5. Die Einsamkeit, in der Herr Ludwig von Frankreich seine Horen betet.

Der Leser hat vielleicht nicht vergessen, daß Quasimodo einen Augenblick zuvor, ehe er die nächtliche Bande der Bettler bemerkte, und als er von seinem Thurme herab Paris überblickte, hier nur ein einziges Licht schimmern sah, welches ein Fenster im höchsten Stockwerke eines hohen und düstern Gebäudes neben dem Thore Saint-Antoine erhellte. Dieses Gebäude war die Bastille. Dieser Lichtschimmer war die Kerze Ludwigs des Elften.

Der König Ludwig der Elfte war in der That seit zwei Tagen in Paris. Er war willens, am zweitnächsten Tage wieder nach seiner Feste Montilz-les-Tours zurückzureisen. Er nahm stets nur kurzen und seltenen Aufenthalt in seiner guten Stadt Paris, weil er hier nicht genug Fallgruben, Galgen und schottische Bogenschützen in seiner Nähe wußte.

An jenem Tage war er gekommen, um sein Nachtlager in der Bastille aufzuschlagen. Das große Zimmer von fünf Klaftern im Geviert, welches er im Louvre besaß, mit dem großen Kamine, der mit zwölf großen Thiergestalten und dreizehn großen Propheten bedeckt war, und sein mächtiges Bett von elf Fuß Breite und zwölf Fuß Länge gefielen ihm wenig. Er verlor sich in allen diesen großen Räumlichkeiten. Dieser gut bürgerliche König zog die Bastille mit einem Kämmerchen und einem Bettchen darin vor. Und dann war die Bastille weit fester als der Louvre.

Dieses »Kämmerchen«, welches sich der König in dem berüchtigten Staatsgefängnis vorbehalten hatte, war noch ziemlich groß und nahm das oberste Stockwerk eines Thürmchens ein, das auf einen großen Schloßthurm aufgesetzt war. Es war ein Gemach von runder Form, mit Matten aus weißem Stroh überkleidet, die Decke mit Balken verschalt, an denen Lilien aus vergoldetem Zinn sich erhoben, zwischen den Balken farbige Füllungen; die Wände waren mit reichem Holzwerke ausgetäfelt, das mit Rosetten von weißem Zinn übersäet und mit Hellgrün aus Goldgelb und feinem Indigo gemalt war.

Es befand sich nur ein Fenster in langer Spitzbogenform darin, das mit Eisendraht und Eisenstäben vergittert und übrigens von schönen gemalten Scheiben mit den Wappen des Königs und der Königin, deren Fassung auf zweiundzwanzig Sou zu stehen kam, verdunkelt war.

Es hatte gleichfalls nur einen Eingang: eine Thür im neuern Geschmack mit flachgewölbtem Bogen, innen mit einem Thürteppiche und außen mit einer jener irländischen, hölzernen Vorhallen, diesen zierlichen Holzbauen merkwürdig gearbeiteter Tischlerkunst geziert, welche man noch in zahlreichen alten Häusern vor hundert und fünfzig Jahren sah. »Obgleich sie die Räume verunzieren und versperren,« sagt Sauval voll Verzweiflung, »so wollen sich unsere Alten dennoch durchaus nicht von ihnen trennen und behalten sie jedermann zum Trotze bei.«

In diesem Zimmer fand man nichts von den Möbeln, welche sich in gewöhnlichen Wohnzimmern vorfinden: weder Bänke, noch Tragstühle, weder Polsterbänke, noch gewöhnliche Fußschemel in Kastengestalt, noch schöne Schemel, die von Füßen und Strebesäulchen getragen werden, das Stück zu vier Sou. Man sah hier nur einen sehr prächtigen Klappstuhl mit Armen: das Holz daran war mit Rosen auf rothem Grunde bemalt, der Sitz aus dunkelrothem Corduanleder, mit langen Seidenfransen geschmückt und mit zahlreichen goldenen Nägeln beschlagen. Die Vereinzelung dieses Stuhles zeigte an, daß nur eine einzige Person das Recht hätte, in diesem Zimmer sich zu setzen. Neben dem Stuhle und ganz dicht am Fenster befand sich ein Tisch, der mit einem Teppiche bedeckt war, in den Vogelgestalten eingewirkt waren. Auf diesem Tische stand ein tintenfleckiges Schreibzeug, einige Pergamente, Federn und ein in Silber getriebener Humpen; ein wenig weiter entfernt ein Kohlenbecken, ein Betpult aus dunkelrothem Sammete, gleichfalls mit goldenen Buckeln beschlagen. Endlich sah man im Hintergrunde ein einfaches Bett aus gelbem und rosenfarbigem Damast ohne Flitterstaat und Tressen, mit Franzenbesatz in wirrer Form. Es ist dies das berühmte Bett, in welchem Ludwig der Elfte die Stunden des Schlafes oder der Schlaflosigkeit verbrachte, und welches man noch vor zweihundert Jahren bei einem Staatsrathe in Augenschein nehmen konnte, wo es von der alten Frau Pilou, die im »Cyrus« 75 unter dem Namen »Aricidia« oder »die lebende Moral« gefeiert wird, gesehen worden ist.

So war das Zimmer beschaffen, welches man »die Einsamkeit, in der Herr Ludwig von Frankreich seine Horen betet«, benannte.

In dem Augenblicke, wo wir den Leser hier eingeführt haben, war es sehr dunkel in diesem Zimmer. Die Abendglocke war vor einer Stunde geläutet worden; es war Nacht, und man sah nur eine einzige flackernde Wachskerze auf dem Tische stehen, welche fünf, verschiedenartig im Zimmer gruppirte Personen beleuchtete.

Der Erste, auf welchen das Licht fiel, war ein prächtig in Beinkleider und Rock aus scharlachrothem, silbergestreiftem Stoff gekleideter Herr, der einen Mantel aus schwarzgemustertem Goldstoff mit geschnürten Buffärmeln um die Schultern trug. Dieser funkelnde Anzug, auf welchem das Licht spielte, schien an allen Falten von Flammen zu schillern. Der Mann, welcher ihn trug, hatte auf der Brust sein in hellen Farben gesticktes Wappen: einen Balken mit einem springenden Damhirsche am Ende. Der Wappenschild war rechts von einem Olivenzweige, links von einem Damhirschgeweih umkränzt. Derselbe Mann trug an seinem Gürtel einen reich gearbeiteten Dolch, dessen dunkelrothes Gefäß in Gestalt eines Helmstutzes getrieben und von einer Grafenkrone gekrönt war. Er hatte ein boshaftes Wesen, eine stolze Miene, und trug den Kopf hoch. Beim ersten Blicke ersah man auf seinem Gesichte den anmaßenden Dünkel, beim zweiten die Hinterlist.

Er stand unbedeckten Hauptes, ein langes Aktenstück in der Hand, hinter dem Armstuhle, auf welchem mit nachlässig zusammengesunkenem Körper, die Kniee eins über das andere geschlagen, mit dem Ellenbogen auf den Tisch gestützt, eine übel gekleidete Person saß. Man denke sich in der That auf dem sehr reichen Sitze von Corduanleder zwei eingebogene Knien, zwei magere Schenkel, welche ärmlich in eine schwarzwollene enganliegende Hose gekleidet waren, einen Rumpf, der in einen Ueberrock aus Barchent mit Pelzfütterung gehüllt war, an der man weniger Haare als Leder sah; endlich, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, einen alten schmutzigen Hut aus dem schlechtesten schwarzen Stoffe, der ringsum mit einer Schnur kleiner bleierner Figuren besetzt war. Das war, nebst einem schmutzigen Käppchen, das kaum ein Haar hervorschauen ließ, alles, was man an der sitzenden Person erkennen konnte. Er hielt sein Haupt dermaßen auf die Brust geneigt, daß man nichts von seinem im Schatten versteckten Gesichte erblicken konnte, außer allein das Ende seiner Nase, auf die ein Lichtstrahl fiel, und die sehr lang sein mußte. Aus der Magerkeit seiner runzeligen Hand schloß man auf einen Greis. Es war Ludwig der Elfte.

In einiger Entfernung hinter ihnen unterhielten sich mit leiser Stimme zwei, nach flamländischem Schnitte gekleidete Männer, welche nicht so sehr im Schatten versteckt waren, daß jemand von denen, welche der Aufführung von Gringoires Schauspiel beigewohnt hatten, in ihnen nicht zwei der vornehmsten flamländischen Gesandten hätte wiederkennen sollen: nämlich Wilhelm Rym, den verschlagenen Pensionair der Stadt Gent, und Jacob Coppenole, den volksthümlichen Strumpfwirker. Man wird sich erinnern, daß diese beiden Männer bei der geheimen Politik Ludwigs des Elften mit im Spiel waren.

Endlich ganz im Hintergrunde des Zimmers, neben der Thüre, stand in der Dunkelheit, bewegungslos wie eine Bildsäule, ein kräftig gebauter Mann mit stämmigen Gliedmaßen im Soldatenharnisch und wappengeschmückten Mantel, dessen vierschrötiges, stirnloses Gesicht mit Augen darin, welche mit den Stirnknochen gleichstanden, mit dem ungeheuern Munde querdurch, und seinen Ohren, die sich unter zwei breiten Wetterdächern von glatten Haaren versteckten, zu gleicher Zeit einem Hunde und einem Tiger ähnelte. Alle waren unbedeckten Hauptes, mit Ausnahme des Königs.

Der Herr, welcher neben dem Könige stand, schien ihm aus einer Art langen Rechnungsberichte vorzulesen, welchen Seine Majestät aufmerksam anzuhören schien. Die beiden Flamländer flüsterten mit einander.

»Kreuz Gottes!« murmelte Coppenole, »ich habe das Stehen satt; giebt es denn keinen Stuhl hier?«

Rym antwortete mit einer verneinenden Geberde, die von einem diskreten Lächeln begleitet war.

»Kreuz Gottes!« begann Coppenole wieder, ganz unglücklich darüber, die Stimme so dämpfen zu müssen, »die Lust wandelt mich an, mich mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde zu setzen, wie ich es als Strumpfwirker in meiner Werkstatt mache.«

»Hütet Euch ja, das zu thun! Meister Jacob.«

»Potz tausend! Meister Wilhelm! hier kann man also nur auf seinen Füßen bleiben!«

»Oder auf den Knien,« antwortete Rym.

In diesem Augenblicke erhob sich die Stimme des Königs. Sie schwiegen.

»Fünfzig Sous für die Kleider unserer Bedienten, und zwölf Livres für die Mäntel der Kanzelisten unserer Krone! Ja! verschwendet das Gold tonnenweise! Seid Ihr toll, Olivier?«

Während er so sprach, hatte der Greis das Haupt erhoben. Man sah an seinem Halse die goldenen Muscheln der Kette des Heiligen Michaelordens glänzen. Die Kerze beleuchtete voll sein fleischloses, grämliches Profil. Er riß das Papier aus den Händen des andern.

»Ihr richtet uns zu Grunde!« schrie er, während er seine tiefliegenden Augen über das Heft schweifen ließ. »Was soll das Alles? Wozu gebrauchen wir einen so verschwenderisch eingerichteten Hofstaat? Zwei Hauskapläne mit einem Gehalte von zehn Livres jeder den Monat, und einen Kapelldiener mit hundert Sous! Einen Kammerdiener mit neunzig Livres jährlich! Vier Küchenmeister mit einhundertzwanzig Livres jeder jährlich! Einen Bratenwender, einen Suppenkoch, einen Saucenbereiter, einen Oberkoch, einen Waffenmeister, zwei Schaffnergehilfen, jeder mit zehn Livres monatlich! Zwei Küchenjungen zu acht Livres! Einen Stallknecht und seine zwei Gehilfen zu vierundzwanzig Livres monatlich! Einen Ausläufer, einen Pastetenbäcker, einen Brotbäcker, zwei Fuhrleute, jeder sechzig Livres jährlich! Und den Hufschmied sechsundzwanzig Livres jährlich! Und den Aufseher unserer Schatzkammer zwölfhundert Livres jährlich! Und den Controleur fünfhundert! … Was weiß ich! Das ist Raserei! Die Gehalte unserer Diener setzen Frankreich der Plünderung aus! Alle Schätze des Louvres werden bei einem solchen Verschwendungsfeuer zusammenschmelzen! Wir werden unser Tafelgeschirr dazu verkaufen müssen! Und, im nächsten Jahre, wenn Gott und Unsere liebe Frau (hier lüftete er seinen Hut) uns Leben verleihen, werden wir unsere Arzneitränke aus einem Zinntopfe trinken müssen!«

Während er so sprach warf er einen Blick auf den silbernen Humpen, welcher auf dem Tische funkelte. Er hustete und fuhr dann fort:

»Meister Olivier, die Fürsten, welche über große Landesherrlichkeiten regieren, wie Könige und Kaiser, sollen die Verschwendung nicht in ihren Haushaltungen Wurzel fassen lassen; denn von da aus verbreitet sich das Feuer durch das Reich … Also, Meister Olivier, laß dir das gesagt sein. Unsere Ausgabe vermehrt sich von Jahr zu Jahr. Die Sache mißfällt uns. Wie, beim allmächtigen Gott! bis zum Jahre 79 hat sie die Summe von sechsunddreißigtausend Livres gar nicht überstiegen; im Jahre 80 hat sie dreiundvierzigtausendsechshundertundneunzehn Livres erreicht … ich habe die Zahl im Kopfe … im Jahre 81 sechsundsechzigtausendsechshundertundachtzig Livres; und in diesem Jahre, auf Ehre meines Leibes! wird sie achtzigtausend Livres erreichen! Verdoppelt in vier Jahren! Ungeheuerlich! …«

Er hielt athemlos inne, dann fuhr er zornig fort:

»Ich sehe nur Leute um mich, die sich an meiner Magerkeit mästen! Ihr saugt mir die Thaler aus allen Poren!«

Alle beobachteten Stillschweigen. Es war einer jener Zornausbrüche, die man vorübergehen läßt. Er fuhr fort:

»So verhält es sich auch mit jener lateinischen Bittschrift der Barone und Lehnsherren von Frankreich, in welcher sie verlangen, daß wir das, was sie die großen Kronwürden nennen, wieder herstellen mögen! Bürden in Wahrheit! Würden welche überbürden! Oh! ihr Herren! ihr behauptet, daß wir kein König wären, weil wir » dapifero nullo, buticulario nullo« 76 regieren! Wir werden es euch zeigen, beim alleinigen Gotte! ob wir kein König sind!«

Hier lächelte er im Gefühle seiner Macht; seine böse Laune besänftigte sich darüber, und er wandte sich an die Flamländer:

»Seht Ihr, Gevatter Wilhelm? Der Oberbrotmeister, der Oberkellermeister, der Oberkämmerer, der Oberseneschall wiegen nicht den geringsten Kammerdiener auf … Behaltet das, Gevatter Coppenole … sie dienen zu nichts.

Wenn sie sich so nutzlos in der Nähe des Königs aufhalten, so kommen sie mir vor, wie die vier Evangelisten, welche das Zifferblatt der großen Uhr des Palastes umgeben, und die Philipp Brille eben wieder aufgefrischt hat. Sie sind vergoldet, aber sie zeigen die Stunde nicht an, und der Zeiger kann sie entbehren.«

Er hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann fuhr er, sein altes Haupt schüttelnd, fort:

»Ho! ho! bei Unserer lieben Frau, ich bin nicht Philipp Brille, und ich will die großen Vasallen nicht wieder vergolden … Fahre fort, Olivier.«

Die Person, welche er mit diesem Namen benannte, nahm das Heft wieder aus seinen Händen und begann wieder mit lauter Stimme zu lesen.

»… An Adam Tenon, Beamten bei der Siegelbewahrung des Obergerichtes von Paris: für Silber, Form und Stechung besagter Siegel, welche neu hergestellt worden sind, deshalb weil die vorher benutzten wegen ihrer Alterthümlichkeit und Abnutzung nicht gehörig mehr dienen konnten – zwölf Livres Pariser Münze.«

»An Wilhelm Frère die Summe von vier Livres vier Sous Pariser Münze für seine Bemühungen und als Löhnung für die Fütterung und Unterhaltung der Tauben in den beiden Taubenschlägen des Parlamentsgerichtsgebäudes während der Monate Januar, Februar und März dieses Jahres; und wofür er sechs Sester Gerste gegeben hat.«

»An einen Franziskanermönch, für die Beichte eines Verbrechers, vier Sous Pariser Münze.«

Der König hörte schweigend zu. Von Zeit zu Zeit hustete er; dann setzte er den Becher an seine Lippen und trank einen Schluck, wobei er das Gesicht verzog.

»In diesem Jahre haben auf Befehl des Gerichtsamtes, an den Straßenecken von Paris, unter Trompetenschall, sechsundfünfzig öffentliche Verkündigungen stattgefunden. Rechnung noch zu berichtigen.«

»Für Aufgraben und Nachsuchen an gewissen Orten sowohl in Paris als anderswo nach Geld, welches, dem Gerücht zufolge, da vergraben sein sollte, wo aber nichts gefunden worden war, fünfundvierzig Livres Pariser Münze.«

»Einen Thaler vergraben, um einen Sou herauszuscharren!« sagte der König.

»Für die Instandsetzung von sechs Fensterfüllungen mit weißem Glas, im Gebäude des Parlamentsgerichtshofes, an der Stelle, wo der eiserne Käfig steht, dreizehn Sous. – Laut Befehl des Königs für Anfertigung und Lieferung des Fensters zu den wilden Thieren, von vier Wappenschilden mit dem Wappen des genannten Herrn, ganz herum mit Rosensimsen eingefaßt, sechs Livres. – Für zwei neue Aermel an das alte Wamms des Königs, zwanzig Sous. – Für eine Büchse Fett, um die Stiefeln des Königs zu schmieren, fünfzehn Heller. – Einen Stall erneuert, um die schwarzen Schweine des Königs unterzubringen, dreißig Livres Pariser Münze. – Mehrere Verschläge, Bretter, Fallthüren angefertigt, um die Löwen bei Saint-Paul einzusperren.«

»Das nenne ich mir Bestien, die sehr kostspielig sind,« sagte Ludwig der Elfte. »Thut nichts; es ist schickliche Prachtliebe eines Königs. Da ist ein großer, rothgelber Löwe, den ich wegen seiner artigen Manieren gern habe … Habt Ihr ihn gesehen, Meister Wilhelm? Fürsten müssen von diesen bewunderungswürdigen Thieren besitzen. Bei uns Königen müssen unsere Hunde Löwen, und unsere Katzen Tiger sein. Das Großartige paßt zu den Kronen. Zur Zeit des Heiden Jupiters, wenn das Volk den Kirchen hundert Ochsen und hundert Schafe darbrachte, gaben die Kaiser hundert Löwen und hundert Adler. Das war wild und sehr schön. Die Könige von Frankreich haben immer solches Gebrüll um ihren Thron gehabt. Nichtsdestoweniger wird man mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich noch weniger Geld darauf verschwendet habe, als sie, und daß ich eine geringer Begierde nach Löwen, Bären, Elephanten und Leoparden besitze … Nur weiter, Olivier. Das wollten wir unsern flamländischen Freunden zu wissen thun.«

Wilhelm Rym verneigte sich tief, während Coppenole mit seiner Miene ganz das Aussehen eines jener Bären hatte, von denen seine Majestät sprach. Der König achtete nicht darauf. Er hatte eben die Lippen aus dem Becher benetzt und spie den Schluck wieder aus, indem er sagte: »Pfui! der unangenehme Trank!« Derjenige, welcher las, fuhr fort:

»Für die Beköstigung eines Landstreichers, welcher seit einem halben Jahre in der Zelle des Schindangers hinter Schloß und Riegel sitzt, bis man weiß, was mit ihm geschehen soll, – sechs Livres vier Sous.«

»Was heißt das?« unterbrach ihn der König; »das ernähren, was man hängen soll! Beim allmächtigen Gott! ich will nicht einen Sou mehr für diese Beköstigung hergeben … Olivier, verständigt Euch über diesen Punkt mit Herrn von Estouteville, und noch heute Abend trefft mir die Zurüstung zur Vermählung des Biedermannes mit einem Galgen … Fahret fort.«

Olivier machte bei dem Posten des »Landstreichers« ein Zeichen mit dem Daumen und ging weiter.

»An Henriet Cousin, den Meister Vollstrecker der peinlichen Urtheile des Criminalgerichtes zu Paris, die Summe von sechzig Sou Pariser Münze, welche ihm vom gestrengen Herrn Oberrichter von Paris ausgesetzt und zugesprochen worden ist, auf Verordnung genannten Herrn Oberrichters für Ankauf eines großen, breiten Richtschwertes, das dazu dient, die Personen, welche nach Urtheil und Recht für ihre Vergehen verurtheilt sind, hinzurichten und zu enthaupten; ingleichen für Beschaffung eines Futterales und alles dessen, was dazu gehört; desgleichen für Instandsetzung und Herrichtung des alten Richtschwertes, welches bei der Urteilsvollstreckung des Herrn Ludwig von Luxemburg zerbrochen und schartig geworden war, wie mehr als sattsam ersehen werden kann …«

Der König unterbrach ihn. »Genug; ich bewillige die Summe von ganzem Herzen. Das sind Ausgaben, wo ich nicht darauf sehe. Dergleichen Geld hat mich niemals gereuet … Fahret fort.«

»Für Herstellung eines neuen, großen Käfigs …«

»Ah!« sagte der König, indem er mit seinen beiden Händen die Armlehnen seines Stuhles angriff, »ich wußte ja doch, daß ich in irgend einer Angelegenheit in diese Bastille gekommen war … Wartet, Meister Olivier. Ich will den Käfig selbst in Augenschein nehmen. Ihr könnt mir die Kosten vorlesen, während ich ihn untersuchen will … Meine Herren Flamländer, kommt und sehet das an; es ist merkwürdig.«

Er erhob sich jetzt, stützte sich auf den Arm seines Vorlesers, gab dem anscheinend Stummen, welcher vor der Thür stand, ein Zeichen voranzugehen, den beiden Flamländern ein solches, ihm zu folgen, und schritt aus dem Zimmer hinaus. Die Begleitung des Königs ergänzte sich an der Thür des Gemaches mit bewaffneten, in Eisen starrenden Männern und kleinen Pagen, welche Wachsfackeln trugen. Sie schritt eine Zeit lang im Innern des düstern Zwingthurmes dahin, der von Treppen und Corridoren bis in die Mauerndicke durchbrochen war. Der Hauptmann der Bastille ging an der Spitze und ließ die Thüren vor dem alten kranken und gebückt hinschreitenden Könige öffnen, der beim Gehen hustete.

Bei jeder Pforte mußten alle Köpfe sich neigen, mit Ausnahme desjenigen des vom Alter gebeugten Greises. »Hm!« murmelte er zwischen seinen Kinnladen, denn er hatte keine Zähne mehr, »wir sind schon völlig bereit für die Pforte des Grabes – nahe an der niedrigen Pforte, die man nur gebückt überschreitet.«

Endlich, nachdem man durch eine letzte Thür geschritten war, die so mit Schlössern verrammelt, daß man eine Viertelstunde gebrauchte, um sie zu öffnen, traten sie in einen hohen und weiten, gothisch gewölbten Saal ein, in dessen Mitte man beim Scheine der Fackeln einen großen massiven Würfel aus Mauerwerk, Eisen und Holz erkannte. Das Innere war hohl. Es war einer dieser berüchtigten Käfige für Staatsgefangene, welche man »die Töchterchen des Königs« nannte. In den Seitenwänden befanden sich zwei oder drei kleine Fenster, die so reich mit dicken Eisenbalken vergittert waren, daß man das Glas derselben nicht sah. Die Thür war eine große flache Steinplatte, wie auf Gräbern, – eine von den Pforten, die allein zum Eintritte dienen. Nur war hier der Todte ein lebendes Wesen. Der König fing an, langsam um das kleine Bauwerk herumzuschreiten, wobei er es sorgfältig untersuchte während daß Meister Olivier, der ihm folgte, ganz laut den Rechnungsbericht herlas:

»Für Herstellung eines neuen großen Käfigs aus Holz von dicken Balken, Blöcken und Schwellen, im Durchmesser von neun Fuß in der Länge zu acht in der Breite, und sieben Fuß in der Höhe zwischen beiden Böden, geglättet und ausgeschlagen mit dicken Eisenplatten, welcher Käfig in einem Gemache aufgestellt worden ist, welches in einem der Basteithürme von Saint-Antoine sich befindet und in welchen Käfig auf Befehl des Königs, unseres gnädigen Herrn, ein Gefangner geworfen ist und festgehalten wird, welcher vor diesem einen alten, baufälligen und morschen Käfig bewohnte. – Sind zu diesem neuen Käfige sechsundneunzig Schichtbalken und zweiundfünfzig aufrecht stehende Balken, zehn Schwellen von drei Klaftern Länge verbraucht worden; und sind neunzehn Zimmerleute zwanzig Tage lang beschäftigt gewesen, um all das genannte Holzwerk im Basteihofe zu behauen, auszuarbeiten und zuzuschneiden …«

»Ziemlich schönes eichenes Kernholz,« sagte der König, während er mit der Faust an das Gebälk klopfte.

»… In diesem Käfig,« fuhr der andere fort, »sind hineingegangen: zweihundertundzwanzig dicke Eisenplatten von neun und von acht Fuß, der Rest von durchschnittlicher Länge, mit den, zu genannten Platten dienenden Reifen, Krispen und Strebebändern; das ganze genannte Eisen im Gewichte von dreitausendsiebenhundertundfünfunddreißig Pfund; außerdem acht große Haspen von Eisen, die dazu dienen, den besagten Käfig festzumachen, nebst Krampen und Nägeln, zusammen zweihundertachtzehn Pfund Eisen schwer, nicht mitgerechnet das Eisen zu den Fenstergittern in dem Gemache, wo der Käfig aufgestellt worden ist, die Eisenstäbe an der Thür des Gemaches und andere Dinge …«

»Das ist ja sehr viel Eisen,« sagte der König, »um die Flüchtigkeit eines Geistes im Zaum zu halten!«

»… Das Ganze kommt auf dreihundertsiebzehn Livres fünf Sous und sieben Heller zu stehen.«

»Beim allmächtigen Gotte!« rief der König aus.

Bei diesem Schwure, der der Lieblingsschwur Ludwigs des Elften war, schien es, als ob jemand im Innern des Käfigs erwachte; man hörte Ketten, welche auf dessen Boden mit Gerassel hinschleiften, und es erhob sich eine schwache Stimme, welche aus dem Grabe herauszudringen schien: »Sire! Sire! Gnade!« Man konnte denjenigen nicht sehen, der so sprach.

»Dreihundertsiebzehn Livres fünf Sous sieben Heller!« wiederholte Ludwig der Elfte.

Die klägliche Stimme, welche aus dem Käfig erklungen war, hatte alle Umstehenden starr gemacht, selbst den Meister Olivier. Der König allein zeigte eine Miene, als ob er sie nicht gehört hätte. Auf seinen Befehl begann Olivier wieder seine Vorlesung, und Seine Majestät setzte kaltblütig die Besichtigung des Käfigs fort.

»… Außer diesem ist an einen Maurer, welcher die Löcher zum Einsetzen des Gitterwerkes der Fenster, und den Fußboden des Gemaches, wo der Käfig sich befindet, gemacht hat, weil der Fußboden diesen Käfig wegen seiner Schwere nicht hätte tragen können, siebenundzwanzig Livres vierzehn Sous Pariser Münze gezahlt worden …«

Die Stimme begann wieder zu ächzen. »Gnade! Sire! Ich schwöre Euch, es ist der Herr Cardinal von Angers, welcher die Verrätherei begangen hat, und nicht ich.«

»Der Maurer ist unverschämt!« sagte der König. »Fahre fort, Olivier.« Und Olivier fuhr fort:

»An einen Tischler für Fenster, Bettstellen, einen durchlöcherten Sessel und andere Dinge, zwanzig Livres zwei Sous Pariser Geld …«

Die Stimme fuhr gleichfalls fort:

»Ach! Sire! Wollt Ihr mich nicht erhören? Ich betheuere Euch, daß ich es nicht war, der die Sache dem Herzoge von Guyenne geschrieben hat, sondern der Herr Cardinal Balue!«

»Der Tischler ist theuer,« bemerkte der König …« »Ist das alles?«

»Nein, Sire … An einen Glaser für die Fenster des genannten Gemaches, sechsundvierzig Sous acht Heller Pariser Münze.«

»Habt Erbarmen, Sire! Ist es denn nicht genug, daß man alle meine Güter meinen Richtern, mein Tafelgeräth dem Herrn von Torcy, meine Bibliothek dem Meister Pierre Doriolle, meine Teppiche dem Gouverneur von Roussillon gegeben hat? Ich bin unschuldig. Es sind nun vierzehn Jahre, daß ich in einem eisernen Käfige zittere. Habt Erbarmen, Sire! Ihr werdet es im Himmel wiederfinden.«

»Meister Olivier,« sagte der König, »die ganze Summe?«

»– Dreihundertsiebenundsechzig Livres acht Sous drei Heller Pariser Münze.«

»Bei Unserer lieben Frau!« rief der König. »Das ist ein schändlicher Käfig!«

Er riß das Heft aus den Händen Meister Oliviers und begann selbst an seinen Fingern nachzurechnen, wobei er abwechselnd das Papier und den Käfig prüfte. Während dem hörte man den Gefangenen schluchzen. Das war entsetzlich in der Kerkernacht und die Gesichter sahen sich erblassend einander an.

»Vierzehn Jahre, Sire! Vierzehn Jahre sind es! seit dem Monat April 1469. Im Namen der heiligen Mutter Gottes, Sire, hört mich an! Ihr habt Euch diese ganze Zeit hindurch an der Wärme der Sonne erfreut. Ich Elender, soll ich denn niemals wieder das Tageslicht erblicken? Gnade, Sire! Seid barmherzig. Die Milde ist eine schöne Tugend des Königs, welche die Ausbrüche des Zornes aufhält. Glaubt Eure Majestät, daß es in der Stunde des Todes eine große Befriedigung für einen König ist, keine Beleidigung ungestraft gelassen zu haben? Uebrigens, Sire, habe ich Eure Majestät gar nicht verrathen; das hat der Herr von Angers gethan. Und ich trage am Fuße eine sehr schwere Kette und eine große eiserne Kugel daran, viel schwerer als es billig ist. Wohlan! Sire! habt Erbarmen mit mir!«

»Olivier,« sagte der König, wobei er den Kopf mißbilligend schüttelte, »ich bemerke, daß man mir das Mudfaß Gyps mit zwanzig Sous anrechnet, während es doch nur zwölfe kostet. Ihr werdet diese Rechnung berichtigen.«

Er kehrte dem Käfig den Rücken zu, und schickte sich an, das Gemach zu verlassen. Der unglückliche Gefangene vermuthete bei der Entfernung der Fackellichter und des Geräusches, daß der König davonginge.

»Sire! Sire!« schrie er voll Verzweiflung. Die Thür schloß sich wieder. Er sah nichts mehr und hörte nur noch die rauhe Stimme des Schließers, welcher ihm das Lied in die Ohren sang:

Meister Jean Balue
Bisthum und Macht
Schwanden Euch dahin!
Herr von Verdun
Habt’s auch nicht gedacht –
Schlagt’s Euch aus dein Sinn!

Der König stieg schweigend wieder nach seinem einsamen Zimmer hinauf, und seine Begleitung folgte ihm, entsetzt von dem letzten Wimmern des Gefangenen. Plötzlich wandte sich Seine Majestät zum Hauptmann der Bastille um.

»Wie ist mir denn,« sagte sie, »war nicht jemand in jenem Käfige?«

»Bei Gott, Sire!« antwortete der Hauptmann, über diese Frage aufs höchste erstaunt.

»Und wer denn?«

»Der Herr Bischof von Verdun.«

Der König wußte das besser, als irgend jemand. Aber es war das eine fixe Idee von ihm.

»Ah!« sagte er mit unbefangener Miene, als ob er zum ersten Male daran dächte, »Wilhelm von Harancourt, der Freund des Herrn Cardinals Balue. Ein munterer Kerl von Bischof!«

Nach Verlauf einiger Augenblicke hatte sich die Thür des Geheimzimmers wieder geöffnet, dann wieder hinter den fünf Personen geschlossen, welche der Leser im Anfange dieses Kapitels dort gesehen hat, und welche hier ihre Plätze und Stellungen wieder eingenommen und ihre Unterhaltungen mit leiser Stimme wieder begonnen hatten.

Während der Abwesenheit des Königs hatte man auf seinem Tische einige Depeschen niedergelegt, deren Siegel er selbst erbrach. Dann fing er an, sie geschwind eine nach der andern durchzulesen, gab dem »Meister Olivier«, welcher bei ihm das Amt eines Ministers zu bekleiden schien, ein Zeichen, eine Feder zu nehmen, und begann, ohne ihm den Inhalt der Depeschen mitzutheilen, ihm mit leiser Stimme die Antworten darauf zu dictiren, die dieser, in ziemlich unbequemer Stellung vor dem Tische kniend, niederschrieb.

Wilhelm Rym spielte den Beobachter.

Der König sprach so leise, daß die Flamländer von seinem Dictate nichts vernahmen, als hier und da einige abgerissene und kaum verständliche Fetzen, z. B.:

»… Die ergiebigen Plätze durch den Handel, die unergiebigen durch Fabriken zu heben … – den Herren aus England unsere vier Bombarden: London, Brabant, Bourg-en-Bresse, Saint-Omer zeigen … Die Artillerie ist die Ursache, daß der Krieg jetzt besonnener geführt wird … – An Herrn von Bressuire, unsern Freund … – Die Heere werden nicht ohne Steuern unterhalten … u. s. w.«

Einmal erhob er seine Stimme:

»Beim allmächtigen Gotte! Der Herr König von Sicilien siegelt seine Briefe mit gelbem Wachse, wie ein König von Frankreich. Wir thun vielleicht Unrecht daran, es ihm zu gestatten. Mein schöner Cousin von Burgund verlieh kein Wappen auf rothem Felde. Die Macht der Häuser wird durch die Unverletzlichkeit der Vorrechte festgestellt. Schreibt das auf, Gevatter Olivier.«

Ein zweites Mal sagte er:

»Oh! oh! eine dicke Botschaft! Was fordert unser Bruder, der Kaiser, von uns?«

Und während er das Sendschreiben mit den Augen durchlief, unterbrach er seine Lecture mit Ausrufungen: »Wahrlich! die Deutschen sind so stark und mächtig, daß es kaum zu glauben ist … Aber wir wollen das alte Sprichwort nicht vergessen: die schönste Grafschaft ist Flandern; das schönste Herzogthum ist Mailand; das schönste Königreich ist Frankreich … Nicht wahr, meine Herrn Flamländer?«

Dieses Mal verneigte sich Coppenole mit Wilhelm Rym. Der Patriotismus des Strumpfwirkers war geschmeichelt. Eine letzte Depesche verursachte Ludwig dem Elften ein Runzeln der Augenbrauen.

»Was ist das?« rief er aus. »Klagen und Beschwerdeschriften über unsere Besatzungstruppen in der Picardie! Olivier, schreibt eilends an den Herrn Marschall von Roualt … daß die Mannszucht nachläßt … daß die abcommandirte Reiterei, die Adligen vom Bann, die Freischützen, die Schweizer den Landleuten zahllose Uebel verursachen … daß der Kriegsmann, nicht zufrieden mit den Vortheilen, die er im Hause der Bauern findet, sie mit schweren Stock- und Hellebardenschlägen zwingt, in der Stadt Wein, Fisch, Spezereiwaaren und andere überflüssige Dinge zu holen … daß der Herr König das in Erfahrung gebracht hat … daß wir unser Volk vor Benachtheiligungen, Räubereien und Plünderungen bewahrt wissen wollen … daß dies unser Wille ist, bei Unserer lieben Frau! … daß es uns außerdem nicht gefällt, daß irgend ein Musikant, Barbier oder Kriegsknecht wie ein Fürst in Sammet, Seidenstoff und mit goldenen Ringen an den Fingern einherstolzirt … daß diese Eitelkeiten Gott verhaßt sind … daß wir, der wir ein Edelmann sind, uns mit einem Tuchwammse, die Pariser Elle zu sechzehn Sous, begnügen … daß auch sie, die Herren Troßbuben, sich recht wohl soweit demüthigen können … Entbietet und verfügt das … An Herrn von Roualt, unsern Freund … Punktum.«

Er dictirte diesen Brief mit lauter Stimme, mit einem festen Tone, und ruckweise. Im Augenblicke, wo er zu Ende war, öffnete sich die Thür und ließ eine neue Person herein, die sich ganz athemlos und mit dem Rufe ins Zimmer stürzte:

»Sire! Sire! es findet ein Volksaufstand in Paris statt!«

Das ernste Gesicht Ludwigs des Elften zog sich zusammen; aber das, was sichtbar in seiner Erregung war, flog wie ein Blitz vorüber. Er mäßigte sich und sagte mit ruhigem Ernste:

»Gevatter Jacob, Ihr tretet sehr ungestüm herein.«

»Sire! Sire! es ist ein Aufruhr!« wiederholte der Gevatter Jacob ganz außer sich.

Der König, welcher sich erhoben hatte, ergriff ihn heftig am Arme und sagte ihm so, daß es nur von ihm allein gehört wurde, mit gesteigertem Zorne und einem Seitenblicke auf die Flamländer: »Schweig! oder sprich leise.«

Der Neuangekommene begriff und fing an, ihm ganz leise einen sehr erregten Bericht abzustatten, den der König mit Ruhe anhörte, während dem Wilhelm Rym seinem Genossen Coppenole auf das Gesicht und Gewand des Neuangekommenen, seine pelzverbrämte Kapuze ( caputia fourrata), seinen kurzen Beamtenmantel ( epitogia curta), sein schwarzes Sammetgewand aufmerksam machte, welches einen Präsidenten des Rechnungshofes ankündete. Kaum hatte diese Person dem Könige einige Auseinandersetzungen gegeben, als Ludwig der Elfte in ein Gelächter ausbrach und rief:

»In Wahrheit! sprecht nur ganz laut, Gevatter Coictier! Was braucht Ihr so leise zu reden? Unsere liebe Frau weiß, daß wir keine Heimlichkeiten vor unsern guten Freunden aus Flandern haben.«

»Aber, Sire …«

»Sprecht ganz laut!«

Der Gevatter Coictier blieb stumm vor Ueberraschung.

»Also,« wiederholte der König … »sprecht, Herr … in unserer guten Stadt Paris findet eine Bürgerbewegung statt?«

»Ja, Sire.«

»Und welche, sagt Ihr, gegen den Herrn Vogt des Justizpalastes gerichtet ist?«

»Es hat den Anschein,« sagte »der Gevatter«, der noch stotterte und über den plötzlichen und unerklärlichen Wechsel, der in den Gedanken des Königs eben vorgegangen war, ganz verdutzt war.

Ludwig der Elfte nahm wieder das Wort:

»Wo ist die Nachtwache dem Haufen begegnet?«

»Auf dem Wege von dem großen Bettlerquartiere bis zur Wechslerbrücke. Ich selbst bin ihnen begegnet, wie ich hierher ging, um den Befehlen Euerer Majestät zu gehorchen. Ich habe einige von ihnen schreien gehört: Nieder mit dem Vogte des Palastes!«

»Und was für Beschwerden haben sie gegen den Vogt?«

»Oh!« sagte der Gevatter Jacob, »weil er ihr Lehnsherr ist.«

»Wahrhaftig!«

»Ja! Sire. Es sind Lumpen vom Wunderhofe. Sehet, sie beklagen sich schon lange über den Vogt, dessen Lehnsleute sie sind. Sie wollen ihn weder als Gerichtspfleger noch als Wegeherrn anerkennen.«

»Jawohl!« versetzte der König mit einem Lächeln der Genugthuung, welches er sich vergebens bemühte zu verbergen.

»In allen ihren Bittschriften beim Parlament,« fuhr der Gevatter Jacob fort, »behaupten sie nur zwei Herren zu haben: Euere Majestät und ihren Gott, welches, glaube ich, der Teufel ist.«

»Ei! ei!« sagte der König.

Er rieb sich die Hände und lachte, mit jenem innerlichen Lachen, welches aus dem Gesichte wiederstrahlt; er konnte seine Freude nicht verhehlen, obgleich er einige Augenblicke versuchte, eine gleichgültige Miene anzunehmen. Niemand wurde daraus klug, selbst Meister Olivier nicht. Er verharrte einen Augenblick in Schweigen, mit einer nachdenklichen, aber zufriedenen Miene.

»Sind sie in großer Zahl?« fragte er plötzlich.

»Ja, gewiß, Sire,« antwortete der Gevatter Jacob.

»Wieviele?«

»Wenigstens sechstausend.«

Der König konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Gut!« Er fuhr fort:

»Sind sie bewaffnet?«

»Mit Sensen, Piken, Hakenbüchsen, Karsten, mit aller Art gewaltigen Waffen.«

Der König schien keineswegs von dieser Herzählung beunruhigt zu sein. Der Gevatter Jacob glaubte hinzufügen zu müssen:

»Wenn Euere Majestät dem Vogte nicht schleunig Hilfe schickt, ist er verloren.«

»Wir werden welche schicken,« sagte der König mit einer erzwungen ernsten Miene. »Es ist gut. Sicherlich werden wir welche schicken. Der Herr Vogt ist unser Freund. Sechstausend! Das sind verwegene Schelme. Die Dreistigkeit ist verwunderlich, und wir sind darüber sehr heftig erzürnt. Aber wir haben wenig Leute um uns in dieser Nacht … Es wird morgen früh noch Zeit sein.«

Der Gevatter Jacob rief:

»Sofort, Sire! Das Amtshaus wird zwanzig Mal in der Zeit geplündert, das Herrenhaus erstürmt, der Vogt gehangen sein. Um Gottes willen, Sire! schickt vor morgen früh Hilfe.«

Der König sah ihm ins Gesicht.

