Roman

5. Kapitel


Die Entdeckung

Nach dem langen Gespräch am vorigen Abend schliefen Mr. und Mrs. Shelby nicht sehr rasch ein und blieben daher folgenden Morgen etwas länger als gewöhnlich im Bett.

»Ich möchte wissen, wo Elisa bleibt«, sagte Mrs. Shelby, nachdem sie mehrere Male vergeblich geklingelt hatte.

Mr. Shelby stand vor seinem Rasierspiegel und schärfte sich das Messer, und gerade jetzt ging die Tür auf, und ein farbiger Knabe brachte das Rasierwasser herein.

»Andy«, sagte seine Herrin, »geh einmal an Elisas Tür und sage ihr, ich hätte ihr dreimal geklingelt. Das arme Mädchen!« setzte sie halblaut mit einem Seufzer hinzu.

Andy kehrte bald zurück, die Augen weit aufgerissen vor Staunen.

»Ach, Missis, Lizzys Kasten sind alle offen, und ihre Sachen liegen alle in der Stube herum, und ich glaube, sie ist fortgelaufen.«

Mr. Shelby und seine Frau erkannten auf der Stelle die Wahrheit. Er rief aus: »Dann hat sie es geargwöhnt und ist fort.«

»Gott sei gepriesen!« sagte Mrs. Shelby. »Ich hoffe, sie ist fort.«

»Weib, sprich nicht so töricht! Wenn sie wirklich fort ist, wird es wahrhaftig für mich eine sehr unangenehme Sache sein. Haley sah, daß ich das Kind nicht gern verkaufte, und wird denken, ich stecke mit der Flüchtigen unter einer Decke. Das berührt meine Ehre!« Und Mr. Shelby verließ hastig das Zimmer.

Eine Viertelstunde lang war großes Rennen und Schreien und Öffnen und Zuschlagen von Türen, und allerorts zeigten sich Gesichter von allen Schattierungen der Schwärze. Nur eine Person, die einige Aufklärung über die Sache hätte geben können, war ganz still, und das war die erste Köchin, Tante Chloe. Schweigend und mit tiefem Kummer auf ihrem früher so heiteren Gesicht, bereitete sie die Frühstücksbiskuits, als ob sie von der Aufregung rundum nichts hörte und sähe.

In wenigen Minuten hockten ein Dutzend junge Kobolde, wie ebensoviele Krähen, auf dem Verandagitter, jeder entschlossen, dem fremden Handelsmann sein Mißgeschick zuerst mitzuteilen.

»Er wird verrückt sein, wette ich«, sagte Andy.

»Wird der fluchen!« sagte der kleine schwarze Jake.

»Ja, denn er flucht wirklich«, sagte die wollköpfige Mandy. »Ich hab’s gestern beim Essen gehört. Ich hörte dabei die ganze Geschichte, weil ich in der Kammer war, wo Missis die großen Töpfe aufbewahrt, und habe jedes Wort gehört.« Und Mandy, die niemals in ihrem Leben an die Bedeutung eines gehörten Wortes dachte, sowenig, wie eine schwarze Katze, nahm jetzt eine Miene überlegener Weisheit an und stolzierte herein und vergaß dabei ganz, zu sagen, daß sie zwar zu der angegebenen Zeit wirklich unter den Töpfen gehockt, aber keine Minute ein Auge aufgetan hatte.

Als endlich Haley gestiefelt und gespornt kam, wurde ihm die schlechte Nachricht von allen Seiten zugeschrien. Die jungen Kobolde auf der Veranda sahen sich in ihrer Hoffnung nicht getäuscht, ihn fluchen zu hören; denn er fluchte mit einer Geläufigkeit und einem Feuer, welches sie alle erstaunlich ergötzte, wie sie sich duckten und hin und her rutschten, um nicht in den Bereich seiner Reitpeitsche zu kommen, und endlich mit einem frohlockenden Geheul und alle zusammen unmenschlich kichernd sich auf dem verdorrten Rasen unter der Veranda wälzten, wo sie die Beine in die Höhe warfen und nach Herzenslust brüllten.

»Wenn ich die kleinen Teufel hätte!« brummte Haley zwischen den Zähnen.

»Aber Ihr habt sie noch nicht«, sagte Andy mit einer triumphierenden Gebärde und zog hinter dem Rücken des unglücklichen Handelsmannes, als derselbe außer Hörweite war, eine ganze Reihe unbeschreiblicher Gesichter.

»Das muß ich sagen, Shelby, das ist ja eine ganz merkwürdige Geschichte!« sagte Haley, wie er ohne weitere Begrüßung in das Zimmer trat. »Ich höre, das Mädchen ist fort mit ihrem Kleinen.«

»Mr. Haley, Mrs. Shelby ist anwesend«, sagte Mr. Shelby.

»Ich bitte um Verzeihung, Madam«, sagte Haley und verbeugte sich, immer noch mit finsterer Stirn, flüchtig, »aber dennoch sage ich, wie ich schon vorhin sagte, daß das eine merkwürdige Geschichte ist. Ist’s wahr, Sir?«

»Sir«, sagte Mr. Shelby, »wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen, so müssen Sie einigermaßen den Anstand eines Gentleman beobachten. Andy, nimm Mr. Haleys Hut und Reitpeitsche. Nehmen Sie Platz, Sir. Ja, Sir, ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, daß das junge Weib, das uns entweder belauscht oder auf andere Weise etwas von dieser Sache gehört hat, in seiner Aufregung während der Nacht das Kind genommen hat und fortgelaufen ist.«

»Ich gestehe, ich erwartete in dieser Sache ehrlich behandelt zu werden«, sagte Haley.

»Wie soll ich diese Bemerkung verstehen, Sir?« sagte Mr. Shelby mit Schärfe. »Wenn jemand meine Ehre in Frage zieht, so habe ich bloß eine Antwort darauf.«

Der Handelsmann wurde darauf eingeschüchtert und sagte etwas weniger laut: »Es ist verdammt hart für einen Kerl, auf diese Weise geleimt zu werden.«

»Mr. Haley«, sagte Mr. Shelby, »wenn ich nicht glaubte, daß Sie einigen Grund zu übler Laune hätten, so hätte ich die grobe und ungenierte Art Ihres Eintritts in mein Zimmer heute morgen nicht geduldet. Ich sage jedoch soviel, daß ich mir keine Andeutung gefallen lassen werde, als ob ich bei irgendeinem unehrlichen Vorgehen in dieser Sache Mitschuldiger wäre. Außerdem werde ich mich verpflichtet fühlen, Ihnen mit Pferden, Dienern usw. jeden Beistand zur Erlangung Ihres Eigentums zu leisten. Ich meine also, Haley«, sagte er und vertauschte plötzlich den Ton würdevoller Kälte mit seiner gewöhnlichen gemütlichen Offenheit, »das beste für Sie ist, Sie bleiben bei guter Laune und frühstücken mit mir, und wir wollen dann sehen, was zu tun ist.«

Mrs. Shelby stand jetzt auf, entschuldigte sich mit Geschäften, die sie verhinderten, für heute bei dem Frühstück anwesend zu sein, und stellte eine sehr achtbare Mulattin an den Seitentisch, um die Herren mit Kaffee zu bedienen; dann verließ sie das Zimmer.

»Der Alten scheint Ihr ergebener Diener nicht besonders zu gefallen«, sagte Haley mit einem ungeschickten Versuch, vertraulich zu tun.

»Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in solchen Ausdrücken sprechen zu hören«, sagte Mr. Shelby trocken.

»Bitte um Verzeihung, natürlich war es nur ein Scherz«, sagte Haley mit einem gezwungenen Lachen.

»Manche Scherze sind weniger angenehm als andere«, entgegnete Shelby.

»Teufelmäßig grob, seitdem ich die Papiere unterzeichnet habe!« brummte Haley in sich hinein. »Ganz großartig seit gestern.«

Niemals machte der Sturz eines Premierministers an einem Hof größeres Aufsehen und brachte mehr Aufregung hervor, als die Nachricht von dem Tom bevorstehenden Schicksal unter seinen Kameraden auf der Besitzung. Sie war überall, in jedermanns Mund, und im Hause und auf dem Felde wurde nichts gearbeitet, sondern alles stand da zusammen und sprach von ihren wahrscheinlichen Folgen. Elisas Flucht – ein beispielloses Ereignis auf dem Gut – half ebenfalls mit die allgemeine Aufregung vermehren. Der schwarze Sam, wie er gewöhnlich hieß, weil er ungefähr drei Schattierungen schwärzer war als jedes andere Stück lebendige Ebenholz auf dem Gute, überlegte sich die Sache gründlich in allen ihren Seiten und Beziehungen, und zwar mit einem weitschauenden Blick und einer starken Rücksicht auf sein eigenes persönliches Wohlbefinden, die jedem weißen Patrioten in Washington Ehre gemacht hätte.

»Das ist ein böser Wind, der niemand was Gutes zuwendet, das ist ein Faktum«, sagte Sam und zupfte seine Beinkleider in die Höhe und steckte geschickt einen großen Nagel an die Stelle eines fehlenden Hosenträgerknopfs, über welche Heldentat seines mechanischen Genies er hocherfreut zu sein schien.

»Ja, das muß ein böser Wind sein, der niemandem etwas Gutes zuweht«, wiederholte er. »Tom ist nun runter – natürlich ist nun Platz da, daß ein anderer Nigger rauf kann – und warum nicht Sam, dieser Nigger? – Das ist die Frage. Tom konnte im Lande herumreiten – mit gewichsten Stiefeln – den Paß in der Tasche – großartig wie ein Baron – warum er allein? Warum sollte es Sam nicht auch tun können? – Das möchte ich wissen.«

»Hallo Sam – o Sam! Master sagt, du sollst Bill und Jerry haschen«, sagte Andy, der jetzt Sams Selbstgespräch unterbrach.

»Heda! Was gibt’s denn, Junge?«

»Nun, weißt du nicht, daß Lizzy mit ihrem Kleinen fort ist?«

»Will das Ei klüger sein!« sagte Sam mit unendlicher Verachtung. »Habe es schrecklich lange vor dir gewußt; der Nigger ist nicht so dumm, sage ich dir!«

»Na, jedenfalls sagte der Herr, du sollst Bill und Jerry gleich satteln; und du und ich sollen Master Haley begleiten, um sie zu suchen.«

»So, so! Das hat’s also geschlagen!« sagte Sam. »Der Sam wird also in solchen Zeiten geholt. Er ist der Nigger. Wart, ob ich sie nun nicht hasche; Master soll sehen, was der Sam kann.«

»Aber, Sam«, sagte Andy, »überlege dir die Sache lieber noch einmal; denn Missis will nicht, daß sie gehascht werden soll, und sie wird dir in die Wolle fahren.«

»Eh!« sagte Sam und riß die Augen weit auf. »Woher weißt du das?«

»Habe es von ihr selber gehört, heute morgen, als ich Master das Rasierwasser hineinbrachte. Sie schickte mich in Lizzys Tür, um zu sehen, warum sie nicht zum Anziehen komme; und als ich ihr sagte, sie sei fort, stand sie auf und sagte: ›Gott sei gepriesen!‹ Und Master wurde ganz bös‘ darüber und sagte: ›Weib, spricht nicht so töricht!‹ Aber Gott! sie wird ihn schon rumkriegen, ich weiß recht gut, wie das kommen wird – es ist immer am besten, sich auf Missis‘ Seite vom Zaune zu stellen, das sage ich dir.«

Darauf kratzte der schwarze Sam seinen wolligen Schädel, der zwar keine tiefe Weisheit enthielt, aber doch einen guten Teil von der besonderen Sorte, die unter Politikern aller Tendenzen und Länder sehr stark verlangt wird und gewöhnlich die Wissenschaft, auf welcher Seite das Brot gebuttert ist, heißt. So schwieg er denn ernster Überlegung voll und zupfte seine Beinkleider in die Höhe, was ein regelmäßig eingeführter Kunstgriff war, seinem Geiste, wenn er in Nöten war, auf die Sprünge zu helfen.

»Es läßt sich doch auch gar nichts sagen von keiner Sache in dieser Welt«, sagte er endlich.

Sam sprach wie ein Philosoph und legte einen besonderen Nachdruck auf das dies – als ob er eine große Erfahrung in verschiedenen Sorten von Welten gemacht habe und deshalb mit Überlegung zu seiner Schlußfolgerung gekommen sei.

»Gewiß hätte ich doch nun gesagt, Missis würde die ganze Welt nach Lizzy durchsuchen lassen«, sagte Sam nachdenklich.

»Das würde sie auch«, sagte Andy; »aber kannst du durch keine Leiter sehen, du schwarzer Nigger? Missis will nicht, daß dieser Master Haley Lizzys Kleinen kriegt. Das ist die Sache!«

»Hei!« sagte Sam mit einem unbeschreiblichen Tone, den nur die kennen, die es von Negern gehört haben.

»Und ich will dir noch mehr sagen«, sagte Andy, »du tust besser, dich mit den Pferden dazuzuhalten – gar sehr, sage ich dir – denn ich hörte, wie Missis nach dir fragte – also hast du nun lange genug geläppscht.«

Darauf ging Sam in wirklichem Ernste ans Werk, erschien nach einer Weile vor dem Stall und galoppierte mit Bill und Jerry stolz nach dem Hause, warf sich geschickt aus dem Sattel, ehe sie an Stillstehen dachten, so daß sie wie ein Sturmwind an den Anbindepfahl herangefegt kamen. Haleys Pferd, eine scheue junge Stute, stutzte und bäumte sich und zerrte am Halfter.

»Ho, ho!« sagte Sam. – »Scheu bist du«, und über sein Gesicht flog ein seltsames boshaftes Lächeln. »Nun wollen wir dich schon kriegen!« sagte er.

Eine große Buche beschattete die Stelle, und scharfkantige dreieckige Bucheckern lagen dick auf dem Boden ausgestreut. Mit einer derselben in der Hand trat Sam an das Pferd heran, streichelte und klopfte es und schien ganz damit beschäftigt zu sein, seine Aufregung zu beschwichtigen. Unter dem Vorwand, den Sattel zurechtzurücken, wußte er sehr gewandt die scharfkantige Buchecker darunterzuschieben, so daß das geringste auf dem Sattel lastende Gewicht die empfindlichen Nerven des Tieres verletzen mußte, ohne das geringste Zeichen oder die kleinste Wunde zurückzulassen. »So!« sagte er und rollte die Augen mit einem billigenden Lachen. »Da haben wir ihn!«

In diesem Augenblick erschien Mrs. Shelby auf dem Balkon und winkte ihm. Sam näherte sich ihr mit einem so bestimmten Entschluß, den Höfling zu spielen, als jemals ein Bittsteller um eine erledigte Stelle in St. James oder Washington.

»Wo bist du so lange, Sam? Hat dir Andy nicht gesagt, du solltest dich beeilen?«

»Gott schütze Sie, Missis!« sagte Sam. »Pferde lassen sich nicht in einer Minute haschen, sie waren hinunter nach der südlichen Weide gelaufen, und Gott weiß, wohin sonst!«

»Sam, wie oft muß ich dir sagen, daß du nicht sagen sollst: Gott schütze Sie und Gott weiß und Ähnliches. Es ist gottlos.«

»O Gott verhüte! Ich vergesse es nicht, Missis! Ich werde so etwas nie wieder sagen.«

»Aber Sam, du hast es eben wieder gesagt.«

»Wirklich, o Gott! Ich meine – ich wollte es nicht sagen.«

»Du mußt dich in acht nehmen, Sam!«

»Aber lassen Sie mich einmal zu Atem kommen, Missis, und dann wird es schon gehen. Ich will mich sehr in acht nehmen.«

»Also Sam, du sollst Mr. Haley begleiten und ihm den Weg zeigen und ihm helfen. Nimm die Pferde in acht, Sam; du weißt, Jerry war vorige Woche ein wenig lahm; reite nicht gar zu schnell!«

Mrs. Shelby sprach die letzten Worte mit gedämpfter Stimme und starkem Nachdruck.

»Das überlassen Sie mir!« sagte Sam und rollte bedeutungsvoll die Augen. »Gott weiß! Hei! Habe ich es nicht gesagt!« sagte er und hielt plötzlich mit einer lächerlichen Gebärde des Begreifens, über die selbst seine Herrin wider ihren Willen lachen mußte, den Atem an. »Ja, Missis, ich will die Pferde in acht nehmen!«

»Nun Andy«, sagte Sam, der jetzt wieder auf seine alte Stelle unter den Buchen zurückkehrte, »ich muß dir sagen, es würde mich gar nicht wundern, wenn des Herrn Gaul dort ein bißchen störrisch würde, wenn er sich aufsetzt. Du weißt, Andy, Gäule tun so etwas manchmal«, und dabei puffte Sam Andy in einer höchst bedeutungsvollen Weise in die Seite.

»Hei!« sagte Andy mit einer Miene sofortigen Verständnisses.

»Ja, Andy, du mußt wissen, Missis will Zeit gewinnen – das ist dem allergewöhnlichsten Beobachter klar. Ich will ihr schon welche gewinnen. Wir wollen einmal sagen, alle diese Pferde rissen sich los und sprängen hier untereinander herum und dort unten nach dem Wald hin, so glaube ich doch, Master wird nicht so schnell fortkommen.«

Andy zeigte lachend die Zähne.

»Siehst du, Andy, siehst du«, sagte Sam, »wenn so was geschehen und Master Haleys Pferd sich losreißen sollte, so müssen wir ihm schon helfen, und wir wollen ihm helfen – o gewiß!« Und Sam und Andy legten die Köpfe zurück und brachen in ein halblautes unmäßiges Lachen aus, wobei sie in unendlichem Entzücken mit den Fingern schnalzten und mit den Füßen tanzten.

In diesem Augenblick erschien Haley in der Veranda; etwas besänftigt durch verschiedene Tassen sehr guten Kaffees, trat er lächelnd und sprechend in leidlich wieder hergestellter guter Laune heraus. Sam und Andy hatten jeder einen Palmhut als Kopfbedeckung und flogen jetzt zu dem Anbindepfahl hin, um Master zu helfen.

Sams Palmhut hatte sich von allen Ansprüchen auf Flechtwerk hinsichtlich seines Randes geschickt loszusagen gewußt, und die einzelnen in die Höhe stehenden Halme gaben ihm ein keckes und trotziges Wesen, wie man es nur bei einem Fidschi-Häuptling erwarten konnte; dagegen war der ganze Rand von Andys Hut rein verschwunden, und er setzte die Krone mit einem geschickten Puff auf den Kopf und sah sich vergnügt um, als wollte er sagen:

»Wer sagt, ich hätte keinen Hut?«

»Nun, Bursche, hübsch munter«, sagte Haley, »wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Keine Minute, Master!« sagte Sam und gab Haley die Zügel in die Hand und hielt ihm die Steigbügel, während Andy die beiden anderen Pferde losband.

Kaum hatte Haley den Sattel berührt, so stieg das feurige Tier mit einem plötzlichen Sprung empor und warf seinen Herrn ein paar Fuß weit auf den weichen trockenen Rasen nieder. Mit wahnsinnigem Geschrei haschte Sam nach den Zügeln, aber es gelang ihm bloß mit den hervorstehenden Halmen seines Palmhuts dem Pferd in die Augen zu fahren, was durchaus nicht dazu beitrug, seine Aufregung zu vermindern. Mit großer Heftigkeit rannte der Gaul Sam über den Haufen, schnaubte zwei- oder dreimal verächtlich, schlug hinten aus und galoppierte bald am anderen Ende der Rasenfläche in Gesellschaft mit Bill und Jerry, die Andy gemäß des Kontraktes und indem er ihnen verschiedene schwerwiegende Verwünschungen mit auf den Weg gegeben, nicht versäumt hatte, loszulassen. Und jetzt erfolgte eine Szene buntester Verwirrung. Sam und Andy liefen und schrien – Hunde bellten hier und dort – und Mike, Mose, Mandy, Fanny und all das kleine Zeug des Gutes männlichen und weiblichen Geschlechts rannte hin und her, klatschte in die Hände, heulte und schrie, erfüllt von dem ärgsten und unermüdlichsten Pflichteifer.

Haleys Pferd, ein sehr schnellfüßiger und feuriger Schimmel, schien mit großem Gefallen auf den Scherz einzugehen; und da ihm als Tummelplatz ein Rasenfleck von fast einer halben englischen Meile, der sich nach allen Seiten nach unbegrenztem Waldland hin absenkte, zu Gebote stand, so schien er eine ganz besondere Freude daran zu finden, zu sehen, wie nah er seine Verfolger kommen lassen durfte, und dann, wenn sie ihn fast mit der Hand ergreifen konnten, mit einem stolzen Wiehern davonzuspringen und weit hinein in eine Lichtung des Waldes zu galoppieren. Nichts fiel Sam weniger ein, als eins von den Pferden zu fangen, bevor er es an der Zeit hielt – und er machte wirklich die heroischsten Anstrengungen. Wie das Schwert des Königs Richard Löwenherz, welches immer in den vordersten Reihen und dem dichtesten Gewühl der Schlacht glänzte, war Sams Palmhut überall zu sehen, wo die mindeste Gefahr war, ein Pferd zu fangen; – dorthin stürzte er im vollen Jagen und brüllte: »Nun drauf! Faßt es! Faßt es!«, auf eine Weise, welche alles auf der Stelle in die wildeste Flucht jagte.

Haley lief auf und ab und fluchte, schimpfte und stampfte mit den Füßen. Vergebens versuchte Mr. Shelby von dem Balkon herab, seinen Leuten Befehle zuzuschreien, und Mrs. Shelby lachte und verwunderte sich abwechselnd am Fenster ihres Zimmers – nicht ohne einige Ahnung von dem wahren Grund der ganzen Verwirrung. Endlich gegen zwölf Uhr erschien Sam triumphierend auf Jerry reitend und Haleys Pferds, das von Schweiß dampfte, dessen funkelnde Augen und große Nüstern aber immer noch zeigten, daß der Geist der Freiheit noch nicht ganz gelähmt war, am Zügel führend.

»Ich habe es!« rief er triumphierend aus. »Wäre ich nicht gewesen, so hätten sie sich alle zu Tode gehetzt, aber ich hab’s gefangen!«

»Du!« brummte Haley in durchaus nicht liebenswürdiger Laune. »Wenn du nicht gewesen wärest, wäre das gar nicht vorgefallen.«

»Gott behüte uns, Master«, sagte Sam in einem Ton des tiefsten Leidwesens, »und ich habe nach ihm gehascht und mich abgehetzt, bis mir der Schweiß vom Leibe floß wie ein Regen.«

»Sei still!« sagte Haley. »Mit deinem verdammten Unsinn habe ich fast drei Stunden verloren. Nun laß uns fortreiten und keine Streiche mehr!«

»Aber, Master«, wendete Sam ein, »ich glaube wahrhaftig, Sie wollen uns alle tot machen, die Pferde und uns. Hier können wir kaum noch auf den Beinen stehen, und die Pferde dampfen von Schweiß. Master wird doch nicht daran denken, vor dem Essen fortzureiten? Masters Pferd muß abgerieben werden; sehen Sie nur, wie naß es ist, und Jerry geht auch lahm; glauben Sie nicht, daß Missis uns so fortreiten lassen wird. Gott behüte Sie, Master, wir bringen es wieder ein, wenn wir auch jetzt bleiben. Lizzy war in ihrem Leben keine gute Fußgängerin.«

Mrs. Shelby, die zu ihrem großen Ergötzen von der Veranda aus diesem Gespräch zugehört hatte, entschloß sich jetzt ebenfalls, eine Rolle zu übernehmen. Sie trat hervor, bedauerte sehr höflich den widrigen Zufall, der Haley zugestoßen, und lud ihn dringend ein, zum Essen dazubleiben, welches die Köchin sofort auftragen werde.

Nach einiger Überlegung begab sich Haley mit nicht besonders freundlichem Gesicht in die Wohnstube zurück, während Sam, der ihm mit rollenden Augen voll unsäglicher Bedeutsamkeit nachsah, die Pferde ernsthaft nach den Stallungen zurückführte.

»Hast du ihn gesehen, Andy? Hast du ihn gesehen?« sagte Sam, als er endlich unter den Schutz der Scheune gekommen war und das Pferd an einen Pfahl gebunden hatte. »O Gott, wenn das nicht so gut wie ein Meeting war, ihn tanzen und stampfen und fluchen zu sehen! Ob ich ihn nicht gehört habe! Fluch nur zu, alter Kerl (sagt ich zu mir); willst du nun dein Pferd haben oder warten, bis du es gehascht (sagte ich); Gott, Andy, mir ist, als sähe ich ihn jetzt noch.« Und Sam und Andy lehnten sich an die Scheune und lachten nach Herzenslust.

»Du hättest nur sehen sollen, was er für ein böses Gesicht machte, wie ich das Pferd geführt brachte. Gott, er hätte mich totgeschlagen, wenn er es gekonnt hätte; und ich stand so unschuldig und demütig vor ihm.«

»Ha, ha, ich habe es gesehen«, sagte Andy, »bist du nicht ein alter Fuchs, Sam!«

»Ein bißchen schlau bin ich wohl«, sagte Sam. »Hast du nicht Missis oben am Fenster gesehen? Ich sah, wie sie lachte.«

»Ich bin so gelaufen, daß ich gar nichts gesehen habe«, sagte Andy.

