Roman

XVI.


XVI.

Am 30. Oktober. – Das erste Tageslicht beginnt den Horizont zu färben, durch den Dunst über dem Wasser bleibt der Blick jedoch auf einen engen Umkreis beschränkt. Kein Land ist in Sicht und vergeblich schweift unser Auge nach Süden und Westen über den Ocean.

Jetzt ist das Meer fast vollkommen gefallen und steht das Schiff nur sechs Fuß tief im Wasser, während es bei voller Ladung sonst etwa fünfzehn Fuß tief eintaucht. Da und dort überragen einige Felsenspitzen die Oberfläche des Meeres, und man erkennt aus einer gewissen Färbung des Grundes, daß dieses Riff rein aus Basalt aufgebaut ist. Auf welche Weise hat aber der Chancellor auf dasselbe gelangen können? Gewiß hob ihn eine ungeheure Welle, wenigstens hatte ich ein ähnliches Gefühl, bevor wir aufliefen. Nachdem ich die Lagerung der Felsen, die uns umringen, genauer betrachtet habe, stelle ich mir die Frage, wie wir von denselben wohl wieder los kommen werden. Das Schiff liegt von hinten nach vorn zu gesenkt, wodurch das Gehen auf dem Verdeck sehr schwierig wird, und außerdem hat es sich mit der eingetretenen Ebbe sehr auffällig nach Backbord geneigt. Robert Kurtis hat sogar befürchtet, daß es bei tiefer Ebbe kentern würde; jetzt nimmt die seitliche Neigung aber nicht weiter zu, und unsere Besorgniß ist verschwunden.

Um sechs Uhr Morgens machen sich ziemlich heftige Stöße bemerkbar. Sie rühren von dem Besanmaste her, der nach seinem Bruche erst weggetrieben wurde und jetzt wieder an die Breitseite des Chancellor anschlägt. Zugleich hören wir wiederholte Schreie und unterscheiden mehrmals den Namen »Robert Kurtis.«

Wir blicken nach der Richtung hin, aus welcher die Rufe zu kommen scheinen, und sehen einen Mann, der sich an den Mastkorb anklammert. Es ist Silas Huntly, den der Sturz des Mastes mitgerissen und ein Wunder vom Tode errettet hat.

Robert Kurtis eilt seinem früheren Kapitän zu Hilfe und bringt ihn, tausend Gefahren trotzend, glücklich an Bord zurück. Ohne ein Wort zu sprechen, setzt sich Silas Huntly sofort in die entlegenste Ecke des Oberdecks. Der Mann ist vollkommen passiv geworden; er zählt gar nicht mehr mit.

Nach manchen Anstrengungen gelingt es, den Mast unter den Wind zu bringen, wonach er mit dem Schiffe, dessen Planken er nicht ferner bedroht, fest verbunden wird. Vielleicht soll dieses Trümmerstück uns noch Dienste leisten, wer kann es wissen?

Es ist nun völlig Tag geworden; die Nebel steigen. Schon vermag der Blick den Horizont auf drei Meilen Entfernung zu erreichen, doch Nichts zeigt sich, was einer Küste ähnlich sähe. Im Norden nur taucht eine Art Eiland auf. Seine unregelmäßige Gestalt verdankt es einer launenhaften Aufhäufung von Felsmassen, die sich etwa zweihundert Faden von der Stelle, an der der Chancellor strandete, und zu einer Höhe von vielleicht fünfzig Fuß erhebt. Sie muß also auch die stärkste Hochfluth überragen. Ein sehr schmaler, doch bei niedrigem Wasser gangbarer Weg eröffnet sich uns für den Nothfall nach jenem Eilande. Darüber hinaus nimmt das Meer wieder eine dunklere Färbung an. Dort ist tiefes Wasser; dort endet das Riff.

Eine schmerzliche Enttäuschung, gerechtfertigt durch die Lage des Fahrzeuges, bemächtigt sich Aller. Es ist wirklich zu fürchten, daß diese Klippen mit keinem benachbarten Lande in Verbindung stehen.

In diesem Augenblick, – es ist um sieben Uhr, – ist nun heller Tag und sind die Dunstmassen verschwunden. Vollkommen deutlich zeichnet sich der Horizont rund um den Chancellor ab, aber die Grenzlinie des Wassers und die des Himmels verschwimmen in einander und das Meer erfüllt den ganzen, weiten Raum.

Unbeweglich beobachtet Robert Kurtis den Ocean und vorzüglich im Westen. Mr. Letourneur und ich stehen nahe bei einander, achten auf seine geringsten Bewegungen und errathen alle Gedanken, die sich in seinem Gehirne jagen. Sein Erstaunen scheint groß zu sein, denn er mußte uns nahe dem Lande glauben, da das Schiff von den Bermuden aus immer nach Süden getrieben worden war, und doch ist kein Land in Sicht.

In diesem Augenblicke verläßt Robert Kurtis das Oberdeck, begiebt sich auf der Schanzkleidung bis nach der Strickleiter des Großmastes, erklettert diese bis zum Mastkorb und von da aus an den Seilen noch höher hinauf, bis er auf einer oberen Segelstange steht. Von dort aus schweift sein Blick aufmerksam über den ganzen Umkreis, und nach Verlauf einiger Minuten gleitet er an einem Taue bis zu dem Barkholz herab und kommt zu uns zurück.

Wir sehen ihn fragend an.

»Kein Land!« sagt er sehr kalt. Da tritt Mr. Kear vor und spricht in offenbar übler Laune:

»Wo sind wir, Herr?

– Das weiß ich nicht, mein Herr.

– Das sollten Sie aber wissen! erwidert ärgerlich der Oelhändler.

– Möglich, – aber ich weiß es nicht!

– Nun, fährt Mr. Kear fort, so hören Sie denn, daß ich keine Lust habe, ewig auf Ihrem Schiffe zu bleiben, mein Herr, und ich erwarte von Ihnen, daß Sie nun weiter segeln!«

Robert Kurtis begnügte sich, mit den Achseln zu zucken.

Dann wandte er sich zu Mr. Letourneur und zu mir:

»Wenn sich die Sonne zeigt, sagt er, werde ich eine Aufnahme ausführen und werden wir dann erfahren, auf welchem Punkte des Atlantischen Oceans wir uns befinden.«

Hierauf läßt Robert Kurtis zunächst an die Passagiere und die Mannschaften Lebensmittel vertheilen. Wir brauchen solche recht nöthig, denn Alle sind von Hunger und Anstrengung erschöpft. Es wird Schiffszwieback und etwas conservirtes Fleisch genossen, worauf der Kapitän sofort gewisse Maßnahmen zum Wiederflottmachen des Schiffes vorbereitet.

Das Feuer hat sich jetzt noch weiter vermindert, und keine Flamme dringt mehr nach Außen. Auch der Rauch ist, wenn auch noch schwarz, doch minder reichlich. Gewiß steht im Kielraume des Chancellor ein große Menge Wasser, doch kann man sich darüber nicht vergewissern, da das Verdeck ungangbar ist. Deshalb läßt Robert Kurtis die glühheißen, halbbrennenden Planken begießen, und nach zwei Stunden können die Matrosen wieder auf dem Verdecke gehen.

Jetzt ist es die erste Sorge, zu sondiren, ein Geschäft, dem sich der Hochbootsmann unterzieht. Seiner Messung nach stehen fünf Fuß Wasser im Raume; der Kapitän läßt dasselbe jedoch noch nicht auspumpen, da er will, daß es seine Arbeit ganz vollende. Erst mit dem Feuer fertig werden, mit dem Wasser später.

Erscheint es nun wohl gerathen, das Schiff sofort zu verlassen und sich auf die Klippe zu flüchten? Kapitän Kurtis‘ Ansicht, der auch der Lieutenant und der Hochbootsmann zustimmen, ist das nicht. Wirklich, bei schwerem Wellengange dürfte die Position selbst auf den am meisten hervorragenden Felsen nicht haltbar sein. Die Wahrscheinlichkeit einer Explosion des Fahrzeugs ist ja wesentlich gemindert; gewiß hat das Wasser im Raume eine solche Höhe erreicht, daß Ruby’s Gepäck und folglich auch sein Colli mit Pikrat überschwemmt ist. Es wird also entschieden, daß weder die Mannschaften noch die Passagiere den Chancellor verlassen.

Dafür bemüht man sich, auf dem Oberdeck eine Art Lagerstätte zuzurichten, und für die beiden Damen werden einige vom Feuer noch verschonte Matratzen dahin geschafft. Die Mannschaft, welche ihre Habseligkeiten gerettet hat, bringt diese unter das Vordercastell. Dort soll auch der Schlafraum sein, da die Cajüte der Leute völlig unbewohnbar geworden ist.

Zum Glück sind die Zerstörungen in der Kombüse weniger umfänglich, als man hätte annehmen sollen. Die Lebensmittel, ebenso wie die Wasserkisten hat das Feuer zum großen Theil verschont. Das ganz im Vordertheil liegende Segelmagazin erweist sich völlig unversehrt.

Vielleicht stehen wir vor dem Ende unserer Prüfungen. Man ist fast versucht, das zu glauben, denn seit dem Morgen hat sich der Wind sehr bedeutend abgeschwächt und der Seegang merklich ermäßigt. Letzteres ist ein ganz besonders günstiger Umstand, denn wenn den Chancellor jetzt heftige Wellenstöße träfen, müßte er an dem harten Basalte zerschellen.

Mit den Herren Letourneur habe ich ausführlich über die Schiffsofficiere gesprochen, ebenso über die Mannschaften und über das Benehmen Aller in dieser Zeit der Gefahr. Alle haben Proben des Muthes und der thatkräftigen Entschlossenheit abgelegt. Der Lieutenant Walter, der Hochbootsmann und der Schiffszimmermann Daoulas zeichneten sich ganz besonders aus, das sind wackere Männer, gute Seeleute, auf die man sich verlassen kann. Robert Kurtis ist über jedes Lob erhaben. Jetzt, wie immer, scheint er sich zu verdoppeln und ist überall zur Hand; Schwierigkeiten bieten sich nur, um von ihm überwunden zu werden; durch Wort und That feuert er seine Matrosen an; er bildet gleichsam die Seele der ganzen Mannschaft, die nur durch ihn handelt.

Seit sieben Uhr Morgens begann das Meer inzwischen wieder zu steigen; jetzt, um elf Uhr, sind die Spitzen der Felsen bei der Fluth alle wieder verschwunden. Es steht zu erwarten, daß das Wasser im Schiffsraum um ebenso viel steigen wird, als das Meer außerhalb. Das geschieht wirklich. Die Sonde ergiebt neun Fuß, und wiederum sind neue Schichten der Ballen überschwemmt, worüber wir uns jedoch nur Glück wünschen.

Seit Eintritt der vollen Fluth ist der größte Theil der das Schiff umgebenden Felsmassen untergetaucht; nur die Umfassung einer Art kleinen Beckens bleibt noch sichtbar, das einen Durchmesser von 250 bis 300 Fuß hat und dessen nördlichen Winkel der Chancellor einnimmt. Das Meer erscheint recht ruhig, und seine Wellen gelangen nicht bis zum Schiffe; – glücklicher Umstand, denn da es ganz unbeweglich fest liegt, würde es ebenso, wie eine Klippe gepeitscht werden.

Um elfeinhalb Uhr wird die Sonne, die bis dahin von einigen Wolken verdeckt blieb, recht zur gelegenen Zeit sichtbar. Schon am Morgen gelang es dem Kapitän, einen Stundenwinkel zu messen, jetzt bereitet er sich zur Aufnahme der Mittagshöhe, die er um 12 Uhr ganz genau ermittelt.

Er begiebt sich nach seiner Cabine, führt die nöthigen Berechnungen aus und kommt nach dem Oberdeck zurück.

»Wir befinden uns, meldet er hierüber, unter achtzehn Grad fünfundvierzig Minuten nördlicher Breite und fünfundvierzig Grad dreiundfünfzig Minuten westlicher Länge.«

Der Kapitän erläutert unsere Lage noch Denjenigen, die mit der Bedeutung dieser Zahlen weniger vertraut sind. Robert Kurtis sucht mit Recht Nichts zu verheimlichen, er will, daß sich Jeder darüber klar sei, was er unter den gegebenen Verhältnissen zu erwarten habe.

Der Chancellor ist also unter 18° 45′ nördlicher Breite und 45° 53′ westlicher Länge auf einem noch auf keiner Seekarte verzeichneten Riffe gescheitert. Wie kann aber ein solches in diesem Theile des Atlantischen Oceans vorhanden sein, ohne daß man von ihm Kenntniß hat? Sollte das Eiland erst von jüngerer Bildung und durch irgend eine Plutonische Erhebung entstanden sein? Ich sehe wenigstens keine andere Erklärung jener Thatsache.

Doch dem sei, wie es will, jedenfalls befindet sich das Eiland mindestens 800 Meilen von Guyana, das ist das nächstbenachbarte Land, entfernt. Die Eintragung des Punktes auf der Karte hat das unzweifelhaft ergeben.

Der Chancellor ist also bis zum achtzehnten Breitengrade nach Süden hinab gelangt, zuerst in Folge der sinnlosen Hartnäckigkeit Silas Huntly’s, nachher durch den Nordweststurm, der ihn zum Entfliehen nöthigte. Der Chancellor hat demnach noch 800 Meilen weit zu segeln, bevor er das nächst gelegene Land anlaufen kann.

So gestaltet sich unsere Lage. Sie ist wohl ernst, doch machte die offenherzige Mittheilung des Kapitäns keinen üblen Eindruck, – wenigstens für den Augenblick. Welch‘ neue Gefahren hätten uns auch so bedrohlich erscheinen können, nachdem wir dem Feuer und der Explosion so glücklich entgangen waren? Jedermann vergißt, daß der Kielraum mit Wasser gefüllt ist, daß das rettende Land uns so fern liegt, daß der Chancellor, wenn er wieder flott wird, leicht sinken kann … Jetzt stehen die Gemüther noch unter dem Eindruck des jüngsten Schreckens und neigen in einem Augenblick der Ruhe weit mehr zum Vertrauen hin.

Was wird Robert Kurtis nun zunächst vornehmen? Ganz einfach das, was der gesunde Menschenverstand empfiehlt: das Feuer vollständig löschen, die ganze Fracht, oder doch einen Theil derselben über Bord werfen, das Colli mit Pikrat nicht zu vergessen, den Leck verschließen und nach Erleichterung des Schiffes dasselbe unter Mithilfe der Fluth wieder flott zu machen suchen.

I.


I.

Charleston, am 27. September 1869. – Um drei Uhr Nachmittags verlassen wir den Batterie-Quai. Rasch führt uns die Ebbe dem freien Meere zu. Kapitän Huntly hat alle Segel beisetzen lassen, und der Nordwind treibt den Chancellor quer durch die Bai von Charleston. Bald ist das Fort Sumter umschifft und liegen uns die Batterien, welche den Hafen bestreichen, zur Linken. Um vier Uhr passirt unser Schiff die enge Einfahrt, durch die bei sinkendem Wasser eine schnelle Strömung fluthet. Von hier aus ist die eigentliche offene See freilich noch ziemlich weit entfernt und nur durch enge gefährliche Wasserstraßen zwischen ausgedehnten Sandbänken zu erreichen. Kapitän Huntly biegt in das Fahrwasser nach Südwesten ein und hält auf den Leuchtthurm an der linken Spitze des Fort Sumter zu. Die Segel werden so dicht als möglich gegen den Wind gestellt, und um sieben Uhr Abends bleibt der letzte Ausläufer der Sandbänke hinter unserem Fahrzeuge zurück, das nun in den Atlantischen Ocean hinaussteuert.

Der »Chancellor«, ein schöner Dreimaster von 900 Tonnen, gehört dem reichen Hause der Gebrüder Leard in Liverpool. Das Schiff ist zwei Jahre alt, mit Kupfer bekleidet, aus Teakholz gebaut und führt, außer dem Besanmaste, Untermaste und Takelage aus Eisen. Das solide und schöne Schiff, beim Bureau Veritas unter A. I. classificirt, vollendet eben seine dritte Reise zwischen Charleston und Liverpool. Bei der Abfahrt aus Charleston hißte es die englische Flagge; ein Seemann hätte aber auch ohne diese seinen Ursprung auf den ersten Blick erkannt: es war wirklich, für was es sich ausgab, d.h. englisch von der Wasserlinie bis zur Mastspitze.

An Bord des Chancellor, der jetzt nach England zurücksegelt, habe ich mich aus folgenden Gründen eingeschifft:

Zwischen Süd-Carolina und dem Vereinigten Königreiche besteht keine directe Dampferverbindung. Um eine transatlantische Linie zu erreichen, müßte man entweder nach Norden hinauf bis New-York gehen oder nach Süden hinunter, bis New-Orleans. Zwischen New-York und der alten Welt unterhalten verschiedene englische, deutsche und französische Gesellschaften eine häufige und sichere Verbindung, und von dort aus hätte mich eine Scotia, Holfatia oder ein Pereire (bekannte Schiffe jener Linien) schnell genug meinem Bestimmungsorte zugeführt. Zwischen New-Orleans und Europa verkehren die Dampfer der National Steam navigation Co., die sich an die französische Linie nach Colon und Aspinwall anschließen. Als ich aber auf den Quais in Charleston dahinging, sah ich den Chancellor. Das Schiff gefiel mir, und ich weiß nicht, welcher Instinct mich an Bord desselben trieb. Es ist übrigens recht bequem eingerichtet, und bei günstigem Wind und Meere, – wobei die Schnelligkeit die der Dampfer fast erreicht –, ziehe ich es nach allen Seiten hin vor, mit einem Segelschiff zu reisen. Zu Anfang des Herbstes hält sich in diesen niedrigen Breiten die Witterung noch sehr schön. Ich entschied mich also für die Ueberfahrt auf dem Chancellor.

Habe ich daran wohl gethan? Werde ich es zu bereuen haben? Die Zukunft wird es lehren. Ich will meine Beobachtungen tagtäglich notiren, und jetzt, da ich schreibe, weiß ich selbst noch nicht mehr als die Leser dieses Tagebuchs, wenn dasselbe überhaupt jemals Leser findet.

II.


II.

Am 28. September. – Ich erwähnte schon, daß der Kapitän des Chancellor Huntly heißt, – mit Vornamen John Silas. Er ist ein Schotte aus Dundee, gegen fünfzig Jahre alt und macht den Eindruck eines erfahrenen Oceanschiffers. Bei nur mittlerer Körpergröße sind seine Schultern nicht breit, sein Kopf, den er aus Gewohnheit immer nach der linken Seite neigt, etwas klein. Ohne Physiognomiker ersten Ranges zu sein, glaube ich schon, trotzdem ich Kapitän Huntly erst seit wenigen Stunden kenne, ein Urtheil über denselben abgeben zu können.

Daß Silas Huntly das Aussehen eines guten Seemanns habe und in seinem Fache wohlunterrichtet sei, dem widerspreche ich nicht; daß in diesem Manne aber ein fester Charakter stecke, der unbeugsam jeder Prüfung entgegenträte, nein, das ist nicht möglich.

In der That erscheint die Haltung des Kapitäns etwas schwerfällig, sein Körper ziemlich abgespannt. Er ist nachlässig, das sieht man an seinem unsicheren Blicke, den passiven Bewegungen der Arme und seinem Schwanken, bei dem er von einem Beine auf das andere fällt. Dieser Mann ist nicht energisch, kann es nicht sein, nicht einmal starrköpfig, denn seine Augen haben kein Feuer, sein Kinn ist fein und weich und seine Hände scheinen sich gar nicht ballen zu können; außerdem fällt mir an ihm noch ein eigentümliches Wesen auf, das ich mir noch nicht zu erklären vermag, doch werde ich ihm auch ferner diejenige Aufmerksamkeit schenken, welche der Befehlshaber eines Schiffes verdient, auf dem er sich »nach Gott den Nächsten« nennt.

Wenn ich nicht irre, befindet sich aber zwischen Gott und Silas Huntly noch ein Anderer an Bord, der gegebenen Falls eine hervorragende Stelle einzunehmen bestimmt scheint, das ist der zweite Officier des Chancellor, den ich noch nicht genügend studirt habe und von dem zu sprechen ich mir für später vorbehalte.

Die Besatzung des Chancellor besteht aus Kapitän Huntly, dem zweiten Officier Robert Kurtis, dem Lieutenant Walter, einem Hochbootsmann und vierzehn Matrosen, lauter Engländer oder Schotten, zusammen also achtzehn Seeleute, – eine Anzahl, welche zur Führung eines Dreimasters von 900 Tonnen Gehalt völlig hinreichend ist. Die Männer scheinen ihr Geschäft Alle gut zu verstehen. Was ich bis jetzt davon sah, beschränkt sich freilich darauf, daß sie unter dem Commando des zweiten Officiers in dem engen Fahrwasser vor Charleston sehr geschickt manoeuvrirten.

Ich vervollständige das Verzeichniß der auf dem Chancellor eingeschifften Personen durch Erwähnung des Steward Hobbart, des Negerkochs Jynxtrop und durch Hinzufügung einer Liste der Passagiere.

Von Letzteren zähle ich, wenn ich mich einrechne, acht Personen. Noch kenne ich sie kaum, doch werden die Eintönigkeit einer längeren Ueberfahrt, die kleinen Vorkommnisse jedes Tages, die unumgängliche Berührung mehrerer in so engem Raume zusammen wohnender Leute, das natürliche Bedürfniß, seine Gedanken auszutauschen und die dem Menschenherzen eingeborene Neugier uns zeitig genug einander näher bringen. Bis jetzt haben uns noch der Wirrwarr der Einschiffung, die Besitznahme der Cabinen, die Einrichtungen, welche eine Reise von drei bis vier Wochen nöthig macht, und verschiedenerlei andere Geschäfte noch von einander fern gehalten. Gestern und heute erschienen noch nicht einmal Alle bei Tische, und vielleicht leiden Einige an der Seekrankheit. Noch habe ich sie nicht einmal Alle gesehen, weiß aber, daß sich unter den Passagieren zwei Damen befinden, die in der hintersten Cabine wohnen, deren Fenster in dem Spiegel des Fahrzeugs angebracht sind.

Hier folge eine Liste, wie ich sie der Schiffsrolle entnehme:

Mr. und Mrs. Kear, Amerikaner, aus Buffalo;
Miß Herbey, Engländerin, Gesellschaftsdame der Mrs. Kear;
Mr. Letourneur und Sohn, André Letourneur, Franzosen, aus Havre;
William Falsten, Ingenieur aus Manchester, und
John Ruby, Kaufmann aus Cardiff, Beide Engländer, endlich
J. R. Kazallon aus London, der Verfasser dieser Zeilen.

XI.


XI.

Fortsetzung am 21. Oktober. – Ich kann es nicht schildern, was bei den Worten des Ingenieurs in mir vorging. Das ist kein Erschrecktsein mehr, es ist eine Art Resignation. Mir scheint sich die Situation dadurch zu klären, der Knoten vielleicht eher zu lösen. Kühl bis an’s Herz suche ich Robert Kurtis auf, der sich auf dem Vordercastell befindet.

Auf die Nachricht hin, daß ein Colli mit dreißig Pfund Pikrat, – d. h. eine hinreichende Menge, um einen Berg in die Luft zu sprengen –, an Bord ist und zwar im Schiffsraume, nahe dem Herde des Feuers selbst, und daß der Chancellor jeden Augenblick in die Luft gehen kann, entsetzt sich Robert Kurtis keineswegs, kaum runzelt sich seine Stirn und erweitert sich sein Auge.

»Gut, antwortet er mir, nicht ein Wort hiervon. Wo ist dieser Ruby?

– Auf dem Verdeck.

– Kommen Sie mit mir, Mr. Kazallon.«

Wir steigen Beide nach dem Oberdeck hinauf, wo der Kaufmann und der Ingenieur noch im Gespräch waren.

Robert Kurtis geht geraden Wegs auf sie zu.

»Sie haben das gethan? fragt er Ruby.

– Nun ja, das habe ich gethan!« antwortet seelenruhig Ruby, der sich höchstens eines Betrugs schuldig gemacht zu haben glaubt.

Einen Augenblick erscheint es mir, als wolle Robert Kurtis den unseligen Passagier zermalmen, der die Tragweite seiner Unklugheit gar nicht zu begreifen scheint! Dem zweiten Officier gelingt es aber, sich zu bemeistern, und ich sehe, wie er die Hand auf dem Rücken ballt, um nicht verleitet zu werden, Ruby bei der Gurgel zu nehmen.

Dann richtet er mit ruhiger Stimme einige Fragen an Ruby. Dieser bestätigt die von mir gemeldete Thatsache. Zwischen seinem Gepäck befindet sich ein Colli, welches dreißig Pfund jener so höchst gefährlichen Substanz enthält. Der Passagier hat hier mit derselben Nachlässigkeit und Unklugheit gehandelt, die, wie man gestehen muß, der anglo-sächsischen Race angeboren ist, und hat jenen explosiven Körper in dem Raume des Fahrzeugs unterbringen lassen, wie ein Franzose etwa eine Flasche Wein. Wenn er den Inhalt dieses Colli falsch declarirt hatte, so kam es daher, daß er die Weigerung des Kapitäns, dasselbe mitzunehmen, vorher vollkommen kannte.

