Roman

14. Kapitel


Toms Herrin und ihre Ansichten

»Jetzt wird nun deine goldene Zeit anfangen, Marie«, sagte St. Clare.

»Hier ist unsere praktische, geschäftskundige, neuenglische Cousine, welche die ganze Last deiner Sorgen dir von der Schulter nehmen und dir Zeit geben wird, dich zu erholen und jung und schön zu werden. Es wäre wohl das beste, die feierliche Übergabe der Schlüssel gleich jetzt vorzunehmen.«

Diese Äußerung tat St. Clare am Frühstückstisch einige Tage nach der Ankunft Miß Ophelias.

»Ich bin gern bereit dazu«, sagte Marie und stützte den Kopf schmachtend auf die Hand. »Ich glaube, etwas wird sie alsdann entdecken, und zwar, daß wir Herrinnen hier unten die Sklavinnen sind.«

»O gewiß, das wird sie entdecken und noch eine Unzahl anderer gesunder Wahrheiten«, sagte St. Clare.

»Man sagt, wir hielten Sklaven zu unserer Bequemlichkeit«, sagte Marie. »Ich sollte meinen, wenn wir die zu Rate zögen, würden wir sie auf der Stelle alle gehen lassen.«

Evangeline heftete ihre großen ernsten Augen mit einem forschenden und betroffenen Ausdruck auf das Gesicht der Mutter und sagte einfach: »Wozu behältst du sie dann, Mama!«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, warum, außer etwa zur Plage; sie sind die Plage meines Lebens. Ich glaube, daß sie mehr an meiner Krankheit schuld sind, als alles andere; und unsere, glaube ich, sind die schlimmsten, die jemals einen Besitzer geplagt haben.«

»Ach geh, Marie, du bist übler Laune«, sagte St. Clare, »du weißt, daß das nicht so ist. Nimm nur Mammy, das beste Geschöpf auf der Welt, was könntest du ohne die tun!«

»Mammy ist die beste, die mir jemals vorgekommen ist«, sagte Marie. »Und doch ist auch Mammy selbstisch – schrecklich selbstisch; es ist der Fehler der ganzen Rasse.«

»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler«, sagte St. Clare ernsthaft.

»Nimm nur einmal Mammy an«, sagte Marie. »Es ist meiner Ansicht nach Selbstsucht von ihr, des Nachts so fest zu schlafen; sie weiß, daß ich fast jede Stunde einiger kleinen Dienste bedarf, wenn meine schlimmsten Anfälle kommen, und dennoch ist sie so schwer zu wecken. Ich befinde mich heute morgen unbedingt schlechter infolge meiner Anstrengungen, sie vorige Nacht zu wecken.«

»Hat sie nicht neuerdings viele Nächte bei dir gewacht?« sagte Eva.

»Wie kannst du das wissen?« sagte Marie mit Schärfe. »Sie hat sich wahrscheinlich beklagt?«

»Sie hat sich nicht beklagt, sie sagte mir nur, was du für schlimme Nächte gehabt hättest – so viele hintereinander.«

»Warum läßt du nicht Jane oder Rose an ihrer Stelle ein paar Nächte wachen, um ihr einige Ruhe zu geben?« sagte St. Clare.

»Wie kannst so etwas vorschlagen?« sagte Marie. »St. Clare, wie kannst du so rücksichtslos sein! Meine Nerven sind so angegriffen, daß der leiseste Atemzug mich stört; und eine fremde Hand in meiner Nähe würde mich unbedingt wahnsinnig machen. Wenn Mammy die Teilnahme für mich fühlte, wie es ihre Schuldigkeit ist, so würde sie leichter aufwachen – natürlich. Ich habe von Leuten gehört, die so ergebene Diener hatten, aber ich habe nie das Glück gehabt«, und Marie seufzte.

Miß Ophelia hatte diesem Gespräche mit einer Miene scharfsichtigen beobachtenden Ernstes zugehört; und sie hielt ihre Lippen immer noch fest geschlossen, als sei sie entschieden gewillt, sich erst ihrer Stellung vollständig zu vergewissern, ehe sie sich einzumischen wagte.

»Ich gebe zu, daß Mammy ihre guten Seiten hat«, sagte Marie; »sie ist sanft und ehrerbietig, aber im Herzen selbstisch. So hört sie z. B. nie auf, sich um ihren Mann zu grämen. Sie müssen wissen, als ich nach meiner Heirat hierherzog, mußte ich sie natürlich mit mir hierher nehmen, und ihren Mann konnte mein Vater nicht entbehren. Er war ein Schmied und natürlich sehr notwendig; und ich dachte und sagte damals, daß Mammy und er sich lieber trennen sollten, da es wahrscheinlich nicht passen würde, daß sie je wieder miteinander leben. Ich wollte jetzt, ich hätte darauf bestanden und hätte Mammy an einen andern verheiratet; aber ich war törichterweise nachsichtig und wollte nicht darauf dringen. Ich sagte damals Mammy, sie dürfe nicht erwarten, ihn mehr als ein- oder zweimal in ihrem Leben wiederzusehen; denn die Luft auf meines Vaters Besitzung bekommt meiner Gesundheit nicht gut, und ich kann nicht hin; und ich riet ihr, sich mit einem andern Mann zusammenzutun; nein, sie wollte nicht. Mammy hat in manchen Sachen eine Hartnäckigkeit, die nicht jedermann so kennt wie ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, sie hat zwei.«

»Ich vermute, die Trennung von denselben schmerzt sie.«

»Natürlich konnte ich sie nicht mit hierhernehmen. Es waren kleine schmutzige Geschöpfe – ich konnte sie nicht um mich haben; und außerdem nahmen sie zuviel von ihrer Zeit in Anspruch; aber ich glaube, Mammy hat deshalb immer eine Art Groll behalten. Einen andern will sie nicht heiraten; und ich glaube wahrhaftig, obgleich sie weiß, wie notwendig sie mir ist und wie schwach meine Gesundheit ist, sie würde morgen zu ihrem Mann zurückkehren, wenn sie könnte. Ich bin davon überzeugt«, sagte Marie. »Sie sind so entsetzlich selbstsüchtig – selbst die besten.«

»Es ist traurig, darüber nachzudenken«, sagte St. Clare trocken.

Miß Ophelia warf einen scharfen Blick auf ihn und sah, wie sich seine Wange von unterdrücktem Ärger und Verdruß rötete und seine Lippe bei diesen Worten sarkastisch zuckte.

»Und ich habe Mammy immer gehätschelt«, sagte Marie. »Ich wollte, ein paar von Ihren Dienern im Norden könnten ihre Kleiderschränke sehen – seidene und Musselinkleider und ein echtes leinenes Cambrichemd hat sie darin hängen. Ich habe manchmal ganze Nachmittage gearbeitet und ihre Mützen aufgeputzt und ihr beim Anziehen geholfen, um in eine Gesellschaft zu gehen. Was Auszanken heißt, weiß sie gar nicht. Die Peitsche hat sie nur ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben gekostet. Sie bekommt täglich ihren starken Kaffee oder Tee mit weißem Zucker. Es ist gewiß abscheulich, aber St. Clare will Wohlleben in der Dienstbotenstube haben, und jedes von ihnen lebt, wie es ihnen gefällt. Die Wahrheit ist, unsere Dienerschaft wird zu nachsichtig behandelt. Ich vermute, es ist zum Teil unser Fehler, daß sie selbstsüchtig sind und sich wie verzogene Kinder benehmen; aber ich habe in St. Clare hineingesprochen, bis ich’s satt hatte.«

»Und ich auch«, sagte St. Clare und nahm die Morgenzeitung.

Eva, die schöne Eva, hatte ihre Mutter mit dem ihr eigenen Ausdrucke tiefen und mystischen Ernstes angesehen. Jetzt ging sie leise um den Tisch herum an den Stuhl ihrer Mutter und umschlang mit den Armen ihren Hals.

»Was ist, Eva?« sagte Marie.

»Mama, könnte ich nicht eine Nacht bei dir wachen – nur eine einzige? Ich weiß, ich würde dich nicht unruhig machen und nicht schlafen. Ich liege oft die ganze Nacht wach im Bette und denke nach –«

»Ach, Unsinn, Kind – Unsinn!« sagte Marie. »Du bist ein so seltsames Kind.«

»Aber darf ich, Mama? Ich glaube«, sagte sie schüchtern, »Mammy ist nicht wohl. Sie sagte mir, neulich hätte ihr der Kopf den ganzen Tag weh getan.«

»Oh, das ist so recht eine von Mammys Grillen! Mammy ist genauso wie alle andern – macht einen solchen Spektakel, wenn ihr nur ein Finger weh tut; ich werde sie nie darin bestärken – nie! Ich habe meine sehr bestimmten Grundsätze über diese Sache«, sagte sie zu Miß Ophelia gewendet.

»Sie werden die Notwendigkeit davon späterhin einsehen. Bestärken Sie die Dienstboten, jeder unbedeutenden unangenehmen Empfindung nachzugeben und sich über jede Kleinigkeit zu beklagen, so werden Sie alle Hände voll zu tun haben. Ich selbst klage nie – und niemand weiß, was ich leide. Ich halte es für meine Pflicht, in Ruhe zu dulden, und ich tue es.«

Miß Ophelias runde Augen sprachen unverhülltes Staunen über diese Äußerung aus, welche St. Clare so komisch vorkam, daß er in ein lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht stets, wenn ich nur im mindesten auf meine Kränklichkeit anspiele«, sagte Marie mit der Miene eines duldenden Märtyrers. »Ich hoffe nur, daß nicht der Tag kommen wird, wo er daran denken muß!« Und Marie hielt das Taschentuch an die Augen.

Natürlich trat hier ein etwas verlegenes Schweigen ein. Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein Geschäft nebenan in der Straße abzumachen. Eva hüpfte ihm nach, und Miß Ophelia und Marie blieben allein am Tische sitzen.

»Das sieht St. Clare ganz ähnlich!« sagte letztere und entfernte ihr Taschentuch mit einer etwas lebhaften Gebärde von den Augen, als der dadurch zu rührende Verbrecher sich entfernt hatte. »Er kann und wird und will nun einmal nicht einsehen, was ich leide, und seit Jahren gelitten habe. Wenn Klagen meine Sache wäre oder ich über meine Leiden viel Lärm machte, so hätte er einigen Grund dazu. Die Männer bekommen natürlich eine Frau satt, die immer klagt. Aber ich habe im stillen geduldet und fortgeduldet, bis St. Clare sich an den Gedanken gewöhnt hat, ich könnte alles ertragen.

Miß Ophelia wußte nicht recht, was man für eine Antwort auf diese Rede erwartete.

Während sie darüber nachdachte, was sie sagen sollte, wischte Marie allmählich ihre Tränen weg und glättete ihr Gefieder, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette macht, und fing nun mit Miß Ophelia ein wirtschaftliches Gespräch über Schränke, Kammern, Wäschekisten und Vorratskammer und andere Sachen an, welche letztere auf gemeinschaftliches Übereinkommen unter ihre Leitung nehmen sollte – und erteilte ihr dabei so viele vorsichtige Winke und Aufträge, daß ein weniger systematischer und geschäftskundiger Kopf, als Miß Ophelia war, ganz verwirrt davon geworden wäre.

»Und jetzt, glaube ich, habe ich Ihnen alles gesagt«, sagte Marie, »so daß, wenn meine Anfälle wiederkehren, Sie imstande sein werden, ohne meinen Beirat auszukommen; nur noch wegen Evas – sie bedarf der Aufsicht.«

»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein«, sagte Miß Ophelia. »Ich habe nie ein besseres Kind gesehen.«

»Eva ist sehr, sehr eigen«, sagte ihre Mutter. »Sie hat so sonderbare Seiten; sie ist mir auch nicht im mindesten ähnlich«, und Marie seufzte, als wäre darin wirklicher Stoff zum trauervollsten Nachdenken.

Miß Ophelia sagte bei sich: »Das hoffe ich auch«, war aber klug genug, es für sich zu behalten.

»Eva ging von je gerne mit den Dienstboten um; und ich glaube, das läßt sich bei manchen Kindern schon dulden. Ich habe immer mit meines Vaters kleinen Negern gespielt – es hat mir nie etwas geschadet. Aber Eva scheint sich, ich weiß nicht wie, auf gleichen Fuß mit jedem Geschöpfe zu stellen, mit dem sie in Berührung kommt. Es ist merkwürdig mit diesem Kinde. Ich habe es ihr nie abgewöhnen können. Ich glaube, St. Clare bestärkt sie darin. Die Wahrheit ist, St. Clare hat mit jedermann im Hause die größte Nachsicht, nur nicht mit seiner Frau.«

Abermals saß Miß Ophelia in starrem Schweigen da.

»Aber man kommt mit Dienstboten nicht aus, wenn man sie nicht unterzubringen und unten zu halten versteht«, sagte Marie. »Von Kind auf ist mir das natürlich gewesen. Eva kann aber ein ganzes Haus voll verderben; wie sie es anfangen wird, wenn sie einmal selbst einem Hause vorzustehen hat, das weiß der Himmel. Ich meine allerdings, man soll freundlich gegen die Dienstboten sein – ich bin es stets; aber man muß sie ihre Stellung fühlen lassen. Das tut Eva nie; es läßt sich diesem Kinde auch nicht der erste Keim eines Gedankens, wohin ein Dienstbote eigentlich gehört, beibringen. Sie hörten, wie sie sich erbot, des Nachts bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist so ein Pröbchen von dem, was das Kind tun würde, wenn man es sich selbst überließe.«

»Nun, ich glaube doch«, sagte Miß Ophelia geradeheraus, »Sie halten Ihre Dienstboten für Menschen, die ihre Ruhe haben müssen, wenn sie müde sind?«

»Gewiß, natürlich. Ich sehe sehr darauf, daß sie alles bekommen, was sich paßt – alles, was einem keine Unannehmlichkeiten macht, wissen Sie. Mammy kann ihren Schlaf bei Gelegenheit schon wieder einbringen, das hält nicht schwer. Sie ist das verschlafenste Geschöpf, das mir je vorgekommen ist; mag sie nähen, stehen oder sitzen, gewiß schläft sie ein, und schläft überall und sonstwo. Mammy büßt keinen Schlaf ein, das ist nicht zu befürchten. Aber es ist ja zu lächerlich, Dienstboten zu behandeln, als wären sie exotische Blumen oder Porzellanvasen«, sagte Marie, wie sie sich in die Tiefen eines umfänglichen weichen Divans versenkte und eine elegante Kristallvinaigrette zu sich heranzog.

»Sie sehen, daß ich nicht oft von mir spreche, Cousine Ophelia«, fuhr sie mit schwachem Lispeln wie der letzte sterbende Hauch des arabischen Jasmins oder etwas ebenso Ätherisches fort. »Ich bin es nicht gewohnt, und ich habe es nicht gerne. Wahrhaftig, ich habe nicht die Kraft dazu. Aber es gibt Punkte, worüber ich und St. Clare nicht einig sind. St. Clare hat mich nie verstanden, nie gewürdigt. Ich glaube, das ist die Wurzel aller meiner Leiden. St. Clare meint es gut, das zu glauben ist meine Pflicht; aber die Männer sind von Natur selbstsüchtig und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist wenigstens meine Meinung.«

Miß Ophelia, die in nicht geringem Grade die echte neuenglische Vorsicht besaß und einen ganz besonderen Widerwillen hatte, sich in Familienstreitigkeiten zu verwickeln, fing jetzt an, so etwas vorauszusehen; deshalb legte sie ihr Gesicht in so entschieden neutrale Falten, als möglich, zog aus ihrer Tasche einen etwa 5/4 Ellen langen Strumpf, den sie als Hausmittel gegen die Versuchungen, welche nach Doktor Watts der Teufel immer gegen unbeschäftigte Hände anwendet, stets bei sich hatte, schloß die Lippen in einer Weise, welche deutlicher als Worte sagte: Sie brauchen nicht zu versuchen, ein Wort aus mir herauszubringen – ich mag nichts mit Ihren Angelegenheiten zu tun haben –, kurz, sie sah etwa so teilnehmend aus, wie ein steinerner Löwe. Aber Marie kümmerte sich nicht darum. Sie hatte jemanden, dem sie etwas vorreden konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht zu reden, und das war genug; und sie fuhr fort, nachdem sie sich wieder an ihrem Riechfläschchen gestärkt hatte.

»Sie müssen wissen, ich brachte mein Eigentum und meine Dienstboten mit, als ich St. Clare heiratete, und ich bin gesetzlich befugt, ganz nach Belieben über sie zu verfügen. St. Clare hat sein eigenes Vermögen und seine Dienstboten, und ich bin es ganz zufrieden, daß er mit ihnen schaltet und waltet, wie er will; aber St. Clare erlaubt sich Übergriffe. Er hat merkwürdig ausschweifende Ideen, vorzüglich über die Behandlung der Dienstboten. Er benimmt sich wirklich, als ob ihm seine Dienstboten mehr wären als ich und auch als er selber, denn er duldet von ihnen alle Arten Ungelegenheiten und rührt nie einen Finger. Über manche Sachen ist St. Clare wirklich schrecklich – er erschreckt mich –, so gutmütig er im allgemeinen aussieht. So besteht er z. B. darauf, daß um keinen Preis in diesem Hause ein Schlag fallen soll, außer von ihm oder von mir; und er besteht in einer Weise darauf, der ich mich wirklich nicht zu widersetzen wage. Nun, Sie können sehen, wozu das führt, denn St. Clare würde nicht die Hand erheben, und wenn jeder einzelne ihn mit Füßen träte; und ich – Sie sehen ein, es wäre grausam, wollte man von mir eine solche Anstrengung fordern. Sie wissen ja, diese Dienstboten sind nichts als erwachsene Kinder.«

»Ich weiß nichts von der Sache und danke Gott, daß ich nichts weiß«, sagte Miß Ophelia kurz.

»Nun, Sie werden es schon kennenlernen müssen und zu Ihrem Schaden kennenlernen, wenn Sie hierbleiben. Sie wissen gar nicht, was für eine ärgerliche, dumme, leichtsinnige, unverständige, kindische, undankbare Art von Menschen sie sind.«

Marie schien sich stets wunderbar gestärkt zu fühlen, wenn sie auf dieses Thema kam; und sie öffnete jetzt ihre Augen und schien ihre Mattigkeit ganz zu vergessen.

»Sie wissen gar nicht und können es gar nicht wissen, was für tägliche und stündliche Prüfungen eine Hausfrau von ihnen in jeder Art und von jeder Weise zu erdulden hat. Sich gegen St. Clare zu beklagen nützt gar nichts. Er redet das seltsamste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was sie sind, und müßten es nun über uns ergehen lassen. Er sagt, ihre Fehler verdankten sie alle uns, und es wäre grausam, erst den Fehler zu verursachen und ihre dann zu bestrafen. Er sagt, wir würden es an ihrer Stelle auch nicht besser machen; als ob man von ihnen auf uns schließen könnte, denken Sie nur.«

»Glauben Sie nicht, daß der Herr sie von einem Blute mit uns gemacht hat?« sagte Miß Ophelia kurz.

»Ich! Nein wahrhaftig nicht! Ein schöner Gedanke, wirklich! Sie sind eine entartete Rasse.«

»Glauben Sie nicht, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte Miß Ophelia mit wachsender Entrüstung.

»Nun ja«, sagte Marie gähnend, »das versteht sich wohl von selbst daran zweifelt niemand. Aber sie irgend mit uns auf gleichen Fuß stellen, als ob wir mit ihnen verglichen werden könnten, das ist ja rein unmöglich! Aber St. Clare hat sich wirklich gegen mich geäußert, als wäre es ganz dasselbe, ob Mammy oder ich von ihrem Gatten getrennt würde. Das läßt sich doch in dieser Weise nicht zusammenstellen. Mammy könnte ja gar nicht meine Gefühle haben. Es ist eine ganz andere Sache – das versteht sich ja von selbst; und dennoch stellt sich St. Clare, als sähe er es nicht ein. Und ganz so, als ob Mammy ihre schmutzigen Kleinen so lieb haben könnte, wie ich Eva! Aber St. Clare bemühte sich einmal wirklich und in vollem Ernste, mich zu überreden, daß es meine Pflicht sei, trotz meiner schwachen Gesundheit und meiner schweren Leiden, Mammy nach Hause gehen zu lassen und anstatt ihrer eine andere Person anzunehmen. Das war doch sogar mir etwas zuviel. Ich gebe nicht oft meinen Empfindungen Ausdruck. Es ist mein Grundsatz, alles stillschweigend zu ertragen; es ist des Weibes hartes Geschick, und ich ertrage es. Aber diesmal brach ich los, so daß er das Thema nie wieder berührt hat. Aber ich sehe es an seinem Gesicht und an kleinen Äußerungen, die er gelegentlich tut, daß er darüber noch so denkt wie früher, und das ist ärgerlich und unangenehm!«

Miß Ophelia machte ein Gesicht, als fürchte sie gar sehr, zu einer Äußerung fortgerissen zu werden, aber sie klapperte mit ihren Stricknadeln auf eine Weise, die sehr viel sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.

»Sie sehen alles, was Sie zu tun bekommen werden«, fuhr sie fort. »Eine Wirtschaft ohne alle Regeln, wo die Dienstboten ganz nach eigenem Willen handeln, tun, was ihnen beliebt, und haben, was ihnen gefällt, außer soweit ich bei meiner schwachen Gesundheit die Ordnung aufrechterhalte. Ich habe meinen Riemen und wende ihn auch manchmal an; aber die Anstrengung ist immer zu groß für mich. Wenn St. Clare es nur machte wie andere Leute –«

»Und wie ist das?«

»Nun, sie schicken sie nach der Calaboose oder an einen anderen solchen Ort und lassen sie dort auspeitschen. Das ist der einzige richtige Weg. Wenn ich nicht ein so armes schwaches Geschöpf wäre, glaub‘ ich, könnte ich doppelt soviel Energie als St. Clare darin zeigen.«

»Und wie kommt St. Clare durch?« sagte Miß Ophelia. »Sie sagen, er schlägt nie?«

»Ja, sehen Sie, die Männer haben schon eher ein gebieterisches Wesen; es wird ihnen leichter, außerdem wenn sie ihm einmal recht ordentlich ins Auge geblickt haben – es ist eigentümlich dieses Auge –, es blitzt ordentlich, wenn er entschieden spricht. Ich fürchte mich selbst davor, und die Dienstboten wissen, daß sie gehorchen müssen. Ich könnte mit einem richtigen Unwetter von Schimpfen und Schelten nicht soviel ausrichten, als St. Clare mit einem einzigen Blicke seines Auges, wenn er einmal Ernst macht. St. Clare kostet es keine Mühe, deswegen fühlt er so wenig für mich. Aber Sie werden schon finden, daß Sie ohne Strenge nicht auskommen können – sie sind so schlecht, so lügnerisch, so faul.«

»Das alte Lied«, sagte St. Clare, der jetzt hereingeschlendert kam. »Was für eine schreckliche Rechnung diese bösen Kreaturen zuletzt werden abzumachen haben, vorzüglich wegen dieses Faulenzens! Du siehst, Cousine«, sagte er, während er sich der Länge lang auf einem Divan Marien gegenüber streckte, »diese Faulenzerei ist bei ihnen gar nicht zu entschuldigen, wenn man bedenkt, welches Beispiel Marie und ich ihnen geben.«

»Nein, das ist doch aber auch zu schlecht!« sagte Marie.

»Wirklich? Mein Gott, ich denke, ich spreche ganz merkwürdig gut für mich. Ich bemühe mich stets, deinen Bemerkungen Nachdruck zu geben.«

»Du weißt, daß du so etwas nicht beabsichtigt hast, St. Clare«, sagte Marie.

»Oh, dann muß ich mich geirrt haben. Danke dir, meine Liebe, daß du mich eines Besseren belehrt hast.«

»Du bemühst dich wirklich, mich zu ärgern«, sagte Marie.

»Ach laß doch, Marie, der Tag wird schon warm, und ich habe einen langen Zank mit Dolf gehabt, der mich schrecklich müde gemacht hat; also sei jetzt ein gutes Kind und laß einen armen Burschen in dem Lichte deines Lächelns ruhen.«

»Was ist mit Dolf?« sagte Marie. »Dieses Kerls Unverschämtheit hat eine Höhe erreicht, die mir ganz unerträglich ist. Ich wünsche nur, ich hätte eine Zeitlang unbeschränkt über ihn zu verfügen. Ich wollte seinen Trotz schon brechen.«

»Was du da sagst, meine Liebe, trägt den Stempel deiner gewöhnlichen Schärfe und Verständigkeit«, sagte St. Clare. »Was Dolf betrifft, so ist die Sache die: Er ist solange beschäftigt gewesen, meine Vorzüge und Vollkommenheiten nachzuahmen, daß er sich zuletzt wirklich mit seinem Herrn verwechselt hat, und ich habe mich genötigt gesehen, ihm über dieses Mißverständnis einige Aufklärung zu geben.«

»Wieso?« sagte Marie.

»Nun, ich sah mich genötigt, ihm zu verstehen zu geben, daß ich einige von meinen Kleidern zu meinem persönlichen Gebrauche zu behalten wünsche; ich setzte auch seine Magnifizenz auf eine bestimmte Ration von Eau de Cologne und war wirklich so grausam, ihn auf ein einziges Dutzend meiner Batisttaschentücher zu beschränken. Dolf verdroß das gar sehr, und ich mußte zu ihm sprechen wie ein Vater, daß er wieder ein freundliches Gesicht machte.«

»O St. Clare, wann wirst du deine Dienstboten behandeln lernen? Deine Nachsicht gegen sie ist ganz abscheulich«, sagte Marie.

»Mein Gott, was schadet es denn am Ende, daß der arme Bursche so sein will, wie sein Herr, und wenn ich ihn so schlecht erzogen habe, daß er Eau de Cologne und Batisttaschentücher für das höchste Gut auf Erden hält, warum soll ich sie ihm da nicht gönnen?«

»Und warum hast du ihn nicht besser erzogen?« sagte Miß Ophelia mit gerader Entschiedenheit.

»Zuviel Mühe. Trägheit, Cousine, Trägheit, die mehr Seelen zugrunde richtet, als du ausschelten kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so wäre ich selbst ein vollkommner Engel geworden. Ich bin geneigt zu glauben, daß Trägheit das ist, was der alte Doktor Botherem oben in Vermont immer das ›Wesen alles Bösen‹ nannte; gewiß ein schrecklicher Gedanke.«

»Mir scheint, ihr Sklavenbesitzer hättet eine schreckliche Verantwortlichkeit auf euch«, sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie nicht für tausend Welten auf mich nehmen. Du solltest deine Sklaven erziehen und sie wie vernunftbegabte Wesen behandeln, wie unsterbliche Geschöpfe, mit denen du dereinst vor Gottes Gericht erscheinen mußt. Das ist meine Meinung«, sagte das gute Mädchen, nachdem sie plötzlich mit einem Eifer hervorgebrochen war, der sich in seiner vollen Kraft allmählich während des ganzen Morgens angesammelt hatte.

»Ach, ich bitte dich«, sagte St. Clare und stand rasch auf, »was verstehst du von unseren Sachen?« Und er setzte sich ans Piano und spielte ein lebhaftes Musikstück. St. Clare hatte ein entschiedenes Talent für Musik. Sein Anschlag war fest und brillant, und seine Finger flogen mit einer schwebenden und doch bestimmten Bewegung über die Tasten. Er spielte ein Stück nach dem andern, wie ein Mann, der durch das Spielen in gute Laune geraten will. Nachdem er die Noten beiseite geschoben hatte, stand er auf und sagte heiter: »Cousine, du hast uns eine schöne Rede gehalten und deine Pflicht getan; im ganzen denke ich deshalb nur besser von dir. Ich bezweifle nicht im mindesten, daß du einen wahren Diamant von Wahrheit nach mir geworfen hast; obgleich er mich so gerade ins Gesicht getroffen hat, daß ich nicht gleich seinen rechten Wert erkennen konnte.«

»Ich meinesteils sehe den Nutzen solcher Gespräche nicht ein«, sagte Marie. »Ich möchte wahrhaftig wissen, wer mehr für seine Dienstboten täte als wir; und sie werden dadurch auch nicht im geringsten besser – durchaus nicht; sie werden schlimmer, nur schlimmer. Was das Zureden betrifft, so bin ich überzeugt, ich habe mich heiser mit ihnen geredet und habe ihnen ihre Pflichten vorgehalten und Ähnliches; und sie können ja in die Kirche gehen, wenn sie wollen, obgleich sie kein Wort von der Predigt verstehen, so wenig wie ein Schwein; ich sehe also gar keinen großen Nutzen von dem Kirchengehen; aber sie gehen, und so ist ihnen jede Gelegenheit geboten; jedoch wie ich vorhin sagte, sie sind eine entartete Rasse und werden es stets sein, und es läßt sich ihnen nicht helfen; es ist nichts aus ihnen zu machen, wenn man es auch versucht. Sie sehen, Cousine Ophelia, ich habe es versucht; und Sie haben es nicht versucht; ich bin unter ihnen geboren und aufgewachsen und kenne es.«

Miß Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg daher. St. Clare pfiff etwas vor sich hin.

»St. Clare, ich wollte, du pfiffst nicht«, sagte Marie, »es verschlimmert meinen Kopfschmerz.«

»So will ich es nicht tun«, sagte St. Clare. »Ist sonst noch etwas, was ich nicht tun soll?«

»Ich wollte, du zeigtest einige Teilnahme für meine Leiden; du legst nie das mindeste Gefühl für mich an den Tag.«

»Mein lieber, anklagender Engel!« sagte St. Clare.

»Es ist doch zu arg, solche Anreden zu hören.«

»Nun, was soll ich sonst zu dir sagen? Ich will ganz nach Befehl sprechen – wie du es haben willst, nur um dich zu befriedigen.«

Ein heiteres Lachen vom Hofe schallte durch die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, hob den Vorhang empor und lachte ebenfalls.

»Was gibt’s?« sagte Miß Ophelia, die an das Geländer kam.

Tom saß im Hofe auf einer kleinen Rasenbank, jedes seiner Knopflöcher mit einem Strauß von Cap-Jasmin geschmückt, und Eva hing ihm lustig lachend einen Rosenkranz um den Hals; und dann setzte sie sich auf seine Knie wie ein kleiner Vogel und lachte immer noch.

»Ach Tom, du siehst so drollig aus!« Um Toms Mund schwebte ein stilles wohlwollendes Lächeln, und er schien in seiner ruhigen Weise den Spaß ebenso innig zu genießen wie seine kleine Herrin. Als er seinen Herrn sah, blickte er diesen mit einer halbabbittenden entschuldigenden Miene an.

»Wie kannst du das dulden?« sagte Miß Ophelia.

»Warum nicht?« sagte St. Clare.

»Nun, ich weiß nicht, es kommt mir so abscheulich vor.«

»Du sähest nichts Böses darin, wenn das Kind einen großen Hund liebkoste, selbst wenn er schwarz wäre, nicht wahr? Aber ein Geschöpf liebkosen, das denken und fühlen kann und unsterblich ist, das macht dich schaudern? Gestehe es nur, Cousine. Ich weiß recht gut, wie manche von euch Nordländern darüber empfinden. Ich will nicht etwa sagen, daß es eine besondere Tugend von uns ist, nicht so zu empfinden; aber Gewohnheit bewirkt bei uns, was das Christentum tun sollte – verwischt das Gefühl persönlichen Vorurteils. Ich habe während meiner Reise im Norden oft bemerkt, wieviel stärker dies bei euch als bei uns ist. Ihr ekelt euch vor ihnen wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und doch erfüllen euch ihre Leiden mit Empörung. Ihr wollt sie nicht mißhandelt wissen, aber ihr wollt auch selbst nichts mit ihnen zu tun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika schicken, um sie weder zu sehen noch zu riechen, um die ganze Selbstverleugnung, sie kompendiös zu erziehen, auf sich zu nehmen. Ist es nicht so?«

»Hm, Cousin, es mag wohl einiges Wahre darin sein«, sagte Miß Ophelia nachdenklich.

»Was würden die Armen und Niedrigen ohne die Kinder sein?« sagte St. Clare, an das Gitter gelehnt und Eva ansehend, welche, Tom an der Hand, forthüpfte. »Die kleinen Kinder sind die einzigen echten Demokraten. Dieser Tom ist für Eva ein Held, seine Geschichten sind Wunder in ihren Augen, seine Lieder und Methodistenhymnen besser als die Oper, und die Spielereien und Kleinigkeiten in seiner Tasche sind für sie eine Diamantengrube, und er ist der wunderbarste Tom, der jemals in einer schwarzen Haut steckte. Das ist eine der Rosen aus Eden, die der Herr besonders für die Armen und Niedrigen, die wenig andere bekommen, hat herniederfallen lassen.«

»Es ist seltsam, Cousin«, sagte Miß Ophelia, »man möchte fast glauben, du wärst ein Bekenner, wenn man dich reden hört.

»Ein Bekenner?« sagte St. Clare.

»Jawohl, ein christlicher Bekenner.«

»Durchaus nicht, kein Bekenner, wie ihr Stadtleute sagt, und ich fürchte, was noch schlimmer ist, meine Praxis entspricht auch meiner Theorie nicht.«

»Nun, warum sprichst du denn so?«

»Nichts ist leichter als Sprechen«, sagte St. Clare. »Ich glaube, Shakespeare läßt jemanden sagen: ›Ich könnte eher zwanzig zeigen, was Gutes zu tun ist, als einer von den zwanzig sein, die meine eigene Lehre ausführten.‹ Es geht nichts über Teilung der Arbeit. Meine Stärke liegt im Sprechen und deine, Cousine, im Tun.«

Tom hatte sich bei seinem jetzigen Herrn über seine äußere Stellung, wie die Welt sich ausdrückt, über nichts zu beklagen. Der kleinen Eva Vorliebe für ihn – die instinktmäßige Dankbarkeit und Liebesbedürftigkeit eines edlen Herzens – hatte sie veranlaßt, sich ihn von ihrem Vater als ihren persönlichen Begleiter, wenn sie auf ihren Spaziergängen oder Fahrten das Geleit eines Bedienten brauchte, auszubitten; und Tom erhielt die allgemeine Instruktion, alles liegenzulassen und Miß Eva aufzuwarten, sooft sie ihn brauche – eine Instruktion, welche, wie sich unsere Leser leicht denken werden, ihm durchaus nicht unangenehm war. Er war stets sehr gut angezogen, denn St. Clare war in diesem Punkte bis zur Empfindlichkeit eigen. Sein Stalldienst war eine bloße Sinekure und bestand bloß in einem täglichen Nachsehen und Unterweisen eines Untergebenen in seinen Pflichten, denn Marie St. Clare erklärte, daß er nicht nach Pferden riechen dürfe, wenn er in ihre Nähe komme, und daß er unbedingt nichts verrichten dürfe, was ihn ihr unangenehm machen könne, indem ihr Nervensystem eine Prüfung der Art in keinem Falle auszuhalten imstande sei; denn eine einzige Nase voll eines unangenehmen Geruchs genügte ihrer Behauptung nach vollkommen, den Vorhang fallen zu lassen und allen ihren irdischen Prüfungen auf einmal ein Ende zu machen. Tom sah deshalb in seinem wohlgebürsteten Rocke von feinem Tuch, dem glatten Biberhute, den glänzenden Stiefeln, tadellosen Manschetten und Halskragen und dem ernsten gutmütigen schwarzen Gesicht respektabel genug aus, um Bischof von Karthago zu sein, was in anderen Jahrhunderten Leute seiner Farbe waren.

Außerdem lebte er in einem schönen Hause, ein Vorzug, gegen den dieses lebhaft fühlende Volk nie gleichgültig ist; und er freute sich mit stillem Genuß an den Vögeln, den Blumen, den Springbrunnen, den Wohlgerüchen und dem Sonnenschein und der Schönheit des Hofes und an den Gemälden und Kronleuchtern und Statuetten und Vergoldungen, welche die Gemächer drinnen für ihn zu einer Art Aladinspalast machten.

Marie machte es sich stets zum Gesetz, sonntags sehr fromm zu sein. Da stand sie, so zart, so elegant, so ätherisch und anmutig in allen ihren Bewegungen, während ihr Spitzenschal sie umhüllte wie ein Nebel. Sie sah so anmutvoll aus, und sie fühlte, daß sie sehr gut und sehr elegant sei. Miß Ophelia stand neben ihr als vollkommener Gegensatz. Nicht daß ihr seidenes Kleid und ihr Schal und ihr Taschentuch nicht ebenso schön gewesen wären; aber ihr steifes und eckiges, lineal-gerades Wesen prägten ihr einen ebenso unbegreiflichen, aber doch erkennbaren Stempel auf, wie die Anmut ihrer eleganten Nachbarin, aber nicht die himmlische Anmut – das ist ganz was anderes!

»Wo ist Eva?« sagte Marie.

»Sie blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen.«

Und was sagt Eva auf der Treppe zu Mammy? Du kannst es hören, Leser, Marie aber nicht.

»Liebe Mammy, ich weiß, daß du fürchterliches Kopfweh hast.«

»Gott behüte Sie, Miß Eva! Mein Kopf tut mir jetzt immer weh. Sie brauchen sich darüber keinen Kummer zu machen.«

»Nun, es freut mich, daß du an die frische Luft kommst; und hier« – und die Kleine umschlang sie mit den Armen – »hier, Mammy, nimm meine Vinaigrette.«

»Was? Das schöne goldene Ding da mit den Diamanten! Nein, Miß, das schickte sich nicht, gar nicht.«

»Warum nicht? Du brauchst es, und ich nicht. Mama braucht es immer, wenn sie Kopfweh hat, und es wird dir besser davon werden. Nein, du mußt es nehmen, nur mir zur Liebe.«

»Nein, das liebe Kind nur sprechen zu hören!« sagte Mammy, als Eva ihr das Riechfläschchen in den Busen schob, sie küßte und die Treppe hinunter ihrer Mutter nachsprang.

»Wo bleibst du so lange?«

»Ich hielt mich nur einen Augenblick bei Mammy auf, um ihr meine Vinaigrette zu geben; sie soll sie mit in die Kirche nehmen.«

»Eva!« sagte Marie und stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Deine goldene Vinaigrette Mammy gegeben! Wann wirst du lernen, was sich schickt! Du gehst den Augenblick hin und läßt sie dir wiedergeben.«

Eva machte ein betrübtes Gesicht und kehrte langsam um.

»Marie, laß das Kind nur, es mag tun, was ihm gefällt«, sagte St. Clare.

»St. Clare, wie soll sie einmal in der Welt durchkommen«, sagte Marie.

»Das weiß der Himmel«, sagte St. Clare, »aber jedenfalls wird sie besser im Himmel durchkommen als du und ich.«

»Ach, Papa, bitte«, sagte Eva und berührte leise seine Ellenbogen, »es tut Mama weh.«

»Nun, Vetter, gehst du auch mit in die Kirche?« sagte Miß Ophelia zu St. Clare.

»Nein, ich gehe nicht.«

»Ich wollte, St. Clare ginge einmal in die Kirche«, sagte Marie, »aber er hat nicht ein bißchen Religion. Es ist wirklich nicht wohlanständig.«

»Ich weiß es«, sagte St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um zu lernen, wie man in der Welt durchkommt, vermute ich, und eure Frömmigkeit macht uns auch mit wohlanständig. Wenn ich einmal in die Kirche gehe, würde ich mit Mammy gehen; da findet man wenigstens etwas, was einen wach erhält.«

»Was? Zu diesen plärrenden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.

»Alles ist besser als das tote Meer eurer wohlanständigen Kirchen, Marie. Es ist unbedingt zuviel verlangt von einem Menschen. Eva, gehst du gern? Komm, bleib zu Hause und spiele mit mir.«

»Ich danke dir, Papa, aber ich will lieber in die Kirche gehen.«

»Ist es nicht schrecklich langweilig?« sagte St. Clare.

»Es kommt mir manchmal langweilig vor«, sagte Eva, »und ich werde auch schläfrig, aber ich bemühe mich, wach zu bleiben.«

»Warum gehst du denn dann hin?«

»Du mußt wissen, Papa«, flüsterte sie ihm zu, »Cousine Ophelia sagte mir, Gott wolle es so haben, und er gibt uns alles, weißt du ja; und es ist keine große Mühe, wenn er es von uns verlangt. Es ist am Ende nicht so sehr langweilig.«

»Du liebes, gefälliges Herz!« sagte St. Clare und küßte sie. »Geh, du bist ein gutes Mädchen, und bete für mich!«

»Das tue ich ja immer«, sagte das Kind, als sie ihrer Mutter nach in den schönen Wagen sprang.

St. Clare blieb auf der Treppe stehen und warf ihr eine Kußhand zu, wie der Wagen fortfuhr; große Tränen standen in seinen Augen.

»O Evangeline! Mit Recht führst du deinen Namen; hat dich Gott nicht mir als fröhliche Botschaft geschickt?«

So empfand er einen Augenblick lang, und dann rauchte er eine Zigarre und las den Picayune und vergaß sein kleines Evangelium. War er viel anderes als andere Leute?