»Ich habe Euch gesagt morgen früh.«

Es war einer von jenen Blicken, auf welche es keine Widerrede giebt.

Nach einer Pause erhob Ludwig der Elfte von neuem die Stimme:

»Mein Gevatter Jacob, Ihr müßt das wissen. Welches war …« Er begann noch einmal: »Welches ist der Lehnsgerichtssprengel des Vogtes?«

»Sire, der Vogt des Palastes hat die Rue de la Calandre bis zur Rue de l’Herberie, den Sankt-Michaelsplatz und die Gegenden der Stadt, welche gemeinhin »An den Mauern« genannt werden, dicht neben der Kirche Notre-Dame-des-Champs (hier lüftete Ludwig der Elfte den Rand seines Hutes), welche Hôtels zur Zahl Dreizehn gehören; ferner den Wunderhof, dann das Siechenhaus, das Weichbild genannt, dann die ganze Dammstraße, welche bei diesem Siechenhause beginnt und an der Pforte Saint-Jacques endigt. Ueber diese verschiednen Oertlichkeiten hat er die Straßenpolizei, hohe, mittlere und niedrige Gerechtigkeitspflege, ist unumschränkter Herr.«

»Potztausend!« sagte der König, indem er sich mit der rechten Hand hinter dem linken Ohre kratzte, »das macht ein gutes Ende von meiner Stadt aus! Oh! der Herr Vogt war König über alles das!«

Dieses Mal verbesserte er sich nicht. Er fuhr in Nachdenken versunken, und als ob er mit sich selbst spräche, fort: »Recht schön, Herr Vogt, Ihr hattet da ein artiges Stück von unserem Paris zwischen den Zähnen.«

Plötzlich brach er los: »Beim allmächtigen Gott! wer in aller Welt sind diese Leute, die sich anmaßen, Wegeherren, Gerichtsherren, Lehnsherren und Herren in unserem Reiche zu sein? Die ihr Zollhaus an jeder Feldecke besitzen; ihr Gericht und ihren Henker an jeder Straßenecke unter meinem Volke haben? so daß, wie der Grieche an so viele Götter glaubte, als er Quellen hatte, und der Perser an so viele, als er Sterne sah, – daß, sage ich, der Franzose sich so viele Könige herzählt, als er, bei Gott! Galgen sieht! Das ist ein übel Ding, und die Verwirrung dabei mißfällt mir. Ich möchte wohl wissen, ob es der Gefallen Gottes ist, daß es in Paris einen andern Wegeherren, als den König, ein anderes Gericht, als das Parlament, einen andern Herrscher, als uns in diesem Reiche giebt! Beim Glauben an meine Seele! Es wird doch der Tag kommen müssen, wo es in Frankreich nur einen König, nur einen Herren, nur einen Richter, nur einen Scharfrichter geben wird, wie es im Paradiese nur einen Gott giebt!«

Er lüftete noch einmal seine Mütze und fuhr, immer noch in Gedanken versunken, mit der Miene und dem Tone eines Jägers fort, der seine Meute hetzt und losläßt: »Gut! mein Volk! Tapfer! zerreiße diese falschen Herren! Thu deine Arbeit! Frisch! munter! Plündere sie, hänge sie, raube sie aus! … Ah! Ihr wollt Könige sein, ihr gnädigen Herren! Drauf! mein Volk! Drauf!«

Hier unterbrach er sich plötzlich, biß sich in die Lippen, als ob er seinen halb entwischten Gedanken wieder fangen wollte, heftete sein durchdringendes Auge abwechselnd auf jede der fünf Personen, welche ihn umgaben, und faßte plötzlich seinen Hut mit beiden Händen, und während er ihn von vorn anblickte, sagte er zu ihm: »Oh! ich würde dich verbrennen, wenn du wüßtest, was sich in meinem Kopfe befindet.«

Dann, während er von neuem den aufmerksamen und unruhigen Blick des Fuchses, der schleichend in seinen Bau zurückkehrt, um sich schweifen ließ, sagte er:

»Es thut nichts! wir wollen dem Herrn Vogt zu Hilfe kommen. Zum Unglück haben wir nur wenige Truppen hier in diesem Augenblicke gegen so viel Volk. Man muß bis morgen warten. Man wird die Ordnung wieder in der Stadt herstellen und frisch jeden hängen, der ergriffen werden wird.«

»Da fällt mir ein, Sire!« sagte der Gevatter Coictier, »ich habe das in der ersten Verwirrung vergessen, – die Wache hat zwei Nachzügler von der Bande ergriffen. Wenn Euere Majestät diese Menschen sehen will, sie sind da.«

»Ob ich sie sehen will!« rief der König. »Wie! beim allmächtigen Gott! Du vergißt so etwas! … Lauf schnell, du, Olivier! hole sie!«

Meister Olivier ging hinaus und kehrte einen Augenblick nachher mit den zwei Gefangenen, welche von Bogenschützen der Leibwache umringt waren, zurück. Der Erste hatte ein dickes, dummes Gesicht, auf welchem Trunkenheit und Staunen sichtbar waren. Er war in Lumpen gehüllt und ging mit gekrümmten Knien und schleppenden Füßen einher. Der Zweite war eine bleiche und lächelnde Erscheinung, welche der Leser bereits kennt.

Der König betrachtete sie einen Augenblick, ohne ein Wort zu sagen; dann wandte er sich plötzlich an den Ersten:

»Wie heißt du?«

»Gieffroy Pincebourde.«

»Dein Gewerbe?«

»Bettler.«

»Was wolltest du bei diesem verdammlichen Aufstande beginnen?«

Der Vagabund betrachtete den König, wobei er mit stumpfsinniger Miene seine Arme hin- und herschlenkerte. Er war einer von jenen übel gebildeten Köpfen, bei denen der Verstand ohngefähr ebenso gut dran ist, wie das Licht unter einem Lichtlöscher.

»Ich weiß nicht,« sagte er. »Man ging, ich ging mit.«

»Wolltet ihr nicht schmählicher Weise Euern Herrn, den Vogt des Palastes angreifen und ausplündern?«

»Ich weiß, daß man bei jemandem etwas nehmen wollte. Das ist alles.«

Ein Soldat zeigte dem Könige eine Hippe, welche man bei dem Bettler gefunden hatte.

»Erkennst du diese Waffe wieder?« fragte der König.

»Ja, es ist meine Hippe; ich bin Winzer.«

»Und erkennst du diesen Menschen als deinen Gefährten an?« fragte Ludwig der Elfte weiter, während er auf den andern Gefangenen hinwies.

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Es ist genug,« sagte der König. Darauf gab er der stummen Person, die bewegungslos an der Thür stand und auf welche wir den Leser schon aufmerksam gemacht haben, ein Zeichen mit dem Finger. »Gevatter Tristan, das ist ein Mann für Euch.«

Tristan l’Hermite verneigte sich. Er gab mit leiser Stimme zwei Bogenschützen einen Befehl, welche den armen Landstreicher hinausführten.

Während dem hatte sich der König dem zweiten Gefangenen genähert, welcher vor Angst große Tropfen schwitzte.

»Dein Name?«

»Sire, Peter Gringoire.«

»Dein Gewerbe?«

»Philosoph, Sire!«

»Wie unterstehst du dich, Schurke, unsern Freund, den Herrn Vogt des Palastes anzugreifen, und was hast du über diesen Volksaufstand mitzutheilen?«

»Sire, ich war nicht dabei.«

»Wohlan! liederlicher Schurke, bist du nicht von der Nachtwache in dieser schlechten Gesellschaft ertappt worden?«

»Nein, Sire; es ist ein Mißverständnis. Es ist ein unglücklicher Zufall. Ich mache Trauerspiele. Sire, ich bitte Euere Majestät flehentlich, mich anzuhören. Ich bin Dichter. Es ist die schwermüthige Gewohnheit von Leuten meines Berufes, Nachts durch die Straßen zu wandern. Ich ging heute Abend da durch. Es ist bloßer Zufall. Man hat mich ungerechter Weise festgenommen; ich bin unschuldig an diesem Bürgeraufruhre. Euere Majestät sieht, daß mich der Gauner nicht als seines Gleichen erkannt hat. Ich beschwöre Euere Majestät …«

»Schweige!« sagte der König zwischen zwei Schlucken seines Arzneitrankes. »Du zersprengst uns den Kopf.«

Tristan l’Hermite trat vor, und mit dem Finger auf Gringoire zeigend, sagte er:

»Sire, kann man diesen da auch hängen?«

Es war das erste Wort, welches er vorbrachte.

»Bah!« antwortete der König nachlässig, »ich sehe dabei keine Nachtheile.«

»Ich für meine Person sehe viele dabei!« sagte Gringoire.

Unser Philosoph war in diesem Augenblicke grüner, als eine Olive. Er sah an der kalten und gleichgültigen Miene des Königs, daß Rettung nur noch in etwas sehr Rührendem zu finden war, und er stürzte sich zu den Füßen Ludwigs des Elften, indem er mit verzweifeltem Geberdenspiele ausrief:

»Sire! Euere Majestät wird geruhen, mich anzuhören. Sire! brechet nicht in ein Unwetter über etwas so Weniges, als ich bin, los. Der mächtige Blitzstrahl Gottes schlägt in keine Salatstaude. Sire! Ihr seid ein erhabener, überaus mächtiger Monarch: habt Mitleid mit einem armen, ehrlichen Manne, welcher unfähiger sein würde, einen Aufstand anzuschüren, als ein Eiszapfen vermag, einen Funken von sich zu geben! Allergnädigster, mächtigster Herr, die Milde ist eine Löwen- und eine Königstugend. Ach! die Härte erbittert nur die Gemüther; die heftigen Stöße des Nordwindes können den Wanderer nicht veranlassen, seinen Mantel im Stiche zu lassen; die Sonne, welche nach und nach ihre Strahlen herabsendet, erhitzt ihn dermaßen, daß sie ihn zwingt, sich bis aufs Hemde zu entkleiden. Sire! Ihr seid die Sonne. Ich betheuere es, Euch, mein unumschränkter Herr und König, ich bin kein verwilderter Bettler- und Räubergenosse. Der Aufruhr und die Räubereien gehören nicht zum Zubehöre Apollos. Ich werde mich am wenigsten in diese Schwärme stürzen, die in Aufruhrlärm losbrechen. Ich bin ein treuer Diener Euerer Majestät. Dieselbe Eifersucht, welche der Ehemann für die Ehre seines Weibes besitzt, das Gefühl, welches der Sohn für die Liebe des Vaters hegt, ein guter Diener muß sie für den Ruhm seines Königs besitzen; er muß für den Eifer um sein Haus, für die Ausbreitung seines Dienstes sich aufopfern. Jede andere Leidenschaft, welche ihn hinreißen würde, könnte nur Wahnwitz sein. Das, Sire, sind meine Staatsgrundsätze. Demnach haltet mich nicht für einen Meuterer und Plünderer wegen meines, an den Aermeln abgenutzten Kleides. Wenn Ihr, Sire, mir Gnade erweiset, will ich es durch Gebete bei Nacht und Tag für Euch zu Gott auch an den Knien abnutzen. Leider bin ich nicht übermäßig reich, es ist wahr. Ich bin sogar ein wenig arm; aber deshalb nicht lasterhaft. Meine Schuld ist das nicht. Jedermann weiß, daß die großen Reichthümer nicht von den schönen Wissenschaften herrühren, und daß die, welche sich auf gute Bücher am besten verstehen, nicht immer ein tüchtiges Ofenfeuer im Winter haben. Der Advocatenstand allein nimmt alles Korn für sich und läßt den übrigen gelehrten Gewerben das Stroh übrig. Es giebt vierzig sehr treffliche Sprichwörter über den durchlöcherten Mantel der Philosophen. Ach, Sire! die Milde ist das einzige Licht, welches das Innere einer großen Seele erleuchten kann. Die Milde trägt allen andern Tugenden die Fackel voran. Ohne sie sind sie Blinde, welche Gott im Finstern tappend suchen. Die Barmherzigkeit, welche dasselbe wie die Milde ist, erzeugt die Liebe der Unterthanen, welche für die Person, des Fürsten die mächtigste Wache bildet. Was macht das für Euch aus, für Euere Majestät, deren Antlitz hoch erhaben ist, ob ein armer Mensch mehr auf der Erde ist, ein armer unschuldiger Philosoph, welcher mit leerem Geldbeutel, der an seinem hohlen Bauche klappert, in der Finsternis des Unglückes im Schlamme herumknetet. Uebrigens, Sire, bin ich ein Gelehrter. Die großen Könige setzen sich eine Perle in ihre Krone, wenn sie die Wissenschaften beschützen. Herkules verschmähte nicht den Titel des Musagetes. 77 Mathias Corvinus begünstigte den Johann von Monroyal, die Zierde der Mathematiker. Aber das ist eine schlimme Art die Wissenschaften zu beschützen, wenn man die Gelehrten hängt. Welcher Schandfleck für Alexander, wenn er hätte den Aristoteles hängen lassen! Ein solcher Zug würde kein kleines Fleckchen auf dem Antlitze seines Ruhmes sein, um es zu verschönern, sondern vielmehr ein böses Geschwür, um es zu entstellen. Sire! ich habe ein sehr zweckmäßiges Hochzeitsgedicht auf das Fräulein von Flandern und den erhabensten Herrn Dauphin gemacht. Das ist doch nicht die Sache eines Rädelsführers des Aufruhres. Euere Majestät sieht, daß ich kein verkommenes Genie bin, daß ich vortreffliche Studien gemacht habe, und daß ich viel natürliche Beredsamkeit besitze. Uebet Gnade an mir, Sire. Wenn Ihr das thut, werdet Ihr Unserer lieben Frau eine brave Handlung erweisen, und ich schwöre Euch, daß ich über die Vorstellung, gehangen zu werden, sehr in Schrecken gerathen bin!«

Bei diesen Worten küßte der untröstliche Gringoire die Pantoffeln des Königs, und Wilhelm Rym sagte ganz leise zu Coppenole: »Er thut wohl daran, auf der Erde zu kriechen. Den Königen geht es wie dem Jupiter von Creta; sie haben nur an den Füßen Ohren.« Aber ohne sich mit Jupiter von Creta zu befassen, antwortete der Strumpfwirker mit einem plumpen Lächeln, das Auge auf Gringoire gerichtet: »Oh, wie hübsch das ist! Ich glaube den Kanzler Hugonet zu hören, wie er mich um Gnade bat.« Als Gringoire endlich, ganz außer Athem anhielt, erhob er zitternd sein Haupt nach dem Könige, der mit den Nägeln einen Schmutzfleck wegkratzte, den seine Beinkleider am Knie hatten; dann fing Seine Majestät an, aus dem Becher Arzneitrank zu trinken. Uebrigens sprach sie kein Wort, und dieses Schweigen marterte Gringoire. Der König sah ihn endlich an: »Das ist ein schrecklicher Schreihals!« sagte er. Dann wandte er sich nach Tristan l’Hermite hin. »Bah! laßt ihn laufen!«

Gringoire fiel, vor Freude ganz erschrocken auf den Hintern.

»In Freiheit!« brummte Tristan. »Euere Majestät wünscht nicht, daß man ihn ein wenig im Käfige einsperre?«

»Gevatter,« versetzte Ludwig der Elfte, »glaubst du, daß wir etwa für solche Vögel Käfige bauen lassen, welche dreihundertsiebenundsechzig Livres acht Sou und drei Heller kosten? Laßt mir den liederlichen Schuft sofort los (Ludwig der Elfte liebte dieses Wort, welches mit »beim allmächtigen Gotte« den Hintergrund seiner Fröhlichkeit bildete) und werft ihn mit ein paar Rippenstößen hinaus.«

»Ach!« rief Gringoire, »was ist das für ein großer König!«

Und aus Furcht vor einem Gegenbefehle stürzte er nach der Thüre hin, welche Tristan ihm mit ziemlich schlechtem Danke wieder öffnete. Die Soldaten gingen mit ihm hinaus, während sie ihn mit mächtigen Faustschlägen vor sich her trieben, was Gringoire als wahrer stoischer Philosoph ertrug.

Die gute Laune des Königs blickte überall hervor, seitdem ihm der Aufruhr gegen den Vogt mitgetheilt worden war. Diese ungewohnte Milde war kein geringes Anzeichen dafür. Tristan l’Hermite sah in seiner Ecke wie ein verdrießlicher Bullenbeißer aus, der etwas gesehen, aber nichts erschnappt hat.

Der König indessen trommelte lustig auf den Armlehnen seines Stuhles den Marsch von Pont-Audemer. Er war ein Fürst von versteckter Gemüthsart, der aber viel besser verstand, seine Sorgen als seine Freuden zu verbergen. Diese äußerlichen Freudenbezeigungen bei jeder guten Nachricht gingen bisweilen sehr weit: so gelobte er bei dem Tode Karls des Kühnen dem heiligen Martin zu Tours silberne Geländer; bei seiner Thronbesteigung vergaß er sogar das Leichenbegängnis seines Vaters anzuordnen.

»Ei! Sire!« rief plötzlich Jacob Coictier, »was ist aus dem heftigen Krankheitsanfall geworden, wegen dessen mich Euere Majestät hatte entbieten lassen?«

»Oh!« sagte der König, »ich leide wahrlich sehr, mein Gevatter, ich habe Ohrensausen und in der Brust glühende Rachen, welche mich zerfleischen.«

Coictier ergriff die Hand des Königs und begann ihm mit geeigneter Miene den Puls zu fühlen.

»Sehet einmal an, Coppenole,« sagte Rym mit leiser Stimme. »Da sitzt er zwischen Coictier und Tristan. Das ist sein ganzer Hofstaat. Ein Arzt für ihn, und ein Henker für die andern.«

Coictier nahm, während er den Puls des Königs befühlte, eine immer unruhigere Miene an. Ludwig der Elfte betrachtete ihn mit einer gewissen Aengstlichkeit. Coictier wurde zusehends düsterer. Der brave Mann hatte kein anderes Pachtgut, als den schlechten Gesundheitszustand des Königs. Er beutete ihn nach besten Kräften aus.

»Oh! oh!« murmelte er, »das ist bedenklich, in der That.«

»Nicht wahr?« sagte der König voll Unruhe.

»Pulsus creber, anhelans, crepitans, irregularis,« 78 fuhr der Arzt fort.

»Beim allmächtigen Gotte!«

»Ehe drei Tage um sind, kann dieser Zustand seinen Mann hinwegraffen.«

»Bei Unserer lieben Frau!« rief der König. »Und das Heilmittel, Gevatter?«

»Ich denke darüber nach, Sire.«

Er ließ Ludwig dem Elften die Zunge zeigen, schüttele bedenklich mit dem Kopfe, schnitt eine Grimasse, und mitten unter diesen Zierereien sagte er plötzlich:

»Wahrlich, Sire, ich muß Euch erzählen, daß eine Einnehmerstelle bei den Steuerkassen erledigt ist, und daß ich einen Neffen habe.«

»Ich gebe meine Einnehmerstelle deinem Neffen, Gevatter Jacob,« sagte der König, »aber ziehe mir dies Feuer aus der Brust.«

»Da Euere Majestät so gnädig gesinnt ist,« fuhr der Arzt fort, »wird sie mir die Bitte nicht abschlagen, mich ein wenig beim Bau meines Hauses in der Rue-Saint-André-des-Arcs zu unterstützen.«

»So, so!« sagte der König.

»Ich bin mit meinem Gelde zu Ende,« fuhr der Doctor fort, »und es würde wahrhaftig Schade sein, wenn das Haus kein Dach bekäme; nicht wegen des Hauses, welches einfach und ganz bürgerlich ist, sondern wegen der Malereien Johann Fourbaults, welche das Getäfel verschönern. Da sieht man eine Diana in der Luft schweben, welche fliegt, aber so vortrefflich, so zart, so geschmackvoll, von so edler Haltung, das Haupt so herrlich geschmückt und von einer Mondsichel gekrönt, das Fleisch so zart, daß sie diejenigen in Versuchung führt, welche sie zu begierig betrachten. Es befindet sich auch noch eine Ceres dort. Es ist ebenfalls eine sehr schöne Gottheit. Sie sitzt auf Getreidegarben, und ihr Haupt ist mit einer reizenden Aehrenguirlande geschmückt, in welche Bocksbart und andere Blumen geflochten sind. Man kann nichts Verliebteres sehen, als ihre Augen, nichts Runderes als ihre Beine, nichts Edleres als ihre Miene, nichts schöner im Faltenwurfe, als ihr Untergewand. Es ist eine der unschuldigsten und vollendetsten Schönheiten, welche der Pinsel hervorgebracht hat.«

»Quälgeist!« murmelte Ludwig der Elfte, »wohinaus willst du damit?«

»Ich gebrauche ein Dach über diese Malereien, Sire, und obgleich dieses Dach nur ein unbedeutender Gegenstand ist, so habe ich doch kein Geld mehr.«

»Wieviel kostet es, dein Dach?«

»Aber … ein Dach aus vergoldetem Kupfer mit mythologischen Figuren, zweitausend Livres höchstens.«

»Ach! der Mörder!« rief der König. »Er reißt mir keinen Zahn aus, der für ihn nicht ein Diamant wäre.«

»Bekomme ich mein Dach?« sagte Coictier.

»Ja! und scher dich zum Teufel, aber mach mich gesund.«

Jacob Coictier verneigte sich tief und sagte:

»Sire! nur ein zurücktreibendes Mittel wird Euch retten. Wir wollen Euch das große Verbandmittel auf die Nieren auflegen, das aus Wachssalbe, armenischem Thon, Eiweiß, Oel und Essig besteht. Ihr werdet mit Euerem Arzneitranke fortfahren, und wir bürgen für Euere Majestät.«

Ein brennendes Licht zieht nicht blos eine einzige Mücke an. Meister Olivier, der den König so freigiebig sah und den Augenblick für günstig hielt, trat auch heran:

»Sire …«

»Was soll’s, noch?« sagte Ludwig der Elfte.

»Sire, Euere Majestät weiß, daß Meister Simon Radin gestorben ist?«

»Nun weiter?«

»Daß er königlicher Rath beim Gerichtshofe des Schatzamtes war.«

»Nun?«

»Sire, seine Stelle ist unbesetzt.«

Während er so sprach, hatte das hochmüthige Gesicht Meister Oliviers den hochfahrenden Ausdruck mit einem demüthigen vertauscht. Das ist der einzige Wechsel, welcher im Gesicht eines Hofschranzen vorzugehen pflegt. Der König sah ihm fest ins Gesicht und sagte mit trockenem Tone:

»Ich verstehe.«

Er fuhr fort:

»Meister Olivier, der Marschall von Boucicaut pflegte zu sagen: »Schenkung steht nur beim Könige, und fischen kann man nur im Meere.« Ich sehe, daß Ihr der Meinung des Herrn von Boucicaut seid. Jetzt hört folgendes, wir haben ein gutes Gedächtnis. Im Jahre 68 haben wir Euch zu unserem Kammerdiener gemacht; im Jahre 69 zum Castelan der Brücke von Saint-Cloud mit hundert Livres Gehalt in Toursscher Münze (Ihr wolltet sie in Pariser Gelde). Im November 73 haben wir Euch durch eine, zu Gergeaule ausgefertigte Urkunde zum Vogte des Gehölzes von Vincennes, an Stelle des Stallmeisters Gilbert Acle, eingesetzt; im Jahre 75 zum Forstmeister des Waldes zu Rouvray-lez-Saint-Cloud, an die Stelle Jacob Le-Maire’s; im Jahre 78 haben wir allergnädigst, durch offene Urkunde, die mit grünem Wachse an doppelten Siegelhaltern gesiegelt ist, für Euch und Euere Frau eine Rente von zehn Livres Pariser Münze auf den Standplatz für die Kaufleute gelegt, welcher an der Schule Saint-Germain belegen ist; im Jahre 79 haben wir Euch zum Forstmeister des Waldes von Senart, an Stelle jenes armen Johann Daiz, gemacht; dann zum Hauptmann des Schlosses Loches; dann zum Oberbefehlshaber von Saint-Quentin; dann zum Hauptmann der Brücke von Maulan, nach welcher Ihr Euch Graf nennen laßt. Von den fünf Sous Strafe, welche jeder Barbier bezahlt, der an einem Festtage barbiert, kommen drei Sous auf Euch, und wir erhalten den Rest. Wir haben auch geruht, Euern Namen Le-Mauvais, 79 der Euerer Miene zu sehr entsprach, abzuändern. Im Jahre 74 haben wir Euch, zur großen Unzufriedenheit unseres Adels, mit einem tausendfarbigen Wappen beliehen, das Euch eine wahre Pfauenbrust giebt. Beim allmächtigen Gotte! seid Ihr nicht übersatt. Ist der Fischzug nicht schön und wunderbar genug? Und fürchtet Ihr nicht, daß ein Lachs mehr Euern Kahn zum Sinken bringt? Der Stolz wird Euch zu Grunde richten, Gevatter. Der Stolz ist immer von Untergang und Schmach verfolgt. Erwäget das und schweigt.«

Diese mit Strenge gesprochenen Worte ließen die Unverschämtheit wiederum in Meister Oliviers Gesichtsausdrucke erscheinen.

»Gut,« murmelte er fast ganz laut, »man sieht wohl, daß der König heute krank ist; er giebt dem Arzte alles.«

Ludwig der Elfte, der weit entfernt war, sich über dieses herausfordernde Betragen zu erzürnen, fuhr mit einer gewissen Sanftmuth fort:

»Halt, ich vergaß noch, daß ich Euch zum Gesandten bei der Prinzessin Marie in Gent gemacht habe … Ja, meine Herren,« fügte der König hinzu, indem er sich an die Flamländer wandte, »dieser ist Gesandter gewesen … Dabei, Gevatter,« fuhr er, sich an Meister Olivier wendend, fort, »wollen wir uns nicht erzürnen; wir sind alte Freunde. Doch es ist schon sehr spät. Wir haben unsere Arbeit beendet. Barbiert mich.«

Unsere Leser haben ohne Zweifel schon längst in »Meister Olivier« jenen schrecklichen Figaro erkannt, welchen die Vorsehung, diese große Dramenschöpferin, so kunstgerecht in die lange und blutige Komödie Ludwigs des Elften verflochten hat. Wir wollen es hier nicht unternehmen, diese sonderbare Erscheinung darzustellen. Dieser Barbier des Königs hatte drei Namen. Am Hofe nannte man ihn höflicher Weise Olivier Le-Daim; 80 im Volke Olivier den Teufel. Er hieß mit seinem wahren Namen Olivier Le-Mauvais.

Olivier Le-Mauvais also stand regungslos da, schmollte mit dem Könige, und sah Jacob Coictier von der Seite an.

»Ja, ja! der Arzt!« sagte er zwischen den Zähnen.

»Nun! ja, der Arzt!« entgegnete Ludwig der Elfte mit seltsamer Gutmüthigkeit; »der Arzt hat mehr Einfluß als du. Das ist ganz einfach: er hat Gewalt über uns an unserem ganzen Körper, und du hältst uns nur am Kinne fest. Geh, mein armer Barbier, das wird sich wiederfinden. Was würdest du denn sagen, und was würde aus deinem Dienste werden, wenn ich ein König wäre, wie König Chilperich, dessen gewöhnliche Gebärde es war, seinen Bart mit einer Hand zu halten? … Wohlan, Gevatter, versieh dein Amt, rasiere mich. Hole, was du dazu nöthig hast.«

Olivier, welcher sah, daß der König den Entschluß zu spotten gefaßt hatte, und daß es nicht einmal ein Mittel gab, ihn aufzubringen, ging murrend hinaus, um seine Befehle zu vollziehen.

Der König erhob sich, trat ans Fenster, und indem er es plötzlich mit ungewöhnlicher Erregung öffnete, rief er die Hände zusammenschlagend aus:

»Ach! ja! sehet da einen Glutschein am Himmel. Es ist der Vogt, welcher brennt. Es kann nicht anders sein. Oh! mein gutes Volk! Nun weiß ich doch, daß du mir endlich hilfst, die Lehnsherrlichkeiten niederzuwerfen!«

Dann wandte er sich an die Flamländer:

»Meine Herren, tretet her und seht das. Ist das nicht ein Brand, der den Himmel röthet?«

Die beiden Genter traten heran.

»Ein gewaltiger Brand,« sagte Wilhelm Rym.

»Ho!« fügte Coppenole hinzu, dessen Augen plötzlich aufleuchteten, »das erinnert mich an den Brand des Hauses des Herrn von Hymbercourt. Da unten muß ein mächtiger Aufruhr stattfinden.«

»Ihr glaubt Meister Coppenole?« Und das Angesicht Ludwigs des Elften nahm einen fast ebenso fröhlichen Ausdruck an, als dasjenige des Strumpfwirkers. »Nicht wahr, es wird schwer halten, dem Widerstand zu leisten?«

»Kreuz Gottes! Sire! Euere Majestät wird darüber sehr viele Compagnien Kriegsvolk aufs Spiel setzen können.«

»Ach! ich! das ist etwas Anderes.« fuhr der König fort. »Wenn ich wollte …« Der Strumpfwirker erwiederte dreist:

»Wenn dieser Aufruhr das ist, was ich vermuthe, so dürftet Ihr vergeblich wollen, Sire.«

»Gevatter,« sagte Ludwig der Elfte, »mit zwei Compagnien meiner Leibtruppe und einer Feldschlangensalve hat man leichten Handel mit einem Pöbelhaufen von Bauern.«

Der Strumpfwirker schien, ungeachtet aller Winke, die ihm Wilhelm Rym gab, verwegen genug, dem Könige die Spitze zu bieten.

»Sire, die Schweizer waren auch Bauern. Der Herr Herzog von Burgund war ein stolzer Edelmann, und er verspottete diese Kanaille. In der Schlacht bei Granson, Sire, schrie er: »Kanoniere, Feuer auf dieses Bauernpack!« Und er schwur beim heiligen Georg. Aber der Stadtschultheiß Scharnachtal stürzte sich mit seiner Keule und seinem Volke auf diesen schönen Herzog, und bei dem Zusammenstoße mit den Bauern in Ochsenhäuten zersplitterte das glänzende Heer der Burgunder wie Glas vor einem Steinwurfe. Da befanden sich sehr viele Ritter unter den von den Schuften Erschlagenen; und man fand den Herrn von Château-Guyon, den stolzesten Edelmann Burgunds, unter seinem großen Grauschimmel todt in einem kleinen Morastloche.«

»Freund,« versetzte der König, »Ihr sprecht von einer Schlacht. Es handelt sich hier um eine Empörung. Und ich will damit zu Ende kommen, wenn es mir belieben wird, die Augenbrauen zu runzeln.«

Der andere versetzte gleichgültig:

»Das ist möglich, Sire. In diesem Falle ist die Stunde des Volkes noch nicht gekommen.«

Wilhelm Rym glaubte vermitteln zu müssen.

»Meister Coppenole, Ihr sprecht zu einem mächtigen Könige.«

»Ich weiß es,« antwortete der Strumpfwirker würdevoll.

»Laßt ihn reden, Herr Rym, mein Freund,« sagte der König; »ich liebe diese freimüthige Sprache. Mein Vater Karl der Siebente sagte oft, die Wahrheit wäre krank. Ich für meine Person glaubte sogar, sie wäre todt und hätte gar keinen Bekenner mehr gefunden. Meister Coppenole belehrt mich eines Besseren.«

Dann legte er vertraulich seine Hand auf die Schulter Coppenoles und fuhr fort:

»Ihr sagtet also, Meister Jacob …«

»Ich sagte, Sire, daß Ihr vielleicht Recht habt, daß die Stunde des Volkes in Euerem Reiche noch nicht gekommen sei.«

Ludwig der Elfte sah ihn mit seinem durchdringenden Blicke an.

»Und wann wird diese Stunde kommen, Meister?«

»Ihr werdet sie schlagen hören.«

»Auf welcher Uhr, wenn es Euch gefällig ist?«

Coppenole veranlagte in seiner ruhigen und bäuerischen Haltung den König, ans Fenster zu treten.

»Höret mich an, Sire! Hier seht Ihr einen Zwingthurm, eine Sturmglocke, Kanonen, Bürger, Soldaten. Wenn die Sturmglocke einst heulen wird, wenn die Kanonen brüllen werden, wenn der Zwingthurm mit lautem Krachen zusammenstürzen wird, wenn Bürger und Soldaten schreien und sich unter einander morden werden, dann wird die Stunde schlagen.«

Ludwig des Elften Gesicht wurde düster und nachdenklich. Er blieb einen Augenblick in Schweigen versunken; dann schlug er sanft, wie man die Hüfte eines Schlachtrosses klopft, mit der Hand an die dicke Mauer des Thurmes.

»Oh! nein!« sagte er. »Nicht wahr, du wirst nicht so leicht zusammenstürzen, meine gute Bastille?«

Dann wandte er sich mit heftiger Wendung an den kühnen Flamländer:

»Habt Ihr jemals einen Aufruhr erlebt, Meister Jacob?«

»Ich habe einen angestiftet,« sagte der Strumpfwirker.

»Wie fingt Ihr das an,« sagte der König, »um eine Empörung zu erregen?«

»Ah!« antwortete Coppenole, »das ist nicht sehr schwierig. Es giebt hundert Wege. Nothwendig ist zunächst, daß Unzufriedenheit in der Stadt herrscht. Der Fall ist nicht selten. Und dann der Charakter der Einwohner. Diejenigen Gents sind zur Empörung geneigt. Die lieben stets den Sohn des Fürsten, niemals diesen selbst. Nun gut! Eines Morgens, will ich annehmen, tritt man in mein Gewölbe; man sagt mir: »Vater Coppenole, da ist dies, da ist das, das Fräulein von Flandern will ihre Minister in Sicherheit bringen, der Oberamtmann verdoppelt den Zoll auf Sämerei, oder etwas Anderes.« Was man will. Ich, ich lasse meine Arbeit liegen, ich trete aus meinem Strumpfwirkerladen heraus, ich gehe in die Straße, und ich rufe: »Auf zum Sturme!« Immer liegt wohl ein eingeschlagenes Faß da. Ich steige hinauf, und ich spreche ganz laut die ersten besten Worte, was ich auf dem Herzen habe; und wenn man zum Volke gehört, Sire, hat man immer etwas auf dem Herzen. Nun rottet man sich zusammen, man schreit, man läutet die Sturmglocke, man bewaffnet die Bürger mit den den Soldaten abgenommenen Waffen, die Leute vom Markte vereinigen sich damit, und man geht darauf los. Und das wird immer so sein, so lange es Herren in den Lehnsherrschaften, Bürger in den Städten und Bauern auf dem Lande geben wird.«

»Und gegen wen empört Ihr Euch so?« fragte der König. »Gegen Eure Vögte? Gegen Euere Lehnsherren?«

»Manchmal, je nachdem. Auch gegen den Herzog mitunter.«

Ludwig der Elfte setzte sich wieder nieder, und sagte lächelnd:

»Ah! hier haben sie es nur mit den Vögten zu thun.«

In diesem Augenblicke trat Olivier Le-Daim wieder ein. Er war von zwei Pagen begleitet, welche des Königs Gewänder trugen; was aber Ludwig den Elften überraschte, war der Umstand, daß er außerdem vom Oberrichter von Paris und vom Befehlshaber der Nachtwache begleitet war, welche beide bestürzt zu sein schienen. Der rachsüchtige Barbier hatte gleichfalls eine bestürzte, aber dabei auch zufriedene Miene. Er nahm das Wort zuerst.

»Sire, ich bitte Euere Majestät um Verzeihung für die unglücksschwere Nachricht, welche ich Ihr bringe.«

Der König, der sich schnell umdrehte, zerfetzte mit den Beinen seines Stuhles die Strohmatte des Fußbodens.

»Was hast du zu sagen?«

»Sire,« versetzte Olivier Le-Daim mit der boshaften Miene eines Menschen, der sich freut, einen niederschmetternden Eindruck hervorbringen zu können, »nicht gegen den Vogt des Palastes ist dieser Volksaufruhr gerichtet.«

»Und gegen wen denn?«

»Gegen Euch, Sire.«

Der alte König hob sich kerzengerade wie ein junger Mann in die Höhe.

»Erkläre dich, Olivier! erkläre dich! Und halte ja deinen Kopf fest, Gevatter; denn ich schwöre dir beim Kreuze von Saint-Lo, daß, wenn du uns in dieser Stunde belügst, das Schwert, das den Hals des Herrn von Luxemburg durchschnitten hat, nicht so schartig ist, daß es nicht auch noch den deinigen durchschneidet!«

Der Schwur war furchtbar; Ludwig der Elfte hatte nur zweimal in seinem Leben beim Kreuze von Saint-Lo geschworen. Olivier öffnete den Mund, um zu antworten:

»Sire …«

»Wirf dich auf die Kniee!« unterbrach ihn der König heftig. »Tristan wachet über diesen Menschen!«

Olivier warf sich auf die Kniee und sagte kalt:

»Sire, eine Hexe ist von Eurem Parlamentsgerichtshofe zum Tode verurtheilt worden. Sie hat sich nach Notre-Dame geflüchtet. Das Volk will sich ihrer dort wieder mit offener Gewalt bemächtigen. Der Herr Oberrichter und der Herr Ritter von der Nachtwache, welche vom Aufruhre herkommen, sind hier, um mich Lügen zu strafen, wenn das nicht die Wahrheit ist. Notre-Dame ist’s, welche das Volk belagert.«

»Wie!« sagte der König mit leiser Stimme, ganz blaß und vor Zorn heftig zitternd. »Notre-Dame! Sie belagern Unsere liebe Frau, meine gnädige Gebieterin, in ihrer Kathedrale! … Steh auf, Olivier. Du hast Recht. Ich gebe dir die Stelle Simon Radins. Du hast Recht … Ich bin es, den man angreift. Die Hexe steht unter dem Schutze der Kirche, die Kirche unter meinem Schutze. Und ich für meine Person glaubte, daß es sich um den Vogt handelte! Gegen mich geht es!«

Nun begann er, von der Wuth verjüngt, große Schritte zu machen. Er lachte nicht mehr, er war furchtbar, ging hin und her; der Fuchs hatte sich in eine Hyäne verwandelt. Er schien erstickt, so daß er nicht sprechen konnte; seine Lippen zitterten, und seine fleischlosen Fäuste ballten sich. Plötzlich richtete er das Haupt in die Höhe, sein hohler Blick erschien voll Feuer, und seine Stimme erklang wie eine Trompete. »Leg Hand an, Tristan! leg Hand an diese Schurken! Geh, Tristan mein Freund! morde! morde!«

Als dieser Ausbruch vorüber war, setzte er sich wieder nieder und sagte mit kalter und vergrößerter Wuth:

»Hierher, Tristan! … Bei uns in dieser Bastille liegen fünfzig Lanzen des Vicomte von Gif, die dreihundert Pferde ausmachen: Ihr werdet sie mitnehmen. Auch liegt hier von unserer Leibwache die Compagnie Bogenschützen des Herrn von Châteaupers: Ihr werdet sie mitnehmen. Ihr seid Profoß der Reiterofficiere, Ihr habt die Leute Eueres Profoßamtes: Ihr werdet sie mitnehmen. Im Palast Saint-Pol werdet Ihr vierzig Bogenschützen von der neuen Wache des Herrn Dauphin finden: nehmt sie mit. Und mit allem dem eilt Ihr schnell nach Notre-Dame … Ah! Ihr Herrn Einwohner von Paris, Ihr werft Euch also quer auf die Krone von Frankreich, auf die Heiligkeit von Notre-Dame und den Frieden dieses Staates! … Vertilge! Tristan, vertilge! Und daß keiner von ihnen davonkomme, außer für Montfaucon.« 81

Tristan verneigte sich.

»Es ist gut, Sire.«

Er fügte nach einer Pause hinzu:

»Und was soll ich mit der Hexe anfangen?«

Diese Frage brachte den König zum Nachdenken.

