Gesäuertes Brot

Gegen Ende des Winters wurde Eva wieder krank, und Hans, der alle Hausarbeit auf sich nahm, verbrachte die meiste Zeit in ihrer Nähe. Ihr zuliebe sang er zum neuen Saitenspiel seine Erzählungen von längst und jüngst geschehenen Taten. Sooft er abkömmlich war, meißelte er heimlich an einem Backtrog, den sich die Mutter längst wünschte.

Im Frühling wimmelte es von Jungtieren, die Erde mußte bearbeitet werden, Frühlingsblumen prangten und dufteten, bunte Schmetterlinge, Hummeln und fremde Bienen kamen auf die Sonnleiten zu Gast. Was aber machten die Hausbienen in ihrem Baumstamm? Noch keine hatte das Flugloch des Stocks verlassen. Und doch war es hohe Zeit, daß sie mit dem Sammeln begannen. Der Honigvorrat Evas ging rascher zur Neige, als die sparsame Hausfrau vorausgesehen hatte. Peter, den Evas Kränklichkeit oft verdroß, kehrte wieder zum alten Brauch zurück, kleine Mengen Honig heimlich mit Wasser zu mischen und den gegorenen Met als Trost- und Labetrunk zu genießen. Nun, da er das Bienenvolk im Garten wußte, sah er keinen Grund, sich den Genuß zu versagen.

Das Bauholz für den Laubengang war fertig. Evas Bedürfnis nach Sonnenschein sollte bald erfüllt werden. Die Obstbäume, die im Vorjahr zurückgeschnitten und von Wurzeltrieben gereinigt worden waren, zeigten vielfach Kurztriebe mit vielen, auffallend großen Blütenknospen, die einen reichen Ertrag versprachen. Und Eva freute sich schon, daß ihre Hausbienen honigsammelnd von Blüte zu Blüte fliegen würden. Aber noch schienen sie ihren Winterschlaf zu halten. Die Bäume waren verblüht, die Fruchtknoten dick und prall, aber noch immer schienen die Bienen zu schlafen. Hans entfernte in Gegenwart der Mutter das Verschlußbrett an der Rückwand des Bienenstocks. Ein übler Gestank quoll ihnen entgegen. Auf dem Boden der Höhlung lagen die Bienen in Haufen beisammen, regungslos, mit Schmutz besudelt, einzelne von Schimmel überzogen: Das Bienenvolk war tot. Eva hatte Tränen in den Augen, und Peter, der hinzugekommen war, stieß einen Ruf tiefer Enttäuschung aus. Da sagte Eva, was sie ahnte: »Wißt ihr, was da geschehen ist? Verhungert sind sie! Ihr habt ihnen allen Honig genommen; das war ja ihr Wintervorrat. Arme Bienen!«

Peter kehrte wütend in seine Werkstatt zurück. Hans aber fegte den Bienenstock leer und wusch alle Wände mit Aschenlauge. Erst nach Tagen, als die Bienenwohnung vom Winde getrocknet und geruchlos war, fügte er die Hinterwand ein. Während er mit dem Vater am Laubengang baute, grübelte er darüber nach, wie er es anstellen sollte, für seinen Bienenstock ein neues Volk zu bekommen. Indes lockten die blühenden Ränder der Gemüsebeete fremde Bienen um so reichlicher an, je mehr Sommerblüher die Frühlingsblumen ablösten.

Hans verfiel darauf, das Flugloch des leeren Bienenstockes mit Honigwasser zu besprengen, um die Gäste auf die leere Wohnung aufmerksam zu machen. Sie gingen wohl ein und aus, aber keine Biene blieb darin über Nacht. Am hellen Mittag nach der Sommersonnenwende jedoch senkte sich ein schwärmendes Volk zum Stock nieder. Als wimmelnde Traube hing es unter dem Flugloch. Die Sonnleitnerleute beobachteten mit angehaltenem Atem, wie langsam der Einzug vor sich ging, während aus dem Innern des Stockes ein eigenartiges Summen drang, als riefe eine »Stimme« das Volk ins Innere. In der nächsten Woche ließen Peter und Hans ihren Laubengang im Stich und suchten den Wald nach hohlen Baumstämmen ab. Es gelang ihnen, im Garten neben dem besiedelten Klotz noch fünf andere aufzustellen, die Hans mit Bohrer, Meißel und Säge in geräumige Bienenwohnungen verwandelte. Er versah sie mit Querstäben zum Ansetzen der Waben. Zwei Klötze wurden noch im Laufe des Sommers von zugeflogenen Schwärmen besiedelt.

Im Spätsommer bauten Hans und Peter einen Windfang vor die Haustür und darüber für Eva ein Sonnenplätzchen, das durch eine Tür im Obergeschoß zugänglich war. An den Ausbau des Laubenganges kamen die beiden Männer noch nicht.

Zur gleichen Zeit holten sich die Sonnleitnerleute zum ersten Mal eigenen Honig von den Stöcken und beschlossen, den Tierchen das als Wintervorrat zu lassen, was sie noch bis zum Herbst eintragen würden. Bei dieser Gelegenheit schaffte Peter drei Töpfe Honig für sich beiseite, damit ihm der Met nicht ausginge. Da er seinen heiter stimmenden Trank weder mit Hans noch mit Eva teilen wollte, verwahrte er ihn in der Bärenhöhle und schluckte heimlich davon, sooft er auf Fischfang zog, den er lange vernachlässigt hatte.

Evas Befinden besserte sich wieder ein wenig; Peter verschob den Weiterbau am Laubengang auf das nächste Jahr und widmete sich der Heuernte. Zum Helfer beim Einbringen hatte er sich einen starken Ziegenbock abgerichtet. Der wollte zwar anfangs nicht, aber unter dem Zwang des Riemenzeuges, das ihn an die zwei Zugstangen des Karrens fesselte, und angetrieben vom juckenden Schlag der Weidengerte, fügte er sich in sein Los. Nach dem Getreideschnitt hatte das Zugtier bereits gelernt, daß ein Zungenschnalzer des Lenkers »Los, zieh!« bedeutete und ein »Brr!« soviel wie »Halt!«

In der Speisekammer fehlte es Eva an nichts; leid tat ihr nur, daß es ihr noch nicht gelungen war, lockeres Brot herzustellen, wie sie es aus früher Kindheit in Erinnerung hatte. Ihre Fladen waren hart und nicht selten speckig. Da kam ihr ein scheinbar bedeutungsloses Ereignis zu Hilfe. An einem nebligen Tage, den Peter und Hans zum Einfahren von Brennholz benützten, entdeckte sie in einem Napf auf dem Herdrand einen Teigrest vom Tag vorher. Zu ihrem Staunen war der Teig bis zum Rand des Napfes gequollen und roch eigentümlich säuerlich, aber keineswegs widerwärtig. Eva scheute sich, den Teigrest in den Abfall zu tun. Ohne sich zu besinnen, vermischte sie ihn mit frischem Mehl, knetete das Ganze mit Milch und Wasser durch, gab etwas Salz darein und ein paar Körner Fenchel. Mit diesem Gewürz hoffte sie den vielleicht faden Geschmack des sauer gewordenen Teigs zu vertreiben.

Ehe sie den Kuchen formen konnte, mußte sie die Pfanne, die mit den angetrockneten Teigresten bekleckst war, reinigen und mit einem Brocken Schweinefett über dem Pfannenträger erhitzen. Wie erstaunte sie, als sie zu ihrem Teigklumpen zurückkehrte und sah, daß er viel größer geworden war!

Was sie mit der Hand herausnahm, war auffallend leichter als der Teig, den sie sonst zu verwenden pflegte. Nicht ohne Neugierde, was aus dem wunderlich angewachsenen Teig beim Backen werden würde, legte sie handtellergroße Stücke davon in heißes Fett auf die Pfanne. Die Laibchen wuchsen, und die gelbliche Rinde, die an der Oberfläche entstanden war, bekam Risse; dann wuchsen sie nicht mehr, aber ein köstlicher Geruch verbreitete sich durch den Raum. Eva, die aus dem Duft der neuen Speise voll Zuversicht auf einen ebenso guten Geschmack schloß, wendete die Brote, so daß die blasse Oberseite auch in das heiße Fett zu liegen kam. Gerade als das Gebäck fertig war, verkündeten die höheren Töne der Wasseruhr, daß der Mittag nahe war. Eva öffnete die Tür zu ihrem Sonnenplatz und schlug mit dem Kochlöffel dreimal kräftig gegen den Boden der Bratpfanne: Mittagessen!

Die beiden Männer ließen sich nicht lange rufen.

Diesmal wurde ihr das höchste Lob zuteil, das Peter zu vergeben hatte: »Ja, Everl, dein Brot schmeckt ja besser als der Ahnl ihres.« Und nach einigen Bissen setzte er hinzu: »So backen’s die reichen Leute draußen in der großen Welt.«

»Reiche Leute?« fragte Hans dazwischen.

»Nun ja, Menschen, die mehr haben, als sie selber brauchen.«

Hans aß nachdenklich … große Welt, schon wieder die große Welt, aus der das Korn gekommen war, die Kornblumen und die Schwalben! Nun war er überzeugt, daß die Menschen dort draußen wohl manches konnten und vieles wußten, wovon er im Heimlichen Grund nichts ahnte.

Als er einige Tage darauf der Mutter zusah, wie sie die halbgaren Brote in der Pfanne wendete, verfiel er auf den Gedanken, den Herd so zu verbessern, daß die Mutter das Brot, ohne es zu wenden, ausbacken konnte. Aus dicken Tonplatten, die zum Ersatz der hölzernen Wasserleitungsrohre gebrannt worden waren, beim Brennen jedoch ihre Wölbung eingebüßt hatten, baute er über die Feuerstelle des Obergeschosses eine Backröhre, die er auf Steinen hohlliegen ließ, so daß die unter und über ihr brennenden Flammen sie von oben und unten, von rechts und links erhitzen mußten. Besser als der tägliche Brei, besser als die Fladen schmeckte den Sonnleitnerleuten das tägliche Brot, eine Erfindung, an der sie sich alle beteiligt hatten.

Stillstand und Rückschritt

An Mühsalen ärmer, an Muße reicher, gingen die Tage der Sonnleitner dahin.

Seit Feuer, Wasser und Wind ihnen dienstbar waren, seit der Ziegenbock den Karren zog, verbessertes Werkzeug und Gerät die Arbeit leichter machten, ging alles auch viel schneller von der Hand. Was Peter zu bauen begonnen hatte, war fertig geworden. Den Nuß- und Kastanienwald umgab eine mannshohe Mauer; der Laubengang war vollendet; zwischen Brunnstube und Haus war eine kleine Waschkammer unter dem Laubengang eingebaut. Und der Südwand zu war ein Keller mit dicken Steinmauern und rasenbedeckten Wölbungen angeschlossen. Da Hansens kleine Backröhre sich bewährte, hatte er zu ebener Erde, dem Herd gegenüber die Steinmauer gewissermaßen ausgestülpt und einen großen Backofen errichtet, der, gut geheizt und reingefegt, zwölf Brotlaibe gleichzeitig buk, den Vorrat für ein paar Wochen. So gut hielt er die Hitze, daß nachher noch Früchte oder Flachs gedörrt werden konnten.

Im Winter verbrachte Hans halbe Tage auf den Eisflächen der beiden Seen. Es machte ihm Vergnügen, auf den hölzernen Schlittschuhen, denen er alte Messerklingen als Kufen eingetrieben hatte, über die glatten Flächen weit schneller hinzugleiten, als Peter es auf seinen knöchernen Schlittschuhen gekonnt hatte. In der wärmeren Zeit durchstreifte er alle Teile des Heimlichen Grunds, sammelte Merkwürdigkeiten für seine Denk- und Sammelstube, grub im eingeschwemmten Höhlenlehm nach Steinwerkzeugen, die er in das unterste Fach seiner Sammlung legte.

Der Viehbestand war aufs Notwendigste verringert; die gutgedüngten Äcker, der wohlgepflegte Garten gaben viel mehr Ertrag, als die drei Menschen und ihre Haustiere brauchten. Vom halbzahmen Nachwuchs der Fuchshunde und von den Jungziegen, die sie schlachteten, hatten sie einen reichen Vorrat an Fellen, die sich gut zu Kleidern und Decken verarbeiten ließen. Was Peter und Hans bastelten, war nicht mehr nur gegen die nackte Not. Sie hatten entdeckt, daß Horn sich in der Wärme biegen und mit einer einfachen Säge leicht bearbeiten ließ; der feine Kamm, die Hornlöffel waren nicht zweckmäßiger als die aus Holz oder Metall, aber schöner.

Peter, der viele Jahre hindurch von einer schweren Arbeit zur anderen geeilt war, empfand den halben Müßiggang als wohlverdiente Rast. Sein Sohn wurde ein Grübler, ein Beobachter seiner Umgebung, der manches bemerkte, was ihm früher entgangen war. Unter anderem war ihm aufgefallen, daß ein krummer Fichtenzweig, den die Mutter entrindet und als Aufhängehaken in eine Fuge der Steinmauer geklemmt hatte, sich an trockenen Tagen nach oben krümmte, bei trübem Wetter aber nach unten streckte. Weiter machte er die Erfahrung, daß es zu regnen pflegte, wenn die Zweigspitze ihren tiefsten Stand erreicht hatte. Um auch Vater und Mutter die »Sprache« der Wetterrute verständlich zu machen, bestrich er den Teil der Mauer, an dem das Rutenende auf und ab spielte, mit hellem Mörtel und zeichnete oben das Bild der Sonne, in der Mitte Wolken und zuunterst einen Alpensalamander, der ja bei nassem Wetter auf Regenwürmer Jagd macht; das hieß also: »Sonnig, bewölkt, regnerisch.«

Wenn Hans eine Wanderung unternahm, begleitete Eva ihn ein Stück Weges. Hand in Hand gingen sie und fühlten, daß auch ihre Gedanken Hand in Hand gingen. Von einem solchen Gang heimkehrend, pflückte Eva die Blüten der kleinen blaublühenden Schwertlilie. Sie tat davon in ihren groben Leinwandschurz, so viel sie erlangen konnte, um den Ahnen ein Blumenopfer zu bringen. Daheim entdeckte sie, daß einige zerdrückte Blüten ihre saubere Schürze blau befleckt hatten, und verfiel auf den Gedanken, sie zu zerquetschen und mit ihrem Saft die ganze Schürze zu färben. Zwar verblaßte die Farbe in der Sonne, aber immerhin war Eva daraufgekommen, daß sie mit Heidelbeeren, wilden Reseden und Walnußschalen Garnsträhnen verschieden einfärben und damit beim Weben ihr Zeug mit Zierstreifen schmücken konnte, für Hans ein untrügliches Zeichen, daß sie sich wieder gesünder fühlte. Ohne Selbstvorwürfe konnte er nun, die Steigeisen an den Füßen, den eisenbeschlagenen Bergstock in der Hand, mit Seil, Bogen und Köcher zu Höhen emporsteigen, die sein Vater nie erreicht hatte. Damit es ihm unterwegs nicht an guter Nahrung fehlte, stopfte Eva knusprige Brote in seinen Rucksack, füllte Milch in ein irdenes, mit Riemen umwickeltes Flachgefäß, das er kunstvoll aus zwei Hälften geformt, gebrannt und an den Rändern gedichtet hatte.