»Nun, nun, das ist doch kein Grund, einen Menschen zu hängen! Wenn das Ding Ihnen so sehr unangenehm ist, so mögen Sie es meinetwegen in’s Meer werfen. Mein Gepäck ist versichert!«

Bei dieser Antwort kann ich mich nicht mehr zurückhalten, denn mir fehlt Robert Kurtis‘ kaltes Blut, und der Zorn übermannt mich. Bevor mich der zweite Officier daran hindern kann, stürze ich mich auf Ruby und schreie:

»Elender, Sie wissen also wohl nicht, daß an Bord Feuer ist!«

Kaum ist mir das Wort entflohen, so gereut es mich schon. Doch es ist zu spät! Die Wirkung dieser Nachricht auf den Kaufmann Ruby ist gar nicht zu beschreiben. Den Unglücklichen erfaßt eine convulsivische Furcht. Sein Körper zuckt, seine Haare sträuben sich, sein Auge weitet sich erschreckend aus, sein Athem wird keuchend, wie der eines Asthmatikers, er vermag nicht zu sprechen, der Schreck erreicht in ihm seinen Höhepunkt. Plötzlich bewegen sich seine Arme krampfhaft; er stiert auf das Verdeck des Chancellor, das jeden Moment in die Luft gehen kann, er läuft vom Oberdeck herab und wieder hinauf, durch das ganze Schiff und gesticulirt wie ein Wahnsinniger. Endlich kommt ihm die Sprache wieder, und seinem Munde entringen sich die fürchterlichen Worte:

»Es ist Feuer an Bord! Es ist Feuer an Bord!«

Bei diesem Rufe läuft die ganze Mannschaft auf dem Verdeck zusammen, offenbar in dem Glauben, daß die Flammen einen Weg nach Außen gefunden haben und es nun Zeit sei, in die Boote zu entfliehen. Die Passagiere kommen hinzu, Mr. Kear, seine Gattin, Miß Herbey, die beiden Letourneur. Robert Kurtis versucht Ruby Ruhe zu gebieten, doch dieser will keine Vernunft annehmen.

Die Unordnung erreicht ihren Höhepunkt. Mrs. Kear ist bewußtlos auf dem Deck zusammen gebrochen. Ihr Mann bekümmert sich nicht im mindesten um sie und überläßt sie der Sorgfalt der Miß Herbey. Die Matrosen haben sich schon an die Winden der Schaluppen gemacht, um diese in’s Meer zu bringen.

Indessen theile ich den Mr. Letourneur mit, was sie noch nicht wissen, daß Feuer an Bord ist; der nächste Gedanke des Vaters gehört seinem Sohne, den er umschlingt, als wolle er ihn schützen. Der junge Mann bewahrt sein kaltes Blut und beruhigt den Vater durch die Versicherung, daß es ja keine unmittelbare Gefahr habe. Robert Kurtis hat mit Unterstützung des Lieutenants inzwischen seine Leute wieder zur Ordnung gebracht. Er versichert ihnen, daß die Feuersbrunst keine weiteren Fortschritte gemacht, daß Passagier Ruby keine Vorstellung von dem habe, was er thue oder sage, daß man nicht übereilt handeln solle und daß man, wenn der Augenblick gekommen, das Schiff verlassen werde …

Der größte Theil der Matrosen hört auf die Stimme des zweiten Officiers, den sie lieben und achten. Dieser erreicht bei ihnen, was dem Kapitän Huntly nicht gelungen wäre, und die Schaluppe verbleibt auf ihrem Lager.

Glücklicher Weise hat Ruby von dem im Kielraum eingeschlossenen Pikrat nicht weiter gesprochen. Wenn die Mannschaft die ganze Wahrheit wüßte, wenn sie hörte, daß das Schiff eigentlich nur noch ein Vulkan ist, der sich jeden Augenblick unter ihren Füßen öffnen kann, kämen sie gewiß aus Rand und Band, und Niemand würde im Stande sein, ihr Entfliehen zu hindern.

Der zweite Officier, Ingenieur Falsten und ich, wir sind die Einzigen, welche die schreckliche Complication der Feuersbrunst kennen, und es ist gut, daß es dabei bleibt.

Nach wiederhergestellter Ordnung suchen wir, Robert Kurtis und ich, den Ingenieur wieder auf dem Oberdeck. Dieser ist noch dort und steht mit gekreuzten Armen da; wahrscheinlich denkt er über ein mechanisches Problem nach – mitten unter dem allgemeinen Schrecken. Wir empfehlen ihm dringend, nichts von der Verschlechterung unserer Lage zu sagen, die wir der Unklugheit Ruby’s verdanken.

Falsten verspricht darüber zu schweigen. Dem Kapitän Huntly, der auch noch nicht unterrichtet ist, übernimmt es Robert Kurtis, Alles mitzutheilen.

Vorher muß er sich aber der Person Ruby’s versichern, denn der Unglückliche ist vollkommen geistig gestört. Er weiß nicht mehr, was er thut, und läuft nur mit dem Rufe: »Feuer! Feuer!« auf dem Oberdeck umher.

Robert Kurtis befiehlt einigen Matrosen, sich des Passagiers zu bemächtigen, den man fesselt und unschädlich macht. Dann wird er in seine Cabine gebracht und sorgfältig bewacht.

Das schreckliche Wort ist nicht über seine Lippen gekommen!

XII.


XII.

Am 22. und 23. October. – Robert Kurtis hat dem Kapitän Alles mitgetheilt.

Kapitän Huntly ist, wenn auch nicht in der That, so doch dem Wortlaute nach sein Vorgesetzter, und er darf ihm Nichts verheimlichen.

Bei dieser Nachricht hat Kapitän Huntly kein Sterbenswörtchen geantwortet, sondern ist nur mit der Hand über die Stirn gefahren, wie ein Mensch, der sich irgend einen Gedanken vertreiben will; dann ist er ruhig in seine Cabine zurückgekehrt, ohne einen Befehl zu ertheilen.

Robert Kurtis, der Lieutenant, der Ingenieur Falsten und ich, wir treten zu einer Berathung zusammen, und ich erstaune über die Kaltblütigkeit, die Jeder unter diesen Umständen an den Tag legt.

Alle Möglichkeiten einer Rettung werden erwogen, und Robert Kurtis faßt unsere Lage in folgende Worte zusammen:

»Die Feuersbrunst kann unmöglich beschränkt werden, und schon ist der Mannschaftsschlafraum am Vordertheil kaum noch zu bewohnen. Der Augenblick muß also, und das vielleicht bald kommen, an dem die Flammen das Verdeck durchbrechen. Wenn vor Eintritt dieser Katastrophe das Meer es erlaubt, werden wir das Schiff auf den Booten verlassen. Ist es uns dagegen unmöglich, den Chancellor zu verlassen, so kämpfen wir gegen das Feuer bis zum letzten Athemzuge. Wer weiß, ob wir seiner nicht leichter Herr werden, wenn es zum Durchbruch gekommen ist. Vielleicht bekämpfen wir den Feind, der sich offen zeigt, erfolgreicher, als den, der sich verbirgt!

– Das entspricht meiner Ansicht, bemerkte ruhig der Ingenieur.

– Auch der meinigen, setzte ich hinzu. Doch, Mr. Kurtis, ziehen Sie gar nicht in Betracht, daß dreißig Pfund jener furchtbaren explosiven Substanz sich im Kielraum befinden?

– Nein, Mr. Kazallon, antwortet Robert Kurtis, mit einem Uebermaße von kaltem Blute, das ist nur ein Detail, welches mich nicht besonders kümmert. Warum sollte es auch? Kann ich das gefahrdrohende Colli mitten aus dem brennenden Cargo heraussuchen? Und das aus einem Raume, dem wir jeden Luftzutritt verwehren müssen? Nein, daran denke ich gar nicht! Noch bevor ich ausspreche, kann das Pikrat seine entsetzliche Wirkung äußern, das ist wohl wahr. Indeß entweder erreicht das Feuer jenes oder nicht! Der erschwerende Umstand, den Sie anführen, ist für mich nicht weiter vorhanden. Es liegt in der Hand Gottes und nicht in der meinigen, uns diese schreckliche Katastrophe zu ersparen!«

Robert Kurtis hat diese Worte in ernstem Tone gesprochen, und wir senken die Köpfe, ohne darauf zu antworten. Da der Zustand des Meeres eine Benutzung der Boote ganz unmöglich macht, so dürfen wir an jenen besonderen Umstand nicht weiter denken.

»Die Explosion ist ja nicht unbedingt nothwendig, hätte wohl ein Formalist gesagt, sie ist nur eine zufällige!«

Eine ähnliche Bemerkung äußerte der Ingenieur auch wirklich.

»Auf eine Frage möchte ich Sie noch um eine Antwort bitten, Mr. Falsten, sagte ich. Kann das Natron-Pikrat sich auch ohne Stoß entzünden?

– Gewiß, entgegnete der Ingenieur. Unter gewöhnlichen Verhältnissen ist das Pikrat nicht mehr entzündlich, als das Pulver, aber ebenso wie dieses.«

Falsten hatte das Wort »ergo« gebraucht. Sollte man nicht glauben, er docire in einem Cursus der Chemie?

Wir sind nach dem Verdeck zurückgegangen. Robert Kurtis ergreift meine Hand.

»Mr. Kazallon, sagt er, ohne einen Versuch seine Erregung zu verbergen, diesen Chancellor, dieses schöne Schiff, das ich so sehr liebe, durch Feuer zerstören zu sehen, ohne etwas dagegen thun zu können …

– Mr. Kurtis, Ihre Erregung …

– Ich könnte sie nicht bezwingen! Sie allein sind Zeuge dessen, wie viel ich leide. – Doch, es ist vorüber, fügte er hinzu, – aber ich sah den Kampf, den er bestand.

– Ist die Situation ganz verzweifelt? fragte ich darauf.

– Nun, unsere Lage ist folgende, antwortete wieder ruhig Robert Kurtis. Wir befinden uns über einer Mine, deren Lunte schon entzündet ist. Jetzt ist nur die Frage die, wie lang diese Lunte wohl ist.«

Dann zieht er sich zurück.

Jedenfalls ist es der Mannschaft und den übrigen Passagieren noch unbekannt, wie ungeheuer ernst unsere Lage ist.

Seit er von der Feuersbrunst gehört hat, beschäftigt sich Mr. Kear damit, seine werthvollsten Objecte zusammen zu raffen und denkt an seine Frau natürlich gar nicht. Nachdem er gegen den zweiten Officier halb befehlend den Wunsch geäußert hat, das Feuer zu löschen, und ihn für alle Folgen desselben verantwortlich gemacht, zieht er sich in seine Cabine im Hintertheil zurück und kommt nicht wieder zum Vorschein. Mrs. Kear seufzt und stöhnt und findet trotz ihrer sonstigen Lächerlichkeiten doch allgemeines Mitleid. Miß Herby glaubt sich unter diesen Umständen von den Pflichten gegen ihre Herrin nur um so weniger entbunden, und widmet Jener die erdenklichste Sorgfalt. Ich muß das Benehmen dieses jungen Mädchens bewundern, der ihre Pflicht über Alles geht.

Am nächsten Tage, dem 23. October, läßt der Kapitän den zweiten Officier nach seiner Cabine rufen. Zwischen Ihnen entspinnt sich folgendes Gespräch, dessen Inhalt mir Robert Kurtis mitgetheilt hat.

»Mr. Kurtis, sagt der Kapitän mit irrem Blicke und den offenbaren Anzeichen geistiger Störung, ich bin doch wohl Seemann, nicht wahr?

– Gewiß, Herr Kapitän.

– Nun gut, stellen Sie sich vor, daß ich von meinem Geschäfte nichts verstehe … ich weiß nicht, was mit mir vorgeht … ich vergesse … ich bin mir unklar. Sind wir seit unserer Abreise von Charleston nicht nach Nordosten gesegelt?

– Nein, antwortet der zweite Officier, wir fuhren auf Ihren Befehl nach Südosten.

– Wir haben aber doch nach Liverpool geladen?

– Gewiß.

– Und der … ? Wie heißt doch das Schiff, Mr. Kurtis?

– Der Chancellor.

– Ah, richtig, der Chancellor! Wo befindet er sich jetzt?

– Im Süden des Wendekreises.

– Gut, gut; ich verpflichte mich auch nicht, ihn nach Norden zurückzuführen! Nein! Nein! Das könnte ich nicht … ich wünsche meine Cabine nicht wieder zu verlassen … ich kann den Anblick des Meeres nicht ertragen! …

– Herr Kapitän, antwortet Robert Kurtis, ich hoffe, daß unsere Sorgfalt…

– Ja, ja, ist schon gut, … wir werden später sehen – indeß, ich habe einen Befehl für Sie, den letzten, den Sie von mir empfangen werden.

– Ich höre, entgegnete der zweite Officier.

– Mein Herr, nimmt der Kapitän das Wort, von jetzt ab existire ich nicht mehr an Bord und Sie übernehmen das Commando des Schiffes … Die Verhältnisse sind stärker als ich, … ich vermag nicht zu widerstehen … Mein Kopf schwindelt! … O, ich leide sehr, Mr. Kurtis«, fügt Silas Huntly hinzu und drückt seine beiden Hände gegen die Stirn.

Aufmerksam betrachtet der zweite Officier Den, der bisher an Bord befehligte und begnügt sich zu antworten:

»Es ist gut, Herr Kapitän.«

Nach dem Verdeck zurückgekehrt, erzählt er mir das Vorgefallene.

»Ja wohl, sage ich, wenn der Mann auch noch nicht ganz von Sinnen ist, so leidet er doch am Gehirn und es ist besser, daß er sich seines Mandats freiwillig begeben hat.

– Ich trete unter sehr ernsten Umständen an seine Stelle, erwidert mir Robert Kurtis. Doch, wie dem auch sei, ich werde meine Pflicht zu thun wissen.«

Nach diesen Worten ruft der zweite Officier einen Matrosen herbei und befiehlt ihm, den Hochbootsmann zu suchen.

Der Hochbootsmann erscheint in kurzer Zeit.

»Hochbootsmann, sagt Robert Kurtis zu ihm, lassen Sie die Mannschaften sich am Großmast versammeln.«

Der Hochbootsmann zieht sich zurück und wenige Minuten später umringen die Leute des Chancellor den bezeichneten Platz.

Robert Kurtis begiebt sich mitten unter sie.

»Jungens, sagt er mit ruhig ernster Stimme, in der Lage, in welcher wir uns befinden, und aus anderen mir bekannten Gründen hat Mr. Silas Huntly sein Commando als Kapitän niederlegen zu sollen geglaubt. Von heute an commandire ich an Bord.«

So vollzog sich dieser Wechsel, der nur zu unser Aller Besten dienen kann. Jetzt haben wir einen energischen und verläßlichen Mann an der Spitze, der vor keiner für das allgemeine Wohl erforderlichen Maßnahme zurückschrecken wird. Die Herren Letourneur, Ingenieur Falsten und ich bringen Robert Kurtis unsere Glückwünsche dar, wobei der Hochbootsmann und der Lieutenant sich uns anschließen.

Das Schiff steuert nach Südwesten, und Robert Kurtis, der so viele Segel als möglich beisetzen läßt, sucht die nächste Insel der Kleinen Antillen auf kürzestem Wege zu erreichen.

Achtes Capitel


Achtes Capitel

Um zwanzig Millionen.

Die Folgen dieses Ereignisses hätte vorläufig Niemand zu erkennen vermocht. Als Henry d’Albaret von demselben Nachricht erhielt, glaubte er anfänglich, dasselbe könnte für ihn nur günstig sein. Mindestens war die Vermählung Hadjine Elizundo’s um einige Zeit verschoben. Obwohl das junge Mädchen jetzt noch von der Last des ersten Schmerzes niedergedrückt sein mußte, zögerte der junge Officier doch nicht, sich in dem Hause der Strada Reale vorzustellen, konnte hier jedoch weder Hadjine noch Xaris sehen. Er mußte sich eben in Geduld fassen.

»Wenn Hadjine, so dachte er, sich damit, daß sie den Capitän Starkos zu heiraten einwilligte, nur einem Wunsche ihres Vaters opferte, so braucht jetzt, wo ihr Vater nicht mehr ist, aus dieser Vermählung ja nichts zu werden.«

Dieser Gedankengang war ja ein ganz richtiger. Eine weitere Schlußfolgerung aus demselben aber ergab, daß sich eben damit die Aussichten Henry d’Albaret’s wesentlich verbesserten und die des Nicolas Starkos verschlechterten.

So kann es auch nicht Wunder nehmen, daß Skopelo am folgenden Morgen an Bord der Sacoleve seinen Capitän in ein Gespräch über diesen Gegenstand verwickelte.

Der zweite Officier der »Karysta« war es gewesen, der, als er gegen zehn Uhr Morgens an Bord zurückkehrte, die Neuigkeit von dem Ableben Elizundo’s mitgebracht hatte, eine Neuigkeit, welche in der Stadt allgemeines Aufsehen erregte.

Man hätte voraussetzen können, daß Nicolas Starkos bei den ersten Worten, welche Skopelo darüber fallen ließ, eine zornige Erregung zeigen würde. Das war jedoch nicht der Fall. Der Capitän verstand sich zu beherrschen und liebte es nicht, sich gegen unabwendbare Thatsachen mit ohnmächtigen Worten aufzulehnen.

»Ah, Elizundo ist also todt? fragte er einfach.

– Ja, er ist todt.

– Sollte er sich das Leben genommen haben? setzte Nicolas Starkos halblaut, als ob er nur mit sich selbst spräche, hinzu.

– Nein, antwortete Skopelo, der die Vermuthung des Capitäns gehört hatte, nein, gewiß nicht. Die Aerzte haben nachgewiesen, daß der Banquier Elizundo einem Schlaganfalle erlegen ist…

– Der ihn sofort todt hinstreckte?…

– Wenigstens ziemlich so. Er soll augenblicklich das Bewußtsein verloren und kaum ein Wort mehr von sich gegeben haben, bis er starb.

– Desto besser, daß es so gekommen ist, Skopelo.

– Ohne Widerrede, Capitän, vorzüglich wenn die Angelegenheit wegen Arkadia schon geordnet war….

– Vollkommen, versicherte Nicolas Starkos. Unsere Wechsel sind escomptirt und nun bist Du in der Lage, die Auslieferung des Gefangenentransportes gegen klingende Münze zu beanspruchen.

– Ei, zum Teufel, es war auch höchste Zeit! rief der zweite Officier. Doch, Capitän, wenn diese erste Sache erledigt ist, wie steht’s mit der zweiten?

– Mit der zweiten?… antwortete ruhig Nicolas Starkos. Nun die zweite wird zu Ende geführt werden, wie das vorausgeplant war. Ich sehe nicht, warum sich bezüglich derselben etwas geändert haben sollte. Hadjine Elizundo wird ihrem todten Vater eben so gehorchen, wie sie dem lebenden Vater gehorcht hätte. Die Gründe dafür sind auch noch jetzt ganz dieselben.

– Ihr habt also nicht die Absicht, Capitän, fuhr Skopelo fort, die Partie aufzugeben?

– Aufgeben! rief Nicolas Starkos mit einem Tone, der seinen festen Willen, jedes etwaige Hinderniß zu besiegen, deutlich erkennen ließ. Sag‘ mir, Skopelo, glaubst Du, es werde auf der ganzen Welt einen Mann geben, der freiwillig die Hände schlösse, wenn er sie nur zu öffnen braucht, um zwanzig Millionen in dieselben fallen zu sehen?

– Zwanzig Millionen! wiederholte Skopelo, der lächelnd mit den Achseln zuckte. Nun ja, auf den Betrag von ungefähr zwanzig Millionen hatte auch ich das Vermögen unseres alten Freundes Elizundo abgeschätzt.

– Eine hübsche runde Summe und in guten und sicheren Werthpapieren, fuhr Nicolas Starkos fort, deren Umsatz in baares Geld jeden Augenblick erfolgen kann.

– Sobald Ihr der Eigenthümer derselben seid, Capitän, denn vorläufig wird dieses Geld an die schöne Hadjine zurückfallen.

– Welche wiederum mir zufällt! Keine Angst, Skopelo. Mit einem Worte bin ich im Stande, den ehrlichen Namen des Banquiers zu vernichten, und seine Tochter wird nach seinem Ableben, ebenso wie vorher, mehr Werth auf diese Ehre, als auf das Vermögen legen. Doch ich werde nichts sagen, werde nichts zu sagen haben. Den moralischen Druck, den ich auf ihren Vater ausübte, wird auch sie zu empfinden haben, und sie dürfte sich nur glücklich schätzen, jene zwanzig Millionen Nicolas Starkos als Mitgift zuzuführen; und wenn Du daran zweifeln kannst, so kennst Du eben den Capitän der »Karysta« noch immer nicht!«

Nicolas Starkos sprach mit einer so großen Siegesgewißheit, daß sein zweiter Officier, der sich sonst nicht gern Selbsttäuschungen hingab, doch dem Glauben zuneigte, der Zwischenfall des gestrigen Tages werde an dem weiteren Verlaufe der Angelegenheit nichts mehr ändern. Höchstens konnte er eine Verzögerung zur Folge haben, das wäre aber Alles.

Wie lange diese Verzögerung sie aufhalten würde, das war nun allein die Frage, welche Skopelo und Nicolas Starkos einigermaßen beunruhigte, obwohl Letzterer das nicht gern zugeben wollte. Er ermangelte nicht, am nächsten Tage den Trauerfeierlichkeiten für den reichen Banquier beizuwohnen, welche übrigens ziemlich einfach gehalten waren und nur eine kleine Anzahl Leidtragender versammelten. Hier traf er auch mit Henry d’Albaret zusammen; bei dieser Gelegenheit wurden jedoch zwischen den beiden Männern nur einige Blicke gewechselt, ohne daß es natürlich zu weiteren Auseinandersetzungen kam.

Während der fünf nächsten Tage nach dem Ableben Elizundo’s versuchte der Capitän der »Karysta« vergeblich, bis zu dem jungen Mädchen vorzudringen. Die Thür des Trauerhauses blieb für Jedermann verschlossen. Es schien, als ob das Bankhaus selbst mit dem Banquier gestorben wäre.

Henry d’Albaret war übrigens nicht glücklicher, als Nicolas Starkos. Er konnte sich mit Hadjine weder durch einen Besuch, noch durch einen Brief in Verbindung setzen, so daß er sich schon die Frage vorlegte, ob das junge Mädchen nicht unter dem Schutze des treuen Xaris, der auch nicht sichtbar wurde, Korfu gar schon verlassen haben möge.

Weit entfernt, seine Absichten aufzugeben, wiederholte sich der Capitän der »Karysta« mit Vorliebe, daß es sich nur um einen Aufschub der Erfüllung derselben handle. Er selbst ließ es nicht an Andeutungen fehlen, und Skopelo vorzüglich that Alles, um in der Stadt die Nachricht zu verbreiten, daß die eheliche Verbindung zwischen Nicolas Starkos und Hadjine Elizundo unzweifelhaft stattfinden werde. Es handle sich nur darum, die erste Zeit der tiefsten Trauer und vielleicht auch die endgiltige Ordnung der finanziellen Verhältnisse des Bankhauses abzuwarten.

Bezüglich des von dem Banquier hinterlassenen Vermögens wußte man, daß dasselbe ein ungeheures war. Das gewöhnliche Geschwätz der Leute und die in der Stadt umherschwirrenden Gerüchte vergrößerten dasselbe allerdings gut um den fünffachen Betrag. Man versicherte sich da gegenseitig, daß Elizundo nicht weniger als hundert Millionen hinterlasse. Das sei eine Erbin, diese junge Hadjine, und ein glücklicher Mann, dieser Nicolas Starkos, dem ihre Hand zugesagt wäre. In ganz Korfu, in seinen beiden Vorstädten bis weit hinaus in den letzten Dörfern der Insel sprach man von nichts Anderem. In Folge dessen strömten auch eine Menge Maulaffen in der Strada Reale zusammen. Da sie nichts Besseres zu thun hatten, wollten sie wenigstens das weitberühmte Haus anstarren, in welches so viel Geld geflossen wäre und in dem noch so viel davon sein mußte, da nur sehr wenig davon herausgekommen wäre.

In Wahrheit bezifferte sich das betreffende Vermögen auf eine sehr hohe Summe. Diese betrug nahe an zwanzig Millionen und bestand, wie Nicolas Starkos zu Skopelo bei ihrer neulichen Unterhaltung gesagt, zum größten Theil in sehr leicht realisirbaren Werthen und nur wenig in Grundbesitz.

Davon überzeugte sich, während der ersten Tage nach dem Tode des Banquiers, ebensowohl Hadjine Elizundo, wie auch Xaris. Dabei erhielten sie freilich auch Aufklärung über die Art und Weise, wie dieses Vermögen aufgehäuft worden war. Xaris hatte wenigstens so viel Kenntniß von den Geschäften des Banquiers, um hinreichend durchschauen zu können, welcher Art diese Geschäfte gewesen waren, als ihm die Bücher und Papiere des Verstorbenen zur Durchsicht eingehändigt wurden. Elizundo hatte offenbar die Absicht gehabt, diese später zu vernichten, wenn ihn der Tod nicht überraschte. Jetzt waren sie vorhanden und sprachen deutlich genug für sich selbst.