»Siehst du, Andy«, sagte Sam, der jetzt mit ernstem Gesicht Haleys Pferd abrieb, »ich habe, was du eine Gewohnheit der Beobachtung nennen kannst, Andy. Das ist eine sehr wichtige Gewohnheit, Andy, und ich empfehle dir, sie auszubilden, solange du noch jung bist. Heb‘ mal den Hinterhuf in die Höhe, Andy. Siehst du, Andy, die Beobachtung macht den ganzen Unterschied unter den Niggern. Sah ich nicht gleich, woher heute morgen der Wind wehte? Habe ich nicht gleich gemerkt, was Missis wollte, obgleich sie gar nichts gesagt hat? Das ist Beobachtung, Andy. Ich sollte meinen, das ist so was, was man Genie nennt. Das Genie ist verschieden bei verschiedenen Leuten; aber die Ausbildung kann viel dabeitun.«

»Ich vermute, wenn ich dir heute morgen nicht bei deiner Beobachtung geholfen hätte, hättest du auch nicht so wunderbar viel entdeckt«, sagte Andy.

»Andy«, sagte Sam, »du bist ein vielversprechendes Kind, das läßt sich gar nicht bezweifeln. Ich halte viel von dir, Andy, und schäme mich gar nicht, Ideen von dir zu benutzen. Wir dürfen niemand über die Achsel ansehen, Andy, weil auch die Schlausten von uns manchmal fehlschießen. Und nun, Andy, wollen wir nach dem Hause gehen. Ich will wetten, Missis gibt uns diesmal einen ganz besonders guten Bissen.«

6. Kapitel


Der Kampf der Mutter

Es ist unmöglich, sich ein verlasseneres und unglücklicheres Menschenkind als Elisa vorzustellen, wie sie ihre Schritte von der Hütte Onkel Toms wegwendete. Die Leiden und Gefahren ihres Gatten und die Gefahr ihres Kindes vermischten sich in ihrer Seele mit einem verwirrten und betäubenden Gefühl von der Größe des Wagnisses, das sie selbst unternahm, die einzige Häuslichkeit, die sie jemals gekannt hatte, zu verlassen, und sich von dem Schutz einer Freundin loszusagen, die sie liebte und verehrte. Dann kam die Trennung von jedem vertrauten Gegenstand, von dem Haus, wo sie aufgewachsen war, von den Bäumen, unter denen sie gespielt, von den Gebüschen, wo sie manchen Abend in glücklichen Tagen neben ihrem jungen Gatten gewandelt hatte. Alles, wie es in dem klaren kalten Sternenlicht vor ihr lag, schien ihr vorwurfsvoll zuzusprechen und sie zu fragen, wohin sie aus einer Heimat wie dieser fliehen wolle.

Aber stärker als alles war die Mutterliebe, bis zum Wahnsinn gesteigert durch die große Nähe einer schrecklichen Gefahr. Ihr Knabe war alt genug, um neben ihr zu gehen, und in einem gewöhnlichen Falle würde sie ihn nur an der Hand geführt haben; aber jetzt machte sie schon der Gedanke, ihn aus ihrem Arme zu lassen, schaudern, und sie drückte ihn, wie sie raschen Laufs davoneilte, krampfhaft an den Busen.

Der gefrorene Erdboden knisterte unter ihrem Fuße, und sie zitterte bei seinem Laut; jedes raschelnde Blatt und jeder wankende Schatten machten ihr Blut stocken und beschleunigten ihre Schritte. Sie wunderte sich selbst über die Kraft, die sie plötzlich erlangt zu haben schien: denn ihr Knabe kam ihr federleicht vor, und jede Bebung der Furcht schien in ihr die übernatürliche Kraft zu steigern, die sie aufrecht erhielt, während von ihren bleichen Lippen in häufigen Ausrufungen das Gebet an einen Freund droben zitterte: »Gott hilf mir! Gott rette mich!«

Wenn es dein Harry wäre, Mutter, oder dein Willi, den dir morgen früh ein roher Händler entreißen wollte – wenn du den Mann gesehen und gehört hättest, daß die Verkaufskontrakte unterschrieben und ausgewechselt wären und du nur die Stunden von Mitternacht bis zum Morgen zu deiner Flucht hättest – wie rasch würdest du dann gehen? Wie viele Meilen würdest du in diesen wenigen Stunden mit dem Liebling an deinem Herzen zurücklegen – das müde Köpfchen an deiner Brust ruhend – die weichen Arme vertrauensvoll um deinen Hals geschlungen?

Denn das Kind schlief. Anfangs hielten die Neuheit und die Unruhe es wach, aber die Mutter unterdrückte so aufgeregt jeden Hauch oder Ton und prägte ihm so sehr ein, daß sie nur, wenn es ganz still sei, es retten könne, daß es ruhig an ihrem Busen nestelte und nur fragte, als es den Schlaf über sich kommen fühlte:

»Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben, nicht wahr?«

»Nein, liebes Kind, schlafe, wenn du kannst.«

»Aber Mutter, wenn ich einschlafe, wirst du mich doch nicht von ihm haschen lassen?«

»Nein! So Gott mir helfe!« sagte die Mutter mit bleichen Wangen und einem strahlenden Licht in ihren großen dunklen Augen.

»Weißt du das gewiß, Mutter?«

»Ja gewiß!« sagte die Mutter mit einer Stimme, vor der sie selbst erschrak, denn sie schien ihr von einem Geiste in ihr herzurühren, der kein Teil von ihr selbst war; und der Kleine ließ sein müdes Köpfchen auf ihre Schultern sinken und war bald eingeschlummert. Wie die Berührung dieser warmen Arme, der sanfte Atem, der ihren Hals traf, ihren Bewegungen mehr Feuer und Leben zu geben schien! Es war ihr, als ob elektrische Ströme von jeder sanften Bewegung des schlummernden vertrauenden Kindes sich ihr einflößten. Erhaben ist die Herrschaft der Seele über den Körper, die eine Zeitlang Fleisch und Nerv dem Schmerze unzugänglich und die Sehnen wie Stahl machen kann, so daß die Schwachen gewaltig werden.

Die Grenzen der Farm, der Park, der Wald flogen wie im Schwindel an ihr vorüber, wie sie weiterschritt; und immer ging sie weiter und ließ einen vertrauten Gegenstand nach dem andern hinter sich, ohne langsamer zu gehen oder still zu stehen, bis das rote Morgenlicht sie manche lange Meile von allen Spuren vertrauter Gegenstände auf der offenen Heerstraße fand.

Sie war mit ihrer Herrin oft zum Besuch bei einigen Bekannten in dem kleinen Dorf T. nicht weit vom Ohio gewesen und kannte den Weg dahin genau. Dorthin zu gelangen und über den Ohio sich zu retten, das waren die ersten flüchtigen Umrisse ihres Fluchtplans; darüber hinaus konnte sie nur auf Gott hoffen.

Als Pferde und Wagen sich auf der Landstraße zeigten, merkte sie bald mit dem raschen Scharfblick, der einem Zustand der Aufregung eigentümlich ist und der eine Art Inspiration zu sein scheint, daß ihre ungestüme Eile und ihr verstörtes Wesen Aufsehen und Verdacht erregen könnten. Sie setzte deshalb den Knaben auf die Erde, ordnete ihren Anzug und ihren Hut und ging nun so rasch weiter, als sie es zur Bewahrung des Scheins für notwendig hielt. In ihrem kleinen Bündel hatte sie einen Vorrat Kuchen und die Äpfel mitgenommen, welche sie als Mittel benutzte, die Schritte des Kindes zu beschleunigen. Sie kollerte nämlich den Apfel ein paar Fuß voraus, wo dann der Knabe mit aller Macht danach zu laufen pflegte; und diese oft wiederholte List brachte sie über manche halbe Meile hinweg.

Nach einer Weile erreichten sie ein Gehölz, durch welches murmelnd ein klarer Bach floß. Da das Kind über Hunger und Durst klagte, kletterte sie mit ihm über die Fence, setzte sich hinter einen großen Stein, der sie den Blicken der Vorübergehenden ganz und gar verbarg, und gab ihm Frühstück aus ihrem kleinen Päckchen. Der Knabe war verwundert und betrübt, daß sie nicht essen konnte, und als er seine Ärmchen ihr um den Hals schlang und versuchte, ihr ein Stück von seinem Kuchen in den Mund zu stecken, war es ihr, als ob es ihr das Herz abdrücken wollte. »Nein, nein, mein Herz! Die Mutter kann nicht eher essen, als bis du in Sicherheit bist! Wir müssen weiter, weiter, bis wir den Fluß erreichen!« Und sie eilte abermals auf die Straße und zwang sich wieder, ruhig und gefaßt vorwärts zu schreiten.

Die Gegenden, wo sie persönlich bekannt war, lagen nun schon mehrere Meilen hinter ihr. Wenn sie zufällig jemand begegnen sollte, der sie kannte, so beruhigte sie sich mit dem Gedanken, daß die allbekannte Menschlichkeit der Familie schon an und für sich jeden Verdacht fernhalten würde, da dieser Umstand es unwahrscheinlich machte, daß sie auf der Flucht sei. Da sie außerdem so weiß war, daß man ihre Negerabstammung ohne eine sehr genaue Prüfung nicht erriet und ihr Kind ebenfalls weiß war, so wurde es ihr viel leichter, ohne Verdacht zu erregen, ihres Wegs zu gehen.

In dieser Voraussicht machte sie mittags in einem netten Farmhaus halt, um auszuruhen und für ihr Kind und sich etwas zu essen zu kaufen, denn da die Gefahr mit der Entfernung abnahm, verminderte sich die übernatürliche Spannung ihrer Nerven, und sie wurde bald hungrig.

Die gute Farmersfrau, eine freundliche, schwatzhafte Seele, schien eher froh zu sein, jemand zu haben, mit dem sie plaudern konnte, und glaubte ohne weitere Prüfung Elisas Aussage, daß sie einen kleinen Ausflug mache, um eine Woche bei ihren Freunden zu verleben – was, wie sie in ihrem Herzen hoffte, sich am Ende als die strengste Wahrheit herausstellen würde.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichte sie das Dorf T. am Ohio müde und mit wunden Füßen, aber immer noch stark im Herzen. Ihr erster Blick galt dem Flusse, der wie der Jordan zwischen ihr und dem Canaan der Freiheit auf der anderen Seite dahinströmte.

Es war noch früh im Lenz und der Fluß war angeschwollen und gefährlich; große Schollen Eis wälzten sich schwer in den trüben Gewässern. Infolge der eigentümlichen Gestaltung des Ufers auf der Kentuckyseite, die einen nach jenseits vorspringenden großen Bogen bildet, hatte sich das Eis in großen Massen festgerannt, und der enge Kanal, welcher den Bogen umfloß, war ebenfalls voller Eis, daß Scholle auf Scholle getürmt einen Damm für das herschwimmende Eis bildete, welches nun, ein großes, schwankendes Floß, den ganzen Fluß bedeckte und sich fast bis zum Kentuckyufer ausdehnte.

Elisa stand einen Augenblick da, in Betrachtung dieses ungünstigen Zustandes der Dinge versunken, der, wie sie auf den ersten Blick sah, das gewöhnliche Fährboot abhalten mußte, hier überzufahren, und trat dann in ein kleines Wirtshaus am Ufer, um Nachfrage anzustellen.

Die Wirtin, die über dem Feuer mit Braten und Schmoren zum Abendessen beschäftigt war, hielt, eine Gabel in der Hand, inne, als sie Elisas wohltönende und klagende Stimme vernahm.

»Was gibt’s?« sagte sie.

»Ist hier keine Fähre oder kein Boot zu bekommen, um hinüber nach B…y zu fahren?« sagte sie.

»Nein«, sagte die Frau, – »die Boote fahren nicht mehr.«

Der Ausdruck von erschrockener Überraschung und getäuschter Hoffnung, der Elisas Gesicht annahm, fiel der Frau auf, und sie forschte.

»Sie wollen vielleicht hinüber – jemand krank? Es scheint Ihnen sehr zu Herzen zu gehen.«

»Ich habe ein Kind drüben, das sehr gefährlich krank ist«, sagte Elisa. »Ich bekam erst gestern spät abends die Nachricht und bin heute schon eine große Strecke gegangen, um die Fähre zu erreichen.«

»Das trifft sich wahrhaftig recht unglücklich«, sagte die Frau, deren mütterliche Teilnahme auf der Stelle geweckt war. »Sie tun mir wirklich leid. Solomon!« rief sie aus dem Fenster nach einem kleinen Hintergebäude zu. Ein Mann mit einem Schurzfell und sehr schmutzigen Händen erschien in der Tür.

»Sol«, sagte die Frau, »wird der Fährmann wohl heute nacht noch die Fässer hinüberbringen?«

»Er sagt, er wolle es versuchen, wenn es nicht gar zu gefährlich wäre«, sagte der Mann.

»Ein Mann wohnt hier ein Stück weiter unten, der heute abend etwas über den Fluß bringen will, wenn er es wagen kann; er wird zum Abendessen hierher kommen, und Sie tun daher am besten, Sie setzen sich hier und warten auf ihn. Was für ein allerliebstes Kind!« sagte die Frau und bot ihm einen Kuchen.

Aber das Kind, ganz erschöpft, fing an vor Müdigkeit zu weinen.

»Das arme Kind! Es ist das Gehen nicht gewöhnt, und ich bin so rasch mit ihm gelaufen«, sagte Elisa.

»Hier legen Sie ihn in das Zimmer«, sagte die Frau und öffnete ein kleines Schlafgemach, wo ein bequemes Bett stand. Elisa legte den müden Knaben darauf und ließ seine Hände in den ihren, bis er fest eingeschlummert war. Sie selbst kannte keine Ruhe. Wie ein inneres Feuer trieb sie der Gedanke an ihren Verfolger weiter, und sie blickte mit sehnsüchtigem Auge auf die trüben wilden Wogen, die zwischen ihr und der Freiheit strömten.

Hier müssen wir von ihr für jetzt Abschied nehmen, um uns nach ihren Verfolgern umzusehen.

Obgleich Mrs. Shelby versprochen hatte, daß das Essen sogleich auf den Tisch kommen solle, so stellte es sich doch bald heraus, wie es schon oft geschehen ist, daß zu einem Handel zwei gehören. Obgleich der Befehl vor Haleys Ohr erteilt war und wenigstens ein halbes Dutzend jugendliche Boten ihn der Tante Chloe überbracht hatten, so gab diese wichtige Person ihre Willensmeinung doch nur durch mehrmaliges heftiges Schnauben und Kopfschütteln zu erkennen und verrichtete jede einzelne Operation in einer ungewöhnlich saumseligen und umständlichen Weise.

Aus irgendeinem eigentümlichen Grunde schien unter der Dienerschaft im allgemeinen der Eindruck zu herrschen, daß Mrs. Shelby einige Versäumnis nicht übelnehmen werde, und es war wunderbar, wieviel widerwärtige Zufälle beständig vorkamen, um den Lauf der Dinge aufzuhalten. Einem unglücklichen Burschen gelang es, die Bratensoße umzuwerfen; und nun mußte mit gehöriger Sorgfalt und Förmlichkeit neue Bratensoße gemacht werden, deren Bereitung Tante Chloe mit hartnäckiger Umständlichkeit überwachte und wobei sie alle Empfehlungen, sich zu beeilen, mit der Entschuldigung beantwortete, daß sie keine schlechte Bratenbrühe auf den Tisch setzen werde, um jemandem jemanden haschen zu helfen. Ein anderer fiel mit dem Wasser hin und mußte frisches am Brunnen holen; ein dritter schleuderte die Butter in den Gang der Ereignisse, und von Zeit zu Zeit brachten kichernde Boten die Nachricht in die Küche, daß Master Haley schrecklich aufgeregt sei und gar nicht ruhig in seinem Stuhl sitzen könne, sondern immer ans Fenster und in die Vorhalle gehe.

»Geschieht ihm schon recht!« sagte Tante Chloe mit Entrüstung. »Es wird ihm noch unruhiger zumute werden seinerzeit, wenn er sich nicht bessert; sein Herr wird nach ihm schicken, und dann sollt ihr einmal sehen, was er für ein Gesicht macht.«

»Er kommt in die Hölle, das ist gewiß«, sagte der kleine Jake.

»Er verdient’s!« sagte Tante Chloe mit grimmigem Gesicht. »Er hat viele – viele – Herzen gebrochen – ich sage euch«, sagte sie und blieb stehen, die Gabel wie ein Szepter in der Hand haltend, »es ist wie Master George in der Offenbarung uns vorlas – Seelen, die unter dem Altare schreien! Seelen, die zum Herrn schreien um Rache an solchen! – Und bald wird der Herr sie hören – das wird er gewiß!«

Tante Chloe, die man in der Küche sehr verehrte, wurde von ihren Zuhörern mit offenem Munde angestaunt, und da jetzt das Essen endlich aufgetragen war, so hatte die ganze Küche Muße mit ihr zu plaudern und ihre Bemerkungen anzuhören.

»Die müssen für ewig brennen – ganz gewiß, nicht wahr?« sagte Andy.

»Ach, ich würde es gern sehen, darauf schwöre ich«, sagte der kleine Jake.

»Kinder!« sagte eine Stimme, welche sie alle auffahren machte. Es war Onkel Tom, der eingetreten war und jetzt in der Tür dem Gespräch zuhörte.

»Kinder!« sagte er. »Ich fürchte, ihr wißt nicht, was ihr redet. Ewig ist ein schreckliches Wort, Kinder, es ist schrecklich, daran zu denken. Ihr sollt es keiner menschlichen Kreatur wünschen.«

»Wir wünschen es auch niemandem, als den Seelenverkäufern«, sagte Andy. »Niemand kann dafür, sie sind so entsetzlich gottlos.«

»Schreit die Natur nicht selber wider sie?« sagte Tante Chloe. »Reißen sie nicht den Säugling von der Mutter Brust weg und verkaufen ihn, und die Kinderchen, die sich an ihre Kleider anklammern und schreien – reißen sie sie nicht weg, um sie zu verkaufen? Trennen sie nicht das Weib und den Mann?« sagte Tante Chloe und fing an zu weinen. »Obgleich sie ihnen damit das Leben nehmen? – Und fühlen sie dabei auch nur ein klein wenig? – Trinken und rauchen sie nicht und nehmen es ganz ungeheuer leicht? Gott, wenn der Teufel die nicht holt, wozu ist er denn da?« Und Tante Chloe bedeckte sich das Gesicht mit ihrer karierten Schürze und fing in vollem Ernst zu schluchzen an.

»Bete für die, so dich mißhandeln, sagt das gute Buch«, sagte Tom.

»Für sie beten!« sagte Tante Chloe. »Gott, das ist zu arg! Ich kann nicht für sie beten.«

»Das ist Natur, Chloe, und die Natur ist stark«, sagte Tom, »aber Gottes Gnade ist noch stärker; außerdem, in welchem schrecklichen Zustand die Seele so eines armen Geschöpfes ist, das solche Dinge tut! – Du solltest lieber Gott danken, daß du nicht auch so bist, Chloe. Gewiß will ich mich lieber zehntausendmal verkaufen lassen, als alles auf der Seele haben, was dieses arme Geschöpf zu verantworten hat.«

»Das möchte ich auch«, sagte Jake. »Gott, würden wir’s nicht kriegen, Andy?«

Andy zuckte mit den Achseln und pfiff beistimmend.

»Ich bin froh, daß Master heute früh nicht fortgeritten ist, wie er wollte«, sagte Tom. »Das hätte mir weher getan, als das Verkaufen. Vielleicht wäre es ganz natürlich für ihn gewesen, aber schrecklich hart wäre es mir angekommen, der ihn schon in der Wiege gekannt. Aber ich habe Master gesehen, und ich fühle mich schon eher mit des Herrn Willen versöhnt. Master konnte sich nicht helfen; er hat recht getan; aber ich fürchte, es wird hier alles in Verwirrung geraten, wenn ich fort bin. Man kann es nicht von Master verlangen, überall herumzuspüren, wie ich es getan habe, um alles in Ordnung zu erhalten. Die Burschen meinen es alle gut, aber sie sind schrecklich leichtsinnig. Das macht mir Sorgen.«

Hier wurde geklingelt und Tom nach dem Wohnzimmer befohlen.

»Tom«, sagte sein Herr gütig, »ich benachrichtige dich hiermit, daß ich mich diesem Herrn mit tausend Dollar verpfände, daß du da bist, wenn er dich verlangt; er macht heute seine anderweitigen Geschäfte ab, und du kannst den ganzen Tag für dich haben. Gehe, wohin du willst, mein Sohn.«

»Danke Ihnen, Master«, sagte Tom.

»Und nimm dich zusammen«, sagte der Händler, »und spiele deinem Herrn nicht einen eurer Negerstreiche, denn er muß mir jeden Cent bezahlen, wenn du nicht da bist. Wenn er meinem Rate folgte, so traute er keinem von euch – seid ja so schlüpfrig wie Aale.«

»Master«, sagte Tom – und er stand sehr gerade – »ich war gerade acht Jahre alt, als die alte Missis Sie auf meine Arme legte, und Sie waren noch nicht ein Jahr alt. ›Da‹, sagte sie, ›Tom, das wird einmal dein junger Master sein; nimm ihn wohl in acht‹, sagte sie. Und nun frage ich Sie, Master, habe ich Ihnen jemals mein Wort gebrochen oder wider Ihr Gebot gehandelt, vorzüglich seitdem ich Christ bin?«

Mr. Shelby konnte seiner Rührung nicht mehr Herr werden, und Tränen traten ihm in die Augen.

»Mein guter Bursche«, sagte er, »der Herr weiß, daß du nur die Wahrheit sprichst; und wenn ich’s verhindern könnte, so sollte dich die ganze Welt nicht kaufen.«

»Und so wahr ich eine Christin bin«, sagte Mrs. Shelby, »du sollst zurückgekauft werden, sowie ich nur die Mittel zusammenbringen kann. Sir«, sagte sie zu Haley, »merken Sie sich wohl, an wen Sie ihn verkaufen, und lassen Sie mich es wissen.«

»Nun, was das betrifft«, sagte der Händler, »so kann ich ihn nach einem Jahr nicht viel abgenutzt wiederbringen und ihn wieder hierher verkaufen.«

»Ich will dann mit Ihnen abschließen, und es soll ein gutes Geschäft für Sie sein«, sagte Mrs. Shelby.

»Natürlich ist mir das ganz gleich«, sagte der Händler. »Ich handle so gerne stromauf, wie stromab, wenn ich meinen Nutzen dabei habe. Sehen Sie, Madam, ich will weiter nichts als leben; und das wollen wir wohl alle, glaube ich.«

Mr. und Mrs. Shelby fühlten sich verletzt und erniedrigt durch die unverschämte Vertraulichkeit des Händlers, und doch sahen beide die unbedingte Notwendigkeit ein, ihren Gefühlen einen Zwang aufzulegen. Je hartherziger und gefühlloser er sich in jeder Hinsicht zeigte, desto mehr wuchs Mrs. Shelbys Befürchtung, es möchte ihm die Wiedererlangung Elisas und ihres Kindes gelingen, und desto stärker wurde natürlich ihr Wunsch, ihn durch jeden weiblichen Kunstgriff aufzuhalten. Sie lächelte daher huldvoll, stimmte bei, plauderte vertraulich und tat alles, um die Zeit angenehm und unmerklich verstreichen zu lassen.

Um zwei Uhr brachten Sam und Andy die Pferde an den Pfahl geführt, die allem Anschein nach von der Jagd von heute vormittag sehr erfrischt und gekräftigt waren.

Sam war vom Mittagessen wie geölt und zeigte einen Überfluß von eifriger Dienstwilligkeit. Als Haley herantrat, prahlte er ganz großartig gegen Andy von dem offenbaren und ausgezeichneten Erfolg, den die Unternehmung haben werde, da er jetzt »ordentlich dazugekommen sei«.

»Euer Herr hält wahrscheinlich keine Hunde«, sagte Haley gedankenvoll, während er sich fertigmachte, aufs Pferd zu steigen.

»Oh, eine ganze Menge«, sagte Sam triumphierend, »erstlich Bruno das ist ein Hauptkerl! Und außerdem hält sich fast jeder Nigger irgendeinen Köter.«

»Bah!« sagte Haley – und er sagte noch etwas mit bezug auf die Hunde, worauf Sam brummte: »Ich sehe keinen Grund, sie zu verfluchen, ganz und gar nicht.«

»Aber euer Herr hält keine Hunde (ich weiß es ziemlich sicher), um Niggern nachzuspüren.«

Sam wußte recht gut, was er meinte, aber sein Gesicht behielt eine Miene aufrichtigster und verzweifelter Einfalt.

»Unsere Hunde hier haben alle recht gute Witterung. Ich glaube, sie sind die rechten, obgleich sie noch keine Übung gehabt haben. Aber es sind schlaue Hunde, zu fast allem zu gebrauchen, wenn sie einmal die Witterung haben. Bruno, hier!« rief er und pfiff dem großen Neufundländer, der sogleich schwerfällig auf sie zugesprungen kam.

»Hol‘ euch der Henker!« sagte Haley und setzte sich aufs Pferd. »Nun aufgesessen.«

Sam schwang sich gehorsam in den Sattel und wußte dabei geschickt Andy zu kitzeln, worauf Andy in ein Gelächter ausbrach, gar sehr zu Haleys Entrüstung, der mit der Reitpeitsche nach ihm schlug.

»Ich wundere mich über dich, Andy«, sagte Sam mit schrecklichem Ernst. »Das ist ’ne ernste Sache, Andy. Du darfst nicht läppschen. So können wir Master nicht helfen.«

»Ich werde den geraden Weg nach dem Flusse einschlagen«, sagte Haley mit Bestimmtheit, als sie die Grenze des Grundstücks erreicht hatten. »Ich kenne schon ihre Weise – sie suchen alle die Niederung zu erreichen.«

»Gewiß, das meine ich auch«, sagte Sam. »Master Haley trifft das Ding recht in der Mitte. Es gehen zwei Wege nach dem Fluß – der Dreckweg und die Landstraße – welchen Weg will Master reiten?«

Andy sah Sam unschuldig an, ganz erstaunt, diese neue geographische Tatsache zu vernehmen, aber bestätigte durch eine heftige Wiederholung auf der Stelle, was jener sagte.

