Der wütende Gefangene und der verrückte Gefangene.

 

Der wütende Gefangene und der verrückte Gefangene.

 

Ungefähr ein Jahr nach der Rückkehr Ludwigs XVIII. unternahm der Generalinspektor der Gefängnisse eine Rundreise. Er besuchte wirklich hintereinander alle Zellen und Kerker. Mehrere Gefangene des Kastells If wurden ebenfalls vernommen; der Inspektor fragte sie über die Nahrung, die man ihnen verabreichte, und was sie etwa sonst noch zu wünschen hätten. Sie antworteten einstimmig, das Essen sei abscheulich, und sie wünschten, frei zu sein.

 

Der Inspektor fragte sie, ob sie ihm weiter nichts mitzuteilen hätten. Sie schüttelten den Kopf; was konnten Gefangene anderes verlangen, als die Freiheit?

 

Der Inspektor wandte sich um und sagte zu dem Gouverneur: »Ich weiß nicht, warum man uns diese unnützen Rundreisen machen läßt. Wer ein Gefängnis sieht, sieht hundert; wer einen Gefangenen hört, hört tausend. Es ist stets das gleiche: schlecht genährt und unschuldig. Haben Sie noch andere?

 

Ja, wir haben gefährliche Gefangene oder Narren, die im Kerker bewacht werden müssen.

 

Laßt sie sehen, sagte der Inspektor gelangweilt, ich darf mir nichts sparen.

 

Warten Sie, sagte der Gouverneur, wir müssen wenigstens zwei Soldaten zum Schutze haben. Die Gefangenen begehen zuweilen, und wäre es nur aus Lebensüberdruß und um sich zum Tode verurteilen zu lassen, Taten der Verzweiflung, und Sie könnten das Opfer einer solchen Handlung werden.

 

Man holte wirklich zwei Soldaten und stieg eine feuchte, übelriechende, schimmelige Treppe hinab.

 

Oho! rief der Inspektor, auf der Hälfte der Treppe stehen bleibend, wer zum Teufel kann hier wohnen?

 

Einer der gefährlichsten Meuterer, ein Mensch, der uns als zu allem fähig zu besonderer Wachsamkeit empfohlen ist.

 

Wie lange ist er hier?

 

Seit ungefähr einem Jahre, nachdem er den Schließer hatte töten wollen, hat man ihn in diesen Kerker gesetzt.

 

Er ist also toll?

 

Er ist noch viel schlimmer, sagte der Schließer, er ist ein Teufel.

 

Wollen Sie, daß ich Klage über ihn führe? fragte der Inspektor den Gouverneur.

 

Es bedarf dessen nicht, mein Herr, er ist so hinreichend bestraft. Überdies grenzt sein Zustand gegenwärtig an Narrheit, und nach der Erfahrung, die wir gemacht haben, wird er, ehe ein weiteres Jahr vergeht, verrückt sein.

 

Desto besser für ihn, sagte der Inspektor. Ist er einmal ein völliger Narr, so wird er weniger leiden.

 

Sie haben recht, sagte der Gouverneur, so haben wir in einem Kerker, der von diesem nur durch etwa zwanzig Fuß Mauerwerk getrennt ist, einen alten Abbé, einen ehemaligen italienischen Parteiführer. Er ist seit 1811 hier, wurde gegen das Ende des Jahres 1813 verrückt, und seit dieser Zeit ist er körperlich nicht mehr zu erkennen; früher weinte er, jetzt lacht er; früher magerte er ab, jetzt wird er fett.

 

 

Bei dem Klirren der schweren Schlösser, bei dem Ächzen der verrosteten Angeln, die sich auf ihren Zapfen drehten, erhob Dantes sein Haupt. Beim Anblick eines unbekannten Mannes, der von zwei fackeltragenden Schließern und zwei Soldaten begleitet war, und mit dem der Gouverneur sprach, erriet er, worum es sich handelte, und sprang, da er sah, daß sich ihm endlich eine Gelegenheit bot, einen höheren Beamten anzuflehen, mit gefalteten Händen vorwärts. Die Soldaten kreuzten sogleich das Bajonett, denn sie glaubten, der Gefangene stürze in böser Absicht auf den Inspektor los; auch dieser selbst machte einen Schritt rückwärts.

 

Als Dantes sah, daß man ihn als einen gefährlichen Menschen hingestellt halte, sammelte er in seinem Blicke alles, was das Herz des Menschen an Sanftheit und Demut zu enthalten vermag, und suchte mit ergreifenden, Gott als Zeugen seiner Unschuld und seines Elends anrufenden Worten, welche die Anwesenden in Erstaunen setzten, die Seele des hohen Besuchers zu rühren.

 

Der Inspektor hörte Dantes‘ Rede bis zum Ende an.

 

Er fängt an, fromm zu werden, sagte er hierauf zum Gouverneur mit halber Stimme; schon gibt er sanfteren Gefühlen Raum. Sehen Sie, die Furcht bringt ihre Wirkung auf ihn hervor. Er ist vor den Bajonetten zurückgewichen, ein Narr aber weicht vor nichts zurück; ich habe hierüber in der Irrenanstalt in Charenton seltsame Beobachtungen gemacht. Dann sich an den Gefangenen wendend, fragte er: Was verlangen Sie also?

 

Ich verlange zu wissen, welches Verbrechen ich begangen habe; ich verlange, daß man mir Richter gibt; ich verlange, daß mein Prozeß eingeleitet wird; ich verlange, daß man mich erschießt, wenn ich schuldig bin, aber auch, daß man mich in Freiheit setzt, wenn ich unschuldig bin.

 

Bekommen Sie gute Speise? fragte der Inspektor.

 

Ja, ich glaube; ich weiß es nicht. Doch daran ist wenig gelegen. Aber was nicht allein mich, den armen Gefangenen, sondern auch alle Justizbeamten und sogar den König angeht, das ist, daß ein Unschuldiger nicht das Opfer einer schändlichen Denunziation sein und nicht seine Henker verfluchend eingekerkert bleiben soll.

 

Sie find heute sehr demütig, sagte der Gouverneur, Sie waren nicht immer so. Sie sprachen ganz anders, mein lieber Freund, an dem Tage, wo Sie Ihren Wärter ermorden wollten.

 

Das ist wahr, antwortete Dantes, und ich bitte diesen Mann um Verzeihung, denn er ist stets gut gegen mich gewesen; aber was wollen Sie? Ich war verrückt, ich war wütend.

 

Und Sie sind es nicht mehr?

 

Nein, Herr; denn die Gefangenschaft hat mich gebeugt, gebrochen, vernichtet … Es ist schon so lange, daß ich hier bin!

 

So lange … wann sind Sie denn verhaftet worden?

 

Am 28. Februar 1815 um zwei Uhr nachmittags.

 

Der Inspektor rechnete: Wir haben den 30. Juli 1816; was wollen Sie? Sie sind erst seit siebzehn Monaten gefangen.

 

Siebzehn Monate! Oh! Herr, Sie wissen nicht, was siebzehn Monate Gefängnis sind; siebzehn Jahre, siebzehn Jahrhunderte, besonders für einen Menschen, der, wie ich, seinem Glücke so nahe stand; für einen Menschen, der, wie ich, ein geliebtes Wesen heiraten sollte; für einen Menschen, der eine ehrenvolle Laufbahn vor sich offen sah, und dem jetzt alles entrissen ist, der mitten aus dem schönsten Tage in die tiefste Nacht versinkt; der seine Zukunft zerstört sieht; der nicht weiß, ob die, welche er liebte, ihn noch liebt; der nicht weiß, ob sein alter Vater gestorben ist oder lebt! Siebzehn Monate Gefängnis für einen Menschen, der an die Luft des Meeres, an die Unabhängigkeit des Seemanns, an den freien Raum, an die Unermeßlichkeit, an die Unendlichkeit gewöhnt ist, Herr! Siebzehn Monate Gefängnis, das ist mehr, als alle Verbrechen verdienen, welche die menschliche Sprache mit den gefährlichsten Namen bezeichnet! Haben Sie daher Mitleid mit mir, und verlangen Sie für mich nicht Nachsicht, sondern Strenge, nicht Gnade, sondern ein Gericht; Richter, Herr, ich verlange nur Richter; man kann einem Angeklagten die Richter nicht verweigern.

 

Es ist gut, sagte der Inspektor, wir wollen sehen. In der Tat, der arme Teufel dauert mich; wenn wir hinaufkommen, werde ich mir die Gefangenenliste zeigen lassen.

 

Ganz gewiß! antwortete der Gouverneur; aber Sie werden schwer belastende Eintragungen finden.

 

Ich weiß, Herr, fuhr Dantes fort, daß Sie mich nicht durch eigene Entscheidung freilassen können; doch Sie vermögen meine Bitte der Behörde zu übergeben, Sie können eine Untersuchung veranlassen, mich vor ein Gericht stellen; ein Gericht, das ist alles, was ich fordere. Ich will wissen, welches Verbrechen ich begangen habe, und zu welcher Strafe ich verurteilt bin. Denn sehen Sie, die Ungewißheit ist die schlimmste aller Strafen.

 

Leuchtet mir! sagte der Inspektor.

 

Herr, rief Dantes, ich entnehme dem Tone Ihrer Stimme, daß Sie bewegt sind. Oh, Herr, sagen Sie mir, daß ich hoffen darf.

 

Ich kann Ihnen das nicht sagen, antwortete der Inspektor, ich verspreche Ihnen nur, daß ich die Sie betreffenden Akten untersuchen werde.

 

Oh, dann bin ich frei, dann bin ich gerettet!

 

Wer hat Sie verhaften lassen? fragte der Inspektor.

 

Herr von Villefort, antwortete Dantes, sprechen Sie mit ihm, fragen Sie ihn!

 

Herr von Villefort ist seit einem Jahr nicht mehr in Marseille, sondern in Toulouse.

 

Ah! dann wundere ich mich nicht mehr, murmelte Dantes; mein einziger Beschützer ist entfernt.

 

Hatte Herr von Villefort irgend einen Grund des Hasses gegen Sie? fragte der Inspektor.

 

Keinen, Herr, er benahm sich sogar sehr wohlwollend gegen mich.

 

Ich kann mich also auf die Erklärungen verlassen, die er über Sie gemacht hat oder mir geben wird?

 

Vollkommen, Herr.

 

Es ist gut. Warten Sie!

 

Dantes fiel auf die Knie und murmelte ein Gebet, worin er Gott diesen Mann empfahl, der in sein Gefängnis herabgestiegen war, wie der Heiland, um die Seelen aus der Hölle zu erretten. Die Tür schloß sich wieder; aber die Hoffnung, die mit dem Inspektor herabgekommen war, blieb ebenfalls im Kerker eingeschlossen.

 

Beeilen wir uns, dass wir fertig werden, sagte der Inspektor: wer kommt jetzt daran?

 

Oh, ein drolliger Narr, antwortete der Gouverneur, er hält sich nämlich für den Besitzer eines ungeheuren Schatzes. Im ersten Jahre seiner Gefangenschaft ließ er der Regierung eine Million anbieten, wenn sie ihn in Freiheit setzen wollte, im zweiten Jahre zwei Millionen, im dritten Jahre drei und so fort. Jetzt ist er im fünften Jahre seiner Gefangenschaft; er wird Sie bitten, insgeheim mit Ihnen sprechen zu dürfen, und Ihnen fünf Millionen anbieten.

 

Oh, das ist sonderbar, sagte der Inspektor, und wie heißt dieser Millionär? – Abbé Faria.

 

Der Schließer öffnete eine Tür, und der Inspektor warf einen neugierigen Blick in den Kerker des närrischen Abbés. Mitten im Zimmer, in einem mit einem Stück Mauerkalk auf der Erde gezogenen Kreise lag ein fast nackter Mensch, so sehr waren seine Kleider in Lumpen zerfallen. Er zeichnete in den Kreis sehr eifrig eine geometrische Linie und schien ebensosehr mit der Lösung seines Problems beschäftigt, wie es Archimedes war, als er von einem Soldaten des Marcellus getötet wurde. Er rührte sich nicht bei dem Geräusche, das das Öffnen des Kerkers veranlaßte, und schien erst zu erwachen, als das Licht der Fackeln mit einem ungewohnten Glanze den feuchten Boden übergoß, auf dem er arbeitete. Dann wandte er sich um und sah mit Erstaunen die zahlreiche Gesellschaft, die in seinen Kerker herabgestiegen war.

 

Sogleich stand er lebhaft auf, nahm eine Decke, die am Fuße seines elenden Bettes lag, und wickelte sich darein, um in den Augen der Fremden in einem schicklicheren Zustande zu erscheinen.

 

Was sind Ihre Wünsche? sagte der Inspektor, ich bin Vertreter der Regierung und habe den Auftrag, die Beschwerden und Bitten der Gefangenen entgegenzunehmen.

 

Oh, dann hoffe ich, wir werden uns verständigen, rief der Abbé.

 

Sehen Sie! sagte leise der Gouverneur. Fängt es nicht an, wie ich gesagt habe?

 

Mein Herr, fuhr der Gefangene fort, ich bin der Abbé Faria, geboren zu Rom und war zwanzig Jahre Sekretär des Kardinals Rospigliosi; ich wurde, ohne zu wissen warum, Anfang 1811 verhaftet. Ich bin sehr glücklich, Sie zu sehen, obgleich Sie mich in einer sehr wichtigen Berechnung gestört haben, in einer Berechnung, die, wenn sie gelingt, vielleicht Newtons Lehre von der Schwerkraft über den Haufen wirft. Können Sie mir die Gunst einer geheimen Unterredung bewilligen?

 

Das ist unmöglich.

 

Wenn es sich jedoch darum handelte, versetzte der Abbé, der Regierung eine ungeheure Summe zuzuwenden, sagen wir fünf Millionen?

 

Wahrhaftig, sagte der Inspektor zum Gouverneur, Sie haben alles, sogar bis auf die Summe, vorhergesagt.

 

Mein Lieber, sagte der Gouverneur, leider wissen wir zum voraus und auswendig, was Sie uns sagen wollen; es handelt sich um Ihre Schätze, nicht wahr?

 

Faria schaute den Spötter mit Augen an, in denen ein vorurteilsloser Beobachter den Blitz der Vernunft und der Wahrheit hätte leuchten sehen; dann sagte er: Allerdings, wovon soll ich sprechen, wenn nicht davon?

 

Herr Inspektor, fuhr der Gouverneur fort, ich kann Ihnen diese Geschichte ebensogut erzählen, wie der Herr Abbé selbst; denn seit vier oder fünf Jahren muß ich immer und ewig dasselbe hören.

 

Das beweist, sagte der Abbé, daß Sie wie die Menschen sind, von denen die Schrift spricht, welche Augen haben und nicht sehen, welche Ohren haben und nicht hören.

 

Mein Lieber, die Regierung ist reich und bedarf, Gott sei Dank, Ihres Schatzes nicht. Behalten Sie ihn also für den Tag, wo Sie dieses Gefängnis verlassen werden.

 

Das Auge des Abbés erweiterte sich; er ergriff die Hand des Inspektors und sagte: Aber wenn ich das Gefängnis nicht verlasse, wenn ich gegen jede Gerechtigkeit in diesem Kerker zurückgehalten werde, wenn ich hier sterbe, ohne mein Geheimnis irgend jemand vermacht zu haben, so ist also der Schatz verloren? Ist es nicht besser, wenn die Regierung daraus Nutzen zieht und ich ebenfalls? Ich werde bis zu sechs Millionen gehen, mein Herr, ja, ich werde sechs Millionen abtreten und mich mit dem Reste begnügen, wenn man mir die Freiheit schenken will.

 

Auf mein Wort, sagte der Inspektor halblaut, wüßte man nicht, daß dieser Mensch ein Narr ist, so müßte man glauben, er rede die Wahrheit, in so überzeugendem Tone spricht er.

 

Ich bin kein Narr, Herr, und sage die Wahrheit, versetzte Faria, der mit der den Gefangenen eigenen Feinheit des Gehörs kein Wort von der Bemerkung des Inspektors verloren hatte. Der Schatz, von dem ich spreche, ist wirklich vorhanden, und ich erbiete mich, einen Vertrag mit Ihnen zu unterschreiben, kraft dessen Sie mich an den von mir angegebenen Ort führen. Man soll die Erde unter unsern Augen ausgraben, und wenn ich lüge, wenn man nichts findet, so bin ich ein Narr, wie Sie sagen, und Sie bringen mich in diesen Kerker zurück, wo ich ewig bleiben und sterben werde, ohne von irgend jemand mehr etwas zu verlangen.

 

Der Gouverneur brach in ein Gelächter aus und sagte: Die Sache ist nicht übel ersonnen. Wenn alle Gefangenen sich den Spaß machen wollten, ihre Wärter hundert Meilen spazieren zu führen, so wäre das ein vortreffliches Mittel für sie, bei Gelegenheit sich aus dem Staube zu machen, und an Gelegenheit würde es dabei nicht fehlen.

 

Es ist ein bekanntes Mittel, sagte der Inspektor, und der Herr hat nicht einmal das Verdienst der Erfindung.

 

Mein Herr, antwortete Faria, schwören Sie mir bei Christus, mir zur Freiheit zu verhelfen, wenn ich Ihnen die Wahrheit gesagt habe, und ich nenne Ihnen den Ort, wo mein Schatz vergraben liegt. Sie wagen dabei nichts, und Sie sehen, daß ich mir nicht dadurch eine Gelegenheit verschaffen will, mich zu flüchten, da ich im Gefängnis bleibe, während die Probe gemacht wird.

 

Sie sind mit Ihrer Kost zufrieden? fragte der Inspektor, um zu Ende zu kommen.

 

Fort mit Ihnen! rief der Abbé. Seien Sie verflucht wie die andern Wahnsinnigen, die mir nicht glauben wollten! Sie wollen nichts von meinem Golde; ich werde es behalten. Sie verweigern mir die Freiheit, Gott wird sie mir schicken. Fort, ich habe nichts mehr zu sagen.

 

Damit warf der Abbé seine Decke zurück, griff wieder nach dem Kalkstück, setzte sich in seinen Kreis und fuhr fort, seine Linien und Zahlen zu zeichnen.

 

Sie gingen weg, und der Gefangenenwärter schloß die Tür hinter ihnen.

 

Er muß in der Tat Schätze besessen haben, sagte der Inspektor, die Treppe hinaufsteigend.

 

Es hat ihm wohl vom Besitz derselben geträumt, antwortete der Gouverneur, und am andern Morgen ist er als Narr erwacht.

 

In der Tat, versetzte der Inspektor mit bezeichnender Naivität, wenn er wirklich reich gewesen wäre, so säße er nicht im Gefängnis.

 

So endigte die Inspektion für den Abbé. Er blieb Gefangener, und sein Ruf als lustiger Narr wuchs noch infolge dieses Besuchs.

 

Was Dantes betrifft, so hielt der Inspektor sein Wort.

 

Als er in die Wohnung des Gouverneurs kam, ließ er sich die Gefangenenliste geben.

 

Die den Gefangenen betreffende Note lautete:

 

Edmond Dantes Wütender Bonapartist, hat tätigen Anteil an der Rückkehr von der Insel Elba genommen.

 

Im geheimsten Gewahrsam und unter der strengsten Aufsicht zu halten.

 

Diese Note war von einer andern Handschrift und mit einer andern Tinte als das übrige Verzeichnis geschrieben, woraus hervorging, daß man sie während Dantes‘ Gefangenschaft hinzugefügt hatte.

 

Die Anklage war zu bestimmt, als daß ein Ankämpfen dagegen möglich gewesen wäre. Der Inspektor schrieb also daneben: Nichts zu machen.

 

Dieser Besuch hatte Dantes gleichsam wiederbelebt. Seitdem er ins Gefängnis gekommen war, hatte er die Tage zu zählen vergessen: aber der Inspektor gab ihm ein neues Datum, und Dantes vergaß es nicht. Er schrieb an die Wand mit einem Stück von der Decke gelösten Kalk den 30. Juli 1816, und von jetzt an machte er jeden Tag eine Kerbe, um fortlaufend das Datum bestimmen zu können.

 

Die Tage verliefen, dann die Wochen, dann die Monate; Dantes wartete immer. Er hatte damit angefangen, daß er einen Termin von vierzehn Tagen bis zu seiner Befreiung feststellte. Als diese vierzehn Tage abgelaufen waren, sagte er sich, es sei töricht von ihm, zu glauben, der Inspektor würde sich vor seiner Rückkehr nach Paris mit ihm beschäftigen: seine Rückkehr könnte aber nicht eher stattfinden, als bis er seine Rundreise vollendet hätte, und diese Rundreise dürfte einen bis zwei Monate dauern. Er verlängerte also die Frist auf drei Monate. Als drei Monate abgelaufen waren, bewilligte er sechs Monate. Als aber diese sechs Monate abgelaufen waren, stellte es sich heraus, daß er zehn und einen halben Monat gewartet hatte. Während dieser zehn Monate hatte sich nichts in seiner Lage geändert; keine tröstliche Nachricht war zu ihm gelangt; der Gefangenwärter blieb bei seinen Fragen stumm wie gewöhnlich. Dantes fing an, an seinen Sinnen zu zweifeln und zu glauben, was er für eine Erinnerung hielt, sei nichts als die tolle Ausgeburt seines Gehirns, und der tröstende Engel, der in seinem Gefängnisse erschienen, sei auf den Flügeln eines Traumes herabgekommen.