Hadjine und Xaris wußten nur zu gut, woher diese Millionen stammten. Sie brauchten nicht mehr von anderer Seite zu erfahren, auf welche verabscheuungswürdige Handelsgeschäfte, auf wie viel Noth und Kummer diese Millionen aufgebaut waren.

Auf die Mitwissenschaft dieser Verhältnisse begründete Nicolas Starkos also seine Macht über Elizundo. Er war sein Genosse, er konnte ihn mit einem Worte entehren! Gefiel es ihm selbst, dann zu verschwinden, so hätte Niemand vermocht, seine Spuren wieder zu finden. Und damit, daß er dem Vater die Tochter entriß, wollte er sich sein Stillschweigen abkaufen lassen.

»Der Elende!… Der Schuft! rief Xaris.

– Schweig!« antwortete Hadjine.

Er schwieg, denn er fühlte wohl, daß seine Worte weiter hinaus klingen konnten, als bis zu Nicolas Starkos. Die jetzt gespannten Verhältnisse mußten aber doch binnen Kurzem eine Lösung finden, und vorzüglich ging es Hadjine selbst an, eine solche im Interesse Aller bald herbeizuführen.

Am sechsten Tage nach dem Ableben Elizundo’s wurde Nicolas Starkos, den Xaris an der Treppe des Molos erwartet hatte, gegen sieben Uhr Abends ersucht, sofort im Bankhause zu erscheinen.

Es wäre zu weit gegangen, wenn wir sagten, daß ihm diese Einladung in besonders freundlichem Tone übermittelt wurde, Xaris stieß die wenigen Worte im Gegentheil in einer Weise hervor, welche nichts Gutes versprach, als er auf den Capitän der »Karysta« zutrat. Letzterer war aber nicht der Mann dazu, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern, und folgte Xaris nach dem Comptoir, wo er ohne Zögern eingelassen wurde.

Als die Nachbarn Nicolas Starkos in das bis jetzt streng geschlossen gehaltene Haus eintreten sahen, unterlag es für sie keinem weiteren Zweifel, daß Jenem die günstigsten Aussichten lachten.

Nicolas Starkos fand Hadjine in dem Cabinet ihres Vaters. Sie saß daselbst vor einem Schreibtische, auf dem eine Menge Papiere, Documente und Bücher umherlagen. Der Capitän erkannte, daß das junge Mädchen schon jetzt in die Geschäftsthätigkeit des Hauses Einsicht erlangt haben möge, und er täuschte sich damit auch nicht. Es fragte sich nur, ob sie auch schon die Beziehungen kannte, welche der Banquier mit den Seeräubern des Archipels unterhalten hatte

Beim Eintritt des Capitäns erhob sich Hadjine – was es ihr ersparte, diesen zum Niedersetzen aufzufordern – und machte Xaris ein Zeichen, sie allein zu lassen. Sie trug tiefe Trauerkleidung. Ihre ernsten Züge, wie ihre von Nachtwachen angegriffenen Augen, verriethen in der ganzen Erscheinung zwar eine gewisse Hinfälligkeit, aber noch lange keine geistige Ermattung. Bei dem jetzigen Gespräche, das für alle in Frage kommenden Personen von so weitreichenden Folgen werden sollte, verließ sie ihre Ruhe nicht einen einzigen Augenblick.

»Hier bin ich, Hadjine Elizundo, begann der Capitän, und stehe zu Ihrem Befehl. Weshalb haben Sie mich rufen lassen?

– Aus zwei Gründen, Nicolas Starkos, antwortete das junge Mädchen, welche gerade auf ihr Ziel losgehen wollte. Zunächst wollte ich Ihnen sagen, daß die geplante Verbindung, zu der mich mein Vater, wie Sie recht wohl wissen, nur zwang, fortan als aufgehoben zu betrachten ist.

– Und ich, erwiderte Nicolas Starkos sehr kalt, begnüge mich, dem entgegen zu halten, daß Hadjine Elizundo, wenn sie in dieser Weise spricht, wohl die Folgen nicht bedacht hat, welche ihre Worte haben könnten.

– Das hab‘ ich wohl bedacht, entgegnete das junge Mädchen, und Sie werden erst recht begreifen, daß mein Beschluß unwiderruflich ist, wenn ich Ihnen sage, daß mir schon Alles bezüglich der Art der Geschäfte bekannt ist, welche das Haus Elizundo mit Ihnen und Ihresgleichen gemacht hat, Nicolas Starkos!«

Natürlich hörte der Capitän der »Karysta« diese kurze und bestimmte Antwort nicht ohne Mißbehagen. Wohl hatte er schon vorausgesetzt, daß Hadjine Elizundo versuchen würde, ihm in aller Form den Abschied zu geben, aber er hatte auch gehofft, ihren Widerstand zu brechen, wenn er ihr mittheilte, was ihr Vater gewesen und welche Beziehungen er zu ihm selbst unterhalten hatte. Und jetzt wußte sie schon Alles! Damit zerbrach eine Waffe, vielleicht die allerbeste, ihm unter der Hand. Immerhin fühlte er sich noch nicht ganz entwaffnet, sondern fuhr in etwas ironischem Tone fort:

»Sie kennen also die Geschäfte des Hauses Elizundo, und trotzdem verharren Sie bei Ihrer Weigerung?

– Ich verharre dabei, Nicolas Starkos, und werde stets dabei verharren, weil ich das für unabweisliche Pflicht halte!

– So muß ich wohl annehmen, antwortete Nicolas Starkos, daß der Capitän Henry d’Albaret…

– Lassen Sie den Namen Henry d’Albaret’s hier vollkommen aus dem Spiele!« unterbrach ihn lebhaft Hadjine.

Dann wieder mehr Herrin ihrer selbst, setzte sie, um jede Herausforderung, welche sie hätte auf’s Neue reizen können, zu vermeiden, ruhig hinzu:

»Sie wissen sicherlich, Nicolas Starkos, daß der Capitän d’Albaret niemals zustimmen würde, sich mit der Tochter des Banquiers Elizundo zu verbinden.

– Schwierig dürfte das werden!

– Aber ehrenhaft bliebe seine Weigerung!

– Und warum?

– Weil ein Mann wie er nicht eine Erbin heiratet, deren Vater der Banquier von Seeräubern gewesen ist. Nein, ein Mann von Ehre kann ein in dieser Weise erworbenes Vermögen nicht annehmen.

– Es scheint mir aber, wendete Nicolas Starkos ein, daß wir hier von Dingen reden welche mit dem Gegenstand, um den es sich handelt, nicht das Geringste zu thun haben.

– Dieser Gegenstand ist abgethan!

– Erlauben Sie mir zu bemerken, daß es der Capitän Starkos, nicht der Capitän d’Albaret war, dem Hadjine Elizundo die Hand reichen sollte. Der Tod ihres Vaters kann ihre Anschauungen hierüber ebenso wenig geändert haben, wie die meinigen.

– Ich gehorchte meinem Vater, antwortete Hadjine, ich gehorchte ihm, sogar ohne die Gründe zu wissen, die ihn zwangen, mich zum Opfer zu bringen. Jetzt weiß ich, daß ich durch meinem Gehorsam ihm die Ehre seines Namens gerettet hätte.

– Nun also, wenn Sie das wissen… fiel Nicolas Starkos ein.

– Ich weiß, unterbrach ihn sofort wieder Hadjine, ich weiß, daß Sie es waren, sein Mitschuldiger, der ihn zu jenen verbrecherischen Geschäften veranlaßte, daß Sie jene Millionen dem vorher ehrenhaft dastehenden Bankhause zuführten. Ich weiß, daß Sie ihn bedrohten, seine Schande der Oeffentlichkeit preiszugeben, wenn er Ihnen seine Tochter nicht überlassen wollte. Wahrhaftig, Nicolas Starkos, haben Sie jemals glauben können, daß meine Zustimmung, Sie zu heiraten, einen anderen Grund als den Gehorsam gegen meinen Vater haben könnte?

– Zugegeben, Hadjine Elizundo; ich habe Ihnen also nichts mitzutheilen. Wenn Sie aber auf die Ehre Ihres Vaters während dessen Lebzeiten einen hohen Werth legten, so können Sie auch nach seinem Ableben nicht anders handeln, und für den Fall, daß Sie darauf bestehen, Ihre Zusage mir gegenüber zurückzunehmen…

– So werden Sie Alles sagen, Nicolas Starkos! rief das junge Mädchen mit einem solchen Ausdruck von Widerwillen und Verachtung, daß sogar dem auf Alles gefaßten Mann ein Schimmer von Schamröthe über die Stirn flog.

– Ja… Alles! versetzte er.

– Sie werden es nicht thun, Nicolas Starkos!

– Und warum?

– Weil Sie sich damit selbst anklagten!

– Mich anklagen, Hadjine Elizundo! Glauben Sie etwa, jene Geschäfte wären jemals unter meinem Namen abgeschlossen worden? Bilden Sie sich etwa ein, Nicolas Starkos fahre selbst im Archipel umher und handle mit den Kriegsgefangenen? Nein! Wenn ich rede, werde ich mich deshalb nicht bloßstellen, und wenn Sie mich dazu zwingen, werd‘ ich eben reden!«

Das junge Mädchen blickte dem Capitän gerade in’s Gesicht. Ihre Augen, welchen die ganze Kühnheit des guten Gewissens innewohnte, senkten sich vor den seinigen, so erschreckend diese auch d’reinschauen mochten, nicht zur Erde.

»Nicolas Starkos, fuhr sie fort, ich könnte Sie mit einem Worte entwaffnen, denn es ist weder Theilnahme noch Liebe, welche Sie auf diese Verbindung bestehen heißt. Ihnen ist es nur darum zu thun, in den Besitz meines väterlichen Vermögens zu kommen! Ja, ich könnte Ihnen sagen: Sie verlangen weiter nichts als jene Millionen!… Nun gut, hier sind sie! Nehmen Sie dieselben und ziehen Sie Ihres Weges, damit ich Sie niemals wieder sehe! Ich werde das aber nicht sagen, Nicolas Starkos!… Die Millionen, welche ich erbe, werden Ihr Eigenthum nicht werden!… Ich will sie behalten, um davon einen Gebrauch zu machen, wie es mir beliebt!… Nein, Sie erhalten dieselben nicht! Und nun verlassen Sie dieses Zimmer! Verlassen dieses Haus!… Gehen Sie!«

Mit ausgestrecktem Arme und hoch erhobenem Kopfe schien Hadjine Elizundo jetzt den Capitän ebenso zu verfluchen, wie Andronika ihm wenige Wochen vorher auf der Schwelle ihres Hauses geflucht hatte.

Wenn Nicolas Starkos aber an jenem Tage vor der erzürnten Mutter zurückgewichen war, trat er jetzt dagegen voller Entschlossenheit auf das junge Mädchen zu.

»Hadjine Elizundo, sagte er mit grollender Stimme, ja, ich muß jene Millionen haben! Auf eine oder die andere Weise muß ich sie haben… Und sie werden mein werden!

– Nein, eher vernichte ich sie, eher werfe ich sie in das Wasser des Golfs! antwortete Hadjine.

– Ich werde sie haben, sag‘ ich Ihnen, weil ich sie will!«

Nicolas Starkos hatte das junge Mädchen am Arme gefaßt. Der Zorn übermannte ihn, so daß er seiner nicht mehr Herr war. Sein Blick trübte sich. Er wäre im Stande gewesen, sie zu ermorden.

Hadjine Elizundo durchschaute das Alles im Augenblick. Sterben! Was kümmerte sie das jetzt! Der Tod hätte sie nicht erschreckt. Das energische junge Mädchen hatte aber ganz andere Pläne entworfen… Sie hatte sich verurtheilt zu leben.

»Xaris!« rief sie.

Die Thür ging auf, Xaris erschien.

»Xaris, bring‘ diesen Mann hinaus!«

Nicolas Starkos hatte nicht mehr die Zeit sich umzudrehen, als er sich schon von ein paar Eisenarmen gepackt fühlte, so daß ihm der Athem ausging. Er wollte sprechen, schreien – konnte es aber eben so wenig, als es ihm gelang, sich aus den schrecklichen Fesseln zu befreien. Halb erstickt, dem Tode nahe, so daß er nicht einmal mehr erröthen konnte, sah er sich an der Thür des Hauses abgesetzt.

Hier rief ihm Xaris nur noch die Worte zu:

»Ich tödtete Euch nicht, weil sie mir nicht befohlen hat, Euch zu tödten. Wenn sie mir das sagt, wird es geschehen!«

Damit schloß er hinter ihm die Thür.

Zu dieser Stunde war die Straße schon ziemlich menschenleer. Niemand hatte mit angesehen, was eben hier vorging, das heißt, daß Nicolas Starkos mit Gewalt aus dem Hause des Banquiers Elizundo entfernt worden war. Man hatte ihn aber eintreten sehen; das genügte. Als Henry d’Albaret in Folge dessen später erfuhr, daß sein Rival da empfangen worden war, mußte er wie alle Welt denken, daß der Capitän der »Karysta« zu dem jungen Mädchen nach wie vor in dem Verhältniß eines Verlobten stehe.

Welcher Schlag war das für ihn! Nicolas Starkos in dem Hause aufgenommen, von dem ihn ein unerbittlicher Befehl fern hielt. Er war zuerst wirklich versucht, Hadjine zu fluchen, und wem wäre das an seiner Stelle anders ergangen? Aber er beherrschte sich noch, seine Liebe trug den Sieg davon über den Zorn, und obwohl der äußere Schein gegen das junge Mädchen sprach, sagte er sich doch:

»Nein, nein!… Das ist unmöglich!… Mit diesem Manne!… Das kann nicht sein!… Das ist nicht wahr!«

Trotz seiner gegen Hadjine Elizundo ausgestoßenen Drohungen, hielt es Nicolas Starkos nach einiger Ueberlegung doch für angezeigt, noch zu schweigen. Noch wollte er von dem Geheimniß, welches auf dem Leben des Banquiers lastete, nichts offenbaren. Das sicherte ihm wenigstens volle Handelsfreiheit, und wenn die Umstände es erheischten, würde es dazu später ja immer noch Zeit sein.

Er verhehlte nämlich dem zweiten Officier nichts von dem, was sich seit seinem Besuche bei Hadjine Elizundo zugetragen hatte. Skopelo stimmte ihm bei, jetzt noch zu schweigen und sich zurückzuhalten, wohl aber darauf zu achten, ob die Dinge nicht selbst eine ihren Absichten günstigere Wendung annähmen. Am meisten beunruhigte ihn freilich, daß die Erbin sein Schweigen nicht durch Abtretung der Erbschaft zu erkaufen willens schien. Warum? Das begriff er vorläufig wenigstens nicht.

Während der folgenden Tage und bis zum 12. November verließ Nicolas Starkos sein Schiff auch nicht auf eine Stunde. Er grübelte und erwog die verschiedensten Mittel, welche ihn zu seinem Ziele führen könnten. Uebrigens rechnete er nicht wenig auf einen glücklichen Zufall, der ihm schon so oft während seiner verbrecherischen Laufbahn zu Hilfe gekommen war. Dieses Mal rechnete er falsch.

Henry d’Albaret hielt sich andererseits vollkommen zurückgezogen. Er hatte es nicht für geboten erachtet, seine Versuche, das junge Mädchen zu sehen, noch zu wiederholen; aber er verzweifelte deshalb auch noch nicht.

Am 12. des Abends wurde ihm ein Brief in sein Hôtel gebracht. Eine Ahnung sagte ihm, daß derselbe von Hadjine Elizundo komme. Er erbrach ihn, sah nach der Unterschrift; richtig, er hatte sich nicht geirrt.

Der Brief enthielt nur wenige, von der Hand des jungen Mädchens geschriebene Zeilen und lautete wie folgt:

 

»Henry!

Der Tod meines Vaters hat mir zwar meine Freiheit zurückgegeben, aber Du mußt dennoch auf mich verzichten. Die Tochter des Banquiers Elizundo ist Deiner nicht würdig. Ich werde niemals Nicolas Starkos, einem Schurken, aber auch niemals Dir, einem ehrenhaften Manne, angehören können. Verzeih‘ mir und lebe wohl!

Hadjine Elizundo.«

Nach Empfang dieses Briefes eilte Henry d’Albaret, ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu nehmen, nach dem bekannten Hause in der Strada Reale…

Das Haus war verschlossen, verlassen, öde, als ob Hadjine Elizundo mit ihrem treuen Xaris daraus verschwunden wäre, um niemals wiederzukehren.

Neuntes Capitel


Neuntes Capitel

Der Archipel in Flammen.

Die Insel Scio – seit jener Zeit übrigens allgemein Chio genannt – liegt im ägäischen Meere, westlich vom Golfe von Smyrna und nahe der Küste Kleinasiens. Mit Lesbos und Samos im Süden gehört sie zu den, im Osten des Archipels gelegenen Sporaden. Ihr Umfang beträgt volle vierzig Lieues. Der Berg Pelineus jetzt der Elias-Berg, der sie beherrscht, ragt bis zu einer Höhe von zweitausendfünfhundert Fuß über die Meeresfläche empor.

Von den bedeutenden Städten, welche sich auf der Insel vorfinden, wie Volysso. Pitys, Delphinium, Leuconia, Kaukasia, ist doch ihre Hauptstadt Scio die entschieden wichtigste. Hier hatte der Oberst Fabvier am 30. October 1827 ein kleines Expeditionscorps gelandet, dessen Stärke sich auf siebenhundert reguläre Truppen, zweihundert Reiter und eintausendfünfhundert Irreguläre, die von den Scioten besoldet wurden, belief, und welches zehn Haubitzen und sechs Kanonen mit sich führte.

Die Intervention der europäischen Mächte hatte auch nach der Schlacht bei Navarin die griechische Frage ihrer endgiltigen Lösung noch nicht zugeführt.

England, Frankreich, Rußland wollten dem neuen Königreiche nur die Grenzen zugestehen, welche der Aufstand selbst noch niemals überschritten hatte. Diese Beschränkung sagte aber der hellenischen Landesregierung keineswegs zu. Diese beanspruchte außer dem ganzen festländischen Griechenland auch die Inseln Kreta und Scio als nothwendige Bestandtheile ihrer Autonomie. Und so wie Miaulis Kreta als Angriffsobject und Ducas das Festland als solches wählte, landete Fabvier in Maurolimena, auf der Insel Scio, an oben genanntem Tage.

Man begreift recht wohl, daß die Hellenen den Türken diese schöne Insel, das herrlichste Juwel der Kette der Sporaden, zu entreißen wünschten. Ihr Himmel – wohl der reinste von ganz Kleinasien – verleiht ihr ein wundervolles Klima, ohne übermäßige Hitze und ohne zu strenge Kälte. Hier erfrischt fast stets eine mäßige Brise die Luft und macht die Insel zu einer der gesündesten des ganzen Archipels. In einem Lobgesang, den man Homer zuschreibt – welchen Scio übrigens als Landeskind betrachtet – nennt der Dichter sie »sehr fett.« Gegen Westen hin erzeugt sie den köstlichsten Wein, der mit den besten Gewächsen des Alterthums wetteifert, und einen Honig, der getrost mit dem des Hymettos in die Schranken treten kann. An der Ostseite reist sie Orangen und Citronen, deren vorzüglicher Ruf bis nach dem Westen Europas reicht. Nach Süden hin ist sie bedeckt mit verschiedenen Mastixarten, welche das kostbare Harz Mastix liefern, das in der Malerei, wie in der Arzneikunst so vielfache Verwendung findet. Endlich gedeihen in dieser von Gott gesegneten Gegend Feigen-, Dattel-, Mandel-, Granat- und Oelbäume, außer den schönsten Baumarten der gemäßigten Zone Europas.

Diese Insel also wollte die Nationalregierung mit dem neuen Königreich verbunden wissen, und deshalb hatte es der muthige Fabvier, trotz der vielen Kränkungen, die er von Denen erfahren, für welche er sein Blut zu opfern bereit war, unternommen, dieselbe zu erobern.

Während der letzten Monate dieses Jahres hatten die Türken übrigens nie aufgehört, auf der ganzen hellenischen Halbinsel zu morden und zu rauben, und das noch zwei Tage vorher, ehe Capo d’Istria in Nauplia landete.

Die Ankunft dieses Diplomaten sollte den inneren Streitigkeiten der Griechen ein Ende machen und die Regierungsgewalt in einer einzigen Hand vereinigen. Trotzdem aber Rußland sechs Monate später dem Sultan den Krieg erklärte und damit der Aufrichtung des neuen Königreichs zu Hilfe kam, hielt Ibrahim noch immer den mittleren Theil und die Küstenstädte des Peloponnes besetzt. Und wenn er sich acht Monate später, am 6. Juli 1828, anschickte, das Land zu verlassen, dem er soviel Unheil zugefügt, wenn im September des nämlichen Jahres auch kein Aegypter mehr auf griechischem Boden stand, so verheerten diese wilden Horden doch noch immer eine Zeit lang das unglückliche Morea.

Da nun die Türken und deren Verbündete noch verschiedene Städte der Küste in ihrer Gewalt hatten, und zwar im Peloponnes wie in Kreta, so ist es nicht zu verwundern, daß die benachbarten Meere noch vielfach von Seeräubern belästigt wurden. Wenn der Schaden, den sie den Fahrzeugen zufügten, welche den Handelsverkehr von einer Insel zur andern vermittelten, ein beträchtlicher war, so wurden die Führer der griechischen Flottillen, wie Miaulis, Canaris und Tsamados nicht müde, jene zu verfolgen. Jene Bösewichte waren jedoch ebenso zahlreich, wie schwer zu erreichen, und es konnte Niemand mit einiger Sicherheit sich auf jene Meere hinauswagen. Von Kreta bis zur Insel Metelin, von Rhodus bis Negroponte stand der ganze Archipel in Flammen.

Jetzt tummelten sich die, von dem Auswurfe aller Nationen gebildeten Banden in der Nachbarschaft der Insel umher und suchten dem Pascha zu Hilfe zu kommen, der in der Citadelle eingeschlossen war, welche Oberst Fabvier eben jetzt unter den ungünstigsten Bedingungen zu belagern anfing.

Der Leser erinnert sich, daß die Großhändler der Ionischen Inseln in ihrem Schrecken über diesen Zustand der Verhältnisse, die alle Stapelplätze der Levante gleichmäßig in Mitleidenschaft zogen, zusammengetreten waren, um eine Corvette auszurüsten, mit dem Auftrage, jene Piraten überall zu verfolgen.

Vor nun fünf Wochen hatte die »Syphanta« Korfu verlassen, um die Meere des Archipels zu säubern. Zwei oder drei Gelegenheiten, aus denen sie glücklich hervorgegangen war, wie die Aufbringung verschiedener, mit Recht als verdächtig angesehener Schiffe, konnten sie nur ermuthigen, das begonnene Werk eifrig fortzusetzen. Ihr Befehlshaber Stradena, der wiederholt in den Gewässern von Psara, Skyros, Zea, Lemnos, Paros und Santorin auftauchte, erfüllte seine Aufgabe mit ebenso viel Kühnheit als Erfolg. Es schien allein, als sollte es ihm nie gelingen, dem geradezu unnahbaren »Sacratif« zu begegnen, dessen Erscheinen sich überall durch die blutigsten Gräuelthaten kennzeichnete. Wohl hörte man sehr oft von ihm reden, aber nie und nirgends war er selbst zu sehen.

Vor höchstens vierzehn Tagen, gegen den 13. November, war auch die »Syphanta« in der Umgebung von Scio bemerkt worden. An eben jenem Tage gelang es auch noch, im Hafen der Insel gefangene Seeräuber einzuliefern, und Fabvier machte mit den Verbrechern den gebührenden kurzen Proceß und knüpfte diese Burschen auf.

Seit jener Zeit vernahm man aber nichts von der Corvette; Niemand vermochte zu sagen, in welchen Gegenden sie jetzt den Piraten des Archipels nachspürte; ja, man fing allmählich an, wegen derselben ängstlich zu werden. In diesen meist sehr beschränkten Gewässern, in welchen so viele Inseln und Eilande liegen und sich deshalb auch sehr viele Hafenplätze bieten, war es sonst sehr selten gewesen, daß die Anwesenheit dieses Schiffes nicht von da oder dort her gemeldet worden wäre.

Unter diesen Verhältnissen traf nun Henry d’Albaret in Scio ein, nachdem er Korfu acht Tage vorher verlassen hatte. Hier stieß er wieder zu seinem früheren Commandanten, um sich auf’s Neue an dem Kampfe gegen die Türken zu betheiligen.

