Kapitel 8

Kapitel 8 Der Verfasser gibt Bericht von mehreren Eigenschaften der Yaehus. Die großen Tugenden der Hauyhnhnms. Ihre Erziehung und ihre Uebungen während der Jugend. Ihre allgemeine Versammlung.

Ich mußte natürlich mit der menschlichen Natur genauer wie mein Herr bekannt seyn, und somit wurde es mir leicht, den Charakter der Yähus, wie er ihn darstellte, auf mich und meine Landsleute anzuwenden. Auch glaubte ich, vielleicht würde ich durch eigene Beobachtung fernere Entdeckungen machen können. Deßhalb bat ich oft meinen Herrn, mir die Erlaubniß zu ertheilen, daß ich unter die benachbarten Heerden der Yähus gehen dürfe; er hatte auch die Güte, seine Einwilligung zu geben, denn er hegte die vollkommene Ueberzeugung, der Haß, den ich gegen dieses Vieh hege, werde verhindern, daß ich durch dasselbe verdorben würde. Alsdann befahl er auch einem Diener, dem fuchsrothen Klepper, welcher sehr stark, ehrlich und gutmüthig war, mich zu bewachen. Ohne diesen Schutz hätte ich niemals die Abenteuer, die ich beschreiben will, gewagt.

Ich habe ja dem Leser schon erzählt, wie ich bei meiner Ankunft von jenen Thieren belästigt wurde. Später wäre ich ein- oder zweimal beinahe in ihre Klauen gefallen, als ich ohne meinen Hirschfänger zufällig in einiger Entfernung von meiner Wohnung spazieren ging. Auch habe ich Grund zu dem Glauben, daß sie einigen Begriff hegten, ich gehöre zu ihrer Gattung. Daran war ich aber selbst Schuld, denn ich hatte oft meine Rockärmel aufgekrämpt, und Arme so wie Füße, wenn mein Beschützer bei mir war, ihnen nackt gezeigt. Alsdann kamen sie mir so nahe, wie sie dies wagten, und pflegten meine Bewegungen wie Affen nachzuahmen, wobei sie jedoch immerwährend Zeichen des Hasses offenbarten, so wie ein zahmer Affe mit Mütze und Strümpfen, wenn er in die Gesellschaft der wilden gelangt, stets verfolgt wird.

Von Kindheit auf sind die Yähus ausserordentlich behende; einst fing ich einen dreijährigen Jungen und suchte durch alle Arten von Liebkosungen denselben ruhig zu machen, allein der kleine Kobold begann zu kreischen und mich mit solcher Heftigkeit zu beißen und zu kratzen, daß ich ihn aufgeben mußte; auch war es Zeit, daß ich ihn los ließ, denn eine ganze Heerde von alten Yähus lief bei dem Geräusch herbei; als sie aber fand, der Junge sey unverletzt (denn er lief mit größter Schnelligkeit), und da der fuchsbraune Klepper in der Nähe stand, wagte kein Yähu mir nahe zu kommen.

Ich bemerkte, das Fleisch des jungen Thieres sey sehr stinkend; er hatte einen Geruch, der aus dem eines Wiesels und eines Fuchses zusammengesetzt, aber bei Weitem unangenehmer war. Ich vergaß noch einen Umstand (und wahrscheinlich würde ich die Verzeihung des Lesers erlangen, hätte ich denselben gänzlich ausgelassen); während ich das verhaßte Geschöpf mit den Händen hielt, entleerte es seinen Koth über meine Kleider; glücklicherweise war ein kleiner Bach in der Nähe, wo ich mich so rein wie möglich abwusch. Ich wagte es jedoch nicht, vor meinem Herrn zu erscheinen, bevor ich mich gehörig gelüftet hatte.

Nach Allem, was ich entdecken konnte, scheinen die Yähus die ungelehrigsten Thiere zu seyn. Ihre Fähigkeiten gelangen nie weiter, als daß sie Lasten weiterziehen und tragen können. Ich glaube jedoch, dieser Mangel entsteht nur aus ihrem verkehrten und störrigen Charakter. Sie sind listig, verrätherisch, boshaft und rachsüchtig. Sie sind stark und kräftig, aber zugleich auch feig, und folglich unverschämt, niederträchtig und grausam. Man hat bemerkt, die Rothharigen beider Geschlechter seyen gieriger und boshafter wie die Uebrigen, die sie jedoch in Stärke und Thätigkeit übertreffen.

Die Hauyhnhnms verwahren die Yähus, die sie gewöhnlich gebrauchen, in Hütten, welche von ihren Wohnungen nicht sehr entfernt liegen. Die übrigen werden auf bestimmte Felder gesandt, wo sie Wurzeln ausgraben, jede Kräuterart essen, Aeser aufsuchen und bisweilen Wiesel oder Luhimuhs (eine Art wilder Ratten) fangen, die sie mit Gier verschlingen. Die Natur hat sie gelehrt, mit den Nägeln tiefe Löcher in die abhängige Seite eines Hügels zu graben, wohin sie sich einzeln niederlegen; die Lagerstätten für die Weibchen sind jedoch größer, so daß sie auch zwei oder drei Junge fassen können.

Von ihrer Kindheit auf können sie wie Frösche schwimmen und auch lange unter Wasser bleiben, wo sie häufig Fische fangen, welche die Weibchen nach Hause zu ihren Jungen tragen. Ich hoffe, der Leser wird mir verzeihen, wenn ich bei dieser Gelegenheit ein sonderbares Abenteuer erzähle. Als ich eines Tages bei sehr heißem Wetter mit meinem Beschützer, dem fuchsbraunen Klepper spazieren ging, bat ich ihn um die Erlaubniß, mich in einem nahen Flusse baden zu dürfen. Er gab seine Einwilligung; ich zog mich sogleich nakt aus und ging langsam in den Fluß hinein. Zufällig stand aber eine junge weibliche Yähu hinter einer Anhöhe und sah das ganze Verfahren; sie kam sogleich, von Begierde, wie ich und der Klepper vermuthete, entzündet, mit aller Eile herbeigelaufen und sprang in der Entfernung von fünf Ellen, wo ich badete, in’s Wasser hinein. Nie in meinem Leben habe ich einen solchen Schreck empfunden. Der Klepper graste in einiger Entfernung, da er nichts Böses vermuthete. Die Yähu umarmte mich in der ekelhaftesten Weise. Ich brüllte so laut wie möglich, worauf der Klepper zu mir galoppirte; sie ließ mich mit dem größten Widerstreben los und sprang auf das entgegengesetzte Ufer, wo sie während der ganzen Zeit, da ich meine Kleider anlegte, zusah und heulte.

Dies gab meinem Herrn und seiner ganzen Familie viel Stoff zur Belustigung, sowie mir zur Kränkung. Ich konnte nämlich jetzt nicht mehr läugnen, ich sey ein wirklicher Yähu, in jedem Gliede und nach meinen Gesichtszügen, da die Weibchen eine natürliche Neigung, als zu einem Geschöpf ihrer eigenen Species, hegten. Auch war das Haar dieses Thieres nicht von rother Farbe, die einige Entschuldigung für unregelmäßige Begierden hätte gewähren können, sondern schwarz wie eine Schlehe, und ihr Gesicht war auch nicht ganz so scheußlich wie bei den Uebrigen, so daß ich glaube, sie konnte nicht über elf Jahre alt seyn.

Da ich drei Jahre in diesem Lande gelebt habe, so erwartet der Leser, wie ich glaube, daß ich, wie andere Reisende, ihm einen Bericht von den Sitten und Gewohnheiten der Einwohner gebe, deren Kenntniß wirklich mein Hauptstudium bildete.

Da diese edlen Hauyhnhnms von der Natur mit einer allgemeinen Anlage zu allen Tugenden begabt sind, und keine Begriffe und Ideen von dem Bösen bei vernünftigen Geschöpfen besitzen, so besteht ihr Hauptgrundsatz in Ausbildung der Vernunft, um durchaus von derselben geleitet zu werden. Auch gilt die Vernunft bei ihnen nicht als problematischer Punkt, wie dies bei uns der Fall ist, wo man plausible Gründe für und gegen deren Existenz angeben kann, sondern sie erweckt bei ihnen augenblickliche Ueberzeugung, wie dies überall nothwendig ist, wo sie durch Leidenschaft und Interesse nicht vermischt, verdunkelt oder entfärbt wird.

Ich erinnere mich noch, wie ich meinem Herrn einen Begriff von der Bedeutung des Wortes Meinung, oder über die Möglichkeit des Disputirens, nur mit größter Schwierigkeit beibringen konnte. Er meinte nämlich, die Vernunft lehre uns ja nur da zu läugnen oder zu behaupten, wo wir unserer Sache gewiß seyen; läge irgend etwas jenseits unserer Kenntnisse, sey beides für uns unmöglich. Somit sind Controverse, Zänkereien und Disputationen über falsche und zweifelhafte Sätze bei den Hauyhnhnms durchaus unbekannte Uebel. In derselben Art pflegte er mich auszulachen, als ich ihm unsere verschiedenen Systeme der Naturphilosophie auseinandersetzte, weil ein Geschöpf, welches auf Vernunft Anspruch mache, sich auf die Vermuthungen anderer Leute so viel einbilde, und besonders auch in Dingen, wo diese Kenntniß, selbst wenn sie gewiß wäre, zu Nichts helfen könne. Hierin stimmte er vollkommen mit den Gedanken des Socrates überein, wie siePlato uns darlegt, und ich glaube, durch diese Bemerkung jenem Fürsten der Philosophen die größte Ehre zu erweisen. Oft habe ich überlegt, wie ungeheure Verluste die europäischen Buchhandlungen durch eine solche Lehre erleiden müßten und wie viele Wege zum Ruhm der gelehrten Welt dadurch verschlossen würden. Freundschaft und Wohlwollen sind die zwei hauptsächlichsten Tugenden der Hauyhnhnms, und diese werden nicht auf einzelne Individuen beschränkt, sondern über das ganze Geschlecht hin ausgedehnt. Ein Fremder, aus dem entferntesten Theile des Landes, wird eben so wie der nächste Nachbar behandelt; wohin er auch kömmt, benimmt er sich sogleich als sey er zu Hause.

Die Hauyhnhnms beobachten Anstand und Höflichkeit im höchsten Grade, sind aber mit Komplimenten gänzlich unbekannt. Sie hegen keine Zärtlichkeit zu ihren Füllen; die Sorgfalt, die sie jedoch auf die Erziehung verwenden, entspringt ausschließlich aus den Vorschriften der Vernunft. Ich bemerkte auch, daß mein Herr dieselbe Neigung zu den Kindern seines Nachbars hegte, wie für seine eigenen. Sie glauben, die Natur erfordere, daß man die ganze Gattung liebe; es sey ferner vernünftig, daß man blos diejenigen Individuen auszeichne, welche einen höheren Grad der Tugend besitzen.

Wenn eine Matrone der Hauyhnhnms mit einem Füllen niedergekommen ist, so kommt sie mit ihrem Gatten nur dann noch zusammen, wenn durch irgend einen Zufall ein Füllen ihrer Nachkommenschaft verloren geht; ein Umstand, der sich jedoch nur sehr selten ereignet. Betrifft ein solches Unglück ein Individuum, dessen Gattin schon sehr alt ist, so erhält dasselbe ein Füllen von einem andern Paare, das dann wieder zusammen lebt. Diese Vorsicht ist nothwendig, damit das Land nicht zu sehr bevölkert werde. Die Race der niederen Hauyhnhnms muß sich jedoch nicht so genau auf diese Zahl beschränken; ihre Füllen dürfen von jedem Geschlechte drei betragen, die alsdann später als Bediente in den adelichen Familien angestellt werden.

Bei den Ehen zeigen die Hauyhnhnms besondere Sorgfalt in der Wahl der Farben, um keine unangenehme Mischung in der Race zu veranlassen. Kraft wird hauptsächlich bei den männlichen und Zierlichkeit bei den weiblichen Individuen geschützt, jedoch nicht in Betreff der Liebe, sondern um die Entartung der Race zu verhindern; wo nämlich ein Weibchen durch Körperstärke sich auszeichnet, wird der Gatte mit besonderer Rücksicht auf Zierlichkeit gewählt.

Das Hofmachen, die Zärtlichkeiten, die Geschenke, das Nadelgeld und Versorgung sind unbekannte Begriffe.

Das junge Paar kommt zusammen und wird ganz allein deßhalb verbunden, weil dies der Wille seiner Eltern und Verwandten ist. Die jungen Leute betrachten dies als etwas ganz Gewöhnliches und als eine Handlung, welche vernünftigen Wesen natürlich ist. Eine Verletzung der Ehe und eine andere unmoralische Handlung ist jedoch unerhört, und das verheirathete Paar verbringt sein Leben in derselben gegenseitigen Freundschaft und mit demselben Wohlwollen, welches Anderen, die mit ihnen zusammen kommen, erwiesen wird; Eifersucht, Zärtlichkeit, Zänkerei oder Unzufriedenheit sind unbekannte Begriffe.

In Erziehung der Jungen von beiden Geschlechtern ist die Methode der Hauyhnhnms bewunderungswürdig und verdient unsere Nachahmung. Die Füllen dürfen kein Korn, Hafer berühren, mit Ausnahme gewisser Tage, bis sie das achtzehnte Jahr erreicht haben; Milch erhalten sie nur selten; im Sommer grasen sie zwei Stunden des Morgens und dieselbe Zeit am Abend, wobei sie von ihren Eltern beobachtet werden. Den Dienern ist nicht mehr als die Hälfte dieser Zeit zugestanden, und ein großer Theil des Grases, wovon sie sich nähren, wird nach Hause gebracht. Sie essen dasselbe in passenden Stunden, wenn man sie am besten bei der Arbeit entbehren kann.

Mäßigkeit, Fleiß, Körperbewegung und Reinlichkeit werden als immerwährende Lehren den Füllen beider Geschlechter gegeben. Auch hielt es mein Herr für ein widernatürliches Verfahren, daß wir den weiblichen Personen unseres Geschlechtes eine andere Erziehung wie den männlichen geben, mit Ausnahme einiger Punkte, welche die Verwaltung des Hauswesens betreffen. Er bemerkte mit vollkommenem Recht, die Hälfte unserer Eingeborenen sey deßhalb zu nichts anderem brauchbar, als zum Hervorbringen von Kindern. Der Umstand jedoch, daß man die Erziehung der Kinder solchen nutzlosen Personen anvertraue, sey ein noch größerer Beweis von unserer thierischen Natur.

Die Hauyhnhnms ziehen dagegen ihre Jugend zur Kraft, Schnelligkeit und Abhärtung auf; dieselbe muß auf steilen Anhöhen und steinigem Boden öftere Wettrennen halten. Sind die Füllen in Schweiß gerathen, so müssen sie bis über die Ohren in einen Teich oder Fluß sich tauchen. Viermal des Jahres kommt die Jugend eines bestimmten Distrikts zusammen, um ihre Fortschritte im Laufen, Springen und anderen Beweisen ihrer Fertigkeit und Behendigkeit zu zeigen; der Sieger oder die Siegerin wird dabei mit einem Lobgedichte belohnt. Bei dieser Festlichkeit treiben die Bedienten eine Heerde Yähus auf das Feld, welche mit Heu, Hafer und Milch zur Bewirthung der Hauyhnhnms bestimmt sind. Alsdann aber werden die Thiere sogleich wieder zurückgetrieben, damit sie der Gesellschaft nicht lästig werden.

Alle vier Jahre wird im Frühlingsäquinoctium eine Repräsentativ-Versammlung der ganzen Nation auf einer Ebene gehalten, welche ungefähr zehn Stunden von unserem Hause entfernt liegt. Hier untersuchen die Hauyhnhnms den Zustand der verschiedenen Distrikte, ob dieselben Ueberfluß an Heu, Hafer, Kühen, Yähus besitzen, oder daran Mangel leiden. Findet sich irgendwo ein Mangel (ein Fall, der sich jedoch nicht häufig ereignet), so wird er sogleich durch einstimmig ertheilten Beitrag wieder ausgeglichen. Hier werden auch die Regulirungen, hinsichtlich der Kinder festgesetzt; z. B. wenn ein Hauyhnhnm zwei männliche Kinder hat, so vertauscht er eines mit einem andern, der zwei weibliche besitzt; ist ferner ein Kind durch Zufall verloren gegangen und die Mutter bereits schon alt, so wird beschlossen, welcher Distrikt ein anderes Kind aufziehen soll, um den Verlust zu ersetzen.

Kapitel 9


Kapitel 9 Eine große Debatte in der allgemeinen Versammlung der Hauyhnhnms und was darin beschlossen wird. Die Gelehrsamkeit der Hauyhnhnms. Ihre Gebäude. Ihre Begräbnißart. Die Mangelhaftigkeit ihrer Sprache.

Über eine dieser großen Versammlungen will ich hier berichten, welche drei Monate vor meiner Abreise gehalten wurde, und an welcher mein Herr als Repräsentant seines Distriktes Antheil nahm. In dieser Versammlung wurde die alte Debatte wieder aufgenommen, welche beinahe die einzige in dem Lande ist. Mein Herr gab mir darüber nach seiner Rückkehr einen sehr ausführlichen Bericht.

Die Frage betraf die Vertilgung der Yähus von der Erde. Ein Parlamentsglied sprach dafür und führte mehrere gewichtige Gründe für seine Meinung an. Es behauptete: So wie die Yähus die schmutzigsten, unruhigsten und häßlichsten Thiere seyen, welche die Natur jemals hervorgebracht habe, so zeigten sie sich auch störrig, ungelehrig und boshaft. Im Geheimen sögen sie Milch aus den Brüsten der Kühe, welche den Hauyhnhnms gehörten, tödteten und fräßen die Katzen derselben, zerträten Hafer und Gras, wenn man nicht ein genaues Auge auf sie habe, und begingen tausend andere Ausschweifungen.

Der Redner führte alsdann eine allgemeine Tradition an: Yähus habe es nicht ewig in seinem Vaterlande gegeben. Vor langer Zeit seyen zwei dieser Thiere auf einem Berge erschienen. Ob sie von der Hitze der Sonne aus verfaultem Morast und Schlamm, oder aus dem Abfluß und dem Schaum der See entstanden seyen, bleibe ungewiß; diese Yähus hätten eine Nachkommenschaft gezeugt, die bald so zahlreich geworden, daß sie die ganze Nation angreifen konnte; die Hauyhnhnms, um das Uebel los zu werden, hätten eine allgemeine Jagd angestellt und zuletzt die ganze Heerde eingeschlossen; die älteren seyen getödtet worden; jeder Hauyhnhnm habe zwei junge in seinem Stall gehalten und sie zu einem solchen Grade von Zahmheit, wie sie ein von Natur so wildes Thier nur erlangen könne, dadurch gebracht, daß er sie zum Ziehen und Lasttragen verwandt habe.