 

Nach Verlauf eines Jahres wurde der Gouverneur versetzt und nahm Dantes‘ Schließer mit. Ein neuer Gouverneur kam an. Es wäre für ihn zu zeitraubend gewesen, sich die Namen aller Gefangenen sagen zu lassen; er ließ sich nur ihre Nummern vorlegen. Das furchtbare Hotel garni auf If bestand aus fünfzig Zimmern; ihre Bewohner wurden mit der Nummer des Zimmers, das sie inne hatten, vorgerufen, und der unglückliche junge Mann hörte auf, seinen Vornamen Edmond oder seinen Namen Dantes zu führen; er hieß Nummer 34.

 

Das Haus in Auteuil.

 

Das Haus in Auteuil.

 

Monte Christo war es nicht entgangen, daß Bertuccio sich bekreuzt und im Wagen ein kurzes Gebet gemurmelt hatte, denn er ließ den Intendanten, dessen Widerwille gegen die Fahrt unverkennbar war, keinen Augenblick aus den Augen.

 

In zwanzig Minuten war man in Auteuil. Die Unruhe des Intendanten hatte immer mehr zugenommen, und als sie in das Dorf hineinfuhren, betrachtete er mit fieberhafter Aufregung jedes Haus, an dem sie vorüberkamen.

 

Sie lassen in der Rue de la Fontaine Nr. 30 halten, sagte der Graf, seinen Blick unbarmherzig auf den Intendanten heftend.

 

Der Schweiß trat Bertuccio aufs Gesicht, aber er gehorchte und rief, sich aus dem Wagen neigend, dem Kutscher zu: Rue de la Fontaine, Nr. 30.

 

Diese Nummer 30 lag am Ende des Dorfes. Während der Fahrt war es Nacht geworden, der Wagen hielt an, und der Lakai stürzte an den Schlag und öffnete.

 

Nun! sagte der Graf, Sie steigen nicht aus, Herr Bertuccio, Sie bleiben im Wagen? Aber zum Teufel, was ist Ihnen denn heute?

 

Bertuccio sprang aus dem Wagen und bot seine Schulter dem Grafen zur Stütze.

 

Klopfen Sie, sagte dieser, und melden Sie mich an.

 

Bertuccio klopfte, die Tür öffnete sich, und der Hausmeister erschien.

 

Was beliebt? fragte er.

 

Ihr neuer Herr ist hier, sagte der Diener und übergab dem Hausmeister das Schreiben des Notars.

 

Das Haus ist also verkauft, und der Herr wird es bewohnen? versetzte der Hausmeister.

 

Ja, mein Freund, sagte der Graf, und ich werde dafür sorgen, daß Sie den Verlust Ihres früheren Herrn nicht zu beklagen haben.

 

Oh! Herr, ich habe nicht viel zu beklagen, denn wir sahen ihn nur äußerst selten, den Herrn Marquis von Saint-Meran.

 

Der Marquis von Saint-Meran! versetzte Monte Christo, der Name kommt mir bekannt vor … Und er schien in seinem Gedächtnis zu suchen.

 

Ein alter Edelmann, fuhr der Hausmeister fort, ein getreuer Diener der Bourbonen. Er hatte eine einzige Tochter, die an Herrn von Villefort verheiratet war, der Staatsanwalt in Nimes und später in Versailles gewesen ist.

 

Monte Christo warf einen Blick auf Bertuccio, der fahler aussah, als die Mauer, an die er sich lehnte, um nicht zu fallen.

 

Ist diese Tochter nicht gestorben? fragte Monte Christo; es ist mir, als hätte ich davon gehört.

 

Ja, vor einundzwanzig Jahren.

 

Ich danke, sagte Monte Christo, denn der Intendant kam ihm so niedergeschmettert vor, daß er jetzt nicht weiter fragte. Nehmen Sie eine Wagenlaterne, Bertuccio, und zeigen Sie mir die Zimmer!

 

Der Intendant gehorchte unverzüglich, aber aus dem Zittern der Hand, welche die Laterne hielt, war leicht zu entnehmen, was ihn dieser Gehorsam kostete. Sie durchschritten ein ziemlich geräumiges Erdgeschoß und einen ersten Stock, bestehend aus einem Salon, einem Badezimmer und zwei Schlafzimmern. Durch eines von diesen Schlafzimmern gelangte man zu einer Wendeltreppe, die nach außen zu führen schien.

 

Ah! ein Nebenausgang, sagte der Graf, das ist sehr bequem. Leuchten Sie mir, Herr Bertuccio; gehen Sie voraus, wir wollen sehen, wohin die Treppe führt!

 

Herr Graf, sie geht in den Garten. – Und woher wissen Sie das? – Das heißt, sie muß wohl dahin führen. – Gut, wir wollen uns überzeugen.

 

Bertuccio stieß einen Seufzer aus und ging voran. Die Treppe führte wirklich nach dem Garten. An der Ausgangstür blieb Bertuccio stehen.

 

Vorwärts! sagte der Graf.

 

Doch Bertuccio war wie betäubt, wie vernichtet. Seine irren Augen suchten ringsumher die Spuren einer furchtbaren Vergangenheit, und er schien mit seinen krampfhaft zusammengepreßten Händen entsetzliche Erinnerungen zurückdrängen zu wollen.

 

Nun! rief der Graf.

 

Nein, stammelte Bertuccio, die Laterne hinstellend; nein, Herr Graf, ich gehe nicht weiter, es ist unmöglich!

 

Was soll das heißen? entgegnete des Grafen gebieterische Stimme.

 

Sie sehen Wohl, Exzellenz, rief der Intendant, daß dies nicht mit natürlichen Dingen zugeht. Sie wollten ein Haus in der Gegend von Paris kaufen und kauften gerade eins in Auteuil, und das Haus, das Sie kauften, ist gerade Nummer 30 in der Rue de la Fontaine. Oh! warum habe ich Ihnen nicht schon dort alles gesagt, gnädiger Herr; Sie hätten sicherlich nicht von mir verlangt, ich solle mitfahren. Ich hoffte, das Haus des Herrn Grafen würde ein anderes sein! Als ob es nicht noch mehr Häuser in Autenil gäbe als das, wo der Mord vorgefallen ist!

 

Oh! oh! rief Monte Christo, was für ein scheußliches Wort haben Sie da ausgesprochen! Teufel von einem Menschen! Eingefleischter Korse! Stets Aberglauben oder Geheimnisse! Nehmen Sie die Laterne und lassen Sie uns den Garten besehen, in meiner Gegenwart werden Sie hoffentlich keine Angst haben?

 

Bertuccio hob die Laterne auf und gehorchte. Als die Tür sich öffnete, wurde ein blasser Himmel sichtbar, an dem der Mond vergebens gegen ein Meer ihn meist verhüllender Wolken kämpfte. Der Intendant wollte sich nach der linken Seite wenden.

 

Nein, nein, sagte der Graf, wozu den Alleen folgen? Hier ist ein schöner Rasen, gehen wir geradeaus!

 

Bertuccio wischte den Schweiß von seiner Stirn ab, gehorchte, zielte dabei aber fortwährend nach links. Monte Christo wandte sich im Gegenteil mehr rechts; an einer Baumgruppe blieb er stehen. Der Intendant vermochte es nicht länger auszuhalten und rief: Zurück, Herr! ich bitte, halten Sie sich fern, Sie sind gerade an der Stelle.

 

Lieber Bertuccio, versetzte der Graf lachend, kommen Sie doch zu sich, wir sind hier in einem, ich kann es nicht leugnen, schlecht unterhaltenen englischen Garten, weiter nichts.

 

Gnädigster Herr, ich flehe Sie an, bleiben Sie nicht dort!

 

Ich glaube, Sie werden ein Narr, Bertuccio; wenn dies der Fall ist, so sagen Sie es mir, ich lasse Sie in irgend eine Heilanstalt einsperren, ehe ein Unglück geschieht.

 

Ach, Exzellenz, sagte Bertuccio, den Kopf schüttelnd und die Hände mit einer Bewegung faltend, die den Grafen zum Lachen gebracht hätte, wenn ihn nicht im Augenblick Gedanken von höherem Interesse gefesselt und äußerst aufmerksam auf jede Äußerung dieses von der Angst gepeinigten Gewissens gemacht hätten; ach! Exzellenz, das Unglück ist geschehen.

 

Bertuccio, entgegnete der Graf, ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie bei Ihren heftigen Gebärden sich die Arme verdrehen und die Augen rollen, wie ein Besessener, aus dessen Leib der Teufel nicht weichen will. Ich habe aber stets wahrgenommen, daß der Teufel mit der größten Hartnäckigkeit am Platze zu bleiben trachtet, wo ein Geheimnis zu Grunde liegt. Ich wußte, daß Sie ein Korse sind, ich wußte auch, daß Sie stets düster waren und eine alte Rache im Herzen trugen, und ließ dies in Italien hingehen, weil dergleichen dort gang und gäbe ist. In Frankreich aber ist man gegen Morde allgemein sehr eingenommen; es gibt Gendarmen, die sich damit beschäftigen, Richter, die verurteilen, und rächende Schafotte.

 

 

Bertuccio faltete die Hände, während die Laterne, die er hielt, sein verstörtes Gesicht beleuchtete. Monte Christo schaute ihn eine Minute lang mit demselben Blick an, mit dem er in Rom Andreas Hinrichtung angeschaut hatte, und sprach dann mit einem Tone, bei dem ein neuer Schauer den Leib des armen Intendanten durchlief: Der Abbé Busoni hat also gelogen, als er mir Sie nach seiner Reise durch Frankreich im Jahre 1829 mit einem Empfehlungsbriefe zuschickte, worin er Ihre kostbaren Eigenschaften hervorhob. Gut, ich werde dem Abbéschreiben, ich werde ihn für seinen Schützling verantwortlich machen und ohne Zweifel erfahren, wie es sich mit dieser Mordgeschichte verhält. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, Bertuccio, daß ich mich immer, wo ich meinen Aufenthalt nehme, nach den Gesetzen des Landes zu richten pflege und keine Lust habe, mich Ihnen zu Liebe mit der französischen Justiz zu entzweien.

 

Oh! tun Sie das nicht, Exzellenz; nicht wahr, ich habe treu gedient? rief Bertuccio in Verzweiflung, ich bin immer ein ehrlicher Mann gewesen, und habe sogar, soviel ich vermochte, gute Handlungen verrichtet.

 

Ich leugne das nicht, doch warum zum Teufel gebärden Sie sich so? Das ist ein schlimmes Zeichen; ein reines Gewissen bringt nicht solche Blässe auf die Wangen, solches Fieber in die Hände …

 

Aber, Herr Graf, versetzte Bertuccio zögernd, sagten Sie mir nicht selbst, es sei Ihnen vom Abbé Busoni, der mich im Gefängnis zu Nimes beichten hörte, mitgeteilt worden, ich hätte mir einen schweren Vorwurf zu machen?

 

Ja, doch da er Sie mit der Bemerkung, Sie würden ein vortrefflicher Intendant werden, zu mir sandte, so glaubte ich, Sie hätten gestohlen.

 

Oh! Herr Graf, rief Bertuccio mit Verachtung.

 

Oder als Korse hätten Sie der Begierde nicht widerstehn können, eine Haut zu machen, wie man in Ihrem Lande sonderbarerweise sagt, während man doch eine Haut vernichtet.

 

Nun ja, guter gnädiger Herr, ja, Exzellenz, so ist es, rief Bertuccio, sich dem Grafen zu Füßen werfend, ja, es ist eine Rache, das schwöre ich, nichts als eine Rache.

 

Ich begreife das, begreife aber nicht, warum Sie gerade dieses Haus in solche heftige Aufregung versetzt?

 

Ist das nicht natürlich, gnädigster Herr, da in diesem Hause die Rache vollführt wurde?

 

Wie, in meinem Hause?

 

Oh! Exzellenz, es gehörte Ihnen noch nicht.

 

Das ist ein seltsames Zusammentreffen. Sie befinden sich durch Zufall wieder an einem Orte, wo eine Szene vorgefallen ist, die so furchtbare Gewissensbisse bei Ihnen veranlaßt …

 

Gnädiger Herr, ich bin fest überzeugt, ein unvermeidliches Verhängnis lenkt dies so. Zuerst kaufen Sie ein Haus gerade in Auteuil. Dieses Haus ist das, wo ich einen Mord begangen habe; Sie steigen in den Garten gerade auf der Treppe herab, wo er herabgestiegen ist; Sie bleiben gerade auf der Stelle stehen, wo er den Stoß erhalten hat. Zwei Schritte von hier, unter jener Platane, war das Grab, wo er das Kind verscharrt hatte. Alles dies ist kein Zufall, sonst müßte der Zufall zu sehr der Vorsehung gleichen.

 

Gut, nehmen wir an, es sei die Vorsehung – ich nehme immer alles an, was man will; überdies muß man kranken Geistern entgegenkommen. Auf, Bertuccio, fassen Sie sich und erzählen Sie mir die ganze Geschichte.

 

Ich habe sie nur ein einziges Mal erzählt, und zwar dem Abbé Busoni. Dergleichen, fügte Bertuccio hinzu, läßt sich nur unter dem Siegel der Beichte aussprechen.

 

Dann werden Sie es für angezeigt halten, wenn ich Sie zu Ihrem Beichtvater schicke, mein lieber Bertuccio! Doch mir bangt vor einem Gaste, den solche Gespenster in Schrecken versetzen; mir paßt es nicht, daß meine Leute am Abend nicht in den Garten zu gehen wagen. Auch muß ich gestehen, daß mich durchaus nicht nach dem Besuche irgend eines Polizeikommissars verlangt. Denn lassen Sie sich sagen, Herr Bertuccio, in Italien bezahlt man die Justiz nur, wenn sie schweigt, in Frankreich bezahlt man sie dagegen nur, wenn sie spricht. Teufel! ich meinte, Sie seien noch ein wenig Korse, ein gut Teil Schmuggler und ein äußerst geschickter Intendant; aber ich sehe, daß Sie noch andere Saiten auf Ihrem Bogen haben. Sie sind nicht mehr in meinem Dienst!

 

Oh! gnädigster Herr, rief der Intendant, bei dieser Drohung vom heftigsten Schrecken ergriffen, wenn es nur hiervon abhängt, ob ich in Ihrem Dienste bleibe, so werde ich reden, so werde ich alles sagen, und wenn ich Sie verlasse, nun so mag es sein, um das Schafott zu besteigen!

 

Das ist etwas anderes, sagte Monte Christo, doch wenn Sie lügen wollen, überlegen Sie es sich wohl! Es wäre dann besser, Sie sprächen gar nicht.

 

Nein, Herr Graf, ich schwöre Ihnen bei dem Heile meiner Seele, ich werde alles sagen; denn selbst der Abbé Busoni hat nur einen Teil meines Geheimnisses erfahren. Aber ich flehe Sie vor allem an, entfernen Sie sich von dieser Platane; sehen Sie, der Mond tritt eben hervor und will jene Stelle beleuchten, und dort, wo Sie stehen, in den Mantel gehüllt, der mir Ihre Gestalt verbirgt und ganz dem des Herrn von Villefort gleicht …

 

Wie! rief Monte Christo, Herrn von Villefort? …

 

Eure Exzellenz kannte ihn? – Ja, wenn es der ehemalige Staatsanwalt von Nimes ist, der den Ruf eines der ehrlichsten und gerechtesten Beamten hatte? – Jawohl, gnädiger Herr, rief Bertuccio, dieser Mann … – Nun? – War ein Schurke! –

 

Bah, unmöglich! – Es ist dennoch, wie ich Ihnen sage. – Oh! und Sie haben den Beweis dafür? – Ich hatte ihn wenigstens. – Und Sie waren so ungeschickt, ihn zu verlieren? – Ja, doch wenn man gut sucht, kann man ihn wohl wieder finden. – Wahrhaftig, erzählen Sie mir das, Bertuccio, denn es fängt wirklich an, mich zu interessieren!

 

Und eine Arie aus der Oper Lucia trällernd, setzte sich der Graf auf eine Bank, während ihm Bertuccio, seine Erinnerungen sammelnd, folgte. Bertuccio blieb vor Monte Christo stehen.

 

Die Vendetta.

 

Die Vendetta.

 

Wo soll ich anfangen, Herr Graf? fragte Bertuccio.

 

Wo Sie wollen, erwiderte Monte Christo, denn ich weiß von nichts.

 

Die Sache geht in das Jahr 1815 zurück.

 

Ah! ah! rief Monte Christo, 1815 ist lange her.

 

Ja, gnädiger Herr, aber dennoch sind die geringsten Umstände meinem Gedächtnis so gegenwärtig, als wäre nur ein Tag vergangen. Ich hatte einen älteren Bruder, der dem Kaiser diente und Leutnant in einem ganz aus Korsen bestehenden Regiment war. Dieser Bruder war mein einziger Freund; wir waren, ich mit fünf, er mit achtzehn Jahren, Waisen; er zog mich auf, als wäre ich sein Sohn. Im Jahre 1814, unter den Bourbonen, verheiratete er sich; der Kaiser kam von der Insel Elba zurück, mein Bruder nahm sogleich wieder Dienste und zog sich, bei Waterloo leicht verwundet, mit der Armee hinter die Loire zurück. Eines Tages empfingen wir einen Brief von meinem Bruder. Er teilte uns mit, die Armee sei entlassen, und er werde über Clermont-Ferrand und Nimes zurückkommen; er bat mich, wenn ich etwas Geld hätte, es ihm durch einen Wirt in Nimes, mit dem ich in Verbindung stand, zukommen zu lassen. Ich liebte, wie gesagt, meinen Bruder zärtlich und war entschlossen, ihm das Geld selbst zu bringen. Ich besaß etwa tausend Franken, ließ fünfhundert davon Assunta, meiner Schwägerin, nahm die andern fünfhundert und begab mich auf den Weg nach Nimes. Dies bot keine Schwierigkeit; ich hatte meine Barke, auch einen Seetransport zu besorgen; alles begünstigte mein Vorhaben. Als aber die Ladung fertig war, wurde der Wind konträr, so daß wir vier oder fünf Tage nicht in die Rhone einlaufen konnten. Endlich gelang es uns; wir fuhren bis Arles hinaus, ließen die Barke zwischen Bellegarde und Beaucaire und schlugen den Weg nach Nimes ein. Es war die Zeit, wo die berüchtigten Metzeleien im Süden stattfanden. Wer des Bonapartismus verdächtig war, wurde von den Blutknechten des Royalismus erwürgt. In Nimes watete man buchstäblich im Blute, bei jedem Schritt stieß man auf Leichen; zu förmlichen Banden organisierte Mörder töteten, plünderten, sengten und brannten. Bei dem Anblicke dieser Schlächterei erfaßte mich ein Schauder, nicht für mich, den einfachen, korsischen Fischer, – denn ich hatte nicht viel zu befürchten, im Gegenteil, das war für uns Schmuggler eine gute Zeit, – sondern für meinen Bruder, der von der Loire-Armee mit seiner Uniform und seinen Epauletten zurückkam und folglich alles zu befürchten hatte. Ich lief zu unserm Wirte, meine Ahnungen hatten mich nicht getäuscht; mein Bruder war am Abend zuvor in Nimes angekommen und vor der Tür des Mannes, von dem er Gastfreundschaft forderte, ermordet worden. Ich tat alles in der Welt, um die Mörder in Erfahrung zu bringen, aber niemand wagte es, mir ihre Namen zu sagen, so sehr waren sie gefürchtet. Ich dachte nun an die französische Justiz, von der man mir so viel gesprochen hatte, und begab mich zum ersten Staatsanwalt.

 

Und dieser Staatsanwalt hieß Villefort? fragte Monte Christo scheinbar gleichgültig.

 

Ja, Exzellenz; er kam von Marseille, wo er Staatsanwaltsgehilfe gewesen war. Sein Eifer hatte seine Beförderung zur Folge gehabt. Er hatte, heißt es, als einer der ersten der Regierung die Landung von der Insel Elba angezeigt. Mein Herr, sagte ich zu ihm, mein Bruder ist in den Straßen von Nimes ermordet worden, ich weiß nicht von wem, aber das ist Ihre Sache. Sie sind hier der Chef der Justiz, und der Justiz kommt es zu, die zu rächen, die sich nicht zu verteidigen vermochten. – Was war Ihr Bruder? fragte der Staatsanwalt. – Leutnant im korsischen Bataillon. – Ein Soldat des Usurpators also? – Ein Soldat der französischen Armee. – Wohl! erwiderte er, er hat sich des Schwertes bedient und ist durch das Schwert umgekommen. – Sie täuschen sich, mein Herr, er ist durch den Dolch umgekommen. – Was soll ich dabei tun? – Ich habe es Ihnen bereits gesagt, Sie sollen ihn an seinen Mördern rächen. – Warum? Ihr Bruder wird Streit gehabt und sich duelliert haben. Diese alten Soldaten erlauben sich Übergriffe, die ihnen unter der Herrschaft des Kaisers durchgingen, jetzt aber nicht mehr, denn hier im Süden liebt man weder die Soldaten, noch die Übergriffe.

 

Mein Herr, entgegnete ich, ich bitte Sie nicht für mich. Ich werde mich rächen, aber mein Bruder hatte eine Frau; die Arme würde Hungers sterben, denn sie lebte allein von der Arbeit meines Bruders. Erlangen Sie eine kleine Pension für sie von der Regierung!

