Roman

Siebentes Capitel


Siebentes Capitel

Eine Ueberraschung.

Am folgenden Morgen gegen zehn Uhr ging Nicolas Starkos wieder am Molo an’s Land und begab sich sofort nach dem Hause des Banquiers. Es war nicht das erste Mal, daß er in dessen Comptoir vorsprach, und hier wartete seiner gewöhnlich der Empfang eines Kunden, dessen Geschäftsverbindungen ihm einen gewissen Vorrang sichern.

Elizundo freilich kannte ihn ja; er wußte gar Vieles aus seinem Leben. Ihm war auch nicht unbekannt, daß er der leibliche Sohn jener Patriotin war, welche er eines Tages gegen Henry d’Albaret erwähnt hatte. Sonst aber wußte Niemand und konnte Niemand wissen, wer und was der Capitän der »Karysta« eigentlich war.

Nicolas Starkos wurde offenbar schon erwartet und deshalb auch sogleich empfangen, als er sich vorstellte. Der vor achtundvierzig Stunden eingetroffene und von Arkadia datirte Brief rührte von ihm her. Man begleitete ihn also unverzüglich nach dem Bureau, wo der Banquier sich aufhielt, der die Vorsicht gebrauchte, die Thüre mit dem Schlüssel zu verschließen. Elizundo und sein Kunde standen sich jetzt also gegenüber. Niemand konnte sie stören, Niemand erlauschen, was sie unter vier Augen sprechen würden.

»Guten Tag, Elizundo, begann der Capitän der »Karysta«, der sich mit der Zwanglosigkeit eines Mannes, der sich ganz heimisch fühlt, in einen Lehnsessel niederließ. Es sind wahrlich schon sechs Monate vergangen, während ich Sie nicht gesehen habe, obwohl Sie doch öfter Nachrichten von mir erhielten. Ich konnte aber unmöglich so nahe bei Korfu vorübersegeln, ohne hier beizulegen, um das Vergnügen zu haben, Ihnen die Hand drücken zu können.

– Nun, allein um mich zu sehen, um mich Ihrer dauernden Freundschaft zu versichern, sind Sie schon nicht gekommen, Nicolas Starkos, antwortete der Banquier mit dumpfer Stimme. Was wollen Sie von mir?

– Ah, rief der Capitän, daran erkenne ich meinen alten Freund Elizundo! Nichts von zarteren Gefühlen, alles dem Geschäft! Es muß schon recht lange her sein, daß Sie Ihr Herz in dem geheimsten Fache Ihres Geldschrankes verschlossen und den Schlüssel dazu verloren haben.

– Wollen Sie mir gefälligst sagen, was Sie hierherführt und weshalb Sie vorher an mich geschrieben haben? fuhr Elizundo fort.

– Nun, Sie haben ja Recht, Elizundo! Keine nichtssagenden Redensarten. Wir wollen ernst sein! Heute haben wir sehr wichtige Dinge zu besprechen, und dazu solche, welche keinen Aufschub vertragen.

– Ihr Brief spricht mir von zwei Angelegenheiten, sagte der Banquier, die eine, welche zur Classe unserer gewöhnlichen Geschäftsbeziehungen gehört, und eine andere, welche Sie nur persönlich betrifft.

– Ganz richtig, Elizundo.

– So reden Sie, Nicolas Starkos, ich bin begierig, sie kennen zu lernen.«

Der Banquier drückte sich, wie man sieht, sehr unzweideutig aus. Er wollte seinen Besucher veranlassen, sich auf der Stelle zu erklären, ohne Ausflüchte zu gebrauchen und sich Hinterthüren offen zu lassen. Mit der Bestimmtheit seiner Fragestellung schien freilich der fast ängstliche Ton seiner Worte nicht ganz zusammen zu passen. Offenbar war es von den beiden Männern, die sich jetzt hier gegenüber standen, nicht der Banquier, der die Lage beherrschte.

Der Capitän der »Karysta« konnte deshalb auch ein heimliches Lächeln nicht unterdrücken, das Elizundo, der die Augen niedergeschlagen hatte, freilich nicht bemerkte.

»An welche der beiden Fragen wollen wir zuerst herantreten? fragte Nicolas Starkos.

– Zuerst an die, welche nur Ihre Person angeht! antwortete der Banquier schnell.

– Ich ziehe es vor, erst die zu berühren, welche mit mir selbst nichts zu thun hat, entgegnete der Capitän mit entschiedenem Tone.

– Meinetwegen, Nicolas Starkos, und worin besteht diese?

– Es handelt sich dabei um einen Transport von Gefangenen, die wir in Arkadia verfrachten sollen. Zweihundertsiebenunddreißig Köpfe sind es, Männer, Frauen und Kinder, die nach der Insel Scarpanto geschafft werden sollen, von wo aus ich dann die Ueberführung nach der Barbareskenküste übernommen habe. Bei den vielfachen derartigen Geschäften, die wir schon mit einander gemacht, wissen Sie aber, Elizundo, daß die Türken ihre Waare nur gegen Baargeld oder gegen Wechsel ausliefern, wenn eine gute Unterschrift verbürgt, daß dieselben pünktlich eingelöst werden. Ich komme also, Sie um Ihr Accept zu ersuchen, und rechne bestimmt darauf, daß Sie dasselbe Skopelo nicht weigern werden, wenn dieser sich mit den auf Sie gezogenen Papieren bei Ihnen einstellt. Diese Sache macht doch keine Schwierigkeit, nicht wahr?«

Der Banquier antwortete nicht, sein Schweigen durfte jedoch als Zustimmung zu dem Gesuche des Capitäns aufgefaßt werden. Er war dazu in Folge früherer ähnlicher Abschlüsse auch so gut wie verpflichtet.

»Ich glaube noch hinzufügen zu können, fuhr Nicolas Starkos nachlässig fort, daß das Geschäft kein schlechtes sein wird. Die türkischen Operationen in Griechenland nehmen jetzt eine immer schlechtere Wendung. Die Schlacht von Navarin muß für die Ottomanen unbedingt eine höchst verderbliche Wirkung haben, da die europäischen Mächte sich jetzt einzumischen beginnen. Müssen Jene aber den Kampf aufgeben, so gibt es keine Gefangenen, keine Verkäufe und keine Profite mehr. Eben deshalb müssen die letzten Sendungen, die wir noch zu ziemlich günstigen Bedingungen übernehmen, an den Küsten Afrikas entschieden hohe Preise erzielen. Wir werden also unseren Vortheil bei der Sache haben, so gut wie Sie den Ihrigen. Kann ich auf Ihre Unterschrift rechnen?

– Ich werde Ihre Wechsel gleich discontiren, antwortete Elizundo, und brauche Ihnen dann keine Unterschrift zu geben.

– Wie es Ihnen beliebt, Elizundo, erwiderte der Capitän, wir hätten uns auch mit Ihrer Unterschrift begnügt. Sie zögerten ja sonst nicht, dieselbe zu geben.

– Sonst ist nicht heute, sagte Elizundo, und heute hab‘ ich eine ganz andere Anschauung von solchen Dingen.

– Ah, wirklich! rief der Capitän. Nun, ganz wie es Ihnen Spaß macht! Doch ist’s denn wahr, daß Sie sich, wie ich gehört habe, vom Geschäfte gänzlich zurückziehen wollen?

– Ja, Nicolas Starkos! erklärte der Banquier jetzt mit sicherer Stimme, und was Sie… selbst angeht, wird das auch die letzte Operation sein, die wir zusammen ausführen… wenn Sie überhaupt darauf bestehen, daß ich mich an derselben betheilige.

– Darauf besteh‘ ich unbedingt, Elizundo,« antwortete Nicolas Starkos trockenen Tones.

Dann erhob er sich, that einige Schritte durch das Cabinet, ohne dabei seinen nichts weniger als wohlwollenden Blick von dem Banquier abzuwenden. Endlich trat er wieder dicht vor diesen hin.

»Herr Elizundo, begann er mit etwas spöttischem Tone, Sie müssen doch sehr reich sein, da Sie daran denken, sich ganz zur Ruhe zu setzen.«

Der Banquier gab keine Antwort.

»Nun sagen Sie mir, fuhr der Capitän fort, was wollen Sie mit all‘ den Millionen anfangen, die Sie in jene Welt doch nicht mitnehmen können? Das dürfte für die letzte Reise ein etwas schwerfälliges Gepäck sein. Wenn Sie aber einmal vom Schauplatz werden verschwunden sein, wem werden jene zufallen?«

Elizundo verharrte noch immer in Stillschweigen.

»Ihre Tochter wird sie natürlich erben, fuhr Nicolas Starkos fort, die schöne Hadjine Elizundo. Ihr gehört dereinst das ganze väterliche Vermögen. Das ist auch nicht mehr als billig. Doch was wird sie damit beginnen? So allein im Leben und mit so vielen Millionen?«

Der Banquier richtete sich nicht ohne Anstrengung auf und stieß schnell, wie Einer, der ein Geständniß macht, dessen Wucht ihn zu ersticken droht, heraus:

»Meine Tochter wird nicht allein stehen!

– Sie werden dieselbe verheiraten? antwortete der Capitän, und mit wem, wenn’s beliebt? Welcher Mann würde sich den Besitz Hadjine Elizundo’s wünschen, wenn er erfahren, woher der größte Theil des Vermögens ihres Vaters stammt? Und lassen Sie mich hinzufügen, wenn Hadjine Elizundo nur selbst das weiß, wem würde sie noch wagen, die Hand zum Bunde für das Leben zu reichen?

– Wie sollte sie das erfahren? erwiderte der Banquier. Bis jetzt weiß sie von Nichts und wer könnte es ihr sagen?

– Ich, wenn es sein muß.

– Sie?

– Ja, hören Sie mich an, Elizundo, und beachten Sie ja meine Worte, sagte der Capitän der »Karysta« mit berechnetem Nachdruck, denn ich werde auf das, was ich Ihnen jetzt sage, nicht wieder zurückkommen. Das ungeheure Vermögen, welches Sie erworben haben, verdanken Sie vor Allem mir, zum allergrößten Theil gefährlichen Geschäften, bei denen ich den Kopf auf’s Spiel setzte. Nur durch heimliche Beförderung geraubter Schiffsgüter, durch Auf- und Verkauf von Gefangenen während des Unabhängigkeitskrieges haben Sie jene Summen zusammengescharrt, die sich auf so und so viele Millionen belaufen. Wohlan, es ist gewiß nur billig, daß diese Millionen mir wieder zufallen. Ich, das wissen Sie ja, leide nicht an überzarten Vorurtheilen und werde niemals danach fragen, woher Ihr Vermögen gekommen ist. Wenn der Krieg zu Ende geht, denke auch ich mich von den Geschäften zurückzuziehen. Auch ich will im späteren Leben nicht so allein stehen, und ich erwarte, verstehen Sie mich recht, ich erwarte, daß Hadjine Elizundo die Gattin Nicolas Starkos‘ wird.«

Der Banquier sank in seinen Sessel zurück. Er fühlte nur zu gut, daß er in der Gewalt dieses Mannes, eines langjährigen verwegenen Geschäftsgenossen war. Er wußte, daß der Capitän der »Karysta« vor nichts zurückweichen werde, um sein Ziel zu erreichen, und zweifelte keinen Augenblick daran, daß dieser, wenn es sein mußte, im Stande wäre, die ganze Vergangenheit des hochangesehenen Bankhauses vor aller Welt rücksichtslos zu enthüllen.

Zur ablehnenden Beantwortung des Gesuchs Nicolas Starkos‘ konnte Elizundo, selbst auf die Gefahr hin, einen lauten Auftritt herbeizuführen, nur eines antworten, und nicht ohne einiges Zaudern sagte er denn:

»Meine Tochter kann Ihre Gattin nicht werden, Nicolas Starkos, weil sie das Weib eines Anderen sein wird.

– Eines Anderen! rief Nicolas Starkos. Wahrhaftig, da bin ich wohl gerade zur höchsten Zeit gekommen. Ah so, die Tochter des Banquiers Elizundo verheiratet sich…?

– Binnen fünf Tagen.

– Und mit wem?… fragte der Capitän, dessen Stimme schon zu zittern anfing.

– Mit einem französischen Officier.

– Mit einem Franzosen? Gewiß mit einem jener Philhellenen, welche Griechenland zu Hilfe geeilt sind?

– Ja.

– Und der Mann heißt?…

– Der Capitän Henry d’Albaret.

– Nun, Meister Elizundo, fuhr Nicolas Starkos fort, der sich dem Banquier weiter näherte und diesen Auge in Auge fast andonnerte, ich wiederhole Ihnen, wenn der Capitän Henry d’Albaret erst weiß, wer Sie sind, wird’s ihn nicht nach Ihrer Tochter verlangen, und wenn Ihre Tochter selbst den Ursprung des Vermögens ihres Vaters erfährt, wird sie nicht mehr daran denken können, die Gattin des Capitäns Henry d’Albaret zu werden. Wenn Sie diese beabsichtigte Verbindung nicht noch heute lösen, so wird sie morgen von selbst zerfallen, denn morgen schon werden die beiden Verlobten Alles wissen… Ja… ja, beim Teufel und meiner Seele, sie werden’s wissen!«

Der Banquier erhob sich noch einmal. Er sah den Capitän der »Karysta« scharf an und erklärte mit verzweifeltem Tone, über dessen Wahrhaftigkeit Jener nicht im Unklaren bleiben konnte:

»Zugegeben!… Aber ich nehme mir dann das Leben, Nicolas Starkos, und werde nicht länger mehr eine Schande für meine Tochter sein!

– Und doch, antwortete der Capitän, das bleiben Sie für die Zukunft eben so, wie Sie es gegenwärtig sind, und Ihr gewaltsamer Tod würde niemals im Stande sein, die Thatsache umzustoßen, daß Elizundo nur der Banquier der Seeräuber des Archipels gewesen ist!«

Elizundo sank betroffen zusammen und konnte keine Antwort finden, als der Capitän fortfuhr:

»Und deshalb wird Hadjine Elizundo nicht das Weib jenes Henry d’Albaret werden, sondern sie wird, mag sie’s nun wollen oder nicht, nur die Gattin Nicolas Starkos‘ sein!«

Noch eine halbe Stunde währte dieses Gespräch unter inständigen Bitten von der einen und unter Drohungen von der anderen Seite fort. Von Liebe war sicherlich keine Rede, wenn Nicolas Starkos auf den Besitz der Tochter Elizundo’s drang. Ihm handelte es sich nur um die Millionen, welche er ganz sein nennen wollte, und keine Vorstellung vermochte ihn von diesem Vorsatze abzubringen.

Hadjine Elizundo hatte nichts erfahren von jenem Briefe, der die baldige Ankunft des Capitäns der »Karysta« anmeldete; seit eben jenem Tage erschien ihr Vater ihr noch trauriger, noch düsterer, als gewöhnlich, als ob ihn irgend ein heimlicher Kummer ganz besonders niederdrückte, und als Nicolas Starkos sich dann in dem Bankhause einstellte, vermochte sie einer lebhafteren Unruhe erst recht nicht Herr zu werden. Sie kannte ja den Mann, den sie während der letzten Kriegsjahre wiederholt im Hause ihres Vaters gesehen.

Nicolas Starkos hatte ihr schon von jeher einen Widerwillen eingeflößt, von dem sie sich kaum Rechenschaft zu geben vermochte. Er sandte ihr Blicke zu, welche ihr tiefes Mißfallen erregten, obwohl er niemals andere als gleichgiltige Worte zu ihr gesprochen hatte, wie es jeder andere Kunde des Bankhauses wohl auch hätte thun können. Das junge Mädchen hatte jedoch deutlich genug beobachtet, daß ihr Vater nach einem solchen Besuche des Capitäns der »Karysta« stets und auch eine Zeit lang später auffallend niedergedrückt und fast erschreckt schien. Daher rührte ihre ausgesprochene Antipathie gegen Nicolas Starkos, welche vorläufig immerhin noch nichts rechtfertigte.

Hadjine Elizundo hatte gegen Henry d’Albaret noch niemals von diesem Manne gesprochen. Was ihn mit dem Bankhause verknüpfte, konnten ja nur Angelegenheiten geschäftlicher Natur sein. Von den Geschäften Elizundo’s, deren Natur ihr übrigens völlig unbekannt war, hatte sie niemals bei ihren Unterhaltungen etwas erwähnt. Der junge Officier wußte also auch nichts von den Beziehungen, welche zwischen dem Banquier und Nicolas Starkos obwalteten, so wenig wie von denen zwischen diesem Capitän und der muthigen Frau, der er bei dem Gefechte von Chaidari das Leben gerettet und die er nur unter dem Namen Andronika kannte.

Doch, so wie Hadjine, hatte auch Xaris Gelegenheit gehabt, Nicolas Starkos im Comptoir der Strada Reale zu sehen und zu empfangen. Er empfand auch selbst ganz den nämlichen Widerwillen gegen ihn, wie das junge Mädchen; entsprechend seiner kraftstrotzenden, entschlossenen Natur äußerten sich diese Gefühle bei ihm nur in anderer Weise. Wenn Hadjine jede Gelegenheit floh, mit dem ihr verhaßten Manne zusammenzutreffen, so sachte Xaris diese im Gegentheil auf mit dem Wunsche, ihm gelegentlich »die Rippen zu brechen«, wie er gerne sagte.

»Ich habe dazu nicht das Recht, dachte er, doch das dürfte sich noch finden!«

Aus dem Allen ergibt sich, daß der neueste Besuch des Capitäns der »Karysta« bei dem Banquier Elizundo weder von Xaris noch von dem jungen Mädchen mit Wohlgefallen gesehen wurde; im Gegentheil. Für Beide war es eine gewisse Erleichterung, als Nicolas Starkos nach längerer Unterredung mit dem Herrn des Hauses, von der nichts zu erfahren gewesen war, wie der fortging und den Weg nach dem Hafen einschlug.

Noch eine ganze Stunde lang blieb Elizundo in seinem Cabinet eingeschlossen. Man hörte nicht einmal, daß er darin ein Wort sprach.

Seine bestimmten Befehle lauteten aber dahin, daß weder seine Tochter noch Xaris eintreten sollten, ohne ausdrücklich verlangt zu werden. Da der Besuch dies mal besonders lange gedauert hatte, wuchs natürlich deren Angst in demselben Verhältnisse mit der verflossenen Zeit.

Plötzlich ertönte die Klingel Elizundo’s, wie von einem furchtsamen Anschlage, der von unsicherer Hand herrührte. Xaris folgte dem Rufe, öffnete die, von innen jetzt nicht mehr verschlossene Thür und befand sich nun gegenüber dem Banquier.

Elizundo saß noch immer halb vernichtet und mit dem Aussehen eines Mannes, der einen heftigen Kampf gegen sich bestanden, in seinem Armstuhle. Er erhob den Kopf und sah Xaris an, als habe er Mühe, diesen zu erkennen; dann strich er mit der Hand über die Stirn.

»Hadjine?« sagte er mit fast tonloser Stimme.

Xaris nickte zum Zeichen, daß er ihn verstehe, und verschwand. Gleich darauf trat das junge Mädchen zu ihrem Vater herein. Ohne weitere Vorrede, aber mit tief gesenkten Augen und mit einer vor Erregung zitternden Stimme, begann dieser sofort zu ihr:

»Hadjine, es muß sein… Du mußt auf die geplante Vermählung mit dem Capitän Henry d’Albaret verzichten.

– Was sagst Du, Vater?… rief das junge Mädchen, die dieser unerwartete Schlag tief in’s Herz traf.

– Es muß sein, Hadjine! wiederholte Elizundo.

– Doch willst Du mir sagen, liebster Vater, weshalb Du Dein ihm und mir gegebenes Wort zurücknimmst? fragte das junge Mädchen. Du weißt, ich habe nicht die Gewohnheit, Deine Wünsche zu discutiren, und auch heute liegt mir das gewiß fern, welcher Art dieselben auch sein mögen. Doch willst Du mir nicht wenigstens mittheilen, aus welchem Grunde ich darauf verzichten muß, Henry d’Albaret zu heiraten?

– Weil es sein muß, Hadjine… weil Du die Gattin eines Anderen werden mußt!« murmelte Elizundo.

Seine Tochter verstand ihn, so leise er auch sprach.

»Eines Anderen! rief sie, von diesem zweiten Schlage nicht minder getroffen, wie von dem ersten. Und dieser Andere?…

– Ist der Capitän Starkos!

– Diesen Mann! Diesen Mann!«

Unwillkürlich entrangen sich diese Worte den Lippen Hadjines, die sich am Tische anhalten mußte, um nicht zu Boden zu sinken.

Dann empörte sich noch einmal ihr ganzes Wesen gegen diesen Beschluß und sie rief:

»Lieber Vater, dem Befehle, den Du mir, vielleicht gegen Deinen Willen, ertheiltest, liegt eine Ursache zu Grunde, die ich mir nicht zu erklären vermag. Hier ist ein Geheimniß im Spiel, das Du mir zu offenbaren zögerst.

– Frage mich nichts, erwiderte Elizundo, nichts!

– Nichts, lieber Vater?… Es sei denn! Wenn ich aber, um Dir zu gehorchen, auch darauf verzichte, die Gattin Henry d’Albaret’s zu werden, so kann ich doch, und kostete es mein Leben, Nicolas Starkos nicht heiraten!… Das kannst Du doch nicht wollen!

– Es muß sein, Hadjine! wiederholte Elizundo.

– Mein ganzes Lebensglück steht dabei auf dem Spiele! rief das junge Mädchen.

– Und auf meiner Seite die Ehre.

– Die Ehre Elizundo’s könnte von einem Anderen als ihm selbst abhängen? fragte Hadjine.

– Ja… von einem Anderen!… Und dieser Andere ist Nicolas Starkos!«

Mit diesen Worten erhob sich der Banquier, seine Augen glänzten gespensterhaft und das Gesicht war verzogen, als hätte ihn ein Schlaganfall getroffen.

Gegenüber diesem Anblick fand Hadjine alle ihre Entschlossenheit wieder, und diese gehörte gewiß dazu, wenn sie, sich zurückziehend, zu ihrem Vater sagte:

– Gut, mein Vater,… ich werde gehorchen!«

Die Blüthe ihres Lebens war damit geknickt, aber sie hatte begriffen, daß die Beziehungen des Banquiers mit dem Capitän der »Karysta« ein furchtbares Geheimniß bergen mußten. Sie hatte sich überzeugt, daß er sich in der Gewalt dieses hassenswerthen Mannes befand. Sie beugte, sie opferte sich! Die Ehre ihres Vaters verlangte dieses Opfer! Xaris fing das junge Mädchen fast ohnmächtig mit den Armen auf. Er brachte sie nach ihrem Zimmer. Da erfuhr er von ihr, was geschehen war, welchem Verzichte sie zugestimmt hatte. Die nächste Folge davon war, daß sein Haß gegen Nicolas Starkos sich nur verdoppelte.

Eine Stunde später erschien wie gewöhnlich Henry d’Albaret in dem Banquierhause. Eine der dienenden Frauen bedeutete ihn, daß Hadjine Elizundo nicht zu sprechen sei. Er verlangte den Banquier zu sehen… Der Banquier konnte ihn nicht empfangen. Er wünschte nur Xaris zu sprechen!… Xaris war nicht im Comptoir.

Auf’s Höchste beunruhigt kehrte Henry d’Albaret nach dem Hôtel zurück. Solche Antworten hatte er noch niemals vernommen. Er beschloß, im Laufe des Abends noch einmal vorzusprechen, und wartete bis dahin in unsäglicher Angst. Um neun Uhr übergab man ihm in seinem Hôtel einen Brief. Ein Blick auf die Adresse lehrte ihm, daß dieselbe von der Hand Elizundo’s herrührte. Der Brief enthielt nur folgende wenige Zeilen:

 

»Herr Henry d’Albaret wird gebeten, das Project einer Verbindung zwischen ihm und der Tochter des Banquiers Elizundo als aufgelöst zu betrachten. Aus Gründen, welche mit seiner Person nicht im Entferntesten zu thun haben, kann diese Verheiratung nicht stattfinden, und Herr Henry d’Albaret wird den Unterzeichneten sehr verbinden, wenn er seine Besuche in dem Bankhause fortan einstellt.

Elizundo.«

Anfänglich verstand der junge Officier gar nicht, was er eben gelesen hatte. Dann durchlas er den Brief noch einmal. Er fühlte sich wie niedergeschmettert. Was war denn bei Elizundo geschehen? Woher diese Abweisung? Am gestrigen Tage noch hatte er das Haus verlassen, während in demselben alle Vorbereitungen zu seiner Vermählung betrieben wurden. Der Banquier hatte sich ihm gegenüber ganz so benommen, wie je vorher. Und was das junge Mädchen selbst anging, hatte nicht das Geringste darauf hingewiesen, daß ihre Gefühle für ihn sich irgendwie geändert hätten.

»Doch, der Brief ist ja auch gar nicht von Hadjine geschrieben. Seine Unterschrift lautet Elizundo!… Nein, Hadjine hat nicht gewußt und weiß auch jetzt noch nicht, was ihr Vater mir geschrieben hat. Er hat seine Absichten ohne ihr Mitwissen geändert. Warum?… Ich habe ihm doch keine Ursache gegeben… o, ich werde das Hinderniß, daß sich zwischen mich und Hadjine drängt, schon zu erfahren wissen!«

Da er in dem Hause des Banquiers jetzt nicht selbst empfangen werden konnte, so schrieb er an diesen, da er, wie er sich ausdrückte, ein gutes Recht darauf habe, die Gründe kennen zu lernen, welche eine Vermählung unmöglich machten, die schon in nächster Zeit hatte stattfinden sollen.

Sein Brief blieb ohne Antwort. Er schrieb einen anderen, zwei andere: dasselbe Schweigen.

Jetzt wendete er sich unmittelbar an Hadjine. Er bat sie bei ihrer Liebe, ihm wenigstens zu antworten, und wenn sie auch nur sagte, daß sie sich niemals wieder sehen könnten. Keine Antwort.

Wahrscheinlich war sein Brief gar nicht in die Hände des jungen Mädchens gekommen. Henry d’Albaret mußte das wenigstens glauben. Er kannte ja ihren Charakter viel zu gut, um sicher zu sein, daß sie ihm eine Erklärung gegeben haben würde.

In seiner Verzweiflung suchte nun der junge Officier Xaris zu treffen. Er kam von der Strada Reale gar nicht mehr weg. Ganze Stunden wandelte er in der Nähe des Bankhauses umher. Vergeblich. Vielleicht den Befehlen des Banquiers, vielleicht auch den Bitten Hadjines gehorchend, ging Xaris überhaupt nicht mehr aus.

So verstrichen unter vergeblichen Bemühungen die Tage des 24. und 25. Octobers. Mit seiner Angst und Sorge ohnegleichen glaubte Henry d’Albaret schon die äußerste Grenze seiner Leiden erreicht zu haben. Er sollte sich täuschen.

Im Laufe des 26. nämlich verbreitete sich plötzlich eine Nachricht, die ihn mit noch schrecklicherem Schlage treffen mußte.

Nicht allein seine Vermählung mit Hadjine Elizundo war aufgehoben – ein Bruch, den übrigens die ganze Stadt schon kannte – sondern Hadjine Elizundo sollte jetzt auch einem Anderen die Hand reichen.

Henry d’Albaret fühlte sich vernichtet, als er diese Neuigkeit hörte. Ein Anderer als er sollte der Gatte Hadjines werden!

»Ich muß wissen, wer das ist! rief er. Mag es sein, wer’s will, ich muß es erfahren!… Ich werde mich bis zu ihm drängen!… Ich setze ihn zur Rede und er muß mir wohl oder übel antworten!«

Der junge Officier sollte nicht lange zu warten haben, bis er hörte, wer sein Rival sei. Er sah ihn bald genug in das Bankhaus eintreten, folgte ihm, als er wieder herauskam, beobachtete ihn auf dem Wege bis zum Hafen, wo sein Boot diesen am Molo erwartete. Von hier sah er ihn auf der, eine halbe Kabellänge vom Ufer verankerten Sacoleve verschwinden.

Nicolas Starkos war es, der Capitän der »Karysta«.

Das geschah am 27. October. Aus weiteren Nachrichten, welche Henry d’Albaret erhielt, ging hervor, daß die Vermählung Nicolas Starkos‘ mit Hadjine Elizundo ganz nahe bevorstehe, denn alle Vorbereitungen dazu wurden mit einer gewissen Hast betrieben. Die religiöse Feierlichkeit sollte am dreißigsten desselben Monats in der Kirche des heiligen Spiridion stattfinden, das heißt an demselben Tage, der vorher für die Vermählung Henry d’Albaret’s in’s Auge gefaßt war. Er freilich sollte dabei nicht als Bräutigam sein! Diese Stelle nahm jener Capitän ein, von dem man nicht wußte, woher er gekommen, und von dem keiner wußte, wohin er gehe.

Die Beute einer Wuth, welche er nicht mehr zu bemeistern vermochte, war Henry d’Albaret fest entschlossen, Nicolas Starkos aufzusuchen, und müßte er ihm bis an die Stufen des Altars folgen.

Er wollte ihn zum Zweikampfe fordern. Wenn er ihn nicht tödtete, so würde vielleicht doch er getödtet werden, und wäre damit aus dieser fast unerträglichen Lage befreit gewesen.

Vergeblich sagte er sich, daß diese Vermählung, wenn sie zu Stande käme, jedenfalls die Zustimmung Elizundo’s haben müsse. Vergeblich wiederholte er sich, daß der, welcher über Hadjines Hand verfügte, ja der Vater der Geliebten war.

»Ja, aber es geschieht gegen ihren Willen!… Sie unterliegt einem äußeren Drucke, der sie diesem Menschen überliefert… Sie opfert sich!«

Im Laufe des 28. Octobers versuchte Henry d’Albaret den Nicolas Starkos zu treffen. Er lauerte ihm auf, wo er an’s Land ging, er stand unbeirrt am Eingange nach dem Comptoir. Alles vergeblich! Und binnen zwei Tagen sollte nun diese verruchte Vermählung stattfinden – zwei Tage, während welcher der junge Officier Alles wagte, entweder bis zu dem jungen Mädchen vorzudringen, oder doch Nicolas Starkos zu erlangen.

Da trat am 29. gegen sechs Uhr Abends ein höchst unerwartetes Ereigniß ein, welches die Sachlage mit einem Schlage änderte.

Im Laufe des Nachmittags verbreitete sich das Gerücht, daß der Banquier von einem Gehirnschlage getroffen worden sei.

Und wirklich, zwei Stunden später war Elizundo eine Leiche.

Vierzehntes Capitel


Vierzehntes Capitel

Sacratif.

Die aus zwölf Fahrzeugen bestehende Flottille war aus den Schlupfwinkeln bei Scarpanto am Vortage ausgelaufen. Man erkannte an ihren Bewegungen nur zu deutlich, daß sie die Corvette entweder von vorn angreifen oder diese umzingeln wollte, um ihr unter sehr ungleichen und für letztere höchst ungünstigen Bedingungen einen Kampf anzubieten. Bei dem Mangel an Wind war dieser Kampf nicht zu umgehen, und wenn Henry d’Albaret dazu auch Gelegenheit gehabt hätte, würde er denselben nicht vermieden haben. Die Flagge der »Syphanta« konnte, ohne sich zu entehren, nicht vor der Flagge der Piraten des Archipels die Flucht ergreifen.

Unter jenen Fahrzeugen befanden sich vier Briggs mit je sechzehn bis achtzehn Kanonen. Die anderen acht Segler waren von geringerem Tonnengehalt, alle aber mit leichten Geschützen ausgerüstet und bestanden aus Saïquen mit zwei Masten, aus Senalen mit gerade emporstehenden Masten, ferner aus Feluken und zum Kampf ausgerüsteten Sacoleven.

Soweit die Officiere der Corvette es beurtheilen konnten, standen ihnen hier mehr als hundert Feuerschlünde gegenüber, denen sie nur mit zweiundzwanzig Kanonen und sechs Karonaden antworten konnten.

Die zweihundertfünfzig Matrosen, welche ihre Besatzung bildeten, mußten sieben- bis achthundert Feinde zu bekämpfen haben – jedenfalls ein sehr ungleicher Kampf. Immerhin konnte die Ueberlegenheit der Artillerie der »Syphanta« zwar einige Aussicht auf Erfolg versprechen, freilich nur unter der Bedingung, sich die Anderen nicht gar zu nahe kommen zu lassen. Es kam also darauf an, die Flottille in einiger Entfernung zu halten und die einzelnen Schiffe derselben durch wohlgezielte Breitlagen nach und nach kampfunfähig zu machen. Mit einem Worte, es galt vor Allem, die Feinde nicht an Bord kommen zu lassen und einen Kampf Mann gegen Mann zu vermeiden. In letzterem Falle mußte die Uebermacht gewiß siegen, denn dieser Factor kommt auf dem Meere noch mehr in Betracht, als auf dem Lande, weil dort ein Rückzug unmöglich ist und Alles darauf hinausläuft, sich selbst in die Luft zu sprengen oder sich zu ergeben.

Eine Stunde, nachdem der Nebel sich zerstreut, war die Flottille weit näher herangekommen an die Corvette, welche noch immer so unbeweglich blieb, als läge sie mitten auf einer Rhede vor Anker.

Henry d’Albaret verfehlte natürlich nicht, jede Bewegung, jedes Manöver der Piraten zu beobachten. An Bord war Alles schnell gefechtsbereit, und Officiere und Matrosen hatten die ihnen zukommende Stellung eingenommen. Diejenigen unter den Passagieren, welche gut bei Kräften waren, hatten darum nachgesucht, in den Reihen der Mannschaft mitkämpfen zu dürfen, und deshalb Waffen erhalten. In der Batterie und auf dem Verdeck herrschte peinliches Schweigen, kaum unterbrochen von den wenigen Worten, welche der Commandant mit dem Capitän Todros austauschte.

»Wir dürfen sie nicht entern lassen, sagte er zu ihm. Zunächst wollen wir warten, bis die ersten Schiffe sich in bequemer Schußweite befinden, und dann geben wir aus unseren Steuerbordgeschützen Feuer.

– Sollen wir so schießen, um die Schiffe zum Sinken zu bringen, oder um sie zu entmasten?«

– Wir wollen sie zu versenken suchen!« antwortete Henry d’Albaret.

Das war gewiß der sicherste Weg, sich jener Piraten zu erwehren, welche vorzüglich zu fürchten sind, wenn sie das Deck eines Schiffes erklettern können, und gerade jenen Sacratif unschädlich zu machen, der unverschämt genug war, sogar seine schwarze Flagge zu hissen. Wenn er das that, geschah es unzweifelhaft in der Hoffnung, daß kein Mann von der Corvette überleben werde, um sich rühmen zu können, er habe ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen.

Mittags gegen ein Uhr befand sich die Flottille nur noch etwa eine Seemeile vor dem Winde und näherte sich mit Hilfe von Rudern immer mehr. Die mit den Vordersteven nach Nordwesten liegende »Syphanta« konnte sich nur mit Mühe in dieser Richtung erhalten. Die Piraten kamen in geordneter Schlachtlinie auf sie zu – zwei Briggs in der Mitte der Front und je eine an beiden Seiten.

Sie manövrirten in der Weise, um die Corvette von vorn nach hinten zu umgehen und sie damit in einen Kreis einzuschließen, dessen Radius sich dann immer mehr verkürzen sollte. Ihre Absicht ging offenbar dahin, dieselbe erst unter ein verheerendes convergirendes Feuer zu nehmen und dann das Verdeck derselben zu erstürmen. Henry d’Albaret hatte das für ihn so gefährliche Manöver recht wohl durchschaut, konnte es aber leider nicht verhindern, da er zu völliger Unbeweglichkeit verdammt war. Vielleicht gelang es ihm jedoch, diese Linie durch Kanonen zu durchbrechen, ehe er noch von allen Seiten umzingelt war. Schon fragten sich die Officiere verwundert, warum ihr Commandant mit der sicheren und ruhigen Stimme, die man an ihm kannte, nicht Befehl gab, das Feuer zu eröffnen.

Nein. Henry d’Albaret wollte keinen Schuß verschwenden und nur dann seine Geschütze sprechen lassen, wenn er der Erreichung seines Zieles gewiß war.

So verflossen noch zehn Minuten. Alle warteten, die Stückrichter, das Auge am Visir ihrer Kanonen, die Officiere in der Batterie, bereit, die Befehle des Commandanten auszuführen, und die Matrosen auf dem Deck, welche ungeduldige Blicke über die Schanzkleidung warfen. Jetzt, wo die geringe Entfernung dem Feinde die Aussicht gab, mit Erfolg zu schießen, mußte man die ersten Kugeln vielleicht gar von seiner Seite erwarten.

Henry d’Albaret schwieg noch immer. Er beobachtete die Linie, welche sich an beiden Enden schon zu krümmen begann. Die Briggs im Centrum – die eine derselben war diejenige, welche die schwarze Flagge Sacratif’s gehißt hatte – befanden sich jetzt kaum eine Seemeile entfernt.

Doch wenn der Befehlshaber der »Syphanta« sich nicht beeilte, das Feuer zu eröffnen, so schien auch der Anführer der Flottille keine große Eile zu haben, dies zu thun. Vielleicht gedachte er gar die Corvette anzusegeln, um dann nur einige Hundert seiner verwegenen Leute zum Sturme zu führen.

Endlich glaubte Henry d’Albaret aber doch, nicht mehr länger zaudern zu dürfen. Ein schwacher Windhauch, der bis zur Corvette reichte, gestattete ihm, um ein Viertel anzuluven. Nachdem er seine Stellung soweit geändert, um den beiden Briggs die Breitseite zuzuwenden, rief er:

»Achtung auf Deck und in der Batterie!«

An Bord entstand ein leichtes Geräusch, dem jedoch sehr bald wieder vollständige Stille folgte.

»Nach der Schwimmlinie zielen!« befahl Henry d’Albaret.

Der Befehl wurde durch die Officiere wiederholt, und die Stückrichter visirten sorgfältig nach dem Rumpfe der beiden Briggs, während die Karonaden auf dem Verdeck die Maste auf’s Korn nahmen.

»Feuer!« commandirte Henry d’Albaret.

Alle Geschütze an Steuerbord krachten. Vom Verdeck und aus der Batterie der Corvette schleuderten elf Kanonen und drei Karonaden ihre verderblichen Geschosse und darunter auch mehrere sogenannte Kettenkugeln, welche besonders dazu geeignet sind, auf kurze Entfernung ein Schiff seiner Maste und Raaen zu berauben.

Als der nach rückwärts ziehende Pulverdampf den Horizont wieder überblicken ließ, konnte man die Wirkung des Geschützfeuers auf die beiden Fahrzeuge genau übersehen. Sie war zwar keine vollständige, aber jedenfalls auch nicht unbedeutend.

Eine der beiden Briggs, welche das Centrum der feindlichen Linie einnahmen, zeigte oberhalb der Schwimmlinie ziemlich umfängliche Zerstörungen. Einige Strickleitern waren zerrissen, der wenige Fuß über Deck zerschmetterte Fockmast war nach vorn zu gefallen und hatte dabei einzelne, zum Großmast gehörige Theile zerbrochen. Damit kam die Brigg in die Nothlage, diese Havarien wenigstens nothdürftig auszubessern, konnte aber noch immer auf die Corvette heransegeln. Die der letzteren drohende Gefahr, umzingelt zu werden, schien durch diese Einleitung des Kampfes also nicht abgewendet zu sein.

In der That waren die beiden anderen, am äußersten rechten und linken Flügel befindlichen Briggs nun bis zur Höhe der »Syphanta« herangekommen. Von dieser Stellung aus hielten sie nun directer auf diese zu, begannen dieses Manöver aber nicht, ohne jene der Länge nach zu bestreichen.