15. Kapitel


Des freien Mannes Verteidigung

Wie sich der Abend nahte, war im Quäkerhause alles in sanfter Aufregung. Rachel Halliday bewegte sich ruhig hin und her, um aus ihren Wirtschaftsvorräten für die Wanderer, die sich heute nacht auf den Weg machen sollten, solche Bedürfnisse zu sammeln, wie sich leicht in einen kleinen Raum bringen ließen. Die Nachmittagschatten waren ostwärts gerichtet, und die runde rote Sonne stand gedankenvoll am Horizont und ihre Strahlen schienen gelb und Ruhe bringend in das kleine Schlafzimmer, wo sich George und seine Frau befanden. Er saß da, sein Kind auf dem Knie und die Hand seiner Frau in der seinigen. Beide sahen nachdenklich und ernst aus, und Spuren von Tränen waren auf ihren Wangen.

»Ja, Elisa«, sagte George, »ich weiß, daß alles, was du sagst, wahr ist. Du bist ein gutes Kind – viel besser, als ich bin; und ich will versuchen, so zu handeln, wie du sagst. Ich will versuchen zu handeln, wie es sich für einen freien Mann ziemt. Ich will versuchen zu fühlen, wie ein Christ. Gott der Allmächtige weiß, daß ich stets den Willen hatte, gut zu sein – daß ich mein Möglichstes getan habe, gut zu sein –, als alles gegen mich war; und jetzt will ich alles vergessen, was vorüber ist, und jede böse und bittere Empfindung unterdrücken und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu werden.«

»Und wenn wir nach Kanada kommen«, sagte Elisa, »so kann ich dir helfen. Ich kann recht gut Putz machen; und ich verstehe mich aufs Feinwaschen und Plätten; und mit vereinten Kräften werden wir schon leben können.«

»Ja, Elisa, solange wir uns einander und den Knaben haben. Ach, Elisa, wenn diese Leute nur wüßten, was es für ein Segen für einen Mann ist, zu fühlen, daß seine Frau und sein Kind ihm angehören. Ich habe mich oft gewundert, einen Mann, der seine Frau und seine Kinder sein nennen konnte, wegen etwas anderem klagen oder sorgen zu sehen. Ich komme mir reich und mächtig vor, obgleich wir nichts haben als unsere leeren Hände. Es ist mir, als ob ich kaum Gott um mehr bitten könnte. Ja, obgleich ich jeden Tag angestrengt gearbeitet habe, bis ich 25 Jahre alt bin, und keinen Cent Geld und kein Dach über dem Kopf und keinen Fleck Land mein eigen nennen kann, so will ich jetzt doch zufrieden, ja dankbar sein, wenn sie mich nur ungeschoren lassen; ich will arbeiten und das Geld für dich und unseren Knaben zurückschicken. Was meinen alten Herrn betrifft, so hat er schon fünfmal mehr, als er für mich verwendet hat, durch mich verdient. Ich bin ihm gar nichts schuldig.«

»Aber wir sind noch nicht ganz außer Gefahr«, sagte Elisa. »Wir sind noch nicht in Kanada.«

»Das ist wahr«, sagte George, »aber es ist mir, als atmete ich die Luft der Freiheit schon ein, und das macht mich stark.«

In diesem Augenblick hörte man im äußeren Zimmer Stimmen in angelegentlichem Gespräch, und bald vernahm man ein Klopfen an der Tür. Elisa schrak auf und öffnete.

Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war dürr, hatte rotes Haar und sein Gesicht trug einen Ausdruck großer Schlauheit. Er hatte nichts von dem ruhigen, unweltlich gesinnten Wesen Simeon Hallidays; im Gegenteil etwas ganz besonders Pfiffiges und praktisch Gewandtes, wie ein Mann, der eher stolz darauf ist, stets zu wissen, was er will, und ein scharfes Auge zu haben, auf alles zu sehen; Eigentümlichkeiten, welche etwas seltsam zu dem breitkrempigen Hute und der förmlichen Quäkersprache paßten.

»Unser Freund Phineas hat etwas von Wichtigkeit für dich und deine Frau entdeckt, George«, sagte Simeon. »Es würde dir von Nutzen sein, es zu hören.«

»Ja, ich habe etwas entdeckt«, sagte Phineas, »und es zeigt, wie nützlich es ist, wenn ein Mann an gewissen Orten immer mit einem offenen Ohre schläft, wie ich immer gesagt habe. Gestern nacht kehrte ich in einer kleinen einsamen Schenke unten an der Straße ein. Du erinnerst dich an den Ort, Simeon – wir verkauften voriges Jahr dort Äpfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen. Ich war müde vom langen Fahren, und nach dem Abendessen legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der Ecke und zog eine Büffelhaut über mich, um zu warten, bis mein Bett fertig sei; und was passiert mir? Ich schlafe fest ein.«

»Mit einem Ohr offen, Phineas«, sagte Simeon ruhig.

»Nein, ich schlief samt den Ohren ein, über zwei Stunden lang, denn ich war ziemlich müde; aber als ich wieder ein wenig zu mir kam, fand ich, daß noch ein paar Gäste im Zimmer waren, die trinkend und sprechend um einen Tisch saßen; und ich dachte, ehe ich aufstände, wollte ich sehen, was sie im Werke hätten, vorzüglich, da ich hörte, daß sie etwas von Quäkern sagten. ›Sie sind also jedenfalls in der Quäkerniederlassung‹, sagte der eine. Nun horchte ich mit beiden Ohren und fand, daß sie von diesen Leuten hier sprachen. So blieb ich denn still liegen und hörte sie alle ihre Pläne entwickeln. Dieser junge Mann, sagten sie, soll nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, der ein Beispiel an ihm geben wolle, um andere Nigger vom Davonlaufen abzuschrecken; und seine Frau wollten zwei von ihnen auf eigene Rechnung nach New Orleans zum Verkauf bringen, und sie rechneten, 1600 oder 1800 Dollar für sie zu bekommen; und den Knaben, sagten sie, bekommt ein Händler, der ihn gekauft hat; und dann der Bursche Jim und seine Mutter sollten ihrem Herrn nach Kentucky zurückgeschickt werden. Sie sagten, sie hätten in einer Stadt nicht weit von dort zwei Konstabler, die sie auf der Verfolgung begleiten würden, und die junge Frau wollten sie vor einen Friedensrichter führen; und einer von den Kerlen, der klein ist und zu reden weiß, wollte schwören, sie sei sein Eigentum, und sie sich übergeben lassen, um sie nach dem Süden zu schaffen. Sie haben auch den Weg, den wir diese Nacht nehmen wollen, richtig erraten; und sie werden uns 6 oder 8 Mann stark verfolgen. – Was ist nun zu tun?«

Die Gruppe, die nach dieser Mitteilung in verschiedenen Stellungen dastand, war eines Malers würdig. Rachel Halliday, die um die Nachricht zu hören, ihre Biskuits hatte liegenlassen, stand mit gen Himmel erhobenen und mehligen Händen und einem Gesicht voll der tiefsten Teilnahme da.

Simeon war in tiefes Sinnen verloren; Elisa hatte die Arme um ihren Gatten geschlungen und blickte zu ihm hinauf. George stand mit geballten Fäusten und flammenden Augen da und sah aus, wie jeder andere Mensch aussehen würde, dessen Weib in einer Auktion versteigert und dessen Sohn einem Sklavenhändler übergeben werden soll, natürlich unter dem Schutz der Gesetze eines christlichen Staates.

»Was sollen wir beginnen, George?« sagte Elisa mit schwacher Stimme.

»Ich weiß, was ich tun werde«, sagte George, indem er in das kleine Zimmer trat und seine Pistolen untersuchte.

»Ja, ja«, sagte Phineas und nickte Simeon zu, »du siehst, Simeon, was es für eine Wirkung macht.«

»Ich sehe wohl«, sagte Simeon mit einem Seufzer, »ich bitte zu Gott, daß es nicht dazu kommt.«

»Ich will niemanden mit mir oder für mich in Ungelegenheit bringen«, sagte George. »Wenn Ihr mir Euren Wagen leihen und mir den Weg zeigen wollt, so fahre ich allein nach der nächsten Station. Jim hat die Stärke eines Riesen und ist so brav, wie Tod und Verzweiflung nur sein können, und ich bin’s auch.«

»Das ist schon gut, Freund«, sagte Phineas, »aber du brauchst doch einen Kutscher. Das Fechten wollen wir dir ganz allein überlassen, weißt du; aber ich kenne ein paar Winkel der Straße, die du nicht kennst.«

»Aber ich mag Euch nicht mit hineinverwickeln«, sagte George.

»Verwickeln?« sagte Phineas mit einem seltsamen und schlauen Ausdruck des Gesichts. »Wenn du mich verwickelt hast, so laß mich’s ja wissen.«

»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann«, sagte Simeon. »Ich rate dir, George, dich nach seinem Urteil zu richten, und«, setzte er hinzu, indem er die Hand gütig auf Georges Schulter legte und auf die Pistolen wies, »sei nicht so rasch mit diesen Dingern – junges Blut ist hitzig.«

»Ich werde keinen Menschen angreifen«, sagte George. »Ich verlange von diesem Lande nur, daß man mich gehen läßt, und ich werde in Frieden gehen; aber« – er hielt inne, und seine Stirn verfinsterte sich, und in seinem Gesichte zuckte es krampfhaft – »man hat mir eine Schwester auf diesem New-Orleans-Markt verkauft. Ich weiß, wozu sie verkauft werden; und soll ich es mir ruhig gefallen lassen, daß sie mir meine Frau nehmen und sie mir verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme gegeben hat, sie zu verteidigen? Nein, Gott helfe mir! Ich wehre mich bis zum letzten Atemzuge, ehe sie mein Weib und meinen Sohn gefangennehmen wollen. Könnt Ihr mich tadeln?«

»Sterbliche Menschen können dich nicht tadeln, George. Fleisch und Blut können nicht anders«, sagte Simeon. »Wehe der Welt wegen des Ärgernisses, aber wehe denen, so das Ärgernis geben.«

»Würdet Ihr nicht auch dasselbe an meiner Stelle tun?«

»Ich bitte Gott, daß er mich nicht in Versuchung führt«, sagte Simeon, »das Fleisch ist schwach!«

»Ich glaube, mein Fleisch würde in einem solchen Falle leidlich stark sein«, sagte Phineas und reckte ein Paar Arme, groß wie die Flügel einer Windmühle. »Ich weiß nicht, Freund George, ob ich nicht einen Kerl für dich festhielte, wenn du eine Rechnung mit ihm abzumachen hättest.«

»Wenn überhaupt der Mensch sich gegen das Unrecht wehren darf«, sagte Simeon, »so hat George jetzt ein Recht dazu; jedoch die Führer unseres Volkes haben einen vortrefflicheren Weg gezeigt, denn der Zorn des Menschen bringt nicht die Gerechtigkeit Gottes; aber es geht dem verderbten Willen des Menschen hart an, und niemand kann es vollbringen als die, denen es gegeben ist. Laßt uns den Herrn bitten, daß er uns nicht in Versuchung führt.«

»Und das will ich auch tun«, sagte Phineas, »aber wenn wir zu stark versucht werden – na, ich sage bloß, sie sollen sich in acht nehmen.«

»Es ist doch gleich sichtbar, daß du nicht als Freund geboren bist«, sagte Simeon lächelnd. »Der alte Adam ist noch ziemlich stark in dir.« Die Wahrheit zu gestehen, Phineas war ein derber, kräftiger Hinterwäldler gewesen, ein gewaltiger Jäger und der Tod jedes Rehbocks; aber die Reize einer hübschen Quäkerin, um die er geworben, hatten ihn bewogen, der Gemeinde beizutreten; und obgleich er ein ehrliches, nüchternes und brauchbares Mitglied war und niemand etwas Besonderes gegen ihn zu sagen wußte, so gewahrten doch die mehr von dem Geiste durchdrungenen Brüder einen großen Mangel an der rechten Salbung an ihm.

»Freund Phineas wird immer seine eigene Weise haben«, sagte Rachel Halliday lächelnd, »aber wir sind alle überzeugt, daß er trotzdem das Herz auf dem rechten Flecke hat.«

»Wäre es nicht besser, wir beschleunigten unsere Flucht?« sagte jetzt George.

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in aller Eile hierher geritten, volle zwei oder drei Stunden ihnen voraus, wenn sie zu der Zeit, die sie im Sinne hatten, aufgebrochen sind. Es ist jedenfalls nicht sicher, vor Dunkelwerden abzufahren, denn in den Dörfern vor uns sind einige Übelgesinnte, die uns vielleicht in den Weg treten könnten, wenn sie unseren Wagen sehen, und das wäre mehr Aufenthalt als das Warten; aber in zwei Stunden, glaube ich, können wir’s wagen. Ich gehe zu Michael Croß hinüber, der uns mit seinem schnellen Pferde nachkommen und auf der Landstraße gute Wacht halten soll, um uns Nachricht zu geben, wenn sich ein Trupp Menschen zeigt. Michael überholt die meisten andern Pferde sehr bald, und er kann uns nachjagen und uns warnen, wenn Gefahr ist. Ich sage jetzt auch Jim und der Alten, sich bereitzuhalten, und sehe nach den Pferden. Wir haben einen ziemlichen Vorsprung und die beste Aussicht, die Station zu erreichen, ehe sie uns einholen. Also nur guten Mut, Freund George, das ist nicht der erste schlimme Handel, den ich mit deinen Leuten gehabt habe«, sagte Phineas, indem er die Tür zumachte.

»Phineas ist ein kluger Mann«, sagte Simeon. »Er wird das Beste tun, was für dich zu tun ist, George.«

»Es tut mir nur das eine leid, daß Ihr Euch so großer Gefahr aussetzt«, sagte George.

»Du würdest uns sehr verpflichten, Freund George, davon nicht weiter zu reden. Was wir tun, ist unsere Gewissenspflicht; wir können nicht anders handeln. Und nun, Mutter«, sagte er zu Rachel gewendet, »beende deine Zubereitungen für diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend gehen lassen.«

Und während Rachel und ihre Kinder geschäftig Maiskuchen bereiteten und Schinken und Huhn kochten und die mancherlei Bestandteile des Abendessens fertigmachten, saßen George und seine Frau in ihrem kleinen Zimmer nebeneinander und hielten sich umschlungen und vertieften sich in solche Gespräche, wie Gatte und Gattin miteinander haben, wenn sie wissen, daß sie in ein paar Stunden auf immer voneinander getrennt werden können.

»Elisa«, sagte George, »Menschen, die Häuser und Freunde und Ländereien und Geld haben, können nicht so lieben wie wir, die wir weiter nichts haben als uns selbst. Bis ich dich kennenlernte, Elisa, hatte mich kein Wesen geliebt als meine arme Mutter und meine Schwester. Ich sah die arme Emily an dem Morgen, wo der Sklavenhändler sie fortschleppte. Sie trat in die Ecke, wo ich noch im Schlafe lag, und sagte: ›Armer George, deine letzte Freundin geht jetzt. Was wird aus dir werden, armer Knabe?‹ Und ich stand auf und umarmte sie und weinte und schluchzte, und auch sie weinte; und das sind die letzten freundlichen Worte, die ich zehn lange Jahre hindurch hörte, und mein Herz vertrocknete und war so dürr wie Asche, bis ich dich kennenlernte. Und daß du mich liebtest – ach, es war mir fast, als ob ich aus dem Grabe erstünde. Ich bin seitdem wie ein neuer Mensch gewesen! Und jetzt, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen hingeben, aber entreißen sollen sie dich mir nicht. Wer dich haben will, muß erst über meine Leiche hinweg.«

»O Herr, habe Erbarmen mit uns«, schluchzte Elisa. »Wenn er uns nur vereint aus diesem Lande entkommen läßt, weiter verlange ich nichts.«

Als sie sich später alle noch einmal zum Abendessen an den Tisch setzten, hörte man ein leises Klopfen an der Tür, und Ruth trat herein.

»Ich bin eben nur herübergesprungen, um dem Knaben die Strümpfchen zu bringen«, sagte sie. »Es sind drei Paar, hübsch warme, wollene. Du weißt, es ist kalt in Kanada. Hast du noch frischen Mut, Elisa?« setzte sie hinzu, indem sie zu Elisa sprang und ihr mit Wärme die Hand schüttelte und Harry einen Kuchen in die Hand schlüpfen ließ. »Ich habe ein kleines Päckchen davon für ihn mitgebracht«, sagte sie und zerrte an ihrer Tasche, um das Päckchen herauszuholen. »Du weißt ja, Kinder wollen immer essen.«

»O, ich danke Euch; Ihr seid zu gütig«, sagte Elisa.

»Komm, Ruth, iß mit uns«, sagte Rachel.

»Ich kann nicht, durchaus nicht. Ich habe John mit dem Kleinen zu Hause gelassen und mit ein paar Biskuits im Ofen; und ich kann keinen Augenblick bleiben, sonst läßt John die Biskuits verbrennen und gibt dem Kleinen allen Zucker aus der Dose. So macht er’s«, sagte die kleine Quäkerin lachend. »So leb wohl, Elisa; leb wohl, George; der Herr schenke dir eine sichere Reise«, und mit ein paar hüpfenden Schritten war Ruth zur Tür hinaus. Kurze Zeit nach dem Abendessen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor der Tür vor; die Nacht war sternenhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitz herunter, um seine Passagiere unterzubringen. George trat aus der Tür, den Knaben auf einem Arm und seine Frau an dem andern. Sein Gang war fest, sein Gesicht gefaßt und entschlossen. Rachel und Simeon kamen hinter ihm her.

»Steigt einen Augenblick aus«, sagte Phineas zu den Drinsitzenden, »daß ich die Rückseite für die Frauen und den Knaben zurechtmache.«

»Hier sind die zwei Büffelhäute«, sagte Rachel. »Macht die Sitze nur recht bequem; es strengt an, die ganze Nacht hindurch zu fahren.«

Jim stieg zuerst aus und half sorglich seiner alten Mutter heraus, die sich an seinen Arm anklammerte und ängstlich um sich schaute, als erwartete sie den Verfolger jeden Augenblick ankommen zu sehen.

»Jim, sind deine Pistolen in Ordnung?« sagte George mit gedämpfter, fester Stimme.

»Jawohl«, sagte Jim.

»Und du weißt, was du mit ihnen zu tun hast, wenn sie kommen?«

»Ich sollte wohl meinen«, sagte Jim und warf sich in die breite Brust und holte tief Atem. »Meinst du wohl, ich würde die Mutter wieder fangen lassen?«

Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer guten Freundin Rachel Abschied genommen, und Simeon half ihr in den Wagen. Sie nahm in dem hinteren Teile desselben mit ihrem Knaben auf den Büffelfellen Platz. Die Alte stieg nach ihr ein. George und Jim setzten sich auf ein Brett vor ihnen, und Phineas bestieg den Kutschersitz.

»Lebt wohl, Freunde«, sagte Simeon von draußen.

»Gott segne euch!« antworteten alle aus dem Wagen.

Und der Wagen fuhr fort über den gefrorenen Weg dahinrasselnd.

Wegen der Unebenheit der Straße und des Lärms der Räder war keine Gelegenheit zur Unterhaltung vorhanden. Sie rumpelten daher eine Stunde nach der anderen durch lange dunkle Strecken Wald, über weite öde Ebenen, bergauf und bergab, und immer weiter. Das Kind lag bald in tiefem Schlummer auf dem Schoß der Mutter. Die arme von Angst erfüllte Alte vergaß endlich ihre Furcht; und selbst Elisa fand, wie der Morgen näher kam, daß alle ihre Sorgen nicht hinreichten, um den Schlaf von ihren Augen fernzuhalten. Phineas schien im ganzen der Munterste von der ganzen Gesellschaft zu sein und vertrieb sich die lange Fahrt damit, daß er verschiedene sehr unquäkermäßig klingende Lieder pfiff.

Aber gegen drei Uhr vernahm Georges Ohr eiligen und deutlichen Hufschlag, der in einiger Entfernung hinter ihm her kam, und er stieß Phineas an den Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.

»Das muß Michael sein«, sagte er, »ich glaube, ich erkenne seinen Galopp«, und er stand auf und streckte den Kopf voll gespannter Aufmerksamkeit in das Dunkel hinaus.

Man erkannte jetzt undeutlich auf dem Gipfel eines fernen Hügels einen mit verhängtem Zügel dahersprengenden Reiter.

»Ich glaube, das ist er«, sagte Phineas. George und Jim sprangen beide aus dem Wagen, ehe sie wußten, was sie eigentlich taten. Alle standen schweigend in aufs höchste gespannter Erwartung da, und ihre Gesichter wendeten sich dem erwarteten Boten zu. Immer näher kam er. Jetzt ritt er hinunter in eine Tiefe, wo sie ihn nicht sehen konnten; aber sie hörten den scharfen hastigen Hufschlag, der immer näher und näher kam; endlich sahen sie ihn auf dem Rande einer Höhe im Bereich ihrer Stimme erscheinen.

»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas und rief jetzt hinüber: »Hallo, he! Michael!«

»Phineas! Bist du’s?«

»Ja, was gibt’s? – Kommen sie?«

»Gerade hinter uns, acht oder zehn, von Branntwein berauscht und fluchend und schäumend wie die Wölfe!«

Und während er noch sprach, trug der Wind den schwachen Schall herangaloppierender Reiter herüber.

»Herein, herein – rasch, Kameraden, herein!« sagte Phineas. »Wenn ihr fechten müßt, so wartet, bis ihr noch ein Stück weiter kommt!« Und auf das Geheiß sprangen beide hinein, und Phineas peitschte auf die Pferde, daß sie galoppierten, während der Reiter dicht neben ihnen blieb. Der Wagen rasselte und flog fast über den gefrorenen Erdboden; aber deutlicher und immer deutlicher vernahm man den Hufschlag der verfolgenden Reiter. Die Frauen hörten es, blickten angstvoll hinaus und sahen weit hinten auf dem Rand eines fernen Hügels einen Trupp Reiter sich in unbestimmten Umrissen von dem rotstreifigen Himmel des grauenden Morgens abheben. Noch ein Hügel, und die Verfolger hatten offenbar den Wagen erblickt, dessen weiße Plane durch das Dämmergrau in die Ferne leuchtete, und der Wind trug ein lautes Gebrüll brutalen Frohlockens herüber. Elisa wurde es dunkel vor den Augen und sie drückte das Kind fester an die Brust, die Alte betete und stöhnte, und George und Jim packten ihre Pistolen mit verzweifelter Faust. Die Verfolger kamen ihnen rasch näher, der Wagen machte plötzlich eine Wendung, und sie kamen an eine steile überragende Felsklippe, ein alleinstehender Ausläufer einer größeren Gruppe, die rundum glatt abfiel. Diese einzeln stehende Felsengruppe ragte gegen den heller werdenden Himmel empor und schien Schutz und ein Versteck zu versprechen. Phineas kannte den Platz recht gut noch von seinen Jägerzeiten her, und um ihn zu erreichen, hatte er die Pferde so angetrieben.

»Nun gilt’s!« sagte er, indem er plötzlich die Pferde anhielt und von seinem Sitze heruntersprang. »Nur rasch ausgestiegen und hinauf mit mir auf den Felsen! Michael, binde du dein Pferd an den Wagen und fahre voraus zu Amariah, daß er und sein Bursche herreiten und mit diesen Kerlen reden.«

In einem Nu waren sie alle aus dem Wagen gestiegen.

»So«, sagte Phineas und nahm Harry, »jeder von euch nimmt eine von den Frauen, und nun lauft, wenn ihr jemals gelaufen seid.«

Es bedurfte der Ermahnung nicht. Schneller, als wir es erzählen können, waren alle unsere Freunde über die Fence geklettert und eilten mit möglichster Schnelle die Felsen hinauf, während Michael sich vom Pferde warf, es mit dem Zaume an den Wagen band und nun rasch weiterfuhr.

»Nun vorwärts!« sagte Phineas, als sie die Felsen erreichten und in dem Zwitterlichte der Sterne und des grauenden Morgens die Spuren eines hinaufführenden Fußpfades bemerkten. »Das ist einer unserer alten Jagdverstecke. Kommt nur!«

Phineas ging voraus und sprang mit dem Knaben auf seinem Arme wie eine Ziege über die Klippen. Ihm folgte Jim, der seine zitternde alte Mutter auf dem Rücken trug, und George und Elisa schlossen den Zug. Die verfolgenden Reiter erreichten jetzt die Fence und stiegen schreiend und fluchend von den Pferden und machten sich bereit, jenen zu folgen. Nach einem kurzen Klettern erreichten sie den Gipfel des Ausläufers, aber nun ging der Pfad durch eine schmale Kluft, in der nur einer auf einmal Platz hatte, bis sie plötzlich vor einem neuen Querspalt standen, der den Boden auf ein Yard breit auseinanderriß. Jenseits desselben erhob sich eine Gruppe Klippen, von dem übrigen Felsen getrennt, wohl dreißig Fuß hoch und steil abfallend, wie die Wälle einer Burg. Mit Leichtigkeit sprang Phineas über den Spalt und setzte den Knaben auf eine glatte mit krausem weißen Moos bedeckte Fläche, welche den Gipfel des Felsens krönte.

»Springt rasch herüber!« rief er. »Es gilt jetzt euer Leben!« sagte er, als einer nach dem andern hinübersprang. Mehrere lose Felsstücke bildeten eine Art Brustwehr, welche den unten Stehenden die Einsicht in ihren Zufluchtsort verwehrte.

»Nun, da wären wir ja alle«, sagte Phineas und warf nun über die Brustwehr einen vorsichtigen Blick auf die Verfolger, die sich jetzt unten am Felsen den Pfad heraufdrängten. »Nun mögen sie kommen, wenn sie heran können. Wer hier heran will, muß einzeln durch diese Kluft gehen, in bester Schußweite eurer Pistolen, seht ihr, Kameraden?«

»Ich sehe es«, sagte George, »und jetzt, da es unsre Sache ist, so laßt uns die Gefahr übernehmen und das Fechten allein besorgen.«

»Das Fechten soll dir gern überlassen sein«, sagte Phineas, der ein paar Checkerbeerblätter zerkaute; »aber ich darf doch das Zusehen haben, vermute ich. Aber seht, die Burschen streiten sich unten und gucken herauf, wie Hühner, wenn sie auf die Steige fliegen wollen. Wäre es nicht besser, du sagtest ihnen offen und ehrlich, ehe sie sich heranwagen, daß man auf sie schießen wird?«

Die Verfolger, die man jetzt bei dem helleren Morgenschimmer besser erkennen konnte, waren unsere alten Bekannten Tom Loker und Marks und ein Gefolge von so viel Lungerern, als sich in der letzten Schenke durch ein paar Glas Branntwein hatten bewegen lassen, des Spaßes wegen mit auf die Niggerjagd zu gehen.

»Nun, Tom, dein Wild hat sich gestellt«, sagte einer.

»Ja, ich habe sie da hinauflaufen sehen«, sagte Tom, »und hier ist ein Pfad. Ich gebe den Rat, geradenwegs hinaufzugehen. Sie können nicht gleich wieder runterspringen, und es wird nicht viel Zeit kosten, sie herauszutreiben.«

»Aber Tom, sie können hinter den Felsen hervor auf uns schießen«, sagte Marks. »Das wäre doch garstig.«

»Pfui!« sagte Tom mit höhnischem Lächeln. »Bist immer bange um deine Haut, Marks! Das ist nicht zu besorgen! Nigger sind viel zu feig‘ dazu!«

»Ich weiß nicht, warum mir nicht um meine Haut bange sein sollte«, sagte Marks, »’s ist die beste, die ich habe, und Nigger wehren sich manchmal wie die leibhaften Teufel.«

In diesem Augenblick zeigte sich George auf der Spitze eines Felsens über ihnen und rief ihnen mit einer festen klaren Stimme zu:

»Ihr Herren dort unten, wer seid Ihr und was wollt Ihr?«

»Wir suchen entlaufene Nigger«, sagte Tom Loker. »Einen gewissen George Harris und Elisa Harris und ihren Knaben, und Jim Seiden und eine alte Frau. Wir haben die Konstabler mitgebracht und einen Verhaftsbefehl gegen sie; und wir werden sie auch kriegen. Hört Ihr da oben? Seid Ihr nicht George Harris, der Mr. Harris von Shelby-County in Kentucky gehört?«

»Ich bin George Harris. Ein Mr. Harris von Kentucky nannte mich sein Eigentum. Aber jetzt bin ich ein freier Mann und stehe auf Gottes freier Erde; und mein Weib und mein Kind nehme ich als die meinigen in Anspruch. Wir haben Waffen, uns zu verteidigen, und werden davon Gebrauch machen. Ihr könnt heraufkommen, wenn Ihr Lust habt, aber der erste, der in den Bereich unserer Kugeln kommt, ist eine Leiche, und der nächste auch, und so fort, bis zum letzten.«

»Ah, laßt doch das Gerede«, sagte ein dicker kurzer Mann, der jetzt vortrat und sich dabei die Nase schneuzte. »Junger Mann, so dürft Ihr durchaus nicht sprechen. Ihr seht, wir sind Gerichtsbeamte. Wir haben das Gesetz auf unserer Seite und die Macht und alles; Ihr tut also am besten, Euch ohne Widerstand zu ergeben, denn ergeben müßt Ihr Euch doch zuletzt.«

»Ich weiß recht gut, daß Ihr das Gesetz auf Eurer Seite habt und die Macht«, sagte George bitter. »Ihr wollt meine Frau nach New Orleans verkaufen und meinen Knaben wie ein Kalb bei einem Händler in die Fütterung geben, und Jims alte Mutter wieder dem Wüterich zuschicken, der sie auspeitschte und mißhandelte, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Und Jim und mich wollt Ihr zurückschicken, daß die, welche Ihr unsere Herren nennt, uns auspeitschen und foltern lassen und mit ihrem Fuße zertreten; und Eure Gesetze geben Euch das Recht dazu – desto größer die Schande für Euch und sie! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure Gesetze nicht an; wir erkennen Euren Staat nicht an; wir stehen hier unter Gottes Himmel so frei wie Ihr; und bei dem großen Gotte, der uns erschaffen hat, wir wollen für unsere Freiheit kämpfen bis zum Tode.«

George stand frei und offen auf dem Gipfel des Felsens da, wie er seine Unabhängigkeitserklärung verkündigte; das Morgenrot färbte seine gebräunte Wange, und bittere Entrüstung und Verzweiflung flammten in seinem dunklen Auge; und als ob er von den Menschen an die Gerechtigkeit Gottes appellierte, erhob er seine Hand gen Himmel, während er sprach.

Blick, Stimme und Benehmen des Sprechers brachte für einen Augenblick die Verfolger unten zum Schweigen. In Kühnheit und Entschlossenheit liegt etwas, was selbst der rohsten Natur eine Zeitlang Achtung einflößt. Marks war der einzige, der ganz ungerührt blieb. Er spannte ganz ruhig den Hahn seiner Pistole und schoß nach George in der augenblicklichen Pause, die auf seine Rede folgte.

»Man kriegt ja für ihn in Kentucky ebensoviel tot als lebendig«, sagte er gleichgültig, während er die Pistole an seinem Rockärmel abwischte. George sprang zurück – Elisa stieß einen Schrei aus – die Kugel war ihm dicht am Kopfe vorbeigefahren, hatte fast die Wange seiner Frau gestreift und schlug in einen Baum hinter ihnen.

»Es ist nichts, Elisa«, sagte George rasch.

»’s ist besser, du bleibst versteckt und läßt das Reden sein«, sagte Phineas, »es sind gemeine Schlingel.«

»Nun, Jim«, sagte George, »sieh nach, ob deine Pistolen in Ordnung sind, und gib acht auf diesen Paß dort. Auf den ersten, der sich zeigt, schieße ich; du nimmst den zweiten aufs Korn und so fort. Wir dürfen nicht zwei Kugeln an einen verschwenden.«

»Aber wenn du nicht triffst?«

»Ich werde treffen«, sagte George ruhig.

»Gut! Der Bursche ist von gutem Zeuge«, brummte Phineas zwischen den Zähnen.

Die unten standen, nachdem Marks geschossen hatte, eine Weile lang ziemlich unentschlossen da.

»Ich glaube, du hast einen getroffen«, sagte einer. »Ich hörte ein Gequiek!«

»Ich gehe geradenwegs hinauf«, sagte Tom. »Ich habe mich noch nie vor Niggern gefürchtet und werde jetzt nicht anfangen. Wer folgt mir?« sagte er und sprang die Felsen hinauf.

George hörte die Worte deutlich. Er zog die Pistole heraus, untersuchte sie und zielte nach der Stelle im Passe, wo der erste erscheinen mußte. Einer der mutigsten von den untenstehenden folgte Tom, und da jetzt der Anfang einmal gemacht war, so drängte sich die ganze Gesellschaft den Felsen hinauf – und die hintersten drängten die vordersten rascher vor, als sie sonst hinaufgegangen wären. Sie kamen immer näher, und einen Augenblick später erschien Toms ungeschlachte Gestalt fast an dem Rande des Spaltes.

George feuerte seine Pistole ab – die Kugel fuhr dem Gegner in die Seite; aber obgleich verwundet, wollte er doch nicht zurück, sondern sprang brüllend wie ein wütender Stier gerade über den Spalt mitten unter die Flüchtlinge.

»Freund«, sagte Phineas, indem er plötzlich vortrat und ihm seine langen Arme entgegenstieß, »dich brauchen wir hier nicht.«

Und er stürzte unter dem Knicken und Brechen von Zweigen und Gebüschen und dem Poltern von Klötzen und losen Steinen in die Schlucht hinunter, bis er wund und ächzend dreißig Fuß tiefer unten liegen blieb. Der Fall hätte ihm den Tod bringen können, wenn seine Gewalt nicht dadurch gebrochen worden wäre, daß seine Kleider in den Zweigen eines großen Baumes hängenblieben; aber er stürzte doch mit ziemlicher Heftigkeit auf den Boden – viel heftiger, als angenehm und passend war.

»Der Herr schütze uns! Die sind ja ganz des Teufels!« sagte Marks, der den Rückzug mit viel größerer Bereitwilligkeit anführte, als er bei dem Heraufsteigen gezeigt hatte, während die übrigen ihm tumultartig nachstürzten, wobei vorzüglich der dicke Konstabler auf sehr energische Weise blies und pustete.

»Hört, Leute«, sagte Marks, »Ihr geht unten herum und hebt Tom auf, während ich mich aufs Pferd setze und Hilfe hole – das ist das beste«, und ohne auf das Pfeifen und Spotten der Gesellschaft zu achten, sah man ihn bald fortgaloppieren.

»Habt Ihr je einen so feigen Schlingel gesehen!« sagte einer von den Leuten. »Uns in seiner Sache hierher zu bringen und uns dann auf diese Weise im Stich zu lassen!«

»Nun, wir müssen den Kerl doch mitnehmen«, sagte ein anderer. »Ich will verflucht sein, wenn es mir nicht ziemlich gleich ist, ob er tot oder lebendig ist.«

Von dem Stöhnen Toms geleitet, arbeiteten sich die Leute über Baumstämme, Klötze und durch dichtes Gebüsch, wo unser Held lag, mit Heftigkeit abwechselnd stöhnend und fluchend.

»Ihr macht ja greulichen Lärm, Tom«, sagte einer. »Seid Ihr stark verletzt?«

»Weiß nicht. Könnt Ihr mich nicht auf die Beine bringen, he? Hol der Teufel diesen höllischen Quäker. War der nicht gewesen, so hätte ich ein paar von ihnen hier runtergeschmissen, um zu sehen, wie es ihnen gefiel.«

Nicht ohne große Anstrengung und vieles Stöhnen brachte man den gefallenen Helden auf die Beine; und indem einer ihn unter jeder Schulter faßte, erreichten sie endlich die Stelle, wo die Pferde standen.

»Wenn Ihr mich nur eine Meile weiter zurück bis in die Schenke bringen könntet. Gebt mir ein Taschentuch oder so etwas, um die Wunde zu verbinden, damit die verwünschte Blutung aufhört.«

George schaute über die Klippen hinunter und sah sie den Versuch machen, die ungeschlachte Gestalt Toms in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen taumelte er und stürzte zu Boden.

»O ich hoffe, er ist nicht tot«, sagte Elisa, die mit den übrigen Verfolgten den Vorgang unten beobachtete.

»Warum nicht!« sagte Phineas. »Geschieht ihm recht.«

»Weil nach dem Tode das Gericht kommt«, sagte Elisa.

»Ja«, sagte die Alte, die während des ganzen Auftritts in ihrer Methodistenweise gestöhnt und gebetet hatte, »es ist ein schrecklich Ding für die Seele des Armen.«

»Wahrhaftig, ich glaube, sie lassen ihn im Stich«, sagte Phineas. Es war richtig, denn nach einigem Zaudern und Beraten bestiegen die anderen ihre Pferde und ritten davon. Als sie ganz aus dem Gesicht waren, fing Phineas wieder an, sich zu rühren.

»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen«, sagte er. »Ich sagte Michael, er solle vorausfahren und Hilfe holen und den Wagen wieder hierherbringen; aber ich rechne, wir werden ihm ein Stück entgegengehen müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe, daß er bald kommt! Es ist noch früh am Tage; es werden noch ein Weilchen nicht viel Leute auf der Landstraße sein; wir sind nicht viel weiter als zwei Meilen von unserem Ziele entfernt. Wäre der Weg nicht gestern nacht gar so schlecht gewesen, so hätten sie uns gewiß nicht eingeholt.«

Als unsere Flüchtlinge bald die Fence erreicht hatten, sahen sie in der Ferne auf der Straße ihren eigenen Wagen zurückkommen, begleitet von einigen Reitern.

»Ah, da ist Michael und Stephen und Amariah«, rief Phineas aus. »Jetzt sind wir sicher – so sicher, als ob wir schon dort wären.«

»Oh, so wollen wir erst versuchen, etwas für diesen Armen zu tun«, sagte Elisa. »Er stöhnt erschrecklich.«

»Das wäre bloß Christenpflicht«, sagte George. »Wir wollen ihn aufheben und mitnehmen.«

»Und ihn bei den Quäkern kurieren«, sagte Phineas. »Ganz hübsch! Na, mir ist’s gleich. Wir wollen einmal sehen, wie’s mit ihm steht.« Und Phineas, der im Verlaufe seines Jäger- und Hinterwäldlerlebens praktisch die ersten Anfangsgründe der Chirurgie kennengelernt hatte, kniete neben dem Verwundeten nieder und fing an, ihn aufmerksam zu untersuchen.

»Marks«, sagte Tom mit schwacher Stimme, »bist du’s, Marks?«

»Nein, ich rechne, ich bin’s nicht, Freund«, sagte Phineas. »Marks kümmert sich viel um dich, wenn er seine Haut in Sicherheit gebracht hat. Er ist schon lange, lange fort.«

»Ich glaube, es ist aus mit mir«, sagte Tom. »Der verdammte feige Hund! Mich hier allein sterben zu lassen! Meine arme Mutter sagte mir immer, es würde so kommen.«

»Ah, hört nur den armen Mann! Er hat eine Mutter«, sagte die Negerin. »Ich kann nicht dafür, er jammert mich!«

»Ruhig, ruhig, du darfst nicht zufahren und brummen, Freund«, sagte Phineas, als Tom zuckte und seine Hand wegstieß. »Es ist aus mit dir, wenn wir das Blut nicht stillen.« Und Phineas war eifrig beschäftigt, mit Hilfe seines Taschentuchs und denen der Gesellschaft den vorläufigen Verband anzulegen.

»Ihr habt mich hinuntergestoßen«, sagte Tom mit schwacher Stimme.

»Jawohl, aber hätte ich’s nicht getan, so hättest du uns hinuntergestoßen«, sagte Phineas, indem er sich über ihn beugte, um den Verband anzulegen. »So, so – laß mich den Verband festmachen. Wir meinen es gut mit dir, wir tragen nicht nach. Wir wollen dich nach einem Hause bringen, wo du ausgezeichnete Pflege finden sollst – so gut wie bei deiner Mutter.«

Tom stöhnte und schloß die Augen. Bei Leuten seiner Klasse sind Kraft und Entschlossenheit eine rein physische Sache und verflüchtigen sich mit dem fließenden Blute; und der riesige Mann sah in seiner Hilflosigkeit wirklich bemitleidenswert aus.

Die anderen kamen jetzt heran. Man nahm die Sitze aus dem Wagen. Die doppelt zusammengefalteten Büffelhäute wurden alle auf eine Seite gelegt, und vier Männer hoben mit großer Anstrengung den schweren Körper Toms in den Wagen. Ehe sie ihn untergebracht hatten, wurde er bewußtlos. In überströmendem Mitleid setzte sich die alte Negerin auf den Boden und nahm seinen Kopf auf ihren Schoß. Elisa, George und Jim teilten sich in den noch übrigen Platz, so gut es ging, und die ganze Gesellschaft brach auf.

»Was sagt Ihr von seinem Zustande?« fragte George, der vorn neben Phineas saß.

