Roman

Sechstes Buch

Nach dem Sieg der härteste Kampf

I.

Lantenac gefangen

Der Marquis war wirklich in die Gruft zurückgekehrt. Man führte ihn ab. Sofort wurde, unter Cimourdain’s strenger Aufsicht das ebenerdige in den Stein gehauene Verließ von La Tourgue geöffnet, eine Lampe, ein Krug Wasser, ein Kommislaib und ein Strohbündel hineingeschafft, und bevor noch eine Viertelstunde verflossen war, seitdem die Hand des Priesters den Marquis berührt hatte, schloß sich bereits hinter Lantenac die Thür seines Kerkers. Gleich darauf – es schlug in der Ferne auf dem Kirchthurm von Parigné gerade elf – begab sich Cimourdain zu Gauvain und sagte zu ihm: Ich werde ein Kriegsgericht einsetzen, ohne jedoch Dich beizuziehen. Du bist ein Gauvain und Lantenac ist ein Gauvain. Ihr seid zu nahe verwandt, als daß Du sein Richter sein könntest, und ich tadele es, daß Egalité über Capet mit abgeurtheilt hat. Das Kriegsgericht wird aus drei Richtern bestehen, einem Offizier, dem Hauptmann Guéchamp, einem Unteroffizier, dem Sergeanten Radoub, und mir, dem Präsidenten. Mit Allem, was von jetzt ab geschehen soll, hast Du Dich nicht zu befassen. Wir halten uns an den Beschluß des Konvents und werden ganz einfach die Identität des vormaligen Marquis von Lantenac feststellen. Morgen die Gerichtssitzung, übermorgen die Guillotine. Die Vendée ist todt.

Gauvain machte nicht die geringste Einwendung, und Cimourdain, von dieser seiner endgültigen Aufgabe völlig in Anspruch genommen, verließ ihn, denn es blieben noch Stunden zu bestimmen und Lokalitäten zu wählen. Wie Lequinio zu Granville, Tallien zu Bordeaux, Châlier zu Lyon, Saint-Just zu Straßburg, pflegte er bei den Hinrichtungen zugegen zu sein; diese Gewohnheit des Richters, dem Henker zuzuschauen, galt für ein gutes Beispiel und war von den dreiundneunziger Schreckensmännern den französischen Parlamenten und der spanischen Inquisition entlehnt worden.

Nicht minder in Anspruch genommen war auch Gauvain.

Vom Wald her blies ein rauher Wind. Gauvain überließ es Guéchamp, die nöthigen Befehle zu ertheilen, ging in sein Zelt am Waldsaum, auf dem Rasenplatz vor La Tourgue, und hüllte sich in seinen Mantel. Dieser Mantel war mit einer Kapuze versehen und mit jener einfachen Borte besetzt, in der die prunklos republikanische Auszeichnung der Korpskommandanten bestand. Dann wandelte er auf der blutigen Wiese, wo der Sturm auf La Tourgue begonnen hatte, auf und nieder. Er war ganz ungestört. Das Feuer, dem nunmehr keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, brannte weiter. Radoub war bei den Kindern und der Mutter, fast ebenso mütterlich wie diese. Das Brückenschlößchen war beinahe vernichtet; die Sappeurs isolirten nur noch den Gluthherd. Man warf Gruben auf für die Todten, verband die Verwundeten, riß die Barrikade nieder, entfernte die Leichen aus den Gemächern und von den Treppen, reinigte den Schauplatz des Gemetzels und schaffte den fürchterlichen Kehricht des Sieges bei Seite. Die Soldaten besorgten mit militärischer Hurtigkeit, was man das Hauswesen einer beendigten Schlacht nennen könnte. Aber von dem Allen sah Gauvain nichts. Kaum daß er, aus seiner Träumerei heraus, einen Blick auf den Wachtposten vor der Bresche warf, der auf Cimourdains Befehl verdoppelt worden war. Der Wiesenfleck, wo er gewissermaßen eine Zuflucht gesucht hatte, lag etwa hundert Schritt von der Bresche, deren schwarzen Schlund er in der Dunkelheit unterscheiden konnte. Dort hatte vor drei Stunden der Angriff begonnen; dort war Gauvain in den Thurm eingedrungen; dort befand sich der Saal, wo die Barrikade gestanden; jener Saal führte in den Kerker des Marquis, welcher durch den Wachtposten der Bresche bewacht wurde, und jedes Mal, wenn Gauvains Blick diese Bresche streifte, tönte ihm wie Grabgeläute ein verworrener Nachhall der Worte ins Ohr: »Morgen die Gerichtssitzung, übermorgen die Guillotine.«

Die Feuersbrunst, wiewohl begrenzt und durch die Sappeurs mit allem verfügbaren Wasser begossen, erlosch nicht ohne Widerstand und wirbelte stellenweise noch Flammen auf; hin und wieder hörte man das Gekrach des Gebälks und der aufeinander einstürzenden Stockwerke, und dann sprühte das Schlößchen, wie eine geschwungene Fackel, ganze Wirbel von Funken; der äußerste Horizont erglänzte wie bei einem Blitzstrahl und La Tourgue warf plötzlich einen riesenhaften Schlagschatten bis zum Waldsaum hinüber.

Gauvain, der langsamen Schritts in der Dunkelheit vor der Bresche auf und abging, kreuzte zuweilen beide Hände hinter der Kapuze seines Soldatenmantels, die er über den Kopf geschlagen hatte, und sann.

II.

Gauvain in Gedanken

Es war ein unergründlich tiefes Hinbrüten; hatte doch eine unerhörte Verwandlung soeben stattgefunden. Der Marquis von Lantenac hatte sich verklärt, und diese Verklärung hatte Gauvain mit angesehen. Nie hätte er geglaubt, daß irgend welche Verwickelung von Umständen dergleichen Dinge mit sich bringen könne, und nie, selbst im Schlaf nicht, geahnt, daß so etwas möglich sei. Das Unerwartete, dieses unbestimmte, mit den Menschen spielende herrische Walten, hatte ihn erfaßt und hielt ihn fest. Unter seinen Augen war das Unmögliche, Sichtbare, Greifbare, Unvermeidliche, Unerbittliche Wirklichkeit geworden. Wie stellte sich nun er, Gauvain, zu dieser Thatsache? Nicht Ausflüchte zu suchen galt es hier; es galt, einen Schluß zu ziehen. Es war eine Frage an ihn gerichtet worden, welcher er nicht ausweichen durfte, und wer richtete diese Frage an ihn? Die Ereignisse, und die Ereignisse nicht allein, denn wenn die wandelbaren Ereignisse anfragen, steht die unwandelbare Gerechtigkeit dahinter und fordert Antwort. Hinter der Wolke, die ihren Schatten auf uns wirft, leuchtet der Stern, und wir können, uns dem Licht ebenso wenig entziehen wie dem Schatten.

Gauvain bestand ein Verhör. Er erschien vor einem Richter, einem furchtbar strengen Richter: seinem eigenen Gewissen. Er empfand ein innerliches Taumeln; seine festesten Vorsätze, seine bestimmtesten Versprechungen, seine unwiderruflichsten Entschlüsse, das Alles kam in den Grundfesten seiner Willenskraft in ein Wanken. Wie Erdbeben, so giebt es auch Seelenbeben. Je mehr er dem Gesehenen nachgrübelte, desto tiefer wühlte sich die Umwälzung. Ihm, der als Republikaner das Wahre erfaßt zu haben glaubte und auch erfaßt hatte, erschien nun urplötzlich eine höhere Wahrheit, über der politischen Idee die rein menschliche. Was in ihm vorging, ließ sich nicht bemänteln; der Thatbestand fiel schwer ins Gewicht; Gauvain, der in diesen Thatbestand mit verflochten war, konnte sich nicht zurückziehen, und trotz Cimourdains Versicherung: »Mit Allem, was von jetzt ab geschehen soll, hast Du Dich nicht zu befassen«, fühlte er in seinem Innern etwas Aehnliches wie ein Baum, der von seiner Wurzel losgerissen wird. Jeder Mensch hat eine Grundlage, und jede Erschütterung dieser Grundlage versetzt den Menschen in namenlose Verwirrung; diese Verwirrung war über Gauvain gekommen, und er drückte beide Hände gegen seine Stirn, als wolle er das Richtige daraus hervorpressen.

Eine solche Situation klar zusammenzufassen war kein Leichtes; es gab sogar nichts Schwereres; großmächtige Zahlen ragten vor ihm auf, aus denen er eine Summe ziehen sollte; ein ganzes Schicksal zusammen addiren, wem schwindelt davor nicht? Er machte den Versuch; er rang nach Aufklärung; er mühte sich ab, seine Gedanken zu sammeln, das oder jenes heimliche Widerstreben zu überwältigen, die Thatsachen der Reihe nach zu prüfen und sie sich selber zu erläutern.

Wer hat sich nicht schon einen Selbstbericht erstattet und ist nicht, an Wendepunkten seines Lebens, mit sich zu Rath gegangen, um sich einen Weg. für den Vorstoß oder für den Rückzug vorzuzeichnen?

Gauvain hatte etwas Unerklärliches geschaut. Gleichzeitig mit dem irdischen Kampf war ein himmlischer ausgefochten worden, der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen; in diesem Kampf war ein steinern Herz überwunden worden, und wenn man alle Verdüsterungen dieses Herzens in Betracht zieht, die Gewaltthätigkeit, die Selbsttäuschung, die Blindheit, die krankhafte Verstocktheit, den Hochmuth, die Eigenliebe, so war hier wirklich ein Wunder geschehen: der Sieg der Menschheit über den Menschen. Das Menschliche hatte über das Unmenschliche triumphirt. Und wie hatte es einen Riesen an Zorn und Haß niedergeworfen? Durch welche Mittel? Mit welchen Waffen, welcher Kriegsmaschine? Durch eine bloße Kinderwiege.

Gauvain war wie durch ein Meteor geblendet. Mitten im sozialen Kampf, im Auflodern aller Feindseligkeiten und Rachegelüste, im dunkelsten, wildesten Moment des Aufeinanderprallens, in der Stunde, wo das Verbrechen in seinen hellsten Flammen und der Haß in seiner vollsten Finsterniß aufging, in diesem Augenblick der Schlacht, wo Alles zur Waffe wird und wo das Handgemenge so verhängnißwuchtig tobt, daß man nicht mehr weiß, auf welcher Seite die Gerechtigkeit, die Ehrlichkeit, die Wahrheit zu suchen sind, hatte das unbekannte Etwas, der geheimnißvolle Seelenmahner, über dem menschlichen Licht- und Schattenwiderstreit, urplötzlich den großen ewigen Strahlenborn leuchten lassen. Ueber dem düstern Zweikampf des Falschen und des nur bedingt Richtigen war mit einem Mal, in tiefster Ferne, das Antlitz der Wahrheit erschienen und die Macht der Schwachen zum Durchbruch gekommen. Man hatte drei armselige, kaum geborene, kaum ihrer selbst bewußte, verlassene, verwaiste, vereinsamte, stammelnde, lächelnde Wesen den Sieg davontragen sehen über den Bürgerkrieg, über die systematische Wiedervergeltung, über die gräßliche Logik der Gegenwehr, über den gewaltsamen Tod, das Gemetzel, den Brudermord, die Raserei, den verbissenen Groll, kurz über alle Gorgonen; man hatte eine verruchte, zu einem Verbrechen gedungene Feuersbrunst mißlingen und fehlschlagen gesehen, gesehen, wie ein unmenschlicher Vorbedacht entwaffnet und vereitelt wurde, gesehen, wie die überlieferte Grausamkeit des Mittelalters, die alte unerbittliche Menschenverachtung, die erfahrungsmäßigen angeblichen Nothbehelfe der Kriegführung mitsammt der Staatsräson und den eingefleischten, angemaßten Vorurtheilen eines grausamen Greisenthums in nichts zerstoben waren vor dem blauen Blick Solcher, die noch nicht gelebt hatten: eigentlich ein natürlicher Vorgang, denn wer noch nicht gelebt hat, hat auch noch nicht gesündigt; er ist die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die weiße Reinheit, und in den kleinen Kindern verkörpern sich die Engel des Himmels.

Ein nutzbringend Schauspiel, ein guter Rath, eine Lehre war’s für die maßlosen Kämpfer eines unbarmherzigen Kampfes, plötzlich zu sehen, wie sich im Angesicht all der Unthaten, all der Frevel, all der Parteiwuth, der Blutgier, der scheiterhaufenanfachenden Rache, des fackelschwingenden Todes die Allmacht der Unschuld über die unzählige Legion von Greueln erhob. Und die Unschuld hatte gesiegt. Und jetzt konnte man sagen: Nein, es giebt keinen Bürgerkrieg, es giebt keine Barbarei, giebt keinen Haß, kein Verbrechen, keine Finsterniß mehr, dies Heer von Unholden zu zerstreuen genügte ein einzig Morgenroth: die Kindheit.

0335

In keinen Kampf, niemals, hatte sowohl das Göttliche wie das Teuflische sichtbarlicher eingegriffen. Der Kampfplatz war ein Gewissen gewesen, das Gewissen Lantenacs, und nun brach, noch heißer und noch entscheidender, in einem andern Gewissen der Kampf los, in Gauvains Gewissen. Ein Mensch, welch ein Schlachtfeld! Göttern, Ungeheuern und Riesen sind wir preisgegeben, unsern eigenen Gedanken, und diese wilden Ringer, wie oft zerstampfen sie uns die Seele!

Immer tiefer versank Gauvain in sein Grübeln.

Der Marquis von Lantenac, eingeschlossen, bestürmt, verurtheilt, in Bann und Acht, festgekeilt wie ein Löwe in der Arena, wie der Nagel in der Zange, in seiner kerkergewordenen Höhle gefangen und allenthalben bedrängt von einer feurigen Eisenmauer, hatte ihr zu entrinnen vermocht; er war wie durch ein Wunder entkommen; ihm war ein Meisterstück gelungen, in einem solchen Krieg das schwerste unter allen, die Flucht. Er hatte wieder Besitz ergriffen von seinem Wald, um sich darin zu verschanzen, von der ganzen Umgegend, um darin zu kämpfen, von der Finsterniß, um darin zu verschwinden. Er war der schreckenverbreitende Auf- und Niedertaucher wieder, der düstere Irrfahrer, das Oberhaupt der Unsichtbaren, der Anführer der unterirdischen Männer, der Herr der Wälder. Gauvain hatte den Sieg, Lantenac aber seine Freiheit errungen. Er hatte fortan die vollste Sicherheit, den unbegrenzten Raum, die unerschöpfliche Wahl seiner Schlupfwinkel vor sich; er war ungreifbar, unentdeckbar, unerreichbar; der gefangene Löwe war der Falle entsprungen und in diese Falle war er zurückgekehrt, hatte freiwillig, aus eigenem Antrieb, willkürlich, den Wald und den Schatten und die Geborgenheit und das Asyl seiner Freiheit verlassen, um sich tollkühn in die entsetzlichste Gefahr zu begeben, ein erstes Mal, als er sich in das Gebäude stürzte, das ihn mit dem Untersinken in den Flammen bedrohte, und dann noch ein zweites Mal, als er an jener Leiter hinabstieg, die ihn seinen Feinden überantwortete und die, eine Rettungsleiter für die Anderen, für ihn die Leiter zum Grab war. Und weshalb hatte er das Alles gethan? Um drei Kinder dem Tode zu entreißen. Und was wollte man jetzt mit diesem Mann beginnen? Ihm den Kopf vor die Füße legen. Für drei Kinder – waren es seine Kinder? Nein; gehörten sie wenigstens seiner Familie an? Nein; seiner Kaste? – Nein – für die drei Kinder einer Bettlerin, die nächstbesten, für unbekannte, zerlumpte, halbnackte Findlinge hatte dieser Edelmann, dieser Fürst, dieser Greis, der Gerettete, der Befreite, der Sieger – denn solch ein Entrinnen ist ein Triumph – Alles gewagt, Alles aufs Spiel gesetzt, Alles wieder in Frage gestellt und hatte, in demselben Augenblick, da er die Kinder zurückgab, seinen bis dahin verhaßten, nunmehr aber verehrungswürdigen Kopf mit gebieterischer Ueberlegenheit zurückgebracht und dem Henker angeboten. Und was geschah jetzt? Das Gebotene war angenommen worden. Lantenac hatte die Wahl gehabt zwischen fremdem Leben und zwischen seinem eigenen und hatte sich majestätisch für seinen Tod entschieden. Und den wollte man ihm jetzt zuerkennen, ihm den Tod zur Belohnung seines Heldenthums, wollte auf eine hochherzige That mit einer barbarischen antworten und der Revolution diese Blöße geben! Wie klein müßte da die Republik erscheinen neben dem Marquis! Während der Mann der Vorurtheile und der Unterdrückung, plötzlich umgewandelt, in die Menschheit zurückkehrte, sollten sie, die Männer der Befreiung und der Unabhängigkeit, im Bürgerkrieg verharren, in der Routine des Blutvergießens, im Brudermord! Das göttliche Gesetz der Vergebung, der Selbstverleugnung, der Erlösung, der Opferfreudigkeit sollte also den Verfechtern des Irrthums heilig sein und den Soldaten der Wahrheit nicht! Wie? Sollte man etwa an Großmuth hinter dem Gegner zurückbleiben? Diese Niederlage über sich ergehen lassen? In der Vollkraft sich als der schwächere Theil erweisen, siegreich morden und die Behauptung möglich machen, es ständen auf der Seite der Monarchie Die, welche die Kinder retten, und Die, welche Greise umbringen, seien unter den Republikanern zu suchen? Dieser tapfere Soldat, dieser gewaltige Achtziger, dieser entwaffnete, eher geraubte als gefangene Feind, mitten aus einer edlen That herausgerissen, mit seiner eigenen Erlaubniß festgenommen, noch mit den Schweißperlen einer erhabenen Opferthat auf der Stirn, sollte die Stufen des Schaffotts hinansteigen, wie man hineinsteigt zur Apotheose? An das Fallbeil sollte dieses Haupt ausgeliefert werden, von den bittenden drei Seelen der geretteten kleinen Engel umschwebt? Und bei dieser Selbsterniedrigung seiner Henker sollte Lantenacs Antlitz lächeln und das Antlitz der Republik erröthen? Und in seinem, Gauvains, des Befehlshabers, Beisein sollte das geschehen? Und er, der es verhindern konnte, sollte sich nicht rühren, sich zufrieden geben mit der stolzen Abfertigung: »Mit dem, was von jetzt ab geschehen soll, hast Du Dich nicht zu befassen?« Würde er nicht zu sich selber sagen müssen, daß in solchen Fällen eine Abdankung die Mitschuld ist? Und müßte er sich nicht eingestehen, daß der, welcher eine so ungeheuerliche That zuläßt, noch verwerflicher handelt, als der sie vollbringt, weil er nebenbei noch die Rolle des Feiglings spielt?

Aber hatte er nicht bereits versprochen, den Tod des Marquis herbeizuführen? Hatte er, Gauvain, der Mann der Milde, nicht erklärt, daß Lantenac als Ausnahme außer dem Bereich der Milde stehe und daß er ihn Cimourdain überantworten werde? Diesen Kopf war er schuldig; er zahlte ganz einfach seine Schuld ein. Aber war es denn auch noch derselbe Kopf? Bis jetzt hatte Gauvain in Lantenac lediglich den barbarischen Gegner gesehen, den fanatischen Vorkämpfer des Königthums und der Feudalzustände, den Schlächter der Gefangenen, den durch den Bürgerkrieg losgelassenen Mörder, den Blutmenschen, und jenen Menschen fürchtete er nicht; gegen den Wütherich konnte er wüthen, dem Unversöhnlichen die Unversöhnlichkeit entgegensetzen. So wäre die Sache äußerst einfach und der vorgeschriebene Weg mit düsterer Leichtigkeit einzuhalten gewesen; den Tödtenden tödten war weiter nichts als die gerade Linie des Gräßlichen. Jetzt aber war diese gerade Linie ganz unvermuthet unterbrochen worden und hinter ihrer Krümmung that sich, wie durch eine Offenbarung, ein neuer Gesichtskreis auf. Der unbekannte, verwandelte Lantenac betrat die Bühne. Dem Ungeheuer entstieg ein Held, ja, mehr noch als ein Held, ein Mensch, und mehr noch als eine Seele, ein Gemüth. Gauvain hatte keinen Würger mehr, einen Retter hatte er vor sich. Er war niedergeworfen durch einen himmlischen Lichtstrom; Lantenac hatte ihm einen Donnerschlag der Güte ins Herz geschmettert.

Und dieser verklärte Lantenac sollte Gauvain nicht auch verklären? Was? Auf diesen Strahlenstoß sollte kein Rückstoß erfolgen? Der Mann der Vergangenheit sollte voran- und der Mann der Gegenwart zurückschreiten? Der Mann der Grausamkeit und des Aberglaubens sollte, auf plötzlich ausgebreiteten Schwingen einherschwebend, den Mann des Ideals von oben herab im Staub und in der Nacht kriechen sehen, weiterkriechen im ausgefahrenen Geleise der Rohheit, indessen er, Lantenac, in den Lüften hinsegelte, erhabenen Begegnungen zu?

Und dann noch dies Andere: die Familie! Das Blut, das Gauvain vergießen sollte – denn es vergießen lassen, hieß es selber vergießen – war es nicht sein eigenes? Sein Großvater war gestorben, aber sein Großonkel lebte, und dieser Großonkel war der Marquis. Mußte derjenige der beiden Brüder, der im Grab lag, nicht daraus hervorsteigen, um zu verhindern, daß der andere hinabgestoßen werde? Mußte er nicht seinem Enkel befehlen, fortan diese Krone von weißem Haar, die Schwester seiner eigenen Strahlenkrone, zu ehren, und blitzte nicht zwischen Gauvain und Lantenac der Entrüstungsblick eines Todten? Hatte die Revolution denn die Entartung der Gemüther zum Zweck? War sie gemacht worden, um die Bande der Familie zu sprengen und alles menschliche Fühlen zu ersticken? Im Gegentheil, 89 war ja über der Welt aufgegangen, um diese höchsten Wahrheiten zur Geltung zu bringen und nicht, um sie zu verneinen, denn die Bastillen niederwerfen, heißt die Menschheit befreien, die Feudalherrschaft abschaffen, heißt die Familie begründen. Da der Urheber der Ausgangspunkt der Autorität ist, und da die Autorität dem Urheber innewohnt, giebt es keine andere Autorität als die des Vaters; daher die berechtigte Herrschaft der Bienenkönigin, die ihr Volk gebiert und ihre Königswürde der Mutterschaft entlehnt; daher der Widersinn des Menschenkönigs, der, ohne der Vater zu sein, dennoch der Herr sein will; daher die Absetzung dieses Königs; daher die Republik. Was ging aus dem Allen hervor? Die Familie, die Menschheit, die Revolution. Die Revolution war die Thronbesteigung der Völker und im Grund ist das Volk nichts anderes als das Individuum. Die Frage war so gestellt, ob jetzt, da Lantenac in die Menschheit zurückgekehrt war, Gauvain seinerseits nicht in die Familie zurückkehren werde; die Frage war, ob Oheim und Neffe sich in der höheren Lichtregion zusammenfinden sollten oder ob dem Fortschreiten des Oheims ein Rückschritt des Neffen entsprechen müsse. Auf diese Frage also lief Gauvains erregte Auseinandersetzung mit seinem Gewissen hinaus, und die Antwort schien sich von selber zu ergeben: Rettung für Lantenac.

Wohl, aber Frankreich?

Hier wechselte das schwindelnde Problem plötzlich die Gestalt. Wie? Frankreich lag in den letzten Zügen! Frankreich stand offen, ausgesetzt, ohne Bollwerk; es hatte keinen Wallgraben mehr: Deutschland drang über den Rhein; es hatte keine Mauern mehr: Italien stieg über die Alpen und Spanien über die Pyrenäen. Ihm blieb nur der große Schlund des Ozeans, nur den Abgrund hatte es noch für sich. Dem den Rücken zuwendend, konnte es freilich, auf seine Meere gestützt, dem ganzen Festland die Stirne bieten. Eigentlich war diese Stellung unüberwindlich. Aber nein, diese Stellung war im Rücken bedroht. Dieser Ozean gehört Frankreich nicht mehr. Auf diesem Ozean hausten die Engländer. England wußte allerdings nicht, wie es hinüberkommen sollte, doch siehe da! Es fand sich ein Mann, der ihm eine Brücke bauen wollte, ein Mann, der ihm die Hand reichte, ein Mann, der zu Pitt, zu Craig, zu Cornwallis, zu Dundas, zu den Piratenschiffen sagte: Kommt! Ein Mann, der eben hinüberschreien wollte: Da, England, nimm Frankreich hin! Und dieser Mann war der Marquis von Lantenac und diesen Mann hielt man fest. Nach drei Monaten der Hartnäckigkeit, der Verfolgung, der Hetzjagd, war man seiner endlich habhaft geworden. Gerade war auf den Fluchbeladenen die Hand der Revolution niedergefahren; die zusammengekrampfte Faust von 93 hatte den royalistischen Henker beim Kragen gefaßt, und durch eine Fügung jenes geheimnißvollen Vorbedachts, der von oben herab in die irdischen Ereignisse eingreift, erwartete just in seinem eigenen Stammkerker dieser Muttermörder die Strafe, der mittelalterliche Mensch im mittelalterlichen Burgverließ; die Steine seines Kastells standen wider ihn auf und schlossen sich über ihm, und der sein Vaterland gefangen geben wollte, wurde selber gefangen gegeben durch sein Haus. Das Alles hatte Gott augenscheinlich also angeordnet; die Stunde der Gerechtigkeit hatte geschlagen; die Revolution hatte diesen öffentlichen Widersacher festgenommen; er konnte nicht mehr kämpfen, nicht mehr handeln, nicht mehr schaden; in jener Vendée, die über so viele Arme gebot, war er der einzige Kopf; mit ihm ging der Bürgerkrieg zu Ende; er war gefangen und damit Alles zum tragisch glücklichen Abschluß gekommen; nach so vielen Blutszenen und Metzeleien saß er hinter Schloß und Riegel, und sterben sollte nun auch Der, welcher getödtet hatte. Und dieser Mann hätte einen Retter finden sollen? Cimourdain, das heißt 93, hielt Lantenac, das heißt die Monarchie, in seiner Faust und es sollte sich eine Hand rühren, um der eisernen Kralle diese Beute zu entreißen? Lantenac, derjenige, in dem sich jene Garbe von Plagen zusammenflocht, die man die Vergangenheit nennt, der Marquis von Lantenac lag im Grab; die schwere Pforte der Ewigkeit schlug hinter ihm zu, und es sollte Jemand nahen und von außen den Riegel wieder wegschieben? Dieser soziale Uebelthäter war todt und mit ihm der Aufruhr, der brudermörderische Kampf, der unmenschlich geführte Krieg, und ihn sollte Jemand zurückrufen ins Leben? O wie würde der Todtenkopf dazu lachen! Recht so, würde dieses Gespenst grinsen, da habt ihr mich wieder, ihr dummen Tröpfe! Und wie würde er dann wieder an seine verruchte Arbeit gehen! Mit welcher freudigen Unversöhnlichkeit würde er sich wieder in den Pfuhl des Hasses und der Kriegswuth stürzen! Wie würden, schon am nächsten Tag, die Häuser in Brand gesteckt, die Gefangenen hingeschlachtet, die Verwundeten niedergemacht, die Weiber erschossen werden!

Und jene That, die Gauvain also blendete, maß er ihr denn auch wirklich keinen übertriebenen Werth bei? Drei Kinder waren verloren, und Lantenac hatte sie gerettet. Aber weshalb waren sie verloren? Waren sie’s nicht durch Lantenacs Schuld? Wer hatte jene Wiegen jener Feuersbrunst ausgesetzt? War’s nicht der Imânus? Und was war der Imânus? Das Werkzeug des Marquis. Verantwortlich ist der Befehlshaber. Der Mordbrenner war also kein Anderer als Lantenac. Was hatte er demnach so Bewundernswerthes gethan? Nichts, als daß er von seinem Vorsatz abließ. Nachdem er das Verbrechen zur Hälfte begangen, war er davor zurückgebebt, hatte sich selber Abscheu eingeflößt. Der Schrei der Mutter hatte jenen Rest von angestammtem menschlichen Mitleid in ihm aufgerührt, der als eine Art Ablagerung des allgemeinen organischen Lebens jeder Seele, sogar der ungeheuerlichsten, innewohnt. Bei jenem Schrei hatte er sich umgewendet und war aus der Nacht, in der er sich verlor, zum Licht zurückgekehrt und hatte die Wirkung seines Verbrechens aufgehoben. Sein ganzes Verdienst bestand lediglich darin, daß er nicht bis zum Schluß der Unmensch gewesen.

Und für ein so geringes Verdienst sollte man ihm Alles wiedergeben? Den offenen Raum, die Gefilde, die Ebenen, die Lüfte, den Tag, den Wald ihm wiedergeben, daß er ihn für seine rebellischen Zwecke, die Freiheit, daß er sie zur Knechtung, die Existenz, daß er sie zur Vertilgung anderer ausnütze?

Oder konnte man etwa einen Versuch machen, sich mit ihm zu verständigen, mit seiner gebieterischen Seele zu unterhandeln, ihm bedingungsweise die Befreiung vorzuschlagen, ihn zu fragen, ob er sein Leben mit dem Versprechen erkaufen wolle, sich fortan jeder weiteren Auflehnung und Feindseligkeit zu enthalten? Wie verfehlt wäre solch ein Anerbieten gewesen und welch ein Triumph für ihn! Und mit welch stolzer Geringschätzung könnte er dem Fragenden die Antwort ins Angesicht schlagen: Die Entwürdigungen behaltet für Euch und tödtet mich!

Mit diesem Mann war in der That nichts Anderes zu beginnen, als ihn zu tödten oder zu befreien. Bei ihm gipfelte sich Alles; er war stets bereit, zu entschweben oder sich zu opfern; er war der Adler und der Abgrund seiner selbst, ein psychisches Räthsel. Ihn tödten, welch ein Alp! Ihn befreien, welch eine Verantwortung! War Lantenac frei, so mußte in der Vendée Alles wieder von Neuem begonnen werden; von Neuem mußte man ringen mit dem Lindwurm, dem man den Kopf nicht abgeschlagen. In einem Nu, wie der Blitz, würde die verglimmende Flamme beim ersten Wiedererscheinen dieses Mannes aufflackern, und dieser Mann würde nicht eher ruhen, als bis ihm sein fluchwürdiger Plan gelungen, demzufolge, wie ein Sargdeckel, die Monarchie über die Republik und England über Frankreich geschraubt werden sollte. Lantenac retten, hieß Frankreich opfern; Lantenacs Leben bedeutete den Tod einer Menge von unschuldigen, dem Bürgerkrieg aufs Neue anheimfallenden Wesen, Frauen und Kinder so gut wie Männer; es bedeutete die Landung der Engländer, den Rückprall der Revolution, die Verwüstung der Städte, ein zerfleischtes Volk, eine verblutende Bretagne, ein der Klaue zurückerstattetes Opfer. Und mitten in einem Meer von verworrenen Lichterscheinungen und durcheinander gekreuzten Strahlen sah Gauvain, wie sich allmälig vor seiner hinträumenden Seele das Problem abklärte und aufrichtete: Freigebung des Tigers.

Und dann trat die Frage wieder in ihrer ersten Gestalt an ihn heran; der Sisyphosblock, das Sinnbild des inneren Widerstreits im Menschen, rollte wieder zurück. War Lantenac denn auch wirklich der Tiger? Er mochte ein Tiger gewesen sein; aber war er auch jetzt noch einer? Gauvain empfand die peinlich schwindelnden Windungen des Gedankens, der wie die Schlange in sich selber zurückschnellt. Ließ sich denn schließlich auch nach redlichster Prüfung die Opferthat Lantenacs, seine stoische Selbstverleugnung, seine majestätische Uneigennützigkeit in Abrede stellen? Vor dem aufgerissenen Rachen des Bürgerkrieges der Humanität huldigen, in den Konflikt der untergeordneten Wahrheiten die höhere Wahrheit schleudern, den Beweis führen, daß es über den Königsthronen, über den Revolutionen, über den irdischen Streitfragen noch das endlos zärtliche Hinschmelzen der Seele giebt, die Pflicht der Starken, den Schwachen zu beschützen, die Rettungspflicht der Geretteten gegen die Rettungsbedürftigen, die Vaterpflicht aller Greise gegen alle Waisen – diese Herrlichkeiten zur Geltung bringen und das eigene Haupt dafür einsetzen, General sein und auf den Krieg, auf die Schlachten, auf die Revanche verzichten, Royalist sein und zu einer Wage greifen und auf die eine Schale den König von Frankreich, eine fünfzehnhundertjährige Monarchie, die wiederherzustellenden alten Gesetze, die wiedereinzuführende alte gesellschaftliche Ordnung und auf die andere Schale die nächstbesten drei Bauernkinder legen und den König, den Thron, das Scepter, die fünfzehn Jahrhunderte leicht befinden gegen eine dreifache Unschuld – das Alles sollte so viel sein wie nichts, und Der dies vollbracht, sollte der Tiger bleiben und als Bestie ausgerottet werden? Nein, zehnmal nein! Ein Unmensch war es nicht, der soeben noch den Abgrund des Bürgerkrieges mit dem Strahl einer göttlichen That erhellt hatte! Aus dem Schwertschwinger war ein Lichtspender geworden; der Höllenfürst war wieder Lucifer der Engel. Durch sein Opfer hatte sich Lantenac von allen früher verübten Greueln losgekauft; er hatte sich durch seinen zeitlichen Untergang moralisch gerettet, hatte sich eine neue Unschuld erkämpft, hatte seine eigene Begnadigung unterschrieben, denn es besteht ein Recht der Selbstverzeihung, und von nun an war Lantenac ehrwürdig. Er hatte das Außerordentliche bereits geleistet, und nun kam die Reihe an Gauvain; Gauvain war ihm die Antwort schuldig. Der Widerstreit der edlen und unedlen Leidenschaften hatte dermalen die Welt in ein Chaos zurückgestoßen und diesem hatte Lantenac die Humanität abgerungen; Gauvain fiel nun die Aufgabe zu, dem Chaos noch ein Zweites abzuringen, die Familie. Was mußte geschehen? Konnte Gauvain unterlassen, was Gott selber ihm zutraute? Nimmermehr, und aus seinem Tiefsten heraus flüsterte ihm eine Stimme zu: Retten wir Lantenac! – Nun denn, entgegnete eine andere, thue es nur, arbeite den Engländern nur in die Hände, desertire, lauf über zum Feind, rette Lantenac und werde zum Verräther am Vaterland!

Und er schauderte in sich zusammen.

O Du Träumer, Deine Lösung des Problems ist keine Lösung. – Vor Gauvain stieg in der Finsterniß, die ihn umgab, die düster lächelnde Sphinx auf. Seine Situation glich einem grauenhaften Kreuzweg, in den die widersprechenden Wahrheiten einmündeten und sich einander gegenüberstellten, und wo die drei höchsten Güter des Lebens einander anstarrten: die Menschheit, das Vaterland, die Familie. Jede dieser Wahrheiten ergriff der Reihe nach das Wort und der Reihe nach sagte jede etwas Richtiges. Wie sollte da gewählt werden? Eine um die andere schien den Berührungspunkt der Weisheit und der Billigkeit entdeckt zu haben und mahnte: So mußt Du handeln. Aber mußte wirklich so gehandelt werden? Ja und Nein. Die Vernunft rieth zu Dem, das Gefühl zu Jenem, und die beiden Rathschläge bildeten einen Gegensatz. Die Vernunft ist blos unser Hirn und geht vom Menschlichen aus; das Gefühl ist oft das Gewissen der Weltseele und geht demnach aus vom Uebermenschlichen. Darum auch hat das Gewissen die mindere Klarheit, aber die größere Macht. Und dennoch, was liegt in der strengen Vernunft nicht für eine Gewalt! Gauvain schwankte in grausamer, Rathlosigkeit zwischen zwei Abgründen hin und her: den Marquis verderben oder ihn retten. In einen von beiden mußte er sich stürzen; aus welchem von beiden aber rief die Pflicht?

III.

Der Mantel des Kommandanten.

Die Pflicht und abermals die Pflicht: vor Cimourdain stieg sie düster, vor Gauvain bedrohlich empor, einfach vor Jenem und vor Diesem vielseitig, widerspruchsvoll, verwickelt.

Mittlerweile hatte es Zwölf und Eins geschlagen.

Ohne daß er es merkte, hatte sich Gauvain allmälig der Bresche genähert.

Die Feuersbrunst war zu einer sterbenden Gluth verglommen, deren Widerschein auf das gegenüberliegende Plateau fiel und es in den Zwischenräumen, wo der Rauch sie nicht umwölkte, matt erhellte. Dieser stoßweise auflebende und plötzlich wieder erlöschende Schimmer gab den Gegenständen ein unverhaltnißmäßiges Aussehen und die Schildwachen des Lagers tauchten wie Gespenster darin auf. Aus seiner Traumwelt heraus folgte zuweilen Gauvains Blick mechanisch diesem Untergehen des Qualms im Aufleuchten und des Aufleuchtens im Qualm. Das Auf- und Abwogen der Gluth entsprach einigermaßen der innern Fluth und Ebbe seiner Seele.

Plötzlich warf zwischen dem Aufwirbeln zweier Rauchwolken ein davonfliegender Feuerbrand des verglimmenden Gluthherdes ein grelles Licht auf die höchste Stelle des Plateaus und beschien dort mit röthlichem Glanz die Umrisse eines Karrens. Gauvain schaute hinüber. In diesem Karren, um welchen berittene Gendarmen hielten, glaubte er das Fuhrwerk wiederzuerkennen, das er vor einigen Stunden, bei Sonnenuntergang, durch Guechamp’s Fernrohr betrachtet hatte. Es standen Menschen darauf, die etwas abzuladen schienen, und zwar etwas Schweres, das hin und wieder dumpf durcheinander klirrte; was es eigentlich war, hätte sich schwerlich bestimmen lassen; dem Aussehen nach mochte es wohl Balkenwerk sein. Zwei von den Männern schafften eben eine dreieckige flache Kiste herab, die auf die Erde gestellt wurde. Da erlosch der Feuerbrand und Alles verschwamm wieder im Dunkeln. Nachdenklich starrte Gauvain noch immer hinüber nach dem Plateau, auf dem Laternen angezündet worden waren und undeutliche Gestalten ab und zugingen, die Gauvain, von unten und diesseits der Schlucht, nur dann wahrnahm, wenn sie zum äußersten Rand des Plateaus vortraten. Man hörte auch Stimmen, konnte jedoch keine Worte unterscheiden. Hier und da ertönte es wie von Hammerschlägen auf Holz oder gab jenen eigenthümlichen metallischen Klang, der das Wetzen einer Sense begleitet. Es schlug Zwei.

Langsam wie Einer, der nach zwei Schritten vorwärts am liebsten drei andere wieder rückwärts thun möchte, ging Gauvain auf die Bresche zu. Als er näher kam, erkannte ihn die Schildwache trotz der Dunkelheit an der

goldenen Borte seines Mantels und präsentirte das Gewehr. Nun trat Gauvain in den ebenerdigen Saal, der jetzt in eine Wachtstube umgewandelt worden; die Laterne, die von der Decke herunterhing, gab gerade so viel Licht, daß man durch das Gemach schreiten konnte, ohne über die am Boden auf Stroh ausgestreckten Soldaten des Postens zu stolpern, die fast alle schliefen. Da wo sie vor wenig Stunden noch gekämpft, schlummerten sie jetzt, zwar nicht gerade bequem, denn auf den mangelhaft gekehrten Steinplatten kam mancher noch auf ein von der Schlacht übrig gebliebenes Eisen- oder Bleigeschoß zu liegen; aber sie waren müde und rasteten wenigstens aus. Auf dieser gräßlichen Stätte des ersten Angriffs war gebrüllt, geheult, mit den Zähnen geknirscht, geschlagen, gewürgt, geröchelt worden; auf diesem Fußboden, der ihnen nun als Lager diente, waren gar viele der Ihrigen getroffen niedergestürzt; das Stroh, auf dem sie ruhten, trank das Blut ihrer Kameraden; jetzt war Alles vorüber, man hatte das Blut fortgespült, die Säbel abgewischt; die Todten waren todt und die Ueberlebenden friedlich eingeschlummert. So will es der Krieg. Und auch in der nächsten Nacht sollte ebenso friedlich geschlafen werden.

Als Gauvain erschien, erhoben sich Diejenigen, die blos dämmerten, und unter diesen der Kommandirende des Wachtpostens, vom Boden. Gauvain deutete nach der Kerkerthür und sagte: Machen Sie mir auf. Die Riegel wurden zurückgeschoben und Gauvain trat durch die geöffnete Thür ein, die sich sofort wieder hinter ihm schloß.

Siebentes Buch.

0343

Mittelalter und Neuzeit.

I.

Der Ahnherr.

Auf einer Steinplatte des Gefängnisses, neben der viereckigen Oeffnung des unterirdischen Verließes, brannte eine Lampe; weiter hinten war auch der Wasserkrug mit dem Kommisbrod und das Bündel Stroh. Da der Kerker in den Felsen gehauen war, wäre der Einfall, dieses Stroh in Brand zu stecken, dem Insassen übel bekommen, denn er hätte, ohne den geringsten Schaden anrichten zu können, unfehlbar im Rauch ersticken müssen.

Im Augenblick, wo sich die Thür in den Angeln drehte, schritt der Marquis in seinem Gefängniß auf und nieder, mit der mechanischen Unruhe des Löwen im Käfig. Beim Geräusch der auf- und zugehenden Pforte erhob er den Kopf, und die Lampe zwischen Gauvain und ihm leuchtete den Beiden von unten ins Gesicht. Sie schauten einander an, mit einem Blick, vor dem Jeder erstarrte. Dann brach Lantenac in schallendes Gelächter aus und rief: – Guten Tag, mein Herr. Es sind nun schon hübsch viele Jahre, daß mir das Glück nicht mehr zutheil geworden, mit Ihnen zusammen zu treffen. Sie haben die Gewogenheit, mir einen Besuch abzustatten. Ich danke Ihnen. Es kommt mir ganz erwünscht, ein klein wenig zu plaudern, denn ich war bereits auf dem besten Weg, mich zu langweilen. Ihre guten Freunde vergeuden die Zeit mit allerlei Weitschweifigkeiten, mit Feststellungen der Identität und Kriegsgerichten. Ich ginge rascher zu Werk. Bemühen Sie sich nur ganz herein – ich bin hier zu Hause. Nun, was sagen denn Sie zu Allem, was sich jetzt abspielt? Recht originell, nicht wahr? Es war einmal ein König und eine Königin; der König war der König; die Königin war Frankreich. Den König hat man enthauptet und die Königin mit Robespierre vermählt; dieser Herr und diese Dame haben eine Tochter bekommen, die man die Guillotine heißt und deren Bekanntschaft ich allem Anschein nach morgen früh machen werde. Es soll mir ein Vergnügen sein, gerade so vorzüglich, mein Herr, wie das, Sie hier bei mir zu sehen. Führt Sie etwa diese Angelegenheit her? Wären Sie wohl gar zum Henker avancirt? Wenn Sie mir hingegen einen bloßen Freundschaftsbesuch zugedacht haben, so bin ich unendlich gerührt. Sie wissen vielleicht nicht mehr, was ein Edelmann ist. Nun wohl, hier steht Einer: ich. Sehen Sie sich das sonderbare Ding nur an; das glaubt Ihnen an Gott; das glaubt an Althergebrachtes, glaubt an die Familie, an seine Vorfahren, an das Beispiel seines Vaters, an die Loyalität, an die Treue gegen den Landesherrn, an die Achtung vor den überlieferten Gesetzen, an eine Tugend, an eine Gerechtigkeit und das würde Sie mit Freuden füsiliren lassen. Aber bitte, gefälligst Platz zu nehmen, auf dem Stein zwar, denn in diesem Salon kann ich Ihnen keinen Fauteuil anbieten; doch wer im Unrath lebt, kann sich auch am Boden niedersetzen. Glauben Sie ja nicht, daß ich mit dieser Aeußerung eine beleidigende Absicht verbinde, denn was wir den Unrath nennen, das nennen Sie die Nation und von mir werden Sie doch schwerlich verlangen, daß ich mitrufe: Freiheit, Gleichheit, Verbrüderung. Wir stehen hier in einem alten Gemach meines Hauses; vor Zeiten sperrten die Herren die Hintersassen, jetzt sperren die Hintersassen die Herren hinein. Dergleichen Albernheiten heißt man eine Revolution. In sechsunddreißig Stunden soll mir auch, so scheint es, der Hals abgeschnitten werden. Ich sehe nicht ein, was ich daran aussetzen sollte. Nur hätte man wenigstens so höflich sein können, mir meine Dose herunterzuschicken, die ich droben im Spiegelzimmer ließ, wo Sie als kleines Kind oft gespielt haben und auf meinen Knieen geritten sind. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen auch mittheilen, daß Sie den Namen Gauvain führen und daß sonderbarerweise edles Blut in Ihren Adern fließt, ja weiß Gott, dasselbe Blut wie in den meinen, und daß dies Blut aus mir einen Mann von Ehre macht und aus Ihnen etwas Anderes. Jeder hat seine Eigenheiten. Sie werden mir vielleicht bemerken, das sei nicht Ihre Schuld; nun, meine ist es auch nicht. Mein Gott, man kann ja ein Uebelthäter sein, ohne es zu wissen; das liegt an der Luft, in der man lebt, und in Zeiten, wie wir sie jetzt haben, ist man für sein Handeln keineswegs verantwortlich; die Revolution, die nimmt jede einzelne Nichtswürdigkeit auf ihre Kappe, und all Ihre großen Verbrecher sind die leibhaftige Unschuld. Einfaltspinsel sind’s! Sie zu allermeist. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Bewunderung ausspreche. Ja, ich bewundere einen Jungen, der wie Sie, von hoher Geburt, eine hervorragende Stellung im Staat einzunehmen und ein edles Blut zu vergießen hat für eine edle Sache, einen Vikomte von La Tour-Gauvain, einen bretonischen Fürsten, der von rechtswegen Herzog und von erbschaftswegen Pair von Frankreich sein könnte, so ziemlich Alles, was ein vernünftiger Mensch hienieden verlangen dürfte, und der seinen Spaß daran findet, dem, der er ist, zum Trotz der zu sein, der Sie sind, so daß er schließlich seinen Feinden als ein Bösewicht und seinen Freunden als ein Dummkopf erscheinen muß. Da fällt mir eben ein, empfehlen Sie mich doch auch dem Herrn Abbé Cimourdain.

Der Marquis sprach behaglich und gelassen, ohne irgend etwas besonders zu betonen, mit einer Salonstimme, mit klarem, ruhigem Blick und mit den Händen in den Westentaschen. Nachdem er innegehalten, um aufzuathmen, begann er wieder: – Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß ich Alles aufgeboten habe, um Ihnen das Leben zu nehmen. Wie Sie mich hier sehen, habe ich zu dreien Malen, ich selber, eigenhändig eine Kanone auf Sie abgefeuert, ein unfeines Verfahren, ich gebe es zu, aber es hieße von einer irrigen Voraussetzung ausgehen, wenn man sich einbilden wollte, daß in Kriegszeiten der Feind bemüht sei, sich Einem gefällig zu erweisen, und wir führen ja Krieg, Herr Neffe, mit Feuer und Schwert, und es läßt sich auch nicht in Abrede stellen, daß der König hingerichtet worden ist. Ein anmuthiges Jahrhundert das!

Er schwieg abermals und hob dann wieder an: – Wenn man bedenkt, daß dies Alles unterblieben wäre, hätte man nur Voltaire gehenkt und Rousseau auf eine Galeere gesetzt! O die geistreichen Männer, welch ein Krebsschaden! Ei, zum Teufel, was können Sie ihr denn vorwerfen, dieser Monarchie? Sie hat allerdings den Abbé Pucelle in seine Abtei von Corbigny zurückgeschickt mit der freien Wahl der Fahrgelegenheit und der Bewilligung einer beliebigen Reisedauer, und was Ihren Herrn Titon anbelangt, der mit Verlaub ein rechter Wüstling war und bei den Dirnen vorsprach, eh er dem wunderthätigen Diakonus Paris nachlief, so wurde er vom Schloß von Vincennes nach dem Schloß von Ham in der Picardie übergeführt, welches, ich leugne es nicht, allerdings ein ziemlich garstiger Aufenthaltsort ist. Das waren die Beschwerdepunkte; ich erinnere mich noch ganz gut; ich habe meiner Zeit auch mitgeschrieen; ich bin so einfältig gewesen wie Sie.