 

Jede Revolution hat ihre Katastrophen, antwortete Herr von Villefort. Ihr Bruder ist ein Opfer der neuesten gewesen, das mögen Sie als ein Unglück betrachten, aber die Regierung ist Ihrer Familie deshalb nichts schuldig. Wenn wir zu Gericht zu sitzen hätten über alle Rachetaten, welche die Parteigänger des Usurpators gegen die Parteigänger des Königs verübten, als noch die Macht in ihren Händen lag, so wäre Ihr Bruder heute vielleicht zum Tode verurteilt. Was hier vorgeht, kann nur als etwas Natürliches erscheinen, denn es ist die Folge des Gesetzes der Vergeltung.

 

Herr, rief ich, ist es möglich, daß Sie so sprechen, Sie, als Staatsbeamter?

 

Bei meinem Ehrenwort, alle Korsen sind Narren, erwiderte Herr von Villefort, Sie glauben, Ihr Landsmann sei noch Kaisers, Sie irren sich in der Zeit, mein Lieber, Sie hätten mir das vor zwei Monaten sagen müssen. Gehen Sie, oder ich lasse Sie abführen!

 

Ich schaute ihn einen Augenblick an, um zu sehen, ob weiteres Bitten Erfolg verspräche. Aber der Mann war von Stein. Ich näherte mich ihm und sagte mit halber Stimme: Wohl! da Sie die Korsen so gut kennen, so müssen Sie wissen, wie sie ihr Wort halten. Sie meinen, man habe wohl daran getan, meinen Bruder umzubringen, der ein Bonapartist war, während Sie Royalist sind. Ich bin ebenfalls Bonapartist und sage Ihnen nur eins: Ich werde Sie töten. Von diesem Augenblicke an erkläre ich Ihnen Vendetta! Seien Sie also auf Ihrer Hut, denn sobald wir uns wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, hat Ihre letzte Stunde geschlagen. Darauf öffnete ich, ehe er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, die Tür und entfloh.

 

Ah! ah! sagte Monte Christo, mit Ihrem ehrlichen Gesichte bringen Sie dergleichen fertig und noch dazu gegen einen Staatsanwalt! Pfui doch! Und wußte er denn, was das Wort Vendetta besagen wollte?

 

Er wußte es so gut, daß er von diesem Augenblick an nicht mehr allein ausging, sich zu Hause verschanzte und mich überall suchen ließ. Zum Glück war ich so gut verborgen, daß er mich nicht finden konnte. Da faßte ihn die Angst, er fürchtete sich, länger in Nimes zu bleiben; er bat um Versetzung, und da er wirklich ein einflußreicher Mann war, so berief man ihn nach Versailles. Aber Sie wissen, daß es für einen Korsen, der seinem Feinde Rache geschworen hat, keine Entfernung gibt, und sein Wagen, so gut er gefahren wurde, hatte nie über einen halben Tag Vorsprung vor mir, während ich ihm doch zu Fuße folgte.

 

Das Schwierige dabei war nicht, ihn zu töten, denn hundertmal fand ich hierzu Gelegenheit, aber ich mußte ihn töten, ohne entdeckt und besonders ohne verhaftet zu werden. Denn ich gehörte nicht mehr mir; ich hatte meine Schwägerin zu beschützen und zu ernähren. Drei Monate lang belauerte ich Herrn von Villefort; drei Monate lang machte er keinen Schritt, keinen Spaziergang, ohne daß ihm mein Blick folgte. Endlich entdeckte ich, daß er insgeheim nach Auteuil kam; ich folgte ihm und sah ihn in das Haus gehen, in dem wir uns befinden; nur kam er, statt durch die Haustür vorn einzutreten, entweder zu Pferde oder zu Wagen, ließ Pferd oder Wagen im Wirtshaus und schlich sich durch die kleine Tür herein, die Sie dort sehen.

 

Ich hatte nichts mehr in Versailles zu tun, blieb in Autenil und zog Erkundigungen ein. Wollte ich ihn fangen, so mußte ich offenbar hier meine Falle stellen. Das Haus gehörte Villeforts Schwiegervater, Herrn von Saint-Meran. Dieser wohnte aber in Marseille, folglich war ihm dieses Landhaus unnütz; es hieß auch, er habe es an eine junge Witwe vermietet, die nur unter dem Namen die Baronin bekannt war. Während ich eines Abends über die Mauer schaute, sah ich wirklich eine hübsche junge Frau allein im Garten gehen. Sie blickte häufig nach der kleinen Tür, und ich sagte mir, daß sie Herrn von Villefort am Abend erwarte. Als sie so nahe zu der Mauer kam, daß ich trotz der Dunkelheit ihre Züge zu unterscheiden vermochte, erkannte ich, daß sie sehr hübsch, blond, groß und etwa neunzehn Jahre alt war; auch konnte ich bemerken, daß sie sich in andern Umständen befand, und ihre Schwangerschaft schien mir sogar ziemlich weit vorgerückt. Einige Augenblicke nachher öffnete man die kleine Tür; ein Mann trat ein, die junge Fran lief ihm so rasch als möglich entgegen, sie umarmten sich, küßten sich zärtlich und gingen ins Haus. Dieser Mann war Herr von Villefort. Ich dachte, wenn er herauskäme, besonders wenn er bei Nacht herauskäme, müßte er den Garten in seiner ganzen Länge durchschreiten.

 

Und Sie haben seitdem den Namen der Frau erfahren? fragte der Graf.

 

Nein, Exzellenz, Sie werden sehen, daß ich nicht Zeit gehabt habe, mich danach zu erkundigen. – Ich hätte den Staatsanwalt vielleicht an diesem Abend töten können; aber ich kannte den Garten noch nicht genau genug und fürchtete, wenn er nicht sofort tot wäre und Leute auf sein Geschrei herbeiliefen, nicht schnell genug fliehen zu können. Deshalb verschob ich die Ausführung meines Vorhabens auf das nächste Mal und bezog, damit mir nichts entginge, ein kleines Zimmer mit der Aussicht auf die Straße, die längs der Gartenmauer hinlief.

 

Drei Tage nachher sah ich gegen sieben Uhr abends einen Diener zu Pferde aus dem Garten eilen und im Galopp auf dem Wege fortsprengen, der zur Straße nach Sèvres führte. Ich nahm an, er reite nach Versailles, und täuschte mich nicht. Drei Stunden später kam er mit Staub bedeckt zurück. Zehn Minuten nach ihm erschien ein anderer Mann, in einen Mantel gehüllt, zu Fuß und öffnete die kleine Gartentür, die sich wieder hinter ihm schloß.

 

Ich ging rasch hinab. Obschon ich das Gesicht des Mannes nicht gesehen hatte, so verrieten mir doch die Schläge meines Herzens, daß er es sei; ich ging über die Straße zu einem Randstein an der Mauerecke, von dem aus ich das erste Mal in den Garten gesehen hatte. Diesmal begnügte ich mich nicht mit dem Schauen, ich zog mein Messer aus der Tasche, überzeugte mich, daß es gehörig geschärft war, und sprang über die Mauer. Es war mein erstes, an die Tür zu laufen; er hatte den Schlüssel stecken lassen und ihn nur zweimal umgedreht. Nichts konnte also von dieser Seite meine Flucht hemmen. Ich übersah die Örtlichkeit; der Garten bildete ein langes Geviert, mittendurch zog sich ein Rasenteppich, an dessen Rande dichtbelaubte Baumgruppen standen. Um sich von dem Hause an die kleine Tür oder von der kleinen Tür nach dem Hause zu begeben, mußte Herr von Villefort an einer von diesen Baumgruppen vorübergehen.

 

Es war Ende September, der Wind blies heftig, ein wenig Mondschein, alle Augenblicke durch dichte Wolken verschleiert, die schnell am Himmel hinglitten, ließ den Sand der zu dem Hause führenden Alleen weiß erscheinen, vermochte aber die Dunkelheit der Gebüsche nicht zu durchdringen. Ich verbarg mich also in dem Gebüsch, an dem Herr von Villefort vorüberkommen mußte. Kaum war ich hier, als ich unter den Windstößen, welche die Baumzweige über meine Stirn beugten, etwas wie Seufzen zu unterscheiden glaubte. Es vergingen zwei Stunden, während deren ich wiederholt dasselbe Seufzen zu hören glaubte. Endlich schlug es Mitternacht.

 

Als noch der letzte Schlag verhallte, sah ich einen schwachen Schimmer die Geheimtreppe erhellen, auf der wir soeben herabgekommen sind. – Die Tür öffnete sich, und der Mann mit dem Mantel erschien. Der furchtbare Augenblick war da. Doch ich hatte mich auf diesen Augenblick so lange vorbereitet, daß ich nicht die geringste Schwäche empfand; ich zog mein Messer, öffnete es und hielt mich fertig.

 

Der Mann mit dem Mantel kam gerade auf mich zu; als er aber in dem entblößten Raume weiter vorschritt, glaubte ich zu bemerken, daß er in der rechten Hand eine Waffe hielt; ich fürchtete nicht den Kampf, sondern das Mißlingen. Sobald er nur noch einige Schritte von mir entfernt war, erkannte ich, daß das, was ich für eine Waffe gehalten hatte, nichts anderes war, als ein Spaten. Ich hatte noch nicht erraten können, in welcher Absicht Herr von Villefort das Gerät trug, als er am Saume des Gebüsches stehen blieb und, nachdem er sich umgeschaut hatte, ein Loch in die Erde zu graben anfing. Nun bemerkte ich, daß er etwas in seinem Mantel trug, das er auf den Rasen legte, um in seinen Bewegungen freier zu sein. Da mischte sich, muß ich gestehen, etwas Neugier in meinen Haß, ich wollte sehen, was Herr von Villefort tat, blieb unbeweglich, atemlos und wartete.

 

Es kam mir ein Gedanke, der sich auch bestätigte, als ich den Staatsanwalt ein kleines, etwa zwei Fuß langes und sechs bis acht Zoll breites Kistchen unter seinem Mantel hervorziehen sah, das er in das Loch legte, auf das er wieder Erde warf; diese frische Erde bearbeitete er sodann mit seinen Füßen, um die Spur seines nächtlichen Werkes verschwinden zu lassen. Hierauf warf ich mich auf ihn, stieß ihm mein Messer in die Brust und sagte: Ich bin Giovanni Bertuccio! Dein Tod für meinen Bruder, dein Schatz für seine Witwe. Du siehst, meine Rache ist noch vollständiger als ich hoffte.

 

 

Ich weiß nicht, ob er diese Worte hörte, ich glaube es nicht, denn er sank nieder, ohne einen Ton von sich zugeben; ich fühlte das Blut heiß auf meine Hände und in mein Gesicht spritzen; aber ich war trunken, ich war wahnsinnig; dieses Blut erfrischte mich, statt mich zu brennen. In einer Sekunde hatte ich das Kistchen mit Hilfe des Spatens wieder ausgegraben; ich füllte das Loch wieder, warf den Spaten über die Mauer, eilte durch die Tür, schloß sie doppelt von außen und nahm den Schlüssel mit.

 

Gut, sagte Monte Christo, das war, scheint mir, ein Raubmord.

 

Nein, Exzellenz, erwiderte Bertuccio, es war Vendetta, verbunden mit einer Wiedererstattung.

 

Sie fanden doch wenigstens eine runde Summe?

 

Ich lief an den Fluß und sprengte, begierig zu erfahren, was das Kistchen enthielt, das Schloß mit meinem Messer.

 

In eine Windel von seinem Battist war ein neugebornes Kind eingewickelt; sein purpurrotes Gesicht und seine blauen Hände deuteten an, daß es durch eine Schnur, die sich um seinen Hals geschlungen, erdrosselt war. Da es mir jedoch noch nicht ganz kalt zu sein schien, zögerte ich, das arme Geschöpf in das Wasser zu werfen; nach einem Augenblick glaubte ich in der Tat ein leichtes Schlagen in der Gegend des Herzens zu fühlen. Ich befreite seinen Hals von der Schnur, und da ich als Krankenwärter im Hospital von Bastia gedient hatte, so tat ich, was ein Arzt unter solchen Umständen hätte tun können, das heißt, ich blies ihm kräftig Luft in die Lunge, und nach einer Viertelstunde unerhörter Anstrengung sah ich es atmen, und unmittelbar darauf hörte ich einen Schrei seiner Brust sich entwinden. – Ich stieß ebenfalls einen Schrei aus, aber einen Freudenschrei. Gott verflucht mich also nicht, sagte ich zu mir selbst, denn er gestattet mir, einem Menschen Leben zu geben, im Austausch für das Leben, das ich einem andern genommen habe.

 

Und was taten Sie mit diesem Kinde? fragte Monte Christo; es war ein ziemlich beschwerliches Gepäck für einen Menschen, der fliehen mußte.

 

Ich hatte auch keinen Augenblick den Gedanken, es zu behalten. Doch ich wußte, daß es in Paris ein Hospiz gibt, wo man diese armen Geschöpfe aufnimmt. Als ich durch die Barriere kam, gab ich vor, ich hätte das Kind auf der Straße gefunden und erkundigte mich. Das Kistchen machte meine Aussage glaubwürdig! die Battistwindeln deuteten an, daß das Kind reichen Eltern gehörte; das Blut, mit dem ich bedeckt war, konnte ebensowohl von dem Kinde, als von irgend einem andern Wesen herrühren. Man machte keine Einwendung, bezeichnete mir das Hospiz, das ganz oben in der Rue l’Enfer lag, und nachdem ich aus Vorsicht die Windel so entzwei geschnitten hatte, daß einer von den beiden Buchstaben, womit sie gezeichnet war, bei der Einhüllung blieb, während ich den andern an mich nahm, legte ich meine Bürde in den Turm, läutete und entlief, so rasch ich nur immer vermochte. Vierzehn Tage nachher war ich wieder in Rogliano und sagte zu Assunta: Tröste dich, meine Schwester. Israel ist tot, aber ich habe ihn gerächt. Da bat sie mich um Erläuterung meiner Worte, und ich erzählte ihr alles, was vorgefallen war.

 

Giovanni, sagte Assunta, du hättest das Kind hierher bringen sollen; wir würden Elternstelle bei ihm vertreten und ihm den Namen Benedetto gegeben haben, und Gott hätte uns für diese gute Handlung gesegnet.

 

Statt einer Antwort gab ich ihr die Hälfte der Windel, die ich behalten hatte, um das Kind eines Tages, wenn wir reicher wären, zurückzufordern.

 

Mit welchen Buchstaben war die Windel gezeichnet? fragte der Graf.

 

Mit einem H und N, und darüber eine Baronenkrone.

 

Fahren Sie fort! Ich bin begierig, zu erfahren, was aus dem Kleinen geworden ist, und welches Verbrechens man Sie beschuldigte, als Sie einen Beichtiger verlangten und der Abbé Busoni Sie darauf im Gefängnis aufsuchte.

 

Bertuccio fuhr in seiner Erzählung fort: Halb um die Erinnerungen zu vertreiben, die mich beständig quälten, halb um die Bedürfnisse der armen Witwe zu bestreiten, legte ich mich wieder mit allem Eifer auf das Schmugglerhandwerk. Dieses Gewerbe ist sehr einträglich, wenn man dabei mit einigem Verstand und Geschick zu Werke geht. Ich für meine Person lebte im Gebirge, denn ich hatte nun eine doppelte Ursache, die Gendarmen und Zöllner zu fürchten. Da ich tausendmal lieber getötet als verhaftet werden wollte, vollführte ich erstaunliche Dinge. Meine Unternehmungen wurden immer ausgedehnter und immer vorteilhafter. Assunta war eine gute Wirtschafterin, und unser kleines Vermögen rundete sich allmählich. Als ich eines Tages eine neue Wanderung antrat, sagte sie zu mir: Geh, bei deiner Rückkehr bereite ich dir eine Überraschung.

 

Mein Ausflug dauerte beinahe sechs Wochen; als ich zurückkam, war das erste, was ich erblickte, ein Kind von sieben bis acht Monaten, in einer im Verhältnis zu unserer sonstigen Ausstattung sehr kostbaren Wiege. Ich stieß einen Freudenschrei aus. Die einzigen traurigen Gedanken, die mich seit der Ermordung des Staatsanwaltes heimgesucht, waren durch das Verlassen des Kindes verursacht worden. Es versteht sich von selbst, daß ich in Beziehung auf den Mord selbst keine Gewissensbisse fühlte.

 

Die arme Assunta hatte alles erraten; sie hatte, um nichts zu vergessen, den Tag und die Stunde, wo das Kind im Hospiz niedergelegt worden war, genau aufgeschrieben und war, mit der Windel versehen, nach Paris gereist, um den Kleinen zurückzufordern. Man machte keine Einwendung, und sie erhielt das Kind.

 

Ah! ich gestehe, Herr Graf, als ich das arme Kind in seiner Wiege schlafend erblickte, dehnte sich meine Brust aus, und Tränen traten in meine Augen. In der Tat, Assunta, rief ich, du bist eine vortreffliche Frau, und die Vorsehung wird dich segnen.

 

Dies ist weniger Philosophie, sagte der Graf, als Glaube.

 

Ach! Exzellenz, sagte Bertuccio, Sie haben ganz recht, gerade dieses Kind wählte Gott zum Werkzeug meiner Bestrafung. Nie offenbarte sich früher eine verderbte Natur, und dennoch kann man nicht sagen, daß es schlecht erzogen wurde, denn meine Schwester behandelte es wie den Sohn eines Fürsten. Es war ein Knabe von reizender Gesichtsbildung, mit hellblauen Augen; nur verliehen die etwas feurig blonden Haare dem Gesichte des Jungen einen seltsamen Ausdruck, den die Lebhaftigkeit seines Auges und die Schlauheit seines Lächelns noch verstärkten. Nach dem Sprichwort sind die Roten entweder ganz gut oder ganz böse; dieses Sprichwort log nicht in Beziehung auf Benedetto; er zeigte sich schon von seiner frühesten Jugend ganz böse. Es ist nicht zu leugnen, daß die Sanftmut seiner Mutter seine ersten üblen Neigungen ungemein begünstigte; denn während meine arme Schwägerin auf den Markt der fünf bis sechs Stunden entlegenen Stadt ging, um die ersten Früchte und das wohlschmeckendste Zuckerwerk zu kaufen, zog der Knabe die Kastanien und Äpfel, die er dem Nachbar stahl, vor.

 

Eines Tages – Benedetto mochte etwa fünf Jahre alt sein – kam der Nachbar Wasilio, der nach, der Gewohnheit unsers Landes weder seine Börse, noch seine Schmucksachen verschloß – der Herr Graf weiß, daß es in Korsika keine Diebe gibt, – zu uns und klagte, es sei ein Louisd’or aus seiner Börse verschwunden. Man glaubte, er habe falsch gezählt; aber er behauptete, seiner Sache gewiß zu sein. Benedetto hatte das Haus schon am Morgen verlassen, und wir gerieten in nicht geringe Unruhe, als wir ihn am Abend mit einem Affen zurückkehren sahen, den er gefesselt am Fuße eines Baumes gefunden zu haben vorgab. Seit einem Monat war es das leidenschaftliche Trachten des Kindes gewesen, einen Affen zu besitzen. Ein Gaukler, der durch Rogliano kam und mehrere solche Tiere besaß, deren Possen unsern Jungen sehr ergötzten, hatte ihm ohne Zweifel dieses unglückliche Verlangen eingeflößt.

 

Man findet in unsern Wäldern keinen Affen, sagte ich zu ihm, und besonders keinen gefesselten Affen; gestehe mir also, wie du dir das Tier verschafft hast.

 

Benedetto beharrte bei seiner Lüge und gab noch weitere nähere Umstände an, die mehr seiner Einbildungskraft, als seiner Wahrheitsliebe Ehre machten; ich ärgerte mich, er lachte; ich drohte, er zog sich ein paar Schritte zurück. – Du kannst mich nicht schlagen, sagte er, du hast nicht das Recht dazu, denn du bist nicht mein Vater.

 

Wir wußten gar nicht, wer ihm dieses unselige Geheimnis entdeckt hatte, das wir mit so großer Sorgfalt vor ihm verbargen. Aber die Antwort erschreckte mich so, daß mein aufgehobener Arm niederfiel, ohne den Schuldigen zu berühren. Das Kind triumphierte und wurde infolgedessen so unbändig, daß alles Geld Assuntas, deren Liebe zu ihm immer mehr zuzunehmen schien, je weniger er derselben würdig war, für tolle Launen des Knaben, die sie nicht zu bekämpfen vermochte, daraufging. Wenn ich in Rogliano war, ging es noch erträglich; aber sobald ich abreiste, war Benedetto Meister im Hause, und ein böser Streich folgte dem andern. Kaum elf Jahre alt, wählte er seine Kameraden unter den jungen Leuten von achtzehn und neunzehn Jahren, den schlimmsten Burschen von Bastia und Corte, und bereits hatte uns das Gericht Warnungen zugehen lassen.

 

Es wurde mir bange; jede Untersuchung konnte verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen, und ich sollte eben einer wichtigen Expedition halber Korsika für einige Zeit verlassen. Ich sann lange nach und beschloß, um ein Unglück zu vermeiden, Benedetto mit mir zu nehmen. Ich hoffte, das tätige harte Leben eines Schmugglers, die strenge Disziplin an Bord würden ihm, der sonst unrettbar verloren schien, gut tun. Ich nahm ihn also beiseite und machte ihm den Vorschlag, mir zu folgen, wobei ich ihm alles Mögliche versprach, was ein Kind von zwölf Jahren locken kann.