Hans zogen die Klammwände an. Jenseits des Moorsees, wo die alte Eibe an der steilen Klammwand ihm als Steigbaum diente, hatte er sich einen Pfad zur Höhe angelegt, mit Hammer und Meißel Stufen in die Wand gehauen und an eingetriebenen Eisennägeln geknotete Nesselseile befestigt. Ihre mit Steinen beschwerten Enden schwang er um höher gelegene Latschenbäume und Felsblöcke und hangelte sich daran empor.

Eines Tages stand er hoch droben auf der Felsenkante. Unter ihm lag im Mittagsglanz der grünumsäumte Moorsee mit den verfallenen Pfahlhütten und eine Stufe tiefer der breite Klammbachsee, durch den die Bachströmung einen glitzernden Streifen zog. Rechts, am Fuß der Grableiten, war der flache Hügel, unter dem die Ahnl im Schatten dreier kümmerlicher Kastanien ruhte, die im Laufe der Jahre aus dem ersten Fruchtopfer Evas emporgewachsen waren, ohne jemals reife Früchte zu tragen. Und jenseits des Sonnsteins gähnten hinter der dunklen Urwaldmasse die alten Wohnhöhlen und das Felsentor, aus dem der Klammbach kam. Darüber glänzte die kalte Wüste eisbedeckter Bergriesen. Dort war die Welt nicht, aus der das Korn gekommen war. Zur Linken säumte Laubwald die Südwände, hinter denen in breiter Ferne Hochgipfel ragten. Unter den grell beleuchteten Südwänden grüßte aus dem saftigen Grün der Sonnleiten das Steinhaus mit seinen Nebengebäuden herüber. Blauer Holzrauch stieg aus seinem Kamin. Wie klein nahm sich alles aus! Und vor dem Haus prangte der Garten, wogten die Getreidefelder.

Wieder mußte Hans an die Tauben denken, die aus der Welt dort draußen die Körner gebracht hatten. Jenseits der Klammwände mußte sie liegen, diese ersehnte Welt, in der das Gute und Wunderbare neben dem Schrecklichen daheim war. Und er konnte nicht hinüber – noch nicht! Hinter grünen Hochflächen türmten sich Felsenschroffen, die Fuß und Auge hemmten. Dort hausten Adler, die er im Blau kreisen sah, und von dorther kam wohl das braune, flüchtige Wild, das er manchmal in der Morgenfrühe aus der Ferne erspäht hatte, wenn es an schmalen Rasenbändern im Gefels äste. Steinböcke waren es nicht, er glaubte auf den Stirnen der Tiere kurze, schwarze, hakenförmig gebogene Hörner erkannt zu haben. Daheim, über dem Lager des Vaters, hing ein solches Gehörn, »Gamskrickel« nannte es der Vater. Und daß er nur einmal im Steinschlag derlei erbeutet hatte, erklärte er damit, daß die schwächeren Gemsen die Felsengebiete mieden, wo es Steinwild gab.

Einmal brachte Hans von seiner Höhenwanderung sein Milchgefäß noch halbvoll heim, und als er es entleerte, fanden sich gelbe, haselnußgroße Fettklümpchen, die Eva als Butter erkannte; aber wie die Ahnl sie bereitet hatte, wußte sie nicht mehr. Hans jedoch genügte es, zu wissen, daß die Butter sich durch die Erschütterungen beim Gehen aus der Milch geschieden hatte. Gern ging er wieder an die lange vernachlässigte Schnitzbank, begnügte sich aber nicht damit, der Mutter ein Gefäß zu bauen, in dem sie die Milch stoßen konnte. Diese Arbeit sollte das Wasser besorgen. Er verlängerte die Welle eines Wasserrades durch eine Achse, die er mit einem Speichenrad aus flachen Brettchen versah. Darunter stellte er einen kleinen, halbrunden Holztrog mit dem abgeschöpften fetten Rahm, in den die Speichen beim Drehen hineinschlagen mußten. Damit die Milch nicht verspritzt wurde, stülpte er eine Schüssel über den Milchtrog. Das Rad drehte sich, und seine Speichen besorgten das Butterschlagen.

Vom Butterbrot kam Eva auf etwas anderes: Quark mit Butter, gehacktem Salbei und Sauerampfer vermischt, gab würzigen Kräuterkäse, ein gesundes Essen!

*

Eines Tages beobachtete Hans einen Adler, der auf der Hochfläche über den Klammwänden ein Murmeltier schlug und mit der Beute in den Fängen der höchsten Kante einer steilen Felswand zustrebte. Dort lag zwischen dem schräg niederhängenden Geäst einer alten Legföhre am Rande des Abgrundes der struppige Adlerhorst, für Hans unzugänglich. Der Gedanke, den Adler zu erlegen und mit dessen Schwingen das Fliegen zu erlernen, ließ ihn geduldig warten, bis der Raubvogel wieder abstrich. Aber der aufs äußerste gespannte Bogen brachte den Pfeil kaum zur halben Höhe der Wand, und unerreichbar hoch zog der Adler seine Kreise, nach neuer Beute äugend. Auf dem Heimweg schnitt sich Hans aus dem Eibenbaum einen starken Ast, der einen neuen federnden Bogen abgeben sollte. Doch was nützte der stärkere Bogen, wenn er ihn mit der Linken halten mußte und nur die Rechte zum Spannen der Saite frei hatte? So vermochte er ihn nicht stark genug zu biegen. Da bot sich ein sanft gekrümmter, am Ende gegabelter Eichenprügel an, ihm den Bogen zu halten, daß er die Saite mit beiden Händen spannen konnte. Der Bogen gab nach, und die straff gespannte Saite fand Widerstand an einem abstehenden Zweigstummel des Prügels. Jetzt legte Hans seinen längsten Pfeil links vom Eichenstab auf die Saite, zielte auf den Wipfel eines entfernten Baumes und wollte die Saite über den Widerstand heben. Der Zweigstummel aber gab dem Zug zu früh nach, er krümmte sich nach vorn, die Saite schnellte den Pfeil ab, der flog am Ziel vorbei und blieb hoch jenseits des Ziels im Stamm einer Legföhre an der Südwand stecken. Noch niemals war es Hans gelungen, einen Pfeil so hoch emporzuschießen. Er war mit dem vorläufigen Erfolg zufrieden.

Aber wie die Saite im richtigen Augenblick aus dem Widerstand bringen? Wochen vergingen, bis Hans darauf kam, diesen Widerstand beweglich zu machen. Und nichts lag näher, als den Hebel seiner Schnitzbank verkleinert am Bogenschaft anzubringen. Er stemmte einen Durchlaß in den Schießprügel und durchbohrte die so entstandenen Backenteile des Schaftes, um einen harteisernen Nagel als Achse quer durchstecken zu können. Dann schnitzte er aus gut getrocknetem Eisbeerholz den fast fingerlangen Widerstand. Dieser bekam oben einen Kopf, dessen Kinn die gespannte Saite zu halten hatte. Unten endete er in einem Zünglein. Der stärkere Mittelteil des Widerstandes wurde durchlocht, hier mußte die in den Backen sitzende Achse durchgehen. Den unförmigen Eichenprügel, dessen dickes Ende sich beim Abdrücken als Kolben gegen die Schulter stemmen ließ, entrindete Hans, spannte ihn in die Schnitzbank, glättete ihn mit dem Schnitzmesser, machte den Kolben flach, höhlte oben vom Durchlaß des Widerstandes bis zum gegabelten Ende mit dem Hohlmeißel eine Führungsrinne für den Pfeil aus, nahm den oberen, im Wege stehenden Zweigstummel der Gabelung weg, beließ aber den unteren, damit der Bogen im Zweigwinkel einen Halt hatte. Und weil beim Ziehen am Zünglein die gespannte Bogensaite mit einem hörbaren »Schnapp« über den im Durchlaß untertauchenden Kopf des Widerstandes hinüberhüpfte, nannte Hans sein neues Schießgerät »Schnäpper«. Seinen Eltern zeigte er es erst, als er den Kolben auf der einen Seite mit dem Sonnenbild, auf der anderen mit einem schwebenden Adler geziert hatte und mit dem Schnäpper gut umgehen konnte.

Bewundernd drehte der Vater Hansens neuestes Werk in den Händen. Eine Erinnerung dämmerte in ihm auf. Lächelnd sagte er: »Hans, wenn du alt genug wirst, erfindest du noch alles, was sie draußen haben in der großen Welt.«

Tags darauf kletterte Hans mit seinem Schnäpper zur Klammhöhe empor, und abends brachte er den Adler heim, samt einem weißen, krauswolligen Lamm, das der Räuber wohl draußen jenseits der Klammwände gegriffen hatte. Wieder etwas Wunderbares aus der großen Welt!

Jetzt hatte Hans keine Ruhe mehr; er mußte hinüber. Er brachte an den Adlerflügeln Riemen an, mit denen er sie an seinen Armen befestigte. Dann versuchte er, von der Höhe des Sonnsteins niederzufliegen zur Sandbank. Aber so kräftig er die Luft mit den Fittichen schlug, er sauste unaufhaltsam abwärts, kaum daß die Schwingen die Wucht seines Falles abzuschwächen vermochten. Bis zu den Knöcheln sank er im feuchten Sand ein, schlug sich Knie und Kinn blutig und fiel plump vornüber. Immer wieder versuchte er den Adlerflug nachzuahmen, und es dauerte eine Weile, bis ihm die Erkenntnis dämmerte, daß für seinen schweren Körper andere Fittiche nötig gewesen wären als die des Adlers.

Aber ganz gab er sein Vorhaben nicht auf.

War ihm so vieles gelungen, so sollte ihm das Fliegen auch noch gelingen, vielleicht anders, als er jetzt meinte! Vorerst aber fügte er sich darein, daß ihm in die Welt hinaus kein anderer Weg blieb als der durch die Klamm. Er hatte die Vorstellung, daß die Schlucht vom Abfluß des Seewassers erfüllt sei, dessen ununterbrochenes Rauschen durch den Grund hallte. Wenn er einmal imstande sein sollte, wie eine Forelle durch die reißende Ache seinen Weg zu nehmen, dann mußte er wohl erst das Schwimmen erlernen. Wie beneidete er die Wasserratten und Spitzmäuse im Bereich des Moorsees, die im Schwimmen und Tauchen gleich geschickt waren! Bei näherem Zusehen entdeckte er, daß sie nichts anderes taten, als ihre Beine wie im raschen Lauf zu bewegen. Das versuchte auch er in der seichten Triftbucht.

Da das Wasser nicht tief war, fanden die Füße immer wieder den Boden. Immerhin brachte er seine Beine dazu, das Wasser zu schlagen; leider geriet er dabei mit dem Kopf darunter und schluckte viel Nasses. Da mußte das Schlagen mit den Armen die Brust wieder heben. Das erste Mal ging Hans nicht eher aus dem Bad, als bis er, wenn prustend und keuchend, sich auf dem Wasser halten konnte.

Von da an setzte er seine Übungen täglich fort, an heißen Tagen ging er sogar zweimal zum Schwimmen, und bald fühlte er sich im Wasser so sicher, daß er sich nicht mehr an das Vorbild der vierfüßigen Schwimmer zu halten brauchte. Mit den Armen ausgreifend, wagte er sich in die Tiefen des Moorsees, wo er tauchte, wie die Wildenten zu tauchen pflegen. Zur großen Verwunderung seines Vaters brachte er aus dem Schlamm unter dem verfallenen Pfahlbau die ersten gebrannten Lehmscherben herauf und die Hälften eines Steinbeils mit einem Zapfen im Bohrloch. Als Altertümer bekamen sie in seiner Sammlung einen Ehrenplatz.

Hans wurde wieder in sich gekehrt und schweigsam. Er nahm sich, wie gewohnt, der Hausarbeit an; es gelang ihm jedoch nicht, die Mutter darüber zu täuschen, daß er an ungestillten Sehnsüchten litt.

Auch Eva, die um seine Zukunft bangte, wurde wortkarg, so daß ihrem Mann der Aufenthalt im Heim verleidet war. Er hatte gehofft, der sonnige Laubengang werde sie froh machen. Enttäuscht mied er ihren Anblick und hielt sich meist in der Triftbucht auf, wo er mehr zum Spaß als aus Notwendigkeit Fische fing. Ab und zu arbeitete er an einem neuen Floß. Er fügte starke, vierkantig behauene Fichtenbohlen dicht aneinander und verkrallte sie mit eisernen Klammern. Schließlich umrandete er den platten Floßboden mit einer kniehohen Brüstung und verstopfte alle Fugen mit Moos und zerlassenem Harz. Da er das plumpe Fahrzeug trotz untergelegter Walzen nicht allein ins Wasser schieben konnte, rief er Hans zu Hilfe, gab ihm aber gleich zu verstehen, daß diese »Plätten« sein Fahrzeug sei. Hans begriff nicht, weshalb der Vater das so betonte, sagte aber nichts. Er hatte keine Ahnung, daß Peter allein sein und unbeobachtet Met trinken wollte, und verzog sich verdrossen in den nahen Eichenbestand, er wollte den Vater und dessen Plätte vom Waldrand aus beobachten. Die erste Fahrt durch die kaum merkliche Kreisströmung des Buchtwassers ging nicht glatt vonstatten. Mit Axt und Säge mußte Peter, bis zu den Hüften im Wasser watend, das Fahrwasser von Hindernissen säubern. Kaum aber war er im tiefen Wasser über dem Klammbachbett, als die starke Strömung seine Plätte mitriß und der Klamm zutrieb. Nur der drehenden Bewegung seines Fahrzeuges hatte er es zu verdanken, daß er jenseits der Bachtiefe in die Gegenströmung geriet; sie brachte ihn oberhalb des Ahnlgrabes so nahe ans Ufer, daß er sich am Gebüsch bis in die Höhe des Sonnsteins hangeln konnte, wo die Plätte scharrend den Bodenschotter berührte.