Der Marquis griff an seine Tasche, als wolle er die Tabaksdose herausnehmen und fuhr fort: Aber so bösartig nicht. Man redete, um eben zu reden. Es wurde auch Unfug getrieben mit den Untersuchungen und Eingaben, und nachher kamen die Herren Philosophen; statt der Verfasser hat man ihre Schriften verbrannt; die Hofintriguen haben mitgespielt; dann kamen auch alle die Dummköpfe wie Turgot, Quesnay, Malesherbes, die Physiokraten und Konsorten, und die Hetzerei ging los. Die Schmieranten und Versifexe haben den ganzen Wirrwarr in Szene gesetzt. Die Encyclopädisten! Diderot! d’Alembert! O über die nichtsnutzigen Tröpfe! Daß ein anständiger Mann wie jener König von Preußen sich in dergleichen verrennen konnte. Wie hätte ich an seiner Stelle die Tintenkleckser sammt und sonders aus dem Weg geschafft! Ha, wir Andern, wir wußten noch mit der Rechtspflege umzugehen. Hier diese Mauer mit den Räderspuren erzählt noch davon. Wir machten Ernst. Nein, nein, fort mit dem Schreiberpack! So lange es noch Leute giebt wie einen Arouët, wird es auch Leute geben wie Marat; so lange noch Krakehler Papier verkratzen, werden Spitzbuben morden; so lange die Tinte fließt, werden die schwarzen Flecken nicht ausbleiben, und so lange eine Menschenpfote einen Gänsekiel halten wird, werden die frivolen Albernheiten in niederträchtige Albernheiten ausarten. Die Verbrechen werden durch die Bücher in die Welt gesetzt. Das Wort Chimäre hat einen doppelten Sinn: es bezeichnet einen Traum und bezeichnet ein Ungeheuer. Wie bereitwillig giebt man sich mit leeren Redensarten zufrieden! Was faselt ihr mir da vor von Rechten? Von Menschenrechten, Volksrechten! Läßt sich etwas Hohleres, etwas Stupideres, etwas Unmöglicheres, etwas Inhaltloseres aushecken? Ich, wenn ich sage: Havoise, die Schwester Conans II., brachte dem Grafen Hoël von Nantes und Cornouailles die Grafschaft Bretagne mit in die Ehe; von diesem vererbte sich die Krone auf Alain Fergant, den Oheim von Bertha, welche sich mit dem souveränen Herrn zu La Roche-sur Yon, Alain dem Schwarzen, vermählte und ihm Conan den Kleinen, den Ahnen von Guy oder Gauvain von Thouars, dem Gründer unseres Stamms, gebar, – wenn ich so spreche, so spreche ich eine bestimmte Thatsache aus und leite ein bestimmtes Recht davon ab. Auf welche Rechte aber berufen sich Ihre Strolche, Ihre Gaudiebe, Ihre Hungerleider? Auf die Gotteslästerung und auf den Königsmord. Und das soll nicht niederträchtig sein? O welche Hallunken! Es thut mir leid für Sie, mein Herr, aber Sie sind aus jenem stolzen bretonischen Geschlecht; Sie wie ich stammen von Gauvain von Thouars ab, auch von jenem großen Herzog von Montbazon, der französischer Pair und Großkreuz des königlichen Hausordens war, der die Vorstadt von Tours stürmte, im Gefecht von Arques verwundet wurde und in seinem sechsundachtzigsten Lebensjahr als Oberstjägermeister von Frankreich auf seinem Schloß von Couzières in der Touraine verstarb. Ich könnte Ihnen ferner noch vom Herzog von Laudunois, dem Sohn der Freifrau von La Garnache, erzählen, von Claude von Lothringen, Herzog von Chevreuse, und von Henri von Lenoncourt und von Françoise von Laval-Boisdauphin; aber wozu? Der junge Herr haben die Ehre, ein Simpel zu sein, und wollen durchaus mit meinem Stallknecht rangiren. Ich sage Ihnen nur so viel, daß ich schon ein betagter Mann war, als Sie noch in den Windeln lagen. Ich habe Ihnen oft das Rotznäschen geputzt und möchte es wieder thun, denn Sie haben das Kunststück geliefert, mit den Jahren kleiner zu werden. Seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben, ist Jeder von uns seiner Wege gegangen, ich den rechtschaffenen, Sie den entgegengesetzten. Wozu das Alles führen wird, weiß ich zwar nicht, aber das weiß ich, daß Ihre Herren Freunde famose Schurken sind, O ja, es ist Alles recht schön und gut; ich muß es loben; der Fortschritt ist kolossal; in der Armee hat man die Strafe des dreitägigen Wassertrinkens für die Säufer abgeschafft; man hat das Maximum, den Konvent, den Bischof Gobel, die Herren Chaumette und Hébert und rottet die ganze Vergangenheit mit Stumpf und Stiel aus, von der Bastille bis herab zum Kalender, in dem die Heiligen durch Gemüsesorten ersetzt werden. Schön, Ihr Herren Bürger, herrscht nur zu, regiert, macht es Euch bequem, thut Euch gütlich, genirt Euch nicht. Dafür bleibt die Religion doch die Religion; dafür füllt das Königthum doch fünfzehn Jahrhunderte in unserer Geschichte aus; und dafür steht der alte französische Adel doch über Euch, auch wenn Ihr ihn köpft. Und über Eure Nörgeleien am historischen Recht der Dynastien zucken wir nur die Achseln. Hilperich war blos ein Mönch Namens Daniel und wurde durch Rainfried untergeschoben, um Karl Martell zu ärgern; das Alles wissen wir so gut wie Ihr. Aber darum handelt sich es nicht; es handelt sich darum, ein großes Reich zu sein, das alte Frankreich, dieses herrlich organisirte Land: an der Spitze die geheiligte Person des Monarchen, dann die Prinzen, dann die Würdenträger der Krone für den Krieg zu Land und zu See, für die Artillerie, für die Oberleitung und Pflege der Finanzen, dann die souveräne und subalterne Justiz, dann das Steuerwesen und die Staatseinnahmen und zuletzt die drei verschiedenen Abstufungen der Königlichen Polizei. Das war schön und vornehm angeordnet; Ihr habt es zerstört, habt die Eintheilung der Provinzen zerstört, Ihr jämmerlichen Ignoranten, ohne auch nur zu ahnen, was die Provinzen bedeuten sollten. In Frankreichs Genius konzentrirte sich der Genius des ganzen Kontinents und jede französische Provinz vertrat eine europäische Tugend, die Pikardie die deutsche Offenherzigkeit, die Champagne die schwedische Großmuth, Burgund den holländischen Gewerbefleiß, das Languedoc die polnische Rührigkeit, die Gascogne den spanischen Ernst, die Provence die italienische Klugheit, die Normandie den griechischen Scharfsinn, das Dauphiné die schweizerische Treue. Von dem Allen habt Ihr nichts gemerkt; Ihr habt zerbrochen, zertrümmert, zerschmettert, niedergerissen, in aller Seelenruhe, wie die Bestien. Ah, Ihr wollt keinen Adel mehr? Nun gut, Ihr sollt auch keinen mehr haben. Ergebt Euch denn darein; verzichtet nur gleich auf die Paladine, auf die Helden; gute Nacht, du alte Größe! Zeigt mir heut zu Tage einen d’Assas! Ihr seid Alle besorgt um Eure Haut; es ist vorbei mit jenen ritterlichen Kämpfern von Fontenoy, die den Feind grüßten, ehe sie losschlugen, vorbei mit den Heroen in seidenen Strümpfen, die bei der Belagerung von Lerida gefochten, vorbei mit jenen stolzen Schlachten, wo die Federbüsche wie Meteore einherstürmten; Ihr seid ein bankrott gewordenes Volk; Ihr werdet die Nothzucht der Invasion über Euch ergehen lassen, und wenn ein zweiter Alarich kommt, wird er keinen zweiten Klodwig finden; wenn Abderrahman wiederkehrt, wird kein Karl Martell, wenn die Sachsen wiederkehren, wird kein Pipin da sein. Ihr werdet kein Agnadel, kein Rocroy, kein Lens, Staffarde, Neerwinden, Steinkirchen, La Marsaille, Rocoux, Laufeld, Mahon mehr erleben, kein Marignan mit seinem Franz I., kein Bouvines mit seinem Philipp August, der mit der einen Hand den Grafen Renaud von Boulogne und mit der anderen den Grafen Ferrand von Flandern gefangen nimmt. Nur zu einem Azincourt werdet Ihr es bringen, aber ohne dabei einen Oriflammenträger zu haben wie den edlen Herrn von Bacqueville, der sich, in seine Fahne gewickelt, niederhauen läßt. Aber geht, geht nur immer Eures Wegs und seid die Männer der Neuzeit und werdet klein.

Der Marquis machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: – Aber uns laßt groß bleiben. Bringt die Könige um, die Edelleute, die Priester, zerstört, verheert, guillotinirt, tretet mit Füßen Alles, setzt Eure Stiefelsohlen auf die Ueberlieferungen der Vergangenheit, trampelt auf dem Thron herum, stampft die Altäre nieder, schmettert Gott in den Staub und tanzt darüber hinweg! Das ist Eure Sache. Ihr seid Verräther und Feiglinge, unfähig, Euch für etwas hinzugeben und aufzuopfern. Ich bin zu Ende. Jetzt lassen Sie mich guillotiniren, Herr Vikomte. Ich habe die Ehre, Ihr Allergehorsamster zu sein.

Und er setzte noch hinzu: Nicht wahr, ich habe Ihnen die Leviten gelesen? Warum sollte ich nicht? Ich bin ja todt.

– Sie sind so frei, sagte Gauvain. Und er trat auf den Marquis zu, knöpfte den Mantel auf, warf ihm denselben über die Schultern und zog ihm die Kapuze über die Stirn. Sie waren Beide in einer Größe.

– Ei, was thust Du denn da? fragte der Marquis.

– Lieutenant! schließen Sie auf! rief Gauvain mit lauter Stimme. Die Thür wurde geöffnet.

– Riegeln Sie die Thür gleich wieder hinter mir zu! befahl Gauvain und stieß den staunenden Marquis zum Kerker hinaus.

Der ebenerdige Saal, der jetzt eine Wachtstube war, hatte, wie man sich erinnern wird, keine andere Beleuchtung als die einer Hornlaterne, die Alles ganz trübe erscheinen ließ und mehr Nacht verbreitete als Licht. In diesem verschwommenen Dämmerdunkel sahen die noch wach gebliebenen Soldaten einen hochgewachsenen Mann in dem Mantel und der Kapuze des Kommandanten dem Ausgang zu vorüberschreiten und salutirten. Langsam trat der Marquis zur Bresche und durch diese, nicht ohne sich mehrmals die Stirn anzurennen, vor den Thurm hinaus. Dort präsentirte ihm die Schildwache, welche Gauvain zu erkennen glaubte, das Gewehr. Als er draußen war, auf dem Grasplatz, zweihundert Schritte vom Wald, mit dem unbegrenzten Raum und der Nacht und der Freiheit und dem Leben vor sich, stand er eine Weile regungslos, wie Einer, dem ohne sein Zuthun etwas durch Ueberraschung aufgenöthigt worden und der nun nach Benutzung der offenen Thür, mit sich selbst im Unklaren, zaudert und, bevor er weitergeht, erst seine Gedanken sammelt. Nach einigen Momenten aufmerksamer Ueberlegung, erhob er die rechte Hand, drückte den Mittelfinger gegen den Daumen und sagte, indem er ein Schnippchen schlug: Meinetwegen!

Als er den Wald betrat, war der Kerker, in welchem Gauvain zurückgeblieben, schon längst wieder verriegelt.

II.

Das Kriegsgericht

In der damaligen Militärjustiz herrschte so ziemlich die Willkür. Dumas hatte wohl in der gesetzgebenden Versammlung Grundzüge zu einem Kodex für die Kriegsgerichte entworfen und seine Arbeit war auch durch Talot im Rath der Fünfhundert wieder aufgenommen worden, aber die endgiltige Gesetzgebung für die Armee ist das Werk des Kaiserreichs. So war zum Beispiel zur Revolutionszeit den Kriegsgerichten noch nicht vorgeschrieben, beim Einsammeln der Stimmen mit der untersten Charge zu beginnen. Im Jahre 93 vereinigten sich so gut wie alle Befugnisse eines solchen Gerichtshofs in der Person des Präsidenten; er wählte die Votanten, bestimmte die beizuziehenden Chargen, entschied über den Abstimmungsmodus, kurz war Machthaber und Richter in einer Person.

Zum Sitzungslokal war durch Cimourdain der ebenerdige Saal ausersehen, wo die Barrikade gestanden hatte und wo sich jetzt der Wachtposten befand. Alles sollte möglichst abgekürzt werden, sowohl der Weg vom Gefängniß zur Verhandlung, wie von dieser zum Schaffott. Hier hatte sich das Gericht, Cimourdain’s Anordnung zufolge, um zwölf Uhr Mittags versammelt. Die ganze äußere Ausstattung bestand aus drei Strohsesseln, einem Tisch aus Tannenholz, darauf zwei brennende Lichter und dahinter ein hoher Schemel: die Sessel für die Richter, der Schemel für den Angeklagten. An jedem Ende des Tisches stand noch ein anderes Tabouret für den Auditor, der ein Fourier, und für den Schriftführer, der ein Korporal war. Auf dem Tisch befand sich ferner noch eine Stange von rothem Siegellack, ein kupfernes Amtssiegel, zwei Tintenfässer, Schreibpapier und zwei ihrer ganzen Größe nach entfaltete gedruckte Plakate, das eine mit der Bekanntmachung, daß Lantenac außer dem Gesetz stehe, das andere mit der Verordnung des Konvents. Ueber dem mittleren Stuhl erhoben sich ein paar dreifarbige Fahnen. In diesen prunklos derben Zeiten verlor man mit der Ausschmückung nicht viel Zeit und konnte im Handumdrehen eine Wachtstube in einen Gerichtssaal umwandeln. Der mittlere Sessel, der Präsidentenstuhl, war der Kerkerthür zugewendet. Soldaten bildeten das Publikum, und hinter dem für den Angeklagten bestimmten Schemel standen zwei Gensdarmen.

Cimourdain saß auf seinem Platz, zu seiner Rechten den Hauptmann Guéchamp als ersten Richter und als zweiten zur Linken den Sergeanten Radoub. Er hatte einen Hut mit dreifarbigem Federbusch auf, seinen Säbel an der Seite und in der Schärpe seine zwei Pistolen. Der grimmige Ausdruck seines Gesichts wurde durch die hochrothe Narbe noch gesteigert.

Radoub, der sich schließlich hatte verbinden lassen, trug ein Tuch um den Kopf gewickelt, auf dem ein Blutflecken zu sehen war, welcher allmälig um sich griff.

Die Sitzung hatte noch nicht begonnen. Beim Gerichtstisch stand eine Staffette, deren Pferd man draußen scharren hörte, und Cimourdain schrieb folgende Worte nieder: »Bürger und Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, Lantenac ist gefangen und wird morgen guillotinirt.« Er setzte das Datum hinzu, unterschrieb die Depesche, faltete und versiegelte sie und reichte sie dann dem Boten, der sich damit entfernte. Hierauf sagte Cimourdain mit lauter Stimme: Man öffne das Gefängniß.

Die zwei Gensdarmen schoben die Riegel zurück, schlossen auf und traten hinein. Cimourdain hob den Kopf in die Höhe, verschränkte die Arme, schaute nach der Thür und rief: Man führe den Gefangenen vor.

Da erschien unter der Wölbung der Thür zwischen den zwei Gensdarmen ein Mann.

Cimourdain zuckte zusammen, als er ihn erblickte: Gauvain! rief er aus und setzte dann hinzu: Den Gefangenen will ich haben.

– Der bin ich, sagte Gauvain.

– Du?

– Ich.

– Und Lantenac?

– Ist frei.

– Frei?

– Ja.

– Ausgebrochen?

– Ausgebrochen.

Zitternd stammelte jetzt Cimourdain: Allerdings dies Schloß hier ist ja sein; er kennt alle Schliche; sein Gefängniß hat wohl einen geheimen Ausgang; daran hätte ich denken sollen; es wird ihm eben gelungen sein, zu entrinnen, ohne irgend welcher fremden Hilfe zu bedürfen.

– Ihm ward geholfen.

– Zur Flucht?

– Zur Flucht.

– Und wer verhalf ihm dazu?

– Ich.

– Du?!

– Ja, ich.

– Du sprichst im Traum!

– Ich bin zu ihm in den Kerker gegangen, war dort mit ihm allein, habe meinen Mantel von den Schultern genommen und um die seinen geworfen; habe ihm die Kapuze über das Gesicht zurückgeschlagen, dann hat er sich statt meiner entfernt; ich bin statt seiner geblieben, und hier stehe ich.

– Das hast Du nicht gethan!

– Ich habe es gethan.

– Es ist rein unmöglich.

– Es ist so.

– Bringt mir Lantenac!

– Er ist schon weit. Die Soldaten, die ihn im Kommandantenmantel sahen, haben ihn für mich gehalten und an sich vorübergehen lassen. Es war noch Nacht.

– Du redest irre.

– Ich rede die Wahrheit.

Nach einer Pause stotterte Cimourdain: Aber dann verdienst Du ja …

– Den Tod, sagte Gauvain.

Cimourdain’s Gesicht war blaß geworden wie ein abgeschnittener Kopf; er saß regungslos da, wie vom Blitz gerührt. Es war, als athme er nicht mehr, und Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Endlich sprach er mit etwas festerer Stimme: Man lasse den Gefangenen niedersitzen.

Gauvain nahm seinen Platz auf dem Schemel ein. – Gensdarmen, hob Cimourdain wieder an, zieht die Säbel.

Es war dies die gebräuchliche Form, wenn Jemand eines Verbrechens angeklagt war, das durch den Tod bestraft wurde.

Die Gensdarmen zogen blank. Cimourdain’s Stimme hatte ihre ganze gewohnte Festigkeit wiedergewonnen. Angeklagter, sagte er, stehen Sie auf.

Er redete Gauvain nicht mehr mit Du an.

III.

Die Abstimmung.

Gauvain erhob sich.

– Wie heißen Sie? fragte Cimourdain.

– Gauvain.

Nun nahm das Verhör seinen weiteren Verlauf.

– Wer sind Sie?

– Ich bin Oberkommandant der Streifkolonne vom Departement Côtes-du-Nord.

– Sind Sie mit dem flüchtig Gewordenen blutsverwandt oder verschwägert?

– Ich bin sein Großneffe.

– Sie haben Kenntniß von der Verordnung des Konvents?

– Dort liegt sie gedruckt auf dem Tisch.

– Haben Sie betreffs dieser Verordnung etwas zu bemerken?

– Ich habe zu bemerken, daß ich sie mit unterzeichnete, daß ich die Vollstreckung in Aussicht stellte und daß ich selber das von mir unterschriebene Plakat anschlagen ließ.

– Wählen Sie sich einen Vertheidiger.

– Ich werde mich selber vertheidigen.

– Sie haben das Wort.

Cimourdain beherrschte sich wieder; nur glich diese Selbstbeherrschung weniger der Seelenruhe eines Menschen als der Starrheit eines Felsens. Gauvain blieb eine Weile stumm und in sich gekehrt.

– Was können Sie zu Ihrer Vertheidigung vorbringen? mahnte Cimourdain.

Langsam erhob Gauvain das Haupt und antwortete, ohne Jemand anzublicken: Dies Eine: mich hat ein Umstand verhindert, einen anderen in Betracht zu ziehen; eine gute That, allzusehr in der Nähe beschaut, hat mir hundert Missethaten verdeckt; ein Greis einerseits und andererseits die Kinder, das Alles hat sich zwischen mich und meine Pflicht gedrängt. Ich habe die eingeäscherten Dörfer vergessen, die verwüsteten Felder, die erschossenen Gefangenen, die niedergemachten Verwundeten, die hingerichteten Weiber, habe das an England verrathene Frankreich vergessen und den Mörder des Vaterlandes in Freiheit gesetzt. Ich bin schuldig. Indem ich also spreche, könnte man vielleicht glauben, ich spräche gegen mein Interesse, aber das wäre ein Irrthum: ich rede mir selber das Wort, denn wenn der Schuldige seine Schuld erkennt, so rettet er das Einzige, was zu retten sich der Mühe verlohnt, die Ehre.

– Ist das Alles, was Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen haben? fragte Cimourdain.

– Ich füge noch hinzu, daß, wie mir als dem Kommandanten obgelegen hätte, mit gutem Beispiel voranzugehen, Ihnen als den Richtern jetzt ein gleiches obliegt.

– Worin soll das gute Beispiel bestehen?

– In meinem Tod.

– Sie finden ihn also gerechtfertigt?

– Und nothwendig.

– Setzen Sie sich.

Nun erhob sich der Fourier und verlas in seiner Eigenschaft als Auditor erstens den Beschluß, der den vormaligen Marquis von Lantenac in die Acht erklärte, zweitens die Verordnung des Konvents, welcher über Jeden die Todesstrafe verhängte, welcher einem gefangenen Rebellen zur Flucht verhelfen würde, und schloß mit den der Verordnung beigefügten wenigen Zeilen, durch welche, gleichfalls bei Todesstrafe, strengstens verboten wurde, dem obengenannten Rebellen Beistand und Vorschub zu leisten, und welche die Unterschrift trugen: »Der Kommandant der Streifkolonne, Gauvain.«

Nachdem dies geschehen, setzte sich der Auditor wieder. Cimourdain schlug die Arme über einander und sagte: Angeklagter, merken Sie wohl auf, und Ihr Anwesenden hört, schaut und schweigt. Jetzt waltet das Gesetz. Ich lasse abstimmen. Die einfache Majorität soll entscheiden. Der Reihe nach und in Gegenwart des Angeklagten, denn die Gerechtigkeit hat nichts zu verheimlichen, werden die Richter ihr Urtheil fällen. Ich ertheile dem ersten Richter das Wort; Hauptmann Guéchamp, reden Sie.

Der Hauptmann Guéchamp schien weder Cimourdain noch Gauvain zu sehen; seine gesenkten Wimpern versteckten seine unbeweglichen Augen, die zu dem Plakat des Konvents hinüberstarrten, als starrten sie in einen Abgrund: Der Wortlaut des Gesetzes, sagte er, ist klar. Ein Richter aber ist mehr und weniger als ein Mensch, weniger, denn er darf kein Herz haben, und mehr, denn er führt das Schwert. Im Jahr 414 der römischen Zeitrechnung ließ Manlius seinen eigenen Sohn das Verbrechen, ohne seinen Befehl gesiegt zu haben, mit dem Leben büßen. Die verletzte Disziplin erheischte diese Sühne. Im vorliegenden Fall nun ist das Gesetz verletzt worden und das Gesetz steht noch über der Disziplin. Das Vaterland schwebt in Folge einer Anwandlung von Mitleid wieder in Gefahr. Auch das Mitleid kann zum Verbrechen anwachsen. Der Kommandant Gauvain hat dem Rebellen Lantenac zur Flucht verholfen. Gauvain ist schuldig. Ich stimme für Todesstrafe.

– Schriftführer, sagte Cimourdain, nehmen Sie zu Protokoll: »Hauptmann Guéchamp Todesstrafe.«

Während der Korporal schrieb, erhob Gauvain die Stimme und sprach: Sie haben ein gerechtes Urtheil gefällt, Guéchamp, und ich danke Ihnen dafür.

– Jetzt hat der zweite Richter das Wort, begann wieder Cimourdain. Reden Sie, Sergeant Radoub.

0351

Radoub stand auf und wendete sich gegen Gauvain.

Radoub stand auf, wendete sich gegen Gauvain und machte vor dem Angeklagten die Honneurs; dann rief er: Ja, wenn das so ist, so köpft mich mit, denn hier lege ich bei allen Himmeldonnerwettern mein heiligstes Ehrenwort darauf ab, ich möchte gehandelt haben erstens wie der Alte und zweitens wie mein Kommandant. Als ich sah, wie sich der achtzigjährige Patron ins Feuer warf, um die drei Thierchen zu retten, da habe ich gesagt: Weißkopf, Du bist ein braver Kerl! Und wenn ich jetzt erfahre, daß durch meinen Kommandanten der Alte Eurer dummen Guillotine aus dem Rachen gerissen worden ist, Gott verdamm mich, da muß ich sagen: Kommandant, Sie sollten mein General sein, denn Sie sind ein ganzer Mann, und hol mich der Teufel! Ihnen würde ich das Ludwigskreuz anhängen, wenn es noch Kreuze und heilige Ludwige und dergleichen gäbe. Ja Wetter! Soll etwa von nun an der höhere Blödsinn Trumpf sein? Wenn dafür die Schlacht von Valmy und die Schlacht von Jemappes und die Schlacht von Fleurus und die Schlacht von Wattignies gewonnen worden sind, so muß man’s nur gleich heraussagen. Wie! da ist der Kommandant Gauvain, der seit vier Monaten all die royalistischen Kaffern nach Noten zu Paaren treibt und der die Republik mit seinem Säbel aus dem Gedränge heraushaut und der das Dol ins Werk gesetzt hat, wozu doch wahrhaftig eine gewisse Pfiffigkeit gehörte, und wenn man einmal einen solchen Mann hat, so giebt man sich alle Mühe, ihn wieder loszuwerden, und will ihm, anstatt ihn zum General avanciren zu lassen, gar noch die Gurgel abschneiden? Da möchte man doch gleich kopfüber über das Geländer vom Pont-Neuf springen; Ihnen aber, Bürger Gauvain, meinem Kommandanten, sage ich, daß, wenn Sie, anstatt mein General zu sein, mein Korporal wären, ich Ihnen sagen würde, daß Sie vorhin strohdummes Zeug gesagt haben. Der Alte hat wohl daran gethan, die Kinder zu retten; Sie haben wohl daran gethan, den Alten zu retten; und wenn man die Leute für jede gute That guillotinirt, dann soll das Donnerwetter dreinfahren; dann weiß ich nicht mehr, was die Uhr geschlagen hat, dann sehe ich nicht ein, wo man aufhören soll. Ja, ist das Alles denn auch wirklich wahr? Man muß sich wirklich zwicken, um zu sehen, daß man nicht träumt. Mir steht der Verstand still. Hätte vielleicht der Alte die kleinen Dinger bei lebendigem Leibe verbrennen und mein Kommandant dem Alten den Hals entzweischneiden lassen sollen? Nun gut, schneidet den Hals auch mir entzwei; mir kann es schon recht sein. Noch Eins: nehmen wir an, die Kleinen wären umgekommen, so war das Bataillon Bonnet-Rouge entehrt. Wäre das etwa in der Ordnung gewesen? Nun dann fressen wir einander nur gleich auf dem Kraut! In der Politik weiß ich ebenso gut Bescheid wie Sie Alle und habe oft genug im Klub vom Bezirk Les Piques gesessen. Hol es der Teufel! Wir gehen nachgerade den Krebsgang. Kurzum, mir ist Alles zuwider, was den Nachtheil hat, zu bewirken, daß man sich schließlich garnicht mehr zurechtfinden kann. Warum, zum Henker, lassen wir uns denn umbringen? Damit man uns unseren Kommandanten umbringt? Nichts da, Frau Tante. Meinen Kommandanten will ich zurückhaben; ich muß ihn haben meinen Kommandanten; heute gefällt er mir noch immer besser als gestern. Den auf die Guillotine schicken – lächerbar! Von dem Allem wollen wir ein für allemal nichts wissen; ich habe herumgehorcht, und was auch gesagt werden mag, Punktum, aus der Geschichte wird nichts.

Und Radoub setzte sich. Seine Wunde hatte sich wieder geöffnet und von der Stelle, wo ihm das Ohr abgeschossen worden, rann ihm das Blut tropfenweise durch die Binde am Hals herab.

– Sie stimmen also für Freisprechung des Angeklagten? fragte ihn Cimourdain.

– Ich stimme dafür, daß er zum General ernannt werde, antwortete Radoub.

– Ich will wissen, ob Sie für seine Freisprechung stimmen?

– Ich stimme für seine Ernennung zum obersten Posten der Republik.

– Sergeant Radoub, stimmen Sie, Ja oder Nein, für Freisprechung des Kommandanten Gauvain?

– Ich stimme dafür, daß man mir an seiner Stelle den Kopf abschneide.

– Freisprechung, sagte Cimourdain. Schriftführer, nehmen Sie zu Protokoll: »Sergeant Radoub Freisprechung.«

Nachdem der Korporal geschrieben, bemerkte er: Die Stimmen sind also getheilt.

Nun kam die Reihe an Cimourdain. Er stand auf, nahm seinen Hut ab und legte ihn auf den Tisch. Er war weder bleich noch fahl mehr; sein Gesicht war erdfarbig geworden. Wenn alle Anwesenden in Leichentüchern da gelegen hätten, es hätte keine tiefere Stille geherrscht als jetzt. Mit feierlicher, gedehnter und fester Stimme sagte Cimourdain: Angeklagter, die Verhandlung ist geschlossen. Im Namen der Republik und mit zwei Stimmen gegen eine …

Er stockte und hielt inne; zauderte er, sich für den Tod, oder zauderte er, sich für das Leben zu erklären? Alles stand athemlos. Jetzt fuhr er fort: Verurtheilt Sie das Kriegsgericht zum Tod.

Auf Cimourdain’s Gesicht malte sich die Marterqual des düsteren Triumphes. Als Jakob sich durch den Engel, den er in der Finsterniß überwunden hatte, segnen ließ, zuckte wohl solch ein entsetzliches Lächeln über sein Antlitz. Nur dies eine flüchtige Aufblitzen und Cimourdain’s Züge erstarrten wieder zu Marmor; er setzte sich, bedeckte sich und fügte hinzu:

– Gauvain, die Hinrichtung wird morgen bei Sonnenaufgang vollzogen.

Gauvain erhob sich, grüßte und entgegnete: Ich spreche dem Gerichtshof meinen Dank aus.

– Man führe den Verurtheilten zurück, befahl Cimourdain. Auf seinen Wink hin that sich die Kerkerthür wieder auf; Gauvain trat ein und die Thür ging zu. Die Gensdarmen blieben mit blankem Säbel rechts und links als Schildwachen davor stehen. Radoub wurde ohnmächtig fortgetragen.

IV.

Nach dem Richter Cimourdain Cimourdain der Gebieter

Ein Lager ist ein Wespennest, zumal in Revolutionszeiten. Gern und rasch tritt der dem Soldaten innewohnende Stachel des Bürgersinns hervor und trägt kein Bedenken, sich, nachdem der Feind verjagt worden, am eigenen Anführer zu vergreifen. Im Hin- und Hersummen der tapferen Schaar, die La Tourgue eingenommen hatte, machten sich verschiedene Strömungen geltend; die erste richtete sich gegen den Kommandanten Gauvain, als Lantenac’s Flucht bekannt wurde. Der Augenblick, da man Gauvain aus dem Kerker treten sah, in dem man den Marquis festzuhalten glaubte, wirkte wie ein elektrischer Funke, denn im Nu hatte sich im ganzen Lager die Nachricht davon verbreitet und durch das kleine Heer zog ein brummend Geflüster: Jetzt gehen sie mit Gauvain wohl ins Gericht, aber sie machen uns nur blauen Dunst vor. Da traue Einer den Junkern und Pfaffen! Erst haben wir gesehen, wie ein Vikomte einem Marquis das Leben gerettet hat, und nun werden wir sehen, wie der Priester den Vikomte freispricht. Als man aber Gauvain’s Verurtheilung erfuhr, erhob sich ein anderes Murren. Das ist doch etwas stark! Unser Chef, unser wackerer Chef, unser junger Kommandant, ein Held! Er ist Vikomte, allerdings; aber deshalb sind seine Verdienste um die Republik gerade um so höher anzuschlagen. Was? ihn, den Befreier von Pontorson, von Villedieu, von Pont-au-Beau, den Sieger von Dol und von La Tourgue, den Mann, dem wir unsere Unüberwindlichkeit verdanken, den rechten Arm der Republik in der Vendée, den Feldherrn, der seit fünf Monaten die Chouans in Schach hält und alle Böcke von Léchelle und Konsorten wieder gut macht, den wagt dieser Cimourdain zum Tode zu verurtheilen? Und warum? Weil er einen Greis rettete, der drei Kinder gerettet hat? Ein Soldat, der von Priesterhand fällt, ist das nicht unerhört?

In diesen und ähnlichen Worten machte sich der Mißmuth der siegreichen und unzufriedenen Truppe Luft. Cimourdain war von einem finstern Grollen umgeben. Viertausend Mann gegen einen einzigen, man sollte meinen, das sei ein wirksames Gegengewicht, aber nein: diese Viertausend waren blos eine Menschenmenge, und Cimourdain war ein Wille. Man wußte, daß sich Cimourdain’s Stirn gar leicht in Falten zog, und das genügte, um das Armeekorps in Respekt zu halten. In jenen strengen Zeiten brauchte sich hinter Jemand nur der Schatten des Wohlfahrtsausschusses zu erheben, um ihn bedrohlich erscheinen zu lassen und die Verwünschungen zu einem Gelüster zu dämpfen und das Geflüster zum Schweigen zu bringen. Nach wie vor diesem Gemurmel blieb Cimourdain der unumschränkte Gebieter über Gauvain’s wie über aller Anderen Schicksal. Man wußte, daß man von ihm nichts fordern durfte und daß er lediglich auf die übermenschliche, ihm allein verständliche Stimme seines Gewissens hören werde. Von ihm hing Alles ab. Er allein konnte das Urtheil, das er als Präsident des Kriegsgerichts gefällt hatte, als Zivilkommissär wieder umstoßen. Ihm allein stand das Recht der Begnadigung zu. Kraft seiner unbegrenzten Vollmacht bedurfte es nur eines Winks von ihm, und Gauvain war frei; Cimourdain war der Herr über Leben und Tod; ihm nur gehorchte die Guillotine, und in dieser tragischen Situation war er der Mann der Entscheidung.

Der Tag ging bereits zur Neige. Man konnte nur abwarten, was der nächste Morgen bringen würde.

V.

Im Kerker

Aus dem Gerichtssaal war wieder eine Wachtstube geworden, in welcher wie am Abend zuvor, ein doppelter Posten aufzog, und vor der Kerkerthür schritten zwei Schildwachen auf und nieder.

Gegen Mitternacht kam ein Mann mit einer Laterne in der Hand her, gab sich zu erkennen und ließ sich das Gefängniß aufschließen. Er trat hinein, und die Thür blieb hinter ihm zugelehnt.

Dunkel und still war’s im Kerker. Cimourdain that einen Schritt vorwärts in diese Finsterniß, stellte die Laterne auf den Fußboden hin und blieb unbeweglich. Die gleichmäßigen Athemzüge eines Schlafenden drangen an sein Ohr durch die Schatten der Nacht und sinnend lauschte er dem friedlichen Hauch Gauvain’s, der an der Rückwand des Kerkers auf dem Bündel Stroh in tiefem Schlummer lag. So geräuschlos wie möglich schlich er sich dicht an ihn heran und betrachtete ihn mit einem Blick so zärtlich und so unaussprechlich, wie ihn nur eine Mutter haben kann, wenn sie ihren Säugling anschaut. Dieser Blick war wohl stärker als er, denn er drückte sich, wie oft Kinder thun, beide Fäuste gegen die Augen und rührte sich nicht. Nachdem er eine Weile so gestanden, kniete er nieder, nahm Gauvain’s Hand und führte sie zu seinen Lippen. Gauvain machte eine Bewegung, schlug staunend die Augen auf wie Jeder, der nicht von selber aufwacht, und erkannte beim trüben Schein der Laterne Cimourdain. – Sieh da, sagte er. Sie sind’s, mein Lehrer. Mir träumte, fügte er hinzu, meine Hand küsse den Tod.

Cimourdain empfand jene Erschütterung, mit der uns zuweilen das plötzliche Hervorbrechen einer Gedankenfluth durchzuckt, und diese Fluth geht hier und da so stürmisch hoch, daß sie die Seele zu ertränken droht. Dem tiefsten Herzen Cimourdain’s konnte sich nur ein einziger Laut entringen: Gauvain!

Und beide blickten einander in die Augen, Cimourdain mit jenen Flammen darin, welche die Thränen verbrennen, Gauvain mit seinem sanftesten Lächeln.

– Diese Narbe hier auf Ihrer Stirn, sagte Gauvain, indem er sich auf den Ellenbogen stützte, ist der Säbelhieb, den Sie für mich aufgefangen haben. Gestern noch standen Sie neben mir und mir zulieb im Kugelregen, und wenn die Vorsehung Sie nicht an meine Wiege gestellt hätte, wo wäre ich jetzt? Mitten in Finsternissen. Daß ich jetzt einen Begriff habe von der Pflicht, verdanke ich Ihnen allein, denn in Banden war ich geboren, in Banden des Vorurtheils, und Sie haben mich davon befreit, haben meinem Wachsthum Spielraum gegeben und haben aus etwas, das schon eingepfercht war wie eine Mumie, wieder ein Kind gemacht. In eine Seele, die sonst hätte verkrüppeln müssen, haben Sie ein Gewissen gepflanzt. Ohne Sie hätte ich mich zum Zwerg entwickelt. Durch Sie lebe ich. Ich war nur ein Vikomte und Sie haben mich zum Bürger herangezogen; ich war nur ein Bürger und herangezogen haben Sie mich zu einem Geist; durch Sie bin ich als Mann für die Existenz auf Erden und als Seele für die im Himmel reif geworden. Sie haben mir, um in das Menschliche einzudringen, den Schlüssel der Wahrheit, und um einzudringen ins Übermenschliche, den Schlüssel des Lichts gegeben. O mein Lehrer, wie dank ich Ihnen, daß Sie mein Schöpfer gewesen!

Cimourdain setzte sich neben ihn auf das Strohlager und sagte: Laß uns zu Nacht essen mit einander.

Gauvain brach sein schwarzes Brod und reichte es Cimourdain, der die eine Hälfte davon nahm; dann hielt er ihm den Wasserkrug hin.

– Trink Du zuerst, sagte Cimourdain.

Gauvain gehorchte und gab dann den Krug an Cimourdain. Er hatte blos einen Schluck gethan; Cimourdain hingegen trank in langen Zügen. Ueberhaupt war bei diesem Liebesmahl Gauvain der Hungrige und Cimourdain der Durstige, ein Beweis für die Ruhe des Einen und die fieberhafte Aufregung des Andern.

Nun verbreitete sich in diesem Kerker eine geheimnißvolle Verklärtheit. Die beiden Männer unterhielten sich mit einander:

– Die großen Dinge sind im Werden, sagte Gauvain. Die jetzige Thätigkeit der Revolution ist eine räthselhafte, und hinter dem sichtbaren Werk geht das unsichtbare seinen Gang; das eine verdeckt das andere. Das sichtbare Werk ist grausam, das unsichtbare erhaben. Das Alles leuchtet mir ein in diesem Augenblick. Ein seltsames, herrliches Schauspiel. Freilich hat man sich mit dem vorgefundenen Material behelfen müssen; daher dieses außergewöhnliche 93. Unter einem Gerüst von Barbarei wird der Humanität ein Tempel aufgebaut.

– Jawohl, erwiderte Cimourdain. Aus diesem Uebergangszustand wird sich der endgiltige entwickeln, das heißt ein Parallelismus von Recht und Pflicht, verhältnißmäßig gesteigerte Besteuerung, obligatorischer Kriegsdienst, eine Ausgleichung ohne Ausnahmen, und über Allen und Allem die gerade Linie des Gesetzes, die logische Republik.

– Die ideale Republik, entgegnete Gauvain, wäre mir die liebste. Und nach einer Pause fuhr er fort: O mein Lehrer, wo findet in Allem, was Sie da erwähnt haben, die Hingebung, die Aufopferung, die Selbstverleugnung, die großmüthige Verkettung der wohlwollenden Gefühle, mit einem Wort die Nächstenliebe ihren Platz? Ein allgemeines Gleichgewicht ist viel werth, noch mehr aber die allgemeine Harmonie. Ueber der Wage steht doch noch das Saitenspiel. Durch Ihre Republik wird der Mensch gemessen, eingetheilt, geregelt; meine trägt ihn zum blauen Himmel empor; beide unterscheiden sich gerade so von einander wie ein mathematischer Lehrsatz und ein Adler. – Du verlierst Dich in den Wolken. – Und Sie verlieren sich in der Berechnung. – Diese Harmonie versteigt sich ins Reich der Träume. – Das thut die Algebra auch. – Durch einen Euklid möchte ich den Menschen konstruirt wissen. – Und ich, meinte Gauvain, durch einen Homer.

Cimourdains strenges Lächeln schien Gauvain Halt gebieten zu wollen:

– Dichterphantasten! Durch die Poeten laß Dich nicht bestechen.

– O ich kenne das. Laß Dich durch keinen Lufthauch bestechen, nicht bestechen durch Alles, was strahlt, durch Alles, was duftet, durch die Blumen, durch die Sternbilder. – Von dergleichen läßt sich auch nicht leben. – Wissen Sie das so genau? Auch die Ideen sind in ihrer Art eine Speise; eine Hälfte unseres Wesens nährt sich von Gedanken. – Nur keine Utopien. Die Republik ist ein Einmaleins, und wenn ich Jedem gegeben, was ihm unbedingt zukommt … – Sind Sie Jedem noch das schuldig, was ihm nicht unbedingt zukommt. – Was meinst Du damit? – Damit meine ich die unendliche Reihe von gegenseitigen Konzessionen, zu welchen Alle gegen jeden Einzelnen verpflichtet sind und auf denen das ganze soziale Leben beruht. – Außerhalb des strengbegrenzten Rechts giebt es nichts mehr. – Oder Alles. – Ich sehe nur Eins vor mir, die Gerechtigkeit. – Und ich sehe höher. – Was stände wohl noch über der Gerechtigkeit? – Die Billigkeit.

Zuweilen hielten Beide inne, als folgte ihr Blick einem vorüberschwebenden Leuchten. – Drücke Dich bestimmt aus, hob Cimourdain wieder an; ich wette, Du vermagst es nicht. – Wohlan. Sie erstreben den obligatorischen Kriegsdienst. Gegen wen? Gegen Mitmenschen. Ich strebe ihn nicht an, weil ich den Frieden anstrebe. Sie wollen den Elenden geholfen, ich aber will das Elend abgeschafft wissen. Sie verlangen die fortschreitende Besteuerung; ich bin jeder Besteuerung abgeneigt und möchte die allgemeinen Ausgaben auf ein Minimum zurückführen, das durch den sozialen Ueberschuß gedeckt würde. – Was willst Du damit wieder sagen?

– Weiter nichts, als schafft vor Allem das Berufsparasitenthum ab, den Priester, den Richter, den Soldaten. Beutet ferner Eure Reichthümer aus; leitet den Dünger statt in die Kloake auf die Felder; drei Viertel des Bodens liegen brach; macht Frankreich einmal urbar; bebaut die nutzlosen Triften; vertheilt die Gemeindegründe; gebt jedem Menschen einen Acker und jedem Acker einen Menschen. Im Augenblick, wo wir sprechen, gewinnt der französische Bauer der Erde nur die Möglichkeit ab, sich vier Mal des Jahres mit Fleisch zu nähren, und dieselbe Erde könnte, bei einer praktischeren Verwendung, dreihundert Millionen Menschen, ja ganz Europa erhalten. Zieht doch Nutzen aus der urkräftigen, unbeachteten Bundesgenossin, aus der Natur. Macht Euch jeden Windhauch dienstbar, jeden Wasserfall, jede magnetische Strömung. Unser Planet ist von einem Netz von unterirdischen Adern durchwoben, und in diesen Adern fließt Wasser, Oel und Feuer die Menge; diese Adern schneidet auf und verwerthet das Wasser für Eure Brunnen, das Oel für Eure Lampen, das Feuer für Euren Herd. Vertieft Euch in die Schwankungen der Wellen, in die Ebbe und die Fluth, in dieses gewaltige Hin- und Herwogen. Was ist der Ozean Anderes als eine ungeheure verlorene Kraft? Wie thöricht ist es doch von der Erde, daß sie das Meer nicht für sich arbeiten läßt! – Da segelst Du schon mitten im Traum. – Das heißt mitten in der Wirklichkeit.

– Und das Weib, fuhr Gauvain fort, was macht Ihr aus dem? – Was es ist, antwortete Cimourdain, die dienende Gefährtin des Mannes.

– Einverstanden, aber unter einer Bedingung. – Welche? – Daß der Mann seinerseits der dienende Gefährte sei des Weibes.

– Bist Du bei Sinnen? rief Cimourdain; der Mann und dienen? Nimmermehr. Der Mann ist der Herr; ich erkenne nur eine Oberherrschaft an, die am häuslichen Herd; dort ist der Mann ein König. – Einverstanden, aber unter einer Bedingung. – Und die wäre? – Daß die Frau dort eine Königin sei. – Du begehrst also für den Mann und für das Weib… – Gleichberechtigung. – Gleichberechtigung? Weißt Du denn auch, was Du sprichst? Zwei grundverschiedene Wesen! – Darum habe ich Gleichberechtigung gesagt, nicht absolute Gleichheit.

Wieder entstand eine Pause, etwas wie eine Waffenruhe für diese zwei aufeinanderblitzenden Geister; dann brach Cimourdain das Schweigen: Und das Kind, wem gehört das? – Zuerst dem Vater, der es zeugt, dann der Mutter, die es zur Welt bringt, dann dem Lehrer, der es unterrichtet, dann der Heimath, die es zum Mann erzieht, dann der Mutter im höheren Sinn, dem Vaterland, und endlich der Mutter im allerhöchsten Sinn, der Menschheit. – Und Gott übergehst Du? – Jede dieser Bildungsstufen, Vater, Mutter, Lehrer, Heimath, Vaterland, Menschheit ist ja eine Sprosse der Himmelsleiter, die zu ihm emporsteigt.

Cimourdain verstummte und Gauvain setzte hinzu: Wer die letzte Sprosse erreicht hat, ist bei der Gottheit angelangt, die sich dann vor ihm aufthut und ihn in sich aufnimmt.

Cimourdain machte die Geberde, mit der man einen Andern aus der Ferne zu sich nimmt: Kehre auf die Erde zurück, Gauvain. Das Mögliche wollen wir verwirklichen. – Drum sorgt vor Allem dafür, daß es unten Euren Händen nicht zum Unmöglichen werde. – Verwirklichen läßt sich das Mögliche immer. – Immer nicht. Wenn man mit der Hoffnung zu derb umgeht, so tödtet man sie. Nichts ist wehrloser als das werdende Ei. – Aber man muß die Hoffnung immerhin anfassen und sie durch das kaudinische Joch der Wirklichkeit treiben und dem Rahmen der Thatsachen anbequemen. Der abstrakte Begriff muß zu Fleisch und Blut werden; was er an Schönheit und Größe einbüßt, gewinnt er dafür an Nützlichkeit und an Gehalt. Das Recht muß sich in das Gesetz hineinzwängen, und ist dies einmal geschehen, dann wohnen auch dem Gesetz die ewigen Eigenschaften des Rechts inne, und dann ist das erreicht, was ich das Mögliche nenne. – Das Mögliche reicht auch weiter. – So, nun ergehst Du Dich schon wieder in Träumen. – Das Möglichste ist ein geheimnißvoller Adler, der stets über den Menschen kreist. – Diesen Adler muß man einfangen. – Aber lebendig. Ich denke so, fuhr Gauvain fort: Nur immer voran. Wenn Gott gewollt hätte, daß der Mensch zurückschreite, hätte er ihm die Augen nicht vorn in den Kopf gesetzt. Richten wir nur immer den Blick dem Morgenroth, dem Aufblühen, dem Werden zu. Jedes Abfallen bedingt ein Hervorkeimen, und das Aechzen des absterbenden Baumes ruft dem Samenkorn entgegen: Sprieß auf! Jedes Jahrhundert wird sein Werk vollbringen, heute noch das staatliche, morgen das allgemein menschliche. Heute handelt es sich um das Recht; morgen wird sich’s um den Lohn handeln. Lohn und Recht sind im Grunde genommen eins. Der Mensch lebt nicht, um leer auszugehen, denn indem Gott Leben schafft, übernimmt er eine Verpflichtung; das Recht ist der angeborene Lohn und der Lohn das zur Geltung gekommene Recht.

Gauvain sprach mit der Innigkeit eines Propheten und Cimourdain lauschte; die Rollen waren vertauscht; jetzt schien der Schüler der Lehrer zu sein.

– Deine Gedanken fliegen rasch, murmelte Cimourdain. – Weil ich wohl etwas eilen muß, sagte Gauvain mit einem Lächeln. – Mein theurer Lehrer, begann er wieder, der Unterschied zwischen unseren beiden Träumen liegt darin, daß Ihnen die obligatorische Kaserne, mir die Schule vorschwebt; Ihr Ziel ist der Soldat und meines ist der Bürger; Sie streben den furchteinflößenden Menschen an, ich den sinnenden; Sie gründen die Republik des Schwertes; ich gründe …. Das heißt, unterbrach er sich, gründen würde ich eine Republik der Geister.

Cimourdain senkte den Blick auf die Steinplatten des Kerkers und sagte: Und bis dahin, was willst Du haben? – Was schon ist. – Du klagst also die Gegenwart nicht an? – Nein. – Weshalb nicht? – Weil sie ein Sturm ist und ein Sturm immer weiß, was er thut; für einen Eichbaum, den er entwurzelt, braust er vielen Wäldern ein frischeres Leben zu. Die menschliche Kultur litt an einer Pest und dieser Orkan befreit sie davon. Vielleicht ist er nicht wählerisch genug, aber wie wäre das auch möglich bei einer solchen Reinigungsaufgabe? Von so verderblichen Dünsten ist die Luft geschwängert, daß ich die Wuth der Windsbraut wohl begreife. Uebrigens, fuhr Gauvain fort, was kümmert mich der Sturm, wenn ich einen Kompaß, was kümmern mich die Ereignisse, wenn ich mein Gewissen habe! Und mit jener gedämpften Stimme, die oft die feierlichste ist, setzte er hinzu: Es lebt Jemand, den man unter allen Umständen walten lassen soll. – Wer? fragte Cimourdain. Gauvain deutete nach oben, und Cimourdain, dessen Blick die Richtung des erhobenen Fingers verfolgte, glaubte durch das Gewölbe des Kerkers hindurch den Sternenhimmel leuchten zu sehen.

Abermals schwiegen Beide.