Zwei Kugeln hatten dabei eine besonders verderbliche Wirkung. Der Besanmast der Corvette wurde in der Höhe der Mastbacken zerschmettert und stürzte prasselnd, wenigstens theilweise herunter, glücklicherweise, ohne die Takelage des Großmastes besonders in Unordnung zu bringen Gleichzeitig wurden einige Reservetheile und ein größeres Boot des Schiffes zerstört. Am beklagenswerthesten war es aber, daß auch ein Officier und zwei Matrosen dabei einen sofortigen Tod fanden, während drei oder vier andere Leute schwer verwundet wurden. Letztere schaffte man sofort unter Deck in Schutz.

Henry d’Albaret gab den Befehl, das Oberdeck eiligst frei zu machen. Verschiedenes Tauwerk, Segel, Trümmer von Raaen und was sonst daselbst lag, war binnen wenigen Minuten entfernt. Der Platz wurde wieder frei und gangbar. Es war jetzt auch kein Augenblick zu verlieren. Das Artilleriegefecht begann eben mit neuer Heftigkeit. Die zwischen zwei Feuer genommene Corvette sah sich genöthigt, gleichzeitig von Back- und Steuerbord zu feuern.

In diesem Moment krachte eine neue Breitenlage von der »Syphanta«, diesmal aber so gut gezielt, daß zwei Fahrzeuge der Flottille – eine der Senalen und eine Saïque – welche dicht unter der Schwimmlinie getroffen und durchbrochen waren, so viel Wasser schluckten, daß sie in kurzer Zeit versanken. Die Besatzung derselben fand kaum Zeit, sich in die Boote zu stürzen, um die beiden Briggs im Centrum zu erreichen, wo dieselbe sofort aufgenommen wurde.

»Hurrah! Hurrah!«

So schallte der Ruf der Matrosen auf der Corvette nach diesen zwei Schüssen, welche den Geschützführern derselben alle Ehre machten.

»Zwei wären versenkt! sagte der Capitän Todros.

»Ja wohl, antwortete Henry d’Albaret, die Schurken aber, welche sich darauf befanden, haben an Bord der beiden Briggs gelangen können, und ich fürchte immer einen Enterungsversuch, bei dem sie den Vortheil der Uebermacht haben würden.«

Eine Viertelstunde lang währte so die Kanonade von beiden Seiten fort. Die Piratenschiffe verschwanden ebenso wie die Corvette von Zeit in den weißen Wolken des Pulverdampfs und man mußte immer warten, bis diese sich verzogen hatten, ehe der Schaden zu erkennen war, den die kämpfenden Parteien sich gegenseitig zugefügt hatten. Leider erwies sich dieser Schaden an Bord der »Syphanta« nur gar zu fühlbar. Mehrere Mann von der Besatzung waren getödtet, noch mehrere, oft recht ernstlich, verwundet worden. Mitten in die Brust getroffen sank ein französischer Officier gerade in dem Augenblick zusammen, wo ihm der Commandant weitere Befehle ertheilte.

Die Todten und die Verwundeten wurden unter Deck geschafft. Schon konnten der Schiffsarzt und seine Gehilfen kaum mehr fertig werden mit dem Anlegen von Verbänden und der Ausführung von Operationen, welche der Zustand Derjenigen nöthig machte, die entweder unmittelbar von feindlichen Geschossen getroffen oder von den auf dem Verdeck oder in der Batterie plötzlich herumfliegenden Holzstücken verletzt worden waren. Wenn es auch zum Kleingewehrfeuer zwischen den Schiffen, die sich immer in halber Kanonenschußweite hielten, noch nicht gekommen war, wenn der Schiffsarzt also weder Kugeln oder Kartätschenstücke auszuziehen hatte, so zeigten sich die Verwundungen doch nicht minder schwer, dagegen oft eher noch zerstörender.

Bei dieser Gelegenheit ließen es sich auch die, im unteren Schiffsraume untergebrachten Frauen nicht nehmen, schwerer Samariterpflicht zu genügen. Hadjine Elizundo ging ihnen dabei mit leuchtendem Beispiele voran; aber auch alle Uebrigen bemühten sich, die Verwundeten nach besten Kräften zu pflegen und sie zu trösten und zu erquicken.

Dabei verließ auch die bejahrte Gefangene von Scarpanto ihr dunkles Versteck. Der Anblick des Blutes konnte sie nicht erschrecken, denn die wechselnden Ereignisse ihres Lebens hatten sie ja schon nach manchem Schlachtfelde geführt Beim Scheine der Lampen des beschränkten Raumes neigte sie sich über das Kopfende der Lagerstätten, auf denen die Verwundeten ruhten, lieh die helfende Hand bei den schmerzlichsten Operationen, und wenn eine neue Breitenlage die Corvette bis in alle Spanten erschütterte, verrieth nicht die leiseste Bewegung ihrer Augen, daß die entsetzlichen Detonationen sie erschreckten.

Indessen kam die Stunde heran, wo die Besatzung der »Syphanta« gezwungen sein sollte, gegen die Seeräuber mit blanker Waffe zu kämpfen. Die Linie derselben hatte sich geschlossen; der feuerspeiende Kreis verengerte sich allmählich, die Corvette wurde zum Zielpunkte aller dieser convergirenden Geschütze.

Sie vertheidigte sich jedoch muthig und machte der Flagge alle Ehre, die noch immer an ihrer Mastspitze wehte. Ihre Artillerie richtete an Bord der Flottille die ärgsten Verheerungen an. Zwei andere Fahrzeuge, eine Saîque und eine Feluke, wurden noch zerstört. Das eine versank, das von glühenden Kugeln durchlöcherte andere Fahrzeug verschwand bald in einem lodernden Flammenmeere.

Trotzdem war eine Erstürmung nicht zu umgehen. Die »Syphanta« hätte, um eine solche zu vermeiden, die feindliche Linie, welche sie rings umgab, durchbrechen müssen. Aus Mangel an Wind konnte sie das aber nicht, während die Seeräuberschiffe, von den großen Galeerenrudern getrieben, immer näher herankamen und den Kreis um sie enger schlossen.

Die Brigg mit der schwarzen Flagge befand sich nur noch in Pistolenschußweite, als sie noch eine volle Breitseite abgab. Eine Vollkugel schlug auf die Eisenverstärkung des Hinterstevens und machte das Steuerruder unbrauchbar.

Henry d’Albaret bereitete sich nun vor, die etwa anstürmenden Piraten zu empfangen und ließ die Seile der Schlagnetze und die Landungstaue emporziehen. Jetzt begann das Flintenfeuer von beiden Seiten zu knattern. Steinböller und Stutzbüchsen, Flinten und Pistolen schleuderten einen Hagel von Kugeln auf das Verdeck der »Syphanta«. Viele von der Mannschaft sanken noch, meist tödtlich getroffen, zu Boden. Zwanzigmal war Henry d’Albaret nahe daran, getödtet zu werden, aber immer unbeweglich und ohne Erregung ertheilte er von seinem Posten aus alle Befehle mit derselben Kaltblütigkeit, als hätte er bei einer Schiffsparade nur eine Ehrensalve zu commandiren.

Durch einzelne Lücken in den Rauchwolken konnten sich jetzt die feindlichen Mannschaften Aug‘ in Auge sehen. Man vernahm die wüthenden Fluchworte der Banditen. An Bord der Brigg mit der schwarzen Flagge suchte Henry d’Albaret vergeblich Sacratif herauszufinden, dessen Name allein genügte, den ganzen Archipel in Schrecken zu setzen.

Da legten sich jene Brigg und eine jener, welche die Kreislinie geschlossen hatten, ein wenig rückwärts unterstützt von den andern Fahrzeugen, an Backbord und Steuerbord längs der Seiten der Corvette an, deren Barkhölzer unter dem Drucke derselben knirschten.

Gleichzeitig klammerten sich die Enterhaken an die Schanzkleidung an und verbanden die drei Fahrzeuge mit einander. Die Kanonen derselben mußten nun schweigen, doch da die Stückpforten der »Syphanta« eben so viele, den Piraten offenstehende Breschen bildeten, blieb die Bedienung der Geschütze auf ihrem Posten, um jene mit Aexten, Pistolen und Lanzen zu vertheidigen. So lautete der Befehl des Commandanten, ein Befehl, der noch nach der Batterie hinunter ertheilt wurde, als die beiden Briggs sich an den Seiten anlegten.

Plötzlich erschallte von allen Seiten ein wildes Geschrei von solcher Heftigkeit, daß es einen Augenblick das Krachen der Gewehre übertönte.

»Zum Sturm! Zum Sturm!«

Der Kampf Mann gegen Mann wurde nun ein furchtbarer. Weder das Feuer der Stutzbüchsen, Steinböller und Gewehre, noch die hitzigsten Axtschläge oder die Spitzen der Lanzen vermochten die wüthenden, vor Erregung blinden und blutgierigen Gesellen abzuhalten, die Corvette zu erklimmen. Von den Mastkörben der Briggs aus überschütteten sie das Verdeck der »Syphanta« mit einem Hagel von Wurfgranaten, die dasselbe völlig unhaltbar machte, obgleich die Mastwächter der letzteren in derselben Weise tapfer antworteten. Henry d’Albaret sah sich von allen Seiten angegriffen. Die Schanzkleidung seines Schiffes wurde, obwohl sie die der Briggs nicht wenig überragte, im Sturme genommen. Die Seeräuber kletterten wohl auch von Raa zu Raa über, durchlöcherten die Schlagnetze und ließen sich von diesen aus auf das Verdeck nieder. Was hatte es zu bedeuten, daß einige von ihnen getödet wurden, ehe sie dasselbe erreichten! Ihre Zahl war eine zu große, als daß dadurch das drohende Verderben hätte abgewendet werden können.

Die jetzt auf weniger als zweihundert kampffähige Männer zusammengeschmolzene Besatzung der Corvette hatte sich gegen mehr als sechshundert Feinde zu vertheidigen.

In der That dienten die beiden Briggs noch fort während als Uebergang neuer Streiter, welche die Boote der Flottille heranbrachten. Es war eine Menge, gegen welche ein erfolgreicher Widerstand zur Unmöglichkeit wurde. Bald floß das Blut geradezu in Strömen über das Verdeck der »Syphanta«.

Die schon fast in Todeszuckungen liegenden Verwundeten erhoben sich noch einmal mit den letzten Kräften, um einen Pistolenschuß abzugeben oder einem Feinde den Dolch in den Leib zu stoßen. Mitten unter dichten Rauchwolken herrschte die entsetzlichste Verwirrung; aber die Flagge Korfus sank gewiß nicht herab, so lange noch ein Mann zu ihrer Vertheidigung übrig blieb.

Unter dem schrecklichsten Handgemenge kämpfte Xaris gleich einem Löwen. Er hatte das erhöhte Hinterdeck nicht verlassen. Zwanzigmal hatte seine Axt, deren Schaft seine kräftige Faust umspannte, durch einen wuchtigen Hieb auf den Kopf eines Seeräubers Henry d’Albaret das Leben gerettet.

Dieser aber blieb inmitten des Tumults und obgleich gegen die Ueberzahl der Andringenden nichts auszurichten war, doch immer Herr seiner selbst. Woran dachte er wohl?… Sich zu ergeben?… Nein, ein französischer Officier ergibt sich Seeräubern nicht! Doch was sollte er zuletzt thun? Sollte er das Beispiel des heldenmüthigen Bisson nachahmen, der sich unter ganz ähnlichen Verhältnissen zehn Monate vorher in die Luft sprengte, um den Türken nicht in die Hände zu fallen? Durste er hoffen, mit der Corvette auch die an ihre Seiten geketteten beiden Briggs zu vernichten? Damit weihte er dem gewissen Tode aber auch die Verwundeten von der »Syphanta«, die Nicolas Starkos vorher entrissenen Gefangenen, alle die Frauen, die Kinder!… Damit opferte er selbst Hadjine!… Und wie hätten Die, welche die Explosion verschonte, wenn Sacratif ihnen überhaupt das Leben schenkte, dann der drohenden Sclaverei entgehen können?

»In Acht nehmen, Herr Commandant!« rief eben Xaris, der sich schützend vor ihn drängte.

Eine Secunde später und Henry d’Albaret wäre zu Tode getroffen gewesen; Xaris packte aber mit beiden Fäusten den Piraten, der eben zum Schlage nach jenem ausholte und stürzte ihn in’s Meer. Noch dreimal versuchten Andere bis zu Henry d’Albaret vorzudringen, aber dreimal streckte Xaris dieselben zu seinen Füßen nieder.

Inzwischen war das Verdeck der Corvette von Feinden förmlich überschwemmt worden. Kaum hörte man dann und wann noch das Krachen eines Schusses. Ueberall schlug man sich mit blanker Waffe, und das Geschrei der Kämpfenden übertönte das Knallen des Pulvers.

Die Piraten, jetzt schon Herren des ganzen Vordertheils, hatten allmählich den Raum bis zum Fuße des Großmastes erobert. Nach und nach drängten sie die Besatzung bis nach dem erhöhten Hinterdeck zurück. Sie waren zum mindesten zehn gegen Einen. Wie wäre da ein siegreicher Widerstand möglich gewesen? Wenn der Commandant d’Albaret jetzt seine Corvette hätte in die Luft sprengen wollen, hätte er ein solches Vorhaben kaum noch ausführen können. Die Angreifer hielten schon die Luken und die Eingänge in ihrer Gewalt, durch welche man nach dem Inneren des Schiffes gelangte.

Sie hatten sich in der Batterie wie im Zwischendeck verbreitet, wo nun der Kampf mit derselben Wuth weitertobte, und es war gar nicht daran zu denken, an die Pulverkammern zu gelangen.

Ueberall besaßen auch die Seeräuber durch ihre Zahl das Uebergewicht. Nur eine aus ihren getödteten oder verwundeten Kameraden bestehende Schranke trennte sie noch von dem Hinterdeck der »Syphanta«. Gedrängt durch die Nachfolgenden, erkletterten die ersten Reihen diese Schranke aus menschlichen Leibern und bereiteten sich, mit den Füßen in Blut watend, zum Sturme auf das Hinterdeck.

Hier hielten sich etwa fünfzig Mann von der Besatzung, nebst fünf bis sechs Officieren und dem Capitän Todros, dicht aneinander geschlossen Sie umringten ihren Commandanten, Alle fest entschlossen, ihn bis zum Tode zu vertheidigen.

Auf diesem beschränkten Raum wurde der Kampf nun ein verzweifelter. Die Flagge, welche mit dem Besanmast vom Top heruntergestürzt war, wurde an der Fahnenstange des Achters wieder aufgezogen.

Hier war der letzte Punkt, den zu vertheidigen die Ehre noch den letzten Mann verpflichtete.

Was vermochte der kleine Haufen trotz aller Todesverachtung aber auszurichten gegen die fünf- bis sechshundert Seeräuber, welche das Vorderdeck, die Brücke und die Marsen inne hatten, von denen ein wirklicher Granatenhagel herniederprasselte? Die Besatzungen der Flottille strömten noch immer den ersten Angreifern zu Hilfe. Die Zahl der Raubgesellen blieb dadurch immer die nämliche, während jede Minute die Reihen der Vertheidiger des Hinterdecks lichtete.

Dieses Hinterdeck glich jedoch einer Festung, von der wiederholte Sturmangriffe schon siegreich abgewendet worden waren, so daß Niemand hätte sagen können, wie viel Blut schon um derselben willen vergossen worden war. Endlich wurde das Oberdeck doch eingenommen. Die Leute von der »Syphanta« mußten vor der sich heraufwälzenden Lawine bis zum Backbord zurückweichen. Dort umringten sie die Flaggenstange und bildeten mit ihren Körpern einen Wall um dieselbe. Die Pistole in der einen, den Dolch in der andern Hand, stand Henry d’Albaret mitten unter ihnen und gab die letzten Schüsse ab oder badete die blitzende Klinge im Blute eines Feindes.

Nein, der Commandant der Corvette ergab sich nicht! Er wurde nur durch die Uebermacht erdrückt. Da wollte er wenigstens den Tod suchen… vergeblich! Es schien fast, als ob Diejenigen, welche auf ihn eindrangen, den geheimen Befehl hätten, sich seiner lebend zu bemächtigen – ein Befehl, dessen Ausführung zwanzig der Tollkühnsten unter der Axt des wüthenden Xaris das Leben kostete.

Endlich wurde Henry d’Albaret mit den wenigen Officieren, welche noch nicht gefallen waren, gefangen genommen. Xaris und die Matrosen sahen sich zur thatlosen Ohnmacht verurtheilt. Die Flagge der »Syphanta« wehte nicht mehr am Fahnenstocke.

Gleichzeitig ertönten von allen Seiten wilde Schreie, Verwünschungen und laute Hurrahs. Es waren die Sieger, welche dieses Geheul ausstießen, um ihren Führer herzurufen.

»Sacratif!… Sacratif!« erscholl es aus der wüthenden Menge.

Da erschien dieser Führer über der Schanzkleidung der Corvette. Die rohen Gesellen wichen auseinander, um ihm Platz zu lassen. Er ging langsamen Schrittes auf das Hinterdeck zu und trat dabei, ohne sich besonders darum zu kümmern, auf die Leichen seiner eigenen Leute. Nachdem er dann die von Blut schlüpfrige Treppe zu dem Oberdeck erstiegen, schritt er auf Henry d’Albaret zu.

Der Commandant der »Syphanta« erblickte endlich Denjenigen, den der Schwarm der Seeräuber mit dem Namen Sacratif begrüßt hatte.

Es war Nicolas Starkos.

Zweites Capitel


Zweites Capitel

Auge in Auge.

Zehn Minuten später verließ ein leichtes Boot, eine Gig, die Sacoleve und führte nach dem Fuße des Molos ohne jede Begleitung und ohne Waffen den Mann, vor dem die Vityliner so schnell den Rückzug angetreten hatten.

Es war der Capitän der »Karysta« – so nannte sich das kleine Fahrzeug, welches eben im Hafen vor Anker gegangen war.

Unter der dicken Seemannsmütze zeigte dieser nur mittelgroße Mann eine hohe stolze Stirn und in den grausamen Augen einen höchst entschlossenen Blick. Ueber seine Oberlippe lief der Klephte-Schnurrbart wagrecht nicht in Spitzen, sondern in starken Haarbüscheln aus. Seine Brust war breit, seine Glieder muskulös. In Locken fielen ihm die schwarzen Haare auf die Schultern. Wenn er fünfunddreißig Jahre überschritten hatte, konnte das nur um wenige Monate sein. Aber sein durch Sonne und Wind gebräunter Teint, die Härte seiner Züge und eine Falte auf der Stirn, die wie eine Furche vertieft erschien, in der kein guter Samen keimen konnte, ließ ihn entschieden älter erscheinen, als er in der That war.

Was die Kleidung angeht, die er eben trug, so bestand diese weder aus der Weste, noch dem Brustlatz oder der Fustanella des Palikaren. Der Kaftan, die Kapuze von brauner Farbe, welche wenig hervortretend gestickt war, die grünlichen Beinkleider mit den weiten Falten, welche sich in hohe Stiefeln verloren, erinnerten weit eher an die Tracht eines Seemannes aus den Barbaresken-Staaten.

Dennoch war Nicolas Starkos wirklich von Geburt ein Grieche und ein Eingeborner des Hafens von Vitylo. Hier hatte er seine ersten Jugendjahre verbracht. Als Kind und als Jüngling hatte er zwischen diesen Felsgebilden den Anblick des Meeres lieben gelernt. Auf diesen Gewässern war er, eine Beute des Windes und der Strömungen, so viel umhergefahren. Hier gab es keine Einbuchtungen, deren Wassertiefe und Landungsplätze er nicht gekannt hätte; kein Riff, keinen Grund, keinen Unterwasserfelsen, dessen Lage ihm verborgen geblieben wäre; keine Windung des Canals, welche er selbst ohne Lootsen und ohne Compaß nicht hätte in Sicherheit befahren können. Das erklärt denn auch leicht, warum er trotz der falschen Signale seiner Landsleute die Sacoleve immer hatte mit ruhiger Hand leiten können. Daneben wußte er, wie wenig den Vitylinern Vertrauen zu schenken war. Er hatte sie schon gar zu oft in Thätigkeit gesehen. Und im Grunde mißbilligte er vielleicht nicht einmal ihre räuberischen Gewohnheiten, wenigstens sobald er persönlich gesichert war, nicht davon zu leiden.

Doch wenn Nicolas Starkos seine Leute kannte, so war er nicht minder bei ihnen bekannt. Nach dem Tode seines Vaters, der unter den Tausenden von Opfern fiel, welche die Grausamkeit der Türken hinschlachtete, lechzte seine von Rache erfüllte Mutter nur nach der Stunde, wo sie sich bei der ersten Erhebung gegen das türkische Joch auflehnen konnte. Er selbst hatte Magne mit achtzehn Jahren verlassen, um zur See zu gehen, wobei er vorzüglich im Archipel umherfuhr, und sich dabei nicht allein zum vortrefflichen Seemanne, sondern auch in dem Handwerk des Räubers ausbildete.

Niemand hätte wohl zu sagen vermocht, an Bord wie vieler Schiffe er seitdem gedient, welche Flibustier- oder Seeräuberführer ihn unter ihrem Befehl gehabt, unter welcher Flagge er zuerst gekämpft, wie viel Blut seine Hand schon vergossen, Blut der Feinde Griechenlands ebenso wie solches seiner Vertheidiger – dasselbe, welches auch in seinen Adern rollte. Wiederholt hatte man ihn schon in verschiedenen Häfen des Busens von Coron gesehen. Manche seiner Landsleute hätten wohl verschiedene Großthaten von ihm berichten können, wenn er sich mit ihnen verbündet hatte, Handelsschiffe zu überfallen und zu vernichten, um die reiche Beute mit ihnen zu theilen. Dennoch umgab den Namen Nicolas Starkos‘ ein gewisses Geheimniß. Jedenfalls war er aber in den Provinzen von Magne so bekannt, daß sich Alle vor seinem Namen verneigten.

Damit erklärte sich auch der Empfang, den dieser Mann bei den Bewohnern von Vitylo fand, ebenso der Umstand, daß schon seine Anwesenheit genügte, alle auf die geplante Plünderung verzichten zu lassen, sobald sie nur erkannt hatten, wer die Sacoleve befehligte.

Sobald der Capitän der »Karysta« ein wenig hinter dem Quai den Hafen betreten hatte, bildeten die zu seinem Empfange herbeigelaufenen Männer und Frauen ehrerbietig eine Kette, um ihn hindurch zu lassen. Als er an’s Land stieg, wurde kein Ausruf laut. Es schien als ob Nicolas Starkos hier einen hinreichenden Einfluß ausübte, um Anderen schon durch sein Erscheinen Ruhe zu gebieten. Die Leute warteten, bis er sprechen würde, und wenn das – wie wahrscheinlich – nicht der Fall war, hätte sich gewiß Niemand erlaubt, ein Wort an ihn zu richten.

Nachdem Nicolas Starkos seinen Matrosen der Gig befohlen, an Bord zurückzukehren, begab er sich nach dem Winkel, den der Quai im Hintergrunde des Hafens bildete. Kaum hatte er aber zwanzig Schritte in dieser Richtung gethan, als er plötzlich stehen blieb. Dann wandte er sich an den alten Seemann, der ihm nachfolgte, als erwarte er von ihm noch irgend welche Befehle.

»Gozzo, begann er, ich werde noch zehn kräftige Burschen brauchen, um meine Besatzung zu vervollständigen.

– Du wirst sie haben, Nicolas Starkos,« antwortete Gozzo.

Hätte der Capitän der »Karysta« Hundert zur Auswahl unter der seefahrenden Bevölkerung des Ortes verlangt, so würde er diese auch gefunden haben. Und diese hundert Mann würden, ohne zu forschen, wohin sie geführt würden, wozu sie bestimmt seien, für wessen Rechnung sie fahren oder kämpfen sollten, ihrem Landsmanne gefolgt sein, bereit, sein Los zu theilen, da sie recht gut wußten, daß ihnen auf die eine oder die andere Weise daraus zuletzt Vortheil entspringen müsse.

»Jene zehn Mann, fuhr der Capitän der »Karysta« fort, müssen binnen einer Stunde an Bord sein.

– Sie werden da sein,« versicherte Gozzo.

Nicolas Starkos deutete ihm durch eine Handbewegung an, daß er seine Begleitung nicht weiter wünsche, ging längs des Quais, der sich an den Molo anschloß, weiter und verschwand in einer der engen, am Hafen mündenden Straßen.

Der alte Gozzo kehrte, seinem Willen gehorchend, zu den Gefährten zurück und ging sofort daran, die zehn Burschen auszuwählen, welche die Mannschaft der Sacoleve zu vermehren bestimmt waren.

Inzwischen klomm Nicolas Starkos immer höher den Abhang des steilen Ufers empor, auf dem der Flecken Vitylo erbaut ist. Hier oben hörte man weiter nichts, als das Gebell der wilden Hunde, welche den Reisenden oft nicht weniger gefährlich sind, als die Schakals und Wölfe, Hunde mit gewaltigem Gebiß und dem breiten Gesicht der Dogge, die vor keinem Stocke zurückweichen. Mit langsamem Schlage der langen Flügel flatterten noch einige Seemöven umher, welche ihre Schlupfwinkel am Strande aufsuchten. Bald hatte Nicolas Starkos die letzten Häuser von Vitylo hinter sich gelassen. Er schlug jetzt den beschwerlichen Fußpfad ein, der um die Akropolis von Kerapha herumführt. Nachher kam er an den Ruinen einer Befestigung vorüber, welche hier zu jener Zeit von Ville-Hardouin angelegt worden war, als die Kreuzfahrer verschiedene Punkte des Peloponnes besetzt hielten, und dann umschritt er noch den Fuß einiger alter Thürme, die sich noch jetzt hier auf dem Felsenufer erheben. Bei diesen blieb er stehen und wendete sich zu einem Rückblick um.

Am Horizonte, jenseits des Cap Gallo, neigte sich der zunehmende Mond seinem Untergange im Ionischen Meere zu. Da und dort flammten einige Sterne durch die zerrissenen Wolken, welche der frische Abendwind über den Himmel jagte. Wenn dieser ein mal nachließ, herrschte Todtenstille rings um die Citadelle. Zwei oder drei kaum sichtbare kleine Fahrzeuge durchfurchten das Wasser im Golfe, näherten sich Coron oder wendeten sich Kalamata zu. Ohne die Laternen, welche an ihrer Mastspitze leuchteten, hätte man dieselben vielleicht kaum erkennen können. An anderen Punkten der Küste brannten sieben bis acht Feuer, welche sich im Meere zitternd wiederspiegelten. Waren dies Lichter von Fischerfahrzeugen oder solche in Wohnungen am Strande? Das hätte man schwerlich unterscheiden können.

Nicolas Starkos ließ den schon an die Dunkelheit gewohnten Blick über die ungeheure Fläche schweifen. Das Auge des Seemanns hat oft eine unbegreifliche Schärfe und gestattet ihm da noch etwas zu unterscheiden, wo Andere gar nichts sehen würden. Im jetzigen Augenblick schien es aber nicht, als ob die Außenwelt den Capitän der »Karysta«, der ja in seinem Leben so Vieles gesehen hatte, besonders interessiren könnte. Er saugte die Luft der Heimat, gleichsam den Athem des Landes, fast unbewußt ein. So stand er unbeweglich, nachsinnend mit gekreuzten Armen da und hielt auch den Kopf, von dem jetzt die Kapuze zurückgeschlagen war, still, als wär‘ er aus Stein gemeißelt.

So verging etwa eine Viertelstunde. Immer hatte Nicolas Starkos den Westhimmel beobachtet, den ein ferner Meereshorizont begrenzte. Dann that er einige Schritte weiter das Felsenufer hinaus. Es war nicht Zufall, daß er so zögerte. Ihn erfüllte ein geheimer Gedanke, und wer ihn gesehen, hätte vielleicht gesagt, daß er noch zu erkennen vermeide, was er hier auf der Anhöhe hinter Vitylo eigentlich aufzusuchen gekommen war.

*

Es gibt kaum einen öderen Anblick, als diese Küste vom Cap Matapan bis zum äußersten Hintergrunde des Golfs. Hier wuchsen weder Orangen-, noch Citronenbäume, weder wilde Rosen, noch Lorbeer, kein Jasmin von Argolis, keine Feigen, keine Erd- oder Maulbeerbäume, nichts was gewissen Gegenden von Griechenland den Anblick einer so üppigen, reichen Landschaft verleiht. Hier erhob sich keine grüne Eiche, keine Platane, kein Granatbaum, der sich vom dunkleren Hintergrunde der Cypressen und Cedern abhob. Ueberall nur Felsen, welche jede Erschütterung dieser vulkanischen Gebiete leicht in das Wasser des Golfes stürzen konnte. Ueberall herrschte auf diesem wilden Boden von Magne eine trostlose Dürre, so daß dieser nicht einmal seine dünn gesäete Bevölkerung zu ernähren vermochte. Kaum standen hier einzelne verkümmerte Pinien, welche halb abgestorben aussahen, weil man ihnen das Harz geraubt, und deren Saft versiegt war, wie die tiefen Risse der Stammrinde zeigten. Da und dort ein magerer Cactus mit scharfen Stacheln, dessen Blätter mehr kleinen, halb geschorenen Igeln glichen. Nirgends endlich fand sich, weder an den verkrüppelten Sträuchern, noch auf dem Boden, der mehr aus Kieselsteinen als aus nahrhafter Erde bestand, etwas, um die Ziegen zu ernähren, welche doch mit dem ärmlichsten Futter vorlieb zu nehmen pflegen.

Nachdem er zwanzig Schritte vorwärts gethan, blieb Nicolas Starkos von Neuem stehen. Dann wandte er sich nach Nordosten, dahin, wo der entfernte Gipfel des Taygetos seine Umrisse von dem minder dunklen Grunde des Himmels abhob. Ein oder zwei Sterne, welche um diese Zeit aufgingen, schienen am Rande des Horizontes, wie zwei leuchtende Punkte, auf demselben zu lagern.

Nicolas Starkos war regungslos stehen geblieben. Er erblickte jetzt ein kleines, niedriges, aus Holz erbautes Haus, das etwa fünfzig Schritte von ihm in einer Ausbuchtung des Felsgebirges verborgen lag.

Es war eine bescheidene Wohnstätte, vereinzelt über dem Flecken liegend, zu der man nur auf steilem Fußwege gelangte und welche wenige halb entlaubte Bäume, sowie eine Dornenhecke umgaben. Diese Wohnung erschien auf den ersten Blick als schon lange verödet. Die Hecke war in schlechtem Zustande, hier buschig verwachsen, dort wieder durchbrochen, und bildete so einen sehr unzureichenden Schutz; Hunde und Schakals, welche zuweilen diese Gegend durchstreiften, hatten wiederholt diesen verlassenen Winkel des maniatischen Bodens verwüstet. Grobe Kräuter und Buschwerk waren das Einzige, was die Natur hier da und dort verstreut hatte, nachdem die Hand des Menschen sich nicht mehr zur Pflege des Ortes regte.

Warum war derselbe aber so verlassen? Nun, der Besitzer dieses Fleckchens hatte schon vor langen Jahren die Augen geschlossen. Seine Witwe, Andronika Starkos, verließ später das Land, um sich jenen todesmuthigen Frauen anzuschließen, welche sich im griechischen Unabhängigkeitskriege so rühmlich hervorthaten. Daher kam es auch, daß der Sohn, seitdem er das Haus verlassen, niemals wieder den Fuß über die väterliche Schwelle gesetzt hatte.

Hier war Nicolas Starkos geboren und hier verliefen die ersten Jahre seiner Kindheit. Sein Vater hatte sich nach langem ehrenvollen Leben als Seemann nach dieser Freistatt zurückgezogen, vermied aber gern jede Berührung mit der Einwohnerschaft von Vitylo, deren wilde Sitten ihm ein Greuel waren. Etwas gebildeter und mit mehr Verständniß für die Annehmlichkeiten des Lebens, hatte er sich mit Weib und Kind hier eine freundliche Existenz gegründet. So lebte er in diesem Schlupfwinkel ruhig und unbeachtet, bis er eines Tages, von aufflammendem Zorn übermannt, sich der Bedrückung seitens der türkischen Behörden widersetzte und seinen Widerstand mit dem Leben bezahlen mußte. Den türkischen Agenten konnte eben Niemand entgehen, nicht einmal im entferntesten Winkel der Halbinsel.

Als der Vater nicht mehr da war, seinen Sohn zu leiten, wurde es der Mutter völlig unmöglich, ihn zu zügeln. Nicolas Starkos entwich aus dem Hause, um zur See zu gehen, und stellte seine ihm angebornen guten Anlagen zum Seemann der Seeräuberei und den Schurken, welche sie betrieben, zur Verfügung.

Seit zehn Jahren hatte nun der Sohn das Haus verlassen; vor sechs Jahren war ihm seine Mutter nachgefolgt. In der Umgegend behauptete man jedoch, daß Andronika zuweilen hier anwesend sei. Man hatte sie wenigstens zu bemerken geglaubt, wenn auch nur in langen Zwischenräumen und auf kurze Zeit, während sie dabei auch vermieden hatte, mit Jemand aus dem Orte zusammenzutreffen.

Nicolas Starkos hatte, obgleich er im Verlauf seiner Fahrten schon ein oder zwei Mal nach Magne zurückgekehrt war, doch niemals Sehnsucht empfunden, die bescheidene Wohnung auf dem Felsen aufzusuchen. Nie sachte er von seiner Mutter zu erfahren, ob sie noch dann und wann nach dem verlassenen Heim zurückkehre. Während der furchtbaren Kämpfe, welche zu jener Zeit Griechenland zerfleischten, hatte er aber gewiß den Namen Andronika gehört – einen Namen, der ihn hätte mit Gewissensbissen erfüllen müssen, wenn sein Gewissen nicht eben schon verhärtet oder ganz abgetödtet gewesen wäre.

Als Nicolas Starkos aber heute in den Hafen von Vitylo angelaufen war, geschah das nicht allein mit der Absicht, die Besatzung der Sacoleve durch zehn Mann zu verstärken. Ein Wunsch – mehr als ein Wunsch – ein unwiderstehliches Verlangen, von dem er sich selbst kaum Rechnung gab, hatte ihn hierher getrieben.

Er fühlte das Bedürfniß, noch einmal, wahrscheinlich zum letzten Male, das Vaterhaus wiederzusehen, noch einmal den Boden mit dem Fuße zu berühren, auf dem er die ersten Schritte, noch einmal die Luft jener Mauern zu athmen, zwischen denen er den ersten Athemzug gethan und wo er die ersten kindlichen Worte gelallt hatte. Deshalb allein klomm er hier den steilen Pfad empor, deshalb befand er sich zu dieser Stunde hier vor der Barriere der kleinen Umzäunung.

Hier überfiel ihn ein merkwürdiges Zögern. Es gibt ja kein so verhärtetes Herz, das nicht lauter klopfte, wenn in ihm liebe Bilder der Vergangenheit erwachen. Keiner wird geboren, der an die Stelle seiner Geburt, an die, wo ihn die Mutter gewiegt, nicht eine dauernde Anhänglichkeit empfände. Die Nerven keines Geschöpfs können so für jedes Gefühl erlahmen, daß sie nicht zitterten, wenn eine solche Erinnerung sie erregen.

Ganz ebenso ging es Nicolas Starkos, als er vor der Schwelle des verlassenen Hauses stand, das so düster, so schweigend, so todtenstill im Inneren und im Aeußeren vor ihm lag.

»Hinein!… Ja!… Hinein!…«

Das waren die ersten Worte, welche Nicolas Starkos wieder sprach Eigentlich murmelte er sie nur vor sich hin, als fürchte er, gehört zu werden und irgend eine Erscheinung aus vergangener Zeit wachzurufen.

In die Umzäunung zu gelangen, war ja ganz leicht, da die Thür zerfallen und Theile davon auf dem Boden umherlagen. Er hatte nur die Thür zu öffnen, einen Riegel zurückzuschieben.

Nicolas Starkos trat ein. Er blieb vor dem Hause stehen, dessen vom Regen halb verfaulte Läden nur noch schwach in den verrosteten, zerfressenen Angeln hingen.

Da ließ eine Nachteule einen heiseren Schrei ertönen und flog schwerfällig aus dem Mastixbusche auf, der sich vor der Schwelle der Hausthür ausbreitete.

Noch immer zauderte Nicolas Starkos, obwohl er entschlossen war, die Wohnung in allen Theilen zu sehen; es bedrückte ihn jedoch ein unbehagliches Gefühl über das, was in ihm vorging, als er jetzt doch etwas wie Gewissensbisse verspürte. Er fühlte sich bewegt, doch auch fast gereizt. Es erschien ihm, als ob das väterliche Dach vor ihm verschwinden könne, wie ein Protest gegen ihn, wie ein letzter Fluch der ihn traf.

Bevor er sich in das Haus selbst begab, wollte er um dasselbe ganz herum gehen. Die Nacht war finster. Niemand sah ihn und »er sah und erkannte sich fast selbst nicht«. Bei hellem Tage hätte er sich wohl kaum hierher gewagt. In tiefer Nacht fühlte er sich muthiger, dem Ansturm seiner Erinnerungen zu trotzen.

So ging er denn schleichenden Schrittes, gleich einem Verbrecher, der sich die Oertlichkeit ansieht, an welcher er einen schwarzen Plan zur Ausführung bringen will, längs der Außenwand hin, um die Ecken, welche zum Theil durch Moose verhüllt waren, betastete mit der Hand die losen Steine, um sich zu überzeugen, ob in dieser Leiche von Haus doch vielleicht noch etwas Leben wohne, und lauschte dann, ob dessen Herz noch schlage. Auf der Rückseite sah Alles noch düsterer aus. Die schrägen Strahlen des schon untergehenden Mondes konnten nicht hierher dringen.

Langsam hatte Nicolas Starkos seine Runde gemacht. Die finstere Wohnung bewahrte eine Art beunruhigendes Schweigen. Man hätte glauben können, sie läge unter dem Banne eines Zauberers. Jetzt kehrte er nach der Westseite derselben zurück und näherte sich der Thür, um diese aufzustoßen, wenn sie nur durch einen Drücker geschlossen war, oder sie mit Gewalt zu öffnen, wenn ein altes Schloß an derselben sie noch fester zuhielt.

Da drang ihm aber das Blut zu den Augen. Er sah »roth«, wie man sagt, aber feuerroth. Das Haus, welches er noch einmal besuchen wollte, wagte er jetzt nicht mehr zu betreten. Es war ihm, als müsse sein Vater oder seine Mutter mit ausgestreckten Armen auf der Schwelle erscheinen und ihm fluchen, ihm, dem verlornen Sohn, ihm, dem schlechten Bürger, dem Verräther an seiner Familie, an seinem Vaterlande.

Jetzt öffnete sich wirklich langsam die Thür. Ein Weib erschien auf der Schwelle Sie trug maniatische Kleidung, einen baumwollenen Rock mit schmaler rother Kante, ein Leibchen von dunklerer Farbe, das um die Taille zugeschnürt war, und auf dem Kopfe eine große bräunliche Haube, umwunden mit einem Seidentuche in griechischen Nationalfarben.

Diese Frau hatte ein sehr energisches Gesicht mit großen schwarzen Augen von fast wilder Lebhaftigkeit, gebräunten Teint, gleich den Fischerfrauen der Küste, dazu war sie groß von Gestalt und hielt sich, obwohl sie schon über sechzig Jahre zählte, stolz aufrecht. Andronika Starkos war es. Mutter und Sohn, welche seit so langer Zeit körperlich und geistig getrennt gelebt hatten, standen sich jetzt Auge in Auge gegenüber.

Nicolas Starkos hatte doch kaum erwartet, hier seiner Mutter zu begegnen. Die Erscheinung derselben flößte ihm einen merkwürdigen Schrecken ein.