»’s ist bloß eine ziemlich tiefe Fleischwunde; aber das Hinunterfallen von der Klippe hat ihm nicht viel geholfen. Er hat stark geblutet – ’s ist ziemlich alles rausgeblutet – Courage und alles; aber er wird sich wieder aufhelfen und bei der Gelegenheit etwas lernen.«

»Es freut mich, das zu hören«, sagte George. »Es würde mir immer schwer auf dem Herzen liegen, wenn ich seinen Tod verschuldet hätte, selbst in gerechter Sache.«

»Ja«, sagte Phineas, »Totschlagen ist eine schlimme Sache, mag’s Mensch oder Vieh sein. Ich war zu meiner Zeit ein großer Jäger und ich sage dir, ich habe gesehen, wie mich ein totgeschossener Rehbock mit einem Blick anschaute, daß es mir wirklich schlecht vorkam, ihn totgeschossen zu haben; und mit Menschen ist es eine noch schlimmere Sache, weil, wie deine Frau sagt, nach dem Tode das Gericht über sie kommt. So weiß ich nicht, ob die Ansichten unserer Leute über diese Sachen zu streng sind; und wenn man bedenkt, wie ich meine Jugend verlebt habe, so schließe ich mich ihnen ziemlich entschieden an.«

»Was machen wir nun mit dem armen Manne?« fragte George.

»Oh, wir nehmen ihn mit zu Amariah. Dort ist die alte Großmutter Stephens – Doreas heißt sie – eine ganz erstaunliche Krankenwärterin. Das Krankenwarten kommt ihr ganz natürlich, und sie nimmt sich nie besser aus, als wenn sie einen zu pflegen hat. Wir können drauf rechnen, daß er so eine 14 Tage bei ihr bleiben wird.«

Eine Fahrt von etwa einer Stunde brachte die Gesellschaft nach einer schmucken Farm, wo die müden Reisenden ein reichliches Frühstück vorfanden. Tom Loker war bald sorglich in einem viel reineren und weicheren Bett untergebracht, als er jemals früher kennengelernt hatte. Man wusch und verband seine Wunde aufs sorgfältigste, und er lag ruhig da und blickte mit matten Augen, die ihm oft zusanken, wie bei einem müden Kind, die weißen Fenstervorhänge und die sanft dahingleitenden Gestalten in seinem Krankenzimmer an.

16. Kapitel


Miß Ophelias Erfahrungen und Meinungen

Unser Freund Tom verglich oft in seinen einfachen Gedanken sein glücklicheres Los in der Sklaverei mit dem Josephs in Ägypten; und in der Tat wurde im Verlauf der Zeit, wie er sich immer mehr unter dem Auge seines Herrn entwickelte, die Ähnlichkeit noch größer.

St. Clare war indolent und leichtsinnig in Geldsachen. Die Einkäufe für das Haus hatte bis jetzt hauptsächlich Adolf besorgt, der mindestens ebenso leichtsinnig und verschwenderisch wie sein Herr war; und diese beiden hatten den Verzettlungsprozeß mit großer Schnelligkeit betrieben. Tom, seit vielen Jahren gewöhnt, das Eigentum seines Herrn als einen seiner Obhut anvertrauten Gegenstand zu betrachten, sah mit einer Besorgnis, die er kaum verbergen konnte, die in dem Hause St. Clares herrschende grenzenlose Vergeudung und gab von Zeit zu Zeit in der ruhigen und indirekten Weise, welche seine Klasse sich oft angewöhnt, seine Winke.

St. Clare verwendete ihn anfangs nur gelegentlich; aber wie er allmählich seine Verständigkeit und seine große Anlage für Geschäfte kennenlernte, vertraute er ihm mehr und mehr, bis er allmählich die Einkäufe für die Wirtschaft alle zu besorgen hatte.

»Nein, nein, Adolf«, sagte St. Clare eines Tages, als Adolf sich bei ihm über die Verminderung seiner Machtvollkommenheit beklagte, »laß Tom nur machen. Du weißt nur, was du brauchst – Tom weiß, was es kostet und zu stehen kommt; und das Geld kann doch einmal mit der Zeit alle werden, wenn nicht jemand dafür sorgt.«

Mit dem unbedingten Vertrauen eines sorglosen Herrn beehrt, der ihm eine Rechnung gab, ohne sie anzusehen, und das Geld, das er zurückbrachte, ungezählt einsteckte, war Tom jeder Versuchung, unehrlich zu sein, ausgesetzt; und nichts als seine unerschütterliche Herzenseinfalt, aufrecht erhalten und gestärkt durch christlichen Glauben, konnte ihn rein erhalten. Aber bei diesem Charakter war das ihm geschenkte, ganz schrankenlose Vertrauen eine Gewähr für die gewissenhafteste Genauigkeit.

Mit Adolf war die Sache anders gewesen. Gedankenlos und genußsüchtig, und nicht im Zaum gehalten von einem Herrn, der die Nachsicht leichter fand als die Zucht, war er hinsichtlich seiner und seines Herrn über das Mein und Dein in eine vollständige Gedankenverwirrung geraten, die manchmal sogar St. Clare unruhig machte. Sein eigner, gesunder Sinn sagte ihm, daß eine solche Erziehung seiner Dienerschaft unrecht und gefährlich sei. Eine Art fortwährende Reue begleitete ihn überallhin, obgleich sie nicht stark genug war, um ihn zu einer entschiedenen Änderung seines Verfahrens zu bewegen; im Gegenteil trug diese Reue gerade dazu bei, seine Nachsicht noch größer zu machen. Er ging leicht über die schlimmsten Fehler hin, weil er sich sagte, daß seine Dienstboten sich derselben nicht schuldig gemacht hätten, wenn er seine Pflicht getan hätte.

Tom betrachtete seinen leichtsinnigen, heiteren und schönen jungen Herrn mit einer seltsamen Mischung von Untertänigkeit, Ehrerbietung und väterlicher Besorgnis. Daß er nie die Bibel las, nie in die Kirche ging; daß er über alles und jedes scherzte, was seinem Witze Nahrung gab; daß er seine Sonntagabende in der Oper oder im Schauspiel verlebte; daß er öfter als gut war zu Weingelagen und Clubs und Abendessen ging – das waren alles Sachen, die Tom so deutlich sehen konnte wie jeder andere und die ihn zu der Überzeugung brachten, daß Master kein Christ sei; eine Überzeugung, die er jedoch kaum gegen jemand auszusprechen gewagt hätte, die ihn aber zu vielen Gebeten in seiner eigenen einfachen Weise veranlaßten, wenn er allein in seiner Schlafkammer war. Bei alledem hatte Tom seine Art, mit dem seiner Klasse oft eigenen Takt gelegentlich seine Meinung zu sagen; so z. B. als an dem Tage nach dem eben beschriebenen Sonntag St. Clare zu einem fidelen Gelage gegangen war und zwischen ein und zwei Uhr nachts in einem Zustande nach Hause gebracht wurde, wo das Physische im Menschen entschieden das Übergewicht über das Geistige hatte. Tom und Adolf halfen ihm ins Bett, letzterer in bester Laune und offenbar in der Überzeugung, daß die ganze Geschichte ein recht guter Witz sei, und herzlich lachend über Toms einfältiges Entsetzen. Dieser aber war in der Tat einfältig genug, fast die ganze Nacht wach zu bleiben und für seinen jungen Herrn zu beten.

»Nun, Tom, auf was wartest du noch?« sagte St. Clare am nächsten Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Arbeitszimmer saß. St. Clare hatte Tom soeben Geld und verschiedene Aufträge übergeben.

»Ist etwas nicht in Ordnung, Tom?« setzte er hinzu, als Tom immer noch stehenblieb.

»Ich fürchte, nicht, Master«, sagte Tom mit ernstem Gesicht.

St. Clare legte die Zeitung aus der Hand, setzte die Kaffeetasse hin und sah Tom an.

»Was gibt’s denn, Tom? Du siehst ja so feierlich aus, wie ein Sarg.«

»Es ist mir sehr schlecht, Master. Ich habe immer geglaubt, Master wäre gut gegen jedermann.«

»Nun, bin ich das nicht gewesen, Tom? Sage, was willst du? Du hast gewiß etwas nicht bekommen, und das ist die Einleitung dazu?«

»Master ist immer gut gegen mich gewesen. Ich habe mich in der Hinsicht über nichts zu beklagen. Aber gegen einen ist Master nicht gut.«

»Aber, Tom, was hast du dir in den Kopf gesetzt? Nur heraus mit der Sprache; was meinst du?«

»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr habe ich es gedacht, dann habe ich mir die Sache überlegt: Master ist gegen sich selbst nicht gut.«

Als Tom dies sagte, hatte er seinem Herrn den Rücken zugekehrt und die Hand an den Türgriff gelegt. St. Clare fühlte, daß sein Gesicht feuerrot wurde, aber er lachte.

»Oh, das ist alles?« sagte er leichthin.

»Alles!« sagte Tom, der jetzt plötzlich umkehrte und auf die Knie fiel.

»Oh, mein lieber junger Herr! Ich fürchte, es ist der Verlust von allem – von allem – von Leib und Seele. Das gute Buch sagt: ›Es beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter‹, guter Master!« Toms Stimme erstickte, und Tränen rannen an seinen Wangen herunter.

»Armer, törichter Mensch!« sagte St. Clare, dem selbst Tränen in den Augen standen. »Steh auf, Tom. Ich bin die Tränen nicht wert.«

Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn flehend an.

»Gut, ich werde diesen verwünschten Unsinn nicht mehr mitmachen, Tom«, sagte St. Clare, »auf meine Ehre, ich tue es nicht wieder. Ich weiß nicht, warum ich es nicht schon längst unterlassen habe. Ich habe es immer verabscheut und mich dazu; also wisch dir jetzt die Tränen aus den Augen, Tom, und geh deine Sachen zu besorgen. Nein, nein«, setzte er hinzu, »keinen Segen. Ich bin jetzt nicht so wunderbar gut«, während er Tom sanft nach der Tür schob. »Ich gebe dir mein Ehrenwort, Tom, du sollst mich nicht wieder in diesem Zustande sehen«, sprach er; und Tom trocknete sich die Augen und verließ ihn mit großer Befriedigung.

»Und ich will ihm Wort halten«, sagte St. Clare, als er die Tür zumachte.

Es gilt jetzt, die vielfachen Bedrängnisse unserer Freundin Miß Ophelia zu beschreiben, die nun das Amt einer Hausfrau im Süden übernommen hatte.

Am Morgen ihres Regierungsantritts war Miß Ophelia schon um vier Uhr aus dem Bett; und nachdem sie in ihrem eigenen Zimmer alles in Ordnung gebracht, wie sie es zum großen Staunen des Kammermädchens seit ihrer Ankunft jeden Tag getan, bereitete sie einen energischen Angriff auf die Schränke und Kammern der Wirtschaft, zu der sie die Schlüssel hatte, vor. Die Vorratskammer, die Wäscheschränke, der Porzellanschrank, die Küche und der Keller hatten an diesem Tag alle eine feierliche Revue zu bestehen. Verborgene Nachtstücke kamen in einer Ausdehnung an den Tag, welche alle Mächte der Küche und der Kammer in Schrecken setzte und in dem Dienstboten-Kabinett viele verwunderte Ausrufungen über »die Ladies aus dem Norden« veranlaßte.

Die alte Dinah, die erste Köchin und oberste Herrscherin in dem Küchendepartement, war von Zorn über Maßregeln erfüllt, die sie als eine Verletzung ihrer Privilegien betrachtete. Kein Lehnsbaron in den Zeiten der Magna Charta hätte durch einen Übergriff der Krone tiefer verletzt werden können.

Dinah war auch ein Charakter nach ihrer Art, und wir würden gegen ihr Gedächtnis ungerecht sein, wollten wir dem Leser nicht einen kleinen Begriff von ihr geben. Sie war eine geborene Köchin und gewiß eine so gute Köchin wie Tante Chloe – wie überhaupt die Neger ein angeborenes Talent für die Kochkunst haben; – aber Chloe war eine geschulte und methodische Köchin, die in einem geordneten häuslichen Geschirr zog, während Dinah ein selbstgebildetes Genie und wie alle Genies fast immer hartnäckig, eigensinnig und exzentrisch im höchsten Grade war.

Wie eine gewisse Klasse von modernen Philosophen sprach Dinah der Logik und dem Verstande entschieden hohn und nahm stets ihre Zuflucht zu intuitiver Gewißheit; und hier war sie ganz unbesiegbar. Und wenn man noch soviel Talent oder Autorität oder Auseinandersetzung bei ihr anwendete, nichts konnte sie glauben machen, daß ein anderer Weg besser sein könnte als der ihrige oder daß die Verfahrensart, die sie in der unbedeutendsten Sache befolgt hatte, sich im mindesten abändern lasse. Das war ihr schon von ihrer alten Herrin, Mariens Mutter, gestattet worden; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge Herrin selbst nach der Heirat stets nannte, fand es leichter, sich zu fügen, als durchzudringen, und so hatte Dinah unumschränkt fortgeherrscht. Dies war um so leichter, als sie eine vollkommene Meisterin in jeder diplomatischen Kunst war, welche die größte Demut des Benehmens mit der größten Unbeugsamkeit des Prinzips vereinigt.

Dinah war Meisterin in der großen Kunst des Erfindens von Entschuldigungen in allen ihren Zweigen. Es war bei ihr Axiom geworden, daß eine Köchin nicht unrecht tun könne; und eine Köchin in der Küche des Südens findet immer Köpfe und Schultern genug, denen sie jede vollkommene Sünde und Schwäche aufbürden kann, so daß sie immer in fleckenloser Reinheit dasteht. Wenn irgendein Teil des Essens verpfuscht war, so waren fünfzig unbestreitbar gute Gründe dafür da, und es war der unleugbare Fehler von fünfzig anderen Leuten, die Dinah mit schonungslosem Eifer ausschimpfte.

Aber sehr selten war etwas Verpfuschtes in Dinahs letzten Resultaten. Obgleich ihre Art, etwas zu tun, merkwürdig weitläufig und voller Umschweife war und ohne alle Berücksichtigung von Zeit und Ort – obgleich ihre Küche meistens aussah, als hätte ein hindurchfegender Orkan sie in Ordnung gebracht, und obgleich sie fast so viel Plätze für jedes Küchengerät hatte, als das Jahr Tage zählt, so kam doch, wenn man genug Geduld hatte, ihr die von ihr beliebte Zeit zu lassen, ihr Mittagessen in der besten Ordnung und von einer Zubereitung, die selbst einen Epikuräer befriedigen mußte, auf den Tisch.

Es war jetzt die Stunde der ersten Vorbereitungen zum Mittagessen. Dinah, welche große Zwischenpausen des Nachdenkens und der Ruhe bedurfte und es sich in allen ihren Anordnungen gern bequem machte, saß auf dem Flur der Küche und rauchte einen kurzen Pfeifenstummel, an dem sie sehr hing und den sie stets als eine Art Opferfeuer anbrannte, wenn sie das Bedürfnis der Inspiration zu ihren Maßnahmen fühlte. Das war Dinahs Weise, die häuslichen Musen anzurufen.

Rund um sie saßen verschiedene Mitglieder des aufwachsenden Geschlechts, an denen die Haushaltungen im Süden stets so reich sind, beschäftigt mit dem Aushülsen von Schoten, dem Schälen von Kartoffeln, dem Rupfen von Geflügel und anderen vorbereitenden Arbeiten; und in regelmäßigen Zwischenräumen unterbrach Dinah ihre Meditationen damit, daß sie einem der jungen Gehilfen mit einem neben ihr liegenden Puddingholz etwas auf den Kopf gab. In der Tat herrschte Dinah über die Wollköpfe der jüngeren Mitglieder mit einer Rute von Eisen, und sie schienen ihr für keinen anderen Zweck geboren zu sein, als um Gänge zu ersparen, wie sie es nannte. Es war der Geist des Systems, unter dem sie aufgewachsen war, und sie führte es in seiner ganzen Ausdehnung durch.

Nachdem Miß Ophelia ihren reformierenden Umgang durch alle anderen Teile des Hauses vollendet hatte, trat sie auch in die Küche. Dinah hatte aus verschiedenen Quellen gehört, was im Werke war, und hatte sich vorgenommen, eine defensive und konservative Stellung zu behaupten mit dem stillen Entschluß, jeder neuen Maßregel sich zu widersetzen oder sie zu ignorieren, ohne sichtbar dagegen anzukämpfen.

Die Küche war ein großer Raum, mit einem Flur von Ziegelsteinen und einem großen altmodischen Herd längs der einen Seite, eine Einrichtung, welche mit einem modernen Kochofen zu vertauschen St. Clare vergeblich versucht hatte, Dinah zu überreden. Sie gewiß nicht. Kein Puseyit oder Konservativer von irgendeiner Schule konnte hartnäckiger an altersgrauen Unbequemlichkeiten hängen als Dinah.

Als St. Clare zuerst aus dem Norden zurückgekehrt war, noch beherrscht von dem Eindrucke von System und Ordnung, den die Kücheneinrichtung seines Onkels auf ihn gemacht hatte, hatte er einen reichlichen Vorrat von Schränken, Kästen und anderen Apparaten angeschafft, um zu einem geordneten System zu reizen, und hatte sich mit der sanguinischen Hoffnung geschmeichelt, daß sie Dinah bei ihren Einrichtungen von einigem Nutzen sein könnten. Er hätte sie ebensogut für ein Eichhörnchen oder eine Elster kaufen können. Je mehr Kästen und Schränke da waren, desto mehr Verstecke besaß Dinah für die Unterbringung von alten Lumpen, Kämmen, alten Schuhen, Bändern, künstlichen Blumen und anderen Putzsachen, an denen sich ihre Seele erfreute.

Als Miß Ophelia in die Küche trat, stand Dinah nicht auf, sondern rauchte in erhabener Ruhe fort und folgte ihren Bewegungen mit einem schielenden Blick aus dem Augenwinkel, obgleich sie allem Anscheine nach sich nur um die rund um sie sitzenden Untergebenen kümmerte. Miß Ophelia fing an, einige Kästen aufzuziehen.

»Wozu ist dieser Kasten, Dinah?« sagte sie.

»Er ist für fast alles mögliche bei der Hand, Missis«, sagte Dinah. So schien es auch. Aus dem bunten Haufen, der darin lag, zog Ophelia zuerst ein feines Damasttischtuch heraus, mit Blut befleckt und offenbar gebraucht, rohes Fleisch hineinzuwickeln.

»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten Tischtücher deiner Herrin?«

»O Gott nein, Missis; es war kein Handtuch bei der Hand – und so nahm ich das. Ich wollte es mitwaschen lassen – deshalb habe ich es dort hineingelegt.«

»Wie liederlich!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, indem sie fortfuhr, den Kasten zu durchsuchen, wo sie ein Muskatreibeisen und zwei oder drei Muskatnüsse, ein Methodistengesangbuch, ein paar schmutzige bunte Taschentücher, etwas Garn und Strickarbeit, ein Papier mit Tabak und eine Pfeife, ein paar Zwiebäcke, ein oder zwei vergoldete Porzellanuntertassen mit Pomade, ein paar abgelaufene alte Schuhe, einen sorgfältig zugesteckten Fetzen Flanell mit Perlzwiebeln darin, verschiedene Damastservietten, einige grobe Handtücher, Bindfaden und Stopfnadeln und mehrere zerrissene Papiere, aus denen verschiedene Würzkräuter sich zerpulvert im Kasten zerstreuten, vorfand.

»Wo tust du deine Muskatnüsse hin, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit einer Miene, als ob sie um Geduld betete.

»Fast überallhin, Missis; es sind welche in der zersprungenen Teetasse dort oben und welche in dem Schranke da drüben.«

»Hier liegen ein paar im Reibeisen«, sagte Miß Ophelia und hielt sie in die Höhe.

»Gott ja, ich hab‘ sie heut‘ morgen hineingetan – ich habe meine Sachen gerne bei der Hand«, sagte Dinah. »Was sperrst du das Maul auf, Jake! Du wirst’s gleich kriegen! Still da!« setzte sie hinzu und schlug mit dem Puddingholz nach dem Verbrecher.

»Was ist das?« sagte Miß Ophelia und hielt die Untertasse mit Pomade hin.

»Ach Gott, das ist mein Haarfett; ich habe es hineingetan, um es bei der Hand zu haben.«

»Nimmst du deiner Herrin beste Tassen dazu?«

»Mein Gott, ich hatte soviel zu tun und war so in Eile; ich wollte es gerad heute herausnehmen.«

»Hier sind zwei Damastservietten.«

»Die Servietten habe ich hineingetan, um sie waschen zu lassen.«

»Hast du denn keinen bestimmten Platz für schmutzige Wäsche?«

»Jawohl, Master St. Clare hat die Kiste dazu dort angeschafft, wie er sagte; aber ich mache manchmal gerne meine Biskuits und setze meine Sachen darauf, und dann ist’s nicht bequem, sie aufzumachen.«

»Warum machst du deine Biskuits nicht auf dem Pastetentisch dort?«

»Mein Gott, Missis, der steht immer so voll von Schüsseln und anderen Sachen, daß gar kein Platz darauf ist.«

»Aber du solltest deine Schüsseln waschen und sie wegräumen.«

»Meine Schüsseln waschen!« sagte Dinah in lautem Tone, da jetzt ihr Zorn die Herrschaft über ihr gewöhnliches ehrerbietiges Benehmen zu gewinnen begann; »was verstehen denn Ladies von Küchensachen, möchte ich wissen, wann sollte Master sein Essen bekommen, wenn ich meine ganze Zeit auf das Waschen und Wegräumen von Schüsseln verwenden wollte? Miß Marie hat mir so was nie zugemutet.«

»Und hier die Zwiebeln!«

»Herrjeh!« sagte Dinah. »Dahin hab ich sie also gesteckt. Konnte ich mich doch nicht besinnen. Die Zwiebeln hatte ich mir für das Ragout hier aufgehoben. Ich hatte ganz vergessen, daß ich sie in den alten Flanell gewickelt hatte.«

Miß Ophelia hielt jetzt das zerrissene Papier mit den Würzkräutern in die Höhe.

»Ach, Mistreß, rühren Sie das ja nicht an. Ich habe gerne meine Sachen, wo ich weiß, daß ich sie finde«, sagte Dinah mit einiger Entschiedenheit.

»Aber wozu sind diese Löcher im Papiere?«

»Oh, die sind bequem, um die Kräuter durchzusieben«, sagte Dinah.

»Aber du siehst ja, sie werden im ganzen Kasten zerstreut.«

»Ja freilich! Wenn Missis so alles durcheinander wirft, kann’s nicht anders kommen. Missis hat schon viel auf die Art verdorben«, sagte Dinah und trat mit unruhig besorgter Miene an den Schrank. »Wenn Missis nur hinaufgehen wollte, bis meine Aufräumezeit kommt, so wollte ich schon alles in Ordnung haben; aber ich kann nichts machen, wenn Ladies herumstehen. Willst du den Kleinen die Zuckerdose nicht geben, Sam! Ich gebe dir eins auf den Kopf, wenn du nicht hörst!«

»Ich besichtige die Küche und werde einmal alles in Ordnung bringen, Dinah; und dann erwarte ich, daß du es darin erhältst.«

»Mein Gott, Miß Phelia, das ist keine Art für Ladies. So was habe ich Ladies niemals tun sehen; meine alte Missis und Miß Marie haben es nie getan, und ich sehe die Notwendigkeit nicht ein«, und Dinah schritt entrüstet in der Küche herum, während Miß Ophelia Schüsseln sortierte und übereinandersetzte, ganze Dutzende von Zuckerdosen in ein gemeinsames Behältnis ausleerte, Servietten, Tischtücher und Handtücher zum Waschen sortierte und mit ihrer eigenen Hand wusch, abwischte und alles mit einer Geschicklichkeit und Schnelligkeit verrichtete, die bei Dinah geradezu Staunen erregte.

»Gott! Wenn das die Art von Ladies aus dem Norden ist, so sind sie keine Ladies, gar nicht«, sagte sie zu einer ihrer Gehilfinnen, als sie außer dem Bereich des Gehöres war. »Ich bringe meine Sachen so gut in Ordnung wie andere Leute, wenn meine Aufräumezeit kommt; aber ich mag nicht leiden, daß sich Ladies hineinmischen und meine Sachen hintun, wo ich sie nicht finden kann.«

Man muß Dinah die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in regelmäßiger Wiederkehr Anfälle von Umgestaltungs- und Ordnungseifer hatte, welches sie Aufräumezeiten nannte, wo sie mit großer Tätigkeit jeden Kasten und jedes Schränkchen auf den Fußboden oder die Tische ausschüttete und die gewöhnliche Verwirrung nur noch zehnfach verwirrter machte. Dann brannte sie sich eine Pfeife an, ging unter ihren neuen Anordnungen herum und sprach darüber; dabei ließ sie von dem ganzen jungen Geschmeiße alle Zinnsachen abscheuern und mehrere Stunden lang eine höchst energische Verwirrung aufrechterhalten, die sie zur Befriedigung aller danach Fragenden mit der Bemerkung erklärte, daß sie aufräume. »Sie könne die Sachen nicht so fortgehen lassen und sie wolle den jungen Leuten lehren, besser Ordnung zu halten«, sagte sie, denn Dinah schmeichelte sich merkwürdigerweise mit der Einbildung, daß sie selbst ein Muster von Ordnung sei und daß nur die jungen Leute und alle übrigen im Hause an allem schuld wären, was hierin nicht den Standpunkt der Vollkommenheit erreichte. War alles Zinngerät gescheuert und die Tische schneeweiß abgerieben und alles, was das Auge verletzen konnte, in Ecken und Winkeln versteckt, so zog Dinah ein schmuckes Kleid an, band eine weiße Schürze vor, setzte einen hohen grellbunten Madrasturban auf und räumte mit vielem Schelten die Küche von dem kleinen Volke, denn sie wollte alles hübsch ordentlich erhalten. Diese periodischen Anfälle hatten sogar ihre unangehme Seite für die ganze Wirtschaft, denn Dinah faßte eine so unmäßige Zuneigung zu ihrem gescheuerten Zinngeräte, daß sie es gar nicht wieder durch Gebrauch verunreinigen wollte, wenigstens solange der Eifer der Aufräumezeit nicht nachließ.

In wenigen Tagen hatte Miß Ophelia jedes Departement des Hauses nach einem systematischen Muster umgestaltet; aber ihre Bemühungen in allen Zweigen, welche der Mitwirkung der Dienstboten bedurften, glichen denen des Sysiphus oder der Danaiden. In ihrer Verzweiflung wendete sie sich eines Tages an St. Clare.

»Es ist gar nicht daran zu denken, etwas wie System in diese Familie zu bringen.«

»Allerdings nicht«, sagte St. Clare.

»Eine so liederliche Wirtschaft, solche Vergeudung und Verwirrung habe ich nie gesehen!«

»Das glaube ich dir recht gern.«

»Du würdest das nicht so gleichgültig hinnehmen, wenn du selbst die Wirtschaft führtest.«

»Meine liebe Cousine, ich muß dir ein für allemal sagen, daß wir Herrschaften uns in zwei Klassen teilen: in Tyrannen und in Tyrannisierte. Wir, die wir gutmütig und der Strenge abgeneigt sind, müssen uns mancherlei Unannehmlichkeiten gefallen lassen. Wenn wir zu unserer Bequemlichkeit eine untätige, unordentliche, gänzlich ungebildete Klasse unter uns behalten wollen, so müssen wir natürlich auch die Folgen tragen. Es sind mir einige seltene Fälle von Personen vorgekommen, die mit Hilfe eines besonderen Taktes Ordnung und System ohne Strenge hervorbringen können; aber ich gehöre nicht zu ihnen; und so habe ich mich schon vor langer Zeit entschlossen, die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich mag die armen Teufel nicht schlagen und zerpeitschen lassen, und sie wissen es; und natürlich wissen sie, daß sie das Heft in den Händen haben.«

Unser bescheidener Freund Tom läuft Gefahr, über den Erlebnissen der Höhergeborenen vergessen zu werden; aber wenn uns unsere Leser in eine kleine Kammer über den Stall begleiten wollen, so können sie vielleicht etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein anständiges Gemach mit einem Bette, einem Stuhl und einem kleinen grob zugehauenen Tisch, auf dem Toms Bibel und Hymnenbuch lagen; und wo er gegenwärtig mit der Schiefertafel vor sich sitzt, mit etwas, was ihm sehr viel Sorgen macht, beschäftigt.

Toms Heimweh war so stark geworden, daß er sich von Eva einen Bogen Schreibpapier gebettelt hatte; und nun bot er seinen ganzen kleinen Vorrat von literarischem Wissen, das er George verdankte, auf und kam auf den kühnen Gedanken, einen Brief zu schreiben: Und er war jetzt beschäftigt, auf seiner Schiefertafel den ersten Entwurf anzufertigen. Tom war in großer Verlegenheit, denn die Form einiger Buchstaben hatte er ganz und gar vergessen, und von denen, die er noch kannte, wußte er nicht, welche er anwenden sollte. Und während er sich abmühte und in seinem Eifer sehr angestrengt atmete, ließ sich Eva wie ein Vogel auf die Rücklehne seines Stuhls nieder und blickte ihm über die Schulter.

»Ach, Onkel Tom! Was für drollige Zeichen du da machst!«

»Ich versuche, an meine arme Alte zu schreiben, Miß Eva, und an meine Kleinen«, sagte Tom und fuhr mit dem Rücken seiner Hand über die Augen; »aber ich weiß nicht – ich fürchte, ich werde es nicht herausbringen.«

»Ich wollte, ich könnte dir helfen, Tom! Ich habe ein wenig schreiben gelernt. Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen, aber ich fürchte, ich habe sie vergessen.«

So steckte Eva ihr kleines goldenes Lockenköpfchen mit dem schwarzen des Negers zusammen, und die beiden begannen eine feierliche und angelegentliche Beratung, zu welcher beide gleichviel Ernst und ziemlich gleichviel Unwissenheit mitbrachten; und nach weitläufigen Besprechungen über jedes Wort fing die Komposition ihren sanguinischen Augen ganz wie etwas Geschriebenes auszusehen an.

»Ja, Onkel Tom, es fängt wirklich an, schön auszusehen«, sagte Eva und betrachtete es voller Freude. »Wie sehr sich deine Frau freuen wird und die armen Kleinen! Oh, es ist eine Schande, daß du sie überhaupt hast verlassen müssen! Ich denke, Papa nächster Tage zu bitten, dich wieder hingehen zu lassen.«

»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herschicken, sobald sie es zusammenhätte«, sagte Tom. »Ich vermute, sie wird’s tun. Der junge Master George versprach mich abzuholen; und er gab mir diesen Dollar hier als Zeichen«, und Tom zog unter den Kleidern den kostbaren Dollar hervor.

»O dann kommt er ganz gewiß«, sagte Eva. »Wie mich das freut!«

»Und ich wollte einen Brief hinschicken, damit sie wissen, wo ich bin, und um der armen Chloe zu sagen, daß ich mich wohl befinde, weil es ihr so schrecklich zu Herzen ging, der Armen!«

»Heda, Tom!« rief jetzt St. Clare, der in diesem Augenblicke in die Tür trat.

Tom und Eva fuhren beide auf.

»Was gibt’s da?« sagte St. Clare, indem er an den Tisch trat und die Schiefertafel betrachtete.

»Oh, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm beim Schreiben«, sagte Eva. »Ist es nicht hübsch?«

»Ich möchte keinen von euch beiden entmutigen«, sagte St. Clare, »aber ich glaube doch, es wäre besser, du ließest mich den Brief für dich schreiben. Ich will es tun, wenn ich von meinem Spazierritt zurückkomme.«

»Es ist von großer Wichtigkeit, daß er schreibt«, sagte Eva, »weil seine Herrin ihm versprochen hat, Geld zu schicken, um ihn wieder zurückzukaufen; er hat es mir eben erzählt.«

St. Clare dachte in seinem Herzen, daß dies wahrscheinlich nur eine von den Tröstungen sei, welche gutmütige Sklavenbesitzer anwenden, um die Angst der Sklaven vor dem Verkauftwerden zu lindern, ohne irgend zu beabsichtigen, diese Hoffnungen zu erfüllen. Aber er ließ keine Bemerkung darüber laut werden, sondern befahl nur Tom, die Pferde zu einem Spazierritt vorzuführen.

Toms Brief wurde noch an diesem Abend in bester Form für ihn abgefaßt und sicher der Post übergeben.

Miß Ophelia setzte immer noch ihre Bemühungen in der Wirtschaft mit Ausdauer fort. Der ganze Haushalt von Dinah bis zum jüngsten Bengel waren darin einig, daß Miß Ophelia entschieden sonderbar sei – ein Wort, durch welches ein Dienstbote im Süden andeutet, daß seine Herrschaft ihm nicht recht ansteht.

Der höhere Kreis in der Familie – nämlich Adolf, Jane und Rosa – stimmten darin überein, daß sie keine Lady sei; Ladies schufteten nie so herum wie sie; sie habe gar kein Air; und sie waren nur darüber verwundert, daß sie eine Verwandte der St. Clare sein sollte. Selbst Marie erklärte, daß es geradezu ermüdend sei, Cousine Ophelia stets so fleißig zu sehen. Und in der Tat war Miß Ophelias Fleiß so unermüdlich, daß einiger Grund zu dieser Klage vorhanden war. Sie nähte und steppte von Tagesanbruch bis Dunkelwerden mit der Energie einer Person, die unter dem unmittelbaren Einfluß einer sie drängenden Macht steht; und wenn der Abend kam und die Näherei eingepackt war, fuhr auf der Stelle der stets bereite Strickstrumpf aus der Tasche, und sie war so eifrig beschäftigt wie immer. Es war wirklich eine Arbeit, es mit anzusehen.

11. Kapitel


Das Quäkerdorf

Eine stille Szene eröffnet sich jetzt vor uns. Eine große, geräumige, hübsch gemalte Küche mit gelbem, glänzendem und glatten Fußboden, auf dem kein Stäubchen liegt; ein hübscher sorgfältig geschwärzter Kochofen, Reihen von glänzenden Zinngefäßen, die an unnennbare appetitliche Dinge erinnerten; glänzende grüne Holzstühle, alt und fest; ein kleiner Schaukelstuhl mit einem Strohsitz und ein Kissen aus lauter kleinen bunten Wollfleckchen zusammengesetzt und ein größerer, mütterlich und alt, dessen breite Armlehne eine gastliche Einladung erläßt, von den Bitten weicher Federkissen unterstützt – ein wirklich behäbiger alter Stuhl, der, was ehrlichen traulichen Genuß betrifft, ein Dutzend Eurer feinen Plüsch- oder Brokatstühle übertrifft; und in dem Stuhle sich sanft wiegend und die Augen auf eine feine Näherei geheftet, sitzt unsere alte Freundin Elisa. Ja, da sitzt sie, blasser und schmaler als in ihrer Kentuckyheimat, und unter dem Schatten ihrer langen Wimpern und um ihre sanften Lippen lagerte eine Welt von stillem Schmerz! Man konnte deutlich sehen, wie alt und fest dieses Mädchenherz durch die Zucht schweren Schmerzes geworden war; und wie sie jetzt ihre großen dunklen Augen erhob, um den Bewegungen ihres kleinen Harry zu folgen, der wie ein tropischer Schmetterling hierhin und dorthin über den Fußboden gaukelte, sah man darin eine Festigkeit und Standhaftigkeit des Entschlusses, die in ihren früheren und glücklichen Tagen nie dort zu erblicken gewesen war.

Neben ihr saß eine Frau mit einer blankgescheuerten Zinnpfanne im Schoß, in welche sie sorgfältig getrocknete Pfirsiche sortierte. Sie mochte 55 oder 60 Jahre alt sein, aber sie besaß eins von den Gesichtern, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um sie zu schmücken und zu verschönern. Die schneeweiße Spitzenmütze nach strengstem Quäkermuster gemacht, das einfache, weiße Musselintuch, das in glatten Falten ihren Busen einhüllte, das drapfarbene Tuch und Kleid verrieten auf der Stelle, welcher Konfession sie angehörte. Ihr Gesicht war rund und rosig und von einer gesunden, samtenen Weichheit, die an Pfirsiche erinnerte. Ihr zum Teil schon ergrautes Haar war glatt von einer hohen, ruhigen Stirn zurückgestrichen, auf welche die Zeit keine anderen Worte geschrieben hatte, als Friede auf Erden und Wohlwollen allen Menschen; und darunter glänzte ein Paar große, klare, ehrliche, liebevolle, braune Augen; man brauchte nur in sie hineinzusehen, um zu fühlen, daß man auf den Grund eines so guten und treuen Herzens blickte, als je in einem weiblichen Busen geschlagen hat. Man hat so viel von schönen jungen Mädchen gesprochen und gesungen; warum erinnert niemand an die Schönheit alter Frauen? Wenn sich jemand für diesen Gegenstand begeistern will, so raten wir ihm, zu unserer guten Freundin Rachel Halliday zu gehen, wie sie dort in ihrem kleinen Schaukelstuhle sitzt. Er hatte eine eigene Art zu quieken und zu knarren, dieser Stuhl, entweder weil er sich in seiner Jugend erkältet hatte, oder weil er am Asthma litt, oder weil seine Nerven etwas zerrüttet waren; aber während sie sich langsam hin und her wiegte, sang der Stuhl eine Quiek-quäk-Melodie, welche man von jedem andern Stuhle unausstehlich gefunden hätte. Jedoch der alte Simeon Halliday erklärte oft, es wäre ihm die liebste Musik, und die Kinder beteuerten alle, sie möchten das Quieken von Mamas Stuhl um alles in der Welt nicht entbehren. Denn warum? Seit 20 Jahren und länger waren von diesem Stuhl nichts als liebende Worte und sanfte Ermahnungen und mütterliche Liebe gekommen – vielfaches Kopf- und Herzweh war dort geheilt – irdische und himmlische Schwierigkeiten dort gelöst worden – und alles von einem guten liebevollen Weibe, Gott segne es!

»Und so denkst du immer noch, nach Kanada zu gehen, Elisa?« sagte sie und blickte ruhig von ihren Pfirsichen auf.

»Ja, Madame«, sagte Elisa fest. »Ich muß weiter. Ich darf nicht hierbleiben.«

»Und was willst du machen, wenn du dort bist? Das mußt du dir überlegen, Tochter!«

Tochter klang so natürlich in dem Mund Rachel Hallidays; denn ihr Gesicht und ihre Gestalt waren gerade der Art, daß Mutter als das natürlichste Wort von der Welt erschien.

Elisas Hände zitterten, und einige Tränen fielen auf ihre feine Arbeit; aber sie antwortete mit Festigkeit:

»Ich werde annehmen, was mir geboten wird. Ich hoffe, es wird sich etwas finden.«

»Du weißt, du kannst hierbleiben, so lange du willst«, sagte Rachel.

»Oh, ich danke Euch«, sagte Elisa, »aber« – sie wies auf Harry – »ich kann nachts nicht schlafen; ich habe keine Ruhe. Letzte Nacht träumte ich, ich sähe diesen Mann in den Hof treten«, sagte sie schaudernd.

»Armes Kind!« sagte Rachel und wischte sich die Augen. »Aber du mußt es dir nicht so zu Herzen nehmen. Der Herr hat es so geschickt, daß sie noch nie einen Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen haben. Ich hoffe, du wirst nicht die erste sein.«

Hier ging die Türe auf, und ein kleines rundes, schmuckes Mädchen stand in der Tür mit einem heiteren blühenden Gesicht, wie ein reifer Apfel. Sie war wie Rachel in bescheidenes Grau gekleidet, und das Musselintuch verhüllte mit netten Falten ihren runden, schwellenden Busen.

»Ruth Stedman«, sagte Rachel und trat ihr freudig entgegen, »wie geht dir’s, Ruth?« sagte sie und schüttelte ihr herzlich beide Hände.

»Recht gut«, sagte Ruth, indem sie ihr drapfarbiges Hütchen abnahm und es mit ihrem Taschentuch abstäubte, und zeigte bei dieser Gelegenheit ein rundes kleines Köpfchen, auf welchem die Quäkermütze in einer eigenen flotten Weise saß, trotz alles Streichens und Klopfens mit den kleinen fetten Händchen, welche eifrig beschäftigt waren, sie zurechtzusetzen. Einzelne verirrte Flechten eines entschieden lockigen Haares hatten sich ebenfalls hervorgewagt und mußten wieder mit Schmeicheln an ihre gehörige Stelle zurückgebracht werden; und dann wendete sich die Neuangekommene, die etwa 25 Jahre alt sein mochte, von dem kleinen Spiegel weg, vor dem sie bis jetzt gestanden, und machte ein befriedigtes Gesicht, wie die meisten Leute gemacht haben würden, wenn sie sie hätten sehen können. Denn sie war entschieden ein gesundes kleines Frauchen von bravem Herzen und munterem Wesen, wie es nur jemals eines Mannes Herz erfreute.

»Ruth, diese Freundin ist Elisa Harris; und das ist der kleine Knabe, von dem ich dir erzählt habe.«

»Es freut mich, dich zu sehen, Elisa – es freut mich sehr«, sagte Ruth und schüttelte ihr die Hand, als wäre Elisa eine längst erwartete alte Freundin, »und das ist dein lieber Knabe – ich habe dir einen Kuchen mitgebracht«, sagte sie und hielt dem Knaben ein kleines Herzchen hin, welches derselbe schüchtern annahm.

»Wo ist dein Kleiner, Ruth?« sagte Rachel.

»Oh, er kommt gleich, aber deine Mary wünschte ihn, wie ich hierherkam, und ist mit ihm in die Scheune gelaufen, um ihn den Kindern zu zeigen.«

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Mary, ein Mädchen mit einem ehrlichen, rosigen Gesicht und großen, braunen Augen, gleich denen ihrer Mutter, trat mit dem kleinen Knaben herein.