– Was Du herbeisehnst, begann dann Cimourdain, ist größer, als es die Natur zuläßt. Ich wiederhole es: Du greifst über das Mögliche hinaus; das sind Utopien. – Nein, das ist der Endzweck. Wenn nicht, wozu das gesellschaftliche Zusammenleben? Warum dann nicht ganz bei der Natur bleiben, im Zustand der Wildheit? Otahiti ist ein Paradies, aber ein Paradies, in dem nicht gedacht wird, und solch einem stumpfsinnigen Paradies würde ich eine geistig thätige Hölle noch vorziehen. Doch nein, fern sei uns auch solch eine Hölle! Lassen Sie uns eine menschliche Gesellschaft werden, die über die Schranken der Natur hinauswächst! Wenn zum Naturzustand nichts Weiteres hinzukommen sollte, weshalb aus ihm heraustreten? Dann begnügt Euch mit der Arbeit wie die Ameise und mit dem Honig wie die Biene und entscheidet Euch für die fleißige Thierheit statt für die gebietende Intelligenz. Sobald Ihr der Natur etwas beifügt, werdet Ihr nothwendigerweise größer als sie, denn beifügen heißt mehren und mehren heißt vergrößern. Die Gesellschaft ist die sublimirte Natur und ich beanspruche für sie Alles, was dem Bienenkorb, Alles, was dem Ameisenhaufen fehlt, die Prachtbauten, die Künste, die Poesie, die Helden der That und die Helden des Gedankens. Der Mensch kann unmöglich dazu verurtheilt sein, ewig Lasten zu tragen. Nein, nein, fort mit den Parias, mit den Sklaven, mit den Galeerenruderern, mit den Verdammten! Jedes Attribut des Menschen sei ein Sinnbild der höhern Kultur und ein Gefäß des Fortschritts! Freiheit für die Geister, Gleichheit für die Herzen, Verbrüderung für die Seelen! Kein Joch mehr, nein! Um Schwingen auszubreiten und nicht um Ketten zu schleppen sind wir geschaffen. Darum nicht weiter gekrochen am Boden! Ich verlange, daß sich die Larve zum Schmetterling verkläre, daß sich der Wurm in eine lebendige, davonstiegende Blume verwandle, verlange….

Er hielt inne. Sein Auge glühte; seine Lippen bewegten sich noch, aber er sprach nicht mehr.

Durch die nur angelehnte Thür drang das Geräusch der Außenwelt bis in den Kerker. Erst vernahm man gedämpfte Trompetenklänge, wahrscheinlich die Reveille, dann das Dröhnen von Gewehrkolben: draußen wurden die Schildwachen abgelöst; und endlich entstand, ziemlich nah beim Thurm, eine Bewegung, die man, soweit man sich in der Dunkelheit davon Rechenschaft zu geben vermochte, für ein Hin- und Herschieben von Brettern halten konnte, welches von regelmäßigen dumpfen Hammerschlägen begleitet war.

Cimourdain erblaßte und lauschte hin, aber Gauvain sah und hörte nicht. Immer tiefer war er in seine Träumerei versunken. Er schien nicht einmal mehr zu athmen, so war er in den Anblick dessen verloren, was aus der visionenerfüllten Wölbung seiner Stirn vor ihm aufstieg. Zuweilen durchzuckte ihn ein seliges Aufschauern und immer glänzender strahlte das Morgenleuchten seines Auges.

Nachdem die Beiden geraume Zeit stumm dagesessen, fragte Cimourdain: Woran denkst Du?

– An die Zukunft, sagte Gauvain und sank in seine Betrachtungen zurück. Er bemerkte nicht, daß Cimourdain sich vom Strohlager erhob, auf das dieser sich neben ihm niedergelassen hatte; Cimourdain aber bewegte sich rücklings, den Blick bis zu Ende auf den sinnenden Jüngling zärtlich geheftet, langsamen Schritts der Thür zu und entfernte sich so aus dem Kerker, der gleich darauf wieder geschlossen wurde.

VI.

Bei Sonnenaufgang

Es dauerte nicht mehr lange, so graute der Morgen und mit dem Morgengrauen tauchte über dem Wald von Fougères, auf dem Plateau vor La Tourgue, etwas Seltsames, Unbewegliches, Befremdendes auf, das die Vögel des Himmels hier noch nie gesehen hatten. Es war über Nacht aufgebaut oder besser aufgepflanzt worden und sein Profil hob sich vom Horizont in lauter harten, geraden Linien ab, die an die Form eines hebräischen Buchstabens oder einer Hieroglyphe aus dem alten egyptischen Räthselalphabet erinnerten. Der erste Begriff, den dieses Ding im Beschauer weckte, war der der Zwecklosigkeit. Man fragte sich, wozu es dort auf jener Fläche von glühendem Haidekraut stand. Dann aber überlief Einen ein Schauder. Man hatte ein auf vier Posten ruhendes Podium vor sich. An dem einen Ende dieses Podiums ragten zwei lange Pfähle hoch aufgerichtet in die Luft und an dem Querbalken, der sie oben mit einander verband, hing ein rechtwinkeliges Dreieck, das im blauen Morgenhimmel schwarz erschien. Am anderen Ende war eine Leiter angebracht. Am Podium zwischen den beiden Pfählen, also unter dem Dreieck, gewahrte man eine Art Riegelwand, aus zwei beweglichen Hälften bestehend, die zusammen, wenn die obere auf der unteren ruhte, ein rundes, dem Umfang eines menschlichen Halses so ziemlich entsprechendes Loch bildeten. Die obere Hälfte griff rechts und links in eine Fuge an die Pfähle ein und konnte so hinaufgezogen und heruntergelassen werden. Dermalen waren die beiden Hälften mit ihren halbkreisförmigen Einschnitten von einander getrennt. Am Fuß der zwei Pfähle mit dem Dreieck bemerkte man ferner ein Brett mit Scharnieren, das sich schaukelförmig heben und senken ließ. Neben diesem Brett stand ein langer und zwischen den beiden Pfählen, gegen den Rand des Podiums zu, ein viereckiger Korb. Das Ganze war, mit Ausnahme des eisernen Dreiecks, von Holz und roth angestrichen. Man sah ihm an, daß es von Menschenhand gezimmert worden, so häßlich, kleinlich und armselig war es, und dennoch schaute es so entsetzlich drein, daß es verdient hätte, durch Rachegenien hergetragen worden zu sein. Dies ungestaltete Balkenwerk war die Guillotine. Ihr hart gegenüber ragte aus der Schlucht ein anderes Ungeheuer, La Tourgue; das steinerne Ungeheuer bildete die Folie zum hölzernen. Es läßt sich fast behaupten, daß Holz und Stein, wenn vom Menschen einmal gestaltet, aufhören, Holz und Stein zu sein und etwas vom Wesen ihrer Bearbeiter annehmen. Ein Gebäude ist zugleich auch ein Grundsatz und eine Maschine eine Idee. La Tourgue war jenes verhängnißvolle Ergebniß der Vergangenheit, welches in Paris die Bastille hieß, in England der Londoner Tower, in Deutschland der Spielberg, in Spanien das Eskurial, zu Moskau der Kreml und das Kastell Sant‘-Angelo zu Rom. In La Tourgue hatten sich fünfzehnhundert Jahre zusammengedrängt, das ganze feudale Mittelalter mit seinem Lehenswesen und seiner Leibeigenschaft; in der Guillotine verkörperte sich das eine Jahr 93, und diese zwölf Monate hielten jenen fünfzehn Jahrhunderten die Wage. La Tourgue war die Monarchie; die Guillotine war die Revolution. Welch tragisches Gegenüber! Auf der einen Seite die Schuld, auf der anderen die Verfallzeit, hier die unentwirrbare soziale Verwickelung, Hörige und Herren, Sklaven und Gebieter, Bürgerthum und Adel, eine Unmasse von Gesetzbüchern, jedes abgezweigt in eine andere Unmasse Gewohnheitsrechte, das Bündniß des Richters und des Priesters, die zahllosen Unterbindungen aller Lebensadern, der Fiskus, die Salz- und Kopfsteuer, die todte Hand, die Ausnahmestellungen, die Privilegien, der königliche Vorbehalt des Bankrotts, das Szepter, der Thron, die Willkür, das Gottesgnadenthum; dort ein einfaches Fallbeil. Dem Knoten gegenüber das Schwert. Wie lange hatte La Tourgue in dieser Einsamkeit gebieterisch gewaltet! Da stand es noch mit seinen Mauervorsprüngen, aus denen einst siedendes Oel und brennendes Pech und geschmolzenes Blei hinabströmte, mit seinem Verließ voll Gebeinen, mit seiner Folterkammer, mit der ungeheuren Tragik seines Vorlebens, eine unselige Gestalt, die im Schatten dieses von ihr beherrschten Waldes fünfzehn Jahrhunderte wilder Ruhe genossen; für die ganze Umgegend war dieser Thurm die einzige Macht, die einzige Respektsperson, der einzige Schrecken gewesen; er hatte regiert, barbarisch und unumschränkt, und sah nun plötzlich etwas, nein mehr als etwas, Jemand vor sich und gegen sich aufstehen, der ebenso gräßlich war, die Guillotine. Dem Stein scheint zuweilen ein räthselhaftes Schauen innezuwohnen, als könne die Statue beobachten, der Thurm lauern, der Palast betrachten. So war es jetzt auch, als ob La Tourgue, die Guillotine mit den Augen verschlingend, an sich selber die Frage richte, was das sei. Jenes Etwas schien aus der Erde herausgewachsen zu sein, und so verhielt es sich auch in der That; aus dieser verhängnißvollen Erde war ein verhängnißvoller Baum aufgeschossen; aus diesem Boden, den so viel Schweiß, so viele Thränen, so viel Blut gedüngt hatte, aus diesem Boden, in den so viele Gruben und Gräber, Höhlen und Fallen gegraben worden, aus diesem Boden, in dem alle Opfergattungen jeder Gattung von Tyrannei moderten, aus diesem Boden, der auf so vielen Abgründen lag und in den so manche Unthaten wie ebensoviel fruchtbare Samenkörner versenkt waren, aus diesem tiefdurchfurchten Boden war zur gegebenen Stunde jene unbekannte Rächerin, jene blutdürstige schwertführende Maschine emporgestiegen, und 93 hatte zu der alten Welt gesagt: Da bin ich. Mit vollem Recht konnte die Guillotine dem Thurm zurufen: Ich bin Deine Tochter. Und der Thurm seinerseits fühlte – denn dergleichen lebt ein dunkles Räthselleben –, daß ihm diese seine Tochter das Leben nahm. Wie verstört blickte er zu der drohenden Erscheinung hinüber, man hätte fast meinen können, er fürchte sich davor. Seine ungeheuerliche Granitmasse war in ihrer majestätischen Verruchtheit durch jene zwei Balken mit dem Dreieck überboten und mit Abscheu bebte die gestürzte vor der neueingesetzten Allmacht zurück. Die Kriminalgeschichte und die Geschichte der Feudaljustiz starrten einander an. Die Gewaltthätigkeit von ehemals verglich sich mit der jetzigen und die alte Festung, das alte Gefängniß, die alte Herrenburg, die einst vom Geheul entzweigerissener armer Sünder widerhallte, der kampfunfähig und nutzlos gewordene, geschändete, entwaffnete, seiner Krone beraubte Krieg- und Mordbau, dieser Steinhaufen, der nun gerade so viel werth war wie ein Häuflein Asche, dieser abscheuliche, imponirende Leichnam, in dem noch die Seelenschwingungen greuelvoller Jahrhunderte nachzitterten, sah jetzt mit Grauen die gegenwärtige Stunde an sich vorüberziehen. Dem Gestern schauderte vor dem Heute; die alte Grausamkeit erkannte und erduldete das Entsetzen der Neuzeit; das schon ins Nichts Hinschwindende riß vor dem Werkzeug der Schreckenstage seine Geisteraugen auf und das Phantom betrachtete das Gespenst.

Die Natur ist unbarmherzig; sie übt die Gnade nicht, vor den menschlichen Freveln mit ihren Blumen, ihrem Wohllaut, ihren Strahlen und Düften zurückzuhalten, und erdrückt den Menschen lieber unter dem Kontrast ihrer göttlichen Pracht und seiner sozialen Häßlichkeit; sie erläßt ihm auch nicht einen Schmetterlingsflügel, auch nicht einen Vogeltriller; mitten im Mord, mitten in der Rache, mitten in der Barbarei, muß er den Anblick der heiligen Dinge ertragen und darf sich nicht dem unendlichen Vorwurf der allgemeinen Milde und dem unerbittlich heitern Blau des Himmels entziehen.

Mitten im blendenden Glanz der Ewigkeit muß die Mißgestalt der menschlichen Satzungen sich in ihrer ganzen Nacktheit bloßstellen. Der Mensch zerbricht und zermalmt; der Mensch zerstört und tödtet, aber der Sommer bleibt der Sommer, die Lilie bleibt Lilie, das Gestirn Gestirn.

Nie war die frische Morgensonne lieblicher aufgegangen als an diesem Tag. Ein lauer Wind wiegte die Grashalmen hin und her; weich schmiegten sich Dunstflocken durch die Zweige und ganz durchweht vom Athemhauch der Quellen dampfte der Wald von Fougères wie ein großer duftender Altar. Das blaue Firmament, die weißen Wolken, das klare, durchsichtige Wasser, das Grün der Blätter, jene harmonische Farbentonleiter, die vom Aquamarin aufsteigt bis zum Smaragd, die brüderlichen Baumgruppen, die Rasenteppiche, die tiefgedehnten Landflächen, das Ganze war von jener Reinheit durchdrungen, mit der die Natur dem Menschen von Ewigkeit her ins Gewissen redet. Und unter dem Allem machte sich des Menschen verruchtes Treiben schamlos breit; aus dem Allem erhoben sich die Festung und das Schaffot, der Krieg und das Hochgericht, die Verkörperungen des blutgierigen Zeitalters und der blutigen Minute, die Nachteule der Vergangenheit und die Fledermaus der Zukunftsdämmerung. Der leuchtende Himmel aber, der im Angesicht der blühenden, duftenden, liebenden und liebenswerthen Schöpfung auch La Tourgue und die Guillotine in Morgenstrahlen badete, schien den Menschen zu sagen: Da seht, was ich thue und was Ihr thut. So kann ein gewaltiger Mahnruf oft hervorklingen aus dem Licht der Sonne.

Dieses Schauspiel hatte zahlreiche Zuschauer. Die viertausend Mann der kleinen Expeditionsarmee standen in Schlachtordnung auf dem Plateau, zu drei Seiten der Guillotine, um die sie, um uns bildlich auszudrücken, die Figur eines lateinischen großen E beschrieben, in dessen längerer Linie die Batterie die Mitte einnahm. Die rothe Maschine war zwischen den drei Fronten, diesen Mauern von Soldaten, die sich zu zwei Seiten bis zum Rande des Plateaus ausdehnten, wie eingesperrt; nur die vierte Seite, die der Schlucht und dem Thurm zugekehrte, war frei. Das Ganze bildete also ein längliches Viereck, in dessen Zentrum sich das Schaffot erhob. Je höher die Sonne stieg, desto mehr verkürzte sich der Schatten, den die Guillotine warf. Die Kanoniere standen mit glimmender Lunte bei ihren Geschützen. Aus der Schlucht qualmte ein sanfter bläulicher Rauch, das letzte Lebenszeichen der hinsterbenden Feuersbrunst. Dieser Rauch umschwamm, ohne ihn jedoch zu verschleiern, den Thurm von La Tourgue, dessen ragende Plattform den ganzen Horizont beherrschte. Plattform und Guillotine waren nur durch die Breite der Schlucht von einander getrennt, so daß man hüben und drüben mit einander sprechen konnte. Auf diese Plattform hatte man den Gerichtstisch und den Sessel mit den dreifarbigen Fahnen geschafft und am immer sonnigeren Hintergrund hob sich die Steinmasse der Festung und oben drüber auf dem Präsidentenstuhl und unter den Trikoloren die Gestalt eines mit verschränkten Armen dasitzenden Mannes schwarz ab, Cimourdain’s Gestalt. Er war wie am Abend zuvor als Zivilkommissar gekleidet und trug den Hut mit dreifarbigem Federbusch, an der Seite einen Säbel und im Gürtel seine Pistolen. Er schwieg. Es schwieg Alles. Mit gesenktem Blick standen die Soldaten Gewehr bei Fuß, so dicht neben einander, daß sie einander mit den Ellenbogen berührten, aber dennoch flüsterte keiner mit seinem Nebenmann. In dumpfem Hinbrüten ließen sie diesen ganzen Krieg vor ihrem Geist vorüberziehen mit all seinen Kämpfen, mit den kugelsprühenden Hecken, die sie so muthig angriffen, mit den Schwärmen von anstürmenden Bauern, die ihre Tapferkeit zurückgeworfen, mit den eroberten Festungen, den gewonnenen Schlachten, den Triumphen allen, und jetzt ward ihnen, als verkehre sich in Schande ihr ganzer Ruhm. Eine düstere Erwartung schnürte jede Brust zusammen. Auf der Plattform der Guillotine sah man im wachsenden Morgenglanz, der sich majestätisch über den Himmel ausbreitete, den Henker auf- und niederschreiten.

Plötzlich vernahm man den gedämpften Schall von umflorten Trommeln, ein schauerliches Wirbeln, das immer näher kam. Die Front that sich auf und ließ einen Zug durch, der sich nach dem Blutgerüst bewegte, voran die verschleierten Trommeln, dann eine Kompagnie Grenadiere mit umgekehrtem Gewehr, dann ein Peloton Gendarmen mit blankem Säbel, dann der Verurtheilte, Gauvain, der frei einherschritt, ohne Fesseln, in kleiner Uniform, den Degen an der Seite, und endlich ein anderes Peloton Gendarmen. Gauvain’s Antlitz war noch von jener sinnigen Glückseligkeit umflossen, die ihn verklärt hatte, als er zu Cimourdain gesagt: »Ich denke an die Zukunft,« und es ließ sich nichts Erhabeneres denken als dieses fortleuchtende Lächeln. Sein erster Blick, als er die düstere Stätte erreichte, galt, die Guillotine verschmähend, der Plattform des Thurms, denn er wußte, daß Cimourdain es für seine Pflicht halten werde, der Hinrichtung beizuwohnen. Ihn suchte sein Auge und fand ihn auch dort oben.

Cimourdain ward erdfahl und eisstarr. Die neben ihm Stehenden konnten seinen Athemzug nicht vernehmen.

Als er Gauvain ankommen sah, war auch nicht das leiseste Zucken an ihm zu bemerken gewesen.

Unterdessen ging Gauvain auf die Guillotine zu, schaute aber, während er so dahinwandelte, immer noch zu Cimourdain hinüber, der auch ihn unverwandt anschaute. Es war, als stütze sich Cimourdain auf diesen Blick.

Nun war Gauvain am Fuße des Schaffots angelangt und bestieg es, gefolgt von dem Offizier, der die Grenadiere befehligte. Er schnallte den Degen los und überreichte ihn dem Offizier; dann nahm er die Halsbinde ab und reichte sie dem Henker. Nie war er so schön gewesen; er strahlte wie ein Traumbild. Seine braunen Locken flatterten im Wind; damals war es nicht Brauch, dem Verurtheilten das Haar abzuschneiden, sein Nacken war lieblich anzusehen wie der eines Weibes und sein Blick heldenmüthig und erhaben wie der eines Erzengels. So stand er traumhaft auf dem Blutgerüst. Auch diese Stätte ist ein Gipfel, und auf diesem Gipfel thronte Gauvain befriedet und von der Sonne wie mit einem Glorienschein umwoben.

0367

Gnade! Gnade! rief es von allen Seiten.

Nun trat der Henker mit einem Strick in der Hand an ihn heran, um ihn zu binden, und jetzt, im Augenblick, wo sie ihren jungen Führer wirklich dem Beil verfallen sahen, hielten es die Soldaten nicht länger aus; den Kriegern sprengte diese Minute das Herz, und man hörte etwas Unerhörtes, das Aufschluchzen einer Armee. – Gnade! Gnade! rief es von allen Seiten. Einige fielen auf die Knie; Andere warfen ihre Gewehre weg und erhoben die Arme zur Plattform des Thurms nach Cimourdain. – Nimmt man denn für das Ding da keine Ersatzmänner an? schrie ein Grenadier, indem er auf die Guillotine deutete; hier bin ich! Und wie außer sich riefen Alle wieder: Gnade! Gnade! und selbst Löwen hätten bei diesem Anblick der Rührung und des Schreckens sich nicht erwehrt, denn es ist etwas Furchtbares um die Thränen eines Soldaten. Selbst der Henker hielt inne und stand rathlos. Da sprach vom Thurm herab eine abgebrochene, leise Stimme, deren Worte doch Jedermann vernahm:

– Dem Gesetz die Ehre!

Jetzt kannte man den Ausspruch der Unerbittlichkeit. Cimourdain hatte entschieden. Der Armee überlief ein Schauder. Der Henker zögerte nicht länger; er trat näher.

– Warten Sie, sagte Gauvain. Und gegen Cimourdain gewendet, winkte er ihm mit seiner freigebliebenen Rechten einen Scheidegruß zu; dann ließ er sich binden. – Pardon, noch eins, sagte er, als dies geschehen war, zum Henker, und rief mit lauter Stimme: Es lebe die Republik!

Dann wurde er auf das Schaukelbrett gelegt; der verruchte Ring schloß sich hinter seinem anmuthigen stolzen Haupt; sanft hob ihm der Henker das Haar vom Nacken und drückte an der Feder. Das eiserne Dreieck löste sich vom Querbalken und glitt erst langsam, dann blitzschnell herab; ein gräßlich Dröhnen und …

In demselben Augenblick dröhnte es ebenso gräßlich von drüben her. Dem Dröhnen des Fallbeils antwortete das Dröhnen eines Schusses. Cimourdain hatte eine der Pistolen aus seinem Gürtel gerissen und jagte sich, im Moment, da Gauvains Kopf in den Korb rollte, eine Kugel durch das Herz. Aus seinem Mund brach ein Blutstrom und er sank todt in den Sessel zurück.

So entschwebten sie denn miteinander, diese zwei Seelen, tragisch verschwistert und so innig in einander hinschmelzend, daß der Schatten der einen im Licht der anderen zerfloß.

Victor Hugo

Ende.

Drittes Buch.

Halmalo.

I.

Und der Geist war im Wort.

Nun erhob auch der Greis langsam das Haupt.

Der Mann, der zu ihm gesprochen, war ungefähr dreißig Jahre alt. Seine Stirn war von der Seeluft gebräunt; in eigentümlicher Mischung schaute in ihm der Scharfblick des Matrosen aus den treuherzigen Augen des Bauern. Wuchtig hielt er die Ruder in seinen beiden Fäusten fest. Er hatte etwas Kindliches. Im Gürtel trug er ein Dolchmesser, zwei Pistolen und einen Rosenkranz.

– Wer sind Sie? fragte der Greis. – Sie haben es gehört.

– Und was wollen Sie von mir?

Der Mann ließ die Ruder los, kreuzte die Arme und sagte:

– Sie umbringen.

– Sie können es, sagte der Greis.

– Halten Sie sich bereit, sprach der Mann mit erhobener Stimme.

– Bereit wozu?

– Zu sterben.

– Warum? fragte der Greis.

Es entstand eine Pause. Der Mann schien ein paar Augenblicke über die Frage zu staunen. Dann erwiderte er:

– Sie haben’s gehört: ich will Sie umbringen.

– Und ich frage Sie, warum?

In den Augen des Matrosen erglänzte ein flüchtiger Blitz:

– Weil Sie meinen Bruder umgebracht haben.

Der Greis entgegnete ruhig: Nachdem ich ihm zuvor das Leben gerettet.

– Das ist wahr; Sie haben ihn zuerst gerettet und dann umgebracht.

– Nicht ich.

– Wer denn sonst?

– Seine Schuld.

Mit noch größerem Staunen als zuvor sah der Matrose den Greis an; aber bald darauf zog sich seine Stirne wieder in drohende Falten zusammen.

– Wie heißen Sie? fragte der Greis.

– Ich heiße Halmalo, doch meinen Namen brauchen Sie nicht zu wissen, um von mir umgebracht zu werden.

In diesem Augenblick ging die Sonne auf. Ein heller Strahl fiel auf den Matrosen und leuchtete ihm ins trotzige Gesicht. Forschend betrachtete ihn der Greis. Das Geschützfeuer grollte noch immer aus der Ferne, aber mit Unterbrechungen und stoßweise wie in letzten Zuckungen. Ueber den Horizont senkte sich eine dichte Dampfwolke. Das Boot trieb, von keinem Ruderer mehr gelenkt, willenlos ins Weite. Der Matrose zog mit der rechten Hand eine seiner Pistolen und mit der Linken seinen Rosenkranz aus dem Gürtel. Aufstehend, hoch emporgerichtet fragte der Greis:

– Glaubst du an einen Gott?

– Unseren Vater im Himmel, versetzte der Matrose und schlug ein Kreuz.

– Hast du deine Mutter noch?

– Ja. Und er bekreuzte sich nochmals. Dann sagte er:

– Es muß sein. Ich schenke Ihnen nur noch eine Minute, gnädiger Herr. Und er schob den Hahn an seinem Pistol zurück.

0055

Es muß sein, ich schenke Ihnen nur noch eine Minute, gnädiger Herr!

– Warum hast du »gnädiger Herr« zu mir gesagt?

– Weil Sie ein Herr sind; das sieht man Ihnen an.

– Hast du einen Herrn?

– Ja, und einen Großen. Einen Herrn muß doch Jeder haben.

– Wo ist er, dein Herr?

– Das weiß ich nicht. Fort. Er heißt der Herr Marquis von Lantenac; er ist auch noch Vikomte von Fontenay und Fürst und Herr von Sept-Forêts. Gesehen habe ich ihn zwar nie, aber deshalb bleibt er nicht minder mein Herr.

– Und wenn du ihn sähst, würdest du ihm wohl gehorchen?

– Sicherlich. Wär ich doch ein Heide, wenn ich ihm nicht gehorchen wollte! Zuerst ist man Gott Gehorsam schuldig, dann dem König, weil er Gott am nächsten steht, und dann dem Herrn, weil er dem König am nächsten steht. Aber davon ist jetzt die Rede nicht: Sie haben meinen Bruder umgebracht und darum müssen jetzt auch Sie umgebracht werden.

– Daß ich ihn umgebracht habe, antwortete der Greis, daran that ich recht.

Der Matrose preßte die Finger krampfhaft um sein Pistol und sagte:

– Machen wir ein Ende.

– Meinetwegen, erwiderte der Greis, und setzte ruhig hinzu:

– Wo ist der Priester?

Der Matrose sah ihn fragend an:

– Der Priester?

– Ja wohl, der Priester. Deinen Bruder habe ich nicht ohne Beichte sterben lassen; den Priester bist du mir schuldig.

– Ja, wenn ich ihn hätte, entgegnete der Matrose, und fuhr dann fort:

– Als ob man hier auf offener See einen Priester holen könnte! Immer dumpfer ertönte der konvulsivische Geschützdonner des fernen Todeskampfes.

– Die, welche dort drüben sterben, haben einen, sagte der Greis.

– Schon wahr, murmelte der Matrose. Sie haben den Herrn Schiffsprediger.

Der Greis fuhr fort:

– Du vergreifst dich am Heil meiner Seele, und das fällt schwer ins Gewicht. Der Matrose schaute sinnend vor sich nieder.

– Und mit meinem Seelenheil, sagte der Greis, vernichtest du zugleich auch dein eigenes. Höre mich an: du dauerst mich. Nachher kannst du’s ja noch immer halten, wie du willst. Ich habe der Pflicht die Ehre gegeben, sowohl als ich vorhin deinem Bruder das Leben rettete, wie auch als ich es ihm wieder nahm, und jetzt gebe ich abermals der Pflicht die Ehre, wenn ich versuche, dir dein Seelenheil zu retten. Gieb wohl Acht; was ich sagen werde, bezieht sich unmittelbar auf dich. Hörst du die Kanonenschüsse dort drüben? In diesem Augenblicke sterben dort Männer, röcheln Verzweifelnde, Gatten, die ihre Frauen, Väter, die ihr Kind, Brüder, die, wie du, ihren Bruder nicht mehr wiedersehen werden. Und das Alles durch wessen Schuld? Durch deines Bruders. Du glaubst an einen Gott, nicht wahr? Aber dann mußt du auch wissen, daß in diesem Augenblick Gott leidet in seinem allerchristlichsten Sohn, dem König von Frankreich, der ein Kind ist gerade wie das Jesuskind, und den sie in den Thurm des Temple gesperrt haben; daß Gott leidet, so weit die ganze Bretagne reicht, in seiner Kirche, leidet in seinen geschändeten Kathedralen, leidet in seinen zerrissenen heiligen Büchern, leidet in seinen entweihten Andachtstätten, leidet in seinen hingemordeten Dienern. Warum haben wir uns eingeschifft allesammt auf jenem Wrack, das jetzt eben untergeht? Nur um Gott zu Hilfe zu eilen. Wenn dein Bruder ein treuer Knecht gewesen wäre, wenn er mit Klugheit, Eifer und Ernst seine Pflicht erfüllt hätte, dann wäre das Unglück mit dem Geschütz unterblieben, dann wäre die Korvette nicht beschädigt worden, wäre nicht von ihrem Kurs abgewichen, wäre nicht jenen gottvergessenen Kreuzern in die Hände gefallen, und wir, wir würden Alle, jetzt zur Stunde, als tapfere Kriegs- und Seeleute an der heimatlichen Küste landen, den Säbel in der Faust, mit fliegender Lilienfahne, stark an Zahl und stark an frischer Freudigkeit, und würden den wackeren Bauern der Vendée das Vaterland retten helfen, den König retten helfen, Gott retten helfen. Das wollten wir thun; das würden wir thun; das soll ich, der einzig Überlebende, noch immer thun. Aber du, du verhinderst es. In diesem Kampf der Gottlosen gegen die Priester, der Königsmörder gegen den König, des Höllenfürsten gegen Gott ergreifst du die Partei des Höllenfürsten. Dein Bruder war sein erster Helfershelfer; der zweite bist du. Was er begonnen, das führst du zu Ende. Du stehst den Königsmördern bei gegen den Thron, stehst den Gottlosen bei gegen die Kirche, nimmst Gott die letzte Hilfe weg in der Noth. Weil ich nicht da sein werde an des Königs Stelle, müssen die Dörfer weiterbrennen, die Weiber weiterweinen, die Priester weiterbluten, muß die Bretagne weiterleiden, der König seine Ketten weitertragen und unser Heiland weiterwanken gen Golgatha in Schmach und Schmerzen. Und wer wird das Alles auf dem Gewissen haben? Du. Nun, du hast ja die freie Wahl. Ich durfte zwar von dir gerade das Gegentheil erwarten; etwas Täuschung, und ja! im Grunde hast du ganz Recht: habe ich nicht deinen Bruder erschießen lassen? Dein Bruder ist muthig gewesen: ich habe ihn belohnt; er ist schuldig gewesen, und ich habe ihn bestraft. Er hat sich an seiner Pflicht versündigt, ich nicht, und was ich that, das würde ich wieder thun, und, das schwöre ich dir bei unserer hochheiligen Anna von Auray, die uns in die Herzen schaut: gerade wie ich deinen Bruder erschießen ließ, hätte ich im gleichen Fall meinen leiblichen Sohn erschießen lassen. Jetzt handle nach Gutdünken, aber ich bedaure dich. Du hast deinen Kapitän angelogen; du willst ein Christ sein und bist ohne Treu und Glauben; du willst ein Bretone sein und hast keine Ehre im Leibe; deiner Redlichkeit bin ich anvertraut worden; dein Verrath hat Ja dazu gesagt, und nun wirfst du Allen, denen du gelobt hast, mich zu retten, meinen Kopf vor die Füße. Weißt du auch, wen du dabei strafst? Dich! Du raubst dem König mein Leben und schenkst dafür deine Seele der Hölle. Aber laß dich nicht abhalten, begehe nur dein Verbrechen, thu’s! Dein Antheil an der ewigen Seligkeit ist dir feil und werthlos – gut. Dir also wird es zuzuschreiben sein, daß der Satan siegen wird, dir, daß die Heiden die Kirchen niederreißen, dir, daß sie fortfahren werden, die Glocken zu Kanonen umzugießen, um dann zu tödten mit dem, was den Seelen einst das Leben geben half. Jetzt, im Augenblick, da ich zu dir spreche, wird deine Mutter vielleicht zerrissen durch die Glocke, die deine Taufe eingeläutet hat. Aber geh, hilf nur dem bösen Feind, thu’s nur. Ja, ich habe deinen Bruder verurtheilt, doch wisse, daß ich ein Werkzeug bin des Allmächtigen. Du aber wirfst dich zum Richter auf über die Maßregeln Gottes – was? Du wirst nun wohl ins Gericht gehen mit dem Blitz des Himmels? Unglückseliger, du wirst gerichtet werden durch ihn. Bedenke wohl, was du thust. Weißt du auch nur, ob ich frei von jeglicher Todsünde aus der Welt gehe? Nein. Aber kehre dich daran nicht, und führe deinen Vorsatz nur aus! Es steht dir vollkommen frei, mich der Hölle in den Rachen zu schleudern und dich selber mit. Unser Beider Verdammniß liegt in deiner Hand. Die Verantwortlichkeit dafür trifft aber vor Gott nur dich. Wir sind allein, und ringsum gähnt der Abgrund. Vorwärts! Mach ein Ende! Vollbring’s! Ich bin ja alt, und du bist jung, ich bin wehrlos und du in Waffen. Losgedrückt! Feuer!

Während der Greis, hochaufrecht und mit einer Stimme, die das Rauschen der Wogen gewaltig übertönte, also sprach, ließen ihn die Schwankungen der Wellen einmal im Dunkeln, dann wieder im Sonnenlicht erscheinen. Der Matrose war kreideweiß geworden; große Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn; er zitterte wie das Blatt im Wind; zuweilen führte er den Rosenkranz an seine Lippen. Als der Greis zu sprechen aufhörte, warf er sein Pistol hin und fiel nieder aus die Knie:

– Seien Sie barmherzig, gnädiger Herr! rief er ihn an, verzeihen Sie mir! Aus Ihnen redet der liebe Gott. Ich habe mich versündigt, und mein Bruder hat sich versündigt. Alles will ich thun, um wieder gut zu machen, was er verbrach. Machen Sie aus mir, was Ihnen beliebt. Befehlen Sie, und ich gehorche.

– Ich erbarme mich deiner, sagte der Greis.

II.

Bauerngedächtniß kann ebenso nützlich sein wie Feldherrntalent.

Die mitgenommenen Vorräthe kamen den beiden Flüchtlingen sehr zu Statten, denn, auf vielfache Umwege angewiesen, brauchten sie volle sechsunddreißig Stunden, bis sie die Küste erreichten. Sie verbrachten die nächstfolgende Nacht auf hoher See, aber es war eine schöne Nacht, nur etwas zu mondhell für Leute, die ungesehen bleiben wollen.

Zu Anfang mußten sie sich von Frankreich wieder etwas entfernen, wieder gegen Jersey zu. So kam’s, daß sie die letzte Geschützsalve der niedergedonnerten Korvette noch hörten, das letzte Gebrüll eines tödtlich getroffenen Löwen. Nun trat eine große Stille ein.

Diese Korvette »Claymore« endete in ähnlicher Weise wie der »Vengeur«; aber für sie blieb der Nachruhm aus. Der Kampf gegen das Vaterland läßt kein anerkanntes Heldenthum aufkommen.

Halmalo war geradezu überraschend: er verrichtete wahre Wunder seemännischen Geschicks und Scharfsinns. Diese aus dem Stegreif entworfene Fahrt durch die Klippen, die Wellenschläge und das Auflauern des Feindes war eine Musterleistung.

Nun hatte der Wind nachgelassen, und die See war fügsamer geworden, Halmalo wich vor les Caux des Minquiers aus, beschrieb einen Halbkreis um la Chaussée aux Boeufs und rastete einige Stunden in dem kleinen Schlupfhafen aus, der sich dort an der Nordseite zur Ebbezeit vorfindet; dann stahl er sich, den Kurs wieder nach Süden nehmend, zwischen Granville und den Chausey-Inseln durch, ohne von den beiden Wachtposten von Chausey und von Granville bemerkt zu werden, und lief in die Bucht von Saint-Michel ein, ein kühnes Unterfangen, wenn man die geringe Entfernung von Cancale in Betracht zieht, wo die Kreuzer einen Ankerplatz hatten. Am zweiten Tag Abends, etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, landete er, den Mont Saint-Michel im Rücken, an einer Stelle des Strandes, wo sich gewöhnlich Niemand hinwagt, weil dort immer ein Auffahren im Sande zu befürchten steht.

Glücklicherweise hatten sie gerade hohe See. Halmalo trieb das Boot mit einem möglichst kräftigen Ruck ans Land, befühlte die Sandfläche, that dann, als er sie hinlänglich fest befunden, einen Sprung aus der Jolle und zog sie ans Ufer.

Der Greis folgte nach und suchte sich genau zu orientiren.

– Gnädiger Herr, sagte Halmalo, wir sind hier beim Ausfluß des Couesnon und haben an Steuerbord Beauvoir und Huisnes an Backbord. Geradeaus sehen Sie den Kirchthurm von Ardevon.

Der Greis bückte sich und nahm ein Stück Zwieback aus dem Boot; dann sagte er zu Halmalo:

– Nimm du den Rest.

Halmalo legte, was von der Ochsenzunge übrig war, zu dem Zwieback, lud den Sack auf die Schulter und fragte:

– Soll ich den gnädigen Herrn führen oder soll ich ihm folgen?

– Keins von Beiden.

Halmalo schaute den Greis verwundert an, und dieser fuhr fort:

– Wir werden uns trennen, Halmalo. Selbzweit gehen taugt nicht. Entweder zu Tausend oder Jeder für sich allein. Und sich unterbrechend, zog er aus einer seiner Taschen eine grünseidene Schleife, die beinah die Form einer Kokarde hatte und in deren Mitte eine goldene Lilie gestickt war.

– Kannst du lesen? begann er nun wieder.

– Nein.

– Schon recht; das Lesen thut nicht gut. Hast du ein scharf Gedächtniß?

– Ja.

– Schön. Und jetzt merke wohl auf, Halmalo: Du wirst rechts gehen und ich links, ich gegen Fougères zu, du gegen Bazouges. Den Sack behältst du bei dir; er giebt dir das Aussehen eines Bauern. Deine Waffen verstecke. Schneide dir einen Stock, krieche über die Aecker – der Roggen steht ja hoch –, schleiche die Hecken entlang, steige über die Pfahlzäune, um ins Freie zu kommen, meide Menschen, Wege und Brücken, halte dich in gehöriger Entfernung von Portorson … Ach so! du mußt ja über den Couesnon; wie willst du hinüberkommen?

– Durchschwimmen.

– Gut; es giebt übrigens eine Furt; weißt du vielleicht wo?

– Zwischen Ancey und Vieux-Mel.

– Ganz recht; ich sehe, daß du wirklich hier zu Hause bist.

– Aber es wird Nacht. Wo werden der gnädige Herr schlafen?

– Meine Sache; wo wirst du schlafen?

– In irgend einer Höhlung. Bevor ich Matrose wurde, war ich ein Bauer.

– Den Matrosenhut wirf ins Wasser! er könnte dich verrathen. Du wirst doch irgendwo eine andere Kopfbedeckung auftreiben können?

– O ja, eine Regenkappe, die giebt’s überall. Der nächstbeste Fischer wird mir seine verkaufen.

– Gut. Nun höre weiter: Du kennst doch die Wälder hier herum?

– Alle.

– In der ganzen Umgegend?

– Von Noirmoutier bis Laval.

– Kennst du sie auch bei ihren Namen?

– Die Wälder, die Namen, Alles.

– Und wirst auch nichts vergessen?

– Nichts.

– Gut, und jetzt aufgepaßt! Wie viel Stunden Wegs kannst du in einem Tag wohl zurücklegen?

– Zehn, fünfzehn, wenn’s noththut zwanzig.

– Es wird noththun. Verliere kein Wort von Allem, was ich dir jetzt sagen werde: Zunächst begiebst du dich in den Wald von Saint-Aubin.

– Bei Lamballe?

– Ja. Am Rande der Schlucht zwischen Saint-Rieul und Plédéliac steht ein großer Kastanienbaum. Bei dem hältst du still. Sehen wirst du Niemand.

– Aber es wird doch Jemand da sein; weiß schon.

– Du wirst das Zeichen geben. Kennst du das Zeichen auch?

Halmalo blies die Backen auf, wendete sich gegen das Meer und stieß den Eulenruf aus. Man hätte darauf geschworen, dieses »Huhu« ertöne aus tiefster Waldesnacht, so echt war’s und schauerlich.

0063

Halmalo schaute den Greis verwundert an.

– Gut, sagte der Greis; du bist ein Wissender.

– Hier, setzte er hinzu, indem er Halmalo die grünseidene Schleife hinhielt, hier hast du meine Kommandoschleife. Stecke sie zu dir. Einstweilen ist noch viel daran gelegen, daß mein Name unbekannt bleibe. Aber die Schleife genügt schon. Diese Lilie hat Madame, die Königin Antoinette, in ihrem Gefängniß mit eigener Hand gestickt.

Halmalo beugte das Knie und griff mit bebender Hand nach der Schleife, die er zu seinen Lippen führte; aber plötzlich innehaltend, fragte er mit innerem Grauen:

– Darf ich denn auch?

– Küssest du das Kruzifix nicht auch? Also.

Und Halmalo küßte die Lilie.

– Steh auf, sagte der Greis. Halmalo stand auf und verwahrte die Schleife an seiner Brust.

– Gieb wohl Acht, fuhr der Greis fort. Die Ordre lautet: Zu den Waffen – ohne Pardon. Beim Kastanienbaum giebst du also das Zeichen, und zwar zu dreien Malen. Nach dem dritten Mal wird ein Mann aus der Erde steigen.

– Aus einem Loch unten an einem Baum; weiß schon.

– Dieser Mann ist Planchenault, auch Coeur-de-Roi geheißen. Dem zeigst du die Schleife vor, und er wird verstehen. Nachher schleichst du auf Wegen, deren Wahl ich dir überlasse, in den Wald von Astillé; dort wirst du einen hinkenden Mann treffen, der den Beinamen Mousqueton führt, und der niemals Pardon giebt. Dem sagst du, daß ich ihn lieb habe, und daß er seine Gemeinden auf die Beine bringen soll. Ferner verfügst du dich in den Wald von Couesbon, eine Stunde von Ploërmel. Dort giebst du abermals das Zeichen und wirst einen Mann aus einer Öffnung hervorkriechen sehen, den Seneschall von Ploël, Herrn Thuault, welcher Mitglied der sogenannten konstituirenden Versammlung war, aber ein Rechtschaffener. Dem sagst du, er möge das Schloß von Couesbon in Stand setzen, ein Besitzthum des ausgewanderten Marquis von Guer. Schluchten, Buschwerk, ungleiches Terrain, läßt sich ausnützen; Herr Thuault ist ein gerader, besonnener Mann. Hieraus gehst du nach Saint-Ouen-les-Toits, wo du mit Jean Chouan sprechen wirst, der in meinen Augen der eigentliche Anführer ist, und von dort in den Wald von Ville-Anglose, wo du Guitter, auch Saint-Martin zubenannt, aufsuchen wirst, um ihm zu sagen, er solle ein Auge haben auf einen gewissen Courmesnil, Schwiegersohn des alten Goupil aus Préfeln und Rädelsführer der Jakobinerbande von Argentan. Präge dir Alles genau ins Gedächtniß! Ich gebe dir nichts Schriftliches mit, weil dergleichen nie schriftlich besorgt werden soll. La Rouarie hat ein Namensverzeichniß niedergeschrieben, und Alles kam heraus. Dann ermittelst du im Wald von Rougefeu einen Mann, der Miélette heißt und immer einen langen Stock mit eiserner Spitze führt.

– Mit so einem Stock setzt man über die breitesten Gräben.

– Kannst du das auch?

– Ich müßte keine Bretone und kein Bauersmann sein! Der Springstock ist ja unser Freund in der Noth; den Arm dehnt er aus und verlängert die Beine.

– Verringert demnach den Feind und verkürzt den Weg.

– Mit meinem Springstock habe ich einmal drei Salzwächter zurückgeschlagen, die mit Säbeln bewaffnet waren.

– Wann war das?

– Vor zehn Jahren.

– Da herrschte ja der König noch.

– Freilich.

– Damals also lehntest du dich auf?

– Gewiß.

– Gegen wen?

– Ja, das weiß ich nicht recht. Ich war Salzschmuggler.

– So.

– Sie nannten es eben den Kampf gegen die Salzsteuer. Haben denn die Salzsteuer und der König etwas mitsammen gemein?

– Ja. Nein …. Aber das sind Dinge, die du nicht zu verstehen brauchst.

– Ich bitte den gnädigen Herrn, mir zu verzeihen, daß ich so frei war, den gnädigen Herrn zu fragen.

– Fahren wir fort: Kennst du La Tourgue?

– Ob ich es kenne! Dort bin ich ja her.

– Wie so her?

– Nun ja, weil ich aus Parigné bin.

– Allerdings: Parigné liegt ganz nah bei La Tourgue.

– Ob ich es kenne, das große runde Schloß! Es ist ja das Stammschloß meines gnädigen Herrn! Ein großes eisernes Thor ist daran, welches das alte Schloß von dem neuen absperrt; mit Kanonen könnte man’s nicht sprengen. In dem neuen Schloß ist auch das berühmte Buch über den heiligen Bartholomäus zu sehen, das die Leute ehemals zu betrachten kamen. Ganz klein habe ich auf dem Grasplatz gespielt, wo die vielen Frösche sind. Und der unterirdische Gang erst! Den weiß vielleicht kein Mensch mehr außer mir.

– Ein unterirdischer Gang. – Was willst du damit sagen?

– Das war für die früheren Zeiten, damals als La Tourgue noch belagert wurde. Da konnten die Leute sich durch den Gang flüchten, der unter der Erde bis tief in den Wald hineinführt.

– Einen solchen Gang giebt es allerdings im Schloß La Jupellière und auch in dem von La Hunaudaye und im Thurm von Champéon, aber in La Tourgue ist nichts dergleichen vorhanden. – Ja doch, gnädiger Herr. Die Durchgänge, von denen der gnädige Herr sprechen, sind mir zwar unbekannt. Ich weiß blos um den zu La Tourgue, weil dort eben meine Heimath ist. Aber außer mir dürfte schwerlich Jemand darum wissen. Man sprach davon nicht; es war verboten, weil man den Gang zur Zeit des Herrn von Rohan im Krieg benutzt hatte. Mein Vater kannte das Geheimniß und hat mir’s gezeigt. So kenne denn auch ich den geheimen Eingang und den geheimen Ausgang; vom Wald kann ich in den Thurm und vom Thurm in den Wald gelangen, ohne daß mich Einer sieht. Und deshalb findet der Feind auch Niemand mehr, wenn er in das Schloß eindringt. Ja, so ist das eingerichtet in La Tourgue; ich weiß es genau.

– Du bist offenbar im Irrthum, erwiderte der Greis, nachdem er eine Weile nachgesonnen, wenn etwas Derartiges da wäre, müßte ich es kennen.

– Gnädiger Herr, ich bin meiner Sache gewiß. Es ist ein Stein, der sich dreht.

– So, so! Nun ja, von Steinen wißt ihr Bauern alles Mögliche zu erzählen, von Steinen, welche sich drehen, welche singen oder welche des Nachts an den Bach gehen, um zu trinken. Ammenmärchen.

– Wenn ich aber dem gnädigen Herrn sage, daß ich selber gesehen habe, wie sich der Stein drehte.

– Wie viel Andere haben ihn nicht auch singen hören! La Tourgue, mein Sohn, ist ein sicheres, festes Castell und leicht zu vertheidigen; allein wer sich auf einen unterirdischen Weg verlassen wollte, um zu entkommen, der wäre auf dem Holzweg.

– Aber gnädiger Herr…..

– Verlieren wir keine Zeit, unterbrach ihn der Greis mit einem Achselzucken, und kommen wir auf das Wichtigere zurück.

Dieser entschiedene Ton setzte jedem weiteren Betheuern eine Schranke.

– Fahren wir fort, sagte der Greis. Von Rougefeu, hörst du wohl, geht es dann in den Wald von Montchevrier; dort haust Benedicite, das Oberhaupt der Zwölf, auch Einer von den Rechten. Während er die Gefangenen füsiliren läßt, pflegt er sein »Benedicite« zu beten. Ja, nur keine Empfindelei in Kriegszeiten. Von Montchevrier gehst du …. Fast hätte ich das Geld vergessen, fiel er sich plötzlich ins Wort, und zog aus seiner Tasche eine Börse und ein Portefeuille, die er Halmalo übergab: Das Portefeuille hier enthält dreißigtausend Livres in Assignaten, etwas wie drei Livres zehn Sous. Die Scheine sind zwar falsch, aber die echten sind deshalb um keinen Heller mehr werth. In dem Beutel, paß auf, sind hundert Louisdor. Es ist meine ganze Baarschaft; hier brauche ich so kein Geld mehr, und es ist auch besser, wenn keines bei mir gefunden werden kann. Jetzt höre weiter: Von Montchevrier begibst du dich nach Antrain zu Herrn von Frotté, von Antrain nach La Jupellière zu Herrn von Rochecotte, von La Jupellière nach Noirieux zu dem Abbé Baudoix. Kannst du das Alles auswendig behalten?

– Wie das Vaterunser.

– In Saint-Brice-en-Cogles sprichst du mit Herrn Dubois-Guy, in dem befestigten Marktflecken Morannes mit Herrn von Turpin und in Château-Gonthier mit dem Fürsten von Talmont.

– Darf ich mit einem Fürsten denn auch sprechen?

– Sprichst du nicht auch mit mir?

Halmalo verneigte sich.