Seine Absicht, bei der Rückfahrt schräg die Bachströmung unterhalb des Sonnsteins zu schneiden, erreichte er, indem er vom Hinterende des Fahrzeugs aus das breite Ruder der drehenden Wirkung des Wassers entgegenstemmte. Glücklich im ruhigen Fahrwasser der Triftbucht angelangt, stieß er einen langgedehnten Juchzer aus, der in Hans den Wunsch nach einem eigenen Fahrzeug erweckte. Die plumpe Plätte glich aber so wenig einem schlank gebauten, beweglichen Fisch, daß Hans beschloß, bei seinem Boot, das klein und leicht werden sollte, den Körperbau der Fische nachzuahmen. Vielleicht gelang es ihm dann, damit durch die Klamm-Ache in die große Welt hinauszukommen!

Die nächsten Tage verbrachte Peter mit Frau und Sohn. Heiter wie schon lange nicht mehr, ließ er sich von ihnen bei der Herstellung eines viereckigen Tauchnetzes helfen, das, an den gegenüberliegenden Ecken durch kreuzweise festgebundene Stäbe gespannt, an einer langen Stange von der Plätte aus ins Wasser gesenkt und mit der Beute hochgezogen werden sollte. Er selbst flocht aus starken Weidenruten einen Fischhalter, einen Korb von Mannslänge und halber Armlänge mit gut aufliegendem Deckel. In diesem Korb wollte er immer einen lebenden Fischvorrat im Wasser versenkt bereit haben.

Als es ihm gelungen war, zwei Äschen und eine Forelle zu fangen, fuhr er damit fort, bis der Fischhalter reichlich besetzt war. Die Tiere lagen, nachdem ihre ersten stürmischen Fluchtversuche vergeblich geblieben waren, stumpf ergeben auf dem Boden des Kastens. Schon in der nächsten Nacht stellte sich ein Fischotter als nächtlicher Dieb am Fischhalter ein. Peter war außer sich. Nach langem Lauern gelang es ihm in einer mondhellen Nacht, den Dieb durch einen Pfeilschuß zu töten. Zum Schutz seiner Beute ersann er einen Verschlußriegel, den er auf der Innenseite des Deckels in Ösen laufen und von außen mit einem Haken schieben konnte. Der Riegel des einfachen Schlosses gehorchte nur dem Schlüssel, der eine bestimmte Hakenlänge hatte. Vorsichtshalber machte sich Peter noch einen Ersatzschlüssel.

Nun kamen bei den Sonnleitnerleuten häufiger frische Fische auf den Tisch, in Salzwasser mit Kräutern und Wurzeln gesotten und mit zerlassener Butter übergössen oder am Spieß gebraten. Hunde und Katzen erbettelten sich ihren Anteil an den Mahlzeiten. Die Leidenschaft, mit der sich der Hausvater dem Fang widmete, schaffte einen überreichen Vorrat an Räucherfischen für den Winter. Diese neue Fangart mit ihren Geduldsproben, Erfolgen und Mißerfolgen machte Peter so viel Spaß, daß er ganze Tage auf der Plätte verbrachte.

Eva, die recht empfindlich geworden war, kränkte sich über diese neue »Vernachlässigung«, erreichte aber mit ihren Vorwürfen nur, daß der Mann sich in seinem Fahrzeug häuslich einrichtete, um bei jedem Wetter, auch nachts, draußen sein zu können. Er baute auf einen Teil des Floßes eine Hütte und setzte ihr ein schilfgedecktes, weit vorspringendes Giebeldach auf. Innen schichtete er ein weiches Mooslager auf und pflasterte die Feuerstelle mit Steinen und Lehm. An das Kopfende des Lagers stellte er eine Truhe für sein Geschirr, seine Werkzeuge und Nahrungsmittel; dort verwahrte er auch seine Met-Töpfe. Die plumpe Truhe verschloß er mit einem starken Eisenriegel, dessen Hakenschlüssel er mit Öhr und Schnur versah.

Als die fahrbare Hütte, deren Seiten sich mit Fellen verhängen ließen, fertig war, blieb Peter Tage und Nächte hintereinander draußen auf dem See. Dann wieder streifte er mit Bogen und Lockspeise die Umgebung des Moores ab, um Abwechslung in seine Kost zu bringen und Köder für die Fische zu gewinnen. Nebenbei sammelte er Dinge, die im Haushalt auf der Sonnleiten von Nutzen waren. Was er an Schilf hinaufbrachte, war mehr, als zur Ausbesserung des Daches gebraucht wurde. Hans wäre es lieber gewesen, der Vater hätte wie sonst das Heuen besorgt, da er selbst die wieder krank gewordene Mutter nicht allein lassen konnte. Aber nur einmal erinnerte er den Vater an das Heuen; er wagte es nicht wieder. Peter war der Anblick seiner kränkelnden Frau peinlich, er konnte ihr ja nicht helfen. Und Hans war groß und klug genug, die Mutter zu pflegen und daheim jede Arbeit zu tun. Peters Kummer wurde gemildert vom stillen Leben des schilfumrandeten Sees, der sich reich mit Wildenten, Bläßhühnern, Rohrdommeln und Reihern bevölkert hatte. Die Tage verdämmerte er in der Bootshütte.

Eine Plage, die er schon als Pfahlbausiedler sattsam kennengelernt hatte, waren die Stechmücken. Abends und nachts, aber auch an feuchten Tagen suchten sie massenhaft sein Wohnboot auf. Der Rauch des Herdfeuers schützte nicht immer vor diesen Quälgeistern, da der Wind oft den Qualm über den Plattenrand hinausdrückte. Um den Rauch beliebig gegen die Mücken blasen zu können, fertigte Peter ein tönernes Rauchtöpfchen mit einem von unten aufsteigenden Saugrohr an, das er noch durch einen hohlen Holunderstab verlängerte. Er stopfte dürres Laub in das Rauchgefäß, legte Glut auf und begann am Rohr zu saugen.

Das neue Gerät bewährte sich. Peter konnte mit dem Rohr den Rauch heraussaugen und ihn mit vollen Backen gegen die Mücken blasen. Sie mußten weichen. Daß dabei Zunge und Gaumen vom Rauch gebeizt wurden und wehtaten, nahm Peter in Kauf, und dann täuschte das Spiel mit dem Rauch auch über die Langeweile hinweg. Wenn Gaumen und Zunge gar zu sehr brannten, tat ein Schluck Met gut. Der gewohnheitsmäßige Genuß des sanft berauschenden Getränks machte Peters Sinn leicht; der sonst so ernste Mann wurde grundlos heiter und so geschwätzig, daß es Hans und Eva auffiel. Sauer gewordene Überreste seines Mets, die ähnlich rochen wie der von Ahnls Zeiten her bekannte Himbeeressig, brachte Peter zum Würzen von Tunken heim.

Der reiche Honigertrag der Bienenstöcke war für den Mann ein Anlaß, noch mehr Met zu bereiten und noch mehr und häufiger zu trinken. Oft schlug seine anfänglich heitere Stimmung aus geringfügigen Anlässen ins Gegenteil um. Er konnte über Nebensächlichkeiten so wütend werden, daß Mutter und Sohn es als Erleichterung empfanden, wenn er das Haus wieder verließ und auf seine Plätte zog.

Sein Rauchzeug verbesserte er, indem er einen starken Federkiel als Mundstück in das Holunderrohr steckte und dem Buchenlaub dürre Blätter von Erdbeeren, Huflattich, Waldmeister und Birken beimischte; aber er fand kein Kraut, das sich ohne Husten und tränende Augen schmauchen ließ. Trotzdem blieb das Rauchen, anfangs nur ein Abwehrmittel gegen die Mücken, ein angenehmer Zeitvertreib. Zunge und Gaumen wurden unempfindlich gegen den herben Geschmack. Trinkend und rauchend lebte Peter meist in einem Zustand leichter Berauschtheit, in dem er ernsten Gefahren gegenüber hilflos gewesen wäre.

Zum Glück gab es im Heimlichen Grund im Sommer keine Gefahren. Bären waren nicht mehr da, die Wildschweine selten geworden, sie hatten sich in die versumpften Gebiete des Urwalds zurückgezogen. Und die Umgebung der begangenen Pfade war mit Igelfamilien so gut besiedelt, daß sie von Schlangen frei war.

Was lag daran, daß Peter in seinem Wohnboot trank und rauchte? Wie hatte er für Eva gearbeitet, um ihr das Leben zu erleichtern und behaglich zu machen! Und nun war sie für ihn ein zartes »Rühr-mich-nicht-an« geworden. Bei Rauchtöpfchen und Metkrug vergaß er seinen Kummer, war willensschwach, ließ sich treiben und ahnte nicht, wie stumpf er geworden war. Was sein Sohn trieb, kümmerte ihn nicht mehr.

Hans sammelte seit geraumer Zeit allerlei Schlacken im Abraum beim Kalkofen, beim Töpfer- und Eisenschmelzofen und reihte sie in seine Sammlung nebeneinander.

Über die Entstehung dieser Rückstände gab zunächst ein verschlackter Kieselstein Auskunft, der zufällig im Kalkofen mitgebrannt worden war. Seine Oberfläche hatte sich mit einer glatten, weißen, harten und durchsichtigen Schicht überzogen. Sie konnte nur durch Zusammenschmelzen von Kiesel und Kalk entstanden sein. Vom Eisenschmelzofen waren dunkle Schlacken mit Tropfgebilden da; Hans zerschlug sie – sie waren hohl. Er erinnerte sich der Seifenblasen und fand die Erklärung: Der Gebläsehauch war in die glutflüssige Schmelze von Kalk, Kiesel und Eisen eingedrungen und hatte sie gebläht. Beim Abkühlen waren die Löcher in der Eisenschlacke geblieben. Da nahm er sich vor, alle ihm bekannten Bestandteile der Schmelzmasse zu zerreiben, zu mischen, zusammenzuschmelzen und dem flüssigen Brei mit einem langen Blasrohr, dessen unteres Ende aus gebranntem Ton sein sollte, einen großen Tropfen zu entnehmen. Den brauchte er nur aufzublasen, und dann mußte er beim Erkalten eine hohle, vielleicht durchsichtige Kugel werden. Aus diesen Kugeln wollte er, solange sie noch nicht erstarrt waren, Gefäße formen.

Klammbach-Durchbruch

Dem schönen, gewitterreichen Sommer mit seiner reichen Getreideernte folgte ein milder Herbst, und diesem ein harter Winter mit ungewöhnlich schweren Schneestürmen und Frösten. Er schien kein Ende nehmen zu wollen. Noch zur Frühlings-Tagundnachtgleiche lagen die Lehnen unter gefrorenen Schneemassen.

Als endlich der langersehnte Föhn über die Grableiten fegte und, vom Talgrund abprallend, über die Südwand emporstürmte, da stürzten die Schneewasser als Wildbäche von den Höhen; sie rollten und schoben das vom Frost abgesprengte, beim Tauen des Eises zu Tal gegangene Gestein vor sich her in den See. Dort wurden die abgelagerten Schottermassen von der Wucht der Wasser weitergedrängt und stauten sich vor der Schlucht, wo angeschwemmtes Schilf und Holz einen Damm bildeten.

Der Klammbachsee stieg zusehends. Vor den Augen der Sonnleitnerleute glänzte wieder eine einzige Wasserfläche, bedeckte den Talgrund von den Klammwänden an über den Sonnstein bis zu den alten Wohnhöhlen. Eintönig rauschte die Ache zwischen den Wänden der Klamm. Gewiß würden die Fluten wieder sinken, wenn erst die Schmelzwasser von oben versiegten. Besorgniserregend aber war die seltsame, unnatürliche Fröhlichkeit Evas, die mit den Augen von ihrem Sonnenplatz aus dem Strömen der Flut folgte. Sie wartete auf etwas Wunderbares, Erlösendes. Nach zwei schlaflosen Nächten war sie so schwach, daß sie nicht aufstehen konnte. Hans wagte nicht, sie allein zu lassen. Peter aber machte täglich auf seiner Plätte weite Fahrten kreuz und quer über den Talsee, der schon die Mauer des Saugartens bespülte. Er wußte, daß die Kranke bei Hans gut aufgehoben war, daß dessen Gesellschaft ihr wohltat. Was hätte es auch genützt, wenn er dageblieben wäre, wenn er mit ihr gesprochen hätte, wie ihm ums Herz war, sooft er sie leiden sah – wenn er ihr gesagt hätte, wie er mit Gott und den Hausgeistern haderte, die es geschehen ließen, daß ihm sein Liebstes dahinsiechte? Er hätte ihr das Herz schwer machen müssen mit der Frage, die ihn in nüchternen Stunden peinigte, mit der Frage, was aus ihm und Hans werden sollte nach Evas Tode, die allein das Leben lebenswert machte. Solange sie noch im Haus und Garten herumgegangen war, hatte er auf ihre Genesung gehofft. Jetzt hoffte er nicht mehr, er wartete nur auf das Schreckliche, dem er nicht entrinnen konnte – auf ein Leben ohne Eva.

Das Einholen von angeschwemmtem Holz und ertrunkenem Wild war für Peter nur ein Vorwand, dem Jammer im Haus zu entgehen. Nicht der Felle wegen wagte er sich auf die schwer dahinströmenden Wasser; denn an Fellen war mehr vorhanden, als die drei Menschen brauchten; je anstrengender die Arbeit außerhalb des Hauses war, um so eher vergaß er seinen Kummer. Und nach einem tüchtigen Schluck aus dem Met-Topf wurde er sogar fröhlich.

Es kamen Tage, an denen Eva kaum ihr Bett verließ. Sie litt keine Schmerzen, sie war nur furchtbar müde. Die Sorgen um die Häuslichkeit beschäftigten sie nicht mehr. Ob die Hunde, Schweine, Katzen, Ziegen jungten, ob die Enten ihr Futter bekamen, sie fragte nicht mehr danach. Der warme Föhn brachte ihr Atemnot. Dann verfiel sie in einen von Träumen erfüllten Halbschlummer, in dem sie flüsternd mit sich selbst, mit Gott oder mit der Ahnl redete, die sie wohl in ihrer Nähe wähnte. Morgens lag sie lange in schwerem Schlaf. Ihr Atem hob kaum merklich das leichte Rehfell der Bettdecke. Hans, der sie beobachtete, mußte oft lange hinschauen, ehe er dessen gewiß war, daß seine Mutter noch atmete.