»Ah, ah!« sagte Rachel, die hinzutrat und das große, weiße, dicke Kind auf ihren Arm nahm. »Wie gut er aussieht, und wie er wächst!«

»Gewiß, das ist wahr«, sagte die kleine geschäftige Ruth, wie sie den Kleinen hernahm, und ein blaues, seidenes Hütchen und verschiedene Schichten von Überkleidern abzubinden anfing, und nachdem sie hier gezupft und dort gezupft und alles schmuck und sauber gemacht und ihn herzlich geküßt hatte, setzte sie ihn auf den Fußboden, um dort seine Gedanken zu sammeln. Der Kleine schien dies vollkommen gewohnt zu sein; denn er steckte den Daumen in den Mund (als ob sich das ganz von selbst verstünde) und schien bald in seine eigenen Gedanken versunken zu sein, während die Mutter Platz nahm, einen großen Strumpf, von blauem und weißem Garn gemischt, hervorholte und mit großem Fleiß zu stricken anfing.

»Mary, wäre es nicht gut, wenn du den Kessel fülltest«, erinnerte sanft die Mutter.

Mary ging mit dem Kessel an den Brunnen und erschien bald wieder und setzte ihn in den Kochofen, wo er bald zu singen und zu dampfen anfing, eine Art Weihrauchfaß für Gastlichkeit und Heiterkeit. Auch die Pfirsiche wurden, einem leisen Wink Rachels gehorchend, bald von derselben Hand in eine Schmorpfanne über dem Feuer getan.

Rachel nahm jetzt ein schneeweißes Kuchenbrett herunter, band eine Schürze vor, und fing an, ruhig einige Biskuits zu bereiten, nachdem sie erst zu Mary gesagt hatte: »Mary, wär’s nicht gut, wenn du Tom sagtest, er solle ein Huhn schlachten?« und Mary verschwand dem Winke gehorchend.

»Und was macht Abigail Peters?« sagte Rachel, während sie mit ihren Biskuits beschäftigt war.

»Oh, sie befindet sich besser«, sagte Ruth, »ich war heute früh dort, habe das Bett gemacht und im Hause aufgeräumt. Lea Hills ist heute nachmittag dort und hat Brot und Pasteten für mehrere Tage gebacken; und ich habe versprochen, heute abend wieder zu ihr zu kommen.«

»Ich werde morgen hingehen und das Reinemachen besorgen und nachsehen, was etwa auszubessern ist«, sagte Rachel.

»Ah, das ist gut«, sagte Ruth. »Ich hörte«, setzte sie hinzu, »daß Hanna Stanwood krank ist. John war gestern abend dort – ich muß morgen hingehn.«

»John kann hier bei uns essen, wenn du den ganzen Tag wegbleiben willst«, meinte Rachel.

»Ich danke dir, Rachel; wir werden morgen sehen, aber da kommt Simeon.«

Simeon Halliday, eine hohe, gerade, kräftige Gestalt, in drapfarbenem Rock und Beinkleidern und breitkrempigem Hut trat ein.

»Wie geht’s dir, Ruth?« sagte er mit Wärme, als er seine breite offene Hand ihren kleinen runden Händchen entgegenstreckte. »Und was macht John?«

»Oh, John befindet sich wohl und auch alle unsere Leute.«

»Was Neues, Vater?« fragte Rachel, als sie ihre Biskuits in den Ofen schob.

»Peter Stebbins sagte mir, sie würden heute abend mit Freunden kommen«, sagte Simeon bedeutungsvoll, während er sich die Hände in einem schmucken Waschtisch in einem kleinen Alkoven wusch.

»So!« sagte Rachel mit gedankenvollem Gesicht und blickte Elisa an.

»Sagtest du nicht, du hießest Harris?« sagte Simeon zu Elisa, als er wieder hereinkam.

Rachel warf einen raschen Blick auf ihren Gatten, als Elisa mit zitterndem »Ja« antwortete; eine schlimme Ahnung ließ sie befürchten, daß Steckbriefe hinter ihr erlassen würden.

»Mutter!« sagte Simeon und rief Rachel hinaus in den Alkoven.

»Was willst du, Vater?« sagte Rachel und rieb sich die mehligen Hände, während sie hinaus in den Alkoven ging.

»Der Mann dieses Kindes ist in der Ansiedlung und wird heute nacht hierherkommen«, sagte Simeon.

»Was, Vater? Kann das wahr sein?« sagte Rachel mit freudestrahlendem Gesicht.

»Es ist wahrscheinlich wahr. Peter war gestern mit dem Wagen auf der anderen Station und fand dort eine alte Frau und zwei Männer, und einer von ihnen sagte, er heiße George Harris; und nach dem, was er von seiner Geschichte erzählte, bin ich überzeugt, daß es der Rechte ist. Er ist ein ganz hübscher, wackerer Bursche.«

»Sollen wir es ihr gleich sagen?« sagte Simeon.

»Ruth mag es ihr mitteilen«, sagte Rachel. »Ruth, komm einmal her!« Ruth legte ihre Strickerei hin und stand in einem Augenblick neben den andern.

»Denke nur, Ruth!« sagte Rachel. »Vater erzählte eben, daß Elisas Mann bei der letzten Partie ist und heute abend noch hierherkommt.« Ein Freudenruf der kleinen Quäkerin unterbrach die Sprechende. Sie sprang so lebhaft in die Höhe, während sie mit ihren kleinen Händen klatschte, daß sich zwei einzelne Locken unter ihrer Quäkermütze hervorstahlen und glänzend und schmuck auf das weiße Busentuch herabfielen.

»Still, still, liebes Kind!« sagte Rachel sanft. »Still Ruth! Sage, sollen wir es ihr gleich mitteilen?«

»Gleich! Natürlich diese Minute. Denkt nur einmal, es wäre mein John, was würde ich da fühlen! Sage es ihr nur gleich auf der Stelle.«

»Du gibst dir bloß Mühe zu lernen, wie du deinen Nächsten lieben sollst, Ruth«, sagte Simeon und sah Ruth mit strahlendem Gesicht an.

»Gewiß. Sind wir nicht dazu da auf Erden? Wenn ich nicht John und den Kleinen lieb hätte, so würde ich nicht wissen, wie ich für sie fühlen sollte. Bitte, sage es ihr – bitte!« Und sie legte die Hand überredend auf Rachels Arm. »Nimm sie in dein Schlafzimmer und laß mich unter der Zeit das Huhn braten.«

Rachel trat in die Küche, wo Elisa nähte, machte die Tür eines kleinen Schlafzimmers auf und sagte sanft: »Komm herein zu mir, meine Tochter; ich habe dir etwas mitzuteilen.«

Das Blut strömte in Elisas blasses Gesicht. Sie stand vor banger Angst zitternd auf und warf einen Blick auf ihren Knaben.

»Nein, nein«, sagte die kleine Ruth, die jetzt herzusprang und ihre Hände ergriff, »es sind gute Nachrichten, Elisa – geh nur hinein, geh nur hinein!« Und sie schob sie sanft in die Tür, welche sich hinter ihr schloß; dann wendete sie sich um, nahm den kleinen Harry in ihre Arme und fing an, ihn zu küssen.

»Du wirst deinen Vater sehen, Kleiner. Kennst du ihn? Dein Vater kommt«, sagte sie immer und immer wieder, wie sie der Knabe verwundert ansah.

Unterdessen hatte im Nebenstübchen ein anderer Auftritt stattgefunden. Rachel Halliday zog Elisa an sich und sagte zu ihr: »Der Herr hat Erbarmen mit dir, Tochter; dein Mann ist dem Hause der Sklaverei entflohen.«

Mit einer raschen Glut stieg das Blut in Elisas Wangen und strömte ebenso rasch nach dem Herzen zurück. Sie setzte sich blaß und halb ohnmächtig hin.

»Habe Mut, mein Kind«, sagte Rachel und legte ihr die Hand auf den Kopf. »Er ist unter Freunden, die ihn heute abend hierherbringen werden.«

»Heute abend?« wiederholte Elisa. »Heute abend!« Die Worte verloren alle Bedeutung für sie; es kam ihr alles so traumhaft und verworren vor; alles ringsum war Nebel.

Als sie wieder erwachte, fand sie sich auf dem Bette liegen, sauber mit einer Decke zugedeckt, während die kleine Ruth ihre Hände mit Kampfer rieb. Sie öffnete die Augen in einem Zustand träumerischer, köstlicher Erschlaffung gleich einem, der lange eine schwere Last getragen hat und jetzt fühlt, daß sie fort ist, und ruhen möchte. Die Spannung ihrer Nerven, die seit der ersten Stunde ihrer Flucht keinen Augenblick nachgelassen hatte, löste sich jetzt, und ein wunderbares Gefühl von Sicherheit und Ruhe kam über sie; und wie sie die großen dunklen Augen aufschlagend dalag, folgte sie, wie in einem seligen Traume den Bewegungen ihrer Umgebung. Sie vernahm leises Gesprächssummen, sanftes Klingen von Teelöffeln und musikalisches Geklimper von Tassen, und alles vermischte sich in einen lieblichen Ruhetraum; und Elisa schlief, wie sie nicht wieder geschlafen hatte seit der schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind genommen hatte und in die kalte Sternennacht hinaus geflohen war.

Sie träumte von einem schönen Lande – einem Lande der Ruhe, schien es ihr –, von grünen Küsten und lieblichen Inseln und herrlich funkelndem Wasser, und dort in einem Hause, das freundliche Stimmen ihr heimisches Haus nannten, sah sie ihren Knaben als freies und glückliches Kind spielen. Sie hörte ihres Gatten Schritte; sie fühlte ihn näher kommen; seine Arme umschlangen sie; seine Tränen fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte. Es war kein Traum. Das Licht des Tages war längst erblichen; ihr Kind lag ruhig schlummernd neben ihr; ein Licht brannte düster auf einem Tischchen und ihr Gatte schluchzte neben ihrem Kissen.

Der nächste Morgen war ein fröhlicher in dem Quäkerhause. »Mutter« war beizeiten auf den Beinen und umgeben von geschäftigen Mädchen und Knaben. Als George, Elisa und der kleine Harry aus dem Zimmer traten, begrüßte sie ein sehr herzliches freudiges Willkommen, daß es kein Wunder war, wenn es ihnen wie ein Traum vorkam.

Endlich saßen alle beim Frühstück, während Mary vor dem Ofen stand und Griddlekuchen buk, welche, sowie sie ihre echte goldbraune Farbe, das Zeichen ihrer größten Vollkommenheit, erlangt hatten, gewandt auf den Tisch aufgetragen wurden.

Es war das erste Mal, daß sich George als vollkommen Gleichberechtigter mit einem Weißen an den Tisch setzte; und er nahm anfangs mit einiger Gezwungenheit und Unbeholfenheit Platz; aber dieses Gefühl verging wie ein Nebel vor dem sanften Morgenstrahl dieser einfachen überströmenden Herzlichkeit.

»Ich hoffe, guter Herr, Sie bereiten sich unseretwegen keine Ungelegenheiten«, sagte George besorgt.

»Fürchte nichts, George; denn dazu sind wir in die Welt gesandt worden. Wenn wir Mühsal für eine gute Sache scheuten, so wären wir unseres Namens nicht wert.«

»Aber meinetwegen«, sagte George; »ich könnte es nicht ertragen.«

»Fürchte nicht, Freund George, wir tun es nicht für dich, sondern für Gott und die Menschheit«, sagte Simeon. »Und nun mußt du dich für heute ruhig versteckt halten, und heute nacht um zehn Uhr bringt dich Phineas Fletcher nach der nächsten Station – dich und die übrigen von der Gesellschaft. Die Verfolger sind dicht hinter dir; wir dürfen nicht säumen.«

»Wenn das der Fall ist, warum warten wir denn bis abend?« sagte George.

»Du bist hier sicher bei Tage; denn jedermann in der Niederlassung ist dein Freund, und alle sind auf der Wacht. Außerdem ist es sicherer, nachts zu reisen.«

1. Kapitel


Ein Menschenfreund

Spät nachmittags an einem kalten Februartage saßen zwei Gentlemen in einem gut ausmöblierten Speisesaal in der Stadt P. in Kentucky bei ihrem Weine. Bediente waren nicht anwesend, und die beiden Herren schienen mit dicht aneinander gerückten Stühlen etwas mit großem Interesse zu besprechen.

Wir haben bisher, um nicht umständlich zu sein, gesagt, zwei Gentlemen. Eine der beiden Personen schien jedoch bei genauerer Prüfung strenggenommen nicht unter diese Kategorie zu gehören. Es war ein kleiner, untersetzter Mann mit groben, nichtssagenden Zügen und dem prahlerischen und anspruchsvollen Wesen, das einem Niedrigstehenden eigen ist, der sich in der Welt emporzuarbeiten versucht. Er war sehr herausgeputzt und trug eine grell bunte Weste, ein blaues Halstuch mit großen gelben Tupfen und zu einer renommistischen Schleife geschlungen, die zu dem ganzen Aussehen des Mannes vortrefflich paßte. Die großen und gemeinen Hände waren reichlich mit Ringen besteckt, und mit einer schweren, goldenen Uhrkette mit einem ganzen Bündel großer Petschafte von allen möglichen Farben pflegte er im Eifer der Unterhaltung mit offenbarem Behagen zu spielen und zu klappern. In seiner Rede bot er ungeniert und mutvoll der Grammatik Trotz und verbrämte sie in geeigneten Zwischenräumen mit passenden Flüchen, welche niederzuschreiben uns selbst nicht der Wunsch, graphisch zu sein, vermögen wird.

Der andere, Mr. Shelby, hatte das Äußere eines Gentlemans, und die Anordnungen des Hauses und seine wirtschaftliche Einrichtung machten den Eindruck von Wohlhabenheit und sogar Reichtum. Wie wir schon vorhin sagten, beide waren in ein ernstes Gespräch vertieft.

»So würde ich die Sache abmachen«, sagte Mr. Shelby.

»Auf diese Weise kann ich das Geschäft nicht abschließen – es ist rein unmöglich, Mr. Shelby«, sagte der andere und hielt ein Glas Wein gegen das Licht.

»Ich sage Ihnen, Haley, Tom ist ein ganz ungewöhnlicher Kerl; er ist gewiß diese Summe überall wert – er ist ordentlich, ehrlich, geschickt und verwaltet meine Farm wie eine Uhr.«

»Sie meinen so ehrlich, wie Nigger sind«, sagte Haley und schenkte sich ein Glas Branntwein ein.

»Nein, ich meine wirklich, Tom ist ein guter, ordentlicher, verständiger, frommer Bursche. Er lernte seine Religion vor vier Jahren bei einem Camp-Meeting; und ich glaube, er hat sie wirklich gelernt. Ich habe ihm seitdem alles, was ich habe, anvertraut – Geld, Haus, Pferde, und habe ihn frei im Lande herumgehen lassen und habe ihn stets treu und ordentlich gefunden.«

»Manche Leute glauben nicht, daß es fromme Nigger gibt, Shelby«, sagte Haley, »aber ich glaube es. Ich hatte einen Burschen in der letzten Partie, die ich nach Orleans brachte, den beten zu hören, war wahrhaftig so gut, als ob man in einem Meeting wäre; und er war ganz ruhig und sanft. Er brachte mir auch ein gut Stück Geld ein; denn ich kaufte ihn billig von einem Manne, der losschlagen mußte, und ich kriegte 600 für ihn. Ja, ich betrachte Religion für eine wertvolle Sache bei einem Nigger, wenn sie wirklich echt ist.«

»Nun, bei Tom ist sie echt, wenn sie jemals echt war«, war die Antwort. »Letzten Herbst ließ ich ihn allein nach Cincinnati gehen, um für mich Geschäfte abzumachen und 500 Dollar zurückzubringen. ›Tom‹, sagte ich zu ihm, ›ich traue dir, weil ich glaube, du bist ein Christ – ich weiß, du wirst mich nicht hintergehen.‹ Und Tom kommt auch wirklich zurück – ich wußte, daß er das tun würde. Einige schlechte Kerle, hörte ich, sagten zu ihm: ›Tom, warum machst du dich nicht nach Kanada auf die Beine?‹ – ›Ach, Master hat mir Vertrauen geschenkt, und ich könnte es nicht!‹ Man hat mir alles erzählt. Es tut mir leid, Tom zu verkaufen, das gestehe ich. Sie sollten mit ihm den ganzen Rest der Schuld getilgt sein lassen; und Sie würden es, Haley, wenn Sie nur einen Funken Gewissen hätten.«

»Nun, ich habe genausoviel Gewissen, als ein Geschäftsmann vertragen kann – ein klein wenig, um darauf zu schwören, wissen Sie«, sagte der Handelsmann scherzend, »und dann bin ich bereit, alles, was man verständigerweise erlangen kann, zu tun, um Freunden gefällig zu sein; aber das hier ist ein bißchen zu viel verlangt – ein bißchen zu viel.«

Der Handelsmann seufzte nachdenklich und schenkte sich noch ein Glas Branntwein ein.

»Nun, Haley, was machen Sie denn für einen Vorschlag?« sagte Mr. Shelby nach einer gelegenen Pause im Gespräch.

»Können Sie denn nicht noch einen Jungen oder ein Mädchen zu Tom zugeben?«

»Hm! – Ich könnte keinen gut entbehren, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, nur die äußerste Not bringt mich dazu, überhaupt zu verkaufen. Ich gebe ungern einen meiner Leute hin, das ist die Sache.«

Hier ging die Tür auf, und ein kleiner Quadroonknabe, zwischen 4 und 5 Jahre alt, trat ins Zimmer. Es lag in seiner Erscheinung etwas merkwürdig Schönes und Gewinnendes. Das schwarze, seidenweiche Haar wallte in glänzenden Locken um das runde Gesicht mit Grübchen in Kinn und Wangen, während ein paar große dunkle Augen voll Feuer und Sanftheit unter den vollen, langen Wimpern hervorsahen, wie er neugierig in das Zimmer lugte. Eine bunte, rot und gelb karierte Kutte, sorgfältig gearbeitet und hübsch gemacht, hob den dunklen und reichen Stil seiner Schönheit noch mehr hervor, und eine gewisse komische Miene von Sicherheit mit Verschämtheit verbunden zeigte, daß es ihm nicht ungewohnt war, von seinem Herrn gehätschelt und beachtet zu werden.

»Heda! Jim Crow!« sagte Mr. Shelby, indem er dem Knaben pfiff und ihm eine Weintraube zuwarf. »Hier nimm das!«

Mit aller Kraft seiner kleinen Beine lief das Kind nach der Traube, während sein Herr lachte.

»Komm zu mir, Jim Crow«, sagte er.

Das Kind kam zu ihm, und der Herr streichelte den Lockenkopf und griff ihm unter das Kinn.

»Nun, Jim, zeige diesem Herrn, wie du tanzen und singen kannst.«

Der Knabe fing an, eines der unter Negern üblichen wilden und grotesken Lieder mit einer vollen klaren Stimme zu singen und begleitete den Gesang mit vielen komischen Bewegungen der Hände, der Füße und des ganzen Körpers, wobei er mit der Musik auf das strengste Takt hielt.

»Bravo!« sagte Haley und warf ihm das Viertel einer Orange zu.

»Nun, Jim, zeige uns einmal, wie der alte Onkel Cudjoe geht, wenn er die Gicht hat«, sagte sein Herr.

Auf der Stelle nahmen die biegsamen Glieder des Kindes den Anschein von Gebrechlichkeit und Verkrüppelung an, wie es mit gekrümmtem Rücken und den Stock des Herrn mit der Hand im Zimmer herumhumpelte, das kindische Gesicht in kläglichem Jammer verzogen, und bald rechts, bald links spuckend, ganz wie ein alter Mann.

Beide Herren lachten hell auf.

»Nun, Jim«, sagte sein Herr, »zeige uns, wie der alte Älteste Robbins den Psalm vorsingt.«

Der Knabe zog sein rundes Gesichtchen zu einer schrecklichen Länge und fing an, eine Psalmenmelodie mit unzerstörbarem Ernst durch die Nase zu singen.

»Hurra! Bravo! Was für ein Blitzkerlchen!« sagte Haley. »Das Bürschchen ist ja prächtig. Ich will Ihnen was sagen«, sagte er und schlug Mr. Shelby auf die Schulter, »geben Sie das Kerlchen zu, und das Geschäft soll abgemacht sein. Das ist doch gewiß anständig, nicht wahr?«

In diesem Augenblick wurde die Tür leise geöffnet, und ein junges Quadroonweib, dem Anschein nach ungefähr 25 Jahre alt, trat ins Zimmer.

Man brauchte bloß das Kind und sie anzusehen, um in ihr sogleich die Mutter zu erkennen. Dasselbe große, volle, schwarze Auge mit den langen Wimpern, dasselbe seidenweiche, schwarze, lockige Haar. Ihre braunen Wangen röteten sich merklich, und die Glut wurde noch tiefer, als sie den Blick des Fremden in kecker und unverhohlener Bewunderung auf sich ruhen sah. Ihr Kleid saß wie angegossen und hob die schönen Verhältnisse ihrer Gestalt vortrefflich hervor. Eine kleine, schön geformte Hand und ein zierlicher Fuß waren Einzelheiten, welche dem raschen Auge des Handelsmannes, der gewöhnt war, mit einem Blick die Schönheiten einer vortrefflichen weiblichen Ware abzuschätzen, nicht entgingen.

»Nun, Elisa?« sagte ihr Herr, als sie stehen blieb und ihn zögernd anblickte.

»Ich suchte Harry, Sir, wenn Sie erlauben«, und der Knabe sprang auf sie zu und zeigte ihr die geschenkten Früchte, die er im Schoß seiner Kutte trug.

»Nun, so nimm ihn mit«, sagte Mr. Shelby, und sie entfernte sich rasch, das Kind auf dem Arm tragend.

»Beim Jupiter!« sagte der Handelsmann und wendete sich voll Bewunderung gegen ihn. »Das ist ein Stück Ware! Mit dem Mädchen können Sie jeden Tag in Orleans zum reichen Mann werden. Ich habe zu meiner Zeit mehr als tausend Dollar für Mädchen zahlen sehen, die nicht ein bißchen hübscher waren.«

»Ich mag an ihr nicht zum reichen Mann werden«, sagte Mr. Shelby trocken und entkorkte eine frische Flasche Wein, indem er den andern frug, wie das Getränk ihm schmecke, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

»Vortrefflich, Sir – prima Ware!« sagte der Handelsmann; dann schlug er wieder Shelby vertraulich auf die Schulter und setzte hinzu: »Wollen wir ein Geschäft mit dem Mädchen machen? Was soll ich dafür bieten? Was wollen Sie haben?«

»Mr. Haley, sie ist nicht zu verkaufen«, sagte Shelby, »meine Frau würde sie nicht für ihr Gewicht in Gold hingeben.«

»Ja, ja, das sagen die Weiber immer, weil sie nichts vom Rechnen verstehen. Man zeige ihnen nur, wieviel Uhren, Federn und Schmucksachen man für jemandes Gewicht in Gold kaufen kann, und das würde die Sache gleich anders machen, rechne ich.«

»Ich sage Ihnen, Haley, es kann nicht davon die Rede sein. Ich sage nein, und ich meine nein«, sagte Shelby mit Entschiedenheit.

»Nun, dann bekomme ich aber den Knaben, nicht wahr?« sagte der Handelsmann. »Sie müssen gestehen, daß ich ziemlich anständig für ihn geboten habe.«

»Aber was wollen Sie denn mit dem Kinde machen?« sagte Shelby.

»Nun, ich habe einen Freund, der sein Geschäft beginnen will und hübsche Knaben kaufen möchte, um sie für den Markt aufzuziehen. Ganz und gar ein Modeartikel – man verkauft sie als Bediente usw. an reiche Kerle, die hübsche Kerle bezahlen können. Es putzt ein großes vornehmes Haus, wenn so ein wirklich schöner Bursche die Tür öffnet und aufwartet. Sie werden gut bezahlt; und der kleine Teufel ist ein so komisches, musikalisches Kerlchen, daß er vortrefflich passen würde.«

»Ich möchte ihn lieber nicht verkaufen«, sagte Mr. Shelby gedankenvoll. »Die Sache ist, Sir, ich bin ein menschlicher Mann und kann es nicht über mich bringen, den Knaben seiner Mutter zu nehmen.«

»O wirklich – hm! Ja – das ist so eine Sache. Ich verstehe vollkommen. Es ist manchmal verwünscht eklig, mit Weibern durchzukommen. Wenn sie erst zu schreien und zu heulen anfangen, kann ich es nicht ausstehen. Das ist verwünscht eklig; aber wie ich die Sache einrichte, vermeide ich das gewöhnlich, Sir. Wenn Sie nun das Mädchen auf einen Tag oder eine Woche fortschickten? Da läßt sich die Sache ganz ruhig abmachen – und alles ist vorbei, wenn sie wiederkommt. Ihre Frau schenkt ihr dann noch ein Paar Ohrringe oder ein neues Kleid oder so was zur Entschädigung.«

»Ich fürchte, das geht nicht.«

»Ich sage Ihnen, es geht! Diese Leute sind nicht wie die Weißen, müssen Sie wissen; sie halten es aus, wenn man es nur recht anfängt. Sehen Sie«, sagte Haley und nahm eine aufrichtige und vertrauliche Miene an, »die Leute sagen, diese Art Handel mache die Menschen hartherzig; aber ich habe das nie gefunden. Die Sache ist, daß ich mich nie dazu bringen konnte, das Ding anzugreifen, wie es manche Burschen tun. Ich habe gesehen, wie einer Frau das Kind aus den Armen gerissen und verauktioniert wurde, während sie die ganze Zeit über jammerte und schrie wie verrückt; – sehr schlechte Politik – macht sie manchmal ganz untauglich zum Verkauf. Ich weiß von einem wirklich schönen Mädchen in Orleans, das durch so ein Verfahren ganz und gar ruiniert wurde. Der Mann, der das Weib kaufen wollte, wollte ihr Kind nicht haben, und sie war eine von der rechten, stürmischen Art, wenn ihr Blut einmal in der Hitze war. Ich sage Ihnen, sie drückte das Kind an ihre Brust und schwatzte und machte einen grauenhaften Lärm. Die Haut schauert mir noch, wenn ich daran denke; und als sie das Kind wegnahmen und sie einsperrten, wurde sie verrückt und starb in acht Tagen. Ein reiner Verlust von 1000 Dollar, Sir, bloß durch solche Behandlung. – Das ist die Sache. Es ist immer das beste, die Sache menschlich zu machen, so ist meine Erfahrung.«

Und der Handelsmann lehnte sich mit einer Miene tugendhafter Entschiedenheit in den Stuhl zurück und schlug die Arme über der Brust zusammen. Offenbar hielt er sich für einen zweiten Wilberforce.

Der Gegenstand schien den Herrn besonders zu interessieren, denn während Mr. Shelby nachdenklich eine Orange schälte, fing Haley mit schicklicher Bescheidenheit, aber als zwänge ihn die Macht der Wahrheit, noch ein paar Worte zu sagen, von neuem an:

»Es nimmt sich nicht gut aus, wenn sich ein Mann selber lobt; aber ich sage es nur, weil es die Wahrheit ist. Ich glaube, ich stehe in dem Ruf, die schönsten Herden Neger auf den Markt zu bringen – wenigstens hat man mir es gesagt, und gibt man es mir einmal zu, so muß es für alle hundertmal gelten –, und stets in gutem Zustand – dick und ansehnlich –, und es gehen mir so wenig zugrunde, als jedem andern Kaufmann in dem Geschäft, und ich schreibe das alles meiner Behandlung zu, Sir, und Menschlichkeit, Sir, möchte ich sagen, ist der große Pfeiler meiner Behandlung.«

Mr. Shelby wußte nicht, was er sagen sollte, und warf daher bloß ein »So?« ein.

»Man hatte mich wegen meiner Ideen ausgelacht und deshalb beredet. Sie sind nicht populär, und sie sind nicht gewöhnlich; aber ich habe an ihnen festgehalten, Sir, ich habe an ihnen festgehalten und habe mich wohl dabei befunden; ja, Sir, sie haben ihre Fahrt bezahlt, kann ich wohl sagen.« Und der Handelsmann lachte über seinen Witz.

Diese Beispiele von Menschlichkeit hatten etwas so Pikantes und Originelles, daß Mr. Shelby nicht umhin konnte, zur Gesellschaft mitzulachen. Vielleicht lachst Du auch, lieber Leser, aber Du weißt, daß heutzutage die Menschlichkeit in einer großen Verschiedenartigkeit seltsamer Gestalten erscheint, und daß menschliche Leute nie müde werden, Sonderbares zu sagen und zu tun.

Mr. Shelbys Lachen ermutigte den Handelsmann, fortzufahren.

»Es ist merkwürdig, aber ich könnte es niemals andern Leuten begreiflich machen. Da war der Tom Loker, mein alter Kompagnon in Natchez unten; der war ein gescheiter Kerl, der Tom, aber ein wahrer Teufel mit den Negern – aus Prinzip müssen Sie wissen, denn ein gutherzigerer Bursche ist nie geboren worden; es war sein System, Sir. Ich habe oft Tom Vorstellungen darüber gemacht. ›Aber, Tom‹, habe ich zu ihm gesagt, ›wenn deine Mädchen schreien und heulen, was nutzt es denn, wenn du ihnen eins über den Kopf gibst und mit der Peitsche unter ihnen herumfährst? ’s ist lächerlich‹, sage ich, ›und nützt zu nichts. Ich sehe nicht ein, was ihr Heulen schaden soll?‹ sage ich. ›Es ist Natur, und wenn die Natur sich nicht auf die eine Weise Luft machen kann, so tut sie es auf eine andere; außerdem, Tom‹, sage ich, ›verdirbst du deine Mädchen damit; sie werden kränklich und melancholisch, und manchmal werden sie häßlich, vorzüglich gelbe Mädchen. Warum heiterst du sie nicht lieber auf und sprichst freundlich mit ihnen? Verlaß dich darauf, Tom, ein wenig Menschlichkeit bei passender Gelegenheit reicht viel weiter, als all dein Schimpfen und Prügeln, und es lohnt sich besser‹, sage ich, ›verlaß dich drauf.‹ Aber Tom konnte sich nicht daran gewöhnen, und er verdarb mir so viele Mädchen, daß ich mich von ihm trennen mußte, obgleich er ein gutherziger Kerl und ein tüchtiger Geschäftsmann war.«

»Und finden Sie, daß Ihre Art und Weise, das Geschäft zu machen, bessern Erfolg hat als die Toms?« fragte Mr. Shelby.

»Gewiß, Sir. Sehen Sie, wenn ich irgend kann, nehme ich mich mit den unangenehmen Auftritten, wie mit dem Verkaufen von Kindern und so, ein bißchen in acht, schicke die Mädchen aus dem Wege – aus den Augen, aus dem Sinn, wissen Sie ja –, und wenn es geschehen ist und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, gewöhnen sie sich natürlich daran. Es ist nicht wie bei den weißen Leuten, die von Haus aus gewöhnt sind, zu erwarten, daß sie ihre Kinder und ihre Weiber behalten werden. Nigger, wissen Sie ja, die ordentlich erzogen sind, erwarten so etwas ganz und gar nicht; darum vertragen sie so etwas leichter.«

»Ich fürchte dann, die meinigen sind nicht ordentlich erzogen«, sagte Mr. Shelby.

»Wohl möglich. Hier in Kentucky verzieht man die Nigger. Sie meinen es gut mit ihnen, aber es ist im Grunde keine wirkliche Güte. Sehen Sie, gegen einen Nigger, der in der Welt herumgestoßen und an Tom und Dick und Gott weiß wen verkauft wird, ist es keine Güte, ihm Ideen und große Erwartungen beizubringen und ihn gut zu erziehen; denn er fühlt das Herumstoßen hernach nur um so tiefer. Ich will darauf wetten, Ihre Nigger würden ganz melancholisch sein an einem Ort, wo ein echter Neger aus den Plantagen singen und jauchzen würde, als wäre er besessen. Natürlich hält jedermann seine Verfahrensweise für die beste, Mr. Shelby, und ich glaube, ich behandle die Neger genausogut, als es der Mühe wert ist, sie zu behandeln.«

»Wohl dem, der mit sich zufrieden ist«, sagte Mr. Shelby mit einem leichten Achselzucken und einigen Empfindungen unangenehmer Art.

»Nun, was meinen Sie?« sagte Haley, nachdem sie beide eine Weile lang schweigend Nüsse gegessen hatten.

»Ich will mir die Sache überlegen und mit meiner Frau sprechen«, sagte Mr. Shelby. »Unterdessen, Haley, wenn Sie die Sache ruhig abgemacht wissen wollen, so ist es das beste, Sie lassen hier herum nicht bekannt werden, weshalb Sie da sind. Es wird sonst unter meinen Burschen ruchbar, und es wird dann nicht besonders leicht sein, einen meiner Kerle fortzuschaffen, das versichere ich Ihnen.«

»O gewiß werde ich mir nichts merken lassen. Aber ich sage Ihnen, ich habe verwünscht wenig Zeit und möchte so bald als möglich wissen, worauf ich mich verlassen kann«, sagte er, indem er aufstand und den Überrock anzog.

»Nun, so kommen Sie diesen Abend zwischen 6 und 7 wieder her, und Sie sollen Antwort haben«, sagte Mr. Shelby, und der Handelsmann entfernte sich grüßend.

»Ich wollte, ich hätte den Kerl die Treppe hinunterwerfen können mit seiner unverschämten Zuversicht«, sagte Mr. Shelby zu sich, als die Tür ordentlich zu war, »aber er weiß, wie sehr er mich in der Hand hat. Wenn mir jemand jemals gesagt hätte, daß ich Tom unten nach dem Süden an einen dieser Kerle verkaufen würde, so hätte ich gesagt: ›Ist dein Diener ein Hund, daß er das tun sollte?‹ Und jetzt muß es geschehn, soweit ich sehen kann. Und auch Elisas Kind! Ich weiß, ich werde darüber einigen Trödel mit meiner Frau haben, und auch wegen Tom. Das kommt von den Schulden – o weh! Der Kerl kennt seinen Vorteil und benutzt ihn aufs äußerste.«

Das Sklavenwesen in seiner mildesten Form ist wahrscheinlich im Staat Kentucky zu finden. Das allgemeine Vorherrschen von Kultursystemen von ruhiger und allmählicher Art, ohne das periodisch eintretende Bedürfnis, die Leute übermäßig zu beschäftigen, welches der landwirtschaftlichen Industrie der südlichen Distrikte eigen ist, macht die Arbeit des Negers zu einer gesunderen oder vernünftigeren, während der Herr, mit einem allmählicheren Erwerb zufrieden, nicht der Versuchung zur Hartherzigkeit ausgesetzt ist, welcher die schwache Menschennatur oft unterliegt, wo der Aussicht auf plötzlichen und raschen Gewinn kein schwereres Gewicht die Waage hält, als die Interessen der Hilflosen und Unbeschützten.

Mr. Shelby war ein Mann, wie man sie oft und stets gern findet, gutherzig und liebevoll und geneigt, seine ganze Umgebung mit freundlicher Nachsicht zu behandeln, und er hatte es nie an etwas fehlen lassen, was zum physischen Wohlsein der Neger auf seiner Besitzung beitragen konnte. Er hatte jedoch stark und unüberlegt spekuliert, war tief verschuldet, und auf ihn laufende Wechsel auf bedeutende Summen waren Haley in die Hände gekommen. Dies wird genügen, um das eben erzählte Gespräch zu erklären. Elisa hatte, während sie sich der Tür näherte, genug von der Unterhaltung gehört, um zu wissen, daß ein Handelsmann ihrem Herrn für jemanden ein Gebot mache.

Sie wäre gern an der Tür stehengeblieben, um zu horchen, als sie draußen war; aber ihre Herrin rief sie gerade, und sie mußte forteilen. Dennoch glaubte sie, den Handelsmann auf ihr Kind bieten gehört zu haben, konnte sie sich geirrt haben? Ihr Herz schwoll und bebte, und sie drückte den Kleinen unwillkürlich so fest an sich, daß er sie erstaunt ansah.

»Elisa, was fehlt dir heute?« sagte ihre Herrin, als sie den Wasserkrug und den Stickrahmen umgeworfen und ihrer Herrin zerstreut einen langen Nachtmantel anstatt des seidenen Kleides, das sie hatte holen sollen, dargereicht hatte.

Elisa schrak auf. »Ach, Missis!« sagte sie und erhob die Augen; dann stürzten ihre Tränen hervor und sie setzte sich auf einen Stuhl und fing an zu schluchzen.

»Aber Elisa, Kind! Was hast du?« sagte ihre Herrin.

»Ach, Missis, Missis!« sagte Elisa. »Ein Handelsmann spricht mit dem Herrn im Speisezimmer! Ich habe es gehört.«

»Nun, was schadet das, Närrchen?«

»Ach, Missis, glauben Sie wohl, daß der Herr meinen Harry verkaufen würde?« Und das arme Mädchen warf sich in einen Stuhl und schluchzte krampfhaft.

»Ihn verkaufen! Nein, du törichtes Mädchen! Du weißt, daß dein Herr niemals mit diesen Handelsleuten aus dem Süden Geschäfte macht und keinen seiner Leute verkauft, solange sie sich gut aufführen. Und wer soll denn deinen Harry kaufen? Meinst du denn, alle Welt ist so vernarrt in ihn wie du? Komm, beruhige dich und hake mir das Kleid zu. So, nun flechte mir das Haar in den hübschen Zopf, den du neulich gelernt hast, und horche nicht mehr an den Türen.«

»Also, Missis, Sie würden niemals Ihre Einwilligung geben, daß . . .«

»Unsinn, Kind! Natürlich würde ich es nicht. Warum sprichst du so? Ebensogut würde ich eins meiner Kinder verkaufen lassen. Aber wahrhaftig, Elisa, du wirst viel zu stolz auf den kleinen Burschen. Es darf nur einer die Nase zur Tür hereinstecken, so glaubst du gleich, er müsse ihn kaufen wollen.«

Wieder beruhigt durch den zuversichtlichen Ton ihrer Herrin setzte Elisa rasch und geschickt ihre Toilettendienste fort und lachte sich selbst aus wegen ihrer Furcht.

Mrs. Shelby war eine Frau von hoher geistiger und sittlicher Bildung. Neben der natürlichen Großmut und dem Edelsinn, welche oft die Frauen von Kentucky auszeichnen, besaß sie ein lebhaftes, sittliches, ein religiöses Gefühl und Grundsätze, die sie mit großer Energie und Geschicklichkeit in praktische Ausübung brachte. Ihr Gatte, der keine besondere Religiosität beanspruchte, hatte doch große Ehrfurcht vor der Konsequenz ihrer religiösen Überzeugung und hatte vielleicht ein wenig Scheu vor ihrer Meinung. Jedenfalls ließ er ihr ganz freie Hand in ihren wohlwollenden Bemühungen um das Wohlbehagen, den Unterricht und die Erziehung ihrer Leute, obgleich er selbst keinen tätigen Anteil daran nahm. Obgleich er nicht gerade an die Lehre von den überflüssigen guten Werken der Heiligen glaubte, so schien er doch im Grunde auf eine oder die andere Weise zu denken, daß seine Frau Frömmigkeit und Wohlwollen genug für zwei habe, und sich mit einer dunklen Hoffnung zu schmeicheln, durch ihren Einfluß an Eigenschaften, auf die er keinen besonderen Anspruch machte, in den Himmel zu gelangen.

Die schwerste Last auf seiner Seele nach seiner Unterredung mit dem Handelsmann war die unvermeidliche Notwendigkeit, seiner Gattin das besprochene Arrangement mitzuteilen und den Vorstellungen und dem Widerstand die Spitze zu bieten, die er schon voraussetzen konnte.

Mrs. Shelby, die von ihres Gatten Geldverlegenheit nicht das mindeste wußte und die nur die allgemeine Gutherzigkeit seines Charakters kannte, war in der vollständigen Ungläubigkeit, mit der sie Elisas Befürchtung aufnahm, ganz aufrichtig gewesen. Wirklich schenkte sie der ganzen Frage keinen einzigen Gedanken mehr; und da sie mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuch beschäftigt war, hatte sie die Sache bald vergessen.

10. Kapitel


Ungehörige Aufregung

An einem regnerischen Nachmittag spät stieg ein Reisender an der Tür eines kleinen Wirtshauses in dem Dorf N. in Kentucky ab. In der Schenkstube fand er eine ziemlich bunte Gesellschaft versammelt, welche das schlechte Wetter in diesen Hafen getrieben hatte, und der Ort bot den gewöhnlichen Anblick solcher Versammlungen dar. Große, lange, starkknochige Kentuckier in Jagdhemden, mit dem diesem Schlage eigenen bequemen Lungern, die langen Glieder über eine ziemliche Strecke der Stube rekelnd – Büchsen, die in der Stubenecke standen, Schrotbeutel, Jagdtaschen, Jagdhunde und kleine Neger in bunten Haufen in den Winkeln – waren die charakteristischen Züge des Bildes. An jedem Ende des Herdes saß ein langbeiniger Herr mit zurückgelehntem Stuhl, den Hut auf dem Kopf, während die Absätze der schmutzigen Stiefel auf dem Kaminsims ruhten – eine Lage, welche, wie wir unseren Lesern mitteilen, der in den Schenken des Westens üblichen Gedankenrichtung entschieden günstig ist, indem dort die Reisenden eine entschiedene Vorliebe für diese besondere Art, den Geist zu erheben, zeigen.