 

Er ließ mich reden, ohne mich zu unterbrechen. Als ich aber zu Ende war, schlug er ein Gelächter an und rief: Seid Ihr ein Narr, Oheim? – so nannte er mich, wenn er guter Laune war – Ich soll das Leben, das ich führe, meinen schönen Müßiggang, gegen die schauderhafte Arbeit vertauschen, die Ihr tut? Ich soll die Nacht in der Kälte, den Tag in der Hitze zubringen, mich fortwährend verbergen, oder, wenn ich mich zeige, Flintenschüsse kriegen, und dies alles, um ein wenig Gold zu gewinnen? Geld habe ich, soviel ich will; Mutter Assunta gibt mir, so oft ich von ihr fordere. Ihr seht also, daß ich dumm wäre, wenn ich Euern Vorschlag annähme.

 

Während ich noch ganz starr vor Staunen über diese Worte war, kehrte er zu seinen Kameraden zurück, und ich sah von ferne, wie er mich ihnen gegenüber für einen Dummkopf erklärte.

 

Ein reizendes Kind! murmelte Monte Christo.

 

Oh! wenn er mir gehört hätte, sagte Bertuccio, wenn er mein Sohn oder wenigstens mein Neffe gewesen wäre, so würde ich ihn auf den rechten Pfad zurückgeführt haben, denn das gute Gewissen verleiht Stärke. Aber der Gedanke, daß ich ein Kind schlagen sollte, dessen Vater ich getötet hatte, machte es mir unmöglich, ihn zu züchtigen. Ich gab meiner Schwester, die den Jungen stets verteidigte, gute Ratschläge, und da sie mir gestand, es hätten ihr wiederholt größere Summen gefehlt, so bezeichnete ich ihr einen Ort, wo sie unsern kleinen Schatz verbergen könnte. Mein Entschluß war gefaßt: Benedetto konnte vortrefflich lesen, schreiben und rechnen, denn wenn er sich zufällig zur Arbeit herbeiließ, so lernte er in einem Tag so viel, wie andere in einer Woche. Mein Entschluß, sage ich, war gefaßt; ich wollte ihn als Schreiber auf irgend einem zu langen Seefahrten bestimmten Schiffe unterbringen und, ohne ihn zuvor in Kenntnis zu setzen, an einem schönen Morgen nehmen und an Bord schaffen lassen. War er dem Kapitän gehörig empfohlen, so hing seine Zukunft nur von ihm ab. Sobald dieser Plan festgestellt war, brach ich nach Frankreich auf. Alle unsere Operationen sollten diesmal im Golf von Lyon ausgeführt werden; die Unternehmungen wurden aber immer schwieriger, denn der Küstendienst war strenger geworden, als je. Anfänglich ging alles vortrefflich. Wir banden unsere Barke, die einen doppelten Boden hatte, worin wir unsere Waren verbargen, mitten unter einer Anzahl von Schiffen an, die an den beiden Ufern der Rhone von Beaucaire bis Arles lagen. Hier begannen wir nächtlicherweile unsere verbotenen Waren auszuschiffen und durch die Vermittlung von Leuten, die mit uns in Verbindung standen, oder mit Hilfe der Wirte, bei denen wir unsere Niederlagen hatten, in die Stadt zu schaffen. Mag es nun sein, daß uns das Glück unvorsichtig gemacht hatte, oder waren wir verraten: eines Abends gegen fünf Uhr, als wir eben unser Vesper verzehren wollten, lief unser Schiffsjunge ganz erschrocken herbei und sagte, er habe eine Abteilung Zollbeamter auf unser Schiff zukommen sehen. In einem Augenblick waren wir auf den Beinen, aber es war schon zu spät, man hatte bereits unsere Barke umzingelt. Unter den Zöllnern bemerkte ich auch einige Gendarmen, und durch diesen Anblick erschreckt, stieg ich in den Schiffsraum hinab, schlüpfte durch eine Stückpforte und ließ mich in den Fluß fallen; dann schwamm ich unter dem Wasser, schöpfte nur nach laugen Zwischenräumen Atem und erreichte, ohne gesehen zu werden, einen kurz zuvor angelegten Graben, durch den die Rhone mit dem Kanal in Verbindung steht, der von Beaucaire nach Aigues-Mortes führt. Nun war ich gerettet, denn ich konnte dem Graben folgen, ohne gesehen zu werden. Ungehindert kam ich in den Kanal. Diesen Weg hatte ich auch deshalb gewählt, weil ich den Besitzer eines kleinen Gasthofs auf der Straße von Bellegarde nach Beaucaire kannte.

 

Wie hieß dieser? fragte der Graf, der wieder einiges Interesse an der Erzählung Bertuccios zu nehmen schien.

 

Er hieß Gaspard Caderousse und war mit einer Frau verheiratet, die am Sumpffieber hinsiechte. Der Mann dagegen war ein kräftiger Bursche, der uns mehr als einmal unter schwierigen Umständen Beweise von Geistesgegenwart und Mut gegeben hatte.

 

Und Sie sagen, fragte der Graf, diese Dinge seien vorgefallen im Jahre …

 

Am 3. Juni 1829 abends.

 

Ah! sagte Monte Christo, am 3. Juni 1829? … Gut, fahren Sie fort.

 

Bei Caderousse gedachte ich also eine Zufluchtsstätte zu finden. Da wir aber gewöhnlich nicht durch die Tür, die nach der Straße führte, bei ihm eintraten, so stieg ich über die Gartenhecke und erreichte, in der Besorgnis, Caderousse könnte einen Reisenden im Hause haben, eine Art Schuppen, worin ich wiederholt die Nacht zugebracht hatte. Dieser Schuppen war von der Gaststube im Erdgeschoß nur durch einen Bretterverschlag getrennt, in dem man Öffnungen gemacht hatte, damit wir im geeigneten Augenblick unsre Anwesenheit anmelden könnten. Ich gedachte, Caderousse, wenn er allein wäre, von meiner Ankunft in Kenntnis zu setzen, schlich mich also unter den Schuppen und tat Wohl daran, denn in demselben Augenblick kam Caderousse mit einem Unbekannten nach Hause. Ich hielt mich still und wartete, nicht um die Geheimnisse meines Wirtes zu belauschen, sondern weil ich nicht anders konnte.

 

Der Mann, der Caderousse begleitete, war offenbar fremd im südlichen Frankreich; er gehörte zu den Handelsleuten, die zur Messe von Beaucaire kommen, um Juwelen zu verkaufen. Caderousse trat rasch und zuerst ein. Als er die untere Stube wie gewöhnlich leer sah, rief er seiner Frau zu: He! Carconte, der würdige Priester hat uns nicht getäuscht; der Stein war gut.

 

Ein freudiger Ausruf ließ sich vernehmen, und fast in demselben Augenblick kam ein schwacher Tritt die Treppe herunter. Was sagst du? fragte die Frau, bleicher als eine Tote.

 

Ich sage, daß der Diamant gut war, und daß dieser Herr, einer der ersten Juweliere von Paris, uns fünfzigtausend Franken dafür geben will. Nur verlangt er, um sicher zu sein, daß der Diamant uns gehört, du sollst ihm, wie ich’s schon getan habe, erzählen, auf welche wunderbare Weise er in unsere Hände gekommen ist. Setzen Sie sich einstweilen, mein Herr, wenn es Ihnen beliebt, ich will Ihnen eine Erfrischung holen. Der Juwelier betrachtete mit großer Aufmerksamkeit das Innere der Herberge und die sichtbare Armut des Wirtes, der einen Diamanten, der aus dem Schmuckkästchen eines Fürsten zu kommen schien, an ihn verkaufen wollte.

 

Erzählen Sie, sagte der Fremde; ohne Zweifel wollte er die Abwesenheit des Mannes benutzen und sehen, ob die beiden Erzählungen übereinstimmten.

 

Ei! mein Gott, sagte die Frau mit großer Zungenfertigkeit, es ist ein Segen des Himmels, den wir entfernt nicht erwarteten. Denken Sie sich, lieber Herr, daß mein Mann im Jahre 1814 mit einem Seefahrer, namens Dantes, in Verbindung stand; der arme Junge, den Caderousse ganz vergessen hatte, hat ihn nicht vergessen und ihm, als er im Gefängnis starb, den Diamanten, den Sie hier sehen, hinterlassen.

 

Aber wie ist er in den Besitz dieses Diamanten gelangt? fragte der Juwelier. Er besaß ihn also, ehe er in das Gefängnis kam?

 

Nein, mein Herr, erwiderte die Frau, sondern er machte, wie mir scheint, im Gefängnis die Bekanntschaft eines reichen Engländers; und da sein Stubengenosse im Kerker krank wurde und Dantes ihn pflegte, so schenkte der Engländer, als er aus der Haft entlassen wurde, diesen Diamanten dem armen Dantes, der, minder glücklich, im Gefängnis starb und bei seinem Tode uns den Stein vermachte, den uns heute früh ein würdiger Abbé in seinem Auftrag überbrachte.

 

Das ist ganz das gleiche, murmelte der Juwelier, und die Geschichte muß am Ende wahr sein, so unwahrscheinlich sie auch aussieht. Es handelt sich also nur um den Preis, über den wir noch nicht einig sind.

 

Wie! rief Caderousse, ich glaubte, Sie hätten eingewilligt, den von mir verlangten Preis dafür zu zahlen. – Das heißt, versetzte der Juwelier, ich habe vierzigtausend Franken geboten. – Vierzigtausend Franken! rief die Careonte, wir geben ihn dafür nicht her. Der Abbé hat uns gesagt, er sei ohne Fassung fünfzigtausend Franken wert. – Zeigen Sie mir den Diamanten, sagte der Juwelier, damit ich ihn noch einmal betrachten kann; man irrt sich bei flüchtigem Betrachten leicht.

 

Caderousse zog aus seiner Tasche ein kleines Futteral, öffnete es und gab es dem Juwelier. Beim Anblick des Diamanten, der so groß war wie eine kleine Haselnuß, funkelten die Augen der Carconte vor Begierde.

 

Und was dachten Sie dabei, Herr Horcher? fragte Monte Christo. Kannten Sie den Edmond Dantes, von dem die Rede war?

 

Nein, Exzellenz, ich hatte bis dahin nie von ihm sprechen hören und hörte auch seitdem nur ein einziges Mal den Abbé Busoni von ihm reden, als ich ihn im Gefängnis in Nimes sah.

 

Gut, fahren Sie fort!

 

Der Juwelier nahm den Ring aus Caderousses Händen, zog aus seiner Tasche ein stählernes Zänglein und eine kleine messingne Wage, öffnete die goldenen Krampen, die den Stein im Ringe hielten, zog den Diamanten heraus und wog ihn mit ängstlicher Sorgfalt. Dann sagte er: Ich gebe 45 000 Franken, aber keinen Sou mehr; es tut mir sogar leid, daß ich diese Summe geboten habe, insofern der Stein einen Mangel hat, den ich anfangs nicht bemerkte.

 

Bringen Sie den Stein wenigstens wieder in den Ring, sagte Caderousse spitzig. – Sie haben recht, versetzte der Juwelier, und brachte den Diamanten wieder in seinen Kasten. – Gut, sagte Caderousse, ich verkaufe ihn an einen anderen.

 

Ja, entgegnete der Juwelier, aber ein anderer wird sich nicht so leicht mit der Auskunft begnügen, die Sie mir gegeben haben. Er wird sagen: Es geht nicht mit rechten Dingen zu, daß ein Mensch wie Sie einen Diamanten von fünfzigtausend Franken besitzt, er wird die Behörden darauf aufmerksam machen, dann sucht man den Abbé Busoni, und die Abbés, die Diamanten von zweitausend Louisd’or verschenken, sind selten. Die Justiz bemächtigt sich der Sache, man schickt Sie ins Gefängnis, – und werden Sie auch als unschuldig erkannt, setzt man Sie nach einer Haft von drei bis vier Monaten wieder in Freiheit, so hat sich der Ring in der Gerichtskanzlei verloren, oder man gibt Ihnen einen falschen Stein, der drei Franken wert ist, statt eines Steines von fünfzigtausend Franken. Also ganz nach Ihrem Gutdünken; ich habe übrigens, wie Sie sehen, schönes Geld mitgebracht.

 

Und er zog aus einer von seinen Taschen eine Handvoll Gold, die er vor den geblendeten Augen des Wirtes funkeln ließ, und aus der andern ein Päckchen mit Banknoten. In Caderousses Innern entspann sich offenbar ein harter Kampf, und das kleine Futteral von Saffianleder, das er in seiner Hand hin und her drehte, schien ihm als Wert offenbar nicht der ungeheuren Summe zu entsprechen, die seine Augen blendete. Er wandte sich zu seiner Frau und sagte leise: Was meinst du dazu?

 

Gib, gib, antwortete sie; wenn er ohne den Diamanten nach Beaucaire zurückkehrt, zeigt er uns an, und wer weiß, ob wir je wieder des Abbés Busoni habhaft werden können.

 

Gut, sagte Caderousse, nehmen Sie den Diamanten für 45 000 Franken; meine Frau will aber noch eine goldene Kette haben und ich silberne Schnallen.

 

Nun, so geben Sie doch her! Was für ein schrecklicher Mensch! versetzte der Juwelier, ihm den Ring aus der Hand ziehend; ich zahle ihm 45 000 Franken, das heißt ein Vermögen, wie ich wohl eines haben möchte, und er ist noch nicht zufrieden!

 

Warten Sie, bis ich die Lampe angezündet habe, entgegnete die Carconte, es ist nicht mehr hell, und man könnte sich irren.

 

Während dieser Verhandlung war es wirklich Nacht geworden, und mit der Nacht war der Sturm gekommen, der seit einer halben Stunde loszubrechen drohte. Man hörte den Donner dumpf in der Ferne grollen; aber ganz und gar vom Dämon des Gewinnes besessen, schienen sich weder der Juwelier noch die Carconte darum zu bekümmern. Ich selbst fühlte mich ganz geblendet bei dem Anblick von all diesem Gold und all den Banknoten. Es kam mir vor, als träumte ich.

 

Caderousse zählte wiederholt das Gold und die Scheine, die der Juwelier auf den Tisch gezählt hatte, und gab dann beides seiner Frau, die ebenfalls alles durchzählte. Mittlerweile ließ der Juwelier den Diamanten unter dem Strahle der Lampe spiegeln.

 

Nun, ist die Rechnung richtig? fragte der Händler.

 

Ja, antwortete Caderousse, und nun, obgleich Sie uns vielleicht zehntausend Livres zu wenig gezahlt haben, wollen Sie mit uns zu Nacht speisen? Es kommt von gutem Herzen.

 

Ich danke, erwiderte der Juwelier. Es ist bereits spät, und ich muß nach Beaucaire zurück, sonst wird meine Frau unruhig. Bei Gott, es ist bald neun Uhr, ich werde vor Mitternacht nicht in Beaucaire sein. Gott befohlen, Kinder.

 

Ein Donnerschlag erdröhnte, begleitet von einem so grellen Blitze, daß beinahe die Lampe verdunkelt wurde.

 

Oh! sagte Caderousse, bei diesem Wetter wollen Sie fort? – Ich fürchte mich nicht vor dem Donner, versetzte der Juwelier. – Und vor den Räubern? fragte die Carconte. Die Straße ist während der Messe nie sicher. – Oh! was die Räuber betrifft, entgegnete der Händler, da ist etwas für sie. Und er zog ein paar kleine, bis an die Mündung geladene Pistolen aus der Tasche. Das sind Hunde, die zugleich bellen und beißen, sie sind für die beiden ersten bestimmt, die es nach Eurem Diamanten gelüsten sollte, Vater Caderousse.

 

Caderousse und seine Frau wechselten einen finstern Blick. Sie hatten, wie es schien, gleichzeitig einen furchtbaren Gedanken.

 

Dann glückliche Reise, sagte Caderousse.

 

Ich danke, erwiderte der Juwelier, nahm seinen Stock und wollte sich entfernen. In dem Augenblick, wo er die Tür öffnete, drang ein so heftiger Windstoß in die Stube, daß er beinahe die Lampe ausgelöscht hätte.

 

Oh! oh! sagte er, ein schönes Wetter, und drei Stunden Weg bei einem solchen Sturme! – Bleiben Sie hier, schlafen Sie bei uns! versetzte Caderousse. – Ja, bleiben Sie, sagte Carconte mit zitternder Stimme, wir sorgen für Sie. – Nein, ich muß in Beaucaire schlafen. Gott befohlen.

 

Caderousse ging langsam bis zur Schwelle.

 

Man sieht weder Himmel noch Erde, sagte der Juwelier, bereits halb außer dem Hause. Muß ich mich links oder rechts halten? – Rechts, antwortete Caderousse, Sie können nicht fehlen, die Straße ist auf beiden Seiten mit Bäumen besetzt. – Schließe doch die Tür! rief die Carconte, ich liebe offene Türen nicht, wenn es donnert! – Und wenn Geld im Hause ist, nicht wahr? entgegnete Caderousse, den Schlüssel zweimal im Schlosse drehend.

 

Er kam zurück, ging an den Schrank, nahm den Sack und das Portefeuille heraus, und beide fingen an, zum dritten Male ihr Gold und ihre Scheine zu zählen. Ich habe nie einen Ausdruck gesehen, wie den dieser gierigen, von der spärlichen Lampe beleuchteten Gesichter. Die Frau besonders war abscheulich, ihr gewöhnliches fiebriges Zittern hatte sich noch gesteigert. Ihr Gesicht war leichenfarbig geworden, ihre hohlen Augen flammten.

 

Warum hast du ihm ein Nachtlager hier angeboten? fragte sie mit dumpfem Tone. – Um … damit … antwortete Caderousse bebend, damit er bei dem Wetter nicht nach Beaucaire zurückzukehren brauchte. – Ah! sagte die Carconte mit einem Tone, der sich nicht beschreiben läßt; ich glaubte, es geschehe aus einem andern Grunde. – Weib! Weib! rief Caderousse, warum hast du solche Gedanken, und warum behältst du sie nicht für dich? – Gleichviel, sagte die Carconte, du bist kein Mann. – Warum? – Wärest du ein Mann, so würde er nicht von hier weg gekommen sein. – Weib! – Oder er würde wenigstens Beaucaire nicht erreichen. – Weib! – Die Straße macht eine Biegung, er muß der Straße folgen, während sich längs dem Kanal ein kürzerer Weg hinzieht. – Weib, du beleidigst den guten Gott. Halt, horch!

 

Man hörte in der Tat einen furchtbaren Donnerschlag, während ein Blitz die ganze Stube mit einer bläulichen Flamme übergoß, doch langsam abnehmend schien sich der Donner nur ungern von dem verfluchten Hause zu entfernen.

 

Jesus! rief die Carconte sich bekreuzend.

 

Beinahe in demselben Augenblicke hörte man mitten unter dem Stillschweigen des Schreckens, das gewöhnlich auf Donnerschläge folgt, an die Tür klopfen. Caderousse und seine Frau bebten und schauten sich ängstlich an.

 

Wer ist da? rief Caderousse aufstehend, schob die auf dem Tische zerstreuten Goldstücke und Banknoten auf einen Haufen und bedeckte sie mit seinen Händen.

 

Ei, bei Gott, ich, der Juwelier.

 

Nun, was sagtest du, versetzte die Carconte mit einem furchtbaren Lächeln, ich beleidige den guten Gott? … Gerade der gute Gott schickt ihn uns zurück.

 

Caderousse fiel bleich und keuchend auf seinen Stuhl.

 

Die Carconte dagegen stand auf, ging festen Schrittes auf die Tür zu, öffnete und sagte: Kommen Sie herein, lieber Herr.

 

Meiner Treu, sagte der Juwelier, der, vom Regen triefend, eintrat, es scheint, der Teufel will nicht, daß ich heute abend nach Beaucaire zurückkehre. Sie haben mir Gastfreundschaft angeboten, ich nehme sie an und komme, um hier zu schlafen.

 

Caderousse stammelte einige Worte, während er den Schweiß abtrocknete, der von seiner Stirn floß. Die Carconte schloß die Tür doppelt hinter dem Juwelier.

 

Der Blutregen.

 

Der Blutregen.

 

Der Juwelier schaute bei seinem Eintritt forschend umher; aber nichts schien einen Verdacht in ihm zu erregen. Caderousse hielt sein Gold und seine Banknoten immer noch mit beiden Händen. Die Carconte lächelte ihrem Gaste so freundlich zu, als sie nur immer konnte. Dann setzte sie auf eine Ecke des Tisches die magern Überreste eines Mittagsessens, denen sie einige frische Eier hinzufügte.

 

Caderousse hatte seine Geldscheine wieder in sein Portefeuille, das Gold in einen Sack getan und das Ganze in seinem Schrank verschlossen. Er ging düster und nachdenkend in der Stube auf und ab und schaute von Zeit zu Zeit den Juwelier an, der dampfend vor dem Herde stand und, als eine Seite trocken war, sich auf die andere wandte.

 

Mein Herr, sagte die Carconte, eine Flasche Wein auf den Tisch stellend, es ist alles bereit, wenn Sie zu Nacht essen wollen.

 

Und Sie? fragte der Gast.

 

Ich esse nicht zu Nacht, antwortete Caderousse.

 

Wir haben sehr spät zu Mittag gegessen und werden Sie bedienen, erwiderte die Carconte mit einem bei ihr, selbst gegen zahlende Gäste, ungewöhnlichen Eifer.

 

Caderousse warf von Zeit zu Zeit einen raschen Blick auf sie. Der Sturm wütete fort.