»Ich möchte fast meinen, daß Lizzy den Dreckweg gegangen, weil er am wenigsten lebhaft ist«, sagte Sam.

Obgleich Haley ein sehr alter Fuchs und von Natur zum Mißtrauen geneigt war, so schien ihm doch diese Ansicht der Sache viel Wahrscheinliches für sich zu haben.

»Wenn ihr nun beide nicht so verdammte Lügner wäret!« sagte er nachdenklich, wie er einen Augenblick überlegte.

Der nachdenkliche Ton, mit dem er dies sagte, schien Andy über die Maßen zu ergötzen; er blieb ein wenig zurück, und der Bauch wackelte ihm so sehr, daß er wirklich Gefahr zu laufen schien, vom Pferde zu fallen, während Sam unbeweglich sein ernstes Leichenbittergesicht beibehielt.

»Natürlich kann es Master machen, wie er will«, sagte Sam. »Wenn es Master für gut hält, reiten wir den geraden Weg – uns ist’s einerlei. Jetzt, wenn ich mir’s recht überlege, meine ich, der gerade Weg ist ganz bestimmt der beste.«

»Sie würde natürlich einen einsamen Weg gehen«, sagte Haley, welcher laut dachte und Sams Bemerkung nicht beachtete.

»Das weiß man nun nicht«, sagte Sam. »Weiber sind kurios. Sie tun nie, was man erwartet, am gewöhnlichsten das Gegenteil. Weiber sind von Natur wider den Strich gemacht; und denkt man, sie sind den Weg gegangen, so ist’s gewiß besser, den andern zu gehen, und dann kann man sicher sein, sie zu finden. Meine Privatmeinung ist nun, Lizzy hat den Dreckweg gewählt, deshalb halte ich es für besser, wir reiten den geraden.«

Diese tiefe psychologische Ansicht von dem weiblichen Geschlechte schien Haley dem geraden Wege nicht besonders geneigt zu machen, und er erklärte mit Bestimmtheit, daß er den andern einschlagen werde, und fragte Sam, wann sie ihn erreichen würden.

»Noch ein Stückchen weiter«, sagte Sam und gab Andy einen Wink mit dem Auge, das sich auf dessen Seite des Kopfes befand, und dann setzte er hinzu: »Aber ich habe mir die Sache überlegt und bin überzeugt, wir sollten den Weg nicht reiten. Ich bin ihn noch niemals geritten. Er ist verzweifelt einsam, und wir können uns verirren – wo wir wieder rauskommen würden, weiß nur der Herr.«

»Dennoch reite ich diesen Weg«, sagte Haley.

»Da fällt mir auch noch ein«, meinte jetzt Sam, »ich glaube, ich habe gehört, daß der Weg unten beim Kreek ganz und gar verhauen ist, nicht wahr, Andy?«

Andy wußte es nicht gewiß, er hatte nur von dem Wege reden hören, war ihn aber nie gegangen. Kurz er kompromittierte sich nicht im geringsten.

Haley, der gewohnt war, bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten nur zwischen Lügen von schwererem und leichterem Gewicht zu wählen, entschied sich zugunsten des früher erwähnten Dreckwegs. Er glaubte, bemerkt zu haben, daß die erste Erwähnung desselben von Sams Seite unfreiwillig war, und seine konfusen Versuche, ihn davon abzubringen, hielt er für verzweifelte Lügen, veranlaßt durch spätere Überlegung, um Elisa nicht zu schaden.

Als ihm daher Sam den Weg wies, lenkte Haley rasch auf denselben ein, und Sam und Andy folgten ihm.

Der Weg war in der Tat eine alte Straße nach dem Flusse, war aber seit dem Bau der neuen Landstraße ganz verlassen. Ungefähr eine Stunde weit war er offen, aber dann sperrten ihn verschiedene Farmen und Fencen. Sam wußte das recht gut; eigentlich war der Weg schon so lange gesperrt, daß Andy nie etwas von ihm gehört hatte. Er ritt daher mit einer Miene pflichtschuldiger Unterwürfigkeit seine Straße und stöhnte nur manchmal und klagte, daß er so verzweifelt schlecht und gefährlich für Jerry sei.

»Na, ich will euch was sagen«, sagte Haley, »ich kenne euch; es gelingt euch nicht, mit allen Eurem Schwätzen mich von dem Wege abzubringen – also seid still!«

»Master mag seinem eigenen Willen folgen!« sagte Sam mit kläglich gehorsamem Gesicht, aber zu gleicher Zeit höchst schlau Andy zuwinkend, dessen Freude jetzt nahe am Losplatzen war.

Sam war in der heitersten Laune, stellte sich, als gäbe er auf das alleraufmerksamste acht, rief das eine Mal, er sehe einen Mädchenhut auf der Spitze eines entfernten Hügels oder sagte zu Andy: »Ist das da unten in der Tiefe nicht Lizzy« – und diese Ausrufungen machte er stets auf einer schlechten oder holprigen Stelle des Wegs, wo rascheres Reiten allen Beteiligten ganz besonders unangenehm war. Auf diese Weise behielt er Haley in beständiger Aufregung.

Nachdem sie auf diese Weise ungefähr eine Stunde geritten waren, sahen sie sich plötzlich an einem Scheunenhof, der zu einer großen Farm gehörte. Keine Seele war zu sehen, da alles auf dem Feld beschäftigt war; aber da die Scheune ganz entschieden und deutlich quer über den Weg stand, so war es offenbar, daß ihre Reise in dieser Richtung ganz bestimmt ihr Ziel erreicht hatte.

»Habe ich das Master nicht gleich gesagt«, sagte Sam mit einer Miene beleidigter Unschuld. »Warum will auch ein fremder Herr mehr von einer Gegend kennen, als die dort geboren und aufgewachsen sind?«

»Du Schuft! Du hast alles gewußt!«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, was ich wußte, und wollten Sie mir denn glauben? Sagte ich Master nicht, der Weg sei versperrt und verhauen und ich glaubte nicht, daß wir durchkommen könnten? Andy hat’s gehört.«

Alles war zu wahr, um es bestreiten zu können, und der arme Mann mußte seinen Ärger mit der besten Miene, deren er fähig war, einstecken. Alle drei machten wieder rechtsumkehrt und ritten nach der Landstraße zurück.

Infolge all‘ dieser verschiedenen Verzögerungen ritten sie erst ungefähr drei Viertelstunden, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke aufs Bett gelegt hatte, in den Ort ein. Elisa stand am Fenster und sah nach einer andern Richtung, als Sams rasches Auge sie entdeckte. Haley und Andy ritten ein paar Schritt hinter ihm. In dieser Krisis ließ Sam sich den Hut vom Kopf wehen und stieß einen lauten und charakteristischen Ausruf aus, der sie sofort aufmerksam machte; sie zog sich rasch zurück, und der ganze Zug ritt vor dem Fenster vorbei nach der Vordertür der Schenke.

Tausend Leben schienen für Elisa in dem einen Augenblick konzentriert zu sein. Aus ihrem Zimmer führte eine Seitentür nach dem Fluß. Sie riß ihr Kind an sich und sprang mit ihm die Stufen hinab nach dem Strom. Der Händler sah sie ganz deutlich, als sie eben hinter dem Ufer verschwand, warf sich vom Pferde, rief laut Sam und Andy und war hinter ihr her, wie ein Hetzhund hinter einem Reh. In diesem schwindelnden Augenblick schienen ihre Füße kaum den Erdboden zu berühren, und eine Sekunde brachte sie an den Rand des Wassers. Dicht hinter ihr kamen ihre Verfolger, und gestählt von der Kraft, wie sie Gott nur den Verzweifelten verleiht, sprang sie mit einem herzzerreißenden Schrei und gewaltigem Satze hinüber über die trübe wirbelnde Strömung am Ufer auf das Eisfloß auf der anderen Seite. Es war ein schrecklicher Sprung – ein Sprung, wie ihn nur Wahnsinn und Verzweiflung wagen konnten; und Haley, Sam und Andy schrien instinktmäßig auf und erhoben die Hände, wie sie es sahen.

Die große grüne Eisscholle, auf welche sie sprang, senkte sich, schwankte und ächzte unter ihrer Last, aber sie blieb keinen Augenblick darauf. Mit wilden Ausrufen und verzweifelter Energie sprang sie noch auf eine andere und noch auf eine andere Scholle; – sie stolperte – sprang weiter – glitschte aus – sprang wieder in die Höhe! Sie hatte die Schuhe verloren – die Strümpfe sind ihr vom Fuße gerissen – und Blut bezeichnet jeden Schritt; aber sie sieht nichts, fühlt nichts, bis sie nebelhaft, wie in einem Traume, die Ohioseite erblickt und einen Mann, der ihr hinaufhilft.

»Du bist ein braves Mädchen – wer du auch sein magst!« sagte der Mann mit einem bekräftigenden Fluch.

Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, dem eine Farm nicht weit von ihrer ehemaligen Heimat gehörte.

»O Mr. Symmes! – Retten Sie mich – retten Sie mich! – Verstecken Sie mich – verstecken Sie mich!« sagte Elisa.

»Was – was ist das?« sagte der Mann. »Ist das nicht Shelbys Elisa?«

»Mein Kind! – Dieser Knabe – er hat ihn verkauft: Dort ist sein Herr«, sagte sie und wies nach dem Kentuckyufer. »O Mr. Symmes, Sie haben auch einen kleinen Knaben.«

»Jawohl«, sagte der Mann, als er sie mit derber Faust, aber freundlich das steile Ufer heraufzog. »Außerdem bist du ein richtiges braves Mädchen. Courage gefällt mir, wo ich sie finde.«

Als sie die Höhe des Ufers erreicht hatte, blieb der Mann stehen.

»Ich würde gern was für Euch tun«, sagte er, »aber ich habe niemand, wo ich Euch hinnehmen könnte. Das beste, was ich tun kann, ist Euch zu sagen, geht dorthin«, sagte er und wies auf ein großes weißes Haus, welches allein abseits der Hauptstraße des Dorfes stand. »Geht dorthin; gute Leute wohnen dort. Ihr könnt in keine Gefahr kommen, in der sie Euch nicht helfen werden – sie kennen das alles und wissen es schon zu machen.«

»Der Herr behüte Sie!« sagte Elisa mit Innigkeit.

»Keine Ursache, keine Ursache auf der Welt«, sagte der Mann. »Was ich getan habe, hat nichts zu sagen.«

»Und Sie werden mich gewiß nicht verraten, Sir?«

»Donner und Wetter, Mädchen! Wofür haltet Ihr mich? Natürlich nicht«, sagte der Mann. »Jetzt geht Eures Wegs wie ein gutes verständiges Mädchen, wie Ihr seid. Ihr habt Eure Freiheit verdient, und Ihr sollt sie haben, soweit ich dazu beitragen kann.«

Elisa drückte das Kind an ihre Brust und entfernte sich mit festem und raschem Schritt.

Der Mann blieb stehen und sah ihr nach.

»Vielleicht wird Shelby das nicht für das allernachbarlichste Tun auf der Welt halten; aber was soll man tun? Wenn er eins meiner Mädchen in derselben Klemme findet, kann er mir’s wieder vergelten. Ich kann’s nun einmal nicht ertragen, wenn so ein Wesen sich abhetzt und abkeucht und versucht, sich zu retten, während die Hunde hinter ihm her sind. Ich kann nichts gegen sie tun. Außerdem sehe ich gar keine Veranlassung, den Jäger und Fänger für andere Leute zu spielen.«

So sprach dieser arme heidnische Kentuckier, der in die gesetzlichen Verhältnisse durchaus nicht eingeweiht war und sich deshalb verlocken ließ, in ziemlich christlicher Weise zu handeln, was er bei besserer Lage und größerer Bildung gewiß nicht getan hätte.

Haley hatte in stummem Staunen dagestanden, bis Elisa auf der anderen Seite des Ufers verschwunden war; dann sah er Sam und Andy mit einem leeren fragenden Blick an.

»Das war ein ganz hübsches Geschäftchen«, sagte Sam.

»Das Mädchen hat sieben Teufel im Leibe, glaube ich«, sagte Haley. »Sie sprang ja wie eine wilde Katze!«

»Na ich hoffe, Master wird nun nicht tadeln, daß wir den Weg versucht haben«, sagte Sam und kratzte sich hinter den Ohren. »Dazu bin ich nicht gescheit genug, gar nicht!« sagte Sam und ließ ein heiseres Lachen vernehmen.

»Du lachst!« grollte der Händler.

»Gott behüte Sie, Master, ich kann wahrhaftig nicht dafür«, sagte Sam und ließ nun der lange verhehlten Freude seiner Seele freien Lauf. »Es sah so kurios aus, wie sie sprang und hüpfte – und das Eis krachte – und sie nur zu hören, plauz, wie das sprang! Platsch, wie das spritzte! Herr Gott! wie ist die gesprungen!« Und Sam und Andy lachten, bis ihnen die Tränen die Backen hinunterliefen.

»Wartet, ihr sollt auf der anderen Seite eures Gesichts lachen«, sagte der Händler und schlug mit der Peitsche nach ihnen.

Beide duckten sich und liefen laut lachend das Ufer hinauf und saßen auf ihren Pferden, ehe er sie einholen konnte.

»Guten Abend, Master!« sagte Sam sehr ernsthaft. »Ich fürchte sehr, Missis wird sich wegen Jerry Sorge machen. Master Haley braucht uns jetzt nicht mehr. Missis würde es nicht leiden, heute abend mit den Tieren über Lizzys Brücke zu reiten.« Und mit einem spaßhaften Stoß in Andys Rippen ritt er davon, während der andere im vollen Jagen ihm folgte, bis ihr lautes Lachen im Winde verhallte.

7. Kapitel


Ein würdiges Trio

Elisas verzweifelte Flucht über den Fluß fiel gerade in die Abenddämmerung. Der graue Abendnebel stieg langsam aus dem Strom empor und hüllte sie ein, während sie auf dem anderen Ufer verschwand, und der angeschwollene Strom und die großen Eisschollen zogen eine unüberwindliche Schranke zwischen ihr und ihrem Verfolger. Haley ging deshalb langsam und mißvergnügt nach der Schenke zurück, um weiter über das zu Tuende nachzudenken. Die Frau wies ihn in ein kleines Zimmer, wo ein Tisch mit sehr glänzender schwarzer Wachsleinwand überzogen, verschiedene hohe hölzerne Stühle mit schmaler Lehne und einige grell angemalte Gipsbüsten auf dem Kaminsims über einem sehr bescheiden rauchenden Herd standen; eine lange harte Bank streckte sich ungemütlich neben dem Kamin hin, und hier nahm Haley Platz, um über die Unsicherheit menschlicher Hoffnungen und menschlichen Glücks allgemein nachzudenken.

»Daß ich mich von dem Grasaff so habe anführen lassen!« brummte Haley vor sich hin und erleichterte sich das Herz mit einer nicht sehr gewählten Reihe von Verwünschungen seiner selbst.

Die laute und mißtönende Stimme eines Mannes, der vor der Türe abstieg, weckte ihn aus seinem Brüten. Er eilte ans Fenster.

»Zum Teufel! Wenn das nicht dem am nächsten kommt, was die Leute Vorsehung nennen!« sagte Haley. »Ist das nicht wirklich Tom Loker?«

Haley eilte hinaus.

In der Ecke des Zimmers vor dem Schenktische stand ein gelbbrauner kräftiger Mann von sechs Fuß Länge und verhältnismäßiger Breite. Er trug einen Rock von Büffelhaut, den Pelz auswärts gekehrt, was ihm ein zottiges und wildes Aussehen ganz in Übereinstimmung mit seiner Physiognomie gab. Kopf und Gesicht zeigten jedes Organ und jeden Zug brutaler und rücksichtsloser Gewalttätigkeit in höchster Entwicklung. Wer sich einen zum Menschen gewordenen Bulldogg, der in Hut und Rock einhergeht, denken könnte, würde den besten Begriff von dem Charakter und dem allgemeinen Eindruck seines Äußern haben. Ein Reisegefährte war mit ihm, der in vieler Hinsicht sein vollständiger Gegensatz war. Er war klein und schmal, gewandt und katzenartig in seinen Bewegungen, und mit dem lauernden Blick seiner lebhaften schwarzen Augen schien jeder Zug seines Gesichts sich gleichgestimmt zuzuspitzen; seine dünne lange Nase verlängerte sich, als wäre sie begierig, in das Wesen der Dinge im allgemeinen einzudringen; sein glattes dünnes Haar war nach vorn gebürstet, und alle seine Bewegungen zeigten von vorsichtiger Verschlagenheit. Der große starke Mann schenkte ein großes Glas halb voll Branntwein ein und goß es, ohne ein Wort zu sprechen, hinunter. Der kleine Mann stand auf den Zehen, legte den Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite, schnüffelte bedächtig nach den verschiedenen Flaschen hin und bestellte zuletzt mit einer dünnen und zitternden Stimme und mit einer Miene großer Umsicht ein Glas Sodawasser. Als es ihm eingeschenkt war, nahm er es und sah es mit einer schlauen selbstzufriedenen Miene an, wie ein Mann, der das Richtige getan und den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben glaubt, und trank es wohlüberlegt und langsam nippend aus.

»Ha, so ein Glück hätte ich mir doch nicht zugetraut! Loker, wie geht’s denn?« sagte Haley und bot dem großen Manne seine Hand.

»Zum Teufel!« war die höfliche Antwort. »Was bringt Euch hierher, Haley?«

Der lauernde Mann, der Marks hieß, hörte gleich auf, sein Glas zu nippen, reckte den Kopf vor und sah schlau den neuen Ankömmling an, wie manchmal eine Katze nach einem raschelnden dürren Blatt oder einem andern verfolgbaren Gegenstande schielt.

»Das nenne ich mir doch ein Glück, sage ich, Tom. Ich bin in einer verteufelten Patsche, und Ihr müßt mir heraushelfen.«

»Hm! Ha! Glaub‘ ich wohl!« grunzte sein gefälliger Freund. »Das kann man von vornherein glauben, wenn Ihr Euch freut, jemanden zu sehen; wenn die Leute zu etwas zu gebrauchen sind. Was gibt’s denn jetzt?«

»Ihr habt einen Freund mitgebracht«, sagte Haley und sah argwöhnisch Marks an, »vielleicht ein Kompagnon?«

»Jawohl! Hier Marks, das ist der Bursch‘, der in Natchez mein Kompagnon war.«

»Freut mich sehr, seine Bekanntschaft zu machen«, sagte Marks und bot ihm eine lange schmale Hand wie die Klaue eines Raben dar. »Mr. Haley, glaube ich?«

»Derselbe, Sir«, sagte Haley. »Und jetzt, Ihr Herrn, da wir uns so glücklich getroffen haben, will ich Euch hier was zum besten geben. Ihr da, alter Waschbär«, sagte er zu dem Manne hinter dem Schanktisch, »gebt uns heißes Wasser und Zucker und Zigarren und Überfluß vom Echten, und wir wollen einmal fidel sein!«

Bald sind die Kerzen angezündet, das Feuer lodert munter in dem Kamin, und unsere drei Freunde sitzen um einen Tisch, der mit allen eben genannten Beförderungsmitteln der Gemütlichkeit reichlich besetzt ist. Haley begann eine pathetische Erzählung seiner widrigen Schicksale. Loker schwieg und hörte ihn mit mürrischer Aufmerksamkeit an. Marks, der mit großer Sorgfalt und vielen Umständen sich ein Glas Punsch nach seinem eigenen Geschmack bereitete, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschäftigung auf, schob seine spitze Nase und sein Kinn fast Haley ins Gesicht und schenkte der ganzen Erzählung die vollste Aufmerksamkeit. Der Schluß schien ihn über die Maßen zu ergötzen, denn der ganze Körper wackelte ihm vor lautlosem Lachen, und er spitzte die dünnen Lippen mit einer Miene des höchsten innerlichen Genusses.

»Also regulär geprellt seid Ihr? He! He! He! ’s ist aber hübsch gemacht.«

»Mit diesen Rangen hat man schreckliche Not im Geschäft«, sagte Haley kläglich.

»Wenn wir nur eine Sorte Mädchen kriegen könnten, die sich um ihre Kleinen nicht kümmerten«, sagte Marks, »ob das nicht einer der größten modernen Fortschritte wäre –«. Und Marks gab seinem Witz mit einem leisen einleitenden Gekicher Nachdruck.

»Ich habe mirs nie erklären können«, sagte Haley. »Die Rangen machen ihnen soviel Not – man sollte meinen, sie müßten froh sein, sie los zu werden; aber sie sind es nicht. Und je mehr Mühe ihnen die Kinder machen und je weniger sie im allgemeinen zu was nütze sind, desto lieber sind sie ihnen.«

»Schiebt mal das warme Wasser her, Haley«, sagte Marks. »Ja, Sir, Ihr sagt da, was ich denke und immer gedacht habe. Ich kaufte einmal ein Weib, als ich noch das Geschäft betrieb – ein kräftiges hübsches Weib und gar nicht dumm – und es hatte ein kränkliches Kind mit einem krummen Rücken oder so etwas, und ich schenkte es einem Manne, der versuchen wollte, es aufzuziehen, da es ihn nichts kostete – dachte nicht daran, daß sich das Weib die Sache so zu Herzen nehmen würde – aber Gott, Ihr hättet sehen sollen, wie sie sich aufführte! Wahrhaftig, war fast, als sei ihr das Kind um so lieber, weil es kränklich und garstig war und sie peinigte; und sie verstellte sich auch nicht etwa – sondern weinte darüber und lief herum, als ob sie den letzten Freund auf Erden verloren hätte. Es war wirklich drollig, daran zu denken. Gott, die Weiber haben solche Ideen im Kopfe.«

»’s ist mir auch so gegangen«, sagte Haley. »Vorigen Sommer wurde mir unten am Red River ein Mädchen aufgeschwindelt mit einem ganz hübsch aussehenden Kinde, dessen Augen so hell waren wie Eure; aber wie man es näher besah, war es stockblind. Faktum – stockblind. Nun dachte ich mir, ’s ist nichts Schlechtes, wenn du das Kind wieder aus der Hand gibst und nichts weiter sagst, und ich tauschte es daher gegen ein Fäßchen Whisky um; aber als ich’s dem Mädchen nehmen wollte, wurde das wie eine Tigerin. Es war, ehe wir aufbrachen, und ich hatte meine Leute noch nicht gefesselt, und was tut sie? Sie klettert wie eine Katze einen Baumwollballen hinan, reißt einem von den Matrosen ein Messer aus der Hand und macht ein Gesicht, daß wir alle scheu zurücktreten. Und wie sie nun sah, daß es doch nichts nützte, so drehte sie sich um und stürzte sich kopfüber mit dem Kinde in den Fluß – sank unter und kam nie wieder zum Vorschein.«

»Bah!« sagte Tom Loker, der diesen Erzählungen mit schlecht verhehlter Verachtung zugehört hatte. »Ihr seid beide nicht gescheit! Meine Mädchen spielen mir keine solchen Streiche, das sage ich euch!«

»Wirklich! Wie fangt Ihr’s denn an?« forschte Marks rasch.

»Wie ich’s anfange? Ich kaufe eine Dirne, und wenn sie ein Kleines hat, das ich verkaufen will, so trete ich vor sie hin und halte ihr die Faust vor’s Gesicht und sage: ›Höre mal, wenn du auch nur ein Wort hören läßt, so zerschmeiße ich dir’s Gesicht – ich will kein Wort hören – keine Silbe.‹ Ich sage zu ihnen: ›Das Kleine da ist mein und nicht dein, und du hast ganz und gar nichts damit zu tun. Ich verkaufe das Kind bei der ersten Gelegenheit; hütet Euch wohl, mir mit Eurem Lärm darüber zu kommen, oder Ihr sollt mir wünschen, Ihr wäret nie geboren worden.‹ Ich sage Euch, sie sehen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Sie bleiben so stumm wie die Fische, und wenn ja eine anfängt, dann –« und Mr. Loker schlug die Faust mit einer Kraft auf den Tisch, welche die Lücke vollständig ergänzte.

»Das nenne ich mir Energie«, sagte Marks, indem er Haley in die Seite stieß und beifällig kicherte. »Ist nicht Tom ein Hauptkerl! He, he, he! Ich sage, Tom, ich rate, Ihr macht’s ihnen begreiflich; denn die Niggerköpfe sind alle wollig. Sie bleiben nie unklar über das, was Ihr meint, Tom. Wenn Ihr nicht der Teufel seid, Tom, so seid Ihr sein Zwillingsbruder, behaupte ich.«

Tom nahm das Kompliment mit schicklicher Bescheidenheit an und machte ein so leutseliges Gesicht, als sich mit seiner grämlichen Natur vertrug.

Haley, der sehr reichlich von dem Getränk des Abends genossen hatte, fing jetzt an, eine beträchtliche Erregung und Erhöhung seines sittlichen Gefühls zu empfinden – ein Phänomen, das bei Leuten von frommem und nachdenklichem Charakter unter ähnlichen Umständen nicht selten ist.