Andronika streckte einen Arm gegen ihren Sohn aus, untersagte ihm das Betreten des Hauses und rief mit einer Stimme, welche die Worte selbst noch grausamer erscheinen ließ: »Niemals wird Nicolas Starkos wieder den Fuß in das Haus seines Vaters setzen!… Niemals!«

Erschüttert durch diese Anrede, wich der Sohn ein wenig zurück. Die, welche ihn unter dem Herzen getragen, trieb ihn jetzt von sich, wie man einen Verräther verjagt. Noch einmal wagte er einen Schritt vorwärts. Eine Handbewegung – eine Drohung und Verwünschung zugleich – hemmte seinen Fuß.

Nicolas Starkos wandte sich nach rückwärts, verließ die Umzäunung, eilte nach dem steilen Wege, der zum Strande hinabführte, und floh, was ihn die Füße tragen konnten, als ob eine unsichtbare Hand sich ihm auf die Schulter gelegt hätte, die ihn weiter trieb.

Regungslos auf der Schwelle ihres Hauses stehen bleibend, hatte Andronika ihn im Dunkel der Nacht verschwinden sehen.

Zehn Minuten später war Nicolas Starkos seiner soweit wieder Herr geworden, daß ihm Niemand die vorhergegangene Erregung anmerkte; so erreichte er den Hafen, pfiff Gozzo herbei und sprang in das leichte Boot. Die von Gozzo ausgewählten zehn Männer befanden sich schon an Bord der Sacoleve.

Ohne ein Wort zu sprechen, bestieg Nicolas Starkos das Verdeck der »Karysta« und bedeutete seinen Leuten durch ein Zeichen, augenblicklich die Anker zu lichten. Sein Befehl war schnell ausgeführt, da ja nur die zum Hissen bereit liegenden Segel aufgespannt zu werden brauchten. Der sich jetzt erhebende Landwind erleichterte die Ausfahrt aus dem Hafen.

Fünf Minuten später glitt die »Karysta« sicher und still durch die enge Wasserstraße, ohne daß von den Leuten an Bord, noch von den Bewohnern Vitylos ein Laut hörbar geworden wäre.

Die Sacoleve hatte indeß noch kaum eine Meile zurückgelegt, als ein röthlicher Flammenschein den Kamm des Felsenstrandes erleuchtete.

Es war die Wohnung der Andronika Starkos, welche bis auf den Grund niederbrannte. Die Hand der Mutter hatte dieses Feuer selbst angelegt. Sie wollte nichts von der Stelle übrig lassen, an der einst ihr Sohn geboren worden war.

Noch drei Meilen weit hin konnte der Capitän die Augen nicht abwenden von dem Feuer, das auf dem Boden von Magne emporloderte, und er verfolgte es im Dunklen, bis der letzte Schein desselben erlosch.

Andronika hatte gesagt:

»Niemals wird Nicolas Starkos den Fuß wieder in das Haus seines Vaters setzen!… Niemals!«

Drittes Capitel


Drittes Capitel

Griechen gegen Türken.

In vorhistorischer Zeit, als die feste Erdrinde sich nach und nach unter der Einwirkung innerer neptunischer und vulkanischer Kräfte dauernd gestaltete, verdankte Griechenland sein Entstehen einer Umwälzung, welche diesen Theil des Erdbodens über das Niveau des Meeres erhob, während diese im Archipel gleichzeitig einen Theil des früheren Festlandes verschlang, dessen oberste Spitzen jetzt nur noch in Form von Inseln emporragen. Griechenland liegt thatsächlich in der vulkanischen Linie, welche sich von Cyprien bis Toscana hinzieht. Seit der Zeit, wo diese Geschichte spielt, ist die Insel Santorin dem unterirdischen, Feuer zum Opfer gefallen. Vostitsa im Jahre 1861, Theben in demselben Jahre, wurden gleichmäßig durch starke Erderschütterungen verwüstet.

Es scheint, als ob die Griechen von ihrem unbeständigen Boden jene Neigung zu physischer und moralischer Erregbarkeit angenommen hätten, welche sie zuweilen zu den heldenmüthigsten Aufopferungen befähigt. Ebenso wahr ist es, daß sie, Dank ihren natürlichen Eigenschaften, einem unbezähmbaren Muthe wie lebhafter Vaterlands- und Freiheitsliebe, es dahin gebracht hatten, die seit Jahrhunderten durch das Joch der ottomanischen Herrschaft bedrohten Provinzen zu einem einheitlichen Staate zu gestalten.

Pelasgisch in den entlegensten Zeiten, das heißt bevölkert von asiatischen Stämmen, hellenisch vom sechzehnten bis zum vierzehnten Jahrhundert vor Christus, das heißt seit dem Auftreten der Hellenen, von denen ein besonderer Stamm, die Graikoi, ihm zu jener fast mythologischen Zeit der Argonauten, der Herakliden und des trojanischen Krieges den Namen geben sollte; dann völlig griechisch seit Lykurg mit Miltiades, Themistokles, Aristides, Leonidas, Aeschylos, Sophokles, Aristophanes, Herodot, Thucydides, Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristot, Hyppokrates, Phidias, Perikles, Alcibiades, Pelopidas, Epaminondas, Demosthenes; später macedonisch mit Philipp und Alexander, wurde Griechenland schließlich eine römische Provinz unter dem Namen Achaia, hundertsechsundvierzig Jahre vor Christus, und blieb es während eines Zeitraumes von vierhundert Jahren.

Von da ab nach einander erobert von den Westgothen, den Vandalen, Ostgothen, Bulgaren, Slaven, Arabern, Normannen und Sicilianern; zeitweilig in der Gewalt der Kreuzfahrer zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts und getheilt in eine Menge Einzelreiche im fünfzehnten Jahrhundert fiel das, in alter wie in neuer Zeit so hart geprüfte Land zu allerletzt in die Hände der Türken und kam also unter ottomanische Herrschaft.

Fast zwei Jahrhunderte lang konnte man jedes politische Leben in Griechenland fast als gänzlich abgestorben betrachten.

Die Willkürherrschaft der ottomanischen Beamten, welche hier die Zügel der Regierung führten, überschritt alle Grenzen. Die Griechen waren nicht etwa annectirt, nicht durch Eroberung erworben, nicht einmal Besiegte, sie galten nur als Sclaven, die unter dem Stocke des Paschas mit dem Iman oder Priester an der Rechten und dem Djellah oder Henker an der Linken gehalten wurden.

*

Alles Leben war aber doch nicht aus dem geknechteten Lande entwichen. Noch einmal sollte es sich unter quälendem Schmerze auf’s Neue regen. Die Montenegriner von Epirus (im Jahre 1766), die Maniaten (im Jahre 1769), die Sulioten von Albanien empörten sich endlich und forderten ihre Unabhängigkeit; im Jahre 1804 wurden freilich alle diese Aufstandsversuche durch Ali de Tebelen, den Pascha von Janina, grausam unterdrückt.

Jetzt war es hohe Zeit für die europäischen Mächte, ein Wort mit hinein zu sprechen, wenn sie nicht die völlige Vernichtung Griechenlands wollten. Auf die eigenen Kräfte beschränkt, konnte es eben nur sterben beim Versuche, seine Freiheit zu erkämpfen.

Da rief Ali de Tebelen, der sich 1821 selbst gegen den Sultan Mahmud empörte, die Griechen unter Zusicherung ihrer Freiheit zu Hilfe. Sie erhoben sich in Masse. Von allen Seiten Europas eilten die Philhellenen zu ihrer Hilfe herbei. Da warfen sich Italiener, Polen und Deutsche, vorzüglich aber Franzosen, den Unterdrückern opferfreudig entgegen. Die Namen Guys‘ de Sainte Helene, Gaillard’s, Chauvassaigne’s, der Capitäne Baleste und Jourdain, des Obersten Fabvier, des Reiterführers Regnaud de Saint Jean d’Angély, des Generals Maison, denen noch die von drei Engländern, Lord Cochrane, Lord Byron und Colonel Hastings, anzuschließen wären, haben in dem Lande, für welches sie kämpften und in den Tod gingen, ein unverlöschliches Andenken hinterlassen. Den Namen dieser Männer, welche sich durch ihren Opfermuth für die Sache der Unterdrückten so auszeichneten, daß sie sich zu den heldenmüthigsten Thaten aufrafften, sollte Griechenland selbst manche Namen aus seinen hervorragendsten Familien zur Seite stellen: drei Hydrioten, Tombasis, Tsamados und Miaulis, ferner Colocotroni. Marco Botsaris, Maurocordato, Mauromichalis, Constantin Canaris, Negris, Constantin und Demetrius Ypsilanti, Ulysse und manche Andere. Von Anbeginn gestaltete sich die Erhebung bis auf’s Messer, Zahn um Zahn Auge um Auge, was immer die furchtbarsten Repressalien von der einen wie von der anderen Seite zur Folge hatte.

Im Jahre 1821 erhoben sich die Sulioten und Magne. In Patras erhob der Bischof Germanos, das Kreuz in der Hand, den ersten Schlachtruf. Morea, die Moldau und der Archipel schaaren sich unter der Standarte der Unabhängigkeit. Auf dem Meere siegreich, gelingt es den Griechen sich Tripolitzas zu bemächtigen. Diesen ersten Erfolg der Griechen beantworteten die Türken mit der Niedermetzlung derjenigen ihrer Landsleute, welche sich in Constantinopel befanden.

1822 wird Ali de Tebelen, während der Belagerung seiner Festung Janina, meuchlings bei einer Conferenz ermordet, die ihm der türkische General Kurschid bewilligt hatte. Kurze Zeit darauf werden Maurocordato und die Philhellenen in der Schlacht bei Arta vernichtet; sie erringen aber wieder Vortheile bei der ersten Belagerung Missolunghis, welche die Armee Omer Vriones nicht ohne beträchtliche Verluste aufgeben muß.

Von 1823 ab mischen sich die fremden Mächte etwas energischer ein. Sie bieten dem Sultan ihre Vermittelung an. Der Sultan weist diese zurück und schifft, um seiner Weigerung Nachdruck zu geben, zehntausend asiatische Soldaten auf Euböa aus. Dann überträgt er das Obercommando der türkischen Armee seinem Vasall Mehemet Ali, dem Pascha von Aegypten. In den Kämpfen dieses Jahres fiel auch Marco Botsaris, der Patriot, von dem man sagen konnte: Er lebte wie Aristides und starb wie Leonidas.

1824, zur Zeit der schlimmsten Unglücksfälle der Sache der Freiheit, war Lord Byron am 24. Januar in Missolunghi gelandet und fiel schon zu Ostern vor Lepante, ohne seinen schönen Traum haben in Erfüllung gehen zu sehen. Die Ipsarioten wurden von den Türken niedergemacht, und die Stadt Kandia auf Kreta ergab sich den Truppen Mehemet Ali’s. Nur einzelne Erfolge zur See konnten die Griechen über so viel Unglücksschläge trösten.

Im Jahre 1825 landete Ibrahim Pascha, der Sohn Mehemet Ali’s, in Modon auf Morea mit elftausend Mann. Er bringt Navarin in seine Gewalt und schlägt Colocotroni in Tripolitza. Zu dieser Zeit übergab die hellenische Regierung ein Corps regulärer Truppen zur Führung zwei Franzosen, Fabvier und Regnaud de Saint Jean d’Angély. Ehe diese Truppen aber irgend in Bereitschaft waren, um einigermaßen Widerstand zu leisten, verwüstete Ibrahim Messenia und Magne. Wenn er seine Operationen unterbrach, geschah es nur, um an der zweiten Belagerung von Missolunghi theilzunehmen, welches der General Kiutagi nicht zu überwinden vermochte, obgleich der Sultan zu ihm gesagt hatte: »Entweder Missolunghi oder Deinen Kopf!«

Am 5. Januar 1825 kam Ibrahim, nachdem er Pyrgos eingeäschert, vor Missolunghi an. Im Laufe von drei Tagen, vom 25. bis 28., warf er achttausend Bomben und Kugeln in die Stadt, ohne, trotz wiederholtem Sturm, in dieselbe eindringen zu können und obwohl er nur zweitausendfünfhundert durch Entbehrungen schon entkräftete Streiter gegen sich hatte. Doch sollte er sein Ziel erreichen, vorzüglich als Miaulis mit seinem Geschwader, das den Belagerten Hilfe brachte, zurückgeschlagen worden war. Am 23. April fiel Missolunghi, nach einer Belagerung, welche neunzehnhundert von seinen Vertheidigern das Leben kostete, in die Gewalt Ibrahim’s, und seine Soldaten metzelten Männer, Frauen und Kinder, fast Alles, was von den neuntausend Bewohnern der Stadt noch lebte, erbarmungslos nieder. Im nämlichen Jahre erschienen die von Kiutagi geführten Türken, nachdem sie Phokis und Böotien verwüstet, am 10. Juli vor Theben, drangen in Attika ein, berannten Athen und belagerten die von fünfzehnhundert Griechen vertheidigte Akropolis. Zur Unterstützung dieser Citadelle, dem Schlüssel Griechenlands, sandte die neue Regierung Caraïskakis, einen der Helden von Missolunghi, und den Obersten Fabvier mit seinem Corps von Regulären. Die Schlacht, welche diese bei Chaïdari lieferten, ging verloren und Kiutagi konnte die Belagerung der Akropolis fortsetzen. Inzwischen drang aber Caraïskakis durch die Felsschluchten des Parnassus, schlug die Türken bei Arachova am 5. December und errichtete auf dem Schlachtfelde ein Siegeszeichen von dreihundert abgeschnittenen Köpfen. Das nördliche Griechenland war damit fast gänzlich frei geworden.

Leider war, begünstigt durch diese Kämpfe, der Archipel den Einfällen der frechsten Seeräuber preisgegeben, welche je auf diesen Gewässern gehaust hatten. Von diesen nannte man als einen der blutigsten und kühnsten den Piraten Sacratif, dessen Name allein hinreichte, in allen Häfen der Levante Schrecken zu erregen.

Sieben Monate nach der Zeit, mit der diese Erzählung anfängt, waren die Türken jedoch genöthigt gewesen, sich nach einigen der festen Plätze des westlichen Griechenlands zurückzuziehen. Im Februar 1827 hatten die Griechen ihre Unabhängigkeit vom Golf von Ambracia bis zu den Grenzen von Attika zurückerobert. Die türkische Fahne wehte nur noch in Missolunghi, Voitsa und Naupaktes. Unter dem Einflusse des Lord Cochrane verzichteten die Griechen des Nordens und die des Peloponnes auf ihre inneren Streitigkeiten und versammelten am 31. März die Vertreter der ganzen Nation zur Berathung in Trezene, wobei die oberste Gewalt einer einzigen Hand, und zwar der eines Fremden anvertraut wurde, einem russischen Staatsmanne griechischer Abstammung, Capo d’Istria, geboren in Korfu.

Athen befand sich aber in den Händen der Türken. Seine Citadelle hatte sich am 5. Juni ergeben, womit das nördliche Griechenland in die Zwangslage versetzt wurde, sich wieder vollständig zu unterwerfen, doch unterzeichneten England, Rußland, Oesterreich und Frankreich am 6. Juli eine Uebereinkunft, nach der sie, unter Anerkennung der Suzeränität der Pforte, doch auch eine griechische Nation anerkannten. In einem geheimen Artikel verpflichteten sich die Signatarmächte überdies, vereint gegen den Sultan vorzugehen, wenn derselbe sich einem friedlichen Vergleich widersetzen sollte.

Das sind die hauptsächlichsten Vorkommnisse dieses blutigen Krieges, welche der freundliche Leser seinem Gedächtnisse einprägen möge, da sie mit dem Folgenden in genauestem Zusammenhange stehen.

Die einzelnen Thatsachen, welche noch inniger die schon bekannten Personen und diejenigen, welche in dieser dramatischen Schilderung ferner auftreten, angingen, waren aber folgende:

Unter den ersten Personen ist zunächst Andronika anzuführen, die Wittwe des Patrioten Starkos.

Jener Kampf für die Unabhängigkeit des Landes hatte nicht nur Männer, sondern auch Frauen zu Helden gemacht, deren Namen glorreich mit den Ereignissen jener Zeit verflochten sind.

Hier erscheint auch der Name einer Bobolina, geboren auf einer kleinen Insel am Eingang des Golfs von Nauplia. Im Jahre 1812 wurde deren Gatte gefangen genommen, nach Constantinopel geschleppt und auf Befehl des Sultans gepfählt. Da ertönte der erste Weckruf zum Aufstande. Auf eigene Kosten rüstete Bobolina 1821 drei Schiffe aus und, wie es H. Belle nach dem Berichte eines alten Klephten wiedererzählt, nachdem sie ihre Flagge aufgezogen, auf welcher sich die von spartanischen Frauen herrührenden Worte »Entweder darüber oder darunter« befanden, segelte sie bis zur Küste Kleinasiens und kaperte und verbrannte die türkischen Schiffe mit der Unerschrockenheit eines Tsamados oder eines Canaris. Nachdem sie darauf das Eigenthum an ihren Schiffen freigebig an die neue Regierung abgetreten, wohnte sie der Belagerung von Tripolitza bei, richtete um Nauplia eine Blokade von vierzehnmonatlicher Dauer ein und zwang endlich die Citadelle zur Uebergabe. Und diese Frau, deren Leben mehr einer Legende ähnelt, mußte um einer Familienangelegenheit willen unter dem Dolche des eigenen Bruders verbluten.

Noch eine andere hervorragende Gestalt verdient mit dieser kühnen Hydriotin in gleichen Rang gestellt zu werden. Immer brachten dieselben Ursachen dieselben Wirkungen hervor.

Auf einen Befehl des Sultans wird in Constantinopel der Vater der Modena Mavroeinis erdrosselt, einer Frau, deren Schönheit ihrer vornehmen Geburt gleichkam Modena stürzt sich daraufhin sofort mit in die Empörung, ruft den Aufstand der Bewohner von Mykone hervor, rüstet Fahrzeuge aus, auf welche sie sich selbst begibt, organisirt Guerillabanden, welche sie anführt, hält die Armee Selim Paschas in den engen Schluchten des Pelion auf und zeichnet sich vortheilhaft aus bis zum Ende des Krieges, indem sie die Türken in den Engpässen der Berge von Phthiotis fortwährend beunruhigt.

Noch ist Kaïdos zu nennen, welche die Mauern von Vilia durch Sprengung vernichtete und sich beim Kloster der heiligen Jungfrau mit unüberwindlichem Muthe schlug Moskos, ihre Mutter, die an ihres Gatten Seite kämpfte und die Türken mit herabgeschleuderten Felsstücken zermalmte; Despo, welche, um nicht den Muselmanen in die Hände zu fallen, sich mit ihren Töchtern, Schwiegertöchtern und Enkeln in die Luft sprengte. Ferner die Suliotenfrauen, nebst denen, welche die in Salamis neu errichtete Regierung beschirmten, indem sie dieser die von ihnen befehligte Flottille zuführten; Constance Zacharias, die, nachdem sie in den Ebenen von Lakonien das Zeichen zum Aufstand gegeben, sich an der Spitze von fünfhundert Bauern auf Leondari warf; ferner viele Andere, deren edles Blut in diesem Kriege nicht geschont wurde, in dessen Verlaufe man erkennen konnte, wessen die Nachkommen der alten Hellenen fähig waren.

Ebenso hatte auch Starkos‘ Wittwe gehandelt. Unter dem Namen Andronika – den, welchen ihr entarteter Sohn hatte, wollte sie nicht führen – ließ sie sich in der Bewegung ebenso durch unwiderstehlichen Drang nach Rache, wie aus Liebe zur Unabhängigkeit hinreißen. Wie Bobolina, die Wittwe eines Mannes, der hingerichtet worden war, weil er sein Land zu vertheidigen suchte; wie Modena, wie Zacharias, trat sie, wenn es ihr auch nicht gleich jenen gestattet war, Schiffe auszurüsten und Truppen zu unterhalten, doch unverzagt mit ihrer Person in die erschütternden Ereignisse dieser Revolution ein.

Im Jahre 1821 schloß Andronika sich den Maniaten an, welche der zum Tode verurtheilte und nach den Ionischen Inseln entflohene Colocotroni zu sich rief, als er am 18. Januar des genannten Jahres in Scardamula landete. Sie nahm an der ersten geordneten Schlacht in Thessalien theil, als Colocotroni die Bewohner von Phameri und die von Caritene angriff, welche sich an den Ufern der Rhuphia mit den Türken verbündet hatten. Ebenso wohnte sie am 17. Mai der Schlacht von Baltetsio bei, welche die Flucht der Armee Mustafa Begs herbeiführte. Ganz besonders zeichnete sie sich aber aus bei der Belagerung von Tripolitza, wo die Spartaner die Türken als »feige Perser«, und die Türken die Griechen als die »schwachen Hafen Laconiens« bekämpften. Dieses Mal aber behielten die Hasen die Oberhand.

Am 5. October mußte die Hauptstadt des Peloponnes, welche die türkische Flotte nicht zu entsetzen vermochte, capituliren und wurde trotz Vertrags drei Tage lang mit Feuer und Schwert verwüstet, was innerhalb und außerhalb derselben zehntausend Ottomanen jedes Alters und Geschlechts das Leben kostete.

Im folgenden Jahre, am 24. März, sah Andronika während eines Seegefechts, dem sie unter dem Befehl des Admirals Miaulis beiwohnte, die türkischen Schiffe nach fünfstündigem Kampfe entfliehen und eine Zuflucht im Hafen von Zante suchen. Auf einem dieser Schiffe aber hatte sie ihren Sohn erkannt, der das türkische Geschwader durch den Golf von Patras lootste. Niedergeschmettert von dieser Schmach, stürzte sie sich an diesem Tage in das heiße Getümmel, um den Tod zu suchen… Der Tod wollte ihr Opfer nicht.

Nicolas Starkos sollte diesen verbrecherischen Weg noch weiter verfolgen. Einige Wochen später schloß er sich Kara Ali an, der die Stadt Scio auf der gleichnamigen Insel bombardirte. Ebenso war er betheiligt bei dem furchtbaren Gemetzel, in dem dreiundzwanzigtausend Christen umkamen, ohne die siebenundvierzigtausend zu zählen, welche auf den Märkten von Smyrna als Sclaven verkauft wurden. Und eines der Schiffe, welche diese Unglücklichen nach der Barbareskenküste überführte, wurde wiederum von dem Sohne Andronikas befehligt – ein Grieche, der die eigenen Brüder verkaufte!

In der folgenden Zeit, wo die Hellenen den vereinigten Truppen der Türkei und Aegyptens Widerstand leisten mußten, unterließ Andronika keinen Augenblick, es jenen heroischen Frauen gleich zu thun, deren Namen wir oben erwähnten.

Das war vorzüglich für Morea ein höchst trauriger Zeitraum. Ibrahim führte hierher seine wilden Araber, welche die Ottomanen noch an Grausamkeit übertrafen. Andronika befand sich unter den viertausend Kämpfern, welche Colocotroni, der zum Obercommandanten der Heeresmacht im Peloponnes ernannt worden war, um sich zu sammeln vermocht hatte.

Nachdem Ibrahim aber an der messenischen Küste gelandet, hatte dieser sich zuerst damit beschäftigt, Coron und Patras zu befreien; dann nahm er Navarin mit Gewalt, dessen Citadelle ihm eine sichere Basis für seine Operationen darbot, während der Hafen seiner Flotte als vortrefflicher Schutz diente. Darauf brannte er Argos nieder und bemächtigte sich Tripolitzas, wodurch es ihm möglich wurde, den ganzen Winter hindurch seine Raubzüge in den Nachbarprovinzen auszuführen. Vor allen hatte Messenien selbst davon zu leiden. Auch Andronika mußte wiederholt bis tief nach Magne hinein flüchten, um nicht den Arabern in die Hände zu fallen. Deshalb kam es ihr aber nicht in den Sinn, zu rasten. Kann man Ruhe finden auf einem bedrückten Lande?

Ebenso begegnete man ihr wieder in den Feldzügen 1825, und 1826, bei den Kämpfen in den Engpässen von Verga, nach welchen Ibrahim auf Polyaravos zurückweichen mußte, von wo ihn die Maniaten des Nordens noch weiter vertrieben.

Später schloß sie sich den regulären Truppen des Obersten Fabvier bei der Schlacht von Chaidari, im Monat Juli 1826 an. Hier wurde sie schwer verwundet und verdankte es nur dem Muthe eines jungen Franzosen, der unter der Fahne der Philhellenen kämpfte, daß sie den unbarmherzigen Soldaten Kiutagi’s mit genauer Noth entging.

Mehrere Monate lang schwebte Andronikas Leben in Gefahr. Ihre starke Constitution rettete sie jedoch; trotzdem verging das Jahr 1826, ehe sie wieder so weit zu Kräften kam, um persönlich an dem Kampfe theilzunehmen. Eben unter diesen Umständen kehrte sie im October 1827 in die Provinzen von Magne einmal zurück. Sie wollte ihr Haus in Vitylo wiedersehen. Ein merkwürdiger Zufall führte am nämlichen Tage auch ihren Sohn dahin. Der Leser kennt das Resultat der Begegnung zwischen Andronika und Nicolas Starkos und weiß, daß sie ihm von der Schwelle des Vaterhauses nur noch einen letzten Fluch nachschleuderte.

Jetzt, wo sie nichts mehr hatte, was sie an den Boden der Heimat fesselte, eilte Andronika wieder fort, um so lange mit zu kämpfen, bis Griechenland seine volle Unabhängigkeit errungen haben würde.

So lagen die Dinge, als die Wittwe Starkos‘ am 10. October 1827 wieder von Magne auszog, um sich den Griechen des Peloponnes anzuschließen, welche den Schaaren Ibrahim’s jeden Fuß breit ihres Landes abzwangen.

Erstes Capitel


Erstes Capitel

Ein Schiff in Sicht.

Am 28. October 1827 gegen fünf Uhr Abends bemühte sich ein kleines levantinisches Fahrzeug, noch vor Einbruch der Nacht den Hafen von Vitylo, am Eingang des Golfs von Coron, zu erreichen.

Dieser Hafen, das Oetylos Homer’s, liegt an einer der tiefen Einbuchtungen, welche aus dem Ionischen und Aegäischen Meere das Platanenblatt ausschneiden, mit dem man das südliche Griechenland so trefflich verglichen hat Dieses Blatt nimmt der alte Peloponnes, das Messene der Griechen unserer Tage, ein. Die erste dieser Ausbuchtungen bildet im Westen der Golf von Coron, der sich zwischen Messene und Laconia öffnet. Die zweite, der Golf von Marathon, der die Küste des ernsten Laconia tief einschneidet. Die dritte, der Golf von Nauplia, dessen Gewässer Laconia und Argolis scheiden.

Zu dem ersten der drei Golfe gehört der Hafen von Vitylo. An der Ostküste, im Hintergrunde einer unregelmäßigen Bai liegend, reicht er bis an die letzten Ausläufer des Taygetos heran, dessen Bergkämme das Skelet des Hinterlandes bilden. Die Sicherheit seines Ankergrundes, der bequeme Verlauf der Einfahrtsstraßen und die ihn umgebenden Höhen machen ihn zu einem der festen Zufluchtshäfen dieser von allen Winden der südlichen Meere unausgesetzt gepeitschten Küste.

Das Fahrzeug, welches bei ziemlich frischer Nordnordwestbrise sehr dicht am Winde segelte, konnte von den Hafendämmen Vitylos nicht erkannt werden, da dasselbe noch eine Entfernung von sechs bis sieben Meilen von demselben trennte. Da das Wetter aber ausgezeichnet klar war, hob sich doch der Rand seiner oberen Segel deutlich von dem leuchtenden Hintergrunde des äußersten Horizonts ab.

Was aber von unten nicht sichtbar war, konnte doch von oben, das heißt von dem Gipfel der Höhenzüge, gesehen werden, welche das Dorf umgrenzen. Vitylo ist in Gestalt eines Amphitheaters auf abschüssigen Felsen erbaut, welche die alte Akropolis von Kelapha vertheidigt. Darüber erheben sich noch einige alte, zerfallene Thürme von jüngerem Ursprung als jene merkwürdigen Ueberreste eines Tempels der Seraphis, dessen Säulen und Capitäle von ionischer Ordnung noch heute die Kirche von Vitylo zieren. Neben jenen Thürmen stehen auch noch zwei oder drei kleine, wenig besuchte Kapellen, in welchen fromme Mönche den Kirchendienst versehen.

Es ist hier von Wichtigkeit, auf die Bezeichnung »den Kirchendienst versehen« und selbst auf die Qualification eines Mönches, welche diese Geistlichen der messenischen Küste sich zulegen, zu achten Einer derselben, der soeben seine Kapelle verließ, wird sogleich dem Leser näher vor Augen treten.

Zu jener Zeit war die Religion in Griechenland noch ein eigenthümliches Gemisch von heidnischen Sagen und christlichen Glaubenssätzen. Viele Gläubige betrachteten die Gottheiten des Alterthums noch gewissermaßen als Heilige der neuen Religion. In der That, wie das Henry Belle schildert, vermengen sie die Halbgötter mit den Heiligen, die Kobolde der bezaubernden Thäler mit den Engeln des Paradieses und rufen ebenso die Sirenen und Furien an, wie sie noch Brotopfer darbringen. Diese Umstände haben gewisse merkwürdige Gebräuche eingeführt, welche Andere zum Lachen reizen, während die Geistlichkeit große Mühe hat, dieses wenig orthodoxe Chaos zu entwirren.

Während des ersten Viertels dieses Jahrhunderts – es ist einige fünfzig Jahre her und die Zeit, mit welcher unsere Erzählung beginnt – war der Clerus der griechischen Halbinsel noch unwissender, und die sorglos dahinlebenden, naiven, zutraulichen Mönche, »gute Kinder«, schienen sehr wenig geeignet, die von Natur abergläubische Bevölkerung auf rechte Wege zu leiten.

Und wenn diese niederen Kirchendiener nur allein unwissend gewesen wären. In gewissen Gegenden Griechenlands aber, vorzüglich in den wilden Districten von Magne, scheuten die armen Teufel, von Natur und aus Noth schon Bettler und gierig auf die paar Drachmen, welche mitleidige Reisende ihnen zuwarfen, ohne alle Beschäftigung, außer etwa der, den Gläubigen das gefälschte Bildniß eines Heiligen zum Kusse darzureichen oder eine ewige Lampe in irgend einer Grotte zu unterhalten, dazu verstimmt über den geringen Ertrag ihrer Pfründen, der Beerdigungen und der Taufen, nicht davor zurück, die Auflauerer – und was für Auflauerer – im Solde der Bewohner des Küstengebietes zu spielen.

Die Seeleute von Vitylo, welche am Hafen umher lungerten wie die Lazzaronis, welche gleich mehrere Stunden Ruhe brauchen, um sich von der Arbeit während einiger Minuten zu erholen, erhoben sich doch rasch, als sie einen ihrer Mönche, die Arme heftig bewegend, schnellen Schrittes nach dem Dorfe hinabsteigen sahen.

Es war das ein Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, der nicht nur dick, sondern fett war von jenem Fette, das der Müßiggang erzeugt, und dessen schlaue Physiognomie nur sehr mittelmäßiges Vertrauen einzuflößen vermochte.

»Was gibt es denn, Vater, was ist denn los?« fragte einer der Seeleute, der ihm entgegenging.

Der Vityliner sprach mit so näselndem Tone, daß man Nason hätte für einen Vorfahren der Hellenen halten können, und dazu jene maniatische Mundart, in der sich das Türkische mit dem Italienischen mischte, als rühre dasselbe aus der Zeit des Thurmbaues von Babel her.

»Haben die Soldaten Ibrahim’s etwa die Höhen des Taygetos besetzt? fragte ein anderer Seemann mit sehr sorgloser Geste, welche eben nicht viel Patriotismus verrieth.

– Wenn’s nicht gar Franzosen sind, mit denen wir es zu thun haben, erwiderte der erste Sprecher.

– Na, die sind einander werth!« bemerkte ein Dritter.

Diese Aeußerung bewies, daß der Kampf, welcher damals gerade am heftigsten wüthete, die Bewohner des untersten Peloponnes nur sehr wenig berührte, sehr verschieden von den Maniaten des Nordens, welche sich im Unabhängigkeitskriege so rühmlich hervorthaten.

Der dicke Geistliche vermochte aber weder dem Einen, noch dem Anderen Antwort zu geben.

Er war von dem Herabklettern über die steilen Abhänge noch ganz außer Athem. Seine asthmatische Brust keuchte. Er wollte sprechen, konnte es aber nicht. Einer seiner Ahnen im alten Hellas, der Soldat von Marathon, hatte doch wenigstens, noch ehe er starb, den Sieg des Miltiades verkünden können. Doch es handelte sich hier weder um Miltiades, noch um den Kampf der Athener gegen die Perser. Es waren kaum Griechen, diese verwilderten Bewohner der untersten Spitze von Magne.

»So sprich doch, Vater, sprich doch!« rief ein alter Seemann, Namens Gozzo, der sich ungeduldiger als die Anderen geberdete, als hätte er schon errathen, was der Mönch verkünden wollte.

Endlich hatte dieser sich wieder etwas beruhigt. Da streckte er die Hand nach dem Horizonte aus und rief:.

»Ein Schiff in Sicht!«

Auf diese Meldung hin sprangen die Tagediebe alle auf, klatschten in die Hände und stürmten nach einem Felsen, der den Hafen überragte. Von hier aus konnten sie das Meer in weitem Umkreise sehen.

Ein Fremdling hätte glauben können, daß diese Bewegung nur hervorgebracht würde durch das Interesse, welches jedes von der See herkommende Fahrzeug naturgemäß Seeleuten einflößen muß, denen so etwas ja besonders angeht. Das wäre aber eine falsche Annahme gewesen oder war es vielmehr; wenn dies ein Interesse dieser Leute aufzustacheln vermochte, war das doch ein solches ganz specieller Art.

In der That ist Magne, jetzt wo wir diese Erzählung niederschreiben – nicht zur Zeit, als die darin geschilderten Vorfälle sich ereigneten – noch immer ein von Griechenland halb abgesonderter Landstrich, ein unabhängiges Königreich, geschaffen durch den Beschluß der europäischen Großmächte, welche 1829 den Vertrag von Adrianopel unterzeichneten. Die Maniaten, oder mindestens diejenigen derselben, welche auf den verlängerten Landausläufern zwischen den Golfen wohnen, sind noch halbe Barbaren geblieben, welche sich mehr um ihre persönliche Freiheit, als um die des Landes bekümmern. Diese äußerste Zunge des unteren Moreas ist von jeher auch kaum zur Botmäßigkeit zu bringen gewesen. Weder die türkischen Janitscharen, noch die griechischen Gensdarmen haben sie zu bezwingen vermocht. Streitsüchtig und rachbegierig, oft in Familienzwistigkeiten verwickelt, welche nur durch Blut ausgetragen werden können. Räuber von Geburt und doch gastfreundlich, Mörder, wenn der Raub einen Mord bedingt, nennen sich deshalb die rohen Bergvölker nicht weniger die directen Nachkommen der Spartaner; aber eingeschlossen in die Verzweigungen des Taygetos, in dem man zu Tausenden jene kleinen Befestigungen oder »Pyrgos«, welche kaum zu erklimmen sind, findet, spielen sie gar zu gern die zweifelhafte Rolle jener Wegelagerer des Mittelalters, die ihre Feudalrechte mit Dolch und Pistole übten.

Wenn die Maniaten zur Stunde auch noch halb wild sind, so mag man sich vorstellen, was dieselben vor nun fünfzig Jahren sein mochten. Ehe die Kreuzfahrten der Dampfschiffe ihren Raubzügen zur See ein Ziel setzten, traten sie während des ersten Viertels dieses Jahrhunderts als die verwegensten Seeräuber auf, welche die Handelsfahrzeuge in allen Stapelplätzen des Morgenlandes nur zu fürchten hatten.

Gerade der Hafen von Vitylo erschien durch seine Lage am Ende des Peloponnes, am Eingang zweier Meere, durch die Nähe der den Seeräubern wohlbekannten Insel Cerigotto, höchst geeignet, sich allen Uebelthätern zu öffnen, welche den Archipel und die benachbarten Gegenden des Mittelmeeres unsicher machten. Der Centralpunkt der Bewohnerschaft dieses Theils von Magne hieß speciell das Land von Kakovonni, und die Kakovonnioten, welche zu beiden Seiten der Landspitze siedelten, welche mit dem Cap Matapan ausläuft, hatten es bequem, ihre Unthaten auszuführen. Auf dem Meere überfielen sie die Schiffe; an das Land lockten sie dieselben durch falsche Signale. Ueberall plünderten und verbrannten sie dieselben. Ob deren Besatzung nun eine türkische, maltesische, ägyptische oder selbst eine griechische war, das kümmerte sie nicht; sie wurde ohne Erbarmen niedergemetzelt oder nach den Barbareskenstaaten in die Sclaverei verkauft. Gab es einmal eine Zeit lang nichts zu thun, und wurden die Küstenfahrer in der Bucht von Cerigo oder dem Cap Gallo seltener, so stiegen öffentliche Gebete auf zu dem Gott der Stürme, damit dieser sich herabließe, ein Schiff von großem Tonnengehalt und mit reicher Ladung in ihre Hand zu geben. Die Mönche schlugen es auch nicht ab, diese Gebete zum Nutzen ihrer Gläubigen zu celebriren.

Jetzt hatte es seit mehreren Wochen nichts zu plündern gegeben. Kein Schiff war an der Küste von Magne angelaufen. Deshalb verursachte es einen wirklichen Ausbruch der Freude, als der Mönch jene von asthmatischem Keuchen unterbrochenen Worte ausgerufen hatte:

»Ein Schiff in Sicht!«

Sofort erschallten die dumpfen Schläge des Simanders, einer Art Glocke aus Holz mit eisernem Klöppel, welche in den Provinzen in Gebrauch ist, wo die Türken die Verwendung von metallenen Glocken nicht zuließen. Die klanglosen Schläge genügten jedoch, die habgierige Bevölkerung zusammenzurufen, Männer, Frauen, Kinder, herrenlose furchtbare Hunde, alle begierig zu plündern und wenn nöthig zu morden.

Inzwischen verhandelten die auf dem Felsen vereinigten Vityliner mit großer Lebhaftigkeit. Welcher Art Fahrzeug war es, das der Mönch ihnen anmeldete? Mit der nordnordwestlichen Brise, die beim Einbruch der Nacht noch auffrischte, glitt das Schiff mit Backbordhalsen schnell dahin. Es schien möglich, daß es beim Laviren das Cap Matapan ziemlich streifte. Seinem Curse nach schien es aus der Gegend von Kreta zu kommen. Schon begann sein Rumpf sich zu zeigen über dem weißen Kielwasser, das es hinter sich ließ; seine Segel alle bildeten jedoch für das Auge eine unkenntliche Masse Es war also schwierig zu sagen, welcher Classe das Fahrzeug angehören möge, was auch die verschiedensten, von einer Minute zur andern sich widersprechenden Aeußerungen veranlaßte.

»Es ist eine Schebeke, erklärte einer der Seeleute, ich sehe ihre viereckigen Segel am Fockmast!

– Nein, erwiderte ein Anderer, es ist eine Pinke! Man sieht ja den erhöhten Achter und starkgekrümmten Vordersteven!

– Schebeke oder Pinke! Wer könnte dieselben auf eine solche Entfernung unterscheiden?

– Sollte es nicht vielmehr eine Polake mit viereckigen Segeln sein, bemerkte ein anderer Seemann, der aus den halbgeschlossenen Händen sich eine Art Fernrohr gemacht hatte.

– Gott helfe uns! antwortete der alte Gozzo. Polake, Schebeke oder Pinke, jedenfalls sind’s drei Maste, und drei Maste sind allemal besser als zwei, wenn sich’s darum handelt, hier bei uns mit einer tüchtigen Ladung Wein aus Candia oder mit Stoffen aus Smyrna zu landen!«

Nach dieser weisen Bemerkung blickten Alle mit noch größerer Aufmerksamkeit hinaus.