– Jeder, dem du die Lilie von Madame vorzeigst, wird dich willkommen heißen. Vergiß nicht, daß du Ortschaften berühren wirst, wo patschfüßiges Gebirgsvolk haust. Du wirst dich dann verkleiden müssen. Geht ganz leicht; so dumm sind diese Republikaner, daß Einen Keiner beachtet, wenn man nur einen blauen Rock, den dreieckigen Hut und die dreifarbige Kokarde trägt. Regimenter giebt es ja nicht mehr, Uniformen auch nicht; die Abtheilungen haben keine Nummern mehr und Jeder steckt sich in den Trödel, der ihm gerade paßt. Hernach gehst du nach Saint-Hervé zu Gaulier, auch Grand-Pierre geheißen; dann nach Parné, wo Männer mit geschwärzten Gesichtern im Quartier liegen; sie schießen mit Kies und mit doppelter Pulverladung, um mehr Lärm zu machen; daran thun sie auch recht; aber vor Allem schärfe ihnen ein: nur immer todtschlagen, todtschlagen, todtschlagen! Dann gehst du ins Lager von La Vache-Noire, das auf einer Anhöhe mitten im Wald von La Charnie liegt, ferner ins Lager von L’Avoine, ferner ins Lager Camp-Vert, ferner ins Lager von Les Fourmies, ferner nach Le Grand-Bordage, das auch Le Haut-du-Pré genannt wird; dort wohnt eine Wittwe, deren Tochter Treton, den sie auch »den Engländer« nennen, geheirathet hat. Le Grand-Bordage gehört zur Gemeinde von Quelaines. Auch Epineux-le-Chevreuil, Sillé-le-Guillaume, Parannes und die nächstliegenden Waldungen wirst du bereisen. Allenthalben wirst du Freunde treffen; die schickst du zur Grenzscheide von Ober- und Nieder-Maine. Endlich wirst du noch Jean Treton in der Gemeinde von Baisges, Sans-Regret in Le Bignon, Chambord in Bonchamps, die Gebrüder Corbin in Maisoncelles in Saint-Jean-sur-Erve le Petit-sans-Peur aufsuchen, der auch Bourdoiseau heißt. Wenn du das Alles besorgt und Jedem die Parole gegeben hast »Zu den Waffen – ohne Pardon«, wirst du dich der großen katholisch-königlichen Armee anschließen, wo sie zur Zeit gerade kampiren wird. Dort meldest du dich bei den Herren d’Elbée, von Lescure, von La Rochejacquelein, kurz bei den Chefs, die dann noch am Leben sein werden, und zeigst Ihnen meine Kommandoschleife vor. Sie werden sie schon erkennen; du bist zwar nur ein Matrose, aber Cathelineau ist auch nicht mehr als ein Fuhrmann. Du wirst ihnen in meinem Namen Folgendes verkünden: Es ist nun an der Zeit, beide Kriege zugleich zu führen, den großen und den kleinen; der große macht lautern Lärm, der kleine ausgiebigere Geschäfte; die Vendée ist allerdings gut, aber die Chouans sind ärger, und im Bürgerkrieg ist das Aergste stets das Beste, denn der Werth einer Kriegführung läßt sich überhaupt nur nach dem angerichteten Schaden bemessen.

Und in einen anderen Ton übergehend, fuhr der Greis fort:

– Von Allem, was ich dir da gesagt habe, hast du vielleicht nicht jedes Einzelne, den Sinn aber des Ganzen gewiß begriffen. Ich habe Vertrauen zu dir gefaßt, als ich zusah, wie du unser Boot lenktest; ohne je Geometrie gelernt zu haben, wußtest du doch die überraschendsten, scharfsinnigsten Schwenkungen zu erdenken; wer mit einer Barke so umzugehen versteht, gibt auch einen Lootsen ab für eine Volkserhebung; der Art nach, wie du mit der See fertig geworden bist, darf ich von dir erwarten, daß du alle meine Aufträge in entsprechender Weise ausführen wirst. Vernimm jetzt meine letzten Worte, die du den Generälen mittheilen sollst, dem Sinne nach, so gut du es eben vermagst – es wird schon richtig sein:

Ich ziehe den Krieg im Busch dem Krieg auf offenem Felde vor und trage kein besonderes Gelüste darnach, hunderttausend Bauern vor den Gewehrsalven der Blauen und der Artillerie des Herrn Carnot regelrecht in Reih und Glied zu stellen. Innerhalb eines Monats will ich fünfmalhunderttausend Schützen auf dem Anstand stehen haben in den Wäldern. Die republikanischen Regimenter sind mein Wild; meine Soldaten sollen Jäger sein; ich bin der Stratege des Busches…. ah, schon wieder ein Ausdruck, der dir nicht geläufig ist; thut aber nichts; klar wird dir schon dieses sein: Keinen Pardon! überall eine Falle. Weniger Gelehrsamkeit und mehr Hinterlist! Du wirst hinzufügen, daß wir die Engländer auf unserer Seite haben. Nehmen wir die Republik in ein Kreuzfeuer! Europa kommt uns zu Hilfe. Zertreten wir die Revolution! Im Osten hat sie den Krieg mit den Königreichen; im Westen erhebe sich der Kreuzzug der Dörfer! So wirst du zu ihnen sprechen. Hast du verstanden?

– Ja. Dreinfahren mit Feuer und mit Schwert!

– Recht so.

– Niemals Pardon geben.

– Keinem, recht so.

– Ich werde überall hingehen.

– Aber Vorsicht, denn hier zu Lande wird man leicht ein stiller Mann.

– Mich kümmert das wenig. Man weiß so nie, ob man den ersten Schritt nicht in den letzten Schuhen thut.

– Tapfer gesprochen.

– Und wenn man mich nach dem Namen des gnädigen Herrn fragt?

– Der muß noch verschwiegen werden. Du wirst einfach die Wahrheit sagen, daß du ihn nicht weißt. – Und wo werde ich den gnädigen Herrn wiederfinden?

– Wo ich gerade zugegen sein werde.

– Aber wie soll ich das erfahren?

– Von selbst, denn Jedermann wird es wissen. Ehe acht Tage vergehen, will ich von mir reden lassen, will den König und die Kirche durch Strafgerichte rächen, und du wirst schon erkennen, daß ich es bin, von dem geredet wird.

– Ich weiß schon.

– Also nichts vergessen.

– Seien Sie ganz unbesorgt.

– Und jetzt behüte dich Gott. Geh!

– Alles werde ich thun, wie Sie gesagt, werde gehen, werde sprechen, werde befehlen.

– Gut.

– Und wenn mir’s gelingt…

– Mach‘ ich dich zum Sanct-Ludwigsritter.

– Wie meinen Bruder, und wenn mir’s nicht gelingt, mögen Sie mich erschießen lassen.

– Wie deinen Bruder.

– Einverstanden, gnädiger Herr.

Der Greis senkte das Haupt und verfiel in strenges Sinnen. Als er wieder aufblickte, war er allein. Ein schwarzer, schwindender Punkt, verlor sich Halmalo schon am Horizont. Die Sonne war eben untergegangen. Die großen und kleinen Möven kamen heimgeflogen von draußen, vom Meer. Man fühlte jene Bangigkeit durch die Lüfte zittern, welche der Nacht vorangeht. Mitten unter dem Schmettern des Unkenrufs umflatterten die Wasserschnepfen mit schrillem Schrei die Pfützen, an denen sie gesessen; die Raben, Krähen, Dohlen stimmten ihr abendliches Gekrächze an; alle Vögel des Strandes lockten einander herbei. Von einem menschlichen Wesen keine Spur; in der Bucht kein Segel, kein Bauer drüben auf dem Gefild. So weit das Auge reichte, auf der öden Fläche die tiefste Einsamkeit. Die großen Sanddisteln schauerten zusammen; vom weißverdämmernden Himmel strömte noch über See und Küste ein fahler Widerschein, und fernab auf der finsteren Ebene schillerte hin und wieder ein Teich wie eine hingenagelte große Zinnplatte, indeß ein Windhauch landeinwärts hinstrich über die Fluthen.

Zweites Buch.

0015

Die Korvette »Claymore«.

I.

Englisch-französische Mischung.

Im Frühling 1793, während Frankreich, von allen Seiten her gleichzeitig angegriffen, sich mit einem pathetischen Intermezzo, dem Sturz der Gironde, beschäftigte, trug sich auf der Inselgruppe des Kanals Folgendes zu.

Eines Abends, am 1. Juni, auf Jersey, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, bei nebliger Witterung, die für eine heimliche Abfahrt gerade in Folge ihrer Gefährlichkeit günstig ist, segelte eine Korvette aus der kleinen öden Bucht von Bonnenuit. Das Fahrzeug hatte eine französische Mannschaft an Bord, gehörte jedoch zu der englischen Flottille, die wie ein Vorposten bei der östlichen Spitze der Insel ihre Station hatte. Die englische Flottille stand unter dem Kommando des Fürsten von la Tour-d’Auvergne, aus dem Geschlechte der Bouillon, und auf seinen Befehl war die Korvette mit einem eigenen und dringenden Auftrag detachirt worden.

Diese in Trinity-House unter dem Namen »The Claymore« eingetragene Korvette war scheinbar ein Fracht-, in Wirklichkeit aber ein Kriegsschiff. Trotz ihrem schwerfälligen, friedfertig merkantilen Aussehen, war ihr keineswegs zu trauen, denn bei ihrem Bau hatte man einen Doppelzweck im Auge gehabt: List, um womöglich zu täuschen, und Kraft, um nöthigen Falls zu kämpfen. Für den heutigen Nachtdienst hatte die Ladung des Zwischendecks dreißig kurzen Marinegeschützen von schwerem Kaliber den Platz räumen müssen. In Voraussicht eines Sturmes oder vielmehr um dem Fahrzeug seine harmlose Figur zu belassen, waren dieselben eingezogen, das heißt mit dreifachen Ketten dergestalt nach innen zu festgehalten, daß die Mündungen die überdies zugestopften Lucken kaum berührten; von außen war also nichts sichtbar; auch die Stückpforten waren geblendet, jede Oeffnung geschlossen; kurz die Korvette trug gewissermaßen eine Maske. Die ordonnanzmäßigen Korvetten führen ihre Geschütze nur auf dem Verdeck; dieses Schiff hingegen, für Trug und Ueberfall berechnet, war so gebaut, daß, wie wir bereits wissen, die Batterie nicht auf dem Deck, sondern im Zwischendeck untergebracht war. Obgleich nach einem massiven, gedrungenen Modell konstruirt, war der »Claymore« den Schnellseglern beizuzählen; seine Schale war so fest wie sonst keine zweite in der englischen Marine und im Gefecht blieb seine Leistungsfähigkeit kaum hinter der einer Fregatte zurück, obwohl er an Stelle des Besanmastes einen ungleich kleineren mit einer einfachen Brigantine führte. Von seltenem Scharfsinn zeugte das ausgezeichnete geschweifte Fugenwerk am Steuer, welches auf den Werften von Southampton mit fünfzig Pfund Sterling bezahlt worden war.

Die ausschließlich französische Schiffsmannschaft bestand aus übergelaufenen Matrosen und war von Emigranten befehligt. Unter diesen sorgfältig ausgesuchten Leuten befand sich auch nicht Einer, der nicht ein guter Seemann, ein guter Soldat und ein guter Royalist gewesen wäre; Alle bekannten sie sich zu dem dreifach schwärmerischen Kultus: Schiff, Waffe, König. Behufs einer eventuellen Landung war ihnen ein halbes Bataillon Marinetruppen beigegeben worden. Kapitän der Korvette war der Graf du Boisberthelot, Ritter des Sankt-Ludwigsordens und einer der verdienstvollsten Marineoffiziere des früheren Regime, Lieutenant der Chevalier von La Vieuville, der bei den Gardes-françaises die Kompagnie kommandirt hatte, in welcher Hoche Sergeant gewesen, und Lootse Philipp Gacquoil, der geschickteste Fachmann von ganz Jersey.

Daß das Fahrzeug etwas Außerordentliches vorhatte, unterlag keinem Zweifel, umsomehr als ein Mann an Bord gekommen war, dem man irgend ein Wagniß zutrauen mußte. Es war ein hochgewachsener Greis, rüstig, von aufrechter Haltung und strengen Gesichtszügen; sein Alter genau festzustellen hätte schwer fallen dürfen, da er zugleich bejahrt und doch wieder jung erschien – eine jener Gestalten voller Furchen und voller Kraft, mit weißem Haar auf der Stirn und einem Blitz im Auge, an Körperstärke Vierziger und Achtziger an geistigem Ansehen. Während er die Korvette bestieg, hatte man durch den klaffenden Schlitz seines Schiffermantels wahrnehmen können, daß er sogenannte »Bragou-Bras« oder Pumphosen trug, ferner hohe Stiefel und eine Jacke aus Ziegenfell, das seidengestickte Leder nach außen, das rauhe, borstige Haar nach innen zugekehrt, also ganz wie ein bretonischer Bauer gekleidet war. Jene altmodischen bretonischen Jacken ließen sich auf zweierlei Arten tragen, sowohl an Festtagen wie bei der Arbeit, je nachdem man sie nach der glatten oder der behaarten Seite wendete; so ging man die Woche über im Pelz, am Sonntag in der Stickerei.

Der Bauernanzug dieses Greises war überdies, gleichsam zur Vervollständigung seiner trügerisch beabsichtigten Echtheit, an Knieen und Ellenbogen wie durch langjährigen Gebrauch abgenutzt, und auch der grobe Tuchmantel glich dem heruntergekommenen Erbstück einer Fischerfamilie. Als Kopfbedeckung trug der Mann den Hut von hoher Form mit breiter Krämpe, der, wenn man letztere in der wagerechten Stellung läßt, ländlich aussieht, kriegerisch aber, wenn man sie auf einer Seite vermittelst einer Schnur und Kokarde aufstülpt. Er trug ihn nach Bauernmanier einfach mit hängender Krämpe, ohne Schnur noch Kokarde.

Der Gouverneur der Insel und der Fürst von la Tour-d’Auvergne hatten ihn persönlich an Bord geführt und untergebracht, und der geheime Agent des Prinzen, Gélambre, ein ehemaliger Garde-du-corps des Herrn Grafen von Artois, der schon die Einrichtung der Kajüte selber überwacht hatte, war trotz seinem alten Adel in der Rücksicht und Hochachtung so weit gegangen, dem Greis die Reisetasche nachzutragen. Auch hatte sich Herr von Gélambre, als er das Schiff wieder verließ, vor dem Bauern tief verneigt; Lord Balcarras hatte ihm noch zugerufen: »Glück auf, General!« und der Fürst von la Tour-d’Auvergne: »Lieber Vetter, auf Wiedersehen!«

0020

Herr v. Gélambre hatte sich vor dem Bauern tief verneigt.

»Der Bauer.« So wurde der Passagier auch wirklich gleich nach seinem Erscheinen vom Schiffsvolk in jenen wortkargen Gesprächen bezeichnet, die Seeleute mit einander führen; doch wenn ihnen auch der Schlüssel des Räthsels fehlte, so viel wußten sie immerhin, daß jener Bauer ebensowenig ein Bauer war wie der »Claymore« ein Kauffahrer.

Bei spärlichem Wind ging die Korvette unter Segel, steuerte an Boulay-Bay vorüber und blieb noch eine gute Weile lavirend in Sicht, bis sie, immer mehr zusammenschrumpfend, in der sinkenden Nacht verschwand.

Eine Stunde später schickte Gélambre von seiner Wohnung in Saint-Hélier aus folgende kurze Zeilen via Southampton an den Herrn Grafen von Artois ins Hauptquartier des Herzogs von York: »Königliche Hoheit, die Abfahrt hat soeben stattgefunden. Erfolg gesichert. In acht Tagen steht die ganze Küste in Flammen, von Granville bis Saint-Malo.«

Vier Tage vorher war dem Abgeordneten Prieur vom Marne-Departement, Kommissär des Nationalkonvents bei der Armee von Cherbourg, derzeit in Granville beschäftigt, durch einen geheimen Eilboten und von derselben Hand wie obige Depesche geschrieben, dies Billet zugestellt worden: »Bürger Abgeordneter, den 1. Juni, zur Ebbezeit, wird die Kriegskorvette mit maskirter Batterie »The Claymore« auslaufen, um einen Mann an die französische Küste zu bringen, dessen Personalbeschreibung anbei folgt: hoher Wuchs, alt, Haar weiß, Bauernkleider und Aristokratenhände. Morgen ein Näheres. Er wird am zweiten in der Frühe landen. Alarmiren Sie die Kreuzer, kapern Sie die Korvette, lassen Sie den Mann guillotiniren.«

II.

Ueber Schiff und Passagier Nacht.

Die Korvette, anstatt südlich gegen Sainte-Catherine zuzusegeln, hatte ihren Kurs nach Norden, dann nach Osten gerichtet und war schließlich resolut zwischen Serk und Jersey in die Meerenge eingedrungen, die man le Passage de la Deroute nennt. Damals gab es weder auf dem einen noch auf dem anderen Ufer einen Leuchtthurm.

Die Sonne war völlig untergegangen und die Nacht dunkler als es sonst im Sommer zu sein pflegt; eine Mondnacht, aber ein Himmel, eher an die Aequinoktial- als an die Sonnenwendezeit erinnernd, so gleichmäßig war er mit schweren Wolken ausgefüttert; demnach konnte, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Mond erst im Untergehen, bei seiner Berührung mit dem Horizont sichtbar werden. Einige Wolken hingen sogar bis auf das Meer herab und bedeckten es mit Nebeln.

Die allseitige Dunkelheit war jedoch günstig. Der Lootse Gacquoil hatte den Plan, Jersey links und Guernesey rechts liegen lassend, nach einer kühnen Durchfahrt zwischen Les Hanois und Les Douvres in irgend eine Bucht an der Küste von Saint-Malo einzulaufen; dieser Weg war zwar weniger kurz als der über Les Minquiers, aber sicherer, da die französischen Kreuzer bis auf weiteren Befehl Ordre hatten, vor Allem die Strecke zwischen Saint-Helier und Granville im Auge zu behalten.

Mit Aufgebot aller Mittel hoffte Gacquoil, unvorhergesehene Zwischenfälle abgerechnet, bei einigermaßen günstigem Wind die französische Küste vor Tagesgrauen zu erreichen.

Bis jetzt ging Alles nach Wunsch; die Korvette war eben an Gros-Nez vorbeigesegelt; das Wetter schien, wie der Seemann sagt, schmollen zu wollen; der Wind wurde stärker und die Wellen bewegter; aber gerade dieser Wind war gut und die See ging hoch, ohne deshalb stürmisch zu sein. Nur bekam bei gewissen Wogenschlägen das Vordertheil des Fahrzeugs etwas zu viel Senkung.

Der »Bauer«, den Lord Balcarras »General« genannt, und zu dem der Fürst von la Tour-d’Auvergne »Lieber Vetter« gesagt, hatte den Matrosenschritt und spazierte ruhig und gravitätisch auf dem Deck auf und nieder. Daß das Schiff heftig hin und hergeworfen wurde, schien er nicht zu bemerken.

0023

Der Bauer spazierte ruhig und gravitätisch auf und nieder.

Von Zeit zu Zeit zog er aus der Tasche seines Wammses ein Schokoladetäfelchen, von dem er ein Stück abbrach und verzehrte: trotz seinem weißen Haar hatte er noch alle seine Zähne. Nur den Kapitän redete er zuweilen leise und bündig an, sonst keine Seele, und dieser hörte ehrerbietig zu, als hielte er eher seinen Passagier als sich selber für den eigentlich Kommandirenden.

Der »Claymore« fuhr nun, in Nebel eingehüllt, sehr geschickt die gedehnte, steile Nordküste von Jersey entlang, dem Lande möglichst nah, wegen der gefürchteten Klippe Pierres de Leeq, die sich in der Mitte der Meerenge zwischen Jersey und Serk befindet. Gacquoil, aufrecht beim Steuer, die Richtung von Grève de Leeq Gros-Nez, Plémont der Reihe nach angebend, ließ die Korvette einigermaßen blindlings, aber mit vollkommener Sicherheit, wie Einer, der zum Haus gehört und das ganze Winkelwerk des Meeres kennt, zwischen all den Verkettungen von Hindernissen einhergleiten. Das Vordertheil des Schiffes hatte kein Licht, aus Furcht vor einem Entdecktwerden in diesen so argwöhnisch überwachten Gegenden. Man wünschte sich zu dem Nebel Glück. Jetzt war man bei La Grande-Etaque, und die Finsterniß so dicht, daß man die ragenden Umrisse des Pinacle kaum zu unterscheiden vermochte. Auf dem Thurm von Saint-Ouen hörte man die zehnte Stunde schlagen, ein Zeichen, daß man immer noch den Wind im Rücken hatte. Die Gunst der Elemente ließ nicht nach; die See ging höher, weil man sich nicht weit von La Corbière bewegte.

Kurz nach Zehn geleiteten der Graf du Boisberthelot und der Chevalier von La Vieuville den »Bauern« nach seiner Kajüte, die keine andere war als die des Kapitäns. Beim Eintreten sagte der Greis mit gedämpfter Stimme:

– Sie wissen, meine Herren, das Geheimniß muß gewahrt werden. Kein Wort also, bis die Mine springt. Sie allein kennen hier meinen Namen.

– Wir würden ihn mitnehmen ins Grab, antwortete Boisberthelot.

– Ich für mein Theil, erwiderte der Greis, verschweige ihn, selbst im Angesicht des Todes.

So verabschiedeten sich die Drei.

III.

Adelig-bürgerliche Mischung.

Der Kapitän und sein Lieutenant stiegen wieder aufs Deck und gingen plaudernd neben einander auf und ab. Sie unterhielten sich offenbar über ihren Passagier. Dies im großen Ganzen ihr Gespräch, das ihnen der Wind vom Mund in die Nacht entführte.

– Es wird sich bald zeigen, ob er der rechte Mann ist, brummte Boisberthelot dem Chevalier halblaut ins Ohr.

– Einstweilen ist er ein Fürst, entgegnete La Vieuville.

– Beinahe.

– Französischer Edelmann, aber bretonischer Fürst.

– Wie die La Trémoille, wie die Rohan.

– Mit denen er auch verschwägert ist.

Boisberthelot begann wieder:

– In Frankreich und in den Galawagen des Königs ist er der Marquis, gerade wie ich Graf bin und Sie Chevalier.

– Eine verschollene Mär, die Galawagen! rief La Vieuville. Jetzt ist der Karren Trumpf.

Nach einer Pause sagte Boisberthelot:

– In Ermangelung eines französischen Fürsten behilft man sich schon mit einem Bretonen.

– Wenn die Tauben nicht mehr gebraten herumfliegen, so …. Nein, wenn kein Adler herumfliegt, begnügt man sich mit einem Raben.

– Ein Geier wäre mir lieber, erwiderte Boisberthelot.

– Allerdings! meinte La Vieuville, ein Schnabel und zwei Klauen.

– Es wird sich ja zeigen.

– Hoffentlich, antwortete La Vieuville, denn zu lang schon thut ein Führer Noth. Ich sage wie Tinténiac: »Nur einen Führer und Patronen!« Sehen Sie, Graf, ich kenne sie so ziemlich, alle möglichen und unmöglichen Führer, die von gestern, die von heut und die von morgen: nicht Einer hat den Soldatenschädel, den wir gerade brauchen. In dieser verteufelten Vendée muß der General auch ein Inquisitor sein; den Feind abhetzen muß er, ihm jede Mühle, den Busch, den Graben, die Erdscholle streitig machen, ihm faule Händel zwischen die Beine werfen, Alles verwerthen, nichts aus den Augen verlieren, viel massakriren, abschrecken, den Schlaf und die Barmherzigkeit davonjagen. Zur Stunde giebt es in jener Armee von Bauern wohl Helden, aber keine Kommandeurs. Von Elbée ist eine Null, Lescure ein kranker Mann, Bonchamps ein Pardonirer: Mitleid dummes Zeug! La Rochejacquelein mag einen prächtigen Infanterielieutenant abgeben; Silz weiß mit der Taktik, aber nicht mit den Nothbehelfen des Freischaarenkriegs umzugehen. Cathelineau ist ein naiver Fuhrmann, Stofflet ein durchtriebener Förster, Bérard ein untauglicher, Boulainvilliers ein lächerlicher, Charette ein abscheulicher Mensch; den Barbier Gaston will ich hier gar nicht erwähnen, denn Sapperlot noch einmal! weshalb liegen wir der Revolution in den Haaren, und was soll uns von den Republikanern unterscheiden, wenn wir den Edelleuten Perrückenmacher als Kommandanten zumuthen?

– Diese Schandrevolution steckt eben auch uns mit an.

– Wie eine Räude – ganz Frankreich.

– Ja, die Räude des dritten Standes, fuhr Boisberthelot fort. Nur England kann uns davon kuriren.

– Und das wird es auch, verlassen Sie sich darauf, Kapitän.

– Einstweilen bleibt’s etwas Unappetitliches.

– Und wie! Ueberall Plebs; die Monarchie mit Stofflet, dem Förster des Herrn von Maulevrier als Generalissimus, braucht die Republik um den Portiersohn des Herzogs von Castries, Seine Excellenz Herrn Staatsminister Pache, nicht zu beneiden. Ein sauberes Gegenüber, dieser Vendéer Krieg: auf der einen Seite der Bierbrauer Santerre und auf der andern Gaston, der Haarkünstler.

– Mein lieber La Vieuville, auf diesen Gaston halte ich gewissermaßen etwas. Er hat sich in seinem Rayon von Guéménée nicht übel benommen und dreihundert Blaue ganz hübsch zusammengepfeffert, die zuvor noch ihre eigene Grube graben mußten.

– Recht brav, aber das hätte ich gerade so gut besorgt.

– Ei der Tausend, ich auch.

– Große Kriegsthaten, begann La Vieuville abermals, beanspruchen bei dem, der sie vollbringen soll, Noblesse; sie geziemen den Rittern kurzweg und nicht einem Ritter vom Kamm.

– Und dennoch, entgegnete Boisberthelot, giebt es in jenem dritten Stand anständige Menschen. Da haben Sie zum Beispiel einen gewissen Uhrmacher Joly, vormals Sergeant beim Regiment Flandern: Der Mann geht Ihnen unter die Vendéer und sammelt eine Bande bei der Küste; nun hat er aber einen Sohn, der als Republikaner bei den Blauen dient, während er zu den Weißen hält. Schließlich Zusammenstoß, Gefecht. Der Vater nimmt seinen Sohn gefangen und jagt ihm eine Kugel durch das Hirn.

– Der ist allerdings nicht ohne, sagte La Vieuville.

– Ein monarchischer Brutus, setzte Boisberthelot hinzu.

– Unerträglich bleibt es aber trotz alledem doch, unter dem Kommando eines Coquereau zu stehen, eines Jean-Jean, Moulins, Focart, Bouju oder Chouppes!

– Lieber Chevalier, drüben beim Feind ärgern sie sich genau so. Wir stecken voll geringer Leute und sie voll Adel. Oder meinen Sie, daß die Sansculotten ein Wohlgefallen finden an Bürgergeneralen wie dem Grafen von Canclaux, dem Vicomte von Miranda, dem Vicomte von Beauharnais, dem Grafen von Valence, dem Marquis von Custine, dem Herzog von Biron?

– Ein tolles Durcheinander!

– Und dem Grafen von Chartres nun gar!

– Dem Sohn von Egalité? Apropos, wann wird denn der Vater wohl einmal König?

– Niemals.

– Er rückt dem Throne näher. Seine Verbrechen kommen ihm zu Statten.

– Aber seine Laster gestatten ihm nicht, zu kommen, sagte Boisberthelot. Und nach einer Pause setzte er wieder hinzu:

– Und doch hatte er eine Aussöhnung angestrebt. Er hatte den König besucht. Ich war dabei, in Versailles, wie ihm auf den Rücken gespuckt wurde.

– Von der großen Treppe herab?

– Ja.

– Geschah ihm ganz recht.

– Unter uns nannten wir ihn Philipp, »das liebe Vieh«.1

– Eine Glatze, ein Gesicht voller Beulen, ein Königsmörder – ekelhaft! Und La Vieuville setzte noch hinzu:

– Ich war bei Quessant mit ihm zusammen.

– Auf dem »Saint-Esprit?«

– Ja.

– Wäre er dem Signal gefolgt, das ihm befahl, unter dem Wind des Admiralsschiffs von d’Orvillers zu bleiben, so hätte er die Engländer am Durchbrechen verhindert.

– Gewiß.

– Hat er sich damals wirklich bis zum Kiel hinab verkrochen?

– Das nicht. Aber behaupten muß man es doch, sagte La Vieuville und brach in Lachen aus.

– Dummköpfe giebt’s einmal, ergänzte Boisberthelot. Nehmen Sie nur zum Beispiel jenen Boulainvilliers, den Sie soeben erwähnt: ich hab ihn gekannt, hab ihn wirthschaften sehen. Zu Anfang waren die Bauern mit Piken bewaffnet; hatte sich der Mensch wahrhaftig in den Kopf gesetzt, sie auf die Pike abzurichten! Er ließ ihnen Handgriffe einüben: Pike schräg! oder: Schleift die Pike, Spitze herab! Liniensoldaten aus diesen Wilden zu machen, war seine Marotte. Er glaubte, ihnen beibringen zu können, wie man Carrés mit vorgeschobenen Schützen oder hohle Vierecke formirt. Dabei radebrechte er die Kommandosprache von Olims Zeiten, und nannte den Feldwebel noch Rottmeister wie unter Ludwig XIV. Er war förmlich darauf versessen, all die Wilderer zu einem Regiment zusammenzuschweißen; er hatte regelrechte Kompagnien organisirt, deren Sergeanten jeden Abend einen Kreis um ihn bilden mußten, um die Parole und Gegenparole vom Leibkompagnie-Sergeanten des Obersten zu empfangen, der sie dem Leibkompagnie-Sergeanten des Majors zuflüsterte, welcher sie wiederum seinem nächsten Nachbar übermittelte und so von Ohr zu Ohr bis herab zum letzten Mann. Einmal sogar kassirte er einen Offizier, der sich mit bedecktem Haupte erhoben hatte, als ihm der Sergeant die Parole geben sollte. Wie das anschlug, können Sie sich schon vorstellen. Dem Strohkopf ging nicht ein, daß Rüpel rüpelhaft geführt sein wollen, und daß sich aus Waldmenschen keine Kasernenmenschen machen lassen. Ich hab ihn wirthschaften sehen, diesen Boulainvilliers.

Sie thaten ein paar Schritte, Jeder mit eigenen Gedanken beschäftigt. Dann wurde das Gespräch wieder aufgenommen:

– Apropos, bestätigt sich’s auch, daß Dampierre gefallen ist?

– Ja wohl, Kapitän.

– Vor Condé?

– Im Lager von Pamars. Eine Kanonenkugel.

Boisbertheloi seufzte.

– Der Graf von Dampierre! Auch Einer von den Unsern, der zu den ihren zählte.

– Er reise glücklich!« sagte La Vieuville.

– Und Mèsdames? wo sind die?

– In Triest.

– Immer noch?

– Immer. Und La Vieuville setzte heftig hinzu:

– O über diese Republik! So viel Verwüstungen um einer Bagatelle willen! Wenn man bedenkt, daß diese Revolution aus einem Defizit von ein paar Millionen herausgewachsen ist! …

– Kleine Ausgangspunkte niemals unterschätzen, bemerkte Boisberthelot.

– Uns geht doch Alles schief, fuhr La Vieuville fort.

– Leider: La Rouarie ist todt und Du Dresnay versimpelt. Sind das traurige Parteihäupter, diese Bischöfe sammt und sonders, dieser Coucy von La Rochelle und dieser Beaupoil Saint-Aulaire von Poitiers und dieser Mercy von Luçon mit seiner verliebten Frau von l’Eschasserie …..

– Welche eigentlich Servanteau heißt, denn Sie werden ja wissen, Kapitän, daß l’Eschasserie ein Gutsname ist.

– Und dieser falsche Bischof von Agra, der nebenbei Pfarrer ist von Dingsda!

– Von Dol! Er heißt Guillot von Folleville. Hat übrigens Kourage, denn er schlägt sich.

– Priester, wenn wir Soldaten brauchen! Bischöfe, die keine Bischöfe, und Generale, die keine Generale sind! …

– Nicht wahr, Kapitän, unterbrach La Vieuville, Sie haben doch den »Moniteur« in Ihrer Kajüte?

– Allerdings.

– Was wird denn gegenwärtig in Paris gespielt?

– »Paul und Adele« und »die Höhle«.

– Ins Theater möcht ich wieder einmal.

– Sie werden nicht lang mehr darauf warten, denn in einem Monat sind wir in Paris. Und nachdem er einen Augenblick nachgerechnet, fügte Boisberthelot hinzu:

– Allerspätestens. Lord Hood weiß es von Herrn Windham.

– Aber wenn dem so ist, Kapitän, gehen die Dinge gar so schief nicht.

– Am Schnürchen würden sie gehen, nur muß der Krieg in der Bretagne ordentlich geführt werden.

La Vieuville schüttelte den Kopf und fragte dann:

– Kapitän, wird unsere Marine-Infanterie ausgeschifft?

– Wenn es die Beschaffenheit der Küste zuläßt, ja, wonicht, nein. Der Krieg muß je nach Umständen in ein Ding hineinhageln oder hineinschleichen, zumal der Bürgerkrieg, der immer einen Nachschlüssel in der Tasche haben soll. Was geschehen kann, wird geschehen. Die Hauptsache ist und bleibt aber der Chef. Und halb in Gedanken that Boisberthelot die Frage:

– La Veuville, was halten Sie von dem Chevalier von Dieuzie?

– Dem Jungen?

– Ja.

– Als Kommandeur?

– Ja.

– Wieder nur ein Taktiker fürs Flachland. Mit dem Busch wird nur der Bauer fertig.

– Dann bleibt Ihnen auch nichts Anderes übrig, als den General Stofflet und den General Cathelineau in Geduld hinzunehmen.

La Vieuville stand eine Minute nachdenklich; dann sagte er:

– Ein Prinz müßte kommen, ein französischer Prinz, ein Prinz von Geblüt, ein echter Prinz.

– Sie meinen? Durchgebrannte Prinzen…

– Fürchten das Feuer – ich weiß schon, Kapitän; man muß aber den aufgerissenen Ochsenaugen der Bauernburschen etwas zu verschlingen geben.

– Lieber Chevalier, unsere Prinzen werden fernbleiben.

– Wir werden uns drein ergeben.

Boisberthelot fuhr sich mit einer mechanischen Geberde über die Stirn, als wolle er einen Gedanken herauspressen, und sagte schließlich:

– Nun versuchen wir’s vorläufig mit diesem General.

– Er hat wenigstens einen Namen.

– Glauben Sie, daß er ansprechen wird?

– Wenn er nur nicht ohne ist! antwortete Vieuville.

– Das heißt, entsetzlich, sagte Boisberthelot.

Der Graf und der Chevalier schauten einander an.

– Sie haben den richtigen Ausdruck gefunden, Herr du Boisberthelot: entsetzlich. Das ist es, was Noth thut. In dem Krieg auf’s Messer, der gegenwärtig ausgekämpft wird, ist die Blutgier das Zeitgemäße. Die Königsmörder haben Ludwig XVI. das Haupt abgeschlagen; wir wollen dafür den Königsmördern die Glieder vom Leib reißen. Ja, unser General muß die generalgewordene Unerbittlichkeit sein. In Anjou und im oberen Poitou, wo die Führer sich auf die Großmüthigen hinausspielen, wird mit der Stange in der Barmherzigkeit herumgefahren: nichts kommt vom Fleck; im Marais und in der Gegend von Retz ist man entsetzlich: da steckt Alles. Blos weil Charette entsetzlich ist, behauptet er gegen Parrain das Feld. Hyäne wider Hyäne.

Boisberthelot mußte die Antwort schuldig bleiben, denn ein Verzweiflungsschrei schnitt La Vieuville plötzlich die Rede ab, und gleichzeitig erdröhnte etwas, das nichts sonst Gehörtem gleichkam. Beides, der Schrei und dieses Etwas aus den untern Schiffsräumen.

Kapitän und Lieutenant stürzten zum Zwischendeck, vermochten jedoch nicht, in dasselbe einzudringen. Alle Artilleristen stürmten ihnen fassungslos entgegen.

Ein furchtbares Ereigniß hatte stattgefunden.

0039

IV.

Tormentum belli.2

Ein Geschütz der Batterie, ein Vierundzwanzigpfünder, war losgerissen.

Im ganzen Seeleben giebt es vielleicht keinen gleich schrecklichen Moment. Es ist dies das Furchtbarste, was einem Kriegsschiff auf offener See begegnen kann. Ein Geschütz, das seine Bande entzweibricht, verwandelt sich urplötzlich wie in ein übernatürliches Wesen. Die Maschine ist zum Ungeheuer geworden, und diese Masse rollt nun mit den Sprüngen einer Billardkugel auf ihren Rädern umher, seitwärts, wenn das Schiff der Breite nach, vorwärts, wenn es der Länge nach bewegt wird; sie kommt und geht, steht still, als sänne sie über etwas nach, rast dann von Neuem wieder auf und davon, wie ein Pfeil von einem Ende des Fahrzeugs zum andern fliegend: das schlägt Pirouetten und entwischt, schnellt hin und bäumt sich, stößt, schmettert, mordet, vernichtet. Es gleicht einem Sturmbock, der nach Willkür eine Mauer berennt; dabei ist der Sturmbock von Erz und die Mauer von Holz. Es ist, als ob sich die Materie, dieser ewige Sklave, befreit hätte, um Rache zu nehmen, als löse die Bosheit der sogenannten leblosen Dinge sich los und breche plötzlich vor, die Geduld abschüttelnd, dumpf räthselhaft antobend gegen Alles; es giebt nichts Unwiderstehlicheres als solch Wüthen der willenlosen Masse. Der tollgewordene Metallblock vereinigt die Sprungkraft des Panthers mit der Schwerfälligkeit des Elephanten, der Behendigkeit der Maus, der Ausdauer der Axt, der Unberechenbarkeit der Windsbraut, dem Zickzack des Blitzes, der Taubheit der Gruft; er wiegt zehntausend Pfund und hüpft hin und wieder wie der Spielball eines Kindes, in sinnverwirrendem Wechsel zwischen schwindelnden Kreisen und geradwinkligem Abspringen. Und was vermag da der Mensch? Was soll er beginnen? Ein Sturm legt sich, ein Wirbelwind saust vorüber, ein Orkan erlahmt, ein geborstener Mast läßt sich ersetzen, ein Leck verstopfen, eine Feuersbrunst löschen. Wie aber soll man vor dieser kolossalen erzenen Bestie bestehen? wo sie anfassen? Einem Köter kann man zureden, einen Stier stutzig machen, eine Schlange einschläfern, einen Tiger fortschrecken, einen Löwen zähmen; diesem Ungeheuer, dem losgebrochenen Geschütz gegenüber vermag man nichts: man kann es nicht tödten: es ist leblos, und dennoch hat es eine Existenz, eine grausige, von Naturkräften ihm verliehene Existenz: Das Schiff, dessen Fußboden es schaukelt, wird von den Wellen und diese werden von dem Wind in Bewegung erhalten; die Vertilgungsmaschine ist ihr Spielzeug; Schiff, Wellen, Windstöße, Alles greift in einander und haucht ihr eine elementarische Seele ein. Wie ist diesem Causalsystem beizukommen? Wie diesem übermenschlichen Räderwerk des Schiffbruchs Halt zu gebieten? und wie läßt es sich berechnen, dieses abwechselnde Kommen und Gehen, Wiederkehren, Stehenbleiben und Anprallen? Jeder einzelne Stoß gegen die Verkleidung des Fahrzeugs kann sie entzweisprengen. Wie die Ursachen dieses mäandrischen Herumtobens ergründen? Man hat es mit einem Geschoß zu thun, das sich fortwährend eines Bessern zu besinnen, die vermuthete Richtung zu ändern, räthselhafte Absichten zu haben scheint. Kann man etwas aufhalten, dem man ausweichen muß? Die fürchterliche Kanone tummelt sich, stürmt voran, zurück, schlägt nach allen Seiten aus, entwischt, braust vorbei, spottet aller Voraussicht, rennt jedes Hinderniß über den Haufen, zermalmt die Menschen, als wären es Fliegen. Die ganze Entsetzlichkeit der Situation liegt in der Beweglichkeit des Fußbodens: wie läßt sich ankämpfen gegen eine schiefe Fläche, deren Launen ewig wechseln? So ein Fahrzeug trägt gewissermaßen einen Blitz zwischen den Lenden, der aus dem Kerker hinausstrebt, etwas wie ein Donnerschlag, der über einem Erdbeben dahin rollt.

In einer Sekunde war die ganze Mannschaft auf den Beinen. Verschuldet hatte Alles der Stückmeister, der die Schraubenmutter der Kette nicht genug geschlossen und die vier Räder des Geschützes mangelhaft befestigt hatte, wodurch die Schwelle und die Einfassung gelockert, die zwei Scheiben aus dem richtigen Verhältniß gebracht und schließlich die Anhalttaue verschoben worden waren; so ging denn das Stückwerk auseinander, und die Laffette war gelockert. Feste Anhalttaue, die den Rückstoß verhindern, wurden zu jener Zeit noch nicht gebraucht. Als nun eine starke Welle gegen die Stückpforte anprallte, wurde die nachlässig befestigte Kanone zurückgetrieben, die Kette riß, und das verhangnißvolle Rasen durch das Zwischendeck nahm seinen Lauf.

0031

Um sich dieses ungeheuerliche Hingleiten deutlich zu machen, braucht man blos an das Herabrinnen des Tropfens längs einer Fensterscheibe zu denken.

Im Augenblick, wo die Kette riß, waren die Artilleristen im Zwischendeck zugegen, einzeln oder in Gruppen, mit den Vorbereitungen beschäftigt, welche Seeleute für den Fall eines Angriffs zu treffen pflegen. Durch eine Senkung des Schiffes nach vorn ins Rollen gebracht, bohrte die Kanone sich durch all diese Leute hindurch und zermalmte mit einem Ruck vier Mann, dann schnitt sie, durch eine Seitenbewegung des Fahrzeugs aus der Bahn geschleudert, einen fünften Unglücklichen mitten entzwei und rannte gegen Backbord auf ein Geschütz, das sofort von der Laffette stürzte. In diesem Augenblick war der oben vernommene Verzweiflungsschrei ertönt. Alle Artilleristen stürmten die Leitertreppe hinauf, und im Handumdrehen stand das Zwischendeck leer.

Das kolossale Geschütz blieb sich selber überlassen, sein eigener Herr und Herr über das ganze Schiff, das nun seinem Wüthen preisgegeben war. Die Matrosen, lauter Leute, die im Kampfgewühl nur ein Lachen hatten, jetzt standen sie zitternd da, in unbeschreiblichem Entsetzen.

Boisberthelot und La Neuville, sonst die Unerschrockenheit selber, starrten noch immer wortlos, farblos, rathlos vom Treppenrand hinab, als sie sich plötzlich bei Seite geschoben fühlten durch Jemand, der auch sofort ins Zwischendeck hinunterstieg.

Es war ihr Passagier, der »Bauer«, von dem sie eben zuvor gesprochen hatten.

Auf der untersten Sprosse der Leitertreppe stand dieser Mann stille.

V.

Vis et vir.3

Wie der leibhaftige Wagen aus der Apokalypse fuhr die Kanone im Zwischendeck ab und zu, und der zitternde Schein der Laterne, die unter dem Vordersteven der Batterie hing, umwob die ganze Erscheinung mit einem zwischen Licht und Schatten schwindelnd hin und herwogenden Flimmer. Die Umrisse des Geschützes verschwanden in der Schnelligkeit seiner Flucht; bald huschte es schwarz durch die Helle, bald schimmerte es weißlich durch das Dunkel. Es führte sein Vertilgungswerk immer weiter: vier andere Kanonen hatte es bereits zertrümmert und in die Schiffswand zwei Lücken gebrochen, glücklicherweise über der Wasserlinie, aber doch so, daß bei stärkeren Windstößen die Wellen hineinschlagen mußten. Tollwüthend stürmte es gegen das Fugenwerk an; zwar leisteten die sehr starken Spanten noch Widerstand, denn das Krummholz besitzt eine eigenthümliche Festigkeit; aber man hörte sie unter dieser ungeheuren Keule krachen, die in unfaßlicher Allgegenwart von jeder Seite zugleich auf sie einhieb. Das Schrot, wenn man es in einer Flasche hin und herschüttelt, schlägt nicht toller und unmittelbarer um sich. Immer wieder rasten die vier Räder über die Todten weg und zerschnitten, zerlegten, zerrissen die fünf Leichen in zwanzig herumgeschleuderte Fetzen; die Köpfe schienen noch aufzuschreien, und auf dem Boden folgte ein rieselnder Blutstrom den Schwankungen des Schiffes. Die mehrfach beschädigte Schiffsverkleidung ging bereits auseinander. Und bei alledem fortwährend der dämonische Lärm.

Der Kapitän, der seine Fassung bald wiedergewonnen hatte, ließ durch die Luke Alles ins Zwischendeck hinabwerfen, was den wilden Lauf der Kanone irgendwie hemmen konnte, die Matratzen, die Hängematten, die Segel- und Tauvorräthe, die Säcke der Mannschaft und die Ballen falscher Assignatscheine,4 von denen eine ganze Ladung an Bord war, denn diese Niederträchtigkeit hielt man englischerseits für kriegsrechtlich erlaubt. Aber was nützte das Alles, da sich Niemand hinuntertraute, um es so zu ordnen, daß ein Vortheil daraus hätte erwachsen können? Wenige Minuten und das Ganze beinah war zu Charpie zerfetzt.

Die See ging gerade hoch genug, um dem Unheil möglichst Vorschub zu leisten. Ein Sturm wäre noch wünschenswerther gewesen, denn er hätte die Kanone vielleicht umgeworfen, und sobald sie nur einmal nicht mehr auf den Rädern lief, konnte man ihr beikommen. Unterdessen wurden die Verheerungen immer bedrohlicher. Schon waren die Masten, welche, im Balkenwerk des Kiels wurzelnd, durch alle Etagen der Fahrzeuge wie große runde Pfeiler emporragen, stellenweise gesplittert und sogar geborsten. Der Fockmast hatte unter den konvulsivischen Stößen des Geschützes einen Riß bekommen, und selbst der Mittelmast war beschädigt. Die Batterie ging in die Brüche; von dreißig Geschützen waren zehn bereits kampfunfähig. Die Lücken in der Schiffsverkleidung mehrten sich, und das Wasser begann schon einzudringen.

Der alte Passagier unten an der Treppe des Zwischendecks schien zu Stein erstarrt. Regungslos und mit strengem Blick schaute er der Verwüstung zu. Ein Schritt vorwärts schien ein Ding der Unmöglichkeit. Jede Bewegung der entfesselten Kanone rückte den Untergang näher. In kürzester Frist konnte der Schiffbruch nicht mehr abgewendet werden. Sterben oder dem Unheil Halt gebieten, zu etwas mußte man sich aufraffen, aber zu was? Und welch ein ungleicher Kampf! Galt es doch, diesen entsetzlichen, wahnsinnigen Block festzuhalten, mit einem Blitze zu raufen, einen Donnerschlag niederzudonnern.

– Chevalier, fragte Boisberthelot, glauben Sie an Gott?

La Vieuville antwortete: – Ja, heißt das nein, oder zuweilen doch.

– Beim Sturm?

– Ja, und in Augenblicken wie jetzt.

– Uns kann in der That auch nur Gott weiter helfen, sagte Boisberthelot.

Alles schwieg, nur der höllische Lärm der Kanone nicht, und von außen antwortete die andringende Fluth den Schlägen des Geschützes mit den Schlägen ihrer Wellen; es war, als ob zwei Hämmer einander wechselseitig ablösten.

Plötzlich erschien in dem unzugänglichen Raum, wo die ausgerissene Kanone wie in einem Cirkus umhertollte, ein Mann mit einer Eisenstange. Es war der Urheber der Katastrophe, jener Stückmeister, dessen Fahrlässigkeit Alles verschuldet hatte, und der nun, da er den Schaden angerichtet hatte, ihn auch wieder gut machen wollte. Er hatte mit der einen Hand nach einer Nothspake, mit der anderen nach einem geschlungenen Tau gegriffen und war so durch die Luke ins Zwischendeck gesprungen.

Und nun begann ein titanisches Schauspiel: das Ringen der Kanone mit dem Kanonier; eine Schlacht zwischen Materie und Intelligenz, ein Zweikampf zwischen Mensch und Sache.

0042

Der Mann hatte in einer Ecke Posto gefaßt.

Der Mann hatte in einer Ecke Posto gefaßt und wartete, Stange und Tau krampfhaft festhaltend, mit der ganzen Spannkraft seiner Muskeln wie auf zwei ehernen Säulen wider eine Spante gestemmt und im Boden wurzelnd, todtenbleich, in tragischer Ruhe.

Er wartete auf den Moment, wo das Geschütz an ihm vorbeirollen würde.

Der Kanonier war mit seiner Kanone vertraut, und ihn dünkte, auch sie müsse ihn kennen. Hatte er doch schon lange Zeit mit ihr zusammen gelebt und – wie so oft – seinem dienstbaren Ungeheuer die Hand in den Rachen gesteckt. Jetzt redete er sie an, wie der Herr seinen Hund:

– Komm her!

Vielleicht war sie ihm lieb geworden. Er schien es zu wünschen, daß sie auf ihn zukommen möge. Aber auf ihn zukommen, hieß so viel, wie über ihn kommen, und dann war er ja verloren; wie konnte er der Zermalmung entgehen? Das war die Frage, und Alle starrten entsetzt auf ihn herab. In jeder Brust stockte der Athem, nur vielleicht in der des Greises nicht, der als finsterer Zeuge bei den zwei Fechtern im Zwischendeck stand. Auch ihn konnte die Kanone zerschmettern. Er rührte sich nicht, und unter den Füßen Aller lenkten die blinden Wellen die Schlacht.

Im Augenblick, wo der Artillerist seine Kanone zum Zweikampf Brust an Brust herausforderte, fügten es die Schwankungen der Fluth zufällig so, daß das Geschütz auf einen Moment wie vor Staunen innehielt:

– So komm doch! sagte der Mann.