»Ach!« sagte er, »die Hexe! … Herr von Estouteville, was wollte eigentlich das Volk mit ihr anfangen?«

»Sire,« antwortete der Oberrichter von Paris, »ich denke mir, daß, weil das Volk sie doch aus ihrer Freistatt in Notre-Dame herausreißen will, diese Straflosigkeit es verletzt und sie drum hängen will.«

Der König schien reiflich zu überlegen; dann wandte er sich an Tristan l’Hermite:

»Nun gut! lieber Gevatter, vertilge das Volk und hänge die Hexe.«

»Das heißt,« sagte Rym ganz leise zu Coppenole, »das Volk bestrafen für sein Wollen, und das, was es will, selbst thun.«

»Genug, Sire,« antwortete Tristan. »Wenn die Hexe sich noch in Notre-Dame befindet, soll man sie hier, ungeachtet des Asylrechtes, festnehmen?«

»Beim allmächtigen Gotte, das Asylrecht!« sagte der König, während er sich hinter dem Ohre kratzte. »Dennoch muß das Weibsbild gehangen werden.«

Wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen warf sich der König jetzt von seinem Stuhle auf die Kniee nieder, nahm seinen Hut ab, legte ihn auf den Sitz und betrachtete andächtig eines der bleiernen Amulete, welche den Hut umkränzten: »Ach!« sprach er mit gefalteten Händen, »Unsere liebe Frau von Paris, meine gnädige Beschützerin, vergebt mir. Ich will es nur dies Mal thun. Ich muß diese Verbrecherin strafen. Ich versichere Euch, theuere Jungfrau, meine süße Gebieterin, daß es eine Hexe ist, die Eures freundlichen Schutzes nicht würdig ist. Ihr wisset, Liebe Frau, daß sehr viele sehr fromme Fürsten dies Vorrecht der Kirchen übertreten haben zur Ehre Gottes und aus Notwendigkeit für den Staat. Der heilige Hugo, der Bischof von England, hat dem Könige Eduard erlaubt, sich eines Zauberers in seiner Kirche zu bemächtigen. Der heilige Ludwig von Frankreich, mein Gebieter, hat zu demselben Zwecke die Schwelle der Kirche des Heiligen Paul überschritten, und Herr Alphons, der Sohn des Königs von Jerusalem, sogar diejenige des Heiligen Grabes. Vergebt mir also dieses Mal, Unsere liebe Frau von Paris. Ich will es nicht wieder thun, und ich will Euch eine schöne silberne Bildsäule schenken, gleich wie diejenige, welche ich im vergangenen Jahre Unserer lieben Frau von Ecouys gegeben habe. Amen.«

Er machte ein Zeichen des Kreuzes, erhob sich wieder, setzte den Hut auf und sagte zu Tristan:

»Säumet nicht, lieber Gevatter. Nehmt den Herrn von Châteaupers mit Euch. Laßt die Sturmglocke läuten. Ihr werdet das Volk zerschmettern, werdet die Hexe hängen. Abgemacht. Und ich wünsche, daß die Hetzjagd der Hinrichtung von Euch angestellt werde. Ihr werdet mir Bericht davon abstatten … Wohlan, Olivier, ich will diese Nacht nicht zu Bett gehen. Barbiere mich.«

Tristan l’Hermite verneigte sich und ging hinaus. Darauf verabschiedete der König mit einer Handbewegung Rym und Coppenole:

»Behüte euch Gott, meine Herren Flamländer, liebe Freunde. Pfleget ein wenig der Ruhe. Die Nacht rückt vor, und wir sind dem Morgen näher, als dem Abende.«

Alle Beide zogen sich zurück, und als sie unter der Begleitung des Hauptmanns der Bastille ihre Gemächer gewonnen hatten, sagte Coppenole zu Wilhelm Rym:

»Hm! ich habe genug an diesem hustenden Könige! Ich habe Karl von Burgund betrunken gesehen; er war nicht so boshaft als der kranke Ludwig der Elfte.«

»Meister Jacob,« antwortete Rym, »das kommt davon, weil der Wein die Könige nicht so blutgierig macht, wie der Arzneitrank.«

  1. » Le grand Cyrus« Roman der Frau von Scudery. Anm. d Uebers.
  2. Lateinisch: Ohne Truchseß und ohne Mundschenken. Anm. d. Uebers.
  3. Griechisch: Anführer der Musen. Anm. d. Uebers.
  4. Lateinisch: Pulsschlag häufig, stark springend und unregelmäßig. Anm. d. Uebers.
  5. Le mauvais = der Bösewicht. Anm. d. Uebers.
  6. Olivier Damhirsch. Anm. d. Uebers.
  7. Im Mittelalter Name eines berüchtigten Galgens in der Nähe von Paris. Anm. d. Uebers.

6. »Messer in der Tasche.«

Als Gringoire die Bastille verlassen hatte, eilte er die Straße Saint-Antoine mit der Schnelligkeit eines entsprungenen Pferdes hinab. An der Pforte Baudoyer angelangt, ging er gerade auf das steinerne Kreuz los, welches sich in der Mitte dieses Platzes erhob, als ob er in der Dunkelheit die Gestalt eines schwarz gekleideten und in eine Kapuze gehüllten Mannes hätte erkennen können, der auf den Stufen des Kreuzes saß.

»Seid Ihr es, Meister?« fragte Gringoire.

Die schwarze Gestalt erhob sich.

»Tod und Hölle! Ihr macht mich rasend, Gringoire. Der Wächter auf dem Thurme von Saint-Gervais hat soeben halb zwei Uhr Morgens abgerufen.«

»Oh!« versetzte Gringoire, »das ist nicht meine Schuld, sondern diejenige der Nachtwache und des Königs. Ich bin eben mit heiler Haut davongekommen! Es will mir immer nicht gelingen, gehangen zu werden. Das ist meine Vorherbestimmung.«

»Dir mißglückt alles,« sagte der andere. »Aber laß uns schnell gehen. Hast du das Paßwort?«

»Denkt Euch, Meister, daß ich den König gesehen habe. Ich komme von ihm her. Er trägt eine Hose von Barchent. Das ist ein Abenteuer.«

»Ach! ein Haufen Worte! Was geht mich dein Abenteuer an? Hast du das Paßwort der Bettler?«

»Seid ruhig. Ich habe es: »Messer in der Tasche«.

»Gut. Andernfalls würden wir nicht bis zur Kirche vordringen können. Die Bettler sperren die Straßen. Glücklicherweise scheint es, als ob sie Widerstand gefunden haben. Wir werden vielleicht noch zur rechten Zeit ankommen.«

»Ja, Meister. Aber wie wollen wir in Notre-Dame hineingelangen?«

»Ich habe den Schlüssel zu den Thürmen.«

»Und wie wollen wir wieder herauskommen?«

»Hinter dem Kloster ist eine kleine Thüre, welche nach dem Terrain, und von da nach dem Flusse führt. Ich habe den Schlüssel dazu mitgenommen und heute Morgen einen Kahn dort angebunden.«

»Es ist mir auf hübsche Weise gelungen, dem Galgen zu entgehen!« fuhr Gringoire fort.

»Schnell denn! Wir wollen gehen!« sagte der andere.

Alle Beiden eilten mit schnellen Schritten nach der Altstadt zu.

7. »Châteaupers zu Hülfe!«

Der Leser erinnert sich vielleicht der mißlichen Lage, in welcher wir Quasimodo verlassen haben. Der tapfere Taube hatte, von allen Seiten angegriffen, wenn auch nicht allen Muth, so doch wenigstens alle Hoffnung verloren, zwar nicht sich – denn er dachte nicht an sich –, aber die Zigeunerin retten zu können. Er lief außer sich vor Bestürzung auf der Galerie hin und her. Notre-Dame war der Gefahr ganz nahe, von den Bettlern mit Sturm genommen zu werden. Plötzlich ertönten die benachbarten Straßen von lautem Pferdegalopp, und mit einer langen Fackelreihe brauste eine dichte Reiterkolonne mit verhängtem Zügel und mit gesenkten Lanzen unter den wüthenden Rufen: »Frankreich! Frankreich! Hauet die Kerle zusammen! Châteaupers zu Hülfe! Profoß! Profoß!« wie ein Orkan über den Platz hin. Die bestürzten Bettler kehrten sich rasch um.

Quasimodo, der nichts hörte, sah die entblößten Schwerter, die Fackeln, die Lanzenspitzen, die ganze Reiterschaar, an deren Spitze er den Hauptmann Phöbus erkannte; er sah die Bestürzung der Gauner, den Schrecken bei den einen, die Unruhe bei den besten von ihnen, und er gewann durch diese unerwartete Hülfe wieder so viel Stärke, daß er die Ersten von den Angreifern, die schon die Galerie überstiegen, aus der Kirche zurückwarf. Es waren in der That die Truppen des Königs, welche unvermuthet auf dem Platze erschienen.

Die Bettler benahmen sich tapfer. Sie vertheidigten sich wie Verzweifelte. Von der Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs in der Seite, und von der Straße, die zum Vorhofe der Kathedrale führt, von hinten angegriffen, an Notre-Dame gedrängt, die sie noch stürmten und die Quasimodo vertheidigte, zu gleicher Zeit Belagerer und Belagerte, waren sie in der merkwürdigen Lage, in welcher sich nachher, bei der berühmten Belagerung von Turin im Jahre 1640, zwischen dem Prinzen Thomas von Savoyen, welchen er belagerte und dem Marquis von Leganez, der ihn einschloß, der Graf Heinrich d’Harcourt wieder befand: Taurinum obsessor idem et obsessus, 82 wie seine Grabschrift besagt.

Das Handgemenge war entsetzlich. »In das Fleisch des Wolfes schlug der Zahn des Hundes,« wie P. Mathieu sagt. Die Reiter des Königs, in deren Mitte sich Phöbus von Châteaupers heldenmüthig hervorthat, gaben keinen Pardon, und die Schneide ereilte, was der Spitze des Schwertes entging. Die schlecht bewaffneten Bettler schäumten und wehrten sich mit den Zähnen. Männer, Weiber, Kinder stürzten sich auf die Rücken und Brustseiten der Pferde, und klammerten sich da wie Katzen mit den Zähnen und den Nägeln der vier Gliedmaßen fest. Andere trafen mit Fackelschlägen das Gesicht der Bogenschützen. Andere hieben mit eisernen Haken in den Hals der Reiter und rissen sie zu sich hin. Die, welche herabfielen, rissen sie in Stücke. Man bemerkte einen unter ihnen mit einer breiten, leuchtenden Sense, welcher lange Zeit den Pferden die Beine abmähete. Es war entsetzlich. Er sang dazu ein näselndes Lied, hieb unaufhörlich ein und riß seine Sense zurück. Mit jedem Hiebe zog er rings um sich einen großen Kreis abgehauener Glieder. So rückte er in den dichtesten Haufen der Reiterei mit der ruhigen Langsamkeit, dem Kopfwiegen, dem regelmäßigen Keuchen eines Schnitters vor, welcher ein Getreidefeld abmähet. Es war Clopin Trouillefou. Ein Büchsenschuß streckte ihn zu Boden. – Während dem hatten sich die Fenster wieder geöffnet. Die Nachbarn hatten sich, als sie das Kriegsgeschrei der Leute des Königs vernahmen, in das Gefecht gemengt, und aus allen Stockwerken regnete es Kugeln auf die Bettler herab. Der Vorhofplatz zur Kirche war mit einer dichten Rauchwolke angefüllt, aus welcher das Feuer der Musqueten hervorblitzte. Man erkannte hier kaum die Façade von Notre-Dame und das uralte Hôtel-Dieu mit einigen abgezehrten Kranken, welche von der Höhe seines, mit Fenstern besetzten Daches herabschauten.

Endlich wichen die Bettler. Die Ermattung, der Mangel an guten Waffen, der Schrecken dieses Ueberfalles, das Musquetenfeuer aus den Fenstern, der tapfere Vorstoß der Leute des Königs – alles das schlug sie nieder. Sie durchbrachen die Linie der Anstürmenden und begannen nach allen Richtungen hin zu entfliehen, wobei sie einen Berg von Todten zurückließen.

Was Quasimodo betrifft, der nicht einen Augenblick aufgehört hatte, zu kämpfen, so fiel er, als er diese wilde Flucht sah, auf beide Knien nieder und erhob die Hände zum Himmel; dann stürmte er vor Freude trunken davon, und stieg mit der Schnelligkeit eines Vogels zu jener Zelle empor, deren Zugänge er so unerschrocken vertheidigt hatte. Er hatte jetzt nur noch einen Gedanken: es war derjenige, sich vor der auf die Knien niederzuwerfen, die er eben zum zweiten Male gerettet hatte.

Als er in die Zelle eintrat – fand er sie leer.

  1. Lateinisch: Der Belagerer von Turin und darin zugleich Belagerter. Anm. d. Uebers.

1. Der kleine Schuh.

In dem Augenblicke, wo die Bettler auf die Kirche Sturm gelaufen waren, schlief die Esmeralda.

Bald aber hatten der um die Kirche immer mehr wachsende Lärm, und das unruhige Blöken ihrer Ziege, die vor ihr erwacht war, sie aus diesem Schlafe gestört. Sie hatte sich auf ihrem Lager erhoben, hatte gehorcht und sich umgeschaut; dann hatte sie sich, erschreckt von der Helligkeit und dem Geräusche, aus der Zelle gestürzt und war hin gegangen, um nachzusehen. Das Aussehen des Platzes, die Erscheinung, die dort hin- und herflutete, die Verwirrung dieses nächtlichen Sturmes, dieser scheußliche Haufen, der wie ein Schwarm Frösche herumhüpfte und in der Finsternis nur halb zu erkennen war, das Gekreisch dieser heisern Menge, diese einzelnen rothschimmernden Fackeln, welche durch die Nacht hin- und hereilten und sich wie Irrlichter kreuzten, die über die düstre Fläche der Sümpfe streichen – diese ganze Scene machte auf sie den Eindruck eines Kampfes, der zwischen den Gespenstern des Hexensabbaths und den steinernen Ungethümen der Kirche sich entspann. Von Kindheit an mit den abergläubischen Anschauungen des Zigeunerstammes genährt, war ihr erster Gedanke, daß sie die seltsamen, der Nacht angehörigen Wesen bei ihrem teuflischen Treiben überrascht hätte. Nun eilte sie entsetzt davon, um sich in ihre Zelle zu kauern und auf ihrem Lager einen weniger fürchterlichen Traum zu suchen.

Nach und nach waren die ersten Betäubungen des Schreckens verschwunden; an dem unaufhörlich wachsenden Lärme und aus andern Anzeichen der Wirklichkeit hatte sie gemerkt, daß sie nicht von Gespenstern, sondern von menschlichen Wesen umringt sei. Da hatte ihre Angst, ohne sich zu steigern, eine andere Form angenommen. Sie hatte an die Möglichkeit eines Volksaufstandes, um sie ihrer Freistatt zu entreißen, gedacht. Der Gedanke, noch einmal das Leben, die Hoffnung, Phöbus, welchen sie immer mit ihrer Zukunft verbunden sah, wieder zu verlieren; die unendliche Nichtigkeit ihrer Schwäche, die versperrte Aussicht auf Flucht, die Schutzlosigkeit, ihre gänzliche Verlassenheit, ihre Absonderung – diese Gedanken und tausend andere hatten sie zu Boden gedrückt. Sie war auf die Kniee gesunken; den Kopf auf ihr Bett gelehnt, die Hände über ihrem Kopfe gefaltet, hatte sie voll Angst und Schauder, und obgleich sie als Zigeunerin Heidin und Götzendienerin war, angefangen mit Schluchzen den lieben Gott der Christen um Gnade zu bitten und zu Unserer lieben Frau, ihrer Schutzherrin, zu beten. Denn, glaubt man auch an nichts, so giebt es doch Augenblicke im Leben, in welchen man es stets mit der Religion des Tempels hält, den man in seiner Nähe hat.

So lag sie sehr lange im Gebete da, während sie in Wahrheit mehr zitterte, als betete, vor dem Keuchen der sich immer mehr nähernden, wüthenden Menge erstarrte, ohne etwas von dem Ansturme zu begreifen; ohne zu wissen, was man anzettelte, was man that, was man beabsichtigte, aber im Vorgefühle eines schrecklichen Ausganges.

Da, mitten in dieser Todesangst, hört sie neben sich gehen. Sie wendet sich um. Zwei Männer, von denen einer eine Laterne trug, waren soeben in ihre Zelle eingetreten. Sie stieß einen schwachen Schrei aus.

»Fürchtet nichts,« sagte eine Stimme, die ihr nicht unbekannt war, »ich bin es.«

»Wer? Ihr?« fragte sie.

»Peter Gringoire.«

Dieser Name flößte ihr wieder Muth ein. Sie schlug die Augen auf und erkannte in der That den Dichter. Aber bei ihm befand sich eine schwarze und vom Kopfe bis zu den Füßen verhüllte Gestalt, die ihr Stillschweigen auferlegte.

»Ach!« fuhr Gringoire mit vorwurfsvollem Tone fort, »Djali hatte mich eher, als Ihr erkannt.«

Die kleine Ziege hatte in der That nicht gewartet, bis Gringoire sich zu erkennen gab. Kaum war er eingetreten, als sie sich zärtlich an seine Kniee gedrängt hatte, wobei sie den Dichter mit Liebkosungen und weißen Haaren bedeckte; denn sie befand sich in der Härung. Gringoire beschenkte sie wieder mit Liebkosungen.

»Wer ist da bei Euch?« sprach die Zigeunerin mit leiser Stimme.

»Seid ruhig,« antwortete Gringoire. »Es ist einer von meinen Freunden.«

Darauf setzte der Philosoph seine Laterne auf den Boden, kauerte sich auf der Diele nieder und rief, Djali in seine Arme schließend, mit Entzücken aus: »Oh! es ist ein anmuthiges Thier, zweifelsohne bedeutender wegen ihrer Sauberkeit, als wegen ihrer Größe, aber gewitzt, scharfsinnig und gelehrt wie ein Grammatiker. Wir wollen sehen, meine Djali, hast du nichts von deinen hübschen Kunststücken vergessen?« Wie macht’s Meister Jacob Charmolue? …«

Der schwarze Mann ließ ihn nicht zu Ende kommen. Er näherte sich Gringoire und stieß ihn barsch gegen die Schulter. Gringoire stand auf.

»Es ist wahr,« sagte er, »ich vergaß, daß wir es eilig haben … Dennoch ist kein Grund vorhanden, lieber Meister, die Leute auf diese Weise rasend zu machen … Mein liebes schönes Kind, Euer Leben ist in Gefahr und auch dasjenige Djalis. Man will Euch wieder gefangen nehmen. Wir sind Euere Freunde, und wir kommen, um Euch zu retten. Folgt uns.«

»Ist es wahr?« rief sie außer Fassung aus.

»Ja, sehr wahr. Kommt schnell!«

»Ich will gern,« stammelte sie. »Aber warum spricht Euer Freund nicht?«

»Ach!« sagte Gringoire, »das kommt daher, daß sein Vater und seine Mutter phantastische Leute waren, die ihm eine schweigsame Gemüthsverfassung gegeben haben.«

Mit dieser Erklärung mußte sie sich zufrieden geben. Gringoire nahm sie bei der Hand; sein Begleiter ergriff die Laterne und ging voraus. Die Furcht machte das junge Mädchen bestürzt. Sie ließ sich wegführen. Die Ziege folgte ihnen springend, und war so fröhlich, Gringoire wieder zu sehen, daß sie ihn alle Augenblicke zum Stolpern brachte, weil sie mit ihren Hörnern zwischen seine Beine gerieth.

»So ist das Leben,« sagte der Philosoph jedesmal, wenn er beinahe gefallen war; »es sind oft unsere besten Freunde, welche uns zu Falle bringen!«

Sie stiegen eiligst die Treppe der Thürme hinab, durchschritten die Kirche, die voll Finsternis und öde war und vom Lärme fürchterlich wiederhallte, was einen schrecklichen Gegensatz bildete, und traten durch die Rothe Pforte in den Hof des Klosters ein. Das Kloster war verlassen, die Stiftsherren waren nach dem bischöflichen Palaste entflohen, um da gemeinschaftlich zu beten; der Hof war leer, einige aufgescheuchte Klosterdiener duckten sich verstört in die dunkeln Ecken. Die drei richteten ihre Schritte nach der Thüre, welche von diesem Hofe auf das Terrain führte. Der schwarze Mann öffnete sie mit einem Schlüssel, den er bei sich hatte. Unsere Leser wissen, daß das Terrain eine lange, nach der Altstadt hin von Mauern eingeschlossene Landzunge war, die dem Domkapitel von Notre-Dame gehörte und die Insel im Osten, hinter der Kirche, abgrenzte. Sie fanden diesen eingeschlossenen Platz gänzlich verlassen. Hier war schon weniger von dem Tumulte in der Luft zu hören; der Lärm vom Sturme der Bettler schlug hier dumpfer und nicht so kreischend an ihr Ohr. Der frische Luftzug, welcher dem Laufe des Flusses folgte, schüttelte die Blätter des einzigen Baumes, der an der Spitze des Terrains stand, mit einem schon bemerklichen Rauschen. Indessen waren sie der Gefahr noch sehr nahe. Die ihnen am nächsten liegenden Gebäude waren die bischöfliche Residenz und die Kirche. Drinnen in der Wohnung des Bischofs herrschte ersichtlich eine große Verwirrung. Ihre dunkle Masse war ganz von Lichtern erhellt, die dort von Fenster zu Fenster huschten, ähnlich, wie wenn man Papier verbrannt hat, nun ein dunkler Aschenbau übrig bleibt, in dem die muntern Fünkchen tausend wunderbare Läufe machen. Daneben glichen die riesigen Thürme von Notre-Dame, wenn man sie so von hinten mit dem langen Schiffe sah, über welches sie sich erhoben, und wie sie über den rothen und weithinleuchtenden Schein, der den Vorhof füllte, in das Dunkel emporragten, zwei gigantischen Feuerböcken eines Cyklopenherdes.

Was man von Paris nach allen Seiten hin sah, erzitterte vor dem Auge, wie ein mit Licht gemischter Schatten. Rembrandt hat solchen Hintergrund in seinen Gemälden.

Der Mann mit der Laterne ging gerade auf die Spitze des Terrains los. Dort, am äußersten Rande des Wassers, befanden sich die morschen Trümmer eines Pfahlzaunes aus Lattengitterwerk, um die ein niedriger Weinstock einige dürre Zweige schlang, die wie die Finger einer geöffneten Hand vorgestreckt waren. Dahinter, im Schatten, den dieser Zaun verursachte, lag ein kleiner Kahn versteckt. Der Mann gab Gringoire und seiner Begleiterin ein Zeichen hineinzusteigen. Die Ziege folgte ihnen dahin. Der Mann stieg zuletzt auch hinein; dann schnitt er den Strick des Kahnes durch, stieß mit einem langen Hakenstocke vom Lande ab, ergriff die zwei Ruder und setzte sich an das Vordertheil des Kahnes, wo er mit Aufgebot aller seiner Kräfte nach der Mitte des Stromes zu ruderte. Die Seine ist an dieser Stelle sehr reißend, und es kostete ihm ziemliche Mühe, von der Spitze der Insel wegzukommen.

Gringoires erste Sorge, als er in den Kahn gestiegen, war, die Ziege auf seine Kniee zu legen. Er nahm am Hintertheile Platz, und das junge Mädchen, welcher der Unbekannte eine unbeschreibliche Unruhe einflößte, setzte sich gleichfalls nieder und drängte sich an den Dichter heran.

Als unser Philosoph den Kahn sich in Bewegung setzen fühlte, klatschte er in die Hände und küßte Djali zwischen die Hörner.

»Oh!« sagte er, »jetzt sind wir alle vier gerettet.« Er fügte mit der Miene eines tiefen Denkers hinzu: »Bisweilen ist man dem Glücke, bisweilen der List für den glücklichen Ausgang großer Unternehmungen Dank schuldig.« Der Jahn bewegte sich langsam nach dem rechten Ufer hin. Das junge Mädchen beobachtete mit einer geheimen Furcht den Unbekannten. Dieser hatte sorgfältig das Licht seiner Blendlaterne verhüllt. Man sah ihn in der Dunkelheit auf dem Vordertheile des Kahnes wie ein Gespenst. Die immer noch herabgelassene Kapuze wurde für ihn zu einer Art Maske; und jedesmal, wenn er beim Rudern seine Arme ausstreckte, an denen lange schwarze Aermel herabhingen, hätte man sie für zwei große Fledermausflügel halten mögen. Uebrigens hatte er noch nicht ein Wort gesprochen, keinen Laut von sich gegeben. In dem Kahne hörte man kein anderes Geräusch, als die Hin- und Herbewegung der Ruder, welches sich in das Geplätscher der tausend Wasserkräuselungen längs des Kahnes mischte.

»Bei meiner Seele!« rief Gringoire plötzlich, »wir sind ja munter und fröhlich wie Ohreulen! Wir beobachten ein Stillschweigen wie Pythagoräer oder wie Fische! Beim allmächtigen Gott! meine Freunde, ich wünschte wohl, daß jemand mit mir sich unterhielte … Die menschliche Stimme ist für das menschliche Ohr eine Musik. Ich bin es nicht, der das behauptet, sondern Didymus von Alexandria, und es sind berühmte Worte … Gewiß, Didymus von Alexandria ist kein mittelmäßiger Philosoph … Ein Wort, mein schönes Kind! sagt mir, ich bitte Euch, ein Wort … Dabei fällt mir ein – Ihr hattet sonst einen schnurrigen, sonderbaren kleinen Zug um den Mund, macht Ihr den immer noch? Wißt Ihr, mein Herzchen, daß das Parlament volle Rechtsgewalt über die Asylorte hat, und daß Ihr große Gefahr liefet in eurem Zellchen in Notre-Dame? Ach! der kleine Vogel Kolibri baut sein Nest in den Rachen des Krokodils … Meister, seht doch, wie der Mond wieder heraustritt … Wenn man uns nur nicht bemerkt! Wir thun ein löbliches Etwas, indem wir das Jüngferchen retten, und doch würde man uns im Namen des Königs hängen, wenn man uns erwischte. Leider! können die menschlichen Handlungen von zwei Seiten angegriffen werden. Man brandmarkt an mir, was man an jenem krönt. Mancher bewundert Cäsar, welcher Catilina tadelt. Ist es nicht so, lieber Meister? Was sagt Ihr zu dieser Philosophie? Ich, für meine Person, ich habe die Philosophie des Instinkts, der Natur, ut apes geometriam83 Wahrhaftig, niemand antwortet mir! Was habt ihr doch alle Beide für verdrießliche Launen! Ich muß ganz allein sprechen. Das nennen wir in der Tragödie einen Monolog … Beim allmächtigen Gotte! … Ich theile Euch mit, daß ich eben Ludwig den Elften gesehen, und daß ich seitdem diesen Schwur behalten habe … »Beim allmächtigen Gotte« also! In der Altstadt erheben sie immer noch ein fürchterliches Geheul … Das ist ein häßlicher, boshafter, alter König. Er ist ganz mit Pelzwerk bedeckt. Er schuldet mir immer noch das Geld für mein Hochzeitsgedicht, und allerhöchstens hat er mich heute Abend nicht hängen lassen, was mir sehr ungelegen gewesen sein würde … Er ist filzig gegen die Leute von Verdienst. Er sollte doch die vier Bücher Salvians von Cöln »Adversus avaritiam« 84 lesen. In der That! er ist ein engherziger König in seinen Beziehungen zu den Gelehrten, und begeht dabei höchst barbarische Grausamkeiten. Er ist ein auf dem Volke liegender Schwamm, der das Geld einsaugt. Seine Sparsamkeit ist die Milzsucht, welche aus der Abzehrung aller andern Gliedmaßen anschwillt. Daher werden die Klagen über die Schwere der Zeit zu Murren über den Fürsten. Unter diesem milden und frommen Herrn krachen die Galgen von Gehängten, die Henkerblöcke faulen vom Blute, die Gefängnisse bersten wie zu volle Bäuche. Dieser König hat eine Hand, mit der er nimmt, und eine, mit der er hängt. Er ist der Anwalt der Frau Salzsteuer und des Herrn Galgen. Die Vornehmen werden ihrer Würden beraubt und die Geringen unaufhörlich mit neuen Lasten überhäuft. Er ist ein ungeheuerer Fürst. Ich liebe diesen Monarchen nicht. Und Ihr, theuerer Meister?«

Der schwarze Mann ließ den geschwätzigen Dichter seine boshaften Bemerkungen machen. Er kämpfte unausgesetzt gegen die heftige und geschlossene Strömung, welche den Vordertheil der Stadt von dem Hintertheile der Insel Notre-Dame trennt, und die wir jetzt die Insel des Heiligen Ludwig benennen.

»Da fällt mir ein, Meister!« begann Gringoire plötzlich wieder, »hat Euere Hochwürden in dem Augenblicke, wo wir mitten durch die wüthenden Bettler auf den Vorhof gelangten, jenen armen kleinen Teufel bemerkt, dem Euer Tauber eben das Gehirn am Treppengeländer zur Königsgalerie zerschmetterte? Ich bin kurzsichtig und habe ihn nicht zu erkennen vermocht. Wißt Ihr, wer es sein kann?«

Der Unbekannte antwortete mit keinem Worte. Aber er hörte plötzlich mit Rudern auf, seine Arme fielen wie gebrochen am Leibe herunter, sein Kopf fiel auf die Brust, und die Esmeralda hörte ihn krampfhaft schluchzen. Sie zuckte jetzt zusammen; sie hatte schon Seufzer, wie diese da gehört.

Das sich selbst überlassene Fahrzeug folgte nun einige Augenblicke dem Strome. Aber der schwarze Mann raffte sich wieder zusammen, nahm die Ruder wieder, und begann dem Strome entgegen zu steuern. Er segelte zum zweiten Male an der Spitze der Notre-Dameinsel vorüber und lenkte nach dem Landungsplatze der Heukähne zu.

»Ach!« sagte Gringoire, »sehet da unten das Haus Barbeau … Haltet, Meister, betrachtet jene Gruppe schwarzer Dächer, welche so sonderbare Winkel bilden, da, unter dieser Menge tiefhängender, zerrissener, durcheinandergezogener und grauer Wolken, hinter denen der Mond ganz zerdrückt und hingezogen ist, wie die Dotter eines Eies, dessen Schale zerbrochen worden … Das ist ein schönes Haus. Drin befindet sich eine Kapelle, die mit einer kleinen Wölbung voll reich gemeißelter Ausschmückungen gekrönt ist. Darüber könnt Ihr auch den sehr zart durchbrochenen Thurm sehen. Es ist auch ein Lustgarten dabei, welcher einen Weiher, ein Vogelhaus, ein Echo, eine Mailspielbahn, einen Irrgarten, ein Haus für die wilden Thiere, und eine Menge buschiger Baumgänge enthält, die der Venus sehr angenehm sind. Auch kann man noch einen schelmischen Baum dort sehen, welchen man »den Buhler« nennt, weil er den Lüsten einer berüchtigten Prinzessin und eines galanten und schöngeistigen Konnetabel von Frankreich mit seinem Schatten gedient hat … Ach! wir armen Philosophen, wir sind in den Augen eines Konnetabel das, was ein Kohl- oder Radieschenbeet für den Garten des Louvre ist. Was thut’s indessen? Das menschliche Leben ist für die Großen wie für uns aus Gutem und Bösem gemischt. Der Schmerz steht immer neben der Freude, der Spondäus bei dem Daktylus … Lieber Meister, ich muß Euch diese Geschichte des Hauses Barbeau erzählen. Es endigt auf eine tragische Weise. Sie ereignete sich im Jahre 1319, unter der Regierung Heinrichs des Fünften, des längsten aller Könige von Frankreichs. Die Moral der Geschichte ist, daß die Versuchungen des Fleisches gefährlich und boshaft sind. Wir sollen unsern Blick nicht zu oft auf das Weib unseres Nachbars werfen, so geschmeichelt unsere Sinne auch bei ihrer Schönheit sein mögen. Die Unzucht ist ein sehr frecher Gedanke. Der Ehebruch ist eine Neugierde nach dem Liebesgenusse eines andern … Hört nur! wie sich der Lärm da unten verdoppelt!«

In der That wuchs der Tumult rings um Notre-Dame. Sie horchten. Man hörte ziemlich deutlich Siegesgeschrei. Plötzlich verbreiteten sich Hunderte von Fackeln, welche Helme bewaffneter Männer erglänzen ließen, über die Kirche in allen Stockwerken, über die Thürme, die Galerien, über die Strebebogen. Diese Fackeln schienen nach Etwas zu suchen; und bald gelangten die entfernten Schreie deutlich vernehmbar zu den Flüchtlingen: »Die Zigeunerin! die Hexe! zum Tode mit der Zigeunerin!«

Die Unglückliche ließ das Haupt auf ihre Hände sinken, und der Unbekannte begann mit wüthender Anstrengung nach dem Ufer hin zu rudern. Während dem überlegte unser Philosoph. Er preßte die Ziege in seine Arme und rückte ganz sacht von der Zigeunerin weg, die sich immer mehr an ihn drängte, als den einzigen Schutz und Schirm, der ihr noch blieb.

Sicherlich befand sich Gringoire in einer grausamen Verlegenheit. Er dachte daran, daß »nach dem bestehenden Gesetze« auch die Ziege, wenn sie wieder eingefangen würde, gehangen werden würde; daß es doch sehr Schade sein würde um die arme Djali! Daß er zu viel hätte an zwei Verurtheilten, die sich so an ihn geklammert hätten; daß schließlich sein Gefährte nichts lieber wünschte, als sich der Zigeunerin anzunehmen. Es entstand ein heftiger Kampf zwischen seinen Gedanken, in welchem er, wie Zeus in der Iliade, abwechselnd die Zigeunerin und die Ziege nach ihrem Werthe abwog; und er betrachtete sie eine nach der andern mit thränenfeuchten Augen, während er zwischen den Zähnen sprach: »Ich kann euch doch nicht alle Beide retten.«

Ein Stoß unterrichtete sie endlich, daß der Kahn jetzt ans Land stieß. Das schreckliche Getöse erfüllte noch immer die Altstadt. Der Unbekannte erhob sich, trat an die Zigeunerin heran und wollte sie am Arme ergreifen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Sie stieß ihn zurück und hing sich an Gringoires Aermel, der seinerseits, als mit der Ziege beschäftigt, sie fast von sich abwehrte. Nun sprang sie allein aus dem Kahne heraus ans Land. Sie war so verwirrt, daß sie nicht wußte, was sie that, noch wohin sie ging. So blieb sie einen Augenblick betäubt stehen und sah, wie das Wasser dahin floß. Als sie nach und nach wieder zu sich kam, war sie allein mit dem Unbekannten an der Landungsstelle. Es schien, daß Gringoire sich den Augenblick der Landung zu Nutze gemacht hatte, um mit der Ziege in dem Häuserviertel der Straße Grenier-sur-l’Eau zu verschwinden.

Die arme Zigeunerin schauderte, als sie sich mit diesem Manne allein sah. Sie wollte sprechen, schreien, Gringoire rufen; die Zunge in ihrem Munde war gelähmt, und kein Ton kam über ihre Lippen. Plötzlich fühlte sie die Hand des Unbekannten auf der ihrigen. Es war eine kalte und starke Hand. Ihre Zähne schlugen an einander, und sie wurde blasser, als der Strahl des Mondes, welcher sie beschien. Der Mann sprach kein Wort. Er begann mit starken Schritten nach dem Grèveplatze zu hinaufzugehen, indem er sie an der Hand festhielt. In diesem Augenblicke fühlte sie, daß das Schicksal eine unwiderstehliche Macht ist. Sie besaß keine Spannkraft mehr, sie ließ sich fortschleppen, lief, während daß der Unbekannte fortschritt. Der Flußdamm ging an dieser Stelle bergan; ihr schien es indessen, als ob sie einen Abhang hinabstieg.

Sie blickte sich nach allen Seiten um. Nicht ein lebendes Wesen war zu sehen. Der Flußdamm war völlig öde. Sie hörte kein Geräusch; sie merkte den Lärm von Menschen nur in der tobenden und feuergerötheten Altstadt, von der sie nur durch einen Arm der Seine getrennt war, und von woher ihr Name, untermischt mit Todesschreien, an ihr Ohr schlug. Das übrige Paris lag in großen, dunkeln Massen rings um sie ausgebreitet da.

Inzwischen zog sie der Unbekannte immer mit demselben Schweigen und derselben Eile mit sich fort. Sie fand in ihrem Gedächtnisse keinen der Orte wieder, durch die sie jetzt dahineilte. Als sie an einem erleuchteten Fenster vorbeikam, überwand sie sich, sträubte sie sich plötzlich und schrie: »Hilfe!«

Der Bürger, welchem das Fenster gehörte, öffnete es, erschien an demselben im Hemde mit seiner Lampe, sah mit stumpfsinniger Miene auf den Flußdamm hinaus, sprach einige Worte, welche sie nicht verstand und schloß den innern Fensterladen wieder. Das war der letzte Hoffnungsschimmer, welcher erlosch.

Der schwarze Mann ließ keine Silbe vernehmen; er hielt sie fest, und fing an, schneller zu gehen. Sie leistete keinen Widerstand mehr und folgte ihm erschöpft. Von Zeit zu Zeit sammelte sie wieder ein wenig Kraft und sprach mit einer, von den Stößen des holprigen Pflasters und von der Athemlosigkeit des Laufes oft unterbrochenen Stimme: »Wer seid Ihr? Wer seid Ihr?« Er antwortete gar nicht.

So gelangten sie, immer längs des Flußdammes hineilend, an einen ziemlich großen Platz. Der Mond beleuchtete ihn ein wenig. Es war der Grèveplatz. Man bemerkte in der Mitte eine Art schwarzen Kreuzes ragen: es war der Galgen. Sie erkannte das alles wieder, und sah nun, wo sie sich befand. Der Mann blieb stehen, wandte sich nach ihr um, und schlug seine Kaputze zurück. »Ach!« stammelte sie versteinert, »ich wußte wohl, daß er es abermals war!«

Es war der Priester. Er sah wie sein Schatten aus. Das war die Wirkung des Mondlichtes. Es scheint, daß man in solchem Lichte nur die Schreckbilder der Dinge sieht.

»Höre zu,« sagte er zu ihr, und sie schauderte bei dem Tone dieser furchtbaren Stimme, die sie seit langem nicht gehört hatte. Er fuhr fort. Er sprach in solchen kurzen, keuchenden Satzgefügen, welche in ihrem ruckweisen Hervorquellen tiefes inneres Leben verriethen. »Höre an. Wir sind jetzt hier. Ich will mit dir reden. Das ist der Grèveplatz. Hier ist ein entscheidender Augenblick. Das Verhängnis überliefert uns einander. Ich will über dein Leben, du sollst über meine Seele entscheiden. Hier ist ein Ort und eine Nacht, jenseits welcher man nichts sieht. Höre mich also an. Ich will dir sagen … Zuerst rede mir nicht von deinem Phöbus. (Während er das sagte, ging er hin und her, wie ein Mensch, der nicht an einer Stelle ausdauern kann, und zog sie hinter sich her.) Sprich mir nicht von ihm. Siehst du, wenn du diesen Namen aussprichst, weiß ich nicht, was ich thun werde; aber es wird etwas Gräßliches geschehen.«

Als er so gesprochen, stand er wieder bewegungslos da, wie ein Körper, der seinen Schwerpunkt wieder findet; aber seine Worte verriethen noch eben soviel Unruhe. Seine Stimme wurde immer dumpfer.

»Wende deinen Kopf nur nicht so ab. Höre mich an. Es ist eine ernsthafte Angelegenheit. Zunächst vernimm, was sich ereignet hat … Man soll über alles das nicht lachen, schwöre ich dir … Was sagte ich denn eigentlich? Erinnere mich daran! Ach, ja! … Es liegt ein Parlamentsbeschluß vor, welcher dich dem Blutgerüste überliefert. Ich habe dich eben aus ihren Händen entrissen. Aber da sind sie, die dich verfolgen. Sieh hin.«

Er streckte den Arm nach der Altstadt hin aus. Die Nachsuchungen schienen in der That da drüben fortzudauern. Das verworrene Getöse kam näher; der Thurm auf dem Hause des Wachoffizieres, das dem Grèveplatze gegenüber lag, war voll Lärm und Licht; und man sah auf dem gegenüberliegenden Flußdamme Soldaten mit Fackeln und unter den Rufen: »Die Zigeunerin! wo ist die Zigeunerin! zum Tode mit ihr! zum Tode!« vorbeilaufen.

»Du siehst wohl, daß sie dich verfolgen, und daß ich nichts Unwahres behaupte. Ich – ich liebe dich … Oeffne den Mund nicht; sprich lieber nicht mit mir, wenn du mir sagen willst, daß du mich hassest. Ich bin entschlossen, das nicht mehr zu hören … Ich habe dich soeben gerettet … Laß mich zuerst zu Ende kommen … Ich kann dich gänzlich retten. Ich habe alles vorbereitet. Es liegt an dir, es zu wollen. So wie du willst, werde ich es vermögen.«

Er unterbrach sich gewaltsam. »Nein, das – das sollst du nicht sagen.«

Und eilends, und während er sie miteilen ließ – denn er ließ sie nicht los – ging er gerade auf den Galgen zu, zeigte mit dem Finger auf ihn hin und sagte mit eisigem Tone: »Wähle zwischen uns beiden.« Sie riß sich aus seinen Händen los, fiel am Fuße des Galgens nieder und umarmte dieses Todesgerüst; dann wandte sie ihr schönes Haupt halb zurück und blickte über ihre Schulter nach dem Priester hin. Man hätte sie für eine Heilige Jungfrau am Fuße des Kreuzes halten können. Der Priester war ohne Bewegung stehen geblieben; den Finger immer noch nach dem Galgen hin erhoben, verharrte er in seiner Stellung, wie eine Bildsäule.

Endlich sagte die Zigeunerin zu ihm:

»Er flößt mir noch weniger Entsetzen ein, als du.«

Da ließ er langsam seinen Arm niedersinken und blickte mit tiefer, schmerzlicher Niedergeschlagenheit zu Boden.

»Wenn diese Steine reden könnten,« murmelte er, »ja, sie würden sprechen, daß hier ein sehr unglücklicher Mensch steht.«

Er nahm wieder das Wort. Das junge Mädchen, die von ihren langen Haaren umflossen, vor dem Galgen auf den Knien lag, ließ ihn sprechen, ohne ihn zu unterbrechen. Er hatte jetzt einen klagenden und sanften Ton angenommen, der einen schmerzlichen Gegensatz zu der stolzen Herbheit seiner Züge bildete.