Das Schiff näherte sich und schien allmählich zu wachsen; weil es aber so dicht am Winde fuhr, konnte man es nicht von der Seite sehen. Es wäre also schwierig gewesen, zu sagen, ob es zwei oder drei Maste führte, das heißt, ob sein Tonnengehalt ein größerer oder ein geringerer sein werde.

»O, das Unglück verfolgt uns und der Teufel hat sein Spiel! rief Gozzo, indem er noch einen Fluch hinzusetzte, mit dem er alle Sätze zu verstärken pflegte. Das Ding ist weiter nichts als eine Feluke…

– Oder gar nur eine Speronare!« rief der Mönch, nicht weniger enttäuscht als seine Zuhörer.

Daß diese beiden Bemerkungen mit nicht sehr wohlwollenden Rufen aufgenommen wurden, braucht wohl kaum versichert zu werden. Aber welcher Art das Fahrzeug auch war, so konnte man doch schon beurtheilen, daß es höchstens hundert bis hundertfünfzig Tonnen messen konnte. Freilich kam es ja nicht auf die Menge der Ladung an, wenn diese sonst eine werthvolle war. Man trifft einfache Feluken oder selbst Speronaren, welche eine Fracht an kostbaren Weinen, seinen Oelen oder theuren Geweben führen. In solchen Fällen verlohnt es sich schon der Mühe, sie zu plündern, denn sie geben oft reiche Beute für geringe Mühe. Zu verzweifeln war also noch nicht. Dazu entdeckten die älteren Leute der Bande, daß das Schiff ein gewisses elegantes Aeußere hatte, welches, langjähriger Erfahrung nach, immerhin zu seinen Gunsten sprach.

Schon begann die Sonne hinter dem Horizonte im Westen des ionischen Meeres zu verschwinden; die Octoberdämmerung mußte jedoch noch eine Stunde lang hinreichendes Licht verbreiten, um das Schiff vor Einbruch völliger Dunkelheit zu erkennen Nachdem dasselbe das Cap Matapan umsegelt, wendete es sich um zwei Viertel, um besser in den Golf einlaufen zu können, und zeigte sich damit den Beobachtern in bequemer Stellung. Gleich nachdem dies geschehen, entfuhr auch schon den Lippen des alten Gozzo das Wort »Sacoleve«!

»Eine Sacoleve!« wiederholten seine Genossen, welche ihrem Unmuthe durch rohe Flüche Luft machten.

Ueber den Gegenstand wurde indessen nicht weiter gesprochen, weil Zweifel über denselben nicht obwalten konnten. Das Fahrzeug, welches dem Golfe von Coron zusteuerte, war sicherlich eine Sacoleve. Uebrigens thaten die Leute aus Vitylo sehr unrecht, gleich über Unglück zu schreien. Es ist gar nicht selten, daß man gerade auf diesen Sacoleven sehr kostbare Ladungen antrifft.

Man bezeichnet mit diesem Namen übrigens ein levantinisches Fahrzeug von mittlerem Tonnengehalt, dessen Verdeck einen gedrückten Bogen bildet, indem es sich nach hinten zu ein wenig erhebt. Auf seinen schlanken Masten trägt es mannigfaches Segelwerk. Der stark nach vorn geneigte, in der Mitte stehende Großmast hat gewöhnlich ein lateinisches Segel, ein Noth-, ein Mars- und ein Topsegel. Zwei Klüversegel vorn, zwei sehr spitzige an den beiden Hintermasten vervollständigen seine Takelage, die ihm einen auffallenden Anblick verleiht. Die lebhaften Farben des Rumpfes, die Ausbiegung des Vorderstevens, die Verschiedenheit der Maste, die phantastische Gestalt seiner Segel selbst stempeln es zu einem der merkwürdigsten Muster jener schlanken Fahrzeuge, welche man zu Hunderten in den engen Wasserstraßen des Archipels manövriren sieht. Es gewährte einen wirklich schönen Anblick, das leichte Fahrzeug sich bäumen und mit der Welle wieder aufrichten zu sehen, wenn es sich mit weißem Schaum bekränzte oder mühelos fast hüpfte, gleich einem ungeheuren Vogel, dessen Flügel das Meer streiften und dessen Gefieder in den letzten Strahlen der Abendsonne schimmerte.

Obwohl die Brise auffrischte und der Himmel sich allmählich mit »Wasserhosen« bedeckte – ein Name, den die Levantiner gewissen Wolken ihres Himmels zulegen – verminderte die Sacoleve ihre Segelfläche doch nicht im mindesten. Sie hatte sogar das Topsegel beibehalten, welches ein minder kühner Seemann gewiß schon hätte reefen lassen.

Offenbar lag es in der Absicht des Capitäns, an’s Land zu gehen und nicht etwa die Nacht auf dem schon ziemlich bewegten Meere, welches noch mehr aufgeregt zu werden drohte, zuzubringen.

Wenn die Seeleute von Vitylo nun nicht mehr in Zweifel sein konnten, daß die Sacoleve in einen Hafen einlief, so fragten sie sich doch, ob sie gerade in ihrem Hafen anlegen würde.

»Ah, rief Einer von ihnen, man möchte sagen, daß sie sich immer nur am Winde zu halten, aber nicht einzulaufen suchte.

– Da soll sie der Teufel in’s Schlepptau nehmen! versetzte ein Anderer. Sollte sie wirklich nur laviren und wieder auf die hohe See gehen?

– Steuert sie überhaupt auf Coron zu?

– Oder vielleicht auf Kalamata?«

Beide Voraussetzungen hatten etwa gleichviel für sich. Coron ist ein von Handelsfahrzeugen der Levante stark besuchter Hafen der maniatischen Küste, wo ein bedeutender Ausfuhrhandel von Oel aus dem südlichen Griechenland stattfindet. Dasselbe gilt für Kalamata am Grunde des Golfes, dessen Bazare mit Manufacturwaaren, Stoffen oder Geschirren gefüllt sind, welche von Westeuropa hier eingeführt werden. Es war also möglich, daß die Sacoleve nach einem dieser zwei Häfen bestimmt war, ein Umstand, der die raub- und plünderungslüsternen Vityliner sehr enttäuschte.

Während sie so mit ziemlich interessirter Aufmerksamkeit beobachtet wurde, glitt die Sacoleve rasch vorwärts. Bald befand sie sich auf der Höhe von Vitylo. Jetzt mußte ihr Schicksal sich entscheiden. Wenn sie noch weiter auf den Hintergrund des Golfes zuhielt, mußten Gozzo und seine Spießgesellen jede Hoffnung, sich ihrer zu bemächtigen, aufgeben. Selbst wenn sie sich in ihre schnellsten Boote warfen, hatten sie keine Aussicht jene einzuholen, um so viel war sie ihnen durch das ungeheure Segelwerk, welches sie trug, an Geschwindigkeit überlegen.

»Sie kommt hierher!«

Diese drei Worte rief der alte Steuermann, dessen Arm mit niedergebogener Hand sich gleich einem Enterhaken nach dem kleinen Schiffe zu ausstreckte.

Gozzo täuschte sich nicht. Das Steuerruder wurde in den Wind gelegt und die Sacoleve richtete sich jetzt auf Vitylo. Gleichzeitig wurden das Topsegel und ein Focksegel eingezogen und andere Segel wenigstens halb gereeft. Auf diese Weise von einem Theil des auf ihr lastenden Winddrucks befreit, gehorchte sie nun leichter der Hand des Steuermanns.

Jetzt dunkelte es allmählich mehr. Die Sacoleve hatte gerade nur noch Zeit, in die Einfahrt von Vitylo einzulaufen. Hier liegen unter dem Wasser Felsen verstreut, welche wegen der Gefahr, daran vollständig zu scheitern, sorgsam vermieden werden müssen. Trotzdem stieg keine Lootsenflagge am Großmast des kleinen Fahrzeugs auf. Der Capitän mußte also mit dem ziemlich gefährlichen Fahrwasser selbst genügend vertraut sein, weil er sich, ohne Beistand zu verlangen, in dasselbe wagte. Vielleicht mißtraute er auch – und zwar ganz mit Recht – dem beliebten Verfahren der Vityliner, welche wohl nicht davor zurückgeschreckt wären, ihn irgendwo hier auf den Grund laufen zu lassen, wo schon so sehr viel Fahrzeuge auf diese Weise verloren gegangen waren.

Bisher erhellte übrigens noch kein Leuchtthurm die Küste dieses Theiles von Magne. Ein einfaches Hafenlicht diente dazu, den Eingang in den engen Canal zu bezeichnen.

Inzwischen näherte sich die Sacoleve. Bald befand sie sich nur noch eine halbe Meile von Vitylo. Sie mußte gleich landen. Man merkte, daß eine erfahrene Hand sie führte.

Auch das war nicht dazu angethan, die Ungläubigen zu befriedigen; sie hatten ja weit mehr Interesse daran, das Fahrzeug auf irgend einem Felsen stranden zu sehen; dann hatten sie die Brandung gewissermaßen zum Bundesgenossen. Diese begann die Arbeit, welche sie nur zu vollenden hatten. Erst der Schiffbruch, dann die Plünderung, das war ihr gewöhnliches Verfahren. Das ersparte ihnen ja meist einen Kampf mit bewaffneter Hand, einen unmittelbaren Angriff, dem doch allemal Einige von ihnen zum Opfer fallen konnten.

Es gab in der That oft genug von einer muthigen Mannschaft vertheidigte Fahrzeuge, welche sich nicht ungestraft überfallen ließen.

Die Genossen Gozzo’s verließen also ihren Beobachtungsposten und gingen nach dem Hafen hinunter, um alle verbrecherischen Vorbereitungen zu treffen, welche bei den Strandräubern, ob diese die Meere des Abend- oder des Morgenlandes unsicher machen, so ziemlich die gleichen sind.

Es erschien ja so leicht, die Sacoleve in der engen Fahrstraße des Canals stranden zu lassen, wenn man ihr falsche Weisungen ertheilte, was die zunehmende Dunkelheit noch begünstigte, die, ohne gerade schon vollkommen zu sein, doch die Führung eines Schiffes einigermaßen erschwerte

»An’s Hafenlicht!« befahl Gozzo, dem seine Gefährten ohne Zögern zu gehorchen pflegten.

Alle verstanden den alten Seemann. Schon zwei Minuten später erlosch dieses Licht – eine einfache, am Ende des Hafendammes an einem dort stehenden Pfahl befestigte Laterne – urplötzlich.

Im nämlichen Augenblicke wurde es durch ein anderes Licht ersetzt, das zuerst zwar dieselbe Stelle einnahm; doch wenn das erste auf dem Molo feststehende dem Schiffer immer die gleiche Richtung anwies, mußte diesen das bewegliche andere aus der Fahrstraße verlocken und der Gefahr, auf einen Unterwasserfelsen aufzulaufen, aussetzen.

Das falsche Licht bestand aus einer Laterne, deren Schein sich von dem des Hafenlichtes nicht unterschied. Diese Laterne hatte man aber an den Hörnern einer Ziege befestigt, welche langsam am Rande der Klippe hingetrieben wurde. Sie veränderte ihren Ort also mit dem Thiere und mußte in Folge dessen auch die Sacoleve zu falschem Manövriren verleiten.

Es war nicht zum ersten Male, daß die Leute in Vitylo auf diese Weise verfuhren. Nein, gewiß nicht! Und es war leider auch nur selten, daß ihnen ihre schändlichen Absichten mißlangen.

Die Sacoleve lief nun in die Einfahrt ein. Nachdem auch das große Marssegel eingezogen war, trug sie nur noch die lateinischen Segel am hintersten Maste; doch mußten auch diese genügen, um bis zu dem Anlegepfosten zu gelangen.

Zum größten Erstaunen der dasselbe beobachtenden Seeleute bewegte sich das Schiff durch die Windungen des Canals mit unglaublicher Sicherheit weiter. Um das von der Ziege getragene bewegliche Licht schien sich darauf kein Mensch zu kümmern. Selbst am hellen Tage hätte es nicht sicherer manövriren können.

Sein Capitän mußte also unbedingt die Umgebungen von Vitylo schon wiederholt durchsegelt haben, um so bekannt zu sein, daß er selbst in finstrer Nacht wagen konnte, hier an’s Land zu steuern.

Schon konnte man jetzt den kühnen Seemann wahrnehmen. Seine Gestalt hob sich noch ziemlich deutlich aus dem Schatten auf dem Vordertheil der Sacoleve ab. Er stand da, in die weiten Falten seiner Aba, einer Art wollenen Mantels, gehüllt, dessen Capuze seinen Kopf bedeckte. Dieser Capitän zeigte in der That kaum eine Aehnlichkeit mit jenen bescheidenen Küstenfahrern, welche während einer schwierigen Fahrt meist einen Rosenkranz mit großen Kugeln, wie sie in den Meeren des Archipels gebräuchlich sind, hin und her gleiten lassen. Nein, dieser hier begnügte sich, mit tiefer und ruhiger Stimme dem auf dem Hintertheil des Decks befindlichen Steuermann nur seine Anweisungen zu ertheilen.

Da erlosch plötzlich die Laterne am felsigen Strande. Doch auch das störte die Sacoleve nicht, welche unbeirrt ihren Weg fortsetzte. Einen Augenblick hätte man vielleicht glauben können, daß sie bei einer Wendung einen gefährlichen Felsen anlaufen könne, der ziemlich bis zur Wasserfläche, eine Kabellänge vom eigentlichen Hafen, hinausragte und den in der Dunkelheit unmöglich Jemand sehen konnte. Eine leichte Wendung des Steuers genügte aber, die Richtung des Schiffes zu ändern, das zwar ganz nahe an diesem Risse vorüberstreifte, dasselbe aber nicht im Geringsten berührte.

Dieselbe Gewandtheit entwickelte der Steuermann, als es nothwendig wurde, eine zweite Untiefe zu passiren, welche nur eine ganz beschränkte Fahrstraße im Canal übrig ließ – eine Untiefe, auf der schon manches Schiff festgefahren war, ob dessen Lootse nun ein Complice der Vityliner war oder nicht.

Letztere hatten nun keine Aussicht mehr, auf einen Schiffbruch zu rechnen, der ihnen die Sacoleve fast wehrlos überliefert hätte. Binnen wenigen Minuten mußte diese im Hafen verankert liegen. Um sich ihrer zu bemächtigen, galt es nun Gewalt zu gebrauchen.

Das wurde denn auch nach einer kurzen Verhandlung unter den Schurken von diesen beschlossen und sollte bei der eben herrschenden und einem solchen Unternehmen besonders günstigen Dunkelheit sofort in’s Werk gesetzt werden.

»In die Boote!« rief der alte Gozzo, dessen Befehl ohne Widerspruch Geltung hatte, vorzüglich wenn es sich um eine Plünderung handelte.

Etwa dreißig kräftige Männer, von denen die Einen mit Pistolen bewaffnet waren, die Anderen Dolche oder Aexte schwangen, warfen sich in die am Quai befestigten Boote und ruderten, offenbar an Zahl der Besatzung der Sacoleve überlegen, auf diese zu.

Da ertönte an Bord der letzteren ein kurzes Commando. Die Sacoleve, welche jetzt über den Canal herausgekommen war, befand sich inmitten des Hafens. Ihre Hißtaue wurden gelöst, der Anker rasselte in den Grund, und sie lag, nach einem kurzen Stoße in Folge der Anspannung der Ankerkette, unbeweglich.

Die Boote befanden sich nur noch wenige Faden von derselben entfernt. Ohne besonderes Mißtrauen zu zeigen, hatte sich doch die ganze Besatzung, wohl bekannt mit dem üblen Rufe der Bewohner von Vitylo, ausreichend bewaffnet, um gegebenen Falles zur Vertheidigung bereit zu sein.

Vorläufig geschah aber nichts. Der Capitän der Sacoleve war, nachdem das Schiff fest lag, mehrmals auf dem Deck hin und zurück gegangen, während seine Leute, ohne sich besonders um die Annäherung jener Boote zu bekümmern, ruhig fortfuhren, die Segel in Ordnung zu bringen und das Verdeck frei zu machen.

Indeß hätte man doch beobachten können, daß sie diese Segel nicht einbanden, sondern sie so weit frei ließen, um sofort wieder auslaufen zu können.

Das erste Boot legte neben dem Backbord der Sacoleve an. Die anderen drängten sogleich nach. Und da die Seitenwände des Fahrzeugs nur niedrig waren, brauchten die Angreifer, welche jetzt ein wüthendes Geschrei ausstießen, sich nur in die Höhe zu schwingen, um sich auf dessen Verdeck zu befinden.

Die Verwegensten derselben eilten nach dem Hintertheile. Einer derselben ergriff eine brennende Stocklaterne und hielt sie dem Capitän vor das Gesicht.

Da ließ dieser durch eine schnelle Handbewegung die Kapuze herabsinken, so daß sein Gesicht in vollem Lichte erschien.

»Eh, sagte er, die Leute von Vitylo erkennen nicht einmal ihren Landsmann Nicolas Starkos?«

Bei diesen Worten kreuzte der Capitän gelassen die Arme. Kurze Zeit darauf stießen die Boote eiligst wieder ab und zogen sich nach dem Hintergrunde des Hafens zurück.

Zehntes Capitel


Zehntes Capitel

Beim Kreuzen im Archipel.

Die »Syphanta«, eine Corvette zweiter Classe, führte in der Batterie zweiundzwanzig Vierpfünder und auf Deck – damals eine Seltenheit für diese Schiffsclasse – sechs zwölfpfündige Karonaden. Mit ihrem scharfen Vordersteven und sein gebautem Achter, sowie der wohlberechneten Schwimmlinie konnte dieselbe mit den besten Fahrzeugen jener Zeit recht gut in die Schranken treten. Bei keiner Bewegung besonders stark arbeitend, sanft im Rollen und scharf am Winde segelnd, wie sonst nur die besten Schiffe, wäre sie nicht verhindert gewesen, selbst bei stärkerem Winde das volle Segelwerk beizubehalten. Ihr Befehlshaber konnte, wenn er sonst ein unerschrockener Seemann war, immer unter Segel bleiben, ohne davon etwas fürchten zu müssen. Die »Syphanta« wäre deshalb gewiß ebensowenig gekentert, wie ein Fregattschiff, und wahrscheinlich würden eher die Masten derselben gebrochen sein, als daß sie unter Segel zugrunde gegangen wäre. Das gestattete also, ihr, selbst bei sehr schwerem Seegange, doch immer eine große Geschwindigkeit zu verleihen, und damit vergrößerte sich auch nur die Aussicht auf Erfolg bei der abenteuerlichen Kreuzfahrt, für welche sie ihre, gegen die Piraten des Archipels vereinigten Rheder ausgerüstet hatten.

Obwohl die »Syphanta« eigentlich kein wirkliches Kriegsschiff zu nennen war, weil dieselbe nicht einem anerkannten Staate, sondern einfachen Privatleuten angehörte, so war der Dienst auf derselben doch vollständig militärisch organisirt. Ihre Officiere wie die Besatzung hätten dem Orlogsschiffe jeder anderen Seemacht Ehre gemacht. Sowohl während der Fahrt, wie während der Ruhe im Hafen, hätte man hier dasselbe gleichmäßige Manövriren, dieselbe Disciplin an Bord beobachten können. Hier zeigte sich nichts von dem Sichgehenlassen der Leute eines überhastet ausgerüsteten Schiffes, wo die Thätigkeit derselben meist nicht so nach strengen Vorschriften geregelt ist, wie der Befehlshaber eines Fahrzeugs der Kriegsmarine das verlangen müßte.

Die »Syphanta« führte in ihrer Musterungsrolle zweihundertfünfzig Mann auf, zur größeren Hälfte Matrosen aus den westlichen Küstenländern, Franzosen, Provençalen, zur anderen kleineren Engländer, Griechen und Korfioten. Es waren gewandte Leute in der Bedienung des Segelwerkes, verläßliche Streiter im Kampf, Seeleute mit Leib und Seele, auf welche man rechnen konnte Alle hatten dafür schon hinlängliche Proben abgelegt. Schiemänner, zweite und erste Bootsleute waren ihrer Functionen als vermittelnde Glieder zwischen Mannschaft und Officierscorps völlig würdig. Der Stab selbst bestand aus vier Lieutenants, acht Schiffsfähnrichen, von korslötischer, englischer und französischer Herkunft, und einem zweiten Befehlshaber. Letzterer, der Capitän Todros, war ein alter Seemann aus dem Archipel, und also genau bekannt mit den Gewässern, deren versteckteste Straßen und Schlupfwinkel die Corvette absuchen sollte. Da gab es keine Insel, von der ihm nicht alle Baien, Golfe, Buchten und Schlupfhäfen bekannt gewesen wären; nicht ein Eiland, dessen hydrographische Lage er nicht bei Gelegenheit früherer Fahrten bestimmt hätte; keine Wassertiefe, die er nicht ebenso sicher im Kopfe hatte, als wenn die Seekarte vor ihm läge.

Dieser Officier, der jetzt wenig über fünfzig Jahre zählte und ein Grieche aus Hydra war, auch schon früher unter dem Befehle Canaris‘ und Tomasis‘ gedient hatte, mußte für den Befehlshaber der »Syphanta« ein höchst werthvoller Helfer sein.

Den ersten Theil ihrer Kreuzfahrt im Archipel hatte die Corvette unter dem Oberbefehl des Capitäns Stradena ausgeführt, und die ersten Wochen auf See waren, wie erwähnt, sehr glücklich verlaufen. Die Vernichtung verschiedener Seeräuberschiffe und die Aufbringung werthvoller Prisen, das verdiente wohl den Namen eines günstigen Anfangs. Die weitere Fahrt brachte aber doch sehr empfindliche Verluste an Mannschaft und Officieren mit sich. Daß man eine Zeit lang ohne Nachrichten von der »Syphanta« geblieben war, lag daran, daß diese am 27. Februar unweit Lemnos einen hitzigen Kampf gegen eine ganze Flottille von Piratenschiffen zu bestehen gehabt hatte.

Dieser Kampf hatte nicht allein vierzig Mann an Todten und Verwundeten gekostet, sondern es war dabei auch der Commandant Stradena, auf seinem Posten von einer Kugel tödtlich getroffen, gefallen.

Darauf übernahm damals der Capitän Todros das Commando der Corvette; dann war er, nachdem er den Sieg über die Seeräuber nach Kräften ausgenützt, in den Hafen von Aegina eingelaufen, um höchst nothwendige Reparaturen an Rumpf und Takelage vornehmen zu lassen.

Wenige Tage nach dem Eintreffen der »Syphanta« daselbst hörte man zu nicht geringem Erstaunen, daß das Schiff zu sehr hohem Preise für Rechnung eines Banquiers in Ragusa gekauft worden war, dessen Bevollmächtigter nach Aegina kam, um die Umschreibung der Schiffspapiere vornehmen zu lassen. Alles das vollzog sich, ohne daß dagegen eine Einrede hätte erhoben werden können, und es stand nun unbestreitbar fest, daß die Corvette ihren früheren Eigenthümern, der korfiotischen Rhederei, welche bei dem Wiederverkauf noch ein sehr gutes Geschäft gemacht hatte, nicht mehr angehörte.

Wenn die »Syphanta« aber auch in andere Hände übergegangen war, so blieb ihre Bestimmung doch ganz dieselbe. Sie verfolgte das Ziel, den Archipel von den ihm so lästigen Seeräubern zu befreien, wenn sich Gelegenheit dazu bot, etwaige befreite Gefangene nach der Heimat zurückzubefördern und jedenfalls ihre Bemühungen nicht eher aufzugeben, als bis sie diese Meere von dem verwegensten, blutgierigsten Schurken, dem Piraten Sacratif, erlöst hatte. Nach Vollendung der Ausbesserungen ging dem zweiten Officier der Befehl zu, im Norden der Insel Scio zu kreuzen, wo sich der neue Capitän einfinden werde, der bestimmt war, an Bord »der Nächste nach Gott« zu werden.

Zur selben Zeit war es, wo Henry d’Albaret das höchst lakonische Billet erhielt, durch welches er benachrichtigt wurde, daß im Stabe der Corvette »Syphanta« für ihn ein Platz frei sei.

Wie wir wissen, nahm er das Anerbieten an, ohne sich darum zu kümmern, ja, ohne zu ahnen, daß diese Stellung die des Befehlshabers sein sollte. Deshalb aber geschah es, daß der zweite Befehlshaber, die Officiere und die Mannschaften, sobald er den Fuß auf’s Deck gesetzt, sich seinem Oberbefehle unterordneten, während die Kanonen die Flagge Korfus begrüßten.

Alles das erfuhr Henry d’Albaret erst durch ein Gespräch, welches er mit dem Capitän Todros hatte. Der Vertrag, durch welchen er mit der Führung der Corvette betraut wurde, war völlig rechtsgiltig aufgesetzt, es konnte also Niemand die Machtvollkommenheit des jungen Officiers in Zweifel ziehen, und es geschah das auch von keiner Seite. Uebrigens kannten ihn auch mehrere Officiere des Schiffes schon von früher; sie wußten, daß er zwar einer der jüngsten, aber auch einer der befähigtesten Schiffslieutenants der französischen Marine gewesen war.

Der Antheil ferner, den er an dem Unabhängigkeitskampfe genommen, hatte ihm die verdiente Achtung verliehen. Bei der ersten Revue, die er an Bord der »Syphanta« abnahm, wurde sein Name mit lebhaften Beifallsrufen begrüßt.

»Officiere und Matrosen! sagte Henry d’Albaret in seiner einfachen Ansprache, ich weiß, welche Aufgabe der »Syphanta« gestellt worden ist. Wir werden derselben, wenn es Gott gefällt, nach allen Seiten gerecht werden! Ehre unserem alten Commandanten Stradena, der auf seinem Posten einen ehrenvollen Tod fand. Ich zähle auf Euch! Zählt Ihr auf mich! – Tretet ab!…«

Am nächsten Tage, den 2. März, verlor die Corvette beizeiten die Küsten von Scio, bald darauf auch den dieselben beherrschenden Gipfel des Elias-Berges aus dem Gesicht und schlug eine Richtung nach dem Norden des Archipels ein.

Ein Seemann braucht nur einen Blick und nur einen halben Tag Segelfahrt, um den Werth seines Schiffes beurtheilen zu können. Der Wind blies eben ziemlich frisch aus Nordwesten, ohne daß es nöthig geworden wäre, die Segelfläche zu vermindern. Der Befehlshaber Henry d’Albaret kam also sehr bald in die Lage, die ausgezeichneten nautischen Eigenschaften der Corvette kennen und schätzen zu lernen.

»Sie würde gewiß vor keinem anderen Schiffe der vereinigten Flotten die Segel streichen, sagte ihm der Capitän Todros, und dieselben sogar noch bei steifem Zweireefwind beibehalten.«

Das bedeutet aber in der Vorstellung des wackeren Seemanns zwei Dinge; erstens, daß kein anderer Segler im Stande sein würde, die »Syphanta« an Schnelligkeit zu übertreffen, und ferner, daß ihre solide Takelage und ihre Stabilität auf dem Meere ihr noch gestatten würden, das volle Segelwerk beizubehalten bei einem Wetter, das jedes andere Schiff genöthigt haben würde, dasselbe zu vermindern, wenn es vor dem Untergange sicher sein wollte. Dicht am Winde und mit Steuerbordhalsen hielt die »Syphanta« ihren Curs nach Norden ein, wobei sie im Osten die Insel Metelin oder Lesbos, eine der größten des Archipels, liegen ließ.

Am folgenden Morgen kam die Corvette seewärts von dieser Insel vorüber, wo die Griechen im Anfange des Krieges, 1821, große Vortheile über die ottomanische Flotte errangen.

»Ich war mit dabei, erzählte der Capitän Todros dem Commandanten d’Albaret. Es war im Mai. Wir waren sechzig Briggs, um fünf türkische Linienschiffe, vier Fregatten und vier Corvetten zu verfolgen, die nach dem Hafen von Metelin flüchteten. Ein Schiff von vierundsiebenzig Kanonen trennte sich von dem Geschwader, um aus Constantinopel Hilfe herbeizurufen. Wir blieben ihm aber auf den Fersen, und zuletzt sprang es mit neunhundertfünfzig Matrosen in die Luft. Ja, ich war mit dabei, und ich bin’s gewesen, der selbst die Schwefel- und Pechsäcke anzündete, die wir am Rumpf desselben angebracht hatten. Das waren gute Hemden, welche warm hielten, Herr Commandant, und die ich Ihnen vorkommenden Falles empfehle… für die Herren Piraten!«

Man mußte den Capitän Todros so seine Kriegsthaten erzählen hören mit der frohen Laune eines Matrosen vom Vordercastell; doch was der zweite Officier der »Syphanta« hier berichtete, das beruhte auch Alles auf Wahrheit

Nicht ohne triftigen Grund hatte Henry d’Albaret, nachdem er die Führung der Corvette übernommen, einen Curs nach Norden eingeschlagen. Nur wenige Tage vor seinem Aufbruch aus Scio waren in der Nähe von Lemnos und Samothrake verdächtige Fahrzeuge gemeldet worden.

Einige levantinische Küstenfahrer waren fast an der Küste der europäischen Türkei beraubt und zerstört worden. Vielleicht hielten es die Piraten, seitdem die »Syphanta« sie so hartnäckig verfolgte, für angezeigt, sich mehr nach den nördlichen Theilen des Archipels zurückzuziehen.

Von ihrer Seite konnte man das nur klug gehandelt nennen.

In den Gewässern bei Metelin war nichts zu entdecken. Hier traf man nur einige Handelsfahrzeuge, welche sich mit der Corvette selbst in Verbindung setzten, da sie sich durch ihre Anwesenheit für geschützt ansahen.

Während einer Zeit von vierzehn Tagen erfüllte die »Syphanta«, obgleich sie von dem schlechten Wetter der Tag- und Nachtgleiche nicht wenig zu leiden hatte, gewissenhaft ihre Mission.

Bei zwei oder drei sehr heftigen Böen, welche sie nöthigten, nur unter Sturmsegel zu laufen, konnte Henry d’Albaret sich nicht allein weiter über ihre Eigenschaften, wie über die seiner Mannschaft belehren. Die Anderen lernten auch ihn dabei kennen, und er strafte den Ruf nicht Lügen, den die Officiere der französischen Marine schon von jeher genießen, gewandte Seeleute bei schwerstem Wetter zu sein. Ueber seine Anlagen als Taktiker bei einem Seegefecht würde man sich später ein Urtheil bilden können; dagegen bezweifelte schon jetzt Niemand seinen Muth im Feuer.

Unter den schwierigsten Umständen erwies sich der junge Befehlshaber ebenso bewandert in der Theorie wie in der Praxis. Er besaß einen kühnen Charakter, große Seelenstärke, unerschütterliche Kaltblütigkeit und war stets bereit, alle Ereignisse vorauszusehen und zu beherrschen, mit einem Wort, er war ein Seemann, wie er sein soll, damit ist genug gesagt.

In der zweiten Hälfte des Monats beschäftigte sich die Corvette damit, das Landgebiet von Lemnos von der Seeseite zu besichtigen.

Diese Insel, die größte auf dieser Seite des ägäischen Meeres, welche bei fünfzehn Lieues in der Länge, fünf bis sechs in der Breite mißt, war ebenso wie das benachbarte Imbro von dem eigentlichen Unabhängigkeitskampfe noch nicht berührt worden, wiederholt hatten sich hier dagegen Seeräuber eingestellt, welche selbst vom Eingang zur Rhede Handelsschiffe mit frecher Hand wegzuführen wagten. Um frischen Proviant einzunehmen, ging die Corvette in dem damals stark überfüllten Hafen vor Anker. Zu jener Zeit baute man nämlich in Lemnos viele Schiffe, und wenn die, welche noch auf den Werften lagen, aus Furcht vor den Seeräubern nicht vollendet wurden, so wagten sich die bereits fertiggestellten nicht auszulaufen. Daher diese Ueberfüllung.

Diese Nachrichten, welche der Commandant d’Albaret hier auf der Insel erhielt, konnten ihn nur bestimmen, seine Fahrt nach dem Norden des Archipels fortzusetzen. Wiederholt wurde nämlich sogar der Name Sacratif’s sowohl ihm als seinen Officieren gegenüber erwähnt.

»Ah, rief der Capitän Todros, ich wäre wirklich begierig, mich einmal Auge in Auge gegenüber diesem Schurken zu befinden, der mir etwas sagenhaft erscheint. Das würde mir wenigstens den Beweis liefern, daß er überhaupt existirt.

– Stellen Sie seine Existenz in Zweifel? fragte Henry d’Albaret mit Interesse.

– Auf mein Wort, Herr Commandant, erwiderte Todros, wenn Sie meine offene Meinung hören wollen, muß ich Ihnen sagen, daß ich an jenen Sacratif gar nicht glaube, und ich wüßte nicht, daß irgend Jemand sich rühmen könnte, ihn jemals gesehen zu haben. Vielleicht ist das nur ein Kriegsname, den die Piraten Einer nach dem Anderen annehmen. Meiner Meinung nach wird sich schon so Mancher unter diesem Namen auf einem Schiffsdeck geschaukelt haben; doch, das thut nichts! Die Hauptsache bleibt, daß diese Spitzbuben gehenkt werden, und das soll ihnen nicht erspart bleiben.

– Was Sie da gesagt haben, ist Alles in Allem ja möglich, Capitän Todros, antwortete Henry d’Albaret, und das erklärte wenigstens die Allgegenwart, deren Jener sich zu erfreuen scheint.

– Sie haben ganz Recht, Herr Commandant, setzte ein französischer Officier hinzu. Wenn Sacratif, wie die Leute behaupten, gleichzeitig an mehreren Punkten gesehen worden ist, so deutet das unleugbar darauf hin, daß dieser Name unter allen Umständen gleichmäßig von verschiedenen jener Piraten geführt wird.

– Und wenn Sie das thun, geschieht es nur, um Andere, die sie verfolgen, auf falsche Fährte zu leiten, meinte der Capitän Todros. Doch ich wiederhole, es gibt ein ganz sicheres Mittel, diesen Namen auszumerzen – Alle, welche denselben tragen, müssen eben gefangen und gehangen werden… und sogar alle Die, welche ihn je geführt haben. Auf diese Weise wird der wahre Sacratif, wenn es überhaupt einen solchen gibt, dem mit Recht verdienten Stricke ja nicht entgehen.«

Der Capitän Todros hatte wohl ganz Recht, die Frage blieb aber immer, diesen unfaßbaren Uebelthäter erst sicher in die Hand zu bekommen.

»Capitän Todros, fragte Henry d’Albaret, haben Sie während der ersten Kreuzfahrt der »Syphanta«, oder auch schon bei früheren Fahrten nicht etwa eine Sacoleve von gegen hundert Tonnen kennen gelernt, welche den Namen »Karysta« führte?

– Niemals, erklärte der zweite Officier.

– Und Sie, meine Herren?« fuhr der Commandant fort, sich an seine Officiere wendend.

Kein Einziger derselben hatte je von der Sacoleve reden gehört, obwohl die Meisten von ihnen auf den Meeren des Archipels seit dem Anfange des Unabhängigkeitskrieges in Dienst gewesen waren.

»Der Name eines gewissen Nicolas Starkos, des Capitäns jener »Karysta«, wäre niemals bis zu Ihnen gedrungen?« fragte Henry d’Albaret noch einmal nachdrücklicher. Der betreffende Name war den Officieren der Corvette völlig unbekannt. Darüber konnte sich übrigens Niemand besonders wundern, da es sich nur um den Patron eines einfachen Handelsfahrzeuges handelte, wie man deren zu Hunderten an den Stapelplätzen der Levante begegnet.

Todros glaubte sich aber doch unklar zu erinnern, den Namen eines Nicolas Starkos einmal aussprechen gehört zu haben, als er im Hafen von Arkadia in Messenien vor Anker lag. Es sollte das der Name eines jener Schmugglercapitäne sein, welche die von der ottomanischen Behörde gekauften Gefangenen nach den Barbareskenküsten überführten.

»Ja, das kann aber kaum der Starkos sein, den Sie meinen, fügte er hinzu. Dieser, sagen Sie, war der Patron einer Sacoleve, und eine Sacoleve kann unmöglich den Bedürfnissen eines solchen Schleichhandels genügen.

– Freilich nicht!« antwortete Henry d’Albaret und ließ dieses Gespräch vorläufig fallen. Wenn er aber fortwährend an Nicolas Starkos dachte, kam das daher, daß ihm das undurchdringliche Geheimniß des Verschwindens Hadjine Elizundo’s und auch Andronikas kaum je aus dem Sinne kam, denn jetzt verknüpften sich diese beiden Namen stets in seiner Erinnerung.

Gegen den 25. März befand sich die »Syphanta« auf der Höhe der Insel Samothrake, sechzig Lieues im Norden von Scio. Betrachtet man die auf den zurück gelegten Weg verwendete Zeit, so ergibt sich, daß hier alle möglichen Schlupfwinkel gewiß mit aller Sorgfalt durchsucht worden waren, und was die Corvette in den tief in’s Land eindringenden Buchten wegen Mangels an Wassertiefe nicht selbst ausführen konnte, das übernahmen dann die Boote derselben. Bisher waren jedoch alle derartigen Nachforschungen völlig ohne Erfolg geblieben.

Die Insel Samothrake war während des Krieges grausam verwüstet worden, und die Türken hielten sie noch immer unter ihrem Joche. Es ließ sich also annehmen, daß die Seeräuber hier in den zahlreichen Buchten derselben – da ein eigentlicher Hafen nicht vorhanden war – sichere Zuflucht suchen und finden würden. Der Berg Saoce überragt diese Insel um fünf- bis sechstausend Fuß, und von dieser Höhe ist es für einen Wachtposten leicht, jedes verdächtig erscheinende Schiff zeitig genug wahrzunehmen und zu signalisiren. Die vorher gewarnten Piraten gewannen Zeit zu entfliehen, bevor sie blockirt werden konnten. Jedenfalls waren solche Schiffe hier verborgen gewesen, denn die »Syphanta« traf kein einziges derselben auf dem jetzt fast ganz öden Gewässer.

Henry d’Albaret schlug nun einen Curs nach Nordwesten ein, um die Insel Thasos anzulaufen, welche einige zwanzig Lieues von Samothrake entfernt liegt. Da die Windrichtung eine entgegengesetzte war, mußte die Corvette bei ziemlich steifer Brise laviren, sie fand jedoch bald Schutz vom Land und folglich ruhigeres Meer, wo die Fahrt leichter und angenehmer von Statten ging.

Welch‘ eigenthümliches Schicksal haben doch die Inseln des Archipels gehabt! Während Scio und Samothrake so schwer von Seiten der Türken zu leiden hatten, entgingen Thasos ebenso wie Lemnos und Imbro fast ganz den Verheerungen des Krieges. In Thasos ist die ganze Bevölkerung griechischen Ursprungs; hier herrschen noch die Sitten der Väter, Männer und Frauen haben noch die frühere Tracht bewahrt und erscheinen in Kleidung und Haartracht noch in der vollen Grazie des Alterthums. Die türkischen Machthaber, denen die Insel seit Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts unterworfen ist, hätten hier also nach Gefallen plündern können, ohne auf ernsten Widerstand zu stoßen. Auf wirklich unerklärliche Weise blieb derselben jedoch, obgleich der Reichthum ihrer Bewohner wohl die Habgier der gewissenlosen Barbaren zu erregen geeignet schien, bisher alles Ungemach erspart.

Ohne die Ankunft der »Syphanta« hätte Thasos freilich über kurz oder lang alle Greuel der Plünderung zu erfahren gehabt.