Es war, als ob ihn das Ding verstünde. Plötzlich sprang es auf ihn zu. Der Mann wich aus, und die unerhörte Schlacht begann: das Zerbrechliche rang mit dem Unverwundbaren, der Thierbändiger von Fleisch und Bein griff die erzene Bestie an, die Seele eine Kraft. Das Alles ging in einem Helldunkel vor sich gleich einem verschwimmenden übernatürlichen Gesicht. Eine Seele! seltsam; es war, als ob auch die Kanone eine hätte, aber eine Seele von lauter Haß und Wuth. Dies blinde Ungeheuer schien Augen zu haben und dem Menschen aufzulauern. Es steckte, wenigstens hätte man es fast glauben mögen, etwas Hinterlistiges in diesem Klumpen. Auch er wartete den günstigen Zeitpunkt ab. Man hätte ihn für ein Rieseninsekt aus Eisen mit oder scheinbar mit der Willenskraft eines Dämons halten können. Stellenweise sprang er, eine kolossale Heuschrecke, bis zur niedrigen Decke der Batterie empor, fiel dann wie der Tiger auf seine Klauen, auf seine vier Räder zurück und machte wieder Jagd auf den Menschen. Dieser, geschmeidig, behend, gewandt, glitt gleich einer Schlange zwischen den züngelnden Blitzen einher. Alle Stöße aber, denen er so flink zu entschlüpfen verstand, trafen das Schiff und setzten die Zerstörung fort.

An der Kanone war ein Stück von der zerrissenen Kette zurückgeblieben und hatte sich, wer kann sagen wie? um die Schraube hinten am Knauf geschlungen, so daß eines der Enden an der Laffete hing, während das andere, freie, in wilden Kreisen um das Geschütz herumflog, zehnmal beweglicher noch als das Geschütz selber. Die Schraube hielt es wie mit geschlossener Hand fest und nun schlug diese Kette, mit zehn Geißelhieben für jeden Hieb des Sturmbocks, in gräßlichem Wirbel um sich, eine eiserne Peitsche in eherner Faust. Dadurch war der Kampf noch schwieriger geworden. Und dennoch kämpfte der Mensch weiter. Hier und da war sogar er der Verfolger. Er schlich mit seiner Stange und seinem Tau längs der Schiffsverkleidung hin, und die Kanone, die ihn zu verstehen und eine Ueberlistung zu befürchten schien, entfloh, hinterher der gewaltige Jäger.

Dergleichen Dinge können nicht von Dauer sein. Auf einmal, als ob sie zu sich selber gesagt hätte: Nein, jetzt muß es ein Ende nehmen! blieb die Kanone stehen. Man fühlte, daß die Entscheidung herannahte. Hinter dieser scheinbaren Unentschlossenheit schien oder war – denn Allen galt das Geschütz für beseelt – ein gräßlicher Vorsatz verborgen. Plötzlich stürzte es auf den Artilleristen los. Dieser sprang bei Seite und rief ihm ein lachendes »da capo!« nach. Wie um sich zu rächen, rannte das Ungeheuer eine Backbordkanone um und fuhr dann, von der unsichtbaren Schleuder, der es als Stein diente, wieder fortgeschnellt, nach Steuerbord, wo es anstatt des abermals ausweichenden Mannes drei Kanonen niederriß. Dann, wie blind und seiner selbst nicht mehr bewußt, wandte es dem Mann den Rücken, durchmaß die ganze Länge der Batterie, beschädigte die Steven und schlug eine Lücke in die Vorderwand. Der Mann hatte sich neben die Treppe geflüchtet, nicht weit von dem zuschauenden Greis, und hielt seine Nothspake bereit. Das schien die Kanone zu merken, und ohne sich die Mühe des Umwendens zu geben, flog sie rücklings mit der Schnelligkeit eines Axthiebs auf den Mann zu, der, eingekeilt in seinen Winkel, verloren war. Die ganze Mannschaft that einen Schrei. Aber der bisher so unbewegliche alte Passagier, rascher als jene gräßlich verkörperte Raschheit selbst, hatte vorstürzend und auf die Gefahr hin, zermalmt zu werden, einen übergebliebenen Ballen falscher Assignate erfaßt und vor die Räder der Kanone geschleudert. Diese entscheidende, halsbrecherische That mit mehr Sicherheit und Genauigkeit auszuführen, wäre selbst einem Solchen nicht gelungen, der mit allen im Buche von Dunosel über »das Exerzieren mit Marinegeschützen« beschriebenen Kunstgriffen vertraut gewesen wäre.

Der Ballen war von durchschlagender Wirkung, wie oft auch ein Kiesel einen Felsblock festhalten oder ein Baumzweig einer Lawine eine andere Richtung geben kann. Die Kanone strauchelte. Der Artillerist seinerseits wußte sofort diesen ungeheuren Vortheil auszubeuten und stemmte seine Eisenstange einem der Hinterräder zwischen die Speichen. Das Geschütz stand still; dann neigte es sich etwas seitwärts. Der Mann benutzte die Stange so lang als Hebel, bis er es ins Schwanken brachte, und endlich, als die schwere Masse mit dem Gedröhne einer herunterfallenden Glocke niedergesunken war, stürzte er blindlings, von Schweiß strömend darüber her, um dem zu Boden geworfenen Scheusal die Schlinge seines Taues um den Hals von Erz zu legen. Es war vorüber. Der Mensch hatte gesiegt, die Ameise gegen den Mastodonten Recht behalten, ein Zwerg den Donner zu seinem Gefangenen gemacht.

Die Soldaten und Seeleute klatschten Beifall. Mit Tauen und Ketten eilte die ganze Schiffsmannschaft herbei, und um ein Handumdrehen stand die Kanone wieder an Ort und Stelle.

Der Artillerist sagte salutirend zum Passagier:

– Mein Herr, Ihnen verdanke ich das Leben.

Der Greis aber hatte seine theilnahmslose Haltung wieder angenommen und antwortete mit keiner Silbe.

VI.

Die zwei Wagschalen.

Wohl hatte der Mensch gesiegt, aber dasselbe ließ sich auch von der Kanone behaupten, denn die Gefahr eines unmittelbaren Schiffbruchs war zwar geschwunden, aber die Korvette damit keineswegs gerettet. Die Wirkungen des Unfalls zu beseitigen, schien ein Ding der Unmöglichkeit: An der Schiffsverkleidung zählte man bis zu fünf Lücken, wovon eine sehr beträchtliche beim Bugspriet; zwanzig Kanonen auf dreißig lagen darnieder. Auch das eingefangene, wieder an Ort und Stelle gebrachte Geschütz versagte den Dienst, weil die Knaufschraube verdreht war und man es in Folge dessen nicht mehr hätte richten können. Die Batterie war auf neun Stück zusammengeschmolzen. Ein Leck machte sofortige Abhülfe durch die Pumpen nothwendig. Das Zwischendeck bot jetzt, da man es betreten durfte, einen gräßlichen Anblick. Das Innere eines Käfigs, in dem ein Elephant gewüthet, weist keine größere Verwüstung auf.

Wie viel der Korvette auch daran liegen mußte, nicht erblickt zu werden, so lag die gebieterische Nothwendigkeit der unmittelbaren Rettung doch ungleich näher, und man sah sich gezwungen, zur Beleuchtung des Verdecks an den Brüstungen einige Laternen anzubringen.

Während der ganzen Dauer dieses tragischen Zwischenfalls, wobei die Lebensfrage alles Denken in Anspruch nahm, hatte man sich um die Außenverhältnisse blutwenig gekümmert. Indessen hatte sich der Nebel verdichtet und die Witterung verändert; der Wind war mit dem Schiffe ganz nach Gutdünken umgegangen; die Route war nicht eingehalten worden, und man befand sich nun, von Jersey und Guernesey nicht mehr gedeckt, weiter südlich, als beabsichtigt war. Die See ging höher; mächtige Wellen leckten mit gefahrverkündenden Zungen an den offenen Wunden der Korvette. Das Meer wurde bedrohlich; die Brise artete in Windsbraut aus; es war ein Unwetter, vielleicht auch ein Sturm im Anzug. Ueber die vierte Woge hinaus konnte man nichts mehr unterscheiden.

Während die Seeleute die Beschädigungen im Zwischendeck, soweit dies vorläufig in aller Eile möglich war, ausbesserten, die Lücken beseitigten und die verschont gebliebenen Geschütze wieder in Stand setzten, war der alte Passagier wieder auf das Verdeck gestiegen und lehnte am Mittelmast.

Ihm war eine Bewegung, die in der Nähe stattgefunden, ganz entgangen; der Chevalier von La Vieuville hatte nämlich auf beiden Seiten des Mittelmastes die Marinetruppen in Schlachtordnung aufstellen und die in der Takelage beschäftigten Matrosen durch einen grellen Pfiff auf die Raaen kommandiren lassen. Nun trat Graf du Boisberthelot zu dem Passagier hin; hinter ihm her schritt ein Mann in beschmutzten Kleidern, verstört, athemlos, und doch mit einem Ausdruck der Zufriedenheit auf dem Gesicht; es war der Artillerist, der sich zu so gelegener Zeit als Thierbändiger ausgezeichnet und die Kanone bemeistert hatte.

Der Graf salutirte vor dem »Bauern« und sagte:

– Herr General, hier wäre der Mann.

Der Artillerist blieb aufrecht, mit gesenktem Blick in vorschriftsmäßiger Positur stehen.

– Herr General, setzte Graf du Boisberthelot hinzu, sind Sie nicht der Meinung, in Anbetracht dessen, was der Mann soeben geleistet, könnten seine Vorgesetzten schon etwas für ihn thun?

– Der Meinung bin ich.

– Wollen Sie demnach befehlen, antwortete Boisberthelot.

– Befehlen Sie; Sie sind der Kapitän.

– Sie aber der General, antwortete Boisberthelot. Der Greis betrachtete den Mann; dann sprach er:

– Tritt näher.

Hierauf that der Artillerist einen Schritt vorwärts. Der Greis wendete sich gegen den Grafen du Boisberthelot, nahm das Ludwigskreuz von dessen Brust und heftete es an den Kittel des Kanoniers.

– Hurrah! riefen die Matrosen. Die Marinesoldaten präsentirten das Gewehr. Der Passagier aber fügte, auf den von seinem Glück geblendeten Artilleristen deutend hinzu:

0047

– So, nun führe man ihn zum Tode!

Der Jubel war zur Bestürzung erstarrt. Und mitten in einer Grabesstille erhob der Greis die Stimme und sprach:

– Dieses Schiff ist durch Fahrlässigkeit dem Verderben ausgesetzt worden. Zur Stunde ist es vielleicht verloren. An Bord sein, heißt so viel wie vor dem Feind stehen. Ein Schiff auf hoher See ist ein Heer im Gefecht; der Sturm verbirgt sich zwar, aber er verschwindet nicht; das ganze Meer ist ein einziger Hinterhalt. Pulver und Blei für jedes Vergehen im Feld! Ein Vergehen läßt sich nie wieder gut machen. Der Muth muß belohnt, der Leichtsinn bestraft werden.

Diese Reden fielen in gleichmäßigen Zwischenräumen, langsam, feierlich, so zu sagen im Takte der Unerbittlichkeit, wie Axthiebe gegen einen Baum. Und der Greis, mit einem Blick auf die Soldaten, befahl:

– Sofort!

Der Mann, an dessen Brust das Ludwigskreuz erglänzte, senkte das Haupt.

Auf ein Zeichen des Grafen du Boisberthelot stiegen zwei Matrosen ins Zwischendeck hinunter und kamen mit einem Leichentuch zurück. Der Schiffsgeistliche, welcher, seitdem in See gestochen worden war, in der Offizierskajüte im Gebet lag, begleitete sie. Ein Sergeant ließ zwölf Mann vor die Front treten, die er je sechs in zwei Reihen ausstellte. Ohne einen Laut von sich zu geben, trat der Kanonier in die Mitte. Der Priester, mit einem Kruzifix in der Hand, verfügte sich an seine Seite.

– Vorwärts Marsch! kommandirte der Sergeant, und der Zug bewegte sich langsam nach dem Vordertheil des Schiffes: die beiden Matrosen mit dem Leichentuch folgten. Auf der Korvette herrschte düsteres Schweigen; fern her grollte ein Wetter.

Einige Minuten darauf hallte eine Gewehrsalve einem Blitz folgend hinaus in die Nacht; dann wurde es wieder still, und man vernahm das Geräusch, welches ein schwerer Gegenstand verursacht, der ins Wasser geworfen wird.

Der alte Passagier lehnte noch immer an dem Mittelmast: er hatte die Arme übereinandergeschlagen und sann über etwas nach. Boisberthelot aber flüsterte, mit dem Zeigefinger hinweisend, dem Chevalier die Worte zu:

– Jetzt hat die Vendée einen Kopf.

VII.

Wer den Anker lichtet, setzt in eine Lotterie.

Was sollte die Korvette ferner noch für Schicksale erleben?

Die Wolken, die im Lauf dieser Nacht den Wellen fortwährend näher gerückt waren, hatten sich schließlich so tief gelegt, daß es keinen Horizont mehr gab und die ganze Meeresfläche wie mit einem Mantel zugedeckt war. Nebel und nichts als Nebel – unter allen Umständen eine Gefahr, selbst für ein unbeschädigtes Fahrzeug. Und zu dem Nebel gesellte sich noch eine hohle See!

Die Zeit war nicht unbenutzt verstrichen. Man hatte den Tiefgang der Korvette dadurch vermindert, daß man Alles hinauswarf, was von den Verwüstungen der Korvette hatte weggeräumt werden können, die unbrauchbaren Geschütze, die zerschlagenen Laffetten, das verbogene oder losgebrochene Fugenwerk, die zertrümmerten Holz- und Eisentheile; man hatte die Stückpfosten geöffnet und die Leichen nebst den zusammengelesenen Gliedmaßen im Segeltuch eingewickelt über ein Brett ins Meer hinuntergleiten lassen.

Mit der See war beinah nicht mehr auszukommen, nicht etwa weil der Sturm in allernächster Zeit loszubrechen drohte – im Gegentheil, der Orkan, den man in der Ferne toben hörte, schien eher nachzulassen und das Unwetter sich gegen Norden verziehen zu wollen; aber der immer noch sehr hohe Wellenschlag wies auf schlechten Grund hin und die starke Brandung konnte der Korvette, die, krank wie sie war, den Erschütterungen nur einen mangelhaften Widerstand entgegenzusetzen vermochte, verhängnißvoll werden. Gacquoil stand am Steuerrad, vor sich hinbrütend.

0054

Gacquoil stand am Steuerrad.

Zum bösen Spiel gute Miene machen, ist bei Seeoffizieren Brauch; darum redete La Vieuville, der für Nothlagen ein lustiges Naturell bei der Hand hatte, Meister Gacquoil an:

– Nun, Lootse, da verpufft ja der Sturm. Den Himmel kitzelt’s, aber zum Niesen bringt er’s nicht. Werden mit einem blauen Auge davonkommen. Wind wird’s eben geben, weiter nichts.

Gacquoil antwortete ernsthaft: – Wer den Wind hat, hat auch die Fluth.

Weder lustig noch traurig, so hält’s der echte Seemann. Die Antwort bedeutete indessen nichts Gutes.

Fluth haben heißt bei einem lecken Schiff so viel wie schnell trinken. Deshalb hatte Gacquoil seinen Ausspruch mit einem leisen Stirnrunzeln gewissermaßen unterstrichen. Vielleicht auch mochten La Vieuville’s scherzhafte, ans Leichtfertige grenzenden Worte zu bald auf die Katastrophe mit der Kanone und dem Kanonier erfolgt sein. Es giebt Dinge, die kein Glück bringen auf hoher See. Das Meer hat seine Geheimnisse; man weiß nie, wie man eigentlich mit ihm daran ist; darum Vorsicht.

La Vieuville fühlte, daß hier doch der Ernst am Platze sei und fragte: – Lootse, wo sind wir jetzt?

– Wir sind in der Hand Gottes, sagte dieser.

Ein Lootse ist ein Machthaber: man muß ihn immer gewähren lassen, auch im Reden. Reden thun übrigens diese Leute wenig. La Vieuville entfernte sich wieder. Auf die Frage, die er an den Lootsen gestellt hatte, antwortete der Horizont, denn plötzlich wurde das Meer frei. Der Nebel, der auf den Wellen lungerte, war allenthalben geborsten; in blassem Dämmerschein breitete sich das dunkle Durcheinanderwühlen der Wogen unabsehbar aus, und man gewahrte Folgendes: Oben eine feste, deckelförmige Wolkenmasse, die jedoch nicht mehr bis zur See herunterreichte; östlich eine weißliche Helle, das Grauen des Tages, westlich, wo der Mond unterging, einen anderen fahlen Schimmer, so daß am Horizont, zwischen der dunklen Fluth und dem dunklen Himmel, zwei dünne, fahle Lichtstreifen einander gegenüberlagen. Von diesen beiden Lichtstreifen hob sich, schwarz, aufrecht, unbeweglich, der Schattenriß von Gegenständen ab: im Occident am mondbeschienenen Himmel ragten, senkrecht wie keltische Peulvens, drei hochgezackte Felsen; im Orient beim bleichdämmernden Sonnenaufgang in bedrohlich geordneter Reihe, durch gleichmäßige Zwischenräume von einander getrennt, acht Segel. Die drei Felsen waren ein Riff, die acht Segel ein Geschwader; im Rücken hatte man die berüchtigten Klippen Les Minquiers und vor sich die französischen Kreuzer; gegen Abend den Abgrund, gegen Morgen das Blutbad; man schwamm zwischen einem Schiffbruch und zwischen einer Schlacht. Dem Schiffbruch gegenüber hatte die Korvette einen durchlöcherten Rumpf, schadhaftes Takelwerk, in der Wurzel erschütterte Masten; der Schlacht gegenüber eine Artillerie, von welcher einundzwanzig Kanonen auf dreißig unbrauchbar und von deren Bedienung die besten todt waren.

Der Widerschein der Sonne war sehr matt und man hatte um sich her noch immer die Nacht, vielleicht sogar auf längere Zeit hinaus, wenn sich die Wolken nicht verzogen, die schwer und dicht zusammengeballt wie ein festes Gewölbe anzusehen waren.

Derselbe Wind, der zuvor die Nebel verjagt hatte, trieb nun die Korvette gegen Les Minquiers; gänzlich erschöpft und zerrüttet, gehorchte sie kaum mehr dem Steuer; es war weniger ein Segeln als ein widerstandsloses, fluthgepeitschtes Hinrollen. Das schauerliche Riff Les Minquiers war damals noch zackiger als jetzt. Mehrere Thürme dieser Hochveste der Untiefen sind durch die unablässige Zerstückelungsarbeit des Meeres abgetragen worden. Auch die Gestalt der Klippen ist eine veränderliche und es liegt ein Sinn darin, daß der Ausdruck »lame«, womit der Franzose die Meereswelle bezeichnet, zugleich Klinge bedeutet, denn jedes Branden entspricht in der That einem Sägeschnitt. Les Minquiers damals berühren, hieß untergehen.

Was das Geschwader anbelangt, so war es dasselbe Geschwader von Cancale, welches seitdem unter jenes Kapitän Duchesne’s Führung berühmt wurde, welchen Lequinio den »Père Duchesne« nannte.

Die Lage war mehr als bedenklich. Während des Kampfes mit der Kanone war die Korvette unmerklich von der beabsichtigten Route abgewichen und eher auf Granville als auf Saint-Malo zugefahren. Jetzt hinderte, selbst wenn das Schiff ganz unversehrt geblieben wäre, die Klippe eine Rückkehr nach Jersey und das Geschwader ein Einlaufen in eine französische Bucht.

Im Uebrigen blieb der Sturm richtig aus, aber, wie es der Lootse vorausgesagt, die See ging sehr hoch, und wild rollten die Wellen unter den heftigen Windstößen über dem zerklüfteten Grund. Das Meer giebt seine ganze Absicht niemals kund; in seinen Untiefen schlummert alles Mögliche, sogar etwas wie Chikane. Es ließe sich fast behaupten, daß das Meer ein nur ihm allein bekanntes Verfahren beobachtet; es dringt vor und entweicht, macht einen Vorschlag und nimmt ihn zurück, entwirft ein Unwetter, und giebt es wieder auf, verspricht den Untergang, ohne sein Wort zu halten, droht gegen Norden zu, um nach Süden hin den Streich zu führen. So hatte man die ganze Nacht hindurch an Bord des »Claymore«, mitten im Nebel, das Losbrechen des Orkans befürchtet, den das Meer nun widerrufen hatte, widerrufen, aber mit welcher Tücke! Es hatte den Sturm in Aussicht gestellt und machte nun Ernst mit der Klippe. Auch das war Schiffbruch, nur in verschiedener Form. Und als ob zwei Feinde einander in die Hände arbeiten wollten, gesellte sich noch zu der Gefahr des Scheiterns die Gefahr der ungleichen Schlacht. La Vieuville aber bekam sein tapferes Lachen:

– Schiffbruch hier und Treffen dort.. Karambolage müssen wir machen.

VIII.

9 = 380.

Die Korvette war nicht mehr um Vieles besser daran als ein Wrack. Aus dem fahlen hin und widerschwimmenden Zwielicht, aus dem schwarzen Gewölk, aus den unbestimmten Schwankungen am Horizont, aus dem geheimnißvollen Aufschauern der Wellen wehte ein todesfeierlicher Hauch. Den Wind ausgenommen, der feindselig das Fahrzeug umbrauste, war Alles still. In stummer Majestät entstieg die letzte Stunde ihrer Nacht. Man fühlte sich eher einer Vision als einem Angriff gegenüber. Nichts regte sich auf den Klippen und drüben auf den Schiffen nichts. Allenthalben ein ungeheures Schweigen. War man noch in der Wirklichkeit oder schwebte ein Traumbild über den Wassern? Es giebt Schifferlegenden, die von derartigen Erscheinungen berichten: die Korvette war wie hingezaubert zwischen den Kraken und die Gespensterflotte.

Graf du Boisberthelot ertheilte dem Chevalier halblaut einige Befehle, mit welchen sich dieser ins Zwischendeck begab; dann ergriff er sein Fernrohr und trat zu Gacquoil hin, der, immer noch am Steuerrad, Alles aufbot, um die Korvette in der Richtung des Wellenschlags zu erhalten, denn wenn Wind und See sie von der Seite faßten, war sie rettungslos verloren.

– Lootse, sagte der Kapitän, wo sind wir?

– Auf Les Minquiers.

– Auf welcher Seite?

– Auf der schlimmen.

– Der Grund?

– Lauter Felsen.

– Können wir uns vor Anker legen?

– Sterben kann man immer, antwortete der Lootse.

Der Kapitän richtete das Glas nach Westen und untersuchte das Riff; dann wendete er sich nach Osten nach den Schiffen, die dort in Sicht waren. Wie mit sich selber redend, fuhr Gacquoil fort:

– Les Minquiers. Die lustige Möve ruht darauf aus, wenn sie aus Holland vorbeikommt und die große Seemöve mit den schwarzumränderten Flügeln.

Der Kapitän hatte die Schiffe gezählt. Es waren ihrer in der That acht, die, in ganz korrekter Ordnung ihr kriegerisches Profil über dem Wasserspiegel zeigten. In der Mitte konnte man die hohe Gestalt eines Dreideckers unterscheiden.

– Kennen Sie die Segel? fragte der Kapitän den Lootsen.

– Gewiß! antwortete Gacquoil.

– Nun?

– Es ist das Geschwader.

– Das französische Geschwader?

– Das Geschwader des Teufels. Es entstand eine Pause.

– Vollzählig? hob du Boisberthelot wieder an.

– Nein.

Jetzt erinnerte sich der Kapitän, daß ja dem durch Valazé dem Nationalkonvent am 2. April erstatteten Bericht zufolge, zehn Fregatten und sechs Linienschiffe im Kanal kreuzten.

In der That, sagte er, es könnten ihrer sechszehn sein, und dort sind ihrer nur acht.

– Die übrigen, bemerkte Gacquoil, lungern weiter drüben herum, die ganze Küste entlang, und spioniren.

– Ein Dreidecker, zwei Fregatten ersten Ranges, fünf Fregatten zweiten Ranges, murmelte der Kapitän, während er durch das Fernrohr schaute, vor sich hin.

– Aber auch ich habe spionirt, murrte Gacquoil in den Bart hinein.

– Schönes Material, sagte der Kapitän. Habe auf jedem seiner Zeit ein Weilchen kommandirt.

– Ich habe sie mir in der Nähe angesehen, meinte Gacquoil. Ich verwechsle keins mit dem anderen; habe ihre Personalbeschreibung im Hirnschädel drin. Der Kapitän trat nun sein Fernrohr an Gacquoil ab:

– Lootse, unterscheiden Sie das Linienschiff genau?

– Ja, Herr Kapitän, es ist der Dreidecker »La Côte d’Or«.

– Den sie umgetauft haben, bemerkte der Kapitän. Früher hieß er: »Les Etats de Bourgogne«. Neues Schiff. Hundertachtundzwanzig Kanonen.

Er nahm ein Notizbuch und einen Bleistift aus der Tasche und schrieb die Zahl 128 auf. Dann fragte er weiter:

– Lootse, wie heißt das erste Segel an Backbord?

– »L’Expérimentée«.

– Fregatte ersten Ranges. Zweiundfünfzig Kanonen. Wurde vor zwei Monaten in Brest ausgerüstet. Und der Kapitän notirte abermals: 52.

– Lootse, fuhr er fort, wie heißt das zweite Segel an Backbord?

– »La Dryade«.

– Fregatte ersten Ranges. Vierzig Achtzehnpfünder. War in Indien, hat eine schöne militärische Laufbahn hinter sich. Und er schrieb unter die Zahl 52 die Zahl 40; dann blickte er wieder auf:

– Und an Steuerbord?

– Lauter Fregatten zweiten Ranges, Herr Kapitän. Es sind ihrer fünfe.

– Wie heißt die nächste beim Dreidecker?

– »La Résolue«.

– Zweiunddreißig Achtzehnpfünder. Und die zweite?

– »La Richemont«.

– Desgleichen. Weiter.

– »L’Athée«.

– Kurioser Name das, um in See zu stechen. Weiter.

– »La Calypso«.

– Weiter.

– »La Preneuse«.

– Fünf Fregatten von je zweiunddreißig. Und der Kapitän schrieb unter die vorhergehenden Zahlen: 160.

– Lootse, sagte er dann. Sie erkennen sie doch genau?

– Und Sie, erwiderte Gacquoil, Sie kennen sie genau, Herr Kapitän. Das Erkennen hat schon etwas für sich, aber das Kennen ist mehr werth.

Der Kapitän, mit seinem Notizbuch beschäftigt, addirte zwischen den Zähnen: Hundertachtundzwanzig, zweiundfünfzig, vierzig, hundertundsechzig. In diesem Augenblick betrat La Vieuville wieder das Verdeck.

– Chevalier, rief ihm der Kapitän entgegen, wir haben dreihundertundachtzig Geschütze vor uns.

– Gut, sagte La Vieuville.

– Sie kommen von der Inspektion, La Vieuville: Wie viel Geschütze bleiben uns schließlich übrig?

– Neun.

– Gut, sagte nun auch Boisberthelot.

Er nahm das Fernrohr dem Lootsen aus der Hand und richtete es wieder nach dem Horizont. Die acht Schiffe, stumm und schwarz, schienen sich nicht zu rühren; nur wurden sie allmälig größer: sie rückten langsam näher.

La Vieuville machte die Honneurs und sagte:

– Herr Kapitän, ich habe dieser Korvette »Claymore« von vornherein nicht getraut. Es ist immer fatal, urplötzlich an Bord eines Fahrzeugs zu kommen, das Einem weder bekannt noch vertraut ist. Ein englisches Schiff, wenn auch Franzosen es führen, das thut nicht gut. Die verdammte Kanone war uns ein Beweis dafür. Ich melde gehorsamst, daß ich die Inspektion vorgenommen habe: Anker trefflich, nicht Roheisen, geschweißtes Stabeisen, starke Flügel. Taue vorzüglich, handlich, von vorschriftsmäßiger Länge, hundertundzwanzig Faden. Reichliche Munition. Sechs Todte. Jedes Geschütz kann hunderteinundsiebzig Mal feuern.

– Weil es nur noch ihrer neun sind, murmelte der Kapitän vor sich hin, indem er wieder das Fernrohr über den Horizont schweifen ließ. Langsam aber stetig rückte das Geschwader heran.

Die Geschütze des »Claymore«, Caronaden genannt, hatten zwar das für sich, daß sie blos drei Mann Bedienung erforderten, hatten aber hinwider gegen sich, daß sie weniger weit und sicher trafen als die gewöhnlichen Kanonen; deshalb mußte man das Geschwader um so viel näher rücken lassen.

Der Kapitän ertheilte seine Befehle mit leiser Stimme. Lautlose Stille herrschte am Bord. Das Verdeck wurde ohne das übliche Glockensignal zum Gefecht klar gemacht. Dem Feinde gegenüber war die Korvette ebenso kampfunfähig wie den Wellen. Man verwerthete die wenigen noch verfügbaren Vertheidigungsmittel so gut es eben ging; trug auf den Laufplanken und auf dem Back das zur Wiederherstellung der Takelage etwa erforderliche Tau- und Takelwerk zusammen und richtete die Verbandstelle her.

Nach dem damaligen Brauch wurde die Schanzverkleidung auf Deck vorgespannt, was zwar gegen das Gewehrfeuer, nicht aber gegen die Artillerie Schutz gewährte. Man schaffte die Kugelmaße herbei, trotzdem zu der Prüfung der Kaliber die Zeit kaum mehr hinreichte. Hatte doch Niemand so mannigfaltige Zwischenfälle vorhersehen können. Jeder Matrose bekam eine Patronentasche und steckte ein Paar Pistolen und ein Dolchmesser in den Gürtel. Die Hängematten wurden zusammengelegt, die Geschütze gerichtet, die Musketen, die Enterbeile und Haken bereitgehalten, die Stückpatronen und Kugeln vertheilt, die Pulverkammer geöffnet. Jeder trat an seinen Posten, und das Alles in düsterer Eile, mit dem Schweigen, das im Gemach eines Sterbenden herrscht.

Und nun ankerte die Korvette. Sie hatte sechs Anker wie die Fregatten; man warf sie alle sechs, vorn den Tagsanker, über das Heck den schweren Werfanker, den Leichtern der See, den Raumanker der Klippenseite zu, an Steuerbord vorn den Teyanker und den Pflichtanker an Backbord.

Die am Leben gebliebenen Geschütze wurden alle neun auf einer Seite dem Feinde zu in Batterie aufgepflanzt.

Die acht Schiffe hatten indessen, ebenso schweigsam, ihre Gefechtstellung eingenommen, und segelten jetzt in einem Halbkreis heran, von dem les Minquiers die Sehne bildeten. In diesem Halbkreis gefangen und übrigens schon durch seine Anker festgehalten, lehnte sich der »Claymore« an les Minquiers, das heißt an den Schiffbruch an. Man hätte ihn mit einem von der Meute umringten Eber vergleichen können; nur kläfften die Verfolger nicht, sondern zeigten stumm die Zähne. Jeder Theil schien auf den Andern zu warten.

Die Kanoniere des »Claymore« standen mit der Lunte in der Hand bereit.

Boisberthelot sagte zu La Vieuville:

– Den ersten Schuß möchte ich mir nicht nehmen lassen! Und La Vieuville antwortete:

– Wer für etwas stirbt, darf sich das Bischen Koketterie schon erlauben.

IX.

Einer entkommt.

Der Passagier hatte das Verdeck nicht verlassen; ohne eine Miene zu verziehen, schaute er zu.

– Herr General, sagte Boisberthelot, der vor ihn hingetreten war, wir sind nunmehr festgeklammert an unser Grab und werden es auch nicht fahren lassen. Eingekeilt zwischen Feind und Riff, bleibt uns außer der Gefangenschaft oder dem Schiffbruch nur eine Wahl, der Schlachtentod. Kämpfen ist noch besser als Scheitern; lieber als ich ertrinke, laß ich mich zusammenschießen; im Feuer stirbt sich’s schöner als im Wasser. Dieses Sterben haben jedoch nur wir Kleinen zu besorgen, nicht aber Sie mit uns. Sie sind der Bevollmächtigte des Prinzen, sind zu einer großen Sendung auserwählt, zum Oberbefehl über unsere Truppen in der Vendée. Wenn Sie fallen, fällt vielleicht die monarchische Fahne; also müssen Sie leben, und wie unsere Pflicht erheischt, daß wir hier ausharren, so erheischt die Ihrige, daß Sie sich retten; deshalb, Herr General, werden Sie das Schiff verlassen. Ich stelle Ihnen ein Boot und einen Ruderer zur Verfügung; auf Umwegen die Küste zu erreichen, ist nicht unmöglich; es ist noch nicht Tag; die Wellen gehen hoch; auf dem Meer ist es noch dunkel; Sie werden entkommen. Unter gewissen Umständen heißt Flucht nicht mehr Flucht, sondern Sieg.

Der Greis gab durch ein langsames Senken seines strengen Hauptes seine Zustimmung zu erkennen, und Boisberthelot rief mit lauter Stimme:

– Soldaten und Matrosen! …

Sofort ließ vom Steuer bis zum Bugspriet Jeder von seiner Beschäftigung ab und schaute nach dem Kapitän, welcher also fortfuhr:

– Der Mann, der sich hier unter uns befindet, ist der Vertreter Seiner Majestät des Königs. Er ward unserer Obhut anvertraut; wir müssen ihn unserer Sache erhalten. Die Krone Frankreichs bedarf seiner. In Ermangelung eines unserer Prinzen wird, wir hoffen es wenigstens, er das Oberhaupt der Vendée sein. Er ist ein großer Führer im Feld. Mit uns sollte er in Frankreich landen; jetzt muß er es ohne uns versuchen. Wenn der Führer gerettet wird, so ist auch die Sache gerettet.

– Ja! ja! ertönte es von allen Seiten. Und der Kapitän sprach weiter:

– Auch er wird ernstliche Gefahren bestehen müssen. Das Ufer zu erreichen, ist nichts weniger als leicht. Um der hohen See zu trotzen, wäre ein großes Boot nöthig; er aber muß ein kleines nehmen, damit ihn die Kreuzer nicht bemerken. Die Aufgabe besteht darin, an irgend einer entlegenen Stelle zu landen, womöglich näher bei Fougères als bei Coutances; gewachsen ist dieser Aufgabe nur ein vielerfahrener Seemann, ein unermüdlicher Ruderer, der auf jener Küste geboren und mit ihren kleinsten Einzelheiten vertraut ist. Es ist jetzt gerade noch so weit dunkel, daß das Boot die Korvette verlassen kann, ohne entdeckt zu werden, um so mehr als der Pulverdampf mit Nächstem das Seinige beitragen wird. Mit einem kleinen Boot läßt sich schon, eben weil es klein ist, über die versteckten Klippen hinwegkommen; wo der Panther stecken bleibt, schlüpft das Wiesel durch. Für uns giebt es kein Entrinnen, wohl aber für ihn. Das Boot wird sich mit voller Ruderkraft entfernen und dem Feind unsichtbar bleiben, dem wir übrigens, wie gesagt, unterdessen Stoff genug zur Unterhaltung geben werden – nicht wahr?

– Ja! ja! stimmte Alles ein. – Jede Minute ist kostbar, schloß der Kapitän. Wer meldet sich?

– Ich, sprach eine Stimme, und ein Matrose trat in der Dunkelheit vor die Front.

X.

Entkommt er wirklich?

Einige Minuten später stieß die kleine Kapitänsjolle vom Schiff ab. Es saßen zwei Männer darin: vorn der Matrose, der sich gemeldet hatte, hinten der Passagier. Es war immer noch ganz finster. Der Matrose ruderte, wie Boisberthelot befohlen hatte, mit aller Gewalt auf les Minquiers los. Einen andern Ausweg gab es ja nicht.

Am Boden der Jolle lagen Mundvorräthe, ein Sack voll Zwieback, eine geräucherte Zunge und ein Fäßchen Wasser.

Im Augenblick, wo die Zwei sich entfernten, lehnte sich La Vieuville, im Tode noch ein unverdrossener Spötter, über den Hintersteven der Korvette hinunter und rief der Jolle seinen Abschiedsgruß nach:

– Famos zum Fliehen, unschätzbar zum Ertrinken.

– Herr, sagte der Lootse, lassen wir den Scherz bei Seite.

Das Boot war hurtig abgestoßen, und hatte bald eine ziemlich bedeutende Strecke zurückgelegt. Wind und Wellen halfen dem Ruderer nach, und immer rascher schaukelte, hinter den hohen Wellen den Blicken entrückt, das kleine Boot im Zwielicht von dannen.

Auf dem Meer lag es wie düstere Erwartung: da, plötzlich, durch das gedehnte, ungestüm geschäftige Schweigen des Elements, brach eine Stimme, die, verstärkt durch das Sprachrohr wie durch den ehernen Mund an der Maske der griechischen Tragödie, beinah übermenschlich klang. Es war Kapitän du Boisberthelot’s Stimme:

– Leute des Königs, donnerte er, nagelt die Lilienflagge an den großen Mast. Unsere letzte Sonne geht auf.

Und die Korvette löste eines seiner Geschütze.

– Es lebe der König! rief die Mannschaft.

Drüben vom Horizont her ertönte ein anderer, mächtiger, in der Ferne verhallender und dennoch deutlich vernehmbarer Ruf:

– Es lebe die Republik!

Und ein Lärm wie von dreihundert Donnerschlägen rollte über die See.

Der Kampf begann. Das Meer verhüllte sich in Dampf und Blitze. Von allen Seiten bohrten sich die Gischtstrahlen, die unter den einschlagenden Kugeln aufspringen, in die Wogen. Der »Claymore« spie seine Flammen nach den acht Schiffen aus, und diese beschossen aus ihrer Halbmondstellung mit allen Batterien die Korvette. Der Horizont leuchtete feuerroth; ein Vulkan schien dem Meer entstiegen zu sein, und der Wind zerrte diesen ungeheuren Schlachtenpurpur hin und her, in welchem die Schiffe geisterhaft auftauchten und wieder schwanden, und von dem die Korvette wie ein schwarzes Skelett vom brennenden Hintergrund sich abhob. Hoch in den Lüften vom Mittelmast des »Claymore« sahen die zwei Männer in der Jolle noch die Lilienflagge wehen. Sie schwiegen Beide.

Das dreieckige Riff les Minquiers, eine kleine unterseeische Trinacria, hat einen weitern Umfang als die ganze Insel Jersey. Das Plateau, zu dem es sich emporgipfelt, überragt die Wasserfläche bei der höchsten Fluth; nordöstlich davon erheben sich in einer Reihe sechs mächtige Felsblöcke, die einer stellenweise eingesunkenen großen Mauer gleichen. Hindurchfahren kann zwischen dem Plateau und den sechs Klippen nur ein Boot mit sehr schwachem Tiefgang. In diesen Kanal, der in die offene See mündet, lenkte der Matrose, der sich zur Rettung des Passagiers erboten hatte, jetzt ein. Auf diese Art schoben sich les Minquiers allmälig zwischen die Schlacht und die Jolle; rechts und links den dichtgegenüberstehenden Felsen ausweichend, schlängelte diese sich mit Gewandtheit weiter. Schon war hinter dem Riff der Kampfplatz verschwunden, und schon begannen die Röthe am Horizont und das wilde Getöse der Kanonade in Folge der zunehmenden Entfernung abzunehmen; aber aus der Hartnäckigkeit des Feuers ließ sich schließen, daß die Korvette tapfer ausharrte und ihre hunderteinundneunzig Salven bis auf die letzte abgeben wollte. Ueber ein Kurzes hatte das Boot Schlacht und Klippe im Rücken, und befand sich längst außer Tragweite eines Geschosses auf offener See. Nach und nach hellten sich die äußern Umrisse des Meeres auf, die unmittelbar im Dunkel wieder verschwimmenden Lichtpunkte breiteten sich aus; die quirlenden Schaumkämme brachen in Strahlenbüschel auseinander und ein weißer Schimmer wiegte sich auf der Halbfläche der Wogen. Es wurde Tag.

Dem Feind war das Boot zwar entronnen, doch das Schwierigste war noch nicht überstanden: man hatte keine Kugel mehr, aber immerhin den Schiffbruch zu gewärtigen, auf wilder See, in dieser schwindend kleinen Nußschale ohne Deck, ohne Segel, ohne Mast, ohne Kompaß, in einem Atom, dem nichts zu Gebote stand als zwei Ruder, um den zwei Riesen Ozean und Orkan zu entfliehen.

Und nun, inmitten dieser unendlichen Einsamkeit, sein Antlitz erhebend, blaß gefärbt vom fahlen Widerschein des Morgens, starrte der Mann, welcher vorn in der Jolle saß, dem Manne, der ihm gegenüber saß, in die Augen und sagte zu ihm:

– Ich bin der Bruder von dem, der auf Ihren Befehl erschossen wurde.

  1. Im Französischen Bourbon le Bourbeux, was unter Beibehaltung des Wortspieles im Deutschen nicht wiederzugeben ist.
  2. Das Werkzeug des Krieges.
  3. Kraft und Mann, hier soviel wie die rohe Naturgewalt gegenüber der schwachen Menschenkraft.
  4. Assignaten waren die von der revolutionären Regierung herausgegebenen Banknoten, die massenhaft im Ausland, namentlich in England, nachgemacht und von den Feinden der Republik, besonders den entflohenen Adligen, nach Frankreich geschmuggelt wurden, um die Assignaten zu entwerthen und dadurch den Kredit der Republik zu schädigen.

Erstes Buch.


Auf hoher See.

Im Wald von La Saudraie.

Ende Mai 1793 wurde eines der Pariser Bataillone, die unter Santerre in die Bretagne eingerückt waren, zu einem Streifzug durch den schauerlichen Wald von La Saudraie, Bezirk Astillé, kommandirt. Dieses Bataillon war nur dreihundert Mann stark, denn es hatte in jenen harten Kriegszeiten sehr nothgelitten – Zeiten episch heldenhaften Ringens, wo von den sechshundert Freiwilligen des ersten Pariser Bataillons siebenundzwanzig, des zweiten dreiunddreißig und des dritten siebenundfünfzig Mann aus der Argonne und den Schlachten von Valmy und Jemmappes zurückgekehrt waren.

Die Bataillone, die von Paris nach der Vendée abmarschirten, zählten neunhundertundzwölf Mann und führten jedes drei Geschütze. Ihr Zustandekommen war ein sehr rasches gewesen: Den 25. April, also zur Zeit, da Gohier die Justiz und Bouchotte das Kriegswesen leiteten, war vom Stadtbezirk Bon-Conseil der Vorschlag ausgegangen, in die Vendée Freiwilligenbataillone zu entsenden; hierauf hatte ein Mitglied des Stadtraths Namens Lubin Bericht darüber erstattet, und am ersten Mai hatte Santerre bereits zwölftausend Mann nebst einem Bataillon Artillerie und dreißig Feldgeschützen zusammen. Trotz aller Eile war die Art und Weise der Mobilmachung so vorzüglich, daß sie heutzutage der Einteilung der Linienkompagnien zu Grunde gelegt wird; es ist dadurch das frühere numerische Verhältniß zwischen Truppe und Unteroffizieren ein anderes geworden.

Unter dem Datum des 28. April war vom Pariser Stadtrath an die Freiwilligen von Santerre die Ordre ergangen: »Keine Gnade, keinen Pardon!« Ende Mai waren von den zwölftausend Parisern achttausend gefallen.

Das Bataillon, welches im Walde von La Saudraie operirte, rückte sehr behutsam vor. Von Hast keine Spur, ein fortwährendes Spähen nach rechts und links, vor sich hin und rückwärts: »Der Soldat muß ein Auge im Rücken haben«, meinte Kleber. Marschirt wurde schon lang. Wie viel Uhr oder welche Tageszeit es sein mochte, hätte sich schwer bestimmen lassen, denn in einem so urwüchsigen Dickicht weicht ein gewisses abendliches Dämmern auch der hellsten Mittagssonne nicht.

0002

Deshalb drangen die Soldaten so vorsichtig weiter.

Tragische Erinnerungen knüpften sich an diesen Wald: In diesem Gestrüpp hatte, schon im November 1792, der Bürgerkrieg seine Gräuelthaten begonnen; der wilde, hinkende Mousqueton war dieser Baumnacht entstiegen, die nunmehr ein Grab unzähliger Opfer schaudervollsten Mordes, eine Stätte des Entsetzens war; deshalb drangen die Soldaten so vorsichtig weiter in die Tiefen. Und doch blühte Alles rings um sie her und wob sich von allen Seiten zu einer zitternden Mauer von zartbelaubten, kühlfächelnden Zweigen zusammen; hin und wieder schillerte ein Sonnenstrahl in die grünende Finsterniß hinein und auf der Erde dehnte sich ein dichtüppiger Rasenteppich, gestickt und verbrämt mit Schwertlilien, Narcissen, lenzduftigem Safran und jenen kleinen Blumen, die das schöne Wetter ankündigen, und allen Moosgattungen in jeder erdenklichen Form durcheinanderwimmelnd, hier gekrümmt wie eine Raupe und dort gezackt wie ein Stern. Langsamen Schritts und schweigend bahnten sich die Soldaten einen Weg durch das leise auseinandergeschobene Astwerk, indem die Vögelchen über ihren Bajonetten weiterzwitscherten.

0003

Ein fortwährendes Spähen nach rechts und links.

Früher, in friedlichen Zeiten, hatte in den Gebüschen von La Saudraie die »Houiche-ba« florirt, so heißt dort nämlich das nächtliche Jagen auf jene Vögelchen; jetzt wurde nur noch Jagd gemacht auf Menschen.

In diesem Wald gediehen an hochstämmigen Holzarten nur Birke, Buche und Eiche; das ebene, mit Moos und Gras dichtbewachsene Terrain gab keinen Laut von sich unter den Tritten der schreitenden Männer; wenn sich ausnahmsweise ein Fußpfad zeigte, so war’s nur auf einer ganz kurzen Strecke; vor lauter Stechpalmen, Schlehdornen, Farrenkräuterstauden, Heuhecheln und Brombeerhecken konnte man einen Menschen auf eine Entfernung von nur zehn Schritten unmöglich gewahr werden.

Ein Reiher oder ein Wasserhuhn, die zuweilen durch die Wipfel hinflatterten, deuteten an, daß ein Sumpf in der Nähe war.

Der Zug bewegte sich auf gut Glück hin immer vorwärts, gespannt und besorgt, Gesuchtes zu finden.

Hin und wieder zeigten abgebrannte oder ausgetretene Stellen, kreuzförmig aufgerichtete Stöcke, blutige Zweige die Spuren menschlichen Aufenthaltes: hier war Menage gekocht, dort Messe gelesen worden, und dort hatte man die Verwundeten gepflegt. Aber die hier ausrasteten, waren verschwunden – wohin? vielleicht schon in weite Ferne; vielleicht auch mochten sie nur wenige Schritte weit mit zielenden Stutzen im Hinterhalt liegen. Einstweilen war der Wald wie ausgestorben. Das Bataillon marschirte mit steigender Vorsicht; Einsamkeit und Mißtrauen halten gleichen Schritt. Weit und breit keine Seele, also ein Grund mehr zur Besorgniß in dieser berüchtigten Einöde; wie nahe lag da die Wahrscheinlichkeit einer listig gestellten Falle.

Dreißig Grenadiere unter der Führung eines Sergeanten gingen in beträchtlicher Entfernung vom Kern des Bataillons als Eclaireurs voraus, mit ihnen die Marketenderin.

Marketenderin schließen sich überhaupt lieber der Avant-Garde an: es ist dies zwar mit Gefahr verbunden, aber man bekommt dabei doch etwas zu sehen, und die Neugierde ist einmal eine der Aeußerungen weiblicher Tapferkeit.

Plötzlich durchzuckte jeden Einzelnen dieses kleinen Vortrabs jener den Jägern wohlbekannte Schauer, wenn sie auf ein Wild gestoßen sind. Mitten aus einem Dickicht heraus hatte man etwas wie ein Aufathmen vernommen, und nun schien es auch, als ob es sich im Laubwerk rührte. Die Soldaten winkten einander zu.

In den Späher- und Lauscherdienst der Eclaireurs braucht kein Offizier einzugreifen; was geschehen soll geschieht schon von selbst. Vor Ablauf einer Minute war die verdächtige Stelle bereits umstellt und ein Kreis von Gewehrläufen darauf gerichtet; von allen Seiten her hatten die Soldaten den dunkeln Mittelpunkt des Dickichts aufs Korn genommen und erwarteten, den Finger am Drücker und den Blick auf das verdächtige Objekt geheftet, nur noch das Kommando des Sergeanten, um einen Kugelregen hinzusenden.

Da, im Moment, wo der Sergeant abfeuern lassen wollte, rief die Marketenderin: Halt!

0007

Da rief die Marketenderin: Halt!

Sie hatte es gewagt, einen Blick durch das Buschwerk zu thun und setzte nun, zu den Soldaten gewendet, hinzu:

– Kameraden, schießt nicht!

Hierauf eilte sie ins Dickicht. Die Uebrigen folgten ihr nach, und wirklich fand sich Jemand in dem Versteck vor.

Mitten im dichtesten Gestrüpp, am Rande einer jener kleinen kreisförmigen Lichtungen, die in den Wäldern durch Kohlenmeier entstehen, welche die Baumwurzeln rundum versengen, saß in einem von Zweigen gebildeten Nest, einer Art Laubkammer, die wie ein Alkoven nach einer Seite hin halb offen stand, ein Weib mit einem Säugling an der Brust und zwei blondlockigen schlafenden Kindern auf dem Schooß.

Das also war der Feind.

– Sie, was thun Sie hier? rief die Marketenderin.

Das Weib blickte von dem Säugling zu ihr auf.

– Sind Sie verrückt, hier so zu sitzen, fuhr die Marketenderin fort, und fügte dann hinzu:

– Nur noch eine Minute, und Sie waren über den Haufen geschossen!

Und zu den Soldaten gewendet, erklärte sie:

– Es ist ein Weib.

– Donnerwetter! so viel sehen wir auch, sagte einer von den Grenadieren.

– In den Wald rennen, um sich über den Haufen schießen zu lassen, begann die Marketenderin von Neuem, ist so was Dummes je dagewesen!