Erst gegen Mittag, wenn die Sonne auf die blühenden Primeln und Maßliebchen schien, die Hans in Näpfen auf das Fensterbrett gestellt hatte, und Finken, Gimpel und Zeisige im Gezweig der Hausfichte ihre Frühlingslieder schmetterten, kam in die überzarte Gestalt ein Leben, das den Sohn immer wieder mit Hoffnung erfüllte. Die Stimme, mit der sie ihren »Buben« – so nannte sie ihn noch immer – um etwas bat, war klar und hatte sogar einen scherzhaften Klang: »Komm Hansl, jetzt mußt mich bemuttern, hast mich wieder in den hellen Mittag hineinschlafen lassen, jetzt rühr dich aber: waschen, essen!«

Und schon war Hans mit der Waschschüssel bei ihr, tauchte ein Stück Leinen in das kühle Wasser, wusch der Mutter, die sich im Bett aufgesetzt hatte, Gesicht, Hals und Hände und trocknete sie mit einem vorgewärmten Tuch ab. Er kämmte ihr das lange blonde Haar und legte ihr das Stirnband an. Unter das Stirnband aber schob er kleine Sträuße, Goldprimeln und Veilchen. Dann ging er in den Stall, frischgemolkene Milch zu holen, die seit langem Evas einzige Nahrung bildete.

Sie trank die Milch nicht aus; den Rest überließ sie ihrer Lieblingskatze, einer Enkelin der unvergeßlichen Schnurri, die an Zutraulichkeit von keinem anderen Haustier des Sonnleitnerhofes übertroffen wurde.

Behutsam trug Hans die Mutter von ihrem Lager auf das seine, dessen wohldurchlüftete und wohldurchsonnte Felldecken und Matten einen Hauch der Morgenfrische ausströmten.

Er brachte ihr die Katze, die sich umständlich in die Armbeuge ihrer Herrin kuschelte und vor sich hin schnurrte.

Und während die dünn gewordenen Finger der Kranken das weiche Fell der Katze streichelten, folgten ihre Augen dem Sohn, der das Bettzeug der Mutter hinaustrug auf den Birkenzaun des Laubenganges. Dann kam eine Plauderstunde, die alle Sorgen vergessen machte. Hans holte eine dunkle Schieferplatte, nahm ein Stück Speckstein und zeichnete der Mutter die Geschichte ihres Lebens. So ging der Tag dahin. Hans brachte die Mutter in ihr frischgemachtes Bett zurück, sang ihr ein wenig vor und plauderte sie dann wie ein Kind in den Schlaf.

Als der Vater am Abend heimkam und leise fragte, wie es der Kranken gehe, konnte Hans mit gutem Gewissen sagen: »Gut, Vater, gut geht’s ihr.«

Eines Tages mußte Hans die Schweine in die Bärenhöhlen schaffen, weil die steigende Flut das Gartenland zu überschwemmen drohte. Ihn verdroß, daß der Vater schon in aller Frühe gegangen war und er die Mutter allein lassen mußte. Freundlich schien die Sonne auf die weite Wasserfläche, aus der die Kronen des Laubwaldes ragten.

Die Tiere waren versorgt. Hans war wieder bei der Mutter. In der Stube, deren Fenster mit Matten verhängt waren, herrschte traumhaftes Zwielicht. Gleichmäßig fielen die Tropfen der Wasseruhr. Die Kranke schlief.

Nachmittags erwachte sie zu ungewohnter Stunde an einem machtvollen Dröhnen, das aus der Klamm zu kommen schien. Als wären plötzlich alle ihre Lebenskräfte zurückgekehrt, setzte sie sich mit einem Ruck auf und rief nach Hans. Kaum hatte er sich auf dem Bettrand niedergelassen, umfaßte sie seinen Kopf mit beiden Händen und küßte ihn.

Hans, den das Dröhnen so beunruhigte, daß er am liebsten hinausgeeilt wäre, um nachzusehen, was vorging, mußte eindringlich fragen: »Mutter, was ist? Mutter, was ist, was hast du?« ehe sie zu sprechen begann.

Mit zitternden Händen strich sie ihm die Haare aus der Stirn und sagte langsam, jedes Wort wägend: »Hans, hör zu! Gott der Starke hilft – ich hab ihn gebeten. – Hörst du den Klammbach brausen? – So hat er gelärmt, damals, als das große Wasser durch die Klamm gelaufen ist – das große Wasser, vor dem wir in die Bäume auf dem Fuchsenbühel gestiegen sind. – Damals hat’s die Klamm verlegt und dann nur halb freigegeben. – Aber jetzt, jetzt wird der Weg ganz frei werden, der Weg durch die Klamm. – Hörst du? Der Weg in die große Welt wird frei! Er wird frei, ich weiß es!«

Sie schob seinen Kopf auf Armeslänge zurück und sah ihm gespannt in die Augen. Er aber brachte kein Wort hervor.

Da begann sie wieder: »Oh, sag nur, was ich schon lang weiß – du magst nimmer dableiben im Heimlichen Grund du kannst nicht – und es wär auch schad um dich!«

Da schüttelte Hans abwehrend den Kopf, jetzt schämte er sich seiner geheimen Sehnsucht, die sie erraten hatte.

»Ich weiß wohl, du gehst nicht, solange ich lebe – nur solange ich lebe, bist du gefangen im Heimlichen Grund; dann aber bist du frei – ich hab keine Angst, wie’s dir gehen wird, Hans – verlaß nur den Vater nicht!«

Ihre Stimme klang weich, und wieder zog sie seinen Kopf zu sich herunter. Und während sie ihm zusprach, er solle nicht weinen, begann sie selbst zu schluchzen. Und wieder fing sie an: »Wenn ihr mich begraben habt – dann suchst du den Weg durch die Klamm – hinaus in die große Welt, wo andere Menschen wohnen.« Die Lebhaftigkeit, mit der sie sprach, stand nicht im Einklang mit ihrem langen Siechtum. Flackerte ihre Lebensflamme zum letztenmal auf vor dem Erlöschen?

Den Mund an das Ohr des Lauschenden gepreßt, fuhr sie eindringlicher fort: »Aber sucht euch einen sonnigen Tag aus – einen sonnigen Tag nach vielen sonnigen Tagen, daß euch kein Steinschlag trifft in der Klamm.«

Da fuhr Hans zurück: »Mutter, ich bitte dich, hör auf! – Red nicht so, du darfst nicht sterben, du darfst nicht!«

»Sei still, Hans, sei still. Das Sterben ist nicht so, wie du meinst. Ich hab die Ahnl lebend gesehen, ich hab sie einschlafen sehen, und dann war sie tot; kalt ist sie geworden, und wir haben sie begraben. Ihr Atem hat ihren Leib verlassen und hat sich mit dem Atem des Allmächtigen vereinigt, und der Allmächtige ist überall. Darum ist sie auch immer bei uns gewesen, hat uns bewacht und beraten. Ich habe sie oft im Traum gesehen, habe mit ihr reden können. Und sie ist mir beigestanden in meinen schwersten Zeiten. Auch heut nacht war sie bei mir. Ihr Geist war immer da, bei mir, in mir. So wird auch mein Geist bei dir sein, Hans, – er wird dich hinausgeleiten aus dem Heimlichen Grund in die große Welt und wird dir den Weg weisen.«

Da bedeckte Hans sein Gesicht mit den Händen und weinte still vor sich hin.

Das ferne Dröhnen in der Klamm dauerte an, die Luft bebte, und Hans war es, als erzitterten die Balken des Stubenbodens unter seinen Füßen. Die Mutter atmete leise.

Nach einer Weile erst hob sie wieder an, als wollte sie ein Bedenken, das Hans noch haben mochte, zerstreuen. »Vor den Menschen da draußen müßt ihr keine Angst haben. – Die der Ahnl ans Leben gewollt haben, die sind alt oder tot. Und die anderen wissen nichts von ihr, nichts vom Vater und nichts von dir. – Ob sie gut oder bös sind? Ach Gott, sie sind, wie sie sind – gut und bös. Und ehe du eine Frau nimmst – Hansl, hörst du mich? – ehe du eine Frau nimmst, schau gut, ob sie von den Guten eine ist. Sie soll fröhlich sein und euch beide froh machen. – Daß die Menschen dich gut aufnehmen, dafür weiß ich dir einen Rat. Paß auf: Wo du jemand schwer arbeiten siehst, dort hilf – dort hilf …«

Eva lehnte sich erschöpft und wie erlöst zurück und schloß die Augen.

Hans aber war entschlossen, die Nacht über bei der Mutter zu wachen. Er setzte sich in den Lehnstuhl am Kopfende ihres Bettes. Ihre beiden Ratschläge, vielleicht die letzten Worte einer Sterbenden, wollte er in seiner Bilderschrift niederschreiben, damit keines ihm jemals entfiele. Plötzlich erinnerte er sich des Vaters. Wo der nur so lange blieb? Ob ihm etwas geschehen war? Wie sehr er ihn liebte, empfand er jetzt, wo er ihn vielleicht verlor. Und er begann zu beten. Das Gesicht der Mutter vor den Augen, flehte er, daß sie erwachen möge, damit er den Vater suchen, ihn retten könne, den Vater, den Vater …!

Und als ob sein starker Wille der Mutter neue Kraft gegeben hätte, röteten sich ihre Wangen, ihre Lider zuckten, sie öffnete die Augen weit: »Wo ist der Vater?« – Hans beugte sich über sie.

Noch ehe er antworten konnte, hatte sie ihn an den Schultern gepackt und schrie ihn an: »Wo ist er? Sag’s, sag’s!«

»Noch draußen«, kleinlaut brachte er es hervor.

Da schüttelte sie ihn mit einer Kraft, die er ihr nicht zugetraut hätte; ihre Finger gruben sich in das Fleisch seiner Oberarme, und befehlend stieß sie hervor: »Hol ihn, sonst nimmt ihn die Klamm!«

Hansl wird hart

Im Sonnleitnerhof balgten sich die Jungkatzen, sie belauerten und haschten einander, sie neckten die jungen Fuchshunde, deren Scheinkämpfe sich mit viel Gekläff und Geknurr abspielten; sie versteckten sich hinter großen Steinen im Hof und sprangen Hansl und Eva an die Beine.

Das schwächste der drei Kätzchen war am zutraulichsten. Es bekam den Namen Schnurri und wurde Hansls Schlafkamerad. Seine beiden Brüder aber, Grauli und Fleck, verscherzten sich die Gunst der Menschen. Sie töteten Singvögel am Futterplatz, sie fauchten, bissen und kratzten, sooft Hansl versuchte, ihnen durch ein paar Hiebe deutlich zu machen, daß sie den Hausfrieden störten.

Eines Tages sagte Peter zu seinem Buben: »Hansl, schau, Fleck und Grauli sind nicht zum Aushalten; immer wollen sie etwas umbringen. Wenn wir sie am Leben lassen, machen sie alle Vögel tot, die Mutter so gern hat. Weißt was, wenn’s kalt wird und die zwei ihren Winterpelz haben, dann schieß‘ ich sie tot, und wir machen der Mutter warme Fäustlinge aus ihrem Fell, Fäustlinge, die ihr bis über die Ellbogen reichen.«

Er hatte die Worte gut gewählt. Hansl nickte; die Vorstellung, daß die Mutter weiche, warme Fäustlinge bekommen sollte, ließ ihn die kalte Zeit herbeiwünschen.

Von da an sperrte er die beiden Katzen jedesmal ein, wenn er die Vögel fütterte; seine Schnurri aber klemmte er sich unter den linken Arm, und wenn sie beim Heranfliegen eines Vogels nur zuckte, schimpfte er sie aus.

Selbstverständlich verstand Schnurri nicht die Worte, aber den warnenden Ton deutete sie richtig, und es fiel ihr nicht schwer, sich zurückzuhalten, da sie ja täglich gut gefüttert wurde. Nach wenigen Tagen war sie die Vögel so gewöhnt, daß sie schnurrend auf der Türschwelle saß. Schnurri wurde eine richtige Hauskatze, die in Stall und Vorratskammer Mäuse jagte, in Feierstunden aber bei der Familie saß und mit ihrem Schnurren zur Behaglichkeit beitrug.

Wie im Vorjahr mußte Hansl im Geißengarten die Ziegen hüten. Am besonnten Eingang der Wohnhöhle hatte er für Schnurri ein weiches Mooslager gerichtet. Unter einem feuchten Lappen lag ein Lehmklumpen bereit, aus dem er, wenn er Lust verspürte, Gefäße und Figuren formte, die schon viel besser ausfielen als früher.

Eines Tages hatte er an einer armlangen Darmsaite einen Holzspan als Fahrzeug auf dem Wasser hin und her gezogen und dann im Übermut um seinen Kopf gewirbelt. Dabei hatte er entdeckt, daß das rasch bewegte Ding surrte. Je schneller er das Schwirrholz herumwirbelte, desto höher wurde das Surren. Das tönende Holz erschien ihm wie ein geheimnisvolles Lebewesen; es war ja die Stimme des Windes. Sofort schnitzelte er aus einem Hartholzsplitter ein größeres Schwirrholz, band es an eine lange Saite und dann an einen kurzen Peitschenstock. Dieses Spielzeug ließ er nicht nur im Geißengarten schwirren, sondern schon in aller Frühe im Sonnleitnerhof. Eines Morgens traf er damit einen Milchtopf und zerschlug ihn. Dafür bekam er vom Vater die ersten ärgerlichen Scheltworte zu hören.

Eines Tages aber traf Hansls Schwirrer die Wange der Mutter; ihr Schmerzensschrei erschreckte ihn bis ins tiefste Herz; er stürzte vor ihr nieder und umklammerte angstvoll ihre Knie. Sie solle ihm nicht böse sein, das habe er nicht gewollt.

Die blutunterlaufene Stelle auf Evas Wange war noch wochenlang zu sehen! Hansl hatte Ursache, den Kopf hängen zu lassen, und sah die Schwirrhölzer vorläufig nicht mehr an.

Nach der letzten Heumahd und nach der Herbstfruchternte nahm Peter eines Tages seinen Sohn auf die Jagd mit und zeigte ihm, wie man Rehe beschlich und erlegte.

Vergessen waren jetzt die Schwirrhölzer; das Schießen mit Pfeil und Bogen löste sie ab. Nur Raubvögel wollte er schießen, denn Singvögel hatte die Mutter viel zu gern, ihr wollte er um keinen Preis weh tun. Raubvögel und Tauben waren ihm erlaubt. Ja, auch Tauben, und bald steuerte Hansl, der mit Pfeil und Bogen geschickt umzugehen lernte, zur Ernährung bei.

Auch seine Pfeile schnitzte er selber, aus Schilfhalmen. Eines Tages blies er aus reiner Spielerei in einen Halm und zuckte erschreckt zusammen, als ein schriller Ton entstand. Weil er aber allem auf den Grund ging, blies er immer wieder und merkte, daß die Höhe des Tons etwas mit der Länge des Schilfhalmes zu tun hatte: je kürzer der Halm, um so höher der Ton!