Am 2. April nämlich war der Hafen im Norden der Insel, der heutzutage Port Pyrgo genannt wird, von einer Landung zahlreicher Piraten bedroht. Fünf bis sechs Schiffe derselben, Mistiken und Djermen in Begleitung einer Brigantine, welche etwa ein Dutzend Kanonen führte, erschienen damals in Sicht der Stadt. Der Ueberfall jener Banditen, inmitten einer des Kampfes völlig ungewohnten Bevölkerung, hätte mit schrecklicher Verwüstung enden müssen, denn die Insel besaß nirgends hinreichende Streitkräfte, jenen Widerstand zu leisten.

Da erschien zur rechten Zeit die Corvette auf der Rhede, und sobald dieselbe durch einen, am Großmast der Brigantine gehißten Wimpel signalisirt worden war, stellten sich alle jene Fahrzeuge in Schlachtordnung, was von ihrer Seite immerhin eine ungewöhnliche Kühnheit verrieth.

»Sollten sie gar einen Angriff wagen? rief der Capitän Todros, der sich auf die Commandobrücke in die Nähe des Befehlshabers begeben hatte.

– Wer weiß, ob sie uns angreifen oder sich nur vertheidigen wollen, erwiderte Henry d’Albaret, den diese Haltung der Seeräuber überraschte.

– Zum Teufel, ich hätte eher erwartet, die Schufte mit Beisetzung aller Segel entfliehen zu sehen.

– Im Gegentheil, mögen sie nur Widerstand leisten, Capitän Todros… am liebsten selbst angreifen! Wenn sie die Flucht ergriffen, würde es doch Einem und dem Andern gelingen, uns zu entwischen. Commandiren Sie »Klar zum Gefecht!«

Der Befehl des Commandanten wurde sofort aufgeführt. In der Batterie erhielten die Kanonen ihre Ladung, die Lunten wurden zurecht gelegt und die Geschosse herbeigeschafft, so daß sie der Bedienung bequem lagen, auf dem Verdeck machte man die Corvette zum Kampfe fertig und vertheilte die Waffen, Musketen, Pistolen, Säbel und Enterhaken. Die Mastwächter standen bereit, ihre Pflicht zu thun, und zwar ebenso bei einem Kampf an Ort und Stelle, wie wenn es sich um Verfolgung von Flüchtlingen gehandelt hätte. Alles das geschah in einer solchen Ordnung und Schnelligkeit, als ob die »Syphanta« ein wirkliches Kriegsschiff gewesen wäre.

Inzwischen näherte sich die Corvette der Flottille, bereit zum Angriff überzugehen oder einen solchen abzuschlagen. Die Absicht des Befehlshabers ging dahin, direct auf die Brigantine loszusteuern, sie mit einer Breitseite zu begrüßen, welche sie wohl kampfunfähig machen konnte, dann sie anlaufen und seine Mannschaft dieselbe erstürmen zu lassen.

Immerhin war es möglich, daß die Piraten, noch während sie sich zum Kampfe vorbereiteten, doch nur daran dachten, zu entfliehen. Wenn sie es nicht früher gethan hatten, lag das wohl daran, daß die plötzliche Ankunft der Corvette, welche die Rhede vor ihnen beherrschte, sie überrascht hatte. Es blieb nun also kaum etwas Anderes übrig, als der Versuch, sich mit Gewalt einen Durchgang zu erzwingen.

Die Brigantine war es, welche das Feuer eröffnete. Sie richtete ihre Kugeln so, um die Corvette womöglich eines ihrer Masten zu berauben. Wenn ihr das gelang, befand sie sich sofort in weit günstigeren Verhältnissen, der Verfolgung des gefährlichen Gegners zu entgehen.

Die Geschosse flogen etwa sieben bis acht Fuß über dem Deck der »Syphanta« hinweg, zerrissen einige Drissen und Schooten und zertrümmerten einige kleinere Raaen, zersprengten auch einen Theil anderer Reservestücke und verwundeten drei oder vier Matrosen, zum Glück aber nicht schwer. Alles in Allem war die Beschädigung des Schiffes keine bedeutende zu nennen.

Henry d’Albaret antwortete nicht unmittelbar. Er steuerte noch weiter und ließ eine Breitenlage vom Steuerbord nicht eher abgeben, als bis der Dampf von den ersten Schüssen sich verzogen hatte.

Zum Glück für die Brigantine hatte deren Capitän unter Benützung der Brise eine Wendung machen können und erhielt so nur zwei oder drei Kugeln in den Schiffsrumpf oberhalb der Schwimmlinie. Wenn dadurch auch einige Mann getödtet wurden, so war das Schiff damit doch nicht außer Gefecht gesetzt.

Die Projectile der Corvette, welche fehl gingen, waren deshalb doch noch nicht verloren. Die Mistike, welche durch die Wendung der Brigantine sichtbar geworden war, erhielt einen guten Theil derselben in die Backbordwand, und zwar so unglücklich für sie, daß dieselbe Wasser zu schöpfen begann.

»Na, ist’s nicht die Brigantine, so ist’s doch deren Begleiterin, welche ein Gericht eiserner Bohnen in den Magen bekommen hat, rief einer der Matrosen, die auf dem Vordercastell der »Syphanta« standen.

– Meine Ration Wein, daß sie binnen fünf Minuten sinkt!

– Binnen drei Minuten!

– Ich halte die Wette, und wünsche nur, daß mir Dein Wein ebenso leicht die Kehle hinunterläuft, wie ihr das Wasser durch die Löcher in den Rumpf eindringt!

– Sie sinkt!… Sie sinkt!…

– Da sitzt sie schon bis zur Schanzkleidung drin…. Der Rumpf wird nicht mehr lange über Wasser bleiben.

– Und die Teufelskerle darauf springen kopfüber in’s Meer und retten sich durch Schwimmen…

– Nun sie ziehen eben einen Strick um den Hals dem Ertrinken im Wasser vor, dabei wollen wir sie nicht stören!«

In der That sank die Mistike immer mehr und mehr. Ehe das Wasser aber die Reeling erreichte, hatte die Besatzung derselben einen Sprung in’s Meer gewagt, um irgend ein anderes Fahrzeug der Flottille zu erreichen.

Die Leute auf diesen hatten freilich ganz anderes zu thun, als sich mit der Rettung der Ueberlebenden von der Mistike zu beschäftigen Sie dachten jetzt nur noch an die Flucht. So fanden die Unglücklichen Alle den Tod in den Wellen, ohne daß ihnen nur ein Tauende zugeworfen worden wäre, um sie an Bord zu ziehen.

Die zweite Breitlage der »Syphanta« wurde dieses Mal auf eine der Djermen abgefeuert, welche quer gegen jene lag, und setzte dieselbe vollständig außer Gefecht; es bedurfte auch keiner weiteren Mühe, sie ganz zu vernichten. Bald verschwand die Djerme in aufwirbelnden Flammen, welche ein halbes Dutzend glühende Kugeln auf dem Deck derselben entzündet hatten.

Als sie diesen Ausgang sahen, begriffen die anderen kleineren Schiffe, daß es ihnen doch nicht gelingen würde, sich gegen das grobe Geschütz der Corvette zu vertheidigen. Freilich, wenn sie die Flucht ergriffen, hatten sie auch nicht große Aussicht, einem größeren schnellsegelnden Schiffe zu entgehen.

Der Capitän der Brigantine griff also zu der einzigen Maßregel, die ihm übrig blieb, wenn er deren Mannschaft retten wollte. Er ließ sie durch ein Signal zusammenrufen, und binnen wenigen Minuten hatten sich die Piraten an seinen Bord geflüchtet, nachdem sie eine Mistike und eine Djerme verlassen, welche sie vorher selbst in Brand setzten und die auch bald darauf in die Luft sprangen.

Die Besatzung der Brigantine befand sich jetzt, nachdem sie eine Verstärkung von gegen hundert Mann erhalten, in bester Lage, einem directen Sturme von Seite des Feindes die Spitze zu bieten, wenn es ihr nicht gelang, zu entkommen.

Wenn die Mannschaft derselben jetzt aber an Zahl der der Corvette gleich war, blieb es für sie immer noch das Beste, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Sie zögerten denn auch nicht, die größere Schnelligkeit, welche dem Schiffe eigen war, sich zu nutze zu machen, um an der türkischen Küste Zuflucht zu finden. Dort wäre ihr Capitän im Stande gewesen, sich so sicher zwischen den Felsen des Uferlandes zu verbergen, daß die Corvette ihn weder finden, noch, wenn sie ihn fand, ihn verfolgen konnte.

Die Brise hatte wesentlich aufgefrischt. Die Brigantine zögerte indeß nicht, alles Segelwerk, was sie nur führen konnte, beizusetzen, selbst auf die Gefahr hin, die Masten zu zerbrechen, und begann sich von der »Syphanta« zu entfernen.

»Schön, rief der Capitän Todros, es sollte mich doch wundern, wenn ihre Beine ebenso lang wären, wie die unserer Corvette!«

Er wandte sich nach dem Commandanten um, dessen Befehl er erwartete.

In diesem Augenblicke wurde aber die Aufmerksamkeit Henry d’Albaret’s nach einer ganz anderen Seite hingelenkt. Er sah die Brigantine gar nicht mehr. Das Fernrohr auf den Hafen von Thasos gerichtet, beobachtete er ein leichtes Fahrzeug, das mit aller Kraft der Segel das Weite zu gewinnen sachte.

Es war eine Sacoleve Getrieben von einer steifen Nordwestbrise, welche ihr gestattete, alle Segel beizusetzen, war sie in die südliche Ausgangsstraße des Hafens eingesteuert, zu der ihr geringer Tiefgang ihr den Eingang ermöglichte.

Henry d’Albaret legte, nachdem er scharf nach derselben ausgelugt, das Fernrohr hastig bei Seite.

»Die »Karysta«! rief er.

– Wie, das wäre jene Sacoleve, von der Sie mit mir gesprochen haben? fragte der Capitän Todros.

– Sie selbst; ich gäbe etwas darum, sie einzuholen….«

Henry d’Albaret vollendete den Satz nicht. Zwischen der Brigantine, auf der sich eine zahlreiche, aus Seeräubern bestehende Mannschaft befand, und der »Karysta« durfte er, obgleich letztere jedenfalls von Nicolas Starkos befehligt wurde, keinen Augenblick wählen. Gewiß hätte er, wenn er die Verfolgung der Brigantine aufgab und sich nach dem Eingang der seichten Wasserstraße begab, der Sacoleve den Weg abschneiden können, er konnte sie erreichen und sich ihrer bemächtigen. Damit hätte er freilich das allgemeine Interesse seinem eigenen persönlichen Vortheile geopfert. Das durfte er nicht. Seine Pflicht gebot ihm, ohne einen Augenblick zu verlieren, der Brigantine nachzueilen, den Versuch zu machen, diese abzufangen, um sie zu zerstören, und dazu entschloß er sich denn auch sofort. Noch einen letzten Blick warf er auf die »Karysta«, die sich durch die offenliegende Wasserstraße mit großer Schnelligkeit aus dem Staube machte, und ertheilte dann die nöthigen Befehle, auf das Piratenschiff Jagd zu machen, das sich schon in entgegengesetzter Richtung entfernte.

Mit allen Segeln steuerte die »Syphanta«, so schnell sie konnte, im Kielwasser der Brigantine hin. Gleichzeitig wurden ihre Jagdgeschütze in Position gebracht, und da die beiden Schiffe jetzt nur noch ein Zwischenraum von einer halben Seemeile trennte, begann die Corvette ihren ehernen Mund aufzuthun.

Was sie da sagte, schien gar nicht besonders nach dem Geschmacke der Brigantine zu sein. Diese fiel möglichst schnell zwei Viertel ab und versuchte, ob es ihr nicht bei dieser neuen Fahrtrichtung möglich sein würde, vor dem Gegner einen Vorsprung zu gewinnen.

Das erwies sich jedoch als Täuschung. Der Steuermann der »Syphantadrehte ebenfalls ein wenig bei, und die Corvette wechselte auch ihrerseits den Curs.

Etwa eine Stunde lang wurde die Verfolgung unter diesen Verhältnissen fortgesetzt. Die Piraten verloren offenbar an Weg, und es schien gar nicht zweifelhaft, daß man dieselben noch vor Mitternacht einholen würde. Der zu erwartende Kampf zwischen den beiden Fahrzeugen sollte aber auf ganz andere Weise ein Ende finden.

Durch einen glücklichen Schuß beraubte eine Paßkugel von der »Syphanta« die Brigantine ihres Fockmastes. Sofort unterlag das Schiff der Wirkung des Windes, und die Corvette brauchte nur zu brassen und abzuwarten, um sich eine Viertelstunde später derselben quer gegenüber zu befinden.

Da rollte ein furchtbarer Geschützdonner über das Wasser hin. Auf weniger als eine halbe Kabellänge hatte die »Syphanta« vom Steuerbord eine ganze Breitseite abgegeben. Die Brigantine wurde durch diese Lawine von Eisen fast in die Höhe gehoben, doch war nur der über das Wasser aufragende Theil des Rumpfes getroffen worden, und sie sank deshalb noch nicht.

Der Capitän, dessen Mannschaft durch diese letzte Salve noch einmal decimirt worden war, sah nun wohl ein, daß er nicht länger Widerstand leisten konnte, und strich also die Flagge.

Binnen wenigen Minuten schon stießen die Boote der Corvette an die Brigantine und holten die noch Ueberlebenden von derselben ab. Dann setzte man das Schiff in Flammen und es brannte hellauf bis hinunter zur Schwimmlinie.

Erst als das Feuer diese erreicht, versank es lautlos in den Fluten.

Die »Syphanta«hatte hiermit ein gutes und nützliches Werk gethan. Wer der Anführer dieser Flottille war, wie er hieß, woher er stamme und was er früher getrieben, das sollte man niemals erfahren, denn er verweigerte es hartnäckig, auf die Fragen Antwort zu geben, die man bezüglich dieser Verhältnisse an ihn stellte. Auch seine Leute bewahrten ein beharrliches Schweigen, und vielleicht wußten diese, wie es damals öfters vorzukommen pflegte, nicht einmal selbst etwas von dem Vorleben dessen, der sie befehligte. Daß sie jedoch Seeräuber waren, daran konnte ein Zweifel nicht aufkommen, und so ließ man denn der Gerechtigkeit ihren Lauf.

Das Erscheinen und Verschwinden der Sacoleve hatte in Henry d’Albaret doch ganz eigenthümliche Gedanken wachgerufen. Die Umstände, unter welchen sie eben den Hafen von Thasos verließ, mußten sie ihm erst recht verdächtig erscheinen lassen, da sie allem Anscheine nach sich das eben im Gange befindliche Gefecht zunutze gemacht hatte, um sicherer zu entkommen. Jedenfalls fürchtete sie, in die Nähe der »Syphanta« zu kommen, die sie wohl erkannt haben mochte. Ein ehrbares Schiff wäre da ganz ruhig im Hafen geblieben, da die Piraten sich von demselben jetzt ja nur zu entfernen trachteten. Diese »Karysta« dagegen hatte sich, selbst auf die Gefahr hin, jenen in die Hände zu fallen, beeilt, den Anker zu lichten und in See zu stechen. Zweideutiger hätte sie gar nicht verfahren können, und man durfte sich gewiß fragen, ob sie mit den Seeräubern nicht in geheimem Bunde stand. Den Commandanten Henry d’Albaret hätte es in der That gar nicht verwundert, Nicolas Starkos als einen Spießgesellen derselben zu erkennen. Leider konnte er jetzt, dessen Spuren wiederzufinden, nur noch auf einen glücklichen Zufall rechnen. Allmählich sank die Nacht herab und die »Syphanta« verlor, da sie einen mehr südlichen Curs einhielt, alle Aussicht, die Sacoleve noch einmal zu treffen. So sehr es Henry d’Albaret auch bedauerte, sich diese Gelegenheit, Nicolas Starkos zum Gefangenen zu machen, haben entgehen zu lassen, so mußte er doch wohl darauf verzichten, aber er hatte ja seine Pflicht gethan. Der Erfolg dieses Kampfes bei Thasos bestand in der Zerstörung von fünf Fahrzeugen, ohne daß die Besatzung der Corvette dabei besonders Schaden gelitten hatte. Vielleicht war durch denselben wenigstens für einige Zeit die allgemeine Sicherheit in dem nördlichen Theile des Archipels gewährleistet.

Elftes Capitel


Elftes Capitel

Signale ohne Antwort.

Acht Tage hindurch nach dem Gefechte bei Thasos durchkreuzte die »Syphanta«, nachdem sie alle Buchten der türkischen Küste von Cavale bis Orphana durchsucht, den Golf von Contessa, segelte darauf vom Cap Deprano bis zum Cap Paliuri, zwischen den Einfahrten nach den Golfen von Monte Santo und Cassandra; endlich im Laufe des 15. April verlor sie nach und nach die Gipfel des Berges Athos aus dem Gesicht, dessen höchste Spitze bis auf nahezu zweitausend Meter über die Meeresfläche hinaufsteigt.

Im ganzen Verlaufe dieser Fahrt wurde kein einziges verdächtiges Schiff beobachtet. Wiederholt bemerkte man wohl türkische Geschwader; die »Syphanta« aber, welche unter korslötischer Flagge segelte, glaubte keine Veranlassung zu haben, sich mit diesen Schiffen in Verbindung zu setzen, welche deren Commandant lieber mit Kanonenschüssen, als durch Abnehmen des Hutes begrüßt hätte.

Unter diesen Umständen erhielt Henry d’Albaret – es war am 26. April – die Nachricht von einem hochwichtigen Ereignisse. Die verbündeten Mächte hatten sich nämlich dahin geeinigt, daß jede Verstärkung, welche den Truppen Ibrahim’s auf dem Seewege zu geführt würde, angehalten werden solle. Rußland ging sogar mit einer offenen Kriegserklärung gegen den Sultan vor. Die Lage Griechenlands verbesserte sich also mehr und mehr, und wenn darin auch noch mehrere Verzögerungen eintraten, so ging das Land doch sicher der Erlangung seiner Unabhängigkeit entgegen.

Am 30. April war die Corvette bis tief in den Hintergrund von Salonichi eingedrungen das heißt, sie hatte den für die Kreuzfahrt in Aussicht genommenen nördlichsten Punkt erreicht. Hier fand sie noch Gelegenheit, auf einige Schebeks, Senalen und Polakren Jagd zu machen, welche ihr nur entkamen, indem sie sich auf den Strand flüchteten. Wenn die Mannschaft derselben auch nicht vollständig vernichtet wurde, so gelang es doch wenigstens, den größten Theil jener Fahrzeuge dienstuntauglich zu machen.

Die »Syphanta« schlug nun wieder einen südlichen Curs ein, um die Südränder des Golfs von Salonichi sorgfältig zu durchsuchen. Jedenfalls war aber ihre Anwesenheit hier überall hin gemeldet worden, denn nirgends ließ sich nur ein einziger Seeräuber sehen, dem sie hätte den verdienten Proceß machen können.

Da ereignete sich ein eigenthümliches, so gut wie unerklärliches Vorkommniß an Bord der Corvette.

Am 10. Mai, gegen sieben Uhr Abends, als Henry d’Albaret in seine Cajüte eintrat, welche das ganze Hintertheil der »Syphanta« einnahm, fand derselbe einen auf seinem Tische liegenden Brief. Er nahm denselben auf, näherte ihn der Hängelampe, welche an der Decke schwankte, und las dessen Adresse.

Die Aufschrift desselben lautete folgendermaßen:

»An den Capitän Henry d’Albaret, Befehlshaber der Corvette »Syphanta«, z. Z. in See«.

Henry d’Albaret glaubte diese Schriftzüge wieder zu erkennen. Sie glichen offenbar vollkommen denjenigen des Schreibens, das er früher einmal in Scio empfangen und in dem er die Aufforderung erhielt, einen an Bord der Corvette frei gewordenen Platz einzunehmen.

Der erwähnte, diesmal auf so eigenthümliche Weise, und ohne daß an eine Vermittelung der Post zu denken war, eingetroffene Brief war von folgendem Inhalt:

 

»Wenn der Commandant Henry d’Albaret seine Fahrtdispositionen so einrichten kann und will, daß er bei seinen Kreuzzügen im Archipel in der ersten Septemberwoche in den Gewässern der Insel Scarpanto eintrifft, so wird er dem Heile Aller und den ihm anvertrauten Interessen die besten Dienste leisten.«

Der Brief zeigte, ebensowenig wie der nach Scio gelangte, eine Datumangabe und eine Unterschrift. Und als Henry d’Albaret beide mit einander verglich, überzeugte er sich noch einmal, daß dieselben von der nämlichen Hand herrührten.

Wie sollte er sich die Sache erklären? Den ersten Brief hatte er auf gewöhnlichem Wege durch die Post erhalten; diesen zweiten konnte nur eine an Bord befindliche Person auf seinen Tisch gelegt haben. Nothwendiger Weise mußte also die betreffende Person das Schreiben schon seit Anfang der Fahrt in Besitz gehabt haben, oder es war während eines der letzten Hafenaufenthalte der »Syphanta« nach dieser gelangt. Der Brief befand sich auch noch nicht an seiner jetzigen Stelle, als der Commandant heute seine Cajüte zum letzten Male verließ, was etwa vor einer Stunde gewesen sein mochte, um sich nach dem Deck zu begeben und seine Befehle für die kommende Nacht zu ertheilen. Unbedingt war derselbe also seit weniger als einer Stunde auf den Tisch in der Cajüte niedergelegt worden.

Henry d’Albaret klingelte.

Ein Bootsmann erschien.

»Wer ist hierher gekommen, seit ich nach dem Verdeck hinaufstieg? fragte Henry d’Albaret.

– Niemand, Herr Commandant, antwortete der Matrose.

– Niemand?… Hätte nicht irgend Jemand hier hineintreten können, ohne daß Du es bemerkt hättest?

– Nein, Herr Commandant, denn ich habe diese Thür inzwischen keinen Augenblick verlassen.

– Es ist gut.«

Der Bootsmann zog sich zurück, nachdem er die Hand an die Mütze gelegt hatte.

»Es erscheint mir wirklich selbst fast unmöglich, sprach Henry d’Albaret für sich, daß ein Mann vom Schiffe hätte ungesehen durch diese Thür eindringen können. Möglicherweise hatte Jemand, gedeckt durch die zunehmende Dunkelheit, doch bis zur äußersten Galerie hinschleichen und durch ein Fenster des Achters hereinschlüpfen können.«

Henry d’Albaret untersuchte also die stückpfortenähnlichen Fensteröffnungen, welche nach dem Spiegel der Corvette zu lagen. Diese aber, wie auch die seines Schlafraumes, erwiesen sich von innen geschlossen. Es war also unbedingt unmöglich, daß eine von außen kommende Person durch eine dieser Oeffnungen hätte gelangen können.

Das ganze Vorkommniß war nicht dazu angethan, in Henry d’Albaret die mindeste Beunruhigung zu erregen, sondern höchstens einige Ueberraschung und vielleicht jenes Gefühl unbefriedigter Neugier, dem man sich einer schwer erklärlichen Thatsache gegenüber ja nicht verschließen kann. Sicher war hierbei nur das Eine, daß der anonyme Brief auf irgend eine Weise an seine Adresse gelangt, und daß derjenige, der ihn empfangen sollte, kein anderer war, als der Befehlshaber der »Syphanta«.

Nach einiger Ueberlegung beschloß Henry d’Albaret, nichts von der ganzen Sache zu erwähnen, auch nicht einmal gegen seinen zweiten Officier. Wozu hätte es auch gedient, mit ihm davon zu sprechen? Der geheimnißvolle Briefschreiber, mochte es nun sein, wer es wollte, wäre dadurch doch gewiß auch nicht an’s Licht gekommen.

Nun drängte sich dem Commandanten die Frage auf, ob er der in dem Briefe enthaltenen Mahnung Folge geben sollte.

»Gewiß! sagte er für sich. Der, von dem der erste, mir auf Scio zugegangene Brief herrührte, hat mich ja nicht betrogen mit der Meldung, daß im Stabe der »Syphanta« ein Platz für mich ledig sei. Warum sollte er mich jetzt, beim zweiten Male, damit irre führen, daß er mir in der ersten Septemberwoche die Insel Scarpanto anzulaufen gebietet? Wenn er das thut, kann es nur im Interesse der mir anvertrauten Mission geschehen sein. Ja, ich werde meinen Fahrplan ändern und zur bestimmten Zeit da sein, wo ich offenbar erwartet werde.«

Henry d’Albaret verschloß sorgfältig den Brief, der ihm diese neuen Instructionen brachte; dann holte er seine Seekarten hervor und begann eine neue Kreuzfahrt auszuarbeiten, um sich während der vier, bis Ende August noch übrigen Monate nutzbringend zu beschäftigen.

Die Insel Scarpanto liegt im Südosten, am anderen Ende des Archipels, d. h. in gerader Linie einige hundert Lieues entfernt. Es konnte der Corvette also nicht an Zeit fehlen, die verschiedenen Küstenpunkte Moreas, an denen sich Seeräuber so leicht verbergen können, zu untersuchen, ebenso wie die ganze Gruppe der Cykladen, die vom Eingange des Golfs von Aegina bis zur Insel Kreta verstreut sind.

Die Verpflichtung, sich zur bestimmten Zeit in Sicht der Insel Scarpanto zu befinden, konnte also die vom Commandanten Henry d’Albaret vorher festgestellte Segelordre nicht besonders beeinflussen. Was er zu thun beschlossen, wollte und konnte er ausführen, ohne einen wichtigeren Punkt aus seinem Programme zu streichen.

So fuhr die »Syphanta« also am 20. Mai weiter, um nach oberflächlicher Besichtigung der kleinen Inseln Pelerissa, Peperi, Sarakino und Skantxura im Norden von Negropontis die Insel Scyros sorgfältiger zu durchsuchen.

Scyros ist eine der bedeutendsten der neun Inseln jener Gruppe, welche das Alterthum als die Heimat der neun Musen zu bezeichnen pflegte. In ihrem sicheren, geräumigen und guten Ankergrund bietenden Hafen St. Georg konnte sich die Besatzung der Corvette leicht mit frischen Nahrungsmitteln, mit Lämmern, Rebhühnern, Weizen und Gerste versorgen und hinreichenden Vorrath an dem vorzüglichen Wein einnehmen, den das Land in großer Menge erzeugt. Diese Insel, welche in den halb mythologischen Ereignissen des trojanischen Krieges, in dem die Namen eines Lykomedes, Achilles und Ulysses besonders hervorragen, eine große Rolle spielte, sollte nun bald unter der Eparchie von Euböa zum neuen Königreiche Griechenland gehören.

Da das Gestade von Scyros so vielfach von Baien und Buchten zerschnitten ist, in welchen Seeräuber ein bequemes Versteck finden können, so ließ Henry d’Albaret dieselben sehr genau durchsuchen. Während die Corvette in der Entfernung weniger Kabellängen gegengebraßt lag, ließen deren Boote keine einzige Stelle ununtersucht.

Auch diese Nachforschungen blieben ohne Ergebniß, die Schlupfwinkel waren leer. Die einzigen Nachrichten, welche der Commandant von den Behörden der Insel erhielt, liefen darauf hinaus, daß vor etwa einem Monate im benachbarten Gewässer mehrere Handelsschiffe von einem unter Seeräuberflagge segelnden Fahrzeuge angegriffen, beraubt und zerstört worden seien, sowie daß man diese freche Schandthat dem berüchtigten Sacratif zuschreibe. Worauf sich diese Annahme gründete, vermochte freilich Niemand zu sagen, eine so große Unsicherheit herrschte allein über die wirkliche Existenz der betreffenden Persönlichkeit.

Nach fünf- bis sechstägigem Aufenthalt verließ die Corvette Scyros wieder. Gegen Ende des Monats näherte sie sich den Küsten der großen Insel Euböa, welche auch Negropontis genannt wird, deren Gestade sie auf eine Strecke von über vierzig Lieues sorgfältig in Augenschein nahm.

Bekanntlich war diese Insel eine der ersten, welche bei Beginn des Krieges 1821 in die Bewegung eintrat; die Türken hielten sich hier jedoch, nachdem sie sich in der Citadelle von Negropontis verschanzt und auch in der von Karystos festen Fuß gefaßt, mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit. Als sie dann durch Truppen Jussuf Paschas Verstärkung erhalten hatten, durchstreiften sie die ganze Insel und überließen sich ihren gewohnten Mordbrennereien, bis der griechische Hauptmann Diamantis denselben im September 1823 endlich ein Ziel setzte. Es gelang diesem, die ottomanischen Soldaten unerwartet zu überfallen, wobei er einen großen Theil derselben über die Klinge springen ließ und die Anderen zwang, sich über die Meerenge nach Thessalien zu flüchten.

Am Ende blieb aber doch der Vortheil auf Seite der Türken, welche eine bedeutende Uebermacht hatten. Nach einem vergeblichen Versuche des Obersten Fabvier und des Escadronschefs Regnaud de Saint Jean d’Angély, im Jahre 1826, blieben jene auf die Dauer Herren der Insel.

Sie waren es auch noch zu der Zeit, als die »Syphanta« in Sicht der Küsten von Negropontis vorüberkam. Von seinem Schiffe aus konnte Henry d’Albaret diesen Schauplatz eines der blutigsten Kämpfe übersehen, an dem er selbst rühmlichst Antheil genommen hatte. Jetzt schlug man sich daselbst nicht mehr, und nach Anerkennung des neuen Königreichs bildete die Insel Euböa mit ihren sechstausend Einwohnern eine der Nomarchien Griechenlands.

So gefährlich es auch war, auf diesem Meere Polizei zu üben, da das manchmal unter den türkischen Kanonen selbst geschah, setzte die Corvette dennoch ihre Kreuzfahrt fort und zerstörte wohl noch zwanzig Piratenschiffe, welche sich bis nach der Gruppe der Cykladen heranwagten.

Diese Expedition hatte den größten Theil des Juni in Anspruch genommen. Später segelte die Corvette mehr nach Süden hinab. In den letzten Tagen des Monats befand sie sich auf der Höhe von Andros, der ersten der Cykladen und nahe der südlichen Spitze von Euböa gelegen, eine sehr patriotische Insel, deren Bewohner sich gleichzeitig mit denen von Psara gegen die ottomanische Gewalt erhoben.

Der Commandant d’Albaret hielt es nun für angezeigt, seinen Curs zu ändern, um sich mehr den Küsten des Peloponnes zu nähern, und wandte sich auf kürzestem Wege direct nach Südwesten. Am 2. Juni bekam er die Insel Zea, das alte Ceos oder Cos, in Sicht, das von dem hohen Gipfel des Elias-Berges beherrscht wird.

Einige Tage ankerte die »Syphanta« in dem Hafen von Zea, einem der besten der hiesigen Gegend. Hier fanden Henry d’Albaret und seine Officiere mehrere jener Zeoten wieder, welche in den ersten Jahren des Krieges ihre Waffengefährten gewesen waren. Die Corvette hatte sich denn auch des herzlichsten Empfanges zu erfreuen. Da indeß kaum ein Pirat daran denken konnte, sich in die Buchten dieser Insel zu flüchten, so zögerte die »Syphanta« nicht, ihre Kreuzfahrt wieder aufzunehmen, und umschiffte am 5. Juli das Cap Colonna an der Südostspitze von Attika.

Gegen Ende der Woche ging die Fahrt etwas langsamer vor sich, weil es am Eingang des Golfs von Aegina, der in die griechische Landveste so tief, nämlich bis zum Isthmus von Korinth, einschneidet, an Wind fehlte. Schlaff hingen die Segel der »Syphanta« herab, und diese konnte weder nach der einen noch nach der anderen Seite an Weg gewinnen. Wenn sie in diesen wenig besuchten Meeren einige hundert Ruderboote entschlossen angegriffen hätten, würde sie gewiß Mühe gehabt haben, sich wirksam zu vertheidigen.

Die Besatzung mußte sich auch stets bereit halten, einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen, und that gewiß sehr wohl daran.

Es erschienen in der That zuweilen verschiedene Boote, deren Absichten kaum zweifelhaft sein konnten; sie wagten aber doch, Angesichts der Geschütze und der Musketen der Corvette, nicht allzunahe heranzukommen.

Am 10. Juli erhob sich wieder ein mäßiger Wind aus Norden – ein günstiges Ereigniß für die »Syphanta«, welche, nachdem sie fast in Sicht der kleinen Stadt Damala vorübergekommen war, jetzt schnell das Cap Skyli an der äußersten Spitze des Golfs von Nauplia umsegeln konnte.

Am 11. erschien sie vor Hydra und zwei Tage später vor Spezzia. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung des Antheils, den die Bewohner dieser beiden Inseln am Unabhängigkeitskriege nahmen. Zu Anfang desselben besaßen die Hydrioten, Spezzioten und ihre Nachbarn, die Isparioten, über dreihundert Handelsfahrzeuge. Nachdem sie dieselben, so gut es anging, zu Kriegsschiffen umgewandelt, sandten sie sie, nicht ohne Erfolg, gegen die ottomanische Flotte hinaus. Hier stand die Wiege jener Familien Condurlotis, Tombasis, Miaulis, Orlandos und anderer Vornehmen, welche erst mit ihrem Vermögen und dann auch mit dem eigenen Blute dem Vaterlande die größten Opfer darbrachten. Von hier aus gingen jene furchtbaren Brander aus, welche bald der Schrecken der Türkei werden sollten. Trotz wiederholter innerer Erhebungen, betrat doch niemals der Fuß der Unterdrücker den Boden dieser Inseln.

Gerade als Henry d’Albaret sie besuchte, begannen sie eben, sich von einem Kampfe zurückzuziehen, der auf beiden Seiten nur noch schwach weiter geführt wurde. Die Stunde war jetzt nicht mehr fern, wo auch sie dem neuen Königreiche angeschlossen und aus dem Kreise von Korinth und Argolis zwei Eparchien gebildet wurden.

Am 20. Juli ankerte die Corvette in Hermopolis auf der Insel Syra, der Heimat des getreuen Eumeos, den Homer so hochpoetisch besungen hat. Zur gegenwärtigen Zeit diente sie noch als Zufluchtsort für alle Diejenigen, welche die Türken vom Festland verjagt hatten.

Syra, dessen katholischer Bischof von jeher unter dem Schutze Frankreichs steht, stellte Henry d’Albaret Alles zur Verfügung, was er nur bedurfte. In keinem Hafen des eigenen Vaterlandes hätte der junge Commandant einen freundlicheren Empfang finden können.

In die Freude, sich über alles Erwarten gut aufgenommen zu sehen, mischte sich nur ein einziger Tropfen Wermuth – nämlich der, nicht drei Tage früher hier eingetroffen zu sein.

Bei Gelegenheit eines Gesprächs mit dem französischen Consul berichtete ihm dieser, daß eine Sacoleve, welche den Namen »Karysta« führte und unter griechischer Flagge segelte, kaum sechzig Stunden vorher den Hafen verlassen habe. Daraus konnte er also abnehmen, daß die »Karysta«, als sie während des Gefechtes der Corvette mit den Seeräubern das Weite sachte, sich mehr nach dem südlichen Theil des Archipels gewendet haben müsse.

»Vielleicht weiß man aber, wohin sie gesegelt ist? fragte Henry d’Albaret mit lebhaftem Interesse.

– Nach dem, was ich darüber gehört, erwiderte der Consul, soll sie einen Curs nach den Inseln im Südosten eingeschlagen haben, wenn sie nicht gar nach einem der Häfen von Kreta gegangen ist.

– Sie sind mit dem Capitän derselben nicht in nähere Berührung gekommen? erkundigte sich Henry d’Albaret.

– In gar keine, Herr Commandant.

– Und wissen auch nicht, ob dieser Capitän sich Nicolas Starkos nannte?

– Das weiß ich nicht.

– Und nichts erweckte hier den Verdacht, daß diese Sacoleve zu der Seeräuber-Flottille gehören möchte, welche diesen Theil des Archipels so unsicher macht?

– Nichts; doch wenn dem so war, antwortete der Consul, ist es erst recht nicht zu verwundern, daß sie sich nach Kreta gewendet hätte, von dem gewisse Häfen von jeher für diese Uebelthäter offen stehen.«

Diese Mittheilungen erregten den Commandanten der »Syphanta« nicht wenig, sowie Alles, was direct oder indirect mit dem Verschwinden Hadjine Elizundo’s in Verbindung stand. Es war gewiß mehr als unangenehm, so kurze Zeit nach der Abfahrt der Sacoleve hier eingetroffen zu sein.

Da diese jedoch nach Süden zu abgesegelt war und die Corvette denselben Curs einschlagen sollte, lag ja wenigstens eine Möglichkeit vor, sie noch wieder zu finden. Deshalb verließ denn auch Henry d’Albaret, der nichts mehr wünschte, als jenem Nicolas Starkos Auge in Auge gegenüber zu stehen, Syra noch am nämlichen Abend, am 21. Juli, da sich eine schwache Brise erhob, welche nach den Anzeichen des Barometers jedenfalls bald auffrischen mußte.

Im Laufe der nächsten vierzehn Tage spürte der Commandant Henry d’Albaret nun ebenso viel der Sacoleve wie den Piraten nach. Seiner Meinung nach verdiente die »Karysta« entschieden jenen gleichgestellt und ebenso behandelt zu werden, und wenn sich ihm Gelegenheit böte, würde er ja sehen, was mit ihr zu thun sei.

Trotz aller Bemühungen gelang es der Corvette zunächst aber nicht, eine Spur der Sacoleve zu entdecken. In Naxos, dessen Häfen alle durchsucht wurden, war die »Karysta« nicht vor Anker gegangen. Inmitten der Eilande und der Klippen, welche genannte Inseln umgeben, war man nicht glücklicher. Außerdem erschienen hier auch gar keine Seeräuber, obgleich sie gerade diese Gegenden sonst mit Vorliebe besuchten. Der Handelsverkehr zwischen den reichen Cykladen ist nämlich ein sehr lebhafter und die Aussicht auf reiche Beute mußte jene ja hierher verlocken.

Dasselbe war in Paras der Fall, das nur ein einfacher Canal von sieben Seemeilen Breite von Naxos trennt. Nicolas Starkos hatte hier weder den Hafen von Parkia, Naussa oder Santa Maria, noch den von Agula oder Dico angelaufen. Allem Anscheine nach mochte die Sacoleve also, wie der Consul von Syra angenommen hatte, nach irgend einem Küstenpunkte von Kreta abgefahren sein.

Am 9. August ankerte die »Syphanta« im Hafen von Milo. Diese bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sehr reiche, seitdem aber durch vulkanische Ausbrüche verarmte Insel leidet jetzt stark unter den ungesunden Ausdünstungen des Erdbodens, und ihre Bevölkerung nimmt in Folge dessen mehr und mehr ab.

Hier erwiesen sich alle Nachforschungen ebenso vergeblich. Nicht allein die »Karysta« war nicht sichtbar, es bot sich auch keine Gelegenheit, Seeräuber zu verfolgen, welche gewöhnlich in den Gewässern der Cykladen sehr häufig erscheinen. Dieser auffällige Umstand legte die Frage nahe, ob jenen Schurken nicht das Erscheinen der »Syphanta« so frühzeitig gemeldet worden sein möge, daß dieselben hinreichend Zeit fanden, zu entfliehen. Die Corvette hatte den räuberischen Burschen im Norden des Archipels gerade genug Schaden zugefügt, so daß die des Südens es wohl vorziehen mochten, jedes Zusammentreffen mit derselben zu vermeiden.

Aus einem oder dem anderen Grunde war die Gegend hier wenigstens jetzt als ungewöhnlich sicher zu bezeichnen, so daß die Handelsfahrzeuge ohne jede Furcht ihre Straße ziehen konnten. Verschiedene jener großen Küstenfahrer, wie Schebecs, Senalen, Polakren, Tartanen, Feluquen, Caravellen, denen man unterwegs begegnete, wurden angesprochen, aus den Antworten ihrer Patrone oder Capitäne konnte der Commandant Henry d’Albaret aber nichts entnehmen, was ihm hätte weitere Aufklärung bieten können.