 

Es ist der Mistral, und der wird bis morgen fortdauern, sagte Caderousse, den Kopf schüttelnd, und stieß einen Seufzer aus.

 

Desto schlimmer für die, welche draußen sind, sagte der Juwelier, sich an den Tisch setzend.

 

Ja, die haben eine böse Nacht durchzumachen, versetzte die Carconte.

 

Der Juwelier fing an zu essen, und die Carconte erwies ihm fortwährend alle die kleinen Rücksichten einer aufmerksamen Wirtin; sonst so wunderlich und widerwärtig, war sie ein Muster von Zuvorkommenheit und Höflichkeit geworden. Hätte sie der Juwelier vorher gekannt, so würde ihm diese Veränderung sicherlich aufgefallen sein und Verdacht eingeflößt haben. Als das Abendessen beendet war, ging Caderousse selbst an die Tür, öffnete sie und sagte: Ich glaube, der Sturm legt sich.

 

Aber als sollte er Lügen gestraft werden, erschütterte in diesem Augenblick ein furchtbarer Donnerschlag das Haus, ein Windstoß, vermischt mit Regen, drang in die Tür und löschte die Lampe aus. Caderousse schloß die Tür wieder, und seine Frau zündete ein Licht an der ersterbenden Glut au.

 

Mein Herr, sagte sie, Sie müssen müde sein, ich habe das Bett frisch überzogen, gehen Sie hinauf und schlafen!

 

Der Juwelier blieb noch einen Augenblick, dann wünschte er seiner Wirtin gute Nacht und stieg die Treppe hinauf. Ich hörte ihn über mir gehen, jede Stufe krachte unter seinen Tritten. Die Carcounte folgte ihm mit gierigem Blick, während ihm Caderousse den Rücken zuwandte.

 

Alle diese einzelnen Umstände, welche seitdem in meinem Geiste mit der Frische des ersten Momentes Platz gegriffen haben, fielen nur zur Zeit, wo sie unter meinen Augen vorgingen, nicht auf; in allem, was geschah, lag im ganzen nichts Unnatürliches, und abgesehen von der Diamantengeschichte, die mir etwas unwahrscheinlich vorkam, konnte nichts einen Argwohn in mir rege machen.

 

Von Müdigkeit überwältigt und entschlossen, die erste Frist zu benutzen, die der Sturm den Elementen gönnen würde, wollte ich ein paar Stunden schlafen und um Mitternacht weggehen. Ich hörte im obern Zimmer den Juwelier alle Vorkehrungen treffen, um die Nacht so behaglich als möglich zuzubringen. Bald bemerkte ich an dem Krachen seines Bettes, daß er sich niedergelegt hatte.

 

Ich fühlte, wie sich meine Augen unwillkürlich schlossen, und da ich keinen Verdacht geschöpft hatte, so suchte ich nicht gegen den Schlaf zu kämpfen und warf nur noch einen Blick in das Innere. Caderousse saß an einem langen Tische auf einer von den hölzernen Bänken, die in den Dorfwirtshäusern die Stühle ersetzen; er wandte mir den Rücken zu und hielt seinen Kopf auf beide Hände gestützt.

 

Die Carconte schaute ihn eine Zeit lang an, zuckte die Achseln und setzte sich ihm gegenüber. In diesem Augenblick flackerte die Flamme zufällig auf, und ein etwas hellerer Schimmer erleuchtete die düstere Stube. Die Carconte schaute ihren Mann starr an, und da dieser stets in derselben Stellung verharrte, sah ich sie ihre gekrümmte Hand nach ihm ausstrecken und seine Stirn berühren.

 

Caderousse bebte. Es kam mir vor, als spräche sie ganz leise zu ihm, doch der Schall ihrer Worte gelangte nicht bis zu mir. Ich sah nur noch wie durch einen Nebel und halb traumbefangen. Endlich schlossen sich meine Augen, und ich verlor das Bewußtsein.

 

Ich lag im tiefsten Schlafe, als ich durch einen Pistolenschuß erweckt wurde, auf den ein furchtbarer Schrei folgte. Es erschollen ein paar wankende Tritte auf dem Boden der Stube, und eine träge Masse stürzte auf der Treppe, gerade über meinem Haupte, nieder.

 

Ich war noch nicht ganz meiner Herr. Ich vernahm Seufzer und dann halb erstickte Schreie, wie von einem Kampf. Ein letzter Schrei, der länger anhielt, als die andern, und sich endlich in ein Stöhnen verwandelte, entriß mich völlig meiner Erstarrung.

 

Ich erhob mich, öffnete die Augen, die in der Finsternis nichts sahen, und fuhr mit der Hand nach der Stirn, auf die, wie es mir vorkam, durch die Bretter der Treppe ein lauer Regen floß.

 

Das tiefste Schweigen war auf den furchtbaren Lärm gefolgt. Ich hörte sodann die Tritte eines Menschen über meinem Kopfe und auf der Treppe; dieser Mensch stieg in die untere Stube herab und zündete eine Kerze an. Ich erkannte Caderousse, sein Gesicht war bleich, und sein Hemd ganz mit Blut überzogen. Als das Licht angezündet war, stieg er rasch wieder die Treppe hinauf, und ich hörte von neuem seine raschen, unruhigen Tritte.

 

Einen Augenblick nachher kam er wieder herab; er hielt das Futteral in der Hand, wickelte es in sein rotes Tuch und band es um den Hals. Dann lief er nach dem Schranke, ergriff sein Geld, nahm ein paar Hemden, stürzte aus der Tür und verschwand in der Dunkelheit. Da wurde mir alles klar, und ich machte mir das Geschehene zum Vorwurf, als wäre ich selbst der wahre Schuldige. Es kam mir vor, als hörte ich ein Stöhnen. Der unglückliche Juwelier war nicht tot, vielleicht lag es in meiner Macht dadurch, daß ich ihm Hilfe leistete, einen Teil von dem Übel wieder gutzumachen, das ich zwar nicht selbst getan, wohl aber hatte tun lassen. Ich stemmte meine Schultern gegen die schlecht zusammengefügten Bretter, die den Schuppen, in dem ich mich befand, von der inneren Stube trennten. Die Bretter gaben nach, und ich befand mich im Hause.

 

Ich ergriff den Leuchter und eilte nach der Treppe; ein Körper versperrte mir den Weg, es war der Leichnam der Carconte. Der Pistolenschuß, den ich gehört, war auf sie abgefeuert; ihr Hals war völlig durchbohrt. Das Zimmer bot den Anblick der furchtbarsten Zerstörung. Alle Geräte waren umgeworfen; die Bettlaken, an die sich der unglückliche Juwelier ohne Zweifel angeklammert hatte, lagen auf dem Boden; er selbst war auf der Erde ausgestreckt und schwamm, den Kopf an die Wand gestützt, in seinem Blute, das aus drei breiten Wunden in seiner Brust hervorquoll. In einer vierten stak ein langes Küchenmesser, das bis ans Heft hineingestoßen war.

 

Ich näherte mich dem Juwelier, er war nicht ganz tot. Bei dem Lärm, den ich machte, öffnete er seine stieren Augen; heftete sie eine Sekunde lang auf mich, bewegte seine Lippen, als wollte er sprechen, und verschied.

 

 

Dieses furchtbare Schauspiel machte mich fast wahnsinnig. Von dem Augenblick jedoch, wo ich nicht mehr helfen konnte, fühlte ich nur das Bedürfnis, zu fliehen. Mich bei den Haaren fassend und ein Geschrei des Schreckens ausstoßend, stürzte ich nach der Treppe.

 

In der unteren Stube fand ich eine ganze bewaffnete Macht, bestehend aus fünf bis sechs Zollbeamten und mehreren Gendarmen. Man bemächtigte sich meiner. Ich versuchte es nicht einmal, Widerstand zu leisten; … ich war nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich wollte sprechen, stieß aber nur unzusammenhängende Töne aus.

 

Ich sah, daß die Zöllner und Gendarmen mit dem Finger auf mich deuteten, denn ich war ganz mit Blut bedeckt. Der laue Regen, der durch die Bretter der Treppe auf mich gefallen, war das Blut der Carconte.

 

Ich deutete mit dem Finger auf den Ort, wo ich verborgen gewesen war.

 

Was will er sagen? fragte ein Gendarm.

 

Ein Zöllner sah nach und sagte: Er will sagen, daß er hier durchgeschlüpft ist, und zeigte das Loch, durch das ich wirklich geschlüpft war.

 

Nun begriff ich, daß man mich für den Mörder hielt. Ich fand meine Sinne wieder, ich fand meine Kräfte wieder, befreite mich von den Händen zweier Männer, die mich hielten, und rief: Ich bin es nicht.

 

Zwei Gendarmen schlugen mit ihren Karabinern auf mich an.

 

Wenn du dich rührst, sagten sie, bist du des Todes.

 

Aber ich wiederhole, daß ich es nicht bin, rief ich.

 

Du kannst deine Geschichten den Richtern von Nimes erzählen, erwiderten sie. Inzwischen folge uns; und wenn wir dir raten sollen, leiste keinen Widerstand!

 

Das war nicht meine Absicht; ich fühlte mich durch Erstaunen und Schrecken gelähmt. Man legte mir Handschellen an, band mich an den Schweif eines Pferdes und führte mich nach Nimes.

 

Es war mir auf meinem Wege durch den Kanal ein Zöllner gefolgt; als er mich in der Gegend des Hauses aus dem Gesichte verlor, vermutete er, ich würde die Nacht hier zubringen. Er benachrichtigte seine Kameraden und kam mit ihnen gerade, um den Pistolenschuß zu hören und mich inmitten von Schuldbeweisen festzunehmen, deren Widerlegung mir, wie ich wohl einsah, kaum gelingen konnte.

 

Ich verließ mich auch nur auf eines und bat den Untersuchungsrichter sogleich, überall einen gewissen Abbé Busoni suchen zu lassen, der im Verlaufe des Tages im Wirtshause zum Pont du Gard gewesen sei. Hatte Caderousse gelogen, gab es keinen Abbé Busoni, so war ich offenbar verloren, wenn nicht Caderousse ebenfalls gefangen wurde und alles gestand.

 

Es vergingen zwei Monate, während deren, ich muß es zum Lobe meines Richters sagen, alle Nachforschungen angestellt wurden, um den aufzusuchen, nach dem ich verlangte. Ich hatte jede Hoffnung verloren, Caderousse war nicht festgenommen worden. In der nächsten Sitzung sollte ich gerichtet werden, als am 8. September, das heißt drei Monate und fünf Tage nach dem Vorfall, der Abbé Busoni, auf den ich nicht mehr rechnete, sich bei dem Kerkermeister einfand und sagte, er habe erfahren, ein Gefangener wünsche ihn zu sprechen. Er habe in Marseille davon gehört, gab er an, und beeile sich, dem Wunsche zu entsprechen.

 

Sie können sich denken, mit welcher Freude ich ihn empfing ich erzählte ihm das ganze Ereignis, dessen Zeuge ich gewesen, sprach aber nicht ohne Unruhe von der Geschichte mit dem Diamanten. Gegen mein Erwarten war sie Punkt für Punkt wahr; ebenfalls gegen mein Erwarten maß er allem, was ich sagte, Glauben bei. Von seinem Wohlwollen und seiner tiefen Einsicht ergriffen, beichtete ich ihm, was in Auteuil geschehen, und erhielt von ihm den Trost der Absolution. Er verließ mich, indem er mir versprach, er würde alles tun, was in seiner Macht liege, meine Richter von meiner Unschuld zu überzeugen.

 

Den Beweis, daß er sich wirklich mit mir beschäftigte, fand ich darin, daß meine Haft allmählich milder wurde. In der Zwischenzeit wurde Caderousse im Ausland verhaftet und nach Frankreich zurückgebracht. Er gestand alles und warf die Schuld des Vorbedachts und besonders der Anstiftung auf seine Frau. Er wurde zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt und mich setzte man in Freiheit.

 

Damals geschah es, daß Sie sich mit einem Briefe des Abbés Busoni bei mir einfanden? fragte Monte Christo.

 

Ja, Exzellenz; er nahm sichtbar Anteil an mir, riet mir, mein Schmugglerhandwerk aufzugeben, und wollte mich an einen Bekannten empfehlen.

 

Oh, mein Vater, rief ich, wieviel Güte! – Doch Sie schwören mir, daß ich es nie zu bereuen haben werde?

 

Ich streckte die Hand aus, um zu schwören.

 

Unnötig, sagte er, ich kenne und liebe die Korsen; hier ist meine Empfehlung.

 

Und auf diese Empfehlung hin hatte Eure Exzellenz die Gnade, mich in seine Dienste zu nehmen. Nun frage ich Eure Exzellenz, hat sie sich je über mich zu beklagen gehabt?

 

Nein, erwiderte der Graf, und ich gestehe mit Vergnügen, Sie sind ein guter Diener, Bertuccio, obgleich es Ihnen an Vertrauen gebricht.

 

Mir, Herr Graf?

 

Ja, Ihnen. Wie kommt es, daß Sie eine Schwägerin und einen Adoptivsohn haben, und weder von der einen noch von dem andern mit mir sprachen?

 

Ach! Exzellenz, ich muß Ihnen noch den traurigsten Teil meines Lebens mitteilen. Nach meiner Freilassung reiste ich nach Korsika, denn es drängte mich, meine arme Schwägerin wiederzusehen. Als ich aber nach Rogliano kam, fand ich das Haus in Trauer; es war eine furchtbare Szene vorgefallen. Meinem Rate gemäß, widerstand meine Schwägerin den Forderungen Benedettos, der jeden Augenblick alles Geld verlangte, das im Hause war. Eines Morgens bedrohte er sie und verschwand dann einen ganzen Tag. Sie weinte, denn die liebe Assunta hatte ein Mutterherz für den Elenden. Es kam der Abend, sie wartete auf ihn, ohne sich niederzulegen. Als er um elf Uhr mit zweien seiner Freunde, den gewöhnlichen Genossen seiner tollen Streiche, zurückkehrte, streckte sie die Arme nach ihm aus; doch die Ruchlosen packten sie, und einer von den dreien, ich fürchte, es war das höllische Kind selbst, rief: Wir wollen sie auf die Folter spannen, sie muß gestehen, wo sie ihr Geld hat.

 

Der Nachbar Wasilio war gerade in Bastia, und nur seine Frau allein zu Hause. Niemand außer ihr konnte sehen oder hören, was bei meiner Schwägerin vorging. Zwei von ihnen hielten die arme Assunta, der dritte verrammelte Türen und Fenster, und alle drei hielten dann Assuntas nackte Füße, indem sie mit Tüchern ihr Geschrei erstickten, über die Kohlenglut, um ihr das Geständnis zu entreißen, wo unser kleiner Schatz verborgen liege. Doch dabei fingen ihre Kleider Feuer; da ließen sie die Unglückliche los, um nicht selbst verbrannt zu werden. Ganz in Flammen lief sie nach der Tür, aber die Tür war verschlossen; sie stürzte nach dem Fenster, doch das Fenster war verrammelt. Nun hörte die Nachbarin ein furchtbares Geschrei; es war Assunta, die um Hilfe rief. Bald dämpfte sich ihre Stimme; die Schreie verwandelten sich in ein Stöhnen, und als am andern Morgen, nach einer Nacht des Schreckens und der Angst, Wasilios Frau aus ihrer Wohnung herauszugehen wagte und von der Polizei unser Haus öffnen ließ, fand man Assunta halb verbrannt, aber noch atmend, die Schränke erbrochen, das Geld entwendet. Benedetto hatte Rogliano verlassen, um nie mehr dahin zurückzukehren. Seit jenem Tage habe ich ihn nicht mehr gesehen und auch nichts mehr von ihm gehört. – Nachdem ich diese traurige Kunde vernommen, begab ich mich zu Eurer Exzellenz. Ich konnte nicht von Benedetto sprechen, weil er verschwunden, und nicht von meiner Schwägerin, weil sie tot war.

 

Und was dachten Sie von diesem Ereignis? sagte Monte Christo.

 

Es sei die Strafe für das Verbrechen, das ich begangen hatte. Oh! diese Villefort waren ein verfluchtes Geschlecht.

 

Ich glaube es, murmelte der Graf finster.

 

Und nun begreifen Eure Exzellenz wohl, daß dieses Haus, das ich seitdem nicht mehr gesehen, daß dieser Garten, in dem ich mich plötzlich wiederfand, daß dieser Platz, wo ich einen Menschen getötet habe, die Erschütterung in mir hervorbringen mußte, deren Veranlassung Sie erfahren wollten; denn ich weiß nicht gewiß, ob nicht hier zu meinen Füßen Herr von Villefort in dem Grabe liegt, das er für sein Kind gegraben hatte.

 

Es ist in der Tat alles möglich, sagte Monte Christo, von der Bank aufstehend, auf der er gesessen hatte, sogar, fügte er ganz leise hinzu, sogar, daß der Staatsanwalt nicht gestorben ist. Der Abbé Busoni hat wohl daran getan, Sie mir zuzuschicken. Sie haben ebenfalls wohl daran getan, mir Ihre Geschichte zu erzählen, denn ich werde nichts Schlimmes mehr von Ihnen denken. Doch was den verruchten Benedetto betrifft, haben Sie nie seine Spur aufzufinden gesucht, haben Sie nie zu erfahren gesucht, was aus ihm geworden ist?

 

Nie. Hätte ich gewußt, wo er wäre, so würde ich, statt zu ihm zu gehen, vor ihm geflohen sein, wie vor einem Ungeheuer. Nein, glücklicherweise habe ich nie irgend einen Menschen der Welt von ihm sprechen hören, und ich hoffe, er ist tot.

 

Hoffen Sie das nicht, Bertuccio; die Schlechten sterben nicht so leicht, denn Gott scheint sie unter seine Obhut zu nehmen, um Werkzeuge seiner Rache aus ihnen zu machen.

 

Es mag sein, versetzte Bertuccio. Ich bitte den Himmel nur, ihn nie mehr sehen zu dürfen. Und nun wissen Sie alles, Herr Graf, fügte der Intendant, sein Haupt neigend, hinzu, Sie sind mein Richter hienieden, wie dies Gott dort oben sein mag … Werden Sie mir nun nicht einige Worte des Trostes sagen?

 

Sie haben recht, ich kann Ihnen sagen, was der Abbé Busoni sagen würde: Der, welcher Sie mißhandelt hatte, Villefort, verdient eine Strafe für das, was er Ihnen getan, und vielleicht noch für etwas anderes. Benedetto aber wird, falls er lebt, zu einer göttlichen Rache dienen. Sie aber haben sich in Wahrheit nur einen Vorwurf zu machen: Fragen Sie sich, warum Sie das Kind, nachdem Sie es dem Tode entrissen, nicht seiner Mutter zurückgegeben haben! Hierin liegt Ihr Verbrechen, Bertuccio.

 

Ja, Herr Graf, das ist mein Verbrechen, denn ich bin hierbei feig gewesen; hatte ich das Kind einmal ins Leben zurückgerufen, so blieb nur eins zu tun: ich mußte es, wie Sie sagen, seiner Mutter zurückschicken. Aber zu diesem Behufe hätte ich auch Nachforschungen anstellen, die Aufmerksamkeit auf mich ziehen, mich vielleicht preisgeben müssen. Ich wollte aber nicht sterben, ich hing meiner Schwägerin wegen am Leben, vielleicht auch nur aus Liebe zu eben diesem Leben. Oh, ich bin kein Tapferer, wie mein armer Bruder!

 

Bertuccio verbarg sein Gesicht in seinen beiden Händen, und Monte Christo heftete einen langen, unbeschreiblichen Blick auf ihn.

 

Dann nach einem kurzen Stillschweigen, das durch die Stunde und den Ort noch feierlicher wurde, sagte der Graf mit einem bei ihm ungewöhnlichen Tone der Schwermut:

 

Herr Bertuccio, erinnern Sie sich stets folgender Worte, ich habe sie oft vom Abbé Busoni aussprechen hören: Für jedes Übel gibt es zwei Mittel, die Zeit und das Stillschweigen. Lassen Sie mich nur eine Minute im Garten spazierengehen. Was für Sie, die handelnde Person, bei dieser furchtbaren Szene eine schmerzhafte Erschütterung hervorbringen muß, wird für mich eine beinahe sanfte Empfindung sein und diesem Gute einen doppelten Wert verleihen. Die Bäume gefallen mir, weil sie Schatten geben, und der Schatten gefällt mir, weil er voll von Träumen und Gesichten ist. Sehen Sie, ich habe einen Garten gekauft und glaubte nur einen von Mauern eingeschlossenen Raum zu kaufen; es findet sich aber, daß dieser Raum von Schreckbildern bevölkert ist, die gar nicht im Vertrage aufgeführt sind. Jedoch ich liebe diese Geister; meines Wissens haben die Toten in sechstausend Jahren nicht so viel Böses getan, wie die Lebenden an einem einzigen Tage. Kehren Sie also zurück und schlafen Sie in Frieden! Ist Ihr letzter Beichtiger minder nachsichtig, als es der Abbé Busoni war, so lassen Sie mich kommen, wenn ich noch auf der Welt bin, und ich werde Worte finden, die Ihre Seele in jeder Minute sanft einwiegen lassen, wo sie bereit ist, sich auf die große Reise zu machen, die man die Ewigkeit nennt.

 

Bertuccio verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Grafen und entfernte sich nach einem tiefen Seufzer. Nach einem Gange durch den Garten kehrte der Graf zu seinem Wagen zurück. Bertuccio stieg, ohne ein Wort zu sagen, auf den Bock neben den Kutscher. Der Wagen schlug wieder den Weg nach Paris ein.