Er schnitt sich eine Anzahl verschieden langer Schilfpfeifen zurecht, denen er abwechselnd hohe und tiefe, zeitweise auch so schrille Töne entlockte, daß seine Eltern sich die Ohren zuhielten.

Hansl probierte seelenruhig weiter seine Pfeifen aus, reihte sie zwischen Daumen und Fingern aneinander und übte so lange, bis er den Frageruf der Goldamsel beinahe richtig nachahmen konnte. Die Pfeifen aber, die diesen Wohlklang ergaben, band er an ein flaches Holz und hatte nun eine Rohrflöte von sieben Tönen, die er genau kannte. Seine musikalischen Übungen brachten Eva auf den Gedanken, ihm mit Peters Hilfe ein weniger schrilles Instrument zu verschaffen. Sie erinnerte sich der Darmsaiten am Spannstab, die sie durch Zupfen zum Schnarren gebracht hatte. Zwischen einem kräftigen Schilfhalm und einem Querholz wurden acht Darmsaiten angebracht; sie konnten mit einem Drehpflöckchen verschieden gespannt werden und gaben, wenn man daran zupfte, je nachdem hohe oder tiefe Töne. Das gefiel Hansl so gut, daß er die Töne mitsummte.

Evas Wasseruhr

Trübe, sonnenlose Wintertage kamen. Eva, die in der Tageseinteilung vom Wetter unabhängig sein wollte, erfand einen recht einfachen Zeitmesser. Er bestand aus zwei gleich großen Töpfen, von denen der eine mit Wasser gefüllt, auf einem durchlochten Dreifuß, der andere darunter stand.

Die dicken Topfböden hatte sie mit einem Hartsteinsplitter so weit durchbohrt, daß ein Pfropf, aus einem hohlen Hartriegelstab angefertigt, genau in das Loch paßte. Im Markloch des Pfropfes steckte ein dünnes, in vier Abständen gekerbtes Stäbchen. Eva stellte den mit Wasser gefüllten Topf auf den Dreifuß, und wenn an einem sonnigen Mittag der Schatten des linken Türpflockes der Gartentür auf den linken Rand der Stubentür fiel, zog sie das Stäbchen aus dem Pfropf des oberen Topfes und steckte es in den Pfropf des unteren. Tropfen auf Tropfen fiel dann in das untere Gefäß, in dem unmerklich das Wasser anstieg und es bis zum nächsten Mittag füllte. So hatte Eva es mit verschieden weiten Bohrungen erprobt. War der untere Topf zu einem Viertel voll, so stand der Wasserspiegel bei der ersten Kerbe des Stäbchens: Ein Viertel des Tages war verstrichen.

Am nächsten Mittag wechselte sie die Töpfe aus und goß oben so viel Wasser nach, wie aus einem ihr unerklärlichen Grunde geschwunden war. Wohl stellten sich Ungenauigkeiten ein, wenn ein paar Mittage nacheinander der Sonnenschein ausblieb, aber für Evas Ansprüche ging ihre Wasseruhr genau genug; ihr Arbeitstag war eingeteilt.

Der metallische Ton der Bratpfanne rief nicht nur Hansl und Peter zum Essen, auch Schnurri und die Hunde stellten sich ein, die Schweine grunzten, die Ziegen meckerten, und selbst die Enten schnatterten, denn alle waren gewöhnt, ihr Essen vor den Menschen zu bekommen.

An naßkalten Sonntagen pflegte Hansl, von seiner Mutter angeleitet, die Zeichensteine und Wochenstäbe vor sich hinzulegen, aber bald ordnete er sie selbst nach der Reihenfolge der Geschehnisse, von denen sie berichteten. Und dann erzählte er, was die Mutter erzählt hatte. Er begann, mit Rötel oder Holzkohle auf Mergelschiefer die sprechenden Bilder nachzuzeichnen. Je öfter er dies tat, um so einfacher wurden die Bilder, um so reicher aber auch die selbsterfundenen Zeichen. Beine bedeuteten »gehen«, »laufen«, »steigen«, je nach ihrer Stellung; ein Kopf mit einem Bart besagte »Mann« oder »stark«; ein Korb mit Früchten »viel«; eine Wellenlinie konnte »Wasser« bedeuten oder auch »fließen«. Und wenn Hansl »vorlas«, was er gezeichnet hatte, klang es lebhafter und lebendiger. Das wiederum gefiel seinem Vater so gut, daß auch er Bilder für sein Tun und Wollen erfand.

Eva freute sich über die vielen Bildschriften und vor allem, wenn sie hörte, was sie an Gedanken ausdrückten.

Auch in ihr lag ein Schatz verborgen, und Hansl hatte den Schlüssel dazu. Wenn er in der Dämmerstunde drängte und bat: »Mutter, erzähl etwas!« – dann ging die Schatzkammer auf, und Mutter Eva, die Vielbeschäftigte, wurde zur Märchendichterin. Sie lauschte auf etwas Wunderbares, das in ihr raunte und flüsterte, und immer fing es an: »Es war einmal …« In allem, was aus ihr sprach, siegte das Gute, das Schöne, das rechte Maß. Und Hansl nahm alles in sich auf und vergaß auch in seinem späteren Leben nicht, daß zum Glück des Menschen Güte und Gerechtigkeit gehören.

Der findige Hansl

Der Winter war vorbei. In den Nächten hallte der Wald wider von den schauerlichen Gesängen der Wildkatzen. Schnurri ließ es sich nicht nehmen, Nacht für Nacht in den Wald zu verschwinden, sie mußte beim Singen dabei sein. Die Tage verschlief sie, als ob sie das Spielen verlernt hätte. Nach zwei Wochen aber wurde sie wieder ein munterer Kamerad.

Der Vater baute eine lange Sitzbank, die auf vier gegrätschten Beinen fest und sicher stand. Hansl aber machte sie zu seiner Werkbank. Im Reitsitz saß er darauf und bastelte dies und das. Mutter Eva knetete Ton für neues Geschirr und litt es gern, daß ihr Sohn die Gefäße ausschmückte. Solange sie noch feucht waren, gaben sie dem Druck seiner Finger nach, und naß aufgetragener Ton blieb an ihnen haften. So entstanden Töpfe mit Gesichtern, mit allerlei Tiergestalten und Blumen, schöner, als sein Vater es fertigbrachte.

An der Ziegentränke, die durch einen Wasserstrahl aus der Leitung gespeist wurde, wuchs ein Weidenschößling, von dem ein Zweig so schräg herüberragte, daß seine Blätter vom fallenden Wasser getroffen und niedergedrückt wurden. Sooft er emporschnellte, immer wieder mußte der Zweig hinunter und schlug mit der Spitze klatschend auf einen Stein der Mauerung. Dieses stete Aufschlagen gab Hansl zu denken: Bewegung, Schlag und Schall! Das rinnende Wasser erschien ihm wie etwas Lebendiges, das eine Arbeit leistete. Und er wollte ihm etwas Wichtiges zu tun geben.

Sein halbmüßiges Hirtenbubenleben behagte ihm nicht mehr; lieber hätte er daheim der kränkelnden Mutter geholfen, statt im Ziegengarten auf Geier zu lauern, die sich nur selten zeigten. Und er sann darauf, ein Schlagwerk zu bauen, das, vom Wasser getrieben, seine Bratpfanne immer wieder zum Tönen bringen sollte; dann würden die Geier den unruhigen Ort ganz meiden, und er müßte nicht immer da sein. Sein suchender Blick fiel auf einen abgebrochenen Fichtenwipfel mit vier Astquirlen. Hansl rammte rechts und links vom Wasserstrahl zwei Stäbe in den Boden und legte den Wipfel in die Gabelungen, so daß die Zinken des zweiten Quirls vom fallenden Wasser getroffen wurden; sie machten unter dem Wasserdruck nur einen einzigen Ruck. Nun spaltete er alle Zinken auf und verbreiterte sie durch eingeschobene Brettchen. Jetzt drehte sich das Wasserrad, bis sich der linke Astquirl am Gabelständer spießte. Ihm schnitt Hansl alle Zinken ab und ließ nur einen Knoten übrig. Und nun setzte er den Gabelständer so nahe an den Knoten, daß er das Hin- und Hergehen der Quirlwelle hinderte. So blieben die Schaufeln des Rades immer unter dem Wasserstrahl; das Wasserrad drehte sich unerwartet schnell. Die auf gleiche Länge gekürzten Zinken des dritten Quirls sollten das eine Ende eines Schlaghebels drücken, damit sein anderes Ende in die Höhe ginge und nach dem Loslassen auf die Bratpfanne schlüge.

Aus einem Holunderstab machte Hansl den Hammerstiel und durchlochte ihn in der Mitte der Quere nach; dann durchbohrte er die Gabel eines Standholzes, steckte ein Eisenstäbchen als Achse durch die Gabel und den in ihr ruhenden Hammerstiel. Die Pfanne schob er unter den eingezwängten Hammerstein. Das andere Ende des Stiels, das er verbreitert hatte, mußte von den Zinken des treibenden Quirls getroffen werden.

Hansl hatte sich alles so gut ausgedacht, aber – das Schlagwerk war stumm. Das Wasserrad drehte sich so rasch, daß die Zinken den Schlaghebel viel zu schnell nacheinander streiften und der Hammer nie Zeit hatte, auf die Pfanne niederzufallen. Er wurde auf halbem Wege durch den Druck des nächsten Zapfens wieder gehoben. Da entschloß sich der junge Erfinder, von den fünf Zapfen des Quirls drei zu kürzen, so daß nur der erste und der dritte lang blieben. Und jetzt erlebte er seine Überraschung: Bei jeder Umdrehung des Rades schlug der Hammer erst stark, dann schwach auf die Pfanne: Gunn – gunn – gunn – gunn so klang es ohne Unterlaß. Hans lauschte verzückt und merkte nicht, daß sich alle Ziegen und Zicklein hinter ihm versammelt hatten und erstaunt auf das wunderliche Klingen horchten. In Gedanken versunken stand der Erfinder da. Eine Ahnung dämmerte ihm auf, daß der Druck des fallenden Wassers vielleicht auch noch anderes leisten könnte, als ein Schlagwerk zu treiben.

Angelockt von dem sonderbaren Klingen waren Peter und Eva in den Ziegengarten geeilt. Ihr Sohn bemerkte sie erst, als der Vater ihm die Rechte auf die Schulter legte. »Bub, das hast du gut gemacht! Sag, wie bist du denn drauf gekommen?« Nun erzählte Hansl, warum, wozu und wie er die »Geierscheuche« erfunden hatte. Eva lächelte. Hansls Hilfe daheim war ihr hoch willkommen.

Je weiter der Frühling fortschritt, um so schöner wurde das Leben auf der Sonnleiten. Die im Vorjahr aufgezogenen, gut gefütterten Enten hatten den Winter gesund überstanden. Alle waren zahm, nur der Enterich nicht. Jetzt saßen drei auf den Eiern, und bald wimmelte es auf dem Teich von jungen Entlein. Was die anderen an Eiern legten, verwendete Eva in der Küche. Da gab es Eierfladen auf Speckschnitten geröstet, das schmeckte wunderbar.

Zur Zeit der Erdbeerblüte brachte Schnurri fünf Kätzchen zur Welt. Auch die Fuchshunde hatten geworfen, und bald balgten sich die Jungen im Hofe herum. Kurz nach der ersten Heumahd heizte Peter den Töpferofen an und brannte Evas neues, von Hansl geschmücktes Geschirr. Der Bub aber hatte wieder etwas Neues ersonnen. Um die junge Bläff, die mit dem Namen ihrer Mutter auch alle deren guten Eigenschaften geerbt hatte, zum Ziegenhüten abzurichten, besteckte er ein Holzkreuz mit aufgelesenen Federn. Das band er an eine lange Darmsaite, die er über einen Baumast zog. Diesen »Geier« ließ er vor Bläff auf- und niederschweben und lehrte sie, danach zu schnappen. Die junge Hündin ging mit Feuereifer auf das Spiel ein und kläffte, bis ihr die Stimme überschlug. Und wenn es ihr gelang, dem sonderbaren Vogel eine Feder auszureißen, wurde sie von ihrem jungen Herrn getätschelt und gelobt. Dann hetzte er sie auf herumlungernde Krähen und Häher und freute sich an dem wütenden Gebell des Hundes, dem die Beute immer entschwebte. Vom Schlagwerk verscheucht, vom Hund abgeschreckt, waren die Geier nicht mehr zu fürchten, und Hansl konnte beruhigt der Mutter helfen: volle Futterkörbe herbeischleppen und Brennholz spalten. Oft sah Eva sinnend zu, wie ihr Sohn mit Freuden tat, was für sie zu schwer gewesen wäre. Wie stattlich der Bub heranwuchs, wie flink ihm die Arbeit von der Hand ging!

Hansl griff zur eisenbeschlagenen Mistgabel, um den Ziegenstall zu reinigen. Beim Abladen des Mistes auf dem Dunghaufen fielen ihm die üppigen Grashalme auf, die er trug; viel kräftiger und höher als die Halme des Schwadengrases waren sie! Und mitten unter ihnen wuchsen blaue Blumen, wie er sie vorher nie gesehen hatte. Dunkelblaue Sterne waren es, deren Ränder wieder aus Sternen bestanden. Daneben schaukelten große blutrote Blüten auf schlanken, fein behaarten Stielen. Er pflückte, was er davon erlangen konnte, und brachte sie der Mutter. Kopfschüttelnd betrachtete Eva die fremden Gäste. Peter, der gerade dazukam, nahm ihr den Strauß aufgeregt aus der Hand. »Die blauen sind ja Kornblumen! Kornblumen! Die Ahnl hat sie gesammelt; sie sind gut für hitzige Augen, gut für böse Wunden und wunde Mundwinkel. Und die blutroten da, die hat sie auch gebracht; giftiges Zeug, das die Leute schläfrig macht. Bub, wo hast sie her?« Da führte Hansl den Vater zum Düngerhaufen, und Peter pfiff wieder einmal vor sich hin, wie er das bei besonderen Überraschungen zu tun pflegte. Mit dem Jagdmesser grub er nach und fand an den Wurzeln tief unter der Streuschicht die halbvermoderten Schwungfedern eines Taubenflügels. Jetzt wußte er genug: »Hansl, weißt noch, wie du im vorigen Herbst die Tauben gerupft und ausgenommen hast? Die Federn, das Gedärm und die Kröpfe hast du auf den Mist getragen. Und die Kröpfe waren voll großer, dicker Körner.«

»Jaja«, sagte Hansl, »aber wo haben sie denn die Körner geholt?«

Peter beschrieb mit der Rechten einen weiten Bogen nach der Gegend hinter der Klamm: »Von draußen halt, aus der großen Welt.« Er verstummte; vor seinem inneren Auge tauchten blumendurchsetzte Kornfelder auf – Felder, an denen er in ferner Kindheit vorbeigekommen war.