Jetzt war schon der 14. August herangekommen, und es blieben also bis zu den ersten Tagen des Septembers nur noch wenig über zwei Wochen übrig, wo die Insel Scarpanto aufgesucht werden sollte. Wenn sie die Cykladengruppe verließ, hatte die »Syphanta«auch nur siebenzig bis achtzig Lieues nach Süden zu fahren. Diesen Meerestheil schließt die langgestreckte Küste von Kreta, und schon zeigten sich über dem Horizonte die höchsten, mit ewigem Schnee bedeckten Berggipfel der Insel.

Nach dieser Richtung beschloß der Commandant Henry d’Albaret also zu steuern Wenn er bis nahe in Sicht von Kreta kam, hatte er dann geraden Wegs nur nach Osten zu segeln, um nach Scarpanto zu gelangen.

Von Milo steuerte die »Syphanta« jedoch noch in südlicher Richtung bis zur Insel Santorin und untersuchte auch die kleinsten Schlupfwinkel ihrer schwärzlichen Felsengestade. Hier ist höchst gefährliches Fahrwasser, weil unter dem Drucke des vulkanischen Feuers jeden Augenblick eine neue Klippe auf steigen kann. Dann lief die Corvette mit dem Berge Ida, dem jetzigen Pfilanti, als Zielpunkt, der Kreta mit mehr als siebentausend Fuß überragt, unter günstiger Westnordwestbrise, welche ihr alle Segel beizusetzen erlaubte, auf diese Insel zu.

Am übernächsten Tage, dem 15. August, zeichneten die Höhenzüge derselben, dieser größten Insel des Archipels, auf klarem Horizonte ihre malerischen Linien vom Cap Spada bis zum Cap Stavros hin ab. Eine scharfe Einbiegung der Küste verbarg noch die Bucht, in deren Hintergrund Candia, die Hauptstadt des Landes, gelegen ist.

»Beabsichtigen Sie, Herr Commandant, fragte der Capitän Todros, in einem der Häfen der Insel vor Anker zu gehen?

– Kreta befindet sich noch immer in den Händen der Türken, antwortete Henry d’Albaret, und ich meine, wir haben daselbst nichts zu thun. Den Mittheilungen nach, welche ich unlängst in Syra erhielt, sind die Soldaten Mustapha’s, nachdem sie sich Retimos bemächtigt, trotz der hochlöblichen Tapferkeit der Sphakioten, Herren des ganzen Landes geworden.

– Ja, es sind kühne Leute, diese Bergbewohner, sagte der Capitän Todros, und haben sich schon seit Beginn des Krieges eine weitreichende Achtung erworben, durch ihren Muth…

– Freilich durch ihren Muth… aber auch durch ihre Habgier, antwortete Henry d’Albaret.

Vor kaum zwei Monaten hatten sie das Schicksal Kretas eigentlich in der Hand. Mustapha war mit seinen Leuten nahe daran, vernichtet zu werden, da warfen dessen Soldaten aber auf seinen Befehl Edelsteine, Schmucksachen, kostbare Waffen und Alles, was sie Werthvolles bei sich hatten, vor dem Feinde weg, und während die Sphakioten sich zerstreuten, um diese Gegenstände aufzulesen, konnten die Türken durch den Engpaß flüchten, in dem sie sonst rettungslos hätten, den Untergang finden müssen.

– Das ist in der That recht betrübend, Herr Commandant, doch Alles in Allem sind die Kretenser keine wirklichen Griechen.«

Es darf sich Niemand wundern, den zweiten Officier der »Syphanta«, der von rein hellenischer Abstammung war, eine solche Sprache führen zu hören.

In seinen Augen waren die Kretenser, trotz der Beweise ihrer Vaterlandsliebe doch keine Griechen, und sie sollten das auch bei der endgiltigen Bildung des neuen Königreiches nicht einmal werden. Ebenso wie Samos blieb Kreta zunächst unter der Oberhoheit der Pforte, wenigstens bis zum Jahre 1832, zu welcher Zeit der Sultan gezwungen wurde, alle seine Rechte auf die Insel an Mehemet Ali abzutreten.

Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge hatte der Commandant Henry d’Albaret keinerlei Interesse, mit den verschiedenen Häfen Kretas in Verbindung zu treten. Candia war zum Waffenplatz der Aegypter geworden, und von hier aus hatte der Pascha seine wilden Horden nach Griechenland entsendet. Was dann Canea anging, hätte dessen Einwohnerschaft auf Betrieb der ottomanischen Behörden der korfiotischen Flagge, welche am Topp der »Syphanta« wehte, wohl einen üblen Empfang bereiten können. Endlich sah Henry d’Albaret voraus, daß er auch weder in Gira-Petra, noch in Suda oder Cisamos würde Nachrichten erhalten können, die ihm Gelegenheit gegeben hätten, seine Kreuzfahrt durch einen wichtigen Fang zu krönen.

»Nein, sagte er zu dem Capitän Todros, es scheint mir unnütz, die Nordküste zu untersuchen; wohl könnten wir aber die Insel im Nordwesten umschiffen, dann um das Cap Spada segeln und einen oder zwei Tage vor Grabusa kreuzen.«

Damit geschah entschieden das Richtigere. In den übel berüchtigten Gewässern Grabusas mußte sich der »Syphanta« jedenfalls am ehesten eine Gelegenheit bieten, die ihr seit länger als einem Monat versagt geblieben war, nämlich einige Breitseiten auf die Seeräuber des Archipels abzugeben.

Wenn die Sacoleve außerdem, wie sich ja annehmen ließ, nach Kreta gesegelt war, so lag auch die Vermuthung nahe, daß sie im Hafen von Grabusa vor Anker gegangen sein werde, und das war ein weiterer Grund für den Commandanten Henry d’Albaret, alle Zugänge zu diesem Hafen genau in Augenschein zu nehmen und zu durchsuchen.

Zu jener Zeit durfte Grabusa in der That noch als ein wirkliches Seeräubernest gelten. Vor nahe sieben Monaten hatte es keines geringeren Aufgebots, als dessen einer englisch-französischen Flotte und einer Abtheilung regulären griechischen Militärs bedurft, um diesen Schlupfwinkel der schlimmsten Uebelthäter einmal auszuräumen. Was dabei am auffallendsten erschien, war, daß die Behörden der Insel es damals selbst verweigerten, ein Dutzend jener Piraten auszuliefern, welche der Befehlshaber des englischen Geschwaders beanspruchte. Dieser sah sich deshalb genöthigt, gegen die Citadelle das Feuer zu eröffnen, mehrere Schiffe niederzubrennen und selbst eine Landung vorzunehmen, um Satisfaction zu erhalten.

Die Vermuthung war also eine sehr natürliche, daß die Piraten nach dem Abzug des verbündeten Geschwaders mit Vorliebe wieder nach Grabusa geflüchtet waren, da sie hier so unerwartete Unterstützung gefunden hatten. Henry d’Albaret entschied sich deshalb auch dahin, nach Scarpanto längs der Südküste von Kreta zu segeln, um auf diese Weise bei Grabusa vorbeizukommen. Er gab also seine diesbezüglichen Befehle und der Capitän Todros beeilte sich, diese ausführen zu lassen. Die Witterung gestaltete sich ganz nach Wunsch. Uebrigens bildet unter diesem glücklichen Klima der December den Anfang des Winters und der Januar schon dessen Ende. Welche bevorzugte Insel, dieses Kreta, das Vaterland des Minos und des alten Ingenieurs Dädalus! Hierher sandte Hyppokrates auch seine zahlreiche Kundschaft aus Griechenland, das er durchstreifte, indem er die Kunst, Kranke zu heilen, lehrte.

Mit den Segeln so dicht wie möglich am Winde, lavirte die »Syphanta« in der Weise, um in größter Nähe das Cap Spada zu umschiffen, das sich am Ende der großen, zwischen der Bai von Canea und der von Kisamo vorspringenden Landzunge befindet. Gegen Abend kam das Schiff an derselben vorüber. Während der Nacht – einer jener so lichthellen Nächte des Morgenlandes – umsegelte die Corvette den äußersten Punkt der Insel. Ein Umlegen der Segel mit dem Winde von vorn genügte, dieselbe wieder in die Richtung nach Süden zu drängen, und am Morgen glitt sie unter vermindertem Segelwerk in kurzer Entfernung vor der Einfahrt nach Grabusa hin.

Sechs volle Tage beschäftigte sich der Commandant Henry d’Albaret mit Beobachtung der Westküste zwischen Grabusa und Kisamo. Mehrere Fahrzeuge, Feluquen oder Schebecs, welche friedlichem Handel dienten, verließen den Hafen. Die »Syphanta« sprach einige derselben an, hatte aber keine Ursache, bei ihren Antworten irgend welchen Verdacht zu schöpfen. Auf die an sie gerichteten Fragen wegen der Seeräuber, die in Grabusa etwa Unterkunft gesucht haben könnten, zeigten sie sich dagegen sehr zurückhaltend. Man erkannte leicht, daß sie sich zu compromittiren fürchteten. Henry d’Albaret konnte nicht einmal genau erfahren, ob die Sacoleve »Karysta« sich augenblicklich im Hafen daselbst befand.

Die Corvette erweiterte nun ihr Beobachtungsfeld. Sie untersuchte die Umgegend zwischen Grabusa und dem Cap Erlo. Dann umsegelte sie unter günstiger Brise, welche während des Tages auffrischte und mit einbrechender Nacht abflaute, jenes Cap und begann eine Fahrt in möglichster Nähe vom Ufer des Lybischen Meeres, welches eine weit leichtere Seefahrt bietet und weniger von Vorgebirgen und Landspitzen zerschnitten und durchbrochen ist, als das auf der entgegengesetzten Seite liegende Meer von Kreta. Am nördlichen Horizonte stieg nun die gewaltige Kette der Asprovuna-Berge empor, welche nach Osten zu von dem poetischen Berge Ida überragt wird, dessen ewige Schneefelder selbst der glühenden Sonne des Archipels widerstehen.

Ohne in einen der kleinen Häfen der Küste einzulaufen, machte die Corvette doch mehrmals, etwa je eine halbe Meile von Rumeli, Anipoli und Sphakia Halt; die Wachtposten an Bord konnten jedoch niemals von einem einzigen Seeräuberfahrzeuge in den Gewässern der Insel etwas melden.

Nachdem sie den Linien der großen Bai von Massara gefolgt, umschiffte die »Syphanta« am 27. August das Cap Matala, die südlichste Spitze von Kreta, deren Breite an dieser Stelle nicht mehr als zehn bis elf Lieues beträgt.

Es hatte nicht den Anschein, als sollte diese Untersuchung auch nur das geringste Resultat herbeiführen. Gewöhnlich begegnet man nur sehr wenigen Schiffen in dieser Breite des Lybischen Meeres. Sie halten ihren Curs entweder mehr im Norden oder im Süden des Archipels, indem sie sich den Küsten Aegyptens nähern. Hier traf man weiter nichts, als vereinzelte, nahe den Felsen verankerte Fischerboote, oder von Zeit zu Zeit höchstens einige jener langen Barken, die mit Seeschnecken beladen waren, das heißt mit einer Molluskenart, welche auf allen Inseln dieser Gegend einen sehr umfangreichen Handelsartikel bildet.

Wenn die Corvette nun in dem vom Cap Matala abgeschlossenen Theil des Gestades nichts gefunden hatte, wo die zahlreichen Eilande so viele kleinere Fahrzeuge verbergen können, war auch kaum anzunehmen, daß sie in dem zweiten Theile der südlichen Küste mehr begünstigt sein würde. Henry d’Albaret entschied sich deshalb dafür, direct auf Scarpanto zuzusteuern, wenn er damit dort auch etwas eher eintraf, als der geheimnißvolle Brief bestimmt hatte. Da sollte sein Vorhaben am Abend des 29. August plötzlich eine Aenderung erleiden.

Es war um sechs Uhr. Der Commandant, der Capitän und einige Officiere befanden sich auf dem Hintercastell und lugten nach dem Cap Matala aus. Da ließ sich die Stimme eines Mastwächters, der auf der kleinen Bramstange saß, vernehmen.

»Vor Backbord ein Schiff in Sicht!«

Die Fernrohre wurden sofort nach dem bezeichneten, nur einige Meilen vor der Corvette zu sehenden Punkt gerichtet.

»Wahrhaftig, sagte der Commandant Henry d’Albaret, da ist ein Schiff, welches sehr dicht am Lande hinsegelt…

– Und welches das Fahrwasser sehr genau kennen muß, da es sich so nahe an’s Ufer heranwagt, setzte der Capitän Todros hinzu.

– Hat es eine Flagge gehißt?

– Nein, Herr Commandant, antwortete einer der Officiere.

– Beauftragen Sie die Mastwächter, womöglich klar zu stellen, welcher Nationalität jenes Schiff angehört!«

Sein Befehl wurde ausgeführt. Einige Augenblicke später schallte die Antwort herab, daß keine Flagge und kein Wimpel weder an der Gaffelspitze des Fahrzeugs, noch am Top seiner Masten wahrzunehmen sei.

Dagegen war es augenblicklich eben noch hell genug, um, wenn nicht dessen Nationalität, so doch die Größe und Classe des Schiffes zu erkennen.

Es war eine Brigg, deren Großmast eine sehr auffallende Neigung nach rückwärts zeigte. Außerordentlich lang, von sehr feingeschnittener Gestalt, versehen mit besonders hohen Masten und weit ausragenden Raaen, konnte dieselbe, so viel das bei der ziemlich bedeutenden Entfernung abzuschätzen war, wohl einen Gehalt von sieben- bis achthundert Tonnen haben und mußte unter jedem Winde außerordentlich schnell laufen können. Dagegen war trotz Anwendung der besten Fernrohre weder zu unterscheiden, ob das Fahrzeug als Kriegsschiff ausgerüstet war, ob es Kanonen auf dem Verdeck führte, oder Stückpforten, deren Läden ja geschlossen sein konnten, an den Längsseiten hatte.

Jetzt trennte in der That noch eine Strecke von vier Seemeilen die Brigg von der Corvette; außerdem begann es, da die Sonne allmählich hinter den Höhen von Asprovuna versank, langsam zu dämmern; in der Nähe des Landes war es bereits ziemlich dunkel.

»Ein eigenthümliches Schiff! bemerkte der Capitän Todros.

– Man möchte fast annehmen, es suche zwischen der Insel Platana und dem Lande hindurch zu kommen, ließ sich einer der Officiere vernehmen.

– Ja, wie ein Schiff, welches es bereut, sich gezeigt zu haben, meinte der zweite Officier, und das nun bestrebt ist, sich zu verbergen!«

Henry d’Albaret äußerte dazu kein Wort, offenbar theilte er aber die Ansichten seiner Officiere. Die Manövers der Brigg mußten ihm ja, so weit er sie erkennen konnte, gleichfalls höchst verdächtig erscheinen.

»Capitän Todros, begann er endlich, es ist von Wichtigkeit, während der Nacht die Spur dieses Fahrzeuges nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wollen darauf achten, bis Tagesanbruch stets in dessen Kielwasser zu bleiben. Da es aber darauf ankommt, daß wir unbemerkt bleiben, so lassen Sie alle Lichter löschen.«

Der zweite Officier ertheilte die diesbezüglichen Befehle. Man fuhr fort, die Brigg zu beobachten, so weit sie unter dem Schutze des hohen Landes zu erkennen war. Als die Nacht weiter herabsank, verschwand sie vollständig, und kein Licht derselben gestattete ferner ihre Lage zu bestimmen.

Am folgenden Morgen befand sich Henry d’Albaret schon beim ersten Tagesgrauen auf dem Vordertheile der Corvette »Syphanta«, in der Erwartung, daß der auf dem Wasser lagernde Dunst sich zerstreuen sollte.

Gegen sieben Uhr erst verschwand der Nebelschleier und alle Fernrohre richteten sich sofort nach Osten.

Die Brigg befand sich noch immer nahe am Lande, auf der Höhe des Caps Alikaporitha, etwa sechs Seemeilen vor der Corvette. Sie hatte während der Nacht also offenbar an Weg gewonnen und ohne daß sie dabei ihre Segeloberfläche vergrößert hatte, denn sie trug noch immer nur die Ober- und Unterbramsegel und die Gaffelsegel am Besan, während Großsegel, Focksegel und Klüverjäger vor wie nach eingebunden lagen.

»Das erscheint freilich nicht wie die Gangart eines Schiffes, welches zu entfliehen sucht, bemerkte der zweite Officier.

– Thut nichts! erwiderte der Commandant. Unsere Aufgabe bleibt es dennoch, dasselbe näher in Augenschein zu nehmen. Lassen Sie direct auf die Brigg zuhalten, Capitän Todros!«

Sofort wurden auf ein Pfeifensignal des Oberbootsmanns die höchsten Segel gehißt, und die Corvette gewann bedeutend an Fahrgeschwindigkeit.

Der Brigg lag aber jedenfalls daran, die vorherige Distanz beizubehalten, denn sie setzte jetzt als Antwort Fock- und Stagsegel bei, aber nichts weiter. Wenn sie die »Syphanta« nicht näher an sich herankommen lassen wollte, so schien sie doch auch nicht darauf auszugehen, diese allzuweit hinter sich zu lassen. Immer hielt sie sich dabei im Fahrwasser der Küste, indem sie der letzteren so nahe als möglich schnell dahin glitt.

Um zehn Uhr Vormittags hatte die Corvette, welche vielleicht durch besseren Segelwind begünstigt wurde, wenn das unbekannte Fahrzeug sie nicht absichtlich ein wenig näher hatte herankommen lassen, wohl vier Seemeilen Wegs gegenüber dem letzteren gewonnen.

Man konnte dasselbe jetzt bequem näher besichtigen. Es trug gegen zwanzig Karonaden und mußte auch ein Zwischendeck haben, obgleich es nur wenig über die Wasserfläche emporragte.

»Die Flagge zeigen!« befahl Henry d’Albaret.

Die Flagge wurde am Ende der Gaffel aufgezogen und zur Erregung größerer Aufmerksamkeit mit einem Kanonenschusse begleitet.

Das bedeutete, daß die Corvette auch die Nationalität des in Sicht befindlichen Schiffes kennen zu lernen wünsche. Auf dieses Signal erfolgte jedoch keine Antwort. Die Brigg veränderte weder ihre Richtung noch ihre Schnelligkeit, drehte aber bald um einen Viertelstrich bei, um die Bai von Keraton zu umsegeln.

»Besonders höflich ist der Bursche nicht! meinten die Matrosen.

– Aber vielleicht klug und weise, ließ sich ein alter Mastwächter vernehmen. Sein so schräg liegender Hauptmast gibt ihm das Ansehen, als hätte er den Hut schief auf dem Ohre sitzen und wollte denselben dadurch, daß er die Leute grüßt, nicht unnöthig abnützen.«

Aus einer der Jagdstückpforten der Corvette donnerte noch ein Kanonenschuß – vergeblich. Die Brigg ließ keine Flagge aufsteigen und setzte ruhig ihren Weg fort, ohne sich um die Aufforderungen der Corvette, welche für sie gar nicht vorhanden zu sein schien, im geringsten zu kümmern.

Jetzt begann nun zwischen den beiden Fahrzeugen eine wirkliche Hetzjagd. An Bord der »Syphanta« war an und zwischen den Masten, am Bugspriet wie am Klüverbaume alles Segelwerk angebracht worden, welches sie nur gleichzeitig führen konnte. Da setzte aber auch die Brigg mehr Leinwand bei und behielt damit ihren Vorsprung unvermindert fort.

»Die hat entschieden eine Teufelsmaschine im Leibe!« rief der alte Mastwächter.

Allmählich entwickelte sich an Bord der Corvette eine wahrhaft wüthende Stimmung, nicht allein bei der Mannschaft, sondern auch bei den Officieren, und mehr als bei allen Uebrigen bei dem ungeduldigen Todros. Bei Gott! Er hätte gern seinen Prisenantheil darum gegeben, wenn er diese Brigg, mochte sie nun sonst welcher Nationalität angehören, hätte ansegeln können.

Die »Syphanta« war am Vordertheile mit einem besonders langen Geschütz bewaffnet, das eine Vollkugel von dreißig Pfund wohl bis auf eine Entfernung von nahezu zwei Seemeilen schleudern konnte.

Ruhig – wenigstens dem äußeren Anscheine nach – gab der Commandant Henry d’Albaret Befehl, scharf zu feuern.

Der Schuß krachte, die Kugel schlug aber nach wiederholtem Ricochettiren etwa zwanzig Faden vor der Brigg ein.

Als einzige Antwort zog dieselbe einige weitere Segel auf, und hatte bald die, sie von der »Syphanta« trennende Entfernung erweitert.

Es war gewiß für einen so vorzüglichen Segler wie die »Syphanta« höchst demüthigend, sowohl auf die Einholung der Brigg, wie auf die wirksame Beschießung derselben zu verzichten.

Inzwischen brach wiederum die Nacht herein. Die Corvette befand sich jetzt nahezu auf der Höhe des Caps Peristera. Der Wind frischte auf, und das so bedeutend, daß es sich nöthig machte, Reefe einzusetzen, um für die Nacht eine geeignetere Segelfläche herzustellen.

Der Commandant befreundete sich schon mit dem Gedanken, daß er bei anbrechendem Tage nichts mehr von dem Schiffe sehen werde, nicht einmal dessen Mastspitzen, die ihm entweder der östliche Horizont oder ein Vorsprung der Küste verbergen würde.

Er täuschte sich.

Bei Sonnenaufgang war die Brigg noch immer in Sicht, segelte ebenso wie vorher und hatte dieselbe Entfernung beibehalten. Man hätte fast sagen können, sie regulire ihre Geschwindigkeit ganz nach der der Corvette.

»Wenn sie uns im Schlepptau hätte, äußerte Einer auf dem Vorderdecke, so wär‘ es ganz dasselbe!«

Der Mann hatte völlig Recht.

In diesem Augenblicke umschiffte die Brigg, nachdem sie in dem Canal Kuphonisi zwischen der gleichnamigen Insel und dem Lande eingelaufen, die Spitze von Kakiatithi, um nach der Ostseite von Kreta zu gelangen.

Es war dabei nicht vorherzusagen, ob sie hier in einen Hafen flüchten oder in einer Vertiefung des engen Canals werde verschwinden wollen.

Auch das war nicht der Fall. Gegen sieben Uhr Morgens steuerte die Brigg ganz frei nach Südosten und wandte sich damit nach dem offenen Meere.

»Sollte sie gar nach Scarpanto segeln?« fragte sich Henry d’Albaret etwas verwundert.

Und bei einer allmählich so weit auffrischenden Brise, daß ein Theil der Takelage dabei zu brechen drohte, setzte er diese Verfolgung ohne Ende fort, welche ebenso das Interesse seiner Mission, wie die Ehre seines Schiffes ihm aufzugeben nicht gestattete.

Hier in diesem Theile des Archipels, der nach allen Windrosen hin offen lag, inmitten der ausgedehnten Meeresfläche, auf deren Luftbewegungen die Bergkämme keinen weiteren hindernden Einfluß äußerten, schien die »Syphanta« gegenüber der Brigg einigen Vorsprung zu gewinnen.

Gegen ein Uhr Mittags war die Entfernung zwischen den beiden Fahrzeugen bis auf drei Seemeilen vermindert. Auch jetzt wurden einige Vollkugeln abgefeuert, konnten ihr Ziel aber nicht erreichen und brachten in der Bewegung der Brigg keinerlei Aenderung hervor.

Schon schimmerten hinter der kleinen Insel Caso die Höhen von Scarpanto am Horizonte. Die erstere hängt gewissermaßen an der letzteren, ebenso wie Sicilien an Italien hängt.

Der Commandant Henry d’Albaret, seine Officiere und Mannschaften konnten nun endlich hoffen, nähere Bekanntschaft zu machen mit diesem geheimnißvollen Schiffe, welches so unhöflich war, weder auf Signale noch auf Geschosse zu antworten.

Als der Wind aber gegen fünf Uhr Abends wieder abflaute, gewann auch die Brigg den früheren Vorsprung wieder.

»Ah, der Schurke!… Der Teufel ist mit dem Kerl im Bunde!.. Er wird uns doch entwischen!« rief der Capitän Todros.

Alles, was ein erfahrener Seemann irgend nur thun kann, um die Fahrtschnelligkeit zu steigern, geschah nun sofort. So wurden die Segel benetzt, um deren Gewebe dichter zusammen zu ziehen, die Hängematten in den Wind gebracht u. s. w. Das hatte auch einigen Erfolg. Gegen sieben Uhr Abends, kurz nach Sonnenuntergang, trennten höchstens noch zwei Seemeilen die feindlichen Schiffe.

Unter diesen Breiten tritt die Nacht aber sehr schnell ein. Die Dämmerung ist nur von kurzer Dauer. Die Schnelligkeit der Corvette mußte also unbedingt noch gesteigert werden, um die Brigg vor Einbruch völliger Nacht zu erreichen.

In diesem Augenblicke passirte die Letztere zwischen dem Eilande Caso-Poulo und der Insel Casos hindurch. Als sie dann um die Letztere wendete und nach der engen Fahrstraße segelte, welche dieselbe von Scarpanto trennt, konnte man sie überhaupt nicht mehr sehen.

Eine halbe Stunde später gelangte die »Syphanta« nach der nämlichen Stelle und hielt sich immer sehr weit vom Strande, um guten Segelwind zu behalten. Noch war es hell genug, um ein Schiff von solcher Größe auf die Entfernung einiger Seemeilen wenigstens wahrnehmen zu können…

Die Brigg war vollständig verschwunden.

Zwölftes Capitel


Zwölftes Capitel

Eine Versteigerung in Scarpanto.

Wenn Kreta, wie die Sage erzählt, einstmals die Wiege der Götter war, so war das alte Carpathos, das heutige Scarpanto, die der Titanen, der kühnsten und verschlagensten ihrer Gegner. Wenn man dafür einsetzt, daß sie nur Sterbliche angriffen, so sind die modernen Piraten nicht minder würdige Abkömmlinge jener mythologischen Missethäter, welche nicht davor zurückschreckten, selbst den Olymp zu stürmen. Zu dieser Zeit schien es, als ob Seeräuber jeder Art zu ihrem Hauptquartier diese Insel erkoren hätten, auf welcher die vier Söhne Japet’s, die Enkel Titan’s und der Gäa, geboren wurden.

In der That eignete sich Scarpanto ganz vortrefflich als Schlupfwinkel für die Piraten des Archipels und bot ihnen alle Hilfe, die sie gebrauchen konnten. Dasselbe liegt ziemlich isolirt am südöstlichen Ende dieser Meere und über vierzig Meilen von der Insel Rhodus entfernt. Seine hohen Berggipfel sind schon von weitem erkennbar. Bei dem geringen Umfange von zwanzig Lieues ist das Stückchen Land zerschnitten, vielfach ausgebuchtet und mit schmalen Ausläufern versehen, zwischen denen eine ungeheure Menge Klippen, fast ähnlich den Schären Scandinaviens, emporstarren. Wenn die Insel dem sie umgebenden Gewässer ihren Namen verliehen hat, so kommt das daher, daß sie schon von den Alten gefürchtet war, wie das bei den Neuern noch gleichmäßig der Fall ist. Für den, der nicht sehr bewandert ist, das Carpathische Meer zu befahren, war und ist es noch immer höchst gefährlich, sich in die Nähe derselben zu wagen.

Indeß ermangelt sie keineswegs guter Ankerplätze, diese Insel, welche die letzte Perle in der Kette der Sporaden bildet. Vom Cap Sidro und dem Cap Pernisa an bis zu dem Cap Bonandrea und Andemo an der nördlichen Seite, findet man an derselben zahlreiche geschützte Plätze. Vier Häfen derselben, Agata, Porto di Tristano, Porto Grato und Porto Malo Nato, wurden früher, so lange sie Rhodus noch nicht an commercieller Bedeutung überflügelt hatte, sehr viel von Küstenfahrern der Levante besucht, während jetzt nur ganz wenig Fahrzeuge Veranlassung haben, in jenen vor Anker zu gehen.

Scarpanto ist eine griechische Insel oder wenigstens von einer Einwohnerschaft griechischen Ursprungs bevölkert, gehört aber zum ottomanischen Reiche. Selbst nach der endgiltigen Errichtung des Königreichs Griechenland blieb sie noch türkisch und stand unter einem gewöhnlichen Kadi, der damals eine Art befestigtes Haus, unter der neuen Burg von Arkassa, bewohnte.

Jener Zeit hätte man auf der Insel eine große Menge Türken angetroffen, denen die Bevölkerung, welche sich an dem Unabhängigkeitskriege nicht betheiligt hatte, einen keineswegs schlechten Empfang bereitete. Da es allmählich zum Mittelpunkte der verbrecherischen Handelsoperationen geworden war, sah Scarpanto ebenso gern die ottomanischen Kriegsschiffe, wie die Fahrzeuge der Seeräuber, welche ihre Ladung Gefangener hier ans Land setzten, eintreffen. Hier trafen und drängten sich auf dem lebhaften Markte ebenso die Händler aus Kleinasien wie die von den Barbareskenküsten, da es Jenen niemals an menschlicher Waare fehlte. Sehr oft wurden hier Versteigerungen veranstaltet und für die Sclaven die, je nach dem Angebot und der Nachfrage schwankenden Preise festgestellt. Der Kadi war bei diesen Verkäufen keineswegs unbetheiligt, denn die Händler hätten ihre Pflicht zu vernachlässigen geglaubt, wenn sie ihm nicht ein Percent von dem Verkaufspreise zukommen ließen.

Die Ueberführung jener Unglücklichen nach den Bazaren von Smyrna oder nach den Hafenstädten Afrikas erfolgte gewöhnlich mit Schiffen, welche ihre Ladung meist im Hafen von Arkassa an der Westküste der Insel einnahmen. Wenn diese jedoch nicht ausreichten, sandte man einen Boten nach der entgegen gesetzten Küste, und die Piraten waren natürlich stets erbötig, aus diesem verabscheuungswürdigen Handel Vortheil zu ziehen.

Eben jetzt zählte man im Osten von Scarpanto und im Grunde kaum auffindbarer Buchten nicht weniger als etwa zwanzig größere und kleinere Fahrzeuge mit einer Besatzung von zwölf- bis dreizehnhundert Mann. Diese Flottille erwartete nur ihren Anführer, um zu neuen Schandthaten und Räubereien auszulaufen.

Im Hafen von Arkassa, etwa eine Kabellänge vom Molo, war die »Syphanta« auf vortrefflichem, zehn Faden tiefem Ankergrund am Abend des 2. Septembers vor Anker gegangen. Als Henry d’Albaret den Fuß auf den Boden der Insel setzte, dachte er nicht im Geringsten daran, daß die Zufälligkeiten seiner Kreuzfahrten ihn hier gerade nach dem Hauptplatze des Sclavenhandels geführt haben könnten.

»Gedenken Sie eine Zeit lang in Arkassa zu verweilen, Herr Commandant? fragte der Capitän Todros, als das Schiff völlig festgelegt war.

– Ich weiß es nicht, antwortete Henry d’Albaret. Mancherlei Umstände könnten mich zwingen, diesen Hafen unerwartet schnell zu verlassen, manche andere auch dürften uns hier zurückhalten.

– Können die Leute an’s Land gehen?

– Ja, aber nur abtheilungsweise; wenigstens die Hälfte der Mannschaft muß auf der »Syphanta« stets zu Allem bereit sein.

– Zu Befehl, Herr Commandant, antwortete der Capitän Todros. Wir befinden uns hier viel mehr in türkischem als griechischem Lande, und es ist nur weise Vorsicht, hier stets auf der Wacht zu sein!«

Der Leser erinnert sich, daß Henry d’Albaret weder seinem zweiten noch den anderen Officieren etwas von den Gründen mitgetheilt hatte, die ihn veranlaßten, überhaupt nach Scarpanto zu segeln, ebensowenig davon, daß er durch einen anonymen Brief, der unter ganz unerklärlichen Umständen an Bord kam, ersucht worden war, sich gerade in den ersten Tagen des Septembers hier einzustellen.

Uebrigens erwartete er hier weitere Aufklärung zu erhalten, was der geheimnißvolle Briefschreiber von der Corvette, wenn dieselbe sich im Carpathischen Meere befand, etwa verlangte

Nicht weniger merkwürdig war jedoch das ursprüngliche Verschwinden der Brigg jenseits des Canals von Casos, als die »Syphanta« sich schon auf dem Punkte glaubte, dieselbe einzuholen.

Ehe er in Arkassa vor Anker ging, hatte Henry d’Albaret auch nicht geglaubt, sein Vorhaben aufgeben zu dürfen. Nachdem er sich dem Lande, soweit es der Tiefgang der Corvette gestattete, genähert, ließ er es sich angelegen sein, alle Einbuchtungen der Küste genau zu besichtigen. Inmitten des Klippengewirrs, welches jene umgab, und unter dem Schutze der Uferfelsen, welche das Gestade umgrenzten, mußte es freilich einem Fahrzeuge wie jener Brigg allemal leicht werden, sich zu verbergen.

Hinter der Linie der starken Brandung, an welche sich die »Syphanta« kaum heranwagen konnte, ohne Gefahr zu laufen, zu Grunde zu gehen, hatte ein Capitän, der diesen Canal genau kannte, die günstigste Aussicht, jeden Verfolger auf falsche Fährte zu verleiten. Hatte die Brigg sich also in eine jener versteckten Buchten geflüchtet, so mußte es sehr schwer werden, dieselbe aufzufinden, ebenso wie die anderen Piratenschiffe, denen die Insel mit ihren unbekannten Ankergründen Schutz verlieh.

Zwei Tage lang bemühte sich die Corvette unter vergeblichen Nachforschungen. Selbst wenn die Brigg jenseits Casos plötzlich im Wasser versunken wäre, hätte sie nicht mehr unsichtbar gewesen sein können, und so schmerzlich er sich auch enttäuscht fühlte, mußte der Commandant Henry d’Albaret auf jede Hoffnung sie wiederzufinden verzichten. Er kam also endlich zu dem Entschlusse, im Hafen von Arkassa vor Anker zu gehen, wo er ja zunächst nur die fernere Entwicklung der Dinge abzuwarten hatte.

Am folgenden Tage zwischen drei und fünf Uhr Nachmittags füllte sich die kleine Stadt Arkassa mit einem großen Theile der Bevölkerung der Insel, abgesehen von den Fremden aus Europa, Afrika und Asien, an denen es bei der vorliegenden Gelegenheit aus erklärlichen Gründen nicht fehlen konnte; heute war nämlich großer Markttag. Eine Menge bedauernswürdiger Geschöpfe jeden Alters und jeder Art, welche von den Türken in der jüngsten Zeit gefangen worden waren, sollten dabei zum Verkaufe kommen.

Jener Zeit gab es in Arkassa einen besonderen Bazar, der zu derlei Verkäufen bestimmt war, einen »Batistan« ganz ähnlich denen, welche man in den Städten der Barbareskenstaaten findet. Dieser Batistan enthielt heute gegen hundert gefangene Männer, Frauen und Kinder, die Beute der letzten, im Peloponnes unternommenen Razzias. Sie lagerten bunt durcheinander inmitten eines schattenlosen Hofes unter brennender Sonnengluth, und ihre zerfetzten Kleider, ihre traurige Haltung und ihr verzweifeltes Aussehen verriethen deutlich, was sie hier litten. Kaum mit Nahrung versorgt und nur mit schlechtem Wasser, um den quälenden Durst zu löschen, versehen, hatten sich die Unglücklichen familienweise zusammengedrängt, bis zu dem Augenblicke, wo die Launen eines Käufers die Frauen von ihren Männern und die Kinder von Vater und Mutter trennen würden. Jedem anderen Menschen als den grausamen »Bachis«, ihren Wächtern, welche kein Leid mehr zu rühren vermochte, hätten sie das wärmste Mitgefühl eingeflößt. Und doch, was hatten diese Leiden zu bedeuten gegenüber denen, welche sie in den sechzehn Bagnos von Algier, Tunis und Tripolis erwarteten, wo der Tod so schnell weite Lücken riß, welche doch unablässig wieder gefüllt werden mußten?

Inzwischen war den Gefangenen noch nicht jede Hoffnung, wieder frei zu kommen, geraubt. Wenn die Käufer damit, daß sie jene erstanden, ein gutes Geschäft machten, so war das nicht weniger der Fall, wenn sie dieselben wieder freigaben – natürlich nur gegen hohes Lösegeld – vorzüglich diejenigen, deren Handelswerth sich auf höhere gesellschaftliche Stellung in ihrem Vaterlande gründete. Auf diese Weise wurden so Viele vor der Sclaverei bewahrt, die entweder der Staat noch vor ihrer Fortschaffung wieder kaufte, oder welche von ihren Angehörigen, mit denen die zeitweiligen Eigenthümer sich direct in Verbindung setzten, ausgelöst wurden, abgesehen davon, daß die reiche Brüderschaft der Gnade, welche zu diesem Zwecke in ganz Europa Collecten veranstaltet hatte, noch Viele selbst tief aus den Barbareskenstaaten wieder befreite. Nicht selten kam es endlich vor, daß sehr reiche Leute, getrieben von edlem Gefühl des Mitleids, diesem wohlthätigen Werke einen Theil ihres Vermögens opferten. Gerade in letzterer Zeit waren so beträchtliche Summen, deren Ursprung Niemand kannte, zum Rückkauf von Sclaven, vorzüglich von solchen griechischer Abkunft, aufgewendet worden, wenn die Zufälligkeiten des Krieges solche bedauernswerthe Leute den Händlern von Afrika oder Kleinasien in die Hände geliefert hatten.

Auf dem Markte von Arkassa pflegte man gewöhnlich zu Versteigerungen zu schreiten. Hier konnten Alle, Fremde wie Einheimische, daran Theil nehmen. Heute, wo die Aufkäufer nur für Rechnung der Bagnos der Barbarei beschäftigt waren, sollten die Gefangenen anfänglich gleich Alle zusammen zur Auction kommen, und je nachdem der ganze »Vorrath« an den oder jenen Händler fiel sollte derselbe nach Algier, Tripolis oder Tunis befördert werden

Auf dem Markte befanden sich übrigens zwei Kategorien von Gefangenen. Die einen kamen aus dem Peloponnes – diese waren am zahlreichsten – die anderen wurden erst unlängst von einem griechischen Schiffe weggeschleppt, das sie von Tunis nach Scarpanto zurückbrachte, von wo aus sie in ihre Heimat zurückbefördert werden sollten.

Die armen, zu so unglücklichem Loose bestimmten Menschen kamen hier zum letzten Male zur Versteigerung, welche ihr Schicksal entscheiden sollte, und bis zum fünften Glockenschlage konnten Gebote auf dieselben abgegeben werden. Ein Kanonenschuß von der Citadelle von Arkassa, der die Schließung des Hafens verkündete, galt gleichzeitig als Zeichen, daß der zuletzt gebotene Preis den Zuschlag erhielt.

An diesem dritten September fehlte es nicht an Kauflustigen in der Umgebung des Batistan. Zahlreiche Agenten waren von Smyrna und anderen benachbarten Punkten Kleinasiens eingetroffen, welche, wie vorher bemerkt, Einkäufe für die Barbareskenstaaten machen sollten.

Der heute sehr starke Zulauf erklärte sich übrigens sehr natürlich. Die letzten Ereignisse deuteten darauf hin, daß der Unabhängigkeitskrieg seinem Ende entgegengehe. Ibrahim war nach dem Peloponnes zurückgedrängt, während der Marschall Maison auf Morea mit einem Expeditionscorps von zweitausend Franzosen landete. Die Ausfuhr von Gefangenen mußte also in nächster Zeit eine sehr verminderte werden, und eben deshalb stieg auch – natürlich zur großen Befriedigung des Kadi – der Preis für dieselben schon ganz ungewöhnlich.