Diese Tradition scheine wahr zu seyn, denn jene Geschöpfe konnten nicht Ylnhiamshy (Ureinwohner) des Landes seyn, weil die Hauyhnhnms wegen des heftigen Hasses, welchen sie, wie andere Thiere, gegen die Yähus mit vollem Rechte hegten, unmöglich zu der Höhe von Vollkommenheit hätten gelangen können; wären Yähus die Ureinwohner, so wären die Hauyhnhnms wahrscheinlich ausgerottet worden. Die Einwohner hätten hierauf eine besondere Vorliebe für den Dienst der Yähus gefaßt, und dadurch, unvorsichtigerweise, die Fortpflanzung der Esel vernachläßigt, welche artige, weit ordentlichere und zahme, leicht zu bewachende Thiere seyen, die auch keinen unangenehmen Geruch besäßen. Sie seyen ferner auch stark genug zur Arbeit, obgleich sie den Yähus an Behendigkeit nachstünden; sey auch ihr Geschrei kein angenehmer Schall, so müsse man dasselbe doch dem furchtbaren Geheule der Yähus vorziehen.

Mehrere Andere sprachen ihre Ansicht in derselben Weise aus, worauf mein Herr der Versammlung einen Vorschlag machte, worüber ich ihm in der That einen Wink gegeben hatte. Er gestand die Wahrheit der Tradition zu, welche das ehrenwerthe Parlamentsglied, das so eben gesprochen, angeführt habe. Jedoch die beiden Yähus die man zuerst im Lande erblickte, müßten auf dem Meere hieher verschlagen und von ihren Gefährten verlassen seyn. Sie hätten sich auf die Gebirge zurückgezogen, seyen dorten allmählich entartet und wilder wie die Menschen des Landes geworden, von wo sie anlangten. Den Grund zu dieser Behauptung, fuhr der Andere fort, sehe ich in dem Umstände, daß ich jetzt einen wunderbaren Yähu besitze (damit war ich gemeint); die meisten von euch haben wohl schon davon gehört und viele ihn auch gesehen (der Redner erzählte alsdann die Art, wie er mich gefunden habe). Sein Körper ist mit einer künstlichen Zusammensetzung von Häuten und Haaren anderer Thiere bedeckt; er hat seine eigene Sprache, versteht jedoch auch die unsrige. Er hat mir die Begebenheiten erzählt, die ihn hieher brachten. Ich habe ihn auch ohne Bedeckung gesehen. Er ist ein vollkommner Yähu in jedem Körpertheile, jedoch von weißer Farbe, weniger haarig und besitzt keine Klauen. Er hat sich bemüht, mich zu überreden, daß die Yähus in seinem Vaterlande die regierenden und vernünftigen Thiere sind und die Hauyhnhnms zu ihrem Dienste gebrauchen. Er hat alle Eigenschaften eines Yähu, ist aber durch einen Anflug von Vernunft ein wenig verfeinert; dieser ist jedoch in demselben Gerade geringer wie unsre Vernunft, als die der Yähus seines Vaterlandes im Vergleich mit der unsrigen. Er hat mir unter Andern einen Gebrauch derselben erzählt, wonach die Hauyhnhnms in ihrer Jugend verschnitten werden, um sie zahmer zu machen, und diese Operation ist leicht und sicher. Auch ist es ja keine Schande, von Thieren zu lernen; Fleiß lernt man von der Ameise, das Bauen von der Schwalbe, (so übersetze ich das Wort Leihanhh, obgleich dieser Vogel etwas größer ist, als der erwähnte). So läßt sich diese Erfindung bei den jüngeren Yähus anwenden, welche ohnedies leichter zu behandeln, und zu gebrauchen sind. Dadurch wird das ganze Geschlecht ohne Tödtung aufhören. Zugleich müssen aber die Hauyhnhnms die Zucht der Esel befördern, die in jeder Hinsicht werthvollere Thiere sind, und zugleich den Vortheil gewahren, daß man sie schon im fünften Jahre gebrauchen kann, da dies bei den Yähus nur im zwölften möglich ist.

Dies war Alles, was mir mein Herr über den Vorgang in der Rathsversammlung damals sagen wollte. Er hatte die Güte, einen Umstand zu verhehlen; der sich auf mich bezog, und dessen unheilvolle Wirkung ich bald empfand, wie der Leser am gehörigen Orte erfahren wird, wovon ich alle meine spätern Unglücksfälle herleite.

Die Hauyhnhnms kennen keine Schrift und deßhalb beruht ihr ganzes Wissen auf Tradition. Da jedoch bei einem Volke, wo Alle befreundet und zu jeder Tugend durch Natur geneigt sind, das ferner ausschließlich durch Vernunft regiert wird, nur keinen Verkehr mit andern Völkern hat, wenige Ereignisse sich zutragen können, so wird der historische Theil des Wissens durch das Gedächtniß sehr leicht bewahrt. Ich bemerkte schon, daß die Hauyhnhnms keinen Krankheiten ausgesetzt sind, und deßhalb keine Aerzte gebrauchen. Sie haben jedoch ausgezeichnete Arzneimittel, die aus Kräutern bestehen, um zufällige Beulen und Ritzen im Fußgelenke oder in der Kehle, welche durch scharfe Steine bewirkt werden, sowie auf andere Verletzungen und Lähmungen an den verschiedenen Körpertheilen zu heilen.

Das Jahr berechnen sie nach den Umwälzungen des Mondes und der Sonne, gebrauchen jedoch keine Unterabtheilungen in Betreff der Wochen. Sie sind mit den Bewegungen dieser beiden Licht gebenden Körper genau bekannt, so wie auch mit der Ursache ihrer Verfinsterungen. Hierauf aber beschränken sich alle ihre Fortschritte in der Astronomie.

Man muß zugestehen, daß sie in der Poesie alle übrigen Sterblichen übertreffen; die Richtigkeit ihrer Gleichnisse, so wie die Genauigkeit ihrer Beschreibungen sind wirklich unübertreffbar. Ihre Verse haben an diesen beiden Eigenschaften Ueberfluß und enthalten gewöhnlich exaltirte Begriffe von Freundschaft und Wohlwollen, oder den Ruhm der Sieger beim Wettrennen oder bei andern körperlichen Uebungen. Ihre Gebäude, obgleich sehr roh und einfach, sind nicht sehr zierlich, aber sehr gut eingerichtet, um vor jeder schädlichen Einwirkung der Kälte und Hitze zu schützen. Sie besitzen einen Baum, welcher, sobald er vierzig Jahre alt ist, an der Wurzel lose wird und beim ersten Sturme niederfällt. Er wächst ganz gerade in die Höhe, wird als ein Stock mit scharfen Steinen (der Gebrauch des Eisens ist den Hauyhnhnms unbekannt,) zugespitzt; die so gebildeten Balken werden in der Entfernung von zehn Fuß nebeneinander ausgestellt, mit Haferstroh und bisweilen mit Hürden verflochten. Dach und Thür wird in derselben Art gebildet.

Die Hauyhnhnms gebrauchen den hohlen Theil ihres Vorderfußes, zwischen dem Hufe und dem Fußgelenk, in derselben Weise wie wir unsere Hände und zwar mit größerer Geschicklichkeit, als ich zuerst glauben konnte. Ich habe gesehen, wie eine weiße Stute aus unserer Familie mit diesem Gelenke eine Nadel einfädelte, die ich ihr zu dem Zwecke geliehen hatte. Auf dieselbe Weise melken sie ihre Kühe, ärnten sie ihren Hafer und verrichten jede Arbeit, welche die Hand erfordert. Sie haben ferner eine Art Feuerstein, den sie durch Schleifen an andern Steinen zu Instrumenten bilden, deren sie sich als Keile, Aexte und Hämmer bedienen. Mit Werkzeugen aus diesen Feuersteinen schneiden sie auch das Heu und den Hafer ab, welcher auf ihren Feldern wächst; alsdann ziehen Yähus die Garben auf Wägen nach Hause und die Diener treten auf dieselben in geeigneten verdeckten Hütten, bis das Korn heraus ist, welches alsdann aufbewahrt wird. Sie verfertigen ferner eine rohe Art hölzerner und irdener Gefäße und trocknen letztere an der Sonne.

Wenn die Hauyhnhnms zufällige Unglücksfälle vermeiden können, so sterben sie nur im höchsten Alter, und werden alsdann an den dunkelsten Orten, die man finden kann, begraben, wobei Freunde und Verwandte weder Kummer noch Freude zeigen.

Auch offenbart die sterbende Person nicht den geringsten Schmerz, daß sie die Welt verlassen muß, sondern äußert dieselbe Stimmung, als kehre sie von einem Besuche bei Nachbarn nach Hause zurück. Ich erinnere mich, einst hatte mein Herr mit einem Freunde und dessen Familie die Verabredung getroffen, in seinem Hause eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. An dem festgesetzten Tage kam die Gemahlin desselben mit ihren zwei Kindern jedoch sehr spät. Sie brachte zwei Entschuldigungen vor. Der erste betraf ihren Mann, der, wie sie sagte, den Morgen gerade Llnuwnh wäre; dies Wort ist sehr ausdrucksvoll in der Sprache, und läßt sich nicht leicht in’s Englische übersetzen. Es bedeutet: »sich zu seiner ersten Mutter zurückziehn.« Die zweite Entschuldigung, weil sie nicht früher kam, betraf sie selbst. Als ihr Mann spät am Morgen gestorben sey, habe sie sich mit ihren Bedienten berathen, an welchem passenden Platze der Leichnam wohl hingelegt werden könne. Ich bemerkte, sie benahm sich in unserem Hause so heiter wie die übrigen, und starb ungefähr drei Monate nachher.

Die Hauyhnhnms leben gewöhnlich bis zum siebenzigsten oder fünfundsiebenzigsten, selten bis zum achtzigsten Jahre. Einige Wochen vor ihrem Tode fühlen sie eine allmählige Abnahme ihrer Kräfte, jedoch ohne Schmerz zu empfinden. Während dieser Zeit werden sie häufig von ihren Freunden besucht, weil sie mit der gewöhnlichen Bequemlichkeit und Zufriedenheit nicht mehr ausgehen können. Zehn Tage vor ihrem Tode, dessen Augenblick sie mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen können, erwidern sie die Besuche den nächsten Nachbarn, indem sie von Yähus in einem bequemen Sessel getragen werden. Diese Sessel gebrauchen sie nicht allein bei dieser Gelegenheit, sondern überhaupt wenn sie alt werden, oder auf großen Reisen, oder wenn sie durch Zufall gelähmt sind. Die sterbenden Hauyhnhnms, welche diesen Besuch abstatten, nehmen feierlichen Abschied von ihren Freunden, als ob sie sich in einen entfernten Theil des Landes begäben, wo sie die letzte Zeit ihres Lebens zubringen wollen.

Ich weiß nicht, ob es der Mühe werth ist, hier noch zu bemerken, daß es kein Wort in ihrer Sprache für den Begriff böse giebt, mit Ausnahme einiger Ausdrücke, welche von der Entstellung oder den schlechten Eigenschaften der Yähus hergenommen sind. So bezeichnen sie die Dummheit eines Bedienten, die Unart eines Kindes, einen Stein, der ihren Fuß ritzt, lange Dauer des schlechten Wetters und ähnliche Dinge durch die Hinzufügung des Beiwortes Yähu. Z. B. hhnm Yähu, whnaholm Yähu, ylnhmndwilma Yähu; ein schlecht gebautes Haus heißt ynholmhnmrohlnw Yähu.

Ich würde mit großem Vergnügen die Sitten und Tugenden dieses ausgezeichneten Volkes noch länger darlegen, habe jedoch die Absicht, in kurzer Zeit ein besonderes Buch über diesen Gegenstand herauszugeben und muß den Leser deßhalb hierauf verweisen. Mittlerweile will ich meine traurige Katastrophe hier erzählen.

Kapitel 10


Kapitel 10 Des Verfassers Haushalt und glückliches Leben bei den Hauyhnhmns. Seine Fortschritte in der Tugend durch den Umgang mit denselben. Ihre Unterhaltungen. Dem Verfasser wird von seinem Herrn angezeigt, er müsse das Land verlassen. Er fällt aus Gram in Ohnmacht, unterwirft sich jedoch seinem Unglück. Er erfindet und verfertigt einen Kahn mit Hülfe des

Ich hatte meinen kleinen Haushalt durchaus nach meiner Zufriedenheit eingerichtet. Mein Herr hatte befohlen, mir eine Hütte nach der Landessitte zu erbauen, welche sechs Ellen vom Hauptgebäude entfernt war. Die Seiten und den Fußboden desselben bedeckte ich mit Lehm und Binsenmatten, die ich selbst erfunden. Ich hatte Hanf, der dort wild wächst, mir zubereitet und machte daraus eine Art Zwillich; diesen füllte ich mit den Federn verschiedener Vögel, die ich in Schlingen aus Yähuhaaren einfing und die mir eine treffliche Nahrung boten. Ich hatte zwei Stühle mit meinem Messer verfertigt, wobei der fuchsbraune Klepper in dem gröberen und mühseligeren Theile der Arbeit half. Als meine Kleider zerrissen waren, machte ich mir andere aus den Häuten von Kaninchen und von gewissen schönen Thieren derselben Größe, die Nnuhnoh heißen, deren Fell mit dem zartesten Flaum bedeckt ist. Daraus machte ich mir auch erträgliche Strümpfe. Meine Schuhe besohlte ich mit Holz, das ich aus Bäumen geschnitten und zugerichtet hatte, so daß ihre Sohle an das Oberleder paßte; als auch dieses abgenutzt war, ersetzte ich es durch Fell von Yähus, das an der Sonne getrocknet war. Oft auch nahm ich Honig aus hohlen Bäumen, vermischte denselben mit Wasser, oder aß ihn zu meinem Brode. Niemand hat somit, wie ich, die Wahrheit der zwei Grundsätze erfahren: die Natur werde leicht zufriedengestellt und Nothwendigkeit sey die Mutter der Erfindung.

Ich war im Körper vollkommen gesund und meine Seele genoß der größten Heiterkeit. Ich härmte mich nicht über die Verrätherei oder Unbeständigkeit eines Freundes, noch über die Beleidigungen eines offenen oder geheimen Feindes. Ich hatte keine Gelegenheit zum Bestechen, Heucheln und Kuppeln, um mir die Gunst eines mächtigen Mannes oder seines Lieblings zu verschaffen. Ich brauchte keinen Schutz gegen Betrug oder Unterdrückung. Es gab dort weder Aerzte meinen Leib, oder Juristen mein Vermögen zu ruiniren, keine Spione, meine Worte und Handlungen zu belauschen, oder Anklagen für Geld gegen mich zu schmieden; hier gab es keine Spötter, Klatscher, Verläumder, Taschendiebe, Räuber, Sachwalter, Kuppler, Narren, Spieler, Politiker, Witzlinge, launenhafte Menschen, langweilige Schwätzer, Zänker, Nothzüchter, Mörder und Virtuosen; keine Parteihäupter und Parteigänger, keine Anreizer zum Laster durch Verführung oder Beispiel; keine Gefängnisse, Beile, Galgen, Prügelpfosten oder Schandpfähle; keine betrügerischen Wirthe oder Handwerker; keinen Stolz, keine Eitelkeit oder Affektation; keine Stutzer, Trunkenbolde und entwürdigte Frauen; keine zänkische, ungetreue und kostbare Gattinnen; keine dummen und stolzen Pedanten; keine zudringliche, herrschsüchtige, zänkische, unruhige, schreiende, dumme, launenhafte, fluchende Gesellschafter; keine Schufte, die aus dem Staube durch das Verdienst des Lasters sich erheben; keinen Adel, der unter dem Verwand der Tugenden übertragen wird; keine Lords, Fiedler, Richter und Tanzmeister.

Ich hatte die Ehre, mehreren Hauyhnhnms vorgestellt zu werden, welche meinen Herrn besuchten oder bei ihm speisten. Seine Gnaden ertheilte mir alsdann gütigst die Erlaubniß, im Zimmer zu bleiben und die Unterredung anzuhören.

Sowohl mein Herr als seine Gesellschaft hatten die Herablassung, mir Fragen vorzulegen und meine Antworten anzuhören. Bisweilen wurde mir auch erlaubt, meinen Herrn bei seinen Besuchen bei Andern zu begleiten. Ich nahm mir nie heraus, Etwas zu sagen, wenn ich nicht gefragt wurde; die Erwiderung gab ich jedoch stets mit innerlichem Kummer, weil ein Zeitverlust, in Betreff meiner Besserung, dadurch bewirkt wurde; die Stellung eines demüthigen Zuhörers gefiel mir aber außerordentlich in diesen Gesprächen, wo nur das Nützliche besprochen und in bezeichnenden und kurzen Worten ausgedrückt ward. Wie ich schon sagte, wurde der höchste Anstand dabei beobachtet, ohne daß viele Komplimente gewechselt wurden. Einem jeden Hauyhnhnm machte das Sprechen Vergnügen, und ihm wurde von der Gesellschaft mit demselben Vergnügen zugehört; Unterbrechung, Langweiligkeit, oder Verschiedenheit der Meinung fand nirgends statt. Die Hauyhnhnms hegen den Glauben, bei Unterhaltungen werde das Gespräch durch ein kurzes Stillschweigen sehr verbessert. Auch fand ich, daß dies sich wirklich so verhielt, denn während der Pause entstanden neue Ideen, welche ihre Unterhaltung belebten. Ihre gewöhnlichen Gespräche betreffen Freundschaft und Wohlwollen, Ordnung und Sparsamkeit, bisweilen auch die sichtbaren Wirkungen der Natur oder alte Traditionen, die Gränzen der Tugend, die nie fehlschlagenden Andeutungen der Vernunft, oder auch Beschlüsse, die man bei der nächsten großen Versammlung fassen soll; oft auch die verschiedenen Erhabenheiten der Poesie.