 

Noch an demselben Abend, unmittelbar nach seiner Ankunft in dem Hause der Champs-Elysées, besichtigte Monte Christo die ganze Wohnung, wie es nur ein seit langen Jahren damit vertrauter Mensch hätte tun können. Nicht ein einziges Mal öffnete er, obgleich er allein ging, eine Tür statt einer andern, wählte er eine Treppe oder eine Flur, die ihn nicht dahin führte, wohin er gehen wollte. Ali begleitete ihn bei dieser nächtlichen Schau. Der Graf gab Bertuccio mehrere Befehle für die Verschönerung und Einteilung der Zimmer; dann zog er seine Uhr und sagte zu dem aufmerksamen Nubier: Es ist halb zwölf Uhr. Haydee muß bald kommen. Hat man die französischen Frauen davon in Kenntnis gesetzt?

 

Ali streckte die Hand nach der für die schöne Griechin bestimmten Wohnung aus, die so abgesondert und durch eine Tapetentür verborgen war, daß man das ganze Haus besichtigen konnte, ohne zu vermuten, daß es hier noch einen Salon und zwei bewohnte Zimmer gab. Ali streckte also die Hand nach dieser Wohnung aus, deutete die Zahl drei mit den Fingern seiner linken Hand an, legte dann den Kopf auf die wieder flach gemachte Hand und schloß die Augen, als schliefe er.

 

Oh! sagte Monte Christo, der an diese Sprache gewöhnt war, es sind ihrer drei, und sie warten im Schlafzimmer, nicht wahr?

 

Ali bejahte, indem er mit dem Kopfe nickte.

 

Madame wird heute abend müde sein und ohne Zweifel schlafen wollen; veranlasse sie nicht zum Sprechen; die französischen Kammerfrauen sollen ihre neue Gebieterin nur begrüßen und sich dann zurückziehen. Du wachst darüber, daß die griechische Kammerfrau nicht mit den französischen Frauen verkehrt.

 

Ali verbeugte sich.

 

Bald hörte man den Hausmeister anrufen; das Gitter öffnete sich, ein Wagen hielt vor der Freitreppe. Der Graf ging hinab; der Kutschenschlag war bereits offen; er reichte seine Hand einer Frau, die in einen großen, seidenen, ganz mit Gold gestickten, von ihrem Haupte herabfallenden Schleier gehüllt war. Die junge Frau nahm die ihr dargebotene Hand, küßte sie mit ehrfurchtsvoller Liebe und ließ ein paar zärtliche Worte laut werden, auf die der Graf mit sanftem Ernste antwortete. Dann wurde die junge Frau, eine junge Griechin, in ihre Gemächer begleitet.

 

Der unbegrenzte Kredit.

 

Der unbegrenzte Kredit.

 

Am andern Tage, gegen zwei Uhr nachmittags, hielt eine mit zwei prächtigen Pferden bespannte Kalesche vor der Tür des Grafen. Ein Mann von etwa fünfzig Jahren in blauem Frack und weißer Weste mit ungeheurer goldener Uhrkette streckte seinen Kopf aus dem Coupé, auf dessen Füllung eine Baronenkrone gemalt war, und schickte seinen Diener zum Hausmeister, um zu fragen, ob der Graf von Monte Christo zu Hause sei.

 

Inzwischen betrachtete er mit großer Aufmerksamkeit das Äußere des Hauses und die Livree einiger Bedienten, die hin und her gingen. Sein Auge war lebhaft, aber mehr verschmitzt als geistreich; seine Lippen waren so dünn, daß sie, statt gegen außen vorzuspringen, in den Mund zurücktraten; die breiten und hervorragenden Backenknochen, die niedergedrückte Stirn, die Ausbuchtung des Hinterhauptes, die übermäßige Ohrmuschel trugen dazu bei, für jeden Physiognomiker dem Gesichte dieser Person einen fast abstoßenden Charakter zu verleihen.

 

Der Diener klopfte an das Fenster des Hausmeisters und fragte: Wohnt hier nicht der Graf von Monte Christo?

 

Seine Exzellenz wohnt hier, antwortete der Hausmeister; aber … Er befragte Ali mit einem Blicke. Ali machte ein verneinendes Zeichen.

 

Aber Seine Exzellenz ist nicht zu sprechen, sagte der Hausmeister.

 

Dann nehmen Sie diese Karte des Herrn Baron von Danglars und geben sie dem Herrn Grafen. Sagen Sie ihm, daß mein Herr, der jetzt zur Kammer fährt, einen Umweg macht, um sich die Ehre zu geben, ihm einen Besuch abzustatten.

 

Der Diener kehrte zum Wagen zurück und meldete, was man ihm gesagt.

 

Oh! oh! rief Danglars, dieser Herr ist also so vornehm, das; man ihn Exzellenz nennt, und daß nur sein Kammerdiener mit ihm sprechen darf; gleichviel, da er einen Kredit auf mich hat, muß ich ihn besuchen, für den Fall, daß er Geld zu erheben wünscht.

 

Und er warf sich in seinen Wagen zurück und rief dem Kutscher so laut zu, daß man es auf der andern Seite der Straße hören konnte: In die Deputiertenkammer!

 

Durch eine Jalousie hatte Monte Christo den Baron gesehen und ihn mit derselben Aufmerksamkeit gemustert, mit der Danglars das Haus, den Garten und die Livreen besichtigt hatte.

 

Dieser Mensch, sagte er, ist offenbar ein häßliches Geschöpf; erkennt man nicht sofort, wenn man ihn sieht, die Schlange an der platten Stirn, den Geier an dem gewölbten Schädel und den Habicht an dem scharfen Schnabel?

 

In demselben Augenblick trat der Intendant ein. Monte Christo wandte sich an ihn und sagte: Haben Sie die Pferde gesehen, die soeben vor meiner Tür hielten?

 

Allerdings, Exzellenz, sie sind sehr schön.

 

Wie kommt es, fragte Monte Christo, die Stirn faltend, daß es, wenn ich die zwei schönsten Pferde von Paris verlange, hier noch zwei andere Pferde gibt, die so schön sind, wie die meinigen, und daß diese Pferde nicht in meinem Stalle stehen?

 

Herr Graf, sagte Bertuccio, die Pferde, von denen Sie sprechen, waren nicht käuflich.

 

Monte Christo zuckte die Achseln und erwiderte: Lassen Sie sich sagen, mein Herr Intendant, daß stets alles für den käuflich ist, der den Preis zu machen weiß.

 

Herr Danglars hat 16 000 Franken dafür bezahlt.

 

Dann hätte man ihm 32 000 bieten müssen; er ist Bankier, und ein Bankier versäumt nie eine Gelegenheit, sein Kapital zu verdoppeln.

 

Spricht der Herr Graf im Ernste? fragte Bertuccio.

 

Monte Christo schaute den Intendanten wie ein Mensch an, der darüber erstaunt, daß man eine solche Frage an ihn zu richten wagt, und sagte sodann: Ich habe heute abend einen Besuch zu erwidern, die zwei Pferde müssen dann mit neuem Geschirr an meinen Wagen gespannt sein.

 

Bertuccio verbeugte sich, um wegzugehen; an der Tür blieb er noch einmal stehen und fragte: Um wieviel Uhr gedenkt Exzellenz den Besuch zu machen? – Um fünf Uhr.

 

Ich erlaube mir, Eure Exzellenz zu bemerken, daß es zwei Uhr ist, sagte der Intendant.

 

Ich weiß es, erwiderte Monte Christo mit trockenem Tone; dann fügte er, zu Ali gewendet, hinzu: Laß alle Pferde an Madame vorüberfahren, damit sie sich das Gespann auswählen kann, das ihr am meisten gefällt; will sie mit mir zu Mittag speisen, so mag sie es mir sagen lassen, man serviert dann bei ihr; geh und schicke mir den Kammerdiener.

 

Ali war kaum verschwunden, als der Kammerdiener ebenfalls eintrat.

 

Herr Baptistin, sagte der Graf, Sie sind seit einem Jahre in meinem Dienst; das ist die Probezeit, die ich gewöhnlich meinen Leuten auferlege. Sie sagen mir zu.

 

Baptistin verbeugte sich.

 

Nun fragt es sich nur noch, ob ich Ihnen zusage.

 

Oh! Herr Graf! rief Baptistin.

 

Hören Sie mich zu Ende! Sie erhalten im Jahr fünfzehnhundert Franken, Sie haben eine Tafel, wie sie sich viele wünschen würden. Ein Diener, haben Sie selbst wieder Diener, die für Ihr Weißzeug und Ihre andern Bedürfnisse sorgen. Außer den fünfzehnhundert Franken Gehalt stehlen Sie mir bei den Ankäufen, die Sie für meine Toilette zu machen haben, noch ungefähr weitere fünfzehnhundert Franken jährlich.

 

Oh! Herr Graf.

 

Ich beklage mich nicht, Herr Baptistin, denn ich finde dies nicht übermäßig; doch wünsche ich, daß es hierbei bleiben möge. Sie werden also nirgends einen Posten dem ähnlich finden, den Sie Ihr Glück finden ließ. Ich schlage meine Leute nie, ich fluche nie, ich gerate nie in Zorn, ich vergebe stets einen Irrtum, doch nie eine Nachlässigkeit oder Vergeßlichkeit. Meine Befehle sind gewöhnlich kurz, aber klar und genau; ich will sie lieber zwei- oder dreimal wiederholen, als falsch ausgelegt zu sehen. Ich bin reich genug, um alles zu erfahren, was ich erfahren will, und ich bin sehr neugierig, das sage ich Ihnen zum voraus. Erfahre ich nun, Sie hätten im Guten oder im Schlechten von mir gesprochen, meine Handlungen beurteilt, mein Tun überwacht, so würden Sie auf der Stelle mein Haus verlassen. Ich warne meine Diener nur ein einziges Mal, Sie sind gewarnt, gehen Sie! Baptistin verbeugte sich und machte ein paar Schritte, um sich zu entfernen.

 

Doch halt, sagte der Graf, ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß ich jedes Jahr eine gewisse Summe auf den Kopf meiner Leute anlege. Die, welche ich wegschicke, verlieren natürlich dieses Geld, das den Bleibenden zu gut kommt, die nach meinem Tode ein Recht darauf haben. Sie sind ein Jahr bei mir; die Ansammlung Ihres Vermögens hat begonnen, sorgen Sie dafür, daß es zunimmt.

 

Diese in Gegenwart von Ali, der kein Wort Französisch verstand, gehaltene Rede brachte auf Baptistin eine große Wirkung hervor.

 

Es soll mein Bestreben sein, mich in allen Punkten mit den Wünschen Eurer Exzellenz in Einklang zu setzen, sagte er; überdies werde ich mir Herrn Ali zum Vorbild nehmen. Oh! keineswegs, sagte der Graf eiskalt. Bei Ali sind viele Fehler mit guten Eigenschaften vermischt. Nehmen Sie sich kein Beispiel an ihm, denn Ali ist eine Ausnahme; er hat keinen Lohn, er ist kein Diener; er ist mein Sklave, mein Hund; verfehlt er sich gegen seine Pflicht, so jage ich ihn nicht fort, sondern töte ihn.

 

Baptistin riß die Augen weit auf.

 

Sie zweifeln? sagte Monte Christo.

 

Und er wiederholte arabisch die Worte, die er französisch zu Baptistin gesprochen hatte.

 

Ali hörte, lächelte, näherte sich seinem Herrn, setzte ein Knie auf die Erde und küßte ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Diese kleine Zugabe zu der Lektion seines Gebieters machte das Maß des Erstaunens bei Baptistin voll. Der Graf hieß ihn nun durch ein Zeichen weggehen und Ali ihm folgen. Beide begaben sich in sein Kabinett, wo eine lange Unterredung stattfand.

 

Um fünf Uhr schlug der Graf dreimal auf sein Glöckchen. Ein Schlag rief Ali, zwei riefen Baptistin, drei Bertuccio.

 

Meine Pferde! sagte Monte Christo.

 

Sie sind angespannt, Exzellenz, erwiderte Bertuccio. Habe ich den Herrn Grafen zu begleiten?

 

Nein, der Kutscher, Ali und Baptistin, sonst niemand.

 

Der Graf ging hinab und erblickte an seinem Wagen die Pferde, die er wenige Stunden zuvor an Danglars‘ Wagen bewundert hatte.

 

Diese Tiere sind in der Tat schön, sagte er, und Sie haben wohl daran getan, sie zu kaufen, nur war es ein wenig spät.

 

Exzellenz, entgegnete Bertuccio, es hat mir viele Mühe gemacht, sie zu erhalten, und der Preis ist sehr hoch.

 

Kommen Ihnen die Pferde darum minder schön vor? fragte der Graf, die Achseln zuckend.

 

Dieses Gespräch fand oben auf der Freitreppe statt. Bertuccio tat einen Schritt, um die erste Stufe hinabzusteigen. Sacht, mein Herr, rief Monte Christo, ihn zurückhaltend. Ich bedarf eines Gutes an der Seeküste, sagen wir, in der Normandie, zwischen Havre und Boulogne. Ich gebe Ihnen Raum, wie Sie sehen. Bei diesem Ankauf müssen Sie auf einen kleinen Hafen, eine kleine Bucht bedacht sein, wo meine Korvette einlaufen und sich halten kann; ihr Tiefgang beträgt nur fünfzehn Fuß. Das Schiff muß stets bereit sein, in See zu gehen, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es mir beliebt. Sie erkundigen sich bei allen Notaren nach einem Gute, das den von mir angegebenen Bedingungen entspricht. Haben Sie ein solches in Erfahrung gebracht, so besichtigen Sie es, und wenn Sie damit zufrieden sind, kaufen Sie es in meinem Namen. Die Korvette ist auf dem Wege nach Fécamp, nicht wahr?

 

An demselben Abend, an dem wir Marseille verließen, sah ich sie in See gehen.

 

Und die Jacht?

 

Die Jacht hat Befehl, in Martigues zu bleiben.

 

Gut! Sie korrespondieren von Zeit zu Zeit mit den Patronen, welche die Schiffe befehligen, damit sie nicht einschlafen. Und dazu noch eins: Für das Dampfboot, das in Chalons ist, geben Sie dieselben Befehle wie für die Segelschiffe.

 

Sehr wohl.

 

Sobald das Gut gekauft ist, muß ich auf der Straße nach dem Norden und auf der nach dem Süden frische Pferde haben von zehn zu zehn Stunden.

 

Eure Exzellenz kann auf mich bauen.

 

Der Graf machte ein Zeichen der Zufriedenheit, stieg die Stufen hinab und sprang in seinen Wagen, der, von dem herrlichen Gespann im Trabe gezogen, erst vor dem Hotel des Bankiers anhielt.

 

Danglars führte eben den Vorsitz bei einer für Eisenbahn-Angelegenheiten ernannten Kommission, als man ihm den Besuch des Grafen von Monte Christo meldete. Die Sitzung war übrigens fast zu Ende. Bei dem Namen des Grafen stand er auf und sagte zu seinen Kollegen, von denen mehrere Kammermitglieder waren:

 

Meine Herren, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verlasse, aber denken Sie sich, daß das Haus Thomson und French in Rom einen gewissen Grafen von Monte Christo an mich weist und ihm zugleich einen unbegrenzten Kredit bei mir eröffnet. Es ist der possierlichste Scherz, den sich je meine Korrespondenten im Ausland gegen mich erlaubt haben. Sie werden begreifen, die Neugierde hat mich gepackt und hält mich noch fest; ich bin auch heute früh bei dem angeblichen Grafen vorgefahren. Wäre er ein wirklicher Graf, so könnte er, wie Sie einsehen werden, nicht so reich sein. Der Herr war nicht sichtbar. Sind die Manieren, die sich der Herr von Monte Christo erlaubt, Ihrer Ansicht nach nicht die einer Hoheit oder einer hübschen Frau? Das Haus auf den Champs-Elysées ist übrigens, wie ich erfahren habe, sein Eigentum und gar nicht zu verachten. Ich halte mich für mystifiziert. Aber sie wissen dort nicht, mit wem sie es zu tun haben; wer zuletzt lacht, lacht am besten.

 

Nachdem er diese Worte von sich gegeben hatte, die er mit einem seine Nasenlöcher schwellenden Nachdruck sprach, verließ der Herr Baron seine Gäste und ging in einen weiß und goldenen Salon, der in der Chaussée d’Antin in hohem Ansehn stand. Er hatte Befehl gegeben, den Grafen hier einzuführen, um ihn mit dem ersten Schlage zu blenden.

 

Monte Christo betrachtete ein paar Kopien von Albano und Fattore, die man bei dem Bankier für Originale ausgegeben hatte, aber bei dem Geräusch, das Danglars machte, wandte er sich um. Danglars grüßte leicht mit dem Kopfe und bedeutete dem Grafen durch ein Zeichen, er möge sich auf einen mit weißem, goldgesticktem Atlas überzogenen Polsterstuhl von vergoldetem Holze setzen.

 

Ich habe die Ehre, mit Herrn von Monte Christo zu sprechen?

 

Und ich, antwortete der Graf, mit dem Herrn Baron von Danglars, Ritter der Ehrenlegion, Mitglied der Kammer der Abgeordneten?

 

Monte Christo wiederholte alle Titel, die er auf der Karte des Barons gefunden hatte. Danglars fühlte den Stich, biß sich in die Lippen und antwortete:

 

Entschuldigen Sie mich, daß ich Ihnen nicht sogleich den Titel gegeben habe, unter dem Sie sich ankündigten; aber Sie wissen, wir leben unter einer volkstümlichen Regierung, und ich bin ein Vertreter der Rechte des Volkes.

 

So sehr, daß Sie zwar die Gewohnheit, sich selbst Baron nennen zu lassen, beibehielten, die, andere Graf zu nennen, aber vergessen haben!

 

Ah! ich halte auch für meine Person nichts darauf, mein Herr, entgegnete Danglars gleichgültig, man hat mich wegen einiger Dienste, die ich geleistet, zum Baron ernannt und zum Ritter der Ehrenlegion gemacht; daher …

 

Doch Sie entsagten Ihren Titeln und gaben ein schönes Beispiel!

 

Nicht ganz; Sie begreifen, für die Bedienten …

 

Ja, ja, für Ihre Leute heißen Sie gnädiger Herr, für die Journalisten Herr und für Ihre Wähler Bürger. Das sind unter einer konstitutionellen Regierung höchst praktische Abstufungen, wie ich vollkommen begreife.

 

Danglars kniff sich abermals die Lippen; er sah, daß er auf diesem Gebiete Monte Christo nicht gewachsen war, und suchte auf ein anderes überzugehen, mit dem er besser vertraut war.

 

Herr Graf, sagte er sich verbeugend, ich habe eine Mitteilung von dem Hause Thomson und French erhalten.

 

Ich bin darüber entzückt, Herr Baron, ich werde nicht nötig haben, mich selbst vorzustellen, was immer ein wenig peinlich ist. Sie haben also bereits eine Mitteilung empfangen? Ja, aber ich gestehe, daß ich den Sinn derselben nicht vollkommen begriff. – Bah!

 

Dieser Brief, ich habe ihn, glaube ich, bei mir. Ja, hier ist er. Dieser Brief eröffnet dem Herrn Grafen einen unbegrenzten Kredit auf mein Haus.

 

Nun, Herr Baron, was finden Sie hierin Dunkles?

 

Nichts, außer dem Worte unbegrenzt.

 

Wie, ist der Ausdruck nicht gut? Sie begreifen, der Brief ist von Engländern geschrieben.

 

Ah! ganz gewiß, hinsichtlich der Grammatik ist nichts dagegen einzuwenden, anders steht es geschäftlich.

 

Scheint Ihnen das Haus Thomson und French nicht vollkommen sicher, Herr Baron? sagte Monte Christo mit der naivsten Miene der Welt. Teufel! das wäre mir ärgerlich, denn ich habe einige Fonds dort angelegt.

 

Vollkommen sicher, erwiderte Danglars mit beinahe spöttischem Lächeln; aber der Sinn des Wortes unbegrenzt ist bei finanziellen Dingen so unbestimmt …

 

Daß er unbegrenzt ist, nicht wahr?

 

Das ist es gerade, was ich sagen wollte; das Unbestimmte aber ist der Zweifel, und im Zweifel enthalte dich, spricht der Weise.

 

Und das bedeutet, daß, wenn das Haus Thomson und French geneigt ist, Tollheiten zu begehen, das Haus Danglars keine Lust hat, dem Beispiel zu folgen.

 

Wieso, Herr Graf?

 

Ja gewiß, die Herren Thomson und French machen Geschäfte ohne bestimmte Zahlen, aber Herr Danglars hat eine Grenze bei den seinigen; er ist ein weiser Mann, wie er soeben bemerkte.

 

Mein Herr, sagte der Bankier stolz, es hat noch niemand an meiner Kasse etwas auszusetzen gefunden.

 

Dann werde ich anfangen, wie es scheint, erwiderte Monte Christo.

 

Wer sagt Ihnen das?

 

Die Erläuterungen, die Sie von mir verlangen, denn sie sind Zögerungen sehr ähnlich.

 

Danglars biß sich in die Lippen; zum zweiten Male wurde er von diesem Manne geschlagen, und zwar diesmal auf dem Gebiete, das er als sein eigenstes bezeichnete. Seine spöttische Höflichkeit war nur geheuchelt und berührte jenes Extrem, das der Unverschämtheit so nahe steht. Monte Christo dagegen lächelte aufs anmutigste und besaß, wenn er wollte, ein gewisses naives Wesen, das ihm sehr zum Vorteile gereichte.