»Ihr seid wirklich zu schlecht, Tom, wie ich Euch immer gesagt habe. Ihr wißt, Tom, wir beide haben diese Sachen unten in Natchez oft besprochen, und ich bewies damals stets, daß wir ebensoviel verdienten und uns ebensogut in dieser Welt befänden, wenn wir sie gut behandelten, außer daß wir eine bessere Aussicht behalten, da oben im Himmel einen Platz zu finden, wenn das Schlimmste kommt und nichts mehr zu holen ist.«

»Bah!« sagte Tom. »Weiß ich das nicht – macht mich mit solchem Gerede nicht krank – mein Magen ist ohnedies ein bißchen angegriffen«, und Tom schüttete ein halbes Glas reinen Branntwein hinunter.

»Ich gestehe es«, sagte Haley, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und mit Nachdruck gestikulierte, »ich gestehe es, ich habe immer mein Geschäft betrieben, um Geld dabei zu verdienen; das war das Erste bei mir, wie bei jedem andern Menschen; aber das Geschäft ist nicht alles, und Geld ist nicht alles, weil wir Seelen haben. Mir ist es ganz gleich, wer es hört – und ich glaube, ich habe verdammt viel darüber nachgedacht; deshalb kann ich es auch offen heraussagen. Ich glaube an Religion, und mit der Zeit, wenn ich alles eingerichtet und in Ordnung habe, so rechne ich, mich um meine Seele und alle diese Sachen zu bekümmern: Und was nützt es daher, mehr Böses zu tun, als gerade notwendig ist? – Das scheint mir gar nicht klug zu sein.«

»Ihr wollt Euch um Eure Seele bekümmern«, erwiderte Tom verächtlich, »guckt Euch nur recht ordentlich um, ob Ihr eine Seele in Euch findet – braucht Euch keine Mühe zu geben. Und wenn Euch der Teufel durch ein Haarsieb siebt, so findet er keine.«

»Ihr seid böse, Tom«, sagte Haley, »warum nehmt Ihr es nicht gut auf, wenn jemand nur zu Eurem Besten spricht?«

»Laßt das Geplapper sein«, sagte Tom barsch. »Ich kann Euch alles reden hören, nur nicht solch frommes Geschwätz – das macht mich gleich tot. Was ist denn im Grunde der Unterschied zwischen mir und Euch? Nicht etwa, daß Ihr mehr schont oder ein bißchen mehr Gefühl hättet – es ist reine hündische Niederträchtigkeit, die den Teufel betrügen und sich die eigne Haut retten will; als ob ich das nicht sähe; und Euer ›Religion haben‹, wie Ihr’s nennt, ist doch im Grunde gar zu gemein für einen Menschen; sein ganzes Leben lang eine Rechnung beim Teufel auflaufen lassen, und dann sich wegzuschwindeln, wenn der Zahlungstermin kommt! Pfui!«

»Na, ich will Euch was sagen, Ihr Herren, das ist kein Geschäft«, sagte Marks. »Man kann alle Sachen auf verschiedene Weise ansehen, das wißt Ihr ja. Mr. Haley ist gewiß ein sehr hübscher Mann und hat sein eigenes Gewissen, und Ihr, Tom, habt Eure Art und noch dazu eine sehr gute Art; aber zanken und streiten ist zu nichts nütze, das wißt Ihr. Laßt uns ans Geschäft gehen. Nun, wie ist die Sache, Mr. Haley? Wir sollen Euch das Mädchen fangen?«

»Das Mädchen geht mich nichts an – das gehört Shelby, nur der Knabe. Ich war ein Narr, den Affen zu kaufen.«

»Ihr seid immer ein Narr!« sagte Tom barsch.

»Na, Loker, nicht so grob«, sagte Marks und leckte sich die Lippen; »Ihr seht ja, Mr. Haley will uns zu einem guten Geschäft verhelfen. Seid einmal still, solche Anordnungen sind gerade meine Stärke. Also die Dirne, Mr. Haley, was ist mir ihr? Wie ist sie?«

»Sie ist weiß und schön – gut erzogen. Ich hätte Shelby 800 oder 1ooo für sie gegeben und noch ein gutes Geschäft mit ihr gemacht.«

»Weiß und schön – und gut erzogen!« sagte Marks, und seine Augen, Nase und Mund belebten sich von Unternehmungslust. »Seht da, Loker, ein schöner Anfang. Wir wollen hier ein Geschäft auf unsere eigene Rechnung machen. Wir besorgen das Fangen; den Jungen bekommt natürlich Haley – wir nehmen das Mädchen nach Orleans auf Spekulation. Ist das nicht vortrefflich?«

Tom, dessen großer plumper Mund während dieser Worte weit offen gestanden hatte, ließ ihn jetzt plötzlich zufallen wie ein großer Hund, der auf ein Stück Fleisch beißt, und schien den Vorschlag in Muße zu verdauen.

»Ihr müßt wissen«, sagte Marks zu Haley, indem er sich seinen Punsch umrührte, »wir haben auf allen Punkten an der Küste Friedensrichter, die uns kennen und die kleinen Geschäftchen in unserer Branche unter ganz vernünftigen Bedingungen abmachen. Tom besorgt das Herumwürgen und Herumschlagen, und ich übernehme die Anstandsrollen – in lackierten Stiefeln – alles im feinsten Stile, sowie zu schwören ist. Ihr sollt nur sehen«, sagte Marks, vor Künstlerstolz verglühend, »wie ich da auftreten kann. Einmal bin ich Mr. Twickem von Neuorleans; dann bin ich eben von meiner Plantage am Pearlfluß angekommen, wo ich 700 Nigger beschäftige; zum dritten Male stelle ich mich als ein entfernter Verwandter von Henry Clay oder einem andern alten Hauptkerl von der Art dar. Die Anlagen sind verschieden, das wißt Ihr ja. Ich sage Euch, Tom ist ein Blitzkerl, wo es sich um Plackerei oder ums Zuschlagen handelt; aber zum Lügen taugt er nichts, der Tom – es steht ihm nicht; aber wenn es einen Kerl im ganzen Lande gibt, der alles und jedes beschwören kann und alle die Geschichten und Flunkern mit einem längern Gesichte vortragen und das Ganze besser durchführen kann, als ich, so möchte ich ihn sehen! Weiter sage ich nichts! Ich glaube wahrhaftig, ich könnte mich durchschwindeln, wenn es auch die Friedensrichter genauer nähmen, als es der Fall ist. Manchmal wünsche ich wirklich, sie möchten’s genauer nehmen; es wäre dann viel interessanter – machte viel mehr Spaß, müßt Ihr wissen.«

Tom Loker, der, wie wir gezeigt haben, ein Mann von langsamen Begriffen und Bewegungen war, unterbrach hier Marks, indem er mit seiner schweren Faust auf den Tisch schlug, so daß alles klapperte, »’s geht!« sagte er.

»Potz Wetter, Tom, zerschmeißt nur nicht die Gläser!« sagte Marks. »Schont Eure Faust für Zeiten der Not.«

»Aber Ihr Herren, soll ich denn nicht auch einen Teil des Profits haben«, sagte Haley.

»Ist’s nicht genug, wenn wir Euch den Jungen haschen?« sagte Loker. »Was wollt Ihr sonst noch?«

»Nun wenn wir Euch das Geschäft verschaffen, so ist das doch was wert«, sagte Haley – »will sagen, zehn Prozent vom Profit nach Abzug der Auslagen.«

»Ob ich Euch nicht kenne, Dan Haley!« sagte Loker mit einem fürchterlichen Fluche und schlug mit der schweren Faust auf den Tisch. »Denkt Ihr etwa, Ihr wollt mich leimen! Sich einbilden, Marks und ich hätten uns auf den Negerfang gelegt, bloß um Leuten wie Euch einen Gefallen zu tun, ohne etwas für uns selber zu kriegen? Da seid Ihr falsch gewickelt! Wir wollen die Dirne für uns behalten und Ihr haltet das Maul, oder wir nehmen alle beide – wer soll’s uns wehren? Habt Ihr uns nicht das Wild gezeigt? Wir können es so gut verfolgen wie Ihr, hoffe ich. Wenn Ihr oder Shelby uns jagen wollt, so seht nur nach, wo die Rebhühner voriges Jahr waren; wenn Ihr sie oder uns fangt, soll’s uns ganz recht sein.«

»Nun ja, so soll’s dabei bleiben«, sagte Haley voller Unruhe; »Ihr habt immer ehrlich mit mir gehandelt, Tom, und mir immer Wort gehalten.«

»Das wißt Ihr«, sagte Tom; »ich spiele gewiß nicht den Frommen, aber selbst in meinen Rechnungen mit dem Teufel werde ich nicht lügen. Wenn ich sage, ich tue es, so tue ich’s; das wißt Ihr, Dan Haley.«

»Gewiß, gewiß, das habe ich auch gesagt, Tom«, sagte Haley; »und wenn Ihr mir nur versprechen wollt, mir den Knaben nach spätestens acht Tagen an irgendeinen beliebigen Ort zu stellen, so bin ich zufrieden.«

»Aber ich ganz und gar nicht«, sagte Tom. »Ihr bildet Euch doch nicht ein, ich wäre unten in Natchez umsonst Euer Kompagnon gewesen, Haley? Ich habe gelernt, einen Aal festzuhalten, wenn ich ihn einmal gefangen habe. Ihr habt 50 Dollar bar auf den Tisch zu legen, oder ich gehe keinen Schritt in der Sache. Ich kenne Euch.«

»Was, wenn Ihr ein Geschäft kriegt, das Euch einen reinen Gewinn von 1000 oder 1600 Dollar einbringen kann? Tom, Ihr macht unvernünftige Forderungen!« sagte Haley.

»Haben wir aber nicht Geschäfte auf fünf Wochen im Buche – fast mehr als wir verrichten können? Und gesetzt, wir lassen alles liegen und laufen Eurem Jungen nach und fangen die Dirne zuletzt doch nicht – und Dirnen sind immer teufelsmäßig schwer zu fangen – was haben wir dann? Bezahlt Ihr uns dann nur einen Cent – he? Ich sehe schon, wie Ihr ihn vorholt – ha, ha! Nein, nein; heraus mit den fünfzig. Macht sich das Geschäft und wir verdienen was dabei, so zahlen wir das Geld zurück; ist’s nicht der Fall, so behalten wir’s für unsere Mühe – ist das nicht billig, Marks?«

»Gewiß, gewiß«, sagte Marks in versöhnlichem Tone, »’s ist nur ein Draufgeld, ha, ha, ha! Na, wir müssen alles in Gutem abmachen – als gute Freunde, müßt Ihr wissen. Tom bringt Euch den Jungen, wo Ihr ihn hinhaben wollt; nicht wahr, Tom?«

»Wenn ich den Jungen fange, bringe ich ihn nach Cincinnati und lasse ihn bei Granny Belcher an der Landungsbrücke«, sagte Loker.

Marks hatte eine schmierige Brieftasche hervorgezogen, nahm einen langen Zettel heraus, setzte sich hin, sah ihn mit seinen kleinen schwarzen Augen durch und fing an, halblaut den Inhalt abzulesen: »Barnes – Shelby County – Knabe Jim – 300 Dollar tot oder lebendig. Edwards – Dick und Luzy – Mann und Frau, 600 Dollar für sie oder ihren Kopf. – Ich gehe eben unsere Geschäfte durch, um zu sehen, ob wir das dabei bequem mit abmachen können, Loker«, sagte er nach einigem Nachdenken, »die Sachen müssen wir Adams und Springer überlassen; sie stehen schon längst im Buche.«

»Die berechnen nur zu viel«, sagte Tom.

»Das will ich schon einrichten, sie sind Anfänger im Geschäft und müssen billig sein«, sagte Marks, während er fortfuhr zu lesen, »’s sind drei leichte Fälle, wenn weiter nichts zu tun ist, als sie niederzuschießen oder zu schwören, daß sie erschossen sind; dafür können sie natürlich nicht viel ansetzen; die andern Fälle lassen sich noch ein Weilchen aufschieben«, sagte er und legte den Zettel wieder zusammen. »Jetzt aber müssen wir die Sache näher besprechen. Also, Mr. Haley, Ihr saht, wie das Mädchen das Ufer erreichte?«

»Gewiß – so deutlich, als ich Euch sehe.«

»Und ein Mann half ihr zum Ufer herauf!« sagte Loker.

»Gewiß sah ich das.«

»Wahrscheinlich haben sie die Dirne wo aufgenommen«, sagte Marks; »aber wo? Das ist die Frage. Was meint Ihr, Tom?«

»Wir müssen noch heute nacht über den Fluß – das ist keine Frage«, sagte Tom.

»Aber es ist kein Boot da«, sagte Marks, »’s ist ein fürchterlicher Eisgang, Tom; ist’s nicht zu gefährlich?«

»Davon verstehe ich nichts, ich weiß nur, daß es geschehen muß«, sagte Tom mit Bestimmtheit.

»Mein Gott«, sagte Marks voll Unruhe – »ich meine«, sagte er und trat ans Fenster, »’s ist so finster wie in einem Wolfsrachen, und Tom –«

»Das Lange und das Kurze von der Geschichte ist – Ihr fürchtet Euch, Marks; aber ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt fort. Ihr dürft doch nicht etwa einen oder zwei Tage still liegen, bis sie die Dirne unten auf den Talweg nach Sandusky oder sonst wohin gebracht haben.«

»O nein; ich fürchte mich gar nicht«, sagte Marks, »aber –«

»Aber was«, sagte Tom.

»Nun, das Boot. Ihr seht ja, es ist kein Boot da.«

»Ich höre die Wirtsfrau sagen, es käme noch eins diesen Abend und ein Mann wollte darin übersetzen. Und wenn’s um den Hals geht, wir müssen mit ihm hinüber«, sagte Tom.

»Ihr habt doch wohl gute Hunde!« sagte Haley.

»Ausgezeichnete«, sagte Marks. »Aber die nützen uns gar nichts. Ihr habt ja nichts von ihren Sachen, um sie auf die Spur zu bringen.«

»Ei doch«, sagte Haley triumphierend. »Hier ist ihr Tuch, das sie in der Eile hat auf dem Bett liegenlassen, und auch ihr Hut ist da.«

»Das ist gut«, sagte Loker, »nur her damit.«

»Aber die Hunde könnten der Dirne Schaden tun, wenn sie plötzlich über sie herfallen«, sagte Haley.

»Das ist zu bedenken«, sagte Marks. »Unsere Hunde haben unten in Mobile mal einen Kerl in Stücke zerrissen, ehe wir sie losbringen konnten.«

»Das ginge nun freilich nicht bei Niggern, die wegen ihres Aussehens gekauft werden sollen«, sagte Haley.

»Das ist wohl wahr«, bemerkte Marks. »Außerdem nützt es nicht einmal, wenn sie jemand zu sich genommen hat. Hunde helfen einem gar nichts hier in den obern Staaten, wo sie die Nigger zu Wagen fortschaffen; natürlich findet man ihre Spur nicht. Sie helfen bloß was unten in den Plantagen, wo die Nigger, wenn sie fortlaufen, sich auf ihre eigenen Beine verlassen müssen und keine Hilfe kriegen.«

»Na«, sagte Loker, der draußen bei der Wirtin gewesen war, um sich zu erkundigen, »ich höre eben, der Mann mit dem Boote ist da; also Marks –«

Dieser Würdige warf einen bekümmerten Blick auf das bequeme Quartier, das er verlassen sollte, stand aber langsam auf, um zu gehorchen. Nach einigen Worten zu weiterer Verabredung reichte Haley mit sichtbarem Sträuben Tom die fünfzig Dollar hin, und das würdige Trio trennte sich für die Nacht.

Während dieser Auftritt in der Schenke stattfand, verfolgten Sam und Andy in einem Zustand höchster Fröhlichkeit ihren Rückweg und gelangten gegen 11 Uhr zu Hause an.

Mrs. Shelby flog an das Geländer.

»Bist du es, Sam? Wo sind sie?«

»Master Haley ruht in der Schenke aus; er ist schrecklich müde.«

»Und Elisa, Sam?«

»Die ist drüben über dem Jordan. Wie man sagen könnte, im Lande Canaan.«

»Was meinst du damit, Sam?« sagte Mrs. Shelby außer Atem und fast in Ohnmacht sinkend bei dem Gedanken an die mögliche Bedeutung dieser Worte.

»Nun, der Herr schützt die Seinen, Missis. Lizzy ist über den Fluß hinüber nach Ohio, so wunderbar, als ob der Herr sie mit einem feurigen Wagen und zwei Pferden hinüber geholt hätte.«

Sams Frömmigkeit trat in seiner Herrin Anwesenheit immer ganz besonders stark zutage, und er machte von biblischen Redensarten und Bildern sehr häufige Anwendung.

»Komm herauf, Sam«, sagte Mr. Shelby, der jetzt ebenfalls unter die Veranda trat, »und erzähle deiner Herrin, was sie wissen will. Komm, Emilie«, sagte er und umschlang sie mit dem Arm. »Du bist ganz kalt und zitterst vor Frost; du nimmst es dir gar zu sehr zu Herzen.«

»Zu sehr zu Herzen! Bin ich nicht ein Weib – eine Mutter? Sind wir nicht beide Gott verantwortlich für dieses arme Mädchen? Möge Gott diese Sünde nicht uns zur Last legen!«

»Was für eine Sünde, Emilie? Du siehst ja selbst ein, daß wir nur getan haben, was wir tun mußten.«

»Aber dennoch ist es mir immer, als ob es schrecklich sündhaft wäre«, sagte Mrs. Shelby. »Ich kann das Gefühl nicht loswerden.«

»Hier, Andy, du Nigger, mach schnell!« rief Sam unter der Veranda. »Führe die Pferde in den Stall; hörst du nicht, daß Master ruft?« Und Sam erschien bald darauf, den Palmenhut in der Hand, in der Tür des Wohnzimmers.

»Nun, Sam, erzähle uns ordentlich, wie die Sache war«, sagte Mr. Shelby. »Wo ist Elisa, wenn du’s weißt?«

»Ich habe sie mit eigenen Augen über die Eisschollen springen sehen, Master, ’s war ganz merkwürdig; ’s war ein reines Wunder; und ich sah, wie ein Mann ihr an der Ohioseite heraufhalf, und dann verschwand sie in der Abenddämmerung.«

»Sam, das Wunder kommt mir etwas apokryphisch vor. Über die Eisschollen springen ist keine leichte Sache«, sagte Mr. Shelby.

»Leicht! Kein Mensch hätte es tun können ohne den Herrn. Ich will’s Ihnen nur erzählen, wie’s zuging«, sagte Sam. »Master Haley und ich und Andy erreichten die kleine Schenke am Flusse, und ich reite ein paar Schritte voran – (ich war so eifrig, Lizzy zu fangen, daß ich mich nicht halten konnte – gar nicht) – und als ich an dem Fenster der Schenke vorbeireite; da steht sie da, gerade vor meinen Augen, und die andern kommen hinter mir hergeritten. Auf einmal verliere ich meinen Hut und schreie so laut, daß die Toten hätten davon erwachen können. Natürlich hört’s Lizzy, und sie tritt zurück, als Master Haley vorbei nach der Haustür reitet; und dann sprang sie zur Seitentür hinaus und hinunter nach dem Fluß; Master Haley aber sah sie und schrie laut, und er und ich und Andy liefen ihr nach. Sie erreichte das Ufer, und das Wasser war noch zehn Fuß breit frei, und auf der andern Seite schwanken und dämmen sich die Eisschollen, als wäre es eine große Insel. Wir kommen dicht hinter ihr her, und ich dachte schon bei meiner Seele, wir hätten sie fest – da tut sie einen Schrei, wie ich ihn nie gehört habe – und auf einmal stand sie auf der andern Seite des Wassers auf dem Eise, und nun ging’s weiter, schreiend und springend, und das Eis ging krach, und plump und platsch, und sie sprang darüber wie ein Rehbock! Gott, die Feder, die die Dirne im Leib haben muß, kann nicht klein sein, meine ich.«

Mrs. Shelby saß stumm und bleich vor Aufregung da, während Sam seine Geschichte erzählte.

»Gott sei gepriesen, sie lebt noch! Aber wo mag jetzt das arme Kind sein.«

»Der Herr wird dafür sorgen«, sagte Sam und verdrehte fromm die Augen.

»Du kannst jetzt gehen und Tante Chloe sagen, sie soll dir von dem kalten Schinken geben, der heut mittag übriggeblieben ist. Du und Andy, ihr müßt Hunger haben.«

»Missis ist viel zu gut für uns«, sagte Sam, verbeugte sich eilig und verschwand.

34. Kapitel


Der Fluchtplan

Der Dachraum von Legrees Wohnhaus war, wie fast alle Dachräume, groß, öde, staubig, mit Spinnweben überzogen und mit altem Gerümpel angefüllt. Die reiche Familie, welche das Haus in den Tagen seines Glanzes bewohnte, hatte sehr viel prächtige Möbel kommen lassen, die sie zum Teil mit fortgenommen hatte, während einzelne Stücke in modrigen unbewohnten Zimmern verlassen zurückblieben oder in diesem Raume aufgespeichert wurden. Eine oder zwei große Kisten, in welchen die Möbel eingepackt gewesen, lehnten an der Wand. In derselben bemerkte man ein kleines Fenster, welches durch seine trüben bestaubten Scheiben ein dürftiges, ungewisses Licht auf die hohen Lehnstühle und staubbedeckten Tische, die dereinst bessere Tage gesehen hatten, fallen ließ. Im ganzen war es ein unheimlicher und spukhafter Ort; aber so spukhaft er war, fehlte es unter den abergläubischen Negern nicht an Geschichten, um seine Schrecken noch zu vermehren. Vor einigen Jahren war eine Negerin, die sich Legrees Unzufriedenheit zugezogen hatte, dort mehrere Wochen eingesperrt gewesen. Was dort geschah, sagen wir nicht, die Neger flüsterten sich unbestimmte, grauenhafte Gerüchte darüber zu; aber soviel wußte man, daß man den Leichnam der Unglücklichen eines Tages herunterholte und begrub; und darauf, hieß es, ertönten Flüche und Verwünschungen und das Klatschen heftiger Hiebe durch die alte Dachkammer und vermischten sich mit dem Stöhnen und Jammern der Verzweiflung. Als Legree zufällig einmal etwas davon anhörte, geriet er in den heftigsten Zorn und schwor, dem nächsten, der Geschichten von diesem Dachraum erzählte, Gelegenheit zu geben, zu erfahren, was darin sei, denn er wolle ihn eine Woche lang dort anschließen lassen. Dieser Wink genügte, um alle im Reden behutsam zu machen, obgleich er nicht im mindesten den Glauben an die Wahrheit der Geschichten erschütterte. Allmählich gewöhnte sich jeder im Hause, weil sich jeder davon zu sprechen scheute, die nach dem Dachraum führende Treppe zu vermeiden, und die Sage wurde allmählich vergessen. Jetzt war Cassy auf einmal eingefallen, Legrees so große abergläubische Reizbarkeit zu ihrer und ihrer Leidensgefährtin Befreiung zu benutzen.

Das Schlafzimmer Cassys lag gerade unter dem Dachraume. Eines Tages begann sie auf einmal, ohne mit Legree zu Rate zu gehen, mit großer Ostentation alles Möblement des Zimmers nach einem andern, ziemlich weit entlegenen auszuräumen. Die Sklaven, welche sie dazu hatte kommen lassen, liefen mit großem Eifer und in großer Verwirrung hin und her, als Legree von einem Ausritt zurückkehrte.

»Hallo! Hallo, Cassy!« sagte Legree. »Was gibt’s denn da?«

»Nichts, ich will nur ein anderes Zimmer haben«, sagte Cassy mürrisch.

»Und weshalb, möchte ich wissen?« sagte Legree.

»Nun, ich will«, sagte Cassy.

»Zum Teufel auch! Und weshalb?«

»Weil ich doch wenigstens dann und wann ein bißchen schlafen möchte.«

»Schlafen? Nun, was hindert dich am Schlafen?«

»Ich könnte es dir wahrscheinlich sagen, wenn du es hören wolltest«, sagte Cassy trocken.

»Heraus mit der Sprache, Dirne!« sagte Legree.

»Ach, es ist nichts. Dich wird es wahrscheinlich nicht stören – es ist nur Gestöhn und ein Lärm, als ob sich Leute balgten und auf dem Fußboden im Dachraum herumwälzten. Die halbe Nacht hindurch, von zwölf Uhr bis morgens früh.«

»Leute oben im Dachraume«, sagte Legree unruhig, aber mit einem gezwungenen Lachen, »wer sollten die sein, Cassy?«

Cassy erhob ihre stechenden schwarzen Augen und blickte Legree mit einem Ausdruck an, der ihn bis auf die Knochen durchzuckte, wie sie sagte:

»Gewiß, Simon, wer sollte das sein? Ich wollte, du könntest es mir sagen. Du weißt es aber wahrscheinlich nicht!«

Mit einem Fluche schlug Legree mit der Reitpeische nach ihr; aber sie trat zur Seite, schlüpfte durch die Tür, blickte zurück und sagte: »Wenn du in dem Zimmer schlafen willst, so wirst du alles erfahren. Es wäre vielleicht das Beste, du versuchtest es«, und dann machte sie sogleich die Tür zu und verschloß sie.

Legree lärmte und fluchte und drohte, die Tür einzuschlagen; aber zugleich schien er anderen Sinns zu werden und trat voller Unruhe in das Wohnzimmer. Cassy bemerkte, daß ihr Pfeil getroffen hatte; und von dieser Stunde an hörte sie nie auf, mit der ausnehmendsten Gewandtheit das glücklich begonnene System von Einschüchterung fortzusetzen.

In einem Astloch in dem Gebälk der Dachkammer hatte sie den Hals einer alten Flasche so angebracht, daß man bei dem schwächsten Winde die kläglichsten und unheimlichsten Jammertöne vernahm, während bei starkem Winde ein schrecklicher Wehschrei daraus wurde, der leichtgläubigen und abergläubischen Ohren wie ein Schrei des Entsetzens und der Verzweiflung vorkam.