Ohne Eitelkeit darf ich behaupten, daß auch meine Gegenwart ihnen öfter Stoff zur Unterhaltung bot, weil sie meinem Herrn Gelegenheit gab, seine Freunde in meine Geschichte und in die meines Vaterlandes einzuweihen, worüber sie sämmtlich die Güte hatten, sich in keiner schmeichelhaften Weise gegen das Menschengeschlecht auszusprechen. Deßhalb will ich nicht wiederholen, was die Hauyhnhnms sagten; der Leser wird mir jedoch die Bemerkung erlauben, daß mein Herr, zu meinem Erstaunen, die Natur der Yähus weit besser kannte, wie ich selbst. Er sprach über alle unsere Laster und Thorheiten und entdeckte viele derselben, die ich nie erwähnte, und zwar ausschließlich durch die Vermuthung, welche Eigenschaften die Yähus seines Vaterlandes bei einiger Vernunft besitzen müßten. Alsdann bildete er ganz natürlich den Schluß, wie elend und erbärmlich ein solches Geschöpf seyn müsse.

Ich gestehe offen, alle geringe Kenntniß von einigem Werth, die ich besitze, ward von mir durch die Vorlesungen meines Herrn und die Unterredung zwischen ihm und seinen Freunden erworben; ich hege größeren Stolz, darauf gehört zu haben, als der weisesten und größten Gesellschaft Europa’s zu diktiren. Ich bewunderte die Kraft, Zierlichkeit und Schnelle der Einwohner, und eine solche Vereinigung von Tugenden bei so liebenswürdigen Personen, erweckte bei mir die höchste Achtung. Zuerst fühlte ich zwar nicht jene natürliche Verehrung, welche die Yähus und alle Thiere gegen die Hauyhnhnms hegen. Diese entstand jedoch allmählig und schneller als ich dachte, und war mit einer natürlichen Liebe und Dankbarkeit vermischt, daß sie mich gnädigst von den andern Thieren meiner Gattung auszeichneten.

Dachte ich an meine Familie, meine Freunde, Landsleute und an das Menschengeschlecht im Allgemeinen, so betrachtete ich sie für das, was sie wirklich waren, als Yähus in Form und Charakter, obgleich vielleicht etwas mehr civilisirt und mit der Gabe der Rede versehen, die jedoch von ihrer Vernunft keinen andern Gebrauch machten, als um jene Laster zu verbessern und zu vermehren, von denen ihre Brüder in dem Lande der Hauyhnhnms nur einen von der Natur ihnen übertragenen Theil besitzen.

Wenn ich das zurückgeworfene Bild meiner Form in einem See oder in einer Quelle sah, so wandte ich voll Schauder über mich selbst mein Gesicht ab; ich konnte sogar den Anblick eines gewöhnlichen Yähu besser ertragen, als den meiner eigenen Person. Durch Umgang mit den Hauyhnhnms und durch Bewunderung ihrer Eigenschaften konnte ich es nicht unterlassen, ihren Gang und ihre Bewegungen nachzuahmen, welches mir so zur Gewohnheit geworden ist, daß meine Freunde mir die Versicherung geben, ich trottire wie ein Pferd, und dieses halte ich in der That für ein großes Kompliment; auch will ich nicht läugnen, daß ich beim Sprechen geneigt bin, Stimme und Art der Hauynhnms anzunehmen, und daß ich ohne die geringste Kränkung Spöttereien hierüber anhören kann.

In der Mitte dieses Glücks und als ich schon wähnte, ich würde mein ganzes Leben lang im Lande bleiben können, ließ mich mein Herr einstens früher als gewöhnlich rufen. Ich bemerkte an seinem Gesicht, daß er in einiger Verlegenheit war, und nicht wußte, wie er das, was er sagen wollte, mir eröffnen könnte. Nach einem kurzen Schweigen sagte er mir: Er wisse nicht, wie ich das, was er mir zu sagen habe, aufnehmen werde. Bei der letzten allgemeinen Versammlung hätten die Repräsentanten, als die Angelegenheit der Yähus besprochen wurde, daran Antheil genommen, daß er ein Individuum dieser Gattung in seiner Familie halte, welches mehr einem Hauyhnhnm als einem unvernünftigen Thiere gleiche; daß er ferner sich häufig mit mir unterhalte, als ob er Vortheil oder Vergnügen an meiner Gesellschaft erlangen könne. Ein solches Verfahren sey mit Natur und Vernunft nicht übereinstimmend. Die Versammlung ermahne ihn deßhalb, mich entweder wie die Uebrigen meines Geschlechtes zu behandeln, oder mich zu zwingen, daß ich zu dem Orte, woher ich gekommen, wieder zurückschwimmen möge. Das erste dieser Auskunftsmittel sey jedoch sogleich von allen Hauyhnhnms, die mich je in ihrem Hause gesehen hätten, verworfen worden; sie hätten angeführt: da ich einige Elemente der Vernunft besäße, und da jene Thiere so boshaft wären, so möchte ich sie verführen in die waldigen und gebirgigen Theile des Landes zu fliehen, und sie alsdann des Nachts in Haufen herunterführen und das Vieh der Hauyhnhnms zu zerstören. Die Yähus seyen ja von Natur als Raubthiere gebildet und der Arbeit abgeneigt.

Mein Herr fügte hinzu: Er werde alle Tage von den Hauyhnhnms der Nachbarschaft dringend dazu aufgefordert, daß er den Beschluß der Versammlung ausführe, und könne dies jetzt auch nicht länger aufschieben. Er glaube wohl, daß es mir unmöglich sey, nach einem andern Lande zu schwimmen, er wünsche deßhalb, daß ich mir ein Fahrzeug verschaffe, welches demjenigen gleiche, das ich ihm bereits beschrieben, und wodurch ich auf dem Meere hergekommen sey. Bei dieser Arbeit würde mir von seinen Bedienten und von denen aller Nachbarn geholfen werden. Er fügte am Schlusse noch hinzu: Seiner Seits hätte er mich gern während meines ganzen Lebens in seinem Dienste behalten; er habe gefunden, daß ich mich von mancher schlechten Gewohnheit und Neigung dadurch geheilt habe, daß ich mich bemühte, so weit es meine untergeordnete Natur erlaube, die Hauyhnhnms in jeder Hinsicht nachzuahmen.

Ich hätte dem Leser schon bemerken müssen, daß ein Dekret der allgemeinen Versammlung in diesem Lande Hnhloayn ausgedrückt wird, welches Ermahnung bedeutet, so weit ich das Wort übersetzen kann; die Hauyhnhnms haben nämlich keinen Begriff davon, daß ein vernünftiges Geschöpf gezwungen werden müsse, anstatt sich nur rathen oder ermahnen zu lassen. Kein Geschöpf könne nämlich der Vernunft ungehorsam seyn, ohne seine Ansprüche auf dieselbe aufzugeben.

Die Rede meines Herrn erfüllte mich mit äusserstem Kummer und mit Verzweiflung, und da es mir unmöglich war, meinen Schmerz zu ertragen, fiel ich zu seinen Füßen in Ohnmacht.

Als ich meine Besinnung wieder erlangt hatte, sagte er mir, er habe geglaubt, ich sey todt. Die Hauyhnhnms sind nämlich solchen Schwächen nicht unterworfen. Ich erwiderte mit schwacher Stimme: Der Tod würde ein zu großes Glück für mich gewesen seyn. Ich könne zwar die Ermahnung der Versammlung und das dringende Verlangen seiner Freunde nicht tadeln. Ich glaube jedoch, meinem schwachen und verdorbenen Verstande gemäß, auch eine geringere Strenge sey der Vernunft nicht widerstrebend gewesen. Ich könne keine Stunde weit schwimmen und das nächste Land würde ungefähr hundert Stunden weit entfernt seyn. Eine Menge Materialien, die zur Verfertigung eines Fahrzeuges nochwendig seyen, fehlten in diesem Lande. Ich würde jedoch, aus Gehorsam und Dankbarkeit gegen Seine Gnaden, den Versuch machen, ob ich gleich die Ausführung für unmöglich hielte, so daß ich schon jetzt mich als verloren betrachte; die sichere Aussicht auf einen unnatürlichen Tod, sey das geringste meiner Nebel. Sollte ich nämlich durch irgend einen besondern Zufall dem Tode entgehen, so könne ich doch unmöglich mit Gelassenheit daran denken, mein Leben wieder bei Yähus zuzubringen und in die alte Verderbniß, aus Mangel an Beispielen, wieder zu versinken, welche mich auf die Pfade der Tugend führen und auf denselben erhalten würden. Ich wisse sehr wohl, daß die Beschlüsse der weisen Hauyhnhnms zu richtig begründet seyen, als daß ich, ein erbärmlicher Yähu, sie erschüttern könne. Ich sage ihm deßhalb meinen demüthigen Dank für die mir angebotene Hülfe seiner Diener bei Verfertigung eines Schiffes, bitte um die erforderliche Zeit für ein so schwieriges Werk und wolle mich bemühen, mein elendes Leben zu erhalten. Würde ich jemals nach England zurückkehren, so hege ich einige Hoffnung, meinem Geschlechte dadurch nützlich zu werden, indem ich den Ruhm der berühmten Hauyhnhnms feiern und ihre Tugenden dem Menschengeschlechte zur Nachahmung hinstelle.

Mein Herr gab mir in wenigen Worten eine sehr gnädige Antwort; er gestattete mir die Zeit von zwei Monaten, um mein Boot zu vollenden, und befahl dem fuchsrothen Klepper, meinem Kameraden im Dienste (so darf ich ihn jetzt, da ich so weit von ihm entfernt bin, wohl nennen), meine Anleitung zu befolgen. Ich sagte nämlich meinem Herrn, die Hülfe desselben werde genügen, und ich wußte, daß dieser mein Kamerad viele Zuneigung zu mir hegte. Mein erstes Geschäft in der Gesellschaft desselben bestand darin, daß ich zu dem Theile der Küste ging, wo meine rebellische Schiffsmannschaft mich hatte an’s Land setzen lassen. Ich bestieg eine Höhe, sah nach allen Seiten in das Meer hinein und glaubte eine kleine Insel im Nordosten zu bemerken. Alsdann nahm ich mein Taschenperspektiv zur Hand und konnte dieselbe nach meiner Berechnung in der Entfernung von fünf Stunden deutlich erkennen. Der fuchsbraune Klepper hielt die Insel aber nur für eine blaue Wolke, denn er hatte keinen Begriff, daß es noch ein Land ausser dem seinigen gebe, und konnte deßhalb entfernte Gegenstände auf der See nicht wie wir erblicken, die wir auf diesem Elemente sehr bewandert sind.

Als ich diese Insel entdeckt hatte, überlegte ich nicht weiter, sondern beschloß, dieselbe solle für’s erste mein Verbannungsort werden. Das übrige überließ ich dem Glück.

Ich kehrte nach Hause, und nachdem ich eine Berathung mit dem fuchsbraunen Klepper gehalten, gingen wir Beide in ein nicht weit von unserm Hause entferntes Gebüsch, wo ich mit meinem Messer und er mit einem scharfen Feuerstein, der nach Landessitte an einem hölzernen Griff sehr geschickt befestigt war, mehreres Eichen-Gesträuch, von der Dicke eines Spazierstocks, und einige größere Stöcke abschnitt. Ich will jedoch den Leser mit einer zu genauen Beschreibung meines Verfahrens nicht langweilen; es genüge die Bemerkung, daß ich im Verlauf von sechs Wochen mit Hülfe des fuchsrothen Kleppers, welcher die mühsamste Arbeit verrichtete, eine Art indianischen Cano’s baute; dasselbe war jedoch bei weitem größer. Ich bedeckte es mit Yähu-Häuten und heftete letztere mit Fäden aus Hanf, die ich selbst erfunden, dicht an einander. Mein Segel bestand ebenfalls aus der Haut dieses Thieres; ich gebrauchte jedoch dazu die Häute der jüngeren, denn die der älteren waren viel zu rauh und dick. Auch versah ich mich mit vier Rudern, legte in das Cano einen Vorrath gekochten Fleisches von Kaninchen und Vögeln, so wie auch zwei Gefäße, eines voll Milch und das andere voll Wasser.

Ich probirte mein Cano in einem großen Teiche bei dem Hause meines Herrn, und verbesserte dann die Mängel, die ich bemerkte, indem ich die Ritzen mit Yähu-Talg verstopfte, bis das Fahrzeug im Stande war, mich und meine Fracht zu tragen. Als es nun vollständig in jeder Hinsicht erschien, wurde es von Yähus auf einem Wagen langsam an das Ufer gezogen, wobei der fuchsbraune Klepper und noch ein anderer Bediente die Treiber waren.

Als Alles bereit und der Tag meiner Abreise angebrochen war, nahm ich von meinem Herrn, seiner Gemahlin und der ganzen Familie Abschied. Meine Augen schwammen in Thränen und mein Herz war durch Gram erdrückt. Seine Gnaden beschloß jedoch, theils aus Neugier, theils aus Gütigkeit gegen mich (wenn ich ohne Eitelkeit dies Wort gebrauchen darf), mich in meinem Cano zu sehen, und nahm mehrere seiner Freunde mit sich, welche in der Nachbarschaft wohnten. Ich mußte ungefähr eine Stunde auf die Fluth warten, und als ich dann bemerkte, daß der Wind für meine Fahrt nach der Insel günstig war, nahm ich zum zweiten Mal Abschied von meinem Herrn. Als ich mich nun niederwerfen wollte, um seinen Huf zu küssen, erwies er mir die Ehre, ihn sanft an meinen Mund zu erheben. Ich weiß sehr wohl, daß man mich wegen der Erwähnung dieses letzteren Umstandes sehr getadelt hat. Verleumder haben es für unwahrscheinlich gehalten, daß eine so erlauchte Person sich herabließ gegen ein so tief unter ihm stehendes Geschöpf. Auch habe ich nicht vergessen, wie gern einige Reisende sich außerordentlicher Gunstbezeugungen rühmen. Wären aber diese Verleumder mit dem edlen und höflichen Charakter der Hauyhnhnms besser bekannt, so würden sie bald ihre Meinung ändern.

Ich begrüßte die übrigen Hauyhnhnms in Gesellschaft Seiner Gnaden, stieg in mein Cano und stieß vom Ufer.

Teil 4

Teil 4
Reise in das Land der Hauyhnhnms

IV.


IV.

Swift war von hoher Gestalt, kräftig und wohlgebildet. Er hatte blaue Augen, braune Farbe, schwarze dicke Augenbrauen, eine Adlernase, und seine Züge drückten die ganze Strenge, Unerschrockenheit und den ganzen Stolz seines Charakters aus. In seiner Jugend galt er für einen sehr schönen Mann und in seinem Alter war seine Gestalt, obgleich finster, immer noch edel und ehrfurchtgebietend. Er sprach in seinen Reden mit Wärme und Leichtigkeit; sein Talent zur Polemik war zu politischen Debatten so geeignet, daß die Minister der Königin Anna oft bedauern mußten, es nicht dahin gebracht zu haben, ihm einen Sitz auf der Bank der Bischöfe in der Pairskammer zu verschaffen. Die Regierung von Irland fürchtete seine Beredtsamkeit ebenso als seine Feder.

Sein Betragen in Gesellschaft war gefällig und leutselig und nicht ohne originellen Anstrich; aber er wußte sich so gut in die Umstände zu fügen, daß seine Gesellschaft allgemein gesucht war.

Als das Alter und die geringere Biegsamkeit seines Geistes dem Gleichmuth seines Wesens schon Eintrag gethan hatten, liebte man noch seine Unterhaltung. Man fand sie interessant nicht bloß durch seine Kenntnis der Welt und der Sitten, sondern auch durch den satyrischen Humor, mit welchem er seine Bemerkungen und Anekdoten würzte. Es war dies nach Orrery die letzte seiner Fähigkeiten die er verlor; aber der Dechant selbst bemerkte, daß, je mehr sein Gedächtniß abnahm, er seine Geschichten öfter wiederhole.

Seine Unterhaltung, seine witzigen Einfälle und spitzigen Antworten wurden als unvergleichlich betrachtet; aber wie es bei allen denen der Fall ist, die daran gewöhnt sind, die Unterhaltung despotisch zu beherrschen, legte ein unerwarteter Widerstand ihm zuweilen Stillschweigen auf.

Er liebte sehr die Wortspiele. Eines der besten die vielleicht je gemacht worden, ist die Anwendung des Virgilischen Verses:

»Mantua vae! miserae
nimium vicina Cremonae«

auf eine Dame, die mit ihrem Mantel eine cremoneser Violine auf den Boden geworfen hatte. Das Wortspiel, mit welchem er einen betagten Mann tröstete, der seine Brille verloren hatte, ist großartiger: »Wenn es die ganze Nacht fort regnet, werden Sie dieselbe unfehlbar morgen früh finden.«

Nocte pluit tota, redeunt
spectacula mane.

(Brille heißt auf englisch »spectacles«.)

Seine Verlegenheit in einer besseren Sorte von Witzen wird durch mehrere Anekdoten bestätigt. Ein vornehmer Mann, dessen Betragen nicht das geordnetste war, hatte zur Devise genommen: »eques haud male notus.«

Swift übersetzte diese Worte so: »So gut bekannt, daß ihm kein Mensch mehr traut.«

Er hatte eine eigenthümliche Neigung, Sprichwörter zu improvisiren. Er ging einst mit einigen andern Personen im Garten eines Mannes von seiner Bekanntschaft spazieren und als er sah, daß der Herr des Hauses nicht daran denke, ihnen Obst anzubieten, sagte Swift: einer der Sprüche seiner Großmutter sey gewesen:

Always pull a peach,
When it is in your reach.

(Wenn man den Pfirsich erlangen kann,
muß man ihn pflücken.)

und mit diesen Worten ging er der Gesellschaft mit seinem Beispiel voran.

Ein andermal fiel ein Mann, mit dem er einen Spazierritt machte, in eine Pfütze:

The more dirt,
the less hirt.

(Je größer der Schmutz,
desto leichter der Fall)

sagte Swift zu ihm; der Mann stand auf, beinahe getröstet über seinen Fall. Er war ein großer Liebhaber von Sprichwörtern und wunderte sich, daß er das, welches der Dechant so eben so glücklich angewendet hatte, nicht kannte. Swift fand eine Unterhaltung darin, Sprichwörter zusammenzusetzen; sein Tagebuch an Stella beweist, mit welcher Leichtigkeit er die geringfügigsten Gegenstände in Reimen brachte, und seine Poesien beurkunden eine unerschöpfliche Fruchtbarkeit.