 

Mein Herr, sagte Danglars nach kurzem Stillschweigen, ich will versuchen, mich dadurch verständlich zu machen, daß ich Sie bitte, selbst die Summe zu bestimmen, die Sie von mir zu erheben gedenken.

 

Mein Herr, antwortete Monte Christo, entschlossen, keinen Zoll breit bei dieser Verhandlung zurückzuweichen, wenn ich einen unbegrenzten Kredit auf Sie verlangt habe, so geschah dies, weil ich den Betrag der Summen, deren ich vielleicht bedarf, nicht kannte.

 

Der Bankier glaubte, der Augenblick sei gekommen, den Meister zu zeigen, er warf sich in seinen Polsterstuhl zurück und sagte mit stolzem, plumpem Lächeln: Oh! mein Herr, scheuen Sie sich nicht, Ihren Wunsch auszudrücken, Sie werden sich überzeugen, daß die Kasse des Hauses Danglars, so beschränkt sie auch ist, doch den ausgedehntesten Forderungen zu entsprechen vermag, und sollten Sie auch eine Million verlangen …

 

Wie beliebt?

 

Ich sage eine Million, wiederholte Danglars mit dem Nachdruck der Gemeinheit.

 

 

Und was soll ich mit einer Million tun? entgegnete der Graf. Guter Gott! wenn ich nur eine Million gebraucht hätte, … einer solchen Erbärmlichkeit wegen würde ich mir nicht haben einen Kredit auf Sie eröffnen lassen! Eine Million habe ich stets in meiner Brieftasche. Hierbei zog Monte Christo aus einem kleinen Täschchen, das auch seine Visitenkarten enthielt, zwei Anweisungen auf die Staatsbank, je über 500 000 Franken.

 

Einen Menschen wie Danglars mußte man mit einem Keulenschlage niederstrecken, leichte Stiche taten ihm nichts. Der Bankier wankte betäubt und schaute Monte Christo mit verdutzten Augen an, deren Stern sich furchtbar erweiterte. Gestehen Sie mir, daß Sie dem Hause Thomson und French mißtrauen? sagte Monte Christo. Mein Gott, das ist ganz einfach, ich habe diesen Fall vorgesehen. Hier sind noch zwei Briefe, dem ähnlich, den Sie erhalten haben, der eine ist von Arnstein in Wien an den Herrn Baron Rothschild, der andere von Baring in London an Herrn Laffitte. Sagen Sie ein Wort, und ich überhebe Sie jeder Unruhe, indem ich mich an eins von den beiden Häusern wende.

 

Das wirkte, Danglars war besiegt. Er öffnete sichtbar zitternd die beiden Briefe von Wien und London, die ihm der Graf mit den Fingerspitzen reichte, und untersuchte die Echtheit der Unterschriften mit einer ängstlichen Aufmerksamkeit, die für Monte Christo beleidigend gewesen wäre, wenn er sie nicht der Verwirrung des Bankiers zu gut gehalten hätte.

 

Oh! mein Herr, diese drei Unterschriften sind Millionen wert, sagte Danglars, indem er sich erhob, als wollte er in dem Manne, der vor ihm stand, die personifizierte Macht des Geldes begrüßen. Drei unbegrenzte Kredite auf unsere größten Häuser! Verzeihen Sie, Herr Graf, aber wenn man auch aufhört, mißtrauisch zu sein, so kann man doch noch erstaunt bleiben.

 

Oh! ein Haus wie das Ihrige dürfte wohl nicht staunen, erwiderte Monte Christo mit aller ihm zu Gebote stehenden Höflichkeit. Sie können mir also einiges Geld schicken?

 

Befehlen Sie, Herr Graf, ich bin zu Ihren Diensten.

 

Nun, da wir uns verstehen … nicht wahr, wir verstehen uns?

 

Danglars machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe.

 

Und Sie haben kein Mißtrauen mehr? fuhr Monte Christo fort.

 

Oh! Herr Graf, rief der Bankier, ich hatte es nie.

 

Nun also, da wir uns verstehen, wollen wir eine runde Summe für das erste Jahr feststellen, sechs Millionen etwa.

 

Sechs Millionen, gut! versetzte der Bankier ganz betäubt.

 

Brauche ich mehr, fuhr Monte Christo gleichgültig fort, so setzen wir mehr. Doch ich gedenke nur ein Jahr in Frankreich zu bleiben, und während dieses Jahres überschreite ich diese Summe wohl nicht … übrigens werden wir sehen … Schicken Sie mir morgen zunächst 500 000 Franken, ich werde bis zur Mittagsstunde zu Hause sein; und wäre dies auch nicht der Fall, so fände sich ein Empfangsschein bei meinem Intendanten.

 

Das Geld wird morgen vormittag um zehn Uhr bei Ihnen sein, Herr Graf, erwiderte Danglars.

 

Der Graf stand auf.

 

Ich muß Ihnen gestehen, Herr Graf, sagte Danglars, ich glaubte von allen großen Vermögen in Europa Kenntnis zu haben, aber das Ihre, das doch beträchtlich zu sein scheint, war mir völlig unbekannt; ist es neu?

 

Nein, mein Herr, es ist von sehr altem Datum; es war eine Art Familienschatz, den man nicht berühren durfte, der Zuschlag der Zinsen hat das Kapital verdreifacht. Die vom Erblasser festgesetzte Frist ist erst vor ein paar Jahr en abgelaufen, und erst seitdem bin ich im Genuß; somit ist es ganz natürlich, daß Ihnen von diesem Kapital nichts bekannt ist. Übrigens werden Sie den Stand der Dinge in einiger Zeit genauer kennen lernen.

 

Der Graf begleitete diese Worte mit jenem bleichen Lächeln, das Franz d’Epinay so bange gemacht hatte.

 

Mit Ihrem Geschmack und Ihrer Gesinnung, mein Herr Graf, fuhr Danglars fort, werden Sie in der Hauptstadt einen Luxus entwickeln, der uns arme kleine Millionäre insgesamt in den Staub treten muß. Doch dürfte ich um die Ehre bitten, Sie der Frau Baronin von Danglars vorstellen zu dürfen? Entschuldigen Sie meinen Eifer, Herr Graf, doch ein Kunde, wie Sie, gehört beinahe zur Familie.

 

Monte Christo verbeugte sich. Danglars läutete, und es erschien ein Lakai in auffallender Livree, den sein Herr fragte: Ist die Frau Baronin zu Hause?

 

Ja, Herr Baron. Die Frau Baronin hat Gesellschaft. Und wer ist bei der Frau Baronin? Herr Debray? fragte Danglars mit einer Gelassenheit, die Monte Christo, der bereits von den durchsichtigen Geheimnissen im Hause des Finanzmannes unterrichtet war, innerlich lächeln ließ.

 

Ja, Herr Baron, Herr Debray, antwortete der Lakai.

 

Danglars machte ein Zeichen mit dem Kopfe. Dann, sich gegen Monte Christo wendend, sagte er: Herr Lucien Debray, ein alter Freund von uns, ist geheimer Sekretär beim Minister des Innern. Was meine Frau betrifft, so muß ich Ihnen bemerken, daß sie einer sehr alten Familie angehört; sie ist ein Fräulein von Servières, Witwe aus erster Ehe mit dem Obersten Marquis von Nargonne.

 

Ich habe nicht die Ehre, die Frau Baronin von Danglars zu kennen; aber Herrn Lucien Debray traf ich unmittelbar nach meiner Ankunft bei Herrn von Morcerf.

 

Ah! Sie kennen den kleinen Vicomte.

 

Wir waren miteinander zur Zeit des Karnevals in Rom.

 

Ah! ja; habe ich nicht so etwas wie von einem sonderbaren Abenteuer mit Banditen sprechen hören, deren Händen er auf eine wunderbare Weise entrissen wurde? Ich glaube, er hat meiner Frau und meiner Tochter bei seiner Rückkehr aus Italien dergleichen erzählt.

 

Die Frau Baronin erwartet die Herren, meldete der Lakai.

 

Die Apfelschimmel.

 

Die Apfelschimmel.

 

Dem Grafen voran durchschritt der Baron eine Reihe von Zimmern, die durch ihre schwerfällige Pracht und den darin herrschenden übermäßig schlechten Geschmack auffielen, und gelangte in das Boudoir der Frau Danglars, ein kleines achteckiges Gemach, mit einem von indischem Musselin überzogenen Atlas tapeziert. Die Polsterstühle waren von altem vergoldetem Holz und hatten alten Überzug; über den Türen hingen Gemälde, Schäferszenen nach Boucher darstellend; zwei mit der übrigen Ausstattung im Einklang stehende hübsche Pastelle in Medaillenform machten endlich aus diesem Zimmer das einzige einigermaßen stilvolle des ganzen Hauses, was nur die Folge davon war, daß sich die Baronin mit Lucien Debray allein die Ausschmückung vorbehalten hatte.

 

Frau Danglars, die trotz ihrer sechsunddreißig Jahre noch schön genannt werden konnte, saß an ihrem Klavier, einem Meisterwerke von eingelegter Arbeit, während Lucien, an einem Tische sitzend, in einem Album blätterte.

 

Lucien hatte schon vor der Erscheinung des Grafen Zeit gehabt, der Baronin allerlei Dinge in Beziehung auf dessen Person zu erzählen. Man weiß, welchen Eindruck Monte Christo während des Frühstücks bei Albert auf dessen Gäste hervorbrachte; dieser Eindruck, so wenig empfänglich im ganzen Debray war, hatte sich bei ihm noch nicht verwischt, und die Mitteilungen, die er der Baronin über den Grafen machte, waren ganz davon erfüllt. Durch die früheren Erzählungen Morcerfs und durch die neuen Berichte Debrays angeregt, hatte die Neugierde der Baronin den höchsten Grad erreicht. Sie empfing Herrn Danglars mit einem Lächeln, wie es ihm gewöhnlich nicht zuteil wurde, während sie dem Grafen auf seinen Gruß eine zeremoniöse, aber zugleich freundliche Verneigung gewährte.

 

Lucien wechselte mit dem Grafen einen halbvertrauten Gruß und nickte Danglars zu.

 

Frau Baronin, sagte Danglars, erlauben Sie mir, Ihnen den Herrn Grafen von Monte Christo vorzustellen, den mein Korrespondent in Rom mit den dringendsten Empfehlungen an mich gewiesen hat. Ich habe nur ein Wort zu sagen, das ihn im Augenblick zum Liebling aller unserer schönen Damen machen wird; er kommt nach Paris, um ein Jahr hier zu bleiben und während dieses Jahres sechs Millionen auszugeben. Dies verspricht eine Reihe von Bällen, Diners und Soupers, wobei der Herr Graf, wie ich hoffe, uns ebensowenig vergessen wird, wie wir ihn bei unseren kleinen Festen!

 

Trotz der plumpen Art dieser Vorstellung ist doch ein Mensch, der nach Paris kommt, um in einem Jahre ein fürstliches Vermögen zu verbrauchen, etwas so Seltenes, daß Frau Danglars auf Monte Christo einen recht neugierigen Blick warf.

 

Wann sind Sie angelangt, mein Herr? fragte sie. – Gestern früh.

 

Und Sie kommen Ihrer Gewohnheit gemäß, wie man mir gesagt hat, vom Ende der Welt?

 

Diesmal nur von Cadix.

 

Oh! Sie erscheinen in einer abscheulichen Jahreszeit; Paris ist im Sommer fürchterlich; es gibt keine Bälle, keine Gesellschaften, keine Feste. Die italienische Oper ist in London, die französische Oper überall, nur nicht in Paris; und was das Théâtre-Français betrifft, so wissen Sie, daß es nirgends mehr zu finden ist. Somit bleiben uns als einzige Zerstreuung nur noch ein paar unglückliche Wettrennen auf dem Marsfelde und in Satory. Werden Sie rennen lassen, Herr Graf?

 

Ich, erwiderte Monte Christo, werde in Paris alles mitmachen, wenn ich das Glück habe, jemand zu finden, der mich recht in das Pariser Leben einführt.

 

Sie sind Liebhaber von Pferden, Herr Graf?

 

Ich habe einen Teil meines Lebens im Orient zugebracht, gnädige Frau, und die Orientalen schätzen, wie Sie wissen, nur zwei Dinge in der Welt, den Adel der Pferde und die Schönheit der Frauen.

 

Ah! Herr Graf, entgegnete die Baronin, Sie hätten, meine ich, die Frauen voransetzen können!

 

Sie sehen, Frau Baronin, daß ich recht hatte, wenn ich mir soeben einen Führer wünschte, der mir in den französischen Sitten Anleitung zu geben vermöchte.

 

In diesem Augenblick trat die Lieblingskammerfrau der Baronin Danglars ein, näherte sich ihrer Gebieterin und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Frau Danglars entgegnete erbleichend: Es ist unmöglich!

 

Nein, es ist die genaue Wahrheit, sagte die Kammerfrau.

 

Frau Danglars fragte, sich an ihren Gatten wendend: Ist es wahr, mein Herr?

 

Was, Frau Baronin? erwiderte er, sichtbar beunruhigt.

 

Man sagt mir, mein Kutscher habe, als er anspannen wollte, meine Pferde nicht mehr im Stalle gefunden. Ich frage Sie, was soll das bedeuten?

 

Frau Baronin, hören Sie mich!

 

Oh! ich höre schon, denn ich bin neugierig, zu erfahren, was Sie mir sagen werden; ich mache diese Herren zu Richtern zwischen uns und will Ihnen zunächst mitteilen, wie sich die Sache verhält. Der Baron hat zehn Pferde im Stall; unter diesen zehn Pferden gehören mir zwei, reizende Tiere, die schönsten Pferde von Paris; Sie kennen sie, Herr Debray, meine Apfelschimmel. Nun, jetzt eben, als Frau von Villefort meinen Wagen von mir entlehnt, als ich ihr ihn für morgen zu einer Spazierfahrt zusage, finden sich meine zwei Pferde nicht mehr vor. Herr Danglars hat wahrscheinlich ein paar tausend Franken dabei verdient. Wie verhaßt ist mir doch dieser gemeine Krämergeist!

 

Frau Baronin, erwiderte Danglars, die Pferde waren zu lebhaft und kaum vier Jahre alt, ich werde ähnliche, sogar schönere für Sie finden, wenn es welche gibt, aber sanfte, ruhige Pferde, die mir keine solche Angst einflößen.

 

Die Baronin zuckte die Achseln mit der Miene tiefer Verachtung.

 

Danglars schien diese mehr als deutliche Gebärde nicht zu bemerken und sagte, sich an Monte Christo wendend: In der Tat, ich bedaure, Sie nicht früher gekannt zu haben, Herr Graf; Sie richten Ihr Haus ein?

 

Ja wohl. Ich hätte Ihnen diese Tiere angetragen; denken Sie, ich habe sie um ein Nichts weggegeben; aber wie gesagt, ich wollte sie los sein, es waren zu feurige Tiere.

 

Mein Herr, sagte der Graf, ich danke Ihnen, ich habe heute morgen ziemlich gute und nicht zu teuer gekauft. Doch sehen Sie, Herr Debray! Sie sind, glaube ich, Kenner?

 

Während Debray ans Fenster trat, näherte sich Danglars seiner Frau und sagte ganz leise zu ihr: Stellen Sie sich vor, man kam und bot mir einen ungeheuren Preis für die Pferde. Ich weiß nicht, welcher Narr, der sich mit Gewalt zu Grunde richten will, heute seinen Intendanten zu mir schickte; nur so viel ist gewiß, daß ich sechzehntausend Franken bei dem Handel gewinne. Schmollen Sie nicht, und ich gebe Ihnen viertausend davon und Eugenie ebenfalls viertausend.

 

Frau Danglars ließ einen niederschmetternden Blick auf ihren Gatten fallen.

 

Wenn ich mich nicht täusche, sind Ihre Pferde, Ihre eigenen Pferde, an den Wagen des Grafen gespannt, rief Debray.

 

Meine Apfelschimmel! rief Frau Danglars und eilte ans Fenster. Danglars war ganz verblüfft.

 

Ist es möglich? rief Monte Christo, den Erstaunten spielend.

 

Es ist unglaublich, murmelte der Bankier.

 

Die Baronin sagte Debray ein paar Worte ins Ohr, und dieser näherte sich Monte Christo.

 

Die Baronin läßt Sie fragen, um welchen Preis ihr Gatte sein Gespann an Sie verkauft hat?

 

Ich weiß es nicht genau; es ist eine Überraschung, die mir mein Intendant, ich glaube um dreißigtausend Franken, bereitet hat.

 

Debray überbrachte der Baronin die Antwort.

 

Danglars erwiderte nichts, er sah eine unheilvolle Szene voraus; bereits war die Stirn der Baronin gefaltet und weissagte Sturm. Debray fühlte dies, schützte ein Geschäft vor und entfernte sich, Monte Christo, der mit Genugtuung die Lage der Dinge bemerkte, verbeugte sich vor Frau Danglars, ging ebenfalls weg und überließ den Baron dem Grimme seiner Gemahlin.

 

Gut, dachte Monte Christo, während er sich zurückzog; ich habe mein Ziel so ziemlich erreicht; ich halte den Frieden dieser Ehe in meinen Händen und kann mit einem Schlage das Herz des Mannes und das der Frau gewinnen; welches Glück! Aber ich bin Fräulein Eugenie Danglars nicht vorgestellt worden, während ich sie doch so gern hätte kennen lernen. Doch wir sind in Paris und haben Zeit vor uns. Es wird noch geschehen!

 

Zwei Stunden später erhielt Frau Danglars einen bestrickend liebenswürdigen Brief vom Grafen, worin er ihr schrieb, da er sein Erscheinen in der Pariser Welt nicht damit anfangen wolle, daß er eine hübsche Frau in Verzweiflung bringe, so bitte er sie, ihre Pferde zurückzunehmen. Als das Gespann wieder zurückgesandt wurde, trugen die Pferde das gleiche Geschirr, nur hatte der Graf in die Mitte jeder Rosette über dem Ohre einen Diamanten nähen lassen.

 

Danglars empfing auch einen Brief. Der Graf bat ihn um Erlaubnis, bei der Baronin dieser Millionärslaune entsprechen zu dürfen, und schrieb ihm zugleich, er möge die orientalische Manier entschuldigen, mit der die Zurücksendung der Pferde stattfinde.

 

Durch einen Schlag auf das Glöckchen gerufen, trat Ali am andern Morgen in das Kabinett des Grafen, der mit ihm am Abend vorher nach Auteuil gefahren war.

 

Ali, sagte Monte Christo, ich habe von deiner Geschicklichkeit im Werfen des Lassos gehört.

 

Ali machte ein bejahendes Zeichen und richtete sich stolz auf.

 

Du könntest also mit dem Lasso einen Ochsen aufhalten?

 

Ali machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen.

 

Einen Löwen?

 

Ali machte die Gebärde eines Menschen, der den Lasso schleudert, und ahmte ein ängstliches Gebrüll nach.

 

Ich begreife, sagte der Graf, du hast den Löwen gejagt. Würdest du zwei toll gewordene Pferde in ihrem Laufe aufhalten?

 

Ali lächelte.

 

Wohl, so höre! sagte Monte Christo. Sogleich wird ein Wagen, fortgerissen von zwei Apfelschimmeln, denselben, die gestern noch mein waren, hier vorüberkommen. Dun mußt diesen Wagen vor meiner Tür anhalten, und sollten die Pferde dabei zu Grunde gehen.

 

Ali ging auf die Straße hinab und zog vor der Tür eine Linie auf dem Pflaster; dann kehrte er zurück und zeigte dem Grafen, der ihm mit den Augen gefolgt war, die Linie.

 

Der Graf schlug ihm sanft auf die Schulter … dies war seine Weise, Ali zu danken; dann ging der Nubier abermals hinab und rauchte seinen Tschibuk auf einem Randsteine, der die Ecke des Hauses und der Straße bildete, während Monte Christo sich mit anderen Dingen beschäftigte.

 

Gegen fünf Uhr hörte man ein entferntes Rollen, das sich mit großer Geschwindigkeit näherte; es erschien eine Kalesche, deren Kutscher vergebens die Pferde zurückzuhalten suchte, die wütend, mit gesträubten Mähnen, in wahnsinnigen Sprüngen fortstürzten.

 

Eine junge Frau und ein Kind von sieben Jahren, die sich im Wagen eng umschlossen hielten, waren vor übergroßem Schrecken außer stande, einen Schrei auszustoßen; ein Stein unter einem Rad oder ein Anstreifen an einem Baume hätte genügt, den krachenden Wagen zu zerschmettern. Die Schreckensrufe der Vorübergehenden begleiteten das dahinsausende Gefährt.

 

 

Plötzlich legte Ali seinen Tschibuk weg, zog den Lasso aus der Tasche, schleuderte ihn, daß er dreimal die Vorderbeine des linken Pferdes umwickelte, und ließ sich ein paar Schritte durch die Heftigkeit der Bewegung fortreißen, aber dann stürzte das gefesselte Pferd nieder und lähmte die Anstrengungen des aufrecht gebliebenen, das mit aller Gewalt seinen Lauf fortzusetzen trachtete. Der Kutscher benutzte diese Frist, um von seinem Sitze herabzuspringen; doch bereits hatte Ali das zweite Pferd mit eiserner Faust an den Nüstern gepackt, und vor Schmerz wiehernd, stand das Tier regungslos.