Die Dienstboten vernahmen von Zeit zu Zeit diese Klänge, und alsbald frischte sich die Erinnerung an die alte Gespenstergeschichte mit voller Kraft wieder auf. Ein abergläubischer Schreckensschauer schien das ganze Haus zu erfüllen; und obgleich niemand ein Wort davon gegen Legree zu äußern wagte, fand er sich doch davon, wie von einer Atmosphäre umfangen.

Niemand ist so vollständig abergläubisch, wie der Gottlose. Der Christ fühlt sich durch den Glauben an einen weisen allmächtigen Vater beruhigt, dessen Gegenwart die unbekannte Leere mit Licht und Ordnung ausfüllt; aber für den Menschen, der Gott entthront hat, ist das Land der Geister in der Tat nach den Worten des hebräischen Sängers »ein Land der Finsternis und ein Schatten des Todes, ohne alle Ordnung, wo das Licht ist wie die Nacht«. Das Leben und der Tod sind ihm unheimliche Regionen, die mit Koboldsgestalten von unbestimmtem und schattenhaftem Grausen erfüllt sind.

Das schlummernde sittliche Gefühl in Legree war in ihm durch seine Gespräche mit Tom geweckt worden – nur um von der entschlossenen Kraft des Bösen niedergekämpft zu werden; aber doch klang noch in der dunklen, innerlichen Welt eine bebende Erschütterung nach, welche die Entstehung abergläubischer Furcht beförderte. Cassys Herrschaft über ihn war von einer seltsamen und eigentümlichen Art. Er war ihr Besitzer, ihr Tyrann und ihr Peiniger; sie war, wie er wußte, ganz und ohne jede Möglichkeit der Hilfe in seiner Gewalt; und dennoch kommt es vor, daß selbst der roheste Mann nicht in beständiger Gesellschaft eines starken weiblichen Charakters leben kann, ohne von ihm bedeutend beeinflußt zu werden. Als er sie zuerst gekauft hatte, war sie, wie sie erzählt hatte, ein in Luxus und Bildung erzogenes Weib; und dann zertrat er sie ohne Besinnen unter dem Fuße seiner Roheit. Aber wie die Zeit und entwürdigende Einflüsse und Verzweiflung ihren weiblichen Sinn verhärteten und die Flammen wilderer Leidenschaften anschürten, war sie gewissermaßen seine Herrin geworden, und er tyrannisierte und fürchtete sie abwechselnd. Dieser Einfluß war noch peinigender und entschiedener geworden, seit halber Wahnwitz allen ihren Worten und ihrem Tun einen seltsamen unheimlichen Anstrich gab.

Ein oder zwei Abende nach diesem Gespräch saß Legree in dem gewöhnlichen Zimmer neben einem flackernden Holzfeuer, welches die ganze Umgebung mit ungewissem Schimmer beleuchtete. Es war eine stürmische Nacht, wo in halb verfallenen alten Häusern gewöhnlich eine Unzahl von unbeschreiblichen Tönen zu vernehmen ist. Fenster rasselten, Läden klapperten, der Wind kam polternd die Esse herabgefahren und wirbelte allemal rauchend Asche empor, als ob eine Legion Gespenster hinter ihm drein kämen. Legree hatte seit einigen Stunden Rechnungen abgeschlossen und Zeitungen gelesen, während Cassy in einem Winkel saß und mürrisch ins Feuer blickte. Legree legte die Zeitung hin, und da er auf dem Tische ein altes Buch liegen sah, in welchem Cassy während der früheren Abendstunden gelesen hatte, so nahm er es und blätterte darin. Es war eine von jenen Sammlungen von Mord- und Gespenstergeschichten, die in ihrer grobrealistischen Darstellung eine seltsame Anziehungskraft auf den ausübten, der sie einmal zu lesen anfängt.

Legree schüttelte zweifelnd und höhnisch den Kopf, las aber eine Seite nach der andern, bis er nach einer Weile das Buch mit einem Fluche hinwarf.

»Du glaubst doch nicht an Gespenster, Cassy?« sagte er, indem er die Zange ergriff und das Feuer schürte. »Ich dachte, du hättest Verstand genug, dich nicht von leerem Gelärm einschüchtern zu lassen.«

»’s ist einerlei, was ich glaube«, sagte Cassy mürrisch.

»Früher versuchten sie mich immer auf dem Meere mit ihren Geschichten zu fürchten zu machen«, sagte Legree, »’s ist ihnen nie gelungen. Ich bin zu zähe für solch dummes Zeug, sage ich dir.« Cassy sah ihn aus ihrem dunklen Winkel scharf an. In ihrem Auge funkelte das seltsame Licht, welches Legree stets mit Unruhe erfüllte.

»Der Lärm war von weiter nichts, als von Ratten und vom Winde«, sagte Legree. »Ratten können einen Höllenlärm machen. Ich habe sie manchmal unten im Schiffsraume gehört; und der Wind – Teufel! aus dem Winde kann man alles machen.«

Cassy wußte, daß Legree von ihrem Blick unruhig wurde, und deshalb antwortete sie nicht, sondern starrte ihn mit demselben seltsamen unheimlichen Ausdruck wie vorher an.

»Heraus mit der Sprache, Weib – du bist anderer Meinung?« sagte Legree.

»Können Ratten die Treppe herunterkommen und durch den Gang schreiten und eine Türe öffnen, wenn du sie verschlossen und einen Stuhl dagegengestellt hast?« sagte Cassy. »Und können sie trapp, trapp, trapp, gerade auf dein Bett losschreiten und ihre Hand ausstrecken, so?« Cassy hatte ihre glitzernden Augen starr auf Legree geheftet, während sie sprach, und er stierte sie an, wie ein Mann, den ein böser Traum gefangenhält, bis er, wie sie zuletzt ihre ruhig kalte Hand auf die seine legte, mit einem Fluche zurücksprang.

»Weib, was meinst du, hast du das gesehen?«

»O nein – natürlich nicht – hätte ich das gesagt?« sagte Cassy mit kaltem Hohnlächeln.

»Aber hast du es wirklich gesehen? Sage, Cassy, was war’s eigentlich sprich dich aus!«

»Du kannst selbst dort schlafen«, sagte Cassy, »wenn du’s wissen willst.«

»Kam es aus dem Dachraume, Cassy?«

»Es – was?« sagte Cassy.

»Nun, was du erzähltest.«

»Ich habe dir nichts erzählt«, sagte Cassy mit mürrischer Verstocktheit. Legree ging unruhig im Zimmer auf und ab.

»Das muß untersucht werden. Heute abend noch werde ich nachsehen. Ich nehme meine Pistolen –«

»Tu das«, sagte Cassy, »schlafe in dem Zimmer. Ich möchte wirklich, du tätest es. Schieß mit deinen Pistolen danach – tue es!« Legree stampfte mit dem Fuße und fluchte fürchterlich.

»Fluche nicht«, sagte Cassy. »Niemand kann wissen, wer dich hört. Horch! Was war das?«

»Was?« sagte Legree aufschreckend.

Eine schwere alte Wanduhr, die in einer Ecke des Zimmers stand, schlug langsam zwölf.

Aus einem oder dem anderen Grunde konnte Legree weder sprechen noch sich regen, ein dumpfes Entsetzen hielt ihn gefangen, während Cassy ihn mit einem stechenden, höhnischen Glanz im Auge ansah und die Schläge zählte.

»Zwölf Uhr, jetzt wollen wir sehen«, sagte sie, indem sie sich umdrehte und die auf den Gang führende Tür öffnete und stehenblieb, wie um zu lauschen.

»Horch! Was ist das?« sagte sie und erhob den Finger.

»Es ist bloß der Wind«, sagte Legree. »Hörst du nicht, wie verwünscht es draußen stürmt.«

»Simon, komm hierher«, sagte Cassy flüsternd, indem sie seine Hand ergriff und ihn an den Fuß der Treppe führte. »Weißt du, was das ist? Horch!«

Ein wilder Schrei gellte die Treppe herunter. Er kam aus dem Dachraum. Legree wankten die Knie, sein Gesicht wurde weiß vor Furcht.

»Willst du nicht deine Pistolen holen?« sagte Cassy mit einem Hohnlächeln. »Es ist Zeit, daß wir die Sache untersuchen, das ist gewiß. Ich wollte, du gingest jetzt hinauf, sie sind dabei.«

»Ich gehe nicht«, sagte Legree mit einem Fluche.

»Warum nicht? Wir wissen ja, es gibt keine Gespenster! Komm!« Und Cassy sprang lachend die gewundene Treppe hinauf und sah sich nach ihm um. »Komm mit!«

»Ich glaube, du bist wirklich der Teufel«, sagte Legree. »Komm herunter, du Hexe – komm herunter, Cassy! Du sollst nicht hinaufgehen!«

Aber Cassy lachte wild auf und flog vollends hinauf. Er hörte sie die Tür des Dachraums aufmachen. Ein heftiger Windstoß fuhr herunter und löschte das Licht aus, welches er in der Hand hielt, und zugleich erscholl ein entsetzliches, gespenstisches Gekreisch; es war ihm, als ob es ihm unmittelbar ins Ohr gellte.

Wie wahnwitzig stürzte Legree ins Zimmer zurück, wohin ihm in wenigen Augenblicken Cassy folgte, bleich, ruhig, kalt, wie ein Racheengel und mit dem alten grauenerregenden Funkeln in dem Auge.

»Ich hoffe, du bist zufrieden gestellt«, sagte sie.

»Verwünscht seist du, Cassy!« sagte Legree.

»Weshalb?« sagte Cassy. »Ich bin nur hinaufgegangen und habe die Tür zugemacht. Was mag es wohl mit diesem Dachraume für ein Bewenden haben, Simon?« sagte sie.

»Das geht dich nichts an!« sagte Legree.

»Wirklich nicht? Nun, jedenfalls freut es mich, daß ich nicht darunter schlafe!« sagte Cassy.

Als Cassy sah, daß der Abend stürmisch werden würde, war sie oben im Dachraume gewesen und hatte die Fenster geöffnet. Natürlich mußte nun, wie sie die Tür aufmachte, ein heftiger Zug entstehen und das Licht auslöschen.

Das mag als eine Probe des Spiels dienen, welches Cassy Legree vorgaukelte, bis er lieber seinen Kopf in eines Löwen Rachen gesteckt hätte, als in diesen Dachraum. Unterdessen brachte Cassy nachts, wenn alle übrigen schliefen, langsam und vorsichtig einen für längere Zeit ausreichenden Vorrat Lebensmittel zusammen. Sie trug auch Stück für Stück den größten Teil von ihrer und Emmelines Garderobe hinauf. Als alles soweit fertig war, wartete sie nur noch auf eine geeignete Gelegenheit, um ihren Plan auszuführen.

In einer gutgelaunten Stunde hatte Cassy Legree das Versprechen abgeschmeichelt, sie mit nach der nächsten Stadt zu nehmen, die unmittelbar am Red River lag. Er hielt sein Versprechen, und sie merkte sich mit einem zu fast übernatürlicher Klarheit geschärften Gedächtnis jede Wendung des Weges und schätzte bei sich die Zeit ab, die sie auf die Zurücklegung desselben werde verwenden müssen.

Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo alles zur Tat reif war, und unseren Lesern wird es vielleicht nicht uninteressant sein, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, um den letzten Meisterstreich vorbereiten zu sehen.

Es war gegen Abend.

Legree hatte einen Ritt auf eine benachbarte Farm gemacht. Seit vielen Tagen hatte sich Cassy ungewöhnlich gnädig und nachgiebig in ihren Launen gezeigt, und sie und Legree hatten allem Anschein nach auf dem besten Fuße miteinander gestanden. Jetzt finden wir sie und Emmeline in dem Zimmer der letzteren mit dem Zusammensuchen und Packen zweier Bündel beschäftigt.

»So, das wird genug sein«, sagte Cassy. »Jetzt setz deinen Hut auf und laß uns aufbrechen: Es ist jetzt gerade die rechte Zeit.«

»Aber sie können uns ja noch sehen«, sagte Emmeline.

»Das sollen sie ja«, sagte Cassy ruhig. »Siehst du nicht, daß wir ihnen jedenfalls das Vergnügen lassen müssen, uns zu verfolgen? Wir machen es so: Wir stehlen uns zur Hintertür hinaus und laufen nach den Baracken zu. Sambo oder Quimbo sieht uns gewiß. Sie verfolgen uns, und wir flüchten in den Sumpf; dann können sie uns nicht weiterverfolgen, sondern müssen erst nach dem Hause zurück und Lärm machen und die Hunde losketten usw.; und während sie herumlärmen und übereinanderstolpern, wie sie es immer machen, schleichen wir uns in den Bach, der hinter dem Hause läuft, und waten in ihm fort, bis wir der Hintertür gegenüber kommen. Dadurch werden die Hunde irre, denn sie verlieren die Spur im Wasser. Alles wird aus dem Hause fortlaufen, um uns zu suchen, und dann schlüpfen wir zur Hintertür herein und hinauf in den Dachraum, wo ich in einer der großen Kisten ein hübsches Bett zurechtgemacht habe. In dem Dachraume müssen wir eine ziemliche Zeit bleiben, denn ich sage dir, er wird Himmel und Erde aufbieten, uns zu fangen. Er wird ein paar von den alten Sklavenaufsehern von den anderen Plantagen kommen lassen und eine große Jagd anstellen; und sie werden keinen Zollbreit von diesem Sumpfe undurchsucht lassen. Er prahlt damit, daß ihm noch kein Sklave entflohen ist. So mag er denn suchen, solange es ihm gefällt.«

»Cassy, wie gut du dir alles ausgedacht hast!« sagte Emmeline. »Wer anders als du hätte jemals darauf kommen können?«

Weder Freude noch Frohlocken zeigte sich in Cassys Augen – nur eine verzweiflungsvolle Entschlossenheit.

»Komm«, sagte sie und reichte Emmeline die Hand.

Die beiden Flüchtlinge schlüpften geräuschlos aus dem Hause und eilten durch die dichter werdenden Schatten des Abends die Baracken entlang. Der zunehmende Mond am westlichen Himmel verzögerte ein wenig den Eintritt der Nacht. Wie Cassy erwartete, hörten sie, als sie den Rand der die Plantage umgebenden Sümpfe fast erreicht hatten, eine Stimme hinter sich halt rufen. Es war jedoch nicht Sambo, sondern Legree, der sie mit heftigen Verwünschungen verfolgte. Der Ton machte den schwächeren Charakter Emmelines wanken.

Sie ergriff Cassy beim Arme und sagte:

»O Cassy, ich werde ohnmächtig!«

»Dann mußt du sterben!« sagte Cassy, indem sie ein kleines Stilett hervorzog und es vor den Augen des Mädchens funkeln ließ.

Die Drohung erfüllte ihren Zweck. Emmeline fiel nicht in Ohnmacht, sondern stürzte sich mit Cassy in einen Teil des Sumpflabyrinths, welcher so tief und dunkel war, daß Legree jede Hoffnung aufgeben mußte, ihnen ohne weiteren Beistand zu folgen.

»Na, jedenfalls sind sie jetzt in die Falle gelaufen – die Bälger!« sagte er und lachte brutal in sich hinein. »Jetzt haben wir sie sicher. Sie sollen mir dafür schwitzen!«

»Heda, Sambo! Quimbo! Alles zuhauf!« rief Legree vor den Baracken, wo die Männer und Frauen eben von der Arbeit kamen. »Es sind zwei Flüchtlinge im Sumpf. Jeder Nigger, der sie fängt, kriegt fünf Dollar. Laßt die Hunde los! Laßt Tiger und Fury und die übrigen los!«

Die Aufregung, welche diese Nachricht auf der Stelle hervorbrachte, war groß. Viele kamen diensteifrig gesprungen, um ihre Hilfe anzubieten, teils von der Aussicht auf die Belohnung, teils von der kriechenden Dienstwilligkeit bewogen, welche eine der schädlichsten Folgen der Sklaverei ist. Einige rannten dorthin, andere dahin. Einige wollten Fackeln von Fichtenästen holen. Andere ketteten die Hunde los, deren heiseres wildes Gebell die Lebendigkeit der Szene nicht wenig vermehrte.

»Master, sollen wir sie schießen, wenn wir sie nicht haschen können?« sagte Sambo, dem sein Herr eine Büchse herausbrachte.

»Auf Cassy könnt ihr schießen, wenn ihr Lust habt. Es ist Zeit, daß sie zum Teufel geht, wohin sie gehört; aber auf das Mädchen nicht«, sagte Legree. »Und jetzt, Burschen, seid munter und flink. Fünf Dollar demjenigen, der sie hascht, und außerdem ein Glas Branntwein für jeden von euch!«

Die ganze Schar eilte unter dem Schimmer flammender Fackeln und Geheul und wildem Gebrüll von Menschen und Tieren nach dem Sumpfe, und eine Strecke liefen alle im Hause Beschäftigten dem Haufen nach. Deshalb war das ganze Haus verlassen, als Cassy und Emmeline zur Hintertür hereinschlüpften. Das Geschrei und Gebrüll ihrer Verfolger schallte noch durch die Luft; und aus den Fenstern des Wohnzimmers konnten Cassy und Emmeline sehen, wie sich der Haufe mit den Fackeln eben am Rande des Sumpfes entlang ausbreitete.

»Sieh!« sagte Emmeline zu Cassy. »Die Jagd hat angefangen. Sieh, wie die Lichter herumtanzen! Horch, die Hunde, horch! Hörst du nicht? Wenn wir dort wären, wäre unser Leben keine Picayune wert. O, um Gottes willen, wir wollen uns verstecken. Rasch!«

»Wir haben keine Veranlassung zu eilen«, sagte Cassy kaltblütig. »Sie sind alle der Jagd nachgelaufen – das ist der Spaß des heutigen Abends! Wir werden seinerzeit schon hinaufgehen. Unterdessen will ich für die Reisekosten sorgen«, sagte sie und holte ruhig einen Schlüssel aus der Tasche des Rocks, den Legree in der Eile hingeworfen hatte.

Sie schloß den Schreibtisch auf und nahm einen Packen Banknoten heraus, den sie rasch überzählte.

»Ach, tu das doch nicht«, sagte Emmeline.

»Warum nicht?« sagte Cassy. »Willst du, daß wir in den Sümpfen verhungern sollen oder Geld genug haben, um die freien Staaten erreichen zu können? Mit Geld kann man alles ausrichten, Mädchen.« Und mit diesen Worten steckte sie das Geld in ihren Busen.

»Das ist aber gestohlen«, flüsterte Emmeline fast weinend.

»Gestohlen?« sagte Cassy mit höhnischem Lachen. »Die, welche Leib und Seele stehlen, sollen uns nicht damit kommen. Jede dieser Banknoten ist gestohlen – gestohlen von armen, verhungernden, geplagten Geschöpfen, die zuletzt zu seinem Nutzen zum Teufel gehen müssen. Er soll mir vom Stehlen sprechen! Aber wir können ebensogut hinaufgehen; ich habe einen Vorrat Lichter und einige Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben. Ich bin ziemlich sicher, daß sie uns dort nicht suchen werden. Wenn sie’s tun, so will ich ihnen schon ein Gespenst zeigen.«

Als Emmeline in den Dachraum trat, fand sie eine große Kiste, in der früher verschiedene schwere Möbel eingepackt gewesen, die aber jetzt auf die eine Seite gestellt war, so daß die offene Seite nach der Mauer oder vielmehr der Dachrinne zugekehrt stand.

Cassy zündete eine kleine Lampe an, und nun krochen sie unter der Dachrinne herum und nahmen in der Kiste Platz. Ein paar kleine Matratzen und einige Kissen lagen darin; ein Kasten in der Nähe enthielt reichlichen Vorrat von Lichtern, Lebensmitteln und den zu ihrer Reise nötigen Kleidungsstücken, die Cassy in Bündel von merkwürdig kleinem Umfang zusammengeschnürt hatte.

»Da«, sagte Cassy, wie sie die Lampe an einen kleinen Haken hing, den sie zu diesem Zweck in die Seitenwand der Kiste geschlagen hatte, »das ist für jetzt unsere Wohnung. Wie gefällt sie dir?«

»Bist du sicher, daß sie uns nicht im Dachraume suchen?«

»Ich möchte Simon Legree hier sehen«, sagte Cassy. »Nein, sie kommen gewiß nicht. Er wird zu froh sein, wegbleiben zu können. Was die Dienstboten betrifft, so würde sich jeder von ihnen lieber erschießen lassen, als daß er hier hereinguckte.«

Einigermaßen beruhigt, setzte sich Emmeline wieder auf ihr Kissen.

»Was meintest du, Cassy, als du sagtest, du wolltest mich töten?« sagte sie voll Einfalt.

»Ich wollte dich abhalten, in Ohnmacht zu fallen«, sagte Cassy, »und es gelang auch. Und jetzt sage ich dir, Emmeline, du mußt dich entschließen, nicht ohnmächtig zu werden, was auch kommen mag. Das ist ganz und gar nicht nötig. Wenn ich dich nicht abgehalten hätte, wärst du jetzt in der Gewalt dieses Elenden.«

Emmeline überlief ein Schauer.

Einige Zeitlang saßen die beiden schweigend nebeneinander. Cassy las in einem französischen Buche; Emmeline sank von der Erschöpfung überwältigt, in einen Halbschlummer und schlief einige Zeit. Lautes Rufen und Schreien, Pferdegetrappel und Hundegebell weckte sie.

Mit einem leisen Aufschrei fuhr sie auf.

»Die Jäger sind wieder zurück – weiter ist’s nichts«, sagte Cassy ruhig. »Fürchte dich nicht. Sieh zu diesem Astloch hinaus. Siehst du sie alle unten? Simon muß es für diese Nacht sein lassen. Schau nur, wie schmutzig sein Pferd ist vom Herumwaten im Sumpfe; die Hunde sehen auch etwas demütig aus. Ja, mein lieber Mann, Ihr werdet die Jagd noch manchmal versuchen müssen – das Wild ist nicht da.«

»Ach, sprich doch nicht!« sagte Emmeline. »Wenn sie dich hören.«

»Wenn sie etwas hören, so werden sie sich ganz besonders in acht nehmen, nicht hierherzukommen«, sagte Cassy. »Dabei ist keine Gefahr, wir können so viel Lärm machen, wie wir wollen – wir vergrößern nur den Effekt damit.«

Endlich herrschte mitternächtliche Stille über dem ganzen Hause. Sein Unglück verwünschend und grimmige Rache für den nächsten Tag schwörend, ging Legree zu Bett.

35. Kapitel


Der Märtyrer

Die Flucht Cassys und Emmelines reizten das schon vorher erbitterte Gemüt Legrees bis auf den höchsten Grad auf, und seine Wut traf, wie zu erwarten war, das schutzlose Haupt Toms. Als er in seiner Eile seinen Leuten die Nachricht ankündigte, war in Toms Auge ein plötzliches Aufleuchten und ein rasches Emporheben der Hände gen Himmel zu bemerken gewesen, das ihm nicht entgangen war. Er sah, daß er sich nicht unter die Verfolger mischte. Anfangs wollte er ihn dazu zwingen, aber da er aus alter Erfahrung seine Unbeugsamkeit kannte, wenn man ihm befahl, an einer unmenschlichen Tat teilzunehmen, so wollte er sich in seiner Eile nicht durch einen Streit mit ihm aufhalten.

Daher blieb Tom mit ein paar andern, die von ihm beten gelernt hatten, zurück und schickte Gebete für das glückliche Entkommen der Flüchtlinge zum Himmel empor.

Als Legree mißvergnügt über die vergebliche Jagd zurückkehrte, fing der lang gesammelte Haß seiner Seele gegen seinen Sklaven sich zu einem vernichtenden Sturme zu sammeln an. Hatte ihm nicht dieser Mann getrotzt – standhaft, kraftvoll und unwiderstehlich, seitdem er ihn gekauft hatte? War nicht ein Geist in ihm, der, so stumm er war, in ihm wie die Gluten der Verdammnis brannte?

»Ich hasse ihn!« sagte Legree, wie er sich in dieser Nacht im Bette in die Höhe setzte. »Ich hasse ihn. Und ist er nicht mein Eigentum? Kann ich nicht mit ihm machen, was mir gefällt? Wer soll mich daran hindern, möchte ich wissen!« Und Legree ballte die Faust und schüttelte sie, als hätte er etwas in den Händen, was er in Stücke zerreißen könnte.

Aber dann war Tom ein getreuer, wertvoller Diener; und obgleich ihn Legree deshalb um so mehr haßte, so legte ihm doch diese Rücksicht wenigstens einigermaßen einen Zaum an.

Den nächsten Morgen beschloß er, noch nichts zu sagen; eine Jagdgesellschaft aus einigen benachbarten Plantagen mit Hunden und Flinten zu versammeln; den Sumpf zu umstellen, und die Jagd systematisch zu betreiben. Wenn sie Erfolg hatte, dann war die Sache gut, wenn nicht, so wollte er Tom vor sich laden, und – er knirschte die Zähne zusammen, und sein Blut kochte in ihm – dann wollte er den Trotz dieses Burschen brechen, oder – er flüsterte sich innerlich ein grausenhaftes Wort zu, dem seine Seele beistimmte.

Man liest oft, daß das Interesse des Herrn ein genügender Schutz für den Sklaven sei. Der Mensch verkauft in der Wut seines wahnsinnigen Willens wissentlich und mit offenem Auge, um sein Ziel zu erreichen, seine eigene Seele dem Teufel; und wird er mit seines Nachbars Leib sorglicher umgehen?