Der Wirt, der hinter der Bar stand, war, wie die meisten seiner Landsleute, groß von Wuchs, gutmütig und langbeinig und langarmig. Ein dichter Pelz von Haaren bedeckte seinen Kopf, den ein großer, hoher Hut krönte.

In der Tat trug jedermann im Zimmer auf dem Kopf dieses charakteristische Symbol männlicher Selbstherrlichkeit; mochte es ein Filzhut, ein Palmblatthut, ein schmieriger Biber oder ein schöner neuer Chapeau sein, überall sah man ihn mit echter republikanischer Unabhängigkeit auf den Köpfen sitzen. Er schien in Wahrheit das charakteristische Kennzeichen jedes einzelnen zu sein. Einige trugen ihn keck auf ein Ohr gesetzt – das waren die Leute von Humor, fidele, gemütliche Kerle; andere hatten ihn unabhängig auf die Nase heruntergedrückt – das waren die entschiedenen Charaktere –, die ganzen Männer, die, wenn sie ihren Hut trugen, ihn ordentlich tragen wollten und genauso, wie sie Lust hatten; dann die, welche ihn weit zurückgeschoben hatten – das waren die Umsichtigen und Schlauen, die eine freie Aussicht haben wollten, während er bei sorglosen Leuten, die nicht wußten, wie ihr Hut saß, und denen es auch ganz gleich war, in allen Richtungen auf dem Kopfe herumwackelte. Die verschiedenen Hüte waren in der Tat ein wahrhaft Shakespearesches Studium.

Verschiedene Neger mit sehr bequemen und weiten Beinkleidern, nur mit keinem Überfluß von Hemdenwäsche, liefen hin und her, ohne besonders sichtbare Resultate, außer daß sie eine allgemeine Bereitwilligkeit an den Tag legten, zum besten des Wirts und der Gäste jegliches Ding auf der Welt umzukehren. Vervollständigen wir dieses Bild noch mit einem lustig prasselnden und lachenden Feuer, das eine große weite Esse hinaufflackerte – wobei die Tür und jedes Fenster weit offen stand und der kattunene Fenstervorhang in einer guten steifen Brise von feuchter kalter Luft fackelte –, und man wird sich einen Begriff von den Herrlichkeiten einer Kentuckierschenke machen können.

Der Kentuckier der Gegenwart ist eine gute Erläuterung der Lehre von fortgeerbten Instinkten und Eigentümlichkeiten. Seine Väter waren gewaltige Jäger – Männer, die in den Wäldern lebten und unter dem freien offenen Himmel schliefen und sich von den Sternen das Licht halten ließen, und ihr Nachkömmling benimmt sich noch heutigen Tags, als ob das Haus sein Feldlager wäre – hat den Hut zu allen Zeiten auf dem Kopfe, rekelt sich herum und legt die Absätze auf Stuhllehnen und Kaminsimse, gerade wie sich sein Vater auf dem grünen Rasen herumwälzte und seine Beine auf Baumstämme und Klötze legte, läßt alle Fenster und Türen Winter und Sommer offen stehen, um genügend Luft für seine große Lunge zu haben, – nennt mit ungeniertem Benehmen jeden »Fremder« und ist mit einem Worte das offenste, fidelste Geschöpf auf Erden.

In eine Gesellschaft solcher Leute trat unser Reisender. Er war ein kleiner untersetzter Mann, sorgfältig gekleidet, mit einem runden gutmütigen Gesichter und etwas Fahrigem und Eigenem in seinem Wesen. Er war sehr besorgt um seinen Mantelsack und seinen Schirm, die er selbst hereingetragen brachte, und wies hartnäckig alle Anerbietungen der Dienerschaft zurück, sie ihm abzunehmen. Er sah sich in der Schenkstube mit etwas unruhigen Blicken um, zog sich dann mit seinen Sachen in die wärmste Ecke zurück, legte sie unter seinen Stuhl, setzte sich nieder und sah etwas ängstlich den würdigen Mann an, dessen Absätze die Ecke des Kaminsimses schmückten und der nach rechts und nach links mit einem Mut und einer Ausdauer spuckte, die für Personen von schwachen Nerven und reinlichen Manieren etwas Beunruhigendes hatten.

»Heda, Fremder, wie geht’s?« sagte der eben erwähnte Herr, indem er eine Ehrensalve von Tabakssaft in der Richtung des neuen Ankömmlings abschoß.

»Gut, rechne ich«, war die Antwort des andern, als er nicht ohne Unruhe sich vor der drohenden Ehre zur Seite bog.

»Was Neues?« fragte der andere weiter und holte eine Schnur Tabak und ein großes Jagdmesser aus der Tasche.

»Nichts, das ich wüßte«, sagte der Fremde.

»Kaut Ihr?« sagte der erste Sprecher, indem er dem alten Herrn mit einer entschieden brüderlichen Miene ein Stück Tabak anbot.

»Nein, ich danke Ihnen, es bekommt mir nicht«, sagte der kleine Mann und rückte weg.

»Nicht?« sagte der andere leichthin und schob sich das Priemchen in den Mund, um die Erzeugung von Tabakssaft zum allgemeinen Besten der Gesellschaft im Gange zu erhalten.

Der alte Herr fuhr regelmäßig erschrocken auf, wenn sein langbeiniger Bruder sein Feuer auf diese Seite richtete, und da letzterer dies bemerkte, so gab er gutmütig seiner Artillerie eine andere Richtung und fing an, eines der Schüreisen mit einem militärischen Talent zu stürmen, das zur Einnahme einer Stadt genügt hätte.

»Was ist das?« sagte der alte Herr, als einige um einen großen Zettel zusammentraten.

»Nigger davongelaufen!« sagte einer von der Gesellschaft kurz.

Mr. Wilson, denn so hieß der Herr, stand auf, rückte sorgfältig seinen Mantelsack und Schirm zurecht, zog langsam seine Brille heraus und setzte sie auf die Nase, und nun las er folgendes:

»Unterzeichnetem fortgelaufen sein Mulattenbursche George. Besagter George ist sechs Fuß lang, ein sehr heller Mulatte mit braunem lockigem Haar; ist sehr gescheit, spricht gut, kann lesen und schreiben; wird wahrscheinlich versuchen, für einen Weißen zu gelten, hat tiefe Narben auf Rücken und Schultern und ist in der rechten Handfläche mit einem H gebrannt. Ich gebe für ihn 400 Dollar lebendig und dieselbe Summe für genügenden Nachweis, daß er tot ist.«

Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zum Ende halblaut, als ob er sie studierte.

Der langbeinige Veteran, der das Schüreisen belagert hatte, wie wir vorhin erzählten, wälzte jetzt seine Absätze vom Kaminsims herunter, richtete seinen langen Körper auf, ging zu dem Zettel hin und spuckte mit voller Überlegung eine volle Ladung Tabakssaft darauf.

»Das ist meine Meinung von der Sache«, sagte er kurz und setzte sich wieder hin.

»Nun, Fremder, was soll das heißen?« sagte der Wirt.

»Ich würde es ebenso machen mit dem Schreiber dieses Zettels, wenn er hier wäre«, sagte der Lange und schnitt sich ganz ruhig seinen Tabak zurecht. »Ein Mann, der einen solchen Burschen hat und ihn nicht besser zu behandeln weiß, verdient, daß er ihm fortläuft. Solche Zettel, wie der da, sind eine Schande für Kentucky, das ist meine Meinung von der Sache, wenn sie jemand zu wissen wünscht.«

»Na, das ist ein Faktum«, sagte der Wirt, während er einen Posten ins Buch schrieb.

»Ich habe auch meine Leute, Sir«, sagte der Lange und fing seinen Angriff auf das Schüreisen wieder an, »und ich sage zu ihnen ganz einfach: ›Jungens‹, sage ich, ›lauft jetzt! Reißt aus! Macht, was Ihr wollt! Ich werde mich niemals nach Euch umsehen!‹ So behalte ich meine Leute. Sagt ihnen nur, sie könnten laufen, wenn sie wollen, und sie verlieren alle Lust dazu! Außerdem habe ich für alle Freischeine eintragen lassen, im Fall es einmal mit mir zu Ende geht, und sie wissen das, und ich sage Euch, Fremder, kein Kerl in unserer ganzen Gegend kriegt mehr Arbeit von seinen Niggern als ich. Ja, meine Jungens sind in Cincinnati mit Pferden 500 Dollar wert gewesen und haben mir das Geld richtig gezählt heimgebracht, mehr als einmal, ’s ist auch ganz natürlich. Behandelt sie wie Hunde, und sie werden wie Hunde arbeiten und sich wie Hunde benehmen. Behandelt sie wie Menschen, und sie werden wie Menschen arbeiten.« Und der ehrliche Pferdezüchter bekräftigte in seinem Eifer die Sentenz mit dem Abfeuern einer vollständigen Freudensalve in den Kamin.

»Ich glaube, Ihr habt im ganzen recht, Freund«, sagte Mr. Wilson, »und der hier beschriebene Bursche ist ein Prachtkerl – das steht fest. Er hat für mich wohl ein halb Dutzend Jahre in meiner Packleinwand-Fabrik gearbeitet, und er war mein bester Arbeiter, Sir. ’s ist auch ein gescheiter Bursche, Sir – hatte eine Maschine zum Reinigen des Hanfes erfunden – eine ganz vortreffliche Maschine, sie ist in mehreren Fabriken in Gebrauch. Sein Herr hat ein Patent darauf.«

»Ich will wetten«, sagte der Pferdezüchter, »er hat das Patent und verdient Geld damit, und dann nimmt er den Burschen her und brandmarkt ihn in die rechte Hand. Wenn er mir in die Hände kommt, will ich ihn zeichnen, rechne ich, so daß man’s eine Weile sieht.«

»Die gescheiten Nigger sind immer böse Ware und vorlaut«, sagte ein gemein aussehender Kerl von der anderen Seite des Zimmers herüber, »deswegen werden sie auch immer gepeitscht und gebrandmarkt. Wenn sie sich besser benähmen, so geschähe es ihnen nicht.«

»Das heißt, der Herr hat sie zu Menschen gemacht, und ’s kostet harte Arbeit, sie bis zum Vieh hinunter zu bringen«, sagte der Pferdezüchter trocken.

»Gescheite Nigger sind kein Vorteil nicht für ihre Herren«, fuhr der andere fort, den die Beschränktheit einer gemeinen Seele die Verachtung seines Widerparts nicht fühlen ließ. »Was nutzen Talente und solche Sachen, wenn man sie nicht für sich benutzen kann? Aber sie benutzen sie nur, um Euch zu hintergehen. Ich habe einen oder zwei solche Burschen gehabt und habe sie flußabwärts verkauft. Ich wußte, sie würden mir davonlaufen, früher oder später, wenn ich’s unterließ.«

»Lieber schickt hinauf zum lieben Gott und laßt Euch eine Partie machen und gleich die Seelen weglassen«, sagte der Pferdezüchter. Hier unterbrach die Ankunft eines kleinen einspännigen Wagens vor der Schenke das Gespräch. Die Equipage sah vornehm aus, und ein wohlgekleideter gentlemanischer Herr saß darin, während ein farbiger Bedienter fuhr.

Die versammelte Gesellschaft betrachtete den neuen Ankömmling mit der Teilnahme, mit welcher eine Versammlung von Lungerern an einem Regentag gewöhnlich jeden neuen Ankömmling mustert. Der Fremde war hochgewachsen, hatte einen dunklen spanischen Teint, ausdrucksvolle schwarze Augen und dichtes krauses Haar, ebenfalls von glänzender Schwärze. Seine schöngeformte Adlernase, die geraden schmalen Lippen und die herrlichen Umrisse seiner schön geformten Glieder machten auf die ganze Gesellschaft auf der Stelle den Eindruck von etwas Ungewöhnlichem. Er trat unbefangen mitten unter die Gäste, wies mit einem Kopfnicken seinem Bedienten den Fleck, wohin er die Koffer setzen sollte, verbeugte sich gegen die Versammelten und schritt mit dem Hute in der Hand ruhig nach der Bar, wo er seinen Namen als Harry Butler von Oaklands, Shelby County, angab. Darauf wendete er sich gleichgültig wieder ab und trat vor die Anzeige, die er durchlas.

»Jim«, sagte er zu seinem Bedienten, »sind wir nicht einem solchen Burschen droben bei Bernans begegnet? Meinst du nicht?«

»Ja, Master«, sagte Jim, »nur weiß ich nicht ganz gewiß, wie es mit der Hand war.«

»Natürlich, ich hab‘ auch nicht hineingesehen«, sagte der Fremde mit gleichgültigem Gähnen. Dann verlangte er von dem Wirt ein besonderes Zimmer, da er sofort einige Briefe zu schreiben habe.

Der Wirt war über die Maßen dienstwillig, und eine Herde von ungefähr sieben Negern, alten und jungen, männlichen und weiblichen, kleinen und großen, fuhr bald im Zimmer herum, wie ein Flug Rebhühner, schäfterte und lärmte und trat sich auf die Zehen und purzelte übereinander in ihrem Eifer, das Zimmer für den Herrn zurechtzumachen, der unterdessen unbefangen auf einem Stuhl in der Mitte der Schankstube Platz genommen und ein Gespräch mit seinem Nachbar angeknüpft hatte.

Der Fabrikant Mr. Wilson hatte den Fremden vom Augenblick seines Eintretens an mit einer Miene ängstlicher und unruhiger Neugier angeblickt. Es war ihm, als sei er schon irgendwo mit ihm zusammengekommen und mit ihm bekannt gewesen, aber er konnte sich nicht besinnen, wo.

Fast alle Minuten, wenn der Fremde sprach oder sich bewegte oder lächelte, fuhr er empor, heftete den Blick auf ihn und wendete ihn dann rasch wieder ab, wie ihn die glänzenden dunklen Augen des andern mit unbefangener Kälte ansahen. Endlich schien eine plötzliche Erinnerung in ihm zu erwachen, denn er starrte den Fremden mit einer solchen Miene sprachloser Verblüfftheit und Unruhe an, daß dieser sich ihm näherte.

»Mr. Wilson, glaube ich«, sagte er, als ob er ihn jetzt erst erkenne, und bot ihm die Hand dar. »Ich bitte um Verzeihung, ich erkannte Sie nicht gleich. Ich sehe, Sie kennen mich noch – Mr. Butler von Oaklands, Shelby County.«

»Ja – ja, Sir«, stotterte Mr. Wilson, wie einer, der im Traum redet. In diesem Augenblick erschien ein Negerknabe mit der Meldung, daß Masters Zimmer fertig sei.

»Jim, sieh nach den Koffern«, sagte der Fremde nachlässig; dann zu Mr. Wilson gewendet, setzte er hinzu: »Ich möchte mit Ihnen auf meinem Zimmer ein paar Worte über Geschäftssachen sprechen, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Mr. Wilson folgte ihm wie einer, der im Traum wandelt; und sie begaben sich in ein großes Zimmer oben, wo ein frisch angezündetes Feuer prasselte und verschiedene Diener herumflogen, um die letzte Hand an die getroffenen Anordnungen zu legen.

Als alles fertig war und die Dienstboten sich entfernt hatten, verschloß der junge Fremde sorgfältig die Tür, steckte den Schlüssel in die Tasche, drehte sich um, schlug die Arme über der Brust zusammen und sah Mr. Wilson gerade ins Gesicht.

»George!« sagte Mr. Wilson.

»Ja, George«, sagte der junge Mann.

»Wer hätte das denken sollen!«

»Ich bin ziemlich gut verkleidet, glaube ich«, sagte der Jüngling mit einem Lächeln. »Ein wenig Walnußschale hat meiner gelben Haut eine vornehme braune Farbe gegeben, und das Haar habe ich mir schwarz gefärbt; so paßt also der Steckbrief gar nicht mehr auf mich, wie Sie sehen.«

»Aber George, Ihr spielt da ein gar gefährliches Spiel. Ich möchte Euch nicht dazu geraten haben.«

»Ich kann es auf meine eigene Verantwortlichkeit aufführen«, sagte George mit demselben stolzen Lächeln.

Wir bemerken beiläufig, daß George von Vaters Seite von weißem Blute war. Seine Mutter war eine jener unglücklichen Sklavinnen, die ihre persönliche Schönheit von vornherein zum Opfer der Wollust ihres Besitzers und zur Mutter von Kindern, die nie einen Vater anerkennen dürfen, bestimmt. Von einer der stolzesten Familien Kentuckys hatte er eine Physiognomie von schönster europäischer Regelmäßigkeit und einen stolzen, unbezähmbaren Geist geerbt. Von seiner Mutter hatte er nur eine leichte Mulattenfarbe, die das von ihr ererbte feurige schwarze Auge reichlich wiedergutmachte. Eine kleine Veränderung in der Farbe seiner Haut und seines Haares hatte ihm jetzt ganz das Aussehen eines Spaniers gegeben; und da Anmut der Bewegungen und anständige Manieren ihm von Natur angeboren waren, so wurde es ihm nicht schwer, die kühne Rolle, die er übernommen hatte, durchzuführen – die eines mit seinem Bedienten reisenden Gentlemans.

Mr. Wilson, ein gutmütiger, aber sehr fahriger und ängstlicher alter Herr, ging unruhig im Zimmer auf und ab, geteilt zwischen dem Wunsche, George zu helfen, und einer gewissen verworrenen Überzeugung von der Notwendigkeit, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. So äußerte er sich denn, wie er auf und ab ging, in folgenden Worten:

»Na, George, ich glaube, Ihr lauft fort – verlaßt Euren gesetzlichen Herrn, George – (es wundert mich nicht) – aber es tut mir auch zugleich leid, George – ja entschieden – das, glaube ich, muß ich Euch sagen, George, – ’s ist meine Pflicht, es Euch zu sagen.«

»Warum tut es Ihnen leid, Sir?« sagte George ruhig.

»Nun, daß Ihr Euch, sozusagen, einer Verletzung der Gesetze Eurer Heimat schuldig macht.«

»Meiner Heimat!« sagte George mit starkem und bitterem Nachdruck. »Welche Heimat habe ich, als das Grab? – und ich wünsche zu Gott, ich läge drinnen!«

»Aber George, nein – nein – das geht nicht, so zu reden ist gottlos – unchristlich. George, Ihr habt einen harten Herrn – das ist wahr – er führt sich ganz unverantwortlich auf – es kann mir nicht einfallen, ihn zu verteidigen; aber Ihr wißt, wie der Engel Hagar gebot, zu ihrer Herrin zurückzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen; und der Apostel schickte Onesimus zu seinem Herrn zurück.«

»Führen Sie mir nicht die Bibel auf diese Weise an, Mr. Wilson«, sagte George mit funkelndem Auge. »Tun Sie es nicht! Denn meine Frau ist eine Christin, und ich will auch Christ werden, wenn ich erst gerettet bin; aber einem Menschen in meinen Verhältnissen die Bibel anzuführen, genügt, um einen davon abzubringen. Ich appelliere an Gott den Allmächtigen, ich bin bereit, meine Sache seiner Entscheidung zu unterwerfen, und frage ihn, ob ich unrecht tue, meine Freiheit zu suchen.«

»Diese Empfindungen sind ganz natürlich, George«, sagte der gutmütige Fabrikant und schneuzte sich die Nase. »Ja, sie sind natürlich, aber es ist meine Pflicht, Euch nicht in denselben zu bestärken. Ja, mein Bursche, Ihr tut mir wahrhaftig leid; es ist ein schlimmer Fall, ein sehr schlimmer; aber der Apostel sagt: ›Bleibe jeglicher in seinem Stande, zu dem er berufen ist.‹ – Wir müssen uns alle den Fingerzeigen der Vorsehung fügen, George – seht Ihr’s nicht ein?«

George stand da, den Kopf zurückgeworfen und die Arme fest über der breiten Brust übereinandergeschlagen, während ein bitteres Lächeln um seinen Mund zuckte.

»Ich möchte doch wissen, Mr. Wilson, wenn die Indianer kämen und Sie als Gefangenen von Weib und Kind wegschleppten und Sie Ihr ganzes Leben lang zur Arbeit in den Maisfeldern behalten wollten, ob Sie es da für Ihre Pflicht halten würden, in dem Stande zu bleiben, zu dem Sie berufen worden! Ich sollte eher meinen, Sie würden das erste verlaufene Pferd, das Ihnen in die Hand fiele, für einen Fingerzeig der Vorsehung halten – nicht wahr?«

Der kleine alte Herr riß beide Augen weit auf, als er die Frage so stellen hörte, denn obgleich er nicht stark in der Logik war, war er doch verständig genug, – worin ihm die meisten Redner über diesen Gegenstand nachahmen könnten – nichts zu sagen, wo nichts zu sagen war. So stand er denn da und streichelte nachdenklich seinen Regenschirm, dessen kleinste Falten er sorgfältig glättete, und fuhr dann mit seinen allgemein gehaltenen Ermahnungen fort.

»Ihr wißt ja, George, ich bin immer Euer Freund gewesen, und was ich gesagt habe, habe ich immer zu Eurem Besten gesagt. Jetzt kommt es mir wirklich vor, als ob Ihr Euch einer schrecklichen Gefahr aussetztet. Ihr könnt nicht hoffen durchzukommen. Werdet Ihr ertappt, so habt Ihr es noch viel schlimmer als früher; man wird Euch mißhandeln und halb totschlagen und flußabwärts verkaufen.«

»Ich weiß das alles, Mr. Wilson«, sagte George. »Ich setze mich einer großen Gefahr aus, aber« – er schlug den Oberrock auseinander und zeigte zwei Pistolen und ein Baummesser. »Da!« sagte er. »Ich bin für sie gerüstet! Nach dem Süden bringen sie mich nicht lebendig. Nein! Wenn es erst so weit kommt, kann ich mir wenigstens sechs Fuß freie Erde verdienen. – Die erste und letzte, die ich jemals in Kentucky mein nennen werde.«

»Aber George, ein solcher Gemütszustand ist ja wahrhaft schrecklich! Das ist ja reine Verzweiflung, George! Das ist ja schlimm. Ihr wollt die Gesetze Eures Vaterlandes verletzen?«

»Meines Vaterlandes! Mr. Wilson, Sie haben ein Vaterland; aber welches Vaterland habe ich oder meinesgleichen, die wir von Sklavenmüttern geboren sind? Was für Gesetze gibt’s für uns? Wir machen sie nicht – wir geben ihnen nicht unsere Zustimmung – wir haben nichts mit ihnen zu tun, sie tun weiter nichts für uns, als uns zu drücken und zu knechten. Habe ich nicht Eure Reden am 4. Juli gehört? Sagt Ihr uns nicht alle Jahre einmal, daß Regierungen ihre wahre Kraft von der Zustimmung der Regierten herleiten? Glauben Sie, man denkt nicht nach, wenn man solche Reden hört? Kann man nicht dies und das zusammenhalten und sehen, was draus wird?«

Mr. Wilsons Seele war von jener Art, die man nicht unpassend mit einem Ballen Baumwolle verglichen hat – weich, sanft und gutmütig verworren. Er bedauerte George wirklich von ganzem Herzen und hatte eine Art dunkler und unbestimmter Ahnung von der Beschaffenheit der Empfindungen, die seine Brust erfüllten; aber er hielt es für seine Schuldigkeit, ihm mit unermüdlicher Ausdauer von seinen Pflichten vorzureden.

»George, das ist nicht recht. Ich muß Euch sagen, natürlich als Freund, daß es besser ist, Ihr gebt Euch mit solchen Gedanken nicht ab; sie sind schlecht, George, – sehr schlecht für Burschen in Eurer Lage, – sehr schlecht«, und Mr. Wilson setzte sich an einen Tisch und fing an, in großer Aufregung auf dem Griffe seines Regenschirmes herumzubeißen.

»Sehen Sie mich einmal an, Mr. Wilson«, sagte George, der jetzt herantrat und sich entschlossen vor ihn hinsetzte; »sehen Sie mich einmal an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen, in jeder Hinsicht ganz so ein Mann, wie Sie selbst sind? Sehen Sie mein Gesicht an – sehen Sie meine Hände an – sehen Sie meinen Körper an« – und der junge Mann richtet sich stolz in die Höhe – »bin ich nicht so gut ein Mensch wie jeder andere? Nun hören Sie mich an, Mr. Wilson, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich hatte einen Vater, einen von Ihren vornehmen Kentuckiern – der nicht genug an mich dachte, um mich vor dem Schicksal zu bewahren, mit seinen Hunden und Pferden zur Deckung der Schulden nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter mit ihren sieben Kindern zur gerichtlichen Auktion ausgestellt. Sie wurden alle vor ihren Augen verkauft, eins nach dem andern und alle an verschiedene Herren; und ich war das jüngste. Sie kniete vor meinem vorigen Herrn nieder und bat ihn, mich mit ihr zu verkaufen, damit sie wenigstens eins ihrer Kinder bei sich habe; und er stieß sie mit seinem schweren Stiefel von sich. Das sah ich mit an; und das letzte, was ich von ihr hörte, war ihr Gestöhn und ihr Gejammer, als er mich auf sein Pferd band, um mich mit auf sein Gut zu nehmen.«

»Und weiter?«

»Mein Herr machte mit einem der Leute Geschäfte und kaufte meine älteste Schwester. Sie war ein frommes, gutes Mädchen – hielt sich zu den Wiedertäufern – und war so schön, wie meine arme Mutter früher. Sie war gut erzogen und hatte gute Manieren. Anfangs war ich froh, daß sie gekauft war, denn ich hatte nun wenigstens eine befreundete Seele in meiner Nähe. Bald mußte ich andern Sinnes werden. Sir, ich habe an der Tür gestanden und habe sie drinnen auspeitschen hören, während es mir war, als ob mir jeder Hieb das nackte Herz zerschnitt, und ich konnte nichts tun, ihr zu helfen; und sie wurde ausgepeitscht, Sir, weil sie ein sittsames christliches Leben führen wollte, wozu Ihre Gesetze keinem Sklavenmädchen ein Recht geben; und zuletzt sah ich sie gefesselt in einer Sklavenkette nach Orleans zum Verkauf geschickt werden – bloß aus diesem einen Grunde wurde sie hingeschickt – und das ist das letzte, was ich von ihr gehört habe. Nun, ich wuchs zum Jüngling empor – Jahre auf Jahre vergingen – ohne Vater oder Mutter oder Schwester, oder sonst eine einzige lebendige Seele, die sich um mich soviel kümmerte, wie um einen Hund; nichts als Peitschen, Schelten, Darben. Ja, Sir, ich bin so hungrig gewesen, daß ich froh war, die Knochen zusammenlesen zu können, die man den Hunden hinwarf; und doch, als ich noch ein ganz kleiner Kerl war und ganze Nächte hindurch weinte, so weinte ich nicht wegen des Hungers oder wegen des Peitschens. Nein, Sir, ich weinte um meine Mutter und meine Schwestern, ich weinte, weil ich niemand auf Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewußt, was Ruhe oder Friede war. Man hat nie ein freundliches Wort mit mir gesprochen, bis ich Arbeit in Ihrer Fabrik erhielt. Mr. Wilson, Sie haben mich immer gut behandelt; Sie haben mich aufgemuntert, mich gut aufzuführen, und Lesen und Schreiben zu lernen, und zu versuchen, etwas aus mir zu machen; und Gott weiß, wie dankbar ich Ihnen dafür bin. Dann lernte ich meine Frau kennen; Sie haben sie gesehen, Sie wissen, wie schön sie ist. Als ich entdeckte, daß sie mich liebte, als ich sie heiratete, konnte ich kaum glauben, es sei kein Traum, so glücklich war ich; und Sir, sie ist ebenso gut, als sie schön ist. Aber wie wird es nun? Mein Herr nimmt mich von meiner Arbeit und meinen Freunden und allem, was ich lieb habe, weg, und drückt mich bis in den tiefsten Schmutz hinab! Und warum? Weil, sagte er, ich vergessen hätte, wer ich sei; er wolle mir zeigen, daß ich nur ein Nigger sei, sagte er! Um das Maß voll zu machen, trennte er mich noch zuletzt von meiner Frau und sagte, ich sollte ein anderes Weib nehmen. Und zu dem allen geben ihm Eure Gesetze die Macht trotz Gott und Menschen. Sehen Sie das, Mr. Wilson! Ihre Gesetze in Kentucky hier erlauben jede einzelne von den Sachen, welche die Herzen meiner Mutter und meiner Frau und mein Herz gebrochen haben, erlauben und geben jeglichem Manne die Macht dazu, und niemand darf nein dazu sagen! Nennen Sie das die Gesetze meines Vaterlandes? Sir, ich habe so wenig ein Vaterland, als ich einen Vater habe. Aber ich will mir eins verschaffen. Ich verlange nichts von Ihrem Vaterlande, als daß es mich ungeschoren läßt – daß es mich ruhig fort läßt; und wenn ich nach Kanada komme, wo mich die Gesetze anerkennen und beschützen, so soll dort mein Vaterland sein, und seinen Gesetzen will ich gehorchen. Aber wenn ein Mann versucht, hier mich aufzuhalten, so möge er sich in acht nehmen, denn ich bin ein verzweifelter Mann. Ich will für meine Freiheit streiten, bis zu meinem letzten Atemzug. Sie sagen, Ihre Väter hätten das getan; wenn die ein Recht dazu hatten, so habe ich auch ein Recht dazu!«

Diese Rede, die George teils am Tische sitzend, teils im Zimmer auf- und abschreitend, begleitet von Tränen, flammenden Blicken und verzweiflungsvollen Gebärden gehalten hatte, war zu viel für das weiche Herz des gutmütigen Alten, der ein großes seidenes Taschentuch herausgezogen hatte und sich jetzt das Gesicht mit großer Energie abrieb.

»Der Teufel hol sie alle!« brach er plötzlich heraus. »Habe ich es nicht immer gesagt – die verwünschten alten Lumpenkerle! Ich fluche doch nicht etwa! Nun macht, daß Ihr fortkommt, George, macht, daß Ihr fortkommt; aber seid vorsichtig, mein Junge; schießt niemanden, George, wenn nicht – nun – besser ist’s, Ihr schießt nicht, rechne ich; wenigstens möchte ich niemanden treffen, wißt Ihr. Wo ist Eure Frau, George?« setzte er hinzu, als er in großer Aufregung aufstand und im Zimmer auf und ab zu gehen anfing.

»Fort, Sir – fort mit dem Kinde auf ihrem Arm, Gott weiß wohin. Sie ist dem Polarstern nachgegangen; und wenn wir uns wiedersehen, oder ob wir uns jemals auf dieser Welt wiedersehen, kann kein sterbliches Geschöpf wissen.«

»Ist’s möglich! ’s ist doch zum Erstaunen! Von einer so guten Familie?«

»Gute Familien geraten in Schulden, und die Gesetze unseres Landes gestatten, das Kind von der Mutter Brust weg zu verkaufen, um seines Herrn Schulden zu bezahlen«, sagte George mit Bitterkeit.

»Hm, hm«, sagte der ehrliche Alte und suchte in seinen Taschen herum. »Ich vermute, ich folge nicht ganz meiner bessern Einsicht. – Hols‘ der Henker, ich mag meiner bessern Einsicht nicht folgen!« setzte er plötzlich hinzu. »Hier, nehmt, George«, und er zog ein Päckchen Banknoten aus seiner Brieftasche und bot sie George an.

»Nein, mein lieber guter Herr!« sagte George. »Sie haben viel für mich getan, und das könnte Ihnen Unannehmlichkeiten machen. Ich habe Geld genug, um mich bis an den Ort zu bringen, den ich erreichen muß, hoffe ich.«

»Aber Ihr wißt, George, Geld ist eine große Hilfe überall; Ihr könnt nicht zu viel haben, wenn Ihr es auf ehrliche Weise erlangt. Hier – hier nehmt es nur, mein Bursche.«

»Unter der Bedingung, daß ich es Ihnen zu einer späteren Zeit wiederbezahle, will ich es annehmen«, sagte George und steckte das Geld ein.

»Und nun, George, wie lange gedenkt Ihr auf diese Weise zu reisen? – Nicht lange oder nicht weit, hoffe ich. Es ist gut durchgeführt, aber zu kühn. Und wer ist der schwarze Bursche?«

»Ein treuer Bursche, der vor länger als einem Jahre nach Kanada entfloh. Dort angekommen hört er, sein Herr sei so erzürnt über seine Flucht gewesen, daß er seine arme alte Mutter haben auspeitschen lassen; und er hat die ganze, weite Reise zurückgemacht, um ihr Trost zuzusprechen, und auch ihre Flucht vorzubereiten.«

»Hat er sie schon befreit?«

»Noch nicht; er hat sich in der Nähe der Besitzung, wo sie ist, herumgetrieben, aber noch keine Gelegenheit gefunden. Unterdessen fährt er mit mir bis nach Ohio, um mich bei Freunden einzuführen, die ihm geholfen haben, und dann will er die Mutter nachholen.«

»Gefährlich, sehr gefährlich!« sagte der Alte.

George richtete sich empor und lächelte verächtlich.

Der alte Herr sah ihn mit einer Art unschuldigen Staunens vom Kopf bis zu den Füßen an. »George, etwas hat eine wunderbare Veränderung in Euch hervorgebracht. Ihr tragt den Kopf hoch und benehmt Euch wie ein anderer Mensch«, sagte Mr. Wilson.

»Weil ich ein freier Mann bin!« sagte George mit Stolz. »Ja, Sir, ich habe zum letzten Male zu einem Menschen Master gesagt. Ich bin frei!«

»Nehmt Euch in acht! Ihr seid noch nicht sicher – man kann Euch noch fangen.«

»Alle Menschen sind frei und gleich im Grabe, wenn es dazu kommt, Mr. Wilson«, sagte George.

»Ich bin ganz stumm vor Staunen über Eure Kühnheit«, sagte Mr. Wilson, »hier keck in dem nächsten Wirtshause abzusteigen!«

»Mr. Wilson, es ist so kühn, und dieses Wirtshaus ist so nahe, daß sie keinen Verdacht schöpfen werden; sie suchen mich weit voraus, und Sie selbst würden mich nicht kennen. Jims Master wohnt nicht in dieser Grafschaft; man kennt ihn in hiesiger Gegend nicht. Außerdem hat man ihn aufgegeben; niemand sucht ihn, und mich wird niemand nach dem Steckbrief kennen, sollte ich meinen.«

»Aber das Brandmal in Eurer Hand.« George zog den Handschuh aus und zeigte eine kaum geheilte Narbe auf der Handfläche.

»Das ist ein Abschiedsgeschenk von Mr. Harris«, sagte er bitter. »Vor ungefähr 14 Tagen fiel es ihm ein, es mir zu geben, weil er mich in Verdacht hatte, daß ich nur auf eine Gelegenheit zur Flucht paßte, ’s sieht sehr hübsch aus, nicht wahr?« sagte er und zog den Handschuh wieder an.

»Ich gestehe, mir erstarrt das Blut in den Adern, wenn ich daran denke – an Eure Lage und die Gefahren, denen Ihr Euch aussetzt!« sagte Mr. Wilson.

»Meines ist mir viele Jahre lang erstarrt, Mr. Wilson, jetzt aber ist es fast Siedhitze«, sagte George.

»Ja, ich sah gleich, daß Sie mich erkannten, guter Mr. Wilson«, fuhr George nach einigen Minuten des Schweigens fort; »ich hielt es deshalb fürs Beste, Sie beiseite zu nehmen und mit Ihnen zu sprechen, damit Ihr erstauntes Gesicht mich nicht verrate. Ich reise morgen früh, bevor es Tag wird, weiter; morgen nacht gedenke ich sicher in Ohio zu schlafen. Ich reise bei Tage, steige in den besten Gasthäusern ab, und setze mich mit den Herren des Landes zu Tische. So leben Sie wohl, Sir; wenn Sie hören, daß man mich eingeholt hat, so wissen Sie, daß ich tot bin!«

George stand aufrecht wie ein Fels und reichte ihm die Hand mit der Miene eines Prinzen. Der gutmütige Alte schüttelte sie ihm herzlich, und nach einigen weiteren Ermahnungen zur Vorsicht nahm er seinen Regenschirm und verließ das Zimmer.

Georges Blick haftete noch gedankenvoll auf der Tür, als der Alte sie hinter sich geschlossen hatte. Plötzlich schien ihm ein Gedanke durch den Kopf zu fahren. Er ging rasch nach der Tür, öffnete sie und sagte:

»Mr. Wilson, noch ein Wort!«

Der alte Herr kehrte wieder um, und George verschloß, wie vorhin, die Tür und blieb ein paar Sekunden lang stehen, unentschlossen den Fußboden anblickend. Endlich hob er, wie mit rascher Anstrengung, den Kopf und sagte: »Nun, George?«

»Was Sie vorhin sagten, ist wohl wahr, Sir. Ich setze mich in der Tat schrecklichen Gefahren aus. Es kümmert keine lebendige Seele auf Erden, wenn ich sterbe«, setzte er hinzu, indem er tief Atem holte und die Worte mit einiger Anstrengung hervorstieß. »Man wird mich mit dem Fuße fortstoßen und einscharren wie einen Hund, und niemand wird den Tag darauf an mich denken – niemand, außer meiner armen Frau! Die Beklagenswerte! Sie wird jammern und sich grämen; und wenn Sie’s nur verrichten könnten, Mr. Wilson, ihr diese kleine Nadel zu überschicken! Sie hat sie mir als Weihnachtsgeschenk gegeben, die Arme! Geben Sie ihr die Nadel und sagen Sie ihr, daß ich sie bis zum letzten Augenblick geliebt habe. Wollen Sie das tun? Wollen Sie das wirklich tun?« sagte er mit innigem Ernst.

»Ja, gewiß, mein armer George!« sagte der alte Herr, indem er die Nadel mit feuchten Augen und einem melancholischen Zittern der Stimme nahm.

»Sagen Sie ihr noch eines«, sagte George, »es ist mein letzter Wunsch: Wenn sie nach Kanada gelangen kann, so soll sie hingehen. Mag ihre Herrin noch so gütig sein – mag es ihr in der Heimat auch noch so wohl gehen; bitten Sie sie, nicht wieder zurückzukehren – denn Sklaverei endet immer in Elend und Jammer. Sagen Sie ihr, sie solle unseren Knaben zum freien Mann erziehen, und dann wird er nicht so leiden, wie ich gelitten habe. Wollen Sie ihr das sagen, Mr. Wilson?«

»Ja, George, ich will es ihr sagen; aber ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht sterben; faßt ein Herz, Ihr seid ein wackrer Bursche. Vertraut auf den Herrn, George. Ich wünschte von ganzem Herzen, Ihr wärt glücklich, ich wünsche es wahrhaftig.«

Neuntes Kapitel

Die Wahrheit war, daß Mrs. Errol bei ihren Besuchen im Dorfe, das ihr erst so malerisch erschienen war, viel Elend, Jammer, Not, Trägheit und Böswilligkeit kennen und nach und nach einsehen gelernt hatte, daß Erleboro nicht mit Unrecht für das ärmste und am meisten vernachlässigte Dorf des ganzen Landesteiles galt. Vieles sah sie mit eignen Augen, vieles erfuhr sie durch Mr. Mordaunt, der ihr gern sein Herz ausschüttete und ihres Anteils froh ward. Die Intendanten, die alles zu verwalten hatten, suchten nur jeglichen Konflikt mit dem Grafen zu vermeiden, und so wurde von Tag zu Tage alles schlimmer, Grafenhof war aber in der That ein Fieberherd, und der Zustand der Häuser sprach laut genug von der Gleichgültigkeit des Gutsherrn gegen seine Leute. Als Mrs. Errol den Ort zum erstenmal betrat, erfaßte sie ein Schauder, und als sie die bleichen, verwahrlosten, zwischen Laster und Schmutz aufwachsenden Kinder sah und ihres Jungen gedachte, der nun in fürstlicher Pracht seine goldne Kindheit verlebte, stieg ein kühner Gedanke in diesem weisen kleinen Mutterherzen auf.

»Der Graf gewährt meinem Kinde jede Bitte,« hatte sie zu Mr. Mordaunt gesagt. »Er befriedigt jeden kleinsten Wunsch. Weshalb soll diese Güte oder Schwäche nicht auch andern zu gute kommen?«

Sie kannte das reine, warme Kinderherz durch und durch, und so erzählte sie ihm von dem entsetzlichen Stande der Dinge im Grafenhof, sicher, daß er mit dem Großvater davon sprechen werde, und hoffend, daß dies gute Früchte tragen möchte.

