Roman

27. Kapitel


Düstere Bilder

Müde hinter einem roh gezimmerten Wagen her und auf einem schlimmen Wege schleppten sich Tom und seine Leidensgefährten weiter.

Im Wagen saß Simon Legree, und die beiden Frauen, immer noch zusammengeschlossen, waren mit einigem Gepäck in dem hinteren Teile desselben untergebracht. Die ganze Gesellschaft reiste nach Legrees Plantage, die noch eine gute Strecke entfernt lag.

Es war ein wilder einsamer Weg, der sich jetzt durch öde Nadelholzhaiden wand, wo der Wind trauervoll stöhnte und dann über lange Knüppeldämme durch ausgedehnte Zypressensümpfe, wo die melancholischen Bäume aus dem schlammigen moorigen Boden emporstiegen, mit langen Trauerkränzen von schwarzem Moos behangen, während man hier und da die ekelerregende Mokkasinschlange zwischen abgebrochenen Baumstümpfen und sturmgeknickten Ästen, die hier und da im Wasser faulten, hindurchgleiten sah.

Der Wagen fuhr schließlich auf einem grasbewachsenen Kiesweg durch eine schöne Allee von Chinabäumen, deren anmutige Gestalt und immergrünes Laub das einzige zu sein schien, dem Vernachlässigung nicht schaden konnte – gleich edlen Geistern, die so tief in der Tugend wurzeln, daß sie unter einer entmutigenden und verfallenen Umgebung nur um so kräftiger gedeihen.

Das Haus war geräumig und schön gewesen. Die Bauart war, wie man sie im Süden sehr häufig findet; um das ganze Haus lief eine breite Veranda von zwei Stockwerken, auf welche sich alle äußeren Türen öffneten, und das unterste Stockwerk hatte gemauerte Pfeiler.

Aber alles sah wüst und ungemütlich aus; einige Fenster waren mit Brettern vernagelt oder hatten zerbrochene Scheiben oder Läden, die nur noch an einem Haspen hingen – alles verriet gröbliche Vernachlässigung und Unbehaglichkeit.

Bretterstücke, Stroh, alte verrottete Fäser und Kisten standen und lagen überall herum, und drei oder vier grimmig aussehende Hunde kamen, von dem Rollen der Wagenräder aufmerksam gemacht, herausgestürzt und ließen sich nur mit Mühe von den zerlumpten Dienstboten, die ihnen folgten, abhalten, Tom und seine Gefährten anzupacken.

»Ihr seht, was ihr zu erwarten habt!« sagte Legree, indem er die Hunde mit grimmiger Genugtuung liebkoste und sich zu Tom und seinen Gefährten wendete. »Ihr seht, was ihr zu erwarten habt, wenn ihr versucht fortzulaufen. Diese Hunde hier sind abgerichtet, Nigger aufzuspüren; und sie würden ebenso gern einen von euch zerreißen als ihr Abendbrot fressen. Also nehmt euch in acht! Heda, Sambo!« sagte er zu einem zerlumpten Kerl mit einem Hut ohne Rand, der ihn mit kriechendem Eifer begrüßte. »Wie ist’s gegangen?«

»Vortrefflich, Master.«

»Quimbo«, sagte Legree zu einem anderen, der sich angelegentlich bemühte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, »du hast doch getan, wie ich dir gesagt habe?«

»Ei und ob, Master.«

Diese beiden Farbigen waren die beiden ersten Sklaven der Plantage. Legree hatte sie ebenso systematisch zur Wildheit und Roheit erzogen wie seine Bulldoggen, und durch lange Übung in Härte und Grausamkeit ihren ganzen Charakter auf dieselbe Tiefe der Befähigung herabgebracht. Man findet gewöhnlich, und man hat davon eine schwere Anklage gegen den Charakter der Rasse hergenommen, daß der schwarze Sklavenaufseher stets tyrannischer und grausamer ist als der weiße. Man sagt damit weiter nichts, als daß der Geist des Negers mehr herabgedrückt und erniedrigt worden ist als der des Weißen. Es ist bei dieser Rasse nicht mehr der Fall als bei jeder anderen unterdrückten Rasse auf der ganzen Welt. Der Sklave ist stets ein Tyrann, wenn ihm die Möglichkeit dazu gegeben wird.

Legree regierte, wie manche Herrscher, von denen wir in der Geschichte lesen, seine Plantage durch eine Art Gleichgewicht der Kräfte. Sambo und Quimbo haßten einander aufs herzlichste; die Plantagenarbeiter ohne Ausnahme haßten die beiden ebenso aufrichtig; und indem er stets die eine Partei gegen die andere benutzte, war er ziemlich sicher, stets von einer derselben alles zu erfahren, was auf seiner Besitzung vorging.

Niemand kann ganz ohne geselligen Verkehr leben, und Legree munterte seine zwei schwarzen Satelliten zu einer Art gemeinen Vertraulichkeit auf, die jedoch jeden Augenblick den einen oder den andern in Ungelegenheit bringen konnte, denn bei der leisesten Reizung war einer von beiden stets bereit, auf einen Wink der Rache seines Herrn gegen den andern als Werkzeug zu dienen.

Wie sie jetzt neben Legree standen, erschienen sie als ein passender Beweis der Behauptung, daß vertierte Menschen noch tiefer stehen als die Tiere selbst. Ihre gemeinen, finsteren, mürrischen Züge; ihre großen Augen, die einander neidisch anglotzten; der rauhe, halb tierische Kehlton ihrer Sprache und die zerrissenen, im Winde flatternden Kleider standen in vortrefflicher Harmonie mit dem gemeinen und abstoßenden Charakter der ganzen Umgebung.

»Hier, Sambo«, sagte Legree, »bring diese Burschen hier in die Baracken; und hier habe ich auch ein Mädchen für dich mitgebracht«, sagte er, indem er eine Mulattin namens Emmeline losschloß und sie jenem hinschob, »ich hatte dir ja versprochen, eine mitzubringen.«

22. Kapitel


Das Letzte auf Erden

Die Statuetten und Bilder in Evas Zimmer waren mit weißen Tüchern verhüllt, und nur leises Atemholen und gedämpfte Schritte hörte man dort, und das Licht stahl sich feierlich durch die teilweise geschlossenen Fenster.

Das Bett war weiß verhangen, und unter der ruhenden Engelsgestalt lag ein schlummerndes Kind, schlummernd, um nie wieder zu erwachen.

Für solche, wie du bist, geliebte Eva, gibt es keinen Tod! Weder die Nacht noch den Schatten des Todes; nur ein so glänzendes Verschwimmen, wie wenn der Morgenstern im goldenen Frühlicht aufgeht. Dein ist der Sieg ohne die Schlacht – die Krone ohne den Kampf.

So dachte St. Clare, als er mit übereinandergeschlagenen Armen vor der Leiche stand und sie betrachtete. Ach! Wer wagt zu sagen, was er dachte? Denn von der Stunde an, wo Stimmen im Sterbezimmer gesagt hatten: »Sie ist verschieden«, war alles um ihn ein wüster Nebel gewesen, eine schwere Dämmerung des Schmerzes. Er hatte Stimmen an sein Ohr schlagen hören; er war gefragt worden und hatte geantwortet; sie hatten ihn gefragt, wann das Begräbnis sei, und wo sie begraben werden solle; und er hatte ungeduldig geantwortet, daß ihm das einerlei sei.

Adolf und Rosa hatten das Sterbezimmer eingerichtet; so leichtfertig, launenhaft und kindisch sie auch im allgemeinen waren, so waren sie doch weichherzig und voller Gefühl.

Es standen immer noch Blumen im Zimmer – alle weiß, zart und wohlriechend, mit zierlichen, trauernden Blättern. Auf Evas kleinem mit einer weißen Decke überzogenen Tischchen stand ihre Lieblingsvase mit einer einzigen weißen Moosrosenknospe. Die Falten der Draperien und der Vorhänge hatten Adolf und Rosa mit dem feinen Blick, der ihrer Rasse eigentümlich ist, geordnet und wieder geordnet. Selbst jetzt, wo St. Clare nachdenklich dastand, kam die kleine Rosa mit einem Korbe weißer Blumen mit vorsichtigem leisem Schritt in das Zimmer. Sie trat zurück, als sie St. Clare erblickte, und blieb ehrerbietig stehen; aber da sie sah, daß er sie nicht bemerkte, kam sie näher, um die Leiche zu schmücken. St. Clare sah sie, wie in einem Traume, während sie zwischen die zarten Händchen einen schönen Capjasmin steckte und mit bewunderungswürdigem Geschmack andere Blumen rund um das ganze Lager anbrachte.

Die Tür ging wieder auf, und Topsy mit vom Weinen geschwollenen Augen erschien, etwas unter der Schürze versteckt haltend. Rosa machte eine rasche abwehrende Gebärde, aber jene trat einen Schritt ins Zimmer herein.

»Du mußt hinaus«, sagte Rosa mit scharfem bestimmtem Flüstern: »Du hast hier nichts zu suchen.«

»O bitte, laß mich! Ich habe eine Blume mitgebracht – eine so hübsche Blume!« sagte Topsy und hielt eine halb aufgeblühte Teerosenknospe empor. »Laß mich nur die einzige hinlegen.«

»Marsch fort!« sagte Rosa noch entschiedener.

»Sie soll bleiben!« sagte St. Clare plötzlich mit dem Fuße stampfend. »Sie soll hereinkommen.«

Rosa entfernte sich rasch, und Topsy trat ans Bett und legte ihre Blume zu Füßen der Leiche, dann warf sie sich plötzlich mit einem Schrei wilder Verzweiflung neben dem Bett nieder und weinte und stöhnte laut.

Miß Ophelia kam in das Zimmer geeilt und versuchte, sie aufzuheben und zu beruhigen; aber vergebens.

»O Miß Eva! O Miß Eva! Ich wollte, ich wäre auch tot – ja gewiß!« Es lag eine wilde herzzerreißende Verzweiflung in diesem Aufschrei; das Blut schoß in St. Clares weißes marmorgleiches Gesicht, und die ersten Tränen, die er seit Evas Tode geweint, standen ihm in den Augen.

»Steh auf, Kind!« sagte Miß Ophelia mit sanfterer Stimme: »Weine nicht so. Miß Eva ist im Himmel; sie ist ein Engel geworden.«

»Aber ich kann sie nicht sehen!« sagte Topsy. »Ich werde sie nie wieder sehen!« und sie fing wieder an zu schluchzen.

Alle standen einen Augenblick lang schweigend da.

»Sie sagte, sie hätte mich lieb«, sagte Topsy – »das hat sie gesagt! O Gott, o Gott! Ich habe nun niemanden mehr – niemanden!«

»Das ist nur zu wahr«, sagte St. Clare; »aber bitte«, sagte er zu Miß Ophelia, »versuche du, ob du das arme Geschöpf nicht trösten kannst.«

»Ich wollte, ich wäre gar nicht geboren«, sagte Topsy. »Es lag mir gar nichts daran, auf die Welt zu kommen; und ich sehe gar keinen Nutzen dabei.«

Miß Ophelia hob sie sanft, aber fest vom Boden auf und nahm sie mit in ihr Zimmer; aber bis sie dort waren, fielen ihr ein paar Tränen aus den Augen.

»Topsy, du armes Kind«, sagte sie, als sie dieselbe in ihr Zimmer führte, »verzweifle nicht! Ich kann dich lieben, obgleich ich nicht bin, wie das geliebte, selige Kind. Ich hoffe, ich habe durch sie ein wenig von der Liebe unseres Heilands gelernt. Ich kann dich liebhaben; ich werde dich lieben und versuchen, dir beizustehen, daß du eine gute Christin wirst.«

Miß Ophelias Stimme sagte mehr, als ihre Worte, und mehr noch als diese sagten die ehrlichen Tränen, welche aus ihren Augen strömten. Von dieser Stunde an erlangte sie einen Einfluß auf das Gemüt des verlassenen Kindes, den sie nie wieder verlor.

»O meine Eva, deren kurze Spanne Zeit auf dieser Erde so viel Gutes bewirkt hat«, dachte St. Clare, »welche Rechenschaft werde ich von meinen vielen Jahren abzulegen haben?«

Eine Weile lang hörte man leises Geflüster und Schritte in dem Zimmer, wie einer nach dem andern hereinschlich, um die Leiche zu sehen; und dann kam der kleine Sarg; und dann war das Begräbnis, und Wagen fuhren vor der Tür vor und Freunde kamen und setzten sich nieder; und man sah weiße Schärpen und Bänder und Kreppschleifen und Trauernde in schwarzem Krepp; und es wurden Worte aus der Bibel gelesen und Gebete gesprochen; und St. Clare lebte und ging herum und bewegte sich wie einer, der jede seiner Tränen vergossen hat. Bis zuletzt erblickte er nur einen Gegenstand, den goldenen Lockenkopf im Sarge; aber dann sah er, wie das Tuch darüber gebreitet und der Deckel des Sarges verschlossen wurde; und er ging mit, als sie ihn neben die andern stellten, bis zu einem kleinen Fleck hinten im Garten, und dort neben der Moosbank, wo sie und Tom so oft miteinander gesprochen und gesungen und gelesen hatten, war das kleine Grab. St. Clare stand neben demselben – schaute mit leerem Blick hinab; er sah, wie sie den kleinen Sarg hinunterließen; er hörte undeutlich die feierlichen Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird nicht sterben, sondern das ewige Leben haben«, und wie die Erde darauf geworfen wurde und das kleine Grab ausfüllte, konnte er es nicht für wahr halten, daß sie seine Eva hier vor seinen Augen verscharrten.

Und so war es auch nicht! – Nicht Eva, sondern nur den schwachen Keim der strahlenden unsterblichen Gestalt, in der sie noch erscheinen wird an dem Tage Christi unseres Herrn.

Und sie waren alle fort, und die Leidtragenden kehrten alle zurück nach dem Hause, das sie nicht mehr sehen sollte; und aus Maries Zimmer war das Licht ausgesperrt, und sie lag auf dem Bett und schluchzte und stöhnte in unbezwinglichem Schmerz und rief jeden Augenblick nach allen ihren Dienstboten. Natürlich hatten diese keine Zeit zu weinen – wozu auch? Der Schmerz war ihr Schmerz, und sie war fest überzeugt, daß niemand auf Erden ihn so wie sie fühlte oder fühlen könnte und wollte.

»St. Clare vergoß keine Träne«, sagte sie: »Er sympathisierte nicht im mindesten mit ihr; es sei wirklich wunderbar, zu denken, wie hartherzig und gefühllos er sein müsse, da er doch jedenfalls wisse, wie sie leide.« So sehr sind die Menschen die Sklaven ihrer Augen und Ohren, daß viele von den Dienstboten wirklich glaubten, Missis leide bei weitem am meisten bei dieser Gelegenheit, vorzüglich, da Marie jetzt Anfälle von hysterischen Krämpfen bekam und nach dem Arzt schickte und erklärte, sie liege im Sterben; und das Laufen und Rennen und das Herbeischleppen von Wärmflaschen und das Warmmachen von Flanell und das Reiben und der allgemeine Lärm, den diese Anfälle verursachten, waren eine wahre Zerstreuung.

Tom jedoch hatte ein Gefühl in seinem Herzen, das ihn zu seinem Herrn hinzog. Er folgte ihm, traurig und sehnsüchtig, wohin er ging; und wenn er ihn so blaß und ruhig in Evas Zimmer über ihrer aufgeschlagenen kleinen Bibel sitzen sah, obgleich er keinen Buchstaben oder kein Wort darin erkannte, da sah Tom in diesem ruhigen, starren, tränenlosen Auge größeren Schmerz als in allem Seufzen und Jammern Mariens.

In wenigen Tagen kehrte die Familie St. Clare wieder nach der Stadt zurück, denn Augustin verlangte in der Ruhelosigkeit des Schmerzes nach einer anderen Umgebung, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So verließen sie denn Haus und Garten mit dem kleinen Grabe und begaben sich wieder nach New Orleans, und St. Clare bewegte sich geschäftig auf den Straßen und war bestrebt, die Kluft in seinem Herzen mit Eile und Rührigkeit und Ortsveränderungen auszufüllen; und Leute, die ihn auf der Straße sahen oder ihm in dem Café begegneten, erfuhren den Verlust, den er erlitten, nur durch den Flor um seinen Hut, denn er lächelte und spaßte und las die Zeitungen und unterhielt sich über Politik und besorgte Geschäftsangelegenheiten; und wer konnte wissen, daß diese ganze lächelnde Außenseite nur eine hohle Schale um ein Herz sei, das ein dunkles und stilles Grab war.

»Mr. St. Clare ist ein eigener Mann«, sagte Marie zu Miß Ophelia in klagendem Tone. »Ich glaubte immer, wenn er etwas auf der Welt liebte, so sei es unsere teuere Eva, aber er scheint sie sehr leicht zu vergessen. Ich kann ihn nie dazu bringen, von ihr zu sprechen. Ich glaubte wahrhaftig, er würde mehr Gefühl zeigen!«

»Stille Wasser sind oft die tiefsten, habe ich immer sagen hören«, sagte Miß Ophelia orakelhaft.

»Ach, das glaube ich gar nicht; das ist alles nur Rederei. Wenn Leute Gefühl haben, so werden sie es zeigen – sie können nicht anders; aber es ist immer ein großes Unglück, viel Gefühl zu besitzen. Ich wollte lieber, ich hätte eine Natur, wie St. Clare. Meine Gefühle nagen mir so am Herzen!«

»Aber gewiß, Missis, Master St. Clare wird so mager wie ein Schatten. Sie sagen, er esse gar nichts«, sagte Mammy. »Ich weiß, daß er Miß Eva nicht vergißt; das kann niemand – das liebe gesegnete Wesen!« setzte sie hinzu und wischte sich die Augen.

»Nun, jedenfalls nimmt er gar keine Rücksicht auf mich«, sagte Marie; »er hat mir kein Wort der Teilnahme gesagt, und er muß doch wissen, wieviel mehr eine Mutter fühlt, als es einem Manne je möglich ist.«

»Das Herz kennt seine eigene Bitterkeit«, sagte Miß Ophelia mit Ernst.

»Das denke ich eben auch. Ich weiß recht gut, was ich fühle – kein anderer Mensch scheint es zu wissen. Eva erriet es manchmal, aber sie ist nicht mehr!« Und Marie legte sich zurück in ihrem Sofa und schluchzte trostlos.

Marie war eine von den unglücklich konstituierten Sterblichen, in deren Augen alles, was für immer verloren ist, einen Wert annimmt, den es nie hatte, solange sie im Besitz desselben waren. Was sie besaß, schien sie nur zu besitzen, um Fehler darin zu finden; aber sowie es nicht mehr vorhanden war, so legte sie einen ungemessenen Wert darauf.

Zu gleicher Zeit mit diesem Gespräch in der Wohnstube fand ein anderes in der Bibliothek St. Clares statt.

Tom, der seinem Herrn beständig voller Unruhe Schritt für Schritt nachging, hatte ihn einige Stunden vorher in die Bibliothek gehen sehen; und nachdem er vergeblich gewartet hatte, ob er wieder herausgehen werde, beschloß er, sich etwas darin zu tun zu machen. Er trat leise ein. St. Clare lag auf einem Sofa am hinteren Ende des Zimmers. Er lag auf seinem Gesicht, und Evas Bibel lag aufgeschlagen nicht weit von ihm. Tom ging zu ihm hin und blieb vor dem Sofa stehen. Er zögert, und während er noch zögerte, erhob sich St. Clare plötzlich. Das ehrliche Gesicht so voller Schmerz und mit einem so flehenden Ausdruck von Liebe und Teilnahme fiel seinem Herrn auf. Er legte seine Hand auf die Toms und beugte sich mit dem Kopfe darüber.

»Ach, Tom, die ganze Welt ist so leer, wie ein hohles Ei.«

»Ich weiß es, Master – ich weiß es«, sagte Tom. »Aber ach, wenn Master nur hinaufsehen wollte – hinauf, wo unsere liebe Miß Eva ist – hinauf zu dem lieben Herrn Jesus!«

»Ach, Tom! Ich blicke hinauf; aber das Schlimmste ist, daß ich gar nichts oben sehe. Ich wollte, ich könnte was sehen.«

Tom seufzte schwer.

»Es scheint Kindern und armen ehrlichen Burschen, wie du bist, gegeben zu sein, zu sehen, was wir nicht sehen«, sagte St. Clare. »Woher kommt das?«

»Du hast solches verborgen vor den Weisen und Klugen, und hast’s offenbart den Unmündigen«, sagte Tom halblaut vor sich hin; »ja, Vater, also war es wohlgefällig vor Dir.«

»Tom, ich glaube nicht – ich kann nicht glauben; ich habe mir das Zweifeln angewöhnt«, sagte St. Clare. »Ich möchte dieser Bibel glauben, und ich kann nicht.«

»Guter Master, beten Sie zu dem guten Gott: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!«

»Wer weiß etwas von etwas?« sagte St. Clare zu sich selbst, während seine Augen träumerisch herumschweiften. »War alle diese schöne Liebe und Treue nur eine von den ewig wechselnden Phasen menschlichen Gefühls, die auf nichts Wirklichem beruhen und mit dem letzten Atemzuge vergehen? Und gibt es keine Eva mehr – keinen Himmel – keinen Christus – nichts?«

»Ach, lieber Master, wohl gibt es noch etwas! Ich weiß es; ich bin davon überzeugt«, sagte Tom und sank auf die Knie. »Lieber, lieber Master, glauben Sie!«

»Woher weißt du, daß es einen Christus gibt, Tom? Du hast nie den Herrn gesehen.«

»Ich habe ihn in meiner Seele gefühlt, Master – fühle ihn jetzt! O, Master, als man mich wegverkaufte von meiner Alten und den Kindern, war ich fast ebenso verzweifelt. Es war mir, als wäre nichts mehr übrig auf der Welt; und dann stand der gute Herr bei mir und sprach: ›Fürchte dich nicht, Tom!‹ und er bringt Licht und Freude in die Seele des Armen und macht, daß alles Friede wird; und ich fühle mich so glücklich und liebe jedermann und bin bereit des Herrn zu sein, und des Herrn Willen geschehen zu lassen und dorthin zu gehen, wohin mich der Herr sendet. Ich weiß, daß das nicht von mir kommen konnte, denn ich war ein armes unglückliches Menschenkind; es kam von dem Herrn; und ich weiß, daß er es auch für Master tun wird.«

Tom sprach mit halb erstickter Stimme. St. Clare legte den Kopf auf seine Schulter und drückte die harte, treue, schwarze Hand.

»Ich würde beten, Tom, wenn jemand da wäre, wenn ich bete; aber es ist mir stets, als spräche ich in die leere Luft. Aber bete du, Tom, und zeige mir, wie ich beten soll.«

Toms Herz war voll; er schüttete es im Gebete aus, wie Wasser, das ein Damm lange zurückgehalten hat. Eine Sache war klar genug: Tom glaubte, es höre ihn jemand, mochte jemand da sein oder nicht. Ja, St. Clare fühlte sich selbst auf der Flut seines Glaubens und Gefühls fast bis an die Tore des Himmels getragen, den er sich so lebendig vorzustellen schien. Es schien ihn Eva näherzubringen.

»Ich danke dir, guter Tom«, sagte St. Clare, als Tom aufstand. »Ich höre dich gern, Tom; aber jetzt geh und laß mich allein; ein andermal wollen wir mehr davon sprechen.«

Tom verließ schweigend das Zimmer.

17. Kapitel


Topsy

Eines Morgens, als Ophelia einer ihrer häuslichen Pflichten oblag, rief sie St. Clare unten von der Treppe herauf.

»Komm einmal herunter, Cousine, ich muß dir etwas zeigen.«

»Was gibt’s?« sagte Miß Ophelia, als sie mit der Näherei herunterkam.

»Ich habe dir etwas gekauft – sieh her«, sagte St. Clare, mit diesen Worten schob er ein kleines Negermädchen von acht oder neun Jahren vor. Die Kleine gehörte zu den Schwärzesten ihres Geschlechts; und ihre runden, hellen Augen, glänzend wie Glaskorallen, schweiften mit raschen und ruhigen Blicken über alle Einzelheiten der Umgebung. Den Mund halb geöffnet vor Erstaunen über die Wunder der Stube des neuen Herrn, zeigte sie zwei Reihen weißer glänzender Zähne. Das wollige Haar war in kleine Zöpfchen geflochten, die in jeder Richtung emporstanden. Der Ausdruck des Gesichts war ein seltsames Gemisch von Schlauheit und List, welches als eine Art von Schleier einen Ausdruck kläglichster Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit drollig überdeckte. Die Kleine hatte nur ein einziges, schmutziges, zerrissenes Kleidungsstück von Sackleinwand an und stand da mit ehrbar gefalteten Händen. Im ganzen war etwas Seltsames und Koboldartiges in der ganzen Erscheinung – etwas, wie sich Miß Ophelia später ausdrückte, »so Heidnisches«, daß der guten Dame ganz bange dabei wurde; und zu St. Clare gewendet sagte sie:

»Aber Augustin, wozu in aller Welt hast du mir dieses Geschöpf gebracht?«

»Damit du es erziehst und ihm den Weg zeigst, den es gehen soll, natürlich. Die Kleine kam mir wie ein ziemlich drolliges Exemplar von dem Vogelscheuchengeschlecht vor. Na Topsy«, fügte er hinzu und pfiff wie jemand, der die Aufmerksamkeit eines Hundes erregen will, »singe uns ein Lied und zeige uns, wie du tanzen kannst.«

In den schwarzen hellen Augen glitzerte eine Art boshafter Humor, und die Kleine stimmte mit einer klaren, schrillen Stimme eine seltsame Negermelodie an, zu der sie mit Händen und Füßen Takt schlug, sich herumdrehte und in einem wilden phantastischen Takte mit den Händen klatschte und die Knie zusammenschlug und alle ihre Bewegungen mit den seltsamen Kehltönen begleitete, welche die dieser Rasse eigentümliche Musik auszeichnen; und zuletzt kam sie mit ein oder zwei Luftsprüngen und einer langen Schlußkadenz, die so wunderlich und unheimlich klang wie der Pfiff eines Dampfwagens, plötzlich auf den Teppich herab und stand da mit gefalteten Händen und einem höchst scheinheiligen Ausdruck von Demut und Feierlichkeit auf dem Gesicht, zu dem nur die schlauen schielenden Seitenblicke aus den Augenwinkeln nicht recht passen wollten.

Ganz stumm vor Staunen stand Ophelia da.

St. Clare schien mit boshaftem Behagen sich über ihr Erstaunen zu freuen und sagte zu dem Kinde gewendet:

»Topsy, das ist deine neue Herrin. Ich werde dich ihr übergeben; trag Sorge, daß du dich gut aufführst.«

»Ja, Master«, sagte Topsy mit scheinheiligem Ernste, während ihre boshaften Augen funkelten.

»Du mußt dich gut aufführen, Topsy, verstehst du«, sagte St. Clare.

»O ja, Master«, sagte Topsy mit einem anderen funkelnden Blick, während ihre Hände immer noch fromm gefaltet blieben.

»Aber Augustin, was in aller Welt soll das bedeuten?« sagte Ophelia. »Dein Haus ist bereits so voll von diesen kleinen Plagegeistern, daß kein Mensch seinen Fuß wohin setzen kann, ohne auf sie zu treten. Ich stehe früh auf und finde einen hinter der Tür schlafen, und sehe einen schwarzen Kopf unter dem Tisch hervorgucken und einen andern auf dem Strohteller vor der Tür liegen, und sie lungern auf allen Geländern herum und balgen sich auf dem Küchenflur! Wozu in aller Welt bringst du das eine noch her?«

»Du sollst es erziehen – habe ich es dir nicht gesagt? Du predigst immer vom Erziehen. Ich dachte, ich wollte dir ein frisch gefangenes Exemplar schenken, damit du dich an ihm üben und es im Guten und Rechten unterweisen könntest.«

»Ich mag die Kleine nicht, das weiß ich; ich habe ohnedies schon mehr mit ihnen zu tun, als ich wünsche.«

»So seid ihr Christen alle! Ihr stiftet eine Gesellschaft und mietet einen armen Missionar, daß er sein ganzes Leben unter solchen Heiden zubringen soll. Aber den möchte ich sehen von euch, der einen derselben in sein Haus aufnehmen und sich der Arbeit seiner Bekehrung selbst unterziehen möchte! Nein, wenn es dazu kommt, sind sie schmutzig und garstig, und es ist zuviel Plage usw.«

»Augustin, du weißt, daß ich die Sache nicht in diesem Licht ansehe«, sagte Miß Ophelia schon sanfter gestimmt. »Es könnte am Ende doch ein echtes Missionswerk sein«, sagte sie und sah das Kind bereits mit etwas günstigerem Auge an.