»Ich, ja, ich liebe Euch. Ach! das ist doch gewißlich wahr. Es geht doch nichts über dieses Feuer, welches mir das Herz verbrennt! Wehe! junges Mädchen, Nacht und Tag, ja, Nacht und Tag; verdient das kein Mitleiden? Es ist eine Liebe für Nacht und Tag, sage ich Euch, es ist eine Folter … Oh! ich leide zu viel, mein armes Kind! … Das ist ein Umstand, der des Mitleidens werth ist. versichere ich Euch. Ihr sehet, daß ich sanft mit Euch spreche. Ich möchte doch, daß Ihr nicht mehr diesen Abscheu vor mir hättet … Zuletzt, wenn ein Mann ein Weib liebt, so ist das nicht seine Schuld! … Oh! mein Gott! … Wie! niemals werdet Ihr mir also verzeihen? Ihr wollt mich immer hassen? Es ist also entschieden! Das gerade macht mich schlecht, seht Ihr? und mir selbst entsetzlich! … Ihr seht mich nicht einmal an! Ihr denkt an etwas Anderes; vielleicht, während ich hier stehe und zitternd an der Schranke unserer beider Ewigkeit mit Euch rede! Vor allem – sprecht nicht mit mir von dem Offiziere! … Was! … ich sollte mich zu Euern Knien niederwerfen; wie! ich sollte Euere Füße nicht – das möchtet Ihr nicht – sondern die Erde küssen, welche unter Euern Füßen ist; was! ich sollte wie ein Kind schluchzen; ich sollte aus meiner Brust nicht Worte, sondern mein Herz und meine Eingeweide herausreißen, um Euch zu sagen, daß ich Euch liebe: – alles würde vergeblich sein, alles! … Und dennoch ist Euere Seele nur voll Empfindung und Güte. Ihr strahlt die herrlichste Sanftmuth aus; Ihr seid ganz und gar anmuthig, gut, mitleidig und entzückend. Leider! habt Ihr für mich allein nur Bosheit! Oh! welches Mißgeschick!«

Er verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Das junge Mädchen hörte ihn weinen. Es war das erste Mal. Während er so von Schluchzen geschüttelt dastand, war er elender und erschien hilfeflehender, als wenn er auf die Knien gesunken wäre. So weinte er eine geraume Zeit.

»Genug!« fuhr er fort, als diese ersten Thränen vorüber waren, »ich finde keine Worte. Ich hatte doch so schön ausgedacht, was ich Euch sagen wollte. Jetzt zittere und bete ich, werde im entscheidenden Augenblicke schwach, ich empfinde etwas Allgewaltiges, das uns umgiebt, und ich stammele. Oh! ich werde zu Boden niedersinken, wenn Ihr kein Mitleid mit mir, keines mit Euch empfindet. Verdammet uns nicht alle Beide. Wenn Ihr wüßtet, wie sehr ich Euch liebe! Wo ist ein Herz wie das meinige! Ach! wie groß ist die Abtrünnigkeit von jeder Tugend! wie groß der verzweifelte Verrath an mir selbst! Als Gelehrter verhöhne ich die Wissenschaft, als Edelmann verunglimpfe ich meinen Namen; als Priester mache ich mein Meßbuch zu einem Kopfkissen der Wollust, speie in das Antlitz meines Gottes! Und das alles für dich, Zauberin! um deiner Hölle würdiger zu werden! Und du willst von dem Verdammten nichts wissen! Ach! könnte ich dir alles sagen! Noch mehr, etwas Schrecklicheres, ach! Schrecklicheres! …«

Während er diese letzen Worte sprach, wurde sein Gesichtsausdruck plötzlich ganz verwirrt. Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er, als ob er mit sich selbst spräche, mit starker Stimme fort:

»Kain, was hast du mit deinem Bruder angefangen?«

Wieder entstand eine Pause, und er fuhr dann fort:

»Was ich mit ihm angefangen habe, Herr des Himmels? Ich habe ihn aufgenommen, habe ihn erzogen, ihn ernährt, ihn geliebt, habe ihn abgöttisch geliebt, und habe ihn gemordet! Ja, Herr des Himmels, du weißt, daß man ihm eben vor meinen Augen das Haupt an dem Steine deines Hauses zerschmettert hat; und das meinetwegen, dieses Weibes wegen, ihretwegen …«

Sein Blick war irre. Seine Stimme erlosch nach und nach; er wiederholte noch mehrere Male mechanisch, in ziemlich langen Pausen, wie eine Glocke, die ihre letzte Schwingung verlängert: »Ihretwegen … ihretwegen …« Dann sprach seine Zunge keinen verständlichen Ton mehr, seine Lippen bewegten sich indessen noch immer. Plötzlich brach er in sich zusammen, wie ein einstürzender Gegenstand und blieb ohne Bewegung, das Haupt auf den Knien, am Boden liegen. Eine Streifung des jungen Mädchens, welche ihren Fuß unter ihm hervorzog, brachte ihn wieder zur Besinnung. Er fuhr langsam mit der Hand über seine eingefallenen Wangen und betrachtete einige Augenblicke betroffen seine Finger, welche feucht waren: »Was!« murmelte er, »ich habe geweint!«

Und er wandte sich plötzlich mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Angst zur Zigeunerin hin:

»Wehe! Ihr habt mich weinen gesehen und seid kalt dabei geblieben? Kind, weißt du, daß diese Thränen Lavaströme sind? Ist es denn also wahr? An dem Menschen, welchen man haßt, rührt uns nichts? du könntest mich sterben sehen, und du würdest lachen. Ach! ich will dich nicht sterben sehen! Ein Wort! ein einziges Wort der Verzeihung! Sage mir nicht, daß du mich lieb hast, sage mir nur, daß du nichts dagegen hast; das soll genügen; ich werde dich retten. Wenn nicht … Ach! die Stunde eilt. Ich bitte dich inständig bei allem, was heilig ist, warte nicht, bis ich wieder zu Stein geworden bin, wie dieser Galgen, der dich auch beansprucht! Bedenke, daß ich unser Beider Schicksal in meiner Hand halte, daß ich unsinnig bin, es fürchterlich ist, daß ich alles hinstürzen lassen kann, und daß sich unter uns ein unergründlicher Abgrund befindet, Unglückliche, wohinein mein Sturz den deinigen die Ewigkeit hindurch nach sich ziehen wird! Ein gütiges Wort! sprich ein Wort! nur ein Wort!«

Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten. Er stürzte sich vor ihr auf die Kniee nieder, um mit Anbetung das vielleicht gerührte Wort zu vernehmen, welches über ihre Lippen kommen wollte. Sie sagte zu ihm:

»Ihr seid ein Mörder!«

Der Priester riß sie wüthend in seine Arme und begann in ein entsetzliches Gelächter auszubrechen.

»Gut denn, ja! Mörder!« sagte er, »und ich werde dich besitzen. Du willst mich nicht als Sklaven, du sollst mich zum Herrn haben. Ich will dich besitzen. Ich habe ein Versteck, wohin ich dich schleppen will. Du wirst mir folgen, du wirst mir wohl folgen müssen, oder ich überliefere dich dem Henker! du mußt sterben, meine Schöne, oder mir gehören! dem Priester gehören! dem Abtrünnigen, dem Mörder gehören! Von heute Nacht an, hörst du es? Wohlan denn! zur Lust! wohlan, küsse mich, Närrchen! Das Grab oder mein Bett!«

Sein Auge funkelte vor wollüstiger Gier und vor Wuth. Sein geiler Mund röthete den Hals des jungen Mädchens. Sie sträubte sich in seinen Armen. Er bedeckte sie mit schäumenden Küssen.

»Beiße mich nicht, Ungethüm!« schrie sie. »Ach! über den widerwärtigen, schändlichen Mönch! Laß mich los! Ich werde dir deine eklen, grauen Haare ausraufen und sie dir bündelweise ins Gesicht werfen!«

Er wurde roth und wieder blaß vor Zorn, dann ließ er sie los und betrachtete sie mit finsteren Blicken. Sie glaubte über den Priester gesiegt zu haben und fuhr fort:

»Ich sage dir, daß ich meinem Phöbus angehöre, daß Phöbus es ist, den ich liebe, daß Phöbus schön ist. Du, Priester, du bist alt, bist häßlich. Hebe dich weg!«

Er stieß einen heftigen Schrei aus, wie der Unglückliche, an den man ein glühendes Eisen legt. »Stirb denn!« sprach er mit Zähneknirschen. Sie sah seinen fürchterlichen Blick und wollte fliehen. Er packte sie wieder, schüttelte sie, warf sie zur Erde nieder und ging in eiligen Schritten auf die Ecke des Rolandsthurmes los, während er sie an ihren schönen Händen hinter sich her über den Boden schleifte. Hier angelangt, wandte er sich an sie:

»Zum letzten Male, willst du mein sein?«

Sie antwortete mit Nachdruck:

»Nein.«

Jetzt rief er mit lauter Stimme:

»Gudule! Gudule! Hier ist die Zigeunerin! räche dich!«

Das junge Mädchen fühlte, wie sie plötzlich am Ellbogen ergriffen wurde. Sie blickte auf. Es war ein fleischloser Arm, welcher aus einer Luke in der Mauer herauslangte und sie wie eine eiserne Hand festhielt.

»Halt fest!« rief der Priester; »es ist die entwischte Zigeunerin. Laß sie nicht los. Ich will die Gerichtsdiener holen. Du sollst sie hängen sehen.«

Ein dumpfes Lachen antwortete aus dem Innern der Mauer auf diese blutdürstigen Worte. »Ha! ha! ha!« Die Zigeunerin sah, wie sich der Priester eiligst in der Richtung der Notre-Damebrücke entfernte. Man hörte einen Reitertrupp auf dieser Seite.

Das junge Mädchen hatte die boshafte Klausnerin erkannt. Keuchend vor Entsetzen versuchte sie sich loszumachen. Sie wand sich, sie sprang vor Todesangst und Verzweiflung nach rechts und links, aber die Nonne hielt sie mit unerhörter Kraft fest. Die knochigen und magern Finger, die sie preßten, krampften sich um ihr Fleisch zusammen und schlossen sich fest herum. Man hätte glauben sollen, daß diese Hand an ihren Arm genietet sei. Es war mehr als eine Kette, mehr als eine Klammer oder eiserner Ring – es war eine geschickte und lebendige Zange, welche aus einer Mauer herausfuhr. Erschöpft sank sie an der Mauer nieder, und nun bemächtigte sich ihrer die Todesfurcht. Sie dachte an die Schönheit des Lebens, an die Jugend, an den Anblick des Himmels, an die Erscheinungen der Natur, an die Liebe, an Phöbus, an alles, was dahin floh und an alles, was ihr nahe trat, an den Priester, welcher sie angab, an den Henker, welcher kommen würde, an den Galgen, welcher dort stand. Da fühlte sie, wie ihr das Entsetzen bis in die Wurzeln der Haare stieg, und sie hörte das grausige Lachen der Klausnerin, die ganz leise zu ihr sprach: »Ha! ha! ha! du wirst gehangen werden!«

Sie wandte sich todesmatt nach der Luke hin und sah das fahle Gesicht der Büßerin durch die Gitterstäbe hindurch.

»Was habe ich Euch gethan?« sagte sie fast leblos.

Die Klausnerin antwortete nicht; sie begann in einem singenden, erregten und spöttischen Tone zu murmeln:

»Tochter Aegyptens! Tochter Aegyptens! Tochter Aegyptens!«

Die unglückliche Esmeralda ließ ihr Antlitz unter ihrem Haar verschwinden, und begriff, daß sie es nicht mit einem menschlichen Wesen zu thun hätte.

Plötzlich rief die Klausnerin, als ob diese Frage der Zigeunerin die ganze Zeit gebraucht hätte, um zu ihrem Bewußtsein zu gelangen:

»Was du mir zu Leide gethan? fragst du! Oh! was du mir angethan hast, Zigeunerin! – Gut denn! höre … Ich hatte ein Kind, ja ich! Siehst du? Ich hatte ein Kind! ein Kind, sage ich dir! … Ein reizendes kleines Mädchen! … Meine Agnes« fuhr sie verwirrt fort und küßte dabei etwas in der Dunkelheit … »Nun gut! siehst du, Tochter Aegyptens? Man hat mir mein Kind genommen, man hat mir mein Kind gestohlen; ja, man hat mir mein Kind gestohlen. Jetzt weißt du, was du mir Leids gethan hast.«

Das junge Mädchen antwortete wie das Lamm in der Fabel:

»Ach Gott! ich war damals vielleicht noch nicht geboren!«

»Oh! doch!« fuhr die Klausnerin fort, »du mußtest geboren sein. Du warst dabei. Sie würde in deinem Alter sein! Also! … Das sind nun fünfzehn Jahre her, daß ich hier bin; fünfzehn Jahre, daß ich dulde; fünfzehn Jahre, daß ich bete; fünfzehn Jahre, daß ich mit meinem Kopfe gegen die vier Mauern renne … Ich sage dir, es sind Zigeunerinnen, die mir es gestohlen haben, hörst du es? und die es mit ihren Zähnen gefressen haben … Hast du ein Herz? Denke dir, was ein Kind ist, das da spielt; ein Kind, welches an der Brust liegt; ein Kind, das schlummert. Es ist so unschuldig! … Nun also! das, das ist es, was man mir genommen, was man mir gemordet hat! Der liebe Gott weiß es ja! Heute ist die Reihe an mir; ich will Zigeunerfleisch essen … Oh! wie gern würde ich dich anbeißen, wenn mich die Gitterstäbe nicht verhinderten! Ich habe einen zu dicken Kopf! … Die arme Kleine! während daß sie schlief! Und wenn sie sie geweckt hätten, während sie sie raubten, sie würde vergeblich geschrien haben: – ich war nicht da! Ach! ihr Zigeunermütter, ihr habt meine Tochter gefressen! Kommt, und seht jetzt die eurige.«

Nun fing sie wieder an zu lachen oder mit den Zähnen zu knirschen – beides blieb sich in diesem wüthenden Gesichte gleich. Der Tag begann zu grauen. Ein Dämmerschein beleuchtete undeutlich diese Scene, und der Galgen wurde immer sichtbarer auf dem Platze. Von der andern Seite her, aus der Gegend der Notre-Damebrücke, glaubte die arme Verurtheilte den Lärm des Reitertrupps herankommen zu hören.

»Gute Frau!« rief sie mit gefalteten Händen, auf beide Knien gesunken, mit fliegendem Haar, entsetzt und vor Schrecken wahnsinnig, »gute Frau, habt Erbarmen. Sie kommen. Ich habe Euch nichts zu Leide gethan. Wollt Ihr mich auf diese schreckliche Art vor Euern Augen sterben sehen? Ihr seid mitleidig, ich bin dessen sicher. Es ist zu fürchterlich. Laßt mich Rettung suchen. Laßt mich los! Erbarmen! Ich will nicht so sterben!«

»Gieb mir mein Kind zurück!« sagte die Klausnerin.

»Gnade! Gnade!«

»Gieb mir mein Kind zurück!«

»Laßt mich los, im Namen des Himmels!«

»Gieb mir mein Kind zurück!«

Jetzt auf einmal sank das junge Mädchen erschöpft, gebrochen, schon mit dem gläsernen Blicke jemands, der im Grabe liegt, zu Boden.

»Ach Gott!« stammelte sie, »Ihr sucht Euer Kind, und ich, ich suche meine Eltern.«

»Gieb mir meine kleine Agnes zurück!« fuhr Gudule fort. »Du weißt nicht, wo sie ist? Dann stirb! … Ich will dir erzählen. Ich war ein Freudenmädchen, ich hatte ein Kind, man hat mir mein Kind genommen … Es sind die Zigeunerinnen gewesen. Du siehst wohl, daß du sterben mußt. Wenn deine Mutter, die Zigeunerin, kommen wird, um dich zurückzufordern, so will ich zu ihr sagen: »Mutter, blicke nach jenem Galgen! … Oder aber gieb mein Kind zurück … Weißt du, wo sie ist, meine kleine Tochter? Halt, daß ich dir etwas zeige. Da ist ihr Schuh – alles, was mir von ihr geblieben ist. Weißt du, wo der andere ist? Wenn du es weißt, sage es mir, und wenn er selbst am andern Ende der Welt sich befindet, auf den Knien hinrutschend will ich ihn holen.«

Bei diesen Worten hielt sie mit ihrem andern Arme, den sie aus der Luke herausgestreckt hatte, der Zigeunerin den kleinen gestickten Schuh hin. Es war schon ziemlich hell, um seine Form und Farben unterscheiden zu können.

»Zeigt mir diesen Schuh,« sprach die Zigeunerin zitternd. »Gott! Gott!« Und zu gleicher Zeit öffnete sie mit der Hand, welche sie frei hatte, leicht das kleine, mit grünen Glassteinen verzierte Säckchen, welches sie am Halse trug.

»Genug! genug!« murmelte Gudule, »durchsuche dein Teufelsamulet!« Plötzlich unterbrach sie sich, zitterte am ganzen Leibe und rief mit einer Stimme, die aus der tiefsten Tiefe des Herzens kam:

»Meine Tochter!«

Die Zigeunerin hatte eben einen kleinen Schuh aus dem Säckchen gezogen, der dem andern zum Verwechseln ähnlich sah. An diesem kleinen Schuhe war ein Pergamentstreifen befestigt, auf welchem folgender Knüttelreim geschrieben stand:

Wenn du mein Ebenbild entdeckt,
Der Mutterarm dir entgegen sich streckt.

In weniger Zeit, als ein Blitz dauert, hatte die Klausnerin die beiden Schuhe verglichen, die Aufschrift des Pergamentstreifens gelesen und ihr von einer himmlischen Regung strahlendes Gesicht an die Gitterstäbe der Luke gepreßt:

»Meine Tochter! meine Tochter!« rief sie.

»Meine Mutter!« antwortete die Zigeunerin.

Hier unterlassen wir, die Scene auszumalen.

Die Mauer und die eisernen Gitterstäbe befanden sich zwischen ihnen beiden.

»Ach! die Mauer!« rief die Klausnerin.

»Oh! sie zu sehen und nicht umarmen zu können! Deine Hand! Deine Hand!«

Das junge Mädchen streckte ihren Arm durch die Luke; die Klausnerin warf sich über diese Hand her, preßte ihre Lippen darauf, und blieb, in diesem Kusse versunken, darüber geneigt, ohne ein anderes Lebenszeichen mehr von sich zu geben, als ein Schluchzen, welches von Zeit zu Zeit ihren Leib durchzuckte. Während dem vergoß sie schweigend, in der Dunkelheit ihrer Zelle, Ströme von Thränen gleich einem nächtlichen Regengusse. Die arme Mutter leerte in Fluten über dieser angebeteten Hand den dunkeln und tiefen Thränenquell, der in ihr quoll, und aus dem ihr ganzer Schmerz seit fünfzehn Jahren tropfenweise hervorgequollen war.

Plötzlich richtete sie sich wieder in die Höhe, strich ihre langen, grauen Haare von der Stirn, und ohne ein Wort zu sagen, fing sie an, mit ihren beiden Händen an den Gitterstäben ihrer Zelle wüthender als eine Löwin zu rütteln. Die Stäbe hielten aus. Jetzt holte sie aus einem Winkel ihrer Zelle einen schweren Stein, der ihr als Kopfkissen diente, und schleuderte ihn mit solcher Macht gegen dieselben, daß einer von den Eisenstäben unter heftigem Funkensprühen zerbrach. Ein zweiter Schlag zertrümmerte vollständig das alte eiserne Kreuz, welches die Luke versperrte. Dann zerbrach und entfernte sie mit ihren beiden Händen völlig die verrosteten Stumpfe der Gitterstäbe. Es giebt Augenblicke, in denen die Hände eines Weibes übermenschliche Stärke besitzen.

Als die Bahn gebrochen war, und dazu bedurfte es weniger als einer Minute, faßte sie ihre Tochter um die Mitte des Leibes und zog sie in ihre Zelle hinein. »Komm! damit ich dich aus dem Abgrunde des Verderbens herauslange!« murmelte sie.

Als ihre Tochter sich in der Zelle befand, setzte sie sie sanft auf den Boden nieder, nahm sie dann wieder auf, trug sie in ihren Armen, als ob sie immer noch ihre kleine Agnes wäre, und ging in der engen Zelle berauscht, wie rasend sich geberdend, fröhlich, schreiend, singend und ihre Tochter küssend hin und her; sprach mit ihr, brach in Gelächter aus und vergoß Thränen – alles durch einander und in leidenschaftlichem Ausbruche.

»Meine Tochter! meine Tochter!« sprach sie. »Ich habe meine Tochter! Da ist sie! Der liebe Gott hat sie mir wiedergegeben. Nun ihr – kommt alle her! Ist jemand hier, der sehen will, daß ich meine Tochter habe? Herr Jesus, wie schön sie ist! Du hast mich fünfzehn Jahre warten lassen, mein lieber Gott, aber nur, um sie mir so schön zurückzugeben … Die Zigeunerinnen hatten sie also nicht gegessen! Wer hatte das behauptet! Meine kleine Tochter! meine kleine Tochter! küsse mich. O diese guten Zigeunerinnen! Ich liebe die Zigeunerinnen! – Du bist es wirklich. Das also ist der Grund, warum mir jedesmal das Herz hüpfte, wenn du vorbeigingst. Ich aber hielt es für Haß! Vergieb mir, meine Agnes, vergieb mir! Du hast mich für sehr boshaft gehalten, nicht wahr? Ich liebe dich … dein kleines Mal am Halse, hast du es immer noch? Laß sehen. Sie hat es immer noch. Oh! du bist schön. Ich bin es, der dir diese großen Augen da gegeben hat, Jungfer. Küsse mich. Ich liebe dich. Das ist mir nun sehr gleichgültig, daß andere Mütter Kinder haben; was schere ich mich jetzt um sie. Sie brauchen nur zu kommen. Hier ist meins. Seht da seinen Hals, seine Augen, sein Haar, seine Hand. Suchet mir etwas Schöneres, als das! Oh! ich stehe Euch dafür, daß sie Liebhaber finden wird, die da! Ich habe fünfzehn Jahre lang geweint. Meine ganze Schönheit ist vergangen, und sie hat sie geerbt. Küsse mich!«

Sie führte mit ihr zahllose andere närrische Unterhaltungen, deren Ausdruck die ganze Anmuth bildete, brachte die Kleider des armen Kindes so in Unordnung, daß diese darüber roth wurde, glättete ihr das Seidenhaar mit der Hand, küßte ihr den Fuß, die Kniee, die Stirn, die Augen, und gerieth über alles außer sich vor Entzücken. Das junge Mädchen ließ sie gewähren, während sie manchmal ganz leise und mit unendlicher Anmuth wiederholte: »Meine Mutter!«

»Siehst du, mein Töchterchen,« fuhr die Klausnerin fort, wobei sie alle ihre Worte mit Küssen unterbrach, »siehst du! ich will dich recht lieb haben. Wir wollen von hier weg gehen. Wir werden recht glücklich werden. In Reims, in unserer Heimat, habe ich etwas geerbt. Du weißt, Reims? Du, ach nein, du weißt das nicht; du warst zu klein! Wenn du wüßtest, wie hübsch du mit vier Monaten warst! Füßchen, die man der Seltenheit wegen zu sehen aus Epernay herkam, das sieben Stunden entfernt ist! Wir werden ein Feld und Haus besitzen. Ich will dich in mein Bett legen. Mein Gott! mein Gott! wer hätte das glauben sollen? Ich habe meine Tochter wieder!«

»O meine Mutter!« sagte das junge Mädchen, die endlich die Kraft fand, in ihrer Gemüthserregung zu sprechen, »die Zigeunerin hat es mir wohl gesagt. Es war eine gute Zigeunerin unter unsern Leuten, die im vergangenen Jahre gestorben ist, und die sich immer um mich wie eine Amme gekümmert hat. Die ist es, die mir das Säckchen um den Hals gehängt hat. Sie pflegte mir immer zu sagen: ›Kleine, bewahre ja dies Kleinod. Es ist ein Schatz. Es wird dich deine Mutter wiederfinden lassen. Du trägst deine Mutter an deinem Halse.‹ Sie hatte es vorhergesagt, die Zigeunerin!«

Die Nonne schloß ihre Tochter von neuem in ihre Arme.

»Komm, laß dich küssen! Du erzähltest das hübsch. Wenn wir in unserer Heimat sein werden, wollen wir einem Jesuskinde in der Kirche die kleinen Schuhe anziehen. Wir sind das wohl der guten heiligen Jungfrau schuldig. Mein Gott! was du für eine hübsche Stimme hast! Als du eben mit mir sprachst, war das eine Musik! Oh! mein Gott und Herr! ich habe mein Kind wieder gefunden! Aber ist diese Geschichte da wohl glaublich? Man stirbt an nichts, denn ich bin nicht vor Freude gestorben.«

Und dann fing sie wieder an in die Hände zu klatschen und zu lachen und zu rufen: »Wir wollen glücklich werden!«

In diesem Augenblicke hallte die Zelle von einem Waffengeklirre und Pferdegalopp wieder, die von der Notre-Damebrücke herzukommen und sich mehr und mehr auf dem Flußdamme zu nähern schienen. Die Zigeunerin warf sich voll Todesangst in die Arme der Büßerin.

»Rettet mich! rettet mich! meine Mutter! Das sind sie, die herankommen!«

Die Klausnerin wurde blaß. ^

»O Himmel! was sagst du da? Ich hatte vergessen! Man verfolgt dich! Was hast du denn gethan?«

»Ich weiß nicht,« antwortete das unglückliche Kind, »aber ich bin verurtheilt, zu sterben.«

»Sterben!« sagte Gudule wankend wie von einem Blitzstrahle getroffen. »Sterben!« wiederholte sie langsam und sah ihre Tochter mit einem starren Blicke an.

»Ja, meine Mutter,« versetzte das junge Mädchen entsetzt, »sie wollen mich tödten. Horch, wie man kommt, mich zu greifen. Jener Galgen ist für mich! Rettet mich! rettet mich! Sie kommen schon! Rettet mich!«

Die Klausnerin stand mehrere Augenblicke starr wie ein versteinertes Bildnis da; dann schüttelte sie zum Zeichen des Zweifels den Kopf, dann brach sie plötzlich in ein lautes Gelächter aus, aber in ihr fürchterliches Lachen, das ihr wieder gekommen war. »Ho! ho! nein! es ist ein Traum, den du mir da erzählst. Ah, ja! ich sollte sie verloren haben, das sollte fünfzehn Jahre gedauert haben! und dann sollte ich sie wiederfinden, und das sollte eine Minute dauern! Und man sollte sie mir wiedernehmen! und jetzt gerade, wo sie schön ist, wo sie groß ist, wo sie mit mir spricht, wo sie mich liebt; und jetzt gerade sollten sie kommen, mir sie aufzufressen, vor meinen eigenen Augen – ich, die ich die Mutter bin? Oh, nein! Das sind Dinge, die nicht möglich sind. Der liebe Gott giebt so etwas nicht zu!«

Hier schien der Reitertrupp Halt zu machen, und man hörte eine Stimme in der Ferne, welche rief: »Hierher, Herr Tristan! Der Priester sagte, daß wir sie im Rattenloche finden werden.« Das Pferdegetrappel fing von neuem an.

Die Klausnerin richtete sich mit einem verzweifelten Schrei hoch auf.

»Rette dich! rette dich! mein Kind! Es fällt mir alles wieder ein. Du hast Recht. Es ist dein Tod! Entsetzen! Flucht! Rette dich!«

Sie steckte den Kopf in die Luke und zog ihn schnell wieder zurück.

»Bleibe,« sagte sie mit leisem, kurzem und traurigem Tone, während sie krampfhaft die Hand der Zigeunerin umklammerte, die mehr todt als lebend war. »Bleibe! athme nicht! Ueberall sind Soldaten. Du kannst nicht hinauskommen. Es ist zu hell.«

Ihre Augen waren trocken und glühend. Sie verharrte einen Augenblick im tiefen Schweigen; sie ging nur in großen Schritten in der Zelle umher, und blieb zuweilen stehen, um sich ganze Büschel ihrer grauen Haare auszuraufen, die sie dann mit den Zähnen zernagte.

Plötzlich sagte sie:

»Sie kommen heran. Ich will mit ihnen sprechen. Verstecke dich in diesem Winkel. Sie werden dich nicht sehen. Ich will ihnen sagen, du seiest entwischt, ich hätte dich, meiner Treu! losgelassen.«

Sie setzte ihre Tochter, die sie immer noch trug, in einem Winkel der Zelle nieder, den man von draußen nicht sehen konnte. Sie drückte sie nieder, setzte sie sorgfältig zurecht, sodaß weder ihr Fuß noch ihre Hand aus der Dunkelheit hervorragten, band ihr die schwarzen Haare los; welche sie über ihr weißes Kleid ausbreitete, um es zu verdecken, stellte ihren Krug und ihren Stein, die einzigen Geräthschaften, welche sie besaß, vor sie hin, in der Meinung, daß dieser Krug und Stein sie verbergen würden. Und als das beendigt war, ließ sie sich, ruhiger geworden, auf die Kniee nieder und betete. Der Tag, welcher erst graute, ließ noch viel Finsternis im Rattenloche zurück.

In diesem Augenblicke erklang die Stimme des Priesters, diese höllische Stimme, ganz dicht bei der Zelle; er rief:

»Hierher, Hauptmann Phöbus von Châteaupers!«

Bei diesem Namen, dieser Stimme machte die Esmeralda, welche in ihrer Ecke kauerte, eine Bewegung.

»Rühre dich nicht,« sagte Gudule.

Sie endigte kaum, als ein Getümmel von Männern, Degen und Pferden sich rings um die Zelle verbreitete. Die Mutter erhob sich sehr schnell und stellte sich vor ihrer Luke auf, um sie zu versperren.

Sie sah einen großen Haufen bewaffneter Männer zu Fuß und zu Pferde, die auf dem Grèveplatz in Reih und Glied aufgestellt waren. Derjenige, welcher sie befehligte, setzte den Fuß auf die Erde und kam auf sie zu.

»Alte,« sagte dieser Mann, der einen grausamen Gesichtsausdruck hatte, »wir suchen eine Hexe, die wir hängen wollen; man hat uns gesagt, daß du sie bei dir hättest.«

Die arme Mutter nahm die gleichgültigste Miene an, die sie vermochte, und antwortete:

»Ich weiß nicht recht, was Ihr sagen wollt.«

Der andere versetzte:

»Bei Gottes Haupte! was schwatzte denn dieser tolle Narr von Archidiakonus? Wo ist er?«

»Gnädiger Herr,« sagte ein Soldat, »er ist verschwunden.«

»Wohlan, alte Närrin,« nahm der Befehlshaber wieder das Wort, »lüge mir nichts vor. Man hat dir eine Hexe zu bewachen gegeben. Was hast du mit ihr angefangen?«

Die Klausnerin wollte nicht alles läugnen, aus Furcht Argwohn zu erwecken, und antwortete in einem aufrichtigen und mürrischen Tone:

»Wenn Ihr von einem großen, jungen Mädchen sprecht, welches man mir vorhin in die Hände gegeben, so muß ich Euch sagen, daß sie mich gebissen hat, und daß ich sie losgelassen habe. Nun wißt Ihr es. Laßt mich in Ruhe.«

Der Befehlshaber machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Lüge mir nur nichts vor, altes Gespenst,« versetzte er. »Ich heiße Tristan l’Hermite und bin des Königs Gevatter. Tristan l’Hermite, hörst du?« Er fügte hinzu, während er rings um sich einen Blick auf den Grèveplatz warf: »Das ist ein Name, der hier Widerhall findet.«

»Und wenn Ihr Satan l’Hermite wäret,« entgegnete Gudule, die wieder Hoffnung schöpfte, »so würde ich Euch nichts anderes zu sagen haben und keine Furcht vor Euch zeigen.«

»Beim Haupte Gottes!« sagte Tristan, »das nenne ich mir eine Gevatterin! Ah! die Hexendirne hat sich gerettet! Und wohin hat sie die Flucht ergriffen?«

Gudule antwortete in sorglosem Tone:

»Durch die Rue-du-Mouton, glaube ich.«

Tristan wandte den Kopf zurück und gab seinem Trupp ein Zeichen, sich zum Abmarsch bereit zu machen. Die Klausnerin athmete auf.

»Gnädiger Herr,« sagte plötzlich ein Bogenschütze, »fraget doch die alte Zauberin, warum die Gitterstäbe ihres Lukenfensters so herausgebrochen sind.«

Diese Frage ließ die Todesangst wieder in das Herz der unglückseligen Mutter zurückkehren. Dennoch verlor sie nicht alle Geistesgegenwart.

»Sie sind immer so gewesen,« stotterte sie.

»Ach was!« versetzte der Bogenschütze, »noch gestern bildeten sie ein schönes schwarzes Kreuz, das Andacht einflößte.«

Tristan warf einen Seitenblick auf die Klausnerin.

»Ich glaube die Gevatterin geräth in Verwirrung!«

Die Unglückliche fühlte, daß alles von ihrer Fassung abhinge, und, den Tod in der Seele, fing sie höhnisch zu lachen an. Alte Weiber haben eine Stärke darin.

»Unsinn!« sagte sie, »dieser Mensch ist betrunken. Es ist länger, als ein Jahr her, daß das Hintertheil eines mit Steinen beladenen Karrens in meine Luke gestoßen und das Gitter darin zerbrochen hat. Wie habe ich deswegen den Fuhrmann ausgescholten!«

»Es ist wahr,« sagte ein anderer Häscher, »ich war dabei.«

Ueberall finden sich stets Leute, welche alles gesehen haben. Diese unerhoffte Zeugenaussage des Häschers belebte die Klausnerin wieder, für welche dieses Verhör den Gang über einen Abgrund auf der Schneide eines Messers bedeutete.

Aber sie war zu einem fortwährenden Wechsel zwischen Hoffnung und Schrecken verurtheilt.

»Wenn das ein Karren gethan hat,« nahm der erste Soldat wieder das Wort, »so müßten die Stücke der Stäbe nach innen gestoßen worden sein, während sie nach außen zu herausgeschlagen sind.«

»Ei! ei!« sagte Tristan zu dem Soldaten, »du Nase wie ein Untersuchungsrichter im Châtelet. Antwortet auf das, was er sagt, Alte.«

»Mein Gott!« rief sie zum Aeußersten gebracht, und mit einer wider ihren Willen von Thränen erstickten Stimme, »ich schwöre Euch zu, gnädiger Herr, daß nur ein Wagen diese Gitterstäbe zerbrochen hat. Ihr höret, daß dieser Mann es gesehen hat. Und dann, was hat denn das mit Euerer Zigeunerin zu thun?«

»Hm!« brummte Tristan vor sich hin.

»Zum Teufel!« nahm der Soldat, von dem Lobe des Profoß geschmeichelt, wieder das Wort, »die Brüche des Eisens sind ganz frisch!«

Tristan schüttelte den Kopf. Sie erblaßte.

»Wie lange Zeit ist es her, sagt Ihr, mit diesem Karren?«

»Vier Wochen, vierzehn Tage vielleicht, gnädiger Herr, ich – ich weiß nicht mehr.«

»Sie hat zuerst gesagt, länger als ein Jahr,« bemerkte der Soldat.

»Wahrhaftig, das sind faule Fische!« sagte der Profoß.

»Gnädiger Herr,« rief sie immer an die Luke gelehnt und zitternd, daß der Argwohn jene antreiben könnte, den Kopf herein zu stecken und in die Zelle zu blicken, »gnädiger Herr, ich schwöre Euch, daß gewiß ein Wagen dieses Gitter zerbrochen hat. Ich schwöre es Euch bei den Engeln des Paradieses. Wenn es nicht ein Wagen gethan hat, so will ich ewig verdammt sein, und ich verläugne Gott!«

»Du legst sehr viel Feuer in diesen Schwur!« sagte Tristan mit seinem Glaubensrichterblicke.

Das arme Weib fühlte, wie ihre Zuversicht mehr und mehr hinschwand. Sie war nahe daran, Ungeschicklichkeiten zu begehen, und sie begriff mit Entsetzen, daß sie nicht das sagte, was sie hätte sagen müssen.

Jetzt kam ein anderer Soldat herbei und rief:

»Gnädiger Herr, die alte Zauberin lügt. Die Hexe hat sich nicht durch die Rue-du-Mouton gerettet. Die Kette der Straße ist die ganze Nacht gespannt gewesen, und der Kettenwächter hat niemanden hindurchgehen gesehen.«

Tristan, dessen Gesichtsausdruck von Minute zu Minute Unheil verkündender wurde, forderte sie zur Entgegnung auf:

»Was hast du hierauf zu erwiedern?«

Sie versuchte abermals, diesem neuen Einwurfe die Spitze zu bieten.

»Daß ich nicht weiß, gnädiger Herr; daß ich mich habe täuschen können. Ich glaube, sie ist in der That über das Wasser entkommen.«

»Das ist die entgegengesetzte Seite,« sagte der Profoß. »Doch hat es keine große Wahrscheinlichkeit, daß sie in die Altstadt hat zurückkehren wollen, wo man sie verfolgte. Du lügst, Alte!«

»Und dann,« fügte der erste Soldat hinzu, »ist weder auf dieser Seite des Wassers, noch auf der andern ein Kahn zu sehen.«

»Sie wird hindurchgeschwommen sein,« antwortete die Klausnerin, die das Terrain Schritt für Schritt vertheidigte.

»Schwimmen denn die Frauenzimmer?« sagte der Soldat.

»Beim Haupte Gottes! Alte, du lügst! du lügst!« versetzte Tristan zornig.

»Ich habe große Lust, jene Hexe da laufen zu lassen, und dich in Person mitzunehmen. Eine Viertelstunde Folter wird dir vielleicht die Wahrheit aus der Kehle holen. Wohlan! du kannst uns folgen.«

Sie nahm diese Worte mit Begierde auf.

»Wie Ihr wollt, gnädiger Herr. Greift zu! greift zu! Die Folter! Ich bin es zufrieden. Führt mich weg. Schnell! schnell! Wir wollen sofort davongehen …« »Während der Zeit da,« dachte sie, »kann meine Tochter sich retten.«

»Gottes Tod!« sprach der Profoß, »welche Begierde nach der Folterbank. Ich werde aus dieser Närrin nicht klug.«

Ein alter Sergeant von der Nachtwache, mit grauem Kopfe, trat aus den Gliedern heraus und wandte sich an den Profoß:

»Närrin in der That, gnädiger Herr. Wenn sie die Zigeunerin freigelassen hat, so ist das nicht ihre Schuld, denn sie hat die Zigeunerinnen nicht gern. Es sind nun fünfzehn Jahre, daß ich die Nachtrunde mache, und daß ich sie mit endlosen Verwünschungen die Zigeunerweiber verfluchen höre. Wenn diejenige, auf welche wir fahnden, wie ich glaube, die kleine Tänzerin mit der Ziege ist, so verabscheuet sie diese vor allen andern.«

Gudule machte eine Bewegung und sagte:

»Jene vornehmlich.«

Das einstimmige Zeugnis der Leute von der Nachtwache bestätigte in den Augen des Profoß die Worte des alten Sergeanten. Tristan l’Hermite, der die Hoffnung aufgab, etwas aus der Klausnerin herauszubringen, kehrte ihr den Rücken zu, und sie sah mit unaussprechlicher Angst, wie er langsam auf sein Pferd losschritt.

»Genug,« sagte er zwischen den Zähnen, »vorwärts! Wir wollen uns wieder auf die Suche machen! Ich will kein Auge zuthun, bevor die Zigeunerin nicht gehangen ist.«

Indessen zögerte er noch eine Zeitlang, ehe er sein Pferd bestieg. Gudule zuckte zwischen Leben und Tod, als sie ihn den Platz ringsherum mit jener unruhigen Miene eines Jagdhundes betrachten sah, welcher in seiner Nähe das Lager des Wildes spürt und Widerstreben zeigt, sich zu entfernen. Endlich schüttelte er den Kopf und sprang in den Sattel. Das so fürchterlich gepreßte Herz Gudules erweiterte sich, und sie sprach mit leiser Stimme, während sie einen Blick auf ihre Tochter warf, welche sie, solange jene da waren, nicht anzublicken gewagt hatte: »Gerettet!«

Das arme Kind war diese ganze Zeit hindurch ohne zu athmen, ohne sich zu rühren und mit dem Gedanken an. den vor ihr stehenden Tod, in ihrer Ecke geblieben. Sie hatte nichts von jener Scene zwischen Gudule und Tristan überhört, und jede der Todesqualen ihrer Mutter hatte in ihrem Herzen Nachhall gefunden. Sie hatte das ununterbrochene Knacken des Fadens vernommen, der sie über dem Abgrunde in der Schwebe hielt; zwanzig Mal hatte sie geglaubt, ihn reißen zu sehen, und jetzt endlich begann sie auszuathmen und den Fuß auf dem festen Boden zu fühlen. – In diesem Augenblicke hörte sie eine Stimme, welche zum Profoß sagte:

»Donner und Wetter! Herr Profoß, meine Sache als Kriegsmann ist es nicht, Hexen zu hängen. Das Volksgesindel ist niedergemacht. Ich überlasse Euch, das Uebrige ganz allein zu besorgen. Ihr werdet es billigen, daß ich zu meiner Compagnie zurückkehre, weil sie ohne Hauptmann ist.«

Diese Stimme war diejenige des Phöbus von Châteaupers. Was in ihr vorging ist unaussprechlich. Er war also hier, ihr Freund, ihr Beschützer, ihre Hilfe, ihre Zuflucht, ihr Phöbus! Sie erhob sich, und ehe ihre Mutter sie daran hatte verhindern können, hatte sie sich an die Luke geworfen und rief:

»Phöbus! zu mir, mein Phöbus!«

Phöbus war nicht mehr da. Er war soeben im Galopp um die Ecke der Rue-de-la-Coutellerie gesprengt. Aber Tristan war noch nicht abgezogen.

Die Klausnerin stürzte sich mit einem Wuthschrei auf ihre Tochter. Sie riß sie ungestüm nach hinten zurück, wobei sie ihr die Nägel in den Hals bohrte. Eine Mutter, die zur Tigerin wird, nimmt es dabei nicht so genau. Aber es war zu spät. Tristan hatte gesehen.

»Ih! ih!« rief er mit einem Lachen, das alle seine Zähne bloßlegte und sein Gesicht dem Rachen eines Wolfes ähnlich machte, »zwei Mäuse in der Mausefalle!«

»Ich vermuthete es,« sagte der Soldat.