Er hielt außerordentlich auf Reinlichkeit. Diese Gewohnheit ging bis in’s Grillenhafte. Er übte sich gern, namentlich im Fußgehen. Unsere modernen Fußgänger würden lachen über die Wette, die er einging, zu Fuß nach Chester zu gehen, und dabei täglich zehn Meilen zurückzulegen (es sind ungefähr zweihundert Meilen). Gleichwohl glaubt man, Swift habe sich zu sehr angestrengt und seine Gesundheit habe darunter gelitten. Er war ein ziemlich guter Reiter, ritt gern und war Pferdekenner: er wählte dieses edle Thier aus zum Sinnbild des sittlichen Verdienstes, unter dem Namen HuyhnhnmSwiftbewog seine Freunde, besonders Stella und Vanessa Reitstunden zu nehmen; er machte ihnen beinahe eine Pflicht daraus. Beinahe in jedem Briefe spricht er davon, als von einer für seine Gesundheit wesentliche Sache, die durch Taubheit und apoplektische Zufälle sehr schwankend geworden war. Er war mit Scropheln behaftet, die vielleicht die Zerrüttung seines Geistes beschleunigten. Die eigentliche Ursache war indeß eine Ansammlung von Wasser im Gehirn, wie es sich bei der Oeffnung nach seinem Tode erwies.

Die Wohlthätigkeit des Dechanten erhob sich über die gewöhnliche Mildthätigkeit, und obgleich er immer eine gewisse Summe in verschiedenen Münzen bei sich trug, um sie an die zu vertheilen, die ihm des Beistandes würdig schienen, so war sein Hauptzweck doch der, den wahrhaft Bedürftigen zu Hülfe zu kommen, ohne fürchten zu müssen, von Müssiggängern getäuscht zu werden. Er schrieb mehrere Abhandlungen über diesen Gegenstand. Man empfing ihn überall mit den Zeichen der tiefsten Ehrfurcht; er sagte, man dürfe eine Subskription eröffnen, um ihn mit Hüten frei zu halten, denn die Seinigen werden durch die vielen Begrüßungen, die er erwidern müsse, im Augenblicke abgenützt.

Er stellte einmal das Vertrauen, welches das Publikum auf alle seine Worte setzte, auf eine sehr heitere Probe.

Es war eine große Masse Volks um das Dechantenhaus versammelt, um eine Sonnenfinsterniß zu beobachten. Swift, über den Lärmen ungehalten, ließ durch den Küster verkündigen, auf Befehl des Dechanten von St. Patrick werde die Sonnenfinsterniß aufgeschoben. Diese außerordentliche Nachricht wurde sehr ernsthaft aufgenommen und das Volk zerstreute sich.

Der Charakter Swift, als Schriftsteller, bietet drei merkwürdige Eigentümlichkeiten dar.

Die erste Eigenschaft, die ihn auszeichnet, und die einem Autor, wenigstens von seinen Zeitgenossen, selten zugestanden wird, ist die Originalität. Der strengste Kritiker kann sie ihm nicht absprechen. Selbst Johnson gesteht, daß es vielleicht keinen Autor gebe, der so wenig von Andern entlehnt und so viel Recht habe, für originell gehalten zu werden.

Es war in der That nichts veröffentlicht worden, das Swift zum Muster hätte dienen können, und die wenigen Ideen, die er entlehnt hat, sind durch das Siegel, das er ihnen aufdrückte, die Seinigen geworden.

Die zweite Eigentümlichkeit, ans die wir bereits aufmerksam gemacht haben, ist Swifts völlige Gleichgültigkeit gegen die literarische Berühmtheit. Er bediente sich seiner Feder, wie sich der gewöhnliche Arbeiter der Instrumente seiner Kunst bedient, ohne großen Werth darauf zu legen. Swift ist unruhig über den Erfolg seiner Ausführungen; er wird durch den Widerspruch gereizt, er ärgert sich über die Gegner, die seine Principien bekämpfen und ihn hindern wollen, seinen Zweck zu erreichen; aber er zeigt bei allen Gelegenheiten gegen den Erfolg seiner Schriften eine Gleichgültigkeit, die alle Zeichen der Aufrichtigkeit an sich trägt. Die Sorglosigkeit, mit welcher er sie in die Welt schleuderte, die Anonymität, die er stets bewahrte, und die Nachläßigkeit, mit der er die Vortheile behandelte, beweisen, daß er das Gewerbe eines Schriftstellers von Profession verachtete.

Das dritte auszeichnende Kennzeichen des literarischen Charakters Swifts ist dies, daß er mit Ausnahme, der Geschichte, sich niemals in einem Fache versucht hat, ohne sich darin auszuzeichnen. Man sieht ein, daß ich hier nicht von einigen pindarischen Versuchen oder von seinen lateinischen Versen sprechen will, die allzuunbedeutend sind, um hier in Anschlag zu kommen. Man kann allerdings die Art und Weise, auf welche er zuweilen sein Talent übte, ziemlich leichtsinnig oder ziemlich gewöhnlich finden; aber seine englischlateinischen Verse, seine Räthsel, seine nicht sehr zarten Beschreibungen, seine heftigen politischen Satyren, sind in ihrer Art so vollkommen, als es bei diesen Fächern möglich ist und lassen nur eines zu wünschen übrig, daß nämlich ein so herrlicher Geist nicht edlere Gegenstände behandelte. Was die Erfindungenbetrifft, so besaß er im höchsten Grade die Kunst der Wahrscheinlichkeit, oder wie wir bei Gelegenheit von Gullivers Reisen bemerkt haben, die Kunst, einen erdichteten Charakter in allen Lagen und unter allen Umständen zu zeichnen und festzuhalten. Dieses Geheimniß besteht großentheils in der genauen Schilderung der Einzelnheiten kleiner abgerissener Thatsachen, die den Vordergrund einer von einem Augenzeugen erzählten Geschichte bilden. Es sind dies Dinge, welche nur den Erzähler lebhaft zu interessiren scheinen. Es ist die Flintenkugel, die an den Ohren des Soldaten vorbeipfeift, und die mehr Eindruck auf ihn macht, als die ganze Artillerie, die während der Schlacht unaufhörlich gefeuert hat.

Aber für den entfernten Zuschauer verlieren sich diese Einzelnheiten im Ganzen der Ereignisse. Es brauchte das ganze Unterscheidungsvermögen Swifts oder Defoes, des Verfassers von Robinson Crusoe und der Memoiren eines Kavaliers, um diese geringfügigen Einzelnheiten zu erfassen, die dem Zuschauer auffallen müssen, den die Richtung seines Geistes und seine Erziehung nicht daran gewöhnt haben, seine Beobachtungen zu verallgemeinen.

Der geistreiche Verfasser der Geschichte der Erfindung ist mir in der Parallele zuvorgekommen, [Fußnote] die ich zwischen dem Roman Gulliver und Robinson Crusoe ziehen wollte. Ich will seine Ausdrücke entlehnen, die vollkommen meine eigenen Ansichten ausdrücken.

Nachdem er seinen Satz ausgeführt und gezeigt hat, wie Robinson Crusoe seine Erzählung eines Sturmes wahrscheinlich macht, fährt Dunlop so fort: »diese geringfügigen Einzelnheiten bestimmen uns eben, die ganze Erzählung zu glauben. Man kann nicht denken, warum er sie erwähnt haben würde, wenn sie nicht wahr wären.«

Dieselbe weitläufige Behandlung der Einzelnheiten ist in Gullivers Reisen zu bemerken; sie bestimmt uns zuweilen, die unwahrscheinlichsten Erzählungen für wahr zu halten. Man hat das Genie Defoes niemals in Zweifel gezogen; aber der Kreis seiner Kenntnisse war nicht sehr umfassend: Folge davon war, daß seine Phantasie nicht mehr als einen oder zwei Helden schaffen konnte. Ein gewöhnlicher Seemann, wie Robinson Crusoe, ein rauher Soldat, wie sein Kavalier; Spitzbuben der niedersten Sorte, wie einige von seinen übrigen erdichteten Personen: dies sind alle Rollen, die der Umfang seiner Kenntnisse ihm gestattet, auftreten zu lassen.

Er befindet sich gerade in dem Fall jenes Hexenmeisters in einer indischen Erzählung, dessen Zauberkraft sich darauf beschränkt, die Gestalt von zwei bis drei Thieren annehmen zu können. Swift, ist der persische Derwisch, der das Vermögen hat, seine Seele in den Körper eines Jeden, der ihm gefällt, zu versetzen, mit seinen Augen zu sehen, alle seine Organe anzuwenden und sich selbst seines Verstandes zu bemächtigen. Der Reisende Lemuel Gulliver, der Astrolog Isak Bickerstaff, der Franzose, der die neue Reise nach Paris schrieb, Mistreß Harris, die Köchin Marie, der Mensch, der, um den Armen zu Hülfe zu kommen, ihnen räth, ihre Kinder zu essen, der heftige whigistische Politiker, der Vorstellungen über die Schilder von Dublin gibt, dies sind Charaktere, die eben so sehr unter einander verschieden sind, als sie von dem Dechanten zu St. Patrik verschieden zu seyn scheinen.

Ein Jeder bleibt seinem eigenthümlichen Charakter treu, bewegt sich in seiner eigenthümlichen Sphäre, stets seiner geselligen Stellung und seiner Art und Weise, die Dinge zu betrachten gemäß.

Der Satz, den ich vorhin über die Kunst, einer erdichteten Erzählung Wahrscheinlichkeit zu geben, aufgestellt habe, findet seinen auf derselben Grundlage ruhenden Zusatz.

Wenn geringfügige Einzelnheiten auf den Geist des Erzählers Eindruck hervorbringen und einen großen Theil seines Berichtes ausmachen, so ziehen anderer Seits an sich wichtigere Umstände seine Aufmerksamkeit nur theilweise auf sich; mit andern Ausdrücken, es gibt in einer Erzählung, wie in einem Gemälde, einen Hintergrund wie einen Vordergrund, und die Leiter der Gegenstände wird nothwendig kleiner, je weiter sie von dem, der sie erzählt, entfernt sind. In dieser Beziehung ist die Kunst Swifts eben so merkwürdig. Was Gulliver durch Hörensagen erfahren hat, erzählt er weit unbestimmter, als das, was er selbst beobachtet hat.

Es ist nicht, wie in den übrigen Reisen in utopische Länder ein genaues Gemälde der Regierung und der Gesetze dieses Landes, sondern es sind die Hauptbegriffe die ein wißbegieriger Reisender während eines mehrmonatlichen Aufenthalts unter Fremden sich zu verschaffen sucht. Kurz der Erzähler ist der Mittelpunkt und die Triebfeder der Geschichte; er berichtet nicht Dinge, die ihm die Umstände nicht erlaubten zu beobachten, aber er übergeht kein Ereigniß, dem die Umstände in seinen Augen Wichtigkeit verleihen, weil es ihn persönlich berührte.

Kapitel 1


Kapitel 1 Der Verfasser segelt als Kapitän eines Schiffes ab. Seine Leute verschwören sich gegen ihn, verschließen ihn längere Zeit in seiner Kajüte und setzen ihn in einem unbekannten Lande an’s Ufer. Er reist in das Innere desselben. Beschreibung des Yähu, eines sonderbaren Thieres. Der Verfasser begegnet zwei Hauyhnhnms.

Ich blieb ungefähr fünf Monate bei meiner Frau und meinen Kindern, und zwar in einem sehr glücklichen Zustande; hätte ich nur lernen können, daß ich in Wahrheit glücklich war. Ich verließ meinearme Frau guter Hoffnung, und nahm ein vorteilhaftes Anerbieten, Kapitän des »Abenteurers« zu werden, an, eines großen Kauffahrers von dreihundertundfünfzig Tonnen. Ich war nämlich der Nautik vollkommen kundig und der Beschäftigung eines Wundarztes müde geworden, die ich nur gelegentlich zur See ausüben wollte. Deßhalb nahm ich einen geschickten jungen Mann dieses Standes, Robert Purefoy, in mein Schiff auf. Wir segelten von Portsmouth am 7. September 1710, und am 14. trafen wir bei Teneriffa auf den Kapitän Pocock, welcher nach Honduras segelte, um das Campescheholz zu fällen. Am 16. wurde er durch einen Sturm von uns getrennt, und ich habe seitdem gehört, daß er scheiterte, und daß die ganze Mannschaft, mit Ausnahme eines Küchenjungen, zu Grunde ging. Er war ein ehrlicher Mann und seines Handwerks vollkommen kundig, allein zu hartnäckig in seinen Meinungen, und dies war der Grund seines Untergangs, wie bei vielen andern. Wäre er meinem Rathe gefolgt, so säße er jetzt in derselben Sicherheit, wie ich, bei seiner Familie.

Mehrere Leute in meinem Schiffe waren durch die hitzigen Fieber der tropischen Gegenden gestorben, so daß ich genöthigt wurde, Matrosen in Barbados und auf den Inseln unter dem Winde anzuwerben, wo ich nach dem Auftrage der Schiffsherrn anlegen mußte. Bald aber hatte ich Grund dieses zu bereuen, denn ich fand nachher, daß die Meisten Buccanier[Fußnote] gewesen waren. Ich hatte fünfzig Mann unter meinem Befehl und den Auftrag, mit den Indiern der Südsee Handel zu treiben, und alle mir möglichen Entdeckungen zu machen. Jene Schurken, die ich aufgenommen hatte, verführten meine anderen Leute, und alle bildeten eine Verschwörung, sich des Schiffes zu bemächtigen und mich in Sicherheit zu bringen. Dies geschah eines Morgens. Alle stürzten in meine Kajüte, banden mich an Händen und Füßen und drohten, mich über Bord zu werfen, wenn ich mich wehre. Ich sagte ihnen, ich sey Gefangener und werde mich unterwerfen. Alsdann nahmen sie mir hierüber einen Eid ab, banden mich los, fesselten meine Füße mit einer Kette an mein Bett und stellten an meine Thüre eine Schildwache mit geladenem Gewehr und dem Befehl, mich zu erschießen, sobald ich mich zu befreien suchte. Sie schickten mir Lebensmittel und Getränk herunter, und übernahmen selbst den Befehl meines Schiffes. Es war ihre Absicht Piraten zu werden und die Spanier zu plündern, was sie jedoch nicht eher ausführen konnten, als bis sie mehr Leute gesammelt hatten. Zuerst aber beschloßen sie, die Güter auf dem Schiffe zu verkaufen. Alsdann wollten sie nach Madagaskar segeln, um Rekruten zu werben, da mehrere von ihnen seit meiner Gefangennehmung gestorben waren. Sie segelten mehrere Wochen lang und handelten mit den Indiern; ich wußte aber nicht, welche Richtung sie einschlugen, da ich als Gefangener in der Kajüte eingeschlossen war und stets ermordet zu werden befürchtete; eine Drohung, die mir häufig gemacht wurde.

Am 9. Mai 1711 kam ein gewisser James Welch in meine Kajüte und sagte, er habe vom Kapitän Befehl, mich an’s Ufer zu setzen. Ich machte ihm Vorstellungen, jedoch vergeblich. Er wollte mir nicht einmal sagen, wer denn der neue Kapitän sey. Man zwang mich, das lange Boot zu besteigen, erlaubte mir meinen besten Anzug anzulegen, der noch so gut als neu war, ein Bündel Wäsche, aber keine Waffen mitzunehmen, mit Ausnahme meines Hirschfängers. Auch erwiesen sie mir die Höflichkeit, meine Taschen nicht zu durchsuchen, worin ich mein Geld und kleine Bedürfnisse trug. Sie ruderten ungefähr eine Stunde und setzten mich dann auf einem Strande aus. Ich bat sie, mir zu sagen, in welchem Lande ich mich befände. Sie schwuren jedoch, dies eben so wenig, wie ich, zu wissen. Der Kapitän (wie sie ihn nannten) habe beschlossen, so bald die Ladung verkauft sey, sich meiner sogleich zu entledigen, wenn man Land entdecke. Sie stießen ab, riethen mir zu eilen, damit ich von der Fluth nicht überrascht würde und sagten mir Lebewohl. In diesem traurigen Zustande ging ich vorwärts und kam bald auf festen Boden, wo ich mich auf eine Erhöhung niedersetzte, um auszuruhen und zu überlegen, was ich am zweckmäßigsten beginnen könne. Als ich mich ein wenig erholt hatte, ging ich in das Innere des Landes und beschloß, mich den ersten Wilden zu überliefern, die ich anträfe, und mit Armbändern, Glasringen und anderem Spielzeug, womit sich die Seefahrer auf jenen Reisen zu versehen pflegen, und wovon ich einige bei mir trug, meine Sicherheit zu erkaufen. Das Land war durch lange Reihen von Bäumen, die jedoch nicht regelmäßig gepflanzt waren, sondern natürlich wuchsen, durchschnitten; auch befanden sich dort sehr viele Graswiesen und mehrere Haferfelder. Ich ging sehr vorsichtig, aus Furcht überrascht, oder von der Seite oder von hinten mit Pfeilen geschossen zu werden. Alsdann gelangte ich auf einen betretenen Pfad, wo ich viele Spuren von Menschenfüßen und auch von Kuhhufen sah, die meisten waren jedoch die von Pferdehufen. Zuletzt sah ich mehrere Thiere auf einem Felde, und eines oder zwei, von derselben Art, die auf Bäumen saßen. Ihre Form war sehr sonderbar und häßlich, so daß ich ein wenig aus der Fassung kam und mich hinter einen Busch legte, um sie besser zu beobachten. Einige kamen dem Platze näher, wo ich lag, und boten mir dadurch Gelegenheit ihre Form näher zu erkennen. Kopf und Brust war ihnen mit dickem Haar besetzt, einiges gelockt und anderes lang herabhängend. Sie hatten Bärte wie Ziegen, einen langen Haarstreifen auf dem Rücken und an den vorderen Theilen ihrer Beine; der übrige Theil ihres Körpers war entblößt, so daß ich die Haut erkennen konnte, welche von schmutzig dunklem Braun war. Sie waren nicht geschwänzt und hatten auch kein Haar an den hinteren Lenden, mit Ausnahme des Anus. Die Natur mußte diesen Körpertheil mit Haaren versehen haben, um sie zu schützen, denn ich sah, daß jene Geschöpfe sich in derselben Art setzten, wie auch niederlegten und auf den Hinterfüßen standen.