St. Clare hatte die rechte Seite berührt. Miß Ophelias Gewissenhaftigkeit stand immer auf der Hut. »Aber«, setzte sie hinzu, »ich sehe wahrhaftig nicht ein, wozu du das Kind noch gekauft hast – wir haben schon so viel im Hause, daß sie alle meine Zeit und Kraft in Anspruch nehmen.«

»Nun, komm nur, Cousine«, sagte St. Clare, indem er sie beiseite zog, »ich sollte dich wegen meiner nichtsnutzigen Reden eigentlich um Verzeihung bitten. Im Grunde bist du so gut, daß sie keinen Sinn haben. Die Wahrheit ist, das Kind gehörte einem ewig betrunkenen paar Leuten, die eine gemeine Schenke, an welcher ich jeden Tag vorbeigehe, besitzen; und ich war müde, das Kind schreien und seine Herrschaft es schlagen und ausschimpfen zu hören. Die Kleine sah außerdem munter und drollig aus, als ob sich etwas aus ihr machen ließe; deshalb kaufte ich sie, um sie dir zu schenken. Versuche es nun einmal und gib ihr eine gute orthodoxe, neuengländische Erziehung, und sieh zu, was du aus ihr machen kannst, du weißt, ich habe dazu keine Anlage, aber ich möchte gern, daß du es versuchtest.«

»Nun, ich will tun, was ich kann«, sagte Miß Ophelia, und sie näherte sich ihrem neuen Zögling ziemlich so, wie sich jemand einer schwarzen Spinne nähern würde, vorausgesetzt, daß er wohlwollende Absichten auf sie hätte.

»Sie ist schrecklich schmutzig und halbnackt«, sagte sie.

»Nun, so nimm sie mit hinunter und laß sie von den Leuten reinigen und kleiden.«

Miß Ophelia brachte sie in die Küche hinunter.

»Ich sehe nicht ein, wozu Master Clare noch Nigger braucht«, sagte Dinah, welche den neuen Ankömmling mit keineswegs freundlichen Blicken betrachtete. »Sie mag mir nicht unter die Hände kommen, das weiß ich!«

»Pfui!« sagten Rosa und Jane mit großartiger Verachtung. »Sie mag uns aus dem Wege gehn! Wozu in aller Welt Master noch mehr von diesen gemeinen Niggern braucht!«

»Seid still da! Nicht mehr Nigger als Ihr selber, Miß Rosa«, sagte Dinah, welche sich von dieser letzten Bemerkung beleidigt fühlte. »Ihr scheint Euch gar für Weiße zu halten. Ihr seid keins von beiden – weder weiß noch schwarz. Ich möchte entweder nur das eine oder das andere sein.«

Miß Ophelia mußte bald bemerken, daß sich unter der Dienerschaft niemand fand, der das Reinigen und Ankleiden des neuen Ankömmlings übernehmen wollte. So mußte sie es denn selber tun, wobei ihr Jane widerwilligen Beistand leistete.

Miß Ophelia hatte einen guten Teil praktischer Entschlossenheit, und sie unterzog sich allen den ekelhaften Einzelheiten mit heldenmütiger Gründlichkeit, obgleich, wir müssen es gestehen, mit keiner sehr freundlichen Miene – denn zu mehr als zum bloßen Dulden konnten sie ihre Prinzipien nicht bringen. Als sie auf dem Rücken und den Schultern der Kleinen große Striemen und Narben entdeckte, die unauslöschlichen Zeugen des Systems, unter dem sie bis jetzt aufgewachsen war, da begann ihr Herz Erbarmen mit der Kleinen zu fühlen.

»Sehen Sie nur!« sagte Jane und wies auf die Narben. »Zeigt das nicht, daß sie ein Höllenbraten ist? Sie wird uns schön zu schaffen machen, rechne ich. Ich kann diese Niggerkinder auf den Tod nicht leiden! Sie sind so ekelhaft! Ich möchte nur wissen, wozu es Master gekauft hätte.«

Das Niggerkind hörte alle diese Bemerkungen mit der demütigen und kläglichen Miene an, die ihr Gewohnheit zu sein schien, und betrachtete nur mit einem scharfen und verstohlenen Blick seiner glitzernden Augen den Schmuck, den Jane in den Ohren trug. Als die Kleine endlich dastand, in einen anständigen und nicht zerrissenen Anzug gekleidet und das Haar kurz geschoren, sagte Miß Ophelia mit einiger Befriedigung, daß sie nunmehr wie ein Christenkind aussehe, und fing schon innerlich einige Pläne zu ihrer Erziehung zu überlegen an.

Sie setzte sich vor sie hin und fing an, sie zu examinieren.

»Wie alt bist du, Topsy?«

»Weiß nicht, Missis«, sagte der Kobold mit einem Grinsen, das alle Zähne zeigte.

»Du weißt nicht, wie alt du bist? Hat dir es niemand gesagt? Wer war deine Mutter?«

»Hab‘ nie keine gehabt!« sagte das Kind abermals grinsend.

»Du hast keine Mutter gehabt? Was meinst du damit? Wo bist du geboren?«

»Bin nie nicht geboren!« beteuerte Topsy mit einem so koboldartigen Grinsen, daß Miß Ophelia, wenn sie nervenschwach gewesen wäre, hätte glauben können, sie hätte einen schwarzen Gnomen aus der Unterwelt erwischt; aber Miß Ophelia war nicht nervenschwach, sondern einfach und praktisch und sagte daher mit einiger Strenge:

»Du darfst mir nicht so antworten, Kind, ich spiele nicht mit dir. Sage mir, wo du geboren bist und wer dein Vater und deine Mutter waren.«

»Bin nie nicht geboren«, wiederholte der Kobold noch emphatischer, »hatte nie Vater oder Mutter oder sonst was. Ein Sklavenhändler hat mich aufgezogen mit vielen andern. Alte Tante Sue wartete uns ab.«

Das Kind sprach offenbar die Wahrheit, und Jane sagte mit einem gezierten Lachen:

»Ach Gott, Missis, solche gibt’s in Unmassen. Spekulanten kaufen sie billig, wenn sie ganz klein sind, und ziehen sie zum Verkauf auf.«

»Wie lange bist du bei deiner Herrschaft?«

»Weiß nicht, Missis.«

»Ein Jahr oder mehr oder weniger?«

»Weiß nicht, Missis.«

»Ach Missis, diese gemeinen Nigger können so was nicht sagen; sie wissen nichts von der Zeit«, sagte Jane. »Sie wissen nicht, was ein Jahr ist; sie wissen nicht, wie alt sie sind.«

»Hast du etwas von Gott gehört, Topsy?«

Das Kind machte bei dieser Frage ein ganz verblüfftes Gesicht, grinste aber wie gewöhnlich.

»Weißt du, wer dich erschaffen hat?«

»Niemand, soviel ich weiß«, sagte das Kind mit einem kurzen Lachen.

Der Gedanke schien ihm ganz vorzüglichen Spaß zu machen, denn seine Augen funkelten und es setzte hinzu:

»Ich glaube, ich bin gewachsen. Glaub‘ nicht, daß mich jemand geschaffen hat.«

»Kannst du nähen?« sagte Miß Ophelia, welche ihren Fragen eine mehr praktische Richtung zu geben gedachte.

»Nein, Missis.«

»Was kannst du? – Was hast du bei deiner Herrschaft gemacht?«

»Wasser geholt und Geschirr gewaschen und Messer geputzt und den Leuten aufgewartet.«

»Haben sie dich gut behandelt?«

»Vermute«, sagte das Kind, indem es Miß Ophelia schlau ansah.

Miß Ophelia erhob sich von dieser ermutigenden Prüfung; St. Clare stand hinter ihr auf die Stuhllehne gestützt.

»Du findest hier jungfräulichen Boden, Cousine; pflanze deine eigenen Begriffe hinein – du wirst nicht viel erst aufzuräumen haben.«

Miß Ophelias Begriffe von Erziehung waren, wie alle ihre anderen Begriffe, sehr abgeschlossen und bestimmt und von der Art, wie sie vor einem Jahrhundert in Neuengland vorherrschten und selbst noch in sehr abgelegenen und unverdorbenen Gegenden bestehen, wo keine Eisenbahnen hinkommen. Sie ließen sich so ziemlich in sehr wenige Worte zusammenfassen. Dem Kinde wurde gelehrt, zu gehorchen, wenn man ihm etwas hieß; es wurde ihm der Katechismus, Nähen und Lesen gelehrt; und es bekam Schläge, wenn es log, und obgleich diese Ansichten natürlich durch die über die Erziehungsfrage ausgegossene Flut von Licht weit überholt sind, so ist es doch unbestreitbar, daß unsere Großmütter einige recht verständige Männer und Frauen auf die Weise erzogen haben, wie viele von uns sich erinnern und bezeugen können. Jedenfalls wußte es Miß Ophelia nicht anders und widmete sich daher ihrem heidnischen Zöglinge mit dem möglichsten Fleiße.

Das Kind galt im ganzen Hause als Miß Ophelias Mädchen, und da es vor den Herrschaften in der Küche durchaus keine Gnade fand, so beschloß Miß Ophelia, seinen Wirkungskreis und seinen Unterricht hauptsächlich auf ihr Zimmer zu beschränken. Mit einer Opferbereitwilligkeit, welche einige unserer Leser werden würdigen können, faßte sie den Entschluß, anstatt sich selbst ihr Bett zu machen und selbst ihr Zimmer zu kehren und zu ordnen – was sie bisher getan hatte, alle Hilfsanerbietungen des Hausmädchens entschieden zurückweisend –, sich dem Märtyrertum zu unterwerfen, Topsy in diesen Verrichtungen Unterricht zu erteilen. Aber wehe über diesen Tag! Wenn jemals unser Leser so etwas versucht hat, so wird er die Größe ihres Opfers würdigen können.

Miß Ophelia fing damit an, am ersten Morgen Topsy mit auf ihr Zimmer zu nehmen und einen feierlichen Kursus in der Kunst und den Geheimnissen des Bettmachens zu beginnen.

Topsy, gewaschen und der kleinen geflochtenen Schwänzchen beraubt, die ihres Herzens Freude waren, in einer reinen Kutte und einer gut gestärkten Schürze, steht ehrerbietig vor Miß Ophelia und macht ein so feierliches Gesicht, daß es sich zu einem Leichenbegräbnisse geschickt haben würde.

»Nun, Topsy, werde ich dir zeigen, wie du mein Bett machen mußt. Ich bin sehr eigen mit meinem Bett. Du mußt ganz genau lernen, wie es gemacht werden muß.«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy mit einem tiefen Seufzer und einem Gesicht voll kläglichen Ernstes.

»Also sieh, Topsy, das ist der Saum des Bettuches – das ist die rechte Seite des Bettuchs, und das die linke: Wirst du das behalten?«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy wieder mit einem Seufzer.

»Nun, das Unterbettuch mußt du über das Polsterkissen legen – und es recht hübsch und glatt unter die Matratze stopfen – siehst du?«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy mit tiefer Aufmerksamkeit.

»Aber das obere Bettuch«, sagte Miß Ophelia, »muß so gelegt und fest und glatt unten zu Füßen untergestopft werden – so –, der schmale Saum zu Füßen.«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy wie vorhin; aber wir müssen hinzusetzen, was Miß Ophelia nicht sah, daß während der Zeit, wo ihr die gute Dame in ihrem Lehreifer den Rücken zugekehrt hatte, die junge Schülerin Gelegenheit fand, ein paar Handschuhe und ein Band zu stehlen, welches sie geschickt in ihre Ärmel gleiten ließ, worauf sie wieder mit gehorsam gefalteten Händen dastand wie vorher.

»Nun versuch du es einmal, Topsy«, sagte Miß Ophelia, indem sie die Bettücher wieder entfernte und sich setzte.

Topsy verrichtete das Befohlene mit großer Geschicklichkeit zu Miß Ophelias vollkommener Befriedigung; sie strich die Bettücher glatt, klopfte jede Falte heraus und zeigte bei der ganzen Arbeit einen Ernst und eine Würde, von der sich ihre Lehrerin höchlichst erbaut fühlte. Durch ein unglückliches Versehen guckte jedoch gerade, als sie fertig war, ein Endchen des Bandes aus dem Ärmel heraus, und Miß Ophelia sah es. Auf der Stelle ergriff sie es. »Was ist das? Du böses, schlechtes Kind – das hast du gestohlen!«

Obgleich Ophelia das Band aus Topsys eigenem Ärmel zog, so geriet das Kind doch nicht im mindesten außer Fassung; es sah den Fund nur mit einer Miene der überraschtesten und arglosesten Unschuld an.

»Ob das nicht Miß Feelys Band ist! Wie mag’s nur in meinen Ärmel gekommen sein!«

»Topsy, du böses Mädchen, lüge nicht! Du hast das Band gestohlen!«

»Misses, wahrhaftig, ich hab’s nicht gestohlen; sehe es diese Minute zum allerersten Mal.«

»Topsy«, sagte Miß Ophelia, »weißt du nicht, daß es schlecht ist zu lügen?«

»Ich lüge nie, Miß Feely«, sagte Topsy mit tugendhaftem Ernste. »Es ist die reine Wahrheit, was ich Ihnen gesagt habe, und weiter nichts.«

»Topsy, ich werde dir die Peitsche geben lassen, wenn du so lügst.«

»Ach, Missis, und wenn Sie mich den ganzen Tag peitschen lassen, kann ich nichts anderes sagen«, sagte Topsy und fing an zu flennen. »Ich habe das Band noch mit keinem Auge gesehen, und es muß sich in meinen Ärmel verkrochen haben. Miß Feely hat’s gewiß auf dem Bett liegenlassen, und es ist unter die Bettücher gekommen und so in meinen Ärmel geraten.«

Miß Ophelia war so empört über die freche Lüge, daß sie das Kind faßte und schüttelte. »Sage mir das nicht noch einmal.«

Durch dieses Schütteln fielen die Handschuhe aus dem anderen Ärmel in die Stube.

»Da siehst du?« sagte Miß Ophelia. »Wirst du jetzt noch leugnen, daß du das Band gestohlen hast?«

Topsy bekannte jetzt den Diebstahl der Handschuhe, aber leugnete immer noch hinsichtlich des Bandes.

»Topsy, wenn du alles gestehen willst, sollst du diesmal nicht die Peitsche bekommen«, sagte Miß Ophelia. Auf dieses Versprechen bekannte sich Topsy zum Diebstahle des Bandes und der Handschuhe mit den kläglichsten Bußbeteuerungen.

»Jetzt gestehe es mir nur. Ich weiß, du mußt auch andere Dinge gestohlen haben, seit du hier bist, denn ich habe dich gestern den ganzen Tag frei herumlaufen lassen. Gestehe jetzt, was du genommen hast, und ich will dich nicht schlagen.«

»Ach, Missis! Ich habe Miß Evas rotes Ding genommen, das sie um den Hals trägt.«

»Was? Du böses Kind! Nun, was sonst noch?«

»Rosas Ohrringe – die roten.«

»Geh und bring mir alle beide Sachen gleich die Minute her.«

»Ach Missis, das kann ich nicht – sie sind verbrannt.«

»Verbrannt – was für eine Lüge! Hole sie oder du bekommst die Peitsche.«

Mit lauten Beteuerungen und Tränen und Seufzern erklärte Topsy, daß es ihr unmöglich sei.

»Sie sind verbrannt – rein verbrannt!«

»Warum hast du sie verbrannt?« sagte Miß Ophelia.

»Weil ich ein böses Kind bin. Ich bin schrecklich böse, sagen die Leute. Ich kann nichts dafür.«

In diesem Augenblick kam Eva zufällig ins Zimmer, geschmückt mit dem Korallenhalsband, von dem die Rede war.

»Was, Eva, wo hast du dein Halsband herbekommen?« sagte Miß Ophelia.

»Herbekommen? Ich habe es ja den ganzen Tag umgehabt«, sagte Eva.

»Hattest du es auch gestern immer?«

»Jawohl, und was das Drolligste ist, Tantchen, ich hatte es die ganze Nacht um. Ich vergaß es abzunehmen, als ich zu Bett ging.«

Miß Ophelia wußte nicht, was sie denken sollte, um so mehr, als jetzt auch Rosa ins Zimmer trat, mit einem Körbchen frischgeplätteten Leinenzeugs auf dem Kopfe und den Korallengehängen in den Ohren.

»Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit einem solchen Kinde machen soll! Wozu, in aller Welt, sagtest du mir, du hättest diese Sachen gestohlen, Topsy?«

»Ach, Missis sagte ja, ich sollte bekennen; und ich wußte nichts anderes«, sagte Topsy und wischte sich die Augen.

»Aber natürlich verlange ich nicht, du solltest mir Dinge bekennen, die du nicht getan hast«, sagte Miß Ophelia, »das ist so gut eine Lüge wie das andere.«

»Ach wirklich?« sagte Topsy mit einer Miene unschuldiger Verwunderung.

»Ja, ’s ist auch kein Funken Wahrheit in diesem Satanskind«, sagte Rosa und sah Topsy mit bösem Gesicht an. »Wenn ich Master St. Clare wäre, wollte ich sie peitschen, daß ihr das Blut vom Rücken liefe; sie sollte es schon kriegen!«

»Nein, nein, Rosa«, sagte Eva mit einer befehlenden Miene, welche das Kind manchmal anzunehmen verstand, »so darfst du nicht sprechen, Rosa. Ich kann das nicht mit anhören.«

»Herrjemine! Miß Eva, Sie sind so gut und verstehen es nicht, wie man mit Niggern umspringen muß. Es gibt kein anderes Mittel, als sie blutig zu schlagen. Darauf verlassen Sie sich.«

»Rosa«, sagte Eva, »still! Kein Wort wieder von dieser Art.« Und das Auge des Kindes flammte auf, und seine Wange rötete sich tiefer. Rosa war in einem Augenblick eingeschüchtert.

»Miß Eva hat das St.-Clare-Blut in ihren Adern, das ist klar. Sie kann wahrhaftig gerade so sprechen wie ihr Papa«, sagte sie, indem sie das Zimmer verließ.

Eva stand da und betrachtete Topsy.

Als Miß Ophelia über Topsys Schlechtigkeit schalt, machte das Kind ein verwundertes und betrübtes Gesicht, sagte aber sanft:

»Arme Topsy, warum stiehlst du? Du sollst es ja jetzt gut hier haben. Gewiß will ich dir lieber etwas von meinen Sachen geben, als daß du stiehlst.«

Es war das erste freundliche Wort, welches das Kind in seinem Leben gehört hatte; und der sanfte Ton und die sanfte Weise berührte seltsam das wilde rohe Herz, und es funkelte etwas wie eine Träne in dem lebhaften runden glitzernden Auge, aber es wurde bald von einem kurzen Lachen und dem gewöhnlichen Grinsen verdrängt. Nein! Das Ohr, das nie etwas anderes als Scheltworte gehört hat, ist merkwürdig ungläubig, wenn es etwas so Himmlisches wie Freundlichkeit vernimmt, und Topsy kam die Anrede nur wie etwas Spaßiges und Unerklärliches vor – sie glaubte nicht daran.

Aber was war mit Topsy anzufangen? Miß Ophelia wußte weder aus noch ein; ihre Erziehungsregeln schienen hier keine Anwendung zu finden. Sie wollte sich Zeit nehmen, darüber nachzudenken; und um Zeit zu gewinnen und im Vertrauen auf eine unbestimmte moralische Heilkraft, die in dunklen Kammern wohnen soll, sperrte Miß Ophelia ihren Zögling ein, bis sie ihre Gedanken über diesen Gegenstand besser geordnet hatte.

»Ich sehe noch nicht ein, wie ich mit dem Kinde auskommen kann ohne Schläge«, sagte Miß Ophelia zu St. Clare.

»Nun, so schlage sie, soviel es dir gefällt, ich gebe dir die unbeschränkteste Vollmacht.«

»Kinder müssen immer Schläge bekommen«, sagte Miß Ophelia. »Ich habe nie gehört, daß sie ohne Schläge erzogen würden.«

»Tu, was du für das Beste hältst«, sagte St. Clare. »Aber nur eins will ich bemerken: Ich habe gesehen, wie man dieses Kind mit dem Schüreisen, mit der Feuerzange oder mit der Kohlenschaufel, und was gerade bei der Hand war, geschlagen hat, daß es zu Boden stürzte; da es also an diese Behandlungsweise gewöhnt ist, so glaube ich, du wirst mit ziemlicher Energie prügeln müssen, um einigen Eindruck hervorzubringen.«

»Was soll ich denn mit dem Kinde beginnen?« sagte Ophelia.

»Du stellst da eine ernsthafte Frage auf«, sagte St. Clare. »Ich wollte, du könntest sie beantworten. Was man mit einem menschlichen Wesen, das nur mit der Peitsche regiert werden kann, anfangen soll, wenn diese nicht mehr anschlägt, das ist etwas, was wir hier unten uns sehr häufig fragen.«

»Ich weiß es nicht, mir ist noch nie ein Kind von dieser Art vorgekommen.«

»Solche Kinder sind bei uns sehr gewöhnlich und auch solche Männer und Weiber. Wie soll man sie in Zucht erhalten?« sagte St. Clare.

»Die Frage ist jedenfalls für mich zu schwer, um sie zu lösen«, sagte Miß Ophelia.

»Und auch für mich«, sagte St. Clare. »Die schrecklichen Grausamkeiten und Schandtaten, die dann und wann ihren Weg in die Zeitungen finden – solche Vorfälle, wie z. B. der mit Prue – woher rühren sie? In vielen Fällen ist es ein allmählicher Verhärtungsprozeß auf beiden Seiten – der Sklavenbesitzer wird allmählich grausamer und grausamer, und der Sklave wird immer verstockter. Schläge und Scheltworte sind wie Laudanum; man muß die Dosis in dem Maße verdoppeln, wie die Gefühle sich abstumpfen. Ich sah dies sehr frühzeitig ein, als ich Sklavenbesitzer geworden war, und ich nahm mir vor, nie anzufangen, weil ich nicht wußte, wo ich aufhören würde, und beschloß, wenigstens meinen eigenen sittlichen Charakter rein zu halten. Infolge davon sind meine Dienstboten wie verzogene Kinder; aber ich halte das für besser, als wenn wir beide zusammen ganz vertiert wären. Du hast viel von unserer großen Verantwortlichkeit für die Erziehung unserer Mitmenschen gesprochen. Ich möchte wirklich wünschen, du versuchtest es mit einem Kinde, welches eine Probe von Tausenden unter uns ist.«

»Euer System ist an solchen Kindern schuld«, sagte Miß Ophelia.

»Ich weiß es, aber sie sind einmal vorhanden – und die Frage ist, was soll mit ihnen geschehen?«

»Nun, ich kann eben nicht sagen, daß ich dir für das Experiment sehr dankbar bin. Aber da es sich als eine Art Pflicht herausstellt, so will ich nicht ermatten und den Versuch fortsetzen und mein Bestes tun«, sagte Miß Ophelia; und von nun an widmete sich Miß Ophelia mit lobenswertem Eifer und Energie ihrem Zögling. Sie richtete regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für die Kleine ein und lehrte sie selbst lesen und nähen.

In ersterer Kunst machte das Kind ziemlich rasche Fortschritte. Sie lernte die Buchstaben wie durch Zauberei und war bald imstande, gewöhnliche Schrift zu lesen; aber mit dem Nähen ging es nicht so leicht vonstatten. Die Kleine war so geschmeidig wie eine Katze und so rührig wie ein Äffchen, und die sitzende Beschäftigung des Nähens war ihr ein Greuel; so zerbrach sie die Nadeln, warf sie verstohlen zum Fenster hinaus oder in Mauerritzen; sie verwirrte, zerriß oder beschmutzte ihren Zwirn oder warf wohl auch mit einer listigen Bewegung ein Knäuel ganz weg. Ihre Bewegungen waren fast so schnell wie die eines geübten Taschenspielers, und sie beherrschte ihr Gesicht ebenso vollkommen; und obgleich Miß Ophelia recht gut einsah, daß so viele widrigen Zufälle sich nicht hintereinander ereignen konnten, so konnte sie doch nicht ohne eine Wachsamkeit, welche ihr zu nichts anderem Zeit übrig gelassen hätte, die Arglistige ertappen.

Topsy hatte sich in St. Clares Haus bald einen Ruf erworben. Ihr Talent für jede Art drolliges Gebärdenspiel, Gesichterschneiden und Schauspielern – für Tanzen, Luftspringen, Klettern, Singen, Pfeifen und Nachahmen jeden Tones, der ihr auffiel – schien unerschöpflich zu sein. In ihren Spielstunden lief ihr unfehlbar jedes Kind des Haushalts nach, den Mund weit aufsperrend vor Bewunderung und Staunen – nicht einmal Miß Eva ausgenommen, welche von ihren Koboldstücken ganz entzückt zu sein schien, wie manchmal eine Taube von einer glänzenden Schlange bezaubert wird. Miß Ophelia befürchtete, Eva möchte an Topsys Gesellschaft zuviel Gefallen finden, und bat St. Clare, es ihr zu verbieten.

»Bah! Laß das Kind seinen eigenen Weg gehen«, sagte St. Clare. »Topsy kann ihr nur nützen.«

»Aber ein so verderbtes Kind – befürchtest du nicht, daß es sie etwas Schlechtes lehren könnte?«

»Sie kann ihr nichts Schlechtes lehren; sie könnte es anderen Kindern lehren, aber das Schlechte gleitet von Evas Seele ab wie der Tau von einem Kohlblatt; kein Tropfen dringt ins Innere.«

»Sei nicht zu sicher«, sagte Miß Ophelia. »So viel weiß ich, daß ich nie eins meiner Kinder mit Topsy spielen lassen würde.«

»Nun, deine Kinder brauchen es nicht zu tun«, sagte St. Clare, »aber meine können es; wenn Eva verderbt werden könnte, so wäre sie schon vor Jahren verdorben.«

Anfangs sah sich Topsy von den oberen Dienstboten verabscheut und verachtet; aber sie fanden sehr bald Ursache, ihre Meinung zu ändern. Man entdeckte sehr bald, daß, wer Topsy eine Schmach zufügte, ganz sicher binnen sehr kurzer Zeit von irgendeinem unangenehmen Zufall betroffen wurde; entweder fehlten ein Paar Ohrringe oder sonst ein Lieblingsschmuck, oder man fand ein Kleidungsstück plötzlich ganz und gar verdorben, oder der Schuldige stolperte zufällig in einen Eimer heißes Wasser, oder ein schmutziger Regen von Spülwasser goß ganz unerklärlich auf ihn herab, wenn er in vollem Staate war; und bei allen diesen Gelegenheiten konnte man bei näherer Untersuchung nie den Urheber dieser empfindlichen Neckereien entdecken. Man zitierte Topsy, und sie erschien zu wiederholten Malen vor der Herrschaft zu Gericht; aber immer bestand sie das Verhör mit der erbaulichsten Unschuld und der ernsthaftesten Miene. Kein Mensch in der ganzen Welt zweifelte, wer der Urheber sei; aber es ließ sich auch nicht ein Buchstabe direkten Beweises zur Bekräftigung des Verdachtes auffinden, und Miß Ophelia war zu gerecht, um ohne Beweise sich strengere Maßregeln zu erlauben.

Die Neckereien waren außerdem stets der Zeit so gut angepaßt, daß der Urheber nur noch sicherer der Strafe entging. So wählte derselbe die Zeiten der Rache an Rosa und Jane, den beiden Kammerzofen, regelmäßig, wo, wie es nicht selten geschah, sie bei ihrer Herrin in Ungnade gefallen waren und wo natürlich eine von ihnen erhobene Klage keinen Anklang fand. Kurz, Topsy prägte der Dienerschaft bald ein, es sei klug, sie in Ruhe zu lassen; und man ließ sie nun auch in Ruhe.

In allen Handarbeiten war Topsy gewandt und energisch und lernte alles, was man ihr lehrte, mit wunderbarer Schnelligkeit. Nach wenigen Stunden Unterricht verstand sie Miss Ophelias Zimmer in einer Weise in Ordnung zu bringen, welche selbst diese vielverlangende Dame befriedigte. Menschenhände konnten die Laken nicht glatter ausbreiten, die Kissen nicht sorgfältiger an ihre Stelle legen, das Zimmer nicht vollkommener kehren, abstäuben und ordnen als Topsy, wenn sie Lust hatte – aber sie hatte nicht sehr oft Lust. Wenn Miss Ophelia, nachdem sie drei oder vier Tage sorgfältig und geduldig die Oberaufsicht geführt hatte, sanguinisch genug war, zu glauben, dass Topsy endlich ausgelernt habe und alles ohne Aufsicht verrichten könne, und nun fortging, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen, so stellte Topsy ein oder zwei Stunden lang ein wahres Karneval von Verwirrung an. Anstatt das Bett zu machen, zog sie die Kissenüberzüge herunter, fuhr mit ihrem wolligen Kopf unter die Kissen, bis er manchmal auf das Groteskeste mit nach allen Richtungen emporstarrenden Federn verziert war; kletterte die Säulen hinauf und baumelte sich mit den Füßen anhaltend von oben herunter; warf die Bettücher im ganzen Zimmer herum; zog dem Fußkissen Miß Ophelias Nachtkleider an und führte verschiedene theatralische Darstellungen mit dieser Puppe auf; sang und pfiff und schnitt sich Gesichter im Spiegel; mit einem Worte, sie führte eine wahre Teufelskomödie auf.

Einmal fand Miss Ophelia Topsy mit ihrem besten scharlachroten, chinesischen Kreppschal als Turban um den Kopf gebunden vor dem Spiegel stehen, wo sie im großen Staat ihre Rolle einstudierte; denn Miss Ophelia hatte mit einer bei ihr unerhörten Sorglosigkeit den Schlüssel zum Schranke stecken lassen.