»Die schönen Blumen auch?« fragte aufhorchend der Bub. »Gibt’s dort draußen in der Welt viele solche Blumen?«

»Wohl, wohl, Bub, die gibt’s«, bejahte der Vater, ohne der Frage eine Bedeutung beizumessen.

In Hansls Herzen aber erwachte die Sehnsucht nach der geheimnisvollen Ferne, und er fragte sich, ob draußen nicht auch gute Menschen unter den bösen hausten, wie das Korn und die blauen heilkräftigen Kornblumen neben dem giftigen Klatschmohn, der die Leute einschläferte.

Um ihren Sohn vom Grübeln abzulenken, lehrte Eva ihn ein Spiel, das ihr die Ahnl gezeigt hatte: Sie füllte einen Napf mit Seifenwasser und tauchte einen Strohhalm hinein, so daß ein Tropfen daran hängenblieb. Dann blies sie sachte durch den Halm, und es entstand eine hohle, wunderfeine Kugel. Hansl machte große Augen. Ah, wie schön! Wie war das nur möglich? Es gelang ihm, aus der Seifenlösung faustgroße Kugeln zu blasen, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Zum Spiel auf seiner Hirtenflöte und der kleinen Harfe war nun ein Lichtspiel hinzugekommen, das ihn eine andere Art von Schönheit erleben ließ. Die Freude an den herrlichen Farben, die auf der zarten Kugel einen wundersam bewegten, geheimnisvollen Reigen aufführten, war unsagbar. Vor der Schönheit, die die nahe Gegenwart bot, verging das Sehnen nach der großen Welt.

Sehnsuchtsmärchen

Als im Hochsommer schwere Getreideähren, die nicht gleichzeitig reiften, ihre schlanken Halme zur Erde bogen, wurden sie von Peter einzeln gepflückt und von Eva mit den Fingern entkörnt. Es war Weizen und Gerste durcheinander. Eva las das verschiedene Saatgut aus und bewahrte es gesondert in Körbchen auf. Hansl aber bereitete für die Mutter eine Überraschung vor. Er sammelte die Fruchtstände der Blumen, deren Samen er heimlich neben dem Zaun ausstreuen wollte.

Im Herbst, als der Wald rot, golden und erzbraun prangte, gruben Vater und Sohn den trockeneren Teil des Schwadenkornfeldes oberhalb des Saugartens mit neuen, langstieligen Hauen und Spaten um. Sie entfernten sorgsam, was an Rasenflözen darin war und brachten die Flöze auf die Brunnleiten. Dort sollte fortan alles Unkraut, aber auch Erde und Sand zwischen die Geröllblöcke eingeschüttet werden, damit der Boden ebener und grasreicher würde. Den zu festem Kompost verrotteten Dung des Abfallhaufens, in dem die Getreidehalme so üppig gewachsen waren, breiteten sie karrenweise auf dem neuen Acker aus und deckten Walderde darüber. Hansl, der den Rechen führte, glättete damit das lange und breite Beet. Eva teilte es in drei kleinere Beete; in das eine kam Schwadenkorn, in das andere Gerste und in das dritte Weizen. Sie versenkte jedes Samenkorn in ein Grübchen, eines vom anderen eine Handspanne weit entfernt. Jedes Körnchen sollte zum Wachsen Platz haben.

Als das geschehen war, begann für Peter und Eva die Pilz- und Wildobsternte im Wald; Hansl mußte unterdessen das Haus hüten und das Essen bereiten. Ihn reizten die leeren Flächen neuer Töpfe, die Eva zum Vortrocknen an den Herd gestellt hatte. Aber sein Zierat aus feuchtem Ton fiel vom trockenen Grund ab; da rührte er geschabten Rötel, mit dem er auf Mergelschiefer zu zeichnen pflegte, mit Kalkmilch zu einem hellroten Brei an und betupfte die Töpfe mit Blumenbildern. Für Blätter und Stengel zerklopfte er die grünen Steine aus Vaters Erzvorräten und zerrieb sie auf der Quetschmühle. Gemahlene Blausteine gaben die blaue Farbe für die Kornblumen ab. Besonders schön wurde ein Topf, den er erst mit Kalkmilch geweißt und dann mit den feuchten Farben betupft hatte.

Groß war Evas Entzücken über den Farbenjubel auf ihren Töpfen. Um der Pracht Glanz zu verleihen, befeuchtete sie die übertrockneten Töpfe mit Salzwasser und hoffte, daß nach dem Brand die Farben unter der Glanzschicht besonders schön leuchten würden. Als Peter ihrem Drängen nachgab und die Töpfe brannte, erlebten Eva und ihr Sohn eine große Enttäuschung. Die Farben waren teils abgeblättert, teils hatten sie sich verändert – aus dem Blau der Kornblumen war ein schmutziges Grün geworden. Dennoch waren beide stolz auf das Neue, von dessen Vervollkommnung sie sich viel versprachen.

Das obere Staubecken am Moorbachfall bekam eine niedere Steinmauer und eine Decke aus Baumstämmen; das Wasser sollte nicht gefrieren. Das schöne Wetter hielt an. Peter beschloß daher, den Röhrenbrunnen grottenartig zu überbauen und die gewölbte Brunnstube durch eine Tür in der Hausmauer mit der Wohnküche zu verbinden, damit Eva im strengen Winter trockenen Fußes zum Brunnen gelangen konnte. Aber für den Bau der Wölbung konnte er die Steine nicht so verwenden, wie sie im Neuen Steinschlag lagen, sondern mußte sie an Ort und Stelle keilförmig zurichten. Die Schmalseite unten, die Breitseite oben, wurden sie über Holzstützen von den Steinmauern aufwärts übereinandergelegt, immer näher zur Mitte, wo die Schlußkeile durch ihr Gewicht der Wölbung Halt gaben.

Es kamen kalte Tage, der Wind wurde schneidend, die beiden Maurer aber setzten den Bau der Brunnstube fort und waren nicht wenig stolz, als ihr Gewölbe fertig war. Es gab auch dann nicht nach, als sie die hölzernen Stützen wegnahmen – ja, als sich beide daraufstellten, hielt es sogar ihr Gewicht aus. Noch vor dem ersten Schneefall wurden sie mit dem Beschütten der Grotte fertig, in der nun auch Milch, Fleisch und anderes aufbewahrt werden konnte.

Jahre vergingen. Reicher wurde Peter an schmiedbarem Eisen, reicher Eva an buntem Geschirr, und reicher Hans an Kunstfertigkeit, schöne Dinge zu schaffen, der Mutter zuliebe und zur eigenen Lust. Dem Borstenpinsel, den die Mutter zum Weißen der Stubenwände benützte, hatte er viele kleine Pinsel aus Ziegenhaaren nachgebildet, mit denen er auf dem Tongeschirr seine Erdfarben auftrug und versuchsweise bald dieses, bald jenes zerriebene Gestein beimengte. Den schönsten Glanz erhielten seine Töpferfarben, wenn er den Erdfarben mehlig zerriebenen Quarzsand zusetzte. Und er kam darauf, daß keinem Farbenbrei das Kieselmehl fehlen durfte.

So ernst Hans es mit seinen Versuchen nahm, in seinem Herzen war er noch ein Kind, obwohl schon ein leichter Bartflaum seine Oberlippe dunkel färbte. Noch immer lauschte er Evas Märchen und dichtete sie für sich um. Wenn sie Kampfmärchen erzählte, war er der Held, der die Kämpfe bestand und die Furcht nicht kannte. Und gab’s in der engen Welt des Heimlichen Grunds auch keine Feinde mehr zu besiegen, sein Geist suchte sie draußen in der großen Welt jenseits der Klammwände, wo die hartherzigen Menschen hausten und wo in wogenden Ährenfeldern Wunderblumen blühten. Vor dem Einschlafen dichtete er sich sein Lieblingsmärchen: Aus den Händen böser Riesen befreite er ein Mädchen, ein blauäugiges, das seiner blonden Mutter glich.

Die Sehnsucht nach der weiten Welt hatte sich des jungen Sonnleitners bemächtigt; er sann auf Mittel, die enge Heimat des Felsenkessels zu verlassen.

Doch sooft seine geheimen Wünsche, von denen er wußte, daß sie Mutter und Vater betrüben würden, ihn vorsichtig und wie absichtslos fragen ließen, ob denn kein Weg aus dem Heimlichen Grund hinausführe in die weite Welt, erfuhr er immer wieder: Nein, kein Weg führt hinaus. In der Klamm braust und gischtet die Ache, und Bergteufel lauern auf den Höhen – die haben den Ähnl im Steinschlag getötet!

Hans konnte das Träumen nicht lassen. Hatte nicht die Mutter erzählt, daß Menschen in Vögel und Fische verwandelt worden waren? Warum sollte das nicht wieder möglich sein? Alles war möglich. Er mußte nur die rechten, die zauberkräftigen Worte finden! Und aus seinen Wünschen wurden erträumte Erlebnisse. Als mächtiger Adler mit großen, weitausladenden Schwingen erhob er sich über die Höhen der Klammwände; hinter ihnen schimmerten die Eisfelder der Henne, des Sommerspitzes und des Winterhorns; weithin dehnten sich Bergwiesen mit Rindern und Schafen; aus der Tiefe tauchten bewaldete Hügel auf. Und seine Adlerfittiche trugen ihn darüber hinaus zu den Kornfeldern voll übergroßer, weitleuchtender Blumen.

Schlug nicht der Adler, der hoch über dem Gebirge schwebte, die Luft mit den Schwingen? Was der Adler konnte, warum sollte er, Hans, es nicht können?

Oh, einen Adler wollte er töten, seine Schwingen sich an die Arme binden, in die Lüfte wollte er sich erheben und über die Höhen schweben, hinüberschweben in die Welt, wo es noch etwas zu erkämpfen gab…

Wenn Hans singend und plaudernd bei der webenden Mutter saß, achtete er unwillkürlich auf die Bewegung ihrer Hände.

Daß die Zweierfäden sich mit Hilfe der Kammschlingen nur heben, aber nicht senken ließen, verdroß ihn. Er wollte der Mutter die Arbeit erleichtern und nahm sich vor, einen besseren Webekamm zu machen, mit fadendünnen Zinken, damit die Webe möglichst dicht würde. Ja, und starr müßten die Zinken sein, daß sie die Zweierfäden nicht nur heben, sondern auch hinunterdrücken könnten. In einer stillen Stunde beim Ziegenhüten begann Hans, das neue Gerät zu basteln und fand eine einfache Lösung der schwierigen Aufgabe: Er brauchte nur dünne Doppelfäden als Kammzinken der Quere nach über einen schmalen Rahmen zu spannen und in der Mitte jedes Doppelfadens zwischen zwei Knoten ein Öhr für den Zwischenfaden zu lassen – so mußten, wenn dieser Kammrahmen gehoben oder gesenkt wurde, alle durchgefädelten Zweierfäden gleichzeitig mitgehen. Damit aber das Loch für den Faden sich nicht verenge, mußten die Fadenzinken mit einem heißen Gemisch aus Harz und Wachs eingelassen werden, das beim Erkalten steinhart wurde. Wie erdacht, so gemacht: Der neue Webekamm tat den erwarteten Dienst. Durch das Harzwachs waren auch die Knoten und Fäden glatt geworden, so daß die Einserfäden in den Schlitzen zwischen den Zinken sich nicht merklich rieben. Das Garn hatte Hans vor dem Bespannen des Webrahmens nicht mit Kastaniensuppe, sondern mit einem Absud von Kornmehl vorbereitet, so daß es nach dem Festtrocknen des Kleisters noch glatter geworden war. Die spitz zugezwirbelten Zweierfäden ließen sich leicht durch die Öhre der Kammzinken fädeln.

Die lange, flache Webnadel war an den Kanten geschärft. So taugte sie nicht nur zum Durchziehen des Arbeitsfadens durch die Fächer, sondern auch zum Anschlagen der neuen Querfäden an die fertige Webe. Die zeitraubende Verwendung des Anschlagkammes entfiel.

Mutter Evas Augen strahlten, als die Erfindung ihres Sohnes sich so gut bewährte!

Eisen

Die Rückkehr zur Höhlensiedelei gestaltete sich nicht so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatten. Wohl gelang es ihnen, in einem Tage mit Steinen, Bruchholz und Lehm den untersten Teil des Höhlengrundes so weit zu heben, daß ein halbwegs ebener Boden zustandekam. Aber der gewonnene Raum reichte kaum hin, an der linken Wand eine Lagerstatt zu errichten, in der Mitte der Höhle die Feuerstelle zu mauern und rechts die Ziege anzupflocken. Lästig waren die sonst so geschätzten Fuchshunde, sie erwiesen sich als recht unsaubere Mitbewohner. Auch war kein Tageslicht für einen Werkplatz vorhanden und kein Raum für die Nahrungsvorräte, die im Berginnern verschimmelt wären. Evas Webstuhl und viele Werkzeuge mußten einstweilen im baufälligen Pfahlbau bleiben. Sie drängte Peter, die Höhle durch einen Vorbau nach außen zu erweitern. Bevor er aber die dazu nötigen Fichtenstämme fällen konnte, mußte er die Bären abhäuten, damit Eva Felle und Fleischvorrat räuchern und das Gedärm reinigen konnte, das zu Bogensaiten, Bind- und Nähfäden verarbeitet werden sollte.

Drei Tage hatte er vollauf zu tun. Die Bärenfelle spannte er über gekreuzte Stäbe, um sie zum Abschluß des Höhlentores zu verwenden. Eva schleppte Kochgeschirr und trockenes Brennholz herauf, stellte auf einen Steinsockel neben dem Bett die tönernen Ahnenbilder, rammte in eine Felsenritze einen Stab, hängte die immer brennende Ampel daran und legte eine Rehhaut voll Kastanien neben die Feuerstelle. Um den Fleischvorrat aufzuhängen, klemmte sie Knüttel in den schrägen Schacht, der zu den oberen Höhlen führte, und zündete darunter ein Räucherfeuer aus Fichtenreisig an. Als sie Salz aus dem Berge holte, war sie glücklich, daß sie sich auf dem Wege zu den alten Wohnhöhlen nicht mehr vor den Bären zu fürchten brauchte. Vor den Wildschweinen, die sich im Eichenbestand aufhielten, hatte Eva keine Angst. Denen brauchte sie nur aus dem Wege zu gehen. Wohlgemut schleppte sie das halbgefüllte Rehfell aus der Salzkammer im Berg durch die alten Wohnhöhlen und schleifte es zu den Bärenhöhlen. Hier lehnten schon ein paar armdicke Fichtenstämme, die Peter gefällt hatte, schräg vor dem Eingang, und der Boden war mit abgeschlagenen Reisern bedeckt. Daran knabberte die Scheckin, die Peter mit langem Riemen an einem der Stämme festgebunden hatte. Nicht weit davon kauerte er in Gesellschaft der Fuchshunde, die mit viel Behagen Bärenknochen abnagten, und erneuerte die locker gewordene Bindung seines einzigen noch brauchbaren Bronzebeiles.