Das Verschwinden Hadjine Elizundo’s hatte ihn auf das Schmerzlichste berührt. Das junge Mädchen wies also Nicolas Starkos als einen ihr unwürdigen Schurken ab, aber sie entzog sich auch ihm, der ihr Herz besaß, als seiner unwürdig. Welch‘ Geheimniß mochte nun dem Allen zu Grunde liegen? Wo sollte er nach demselben forschen? In ihrem früheren Leben, in ihr selbst, die so sanft, so rein erschien? Nein, sicherlich nicht! Vielleicht in dem Leben ihres Vaters? Doch welcher Zusammenhang konnte bestehen zwischen dem Banquier Elizundo und dem Capitän Starkos?

Wer hätte solche Fragen zu beantworten vermocht? Das Bankhaus stand völlig verödet. Jedenfalls hatte Xaris es gleichzeitig mit dem jungen Mädchen verlassen.

Henry d’Albaret konnte nur auf sich selbst zählen, um die Geheimnisse der Familie Elizundo zu enträthseln.

Er kam zunächst auf den Gedanken, die Stadt Korfu und dann die ganze Insel zu durchsuchen. Vielleicht hatte Hadjine an irgend einem versteckten Punkte Zuflucht gesucht und gefunden. Es gibt in der That nicht wenig auf der Insel verstreute Dörfer, wo es leicht genug sein mußte, sich sicher zu verbergen. Wer sich der Welt entziehen und von ihr vergessen sein will, dem bieten Benizze, Santa Decca, Leucimne und zwanzig andere geeignete Ortschaften dazu die beste Gelegenheit. Henry d’Albaret durchstreifte alle Straßen und Wege, forschte selbst in den geringsten Weilern nach einer Spur des jungen Mädchens…. Er fand nichts… nichts!

Da erhielt er eine Andeutung, daß Hadjine Elizundo die Insel Korfu vielleicht ganz verlassen haben könne. In dem kleinen Hafen Alipa, im Westnordwesten der Insel, theilte man ihm mit, daß eine leichte Speronare, nachdem sie kurze Zeit lang zwei Passagiere erwartet, auf deren Kosten dieselbe gemiethet war, erst unlängst in See gestochen sei.

Alles in Allem war das am Ende eine nur unbestimmte Nachricht. Eine gewisse Uebereinstimmung der Thatsachen und der Zeit flößten aber dem jungen Officier bald nur noch weitere Befürchtungen ein.

Als er nämlich nach Korfu zurückkehrte, hörte er, daß auch die Sacoleve den Hafen verlassen habe. Was hierbei in’s Gewicht fiel, war der Umstand, daß diese Abfahrt mit demselben Tage zusammenfiel, an dem auch Hadjine Elizundo verschwunden war. Sollte er einen gewissen Zusammenhang zwischen beiden Vorfällen annehmen? War das junge Mädchen, die ja sammt Xaris in eine ihr gelegte Schlinge gefallen sein konnte, vielleicht mit Gewalt entführt worden? Befand sie sich jetzt vielleicht gar in der Hand des Capitäns der »Karysta«?

Dieser Gedanke brach Henry d’Albaret fast das Herz. Doch was sollte er beginnen? An welchem Ende der Welt hätte er nach Nicolas Starkos forschen sollen? Wer war überhaupt dieser Abenteurer? Die »Karysta«, von der Niemand wußte, woher sie kam, noch wohin sie ging, konnte mit Recht als verdächtiges Schiff betrachtet werden. Sobald er sich jedoch von dem ersten Schreck etwas erholt, wies der junge Officier jeden solchen Gedanken entschieden ab. Da Hadjine Elizundo seiner unwürdig zu sein erklärte und ihn auch nicht mehr wiedersehen wollte, war es ja ganz natürlich, daß sie sich unter dem Schutze Xaris‘ freiwillig entfernt haben würde.

Nun, wenn es so lag, hoffte Henry d’Albaret auch, sie noch wiederzufinden. Vielleicht hatte ihre Vaterlandsliebe sie getrieben, an dem Kampfe theilzunehmen, in dem das Loos ihrer Heimat entschieden werden sollte.

Vielleicht hatte sie das ungeheure Vermögen, über welches sie jetzt verfügen konnte, zum Besten des Unabhängigkeitskrieges als Opfer darbringen wollen. Warum sollte sie auch einer Bobolina, Modena, einer Andronika und so vielen Anderen, für die sie eine unbegrenzte Bewunderung hegte, nicht auf den nämlichen Schauplatz nachgefolgt sein?

Jedenfalls hatte Henry d’Albaret die Ueberzeugung gewonnen, daß Hadjine Elizundo sich in und auf Korfu nicht mehr befinde, und deshalb beschloß er denn, sich dem Corps der Philhellenen wieder anzuschließen Oberst Fabvier befand sich mit seinen regulären Truppen eben auf Scio; zu diesem wollte er sich begeben. So verließ er also die Ionischen Inseln, eilte durch das nördliche Griechenland, wobei ihn der Weg an den Golfen von Patras und Lepante vorbeiführte, schiffte sich im Golf von Aegina ein, entging nur mit genauer Noth einigen Seeräubern, welche die Umgebung der Cykladen unsicher machten, und kam nach schneller Ueberfahrt in Scio an. Fabvier bereitete dem jungen Officier einen sehr herzlichen Empfang, welcher den zweifellosen Beweis lieferte, in wie hoher Achtung dieser bei ihm stand. Der tapfere Kriegsmann sah in ihm nicht nur einen verläßlichen Waffengefährten, sondern auch einen vertrauten Freund, dem er, was ihn bedrückte- und das war nicht wenig – ohne Anstand mittheilen konnte. Der Mangel an Disciplin bei den irregulären Schaaren, welche einen sehr bedeutenden Theil des Expeditionscorps bildeten, der geringe Sold, der noch dazu schlecht ausbezahlt wurde, die Verlegenheiten, welche die Scioten selbst ihm bereiteten, Alles das durchkreuzte und verlangsamte seine Operationen.

Die Belagerung der Citadelle von Scio hatte indeß ihren Anfang genommen. Henry d’Albaret traf gerade noch zur rechten Zeit ein, um an den Annäherungsarbeiten, dem Ausheben der Parallelen, theilzunehmen. Zweimal hatten die verbündeten Mächte dem Oberst Fabvier zwar bedeutet, seine Belagerungsarbeiten einzustellen; dieser trug jenen Zumuthungen aber, gestützt auf die unverholene Zustimmung der griechischen Nationalregierung, kein Gehör, sondern setzte sein Werk unbeirrt fort.

Bald erweiterte sich die Belagerung des Platzes auch noch zu einer Art Blockade desselben, freilich zu einer so unzulänglich geschlossenen, daß die Belagerten trotzdem noch immer Zufuhr an Proviant und Kriegsbedarf erhalten konnten. Vielleicht würde es Fabvier aber dennoch gelungen sein, sich der Citadelle zu bemächtigen, wenn seine Truppenmacht, welche der Hunger tagtäglich weiter schwächte, sich nicht, um zu plündern und um Nahrung zu finden, über die ganze Insel zerstreut hätte. Unter diesen Umständen wurde es einer, aus fünf Fahrzeugen bestehenden ottomanischen Flottille möglich, den Türken eine Verstärkung von zweitausend Mann zuzuführen, indem sie sich den Zugang nach dem Hafen von Scio mit Gewalt öffnete. Bald darauf erschien allerdings Miaulis mit seinem Geschwader, um dem Oberst Fabvier zu Hilfe zu kommen, doch da war es zu spät, und er mußte unverrichteter Sache umkehren.

Mit dem griechischen Admiral waren auch einige Fahrzeuge eingetroffen, welche eine gewisse Anzahl Freiwillige als Verstärkung des Expeditionscorps von Scio mitbrachten.

Ihnen hatte sich auch eine Frau angeschlossen.

Nachdem sie bis zur letzten Stunde im Peloponnes gegen die Schaaren Ibrahim’s gekämpft, wollte Andronika, die schon den Anfang des Krieges mitgemacht, auch bei der Beendigung desselben nicht fehlen. Deshalb war sie mit nach Scio gekommen, entschlossen, wenn es sein mußte, sich für diese Insel, welche die Griechen ihrem neuen Königreiche angeschlossen wissen wollten, auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern. Ihr wäre das gleich einer Wiedervergeltung für die Unthaten erschienen, welche ihr unwürdiger Sohn, gelegentlich der Metzeleien des Jahres 1822, an der nämlichen Stelle begangen hatte.

Jener Zeit hatte der Sultan die Insel Scio mit dem schrecklichen Bannfluche: »Feuer, Stahl und Knechtschaft« belastet. Der Kapudan-Pascha Kara-Ali war mit der Durchführung dieser Drohung betraut. Er entledigte sich seines Auftrags voll und ganz. Seine blutgierigen wilden Horden setzten sich auf der Insel fest. Männliche Personen unter zwölf und weibliche über vierzig Jahre wurden ohne Erbarmen hingemordet. Der zur Sclaverei verdammte Ueberrest sollte nach den Märkten von Smyrna und der Berberei abgeführt werden. Unter der Hand von dreißigtausend Türken wurde die ganze Insel durch Feuer verheert und durch Blut überschwemmt. Dreiundzwanzigtausend Scioten waren getödtet, siebenundvierzigtausend zum Verkauf zurückgestellt worden.

Hierbei war es, wo Nicolas Starkos die Hand im Spiele gehabt hatte Nachdem seine Spießgesellen und er selbst sich zügellos an Mord und Plünderung betheiligt, wußten sie sich auch den Löwenantheil an dem schmachvollen Schacher zu sichern, der die Menschen heerdenweise der ottomanischen Habgier überlieferte. Die Schiffe dieses elenden Renegaten waren es, welche zum Transport der Tausende von Unglücklichen nach den Küsten Kleinasiens und Afrikas dienten.

Im Zusammenhange mit diesen schmählichen Operationen stand auch die Geschäftsverbindung, welche Nicolas Starkos mit Elizundo in Berührung brachte; von ihnen rührten die ungeheuren Erträgnisse her, deren größerer Theil dem Vater Hadjines zugefallen war.

Andronika wußte übrigens gar zu gut, welchen Antheil Nicolas Starkos an den Massenschlächtereien von Scio gehabt, welche Rolle er in dieser entsetzlichen Tragödie gespielt hatte. Das war auch die innere Veranlassung gewesen, sich nach den Stätten zu begeben, wo man ihr gewiß hundertmal geflucht hätte, wenn es bekannt gewesen wäre, daß sie die Mutter jenes Verruchten war. Auf dieser Insel in den mörderischen Kampf zu ziehen, ihr Herzblut zu vergießen für die Sache der Scioten, das erschien ihr wie eine Wiedervergeltung, wie die erhabenste Sühne der Verbrechen ihres Sohnes.

Von der Stunde an, wo Andronika auf Scio den Fuß an’s Land setzte, konnte es natürlich kaum ausbleiben, daß sie und Henry d’Albaret sich an einem oder dem anderen Tage begegneten. Wirklich sah sich Andronika kurze Zeit nach ihrer Ankunft, am 15. Januar, unerwartet dem jungen Officier gegenüber, der ihr auf dem Schlachtfelde von Chaidari das Leben gerettet hatte.

Da ging sie mit geöffneten Armen auf diesen zu und rief:

»Henry d’Albaret!

– Sie… Andronika… Sie! sagte der junge Officier. Sie… muß ich hier wiederfinden?

– Ja, antwortete das heldenmüthige Weib. Ist denn mein Platz nicht da, wo es gegen die frechen Unterdrücker noch zu kämpfen gilt?

– Andronika, erwiderte Henry d’Albaret, Sie können stolz sein auf Ihr Vaterland, stolz auf dessen Kinder, die es mit Ihnen vertheidigt haben! Nicht lange, und kein einziger türkischer Soldat steht mehr auf dem Boden Griechenlands.

– Ich weiß es, Henry d’Albaret, und Gott erweise mir die Gnade, nur diesen schönen Tag noch mit zu erleben!«

Im weiteren Verlaufe des Gesprächs theilte ihm Andronika nun mit, wie sie die Zeit, nachdem Beide nach der Schlacht von Chaidari einander aus dem Gesicht verloren, verbracht hatte. Sie schilderte ihre Fahrt nach Magne, ihrer engeren Heimat, die sie zum letzten Male wiederzusehen sich gesehnt hatte, um sich dann der Armee im Peloponnes anzuschließen, bis sie sich hierher nach Scio wandte.

Henry d’Albaret erzählte ihr dann seinerseits, unter welchen Verhältnissen er nach Korfu zurück und dort in Berührung mit dem Banquier Elizundo gekommen sei, und erwähnte dann seiner schon festgesetzten und dann aufgehobenen Vermählung, wie des Verschwindens Hadjines, die er eines Tages doch noch wiederzufinden hoffe.

»Ja, Henry d’Albaret, wenn Sie auch noch nicht wissen, welches Geheimniß auf dem Leben dieses jungen Mädchens lastet, so muß sie Ihrer doch jedenfalls würdig sein! Ja, Sie werden sie wiedersehen, werden so glücklich sein, wie Sie es Beide so sehr verdienen.

– Doch sagen Sie mir, Andronika, fragte Henry d’Albaret, kannten Sie nicht etwa jenen Banquier Elizundo?

– Nein, erklärte Andronika. Woher sollte ich ihn kennen, und wie kommen Sie zu dieser auffälligen Frage?

– Ich hatte mehrmals Gelegenheit, Ihres Namens vor demselben Erwähnung zu thun, antwortete der junge Officier, und dieser Name erregte allemal seine ganz besondere Aufmerksamkeit. Eines Tages erkundigte er sich bei mir sogar, ob ich nicht wüßte, was seit unserer Trennung aus Ihnen geworden sei.

– Ich kenne ihn weder von Person, Henry d’Albaret, noch ist der Name des Banquiers Elizundo jemals von mir ausgesprochen worden.

– Dann obwaltet auch hier ein Geheimniß, das ich nicht zu durchschauen vermag und das nun, da Elizundo todt ist, wohl auch niemals entschleiert werden wird.«

Henry d’Albaret versank in Schweigen. Die Erinnerung an Korfu erwachte wieder lebhafter in ihm. Er dachte unwillkürlich an Alles, was er dort und seit seinem Aufenthalt daselbst gelitten, an Alles, was er fern von Hadjine noch zu erdulden haben werde.

Dann wendete er sich wieder an Andronika.

»Wenn dieser Krieg nun zu Ende ist, was denken Sie dann zu beginnen? fragte er diese.

– Gott wird mir’s gewähren, antwortete sie mit rührender Frömmigkeit, mich aus dieser Welt abzuberufen, aus dieser Welt, in welcher gelebt zu haben ich nur Gewissensbisse empfinde.

– Gewissensbisse, Andronika?

– Ja!«

Die bedauernswerthe Mutter wollte damit ausdrücken, daß schon ihr Leben überhaupt ein Unglück gewesen sei, da sie einen solchen Sohn geboren hatte.

Sie gab jedoch diesem Gedanken nicht weiter nach, sondern fuhr fort:

»Sie freilich, Henry d’Albaret, Sie sind noch jung und Gott hat Ihnen noch lange Tage vorbehalten. Wenden Sie dieselben dazu an, Diejenige wieder zu finden, die Sie verloren, und… welche Sie herzinnig liebt.

– Ja, Andronika, ich werde sie überall suchen, aber überall auch den hassenswerthen Rivalen, der sich zwischen sie und mich gedrängt hat.

– Wer war dieser Mann? fragte Andronika.

– Ein Capitän, der Befehlshaber eines mir nicht weiter bekannten, aber verdächtig erscheinenden Schiffes, erklärte ihr Henry d’Albaret, und der übrigens Korfu gleich nach dem Verschwinden Hadjines verlassen hat.

– Und sein Name?…

– Nicolas Starkos!

– Er!…«

Noch ein Wort mehr, und ihr Geheimniß wäre verrathen gewesen. Andronika hätte sich als die Mutter jenes Starkos bekannt.

Der von Henry d’Albaret so ganz unerwartet aus gesprochene Name hatte auf sie eine wahrhaft erschütternde Wirkung. Eine so energische Natur sie sonst auch war, machte sie der Name ihres Sohnes doch vor Schreck erbleichen. Alles Unglück, welches dem jungen Officier, welches dem Manne widerfahren war, der sie mit eigener Lebensgefahr vom drohenden Tode gerettet, rührte nur her von Nicolas Starkos.

Henry d’Albaret konnte begreiflicherweise nicht unbemerkt bleiben, welche Wirkung der Name Starkos‘ auf Andronika ausübte, und es kann nicht auffallen, daß er nach der Ursache derselben weiter forschte.

»Was ist Ihnen?… Was fehlt Ihnen? rief er. Warum diese Erregung bei dem Namen des Capitäns der »Karysta«?… Reden Sie!… Kennen Sie wohl den, der ihn trägt?

– Nein, Henry d’Albaret, nein! antwortete Andronika, welche wider ihren Willen stotterte.

– Doch… Sie kennen ihn!… Andronika, ich flehe Sie an, mir zu sagen, wer dieser Mann ist… was er treibt… wo er sich augenblicklich befindet… wo ich ihn auffinden könnte!

– Ich weiß es nicht!

– Nein, Sie wissen es!… Sie wissen es, Andronika, und weigern sich nur, es mir… mir… zu verrathen. Vielleicht könnten Sie mich durch ein einziges Wort auf seine Spur, vielleicht auf die Hadjines leiten… Sie weigern sich zu sprechen!

– Henry d’Albaret, antwortete Andronika mit einer Stimme, deren Sicherheit sie nicht mehr Lügen strafen konnte, ich weiß nichts! Mir ist unbekannt, wo jener Capitän sich aufhält…. Ich kenne Nicolas Starkos nicht!«

Mit diesen Worten verließ sie den jungen Officier, der in tiefster Erregung stehen blieb.

Welche Mühe er aber nach dieser Minute auch anwandte, um Andronika noch einmal zu begegnen, nie wollte es ihm gelingen. Offenbar hatte sie Scio verlassen und sich nach dem Festlande Griechenlands zurückbegeben. Henry d’Albaret mußte jede Hoffnung aufgeben, sie wiederzufinden.

Die Operationen des Oberst Fabvier sollten übrigens bald zu Ende gehen, ohne zu einem wirklichen Erfolge geführt zu haben.

In dem Expeditionscorps nahm die Desertion der Mannschaften immer größere Verhältnisse an; trotz der Bitten ihrer Officiere liefen die Soldaten davon und gingen zu Schiff, um die Insel zu verlassen. Die Artilleristen, auf welche Fabvier am sichersten zählen zu dürfen glaubte, ließen ihre Kanonen im Stiche. Gegenüber einer so allgemeinen Entmuthigung, welche sich zuletzt auch der Besten bemächtigte, war nichts anzufangen.

Die Belagerung mußte also aufgehoben und die Rückkehr nach Syra, von wo diese unglückliche Expedition ausgegangen war, eingeleitet werden, und hier erwarteten den Oberst Fabvier für seinen heldenmüthigen Widerstand nichts als Vorwürfe, nichts als Beweise des schwärzesten Undanks.

Henry d’Albaret hatte sich vorgenommen, Scio zu gleicher Zeit mit seinem Befehlshaber zu verlassen. Nach welcher Stelle des Archipels sollte er aber seine Nachforschungen richten? Noch wußte er darüber gar nichts, als ein unvorhergesehener Zwischenfall ihm plötzlich jeden Zweifel löste.

Am Vorabend des Tages, wo er sich nach Griechenland einschiffen wollte, traf mit der Post ein Brief für ihn ein.

Der mit dem Poststempel von Korfu versehene, an den Capitän Henry d’Albaret gerichtete Brief enthielt nur die Mittheilung:

»Im Stabe der Corvette »Syphanta« ist ein Platz zu besetzen. Würde es dem Capitän Henry d’Albaret genehm sein, sich an Bord einzuschiffen und den gegen Sacratif und die Piraten des Archipels begonnenen Zug weiter fortzusetzen?

»Die »Syphanta« wird sich während der ersten Tage des Monats März in der Nähe des Caps Anapomera im Norden der Insel aufhalten und ein Boot derselben wird stets in der Bucht von Ora, am Fuße obigen Caps, bereit liegen.

»Möge der Capitän Henry d’Albaret thun, was ihm sein Patriotismus zu thun eingibt!«.

Eine Unterschrift fand sich ebensowenig, wie ihm die Handschrift bekannt war. Nichts konnte dem jungen Officier auch nur entfernt andeuten, woher dieser Brief wohl käme. Jedenfalls brachte ihm derselbe Nachricht von der Corvette, von der man schon seit einiger Zeit nichts mehr gehört hatte.

Für Henry d’Albaret bot sich damit ferner eine Gelegenheit, zu seinem eigentlichen Berufe als Seemann zurückzukehren. Endlich wurde es ihm möglich, jenen Sacratif zu verfolgen, vielleicht den Archipel von ihm zu befreien, vielleicht auch – und das übte auf seinen Entschluß natürlich keinen unbedeutenden Einfluß – in diesen Gegenden des Meeres Nicolas Starkos mit seiner Sacoleve zu begegnen. Henry d’Albaret’s Entscheidung war also sehr bald getroffen, er wollte den Vorschlag annehmen, der ihm in dem anonymen Briefe gemacht wurde, und als der Oberst Fabvier eben an Bord ging, um nach Syra zurückzusegeln, nahm er noch von diesem Abschied; dann miethete er ein leichtes Boot und begab sich nach der Nordseite der Insel.

Die Fahrt konnte nicht von langer Dauer sein, vorzüglich bei dem eben herrschenden Landwinde, der von Südwesten her wehte. Das Boot kam am Hafen von Coloquinta, zwischen den Inseln Anoffai und dem Cap Pampaca, vorüber. Von diesem Cap aus wendete es sich nach dem von Ora und folgte nun der Küste, um die gleichnamige Bucht zu erreichen.

Hier ging Henry d’Albaret am Nachmittag des 1. März an’s Land.

Am Fuße der Felsen vertaut, schaukelte ein Boot, das seiner wartete; etwas weiter draußen lag eine Corvette aufgebraßt.

»Ich bin der Capitän d’Albaret, begann der junge Officier zu dem Schieman, der das Boot befehligte.

– Will der Herr Capitän Henry d’Albaret sich an Bord begeben? fragte der Schiemann.

– Sofort.«

Das Boot stieß ab. Getrieben von seinen sechs Rudern durchflog es schnell die kleine Entfernung, die dasselbe von der Corvette trennte – höchstens eine Seemeile.

Sobald Henry d’Albaret über die Treppe an Steuerbord mittschiffs an der »Syphanta« erschienen war, ertönte ein langer schriller Pfiff; gleich darauf donnerte ein Kanonenschuß, dem noch zwei andere in kurzen Zwischenräumen folgten. Und in dem Augenblicke, wo der junge Officier zuerst den Fuß auf das Deck des Fahrzeugs setzte, präsentirte die gesammte Mannschaft die Waffen und die Farben Korfus stiegen nach dem Ende der Gaffel empor.

Dann trat der zweite Officier der Corvette vor die Front der Leute und sagte mit lauter Stimme, so daß er Allen verständlich sein mußte:

»Die Officiere und Mannschaften der »Syphanta« schätzen sich glücklich, ihren Befehlshaber Henry d’Albaret an Bord begrüßen zu dürfen!«

Viertes Capitel


Viertes Capitel

Das traurige Haus eines Reichen.

Während die »Karysta« mit einer Bestimmung, welche nur ihr Capitän kannte, nach Norden segelte, trug sich auf Korfu ein Ereigniß zu, welches, wenn es auch nur privater Natur war, doch darum nicht minder die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Hauptpersonen dieser Geschichte lenken sollte.

Bekanntlich wurden die Ionischen Inseln seit 1815, gemäß der Verträge von diesem Jahre, unter englische Schutzherrschaft gestellt, nachdem sie bis 1814 unter der Frankreichs gestanden hatten. Seit 1864 erhielten die Ionischen Inseln ihre Unabhängigkeit wieder und wurden, getheilt in Nomachien, dem Königreich Griechenland zugeschlagen.

Unter dieser Gruppe, welche Cerigo, Zante, Ithaka, Cephalonia, Leukade Naxos und Korfu umschließt, ist letztere Insel die westlichste und auch die bedeutendste. Sie ist das alte Corcyra. Eine Insel, welche einen Alkinous, den edelmüthigen Gastfreund Jason’s und der Medea, zum König hatte, welche später, nach dem trojanischen Kriege, den klugen Ulysses aufnahm, ist wohl berechtigt, in der Geschichte des Alterthums eine hervorragende Stelle einzunehmen. Nachdem um dieselbe die Franken, die Bulgaren, die Saracenen und die Neapolitaner gekämpft, wurde sie im sechzehnten Jahrhundert durch Barbarossa verwüstet, im achtzehnten durch den Grafen Schulemburg in Schutz genommen und nachdem sie gegen Ende der selbständigen Herrschaft noch von dem General Doncelot vertheidigt worden war, diente sie jetzt als Regierungssitz des englischen Ober-Commissärs.