Sie erklommen hohe Bäume so behend wie Eichhörnchen, denn sie besaßen starke und scharfe Klauen, welche in scharfen Haken endeten. Sie pflegten mit wunderbarer Behendigkeit zu hüpfen und zu springen. Die Weibchen waren nicht so groß wie die Männchen; sie hatten lang herabhängendes Haar auf ihren Köpfen, aber keines im Gesicht, so wie auf dem größeren Theile des übrigen Körpers. Ihre Brustspitzen hingen zwischen ihre Vorderpfoten und erreichten beinahe den Boden, wann sie gingen. Das Haar beider Geschlechter war von verschiedenen Farben, braun, roth, schwarz und gelb.

Im Ganzen sah ich auf allen meinen Reisen niemals ein so unangenehmes Thier, welches mir eine ähnliche Abneigung erweckt hätte. Somit dachte ich, jetzt habe ich genug gesehen, stand voll Verachtung und Abscheu auf und folgte dem betretenen Weg, indem ich hoffte, er werde mich zu der Hütte eines Indiers führen. Ich war noch nicht weit gegangen, als ich einem jener Geschöpfe auf meinem Wege begegnete, welches geraden Weges auf mich zu kam. Als das häßliche Ungeheuer mich erblickte, verdrehte es alle Züge seines Gesichtes und starrte mich an, als habe es einen ähnlichen Gegenstand noch nie gesehen; alsdann kam es näher und hob seine Vorderpfoten in die Höhe, vielleicht aus Neugier, vielleicht auch aus Bosheit. Ich aber zog meinen Hirschfänger und gab ihm einen derben Schlag mit der flachen Klinge. Mit der Schärfe wagte ich nicht zu schlagen, denn ich besorgte die Einwohner möchten gegen mich aufgereizt werden, wenn sie erführen, ich hätte ein Exemplar ihres Viehes getödtet oder verstümmelt. Als das Thier den Schmerz empfand, fuhr es zurück und brüllte so laut, daß eine Heerde von wenigstens vierzig Stück vom nächsten Felde her mich umschwärmte, laut heulte und mir boshafte Gesichter schnitt. Ich aber lief auf einen Baumstamm zu, lehnte meinen Rücken dagegen und wehrte die Thiere durch das Schwingen meines Hirschfängers ab. Mehrere Individuen dieses verfluchten Geschlechtes ergriffen die hinteren Zweige, sprangen auf den Baum und beschmutzten meinen Kopf mit ihrem Koth; ich kam übrigens noch gut davon, denn ich drückte mich dicht an den Stamm, ward aber beinahe von dem Gestank des Kothes erstickt, welcher an allen Seiten neben mir herabfiel.

In meiner Noth bemerkte ich jedoch, wie sie plötzlich alle so schnell wie möglich davon liefen. Hierauf wagte ich es, den Baum zu verlassen und den Weg zu verfolgen, voll Erstaunen, was jene Thiere erschreckt haben könnte. Als ich aber linkshin umblickte, sah ich ein Pferd, welches langsam auf dem Felde spazieren ging; dies war aber die Ursache, weßhalb meine Verfolger flohen, als sie dies Thier erblickt hatten. Das Pferd fuhr ein wenig zurück, als es mich bemerkte, erholte sich jedoch bald von seinem Schrecken und sah mir in’s Gesicht mit deutlichen Zeichen des Erstaunens. Es besah meine Hände undFüße und ging mehreremale um mich herum. Ich wollte meinen Pfad verfolgen; es stellte sich mir jedoch in den Weg, blickte mit sanftem Ausdruck und zeigte nicht die geringste Neigung zur Gewaltthätigkeit. Wir blieben stehen, indem wir eine Zeit lang einander ansahen; zuletzt war ich so kühn, meine Hand zu seinem Halse zu erheben, in der Absicht es zu streicheln, und pfiff dabei, wie dies Reitknechte zu thun pflegen, wenn sie ein fremdes Pferd behandeln müssen. Dies Thier aber schien meine Höflichkeit mit Verachtung anzunehmen, schüttelte sein Haupt, senkte seine Brauen und erhob sanft seinen Vorderfuß, um meine Hand zu entfernen. Alsdann wieherte es drei- oder viermal, jedoch in so verschiedenem Ton, daß ich auf den Gedanken kam, es spreche mit sich selbst in einer ihm eigenthümlichen Sprache.

Als wir beide uns auf diese Weise mit einander abgaben, kam ein anderes Pferd hinzu. Dies begann in einer etwas förmlichen Weise sich an das andere zu wenden; alsdann berührten sie sanft ihre Vorderhufe, wieherten abwechselnd mehreremale und veränderten dabei den Ton, so daß dieses beinahe artikulirt zu seyn schien. Sie gingen einige Schritte zurück, als wollten sie sich mit einander berathen, spazierten nebeneinander her, rückwärts und vorwärts, wie Personen, die sich über eine wichtige Angelegenheit unterhalten, wobei sie häufig ihre Blicke auf mich hinwendeten; als wollten sie mich bewachen, damit ich nicht entwischte. Ich erstaunte, ein solches Benehmen bei unvernünftigen Thieren zu bemerken, und dachte bei mir selbst, wenn die Einwohner dieses Landes einen verhältnißmäßigen Grad von Vernunft besitzen, so müssen sie das weiseste Volk der Erde seyn. Dieser Gedanke gab mir so viel Trost, daß ich weiter zu gehen beschloß, bis ich ein Haus oder ein Dorf entdecken, oder mit den Eingeborenen zusammentreffen könnte, indem ich die beiden Pferde sich nach Belieben mit einander unterhalten ließe. Das erstere Pferd jedoch, welches eine scheckige graue Farbe hatte, wieherte, als ich mich fortstehlen wollte, in so ausdrucksvollem Tone, daß ich glaubte seinen Willen zu verstehen; deßhalb drehte ich mich um und ging auf dasselbe zu, um seine ferneren Befehle zu erwarten, indem ich jedoch meine Furcht so viel wie möglich zu verbergen suchte. Ich begann nämlich Besorgniß zu fühlen, wie dies Abenteuer enden würde, und der Leser wird sich leichteinbilden, daß ich mit meiner gegenwärtigen Lage nicht sehr zufrieden war.

Die beiden Pferde kamen mir näher und besahen sehr ernsthaft mein Gesicht und meine Hände. Das graue rieb meinen Hut mit dem Vorderhuf und verrückte ihn so sehr, daß ich genöthigt war, ihn abzunehmen um ihn wieder besser aufzusetzen, worauf beide (das andere Pferd war kastanienbraun) sehr erstaunt schienen. Das letztere befühlte meinen Rockschooß, und als es fand, daß derselbe locker um mich herumhing, sahen mich beide mit neuen Zeichen der Verwunderung an. Es streichelte meine rechte Hand und schien die Zartheit und Farbe derselben zu bewundern, drückte sie aber so stark zwischen den Huf und das Fesselgelenk, daß ich aufzuschreien genöthigt wurde. Sie kamen auch sehr in Verlegenheit, in Betreff meiner Schuhe und Strümpfe, die sie oft befühlten, worauf sie einander mit verschiedenen Bewegungen zuwieherten, welche denen eines Philosophen glichen, wenn er ein neues und schwieriges Phänomen auflösen will.

Im Ganzen war das Benehmen dieser Thiere so ordentlich und vernünftig, so scharfsinnig und klug, daß ich zuletzt daraus schließen mußte, es seyen Zauberer, die sich zu irgend einem Zweck verwandelt und beschlossen hätten, sich an einem Fremden zu belustigen, den sie unterwegs anträfen; oder vielmehr, die über den Anblick eines Menschen wirklich erstaunten, der in Kleidung, Gesichtszügen und Farbe von den übrigen Menschen so verschieden sey, welche in einem so entfernten Klima wohnen könnten. In Folge dieses Schlusses hielt ich an sie folgende Anrede: Meine Herrn, wenn sie Zauberer sind, wie ich zu vermuthen Ursache habe, so müssen sie jede Sprache verstehen können. Ich bin darum so frei, Euer Gnaden wissen zu lassen, daß ich ein armer, unglücklicher Engländer bin, welcher durch Unglück an dieses Land verschlagen wurde. Deßhalb bitte ich einen von Ihnen, mich auf seinem Rücken reiten zu lassen, als wären Sie wirkliche Pferde, und mich zu einem Hause oder zu einer Stadt zu bringen, wo ich Hülfe werde finden können. Als Belohnung für diese Gefälligkeit werde ich Ihnen dies Messer und dieses Armband geben. (Ich hatte beide zuvor aus meiner Tasche gezogen.) Die beiden Geschöpfe schwiegen während ich sprach, schienen jedoch mir mit großer Aufmerksamkeit zuzuhören; als ich geendet hatte, wieherten Beide sich häufig zu, als wären sie in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Ich bemerkte deutlich, daß ihre Sprache die Leidenschaften sehr gut ausdrückte, und daß die Worte in ein Alphabet aufgelöst werden könnten, welches bei Weitem einfacher wie das Chinesische seyn müßte.

Ich konnte häufig das Wort Yähu unterscheiden, welches mehreremale von ihnen wiederholt wurde, und obgleich es mir unmöglich war, die Bedeutung zu errathen, so bemühte ich mich, während die beiden Pferde sich mit einander unterhielten, es meiner Zunge zugänglich zu machen. Sobald sie schwiegen sprach ich deßhalb Yähu mit lauter Stimme aus, indem ich zugleich, so gut wie möglich, das Wiehern eines Pferdes nachahmte. Hierüber schienen Beide sehr erstaunt, und der Schecke wiederholte mir das Wort zweimal, als wolle er mir den richtigen Accent zeigen. Ich sprach es ihm nach so gut wie möglich, und fand, daß ich mich jedesmal verbesserte, ob ich gleich von Vollkommenheit noch sehr weit entfernt war. Alsdann machte der Braune mit mir den Versuch hinsichtlich eines zweiten Wortes, welches noch schwerer auszusprechen war; um es durch unsere Orthographie auszudrücken, werde ich es Hauyhnhnms schreiben müssen. Diese Aussprache gelang mir nicht so gut, wie die frühere; nach zwei oder drei Versuchen hatte ich jedoch mehr Glück, und Beide erstaunten über meine Fähigkeit.

Nach einem weiteren Gespräch, von welchem ich vermuthete, daß es sich auf mich beziehe, nahmen die beiden Freunde von einander Abschied, indem sie dasselbe Compliment, die Hufe zu berühren, wiederholten. Das braune Pferd gab mir ein Zeichen, ich solle ihm vorangehen, und ich hielt es für klug, zu gehorchen, bis ich einen bessern Wegweiser würde erhalten haben. Als ich anfing etwas langsamer zu gehen, schrie es hune, hune. Ich errieth seinen Willen und gab ihm so gut wie möglich zu verstehen, ich sey müde und könne nicht schneller gehen, worauf es still stand, um mich ausruhen zu lassen.

Kapitel 2


Kapitel 2 Der Verfasser wird von einem Hauyhnhnm in dessen Haus geführt. Beschreibung des Hauses. Aufnahme des Verfassers. Nahrung der Hauyhnhnms. Der Verfasser kömmt in Noth wegen Mangels an Speise, wird aber zuletzt daraus erlöst. Seine Nahrung in diesem Lande.

Als wir ungefähr anderthalb Stunden gegangen waren, kamen wir zu einer Art von Haus, welches aus eingerammten und kreuzweise gelegten Balken bestand. Das Dach war niedrig und mit Stroh bedeckt. Ich faßte somit wieder einigen Muth und zog einiges Spielzeug, welches die Reisenden als Geschenke für Wilde in Amerika und andern Welttheilen mitzubringen pflegen, aus der Tasche, denn ich hoffte, die Bewohner des Hauses würden dadurch bewogen werden, mich freundlich aufzunehmen. Das Pferd gab mir ein Zeichen, zuerst hineinzugehen; es bestand aus einem großen Raume mit einem Lehmboden und mit Trögen und Krippen, welche sich an der Wand hin ausdehnten. Ich sah dort zwei Klepper und zwei Stuten, welche nicht aßen, und wovon Einige zu meinem Erstaunen auf ihren Schenkeln saßen; noch mehr aber wunderte ich mich, als ich sah, wie die übrigen in der Haushaltung beschäftigt waren, obgleich sie nur aus gewöhnlichem Vieh bestanden. Dies bestätigte meine Vermuthung, ein Volk, welches unvernünftige Thiere so sehr zu civilisiren verstehe, müsse nothwendig alle Nationen der Welt an Weisheit übertreffen. Der Braune kam gleich hinter mir drein, und verhinderte dadurch eine schlimme Behandlung, die ich vielleicht von den andern hätte erleiden müssen. Er wieherte mehrere Male im Tone des Befehls und erhielt Antwort.

Ausser diesem Raume befanden sich in dem Hause noch drei andere, die, der Länge des Gebäudes nach, gegen einander über lagen, indem die Thüren sich in gerader Linie vis à vis befanden. Wir gingen durch den zweiten Raum zum dritten. Hier trat der Braune zuerst ein, indem er mir winkte, ihm zu folgen. Ich wartete im zweiten Raume und hielt meine Geschenke für den Herrn und die Herrin des Hauses bereit. Sie bestanden aus zwei Messern, drei Armbändern von falschen Perlen, einem kleinen Spiegel und einem Halsband aus gläsernen Kugeln. Das Pferd wieherte zwei oder dreimal und ich erwartete eine Menschenstimme als Erwiedrung zu hören, vernahm jedoch keine andere Antwort, als in demselben Dialekte und ein paar Töne, die ein wenig heischerer klangen; deßhalb dachte ich, dies Haus gehöre einer Person von Ansehn unter diesem Volke, weil so viele Ceremonien gemacht wurden, bevor ich Zutritt erhielt. Der Umstand, daß ein Mann von Stande durch Pferde bedient würde, lag jedoch außerhalb meiner Begriffe; ich besorgte, mein Gehirn sey durch Unglück und Leiden verwirrt worden; ich faßte Muth und sah mich in dem Räume um, wo ich allein gelassen ward; der Raum war mit denselben Möbeln wie der erste, jedoch bei weitem zierlicher versehen. Ich rieb mir die Augen, allein ich sah stets nur dieselben Gegenstände. Ich kniff mir in die Arme und die Seiten, um mich zu erwecken, denn ich hoffte, Alles sey nur ein Traum. Aus Allem dem schloß ich, der ganze Schein könne nur durch Zauberei und Magie bewirkt seyn. Ich hatte jedoch keine Zeit, in meinen Gedanken fortzufahren; der Braune kam aus der Thüre und gab mir ein Zeichen, ihm in den dritten Raum zu folgen, wo ich eine sehr schöne Stute mit zwei Füllen sah, die mit ihren Hinterfüßen auf künstlich geflochtenen und vollkommen reinen Strohmatten saßen.

Nachdem ich eingetreten war, erhob sich die Stute von ihrem Sitz, trat nahe an mich heran, untersuchte genau mein Gesicht und meine Hände und gab mir einen im höchsten Grade verächtlichen Blick; alsdann wandte sie sich zu dem Hengste, und ich hörte, wie das Wort Yähu zwischen Beiden häufig ausgesprochen wurde. Die Bedeutung desselben konnte ich aber noch nicht verstehen, obgleich es das erste war, dessen Aussprache ich erlernt hatte. Allein bald wurde ich zu meiner ewigen Kränkung darüber unterrichtet. Der Hengst winkte mir mit dem Kopfe und wiederholte mir das hhuun hhunn, wie unterweges, was ich bereits verstand und womit er andeutete, ich solle ihm folgen. Alsdann führte er mich in den Hof, wo ein anderes Gebäude in einiger Entfernung vom Hause stand. Wir traten ein und ich sah drei dieser scheußlichen Kreaturen, welche ich bei meiner Landung zuerst angetroffen hatte; sie nährten sich von Wurzeln und vom Fleische einiger Thiere, wie ich nachher erfuhr von Hunden und Eseln und bisweilen auch von krepirten Kühen. Mit dem Halse waren sie durch starke Weidenruthen an einen Balken festgebunden. Sie hielten ihre Nahrung mit den Vorderpfoten und zerrissen dieselbe mit ihren Zähnen.

Das Herr-Pferd befahl einem fuchsrothen Klepper, welcher sein Diener war, das größte dieser Thiere loszubinden und in den Hof zu bringen. Die Bestie und ich wurden nahe aneinander gestellt und unsere Gesichtszüge sowohl vom Herrn wie vom Diener aufmerksam verglichen, worauf sie Beide das Wort Yähumehrere Male wiederholten.

Hier kann ich meinen Abscheu und mein Erstaunen nicht beschreiben, als ich in diesem verabscheuungswürdigen Thier eine vollkommene Menschenfigur erblickte. Das Gesicht war zwar flach und breit, die Nase eingedrückt, die Lippen geschwollen und der Mund sehr weit. Diese Verschiedenheiten von unsrer Gesichtsbildung sind aber allen wilden Nationen gemein, welche ihre Kinder auf dem Boden umherkriechen, oder sie auf dem Rücken tragen lassen, so daß die Kinder mit dem Gesicht über den Schultern ihrer Mutter gesäugt werden. Die Vorderpfoten des Yähu waren von meinen Händen nur durch die Länge der Nägel, durch die Rauheit und Bräune der Handflächen und durch die haarige Rückseite verschieden. Dieselbe Aehnlichkeit fand zwischen unsern Füßen statt, wie ich sehr wohl wußte, die Pferde jedoch ahneten dieses nicht, weil ich Schuhe und Strümpfe trug. Dasselbe war an jedem Theile unsers Körpers der Fall, mit Ausnahme der Haare und der Farbe, wie ich schon beschrieben habe.