Eva begann gleich mit den Vorbereitungen zum Räuchern. Tagsüber nahmen sich beide kaum Zeit, ein paar Kastanien zu essen und einige Worte zu wechseln. Als es aber in der frühen Dämmerung zu schneien begann, lehnte Peter alles, was er an Stämmen vorbereitet hatte, so vor die Höhle, daß die Wipfelenden über dem Höhlentor die Felswand berührten und in der Mitte der Öffnung ein hohler Spalt blieb. Er schloß ihn durch einen Vorhang aus Bärenfellen. So war die vom Feuer erhellte Wohnhöhle vor der kalten Nachtluft geschützt.

Während Peter und Eva das gut gewürzte Rippenstück eines Jungbären an grünem Stab über dem Feuer drehten, legte Peter ausführlich dar, wie er sich den Bau des neuen Heimes dachte. Er zeigte ihr den rohen Aufriß auf einer Mergelschieferplatte. Kein Steinhaus sollte es werden, sondern nur eine dickwandige Pfahlhütte, ein Vorbau zur Erweiterung der Höhle, ein festes Gefüge, das dem Winddruck widerstehen konnte. Kreuzweise an den Ecken aufeinandergelegte und durch tiefe Einkerbungen ineinanderversenkte Baumstämme sollten die Wände bilden, deren Fugen sich mit Moos und feuchtem Lehm verstreichen ließen.

Am nächsten Tag erlegte Peter unweit seines verfallenen Töpferofens, aus dessen Mauer er einige Kalksteine gebrochen hatte, ein Jungschwein, das er gleich heimschaffte. Als er zurückkehrte, um die Kalksteine zu holen, fiel sein Blick auf die verrosteten Bruchstücke des Grauzeugs, das er vor seiner Verwundung aus dem Sumpferz ausgeschmolzen hatte. Sie fesselten seine Aufmerksamkeit so sehr, daß er nicht mehr an den Kalk dachte. Es reizte ihn, die im Vorjahr mißglückten Schmiedeversuche wieder aufzunehmen. Wenn es ihm gelänge, das spröde Grauzeug hämmerbar zu machen, dann böte ihm das im Moorschlamm abgesetzte Sumpferz die Möglichkeit, breite Keile und Beile zu schmieden, die beim Bau der Blockhütte bessere Dienste leisten würden als sein schmales Beil aus Braunzeug.

Viel zu ungeduldig, den Schmelzofen wiederherzustellen, hob er im Lehmboden neben der Bachmündung eine fußtiefe Grube aus und holte aus seiner verlassenen Pfahlhütte die beiden Blasebälge, Nesselwerg, Klemme, Hammer und Lederschurz. Dann schleppte er einen Granitblock herbei, der ihm als Amboß dienen sollte. Vom nahen Meiler trug er einen Schurz voll Holzkohle zur neuen Feuerstelle. Für die Windzuführungsrohre der Blasebälge stach er von außen zwei Löcher schräg durch den Lehm, so daß deren Mündungen in der halben Tiefe der Grube ins Innere führten. Die von außen in die Windgänge eingefügten Gebläserohre dichtete er mit nassem Lehm ein, füllte die Grube zur Hälfte mit Holzkohle, schüttete die rostigen Bruchstücke seines Grauzeugs – es war Gußeisen – darauf und deckte sie mit einem Haufen Fichtenreisig auf einer Unterlage aus trockenem Nesselwerg.

Dann kehrte er zu Eva zurück und holte von ihrer Feuerstelle einen Topf voll Glut, die er mit Moderholz deckte. Laufend langte er wieder bei der Grubenesse an, brachte die Glut an die Holzkohle und setzte seine Blasebälge in Gang, indem er sie abwechselnd rechts und links mit dem Zugriemen blähte und mit den Füßen niedertrat. Unter den Gebläserohren begann die Holzkohle zu glühen; dieses Glühen setzte sich in der ganzen Füllung fort und teilte sich auch den Metallbrocken mit. Bläuliche, rauchlose Flämmchen züngelten aus der Glut. Kaum bemerkte Peter, daß die Blasebälge unter seinen Füßen dampften, als schon der linke Balg vom Fußrost bis zum Windgang platzte. In seinem Eifer hatte Peter nicht mehr daran gedacht, ein bewegliches Hindernis in den Windgang einzubauen. Für diesmal war der Schmelzversuch mißlungen. Erst mußten die Mängel und Schäden des Gebläses behoben werden.

Die Metallstücke in der Grubenesse glühten aber so lebhaft, daß Peter nicht widerstehen konnte und sich mit der Klemme ein faustgroßes Stück herausholte. Es zerbarst beim Hämmern, und der Schmied warf es in die Glut zurück und versuchte es mit einem zweiten, einem dritten und vierten. Dieses letzte Stück war eines, das den Schmiedeversuchen im vorigen Sommer zweimal widerstanden hatte. Und was Peter gerade an diesem Stück am wenigsten erwartet hatte, geschah: Es gab dem Druck des Hammers nach, ohne zu bersten. Selbst als es nicht mehr glühte, streckte es sich unter den wuchtigen Schlägen zu einem stumpfkantigen Keil. Ein Fehlschlag auf die federnde Klemme gab dem noch nicht fertigen Keil so viel Schwung, daß er in flachem Bogen vom Amboßstein in den Bach flog. Als Peter den Keil aus dem Wasser zog, war er lauwarm und an seiner Oberfläche blauschwarz angelaufen. Aussichtslos, ihn in der verlöschenden Glut wieder schmiedbar zu machen!

Die rauhe Oberfläche des granitenen Amboßsteines aber verlockte Peter, durch Schleifen zu erreichen, was er zu schmieden versäumt hatte. Sofort fiel ihm auf, daß der neue Keil seine Bronzebeile an Härte übertraf. So mühevoll und langsam das Schleifen vor sich ging – es verdroß Peter nicht. Je härter das Werkzeug war, desto länger mochte es die Schneide behalten.

Eva wunderte sich, daß ihr Mann, den sie vergeblich zum Essen erwartet hatte, erst in der Abenddämmerung und ohne Kalk heimkam und ihr freudestrahlend einen Keil in die Hände legte, dessen Schneide so glänzte wie die eines frischgeschliffenen Beiles zu Ähnls Zeiten! Es war wirklich Eisen, nicht schlechter als das, aus dem das Werkzeug des Ähnls bestanden hatte.

Brechelbank und Hanslbank

Seit aus dem Inhalt der Taubenkröpfe Getreidehalme und Ackerblumen aufgegangen waren, hatte Eva keinen vollen Taubenkropf mehr auf den Abfallhaufen geworfen. Sie besäte allmählich mit allen darin gefundenen Sämereien einige gut gedüngte Versuchsbeete im Garten und hoffte, auf diese Weise Pflanzen zu erhalten, deren Anbau sich besser lohnte als der von Wildgemüse. Was die Menschen in der großen Welt durch jahrelange Züchtung aus Wildgemüse und von weither stammenden Nutzpflanzen erzielt hatten, wurde ihr vielleicht durch die von Tauben aufgepickten Samen zuteil. Einzelne der in den Kröpfen vorgeweichten Samen gingen noch vor dem Winter auf, auch die Wintersaat grünte, und manches zur Unzeit Gesäte verdarb. Viele Körner aber hatten ihre Keimfähigkeit verloren.

Im nächsten Jahr brachte die Sommersonne manchen der Fremdlinge zum Blühen. Da machte sich zunächst allerlei schönblühendes Unkraut breit, aber auch gefüllte Gartennelken, kniehoher, himmelblau blühender Lein und üppige Stauden grellgelber Ringelblumen. Einzeln und in großen Abständen gesetzt gediehen prächtiger Gartenkohl und Kohlrüben mit kropfig verdickten Stengeln, wie die Ahnl sie einst bei den Bauern für ihre Arzneikräuter eingetauscht hatte. Hirse ging auf, duftendes Dillkraut, großblütiger Gartenmohn, Kletterbohnen, Kornraden und Getreidehalme, dazwischen Möhren mit dicken, gelben, süßen Wurzeln, ja sogar großblätterige Feldrüben und Linsen, Wicken, Erbsen.

Evas Gemüsegarten wurde zu klein. Vater und Sohn fällten zwei Buchen und einen Ahorn, und Eva legte neue Beete außerhalb der Gartenmauer an, die der Wildschweine wegen mit einer starken Dornhecke umzäunt wurden. Hans mußte sein Hirtenamt vernachlässigen und sich auf Bläff und auf das Schlagwerk verlassen. Einmal gelang es ihm, vom Hund herbeigerufen, einen Bartgeier abzuschießen, der sich gerade seiner Beute bemächtigt hatte. Hans hieb dem Geier die Schwingen ab und spannte sie zum Trocknen auf. Der Ertrag der neuen Gemüse war so reich, daß Eva nicht nur genug davon frisch verkochen, sondern auch einen großen Wintervorrat in einer Erdgrube einkellern konnte, die mit Fichtenästen und Rasenflözen vor Frost geschützt war. Groß war ihre Freude an den Hülsenfrüchten, von denen sie drei Körbe voll einheimste. Den geernteten Leinsamen bewahrte sie im ersten Jahr als Saatgut auf, aber schon im nächsten quetschte sie aus den Körben einen Topf voll honiggelben Öls. Als Hans nach einigen Wochen entdeckte, daß Flecken davon, die auf seinem Beinkleid verharzten, farbige Stäubchen festhielten, hatte er im Leinöl das Mittel gefunden, Erdfarben haltbar anzubringen. Von da an blieben die gezimmerten Truhen, Wandbretter und Löffelhalter nicht ohne bunten Schmuck.

Die Flachsstengel waren abgeerntet, Mutter und Sohn freuten sich auf das Einwässern, Darren, Brecheln, Hecheln, Spinnen und Weben, das sie gemeinsam tun wollten. Bisher hatte Eva die Rinde des gedörrten Flachses mühsam mit den Händen gebrochen. Hans unternahm es, ihr eine Brechelbank zu bauen. Diese sollte zwei steile Schalenhölzer tragen, zwischen denen ein langes, auf- und abgehendes Holzmesser die Rinde der quer aufgelegten Stengel knicken sollte. Zuerst mußte er ein brauchbares Schnitzgerät anfertigen. Um die splitterigen, unebenen, von einem Baumstamm abgespalteten Flachhölzer mit dem zweihändigen Schnitzmesser formen und glätten zu können, mußte er jedes zwischen Brust und Boden festklemmen. Das war zu unbequem, er versuchte es anders und legte das Holz auf seine lange Werkbank; der Vater mußte ein Ende des Holzes mit den Fäusten niederhalten, während Hans das Schnitzmesser führte. Dem Vater ging bald die Geduld aus. Da beschwerte Hans das eine Ende mit einem großen Stein, setzte sich rittlings vor das andere Ende seines Werkholzes und führte das Schnitzmesser vom Stein zu sich her über das Holz, daß dünne Späne entstanden. Aber selbst größere Steine gaben dem Zuge nach. Da erinnerte er sich an den Hebel, mit dem sich Bausteine und Baumstämme bewegen ließen, und verfiel darauf, mit einem drehbaren Hakenholz das Werkholz niederzuzwingen, aber noch wußte er nicht, wie er den Hebel anbringen sollte.

Wie manchmal im Leben kam ihm etwas Unerwartetes zu Hilfe. Mutter Eva wurde krank, und Hans mußte die Hausarbeiten übernehmen. Sobald er die Tiere versorgt und das Essen im Kessel über das Feuer gehängt hatte, rückte er seine Bank ans Bett der Kranken und schnitzte an den Teilen der Brechelbank. In der stillen Stube störte nichts sein Grübeln und Nachdenken. Er unterbrach die Arbeit an der Brechelbank und verbesserte seine Schnitzbank, meißelte in ihr eines Ende einen Durchlaß, bohrte dann die Seiten des Durchlasses und das Hakenholz quer durch und steckte einen Eisenstab als Achse des Hakenholzes durch die Löcher. Wenn er unten mit dem Fuß den Hebelbalken nach vorn drückte, bewegte sich oben der knorrige Kopf nach hinten abwärts gegen das Werkholz und drückte es fest an die Bank. Das Hakenholz war der starke Arm, den Hans gesucht hatte. Er gab dem knorrigen Astkopf die Gestalt einer klobigen Faust. Am Mittag rief Hans durch drei kräftige Schläge auf die Bratpfanne den Vater herbei. Staunend begutachtete Peter die Schnitzbank, die auch er gut gebrauchen konnte. Eva nannte das Gerät »Hanslbank«. Fröhlich führte der Erfinder das Schnitzmesser über das Werkholz, und ehe es Abend wurde, waren die Schalenhölzer der Brechelbank dünn und glatt.

Beim Abendessen aber sagte Eva, die den mit Arbeitsabfall übersäten Stubenboden nicht säubern konnte, sie wolle auf den Dachboden ziehen, damit sie den Wust von Spänen und Werkholz nicht immer anschauen müsse. Ihr Mann sah ein, daß die Wohnküche nicht auch Werkstatt sein konnte und beschloß, über der Küche einen neuen Wohnraum zu bauen, ein Obergeschoß aus festgefügten, mit Eisenklammern verkrallten Baumstämmen. Aber dazu waren große Vorbereitungen nötig, Eva mußte noch Geduld haben.