»Ha«, sagte Cassy am nächsten Tag in der Dachkammer, wie sie durch das Astloch rekognoszierte. »Die Jagd soll heute von neuem beginnen!«

Drei oder vier Reiter galoppierten vor dem Hause herum; und ein oder zwei Koppel fremder Hunde zerrten sich mit den Negern, welche sie hielten, herum und bellten und knurrten einander an.

Zwei von den Männern sind Aufseher von benachbarten Plantagen; andere gehörten zu Legrees Zechgesellen aus der Schenke einer benachbarten Stadt und waren bloß zur Befriedigung ihrer Jagdlust hergekommen. Eine Sammlung von konfiszierteren Gesichtern konnte man sich vielleicht nicht denken. Legree schenkte ihnen fleißig Branntwein ein, wie auch den Negern, die von den verschiedenen Plantagen zur Jagd hergeschickt worden waren, denn es war Maxime, jeden Dienst dieser Art für die Neger soviel als möglich zu einem Feiertage zu machen.

Cassy legte das Ohr an das Astloch; und da der Morgenwind gerade auf das Haus zuwehte, konnte sie ziemlich viel von der Unterhaltung belauschen. Ein düsteres Lächeln des Hohns überzog den finsteren, strengen Ernst ihres Gesichts, wie sie horchte und vernahm, wie sie die Striche verteilten, die Vorzüge der Hunde besprachen und Befehle wegen des Schießens und der Behandlung der Flüchtlinge, wenn sie eingefangen würden, gaben.

Cassy zog sich zurück und sagte, indem sie die Hände zusammenschlug und gen Himmel blickte: »O großer, allmächtiger Gott! Wir sind alle Sünder; aber was haben wir getan, mehr als alle übrigen auf der Welt, daß man uns so behandelt?«

Ein schrecklicher Ernst lag auf ihrem Gesichte und in ihrer Stimme, wie sie sprach.

»Wenn es nicht deinetwegen wäre, Kind«, sagte sie mit einem Blick auf Emmeline, »so ginge ich hinaus zu ihnen, und ich würde dem von ihnen danken, der mich niederschösse, denn was nützt mir die Freiheit? Kann sie mir meine Kinder zurückgeben oder mich wieder zu dem machen, was ich früher war?«

In ihrer kindischen Einfalt fürchtete sich Emmeline etwas vor den melancholischen Anfällen Cassys. Sie sah betroffen aus, aber gab keine Antwort. Sie ergriff nur ihre Hand mit einer sanften liebkosenden Bewegung.

»Nein, tu das nicht!« sagte Cassy und versuchte ihr die Hand zu entziehen. »Du gewöhnst mich daran, dich zu lieben, und ich will nie wieder etwas auf Erden lieben!«

»Arme Cassy!« sagte Emmeline. »Sprich nicht so! Wenn der Herr uns die Freiheit schenkt, wird er dir vielleicht auch deine Tochter zurückgeben; jedenfalls werde ich dir eine Tochter sein – ich weiß, ich werde meine arme alte Mutter nie wieder sehen! Ich werde dich lieben, Cassy, magst du mich lieben oder nicht.«

Das sanfte, kindliche Gemüt siegte. Cassy setzte sich neben sie, umschlang sie mit ihrem Arme, streichelte ihr weiches, braunes Haar; und Emmeline sah dann verwundert die Schönheit ihrer herrlichen Augen, die jetzt von dem sanfteren Glänze der Tränen leuchteten.

»O Emmeline!« sagte Cassy. »Ich habe für meine Kinder gehungert und gedurstet, und meine Augen verdunkeln sich vor Sehnsucht nach ihnen! Hier! Hier!« und sie schlug sich auf die Brust. »Hier ist alles wüst und leer! Wenn Gott mir meine Kinder zurückgäbe, dann könnte ich beten.«

»Du mußt auf ihn vertrauen, Cassy«, sagte Emmeline, »er ist unser Vater!«

»Sein Zorn lastet auf uns«, sagte Cassy, »er hat sich im Grimm von uns weggewendet.«

»Nein, Cassy! Er wird es gut mit uns machen! Wir wollen auf ihn hoffen«, sagte Emmeline. »Ich habe immer Hoffnung gehabt!«

Die Jagd war lang, lebhaft und gründlich, aber erfolglos; und mit ernstem, ironischem Frohlocken blickte Cassy auf Legree herab, als er müde und übel gelaunt vom Pferde stieg.

»Quimbo«, sagte Legree, wie er sich im Wohnzimmer hinstreckte, »jetzt gehst du auf der Stelle hin und holst den Tom her! Der alte Höllenbraten ist in die ganze Sache eingeweiht; und ich will’s aus seinem alten, schwarzen Fell heraushaben, oder er soll mir büßen.«

Sambo und Quimbo waren beide, obgleich sie einander haßten, darin eines Sinnes, daß sie Tom nicht minder aufrichtig haßten. Legree hatte ihnen erzählt, daß er ihn anfangs zu einem Oberaufseher während seiner Abwesenheit bestimmt habe; und das hatte in sie einen Keim des Hasses gelegt, der in ihrer niedrigen und schlechten Seele gewachsen war, wie sie bemerkten, daß der Herr immer schlimmer gegen ihn gesinnt wurde. Quimbo eilte daher bereitwillig fort, um den Befehl auszuführen.

Tom hörte die Botschaft mit ahnendem Herzen. Aber er kannte den ganzen Plan der Flüchtlinge, und wo sie jetzt versteckt waren. Er kannte den schonungslosen Charakter des Mannes, mit dem er zu tun hatte, und seine despotische Macht. Aber er fühlte sich stark in Gott, dem Tode zu begegnen, ehe er die Hilflosen verriet.

Er setzte seinen Korb neben die Reihe hin, und sagte mit einem Blick gen Himmel: »In Deine Hände befehl ich meinen Geist! Du hast mich erlöset, Herr, Du treuer Gott!« Und dann fügte er sich ruhig der rauhen, brutalen Faust, mit der Quimbo ihn packte.

»Ja, ja!« sagte der Riese, wie er ihn fortschleppte. »Diesmal wirst du’s schon kriegen! Master ist gar giftig, diesmal! Diesmal hilft kein Herauslügen! Heute kriegst du’s, darauf kannst du dich verlassen! Wirst schon sehen, was es heißt, Masters Niggern fortlaufen zu helfen! Wirst schon sehen, was du kriegst!« Von den drohenden Worten erreichte keines sein Ohr – eine höhere Stimme sprach zu ihm: »Fürchte dich nicht vor denen, so den Leib töten, und die Seele nicht mögen töten.« Von diesen Worten erzitterten Nerven und Gebeine des unglücklichen Mannes, als berührte sie der Finger Gottes; und er fühlte die Kraft von tausend Seelen in sich. Wie er vorüberging, schienen die Bäume und die Gebüsche, die Hütten seiner Knechtschaft, das ganze Schauspiel seiner Erniedrigung vor ihm vorbeizufliegen wie die Landschaft vor dem dahinrollenden Wagen. Seine Seele erbebte. Seine Heimat stand ihm vor Augen – und die Stunde der Erlösung schien zu nahen. »Nun, Tom«, sagte Legree, indem er auf ihn zutrat und ihn grimmig beim Kragen packte, wobei er in einem Paroxismus entschlossener Wut durch die Zähne sprach, »weißt du, daß ich mich entschlossen habe, dich totzuschlagen?«

»Das ist sehr wahrscheinlich, Master«, sagte Tom ruhig.

»Ich – habe – mich – dazu – entschlossen«, sagte Legree mit finsterer, schrecklicher Ruhe, »wenn du mir nicht sagst, was du von diesen Dirnen weißt.«

Tom schwieg.

»Hörst du!« sagte Legree mit dem Fuße stampfend und brüllte wie ein wütender Löwe. »Sprich!«

»Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Master«, sagte Tom mit langsamem, festem, überlegtem Tone.

»Wagst du mir zu sagen, du wüßtest nichts, du alter, schwarzer Christ?« sagte Legree.

Tom schwieg.

»Sprich!« donnerte Legree und versetzte ihm einen wütenden Schlag.

»Weißt du etwas?«

»Ich weiß etwas, Master, aber ich kann nichts sagen. Ich kann sterben!«

Legree holte tief Atem, und seine Wut unterdrückend, packte er Tom beim Arm, näherte sein Gesicht dem des Negers, daß er es fast berührte, und sagte mit schrecklicher Stimme: »Höre, Tom – du glaubst, weil ich dich schon einmal habe so laufenlassen, meinte ich nicht, was ich sage, aber diesmal habe ich meinen Entschluß gefaßt und den Schaden berechnet. Du hast dich immer gegen mich aufgelehnt. Jetzt will ich deinen Trotz brechen oder dich totschlagen! Eins oder das andere. Ich will jeden Tropfen Blut, den du im Leibe hast, zählen, und dir jeden einzeln abzapfen, bis du nachgibst.«

Tom blickte seinen Herrn an und antwortete: »Master, wenn Sie krank wären oder in Not oder mit dem Tode kämpften, und ich könnte Sie retten, so gäbe ich mein Herzblut hin; und wenn das Abzapfen jedes Bluttropfens aus diesem armen alten Leichnam Ihre unsterbliche Seele retten könnte, so gäbe ich es gern hin, wie der Herr sein Blut für mich vergossen hat. O Master, bringen Sie diese große Sünde nicht auf Ihre Seele, es wird Ihnen mehr Schaden tun als mir! Tun Sie das Schlimmste, was Sie können, meine Qual ist bald vorbei; aber wenn Sie nicht bereuen, wird Ihre Qual nie zu Ende gehen!«

Wie eine wunderbare Strophe himmlischer Musik, die in der Pause eines Sturmes vernommen wird, brachte dieser Gefühlsausbruch ein kurzes Schweigen hervor. Legree stand betroffen da und sah Tom an; und so tief war das Schweigen, daß man das Ticken der alten Uhr hören konnte, welche mit stummem Zeiger die letzten Augenblicke der Barmherzigkeit und der Prüfungszeit für dieses verhärtete Herz maß.

Es war nur ein Augenblick. Eine einzige zögernde Pause, ein unentschlossenes, bereuendes Schwanken, und der Geist des Bösen kehrte zurück mit fieberhafter Gewalt, und Legree schlug wutschäumend sein Opfer zu Boden.

»Es ist fast vorbei mit ihm, Master«, sagte Sambo, wider seinen Willen gerührt von der Geduld seines Opfers.

»Schlagt zu, bis er nachgibt! Gebt es ihm! Gebt es ihm!« brüllte Legree. »Jeder Blutstropfen muß aus seinem Leibe heraus, wenn er nicht bekennt.«

Tom schlug die Augen auf und blickte seinen Herrn an. »Ihr armen, sündhaften Kreaturen!« sagte er. »Ihr könnt mir weiter nichts tun! Ich vergebe euch von ganzer Seele!« Und das Bewußtsein verließ ihn.

»Ich glaube wahrhaftig, es ist endlich aus mit ihm«, sagte Legree und trat näher, um ihn zu besehen. »Ja, es ist aus mit ihm! Na, so wäre ihm endlich das Maul gestopft – das ist ein Trost!«

Ja, Legree, aber wer soll die Stimme in deiner Seele zum Schweigen bringen – in dieser Seele, die weder Reue noch Gebet, noch Hoffnung mehr retten kann und in welcher das Feuer, das nie gelöscht werden soll, bereits brannte?

Aber Tom war noch nicht ganz tot. Seine wunderbaren Worte und frommen Gebete hatten die Herzen der vertierten Schwarzen gerührt, welche sich als Werkzeuge der Grausamkeit gegen ihn hatten brauchen lassen; und kaum hatte Legree sich entfernt, so banden sie ihn los und versuchten ihn in ihrer Unwissenheit wieder ins Leben zurückzurufen – als ob das ihm eine Wohltat gewesen wäre.

»Ach, wir haben etwas schrecklich Böses getan!« sagte Sambo. »Hoffe, Master wird’s zu verantworten haben und nicht wir.«

Sie wuschen seine Wunden – sie bereiteten ihm ein notdürftiges Lager aus Ausschußbaumwolle, damit er daruf ruhen könne; und einer schlich sich nach dem Hause und bettelte sich ein Glas Branntwein von Legree, unter dem Vorwande, daß er erschöpft sei und es für sich haben wolle. Er brachte es in die Hütte und goß es Tom in den Mund.

»Ach, Tom!« sagte Quimbo. »Wir haben entsetzlich schlecht an dir gehandelt.«

»Ich vergebe euch von ganzem Herzen!« sagte Tom mit schwacher Stimme.

»O Tom, sage uns doch, wer Jesus ist«, sagte Sambo. – »Jesus, der dir die ganze Nacht hindurch beigestanden hat! – Wer ist das?«

Die Frage weckte den schwindenden Geist. Er ergoß sich in ein paar energischen Worten über den Wunderbaren, über sein Leben, über seinen Tod, seine immerwährende Gegenwart und seine Macht zu erlösen.

Und die beiden verwilderten Gemüter fingen an zu weinen.

»Warum habe ich nie früher davon gehört?« sagte Sambo. »Aber ich glaube daran! – Ich kann nicht anders! Herr Jesus, habe Erbarmen mit uns!«

»Ihr armen Geschöpfe!« sagte Tom. »Gern will ich alles tragen, was mir auferlegt wird, wenn ich euch Christus zuführen kann! O Herr, ich bitte Dich, gib mir auch noch diese beiden Seelen!«

Und das Gebet wurde erhört.

36. Kapitel


Der junge Herr

Zwei Tage darauf fuhr ein junger Mann in einem leichten Wagen durch die Allee von Chinabäumen, warf die Zügel hastig dem Pferde auf den Rücken, sprang heraus und fragte nach dem Besitzer der Plantage.

Es war George Shelby; und um zu zeigen, wie er hierher kam, müssen wir in unserer Geschichte ein wenig zurückgehen.

Der Brief Miß Ophelias an Mrs. Shelby war durch einen unglücklichen Zufall einen oder zwei Monate auf einem abgelegenen Postamt liegen geblieben, ehe er seine Bestimmung erreichte; und als er dort anlangte, war Tom natürlich schon in den fernen Sümpfen des Red River dem Auge verloren.

Mrs. Shelby las die Nachricht mit der tiefsten Teilnahme; aber sofort in dieser Angelegenheit die nötigen Maßregeln zu ergreifen war unmöglich. Sie saß damals am Krankenbett ihres Gatten, der in der Krisis eines hitzigen Fiebers lag. Master George Shelby, der unterdessen ein schlanker junger Mann geworden war, war ihr fortwährender und getreuer Beistand und ihre einzige Stütze in der Verwaltung des väterlichen Geschäfts. Miß Ophelia war so vorsichtig gewesen, den Namen des Advokaten, der die Angelegenheiten der Familie St. Clare ordnete, zu übersenden; und das einzige, was man für jetzt tun konnte, war, sich bei ihm brieflich zu erkundigen. Der plötzliche Tod Mr. Shelbys wenige Tage darauf nahm alsdann für eine Zeitlang alle ihre Teilnahme ausschließlich in Anspruch.

Mr. Shelby legte sein Vertrauen auf die Klugheit seiner Gattin dadurch an den Tag, daß er sie zur einzigen Testamentsvollstreckerin ernannte, und so mußte sie sofort einer großen und verwickelten Masse von Geschäften sich unterziehen.

Mit charakteristischer Energie machte sich Mrs. Shelby auf der Stelle ans Werk, den verwickelten Geschäftsknäuel aufzuwirren, und ihre und Georges Zeit war für mehrere Wochen ganz mit dem Sammeln und Prüfen von Rechnungen, mit dem Verkaufen von Eigentum und dem Bezahlen von Schulden in Anspruch genommen, denn Mrs. Shelby war fest entschlossen, alles klar und rein zu machen, mochten die Folgen für sie sein, wie sie wollten. Unterdessen erhielten sie einen Brief von dem Advokaten, an den Miß Ophelia sie gewiesen, der ihnen aber schrieb, daß er nichts von der Sache wisse; daß der Mann in einer öffentlichen Versteigerung verkauft worden sei und daß er, außer daß er das Geld empfangen habe, von der ganzen Angelegenheit nichts erfahren habe.

Weder George noch Mrs. Shelby konnten sich bei dieser Antwort beruhigen; und deshalb entschloß sich ersterer nach etwa sechs Monaten, da er gerade für seine Mutter Geschäfte am Mississippi zu verrichten hatte, selbst nach New Orleans zu gehen und Nachforschungen anzustellen, in der Hoffnung, Toms Aufenthaltsort zu entdecken und ihn wiederzukaufen.

Nach einigen Monaten fruchtlosen Suchens begegnete George durch den reinsten Zufall in New Orleans einem Manne, der die gewünschte Auskunft geben konnte; und mit dem Gelde in der Tasche nahm unser Held einen Platz auf dem Red-River-Dampfboote, entschlossen, seinen alten Freund aufzusuchen und wieder zurückzukaufen.

Man führte ihn bald in das Haus, wo er Legree in dem Wohnzimmer fand.

Legree empfing den Fremden mit einer Art mürrischer Gastlichkeit.

»Ich höre«, sagte der junge Mann, »daß Sie in New Orleans einen Sklaven namens Tom gekauft haben. Er war auf dem Gute meines Vaters, und ich möchte sehen, ob ich ihn wieder zurückkaufen könnte.«

Legrees Stirn verfinsterte sich, und er rief leidenschaftlich aus: »Ja, ich habe einen Kerl dieses Namens gekauft, und ein Höllengeschäft habe ich mit ihm gemacht! Der widerspenstigste freche Hund! Reizt meine Nigger zum Fortlaufen und hilft wirklich zwei Dirnen, die ihre 800 oder 1000 Dollar jede wert sind, entfliehen. Er gestand das ein, und als ich ihn aufforderte, mir zu sagen, wo sie wären, stellte er sich hin und sagte, er wüßte es, aber er wollte es nicht sagen; und dabei blieb er, obgleich er die tüchtigste Tracht Schläge kriegte, die jemals ein Nigger bekommen hat. Ich glaube, er gibt sich jetzt Mühe, zu sterben, aber ich weiß nicht, ob es ihm gelingen wird.«

»Wo ist er?« rief George mit Ungestüm. »Ich will ihn sehen.« Die Wangen des jungen Mannes waren purpurrot und seine Augen flammten; aber klugerweise sagte er jetzt noch nichts.

»Er liegt in dem Schuppen dort«, sagte ein kleiner Bube, der Georges Pferd hielt.

Legree gab mit einem Fluche dem Knaben einen Tritt; aber George drehte sich ohne ein Wort zu sagen um und ging nach der angegebenen Stelle.

Tom hatte seit der verhängnisvollen Nacht zwei Tage gelegen; nicht leidend, denn jeder Leidensnerv in ihm war abgestumpft und vernichtet. Er lag die meiste Zeit über in einer ruhigen Erstarrung da, denn der kräftige und gutgebaute Körper wollte nicht gleich den eingekerkerten Geist freigeben. Verstohlen und in stiller Nacht hatten ihn arme und verlassene Geschöpfe besucht, welche ihre spärlichen Stunden Schlaf abkürzten, um ihm einige von den Liebesbeweisen, mit denen er stets so freigebig gewesen, wiederzuvergelten. Allerdings hatten diese armen Jünger wenig zu geben – nur ein Glas kaltes Wasser – aber es wurde aus vollem Herzen gegeben.

Tränen waren auf das ehrliche gefühllose Antlitz gefallen, Tränen der Zerknirschung, vergossen von den armen unwissenden Heiden, welche seine Liebe und Geduld im Sterben zur Reue erweckt hatte; und es tönten über ihm heiße Gebete zu einem kaum gefundenen Heiland, von dem sie kaum mehr wußten als den Namen, den aber das ringende unwissende Menschenherz nie umsonst anfleht.

Cassy, die aus ihrem Versteck herausgeschlüpft war und durch Lauschen erfahren hatte, welches Opfer Tom ihr und Emmeline gebracht hatte, war trotz der Gefahr der Entdeckung die Nacht vorher auch bei ihm gewesen; und ergriffen von den wenigen letzten Worten, welche die liebeerfüllte Seele noch Kraft gehabt hatte zu flüstern, war der lange Winter der Verzweiflung, das Eis von Jahren aufgetaut, und das finstere, verzweifelnde Weib hatte geweint und gebetet.

Als George in den Schuppen trat, wurde er fast ohnmächtig.

»Ist’s möglich? – Ist’s möglich?« sagte er und kniete neben ihm nieder. »Onkel Tom, mein armer, armer, alter Freund!«

Etwas von dem Ton der Stimme drang zu dem Ohre des Sterbenden. Er bewegte schwach den Kopf, lächelte und sprach:

»Mein Jesus macht ein Sterbebett
So weich wie Federkissen.«

Tränen, welche seinem Mannesherzen Ehre machten, strömten aus den Augen des jungen Mannes, wie er sich über seinen armen Freund beugte. »O lieber Onkel Tom! Erwache – sprich noch einmal! Blicke auf! Hier ist Master George – dein lieber kleiner Master George. Kennst du mich nicht?«

»Master George!« sagte Tom mit schwacher Stimme und öffnete die Augen. »Master George!« Er blickte verwirrt um sich. Langsam schien der Gedanke seine Seele zu erfüllen, und der leere Blick wurde hell und fest, das ganze Gesicht fing an zu strahlen, die harten Hände falteten sich, und Tränen liefen über die Wangen.

»Gesegnet sei der Herr! Das ist – das ist – alles, was ich wünschte! Sie haben mich nicht vergessen. Das erwärmt mir die Seele, es tut meinem alten Herzen gut! Jetzt werde ich zufrieden sterben! Preise den Herrn, o meine Seele.«

»Du sollst nicht sterben! Du darfst nicht sterben und darfst nicht daran denken! Ich bin gekommen, um dich zurückzukaufen und mit nach Hause zu nehmen«, sagte George mit leidenschaftlichem Ungestüm.

»O Master George, Sie kommen zu spät! Der Herr hat mich gekauft und will mich aufnehmen in sein Haus – und ich sehne mich zu ihm. Der Himmel ist besser als Kentucky.«

»O stirb nicht! Es ist mein Tod! – Das Herz bricht mir, wenn ich denke, was du gelitten hast – und hier in diesem alten Schuppen zu liegen! Armer, armer Mann!«

»Nennen Sie mich nicht armer Mann!« sagte Tom feierlich. »Ich war ein armer Mann, aber das ist alles vorbei. Ich stehe in der Pforte und gehe ein in die Herrlichkeit! O Master George! Der Himmel ist da! Ich habe den Sieg errungen – der Herr Jesus hat ihn mir gegeben! Ehre sei seinem Namen!«

Voll Ehrfurcht vernahm George die Kraft, die Heftigkeit, die Gewalt, mit der der Sterbende diese gebrochenen Sätze sprach. Er blickte ihn schweigend an.

Tom ergriff seine Hand und fuhr fort: »Sie dürfen’s nicht der armen Chloe erzählen, wie Sie mich gefunden haben: Es wäre gar zu schrecklich für sie. Sagen Sie ihr nur, daß Sie mich gefunden haben, wie ich zur himmlischen Herrlichkeit einging und daß ich auf niemand warten konnte; und sagen Sie ihr, daß der Herr mir überall und immer beigestanden und mir alles leichtgemacht habe. Und ach, die armen Kinder und das Kleine – mein altes Herz hat sich oft, gar oft fast zu Tode nach ihnen gesehnt. Sagen Sie ihnen allen, sie sollen mir folgen – mir folgen! Sagen Sie Master und der lieben guten Missis und allen übrigen, wie ich sie geliebt habe! Sie wissen das nicht! Es ist mir, als liebte ich sie alle! Ich liebe jedes Geschöpf überall – es ist nichts, als Liebe! Ach, Master George! Wie herrlich ist’s, ein Christ zu sein!«

In diesem Augenblick trat Legree an die Tür des Schuppens, blickte mit einer verstockten Miene affektierter Gleichgültigkeit hinein und entfernte sich wieder.

»Der alte Satan!« sagte George in seinem Zorne. »Es ist ein Trost für mich, daß der Teufel ihm das seinerzeit vergelten wird!«

»Ach nein! – Ach sprechen Sie nicht so!« sagte Tom und drückte ihm die Hand. »Er ist eine arme sündhafte Kreatur. Es ist grauenhaft, daran zu denken! Ach, wenn er nur bereuen wollte, so würde der Herr ihm jetzt vergeben, aber ich fürchte, er wird nie bereuen.«

»Ich hoffe es nicht!« sagte George. »Ich mag ihn nie im Himmel sehen.«

»Still, Master George! Das tut mir weh. Reden Sie nicht so. Er hat mir keinen wirklichen Schaden zugefügt – hat nur die Pforte des Himmelreichs mir geöffnet! Weiter gar nichts!«

In diesem Augenblick verschwand der plötzliche Anflug von Kraft, welchen die Freude, seinen jungen Herrn wiederzusehen, in dem Sterbenden geweckt hatte.

Er wurde auf einmal viel matter; er schloß die Augen; und die geheimnisvolle und erhabene Wandlung zeigte sich in seinem Antlitz, welche die Nähe einer anderen Welt verrät.

Er fing an in langen tiefen Zügen zu atmen, und seine breite Brust hob und streckte sich schwer. Der Ausdruck seines Gesichts war der eines Siegers.

»Wer – wer – wer will uns von der Liebe Christi trennen?« sagte er mit einer Stimme, die mit der Schwäche des Todes rang, und mit einem Lächeln schlummerte er ein.