»Topsy!« pflegte sie zu sagen, wenn ihre Geduld zu Ende ging. »Weshalb machst du das nur?«

»Weiß nicht, Missis – ich glaube, weil ich so schlecht bin.«

»Ich weiß nicht, was ich mit dir anfangen soll, Topsy.«

»Ach, Missis, Sie müssen mich schlagen; meine alte Missis schlug mich stets. Ich bin nicht gewohnt zu arbeiten, wenn ich keine Schläge kriege.«

»Aber ich will dich nicht schlagen, Topsy. Du kannst dich gut aufführen, wenn du Lust dazu hast. Warum tust du’s nicht?«

»Ach, Missis, ich bin an Schläge gewöhnt; ich glaube, es muß wohl gut für mich sein.«

Miss Ophelia versuchte das Rezept, und Topsy machte stets einen schrecklichen Lärm und schrie und stöhnte und flehte, obgleich sie eine halbe Stunde später auf einer Ecke des Balkons sitzend gegen eine um sie versammelte Schar von der jungen Brut sich höchst verächtlich über die ganze Sache aussprach.

»Ach Miss Feely und peitschen! – Die kann keine Fliege totschlagen. Sollte sehen, wie alter Master das Fleisch in Fetzen davonfliegen machte; alter Master wusste, wie!«

Topsy war stets sehr stolz auf ihre Sünden und Missetaten, die sie offenbar als etwas ganz besonders Auszeichnendes betrachtete.

»Nun, ihr Nigger«, sagte sie zu ihren Zuhörern, »wisst ihr nicht, dass ihr alle Sünder seid? Ja, ihr seid Sünder, ohne alle Ausnahme. Die Weißen sind auch Sünder – Miss Feely sagt’s; aber ich glaube, Nigger sind die größten aber ach, mit mir könnt ihr’s nicht aufnehmen. Ich bin so schrecklich schlecht, daß niemand mit mir was anfangen kann. Alte Missis mußte immer den halben Tag über mich fluchen. Ich glaube, ich bin das schlechteste Geschöpf der Welt«, und Topsy schlug ein Rad und hockte munter und glänzend auf einen noch höheren Sitz und war offenbar stolz auf die Auszeichnung.

Sonntags war Miss Ophelia sehr eifrig bemüht, Topsy den Katechismus zu lehren. Topsy hatte ein ungewöhnlich gutes Wortgedächtnis und lernte mit einer Schnelligkeit, welche ihre Lehrerin sehr ermutigte.

»Was soll das ihr nützen?« sagte St. Clare.

»Mein Gott, es hat Kindern immer genützt. Alle Kinder müssen das lernen, das weißt du ja selbst«, sagte Miss Ophelia.

»Mögen sie es verstehen oder nicht?« sagte St. Clare.

»Oh, Kinder verstehen es nie, wenn sie es lernen; aber später, wenn sie groß werden, sehen sie es schon ein.«

»Bei mir ist das Verständnis noch nicht gekommen, obgleich ich bezeugen kann, daß du mir es gründlich gelehrt hast.«

»Ach, du zeigtest immer einen guten Kopf, Augustin. Ich setzte damals große Hoffnungen auf dich«, sagte Miß Ophelia.

»Nun, und jetzt nicht mehr?« sagte St. Clare.

»Ich wollte, du wärst so gut, wie du als Knabe warst, Augustin.«

»Das wünsche ich auch, Kusine«, sagte St. Clare. »Nun fang nur an und katechisiere Topsy, vielleicht machst du noch etwas aus ihr.«

Topsy, die während dieses Gesprächs wie eine schwarze Statue mit frommgefalteten Händen dagestanden hatte, begann jetzt auf ein Zeichen Miß Ophelias: »Unsere ersten Eltern, da ihnen ihr freier Wille gelassen war, verloren das Paradies, für das sie geschaffen waren.« Topsys Augen funkelten und sahen ihre Lehrerin fragend an.

»Was gibt’s, Topsy?« sagte Miss Ophelia.

»Ach, Missis, war das Paradies Kentucky?«

»Was für ein Paradies, Topsy?«

»Das Paradies, das ihnen verlorenging. Ich hörte immer Master erzählen, wir wären von Kentucky gekommen.«

St. Clare lachte.

»Du wirst ihr eine Erklärung geben müssen, oder sie macht sich eine«, sagte er. »Sie scheint mir da eine Theorie der Auswanderungen aufzustellen.«

»Ach Augustin, sei still«, sagte Miss Ophelia. »Wie kann ich etwas machen, wenn du beständig lachst?«

»Na, ich will dich nicht weiter stören, auf Ehre«, und St. Clare nahm die Zeitung und setzte sich hin, bis Topsy mit ihrem Hersagen fertig war. Sie bestand recht gut, nur daß sie manchmal einige wichtige Worte ganz wunderlich versetzte und sich auch nicht eines besseren belehren ließ; und St. Clare hatte trotz aller seiner Versprechungen eine boshafte Freude über diese Irrtümer, rief Topsy stets zu sich, wenn er sich einen Spaß machen wollte, und ließ sich von ihr trotz Ophelias Abmahnungen die verdrehte Stelle wiederholen.

»Denkst du denn, ich kann etwas mit dem Kinde ausrichten, wenn du dich auf diese Weise benimmst, Augustin?« pflegte sie zu sagen.

»Du hast recht, es ist zu schlecht, und ich will es nicht wieder tun; aber es macht mir Spaß, die drollige Kleine über diese schweren langen Worte stolpern zu hören.«

»Aber du bestärkst sie nur auf dem falschen Wege!«

»Was schadet das? Ein Wort gilt ihr soviel wie das andere.«

»Du hast mir aufgetragen, ihr den rechten Weg zu zeigen; und du solltest nicht vergessen, daß sie ein vernünftiges Geschöpf ist, und Sorge tragen, daß du keinen schlimmen Einfluß auf sie ausübst.«

»Ja freilich sollte ich das, aber wie Topsy selbst sagt: Ich bin schlecht.«

Auf ziemlich gleiche Weise ging Topsys Erziehung ein oder zwei Jahre lang ihren Gang, und Miß Ophelia quälte sich mit ihr Tag für Tag ab, wie mit einer Art chronischer Krankheit, an deren Schmerzen sie sich mit der Zeit so gewöhnte wie manche Leute an nervösen Glieder- oder Kopfschmerz.

St. Clare machte die Kleine denselben Spaß, wie anderen die Spielereien eines Papageis oder eines Hündchens machen. Wenn Topsy durch ihre Sünden anderwärts in Ungnade fiel, flüchtete sie sich hinter seinen Stuhl, und St. Clare glich für sie stets in einer oder der anderen Weise die Sache aus. Von ihm bekam sie manchen Picayune, für den sie Nüsse oder Kandiszucker kaufte, welche sie mit sorgloser Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauses verteilte, denn man mußte Topsy lassen, sie war gutmütig und freigebig und nur boshaft aus Notwehr.

18. Kapitel


Henrique

Um diese Zeit besuchte St. Clares Bruder, Alfred, mit seinem ältesten Sohne, einem Knaben von 12 Jahren, auf ein paar Tage die Familie, die sich während der Sommermonate in der Villa am See Pontchartrain aufhielt.

Es konnte keinen eigentümlicheren und schöneren Anblick geben als diese beiden Zwillingsbrüder. Anstatt Ähnlichkeiten zwischen ihnen zu erschaffen, hatte die Natur sie in jeder Hinsicht zu Gegensätzen gemacht; und doch schien ein geheimnisvolles Band sie zu einer ungewöhnlich innigen Freundschaft zu vereinigen. Sie pflegten Arm in Arm in den Alleen und Gängen des Gartens spazierenzugehen: Augustin mit den blauen Augen und dem goldenen Haar, der ätherisch geschmeidigen Gestalt und lebendigen Zügen und Alfred mit den schwarzen Augen, mit stolzem römischen Profil, den kräftigen Gliedern und dem entschiedenen Wesen. Jeder schimpfte stets über des andern Meinungen und Treiben und konnte sich doch nicht von seiner Gesellschaft losmachen; gerade die Gegensätze in ihrem Charakter schienen sie zu vereinigen.

Henrique, der älteste Sohn Alfreds, war ein herrlicher Knabe mit schwarzen Augen voll Feuer und Leben und schien von dem ersten Augenblick an von der durchgeistigten Anmut seiner Cousine Evangeline ganz bezaubert zu sein.

Eva besaß ein kleines Lieblingspony von schneeweißer Farbe. Es ging so leicht wie eine Wiege und war so sanft wie seine kleine Herrin; und dieses Pony führte jetzt Tom an der Veranda der Rückseite vor, während ein kleiner Mulattenknabe von ungefähr 13 Jahren einen kleinen, schwarzen Araber brachte, den Alfred eben erst mit großen Kosten für Henrique hatte aus Europa kommen lassen.

Henrique hing mit dem Stolz eines Knaben an seinem neuen Eigentum; und wie er an das Pferd trat und dem kleinen Reitknecht die Zügel aus der Hand nahm, musterte er es sorgfältig, und seine Stirn verfinsterte sich.

»Was ist das, Dodo, du fauler Schelm! Du hast heute früh mein Pferd nicht rein gemacht.«

»Ja, Master«, sagte Dodo unterwürfig, »den Staub hat es von selber bekommen.«

»Schlingel, halt’s Maul«, sagte Henrique und erhob heftig die Reitpeitsche. »Wie kannst du zu sprechen wagen?«

Der Knabe war ein hübscher Mulatte mit hellen Augen, gerade so groß wie Henrique, und sein Lockenhaar beschattete eine hohe, kühne Stirn. Er hatte weißes Blut in den Adern, wie man an dem raschen Erröten seiner Wange und dem Funkeln seines Auges, wie er dringend zu sprechen verlangte, sehen konnte.

»Master Henrique! –« fing er an.

Henrique schlug ihn mit der Reitpeitsche über das Gesicht, packte ihn bei dem einen Arme, drückte ihn auf die Knie nieder und prügelte ihn, bis er außer Atem war.

»So, du unverschämter Schlingel! Wirst du nun lernen, mir nicht zu widersprechen, wenn ich mit dir rede? Führe das Pferd zurück in den Stall und mache es ordentlich rein. Ich will dir zeigen, wohin du gehörst!«

»Junger Herr«, sagte Tom, »ich glaube, er wollte sagen, daß das Pferd sich gewälzt hat, wie er es aus dem Stalle brachte; es ist so feurig – und so ist es schmutzig geworden; ich habe selber das Reinemachen besorgt.«

»Schweig, bis man dich fragt!« sagte Henrique, kehrte ihm den Rücken und ging die Stufen hinauf, um mit Eva zu sprechen, die in ihrem Reitkleide auf ihn wartete.

»Liebe Cousine, es tut mir leid, daß du durch dieses dummen Kerls Schuld hast warten müssen«, sagte er. »Wir wollen uns hier auf die Bank setzen, bis sie wiederkommen. Was hast du denn, Cousine? – Du machst ein so ernstes Gesicht.«

»Wie konntest du gegen den armen Dodo so grausam und schlecht sein?« sagte Eva.

»Grausam – schlecht?« sagte der Knabe mit unverstelltem Erstaunen. »Was meinst du damit, liebe Eva?«

»Ich leide nicht, daß du mich liebe Eva nennst, wenn du es so machst«, sagte Eva.

»Liebe Cousine, du kennst Dodo nicht; man kann bloß auf diese Weise mit ihm auskommen, er ist so voller Lügen und Entschuldigungen. Das einzige Mittel ist, ihn gleich niederzuschmettern – ihn nicht den Mund auftun zu lassen, so macht es Papa.«

»Aber Onkel Tom sagt, es sei ein Zufall, und er sagt nie, was nicht wahr ist.«

»Dann ist er ein rarer, alter Nigger!« sagte Henrique. »Dodo lügt mit jedem Worte, das aus seinem Munde kommt.«

»Du schüchterst ihn so ein, daß er lügt, wenn du ihn so behandelst.«

»Was, Eva, du nimmst ja an Dodo ein solches Interesse, daß ich fast eifersüchtig werden könnte.«

»Aber du hast ihn geschlagen, und er verdiente es nicht.«

»Na, dann hält es vor, bis er es verdient und keine Schläge bekommt. Ein paar Hiebe sind bei Dodo nie umsonst – er ist ein wahrer Teufel, sage ich dir; aber ich will ihn nicht wieder in deiner Anwesenheit schlagen, wenn du es nicht gern siehst.«

Eva war noch nicht befriedigt, aber versuchte es vergeblich, ihrem schönen Cousin ihre Empfindungen begreiflich zu machen.

Dodo kehrte bald mit dem Pferde zurück.

»Nun, diesmal hast du es ziemlich gut gemacht, Dodo«, sagte sein Herr mit einer gnädigen Miene. »Komm und halte Miß Evas Pferd, während ich sie in den Sattel hebe.«

Dodo kam und hielt Evas Pony. Sein Gesicht sah bewegt aus; an den Augen bemerkte man, daß er geweint hatte.

Henrique, der sich auf seine Gewandtheit in allen Sachen der Galanterie viel einbildete, hatte bald seine schöne Cousine in den Sattel gehoben und gab ihr nun die Zügel in die Hand.

Aber Eva neigte sich auf die andere Seite des Pferdes, wo Dodo stand, und sagte zu ihm, als er die Zügel losließ: – »Gut gemacht, Dodo! – Ich danke dir!«

Dodo blickte ganz erstaunt zu dem lieblichen jungen Gesicht empor; das Blut schoß ihm in die Wangen und die Tränen in die Augen.

»Hier, Dodo!« sagte sein Herr gebieterisch.

Dodo sprang hinzu und hielt das Pferd, während sein Herr aufstieg.

»Hier hast du eine Picayune, Dodo, kauf dir Kandis dafür«, sagte Henrique.

Und Henrique galoppierte den Gang hinab, hinter Eva her. Dodo blieb stehen und sah den beiden Kindern nach. Das eine hatte ihm Geld gegeben; und das andere etwas, wonach er viel mehr verlangte – ein freundliches Wort in freundlichem Tone gesprochen. Dodo war erst seit wenigen Monaten von seiner Mutter getrennt. Sein Herr hatte ihn in einer Sklavenauktion wegen seines schönen Gesichts als Zugabe zu dem schönen Pony gekauft; und er erhielt jetzt seine Erziehung von den Händen seines jungen Herrn.

Die beiden Brüder St. Clare hatten von einem anderen Teile des Gartens aus das Prügeln mit angesehen.

Augustins Wange rötete sich, aber er bemerkte nur mit seinem gewöhnlich ruhig sarkastischen Tone: »Das könnten wir wohl republikanische Erziehung nennen, Alfred.«

»Henrique ist ein Teufelskerl, wenn sein Blut warm wird«, sagte Alfred leichthin.

»Ich vermute, du betrachtest das als eine ihn belehrende Übung«, sagte Augustin trocken.

»Ich könnte nichts dagegen tun, wenn ich’s nicht täte. Henrique hat ein stürmisches Temperament, das sich gar nicht beherrschen läßt – seine Mutter und ich haben das längst aufgegeben. Aber dieser Dodo ist auch ein wahrer Kobold – und wenn man ihn noch soviel prügelt, es tut ihm nichts.«

»Und damit lernt Henrique den ersten Vers des Republikanerkatechismus: ›Alle Menschen sind frei und gleich geboren!‹«

»Bah!« sagte Alfred. »Das ist so ein Stück von Tom Jeffersons französischer Sentimentalität und Phrasenhaftigkeit. Es ist geradezu lächerlich, das jeden Tag von Mund zu Mund gehen zu hören.«

»Das glaube ich auch«, sagte St. Clare bedeutungsvoll.

»Weil wir deutlich sehen können«, sagte Alfred, »daß nicht alle Menschen frei und gleich geboren sind; sie sind eher alles andere geboren. Ich für meinen Teil halte die Hälfte von dieser republikanischen Rederei für reinen Schwindel. Bloß die Erzogenen, die Intelligenten, die Reichen, die Gebildeten sollten gleiche Rechte haben, nicht die Kanaille.«

»Wenn du die Kanaille bei dieser Meinung erhalten kannst«, sagte Augustin. »In Frankreich kam einmal die Reihe an sie.«

»Natürlich muß man sie unten halten, konsequent und fest, wie ich’s tun würde«, sagte Alfred und setzte den Fuß fest auf den Boden, als ob er auf etwas stände.

»Es gibt einen schrecklichen Sturz, wenn sie sich erheben«, sagte Augustin, »– zum Beispiel in St. Domingo.«

»Bah!« sagte Alfred. »Das wollen wir schon hierzulande verhüten. Wir müssen uns nur gegen dieses Geschwätz von Erziehen und Erheben wahren, das man jetzt im Lande herumträgt; die untere Klasse darf nicht erzogen werden.«

»Das läßt sich nicht mehr hindern«, sagte Augustin. »Erziehung wollen sie haben, und es fragt sich nur noch wie. Unser System erzieht sie in Barbarei und Roheit. Wir zerreißen alle humanisierenden Bande und machen sie zu rohen Bestien; und wenn sie die Oberhand bekommen, werden sie sich als solche zeigen.«

Alfred sagte:

»Sie sollen nie die Oberhand bekommen.«

»Das ist recht«, sagte St. Clare. »Nimm doppelte Dampfkraft, nagele das Sicherheitsventil zu und setze dich drauf und sieh zu, wo du landen wirst.«

»Nun, wir werden ja sehen«, sagte Alfred. »Ich fürchte mich nicht, mich auf das Sicherheitsventil zu setzen, solange der Dampfkessel stark und die Maschinerie in Ordnung ist.«

»Der Adel unter Ludwig XVI. dachte geradeso; und Österreich und Pius IX. denken heute noch so; und an einem schönen Morgen könnt ihr alle in die Höhe fliegen, um euch in der Luft zu begegnen, wenn die Kessel springen.«

»Dies declarabit«, sagte Alfred lachend.

»Ich sage dir«, sagte Augustin, »wenn sich etwas mit der Macht eines göttlichen Gesetzes in unserer Zeit offenbart, so ist es die Prophezeiung, daß sich die Massen erheben und die unteren Klassen die oberen werden sollen.«

»Das ist eine von deinen republikanischen Redereien, Augustin! Warum bist du nie als Agitator aufgetreten? Du müßtest einen vortrefflichen Volksversammlungsredner abgeben! Nun, ich hoffe, ich bin tot, ehe das tausendjährige Reich deiner schmierigen Massen anfängt.«

»Schmierig oder nicht schmierig, sie werden euch beherrschen, wenn ihre Zeit kommt«, sagte Augustin; »und sie werden gerade solche Herrscher sein, wie ihr aus ihnen macht. Der französische Adel wollte das Volk sansculottes haben, und sie hatten ihre Sanscülottherrscher nach Herzensgründen. Die Haytier –«

»Ach laß, Augustin, als ob wir von diesem abscheulichen, verächtlichen Hayti nicht schon gehört hätten! Die Haytier waren keine Angelsachsen; wenn sie das gewesen wären, würde die Geschichte wohl anders lauten. Die angelsächsische Rasse ist der herrschende Stamm der Welt und ist bestimmt, es zu bleiben.«

»Nun, bei unseren Sklaven findet sich eine ziemlich starke Beimischung des angelsächsischen Blutes«, sagte Augustin. »Viele von ihnen haben nur noch so viel vom Afrikaner, daß unsere berechnete Festigkeit und Voraussicht eine Art tropischer Wärme und Leidenschaft bekommt. Wenn je die San-Domingo-Stunde schlägt, so wird angelsächsisches Blut in erster Reihe stehen. Söhne weißer Väter, in deren Adern unser ganzer Stolz brennt, werden sich nicht immer kaufen und verkaufen lassen. Sie werden aufstehen und den Stamm ihrer Mutter mit sich zum Aufstand bewegen.«

»Dummes Zeug! – Unsinn!«

»Nun, wir haben ein altes Wort, welches sagt: Wie es in den Tagen Noah war, so soll es wieder sein; sie aßen, sie tranken, sie pflanzten, sie bauten und ahnten nichts, bis die Flut kam und sie hinwegriß.«

»Im ganzen, Augustin, glaube ich, du hast das rechte Talent für einen Wanderprediger. Mach dir keine Sorge um uns! Der Besitz ist unser Recht. Wir haben die Macht. Diese Sklavenrasse«, sagte er und trat fest auf den Boden, »ist unten und soll unten bleiben! Wir haben Energie genug, selbst unser Pulver zu hüten.«

»Söhne, die wie dein Henrique erzogen sind, werden prächtige Wächter über eure Pulvermagazine abgeben«, sagte Augustin, »so voll Ruhe und Selbstbeherrschung! Das Sprichwort sagt: Wer sich nicht selbst beherrschen kann, kann auch nicht über andere herrschen.«

»Es ist da ein wunder Fleck«, sagte Alfred gedankenvoll, »leugnen läßt sich nicht, daß bei unserem System die Kinder sehr schwer zu erziehen sind. Es gibt den Leidenschaften, die in unserem Klima ohnedies schon heftig genug sind, viel zu viel Spielraum. Was macht mir der Henrique für Sorge! Der Knabe hat ein edles und warmes Herz, aber er ist ein wahrer Sprühteufel, wenn er in Aufregung kommt. Ich glaube, ich werde ihn nach dem Norden auf die Schule schicken, wo der Gehorsam mehr Mode ist und wo er sich mehr mit seinesgleichen und weniger mit Dienstboten abgibt.«

»Da das Kindererziehen die Hauptarbeit des Menschengeschlechts ist«, sagte Augustin, »so sollte ich meinen, es wäre von Wichtigkeit, wenn unser System einen nachteiligen Einfluß darauf hat.«

»Nun, auf der einen Seite«, sagte Alfred, »auf der anderen Vorteil. Die Knaben werden dadurch mannhaft und mutvoll; und selbst die Laster einer niederen Rasse tragen dazu bei, die entgegengesetzten Tugenden in ihnen zu kräftigen. Ich glaube zum Beispiel, daß Henrique ein feineres Gefühl für die Schönheit der Wahrheit hat, weil er im Lügen und Betrügen das allgemeine Merkmal der Sklaverei sieht.«

»Allerdings eine sehr christliche Ansicht von der Sache!« sagte Augustin.

»Sie ist wahr, mag sie christlich sein oder nicht; und sie ist ziemlich christlich, wie die meisten andern Sachen in der Welt«, sagte Alfred.

»Das mag sein«, sagte St. Clare.

»Na, was hilft das Reden, Augustin. Ich glaube, wir haben dieselbe Sache schon fünfhundertmal besprochen. Was meinst du zu einer Partie Trictrac?«

Die beiden Brüder gingen die Verandastufen hinauf und saßen bald an einem leichten Bambustisch vor einem Brettspiel. Wie sie ihre Steine aufsetzten, sagte Alfred:

»Das muß ich gestehen, Augustin, wenn ich so wie du dächte, würde ich etwas tun.«

»Das glaube ich wohl – du bist einer von den Leuten, die was tun! Aber was?«

»Nun, deinen Dienstboten eine höhere Stellung geben, als Beispiel«, sagte Alfred mit einem halbspöttischen Lächeln.

»Du könntest ebensogut den Berg Ätna über sie setzen und ihnen heißen, darunter aufzustehen, als mir zu heißen, ich soll meinen Dienstboten unter der ganzen auf ihnen lastenden Masse der Gesellschaft eine höhere Stellung geben. Ein einzelner kann nichts gegen die Gesamttätigkeit der Allgemeinheit ausrichten. Wenn Erziehung etwas bewirken soll, so muß sie eine Staatseinrichtung sein, oder es müssen genug darüber einig sein, um die andern mit fortzureißen.«

»Du wirfst an«, sagte Alfred, und die Brüder waren bald ganz vom Spiele in Anspruch genommen und hörten nichts mehr, bis man die Pferde unter der Veranda trampeln hörte.

»Da kommen die Kinder«, sagte Augustin und stand auf. »Sieh einmal her, Alfred! Hast du jemals etwas so Schönes gesehen?« Und es war in der Tat ein schöner Anblick. Henrique mit seiner kühnen Stirn und den dunklen glänzenden Locken und glühenden Wangen lachte fröhlich, wie er sich zu seiner schönen Cousine hinüberbeugte, während sie angeritten kamen. Sie trug ein blaues Reitkleid mit einer Mütze von derselben Farbe. Die Bewegung hatte ihre Wangen lebhafter gefärbt und hob die Wirkungen ihrer merkwürdig durchsichtigen Haut und ihres goldenen Haares noch mehr hervor.

»O Himmel! Welch blendende Schönheit«, sagte Alfred. »Meinst du nicht auch, Augustin, daß sie mit der Zeit viel Herzweh verursachen wird?«

»Gewiß, nur zu wahr – Gott weiß es, ich fürchte es!« sagte St. Clare mit einem Tone plötzlicher Bitterkeit, wie er hinuntereilte, um sie vom Pferde zu heben.

»Liebste Eva! Bist du erschöpft?« fragte er, da sie seit einiger Zeit an Husten und Schwäche litt.

»Nein, Papa«, sagte das Kind, aber ihr kurzes keuchendes Atmen beunruhigte den Vater.

»Wie konntest du so schnell reiten, liebstes Kind? Du weißt, es taugt dir nichts.«

»Ich fühlte mich so wohl, Papa, und es gefiel mir so sehr, daß ich gar nicht daran dachte.«

St. Clare trug sie in seinen Armen in die Stube und legte sie aufs Sofa.

»Henrique, du mußt Eva in acht nehmen«, sagte er. »Du darfst nicht so schnell mit ihr reiten.«

»Ich will sie unter meine Obhut nehmen«, sagte Henrique mit einem fürsorglichen Ton in seiner Stimme, nahm neben dem Sofa Platz und ergriff Evas Hand.

Eva hatte sich bald erholt. Ihr Vater und Onkel begannen wieder ihr Spiel, und die Kinder waren sich allein überlassen.

»Weißt du, Eva, daß es mir sehr leid tut, daß Papa nur zwei Tage hierbleiben will – und dann soll ich dich so lange Zeit gar nicht sehen! Wenn ich bei dir bliebe, würde ich versuchen gut zu sein und freundlich gegen Dodo. Ich habe gar nicht die Absicht, Dodo schlecht zu behandeln; aber du weißt, ich bin so hitzig von Natur. Übrigens behandle ich ihn eigentlich nicht so schlecht. Ich gebe ihm dann und wann eine Picayune, und er ist immer gut gekleidet, wie du siehst. Im ganzen glaube ich doch, daß sich Dodo ziemlich wohl befindet.«

»Was würdest du von deinem Befinden halten, wenn du niemand um dich hättest, der dich liebte?«

»Natürlich würde ich sagen, es ist schlecht.«

»Und du hast Dodo von allen Freunden, die er hatte, getrennt, und er hat nun kein Geschöpf, das ihn liebhat. Niemand kann unter solchen Verhältnissen gut sein.«

»Nun, ich kann nicht dafür, soviel ich’s verstehe. Ich kann ihm seine Mutter nicht schaffen, und ich selber kann ihn nicht lieben und ein anderer auch nicht, soviel ich weiß.«

»Warum kannst du ihn nicht lieben?« sagte Eva.

»Dodo lieben? Das wirst du doch nicht von mir verlangen! Gern haben mag ich ihn wohl, aber man hat doch seine Dienstboten nicht lieb.«

»Ich aber habe sie lieb.«

»Wie seltsam!«

»Sagt nicht die Bibel, daß wir alle Menschen lieben müssen!«

»Ach die Bibel! Gewiß steht vieles von der Art drin, aber niemand denkt daran, es zu tun, das weißt du ja Eva – niemand tut danach.«

Eva sprach nicht, sie schaute eine Weile gedankenvoll vor sich hin.

»Jedenfalls, lieber Cousin«, sagte sie, »habe den armen Dodo lieb. Und sei freundlich mit ihm um meinetwillen.«

»Um deinetwillen, liebe Cousine, könnte ich alles liebhaben, denn ich glaube wirklich, du bist das liebenswürdigste Wesen auf der Welt!« Und Henrique sprach mit einer Innigkeit, welche sein schönes Gesicht erröten machte. Eva nahm das Kompliment mit vollkommener Einfachheit auf, ohne eine Miene zu verziehen, und sagte bloß: »Es freut mich, daß du so denkst, lieber Henrique! Ich hoffe, du wirst es nicht vergessen.«

19. Kapitel


Vorboten

Zwei Tage später schieden Alfred St. Clare und Augustin voneinander; und Eva, welche sich durch die Gesellschaft ihres jungen Vetters zu Anstrengungen hatte fortreißen lassen, die über ihre Kräfte waren, wurde mit jedem Tage merklich kränker. St. Clare entschloß sich endlich, ärztliche Hilfe herbeizurufen, was er bisher immer vermieden hatte, weil es das Eingeständnis einer unwillkommenen Wahrheit war. Aber ein oder zwei Tage lang war Eva so unwohl, daß sie nicht ausgehen durfte, und der Arzt wurde gerufen.

Marie St. Clare hatte auf die allmählich abnehmende Gesundheit und Kraft des Kindes nicht acht gehabt, weil sie gerade ganz in das Studium von zwei oder drei neuen Krankheitsformen, deren Opfer sie zu sein glaubte, vertieft war. Es war Mariens erster Glaubenssatz, daß niemand so sehr als sie selbst leiden könnte; und deshalb wies sie stets mit wahrer Entrüstung jede Andeutung zurück, daß eine Person ihrer Umgebung krank sei. In einem solchen Falle war sie stets überzeugt, daß es nichts als Trägheit oder Mangel an Energie sei und daß die Leute bald den Unterschied sehen würden, wenn sie so viel gelitten hätten wie sie.

Miß Ophelia hatte mehrere Male versucht, ihre mütterlichen Besorgnisse über Eva zu erregen, aber vergebens.