Hans räumte auf, so gut es ging, rückte am nächsten Morgen die Schnitzbank noch näher ans Bett der Kranken und brachte sie wieder in gute Laune: Er bat sie einfach um ein neues Märchen. Da begann sie zu erzählen und sagte mehr, als sie sagen wollte, und anderes, als sie vorgehabt hatte; es war, als spräche ein Geist aus ihr, dem ihre Zunge gehorchen mußte:

»Es war einmal ein Vater und eine Mutter, die lebten mit ihrem Sohn in einem schönen Tal fern von anderen Menschen. Der Sohn hatte Mutter und Vater so lieb, daß er ihnen das Leben leicht machen wollte. Dem Vater half er beim Schmieden und Schnitzen, beim Bauen und Heuen, der Mutter beim Kochen und Jäten, bei jeglicher Arbeit in Garten und Haus. Er besorgte die Haustiere, daß sie gern seinem Wort gehorchten. Und wenn die nebelgrauen Wintertage Vater und Mutter traurig machten, dann sang und pfiff er wie die Ringamseln und Zaunkönige und machte seine Eltern so fröhlich, als wär’s Frühling um sie her. Und weil er alles konnte, was er aus Liebe unternahm, nannten sie ihn ›Kannalles‹. Ja, und als Kannalles groß wurde und ein weicher Bart sein Gesicht zierte, waren das Haus und die Gärten ringsumher mit allem versehen, was die drei Menschen zum Leben brauchten; sie hatten sogar mehr, als sie brauchten. Da sann Kannalles darüber nach, was er Neues schaffen könnte. Es fiel ihm aber nichts mehr ein, und er mußte öfter müßiggehen, als ihm lieb war. Da träumte ihm in einer mondhellen Nacht, er sei ausgezogen über leuchtende Firne und grüne Matten in die weite, weite Welt. Dort fand er ein wunderschönes Mädchen, das von einem dummen, bösen Riesen gefangengehalten wurde. Als Kannalles morgens aufwachte, verließ er Mutter und Vater und zog in die Welt hinaus, das schöne Mädchen zu suchen, das ihm Gott im Traume gezeigt hatte.

Über Felsenwüsten, Firnfelder und Steinkare, durch Wälder und Sümpfe wanderte er fort, bis er zu einem steinernen Haus kam, umgeben von fruchtbarem Boden und Wiesen, darauf die schönsten Rinder weideten. Dort sah er das Mädchen genauso schön, wie er’s im Traum gesehen hatte. Es war vor ein schweres Hakenholz gespannt, das ein riesiger, einäugiger Mann in den Boden drückte, um damit die schwarze Erde aufzureißen. Kannalles trat hin vor die beiden und sprach den Riesen an: ›Gib mir das Mädchen! Gott hat es mir im Traum gezeigt; ich will nicht dulden, daß du es quälst.‹ Da streifte das Mädchen die Fesseln ab, die es hielten, richtete die blauen Augen auf Kannalles und trat einen Schritt näher.

›Wer bist du?‹ fragte der Riese und hob den Stab gegen ihn, ›das junge Ding gehört mir!‹ ›Ich bin Kannalles‹, gab der Jüngling zurück, ›Kannalles, der alles kann.‹ ›So, der alles kann?‹ fragte der andere und lachte dumm, ›das sollst du mir beweisen. Siehst du dort die starken Rinder auf der Weide? Keines von ihnen kann ich zwingen, mir das Hakenholz zu ziehen. Kannst du’s?« Da holte Kannalles Salz aus seiner Wandertasche, trat auf das stärkste Rind zu und hielt ihm das Salz vor; mit der anderen Hand kraulte er es zwischen den Hörnern, strich ihm liebkosend über den Nacken und gab ihm gute Worte. Und siehe da – es leckte am Salz und folgte ihm. Da legte er ihm die starken Riemen an, die das Mädchen abgestreift hatte, band ihm zwei Stränge um das Maul, um es zu lenken, und dann drückte er das Hakenholz in den Boden und trieb das Rind zum Ziehen an. Nun löste ihn der Riese ab. Das Rind zog stärker als das Mädchen. Kannalles aber nahm es bei der Hand und führte es unbehindert durch Wälder und Sümpfe, über Steinkare, Firne und Felsen. Er brachte das Mädchen zu Vater und Mutter. Die empfingen es mit guten Worten, Kuß und Umarmung. Kannalles baute ein neues Haus für sich und sein Weib. Sein Vater wurde alt und schwach, seine Mutter gebrechlich. Kannalles aber und seine Frau sorgten für die alten Eltern und ließen es an nichts fehlen.

Im Haus der Jungen aber wuchsen Kinder heran, pausbackig wie die Äpfel im Sonnenschein. Und zeitlebens hatte Kannalles vollauf zu tun, daß es allen, die er liebte, gut ging. Und so wurde Kannalles ein glücklicher Mann.«

In diesem Märchen hatte Eva alles ausgedrückt, was sie im Herzen wünschte. Ihrem Sohn aber hatte sie ein Vorbild in die Seele gesenkt: Er sollte sich als Kannalles erweisen.

Und tatsächlich: Hans sann darüber nach, wie er der Mutter die Arbeit am Webstuhl noch mehr erleichtern könnte. Sie sollte beide Hände für die Führung der Webnadel freibekommen, und der Webkamm sollte sich mit dem Fuße heben und senken lassen. Jetzt, wo Hans mit dem Hebel umzugehen wußte, schien es ihm leicht, Tritthölzer und Hebel so anzubringen, daß der Webkamm, von den Füßen bewegt, sich heben und senken konnte. In wochenlanger Arbeit baute er aus geraden Prügeln ein festes Gestell, das alles zu tragen hatte: den Webrahmen mit den gespannten Längsfäden; den Webkamm mit den Litzen, durch deren Öhre die Zweierfäden gespannt waren; oben den zweiarmigen Hebel, an dessen vorderem Arm der Webkamm hing, während an seinem hinteren Ende die Zugschnur zum linken Trittholz hinabführte. Das rechte Trittholz verband er durch eine Schnur mit dem unteren Rande des Webkammes, so daß dieser durch einen Tritt gesenkt werden konnte. Als alles fertig war, machte der glückliche Erbauer vor Mutter und Vater die Webeprobe. Wie unwiderstehlich der Webkamm dem Zug der Tritthölzer gehorchte, wie genau der Fachwechsel vor sich ging!

Peter betrachtete lange das gelungene Werk des Sohnes und sagte nichts. Dann sprach er wie zu sich selber: »Viel Arbeit dran, viel saubere Arbeit! Aber – wieviel hat vorher erdacht und gemacht sein müssen, ehe das möglich geworden ist.« »Ich weiß schon, Vater«, sagte Hans bescheiden. »Angefangen hat’s die Mutter, und die ersten Werkzeuge sind von dir.«

Bald darauf machte Peter seinem Sohn eine große Freude mit einem Steinblock, den er beim Erzsuchen aus dem Urgestein gelöst hatte. Er bestand aus ungewöhnlich großen Glimmerplatten. Peter wußte nichts damit anzufangen. Hans aber bemerkte an den abgestoßenen Rändern des Blocks, daß sich die Platten in hauchdünne, durchsichtige Blätter spalteten. Vorsichtig löste er Schicht um Schicht ab, paßte sie in Rahmen und ersetzte damit die gespannten Tierblasen in den Fensterluken. Nun drang das Licht von außen voll in die Stube.

Die Mühle am Bach

Die Schnitzbank hatte Hans beim Zurichten der Hölzer für den neuen Webstuhl gute Dienste geleistet. Er sah sich im Hause um, was er wohl noch schnitzen könnte. Jener plumpe Wassereimer, den der Vater aus einem hohlen Baumstamm gefertigt hatte, war arg rissig geworden. Für die vielen Vorräte waren die vorhandenen Körbe zu klein; Kübel und Truhen wollte die Mutter haben, und zum Geschirrwaschen breite, niedere Gefäße. Hans ging auf alle Wünsche der Mutter mit Feuereifer ein. Jeder Regentag war ihm als Basteltag hoch willkommen. Die an sich recht brauchbare Hanslbank erwies sich beim Zurichten der ungleich langen Flachhölzer für die Wände der verschieden hohen Holzgefäße als verbesserungsbedürftig. Zunächst meißelte Hans am Sitzende zwei neue Schlitze in die Bank, brachte darin ein verstellbares und verkeiltes Widerholz so an, daß das Werkholz unter der Klemmfaust nicht nach hinten abgleiten konnte; dann machte er die Klemmfaust selbst verstellbar, indem er die Achsenlöcher des Hebels vermehrte. So konnte er die Flachhölzer auch auf der Schmalseite aufstellen und die Kanten schräg schnitzen, damit sie sich zu gekrümmten Gefäßwänden zusammenfügen ließen. Weil aber das Werkholz auch in verschiedener Höhe bearbeitet werden mußte, meißelte er unterhalb der Klemmfaust einen dritten Schlitz durch die Bank, so daß er dort einen verstellbaren Lagerbock feststecken konnte. Nun ließ sich das Werkholz so weit heben, daß er sich während der Arbeit das Bücken ersparen konnte. Jetzt war die Schnitzbank so, wie er sie haben wollte! Und nun brauchte Hans noch einen Hohlmeißel, mit dem er die Innenseiten der Brettchen höhlen konnte, und zum Antrieb des Meißels einen Schlegel.

Da ihm das Kämmen der Flachsfasern zu lange dauerte, trieb Hans mehrere Reihen Eisenstäbchen in einen Holzblock; so entstand eine Kammbürste, deren Zähne in die Höhe starrten. Zog Eva das Faserbüschel kräftig durch diese Hechel, dann verfingen sich die gebrochenen Rindenstückchen mit etwas Werg an den Nägeln, während die golden glänzenden Flachsfäden in ihrer Hand blieben.

Der Winter machte den Arbeiten im Freien ein Ende, Hans konnte sich wieder ungestört dem Basteln widmen. Aber kaum hatte er den runden Boden eines Kübels fertig, den Rand schräg zugeschnitten, um ihn in die Kerben der Seitenwandhölzer einzulassen, da hatte Eva schon eine neue Aufgabe für ihn. Sie kauerte vor ihrer flachen Quetschmühle, die noch aus der Pfahlbauzeit stammte, und schrotete Weizenkörner. Hans sah, wie oft die Mutter ermüdet innehielt und nicht recht vorankam. Solange es wenig Körner zu schroten gegeben hatte, mochte die Quetschmühle genügt haben; aber jetzt war das anders. Suchend blickte Hans sich in der Stube um, ob irgendein Ding ihm Rat gäbe, sah dem Vater zu, wie dieser mit Hammer und Stahlmeißel eine Granitplatte in einen schweren Wirtelstein umzuwandeln suchte, der ihm beim Antrieb eines großen Bohrers dienen sollte. Peter wollte nämlich in die Balken des Obergeschosses Holznägel eintreiben. Nichts fiel ihm ein, dem Hans, er nahm seine Schnitzerei wieder auf. Sooft er ein Seitenbrettchen des Wasserkübels fertig hatte, legte er es so zum runden Bodenbrett, daß sie sich sternförmig aneinander reihten.

Als Eva beim Aufräumen die sorgfältig zueinandergepaßten Brettchen durcheinanderbrachte, mußte Hans sie am nächsten Tag mühsam wieder in die wohlbedachte Reihenfolge bringen. Diesmal bezeichnete er sie, damit sie nicht noch einmal durcheinandergerieten. Da er an den Fingern seiner Hand das nächstliegende Mittel zum Zählen hatte, ahmte er durch Striche erst die Finger, dann die Hand nach: auf das erste Brettchen ein Strich, auf das zweite zwei und so weiter, alles mit dem Meißel. Das fünfte Brettchen versah er mit einem groben Abzeichen einer Hand; vier Striche nebeneinander stellten die Finger vor, ein schräg abstehender den Daumen. Das zehnte Brettchen wurde mit zwei aneinandergefügten Handbildern gezeichnet. So hatte Hans ganz nebenbei einfache Zahlenbilder erfunden, die ihm von nun an bei allen seinen Arbeiten als Ordnungsmittel dienten.

Peter, der an der Hanslbank ebensoviel Freude hatte wie ihr Erfinder, versah dessen Schnitzmesser, den Flach- und den Hohlmeißel mit schrägen Schnittkanten, damit »der Bub« sich leichter täte; bald aber verdrängte er Hans von der Schnitzbank. Ihm war nämlich gelungen, die Granitscheibe kreisrund zu meißeln, und nun ging er daran, aus starken weißbuchenen Astgabeln das Gestell des Bohrers zu schnitzen. Hans hob den Wirtelstein auf. Prüfend führte er seine Hand über die grobkörnige Oberfläche und zuckte zurück: Die war ja brauchbar zum Zerkleinern der Getreidekörner!

Wochenlang mühte er sich, aus sehr hartem Sandstein einen in der Mitte durchlochten Mahlstein herzustellen, der sich als Läufer auf einem kegeligen Bodenstein drehen und so das Korn zerreiben sollte. Nach einem mißglückten Versuch gelang es ihm, den Bodenstein mit einer Randrinne zu versehen, die das Mehl aufnehmen sollte, das über eine Schnabelrinne in eine Schüssel abfallen konnte. Aber das schwerfällige Gerät erforderte Kräfte, die Mutter Eva nicht hatte. Als Hans das Korn auf der Handmühle mahlte, wurde er bald müde. Da dachte er an sein vom Wasser getriebenes Schlagwerk im Ziegengarten. Wäre es nicht möglich, auch das Mühlwerk vom Wasser treiben zu lassen, am unteren Moorbachfall zum Beispiel, wo die Strömung so stark war?

Er machte sich an die Arbeit. Sie war alles andere als leicht. Wie konnte die drehende Kraft der liegenden Achse des Wasserrades auf die stehende Achse des Mahlsteins übertragen werden? Wieder halfen Astquirle weiter: Der steile Quirl des Wasserrades sollte mit seinen Zähnen die Zähne des liegenden Quirls an der steilen Achse des Steins schieben. Da die Quirläste die Trägheit des schweren Steines nicht überwinden konnten, mußten sie durch eiserne Zähne ersetzt werden, die wiederum nur an eisernen Achsen sitzen konnten. Um das Mahlgut einzuschütten, mußte das Loch im Läufer trichterförmig erweitert werden.

Über diesen schwierigen, genauen Arbeiten verging der Sommer. Die Getreideernte war so üppig, daß es Hans unmöglich dünkte, die Ähren wie in früheren Jahren mit der Hand auszuklauben. Das mußte anders gehen! Mit Lederriemen band er einen kurzen Knüttel an einen langen Stock, breitete auf dem reingefegten Lehmboden des Hofes die Getreidegarben aus und schlug mit seinem Flegel die Körner aus den Ähren. Peter machte für sich und Eva auch je einen Dreschflegel, und nun schallte es im Dreischlag durch den Heimlichen Grund: »Tipp-tapp-tapp, tipp-tapp-tapp…«

Aber noch schöner hörte sich das Schlagen der Zapfen an, als die Mühle am Moorbach, vom fallenden Wasser getrieben, für die Menschen die Arbeit tat. An dieser ersten Bachmühle, die noch mancherlei Mängel hatte, besserte Hans so lange herum, bis sie zuverlässig arbeitete.

Alle Eisenteile wurden mit Fett vor Rost geschützt. Und dann baute sein Vater einen Schuppen darüber, denn weder Regen noch Sonne sollten das kostbare Mahlgut verderben.