Zu jener Zeit war dieser Ober-Commissär Sir Frederik Adam, der Gouverneur der Ionischen Inseln. In Berücksichtigung der möglichen Zufälle, welche der Kampf der Griechen gegen die Türken herbeiführen konnte, hatte er fortwährend einige Fregatten zur Verfügung, welche den Polizeidienst in den benachbarten Meeren versahen. Es bedurfte wirklich großer, stark bewaffneter Schiffe, um Ordnung zu halten in diesem Archipel, der den Griechen, den Türken, den Inhabern von Caperbriefen ebenso preisgegeben war, wie den eigentlichen Seeräubern, welche kein anderes Ziel kannten, als ganz nach Belieben Fahrzeuge jeder Nationalität zu überfallen und zu plündern.

Wir werden später in Korfu eine ziemliche Anzahl Fremder treffen und darunter vorzüglich solche, welche seit drei bis vier Jahren in Folge der wechselnden Ereignisse im Unabhängigkeitskampfe herangezogen worden waren. Hier in Korfu schifften sie sich ein, um nach dem Kampfplatz zu gelangen, und hier hielten sich auch Andere auf, welche in Folge erlittener Strapazen sich eine längere Zeit der Ruhe gönnen mußten.

Unter den Letzteren ist vorzüglich ein junger Franzose zu nennen. Voll edler Begeisterung für die Sache der Freiheit, hatte er sich schon seit drei Jahren daran thätig betheiligt und bei vielen Ereignissen, deren Schauplatz die Hellenische Halbinsel war, eine hervorragende Rolle gespielt. Henry d’Albaret, Schiffs-Lieutenant der königlichen Marine, einer der jüngsten Officiere seines Grades und jetzt auf unbegrenztem Urlaub, war von Beginn des Krieges an unter die Fahne der französischen Philhellenen eingetreten. Neunundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, von kräftiger Constitution, die ihn befähigte, die Anstrengungen seines Berufes als Seemann zu ertragen, flößte dieser junge Officier durch seinen natürlichen Anstand, durch die Vornehmheit der Erscheinung, den offenen Blick, das wirklich männlich schöne Gesicht Jedermann im ersten Augenblick eine gewisse Theilnahme ein, welche durch längeren vertrauten Umgang nur an Wärme zunehmen konnte.

Henry d’Albaret gehörte einer reichen, ursprünglich aus Paris stammenden Familie an. Seine Mutter hatte er kaum gekannt. Sein Vater war kurz nach der Zeit, wo er mündig wurde, das heißt zwei oder drei Jahre nach seinem Abgang aus der Seemannsschule, gestorben. Herr eines ziemlich beträchtlichen Vermögens, hatte er darin noch keinen Grund gesehen, seinem Seemannsberufe zu entsagen. Im Gegentheil, er blieb seiner Laufbahn – der schönsten, die es auf Erden geben kann – getreu und war Schiffs-Lieutenant geworden, als die griechische Flagge als Feind des türkischen Halbmondes im Norden Griechenlands wie im Peloponnes entfaltet wurde.

Henry d’Albaret zauderte keine Stunde. Wie so viele andere muthige junge Leute, welche diese Bewegung unwiderstehlich mit sich fortriß, schloß er sich den Freiwilligen an, welche von französischen Officieren bis nach den Grenzmarken des östlichen Europas geführt werden sollten. Er gehörte zu den ersten Philhellenen, welche ihr Blut für die Sache der Unabhängigkeit verspritzten Vom Jahre 1822 ab befand er sich unter den ruhmvoll Unterlegenen, welche mit Maurocordato in der Schlacht von Arta besiegt wurden, und ebenso unter den Siegern bei der ersten Belagerung von Missolunghi. Er war dabei, als im folgenden Jahre Marco Botsaris überwältigt wurde. Im Laufe des Jahres 1824 nahm er mit Auszeichnung theil an den Seegefechten, durch welche die Griechen die Siege Mehemet Ali’s rächten. Nach dem Fall von Tripolitza 1825 führte er einen Theil der regulären Truppen unter dem Befehl des Obersten Fabvier. Im Juli 1826 schlug er sich bei Chaidari und rettete da das Leben Andronika Starkos‘, welche die Pferde Kiutagi’s zu zermalmen drohten – in jener schrecklichen Schlacht, welche den Philhellenen so unersetzliche Verluste kostete.

Henry d’Albaret wollte seinen Anführer indeß nicht verlassen, und schloß sich diesem schon bald darauf in Methenä wieder an.

Zu dieser Zeit wurde die Akropolis von Athen von dem Commandanten Gouras, der fünfzehnhundert Mann unter seinem Befehle hatte, vertheidigt. In diese Citadelle hatten sich auch noch fünfhundert Frauen und Kinder geflüchtet, denen es unmöglich gewesen war, zu entkommen, als die Türken sich der Stadt bemächtigten. Gouras besaß Lebensmittel für ein Jahr, ein Material von vierzehn Kanonen und drei Mörsern, sein Schießbedarf ging aber bald zu Ende.

Fabvier beschloß, die Akropolis mit neuen Vorräthen zu versehen. Er rief Freiwillige auf, ihn bei diesem mehr als kühnen Unternehmen zu unterstützen. Fünfhundertunddreißig folgten seinem Aufrufe, unter ihnen vierzig Philhellenen; unter diesen Vierzig und an ihrer Spitze Henry d’Albaret. Jeder dieser verwegenen Parteigänger nahm einen Sack Pulver mit sich, und so schifften sie sich unter der Anführung Fabvier’s in Methenä ein.

Am 13. December landete das kleine Corps fast am Fuße der Akropolis, ein Mondstrahl verrieth sie. Sofort knatterte das Feuer der Türken. Fabvier ruft: »Vorwärts!« Ohne seinen Pulversack im Stich zu lassen, der ihn doch jeden Augenblick in tausend Stücke zu zerreißen droht, durchklettert Mann für Mann den Graben, und so dringen sie durch die geöffneten Thore der Citadelle ein. Die Belagerten werfen die Türken heldenmüthig zurück. Fabvier aber ist verwundet, sein zweiter Officier ist todt und Henry d’Albaret fällt auch, von einer Kugel getroffen. Die regulären Truppen und ihre Anführer waren nun in der Citadelle eingeschlossen mit denen, welchen sie so todesmuthig Hilfe zu bringen unternommen hatten, und die sie jetzt nicht wieder von sich lassen wollten

Hier mußte der junge Officier, der an einer glücklicherweise nicht zu schweren Verletzung daniederlag, das Elend der Belagerten theilen, deren ganze Nahrung sich zuletzt auf magere Rationen Gerste beschränkte. So vergingen sechs Monate ehe die Capitulation der Akropolis, der Kiutagi zustimmte, ihm die Freiheit wiedergab. Erst am 5. Juni 1827 konnten Fabvier, seine Freiwilligen und die Belagerten die Citadelle von Athen verlassen und sich auf bereitliegende Schiffe begeben, welche sie nach Salamis beförderten.

Bei seiner noch andauernden Schwäche wollte Henry d’Albaret nicht in dieser Stadt bleiben und ging deshalb nach Korfu unter Segel. Hier erholte er sich nun seit zwei Monaten von seinen Strapazen und wartete der Stunde, wo er wieder seinen Posten in den vordersten Reihen einnehmen könnte, als der Zufall seinem Leben, das bisher nur das Leben des Soldaten gewesen war, eine neue Triebfeder einfügte.

In Korfu, fast am Ausgange der Strada Reale, lag ein altes unscheinbares Haus von halb griechischem, halb italienischem Aussehen. In diesem Hause wohnte eine Persönlichkeit, welche sich nur wenig zeigte, von der man aber desto mehr sprach. Das war der Banquier Elizundo. Ob der Mann sechzig oder siebzig Jahre zählte, hätte Niemand entscheiden können. Seit etwa zwanzig Jahren verbarg er sich in dieser düsteren Wohnung, welche er fast niemals verließ. Wenn er jedoch nicht herauskam, so statteten ihm dafür eine Menge Leute aus aller Herren Ländern – fleißige Clienten seiner Comptoirs – desto mehr Besuche ab.

Auf jeden Fall wurden in diesem Bankhause sehr umfängliche Geschäfte betrieben, und die Ehrbarkeit desselben stand bei Allen außer Zweifel. Elizundo galt übrigens für ungeheuer reich. Kein Credit auf den Ionischen Inseln bis hinüber zu seinen dalmatinischen Collegen von Zara oder Ragusa hätte sich mit dem seinigen messen können. Eine von ihm acceptirte Tratte war goldeswerth. Er vermied zweifellos auch alle unsicheren Geschäfte, und schien im Gegentheil darin eher etwas zu vorsichtig zu sein, denn er forderte stets die allerbesten Referenzen, wie die vollständigsten Garantien; seine Casse dagegen schien unerschöpflich. Merkwürdiger Weise besorgte Elizundo fast Alles ganz allein und hatte nur einen Mann in seinem Hause, von dem später die Rede sein wird und der die minder wichtigen Schriftstücke aufzusetzen hatte. Er war also gleichzeitig sein eigener Cassier, wie sein eigener Buchhalter. Es gab keinen Vertrag, der nicht von ihm abgefaßt, keinen Brief, der nicht von seiner Hand geschrieben worden wäre. Im eigentlichen Bureau des Comptoirs hatte niemals ein Commis Platz gefunden; das trug natürlich nicht wenig dazu bei, seinem Geschäftsverfahren den Stempel des Geheimnißvollen aufzudrücken.

Bezüglich des Herkommens des Banquiers sagte man wohl, er stamme aus Illyrien oder Dalmatien, doch wußte hierüber Niemand etwas Genaueres. Stumm über seine Vergangenheit und ebenso stumm über die Gegenwart, hielt er sich von der korfiotischen Gesellschaft möglichst fern. Als die Inselgruppe unter Frankreichs Botmäßigkeit gestellt worden war, verlief sein Leben schon ganz in derselben Weise wie später, wo ein englischer Gouverneur die Ionischen Inseln verwaltete. Jedenfalls war das, was man über sein Vermögen fabelte, und welches im Munde der Leute schlechtweg auf Hunderte von Millionen geschätzt wurde, nicht so buchstäblich zu nehmen; er mußte aber reich sein und war gewiß sehr reich, obgleich er in seinen Bedürfnissen und seinem Geschmack nur als höchst bescheidener Mann erschien.

Elizundo war Wittwer und zwar schon, als er sich in Korfu mit seiner damals zweijährigen Tochter niederließ. Jetzt zählte diese Tochter, welche Hadjine hieß, zweiundzwanzig Jahre und lebte, mit der Versorgung des ganzen Haushaltes betraut, mit ihm in eben jener Wohnung.

Ueberall, selbst in jenen Ländern des Orients, wo Frauenschönheit etwas so häufiges ist, würde Hadjine Elizundo als außerordentlich schön gegolten haben, und das trotz des Ernstes ihrer etwas traurigen Physiognomie. Wie hätte diese aber auch anders erscheinen können, inmitten jener Umgebung, in der ihre Kindheit verlaufen war, ohne eine Mutter, sie anzuleiten, ohne eine Gefährtin, mit der sie die ersten mädchenhaften Empfindungen hätte theilen können? Hadjine Elizundo war von mittlerer Größe, aber von höchst graziösem Wuchs. Durch den griechischen Ursprung, den sie ihrer Mutter verdankte, erinnerte sie an den Typus der schönen jungen Frauen von Lakonien, welche nach dieser Richtung alle Frauen des Peloponnes übertreffen.

Zwischen Vater und Tochter herrschte keine besondere Vertrautheit und konnte eine solche nicht herrschen. Der Banquier lebte allein, schweigend oder sehr zurückgezogen, als einer jener Menschen, welche sehr häufig den Kopf wegwenden und die Augen bedecken, als wenn ihnen das Licht wehe thäte. Im privaten Leben ebenso wenig mittheilsam wie im öffentlichen, war er stets, selbst bei allen Verhandlungen mit den Kunden des Hauses, äußerst wortkarg. Wie hätte da Hadjine Elizundo ihrem Leben hinter diesen Mauern einen Reiz abgewinnen können, wo sie innerhalb derselben kaum das Herz ihres Vaters fand!

Zum Glück existirte an ihrer Seite ein seelengutes, ergebenes, liebevolles Wesen, das nur für seine junge Herrin lebte, das mit ihr trauerte, wenn sie betrübt war, und dessen Züge sich aufhellten, wenn es sie lächeln sah. Es ging eben sein ganzes Leben in dem Hadjines auf.

Diese Schilderung könnte auf den Glauben führen, daß es sich hier um einen guten, treuen Hund handle, einen jener »Aspiranten des Menschengeschlechts«, wie Michelet gesagt hat, »dessen treuergebener Freund«, wie Lamartine ihn nennt. Nein, es war nur ein Mensch, der aber verdient hätte, ein Hund zu sein. Er hatte Hadjine gesehen, seit sie das Licht der Welt erblickte, hatte sie niemals verlassen, sie als Kind gewiegt und als junges Mädchen bedient.

Es war das ein Grieche, Namens Xaris, ein Milchbruder der Mutter Hadjines, der dem Banquier nach seiner Verheiratung nach Korfu folgte; jetzt befand er sich also schon über zwanzig Jahre in diesem Hause, in dem er eine, der eines gewöhnlichen Dieners etwas überlegene Stellung einnahm, und half selbst Elizundo, wenn es sich darum handelte, gelegentlich irgend etwas abzuschreiben oder durchzusehen.

Xaris war, wie viele Männer aus Lakonien, von ziemlich hoher Gestalt, breitschulterig und besaß ungeheure Muskelkräfte, dazu ein hübsches Gesicht, schöne Augen, eine lange, gebogene Nase, unter der sich ein prächtiger schwarzer Schnurrbart ausbreitete. Auf dem Kopfe trug er eine Mütze aus dunklem Wollstoff und um die Lenden die elegante Fustanella seines Heimatlandes.

Wenn Hadjine Elizundo ausging, entweder um Wirthschaftseinkäufe zu besorgen oder um sich nach der katholischen Spiridion-Kirche zu begeben, ebenso wenn sie nur ein wenig die erquickende Seeluft genießen wollte, welche bis zu dem alten Hause in der Strada Reale kaum eindrang, so begleitete sie der treue Xaris. Manche junge Korfioten hatten sie so auf der Esplanade oder selbst in den Straßen der Vorstadt Kastrades sehen können, die sich längs der gleichnamigen Bai hinzieht. So mancher derselben hatte bis zu ihrem Vater vorzudringen gesucht. Wer hätte sich auch nicht gefesselt fühlen sollen von der Schönheit des jungen Mädchens und vielleicht auch angelockt von den Millionen des Hauses Elizundo? Auf alle Anträge dieser Art hatte Hadjine jedoch abweisend geantwortet und der Banquier selbst niemals versucht, ihren Entschluß zu beeinflussen. Dennoch hätte der ehrliche Xaris dafür, seine junge Herrin glücklich zu wissen, alles eigene Glück hingegeben, auf das er durch seine Ergebenheit ohne Gleichen sicherlich das größte Anrecht besaß.

So sah es also aus in diesem düsteren traurigen Hause, das vereinsamt in einem Winkel der Hauptstadt des alten Corcyra lag, so war das Innere desselben beschaffen, in welches die Zufälligkeiten seines Lebens Henry d’Albaret einführen sollten.

Zuerst waren es geschäftliche Angelegenheiten, welche den Banquier und den französischen Officier in Verbindung brachten. Bei seinem Weggange von Paris hatte dieser bedeutende Wechsel auf das Haus Elizundo erworben. In Korfu wollte er dieselben einlösen lassen. Von Korfu bezog er selbst fernerhin alles Geld, dessen er als Philhellene bedurfte. Wieder holt kehrte er auch nach der Insel zurück und machte dabei gelegentlich die Bekanntschaft Hadjine Elizundo’s. Die Schönheit des jungen Mädchens hatte ihn gefangen genommen, die Erinnerung an sie begleitete ihn nach allen Schlachtfeldern Moreas und Attikas.

Nach der Uebergabe der Akropolis hatte Henry d’Albaret nichts Besseres zu thun, als sich wieder nach Korfu zu begeben. Seine Wunde war nur unzulänglich verheilt. Die unbeschreiblichen Entbehrungen während der Belagerung hatten seine Gesundheit erschüttert. Obwohl er auf Korfu nicht im Hause des Banquiers Elizundo selbst wohnte, genoß er in demselben doch jeden Tag einige Stunden gastfreundlichen Verkehrs, eine Bevorzugung, deren sich noch kein Fremder hatte rühmen können.

So verlebte Henry d’Albaret nun schon drei Monate. Nach und nach wurden seine Besuche bei Elizundo, welche zuerst nur der Ordnung von geschäftlichen Angelegenheiten galten, für ihn von mehr Interesse und wiederholten sich, wie gesagt, täglich. Hadjine gefiel dem jungen Officier ausnehmend. Ihr selbst konnte das sicherlich nicht entgehen, wenn sie ihn, ganz entzückt sie zu sehen und ihren Worten zu lauschen, neben sich sitzen sah. Ihrerseits wieder hatte sie nichts versäumt, ihm alle Sorgfalt angedeihen zu lassen, welche sein Gesundheitszustand erheischte. Henry d’Albaret mußte sich unter solcher Pflege natürlich besonders wohl fühlen. Auch Xaris machte kein Hehl daraus, wie er sich von dem freimüthigen liebenswürdigen Charakter Henry d’Albaret’s angezogen fühlte, so daß ihm der junge Mann wirklich unentbehrlich wurde.

»Du hast Recht, Hadjine, erklärte er wiederholt gegenüber dem jungen Mädchen, Griechenland ist Dein Vaterland ebenso wie das meinige, und wir dürfen nicht vergessen, daß dieser junge Officier nur deshalb zu leiden hat, weil er für unsere Heimat in den Kampf zog.

– Er liebt mich, gestand sie eines Tages Xaris offen ein. Das sprach das junge Mädchen aber mit derselben Einfachheit aus, die sie bei allen Vorkommnissen zu bewahren pflegte.

– Nun gut, Du mußt Dich von ihm lieben lassen! antwortete Xaris. Dein Vater wird nach und nach alt, Hadjine; ich werde auch nicht ewig da sein…. Wo könntest Du für dieses Leben einen sichreren Beschützer finden, als in Henry d’Albaret?«

Hadjine hatte nicht erwidert. Sie hätte zugestehen müssen, daß sie, wenn sie sich geliebt wußte, ebenso wieder liebte. Eine ganz erklärliche Zurückhaltung nöthigte sie jedoch, diese Empfindung selbst gegenüber Xaris nicht zu offenbaren.

Nachdem die Dinge aber einmal so weit gediehen waren, blieben sie auch der ganzen korfiotischen Gesellschaft nicht lange mehr verborgen. Ehe davon eigentlich die Rede war, sprachen die Leute doch von der zu erwartenden Vermählung des Henry d’Albaret mit Hadjine Elizundo wie von einer ausgemachten Sache.

Wir müssen hierbei bemerken, daß der Banquier die Aufmerksamkeiten des jungen Officiers gegen seine Tochter nicht ungern zu sehen schien. So wie Xaris gesagt hatte, fühlte er das Alter schnellen Schrittes herannahen. So verdorrt sein Herz auch sein mochte, mußte er fürchten, Hadjine im Leben allein stehen zu sehen, obwohl sie bei dem Vermögen, das ihr einst zufiel, gewiß nicht in Noth gerathen konnte. Diese Geldfrage übrigens hatte für Henry d’Albaret niemals ein besonderes Interesse gehabt. Ob die Tochter des Banquiers reich oder arm sei, das kümmerte ihn keinen Augenblick nur im mindesten. Die Liebe, welche er für das junge Mädchen empfand, nährte sich von weit erhabeneren Gefühlen als von so niedrigen Interessen. Er verehrte sie ebenso wegen ihrer Güte, wie wegen ihrer Schönheit. Das war es, was ihm für Hadjine in ihrer traurigen Umgebung eine besondere Theilnahme einflößte; aber er bewunderte sie auch wegen des Adels ihrer Ideen, wegen ihres weiten geistigen Gesichtskreises, ebenso wie wegen des muthigen Herzens, das er ihr, wenn sie je in die Lage käme, es zu beweisen, zutraute.

Um das zu begreifen, brauchte man Hadjine nur über das unterjochte Griechenland und die übermenschlichen Anstrengungen reden zu hören, welche dessen Kinder machten, um es zu befreien. Auf diesem Gebiete mußten sich die beiden jungen Leute selbstverständlich in vollständiger Uebereinstimmung begegnen.

Welche erhebenden Stunden verbrachten sie da, wenn sie von diesen Dingen in griechischer Sprache, welche Henry d’Albaret jetzt so geläufig war, wie seine eigne, unter vier Augen sprachen! Wie fühlten sie doppelt die Freude, wenn ein Erfolg auf dem Meere die Unfälle, deren Schauplatz Morea oder Attika war, auszugleichen schien! Henry d’Albaret mußte dann wohl alle Einzelheiten berichten, von den Kämpfen, an denen er selbst Theil genommen, die Namen der Landeskinder und Fremden aufzählen, welche sich in diesen blutigen Schlachten ausgezeichnet hatten, und ebenso die jener Frauen, denen es Hadjine Elizundo, wenn sie sonst frei gewesen wäre, so gern gleich gethan hätte – jene Bobolina, Modena, Zacharias, Kaïdos, ohne die todesmuthige Andronika zu vergessen, welche der junge Officier aus dem Gemetzel von Chaidari gerettet hatte.

Als Henry d’Albaret eines Tages eben den Namen dieser Frau ausgesprochen hatte, machte Elizundo, der das Gespräch mit anhörte, eine Bewegung, welche die Aufmerksamkeit seiner Tochter erweckte.

»Was hast Du, lieber Vater? fragte sie.

– Nichts,« antwortete der Banquier.

Dann wandte er sich an den jungen Officier mit dem Tone eines Mannes, der möglichst gleichgiltig erscheinen will, und fragte:

»Sie haben diese Andronika gekannt?

– Ja, Herr Elizundo.

– Wissen Sie auch, was aus ihr geworden ist?

– Nein, antwortete Henry d’Albaret, ich glaube, sie wird nach dem Kampfe von Chaidari nach Magne zurückgekehrt sein, wo ihre Heimat ist. An einem oder dem anderen Tage hoffe ich sie aber auf dem Kampfplatz in Griechenland wieder erscheinen zu sehen.

– Ja wohl, flüsterte Hadjine hinzu, da wo sie sein muß!«

Niemand fragte Elizundo, warum er diese Erkundigungen über Andronika eingezogen habe, und er würde gewiß auch nur ausweichend geantwortet haben Seiner Tochter, welche mit den Beziehungen des Banquiers wenig bekannt war, fiel es jedoch nicht wenig auf. Sollte vielleicht irgend welche Verbindung existiren zwischen ihrem Vater und jener Andronika, welche sie so sehr bewunderte?

Was den Unabhängigkeitskrieg betraf, so beobachtete Elizundo vollkommene Zurückhaltung. Welchen Theil seine guten Wünsche begleiteten, ob den der Unterdrücker oder den der Unterdrückten, das hätte man nur schwierig sagen können – wenn er überhaupt der Mann dazu war, für irgend Jemand oder irgend eine Sache Wünsche zu hegen. Sicher ist nur das Eine, daß er durch seinen Courier ebensoviele aus der Türkei wie aus Griechenland abgesandte Briefe erhielt.

Wir heben jedoch ausdrücklich hervor, daß Elizundo dem jungen Officier, obgleich dieser für die Sache der Hellenen die Waffen ergriffen, in seinem Hause einen nicht minder freundlichen Empfang zu theil werden ließ.

Henry d’Albaret konnte seinen Aufenthalt jetzt nicht mehr weiter ausdehnen. Da er sich wieder bei Kräften fühlte, war er auch entschlossen, bis zum Ende durchzuführen, was er als seine Pflicht betrachtete. Er sprach davon auch öfters gegen das junge Mädchen.

»Es ist auch in der That Ihre Pflicht! antwortete Hadjine. Wie bitteren Schmerz mir Ihre Abreise auch bereiten wird, Henry, so sehe ich doch ein, daß Sie von Ihren Waffengefährten nicht länger fern bleiben dürfen. So lange Griechenland seine Freiheit nicht voll und ganz zurückerkämpft hat, gilt es eben für dieselbe zu kämpfen!

– Ich werde abreisen, Hadjine, werde bald aufbrechen, sagte eines Tages Henry d’Albaret, doch wenn ich die Gewißheit mit mir nehmen könnte, daß Sie mich ebenso wieder lieben, wie ich Sie…

– Henry, ich habe keinen Grund, die Gefühle zu verhüllen, die Sie mir einflößen, erwiderte Hadjine. Ich bin kein Kind mehr und ich sehe mit dem gebührenden Ernste in die Zukunft. Ich habe Vertrauen zu Ihnen, fügte sie hinzu, ihm die Hand entgegenstreckend, vertrauen Sie nun auch mir! So wie Sie mich hier zurücklassen, so werden Sie mich bei Ihrer Rückkehr wieder finden!«

Henry hatte warm die Hand gedrückt, die ihm Hadjine als Beweis ihrer Empfindungen reichte.