Tristan schlug ihn auf die Schulter:

»Du bist eine gute Katze! … Frisch!« fügte er hinzu, »wo ist Henriet Cousin?«

Ein Mann, der weder die Kleidung noch den Gesichtsausdruck eines Soldaten hatte, trat aus ihren Reihen heraus. Er trug einen halb grauen, halb braunen Anzug, glatt anliegende Haare, lederne Aermel und ein Bündel Stricke in seiner plumpen Hand. Dieser Mensch begleitete immer Tristan, der wieder stets in Ludwigs des Elften Gesellschaft sich befand.

»Freund,« sagte Tristan l’Hermite, »ich vermuthe, daß die Hexe, die wir suchen, dort steckt. Du sollst mir sie hängen. Hast du deine Leiter?«

»Dort im Schuppen des Säulenhauses befindet sich eine« antwortete der Mann.

»Sollen wir die Sache an jenem Hochgerichte da abmachen?« fuhr er fort, indem er auf den steinernen Galgen zeigte.

»Ja.«

»Oh! he!« versetzte der Mensch mit einem lauten, noch bestialischeren Gelächter, als dasjenige des Profoß war, »da werden wir keinen weiten Weg zu machen haben.«

»Beeile dich!« sagte Tristan, »du kannst nachher lachen.«

Die Klausnerin indessen hatte, seitdem Tristan ihre Tochter gesehen und jede Hoffnung geschwunden war, noch nicht ein Wort gesprochen. Sie hatte die arme Zigeunerin halb todt in den Winkel der Höhle geworfen, und sich wieder an die Luke gestellt, nachdem sie ihre beiden Hände wie zwei Krallen in die Ecke des Gesimses gestützt. In dieser Stellung sah man sie, wie sie ihren Blick, der wieder wild und irrsinnig geworden war, über alle die Soldaten schweifen ließ. In dem Augenblicke, wo sich Henriet Cousin der Zelle näherte, zeigte sie ihm ein so wildes Gesicht, daß er zurückfuhr.

»Gnädiger Herr,« sagte er zum Profoß zurückkehrend, »welche soll ich festnehmen?«

»Die Junge.«

»Um so besser. Denn die Alte scheint unbequem.«

»Die arme kleine Tänzerin mit der Ziege!« sagte der alte Sergeant von der Wache.

Henriet Cousin näherte sich der Luke wieder. Der Blick der Mutter war so, daß er seine Augen niederschlug. Er sagte ziemlich furchtsam:

»Gute Frau …«

Sie unterbrach ihn mit sehr leiser, vor Wuth zitternder Stimme:

»Was wünschest du?«

»Von Euch nichts,« sagte er, »von der andern.«

»Welche andere?«

»Die Junge.«

Sie begann den Kopf zu schütteln und rief:

»Niemand ist hier! Niemand ist hier! Niemand ist hier!«

»Doch!« entgegnete der Henker, »Ihr wißt es wohl. Laßt mich die Junge ergreifen. Euch will ich nichts zu Leide thun, nicht Euch.«

Sie sagte mit einem sonderbaren Hohnlachen:

»Ah! mir willst du nichts zu Leide thun, mir nicht?«

»Ueberlaßt mir die andere, gute Frau; der Herr Profoß will es so.«

Sie wiederholte mit aberwitziger Miene:

»Hier ist niemand.«

»Und ich behaupte: Doch!« entgegnete der Henker; »wir haben alle gesehen, daß Ihr zwei waret.«

»Sieh lieber herein!« sagte die Klausnerin hohnlachend. »Stecke deinen Kopf durch die Luke.«

Der Henker betrachtete die Nägel der Mutter, und wagte es nicht.

»Beeile dich!« rief Tristan, der eben seinen Trupp um das Rattenloch aufgestellt hatte, und der zu Pferde neben dem Galgen hielt.

Henriet kam noch einmal und ganz verlegen zum Profoß zurück. Er hatte seinen Strick auf die Erde niedergelegt, und drehte mit linkischer Geberde seinen Hut in den Händen.

»Gnädiger Herr,« fragte er, »auf welchem Wege soll ich hineingelangen?

»Durch die Thüre.«

»Es ist keine da.«

»Durch das Fenster.«

»Das ist zu eng.«

»Mache es weiter,« sagte Tristan zornig. »Hast du keine Spitzhacken?«

Aus der Tiefe ihrer Höhle sah die Mutter, die immer noch in Erwartung war, zu. Sie hoffte nichts mehr, sie wußte nicht mehr, was sie wollte; aber sie wollte nicht zugeben, daß man ihr die Tochter nähme. Henriet Cousin holte den Kasten mit Henkerhandwerkszeug aus dem Schuppen des Säulenhauses. Er zog auch die Doppelleiter daraus hervor, welche er sogleich an den Galgen anlegte. Fünf oder sechs Leute des Profoß bewaffneten sich mit Hacken und Brecheisen, und Tristan schlug mit ihnen die Richtung nach dem Lukenfenster ein.

»Alte,« sagte der Profoß im strengen Tone, »liefere uns dieses Mädchen gutwillig aus.«

Sie sah ihn an, wie wenn man jemanden nicht versteht.

»Beim Haupte Gottes,« nahm Tristan wieder das Wort, »was hast du denn davon, diese Hexe zu hindern, sich hängen zu lassen, wie es dem Könige gefällt?«

Die Elende begann ihr wildes Lachen aufzuschlagen.

»Was ich davon habe? Es ist meine Tochter.«

Der Ton, mit dem sie dieses Wort sprach, ließ sogar Henriet Cousin selbst erschaudern.

»Das thut mir Leid,« versetzte der Profoß, »allein es ist des Königs Wille.«

Während sie ihr schreckliches Lachen verdoppelte, rief sie:

»Was in aller Welt geht mich dein König an? Ich sage dir, daß es meine Tochter ist!«

»Brecht die Mauer durch,« sagte Tristan.

Um eine hinlänglich große Oeffnung zu machen, genügte es, eine Lage Steine unterhalb der Luke loszubrechen. Als die Mutter hörte, wie die Hacken und Brechstangen ihre Festung untergruben, stieß sie einen fürchterlichen Schrei aus; dann begann sie mit erschreckender Schnelligkeit rings in ihrer Zelle herumzugehen, eine Gewohnheit wilder Thiere, welche der Käfig ihr gegeben hatte. Sie sprach nichts mehr, aber ihre Augen flammten. Die Soldaten waren in der Tiefe ihres Herzens erstarrt. Plötzlich griff sie nach ihrem Steine, lachte auf und warf ihn mit beiden Händen auf die Arbeiter. Der schlecht geworfene Stein (denn ihre Hände zitterten) traf niemanden, und rollte zwischen die Füße von Tristans Pferde. Sie knirrschte mit den Zähnen.

Während dem wurde es heller Tag, wiewohl die Sonne noch nicht aufgegangen war; ein schönes rosiges Roth glänzte an den alten, baufälligen Schornsteinen des Säulenhauses. Es war die Stunde, wo die im ersten Morgenroth schimmernden Fenster auf den Dächern der großen Stadt sich fröhlich öffneten. Einige Landleute, einige Obsthändler, welche auf ihren Eseln nach den Markthallen ritten, begannen über den Grèveplatz zu ziehen; sie machten einen Augenblick vor dieser Soldatengruppe, die rings um das Rattenloch aufgestellt war, Halt, betrachteten dieselben mit erstaunter Miene und zogen weiter.

Die Klausnerin hatte sich neben ihrer Tochter niedergesetzt, deckte sie mit ihrem Körper von vorn, und hörte mit starrem Blicke auf das arme Kind, welches sich nicht rührte und mit leiser Stimme nur das eine Wort: »Phöbus! Phöbus!« murmelte. In dem Maße, wie die Arbeit der Zerstörer fortzuschreiten schien, wich die Mutter unwillkürlich zurück und preßte das junge Mädchen mehr und mehr gegen die Mauer. Plötzlich sah die Klausnerin den Stein sich fortbewegen (denn sie paßte auf und ließ ihn nicht aus dem Auge), und sie hörte die Stimme Tristans, welcher die Arbeiter anfeuerte. Jetzt erwachte sie aus der Niedergeschlagenheit, in die sie seit einigen Augenblicken gesunken war, und sie schrie laut auf; und während die Worte ihrem Munde entflohen, zerriß ihre Stimme bald wie eine Säge das Ohr, bald stammelte sie, als ob alle Flüche sich auf ihren Lippen zusammengedrängt hätten, um auf einmal hervorzubrechen.

»Ho! ho! ho! Aber das ist schrecklich! Ihr seid Räuber! Kommt ihr wirklich, um mir meine Tochter zu entreißen? Ich sage euch ja, es ist meine Tochter! Oh! ihr Feiglinge! Oh! ihr Henkersknechte! ihr elenden Mordbuben! Hilfe! Hilfe! Feuer! Aber wollen sie mir wirklich mein Kind so entreißen? Wer ist denn der, den man den lieben Gott nennt?«

Darauf wandte sie sich wuthschäumend, mit verstörtem Blicke, wie ein Panther auf allen Vieren und mit zu Berge stehenden Haaren an Tristan:

»Komm einmal her, mir mein Kind zu nehmen! Verstehst du wirklich nicht, was ich, das Weib dir sagte, daß das meine Tochter ist? Weißt du, was das ist: ein Kind, das man besitzt? He! Luchs, hast du niemals bei deiner Wölfin gelegen? Hast du niemals ein Junges von ihr gehabt? Und wenn du Kleine hast, wenn sie heulen, hast du nichts im Leibe, was das bewegt?«

»Werft den Stein nieder,« sagte Tristan, »er hält nicht mehr.«

Die Brechstangen hoben den mächtigen Stein in die Höhe. Er war, wie wir schon gesagt haben, die letzte Schutzwehr der Mutter. Sie warf sich darüber her; sie wollte ihn festhalten; sie kratzte mit ihren Nägeln in den Stein, aber der schwere Block, der von sechs Männern in Bewegung gesetzt wurde, entschlüpfte ihrer Hand und glitt langsam an den eisernen Brechstangen entlang zur Erde herab.

Als die Mutter sah, daß der Zugang geöffnet war, stürzte sie quer vor der Oeffnung nieder, verbarrikadirte die Bresche mit ihrem Körper, rang die Arme, stieß den Kopf gegen den Fußboden, und schrie mit einer vor Ermattung so heiseren Stimme, daß man sie kaum hörte:

»Hilfe! Feuer! Feuer!«

»Ergreift jetzt das Mädchen,« sagte Tristan noch immer empfindungslos.

Die Mutter sah die Soldaten in einer so fürchterlichen Weise an, daß diese mehr Lust verspürten zurückzuweichen, als hineinzudringen.

»Ich dächte gar,« fuhr der Profoß fort. »Henriet Cousin, thue deine Pflicht!«

Niemand hob einen Fuß.

Der Profoß fluchte:

»Beim Haupte Christi! meine Krieger! Furcht vor einem Weibe!«

»Gnädiger Herr,« sagte Henriet, »Ihr nennt das ein Weib?«

»Sie hat eine Löwenmähne!« sagte ein anderer.

»Vorwärts,« wiederholte der Profoß, »das Loch ist breit genug. Dringt drei Mann hoch hinein, wie in die Bresche bei Pontoise. Wir wollen ein Ende machen, beim Tode Muhameds! Den Ersten, der weicht, haue ich in Stücke!«

Die Soldaten, die zwischen den Profoß und die Mutter gestellt, von beiden Seiten bedroht waren, schwankten einen Augenblick, dann gingen sie entschlossen auf das Rattenloch los.

Als die Klausnerin das sah, richtete sie sich plötzlich auf ihren Knien auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht, und ließ darauf ihre magern und wundgeriebenen Hände auf ihre Schenkel niedersinken. Jetzt rollten dicke Thränen eine nach der andern aus ihren Augen; sie flossen in einer Falte über ihre Backen herab, wie ein Sturzbach in dem Bette, das er sich ausgehöhlt hat. Zugleich begann sie zu sprechen, aber mit einer so flehenden, so sanften, so demüthigen und eindringlichen Stimme, daß in Tristans Umgebung mehr als ein alter Haudegen, der Menschenfleisch verschlungen haben würde, sich die Augen trocknete.

»Gnädige Herren! meine Herren Häscher, ein Wort! Es ist etwas, was ich euch erzählen muß. Das ist meine Tochter, seht ihr? Meine theuere kleine Tochter, die ich verloren hatte! Höret mich an. Es ist eine Geschichte. Stellt euch vor, daß ich die Herren Häscher sehr gut kenne. Sie sind immer gütig gegen mich zu der Zeit gewesen, als die kleinen Knaben mit Steinen nach mir warfen, weil ich ein Liebesleben führte. Seht ihr? ihr werdet mir mein Kind lassen, wenn ihr das wißt! Ich bin ein armes Freudenmädchen. Die Zigeunerinnen haben sie mir gestohlen. Selbst ihren Schuh habe ich fünfzehn Jahre lang aufgehoben. Sehet, da ist er, solch einen Fuß hatte sie. In Reims, die Chantefleurie! In der Straße Folle-Peine! Ihr habt sie vielleicht gekannt. Das war ich. In euerer Jugend, damals war eine schöne Zeit, man verlebte schöne Augenblicke. Ihr werdet Mitleid mit mir haben, nicht wahr, gnädige Herren? Die Zigeunerinnen haben sie mir gestohlen; sie haben sie mir fünfzehn Jahre lang verheimlicht. Ich hielt sie für todt. Stellt euch vor, meine lieben Freunde, daß ich sie für todt hielt. Ich habe fünfzehn Jahre hier verlebt in diesem Keller, den Winter ohne Feuer. Es ist hart, das. Der arme liebe kleine Schuh! Ich habe so lange geschrien, bis der liebe Gott mich erhört hat. Heute Nacht hat er mir meine Tochter wiedergegeben. Es ist ein Wunder des lieben Gottes. Sie war nicht todt. Ihr werdet sie mir nicht nehmen, ich bin dessen sicher. Wenn ich es noch wäre, wollte ich nichts einwenden; aber sie, ein Kind von sechzehn Jahren! Lasset ihr Zeit, die Sonne zu sehen! … Was hat sie euch gethan? Gar nichts. Ich auch nicht. Wenn ihr wüßtet, daß ich nur sie habe, daß ich alt bin, daß es ein Segen ist, den mir die Heilige Jungfrau schickt! Und dann seid ihr alle ja so gut! Ihr wußtet nicht, daß es meine Tochter ist; jetzt wißt ihr es. Ach! ich habe sie lieb! Gewaltiger Herr Profoß, ich möchte lieber ein Loch in meinem Herzen haben, als eine Schramme an ihrem Finger sehen! Ihr habt das Aussehen eines gütigen Herrn! Was ich Euch da sage, erklärt Euch die Sache, nicht wahr? Oh! wenn Ihr eine Mutter gehabt habt, gnädiger Herr! Ihr seid der Hauptmann, laßt mir mein Kind! Bedenket, daß ich Euch auf den Knien bitte, wie man zu Jesu Christo betet! Ich verlange von niemandem etwas; ich bin von Reims, gnädige Herren; ich habe ein kleines Feld von meinem Onkel Mahiet Pradon. Ich bin keine Bettlerin, ich mag nichts, aber ich will mein Kind! Ach! ich will mein Kind behalten! Der liebe Gott, welcher der Herr über Alles ist, hat es mir nicht umsonst wiedergegeben! Der König! Ihr sagt, der König! Das wird ihm doch nicht viel Vergnügen machen, daß man meine kleine Tochter tödtet! Und dann ist der König gütig! Es ist meine Tochter! es ist meine Tochter, meine eigene! Sie gehört nicht dem Könige! sie gehört nicht euch! Ich will fort von hier! Wir wollen beide fort von hier! Mit einem Worte: zwei Frauen, welche fortziehen, von denen eine die Mutter, die andere die Tochter ist, die läßt man ziehen! Laßt uns ziehen! Wir sind von Reims. Ach! ihr seid sehr gütig! Meine Herren Häscher, ich habe euch alle lieb. Ihr könnt mir meine liebe Kleine nicht nehmen, das ist unmöglich! Nicht wahr, das ist durchaus unmöglich! Mein Kind! mein Kind!«

Wir wollen es nicht versuchen, eine Vorstellung zu geben von ihrer Geberde, von dem Ausdrucke ihrer Worte, von den Thränen, die sie beim Sprechen schluckte, von den gefalteten und gerungenen Händen, von dem herzzerreißenden Lachen, von den nassen Blicken, von dem Wimmern und den Seufzern, von dem kläglichen und ergreifenden Geschrei, das sie in ihre unmäßigen, wahnwitzigen und zusammenhangslosen Worte mengte. Als sie schwieg, runzelte Tristan l’Hermite die Stirn, um eine Thräne zu verbergen, die in sein Tigerauge trat. Er überwand jedoch diese Schwäche, und sagte in kurzem Tone:

»Der König will es.«

Dann neigte er sich zu Henriet Cousins Ohre und sagte ganz leise:

»Mach schnell ein Ende!« Der furchtbare Profoß fühlte vielleicht, daß es auch ihm schwach ums Herz wurde.

Der Henker und Häscher drangen in die Zelle ein. Die Mutter leistete gar keinen Widerstand; sie schleppte sich nur nach ihrer Tochter hin, und warf sich mit Ungestüm über sie her. Die Zigeunerin sah die Soldaten hereintreten. Das Entsetzen vor dem Tode belebte sie wieder:

»Meine Mutter!« rief sie mit einem Tone fürchterlicher Seelenangst, »meine Mutter! sie kommen! vertheidige mich!«

»Ja, meine Liebe, ich vertheidige dich!« antwortete die Mutter mit tonloser Stimme; und während sie sie fest in ihre Arme preßte, bedeckte sie sie mit Küssen. Alle beide, Mutter und Tochter, die so auf dem Boden lagen, boten einen erbarmungswürdigen Anblick.

Henriet Cousin faßte das junge Mädchen unter ihren schönen Schultern mitten um den Leib. Als sie diese Hand spürte, stieß sie ein »Wehe!« aus und fiel in Ohnmacht. Der Henker, welcher eine dicke Thräne nach der andern auf sie herabfließen ließ, wollte sie in seinen Armen wegtragen. Er versuchte die Mutter loszureißen, die ihre beiden Hände gleichsam um den Gürtel ihrer Tochter ineinandergeknotet hatte; aber sie hatte sich so außerordentlich an ihr Kind festgeklammert, daß es unmöglich war, sie davon zu trennen. Henriet Cousin zerrte das junge Mädchen nun aus der Zelle heraus und die Mutter hinter ihr her. Die Mutter hatte ihre Augen gleichfalls geschlossen.

In diesem Augenblicke hob sich die Sonne über den Horizont, und auf dem Platze war schon ein ziemlich zahlreicher Volkshaufen versammelt, der in der Entfernung mit ansah, was man so über den Boden weg nach dem Galgen hin schleppte. Denn das war die Art und Weise des Profoßes Tristan bei öffentlichen Hinrichtungen. Er hatte die fixe Idee, die neugierigen Gaffer fernzuhalten.

An den Fenstern war niemand zu erblicken. Man sah nur in der Ferne, an demjenigen auf der Höhe der Notre-Damethürme, welches die Aussicht auf den Grèveplatz eröffnet, zwei dunkel am lichten Morgenhimmel sich abhebende Männer, welche zuzusehen schienen.

Henriet Cousin hielt mit dem, was er hinter sich herzerrte, am Fuße der verhängnisvollen Leiter an, und fast athemlos – so sehr hatte der Vorgang ihn in Mitleid versetzt – schlang er den Strick um den entzückenden Hals des jungen Mädchens. Das unglückselige Kind empfand die fürchterliche Umschlingung des hanfenen Strickes. Sie schlug die Augenlider auf und sah den dürren Arm des steinernen Galgens über ihrem Kopfe ausgestreckt. Sie wurde da von einem Schauder geschüttelt und schrie mit lauter und herzzerreißender Stimme: »Nein! nein! ich will nicht!« Die Mutter, deren Kopf in den Kleidern ihrer Tochter vergraben und versteckt war, sprach kein Wort; man sah nur ihren ganzen Körper beben und hörte sie ihre Küsse an ihrem Kinde verdoppeln. Der Henker benutzte diesen Augenblick, um schnell die Arme loszumachen, mit denen sie die Verurtheilte umklammert hielt. War es Erschöpfung oder war es Verzweiflung, sie ließ ihn machen. Dann nahm er das junge Mädchen auf seine Schulter, von der das reizende Wesen gebrochen über seinen breiten Kopf zurücksank. Nun setzte er den Fuß auf die Leiter, um hinaufzusteigen.

In diesem Augenblicke öffnete die auf dem Boden hockende Mutter plötzlich die Augen. Ohne einen Schrei auszustoßen, richtete sie sich mit einem fürchterlichen Gesichtsausdrucke auf; dann stürzte sie sich, wie ein Thier auf seine Beute, auf die Hand des Henkers und biß hinein. Das war wie ein Blitzstrahl. Der Henker heulte vor Schmerz auf. Man eilte herbei und riß mit Mühe seine blutende Hand aus den Zähnen, der Mutter heraus. Sie beharrte in tiefem Schweigen. – Man stieß sie ziemlich heftig zurück, und beobachtete, wie ihr Kopf schwer auf den Boden niederschlug; man richtete sie wieder auf, sie ließ sich von neuem niedersinken. Sie war nämlich todt.

Der Henker, welcher das junge Mädchen nicht losgelassen hatte, begann die Leiter hinaufzusteigen.

  1. Lateinisch: Wie die Bienen die Geometrie. Anm. d. Uebers.
  2. Lateinisch: Gegen die Habsucht. Anm. d. Uebers.

3. Es lebe die Fröhlichkeit!

Der Leser hat vielleicht nicht vergessen, daß ein Theil des Wunderhofes von der alten Ringmauer der Stadt eingeschlossen wurde, von der eine hübsche Anzahl Thürme schon zu dieser Zeit in Verfall zu gerathen begannen. Einer dieser Thürme war von den Landstreichern in einen Vergnügungsort verwandelt worden. Es befand sich eine Schenke in dem untern Saale, die übrigen Räume lagen in den obern Stockwerken. Dieser Thurm war der lebhafteste und infolge dessen auch der abschreckendste Sammelpunkt der Landstreichersippe. Es war eine Art ungeheurer Bienenschwarm, der dort Tag und Nacht summte. Nachts, wenn der übrige Bettlerschwarm schlief, wenn kein Fenster in den schmutzigen Häuserfronten des Platzes mehr erleuchtet war, wenn man aus jenen zahllosen Häuschen, von jenen aus Dieben, Dirnen und gestohlenen oder unehelichen Kindern gebildeten Menschenhaufen kein Geschrei mehr ertönen hörte, so erkannte man immer noch den lustigen Thurm an dem Lärme, welcher aus seinem Innern scholl, an dem rothen Lichte, welches zugleich in Kellerlöchern, Fenstern, in den Spalten gesprungener Mauern schimmernd, gewissermaßen aus allen seinen Poren hervorstrahlte.

Der Kellerraum war also die Kneipe. Man stieg durch eine niedrige Thüre und vermittelst einer Treppe, die gerade so schwerfällig war, wie ein klassischer Alexandriner, in sie hinab. Ueber der Thür befand sich, anstatt des Schildes, eine merkwürdige Schmiererei, welche neue Heller und geschlachtete Hühnchen vorstellte, mit dem Wortspiele darunter: »Zu den Glöcknern für die Verstorbenen.«

Eines Abends, in dem Augenblicke, wo das Abendgeläute von allen Glockentürmen von Paris erklang, hätten die Soldaten der Nachtwache, wenn man ihnen erlaubt hätte, den schrecklichen Wunderhof zu betreten, bemerken können, daß in der Herberge der Landstreicher noch mehr Lärm tobte, als gewöhnlich; daß man dort noch mehr zechte und fluchte. Draußen auf dem Platze waren zahllose Gruppen, welche sich mit leiser Stimme unterhielten, wie wenn ein großes Vorhaben angesponnen wird, und hier und da kauerte ein Kerl, welcher eine schlechte Eisenklinge auf dem Pflaster wetzte.

In der Schenke selbst waren der Wein und das Spiel indessen eine so mächtige Ablenkung von den Gedanken, welche an diesem Abende da die Landstreichersippe beschäftigten, daß es schwer gewesen wäre, aus den Reden der Trinker zu errathen, um was es sich handelte. Nur hatten sie eine fröhlichere Miene, als gewöhnlich; und man sah bei ihnen allen irgend eine Waffe zwischen den Schenkeln glänzen: eine Hippe, eine Axt, einen großen Pallasch oder den Haken einer alten Donnerbüchse.

Der Saal von runder Form war sehr groß; aber die Tische waren so eng aneinander gerückt, und die Zecher so zahlreich, daß alles, was die Schenke enthielt: Männer, Weiber, Bänke, Bierkrüge, einige, die tranken, schliefen oder spielten, die Gesunden, die Lahmen bunt durcheinander mit ebenso viel Ordnung und Eintracht zusammengepfercht schienen, wie ein Haufen Austerschalen. Auf den Tischen brannten einige Talgkerzen; aber die wirkliche Beleuchtung der Schenke, die, welche in ihr die Rolle des Kronleuchters in einem Opernsaale ausfüllte, war das Feuer. Diese Höhle war so feucht, daß man in ihr den Kamin niemals, selbst im Hochsommer nicht, kalt werden ließ. Der ungeheure Kamin hatte einen mit Steinmetzarbeit verzierten Rauchfang, war von oben bis unten mit eisernen Feuerböcken und Küchengeräth behangen; darin brannte eines jener großen, von Holz und Torf genährten Feuer, welches nachts in den Dorfstraßen den Glutschein der Schmiedefenster so grell auf die gegenüberliegenden Mauern wirft. Ein großer Hund, welcher ernsthaft in der Asche saß, drehte vor der Glut einen mit Fleischstücken behangenen Bratspieß. Wie groß auch immer die Verwirrung auf den ersten Blick war, so konnte man doch in dieser Menschenmenge drei Hauptgruppen unterscheiden, die sich um drei Personen herum drängten, welche der Leser bereits kennt. Die eine dieser Personen, welche mit allerhand morgenländischem Flitterstaat ausstaffirt war, war Mathias Hungadi Spicali, der Herzog von Aegypten und Böhmen. Der Halunke saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Tische, hatte den Finger erhoben und theilte mit lauter Stimme den zahlreichen Zuhörern, die ihn mit offenem Munde umstanden, von seinem Wissen in der weißen und schwarzen Magie mit. Ein anderer Haufe drängte sich um unsern alten Freund, den heldenmütigen König von Thunes, der bis an die Zähne bewaffnet war. Clopin Trouillefou vertheilte mit sehr ernster Miene und leiser Stimme den Inhalt einer ungeheuern, mit Waffen gefüllten Tonne, die breit vor ihm hingestürzt war, und aus welcher, wie Aepfel und Trauben aus einem Füllhorne, Aexte, Schwerter, Sturmhauben, Panzerhemden, Schilde, Lanzen- und Wurfspießspitzen, Pfeile und Bolzen in Menge herausfielen. Jeder nahm von dem Haufen: der die Pickelhaube, jener den Stoßdegen, ein anderer den Ritterdolch mit dem Kreuzgriffe. Selbst die Kinder bewaffneten sich, und sogar Krüppel fanden sich, welche geharnischt und gepanzert, zwischen den Beinen der Zecher wie große Käfer durchkrochen. Endlich sperrte ein dritter, und zwar der lärmendste, lustigste und zahlreichste Zuhörerkreis, die Bänke und Tische, inmitten welcher eine flötende Stimme, die unter einer wuchtigen Rüstung, vollständig vom Helm bis zu den Sporen, hervorklang, schwatzte und fluchte. Das Individuum, welches sich so eine vollständige Ritterrüstung auf den Leib geladen hatte, verschwand dergestalt unter dem Kriegsgewande, daß man nichts weiter von seiner Person, als eine freche, rothe, aufgestülpte Nase, einen Zopf blonder Haare, einen rothen Mund und dreiste Augen sah. Er trug den Gürtel voll Messer und Dolche, einen großen Degen an der Seite, hielt eine verrostete Armbrust in seiner Linken, und vor ihm stand eine riesige Schleifkanne mit Wein, ganz zu schweigen von einem dicken Mädchen mit bloßen Brüsten, die zu seiner Linken stand. Alle die Mäuler rings um ihn her lachten, fluchten und tranken.

Man denke sich noch zwanzig Nebengruppen dazu: die Aufwärter und Aufwärterinnen, die mit Kannen auf den Köpfen herumliefen, die Spieler, welche sich über die Kugeln, über das Mühlenspiel, über die Würfel, über die Brettsteine, über das leidenschaftliche Stäbchenspiel bückten, die Streitigkeiten in dem einen Winkel, das Schäkern und Küssen im andern, und man wird sich eine Vorstellung von dem Ganzen machen können, über welchem der Schein eines großen flammenden Feuers flackerte, das zahllose riesige und wunderliche Schattenbilder an den Wänden der Schenke tanzen ließ. Was den Lärm betrifft, so glich er dem Innern eines Glockenturmes, wenn alle Glocken läuten.

Die Bratpfanne, in welcher eine Lache Fett schmorte, füllte mit ihrem fortwährenden Knattern die Pausen dieser zahllosen Unterhaltungen aus, welche von einem Ende des Saales zum andern flogen.

Mitten in diesem Lärme, im Hintergrunde der Schenke, auf einer Bank neben dem Kamine, saß ein Philosoph, welcher nachdachte, die Füße in die Asche gesteckt, das Auge auf die Feuerbrände gerichtet. Es war Peter Gringoire.

»Wohlauf, schnell! waffnet euch! in einer Stunde begiebt man sich auf den Marsch!« sprach Clopin Trouillefou zu den ihn umringenden Gaunern.

Ein Mädchen trällerte:

»Guten Abend, lieber Vater, liebe Mutter,
Die Letzten löschen das Feuer.«

Zwei Spieler stritten sich.

»Bube?« rief der am meisten Geröthete, indem er dem andern die Fauste wies, »ich will dir Points im Treff anlegen. Du kannst den Treffbuben beim Kartenspiel unseres gnädigen Herrn des Königs vertreten.«

»Au!« rief ein Normanne, der an seinem näselnden Tone erkenntlich war, »man ist hier wie die Heiligen von Caillouville zusammengedrängt!«

»Kinder,« sagte der Herzog von Aegypten zu seinen Zuhörern, indem er im Falset sprach, »die Hexen in Frankreich eilen ohne Besen, ungesalbt und unberitten, nur mit Hilfe einiger Zauberworte zum Hexentanze. Die Hexen in Italien haben immer einen Bock, der sie an ihren Thüren erwartet. Alle sind verpflichtet, durch den Schornstein davonzufliegen.«

Die Stimme des jungen, von Kopf bis zu Fuß geharnischten Kerls übertönte den verworrenen Lärm.

»Juchhe! Juchhe!« rief er. »Meine ersten Waffenthaten verrichte ich heute! Als Landstreicher! Ich bin Landstreicher, beim Leibe Christi! Schenket mir zu trinken ein! … Meine Freunde, ich heiße Johann Frollo-du-Moulin, und ich bin ein Edelmann. Ich bin der Meinung, daß, wenn Gott ein Kriegsmann wäre, er ein Räuber werden würde. Brüder, wir wollen einen schönen Zug unternehmen. Wir sind tapfre Männer. Eine Kirche zu erstürmen, die Thüren einzuschlagen, das schöne Mädchen herauszureißen, sie aus den Händen der Richter, aus den Händen der Priester zu retten, das Kloster zu schleifen, den Bischof in seinem Bisthume zu verbrennen – das führen wir in kürzerer Zeit aus, als ein Bürgermeister braucht, um einen Löffel voll Suppe zu essen. Unsere Sache ist gerecht, wir wollen Notre-Dame ausplündern, und damit soll alles ausgemacht sein. Wir wollen Quasimodo hängen. Kennt ihr den Quasimodo, ihr Jungfräulein? Habt ihr ihn gesehen, wie er bei der Brummglocke an einem Tage des hohen Pfingstfestes außer Athem gerieth? Beim Hörne Gottes! das ist schön! Man sollte meinen, er wäre der Teufel auf einem Höllenrachen reitend … Meine Freunde, höret mich an, ich bin Landstreicher im Grunde meines Herzens, ich bin Gauner von ganzer Seele, ich bin zum Diebe geboren. Ich bin sehr reich gewesen und habe mein Hab und Gut durchgebracht. Meine Mutter wollte einen Offizier, mein Vater einen Subdiaconus, meine Tante einen Criminalrath, meine Großmutter einen Protonotar des Königs, meine Großtante einen Schatzmeister in kurzem Gewande aus mir machen, ich aber, ich bin ein Landstreicher geworden. Ich habe das meinem Vater gesagt, der mir seinen Fluch ins Gesicht spie, dann meiner Mutter, welche als alte Frau zu weinen und zu geifern begann, wie jenes Scheit auf dem Feuerbocke. Es lebe die Freude! Ich bin ein echter Tollhäusler! Wirthin, mein Liebchen, andern Wein! Ich habe noch Geld zum bezahlen. Ich mag keinen Wein mehr von Surène. Er beizt mir den Schlund. Ich möchte mir, Potz Blitz! ebenso gern die Gurgel mit einem Korbe aushecheln!«

Währenddem gab die Menge ihren Beifall mit lautem Gelächter zu erkennen; und als der Student sah, daß der Tumult sich um ihn verdoppelte, rief er:

»Ach! ein köstlicher Lärm! Populi debacchantis populosa debacchatio64 Nun begann er, das Auge wie in Verzückung getaucht, mit dem Tone eines Kanonikus, der die Vesper anstimmt, zu singen: Quae cantica! quae organa! quae cantilenae! quae melodiae hic sine fine decantantur! sonant melliflua hymnoroum organa, suavissima angelorum melodia, cantica canticorum mira! …« 65 Er unterbrach seinen Gesang:

»Speisewirthin des Teufels, gieb mir etwas zum Abendessen.«

Einen Augenblick hindurch trat fast Ruhe ein, während welcher der Herzog von Aegypten, der seine Zigeuner unterrichtete, seine kreischende Stimme erhob:

»Das Wiesel heißt Aduine, der Fuchs Blaufuß oder Waldläufer, der Wolf Graufuß oder Goldfuß, der Bär der Alte oder der Großvater … Die Kappe eines Gnomen macht unsichtbar und läßt unsichtbare Dinge erblicken … Jede Kröte, welche man tauft, muß in rothen oder schwarzen Sammet gekleidet sein, eine Schelle um den Hals haben und eine an den Füßen. Der Pathe hält den Kopf, die Pathin das Hintertheil. Sidragasum heißt der Teufel, welcher die Macht besitzt, die Mädchen ganz nackt tanzen zu lassen.«

»Bei der heiligen Messe!« rief Johann dazwischen, »ich möchte wohl der Teufel Sidragasum sein.«

Unterdessen fuhren die Landstreicher fort sich zu waffnen, während sie am andern Ende der Schenke mit einander flüsterten.

»Diese arme Esmeralda!« sagte ein Zigeuner … »Sie ist unsere Schwester … Wir müssen sie von da herausholen …«

»Ist sie denn noch immer in Notre-Dame?« nahm ein Handelsmann von jüdischem Aussehen das Wort.

»Ja, bei Gott!«

»Nun gut, Kameraden!« rief der Handelsmann, »in Notre-Dame! Um so besser; denn in der Kapelle der heiligen Féréol und Ferrution befinden sich zwei Bildsäulen: die eine von Johannes dem Täufer, die andere vom heiligen Antonius, ganz aus Gold, welche zusammen siebzehn Mark und fünfzehn Estellins 66 Goldgewicht haben; und die Fußgestelle aus vergoldetem Silber sind siebzehn Mark fünf Unzen schwer. Ich kenne das; ich bin Goldschmied.«

Jetzt trug man Johann sein Abendessen auf. Er rief, während er sich an die Brust des Mädchens an seiner Seite lehnte:

»Beim heiligen Voult-de-Lucques, den das Volk den heiligen Goguelu nennt, ich bin vollkommen glücklich. Da vor mir sehe ich einen Dummkopf, der mich mit dem glatten Gesichte eines Erzherzoges betrachtet. Zu meiner Linken sitzt ein anderer, der so lange Zähne hat, daß sie ihm das Kinn verstecken. Und dann mache ich es, wie der Marschall von Gié bei der Belagerung von Pontoise, ich halte meine Rechte auf eine Brustwarze gestützt… Beim Leibe des Mahomet! du siehst ja aus wie ein Stoffhändler, und du willst dich neben mich setzen! Ich bin adlig, Freund. Der Handel verträgt sich nicht mit dem Adel. Scher‘ dich weg von da … Holla! he! Ihr da, schlagt euch nicht! Wie, Baptist Croque-Oison, du, der eine so schöne Nase hat, will sie gegen die dicken Fäuste dieses Tölpels aufs Spiel setzen! Narr! Non cuiquam datum est habere nasum67 Du bist wahrhaft himmlisch, Jacqueline Rouge-Oreille! es ist schade, daß du keine Haare hast … Holla! ich heiße Johann Frollo, und mein Bruder ist Archidiaconus. Möge ihn der Teufel holen! Alles, was ich euch sage, ist die reine Wahrheit. Als ich Gauner wurde, habe ich mit freudigem Herzen auf die Hälfte eines im Paradiese, gelegenen Hauses verzichtet, welche mir mein Bruder versprochen hat. Dimidiam domum in paradiso. 68 Ich führe die Originalworte an. Ich habe ein Lehengut in der Straße Tirechappe, und alle Weiber sind in mich verliebt, so gewiß, als es wahr ist, daß der Heilige Eligius ein ausgezeichneter Goldschmied war, und daß zu den fünf Handwerken der guten Stadt Paris die Lohgerber, die Weißgerber, die Lederbereiter, die Beutelmacher und die Lederschwitzer gehören, und daß der heilige Laurentius mit Eierschalen verbrannt worden ist. Ich schwöre es euch zu, Kameraden,

Daß ich nicht trinke in einem Jahr
Vom Honigmeth, wenn das nicht wahr!

»Meine Schöne, es ist Mondenschein; sieh doch da unten durch das Kellerloch, wie der Wind die Wolken zerzaust! So mache ich es mit deinem Brusttuche … Ihr Mädchen! schnäuzet die Kinder und die Lichter … Christus und Mahomet! Was esse ich denn da, beim Jupiter? He! alte Vettel! die Haare, welche man nicht auf dem Kopfe deiner Dirnen findet, die findet man in deinen Eierkuchen wieder. Höre, Alte! ich esse die Eierkuchen gern ohne Haare. Möge der Teufel dich plattnasig machen! … Eine schöne Wirtschaft des Beelzebub, wo die Dirnen sich mit den Gabeln kämmen!«

Als er so gesprochen hatte, schmetterte er seinen Teller auf den Boden und begann aus vollem Halse zu singen:

»Traun! ich acht‘.
Bei Christi Tod,
Weder Treue, noch Gebot.
Herd und Haus –
Mach‘ mir nichts draus!
Gott und König –
Gilt mir gleich wenig!

Unterdessen hatte Clopin Trouillefou seine Waffenvertheilung beendigt. Er näherte sich Gringoire, welcher die Beine über einen Feuerbock gestreckt, in tiefes Nachsinnen versunken schien.

»Freund Peter,« sagte der König von Thunes, »zum Teufel, an was denkst du?«

Gringoire drehte sich mit einem schwermüthigen Lächeln nach ihm um.

»Ich habe das Feuer gern, lieber Herr. Nicht aus dem alltäglichen Grunde, weil das Feuer unsere Füße wärmt oder unsere Suppe kocht, sondern weil es Funken giebt. Manchmal verbringe ich ganze Stunden damit, die Funken zu beobachten. Ich entdecke tausenderlei Dinge in diesen Sternen, welche durch den schwarzen Hintergrund des Herdes sprühen. Auch diese Sterne da sind Welten.«

»Der Donner soll mich –, wenn ich dich verstehe!« sagte der Bettler. »Weißt du, wie viel Uhr es ist?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Gringoire.

Clopin trat jetzt an den Herzog von Aegypten heran.

»Kamerad Mathias, die Stunde ist nicht gut gewählt. Man sagt, der König Ludwig der Elfte sei in Paris.«

»Ein Grund mehr, um ihm unsere Schwester aus den Klauen zu reißen,« antwortete der alte Zigeuner.

»Du sprichst wie ein Mann, Mathias,« sagte der König von Thunes. »Uebrigens werden wir leichte Arbeit haben. In der Kirche ist kein Widerstand zu fürchten. Die Domherrn sind Hasenfüße, und wir sind stark an Zahl. Die Herren vom Parlamente werden morgen sehr gefoppt sein, wenn sie sie holen wollen!«

»Bei den Gedärmen des Papstes! ich mag nicht, daß man das hübsche Mädchen aufhängt!«

Clopin verließ die Schenke.

Diese ganze Zeit hindurch rief Johann mit heiser gewordener Stimme:

»Ich trinke, ich esse, ich bin betrunken, ich bin Jupiter! … Ei! Pierre-l’Assommeur, wenn du mich noch einmal so ansiehst, werde ich deine Nase mit Nasenstübern bedenken.«

Gringoire seinerseits, der aus seinen Grübeleien herausgerissen war, fing an, sich die wilde und lärmende Scene, welche ihn umgab, zu betrachten und murmelte zwischen den Zähnen: Luxuriosa res vinum et tumultuosa ebrietas. 69 Ach! wie sehr habe ich recht, nicht zu trinken, und wie treffend sagt der heilige Benedikt: Vinum apostatare facit etiam sapientes70

In diesem Augenblicke trat: Clopin wieder in die Schenke ein und rief mit donnernder Stimme: »Mitternacht!«

Bei diesem Worte, das die Wirkung hervorbrachte, wie das Signal zum Aufsitzen auf ein rastendes Regiment, stürzten alle Bettler, Männer, Weiber und Kinder haufenweise mit großem Waffenlärme und Gerassel zur Schenke hinaus.