»Ich sehe nicht, daß dem Kinde etwas fehlte«, sagte sie dann wohl, »sie springt herum und spielt.«

»Aber sie hat den Husten.«

»Den Husten! Sie brauchen mir nicht von einem Husten zu sprechen. Ich habe von Jugend auf den Husten gehabt. Als ich so alt wie Eva war. glaubten sie, ich hätte die Auszehrung. Eine Nacht nach der andern mußte Mammy bei mir wachen. Ach, Evas Husten hat nichts zu bedeuten!«

»Aber sie wird schwach und hat einen kurzen Atem.«

»Mein Gott, den habe ich schon seit Jahren, es ist nur ein Nervenleiden.«

»Aber sie schwitzt so des Nachts!«

»Das tue ich schon seit zehn Jahren. Sehr oft sind des Nachts meine Sachen zum Auswringen naß. An meinem Nachtanzug ist kein trockner Faden, und die Bettücher muß Mammy zum Trocknen aufhängen! So arg schwitzt doch Eva gewiß nicht!«

Miß Ophelia schwieg für jetzt. Aber nun, wo Eva wirklich und sichtbar krank war und ein Arzt gerufen wurde, machte Marie plötzlich eine neue Wendung.

Sie wisse es, sagte sie, sie habe es immer gefühlt, daß sie bestimmt sei, die unglücklichste aller Mütter zu sein. Hier liege sie in ihrem Siechtum und müsse ihr einziges, geliebtes Kind vor ihren Augen ins Grab sinken sehen! Und Marie hielt auf dieses neue Unglück gestützt, Mammy jede Nacht wach und lärmte und schalt den ganzen Tag lang mit mehr Energie als je.

»Liebe Marie, sprich doch nicht so!« sagte St. Clare. »Du mußt nicht gleich so ganz und gar verzweifeln.«

»Du kennst ein Mutterherz nicht, St. Clare! Du hast mich nie verstehen können! – Und verstehst mich auch jetzt nicht.«

»Aber sprich nur nicht, als ob gar keine Hoffnung mehr vorhanden wäre!«

»Ich kann dabei nicht so gleichgültig bleiben wie du, St. Clare. Wenn du nichts fühlst, wenn dein einziges Kind in einem so beunruhigenden Zustande ist, so ist es bei mir freilich anders. Der Schlag ist zu schwer für mich, da ich ohnehin schon zu viel zu tragen habe.«

»Es ist wahr«, sagte St. Clare, »daß Eva sehr angegriffen ist, das wußte ich immer, und daß sie über ihre Kräfte gewachsen und daß ihr Zustand kritisch ist. Aber jetzt gerade ist sie nur ermattet von dem warmen Wetter und der Aufregung des Besuchs und den Anstrengungen, die sie während der Zeit gemacht hat. Der Arzt sagt, wir könnten noch hoffen.«

»Wenn du dich freilich an der Lichtseite erfreuen kannst, so will ich dir das gern lassen; es ist eine wahre Gnade des Himmels, wenn Leute auf dieser Welt nicht zu empfindlich sind. Ich wenigstens wünschte, ich wäre es nicht – man wird dadurch so gänzlich unglücklich! Ich wollte, ich könnte so ruhig sein wie ihr übrigen.«

Und »die übrigen« hatten guten Grund, denselben Wunsch zu hegen, denn Marie machte ihr neues Leiden als Ursache und Entschuldigungsgrund aller möglichen Quälereien geltend, die sie ihrer Umgebung zufügte. Jedes einzelne Wort, das gesprochen, und jedes Ding, was getan und unterlassen wurde, war nur ein neuer Beweis, daß nur hartherzige, gefühllose Wesen sie umgaben, welche ihre besonderen Leiden nicht beachteten. Die arme Eva hörte einige von diesen Äußerungen und weinte sich ihre kleinen Äuglein fast aus vor Mitleid mit ihrer Mama und aus Schmerz, daß sie ihr soviel Beschwerde verursachte.

Nach Verlauf von ein oder zwei Wochen zeigte sich eine große Besserung in den Symptomen, und es trat eine von den verräterischen Pausen ein, mit welchen diese unerbittliche Krankheit noch am Rande des Grabes das besorgte Herz täuscht. Eva lief wieder im Garten und auf dem Balkon herum; sie spielte und lachte von neuem, und ihr Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so kräftig sein würde wie früher. Bloß Miß Ophelia und dem Arzt flößte dieser scheinbare Waffenstillstand keine Ermutigung ein. Auch noch ein anderes Herz fühlte dieselbe Gewißheit, und das war das kleine Herz Evas. Was ist das, was manchmal in der Seele so ruhig und klar spricht, daß ihre Frist auf Erden nur noch kurz sein wird? Ist es der geheime Instinkt hinsiechender Natur oder das ahnende Erzittern der Seele, wie die Unsterblichkeit nähertritt? Mag es dieses oder jenes sein, im Herzen Evas blieb das Gefühl als eine ruhige, wohltuende, prophetische Gewißheit, daß der Himmel nahe sei; so ruhig wie das Licht des Sonnenuntergangs, so wohltuend wie die glänzende Stille des Herbstes schlummerte ihr kleines Herz, nur gequält von Schmerz um diejenigen, die sie so zärtlich liebten.

Denn obgleich sie zärtlich gepflegt wurde und obgleich das Leben sich vor ihr mit jedem Reize entfaltete, den Liebe und Reichtum verschaffen können, tat es dem Kinde doch nicht leid zu sterben.

In dem Buch, welches sie und ihr einfacher alter Freund so viel zusammen lasen, hatte sie das Bild dessen, der die Kindlein zu sich kommen ließ, gesehen und in ihr junges Herz geschlossen, und wie sie es anblickte und darüber nachsann, hatte es aufgehört, ein Bild der fernen Vergangenheit zu sein und wurde zu einer lebendigen, alles umgebenden Wirklichkeit. Seine Liebe umfing ihr kindliches Herz mit mehr als sterblicher Zärtlichkeit; und zu ihm, sagte sie, ginge sie in seine neue Heimat.

Aber ihr Herz schlug mit liebender Treue für alle, welche sie zurücklassen mußte – für ihren Vater am meisten, denn Eva, obgleich sie es nie klar gedacht hatte, fühlte doch heraus, daß er mehr an ihr hing als alle anderen. Sie liebte ihre Mutter, weil sie ein so liebebedürftiges Herz hatte, und all die Sehnsucht, die sie an ihr bemerkte, hatte sie nur betrübt und in Verwunderung gesetzt, denn sie hatte das unbedingte Vertrauen eines Kindes, daß ihre Mutter nicht unrecht tun könne. Sie hatte etwas, was Eva sich nie erklären konnte, und sie glitt immer darüber auf dem Gedanken hinweg, daß sie am Ende doch Mama sei, und liebte sie auf das zärtlichste.

Sie fühlte auch für die armen getreuen Dienstboten, denen sie wie Tageslicht und Sonnenschein war. Kinder abstrahieren in der Regel nicht; aber Eva war ein ungewöhnlich frühreifes Kind, und alles, was sie von den Übeln des Systems, unter dem sie lebte, gesehen hatte, war nach und nach tief in ihr gedankenvolles, grübelndes Herz gesunken. Sie fühlte eine unbestimmte Sehnsucht, etwas für sie zu tun – nicht nur sie zu segnen und zu retten, sondern auch alle, die mit ihnen in gleicher Lage waren – eine Sehnsucht, die in einem trauervollen Gegensatz zu der Schwäche der kindlichen Hülle stand.

»Onkel Tom«, sagte sie eines Tages, als sie mit ihrem Freunde las, »ich verstehe jetzt, warum Jesus für uns sterben wollte.«

»Warum, Miß Eva?«

»Weil ich auch den Wunsch gefühlt habe.«

»Wie ist das, Miß Eva? – Ich verstehe es nicht.«

»Ich kann es dir nicht sagen; aber als ich die armen Geschöpfe auf dem Boote sah, du weißt ja, wie wir hierher fuhren, von denen einige ihre Mütter und andere ihre Gatten verloren hatten und andere um ihre Kinder weinten und als ich die Geschichte von der armen Prue hörte – ach war das nicht schrecklich? – und viele andere zu anderen Zeiten, da fühlte ich, daß ich gern sterben würde, wenn ich durch meinen Tod all diesem Elend ein Ende machen könnte. Ich würde für sie sterben, Tom, wenn ich könnte«, sagte das Kind mit innigem Ernste, indem sie ihre kleine, schmale Hand auf die seine legte.

Tom betrachtete das Kind mit Ehrfurcht, und als sie auf den Ruf ihres Vaters hinausglitt, wischte er sich die Augen viele Male, wie er ihr nachsah.

»Es nutzt nichts, wenn wir uns Mühe geben, Miß Eva hier zu behalten«, sagte er zu Mammy, der er eine Weile darauf begegnete. »Sie hat das Zeichen des Herrn auf der Stirn.«

»Ach ja, ja«, sagte Mammy und erhob die Hände, »ich habe es immer gesagt. Sie war nie wie ein Kind, das leben soll – es war immer was Tiefes in ihren Augen. Ich habe es Missis viele, viele Male gesagt; jetzt wird es wahr – wir sehen es alle – das liebe, kleine gesegnete Lamm!«

Eva kam die Verandastufen herauf zu ihrem Vater gesprungen. Es war spätnachmittags, und die Strahlen der Sonne bildeten eine Art Glorie hinter ihr, wie sie in dem weißen Kleide, mit dem goldenen Haar und den glühenden Wangen und den von der Glut des schleichenden Fiebers unnatürlich glänzenden Augen näher kam.

St. Clare hatte sie gerufen, um ihr eine Statuette zu zeigen, die er für sie gekauft hatte; aber ihre Erscheinung, wie sie ihm entgegenkam, machte auf ihn einen plötzlichen und schmerzlichen Eindruck. Es gibt eine Art Schönheit, die groß, aber zugleich so hinfällig ist, daß wir nicht einmal den Anblick derselben ertragen können. Ihr Vater schloß sie plötzlich in die Arme und vergaß fast, was er ihr hatte sagen wollen.

»Liebe Eva, du befindest dich heute besser, nicht wahr?«

»Papa«, sagte Eva mit plötzlicher Festigkeit, »ich habe seit langer Zeit dir manches zu sagen. Ich will es dir jetzt sagen, ehe ich schwächer werde.«

St. Clare zitterte, als Eva sich ihm auf den Schoß setzte, sie legte den Kopf an seine Brust und sagte:

»Es nützt nichts, Papa, es noch länger für mich behalten zu wollen. Die Zeit ist nahe, wo ich dich verlassen muß. Ich muß dich verlassen und kann nie wiederkommen!« und Eva schluchzte.

»Ach, ich bitte dich, liebes Evchen«, sagte St. Clare mit zitternder, obgleich gezwungen heiterer Stimme. »Deine Nerven sind angegriffen, und du bist in gedrückter Stimmung; du mußt dich nicht solchen düsteren Gedanken hingeben. Sieh her, ich habe dir eine Statuette gekauft!«

»Nein, Papa«, sagte Eva und schob sie sanft weg, »ich täusche dich nicht! Ich befinde mich nicht besser – ich weiß das recht gut, und ich muß euch bald verlassen. Meine Nerven sind nicht angegriffen – meine Stimmung ist nicht gedrückt. Wenn es nicht deinetwegen wäre, Papa, und wegen meiner Freunde, so würde ich mich vollkommen glücklich fühlen. Ich wünsche zu scheiden – ich sehne mich danach!«

»Aber liebes Kind, was hat dein armes Herzchen so traurig gemacht. Hat man dir nicht alles gegeben, was dich glücklich machen konnte?«

»Ich wäre aber doch lieber im Himmel – nur um meiner Freunde willen möchte ich leben. Es geschehen so viele, viele Dinge, die mich traurig machen und die mir schrecklich erscheinen. Ich möchte lieber dort sein! Aber dich möchte ich nicht verlassen, es bricht mir fast das Herz!«

»Was macht dich so traurig und was scheint dir so schrecklich, Eva?«

»Ach, Dinge, welche geschehen und beständig geschehen. Unsere armen Leute tun mir leid, sie lieben mich sehr, und sie sind alle gut und freundlich gegen mich. Ich wollte, Papa, sie wären alle frei!«

»Meinst du denn nicht, Kind, daß sie sich alle ziemlich wohl befinden?«

»Aber ach, Papa, wenn dir etwas zustoßen sollte, was würde dann aus ihnen werden? Nur sehr wenige Leute sind wie du, Papa. Onkel Alfred ist nicht wie du und Mama auch nicht; und dann denke dir nur, der Eigentümer der armen Prue! Was für gräßliche Dinge die Leute tun und tun könnten!« Und Eva schauderte.

»Liebes Kind, du bist zu gefühlvoll. Ich bedauere, daß ich dich jemals habe solche Geschichten anhören lassen.«

»Ach, das macht mir eben Unruhe, Papa. Ich soll immer ganz glücklich leben und nie einen Schmerz haben oder etwas leiden, nicht einmal eine traurige Geschichte hören, während manche arme Geschöpfe ihr ganzes Leben in Schmerz und Kummer verbringen. Das kommt mir selbstsüchtig vor. Ich sollte diese Dinge kennen – ich sollte für sie empfinden. Diese Sachen sinken mir immer tief ins Herz, und ich habe immer wieder darüber nachgedacht. Papa, läßt es sich gar nicht machen, alle Sklaven freizugeben?«

»Das ist eine verwickelte Frage, liebstes Kind. Es läßt sich gar nicht bezweifeln, daß das gegenwärtige Verhältnis ein sehr schlimmes ist, und viele Leute denken so; ich bin selbst der Meinung. Ich wünsche aufrichtig, daß kein einziger Sklave im ganzen Lande wäre, aber ich weiß nicht, wie sich das bewerkstelligen ließe.«

»Papa, du bist ein so guter Mensch und so edel und liebreich, und du hast immer eine Art, die Sachen vorzustellen, die so gut klingt; könntest du nicht bei den Leuten herumgehen und den Versuch machen, sie zu überreden, hierin zu tun, was recht ist? Wenn ich tot bin, Papa, wirst du an mich denken und es meinetwillen tun. Ich täte es, wenn ich könnte.«

»Wenn du tot bist, Eva!« sagte St. Clare leidenschaftlich. »O Kind, sprich nicht so! Du bist mein alles auf Erden.«

»Der armen, alten Prue Kind war auch ihr alles; und doch mußte sie es weinen hören und konnte ihm nicht helfen! Papa, diese armen Geschöpfe lieben ihre Kinder ebenso, wie du mich liebst. Ach, tue etwas für sie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder; ich habe sie weinen sehen, wenn sie von ihnen sprach. Und Tom liebt seine Kinder; und es ist schrecklich, daß solche Dinge beständig geschehen!«

»Mein liebes, liebes Kind«, sagte St. Clare besänftigend, »weine nur nicht und sprich nicht vom Sterben, und ich will alles tun, was du wünschest.«

»Und versprich mir, lieber Vater, daß du Tom freilassen willst, sobald ich –« und sie hielt inne, und setzte dann zögernd hinzu – »nicht mehr bin.«

»Ja, liebes Kind, ich will alles tun – alles, was du nur von mir verlangen kannst.«

»Lieber Papa«, sagte das Kind und legte seine brennende Wange an die seine, »wie sehr ich wünsche, wir könnten zusammen gehen.«

»Wohin, liebes Kind?«

»Zu unserem Erlöser; es ist so selig und friedlich bei ihm – alles voller Liebe!« Das Kind sprach nachdenklich, wie von einem Orte, wo es schon oft gewesen. »Willst du nicht mit, Papa?« sagte Eva.

St. Clare zog sie näher an sich, aber schwieg.

»Du wirst zu mir kommen«, sagte das Kind mit einem Tone ruhiger Gewißheit, den es oft unbewußt anwendete.

»Ich werde dir folgen. Ich werde dich nicht vergessen.«

Der feierliche Abend umhüllte sie tiefer und tiefer, während St. Clare schweigend dasaß und die kleine hinfällige Gestalt an seine Brust drückte. Er sah nicht mehr die tiefen Augen, aber die Stimme tönte ihm, wie eine Geisterstimme; und wie in einer Vision des Jüngsten Gerichts stieg sein ganzes vergangenes Leben in einem Augenblick vor ihm empor – die Gebete und Hymnen seiner Mutter – sein eigenes früheres Sehnen und Streben nach dem Guten; und zwischen diesem und der gegenwärtigen Stunde Jahre von Weltsinn und Zweifelsucht und was die Leute anständiges Leben nennen.

St. Clare sah und fühlte vielerlei, aber sprach nichts aus; und wie es dunkler wurde, trug er Eva in ihr Schlafzimmer; und als sie ausgekleidet war, schickte er die Dienstboten fort und wiegte sie in seinen Armen und sang sie in den Schlaf.

2. Kapitel


Der Gatte und Vater

Mrs. Shelby war zum Besuch ausgefahren, und Elisa stand in der Veranda und sah etwas niedergeschlagen dem verschwindenden Wagen nach, als sie eine Hand auf ihrer Schulter fühlte. Sie drehte sich um, und ein helles Lächeln glänzte sofort in ihren schönen Augen.

»Georg, du bist’s? Wie du mich erschreckt hast! Nun, es freut mich, daß du da bist! Missis ist für den Nachmittag ausgefahren: So komm mit in mein Stübchen, wir wollen den ganzen Nachmittag miteinander verbringen.«

Mit diesen Worten zog sie ihren Mann in ein nettes Zimmerchen, das auf die Veranda hinausging, und wo sie gewöhnlich im Bereich der Stimme ihrer Herrin mit Nähen beschäftigt saß.

»Wie froh ich bin! – Warum lächelst du nicht? – Und sieh nur Harry – wie er wächst!« Der Knabe blickte durch seine Locken scheu den Vater an und hielt sich am Rock seiner Mutter fest. »Ist er nicht wunderschön!« sagte Elisa, indem sie ihm die Locken aus dem Gesicht strich und ihn küßte.

»Ich wollte, er wäre nie geboren worden!« sagte George bitter. »Ich wollte, ich wäre selbst nie geboren worden!«

Überrascht und erschrocken setzte sich Elisa hin, legte ihren Kopf auf ihres Gatten Schultern und brach in Tränen aus.

»Ach, Elisa, es ist zu schlecht von mir, dir so weh zu tun, armes Mädchen!« sagte er zärtlich. »Es ist zu schlecht! O wie ich wünsche, ich hätte dich nie gesehen – du hättest glücklich sein können.«

»George, George! Wie kannst du so reden? Was ist Schreckliches geschehen, oder was soll geschehen? Gewiß sind wir sehr glücklich gewesen bis vor ganz kurzem.«

»Jawohl, liebes Weib«, sagte George. Dann nahm er sein Kind auf die Knie, blickte ihm in die schönen, dunklen Augen und fuhr mit der Hand durch seine langen Locken.

»Ganz dein Gesicht, Elisa, und du bist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, und die beste, die ich zu sehen wünsche; aber ach ich wünschte, ich hätte dich nie gesehen, und du nie mich!«

»Aber George, wie kannst du so sprechen!«

»Ja, Elisa, es ist alles Jammer, Jammer, Jammer! Mein Leben ist bitter wie Wermut; die Lebenskraft zehrt sich selbst auf in mir. Ich bin ein armes, elendes, unglückliches Packholz: Ich werde dich nur mit mir zu Boden ziehen, weiter nichts. Was nützt es, zu versuchen, etwas zu tun, etwas zu wissen, etwas zu werden? Was nützt es, zu leben? Ich wollte, ich wäre tot!«

»Aber das ist wirklich gottlos, lieber George! Ich weiß, wie dir der Verlust deiner Stelle in der Fabrik zu Herzen geht, und du hast einen harten Herrn; aber bitte, habe Geduld, und vielleicht kann etwas –«

»Geduld!« unterbrach er sie. »Habe ich nicht Geduld gehabt? Habe ich ein Wort gesagt, als er kam und ohne den geringsten Grund mich von einem Platze wegnahm, wo mich jedermann gut behandelte! Ich habe ihm jeden Cent meines Verdienstes gewissenhaft bezahlt, und alle sagen, daß ich ein tüchtiger Arbeiter war.«

»Ja, es ist schrecklich«, sagte Elisa, »aber trotz alledem ist er dein Herr, weißt du.«

»Mein Herr! Und wer hat ihn zu meinem Herrn gemacht? Das ist’s, was ich wissen möchte – welches Recht hat er auf mich? Ich bin ein Mensch, so gut wie er; ich bin ein besserer Mensch als er; ich verstehe mehr als er; ich wirtschafte besser als er; ich kann besser lesen als er; ich schreibe eine bessere Hand; und ich habe das alles von selbst gelernt und schulde ihm keinen Dank – ich habe es wider seinen Willen gelernt; und welches Recht hat er nun, aus mir ein Packholz zu machen? – Mich von einer Arbeit zu entfernen, die ich verrichten kann, und zwar besser als er, und mich bei einer anzustellen, die jedes Stück Vieh verrichten kann? Er versucht es und sagt, er will meinen Stolz brechen und mich demütigen, und er gibt mir mit Absicht die gröbste und schlechteste und schmutzigste Arbeit.«

»Ach, George – George, du erschreckst mich! Ich habe dich noch nie so sprechen hören; ich fürchte, du gehst mit etwas Schrecklichem um. Ich wundere mich durchaus nicht über deine Empfindungen; aber ach, sei vorsichtig – sei es um meinetwillen, sei es um Harrys willen!«

»Ich bin vorsichtig gewesen und habe Geduld gehabt; aber es wird schlimmer und schlimmer – Fleisch und Blut können es nicht länger tragen. Er ergreift jede Gelegenheit, um mich zu beschimpfen und zu quälen. Ich glaubte, ich würde meine Arbeit verrichten und mich ruhig halten und einige Zeit übrigbehalten können, um außer den Arbeitsstunden zu lesen und zu lernen; aber je mehr er sieht, daß ich arbeiten kann, desto mehr bürdet er mir auf. Er sagt, obgleich ich nichts äußere, sehe er doch, daß ich den Teufel im Leib habe, und er wolle ihn mir austreiben; und zu seiner Zeit wird er herauskommen in einer Weise, die ihm nicht gefallen wird, oder ich irre mich gewaltig.«

»O Gott, was sollen wir anfangen?« sagte Elisa trauervoll.

»Erst gestern«, sagte George, »als ich eben Steine in einen Karren lud, stand der junge Master Tom da und klatschte mit der Peitsche so nahe beim Pferde, daß es scheute. Ich bat ihn, so freundlich ich konnte, es sein zu lassen, aber nun fing er erst recht an. Ich bat ihn noch einmal, und dann wendete er sich gegen mich und schlug mich. Ich hielt seine Hand fest, und dann schrie er und strampelte und lief zum Vater und sagte, ich hätte ihn geschlagen. Der kam voller Wut herbei und sagte, er wolle mir zeigen, wer der Herr sei; und er band mich an einen Baum und schnitt Ruten für den jungen Herrn ab und sagte ihm, er sollte mich schlagen, bis er müde sei; und er hat es getan. Wenn ich ihm dafür nicht noch einmal ein Denkzeichen gebe!« Und die Stirn des Jünglings verfinsterte sich, und in seinen Augen brannte eine Flamme, welche seine junge Gattin zittern machte. »Wer hat diesen Mann zu meinem Herrn gemacht – das will ich wissen«, sagte er.

»Ach«, sagte Elisa traurig, »ich habe immer geglaubt, ich müßte meinem Herrn und meiner Herrin gehorchen, sonst wäre ich keine gute Christin.«

»In deinem Fall ist doch noch einige Vernunft darin; sie haben dich auferzogen wie ein Kind – haben dich ernährt, gekleidet, gepflegt und unterrichtet, so daß du eine gute Erziehung hast – so haben sie doch Grund zu einem Anspruch auf dich. Aber mich haben sie geschlagen und gestoßen und beschimpft und im besten Falle mir selber überlassen; und was bin ich schuldig? Ich habe für meine Unterhaltung schon mehr als hundertmal bezahlt. Ich ertrage es nicht länger – nein gewiß nicht!« sagte er und ballte mit wilder Gebärde die Faust. Elisa zitterte und schwieg. Sie hatte ihren Gatten früher nie in dieser Stimmung gesehen; und ihre sanften Begriffe von Pflicht schienen sich vor einem solchen Sturm der Leidenschaft wie Binsen zu biegen.

»Du kennst ja den kleinen Carlo, den du mir geschenkt hast«, fuhr George fort. »Er war fast mein einziger Trost. Er schlief des Nachts bei mir und ging mir des Tags auf Schritt und Tritt nach und sah mich an, als ob er wüßte, wie es mir ums Herz war. Nun, neulich gab ich ihm ein paar Abfälle, die ich an der Küchentür aufgelesen hatte, und der Herr kam dazu und sagte, ich fütterte ihn auf seine Kosten, und er hätte das Geld nicht dazu, daß jeder Nigger sich seinen Hund halten könne, und befahl mir, ihm einen Stein an den Hals zu binden und ihn in den Teich zu werfen.«

»Aber George, das hast du doch nicht getan?«

»Ich – nein; aber er. Der Herr und Tom steinigten das arme Tier, wie es im Teiche zappelte. Das arme Tier! Es sah mich so traurig an, als wunderte es sich, daß ich es nicht rettete! Ich mußte mich auspeitschen lassen, weil ich es nicht selbst tun wollte, ’s ist mir gleich; Master wird schon entdecken, daß ich nicht einer von denen bin, die das Auspeitschen zahm macht. Auch meine Zeit wird kommen, ehe er sich’s versieht.«

»Was hast du im Sinn? Ach George! Tue nichts, was unrecht ist. Wenn du nur Gott vertraust und suchst recht zu tun, so wird er dich erlösen.«

»Ich bin nicht Christ wie du, Elisa; mein Herz ist voller Haß; ich kann nicht auf Gott vertraun. Warum läßt er es so sein?«

»Ach George, wir müssen glauben und vertrauen! Meine Herrin sagt, wenn alles mit uns schlechtgeht, so müssen wir glauben, daß Gott es zum allerbesten lenkt.«

»Das können wohl Leute sagen, die auf ihrem Sofa sitzen und in ihren Kutschen fahren; aber sie sollten nur in meiner Lage sein, und es würde ihnen härter ankommen. Ich wollte, ich könnte gut sein; aber mein Herz brennt und kann sich nicht mehr fügen. Du könntest es auch nicht an meiner Stelle; du wirst es jetzt nicht können, wenn ich dir alles sage, was ich zu sagen habe. Du weißt noch nicht alles.«

»Was hast du noch?«

»Nun, neulich hat Master gesagt, er sei ein Narr gewesen, daß er mich habe von der Plantage wegheiraten lassen; er hasse Mr. Shelby und sein ganzes Geschlecht, weil sie stolz sind und über ihn hinwegsehen, und ich wäre durch dich stolz geworden; und er sagt, er wolle mich nicht mehr hierher gehen lassen, sondern ich solle auf seiner Plantage ein Weib nehmen und dort wohnen. Anfangs schalt er und brummte das vor sich hin; aber gestern sagte er, ich müsse Mina heiraten und mit ihr in eine Hütte ziehen, sonst wolle er mich nach dem Süden verkaufen.«

»Aber du bist mir doch durch den Pfarrer angetraut, so gut, als ob du ein Weißer gewesen wärest!« sagte Elisa.

»Weißt du nicht, daß ein Sklave nicht heiraten kann? Dazu haben wir kein Gesetz hierzulande; ich kann dich nicht als Frau behalten, wenn es ihm einfällt, uns voneinander zu trennen. Deshalb wünsche ich, ich hätte dich nie gesehen; deshalb wünsche ich, ich wäre nie geboren; es wäre besser für uns beide – es wäre besser für dieses arme Kind, wenn es nicht geboren worden wäre. Alles, alles kann ihm noch widerfahren!«

»Ach! Aber Master ist so gut!«

»Ja, aber wer weiß – er kann sterben, und dann kann er an wer weiß wen verkauft werden. Was nützt es, daß er schön und gescheit und klug ist? Ich sage dir, Elisa, für jede gute und angenehme Eigenschaft, die unser Kind hat, wird dir ein Schwert durch das Herz fahren – sie wird es viel zu wertvoll machen, als daß du es behalten könntest.«

Diese Worte trafen Elisas Herz schwer; das Bild des Handelsmannes trat ihr vor die Augen, und als ob sie jemand tödlich getroffen hätte, wurde sie blaß und schnappte nach Atem. Unruhig blickte sie auf die Veranda, wohin sich der Knabe, von dem ernsten Gespräch gelangweilt, zurückgezogen hatte und wo er frohlockend auf Mr. Shelbys Spazierstock galoppierte. Sie wollte ihrem Gatten ihre Befürchtungen mitteilen, besann sich aber eines andern.