Und dem war so. Was auf den alten Herrn den stärksten, unwiderstehlichsten Einfluß übte, war seines Enkels felsenfestes, unerschütterliches Vertrauen in seine Großmut und Güte. Er konnte es nicht übers Herz bringen, den Jungen darüber aufzuklären, daß Selbstsucht und Eigenwillen die Grundzüge seines Handelns und Lebens gewesen waren. Als ein Wohlthäter der Menschheit und als Inbegriff aller ritterlichen Tugenden angesehen zu werden, war etwas entschieden Neues, und der Gedanke, diesen liebevollen braunen Augen gegenüber auszusprechen: »Es ist mir ganz einerlei, ob das Gesindel zu Grunde geht oder nicht«, schien ihm vollkommen unausführbar. Schon hatte er den kleinen Blondkopf so lieb gewonnen, daß er sich, um dessen Illusionen zu schonen, lieber auf einer guten That ertappen ließ, wobei er sich freilich selbst sehr lächerlich vorkam. Newick wurde zur Audienz befohlen und nach längerer Beratung der Beschluß gefaßt, daß die elenden Bretterbuden eingerissen und an ihrer Stelle menschliche Wohnungen errichtet werden sollten.

»Lord Fauntleroy dringt darauf,« bemerkte er trocken, »er sieht darin eine Verbesserung des Besitztums. Sie können es die Leute wissen lassen, daß der Gedanke von ihm ausgeht.«

Natürlich verbreitete sich die Kunde von dieser geplanten Verbesserung mit Windeseile. Erst begegnete dieselbe mannigfachem Unglauben, als aber eine Schar fremder Arbeiter eintraf und die baufälligen Hütten einzureißen begann, ward es den Leuten klar, daß dieser kleine Lord wieder Großes für sie gewirkt hatte, und sein Lob wurde in allen Tonarten gesungen und die kühnsten Prophezeiungen für seine Zukunft ausgesprochen. Von dem allem ahnte er nichts. Er lebte sein glückliches Kinderdasein, rannte jauchzend im Park umher, hegte die Kaninchen in ihrem Bau, lag im Grase unter den großen Bäumen oder auf dem Teppiche vor dem Kamine und las wundervolle Geschichtenbücher, deren Inhalt er dann erst dem Grafen und später seiner Mutter wiedererzählte; auch lange Briefe an Dick und Mr. Hobbs wurden abgesandt und von drüben beantwortet.

Als der Neubau der kleinen Häuser begonnen hatte, ritt er häufig mit dem Großvater nach Grafenhof hinüber und nahm lebhaften Anteil an der Arbeit. Er stieg dann womöglich ab und machte die Bekanntschaft der Arbeiter, wobei er über allerlei Handwerksgeheimnisse Aufschluß erhielt und ihnen von Amerika erzählte. Wenn die Herrschaft dann den Bauplatz verlassen hatte, war der kleine Lord mit seinen harmlosen, hier und da komischen Redensarten noch lange das Gesprächsthema. »Das ist ein Rarer,« hieß es, »und gescheit ist er und so gemein mit unsereinem.« Natürlich wurde alles, was Fauntleroy gesprochen hatte, weiter erzählt, und so kam jeder in Besitz einer ganzen Sammlung von Anekdoten über den kleinen Lord, und nach und nach wußte man weit und breit, daß der »wilde Graf« zu guter Letzt noch etwas gefunden hatte, was seinem harten, verbitterten Herzen lieb war.

Wie lieb, das wußte freilich niemand, denn er äußerte sich gegen keinen Menschen über seine Empfindung für Cedrik, und wenn er je von ihm sprach, geschah es mit einem halb ironischen Lächeln. Fauntleroy aber fühlte es wohl, daß er dem Großvater lieb war und daß dieser ihn gern um sich hatte, ob’s nun in seinem behaglichen Bibliothekzimmer war, wenn er im Lehnstuhle saß, oder bei Tische oder draußen beim Reiten und Fahren und dem Abendspaziergange auf der Terrasse.

»Weißt du noch,« begann Cedrik, der mit einem Buche vor dem Kamine lag, einmal plötzlich, »weißt du noch, was ich am ersten Abende hier zu dir gesagt habe? Daß man in dem großen Hause gut zu einander passen müsse? Nun wir zwei passen zu einander, bessre Freunde kann’s doch wohl nicht geben.«

»Jawohl, wir vertragen uns leidlich,« erwiderte der Graf. »Komm ‚mal her.«

Fauntleroy krabbelte in die Höhe und kam.

»Gibt es noch irgend etwas, was dir fehlt, was du gern haben möchtest?«

Die großen braunen Augen hefteten sich plötzlich nachdenklich und ernsthaft auf den Großvater.

»Nur eins,« erwiderte er bestimmt.

»Und das ist?«

Fauntleroy sammelte sich einen Augenblick, er hatte nicht umsonst so viel über die Sache nachgedacht.

»Herzlieb,« sagte er dann halblaut.

Der Graf zuckte ein wenig mit den Augenbrauen.

»Du siehst sie ja fast jeden Tag,« sagte er, »genügt das nicht?«

»Früher sah ich sie den ganzen Tag,« versetzte das Kind, »und wenn ich zu Bett gegangen bin, hat sie mich geküßt, und morgens war sie bei mir, wenn ich aufgewacht bin, und wenn wir uns etwas sagen wollten, konnten wir’s gleich thun und brauchten nicht zu warten.«

»Vergißt du denn deine Mutter nie?« fragte der alte Mann, ihm tief in die Augen blickend.

»Nein, nie! Und sie vergißt mich auch nicht. Ich würde dich auch nie vergessen, wenn ich nicht bei dir wäre, und würde immer an dich denken.«

»Wahrhaftig, du wärst’s im stande?« sagte der Graf nach einer Pause.

Die Eifersucht, die ihn befiel, wenn der Knabe von seiner Mutter sprach, steigerte sich mit der Liebe zu demselben.

Bald aber kamen ernstere Sorgen, die ihn diese kleine Bitterkeit vergessen ließen, ja, die ihn vergessen ließen, daß er seines Sohnes Frau so gehaßt hatte. Kurz bevor der Neubau in Grafenhof beendigt war, wurde in Dorincourt ein großes Diner gegeben – es war lange her, daß sich etwas derartiges im Schlosse ereignet hatte. Einige Tage vorher schon trafen Sir Harry Lorridaile und Lady Lorridaile, des Grafen einzige Schwester, ein und auch dies war ein höchst befremdliches Ereignis, infolgedessen Mrs. Dibbles Ladenglocke wieder harte Arbeit bekam, denn das war ja allgemein bekannt, daß Lady Lorridaile seit ihrer Hochzeit vor fünfunddreißig Jahren das Schloß nicht mehr betreten hatte. Sie war jetzt eine alte hübsche Dame mit weißen Locken und Grübchen in den runden Wangen und einem Herzen wie Gold; sie hatte aber des Bruders Leben und Treiben so wenig gebilligt, als irgend jemand, und da sie nicht schüchterner Natur war und gerade heraus zu reden pflegte, hatte sie ihm dies keineswegs verheimlicht, und das Ergebnis solcher Offenheit war gewesen, daß sie einander aus dem Wege gingen.

Gehört hatte sie mehr von ihm, als ihr lieb war, in dieser Zeit der Trennung; man hatte ihr erzählt, wie er seine Frau vernachlässigte und wie gleichgültig er gegen seine Kinder war; auch von den zwei älteren, schwächlichen, verkommenen, unbegabten Söhnen hatte sie mehr als genug erfahren. Gesehen hatte sie keinen von beiden im Leben, aber eines schönen Tages hatte sich in Lorridaile Park ein hübscher, schlanker junger Mensch von etwa achtzehn Jahren eingefunden und hatte sich ihr als ihr Neffe Cedrik Errol vorgestellt, der, da ihn sein Weg in diese Gegend geführt habe, nicht versäumen wolle, die Tante Constantia zu besuchen, von der ihm seine längst verstorbene Mutter viel erzählt. Der guten Dame war dabei das Herz aufgegangen, und sie hatte den Neffen eine ganze Woche festgehalten und verhätschelt und über die Maßen bewundert und hatte ihn schließlich abreisen sehen in der bestimmten Hoffnung, den frohgemuten, warmherzigen, munteren Gesellen oft und viel wieder bei sich zu sehen. Das war aber nicht geschehen, denn er fand bei seiner Heimkehr den Vater in sehr ungnädiger Laune und erhielt den gemessenen Befehl, Lorridaile Park nicht wieder zu betreten. Trotzdem bewahrte ihm die Tante ein warmes Plätzchen in ihrem Herzen, und wenn sie auch selbst die amerikanische Heirat für etwas übereilt hielt, war sie doch sehr entrüstet, als sie von der Verstoßung durch den Vater und Cedriks völligem Abgeschnittensein hörte. Schließlich drang die Kunde von seinem Tode auch zu ihr, und bald darauf erfuhr sie, daß Bevis infolge eines Sturzes vom Pferde und Maurice am römischen Fieber gestorben seien, und schließlich war dann die Geschichte von dem aus Amerika herübergeholten Lord Fauntleroy aufgetaucht.

»Der wird wohl auch zu Grunde gerichtet werden,« sagte sie zu ihrem Manne, »so gut wie die andern, es müßte denn sein, daß die Mutter energisch und gescheit genug wäre, dem Alten das Gegengewicht zu halten.«

Als sie nun vollends erfuhr, daß diese Mutter gar nicht bei ihrem Kinde sein durfte, fand sie gar keine Worte mehr für ihre Entrüstung.

»Das ist doch himmelschreiend, Harry,« sagte sie. »Stell dir doch vor, ein Kind in dem Alter von der Mutter weg und zu einem Manne wie mein Bruder. Entweder wird er barbarisch roh behandelt oder verwöhnt, daß sein Lebtag nichts Ordentliches mehr aus ihm werden kann. Wenn ich denken könnte, daß ein Brief etwas nutzen würde, so –«

»Das wäre sicher nicht der Fall, Constantia,« bemerkte Sir Harry.

»Freilich nicht, dafür kennen wir Seine Herrlichkeit! Aber ganz und gar abscheulich ist’s.«

Nicht nur bei den Pächtern des Grafen war viel von dem neuen Lord Fauntleroy die Rede, sondern der Ruf seiner Schönheit, Gutherzigkeit und seines zunehmenden Einflusses auf den Großvater drang bald in weitere Kreise, und nach kurzer Zeit verbreiteten sich die kleinen Geschichten und Anekdötchen von ihm in den Landsitzen der englischen Aristokratie. Bei Diners gab er nicht selten das Gesprächsthema ab; die Damen ergingen sich in mitleidigen Betrachtungen über das Schicksal der jungen Mutter und hätten gar zu gern gewußt, ob der Knabe wirklich so hübsch sei, wie behauptet wurde, und wer den Grafen und seine Vergangenheit kannte, lachte herzlich über des kleinen Burschen treuherzigen Glauben an seines Großvaters Güte und Liebenswürdigkeit. Sir Thomas Asshe war zufällig einmal in Erleboro gewesen und war Großvater und Enkel zu Pferde begegnet und hatte ersteren flüchtig begrüßt und ihn zu seinem guten Aussehen und der Ruhepause in seiner Gicht beglückwünscht. »Wie ein Truthahn hat sich der alte Sünder aufgebläht,« erzählte er nachher, »und zu verwundern ist es nicht, denn einen hübscheren Jungen als den amerikanischen Enkel habe ich wahrhaftig nie gesehen! Und auf seinem Pony saß das Kerlchen, stramm und sicher, wie ein kleiner Husar!«

So hatte natürlich auch Lady Lorridaile vielerlei von dem Knaben gehört und die Geschichten von Higgins, dem lahmen Kinde, dem Neubau von Grafenhof und viele andre riefen in ihr den lebhaften Wunsch hervor, ihn kennen zu lernen. Während sie im stillen ihre Pläne schmiedete, wie dies zu bewerkstelligen sei, traf zu ihrer unsäglichen Ueberraschung eine eigenhändige Einladung des Grafen für sie und ihren Gemahl ein.

»Unerhört! Unglaublich!« rief sie ein über’s andre Mal. »Nun ist kein Zweifel mehr, daß der Junge Wunder wirkt; es heißt ja, mein Bruder vergöttere ihn und lasse ihn nicht mehr aus den Augen. Und stolz und eitel sei er auf ihn – wahrhaftig, ich glaube, er will ihn uns nur zeigen.«

Angenommen wurde die Einladung und kurze Zeit darauf trafen Sir Harry und seine Frau eines Nachmittags in Schloß Dorincourt ein. Es war schon ziemlich spät und sie zogen sich, noch ehe sie den Hausherrn begrüßt hatten, auf ihre Zimmer zurück, um Toilette zum Diner zu machen. Als sie nachher den Salon betraten, stand der Graf in seiner imponierenden Größe am Kamin und neben ihm ein kleiner Junge mit einem großen van Dyck-Kragen, welcher der neuen Tante aus einem Paar so ehrlicher brauner Augen ins Gesicht sah, daß sie kaum einen Ausruf freudiger Ueberraschung unterdrücken konnte.

Als sie ihrem Bruder die Hand schüttelte, kam ihr unwillkürlich sein Vorname auf die Lippen, mit dem sie ihn seit Kindeszeiten nicht mehr angeredet hatte.

»Wie, Molyneux,« sagte sie, »ist das der Junge?«

»Gewiß, Constantia,« erwiderte ihr Bruder, »Fauntleroy, dies ist deine Großtante, Lady Lorridaile.«

»Wie geht es dir, Großtante?« sagte Fauntleroy.

Sie legte die Hand auf seine Schulter, und nachdem sie einen Augenblick in das ihr zugewandte süße Gesicht geblickt hatte, küßte sie ihn herzlich.

»Ich habe deinen armen Papa sehr lieb gehabt, und du siehst ihm ähnlich,« sagte sie bewegt. »Nenne du mich nur Tante – Tante Constantia.«

»Das freut mich, wenn man mir das sagt, denn es scheint, daß jedermann meinen Papa lieb gehabt hat, ganz wie Herzlieb auch – Tante Constantia,« setzte er nach einer kleinen Pause nicht ohne Anstrengung hinzu.

Lady Lorridaile war entzückt. Sie beugte sich noch einmal über ihn, um ihn zu küssen, und die Freundschaft war geschlossen.

»Nun, Molyneux,« sagte sie später zu dem Grafen, »besser hatte die Sache nicht ausfallen können.

»Das meine ich auch,« bemerkte ihr Bruder trocken. »Es ist ein hübscher kleiner Kerl, und wir sind sehr gute Freunde. Mich halt er für den sanftmütigsten, liebenswürdigsten Philanthropen der Welt. Da du es doch herauskriegen würdest, Constantia, will ich dir’s lieber gleich sagen: Der Junge kann mich alten Narren um den Finger wickeln.«

»Und was hält seine Mutter von dir?« fragte Lady Lorridaile mit ihrer gewohnten Unverblümtheit.

»Das habe ich sie nicht gefragt,« versetzte der Graf mürrisch.

»Höre, Bruder,« fuhr Lady Lorridaile fort, »ich will von vornherein offen und ehrlich zu Werke gehen und dir nicht vorenthalten, daß ich deine Handlungsweise ganz und gar mißbillige und fest entschlossen bin, Mrs. Errol meinen Besuch zu machen. Wenn du deshalb Streit mit mir anfangen willst, so sprich dich lieber jetzt gleich aus. Alles, was ich von dem jungen Frauchen höre, berechtigt mich zu der Annahme, daß sie den Jungen zu dem gemacht hat, was er ist; sogar deine Pächtersleute sollen sie ja verehren wie eine Heilige.«

»Sie vergöttern Cedrik,« sagte der Graf. »Was Mrs. Errol betrifft, so wirst du eine recht hübsche kleine Frau kennen lernen, und ich bin ihr eigentlich zu Dank verpflichtet, daß sie dem Jungen so viel von ihrer Schönheit abgegeben hat. Mit deinen Besuchen kannst du es nach Belieben halten, nur bitte ich mir aus, daß sie ruhig in Court Lodge bleibt, und daß du nicht etwa von mir verlangst, daß ich sie besuche.«

»So schlimm ist es lange nicht mehr mit seinem Hasse,« äußerte sich Lady Lorridaile nachher gegen ihren Gatten, »er ist überhaupt auf dem Wege, ein andrer Mensch zu werden, und, unglaublich aber wahr, er kann zu guter Letzt noch ein Herz bekommen, alles durch seine Zuneigung für den unschuldigen, goldigen kleinen Burschen. Das Kind hat ihn ja wirklich und wahrhaftig lieb. Er lehnt sich an sein Knie, wenn er mit ihm spricht; Mylords eigne Kinder hätten sich eher bei einem Tiger niedergelassen.«

»Molyneux, sie ist die bezauberndste, anmutigste Frau, die ich je gesehen habe,« erklärte Lady Lorridaile ihrem Bruder, als sie am nächsten Tage von ihrem Besuche bei Mrs. Errol zurückkam. »Ihre Stimme ist wie ein silbernes Glöckchen, und du dankst ihr alles, was du an dem Jungen hast, durchaus nicht nur die Schönheit. Dein größter Mißgriff ist, daß du sie nicht herzlich bittest, bei dir zu wohnen und für dich zu sorgen. Uebrigens lade ich sie nach Lorridaile ein.«

»Sie trennt sich nicht so weit von dem Kinde,« bemerkte der Graf.

»Dann muß der auch mitkommen,« erklärte Lady Lorridaile lachend.

Sie wußte sehr wohl, daß letzteres nicht zu erreichen gewesen wäre. Mit jedem Tage sah sie mehr und mehr, wie fest Großvater und Enkel aneinander hingen und wie alles, was der rauhe alte Mann an Ehrgeiz, Hoffnung und Herzenswärme besaß, sich auf das Kind konzentrierte, dessen liebevolle, reine Seele diese Liebe vertrauensvoll und selbstverständlich erwiderte.

Sie wußte auch, daß die eigentliche Veranlassung, in Schloß Dorincourt nach Jahren der Einsamkeit wieder eine große Gesellschaft zu geben, keine andre war, als das Verlangen, der Welt den Enkel und Erben zu zeigen und sie zu überzeugen, daß der Junge, von dem so viel gesprochen und gefabelt wurde, alle diese Schilderungen noch weit hinter sich ließ.

»Bevis und Maurice haben ihm so tiefe Demütigungen bereitet,« sagte Lady Lorridaile zu ihrem Manne, »daß er sie förmlich gehaßt hat. Jetzt kann sein Stolz endlich einen Triumph feiern.«

Angenommen wurde die Einladung von allen Seiten, und wohl nirgends, ohne daß die Gebetenen in Bezug auf Lord Fauntleroy sehr neugierig waren und die Frage besprochen wurde, ob man ihn wohl zu sehen bekommen werde.

Der Abend kam und Lord Fauntleroy war sichtbar.

»Der Junge hat so gute Manieren,« entschuldigte der Graf diese etwas ungewöhnliche Anordnung seiner Schwester gegenüber. »Er wird niemand im Wege sein. Kinder sind in der Regel Dummköpfe oder Quälgeister – die meinigen waren beides – aber er kann antworten, wenn man mit ihm spricht, und schweigen, wenn dies nicht geschieht. Unangenehm bemerklich macht er sich nie.«

Sein Talent zum Schweigen zu entwickeln fand Fauntleroy wenig Gelegenheit, denn die ganze Gesellschaft schien es darauf abgesehen zu haben, ihn zum Reden zu bringen. Die Damen waren sehr zärtlich gegen ihn und hatten alles mögliche zu fragen, und die Herren trieben ihren Scherz mit ihm, gerade wie es auf der Reise von Amerika an Bord des Dampfers gewesen war. Fauntleroy war sich zuweilen nicht klar, weshalb seine Antworten so herzliches Lachen hervorriefen, aber er hatte die Erfahrung ja schon öfter gemacht, daß die Leute lachen mußten, wenn es ihm vollkommen Ernst war, und so ließ er sich nicht drausbringen, sondern freute sich des festlichen Abends von Herzen. Alles entzückte ihn, der Lichterglanz in den prächtigen Gemächern, die herrlichen Blumen, die jeden Raum schmückten, die fröhlichen Menschen, besonders aber die Damen mit den wunderbaren, glänzenden Toiletten und den schimmernden Juwelen. Eine junge Dame war darunter – er hörte sagen, daß sie eben von London komme, wo sie die Saison mitgemacht – die war so bezaubernd, daß er kaum den Blick von ihr wenden konnte. Sie war ziemlich groß, und auf dem schlanken Halse saß ein stolzes, feines Köpfchen, von dunklem, weichem Haar umrahmt, mit großen, tiefblauen Augen und roten Lippen. Ihr ganzes Wesen hatte einen fremdartigen, wunderbaren Reiz, und weil eine Menge von Herren sie huldigend umringten und ängstlich bestrebt schienen, Eindruck auf sie zu machen, nahm Cedrik entschieden an, daß sie eine Prinzessin sein müsse. In seinem Bilderbuche hatte die Prinzessin ja auch ein weißes Atlaskleid und eine Perlenschnur um den Hals. Sein Interesse war so groß, daß er sich ihr halb unbewußt immer mehr näherte, bis sie sich endlich rasch zu ihm wandte.

»Komm doch her, Lord Fauntleroy,« sagte sie lächelnd, »und sage mir, weshalb du mich so ansiehst?«

»Weil du so schön bist,« erwiderte Seine Herrlichkeit unerschrocken.

Die umstehenden Herren brachen in ein schallendes Gelächter aus, und auch die junge Dame lachte ein wenig und errötete kaum merklich.

»Ach, Fauntleroy,« sagte einer der jungen Herren, »nutze nur deine Zeit gut! Wenn du älter bist, hast du nicht mehr den Mut, so was zu sagen.«

»Aber das muß doch jedermann sagen,« erwiderte Fauntleroy mit seinem hellen Stimmchen. »Finden Sie denn nicht, daß sie schön ist?«

»Wir dürfen aber nicht sagen, was wir denken,« versetzte der Gefragte unter erneuter Heiterkeit, so daß das schöne Mädchen, Miß Vivian Herbert, den etwas verdutzt dreinblickenden Cedrik schützend zu sich heranzog, wobei sie womöglich noch hübscher aussah als zuvor.

»Lord Fauntleroy darf sagen, was er denkt, und ich freue mich darüber – jedenfalls ist es sein voller Ernst,« erklärte sie und küßte ihn auf die Wange.

»Ich glaube, daß du schöner bist als alle Menschen, die ich je gesehen habe,« sagte Cedrik, sie voll tiefer Bewunderung ansehend, »das heißt, außer Herzlieb. Natürlich kann ich niemand ganz so schön finden, wie Herzlieb.«

»Da hast du sicher recht,« stimmte Miß Vivian Herbert lachend bei.

Sie ließ ihn den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite, und der Kreis, dessen Mittelpunkt die beiden waren, that sich durch besondre Heiterkeit hervor. Cedrik konnte sich nachher nicht mehr genau darauf besinnen, wie es gekommen war, allein plötzlich war er mitten drin, den Fackelzug bei der Präsidentenwahl zu schildern und von seinen Freunden Mr. Hobbs und Dick und Bridget zu erzählen, und schließlich zeigte er mit großem Stolz Dicks Abschiedsgeschenk – das rotseidene Taschentuch.

»Ich habe es heute zu mir gesteckt,« erklärte er wichtig, »weil Gesellschaft ist und ich denke, es würde Dick freuen, wenn ich’s in Gesellschaft trage.«

Mit so großem Ernst und so inniger Zärtlichkeit sah er auf das für Dicks Geschmack nicht gerade empfehlende feuerfarbene Ding mit den Hufeisen, daß seine Zuhörer ihr Lächeln unterdrückten.

Aber trotzdem Cedrik so viel Beachtung zu teil wurde, machte er sich, wie der alte Herr vorher gesagt hatte, nie unangenehm bemerklich. Er konnte schweigen und ruhig zuhören, wenn andre sprachen, und so ward seine Gegenwart keinem Menschen lästig. Wenn er dann von Zeit zu Zeit neben seinem Großvater stand oder saß und ihm mit dem Ausdruck hingebendster Bewunderung zuhörte, glitt ein leises Lächeln über mehr als ein Gesicht. Einmal hatte er sich so nahe an seinen Stuhl gedrängt, daß seine Wange des Grafen Schulter berührte, und dieser lächelte selbst, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf den kleinen Vorgang gerichtet sah. Wußte er doch zu genau, was die Zuschauer dabei dachten, und er fand entschieden eine geheime Befriedigung darin, daß die Leute sahen, welch‘ gute Kameraden er und der Junge, der das landläufige Urteil über seinen Großvater so gar nicht teilte, geworden waren.

Mr. Havisham war am Nachmittag schon erwartet worden, schien sich aber auffallenderweise verspätet zu haben, was ihm in den vielen, vielen Jahren, die er in Schloß Dorincourt verkehrte, noch nicht ein einziges Mal begegnet war. Er kam erst, als man eben im Begriffe stand, zu Tische zu gehen. Als er den Hausherrn begrüßte, sah ihn dieser mit einigem Staunen an, denn der gemessene, ruhige Mann war sichtlich erregt und das scharfgeschnittene alte Gesicht war blaß.

»Ich bin durch ein unvorhergesehenes Ereignis aufgehalten worden,« erklärte er dem Grafen seine Verspätung in leisem Tone.

Aufgeregt zu sein, lag so wenig in der Art des methodischen alten Geschäftsmannes, wie Zuspätkommen, und doch machte er sich heute dieser beiden Dinge schuldig.

Bei Tische aß er kaum einen Bissen, und mehrmals, wenn er von seiner Nachbarin angeredet wurde, schien er aus tiefem Nachsinnen aufzufahren. Als Fauntleroy beim Nachtische hereinkam, blickte er ihn ein paarmal mit einer gewissen Scheu und offenbar peinlich erregt an, was Cedrik wunderte, denn er und Mr. Havisham standen sonst auf sehr gutem Fuße und pflegten sich mit freundlichem Lächeln zu begrüßen, aber an diesem Abend schien der Advokat kein Lächeln fertig bringen zu können.

Er war überhaupt nicht einen Augenblick im stande, den Gedanken an die peinvollen Mitteilungen, die er heute nacht noch dem Grafen zu machen gezwungen war, in den Hintergrund treten zu lassen, wußte er doch zu genau, welchen Stoß die befremdliche Nachricht, deren Ueberbringer er war, dem Herrn des Hauses versetzen und wie furchtbar dieselbe die gesamte Lage der Dinge verwandeln werde. Wenn er die festlich geschmückten herrlichen Räume und die glänzende Gesellschaft überflog, von welcher er besser als irgend jemand wußte, daß sie nur versammelt worden war, um den kleinen Blondkopf sich an seines Großvaters Knie schmiegen zu sehen – wenn er den alten Mann ansah, mit dem Ausdruck befriedigten Stolzes auf den harten Zügen, und den kleinen Lord Fauntleroy mit dem sonnigen Kinderlächeln, da fühlte er sich tiefer erschüttert, als es sich für solch einen eingetrockneten alten Juristen geziemte.

Auf welche Weise das feierliche, üppige Diner zu Ende ging, hätte er nicht angeben können; er war wie in langem Traume befangen und fühlte nur mehr als einmal den Blick des Grafen fragend auf sich ruhen.

Schließlich erhoben sich die Herren, um sich zu den schon nach dem Salon vorangegangenen Damen zu begeben, wo sie Lord Fauntleroy neben Miß Vivian Herbert, der gefeiertsten Schönheit der diesjährigen Londoner Saison, sitzend fanden.

»Du bist so gut gegen mich, ich danke dir schön,« hörte man die helle Kinderstimme sagen. »Ich bin noch nie bei einer Gesellschaft gewesen, und ich habe mich so furchtbar gut unterhalten.«

Er hatte sich so »furchtbar gut« unterhalten, daß, als die jungen Herren sich nun abermals um Miß Herbert scharten und fröhlich geplaudert wurde, ihm allmählich, trotz seines angestrengten Bestrebens, die hin und her fliegenden Witzworte zu verstehen, die Aeuglein zufielen. Zwei- oder dreimal schon waren die Augenlider müde herabgesunken, aber immer hatte Miß Herberts leises sympathisches Lachen ihn veranlaßt, wieder aufzublicken und sie anzusehen. Er war auch ganz entschlossen, um keinen Preis einzuschlafen, aber weil zufällig ein großes gelbes Atlaskissen hinter ihm lag, senkte sich das Köpfchen immer tiefer auf dasselbe, und schließlich fielen die braunen, glückstrahlenden Augen fest zu. Er konnte sie auch nur ein ganz klein wenig aufmachen, als, wie es ihm vorkam, nach langer, langer Zeit ein leichter Kuß seine Wange streifte.

»Gute Nacht, kleiner Lord Fauntleroy,« flüsterte Miß Vivians süße Stimme an seinem Ohr. »Schlaf wohl.«

Am andern Morgen wußte er nicht mehr, daß er mühsam die Augen halb geöffnet und schlaftrunken gemurmelt hatte: »Gute Nacht – ich bin so froh, daß ich dich gesehen habe – du – du bist – – so schön –,« nur ganz dunkel schwebte es ihm vor, daß er die Herren noch einmal hatte lachen hören, ohne zu wissen weshalb.

Kaum hatte der letzte Gast sich empfohlen, als Mr. Havisham seinen Platz am Kamin verließ und zu dem Sofa trat, wo der Knabe schlafend lag. Der kleine Lord Fauntleroy hatte sich höchst wohlig hingestreckt, die übereinandergeschlagenen Beinchen hingen über das Sofa herunter, der eine Arm war leicht um das Köpfchen gelegt, die Fülle der blonden Locken bedeckte das weiche, gelbseidene Kissen, und der rührende Friede eines gesunden, traumlosen, tiefen Kinderschlafes lag auf dem rosig angehauchten Gesicht. Es war des Ansehens wohl wert, das kleine Bild!

Mr. Havisham blickte lange darauf hin und rieb sich öfter als sonst das glatte Kinn mit der schmalen Hand, und der Ausdruck großer Bekümmernis trat immer deutlicher auf seinen Zügen hervor.

»Nun, Havisham,« fragte die rauhe Stimme des Grafen, »um was handelt es sich? Daß etwas vorgefallen sein muß, ist klar, heraus mit der Sprache.«

Mr. Havisham wandte sich langsam und zögernd von dem schlafenden Kinde ab.

»Es sind schlimme Neuigkeiten, Mylord, deren Ueberbringer ich zu meinem größten Leidwesen sein muß, höchst betrübende Dinge.«

Dem Grafen war schon den ganzen Abend unheimlich zu Mute gewesen, so oft er seinen Anwalt angesehen hatte, und dies beängstigende Gefühl machte ihn reizbar und verstimmt.

»Weshalb starren Sie nur immer den Jungen an?« rief er heftig. »Den ganzen Abend haben Sie ihn im Auge behalten, als ob – so hängen Sie doch nicht immer den Kopf über ihn hin wie ein unheilverkündendes böses Omen. Mit Lord Fauntleroy werden doch Ihre Neuigkeiten nichts zu schaffen haben.«

»Mylord, ich will ohne Umschweife zur Sache kommen. Gerade auf Lord Fauntleroy beziehen sich meine Mitteilungen, und wenn dieselben sich als richtig erweisen, so ist der Knabe, der hier schläft, überhaupt nicht Lord Fauntleroy, sondern einfach Cedrik Errol. Und der wirkliche Lord Fauntleroy ist ein Kind Ihres Sohnes Bevis und befindet sich in diesem Augenblick in einem Hotel garni in London.«

Der Graf hatte krampfhaft mit beiden Händen die Armlehnen seines Stuhles umklammert, so daß die Adern dunkelblau darauf hervortraten; auch die Stirnader trat heraus; das Gesicht war totenblaß.

»Was wollen Sie damit sagen?« keuchte er. »Sind Sie wahnsinnig geworden? Das ist eine infame Lüge!«

»Wenn es eine Lüge ist, so sieht sie der Wahrheit zum Verwechseln ähnlich. Heute früh erschien eine Frau auf meinem Bureau. Sie sagt aus, daß Ihr Sohn Bevis sie vor sechs Jahren geheiratet habe – in London; den Trauschein wies sie mir vor. Ein Jahr darauf trennten sie sich im Unfrieden und er unterhielt sie ausreichend, unter der Bedingung, daß sie ihm fernbleibe. Sie hat einen Knaben von fünf Jahren. Die Frau ist Amerikanerin, von niederem Stande, und wußte bis vor kurzem nicht, welche Ansprüche ihr Sohn erheben kann. Von einem Advokaten erfuhr sie dann, daß der Knabe rechtmäßiger Lord Fauntleroy und Erbe der Grafschaft Dorincourt sei, und macht nun natürlich ihre Ansprüche geltend.«

Das Lockenköpfchen auf dem gelbseidenen Kissen rührte sich; ein tieferes Aufatmen, wie ein schwerer Seufzer, drang zwischen den halbgeöffneten frischen Lippen hervor, verriet aber keine Unruhe. Seinen Schlummer störte es nicht, daß man beweisen wollte, daß er ein kleiner Usurpator sei, und durchaus kein Lord Fauntleroy, und nie und nimmer ein Graf und Erbe von Dorincourt werden könne. Er legte einfach sein Gesichtchen auf die andre Seite, wo der alte Mann, der ihn so erschüttert anstarrte, ihn noch besser sehen konnte.

Das Gesicht des Grafen war vollkommen verstört. Ein furchtbar bittres Lächeln verzerrte seine Züge.

»Ich würde trotz alledem und alledem kein Wort von der Geschichte glauben,« sprach er mühsam, »wenn es nicht ein so ganz und gar niederträchtiger Schurkenstreich wäre, der zum Wesen meines Sohnes so vollkommen stimmt. Er ist immer der Schandfleck unsers Namens gewesen; von jeher ein erbärmlicher, lasterhafter, ehrloser Wicht, mit den gemeinsten Instinkten – mein Sohn und Erbe Bevis, Lord Fauntleroy. Die Frau ist eine ungebildete Person?«

»Sie kann kaum ihren Namen schreiben, ist ohne jede Erziehung und ein unverblümt käufliches Geschöpf, In gewissem Sinne ist sie hübsch, aber –«

Der vornehme, alte Jurist hielt inne, offenbar von Widerwillen erfüllt.

Dunkelrot und dick angeschwollen traten die Adern auf des Grafen Stirn hervor, und eisige Schweißtropfen waren es, die er mit seinem Tuche wegwischen mußte. Immer bittrer wurde dies fürchterliche Lächeln.

»Und ich,« sagte er, »ich habe die – die andre Frau, die Mutter dieses Kindes, von mir gewiesen. Ich habe mich geweigert, sie anzuerkennen. Und die kann doch ihren Namen schreiben. Das ist vermutlich, was man Vergeltung nennt.«

Plötzlich sprang er auf und schritt im Zimmer auf und ab, wilde, leidenschaftliche Reden ausstoßend. Wie der Sturm um einen alten Eichbaum, so tobten Wut und Enttäuschung in des alten Mannes stolzem Herzen. Es war ein entsetzlicher Anblick, und doch entging Mr. Havisham nicht, daß er auch im wildesten Ausbruch seines Schmerzes der kleinen schlafenden Kindergestalt nicht vergaß und seine zornerstickte Stimme sorgsam dämpfte.

»Ich hätte es ja wissen können, daß sie mir auch übers Grab hinaus Schande anthun würden, die Söhne, die mir im Leben nichts andres bereitet haben. Wie habe ich sie gehaßt und sie mich! Bevis war der Schlimmere von den beiden. Und doch – ich will, ich will es noch nicht glauben – ich will dagegen ankämpfen, solange ich kann. Aber es sieht Bevis ähnlich – es ist meines Sohnes Art.«

Dann tobte er von neuem, und immer hin und her gehend, stellte er eine Menge Fragen in Bezug auf die Frau und ihre Beweismittel, und dunkle Glut überzog nun das vorher aschfarbene Gesicht.

Als er zuletzt alles erfahren hatte, was zu sagen war, und auch das Schlimmste wußte, überkam Mr. Havisham eine große Angst, so verändert, gebrochen und verstört sah der alte Mann aus. Seine Wutanfälle waren jederzeit unheilvoll für seine Gesundheit gewesen, dieser aber war gefährlicher, als alle früheren, weil noch ein andres als Zorn und Wut dabei mitsprach.

Endlich wurde sein Schritt langsamer und dann blieb er vor dem Sofa stehen.

»Wenn einer mir gesagt hätte, daß ich mein Herz an ein Kind hängen könnte,« sagte er, und die harte Stimme war schwach und unsicher, »ich würde ihn für einen Narren gehalten haben. Ich habe Kinder immer verabscheut – meine eignen in erster Linie. Den Jungen habe ich lieb und er hat mich lieb. Das kann ich von wenig Menschen sagen, aber von ihm. Er hat sich nie vor mir gefürchtet, er hat vom ersten Augenblick an unverbrüchlich an mich geglaubt. Das weiß ich, daß er meine Stellung besser ausgefüllt haben würde, als ich es je gethan habe; er hätte dem Namen Ehre gemacht.« Er beugte sich über das süße, friedlich schlummernde Gesicht. Die dichten Augenbrauen waren finster zusammengezogen, aber trotzdem hätte sein Gesicht in diesem Augenblicke niemand Furcht eingeflößt. Er strich leise das blonde Haar von der reinen, klaren Stirn, dann drückte er rasch auf die Klingel.

»Tragen Sie,« sagte er, auf das Sofa deutend, zu dem eintretenden Diener, »tragen Sie Lord Fauntleroy auf sein Zimmer.«

Seine Stimme habe sonderbar geklungen, dachte der Mann.

Zehntes Kapitel

Nachdem Mr. Hobbs von seinem jungen Freunde Abschied genommen hatte und nun von Tag zu Tage mehr zur Erkenntnis kam, daß der Atlantische Ozean zwischen ihm und dem kleinen liebenswürdigen Kameraden lag, fing es in der »gemischten Warenhandlung« an trübselig auszusehen. Mr. Hobbs gehörte weder zu den hervorragenden Intelligenzen, noch zu den gesellschaftlichen Umgangsmenschen und hatte mit seiner schwerfälligen Art nie viele Verbindungen anzuknüpfen verstanden. Er war viel zu phlegmatisch, um sich auf irgend eine Weise an Vergnügungen zu beteiligen, und seine einzige Unterhaltung bestand im Studium der Zeitung, während seine geistige Arbeit sich auf seine nicht gerade korrekte Buchführung beschränkte. Letztere hatte ihre Schwierigkeiten, denn das Addieren langer Zahlenreihen war des würdigen Mannes Stärke eben nicht, und zuweilen dauerte es sehr lange, bis er damit ins reine kam. In der schönen, nun für immer dahingeschwundenen Zeit ihrer Freundschaft hatte der kleine Lord Fauntleroy, der ganz nett auf der Schiefertafel rechnen konnte, hier und da ausgeholfen und das saure Werk gefördert, und dann war er ein so geduldiger aufmerksamer Zuhörer gewesen und hatte sich für alles, was in den Zeitungen stand, aufrichtig »’tressiert,« und wie gläubig hatte er Mr. Hobbs‘ Ansichten über die Revolution und die Engländer, die Präsidentenwahl und alle Parteifragen entgegengenommen – kein Wunder, daß er in dem Leben des würdigen Krämers eine gähnende Lücke hinterlassen hatte. Anfangs war es dem vereinsamten Freunde vorgekommen, als ob Cedrik gar nicht so weit weg sei und stündlich wiederkehren könnte, als ob es nicht anders sein könnte, als daß er eines Tages, von seiner Schreiberei aufblickend, den kleinen Burschen unter der Ladenthür stehen sehen würde, in dem weißen Anzug mit den roten Strümpfen, den Hut im Nacken sitzend, und mit seinem hellen Stimmchen das bekannte: »Hallo, Mr. Hobbs! Heißer Tag heute – nicht?« rufend. Aber als ein Tag um den andern verging und dieses erfreuliche Ereignis nicht eintrat, da wurde es Mr. Hobbs traurig und unheimlich ums Herz. Nicht einmal an seiner Zeitung fand er den rechten Genuß, und oft und viel legte er das Blatt, nachdem er es durchgelesen, auf den Schoß und blickte lange in Wehmut und trübselige Gedanken versunken auf die hohen gespreizten Beine des Stuhles an seiner Seite, deren Anblick ihn noch weicher und melancholischer stimmte. Trugen diese hohen Stuhlbeine doch tiefe Eindrücke von den kleinen Schuhen des edlen Lord Fauntleroy, künftigen Grafen Dorincourt, dessen blaues Blut ihn merkwürdigerweise nicht abgehalten hatte, im Eifer des Gespräches mit den Beinen zu baumeln und die Absätze kräftig gegen das Stuhlbein zu schlagen. Wenn Mr. Hobbs lange genug auf diese geweihten Fußspuren geblickt hatte, dann zog er wohl die goldne Uhr aus der Westentasche, öffnete sie und las die Inschrift: »Mr. Hobbs von seinem ältesten Freunde, Lord Fauntleroy. Die Uhr, sie spricht, vergiß mich nicht,« worauf er sie mit lautem Knacksen zudrückte, tief aufseufzte und unter die Ladenthür trat, von wo er in geschmackvoller Umrahmung durch Kartoffelsäcke und Aepfelkisten die Straße entlang blickte. Abends, wenn das Geschäft geschlossen war, zündete er dann wohl seine Pfeife an und spazierte wuchtigen, bedächtigen Schrittes bis an das kleine Haus, das Cedrik bewohnt hatte, und das mit seinem weißen Zettel: »Zu vermieten« gar öde und unwohnlich dreinschaute, sah dran hinauf, schüttelte den Kopf, paffte mächtige Rauchwolken aus seiner Pfeife und wandelte gepreßten Herzens wieder nach Hause.