Der Mond hatte sich verhüllt.

Der Wunderhof war ganz dunkel. Nirgends bemerkte man ein Licht. Und dennoch war er ganz und gar nicht verlassen. Man unterschied hier einen Haufen Männer und Weiber, welche leise miteinander sprachen. Man hörte sie summen und sah aller Art Waffen in der Dunkelheit blitzen. Clopin stieg auf einen großen Stein.

»An Eure Plätze, Gauner! an Eure Plätze, Aegypten und Galiläa!«

Eine Bewegung entstand in der Dunkelheit. Die ungeheure Menschenmenge schien sich in Colonnen zu ordnen. Nach einigen Minuten erhob der König von Thunes noch einmal die Stimme:

»Jetzt, Schweigen beim Durchzuge durch Paris! Das Paßwort ist: ›Messer in der Tasche!‹ Die Fackeln werden erst bei Notre-Dame angezündet! Marsch!«

Zehn Minuten später flohen die Reiter der Nachtwache entsetzt vor einem langen Zuge schwarzer und schweigender Männer einher, welcher nach der Wechslerbrücke zu, durch die krummen Straßen hinabzog, die nach allen Richtungen hin das feste Hallenviertel der Stadt durchschneiden.

  1. Lateinisch: Welch riesiger Lärm eines tobenden Volkes! Anm. d. Uebers.
  2. Lateinisch: Welche Gesänge! welche Instrumente! welcher Singsang! welche endlose Melodien werden hier gesungen! Es klingen die Hymnen von lieblichen Pfeifen, der Engel süßeste Melodie, der Lieder reichste Lieder! Anm. d. Uebers.
  3. Esterling heißt ein altes Goldschmiedegewicht von 28 4/5 Gran.
  4. Lateinisch: Nicht jedem ist es gestattet, eine Nase zu besitzen.
  5. Lateinisch: Ein halbes Haus im Paradiese. Anm. d. Uebers.
  6. Lateinisch: Der Wein ist ein ausschweifend Ding und giebt einen lärmenden Rausch.
  7. Lateinisch: Den Wein meiden macht auch Weise. Anm. d. Uebers.

4. Der ungeschickte Freund.

In dieser nämlichen Nacht schlief Quasimodo nicht. Er hatte soeben seinen letzten Rundgang in der Kirche gemacht. Er hatte nicht bemerkt, daß in dem Augenblicke, wo er ihre Thüren schloß, der Archidiaconus an ihm vorbeigegangen und einigen Verdruß gezeigt hatte, als er sah, wie er sorgfältig den ungeheuern Eisenbeschlag, der ihren breiten Flügeln die Festigkeit einer Mauer verlieh, mit Riegeln und Vorhängeschlössern sperrte. Dom Claude zeigte eine noch sorgenvollere Miene, als gewöhnlich. Uebrigens mißhandelte er Quasimodo beständig seit dem nächtlichen Vorfalle in der Zelle; aber umsonst behandelte er ihn grob, schlug ihn manchmal sogar: nichts erschütterte die Unterwürfigkeit, die Geduld und opferfähige Gelassenheit des treuen Glöckners. Von Seiten des Archidiaconus ertrug er alles: Schmähungen, Drohungen, Schläge, ohne einen Vorwurf zu murmeln oder eine Klage auszustoßen. Höchstens verfolgte er ihn mit unruhigen Blicken, wenn Dom Claude die Treppe zum Thurme hinaufstieg; aber der Archidiaconus hatte es von freien Stücken unterlassen, sich wieder vor den Augen der Zigeunerin blicken zu lassen.

Diese Nacht also war Quasimodo, nachdem er seinen so schmählich verlassenen Glocken Jacqueline, Marie und Thibaut einen Blick zugeworfen hatte, auf die spitze des nördlichen Thurmes gestiegen und begann von da aus Paris zu betrachten, nachdem er seine wohl verschlossene Blendlaterne auf den Bleiplatten niedergestellt hatte. Die Nacht war, wie wir schon gesagt haben, sehr dunkel. Paris, das in diesem Zeitraume gewissermaßen noch keine Beleuchtung hatte, bot dem Auge einen wirren Haufen schwarzer Massen dar, der hier und da von der weißschimmernden Krümmung der Seine durchschnitten wurde. Quasimodo sah nur noch Licht am Fenster eines Gebäudes in der Ferne, dessen undeutlichen und düsteren Umrisse sich hoch über den Dächern nach dem Thore Saint-Antoine hin abzeichneten. Da fand sich auch jemand, der noch wach war.

Während der Glöckner sein einziges Auge in diesem von Nebel und Nacht verhüllten Gesichtskreise herumschweifen ließ, fühlte er in seinem Innern eine unaussprechliche Unruhe. Seit mehreren Tagen war er auf seiner Hut gewesen. Er sah unaufhörlich Leute von unheimlichem Aussehen die Kirche umschleichen, welche die Freistätte des jungen Mädchens nicht aus den Augen ließen. Er überlegte, daß vielleicht irgend ein heimlicher Anschlag gegen den unglücklichen Flüchtling angezettelt würde. Er stellte sich vor, daß beim Volke ein ebensolcher Haß gegen sie vorhanden sei, wie das gegen ihn der Fall war, und daß sich wahrscheinlicherweise bald etwas ereignen müsse. Daher verblieb er auf seinem Glockenturme auf der Lauer, »in sein Nachdenken versunken«, wie Rabelais sagt, das Auge bald auf die Zelle, bald auf Paris gerichtet, und hielt wie ein guter Hund, mit tausend argwöhnischen Gedanken in seiner Seele, sichere Wache.

Plötzlich, während er die große Stadt mit diesem Auge erforschte, das die Natur, gleichermaßen zum Ersatz, so durchdringend geschaffen hatte, daß es fast die übrigen Sinne ersetzen konnte, welche Quasimodo fehlten, schien es ihm, als ob der Schattenriß des Quai de-la-Vieille-Pelletrie etwas Sonderbares zeigte, als ob an diesem Punkte eine Bewegung vor sich ginge, als ob die in der Nacht von der Helle des Wassers sich abhebende Linie der Brustwehr nicht gerade und ruhig bliebe, wie diejenige der übrigen Quais, sondern als ob sie vor dem Blicke wie die Wogen eines Flusses oder wie die Köpfe einer vorwärts schreitenden Menge hin- und herschwanke. Das schien ihm befremdlich. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Die Bewegung schien nach der Altstadt heranzukommen. Nirgends war ein Licht zu sehen. Sie dauerte einige Zeit auf dem Quai fort, dann verschwand sie nach und nach, wie wenn das, was vorüberzöge, sich nach der Seineinsel zu bewegte; dann hörte die Bewegung ganz auf, und die Quailinie nahm wieder ihre gerade Richtung und Unbeweglichst an.

In dem Augenblicke, wo Quasimodo sich in Vermuthungen erschöpfte, schien es ihm, als ob die Bewegung wieder in der Straße zum Domvorhofe erschiene, welche sich in gerader Linie mit der Façade von Notre-Dame nach der Altstadt hin verlängert. Endlich sah er, so tief die Dunkelheit auch war, eine Spitze des Zuges aus dieser Straße herauskommen, und in einem Augenblicke sich eine Menge über den Platz ergießen, von der man bei der Finsternis nichts weiter erkennen konnte, als daß es ein Menschenhaufe war.

Dieses Schauspiel hatte seine erschreckende Seite. Wahrscheinlich beobachtete dieser eigentümliche Aufzug, dem es so sehr angelegen zu sein schien, sich in tiefe Nacht zu hüllen, ein ebenso tiefes Schweigen. Indessen mußte der Zug doch irgend ein Geräusch verursachen, wäre es auch nur ein solches von Fußtritten. Dieser Lärm jedoch drang nicht einmal zum Ohre unseres Tauben, und diese große Menschenmenge, von der er kaum etwas sah, geschweige denn etwas hörte, und die nichtsdestoweniger voll Aufregung so nahe an ihm vorbeizog, machte aus ihn den Eindruck eines stummen, gespenstigen Haufens von Todten, der in einer Rauchwolke versteckt war. Es schien ihm, als ob er eine Nebelwolke voll Menschen auf sich loskommen, als ob er Schattengestalten im Dunkel sich bewegen sähe.

Jetzt kehrten seine Besorgnisse bei ihm zurück; der Gedanke an ein Unternehmen gegen die Zigeunerin trat vor seine Seele. Er fühlte dunkel, daß er einer gewaltthätigen Rolle entgegenging. In diesem entscheidenden Augenblicke ging er bei sich mit besserer und entschlossenerer Urteilskraft zu Rathe, als man es von einem so schlecht eingerichteten Gehirne hätte erwarten sollen. Sollte er die Zigeunerin aufwecken? sie entschlüpfen lassen? Wohinaus? Die Straßen waren besetzt, die Kirche lag am Flusse. Kein Kahn war zu sehen! kein Ausweg offen! … Es gab nur ein Mittel: sich auf der Schwelle von Notre-Dame tödten zu lassen, wenigstens so lange Widerstand zu leisten, bis Hilfe käme, wenn je welche kommen sollte, und den Schlaf der Esmeralda nicht zu stören. Die Unglückselige würde immerhin früh genug geweckt werden, um in den Tod zu gehen. Als er diesen Entschluß einmal gefaßt hatte, fing er an, »den Feind« mit mehr Ruhe zu beobachten.

Der Haufe schien mit jedem Augenblicke sich auf dem Vorhofe zu vergrößern. Er allein schien der Meinung zu sein, daß er nur sehr wenig Geräusch verursachen müßte, da die Fenster der Straßen und des Platzes geschlossen blieben. Auf einmal glänzte ein Licht, und in einem Augenblicke bewegten sich sieben oder acht brennende Fackeln, deren Flammenbüschel in der Dunkelheit hin- und herfuhren, über den Köpfen. Quasimodo sah jetzt deutlich eine fürchterliche Menge von Männern und Weibern in Lumpen auf dem Domvorhofe sich drängen, die mit Sensen, Piken, Dolchen und Partisanen bewaffnet waren, deren zahllose Spitzen funkelten. Hier und da bildeten schwarze Stellen Ecken in dieser fürchterlichen Kopfzahl. Er erinnerte sich dunkel dieses Pöbelhaufens, und glaubte alle diese Köpfe wiederzuerkennen, die ihn einige Monate früher als Narrenpapst begrüßt hatten. Ein Mann, welcher eine Fackel in einer Hand, in der andern einen Birkenstab hielt, stieg auf einen Eckstein und schien eine Ansprache zu halten. Zu gleicher Zeit machte die seltsame Armee einige Bewegungen, als ob sie rings um die Kirche Aufstellung nähme. Quasimodo packte seine Laterne und stieg auf die Plattform zwischen den Thürmen hinab, um das sonderbare Schauspiel mehr in der Nähe beobachten und auf Vertheidigungsmittel bedacht sein zu können.

Clopin Trouillefou, der vor dem hohen Portale von Notre-Dame angekommen war, hatte in der That seine Truppe in Schlachtordnung aufgestellt. Obgleich er auf gar keinen Widerstand rechnete, so wollte er doch als kluger Feldherr eine Ordnung aufrecht erhalten, die ihm nötigenfalls ermöglichte, einem plötzlichen Angriffe der Nachtwache und der Einunddreißiger von der Polizeiwache Trotz zu bieten. Er hatte seine Truppe derartig aufgestellt, daß man sie, aus der Höhe und von fern gesehen, für das römische Dreieck ans der Schlacht bei Ecnomos, für den Schweinskopf Alexanders, oder für die berühmte Keilstellung Gustav Adolphs hätte halten können. Die Grundlinie dieses Dreieckes stützte sich auf den Hintergrund des Platzes, so daß sie die Straße zum Domvorhofe verrammelte; die eine seiner Seiten beobachtete das Hôtel-Dieu, die andere die Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs. Clopin Trouillefou hatte sich mit dem Herzoge von Aegypten, unserem Freunde Johann und den muthigsten Bettlern an die Spitze der Bande gestellt.

Ein Unternehmen, wie dasjenige, welches die Bettler in diesem Augenblicke gegen die Kirche Notre-Dame versuchten, war in den Städten des Mittelalters ganz und gar keine sehr seltene Erscheinung. Das, was wir heutzutage »Polizei« nennen, gab es damals nicht. In den volkreichen Städten, vor allen in den Hauptstädten, war keine einheitliche, bestimmende Centralgewalt vorhanden. Das Lehnswesen hatte diesem großen Gemeinwesen eine wunderliche Einrichtung gegeben. Eine Stadt war eine Vereinigung von tausend Lehnsherrlichkeiten, welche sie in Abtheilungen von allen Formen und Größen theilten. Infolge dessen gab es tausend sich gegenseitig aufhebende Polizeiverordnungen, das heißt: keine Polizeigewalt. In Paris zum Beispiel gab es, unabhängig von den hunderteinundvierzig Lehnsherren, welche richterliche Gewalt beanspruchten, noch fünfundzwanzig, welche Rechtspflege und Lehnsrecht beanspruchten, vom Bischofe von Paris an, der hundertundfünf Straßen innehatte, bis zum Prior von Notre-Dame-des-Champs, welches deren vier besaß. Alle diese Lehnsgerichtsherren erkannten die Oberlehnsherrlichkeit des Königs nur dem Namen nach an: alle besaßen das Recht der Straßenpolizei. Alle waren Herren in ihrem Bezirke. Ludwig der Elfte, dieser unermüdliche Arbeiter, welcher die Niederreißung des Feudalgebäudes so mächtig begonnen hat, die von Richelieu und Ludwig dem Vierzehnten zum Vortheil der Königsmacht fortgesetzt, und von Mirabeau zum Heile des Volkes beendigt wurde, – Ludwig der Elfte hatte es wohl versucht, dieses Netz von Lehnsgewalten, welches Paris bedeckte, zu zerreißen, indem er gewaltthätig zwei oder drei Verordnungen über allgemeine Polizei mitten hineinwarf. So erließ er im Jahre 1465 einen Befehl an die Einwohner, beim Anbruche der Nacht, bei Strafe des Stranges, ihre Fenster mit Lichtern zu erleuchten und ihre Hunde einzusperren; in demselben Jahre einen andern Befehl, des Abends die Straßen mit eisernen Ketten zu sperren, und das Verbot, des Nachts auf den Straßen Dolche oder Angriffswaffen zu tragen. Aber nach kurzer Zeit kamen alle diese Versuche einer Gemeindegesetzgebung außer Gebrauch. Die Bürger ließen die Lichter in ihren Fenstern vom Winde auslöschen und ihre Hunde herumlaufen; die eisernen Ketten wurden nur beim Belagerungszustande ausgespannt; das Verbot, Dolche zu tragen, führte unter andern Aenderungen nur die herbei, daß der Name der Straße Coupe-Gueule in den Namen Coupe-Gorge 71 verwandelt wurde, was ein offenbarer Fortschritt ist. Das alte Gerüst der Lehnsgerichtsbarkeiten blieb stehen; und damit der ungeheure Wust von Amtsbezirken und Lehnsherrlichkeiten, die sich in der Stadt durchkreuzten, im Wege standen, sich verwickelten, einander in die Quere geriethen und die Befugnisse abschnitten, nebst dem unnützen Gestrüpp von Wachen, Unterwachen und Gegenwachen, mitten durch die der Diebstahl, Raub und Aufruhr mit bewaffneter Hand hindurchzogen. Bei dieser Verwirrung waren also solche Handstreiche eines Pöbelhaufens auf einen Palast, ein Schloß, ein Haus in den bevölkertsten Stadtvierteln kein unerhörtes Vorkommnis. In den meisten Fällen mischte sich die Nachbarschaft nur dann in die Angelegenheit, wenn die Plünderung bis an ihre eigenen vier Pfähle kam. Sie verstopften sich die Ohren bei den Musketenschüssen, schlossen ihre Fensterladen, verrammelten ihre Thüren, ließen den Streit sich mit oder ohne Nachtwache beilegen, und am andern Tage erzählte man sich in Paris: »Vergangene Nacht ist Etienne Barbette Gewalt angethan worden. Dem Marschall von Clermont ist man an den Leib gegangen, u. s. w.« Daher hatten nicht allein die königlichen Gebäude: das Louvre, der Palast, die Bastille, die Parlamentsgerichtsgebäude, sondern auch die Wohnsitze der Lehnsherren schlechtweg: Klein-Bourbon, das Hôtel de Sens, das Hôtel d’Angoulème u. s. w. ihre Schießscharten in den Mauern und ihre Lukenerker über den Thoren. Die Kirchen waren durch ihre Heiligkeit geschützt. Einige jedoch, unter deren Zahl Notre-Dame nicht gehörte, waren befestigt. Die Abtey Saint-Germain-des-Prés war mit Zinnen, wie ein Freiherrnsitz versehen, und in ihr war mehr Kupfer noch bei den Bombarden als bei den Glocken verbraucht. Man sah ihre Befestigung noch im Jahre 1610. Heutzutage ist kaum noch ihre Kirche vorhanden.

Kehren wir zu Notre-Dame zurück. Als die ersten Anordnungen getroffen waren (und wir müssen zur Ehre der Bettlermannszucht sagen, daß die Befehle Clopins schweigend und mit einer bewundrungswürdigen Genauigkeit ausgeführt wurden), stieg der würdige Anführer der Bande auf die Brustwehr des Vorhofes und erhob seine rauhe und mürrische Stimme, indem er sich nach Notre-Dame hinwandte und seine Fackel schwang, deren vom Winde bewegtes und jeden Augenblick vom eigenen Rauche verhülltes Licht die geröthete Façade der Kirche den Blicken zeigte und entzog.

»Mit dir, Louis von Beaumont, dem Bischofe von Paris, dem Rathe beim Parlamentsgerichtshofe, rede ich, Clopin Trouillefou, der König der Bettler, der große Fürst, der Herr des Gaunerthums, der Narrenbischof: Unsere Schwester, welche ungerechter Weise wegen Zauberei verurtheilt ist, hat sich in deine Kirche geflüchtet. Du bist ihr Schutz und Schirm schuldig. Nun will der Parlamentsgerichtshof sie dort wieder festnehmen lassen, und du giebst deine Zustimmung hierzu, dergestalt, daß man sie morgen auf dem Grèveplatze hängen will, wenn Gott und die Bettler nicht da wären. Demnach kommen wir zu dir, Bischof. Wenn deine Kirche geheiligt ist, ist unsere Schwester es auch; wenn unsere Schwester es nicht ist, so ist es deine Kirche auch nicht. Deshalb fordern wir dich auf, uns das Mädchen auszuliefern, wenn du deine Kirche retten willst, oder wir selbst wollen das Mädchen herausholen und werden deine Kirche plündern. Das wird gewiß geschehen. Als Unterpfand dessen pflanze ich hier mein Banner auf und Gott sei dir gnädig, Bischof von Paris!«

Unglücklicherweise konnte Quasimodo diese mit einer Art düsterer und wilder Majestät ausgesprochenen Worte nicht hören. Ein Bettler reichte Clopin sein Banner hin, welches er feierlich zwischen zwei Pflastersteinen aufpflanzte. Es war eine Gabel, an deren Zinken ein blutiges Stück Aas hing. Als das geschehen war, wandte der König von Thunes sich um und ließ seine Augen über das Heer schweifen – jene wilde Menge, deren Blicke fast ebenso sehr, wie ihre Piken funkelten. Nach einer kurzen Pause rief er:

»Vorwärts, Kinder! an die Arbeit, ihr Teufel!«

Dreißig robuste Kerle mit vierschrötigen Gliedmaßen und Schmiedegesichtern traten mit Hämmern, Zangen und eisernen Brechstangen auf den Schultern aus den Reihen hervor. Sie schritten auf die Hauptthür der Kirche los, stiegen die stufen hinan, und bald sah man sie unter der Wölbung kauern und die Thüre mit Zangen und Brecheisen bearbeiten. Ein Haufe Bettler folgte ihnen, um ihnen beizustehen oder ihnen zuzusehen. Die elf Stufen des Portales waren von ihnen besetzt.

Die Thür indessen hielt tapfer aus. »Teufel! sie ist hart und starrköpfig!« sagte einer. – »Sie ist alt, und sie hat zähe Knorpel,« sagte ein anderer. – »Muth! Kameraden!« erwiederte Clopin. »Ich wette meinen Kopf gegen einen Pantoffel, daß ihr die Thür geöffnet, das Mädchen entführt und den Hochaltar entkleidet haben werdet, ehe noch ein Kirchendiener munter geworden ist. Horcht! ich glaube, das Schloß giebt nach.«

Clopin wurde durch ein entsetzliches Krachen unterbrochen, das in diesem Augenblicke hinter ihm erscholl. Er wandte sich um. Ein ungeheuerer Balken war soeben vom Himmel gefallen; er hatte ein Dutzend Bettler auf der Kirchentreppe zerschmettert und prallte auf dem Pflaster mit dem Getöse eines Geschützstückes zurück, während er noch hier und da einigen aus dem Bettlerhaufen, der mit Schreckensgeschrei auseinanderstob, die Beine brach. In einem Augenblicke war die eingeschlossene Brustmauer des Vorhofes leer. Die Einbrecher verließen, obgleich sie von den tiefen Bogenwölbungen des Portales geschützt waren, die Thür, und Clopin selbst wich auf ehrerbietige Entfernung von der Kirche zurück.

»Ich bin mit heiler Haut davongekommen!« rief Johann. »Ich habe das Sausen davon gehört, Sapperlot!. Aber Pierre l’Assommeur ist erschlagen!«

Es ist unmöglich zu schildern, welches mit Entsetzen gepaarte Staunen durch diesen Balken auf die Banditen herabfiel.

Einige Minuten lang standen sie mit in die Höhe gerichteten Blicken da und waren über dieses Stück Holz bestürzter, als über zwanzigtausend Bogenschützen des Königs.

»Satan!« murmelte der Herzog von Aegypten, »das riecht mir nach Zauberei!«

»Der Mond wirft uns diesen Balken zu,« sagte der rothe Audry.

»In diesem Falle möchte man behaupten,« erwiederte François Chanteprune, »der Mond sei Busenfreund von unserer lieben Frau, der heiligen Jungfrau!«

»Tausend Päpste!« rief Clopin, »ihr seid alle Dummköpfe!« Aber er wußte selbst nicht, wie er den Sturz des Balkens erklären sollte.

An der Façade selbst nämlich, bis zu deren Spitze der Schein der Fackeln nicht drang, bemerkte man nichts. Der schwere Balken lag mitten auf dem Vorhofe, und man hörte das Wimmern der Unglücklichen, die seinen ersten Stoß empfangen hatten und nun mit zerschmettertem Leibe zusammengebrochen an der Ecke der steinernen Stufen lagen.

Der König von Thunes fand, nachdem das erste Staunen vorüber war, endlich eine Erklärung, welche seinen Gefährten wahrscheinlich erschien.

»Himmel und Hölle! sind es etwa die Domherren, welche sich vertheidigen? Auf denn, zur Plünderung! zur Plünderung!«

»Zur Plünderung!« wiederholte die Meute mit wüthendem Angriffsgeschrei. Und die Armbrüste und Hakenbüchsen gaben eine Salve auf die Façade der Kirche.

Bei diesem Gekrach erwachten die friedfertigen Bewohner der benachbarten Häuser; man sah mehrere Fenster sich öffnen und Nachtmützen und Hände, die Lichter hielten, an den Oeffnungen erscheinen. »Schießt auf die Fenster!« rief Clopin. Sofort schlossen sich die Fenster wieder, und die armen Bürger, die kaum Zeit gehabt hatten, einen bestürzten Blick auf diese von Waffen und Lichtern schimmernde Aufruhrscene zu werfen, krochen, Angstschweiß vergießend, zu ihren Weibern zurück und fragten sich, ob jetzt der Hexensabbath auf dem Vorhofe von Notre-Dame abgehalten würde, oder ob ein Sturm der Burgunder stattfände, wie im Jahre 64. Da dachten die Männer an Plünderung, die Weiber an Nothzüchtigung, und alle zitterten. »Zur Plünderung!« wiederholten die Gauner; aber sie wagten nicht, sich zu nähern. Bald sahen sie die Kirche an, bald betrachteten sie den Balken. Der Balken rührte sich nicht, das Bauwerk bewahrte sein ruhiges und ödes Aussehen; aber etwas verursachte den Bettlern Entsetzen.

»An die Arbeit, frisch, ihr Teufelsgesellen!« rief Trouillefou. »Sprenget die Thüre!« Niemand that einen Schritt vorwärts. »Bart und Bauch!« rief Clopin, »ihr seid Männer, die vor einem Balken Furcht haben!«

Ein alter Landstreicher wandte sich mit dem Worte an ihn: »Hauptmann, der Balken ist es nicht, der uns ärgert, die Thür ist es, die ganz mit eisernen Bändern bedeckt ist. Die Zangen vermögen nichts an ihr.«

»Was müßt ihr denn haben, um sie einzuschlagen?« fragte Clopin.

»Ach! wir müssen einen Sturmbock haben.«

Der König von Thunes eilte muthig auf den furchtbaren Balken zu, und setzte seinen Fuß darauf. »Hier ist einer,« rief er, »die Domherrn sind es, die ihn euch schicken.« Und mit einem spöttischen Gruße nach der Kirche hin, sagte er: »Schönen Dank, ihr Domherren!«

Diese Herausforderung verursachte eine ausgezeichnete Wirkung; der Zauber des Balkens war gebrochen. Die Bettler faßten wieder Muth; bald war der mächtige Balken von zweihundert nervigen Armen wie eine Feder in die Höhe gehoben und warf sich mit Wuth auf die große Thür, die man schon zum Wanken zu bringen versucht hatte. Wer bei dem Halbdunkel, das die spärlichen Fackeln der Bettlerhorde über den Platz verbreiteten, diesen langen Balken so gesehen hätte, wie er von dieser Menschenmenge getragen wurde, welche mit ihm im Sturme auf die Kirche losstürzte, hätte glauben müssen, ein tausendfüßiges Ungeheuer zu erblicken, das mit gesenktem Kopfe den steinernen Riesen angriffe.

Unter dem Stoße des Balkens erklang die halbmetallene Thür wie eine ungeheuere Trommel; sie brach nicht, aber die Kathedrale bebte von unten bis oben, und man hörte die tiefen Gewölbe des Bauwerkes dröhnen. Im nämlichen Augenblicke begann ein Regen von mächtigen Steinen aus der Höhe der Façade auf die Sturmlaufenden herabzufallen. »Teufel!« rief Johann, »schütteln uns etwa gar die Thürme ihre Steingeländer auf die Köpfe?« … Aber die Begeisterung war angeregt, der König von Thunes hatte ein Beispiel gegeben. Es war ganz bestimmt der Bischof, welcher sich vertheidigte, und man stürmte deswegen mit nur um so mehr Wuth gegen die Thüre, ungeachtet der Steinwürfe, welche rechts und links die Köpfe zerschmetterten.

Merkwürdig ist, daß diese Steine alle einer nach dem andern niederfielen; aber sie folgten dicht hinter einander. Die Gauner merkten deren immer zwei auf einmal, einen zwischen die Füße, den andern auf ihre Köpfe niederfallen. Nur wenige von ihnen waren, die keinen Wurf davontrugen, und schon blutete und zuckte eine große Menge Todter und Verwundeter unter den Füßen der Stürmenden, die jetzt in Wuth gerathen, sich unaufhörlich erneuerten. Der lange Balken donnerte unausgesetzt und im regelmäßigen Takte gegen die Thüre, wie der Klöppel einer Glocke; unausgesetzt regnete es Steine herab, und ohne Aufhören krachte die Thür.

Der Leser ist ohne Zweifel gar nicht im Unklaren, zu errathen, daß dieser unerwartete Widerstand, der die Bettler so in Aufregung versetzte, von Quasimodo herrührte.

Der Zufall hatte sich zum Unglücke dem tapfern Tauben dienlich erwiesen.

Als er auf die Plattform zwischen den Thürmen herabgestiegen war, waren die Gedanken in seinem Kopfe noch in Verwirrung. Er war einige Minuten lang die ganze Galerie wie ein Unsinniger hin- und her gelaufen, als er von oben sah, wie die dichte Masse der Bettler bereit war. sich auf die Kirche loszustürzen, und betete zum Teufel oder zu Gott, die Zigeunerin zu retten. Der Gedanke war ihm durch den Kopf geschossen, zum Glockenstuhle nach Süden hin emporzusteigen und Sturm zu läuten; aber ehe er die große Glocke hätte in Schwung bringen können, ehe die mächtige Stimme der Marie einen einzigen Ton hätte hinauszuschicken vermocht, wäre in dieser Zeit die Thüre der Kirche nicht zehn Mal eingeschlagen worden? Es war gerade der Augenblick, wo die Einbrecher mit ihren Schlosserwerkzeugen gegen sie vorrückten. Was da thun?

Plötzlich fiel ihm ein, daß den ganzen Tag über Mauerer damit beschäftigt waren, die Mauer, das Gebälk und die Bedachung des südlichen Thurmes auszubessern. Das war ein Lichtstrahl in seinem Kopfe. Die Mauer bestand aus Steinen, das Dach aus Blei, das Gebälk aus schweren Stämmen. (Dieses ungeheuere Dachgebälk war so dicht gefügt, daß es »der Wald« genannt wurde.)

Quasimodo eilte nach diesem Thurme hin. Die untern Gelasse waren in der That mit Baumaterialien angefüllt. Da lagen Haufen von Bausteinen, zusammengerollte Bleiplatten, Lattenbündel, schwere, mit der Säge bereits zugeschnittene Balken und Berge von Schutt. Es war ein vollständiges Zeughaus.

Die Zeit drängte. Die Pfähle und Hämmer waren unten an der Arbeit. Mit einer Kraft, welche das Gefühl der Gefahr verzehnfachte, hob er einen der Balken, und zwar den schwersten und längsten, auf; er steckte ihn durch eine Luke, dann ergriff er ihn wieder an der Außenseite des Thurmes, ließ ihn über die Ecke der Balustrade, welche die Plattform umkränzt, hinabgleiten und über dem Abgrunde hinuntersausen. Das ungeheuere Holzstück, das bei diesem Sturze von hundert und sechzig Fuß die Mauer schleifte und die Sculpturarbeiten zerschlug, drehte sich mehrere Male um sich selbst wie ein Windmühlenflügel, der allein durch die Luft kreist. Endlich schlug es auf dem Boden auf, ein entsetzliches Geschrei erhob sich, und der schwarze Balken glich beim Zurückprallen vom Pflaster einer springenden Riesenschlange.

Quasimodo sah, daß die Bettler beim Sturze des Balkens wie die Asche, wenn ein Kind in sie hineinbläst, auseinanderstoben. Er machte sich ihr Entsetzen zu Nutze, und während sie ihre abergläubischen Blicke auf die vom Himmel gefallene Masse hefteten und die steinernen Heiligen des Portales mit einer Salve von Pfeilen und Flintenkugeln verstümmelten, häufte Quasimodo in aller Stille Schutt, Quadern, Bruchsteine, ja sogar Säcke mit Maurergeräthe auf dem Rande jener Balustrade auf, von wo der Balken zuvor hinabgeschossen war.

Sobald sie begannen gegen die große Thür zu stürmen, begann auch der Steinhagel auf sie herabzufallen; und es kam ihnen so vor, als ob die Kirche selbst über ihren Köpfen zusammenzustürzen begönne.

Wer Quasimodo in diesem Augenblicke hätte sehen können, wäre erschrocken gewesen. Unabhängig von dem, was an Wurfgeschossen auf dem Geländersimse aufgehäuft war, hatte er einen Haufen Steine auf der Plattform selbst zusammengetragen. Sobald die am äußern Rande angehäuften Bruchsteine verbraucht waren, nahm er den Steinhaufen in Angriff. Jetzt bückte er sich, richtete sich in die Höhe, bückte und erhob sich immer wieder mit unglaublicher Emsigkeit. Sein dicker Gnomenkopf bog sich über das Geländer vor, dann flog ein ungeheurer Stein hinab, dann ein zweiter, dann noch einer. Von Zeit zu Zeit folgte sein Auge einem hübschen Steine, und wenn er jemanden ordentlich getroffen hatte, rief er: »Ho!«

Indessen verloren die Bettler den Muth nicht. Schon mehr als zwanzig Mal hatte die dicke Thür, auf welche sie losstürmten, unter der Wucht ihres hölzernen Sturmbockes, dessen Wirkung durch die Kraft von hundert Menschen vervielfältigt wurde, gebebt. Die Füllungen krachten, die getriebenen Verzierungen flogen in Stücken umher, die Haspen sprangen bei jedem Stoße in ihren Angelringen krachend in die Höhe, die Bohlen gaben nach, und das Holz zerstob, zwischen den eisernen Bändern zermalmt, in Spänen herum. Zum Glücke für Quasimodo war mehr Eisen als Holz an der Thüre. Er merkte jedoch, daß die große Thür wankte. Obgleich er nichts hörte, so dröhnte doch jeder Stoß des Sturmbockes zugleich in den Wölbungen der Kirche und in seinem Innern wieder. Er sah von oben, wie die Bettler, siegesgewiß und racheschnaubend, die Fäuste gegen die dunkle Façade ballten, und im Herzen der Zigeunerin und in seinem eignen beneidete er die Eulen, welche über seinen Kopf in Schwärmen davonflogen, um ihre Fittige. Sein Steinregen genügte nicht, um die Anstürmer zurückzutreiben.

In diesem angstvollen Augenblicke bemerkte er ein wenig unterhalb der Balustrade, von wo aus er die Gauner zerschmetterte, zwei lange steinerne Dachrinnen, welche unmittelbar über der großen Thüre ausmündeten. Die innere Mündung dieser Dachrinnen ging auf den Boden der Plattform. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf; er holte ein Reißigbündel aus seiner Läuterkammer, legte auf dieses Bündel eine Menge Lattenbunde und Bleiplatten – jenes Vertheidigungsmaterial, von dem er noch keinen Gebrauch gemacht hatte –, und nachdem er diesen Scheiterhaufen gehörig vor dem Loche der zwei Dachrinnen aufgebaut hatte, zündete er ihn mit seiner Laterne an.

Als während dieser ganzen Zeit keine Steine mehr herabfielen, hatten die Bettler aufgehört, in die Höhe zu sehen. Keuchend wie eine Meute, welche den Keiler in seiner Lache aufstören, drängten sich die Banditen lärmend um die große Thür zusammen, die von dem Sturmbocke übel zugerichtet war, aber noch fest stand. Sie warteten zitternd vor Begierde auf den Hauptstoß, auf den Stoß, unter dem sie zusammenbrechen sollte. Jeder suchte so nahe als möglich an sie heranzukommen, um sich unter den Ersten mit hineinstürzen zu können, wenn der Zugang zu dieser strotzend reichen Kathedrale, zu dieser mächtigen Schatzkammer, in der sich die Schätze von drei Jahrhunderten überall her aufgehäuft hatten, frei sein sollte. Sie erinnerten sich einander mit vor Freude und Begierde gerötheten Gesichtern an die schönen silbernen Kreuze, an die köstlichen golddurchwirkten Chorröcke, die herrlichen, silberstrotzenden Grabdenkmäler, die großartigen Prachtstücke des Chores, an die blendenden Feste, die von Leuchtern schimmernden Weihnachtsfeste, das von der Monstranz funkelnde Osterfest, an alle diese glänzenden Festlichkeiten, bei denen Reliquienkästchen, Leuchter, Hostiengefäße, Sacramentshäuschen, Reliquienschreine die Altäre mit einem Berge von Gold und Diamanten überhäufen. Sicherlich dachten in diesem schönen Augenblicke die Diebe, Schwindsüchtigen, Erzschelme und Abgebrannten viel weniger an die Befreiung der Zigeunerin, als an die Plünderung von Notre-Dame. Wir möchten sogar gern glauben, daß für eine ganze Anzahl unter ihnen die Esmaralda nur ein Vorwand war, wenn Räuber überhaupt Vorwände nöthig hätten.

Plötzlich, in dem Augenblicke, wo sie sich zu einer letzten Anstrengung um den Sturmbock vereinigt hatten, jeder seinen Athem anhielt und seine Muskeln anspannte, um seine ganze Kraft zu einem entscheidenden Stoße aufzuwenden, erhob sich ein Geheul, das noch fürchterlicher, als dasjenige war, das unter dem niederstürzenden Balken losgebrochen und erstorben war, in ihrer Mitte. Diejenigen, welche nicht mitschrieen und diejenigen, welche noch am Leben waren, sahen sich um. Zwei Güße geschmolzenen Bleies fielen von der Höhe des Gebäudes auf die Menge, wo sie am dichtesten war. Dieses Menschengewoge war soeben unter dem siedenden Metalle hingesunken, welches an den zwei Stellen, wo es niederfiel, zwei schwarze und rauchende Löcher gemacht hatte, wie es etwa siedendes Wasser im Schnee verursachen würde. Man erblickte hier Sterbende, die halb verkohlt waren und vor Schmerz aufschrieen. Rings um diese zwei Hauptgüsse fielen Tropfen dieses fürchterlichen Regens nieder, welche sich über die Stürmenden ergossen und wie Flammenbohrer in die Schädel einbohrten. Es war ein gewaltiges Feuer, welches diese Elenden wie ein Hagelwetter durchlöcherte.

Das Geschrei war herzzerreißend. Sie warfen den Balken auf die Leichen und entflohen in völliger Verwirrung, die Muthigsten sowohl wie die Furchtsamsten, und der Vorhof war zum zweiten Male geleert.

Aller Augen hatten sich nach der Höhe der Kirche erhoben. Was sie da sahen, war etwas Ungewöhnliches. Auf dem Gipfel der höchsten Galerie, hoch oben über der Mittelrosette, war eine große Flamme zu sehen, die zwischen den beiden Glockentürmen mit Funkenwirbeln aufstieg, eine große, prasselnde und grimmige Flamme, von welcher der Wind zeitweilig eine Funkenwolke im Rauche davontrug. Unterhalb dieser Flamme unter der dunkeln Balustrade, durch deren Fugen die Glut schimmerte, spieen zwei Dachrinnen wie Rachen von Ungeheuern unaufhörlich jenen glühenden Regen hervor, welcher sein schimmerndes Geplätscher in die Nacht der untern Façade hinabgoß. In dem Maße, als sich die zwei Ströme flüssigen Bleies dem Boden näherten, verbreiterten sie sich zu Garben, wie das Wasser, welches aus den zahllosen Löchern der Gießkanne heraussprudelt. Ueber dieser Flamme sah man die ungeheuern Thürme mit ihren zwei aufsteigenden und grell sich abhebenden Fronten, von denen eine dunkel, die andere ganz roth beleuchtet war, und die bei dem ungeheuern Schatten, den sie am Himmel warfen, noch größer erschienen. Die zahllosen, in Stein gemeiselten Teufels- und Drachenfiguren gewährten einen furchtbaren Anblick. Der zitternde Schein der Flamme zeigte sie dem Auge, als ob sie sich bewegten. Da fanden sich Schlangen, welche zu lachen schienen, Traufrinnen, welche man glaubte kläffen zu hören, Salamander, welche in das Feuer bliesen. Und unter diesen Ungeheuern, welche so von jener Flamme und jenem Getös aus ihrem steinern Schlafe geweckt waren, befand sich eins, welches einherwandelte, und das man von Zeit zu Zeit an der brennenden Seite des Scheiterhaufens, wie eine Fledermaus vor einem Lichte vorüberstreichen sah. Zweifelsohne mußte dieser seltsame Leuchtthurm weit draußen den Holzhauer auf den Hügeln von Bicêtre wecken, der erstaunt sein würde, zu sehen wie der riesige Schatten der Thürme von Notre-Dame auf seinem Haidelande schwanke.

Es entstand ein Schweigen des Entsetzens unter den Bettlern, während dem man nur die Nothschreie der in ihrem Kloster eingesperrten Domgeistlichen vernahm, die sich unruhiger benahmen, wie Pferde in einem brennenden Stalle; dann hörte man noch das verstohlene Geräusch von schnell geöffneten und noch schneller geschlossenen Fenstern, die Verwirrung im Innern der Wohnungen des Hôtel-Dieu, den Wind in der Flamme, das letzte Röcheln der Sterbenden und das anhaltende Knattern des Bleiregens auf dem Boden.

Unterdessen hatten sich die angesehensten Bettler unter die Vorhalle des Hauses Gondelaurier zurückgezogen und hielten Rathschlag. Der Herzog von Aegypten, der auf einem Ecksteine saß, betrachtete mit einer Art religiöser Furcht den geisterhaften Scheiterhaufen, der in einer Höhe von zweihundert Fuß dort oben brannte. Clopin Trouillefou biß sich vor Wuth in seine dicken Fäuste.

»Unmöglich, hineinzukommen!« murmelte er zwischen den Zähnen.

»Eine alte gefeite Kirche!« brummte der alte Zigeuner Mathias Hungadi Spikali.

»Bei des Papstes Schnurrbarte!« fuhr ein altersgrauer Kerl fort, der gedient hatte, »das sind fürwahr Kirchendachtraufen, die euch geschmolzenes Blei besser entgegenspeien, als die Erkerluken von Lectoure.«

»Seht ihr jenen Teufel da, der vor dem Feuer hin- und hergeht?« rief der Herzog von Aegypten.

»Bei Gott!« sagte Clopin, »es ist der verdammte Läuter, es ist Ouasimodo.«

Der Zigeuner schüttelte mißbilligend den Kopf. »Ich sage euch, ich, daß es der Geist Sabnak, der große Marquis, der böse Geist der Festungswerke ist. Er hat die Gestalt eines bewaffneten Soldaten, einen Löwenkopf. Manchmal besteigt er ein scheußliches Pferd. Er verwandelt die Menschen in Steine, aus denen er Thürme baut. Er befiehlt über fünfzig Legionen. Er ist es sicher, ich erkenne ihn. Bisweilen ist er in ein schönes, goldgeschmücktes Gewand nach Art der Türken gekleidet.«

»Wo ist Bellevigne-de-l’Etoile?« fragte Clopin.