»Nein, nein, der Arme hat genug zu tragen!« dachte sie. »Nein, ich will es ihm nicht sagen; außerdem ist es auch nicht wahr; Missis belügt uns nie.«

»Also, Elisa, bleib standhaft«, sagte der Neger traurig, »und leb wohl; denn ich gehe fort.«

»Du gehst fort, George – wohin?«

»Nach Kanada«, sagte er und richtete sich gerade in die Höhe; »und wenn ich dort bin, will ich dich loskaufen – das ist die einzige Hoffnung, die wir noch haben. Du hast einen guten Herrn, der es nicht verweigern wird, dich loszugeben. Ich kaufe dich und das Kind – Gott helfe mir – ich tue es.«

»Ach schrecklich! – Wenn man dich fängt!«

»Ich lasse mich nicht fangen, Elisa – eher sterbe ich! Ich will frei sein oder sterben!«

»Du willst dich doch nicht selbst töten!«

»Das braucht’s nicht; sie selber werden mich schon rasch genug totschlagen; den Fluß hinab sollen sie mich nicht lebendig bekommen.«

»Ach George, um meinetwillen sei vorsichtig! Tue nichts Schlechtes; tue dir nichts zuleide und andern auch nicht. Du bist zu großen Versuchungen ausgesetzt – viel zu großen; aber bitte – fort mußt du – aber sei vorsichtig und klug; bitte Gott, daß er dir helfen möge.«

»So höre denn meinen Plan, Elisa. Master fiel es ein, mich mit einem Briefe an Mr. Symmes, der eine Meile weiter wohnt, hier diesen Weg zu schicken. Ich glaube, er erwartete, daß ich hierher gehen würde, um dir zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Er würde sich freuen, wenn er glaubte, es würde ›Shelbys Leute‹ ärgern, wie er sie nennt. Du mußt wissen, ich gehe ganz ruhig nach Hause, als ob alles vorbei sei. Ich habe Vorbereitungen getroffen und habe Leute, die mir helfen; und so nach einer Woche oder so wird man mich suchen, sage ich dir. Bete für mich, Elisa, vielleicht wird der gute Gott dich erhören.«

»Ach George, bete du selbst und vertraue auf ihn; dann wirst du nichts Schlechtes tun.«

»So lebe denn recht wohl«, sagte George und ergriff Elisas Hände und sah ihr ohne sich zu bewegen in die Augen. Stumm standen sie da; dann hörte man noch letzte Worte und Schluchzen und bitteres Weinen – einen Abschied, wie diejenigen nehmen, deren Hoffnungen, sich wiederzusehen, an einem bloßen Faden hängen; und Mann und Weib schieden voneinander.

20. Kapitel


Der kleine Evangelist

Es war Sonntag nachmittag. St. Clare lag auf einem Bambussofa in der Veranda und tröstete sich mit einer Zigarre. Marie lag auf einem Sofa dem auf die Veranda sich öffnenden Fenster gegenüber, dicht umschlossen von einem Zelt von durchsichtiger Gaze, um die Moskitos abzuhalten, und hielt mit matter Hand ein elegant gebundenes Gebetbuch. Sie hatte es in der Hand, weil es Sonntag war, und bildete sich ein, sie hätte darin gelesen, obgleich sie in Wahrheit nur mit dem offenen Buche in der Hand eine Reihenfolge von kurzen Mittagsschläfchen gehalten hatte.

Miß Ophelia, die nach einigen Anstrengungen ein kleines Methodistenmeeting zusammengebracht hatte, war zu diesem Meeting gefahren mit Tom als Kutscher und Eva als Begleiterin.

»Ja, Augustin«, sagte Marie, nachdem sie ein Weilchen gedämmert hatte, »ich muß nach der Stadt nach meinem alten Doktor Posey schicken: Ich bin überzeugt, ich habe ein Herzleiden.«

»Nun, warum willst du nach dem schicken? Evas Arzt scheint mir ein sehr geschickter Mann zu sein.«

»Ich möchte ihm in einem kritischen Falle nicht trauen«, sagte Marie, »und ich glaube sagen zu dürfen, daß mein Zustand kritisch zu werden droht. Ich habe die letzten zwei oder drei Nächte darüber nachgedacht; ich habe so arge Schmerzen und so merkwürdige Empfindungen.«

»Ach Marie, du hast die blauen Teufel, ich glaube nicht, daß es ein Herzleiden ist.«

»Ich glaube wohl, daß du es nicht dafür hältst«, sagte Marie. »Darauf war ich gefaßt. Du kannst besorgt genug sein, wenn Eva hustet oder nur im mindesten klagt, aber an mich denkst du nie.«

»Wenn es dir besonders angenehm ist, ein Herzleiden zu haben, so will ich gern versuchen, zu behaupten, daß du daran leidest«, sagte St. Clare, »aber ich habe das nicht gewußt.«

»Nun, ich hoffe nur, daß es dir nicht leid tun wird, wenn es schon zu spät ist, und du magst es mir glauben oder nicht, mein Kummer über Eva und die Anstrengungen, welche mich das liebe Kind gekostet hat, haben das zur Entwicklung gebracht, was ich schon längst argwöhnte.«

Was das für Anstrengungen waren, von denen Marie sprach, dürfte schwer zu sagen sein. St. Clare machte sich im stillen diesen Kommentar selbst und rauchte, als ein hartherziger Tyrann, ruhig fort, bis ein Wagen vor der Veranda vorfuhr, und Eva und Miß Ophelia ausstiegen.

Miß Ophelia ging geradenwegs auf ihr Zimmer, um Hut und Schal abzulegen, was sie stets tat, ehe sie ein Wort über irgendeinen Gegenstand sprach; während Eva sich auf St. Clares Aufforderung auf seine Knie setzte und ihren Bericht über den Gottesdienst, den sie besucht hatten, abstattete.

Sie hörten bald lautes Reden aus Miß Ophelias Zimmer (welches, wie dasjenige, in dem sie sich befanden, auf die Veranda hinausging) und heftige Vorwürfe, die einer Person gemacht wurden.

»Was für eine neue Teufelei hat Topsy angerichtet?« fragte St. Clare. »An dem Lärm ist sie schuld, darauf will ich wetten!«

Und einen Augenblick darauf brachte Miß Ophelia in größter Entrüstung die Verbrecherin herausgeschleppt.

»Kommst du jetzt!« sagte sie. »Jetzt sage ich’s deinem Herrn.«

»Was gibt es denn?« fragte Augustin.

»Die Sache ist, daß ich mich nicht länger mit diesem Kinde plagen kann! Es ist nicht länger auszuhalten. Hier habe ich sie eingeschlossen und ihr ein Lied zum Auswendiglernen gegeben; und was macht sie? Sie spioniert aus, wo ich meinen Schlüssel hinlege, geht über meinen Schreibtisch, holt einen Hutbesatz heraus und schneidet ihn in lauter Stückchen, um Puppenjacken daraus zu machen! So etwas ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.«

»Ich sagte Ihnen ja, Cousine«, sagte Marie, »daß Sie schon die Erfahrung machen würden, daß mit diesen Kreaturen nicht ohne Härte auszukommen ist. Wenn es nach meinem Willen ginge«, sagte sie und warf St. Clare einen vorwurfsvollen Blick zu, »so ließe ich das Kind tüchtig auspeitschen; ich ließe es peitschen, bis es nicht mehr stehen könnte!«

»Daran zweifle ich gar nicht«, sagte St. Clare. »Sprecht mir nur von sanfter Frauenherrschaft! Ich habe nicht über ein Dutzend Frauen kennengelernt, die nicht ein Pferd oder einen Dienstboten halb totgeschlagen hätten, wenn es nach ihrem Willen gegangen wäre.«

»Du kommst mit deinem unentschiedenen weichen Wesen zu nichts«, sagte Marie. »Die Cousine ist eine verständige Person und sieht es jetzt so klar wie ich.«

Miß Ophelia hatte gerade die Fähigkeit, in Zorn zu geraten, die einer energischen Hausfrau zukommt, und die List und Fahrlässigkeit des Kindes hatten sie ziemlich lebhaft gereizt; gewiß werden viele unserer Leserinnen gestehen müssen, daß sie in ähnlichen Lagen ganz dasselbe empfunden hätten, aber Maries Äußerung ging ihr doch zu weit, und sie fühlte sich weniger erzürnt.

»Ich möchte das Kind nicht um die ganze Welt so behandelt sehen«, sagte sie, »aber das weiß ich, Augustin, ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll. Ich habe gelehrt und gelehrt, ich habe geredet, bis ich müde war, ich habe sie geschlagen, ich habe sie in jeder denkbaren Weise gestraft; und dennoch ist sie noch genau so wie zu Anfang.«

»Komm her, Topsy, du Affe!« sagte St. Clare, indem er das Kind zu sich rief.

Topsy kam näher. Ihre runden, glasartigen Augen glitzerten von einer Mischung von Furcht und der gewöhnlichen drolligen Schlauheit.

»Warum führst du dich so schlecht auf?« sagte St. Clare, der nicht umhin konnte, über den Ausdruck im Gesichte des Kindes zu lächeln.

»Glaub‘, ’s ist mein schlechtes Herz«, sagte Topsy mit demütigem Ernste, »das sagt Miß Feely.«

»Weißt du nicht, wieviel Miß Ophelia für dich getan hat? Sie sagt, sie hätte alles getan, was sie sich nur denken könnte.«

»O ja, Master! Alte Missis sagte das auch immer. Sie hat mich stärker geschlagen und mich bei den Haaren gerupft und meinen Kopf gegen die Tür gestoßen, aber es hat mir nichts genutzt! Ich glaube, wenn sie mir jedes Haar einzeln herauszögen, würde es mir auch nichts helfen – ich bin so bösartig! Ach ja! Ich bin ja bloß ein Nigger, weiter gar nichts.«

»Ach, ich muß sie wohl aufgeben«, sagte Miß Ophelia, »ich kann diese Plage nicht länger aushalten.«

»Hm, ich möchte dir doch eine Frage vorlegen«, sagte St. Clare.

»Und welche?«

»Nun, wenn dein Evangelium nicht stark genug ist, ein heidnisches Kind zu retten, welches du ganz allein zu Hause bei dir hast, was nützt es dann, ein oder zwei arme Missionare unter Tausende von solchen Heiden zu schicken? Ich glaube, das Kind ist ein ziemlich richtiges Beispiel von dem, was Tausende der Heiden sind.«

Miß Ophelia gab nicht sogleich eine Antwort; und Eva, die bis dahin dem Auftritte schweigend zugesehen hatte, gab Topsy ein Zeichen, ihr zu folgen.

In der Ecke der Veranda befand sich ein kleines Glaszimmer, welches St. Clare als eine Art Lesezimmer benutzte; und Eva und Topsy verschwanden in dieses Gemach.

»Was hat Eva im Sinne?« sagte St. Clare. »Das möchte ich wissen.«

Und er schlich sich auf den Zehen hin, hob einen Vorhang, der die Glastür verhüllte, empor und blickte hinein. Einen Augenblick darauf machte er den Finger auf den Mund legend Miß Ophelia eine stumme Gebärde heranzukommen. Die beiden Kinder saßen auf dem Fußboden, die Gesichter einander halb zugekehrt. – Topsy mit ihrer gewöhnlichen Miene sorgloser Drolligkeit und Gleichgültigkeit; aber ihr gegenüber Eva mit einem von innigem Gefühl strahlendem Gesicht und Tränen in ihrem Auge.

»Warum bist du so schlecht, Topsy? Willst du nicht lieber versuchen, gut zu sein? Hast du gar niemanden lieb, Topsy?«

»Weiß nichts von Liebhaben; habe Kandis und so was lieb, weiter nichts«, sagte Topsy.

»Aber du hast deinen Vater und deine Mutter lieb?«

»Habe nie nicht Vater oder Mutter gehabt. Habe das ja schon gesagt, Miß Eva.«

»Ach, ich weiß«, sagte Eva traurig, »aber hast du nicht einen Bruder oder eine Schwester oder eine Tante oder –«

»Nein, gar nichts nicht – habe nie jemand gehabt.«

»Aber Topsy, wenn du nur versuchen wolltest, gut zu sein, könntest du –«

»Könnte nie was andres sein, als ein Nigger, und wenn ich noch so gut wäre«, sagte Topsy. »Wenn sie mir die Haut abziehen und mich weiß machen könnten, so würde ich es versuchen.«

»Aber die Leute können dich auch liebhaben, wenn du schwarz bist, Topsy. Miß Ophelia würde dich liebhaben, wenn du gut wärst.«

Topsy ließ das kurze Lachen vernehmen, welches ihre gewöhnliche Art war, ihre Ungläubigkeit auszudrücken.

»Glaubst du das nicht?« sagte Eva.

»Nein, sie kann mich nicht ausstehen, weil ich ein Nigger bin! – Ebenso gern ließe sie sich von einer Kröte anrühren. Niemand kann Nigger liebhaben, und Nigger können nichts tun. Mir ist’s gleich«, sagte Topsy und fing an zu pfeifen.

»Ach, Topsy, armes Kind! Ich habe dich lieb«, sagte Eva mit einem plötzlichen Gefühlsausbruch und legte ihre dünne weiße Hand auf Topsys Schulter. »Ich habe dich lieb, weil du weder Vater noch Mutter, noch Freunde hast – weil du ein armes mißhandeltes Kind bist! Ich habe dich lieb und möchte, daß du gut wärest. Ich bin sehr krank, Topsy, und ich glaube nicht, daß ich noch lange leben werde; und es schmerzt mich wirklich, daß du so bösartig bist. Ich wünschte, du versuchtest meinetwegen gut zu sein; ich werde nur noch kurze Zeit bei dir bleiben.«

Die runden stechenden Augen des schwarzen Kindes füllten sich mit Tränen; große glänzende Tropfen rollten herunter und fielen auf die kleine weiße Hand. Ja, in diesem Augenblick hatte ein Strahl himmlischer Liebe die Nacht ihrer heidnischen Seele durchdrungen! Sie legte ihren Kopf zwischen ihre Knie und weinte und schluchzte, während das schöne Kind sich über sie beugte, welches wie das Bild eines Engels des Lichts aussah, der einen Sünder zu bekehren sucht.

»Arme Topsy!« sagte Eva. »Weißt du nicht, daß Jesus uns alle gleich liebhat? Er ist ebenso bereit, dich zu lieben, wie mich. Er liebt dich geradeso wie ich, nur noch mehr, weil er besser ist. Er wird dir helfen, gut zu sein, und du kannst am Ende in den Himmel kommen und für ewig ein Engel sein, gerade, als ob du weiß wärst. Bedenke nur, Topsy! Du kannst einer von jenen Engeln des Lichts werden, von denen Onkel Tom singt.«

»Ach, liebe Miß Eva! Liebe Miß Eva!« sagte das Kind. »Ich will es versuchen! Ich will es versuchen! Vorher ist es mir immer ganz gleichgültig gewesen.«

St. Clare ließ in diesem Augenblicke den Vorhang nieder. »Es erinnert mich an meine Mutter«, sagte er zu Miß Ophelia. »Es ist wahr, was sie mir sagte: ›Wenn wir die Blinden sehend machen wollen, so müssen wir bereit sein zu tun, was Christus tat – wir müssen sie zu uns rufen und unsere Hände auf sie legen.‹«

»Ich habe immer ein Vorurteil gegen Neger gehegt«, sagte Miß Ophelia, »und es ist Tatsache, ich konnte nie ausstehen, daß mich das Kind anrührte; aber ich dachte nicht, daß sie es wüßte.«

»Überlaß das einem Kinde, das wird es schon herausfinden«, sagte St. Clare, »es läßt sich nichts verhehlen. Aber ich glaube, daß alle Versuche, einem Kinde zu nützen, und alle wesentlichen Wohltaten, die du ihm erweisen kannst, nie einen Funken Dankbarkeitsgefühl erwecken, solange dieser Widerwille im Herzen bleibt; es ist eine wunderliche Tatsache, aber sie ist so.«

»Ich weiß nicht, wie ich ihr abhelfen soll«, sagte Miß Ophelia; »sie sind mir unangenehm – dieses Kind insbesondere. Wie kann ich dieses Gefühl ändern?«

»Eva scheint nicht so zu fühlen.«

»Nun ja, sie ist so liebevoll! Und doch ist sie im Grunde nur Christus ähnlich«, sagte Miß Ophelia; »ich wollte, ich wäre wie sie. Sie könnte mir eine Lehre geben.«

»Es wäre nicht das erste Mal, wo ein kleines Kind zur Belehrung eines alten Schülers diente, wenn das geschehen sollte«, sagte St. Clare.

21. Kapitel


Der Tod

Die trügerische Kraft, welche Eva eine kurze Zeitlang aufrechterhalten hatte, schwand jetzt rasch dahin; seltener und immer seltener hörte man ihre leichten Schritte in der Veranda, und immer öfter lag sie auf einer kleinen Chaiselongue am offenen Fenster, die großen tiefen Augen auf die wogenden Wasser des Sees geheftet.

Einmal gegen Mitte eines Nachmittags, wie sie so ruhte, die Bibel halb offen vor sich und die kleinen Finger gleichgültig zwischen den Blättern, hörte sie plötzlich ihrer Mutter Stimme scheltend in der Veranda.

»Nun was gibt’s schon wieder, du Balg? Was für eine neue Teufelei? Du hast Blumen abgerissen, nicht wahr?« und Eva hörte einen derben Schlag schallen.

»Ach, Missis, sie sind für Miß Eva«, hörte sie eine Stimme sagen, die sie als die Topsys erkannte.

»Für Miß Eva! Eine hübsche Entschuldigung! Du glaubst wohl, sie verlangt nach deinen Blumen, du nichtsnutziger Niggerbalg! Marsch fort mit dir!« In einem Augenblick war Eva aufgestanden und in der Veranda.

»Ach bitte, meine Mutter! Ich hätte die Blumen gern, bitte, gib sie mir, ich brauche sie noch!«

»Aber Eva, dein ganzes Zimmer ist ja schon voll.«

»Ich kann nicht zu viel haben«, sagte Eva. »Topsy, bring‘ sie mir her.«

Topsy, die mürrisch und mit gesenktem Kopfe dagestanden hatte, kam zu ihr heran und überreichte ihr die Blumen. Sie tat es mit einem zögernden und verschämten Blick, der ihrer gewöhnlichen koboldartigen Keckheit und Lebhaftigkeit ganz fremd war.

»Es ist ein schöner Strauß!« sagte Eva und betrachtete ihn.

Er war etwas eigentümlich – ein glänzendscharlachrotes Geranium und eine einzige weiße Camellie mit ihren glänzenden Blättern. Bei der Zusammenstellung war offenbar Rücksicht auf den Farbengegensatz genommen und die Anordnung jedes Blattes sorgfältig studiert.

Man sah, daß es Topsy Freude machte, als Eva sagte: »Topsy, du verstehst Blumen sehr hübsch zusammenzustellen. Hier in dieser Vase habe ich keine Blumen«, sagte sie. »Ich wünschte, du besorgtest mir jeden Tag einen Strauß dafür.«

»Nun, das ist doch wunderlich!« sagte Marie. »Was in aller Welt willst du damit anfangen?«

»Laß nur gut sein, Mama; es ist dir ganz gleich, ob es Topsy tut oder nicht – nicht wahr?«

»Natürlich, wenn es dir nur gefällt, liebes Kind! Topsy, du hörst, was deine junge Herrin sagt; vergiß nicht, es zu tun.«

Topsy knickste und schlug die Augen nieder; und wie sie sich wegwandte, sah Eva eine große Träne ihre schwarze Wange herabrinnen. »Du siehst, Mama, ich wußte, daß die arme Topsy etwas für mich tun wollte«, sagte Eva zu ihrer Mutter.

»Ach Unsinn! Sie tut es nur aus Lust am Unrechten. Sie weiß, daß sie keine Blume abpflücken soll – so tut sie’s gerade; das ist die ganze Geschichte. Aber wenn du willst, daß sie welche pflücken soll, so mag es so sein.«

»Mama«, sagte Eva, »ich möchte mir mein Haar schneiden lassen.« –

»Wozu?« sagte Marie.

»Mama, ich möchte es meinen Freunden zum Andenken schenken, solange ich es ihnen noch selbst geben kann. Willst du nicht Tantchen bitten, mir die Haare zu schneiden?«

Marie erhob ihre Stimme und rief Miß Ophelia aus dem anderen Zimmer herbei.

Das Kind erhob sich halb vom Kissen, wie sie eintrat, schüttelte ihre goldenen Locken herunter und sagte fast scherzend: »Komm, Tantchen, schere die Lämmer!«

»Was gibt’s hier?« sagte St. Clare, der eben mit verschiedenen Früchten eintrat, die er für sie geholt hatte.

»Papa, Tantchen soll mir ein paar von meinen Locken wegschneiden; ich habe zu viel und sie machen mir den Kopf warm. Und dann möchte ich auch einige verschenken.«

Miß Ophelia kam mit der Schere.

»Nimm dich in acht, daß du sie nicht verdirbst«, sagte der Vater; »schneide sie unten darunter hinweg, daß man es nicht sieht. Evas Locken sind mein Stolz.«

»O Papa!« sagte Eva traurig.

»Ja, und sie sollen hübsch bleiben für unsere Reise nach deines Onkels Plantage, um Vetter Henrique zu besuchen«, sagte St. Clare in scherzendem Tone.

»Ich werde niemals hinkommen, Papa, ich gehe in ein besseres Haus. Ach glaube es mir! Siehst du nicht, Papa, daß ich jeden Tag schwächer werde?«

»Warum bestehst du darauf, daß wir so etwas Schreckliches glauben sollen, Eva!« sagte ihr Vater.

»Nur weil es wahr ist, Papa; und wenn du es jetzt glaubst – wirst du vielleicht darüber auch so empfinden lernen wie ich.«

St. Clare preßte die Lippen zusammen und betrachtete mit düsteren Blicken die langen schönen Locken, welche Miß Ophelia, sowie sie abgeschnitten waren, einzeln nebeneinander auf des Kindes Schoß legte. Eva hielt sie in die Höhe, betrachtete sie ernst, wickelte sie um ihre dünnen Finger und blickte von Zeit zu Zeit besorgt ihren Vater an.

»Es ist ganz, wie ich’s geahnt habe«, sagte Marie; »das eben hat Tag für Tag an meiner Gesundheit genagt und bringt mich ins Grab hinab, ohne daß sich jemand darum kümmert. Ich habe dies lange vorausgesehen. St. Clare, du wirst es auch noch einsehen, daß ich recht hatte.«

»Was dir natürlich großen Trost gewähren wird!« sagte St. Clare in einem trockenen bitteren Tone.

Marie streckte sich auf ein Sofa und bedeckte ihr Gesicht mit einem Batisttaschentuch.

Evas klares blaues Auge schweifte sinnend von dem einen zum andern. Es war der ruhige, begreifende Blick einer Seele, die der irdischen Bande schon halb erledigt ist; es war offenbar, daß sie den Unterschied zwischen beiden sah, fühlte und würdigte.

Sie winkte ihrem Vater mit der Hand. Er kam und setzte sich neben sie.

»Papa, meine Kraft nimmt jeden Tag ab, und ich weiß, daß ich scheiden muß. Ich habe einige Sachen zu sagen und zu tun, die ich noch tun muß; und du hörst so ungern von mir ein Wort über diesen Gegenstand. Aber es muß geschehen; es läßt sich nicht vermeiden. Erlaube mir, daß ich es jetzt sagen darf.«

»Mein Kind, sprich«, sagte St. Clare und bedeckte mit der einen Hand die Augen und hielt mit der andern Evas Hand fest.

»Dann bitte ich dich, alle unsere Leute zusammenzurufen. Ich habe ihnen einige Dinge zu sagen, die ich ihnen sagen muß«, sagte Eva.

»Es soll geschehen!« sagte St. Clare in einem Tone gezwungener Fassung.

Miß Ophelia schickte einen Boten ab, und bald waren sämtliche Dienstboten im Zimmer versammelt.

Eva lag in ihre Kissen zurückgesunken, das Haar hing ihr lose ums Gesicht, ihre roten Wangen stachen peinlich von der blendenden Weiße ihrer Gesichtsfarbe und ihren abgemagerten Zügen ab, und ihre großen, geisterhaften Augen hefteten sich auf jeden einzelnen mit tiefem Ernste. Eine plötzliche Bewegung hatte alle Dienstboten ergriffen. Das durchgeistigte Gesicht, die langen Haarlocken, die abgeschnitten neben ihr lagen, ihres Vaters abgewendetes Gesicht und Maries Schluchzen rührten auf der Stelle die Empfindungen einer gefühlvollen und allen Eindrücken leicht zugänglichen Rasse; und wie sie eintraten, blickte einer den andern an, seufzte und schüttelte den Kopf. Es herrschte ein tiefes Schweigen, wie bei einem Begräbnis.

Eva richtete sich empor und blickte lange und ernst jeden einzelnen an. Alle sahen traurig und bekümmert aus. Viele von den Frauen verhüllten ihr Gesicht mit der Schürze.

»Ich habe nach euch schicken lassen, meine lieben Freunde, weil ich euch liebhabe. Ich habe euch alle lieb; und ich habe euch etwas zu sagen, was ihr nie vergessen dürft: Ich werde euch bald verlassen. In wenigen Wochen werdet ihr mich nicht mehr sehen. –«

Hier wurde das Kind unterbrochen von dem lauten Stöhnen, Schluchzen und Klagen aller Anwesenden, welches seine schwache Stimme übertönte. Sie wartete einen Augenblick, und dann sagte sie mit einem Tone, der dem Schluchzen aller ein Ende machte:

»Wenn ihr mich liebhabt, dürft ihr mich nicht so unterbrechen. Hört, was ich euch zu sagen habe. Ich will mit euch von euren Seelen sprechen. Viele von euch, fürchte ich, sind sehr leichtsinnig. Ihr denkt nur an diese Welt. Aber ich will euch lehren, nicht zu vergessen, daß es eine schönere Welt gibt, wo Christus ist. Ich gehe hin, und ihr könnt auch hinkommen; sie ist für euch so gut wie für mich. Aber wenn ihr hinkommen wollt, so dürft ihr nicht ein träges, leichtfertiges, gedankenloses Leben führen; ihr müßt Christen sein. Ihr müßt bedenken, daß jeder von euch ein Engel werden und ewig bleiben kann. Wenn ihr Christen sein wollt, so wird Christus euch helfen. Ihr müßt zu ihm beten; ihr müßt lesen.«

Das Kind hielt inne, sah sie voll Mitleid an, und sagte betrübt:

»Ach Gott! Ihr könnt nicht lesen. Ihr Armen«, und sie verbarg ihr Gesicht in den Kissen und schluchzte, während mancher erstickte Seufzer von denjenigen, zu denen sie gesprochen und die auf dem Flur knieten, ihr nachhallte.

»Es tut nichts«, sagte sie, indem sie ihr Gesicht erhob und hell durch ihre Tränen lächelte, »ich habe für euch gebetet, und ich weiß, daß Christus euch helfen wird, wenn ihr auch nicht lesen könnt. Versucht alle so gut zu sein, wie ihr könnt; betet jeden Tag; bittet ihn, euch zu helfen, und laßt euch die Bibel, sooft es geht, vorlesen; und ich hoffe, euch alle im Himmel wiederzusehen.«

Ein Amen erklang halblaut von den Lippen Toms und Mammys und einiger Älteren, welche der Methodistengemeinde angehörten. Die Jüngeren und Gedankenloseren waren für den Augenblick ganz überwältigt, schluchzten laut und ließen den Kopf auf die Knie sinken.

»Ich weiß, daß ihr mich alle liebhabt«, sagte Eva.

»Ja, o ja! Gewiß. Gott segne Sie!« ertönte es von allen als Antwort.

»Ja, ich weiß es wohl. Keine einzige Person ist unter euch, die nicht stets freundlich gegen mich gewesen ist; und ich möchte euch etwas geben, das euch an mich erinnert, wenn ihr es betrachtet. Ich will euch jedem eine Locke von meinem Haar schenken; und wenn ihr sie anseht, so denkt, daß ich euch geliebt habe und in den Himmel gegangen bin und daß ich euch alle dort wiederzusehen hoffe.«

Es ist unmöglich, den Anblick zu beschreiben, wie sie sich mit Tränen und Schluchzen um die kleine Eva drängten und aus ihrer Hand die Locke annahmen, die ihnen als ihr letztes Liebeszeichen erschien. Sie sanken auf die Knie nieder; sie schluchzten und beteten und küßten den Saum ihres Kleides; und von den Lippen der Älteren strömten liebkosende Worte, vermischt mit Gebeten und Segnungen nach der Weise ihrer empfänglichen Rasse.

Sowie einer seine Locke empfangen hatte, gab ihm Miß Ophelia, welche die Wirkung dieser Aufregung auf ihre kleine Patientin fürchtete, ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen.

Zuletzt waren alle fort, außer Tom und Mammy.

»Hier, Onkel Tom«, sagte Eva, »ist eine schöne Locke für dich. O Onkel Tom, ich fühle mich so glücklich bei dem Gedanken, daß ich dich im Himmel wiedersehen soll, denn davon bin ich überzeugt; und Mammy – liebe, gute, gute Mammy!« sagte sie und umarmte ihre alte Amme zärtlich. »Ich weiß, du wirst auch hinkommen.«

»Ach, Miß Eva, ich sehe nicht ein, wie ich leben soll ohne Sie – kann’s nicht einsehen!« sagte das treue Geschöpf. »Kommt mir vor, als ob alles auf einmal hier zugrunde ginge!« Und Mammy ließ ihrem wilden Schmerze freien Lauf.

Miß Ophelia schob sie und Tom sanft aus dem Zimmer und dachte, sie wären alle fort, aber als sie sich umdrehte, stand Topsy noch da.

»Wo bist du hergekommen?« sagte sie überrascht.

»Ich war hier«, sagte Topsy und wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Ach, Miß Eva! Ich bin ein böses Mädchen gewesen, aber wollen Sie mir nicht auch eine geben?«

»Ja, arme Topsy! Gewiß sollst du auch eine haben. Da – jedesmal, wo du sie ansiehst, denke daran, daß ich dich liebhabe und wünsche, daß du ein gutes Mädchen sein möchtest!«

»Ach Miß Eva, ich versuche es!« beteuerte Topsy angelegentlich. »Aber Gott, es ist so schwer, gut zu sein! ’s kommt mir vor, als wäre ich nicht daran gewöhnt, gar nicht.«

»Jesus weiß es, Topsy; du tust ihm leid, er wird dir helfen.«

Die Schürze vor dem Gesicht, wurde Topsy schweigend von Miß Ophelia aus dem Zimmer gebracht; aber wie sie hinausging, verbarg sie die kostbare Locke an ihrem Busen.