Das Weib, verblüfft und starr vor Bestürzung, glotzte wie im Traum all die Gewehre, Säbel, Bajonette und wilden Gesichter um sich an.

Die beiden Kinder wachten auf und schrieen.

Das eine rief: Mich hungert.

Das andere: Mutter, ich fürchte mich.

Der Säugling trank ruhig weiter.

– Am Gescheutesten bist du dran, sagte die Marketenderin zu ihm.

Die Mutter war vor Entsetzen sprachlos.

– Nur nicht ängstlich, rief ihr der Sergeant zu, wir sind das Bataillon Bonnet-rouge.

Das Weib erzitterte am ganzen Leibe und starrte in des Sergeanten hartes Gesicht, von dem eigentlich nur die Brauen, der Schnurrbart und die zwei kohlschwarz glühenden Augen sichtbar waren.

– Vormals das Bataillon von der Croix-Rouge, erläuterte die Marketenderin.

Und der Sergeant fuhr fort:

– Wer bist du, meine Dame?

Immer noch starrte das Weib schaudernd zu ihm hinüber. Sie war jung, blaß, abgezehrt, und trug, wie alle bretonischen Bäuerinnen, nur ganz zerfetzt, die große Kapuze und die mit einer Schnur um den Hals zurückgeschlagene Wolldecke. Mit der Gleichgültigkeit der Verwilderung ließ sie ihren Busen entblößt. Ihre nackten Füße bluteten.

– Es ist eine Arme, sagte der Sergeant.

Und die Marketenderin begann wieder in ihrem soldatisch weiblichen, nur so verstohlen mildanklingenden Ton:

– Wie heißen Sie?

Das Weib stammelte leise, fast unverständlich vor sich hin:

– Michelle Fléchard.

Die Marketenderin fuhr dem Säugling mit ihrer breiten Hand streichelnd über das Köpfchen und fragte:

– Wie alt ist der Käfer?

Da die Mutter keine Antwort gab, wiederholte sie ihre Frage:

– Wie alt das Ding da ist, möcht ich wissen.

– Ach so, sagte nun die Mutter, achtzehn Monate.

– Ei, das ist ja schon altes Eisen, sagte die Marketenderin. Das hat lang genug an der Brust gelegen. Das muß entwöhnt werden. Wollen’s mit Suppe füttern.

Die Mutter erholte sich allmälig von ihrem Schrecken. Die zwei wachgewordenen Kleinen waren eher neugierig als ängstlich. Sie staunten die schönen Federbüsche der Soldaten an.

– Ach! sagte die Mutter, sie sind recht hungrig, und setzte dann noch hinzu: Mir ist die Milch ausgegangen.

– Sollen schon was zu essen kriegen, rief der Sergeant ihr zu, und du auch. Aber das ist nicht Alles. Was hast du für politische Gesinnungen?

Das Weib schaute den Sergeanten an, ohne ihm zu antworten.

– Hast du mich nicht verstanden?

Darauf erwiderte sie:

– Ganz klein bin ich ins Kloster gekommen, aber ich habe geheirathet; ich bin keine Klosterfrau geworden. Bei den Schwestern habe ich französisch reden lernen. Unser Dorf ist angezündet worden. Wir sind so schnell davongelaufen, daß ich nicht einmal Schuhe angezogen habe.

– Nach deinen politischen Gesinnungen frage ich.

– Das weiß ich nicht.

– Blos weil es Kundschafterinnen giebt hier herum, fuhr der Sergeant fort. Dergleichen wird von uns mit blauen Bohnen traktirt. Na, so sprich einmal! Eine Zigeunerin bist du doch nicht? Du hast doch ein Vaterland?

– Ich weiß nicht, antwortete sie.

– Was? du weißt nicht, wo deine Heimath ist?

– Ah so, meine Heimath – o doch.

– Nun also, wie heißt dein Vaterland, deine Heimath?

– Die Maierei von Siscoignard in der Gemeinde von Azé.

Jetzt war an den Sergeanten die Reihe gekommen, verblüfft dreinzuschauen. Nachdem er einen Augenblick nachdenklich dagestanden, begann er wieder:

– Wie hast du gesagt?

– Siscoignard.

– Das ist aber noch immer kein Vaterland, so ein Nest.

– Aber so heißt meine Heimath, sagte die Frau, schien dann eine Minute lang über etwas nachzusinnen, und fügte schließlich hinzu:

– Nun versteh ich’s, mein Herr: Sie sind aus Frankreich; ich bin aus der Bretagne.

– Und was weiter?

– Ja, das ist nicht die nämliche Heimath.

– Aber das nämliche Vaterland! schrie der Sergeant.

Die Frau erwiderte hierauf nur:

– Ich bin aus Siscoignard.

– Gut; lassen wir’s gelten, dein Siscoignard, entgegnete der Sergeant. Dort ist also deine Familie her?

– Ja.

– Und was treiben sie, die Leute?

– Sie sind alle gestorben. Ich habe niemand mehr.

Der Sergeant, der sich nicht ganz ungern reden hörte, inquirirte weiter:

– Eltern hat man doch, zum Teufel! oder hat sie gehabt. Wer bist du? Heraus mit der Sprache!

Das Weib lauschte in dumpfem Staunen den drei Worten »hat sie gehabt«, die schon mehr wie ein Niesen als wie eine menschliche Rede klangen.

Die Marketenderin fühlte das Bedürfniß, sich ins Mittel zu legen. Sie begann abermals den Säugling zu streicheln und klopfte den zwei anderen Kindern auf die Backen.

– Wie heißt der Milchegel da? fragte sie. Aber nein, es ist offenbar ein Mädel.

– Georgette, antwortete die Mutter.

– Und der Aelteste? denn der wenigstens ist doch ein Mannsbild, der Schlingel dort.

– René-Jean.

– Und der Jüngere, der ja auch ein Mannsbild ist und noch dazu zwei Backen hat wie ein Trompeter?

– Das ist mein Dicker, Alain.

– Nett sind sie, die kleinen Kerle, sagte die Marketenderin; das stolzirt euch schon so einher wie etwas Vernünftiges.

Der Sergeant aber ließ nicht ab:

– Heraus jetzt mit der Sprache, meine Dame! Hast du ein Haus?

– Ich habe eins gehabt.

– Wo?

– In Azé.

– Und warum bist du nicht mehr in diesem Haus?

– Weil man mir’s verbrannt hat.

– Wer?

– Ich weiß nicht – so eine Schlacht eben.

– Woher kommst du?

– Von dort drüben her.

– Wohin gehst du?

– Ich weiß nicht.

– Zur Sache endlich: Wer bist du?

– Ich weiß nicht.

– Was, du weißt nicht, wer du bist?

– Wir sind eben Leute, die sich flüchten.

– Mit welcher Partei hältst du’s?

– Ich weiß nicht.

– Stehst du zu den Blauen oder stehst du zu den Weißen? Zu wem stehst du?

– Zu meinen Kindern steh ich.

Es entstand eine Stille; dann sagte die Marketenderin:

– Ich habe nie eins gehabt, ein Kind: ich war immer so in Eile.

– Aber von deinen Eltern weißt du doch etwas? hob der Sergeant wieder an. Heraus damit, meine Dame: wie war’s mit deinen Eltern bestellt? Ich heiße Radoub; ich bin Sergeant; ich stamme aus der Straße Cherche-Midi wie mein Vater und meine Mutter; ich kann von meinen Eltern erzählen. Erzähle du uns von den Deinigen. Sage uns, was das für Leute gewesen sind.

– Fléchard nannten sie sich. Weiter ists nichts mit ihnen.

– Allerdings, ein Fléchard heißt Fléchard, gerade wie ein Radoub Radoub heißt. Aber man treibt doch irgend ein Gewerbe? Womit haben sie sich beschäftigt? Womit beschäftigen sie sich? Wie haben sie sich durch die Existenz fléchardirt, deine Fléchards?

– Sie waren Bauersleute. Mein Vater war verstümmelt und arbeitsunfähig von wegen der Stockprügel, die der gnädige Herr, sein und unser gnädiger Herr, ihm hatte geben lassen, was noch aus Güte geschah, weil mein Vater ein Kaninchen weggenommen hatte, weswegen man zum Tod verurtheilt wurde; aber der gnädige Herr war barmherzig gewesen und hatte gesagt: Gebt ihm bloß hundert Stockprügel; und so ist mein Vater ein Krüppel geworden.

– Weiter.

– Mein Großvater war ein Hugenott. Der hochwürdige Herr Pfarrer hat ihn auf eine Galeere schicken lassen. Ich war noch ganz klein.

– Weiter.

– Meines Mannes Vater war ein Salzschmuggler. Der König hat ihn erhängen lassen.

– Und dein Mann, was treibt der?

– Dieser Tage hat er sich geschlagen.

– Für wen?

– Für den König.

– Weiter.

– Nun ja, und für seinen gnädigen Herrn.

– Weiter.

– Nun ja, und für den hochwürdigen Herrn Pfarrer.

– Himmelherrgottsakramentsochsen! platzte ein Grenadier heraus.

Das Weib fuhr vor Entsetzen in die Höhe.

– Sie sehen, werthe Frau, daß wir echte Pariser sind, sagte die Marketenderin verbindlich.

Das Weib faltete die Hände und rief:

– Jesus, Maria und Joseph!

– Nur keine abergläubischen Faxen, ermahnte sie der Sergeant.

Die Marketenderin setzte sich neben sie und zog den ältesten Knaben zu sich her, der es auch gern geschehen ließ. Kinder beruhigen sich gerade so, wie sie erschrecken: man weiß nicht weshalb; sie haben einen geheimnißvollen innerlichen Tastsinn.

– Sie arme gute Frau vom Land, Sie haben da ein nett Paar Rangen; das ist immerhin etwas. Man sieht ihnen ihr Alter an: der Größere geht ins fünfte Jahr, der Andere ins vierte. Aber das muß ich sagen, der Wurm, den Sie an der Brust haben, ist ein verteufelter Vielfraß. O du kleines Ungeheuer, ob du wohl aufhören wirst, deine Mama so abzugrasen!

Wissen Sie Frau, Sie müssen keine Furcht haben. Eigentlich sollten Sie sich ins Bataillon aufnehmen lassen und es machen wie ich. Mich heißen sie die Husarin; ein Spitzname, was? Aber lieber will ich so heißen als Mamsell Bicorneau wie meine Mutter. Ich bin die Marketenderin, heißt so viel wie eine Person, welche Erfrischungen herumreicht, wenn man sich zusammenkartätscht und abschlachtet, wenn der Teufel los ist, was? Wir haben ungefähr den gleichen Fuß; ich werde Ihnen ein Paar von meinen Schuhen geben. Ich habe den 10. August mitgemacht zu Paris. Westermann hat von meinem Schnaps getrunken. Ich habe auch Ludwig XVI., das heißt Ludwig Capet köpfen sehen. Er wollte nicht dran; ist auch ganz begreiflich; wenn man bedenkt, daß er am 13. Januar noch Kastanien gebraten hat und gelacht mit seiner Familie! Als man ihn mit Gewalt auf das Fallbrett legte, wie man’s nennt, trug er weder Rock noch Schuhwerk mehr, blos das Hemd, eine gesteppte Weste, eine graue Tuchhose und grauseidene Strümpfe. Der Fiaker, in dem er angefahren kam, war grün angestrichen. Sehen Sie, Sie thäten am besten, mit uns zu gehen; wir sind ein Bataillon von lauter guten Kerlen; Sie wären dann die Marketenderin Nummer zwei; Sie werden den Rummel bald los haben; ich will Ihnen schon zeigen, wie einfach das Geschäft ist: da hat man sein Fäßchen mit der Schelle und geht eben in den Lärm, ins Pelotonfeuer, in die Kanonenschüsse, kurz mitten in die Suppe hinein und ruft: Nun, Kinder, mag Keiner eins trinken? Das ist die ganze Hexerei. Von mir kriegt Jeder einen Schluck, auf Ehre ja, die Weißen wie die Blauen, obschon ich blau bin und das in der Wolle gefärbt; aber trinken dürfen sie Alle; das hat eine trockene Leber, so ein Verwundeter, und dann sucht sich ja der Tod die Leute nicht nach ihrem Glaubensbekenntniß aus. Im Angesicht des Todes sollten die Menschen einander eine Hand geben. Eigentlich ist es etwas Einfältiges, so eine Keilerei.

Kommen Sie nur mit! Wenn ich aus dem Leben muß, können Sie dann das Geschäft fortsetzen.

Ich sehe nur so aus, wissen Sie; im Grunde bin ich ein gutmüthiges Weib und ein braver Kerl; vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten.

Als die Marketenderin schwieg, murmelte die Arme vor sich hin:

– Unsere Nachbarin hieß Marie-Jeanne und unsere Magd Marie-Claude. Unterdessen belehrte der Sergeant Radoub den einen Grenadier:

– Sei still! Du hast die Frau erschreckt. In Damengesellschaft flucht man nicht.

– Aber, entgegnete der Grenadier, es ist denn doch die reine Seekrankheit für die Intellektualität eines honetten Menschen, wenn man solche chinesische Kaffern sieht, denen der gnädige Herr den Schwiegervater zum Krüppel gehauen, denen der hochwürdige Herr Pfarrer den Großvater ins Zuchthaus, denen der König den Vater an den Galgen gebracht hat, und die sich zuguterletzt noch herumholzen und eine Rebellion anfangen und sich abtakeln lassen für den König, den gnädigen Herrn und den hochwürdigen Herrn Pfarrer!

– Keine Widerreden! rief der Sergeant.

– Man schweigt ja schon, murrte der Grenadier; aber verdrießen darf es Einen, wenn eine so nette Frau wie die sich der Gefahr aussetzt, blos für den Jux eines Pfaffen den Schädel eingeschlagen zu bekommen.

– Mann, sagte der Sergeant, wir sind hier nicht im Club unseres Stadtviertels; darum sei kein Cicero.

Und er wendete sich wieder zu dem Weib: – Aber dein Mann, meine Dame? Was treibt er? Was ist aus ihm geworden?

– Nichts: man hat ihn ja umgebracht.

– Wo denn?

– Im Busch.

– Wann?

– Vor drei Tagen.

– Und wer?

– Ich weiß nicht.

– Was? Du weißt nicht, wer dir deinen Mann umgebracht hat?

– Nein.

– War’s ein Blauer oder war’s ein Weißer?

– Eine Flintenkugel war’s.

– Und vor drei Tagen?

– Ja.

– Wozugegen war’s?

– Bei Ernée. Dort ist er gefallen, ja.

– Und du, was treibst du, seitdem du deinen Mann verloren hast?

– Ich trage meine Kinder fort.

– Wohin willst du sie tragen?

– Vorwärts.

– Und wo schläfst du?

– Auf der Erde.

– Und wovon nährst du dich?

– Von nichts.

Der Sergeant machte jene militärische Grimasse, wobei der Schnurrbart bis zur Nasenspitze hinaufgezogen wird:

– Also von nichts?

– Heißt das von Schlehen, von Brombeeren, wenn noch welche vom vergangenen Jahre her übrig geblieben sind, dann auch von Heidelbeeren und von den Schößlingen am Farrenkraut.

– Allerdings gleichbedeutend mit nichts.

Das älteste Kind schien zu verstehen und sagte:

– Mich hungert.

Da zog der Sergeant ein Stück Kommisbrod aus der Tasche und reichte es der Mutter hin. Diese brach das Brod in zwei Theile, die sie den Kindern gab. Gierig fielen die Kleinen darüber her.

– Für sich hat sie nichts behalten, brummte der Sergeant.

– Sie hat eben keine Lust zum Essen, sagte ein Soldat.

– Sie ist eben die Mutter, entgegnete der Sergeant.

Die Kinder hielten inne:

– Trinken! sagte das Eine: – Trinken! wiederholte das Andere.

– Giebt’s denn kein Wasser in dem verteufelten Wald? sagte der Sergeant.

Da nahm die Marketenderin den kleinen kupfernen Becher, der neben dem Glöckchen an ihrem Gürtel hing, drehte den Hahn des Fäßchens, das sie querüber an einem Riemen trug, ließ ein paar Tropfen in den Becher rinnen und setzte ihn den Kindern an die Lippen.

Das ältere trank und verzog das Gesicht. Das jüngere spuckte aus.

– Aber es ist doch etwas Gutes, sagte die Marketenderin.

– Ein Schwerenöther? fragte der Sergeant.

– Und noch dazu vom besten. Es sind halt Bauern, antwortete sie, indem sie den Becher auswischte.

Der Sergeant begann abermals:

– So viel steht also fest, meine Dame, daß du davonläufst?

– Ich muß ja wohl.

– Immer querfeldein, so auf gut Glück hin?

– Erst renne ich aus Leibeskräften, dann geh ich nur noch, und nachher fall ich hin.

– Traurige Wirtschaft, das! meinte die Marketenderin.

– Es wird ja gerauft, stammelte das Weib. Ringsum ist Alles eine große Schießerei. Ich weiß nicht, was sie gegen einander haben. Meinen Mann haben sie mir umgebracht. Weiter versteh ich nichts davon.

Der Sergeant stampfte mit seinem Flintenkolben auf die Erde, daß es klirrte: – Ja, ein dummer Krieg, hol mich der Teufel!

– Gestern Nacht, fuhr das Weib fort, haben wir uns in einer Höhlung schlafen gelegt.

– Selb Vieren?

– Selb Vieren.

– Schlafen gelegt?

– Schlafen gelegt.

– Also aufrecht schlafen gelegt, bemerkte der Sergeant. Und zu den Soldaten gewendet:

– Kameraden, sagte er, eine Höhlung heißt in der Sprache dieser Eingeborenen ein alter, hohler, abgestorbener Baum, in den ein Mensch nur hineinschlüpfen kann wie ein Säbel in die Scheide. Aber was ist da zu machen? Es gehört einmal nicht zu den Naturnotwendigkeiten, daß Jeder in Paris geboren wird.

– In einem Baumstamm übernachten! staunte die Marketenderin, und dazu mit drei Kindern!

– Und wenn nun die Heulerei der Kleinen losging, fuhr der Sergeant fort, muß es den Leuten, die ihr Weg vorüberführte und die gar nichts sehen konnten, ganz schnurrig vorgekommen sein, einen Baum »Papa« und »Mama!« schreien zu hören.

– Es ist noch Sommer, gottlob! seufzte das Weib. Und sie starrte zu Boden, in Ergebung, mit dem Staunen der Geschöpfe, die einer Naturgewalt unterliegen.

Schweigend umstanden die Soldaten dieses Elend: eine Wittwe, drei Waisen, auf der Flucht, ausgestoßen, preisgegeben dem ringsum grollenden Krieg, dem Hunger, dem Durst, ohne eine andere Nahrung als das Gras des Feldes, ein anderes Obdach als den freien Himmel. Der Sergeant trat näher und betrachtete den Säugling. Da ließ die Kleine die Mutterbrust los, wendete langsam das Köpfchen um und schaute mit einem Lächeln aus seinen schönen blauen Augen in das unheimlich wilde, struppige, borstige Gesicht, das sich hinbeugte über sie. Der Sergeant richtete sich wieder auf: es rann ihm eine große Thräne längs der Wange herab und blieb wie eine Perle an der Spitze seines Schnurrbarts hängen. Mit fester Stimme sprach er:

– Kameraden, aus der ganzen Bescheerung läßt sich schließen, daß dem Bataillon Vaterfreuden bevorstehen. Alles einverstanden? Die drei Kleinen werden an Kindesstatt angenommen.

– Die Republik hoch! riefen die Grenadiere.

– Abgemacht, sagte der Sergeant und streckte beide Arme über die Mutter und die Kleinen aus:

– Hier seht ihr also die Kinder des Bataillons Bonnetrouge.

Die Marketenderin sprang vor Freude in die Höhe und rief:

– Recht so, drei Köpfe unter einer Kappe. Dann drückte sie schluchzend, überschwänglich die arme Wittwe an ihr Herz und sagte:

– Wie doch die Kleine schon so muthwillig dreinschaut!

– Hoch die Republik! ertönte es nochmals aus Aller Mund, und der Sergeant sprach zur Mutter:

– Komm mit, Bürgerin.

8. Kapitel


Ein Senator ist auch nur ein Mensch

Das Licht eines munteren Feuers schien auf den Teppich eines gemütlichen Zimmers und glänzte zurück von den Teetassen und der hellpolierten Teekanne, als Senator Bird die Stiefel auszog, ehe er die Füße in ein paar neue schöne Hausschuhe steckte, welche seine Frau während seiner Abwesenheit in Amtsgeschäften für ihn gemacht hatte. Mrs. Bird, ein wahres Bild der Freude, deckte den Tisch zum Tee und unterbrach sich dann und wann mit Ermahnungen, gerichtet an eine Anzahl munterer Kinder, die in den vielerlei unerhörten Sprüngen und Neckereien, die die Mütter seit der großen Flut in Erstaunen versetzt haben, in der Stube herumtobten.

»Tom, laß den Türgriff sein – sei artig! – Mary! Mary! Zieh die Katze nicht am Schwanze – das arme Miezchen! Jim, klettere mir nicht auf den Tisch dort – nein, nein! – Du weißt gar nicht, lieber Mann, wie es uns alle überrascht hat, dich heute abend hier zu sehen«, sagte sie endlich, als sie Zeit fand, zu ihrem Gatten ein Wort zu sagen.

»Ja, ja, ich dachte, du machst einen Sprung hierher, bringst die Nacht hier zu, und machst dir’s zu Hause einmal bequem. Ich bin todmüde, und der Kopf brennt mir!«

Mrs. Bird blickte nach ihrem Kampferfläschchen, welches in dem halboffenen Wandschrank stand, und schien es holen zu wollen; aber ihr Gatte hielt sie davon ab.

»Nein, nein, Mary, nur nicht doktern! Eine Tasse von deinem guten heißen Tee und ein Teller von unserer guten Hausmannskost ist alles, was mir fehlt, ’s ist böse Arbeit, dieses Gesetzegeben!«

Und der Senator lächelte, als ob ihm der Gedanke, sich als ein Opfer seines Vaterlandes zu betrachten, leidlich gefalle.

»Nun, was habt ihr denn eigentlich im Senat gemacht?« sagte seine Frau, als die Beschäftigung mit dem Teetisch vollendet war.

Es war aber etwas sehr Ungewöhnliches für die kleine sanfte Mrs. Bird, sich um das zu bekümmern, was im Staatenhause vorging, da sie sehr weislich der Meinung war, daß sie genug mit ihrem eigenen Hause zu tun habe. Mr. Bird öffnete daher die Augen weit vor Erstaunen und sagte:

»Nichts von besonderer Wichtigkeit.«

»So? Aber ist es wahr, daß man ein Gesetz angenommen hat, welches verbietet, den armen Farbigen, die herüberkommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hörte, es sei von solch einem Gesetz die Rede; aber ich glaubte nicht, daß eine christliche Legislatur so etwas annehmen könnte!«

»Wahrhaftig, Mary, du bist ja auf einmal politisch geworden.«

»Ach Unsinn! Im allgemeinen möchte ich keinen Pfifferling für eure ganze Politik geben; aber das scheint mir doch über alle Maßen grausam und unchristlich zu sein. Ich hoffe, lieber Mann, daß man an ein solches Gesetz nicht gedacht hat.«

»Man hat ein Gesetz angenommen, welches den Leuten verbietet, den von Kentucky herüberkommenden Sklaven fortzuhelfen, liebe Frau; die rücksichtslosen Abolitionisten haben es so arg gemacht, daß unter unsern Brüdern in Kentucky große Aufregung herrscht, und es ebenso notwendig, als christlich und freundlich erscheint, daß von seiten unseres Staates etwas zur Stillung dieser Aufregung geschieht.«

»Und wie lautet das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen Leuten für eine Nacht ein Obdach zu geben und ihnen etwas zu essen zu reichen und ein paar alte Kleider zu schenken, und sie dann ruhig ihres Weges gehen zu lassen?«

»O doch, liebe Frau; das hieße, ihnen helfen und sie unterstützen, wie es im Gesetz heißt.«

Mrs. Bird war eine schüchterne, leicht errötende kleine Frau von ungefähr vier Fuß Größe und mit sanften blauen Augen und einem Teint, zart wie Pfirsichblüten, und der sanftesten lieblichsten Stimme von der Welt. – Was ihren Mut betrifft, so hätte sie, wie man sich erzählte, ein mäßig großer Truthahn mit dem ersten Gekauder in die Flucht geschlagen, und ein tüchtiger Haushund von mäßiger Wildheit hätte sie bloß durch das Fletschen seiner Zähne zum Gehorsam bringen können. Ihr Gatte und ihre Kinder waren ihre ganze Welt, und hier herrschte sie mehr durch Bitte und Überredung, als durch Befehl oder Überzeugung. Nur ein einziges konnte sie in Aufregung bringen, und zwar die Berührung des wunden Flecks ihres ungewöhnlich sanften und teilnehmenden Gemütes: Jede grausame Handlung versetzte sie in die leidenschaftlichste Aufregung, die verglichen zu der allgemeinen Sanftheit ihres Charakters um so beunruhigender und unerklärlicher war.

Diesmal stand Mrs. Bird mit sehr roten Wangen, die ihr ganz allerliebst standen, auf, trat mit entschlossenem Blick vor ihren Gatten und sagte in entschiedenem Tone:

»Ich will wissen, John, ob du ein solches Gesetz für recht und christlich hältst.«

»Du wirst mich doch nicht erschießen, Mary, wenn ich sage: ja!«

»Das hätte ich dir nie zugetraut, John! Du hast doch nicht dafür gestimmt?«

»Doch, meine schöne Politikerin!«

»Du solltest dich schämen, John! Die armen, obdachlosen, heimatlosen Geschöpfe. Es ist ein schändliches, gottloses, fluchwürdiges Gesetz, und ich für meine Person werde es bei der ersten Gelegenheit, die ich finde, verletzen; und ich hoffe, ich werde eine Gelegenheit finden! Es ist weit genug gekommen, wenn eine Frau armen hungernden Geschöpfen weder warmes Essen noch ein Bett geben darf, weil sie Sklaven sind und ihr ganzes Leben lang nur Schmach und Bedrückung gelitten haben! Die armen Leute!«

»Aber Mary, höre doch nur. Deine Empfindungen sind alle ganz vortrefflich, liebe Frau, und ich liebe dich deshalb; aber, liebe Frau, wir dürfen unsere Empfindungen nicht mit unserm Verstande durchgehen lassen. Du mußt bedenken, es ist keine Sache des Privatgefühls; große Staatsinteressen sind dabei mit im Spiel, und es entsteht darüber eine so große Aufregung im Publikum, daß wir unsere Privatgefühle beiseite setzen müssen.«

»Ich verstehe nichts von Politik, John, das gebe ich zu; aber ich kann meine Bibel lesen; und darin lese ich, daß ich die Hungrigen speisen, die Nackten kleiden und die Traurigen trösten soll; und dieser Bibel denke ich zu folgen.«

»Aber in Fällen, wo du dadurch einen großen öffentlichen Schaden anrichten würdest –«

»Gott gehorchen bringt niemals der großen Allgemeinheit Schaden. Ich weiß, daß das nicht der Fall ist. Es ist zu allen Zeiten und in allen Fällen das Sicherste, zu tun nach seinem Willen.«

»Aber höre mich nur an, Mary, und ich kann dir mit sehr klaren Gründen beweisen, daß –«

»Ach Unsinn, John! Du kannst die ganze Nacht reden und wirst mir nichts beweisen. Ich frage dich, John, würdest du jetzt ein armes, frierendes, hungerndes Geschöpf von der Tür weisen, weil es seinem Herrn entflohen ist? Würdest du das tun, frage ich dich.«

In dieser Krisis steckte der alte Cudjoe, das schwarze Faktotum, den Kopf zur Tür herein und bat Missis, einmal in die Küche zu kommen, und unser Senator, von dem Angriff noch zur rechten Zeit befreit, sah seiner kleinen Frau mit einer drolligen Mischung von Freude und Verdruß nach und machte sich’s in seinem Lehnstuhl bequem, um die Zeitungen zu lesen.

Nach einer kurzen Weile ließ sich die Stimme seiner Frau rasch und angelegentlich an der Tür vernehmen: »John! John! Bitte, komm einen Augenblick heraus.«

Er legte die Zeitung hin und ging in die Küche und fuhr zurück, ganz erstaunt über den sich ihm darbietenden Anblick.

Ein junges, zartes Weib mit zerrissenen und gefrorenen Kleidern, mit nur einem Schuh, und an dem blutenden Fuß einen zerrissenen Strumpf, lag in totenähnlicher Ohnmacht auf zwei Stühlen. Der Stempel der verabscheuten Rasse war auf ihrem Antlitz sichtbar, aber niemand konnte gegen seine traurige und rührende Schönheit gefühllos bleiben, während seine starre, kalte, totengleiche Schärfe einen feierlichen Schauer hervorrief. Er hielt den Atem an sich und blieb schweigend stehen. Seine Frau und ihre einzige farbige Dienerin, die alte Tante Dinah, waren angelegentlich in der Anwendung von Wiederbelebungsmitteln beschäftigt, während der alte Cudjoe den Knaben auf den Knien hatte, ihm Schuhe und Strümpfe auszog und die kleinen kalten Füßchen warmrieb.

»Ist das nicht ein Anblick, der einen Stein erbarmen möchte!« sagte die alte Dinah mitleidig. »Wahrscheinlich hat die große Hitze sie ohnmächtig gemacht. Sie war ziemlich munter, als sie reinkam, und fragte, ob sie sich nicht ein Weilchen wärmen könnte, und ich wollte sie eben fragen, wo sie herkomme, da war sie weg. Sie hat nie schwere Arbeit verrichtet, nach ihrer Hand zu urteilen.«

»Das arme Kind!« sagte Mrs. Bird mitleidig, wie das Weib langsam die großen dunklen Augen öffnete und sich bewußtlos umsah. Plötzlich zuckte ihr Gesicht von krampfhaftem Schmerz, und sie sprang auf und rief: »O mein Harry! Haben sie meinen Harry?«

Als der Knabe dies hörte, sprang er von Cudjoes Knie herunter, lief zu ihr hin und hielt seine Ärmchen empor. »Ach da ist er! Da ist er!« rief sie aus.

»O Ma’am!« sagte sie ganz verstört zu Mrs. Bird. »Schützen Sie uns! Leiden Sie nicht, daß sie ihn fangen!«

»Niemand soll Euch hier etwas zuleide tun, arme Frau«, sagte Mrs. Bird ermutigend. »Ihr seid sicher; fürchtet Euch nicht.«

»Gott segne Sie!« sagte die Frau, verhüllte ihr Gesicht und schluchzte, während der kleine Knabe, als er sie weinen sah, ihr auf den Schoß zu klettern versuchte.

Mit mancherlei sanften und weiblichen Diensten, welche niemand besser zu leisten wußte, als Mrs. Bird, wurde die arme Frau allmählich in eine ruhigere Stimmung gebracht. Man bereitete ihr ein Lager vor dem Feuer, und nach kurzer Zeit war sie mit dem Kinde, das nicht weniger müde als sie selbst zu sein schien, in einen tiefen Schlummer versunken. Auch das Kind schlief fest in ihren Armen, denn die Mutter widerstand mit aufgeregter Unruhe auch den freundlichsten Versuchen, es ihr abzunehmen, und selbst noch im Schlafe hielt sie es fest, als ob selbst dann noch ihre Wachsamkeit hintergangen werden könnte.

Mr. und Mrs. Bird waren in das Wohnzimmer zurückgekehrt, wo, so seltsam es auch erscheinen mag, von keiner Seite auf das frühere Gespräch angespielt wurde, sondern Mrs. Bird sich mit ihrer Strickerei beschäftigte, und Mr. Bird tat, als lese er die Zeitung.

»Ich möchte wissen, wer und was sie ist«, sagte Mr. Bird endlich, als er das Blatt hinlegte.

»Wenn sie wieder aufwacht und sich etwas erholt hat, werden wir ja sehen«, erwiderte Mrs. Bird.

»Ich sage, Frau!« sagte Mr. Bird, nachdem er eine Weile schweigend über seiner Zeitung dagesessen hatte.

»Nun, mein Lieber.«

»Was meinst du, würde ihr nicht eins von deinen Kleidern passen, wenn du es herunterläßt, oder so was? Sie scheint mir etwas größer als du zu sein.«

Ein sehr bemerkbares Lächeln glitt über Mrs. Birds Gesicht, als sie antwortete: »Wir werden ja sehen.«

Eine neue Pause, und Mr. Bird äußerte sich abermals: »Höre mal, Frau!«

»Nun, was wünschest du?«

»Wir haben da den alten Mantel, den du aufgehoben hast, um mich während des Mittagsschläfchens damit zuzudecken; du könntest ihr auch den geben – sie braucht Kleider.«

In diesem Augenblick steckte Dinah den Kopf zur Tür herein und meldete, daß die Frau wach sei und Missis zu sehen wünsche.

Mr. und Mrs. Bird gingen in die Küche, begleitet von den beiden ältesten Knaben, denn die Kleinen waren schon glücklich zu Bett gebracht.

Die Frau saß jetzt aufrecht vor dem Feuer. Sie blickte mit ruhigem, resigniertem Gesicht, von dem die früher leidenschaftliche Aufregung verschwunden war, fest in die Flamme.

»Wünscht Ihr etwas von mir«, sagte Mrs. Bird in sanftem Tone. »Ich hoffe, Ihr befindet Euch jetzt besser, arme Frau!«

Ein langer, zitternder Seufzer war die einzige Antwort; aber sie erhob ihre dunklen Augen und heftete dieselben mit einem so verzweiflungsvollen und flehenden Ausdruck auf die kleine Frau, daß dieser die Tränen in die Augen traten.

»Ihr braucht Euch hier nicht zu fürchten; wir sind lauter Freunde hier, arme Frau! Woher kommt Ihr und was wollt Ihr hier?« sagte sie.

»Ich komme von Kentucky herüber«, sagte die Frau.

»Wann?« sagte Mr. Bird, der jetzt das Verhör übernahm.

»Diesen Abend.«

»Wie kamt Ihr herüber?«

»Über das Eis.«

»Über das Eis?« riefen alle Anwesenden.

»Ja«, sagte die Frau langsam, »über das Eis. Gott half mir; und ich kam herüber; denn sie waren hinter mir – dicht hinter mir – und es war kein anderer Weg der Rettung!«

»Ach Gott, Missis«, sagte Cudjoe, »das Eis ist in lauter Schollen zerspalten und schwankt und schaukelt im Wasser auf und nieder!«

»Ich wußte es – ich wußte es!« sagte sie verstört. »Aber ich tat es! Ich hätte nicht gedacht, daß ich’s könnte – ich glaubte nicht, daß ich hinüberkommen würde, aber es war gleichgültig! Ich konnte nur sterben, wenn ich es nicht tat. Der Herr half mir; niemand weiß, wie sehr der Herr helfen kann, bis man es versucht«, sagte die Frau mit flammendem Auge.

»Wart Ihr eine Sklavin?« sagte Mr. Bird.

»Ja, Sir; ich gehörte einem Manne in Kentucky.«

»War er hart gegen Euch?«

»Nein, er war ein guter Herr.«

»Oder war Eure Herrin hart gegen Euch?«

»Ach nein, Sir – nein! Meine Herrin hat mich immer gut behandelt.«

»Was konnte Euch dann bewegen, eine gute Herrschaft zu verlassen und fortzulaufen und Euch solchen Gefahren auszusetzen?«

Die Frau sah Mrs. Bird mit einem gespannten prüfenden Blick an, und es entging ihr nicht, daß sie in tiefe Trauer gekleidet war.

»Ma’am«, sagte sie plötzlich, »haben Sie jemals ein Kind verloren?«

Die Frage kam unerwartet und berührte eine noch frische Wunde; denn erst vor einem Monat hatte die Familie eines ihrer Lieblingskinder in das Grab gelegt.

Mr. Bird wendete sich weg und ging ans Fenster, und Mrs. Bird brach in Tränen aus; aber sie gewann bald ihre Stimme wieder und sprach:

»Warum fragt Ihr mich? Ich habe ein Kleines verloren.«

»Dann werden Sie für mich fühlen. Ich habe zwei verloren – eins nach dem andern – habe ihr Grab dort zurückgelassen, wo ich herkomme, und nur das eine ist mir geblieben. Ich habe keine Nacht ohne den Knaben geschlafen, er war mein alles. Er war mein Trost und mein Stolz bei Tag und bei Nacht, und Ma’am, sie wollten mir ihn nehmen – wollten ihn verkaufen – wollten ihn verkaufen unten nach dem Süden und ihn ganz allein hinschicken – ein kleines schwaches Kind, das sein ganzes Leben lang noch nicht von seiner Mutter getrennt gewesen ist! Ich konnte das nicht ertragen, Ma’am. Ich wußte, ich würde zu nichts mehr taugen, wenn ich es geschehen ließ; und als ich erfuhr, daß die Papiere unterzeichnet und er verkauft war, entfloh ich mit ihm in der Nacht, und sie verfolgten mich – der Mann, der ihn gekauft hatte, und ein paar Leute von Master, und sie waren dicht hinter mir, und ich hörte sie. Da sprang ich hinüber aufs Eis, und wie ich über den Fluß kam, weiß ich nicht, aber das erste, was ich sah, war ein Mann, der mir das Ufer hinaufhalf.«

Die Frau schluchzte nicht und weinte nicht. Sie war in einer Stimmung, wo Tränen nicht mehr fließen; – aber alles um sie herum zeigte in irgendeiner charakteristischen Weise Zeichen herzlicher Teilnahme.

»Wie kamt Ihr dazu, mir zu sagen, Ihr hättet einen guten Herrn gehabt?« fragte Mr. Bird und überwand sehr entschlossen ein fatales Zusammenschnüren in der Kehle, während er sich rasch nach der Frau umwandte.

»Weil er wirklich ein guter Herr war – das werde ich stets von ihm sagen, und meine Herrin war gut, aber sie konnten sich nicht helfen. Sie waren Geld schuldig, und sie hatten sich einem Manne in die Hand gegeben, ich weiß nicht wie, und mußten nach seinem Willen tun. Ich horchte und hörte, wie er Missis das sagte und wie sie für mich bat und flehte, und er sagte ihr, er könne sich nicht anders helfen und die Papiere wären alle unterzeichnet, und dann nahm ich meinen Knaben und entfloh. Ich wußte, es war umsonst, daß ich zu leben versuchte, wenn sie mir ihn nahmen, denn dies Kind ist mein alles und einziges auf der Welt.«

»Habt Ihr einen Mann?«

»Ja, aber er gehört einem andern. Sein Herr ist hart gegen ihn und läßt ihn nur sehr selten zu mir gehen, und er wird mit jedem Tage hartherziger und droht, ihn nach dem Süden hinunter zu verkaufen. Wahrscheinlich werde ich ihn nie wiedersehen!«

»Und wohin wollt Ihr nun, arme Frau?« sagte Mrs. Bird.

»Nach Kanada, wenn ich nur wüßte, wo es wäre. Es ist sehr weit, nicht wahr?« sagte sie und blickte Mrs. Bird mit einer einfachen vertrauenden Miene ins Gesicht.

»Armes Weib!« sagte Mrs. Bird unwillkürlich.

»Es ist sehr weit, nicht wahr?« sagte die Frau dringend.

»Viel weiter, als Ihr denkt!« sagte Mrs. Bird. »Aber wir wollen sehen, was wir für Euch tun können. Dinah, mache ihr ein Bett in deinem Zimmer dicht bei der Küche zurecht, und ich will morgen früh sehen, was ich für sie tun kann. Unterdessen macht Euch keine Sorge, gute Frau. Vertraut auf Gott, er wird Euch nicht verlassen.«

Mrs. Bird und ihr Gatte kehrten wieder in die Wohnstube zurück. Sie setzte sich auf ihren kleinen Schaukelstuhl vor das Feuer und wiegte sich gedankenvoll hin und her. Mr. Bird ging im Zimmer auf und ab und brummte vor sich hin: »Hm! Hm! Verwünscht dumme Geschichte!« Endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte:

»Hör mal, Frau, sie muß noch heute nacht fort. Der Kerl wird morgen ganz früh auf ihrer Spur sein, das kannst du glauben. Wenn’s nur die Frau wäre, die könnten wir hier versteckt halten, bis der Lärm vorbei wäre, aber der kleine Kerl läßt sich nicht von einem Regiment in Ruhe erhalten, dafür will ich stehen; der steckt sicher einmal den Kopf zu einem Fenster oder einer Tür hinaus und verrät alles. Und eine schöne Geschichte wär’s für mich, wenn sie jetzt gerade die beiden Leute hier fänden! Nein, sie müssen noch heute nacht fort.«

»Heute nacht? Wie ist das möglich? – Wohin?«

»Nun, ich weiß so ziemlich wohin«, sagte der Senator, der jetzt mit nachdenklicher Miene die Stiefel anzuziehen anfing. Plötzlich, als er halb drin war, hielt er wieder inne, umschlang das Knie mit beiden Händen und schien in tiefes Sinnen verloren.

»Es ist eine verwünscht dumme und garstige Geschichte«, sagte er endlich und fing wieder an, an den Stiefelstrippen zu ziehen, »und das ist ein Faktum!« Nachdem ein Stiefel angezogen war, blieb der Senator mit dem andern in der Hand sitzen, in Betrachtung der Arabesken des Teppichs verloren. »Es muß aber doch geschehen, soviel ich sehen kann – hol’s der Henker!« Und er zog rasch den andern Stiefel an und sah zum Fenster hinaus.

Die kleine Mrs. Bird war eine diskrete Frau – eine Frau, die nie in ihrem Leben sagte: »Habe ich dir’s nicht gleich gesagt!« Und so hütete sie sich wohl bei der gegenwärtigen Gelegenheit, obgleich sie ziemlich gut wußte, welche Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, ihn im mindesten in seinem Sinnen zu stören, sondern blieb ganz ruhig auf ihrem Stuhl sitzen, allem Anschein nach stets bereit, ihres Gebieters Absichten zu hören, wenn er für gut finden sollte, sie ihr mitzuteilen.

»Du mußt wissen, Frau«, sagte er, »mein alter Klient van Trompe ist von Kentucky herübergezogen und hat alle seine Sklaven freigegeben; und er hat sich sieben Meilen den Creek hinauf hinten im Walde eine Farm gekauft, wo niemand hinkommt, wenn er es nicht vorsätzlich tut, und ’s ist ein Ort, den man nicht so bald findet. Dort würde sie sicher genug sein; aber das Dumme bei der Geschichte ist, daß niemand in einer solchen Nacht dorthin fahren kann als ich.«

»Warum nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Kutscher.«

»Ja, wohl, aber die Sache ist die: Man muß zweimal über den Creek; und die zweite Furt ist sehr gefährlich, wenn man sie nicht so genau kennt, wie ich sie kenne. Ich habe den Weg wohl hundertmal zu Pferde gemacht und kenne jede Stelle davon. Du siehst also, es hilft nichts. Cudjoe muß so geräuschlos als möglich gegen zwölf Uhr anspannen, und ich fahre sie hinüber; und dann, um der Sache einen Anstrich zu geben, muß er mich nach der nächsten Schenke fahren, um die Landkutsche nach Columbus, die zwischen drei und vier dort vorbeikommt, abzuwarten, und so sieht es aus, als ob ich bloß deshalb hätte anspannen lassen. So bin ich denn wieder mit frühem Morgen in der besten Arbeit. Aber ich glaube, ich werde mir etwas kurios vorkommen, nach allem, was gesprochen und getan worden ist; aber hol’s der Henker, ich kann nicht anders!«

»Dein Herz ist in dieser Sache besser als dein Kopf, John«, sagte seine Frau und legte ihre kleine weiße Hand auf die seinige. »Hätte ich dich jemals liebhaben können, wenn ich dich nicht besser gekannt hätte, als du dich selbst kennst!« Und die kleine Frau sah so hübsch aus mit ihren tränenglänzenden Augen, daß der Senator glaubte, er müsse ein ganz entsetzlich gescheiter Kerl sein, daß ein so hübsches Wesen eine so leidenschaftliche Liebe zu ihm fassen konnte; und was konnte er nun anders tun, als hübsch artig nach dem Wagen zu sehen? Er blieb jedoch in der Tür einen Augenblick stehen, kehrte dann wieder um und sagte nach einigem Zögern:

»Mary, ich weiß nicht, was du davon denkst, aber wir haben noch einen Kasten voll von Sachen – von – von – dem armen guten Henry.« Mit diesen Worten drehte er sich rasch um und machte die Tür hinter sich zu.

Seine Frau öffnete die kleine Schlafzimmertür neben ihrer Stube und setzte das Licht auf ein dort stehendes Bord, dann nahm sie aus einer Ecke einen Schlüssel und steckte ihn gedankenvoll in das Schloß eines Kastens, bis zwei Knaben, die nach Kinderart ihr dicht auf dem Fuße gefolgt waren, stumm und bedeutsame Blicke auf ihre Mutter werfend, zusahen.

Mrs. Bird zog langsam den Kasten auf. Es lagen darin Kinderkutten von allerlei Schnitt und Muster, Haufen Schürzen und Reihen von Strümpfchen; und selbst ein paar kleine Schuhe, vorn an den Zehen abgenutzt und abgestoßen, guckten aus einem Papier heraus. Dann ein Pferd und ein Wagen, ein Kreisel, ein Ball – Erinnerungszeichen, die mit mancher Träne und manchem herzzerbrechenden Seufzer gesammelt waren! Sie setzte sich vor dem Kasten nieder, legte den Kopf in die Hände und weinte, bis die Tränen durch ihre Finger in den Kasten fielen; dann erhob sie das Haupt und begann mit unruhiger Hast die einfachsten und haltbarsten Sachen herauszusuchen und sie in ein Bündel zusammenzupacken.

»Mama«, sagte einer der Knaben und berührte sanft ihren Arm, »willst du diese Sachen weggeben?«

»Liebe Kinder«, sagte sie sanft und ernst, »wenn unser guter, lieber, kleiner Henry auf uns vom Himmel herabsieht, so wird er sich freuen, uns das tun zu sehen. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, sie einer gewöhnlichen Person zu schenken – jemandem, der nicht unglücklich ist; aber ich gebe sie einer Mutter, die größeren Kummer und bittreres Leid zu tragen hat als ich, und ich hoffe, Gott wird seinen Segen mit ihnen geben.«

Nach einer Weile schließt Mrs. Bird einen Kleiderschrank auf, holt ein oder zwei einfache brauchbare Kleider, setzt sich an ihr Arbeitstischchen und fängt rührig und still mit Nadel und Schere und Fingerhut das von ihrem Gatten empfohlene Herauslassen an, und fährt damit geschäftig fort, bis die alte Uhr in der Ecke zwölf schlägt und sie draußen vor der Tür das dumpfe Rollen von Rädern hört.

»Mary«, sagte ihr Mann, der jetzt mit dem Überrock in der Hand ins Zimmer trat, »wir müssen sie jetzt wecken; wir müssen fort.«

Mrs. Bird warf die verschiedenen ausgesuchten Sachen in einen kleinen, einfachen Koffer und schloß ihn zu, bat ihren Mann, ihn nach dem Wagen bringen zu lassen, und ging dann fort, um die Frau zu rufen. Angetan mit einem Mantel, einem Hut und einem Tuch, die ihrer Wohltäterin gehört hatten, erscheint die Frau mit dem Kinde auf dem Arme bald in der Tür. Mr. Bird schiebt sie rasch in den Wagen und Mrs. Bird begleitet sie bis an die Wagentür. Elisa lehnt sich zum Fenster heraus und reicht ihr die Hand, eine Hand so weich und schön wie die der weißen Dame. Sie heftet ihre großen dunklen Augen voll ernster Bedeutung auf Mrs. Birds Gesicht und scheint sprechen zu wollen. Ihre Lippen bewegen sich, sie versucht es ein oder zweimal, aber kein Laut wird hörbar, und mit einem nie zu vergessenden Blick gen Himmel deutend, sinkt sie auf ihren Sitz zurück und verhüllt sich das Gesicht mit den Händen. Die Tür wird zugemacht, und der Wagen fährt fort.

Was ist das für eine Lage für einen patriotischen Senator, der die ganze vorige Woche die Legislatur seines heimatlichen Staates angetrieben hat, strengere Beschlüsse gegen flüchtige Sklaven und ihre Helfer zu erlassen!

Er hatte nie daran gedacht, daß ein flüchtiger Sklave eine unglückliche Mutter sein könnte oder ein schutzloses Kind, wie dasjenige, welches jetzt seines unvergessenen Knaben kleine wohlbekannte Mütze trug; und so war unser armer Senator, da er weder von Stein noch von Eisen war, sondern ein Mensch, und zwar ein ehrlicher mit reinem, edlem Herzen, in einer traurigen Lage für seinen Patriotismus.

Wenn unser Senator ein politischer Sünder war, so war er ganz auf dem Wege, dafür eine Nacht Buße zu tun. Es war ziemlich lange regnerisches Wetter gewesen, und der weiche fruchtbare Boden von Ohio eignet sich bekanntlich ganz besonders zur Erzeugung von Schlamm, und der Weg war ein Ohio-Railweg aus der guten alten Zeit.

Und was mag das wohl für eine Art Weg sein? fragt ein Reisender aus dem Osten, der bei dem Railweg nur an einen echten mit eisernen Schienen denkt.

Wisse denn, unschuldiger Freund aus dem Osten, daß man in den umnachteten Regionen des Westens, wo der Kot von unergründlicher und erhabener Tiefe ist, Wege aus runden, unbehauenen Baumstämmen macht, die man nebeneinander quer über die Straße legt und mit Erde, Rasen oder was sonst bei der Hand ist, überzieht. Dieses nennt dann der Eingeborene frohlockend eine Straße, und versucht sofort, darauf zu fahren. Im Verlauf der Zeit spült der Regen Rasen und Erde weg, schiebt die Stämme hierhin und dorthin in malerische Lagen hinunter, herauf und querüber und läßt verschiedene Löcher und Abgründe von schwarzem Schlamm dazwischen erscheinen.