»Er ist todt,« antwortete ein Bettlerweib.

Der rothe Andry stieß ein einfältiges Lachen aus: »Notre-Dame,« sagte er, »giebt dem Hôtel-Dieu Arbeit.«

»Es giebt also keine Mittel, diese Thüre einzuschlagen?« rief der König von Thunes und stampfte mit dem Fuße auf.

Der Herzog von Aegypten zeigte ihm mit trauriger Geberde die zwei Bäche siedenden Bleies, welche unausgesetzt über die dunkle Façade wie zwei Phosphorstreifen herabrieselten.

»Man hat Kirchen gekannt, die sich so von selbst verteidigten,« bemerkte er seufzend. »Die der Heiligen Sophie in Constantinopel hat vor vierzig Jahren dreimal hintereinander den Halbmond Muhameds durch Schütteln ihrer Kuppeln, welche ihre Häupter sind, zur Erde geworfen. Wilhelm von Paris, der diese hier gebaut hat, war ein Zauberer.«

»Müssen wir also jämmerlich wie Bediente von der Heerstraße abziehen?« sagte Clopin. »Unsere Schwester dort lassen, welche diese Wölfe in Mönchskutten morgen hängen werden!«

»Und die Sakristei, wo ganze Karren voll Gold liegen!« fügte ein Bettler hinzu, dessen Namen wir bedauern nicht zu wissen.

»Beim Barte Muhameds!« rief Trouillefou.

»Versuchen wir es noch einmal,« fuhr der Bettler fort.

Mathias Hungadi schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Wir werden nicht durch die Thüre hineinkommen. Wir müssen eine schwache Stelle in der Rüstung der alten Zauberin auffinden, ein Loch, ein blindes Ausfallthor, irgend eine Ritze.«

»Wer ist dabei?« sagte Clopin, »ich gehe wieder zu ihr hin … Ja so, wo ist denn der kleine Student Johann, der so von Kopf zu Fuß gerüstet ist?«

»Er ist zweifelsohne todt,« antwortete jemand, »man hört ihn nicht mehr lachen.«

Der König von Thunes runzelte die Augenbrauen.

»Um so schlimmer. Es schlug ein tapferes Herz unter diesem Eisenkleide. – Und Meister Peter Gringoire?«

»Hauptmann Clopin,« sagte der rothe Andry, »er hat sich heimlich davongemacht, als wir noch an der Wechslerbrücke waren.«

Clopin stampfte mit dem Fuße.

»Beim Haupte Gottes! er ists, der uns hierher treibt, und er läßt uns mitten in der besten Arbeit sitzen! … Der feige Schwätzer, der einen Pantoffel auf dem Kopfe trägt!«

»Hauptmann Clopin,« sagte der rothe Andry, der in die Straße zum Vorhofe hinabsah, »da ist der kleine Student.«

»Pluto sei gepriesen!« sagte Clopin.

»Aber was Teufel schleppt er hinter sich her?«

Es war in der That Johann, der so schnell herbeieilte, als es ihm sein schweres Paladinsgewand und eine lange Leiter, die er muthig über das Pflaster schleifte, erlaubten; er war athemloser als eine Ameise, die sich vor einen zwanzig Mal längern Grashalm, als sie selbst ist, gespannt hat.

»Sieg! te Deum! 72 schrie der Student.

»Da ist die Leiter der Abläder vom Hafen Saint-Landry.«

Clopin näherte sich ihm.

»Bursche, was zum Teufel, willst du mit dieser Leiter anfangen?«

»Ich habe sie,« antwortete Johann laut keuchend. »Ich wußte, wo sie war … Unter dem Schuppen im Hause des Hafenverwesers. Da ist ein Mädchen, welches ich kenne, und die mich schön, wie einen Cupido 73 findet, Ich habe mich ihrer bedient, um die Leiter zu erlangen; beim Grabe Muhameds! … Das arme Mädchen ist im bloßen Hemde gekommen, um mir zu öffnen.«

»Gut,« sagte Clopin, »aber was willst du mit dieser Leiter beginnen?«

Johann sah ihn mit einem schalkhaften und pfiffigen Blicke an, und ließ seinen Finger wie Castagnetten klappern. Er sah in diesem Augenblicke prächtig aus. Er trug auf seinem Kopfe einen jener überladenen Helme des fünfzehnten Jahrhunderts, welche den Feind mit ihrem ungeheuerlichen Helmstutze in Schrecken jagten. Der seinige war mit zehn eisernen Schnäbeln besetzt, so daß Johann dem homerischen Schiffe Nestors das furchtbare Beiwort δεχέμβολος 74 hätte streitig machen können.

»Was ich damit machen will, erhabener König von Thunes? Sehet Ihr die Reihe von Bildsäulen mit den dummen Gesichtern da oben über den drei Hauptthoren?

»Ja. Nun weiter?«

»Das ist die Galerie der Könige von Frankreich.«

»Was in aller Welt geht das mich an?« sagte Clopin.

»So wartet doch! Am Ende dieser Galerie ist eine Thüre, welche niemals anders, als mit einem Drücker verschlossen wird; und mit dieser Leiter steige ich hinauf und bin dann in der Kirche.«

»Bursche, laß mich zuerst hinaufsteigen.«

»Nein, nein, Kamerad, die Leiter gehört mir. Kommt, Ihr sollt der Zweite sein.«

»Daß dich Beelzebub erdrossele!« sagte der mürrische Clopin; »ich mag hinter niemandem sein.«

»Dann, Clopin, suche dir eine Leiter!« Johann begann über den Platz zu laufen, schleppte seine Leiter hinter sich her und schrie: »Her zu mir, Jungen!«

In einem Augenblicke war die Leiter aufgerichtet und an die Balustrade der untern Galerie, über eines der Seitenportale angelegt. Der Haufe der Bettler stieß ein lautes Beifallsgeschrei aus und drängte sich am Fuße desselben zusammen, um hinaufzusteigen. Aber Johann behauptete sein Recht und setzte zuerst den Fuß auf ihre Sprossen. Der Weg nach der Höhe war ziemlich lang. Die Galerie der Könige von Frankreich erhebt sich heute ohngefähr sechzig Fuß über den Boden. Die elf Stufen der Freitreppe erhöhten sie noch. Johann stieg langsam und von seiner schweren Rüstung ziemlich behindert nach oben, hielt sich mit einer Hand an der Leitersprosse an, in der andern trug er seine Armbrust. Als er sich mitten auf der Leiter befand, warf er einen schwermüthigen Blick auf die armen todten Gauner, mit denen die Treppe bedeckt war. »Ach,« sagte er, »da liegt ein Berg Leichname, welcher des fünften Gesanges des Iliade würdig ist!« Dann stieg er weiter hinauf. Die Bettler folgten ihm. Auf jeder Leitersprosse befand sich einer von ihnen. Beim Anblick dieser Linie geharnischter Rücken, die sich im Dunkeln nach oben zu fortbewegten, hätte man glauben sollen, eine stahlgeschuppte Schlange zu sehen, die sich gegen die Kirche aufrichtete. Johann, welcher den Kopf bildete und pfiff, vervollständigte die Täuschung.

Der Student erreichte endlich den Balcon der Galerie und schwang sich ziemlich gewandt, und unter dem Beifallsgeschrei der ganzen Bettlerzunft, darüber hinweg. Als er so Herr der Kirchenfeste war, stieß er einen Freudenschrei aus; aber plötzlich verstummte er wie versteinert. Er hatte soeben hinter einer Königsstatue Quasimodo bemerkt, der funkelnden Auges in der Finsternis stand.

Ehe ein zweiter Belagerer auf der Galerie hätte Fuß fassen können, sprang der furchtbare Bucklige nach der Spitze der Leiter zu, packte, ohne ein Wort zu sagen, das Ende der beiden Pfosten mit seinen mächtigen Händen, hob sie, entfernte sie von der Mauer, schaukelte die lange, biegsame und von oben bis unten mit Bettlern besetzte Leiter, während ein fürchterliches Angstgeschrei sich erhob, und warf plötzlich mit übermenschlicher Kraft diese Menschenmasse nach dem Platze zurück. Das war ein Moment, wo den Verwegensten das Herz pochte. Die nach hinten geschleuderte Leiter stand einen Augenblick gerade und aufrecht und schien zu zaudern, dann schwankte sie und plötzlich, nachdem sie einen fürchterlichen Kreisbogen von achtzig Fuß im Halbmesser beschrieben, schlug sie mit der Banditenlast rascher auf das Pflaster nieder, als eine Zugbrücke, deren Ketten reißen. Man hörte eine gräßliche Verwünschung, dann schwieg alles, und einige Unglückliche schleppten sich kriechend unter dem Leichenhügel hervor.

Ein Aufschrei des Schmerzes und der Erbitterung folgte unter den Belagerern auf die ersten Siegesrufe. Quasimodo sah, beide Arme auf die Balustrade gestützt, dem Ganzen unempfindlich zu. Er sah aus wie ein alter langhaariger König an seinem Fenster.

Auch Johann Frollo war in einer mißlichen Lage. Er befand sich mit dem fürchterlichen Glöckner in der Galerie allein, von seinen Gefährten durch eine senkrechte Mauer von achtzig Fuß Höhe getrennt. Während Quasimodo mit der Leiter sein Spiel trieb, war der Student zu dem Ausfallthore, das er für offen hielt, hingeeilt. Vergebens: der Taube hatte es, als er in die Galerie eintrat, hinter sich verschlossen. Darauf hatte sich Johann hinter einem steinernen Könige verborgen, wagte nicht zu athmen und sah auf den scheußlichen Buckligen mit einer entsetzten Miene hin, wie jener Mann, der, als er der Frau eines Menageriewärters die Cour machte, und eines Abends zum verliebten Stelldichein ging, sich beim Uebersteigen in der Mauer irrte und plötzlich einem weißen Bären gegenüber stand. In den ersten Augenblicken hatte der Taube keine Acht auf ihn; aber schließlich wandte er den Kopf um und richtete sich plötzlich wieder auf. Er hatte soeben den Studenten bemerkt.

Johann machte sich auf einen furchtbaren Zusammenstoß gefaßt, aber der Taube blieb regungslos stehen; nur hatte er sich nach dem Studenten hingewandt, den er betrachtete.

»Ho! ho!« sagte Johann, »was hast du mich mit diesem einzigen und schwermüthigen Auge so anzusehen?«

Und bei diesen Worten spannte der junge Schelm tückisch seine Armbrust.

»Quasimodo!« rief er, »ich will deinen Beinamen ändern; man soll dich den Blinden nennen.«

Der Schuß ging los. Der befiederte Pfeil zischte und fuhr in den linken Arm des Buckligen hinein. Quasimodo gerieth darüber nicht mehr in Aufregung, als über eine Schramme, die der König Pharamund davon getragen hätte. Er legte die Hand an den Pfeil, riß ihn aus seinem Arme heraus und zerbrach ihn ruhig an seinem dicken Knie; dann ließ er die beiden Stücke, mehr als daß er sie warf, auf den Boden fallen. Aber Johann fand keine Zeit ein zweites Mal zu schießen. Nachdem der Pfeil zerbrochen war, schnob Quasimodo plötzlich auf, sprang wie eine Heuschrecke in die Höhe und stürzte auf den Studenten nieder, dessen Rüstung sich von dem Stoße gegen die Mauer plattdrückte.

Nun erblickte man in diesem Halbdunkel, in dem das Licht der Fackeln hin- und herschwankte, einen schrecklichen Hergang. Quasimodo hatte mit der linken Hand die beiden Arme Johanns gepackt, der sich gar nicht wehrte, so sehr hatte er sich gleich verloren gegeben. Mit der Rechten riß ihm der Taube schweigend und mit einer fürchterlichen Langsamkeit alle Stücke seiner Rüstung, eines nach dem andern: den Degen, die Dolche, den Helm, den Panzer, die Armschienen vom Leibe. Man hätte ihn für einen Affen halten können, der eine Nuß abschält. Quasimodo warf dann Stück für Stück von dem eisernen Gehäuse des Studenten vor seinen Füßen nieder.

Als der Student sich entwaffnet, entkleidet, machtlos und nackt in diesen fürchterlichen Händen befand, machte er keinen Versuch, sich mit dem Tauben zu verständigen, sondern er begann, ihm in frecher Weise ins Gesicht zu lachen, und mit der unerschrockenen Sorglosigkeit eines sechzehnjährigen Burschen das damals volksthümliche Lied anzustimmen:

Was für schöne Kleider hat
Cambrai, die gute Stadt:
Marafin hat sie geplündert.

Er brachte es nicht zu Ende. Man sah Quasimodo aufrecht auf der Brustwehr der Galerie stehen; in einer Hand allein hielt er an den Füßen den Studenten, welchen er über dem Abgrunde wie eine Schleuder kreisen ließ; dann hörte man einen Krach, wie denjenigen einer knöchernen Dose, die gegen eine Mauer rasselt, und man sah etwas niederfallen, was im dritten Theile der Höhe an einem Vorsprunge der Kathedrale hängen blieb. Es war ein todter Körper, welcher zusammengeknickt, mit zerschmetterten Beinen und leerer Hirnschale da herabhing.

Ein Schrei des Entsetzens erhob sich unter den Bettlern.

»Rache!« schrie Clopin. – »Auf zur Plünderung!« antwortete die Menge. – »Sturm! Sturm!« – Alsdann entstand ein fürchterliches Geheul, in welchem sich alle Sprachen, alle Mundarten, alle Aussprachen durcheinander mischten. Der Tod des armen Studenten brachte ein wüthendes Ungestüm in diese Menge. Die Scham packte sie und der Zorn, so lange vor einer Kirche von einem Buckligen in Schach gehalten worden zu sein. Die Wuth fand Leitern, vervielfältigte die Fackeln, und nach Verlauf einiger Minuten sah Quasimodo mit Bestürzung, wie dieses furchtbare Menschengewimmel Notre-Dame von allen Seiten im Sturme erklomm. Diejenigen, welche keine Leitern hatten, bedienten sich mit Knoten versehener Stricke, die, welche keine Stricke besaßen, kletterten an den Zacken der Steinmetzarbeiten in die Höhe. Sie hingen sich einander an ihre Lumpen. Kein Mittel gab es mehr, dieser aufsteigenden Flut fürchterlicher Gestalten Widerstand zu leisten; die Wuth röthete diese wilden Angesichter, von ihren schmutzigen Stirnen floß der Schweiß herab; ihre Augen blitzten, alle diese Fratzen und häßlichen Wesen umringten Quasimodo. Man hätte meinen sollen, daß irgend eine andere Kirche ihre Gorgonen, ihre Hunde, ihre Steingespenster, ihre Dämonen und sonderbarsten Steingebilde zum Sturme auf Notre-Dame abgeschickt hätte. Sie erschienen wie eine Schicht bebender Ungeheuer über den steinernen Ungethümen der Façade.

Unterdessen hatte sich der Platz von tausend Fackeln erhellt. Diese wirre Scene, die bis dahin in der Dunkelheit verborgen geblieben, war plötzlich von Licht überglänzt. Der Vorhof glänzte und warf einen Strahlenschein zum Himmel; der Holzstoß, welcher auf der Plattform angezündet war, brannte noch immer und erleuchtete fernhin die Stadt. Der ungeheuere Schattenriß der zwei Thürme, der sich in der Ferne über den Dächern von Paris zeigte, warf in diese Helligkeit einen breiten Schattenabschnitt. Die Stadt schien in Aufregung gerathen zu sein. In der Ferne heulten Sturmglocken. Die Bettler schrien, keuchten, fluchten und stiegen in die Höhe; und Quasimodo, der sich machtlos gegen so viele Feinde fühlte, für die Zigeunerin zitterte und sah, wie sich die wüthenden Gesichter immer mehr und mehr seiner Galerie näherten, bat den Himmel um ein Wunder und rang voll Verzweiflung die Hände.

  1. Ein Wortwitz: Coupe-Gueule = Schlundabschneider, Coupe-Gorge = Kehlabschneider. Anm. d. Uebers.
  2. Lateinisch: Herr Gott Dich loben wir. Anm. d. Uebers.
  3. Name des kleinen Liebesgottes der Alten.
  4. Griechisch: Mit zehn ehernen Schiffsschnäbeln versehen. Anm. d. Uebers.

5. Der Schlüssel zur Rothen Pforte.

Inzwischen hatte die öffentliche Meinung dem Archidiaconus hinterbracht, auf welche wunderbare Weise die Aegypterin gerettet worden war. Als er das erfuhr, wußte er kaum, was er dabei empfand. Er hatte sich mit Esmeralda’s Tode zufrieden gegeben. So war er ruhig geworden: er hatte den tiefsten Schmerz, der nur denkbar war, ausgekostet. Das menschliche Herz (Dom Claude hatte über solche Dinge nachgedacht) kann nur ein gewisses Maß von Verzweiflung fassen. Wenn der Schwamm vollgesogen ist, so kann das Meer darüber rollen, ohne daß auch nur ein Tropfen mehr hineindringt.

Nun, die Esmeralda war todt; der Schwamm war vollgesogen; damit war alles für Dom Claude auf dieser Erde gesprochen. Aber sie und auch Phöbus am Leben wissen – das waren die Martern, die Schläge, die Wechselwirkungen, welche das Leben wieder begannen. Und Claude war dessen überdrüssig.

Als er diese Nachricht erhalten hatte, schloß er sich in seine Klosterzelle ein. Er erschien weder bei den Stiftsbesprechungen, noch beim Gottesdienste. Er verschloß allen seine Thür, selbst dem Bischofe. In dieser Weise war er mehrere Wochen eingemauert geblieben. Man hielt ihn für krank. Er war es in der That.

Was that er in dieser Abgeschlossenheit? Mit welchen Gedanken schlug sich der Unglückliche herum? Lieferte er seiner fürchterlichen Leidenschaft einen letzten Kampf? Schmiedete er einen letzten Todes- und Vernichtungsplan für sie und ihn?

Sein Johann, sein geliebter Bruder, sein verhätscheltes Kind kam einmal an seine Thüre, klopfte, beschwör ihn, flehte, nannte zehnmal seinen eigenen Namen: – Claude öffnete nicht.

Er verbrachte ganze Tage, das Gesicht gegen die Scheiben seines Fensters gepreßt. Von diesem im Kloster befindlichen Fenster aus konnte er die Freistatt der Esmeralda sehen; oft erblickte er sie selbst mit ihrer Ziege, manchmal auch mit Quasimodo. Er bemerkte die kleinen Aufmerksamkeiten des häßlichen Tauben, seine aufmerksamen Geberden, seine höfliche und unterwürfige Haltung gegen die Zigeunerin. Er erinnerte sich, denn er hatte ein gutes Gedächtnis – und das Gedächtnis ist die Folter der Eifersüchtigen – er erinnerte sich also des eigenthümlichen Blickes, den der Glöckner eines Abends auf die Tänzerin warf. Er fragte sich, welchen Beweggrund Quasimodo hätte haben können, sie zu retten. Er war Zeuge von tausend kleinen Vorfällen zwischen der Zigeunerin und dem Tauben, dessen Geberdensprache ihm, von weitem gesehen und von seiner Leidenschaft erklärt, sehr zärtlich vorkam. Er mißtraute den seltsamen Neigungen der Frauen. Dann fühlte er dunkel, daß eine Eifersucht in ihm erwache, die er niemals vermuthet hatte, eine Eifersucht, die ihn vor Scham und Unwillen erröthen machte. »Der Hauptmann mag noch hingehen, aber dieser!« Dieser Gedanke marterte ihn.

Seine Nächte waren schrecklich. Seitdem er wußte, daß die Zigeunerin am Leben war, waren die frostigen Gespenster – und Grabesgedanken verschwunden, und das Fleisch begann wieder ihn zu stacheln. Er warf sich in dem Gefühle, das braune junge Mädchen so nahe bei sich zu haben, ruhelos auf dem Lager umher.

Jede Nacht vergegenwärtigte ihm seine rasende Einbildungskraft die Esmeralda in allen den Körperstellungen, welche sein Blut am heftigsten zum Sieden gebracht hatten. Er sah sie unter dem erdolchten Hauptmanne, mit geschlossenen Augen, ihren schönen Busen vom Blute des Phöbus bedeckt in dem wonnevollen Augenblicke hingestreckt, wo der Archidiaconus auf ihre blassen Lippen jenen Kuß gedrückt hatte, dessen Glut die Unglückliche, wiewohl halb todt, gefühlt hatte. Er sah sie wieder, wie sie von den rohen Fäusten der Folterknechte entkleidet wurde; wie sie ihren kleinen Fuß entblößen und in den mit eisernen Schrauben verschränkten Folterstiefel einzwängen ließ: er sah ihr zartes rundes Bein, ihr weißes und biegsames Knie. Er sah dieses Elfenbeinknie noch einmal, wie es aus dem fürchterlichen Marterinstrumente Torterue’s hervorglänzte. Er stellte sich schließlich das junge Mädchen im Hemde vor, mit dem Strick um den Hals, mit nackten Schultern, nackten Füßen, fast ganz nackt, wie er sie am letzten Tage gesehen hatte. Diese wollüstigen Bilder brachten seine Hände zum ballen und ließen einen Schauder über seine Rückgratwirbel rieseln.

In einer Nacht besonders erhitzten diese Bilder sein frisches Priesterblut so heftig, daß er in sein Kopfkissen biß, aus seinem Bett sprangt einen Chorrock über sein Hemd warf, und mit der Lampe in der Hand, halb nackt, verstört und glühenden Blickes seine Zelle verließ.

Er wußte, wo der Schlüssel zur Rothen Pforte, die das Kloster mit der Kirche verband, zu finden war; und er hatte, wie man weiß, immer einen Schlüssel zur Treppe der beiden Thürme bei sich.

2. Priester und Philosoph sind zweierlei.

Der Priester, welchen die jungen Mädchen, hoch oben auf dem nördlichen Thurme, zum Platze unten herabgeneigt und aufmerksam dem Tanze der Zigeunerin zuschauend bemerkt hatten, war in der That der Archidiaconus Claude Frollo.

Unsere Leser haben die geheimnisvolle Zelle nicht vergessen, die sich der Archidiaconus in diesem Thurme vorbehalten hatte. (Aller Wahrscheinlichkeit nach, um es beiläufig zu erwähnen, ist es dieselbe, deren Inneres man noch heute durch eine kleine, viereckige Oeffnung erkennen kann, die sich in Mannshöhe auf der Ostseite über der Plattform öffnet, von wo sich die Thürme in die Luft erheben: gegenwärtig eine nackte, leere und verfallene Höhle, deren schlecht getünchte Mauern zur Stunde hier und da mit einigen häßlichen, gelben Zeichnungen geschmückt sind, welche Kirchenfaçaden vorstellen. Ich vermuthe, daß dieses Loch gemeinschaftlich von Fledermäusen und Spinnen bewohnt, und daß infolge dessen hier gegen die Fliegen ein zwiefacher Vernichtungskrieg geführt wird.)

Alle Tage, eine Stunde vor Sonnenuntergang, stieg der Archidiaconus die Thurmtreppe empor und schloß sich in dieser Zelle, wo er manchmal ganze Nächte verbrachte, ein. An jenem Tage, in dem Augenblicke, wo er vor der niedrigen Thür des Schlupfwinkels angekommen war und den kunstvollen, kleinen Schlüssel, den er immer in einer an seiner Seite hängenden Tasche bei sich trug, ins Schloß steckte, war ein Tamburin– und Castagnettengeräusch zu seinem Ohre gedrungen. Dieses Geräusch kam von dem Platze des Domhofes. Die Zelle hatte, wie wir schon bemerkt haben, nur eine Oeffnung, die aufs Dach der Kirche hinausging. Claude Frollo hatte schnell den Schlüssel wieder herausgezogen und gleich darauf befand er sich auf der Höhe des Thurm es in der finstern und beobachtenden Stellung, in welcher ihn die jungen Mädchen erblickt hatten.

Da stand er, ernst, bewegungslos in einen Blick und einen Gedanken versunken. Ganz Paris lag zu seinen Füßen mit den tausend Spitzdächern seiner Gebäude und dem Gesichtskreise sanft aufsteigender Hügel ringsumher, mit seinem unter Brücken sich hinschlängelnden Flusse, seiner in den Straßen wogenden Bevölkerung, seinen Rauchwolken, der hügelartigen Kette von Dächern, welche mit immer dichter werdenden Ringen Notre-Dame einschließt. Aber in dieser weiten Stadt sah der Archidiaconus nur auf einen Punkt da unten: auf den Domhofsplatz; in dieser wogenden Menge sah er nur eine Gestalt: die der Zigeunerin. Es wäre schwer gewesen, zu sagen, welcher Art dieser Blick war, und woher die Glut kam, die aus ihm hervorloderte. Es war ein starrer Blick, und doch voll Unruhe und Aufruhr; und bei der völligen Unbeweglichkeit seines ganzen Körpers, der nur zeitweilig von einem mechanischen Schauder, wie ein Baum im Winde, geschüttelt wurde; bei der Steifheit seiner Arme, die mehr Stein zu sein schienen, als das Geländer, worauf sie sich stützten; beim Anblick des versteinerten Lächelns, welches sein Gesicht verzerrte, hätte man glauben sollen, es wäre an Claude Frollo nichts weiter lebendig, als die Augen.

Die Zigeunerin tanzte; sie ließ das Tamburin auf der Spitze ihres Fingers kreisen und warf es in die Lust, während sie behende, leicht, fröhlich und ohne das Gewicht des furchtbaren Blickes zu fühlen, der von oben auf ihr Haupt fiel, provençalische Sarabanden 1 tanzte.

Die Menge wogte um sie her; von Zeit zu Zeit ließ ein Mann, der mit einer gelb–rothen Jacke herausgeputzt war, den Kreis ordnen; dann trat er zurück, setzte sich wenige Schritte von der Tänzerin auf einen Stuhl und nahm den Kopf der Ziege auf seine Knien. Dieser Mensch schien der Begleiter der Zigeunerin zu sein. Claude Frollo vermochte von der Höhe, wo er sich befand, seine Züge nicht zu erkennen. Von dem Augenblicke an, wo der Archidiaconus diesen Unbekannten bemerkt hatte, schien sich seine Aufmerksamkeit zwischen ihm und der Tänzerin zu theilen, und sein Blick wurde immer düsterer. Plötzlich wandte er sich weg, ein Zittern durchlief seinen Körper. »Wer ist dieser Mann?« murmelte er zwischen den Zähnen, »ich hatte sie doch stets allein gesehen!«

Dann verschwand er wieder unter der gewundenen Wölbung der Wendeltreppe und stieg hinab. Als er vor der halbgeöffneten Thür der Glockenstube vorbeiging, sah er etwas, das ihn stutzig machte: er bemerkte Quasimodo, der in eine Oeffnung der schiefergedeckten Schutzdächer, welche ungeheuern Jalousien gleichen, gebückt war, und daß er auf den Platz hinabschaute. Er war in eine so tiefe Betrachtung versunken, daß er auf das Vorübergehen seines Adoptivvaters nicht Acht hatte. Sein wildes Auge hatte einen eigentümlichen Ausdruck: es war ein entzückter und sanfter Blick.

»Das ist doch seltsam!« murmelte Claude. »Ist es die Zigeunerin, nach der er so hinsieht?« Er stieg weiter hinab. Nach Verlauf weniger Minuten trat der sorgenvolle Archidiaconus durch die Pforte unten am Thurme auf den Platz hinaus.

»Was ist denn aus der Zigeunerin geworden?« sagte er, indem er sich unter die Gruppe der Zuschauer mischte, welche das Tamburin herbeigelockt hatte.

»Ich weiß nicht,« antwortete einer seiner Nachbarn, »sie ist eben erst verschwunden. Ich glaube, sie ist in das Haus gegenüber gegangen, wohin man sie gerufen hat, um einen Fandango 2 zu tanzen.«

Anstatt der Zigeunerin sah der Archidiaconus auf dem nämlichen Teppiche, dessen Arabesken eben erst unter der phantastischen Bewegung ihres Tanzes ineinander schwammen, nur noch den rothen und gelben Mann, der, einige Heller für sich zu gewinnen, mit eingestemmten Armen, zurückgebogenem Kopfe, rothem Gesichte und vorgestrecktem Halse, einen Stuhl zwischen den Zähnen, im Kreise herumging. Auf diesem Stuhle hatte er eine Katze festgebunden, welche ihm eine Nachbarin geliehen hatte, und die ganz erbärmlich maute.

»Bei der heiligen Jungfrau!« rief der Archidiaconus in dem Augenblicke, wo der Gaukler, dicke Schweißtropfen vergießend, mit seiner Stuhl– und Katzenpyramide an ihm vorüberging, »was macht Meister Peter Gringoire da?«

Die scharfe Stimme des Archidiaconus verursachte dem armen Teufel einen solchen Schrecken, daß er mit seinem Kunstwerke das Gleichgewicht verlor, und daß Stuhl und Katze durcheinander und unter gewaltigem Lärme der Umstehenden, aus deren Köpfe fielen.

Wahrscheinlich hätte Meister Peter Gringoire (er war es nämlich) eine fatale Rechnung mit der Nachbarin der Katze und allen geschundenen und zerkratzten Gesichtern ringsumher auszugleichen gehabt, wenn er sich nicht schleunigst die Verwirrung zu nutze gemacht hätte, um in die Kirche zu flüchten, wohin ihm zu folgen Claude Frollo ein Zeichen gegeben hatte.

Die Kathedrale war schon finster und öde; die Seitenschiffe lagen in Dunkelheit gehüllt da; die Lampen in den Kapellen begannen wie Sterne zu leuchten, so nächtig wurden die Wölbungen. Nur die große Rosette der Vorderseite, deren tausendfaches Farbenspiel von einem horizontalen Sonnenstrahl durchleuchtet war, glänzte wie ein Diamantenstern in der Dunkelheit, und warf ihr schimmerndes Abbild auf die Gegenseite des Schiffes zurück. Als sie einige Schritte gethan hatten, lehnte sich Pom Claude an einen Pfeiler und sah Gringoire starr an. Doch fürchtete Gringoire diesen Blick nicht; er schämte sich aber, von einem würdigen und gelehrten Manne in diesem Possenreißercostüme überrascht worden zu sein. Der Blick des Priesters hatte nichts Spöttisches und Ironisches; er war ernst, ruhig und durchdringend.

Der Archidiaconus brach das Schweigen zuerst.

»Tretet näher, Meister Peter. Ihr sollt mir über viele Dinge Aufklärung geben. Zuerst sagt mir, wie kommt es, daß man Euch seit nahezu zwei Monaten nicht gesehen hat und jetzt in diesem schönen Costüme, wahrhaftig! halb gelb, halb roth wie einen Apfel von Caudebee auf den Gassen wiederfindet?«

»Gestrenger Herr,« sagte Gringoire mit kläglicher Stimme, »es ist in der That ein wunderbarer Aufputz, und Ihr seht mich darum beschämter, als eine Katze, der ein Flaschenkürbiß auf den Kopf gebunden wurde. Es ist recht übel von mir gethan, ich fühle es, die Herren Scharwächter in die Lage zu bringen, den Rücken eines pythagoreischen Philosophen, der sich unter dieser Jacke verbirgt, mit Stockprügeln regaliren zu müssen. Aber was wollt Ihr, mein verehrungswürdiger Meister? Die Schuld daran liegt an meinem alten Wamms, das mich feige zu Winters Anfang, unter dem Vorwande im Stich gelassen hat, daß es in Lumpen zerfiele und notwendigerweise im Korbe des Lumpensammlers ein Ruheplätzchen finden müsse. Was anfangen? Die Civilisation ist noch nicht auf dem Punkte angekommen, um ganz nackt herumspazieren zu können, wie der alte Diogenes wollte. Nehmt dazu, daß ein sehr kalter Wind wehte, und daß man wahrlich nicht versuchen kann, im Monat Januar diesen neuen Schritt auf dem Wege zur Humanität erfolgreich unternehmen zu lassen. Dieses Kleid bot sich mir dar, ich habe zugegriffen und meinen alten schwarzen Kittel aufgegeben, der für einen Hermesjünger, wie ich bin, viel zu wenig hermetisch verschlossen war. Darum seht Ihr mich im Komödiantengewande, wie den heiligen Genest. Freilich ist’s eine Abschweifung; aber Apollo hat ja beim Admet die Schafe gehütet.«

»Ihr treibt da ein schönes Handwerk!« entgegnete der Archidiaconus.

»Ich gebe zu, mein theurer Meister, daß es besser ist, zu philosophiren und Verse zu machen, das Feuer im Ofen anzublasen oder es vom Himmel zu empfangen, als Katzen auf dem Straßenpflaster herumzutragen. Deshalb war ich, als Ihr mich angeredet habt, auch so dumm, wie ein Esel vor einem Bratenwender. Aber bedenkt, gestrenger Herr, man muß alle Tage zu leben haben, und die schönsten Alexandriner sind zwischen den Zähnen nicht so viel Werth, als ein Stück Käse von Brie. Nun habe ich auf die Frau Prinzessin Margarethe von Flandern das berühmte Hochzeitsgedicht gemacht, das Ihr kennt; aber die Stadt bezahlt’s mir nicht, unter dem Vorwande, es sei nicht viel Werth: als ob man für vier Thaler eine Sophokleische Tragödie liefern könnte! Ich war also nahe daran, Hungers zu sterben. Glücklicherweise fand ich mich ziemlich kräftig hinsichtlich meines Gebisses; ich sagte zu diesem Gebiß: »Mache Kraftstücke und Kunststücke im Balanciren; nähre dich selbst. Ale te ipsam.« 3 Ein Haufe Bettler, die meine Freunde geworden sind, haben mir zwanzigerlei herkulische Kunststücke gelehrt, und jetzt gebe ich alle Abende meinen Zähnen das Brot, das sie am Tage im Schweiße des Angesichts verdient Haben. Bei alledem, concedo: räume ich ein, daß das ein elender Gebrauch meiner geistigen Eigenschaften, und der Mensch nicht geschaffen ist, sein Leben mit Tamburinschlagen und mit Stühleanbeißen hinzubringen. Aber, verehrungswürdiger Meister, es ist nicht genug, daß man sein Leben hinbringt, man muß es auch verdienen.«

Dom Claude hörte schweigend zu. Plötzlich nahm sein tiefliegendes Auge einen solch scharfen und durchdringenden Ausdruck an, daß sich Gringoire gewissermaßen bis in die Tiefe der Seele von diesem Blicke erforscht fühlte.

»Sehr gut, Meister Peter; aber wie kommt es denn, daß Ihr Euch jetzt in der Gesellschaft dieser ägyptischen Tänzerin befindet?«

»Meiner Treu!« sagte Gringoire, »deshalb, weil sie mein Weib ist, und ich ihr Mann bin.«

Das düstre Auge des Priesters erglühte.

»Könntest du das gethan haben, Elender?« schrie er und packte wüthend Gringoire’s Arm; »könntest du so von Gott verlassen gewesen sein, deine Hand an dieses Mädchen zu legen?«

»So wahr ich Theil am Paradiese habe, ehrwürdiger Herr,« antwortete Gringoire an allen Gliedern zitternd, »ich schwöre Euch zu, daß ich sie niemals berührt habe, wenn das der Punkt ist, der Euch beunruhigt.«

»Aber was sprichst du denn von Mann und von Frau?« sagte der Priester.

Gringoire beeilte sich, ihm das in aller Kürze zu erzählen, was der Leser bereits weiß: sein Abenteuer im Wunderhofe und seine Verheirathung vermittelst des zerbrochenen Kruges. Uebrigens schien es, daß diese Heirath noch keine Folgen gehabt hatte, und daß ihn die Zigeunerin jeden Abend um seine Hochzeitsnacht brachte, wie am ersten Tage. »Das ist bitter,« sagte er schließlich, »aber es hängt damit zusammen, daß ich das Unglück gehabt habe, eine Jungfer zu heirathen.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Archidiaconus, welcher sich bei dieser Erzählung allmählich beruhigt hatte.

»Das ist ziemlich schwer auseinander zu setzen,« entgegnete der Dichter. »Es ist ein Aberglaube dabei. Meine Frau ist, wie mir ein alter Spitzbube gesagt hat, den man bei uns den Herzog von Aegypten nennt, ein Findelkind, oder was dasselbe ist, ein uneheliches Kind. Sie trägt am Halse ein Amuletts welches – sagt man – sie eines Tages ihre Eltern wiederfinden lassen wird, das aber seine Kraft einbüßt, wenn sie ihre Tugend verlöre. Daher kommt es, daß wir beide sehr tugendhaft bleiben.«

»Also,« entgegnete Claude, dessen Stirn sich immer mehr entwölkte, »Ihr glaubt, Meister Peter, daß diesem Geschöpfe noch kein Mann zu nahe gekommen ist?«

»Meint Ihr, Dom Claude, daß ein Mann etwas gegen den Aberglauben vermag? Sie hat den im Kopfe. Ich glaube, daß diese Nonnensprödigkeit, die sich unter den so schnell vertraulichen Zigeunermädchen fest behauptet, gewiß eine Seltenheit ist. Aber sie hat dreierlei, um sich zu schirmen: einmal den Herzog von Aegypten, der sie in seinen Schutz genommen hat und vielleicht darauf rechnet, sie an irgend einen feisten Abt zu verschachern; dann ihre ganze Bande, die sie, wie wir die heilige Jungfrau, ganz besonders verehrt, und endlich einen gewissen niedlichen Dolch, den das entschlossene Weib, allen Befehlen des Profosses zum Trotz, immer bei sich trägt, und den man ihr in die Hände treibt, wenn man sie um den Leib fassen will. Sie ist eine muthige Wespe, der Tausend!«

Der Archidiaconus quälte Gringoire mit Fragen.

Die Esmeralda war, nach Gringoire’s Urtheile, ein harmloses, reizendes und bis auf den ihr eigentümlichen Mund hübsches Geschöpf; ein naives und fröhliches Mädchen, das mit allem unbekannt und von allem enthusiasmirt war; das selbst nicht einmal im Traume, den Unterschied der Frau im Verhältnis zum Manne kannte; einem Traumbilde ähnlich; vernarrt hauptsächlich in Tanz, geräuschvolles Leben und vornehmes Wesen; ein bienenartiges Weib mit unsichtbaren Flügeln an den Füßen, das im Strudel dahinlebte. Sie verdankte dieses Naturell dem unruhigen Leben, welches sie immer geführt hatte. Gringoire hatte in Erfahrung gebracht, daß sie als kleines Kind Spanien und Catalonien, sogar Sizilien durchwandert war; er glaubte auch, daß sie mit der Zigeunerkarawane, zu der sie gehörte, in das Königreich Algier weggeführt worden war: eine Landschaft, die in Achaja liegt, welches Achaja einerseits an Klein-Albanien und an Griechenland, anderseits an das sicilianische Meer grenzt, wo die Straße nach Konstantinopel führt. Die Zigeuner, erzählte Gringoire, wären Vasallen des Königs von Algier, in seiner Eigenschaft als Herr der weißen Mauern. Sicher wäre die Esmeralda sehr jung über Ungarn nach Frankreich gekommen. Aus allen diesen Ländern hätte das junge Mädchen Bruchstücke seltsamer Sprachen, Gesänge und merkwürdige Gedanken mitgebracht, die aus ihrer Sprache etwas ebenso Buntscheckiges machten, wie ihr Costüm halb parisisch, halb afrikanisch wäre. Uebrigens liebten sie die Leute der Stadtviertel, welche sie besuche, wegen ihrer Fröhlichkeit, ihrer Anmuth und lebendigen Weise ebenso, wie wegen ihrer Tänze und Gesänge. In der ganzen Stadt glaubte sie sich nur von zwei Personen gehaßt, von denen sie auch oft mit Schrecken spräche: von der Nonne im Rolandsthurme, einer häßlichen Klosterschwester, welche einen gewissen Groll auf die Zigeunerinnen hätte und die arme Tänzerin jedesmal verfluche, wenn sie vor ihrem Fenster vorüberginge; dann von einem Priester, der sie niemals träfe, ohne ihr Blicke und Worte zuzusenden, die ihr Furcht verursachten. Dieser letzte Umstand verwirrte den Archidiaconus sehr, ohne daß Gringoire diese Bestürzung recht bemerkte, dermaßen hatten zwei Monate genügt, den sorglosen Dichter alle die Einzelnheiten jenes Abends vergessen zu lassen, an dem er das Zusammentreffen mit der Zigeunerin gehabt hatte, und der Archidiaconus bei dem allen zugegen gewesen war. – Uebrigens fürchtete die kleine Tänzerin nichts; sie wahrsagte nicht, was sie vor jenen Hexenprocessen schützte, die so häufig gegen die Zigeunerinnen angestellt wurden. Und überdies vertrat Gringoire Bruderstelle, wenn es als Ehemann nicht ging. Ueberhaupt ertrug der Philosoph diese Art platonischer Ehe sehr geduldig. Er hatte doch immer ein Nachtlager und sein Brot. Jeden Morgen verließ er die Gaunerbande, meistens mit der Zigeunerin; er war ihr behilflich, wenn sie an den Straßenecken ihre Heller und Weißpfennige einerntete; jeden Abend kehrte er mit ihr unter dasselbe Dach zurück, ließ sie sich in ihr Kämmerchen einriegeln und verfiel in den Schlaf des Gerechten: alles in allem genommen eine sehr angenehme Existenz, und für Sinnen und Träume wie geschaffen. Und dann war, in seiner Seele und Gewissen, der Philosoph nicht ganz sicher, ob er rasend in die Zigeunerin verliebt sei. Er liebte ihre Ziege fast ebenso sehr. Das sei ein allerliebstes, sanftes, kluges, geistvolles Thier, eine gelehrte Ziege. – Nichts war im Mittelalter gewöhnlicher, als diese dressirten Thiere, die man gewaltig anstaunte, und die oft ihre Lehrmeister auf den Scheiterhaufen führten. Jedoch wären die Hexereien der Ziege mit den vergoldeten Füßen sehr unschuldige Schelmereien. Gringoire erklärte sie dem Archidiaconus, den diese einzelnen Umstände sehr zu interessiren schienen. Es genüge in den meisten Fällen, der Ziege das Tamburin in der oder jener Weise‘ hinzuhalten, um das gewünschte Kunststück bei ihr zu erreichen. Sie wäre dazu von der Zigeunerin abgerichtet worden, die zu diesen Pfiffen ein so seltenes Talent besäße, daß zwei Monate genügt hätten, um der Ziege beizubringen, aus beweglichen Buchstaben das Wort »Phöbus« zusammenzusetzen.

