher?« sagte ein junger Stutzer, indem er einem modisch gekleideten jungen Manne, der Adolf durch ein Augenglas betrachtete, auf die Achsel schlug.

»Ach, ich brauche einen Kammerdiener und höre, daß St. Clares Leute verkauft werden sollen. Ich dachte, ich wollte mir einmal seine Burschen ansehen.«

»Mich soll keiner dabei ertappen, einen von St. Clares Leuten zu kaufen! Sind alles verzogene Nigger ohne Ausnahme! Unverschämt, wie der Teufel!« sagte der andere.

»Davor fürchte ich mich nicht!« sagte der erste. »Wenn ich sie bekomme, will ich ihnen schon die Manieren austreiben! Sie sollen bald sehen, daß sie es mit einer andern Art Herrn zu tun haben, als Monsieur St. Clare war. Auf mein Wort, ich werde den Burschen kaufen. Sein Aussehen gefällt mir.«

»Du wirst finden, daß dein ganzes Vermögen nicht auslangt, ihn zu erhalten. Er ist ganz verwünscht verschwenderisch.«

»Ja, aber Mylord wird finden, daß er bei mir nicht verschwenderisch sein kann. Man schickt ihn ein paarmal in die Calabuse und läßt ihn tüchtig durchdreschen! Ich sage dir, das bringt ihm einen Begriff von seiner Stellung bei! O, ich will ihn schon in die Schule nehmen, von oben und unten – das sage ich dir! Ich kaufe ihn, das ist abgemacht.«

Tom hatte sich mit banger Unruhe unter der Menge der ihn umdrängenden Gesichter nach einem umgesehen, den er gern hätte Master nennen mögen. Er sah eine Unmasse Männer, große, starke, brummende; kleine, zirpende, vertrocknete; dürre, harte Männer mit langen Gesichtern und jede mögliche Abart von stumpfen und alltäglich aussehenden, die ihre Mitmenschen auflesen, wie man Späne aufliest, und sie mit demselben Gleichmut ins Feuer oder in einen Korb werfen, wie es ihnen paßt; aber er sah keinen St. Clare. Kurze Zeit vor Anfang der Versteigerung drängte sich ein kurzer, breiter und kräftig gebauter Mann in einem karierten Hemde, das vorn auf der Brust offen war, mit ziemlich schmutzigen und abgetragenen Beinkleidern durch die Umstehenden mit einem Eifer, welcher verriet, daß er in Geschäften kam. Er trat sogleich an die Gruppe heran und fing an, sie systematisch zu untersuchen. Von dem Augenblicke an, wo Tom ihn kommen sah, fühlte er eine sofortige Regung des Abscheus gegen ihn, der mit jedem seiner Schritte zunahm. Obgleich nicht groß, besaß er offenbar eine riesenmäßige Kraft. Sein runder Stierkopf, seine großen hellgrauen Augen mit den zottigen, sandgelben Augenbrauen und das grobe, starre und von der Sonne gebleichte Haar waren, wie man gestehen muß, keine sehr einnehmenden Züge; der breite gemeine Mund steckte voll Tabak, dessen Saft er von Zeit zu Zeit mit großer Sicherheit und Explosionskraft ausspritzte; die Hände waren sehr groß, stark behaart, sonnenverbrannt, sommersprossig und sehr schmutzig und mit langen ekelhaft unreinlich gehaltenen Nägeln versehen. Dieser Mann nahm eine sehr ungenierte persönliche Untersuchung der Partie vor; er faßte Tom bei der Kinnlade und riß ihm den Mund auf, um seine Zähne zu sehen; ließ ihn den Ärmel aufstreifen, um seine Muskeln zu zeigen; drehte ihn um und ließ ihn springen und laufen.

»Wo bist du her?« fragte er nach dieser Untersuchung.

»Aus Kentucky, Master«, sagte Tom und sah sich um, als suche er einen Erlöser.

»Was hast du dort gemacht?«

»Habe Masters Farm verwaltet«, sagte Tom.

»Ziemlich wahrscheinlich das!« sagte der andere kurz, während er weiterging. Einen Augenblick blieb er vor Adolf stehen, dann aber spuckte er eine Ladung Tabakssaft auf seine sorgfältig gewichsten Stiefel, ließ ein verächtliches »Hm!« vernehmen und ging weiter.

Adolf wurde für einen anständigen Preis dem jungen Herrn zugeschlagen, der vorhin die Absicht ihn zu kaufen geäußert hatte; und die anderen Sklaven St. Clares fielen verschiedenen Käufern zuteil.

»Nun kommst du dran, Bursche!« sagte der Auktionator zu Tom.

Tom trat auf den Block und warf ein paar bange, besorgte Blicke um sich; alles schien sich zu einem allgemeinen wirren Lärm zu vermischen; das geläufige Lobpreisen des Auktionators in Französisch und Englisch, die lebendig wetteifernden französischen und englischen Angebote, und kaum nach einen Augenblick ertönte der letzte Hammerschlag, und der klar akzentuierte Drucker auf der letzten Silbe des Wortes Dollar, wie der Auktionator den Verkaufspreis ausrief und Tom übergab. – Er hatte einen Herrn!

Man schob ihn vom Blocke; der untersetzte Mann mit dem Stierkopfe packte ihn an der Schulter, stieß ihn auf die eine Seite und herrschte ihn mit rauher Stimme an: »Da bleibst du stehen!«

Tom konnte kaum zur Besinnung kommen. Aber immer noch ging die Auktion lärmend weiter, und bald englische, bald französische Gebote erschallten. Der Bürger tut noch einige Gebote, indem er verächtlich seinen Gegner mißt; aber der Stierkopf hat Hartnäckigkeit und verborgene Länge des Geldbeutels vor ihm voraus, und der Wettstreit dauert nur noch einen Augenblick; der Hammer schlägt zu – das Mädchen gehört ihm mit Leib und Seele, wenn Gott ihr nicht hilft!

Ihr Herr ist Master Legree, der Besitzer einer Baumwoll-Plantage am Red River. Sie wird unter dieselbe Partie mit Tom und zwei andern geschoben und weinend fortgetrieben.

Dem Herrn mit dem wohlwollenden Gesicht tut es leid; aber dann geschieht ja dasselbe jeden Tag! Man sieht bei diesen Versteigerungen beständig Mädchen und Mütter weinen. Dem ist nicht abzuhelfen usw.; und er nimmt seinen Kauf in einer anderen Richtung mit sich fort.

Zwei Tage später remittiert der Advokat der christlichen Firma B. u. Comp. New York das erlöste Geld. Auf der Rückseite der Tratte mögen sie die Worte des großen Zahlmeisters schreiben, welcher dereinst Rechenschaft von ihnen fordern wird, wenn er nach dem Blute fragt, wird er nicht den Notschrei des Niedrigen vergessen.