Als alle fort waren, machte Miß Ophelia die Tür zu. Diese würdige Dame hatte während des Auftritts manche Träne aus ihren Augen gewischt, aber Besorgnis über die Folgen, welche eine solche Aufregung bei ihrem jungen Pflegling haben könnte, war das vorherrschende Gefühl in ihrer Brust.

St. Clare hatte die ganze Zeit über in derselben Stellung dagesessen, die Augen mit der Hand zudeckend. Als sie alle hinaus waren, saß er immer noch so da.

»Papa!« sagte Eva sanft und legte ihre Hand auf die seine. Er zuckte zusammen, gab aber keine Antwort.

»Lieber Papa!« sagte Eva.

»Ich kann nicht«, sagte St. Clare und stand auf, »ich kann das nicht tragen! O Gott der Allmächtige behandelt mich sehr grausam!« und St. Clare sprach diese Worte mit einem bitteren Nachdruck.

»Augustin! Hat nicht Gott ein Recht, mit dem, was Sein ist, zu tun nach seinem Willen?« sagte Miß Ophelia.

»Vielleicht, aber das macht die Bürde nicht leichter zu tragen«, sagte er in einer trockenen, harten, tränenlosen Weise, wie er sich wegwandte.

»Papa, du brichst mir das Herz!« sagte Eva, indem sie sich erhob und sich in seine Arme warf. »Du darfst nicht so denken!« und das Kind schluchzte und weinte mit einer Leidenschaft, welche alle beunruhigte und den Gedanken ihres Vaters sofort eine andere Richtung gab.

»Ach Eva – teuerstes Kind! Sei ruhig! Sei ruhig! Es war unrecht von mir; es war gottlos. Ich will denken, was du willst, tun, was du willst, nur gräme dich nicht so, – weine nicht so. Ich will mich in seinen Willen ergeben; es war gottlos, solche Reden zu führen.«

Eva lag bald wie eine müde Taube in den Armen ihres Vaters, und er beugte sich über sie und beschwichtigte sie durch jedes zärtliche Wort, das ihm in den Sinn kam.

Evas Gesundheit nahm von diesem Tage an rasch ab; ihr nahes Ende war nicht länger zu bezweifeln; selbst das zärtlichste Auge konnte nicht mehr blind sein.

Ihr schönes Zimmer war jetzt anerkanntermaßen ein Krankenzimmer; und Miß Ophelia verrichtete Tag und Nacht die Pflichten einer Krankenwärterin – und nie lernten ihre Verwandten ihren Wert besser kennen, als in dieser Eigenschaft.

Onkel Tom war auch sehr oft bei ihr. Eva litt sehr an nervöser Ruhelosigkeit, und es war ihr eine große Erleichterung, wenn sie getragen werden konnte; und es war Toms größte Freude, die kleine schwache Gestalt auf einem Kissen auf dem Arme zu tragen, entweder im Zimmer herum oder draußen in der Veranda, und wenn der erquickende Seewind vom See herüberwehte und das Kind sich frühmorgens am kräftigsten fühlte, trug er sie manchmal unter den Orangenbäumen im Garten umher oder setzte sich mit ihr auf einen ihrer alten Plätze und sang ihr ihre alten Lieblingskirchenlieder vor.

Ihr Vater trug sie auch oft herum; aber er war schwächer, und wenn er müde war, sagte Eva zu ihm:

»Ach, Papa, laß Tom mich tragen. Der Arme! Es macht ihm Freude, und du weißt, er kann jetzt weiter nichts tun, und er möchte doch gern etwas tun!«

»Das möchte ich auch, Eva«, sagte ihr Vater.

»Ja, Papa, aber du kannst alles tun, und bist mir alles. Du liest mir vor – du wachst nachts bei mir – und Tom hat nur dies eine und sein Singen; und ich weiß auch, daß es ihm leichter wird, als dir. Er trägt mich mit solcher Kraft!«

Der Wunsch, etwas zu tun, beschränkte sich nicht bloß auf Tom. Jeder Dienstbote des Hauses legte dasselbe Gefühl an den Tag und tat in seiner Weise, was er konnte.

Das Herz der armen Mammy sehnte sich nach ihrem Liebling; aber sie fand weder bei Tag noch bei Nacht Gelegenheit, da Marie erklärte, ihr Gemütszustand sei von der Art, daß sie keinen Augenblick Ruhe erlangen könne; und natürlich war es gegen ihre Grundsätze, andere ruhen zu lassen. Zwanzigmal des Nachts mußte Mammy aufstehen, um ihr die Füße zu reiben, um ihr den Kopf mit Wasser zu benetzen, um ihr Taschentuch zu suchen, zu sehen, was für ein Lärm in Evas Zimmer sei, einen Vorhang zuzumachen, weil es zu hell, oder ihn zu öffnen, weil es zu dunkel war; und den Tag über, wenn sie gern ihren Liebling ein wenig mit gepflegt hätte, schien Marie ungewöhnlich erfinderisch in Aufträgen zu sein, die sie überall im ganzen Hause oder bei ihr selbst beschäftigten, so daß nur verstohlene Zusammenkünfte und augenblickliches Begegnen möglich war.

»Es ist eine Pflicht für mich«, pflegte sie zu sagen, »gegenwärtig ganz besonders Sorge für mich zu tragen, denn ich bin so schwach und die ganze Sorge der Pflege des geliebten Kindes lastet auf mir.«

»Ich habe immer geglaubt, unsere Cousine hätte dich dieser Mühe überhoben«, sagte St. Clare.

»Du sprichst, wie man es von einem Manne erwartet, St. Clare – gerade als ob eine Mutter der Pflege eines Kindes in einem solchen Zustande überhoben werden könnte; aber es ist ja alles gleich – kein Mensch erkennt jemals, was ich fühle! Ich kann die Sachen nicht vergessen, wie du.«

St. Clare lächelte. Du mußt ihn entschuldigen, Leser. Er konnte nicht anders – denn St. Clare konnte immer noch lächeln. Denn so heiter und ruhig war die Abschiedsreise dieser Kinderseele – so liebliche und duftende Hauche trugen die kleine Barke den himmlischen Küsten zu – daß man sich unmöglich an den Gedanken gewöhnen konnte, daß der Tod im Anzuge sei. Das Kind fühlte keinen Schmerz – nur eine ruhige sanfte Schwäche, die täglich und fast unmerklich zunahm; und Eva war so schön, so voll Liebe und Vertrauen, so glücklich, daß niemand dem besänftigenden Einflusse der Atmosphäre von Unschuld und Frieden, die sie zu umgeben schien, widerstehen konnte. St. Clare fühlte eine wunderbare Ruhe über sich kommen. Es war nicht Hoffnung – die war unmöglich: Es war nicht Resignation; – es war nur ein ruhiges Verweilen bei der Gegenwart, die so schön schien, daß er an gar keine Zukunft zu denken wünschte. Es war jener Seelenfrieden, welchen wir in heiteren Herbstwaldungen fühlen, wenn die helle hektische Röte schon die Bäume färbt und die letzten Blumen noch am Bache verweilen; und wir freuen uns nur um so mehr daran, weil wir wissen, daß bald alles verwelken wird.

Der Freund, der am meisten von Evas Phantasien und Ahnungen wußte, war ihr getreuer Diener Tom. Ihm sagte sie alles, womit sie ihrem Vater nicht das Herz schwermachen wollte. Ihm teilte sie die geheimnisvollen Winke mit, welche die Seele fühlt, wenn die Fäden, mit denen sie am irdischen Leibe hängt, lockerer werden.

Zuletzt wollte Tom nicht mehr in seinem Zimmer schlafen, sondern lag die ganze Nacht in der äußeren Veranda, bereit, auf jeden Wink aufzustehen.

»Onkel Tom, wie bist du zu der Gewohnheit gekommen, überall und irgendwo zu schlafen wie ein Hund?« sagte Miß Ophelia. »Ich dachte, du gehörtest zu den ordentlichen Leuten, welche gern wie gute Christen im Bett liegen?«

»Dazu gehöre ich auch, Miß Feely«, sagte Tom geheimnisvoll. »Aber jetzt –«

»Nun, aber jetzt?«

»Wir dürfen nicht laut sprechen; Master St. Clare will nichts davon hören; aber Miß Feely, Sie wissen, daß jemand wach bleiben muß, bis der Bräutigam kommt.«

»Was meinst du damit, Tom?«

»Sie wissen, es steht in der Schrift: ›Um Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt.« Und das erwarte ich jetzt jede Nacht, Miß Feely, – und ich könnte nicht schlafen, wo ich es nicht hören könnte, keinen Augenblick.«

»Aber Onkel Tom, aus welchem Grunde bist du dieser Meinung?«

»Miß Eva hat es mir gesagt. Der Herr schickt seine Boten in die Seele. Ich muß dabeisein, Miß Feely; denn wenn dieses gesegnete Kind in das Reich eingeht, werden sie das Tor so weit aufmachen, daß wir alle ein paar Strahlen von der himmlischen Herrlichkeit sehen werden, Miß Feely.«

»Onkel Tom, sagte Miß Eva, sie fühle sich heute abend kränker als gewöhnlich?«

»Nein, aber sie sagte mir heute früh, daß sie dem Reiche näher komme – das wird dem Kinde zugeflüstert, Miß Feely. Es sind die Engel – ›Trompetenschall vor Morgengrauen‹«, sagte Tom, indem er eine Stelle aus einem Lieblingskirchenliede anführte.

Dieses Zwiegespräch hatte Miß Ophelia mit Tom eines Abends zwischen zehn und elf Uhr, als sie, nachdem alle ihre Anordnungen getroffen waren, die äußere Tür verriegeln wollte und Tom daneben in der äußeren Veranda liegen fand.

Sie war nicht nervenschwach oder empfindlich, aber seine feierliche aus tiefstem Herzen kommende Weise machte einen großen Eindruck auf sie. Eva war den Nachmittag ungewöhnlich munter und lebhaft gewesen und hatte im Bett aufgesessen und alle ihre kleinen Spielsachen und Kleinodien durchgesehen, und die Freunde genannt, für welche sie dieselben bestimmte; und ihr Benehmen war lebhafter und ihre Stimme natürlicher, als man seit Wochen gewohnt gewesen. Ihr Vater hatte sie des Abends besucht und hatte gesagt, Eva erscheine heute am meisten wie früher, seit ihrer Krankheit; und als er von ihr mit einem Kusse gute Nacht genommen, sagte er zu Miß Ophelia. »Cousine, wir behalten sie vielleicht doch noch; sie befindet sich entschieden besser«, und er entfernte sich mit einem leichteren Herzen, als er seit Wochen gehabt hatte.

Aber um Mitternacht – zu der wunderbaren mystischen Stunde, wo der Schleier zwischen der vergänglichen Gegenwart und der ewigen Zukunft dünner wird – kam der Bote!

Erst hörte man etwas, wie einen raschen Schritt im Krankenzimmer. Es war Miß Ophelia, welche sich entschlossen hatte, die ganze Nacht bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und die im Wendepunkte der Nacht bemerkt hatte, was erfahrene Krankenwärterinnen eine Veränderung nennen. Die äußere Tür wurde rasch geöffnet, und Tom, der draußen wachte, war in einem Augenblicke auf den Beinen.

»Geh nach dem Arzte, Tom! Verliere keinen Augenblick«, sagte Miß Ophelia; und zugleich ging sie an die Tür von St. Clares Zimmer und klopfte.

»Cousin«, sagte sie, »willst du nicht kommen?«

Diese Worte fielen auf sein Herz wie Erdschollen auf einen Sarg. Warum? In einem Augenblicke war er aufgestanden und im Zimmer, und beugte sich über Eva, die immer noch schlief.

Was sah er, daß das Klopfen seines Herzens stockte? Warum sprachen die beiden kein Wort miteinander? Du weißt es, der Du denselben Ausdruck auf dem Gesicht der Deinem Herzen teuersten Person gesehen hast – diesen unbeschreiblichen hoffnungslosen, nicht mißzuverstehenden Zug, der Dir sagt, daß Dein geliebtes Wesen Dir nicht länger angehört.

Auf dem Antlitz des Kindes war jedoch kein grauenerregender Zug zu erblicken – nur ein seliger und fast erhabener Ausdruck – die überschattende Gegenwart geistiger Naturen, das Herandämmern unsterblichen Lebens in dieser Kinderseele.

Sie standen so still an dem Bette, daß selbst das Ticken der Uhr wie zu laut erschien. In wenigen Minuten kehrte Tom mit dem Arzt zurück. Er trat ein, warf einen Blick auf sie und stand stumm da wie die andern.

»Wann trat diese Veränderung ein?« fragte er leise flüsternd Miß Ophelia.

»Gegen Mitternacht«, war die Antwort.

Von der Ankunft des Arztes geweckt, trat jetzt auch Marie hastig aus dem nächsten Zimmer.

»Augustin! Cousine! – O! Was ist?« fing sie hastig an.

»Still!« sagte St. Clare mit heiserer Stimme. »Sie liegt im Sterben!« Mammy hörte die Worte und eilte fort, um die Dienstboten zu wecken. Bald war das ganze Haus wach – man sah Lichter, hörte Schritte, Gesichter voll angstvoller Erwartung drängten sich in der Veranda und blickten mit tränenvollen Augen durch die Glastüren; aber St. Clare hörte und sagte nichts – er sah nur diesen Ausdruck auf dem Gesicht der Schlummernden.

»Ach, wenn sie nur aufwachte und noch einmal mit mir spräche!« sagte er, und er beugte sich über sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Eva, liebe Eva!« Die großen blauen Augen öffneten sich – ein Lächeln flog über ihr Gesicht; sie versuchte den Kopf zu erheben und zu sprechen.

»Kennst du mich, Eva?«

»Lieber Papa«, sagte das Kind mit einer letzten Anstrengung und schlang die Arme um seinen Hals. Einen Augenblick darauf sanken sie erschlafft wieder herunter; und wie St. Clare den Kopf erhob, sah er ein Zucken des Todeskampfes das Gesicht bewegen – sie rang nach Atem und bewegte krampfhaft die kleinen Händchen.

»O Gott, das ist schrecklich«, sagte er, indem er sich in maßlosem Schmerz abwandte und halb bewußtlos Toms Hand drückte. »Ach, mein Tom, das gibt mir den Tod!«

Tom hielt seines Herrn Hände zwischen den seinen; und während Tränen seine dunklen Backen herabströmten, sah er nach Hilfe zu dem hinauf, zu dem er hinaufzublicken gewohnt war.

»Bitte Gott, daß er dem ein Ende machen möge!« sagte St. Clare. »Das zerreißt mir das Herz!«

»O, der Herr sei gepriesen! Es ist vorbei – es ist vorbei, lieber Master!« sagte Tom. »Sehen Sie hin.«

Das Kind lag erschöpft und keuchend auf den Kissen – die großen klaren Augen waren starr emporgerichtet. Ach, was sagten diese Augen, die soviel vom Himmel redeten? Die Erde und ihr Schmerz waren vorüber; aber so feierlich, so geheimnisvoll sah das Gesicht in seinem seligen Glanze aus, daß es selbst das Schluchzen des Schmerzes zum Schweigen brachte. Sie drängten sich in atemlosem Schweigen um sie herum.

»Eva!« flüsterte St. Clare.

Sie hörte nicht.

»O Eva, sage uns, was du siehst! Was siehst du?« sagte ihr Vater.

Ein heiteres, seliges Lächeln flog über ihr Gesicht, und sie sagte mit brechender Stimme:

»O! Liebe – Freude – Frieden!« seufzte sie noch einmal und ging vom Tode ins ewige Leben über!

»Leb wohl, geliebtes Kind! Die strahlenden ewigen Tore haben sich hinter dir geschlossen; wir werden dein liebevolles Antlitz nie wieder sehen. O wehe denen, die deinen Eingang in den Himmel beobachtet haben, wenn sie erwachen und nur den kalten grauen Himmel des Alltagslebens finden, und du hast sie auf ewig verlassen!«

12. Kapitel


Evangeline

Die trüben Wogen des Mississippi, die schäumend vorüberstürzen, sind ein passendes Bild für die Sturmesschnelle der Geschäftsflut, welche ein Volk, das heftiger und energischer ist, als jedes andere auf der Welt, auf seinen Wogen dahinströmen läßt. Ach, wenn sie nur nicht auch eine schrecklichere Fracht trügen, die Tränen der Bedrückten, die Seufzer der Hilflosen, die angstvollen Gebete der armen unwissenden Herzen zu einem unbekannten Gott – ungekannt, ungesehen und schweigend, der aber dereinst aus seiner Stelle herniederkommen wird, um alle Armen auf Erden zu erlösen!

Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der meeresgleichen Ausdehnung des Stromes; das schwankende Rohr und die schlanke dunkle Zypresse mit Girlanden von dunklem trauerndem Moos behängt, glühen in dem goldenen Strahl, wie das schwer beladene Dampfboot vorüberfährt.

Mit Baumwollballen von mancher Plantage auf dem Deck und an den Seiten belastet, bis es in der Ferne wie ein viereckiger, massenhafter grauer Block erscheint, bewegt es sich schwerfällig vorwärts nach dem näherkommenden Weltmarkt. Wir müssen uns einige Zeitlang auf den gedrängt vollen Verdecken umsehen, ehe wir unseren niederen Freund Tom finden. Hoch auf dem oberen Verdeck in einer Ecke unter den überall vorwaltenden Baumwollballen treffen wir ihn endlich. Teils infolge des von Mr. Shelbys Vorstellungen geweckten Vertrauens, teils durch den merkwürdig harmlosen und stillen Charakter des Mannes, hatte sich Tom allmählich unmerklich selbst bei einem solchen Manne wie Haley nicht geringes Vertrauen erworben.

Anfangs hatte er ihn während des Tages argwöhnisch bewacht und hatte ihn nie nachts ungefesselt schlafen lassen; aber die nie klagende Geduld und die Fügsamkeit, mit der sich Tom in seine Lage schickte, bewog ihn, es allmählich weniger streng zu nehmen, und jetzt war Tom seit einiger Zeit gewissermaßen Gefangener auf Ehrenwort, indem ihm erlaubt war, frei im Boot herumzugehen.

Immer ruhig und gefällig und mehr als bereit, bei jeder Gelegenheit die Arbeiter unten mit seinen Kräften zu unterstützen, wurde er von der ganzen Mannschaft gern gesehen und arbeitete mit ihnen viele Stunden ebenso bereitwillig, als ob er auf einer Kentuckyfarm gewesen wäre.

Wenn sich keine Arbeit für ihn fand, kletterte er hinauf in eine Ecke zwischen den Baumwollballen auf dem oberen Verdeck und studierte die Bibel – womit er sich gegenwärtig auch beschäftigt.

Auf eine Strecke von hundert oder mehr englischen Meilen oberhalb New Orleans ist der Strom höher als das umliegende Land und wälzt seine gewaltigen Fluten zwischen massiven zwanzig Fuß hohen Dämmen dahin. Der Reisende sieht von dem Verdeck des Dampfers wie von dem Turm eines schwimmenden Schlosses auf das ganze Land auf Meilen im Umkreis herab. Tom hatte daher in einer Plantage nach der andern eine Karte seines zukünftigen Landes vor sich ausgebreitet.

Er sah in der Ferne Sklaven an ihrer Arbeit; er sah ihre Hüttendörfer in langen Reihen auf mancher Plantage, weit entlegen von den stolzen Wohnsitzen und Gärten der Herren, und wie das bewegliche Bild an ihm vorüberging, wendete sich sein armes törichtes Herz zurück nach der Kentuckyfarm mit ihren alten schattigen Buchen – nach dem Herrenhaus mit seinen geräumigen kühlen Hallen und nicht weit davon seine kleine Hütte mit Multiflora und Bignonia überzogen. Dort sah er vertraute Gesichter von Kameraden, die mit ihm von Kindheit an aufgewachsen waren; er sah sein geschäftiges Weib eifrig die Bereitung seines Abendbrots beeilen, er hörte das lustige Lachen seiner Knaben beim Spiel und das Krähen des Kleinen auf seinem Knie, und dann war auf einmal alles verschwunden, und er sah wieder die Rohrsümpfe und die Zypressen vorübergleitender Plantagen und hörte wieder das Knarren und Stöhnen der Maschinerie – für ihn nur zu deutliche Stimmen, daß diese Phase seines Lebens nun für immer vorüber sei.

Ist es daher zu verwundern, daß einige Tränen auf die Blätter seiner Bibel fielen, wie er sie auf den Baumwollballen legt und mit geduldigem Finger seinen Weg von Wort zu Wort suchend, ihre Verheißungen herausbuchstabiert? Da Tom das Lesen erst spät gelernt hatte, las er langsam und las mühsam einen Vers nach dem andern. Zum Glück für ihn war das Buch, mit dem er so eifrig beschäftigt war, eins, das langsames Lesen nicht verdirbt – nein, gerade ein Buch, dessen Worte gleich Goldbarren oft besonders gewogen werden müssen, damit der Geist ihren unbezahlbaren Wert ganz begreifen kann. Wir wollen ihm einen Augenblick folgen, wie er auf jedem Worte mit dem Finger verweilend und jedes halblaut aussprechend liest: »Euer – Herz – erschrecke – nicht. In – meines – Vaters – Hause – sind – viel – Wohnungen. Ich – gehe – hin – euch – die – Stätte – zu – bereiten.«

Tom hatte sich angewöhnt, sich die Bibel von den Kindern und vorzüglich vom jungen Master George vorlesen zu lassen, und wie sie lasen, bezeichnete er mit starken Strichen mit Feder und Tinte die Stellen, welche seinem Ohr und seinem Herzen besonders wohltaten. So war seine Bibel von einem Ende bis zum andern auf die verschiedenartigste Weise gezeichnet und unterstrichen und er konnte in einem Augenblick seine Lieblingsstellen finden, und während seine Bibel vor ihm lag und jede Stelle derselben ihn an eine alte Szene in der Heimat oder an einen früheren Genuß erinnerte, erschien sie ihm als das einzige, was ihm von diesem Leben noch übrig war, und als die Verheißung eines zukünftigen.

Unter den Passagieren an Bord des Dampfers befand sich ein junger Mann von Vermögen und Familie aus New Orleans, names St. Clare. Er hatte eine Tochter von 5 oder 6 Jahren bei sich, sowie eine Dame, die mit beiden verwandt zu sein und die Kleine speziell unter ihrer Obhut zu haben schien.

Tom hatte das kleine Mädchen schon oft bemerkt – denn es war eines von den beweglichen Wesen, die ebensowenig an einem Orte festzuhalten sind, als ein Sonnenstrahl oder ein Sommerlüftchen, und auch seine Gestalt war von der Art, daß man sie, einmal gesehen, nicht wieder vergessen konnte.

Sie war die Vollkommenheit kindlicher Schönheit ohne ihre gewöhnliche zu große Fülle in den Umrissen. Sie hatte eine schwellende und ätherische Anmut, wie man sie von mythischen und allegorischen Wesen träumt. Das Gesicht war weniger bemerkenswert wegen seiner vollkommenen Schönheit der Linien, als wegen einer eigentümlichen und träumerischen Innigkeit des Ausdruckes, welche poetischen Gemütern bei dem ersten Anblick auffiel, und welche selbst auf die prosaischsten einen Eindruck machte, ohne daß sie wußten warum. Die Formen ihres Kopfes und Hals und Brust waren besonders edel, und das lange goldigbraune Haar, das sie wie eine Wolke umwallte, der tiefe, geistvolle Ernst ihrer dunkelblauen Augen, welche schwere goldigbraune Wimpern überschatteten – alles zeichnete sie vor anderen Kindern aus und veranlaßte jeden, sich nach ihr umzusehen, wie sie im Boote hin und her schwebte. Dennoch war die Kleine weder ein ernstes noch ein trauriges Kind. Im Gegenteil schien eine ätherische und unschuldige Heiterkeit wie der Schatten von Sommerblättern über ihr kindliches Gesicht und um ihre zarte Gestalt zu schweben. Sie war immer in Bewegung, immer umschwebte ein halbes Lächeln ihren rosigen Mund, und immer flog sie hier und dorthin mit leichtem schwebendem Fuß und sang dabei halblaut vor sich hin, wie in einem glücklichen Traum. Ihr Vater und ihre weibliche Beschützerin waren beständig mit ihrer Verfolgung beschäftigt, aber wenn sie sich hatte haschen lassen, entschwand sie ihnen wieder wie eine Sommerwolke; und da sie nie ein scheltendes oder tadelndes Wort zu hören bekam, mochte sie tun, was sie wollte, so war sie auf dem Boote ganz ihre eigene Herrin. Stets weiß gekleidet, schien sie wie die Schatten aller Orten zu erscheinen, ohne einen Flecken davonzutragen, und es gab keinen Winkel und keine Ecke oben oder unten, wo diese Elfenschritte und dieses wie von einer Glorie umwallte zarte Haupt mit seinen tiefblauen Augen nicht vorübergeglitten waren.

Der Heizer, wenn er von seiner heißen Arbeit aufblickte, sah manchmal diese Augen verwundert in die grausende Tiefe des Ofens oder ängstlich und bemitleidend in sein Gesicht schauen, als glaube sie, es drohe ihm eine schreckliche Gefahr. Dann ruhte der steuernde Matrose am Rade aus und lächelte, wie der einem Bilde ähnliche Kopf durch das Fenster des Nachthäuschens sah und in einem Augenblick wieder verschwunden war. Tausendmal des Tages segneten sie rauhe Stimmen, und manches Lächeln von ungewohnter Sanftheit erhellte verhärtete Gesichter, wie sie vorüberging, und wenn sie furchtlos über gefährliche Stellen hüpfte, streckten sich unwillkürlich rauhe, rußige Hände empor, um sie vorm Fallen zu schützen und ihren Pfad zu ebnen.

Tom, welcher das weiche eindrucksfähige Gemüt des gutherzigen Negervolks besaß, das sich immer zu dem Einfachen und Kindlichen hingezogen fühlt, beobachtete die Kleine mit täglich wachsendem Interesse. Ihm erschien sie fast als etwas Göttliches, und wenn ihr goldiges Köpfchen und ihre tiefblauen Augen ihn hinter einem grauen Baumwollballen hervor oder von einer Reihe Kisten herab anblickten, glaubte er fast einen der Engel aus seinem Neuen Testamente zu sehen.

Gar oftmals umkreiste sie traurig den Ort, wo Haleys Sklaven und Sklavinnen in ihren Ketten saßen. Sie mischte sich unter sie und sah sie mit einer Miene verwirrten und bekümmerten Ernstes an, und manchmal nahm sie ihre Fesseln in ihren zarten Händchen in die Höhe und seufzte dann schmerzlich, während sie hinwegglitt. Manchmal erschien sie plötzlich unter ihnen, die Hände voll Kandiszucker, Nüsse oder Orangen, die sie freudig unter sie verteilte, und dann war sie wieder fort.

Tom beobachtete die Kleine sehr genau, ehe er Schritte wagte, um näher mit ihr bekannt zu werden. Er konnte eine Menge einfacher Künste, um kleinen Leuten zu gefallen und sie an sich zu locken, und er beschloß seine Rolle recht geschickt zu spielen. Er konnte feine Körbchen aus Kirschkernen schnitzen, Grimassengesichter aus Hickorynüssen oder seltsame Purzelmännchen aus Fliedermark verfertigen, und er war ein wahrer Pan im Schnitzen von Pfeifen jeder Art und jeder Größe. Er hatte die Taschen voll von den verschiedenartigsten Lockungen, welche er in den alten guten Tagen für die Kinder seines Herrn aufbewahrt hatte und die er jetzt mit lobenswerter Klugheit und Sparsamkeit einzeln als Einleitung zu näherer Bekanntschaft und Freundschaft hervorbrachte.

Die Kleine war trotz ihrer geschäftigen Teilnahme für alles rundum schüchtern, und es war nicht leicht, sie zu zähmen. Eine Weile saß sie wie ein Kanarienvogel auf einer Kiste oder einem Ballen nicht weit von Tom, der sich mit oben erwähnten kleinen Künsten beschäftigte, und nahm mit einer Art ernster Verschämtheit seine kleinen Geschenke an. Aber zuletzt wurden sie ganz vertraulich miteinander.

»Wie heißt kleine Missy?« sagte Tom endlich, als er die Sache für reif genug hielt, um eine solche Frage zu wagen.

»Evangeline St. Clare«, sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle Leute mich Eva nennen. Und wie heißt du?«

»Ich heiße Tom; die kleinen Kinder nannten mich immer Onkel Tom, weit unten in Kentucky.«

»Dann will ich dich auch Onkel Tom nennen, weil ich dich liebhabe«, sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wo gehst du hin?«

»Das weiß ich nicht, Miß Eva.«

»Das weißt du nicht?« sagte Eva.

»Nein, ich soll verkauft werden. Ich weiß nicht, an wen.«

»Mein Papa kann dich kaufen«, sagte Eva rasch, »und wenn er dich kauft, wirst du es gut haben. Ich will ihn heute noch bitten.«

»Ich danke, meine kleine Lady«, sagte Tom.

Das Boot legte hier an einem Anhalteplatze an, um Holz einzunehmen, und Eva sprang hurtig fort, als sie ihres Vaters Stimme vernahm. Tom stand auf und ging nach vorn, um seine Dienste beim Holzeinladen anzubieten, und war bald mitten unter der Mannschaft beschäftigt.