»Phöbus!« sagte der Priester; »warum Phöbus?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Gringoire. »Vielleicht ist es ein Wort, welches sie mit irgend einer geheimen und übernatürlichen Kraft für begabt hält. Sie wiederholt es oft mit leiser Stimme, wenn sie sich allein glaubt.«

»Seid Ihr dessen gewiß,« entgegnete Claude mit seinem forschenden Blicke, »daß es nur ein Wort, daß es kein Name ist?«

»Wessen Name?« sagte der Dichter.

»Was weiß ich?« sagte der Priester.

»Ich denke mir das so, ehrwürdiger Herr. Diese Zigeuner sind ein wenig abergläubisch und beten die Sonne an; daher jenes ›Phöbus‹.«

»Das scheint mir nicht so einleuchtend, als Euch, Meister Peter.«

»Uebrigens thut das nichts. Möge sie ihr Phöbus nach Belieben murmeln. Sicher ist, daß Djali mich beinahe ebenso lieb hat, als sie.«

»Wer ist diese Djali?«

»Es ist die Ziege.«

Der Archidiaconus legte seine Hand ans Kinn und schien einen Augenblick nachzudenken. Plötzlich wandte er sich heftig an Gringoire.

»Und du schwörst mir zu, daß du sie nicht berührt hast?«

»Wen?« fragte Gringoire; »die Ziege?«

»Nein, dieses Weib.«

»Mein Weib? Niemals, ich schwöre es.«

»Und du bist oft allein mit ihr?«

»Alle Abende, eine volle Stunde.«

Dom Claude runzelte die Augenbrauen.

»O! Ach! Solus cum sola non cogitabuntur orare Pater noster4

»Bei meiner Seele, ich könnte das » Pater« und das » Ave Maria« und das » Credo in Deum patrem omniptentem« 5 hersagen, ohne daß sie mir mehr Aufmerksamkeit erweisen würde, als eine Henne einer Kirche.«

»Schwöre mir bei dem Leibe deiner Mutter,« wiederholte der Archidiaconus mit Ungestüm, »daß du dieses Geschöpf nicht mit der Spitze des Fingers berührt hast.«

»Ich könnte ebenso gut bei dem Haupte meines Vaters schwören, denn beides steht in mehr als einem Verhältnis zu einander. Aber, ehrwürdiger Herr, erlaubt mir meinerseits eine Frage.«

»Redet, Herr.«

»Was geht das Euch an?«

Das bleiche Gesicht des Archidiaconus wurde roth, wie die Wange eines jungen Mädchens. Er verharrte einen Augenblick ohne Antwort; dann sprach er mit sichtlicher Verlegenheit:

»Höret, Meister Peter Gringoire. Ihr seid noch nicht in Verdammnis gerathen, so viel ich weiß. Ich interessire mich für Euch und will Euch wohl. Doch die geringste Berührung mit diesem Dämon von Zigeunerin würde Euch zum Vasallen des Satans machen. Ihr wißt, daß es immer der Körper ist, der die Seele ins Verderben stürzt. Wehe Euch, wenn Ihr diesem Weibe zu nahe tretet. Nun wißt Ihr alles.«

»Ich habe es einmal versucht,« sprach Gringoire und kratzte sich hinter dem Ohre; »es war am ersten Tage, aber ich habe mich gestochen.«

»Ihr habt die Frechheit gehabt, Meister Peter?« Und die Stirn des Priesters umwölkte sich.

»Ein andermal,« führ der Dichter schmunzelnd fort, »habe ich, ehe ich mich niederlegte, durch ihr Schlüsselloch gesehen, und habe wohl das holdeste Weib im Hemde erblickt, das jemals den Gurt eines Bettes unter ihrem nackten Fuße hat knacken lassen.«

»Geh zum Teufel!« schrie der Priester mit fürchterlichem Blicke und verschwand, während er den erstaunten Gringoire an den Schultern vorwärts stieß, mit weiten Schritten unter den nächtlichen Säulenhallen der Kathedrale.

  1. Sarabande: ein altspanischer Volkstanz mit Gesangs– und Castagnettenbegleitung. Anm. d. Uebers.
  2. Name eines altspanischen Nationaltanzes mit nach und nach schneller werdendem Tempo. Anm. d. Uebers.
  3. Lateinisch: Nähre dich selbst. Anm. d. Uebers.
  4. Lateinisch: Wenn Mann und Weib allein sind, werden sie nicht daran denken, das Vaterunser zu beten. Anm. d. Uebers.
  5. Lateinisch: Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater. Anm. d. Uebers.

6. Fortsetzung der Geschichte vom Schlüssel zur Rothen Pforte.

In dieser Nacht war die Esmeralda in ihrem Zimmerchen ganz selbstvergessen, voll Hoffnung und süßer Gedanken eingeschlafen. Sie schlief seit einer geraumen Zeit und träumte wie immer von Phöbus, als es ihr schien, als ob sie Geräusch in ihrer Nähe höre. Sie hatte einen leichten und unruhigen Schlaf, einen Vogelschlaf; das geringste Geräusch weckte sie auf. Sie öffnete die Augen. Die Nacht war sehr dunkel. Jedoch bemerkte sie am Dachfenster ein Gesicht, welches sie betrachtete; eine Lampe, welche dabei war, beleuchtete diese Erscheinung. In dem Augenblicke, wo sich dieses Gesicht von der Esmeralda bemerkt sah, löschte es die Lampe aus. Nichts desto weniger hatte das junge Mädchen Zeit gehabt, es zu erkennen: ihre Augenlider schlossen sich vor Schrecken.

»Ach!« sagte sie mit erloschener Stimme, »der Priester!«

Ihr ganzes vergangenes Unglück trat ihr wie mit einem Blitzstrahle vor die Seele. Sie fiel starr auf ihr Lager zurück.

Einen Augenblick darauf fühlte sie der Länge ihres Körpers nach eine Berührung, welche sie dermaßen entsetzte, daß sie, munter geworden, sich wüthend aufrichtete.

Der Priester war eben zu ihr ins Bett geschlüpft. Er umschlang sie mit beiden Armen.

Sie wollte schreien und konnte es nicht.

»Hinweg mit dir, Ungeheuer! Hinweg, Meuchelmörder!« rief sie mit vor Zorn und Entsetzen zitternder und matter Stimme.

»Erbarmen! Erbarmen!« murmelte der Priester und preßte seine Lippen auf ihre Schultern.

Sie faßte mit beiden Händen seinen kahlen Kopf an dem Haarreste und bemühte sich, seine Küsse abzuwenden, als ob es Bisse wären.

»Erbarmen!« wiederholte der Unglückliche. »Wenn du wüßtest, wie groß meine Liebe zu dir ist! Es ist Feuer, geschmolzenes Blei, es sind tausend Dolche in meinem Herzen!«

Und er hielt ihre beiden Arme mit übermenschlicher Gewalt fest. Erschreckt sagte sie zu ihm:

»Laß mich los oder ich speie dir ins Gesicht!«

Er ließ sie los.

»Beschimpfe mich, schlage mich, sei zornig auf mich, mache was du willst! Aber habe Mitleid! Liebe mich!«

Jetzt schlug sie mit kindischer Wuth auf ihn los. Sie streckte ihre schönen Hände aus, um ihm das Gesicht zu zerkratzen.

»Hinweg, Satan!«

»Liebe mich! liebe mich! Erbarmen!« rief der arme Mönch, indem er sich auf sie wälzte und ihre Schläge mit Liebkosungen vergalt.

Plötzlich fühlte sie, daß er stärker wurde als sie.

»Ich will zu Ende kommen!« sagte er und knirschte mit den Zähnen.

Sie war überwältigt, zuckend, gebrochen in seinen Armen, ganz in seiner Willensmacht. Sie fühlte eine unzüchtige Hand an ihr herumtasten. Sie machte eine letzte Anstrengung und begann zu rufen: »Hilfe! her zu mir! Ein Vampir! ein Vampir!«

Niemand kam. Djali allein war aufgeweckt und blökte ängstlich.

»Schweig!« sagte der Priester keuchend.

Während die Zigeunerin sich so sträubte, stieß ihre Hand, welche am Boden herumtappte, plötzlich an etwas Kaltes und Metallisches. Es war die Pfeife Quasimodo’s. Sie ergriff sie mit freudigem Schreck, führte sie an ihre Lippen und pfiff darauf mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war. Die Pfeife gab einen hellen, scharfen und durchdringenden Ton von sich.

»Was ist das?« fragte der Priester.

Fast im selben Augenblicke fühlte er sich von einem starken Arme in die Höhe gehoben. Die Zelle war dunkel; er konnte nicht deutlich erkennen, wer ihn so emporhielt; aber er hörte Zähne vor Wuth klappern, und es war bei aller Dunkelheit gerade noch so viel Licht vorhanden, um über seinem Kopfe eine breite Messerklinge funkeln zu sehen.

Der Priester glaubte Quasimodo’s Gestalt zu erkennen. Er vermuthete, daß nur er es sein könnte. Er erinnerte sich, beim Eintreten in das Gemach über ein Bündel gestolpert zu sein, das draußen quer vor der Thüre hingebreitet lag. Indessen da der neue Ankömmling nicht ein Wort vorbrachte, so wußte er nicht, was er denken sollte. Er stürzte sich auf den Arm, der das Messer hielt und schrie: »Quasimodo!« Er vergaß in diesem gefährlichen Augenblicke, daß Quasimodo taub war.

In einem Augenblicke war der Priester zu Boden geworfen und fühlte, wie ein bleischweres Knie sich auf seine Brust stemmte. Am eckigen Drucke dieses Knies erkannte er Quasimodo; aber was thun? Wie seinerseits von diesem erkannt werden? Die Nacht machte den Tauben auch blind.

Er war verloren. Das junge Mädchen, mitleidslos, wie eine gereizte Tigerin, schlug sich nicht ins Mittel, um ihn zu retten. Das Messer näherte sich seinem Kopfe; der Augenblick war bedenklich. Plötzlich schien sein Gegner von einem Zaudern ergriffen.

»Kein Blut in ihrer Nähe!« sagte er mit dumpfer Stimme.

Es war in der That die Stimme Quasimodo’s.

Nun fühlte der Priester die mächtige Hand, welche ihn am Fuße aus der Zelle herauszog; draußen sollte er also sterben. Zum Glücke für ihn war der Mond eben seit einigen Augenblicken aufgegangen.

Als sie die Thüre des Gemaches überschritten hatten, fiel sein bleicher Strahl auf die Gestalt des Priesters. Quasimodo sah ihm ins Gesicht, ein Zittern ergriff ihn, er ließ den Priester los und fuhr zurück.

Die Zigeunerin, welche auf die Schwelle ihrer Zelle getreten war, sah mit Ueberraschung, wie sich die Rollen plötzlich vertauschten. Jetzt war es der Priester, welcher drohte, und Quasimodo, welcher bat.

Der Priester, welcher den Tauben mit zornigen und tadelnden Geberden niederschmetterte, gab ihm in heftiger Weise ein Zeichen, sich zu entfernen. Der Taube ließ den Kopf sinken; dann warf er sich vor der Thür der Zigeunerin auf die Knien.

»Gnädiger Herr,« sagte er mit ernstem und ergebenem Tone, »nun möget Ihr thun, was Euch gefällt; aber tödtet mich zuvor.«

Bei diesen Worten reichte er dem Priester sein Messer hin. Außer sich stürzte sich der Priester darauf zu. Aber das junge Mädchen war flinker, als er; sie riß das Messer aus Quasimodo’s Händen und brach in ein wüthendes Gelächter aus.

»Komm her!« rief sie dem Priester zu.

Sie hielt die Klinge hoch. Der Priester blieb unschlüssig. Sie hätte sicher zugestoßen.

»Du magst nicht wagen, näher zu kommen, Feigling!« rief sie ihm zu. Dann fuhr sie mit unbarmherzigem Ausdrucke, und wohl wissend, daß sie das Herz des Priesters mit tausend glühenden Eisen zerreißen müßte, fort: »Ach, ich weiß wohl, daß Phöbus nicht todt ist!«

Der Priester warf Quasimodo mit einem Fußtritte zur Erde nieder und verschwand dann, vor Wuth schaudernd, unter der Wölbung der Treppe.

Als er verschwunden war, raffte Quasimodo die Pfeife auf, welche die Zigeunerin eben gerettet hatte.

»Sie rostet,« sagte er und gab sie ihr zurück; dann ließ er sie allein.

Das junge Mädchen, das durch diesen heftigen Auftritt in tiefster Seele erschüttert war, fiel erschöpft auf ihr Lager nieder und fing an, laut schluchzend zu weinen. Ihr Horizont bedeckte sich wieder mit düstrem Gewölk.

Der Priester seinerseits war tappend in seine Zelle zurückgekehrt.

Das Ende vom Ganzen war: Dom Claude war eifersüchtig auf Quasimodo! Er wiederholte mit nachdenklicher Miene sein verhängnisvolles Wort: »Niemand soll sie besitzen!«

1. Gringoire hat mancherlei gute Gedanken im Verfolge der Bernhardinerstraße.

Seitdem Peter Gringoire gesehen hatte, welches Ende dieser ganze Vorfall nehmen würde, und daß Strick, Galgen und andere Unannehmlichkeiten den Hauptpersonen dieser Komödie bevorstehen müßten, hatte er keine Sorge mehr getragen, sich hineinzumischen. Die Landstreicher, unter denen er, in Erwägung, daß es am Ende die beste Gesellschaft von Paris wäre, ausgeharrt hatte, – die Landstreicher also hatten nicht aufgehört, an der Zigeunerin Antheil zu nehmen. Er hatte das ganz natürlich an Leuten gefunden, die, wie sie, keine andere Aussicht, als Charmolue und Torterue hatten, und die, wie er, nicht in den Regionen der Phantasie auf den Flügeln des Pegasus sich tummelten. Er hatte aus ihren Reden erfahren, daß seine, beim zerbrochenen Topfe angetraute, Gattin sich in die Kirche Notre-Dame geflüchtet hätte, und er war sehr froh darüber. Aber er gerieth nicht einmal in die Versuchung, sie dort zu besuchen. Er dachte manchmal an die kleine Ziege, das war aber auch alles. Uebrigens machte er, um leben zu können, am Tage Kraftkunststücke, und des Nachts arbeitete er an einer Denkschrift gegen den Bischof von Paris; denn er hatte noch nicht vergessen, wie er von dessen Mühlrädern durch und durch naß geworden war, und bewahrte ihm deshalb einen alten Groll. Auch beschäftigte er sich damit, das schöne Werk von Baudry-le-Rouge, des Bischofs von Noyon und Tournay: » de Cupa Petrarum« mit Anmerkungen zu versehen, welches ihm eine heftige Neigung für die Baukunst eingeflößt hatte, eine Neigung, welche in seinem Herzen die Leidenschaft für den mystischen Unsinn verdrängt hatte, von der sie übrigens nur eine natürliche Folge war, da ja eine innige Verwandtschaft zwischen der Alchymie und der Freimaurerei stattfindet. Gringoire war von der Liebe zu einer Idee zur Liebe für die Gestaltung dieser Idee übergegangen.

Eines Tages war er in der Nähe von Saint-Germain-l’Auxerrois, an der Ecke eines Gebäudes, welches man das »Bischofsgericht« nannte, stehen geblieben, und welches einem andern, das »Königsgericht« genannt, gegenüber stand. Zu diesem Bischofsgerichte gehörte eine hübsche Kapelle aus dem vierzehnten Jahrhunderte, deren Chorseite nach der Straße zu lag. Gringoire untersuchte andächtig die äußern Bildhauerarbeiten daran. Er befand sich in einem jener Augenblicke selbstsüchtigen, ausschließlichen und höchsten Genusses, wo der Künstler in der Welt nichts als die Kunst und die Kunst in der Welt sieht. Plötzlich fühlte er, daß sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte. Er drehte sich um. Da stand sein alter Freund, sein alter Lehrer, der Herr Archidiaconus vor ihm.

Er stand bestürzt da. Seit langem hatte er den Archidiaconus nicht gesehen, und Dom Claude war einer jener feierlichen und leidenschaftlichen Menschen, deren Begegnung stets das Gleichgewicht eines skeptischen Weltweisen stört.

Der Archidiaconus beobachtete einige Augenblicke lang Stillschweigen, während dessen Gringoire Muße hatte, ihn zu beobachten. Er fand Dom Claude sehr verändert: blaß wie einen Wintermorgen, hohläugig, das Haar fast ganz gebleicht. Endlich brach der Priester das Schweigen, indem er mit ruhigem, aber eisigem Tone sagte:

»Wie geht’s Euch, Meister Peter?«

»Mit meiner Gesundheit?« antwortete Gringoire. »Ei nun! man kann dies und jenes von ihr sagen. Bei alledem ist sie im Ganzen gut. Ich genieße von keiner Sache zu viel. Ihr wißt, Meister, das Geheimnis sich wohl zu befinden, » id est,« nach Hippokrates, » cibi, potus, somni, venus, omnia moderata sint61

»Ihr habt also keinen Kummer, Meister Peter?« fragte der Archidiaconus und sah Gringoire scharf an.

»Meiner Treu, nein!«

»Und was treibt Ihr denn jetzt?«

»Ihr seht es, lieber Meister. Ich untersuche den Schnitt dieser Steine und die Art und Weise, in der dieses Basrelief ausgearbeitet ist.«

Der Priester begann zu lächeln, aber mit jenem bittern Lächeln, welches nur einen Mundwinkel verzieht.

»Und daran habt Ihr Gefallen?«

»Es ist mein Paradies!« rief Gringoire aus. Und indem er sich auf die Bildhauerarbeiten mit der verzückten Miene eines Menschen neigte, der lebende Erscheinungen erklärt, sagte er: »Findet Ihr, zum Beispiel, diese Verwandlung in halb erhabener Arbeit nicht mit vieler Geschicklichkeit, Zartheit und Geduld ausgeführt? Betrachtet dieses Säulchen. Um welchen Säulenkopf herum habt Ihr wohl zartere und vom Meißel mit mehr Liebe gearbeitete Blätter gesehen? Hier sind drei Haut-Reliefs von Jean Maillevin. Es sind nicht die schönsten Arbeiten dieses großen Genies. Nichtsdestoweniger machen die Naivetät und Lieblichkeit der Gesichter, die Heiterkeit der Stellungen und Gewandungen, und diese unaussprechliche Lieblichkeit, welche sich mit allen seinen Fehlern verbindet, diese Figuren höchst anmuthig und sehr zierlich, vielleicht sogar beides zu sehr. Findet Ihr nicht, daß dies unterhaltend ist?«

»Ganz gewiß!« sagte der Priester.

»Und wenn Ihr das Innere der Kapelle sähet!« fuhr der Dichter mit seiner geschwätzigen Begeisterung fort. »Ueberall Sculpturen. Sie ist ganz dick belaubt davon, wie der Herzkern eines Kohlkopfes. Der Chor hat eine sehr erhabene und so eigenartige Form, daß ich nichts derartiges anderswo gesehen habe!«

Dom Claude unterbrach ihn:

»Ihr seid also glücklich?«

Gringoire antwortete mit Feuer:

»Auf Ehre, ja! Ich habe zuerst Weiber, dann Thiere geliebt. Jetzt liebe ich Steine. Das ist alles ebenso ergötzlich, als Thiere und Weiber, und vor allen ist es nicht so treulos.«

Der Priester legte seine Hand auf die Stirn. Es war das eine gewöhnliche Geberde von ihm.

»In Wahrheit?«

»Wisset!« sagte Gringoire, »man hat seltene Genüsse.« Er nahm den Arm des Priesters, welcher sich ihm überließ, und führte ihn in den kleinen Treppenthurm des Bischofsgerichtes. »Das nenne ich mir eine Treppe! Jedesmal, wenn ich sie sehe, bin ich ganz glücklich. Das ist eine Treppe von der einfachsten und in Paris seltensten Art. Alle Stufen sind nach unten abgerundet. Ihre Schönheit und ihre Einfachheit besteht in der Trittbreite aller, die einen Fuß oder nahe daran beträgt; dazu sind sie ineinander geschlungen, eingelocht, gefügt, verkettet und ineinander gearbeitet, und halten auf eine wahrhaft feste und zierliche Weise zusammen.«

»Und Ihr wünscht nichts weiter?«

»Nein.«

»Und bereuet nichts?«

»Weder Reue noch Wunsch. Ich habe mein Leben geordnet.«

»Was die Menschen ordnen,« sagte Claude, »werfen die Umstände über den Haufen.«

»Ich bin ein zweifelsüchtiger Philosoph,« antwortete Gringoire, »und ich halte alles im Gleichgewichte.«

»Und wie erwerbt Ihr Euern Lebensunterhalt?«

»Ich mache hier und da noch Heldengedichte und Trauerspiele; aber was mir am meisten einträgt, das ist der Erwerbszweig, der Euch bekannt ist, mein Lehrer: Pyramiden aus Stühlen auf meinen Zähnen zu tragen.«

»Das Gewerbe ist plump für einen Philosophen.«

»Das gehört auch zum Gleichgewicht,« sagte Gringoire. »Wenn man einen Gedanken hat, so findet man ihn in allem wieder.«

»Ich kenne das,« antwortete der Archidiaconus.

Nach einer Pause fuhr der Priester fort:

»Ihr seid nichtsdestoweniger recht elend.«

»Elend, ja; aber unglücklich nicht.«

In diesem Augenblicke ließ sich ein Pferdegetrappel hören, und unsere zwei sich unterhaltenden Freunde sahen am Ende der Straße eine Compagnie Bogenschützen von der königlichen Leibwache mit aufgerichteten Speeren, den Offizier an der. Spitze, vorüberziehen. Der Aufzug war glänzend, und das Pflaster ertönte unter ihm.

»Wie Ihr jenen Offizier mit Euern Blicken verfolgt!«, sagte Gringoire zum Archidiaconus.

»Weil ich ihn wieder zu erkennen glaube.«

Wie nennt ihr ihn?«

»Ich glaube,« sagte Claude, »daß er Phöbus von Châteaupers heißt.«

»Phöbus! ein merkwürdiger Name! Es giebt noch einen Phöbus, Grafen von Foix. Ich erinnere mich, ein Mädchen gekannt zu haben, die nur bei dem Namen Phöbus schwur.«

»Kommt mit,« sagte der Priester, »ich habe Euch etwas zu sagen.«

Seitdem dieser Soldatentrupp vorübergezogen war, brach eine gewisse Unruhe aus der eisigen Hülle des Archidiaconus hervor. Er begann sich auf den Weg zu machen. Gringoire folgte ihm, gewohnt, ihm zu gehorchen, wie alles, was einmal mit der gewaltigen Natur dieses Mannes in Berührung gekommen war. Schweigend schritten sie so bis zur Bernhardinerstraße, welche ziemlich einsam war. Dom Claude blieb jetzt stehen.

»Was habt Ihr mir mitzutheilen, lieber Meister?« fragte ihn Gringoire.

»Findet Ihr nicht,« antwortete der Archidiaconus mit der Miene tiefen Nachdenkens, »daß das Gewand dieser Reiter, welche wir soeben gesehen haben, schöner ist, als Eures und meins?«

Gringoire schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Meiner Treu! meine gelbe und rothe Joppe ist mir lieber, als jene eisernen und stählernen Schuppenröcke. Ein schönes Vergnügen fürwahr, beim Gehen denselben Lärm zu verursachen, wie die Boutiquen auf dem Trödlerdamme bei einem Erdbeben!«

»Also, Gringoire? Ihr habt niemals diese schönen Burschen in ihren Kriegsröcken beneidet?«

»Neid auf was, Herr Archidiaconus? Etwa auf ihre Stärke, ihre Rüstung, ihre Mannszucht? Besser sind fürwahr die Weltweisheit und die Unabhängigkeit in Lumpen. Ich will lieber ein Fliegenkopf, als ein Löwenschwanz sein.«

»Das ist sonderbar,« sagte der Priester in Gedanken versunken. »Eine schöne Uniform bleibt doch schön.«

Gringoire, der ihn so nachdenklich sah, trat zur Seite, um die Vorhalle eines benachbarten Hauses zu bewundern. Er kam zurück und schlug in die Hände.

»Wenn Ihr weniger für die Waffenröcke der Kriegsleute eingenommen wäret, Herr Archidiaconus, so würde ich Euch bitten, mitzukommen und jenes Thor zu betrachten. Ich habe es immer gesagt, das Haus des Herrn Aubry hat den prachtvollsten Eingang von der Welt.«

»Peter Gringoire,« sagte der Archidiaconus, »was habt Ihr mit der kleinen Zigeunertänzerin angefangen?«

»Der Esmeralda? Ihr ändert sehr plötzlich die Unterhaltung.«

»War sie nicht Eure Frau?«

»Ja, infolge eines zerbrochenen Kruges. Wir hatten uns für vier Jahre … Aber,« fügte Gringoire mit einer halb spaßhaften Miene hinzu, während er den Archidiaconus ansah, »wie? Ihr denkt also noch immer daran?«

»Und Ihr, Ihr denkt nicht mehr daran?«

»Wenig … Ich habe mancherlei andere Dinge! … Mein Gott, wie reizend war die kleine Ziege!«

»Hatte Euch diese Zigeunerin nicht das Leben gerettet?«

»Bei Gott, das ist wahr.«

»Nun denn! was ist aus ihr geworden? Was habt Ihr mit ihr angefangen?«

»Ich kann es Euch nicht sagen. Ich glaube, sie haben sie gehangen.«

»Ihr glaubt?«

»Ich weiß es nicht gewiß. Als ich gesehen habe, daß die Leute sie hängen wollten, habe ich mich vom Spiele zurückgezogen.«

»Ist das alles, was Ihr von ihr wißt?«

»Wartet doch. Man hat mir erzählt, sie hätte sich in die Kirche Notre-Dame geflüchtet und wäre dort in Sicherheit; und ich bin erfreut darüber, und ich habe nicht entdecken können, ob sich die Ziege mit ihr gerettet hat, und das ist alles, was ich davon weiß.«

»Ich will Euch noch mehr wissen lassen,« schrie Dom Claude, und seine bis dahin leise, langsame und fast dumpfe Stimme war donnernd geworden. »Sie hat in der That ihre Zuflucht zur Kirche Notre-Dame genommen. Aber in drei Tagen wird die Gerechtigkeit sie dort wieder ergreifen, und sie wird auf dem Grèveplatze gehangen werden. Es liegt ein Parlamentsbeschluß vor.«

»Das ist traurig,« sagte Gringoire.

Der Priester war im Nu wieder kalt und ruhig geworden.

»Und wer Teufel,« begann der Dichter wieder, »hat sich denn das Vergnügen gemacht, ein Ergänzungsurtheil zu beantragen. Konnte man das Parlament nicht in Frieden lassen? Was macht es, wenn ein armes Mädchen sich hinter den Strebepfeilern von Notre-Dame, neben den Schwalbennestern, in Sicherheit bringt?«

»Es giebt Satane in der Welt,« antwortete der Archidiaconus.

»Das ist verteufelt schlecht eingefädelt,« bemerkte Gringoire.

Der Archidiaconus nahm nach einer Pause wieder das Wort:

»Also sie hat Euch das Leben gerettet?«

»Bei meinen guten Freunden, den Landstreichern. Es fehlte noch ein Haar breit und ich wurde gehangen. Es müßte ihnen heute noch leid thun.«

»Wollt Ihr denn gar nichts für sie thun?«

»Ich wünsche nichts mehr, als das, Dom Claude; aber wenn ich mir eine häßliche Geschichte auf den Hals lade!«

»Was thut’s?«

»Bah! was es thut? Ihr seid sehr gütig, Ihr, lieber Meister! Ich habe zwei große Werke angefangen.«

Der Priester schlug sich vor die Stirne. Ungeachtet der Ruhe, die er erkünstelte, zeigte von Zeit zu Zeit eine heftige Geberde seine innern Zuckungen.

»Wie sie retten?«

Gringoire sagte zu ihm:

»Theurer Meister, ich will Euch antworten: » Il padelt«, was auf türkisch heißt: Gott ist unsere Hoffnung.«

»Wie sie retten?« wiederholte Claude in Nachdenken versunken.

Jetzt schlug sich Gringoire vor die Stirn.

»Höret, lieber Meister, ich besitze Phantasie, ich will Euch Mittel und Wege zu finden suchen. Wie, wenn man den König um Begnadigung bäte?«

»Ludwig den Elften! Um Begnadigung?«

»Warum nicht?«

»Geh und nimm dem Tiger seinen Knochen!«

Gringoire begann nach neuen Lösungen zu suchen.

»Nun gut! Halt! … Wollt Ihr, daß ich an die Matronen eine Bittschrift richte mit der Erklärung, daß das Mädchen schwanger ist?«

Hier sprühte das hohle Auge des Priesters Flammen.

»Schwanger? Bursche! weißt du vielleicht etwas davon?«

Gringoire war entsetzt über sein Aussehen. Er fuhr schnell fort:

»Oh! ich ganz und gar nicht. Unsere Ehe war ein echtes foris maritagium. 62 Ich bin draußen geblieben.

Aber schließlich würde man einen Aufschub damit erlangen.«

»Dummheit! Schande! Schweig‘!«

»Ihr habt unrecht, Euch zu erzürnen,« murmelte Gringoire. »Man erlangt eine Frist: das verursacht niemandem Schaden, und die Matronen, welche arme Frauen sind, gewinnen dabei vierzig Pariser Heller.«

Der Priester hörte nicht auf seine Worte.

»Und doch muß sie von dort fort!« murmelte er. »Das Urtheil wird binnen drei Tagen vollstreckbar! Uebrigens würde gar kein Parlamentsbeschluß gekommen sein … dieser Quasimodo! Die Weiber haben mitunter sehr verdorbene Geschmacksrichtungen!«

Er erhob seine Stimme: »Meister Peter, ich habe reiflich überlegt; es giebt nur ein Rettungsmittel für sie.«

»Welches? Ich, für meine Person, ich sehe keins mehr.«

»Höret zu, Meister Peter, erinnert Euch, daß Ihr dem Mädchen das Leben verdankt. Ich will Euch offen meinen Gedanken sagen. Die Kirche ist Tag und Nacht bewacht; man läßt nur diejenigen wieder heraus, welche man hat hineingehen sehen. Ihr könnt also hineingehen. Ihr werdet hinkommen. Ich werde Euch zu ihr führen. Ihr sollt die Kleider mit ihr vertauschen. Sie wird Euer Wamms, Ihr sollt ihren Rock anziehen.«

»So weit geht die Sache gut,« bemerkte der Philosoph. »Und dann?«

»Und dann? Sie wird in Euern Kleidern herauskommen; Ihr werdet in den ihrigen dortbleiben. Man hängt Euch vielleicht; aber sie wird gerettet werden.«

Gringoire kratzte sich mit sehr ernster Miene hinter dem Ohre.

»Wisset!« sagte er, »das ist fürwahr eine Idee, die mir nicht von allein eingefallen wäre.«

Bei dem unerwarteten Vorschlage Dom Claude’s hatte sich der offene und gutmüthige Gesichtsausdruck des Dichters plötzlich verfinstert, wie eine lachende Landschaft Italiens, wenn auf einmal ein unglücklicher Windstoß einherfährt, der eine Wolke über die Sonne deckt.

»Nun? Gringoire, was sagt Ihr zu diesem Mittel?« »Ich sage, theurer Meister, daß man mich nicht vielleicht hängen, sondern daß es mir ohne Zweifel den Hals kosten wird.«

»Das geht uns nichts an.«

»Den Teufel auch!« sagte Gringoire.

»Sie hat Euch das Leben gerettet. Es ist eine Schuld, die Ihr abtragt.«

»Ich habe deren noch viele andere, die ich nicht bezahle!«

»Meister Peter, Ihr müßt unweigerlich.«

Der Archidiaconus sprach im befehlenden Tone.

»Höret, Dom Claude,« antwortete der Dichter ganz bestürzt. »Ihr haltet an diesem Gedanken fest, und Ihr habt unrecht. Ich sehe nicht ein, warum ich mich an Stelle eines andern soll hängen lassen.«

»Was habt Ihr denn, was Euch so sehr ans Leben fesselt?«

»Oh! tausend Gründe.«

»Welche? wenn ich fragen darf.«

»Welche? Die Luft, den Himmel, den Morgen, den Abend, den Mondschein, meine guten Freunde die Landstreicher, die lustigen Streiche mit den Mädchen, die schönen Baudenkmäler von Paris zu studiren, drei dicke Bücher zu schreiben, davon eins gegen den Bischof und seine Mühlen, und Gott weiß, was noch? Anaxagoras sagte, daß er auf der Welt wäre, um die Sonne zu bewundern. Und dann habe ich das Glück, alle meine Tage, vom Morgen bis zum Abende, mit einem Menschen von Genie zu verleben, nämlich mit mir selbst, und das ist sehr angenehm.«

»Ein Hartkopf, um eine Schelle daraus zu machen!« brummte der Archidiaconus … »Ei! sprich doch, wer hat dir das Leben, das du dir so angenehm machst, erhalten? Wem verdankst du es, daß du diese Luft athmest, diesen Himmel erblickst, daß du deinen Lerchenkopf noch mit Albernheiten und Possen ergötzen kannst! Wo wärest du, ohne sie? Du bringst es also über dich, daß sie stirbt, sie, durch die du das Leben hast? Sie soll sterben, dieses schöne, süße, anbetungswürdige, zum Lichte der Welt nothwendige Geschöpf, die göttlicher ist, als Gott selbst; während du, halb gescheit und halb närrisch, ein leeres Erzeugnis von irgend etwas, eine Art Pflanze, die zu wandeln und zu denken meint – während du das Leben weiterleben willst, das du ihr gestohlen hast, und das eben so nutzlos ist, wie eine Kerze am hellen Mittage? Wohlan! habe ein wenig Mitleid, Gringoire; jetzt sei du großmüthig, denn sie hat damit den Anfang gemacht.«

Der Priester war heftig geworden. Gringoire hörte ihn anfangs mit unentschlossener Miene an, dann wurde er weich, und schnitt endlich eine tragische Grimasse, die sein blasses Gesicht demjenigen eines Neugeborenen ähneln ließ, welches Leibschneiden hat.

»Ihr seid voll Pathos!« sagte er und trocknete eine Thräne. »Nun gut! ich werde es mir überlegen … Es ist eine närrische Idee, die Ihr da gehabt habt … Überhaupt,« fuhr er nach einer Pause fort, »wer weiß! Vielleicht werden sie mich nicht hängen. Nicht immer folgt die Hochzeit auf die Verlobung. Wenn sie mich in jenem Kämmerchen finden sollten, so wunderlich in Weiberrock und Haube herausgeputzt, so werden sie vielleicht in Lachen ausbrechen … Und dann, wenn sie mich hängen, ei nun! der Strick ist eine Todesart, wie jede andere, oder besser gesagt, es ist kein Tod, wie ein anderer. Es ist ein des Weisen würdiger Tod, welcher sein ganzes Leben hindurch geschwankt hat: ein Tod, der nicht Fleisch und nicht Fisch ist, wie der Geist des echten Skeptikers, ein Tod, der ganz die Zweifelsucht und Unschlüssigkeit ausdrückt, der die Mitte zwischen Himmel und Erde hält, der einen in der Schwebe hält. Es ist der Tod eines Philosophen, und ich bin vielleicht vom Schicksale dazu auserwählt. Es ist prächtig zu sterben, wie man gelebt hat.«

Der Priester unterbrach ihn: »Sind wir einig?«

»Was ist der Tod, alles in allem genommen?« fuhr Gringoire mit Überspanntheit fort. »Ein schlechter Augenblick, eine Zollstätte, der Uebergang vom Wenig zum Nichts. Als jemand den Kerkidas von Megalopolis gefragt hatte, ob er gern stürbe: ›Warum nicht?‹ antwortete er; ›denn nach meinem Tode werde ich jene großen Männer: einen Pythagoras unter den Philosophen, Hekatäus unter den Geschichtsschreibern, Homer unter den Dichtern, Olympus unter den Musikern sehen.«

Der Archidiaconus reichte ihm die Hand hin: »Es ist also abgemacht? Ihr werdet morgen kommen?«

Diese Bewegung brachte Gringoire zur Wirklichkeit zurück.

»Ach, meiner Treu, nein!« sagte er im Tone eines Menschen, der aus dem Traume erwacht. »Gehangen werden? Das ist zu albern. Ich mag nicht.«

»Gott befohlen denn!« Und der Archidiaconus fügte, zwischen den Zähnen murmelnd, hinzu: »Ich werde dich wiederfinden!«

»Ich mag nicht, daß dieser Teufel von Menschen mich wiederfinde,« dachte Gringoire; und er lief hinter Dom Claude her. »Wartet doch, Herr Archidiaconus, kein Groll unter alten Freunden! Ihr interessirt Euch für dieses Mädchen, für meine Frau, will ich sagen, das ist gut. Ihr habt eine Kriegslist ausgedacht, um sie heil aus Notre-Dame herauszubringen, aber Euer Mittel ist äußerst unangenehm für mich, den Gringoire … Wenn ich nun dafür ein anderes hätte! … Ich will Euch nun mittheilen, daß mir eben plötzlich, in diesem Augenblicke, ein sehr lichtvoller Gedanke gekommen ist … Wenn ich nun einen rathsamen Einfall hätte, um sie aus dem schlimmen Handel herauszuziehen, ohne daß mein Hals mit der kleinsten Strickschleife in Collision geriethe? Was würdet Ihr dazu sagen? Würde Euch das gar nicht zufrieden stellen? Ist es unbedingt nothwendig, daß ich gehangen werde, damit Ihr zufrieden seid?«

Der Priester riß vor Ungeduld die Knöpfe von seinem Oberkleide ab. »Eine Flut von Worten! … Worin besteht dein Mittel?«

»Ja,« versetzte Gringoire, indem er in sich hineinsprach, und zum Zeichen der Ueberlegung den Zeigefinger an seine Nase legte … »das ist’s!« … Die Landstreicher sind tapfere Burschen … Die Zigeunerhorde liebt sie! … Ein Handstreich … Mit Hilfe der Verwirrung wird man sie leicht entführen können!… Schon morgen Abend … Sie können es nicht besser wünschen.«

»Das Mittel! sprich!« sagte der Priester ihn schüttelnd.

Gringoire wandte sich würdevoll nach ihm um: »Laßt mich doch zufrieden! Ihr seht ja wohl, daß ich eben entwerfe.« Er überlegte noch einige Augenblicke, dann fing er an, bei seinem Gedanken in die Hände zu klatschen, indem er rief: »Bewunderungswürdig! sicherer Erfolg!«

»Das Mittel!« wiederholte Claude zornig.

Gringoire strahlte vor Freude.

»Kommt, ich will es Euch ganz leise sagen. Es ist wahrhaftig eine kühne Gegenlist, die uns alle aus der fatalen Lage herauszieht. Bei Gott! Ihr müßt gestehen, daß ich kein Dummkopf bin!«

Er unterbrach seine Rede:

»Ach so! befindet sich die kleine Ziege bei dem Mädchen?«

»Ja. Daß dich der Teufel hole!«

»Diese würden sie auch gehangen haben, nicht wahr?«

»Was geht mich das an?«

»Ja, sie würden sie gehangen haben. Sie haben ja auch im vergangenen Monate ein Schwein gehangen. Der Henker thut das gern; nachher verzehrt er das Thier. Meine reizende Djali hängen! Armes kleines Lamm!«

»Verflucht!« rief Dom Claude aus. »Der Henker bist du. Welches Rettungsmittel hast du denn ausfindig gemacht, Narr? Soll man dir deine Idee mit der Geburtszange entreißen?«

»Gemach, Meister! Eben sollt Ihr sie erfahren.«

Gringoire neigte sich zum Ohre des Archidiaconus und sprach ganz leise mit ihm, wobei er einen unruhigen Blick von einem Ende der Straße zum andern warf; auf der doch niemand hinging. Als er geendigt hatte, ergriff ihn Dom Claude bei der Hand und sagte kalt zu ihm:

»Es ist gut. Auf morgen also!«

»Auf morgen,« wiederholte Gringoire.

Und während sich der Archidiaconus nach einer Seite entfernte, ging er nach der entgegengesetzten davon, währenddem er mit halber Stimme zu sich sprach: »Das ist ein kühnes Unternehmen, Herr Peter Gringoire. Thut nichts; es ist nicht gesagt, daß, weil man ein geringer Mann ist, man vor einem großen Unternehmen erschrecken soll. Biton trug einen großen Stier auf seinen Schultern; die Bachstelzen, die Grasmücken und Schwarzkehlchen fliegen über den Ocean.«

  1. Lateinisch: Das ist, alles: Speise, Trank, Schlaf, Liebe mit Maß genießen. Anm. d. Uebers.
  2. Lateinisch: Eine Ehe außerhalb des Hauses. Anm. d. Uebers.