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen! sagte er. Ja, wir gehören einander… schon jetzt! Und wenn unsere Trennung noch so schmerzlich ist, werd‘ ich doch die Gewißheit mitnehmen, von Ihnen geliebt zu sein!… Doch vor meiner Abreise, Hadjine, will ich noch mit Ihrem Vater sprechen!… Ich will die Ueberzeugung haben, daß er unsere Liebe billigt und daß einst von seiner Seite keine Hindernisse zu erwarten sind.

– Daran werden Sie gut thun, Henry, antwortete das junge Mädchen. Holen Sie sich das Jawort, wie Sie das meinige schon haben.«

Henry d’Albaret durfte mit der Verwirklichung dieses Vorhabens nicht lange zögern, denn er war entschlossen, bald unter den Befehl des Obersten Fabvier zurückzukehren.

Leider nahmen die Dinge für die Sache der Unabhängigkeit einen immer ungünstigeren Verlauf. Die Londoner Convention hatte noch keine merkbaren Erfolge gehabt, und man konnte wohl auf die Vermuthung kommen, daß die Mächte sich gegenüber dem Sultan nur auf gute Rathschläge, folglich nur auf eine sehr platonische Einmischung beschränken dürften.

Verblendet durch ihre Erfolge, schienen die Türken nicht im geringsten geneigt, auf ihre Forderungen zu verzichten. Obwohl jetzt zwei Geschwader, ein englisches, geführt von dem Admiral Codrington, und ein französisches, unter dem Befehl des Admirals de Rigny, im Aegäischen Meere kreuzten, und obwohl die griechische Regierung jetzt nach Aegina übergesiedelt war, um dort den Kampf in größerer Sicherheit zu leiten, lieferten die Türken doch unausgesetzt Beweise von einer Hartnäckigkeit, welche sie zu furchtbaren Gegnern machte.

Das begreift sich übrigens, wenn man bedenkt, daß der Hafen von Navarin seit dem 7. September eine Flotte von zweiundneunzig ottomanischen, ägyptischen und tunesischen Schiffen aufgenommen hatte. Diese Flotte überbrachte hierher ein ungeheures Kriegsmaterial, welches Ibrahim zu einer, von ihm vorbereiteten Expedition gegen die Hydrioten benutzen wollte.

Gerade in Hydra hatte Henry d’Albaret beschlossen, sich der Schaar der Freiwilligen wieder anzuschließen. Diese am Ende von Argolis gelegene Insel ist eine der reichsten des ganzen Archipels. Nachdem dieselbe mit Blut und mit Geld so viel gethan für die Sache der Hellenen, welche die kühnen Seeleute Tombasis, Miaulis Tsamados und Andere vertheidigten, die die türkischen Capitäne vor Allen fürchteten, sah sie sich jetzt von der schrecklichsten Wiedervergeltung bedroht.

Henry d’Albaret durfte also nicht zögern, Korfu zu verlassen, wenn er auf Hydra den Söldnern Ibrahim’s noch zuvorkommen wollte. So wurde denn seine Abreise endgiltig auf den 21. October festgesetzt.

Einige Tage vorher fand sich der junge Officier, wie verabredet, bei Elizundo ein und bat um die Hand seiner Tochter. Er verhehlte ihm nicht, daß auch Hadjine sich glücklich fühlen würde, wenn er seinem Gesuche willfahre. Uebrigens handelte es sich vorläufig nur um seine Zustimmung, da an eine Vermählung erst nach der Rückkehr Henry d’Albaret’s zu denken war. Seine Abwesenheit sollte indeß aller Voraussicht nach nicht allzulange währen.

Der Banquier kannte die Verhältnisse des jungen Officiers, den Bestand seines Vermögens, die hohe Achtung, deren seine Familie sich in Frankreich erfreute. Nach dieser Seite brauchte er von ihm also keine weiteren Erklärungen zu verlangen. Was ihn selbst anging, so war auch seine Ehrenhaftigkeit niemals angezweifelt, und nie hatte sich über sein Haus ein ungünstiges Licht verbreitet. Da ihm Henry d’Albaret über seine Vermögensverhältnisse nicht sprach, bewahrte er auch Stillschweigen über die seinigen. Den Antrag selbst betreffend, antwortete er, daß ihm derselbe angenehm sei.

Diese Verbindung werde ihn nur glücklich machen können, da sie das Glück seiner Tochter gewährleiste.

Alles das wurde sehr kühl besprochen, die Hauptsache blieb jedoch, daß es überhaupt der Fall war. Henry d’Albaret besaß nun das Wort Elizundo’s, und als Belohnung dafür erhielt der Banquier von seiner Tochter den heißesten Dank, den er jedoch mit gewohnter Zurückhaltung entgegennahm.

Alles schien sich also zur größten Befriedigung der jungen Leute zu gestalten, und, es verdient das bemerkt zu werden, auch zu der des getreuen Xaris. Dieser vortreffliche Mann weinte fast wie ein Kind und hätte am liebsten den jungen Officier an die Brust gedrückt.

Henry d’Albaret blieb indeß nur wenig Zeit noch übrig, bei Hadjine Elizundo zu verweilen. Er hatte sich auf einer levantinischen Brigg einen Platz gesichert, und diese Brigg sollte Korfu mit der Bestimmung nach Hydra am 21. d. Mts. verlassen.

Wie sich die letzten Tage gestalteten, die er in dem Hause der Strada Reale verlebte, das bedarf wohl keiner eingehenden Schilderung.

Henry d’Albaret und Hadjine verließen sich kaum eine Stunde. Plaudernd saßen sie in dem niederen Saale des Erdgeschosses der düsteren Wohnung. Der Adel ihrer Empfindungen verlieh diesen Unterhaltungen einen eigenen Reiz, der den sonst ernsten Ton derselben wohlthätig milderte. Sie sagten sich, daß die Zukunft doch ihnen gehöre, wenn ihnen die Gegenwart auch sozusagen entfliehe. Dieser Gegenwart wollten sie also muthig in’s Auge blicken. Beide erwogen ebenso die günstigen wie die ungünstigen Aussichten, aber ohne Entmuthigung, ohne Schwäche. Und wenn sie so sprachen, begeisterten sie sich nur mehr und mehr für die Sache, der Henry d’Albaret sich von Neuem zu widmen im Begriffe stand.

Eines Abends, am 20. October, sagten sie sich das zum letzten Male, wenn auch mit etwas mehr Erregung als sonst. Am folgenden Tage sollte der junge Officier wieder nach dem Kriegsschauplatze abreisen.

Plötzlich stürmte Xaris in den Saal. Er konnte nicht sprechen; er keuchte, so schnell war er gelaufen. Binnen wenigen Minuten hatten ihn seine kräftigen Beine durch die ganze Stadt, von der Citadelle bis zum Ende der Strada Reale hergetragen.

»Nun, was willst Du?… Was hast Du, Xaris? Warum diese Aufregung? fragte Hadjine.

– Ich habe… ich bringe… eine Neuigkeit!… Eine wichtige… eine große Neuigkeit!

– So sprich doch… sprich… Xaris! drängte ihn jetzt Henry d’Albaret, der nicht wußte, ob er eine freudige oder eine betrübende Nachricht hören sollte.

– Ich kann nicht!… Ich kann nicht! antwortete Xaris, der vor Erregung fast zu ersticken schien.

– Handelt sich’s denn um eine Kriegsnachricht? fragte das Mädchen, ihn an der Hand ergreifend.

– Ja… ja!

– So rede doch! wiederholte sie. Rede doch, mein wackerer Xaris!

– Was ist denn geschehen?

– Die Türken… heute geschlagen… bei Navarin!«

So vernahmen Henry d’Albaret und Hadjine die Neuigkeit von der Seeschlacht am 20. October.

Durch den Lärm beim Hereinstürmen Xaris‘ herbeigelockt, betrat eben auch der Banquier Elizundo den Saal. Als er erfuhr, um was es sich handle, preßten sich unwillkürlich seine Lippen aufeinander, seine Stirn runzelte sich, aber er gab weder ein Zeichen von Befriedigung noch von Mißvergnügen zu erkennen, während die beiden jungen Leute den überströmenden Gefühlen ihrer Herzen freien Lauf ließen.

Die Nachricht von der Schlacht bei Navarin war eben in Korfu eingetroffen. Kaum hatte sie sich in der ganzen Stadt verbreitet, so kannte man auch schon viele Einzelheiten derselben, welche durch die optischen Telegraphen von der albanesischen Küste her übermittelt worden waren.

Das englische und das französische Geschwader, dem sich auch noch ein russisches angeschlossen hatte, zusammen siebenundzwanzig Schiffe mit zwölfhundert sechsundsiebenzig Kanonen, hatten die ottomanische Flotte angegriffen, indem sie sich gewaltsam einen Weg durch den Eingang des Golfes von Navarin öffneten.

Obwohl die Türken in der Uebermacht waren, denn sie hatten sechzig Schiffe jeder Größe, ausgerüstet mit neunzehnhundertvierundneunzig Kanonen zur Hand, mußten sie doch gründlich unterliegen. Mehrere Schiffe derselben wurden in den Grund geschossen, andere sprangen mit einer großen Anzahl von Officieren und Mannschaften in die Luft. Ibrahim konnte von der Seemacht des Sultans also nicht erwarten, ihn bei seinem Zuge gegen Hydra zu unterstützen.

Hiermit hatte sich eine höchst entscheidende Thatsache vollzogen; von diesem Zeitpunkte an nahm die Sache Griechenlands eine neue, bessere Wendung.

Wenn die drei Mächte auch im Voraus darüber einig waren, ihren Sieg nicht bis zu einer völligen Vernichtung der Pforte auszunützen, so schien es doch ausgemacht, daß sie dem Wunsche zustimmten, das Land der Hellenen der ottomanischen Gewalt zu entreißen, und ebenso gewiß, daß sie nach kürzerer oder längerer Zeit die volle Selbständigkeit des neuen Königreichs anerkennen würden.

Derlei Anschauungen herrschten auch im Hause des Banquiers Elizundo. Hadjine, Henry d’Albaret und Xaris hatten vor Freude in die Hände geklatscht, und ihr Jubel fand ein Echo in der ganzen Stadt. Die Unabhängigkeit war es, was der eherne Mund der Kanonen vor Navarin verkündet hatte.

Durch diesen Seesieg der alliirten Mächte wurden die Absichten des jungen Officiers zunächst tiefgreifend beeinflußt. Die türkische Seemacht war durch jene so gut wie aus der Welt geschafft. Ibrahim mußte in Folge dessen darauf verzichten, den gegen Hydra geplanten Feldzug auszuführen. In der That war von einem solchen auch nicht weiter die Rede.

Das zog denn folgerichtig eine Aenderung der Projecte Henry d’Albaret’s, wie er diese vor dem 20. October aufgestellt hatte, nach sich. Zunächst erschien es nicht mehr nothwendig zu den Freiwilligen zu stoßen, welche den Hydrioten schon zu Hilfe geeilt waren. Er beschloß demnach, in Korfu zunächst die Ereignisse abzuwarten, welche sich als natürliche Folgen der Schlacht von Navarin ergeben würden.

Auf jeden Fall konnte das Schicksal Griechenlands jetzt nicht mehr zweifelhaft sein. Europa würde seine Vernichtung nicht zugeben. Binnen kurzem mußte der Halbmond auf der ganzen Hellenischen Halbinsel der Fahne der Unabhängigkeit Platz gemacht haben. Und selbst Ibrahim, der sich jetzt schon darauf beschränkt sah, das Centrum und die Küstenstädte des Peloponnes unter seiner Gewalt zu halten, würde sich endlich gezwungen sehen, dieselben zu verlassen.

Henry d’Albaret wußte zunächst nicht, nach welchem Punkte der Halbinsel er sich wenden sollte. Zwar bereitete sich der Oberst Fabvier gewiß vor, von Mitylená aufzubrechen, um die Türken auf der Insel Scio zu bekämpfen; seine Vorbereitungen aber waren noch nicht vollendet und nahmen gewiß noch einige Zeit in Anspruch. Unter diesen Verhältnissen wäre also eine übereilte Abreise mindestens zwecklos gewesen. In dieser Weise beurtheilte der junge Officier die Sachlage, und Hadjine stimmte mit ihm darin völlig überein. Damit fiel auch jeder Grund weg, die Vermählung weiter aufzuschieben, vorzüglich da Elizundo selbst gegen die Beschleunigung derselben nichts einzuwenden hatte. In Folge dessen wurde dieselbe nach zehn Tagen, das heißt gegen Ende des Monats October, in Aussicht genommen.

Wir brauchen wohl nicht dabei zu verweilen, welche Empfindung die Annäherung ihrer Vereinigung in den Herzen der beiden Verlobten erweckte. Nun war von keinem Aufbruche zu diesem Kriege, in dem Henry d’Albaret doch das Leben hätte einbüßen können, mehr die Rede; nichts mehr von jenem schmerzlichen Harren, während dessen Hadjine Tage und Stunden gezählt hätte. Wenn überhaupt möglich, war Xaris der Allerglücklichste im ganzen Hause. Selbst wenn es sich um seine eigene Heirat gehandelt hätte, würde er seine Freude nicht ausdrucksvoller haben zu erkennen geben können. Trotz seiner gewohnten Zugeknöpftheit zeigte selbst der Banquier eine vollständige Befriedigung – die Zukunft seiner Tochter war ja gesichert.

Man kam dahin überein, daß Alles möglichst geheim gehalten werden sollte, da es doch zwecklos schien, die ganze Stadt zu der bevorstehenden Ceremonie einzuladen. Weder Hadjine noch Henry d’Albaret gehörten zu den Leuten, die für ihr Glück möglichst viele Zeugen brauchen. Immerhin verlangte die Hochzeit doch einige Vorbereitungen, und diese wurden sofort eifrig in Angriff genommen.

Jetzt war es der 23. October; es fehlten also nur noch sieben Tage bis zur Feier der Vermählung, und es schien nicht so, als ob noch irgend ein Hinderniß zu erwarten, irgend eine Verzögerung zu fürchten wäre. Und doch sollte sich noch etwas ereignen, was Hadjine und Henry d’Albaret lebhaft beunruhigt haben müßte, wenn sie davon Kenntniß gehabt hätten.

An genanntem Tage fand Elizundo unter seinen Postsendungen einen Brief, dessen Inhalt ihn wie ein Donnerschlag traf. Er zitterte, zerriß und verbrannte denselben – was bei einem Manne, der sich sonst so sehr zu beherrschen vermochte, wie der Banquier, auf eine sehr tiefe Erregung hindeutete.

Ein Lauscher hätte ihn können die Worte murmeln hören:

»Warum konnte dieser Brief nicht acht Tage später eintreffen! Verwünscht die Hand, die ihn geschrieben hat!«

Fünftes Capitel


Fünftes Capitel

Die messenische Küste.

Nachdem die »Karysta« Vitylo verlassen, segelte sie die ganze Nacht hindurch in südwestlicher Richtung, um schräg durch den Golf von Coron zu gelangen. Nicolas Starkos hatte sich in seine Cabine verfügt, aus der er vor Anbruch des Tages nicht wieder hervorkommen sollte.

Der Wind war günstig – eine jener frischen Südost-Brisen, welche über diesen Meeren zu Ende des Sommers und zu Anfang des Frühlings, wenn sich die Dunstmassen des Mittelmeeres zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen in Regen auflösen, vorwiegend herrschen.

Gegen Morgen wurde das Cap Gallo am untersten Ende Messeniens umschifft, und die höchsten Gipfel des Taygetos, welche dessen steile Abhänge überragen, verschwammen bald in dem Morgendufte bei Aufgang der Sonne.

Als man an der Spitze des Caps vorübergekommen, erschien Nicolas Starkos wieder auf dem Deck der Sacoleve. Sein erster Blick schweifte nach Osten. Das Land von Magne war nicht mehr sichtbar. Nach der Seite desselben hin erhoben sich jetzt die mächtigen Ausläufer des Hagios-Dimitrios-Berges, ein wenig nach rückwärts von jenem Vorgebirge.

Einen Augenblick lang streckte sich der Arm des Capitäns in der Richtung nach Magne hin aus. Niemand hätte sagen können, ob er mit dieser Bewegung eine Drohung oder ein der Heimat zugesendetes letztes Lebewohl ausdrücken wollte; der Blick freilich, mit dem er dieselbe begleitete, versprach nicht viel Gutes.

Unter dem Drucke ihrer Raa- und ihrer lateinischen Segel wendete sich die Sacoleve mit Steuerbordhalsen jetzt nach Nordwesten. Da der Wind vom Lande herwehte, boten sich ihr die günstigsten Bedingungen zu schnellem Vorwärtskommen.

Die »Karysta« ließ die Inseln Oenusses, Cabrera, Sapienza und Venetico zur Linken und steuerte geraden Weges durch die Wasserstraße, welche Sapienza vom Festlande trennt, um in Sicht von Modon zu gelangen.

Vor derselben entrollte sich nun die messenische Küste mit ihrem herrlichen Gebirgspanorama, welches deutlich einen vulkanischen Charakter zeigt. Dieses Messenien war nach endgiltiger Wiederaufrichtung des Königreichs bestimmt, eine der dreizehn Nomachien (Regierungsbezirke) zu bilden, aus denen das neue Griechenland nach dem Wiederanschlusse der Ionischen Inseln besteht. Zu jener Zeit bildete es freilich nur einen der zahlreichen Schauplätze des Kampfes, der sich je nach den Erfolgen der Heereshaufen einmal in den Händen Ibrahim’s und dann wieder in denen der Griechen befand, wie es früher der Schauplatz der drei messenischen, gegen die Spartaner geführten Kriege war, aus denen die Namen eines Aristomenes und eines Epaminondas besonders glänzend hervorleuchten.

Ohne nur ein Wort zu äußern, setzte sich Nicolas Starkos, nachdem er mit Hilfe des Compasses den Curs der Sacoleve bestimmt und den Zustand der Witterung beobachtet hatte, auf dem Hinterdeck ruhig nieder.

Inzwischen wurden auf dem Verdeck der »Karysta« zwischen der alten Mannschaft derselben und den in Vitylo neu angeworbenen Leuten mancherlei Gespräche geführt. Es waren im Ganzen einige zwanzig Mann unter einem Hochbootsmann, der sie nach den Anordnungen des Capitäns befehligte. Der zweite Officier der Sacoleve befand sich nämlich nicht an Bord.

Meist drehten sich die Gespräche natürlich um den Curs, den die »Karysta«, welche immer längs der Küsten Griechenlands hinfuhr, einschlagen werde. Die Fragen gingen dabei selbstverständlich von den Neulingen, die Antworten von den Leuten der alten Besatzung aus.

»Er spricht nicht gerade viel, der Capitän Starkos!

– So selten als möglich; aber wenn er spricht, hat’s auch Sinn und Verstand, dann gilt es, ihm zu gehorchen.

– Und wohin geht die »Karysta?«

– Niemand weiß woher, wohin sie segelt.

– Zum Teufel auch! Wir haben uns auf Treu‘ und Glauben anwerben lassen, und es kommt darauf eigentlich also gar nichts an!

– Richtig; und Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß der Capitän uns nur dahin führt, wo eine Nothwendigkeit dafür vorliegt.

– Mit den beiden kleinen Caronaden des Vordercastells kann die »Karysta« aber doch nimmermehr wagen, auf Handelsschiffe des Archipels Jagd zu machen?

– Sie ist auch gar nicht zur Seeräuberei bestimmt. Der Capitän Starkos hat noch andere, wohl bewaffnete und zur Caperei ausgerüstete Schiffe. Die »Karysta« ist sozusagen nur seine Lustyacht. Ihr seht ja auch, welch‘ unschuldiges Aussehen sie hat, ganz geeignet, die englischen, französischen, griechischen und türkischen Kreuzer zu täuschen.

– Aber den Beuteantheil…

– Den erhalten Diejenigen, welche Beute machen, und Ihr werdet auch dazu gehören, wenn die Sacoleve ihren Zug erst beendigt hat. Ihr werdet die Hände schon nicht in den Schoß zu legen haben, und wenn dabei Gefahr ist, so entspricht dem doch auch der Lohn.

– Also ist in den Nachbarmeeren Griechenlands und der Inseln jetzt gar nichts zu thun?

– Nichts… ebensowenig im Adriatischen Meere, wenn’s dem Capitän einfiele, uns nach diesem hin zu führen. Bis auf weiteren Befehl sind wir vorläufig also höchst ehrbare Seeleute auf der ebenso ehrbaren Sacoleve, welche in voller Unschuld auf dem Ionischen Meere schaukelt. Doch das wird sich ändern!

– Und je eher es geschieht desto besser!«

Der Leser ersieht hieraus, daß die Neuangeworbenen ganz wie die älteren Mannschaften der »Karysta« nicht die Leute dazu waren, vor irgend einer Aufgabe, mochte diese sein, welche sie wollte, zurückzuschrecken. Nach Scrupeln, Gewissensbissen, ja, nur nach einfachen Bedenken brauchte man bei der ganzen seefahrenden Bevölkerung von Magne überhaupt nicht zu suchen. In der That, sie waren dessen, der sie befehligte, vollkommen würdig, und dieser wußte auch, daß er auf sie zählen konnte.

Wenn die Vityliner aber auch den Capitän Starkos kannten, so kannten sie doch nicht seinen zweiten Officier, der gleichzeitig Seeofficier und Geschäftsmann war – mit einem Worte, seinen ihm mit Leib und Seele verbundenen Helfershelfer. Es war das ein gewisser Skopelo, gebürtig aus Cerigotto, einer kleinen übelberüchtigten Insel an der südlichen Grenze des Archipels zwischen Cerigo und Kreta. Einer der Neuangeworbenen wendete sich deshalb an den Hochbootsmann.

»Und der zweite Officier? fragte er.

– Der zweite Officier ist nicht an Bord, lautete die Antwort.

– Wir werden ihn gar nicht zu sehen bekommen?

– Doch.

– Und wann?

– Wenn sein Erscheinen nothwendig ist.

– Doch wo ist er?

– Wo er sein muß!«

Mit dieser Erwiderung, welche gar nichts sagte, mußten sich die Leute zufrieden geben. Eben ertönte auch die Pfeife des Hochbootsmanns, welche alle Mann zum Nachziehen der Schoten aufrief, und damit fanden die Gespräche auf dem Vorderdeck ein plötzliches Ende.

Es galt jetzt nämlich, ein wenig gegen den Wind anzuluven, um in der Entfernung einer Meile längs der messenischen Küste hinzusegeln. Gegen Mittag kam die »Karysta« in Sicht von Modon vorüber; das war jedoch ihr Bestimmungsort nicht. Sie sollte also auch nicht bei der kleinen, auf den Ruinen des alten Methone erbauten Stadt vor Anker gehen, welche auf dem Ende eines nach der Insel Sapienza gerichteten Vorgebirges liegt. Hinter einer scharfen Ecke der steilen, steinigen Uferwand verschwand auch bald der Leuchtthurm, der sich am Eingange des wenig besuchten Hafens erhebt.

Vom Bord der Sacoleve war inzwischen ein Signal gegeben worden. Ein schwarzer Wimpel mit blutrothem Halbmond darin stieg nach dem Ende der großen Raa hinaus. Vom Lande her erfolgte keine Antwort, deshalb wurde der Weg nach Norden weiter fortgesetzt.

Gegen Abend erreichte die »Karysta« den Eingang der Rhede von Navarin, eine Art Salzsee, der von einem Rahmen hoher Berge umkränzt ist. Einen Augenblick lang war die Stadt, überragt von dem Mauerwerk ihrer Citadelle, durch das Thor eines gewaltigen Felsens sichtbar. Hier befand sich das Ende des natürlichen Hafendammes, der die Wuth der Nordweststürme bricht, welche aus dem langen Schlauche des Adriatischen Meeres über das Ionische Meer dahinbrausen.

Noch vergoldete die untergehende Sonne die Gipfel der letzten Höhen im Osten; auf der geräumigen Rhede herrschte dagegen schon tiefes Dunkel.

Dieses Mal hätte die Besatzung glauben können, die »Karysta« werde in Navarin an’s Land gehen. Sie segelte geraden Weges nach der Meerenge von Megalo-Thuro im Süden der kleinen Insel Sphacteria, welche sich etwa viertausend Meter weit hin erstreckt. Hier erhoben sich schon zwei, zu Ehren edler Opfer des Krieges errichtete Gräber, das des französischen Capitäns Mallet, der 1825 den Heldentod fand, und im Grunde einer Grotte das des Grafen Santa Rosa, eines italienischen Philhellenen und früheren Ministers von Piemont, der in demselben Jahre für die nämliche Sache fiel.

Als die Sacoleve nur noch zehn Fadenlängen von der Stadt entfernt war, legte sie sich quer mit dem Klüver im Winde. Am Ende der großen Raa stieg jetzt eine rothe Laterne, wie vorher der schwarze Wimpel, empor. Auch auf dieses Signal erfolgte keine Antwort.

Die »Karysta« hatte also nichts zu thun auf dieser Rhede, welche jetzt eine sehr große Anzahl türkischer Schiffe belebte. Sie manövrirte also in der Weise, um an der weißen, ziemlich in der Mitte gelegenen Insel Kuloneski vorüberzukommen. Dann wurden auf Commando des Steuermanns die Schoten ein wenig nachgelassen und das Ruder nach Steuerbord umgelegt, wodurch das Schiff sich wieder dem Strande von Sphacteria näherte.