Die größte Schwierigkeit, welche sich den beiden Pferden zu bieten schien, bestand darin, daß sie meinen Körper von dem des Yähu so sehr verschieden sahen. Dies verdankte ich meinen Kleidern, wovon sie keinen Begriff hatten. Der fuchsrothe Klepper bot mir eine Wurzel, die er nach Art der Hauyhnhnms, welche ich am passenden Orte beschreiben werde, zwischen seinem Huf und dem Fußgelenk hielt; ich nahm dieselbe in meine Hand, roch darauf und gab sie so höflich, wie es mir möglich war, wieder zurück. Alsdann brachte er aus dem Stall der Yähus ein Stück Eselsfleisch; es stank aber so furchtbar, daß ich es mit Ekel zurückwies. Hierauf warf er es dem Yähu zu, der es mit Gier verschlang. Alsdann zeigte er mir ein Bündel Heu und einen Kübel voll Hafer, allein ich schüttelte den Kopf, um anzudeuten, beides sey kein Futter für mich. Auch fürchtete ich schon wirklich den Hungertod, wenn ich kein Individuum meiner Gattung anträfe; denn was die schmutzigen Yähus betraf, so muß ich gestehen, daß ich nie so verabscheuungswürdige Geschöpfe in jeder Hinsicht gesehen habe, obgleich es damals nur Wenige gab, welche in demselben Grade wie ich, die Menschheit liebten. Je näher ich ihnen kam, desto verhaßter sind sie mir geworden, so lange ich im Lande blieb. Dies bemerkte das Herr-Pferd aus meinem Benehmen und schickte deßhalb den Yähu in seinen Stall zurück. Alsdann legte es seinen Vorderhuf an den Mund, worüber ich erstaunte, obgleich es diese Bewegung ungezwungen und ganz natürlich ausführte; zugleich gab es mir auch durch andere Zeichen zu verstehen, ich möge andeuten, was ich zu essen wünsche. Ich konnte ihm aber keine Antwort geben, die es zu begreifen vermochte, und wäre dies auch selbst der Fall gewesen, so sah ich keine Möglichkeit, mir irgend eine Nahrung zu verschaffen. Während wir so uns verständlich zu machen suchten, bemerkte ich, daß eine Kuh vorbeiging; ich zeigte auf dieselbe und drückte meinen Wunsch aus, sie melken zu dürfen. Dies hatte Würkung. Das Pferd führte mich in’s Haus zurück und befahl einer Stute-Magd, mir ein Zimmer zu öffnen, wo ein ziemlicher Vorrath von Milch in irdenen und hölzernen Gefäßen, reinlich und in Ordnung, verwahrt war. Die Magd gab mir hierauf eine große Schaale voll Milch, die ich mit großem Appetit trank, und wodurch ich sehr erfrischt wurde.

Gegen Mittag sah ich eine Art Fuhrwerk, einem Schlitten ähnlich, welches von vier Yähus gezogen wurde, vor den Hause anlangen; darin befand sich ein altes Pferd, welches eine Person von Stande zu seyn schien. Es stieg mit den Hinterfüßen herunter, da es unglücklicher Weise am linken Vorderfuße verletzt worden war. Es wollte mit unserm Pferde zu Mittag speisen, und wurde von demselben mit großer Höflichkeit empfangen. Man speiste im besten Zimmer, und erhielt Hafer in Milch gekocht als zweiten Gang der Tafel. Das alte Pferd aß diese Speise warm, die übrigen aber kalt. Die Tröge wurden in Cirkelform aufgestellt und in mehrere Abtheilungen geschieden. Die Pferde saßen dabei mit ihren Hinterschenkeln auf Strohbündeln. In der Mitte befand sich eine große Krippe mit Winkeln, welche jeder Abtheilung der Tröge entsprach, so daß jedes Pferd sein ihm bestimmtes Heu nebst dem Gemisch von Milch und Hafer sehr anständig und regelmäßig aß. Das Benehmen der männlichen und weiblichen Füllen war sehr bescheiden, und das des Herren und seiner Gemahlin außerordentlich heiter und gefällig gegen den Gast. Der Braune befahl mir, mich an seine Seite zu stellen; er und sein Freund hielten über mich eine lange Unterredung, wie ich aus den Blicken des Fremden und aus der häufigen Wiederholung des Wortes Yähu bemerken konnte.

Ich trug zufällig meine Handschuhe. Als dies der Braune, das Herr-Pferd, bemerkte, schien er sehr erstaunt und gab mir durch Zeichen seine Verwunderung zu verstehen, was ich mit meinen Händen angefangen habe; er legte seinen Huf drei oder viermal auf dieselben, als wolle er mir andeuten, ich solle ihnen die frühere Form wiedergeben. Dies that ich auch; denn ich zog sogleich meine Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche. Dies veranlaßte ein ferneres Gespräch, und ich sah, die Gesellschaft sey mit meinem Betragen zufrieden. Auch bemerkte ich bald die guten Folgen. Mir wurde befohlen, die wenigen Worte, die ich verstand, auszusprechen. Während die Gesellschaft bei Tische saß, lehrte mich der Herr die Namen für Hafer, Milch, Feuer, Wasser und einige andere Gegenstände, diese konnte ich sehr bald ihm nachsprechen, da ich von früher Jugend an viele Gewandtheit im Erlernen fremder Sprachen besessen habe.

Als das Mittagessen vorbei war, nahm das Herr-Pferd mich bei Seite und gab mir durch Zeichen und Worte zu verstehen, es thue ihm sehr leid, daß ich nichts zu essen habe. Hafer wird in der Sprache der Hauyhnhnms Hlunnh genannt. Ob ich gleich diese Speise zuerst zurückgewiesen hatte, so fiel mir doch gleich darauf ein, ich könne daraus eine Art Brod machen, welches nebst der Milch genügen würde, mich am Leben zu erhalten, bis ich in ein anderes Land und zu Geschöpfen meines eigenen Geschlechtes fliehen könnte. Das Pferd befahl sogleich einer weißen Magd-Stute aus seiner Familie mir eine Masse Hafer in einer Art hölzernen Mulde zu bringen. Dieses Getreide erhitzte ich so gut wie möglich am Feuer, bis die Hülsen absprangen, worauf ich diese vom Korne zu sichten suchte; letzteres mahlte und zerquetschte ich zwischen zwei Steinen, vermischte es mit Wasser und machte daraus einen Teich oder Kuchen, den ich am Feuer röstete und warm mit Milch aß. Anfänglich schien mir dies eine sehr unschmackhafte Speise, ob sie gleich in vielen Theilen Europa’s gewöhnlich ist; sie wurde mir aber mit der Zeit erträglich, und da ich schon oft in meinem früheren Leben zu magerer Kost genöthigt war, so bemerkte ich hier nicht zum ersten Mal, wie leicht man die Natur befriedigen kann. Auch muß ich erwähnen, daß ich mich nie auch nur eine Stunde lang übel befunden habe, so lange ich auf der Insel blieb. Allerdings bemühete ich mich, Kaninchen oder Vögel mit Schlingen aus Jähu-Haar zu fangen; oft auch sammelte ich gesunde Kräuter, die ich kochte und als Salat beim Brode aß. Bisweilen machte ich mir ein wenig Butter und trank die Molken; auch war mir der Mangel an Salz sehr empfindlich, allein die Gewohnheit söhnte mich bald mit dieser Entbehrung aus. Ich hege jetzt die Ueberzeugung, der häufige Gebrauch des Salzes sey bei uns eine Folge des Luxus, und sey zuerst als ein Reizmittel zum Trinken eingeführt worden, mit Ausnahme des Falles, wo es dazu dient, das Fleisch auf langen Reisen oder den Orten, die von großen Märkten entfernt liegen, vor Fäulniß zu bewahren. Wir bemerken ja, daß kein Thier als der Mensch das Salz liebt, und was mich betrifft, so hat es mich viele Mühe gekostet, den Geschmack desselben in irgend einer Speise zu ertragen, nachdem ich das Land der Hauyhnhnms verlassen hatte.

Dies genüge, um meine Lebensart in Hinsicht der Speisen darzustellen, womit andere Reisende ihre Bücher füllen, als sey den Lesern daran gelegen, ob wir gut oder schlecht essen. Es war jedoch nothwendig, den Gegenstand zu erwähnen, sonst würde die Welt es für unmöglich halten, daß ich drei Jahre lang in solch einem Lande und unter solchen Einwohnern meine Nahrung fand.

Gegen Abend befahl das Herr-Pferd, mir einen Ort zur Wohnung zu bereiten. Dieser war nur sechs Ellen vom Hause entfernt und von dem Stall der Jähus getrennt. Hier bekam ich einiges Stroh; ich bedeckte mich mit meinen Kleidern und hatte einen gesunden Schlaf. In kurzer Zeit hatte ich mich auch besser in meine Lage gewöhnt, wie der Leser später erfahren wird, wenn ich über meine Lebensart genauer sprechen werde.

Kapitel 3


Kapitel 3 Der Verfasser sucht die Sprache der Hauyhnhnms zu erlernen; sein Herr ist ihm dabei behülflich. Beschreibung der Sprache. Mehrere Hauyhnhnms von Stande kommen an aus Neugier den Verfasser zu sehen. Er gibt seinem Herrn einen kurzen Bericht von seiner Reise.

Meine hauptsächlichste Bemühung war die Erlernung der Sprache, worin mich mein Herr (von nun an werde ich ihn so nennen), dessen Kinder und das Gesinde des Hauses unterrichteten. Sie betrachteten es nämlich als ein Wunder, daß ein unvernünftiges Thier so viel Spuren eines vernünftigen Geschöpfes offenbare. Ich zeigte auf jedes Ding, fragte nach dem Namen, zeichnete denselben in meinem Tagebuche auf, wenn ich allein war, und verbesserte dadurch den Accent, daß ich die Mitglieder der Familie ersuchte, die Worte mir öfter vorzusprechen. Bei dieser Beschäftigung war mir der fuchsrothe Klepper, einer der unteren Bedienten, im höchsten Grade nützlich.

Die Hauyhnhnms sprechen hauptsächlich durch die Nase in die Kehle aus. Ihre Sprache kommt von allen europäischen, die ich kenne, dem Hochdeutschen am nächsten, sie ist aber bei Weitem zierlicher und ausdrucksvoller. Kaiser Karl V. machte dieselbe Bemerkung, indem er sagte, spreche er je zu seinem Pferde, so werde dies im Hochdeutschen geschehen.

Die Neugier und Ungeduld meines Herrn war so groß, daß er seine Mußestunden oft damit zubrachte, mich zu unterrichten. Er war überzeugt (wie er mir nachher sagte) ich sey ein Yähu; indeß meine Gelehrigkeit, Höflichkeit und Reinlichkeit setzten ihn in Erstaunen; jene Eigenschaften waren nämlich denen der Yähus durchaus entgegengesetzt. Er war sehr in Verlegenheit hinsichtlich meiner Kleider, und dachte öfter bei sich, sie müßten ein Theil meines Leibes seyn; ich legte sie nämlich nie ab, als bis die Familie eingeschlafen war, und zog sie wieder an, bevor sie des Morgens eintrat. Mein Herr war begierig zu erfahren, woher ich käme, wie ich mir diesen Anschein der Vernunft erworben habe, die ich in allen meinen Handlungen zeige; ferner wünschte er auch meine Geschichte aus meinem eigenen Munde zu hören; er hoffte ich würde bei den großen Fortschritten, die ich in Erlernung der Worte und Sätze mache, bald im Stande seyn, ihm dieselbe zu erzählen. Um mein Gedächtniß zu unterstützen, schrieb ich Alles, was ich erlernt hatte, im englischen Alphabete nieder, und fügte bei den Worten die Uebersetzung hinzu. Es kostete viel Mühe, ihm auseinanderzusetzen, was ich vorhabe, denn die Einwohner haben nicht den geringsten Begriff von Büchern und Literatur.

Nach ungefähr zehn Wochen war ich im Stande die meisten seiner Fragen zu verstehen, nach drei Monaten konnte ich ihm erträgliche Antworten geben. Er war außerordentlich neugierig zu erfahren, aus welchem Theile des Landes ich gekommen sey, und wie ich gelernt habe, vernünftige Geschöpfe nachzuahmen, weil die Yähus (denen ich in Gesicht, Kopf und Händen gleiche, den allein sichtbaren Theilen) die ungelehrigsten aller Thiere seyen, obgleich sie einen größeren Anschein von List, und die stärkste Neigung zum Unheil zeigten. Ich erwiderte, ich sey über die See von einem sehr entfernten Platze mit vielen andern meines Geschlechtes in einem großen hohlen Gefäße, aus dem Holze der Bäume verfertigt, hergekommen. Meine Gefährten hätten mich gezwungen auf dieser Küste zu landen, und mich alsdann verlassen, damit ich für mich selbst sorgen möge. Nur mit Schwierigkeit und durch viele Zeichen brachte ich ihn dahin, daß er mich verstand. Er antwortete: Ich müsse mich nothwendig irren, oder habe Dinge gesagt, welche nicht existirten. (Die Hauyhnhnms haben in ihrer Sprache kein Wort, welches Lüge oder Falschheit ausdrückt). Er wisse, es sey unmöglich, daß sich noch ein Land jenseits des Meeres befinde, und daß ein Haufen Thiere auf dem Wasser ein hölzernes Gefäß nach Belieben leiten könnte. Er wisse ferner, kein Hauyhnhnm könne solch ein Gefäß verfertigen, und würde dessen Leitung den Yähus auch nimmer anvertrauen.

Das Wort Hauyhnhnm bezeichnet in der Landessprache ein Pferd und in seiner Etymologie die Vollkommenheit der Natur. Ich sagte meinem Herrn: Jetzt sey ich noch in Verlegenheit hinsichtlich der Ausdrücke; ich würde diesem Mangel jedoch so schnell wie möglich abhelfen, und hoffe in kurzer Zeit im Stande zu seyn, ihm wunderbare Dinge zu sagen. Er hatte die Güte, seiner eigenen Stute, seinen beiden Füllen und den Bedienten der Familie Befehl zu ertheilen, jede Gelegenheit zu meinem Unterrichte zu benutzen. Jeden Tag gab er sich zwei oder drei Stunden lang selbst die Mühe. Mehrere Hengste und Stuten von Stande aus der Nachbarschaft kamen oft in unser Haus, nachdem das Gerücht von einem wunderbaren Yähu verbreitet war, der wie ein Hauyhnhnm sprechen könne, und in allen Worten und Handlungen einige Funken von Vernunft offenbare. Diese fanden Vergnügen daran, sich mit mir zu unterhalten; sie legten mir mehrere Fragen vor und erhielten solche Antworten, wie ich sie geben konnte. Durch alle diese Vortheile machte ich so bedeutende Fortschritte, daß ich in fünf Monaten nach meiner Ankunft alles verstand, was mir gesagt wurde, und daß ich mich ziemlich deutlich ausdrücken konnte.

Die Hauyhnhnms, welche meinen Herrn besuchten, um mich zu sehen und um mit mir zu sprechen, konnten kaum glauben, ich sey ein wirklicher Yähu, weil mein Körper eine andere Bedeckung habe, wie die Übrigen meines Geschlechtes. Sie erstaunten, mich ohne Haar und Haut, mit Ausnahme meines Kopfes und meiner Hände, zu sehen, allein ich hatte dies Geheimniß meinem Herrn nach einem Ereigniß entdeckt, welches ungefähr vierzehn Tage vorher vorgefallen war.

Ich habe dem Leser schon gesagt, daß es jede Nacht meine Gewohnheit war, mich auszuziehen und mit meinen Kleidern zu bedecken, sobald die Familie zu Bett gegangen war.

Einst geschah es, daß mein Herr mich eines Morgens früh durch den fuchsrothen Klepper holen ließ, welcher sein Bedienter war. Als er kam, war ich noch fest eingeschlafen, meine Kleider waren an einer Seite heruntergefallen und mein Hemd über den Leib abgestreift. Ich erwachte bei dem Geräusch das er machte, und bemerkte, daß er seiner Botschaft sich mit einiger Verlegenheit entledigte; hierauf ging er zu meinem Herrn und gab demselben mit einigem Schrecken einen verwirrten Bericht von dem, was er gesehen hatte.

Dies bemerkte ich sogleich; als ich nämlich angekleidet war und meine Aufwartung Seiner Gnaden gemacht hatte, fragte sie mich nach der Bedeutung des Berichtes, den ihr der Diener gegeben habe; ich sey nämlich nicht dasselbe Geschöpf im Schlafe, welches ich in anderen Zeiten zu seyn scheine; sein Diener habe ihm die Versicherung gegeben, ein Theil von mir sey weiß, ein anderer gelb oder wenigstens nicht so weiß und einige andere Theile sogar von brauner Farbe. Bis dahin hatte ich das Geheimniß meiner Kleidung verhehlt, um mich so viel wie möglich von jenem verfluchten Geschlecht der Yähus zu unterscheiden; jetzt aber fand ich, dies sey mir nicht länger möglich. Außerdem überlegte ich, meine Kleider und Schuhe würden bald abgenützt seyn, denn sie waren schon in abnehmendem Zustande, und ich mußte sie durch irgend ein Mittel aus den Fellen der Yähus oder anderer Thiere wieder ersetzen. Dadurch hätte das Geheimniß ohnedem verrathen werden müssen. Somit sagte ich meinem Herrn: In dem Lande, woher ich komme, bedecke sich das ganze Geschlecht, wozu ich gehöre, den Leib mit Haaren verschiedener Thiere, welche man künstlich zubereite. Dies geschehe sowohl des Anstandes wegen, als auch um die unangenehmen Einflüsse der Luft, sowohl in Hitze wie in Kälte, zu vermeiden. Was mich selbst betreffe, so wolle ich ihn sogleich hievon überzeugen, wenn er die Güte habe, mir den Befehl zu ertheilen. Ich bitte allein um Verzeihung, wenn ich diejenigen Theile nicht bloßstelle, deren Verheimlichung uns die Natur gebiete. Er antwortete: Meine Rede sey sonderbar, besonders aber der letztere Theil; er könne nicht begreifen, weßhalb die Natur uns zu verheimlichen lehre, was sie uns gegeben habe. Weder er noch seine Angehörigen schämten sich irgend eines Theiles an ihrem Leibe. Ich möge jedoch thun, was mir beliebe. Hierauf knöpfte ich meinen Rock auf und zog ihn aus, ebenso auch meine Weste. Alsdann legte ich Schuhe, Strümpfe und Beinkleider ab. Ich ließ mein Hemd bis an den Bauch herabfallen, zog den untern Theil herauf und befestigte es, wie einen Gürtel, um die Mitte meines Leibes, meine Naktheit zu verbergen.

Mein Herr beobachtete mein ganzes Verfahren mit den Zeichen großer Neugier und Verwunderung. Er nahm alle meine Kleider mit dem Fußgelenke auf und untersuchte eines nach dem andern mit vieler Genauigkeit, alsdann streichelte er sanft meinen Leib und besah mich von allen Seiten. Hierauf sagte er: Ich sey ein vollkommener Yähu, sey jedoch von den Uebrigen meines Geschlechtes in der Weiße und Sanftheit meiner Haut sehr verschieden; ferner auch durch den Mangel an Haar an mehreren Theilen meines Körpers; durch die Form und die Größe meiner Vorder- und Hinterklauen; endlich auchdurch mein Bestreben, fortwährend auf meinen Hinterpfoten zu gehen. Er wünschte Nichts weiter zu sehen und ertheilte mir Erlaubniß, meine Kleider wieder anzulegen, denn ich schauderte vor Kälte.