Im Laufe des Vormittags hatten die Händler schon den Batistan besucht, um sich über die Anzahl und den Werth der Gefangenen zu unterrichten, welche heute gewiß nicht mehr so billig zu kaufen sein würden.

»Bei Mohammed! rief ein Agent aus Smyrna, der inmitten seiner Kameraden das Wort führte, die Zeit des guten Geschäftsganges ist vorüber! Erinnert Ihr Euch noch der Zeit, wo die Schiffe Gefangene zu Tausenden brachten, und nicht wie jetzt zu wenigen Hunderten?

– Ja!… Wie bei den Schlächtereien von Scio! antwortete ein anderer Händler. Auf einen Schlag über vierzigtausend Sclaven! Da reichten die Schiffe nicht zu, sie unterzubringen!

– Ganz recht, entgegnete ein Händler, der den Dingen auf den Grund zu gehen schien; aber je mehr Gefangene, desto mehr Angebot, je mehr Angebot, desto niedrigere Preise. Es ist doch besser, nur wenigere zu hohem Preise fortschaffen zu haben, da die laufenden Unkosten doch so beträchtlich sind.

– Ja wohl, mindestens in der Berberei! Zwölf Percent des Bruttoertrages zu Nutzen des Paschas, des Kadi oder des Gouverneurs!

– Ohne das eine Percent für Unterhaltung des Molo und der Küstenbatterien zu rechnen!

– Und noch ein weiteres Percent, welches den habgierigen Priestern zufällt!

– Wahrhaftig, das führt Alle zum Ruine, die Rheder ebenso wie die Händler!«

Diese und ähnliche Bemerkungen wurden zwischen jenen Agenten ausgetauscht, welche von der Sündhaftigkeit ihres Handels gar keine Vorstellung zu haben schienen. Immer dieselben Klagen über die nämlichen Sporteln und Abgaben. Jedenfalls würden sie sich darüber noch in weit härteren Redensarten ergangen haben, wenn nicht die Töne einer Glocke eben den Anfang des Marktes verkündet hätten.

Es versteht sich von selbst, daß der Kadi die Leitung des ganzen Handelsgeschäfts in die Hand nahm. Das erforderte seine Pflicht, die türkische Regierung zu repräsentiren, ebenso wie sein persönliches Interesse.

Er saß also auf einer Art Estrade, gegen die Sonne geschützt durch ein Zelt, über welchem die rothe Flagge mit dem Halbmond wehte, oder er lag vielmehr auf breitem Kissen mit der ganzen Ungenirtheit des Vollblut-Ottomanen hingestreckt.

Dicht neben ihm nahm der öffentliche Ausrufer seinen Stand ein; man darf aber nicht etwa glauben, daß dieser Ausrufer Veranlassung hatte, seine Lunge allzu sehr anzustrengen. Im Gegentheil, bei dieser Art von Geschäften nehmen sich die Käufer hinlänglich Zeit, ehe sie ein höheres Gebot thun. Wenn in diese Versteigerung überhaupt mehr Leben kam, so war das höchstens in der letzten Viertelstunde des Geschäfts, wo sich vielleicht einmal ein Kampf darum entspann, wer den Zuschlag erhalten sollte.

Das erste Angebot betrug von Seiten eines Händlers aus Smyrna tausend türkische Pfund.

»Tausend Pfund türkisch!« wiederholte der Ausrufer.

Dann schloß er die Augen, als hätte er hinlänglich Zeit auszuschlafen, ehe ein höheres Gebot erfolgte.

Während der ersten Stunden stiegen die einzelnen Mehrgebote um je tausend bis höchstens zweitausend Pfund türkisch, das heißt etwa dreiunddreißigtausend Mark. Die Händler sahen sich gegenseitig an, beobachteten vielleicht heimlich, plauderten dabei aber von ganz anderen Dingen. Wie weit sie gehen wollten, wußten sie schon im Voraus, und ihre Höchstgebote verschoben sie bis zu den letzten Minuten, welche dem Schluß der Auction vorangingen. Da veranlaßte aber das Miteintreten eines neuen Concurrenten eine Aenderung ihres gewöhnlichen Verfahrens, und das verlieh der Auction eine unerwartete Lebhaftigkeit.

Gegen vier Uhr erschienen nämlich zwei Männer auf dem Markte von Arkassa. Woher kamen dieselben? Jedenfalls von der Ostseite der Insel, soweit sich das aus der Fahrtrichtung der Araba beurtheilen ließ, welche sie bis zum Eingangsthore des Batistans gebracht hatte.

Ihr Erscheinen erregte eine lebhafte Bewegung des Erstaunens und der Beunruhigung. Offenbar erwarteten die gewöhnlichen Händler vorher nicht, eine Persönlichkeit hier auftreten zu sehen, mit der sie wohl oder übel rechnen mußten.

»Bei Allah! rief einer derselben, das ist Nicolas Starkos selbst!

– Und sein verdammter Skopelo! erwiderte ein Anderer.

– Und wir, wir glaubten, sie wären längst zum Teufel!«

Es waren in der That diese beiden Männer, welche auf dem Markte von Arkassa Jeder kannte. Wiederholt hatten sie daselbst höchst bedeutende Geschäfte abgeschlossen, indem sie Gefangene für Rechnung von Händlern in Afrika einkauften. An Geld fehlte es ihnen niemals, obwohl man nicht recht wußte, woher sie dasselbe nahmen; doch, das ging sie ja nur selbst an. Der Kadi konnte sich, was ihn betraf, nur Glück wünschen, so allgemein gefürchtete Concurrenten erscheinen zu sehen.

Skopelo, einem gewiegten Sachkenner, hatte ein einziger Blick genügt, um den Werth der vorhandenen Gefangenen im Großen und Ganzen abzuschätzen. Er begnügte sich darauf, Nicolas Starkos wenige Worte in’s Ohr zu flüstern, auf welche dieser mit Kopfnicken zustimmend antwortete.

Ein so scharfer Beobachter der zweite Officier der »Karysta« auch war, hatte er doch das Entsetzen nicht bemerkt, welches das Auftreten Nicolas Starkos‘ bei einer der Gefangenen hervorrief.

Es war das eine Frau in schon mehr vorgeschrittenem Alter und von hohem Wuchs. Während sie vorher in einem entfernten Winkel des Batistans saß, erhob sie sich, als ob eine unwiderstehliche Macht sie dazu drängte. Sie that sogar zwei bis drei Schritte, und schon wollte ein Aufschrei ihrem Munde entfahren… Doch nein, sie besaß genug Energie, sich zu beherrschen. Sie wich wieder langsam zurück, vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt in einen erbärmlichen Mantel, und nahm ihren Platz unter den Gefangenen wieder ein, aber so, daß sie jetzt ganz verborgen blieb. Es genügte ihr offenbar nicht, das Gesicht zu verstecken, sie wollte vielmehr ihre ganze Gestalt den Blicken Nicolas Starkos‘ entziehen.

Ohne ein Wort an ihn zu richten, behielten die anderen Händler den Capitän der »Karysta« doch unausgesetzt im Auge, während dieser ihnen keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken schien. Erstere mußten freilich befürchten, daß er hierher gekommen sei, ihnen den vorhandenen Gefangenentransport wegzukaufen, da sie ja wußten, in welchen Beziehungen Nicolas Starkos zu den Paschas und Beys der Barbareskenstaaten stand.

Sie sollten darüber auch nicht lange in Ungewißheit bleiben. Eben war der Ausrufer wieder aufgestanden und hatte mit lauter Stimme das letztgethane Gebot wiederholt:

»Zweitausend Pfund!

– Zweitausend fünfhundert, sagte Skopelo, der sich bei derartigen Gelegenheiten zum Sprachrohr seines Capitäns machte.

– Zweitausend fünfhundert Pfund!« meldete der Ausrufer.

Danach begann wieder die persönliche Unterhaltung unter den verschiedenen Gruppen, die sich jedoch nicht ohne einiges Mißtrauen betrachteten.

So verlief eine Viertelstunde. Nach dem Skopelo’s war kein anderes Mehrgebot gethan worden. Gleichgiltig und stolz schlenderte Nicolas Starkos auf dem Batistan umher. Niemand konnte bezweifeln, daß er am Ende, sogar ohne besonderen Kampf, den Zuschlag erhalten würde.

Nach Besprechung mit zwei oder drei Collegen meldete jedoch der Agent aus Smyrna ein weiteres Mehrgebot, nämlich zweitausend siebenhundert Pfund.

»Zweitausend siebenhundert Pfund! wiederholte der Ausrufer.

– Dreitausend!«

Dieses Mal war es Nicolas Starkos selbst gewesen, der sich an der Versteigerung betheiligte.

Es wird sich bald zeigen, was vorgegangen war, warum er sich persönlich an dem Wettstreite betheiligte und warum seine kalte Stimme plötzlich eine so auffallende Erregung verrieth, daß es selbst Skopelo wundernahm.

Seit einigen Minuten lustwandelte Nicolas Starkos, nachdem er die Barriere des Batistans überschritten, inmitten der Gruppe Gefangener. Die alte Frau hatte sich, als sie ihn näher kommen sah, noch ängstlicher in ihren Mantel versteckt; er hatte sie also nicht sehen können.

Dagegen wurde plötzlich seine Aufmerksamkeit durch zwei Gefangene erweckt, welche ein wenig abseits standen. Er war stehen geblieben, als wären seine Füße am Boden festgewurzelt. Hier war ein junges Mädchen neben einem hochgewachsenen Mann vor Erschöpfung fast zur Erde niedergesunken.

Der Mann erhob sich stolz, als er Nicolas Starkos wahrnahm, gleichzeitig schlug das junge Mädchen die Augen wieder auf. Sobald sie aber des Capitäns der »Karysta« ansichtig wurde, wendete sie dieselben schnell wieder weg.

»Hadjine!« rief Nicolas Starkos halblaut.

Wirklich war es Hadjine Elizundo, welche Xaris jetzt in seinen Armen hielt, als wollte er sie vertheidigen.

»Sie hier!« murmelte Nicolas Starkos.

Hadjine hatte sich aus Xaris‘ Armen losgemacht und starrte nun den Kunden ihres Vaters mit geheimer Scheu an.

Eben diese Entdeckung hatte Nicolas Starkos, der sich gar nicht die Frage vorlegte, wie es habe zugehen können, daß die Erbin des Banquiers Elizundo auf dem Markte von Arkassa zum Verkauf gestellt werden könne, jetzt veranlaßt, mit erregter Stimme das neue Angebot von dreitausend Pfund zu thun.

»Dreitausend Pfund!« hatte der Ausrufer laut wiederholt.

Die Uhr zeigte nun schon etwas über ein halb fünf Uhr. Noch fünfundzwanzig Minuten, dann mußte der Kanonenschuß erdröhnen und der Zuschlag erfolgte an den, der das letzte Höchstgebot gethan hatte.

Schon schickten sich die Agenten jedoch nach vorhergegangener Unterredung an, den Platz zu verlassen, da keiner gewillt schien, einen noch höheren Preis anzulegen. Es gewann also den Anschein, als sollte der Capitän der »Karysta« wegen Mangels an Concurrenten aus dieser Versteigerung als Sieger hervorgehen, als der Agent aus Smyrna noch einen letzten Versuch machte, ihm »die Waare« streitig zu machen.

»Dreitausend fünfhundert Pfund! rief er.

– Viertausend!« folgte Nicolas Starkos auf der Stelle nach.

Skopelo, der Hadjine noch nicht selbst gesehen hatte, begriff gar nicht, wie der Capitän so ohne Besinnen mehr bieten konnte. Seiner Meinung nach war der Werth der ganzen Gefangenen-Abtheilung schon bei weitem überschritten, vorzüglich aber durch dieses Gebot von viertausend Pfund. Er fragte sich deshalb verwundert, was Nicolas Starkos veranlassen könne, sich so unüberlegt in ein voraussichtlich ganz schlechtes Geschäft einzulassen.

Den letzten Worten des Ausrufers folgte ein längeres Stillschweigen. Auf einen Wink seiner Collegen gab auch der Agent aus Smyrna die Sache endgiltig auf. Niemand konnte mehr daran zweifeln, daß Nicolas Starkos bei derselben obsiegen werde, da ja nur noch wenig Minuten bis zum gesetzlichen Schluß der Auction fehlten.

Xaris hatte ihn vollständig durchschaut. Er drückte das junge Mädchen nur enger in seine Arme – so lange er noch athmete, sollte sie ihm Niemand entreißen.

Da ließ sich – destomehr vernehmbar bei dem allgemeinen Schweigen – eine andere Stimme vernehmen, welche dem Ausrufer die zwei Worte zurief:

»Fünftausend Pfund!«

Nicolas Starkos drehte sich um.

Eine Gruppe von Seeleuten war oben in den Batistan getreten, und vor derselben stand ein offenbar zu ihnen gehörender Officier.

»Henry d’Albaret! rief Nicolas Starkos. Henry d’Albaret… hier… in Scarpanto!«

Den Commandanten der »Syphanta« hatte nur der Zufall nach dem Platze der öffentlichen Verkäufe geführt. Er wußte heute – das heißt vierundzwanzig Stunden nach seinem Eintreffen in Scarpanto – nicht einmal, daß in der Hauptstadt der Insel eine Versteigerung von Sclaven stattfinden solle. Da er andererseits auch die Sacoleve nicht vor Anker liegen gesehen hatte, mußte er nicht minder erstaunt sein, Nicolas Starkos in Arkassa zu begegnen, wie dieser, ihn hier zu sehen.

Nicolas Starkos wußte ja auch nicht, daß die Corvette von Henry d’Albaret befehligt wurde, obwohl ihm nicht unbekannt war, daß diese in den Hafen von Arkassa eingelaufen war.

Die Empfindung der beiden Gegner, als sie sich hier Auge in Auge sahen, wird sich Jeder leicht ausmalen können.

Daß Henry d’Albaret jenes unerwartete Mehrgebot gethan, rührte daher, daß er unter den Gefangenen im Batistan Hadjine und Xaris bemerkt hatte; Hadjine, bedroht, der Gewalt des verhaßten Nicolas Starkos zu verfallen.

Hadjine aber hatte ihn gehört, ihn gesehen, und würde sich unverzüglich in seine Arme gestürzt haben, wenn die Wächter sie nicht daran gehindert hätten.

Mit verständlicher Handbewegung sachte Henry d’Albaret das junge Mädchen zu beruhigen. So entrüstet er sich auch fühlte, als er sich dem elenden Gegner gegenüber sah, gelang es ihm doch, sich zu beherrschen. Ja, und wenn es ihm sein ganzes Vermögen kosten sollte, würde er keinen Augenblick gezaudert haben, Nicolas Starkos die auf dem Markte von Arkassa zusammengepferchten Gefangenen zu entreißen, und mit ihnen die, welche er so lange Zeit gesucht, welche er kaum je noch wiederzusehen gehofft hatte.

Jedenfalls mußte der Kampf nun heißer entbrennen. Wenn Nicolas Starkos nämlich nicht begreifen konnte, wie Hadjine Elizundo unter die Gefangenen gekommen war, so blieb dieselbe in seinen Augen doch immer noch die reiche Erbin des Banquiers in Korfu.

Die vielen Millionen hatten ja nicht mit ihm verschwinden können; sie mußten noch immer vorhanden sein, um sie von dem zurückzukaufen, dessen Sclavin sie werden sollte. Er lief also keine Gefahr, wenn er auch noch mehr bot. Nicolas Starkos beschloß das um so eigensinniger, weil es sich jetzt darum handelte, gegen seinen Rivalen aufzutreten.

»Sechstausend Pfund! rief er.

– Siebentausend!« antwortete der Commandant der »Syphanta«, ohne sich nur nach Nicolas Starkos umzukehren.

Der Kadi konnte sich zu der Wendung, welche die Dinge nahmen, nur Glück wünschen. Angesichts dieser beiden Concurrenten bemühte er sich gar nicht, seine Befriedigung zu verbergen, welche die sonst bewahrte Würde des habgierigen Mannes sozusagen durchbrach.

Wenn der schlaue Beamte nun schon berechnete, welche Summe in seine Tasche fließen sollte, so konnte Skopelo jetzt doch kaum noch an sich halten. Er hatte Henry d’Albaret und dann auch Hadjine Elizundo bemerkt. Blieb nun Nicolas Starkos aus Haß und Hartnäckigkeit bei seinem Mehrbieten, was ja unter gewissen Bedingungen von großem Vortheil sein konnte, so mußte das Geschäft doch ein sehr schlechtes werden, wenn das junge Mädchen ebenso wie ihre Freiheit vielleicht auch ihr Vermögen eingebüßt hatte, was doch mindestens möglich war.

Er nahm deshalb Nicolas Starkos etwas zur Seite und bemühte sich, ihm vernünftige Vorstellungen zu machen, fand dabei aber einen so üblen Empfang, daß er bald davon gänzlich absah. Der Capitän der »Karysta« rief dem Ausrufer selbst sein Mehrgebot zu, und zwar mit einer Stimme, welche berechnet und geeignet war, seinen Rivalen möglichst zu demüthigen.

Erklärlicher Weise waren die Agenten, welche merkten, daß der Kampf ein sehr heißer werden würde, nun in der Nähe geblieben, um demselben wenigstens mit beizuwohnen. Eine Menge Neugieriger, welche dieses Hin- und Herwerfen von Tausenden von Pfunden besonders anzog, gaben ihr Interesse daran durch wiederholte Beifallsrufe zu erkennen. Wenn die meisten derselben zwar den Capitän der Sacoleve kannten, so kannte doch Niemand den Commandanten der »Syphanta«, ja, man wußte nicht einmal, was diese Corvette, welche unter korslötischer Flagge segelte, in dem Gewässer von Scarpanto beabsichtigte. Seit Anfang des Krieges hatten sich jedoch so viele Schiffe aller Nationen mit dem Transport von Gefangenen beschäftigt, daß die Annahme, die »Syphanta« befasse sich gleichfalls mit demselben Handel, für Alle am nächsten lag; ob die Gefangenen also von Henry d’Albaret oder von Nicolas Starkos erstanden wurden, das änderte für dieselben nichts, und die Sclaverei drohte ihnen wie vorher.

Jedenfalls mußte diese Frage binnen fünf Minuten entschieden sein.

Bei dem letzten durch den Ausrufer gemeldeten Gebote, hatte Nicolas Starkos sich sogleich wieder gemeldet mit den Worten:

»Achttausend Pfund!

– Neuntausend Pfund!« sagte Henry d’Albaret.

Neues Stillschweigen. Der Commandant der »Syphanta«, der immer seiner Herr blieb, folgte mit den Blicken Nicolas Starkos, welcher wüthend auf und ab ging, ohne daß Skopelo sich ihm nur zu nähern wagte. Uebrigens hätte ihn jetzt auch kein Zureden, keine Vorstellung davon abhalten können, voller Wuth noch weiter zu bieten.

»Zehntausend Pfund! rief Nicolas Starkos.

– Elftausend! antwortete Henry d’Albaret.

– Zwölftausend!« schrie Nicolas Starkos, ohne dieses Mal nur einen Moment zu warten.

Der Commandant Henry d’Albaret hatte nicht sofort geantwortet.

Nicht etwa, weil er überhaupt gezaudert hätte, das zu thun, wohl aber, weil er Skopelo auf Nicolas Starkos zueilen sah, um diesen von seinem tollen Vorgehen abzuhalten, was auch einen Augenblick die Aufmerksamkeit des Capitäns der »Karysta« ablenkte.

Gleichzeitig hatte sich die bejahrte Gefangene, die sich bisher so hartnäckig verborgen hielt, ihrer ganzen Länge nach erhoben, so, als beabsichtige sie, Nicolas Starkos ihr Gesicht zu zeigen.

In demselben Augenblick blitzte auf der Mauer der Citadelle von Arkassa zwischen einer dichten Wolke weißen Dampfes eine leuchtende Flamme auf, bevor die Detonation jedoch bis zum Batistan hinabgedrungen war, ertönte von einer weitschallenden Stimme noch ein neues Mehrgebot:

»Dreizehntausend Pfund!«

Gleich darauf krachte der Schuß, dem endlose Hurrahs folgten.

Nicolas Starkos hatte Skopelo so heftig zurückgestoßen, daß dieser davon zu Boden stürzte…. Jetzt war es zu spät! Nicolas Starkos hatte kein Recht mehr, ein noch höheres Gebot zu thun. Hadjine Elizundo war ihm entgangen, und das ohne Zweifel für immer!

»Komm!« sagte er mit grollender Stimme zu Skopelo.

Dennoch hätte man ihn noch können die Worte murmeln hören:

»So wird es desto sicherer und minder theuer sein!«

Beide bestiegen sodann ihre Araba und verschwanden hinter der Biegung der Straße, welche nach dem Innern der Insel führte. Schon war Hadjine Elizundo, welche Xaris mit sich fortzog, über die Barrieren des Batistans hinausgeeilt, schon lag sie in den Armen Henry d’Albaret’s, der ihr, sie innig an’s Herz drückend, zuflüsterte:

»Hadjine!… Hadjine!… Wie gern hätt‘ ich Alles geopfert, was ich mein nenne, um Dich frei zu kaufen!…

– So wie ich mein Vermögen geopfert habe, um die Ehre meines Namens zurückzukaufen, antwortete das junge Mädchen. O Henry – Hadjine Elizundo ist jetzt arm, aber sie ist Deiner würdig!«

Dreizehntes Capitel


Dreizehntes Capitel

An Bord der »Syphanta«.

Am folgenden Tage, dem 3. September, versuchte die »Syphanta«, nachdem sie gegen zehn Uhr Morgens die Anker gelichtet, dicht am Winde segelnd aus der engen Wasserstraße des Hafens von Scarpanto herauszukommen.

Die von Henry d’Albaret freigekauften Gefangenen hatten es sich, die Einen im Zwischendeck, die Andern in der Batterie, so bequem wie möglich gemacht. Obwohl die Fahrt über den Archipel nur wenige Tage in Anspruch nehmen konnte, hatten es Officiere und Matrosen sich doch angelegen sein lassen, die armen Leute an Bord so gut unterzubringen, wie das die Raumverhältnisse nur gestatteten.

Schon am Vorabende hatte der Commandant Henry d’Albaret Alles geordnet, um unverzüglich absegeln zu können. Zur Regulirung seines Gebotes von dreizehntausend Pfund hatte er Sicherheit gestellt, mit der der Kadi sich befriedigt erklärte. Die Einschiffung der Gefangenen war also ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen, und vor Ablauf von drei Tagen sollten alle diese Unglücklichen, denen vorher das schrecklichste Loos in den Bagnos der Barbareskenstaaten harrte, an irgend einem Punkte des nördlichen Griechenlands, wo sie für ihre persönliche Freiheit nichts mehr zu fürchten hatten, abgesetzt werden.

Ihre Einlösung aber verdankten sie einzig und allein Dem, der sie ohne Ansehung des Opfers, das er dabei brachte, den Händen Nicolas Starkos‘ entriß. Ihre Dankbarkeit fand auch, sobald sie den Fuß auf das Deck der Corvette gesetzt, in einer wahrhaft rührenden Handlung sprechenden Ausdruck.

Unter ihnen befand sich nämlich ein »Papa«, ein bejahrter Geistlicher aus Leondaris. Begleitet von seinen Unglücksgefährten, begab sich dieser nach dem Oberdeck, wo sich Hadjine Elizundo mit Henry d’Albaret und einigen Officieren aufhielt. Hier knieten Alle, der Greis an der Spitze, vor Jenen nieder, und die Hände gegen den Commandanten erhebend, begann der Greis:

»Gesegnet seien Sie, Henry d’Albaret, von Allen, die Ihr Edelmuth der Freiheit zurückgegeben hat!

– Liebe Freunde, antwortete der Commandant der »Syphanta« bewegt, ich habe ja nicht mehr als meine Pflicht gethan.

– Ja, gesegnet von Allen… von Allen… auch von mir, Henry!« fügte Hadjine, sich ebenfalls vor ihm verneigend, hinzu.

Henry d’Albaret hatte sie, fast verwirrt von dieser unerwarteten Huldigung, schnell wieder aufgehoben, und nun erschallte ein »Hoch Henry d’Albaret!« und »Hoch lebe Hadjine Elizundo!« vom Oberdeck bis nach dem Vordercastell, aus den Tiefen der Batterie bis hinauf nach den Marsraaen, wo etwa fünfzig Mann von der Besatzung Platz genommen hatten und den Vorgang mit donnernden Hurrahs begleiteten.

Eine einzige Gefangene – die, welche sich auch am Vortage im Batistan möglichst versteckt hielt – hatte an dieser Kundgebung nicht theilgenommen. Auch bei der Einschiffung ging ihr Hauptbestreben dahin, unter den Gefangenen unbemerkt zu bleiben. Das war ihr gelungen, und Niemand ahnte ihre Gegenwart an Bord, als sie sich nach der dunkelsten Ecke des Zwischendecks zurückgezogen hatte. Sie hoffte jedenfalls auch ebenso ungesehen wieder an’s Land gehen zu können. Warum sie so vorsichtig verfuhr und ob sie vielleicht einem Officier oder Matrosen der Corvette bekannt war, das hätte Niemand sagen können; gewiß aber mußte sie wichtige Gründe haben, dieses Incognito während der drei bis vier Tage, welche die Fahrt durch den Archipel dauern konnte, so streng zu bewahren.

Wenn aber Henry d’Albaret die volle Dankbarkeit der zufälligen Passagiere der Corvette verdiente, was verdiente dann Hadjine Elizundo für alle die großmüthigen Opfer, die sie seit ihrer Abreise von Korfu aus eigenem Antriebe gebracht hatte?

»Henry, hatte sie am vorhergehenden Tage gesagt, Hadjine Elizundo ist jetzt arm, aber sie ist nun Deiner würdig!«

Arm?… Das war sie in der That. – Des jungen Officiers würdig?… Das wird sich im weiteren Verlaufe zeigen.

Und wenn Henry d’Albaret Hadjine schon liebte, als so erschütternde Vorkommnisse sie von einander trennten, wie mußte diese Liebe erst wachsen, als er erfuhr, welcher Aufgabe sich das junge Mädchen während dieses langen Jahres bitterer Trennung gewidmet hatte.

Sobald Hadjine Elizundo erkannte, woher das von ihrem Vater hinterlassene große Vermögen stammte, hatte sie sofort beschlossen, dasselbe zum Rückkauf von Gefangenen zu verwenden, von deren Fortschaffung und Verkauf er soviel Vortheil gezogen hatte. Von jenen so unehrenhaft gewonnenen zwanzig Millionen wollte sie nichts für sich behalten und theilte Xaris dieses Vorhaben mit; Xaris stimmte demselben gern zu, und so wurden alle Vermögensbestandtheile des Bankhauses schnellstens flüssig gemacht.

Henry d’Albaret erhielt damals jenen Brief, in welchem das junge Mädchen ihn um Verzeihung bat und ihm Lebewohl sagte. Darauf verließ Hadjine unter dem Schutze des muthigen und ergebenen Xaris heimlich Korfu, um sich nach dem Peloponnes zu begeben.

Zu jener Zeit wütheten die Soldaten Ibrahim’s im Kampfe gegen die Bevölkerung des mittleren Morea, welche schon seit langer Zeit unendlich zu leiden gehabt hatte. Die Unglücklichen, die dabei nicht hingemordet wurden, schickten sie nach den Haupthäfen von Messenien, nach Patras oder Navarin. Von hier aus beförderten sie die entweder von der türkischen Regierung gestellten oder von den Seeräubern des Archipels bemannten Schiffe zu Tausenden entweder nach Scarpanto oder nach Smyrna, wo ein unausgesetzter Sclavenhandel stattfand.

Während der zwei ersten Monate nach ihrem Verschwinden gelang es Hadjine und Xaris, welche niemals vor einem noch so hohen Preise zurückschreckten, mehrere Hundert Gefangene von denen zurückzukaufen, welche die messenische Küste noch nicht verlassen hatten. Darauf ließen sie es sich angelegen sein, dieselben entweder auf den Ionischen Inseln oder in den schon von den Türken befreiten Theilen des nördlichen Griechenlands in Sicherheit zu bringen.

Nachdem das vollbracht, begaben sich Beide nach Kleinasien, nach Smyrna, wo sehr beträchtlicher Sclavenhandel betrieben wurde Hierher kamen in starken Transporten große Mengen jener griechischen Gefangenen, deren Befreiung Hadjine Elizundo vor Allem am Herzen lag Sie that dabei so hohe Gebote – welche die der Händler aus der Berberei oder von der asiatischen Küste ungeheuer überstiegen – daß die türkischen Beamten nur ihren Vortheil darin finden konnten, mit ihr zu handeln. Daß ihre edelmüthige Leidenschaft gelegentlich von gewissenlosen Agenten gemißbraucht wurde, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung; mehrere Tausende von Gefangenen verdankten es aber jedenfalls ihr allein, den Bagnos der afrikanischen Beys entgangen zu sein.

Noch immer blieb ihr jedoch viel zu thun übrig, und deshalb kam Hadjine Elizundo der Gedanke, auf zwei verschiedenen Wegen dem Ziele, welches sie zu erreichen strebte, näher zu kommen. Es genügte offenbar nicht, die auf den öffentlichen Märkten zum Verkauf gestellten Gefangenen zurückzukaufen oder um hohen Preis Diejenigen, welche schon das Sclavenjoch trugen, aus den Bagnos zu befreien; es kam ihr vielmehr auch darauf an, die Seeräuber, welche in den Gewässern des Archipels so viele Schiffe wegfingen und vernichteten, unschädlich zu machen.

Hadjine Elizundo befand sich eben in Smyrna, als sie hörte, was mit der »Syphanta« nach den ersten Monaten ihrer Kreuzfahrt vorgegangen war. Sie wußte zwar, daß diese Corvette für Rechnung korslötischer Rheder, und auch zu welchem Zwecke dieselbe ausgerüstet worden war. Ebenso blieb ihr nicht unbekannt, daß der Anfang ihrer Fahrt recht gute Erfolge aufzuweisen hatte; jener Zeit traf aber die betrübende Nachricht ein, daß die »Syphanta« ihren Capitän, mehrere Officiere und einen Theil der Mannschaft eingebüßt hatte im Kampfe gegen eine Piratenflottille, welche, der allgemeinen Annahme nach, von Sacratif selbst geführt und befehligt wurde.

Hadjine Elizundo setzte sich sofort in Korfu mit dem Agenten in Verbindung, der die Interessen der Rheder der »Syphanta« vertrat. Sie ließ den Letztgenannten einen so hohen Preis für das Schiff anbieten, daß diese nicht zauderten, ihr dasselbe zu verkaufen. Die Corvette wurde also unter dem Namen eines Banquiers von Ragusa erworben, sie gehörte jedoch niemand Anderem als der Erbin Elizundo’s, welche damit nur die Bobolina’s, die Modena’s, die Zacharia’s und verschiedene andere opferfreudige Patriotinnen nachahmte, deren schon zu Anfang des Unabhängigkeitskrieges auf eigene Kosten ausgestattete Schiffe den Geschwadern der ottomanischen Marine so vielen Schaden zufügten.

Bei diesem Ankauf hatte Hadjine von vornherein den Gedanken gehabt, den Oberbefehl über die »Syphanta« dem Capitän Henry d’Albaret anzubieten. Ein ihr gerne dienender junger Mann, ein Neffe Xaris‘ und Seemann von griechischer Abkunft gleich seinem Onkel, war dem jungen Officier von jeher heimlich nachgefolgt, sowohl in Korfu, als dieser sich so vergeblich bemühte, das junge Mädchen wieder aufzufinden, wie in Scio, als er sich dahin begab, um unter dem Obersten Fabvier zu kämpfen.

Auf ihren Wunsch schiffte sich dieser Mann als Matrose mit auf der Corvette ein, als diese nach dem Gefechte bei Lemnos die Lücken in ihrer Mannschaft wieder ausfüllte. Er war es auch gewesen, der Henry d’Albaret die beiden, übrigens von Xaris‘ Hand herrührenden Briefe in die Hände spielte. Den ersten in Scio, wo Jener die Nachricht erhielt, daß im Stabe der »Syphanta« für ihn ein Platz frei sei, und den zweiten, den er auf den Tisch der Cajüte des Befehlshabers legte, als er vor derselben als Posten stand, und durch welchen dieser ersucht wurde, sich mit der Corvette in den ersten Tagen des Monats September im Gewässer der Insel Scarpanto einzufinden.

Hier beabsichtigte nämlich Hadjine Elizundo zu gleicher Zeit einzutreffen, nachdem sie ihre Fahrt als rettender Liebesengel beendigt. Sie wollte die »Syphanta« benützen, um den letzten Gefangenentransport, den sie mit dem Reste ihres Vermögens zu kaufen gedachte, nach dem Vaterlande zurückzuführen.

Während der nachfolgenden sechs Monate hatte sie freilich noch viel Ungemach zu erleiden und viel Gefahren zu bestehen.

Selbst bis tief in die Berberei, in jene von Piraten wimmelnden Häfen an der afrikanischen Küste, in denen die schlimmsten Banditen bis zur Eroberung Algiers die Herren spielten, hatte sich das junge Mädchen in Begleitung ihres Xaris hineingewagt, um ihren edlen Trieben genug zu thun. Dieser selbstgewählten Aufgabe zu Liebe setzte sie ihre Freiheit, ja, ihr Leben auf’s Spiel und trotzte ohne Zögern allen Gefahren, welchen ihre Jugend und Schönheit sie preisgaben.

Nichts vermochte sie aufzuhalten, sie reiste ab.

So erschien sie zuerst wie ein Engel der Gnade in Tripolis, in Algier, in Tunis und auf allen Märkten der Barbareskenküste. Ueberall, wo griechische Gefangene verkauft worden waren, erstand sie dieselben zum großen Vortheile ihrer zeitweiligen Besitzer zurück. Ueberall, wo die Händler solche Heerden menschlicher Wesen zur Versteigerung brachten, war sie bei der Hand und achtete niemals des Geldes. Bei solchen Gelegenheiten lernte sie auch, hier in Ländern, wo die niedrigsten Leidenschaften durch keine Rücksicht im Zügel gehalten wurden, das ganze Elend schamloser Sclaverei aus eigener Anschauung kennen.

Algier stand zu jener Zeit noch unter der Gewalt einer aus Muselmännern und Renegaten bestehenden Miliz, die sich aus dem Ausschuß der drei Continente, welche die Gestade des Mittelmeeres bilden, recrutirte und die von nichts Anderem lebte, als vom Ankauf der durch Piraten herbeigeschafften Gefangenen, sowie durch deren Verkauf an die Christen.

Im siebzehnten Jahrhundert zählten die nördlichen Länder Afrikas schon nahe an vierzigtausend Sclaven beiderlei Geschlechts, die aus Frankreich, Italien, England und Deutschland, aus Flandern, Holland, Griechenland, Ungarn, Rußland, Polen und Spanien und aus allen Meeren Europas abgefangen worden waren.

In Algier, in den Bagnos des Paschas Ali-Mami, der Kulughi’s und Siddi Hassan’s, in Tunis, in denen Yussis-Dey’s, Galere-Patrone’s und Cicalais‘, wie in denen von Tripolis, sachte Hadjine Elizundo vorzüglich die Aermsten auf, welche der hellenische Krieg zu Sclaven gemacht hatte. So, als werde sie durch einen Talisman beschützt, wanderte sie ruhig inmitten aller Gefahren und erleichterte das namenlose Elend, wo sie nur konnte. Den tausendfältigen Gefahren, welche die Natur der Dinge rings um sie mit sich brachte, entging sie wie durch ein Wunder. Sechs Monate hindurch besuchte sie an Bord leichter Küstenschiffe die entlegensten Punkte der Grenzländer des Mittelmeeres, von der Regentschaft von Tripolis an bis zu den äußersten Grenzen Marokkos – bis nach Tetuan, früher eine vollständig organisirte Republik von Piraten – bis Tanger, dessen Bai den Seeräubern als Ueberwinterungsort diente – bis Sale, an der Westküste Afrikas, wo die unglücklichen Gefangenen in zwölf bis fünfzehn Fuß tief in die Erde gegrabenen Löchern und Höhlen ein wahrhaft erbärmliches Da sein fristen mußten.

Nachdem sie dann ihr Liebeswerk vollendet und von den, von ihrem Vater hinterlassenen Millionen nichts mehr besaß, gedachte Hadjine Elizundo mit Xaris nach Europa zurückzukehren. Sie schiffte sich deshalb auf einem griechischen Fahrzeuge ein, auf dem auch die letzten von ihr zurückgekauften Gefangenen untergebracht worden waren, und ging nach Scarpanto unter Segel. Hier hoffte sie Henry d’Albaret wieder zu finden, und von hier aus hatte sie an Bord der »Syphanta« nach Griechenland heimkehren wollen. Drei Tage nach der Abfahrt von Tunis wurde aber das Schiff, welches sie trug, von einem türkischen Kreuzer aufgebracht und sie selbst nach Arkassa geschafft, wo sie mit Allen, die sie eben befreit, als Sclavin verkauft werden sollte.

Der Gesammterfolg des von Hadjine Elizundo vollbrachten Liebeswerkes hatte darin bestanden, mehrere Tausend Gefangene mit dem Gelde zurückzukaufen, welches ihr Vater durch den Verkauf derselben gewonnen hatte. Das junge, jetzt selbst vermögenslose Mädchen hatte, so weit es ihr möglich war, also das Unrecht wieder gut zu machen gesucht, das ihr Vater vorher begangen hatte.

Alles das erfuhr nun auch Henry d’Albaret. Ja, Hadjine war jetzt zwar arm, aber seiner würdig, und um sie den Händen Nicolas Starkos‘ zu entreißen, hatte er sich ebenso arm gemacht, wie sie selbst.

Inzwischen bekam die »Syphanta« am nächsten Tage schon das Land von Kreta in Sicht. Sie schlug nun einen Curs ein, um nach dem Nordwesten des Archipels zu gelangen. Die Absicht des Commandanten Henry d’Albaret ging dahin, längs der Ostküste Griechenlands bis zur Höhe von Euböa hinauszusegeln. Hier konnten die Gefangenen entweder in Negropont oder in Aegina an sicherem Orte ausgeschifft werden, denn damit waren sie vor den, jetzt bis tief in den Peloponnes zurückgedrängten Türken geschützt. Jener Zeit befand sich nämlich kein einziger Soldat Ibrahim’s mehr auf der hellenischen Halbinsel.

Die an Bord der »Syphanta« so gut als möglich versorgten armen Leute singen schon an, sich von den furchtbaren Leiden, die sie zu überstehen gehabt, langsam zu erholen. Im Laufe des Tages sah man sie gruppenweise auf dem Verdeck, wo sie die erquickende Seeluft schlürften – Kinder, Mütter und Gatten, welche vorher bedroht waren, für immer getrennt zu werden, und die nun wieder vereinigt waren, um sich nicht mehr zu verlassen.

Sie wußten ja auch, was Hadjine Elizundo gethan, und wenn sie auf den Arm Henry d’Albaret’s gestützt vorüber kam, begegneten ihr Alle mit besonderer Hochachtung, der sie oft in rührendster Art und Weise Ausdruck gaben.

Mit den ersten Morgenstunden des 4. September verlor die »Syphanta die Gipfel von Kreta aus dem Gesicht; da der Wind aber sehr schwach geworden war, kam sie im Laufe des Tages nur sehr wenig vorwärts, obwohl man alle Segel beigesetzt hatte. Eine Verzögerung von vierundzwanzig und selbst achtundvierzig Stunden konnte aber von keiner besonderen Bedeutung sein.

Das Meer war ruhig, der Himmel wunderschön. Nichts deutete auf eine nahe bevorstehende Witterungsveränderung hin. Man mußte die Sache eben »gehen lassen, wie’s Gott gefällt«, wie die Seeleute gern sagen, und abwarten, bis die Verhältnisse sich änderten.