Auf jener Insel Kuloneski waren zu Anfang des Krieges im Jahre 1823 mehrere hundert Türken von den Griechen überrascht und gefangen genommen worden, und hier starben sie eines elenden Hungertodes, obgleich sie sich nur auf das Versprechen hin ergeben hatten, daß sie nach ottomanischem Boden übergeführt würden.

Später, als Ibrahim im Jahre 1825 Sphacteria angriff, welches Maurocordato persönlich vertheidigte, wurden hier zur Wiedervergeltung nicht weniger als achthundert Griechen erbarmungslos niedergemetzelt.

Die Sacoleve wandte sich also nach der Straße von Sikia, welche im Norden der Insel, zwischen ihrer Nordspitze und dem Vorgebirge Coryphasion, eine Breite von nur zweihundert Metern hat. Wer sich in diesen Canal wagt, muß denselben sehr genau kennen, denn er ist fast unbrauchbar für Schiffe, welche einen einigermaßen größeren Tiefgang haben.

Nicolas Starkos aber glitt sicher, wie ihn nur der beste Lootse der Rhede geführt haben könnte, an den zerrissenen Felsen der Inselspitze vorüber und segelte um das Vorgebirge Coryphasion. Als er dann draußen im freien Wasser mehrere Geschwader ankommen sah – etwa dreißig englische, französische und russische Schiffe – ging er diesen klüglich aus dem Wege und hielt sich die Nacht über längs der messenischen Küste, glitt zwischen dem Festlande und der Insel Prodana hin, und mit anbrechendem Morgen folgte die Sacoleve, unterstützt von frischer Südostbrise, den Einbuchtungen des Küstenlandes auf den friedlichen Gewässern des Golfs von Arkadia.

Jetzt stieg die Sonne über den Gipfel des Ithome empor, von dem aus das Auge, nachdem es die Lage des alten Messene umfaßt, sich nach der einen Seite in dem Golfe von Coron und auf der anderen Seite in dem Golfe verliert, dem die Stadt Arkadia den Namen gegeben hat. Auf weite Flächen hin, welche die Brise mit den ersten Strahlen der Sonne leicht kräuselte, leuchtete das Meer in wundervollem Glanze.

Von Tagesanbruch an manövrirte Nicolas Starkos so, daß er möglichst nahe in Sicht der Stadt vorüberkam, welche in einer der, hier eine weite offene Rhede bildenden Einsenkungen der Küste lag.

Gegen zehn Uhr erschien der Obersteuermann der Sacoleve auf dem Hinterdeck derselben und nahm, als erwarte er einen Befehl, neben dem Capitän Stellung.

Jetzt zeigte sich dem Blicke die ganze ungeheure Linie der Gebirge von Arkadien im Osten. Inmitten dichter Wälder von Oliven, Mandelbäumen und Weingeländen verlorene Dörfer, glitzernde Bäche, die nach irgend einer größeren Wasserader murmelnd hinunterrauschten und da und dort zwischen Myrthen- und Olivengebüsch sichtbar wurden. Ferner auf allen Höhen, und zwar nach allen Himmelsrichtungen, auf jeder Seite derselben jene berühmten Weinstöcke von Korinth, welche keinen Zoll breit Boden frei ließen; darunter auf den ersten Hügelterrassen die rothen Häuser der Stadt, welche großen Stücken auf einem Hintergrunde von Cypressen ausgebreiteten Flaggentuchs glichen, so entrollte sich dem Beschauer das prächtige Panorama einer der malerischesten Küstenstrecken des Peloponnes.

Bei weiterer Annäherung an Arkadia, das alte Kyparissia, zur Zeit des Epaminondas der Haupthafen Messeniens, später, nach den Kreuzzügen, eines der Lehen des Franzosen Ville Hardouin, bot dasselbe freilich einen ziemlich trostlosen Anblick, der Jeden schmerzlich berühren muß, welchem noch Achtung vor großen historischen Erinnerungen innewohnt.

Vor nun zwei Jahren hatte Ibrahim nämlich die Stadt verwüstet und alle Kinder, Frauen und Greise in derselben hingemordet. Jetzt lag das auf der Stelle des alten Akropolis erbaute Schloß in Ruinen, in Ruinen auch ihre Kirche zum heiligen Georg, welche fanatische Muselmanen zerstört hatten, ebenso wie die meisten Wohnhäuser und öffentlichen Gebäude.

»Da sieht man, daß unsere Freunde, die Aegypter, hier gehaust haben! murmelte Nicolas Starkos, in dessen Herzen sich gegenüber diesem Bilde entsetzlicher Zerstörung keine Faser regte.

– Und jetzt sind die Türken Herren des Platzes, antwortete der Obersteuermann.

– Ja… für lange Zeit… und sogar, wir wollen es wenigstens hoffen, für immer, setzte der Capitän hinzu.

– Soll die »Karysta« hier anlegen oder segeln wir vorüber?«

Nicolas Starkos betrachtete aufmerksam den Hafen, von dem er nur wenige Kabellängen entfernt war. Dann richteten sich seine Blicke auf die, eine Meile weiter rückwärts, auf einem Ausläufer des Psykhro-Berges liegende Stadt selbst. Er schien unentschlossen, was er thun solle, und zweifelte also, ob er am Molo von Arkadia vor Anker gehen oder wieder in die offene See hinauslaufen solle.

Der Obersteuermann wartete noch immer auf die Beantwortung seiner an den Capitän gerichteten Frage.

»Gebt das Signal!« befahl endlich Nicolas Starkos.

Der rothe Wimpel mit dem silbernen Halbmond wurde wieder am Ende der Großraa gehißt und flatterte bald in der Luft.

Wenige Minuten später stieg ein ganz ähnlicher Wimpel auf der Spitze eines am Eingange des Hafens errichteten Mastes empor.

»An’s Land gehen!« rief der Capitän.

Das Steuer wurde umgelegt und die Sacoleve wendete nach dem Hafen zu. Nachdem dessen engerer Eingang passirt war, lief das Schiff rasch weiter. Dann erst wurden die Focksegel gereeft, nachher das Großsegel, und die »Karysta« glitt ruhig und langsam durch die Fahrstraße hin, ja, sie wäre schon ohne Beihilfe eines Segels bis in die Mitte des Canals gelangt. Hier ließ sie den Anker sinken, und die Matrosen beschäftigten sich mit den verschiedenen Manövern, welche eine Landung mit sich führt. Sobald das Fahrzeug stand, wurde auch schon ein Boot herabgelassen, in dem der Capitän sich einschiffte. Getrieben von vier Rudern, stieß dasselbe bald an eine kleine, aus dem steinernen Hafendamme ausgesparte Treppe. Dort wartete schon ein Mann, der den Capitän willkommen hieß, mit den Worten:

»Skopelo harrt der Befehle Nicolas Starkos‘!«

Eine vertrauliche Handbewegung bildete die einzige Antwort des Capitäns. Er ging voraus und stieg den Hügelabhang empor, um die ersten Häuser der Stadt zu erreichen. Nachdem er die von der letzten Belagerung herrührenden Ruinen inmitten der von türkischen und arabischen Soldaten vollgestopften Gassen durchschritten, blieb er vor einem ziemlich wohlerhaltenen Gasthofe, dessen Schild einen Minervakopf zeigte, einen Augenblick stehen und trat dann, gefolgt von seinem Begleiter, daselbst ein.

Eine Minute später hatten sich der Capitän Starkos und Skopelo in einem Zimmer niedergelassen und vor ihnen stand eine Flasche Raki, das ist ein starker, aus Goldwurz gezogener Branntwein. Aus hellem, wohlriechendem Tabak von Missolunghi wurden Cigarretten gerollt, angezündet und geraucht, dann erst begann ein Gespräch zwischen beiden Männern, deren Einer sichtlich den ergebenen Diener des Anderen zu spielen schien.

Skopelo hatte eine gemeine, vorsichtige, aber jedenfalls verschmitzte Physiognomie. Er zählte jetzt fünfzig Jahre, erschien aber auf den ersten Blick unbedingt noch älter. Sein Gesicht glich etwa dem eines Pfandleihers, zeigte kleine, falsche aber lebhafte Augen, eine gebogene Nase, die Hände hakenartig gekrümmte Finger; dazu hatte er sehr große Füße, auf welche man hätte anwenden können, was man von den Füßen der Albanesen sagt: »Wenn die große Zehe in Macedonien ist, steht die Ferse noch in Böotien«. Das runde Gesicht zeigte keinen Schnurrbart, sondern nur einen fast grauen Ziegenbart am Kinn. Der stark entwickelte Kopf war auf der Schädelwölbung schon kahl, der Körper mager und die Gestalt nur von mittlerer Größe.

Dieser Typus eines arabischen Juden, doch eines solchen von christlicher Herkunft, trug sehr einfache Kleidung, nämlich Weste und Jacke nach Art der levantinischen Matrosen, die sich unter einem weiteren Ueberrock verbargen.

Skopelo war ganz der geeignete Geschäftsmann, wie ihn die Piraten des Archipels zur Wahrnehmung ihrer Interessen brauchten; er erwies sich höchst geschickt, jede Art Beute zu verwerthen, ebenso wie bezüglich des Verkaufs der nach den türkischen Märkten gelieferten Gefangenen, welche nach den Barbareskenstaaten übergeführt wurden.

Welcher Art das Gespräch zwischen Nicolas Starkos und Skopelo war, um welche Gegenstände sich dasselbe handelte, die Anschauungsweise, welche Beide bezüglich der letzten Kriegsereignisse an den Tag legten, wie der Vortheil, den sie daraus zu ziehen gedachten, alles das könnte man wohl leicht genug errathen.

»Wie steht’s in Griechenland? fragte der Capitän.

– Etwa ebenso wie zur Zeit als Sie es verließen, antwortete Skopelo. Die »Karysta« kreuzt ja wohl nun länger als einen Monat an den Küsten von Tripolis, und wahrscheinlich haben Sie seit Ihrer Abfahrt nur sehr wenig neuere Nachrichten erhalten.

– In der That gar keine.

– So muß ich Ihnen zunächst mittheilen, Capitän, daß die türkischen Schiffe bereit liegen, Ibrahim und seine Heeresmacht nach Hydra zu befördern.

– Ja, erwiderte Nicolas Starkos. Ich habe dieselben gestern Abend beim Passiren der Rhede von Navarin selbst gesehen.

– Und Sie sind, seit Ihrer Abfahrt von Tripolis, in keinem Hafen angelaufen? fragte Skopelo.

– Doch… ein einziges Mal. Ich habe mich einige Stunden in Vitylo aufgehalten… um meine Mannschaft zu ergänzen. Seitdem ich aber die Küste von Magne verließ, erhielt ich vor dem Eintreffen hier in Arkadien nirgends Antwort auf mein Signal.

– Der Beweis, daß kein Grund dazu vorgelegen hat, erwiderte Skopelo.

– Sage mir, fuhr Nicolas Starkos fort, was machen jetzt wohl Miaulis und Canaris?

– Sie haben sich darauf beschränkt, Capitän, gelegentlich Handstreiche auszuführen, welche ihnen nur vorübergehende Erfolge, nie einen entscheidenden Sieg sichern können. Seitdem dieselben auf türkische Schiffe Jagd machen, haben die Piraten im ganzen Archipel leichtes Spiel.

– Und spricht man noch immer von…?

– Von Sacratif? antwortete Skopelo mit etwas gedämpfter Stimme. Ja… überall… und immer, Nicolas Starkos, und es wird nur von ihm abhängen, noch etwas mehr von sich reden zu machen

– Das wird geschehen!«

Nicolas Starkos hatte sich, als er sein Glas geleert, das Skopelo wieder gefüllt hatte, erhoben. Er ging etwas unstät hin und her, blieb dann mit gekreuzten Armen vor dem Fenster stehen und horchte auf den urwüchsigen Gesang türkischer Soldaten, der von der Ferne her ertönte.

Endlich setzte er sich Skopelo gegenüber wieder an den Tisch und wechselte ohne jeden Uebergang das Thema ihres Gesprächs.

»Ich habe aus Deinem Signal entnommen, daß Du hier eine Ladung Gefangener hast? fragte er.

– Ja, Nicolas Starkos, und zwar so viele, um ein Schiff von vierhundert Tonnen damit zu füllen. Es sind Alle, die von dem Gemetzel nach der Niederlage bei Cremmydi übrig geblieben sind. Herrgott, die Türken haben ihrer diesmal fast etwas zu viele nieder gemacht; wenn man sie hätte gewähren lassen, wäre nicht ein einziger Gefangener übrig geblieben.

– Es sind Männer und Frauen?…

– Ja, auch Kinder… Alles durcheinander.

– Wo stecken sie?

– In der Citadelle von Arkadia.

– Du hast sie wohl sehr theuer bezahlt?

– Hm, der Pascha zeigt sich eben nicht sehr entgegenkommend, antwortete Skopelo. Er meint, der Unabhängigkeitskampf nähere sich dem Ende… leider! Ohne Krieg keine Schlacht, ohne Schlacht keine Razzias, wie man da unten in der Barbarei sagt, und ohne Razzias keine menschliche oder andere Handelswaare mehr. Wenn die Gefangenen aber selten werden, steigen sie natürlich im Preise, Capitän! Ich weiß aus guter Quelle, daß es auf den Märkten Afrikas jetzt an Sclaven mangelt, und wir werden diese hier für vortheilhafte Preise verkaufen.

– Mag sein, antwortete Nicolas Starkos. Ist Alles in Ordnung und kannst Du Dich an Bord der »Karysta« einschiffen?

– Alles ist fertig und es hält mich nichts mehr hier zurück.

– Gut, Skopelo. Binnen acht bis höchstens zehn Tagen wird das Schiff, welches in Scarpanto segelklar liegt, diese Ladung einnehmen. Man wird sie doch, ohne Schwierigkeiten zu erheben, ausliefern?

– Ohne jede Schwierigkeit, das ist abgemacht, versicherte Skopelo, aber selbstverständlich nur gegen Zahlung. Ihr werdet Euch also vorher mit dem Banquier Elizundo in’s Einvernehmen setzen müssen, daß er unsere Wechsel acceptirt. Seine Unterschrift ist gut, und Papiere von ihm wird der Pascha ebenso anstandslos annehmen, als wär‘ es klingende Münze.

– Ich werde Elizundo brieflich benachrichtigen, daß ich baldigst in Korfu eintreffe, um diese Angelegenheit mit ihm zu ordnen…

– Diese Angelegenheit… und eine andere nicht minder wichtige, Nicolas Starkos! fiel Skopelo ein.

– Vielleicht!… antwortete der Capitän.

– Wahrhaftig, das wäre nicht mehr als gerecht! Elizundo ist reich… außerordentlich reich, sagt man… Wer anders hat ihn denn so reich gemacht, als der Handel mit uns… als wir… und das auf die Gefahr hin, am Ende einer Großmastraa aufgeknüpft zu werden, wenn der Bootsmannsmaat in die Pfeife bläst? Ja, bei den jetzigen Zeitläuften war’s ein gutes Ding, Banquier der Seeräuber des Archipels zu sein! Nein, ich bleibe dabei, Nicolas Starkos, es wäre nicht mehr als gerecht.

– Was wäre nicht mehr als gerecht? entgegnete der Capitän, der seinem zweiten Officier jetzt gerade in’s Gesicht sah.

– O, wißt Ihr’s denn nicht? antwortete Skopelo. Gesteht nur zu, Capitän, daß Ihr mich nur fragt, um von mir, was Euch so lebhaft interessirt, zum hundertsten Male wiederholen zu hören.

– Vielleicht!

– Die Tochter des Banquiers Elizundo…

– Was recht ist, wird eben geschehen!« schnitt ihm Nicolas Starkos, sich erhebend, das Wort ab.

Er verließ darauf, gefolgt von Skopelo, das Gasthaus zur »Minerva«, und kehrte am Hafen nach der Stelle zurück, wo sein Boot ihn erwartete.

»Steig‘ ein, sagte er zu Skopelo, die Angelegenheiten mit Elizundo werden wir sofort nach unserem Eintreffen in Korfu in Ordnung bringen. Wenn das geschehen ist, kehrst Du gleich nach Arkadia zurück, um Dir die Ladung ausliefern zu lassen.

– An Bord!« antwortete Skopelo.

Kaum eine Stunde später verließ die »Karysta« schon den Golf. Vor Ende des Tages aber konnte Nicolas Starkos ein entferntes Grollen hören, das ihm das Echo von Süden her zutrug. Es waren die Kanonen der vereinigten Geschwader, deren Donner eben die Rhede von Navarin erschütterte.

Sechstes Capitel


Sechstes Capitel

Auf die Piraten des Archipels.

Die von der Sacoleve eingehaltene nordnordwestliche Richtung gestattete ihr, das malerische Gewirr der Ionischen Inseln zu verfolgen, von denen man nie die eine aus dem Gesicht verliert, ohne die nächste schon vor Augen zu haben.

Zum Glück für sie verrieth die »Karysta« mit ihrem Aussehen eines ehrbaren levantinischen Fahrzeugs, das halb einer Lustyacht und halb einem Handelsschiffe glich, nichts von ihrer wahren Natur; sonst wär’s wohl nicht zu wagen gewesen, daß ihr Capitän sich bis unter die Kanonen britischer Forts und kühn zwischen die Fregatten des Vereinigten Königreichs begab.

Nur fünfzehn Seemeilen etwa trennen Arkadien von der Insel Zante, der Blume der Levante, wie sie die Italiener poetisch nennen. Vom Hintergrunde des Golfs, den die »Karysta« eben durchfurchte, gewahrte man sogar die grünen Gipfel des Berges Scopos, an dessen Seiten sich dichte Wälder von Oliven und Orangen hinziehen, welche an Stelle der von Homer und Virgil befangenen prächtigen Waldungen getreten sind.

Der Wind stand günstig; eine mäßige Brise wehte vom Lande her aus Südosten. Mit verstärktem Segelwerk am Großmast und am Besan durchschnitt die Sacoleve hurtig das Gewässer von Zante, das jetzt fast so still lag, wie die Fläche eines Binnensees.

Gegen Abend kam sie in Sicht der Hauptstadt vorüber, welche den Namen der Insel trägt. Es ist das eine hübsche, italienische Stadt, welche auf dem Besitzthum Zakyntha’s, eines Sohnes des Trojaners Dardanus, aufblühte. Vom Bord der »Karysta« konnte man jetzt nur die Leuchtfeuer der Stadt sehen welche sich etwa eine halbe Meile lang am Rande einer kreisförmigen Bucht hinzieht.

Diese in verschiedenen Höhenlagen angebrachten Feuer, welche von dem Hafendamme an bis zum Dachfirst des Schlosses von venetianischem Ursprung hinausreichten, machten den Eindruck eines ungeheuren Sternbildes, dessen Hauptlichtpunkte die Stelle der Renaissance-Paläste der großen Straße und die der Domkirche St. Denis von Zakyntha bezeichneten.

Mit der Bevölkerung, welche durch vielfache Berührung mit Venetianern, Franzosen und Russen erheblich verändert ist, konnte Nicolas Starkos nicht jene Handelsbeziehungen haben, die ihn mit den Türken im Peloponnes verknüpften. Hier hatte er also auch kein Signal für die Hafenwächter zu geben und brauchte nicht erst zu landen an dieser Insel, welche die Heimat von zwei berühmten Dichtern ist, die des Italieners Hugo Foscolo, etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts, und des Salomos, einer der Zierden des neuen Griechenlands.

Die »Karysta« durchsegelte also den schmalen Meeresarm, der Zante von Achaïa und Elis scheidet. Wohl so manches Ohr an Bord fühlte sich verletzt durch die Gesänge, welche in Form von Barcarolen vom Lido herüberschallten. Doch man mußte sich wohl oder übel beruhigen. Die Sacoleve glitt inmitten dieser italienischen Lieder hin, und am folgenden Morgen befand sie sich gegenüber dem Hafen von Patras, bei dem tiefen Landeinschnitte, welcher den Golf von Lepante bis zum Isthmus von Korinth fortsetzt.

Nicolas Starkos stand jetzt auf dem Vordertheil der »Karysta.« Sein Blick überflog die Küste von Akarnanien längs der nördlichen Begrenzung des Golfs. An diese Oertlichkeiten knüpften sich große und unvergeßliche Erinnerungen, welche das Herz eines Kindes Griechenlands hätten erregen müssen, wenn dieser verlorene Sohn seiner Heimat dieselbe nicht schon seit langem verleugnet und verrathen hätte.

»Missolunghi! rief da Skopelo, die Hand in der Richtung nach Nordosten ausstreckend. Verwünschtes Volk da! Leute, die sich eher in die Luft sprengen lassen, als daß sie sich ergeben!«

Hier wäre zwei Jahre vorher allerdings für Aufkäufer von Gefangenen und Verkäufer von Sclaven nichts zu machen gewesen. Nach zehnmonatlichem Kampfe hatten die Bewohner von Missolunghi, welche von Strapazen erschöpft und von Hunger fast getödtet waren, statt sich auf eine Capitulation mit Ibrahim einzulassen, Stadt und Festung entschlossen in die Luft gesprengt. Männer, Frauen und Kinder, Alles fiel der Explosion zum Opfer, von der nicht einmal die Sieger selbst verschont blieben.

Im letztvergangenen Jahre wiederum war am nämlichen Platze, wo Marco Botsaris seine letzte Ruhestätte fand, ein Held aus dem Unabhängigkeitskriege entmuthigt und verzweifelnd gestorben, der Lord Byron, dessen Ueberreste nachher in Westminster beigesetzt wurden. Nur sein Herz ist zurückgeblieben auf dem Boden Griechenlands, das er so sehr liebte und das nach seinem Ableben die Freiheit errang.

Nicolas Starkos beantwortete obige Bemerkung Skopelo’s nur durch eine unwillkürliche Bewegung. Bald entfernte sich die Sacoleve aus dem Golfe von Patras und hielt auf Kephalonia zu.

Bei dem eben herrschenden Winde bedurfte es nur weniger Stunden, um die Entfernung, welche Kephalonia von der Insel Zante trennt, zu durchmessen.

Die »Karysta« hatte übrigens keine Veranlassung, Argostoli, die Hauptstadt, anzulaufen, deren wenn auch ziemlich seichter Hafen doch einer der besten für Fahrzeuge von mittlerem Tonnengehalte ist. Sie steuerte vielmehr kühn in die recht beschränkten Canäle, welche deren Ostküste begrenzen, und gegen halb sieben Uhr Abends erreichte sie Thiaki, das alte Ithaka.

Diese Insel von acht Meilen Länge bei einundeinerhalben Meile Breite, welche ganz besonders felsig ist und einen wildromantischen Anblick bietet, dabei viel Baumöl und Wein erzeugt, zählt etwa tausend Einwohner. Ohne in späterer Zeit von geschichtlicher Bedeutung zu sein, trägt sie doch aus dem Alterthum her einen weit berühmten Namen als Vaterland des Ulysses und der Penelope, an welche man Erinnerungen noch heute vielfach findet, so auf dem Gipfel des Anogi, in den Tiefen der Höhle des Berges Sanct Stephan, wie am Fuß des Rabenfelsens, von dem die poetischen Wellen der Quelle Arethusa’s ausgingen.

Bei der einbrechenden Nacht war das Land des Sohnes des Laertes gegen fünfzehn Meilen jenseits des Vorgebirges von Kephalonia im Schatten verschwunden. Während der Nacht bog die »Karysta« etwas mehr in’s offene Meer ab, um die enge Straße zu vermeiden, welche die Nordspitze Ithakas von der Südspitze Santa Mauras trennt, und segelte etwa zwei Meilen vom Ufer an der Nordseite dieser Insel vorbei.

Bei dem hellen Mondlicht hätte man wenigstens deutlich eine weißliche Uferwand erkennen können, welche die Wasserfläche um hundertachtzig Fuß überragt, den »Sprung von Leukate«, den Sappho und Artemisia berühmt machten. Von dieser Insel, welche auch den Namen Leukate führt, war beim Aufgang der Sonne nur noch ein schwacher Streifen am Horizonte zu sehen, und die Sacoleve steuerte, der albanischen Küste folgend, jetzt mit vollen Segeln auf die Insel Korfu zu.

Noch waren etwa zwanzig Meilen im Laufe des Tages zurückzulegen, wenn Nicolas Starkos vor Einbruch der Nacht in den Gewässern der Hauptstadt dieser Insel eintreffen wollte.

Die schnelle »Karysta« brauchte zu diesem Wege nicht lange Zeit, führte jetzt auch so viel Segel, daß ihr flacher Bord fast die Wasserfläche streifte. Die Brise hatte bemerkbar aufgefrischt. Der Steuermann mußte also alle Aufmerksamkeit darauf wenden, bei dem ungeheuren Drucke der vielen Segel einen Unfall zu vermeiden. Zum Glück waren die Masten solid, die Takelage fast neu und in vortrefflichem Zustande. So wurde denn kein Reef eingezogen, kein Stück Leinwand entfernt.

Die Sacoleve stürmte vorwärts, als handle es sich um einen internationalen »Match«, um den Preis der größten Schnelligkeit eines Schiffes.