Ich sagte ihm wie unangenehm es mir sey, daß die Benennung Yähu, dieses verhaßten Thieres, gegen welches ich den äußersten Haß und Verachtung hege, mir so häufig beigelegt werde, und bat ihn deßhalb, er möge das Wort nicht ferner auf mich anwenden und dasselbe seiner Familie und seinen Freunden sagen, denen er erlaube mich zu besuchen. Ich bat ihn ferner, das Geheimniß meiner falschen Körperbedeckung zu bewahren, so lange meine gegenwärtige Kleidung aushalten würde, denn wie sein Diener, der fuchsrothe Klepper, bemerkt habe, werde es im Interesse seiner Ehre seyn, nicht davon zu reden.

Zu Allem dem gab mein Herr sehr gnädig seine Einwilligung, und so wurde das Geheimniß bewahrt, bis meine Kleider abgenutzt waren, so daß ich genöthigt wurde, dieselben auf verschiedene Weise zu ersetzen, wie ich nachher beschreiben werde. Alsdann sprach er seinen Wunsch aus, ich möge unterdessen die Landessprache erlernen. Er sey nämlich über meine Fähigkeit der Rede und Vernunft noch sehr erstaunt, als über die Gestalt meines Körpers, ich möge mich bedecken oder nicht. Auch warte er voll Ungeduld auf die wunderbaren Dinge, die ich ihm erzählen wolle.

Von da an verdoppelte er seine Mühe mich zu unterrichten; er brachte mich in alle Gesellschaften und trug Sorge, daß ich höflich behandelt wurde; er sagte nämlich seinen Freunden insgeheim, dies werde mich in guter Laune erhalten und mich für sie unterhaltender machen.

An jedem Tage legte er mir mehrere Fragen, in Betreff meiner, vor, die ich so gut wie möglich beantwortete; hiedurch hatte er bereits einige allgemeine Ideen erlangt, ob diese gleich noch sehr unvollkommen waren. Es würde langweilig seyn, das ganze Verfahren darzustellen, wodurch ich zu einer regelmäßigen Unterhaltung gelangte. Der erste Bericht, den ich jedoch in einiger Ordnung und Länge von mir gab, war folgender Art:

Ich sey aus einem sehr entfernten Lande gekommen, nebst fünfzig Andern meines Geschlechtes; wir seyen in einem großen hölzernen Gefäß, welches bei Weitem größer sey, als das Haus Ihrer Gnaden, über das Meer gereist. Ich beschrieb ihm das Schiff so gut wie möglich, und erklärte ihm durch mein Schnupftuch, wie der Wind es vorwärts treibe. Nach einem Zwiste unter uns, sey ich hier an der Küste ausgesetzt worden und weiter gegangen, ohne zu wissen wohin, bis er mich von der Verfolgung der verabscheuungswürdigen Yähus befreit habe. Mein Herr fragte mich hierauf, wie das Schiff gebaut sey, und wie die Hauyhnhnms des Landes dasselbe der Führung von Thieren überlassen könnten. Meine Antwort war: Ich würde in meinem Berichte nicht fortzufahren wagen, wenn er mir nicht sein Wort gebe, daß er sich nicht ärgern wolle, und alsdann würde ich ihm die Wunder erzählen, die ich so oft versprochen. Er bewilligte meine Bitte, und ich gab ihm dann die Versicherung, das Schiff sey von Geschöpfen, die mir gleichen, verfertigt. In meinem Vaterlande, so wie in allen Ländern, die ich durchreiste, seyen die Yähus allein die vernünftigen und regierenden Thiere; bei meiner Ankunft sey ich so erstaunt gewesen, als ich ihn erblickte, daß die Hauyhnhnms als vernünftige Geschöpfe handelten, wie er und seine Freunde sich verwunderten, einige Spuren von Vernunft bei einem Geschöpfe zu finden, das er Yähu zu nennen die Güte habe. Ich gestand ein, daß ich den Yähus in jedem Theile meines Körpers gleiche, daß ich mir jedoch ihre ausgeartete und viehische Natur nicht erklären könne. Ich sagte ferner: Wenn das Glück mich jemals in mein Vaterland zurückführe, um meine Reise hieher, wie ich beschlossen habe, zu erzählen, so würde mir Jeder glauben, ich habe etwas berichtet, was nirgends existire, und hätte eine Geschichte in’s Blaue erfunden; ich müsse bei aller Achtung, die ich gegen ihn, seine Familie und Freunde hege, und unter der Bedingung, daß er sich nicht beleidigt fühle, offen eingestehen, daß meine Landsleute mir schwerlich glauben werden, ein Hauyhnhnm sey das herrschende Geschöpf einer Nation und der Yähu das Vieh.

Kapitel 4


Kapitel 4 Begriff der Hauyhnhnms von Wahrheit und Falschheit. Des Verfassers Bericht wird von seinem Herrn nicht gebilligt. Der Verfasser gibt einen genaueren Bericht über sich selbst und die Ereignisse seiner Reise.

Mein Herr hörte mich mit Zeichen des Aergers in seinen Zügen an, denn Bezweifeln oder Nichtglauben ist in diesem Lande so wenig bekannt, daß die Einwohner nicht sagen können, wie sie sich unter solchen Umstanden zu benehmen haben. Auch erinnere ich mich mehrerer Unterredungen mit meinem Herrn, wo ich gelegentlich von Lügen und falscher Darstellung sprach, da wir uns gerade über die Natur der Mannheit in andern Ländern unterhielten, so daß er nur mit Schwierigkeit den Sinn meiner Worte verstand, ob er gleich sonst eine scharfsinnige Urtheilsgabe besaß. Seine Schlußfolge war nämlich diese: der Gebrauch der Rede ist uns zum gegenseitigen Verständniß und zur Kenntniß der Thatsachen gegeben. Sagt nun Jemand irgend etwas, welches nicht existirt, so wird der Zweck verfehlt, weil man ja von mir nicht sagen kann, daß ich den Sinn seiner Rede begreife, auch bin ich so weit davon entfernt, etwas mir Neues zu erfahren, daß ich schlimmer daran bin, als wüßte ich gar Nichts; ich glaube zuletzt etwas Weißes sey schwarz, und etwas Kurzes lang. Dieses waren alle Begriffe, die er über das Vermögen des Lügens besaß, welches von allen Menschengeschöpfen so vollkommen verstanden und so allgemein ausgeübt wird.

Ich kehre von dieser Abschweifung zurück. Als ich behauptete, die Yähus seyen ausschließlich in meinem Vaterlande die herrschenden Thiere, sagte mein Herr, dies übersteige seine Begriffe. Alsdann wünschte er zu wissen, ob wir auch Hauyhnhnms hätten und wie dieselben beschäftigt wären. Ich erwiderte ihm, wir besäßen eine große Anzahl Hauyhnhnms; sie grasten im Sommer auf den Wiesen und würden des Winters in Häusern mit Heu und Hafer ernährt; Yähu-Bedienten wären bei ihnen angestellt, um ihre Haut rein zu striegeln, ihre Mähnen zu kämmen, ihre Hufe zu untersuchen, ihnen Futter zu reichen und ihr Bett zu machen. Ich verstehe Dich wohl, sagte mein Herr, wie sehr die Yähus auch auf die Vernunft Anspruch machen, sind die Hauyhnhums dennoch die Herren. Ich wünsche nur, daß man mit Euren Yähus eben so gut umgehen kann.

Ich bat ihn: Seine Gnaden möge mich entschuldigen, daß ich nicht weiter fortfahre. Ich sey überzeugt, der Bericht, den ich Ihr geben werde, müsse Ihr im höchsten Grade mißfallen. Mein Herr bestand jedoch auf seinem Befehle, ihm Gutes und Schlimmes zu sagen. Alsdann berichtete ich, um ihm zu gehorchen: Die Hauyhnhums, die wir bei uns Pferde nennen, seyen die großmüthigsten und zierlichsten Thiere, die wir besitzen, sie hätten ausgezeichnete Vorzüge durch Körperkraft und Schnelligkeit; wenn sie Personen von Stande gehörten, würden sie zu Reisen, Wettrennen und Wagenziehen gebraucht. Sie würden sehr sorgfältig und gütig behandelt, bis sie krank oder an den Füßen lahm wären.

Alsdann aber verkaufe man sie und placke sie auf jede nur mögliche Art, bis sie todt seyen; hierauf ziehe man ihnen die Haut ab und verkaufe dieselbe nach dem Werthe; den Leichnam aber lasse man von Hunden und Raubvögeln verschlingen.

Die gewöhnliche Pferderace sey jedoch nicht so glücklich; sie werde von Pächtern, Fuhrleuten und anderem gemeinen Volke gehalten, welche eine größere Arbeit verlangen und schlechteres Futter geben.

Ich beschrieb so gut wie möglich unsere Art zu reiten

die Form und den Gebrauch des Zaums,

des Sattels,

des Sporns,

der Peitsche, des Geschirrs und der Räder.

Ich fügte hinzu: Wir befestigen Platten von einer gewissen harten Substanz, welche wir Eisen nennen, unten an die Füße, um zu verhindern, daß die Hufe nicht auf steinigen Wegen zerbrechen, auf denen wir gewöhnlich reiten.

Nachdem mein Herr seinen Unwillen ausgedrückt hatte, sprach er sein Erstaunen aus, wie wir uns auf den Rücken eines Hauyhnhnm wagen könnten; er sey überzeugt, der schwächste Diener seines Hauses sey im Stande, den stärksten Yähu abzuwerfen, oder wenn er sich niederwerfe und auf dem Rücken rolle, jenes Thier zu Tode zudrücken. Ich erwiderte, unsere Pferde würden vom dritten und vierten Jahre an für den Zweck, den wir beabsichtigen, zugeritten; würden einige von ihnen als schlecht erkannt, so gebrauche man sie zum Wagen ziehen; für jede boshafte Laune würden sie in ihrer Jugend gehörig gepeitscht; die Hengste, die man zum gewöhnlichen Reiten oder Ziehen bestimme, würden gewöhnlich im zweiten Jahre nach ihrer Geburt verschnitten, um ihren Muth zu vermindern, und um sie zahmer und sanfter zu machen; sie seyen allerdings für Belohnungen und Strafen empfänglich, allein Seine Gnaden möge bedenken, daß sie nicht die geringste Spur von Vernunft besäßen, eben so wenig, wie die Yähus in diesem Lande.

Ich benutzte viele Umschreibungen, um meinem Herrn eine richtige Idee von Allem, was ich gesagt hatte, beizubringen; die Sprache der Hauyhnhnms ist nämlich nicht sehr reich an Worten, weil ihre Bedürfnisse und Leidenschaften beiweitem geringer sind wie bei uns. Es ist mir jedoch unmöglich, seinen edlen Unwillen über die harte Weise, womit wir die Hauyhnhnms behandeln, zu beschreiben; besonders nachdem ich ihm die Art und Weise erklärte, wie wir die Pferde bei uns verschneiden, um zu verhindern, daß sie ihr Geschlecht fortpflanzen, und um ihren Sinn zur Sklaverei herabzustimmen. Mein Herr sagte: Wenn es möglicherweise ein Land geben könne, wo nur die Yähus Vernunft besäßen, so müßten sie nothwendig die herrschende Thierrace bilden. Vernunft werde mit der Zeit stets die brutale Gewalt besiegen. Wenn er jedoch die Form unserer Körper, und vorzüglich die des meinigen, betrachte, so müsse er auf die Vermuthung gerathen, kein Geschöpf von meinem Bau müsse für die Anwendung der Vernunft in den gewöhnlichen Geschäften des Lebens so schlecht geeignet seyn. Er wünsche deßhalb zu wissen, ob meine Landsleute mir oder den Yähus seines Vaterlandes glichen. Ich gab ihm die Versicherung, ich sey so gebaut, wie die meisten meines Alters; die Jüngeren und die Frauen seyen jedoch bei Weitem zarter und sanfter, und die Haut der letzteren gewöhnlich so weiß wie Milch. Er erwiderte: Ich sey wirklich von anderen Yähus sehr verschieden, reinlicher und nicht so häßlich; hinsichtlich des wirklichen Nutzens sey ich jedoch, wie er glaube, im Nachtheil; meine Nägel könne ich weder an den Vorder- noch Hinterfüßen gebrauchen; meine Vorderfüße könne er nicht mit diesem Namen bezeichnen, denn er habe nie bemerkt, daß ich auf denselben einhergehe; sie seyen zu sanft, um die Härte des Bodens zu ertragen; ich halte sie gewöhnlich nicht bedeckt; die Bedeckung jedoch, die ich dabei anwende, sey nicht von derselben Form und auch nicht so stark wie bei den Hinterfüßen; ich könne mit keiner Sicherheit gehen, denn sobald einer meiner Hinterfüße ausgleite, so müsse ich unfehlbar zu Boden fallen. Alsdann fand er auch an andern Theilen meines Körpers Manches auszusetzen: die Flachheit meines Gesichts, die Hervorragung meiner Nase, die Stellung meiner Augen vor der Stirne, so daß ich nicht nach beiden Seiten hin sehen könnte, ohne den Kopf umzuwenden; ich sey nicht im Stande mich zu ernähren, ohne meinen Vorderfuß zum Munde zu erheben, weßhalb auch die Natur jene Gelenke so gestellt habe, daß sie dem Bedürfniß entsprächen.

Er könne nicht begreifen, wozu die vielen Gelenke und Abtheilungen an meinen Hinterfüßen dienten; sie seyen zu weich um die Härte und Schärfe der Steine zu ertragen, wenn ich nicht die Haut von andern Thieren zu Hülfe nehme; mein ganzer Leib bedürfe des Schutzes gegen Hitze und Kälte, den ich täglich mit einem lästigen Verfahren anziehen und ablegen müsse; zuletzt auch bemerkte er, jedes Thier in diesem Lande weiche den Yähus aus, welche von Schwächeren vermieden, von den Stärkeren zurückgetrieben würden. Wenn er nun auch zugäbe, daß wir Vernunft besäßen, so könne er deßhalb dennoch nicht begreifen, wie wir jene natürliche Abneigung überwänden, wie wir überhaupt jene andern Thiere zähmten und uns dienstbar machten. Er wolle jedoch mit mir über diese Angelegenheit nicht streiten, sondern wünsche meine eigene Geschichte, das Land, wo ich geboren sey und die verschiedenen Handlungen und Ereignisse meines Lebens, bevor ich hieher gekommen, zu erfahren. Ich gab ihm die Versicherung, daß ich ihn in jedem Punkte zufrieden zu stellen wünsche. Ich bezweifle jedoch, daß es mir möglich seyn werde, in vielen Punkten mich deutlich auszudrücken, wovon Seine Gnaden keinen Begriff haben könne, weil ich Nichts in diesem Lande sehe, womit ich dieselben zu vergleichen vermöge. Ich würde jedoch mein Möglichstes thun und mich durch Gleichnisse verständlich zu machen suchen, und bitte demüthig Seine Gnaden, Sie möge mir behülflich seyn, wenn ich der passenden Worte bedürfen sollte, was Sie auch die Güte hatte mir zu versprechen.

Ich sagte, wie ich von ehrlichen Eltern, auf einer Insel mit Namen England, geboren sey; dieselbe liege von diesem Lande so viele Tagereisen entfernt, wie der stärkste Diener Seiner Gnaden in dem jährlichen Laufe der Sonne zurücklegen könne. Ich sey als Wundarzt erzogen worden, zu einem Stande, welcher Wunden und Verletzungen am Körper, die man durch Gewaltthätigkeit oder Zufall erlange, wieder heile. Mein Vaterland werde von einem weiblichen Menschen, welcher Königin heiße, beherrscht; auf meiner letzten Reise sey ich der Befehlshaber eines Schiffes gewesen und habe fünfzig Yähus unter mir gehabt. Von diesen seyen viele zur See gestorben, so daß ich dieselben durch Andere aus verschiedenen Nationen hätte ersetzen müssen. Unser Schiff sey zweimal in Gefahr gewesen zu sinken, das erstemal durch einen heftigen Sturm, und das zweitemal durch einen Stoß gegen Felsen. Hier unterbrach mich mein Herr mit der Frage, wie ich Fremde von verschiedenen Ländern nach so vielen Verlusten und Wagnissen hätte überreden können, sich mit mir auf das Meer zu wagen. Ich sagte, es wären Leute in verzweifelten Umständen, welche gezwungen worden seyen, wegen Verbrechen oder Armuth aus ihrem Vaterlande zu fliehen. Einige seyen durch Processe zu Grunde gerichtet worden, Andere hätten all ihr Vermögen im Trinken, Spielen und anderen Ausschweifungen verschwendet; Andere seyen wegen Hochverrats, Andere wegen eines Mordes, Diebstahls, wegen Vergiftung, Raub, Meineid, Fälschung, Falschmünzerei, Nothzucht und wegen unnatürlicher Laster, wegen Desertion oder wegen des Ueberlaufens zum Feinde geflohen; die Meisten hätten Gefängnisse erbrochen. Keiner wage in sein Vaterland zurückzukehren, aus Furcht, gehängt zu werden, oder in einem Gefängnisse zu verhungern; deßhalb seyen sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt an andern Orten sich zu erwerben.

Während dieser Unterredung hatte mein Herr mehrere Male die Güte, mich zu unterbrechen. Ich mußte häufige Umschreibungen gebrauchen, um ihm die Natur der verschiedenen Verbrechen darzustellen, wegen welcher ein Theil meiner Schiffsmannschaft gezwungen war, aus dem Vaterlande zu fliehen. Diese Arbeit erforderte ein Gespräch von mehreren Tagen, bevor er mich verstehen konnte. Er war durchaus nicht im Stande zu begreifen, wozu die Ausübung dieser Laster nothwendig und nützlich sey. Um ihm dieses klar zu machen, suchte ich ihm einen Begriff von dem Wunsche, Reichthümer und Macht zu erwerben, beizubringen; ferner auch von den furchtbaren Folgen der Wollust, Unmäßigkeit, der Bosheit und des Neides. Alles dies mußte ich durch Beispiele und durch erfundene Fälle ihm erläutern. Hierauf glich er einem Menschen, der über etwas früher nie Gesehenes und Gehörtes, von dem heftigsten Erstaunen ergriffen wird. Er erhob seine Augen mit Schrecken und Unwillen. Für Macht, Regierung, Krieg, Gesetz, Strafe und für tausend andere Dinge fand sich kein Ausdruck in jener Sprache; dadurch ward die Schwierigkeit, meinem Herrn einen allgemeinen Begriff von dem, was ich sagen wollte, zu geben, beinahe unüberwindlich. Da er jedoch einen ausgezeichneten und durch Ueberlegung, so wie auch durch Gespräch gebildeten Verstand besaß, erwarb er sich zuletzt ein competentes Urtheil über Alles, was die Menschennatur in unseren Welttheilen auszuführen im Stande ist; er bat mich deßhalb, ihm einen besonderen Bericht von dem Lande, welches Europa heißt, besonders aber von meinem Vaterlande zu geben.