Diese friedliche und ruhige Seefahrt gab hinreichend Gelegenheit, an Bord ungestört zu plaudern, da mit Segelmanövern nichts zu thun war. Nur die wachthabenden Officiere und die Ausluger am Vordertheil hatten ihre Aufmerksamkeit auf etwa sichtbar werdendes Land oder auf sich zeigende Schiffe zu richten.

Hadjine Elizundo und Henry d’Albaret pflegten dann auf einer ihnen ausschließlich reservirten Bank des Oberdecks bei einander zu sitzen. Hier plauderten sie in der Hauptsache nicht von der Vergangenheit, sondern von der schönen Zukunft, die sie nun mit Sicherheit vor sich zu sehen glaubten. Sie entwarfen verschiedene bald auszuführende Projecte, ohne daß sie dabei vergaßen, diese auch dem wackern Xaris vorzulegen, der ja gewissermaßen zur Familie gehörte.

So wurde unter anderem verabredet, daß die Vermählung sofort nach der Ankunft auf griechischem Boden gefeiert werden sollte. Die endgiltige Ordnung der Verhältnisse Hadjine Elizundo’s konnte weder Schwierigkeiten noch Verzögerungen herbeiführen. Die Mission, welche sie seit fast einem Jahre erfüllte, hatte das bedeutend vereinfacht. Nach der Hochzeit sollte Henry d’Albaret dem Capitän Todros das Commando der Corvette abtreten, und er selbst wollte seine junge Frau einmal mit nach Frankreich führen, von dort aber bald nach deren Heimat zurückkehren.

Gerade am heutigen Abend unterhielten sie sich über diese Dinge.

Der leichte Wind reichte kaum hin, die hohen Segel der »Syphanta« zu schwellen. Ein herrlicher Sonnenuntergang beleuchtete den Horizont, und einzelne goldene Strahlen desselben schossen weit über die Nebelbank im Westen am Himmel hinaus. An der entgegengesetzten Seite glänzten die ersten Sterne des Morgenlandes. Das Meer zitterte unter einer Unzahl phosphorescirender Fünkchen, und die Nacht versprach eine herrliche zu werden.

Henry d’Albaret und Hadjine Elizundo gaben sich vollständig dem Genusse des prächtigen Abends hin. Sie schauten nach dem Kielwasser hinab, das sich kaum durch einige weißliche Streifen, welche die Corvette hinter sich zurückließ, abzeichnete. Nichts störte das tiefe Schweigen, als höchstens einmal ein leises Rauschen in den Segeln, wenn diese mehr erschlafften oder sich ein wenig anspannten. Die beiden jungen Leute sahen nichts mehr als sich selbst. Endlich wurden sie aus ihren schönen Träumen zur Wirklichkeit zurückgeführt, als Henry d’Albaret seinen Namen wiederholt rufen hörte.

Xaris stand vor ihm.

»Herr Commandant!… sagte Xaris schon zum dritten Male.

– Was wünscht Ihr, guter Freund? antwortete Henry d’Albaret, dem es vorkam, als zauderte Xaris etwas, mit der Sprache heraus zu gehen.

– Was willst Du, lieber Xaris? fragte Hadjine Elizundo.

– Ich hätte etwas mit Ihnen zu sprechen, Herr Commandant.

– Nun, und das wäre?

– So hören Sie. Die Passagiere der Corvette – die braven Leute, welche Sie nach deren Vaterlande zurückführen – haben einen Gedanken gehabt und mich beauftragt, Ihnen denselben mitzutheilen.

– Nun also, ich bin ganz Ohr, Xaris.

– O, Herr Commandant, Jene wissen ja, daß Sie sich mit Hadjine Elizundo vermählen werden…

– Ja freilich, erwiderte Henry d’Albaret lachend, das ist ja für Niemand ein Geheimniß!

– Nun ja, die guten Leute würden sich aber sehr glücklich schätzen, Zeugen Ihrer Hochzeit sein zu können.

– Das werden sie auch, Xaris, das sollen sie, und niemals wird eine Braut eine ehrenvollere Begleitung gehabt haben, als wenn man alle Diejenigen dazu versammeln könnte, die sie der Sclaverei entrissen hat.

– Henry!… sagte das junge Mädchen, die ihn abhalten wollte, in dieser Weise fortzufahren.

– Der Herr Commandant hat vollkommen Recht, erklärte Xaris. Auf jeden Fall müssen die Passagiere der Corvette dabei sein, und…

– Bei unserem Eintreffen auf griechischem Boden werde ich sie Alle zur Beiwohnung der Feierlichkeit einladen.

– Schön, Herr Commandant, fuhr Xaris fort. Aber nachdem den guten Leuten einmal jener Gedanke gekommen war, folgte diesem auch noch ein zweiter.

– Ein ebenso guter?

– Ein noch besserer. Sie lassen Sie bitten, die Trauung noch hier an Bord der »Syphanta« stattfinden zu lassen. Gleicht die Corvette, welche sie nach Griechenland zurückbringt, nicht gewissermaßen ihrem Vaterlande?

– Ich habe nichts dagegen, Xaris, antwortete Henry d’Albaret. Du stimmst doch auch mit ein, Hadjine!«

Statt jeder Antwort drückte Hadjine ihm zärtlich die Hand.

»O, das ist herrlich! rief Xaris.

– Ihr könnt den Passagieren der »Syphanta« die Meldung bringen, daß ihrem Wunsche entsprochen werden soll.

– Also abgemacht, Herr Commandant, aber… fuhr Xaris zögernd fort, das ist noch immer nicht Alles!

– So rede doch, Xaris, sagte das junge Mädchen.

– Nun die guten Leute haben, nachdem sie einen guten Gedanken, dann noch einen besseren ausgesprochen, auch noch einen dritten gehabt, den sie für den allerbesten halten.

– Wirklich, noch einen dritten? erwiderte Henry d’Albaret, und wie lautet dieser dritte Gedanke?

– Sie bitten darum, daß die Trauung nicht nur an Bord der Corvette, sondern auch hier auf offenem Meere und schon morgen stattfinden möchte. Unter ihnen befindet sich ein alter Geistlicher…«

Da wurde Xaris plötzlich durch die Stimme eines Mastwächters unterbrochen, der von der Großraa des Fockmastes herabrief:

»Schiffe vor dem Winde!«

Sofort erhob sich Henry d’Albaret und trat zu dem Capitän Todros, der schon in der bezeichneten Richtung hinaus blickte.

Wenigstens sechs Meilen nach Osten zu zeigte sich eine, aus etwa einem Dutzend Fahrzeugen von verschiedenem Tonnengehalt bestehende Flottille. Wenn die bei der hier herrschenden Windstille jetzt fast unbewegliche »Syphanta« kaum von der Stelle kam, so wurde jene durch die letzten Windstöße einer leichten Brise, welche bis zur Corvette nicht heranreichten, begünstigt, so daß sie diese endlich erreichen mußten.

Henry d’Albaret hatte sich ein Fernrohr bringen lassen und beobachtete aufmerksam die Bewegung jener Schiffe.

»Capitän Todros, sagte er, sich an den zweiten Officier wendend, jene Flottille ist noch zu entfernt, ebenso um ihre Absichten, wie um ihre Stärke erkennen zu lassen.

– Leider, Herr Capitän, antwortete dieser, und bei der mondlosen Nacht, welche voraussichtlich sehr dunkel wird, läßt sich darüber nichts entscheiden. Wir werden schon den morgenden Tag abwarten müssen.

– Ja, gewiß, sagte Henry d’Albaret; da diese Gegenden jedoch ziemlich unsicher sind, so geben Sie Befehl, möglichst aufmerksam Wache zu halten Gleichzeitig sollen alle unumgänglichen Maßregeln getroffen werden für den Fall, daß jene Fahrzeuge sich der »Syphanta« weiter nähern.«

Der Capitän Todros folgte dem erhaltenen Befehl und ordnete Alles in dieser Weise an. An Bord der Corvette wurden doppelte Wachen ausgestellt, welche bis Tagesanbruch auf dem Ausguck bleiben sollten.

Selbstverständlich wurde gegenüber den Vorkommnissen, welche immerhin eintreten konnten, die letzte Entscheidung über die Feier der Vermählung, welche Xaris so dringend beschleunigt wünschte, vorläufig verschoben. Hadjine Elizundo hatte sich auf die Bitte Henry d’Albaret’s wieder nach ihrer Cabine begeben.

Während der Nacht kam nicht viel Schlaf in die Augen der Seeleute; die fortwährende Gegenwart der in einiger Entfernung signalisirten Flottille erweckte eine leicht erklärliche Unruhe. So weit es möglich war, wurden alle Bewegungen derselben scharf beobachtet. Gegen neun Uhr Abends lagerte sich jedoch dichter Nebel auf das Meer, und jene verschwand vollständig hinter diesem Vorhange.

Am folgenden Morgen verbargen noch immer wallende Dunstmassen den östlichen Horizont bei Aufgang der Sonne, und da es gleichzeitig vollkommen windstill blieb, zerstreuten sich diese auch nicht vor zehn Uhr. Bisher hatte man übrigens noch nichts Verdächtiges wahrnehmen können. Als sich der Nebel aber vollständig auflöste, zeigte sich die Flottille in der Entfernung von kaum vier Meilen. Sie hatte sich der »Syphanta« also seit dem Vorabend um zwei Meilen genähert und wenn sie noch so weit von dieser war, kam es nur daher, daß der herrschende Nebel sie am Manövriren gehindert hatte. Da zeigten sich nun ein Dutzend Fahrzeuge, welche, mit einander Schritt haltend, unter dem Drucke langer Galeerenruder langsam vorwärts drangen. Die Corvette dagegen, auf welche solche ihrer Größe wegen ohne Wirkung gewesen wären, lag noch immer unbewegt auf derselben Stelle. Sie war also genöthigt zu warten, ohne selbst irgend eine Bewegung machen zu können.

Allmählich konnte über die Absichten der herannahenden Flottille ein Zweifel nicht mehr aufkommen.

»Das ist ja ein ganzer Haufen ziemlich verdächtiger Fahrzeuge! sagte Capitän Todros.

– Gewiß, und zwar desto verdächtiger, antwortete Henry d’Albaret, da ich unter denselben auch die Brigg wieder erkenne, auf die wir in den Gewässern von Kreta vergeblich Jagd gemacht haben.«

Der Commandant der »Syphanta« täuschte sich nicht. Die Brigg, welche auf fast wunderbare Weise jenseits der Spitze von Scarpanto verschwunden war, fuhr den anderen Schiffen voraus und hielt offenbar darauf, sich von den anderen unter ihrer Leitung stehenden Fahrzeugen nicht zu trennen.

Inzwischen hatte sich ein leichter Ostwind erhoben. Er begünstigte zwar die Fortbewegung jener Flottille, die einzelnen Windstöße aber, welche die Oberfläche des Meeres leicht kräuselten, erstarben etwa ein oder zwei Kabellängen vor der Corvette.

Plötzlich setzte Henry d’Albaret das Fernrohr ab, das er bisher immer vor die Augen gehalten hatte:

»Klar zum Gefecht!« rief er.

Er hatte eben eine lange weiße Dampfwolke aus dem Vordertheil der Brigg hervorquellen sehen, während gleichzeitig eine Flagge auf den Topp eines Mastes stieg und der rollende Donner eines Geschützes bis zur Corvette herüberschallte.

Diese Flagge war von schwarzer Farbe und in derselben zeigte sich nur ein großes, feuerrothes »S«.

Es war die Flagge des Seeräubers Sacratif.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Den ganzen Morgen verbrachten Jasper Hobson und Sergeant Long noch in dieser Gegend der Küste. Das Wetter hatte sich wesentlich geändert. Es regnete fast gar nicht mehr, dagegen war der Wind außergewöhnlich schnell nach Südosten umgesprungen, ohne dabei an Heftigkeit einzubüßen. Dieser sehr unangenehme Umstand vergrößerte nur Lieutenant Hobson’s Unruhe, da er nun jede Hoffnung, auf das Festland zu treffen, aufgeben mußte.

In der That konnte dieser Südostwind die umherirrende Insel nur mehr und mehr von jenem entfernen, und sie den so gefürchteten Strömungen, welche nach dem Norden des Arktischen Oceans verlaufen, zuführen.

Hatte man denn aber überhaupt eine Gewißheit darüber, daß die Insel in jener Schreckensnacht der Küste nahe gewesen, oder beruhte diese Annahme nur auf einer nicht in Erfüllung gegangenen Ahnung Jasper Hobson’s? Die Luft war ja jetzt ziemlich klar und auf mehrere Weilen hin durchsichtig, dennoch aber keine Spur eines Landes zu sehen. Mußte man nicht auf die Ansicht des Sergeanten zurück kommen, daß während der Nacht ein Fahrzeug der Insel in Sicht vorbei gekommen, eine Schiffslaterne einen Augenblick sichtbar gewesen sei, und der gehörte Schrei von einem verunglückten Seemann hergerührt habe? Und würde dieses Schiff nicht wahrscheinlich selbst bei dem furchtbaren Sturme untergegangen sein?

Auf jeden Fall traf man indeß auf keine Schiffstrümmer.

Der Ocean, über den der Landwind jetzt in entgegengesetzter Richtung brauste, thürmte bergehohe Wellen auf, denen ein Fahrzeug nur sehr schwer mochte widerstehen können.

»Nun, Herr Lieutenant, sagte der Sergeant, zu einem Entschlüsse werden wir kommen müssen.

– Ja freilich, Sergeant, antwortete Jasper Hobson und strich mit der Hand über die Stirn, und zwar müssen wir auf unserer Insel ausharren, um den Winter zu erwarten. Er allein vermag uns zu retten.«

Der Mittag war herangekommen. Da Jasper Hobson jedenfalls vor dem Abend in Fort-Esperance zurück sein wollte, schlug man nun den Weg nach Cap Bathurst ein, wobei die Wanderer wiederum vom Winde im Rücken unterstützt wurden.

Nicht unberechtigt erfüllte sie die Frage mit großer Unruhe, ob sich die Insel bei diesem Kampfe der Elemente nicht in zwei Theile getrennt, ob sich also der in vergangener Nacht beobachtete Riß durch ihre ganze Breite fortgesetzt habe. Waren sie vielleicht jetzt schon von ihren Freunden geschieden? Der Lage der Dinge nach mußten sie auf Alles gefaßt sein.

Bald kamen sie an den die Nacht vorher durchschrittenen Hochwald. In großer Menge lagen da die Bäume auf der Erde, die einen mit geknicktem Stamme, die anderen sammt den Wurzeln aus dem Boden, dessen dünne Erdschicht ihnen keinen genügenden Widerhalt bot, herausgerissen. Blätterlos starrten ihnen die übrigen wie grinsende Silhouetten entgegen, und klapperten lärmend im Winde.

Zwei Meilen über diesen verwüsteten Wald hinaus trafen Lieutenant Hobson und der Sergeant auf den erwähnten Spalt, dessen Größenverhältnisse sie in der Dunkelheit nicht hatten wahrnehmen können. Er stellte einen gegen fünfzig Fuß breiten Bruch dar, der das Ufer halbwegs zwischen Cap Michael und dem ehemaligen Barnett-Hafen theilte, und eine Art Bucht bildete, die etwa anderthalb Meilen in das Land einschnitt. Wenn ein neuer Sturm das Meer aufwühlte, war zu erwarten, daß der Riß sich vergrößern und erweitern werde.

Bei Annäherung an die Küste sah Jasper Hobson eben einen gewaltigen Eisblock sich von der Insel loslösen und in die Weite treiben.

»Ja wohl, murmelte der Sergeant Long, darin liegt die Gefahr!«

Mit raschem Schritte wandten sich Beide nach Westen um den großen Einschnitt herum, und von dessen Ende aus direct auf Fort-Esperance zu.

Auf dem Wege kam ihnen keine weitere Veränderung zu Gesicht. Um vier Uhr erreichten sie das Palisadenthor, und trafen ihre Genossen bei den gewohnten Beschäftigungen an.

Gegen seine Leute sprach sich Jasper Hobson dahin aus, daß er zum letzten Male vor Eintritt des Winters nach Spuren der von Kapitän Craventy versprochenen Sendung habe suchen wollen, das aber auch diesmal fruchtlos gewesen sei.

»Ich glaube wohl, Herr Lieutenant, ließ sich Marbre vernehmen, daß wir für dieses Jahr unbedingt darauf verzichten müssen, unsere Kameraden aus Fort-Reliance zu sehen.

– Ganz meine Meinung, Marbre«, antwortete ihm Jasper Hobson, und zog sich in den allgemeinen Saal zurück.

Mrs. Paulina Barnett und Madge wurden von den beiden merkwürdigsten Ereignissen der kleinen Reise des Lieutenants, jenem Aufblitzen eines Lichtes und der Wahrnehmung eines Schreies, unterrichtet. Jasper Hobson und der Sergeant bekräftigten noch ganz besonders, daß ihnen in Bezug auf Beides nicht etwa die erhitzte Einbildung nur einen Streich gespielt habe. Das Feuer war wirklich gesehen, der Schrei unzweifelhaft vernommen worden. Nach reiflichster Ueberlegung einigte man sich dahin, daß gewiß ein nothleidendes Schiff an der Insel vorüber gekommen, diese aber nicht, nach der früheren Voraussetzung, nahe dem amerikanischen Festlande gewesen sei.

Mit dem Südostwinde heiterte sich indeß der Himmel vollkommen auf und befreite sich die Atmosphäre von den Dünsten, welche sie bis dahin trübten. Jasper Hobson konnte darauf rechnen, am nächsten Tage eine Lagenbestimmung auszuführen.

Wirklich wurde die Nacht ziemlich kalt und fiel ein feinflockiger Schnee, welcher die ganze Insel leicht bedeckte. Beim Erwachen am anderen Morgen begrüßte der Lieutenant dieses erste Vorzeichen des ersehnten Winters.

Jetzt war der 2. September. Als der Himmel sich nach und nach ganz entwölkte, brach die Sonne wieder hindurch. Zu Mittag wurde eine gelungene Beobachtung bezüglich der Breite, und gegen zwei Uhr eine Berechnung der Stundenwinkel vorgenommen.

Diese Beobachtungen ergaben: Für die Breite 70º 57′; für die Länge 170º 30′.

Trotz der Macht des Orkanes hatte sich die Insel also nahezu in derselben Parallele gehalten und ihre Lage nur in Folge der Strömung gegen Westen hin verschoben. Nun befand sie sich gegenüber der Behrings-Straße, jedoch mindestens vierhundert Meilen nördlich vom Ostcap und dem Cap Prince-de-Gallas, welche die engste Stelle der Straße bezeichnen.

Diese neue Lage gab sehr ernsthaft zu denken. Mit jedem Tage näherte sich die Insel jenem großen Kamtschatka-Strome, der, wenn er sie einmal ergriff, sie weit nach Norden verschlagen mußte. Binnen Kurzem stand die Entscheidung ihres Schicksals bevor: entweder verharrte sie zwischen den beiden gegnerischen Strömen unbewegt bis zum Festwerden des umgebenden Meeres, oder – sie verlor sich in den Einöden der hyperboräischen Regionen.

Jasper Hobson, der sehr peinlich erregt seine Unruhe doch vor Anderer Blicken verbergen wollte, zog sich in sein Zimmer zurück und erschien den ganzen Tag nicht wieder. Die Karten vor den Augen setzte er seine ganze Erfindungsgabe, seinen ganzen praktischen Verstand daran, eine Lösung zu finden.

Die Temperatur sank weiter um einige Grade, und die abendlichen Nebel des südöstlichen Horizontes schlugen sich während der Nacht als Schnee nieder. Am anderen Tage maß die weiße Decke schon zwei Zoll – endlich kam der Winter.

An diesem Tage, den 3. September, beschloß Mrs. Paulina Barnett, den Küstenstrich zwischen Cap Bathurst und dem Cap Eskimo auf einige Meilen hin zu durchstreifen. Sie wollte die Veränderungen in Augenschein nehmen, die der Sturm der eben vergangenen Tage dort veranlaßt haben könnte. Jasper Hobson hätte, wenn sie diesem von ihrer Absicht Kunde gab, sich gewiß zu ihrer Begleitung angeschlossen. Da sie ihn aber bei seinen Ansichten über jene Veränderungen belassen wollte, entschied sie sich, nur in Gesellschaft Madge’s aufzubrechen.

Eine Gefahr schien ja nicht zu besorgen. Die einzigen wirklich zu fürchtenden Thiere, die Bären, hatten die Insel seit dem Erdbeben verlassen. Zwei Frauen konnten sich demnach, ohne den Vorwurf der Unklugheit zu verdienen, wohl auf einen nur für wenige Stunden berechneten Ausflug in die Umgebungen des Forts hinaus wagen.

Madge ging ohne Widerrede auf Mrs. Paulina Barnett’s Vorschlag ein, und Beide stahlen sich, ohne Jemand davon Kenntniß zu geben, mit dem einfachen Schneemesser, einer Kürbisflasche und einer Reisetasche ausgerüstet, schon um acht Uhr Morgens davon, stiegen den Abhang des Caps hinab und lenkten ihre Schritte nach Westen.

Schon glitt die Sonne langsam über den Horizont hin, denn selbst bei ihrer Culmination erhob sie sich nur auf wenige Grade. Ihre schrägen Strahlen waren aber hell, eindringend und schmolzen an Stellen, die sie unmittelbar beschienen, noch den leichten Schneeteppich weg.

Zahlreiche Vögel aller Art flatterten in Schwärmen umher und belebten die Küste. Die Luft hallte von ihrem Geschrei wieder, wenn sie, je nachdem das süße oder salzige Wasser sie anlockte, unaufhörlich zwischen der Lagune und dem Meere hin- und herflogen.

Mrs. Paulina Barnett machte auch die Bemerkung, wie zahlreich die verschiedensten Pelzthiere sich in der nächsten Nachbarschaft von Fort-Esperance aufhielten. Ohne Mühe konnte die Factorei wohl ihre Magazine füllen; aber zu welchem Zwecke wäre das jetzt geschehen?

Diese unschuldigen Thiere, welche zu wissen schienen, daß ihnen kein Jäger nachstelle, gingen und kamen mit zunehmender Vertraulichkeit bis an die Palissaden heran. Ihr Instinct mochte ihnen verrathen haben, daß sie auf dieser Insel gefangen seien, gefangen wie deren Bewohner, und daß Alle ein gemeinschaftliches Schicksal theilten. Höchst eigenthümlich erschien es aber, und war übrigens Mrs. Paulina von Anfang an nicht entgangen, daß Marbre und Sabine, zwei so leidenschaftliche Jäger, dem Befehle des Lieutenants, die Pelzthiere jetzt ausnahmslos zu schonen, so ohne jede Uebertretung nachkamen und nicht die geringste Lust zeigten, das kostbare Wild mit einem Büchsenschusse zu begrüßen. Füchse und Andere entbehrten freilich noch ihres Winterpelzes, was ihren Werth sehr beträchtlich herabsetzte, aber doch genügte dieser Grund wohl kaum, die auffallende Lustlosigkeit der beiden Nimrods zu erklären.

Im wackeren Zuschreiten faßten Mrs. Paulina Barnett und Madge bei der Unterhaltung über ihre ganz fremdartige Lage den sandigen Saum der Küste immer aufmerksam in’s Auge. Die Verwüstungen, welche das Meer in jüngster Zeit verursacht hatte, waren sehr merkbar. Da und dort bewiesen frische Schollen das Vorhandensein neuer Brüche. Das an manchen Stellen abgenagte und flachere Ufer zeigte eine beunruhigende Neigung zum Versinken, und schon rollten da lange Wellen darüber hin, wo jenen sonst ein steiler Uferrand ein Halt geboten hatte. Offenbar waren einige Theile der Insel gesunken und schwebten jetzt mit der Wasserfläche nur noch in gleicher Höhe.

»Meine liebe Madge, sprach da Mrs. Paulina Barnett unter Hinweisung auf die ausgedehnten Bodenstrecken, über welche hin die Wellen jetzt plätschernd ausliefen, unsere Lage ist seit jenem verderblichen Sturme weit übler geworden! Gewiß erniedrigt sich das allgemeine Niveau der Insel nach und nach. Unsere Rettung bildet nun blos noch eine Zeitfrage. Wird sich der Winter frühzeitig genug einstellen? Hierauf beruht Alles.

– Der Winter wird kommen, meine Tochter, erwiderte Madge mit ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen. Schon fiel zwei Nächte über Schnee. Da oben am Himmel wird jetzt die Kälte geboren, und ich glaube es bestimmt, daß Gott sie uns zu Hilfe sendet.

– Du hast recht, Madge, antwortete die Reisende, wir müssen den Glauben haben. Wir Frauen, die wir dem natürlichen Grunde und Laufe der Dinge nicht nachgehen, dürfen da nicht verzweifeln, wo es die bestunterrichteten Männer thun, und darin liegt eine Gnade für uns! Leider ist unser Lieutenant dieser nicht theilhaftig. Er kennt das Warum der Dinge, er überlegt und rechnet, er mißt die Zeit, welche uns noch bleibt, und schon sehe ich ihn nahe daran, jede Hoffnung aufzugeben!

– Doch ist er aber ein thatkräftiger Mann, in dem ein muthiges Herz klopft, entgegnete Madge.

– Gewiß, fügte Mrs. Paulina Barnett hinzu; und wenn unser Heil noch von Menschenhand zu erhoffen ist, so wird er uns retten!«

Um neun Uhr hatten die beiden Frauen eine Entfernung von vier Meilen zurück gelegt. Oft mußten sie von dem Wege am Ufer nach dem Innern der Insel zu abweichen, um die schon überschwemmten niedrigen Theile des Erdbodens zu umwandern. An gewissen Stellen waren die Spuren des Meeres wohl eine halbe Meile landeinwärts noch zu erkennen, wo die Dicke des Eisfeldes also ganz besonders vermindert sein mochte. Es stand demnach zu befürchten, daß es an mehreren Punkten ganz nachgeben und deshalb neue Buchten und Baien an diesem Küstenstriche bilden würde.

Je weiter sie sich von Fort-Esperance entfernten, desto mehr bemerkte Mrs. Paulina Barnett auch eine Abnahme in der Zahl der Pelzthiere. Diese armen Geschöpfe fühlten sich offenbar in der Nähe der Menschen, welche sie doch bis dahin flohen, sicher, und aus diesem Grunde drängten sie sich in der Umgebung der Factorei zusammen. Eigentliche wilde Thiere, die ihr Instinct nicht zur rechten Zeit von dieser gefährlichen Insel vertrieben hatte, mußten sehr selten sein. Doch beobachteten Mrs. Paulina und Madge einzelne, fern in der Ebene umherschweifende Wölfe. Diese kamen übrigens nicht heran, sondern verschwanden bald hinter den kleinen Hügeln im Süden der Lagune.

»Was wird zuletzt, fragte Madge, aus diesen Thieren, welche auf der Insel zugleich mit uns gefangen sind, werden, und was mögen sie beginnen, wenn ihnen einst das Futter mangelt, und der Winter sie aushungert?

– Aushungert! Meine gute Madge, beruhigte Mrs. Barnett, o glaube mir, daß wir von diesen Nichts zu fürchten haben. Ihnen wird es nicht an Nahrung fehlen, ihnen fallen alle jene Marder, Polarhasen und Hermeline, deren Leben wir jetzt schonen, zur sicheren Beute. Vor einem Angriffe durch Jene brauchen wir nicht zu zittern. Nein! Hierin liegt keine Gefahr für uns! Der zerbrechliche Boden birgt sie, der einst bersten wird, und jeden Augenblick schon unter unseren Füßen in Stücke gehen kann. Da sieh, wie sich hier das gierige Meer in das Innere des Landes einfrißt. Schon bedeckt es einen Theil der Ebene, den sein verhältnißmäßig wärmeres Wasser nun von oben und von unten abnagt. Wenn der Frost ihm nicht entgegen tritt, wird es sich bald mit der Lagune vereinigen, und wir verlieren unseren See, wie wir Fluß und Hafen schon eingebüßt haben.

– Dieser Umstand, sagte Madge, dürfte für uns aber zum unheilbaren Unglück sein.

– Und warum das, Madge? fragte Mrs. Paulina Barnett, und sah ihre Begleiterin erwartungsvoll an.

– Nun, weil wir damit alles süßen Wassers beraubt würden.

– O, meine brave Madge, Süßwasser wird uns niemals ausgehen. Regen, Schnee, Eis, Eisberge des Oceans, ja, selbst der Boden der Insel, die uns trägt, – Alles besteht aus süßem, genießbarem Wasser. Nein, ich wiederhole Dir’s, auch hierin beruht für uns nicht die Gefahr.«

Gegen zehn Uhr befanden sich Mrs. Paulina Barnett und Madge in der Höhe des Cap Eskimo, aber mindestens zwei Meilen im Innern der Insel, da sie dem Ufer nicht nahe zu folgen im Stande waren. Die von einem so weiten und durch die unvermeidlichen Umwege noch verlängerten Marsche etwas ermüdeten Frauen beschlossen vor der Rückkehr nach Fort-Esperance ein wenig auszuruhen. An diesem Punkte erhob sich ein kleines Gehölz von Birken und Strauchwerk, das einen niedrigen Hügel krönte. Eine von gelblichem Moose überwachsene, und durch die Sonnenstrahlen vom Schnee befreite Stelle bot sich ihnen bei ihrem frugalen Mahle als geeigneter Ruheplatz.

Eine halbe Stunde später schlug Mrs. Paulina Barnett vor, erst den jetzigen Zustand des Cap Eskimo zu überschauen, bevor sie sich östlich, nach der Factorei zurück wendeten. Es drängte sie, zu wissen, ob dieser Landvorsprung den Angriffen des Seesturmes widerstanden habe oder nicht. Madge erklärte sich bereit, ihrer »Tochter« überallhin zu folgen, wohin es dieser zu gehen beliebte, und erinnerte sie nur, daß zwischen ihnen und Cap Bathurst eine Entfernung von acht bis neun Meilen läge, sowie, daß man Lieutenant Hobson nicht durch eine zu lange Abwesenheit beunruhigen dürfe.

Dennoch bestand Mrs. Paulina Barnett, so als ob eine Ahnung sie dahin zöge, auf ihrem Gedanken, und wie man bald sehen wird, zum größten Glücke. Dieser Umweg konnte übrigens die ganze Dauer des Ausflugs nur um eine halbe Stunde verlängern.

Die beiden Frauen erhoben sich also und gingen aus das Cap Eskimo zu.

Noch hatten sie jedoch keine Viertelmeile zurück gelegt, als die Reisende plötzlich stehen blieb, und Madge sehr regelmäßige Fußspuren zeigte, welche scharf im Schnee abgedrückt waren. Dieselben mußten ganz neuerdings hinterlassen und höchstens neun bis zehn Stunden alt sein, denn im anderen Falle hätte sie der zuletzt gefallene Schnee unzweifelhaft wieder überdeckt.

»Was für ein Thier ist hier vorbei gekommen? fragte Madge.

– Das ist kein Thier gewesen, verbesserte Mrs. Paulina Barnett und beugte sich nieder, um die Eindrücke besser zu sehen, denn ein solches hinterläßt ganz anders gestaltete Spuren. Sieh, Madge, diese hier stimmen alle mit einander überein, und man ist versucht, sie einem menschlichen Fuße zuzuschreiben.

– Wer könnte aber hierher gekommen sein? antwortete Madge. Weder ein Soldat, noch eine der Frauen hat das Fort verlassen, und da wir uns auf einer Insel befinden … Nein, Du mußt Dich täuschen, meine Tochter. Zum Ueberfluß laß uns diesen Spuren nachgehen und sehen, wohin sie führen.«

Die beiden Frauen setzten ihren Weg fort, und achteten aufmerksam auf die Fußtapfen im Schnee.

»Halt … sieh hier, Madge, begann die Reisende, indem sie ihre Begleiterin zurückhielt, und sage selbst, ob ich mich irrte.«

Neben den Fußspuren sah man an einer Stelle, wo der Schnee durch einen schweren Körper zusammengedrückt war, sehr deutlich den Abdruck einer Menschenhand.

»Die Hand einer Frau oder eines Kindes! rief Madge aus.

– Ja, bestätigte Mrs. Barnett, hier ist ein Kind oder eine Frau erschöpft, leidend und kraftlos umgesunken … Dann hat sich das arme Wesen wieder aufgerafft und seinen Weg fortgesetzt… Sieh, dort führt die Spur weiter … Dort ist es auch wiederholt hingefallen! …

– Aber wer? Wer? forschte Madge.

– Weiß ich’s? erwiderte Mrs. Paulina Barnett. Vielleicht irgend ein Unglücklicher, der so wie wir seit drei bis vier Monaten auf dieser Insel abgesperrt ist. Vielleicht ein Schiffbrüchiger, den der Sturm an diese Küste warf … Denk‘ an das Licht und den Schrei, von denen Lieutenant Hobson und Sergeant Long uns berichteten! … Komm, komm, meine Madge, vielleicht gilt es, einen Unglücklichen zu retten! …«

Mrs. Paulina Barnett zog ihre Gefährtin mit sich fort und folgte eilend dem im Schnee vorgezeichneten Schmerzenspfade, auf welchem sich bald Blutstropfen fanden.

»Einen Unglücklichen zu retten!« hatte die theilnehmende, muthige Frau gesagt. Vergaß sie wohl in diesem Augenblicke gänzlich, daß auf dieser vom Wasser halb zersetzten Insel, deren Untergang im Oceane früher oder später bevorstand, weder für einen Anderen, noch für sie selbst das Heil zu suchen war?

Die Eindrücke im Fußboden wiesen nach dem Cap Eskimo hin. Gespannt folgten ihnen die beiden Frauen, doch bald wurden die Blutspuren umfänglicher, und verschwanden die einzelnen Fußtapfen. Jetzt zeigte sich nur eine Art unregelmäßigen, über den Schnee hingezogenen Pfades. Von hier aus hatten dem Unglücklichen die Kräfte versagt, sich aufrecht zu erhalten. Kriechend und schleppend hatte er sich noch mit Hilfe der Hände und Füße fortbewegt. Da und dort lagen abgerissene Fetzen seiner Bekleidung, die aus Robbenfell und Pelzwerk bestehen mußte.

»Vorwärts! Vorwärts!« trieb Mrs. Paulina Barnett, deren Herz dem Zerspringen nahe war.

Madge folgte ihr. Das Cap Eskimo war nur noch fünfhundert Schritte entfernt. Schon sah man es, wie es sich über der Meeresfläche von dem Hintergrunde des Himmels abhob. Es war verlassen!

Die von den beiden Frauen verfolgten Spuren wandten sich nach rechts. Mrs. Paulina Barnett und Madge durchsuchten den kleinen Hügel, welcher das Cap bildete, um vielleicht von einer Stelle desselben Etwas wahrnehmen zu können. Vergeblich. Auf’s Neue verfolgten sie nun die Spuren, die einen Pfad längs des Meeres darstellten.

Mrs. Paulina Barnett lief schnell nach rechts weiter; sobald sie aber an das Ufer hinabkam, hielt sie Madge, welche ihr folgte und immer sorgsam den Blick umherschweifen ließ, mit der Hand zurück.

»Halt‘ ein! rief sie ihr zu.

– Nein, Madge, nein! antwortete Mrs. Barnett, von einem gewissen Instinct fast wider Willen fortgetrieben.

– Halt‘ ein, meine Tochter, und sieh‘ erst!« erwiderte Madge, welche Jene jetzt kräftiger zurück hielt.

Fünfzig Schritte vom Cap Eskimo trottete an dem nämlichen Ufer unter dumpfem Brummen eine weiße Masse daher.

Es war ein Polarbär von riesiger Größe. Vor Schreck an den Boden gefesselt, sahen ihn die beiden Frauen. Das gewaltige Thier lief um ein auf dem Schnee liegendes Bündel Pelzwerk herum; dann hob er es auf und ließ es wieder fallen, um dasselbe zu beschnüffeln. Das Bündel hätte man wohl für ein todtes Walroß ansehen können.

Mrs. Paulina Barnett wußte weder, was sie davon denken, noch ob sie vorwärts gehen sollte, als durch eine dem Körper ertheilte Bewegung sich eine Art Capuchon von dem Kopfe zurückschlug und lange, braune Haare darunter hervorquollen.

»Ein Weib! rief Mrs. Paulina Barnett, welche schon auf die Verunglückte zustürzen wollte, um zu sehen, ob sie noch am Leben oder schon todt sei.

– Halt, halt! mein Kind, mahnte aber Madge, bezwinge Dich; er wird ihr kein Leid zufügen.«

Wirklich glotzte der Bär den Körper aufmerksam an, und begnügte sich, ihn um und um zu wenden, ohne daran zu denken, ihn mit seinen furchtbaren Krallen zu zerfleischen. Dann entfernte er sich davon und kehrte wieder zurück, scheinbar unschlüssig, was er damit anfangen sollte. Die beiden Frauen, welche ihm mit entsetzlicher Angst zusahen, hatte er nicht bemerkt.

Plötzlich – ein lautes Krachen – der Boden erzitterte – man hätte glauben können, daß jetzt das ganze Cap Eskimo im Meere versinke. –

Doch es löste sich nur ein großes Stück vom Ufer los, eine ungeheure Scholle, deren Schwerpunkt sich durch die Veränderung ihres specifischen Gewichtes verschoben hatte, und welche jetzt mit dem Bären und dem weiblichen Körper hinaus zu treiben begann.

Mrs. Paulina Barnett stieß einen verzweifelnden Schrei aus, und wollte nach der Scholle eilen, bevor diese das Ufer ganz verließ.

»Halt‘ ein, halte noch ein, meine Tochter!« wiederholte kaltblütig Madge, deren Hand sie krampfhaft fesselte.

Bei dem Krachen des Bruches war auch der Bär plötzlich zurück gewichen; er brummte gewaltig, verließ dann den Körper und trollte nach der Seite der Insel zu, von der er schon gegen vierzig Fuß weggetrieben war. So als wäre er ganz außer sich, lief er um das Eiland herum, bearbeitete den Boden mit den Tatzen, scharrte, daß Schnee und Sand um ihn herum flogen, und kehrte endlich zu dem leblosen Körper zurück.

Dann packte das Thier, zum größten Entsetzen der beiden Frauen, jenen an der Kleidung, hob ihn mit der Schnauze auf, ging an den Rand der Scholle und stürzte sich in das Meer.

Nach kurzer Zeit hatte der Bär, ein rüstiger Schwimmer, wie alle seine Verwandten in den Arktischen Ländern, das Gestade der Insel erreicht. Mit kräftiger Anstrengung schwang er sich vollends hinauf, und legte da den mitgebrachten Körper nieder.

Jetzt konnte sich Mrs. Paulina Barnett nicht mehr zurück halten. Ohne an die Gefahr zu denken, wenn sie sich dem fürchterlichen Raubthiere gegenüber befand, entwand sie sich Madge’s Händen und eilte nach dem Ufer.

Als der Bär sie gewahr wurde, hob er sich auf den Hintertatzen in die Höhe und kam geraden Weges auf sie zu. Zehn Schritte vor ihr blieb er stehen, senkte den ungeheuren Kopf und kehrte um, als habe er unter dem Einflüsse des Schreckens, der die ganze Thierwelt der Insel umzuwandeln schien, seine ganze natürliche Wildheit verloren. Mit grollendem Brummen trottete er nach dem Innern der Insel von dannen, ohne sich nur einmal umzusehen.

Sofort war Mrs. Paulina Barnett nach dem auf dem Schnee hingestreckten Körper geeilt.

Ein Schrei entrang sich ihrer Brust.

»Madge, Madge!« rief sie.

Madge kam herzu und betrachtete den leblosen Körper.

Es war der – Kalumah’s, des jungen Eskimomädchens!