Eva und ihr Vater standen nebeneinander am Geländer, um das Boot wieder vom Anhalteplatze abstoßen zu sehen, und das Rad hatte sich zwei- oder dreimal umgedreht, als die Kleine durch eine plötzliche Bewegung auf einmal das Gleichgewicht verlor und über den Rand des Bootes gerade hinunter ins Wasser stürzte. Halb von Sinnen wollte der Vater sich ihr nachstürzen, aber die hinter ihm Stehenden hielten ihn zurück, denn sie sahen, daß wirksamere Hilfe bereits dem Kinde gefolgt war.

Tom stand gerade unter ihr auf dem unteren Verdeck, als sie fiel. Er sah sie ins Wasser stürzen und sinken und war in einem Augenblick darauf ihr nach in den Strom gesprungen. Bei seiner breiten Brust und seinen starken Armen war es ihm ein Nichts, sich im Wasser schwimmend zu erhalten, bis nach einigen Augenblicken die Kleine wieder auf die Oberfläche kam, wo er sie in seine Arme nahm, mit ihr an das Boot schwamm, sie triefend von Wasser den Hunderten von Händen entgegenreichte, die sich, als ob sie einem einzigen Menschen angehörten, alle eifrig ausstreckten, um sie in Empfang zu nehmen. Noch ein paar Augenblicke, und ihr Vater trug sie immer noch triefend und bewußtlos in die Damenkajüte, wo nun, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ein sehr gut gemeinter und gutmütiger Streit unter den Bewohnerinnen derselben entstand, wer am meisten Lärm machen und die Erholung der fast Verunglückten am besten verhindern könne.

Es war schwül und trübe am nächsten Nachmittage, als der Dampfer sich New Orleans näherte.

Das Boot war von einem Ende zum andern lebendig von lauter Erwartungen und Vorbereitungen; in der Kajüte packten einer und der andere ihre Sachen zusammen und machten sich zum Lande fertig. Der Steward und das Stubenmädchen und alle waren eifrig beschäftigt mit Reinemachen und Polieren, um das Boot zur Einfahrt in den Hafen herauszuputzen.

Auf dem unteren Verdeck saß unser Freund Tom mit übereinandergeschlagenen Armen und blickte von Zeit zu Zeit angstvoll nach einer Gruppe auf der anderen Seite des Bootes.

Dort stand die schöne Evangeline, ein wenig blasser als den Tag vorher, obgleich sonst keine anderen Spuren des Unfalls, der sie betroffen hatte, sichtbar waren. Ein schöner junger Mann von eleganter Gestalt stand neben ihr, den Arm achtlos auf einen Baumwollballen gestützt, während eine große Brieftasche offen vor ihm lag. Der erste Blick sagte, daß dieser Herr Evas Vater sei. Es waren dieselben edlen Umrisse des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe goldenbraune Haar, aber der Ausdruck der Physiognomie war ein anderer. In den großen klaren blauen Augen fehlte, obgleich sie in Form und Farbe denen der Tochter vollkommen gleich waren, die nebelhafte träumerische Tiefe des Ausdrucks, alles war klar, kühn und hell, aber erfüllt von einem Lichte, das ganz von dieser Welt war; der schöngeschnittene Mund hatte einen stolzen und etwas sarkastischen Ausdruck, während ein Anstrich ungenierter Überlegenheit sich nicht anmutlos jeder Bewegung seiner schönen Gestalt mitteilte. Er hörte mit einer gutmütigen nachlässigen Miene, die halb komisch und halb verächtlich war, Haley zu, der mit höchst geläufiger Zunge die Eigenschaften der Ware anpries, um welche sie handelten.

»Alle menschlichen und christlichen Tugenden, in schwarzen Saffian gebunden, komplett!« sagte er, als Haley ausgeredet hatte. »Nun, mein guter Mann, was ist der Schaden, wie sie in Kentucky sagen? Mit einem Worte, was ist bei dem Geschäft zu zahlen? Um wieviel wollt Ihr mich jetzt über das Ohr hauen? Heraus damit!«

»Na«, sagte Haley, »wenn ich für den Burschen 1300 Dollar verlangte, so würde ich mich nur eben vor Schaden bewahren – wahrhaftig, ich versichere es Euch.«

»Der arme Mann«, sagte der junge Mann und haftete sein scharfes spöttisches blaues Auge auf ihn; »aber ich vermute, Ihr laßt mir den Burschen dafür, aus bloßer persönlicher Rücksicht für mich.«

»Na, die junge Miß hier scheint so auf ihn erpicht zu sein, und ganz natürlich.«

»O gewiß, das appelliert an Euer Wohlwollen, Freund. Nun im Namen christlicher Liebe, wie billig könntet Ihr ihn lassen, um eine junge Dame zu verpflichten, die ganz besonders auf ihn erpicht ist?«

»Überlegt es Euch nur recht«, sagte der Handelsmann, »seht ihn nur an – breitbrüstig und stark wie ein Pferd. Seht seinen Kopf; diese hohen Stirnen sind immer ein Zeichen von kalkulierenden Negern, die alles verrichten können. Das weiß ich aus Erfahrung. Nun sage ich, ein Nigger von dieser Gestalt und diesem Bau ist schon was Ordentliches wert, schon wegen seines Körpers, auch wenn er dumm wäre; aber zieht seine kalkulierende Fähigkeit mit in Rechnung – und ich kann beweisen, daß er sie in ungewöhnlichem Grade hat –, so steigert das natürlich seinen Preis. Ich sage Euch, der Bursche hat seines Herrn ganze Farm verwaltet. Er hat ein ungewöhnliches Talent für Geschäfte.«

»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; weiß viel zuviel!« sagte der junge Mann, während das alte spöttische Lächeln um seinen Mund spielte. »Paßt nicht gut für die Welt. Diese gescheiten Kerle denken immer ans Fortlaufen, Pferdestehlen und allerlei Teufeleien. Ich denke, Ihr solltet wegen seiner Gescheitheit ein paar hundert Dollar herunterlassen.«

»Es könnte was Wahres daran sein, wenn nicht sein Charakter wäre; aber ich kann Empfehlungen von seinem Herrn und andern zeigen zum Beweis, daß er einer von den echten Frommen ist – das bescheidenste, frömmste Geschöpf, das man sich nur denken kann. Dort in seiner Heimat haben sie ihn den Prediger genannt.«

»Und ich könnte ihn vielleicht als Familienkaplan benutzen«, setzte der junge Mann hinzu. »Das ist ein vortrefflicher Einfall. Religion ist bei uns zu Hause ein merkwürdig seltener Artikel.«

»Ihr scherzt jetzt.«

»Woher wißt Ihr das? Habt Ihr ihn nicht eben als einen Prediger empfohlen? Ist er von Synode oder Konzil examiniert? Gebt nur die Zeugnisse her.«

Hätte den Handelsmann nicht ein gewisses gutmütiges Funkeln in dem großen blauen Auge überzeugt, daß all dieses Necken zuletzt doch mit einem Bargeschäft endigen werde, so wäre er vielleicht ungeduldig geworden; aber so legte er vor sich auf die Baumwollballen eine schmierige Brieftasche und fing an, mit großer Angelegentlichkeit gewisse darin befindliche Papiere zu studieren, während der junge Mann neben ihm stand und mit einer Miene überlegenen Humors auf ihn herabsah.

»Papa, kauf ihn! Es kommt ja gar nicht darauf an, was du bezahlst«, sagte ihm Eva leise ins Ohr, als sie auf einen Ballen geklettert war und ihren Arm um den Hals des Vaters schlang. »Ich weiß, du hast Geld genug. Ich brauche ihn.«

»Wozu, Mäuschen? Willst du ihn zum Schaukelpferd oder zu sonst etwas haben?«

»Ich will ihn selig machen.«

»Gewiß ein origineller Grund.«

Hier überreichte ihm der Sklavenhändler ein von Mr. Shelby unterschriebenes Zeugnis, welches der junge Mann mit den Spitzen seiner schlanken Finger anfaßte und gleichgültig überflog.

»Die Hand eines gebildeten Mannes«, sagte er, »und auch orthographisch geschrieben. Nun, ich bin eigentlich nicht so recht sicher wegen der Religion«, sagte er, und der alte spöttische Ausdruck zeigte sich wieder in dem Auge. »Das Land wird fast von frommen weißen Leuten zugrunde gerichtet; wir haben gerade vor den Wahlen soviel fromme Politiker, und es geht so fromm zu in allen Departements von Kirche und Staat, daß kein Mensch weiß, wer ihn das nächstemal übers Ohr hauen wird. Ich weiß auch nicht, was die Religion jetzt für einen Marktpreis hat. Ich habe in der letzten Zeit nicht in den Zeitungen nachgesehen, wieviel sie gilt. Wieviel hundert Dollar schlagt Ihr für diese Religion drauf?«

»Ihr spaßt gern«, sagte der Sklavenhändler, »aber es ist doch Verstand darin. Ich weiß, daß es Unterschiede in der Religion gibt. Manche sind melancholisch: Das sind die Meetingsfrommen; dann haben wir die singenden und plärrenden Frommen, die sind nichts wert, mögen sie schwarz oder weiß sein – aber diese Art hier ist wirklich was wert, und ich habe sie bei den Niggern so oft gefunden, wie jede andere Religion, die echte, sanfte, ruhige, gesetzte, ehrliche Frömmigkeit, welche die ganze Welt nicht vermögen würde, etwas zu tun, was sie für unrecht hält, und Sie sehen in diesem Briefe, was Toms alter Herr von ihm sagt.«

»Ja«, sagte der junge Mann und beugte sich mit ernstem Gesicht über sein Banknotenbuch, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich diese Art Frömmigkeit wirklich kaufen kann und daß sie mir in dem Buche droben zugute gerechnet wird, wie etwas, was mir gehört, so machte ich mir nichts daraus, etwas extra dafür zuzulegen. Was meint Ihr?«

»Das kann ich nun freilich nicht versichern«, sagte der Sklavenhändler.

»Ich meine, dort oben wird wohl jedermann seine eigene Rechnung zu besorgen haben.«

»’s ist doch hart für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, daß er damit kein Geschäft in dem Staate machen kann, wo er sie am notwendigsten braucht, nicht wahr?« sagte der junge Mann, der während dieser Rede ein Paket Banknoten durchgezählt hatte. »Hier zählt Euer Geld, alter Bursche!« fügte er hinzu, wie er dem Händler das Paket hinreichte.

»Alles in Ordnung«, sagte Haley mit freudestrahlendem Gesicht, und nachdem er einen alten Tintenstecher aus der Tasche geholt, füllte er einen Kaufkontrakt aus, den er nach geringem Verzug dem jungen Manne übergab.

»Ich möchte wissen, was ich wert wäre, wenn man mich im einzelnen abschätzte«, sagte letzterer, als er das Papier flüchtig überlas. »Wir wollen sagen, soviel für Gestalt meines Kopfes, soviel für eine hohe Stirn, soviel für Arme und Hände und Beine, und dann soviel für Erziehung, Gelehrsamkeit, Talent, Ehrlichkeit und Religion! Wahrhaftig, ich glaube, für letztere würde man ziemlich wenig ansetzen. Aber komm, Eva«, sagte er, und die Tochter an der Hand ging er nach der andern Seite des Bootes hinüber, faßte gleichgültig Tom ans Kinn und sagte gut gelaunt zu ihm: »Nun, Tom, sieh einmal zu, wie dir dein neuer Herr gefällt.«

Tom blickte auf. Es wäre wider die Natur gewesen, dieses heitere jugendliche und schöne Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl anzusehen, und Tom fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, als er herzlich erwiderte: »Gott segne Sie, Master!«

»Na, ich hoffe, er wird’s tun. Wie heißt du? Tom? Es ist jedenfalls ebenso wahrscheinlich, daß er’s auf deinen Wunsch tut, wie auf meinen. Weißt du mit Pferden umzugehen, Tom?«

»Ich bin immer mit Pferden umgegangen«, sagte Tom, »Master Shelby züchtete viel auf seiner Besitzung.«

»Nun, dann glaube ich, ich werde dich als Kutscher anstellen unter der Bedingung, daß du dich nicht mehr als einmal die Woche betrinkst, außer in ungewöhnlichen Fällen, Tom.«

Tom sah überrascht und fast verletzt aus und sagte: »Ich trinke nie, Master.«

»Wir haben das schon früher gehört, Tom, aber wir wollen erst sehen. Es wird eine besondere Bequemlichkeit für alle Beteiligten sein, wenn du nicht trinkst. Na, sei nur ruhig, mein Bursche«, setzte er gutmütig hinzu, als er Toms ernstes Gesicht bemerkte, »ich bezweifle nicht, daß du dich gut aufzuführen gedenkst.«

»Gewiß, Master«, sagte Tom.

»Und du sollst gute Zeit haben«, sagte Eva, »Papa ist gut gegen jedermann, nur lacht er immer gern über die Leute.«

»Papa ist dir sehr verbunden für diese Empfehlung«, sagte St. Clare lachend, während er sich umdrehte und fortging.

13. Kapitel


Toms neuer Herr

Seit der Lebensfaden unseres bescheidenen Helden sich mit dem von Helden einer höheren Klasse verwoben hat, wird es notwendig, letztere bei dem Leser in Kürze einzuführen.

Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana. Die Familie stammte aus Kanada. Von zwei in Temperament und Charakter sehr ähnlichen Brüdern hatte sich der eine auf einer gedeihenden Farm in Vermont niedergelassen, und der andere war ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden. Die Mutter Augustins war eine französische Hugenottin, deren Familie in den Tagen der ersten Kolonisierung in Louisiana eingewandert war. Augustin und noch ein Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Der erstere hatte von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Konstitution geerbt, und man hatte ihn deshalb auf den Rat der Ärzte in seiner Jugend mehrere Jahre bei seinem Onkel in Vermont verleben lassen, damit der kräftigende Einfluß eines kälteren Klimas auf seine Konstitution wirke.

Während seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine ausnehmende und auffällige Weichheit des Gefühls aus, wie man sie eher bei Frauen, als bei dem härteren Mannescharakter zu finden erwartet. Die Zeit überzog jedoch diese Weichheit mit der rauhen Rinde der Männlichkeit, und nur wenige wußten, wie lebendig und frisch sie noch im Kern fortbestand. Er besaß Talente erster Klasse, obgleich sich sein Geist stets mit Vorliebe zu dem Idealen und Ästhetischen hingezogen fühlte, und er konnte sich nie von der Abneigung gegen die praktischen Geschäfte des Lebens befreien, welche stets die Folge eines so im Gleichgewicht der Eigenschaften gehaltenen Charakters ist. Bald nach der Vollendung seiner akademischen Studien fühlte sich sein ganzes Wesen von einer innigen und heißen Glut romantischer Leidenschaft fortgerissen. Seine Stunde war gekommen – die Stunde, die nur einmal kommt; sein Stern stieg am Horizont empor – der Stern, der so oft vergebens emporsteigt, so daß man an ihn nur zurückdenkt, wie an etwas im Traume Geschehenes; und er stieg für ihn vergeblich empor. Um nicht mehr im Bilde zu sprechen: Er lernte ein begabtes und schönes Mädchen in einem der nördlichen Staaten kennen, gewann seine Liebe und sie wurden verlobt. Er kehrte nach dem Süden zurück, um Anordnungen für die bevorstehende Hochzeit zu treffen, als er höchst unerwartet seine Briefe mit der Post zurückerhielt, begleitet von einem kurzen Schreiben des Vormunds seiner Braut, welcher ihn benachrichtigte, daß die Dame vor Empfang des Briefes die Gattin eines andern sein werde. In seinem wahnwitzigen Schmerze hoffte er vergebens, wie schon so viele gehofft haben, das geliebte Bild mit einer verzweifelten Anstrengung sich aus dem Herzen zu reißen. Zu stolz, um Erklärungen sich zu erbitten oder zu suchen, stürzte er sich ohne Besinnen in den Wirbel des fashionablen Lebens, und war 14 Tage nach Empfang des verhängnisvollen Briefes der erklärte Bräutigam der herrschenden Schönheit der Saison; und sobald die Vorbereitungen zu Ende gebracht werden konnten, wurde er der Gatte einer schönen Gestalt, eines Paares feuriger, dunkler Augen und eines Vermögens von 100000 Dollar; und natürlich hielt ihn jedermann für einen höchst glücklichen Burschen.

Das junge Ehepaar verlebte seine Flitterwochen mit einem glänzenden Kreise von Freunden auf seiner schönen Villa am See Pontchartrain, als Augustin eines Tages einen Brief von der ihm wohlbekannten Hand empfing. Er erhielt ihn, als er eben eine ganze Gesellschaft durch den Zauber seiner witzigen Unterhaltung an seine Lippen gefesselt hielt. Er wurde leichenblaß, als er die Handschrift erkannte, aber wußte doch seine Fassung zu behalten und beendigte das scherzhafte Wortgefecht, welches er eben mit einer ihm gegenübersitzenden Dame bestand, und kurze Zeit darauf vermißte man ihn im Kreise. Allein in seinem Zimmer öffnete und las er den Brief, den zu lesen jetzt schlimmer, als vergeblich und nutzlos war. Der Brief war von ihr und enthielt einen langen Bericht über die Verfolgungen, die sie von seiten ihres Vormundes hatte erleiden müssen, um sie zu bewegen, dessen Sohn zu heiraten; und sie erzählte, wie sie eine lange Zeit hindurch keinen Brief mehr von ihm erhalten; wie sie wieder und immer wieder geschrieben, bis sie zu zweifeln begann und müde wurde; wie ihre Gesundheit von ihren Bekümmernissen zu wanken anfing, und wie sie endlich das ganze Trugspiel entdeckte. Der Brief schloß mit Empfindungen der Hoffnung und Dankbarkeit und Beteuerungen ewiger Liebe, welche dem unglücklichen Jüngling bitterer als der Tod waren.

Er schrieb an sie sofort: – »Ich habe Deinen Brief erhalten – aber zu spät. Ich glaubte alles, was ich hörte. Ich war in Verzweiflung. Ich bin verheiratet und alles ist vorbei. Vergessen ist das einzige, was uns beiden übrig bleibt.«

Und so endigte die ganze Romantik und Poesie des Lebens für Augustin St. Clare. Aber das Wirkliche, die Prosa, blieb – die grobe Wirklichkeit, dem flachen, kahlen, schleimigen Flutschlamm gleich, wenn die blaue funkelnde Welle mit ihrer Begleitung von schaukelnden Booten und weiß beschwingten Schiffen, ihrer Musik von Rudern und plätschernden Gewässern zurückgeströmt ist, und der Überrest dort liegt, flach, schleimig, kahl – entsetzlich wirklich.

In einer Novelle bricht natürlich den Leuten das Herz, und sie sterben, und damit ist es aus; und in einer Geschichte hat das sein Angenehmes. Aber im wirklichen Leben sterben wir nicht, wenn alles, was das Leben schön macht, uns abstirbt. Es ist noch ein höchst geschäftiger und wichtiger Kreislauf von Essen, Trinken, Ankleiden, Spazierengehen, Besuchen, Kaufen, Verkaufen, Sprechen, Lesen und allem, was sonst das, was man gewöhnlich Leben nennt, ausmacht, zu überstehen; und das blieb Augustin noch übrig. Wäre seine Frau ein ganzes Weib gewesen, so hätte sie noch etwas tun können – wie es Frauen können – um die zerrissenen Fäden seines Lebens wieder zu verbinden, und sie wieder zu einem festen und glänzenden Gewebe zu verarbeiten. Aber Marie St. Clare war nicht einmal imstande, zu sehen, daß sie zerrissen waren. Wie schon vorher erwähnt, bestand sie aus einer schönen Gestalt, ein paar glänzenden Augen und hunderttausend Dollar; und keiner von diesen Vorzügen war besonders geeignet einem kranken Gemüte beizustehen.

Als man Augustin totenbleich auf dem Sofa liegen fand und er ein plötzliches Kopfweh als die Ursache seiner Leiden angab, empfahl sie ihm Hirschhorngeist; und als die Totenblässe und das Kopfweh Woche nach Woche wiederkehrten, sagte sie nur, sie habe nie geglaubt, daß Mr. St. Clare kränklich sei; aber er scheine sehr an Kopfweh zu leiden, und es sei ein wahres Unglück für sie, daß er nicht mit ihr in Gesellschaft gehen könne, und es sei so seltsam, so kurz nach der Heirat allein Besuche zu machen. Augustin war innerlich froh, daß er eine so wenig scharfblickende Frau geheiratet hatte; aber wie der erste Glanz der Flitterwochen verschwunden war, entdeckte er, daß seine schöne junge Frau, die ihr ganzes Leben lang gehätschelt und bedient worden war, sich im häuslichen Leben als eine sehr harte Herrin herausstellen könne. Marie hatte nie viel Gemüt oder Gefühl besessen, und das wenige, was sie besaß, hatte sich zu einer sehr intensiven und unbewußten Selbstsucht verhärtet, eine Selbstsucht, die durch ihre ruhige Gefühllosigkeit, ihr gänzliches Blindsein gegen alle anderen Ansprüche, als ihre eigenen, nur um so unheilbarer war. Von ihrer Kindheit an war sie von Dienstboten umgeben gewesen, deren einziger Lebenszweck war, ihre Launen zu studieren; der Gedanke, daß sie Gefühle oder Rechte hätten, war ihr nie im mindesten aufgedämmert, selbst nicht in der Ferne. Ihr Vater, dessen einziges Kind sie gewesen, hatte ihr nie etwas versagt, was Menschenhänden erreichbar war; und als sie als schöne hochgebildete Erbin in das Leben eintrat, seufzten natürlich alle wünschenswerten und nicht wünschenswerten Bewerber zu ihren Füßen, und sie zweifelte gar nicht, daß Augustin ein höchst glückliches Los gezogen habe, indem sie ihm ihre Hand reichte. Es ist ein großer, obgleich sehr gewöhnlicher Irrtum, daß eine herzlose Frau eine gutmütige Gläubigerin im Austausche der Neigungen sei. Niemand auf Erden fordert unbarmherziger Liebe von andern, als ein durch und durch selbstisches Weib, und je unliebenswürdiger sie wird, desto eifersüchtiger und geiziger fordert sie Liebe bis auf den letzten Pfennig. Als daher St. Clare anfing, die Galanterien und kleinen Aufmerksamkeiten zu unterlassen, die durch die Gewohnheit der Liebeswerbung anfangs wie natürlich von ihm kamen, fand er seine Sultana durchaus nicht bereit, ihren Sklaven freizugeben; es fehlte nicht an Tränen, Schmollen und kleinen Stürmen; es kam zu Auftritten, Klagen und Beschwerden. St. Clare war gutmütig und indolent und suchte die Sache mit Geschenken und Schmeicheleien wieder ins Gleis zu bringen; und als Marie ihm eine liebliche Tochter gebar, fühlte er wirklich eine Zeitlang etwas wie Liebe für sie.

St. Clares Mutter war eine Frau von ungewöhnlicher Hoheit und Reinheit des Charakters gewesen, und er gab dieser Tochter den Namen seiner Mutter in der zärtlichen Hoffnung, daß sie ein Ebenbild von ihr werden möge. Seine Frau hatte es mit launischer Eifersucht bemerkt, und sie betrachtete ihres Gatten hingebende Liebe zu dem Kinde mit Mißtrauen und Widerwillen; alles, was die Tochter an Liebe erhielt, schien ihr ein an ihr begangener Raub zu sein. Von der Geburt dieses Kindes an fing sie an, leidend zu werden. Ein Leben beständiger körperlicher und geistiger Untätigkeit – die Reibung unaufhörlicher Langeweile und Unzufriedenheit, verbunden mit der gewöhnlichen Schwäche infolge ihrer Entbindung – machten im Verlauf weniger Jahre die blühende junge Schöne zu einer gelben verwelkten, kränklichen Frau, die ihre Zeit mit einer Mannigfaltigkeit phantastischer Krankheiten verbrachte, und die sich in jeder Hinsicht als die unglücklichste und am schlimmsten behandelte Person auf der ganzen Welt betrachtete.

Ihre verschiedenen Beschwerden wollten kein Ende nehmen; aber ihr Hauptleiden war ein nervöses Kopfweh, welches sie manchmal drei Tage von sechsen in ihrem Zimmer festhielt. Da natürlich die ganze häusliche Einrichtung in die Hände von Dienstboten fiel, so fand St. Clare seine Häuslichkeit nichts weniger als gemütlich. Die Gesundheit seiner Tochter war außerordentlich zart, und er fürchtete, daß sie ohne sorgliche Pflege und Aufsicht der Unfähigkeit der Mutter ganz zum Opfer fallen könne. Er war deshalb mit ihr nach Vermont gereist und hatte seine Cousine Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihnen nach seinem Wohnsitze im Süden zurückzukehren; und sie befanden sich jetzt auf dem Boote, wo wir sie unseren Lesern vorgestellt haben, auf der Heimreise.

Und nun, während in der Ferne die Dome und Türme von New Orleans sich unseren Blicken zeigen, ist’s gerade noch Zeit, Miß Ophelia einzuführen.

Wer einmal in den neuenglischen Staaten gereist ist, wird sich in einem kühlgelegenen Dorfe an das große Farmhaus erinnern mit dem reingefegten, grasbewachsenen Hofe, überschattet von dem dichten und schweren Laube des Zuckerahorns, und an den Eindruck von Ordnung und Stille, von Dauer und unveränderlicher Ruhe, der von dem Ganzen unzertrennlich ist. Nichts ist verloren oder außer Ordnung, kein Pfahl in der Ferne ist locker, kein Hälmchen Stroh liegt auf dem rasenbedeckten Hofe, dessen Holunderbüsche sich dicht an die Fenster drängen. Drinnen wird er nicht die geräumigen, reinlichen Zimmer vergessen, wo niemals, weder jetzt noch zukünftig, gearbeitet zu werden scheint, wo jegliche Sache gleich und für immer unbedingt auf ihrem Platze steht, und wo alle häuslichen Verrichtungen mit der pünktlichen Genauigkeit der alten Wanduhr in der Ecke vor sich gehen. In dem Familienzimmer wird er sich an den gesetzten, ehrwürdigen alten Bücherschrank mit Glasfenstern erinnern, wo Rollins Geschichte, Miltons verlorenes Paradies, Bunyans Pilgers Wanderfahrt und Scotts Familienbibel nebeneinander und in Gesellschaft mit einer Menge anderer, ebenso feierlicher und Achtung gebietender Bücher in höchst anständiger Ordnung stehen. Dienstboten sind nicht im Hause, aber die Dame in der schneeweißen Mütze mit der Brille, die jeden Nachmittag mit Näherei beschäftigt unter ihren Töchtern sitzt, als ob nie etwas gearbeitet würde oder gearbeitet werden sollte – sie und ihre Töchter haben in einer längst vergessenen Frühstunde des Tages alles in Ordnung gebracht, und für den Rest des Tages und wahrscheinlich in jeder Stunde, wo man hinkommen würde, ist alles in Ordnung. Die alte Küchenuhr scheint nie einen Fleck zu kennen; die Tische, Stühle und das verschiedene Küchengerät scheinen nie außer Ordnung zu sein, obgleich 3 und manchmal 4 Mahlzeiten des Tages hier bereitet werden, obgleich das Waschen und Plätten der Familie hier verrichtet wird, und obgleich viele Pfunde Butter und Käse hier in einer stillen und geheimnisvollen Weise bereitet werden.

Auf einer solchen Farm, in einem solchen Hause und in einer solchen Familie hat Miß Ophelia ein stilles Dasein von ungefähr 45 Jahren verlebt, als ihr Vetter sie einlud, seinen Wohnsitz im Süden zu besuchen. Obgleich die Älteste einer zahlreichen Familie, betrachtete sie doch Vater und Mutter noch wie eines von den Kindern, und der Vorschlag einer Reise nach New Orleans war für den Familienkreis eine Sache von der größten Wichtigkeit. Der alte grauköpfige Vater holte Morses Atlas aus dem Bücherschrank und sah sich genau Länge und Breite an; und las Flints Reisen im Süden und Westen, um sich einen kleinen Begriff von der wahren Beschaffenheit des Landes zu machen.

Die gute Mutter erkundigte sich ängstlich, ob Orleans nicht ein sehr gottloser Ort sei, und sagte, es käme ihr fast vor, wie eine Reise nach den Sandwichinseln oder anderswohin unter die Heiden.