So gingen zwei oder drei Wochen dahin, ehe ein neuer Gedanke in ihm aufdämmerte. Mr. Hobbs‘ Gedanken hatten stets einen gründlichen, langwierigen Entwickelungsprozeß durchzumachen, und wenn einmal wirklich einer ins Leben getreten war, pflegte er ihn so unbequem zu finden, wie ein Paar neuer Stiefel. Nachdem sich aber sein Gemütszustand in dieser Zeit eher verschlimmert, als gebessert hatte, gedieh ein ganz nagelneuer Plan schließlich zur Reife. Er wollte Dick aufsuchen. Es war gut, daß er den Tabak seinem eignen Geschäft entnehmen konnte, denn er mußte unzählige Pfeifen rauchen, bis er zu diesem festen Entschlüsse gelangte. Er wollte Dick aufsuchen, Cedrik hatte ihm viel von dem Freunde erzählt, und es lebte ein unbestimmtes Gefühl in ihm, daß er vielleicht in Dick einigen Ersatz und einige Erleichterung für sein Mitteilungsbedürfnis finden konnte.

Als Dick eines Tages mit größter Energie die Gehwerkzeuge eines Kunden bearbeitete, ereignete es sich, daß ein untersetzter, stämmiger Mann mit einem runden Kopfe und spärlichen Haaren auf dem Trottoir stehen blieb und unverwandt Dicks Schuhputzerzeichen anstarrte und die Inschrift:

Professor Dick Tipton, Schwarzkünstler

studierte, was endlich Dicks Interesse lebhaft erregte, und ihn, nachdem der erste Kunde einstweilen im Besitze spiegelblanker Stiefel abgezogen war, zu der Frage veranlaßte: »Stiefel wichsen, Sir?«

Mit entschlossener Miene trat der Mann vor und setzte den Fuß auf die kleine Bank.

»Ja,« sagte er bestimmt.

Während Dick sein Kunstwerk mit Eifer begann, sah der breitschulterige Mann bald ihn, bald das Schild aufmerksam an.

»Woher haben Sie das Ding?« fragte er.

»Von einem Freunde von mir,« erwiderte Dick, »von einem Knirps. Hat mir die ganze Einrichtung geschenkt. War der beste kleine Kerl, den’s gibt. Ist in England jetzt. Soll so ein – so ein Lord werden da drüben.«

»Lor – Lord?« fragte Mr. Hobbs mit bedeutsamer Langsamkeit. »Lord Fauntleroy, hm? Künftiger Graf Dorincourt?«

Um ein Haar hatte Dick die Bürste fallen lassen.

»Donnerwetter,« rief er, »Sie kennen ihn?«

»Ich habe ihn gekannt,« versicherte Mr. Hobbs, sich die feuchte Stirn trocknend, »seit er überhaupt auf der Welt ist. Jugendfreunde – ja, Jugendfreunde sind wir gewesen.«

Es verursachte ihm wirklich eine gewisse Gemütsbewegung, von seinem Freunde zu sprechen. Er zog die prachtvolle goldne Uhr aus der Tasche, klappte den Deckel auf und wies Dick die Inschrift.

»Das war’s, was er mir als Andenken gab vor der Abreise. ›Ich will nicht, daß Sie mich vergessen,‹ so hat er Wort für Wort gesagt. Hätt‘ ihn auch nicht vergessen, meiner Seel‘!« fuhr er kopfschüttelnd fort, »wenn er mir auch kein Andenken gegeben hätte, und wenn ich auch mein Lebtag nichts mehr von ihm zu sehen kriegte. Den vergißt keiner.«

»Der netteste Bursche war er,« stimmte Dick bei, »den die Sonne je gesehen hat. Und Grütze im Kopf. Hab‘ mein Lebtag nicht so viel Grütze bei so einem Knirps gesehen. Habe große Stücke auf ihn gehalten, das ist wahr, wir sind auch Freunde gewesen, so auf eine Art, das will ich meinen. Seinen Ball habe ich ihm unter einer Kutsche vorgeholt und das, das hat er mir nie nicht vergessen, der kleine Kerl! Und da ist er heruntergekommen zu mir mit seiner Mutter oder seiner Mamsell und dann schrie er: »Hallo, Dick,« als ob er ein sechs Fuß hoher Bengel wäre und gerade der rechte Kamerad für mich, und dabei war der Guck in die Welt nicht so hoch wie mein Kasten und steckte noch im Mädelsrocke. Ein fideles kleines Haus war es, und wenn es einem einmal schief ging, that es einem gut, mit ihm zu diskutieren.«

»So ist’s,« bestätigte Mr. Hobbs, »und Sünd‘ und Schand‘ ist’s, aus dem einen Grafen zu machen. Der hätt’s zu was gebracht in der Spezereibranche oder auch im Ellenwarengeschäft – aus dem hätte sich was machen lassen,« und er schüttelte sein massives Haupt mit tiefem, ehrlichem Bedauern.

Es zeigte sich bald, daß die neuen Bekannten so viel miteinander zu besprechen hatten, daß die Sache sich nicht auf der Straße abmachen ließ, und so wurde verabredet, daß Dick am folgenden Abend sich bei Mr. Hobbs im Geschäft einfinden sollte, was dem jungen Manne außerordentlich einleuchtete. Er war ein Kind der Straße von klein auf, aber in ihm lebte von jeher eine gewisse Sehnsucht nach einer ehrbaren, bürgerlichen Existenz. Seit er sein Gewerbe allein betrieb, hatte sich seine Einnahme so ansehnlich gesteigert, daß er sich ein Nachtlager unter Dach und Fach gönnen konnte, und keine Haustreppen mehr als solches zu benutzen gezwungen war, und allmählich gestattete er sich auch den Luxus, Pläne zu schmieden und nach noch Höherem zu streben. Die Einladung zu einem so umfangreichen, ansehnlichen Manne, der einen eignen Laden und sogar Wagen und Pferde zur Beförderung seiner Waren besaß, war ein bedeutender Schritt auf dem Wege zu einer höheren Lebensstellung.

»Ist Ihnen über Grafen und Schlösser vieles bekannt?« erkundigte sich Mr. Hobbs. »Ich möchte gern mehr Einzelheiten über diese Sachen wissen.«

»In der Penny Story Gazette kommt eine Geschichte, wo sich’s um vornehme Leute handelt. Sie heißt: ›Das Verbrechen einer Krone‹ oder ›Die Rache der Gräfin May.‹ Kurioses Zeug ist’s, aber ganz famos. Ein paar von uns lesen’s.«

»Bringen Sie mir das Blatt mit, ich will’s bezahlen,« erklärte Mr. Hobbs mit Würde. »Bringen Sie mir alles, wo ein Graf drin vorkommt, und wenn’s kein Graf ist, so thut’s auch ein Marquis oder ein Herzog, obwohl er allerdings immer nur von einem Grafen gesprochen hat. Ueber Grafenkronen haben wir uns auch unterhalten, gesehen habe ich aber nie welche. Denk‘ mir, hier herum sind keine zu haben.«

»Wenn’s einer hätte, wär’s Tiffany,« sagte Dick, »weiß aber nicht, ob ich sie kennen würde, wenn ich eine zu sehen kriegte.«

Mr. Hobbs fand es nicht für nötig, zu gestehen, daß er selbst auch keine Vorstellung von der Beschaffenheit eines solchen Dings habe, sondern schüttelte nur bedächtig den Kopf und bemerkte: »Vermutlich keine Nachfrage nach dem Artikel bei uns,« womit die tiefsinnige Frage ihre Erledigung gefunden hatte.

Damit war der Anfang zu einer Freundschaft gemacht, die für den einen Teil auch ihre materiellen Vorteile hatte, denn Mr. Hobbs nahm seinen neuen Bekannten mit großer Gastfreundschaft auf. Er stellte ihm einen Stuhl nahe an die Thüre in der unmittelbaren Nachbarschaft des großen Apfelfasses, und nachdem der Besucher Platz genommen, sagte er mit einer einladenden Handbewegung: »Versehen Sie sich.«

Er besah sich dann die mitgebrachten Blätter mit dem Grafenroman, sie lasen einen Teil der Geschichte miteinander und besprachen die Verhältnisse der englischen Aristokratie mit großer Sachkenntnis. Mr. Hobbs dampfte sein edles Kraut dabei und schüttelte sehr häufig das rundliche Haupt, am häufigsten, als er dem mitfühlenden Dick die denkwürdigen Scharten an den hohen Stuhlbeinen vorwies.

»Die kommen von seinen Füßchen,« sagte er nachdrücklich. »Ich sitze oft stundenlang da und seh‘ mir sie an. Ja, ja, in dieser Welt geht’s bald auf, bald ab mit uns. Da saß er und knabberte Biskuits aus der Büchse und Aepfel aus dem Faß und warf das Kerngehäus auf die Straße ’naus, und jetzt sitzt er in einem Schlosse und ist ein Lord. Die Scharten da an dem Stuhl haben eines Lords Stiefel geschlagen! Manchmal, wenn ich daran denk‘, muß ich immer wieder sagen: Da will ich mich doch gleich räuchern lassen.«

Diese Betrachtungen und Dicks Besuch schienen seinem Gemüt eine große Wohlthat zu gewähren. Ehe Dick sich empfahl, ward in dem kleinen Ladenstübchen eine Mahlzeit, bestehend aus Biskuits, Käse, Sardinen und einigen andern Artikeln der Handlung abgehalten und Mr. Hobbs öffnete nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit eine halbe Weinflasche und goß die Gläser voll.

»Sein Wohl!« sprach er, »und er soll denen drüben was zu raten aufgeben – den Grafen und Marquisen und wie das Volk heißt.«

Von da an ward der Verkehr fleißig fortgesetzt, und Mr. Hobbs fühlte sich nun weit weniger vereinsamt und verlassen. Sie lasen die Penny Story Gazette und vieles andre miteinander und nahmen sichtlich zu an Verständnis für die vornehme Welt, und zwar in einer Weise, welche für die verhaßten Aristokraten manches Ueberraschende gehabt haben würde. Eines Tages raffte sich Mr. Hobbs sogar zu einem richtigen Bücherkauf auf und setzte den in der Buchhandlung thätigen jungen Mann durch seine Frage nach einem Buche über Grafen in einiges Erstaunen. Nachdem lang über ein derartiges litterarisches Erzeugnis hin und her geredet worden war und verschiedene Mißverständnisse sich aufgehellt hatten, trat Mr. Hobbs im Besitz von »Der Tower von London von Mr. Harrison Ainsworth« hochbefriedigt den Rückweg an.

Sobald Dick erschien, machten sie sich über die neue Erwerbung her, und es zeigte sich, daß es ein höchst wunderbares und spannendes Buch war, welches in der Zeit der sogenannten »Blutigen Maria« spielte. Als sie nach und nach daraus ersahen, wie sehr es zu den Liebhabereien dieser englischen Königin gehört hatte, den Leuten die Köpfe abzuhacken und sie lebendig zu verbrennen, geriet Mr. Hobbs in große Unruhe.

Freilich hatten seine Zeitungen, soviel er sich erinnern konnte, aus unsrer Zeit derartige Dinge nicht gemeldet, aber was ließ sich nicht erwarten von einem Land, das einmal eine solche Königin hervorgebracht hatte, und das auch jetzt wieder unter der Oberhoheit eines weiblichen Wesens stand, was Mr. Hobbs in seiner Eigenschaft als überzeugter Junggeselle ohnehin nicht billigen konnte? Was ließ sich erwarten von einem Volk, das, wie Mr. Hobbs »hatte sagen hören«, nicht einmal den vierten Juli feierte!

Mehrere Tage trug Mr. Hobbs bange Sorge im Herzen, und erst als Fauntleroys Brief eintraf, wurde ihm etwas leichter zu Mut. Er las ihn mehrmals, für sich allein und mit Dick, und auch den Brief, welchen Dick um dieselbe Zeit erhielt, studierte er gründlich. Beide waren sehr glücklich im Besitz dieser Schriftstücke, deren Inhalt und Wortlaut sie eingehend miteinander besprachen. Die Antworten nahmen Tage in Anspruch und wurden fast ebenso oft überlesen und überlegt, wie die kürzlich empfangenen Briefe.

Für Dick war es ohnehin kein leichtes Stück Arbeit, einen Brief zu schreiben. Was er von den Geheimnissen der Lese- und Schreibekunst sein eigen nannte, hatte er in ein paar Monaten, in denen er eine Abendschule besuchen konnte, erworben – es war zu der Zeit gewesen, als er mit seinem älteren Bruder zusammenlebte. Er war ein aufgeweckter Bursche und hatte diese einzige Gelegenheit, sich zu bilden, wohl zu benutzen gewußt und sich von da an durch anfangs äußerst mühsames Zeitungslesen weitergeholfen: das Schreiben aber konnte nur durch gelegentliche Versuche mit einem Kreidestücke auf Mauern oder Trottoir fortgesetzt werden. Er erzählte Mr. Hobbs vieles von seinem Leben und dem älteren Bruder, der nach Kräften gut gegen ihn gewesen war, nachdem er als kleiner Kerl schon Vater und Mutter verloren hatte. Der Bruder hieß Ben und hatte sich des Kleinen angenommen, soviel er eben konnte, bis Dick alt genug war, um Zeitungen in der Straße feilzuhalten. Sie hatten sich nie getrennt, und Ben hatte sich ganz ordentlich durchgearbeitet und schließlich einen anständigen Posten in einem Laden errungen.

»Und dann,« rief Dick, noch in der Erinnerung empört, »muß ihn der Teufel reiten, daß er heiratet. Einfach verrückt wird er über ein Mädel und mir nichts dir nichts wird geheiratet! Und eine nette Sorte war’s, der aufgelegte Feuerteufel. Wenn die in Wut kam, schlug sie einfach alles zusammen, und wütend war sie schier den ganzen Tag. Ihr Kind – gerade so! Der Balg plärrte Tag und Nacht. Und wenn ich ihn nicht ‚rumschleppen wollte und das Ding quiekste – brr! da flog mir’s an den Kopf. Einmal war’s ein Teller, der traf aber nicht mich, sondern den Jungen und hat ihms Kinn zerschnitten, daß es zum Erbarmen war. ›Die Narbe behält er sein lebenlang‹ hat der Doktor gesagt. Ne kuriose Mutter war die! Zum Henker! Haben wir ein Höllenleben gehabt alle drei, Ben und ich und das Wurm. Ueber Ben ging’s den ganzen Tag los, weil er nicht mehr zusammenbrachte: schließlich wollt‘ er’s mit was anderm im Westen probieren, mit Viehhandel. Kaum ist er eine Woche fort und ich komm‘ abends heim vom Zeitungsverkaufen – wupp, sind die Stuben leer, die Frau im Hause aber sagt mir, Dame Minna sei mir nichts dir nichts auf und davon – hast du nicht gesehen! Irgendwer hat behauptet, sie sei übers Wasser, um bei einer Dame Kindsfrau zu werden – nett für die! Fort und verschwunden war sie und weder Ben noch ich hörten mehr was von ihr. Ich an seiner Stell‘ war froh gewesen, die los zu sein, aber er war’s nicht; du lieber Himmel, war der verliebt bis über die Ohren, wenigstens im Anfang. Na, sauber war sie, wenn sie aufgeputzt war und gerad‘ nicht in Wut. Ein Paar pechschwarze Augen im Kopfe und schwarzes Haar bis zu den Knieen, das hat sie zu einem Strick gedreht, dick wie mein Arm, sag‘ ich Ihnen, und um den Kopf ‚rum gelegt, weiß nicht, wie oft, Herr, und die Augen, wen sie so damit anblitzen wollte! Es hieß, sie sei halb italienisch – ihre Eltern kamen von dort, drum sei sie so schief gewickelt. Das war eine Person – na so was!«

Ben schrieb seinem Bruder hie und da aus dem Westen. Lang war es ihm schlecht genug ergangen, und er hatte viel umherwandern müssen, schließlich aber hatte er sich in Kalifornien auf einer Farm, wo die Viehzucht im großen betrieben wurde, festgesetzt und hatte um die Zeit, als Dicks Beziehungen zu Mr. Hobbs angeknüpft wurden, seinen regelmäßigen Verdienst.

»Das Weib, das hat ihn um seine fünf Sinne gebracht,« sagte Dick. »Mir hat der arme Teufel oft leid gethan.«

Sie saßen eben miteinander unter der Ladenthüre, und Mr. Hobbs stopfte seine Pfeife.

»Er hätte nicht heiraten sollen,« sprach er orakelhaft, während er aufstand, um sich ein Zündhölzchen zu holen. »Weiber – ich für mein Teil hab‘ nie begreifen können, zu was die gut sein sollen.«

Während er das Zündhölzchen bedächtig aus der Schachtel nahm, warf er einen Blick auf sein Pult.

»Zum Kuckuck!« rief er, »da liegt ja ein Brief! Hab‘ den vorhin gar nicht gesehen. Der Briefträger hat ihn wohl nur so hingelegt, oder hat die Zeitung drüber gelegen?«

Er nahm ihn auf und studierte die Adresse.

»Der ist ja von ihm!« lautete seine Ansicht. »Von ihm und von keinem andern!«

Die Pfeife war vergessen; ganz aufgeregt setzte er sich wieder, zog sein Taschenmesser heraus und schnitt mit liebevoller Vorsicht das Couvert auf.

»Will nur sehen, was er diesmal Neues weiß,« bemerkte er.

Dann entfaltete er das Blatt und las seinem neuen Freunde folgendes vor:

Schloß Dorincourt.

»Mein lieber Mr. Hobbs. ich schreibe das in großer Eile weil ich ihnen etwas wunderliches zu sagen habe worüber sie sich ser erstaunen würden mein lieber Freund wenn sie es hören, es ist alles ein irtum und ich bin kein Lord und ich mus nie ein Graf werden weil eine Dame da ist die war mit meinem Onkel Bevis ferheirathet der jetz tod ist und sie hat einen kleinen son und der ist Lord Fauntleroy denn so ist es in England das der kleine son von dem eltesten son des Grafen Graf wird wenn alle andern tod sind ich meine wenn sein fater und Großvater tod sind, mein Großvater ist nicht tod aber mein Onkel Bevis und deshalb ist sein son Lord Fauntleroy weil mein fater der jüngste son gewesen ist und meine nahme ist Cedrik Errol ganz wie früher in New York und alles gehört dem andern Knaben, im Anfang habe ich gedagt, ich müsse im auch meinen Pony und meinen wahgen geben aber mein Großvater hat gesagt das müsse ich nicht und meinem Großvater tut es ser leid und ich glaube er hat die Dame gar nicht ser gerne aber filleicht denkt er das herzlieb und ich traurig sein weil ich kein Graf werde ich würde jetz fiel lieber ein Graf werden als im anfang weil dis ein schönes schlos ist und ich alle leute lieb habe und wenn man reich ist kann man so fieles tun. und bin jetz nicht reich weil mein Papa nur der jüngste son ist und der jüngste son ist nie ser reich ich wil deshalb arbeiten lernen damit ich für herzlieb sorgen kann ich habe mit Wilkins gesprochen filleicht kan ich reitknecht werden oder kutscher weil ich die ferde ser lieb habe.

Die Dame hat iren kleinen son in das schlos gebracht und mein Großvater und Mr. Havisham haben mit ir gesprochen ich glaube sie ist ser böse geworden und hat ser laut gesprochen und mein Großvater ist auch ser böse geworden und forher habe ich in nie böse gesehn ich habe gedagt ich will es inen und Dick nur schnel erzälen weil es sie ser tressiren wird. Herzlich grüst

ir alter Freund

Cedrik Errol (nicht Lord Fauntleroy).«

Mr. Hobbs sank in seinen Stuhl zurück, der Brief zitterte in seiner Hand, Federmesser und Couvert glitten an die Erde.

»Da bin ich doch gleich geräuchert worden,« stieß er hervor.

So groß war sein Schreck, daß sein Lieblingsausspruch eine andre Form annahm. Vielleicht war er auch geräuchert in dieser Stunde, kein Mensch kann so etwas wissen.

»Na,« sagte Dick, »da wäre also die ganze Herrlichkeit futsch – nicht?«

»Futsch!« wiederholte Mr. Hobbs mit Grabesstimme. »Und eine abgekartete Geschichte ist’s von dem britischen ‚ristokratenvolk, den Jungen auszuräubern, weil er ein Amerikaner – das ist meine Meinung. Die Kerls haben einen Haß gegen uns von der Revolution her, und an ihm lassen sie’s aus. Hab‘ ich’s Ihnen nicht gesagt, als wir von der Wirtschaft von den Königinnen da drüben lasen? – Der Junge ist da nicht sicher – na, da haben’s wir ja. Vermutlich steckt die ganze Regierung dahinter, und ’s ist eine Verschwörung, um dem Jungen sein Recht zu nehmen.«

Die Aufregung war groß. Anfangs hatten ihm die veränderten Lebensumstände seines jungen Freundes keineswegs eingeleuchtet, neuerdings hatte er sich mehr mit dem Gedanken befreundet, und nach Empfang von Cedriks Brief hatte sich sogar eine geheime Genugthuung über dessen Standeserhöhung fühlbar gemacht. Ueber Grafen konnte man ja denken, wie man wollte, aber daß der Reichtum seine Vorzüge hat, wird sogar in Amerika anerkannt, und wenn so großer Besitz zu dem Titel gehörte, so war es doch schwer, denselben wieder abzutreten.

»Plündern wollen sie ihn ganz einfach!« rief er, »und wer das Geld hätte, müßte ohne weiteres nach ihm sehen und ihm zu Hilfe kommen.«

Bis tief in die Nacht hinein zog sich diesmal Dicks Besuch hin, und schließlich gab ihm Mr. Hobbs noch das Geleit bis an die Ecke der Straße, wo er dann eine Weile stehen blieb und auf das wehmütige, immer noch vorhandene Plakat: »Zu vermieten« hinstarrte, bis er endlich in tiefer Bekümmernis seine Pfeife zu Ende rauchte.

Viertes Kapitel

Unterwegs teilte die Mutter ihrem Lieblinge mit, daß sie in Zukunft nicht mehr zusammenleben würden. Es kostete Mühe, bis er sich von einer solchen Möglichkeit überzeugen ließ, und sein Jammer darüber war so grenzenlos, daß Mr. Havisham im stillen nur den glücklichen Gedanken des Grafen, die Mutter in der Nähe wohnen zu lassen, pries, denn ohne diesen Trost hätte das Kind die Trennung schwerlich ertragen. Die Mutter that alles, um ihm die Vorstellung freundlicher zu machen, und tröstete ihn so herzlich und erzählte ihm immer wieder, wie nah sie ihm sein werde, daß ihm der Gedanke allmählich weniger schrecklich erschien.

»Mein Haus ist gar nicht weit vom Schlosse, Ceddie,« sagte sie, so oft die Rede darauf kam, »ganz nahe sogar, und du kannst immer herüberlaufen und nach mir sehen. Und denke dir nur, wieviel du mir dann zu erzählen haben wirst, und wie glücklich wir miteinander sein werden. Ach, es muß ja so schön dort sein! Wie oft hat mir dein Papa alles beschrieben. Ihm war das Schloß ganz ans Herz gewachsen, und du wirst es auch bald lieb gewinnen.«

»Wenn du auch dort wärst, dann wohl,« versetzte der betrübte kleine Lord mit einem tiefen Seufzer.

Es war ja ganz natürlich, daß ihm eine Einrichtung, die ihn von »Herzlieb« trennte, als etwas sehr Widersinniges und Unbegreifliches erschien. Mrs. Errol hielt es zudem für richtig, ihn über die Gründe dieser Trennung nicht aufzuklären.

»Verstehen könnte er es doch nicht,« sagte sie zu Mr. Havisham, »es würde ihn also nur alterieren und beängstigen, und ich bin überzeugt, daß er sich weit eher an seinen Großvater anschließt, wenn er nicht weiß, daß dieser einen Widerwillen gegen mich hat. Haß und Bitterkeit sind ihm ganz fremd, und ich glaube, der Gedanke, daß jemand mich haßt, würde ihn unglücklich machen! Sein Herz ist voll Liebe! Es ist viel besser, wenn er das alles erst später erfährt – viel besser im Interesse des Grafen namentlich, denn dies Bewußtsein würde eine Scheidewand zwischen ihm und dem Großvater bilden, wenn Ceddie auch noch ein Kind ist.«

Cedrik erfuhr also nur, daß diese Trennung aus Gründen, die er noch nicht verstehen könne, beschlossen sei, und daß er später einmal alles erfahren und begreifen werde. Das machte ihn wohl nachdenklich, allein schließlich war es ihm ja weniger um die Gründe, als um die Sache zu thun, und nachdem ihm sein Mütterchen wieder und wieder die Zukunft im rosigsten Lichte ausgemalt hatte, fingen seine Bedenken an schwächer zu werden, obgleich Mr. Havisham ihn noch mehr als einmal in einer seiner wunderlich altväterischen Stellungen dasitzen und aufs Meer hinausstarren sah, wobei sich mancher Seufzer aus seiner Brust stahl, der viel zu ernsthaft klang für ein Kind.

»Es gefällt mir gar nicht,« sagte er in einem seiner ehrbaren Gespräche mit dem Advokaten. »Sie glauben nicht, wie wenig mir die Sache gefällt, aber es gibt ja viel Kummer auf der Welt, den man eben ertragen muß. Das sagt Mary immer, und auch Mr. Hobbs hab‘ ich das sagen hören. Und Herzlieb will, daß ich gern zum Großpapa gehen soll, weil all‘ seine Kinder tot sind und das sehr traurig ist. Natürlich thut einem ein Mann leid, der all‘ seine Kinder verloren hat – und eins war so plötzlich tot.«

Wer Seine kleine Herrlichkeit kennen lernte, fand die altkluge Weisheitsmiene, die er gelegentlich in der Unterhaltung aufsetzte, bezaubernd: wenn man dabei in sein unschuldiges rundes Gesichtchen sah, hatten die weisen Bemerkungen einen unwiderstehlichen Reiz, und wenn der hübsche, blühende, goldlockige kleine Mann sich hinsetzte, die Hände ums Knie schlang und sich mit großer Würde unterhielt, war er das Entzücken seiner Umgebung und namentlich fand Mr. Havisham jeden Tag mehr Freude an ihm.

Als der minder glückliche Teil der Passagiere, der, welcher der Seekrankheit seinen Tribut zu bezahlen gehabt hatte, wieder auf Deck sichtbar ward und sich auf den bequemen Stühlen niederließ, schien auch kein einziger darunter zu sein, der die merkwürdige Geschichte des kleinen Lord Fauntleroy nicht kannte, und jedermann interessierte sich für den Jungen, der sich überall herumtrieb, wenn er nicht gerade mit seiner Mutter und dem steifen alten Engländer auf und ab ging oder mit den Matrosen plauderte. Mit allen schloß er Freundschaft, wozu er ja stets bereit war. Hatte er sich einer Gruppe von Herren angeschlossen, so marschierte er mit großen, festen Schritten neben ihnen her und ging bereitwillig auf jeden Scherz ein; war er im Kreise der Damen, so war des fröhlichen Lachens kein Ende, und spielte er mit den Kindern, so war das Spiel immer ganz besonders lebendig und lustig.

Seine Hauptfreunde aber waren die Matrosen – er erfuhr die wunderbarsten Geschichten von Seeräubern, Schiffbruch und einsamen, menschenleeren Inseln, er lernte Taue splissen und kleine Schiffe auftakeln, und erwarb sich in Bezug auf Topsegel und Mainsegel eine erstaunliche Gelehrsamkeit. Seine Redeweise bekam einen entschiedenen Anflug von Teerjackentum, und er rief einmal unauslöschliches Gelächter hervor, als er sich an einem kühlen Morgen, wo Damen und Herren sich warm eingehüllt hatten, mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt und weicher Stimme äußerte: »Da fahr‘ mir doch gleich der Klabautermann in die Planken, heut ist’s frisch.«

Er war sehr überrascht, daß diese seemännische Bemerkung solche Heiterkeit hervorrief; er hatte sie von einem älteren Seehelden, Namens Jerry, vernommen, in dessen Erzählungen sie öfter wiederkehrte. Jerry mußte, nach seinen Beschreibungen zu schließen, mindestens zwei- oder dreitausend Fahrten gemacht haben, wobei er unfehlbar jedesmal Schiffbruch gelitten und an ein mit Menschenfressern bevölkertes Eiland verschlagen worden war; daß ihm bei solchen Gelegenheiten mehr als einmal passiert war, teilweise gebraten und vollständig aufgezehrt und etliche zwanzigmal skalpiert zu werden, verstand sich von selbst.

»Deshalb hat er gar keine Haare mehr,« erklärte Lord Fauntleroy seiner Mama. »Wenn man ein paarmal skalpiert worden ist, wächst das Haar nie mehr. Jerry seins kam nicht wieder, nach dem letzten Mal, als ihn der König der Parromachaweekins mit einem Messer, das aus dem Schädel des Häuptlings der Wopslemumpkies gemacht war, skalpiert hatte. Er sagt, das sei fast das Schlimmste gewesen, was ihm je vorgekommen, und seine Haare seien ihm ganz zu Berge gestanden, wie der König das Messer wetzte, und hätten sich auch nachher nicht mehr gelegt, und der König trage nun den Skalp so, und er sehe aus wie eine Haarbürste. Nein, was für ›Verlebnisse‹ dieser Jerry gehabt hat! Ich wollt‘, ich könnte Mr. Hobbs alles erzählen!«

Zuweilen, wenn das Wetter schlecht war und man im Salon beisammen saß, gab Cedrik, der immer bereit war, das Seinige zur Unterhaltung beizutragen, Jerrys »Verlebnisse« preis, wobei er sehr aufmerksame Zuhörer fand.

»Jerrys Geschichten ‚tressieren alle so,« sagte er dann zu seinem Mütterchen. »Manchmal denke ich beinahe – du mußt nicht böse sein, Herzlieb – es könnte nicht alles dran wahr sein, aber doch hat Jerry es selbst erlebt, aber, weißt du, vielleicht weiß er’s hier und da nicht mehr so genau, weil er so oft skalpiert worden ist. Skalpiert werden, davon kann man ein schlechtes Gedächtnis kriegen.«

Elf Tage, nachdem er Dick sein Lebewohl zugerufen hatte, traf der kleine Lord in Liverpool ein, und am Abend des zwölften Tages fuhr der Wagen, der ihn, seine Mutter und Mr. Havisham an der Bahn abgeholt hatte, an Court Lodge vor.

Mary, die zu Mrs. Errols Bedienung mit herübergekommen war, hatte das Haus schon etwas früher erreicht, und als Cedrik aus dem Wagen sprang, sah er einige Dienstboten in der glänzend erleuchteten Halle stehen, Mary aber unter der Hausthür. Mit einem fröhlichen Ausrufe eilte er auf sie zu und küßte sie auf die knallroten Wangen.

»Bist du schon da, Mary? Herzlieb, Mary ist da!«

»Ich bin froh, daß Sie da sind, Mary,« sagte Mrs. Errol halblaut zu ihr. »Ich fühle mich weit weniger fremd, nun ich ein bekanntes Gesicht um mich habe.« Dabei reichte sie ihr die schmale Hand, die Mary kräftig schüttelte. Ach, sie verstand wohl, wie der jungen Frau zu Mute sein mußte, die ihre Heimat verlassen hatte und nun ihr Kind hergeben sollte.

Die englischen Dienstboten beobachteten Mutter und Sohn mit großer Neugierde. Alle möglichen Gerüchte waren natürlich über die beiden im Umlauf; jedermann wußte, weshalb Mrs. Errol hier wohnen mußte, und der kleine Lord im Schlosse, jedermann wußte genau, welch ungeheures Vermögen seiner harrte und was für ein jähzorniger Großvater mit Gichtanfällen und bösen Launen.

»Leicht kriegt er’s nicht, der arme kleine Kerl!« Das hatten sie längst untereinander ausgemacht.

Was es aber für eine Art von Kind war, dieser Lord Fauntleroy, das wußten sie nicht, und das Wesen des künftigen Herrn von Dorincourt war für sie eben nicht leicht verständlich. Er zog sehr selbständig seinen kleinen Ueberrock aus, gerade, als ob er gewöhnt wäre, sich selbst zu bedienen, und dann sah er sich um in der weiten Halle, betrachtete die Bilder und die Hirschgeweihe und alle möglichen Dinge, die ihm sehr merkwürdig vorkamen, weil er noch nichts derartiges gesehen hatte.

»Herzlieb,« rief er, »das ist ja ein goldiges Haus, nicht wahr? Ich bin so froh, daß du da wohnst! Und ein ganz großes Haus ist es!«

Freilich war es groß im Vergleiche mit dem engbrüstigen Gebäude in der ärmlichen New Yorker Straße, und hübsch und freundlich war es auch. Mary führte die Ankömmlinge hinauf in ein helles, ganz mit buntem Kattun tapeziertes und ausgestattetes Schlafzimmer, wo ein fröhliches Feuer brannte und eine riesengroße, schneeweiße Angorakatze behaglich hingestreckt auf dem Teppich vor dem Kamine lag.

»Die Haushälterin vom Schlosse schickt sie,« erklärte Mary. »Die ist eine brave Dame und hat überall nach dem Rechten gesehen und alles eingerichtet. Ich hab‘ sie auch schon gesehen, und sie hat den Herrn Kapitän selig arg gern gehabt und ist betrübt, daß er tot ist, und dann hat sie gesagt, ’s könne leicht sein, daß die Katze Ihnen die Stube heimeliger macht, wenn sie so faul daliegt. Den Herrn Kapitän selig hat sie schon gekannt, wie er ein Kind war, und er sei ein schöner Jung‘ gewesen, sagte sie, und dann ein feiner Herr, der auch für geringe Leute ein gutes Wort gehabt hat. Da hab‘ ich zu ihr gesagt: ›Er hat gerade so einen Sohn zurückgelassen‹ ja und dann hab‘ ich gesagt: ›Kein hübscherer Junge hat je Schuhe zerrissen, solange die Welt steht.‹«

Nachdem Mutter und Sohn etwas Toilette gemacht, gingen sie wieder ins Erdgeschoß in ein ebenfalls großes, helles Zimmer. Die Decke war getäfelt, der Raum nicht hoch, die tiefen, breiten Stühle hatten hohe geschnitzte Lehnen, und allerhand kleine Wandschränkchen, Schlüsselbretter und eigentümliche Verzierungen waren in den ebenfalls getäfelten Wänden angebracht; vor dem Kamin lag ein mächtiges Tigerfell und zwei bequeme Lehnstühle standen zu beiden Seiten. Die würdevolle weiße Katze fand es offenbar recht angenehm, sich von Lord Fauntleroy streicheln zu lassen, und hatte sich ihm sofort angeschlossen, und als er sich nun auf das prächtige Fell legte, rollte sie sich majestätisch an seiner Seite auf, wodurch die Freundschaft besiegelt war. Cedrik schmiegte sein Köpfchen neben ihr in das weiche Fell und nahm keine Notiz von dem Gespräch zwischen seiner Mutter und Mr. Havisham, zumal beide halblaut sprachen. Mrs. Errol war sehr blaß und sichtlich bewegt.

»Heute nacht muß er doch nicht schon gehen?« fragte sie, »Heute nacht darf er doch noch bei mir bleiben?«

»Gewiß,« erwiderte Mr. Havisham, »es ist keineswegs nötig, daß er heute nacht geht. Ich werde mich nach Tische aufs Schloß begeben und Seine Herrlichkeit von unsrer Ankunft in Kenntnis setzen.«

Mrs. Errol warf einen Blick auf Cedrik, der mit unbewußter Anmut auf dem bunten Fell hingestreckt lag, während das Feuer im Kamin wechselnde Lichter auf sein golden schimmerndes Haar warf.

»Der Graf weiß nicht, was er mir nimmt,« sagte sie mit schmerzlichem Lächeln und setzte dann, zu dem Advokaten aufblickend, hinzu: »Wollen Sie die Güte haben, ihm zu sagen, daß ich sein Geld nicht will?«

»Sein Geld? Sie sprechen doch nicht von dem Jahreseinkommen, das er für Sie ausgesetzt hat?«

»Doch,« antwortete sie einfach, aber bestimmt. »Ich möchte dasselbe lieber nicht haben. Die Wohnung hier muß ich annehmen und bin dankbar dafür, denn ich könnte ja sonst nicht in der Nähe meines Kindes bleiben; aber ich habe ein kleines Vermögen, das hinreicht, um bescheiden davon leben zu können, und mehr brauche ich nicht. Bei der Natur unsrer Beziehungen könnte ich keine Wohlthaten von ihm annehmen, ohne das Gefühl zu haben, ihm Cedrik zu verkaufen, und ich lasse ihn doch nur von mir, weil ich nicht an mich denke, sondern an sein Bestes, und weil sein Vater es wünschen würde.«

»Seltsam, sehr seltsam,« sagte Mr. Havisham, sein Kinn reibend. »Der Graf wird sich ärgern, wird es ganz und gar nicht verstehen.«

»Ich glaube doch, wenn er sich’s überlegt. Nötig habe ich das Geld nicht, und Luxus annehmen von seiten eines Mannes, der mich so sehr haßt, daß er mir meinen Sohn nimmt, könnte ich nicht.«

Kurz darauf wurde die Mahlzeit aufgetragen, an der alle drei teilnahmen und bei der sich auch die Katze einfand, die unter vergnüglichem Schnurren den Stuhl neben Ceddie für sich in Anspruch nahm.

Im Verlaufe des Abends begab sich Mr. Havisham noch nach dem Schlosse, wo er sofort von dem Hausherrn empfangen wurde. Er fand ihn in einem bequemen Fauteuil am Kamin, das gichtkranke Bein auf einer Fußbank. Ein scharfer, fragender Blick flog unter den buschigen Augenbrauen hervor, und Mr. Havisham erkannte wohl, daß er trotz aller zur Schau getragenen Gleichgültigkeit in großer Unruhe und gespannter Erwartung war.

»Da sind Sie ja, Havisham! Gut angekommen? Was gibt’s Neues?«

»Lord Fauntleroy und seine Mutter sind in Court Lodge angelangt. Beiden ist die Reise gut bekommen und ihr Befinden ist vortrefflich.«

»Freut mich, zu hören,« sagte der Graf mit einer etwas ungeduldigen Handbewegung. »Machen Sie sich’s bequem und nehmen Sie ein Glas Wein. Was sonst?«

»Der junge Lord bleibt heute nacht bei seiner Mutter. Morgen werde ich ihn ins Schloß bringen.«

Der Arm des Grafen hatte auf der Stuhllehne geruht, nun hielt er sich plötzlich die Hand vor die Augen.

»Nun so reden Sie doch weiter. Briefliche Mitteilungen hatte ich mir ja verbeten, und so weiß ich noch von gar nichts. Was für eine Sorte ist der Bursche? Von der Mutter will ich nichts hören, nur von dem Jungen.«

Mr. Havisham kostete den alten Portwein, den er sich eingegossen hatte, und hielt das Glas in der Hand.

»Es ist schwierig, über den Charakter eines Kindes von sieben Jahren ein Urteil abzugeben,« begann er vorsichtig.

»Er ist also ein Schafskopf?« rief der alte Herr rasch aufblickend. »Oder ein schwerfälliger Tölpel? Das amerikanische Blut schlägt vor, hm?«

»Ich glaube kaum, daß ihm dasselbe zum Nachteil gereichte, Mylord,« erwiderte der Advokat in seiner trockenen, kühlen Weise. »Ich verstehe mich nicht besonders auf Kinder, aber ich halte ihn für einen hübschen Jungen.«

Vorsichtig und zurückhaltend in seinen Aeußerungen zu sein, war Havishams Art, und er kehrte sie heute mehr als je hervor, denn er wollte, daß der Graf selbst urteilen und seinen Enkel kennen lernen sollte, ohne irgendwie beeinflußt zu sein.

»Gesund? Gut gewachsen?«

»Offenbar ganz gesund und gut gewachsen.«

»Gerade Glieder – menschliche Physiognomie?«

Ein leises Lächeln flog um Mr. Havishams dünne Lippen, als er an den rosigen Blondkopf dachte, wie er ihn zuletzt auf dem Tigerfell hatte liegen sehen.

»Ein ziemlich hübsches Kind, soweit man das von einem Jungen sagen kann, und soweit ich mich drauf verstehe. Aber Sie werden ihn einigermaßen verschieden von den englischen Kindern finden.«

»Zweifle nicht daran,« brummte der Graf mit einem Zucken in dem kranken Beine. »Freches, vorlautes Volk, diese amerikanischen Kinder! Habe oft genug davon gehört.«

Mr. Havisham trank seinen Portwein und eine kleine Pause folgte.

»Ich habe einen Auftrag von Mrs. Errol zu bestellen,« bemerkte er ruhig.