Auf einem solchen Wege fuhr unser Senator dahin, so sehr mit moralischen Bedenken beschäftigt, wie es die Umstände nur erlauben wollten, denn der Wagen fuhr etwa auf folgende Weise: Bumm! Bumm! Bumm! Platsch! Tief unten im Schlamm! Und der Senator, die Frau und das Kind verlieren ihre Plätze so plötzlich, daß sie in keiner sehr ordentlichen Lage sich plötzlich an den Fenstern der tieferliegenden Seite wiederfinden. Der Wagen sitzt fest, während man Cudjoe draußen unter den Pferden schimpfen hört. Nach mannigfachem, vergeblichem Ziehen und Zerren, gerade als der Senator alle Geduld verliert, kommt der Wagen unerwartet mit einem gewaltigen Rucke heraus, aber die beiden Vorderräder fahren in einen andern Abgrund hinunter, und Senator, Frau und Kind purzeln alle in einem Haufen auf den Vordersitz; der Stoß drückt dem Senator den Hut ganz ohne Umstände bis über die Augen und Nase herunter; das Kind schreit, und Cudjoe hält draußen auf dem Bock den Pferden, welche unter wiederholten Peitschenhieben ausschlagen und sich wälzen und anziehen, lebhafte Reden. Der Wagen kommt abermals mit einem Sprunge heraus – nun fahren die hinteren Räder hinunter – Senator, Frau und Kind fliegen auf den Rücksitz hinüber, wobei seine Ellenbogen mit ihrem Hut zusammenstoßen und ihre Füße sich in seinen Hut stemmen, der durch den Zusammenstoß herunterfliegt. Nach einigen Augenblicken ist der Morast überwunden, und die Pferde machen keuchend halt; der Senator findet seinen Hut wieder, die Frau rückt den ihrigen zurecht und beruhigt das Kind, und alle sammeln Fassung für das noch zu Erwartende.

Eine Weile lang wird das beständige: Bumm! Bumm! nur der Abwechslung wegen von verschiedenen einseitigen Versenkungen und Erschütterungen unterbrochen, und sie fangen schon an, sich zu schmeicheln, daß es ihnen gar nicht so sehr schlimm geht. Aber zuletzt bleibt der Wagen mit einem senkrechten Sturz, der alle mit einer unglaublichen Schnelligkeit erst auf die Beine und dann wieder in ihre Sitze zurückbringt, stehen, und nach großem Lärm draußen erscheint Cudjoe an der Tür.

»’s ist eine schrecklich böse Stelle hier, Sir. Ich weiß nicht, wie wir herauskommen sollen. Ich glaube, wir müssen hier Rails holen.«

In seiner Verzweiflung steigt der Senator aus dem Wagen und sucht zimperlich nach einem Fleck, wo er sicher auftreten kann. Plötzlich rutscht der eine Fuß in eine unermeßliche Tiefe hinunter, er versucht ihn herauszuziehen, verliert das Gleichgewicht, purzelt in den Schlamm hinein und wird in einem sehr verzweifelten Zustand von Cudjoe wieder herausgefischt.

Es war schon sehr spät nachts, als der Wagen naß und kotbespritzt aus dem Creek herauskam und an der Tür eines großen Farmhauses hielt. Es kostete keine geringe Mühe, die Inwohner zu erwecken; aber endlich erschien der Besitzer und öffnete die Tür. Es war ein großer, langer, struppiger Bursche, sechs Fuß und einige Zoll lang, und angetan mit einem roten flanellenen Jagdhemd. Ein sehr dichter Pelz von sandgelbem Haar in ganz entschiedener Verwirrung, und ein Bart von einigen Tagen verlieh dem würdigen Manne ein Aussehen, das mindestens gesagt, nicht besonders einnehmend war. Er stand ein paar Minuten lang da und hielt das Licht in die Höhe und blinzelte unsere Reisenden mit einer unglücklichen und verwirrten Miene an, die wahrhaft lächerlich war. Es kostete unseren Senator einige Mühe, ihm die vorliegende Sache recht begreiflich zu machen.

Der alte ehrliche John van Trompe war früher ein beträchtlicher Land- und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky gewesen. Da er vom Bären nichts als das Fell hatte und von Natur mit einem großen, ehrlichen, gerechten Herzen, seinem riesigen Körper ganz angemessen, beschenkt war, so hatte er schon seit einigen Jahren mit unterdrückter Besorgnis die praktische Anwendung eines Systems gesehen, das für den Bedrücker und den Bedrückten gleich schlecht ist. Endlich schwoll eines Tages Johns großes Herz zu sehr an, um seine Fesseln länger tragen zu können; so nahm er denn seine Brieftasche aus dem Pulte und ging hinüber nach Ohio und kaufte eine schöne Strecke fruchtbares Land, stellte allen seinen Leuten, jung und alt, Mann und Weib, Freibriefe aus, packte sie auf Wagen und schickte sie fort, um sich drüben niederzulassen; und dann wendete sich der ehrliche John den Creek aufwärts und zog sich auf eine hübsche entlegene Farm zurück, um sich seines Gewissens und seiner Gedanken zu erfreuen.

»Seid Ihr der Mann dazu, eine arme Frau und ein Kind vor den Sklavenfängern zu verbergen?« fragte der Senator ohne weitere Umstände.

»Das sollte ich wohl meinen«, sagte der ehrliche John mit großem Nachdruck.

»Das dachte ich mir«, sagte der Senator.

»Wenn einer kommt«, sagte der gute Mann und richtete seine hohe, kräftige Gestalt in die Höhe, »so bin ich hier bereit für ihn; und ich habe sieben Söhne, jeder sechs Fuß hoch, und sie werden bereit für sie sein. Vermeldet ihnen unsern Gruß«, sagte John. »Sagt ihnen, daß es uns ganz gleich ist, wie bald sie kommen, ganz vollkommen gleich«, sagte John und fuhr mit der Hand durch den Haarpelz, der wie ein Dach über seine Stirn hing, und brach in ein lautes Lachen aus.

Erschöpft, todmüde und stumpf schleppte sich Elisa bis an die Tür und hatte in den Armen ihr in tiefem Schlummer liegendes Kind. Der rauhe Farmer hielt ihr das Licht ins Gesicht und öffnete mit einer Art mitleidigem Grunzen die Tür eines kleinen Schlafzimmers neben der großen Küche, wo sie sich jetzt befanden, und bedeutete sie mit der Hand hineinzugehen. Er holte eine Kerze herunter, zündete sie an, setzte sie auf den Tisch und sagte dann zu Elisa:

»Mein Mädel, du brauchst dich auch nicht ein bißchen mehr zu fürchten, mag kommen, wer da will. Ich bin auf all diese Sachen gefaßt«, sagte er und wies auf zwei oder drei gute Büchsen, die über dem Kamin hingen; »und die meisten Leute, die mich kennen, wissen, daß es nicht sehr gesund sein würde, etwas aus meinem Hause holen zu wollen, wenn ich’s nicht hinauslassen will. So leg dich denn hin zum Schlafen, so ruhig als ob deine Mutter dich wiegte«, sagte er und machte die Tür zu.

»Das ist ja ein gewaltig schönes Mädchen«, sagte er zum Senator. »Ja, ja, die Schönen haben manchmal die größte Ursache, fortzulaufen, wenn sie nur ein bißchen Gefühl als ehrliche Mädchen haben. Ich kenne das schon.«

Der Senator erzählte in wenigen Worten Elisas Geschichte.

»Hm! Ah! So! Hm, höre einer nur!« sagte der gute Mann mitleidig.

»Hm! Ah! Ah! Das ist Menschennatur, das arme Geschöpf! Niedergehetzt wie ein Stück Wild – niedergehetzt, weil sie natürliche Gefühle hatte und tat, was keine Mutter unterlassen konnte! Ich sage Euch, diese Sachen bringen mir von allen das Fluchen am nächsten«, sagte der ehrliche John, wie er sich mit dem Rücken seiner großen, sommersprossigen, gelben Hand die Augen wischte. »Ich will Euch was sagen, Fremder, ich bin lange Jahre nicht der Kirche beigetreten, weil die Geistlichen unten bei uns beständig predigten, daß die Bibel diese Geschichten rechtfertige; und ich konnte mit ihnen nicht fertig werden, mit ihrem Griechischen und Hebräischen, und ich setzte mich gegen sie und gegen die Bibel und alles. Ich trat der Kirche nicht eher bei, als bis ich einen Geistlichen fand, der es mit ihnen im Griechischen und alledem aufnehmen konnte und ganz das Gegenteil sagte: Und dann faßte ich mich kurz und schloß mich der Kirche an; – so war’s, faktum«, sagte John, der die ganze Zeit über eine Flasche sehr lebhaft schäumenden Apfelwein entkorkt hatte, den er jetzt präsentierte.

»Ihr tätet am besten, bis zum Morgen hierzubleiben«, sagte er herzlich. »Ich will meine Alte rufen und ein Bett soll für Euch fertig sein, ehe Ihr Euch umsehen könnt.«

»Ich danke Euch, guter Freund«, sagte der Senator, »ich muß fort, um die Nachtkutsche nach Columbus abzuwarten.«

»Nun, wenn Ihr fort müßt, will ich Euch ein Stück begleiten und Euch einen Richtweg zeigen, der besser ist als die Straße, die Ihr gefahren seid. Das ist ein verwünscht böser Weg.«

John zog sich an, und bald darauf sah man ihn mit einer Laterne in der Hand den Wagen des Senators nach einem Wege führen, der sich hinter seinem Hause in eine Tiefe senkte. Als sie schieden, drückte ihm der Senator eine Zehndollarnote in die Hand.

»Das ist für sie«, sagte er kurz.

»Ja, ja«, sagte John mit gleicher Wortkargheit.

Sie schüttelten sich die Hände und schieden voneinander.

9. Kapitel


Die Ware wird fortgeschafft

Der Februarmorgen blickte grau und regenhaft durch die Fenster von Onkel Toms Hütte herein. Er blickte auf niedergeschlagene Gesichter, die Bilder bekümmerter Herzen, herab. Der kleine Tisch stand vor dem Feuer mit einem Plättuch bedeckt; ein oder zwei Paar grobe aber reine Hemden frisch unter der Platte weg, hingen über der Stuhllehne vor dem Kamine, und Tante Chloe hatte ein zweites vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Sorgfältig plättete sie jede Falte und jeden Saum mit dem größten Fleiße und hob nur dann und wann ihre Hand an die Augen, um die Tränen abzuwischen, die ihr die Wangen herabliefen.

Tom saß daneben, das Neue Testament auf den Knien und den Kopf auf die Hand gestützt; aber keins von den beiden sprach. Es war noch früh, und die Kinder lagen noch alle nebeneinander auf ihrem kleinen Rollbett im Schlaf. Tom, der ganz das sanfte für Familienfreuden schlagende Herz hatte, welches, schlimm genug für dasselbe, dieses unglückliche Volk besonders auszeichnet, stand auf und trat schweigend vor das Bett der Kinder:

»Es ist das letzte Mal«, sagte er.

Tante Chloe antwortete nicht, sondern plättete nur in einem fort das grobe Hemd, das schon so glatt war, als es Menschenhände nur machen konnten; zuletzt aber ließ sie das Plätteisen mit einer verzweifelten Miene stehen, setzte sich an den Tisch und erhob ihre Stimme und weinte.

»Freilich sollten wir uns in unser Schicksal ergeben, aber, o Gott, wie kann ich das? Wenn ich nur wüßte, wohin du kämst, oder wie sie dich behandelten! Missis sagt, sie will sehen, daß sie dich in ein oder zwei Jahren wieder zurückkaufen kann; aber Gott, wer einmal dorthin geht, kommt nie wieder zurück! Sie machen sie tot dort! Ich habe erzählen hören, wie sie sie dort in ihren Plantagen zu Tode arbeiten.«

»Es ist derselbe Gott dort, wie hier, Chloe.«

»Nun ja, das mag wohl sein«, sagte Tante Chloe, »aber der Herr läßt manchmal schreckliche Dinge geschehen. Damit kann ich mich nicht trösten.«

»Ich bin in der Hand des Herrn«, sagte Tom; »nichts kann schlimmer werden, als er es zuläßt, und für eine Sache kann ich ihm immer noch danken, daß ich verkauft und hinuntergeschafft werde, und nicht du oder die Kinder. Hier seid ihr sicher; was geschieht, geschieht nur mir; und der Herr wird mir helfen – das weiß ich.«

O wackres, männliches Herz, das seinen eignen Schmerz erstickt, um die geliebten Seinigen zu trösten! Tom sprach mit schwerer Zunge und mit einem schmerzlichen Stocken in seiner Kehle – aber er sprach wacker und kräftig.

»Wir wollen an Gottes Gnade denken«, setzte er zitternd hinzu, als ob er vollkommen überzeugt sei, daß er daran wirklich recht sehr denken müsse.

»Gnade!« sagte Tante Chloe. »Ich sehe keine Gnade darin! Es ist nicht recht! Es ist nicht recht, daß es so ist! Master hätte es nie so weit kommen lassen sollen, daß du für seine Schulden könntest haften sollen. Du hast ihm schon zweimal mehr verdient, als er für dich kriegt. Er ist dir deine Freiheit schuldig, und hätte sie dir schon vor Jahren geben sollen. Kann sein, daß er sich jetzt nicht helfen kann; aber ich fühle, es ist unrecht. Das wird mir niemand aus dem Kopfe streiten. So getreu, wie du ihm gewesen bist, und hast immer sein Geschäft mehr als dein eignes am Herzen gehabt und mehr Rücksicht auf ihn genommen, als auf deine Frau und deine Kinder! Die, welche Herzensliebe und Herzensblut verkaufen, um ihre dummen Streiche wiedergutzumachen, wird der Herr strafen!«

»Chloe! Wenn du mich lieb hast, darfst du nicht so reden, heute, wo vielleicht der letzte Tag ist, wo wir beisammen sind! Und ich sage dir, Chloe, es geht mir zu Herzen, wenn ich ein Wort gegen Master höre. Hat ihn mir nicht seine Mutter als Wiegenkind in die Arme gelegt? – Es ist natürlich, daß ich viel auf ihn halte. Und es läßt sich von ihm nicht erwarten, daß er so viel auf den armen Tom hält. Master sind gewohnt, daß ihre Leute alles das für sie tun, und natürlich legen sie kein so großes Gewicht darauf. Es läßt sich nicht von ihnen erwarten, in keiner Weise. Vergleiche ihn mit andern Herren. – Wer hat eine solche Behandlung und solches Leben wie ich gehabt? Und er hätte es nie soweit mit mir kommen lassen, wenn er es hätte voraussehen können. Das weiß ich von ihm –«

»Na, mag sein, jedenfalls ist’s unrecht irgendwo«, sagte Tante Chloe, bei der ein hartnäckiges Gefühl für Recht ein hervorstechender Charakterzug war; »ich kann freilich nicht herausfinden, wo’s ist, aber Unrecht ist wo, das ist klar.«

»Du mußt hinauf zu dem Herrn sehen, er ist über uns allen – ohne ihn fällt kein Sperling vom Dache.«

»Das kommt mir nicht vor, als ob mich das tröstete, aber vielleicht die anderen«, sagte Tante Chloe. »Doch das Reden hilft nichts: Ich will nach dem Maiskuchen sehen und dir noch ein gutes Frühstück zurechtmachen, weil niemand weiß, ob du wieder einmal eins bekommst.«

Um die Leiden der nach dem Süden verkauften Neger würdigen zu können, muß man bedenken, daß die Gemütsseite bei diesem Volke besonders stark ausgebildet ist. Sie hängen mit großer Liebe an der einmal gewohnten Umgebung. Sie sind nicht von Natur kühn und unternehmend, sondern häuslich und liebevoll. Dazu muß man noch alle die Schrecken rechnen, mit welcher die Unwissenheit das Unbekannte ausstattet, und den Umstand, daß das Verkaufen nach dem Süden dem Neger von Kindheit an als die härteste Strafe dargestellt worden ist.

Das einfache Frühstück dampfte jetzt auf dem Tisch, denn Mrs. Shelby hatte für diesen Morgen Tante Chloe ihres Dienstes im großen Hause entbunden. Die Arme hatte ihre ganze Kraft an diesem Abschiedsmahl verschwendet, hatte ihr bestes Huhn geschlachtet und gebraten, den Maiskuchen mit gewissenhaftester Sorgfalt genau nach dem Geschmack ihres Gatten gebacken und aus gewissen geheimnisvollen Töpfen auf dem Kaminsims verschiedenes Eingemachte hervorgeholt, das nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten das Tageslicht erblickte.

»Ah Pete!« sagte Mose frohlockend. »Kriegen wir heut‘ nicht ein Prachtfrühstück!« und griff nach einem Stück von dem Huhne. Tante Chloe gab ihm eins unerwartet hinter die Ohren. »Da hast du! Schreit über das letzte Frühstück, das Vater zu Hause ißt!«

»O Chloe!« sagte Tom sanft.

»Ach ich kann nicht dafür«, sagte Tante Chloe und verhüllte das Gesicht mit der Schürze. »Ich habe das Herz so voll Sorge, daß ich ganz garstig bin.«

Die Knaben standen ganz ruhig da und sahen erst ihren Vater und dann ihre Mutter an, während das Kleinste sie an dem Kleide zerrte und nach ihr verlangend schrie.

»So!« sagte Tante Chloe, indem sie sich die Augen wischte und das Kleinste auf den Arm nahm. »Jetzt ist’s vorbei, hoffe ich – jetzt iß etwas. Das ist mein bestes Huhn. Da, Jungen, ihr sollt auch was haben, arme Kinder! Mutter ist garstig gegen euch gewesen.«

Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung und fielen mit großem Eifer über das Essen her.

»Nun muß ich deine Kleider einpacken«, sagte Tante Chloe, die nun nach dem Frühstück herumschäfterte. »’s ist im Grunde ganz umsonst, denn er nimmt sie doch weg. Ich kenne ihre Art – schmutzige Kerle sind’s! Hier in der Ecke liegen die Flanelljacken für den Rheumatismus, nimm sie in acht, denn es wird dir niemand mehr welche machen. Und hier sind die neuen Hemden und da die alten; die Strümpfe habe ich gestern abend angestrickt und den Knaul hineingesteckt, um sie zu flicken. Aber Gott! Wer soll sie dir flicken?« Und Tante Chloe legte abermals von Schmerz überwältigt den Kopf auf den Koffer und schluchzte laut. »Nur daran zu denken! Kein lebendiges Geschöpf, das für dich sorgt in Gesundheit und Krankheit. Ich glaube wahrhaftig nicht, daß ich es aushalten kann.«

Da die Knaben jetzt alles, was auf dem Tische stand, gegessen hatten, fingen sie nun auch an, der Sache einiges Nachdenken zu widmen, und da sie die Mutter weinen und den Vater ein sehr trauriges Gesicht machen sahen, so begannen sie auch zu flennen und mit der Hand die Augen zu wischen. Onkel Tom hatte das Kleinste auf dem Knie sitzen und ließ es im vollsten Genuß in seinem Gesicht herumkratzen und an seinen Haaren zerren – wobei es manchmal in lautes Jauchzen, offenbar von seinen eignen inwendigen Gedanken veranlaßt, ausbrach.

»Ja, lach nur zu, du armes Geschöpf!« sagte Tante Chloe. »Du wirst es auch noch erfahren! Du wirst es auch noch erleben, daß sie deinen Mann verkaufen oder vielleicht dich selber, und diese Jungen hier werden wahrscheinlich auch verkauft, glaube ich, wenn sie zu was gut werden; Nigger, die nichts haben, sind nichts nutz!«

Jetzt rief einer von den Knaben aus: »Da kommt Missis zu uns!«

»Sie kann uns nicht helfen, wozu kommt sie?« sagte Tante Chloe.

Mrs. Shelby trat ein. Tante Chloe setzte ihr mit einer entschiedenen mürrischen und herben Miene einen Stuhl hin. Sie schien weder den Stuhl noch den Blick zu bemerken. Sie sah blaß und angegriffen aus.

»Tom«, sagte sie, »ich komme, um –« und sie stockte plötzlich, sah die stumme Gruppe an, setzte sich auf den Stuhl, hielt das Taschentuch vor’s Gesicht und fing an zu schluchzen.

»Ach Gott, Missis, nur das nicht!« sagte Tante Chloe, die nun auch losbrach, und ein paar Augenblicke lang weinten alle in Gesellschaft, und in diesen Tränen, welche alle, die Hohen und die Niedrigen zusammen vergossen, floß das Herzeleid und der Zorn der Bedrückten hinweg.

»Guter Tom«, sagte Mrs. Shelby, »ich kann dir nichts geben, was dir von Nutzen sein könnte. Wenn ich dir Geld geben wollte, würde man dir es nur wegnehmen. Aber ich versichere dir auf das feierlichste und rufe Gott zum Zeugen an, daß ich stets deine Spur verfolgen und dich zurückkaufen werde, sowie ich das Geld habe; bis dahin vertraue auf Gott!«

Hier riefen die Knaben, daß Master Haley komme, und bald darauf stieß jemand mit dem Fuß ohne Umstände die Tür auf. Haley trat in sehr übler Laune herein; denn er hatte den Abend vorher einen sehr angestrengten Ritt gemacht, und der schlechte Erfolg seiner Jagd hatte ihn nicht heiterer gestimmt.

»Nun, Nigger, bist du fertig?« sagte er. »Ihr Diener, Ma’am!« setzte er hinzu und nahm den Hut ab, als er Mrs. Shelby erblickte.

Tante Chloe schloß und schnürte den Koffer zu und stand dann auf und sah den Sklavenhändler grimmig an, und ihre Tränen schienen sich plötzlich in feurige Funken verwandelt zu haben.

Tom stand gehorsam auf, um seinem neuen Herrn zu folgen, und hob den schweren Koffer auf die Schulter. Seine Frau nahm das Kleinste auf den Arm, um ihn bis an den Wagen zu begleiten, und die anderen Kinder folgten immer noch weinend hinten nach.

Mrs. Shelby hielt den Sklavenhändler noch ein paar Augenblicke zurück und sprach mit ihm angelegentlich; und während sie mit ihm redete, ging die ganze Familie nach dem Wagen, der angespannt vor der Tür stand. Alle Sklaven des Gutes, jung und alt, standen in einem dichten Haufen ringsherum, um von ihrem alten Kameraden Abschied zu nehmen. Alle hatten zu Tom sowohl als ersten Diener, wie als christlichem Lehrer emporgeblickt, und sie legten viel ehrliche Teilnahme und Betrübnis an den Tag, vorzüglich die Frauen.

»Nun, Chloe, du trägst es besser als wir«, sagte eine von den Frauen, die reichlich geweint hatte, als sie die düstere Ruhe sah, mit der Chloe an dem Wagen stand.

»Mit meinen Tränen ist’s vorbei«, sagte sie und warf einen ingrimmigen Blick auf den Sklavenhändler, der jetzt herankam. »Ich mag nicht vor diesem alten Teufelsbraten weinen, gewiß nicht!«

»Steige ein!« sagte Haley zu Tom, als er durch die versammelten Sklaven hindurchschritt, die ihn mit finsteren Blicken ansahen.

Tom stieg ein, und Haley zog nun unter dem Wagensitz ein paar schwere Fesseln hervor und befestigte eine derselben an jeden Knöchel.

Ein erstickter Ausruf der Entrüstung lief durch den ganzen Kreis, und Mrs. Shelby rief von der Veranda herüber: »Mr. Haley, ich versichere Ihnen, daß diese Vorsichtsmaßregel ganz unnötig ist.«

»Weiß nicht, Ma’am; ich habe einmal fünfhundert Dollar hier verloren, und mich weiteren Gefahren auszusetzen, erlauben mir meine Mittel nicht.«

»Wie konnte man es anders von ihm erwarten«, sagte Tante Chloe entrüstet; während die beiden Knaben, die jetzt erst ihres Vaters Bestimmung zu begreifen schienen, sich an ihren Rock klammerten und laut schluchzten und weinten.

»Es tut mir leid«, sagte Tom, »daß Master George gerade nicht da ist.« George war auf zwei oder drei Tage nach einem benachbarten Gut auf Besuch gegangen, und da er sehr zeitig früh, ehe Toms Mißgeschick bekannt gewesen, weggeritten war, so war er in gänzlicher Unkenntnis von demselben geblieben.

»Grüßt Master George von mir«, sagte er im dringlichsten Tone.

Haley peitschte auf das Pferd, und mit einem festen, trauervollen Blicke, der noch bis zuletzt an den lieben bekannten Dingen haftete, fuhr Tom in die Fremde.

Mr. Shelby war nicht zu Hause geblieben. Er hatte Tom unter dem Zwang dringender Not verkauft, um sich aus der Gewalt eines von ihm gefürchteten Mannes zu erlösen, und sein erstes Gefühl nach Abschluß des Kaufs war das der Erleichterung gewesen. Aber die Vorstellungen seiner Frau weckten die halb schlummernde Reue in ihm, und Toms uneigennützige Hingebung machte seine Gefühle nur noch unangenehmer. Vergebens sagte er zu sich selbst, daß er ein Recht dazu habe, daß es jedermann tue, und daß es manche täten, ohne die Entschuldigung zu haben, von der Not dazu gezwungen zu sein; er konnte sich damit nicht beruhigen; um nicht Zeuge der unangenehmen Szenen beim Vollzug des Kaufes zu sein, hatte er eine kleine Geschäftsreise angetreten und hoffte, alles werde vorbei sein, wenn er zurückkehrte.

Tom und Haley rollten auf der staubigen Straße dahin, und alle die alten vertrauten Plätze flogen an ihm vorüber, bis sie die Grenzen der Besitzung hinter sich hatten und sich auf der freien Landstraße befanden. Als sie eine Meile gefahren waren, machte Haley plötzlich vor einer Schmiede halt, nahm ein paar Handschellen heraus und trat damit in die Schmiede, um sie ändern zu lassen.

»Sie sind ein bißchen zu klein für ihn«, sagte Haley, indem er die Fesseln dem Schmied zeigte und auf Tom wies.

»Was, ist das nicht Shelbys Tom? Er hat ihn doch nicht verkauft?« sagte der Schmied.

»Ja, er hat ihn verkauft«, sagte Haley.

»Na, das ist doch kaum zu glauben!« sagte der Schmied. »Hm, hm! Wer hätte das denken sollen! Na, den brauchen Sie nicht so zu fesseln. Er ist der treuste, beste Bursche –«

»Ja, ja«, sagte Haley, »aber die guten Burschen sind eben die, die immer fortlaufen wollen. Die Dummen, denen es gleich ist, wohin sie kommen, und die Liederlichen und Trunkenbolde, denen alles gleich ist, die bleiben, und es gefällt ihnen eher, daß mit ihnen hin und her gehandelt wird; aber diese Nigger erster Klasse hassen es wie die Sünde. Die muß man schließen – sie haben Beine – und werden sie gebrauchen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Freilich, die Plantagen unten, Fremder, sind gerade nicht der Fleck, wo ein Kentuckynigger gern hingeht«, sagte der Schmied, während er unter seinen Instrumenten suchte, »sie sterben dort ziemlich rasch weg, nicht wahr?«

»Jawohl, sie sterben ziemlich rasch dort, teils durch’s Klima und teils durch das und jenes sterben sie rasch hin, so daß der Handel immer ziemlich lebhaft geht«, sagte Haley.

»’s ist wirklich schade, daß so ein hübscher, stiller, tüchtiger Bursche, wie der Tom ist, in diesen Zuckerplantagen zugrunde gerichtet werden soll.«

»Na, er hat gute Aussichten. Ich habe versprochen, ihn gut zu behandeln. Ich bringe ihn als Hausdiener in eine gute alte Familie, und wenn er dann erst sich an das Fieber und das Klima gewöhnt hat, so hat er eine Stelle, wie sie nur ein Nigger beanspruchen kann.«

»Er läßt hier Frau und Kinder zurück, glaube ich.«

»Jawohl, aber dort kriegt er eine andere. Gott, Weiber gibt’s genug überall«, sagte Haley.

Tom saß während dieses Gesprächs sehr bekümmert draußen vor der Schmiede. Plötzlich hörte er raschen Hufschlag hinter sich, und ehe er sich vollständig von seinem Erstaunen erholen konnte, sprang der junge Master George in den Wagen, fiel ihm stürmisch um den Hals und schluchzte und schimpfte mit großer Energie.

»’s ist eine Gemeinheit, sage ich! ’s ist mir ganz gleich, was alle die andern dazu sagen! ’s ist eine schmutzige, niedrige Gemeinheit! Wenn ich ein Mann wäre, sollten sie es nicht tun – sie sollten’s nicht tun, nein!« sagte George, mit halb unterdrücktem Geheul.

»Oh, Master George! Das tut meinem Herzen gut!« sagte Tom. »Ich hätte es nicht aushalten können, fortzugehen, ohne von Ihnen Abschied zu nehmen! Es tut meinem Herzen wirklich gut! Ich kann gar nicht sagen, wie!« Hier machte Tom eine Bewegung mit den Füßen, und Georges Augen fielen auf die Fesseln.

»Wie schändlich!« rief er aus und erhob die Hände. »Ich schlage diesen Kerl zu Boden – wahrhaftig!«

»Das tun Sie nicht, Master George; und Sie dürfen nicht so laut sprechen, ’s ist nicht gut für mich, wenn Sie ihn ärgern.«

»Nun so will ich’s nicht tun, deinetwegen, aber nur daran zu denken – ist’s nicht eine Schande? Sie haben nicht nach mir geschickt und mir auch nichts sagen lassen, und wäre Tom Lincoln nicht gewesen, so hätte ich gar nichts davon gehört. Ich sage dir, ich habe sie zu Hause schon ausgeschimpft, alle ohne Ausnahme!«

»Das, fürchte ich, war nicht recht, Master George.«

»Ich kann nicht dafür! Ich sage, es ist eine Schande! Sieh her, Onkel Tom«, sagte er, indem er der Schmiede den Rücken zukehrte und in geheimnisvollem Tone sprach, »ich habe dir meinen Dollar mitgebracht!«

»O! Ich könnte es nicht über das Herz bringen, ihn zu nehmen, Master George, um alles in der Welt nicht«, sagte Tom ganz gerührt.

»Aber du mußt ihn nehmen!« sagte George. »Sieh her, ich sagte es Tante Chloe, und sie gab mir den Rat, ein Loch hineinzumachen und einen Faden durchzuziehen, so daß du ihn um den Hals hängen und verstecken kannst, sonst würde ihn dir der gemeine Bursche wegnehmen. Ich sage dir, Tom, ich muß ihn ausschelten! Das würde meinem Herzen eine Güte tun!«

»Nein, Master George, tun Sie es nicht, denn es würde nicht gut für mich sein.«

»Nun deinetwegen will ich’s unterlassen«, sagte George, indem er geschäftig Tom den Dollar um den Hals band, »aber jetzt knöpfe deinen Rock fest darüber zu und behalte ihn, und denke stets, wenn du ihn ansiehst, daran, daß ich dereinst zu dir kommen und dich zurückbringen werde. Tante Chloe und ich haben es zusammen besprochen. Ich sagte ihr, sie sollte sich nicht bange werden lassen; ich will dafür sorgen und dem Vater das Leben schwermachen, wenn er es nicht tut.«

»O Master George, Sie dürfen nicht so von Ihrem Vater sprechen!«

»Ach, Onkel Tom, ich meine es ja nicht böse.«

»Und jetzt, Master George, noch ein paar Worte«, sagte Tom. »Sie müssen ein guter Sohn bleiben; bedenken Sie, wie viele Herzen auf Sie hoffen. Halten Sie sich immer an Ihre Mutter. Gewöhnen Sie sich nicht die törichte Weise von manchen Knaben an, die zu groß werden, um sich noch um ihre Mutter zu bekümmern. Ich sage Ihnen, Master George, der Herr schenkt dem Menschen gar viele Dinge zweimal. Aber Sie werden nie wieder eine solche Frau sehen, Master George, und wenn Sie hundert Jahre alt werden. Also halten Sie an ihr fest und werden Sie groß und seien Sie ihr ein Trost, mein guter Herzensknabe – nicht wahr, George?«

»Ja, das will ich, Onkel Tom«, sagte George voll Ernst.

»Und nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht, Master George; Knaben in Ihrem Alter sind manchmal leichtsinnig und unartig – es ist nur natürlich. Aber wirkliche Gentlemen, wie Sie gewiß einer werden, lassen nie ein Wort fallen, das unehrerbietig gegen die Eltern wäre. Sie sind nicht böse, Master George?«

»Nein, gewiß nicht, Onkel Tom; du hast mir immer guten Rat gegeben.«

»Ich bin älter, wissen Sie ja«, sagte Tom und streichelte mit seiner großen starken Hand des Knaben schönen lockigen Kopf, sprach aber in einem Tone, der so zärtlich war, wie der eines Weibes. »Und ich sehe alles, was in Ihnen verborgen ist. Oh, Master George, Sie besitzen alles – Gelehrsamkeit, Privilegien, Lesen, Schreiben –, und Sie werden zu einem großen, gelehrten, guten Manne heranwachsen, und alle Leute auf dem Gute und Mutter und Vater werden stolz auf Sie sein! Seien Sie ein guter Herr, wie Ihr Vater, und ein Christ, wie Ihre Mutter. Gedenken Sie Ihres Schöpfers in den Tagen Ihrer Jugend, Master George.«

»Ich will wirklich gut sein, Onkel Tom, das versichere ich dir«, sagte George. »Ich will einer der ersten Sorte werden; und laß den Mut nicht sinken. Ich hole dich noch zurück aufs Gut. Wie ich Tante Chloe heute morgen sagte, will ich dir dein Haus ganz neu bauen, und du sollst ein Zimmer zur Wohnstube mit einem Teppich drin haben, wenn ich erst erwachsen bin. Oh, du sollst noch gute Zeiten haben.«

Haley erschien jetzt an der Tür, die Handschellen in der Hand.

»Mr. Haley«, sagte George mit einer Miene großer Überlegenheit, während er aus dem Wagen stieg, »ich werde Vater und Mutter wissen lassen, wie Sie Onkel Tom behandeln.«

»Ganz, wie’s beliebt«, sagte der Händler.

»Ich sollte meinen, Sie müßten sich schämen, Ihr ganzes Leben lang Männer und Frauen zu kaufen und sie zu schließen wie Vieh! Ich sollte meinen, Ihr müßtet Euch recht gemein vorkommen!« sagte George.

»Solange Ihr vornehmen Leute Männer und Weiber kauft, bin ich so gut als Ihr«, sagte Haley. »’s ist nicht gemeiner, sie zu verkaufen als zu kaufen!«

»Ich werde niemals eins von beiden tun, wenn ich erst ein Mann bin«, sagte George. »Ich schäme mich heute, ein Kentuckier zu sein. Ich war früher immer stolz darauf.« Und George saß sehr gerade auf seinem Pferde und sah sich mit einer Miene um, als ob er erwarte, daß seine Meinung auf den ganzen Staat einen großen Eindruck machen müsse.

»Nun leb wohl, Onkel Tom; bleib guten Muts«, sagte George.

»Leben Sie wohl, Master George«, sagte Tom und sah ihn zärtlich und bewundernd an. »Der allmächtige Gott behüte Sie! Ach! Kentucky hat nicht viel Söhne wie dieser ist!« sagte er in der Fülle seines Herzens, als er des Knaben offenes Gesicht aus den Augen verlor. Er ritt fort, und Tom sah ihm nach, bis der Schall der Hufschläge sich in der Ferne verlor – es war der letzte Ton und der letzte Anblick aus der Heimat. Aber über seinem Herzen schien eine warme Stelle zu sein, wo die jugendlichen Hände den kostbaren Dollar hingelegt hatten. Tom faßte mit der Hand danach und drückte ihn dicht ans Herz.

»Ich will dir was sagen, Tom«, sagte Haley, als er an den Wagen trat und die Handschellen hineinwarf, »ich will im Guten mit dir anfangen, wie ich es meistens mit meinen Niggern mache, und ich sage dir jetzt gleich zum Anfang, wenn du mich gut behandelst, so behandle ich dich auch gut, ich bin nie hart gegen einen Nigger. Versuche immer das beste, was ich tun kann, für sie zu tun. Also siehst du, es ist besser, du setzest dich ruhig hin und versuchst keine Streiche, weil ich in Niggerstreiche jeder Art eingeweiht bin und sie bei mir nichts helfen. Wenn sich Nigger ruhig halten und nicht versuchen fortzulaufen, so haben sie es gut bei mir, und halten sie sich nicht ruhig, nun so ist es ihr Fehler und nicht meiner.«

Tom versicherte Haley, daß er für jetzt nicht die Absicht habe fortzulaufen. In der Tat erschien die Ermahnung ziemlich überflüssig bei einem Manne, der schwere Eisenfesseln an den Füßen schleppte. Aber Mr. Haley hatte sich gewöhnt, den Besitz seiner Ware mit kleinen Ermahnungen dieser Art anzutreten, welche seiner Meinung nach Heiterkeit und Vertrauen einflößten und spätere unangenehme Auftritte unnötig machten.

Und hier nehmen wir vorderhand von Tom Abschied, um uns nach dem Schicksal anderer Personen unserer Geschichte umzusehen.

4. Kapitel


Die Empfindungen lebendiger Ware, wenn sie den Herrn wechselt

Mr. und Mrs. Shelby hatten sich für die Nacht in ihre Zimmer zurückgezogen. Er lag in einem geräumigen Lehnstuhl und las einige mit der Nachmittagspost angekommene Briefe, und sie stand vor dem Spiegel und kämmte sich die kunstreich zusammengeflochtenen Zöpfe und Locken aus, in welche Elisa ihr Haar geordnet hatte; denn als sie die bleichen Wangen und hohlen Augen des Mädchens sah, hatte sie dasselbe des Dienstes für diesen Abend enthoben und ihr befohlen, sich zu Bett zu legen. Natürlich erinnerte sie ihre jetzige Beschäftigung an das Gespräch, welches sie früh mit dem Mädchen gehabt hatte; deshalb sagte sie in gleichgültigem Ton zu ihrem Gatten:

»Apropos, Arthur, wer war dieser schlecht erzogene Mensch, den du heute mit zu Tisch gebracht hattest?«

»Er heißt Haley«, sagte Shelby, der sich etwas unruhig in seinem Lehnstuhl umdrehte und die Augen nicht von dem Brief abwendete.

»Haley! Was ist er, und was hat er hier zu tun?«

»Ich hatte Geschäfte mit ihm, wie ich das letztemal in Natchez war«, sagte Mr. Shelby.

»Und er glaubte, dadurch das Recht zu haben, hier ganz wie zu Hause zu tun und sich mit an den Tisch zu setzen?«

»Ich habe ihn eingeladen, ich hatte Rechnungen mit ihm in Ordnung zu bringen«, sagte Shelby.

»Ist er ein Sklavenhändler?« sagte Mrs. Shelby, der eine gewisse Verlegenheit im Benehmen ihres Gatten nicht entging.

»Wie kommst du darauf, liebe Frau«, sagte Shelby und sah sie an.

»Nun, Elisa kam nach dem Essen in großer Aufregung und jammernd zu mir und sagte mir, du sprächst mit einem Handelsmann, und sie hätte ihn auf ihren Kleinen bieten hören – das lächerliche Gänschen.«

»So, sagte sie das?« sagte Mr. Shelby und sah wieder die Briefe an, indem er eine Weile ganz vertieft zu sein schien, ohne zu bemerken, daß er dieselben verkehrt hielt.

»Es muß heraus«, sprach er zu sich selbst, »es kostet jetzt nicht mehr als später.«

»Ich sagte Elisa«, sagte Mrs. Shelby, immer noch ihre Haare kämmend, »daß sie mit ihrer Einbildung eine kleine Närrin sei, und daß du dich nie mit solchen Leuten einließest. Natürlich weiß ich, daß du nie daran denkst, einen unserer Leute zu verkaufen – am wenigsten an solch einen Kerl.«

»Das ist auch stets meine Meinung gewesen, Emilie«, sagte ihr Gatte; »aber die Sachen stehen so, daß ich mir nicht mehr anders helfen kann. Ich werde einige von meinen Leuten verkaufen müssen.«

»An diesen Menschen? Unmöglich! Shelby, das kann dein Ernst nicht sein.«

»Es tut mir leid, es bestätigen zu müssen«, sagte Mr. Shelby. »Ich habe Tom verkauft.«

»Was! Unsern Tom – den guten treuen Burschen! – Der von Kind auf dein treuer Diener gewesen ist! – O Shelby! – Und du hast ihm noch dazu seine Freilassung versprochen – du und ich haben sie ihm hundertmal zugesagt. Ja, nun kann ich alles glauben; nun kann ich auch glauben, daß du den kleinen Harry verkaufen könntest, das einzige Kind der armen Elisa!« sagte Mrs. Shelby in einem Ton zwischen Schmerz und Entrüstung.

»Nun, da du alles wissen mußt: Es ist an dem. Ich habe mich bereit erklärt, sowohl Tom wie Harry zu verkaufen, und weiß nicht, warum man mich ausschimpft, als wenn ich ein Ungeheuer wäre, weil ich tue, was jedermann alle Tage tut.«

»Aber warum gerade diese beiden?« sagte Mrs. Shelby. »Warum diese beiden vor allen andern, wenn du überhaupt verkaufen mußt?«

»Weil ich für sie das meiste Geld bekomme – das ist der Grund. Ich konnte eine andere Person wählen, wenn du willst. Der Mann bot mir eine beträchtliche Summe für Elisa, wenn dir das besser gefällt«, sagte Mr. Shelby.

»Der Elende!« sagte Mrs. Shelby heftig.

»Natürlich wollte ich nichts davon hören – aus Rücksicht auf deine Gefühle wollte ich nicht; also rechne mir wenigstens das zugute.«

»Lieber Mann, verzeihe mir«, sagte Mrs. Shelby, die sich etwas gesammelt hatte. »Ich war heftig. Die Sache überraschte mich, und ich war gar nicht darauf vorbereitet; aber gewiß wirst du mir erlauben, für die armen Geschöpfe ein gutes Wort einzulegen. Tom ist ein edler, treuer Bursche, obgleich er ein Schwarzer ist. Ich bin der Überzeugung, Shelby, wenn man es von ihm verlangte, würde er sein Leben für dich hingeben.«

»Das weiß ich, gewiß; aber was nützt das alles, ich kann mir nicht anders helfen.«

»Warum bringst du nicht ein pekuniäres Opfer? Ich will gern meinen Teil dazu beitragen. Ach Shelby, ich habe versucht – treulich versucht, wie es einer Christin zukommt – gegen diese armen, einfältigen, abhängigen Geschöpfe meine Pflicht zu tun. Ich habe sie gepflegt, sie unterrichtet, beobachtet und seit Jahren alle ihre kleinen Schmerzen und Freuden kennengelernt, und wie kann ich ihnen je wieder gerade in das Gesicht sehen, wenn wir wegen eines armseligen Gewinnes einen so treuen vortrefflichen und auf uns vertrauenden Menschen, wie Tom, verkaufen und in einem Augenblick ihm alles entreißen, was wir ihn lieben und wertschätzen gelehrt haben? Ich habe ihnen die Pflichten, die sie als Eltern und Kinder, als Gatte und Gattin haben, gelehrt; und was für eine Miene soll ich zu diesem offenen Bekenntnis machen, daß wir uns um kein Band, um keine Pflicht, um kein Verhältnis, seien sie noch so heilig, kümmern, wenn Geld dagegen in die Waagschale geworfen wird? Ich habe mit Elisa von ihrem Sohn gesprochen – von ihrer Pflicht gegen ihn, als eine christliche Mutter über ihn zu wachen, für ihn zu beten, und ihn christlich zu erziehen; und was kann ich jetzt sagen, wenn du ihn ihr entreißest und ihn Seele und Leib an einen gewissenlosen Mann verkaufst, nur um schnöden Gewinnes willen? Ich habe ihr gesagt, daß eine Seele mehr wert ist als alles Geld auf der Welt, und wie wird sie mir glauben, wenn sie sieht, wie wir uns gegen sie wenden und ihr Kind verkaufen? – Ihn vielleicht der sichern Verderbnis von Seele und Leib weihen!«

»Es tut mir leid, daß du es dir so zu Herzen nimmst, Emilie – ich versichere es dir«, sagte Mr. Shelby, »und ich achte auch deine Empfindungen, obgleich ich mir nicht anmaßen kann, sie in ihrer ganzen Ausdehnung zu teilen; aber ich sage dir jetzt in feierlichem Ernst, es nützt zu nichts – ich kann mir nicht anders helfen. Ich beabsichtigte nicht, es dir zu sagen, Emilie; aber rundherausgesagt, ich habe keine andre Wahl als entweder diese beiden oder meine ganze Habe zu verkaufen. Entweder muß ich sie losschlagen oder alles. Haley ist in Besitz einer Hypothek gekommen, die ich sofort bezahlen muß, oder er ruiniert mich ganz und gar. Ich habe gespart und zusammengescharrt und geborgt und fast gebettelt – und der Wert dieser beiden war noch erforderlich, um die Summe zusammenzubringen. Haley fand Gefallen an dem Kinde; er wollte die Sache so abmachen, aber nicht anders. Er hatte mich in der Hand, und ich mußte es tun. Wenn du ihren Verlust so tief fühlst, würde es denn besser sein, wenn alles verkauft werden müßte?«

Mrs. Shelby stand da wie vom Blitz getroffen. Endlich wendete sie sich ihrem Toilettentisch zu, legte das Gesicht in die Hände und stöhnte laut.

»Das ist der Fluch Gottes über die Sklaverei! – Eine böse, böse, höchst fluchwürdige Sache! – Ein Fluch für den Herrn und ein Fluch für den Sklaven! Ich war eine Torin zu denken, ich könnte ein so tödliches Übel zu etwas Gutem wenden. Es ist eine Sünde, einen Sklaven unter Gesetzen, wie die unsrigen sind, zu besitzen; ich habe es immer gefühlt – ich habe immer so gedacht, als ich noch unverheiratet war – ich wurde noch mehr davon überzeugt, als ich mich der Kirche angeschlossen hatte; aber ich glaubte, ich könnte ihre Häßlichkeit mit einer verschönernden Decke verhüllen –ich glaubte, durch Freundlichkeit und Sorgfalt und Belohnung den Zustand meiner Sklaven besser zu machen als die Freiheit – was für eine Torin ich war!«

»Aber Frau, du wirst ja wahrhaftig eine echte Abolitionistin!«

»Eine Abolitionistin! Wenn die Abolitionisten alles wüßten, was ich von der Sklaverei weiß, so könnten sie reden! Sie brauchen es uns nicht erst zu sagen. Du weißt, ich habe die Sklaverei nie für recht gehalten – und mich nie gern dazu verstanden, Sklaven zu besitzen.«

»Nun, darin unterscheidest du dich von vielen einsichtsvollen und frommen Personen«, sagte Mr. Shelby. »Du erinnerst dich noch an Mr. B.’s Predigt neulichen Sonntag?«

»Ich mag keine solche Predigt hören; ich mag Mr. B. in unserer Kirche nie wieder hören. Geistliche können vielleicht dem Übel nicht abhelfen – können es ebensowenig heilen als wir – aber es verteidigen! – Ich habe es nie begreifen können. Und ich dachte, du hättest auch nicht viel von dieser Predigt gehalten.«

»Nun ja, ich gestehe, daß diese Geistlichen die Sache manchmal weiter treiben, als wir armen Sünder es wagen würden. Wir Geschäftsleute müssen über mancherlei ziemlich stark die Augen zudrücken und uns an manches gewöhnen, was eigentlich nicht ganz recht ist. Aber es gefällt uns doch nicht ganz, wenn Weiber und Geistliche den Mund vollnehmen und in Sachen der Zucht oder Sittlichkeit über uns hinausgehen; das ist ein Faktum. Aber jetzt, liebe Frau, hoffe ich, siehst du die Notwendigkeit der Sache ein und siehst, daß ich noch das Beste getan, was die Umstände erlaubten.«

»O ja, ja!« sagte Mrs. Shelby und befühlte unruhig und gedankenvoll ihre goldene Uhr. »Ich habe keine Juwelen, die der Rede wert wären.« Dann setzte sie hinzu: »Aber wäre nicht mit dieser Uhr etwas zu machen? – Sie kostete viel Geld, als sie gekauft wurde. Wenn ich wenigstens Elisas Kind retten könnte, so würde ich alles opfern, was ich habe.«

»Es tut mir leid, sehr leid, Emilie«, sagte Mr. Shelby, »es tut mir sehr leid, daß es dir so zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist vorbei und abgemacht, Emilie: Der Verkaufskontrakt ist schon unterschrieben und in Haleys Händen – und du mußt Gott danken, daß es nicht noch schlimmer ist. Dieser Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle zugrunde zu richten, und jetzt sind wir ihn glücklich los. Wenn du den Mann kenntest wie ich, so würdest du meinen, wir wären noch recht gut davongekommen.«

»Ist er denn so hartherzig?«

»Nun, er ist gerade nicht ein grausamer Mann; aber ein Mann von Leder – ein Mann, der für nichts lebt, als für Handel und Gewinn –, gefühl- und rücksichtslos, unbarmherzig, wie der Tod und das Grab. Er würde seine eigene Mutter gegen eine gute Provision verkaufen, ohne daß er der Alten grade weh zu tun meinte.«

»Und dieser Elende soll unsern guten, getreuen Tom und Elisas Kind besitzen?«

»Ich muß dir wohl gestehen, liebe Frau, daß die Sache mir sehr hart angeht – ich kann gar nicht daran denken. Haley wünscht die Sache rasch abzumachen und morgen in Besitz zu kommen. Ich lasse mir ganz früh mein Pferd satteln und reite fort. Ich kann Tom nicht sehen, das ist ein Faktum, und du tätest besser, eine Spazierfahrt zu arrangieren und Elisa mitzunehmen. Sie können dann das Kind fortnehmen, wenn sie nicht da ist.«

»Nein, nein«, sagte Mrs. Shelby, »ich mag in keiner Weise Mitschuldige oder Gehilfin bei diesem schrecklichen Geschäft sein. Ich werde den armen alten Tom besuchen – Gott helfe ihm in seinem Unglück! Sie sollen wenigstens sehen, daß ihre Herrin für sie und mit ihnen fühlen kann. Was Elisa betrifft, so wage ich gar nicht, daran zu denken. Der Herr vergebe uns! Was haben wir getan, daß uns diese grausame Notwendigkeit trifft?«

Zeugin dieses Gesprächs war eine Person, welche Mr. und Mrs. Shelby nicht im mindesten in Verdacht hatten.