So kam man in Sicht der kleinen Insel Paxo vorüber. Schon traten im Norden die ersten Höhenzüge von Korfu zu Tage. Zur Linken verlief die albanische Küste mit den vielen Zacken und Einschnitten der Akrokeraunischen Bergzüge. Auf den überhaupt ziemlich belebten Gewässern des Ionischen Meeres erschienen auch mehrere Kriegsschiffe mit englischer oder türkischer Flagge. Die »Karysta« bemühte sich nicht im Mindesten, denselben aus dem Wege zu gehen. Hätte ein Signal sie zum Beilegen aufgefordert, so würde sie ohne Zögern gehorcht haben, da sie weder Ladung noch Papiere an Bord führte, welche den eigentlichen Charakter des Schiffes hätten verrathen können.

Um vier Uhr Nachmittags wendete sich die Sacoleve ein wenig in den Wind, um in die, das Festland von der Insel Korfu scheidende Meerenge einzulaufen. Die Schoten wurden eingezogen, der Steuermann wendete um ein Quart und umsegelte so das Cap Bianco am südlichen Ende der Insel.

Dieser südliche Theil des Canals ist mit mehr Reizen geschmückt als der nördliche Theil. Schon hierdurch bildet er einen glücklichen Gegensatz zu der fast uncultivirten, halb wilden Küste Albaniens. Einige Meilen weiterhin erweitert sich die Wasserstraße durch das Zurückweichen der korfiotischen Küste. Die Sacoleve konnte also schneller in schräger Richtung darüber hinfahren. Diese tiefen und sich oft wiederholenden Einbuchtungen sind es, welche der Insel einen Umfang von fünfundsechzig Lieues geben, obwohl sie in ihrer größten Länge deren nur zwanzig und in der größten Breite nur sechs mißt.

Gegen fünf Uhr passirte die »Karysta« nahe dem Eilande des Ulysses die Oeffnung, welche den See Kalikiopulo, den alten hyllaïschen Hafen, mit dem Meere in Verbindung setzt. Dann folgte sie den Linien dieser reizenden »Cannone«, welche mit Aloes und Agaven bepflanzt und immer von Wagen und Reitern belebt ist, die eine Meile südlich von der Stadt gleichzeitig mit der erquickenden Seeluft das herrliche Panorama genießen, dessen Horizont an der anderen Seite des Canals die albanische Küste abschließt.

So glitt sie an der Bai von Kardakio und den dieselbe beherrschenden Ruinen vorüber, weiter vor dem Sommerpalaste der Lordcommissäre, ließ die Bai von Kastrades, auf der die gleichnamige Vorstadt liegt, zur Linken, ebenso die Strada Marina, welche weniger eine Straße, als eine Promenade ist, und kam so zuletzt an dem Gefängniß, dem alten Fort Salvator, und den ersten Häusern der korfiotischen Hauptstadt vorbei. Dann umschiffte die »Karysta« das Cap Sidero, welches die Citadelle trägt, eine kleine Militärstadt von hinreichender Größe, um die Residenz des Commandanten, die Wohnungen für seine Officiere, ein Krankenhaus und eine griechische Kirche zu umschließen, aus der die Engländer ein protestantisches Gotteshaus gemacht haben

Endlich umsegelte der Capitän Starkos, sich nach Westen wendend, die Landspitze San Nicolo, und nachdem er an dem Ufer vorübergekommen, hinter welchem sich die Gebäude des nördlichen Theils der Stadt erheben, ging er eine halbe Kabellänge vom Molo vor Anker.

Das Boot wurde niedergelassen, Nicolas Starkos und Skopelo nahmen darin Platz – nicht ohne daß der Capitän in seinen Gürtel eines jener kurzklingigen, aber breiten Messer gesteckt, welche in den Provinzen Messeniens gewöhnlich getragen werden. Beide landeten beim Sanitätsamte und legten ihre Papiere vor, die sich in vollkommener Ordnung befanden.

Sie waren damit frei, überall hin nach Belieben zu gehen, und verabredeten nur noch, sich um elf Uhr zu treffen und an Bord zurückzukehren.

Skopelo, der alles Nöthige für die »Karysta« zu besorgen hatte, begab sich nach dem mehr handeltreibenden Theile der Stadt, welcher sehr eng gewundene Gassen mit italienischen Namen, Handelsläden unter Bogengängen und überhaupt das ganze bunte Gewühl eines neapolitanischen Stadtviertels aufweist.

Nicolas Starkos wollte den Abend benützen, um Neuigkeiten zu erlauschen. Er wandte sich also nach der Esplanade, dem eleganten Theil der korfiotischen Stadt.

Diese Esplanade – ursprünglich ein Exercierplatz – die an den Seiten mit schönen Bäumen umsäumt ist, liegt zwischen der eigentlichen Stadt und der Citadelle, von der sie ein breiter Wallgraben trennt. Fremdlinge und Einheimische lustwandelten hier, als würde eben ein Fest begangen, in großer Menge hin und her. Stafetten eilten nach dem an der Nordseite des Platzes vom General Maitland erbauten Palaste und kamen daraus wieder durch das Sanct Georgen- oder Sanct Michaelsthor, welche seine in weißen Steinen errichtete Façade flankiren. Zwischen dem Palaste des Gouverneurs und der Citadelle, deren Zugbrücke gegenüber dem Standbilde des Marschalls Schulemburg jetzt niedergelassen war, wurden fast unausgesetzt Nachrichten und Meldungen ausgetauscht.

Nicolas Starkos mischte sich unter die Menschenmenge. Er erkannte sehr bald, daß dieselbe unter dem Einflusse einer außergewöhnlichen Erregung stand. Da er nicht der Mann dazu war, Fragen zu stellen, begnügte er sich mit dem Zuhören. Vorzüglich fiel ihm dabei auf, daß ein gewisser Name – der Name Sacratif – unter allen plaudernden Gruppen mit sehr wenig schmeichelhaften Zuthaten sehr oft wiederholt wurde.

Dieser Name schien auch seine Neugier einigermaßen zu reizen; nachdem er jedoch leicht mit den Achseln gezuckt, ging er die Esplanade weiter hinab bis zur Terrasse, welche dieselbe am Meeresstrande abschließt.

Dort hatte eine Anzahl Neugieriger in der Umgebung eines kleinen kreisrunden Tempels Platz genommen, der erst unlängst zum Andenken an Sir Thomas Maitland erbaut worden war. Einige Jahre später wurde in der Nähe ein Obelisk zu Ehren eines seiner Nachfolger, des Sir Howard Douglas, errichtet, um als Pendant zu dem vor dem Regierungspalaste schon früher aufgestellten Denkmale des dermaligen Lord-Obercommissärs Frederik Adam zu dienen. Wahrscheinlich würden die Straßen und Plätze Korfus, wenn die englische Schutzherrschaft nicht durch die Zurückgabe der Ionischen Inseln an das Königreich Griechenland ein Ende gefunden hätte, mit den Statuen seiner Statthalter allmählich vollgepfropft worden sein. Obgleich die Korfioten aber kaum daran dachten, diese mit ehernen und marmornen Standbildern getriebene Verschwendung zu tadeln, so mochte doch so Mancher von ihnen die Verwaltungsfehler der englischen Statthalter unter der früheren Regierungsweise lebhaft beklagen.

Wenn hierüber auch die abweichendsten Meinungen herrschten, wenn es unter siebzigtausend Bewohnern, welche das alte Korcyra zählte, und unter den zwanzigtausend Einwohnern seiner Hauptstadt orthodoxe Christen, griechische Christen und in großer Anzahl auch Juden gab, welche jener Zeit ein besonderes Stadtviertel, eine Art Ghetto bevölkerten, wenn unter diesen städtischen Vertretern so mannigfaltiger Rassen sehr verschiedene, durch wechselnde Lebensinteressen bedingte Ansichten zutage traten, so schien eben heute doch jede Meinungsverschiedenheit gewissermaßen verschmolzen zu sein in einem Alle beherrschenden Gedanken, in der Verwünschung des Namens, der immer wieder auf Aller Lippen schwebte:

»Sacratif! Sacratif! Tod und Verderben über Sacratif!«

Ob die Aufundabgehenden nun englischer, italienischer oder griechischer Zunge waren, ob die Aussprache dieses verabscheuten Namens wie immer wechselte, so blieben die Verwünschungen, womit man ihn überhäufte, doch immer der Ausdruck derselben Empfindung, des Abscheus und des Schreckens.

Nicolas Starkos hörte immer zu, sagte aber nichts. Von der Höhe der Terrasse aus konnten seine Augen bequem einen großen Theil des Canals von Korfu überfliegen der gleich einem Binnensee bis zu den, von der untergehenden Sonne vergoldeten Bergeshäuptern Albaniens geschlossen schien.

Bei einer Wendung nach der Seite des Hafens bemerkte der Capitän der »Karysta«, daß daselbst ein besonders reges Leben herrschte. Zahlreiche Boote ruderten nach den Kriegsschiffen zu. Zwischen diesen Schiffen und dem auf dem höchsten Punkte der Citadelle errichteten Flaggenmaste wurden fleißig Signale gewechselt, während die Festungswerke mit ihren Batterien und Casematten hinter einer Wand riesiger Cacteen fast verschwanden.

Offenbar – ein Seemann konnte darüber ja nicht im Unklaren bleiben – bereiteten sich ein oder mehrere Schiffe vor, von Korfu auszulaufen. Wenn das der Fall war, so verdiente die korfiotische Bevölkerung das Zeugniß, daß sie daran sehr lebhaften Antheil nahm.

Schon war indessen die Sonne hinter den hohen Bergen der Insel verschwunden, und bei der in jenen Breiten nur kurze Zeit dauernden Dämmerung mußte es bald völlig dunkel werden.

Nicolas Starkos hielt es also für gerathen, die Terrasse zu verlassen. Er begab sich deshalb nach der Esplanade zurück, wo noch eine Menge Zuschauer verblieben, welche die Empfindung der Neugier daselbst zurückhielt. Dann wendete er sich gelassenen Schrittes nach dem Bogengange der Häuserreihe, welche sich an der Westseite des Exercierplatzes hinzieht.

Hier fehlte es nicht an hell erleuchteten Cafés und auch nicht an ganzen Reihen auf dem Fußstege aufgestellter und schon von vielen Consumenten eingenommener Stühle. Doch fand man bald heraus, daß diese mehr »conversirten« als »consumirten«, wenn man letzteres, noch zu moderne Wort überhaupt auf die Korfioten vor fünfzig Jahren anwenden kann.

Nicolas Starkos setzte sich an einen kleinen Tisch in der wohlerwogenen Absicht, kein Wort von den Gesprächen zu verlieren, die an den Nachbartischen geführt wurden.

»Wahrhaftig, äußerte ein Rheder von der Strada Marina, es gibt jetzt keine Sicherheit mehr für den friedlichen Handel, und man kann kaum noch wagen, eine werthvollere Ladung nach den Stapelplätzen der Levante abzusenden

– Und sehr bald, fügte sein Gegenüber – ein langer Engländer, der wie ihr Parlamentspräsident immer auf einem Baumwollballen zu sitzen schien – hinzu, wird man nicht einen Mann mehr finden, der bereit wäre, an Bord der Schiffe des Archipels Dienste zu nehmen.

– O, dieser Sacratif!… Dieser Sacratif! erscholl es aus verschiedenen Gruppen mit wirklichem Abscheu.

– Ein Name, der ganz dazu geschaffen ist, Einem die Kehle zu verrenken, dachte der Inhaber des Cafés, und der doch eine Erquickung sehr wünschenswerth machen muß.

– Um wieviel Uhr soll die Abfahrt der »Syphanta« stattfinden? fragte der Kaufmann.

– Um acht Uhr, belehrte ihn der Korfiot. Freilich, setzte er mit einem, nicht gar so viel Zutrauen verrathenden Tone hinzu, mit dem Abfahren ist es nicht gethan, es gilt auch seinen Zweck zu erfüllen.

– Das wird geschehen! rief ein anderer Korfiot dazwischen. Niemand soll sagen können, ein Seeräuber habe sie in Schach halten können, wie die Marine Englands…

– Und die Marine Griechenlands, die Marine Frankreichs und die Marine Italiens! bemerkte phlegmatisch ein englischer Officier, der bei dieser Gelegenheit wenigstens auch den übrigen in Frage kommenden Staaten etwas anhängen wollte.

– Doch, fuhr der Kaufmann sich erhebend fort, die Zeit verstreicht, und wenn wir dem Auslaufen der »Syphanta« beiwohnen wollen, müssen wir uns nun wohl nach der Esplanade begeben.

– Nein, entgegnete der Andere, es eilt noch nicht. Uebrigens wird die Abfahrt der »Syphanta« durch einen Kanonenschuß verkündigt werden.«

Die Herren setzten also ihr Gespräch, eigentlich nur ihre Verwünschungen des Uebelthäters Sacratif, noch weiter fort.

Jetzt hielt Nicolas Starkos den Augenblick für günstig, sich ebenfalls einzumischen, und er fragte, ohne daß Jemand an seiner Aussprache in ihm hätte einen Griechen aus den südlichsten Provinzen erkennen können, indem er sich an seine Tischnachbarn wendete:

»Darf ich mir erlauben, meine Herren, an Sie die Frage zu richten, welche Bewandtniß es mit dieser »Syphanta« hat, die heute in Aller Munde ist?

– Es ist das eine Corvette, mein Herr, eine Corvette, welche von einer Gesellschaft englischer, französischer und korsiotischer Großhändler angekauft, mit einer aus diesen verschiedenen Nationalitäten gewählten Bemannung versehen wurde, und welche unter dem Befehle des tapferen Capitäns Stradena zum Auslaufen fertig liegt. Vielleicht gelingt ihr, was die Kriegsschiffe Englands und Frankreichs nicht durchzuführen vermochten.

– Ah, es ist ein bewaffnetes Schiff, welches absegelt. Und nach welchen Meeren, wenn ich bitten darf?

– Nach denen, wo ihm die Möglichkeit geboten ist, den berüchtigten Sacratif zu treffen, einzufangen und aufzubaumeln.

– Da muß ich Sie weiter bitten, fuhr Nicolas Starkos fort, mir auch zu sagen, wer und was jener berüchtigte Sacratif ist?

– Sie fragen, wer jener Sacratif ist!« rief verblüfft der Korfiot, den der Engländer noch unterstützte, indem er seine Antwort mit einem »Aoh!« der Verwunderung illustrirte.

Thatsächlich mußte allerdings ein Mann, der nicht wußte, wer Sacratif war, und das noch obendrein mitten in der Stadt Korfu, wo jener Name in Aller Munde war, als eine Wundererscheinung betrachtet werden.

Der Capitän bemerkte auch sofort die Wirkung, welche seine Unkenntniß hervorbrachte, und beeilte sich also, eine Erklärung hinzuzufügen.

»Ich bin hier gänzlich fremd, meine Herren, sagte er, und eben erst eingetroffen von Zara, das heißt von einem entlegenen Punkte des Adriatischen Meeres, so daß ich mich bezüglich der Ereignisse auf den Ionischen Inseln nicht auf dem Laufenden befinde.

– Sagen Sie lieber bezüglich der Vorgänge im ganzen Archipel, rief der Korfiot, denn in der That ist es der ganze Archipel, den Sacratif zum Schauplatz seiner schändlichen Seeräubereien erwählt hat.

– Ah, sagte Nicolas Starkos, es handelt sich um einen Seeräuber…

– Um einen Piraten, einen Seeräuber frechster Art! erklärte der lange Engländer. Ja, Sacratif verdient diese Bezeichnungen und alle, welche noch erfunden werden könnten, solche Uebelthäter zu brandmarken!«

Der Engländer rang einen Augenblick keuchend nach Athem.

»Was mich erstaunen macht, mein Herr, fuhr er dann fort, ist, daß man noch einem Europäer begegnen kann, der nicht schon weiß, was jener Sacratif ist.

– Verzeihen Sie, erwiderte Nicolas Starkos, dieser Name selbst ist mir nicht ganz unbekannt geblieben, das dürfen Sie glauben; ich wußte aber nicht, daß er es war, der die Stadt in fieberhafte Bewegung setzte. Ist Korfu etwa von einem Ueberfalle dieses Piraten bedroht?

– Das sollte er einmal wagen! rief der Kaufmann. Er wird niemals so unbesonnen sein, einen Fuß auf unsere Insel zu setzen!

– Ah… wirklich? antwortete der Capitän der »Karysta«.

– Gewiß, mein Herr, und wenn er’s thäte, wär‘ ihm der Galgen sicher. Ja, auf allen Punkten der Insel würden die Galgen wie Pilze aus der Erde aufschießen, um ihn beim Vorüberkommen aufzuschnappen.

– Woher dann aber die allgemeine Aufregung? fragte Nicolas Starkos. Ich bin erst seit kaum einer Stunde hier angelangt und kann die sich kundgebende Erregung nicht begreifen…

– Der Grund derselben, mein Herr, unterbrach ihn der Engländer, ist folgender: Zwei Kauffahrteischiffe, der »Tree Brothers« und der »Carnatic«, sind vor etwa einem Monat von Sacratif abgefangen und die Ueberlebenden der beiden Besatzungen Mann für Mann auf den Märkten von Tripolis verkauft worden.

O, erwiderte Nicolas Starkos, das ist eine schlimme Geschichte, die der Sacratif schwer zu büßen haben dürfte.

– Auf diese Veranlassung traten nun hier verschiedene Großhändler zusammen, um eine Kriegscorvette auszurüsten – einen vortrefflichen Segler – welche eine auserlesene Besatzung führt und von einem unerschrockenen Seemanne, dem Capitän Stradena, befehligt wird, der auf jenen Sacratif Jagd machen soll. Diesmal ist zu hoffen, daß der Pirat, welcher den ganzen Handel des Archipels lahm legt, seinem Schicksale nicht entgeht.

– Das möchte ihm wohl nur schwer gelingen, stimmte Nicolas Starkos bei.

– Und, erläuterte der englische Großhändler, wenn Sie heute die Stadt in Bewegung sehen, wenn fast die ganze Bevölkerung nach der Esplanade zusammengeströmt ist, so geschah das, um dem Ankerlichten der »Syphanta« beizuwohnen, der ein vieltausendstimmiges Hurrah nachtönen wird, wenn sie den Canal von Korfu hinabsegelt.«

Nicolas Starkos wußte nun offenbar Alles, was er zu wissen wünschte. Er bedankte sich für die erhaltene Aufklärung; dann stand er auf, um sich von Neuem unter die Menge zu mischen, welche auf der Esplanade hin und her wogte.

Was jene Engländer und Korfioten ihm mitgetheilt hatten, war in keiner Weise übertrieben, im Gegentheil nur allzu wahr. Seit einigen Jahren schon verübte Sacratif bei seinen Plündereien die scheußlichsten Gewaltthätigkeiten. Eine große Anzahl von Handelsfahrzeugen aller Nationen war schon von diesem ebenso verwegenen, wie blutgierigen Seeräuber überfallen worden. Niemand hätte sagen können, woher er kam, welchem Lande er entstamme oder ob er sich von den, an den Küsten der Barbarei hausenden Seeräubern nur zeitweise getrennt hatte. Alles das wußte Keiner, und Keiner hatte es vorher gewußt. Niemand hatte ihn gesehen, nicht ein Einziger war heimgekehrt von Denen, die je unter das Feuer seiner Kanonen geriethen, da Alle entweder hingemordet oder als Sclaven verkauft wurden. Selbst die Schiffe, die er benützte, hätte Niemand bezeichnen können. Er ging unausgesetzt von dem einen auf ein anderes. Seine Angriffe erfolgten einmal mit einer schnell segelnden levantinischen Brigg, dann wieder mit einer jener flüchtigen Corvetten, welche kein anderes Schiff einholen konnte, stets aber unter schwarzer Flagge. Erkannte er sich bei gelegentlicher Begegnung unbedingt als den schwächeren Theil, so verschwand er im Handumdrehen, wie man zu sagen pflegt. Und in welcher weltvergessenen Bucht des Archipels hätte man ihn dann aufsuchen sollen? Gerade er kannte die geheimsten und für jedes andere Schiff gefahrdrohendsten Wasserstraßen dieser Küsten, deren Hydrographie jener Zeit noch sehr viel zu wünschen übrig ließ.

Wenn der Räuber Sacratif ein guter Seemann war, so zeichnete er sich nicht minder bei jedem Ueberfalle aus. Immer unterstützt von Mannschaften, welche vor nichts zurückschreckten, vergaß er niemals, ihnen des »Teufels Antheil« zukommen zu lassen, das heißt ihnen einige Stunden zum Morden und Plündern freizugeben. So folgten ihm denn die Leute, wohin er sie auch führen mochte, und vollzogen seine Befehle, welcher Art diese auch waren. Alle wären für ihn in den Tod gegangen. Die Bedrohung mit der fürchterlichsten Strafe hätte sie nicht dazu gebracht, ihren Führer zu verrathen, der eine wirkliche Zaubermacht über sie ausübte.

Wenn solche Leute ein Schiff überfielen, konnte es natürlich kaum widerstehen, vorzüglich ein einfaches Handelsfahrzeug, dem es an hinreichenden Vertheidigungsmitteln fehlte.

Wäre Sacratif, trotz seiner Aufmerksamkeit und Schlauheit, einmal von einem Kriegsschiff überrascht worden, so hätte er sich gewiß lieber in die Luft gesprengt, als gefangen gegeben. Man erzählte von ihm sogar, er habe einmal bei ähnlicher Gelegenheit als ihm die Geschosse ausgegangen waren, seine Kanonen mit den abgeschnittenen Köpfen der Gefallenen geladen, welche auf seinem Deck umherlagen.

Das war der Mann, den zu verfolgen die »Syphanta« ausgeschickt wurde, das der schreckliche Seeräuber, dessen verfluchter Name in der korfiotischen Hauptstadt so allgemeine Aufregung hervorgerufen hatte.

Da krachte ein Schuß. Eine weiße Rauchwolke, durchzuckt von einem hellen Blitze, erhob sich von einem der Wälle der Festung. Es war das Signal zur Abfahrt. Die »Syphanta« lichtete die Anker und setzte sich den Canal von Korfu hinab in Bewegung, um sich nach den mehr südlich gelegenen Gewässern des Ionischen Meeres zu begeben.

Die ganze Menschenmenge drängte nach dem Rande der Esplanade, nach der Terrasse des Standbildes Sir Maitland’s hin.

Nicolas Starkos, den vielleicht eine gebieterischere Empfindung als die der bloßen Neugier mit fortriß, befand sich bald unter der ersten Reihe der Zuschauer.

Beim hellen Lichte des Mondes wurde die Corvette mit ihren Positionsfeuern allmählich mehr und mehr sichtbar. Sie segelte scharf bei dem Winde, um bequem am Cap Bianco vorüberzukommen, welches sich im Süden der Insel vorschiebt. Von der Citadelle krachte ein zweiter Kanonenschuß, gleich darauf ein dritter, und diesen antworteten drei Schüsse, welche die Stückpforten der »Syphanta« erhellten. Den Donner der Geschütze übertönten fast noch die tausendstimmigen Hurrahs, deren letzte noch bis zur Corvette drangen, als diese schon die Bai von Kardakio übersegelte.

Dann wurde Alles still. Die Menschenmenge, welche sich in den verschiedenen Straßen der Vorstadt Kastrades zerstreute, räumte das Feld für die wenigen Wanderer, welche aus geschäftlichen Interessen oder nur zum Vergnügen noch auf der Esplanade zurückblieben.

Noch eine Stunde lang verweilte Nicolas Starkos in Gedanken versunken auf dem jetzt fast verlassenen, weiten Exercierplatze. In seinem Hirn und in seinem Herzen war es deshalb aber nicht ruhig geworden. Seine Augen leuchteten auf von jenem Feuer, das die Lider kaum zu verbergen vermochten. Wie durch eine unwillkürliche Bewegung starrte sein Blick in der Richtung der Corvette hinaus, welche eben hinter den letzten, undeutlich erkennbaren Landmassen der Insel verschwand.

Erst als die Thurmuhr der Sanct Spiridion-Kirche elf schlug, dachte Nicolas Starkos an die Verabredung, Skopelo in der Nähe des Gesundheitsamtes wieder zu treffen. Er durchschritt also die Straßen des Stadtviertels, welche nach dem Neuen Fort führen, und gelangte in kurzer Zeit nach dem Quai.

Hier wartete Skopelo schon auf ihn.

Der Capitän der Sacoleve trat auf diesen zu und sagte:

»Die Corvette »Syphanta« ist eben ausgelaufen.

– Ah, erwiderte Skopelo.

– Ja… um Sacratif zu verfolgen!

– Diese oder eine beliebige Andere, das ist ja gleichgiltig!« antwortete einfach Skopelo, während er nach der Gig hinwies, die sich am Fuße der Landungstreppe, auf den letzten Wellen der Brandung schaukelte.

Einige Minuten später erreichte das leichte Boot die »Karysta« und Nicolas Starkos sprang an Bord mit den Worten:

»Morgen also bei Elizundo!«