»Verschonen Sie mich damit! Je weniger ich von der Person höre, desto besser!«

»Die Sache muß doch erörtert werden. Sie zieht es vor, die ihr von Ihnen ausgesetzte Jahresrente nicht anzunehmen.«

»Was soll das heißen?« rief der Graf auffahrend. »Was soll das heißen?«

Mr. Havisham wiederholte seine Mitteilung und setzte hinzu: »Sie sagt, sie bedürfe der Summe nicht, und da die Beziehungen zwischen ihr und Ihnen nicht freundlicher Art seien –«

»Nicht freundlicher Art! Das will ich meinen! Der bloße Gedanke an sie ist mir zuwider. Eine geldgierige Amerikanerin mit schriller Stimme! Ich will sie nicht sehen!«

»Mylord, geldgierig können Sie die Dame doch kaum nennen. Sie hat nicht nur nichts verlangt, sondern das ihr Angebotene abgelehnt.«

»Bloßer Kunstgriff,« grollte der edle Lord. »Damit will sie mich dran kriegen, daß ich sie sehen soll und womöglich ihren Geist bewundern, wovor ich mich wohl hüten werde. Amerikanischer Trotz! Ich will nicht, daß sie als Bettlerin vor meinem Thore wohnt. Sie ist die Mutter des Jungen und hat als solche eine Stellung zu wahren und soll sie wahren. Sie wird das Geld bekommen, ob sie will oder nicht! Damit will sie nur ihrem Jungen eine schlechte Meinung von mir beibringen! Wird ihn ohnehin schon genügend gegen mich eingenommen haben.«

»Nein,« sagte Mr. Havisham. »Ich habe Ihnen in dieser Hinsicht noch etwas von Mrs. Errol zu bestellen.«

»Was ich nicht hören will!« stieß Seine Herrlichkeit, keuchend vor Aerger und Gichtschmerzen, hervor.

Mr. Havisham aber fuhr ungerührt fort: »Sie läßt Sie bitten, in Lord Fauntleroys Gegenwart nichts zu äußern, was ihm klar machen könnte, daß Sie ihr nicht wohlwollen. Der Knabe hängt sehr an ihr, und sie ist überzeugt, daß ihn dies Ihnen entfremden würde. Sie hat ihm einfach gesagt, daß er noch zu jung sei, um die Gründe der Trennung von ihr zu verstehen, und zwar, weil sie wünscht, daß auch kein Hauch des Mißtrauens gegen Sie in des Knaben Herz aufkomme.«

Der Graf war in seinen Stuhl zurückgesunken; seine tiefliegenden, feurigen Augen funkelten hinter den starken Augenbrauen.

»Seien Sie vernünftig, Havisham,« sprach er mühsam, »Sie werden mir nicht weismachen wollen, daß die Mutter ihm nichts gesagt hat.«

»Nicht eine Silbe, Mylord,« versetzte der Advokat ruhig. »Der Knabe sieht in Ihnen nichts als den zärtlichen Großpapa. Nichts – absolut nichts ist je geäußert worden, was ihm auch nur den leisesten Zweifel an Ihrer Vollkommenheit erwecken könnte, und da ich Ihre Befehle in Bezug auf seine etwaigen Wünsche genau ausgeführt habe, sieht er in Ihnen den Inbegriff aller Großmut und Güte.«

»Wahrhaftig? Allen Ernstes?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es einzig in Ihrer Hand liegt, wie Sie das Verhältnis zu Lord Fauntleroy gestalten wollen, und wenn ich mich unterfangen dürfte, Eurer Herrlichkeit einen Rat zu geben, so wäre es der, nie verletzend von seiner Mutter zu sprechen.«

»Pah, pah! Ein Junge von sieben Jahren!«

»Der diese sieben Jahre an der Seite einer Mutter verlebt hat, der sein ganzes Herz gehört.«

Fünftes Kapitel

Es war spät am Nachmittag, als der Wagen, der den kleinen Lord Fauntleroy und Mr. Havisham zum Schlosse brachte, die lange Avenue daherrollte. Der Graf hatte angeordnet, daß sein Enkel kurz vor Tische im Schlosse eintreffen und ferner, daß er, aus nur ihm bekannten Gründen, allein in das Zimmer geführt werden sollte, wo er ihn zu empfangen gedachte. Cedrik lehnte sich behaglich in die Wagenkissen zurück und beobachtete alles mit großem Interesse. Der Wagen selbst, die großen stattlichen Pferde mit ihrem blitzblanken Geschirre, der würdevolle Kutscher und der stattliche Diener in ihren eleganten Livreen, alles fesselte seine Aufmerksamkeit.

Als der Wagen vor dem Parkthore hielt, beugte er sich aus dem Fenster, um die riesigen steinernen Löwen zu studieren, die den Eingang schmückten. Aus der hübschen epheuumrankten Portierswohnung trat eine rundliche, freundliche Frau, um das Thor zu öffnen. Zwei Kinder folgten ihr auf dem Fuße und starrten mit weit aufgerissenen, verwunderten Augen auf den kleinen Jungen im Wagen, indes die Mutter lächelnd knickste.

»Kennt sie mich denn?« fragte Lord Fauntleroy seinen Begleiter. »Ich glaube, sie weiß, wer ich bin,« und dabei nahm er seine schwarze Samtmütze ab und grüßte freundlich.

»Guten Tag!« sagte er mit heller Stimme. »Wie geht’s Ihnen?«

Die Frau war sichtlich erfreut, sie lachte übers ganze Gesicht, und ihre blauen Augen blickten ihn warm und herzlich an.

»Gott segne Eure Herrlichkeit!« sagte sie. »Gott segne Ihr freundliches Gesicht! Glück und Frohsinn Euer Herrlichkeit! Willkommen in Dorincourt!«

Lord Fauntleroy schwenkte seine Mütze und nickte ihr mehrmals zu, indes der Wagen weiter fuhr.

»Die Frau gefällt mir,« sagte er. »Sie sieht aus, als ob sie Freude an Jungens hätte. Ich werde sie besuchen und mit den Kindern spielen – ob sie wohl so viele hat, daß man eine ordentliche Compagnie zusammenbringen könnte?«

Mr. Havisham hielt es nicht für nötig, ihm zu sagen, daß er schwerlich Erlaubnis erhalten werde, mit den Portierskindern Kameradschaft zu schließen – derlei Weisheit kam immer noch zeitig genug.

Der Wagen fuhr rasch dahin zwischen den prachtvollen alten Riesenbäumen, deren Zweige sich bis auf den Boden ausbreiteten. Cedrik wußte nicht, daß das Schloß Dorincourt einer der schönsten Landsitze Englands war und daß der Park und seine alten Bäume ihresgleichen suchten, aber er empfand die Schönheit, die ihn umgab. Die untergehende Sonne warf ihre schrägen Strahlen auf den Rasen, ringsum herrschte tiefe, wundersame Stille. Mehrmals fuhr der Knabe mit einem kleinen Aufschrei in die Höhe, wenn ein Kaninchen aus dem Blätterwerk huschte, und als plötzlich ein Volk Rebhühner vor ihnen aufstieg, klatschte er glückselig in die Hände.

»Hier ist’s aber schön!« rief er. »So was habe ich nie gesehen. Es ist schöner als der Centralpark!«

Die lange Dauer der Fahrt setzte ihn sehr in Erstaunen.

»Wie weit ist es denn,« fragte er endlich, »vom Parkthor bis zum Schlosse?«

»Drei bis vier Meilen,« erwiderte Mr. Havisham.

»Einen langen Weg hat der Großvater bis zu seinem eignen Thore,« bemerkte der kleine Lord nachdenklich.

Jeden Augenblick entdeckte er etwas Neues, als er aber das Hochwild gewahrte, das teils im Grase lag, teils auf das Geräusch des Wagens hin die hübschen Köpfe mit den mächtigen Geweihen erhoben hatte, war er ganz außer sich.

»Ist denn ein Cirkus dagewesen,« rief er jubelnd, »oder leben die immer hier? Wem gehören sie?«

»Deinem Großvater,« belehrte Mr. Havisham.

Bald darauf kam das Schloß in Sicht. Der schöne, stolze Bau erhob sich grau und ehrwürdig vor ihnen, die letzten Strahlen der Abendsonne glitzerten auf den zahlreichen Fenstern. Giebel und Türme und Zinnen hoben sich klar vom Abendhimmel ab, der ganze Bau war von üppigem Epheu umrankt und auf den breiten Terrassen, die zum Eingang hinaufführten, waren reiche, farbenprächtige Blumenbeete.

»Das ist das Allerschönste, was ich je gesehen habe,« rief Ceddie mit leuchtenden Augen. »Wie ein Königsschloß, so war gerade eins in meinem Märchenbuche!«

Er sah, wie die schweren Thürflügel aufgerissen wurden, und sah die Dienerschaft in zwei Reihen antreten, was ihn sehr in Erstaunen setzte, da es ihm nicht in den Sinn kam, daß dies zu Ehren des kleinen Jungen geschah, dem einst all‘ diese Pracht und Herrlichkeit zu eigen sein würde – das Schloß aus dem Märchenbuche, die großen alten Bäume, der herrliche Park, die Gründe voll Farnkraut und Glockenblumen, wo die Hasen und Kaninchen umhersprangen und die großäugigen gefleckten Hirsche und Rehe, die im tiefen Grase lagerten. Kaum ein paar Wochen war es her, daß er in Mr. Hobbs‘ Laden gesessen hatte und seine Beinchen von dem hoben Schreibstuhle herunterbaumelten, und er konnte unmöglich all diese Pracht und Feierlichkeit auf sein kleines Ich beziehen. An der Spitze der Dienerschaft stand eine ältliche Frau in glattem, schwerem schwarzen Seidenkleide, mit einer Haube auf dem grauen Haare. Als er die Halle betrat, stand sie ihm zunächst und Cedrik sah ihr an, daß sie mit ihm sprechen wolle. Mr. Havisham, der ihn an der Hand führte, stand einen Augenblick still.

»Hier bringe ich Lord Fauntleroy, Mrs. Mellon,« sagte er. »Lord Fauntleroy, dies ist Mrs. Mellon, die Haushälterin.«

Cedrik gab ihr mit einem freudigen Aufleuchten die Hand.

»Haben Sie uns die Katze geschickt?« fragte er. »Ich danke Ihnen tausendmal dafür!«

Das hübsche Gesicht der alten Frau glänzte gerade so freudig wie das der Portiersfrau.

»Ich würde Seine Herrlichkeit an jedem Orte erkannt haben,« sagte sie zu Mr. Havisham, »er ist ja ganz und gar sein Vater. Das ist ein großer Tag heute, Sir.«

Cedrik sah sie neugierig an und hätte für sein Leben gern gewußt, weshalb gerade heute ein großer Tag sei. Noch befremdlicher war ihm, daß sie Thränen in den Augen hatte und doch offenbar nicht traurig war, denn sie lächelte ihn freundlich an.

»Die Katze hat zwei wunderhübsche Junge hier gelassen,« sagte sie, »man wird sie sofort auf Eurer Herrlichkeit Zimmer bringen.«

Mr. Havisham richtete halblaut eine Frage an sie.

»In der Bibliothek, Sir,« erwiderte Mrs. Mellon. »Der Lord Fauntleroy soll allein vorgelassen werden.«

Ein paar Minuten darauf öffnete der stattliche Livreebediente, der Cedrik zu der Bibliothek geführt hatte, die Thür derselben und meldete: »Lord Fauntleroy, Mylord.« Er that es mit besondrer Feierlichkeit, denn auch er fühlte, daß es ein großer Moment war, wo der Erbe sein Eigentum betrat und dem Familienhaupte vorgestellt wurde, dessen Rang und Besitz dereinst sein eigen werden sollte.

Cedrik schritt über die Schwelle. Es war ein großer, prächtiger Raum mit schweren, geschnitzten, eichnen Möbeln, die Wände bis hoch hinauf mit Büchergestellen bedeckt. Die Möbel waren so dunkel, die Vorhänge so schwer, die Fensternischen so tief und die Entfernung zwischen Thür und Fenster so groß, daß nun, nach Sonnenuntergang, der ganze Eindruck des Raumes ein düsterer war. Im ersten Augenblicke glaubte Cedrik, daß überhaupt niemand im Zimmer sei, entdeckte aber gleich darauf vor dem Feuer, das trotz des warmen Abends in dem riesigen Kamin brannte, in einem bequemen, Lehnstuhl eine Gestalt, die sich aber nicht nach ihm umwendete.

Bei einem andern Bewohner des Zimmers hatte er jedoch Aufmerksamkeit erregt. Neben dem Lehnstuhle lag an der Erde ein Hund, eine ungeheure braungelbe Dogge, fast so groß und gewaltig wie ein Löwe – majestätisch und langsam erhob sich das mächtige Tier und ging mit schwerem, wuchtigem Schritt auf die schlanke Kindesgestalt zu.

»Dougal,« erklang nun eine Stimme aus dem Lehnstuhle, »hierher.«

Allein dem Herzen des jungen Lord war Furcht so fremd wie alles Böse, und er war von jeher ein tapferer kleiner Geselle gewesen. Vertraulich und ruhig legte er sein Händchen an des Ungeheuers Halsband und dann schritten sie einträchtig miteinander auf den Grafen zu.

Endlich blickte dieser auf und Cedrik sah in das Gesicht eines großen alten Mannes mit wirrem, weißem Haar, buschigen Augenbrauen und einer kühnen Adlernase zwischen den feurigen, blitzenden Augen. Der Graf aber erblickte eine anmutige Kindergestalt in einem schwarzen Samtanzug mit breitem Spitzenkragen und weichen blonden Locken, die das frische, rosige Gesicht umrahmten, aus dem ein Paar großer brauner Augen ihm treuherzig entgegenleuchtete. Wie ein plötzlicher Jubelruf und ein frohlockendes Triumphieren zog’s dem harten alten Manne durchs Herz, als er wahrnahm, was für ein kräftiger, schöner Knabe sein Enkel war, und wie unerschrocken er ihm ins Gesicht sah, die Hand noch immer auf dem Halse seines riesigen Hundes. Es that dem herrischen alten Edelmanne im Innersten wohl, daß der Junge keine Schüchternheit und keine Furcht verriet, weder vor ihm noch vor seinem Hunde.

»Bist du der Graf?« sagte Cedrik mit seinem freundlichen Lächeln. »Ich bin dein Enkel, den Mr. Havisham geholt hat – Lord Fauntleroy.«

Er streckte ihm dabei sein Händchen hin, was er für angemessen und höflich hielt auch bei Grafen. »Ich hoffe, es geht dir gut,« fuhr er herzlich fort, »und ich freue mich sehr, dich zu sehen.«

Der Graf schüttelte ihm die Hand und es zuckte wunderlich über sein Gesicht; fürs erste war er so überrascht, daß er kaum wußte, was er sagen solle. Er blickte unverwandt auf das hübsche kleine Bild, das da in Fleisch und Blut vor ihm stand.

»Du freust dich wirklich, mich zu sehen?«

»Gewiß,« versicherte Lord Fauntleroy, »sehr.«

Ein Stuhl stand neben dem des Grafen und Cedrik setzte sich. Das hochlehnige, breite Möbel war für ein andres Format von Sitzenden berechnet und die Beinchen des Kleinen reichten bei weitem nicht auf den Boden, allein es schien ihm doch ganz behaglich darauf zu sein und er blickte das ehrwürdige Familienhaupt bescheiden aber unverwandt an.

»Ich habe mir immer Gedanken gemacht, wie du wohl aussehen würdest,« begann er wieder. »Auf dem Schiffe, wenn ich so in meinem Bette lag, habe ich immer gedacht, ob du wohl meinem Papa ähnlich siehst.«

»Nun, und findest du das?« fragte der Graf.

»Ach, du weißt ja, ich war noch sehr klein, als er gestorben ist, und da kann’s wohl sein, daß ich mich nicht genau erinnere, aber ich meine, du siehst ganz anders aus.«

»Enttäuscht also – hm?«

»O, ganz und gar nicht!« versicherte der kleine Kritiker höflich. »Natürlich hätte ich mich ja gefreut, wenn du wie mein Papa wärest, aber jedes Kind ist doch ganz zufrieden damit, wie sein Großvater aussieht, auch wenn es ihn sich anders gedacht hat. – Du weißt ja, Verwandte bewundert man immer.«

Der Graf lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah einigermaßen verblüfft drein. Er hatte im Bewundern seiner Verwandten leider wenig Erfahrung; er hatte seine Mußestunden meist dazu verwendet, sich mit ihnen zu zanken, sie aus dem Hause zu jagen und allerhand schmeichelhafte Benennungen für sie zu erfinden, weshalb er auch bei allen gründlich verhaßt war.

»Jedes Kind hat seinen Großvater lieb,« fuhr Lord Fauntleroy fort, »besonders einen, der so gut ist, wie du es gegen mich gewesen bist.«

Wieder flog ein seltsamer, rascher Blick aus den tiefliegenden Augen zu ihm hinüber.

»Ach so,« sagte er, »ich bin also gut gegen dich gewesen, meinst du?«

»Freilich,« erwiderte Cedrik fröhlich, »und ich bin dir auch so dankbar wegen Bridget und der Apfelfrau und Dick.«

»Bridget?« wiederholte der Graf, »Dick, die Apfelfrau?«

»Ja natürlich,« erläuterte Cedrik, »alle die, für welche du mir das viele Geld gegeben hast – das Geld, das Mr. Havisham mir zu meinem Vergnügen von dir gebracht hat.«

»Ach so! Davon ist die Rede! Das Geld, das du ausgeben durftest. Nun, was hast du dir dafür gekauft? Ich möchte gern etwas darüber erfahren.«

Er zog die dichten Augenbrauen in die Höhe und faßte den Knaben scharf ins Auge; er war wirklich neugierig, in welcher Weise derselbe seine kleinen Launen befriedigt haben mochte.

»O,« begann Lord Fauntleroy, »am Ende hast du gar nichts von Dick und Bridget und der Apfelfrau gewußt. Ich habe gar nicht daran gedacht, wie weit weg du wohnst. Die sind nämlich besondre Freunde von mir und, mußt du wissen, Michael hat das Fieber gehabt.«

»Wer ist denn Michael?« fiel ihm der Graf ins Wort.

»Michael? Ach, das ist Bridgets Mann und die waren in großer Not. Wenn ein Mann krank ist und nicht arbeiten kann und zwölf Kinder hat, kannst du dir ja denken, wie das ist.«

Nun folgte die ausführliche Schilderung aller Leiden der armen Bridget und ihres Jubels, als er ihr das Geld »von dir, Großvater!« hatte geben dürfen, und »deshalb bin ich dir so dankbar,« schloß er seinen Bericht.

»So so!« bemerkte der Graf mit seiner tiefen Stimme, »das war also eins von den Dingen, die du zu deinem Vergnügen thatest. Nun, und was hast du sonst mit deinem Reichtum angefangen?«

Dougal hatte sich, nachdem Cedrik Platz genommen, neben dessen Stuhl gesetzt und hatte ihm mehrmals, wenn er so lebhaft sprach, ernsthaft ins Gesicht geblickt, als ob ihm diese Unterredung höchst interessant wäre. Dougal war ein würdevoller, feierlicher Hund, viel zu ernst und zu groß, um das Leben leicht zu nehmen. Der alte Graf, der ihn genau kannte, hatte ihn insgeheim aufmerksam beobachtet. Es war sonst nicht des Tieres Art, rasch Bekanntschaften zu schließen, und sein Herr war überrascht, wie ruhig er sich unter dem Druck der Kinderhand verhielt, nun aber sah sich Dougal den kleinen Lord noch einmal prüfend und würdevoll an, um gleich darauf seinen gewaltigen Löwenkopf auf das schwarze Samtknie des Jungen zu legen, der den neuen Freund gelassen streichelte, indem er dem Grafen zur Antwort gab: »Ja, da war dann die Geschichte mit Dick. Dick, der würde dir gefallen, der ist ein famoser Bursche.«

Der alte Herr sah etwas verwundert drein.

»Er ist so ehrlich,« fuhr Ceddie mit Wärme fort, »und er greift nie einen Jungen an, der kleiner ist, als er, und die Stiefel macht er so blank, daß sie wie ein Spiegel sind: er ist nämlich Schuhputzer,«

»Und auch ein Bekannter von dir – hm?«

»Ein alter Freund von mir,« versetzte der Enkel, »kein so alter wie Mr. Hobbs, aber wir kennen uns auch schon sehr lange. Gerade ehe das Schiff abgefahren ist, brachte er mir ein Geschenk,« dabei zog er einen sorgfältig zusammengelegten Gegenstand aus der Tasche und entfaltete mit zärtlichem Stolze das pompöse rotseidene Tuch mit den geschmackvollen Hufeisen.

»Das hat er mir gegeben, das soll ich immer tragen. Man kann’s als Halstuch benutzen oder auch als Taschentuch. Er hat’s von dem ersten Gelde gekauft, das er verdient hat, nachdem Jack ausbezahlt war und er die neuen Bürsten von mir bekommen hatte – ’s ist ein Andenken. In die Uhr für Mr. Hobbs hab ich einen Vers schreiben lassen: ›Die Uhr, sie spricht: Vergiß mich nicht,‹ und ich werde Dick auch nicht vergessen; so oft ich das Tuch sehe, werde ich an ihn denken.«

Die Empfindungen Seiner Herrlichkeit des Grafen Dorincourt waren nicht leicht zu schildern. Ein gut Stück Welt und Menschen aller Art hatte er gesehen und war eben nicht leicht zu verblüffen; aber hier trat ihm etwas so Neues und Unerhörtes entgegen, daß es ihm fast den Atem benahm und die merkwürdigste Erregung in dem alten Edelmanne hervorrief. Er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt; seine Passionen und Vergnügungen hatten ihm dazu nie Muße gelassen, und seine eignen Jungen waren ihm nie sehr interessant gewesen – höchstens erinnerte er sich dunkel, daß Cedriks Vater ein hübscher, kräftiger Knabe gewesen war. Im allgemeinen war ihm ein Kind immer wie ein höchst lästiges kleines Tier vorgekommen, gefräßig, egoistisch und lärmend, wenn man es nicht in strenger Zucht hielt. Seine beiden Aeltesten hatten ihren Erziehern und Lehrern stets Grund zu Klagen und Verdruß gegeben, und von dem Jüngsten glaubte er nur deswegen weniger Schlimmes gehört zu haben, weil derselbe als solcher für keinen Menschen von Bedeutung war. Daß er seinen Enkel lieb gewinnen könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen – er hatte ihn in sein Haus bringen lassen, weil er seinen Namen dereinst nicht durch einen unerzogenen Lümmel wollte lächerlich machen lassen und er überzeugt war, daß der Junge in Amerika nur ein Halbnarr oder ein clownartiges Geschöpf werden konnte. Er hatte an seinen Söhnen so viel Demütigungen erlebt und war über Kapitän Errols amerikanische Heirat so entrüstet, daß er etwas Erfreuliches bei seiner Nachkommenschaft nicht mehr vermutete, und als der Diener ihm Lord Fauntleroy gemeldet, hatte er sich fast gefürchtet, den Jungen anzusehen. Das war auch der Grund, weshalb er ihn hatte allein sehen wollen; seinem Stolz war der Gedanke eines Zeugen seiner Enttäuschung unerträglich. Aber selbst in den Stunden, wo er mit mehr Hoffnung in die Zukunft geblickt, hatte er sich nie träumen lassen, daß sein Enkel so aussehen könnte, wie die entzückende Kindergestalt, die, das Händchen auf dem Kopfe seines etwas gefährlichen Lieblings, so zuversichtlich und vertrauensvoll vor ihn trat. Diese Ueberraschung brachte den harten alten Mann schier um seine Fassung.

Und dann begann ihre Unterhaltung, in deren Verlauf sein Erstaunen sich mehr und mehr steigerte. Erstens einmal war er seiner Lebtage gewöhnt, die Leute in seiner Gegenwart scheu und verlegen zu sehen, und hatte deshalb von seinem Enkel auch nichts andres erwartet; statt dessen sah der kleine Junge in ihm offenbar nichts als einen Freund, dessen Liebe ihm von Gott und Rechts wegen gehörte, und behandelte ihn als solchen. Wie der kleine Bursche so dasaß in dem großen Stuhle und mit seiner weichen Stimme herzlich und fröhlich plauderte, ward es ihm ganz klar, daß der Gedanke, der große, grimmig dreinschauende alte Mann könnte ihn nicht lieb haben oder sich nicht freuen, ihn bei sich zu sehen, nie in des Kindes Sinn gekommen war, und daß Cedrik seinerseits ebenso kindlich und zuversichtlich bestrebt war, dem Großvater zu gefallen. Hart, grausam und hochfahrend, wie der alte Graf war, konnte er sich doch einer heimlichen Freude bei dieser neuen Empfindung nicht entschlagen und fand es, bei Lichte besehen, recht angenehm, einmal jemand zu begegnen, der ihm nicht mißtraute, nicht vor ihm zurückschreckte und die schlimmen Seiten seiner Natur nicht ahnte, jemand, der ihn mit hellen Augen vertrauensvoll ansah – und wär’s auch nur ein kleiner Junge in einem schwarzen Samtanzuge!

So lehnte sich der alte Mann behaglich in seinen Stuhl zurück und ermunterte seinen jungen Gefährten zum Plaudern, wobei es immer seltsam um seine Mundwinkel zuckte. Lord Fauntleroy entfaltete sein ganzes Konversationstalent und schwatzte unbefangen und vertraulich; die ganze Geschichte von Dick und Jack, die Verhältnisse der Apfelfrau aus altem Geschlecht und seine Freundschaft mit Mr. Hobbs wurden dem Großvater anvertraut, woran sich dann eine begeisterte Schilderung des republikanischen Wahltriumphes in all seiner Pracht und Herrlichkeit samt Bannern, Transparenten, Fackeln und Raketen anschloß. Schließlich kam er auch auf den 4. Juli zu sprechen und geriet in große Ekstase, bis ihm plötzlich etwas in den Sinn kam und er unvermittelt abbrach.

»Nun, was gibt’s?« fragte der Großvater. »Weshalb sprichst du nicht weiter?«

Lord Fauntleroy rückte verlegen auf seinem Stuhle hin und her.

»Es fiel mir eben ein, daß du das vielleicht nicht gerne hörst,« erwiderte er. »Vielleicht ist einer von deinen Angehörigen dabei gewesen. Ich habe gar nicht daran gedacht, daß du ein Engländer bist.«

»Sprich nur ruhig weiter,« sagte Mylord. »Ich habe keine persönlichen Beziehungen zu der Sache. Du hast wohl auch vergessen, daß du ein Engländer bist.«

»O nein,« fiel ihm Cedrik rasch ins Wort, »ich bin ein Amerikaner.«

»Du bist ein Engländer,« erklärte der alte Herr kurz. »Dein Vater war ein Engländer.«

Die Sache war ihm ziemlich spaßhaft. Cedrik dagegen nahm es sehr ernst. Auf eine solche Auffassung der Dinge war er nicht vorbereitet gewesen, und sein Gesichtchen ward dunkelrot.

»Ich bin in Amerika geboren,« protestierte er, »und wenn man in Amerika geboren ist, muß man ein Amerikaner sein. Es thut mir leid, daß ich dir widersprechen muß,« setzte er artig und rücksichtsvoll hinzu. »Mr. Hobbs hat mir gesagt, daß, wenn wieder einmal ein Krieg käme, ich ein Amerikaner sein müßte.«

Der Graf stieß ein kurzes Lachen aus, es klang hart und grimmig, aber es war doch ein Lachen.

»Und das würdest du thun?« sagte er.

Er haßte Amerika und die Amerikaner, aber der ernsthafte eifrige Patriotismus des kleinen Mannes ergötzte ihn, und er sagte sich, daß aus diesem guten Amerikaner seiner Zeit ein guter Engländer werden könne.

Weitere Vertiefung in die Politik ward durch die Meldung, daß aufgetragen sei, abgeschnitten. Cedrik erhob sich sofort und ging zum Großvater hin, mit einem bedenklichen Blick auf dessen gichtisches Bein.

»Soll ich dir helfen?« fragte er freundlich. »Du kannst dich auf mich stützen, weißt du. Einmal hat Mr. Hobbs einen schlimmen Fuß gehabt, weil ihm ein Kartoffelsack darauf gefallen war, da hab‘ ich ihn immer geführt.«

Der feierliche Diener hätte fast seine Stellung und seinen Ruf durch ein unziemliches Lächeln aufs Spiel gesetzt. Es war ein sehr vornehmer Diener, der immer nur in aristokratischen Diensten gestanden hatte und sich vollständig entwürdigt und entehrt gefühlt haben würde, wenn er sich etwas so Unverzeihliches gestattet hätte, wie ein Lächeln in Gegenwart der Herrschaft. Diesmal aber war die Gefahr groß gewesen, und er konnte sich nur dadurch retten, daß er über seines Herrn Schulter hinweg unverwandt auf ein besonders häßliches Bild hinstarrte.

Der Graf maß den ritterlichen kleinen Knirps von Enkel vom Kopf bis zu den Füßen.

»Meinst du, daß du das könntest?« fragte er rauh.

»Ich glaube ja,« erwiderte Cedrik. »Ich bin sehr stark, weißt du, bin auch schon sieben. Du kannst dich auf einer Seite auf deinen Stock stützen und auf der andern auf mich. Dick sagt, daß ich gute Muskeln habe für einen Jungen von sieben.«

Er streckte den Arm stramm aus, damit der Graf die Kraft seiner von Dick belobten Muskeln sehe, und sah dabei so ernsthaft und wichtig drein, daß der Bediente wieder genötigt war, seine volle Aufmerksamkeit dem häßlichen Bilde zuzuwenden.

»Wohl und gut,« entschied der Graf, »du sollst’s versuchen.«

Cedrik reichte ihm seinen Stock und half ihm beim Aufstehen. Dies war in der Regel des Bedienten Amt, der dabei manch‘ derben Fluch zu hören kriegte und oft und viel innerlich vor Empörung knirschte. Heute ging die Sache ohne Fluchen ab, obwohl die Gicht manch bösen Reißer that, allein der Graf wollte nun einmal den Versuch machen. Langsam erhob er sich und legte die Hand auf die schmale Schulter, die ihm so mutig als Stütze geboten wurde. Vorsichtig that Lord Fauntleroy einen Schritt vorwärts und sah dabei sorgfältig auf das kranke Bein.

»Stütze dich nur recht fest auf mich,« sagte er ermutigend. »Ich will ganz langsam gehen.«

Wenn der Graf seinen Diener zum Führer gehabt hätte, würde er sich allerdings weniger auf seinen Stock und mehr auf jenen gestützt haben, und doch hielt er es bei seinem Experiment auch für nötig, den Enkel sein Gewicht fühlen zu lassen, das in der That nicht leicht war. Nach wenig Schritten war denn auch das kleine Gesicht dunkelrot und sein Herz fing an, heftig zu klopfen, allein er stemmte sich mächtig gegen des Großvaters Hand und erinnerte sich Dicks Ausspruch über seine Muskeln.

»Hab nur keine Angst und stütze dich fest auf,« keuchte er, »ich kann es ganz gut, wenn – wenn es nicht zu weit ist.«

Es war eigentlich kein langer Weg zum Speisezimmer, und doch kam es Cedrik wie eine Ewigkeit vor, bis sie den Stuhl am oberen Ende der Tafel erreicht hatten. Die Hand auf seiner Schulter schien mit jedem Schritte wuchtiger zu lasten, sein Köpfchen ward immer heißer und sein Atem kürzer, allein er dachte nicht daran, seinen Dienst aufzugeben; er machte seine Muskeln ganz steif, hielt sich kerzengerade und sprach dem bedenklich hinkenden alten Herrn Trost zu.

»Thut dir der Fuß so sehr weh, wenn du darauf stehst?« fragte er. »Hast du ihn nie in heißes Wasser mit Senfmehl gesteckt? Das hat Mr. Hobbs gut gethan.«

Der große Hund schritt gravitätisch nebenher und der Diener folgte. Mehr als einmal flog ein eigentümliches Lächeln über sein Gesicht, wenn er beobachtete, wie die kleine Gestalt all ihre Kraft zusammennahm und ihre Last so gutwillig trug, und auch des Grafen Blick streifte ein paarmal mit seltsamem Ausdrucke das erhitzte Kindergesicht.

Als sie das Speisezimmer betraten, bemerkte Cedrik, daß auch dies ein sehr großer, imposanter Raum war, und daß der Diener, welcher hinter des Grafen Stuhl stand, die Eintretenden höchst erstaunt anstarrte. Endlich war der Stuhl erreicht; die Hand löste sich von seiner Schulter und der Graf ward bequem installiert.

Cedrik zog Dicks Taschentuch hervor und trocknete sich die Stirn.

»Es ist heiß heute abend, nicht?« fragte er. »Wahrscheinlich mußt du ein Feuer haben wegen – wegen deinem Fuß, nur mir kommt’s ein wenig heiß vor.«

Sein angeborener Takt bewahrte ihn davor, irgend etwas auch nur scheinbar zu tadeln.

»Du hast soeben ein hartes Stück Arbeit gehabt,« bemerkte der Graf.

»O nein! Das war gar nicht hart, nur heiß ist mir’s geworden,« und damit behandelte er seine feuchten Locken energisch mit dem Taschentuche.

Lord Fauntleroys Platz am Tische war seinem Großvater gegenüber, ein breiter Armstuhl nahm auch hier die schmale Gestalt auf. Alles, was er bis jetzt gesehen hatte, die hohen weiten Räume, die kolossalen Möbel, die stattlichen hochgewachsenen Diener, der ungeheure Hund und der Großvater selbst, alles war dazu angethan, ihm die eigne Kleinheit vor Augen zu bringen. Dies beunruhigte Cedrik jedoch keineswegs; für sehr groß oder sehr wichtig hatte er sich nie gehalten, und er war mit Freuden bereit, sich auch Verhältnissen anzupassen, die etwas Ueberwältigendes für ihn zu haben schienen. Freilich hatte er kaum je so winzig ausgesehen, als in dem weiten Lehnstuhle an der feierlichen Tafel.

Trotzdem er so einsam lebte, hielt der Graf seinen Haushalt auf großem Fuße, und das Diner war ein wichtiges Moment in seinem Leben und natürlich auch in dem des Koches, für den die Tage, an welchen Seine Herrlichkeit keinen Appetit hatte, schwere Prüfungen brachten. Heute jedoch schien der Appetit besser als sonst, und die Kritik über die »Entrees« und die Bereitung der Saucen war nicht so gründlich, weil er häufig über den Tisch hinüber nach seinem Enkel blicken mußte. Er selbst sprach wenig, erhielt aber sein kleines Gegenüber gut im Zuge und fand es zu seinem eignen Erstaunen ganz unterhaltend, ihm zuzuhören. Dabei freute er sich im stillen darüber, wie fest er sich auf den kleinen Kerl gestützt hatte, um dessen Mut und Ausdauer zu prüfen, und wie vortrefflich dieser die Probe bestanden.

»Du hast deine Grafenkrone nicht immer auf?« fragte Lord Fauntleroy bescheiden.

»Nein,« erwiderte der Graf mit seinem merkwürdig grimmigen Lächeln, »sie steht mir nicht besonders.«

»Mr. Hobbs hat zuerst gemeint, du werdest sie immer tragen, dann sagte er aber auch, du werdest sie hier und da ablegen, wenn du den Hut aufsetzest zum Beispiel.«

»Ja, ja,« sagte der Graf, »gelegentlich lege ich sie ab.«

Einer der Diener mußte sich plötzlich abwenden, um hinter der vorgehaltenen Hand ein eigentümliches Husten hervorzustoßen.

Cedrik hatte seine Mahlzeit zuerst beendet, lehnte sich in seinem Stuhle zurück und sah sich im Zimmer um.

»Du mußt sehr stolz sein auf dein Haus,« bemerkte er, »es ist so schön und der Park, der ist so herrlich.« Dann hielt er einen Augenblick inne und sah merkwürdig bedeutungsvoll zum Grafen hinüber. »Ist das Haus nicht sehr groß für nur zwei Menschen, die drin leben?«

»Groß genug jedenfalls,« versetzte der Graf. »Ist dir’s zu groß?«

Seine kleine Herrlichkeit zögerte einen Augenblick.

»Ich dachte nur so, daß, wenn zwei Leute drin wohnten, die nicht gut zusammen passen, dann könnte man sich recht einsam vorkommen.«

»Glaubst du, daß wir gut zusammen passen werden?«

»O ja, gewiß. Mr. Hobbs und ich, wir sind sehr gute Freunde gewesen. Er war der beste Freund, den ich hatte, außer Herzlieb.«

Der Graf zog die buschigen Augenbrauen ein wenig in die Höhe.

»Wer ist das, Herzlieb?«

»Meine Mama,« sagte Lord Fauntleroy mit seltsam leisem, ruhigem Tone.

Die Tafel war aufgehoben und man begab sich wieder in die Bibliothek. Diesmal führte der Diener den Grafen auf der einen Seite, die andre Hand aber stützte derselbe wieder auf des Enkels Schulter, nur nicht so wuchtig wie zuvor. Nachdem der Diener sich zurückgezogen hatte, lagerte sich Cedrik auf dem Teppiche vor dem Kamine neben Dougal, streichelte den Hund und blickte schweigend auf das Feuer.

Der Graf beobachtete ihn scharf. Es war ein Ausdruck von Sehnsucht und tiefem Nachsinnen in des Kindes Augen, und ein paarmal seufzte er leise.

»Fauntleroy,« begann der alte Herr schließlich, »woran denkst du?«

»An Herzlieb,« erwiderte er, »und – und es wird besser sein, wenn ich ein wenig aufstehe und im Zimmer herumgehe.«

Er erhob sich, steckte die Hände in die Taschen und fing an, auf und ab zu gehen. Seine Augen leuchteten verdächtig, und er hatte die Lippen aufeinander gepreßt. Aber er hielt den Kopf hoch und trat sicher und fest auf. Langsam stand Dougal auch auf, sah eine Weile zu ihm hinüber, dann schritt er auf das Kind zu und folgte ihm. Cedrik zog eine Hand aus der Tasche und legte sie dem Hunde auf den Kopf.

»Ein guter Hund, der,« sagte er. »Er ist schon ganz mein Freund und weiß, wie mir’s zu Mute ist.«

»Wie ist dir’s denn zu Mute?“ fragte der Graf.

Es war ihm unbehaglich, mit anzusehen, wie der kleine Mensch da zum erstenmal mit seinem Heimweh kämpfte, und doch freute er sich, daß Cedrik sich so tapfer hielt: der kindliche Mut gefiel ihm.

»Komm her,« sagte er.

Fauntleroy kam sofort.

»Ich bin noch nie von Hause weg gewesen,« sagte das Kind, die großen braunen Augen etwas mühsam aufreißend, »’s ist eine sonderbare Sache, wenn man auf einmal die ganze Nacht in jemandes Schloß bleiben soll, statt nach Hause zu gehen. Aber Herzlieb ist ja nicht so sehr weit weg, daran soll ich denken, hat sie gesagt, und – und ich bin ja schon sieben – und ich kann auch ihr Bild ansehen, sie hat mir’s gegeben,«

Er fuhr mit der Hand in die Tasche und zog ein kleines Etui von dunkelblauem Samt hervor.

»Hier ist es. Sieh, wenn man daran drückt, so springt es auf und drin ist sie!«

Er lehnte sich dabei so vertrauensvoll an des Grafen Arm, als ob dies von jeher sein Platz gewesen wäre.

»Das ist sie,« sagte er und sah lächelnd zu ihm auf.

Der Graf zog finster die Augenbrauen zusammen. Er wollte das Bild nicht sehen und warf trotzdem einen Blick darauf. Es erschreckte ihn förmlich, ein so junges, hübsches Gesicht vor sich zu haben, mit den nämlichen braunen Augen, wie das Kind an seiner Seite.

»Vermutlich glaubst du, sie sehr lieb zu haben?«

»Ja,« erwiderte Cedrik sanft und einfach, »das glaube ich und das ist auch so. Weißt du, Mr. Hobbs war mein Freund, und Dick auch und Mary, aber Herzlieb und ich, wir sind doch die aller-allerbesten Freunde und sagen einander alles. Und ich muß auch für sie sorgen, weil mein Papa das nicht mehr thun kann – wenn ich groß bin, werd‘ ich arbeiten und Geld verdienen.«

»Wie gedenkst du denn das anzufangen?« erkundigte sich der Großvater.

Seine kleine Herrlichkeit setzte sich wieder auf den Kaminvorsetzer, hielt das Bild in der Hand und schien sich seine Antwort reiflich zu überlegen.

»Ich habe schon gedacht, ich könnte in Mr. Hobbs‘ Geschäft eintreten,« sagte er, »aber lieber würde ich Präsident.«

»Da schicken wir dich besser ins Oberhaus,« sagte der Graf.

»Ja nun, falls ich nicht Präsident werden kann und das auch ein gutes Geschäft ist, will ich’s wohl thun. Spezereigeschäfte sind nicht immer unterhaltend.«

Vielleicht dachte er noch weiter über den Gegenstand nach, denn er blieb ganz ruhig sitzen und sah ins Feuer. Der Graf sprach nichts mehr, lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und beobachtete das Kind. Manch neuer, ihm fremder Gedanke mochte den alten Edelmann beschäftigen. Dougal hatte sich lang ausgestreckt, den mächtigen Kopf auf die breiten Tatzen gelegt und schlief – tiefes Schweigen herrschte.

Als eine halbe Stunde später Mr. Havisham in das Zimmer geführt wurde, machte ihm der Graf halb unwillkürlich ein hastiges Zeichen, leise aufzutreten, Dougal schlief noch immer, und neben ihm, das lockige Köpfchen auf den kleinen Arm gelegt, schlummerte Lord Fauntleroy.