Feierliches Grauen hielt George gefangen. Es war ihm, als wäre dieser Fleck heilig, und wie er die starren Augen zudrückte und von der Leiche aufstand, erfüllte ihn nur ein Gedanke, – derjenige, den sein einfacher alter Freund ausgesprochen hatte: »Wie herrlich ist es, ein Christ zu sein!«

Er wendete sich um. Legree stand mürrisch hinter ihm.

Ein Etwas in dieser Sterbeszene hatte das natürliche Ungestüm jugendlicher Leidenschaft im Zaum gehalten. Die Gegenwart des Mannes war George einfach widrig, und er fühlte bloß den Trieb mit so wenig Worten als möglich von ihm loszukommen. Seine funkelnden schwarzen Augen auf Legree heftend, sagte er bloß, indem er auf die Leiche deutete:

»Ihr habt alles von ihm erlangt, was er Euch geben konnte. Was soll ich Euch für die Leiche bezahlen? Ich will sie mitnehmen und anständig begraben.«

»Ich handle nicht mit toten Niggern«, sagte Legree mürrisch. »Ihr könnt ihn begraben, wann und wo Ihr Lust habt.«

»Burschen«, befahl George zwei oder drei Negern, welche die Leiche betrachteten, »helft mir ihn aufheben und nach meinem Wagen tragen; und bringt mir einen Spaten.«

Einer derselben lief fort, um einen Spaten zu holen, die beiden anderen halfen George die Leiche in den Wagen legen.

George würdigte Legree, der über diesen Befehl nichts sagte, sondern mit einer Miene gezwungener Teilnahmslosigkeit und pfeifend dastand, keines Blicks oder Wortes. Er folgte ihnen mürrisch bis an die Stelle, wo der Wagen vor der Tür stand.

George breitete seinen Mantel im Wagen aus und ließ die Leiche sorgfältig darauflegen, nachdem er den Sitz anders eingehängt hatte, um Platz zu nehmen. Dann drehte er sich um, sah Legree fest an und sagte mit erzwungener Fassung:

»Ich habe Euch noch nicht gesagt, was ich von dieser höchst gräßlichen Tat denke. Es ist hier weder die Zeit noch der Ort dazu. Aber, Sir, dieses unschuldige Blut soll gerächt werden. Ich werde diesen Mord in die Welt ausrufen. Ich gehe zum ersten Friedensrichter und zeige Euch an.«

»Tut das!« sagte Legree und schnippte höhnisch mit den Fingern. »Ich bin wirklich neugierig darauf, wie Ihr das anfangt. Wo wollt Ihr denn Zeugen herbekommen? Wie wollt Ihr’s denn beweisen? Sagt mir das einmal!«

George sah auf den ersten Blick ein, wie recht jener hatte. Es war kein einziger Weißer auf der ganzen Plantage, und in allen Gerichtshöfen des Südens gilt das Zeugnis farbigen Blutes nichts. Es war ihm in diesem Augenblick zumute, als könnte er mit dem entrüsteten Schrei seines Herzens nach Gerechtigkeit den Himmel zerreißen; aber es half nichts.

»Und was ist das auch am Ende für ein Lärm wegen eines toten Niggers?« sagte Legree.

Das Wort fiel wie ein Funken in ein Pulvermagazin. Überlegtheit ist nie eine Haupttugend der Jugend von Kentucky gewesen. George drehte sich um und gab Legree einen so heftigen Faustschlag, daß er der Länge lang aufs Gesicht niederstürzte, und wie er vor Zorn und herausforderndem Trotz glühend über ihm stand, hätte er kein schlechtes Bild seines großen Namenvetters, wie er den Drachen besiegt, dargestellt.

Es gibt jedoch Leute, denen ein tüchtiger Schlag von entschiedenem Nutzen ist. Wenn einer sie geradezu zu Boden schlägt, so scheinen sie sofort eine gewisse Achtung vor ihm zu empfinden, und Legree war einer von dieser Art. Wie er daher aufstand und sich den Staub von den Kleidern wischte, sah er dem langsam davonfahrenden Wagen mit offenbarem Respekt nach; auch tat er nicht eher den Mund auf, als bis er ihm aus den Augen war.

Jenseits der Grenze der Plantage hatte George einen trockenen sandigen Hügel von einigen Bäumen beschattet bemerkt; dort machten sie das Grab.

»Sollen wir den Mantel abnehmen, Master?« sagten die Neger, als das Grab fertig war.

»Nein, nein, begrabt ihn damit. Es ist alles, was ich dir jetzt geben kann, armer Tom, und du sollst es haben.«

Sie legten ihn hinein; und die Männer schaufelten schweigend das Grab zu. Sie machten einen Hügel darüber und deckten ihn mit grünem Rasen zu.

»Ihr könnt jetzt gehen«, sagte George und drückte jedem einen Viertel Dollar in die Hand. Aber sie blieben zaudernd stehen.

»Ach, wenn Master uns kaufen wollte –« sagte der eine.

»Wir würden ihm so treu dienen!« sagte der andere.

»’s sind schlimme Zeiten hier, Master«, sagte der erste. »Bitte, Master, kaufen Sie uns.«

»Ich kann nicht! – Ich kann nicht«, sagte George betrübt und winkte ihnen zu gehen. »Es ist unmöglich!«

Die armen Burschen machten ein niedergeschlagenes Gesicht und entfernten sich schweigend.

»Ich rufe Dich zum Zeugen, ewiger Gott«, rief George auf dem Grabe seines armen Freundes kniend aus, »ich rufe Dich zum Zeugen, daß ich von dieser Stunde an tun will, was einem Menschen möglich ist, dem Fluche der Sklaverei in diesem Lande ein Ende zu machen!«

37. Kapitel


Eine wahre Gespenstergeschichte

Aus irgendeinem merkwürdigen Grunde waren um diese Zeit unter den Sklaven auf Legrees Plantage Gespenstergeschichten sehr gang und gäbe.

Man flüsterte sich zu, daß man in totenstiller Nacht die Treppe zum Bodenraum habe Schritte herabkommen und durch das Haus gehen hören. Vergeblich waren die Türen des oberen Saales verschlossen worden; entweder hatte das Gespenst einen doppelten Schlüssel in der Tasche, oder es machte von dem uralten Vorrecht der Gespenster Gebrauch, durch das Schlüsselloch zu schlüpfen und promenierte mit einer wahrhaft beunruhigenden Ungeniertheit im Hause herum.

Über die äußere Gestalt des Gespenstes war man nicht ganz einig, und zwar infolge einer bei den Negern sehr häufigen Gewohnheit – und soviel wir wissen, ist sie auch bei den Weißen nicht selten –, bei solchen Gelegenheiten stets die Augen zuzumachen oder den Kopf unter Bettdecken, Unterröcke und was sich sonst zum Schutz darbot, zu stecken. Natürlich sind, wie jedermann weiß, die Augen des Geistes, wo die des Körpers unbeschäftigt sind, ganz ungewöhnlich lebhaft und scharfsichtig; und deshalb hatte man eine große Anzahl von leibesgroßen Porträts des Gespenstes, die überreichlich beschworen und von Zeugen bestätigt waren und die, wie das bei Porträts oft der Fall ist, in keinem Zuge miteinander übereinstimmten, außer in dem gemeinsamen Familienzuge des Gespenstergeschlechts – im Tragen eines weißen Leichentuchs. Die armen Seelen waren in der alten Geschichte nicht bewandert und wußten nicht, daß Shakespeare bereits Zeugnis für diese Tracht abgelegt hat, indem er berichtet:

»Die Toten stierten
Im weißen Lailach durch die Straßen Roms.«

Und deshalb ist ihre übereinstimmende Aussage eine auffällige Tatsache in der Geisterwissenschaft, welche wir der Aufmerksamkeit aller, die sich um die geheimnisvollen Welten kümmern, empfehlen.

Sei dem, wie ihm wolle, wir haben unseren Grund zu wissen, daß eine hohe Gestalt in einem weißen Leichentuch in den echtesten Geisterstunden in und um Legrees Haus sichtbar war – daß sie durch die Türen ging, auf den Gängen wandelte – zuweilen verschwand und dann wieder erschien, um die schweigsame Treppe hinauf in jenem unheimlichen Dachraum zu verschwinden; und daß man des Morgens früh die Saaltüren des oberen Stocks so fest verschlossen fand wie je.

Legree konnten diese Flüstereien unter seinen Leuten nicht verborgen bleiben; und die Sache regte ihn nur noch mehr auf, wegen der Mühe, die man sich gab, sie ihm zu verbergen. Er trank mehr Branntwein als gewöhnlich; trug den Kopf hoch und schwer und fluchte lauter als gewöhnlich während des Tages; aber er hatte böse Träume, und seine Phantasien, wenn er nachts im Bette lag, waren nichts weniger als angenehm. Am Abend des Tages, wo Toms Leiche fortgeschafft worden war, ritt er nach der nächsten Stadt, um einmal tüchtig zu zechen, und hatte ein wüstes Gelag. Er kam spät und ganz müde nach Hause.

Legree verschloß seine Tür und schob einen Stuhl davor; er setzte eine Nachtlampe zu Häupten seines Bettes und legte eine Pistole neben sich. Er untersuchte die Haspen und Wirbel der Fenster, schwor dann, daß er sich nicht vor dem Teufel und allen seinen Engeln fürchte, und ging zu Bett.

Er schlief, denn er war müde, und er schlief fest. Aber zuletzt kam über seinen Schlaf ein Schatten, ein Grauen, ein banges Gefühl, daß etwas Entsetzliches über ihm hänge. Es war seiner Mutter Leichentuch, dachte er; aber Cassy hielt es in die Höhe und zeigte es ihm. Er hörte einen verwirrten Lärm von Gekreisch und Stöhnen; und bei alledem wußte er, daß er schlief, und strengte sich an, um aufzuwachen. Er war halb wach. Er wußte gewiß, daß etwas ins Zimmer kam. Er wußte, daß die Tür aufging, aber er konnte weder Hand noch Fuß rühren. Endlich fuhr er auf und drehte sich um; die Tür stand offen und er sah eine Hand sein Licht auslöschen.

Es war eine bewölkte neblige Mondnacht, und dort sah er es! – Etwas Weißes, das eben hereingeschwebt war! Er hörte das leise Rauschen des gespenstischen Gewandes. Es blieb vor seinem Bett stehen; eine kalte Hand berührte die seine; eine Stimme sagte dreimal mit leisem, grausenerregenden Flüstern: »Komm! Komm! Komm!« und während er vor Schreck schwitzend dalag, war es fort, er wußte nicht, wie und wann. Er sprang aus dem Bett und zerrte an der Tür. Sie war fest verschlossen, und Legree stürzte bewußtlos auf den Fußboden hin.

Nach diesem Vorfall zechte Legree stärker als je. Er trank nicht mehr mit Vorsicht und Schonung seiner selbst, sondern unvorsichtig und ohne im mindesten nach den Folgen zu fragen.

Bald daraufhörte man in der Nachbarschaft erzählen, daß er krank und dem Tode nahe sei. Seine Ausschweifungen hatten jene schreckliche Krankheit nach sich gezogen, welche die grellen Schatten einer zukünftigen Wiedervergeltung schon auf das gegenwärtige Leben zu werfen scheint. Niemand konnte die Schrecken dieses Krankenzimmers aushalten, wenn er schrie und raste und von Geschichten sprach, welche das Blut der Zuhörer fast erstarren machten; und an seinem Sterbebett stand eine finstere weiße unerbittliche Gestalt, welche sagte: »Komm! Komm! Komm!«

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen fand man nach derselben Nacht, wo Legree dieses Gesicht erschienen war, die Haustür offenstehen, und einige von den Negern hatten zwei weiße Gestalten die Allee hinab nach der Landstraße schweben sehen.

Es war fast Sonnenaufgang, als Cassy und Emmeline einen Augenblick lang in einem kleinen Gebüsch nicht weit von der Stadt haltmachten.

Cassy war wie eine spanische Kreolin gekleidet – ganz schwarz. Ein kleiner schwarzer Hut mit einem reich gestickten Schleier verbarg ihr Gesicht. Der Verabredung nach spielte sie auf der Flucht die Rolle einer kreolischen Dame, und Emmeline war ihre Zofe.

Von frühester Jugend auf in der feinsten Gesellschaft aufgewachsen, paßten die Sprache, das Benehmen und die Miene Cassys ganz vortrefflich zu diesem Plane; und sie besaß noch genug Reste ihrer einst glänzenden Garderobe und Schmucksachen, um ihre Rolle ganz ausgezeichnet spielen zu können.

In den ersten Häusern der Stadt blieb sie vor einem Laden stehen, wo Koffer zu verkaufen waren, und kaufte einen der schönsten. Diesen ließ sie sich von einem Mann nachschaffen. So trat sie, begleitet von einem Burschen, der ihren Koffer fuhr, und Emmeline mit dem Reisesack und verschiedenen anderen Paketen, wie eine vornehme Dame in das kleine Gasthaus.

Die erste Person, die ihr nach ihrer Ankunft auffiel, war George Shelby, der ebenfalls dort eingekehrt war, um das nächste Boot abzuwarten.

Cassy hatte den jungen Mann durch ihr Astloch aus dem Dachraume beobachtet, hatte ihn die Leiche Toms forttragen sehen und hatte mit geheimem Frohlocken seinen Zank mit Legree beobachtet. Später hatte sie aus den Gesprächen der Neger, die sie belauscht hatte, während sie abends in gespenstischer Verhüllung durch das Haus streifte, erfahren, wer er war und in welchem Verhältnis er zu Tom stand. Sie empfand daher sofort ein vermehrtes Gefühl der Sicherheit, als sie entdeckte, daß er gleich ihr auf das nächste Boot wartete.

Cassys Aussehen und Benehmen und der Überfluß an Geld, über den sie offenbar gebot, erstickten jeden leisen Verdacht im Gasthause im Entstehen. Die Leute bekümmerten sich nicht zu genau um die Angelegenheiten derer, bei welchen die Hauptsache, das Bezahlen, in Ordnung ist – und das hatte Cassy vorausgesehen, als sie sich mit Geld versorgte.

Kurz vor Anbruch des Abends hörte man ein Boot anlegen, und George Shelby führte Cassy mit der jedem Kentuckyer natürlichen Höflichkeit an Bord und verschaffte ihr durch seine Bemühungen eine gute Privatkajüte.

Cassy hütete unter dem Vorwand von Unpäßlichkeit während der ganzen Fahrt auf dem Red River ihr Zimmer und ihr Bett; und ihre Zofe pflegte sie mit aufopfernder Hingebung.

Als sie den Mississippi erreichten, erbot sich George, der mittlerweile erfahren hatte, daß die unbekannte Dame ebenfalls weiter stromaufwärts reisen wollte, ihr eine Privatkajüte in demselbe Boot, in welchem er fuhr, zu besorgen; denn seine Gutmütigkeit flößte ihm Mitleid mit ihrer schwachen Gesundheit und den Wunsch ein, sein möglichstes für sie zu tun.

Wir sehen daher die ganze Gesellschaft sicher auf dem guten Dampfer Cincinnati untergebracht und mit voller Dampfkraft stromaufwärts fahren.

Cassys Gesundheit hatte sich sehr gebessert. Sie saß auf dem Verdeck, setzte sich mit an die gemeinsame Tafel und galt auf dem ganzen Boote als eine Dame, die früher sehr schön gewesen sein müsse.

Von dem Augenblick an, wo George ihr Gesicht zum ersten Male gesehen hatte, peinigte ihn beständig eine jener verschwimmenden und unbestimmten Ähnlichkeiten, deren sich fast jeder erinnern kann, und die ihn zuweilen geplagt haben.

Er konnte sich nicht enthalten, sie anzusehen und sie beständig zu beobachten. Mochte sie bei Tisch oder vor der Tür ihrer Kajüte sitzen, immer begegnete sie den Augen des jungen Mannes, die sich auf sie hefteten und höflich wegsahen, sobald ihr Gesicht verriet, daß sie fühle, sie werde beobachtet.

Cassy wurde unruhig. Sie begann zu fürchten, daß er etwas argwöhne, und beschloß endlich, sich ganz auf seinen Edelmut zu verlassen und ihm ihre Geschichte vollständig mitzuteilen.

George war vollkommen geneigt, jedem Teilnahme zu schenken, der von Legrees Plantage entflohen war – ein Ort, an den er nicht mit Ruhe denken konnte; und er versicherte ihr mit der beherzten Nichtachtung aller Folgen, welches seinem Alter und seiner Heimat eigen ist, daß er sein möglichstes tun wolle, um sie zu beschützen und in Sicherheit zu bringen.

Das an Cassys Privatkajüte stoßende Zimmer bewohnte eine französische Dame, namens de Thour, die eine hübsche kleine Tochter von ungefähr zwölf Jahren begleitete.

Diese Dame, welche aus Georges Gesprächen gehört hatte, daß er aus Kentucky war, war sichtbar geneigt, seine Bekanntschaft zu kultivieren; in welcher Absicht sie die Reize ihrer kleinen Tochter unterstützten, die ein so hübsches Spielzeug war, als nur je die Langeweile einer vierzehntägigen Dampfbootreise verkürzt hat.

Georges Stuhl stand oft neben ihrer Kajütentür, und Cassy konnte ihre Unterhaltung mitanhören, wie sie an dem Geländer darüber saß.

Madame de Thour erkundigte sich sehr ausführlich über Kentucky, wo sie in einer früheren Zeit ihres Lebens gewohnt hatte, wie sie sagte. George entdeckte zu seiner Verwunderung, daß ihr früherer Wohnsitz in seiner Nachbarschaft gewesen sein müsse; und ihre Fragen zeigten eine Kenntnis von Land und Leuten seiner Gegend, die ihn wahrhaft in Erstaunen setzte.

»Kennen Sie wohl in Ihrer Nachbarschaft einen Mann namens Harris?« sagte Madame de Thour eines Tages zu ihm.

»Ein alter Bursche dieses Namens wohnte nicht weit von meines Vaters Besitzung«, sagte George. »Wir haben jedoch nie viel Verkehr mit ihm gehabt.«

»Er besitzt viel Sklaven, glaube ich«, sagte Madame de Thour mit einer Bewegung, welche mehr Interesse zu verraten schien, als sie eigentlich an den Tag zu legen willens war.

»Allerdings«, sagte George und sah sie etwas verwundert an.

»Haben Sie jemals erfahren – vielleicht haben Sie gehört, ob unter seinen Leuten ein Mulattenknabe namens George war?«

»O gewiß – George Harris – ich kenne ihn recht gut; er hat eine Dienerin meiner Mutter geheiratet, ist aber jetzt nach Kanada entflohen.«

»Wirklich?« sagte Madame de Thour rasch. »Gott sei gepriesen!«

George sah sie fragend und verwundert an, sagte aber nichts.

Madame de Thour stützte den Kopf auf die Hand und brach in Tränen aus. »Er ist mein Bruder!« sagte sie.

»Madame«, sagte George in einem Tone lebhaftester Überraschung.

»Ja«, sagte Madame de Thour, indem sie stolz das Haupt erhob und sich die Tränen aus den Augen wischte. »Mr. Shelby, George Harris ist mein Bruder!«

»Ich bin außer mir vor Staunen«, sagte George und schob den Stuhl einen Schritt zurück, um Madame de Thour anzusehen.

»Ich wurde nach dem Süden verkauft, als er noch ein Knabe war. Ein guter und edler Mann kaufte mich. Er nahm mich mit nach Westindien, schenkte mir die Freiheit und heiratete mich. Erst vor kurzem ist er gestorben, und ich bin jetzt auf der Reise nach Kentucky begriffen, um zu sehen, ob ich meinen Bruder auffinden und freikaufen kann.«

»Ich habe ihn von einer Schwester Emilie, die nach dem Süden verkauft wurde, reden hören«, sagte George.

»Wirklich! Diese Schwester bin ich«, sagte Madame de Thour. »Sagen Sie mir, was ist er für ein Mensch?«

»Ein sehr tüchtiger junger Mann«, sagte George, »trotz des Fluchs der Sklaverei, der auf ihm liegt. Er stand sowohl wegen seiner Talente wie wegen seiner Grundsätze hoch in Ehren. Ich weiß das alles, weil er in unsere Familie heiratete«, setzte er hinzu.

»Was ist es für ein Mädchen?« fragte Madame de Thour angelegentlich.

»Ein wahrer Schatz!« sagte George. »Ein schönes, begabtes, liebenswürdiges Mädchen. Sehr fromm. Meine Mutter hatte sie auferzogen und fast so sorgfältig wie eine Tochter. Sie konnte lesen und schreiben, sehr schön sticken und nähen; und sie sang sehr schön.«

»War sie in Ihrem Hause geboren?« sagte Madame de Thour.

»Nein, der Vater kaufte sie auf einer seiner Reisen nach New Orleans und brachte sie als Geschenk für die Mutter mit. Sie war damals ungefähr 8 oder 9 Jahre alt. Der Vater wollte der Mutter nie sagen, was er für sie gegeben hatte. Aber wie wir neulich seine alten Papiere durchsahen, fanden wir auch den Verkaufskontrakt. Er bezahlte eine ausschweifend große Summe für sie – wahrscheinlich wegen ihrer ungewöhnlichen Schönheit.«

George hatte Cassy den Rücken zugekehrt und sah nicht den aufs höchste gespannten Ausdruck ihres Gesichts, wie er dies erzählte.

Als er soweit gekommen war, berührte sie seinen Arm und sagte mit einem vor Spannung ganz weißen Gesicht: »Wissen Sie, wie die Leute hießen, von denen er sie kaufte?«

»Wenn ich nicht irre, hieß der Verkäufer Simmons – wenigstens, glaube ich, stand dieser Name unter dem Verkaufskontrakt.«

»O mein Gott!« sagte Cassy und sank bewußtlos auf dem Fußboden der Kajüte zusammen.

George sprang auf und ebenso Madame de Thour; obgleich keines von den beiden die Ursache von Cassys Ohnmacht erraten konnte, so richtete sie doch alle in solchen Fällen übliche Verwirrung an. George warf in der Hitze seiner Menschenfreundlichkeit einen Wasserkrug um und zerbrach zwei Gläser; und verschiedene Damen in der Kajüte drängten sich auf die Nachricht, daß jemand in Ohnmacht gefallen sei, in die Tür der Privatkajüte und hinderten soviel als möglich den Zutritt von frischer Luft, so daß im ganzen alles geschah, was man nur erwarten konnte.

Die arme Cassy! Als sie sich wieder erholte, wendete sie das Gesicht der Wand zu und weinte und schluchzte wie ein Kind. Vielleicht, Mutter, weißt Du, woran sie dachte! Vielleicht auch nicht; aber sie fühlte sich in dieser Stunde so überzeugt, daß Gott Erbarmen mit ihr gehabt habe und daß sie ihre Tochter wiedersehen würde.

38. Kapitel


Resultate

Der Rest unserer Geschichte ist bald erzählt. George Shelby, angezogen, wie es bei einem jungen Mann natürlich war, von der Romantik des Vorfalls, nicht weniger als durch sein menschliches Herz, überschickte Cassy gern den Elisa betreffenden Verkaufskontrakt, dessen Namen und Datum mit allem übereinstimmte, was sie bereits Tatsächliches wußte, und ihr keinen Zweifel über die Identität ihres Kindes ließ. Es blieb ihr nur noch übrig, den Pfad der Flüchtlinge aufzuspüren.

Durch die eigentümliche Übereinstimmung ihrer Schicksale auf diese Weise zusammengeführt, begaben sich Madame de Thour und sie sofort nach Kanada und traten eine Rundreise nach den verschiedenen Stationen an, wo die zahlreichen Flüchtlinge aus der Sklaverei wohnten. In Amherstberg fanden sie den Missionar, bei dem George und Elisa bei ihrer ersten Ankunft in Kanada eine Zuflucht gefunden, und seine Hilfe setzte sie in den Stand, die Spur der Familie bis Montreal zu verfolgen.

George und Elisa waren jetzt seit fünf Jahren frei. George hatte beständige Beschäftigung bei einem würdigen Maschinenbauer gefunden, wo er durch seinen Verdienst ein genügendes Auskommen für seine Familie fand, die mittlerweile sich um eine Tochter vermehrt hatte.

Der kleine Harry, ein hübscher, munterer Knabe, war in einer guten Schule untergebracht, wo er rasche Fortschritte in Kenntnissen machte. Der würdige Seelenhirt der Station Amherstberg, wo George zuerst gelandet war, fühlte sich durch die Mitteilungen der Madame de Thour und Cassys so interessiert, daß er den Bitten der ersteren, sie auf ihrer Entdeckungsreise nach Montreal zu begleiten, nachgab. Natürlich trug sie alle Kosten des Ausflugs.

Der Ort der Handlung ist jetzt eine kleine nette Wohnung in einer Vorstadt in Montreal; die Zeit abends. Ein lustiges Feuer prasselte auf dem Herde; ein mit einem schneeweißen Tischtuch bedeckter Teetisch steht zur Aufnahme des Abendessens bereit. In einer Ecke des Zimmers steht ein mit grünem Tuch überzogener Tisch und auf diesem ein offenes Schreibpult, Federn, Papier und darüber einige Reihen gut ausgewählter Bücher.

Das war Georges Studierzimmer. Derselbe Fortbildungstrieb, der ihm gelehrt hatte, verstohlen unter aller Mühsal und aller Entmutigung seines Jugendlebens die lang ersehnten Künste des Lesens und Schreibens zu lernen, veranlaßte ihn jetzt noch, alle seine Mußezeit dem Selbstunterricht zu widmen. Er sitzt jetzt gerade am Tisch und zeichnet sich Notizen aus einem Band der Familienbibliothek auf, den er eben gelesen.