Neben ihrem Zimmer befand sich eine große Kammer, die mit einer Tür auf den äußeren Korridor hinausging. Als Mrs. Shelby Elisa für diese Nacht entließ, hatte fieberhafte Aufregung der letzteren den Gedanken an diese Kammer eingegeben, und sie hatte sich dort versteckt und mit ihrem dicht an eine Spalte in der Tür gepreßten Ohr kein Wort des Gespräches verloren.

Als die Stimmen schwiegen, stand sie auf und schlich sich leise fort. Bleich, von Fieber fröstelnd, mit krampfhaft verzogenem Gesicht und zusammengepreßten Lippen sah sie wie ein ganz anderes Wesen aus, als wie das sanfte und schüchterne Geschöpf, das sie bis dahin gewesen. Vorsichtig bewegte sie sich über den Gang, blieb einen Augenblick vor der Tür ihrer Herrin stehen und erhob die Hände in stummem Flehen zum Himmel und ging dann weiter und schlüpfte in ihr eigenes Zimmer. Es war ein stilles sauberes Stübchen auf demselben Flur wie das Zimmer ihrer Herrin. Dort war das hübsche sonnige Fenster, wo sie so oft sinnend bei ihrer Näharbeit gesessen hatte; dort ein kleines Bücherbrett und daneben ein paar Tändeleien, alles Weihnachtsgeschenke; dort war ihre einfache Garderobe im Wandschrank und in Kästen; hier war mit einem Wort ihre Heimat, und sie hatte im ganzen sehr glücklich hier gelebt. Aber dort auf dem Bett lag ihr schlummernder Knabe, die langen Locken nachlässig um das noch nichts ahnende Gesicht wallend, den rosigen Mund halb geöffnet, die runden Händchen oben auf der Bettdecke liegend, und ein Lächeln, wie ein Sonnenstrahl über das ganze Gesicht gebreitet.

»Armer Knabe! Armes Kind!« sagte Elisa. »Sie haben dich verkauft! Aber deine Mutter wird dich noch retten!«

Keine Träne fiel auf dieses Kissen. In solchen Drangsalen hat das Herz keine Tränen übrig; es entfließt ihm nur Blut, und es verblutet sich schweigend. Sie nahm ein Stück Papier und einen Bleistift und schrieb hastig.

»Ach Missis! Gute Missis! Halten Sie mich nicht für undankbar – denken Sie wenigstens nicht schlecht von mir. – Ich habe alles gehört, was Sie und der Herr heute abend miteinander sprachen. Ich will versuchen, meinen Knaben zu retten – Sie werden mich nicht tadeln! Gott segne Sie und belohne Sie für alle Ihre Güte.«

Nachdem sie dies hastig zusammengebrochen und adressiert hatte, zog sie einen Kasten auf und packte ein kleines Bündel Kleidungsstücke für ihren Knaben zusammen, das sie mit einem Schnupftuch fest um den Leib band; und so zärtlich ist das Gedächtnis einer Mutter, daß sie selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht vergaß, eine oder zwei seiner Lieblingsspielsachen einzupacken und einen buntgemalten Papagei aussuchte, um ihn damit zu unterhalten, wenn sie ihn wecken mußte. Es kostete einige Mühe, den kleinen Schläfer zu ermuntern; aber endlich saß er auf seinem Bettchen und spielte mit dem Vogel, während seine Mutter den Hut aufsetzte und das Tuch umband.

»Wo willst du hin, Mutter?« sagte er, als sie mit seinem Röckchen und Mützchen auf ihn zukam.

Die Mutter stellte sich vor ihn hin und sah ihm mit solchem Ernst in die Augen, daß er gleich erriet, daß etwas Ungewöhnliches im Werk war.

»Still, Harry«, sagte sie, »darfst nicht laut sprechen oder sie hören uns. Ein böser Mann wollte kommen, um den kleinen Harry wegzuholen von seiner Mutter und im Finstern weit wegzutragen; aber Mutter leidet das nicht – sie setzt ihrem kleinen Sohn die Mütze auf und zieht ihm den Rock an und läuft mit ihm fort, daß ihn der böse Mann nicht haschen kann.«

Mit diesen Worten hatte sie das Kind bald in seinen einfachen Anzug gekleidet, nahm es auf den Arm, flüsterte ihm zu, ganz ruhig zu sein, öffnete die nach der äußeren Veranda gehende Tür und schlich geräuschlos hinaus.

Es war eine klare sternenhelle Nacht, und die Mutter hüllte ihr Kind dicht in das Tuch, wie es ganz still vor unerklärlichem Entsetzen sich um ihren Hals klammerte.

Der alte Bruno, ein großer Neufundländer, der am Ende der Veranda schlief, stand leise knurrend auf, als sie sich näherte. Sie rief ihn halblaut beim Namen, und das Tier, ein alter Günstling und Spielkamerad von ihr, wedelte sofort mit dem Schwanze und machte sich bereit, ihr zu folgen, obgleich es allem Anschein nach seinem einfachen Hundeverstande viel zu schaffen machte, was ein so seltsamer Mitternachtsspaziergang bedeuten solle. Einige dunkle Ahnungen von der Unvorsichtigkeit oder Unschicklichkeit dieses Schrittes schienen ihm viel Kopfzerbrechen zu verursachen; denn er blieb oft stehen, wie Elisa vorwärts eilte, und sah fragend erst sie und dann das Haus an, und kam dann, als hätte ihn das Nachdenken beruhigt, wieder nachgezottelt. Nach wenigen Minuten standen sie an dem Fenster vor Onkel Toms Hütte, und Elisa klopfte leise an die Scheibe.

Das Meeting und Hymnensingen hatte bei Onkel Tom bis zu einer ziemlich späten Stunde gedauert, und da Onkel Tom sich nachher noch an einigen langen Solos erbaut hatte, so war er und seine würdige Lebensgefährtin noch nicht zu Bett, obgleich es schon zwischen 12 und 1 Uhr war.

»Guter Gott! Was ist das?« sagte Tante Chloe, indem sie auffuhr und rasch den Vorhang zurückzog. »So wahr ich lebe, ’s ist Lizzy! Zieh dich an, Alter, rasch! Da kratzt auch der alte Bruno draußen – was gibt’s nur? Ich will gleich aufmachen.«

In der Tat öffnete sich auch sofort die Tür, und das Licht der Unschlittkerze, welche Tom hastig angezündet hatte, fiel auf das angstverzerrte Gesicht und die dunklen verstörten Augen der Entflohenen.

»Gott sei bei uns! Man erschrickt ja vor dir, Lizzy! Bist du krank, oder was ist dir zugestoßen?«

»Ich laufe fort, Onkel Tom und Tante Chloe – bringe meinen Knaben fort. Der Herr hat ihn verkauft!«

»Ihn verkauft!« wiederholten beide und erhoben die Hände in namenlosem Schrecken.

»Ja, ihn verkauft«, sagte Elisa fest; »ich schlich mich heute abend in die Kammer hinter unserer Herrin Stube und hörte den Herrn der Herrin erzählen, daß er meinen Harry und dich, Onkel Tom, einem Sklavenhändler verkauft habe, und daß er selbst diesen Morgen fortreiten wollte, und daß der Mann heute die Gekauften in Besitz nehmen werde.«

Tom hatte während dieser Rede mit erhobenen Händen und weit offenen Augen, als träume er, dagestanden. Wie er die Bedeutung des Gehörten langsam und allmählich begriff, setzte er sich nicht, sondern fiel vielmehr auf seinen alten Stuhl und ließ den Kopf bis auf die Knie herabsinken.

»Der gute Gott erbarme sich unser!« sagte Tante Chloe. »O, das kann ja gar nicht wahr sein! Was hat er denn getan, daß ihn Master verkaufen sollte?«

»Er hat nichts getan; – deshalb ist es nicht. Der Herr will nicht verkaufen und Missis – die ist immer gut. Ich hörte sie für uns sprechen und bitten; aber er sagte ihr, es helfe nichts – er sei dem Manne Geld schuldig, und dieser habe ihn in der Hand – und wenn er ihn nicht vollständig bezahle, so würden zuletzt die Besitzung und alle Leute verkauft werden und er ins Elend gehen müssen. Ja, ich hörte ihn äußern, daß keine Wahl übrig sei zwischen dem Verkauf dieser beiden und dem Verkauf von allem, so hart setze ihm der Mann zu. Der Herr sagt, es tut ihm sehr leid, aber ach, Missis! – die hättet ihr reden hören sollen! Wenn sie keine Christin und kein Engel ist, so hat es nie welche gegeben. Es ist schlecht von mir, daß ich sie so verlasse; aber ich kann nicht anders. Sie selbst sagte, eine Seele sei mehr wert, als alles Geld auf der Welt, und dieser Knabe hat eine Seele, und wenn ich ihn von mir lasse, wer weiß, was aus ihm wird? Es muß recht sein, aber wenn es nicht recht ist, so möge mir der Herr vergeben, ich kann nicht anders.«

»Nun, Alter«, sagte Tante Chloe, »warum gehst du nicht auch? Willst du dich nach dem Flusse unten verhandeln lassen, wo sie die Nigger mit Plackerei und Hunger unter die Erde bringen? Viel lieber wollte ich jeden Tag sterben, als dorthin gehen! Du hast noch Zeit vor dir: Entfliehe mit Lizzy – du hast ja einen Paß, der dir erlaubt, zu gehen und zu kommen, wie du Lust hast. Komm, steh auf, und ich will dir deine Sachen zusammenpacken.«

Tom erhob langsam das Haupt und blickte bekümmert aber ruhig um sich und sagte:

»Nein, nein: Ich gehe nicht. Laß Elisa gehen – sie hat ein Recht dazu. – Ich werde das gewiß nicht leugnen. Es liegt nicht in der menschlichen Natur, daß sie bleiben sollte, aber du hast gehört, was sie sagte: Wenn entweder ich verkauft werden muß oder alle Leute auf dem Gute und alles zugrunde gehen muß, so mögen sie lieber mich verkaufen. Ich glaube, ich kann es so gut tragen wie jeder andere«, setzte er hinzu, während etwas wie ein Schluchzen und ein Seufzer seine breite zottige Brust krampfhaft erschütterte. »Der Herr hat mich immer auf meinem Posten gefunden – und so soll’s bleiben. Ich habe nie sein Vertrauen getäuscht oder meinen Paß anders gebraucht, als ich versprochen hatte, und ich werde es niemals tun. Es ist besser, wenn ich allein fortkomme, als wenn das ganze Gut fortgeht und verkauft wird. Master ist nicht zu tadeln, Chloe, und er wird sorgen für dich und die armen –«

Hier drehte er sich nach dem Rollbett voll von kleinen wolligen Köpfen um und konnte sich nicht länger halten.

Er lehnte sich über den Rücken des Stuhls zurück und bedeckte das Gesicht mit den beiden großen Händen. Tiefes heiseres und lautes Schluchzen erschütterte den Stuhl, und große Tränentropfen rollten durch die Finger auf den Fußboden.

»Erst heute nachmittag sah ich meinen Mann und ahnte nicht im mindesten, was nun kommen sollte«, sagte Elisa, die immer noch an der Tür stand. »Sie haben ihn auf das Äußerste gebracht, und er sagte mir heute, daß er fortlaufen wollte. Ich bitte euch, seht zu, daß ihr mit ihm sprechen könnt. Sagt ihm, wie und warum ich entflohen bin; und sagt ihm, daß ich versuchen werde, Kanada zu finden. Grüßt ihn von mir und sagt ihm, wenn ich ihn nie wiedersehe« – sie wandte sich ab und hatte ihnen eine Weile den Rücken zugekehrt und fügte dann mit heiserer Stimme hinzu: »Sagt ihm, er solle so gut sein, als er kann, und sich so betragen, daß er mich im Himmel wiedersieht.

Ruft Bruno herein«, sagte sie noch. »Schließt ihn hier ein, das arme Tier! Er darf nicht mit mir gehen.«

Noch ein paar letzte Worte und Tränen, ein paar einfache Lebewohls und Segnungen und sie schlüpfte geräuschlos fort, das verwunderte und erschrockene Kind fest in den Armen haltend.

39. Kapitel


Der Befreier

George Shelby hatte seiner Mutter bloß eine Zeile geschrieben und sie darin nur von dem wahrscheinlichen Tage seiner Ankunft benachrichtigt. Etwas über das Sterbebett seines alten Freundes zu schreiben, hatte er nicht übers Herz bringen können. Er hatte es mehrere Male versucht, bis es ihm die Kehle fast zuschnürte; und der Versuch schloß regelmäßig damit, daß er das Papier zerriß, die Augen trocknete und irgendwohin stürzte, um Fassung zu suchen.

Eine freudige Aufregung herrschte den ganzen Tag über im Shelbyschen Hause, denn man erwartete des jungen Master George Ankunft.

Mrs. Shelby saß in ihrem gemütlichen Zimmer, wo ein lustiges Hickoryfeuer die fröstelnde Kühle des Spätherbstabends vertrieb. Der Tisch war mit glänzendem Geschirr und Gläsern zum Abendessen gedeckt, und unsere frühere Freundin, die alte Chloe, war noch mit der Anordnung desselben beschäftigt.

In einem neuen Callicokleid mit einer reinen, weißen Schürze und einem hohen steif gestärkten Turban, das schwarze, glänzende Gesicht vor Befriedigung glühend, trödelte sie mit nutzloser Peinlichkeit um den Tisch herum, nur um einen Vorwand zu haben, mit ihrer Herrin zu plaudern.

»So, so! Wird’s ihm nun nicht ganz ordentlich vorkommen?« sagte sie. »Da – ich hab‘ ihm seinen Teller gerade an seine liebste Stelle gesetzt, gleich beim Feuer. Master George sitzt immer gern warm. Ja, laßt mich nur! Aber warum hat Sally nicht die beste Teekanne herausgesetzt – die kleine neue, die Master George zu Weihnachten Missis geschenkt hat? Ich werde sie holen! Missis hat einen Brief von Master George bekommen?« sagte sie forschend.

»Ja, Chloe, aber nur eine Zeile, bloß mit der Nachricht, daß er, wenn irgend möglich, heute abend eintreffen werde – weiter nichts.«

»Hat er nichts von meinem Alten geschrieben?« sagte Chloe und machte sich immer noch mit den Teetassen zu schaffen.

»Nein, gar nichts. Er hat sonst weiter gar nichts geschrieben, Chloe. Er sagt, er wolle uns alles erzählen, wenn er hier ist.«

»Ja, das sieht Master George ganz ähnlich; er bildete sich immer was darauf ein, alles selbst zu erzählen. Ich hab‘ das immer bei Master George bemerkt. Sehe übrigens für meinen Teil gar nicht ein, wie die weißen Leute nur immer so viel schreiben können – schreiben ist eine so langsame, schwere Arbeit.«

Missis Shelby lächelte.

»Ich glaube wahrhaftig, mein Alter wird die Jungen und die Kleine gar nicht kennen. Gott, sie ist so gewachsen; und sie ist auch gut und gescheit, Polly. Sie ist jetzt draußen und wartet, bis der Kuchen gut ist. Ich habe ganz dieselbe Sorte gebacken, die mein Alter so gern aß. Denselben Kuchen, den ich ihm an dem Morgen mitgab, als sie ihn fortschleppten. Ach, gütiger Gott! Wie mir’s an dem Morgen zumute war!«

Mrs. Shelby seufzte und fühlte bei dieser Anspielung eine schwere Last auf ihrem Herzen. Sie hatte seit dem Empfang des Briefes ihres Sohnes in beständiger Unruhe geschwebt, daß hinter seinem Schweigen etwas verborgen sein möchte.

»Er erkennt Polly gewiß nicht wieder – mein Alter. Gott, schon seit fünf Jahren ist er fort! Sie war damals noch ein ganz kleines Kind – konnte eben erst auf den Beinen stehen. Erinnere mich doch, wie ich immer lachen mußte, weil sie immer hinpurzelte, als sie anfangen wollte, zu gehen. Ach Gott, ach Gott!« – Man hörte jetzt das Rollen eines Wagens.

»Master George!« sagte Tante Chloe und lief ans Fenster.

Missis Shelby eilte an die Haustür und lag an der Brust ihres Sohnes. Tante Chloe sah bange forschend in die Finsternis hinaus.

»Ach, arme Tante Chloe!« sagte George, indem er ihre harte, schwarze Hand ergriff. »Ich hätte mein ganzes Vermögen hingegeben, um ihn mitbringen zu können, aber er ist in ein besseres Land gegangen.« Mrs. Shelby konnte einen Ausruf schmerzlicher Überraschung nicht unterdrücken, aber Tante Chloe sagte nichts.

Sie drehte sich um und wollte das Zimmer verlassen. Mrs. Shelby folgte ihr leise, ergriff sie bei der Hand, zog sie in einen Stuhl und setzte sich neben sie. »Meine arme gute Chloe«, sagte sie.

Chloe legte ihr Haupt auf die Schulter der Herrin und schluchzte laut:

»Ach Missis! Verzeihen Sie, das bricht mir das Herz – weiter ist’s nichts.«

»Das weiß ich«, sagte Mrs. Shelby, wie ihre Tränen reichlich flossen, »und ich kann es nicht heilen, aber Jesus kann es. Er heilet die gebrochenen Herzen und verbindet ihre Wunden.«

Es herrschte für einige Zeit ein allgemeines Schweigen, und alle weinten. Endlich setzte sich George neben die Trauernde, ergriff ihre Hand und erzählte mit einfachen und rührenden Worten den sieghaften Tod ihres Gatten und seine letzten Liebesbotschaften.

Ungefähr einen Monat nach diesem Vorfall waren eines Morgens sämtliche Sklaven auf dem Shelbyschen Gute in die sich durch die ganze Länge des Hauses erstreckende große Halle berufen worden, um einige Worte von ihrem jungen Herrn zu hören.

Zu aller Erstaunen trat er in ihre Mitte mit einem Packen Papieren in der Hand, den Freiheitsbriefen für jeden einzelnen der Dienstboten, die er nacheinander verlas und unter dem Schluchzen, den Tränen und Freuderufen aller Anwesenden verteilte.

Viele jedoch drängten sich um ihn und baten ihn aufs inständigste, sie nicht fortzuschicken; und wollten ihm mit flehenden Gesichtern ihre Freilassungsscheine wieder zurückgeben.

»Wir wollen nicht freier sein, als wir schon sind! Wir haben stets alles gehabt, was wir brauchten. Wir wollen das alte Haus und Master und Missis und die übrigen nicht verlassen.«

»Gute Freunde«, sagte George, sobald wieder Ruhe herrschte, »ihr braucht mich gar nicht zu verlassen. Das Gut bedarf zu seiner Bewirtschaftung so viele Hände wie früher. Für das Haus brauchen wir ebenfalls noch dieselbe Anzahl. Aber ihr seid jetzt freie Männer und freie Weiber. Ich zahle euch für eure Arbeit den Lohn, den wir vereinbaren. Der Vorteil für euch ist, daß ihr, im Fall ich bankrott werde oder sterbe – was doch geschehen kann – nicht mit Beschlag belegt und verkauft werden könnt. Ich gedenke das Gut fortzubewirtschaften und euch zu lehren, was euch vielleicht zu lernen einige Zeit kosten wird – wie ihr die euch verliehenen Rechte als Freie zu gebrauchen habt. Ich erwarte, daß ihr euch gut aufführen und gern lernen werdet; und ich hoffe zu Gott, daß ich euch getreulich und bereitwillig unterrichten werde. Und jetzt, meine Freunde, wollen wir den Blick himmelwärts richten und Gott für den Segen der Freiheit danken.«

Ein alter Patriarch von einem Neger, der auf dem Gute grau und blind geworden war, stand jetzt auf, erhob seine zitternden Hände und sprach:

»Lasset uns danken dem Herrn!« Wie alle wie auf einen Wink niederknieten, stieg nie ein rührenderes und inniger gefühltes Tedeum zum Himmel hinauf, und wenn es auch Orgel, Glocken und Kanonendonner begleitet hätten, als aus diesem ehrlichen, alten Herzen ertönte.

Als sie aufstanden, stimmte ein anderer eine Methodistenhymne an, deren Refrain lautete:

»Das Jubeljahr ist nun gekommen
O kehrt, erlöste Sünder, heim!«

»Noch eins habe ich euch zu sagen«, sagte George, wie er den Segnungen der ihn umdrängenden Schar ein Ende machte. »Ihr erinnert euch alle noch an unseren guten, alten Onkel Tom?«

George erzählte ihnen nun in kurzem den Auftritt an seinem Sterbebette und sein liebevolles Lebewohl an alle seine hiesigen Kameraden und setzte hinzu:

»Auf seinem Grabe, meine Freunde, gelobte ich vor Gott, daß ich nie wieder einen Sklaven besitzen wollte, solange es mir möglich war, ihn freizulassen; daß durch mich niemand Gefahr laufen sollte, von der Heimat und den Seinen getrennt zu werden und auf einer entlegenen Plantage verlassen zu sterben wie er. Wenn ihr euch daher eurer Freiheit freut, so bedenkt, daß ihr sie dieser alten guten Seele verdankt, und vergeltet es ihm durch Freundlichkeit gegen seine Frau und Kinder. Gedenkt eurer Freiheit jedesmal, wo ihr Onkel Toms Hütte seht, und laßt sie euch ein Gedächtniszeichen sein, das euch stets erinnert, in seine Fußstapfen zu treten und so ehrlich, treu und christlich zu sein wie er.«

Die Verfasserin steht Rede und Antwort

Korrespondenten aus verschiedenen Teilen des Landes haben bei der Verfasserin oft angefragt, ob diese Geschichte wahr sei; und auf diese Anfragen gedenkt sie hier eine allgemeine Antwort zu geben.

Die einzelnen Vorfälle, aus welchen die Erzählung zusammengesetzt ist, sind zum größten Teile authentisch, indem viele derselben vor ihren eigenen oder vor den Augen persönlicher Freunde geschehen sind. Sie oder ihre Freunde sind Charakteren begegnet, die Ebenbilder von fast allen hier geschilderten waren; und viele von den Äußerungen sind wörtlich aufgezeichnet, wie sie dieselben entweder selbst gehört oder aus glaubwürdigem Munde vernommen hat.

Elisa ist in ihrem Äußeren und ihrem Charakter eine dem Leben entnommene Skizze. Von der unbestechlichen Treue, Frömmigkeit und Ehrlichkeit Onkel Toms hat die Verfasserin mit eigenen Augen mehr als ein Beispiel gesehen. Einige der tragischsten und romanhaftesten und einige der schrecklichsten Episoden sind ebenfalls dem wirklichen Leben nachgeschildert. Die Heldentat der über den Eisgang des Ohio sich rettenden Mutter ist ein wohlbekannter Vorfall.

Die Geschichte der alten Prue wurde der Verfasserin von einem Augenzeugen des Vorfalls erzählt, von ihrem Bruder, der damals als Agent für ein großes Handelshaus in New Orleans den Westen bereiste. Aus derselben Quelle stammt die Figur des Pflanzers Legree. Von ihm schreibt ihr Bruder, der ihn auf seiner Plantage auf einer Geschäftsreise besucht hatte:

»Er ließ mich wirklich seine Faust befühlen, die wie ein Schmiedehammer oder ein Eisenklumpen war, und rühmte sich, daß sie von Niggerniederschlagen hart geworden sei. Als ich die Plantage verließ, holte ich tief Atem, und es war mir zumute, als ob ich mich eben aus der Höhle eines Werwolfs gerettet hätte.«

Daß das tragische Schicksal Toms ebenfalls nur zu oft vorkommt, können lebende Zeugen von einem Ende unseres Vaterlandes bis zum anderen bekräftigen. Man vergesse nicht, daß es in allen südlichen Staaten Rechtsgrundsatz ist, daß keine Person von farbiger Abstammung in einem Prozeß gegen einen Weißen Zeugnis ablegen kann, und wird dann leicht einsehen, daß ein solcher Fall überall vorkommen kann, wo ein Herr, dessen Leidenschaften die Oberhand über seinen Eigennutz gewinnen, und ein Sklave, der Mannhaftigkeit oder Grundsätze genug besitzt, um seinem Willen zu widerstehen, vorhanden sind. Das Leben des Sklaven hat tatsächlich keinen anderen Schutz, als den Charakter des Herrn. Haarsträubende Tatsachen dringen gelegentlich bis in die Öffentlichkeit, und die Bemerkungen, die man darüber machen hört, sind oft noch haarsträubender, als die Sache selbst. Man sagt: Es ist wohl möglich, daß solche Fälle dann und wann vorfallen, aber sie sind keine Beispiele des allgemeinen Brauchs. Wenn die Gesetze Neu-Englands so eingerichtet wären, daß ein Herr dann und wann einen Lehrling zu Tode martern könnte, ohne daß es möglich wäre, ihn vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen, würde man das mit ebenso ruhiger Fassung anhören? Würde man dann sagen: Diese Fälle sind selten und kein Beispiel des allgemeinen Brauchs? Diese Ungerechtigkeit ist von dem Sklavereisystem unzertrennlich, es kann ohne dieselbe nicht bestehen.

Der öffentliche und schamlose Verkauf schöner Mulatten- und Quadroonmädchen ist durch den infolge der Wegnahme des Schiffes Pearl zur Verhandlung gekommenen Prozeß zu einer allgemein bekannten Tatsache geworden. Wir entnehmen folgendes aus der Rede des ehrenwerten Horace Mann, eines der Rechtsbeistände der Beklagten in diesem Prozesse. Er sagt: »Unter diesen 76 Personen, welche 1848 aus dem Distrikt Columbia in dem Schoner Pearl, dessen Offiziere ich mit verteidigen half, zu entfliehen versuchten, befanden sich verschiedene junge und gesunde Mädchen, welche die eigentümlichen von Kennern so hochgeschätzten Reize in Gestalt und Gesicht besaßen. Eine derselben war Elisabeth Russell. Sie fiel sofort dem Sklavenhändler in die Klauen und wurde für den New-Orleans-Markt bestimmt. Die Herzen derer, welche sie sahen, wurden von Teilnahme für ihr Schicksal gerührt. Sie boten 1800 Dollar für ihre Freiheit; und einige boten einen Preis, der von ihrem Vermögen nicht viel übriggelassen hätte; aber der Teufel von einem Sklavenhändler war unerbittlich. Sie wurde nach New Orleans eingeschifft; aber unterwegs hatte Gott Erbarmen mit ihr und nahm sie zu sich. In derselben Gesellschaft befanden sich zwei Mädchen namens Edmundson. Als sie nach demselben Markte geschickt werden sollten, ging die ältere Schwester zu dem Elenden, der sich ihren Herrn nannte, und bat ihn um der Liebe Gottes willen, mit seinen Opfern Mitleid zu haben. Er verhöhnte sie mit zudringlichen Reden und tröstete sie mit den schönen Kleidern und den schönen Möbeln, die sie bekommen würden. Ja, sagte sie, das mag recht gut für dieses Leben sein, aber was werden sie für das zukünftige nützen? Auch diese beiden kamen nach New Orleans, wurden aber später gegen eine höchst bedeutende Summe losgekauft und zurückgebracht. Geht daraus nicht klar hervor, daß die Geschichte Emmelines und Cassys sich oftmals wiederholen mag?

Die Gerechtigkeit verpflichtet auch die Verfasserin zu bemerken, daß der edle Charakter St. Clares nicht ganz ideal ist, wie folgende Anekdote zeigt. Vor einigen Jahren befand sich ein junger Herr aus dem Süden mit einem Lieblingssklaven, der ihn schon als Knabe persönlich bedient hatte, in Cincinnati. Der junge Mann benutzte die Gelegenheit, um sich seine Freiheit zu verschaffen, und flüchtete sich zu einem Quäker, der in derartigen Unternehmungen einen Namen hatte. Der Eigentümer war über die Maßen erzürnt. Er hatte den Sklaven stets mit Nachsicht behandelt und sein Vertrauen auf seine Anhänglichkeit war so groß, daß er glaubte, er müsse durch fremde Einflüsterungen zur Flucht verführt worden sein. In großem Zorne ging er zu dem Quäker; da er aber ein sehr billig denkender und ehrlicher Mann war, so machten die Beweisführungen und Vorstellungen des Befreiers großen Eindruck auf ihn. Das war eine Seite des Gegenstandes, von der er nie gehört – an die er nie gedacht hatte; und er versicherte dem Quäker auf der Stelle, wenn ihm sein Sklave ins Gesicht sagen wolle, daß er frei zu sein wünsche, so wolle er ihn freigeben. Der Quäker veranstaltete sogleich eine Zusammenkunft und Nathan wurde von seinem jungen Herrn gefragt, ob er Ursache habe, in irgendeiner Hinsicht über seine Behandlung zu klagen.

»Nein, Master«, sagte Nathan, »Sie sind immer gut zu mir gewesen.«

»Nun, warum willst du mich denn verlassen?«

»Master kann sterben, und wen bekomme ich dann vielleicht zum Herrn? – Lieber will ich ein freier Mann sein.«

Nach einigem Überlegen gab der junge Herr zur Antwort: »Nathan, an deiner Stelle würde ich am Ende ziemlich auch so denken. Du bist frei.«

Er stellte ihm auf der Stelle einen Freibrief aus, deponierte eine Summe Geld bei dem Quäker, welche auf verständige Weise zu seiner Etablierung verwendet werden sollte, und ließ einen sehr verständigen und gütigen Brief mit Ratschlägen für den jungen Mann zurück. Die Verfasserin hat diesen Brief selbst in der Hand gehabt.

Die Verfasserin glaubt, daß sie der Edelherzigkeit, der Großmut und der Menschlichkeit, welche in vielen Fällen einzelne aus dem Süden auszeichnen, alle Gerechtigkeit hat widerfahren lassen.

Solche Beispiele lassen uns nicht ganz an der Menschheit verzweifeln. Aber sie fragt jeden, der die Welt kennt: Sind solche Charaktere irgendwo gewöhnlich?

Viele Jahre ihres Lebens hindurch hat die Verfasserin jede Beschäftigung mit der Sklavenfrage vermieden, da sie deren nähere Untersuchung für zu peinlich und ihre allmähliche Vernichtung durch den Fortschritt der Aufklärung und Zivilisation für gewiß hielt. Aber seit dem Gesetz von 1850, wo sie mit Erstaunen und Bestürzung christliche und menschliche Personen wirklich als eine Bürgerpflicht empfehlen hörte, gerettete Flüchtlinge wieder in die Sklaverei zurückzuschicken – als sie in den freien Staaten des Nordens von allen Seiten gute, mitleidige und achtungswerte Personen beraten hörte, was in einem solchen Falle Christenpflicht sei, so konnte sie nur denken: Diese Menschen und Christen wissen nicht, was Sklaverei ist; wenn sie es wüßten, so hätten sie eine solche Frage nie aufstellen können. Und hieraus entstand ein Wunsch, diese Sklaverei in ihrer lebendigen dramatischen Wirklichkeit darzustellen. Sie hat sich bemüht, sie unparteiisch in ihren besten und ihren schlimmsten Seiten zu zeigen. Von ihrer besten Seite ist es ihr vielleicht gelungen; aber ach, wer soll erzählen, was noch in dem Tal und Schatten des Todes auf der anderen Seite verhüllt liegt?

An Euch, Ihr edlen und großherzigen Männer und Frauen des Südens an Euch, deren Tugend und Edelsinn und Reinheit des Charakters wegen der schweren Prüfungen, die sie ausgestanden, nur um so größer sind – an Euch wendet sich die Verfasserin. Habt Ihr nicht in Eurer tiefsten Seele und wenn Ihr recht in Euch gegangen seid, gefühlt, daß dieses fluchwürdige System von noch viel schlimmeren Übeln begleitet ist als denen, die hier schwach geschildert sind oder nur geschildert werden können? Kann es anders sein? Ist der Mensch überhaupt ein Geschöpf, dem man eine gänzlich unverantwortliche Macht anvertrauen darf? Und macht nicht das Sklavenwesen, indem es den Sklaven jedes gesetzliche Recht der Zeugenschaft abspricht, jeden einzelnen Besitzer zum unverantwortlichen Despoten? Kann jemand blind genug sein, um nicht einzusehen, was die praktische Folge davon sein muß? Wenn eine öffentliche Meinung unter Euch vorhanden ist, Männer von Ehre, Gerechtigkeit oder Menschlichkeit, ist nicht auch noch eine andere Art öffentlicher Meinung unter den Rohen, den Brutalen und Verworfenen vorhanden, und kann nicht der Rohe, der Brutale, der Verworfene nach dem Sklavengesetz ebensoviel Sklaven besitzen wie der Beste und Reinste? Sind irgendwo in der Welt die Ehrenwerten, die Gerechten, die Edlen und Barmherzigen die Mehrheit?

Der Sklavenhandel wird jetzt vom amerikanischen Gesetz dem Seeraub gleichgehalten. Aber ein ebenso systematischer Sklavenhandel wie der an der afrikanischen Küste ist unausbleiblich ein Begleiter und eine Folge der amerikanischen Sklaverei. Und ist es jemandem möglich, seinen herzzerreißenden Jammer und seine Schrecken zu schildern?

Die Verfasserin hat bloß ein schwaches schattenhaftes Bild von der Seelenangst und der Verzweiflung gegeben, welche in diesem Augenblicke Tausende von Herzen zerreißen, Tausende von Familien niederschmettern und ein hilfloses und gefühlvolles Volk zum Wahnsinn und zur Verzweiflung treiben. Es leben Leute, welche die Mütter kannten, die dieser fluchwürdige Handel vermocht hat, ihre Kinder zu ermorden und selbst im Tode eine Zuflucht vor größerem Jammer, als der Tod ist, zu suchen. Nichts Tragisches kann geschrieben, gesprochen oder ausgedacht werden, was der gräßlichen Wirklichkeit von Auftritten gleichkommt, die täglich und stündlich an unserer Küste im Schatten des amerikanischen Gesetzes und des Kreuzes Christi sich ereignen.

Und nun, Männer und Frauen Amerikas, ist das eine Sache, mit der man spielen, die man beschönigen, die man mit Schweigen übergehen kann? Farmer von Massachusetts, von New Hampshire, von Vermont, von Connecticut, die Ihr dieses Buch bei dem Schimmer Eures Winterabendfeuers lest – starkherzige, großmütige Schiffer und Schiffseigner von Maine, könnt Ihr eine solche Sache unterstützen und ermutigen? Wackere und edle Männer von New York, Farmer aus dem fruchtbaren und fröhlichen Ohio und Ihr aus den weiten Präriestaaten, sprecht, könnt Ihr eine solche Sache unter Eure Obhut und Euren Schutz nehmen? Und Ihr, amerikanische Mütter, die Ihr an den Wiegen Eurer Kinder alle Menschen zu lieben und für sie zu fühlen gelernt habt, Euch beschwöre ich bei Eurer heiligen Liebe zu Euren Kindern, bei Eurer Freude über ihre schöne fleckenlose Kindheit; bei der mütterlichen Teilnahme und Zärtlichkeit, mit welcher Ihr ihr Wachstum leitet; bei den Sorgen ihrer Erziehung; bei den Gebeten, die Ihr für die ewige Seligkeit ihrer Seele hinaufsendet – bei alle diesem beschwöre ich Euch, bemitleidet die Mutter, die all Eure Liebe, und kein einziges gesetzliches Recht hat, das Kind ihres Herzens zu schützen, zu sichern oder zu erziehen! Bei der Krankheit Eures Kindes; bei den brechenden Augen, die Ihr nie vergessen, bei dem letzten Stöhnen, das Euer Herz zerriß, als Ihr weder mehr helfen noch retten konntet; bei der Verlassenheit der leeren Wiege und der stillen Kinderstube beschwöre ich Euch, habt Mitleid mit den Müttern, welche der amerikanische Sklavenhandel beständig kinderlos macht! Und sprecht, amerikanische Mütter, kann man eine solche Sache verteidigen, ihr zustimmen oder sie mit Schweigen übergehen?

Wendet Ihr etwa ein, die Bewohner der freien Staaten hätten nichts damit zu tun und könnten nichts dafür tun? Wollte Gott, das wäre wahr! Aber es ist nicht wahr. Die Bewohner der freien Staaten haben das System verteidigt, ermutigt und daran teilgenommen und tragen deshalb vor Gott eine größere Schuld auf sich als der Süden, denn sie haben nicht die Entschuldigung der Erziehung oder der Gewohnheit.

Wenn die Mütter der freien Staaten in früheren Zeiten so empfunden hätten, wie sie hätten empfinden sollen, so wären die Söhne der freien Staaten nicht die Besitzer und nach dem Sprichworte die härtesten Herren von Sklaven geworden; die Söhne der freien Staaten hätten über die Ausbreitung der Sklaverei in unserer Nation nicht die Augen zugedrückt und würden nicht die Seelen und die Körper von Menschen als Tauschmittel gegen Geld in ihren Handelsgeschäften betrachten. Kaufleute der Städte des Nordens besitzen eine Menge Sklaven vorübergehend und verkaufen sie wieder; und soll die ganze Schuld und der ganze Schimpf der Sklaverei nur allein den Süden treffen?

Männer, Mütter und Christen des Nordens haben mehr zu tun, als ihre Brüder im Süden anzuklagen; sie sollten auf das Böse vor ihrer eigenen Tür achten.

Aber was kann ein einzelner tun? Darüber kann jeder einzelne urteilen. Etwas kann jeder einzelne tun, er kann dafür sorgen, daß er richtig über eine Sache empfindet. Eine Atmosphäre sympathetischen Einflusses umgibt jedes Menschenwesen, und der Mensch, sei es Mann oder Frau, der stark, gesund und richtig über die großen Interessen der Menschheit empfindet, ist ein beständiger Wohltäter des ganzen Menschengeschlechts. So prüft also Eure Sympathien in dieser Sache! Stehen sie im Einklänge mit den Sympathien Christi? Oder sind sie beeinflußt und verdreht durch die Sophistereien einer weltgesinnten Politik?

Christliche Männer und Frauen des Nordens! Ihr besitzt auch noch eine andere Macht; Ihr könnt beten! Glaubt Ihr an das Gebet? Oder ist es zu einer unbestimmten apostolischen Tradition geworden? Ihr betet für die Heiden in der Fremde, betet auch für die Heiden zu Hause. Und betet auch für die armen Christen, deren einzige Aussicht auf religiöse Besserung ein bloßer Geschäftszufall ist – für die ein Leben nach den Vorschriften des Christentums in vielen Fällen eine Unmöglichkeit ist, wenn ihnen nicht von oben der Mut und das Heil des Märtyrertums geschenkt sind.

Aber noch mehr. Den Boden unserer freien Staaten betreten arme zerstreute Überreste von Familien, Männer und Frauen, die durch wunderbare Schickungen der Vorsehung dem Elend der Sklaverei entronnen sind, schwach im Wissen und in vielen Fällen schwach in Sittlichkeit, die aus Zuständen kommen, welche jedes christliche und sittliche Prinzip verneinen. Sie suchen eine Zuflucht unter Euch; sie suchen Erziehung, Wissen, Christentum.

Christen, was schuldet Ihr diesen armen Unglücklichen? Schuldet nicht jeder amerikanische Christ der afrikanischen Rasse einen Versuch, das Unrecht, welches Ihr der amerikanischen Nation zugefügt habt, wiedergutzumachen? Sollen wir ihnen die Tore der Kirchen und der Schulhäuser verschließen? Sollen Staaten Beschlüsse fassen, um sie auszutreiben? Soll die Kirche Christi in Schweigen den Hohn, den man über jene ausschüttet, anhören und vor der hilflosen Hand, welche sie ausstrecken, zurückweichen und durch Schweigen die Grausamkeit ermutigen, welche sie von unseren Grenzen zurücktreiben möchte? Wenn es so sein muß, so wird es ein trauervolles Schauspiel sein. Wenn es so sein muß, wird Amerika Ursache haben zu zittern, wenn es bedenkt, daß das Schicksal der Nationen in der Hand dessen liegt, der erbarmungsvoll und voll zärtlichen Mitleids ist.

Ihr sagt: »Wir wollen sie nicht haben, sie mögen nach Afrika gehen.«

Daß die Vorsehung Gottes für einen Zufluchtsort in Afrika gesorgt hat, ist in der Tat eine große und bemerkenswerte Tatsache, aber das ist kein Grund für die Kirche Christi, diejenige Verantwortlichkeit für dies verstoßene Volk, welche ihr Bekenntnis von ihr verlangt, von sich zu weisen.

Liberia mit einem unwissenden, unerfahrenen, halb barbarischen Volksstamme anzufüllen, der eben erst aus den Fesseln der Sklaverei erlöst ist, würde nur bewirken, daß die Periode des Kampfes und des Ringens, welche den Beginn neuer Unternehmungen begleitet, auf ganze Geschlechter hinaus verlängert würde. Lieber sollte die Kirche des Nordens diese armen Dulder im Geiste Christi aufnehmen und ihnen die fortbildenden Vorteile christlicher und republikanischer Gesellschaft und Schulen gewähren, bis sie wenigstens eine gewisse sittliche und geistige Reife erlangt haben. Und dann sollte sie ihnen Beistand leisten zu der Reise nach dem Lande, wo sie die in Amerika erhaltenen Lehren in Anwendung bringen sollen.

Der Norden besitzt eine verhältnismäßig kleine Gemeinschaft von Männern, welche das getan haben; und als die Frucht ihrer Bestrebungen hat dieses Land bereits Beispiele von früheren Sklaven gesehen, die sich sehr schnell Besitz, Ruf und Erziehung erworben haben. Es haben sich Talente in einer Weise entwickelt, die in Betracht der Verhältnisse gewiß bemerkenswert sind; und die Züge von Ehrlichkeit, Güte, weichem Gefühl, heldenmütigen Anstrengungen und selbstverleugnenden Bemühungen für die Befreiung von noch in der Sklaverei befindlichen Brüdern und Freunden haben sich in einem Grad ausgezeichnet, der, wenn man die Einflüsse bedenkt, unter denen sie geboren worden, wahrhaft überraschend ist.

Die Verfasserin hat viele Jahre an der Grenze von Sklavenstaaten gelebt und viele Gelegenheit gehabt, ehemalige Sklaven zu beobachten. Sie waren in ihrer Familie als Dienstboten, und sie hat dieselben in Ermangelung einer anderen Schule für sie in vielen Fällen in einer Familienschule mit ihren eigenen Kindern unterrichtet. Das Zeugnis von Missionaren unter den Flüchtlingen in Kanada stimmt mit dieser ihrer eigenen Erfahrung überein, und ihre Schlüsse hinsichtlich der Fähigkeiten der Rasse sind im höchsten Grade ermutigend.

Der erste Wunsch der befreiten Sklaven ist gewöhnlich auf Erziehung gerichtet. Ihren Kindern Unterricht zu verschaffen oder zu geben ist ihnen nichts zu teuer; und soweit die Verfasserin selbst beobachtet oder von anderen, die Neger unterrichtet haben, erfahren hat, fassen sie merkwürdig gut und rasch auf. Die Erfolge der von wohltätigen Personen in Cincinnati gegründeten Schulen bestätigen das vollkommen.

Die Verfasserin teilt noch folgende Tatsachen hinsichtlich emanzipierter und gegenwärtig in Cincinnati wohnender Sklaven mit; sie beabsichtigt damit die Bildungsfähigkeit der Rasse, selbst wo jeder besondere Beistand und jede Ermutigung versagt ist, zu zeigen. Sie verdankt diese Angaben dem Professor C. E. Stowe, früher am Lane-Seminar in Ohio.

Wir geben nur die Anfangsbuchstaben. Sie wohnen alle in Cincinnati.

»B . . ., Möbeltischler, ist seit 20 Jahren in der Stadt, hat ein Vermögen von 10 000 Dollar, alles eigener Verdienst; Wiedertäufer.

C . . ., reiner Neger; in Afrika geraubt; nach New Orleans verkauft; frei seit 15 Jahren; hat für sich 600 Dollar bezahlt; ist Farmer; besitzt mehrere Farmen in Indiana; Presbyterianer; mag ein Vermögen von 15 000-20 000 Dollar besitzen, alles eigener Verdienst.

K . . ., reiner Neger; handelt mit Grundstücken; hat ein Vermögen von 30 000 Dollar; ist gegen 40 Jahre alt und seit 6 Jahren frei; hat 1 800 Dollar für seine Familie bezahlt; Mitglied der Wiedertäufergemeinde; erbte etwas von seinem früheren Herrn, was er gut in acht genommen und vermehrt hat.

G . . ., reiner Neger; Kohlenhändler; gegen 30 Jahre alt; hat ein Vermögen von 18 000 Dollar; hat zweimal für sich bezahlt, indem er einmal um 1600 Dollar betrogen wurde; hat all sein Geld selbst verdient ; sehr viel, als er noch Sklave war, wo er seinem Herrn seine Zeit abmietete und auf eigene Rechnung Geschäfte machte; ein hübscher, anständiger Mann.

W . . ., Dreiviertel-Neger; Barbier und Kellner; aus Kentucky; seit 19 Jahren frei; hat 3 000 Dollar für sich und seine Familie bezahlt; hat ein Vermögen von 20 000 Dollar, alles eigener Verdienst; Kirchenältester in der Wiedertäufergemeinde.

G. D . . ., Dreiviertel-Neger; Anstreicher aus Kentucky; seit 9 Jahren frei; hat 1 500 Dollar für sich und seine Familie bezahlt; starb vor kurzem, 60 Jahre alt, und hinterließ ein Vermögen von 6 000 Dollar.«

Professor Stowe bemerkt: »Mit allen diesen, mit Ausnahme G’s, bin ich seit mehreren Jahren persönlich bekannt und mache meine Angaben nach eigener Erfahrung.«

Die Verfasserin erinnert sich noch recht gut einer farbigen alten Frau, die in ihres Vaters Familie Waschfrau war. Die Tochter dieser Frau heiratete einen Sklaven. Sie war ein merkwürdig tätiges und fähiges Mädchen und brachte durch Fleiß und Sparsamkeit und die ausdauerndste Selbstverleugnung 900 Dollar zusammen, um ihren Mann freizukaufen, und zahlte das Geld, wie sie es ersparte, seinem Herrn ab. Es fehlten ihr noch 100 Dollar an dem Gelde, als er starb. Sie hat von dem Gelde nie etwas wiederbekommen.

Das sind bloß ein paar Beispiele unter Tausenden, welche sich aufführen ließen, um die Selbstverleugnung, die Energie, die Geduld und Ehrlichkeit zu beweisen, welche Sklaven als freie Männer gezeigt haben.

Man darf auch nicht vergessen, daß diese Personen sich durch eigene Kraft verhältnismäßigen Reichtum und eine soziale Stellung unter Verhältnissen erworben haben, die sie nur benachteiligen und entmutigen konnten.

Nach dem Gesetz von Ohio besitzt der Farbige kein Stimmrecht und bis vor wenigen Jahren konnte er nicht einmal in Prozessen gegen Weiße als Zeuge auftreten. Auch beschränken sich diese Beispiele nicht bloß auf den Staat Ohio. In allen Staaten der Union finden wir Männer, die, erst gestern aus den Fesseln der Sklaverei erlöst, durch nicht genug zu bewundernde, eigene selbstbildende Kraft sich zu sehr anständigen Stellungen in der Gesellschaft emporgeschwungen haben. Pennington unter den Geistlichen und Douglas und Ward unter den Redakteuren sind wohlbekannte Beispiele.

Wenn dies verfolgte Volk trotz aller möglichen Entmutigung und Benachteiligung schon soviel erreicht hat, wieviel mehr könnte es erreichen, wenn die christliche Kirche es im Geiste ihres Herrn und Meisters behandeln wollte! Wir leben in einer Zeit, wo Staaten zittern und umgewälzt werden. Eine gewaltige Bewegung geht durch die Welt, daß sie erzittert, wie von einem Erdbeben, und ist Amerika sicher?

Aber wer kann den Tag der Gerechtigkeit abwarten; »denn der Tag soll brennen, wie ein Ofen: Und er wird erscheinen als ein jacher Zeuge gegen die, welche bedrücken den Knecht in seinem Lohne, die Witwen und die Waisen und welche dem Fremden sein Recht abwendig machen; und er wird den Bedrücker in Stücke brechen«.

Sind das nicht schreckliche Worte für eine Nation, welche in ihrem Schoß eine so gewaltige Ungerechtigkeit hegt? Christen! Könnt Ihr jedesmal, wo Ihr betet, daß sein Reich kommen möge, vergessen, daß der Prophet in grauenhafter Gemeinschaft den Tag der Rache mit dem Jahre seiner Erlösten verbindet?

Noch ist uns eine Frist der Gnade geboten. Sowohl der Norden, wie der Süden sind schuldig vor Gott gewesen; und die christliche Kirche hat eine schwere Rechnung zu verantworten. Nicht durch einen Bund, Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu beschützen und die Sünde zu einem gemeinschaftlichen Kapital zusammenzulegen, ist diese Union zu retten; sondern durch Reue, Gerechtigkeit und Erbarmen, denn das ewige Gesetz, durch welches der Mühlstein im Meere versinkt, steht nicht fester als das stärkere Gesetz, nach welchem Ungerechtigkeit und Grausamkeit auf Nationen den Zorn des allmächtigen Gottes herabrufen!

Ewig wahr ist, daß keine Nation sich frei nennen kann, bei der die Freiheit nur ein Vorrecht, nicht aber ein Grundgesetz ist.