Es wurde bei dem Geistlichen und bei dem Doktor und in Miß Peabodys Putzladen bekannt, daß davon die Rede sei, Ophelia St. Clare mit ihrem Vetter nach Orleans hinunterreisen zu lassen; und natürlich konnte das ganze Dorf nicht weniger tun, als ihr in diesem sehr wichtigen Prozeß des davon Redens zu helfen. Der Geistliche, der sich sehr zu Abolitionisten-Ansichten neigte, war stark im Zweifel, ob ein solcher Schritt nicht einigermaßen beitragen könnte, die Bewohner des Südens im Behalten ihrer Sklaverei zu bestärken; während der Doktor, ein entschiedener Kolonisationist, mehr der Meinung war, daß Miß Ophelia gehen müsse, um den Leuten in Orleans zu zeigen, daß wir gar nicht so schlecht von ihnen dächten. Er war in der Tat überzeugt, daß die Bewohner des Südens der Ermutigung bedürften. Als jedoch dem Publikum die Tatsache vollkommen klar war, daß sie zu gehen entschlossen sei, luden alle ihre Freunde und Nachbarn sie alle vierzehn Tage lang feierlich zum Tee ein, um ihre Aussichten und Pläne gründlich durchzusprechen. Miß Moseley, die in das Haus kam, um bei dem Schneidern zu helfen, erlangte täglich größere Wichtigkeit durch die Enthüllungen, welche sie über Miß Ophelias Garderobe zu machen imstande war. Man erfuhr durch glaubwürdige Zeugen, daß Squire Sinclare, wie man seinen Namen in dieser Gegend gewöhnlich zusammenzog, 50 Dollar hingezählt und sie Miß Ophelia gegeben hatte, um alle für notwendig erachteten Kleidungsstücke anzukaufen, und daß zwei neue seidene Kleider und ein Hut von Boston angekommen waren. Hinsichtlich der Schicklichkeit dieser außerordentlichen Ausgabe war die öffentliche Meinung geteilt; einige meinten, es sei wohl, wenn man alles in Betracht ziehe, einmal im Leben erlaubt, während andere mit Entschiedenheit behaupteten, daß man besser getan hätte, das Geld an die Missionare zu schicken; aber alle stimmten darin überein, daß man in diesen Gegenden noch keinen solchen Sonnenschirm gesehen, als der von New York eingetroffen, und daß sie ein seidenes Kleid habe, welches recht gut allein aufrecht stehen könne, was man immer von dessen Herrin sagen möge. Es gingen auch glaubwürdige Gerüchte von einem Taschentuch mit einem Steppsaum um; ja das Gerücht ging sogar so weit zu behaupten, Miß Ophelia habe ein Taschentuch ganz mit Spitzen besetzt – einige wollten sogar wissen, es sei in den Zipfeln gestickt; aber dieser letztere Punkt konnte nie genügend festgestellt werden und ist in Wahrheit heute noch dunkel.

Wie der Leser gegenwärtig Miß Ophelia sieht, steht sie vor ihm in einem sehr glänzenden Reiseanzug von ungebleichtem Leinen, eine lange, starkknochige und eckige Gestalt. Ihr Gesicht war hager und etwas spitz in seinen Umrissen; die Lippen fest geschlossen, wie bei einer Person, die gewohnt ist, sich über alle Gegenstände gleich bestimmt zu entschließen; während die lebhaften dunklen Augen einen eigentümlich forschenden und überlegenden Ausdruck hatten und über alles hinwegschweiften, als ob sie etwas, was unter ihre Obhut zu nehmen sei, suchten.

Alle diese Bewegungen waren scharf bestimmt und energisch; und obgleich sie niemals viel sprach, gingen doch ihre Worte merkwürdig gerade auf ihr Ziel los, wenn sie einmal anfing.

In ihren Gewohnheiten war sie eine lebendige Personifikation von Ordnung, Methode und Genauigkeit. Ihre Pünktlichkeit war so zuverlässig, wie die einer Uhr, und unerbittlich, wie eine Eisenbahnmaschine; und sie hatte vor allem von einem entgegengesetzten Charakter eine höchst entschiedene Verachtung und Abscheu.

Die große Sünde der Sünder in ihrem Auge – die Summe aller Übel bezeichnete sie durch einen in ihrem Munde sehr häufigen und wichtigen Ausdruck – »Ratlosigkeit«. Ihr letzter und entschiedenster Ausdruck der Verachtung war ein sehr emphatisches Aussprechen des Wortes ratlos; und damit bezeichnete sie jede Handlungsweise, welche keinen geraden und unvermeidlichen Bezug auf die Erreichung eines vorgesetzten Zieles hatten. Leute, die nichts taten oder die nicht recht wußten, was sie tun wollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung des Unternommenen wählten, waren der Gegenstand ihrer tiefsten Verachtung; eine Verachtung, die sich weniger häufig durch Worte, als durch einen starren Ernst in ihrem Gesichte zeigte, als ob sie verschmähe, ein Wort darüber zu verlieren.

Was ihre geistige Bildung betrifft, so hatte sie einen klaren, starken, tätigen Geist, war gut und gründlich in der Geschichte von den älteren, englischen Klassikern belesen und dachte innerhalb gewisser Grenzen mit großer Entschiedenheit. Ihre theologischen Glaubenssätze waren alle fertig in der bestimmtesten und deutlichsten Weise bezettelt und wie die Bündel in ihrem Musterkoffer eingepackt; sie hatte genau so viele, und es sollten nie mehr werden. Ebenso waren ihre Begriffe über die meisten Fragen des praktischen Lebens, z. B. über die Wirtschaft in allen ihren Zweigen und die verschiedenen politischen Beziehungen ihres Heimatdorfes. Und unter allem tiefer als alles andere und höher und breiter lag das kräftigste Prinzip ihrer Individualität – die Gewissenhaftigkeit. Nirgends ist das Gewissen so allbeherrschend und alles andere verzehrend, als bei den Frauen von Neu-England. Es ist die Granitformation, welche am tiefsten liegt, aber hervorbricht, um die Spitzen der höchsten Berge zu bilden.

Miß Ophelia war die unbedingte Sklavin der Pflicht. Hatte man sie einmal überzeugt, daß der Pfad der Pflicht, wie sie es nannte, nach einer bestimmten Richtung hin ging, so konnten Feuer und Wasser sie nicht vom Ziele abhalten. Sie wäre geradewegs in einen Brunnen hinunter oder bis vor die Mündung einer geladenen Kanone gegangen, wenn sie einmal bestimmt wußte, daß der Weg dorthin führte. Ihr Pflichtbegriff war so hoch, so allumfassend, so ins einzelne gehend und hatte so wenig Nachsicht mit menschlicher Schwäche, daß sie, obgleich mit heldenmütiger Begeisterung nach seiner Verwirklichung strebend, sich doch nie genug tat und sich deshalb von einem beständigen und oft quälenden Gefühle der Mangelhaftigkeit bedrückt fühlte. Dies gab ihrem religiösen Charakter eine strenge und etwas düstere Färbung.

Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare auskommen – mit dem fröhlichen, alles leichtnehmenden, unpünktlichen, unpraktischen, skeptischen Jüngling, der mit frecher und unbekümmerter Freiheit ihre liebsten Meinungen und Neigungen ohne Ausnahme mit Füßen trat?

Um die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein Knabe war, hatte sie ihn den Katechismus gelehrt, seine Kleider geflickt, ihm das Haar gekämmt und ihm im allgemeinen den Weg gezeigt, den er gehen sollte; da nun ihr Herz auch eine warme Seite hatte, so war es Augustin, wie bei den meisten Leuten, auch hier gelungen, einen großen Teil davon für sich zu monopolisieren, und deshalb wurde es ihm nicht schwer, sie zu überreden, daß der Weg der Pflicht in der Richtung von New Orleans liege, und daß sie mit ihm reisen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen und seine Häuslichkeit während der häufigen Krankheiten seiner Frau vor gänzlicher Zerrüttung zu bewahren. Der Gedanke an ein Haus, das niemand unter seine Obhut nahm, ging ihr zu Herzen; dann liebte sie das liebliche kleine Mädchen, was überhaupt wenige umhin konnten zu tun; und obgleich sie in Augustin nicht viel mehr als einen Heiden sah, so liebte sie ihn doch, lachte über seine Witze und duldete seine Schwächen in einer Ausdehnung, welche denjenigen, welche sie näher kannten, ganz unglaublich erschien. Aber was noch weiter von Miß Ophelia bekannt zu werden verdient, muß der Leser durch persönliche Bekanntschaft entdecken.

Dort sitzt sie in ihrer Staatskajüte, umgeben von einer bunten Menge von großen und kleinen Reisesäcken, Schachteln und Körben, von denen jedes eine besondere Verantwortlichkeit enthält, die sie jetzt mit sehr ernstem Gesicht einpackt, zusammenbindet oder einschließt.

»Nun, Eva, hast du deine Sachen gezählt? Natürlich nicht – Kinder tun das nie. Der gefleckte Reisesack und die kleine blaue Schachtel mit deinem besten Hut sind zwei; die Gummitasche sind drei; mein Band- und Nadelkästchen vier; meine Hutschachtel fünf; meine Kragenschachtel sechs; und der kleine Roßhaarkoffer sieben. Wo hast du deinen Knicker? Gib ihn her, ich will ihn in Papier wickeln und ihn mit meinem Knicker an meinen Regenschirm binden; so!«

»Aber Tantchen, wir gehen ja nur nach unserem Hause – wozu nützt denn das?«

»Damit alles hübsch bleibt, Kind; wer im Leben zu etwas kommen will, muß seine Sachen in acht nehmen. Hast du deinen Fingerhut weggetan, Eva?«

»Wirklich, Tantchen, das weiß ich nicht.«

»Nun, schadet nichts; ich will dein Arbeitskästchen nachsehen; Fingerhut, Wachs, zwei Löffel, Schere, Messer, Bandnadel; alles richtig – tue es hier herein. Wie bist du nur durchgekommen, Kind, wie du nur mit deinem Papa heraufreistest? Ich sollte meinen, du hättest alle deine Sachen verlieren müssen.«

»O ja, Tantchen, es ging mir viel verloren; und wenn wir dann wo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was ich verloren hatte.«

»Aber Kind, was ist das für eine Art!«

»Es war eine sehr bequeme Art, Tantchen«, sagte Eva.

»Es ist eine schrecklich liederliche Art«, sagte Tantchen.

»Aber Tantchen, was willst du jetzt machen?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu voll und geht nicht zu.«

»Er muß zugehen«, sagte Tantchen mit der Miene eines Generals, als sie die Sachen hineinpreßte und sich auf den Deckel stellte; aber immer noch blieb ein kleiner Zwischenraum an der Vorderseite offen.

»Stell dich hier herauf, Evchen«, sagte Miß Ophelia ermutigend; »was man einmal zuwege gebracht hat, muß auch zum zweiten Male geschehen können. Dieser Koffer muß zugemacht und verschlossen werden – das läßt sich nur auf einerlei Weise machen.«

Und der jedenfalls durch diese entschlossene Äußerung eingeschüchterte Koffer gab nach. Der Haspen schnappte in den Riegel ein und Miß Ophelia drehte den Schlüssel um und steckte ihn triumphierend in die Tasche.

»Nun sind wir fertig. Wo ist dein Papa? Es ist Zeit, daß wir das Gepäck hinaufbringen. Sieh dich einmal um, Eva, ob du ihn finden kannst.«

»O ja, er steht am unteren Ende der Herrenkajüte und ißt eine Orange.«

»Er kann gar nicht wissen, daß wir gleich anlegen«, sagte Tantchen. »Wäre es nicht besser, du liefst hin und sagtest es ihm?«

»Papa hat nie Eile«, sagte Eva, »und wir sind noch nicht am Landungsplatze. Tantchen, komm auf die Galerie. Sieh nur, das ist unser Haus, die Straße hinauf!«

Das Boot machte sich jetzt bereit, sich mit schwerem Stöhnen wie ein riesiges müdes Ungeheuer durch die zahlreichen Dampfer am Levee zu drängen. Voll Freude zeigte Eva die verschiedenen Türme, Dome und Wegzeichen, an welchen sie ihre Geburtsstadt erkannte.

»Ja, ja, liebes Kind, sehr schön«, sagte Miß Ophelia. »Aber gnädiger Himmel! Das Boot hält an! Wo ist dein Vater?«

Und jetzt folgte die gewöhnliche Verwirrung beim Landen – Kellner, die auf einmal Zwanzigerlei Wege rannten –, Männer, die Koffer, Reisesäcke, Schachteln schleppten – Frauen, die angstvoll ihre Kinder riefen, und alles das wälzte sich in einer dichtgedrängten Masse nach der zum Landungsplatze führenden Planke.

Miß Ophelia setzte sich mit entschlossener Miene auf den vorhin besiegten Koffer, stellte alle ihre Mobilien in schöner militärischer Ordnung auf und schien gewillt zu sein, sie aufs äußerste zu verteidigen.

»Soll ich Ihren Koffer nehmen, Ma’m?« – »Soll ich Ihr Gepäck nehmen?« – »Lassen Sie mich Ihr Gepäck besorgen, Missis.« – »Soll ich das für Sie ans Land tragen, Missis?« schallte unbeachtet an ihr Ohr. Mit dräuender Entschlossenheit, aufrecht, wie eine in ein Brett gesteckte Stopfnadel saß sie da, ihr Bündel von Regenschirmen und Sonnenschirmen festhaltend, und antwortete mit einer Entschiedenheit, die selbst einem Fiakerkutscher Furcht einflößen konnte, und äußerte in jeder Pause gegen Eva ihre Verwunderung »woran nur Papa denken könne; er könne doch nicht über Bord gefallen sein – aber etwas müsse geschehen sein«. Und gerade als sie sich in wirkliche Besorgnisse hineinräsoniert hatte, kam er in seiner gewöhnlichen, sorglosen Weise an, reichte Eva ein Viertel von seiner Orange und sagte: »Nun, Cousine Vermont, du bist wohl fertig?«

»Ich bin fertig und warte fast schon eine Stunde«, sagte Miß Ophelia; »Ich wurde wirklich besorgt um dich.«

»Das ist wirklich hübsch«, sagte er. »Der Wagen wartet, und das Gedränge ist jetzt vorbei, so daß man wie ein anständiger Mensch und guter Christ ans Land gehen kann, ohne geschoben und gestoßen zu werden. Hier«, sagte er zu dem hinter ihm stehenden Kutscher, »nimm diese Sachen.«

»Ich werde mitgehn und auf das Einpacken achten«, sagte Miß Ophelia.

»Ich bitte dich, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.

»Nun, jedenfalls will ich das und das und das tragen«, sagte Miß Ophelia und nahm drei Schachteln und einen kleinen Reisesack.

»Meine liebe Miß Vermont, das geht hier durchaus nicht in der Weise. Jedenfalls, liebe Cousine, mußt du dir etwas von südländischen Sitten angewöhnen und darfst nicht mit dieser ganzen Last ans Land gehen. Sie halten dich ja für eine Kammerzofe; gib die Sachen dem Burschen da; er wird sie so zärtlich behandeln, als wären es rohe Eier.«

Miß Ophelia machte ein verzweifeltes Gesicht, als der Vetter ihr alle ihre Schätze abnahm, und frohlockte erst wieder, als sie dieselben sicher im Wagen vorfand.

»Wo ist Tom?« sagte Eva.

»Oh, er sitzt auf dem Bock draußen, Mäuschen. Ich will Tom der Mutter als Versöhnungsgeschenk bringen, zum Ersatz für den betrunkenen Kerl, der den Wagen umgeworfen hat.«

»Oh, Tom wird einen vortrefflichen Kutscher abgeben, das weiß ich schon«, sagte Eva. »Er wird sich nie betrinken.«

Der Wagen hielt vor einem alten palastartigen Hause, erbaut in der seltsamen Mischung von spanischem und französischem Stil, von welcher man Beispiele in einigen Teilen von New Orleans findet. Es war nach maurischer Art gebaut – ein einen Hof einschließendes Viereck, in welches der Wagen durch einen gewölbten Torweg einfuhr. Inwendig war der Hof offenbar zur Befriedigung eines malerischen und üppigen Idealismus eingerichtet. Breite Galerien liefen um alle vier Seiten, deren maurische Bogen, schlanke Pfeiler und Arabeskenverzierungen die Phantasie wie in einem Traume unter die Herrschaft orientalischer Romantik in Spanien zurücktrugen. In der Mitte des Hofes sandte ein Springbrunnen seinen Silberstrahl hoch empor und ließ ihn in einem nie versiegenden Regen in ein marmornes Becken, umgeben von einem breiten Rand duftender Veilchen, fallen. Das Wasser im Brunnen, hell wie Kristall, schwärmte von Tausenden von Gold- und Silberfischen, die darin herumfunkelten und -schossen, wie lauter lebendige Edelsteine. Um den Brunnen ging ein mit einem Mosaik von Kieselsteinen in phantastischer Weise gepflasterter Weg; und diesen wieder faßte ein Rasenplatz, weich und sanft wie grüner Sammet, ein, während das Ganze der Fahrweg umschloß. Zwei große Orangenbäume, jetzt von Blüten duftend, gaben köstlichen Schatten; und in einem Kreise auf dem Rasen standen marmorne Vasen im arabischen Geschmack mit den auserlesensten Blumen der tropischen Gegenden. Große Granatbäume mit ihren glänzenden Blättern und flammenfarbigen Blüten, dunkelbelaubte arabische Jasmine mit ihren Silbersternen, Geranien, üppige Rosenbüsche, deren Zweige sich unter der reichen Last ihrer Blumen bogen, Gold-Jasmine, zitronenduftendes Verbenum vereinigten alle ihre Blütenpracht und ihren Blütenduft, während hier und da eine mystische alte Aloe mit ihren seltsamen massigen Blättern wie ein alter grauer Zauberer herniederblickte und in düsterer Größe unter dem vergänglichen Glanze und Dufte ringsumher schaute.

Die den Hof umgebenden Galerien hatten Vorhänge von einem maurischen Stoff, die nach Belieben heruntergelassen werden konnten, um die Sonnenstrahlen auszuschließen. Im ganzen war die Erscheinung des Hauses üppig und romantisch.

Wie der Wagen durch den Torweg fuhr, erschien Eva in der aufgeregten Leidenschaft ihrer Freude wie ein Vogel, bereit, aus seinem Käfig herauszubrechen.

»Oh, ist es nicht schön, herrlich, mein liebes, liebes Haus! Ist es nicht schön?« sagte sie zu Ophelia. »Es ist sehr hübsch«, sagte Miß Ophelia, als sie ausstieg, »obgleich es mir etwas alt und heidnisch vorkommt.«

St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Genußmensch war, lächelte, als Miß Ophelia ihre Bemerkungen über die Umgebung machte, und sagte zu Tom, der sich mit einem vor Bewunderung strahlenden Gesicht umsah: »Nun, Tom, hier scheint dir’s zu gefallen?«

»Ja, Master, das sieht aus wie was Rechtes«, sagte Tom.

Alles dies geschah in einem Augenblicke, während Koffer ins Haus geschleppt wurden, der Fiaker Bezahlung empfing, und eine Menschenmenge von jedem Alter und jeder Größe – Männer, Frauen und Kinder unten und oben durch die Galerien rannten, um Master ankommen zu sehen. In erster Reihe stand ein bedeutend aufgeputzter junger Mulatte, offenbar eine sehr distinguierte Person, nach der allerneuesten Mode gekleidet, und graziös mit einem wohlriechenden Taschentuche wedelnd.

Dieser junge Mann hatte sich mit großer Lebhaftigkeit bemüht, die ganze Schar der übrigen Dienerschaft nach dem anderen Ende der Veranda zu treiben.

»Zurück, ihr alle. Ich schäme mich über euch!« sagte er in befehlendem Tone. »Wollt ihr euch in der ersten Stunde von Masters Rückkehr in seine häuslichen Verhältnisse eindrängen?«

Alle fühlten sich beschämt von dieser eleganten Rede, die mit sehr wichtiger Miene vorgetragen wurde, und drängten sich in einer achtungsvollen Entfernung zusammen, mit Ausnahme von zwei kräftigen Trägern, welche das Gepäck hineinschafften.

Infolge von Mr. Adolfs systematischen Anordnungen war, als St. Clare, nachdem er den Kutscher bezahlt hatte, sich umdrehte, niemand zu sehen, als Mr. Adolf selbst, in der Atlasweste, der goldenen Uhrkette und weißen Beinkleidern, sich mit unaussprechlicher Anmut freundlich verbeugend.

»Ach, Adolf, bist du’s?« sagte sein Herr und bot ihm die Hand. »Wie geht dir’s, mein Junge?« während Adolf mit großer Geläufigkeit eine Stegreifrede hielt, die er mit Sorgfalt seit 14 Tagen auswendig gelernt hatte.

»Schon gut, schon gut«, sagte St. Clare, der mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit und spöttischen Miene weiterging, »recht hübsch gemacht, Adolf. Sieh zu, daß das Gepäck gut untergebracht wird. Ich werde gleich zu den Leuten kommen.« – Und mit diesen Worten führte er Miß Ophelia in ein großes neben der Veranda liegendes Zimmer.

Während dies alles vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Vorhalle und das Zimmer in ein kleines Boudoir geflogen, dessen Tür ebenfalls auf die Veranda hinausging.

Eine hohe bleiche Dame mit dunklen Augen erhob sich halb von einem Sofa, auf welchem sie ruhte.

»Mama«, sagte Eva und fiel ihr voll Leidenschaft um den Hals und umarmte sie immer und immer wieder.

»Schon gut – nimm dich in acht, Kind, – damit ich kein Kopfweh bekomme!« sagte die Mutter, nachdem sie das Kind matt geküßt hatte.

St. Clare trat ein, umarmte seine Gattin im echten Ehemannsstile und stellte ihr dann seine Cousine vor.

Marie heftete ihre großen Augen mit einer Art Neugier auf ihre Cousine und empfing sie mit schläfriger Höflichkeit. Ein Gedränge von Dienstboten sperrte jetzt die Eingangstür und unter ihnen eine Mulattin in mittlerem Alter von sehr respektablem Aussehen, die vor Erwartung und Freude zitternd in erster Reihe an der Tür stand.

»Ach, da ist Mammy«, sagte Eva, als sie nach der Tür flog, sich in ihre Arme warf und sie wiederholt küßte.

Diese Frau sagte ihr nicht, daß sie Kopfschmerzen bekomme, sondern drückte sie im Gegenteil an sich und lachte und weinte, bis man an ihrem Verstande zweifeln mußte; und als sie Eva losgelassen hatte, flog diese von einem zum andern und schüttelte Hände und teilte Küsse aus auf eine Weise, daß es, wie Miß Ophelia später erklärte, dieser übel wurde.

»Das muß ich sagen«, sagte Miß Ophelia, »ihr südländischen Kinder könnt etwas tun, was ich nicht tun könnte.«

»Was gibt’s?« sagte St. Clare.

»Nun, ich will gern mit jedermann freundlich sein und niemand weh tun; aber küssen –«

»Nigger zu küssen, könntet ihr nicht übers Herz bringen, eh?« sagte St. Clare.

»Ja, das ist’s. Wie ist’s ihr nur möglich!« St. Clare lachte, wie er auf den Gang hinaustrat.

»Heda, hier, was gibt’s? Nun ihr alle – Mammy, Jimmy, Polly, Sukey – freut euch, Master wiederzusehen?« sagte er, als er allen die Hände schüttelnd im Kreise herumging. »Halt da, nehmt die Kleinen in acht!« setzte er hinzu, wie er über einen kleinen schwarzen Bengel stolperte, der auf allen vieren herkroch. »Wenn ich jemanden trete, so mag er sich nur melden.«

Vielfaches Lachen und Segnen begrüßte Master, als St. Clare kleine Münzen unter sie verteilte.

»Nun, jetzt macht, daß ihr fortkommt, wie folgsame Leutchen«, und die ganze Schar, die Dunklen und die Hellen, verschwand durch eine Tür, die auf eine große Veranda führte. Ihnen folgte Eva mit einer großen Tasche, die sie während der ganzen Heimreise mit Äpfeln, Nüssen, Kandiszucker, Bändern, Spitzen und Tändeleien aller Art gefüllt hatte.

Als St. Clare sich umdrehte, um zu gehen, fiel sein Auge auf Tom, der in großer Befangenheit und von einem Fuß auf den andern wechselnd dastand; während Adolf sich nachlässig an das Geländer lehnte und mit einer Miene, die jedem Dandy Ehre gemacht hätte, den andern durch ein Opernglas musterte.

»Da, Laffe!« sagte sein Herr und schlug ihm das Opernglas herunter. »Behandelst du so deine Kameraden? Es kommt mir vor, Dolf«, setzte er hinzu und legte den Finger auf die elegant gemusterte Atlasweste, in der Adolf herumstolzierte, »es kommt mir vor, als war das meine Weste!«

»O! Master, die Weste war voller Weinflecken! – Natürlich kann ein Herr, wie Sie, Master, so eine Weste nicht tragen. Ich dachte, ich sollte sie nehmen. Für einen armen Nigger, wie ich bin, geht sie noch.«

Und Adolf warf den Kopf in die Höhe und fuhr mit Grazie mit den Fingern durch das parfümierte Haar.

»So, das ist’s also?« sagte St. Clare gleichgültig. »Ich will jetzt Tom seiner Herrin vorstellen, und dann nimmst du ihn mit in die Küche; und daß du mir nicht gegen ihn den Vornehmen spielst. Er ist zwei solche Laffen wert, wie du einer bist.«

»Master will immer seinen Spaß haben«, sagte Adolf lachend. »Es freut mich, Master in so guter Laune zu sehen.«

»Komm, Tom«, sagte St. Clare und winkte ihm.

Tom trat ins Zimmer. Er sah verlegen auf die Samt-Teppiche und die vorher nie geträumte Pracht von Spiegeln, Gemälden, Statuen und Vorhängen und fühlte wie die Königin von Saba vor Salomo keinen Geist mehr in sich. Er getraute sich kaum, seinen Fuß wohin zu setzen. »Sieh her, Marie«, sagte St. Clare zu seiner Gattin, »ich habe dir endlich einen Kutscher nach Wunsch gekauft. Ich sage dir, er ist ein wahrer Leichenwagen an Schwärze und Gesetztheit und fährt dich wie zu einem Grabgeleite, wenn du es verlangst. Mach deine Augen auf und besieh dir ihn. Nun sage mir nicht, daß ich in der Abwesenheit niemals an dich denke.« Marie schlug die Augen auf und heftete sie auf Tom, ohne sich aufzurichten.

»Ich weiß schon, er wird sich betrinken«, sagte sie.

»Nein, er ist mir als frommer und nüchterner Artikel garantiert.«

»Nun, ich will hoffen, er macht sich gut«, sagte die Dame, »doch ist das mehr, als ich erwarte.«

»Dolf«, sagte St. Clare, »bring Tom in die Küche hinunter und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe«, setzte er hinzu.

Adolf hüpfte graziös voraus, während Tom ihm mit schwerem Schritte folgte.

»Das ist ja ein wahrer Behemot!« sagte Marie.

»Nun, Marie, sei gnädig und sage deinem Mann ein freundliches Wort«, sagte St. Clare und nahm auf einem Stuhl neben dem Sofa Platz.

»Du bist 14 Tage über die Zeit weggeblieben«, schmollte die Dame.

»Aber du weißt ja, ich habe dir geschrieben, warum.«

»Einen so kurzen, kalten Brief«, sagte die Dame.

»Mein Gott! Es war unmittelbar vor Abgang der Post, und ich konnte nur kurz oder gar nicht schreiben.«

»So ist’s immer«, sagte die Dame, »es geschieht stets etwas, um deine Reisen lang und deine Briefe kurz zu machen.«

»Sieh!« sagte er jetzt, indem er ein elegantes sammetüberzogenes Etui aus der Tasche zog und es aufmachte. »Hier habe ich dir von New York etwas mitgebracht.« Es war ein Daguerreotyp, klar und weich, wie ein Kupferstich und stellte Eva und ihren Vater Hand in Hand nebeneinander sitzend dar.

Marie betrachtete es mit einer unbefriedigten Miene.

»Warum hast du in einer so linkischen Stellung gesessen?« sagte sie.

»Nun, die Stellung mag Geschmackssache sein; aber was sagst du von der Ähnlichkeit!«

»Wenn du in dem einen Falle nichts auf meinen Geschmack gibst, so kann er dir auch in dem andern gleichgültig sein«, sagte die Dame und machte das Daguerreotyp zu.

»Hol der Henker die Frau!« sagte St. Clare innerlich; laut aber setzte er hinzu: »Aber sag doch, Marie, was meinst du von der Ähnlichkeit? Sei doch vernünftig.«

»Es ist rücksichtslos von dir, St. Clare«, sagte die Dame, »durchaus auf dies Reden und Ansehen von Sachen zu bestehen. Du weißt, ich habe den ganzen Tag an Kopfweh krank gelegen; und seit deiner Ankunft war beständig ein solcher Lärm, daß ich halb tot bin.«

»Sie leiden an nervösem Kopfweh, Madame?« sagte Miß Ophelia, indem sie sich plötzlich aus den Tiefen eines großen Lehnstuhles erhob, wo sie ruhig dagesessen, ein Inventar über die Möbel aufgenommen und ihre Kosten berechnet hatte.

»Ja, ich leide schrecklich daran«, sagte die Dame.

»Wacholderbeerentee ist gut für nervöses Kopfweh«, sagte Miß Ophelia, »wenigstens sagte es Auguste, Dekan Abraham Perrys Frau; und sie verstand sich vortrefflich auf solche Sachen.«

»Ich werde die ersten Wacholderbeeren, die in unserem Garten am See reif werden, besonders zu diesem Zwecke herschicken lassen«, sagte St. Clare und zog mit ernsthaftem Gesicht an der Klingel. »Unterdessen, Cousine, wirst du wünschen, dich nach deiner Reise auf dein Zimmer zurückzuziehen und dich ein wenig zu erholen. Dolf«, befahl er diesem, »laß Mammy heraufkommen.«

Die Mulattin, die Eva mit so großer Lebhaftigkeit liebkost hatte, trat bald ein; sie war sauber gekleidet und hatte einen hohen, rot und gelben Turban auf dem Kopfe, ein eben erst von Eva erhaltenes Geschenk, welches das Kind ihr selbst aufgesetzt hatte.

»Mammy«, sagte St. Clare, »ich stelle diese Dame unter deine Obhut; sie ist müde und der Ruhe bedürftig. Führe sie in ihr Zimmer und trag Sorge, daß sie alle Bequemlichkeiten findet.«