»Komm, George«, sagte Elisa, »du bist den ganzen Tag beschäftigt gewesen. Leg das Buch hin und laß uns zusammen plaudern, während ich den Tee mache – bitte.«

Und die kleine Elisa unterstützt die Bitte damit, daß sie zu ihrem Vater hinwackelt und versucht, ihm das Buch aus der Hand zu nehmen und sich dafür auf die Knie zu setzen.

»O du kleine Hexe!« sagte George und fügte sich, wie es unter solchen Umständen der Mann immer tun muß.

»So ist’s recht«, sagte Elisa, wie sie Brot zu schneiden anfängt. Sie sieht etwas älter aus; ihre Formen sind etwas voller; ihr Haar ein wenig matronenhafter als früher; aber sie ist offenbar eine so zufriedene und glückliche Frau, als man nur sehen kann.

»Nun, mein Harry, wie bist du heute mit deinem Rechnen zurechtgekommen?« fragte George, wie er seinem Sohne die Hand auf den Kopf legt.

Harry hat seine langen Locken verloren, aber die Augen und die Wimpern kann er nicht verlieren, und auch nicht die schöne kühne Stirn, die sich triumphierend rötet, wie er zur Antwort gibt: »Ich habe alles selbst fertiggemacht, Vater; und niemand hat mir geholfen.«

»So ist’s recht«, sagte sein Vater. »Verlaß dich nur auf dich selbst, mein Sohn. Dir sind bessere Gelegenheiten gegeben als deinem armen Vater vor dir.«

In diesem Augenblicke vernahm man ein Klopfen an der Tür, und Elisa ging hin und öffnete sie.

Das freudige: »Was – Sie sind’s?« ruft ihren Gatten herbei, und der gute Geistliche von Amherstberg wird bewillkommt. Zwei Damen begleiten ihn, und Elisa ladet sie ein, Platz zu nehmen.

Um nun die Wahrheit zu gestehen, so hatte der ehrliche Pastor ein kleines Programm arrangiert, nach welchem sich die Katastrophe entwickeln sollte, und auf dem ganzen Herwege hatten sie sich alle sehr vorsichtig und klug ermahnt, nichts zu verraten, außer nach dem vorher verabredeten Plane.

Wie groß war daher des guten Mannes Bestürzung, daß gerade, wie er den Damen gewinkt hatte, sich zu setzen, und das Taschentuch herausnahm, um sich den Mund zu wischen und dann seine Einleitungsrede in guter Ordnung zu beginnen, Madame de Thour den ganzen Plan dadurch verdarb, daß sie plötzlich George um den Hals fiel und alles auf einmal mit dem Ausruf verriet: »Ach George! Kennst du mich nicht? Ich bin deine Schwester Emilie!«

Cassy hatte gefaßter Platz genommen und hätte ihre Rolle recht gut gespielt, wenn ihr die kleine Elisa nicht plötzlich in genau derselben Gestalt und bis an die kleinste Locke von demselben Aussehen wie ihre Tochter, als sie dieselbe zuletzt erblickt, vor Augen getreten wäre. Das kleine Wesen lugte ihr scheu und neugierig ins Gesicht; und Cassy nahm sie in ihre Arme, drückte sie an ihre Brust und sagte, was sie in diesem Augenblicke wirklich glaubte: »Liebes Kind, ich bin deine Mutter!«

In der Tat war es eine schwere Sache, alles in geeignete Ordnung zu bringen; aber dem guten Pastor gelang es endlich, alle zu beruhigen und die Rede zu halten, welche er zur Einleitung des Auftritts bestimmt hatte und mit welcher er zuletzt einen so großen Eindruck machte, daß die ganze Zuhörerschaft rund um ihn in einer Weise schluchzte, die jeden Redner älterer und neuerer Zeit hätte zufriedenstellen müssen.

Nach zwei oder drei Tagen war eine solche Veränderung in Cassy vorgegangen, daß unsere Leser sie kaum wiedererkennen würden. Der verzweifelnde hohläugige Ausdruck ihres Gesichts ist einem Ausdruck sanften Vertrauens gewichen. Sie schien auf der Stelle ihren Platz in dem Schoß der Familie zu finden und die Kleine in ihr Herz zu schließen wie etwas, auf das es längst gewartet hatte. Wirklich schien sich ihre Liebe viel natürlicher der kleinen Elisa zuzuwenden, als ihrer eigenen Tochter, denn sie war das genaue Ebenbild des Kindes, das sie verloren hatte. Die Kleine war ein blumiges Band, welches Tochter und Mutter miteinander verknüpfte und welches Bekanntschaft und Liebe in ihnen erzeugte.

Elisas standhafte und konsequente Frömmigkeit, geregelt durch beständiges Lesen des heiligen Wortes, machte sie zu einer geeigneten Führerin für das müde und zerrüttete Gemüt ihrer Mutter. Cassy gab sich sogleich und mit ganzer Seele jedem guten Einflüsse hin und wurde eine fromme und ergebene Christin.

Nach einigen Tagen unterrichtete Madame de Thour ihren Bruder ausführlicher über ihre Angelegenheiten. Durch den Tod ihres Gatten hatte sie ein ansehnliches Vermögen geerbt, welches sie sich edelmütig erbot, mit der Familie zu teilen. Als sie George fragte, auf welche Weise sie es am besten für ihn verwenden könnte, gab er zur Antwort: »Verschaff mir eine gute Erziehung, Emilie; das war immer mein innigster Wunsch. Für das übrige kann ich dann selbst sorgen.«

Nach reiflicher Erwägung beschloß die ganze Familie, auf einige Jahre nach Frankreich zu gehen; und sie segelten dorthin ab und nahmen Emmeline mit.

Das angenehme Äußere der letzteren gewann das Herz des ersten Steuermanns des Schiffs; und kurz nach ihrer Ankunft im Hafen wurde sie seine Gattin.

George blieb vier Jahre lang auf einer französischen Universität, studierte daselbst mit unermüdlichem Eifer und erlangte eine sehr gründliche Bildung.

Politische Unruhen in Frankreich veranlaßten endlich die Familie, wieder eine Zuflucht in Amerika zu suchen.

Einige Wochen später schiffte sich George mit seiner Frau, seinen Kindern, seiner Schwester und seiner Mutter nach Liberia in Afrika ein.

Von unseren übrigen Bekannten haben wir nichts Besonderes zu schreiben, mit Ausnahme eines Worts über Miß Ophelia und Topsy, und eines Schlußkapitels, welches wir George Shelby zu widmen gedenken. Miß Ophelia nahm Topsy mit nach Hause nach Vermont, sehr zur Verwunderung der ernsten, über alles zu Rate gehenden Gesellschaft, welche ein Neuengländer unter dem Namen »unsere Leute« begreift. Unsere Leute hielten es anfangs für einen wunderlichen und unnötigen Zuwachs zu ihrem wohlgeordneten Haushalt; aber Miß Ophelias gewissenhaftes Bemühen, ihre Pflicht gegen ihre Schülerin zu tun, war von solchem Erfolg begleitet, daß das Kind von der Familie und der Nachbarschaft bald mit günstigeren Augen betrachtet wurde. Als Topsy das Jungfrauenalter erreicht hatte, wurde sie auf ihr eigenes Verlangen getauft und schloß sich der christlichen Kirche in dem Städtchen an, und zeigte so viel Intelligenz, Tätigkeit und Eifer und Verlangen, Gutes auf der Welt zu tun, daß man sie zuletzt als Missionarin auf einer afrikanischen Station empfahl und anstellte; und wir haben vernommen, daß sie jetzt dieselbe Tätigkeit und Gewandtheit, welche ihr als Kind einen so vielgestaltigen und ruhelosen Charakter gaben, in einer sichereren und heilsameren Weise zur Erziehung der Kinder ihres Vaterlandes verwendet.

Nachschrift

Es wird wahrscheinlich für manche Mutter noch eine angenehme Nachricht sein, daß von Madame de Thour angestellte Nachforschungen neuerlich mit der Entdeckung von Cassys Sohn geendigt haben. Als ein junger Mann von Energie war er einige Jahre von seiner Mutter entwichen und von Freunden der Bedrückten im Norden aufgenommen und erzogen worden. Er wird seiner Familie bald nach Afrika folgen.

30. Kapitel


Nimm dich in acht, Simon Legree!

Das große Wohnzimmer in Legrees Haus war ein großes langes Gemach mit einem geräumigen Kamin. Früher waren die Wände mit einer brillanten und teuren Tapete bedeckt gewesen, die jetzt zerrissen und mißfarbig vermodernd von den feuchten Wänden herabhing. Überall war der eigentümliche Geruch, aus Moder, Schmutz und Verfall zusammengesetzt, vorherrschend, wie man ihn oft in dumpfigen, alten Häusern bemerkt. Die Tapete war stellenweise von Bier- und Weinflecken verunziert oder mit mit Kreide geschriebenen Notizen und langen zusammenaddierten Zahlenreihen bedeckt, als ob sich jemand hier im Rechnen geübt hätte. Im Kamin stand eine Pfanne mit glühenden Holzkohlen, denn obgleich das Wetter nicht kalt war, war es des Abends in diesem großen Zimmer doch immer feucht und schaurig; und außerdem brauchte Legree Feuer, seine Zigarre anzubrennen und das Wasser zu seinem Punsch heiß zu machen. Die rötliche Glut der Holzkohle beleuchtete das unordentliche und ungemütliche Aussehen des Zimmers – Sättel, Zäume, verschiedenes Geschirr, Reitpeitschen, Überröcke und verschiedene andere Kleidungsstücke lagen überall im Zimmer in verwirrter Mannigfaltigkeit herum, und die schon früher erwähnten Hunde hatten sich nach eigenem Geschmack und Belieben mitten darunter gelagert.

Legree braute sich eben ein Glas Punsch, wozu er das heiße Wasser aus einem zersprungenen Kruge mit abgebrochenem Ausguß goß, und brummte dabei:

»Die Pest über diesen Sambo, daß er einen solchen Skandal zwischen mir und den neuen Leuten anfängt! Der Kerl kann vor einer Woche nicht arbeiten – gerade in der drängendsten Zeit des Jahres!«

»Ja, das sieht Euch ganz ähnlich!« sagte eine Stimme hinter seinem Stuhle. Es war Cassy, die während seines Selbstgesprächs unbemerkt eingetreten war.

»Ha! Teufelsweib! Du bist also wieder da, nicht wahr?«

»Ja, ich bin wieder da«, sagte sie kalt; »und noch dazu, um meinen eigenen Willen zu haben!«

»Du lügst, Metze! Ich werde mein Wort halten. Entweder benimm dich vernünftig oder bleibe unten in den Baracken und iß und arbeite mit den übrigen.«

»Lieber wollte ich 10000mal in dem schmutzigsten Loche der Baracken wohnen, als in deiner Gewalt sein!« sagte die Frau.

»Aber du bist doch bei alledem in meiner Gewalt«, sagte er und sah sie mit wildem Grinsen an. »Das ist wenigstens mein Trost. So setze dich hier auf meinen Schoß, liebes Kind; höre auf vernünftiges Zureden«, sagte er und faßte sie am Arme.

»Simon Legree, nimm dich in acht!« sagte das Weib mit einem raschen Blitz in dem Auge und einem so wilden und wahnwitzigen Blick, daß er fast Entsetzen erregte. »Du fürchtest dich vor mir, Simon«, sprach sie langsam, »und du hast Ursache dazu! Aber nimm dich in acht, denn ich habe den Teufel im Leibe.«

Die letzten Worte flüsterte sie ihm mit zischendem Tone ins Ohr.

»Hinaus! Ich glaube bei meiner Seele, es ist wahr!« sagte Legree, indem er sie von sich stieß und voll Unruhe ansah. »Aber trotz allem, Cassy«, sagte er, »warum kannst du nicht gut mit mir sein, wie früher?«

»Gut sein!« sagte sie bitter. Sie brach kurz ab – eine Welt von erstickenden Empfindungen stieg in ihrem Herzen empor und drängte ihre Worte zurück.

Cassy hatte über Legree immer die Art Einfluß behalten, den ein kräftiges leidenschaftliches Weib stets über den rohsten Mann bewahren kann; aber in letzter Zeit war sie unter dem verabscheuten Joche ihrer Sklaverei immer reizbarer und ruheloser geworden, und ihre Reizbarkeit machte sich manchmal in wahnwitzigem Wüten Luft; und wegen dieser Anfälle fing Legree an sie zu fürchten, denn er war ganz von der abergläubischen Angst vor Wahnsinnigen beherrscht, die man bei rohen und ungebildeten Gemütern häufig findet. Als Legree Emmeline mit nach Hause brachte, flammten alle noch glimmenden Funken weiblichen Gefühls in dem ausgebrannten Herzen Cassys auf, und sie nahm Partei für das Mädchen, und ein wütender Zank fand zwischen ihr und Legree statt. In seiner Wut schwor Legree, er werde sie zur Feldarbeit verwenden, wenn sie sich nicht ruhig verhalte. Mit stolzem Trotz erklärte Cassy, sie werde freiwillig aufs Feld gehen. Und sie arbeitete dort einen Tag, wie wir beschrieben haben, um zu zeigen, wie vollkommen sie die Drohung verachte. Legree war den ganzen Tag über von einer heimlichen Unruhe beherrscht, denn Cassy hatte einen Einfluß auf ihn, von dem er sich nicht befreien konnte. Als sie ihren Korb an die Waage brachte, hatte er ein Zeichen der Nachgiebigkeit erwartet und sie mit halb versöhnlichem, halb spöttischem Tone angeredet; und sie hatte mit der bittersten Verachtung geantwortet.

Die grausame Behandlung des armen Tom hatte sie nur noch mehr gereizt; und sie war Legree bloß in das Haus nachgegangen, um ihn wegen seiner Roheit auszuschelten.

»Ich wollte, du benähmst dich anständig, Cassy«, sagte Legree.

»Du sprichst von Anständigbenehmen! Und was hast du getan? Du, der nicht immer Verstand genug hat, seine teuflische Hitze im Zaume zu halten, um nicht einen seiner besten Arbeiter in der dringendsten Jahreszeit untauglich zu machen!«

»Ich war ein Narr, das ist wahr, daß ich’s dazu kommen ließ«, sagte Legree. »Aber da der Bursche den Kopf aufsetzte, mußte sein Trotz gebrochen werden.«

»Ich glaube nicht, daß du seinen Trotz brechen wirst!«

»Nicht?« sagte Legree und stand leidenschaftlich auf. »Das möchte ich doch sehen! Er wäre der erste Nigger, der’s mit mir aufgenommen hätte! Ich lasse ihm jeden Knochen im Leibe zerschlagen, aber nachgeben muß er!«

Gerade da ging die Tür auf und Sambo trat ein. Er näherte sich seinem Herrn mit einer Verbeugung und hielt ihm ein gefaltetes Papier hin.

»Was ist das, du Hund?« sagte Legree.

»’s ist ’n Hexending, Master!«

»Was?«

»Etwas, was sich Nigger von Hexen geben lassen. Sie fühlen dann nichts, wenn sie gepeitscht werden. Er hatte es mit einer schwarzen Schnur um den Hals gebunden.«

Legree war wie die meisten gottlosen und grausamen Menschen abergläubisch.

Er nahm das Papier und öffnete es nicht ohne Zittern.

Es fiel ein Silberdollar heraus und eine lange glänzende Locke von blondem Haar, die sich, als wäre sie lebendig, um Legrees Finger schlang.

»Hölle und Teufel!« schrie er in plötzlicher Leidenschaft, indem er mit den Füßen stampfte und wütend an der Haarlocke zerrte, als ob sie ihn brenne. »Wo ist die hergekommen? Nehmt sie weg! – Verbrennt sie!« kreischte er, indem er sie abriß und in das Kohlenbecken warf. »Wozu hast du sie mir gebracht?«

Sambo stand mit weit offenem Munde und erstarrt vor Staunen da; und Cassy, die das Zimmer eben verlassen wollte, blieb ebenfalls stehen und sah ihn voller Verwunderung an.

»Daß du mir nicht wieder solches Teufelszeug herbringst«, sagte er und drohte Sambo, der eiligst seinen Rückzug nach der Tür nahm, mit der Faust, dann hob er den Silberdollar auf und warf ihn klirrend durch die Fensterscheibe hinaus in die Nacht.

Sambo war froh, als er mit heiler Haut zur Tür hinaus war. Als er fort war, schien sich Legree über seinen Schreckanfall ein wenig zu schämen. Er setzte sich mürrisch in seinen Stuhl und trank langsam seinen Punsch.

Cassy wollte unbemerkt von ihm hinausgehen und schlüpfte fort, um den armen Tom zu pflegen, wie wir bereits erzählt haben.

Aber was war mit Legree geschehen – und was konnte in einer einfachen blonden Haarlocke diesen rohen Mann, dessen Herz mit jeder Form der Grausamkeit vertraut war, entsetzen? Um eine Antwort darauf zu geben, müssen wir viele Jahre zurückgehen. So verhärtet und verworfen auch der gottlose Mann jetzt zu sein schien, so hatte es doch eine Zeit gegeben, wo ihn eine Mutter an ihrem Busen eingewiegt und ihn mit Gebeten und frommen Liedern eingesungen hatte – wo das Wasser der heiligen Taufe seine jetzt sündenbeladene Stirn benetzt hatte. In frühester Kindheit hatte eine blondhaarige Mutter ihn beim Schalle der Sabbatglocke zur Gottesverehrung und zum Gebete geführt. Im fernen Neuengland hatte diese Mutter ihren einzigen Sohn mit langdauernder unveränderlicher Liebe und geduldigen Gebeten aufgezogen. Von einem hartherzigen Vater gezeugt, an welchen diese sanfte Frau eine Welt von ungewürdigter Liebe verschwendet hatte, war Legree in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Roh, widerspenstig und tyrannisch, verachtete er ihre Ratschläge und Ermahnungen und riß sich schon in früher Jugend von ihr los, um sein Glück zur See zu versuchen. Nur ein einziges Mal kehrte er nach Hause zurück, und da umfing ihn seine Mutter mit der Sehnsucht eines Herzens, das etwas lieben muß und nichts anderes zu lieben hat, und suchte ihn mit heißem Gebete und Flehen einem sündigen Leben zu seinem ewigen Seelenheil zu entreißen.

Das war Legrees Tag der Gnade. An jenem Tage riefen ihn gute Engel; an jenem Tage war er fast gewonnen, und die Barmherzigkeit hielt ihn an der Hand. Sein Herz wurde innerlich weich – er kämpfte in sich – aber die Sünde trug den Sieg davon, und er setzte die ganze Kraft seiner rauhen Natur gegen die Überzeugung seines Gewissens. Er zechte und fluchte und war wilder und brutaler als je. Und eines Abends, wo seine Mutter in der letzten Qual ihrer Verzweiflung sich ihm zu Füßen warf, stieß er sie mit dem Fuße von sich, daß sie bewußtlos zu Boden sank, und floh mit rohen Flüchen auf sein Schiff. Das nächste Mal hörte Legree von seiner Mutter bei einem Gelage mit betrunkenen Zechgenossen, wo man ihm einen Brief übergab. Er brach ihn auf und eine lange Haarlocke fiel heraus und wickelte sich um seine Finger. Der Brief meldete ihm den Tod seiner Mutter und daß sie ihn sterbend gesegnet und ihm verziehen habe. Das Böse besitzt eine schauerliche unheilige Zauberkraft, welches die herrlichsten und heiligsten Dinge zu Phantomen des Schreckens und Entsetzens macht. Die bleiche zärtliche Mutter – ihr Sterbegebet und ihre vergebende Liebe – wirkten in dem dämonischen Sünderherzen wie ein Verdammungsurteil, begleitet von einer bangen Furcht vor dem Gericht und dem göttlichen Zorne. Legree verbrannte die Haarlocke und verbrannte den Brief, und wie er sie in der Flamme zischen und prasseln sah, schauderte er innerlich, wie er an das ewige Feuer dachte. Er versuchte sich die Erinnerung durch Zechen und Schwelgen und Fluchen zu vertreiben, aber oft in tiefer Nacht, deren feierliche Stille die Seele des Lasterhaften zu gezwungener Einkehr in sich selbst treibt, hatte er die bleiche Mutter neben seinem Bette stehen sehen und gefühlt, wie sich das weiche Haar um seine Finger wickelte, bis der kalte Todesschweiß ihm am Gesicht hinablief und er entsetzt aus dem Bette sprang.

»Verwünscht!« sprach Legree vor sich hin, wie er seinen Punsch nippte. »Wie ist er dazu gekommen? Ob es nicht gerade aussah, wie – hu! Ich dachte, ich hätte das vergessen. Verflucht will ich sein, wenn ich glaube, man könnte überhaupt was vergessen – zum Henker damit! Es ist mir so einsam! Ich will Emmeline rufen. Sie kann mich nicht leiden – der Zieraffe! ’s ist mir einerlei – ich will schon machen, daß sie kommt!«

Legree trat in eine große Vorhalle, aus welcher man auf eine Wendeltreppe, die früher einmal prächtig gewesen, in das obere Geschoß ging; aber der Durchgang war schmutzig und liederlich und von Kisten und unansehnlichem Gerumpel versperrt. Die mit keinem Teppich überzogene Treppenflucht schien sich in dem Dunkel hinaufzuwinden, niemand weiß, wohin. Der blasse Mondschein schimmerte durch ein zerbrochenes Fenster über der Tür. Die Luft war dumpf und schaurig, wie in einem Grabgewölbe.

Legree blieb an dem Fuß der Treppe stehen und hörte eine Stimme singen. Es kam ihm in dem öden alten Hause so seltsam und geisterhaft vor, vielleicht, weil seine Nerven schon in einem angegriffenen Zustande waren. »Horch! Was ist das?« Eine wilde pathetische Stimme sang ein unter den Sklaven sehr gebräuchliches Kirchenlied:

»O Jammer, Jammer, Jammer wird erschallen,
Wenn Christus auf dem Richterthrone sitzt!«

»Verdammt sei das Mädchen!« sagte Legree. »Ich will ihr das Maul stopfen. – Emmeline! Emmeline!« rief er laut und drohend; aber nur ein spöttischer Widerhall von den Wänden antwortete ihm. Die liebliche Stimme sang weiter:

»Dort trennen Eltern sich von Kindern!
Dort trennen Eltern sich von Kindern,
Um nimmer wieder sich zu sehn!«

Und klar und laut schallte durch die leeren Hallen der Refrain:

»O Jammer, Jammer, Jammer wird erschallen,
Wenn Christus auf dem Richterthrone sitzt!«

Legree blieb stehen. Er hätte sich geschämt, es zu erzählen, aber große Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn und sein Herz schlug laut vor Furcht; es war ihm sogar, als sähe er in dem Raume vor sich etwas Weißes sich erheben und schimmern, und schauderte bei dem Gedanken, daß die Gestalt seiner toten Mutter ihm plötzlich erscheinen könnte.

»Eins weiß ich«, sagte er vor sich hin, wie er zurück in sein Zimmer wankte und sich hinsetzte; »ich will diesen Kerl von nun an ungeschoren lassen; was brauchte ich nur sein verfluchtes Papier anzugreifen? Ich glaube wahrhaftig, ich bin behext! Ich habe seit der Zeit beständig gefröstelt oder geschwitzt! Wo mag er die Haarlocke herhaben? Es kann doch nicht die gewesen sein! Die habe ich verbrannt, das weiß ich! Es wäre doch närrisch, wenn eine Haarlocke wieder auferstehen könnte!«

Ach Legree! Diese goldene Locke war bezaubert; jedes Haar derselben hielt dich mit einem Zauber von Schrecken und Reue umfangen und wurde von einer höheren Macht benutzt, deine grausamen Hände zu binden, damit sie dem Hilflosen nicht das äußerste Leid zufügten!

»Ihr da!« sagte Legree, indem er mit dem Fuße stampfte und den Hunden pfiff. »Steht auf und leistet mir Gesellschaft!« Aber die Hunde öffneten nur schläfrig ein Auge und machten es wieder zu.

»Ich werde Sambo und Quimbo rufen, daß sie mir was vorsingen und einen ihrer Höllentänze tanzen, um mir diese gräßlichen Gedanken zu vertreiben«, sagte Legree, und er setzte seinen Hut auf, trat auf die Veranda hinaus und stieß in ein Horn, mit dem er gewöhnlich seine beiden Sklavenaufseher herbeirief.

Wenn Legree bei gnädiger Laune war, ließ er oft diese beiden Würdigen zu sich aufs Zimmer kommen, machte ihnen erst den Kopf mit Whisky warm und fand dann einen Spaß daran, sie singen, tanzen oder sich balgen zu lassen, wie es ihm seine Laune eingab.

Als Cassy zwischen ein und zwei Uhr nachts von ihren dem armen Tom geleisteten Liebesdiensten zurückkehrte, hörte sie wildes Schreien, Jauchzen und Singen, untermischt mit Hundegebell und andere Symptome allgemeinen Aufruhrs aus Legrees Zimmer erschallen.

Sie ging die Verandastufen hinauf und sah hinein. Legree und die beiden Aufseher, alle drei in einem Zustande viehischer Betrunkenheit, sangen, brüllten, warfen Stühle um und zogen sich allerlei lächerliche und gräßliche Gesichter.

Sie legte ihre kleine zarte Hand auf den Fensterrahmen und sah ihnen zu. Es lag eine Welt von Seelenschmerz, bitterer Verachtung und wildem Groll in den schwarzen Augen, während sie hinblickte. »Wäre es eine Sünde, die Welt von einem solchen Elenden zu befreien?« sprach sie zu sich selbst.

Sie ging um das Haus herum nach einer Hintertür, schlich sich die Treppe hinauf und klopfte an Emmelines Tür.