Kapitel 5


Kapitel 5 Der Verfasser gibt seinem Herrn, auf dessen Befehl, einen Bericht über den Zustand von England. Die Ursachen der Kriege unter den europäischen Fürsten. Der Verfasser beginnt mit Darstellung der englischen Staatsverfassung.

Leser, du mußt gütigst in Acht nehmen, daß der folgende Auszug vieler Gespräche, die ich mit meinem Herrn hielt, den Inbegriff der wesentlichsten Punkte enthält, die ungefähr zwei Jahre lang zu verschiedenen Malen besprochen wurden. Seine Gnaden verlangte nämlich häufig eine genügendere Auskunft, nachdem ich in der Hauyhnhnm-Sprache größere Fortschritte gemacht hatte.

Ich stellte meinem Herrn so gut wie möglich den ganzen Zustand von Europa dar; ich sprach von Handel und Manufakturen, von Künsten und Wissenschaften, und die Antworten, die ich ihm auf alle Fragen gab, die bei den verschiedenen Gegenständen sich darboten, lieferten unerschöpflichen Stoff zum Gespräche. Ich werde hier jedoch allein die Hauptsache von demjenigen niederschreiben, was mein Vaterland betrifft, indem ich es so gut wie möglich ordne, wobei ich jedoch auf Zeit und andere Umstände wenig Rücksicht nehme, und mich allein streng an die Wahrheit halte. Es thut mir leid, daß ich kaum im Stande seyn werde, der Beweisführung und der Ausdrucksweise meines Herrn Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Beide müssen durch meine geringere Auffassungsgabe, so wie durch die Uebersetzung in unser barbarisches Englisch nothwendig viel Nachtheil erleiden.

Um den Befehlen Seiner Gnaden zu gehorchen, erzählte ich Ihr deßhalb die Revolution unter dem Prinzen von Oranien, den langen Krieg mit Frankreich, welchen der genannte Fürst begann, und den seine Nachfolgerin, die gegenwärtige Königin[Fußnote] erneuete. Wie alle großen Mächte der Christenheit daran Theil nahmen, und wie er jetzt noch fortgesetzt wird.[Fußnote] Ich berechnete, auf seine Bitte, daß ungefähr eine Million Yähus im Verlauf desselben umgekommen seyen, ungefähr hundert Städte, oder eine noch größere Anzahl, sey eingenommen und fünfmal so viel Schiffe verbrannt oder versenkt worden.

Mein Herr fragte mich alsdann, welche Beweggründe dergleichen Kriege gewöhnlich bewirkten. Ich erwiderte, die Ursachen seyen unzählig; ich würde nur einige der hauptsächlichsten erwähnen. Bisweilen würden Kriege durch Fürsten bewirkt, welche niemals glaubten, daß sie Land und Leute genug zu beherrschen hätten; bisweilen auch durch die Verderbniß der Minister, welche ihren Herrn in einen Krieg verwickelten, um das Geschrei der Unterthanen über eine schlechte Regierung zu ersticken, oder demselben eine andere Richtung zu geben; Verschiedenheit der Meinungen habe mehrere Millionen Leben gekostet, ob Fleisch Brod, oder Brod Fleisch sey, ob der Saft einer gewissen Beere in Blut oder Wein bestehe; ob man das Pfeifen als Laster oder Tugend annehmen müsse; ob es besser sey, einen Pfahl zu küssen oder in das Feuer zu werfen; wie man sich am besten bekleiden müsse, schwarz, weiß, roth oder grau; ob der Rock lang oder kurz, eng oder weit, schmutzig oder reinlich seyn solle. Auch seyen keine Kriege so wüthend und blutig und dauerten so lange, wie diejenigen, welche durch Verschiedenheit der Meinungen erregt würden, besonders wenn die streitigen Gegenstände unbedeutend seyen.

Bisweilen entstehe der Zank zwischen zwei Fürsten, um zu entscheiden, wer von ihnen einen dritten außer Besitz, in Betreff seiner Länder, setzen solle, wo jedoch keiner auf ein Recht Anspruch machen dürfe; bisweilen zanke der eine Fürst mit dem andern, aus Besorgniß, dieser werde Zank mit ihm anfangen; bisweilen weil er zu schwach sey; bisweilen, fuhr ich fort, wollen unsere Nachbarn Etwas haben, was wir besitzen, oder sie besitzen die Dinge, die wir haben wollen, und dann kämpfen wir beide, bis sie unsere Dinge nehmen, oder wir die ihrigen haben. Es ist eine leicht zu rechtfertigende Ursache des Krieges, ein Land anzugreifen, wenn das Volk durch Hungersnoth geschwächt, durch Pest zerstört und durch bürgerlichen Parteikampf verwirrt ist. Es ist leicht zu rechtfertigen, wenn wir unseren nächsten Alliirten den Krieg erklären, sobald eine seiner Städte für uns sich eignet, oder wenn ein Landstrich eine solche Lage hat, daß er unsere Besitzthümer abgerundet und zusammenhängend macht. Wenn ein Fürst seine Streitkräfte einer Nation sendet, wo das Volk arm und unwissend ist, so darf er mit Recht die eine Hälfte tödten und die andere zu Sklaven machen, um sie zu civilisiren und sie von ihrer barbarischen Lebensweise abzubringen. Es ist ferner, im Fall ein Fürst die Hülfe eines andern nachsucht, um sich vor fremdem Angriff zu retten, ein königliches, ehrenvolles und häufiges Verfahren, daß der Bundesgenosse, wenn er den angreifenden Feind vertrieben hat, das Land für sich selbst in Besitz nimmt und den erretteten Fürsten tödtet, verhaftet oder verbannt. Verbindung durch Blutsverwandtschaft oder Ehe ist eine häufige Ursache zu Kriegen zwischen Fürsten, und je näher die Verwandtschaft ist, desto größer ist auch die Neigung zu Zwist. Arme Nationen sind hungrig, reiche sind stolz; Stolz und Hunger wird stets mit einander in Streit gerathen. Deßhalb wird das Handwerk eines Soldaten für das ehrenvollste von allen gehalten. Ein Soldat ist nämlich ein Yähu, der gemiethet wird, so viele Individuen seiner Gattung wie möglich, die ihn nie beleidigt haben, mit kaltem Blute zu tödten. Es gibt ferner eine Art bettelhafter Fürsten in Europa, welche nicht selbst im Stande sind, Kriege zu führen, und deßhalb ihre Truppen an reichere Nationen für einen bestimmten Sold vermiethen. Davon behalten sie drei Viertel für sich selbst, und dies ist das beste Einkommen für ihren Unterhalt. Dergleichen gibt es in mehreren Theilen Europas.

Mein Herr erwiderte: Was Ihr mir über den Krieg gesagt habt, zeigt wirklich auf bewunderungswürdige Weise, daß Ihr der Vernunft entbehrt, worauf Ihr dennoch Anspruch macht; es scheint jedoch ein glücklicher Umstand, daß die Scham größer als die Gefahr ist, und daß die Natur Euch so gebildet hat, daß Ihr nicht viel Unheil anrichten könnt. Da nämlich Euer Mund flach am Gesichte liegt, so könnt Ihr, ohne gegenseitige Einwilligung, einander nicht beißen. Eure Klauen ferner, an Euren Vorder- und Hinterpfoten, sind so kurz und weich, daß Einer unserer Yähus ein Dutzend der Euren vor sich hertreiben kann. Berechne ich deßhalb die Anzahl derjenigen, die Ihr anführtet, als in einer Schlacht getödtet, so muß ich glauben, daß Ihr etwas gesagt habt, was nicht existirt.

Ich konnte es nicht unterlassen, über seine Unwissenheit den Kopf zu schütteln und ein wenig zu lächeln. Da ich nun selbst mit der Kriegskunst nicht unbekannt war, gab ich ihm eine Beschreibung von Kanonen, Feldschlangen, Musketen, Karabinern, Kugeln, Pistolen, Pulver, Degen, Schlachten, Belagerungen, Rückzügen, Angriffen, Minen, Contreminen, Bombardements, Seeschlachten, Schiffen mit tausend Mann die untergingen, zwanzigtausend Mann, die auf beiden Seiten fielen, dem Wimmern der Sterbenden, Gliedern, die in die Luft aufflögen; von Rauch, Lärm, Verwirrung, wie Menschen durch Pferdehufe zertreten würden, von Flucht, Verfolgung, Sieg; wie die Felder alsdann mit Leichen besät seyen, welche als Futter für Wölfe, Hunde und Raubvögel liegen blieben; vom Plündern, Berauben, Nothzüchten, Verbrennen und Zerstören.

Um die Tapferkeit meiner theuern Landsleute darzulegen, fügte ich hinzu: ich habe gesehen, wie sie hundert Feinde bei einer Belagerung auf einmal in die Luft sprengten und dieselbe Zahl auf einem Schiffe; die todten Körper seyen stückweise von den Wolken, zur großen Ergötzung der Zuschauer, herabgefallen. Ich wollte noch mehr Einzelheiten hinzufügen, als mein Herr mir zu schweigen befahl. Er äußerte: Jeder, welcher mit der Natur der Yähus bekannt sey, werde bei einem so elenden Thiere Alles, was ich gesagt habe, für möglich halten, wenn Körperkraft und List ihrer Bosheit gleich kämen. Während nun aber mein Vortrag seinen Abscheu gegen das ganze Geschlecht vermehrt habe, sey dadurch zugleich in seiner Seele ein störendes Gefühl entstanden, das er bis jetzt durchaus nicht gekannt habe. Er glaube, seine Ohren möchten sich allmählig an so schändliche Worte gewöhnen, und sie dann auch mit geringerem Abscheu anhören; obgleich er die Yähus dieses Landes hasse, tadle er sie nicht mehr wegen ihrer Eigenschaften, als einen Gnnayh (einen Raubvogel) wegen seiner Grausamkeit, oder einen scharfen Stein, weil derselbe seinen Huf ritze. Wenn aber ein Geschöpf, welches Anspruch auf Vernunft mache, Fähigkeit zu solchen Scheußlichkeiten besitze, so besorge er, die Verderbniß dieser Eigenschaften werde noch schlimmer seyn, als die bloß thierische Rohheit. Er sey deßhalb vollkommen überzeugt, daß wir, anstatt der Vernunft, nur irgend eine Eigenschaft besäßen, welche sich dazu eigne, unsere natürlichen Laster zu vermehren, so wie der Wiederschein einer gestörten Wasserfläche, das Bild eines schlecht gebildeten Körpers nicht allein größer, sondern auch verdreht wiedergebe.

Er fügte hinzu: Sowohl in dieser, als in andern Unterredungen habe er schon zu viel über Krieg gehört. Jetzt könne er noch einen andern Punkt nicht recht begreifen. Ich habe ihm gesagt, einige Matrosen aus meiner Mannschaft hätten ihr Vaterland verlassen, weil sie durch das Recht ruinirt seyen. Ich habe ihm die Bedeutung des Wortes schon erklärt, er könne jedoch nicht begreifen, wie das Gesetz, welches man doch zur Erhaltung Aller bestimme, irgend Jemand zu Grunde richten könne. Deßhalb wünsche er, ich möge ihm eine weitere Erklärung von dem geben, was ich unter Recht, und unter Denjenigen verstehe, welche davon entbänden, und zwar nach dem gegenwärtigen Verfahren in meinem Vaterlande. Er glaube, Natur und Vernunft seyen vernünftigen Thieren genügende Führer, und wir machten ja auf Vernunft sehr viel Anspruch. Beide zeigten uns ja, was wir thun und vermeiden müßten.

Ich gab Seiner Gnaden die Versicherung, das Recht sey eine Wissenschaft, wovon ich nicht viel erlernt habe; ich habe nur bei manchen mir erwiesenen Ungerechtigkeiten Advokaten genommen, jedoch würde ich ihm alle mir mögliche Aufklärung geben.

Es gibt, fuhr ich fort, bei uns eine Gesellschaft Menschen, die von Jugend auf in der Kunst auferzogen werden, durch Worte, die man zu dem Zwecke vervielfacht, deutlich zu beweisen, Schwarz sey Weiß und Weiß sey Schwarz, natürlich im Verhältnis wie man bezahlt. Zum Beispiel, wenn mein Nachbar meine Kuh zu haben wünscht, so findet er auch einen Rechtsgelehrten, welcher beweisen will, er müsse meine Kuh von mir erhalten. Alsdann muß ich einen andern Rechtsgelehrten miethen, der mein Recht vertheidigt. Es widerstreitet nämlich allen Rechtsregeln, daß irgend Jemand für sich selbst sprechen darf. In diesem Fall bin ich, der rechtmäßige Eigenthümer, zwei großen Nachtheilen ausgesetzt; erstens ist mein Rechtsgelehrter, da er von der Wiege an gewöhnt war, Falschheiten zu vertheidigen, durchaus nicht in seinem Elemente, soll er als Advokat der Wahrheit auftreten. Dies ist nämlich ein unnatürlicher Dienst, den er mit großer Ungeschicklichkeit, wo nicht mit bösem Willen, leistet. Zweitens muß mein Advokat mit großer Vorsicht verfahren, sonst erhält er einen Verweis von den Richtern, und wird von den andern Advokaten als ein Mensch verabscheut, welcher die Rechtspraxis gern vermindern möchte. Deßhalb kann ich nur durch zwei Verfahrungsarten meine Kuh mir retten. Die erste besteht darin, daß ich den Rechtsgelehrten meines Gegners durch ein doppeltes Honorar für mich gewinne. Alsdann wird er seinen Clienten dadurch verrathen, daß er ihm zu verstehen gibt, ich habe das Recht auf meiner Seite. Die zweite Verfahrungsart besteht darin, daß mein Rechtsgelehrter meine Sache so ungünstig wie möglich darstellt, indem er zugibt, meine Kuh gehöre meinem Gegner; geschieht dies mit Geschicklichkeit, so wird dadurch die günstige Stimmung der Richter für mich gewonnen. Nun müssen Eure Gnaden wissen, daß diese Richter Personen sind, welche der Staat besoldet, um alle Fragen über Eigenthum zu entscheiden, so wie auch die Strafen der Criminalverbrecher. Man wählt sie aus den geschicktesten Rechtsgelehrten, welche alt und faul geworden sind. Da sie nun ihr ganzes Leben hindurch gegen Wahrheit und Billigkeit eingenommen wurden, sind sie der unglücklichen Nothwendigkeit unterworfen, daß sie Betrug, Meineid und Unterdrückung begünstigen. Einige habe ich gekannt, welche lieber eine große Bestechung von derjenigen Partei, die Recht hatte, ausschlugen, als daß sie den ganzen Stand dadurch beleidigt hätten, wenn sie eine der Natur ihres Amtes unwürdige Handlung begingen.

Es ist Grundsatz unter diesen Rechtsgelehrten, daß Alles, was früher geschehen ist, rechtmäßiger Weise wieder geschehen darf. Deßhalb notiren sie alle früheren Entscheidungen gegen Gerechtigkeit und den allgemeinen und gesunden Menschenverstand sorgfältig auf. Diese Urtheile heißen Präcedentien, und werden fortwährend als Autoritäten vorgebracht, um die unbilligsten Meinungen zu rechtfertigen, und die Richter unterlassen es nie, nach jenen Bestimmungen zu entscheiden.

Bei den Verhandlungen vermeiden die Advokaten und Richter sehr sorgfältig, auf die gute Seite ihres Processes einzugehen, sie werden laut, heftig und langweilig und verweilen bei allen Umständen, die nicht zum eigentlichen Zwecke führen. Zum Beispiel in dem oben erwähnten Falle wollen sie niemals wissen, welchen rechtlichen Anspruch mein Gegner auf meine Kuh besitzt, sondern ob er gesagt habe, die Kuh sey roth oder schwarz, mit langen oder kurzen Hörnern; ob das Feld, worauf sie grase rund oder viereckig sey; ob sie im Stall oder auf der Weide gemolken werde; an welchen Krankheiten sie leide u. s. w. Alsdann werden die Präcedentien um Rath gefragt, der Proceß wird von Zeit zu Zeit vertagt und nach zehn, zwölf, dreizehn Jahren endlich entschieden.

Ferner ist zu bemerken, daß diese Gesellschaft ein besonderes Rothwälsch oder einen Jargon besitzt, die kein anderer Mensch versteht, und worin alle Gesetze geschrieben sind. Mit besonderer Sorgfalt wird dasselbe vermehrt. Dadurch wird die wahre Essenz der Wahrheit und Falschheit des Rechtes und Unrechtes durch einander gemischt. Somit erfordert die Entscheidung, ob das Feld, welches von meinen Vorfahren durch sechs Generationen mir hinterlassen wurde, mir oder einem dreihundert Meilen weit entfernten Fremden gehört, die Zeit von dreißig Jahren.

In Processen der Personen, welche wegen eines Verbrechens gegen den Staat angeklagt wurden, ist die Verfahrungsart bei Weitem kürzer und empfehlenswerther. Der Richter sucht zuerst die Stimmung der Machthaber zu erforschen, und kann alsdann einen Verbrecher sehr leicht retten oder hängen lassen, indem er alle Rechtsformen mit der gehörigen Genauigkeit beobachtet.

Hier unterbrach mich mein Herr mit den Worten: Wie schade, daß Personen, welche nach meiner Beschreibung der Rechtsgelehrten so wunderbare Geistesfähigkeiten nothwendig besitzen müssen, nicht besser angestellt werden, um Andere in Weisheit und Kenntnissen zu unterrichten! Ich erwiderte, mit Ausnahme ihres eigenen Geschäftes seyen sie die unwissendsten, dümmsten Bewohner meines Vaterlandes, im gewöhnlichen Gespräch durchaus verächtlich, erklärte Feinde aller Wissenschaft und Gelehrsamkeit, überall geneigt, den gesunden Verstand auf den Kopf zu stellen, und jeden Gegenstand, worüber man spreche, in derselben Weise, wie in ihrem Geschäfte, zu verdrehen.