 

Dies alles spielte sich so schnell ab, wie die Kugel zum Ziel fliegt. Doch reichte es hin, daß ein Mann aus dem Hause, vor dem der Unfall sich ereignet hatte, mit mehreren Dienern herbeieilen konnte; in dem Augenblick, wo der Kutscher den Schlag öffnete, hob er aus dem Wagen die Dame, die sich mit einer Hand an ein Kissen anklammerte, während sie mit der andern ihren ohnmächtigen Sohn an die Brust drückte. Monte Christo trug beide in den Salon und sagte, während er sie auf einen Diwan niederlegte: Seien Sie ruhig, gnädige Frau, Sie sind gerettet.

 

Die Frau kam zu sich und deutete auf ihren Sohn mit einem Blicke, beredter als alle Bitten.

 

Ja, ich begreife, sagte der Graf, das ohnmächtige Kind aufmerksam betrachtend; doch seien Sie unbesorgt, es ist ihm kein Unglück widerfahren, die bloße Angst hat den Kleinen in diesen Zustand versetzt.

 

Oh, mein Herr, rief die Mutter, sagen Sie mir das nicht, um mich zu beruhigen? Sehen Sie, wie bleich er ist! Mein Sohn! Mein Kind! Mein Eduard! Antworte doch deiner Mutter! Ach! mein Herr, lassen Sie einen Arzt rufen! Mein Vermögen dem, der mir meinen Sohn zurückgibt!

 

Monte Christo machte mit der Hand eine Gebärde, um die in Tränen zerfließende Mutter zu beruhigen, öffnete ein Kästchen, nahm daraus ein mit Gold verziertes Riechfläschchen von böhmischem Kristall, das einen blutroten Saft enthielt, und ließ einen einzigen Tropfen auf die Lippen des Kindes fallen.

 

Obgleich immer noch bleich, schlug das Kind sogleich die Augen auf. Bei diesem Anblick ward die Mutter beinahe wahnsinnig vor Freude.

 

Wo bin ich? rief sie, und wem verdanke ich so viel Glück nach einer so grausamen Prüfung?

 

Gnädige Frau, antwortete Monte Christo, Sie sind bei einem Manne, der sich äußerst glücklich fühlt, daß er Ihnen einen Kummer ersparen konnte.

 

Oh! fluchwürdige Neugierde, versetzte die Dame; ganz Paris sprach von den schönen Pferden der Frau Danglars, und ich hatte den tollen Gedanken, mit ihnen fahren zu wollen.

 

Wie? rief der Graf mit vortrefflich gespielter Verwunderung, es sind die Pferde der Baronin?

 

Ja, mein Herr, Sie kennen sie?

 

Frau Danglars? … Ich habe die Ehre, und es gewährt mir doppelte Freude, daß ich Sie der Gefahr entrissen habe, der Sie durch diese Pferde preisgegeben waren; denn Sie hätten diese Gefahr mir zuschreiben können; ich hatte die Pferde gestern dem Baron abgekauft, die Baronin schien dies jedoch sehr zu bedauern, so daß ich sie ihr mit der Bitte, sie von meiner Hand anzunehmen, zurückschickte.

 

Sie sind also der Graf von Monte Christo, von dem Hermine gestern so viel mit mir sprach?

 

Ja, gnädige Frau.

 

Und ich, mein Herr, bin Frau Heloise von Villefort.

 

Der Graf verbeugte sich wie ein Mensch, vor dem man einen Namen zum ersten Male ausspricht.

 

Oh! wie dankbar wird Herr von Villefort sein! fuhr Heloise fort, denn Sie haben ihm seine Frau und sein Kind wiedergegeben; ohne Ihren edelmütigen Diener wäre ich sicherlich mit meinem Kinde umgekommen.

 

Ach! gnädige Frau, ich zittre noch, wenn ich an die Gefahr denke, der Sie ausgesetzt waren.

 

Oh! ich hoffe, Sie werden mir erlauben, den aufopfernden Dienst dieses Menschen würdig zu belohnen.

 

Gnädige Frau, ich bitte Sie, verderben Sie mir Ali weder durch Lobeserhebungen, noch durch Belohnungen. Ali ist mein Sklave; dadurch, daß er Ihnen das Leben gerettet hat, dient er mir, und mir zu dienen, ist seine Pflicht.

 

Aber er hat sein Leben gewagt, sagte Frau von Villefort, auf welche dieser Gebieterton einen seltsamen Eindruck machte.

 

Ich habe ihm sein Leben gerettet, entgegnete Monte Christo, folglich gehört es mir.

 

Während des folgenden kurzen Stillschweigens konnte der Graf nach Gefallen das Kind betrachten, das seine Mutter mit ihren Küssen bedeckte. Es war klein, schwächlich, hatte eine so feine weiße Haut, wie sie gewöhnlich nur rothaarige Kinder besitzen, und dennoch bedeckte ein Wald von schwarzen, starren Haaren seine gewölbte Stirn und ließ, an beiden Seiten des Gesichtes auf die Schultern herabfallend, die Lebhaftigkeit seiner einen hohen Grad von Verschlagenheit und Bosheit verratenden Augen noch mehr hervortreten. Sein nun wieder roter Mund war von seinen Lippen umrandet, aber die Mundspalte zu weit; im ganzen deuteten die Züge des kaum achtjährigen Kindes auf mehr als zwölf Jahre. Es war sein erstes, daß er sich mit ungestümer Bewegung aus den Armen seiner Mutter losmachte und das Kästchen öffnete, woraus der Graf das Elixierfläschchen genommen hatte. Dann wollte er, ohne um Erlaubnis zu fragen, die Pfropfen aus den Phiolen ziehen.

 

Berühren Sie das nicht, sagte der Graf, einige von den Flüssigkeiten sind gefährlich, nicht nur, wenn man sie trinkt, sondern schon, wenn man ihren Geruch einatmet.

 

Frau von Villefort erbleichte, hielt den Arm ihres Sohnes zurück und zog ihn an sich. Sobald ihre Furcht beschwichtigt war, warf sie auf das Kästchen einen kurzen, aber ausdrucksvollen Blick, der dem Grafen nicht entging.

 

In dieser Sekunde trat Ali ein.

 

Frau von Villefort machte eine Bewegung der Freude und sagte, ihren Sohn noch näher an sich ziehend: Eduard, siehst du diesen guten Diener? Er hat sich sehr mutig benommen, denn er setzte sein Leben ein, um die Pferde, die uns fortrissen, und den Wagen anzuhalten. Danke ihm, denn ohne ihn wären wir zu dieser Stunde wohl beide tot.

 

Das Kind streckte seine Lippen vor, wandte verächtlich den Kopf ab und rief: Er ist zu häßlich!

 

Der Graf lächelte, als hätte das Kind seine Hoffnung erfüllt; Frau von Villefort aber schalt ihren Sohn.

 

Siehst du, sagte der Graf arabisch zu Ali, diese Dame bittet ihren Sohn, dir zu danken, daß du ihnen das Leben gerettet hast, und das Kind erwidert, du seiest zu häßlich.

 

Ali wandte einen Augenblick seinen gescheiten Kopf nach dem Kinde und betrachtete es scheinbar ausdruckslos, aber aus dem Beben seiner Nasenlöcher ersah Monte Christo, daß der Araber im Herzen verwundet war.

 

Mein Herr, fragte Frau von Villefort, während sie aufstand, um sich zu entfernen, wohnen Sie gewöhnlich in diesem Hause?

 

Nein, gnädige Frau, es ist ein Absteigequartier, das ich mir gekauft habe; ich wohne in der Avenue des Champs-Elysées Nr. 30. Doch ich sehe, Sie haben sich wieder völlig erholt und wollen zurückkehren. Es ist Befehl gegeben, Ihre Pferde an meinen Wagen zu spannen, und Ali, der häßliche Bursche, sagte er, dem Kinde zulächelnd, wird die Ehre haben, Sie nach Hause zu fahren, während Ihr Kutscher hier bleibt, um Ihren Wagen wieder instand setzen zu lassen. Sodann bringt ihn eines von meinen Gespannen unmittelbar zu Frau Danglars zurück.

 

Aber mit denselben Pferden zu fahren, werde ich nie wagen, entgegnete Frau von Villefort.

 

Oh! Sie sollen sehen, gnädige Frau, sagte Monte Christo, unter Alis Hand werden sie sanft wie die Lämmer.

 

Ali näherte sich in der Tat den Pferden, die man nur mit Mühe auf die Beine gebracht hatte. Er hielt in der Hand einen kleinen mit aromatischem Essig getränkten Schwamm, rieb damit die mit Schaum und Schweiß bedeckten Nüstern und Schläfen, und fast in demselben Augenblick fingen die Pferde an, heftig zu schnauben, und ihr ganzer Leib zitterte ein paar Sekunden lang.

 

Dann ließ Ali mitten unter einem Volkshaufen, den der Lärm und der Anblick des zertrümmerten Wagens vor das Haus gezogen hatte, die Pferde an das Coupé des Grafen spannen, faßte die Zügel, stieg auf den Bock und war zum großen Erstaunen der Anwesenden, die den rasenden Lauf der Pferde angesehen hatten, genötigt, sich kräftig der Peitsche zu bedienen, um sie von der Stelle und zu einem matten Trabe zu bringen.

 

Kaum hatte Frau von Villefort in zwei Stunden ihr Haus im Faubourg Saint-Honoré erreicht, so schrieb sie folgendes Billett an Frau Danglars:

 

Liebe Hermine!

 

Ich bin auf wunderbare Weise mit meinem Sohne durch denselben Grafen von Monte Christo gerettet worden, von dem wir uns gestern abend unterhielten und den ich heute durchaus nicht zu sehen erwartet hatte. Sie sprachen gestern von ihm mit einer Begeisterung, die mit aller Macht meinen kleinen Witz zum Spotte reizte. Heute aber finde ich, daß diese Begeisterung noch weit unter dem Werte des Mannes bleibt, der sie eingeflößt hat. Ihre Pferde waren wie wütend geworden und rissen den Wagen mit so unwiderstehlicher Gewalt fort, daß mein armer Eduard und ich ohne Zweifel am ersten Baume der Landstraße oder am ersten Randsteine des Dorfes die Hirnschale zerschmettert hätten, als ein Nubier, im Dienste des Grafen, ich glaube auf ein Zeichen des letzteren, die Pferde im Laufe aufhielt, auf die Gefahr, selbst in Stücke zerrissen zu werden, – und es ist ein Wunder, daß dies nicht der Fall war. Da eilte der Graf herbei, trug Eduard und mich in seine Wohnung und rief hier meinen Sohn wieder ins Leben. Ich wurde in seinem Wagen nach Hause geführt, den Ihrigen wird man Ihnen morgen zuschicken. Sie werden Ihre Pferde seit diesem Vorfalle sehr geschwächt finden: sie sind wie betäubt, es ist, als könnten sie sich selbst nicht vergeben, daß sie sich von einem Menschen haben bändigen lassen. Der Graf beauftragt mich, Ihnen zu sagen, zwei Tage Ruhe auf der Streu und als einziges Futter Gerste werden sie wieder so kräftig, das heißt, wieder so furchtbar machen, wie sie gestern gewesen sind.

 

Adieu! ich danke Ihnen nicht für meine Spazierfahrt, Und wenn ich es mir überlege, ist es unbillig, daß ich Ihnen wegen des Mißgeschicks mit Ihrem Gespann grolle, denn diesem Umstand verdanke ich es, daß ich den Grafen von Monte Christo gesehen habe, und dieser scheint mir, abgesehen von den Millionen, über die er verfügt, ein äußerst seltsames, ein interessantes Problem, das ich um jeden Preis studieren will, selbst um den Preis einer neuen Spazierfahrt mit Ihren Pferden.

 

Eduard hat den Unfall mit einem wunderbaren Mute ausgehalten. Er ist ohnmächtig geworden, hat jedoch zuvor keinen Schrei ausgestoßen und nachher keine Träne vergossen. Sie werden mir abermals sagen, meine Mutterliebe verblende mich; aber in diesem kleinen, so schwächlichen, so zarten Körper wohnt eine eiserne Seele.

 

Unsere kleine Valentine läßt Ihrer Eugenie viel Schönes sagen; und ich umarme Sie von ganzem Herzen.

 

Heloise von Villefort.

 

N. S. Machen Sie doch, daß ich auf irgend eine Art mit dem Grafen von Monte Christo bei Ihnen zusammentreffe; ich will ihn durchaus wiedersehen. Übrigens hat mir Herr von Villefort versprochen, dem Grafen einen Besuch zu machen, und ich hoffe, er wird den Besuch erwidern.

 

Noch an demselben Abend bildete das Ereignis von Auteuil den Hauptgegenstand der Unterhaltung; Albert erzählte es seiner Mutter, Chateau-Renaud im Jockey-Klub, Debray im Salon des Ministers, Beauchamp sagte dem Grafen sogar in seinem Journal Artigkeiten in einem Artikel von zwanzig Zeilen, der den edlen Fremden zum Helden aller Damen der hohen Aristokratie erhob.

 

Viele Leute ließen sich bei Frau von Villefort einschreiben, um das Recht zu haben, ihren Besuch zu geeigneter Zeit zu wiederholen und dann aus ihrem Munde alle Einzelheiten des Abenteuers zu vernehmen. Herr von Villefort aber zog, wie Heloise gesagt hatte, einen schwarzen Frack und gelbe Handschuhe an und fuhr noch an demselben Abend vor der Tür des Hauses Nr. 30 in den Champs-Elysées vor.

 

Staatsanwalt und Kosmopolit.

 

Staatsanwalt und Kosmopolit.

 

Hätte der Graf von Monte Christo seit langer Zeit in der Pariser Welt gelebt, so würde er den Schritt des Herrn von Villefort seinem ganzen Werte nach zu schätzen gewußt haben.

 

Wohlgelitten bei Hofe, überall wegen seiner Gewandtheit gerühmt, von vielen gehaßt, aber von einigen warm beschützt, ohne jedoch von irgend jemand wirklich geliebt zu werden, nahm Herr von Villefort eine hohe Stellung in der Beamtenhierarchie ein. Kalte Höflichkeit und bedingungslose Unterwürfigkeit unter die Grundsätze der Regierung, dabei erbitterter Haß gegen die Idealisten, das waren die bezeichnendsten Eigenschaften dieser Säule des Staates.

 

Seine Beziehungen zu dem alten Hofe, von dem er stets mit Würde und Ehrfurcht sprach, machten ihn bei dem neuen geachtet, und er wußte so viele Dinge, daß man ihn nicht nur beständig schonte, sondern auch bisweilen zu Rate zog. Vielleicht wäre dem nicht so gewesen, wenn man sich seiner hätte entledigen können, aber Herr von Villefort hauste, wie ehemals rebellische Lehnsträger, in einer unüberwindlichen Feste. Diese Feste war sein Amt als Staatsanwalt, dessen Vorteile er vortrefflich auszubeuten wußte.

 

Selten machte oder erwiderte er Besuche; seine Frau besorgte dies für ihn, und die Gesellschaft nahm es geduldig hin, indem sie ernsten und zahlreichen Geschäften zuschrieb, was in Wirklichkeit nur eine Berechnung des Stolzes war.

 

Für seine Freunde war Herr von Villefort ein mächtiger Beschützer, für seine Feinde ein stummer, aber erbitterter Gegner, für die Gleichgültigen verkörperte er das starre Gesetz. Seine Physiognomie zeigte Gleichgültigkeit, sein Auge war matt und glanzlos oder unverschämt durchdringend und forschend. Herr von Villefort stand im Rufe des am wenigsten neugierigen Mannes in Paris. Seine Ungezwungenheit wurde von allen Seiten gerühmt; er gab jedes Jahr einen Ball und erschien dabei nur eine Viertelstunde, das heißt drei Viertelstunden kürzere Zeit als der König bei dem seinigen. Niemals sah man ihn im Theater oder Konzert, oder sonst an einem öffentlichen Orte.

 

So war der Mann beschaffen, dessen Wagen vor der Tür des Grafen von Monte Christo hielt.

 

Der Kammerdiener meldete Herrn von Villefort in dem Augenblick, wo der Graf, über einen großen Tisch gebeugt, auf einer Landkarte den Weg von St. Petersburg nach China verfolgte.

 

Der Staatsanwalt trat mit demselben ernsten, abgemessenen Schritte ein, mit dem er im Tribunal erschien; es war derselbe Mensch oder vielmehr die Fortsetzung desselben Menschen, den wir einst als Staatsanwaltsgehilfen in Marseille gesehen haben. Seine tiefliegenden Augen waren hohl, und seine Brille mit der goldenen Fassung schien einen Teil seines Gesichtes zu bilden; mit Ausnahme seiner weißen Halsbinde war sein ganzer Anzug schwarz, und diese Trauerfarbe wurde nur durch den Streifen eines roten Bandes unterbrochen, der durch sein Knopfloch ging.

 

So sehr Monte Christo seiner Herr war, so prüfte er doch mit sichtbarer Neugierde den Beamten, der, aus Gewohnheit mißtrauisch, mehr geneigt war, in dem edlen Fremden – so nannte man bereits Monte Christo – einen zur Ausbeutung eines neuen Schauplatzes nach Paris gekommenen Industrieritter oder einen verkappten Missetäter, als sonst etwas zu erblicken.

 

Mein Herr, sagte Villefort mit schnarrendem Beamtentone, der ausgezeichnete Dienst, den Sie gestern meiner Frau und meinem Sohne geleistet haben, macht es nur zur Pflicht, Ihnen zu danken. Ich komme daher, um mich dieser Pflicht zu entledigen und Ihnen meine ganze Erkenntlichkeit auszudrücken.

 

Während der Staatsbeamte sprach, verlor sein strenges Auge nichts von seiner gewöhnlichen Anmaßung. Er brachte seine Worte scharf und deutlich mit unsympathischer Stimme hervor.

 

Mein Herr, erwiderte der Graf ebenfalls mit eisiger Kälte, ich fühle mich sehr glücklich, daß ich imstande gewesen bin, einen Sohn seiner Mutter zu erhalten, denn das mütterliche Gefühl ist das mächtigste und heiligste von allen. Das Glück, das mir dabei zuteil ward, überhebt Sie der Verbindlichkeit, einer Pflicht nachzukommen, deren Erfüllung mich allerdings ehrt, denn ich weiß, daß Herr von Villefort nicht verschwenderisch mit einer solchen Gunst ist, die aber trotzdem für mich nicht den Wert der inneren Befriedigung hat.

 

Erstaunt über diesen Ausfall, auf den er durchaus nicht gefaßt war, bebte Villefort, und ein verächtliches Zucken seiner Lippen deutete an, daß er den Grafen von Monte Christo nicht für einen sehr artigen Edelmann halte.

 

Er schaute umher, um an irgend einen Gegenstand das abgebrochene Gespräch anzuknüpfen, und sah die Karte, die Monte Christo im Augenblick seines Eintrittes betrachtet hatte. Sie beschäftigen sich mit Geographie, sagte er. Das ist ein lohnendes Studium, für Sie besonders, der Sie, wie ich höre, so viele Länder gesehen haben, als sich im Atlas verzeichnet finden.

 

Ja, antwortete der Graf, ich wollte mit dem Menschengeschlechte im allgemeinen das vornehmen, was Sie täglich an Ausnahmen treiben, nämlich ein psychologisches Studium. Ich dachte, es würde mir dann leichter sein, vom Ganzen aus das Einzelne zu beurteilen. Ein algebraischer Grundsatz verlangt, daß man vom Bekannten zum Unbekannten, und nicht vom Unbekannten zum Bekannten fortschreite … Aber setzen Sie sich doch, Herr Staatsanwalt, ich bitte Sie.

 

Monte Christo bezeichnete dem Staatsanwalt einen Polsterstuhl, den vorzurücken der Gast sich selbst die Mühe nehmen mußte. Der Graf war halb seinem Besuche zugewendet; mit dem Rücken lehnte er sich ans Fenster und mit dem Ellbogen auf die geographische Karte.

 

Ah! Sie philosophieren, versetzte Villefort nach einem kurzen Stillschweigen, währenddessen er, wie ein Athlet, der einen mächtigen Gegner trifft, Vorrat an Kräften gesammelt hatte. Nun, mein Herr, bei meinem Ehrenworte, wenn ich wie Sie, nichts zu tun hätte, so würde ich mir wenigstens eine minder öde Beschäftigung suchen.

 

Es ist wahr, erwiderte Monte Christo, der Mensch ist eine häßliche Raupe für den, der ihn unter dem Mikroskop betrachtet. Doch Sie sagten, ich hätte nichts zu tun; … denken Sie etwa, Sie hätten etwas zu tun? Oder, um deutlicher zu sprechen, wähnen Sie, was Sie tun, sei der Mühe wert, davon zu reden?

 

Herrn von Villeforts Erstaunen verdoppelte sich bei diesem zweiten scharfen Schlage des seltsamen Gegners; seit langer Zeit hatte er kein so starkes Wort anhören müssen. Er erwiderte sofort:

 

Mein Herr, Sie sind ein Fremder und haben nach Ihrer eigenen Äußerung einen Teil Ihres Lebens im Orient zugebracht, Sie wissen also nicht, welchen vorsichtigen, abgemessenen Gang bei uns die in barbarischen Ländern so rasche und blutige Justiz hat.

 

Doch, mein Herr, doch; sie geht mit hinkendem Fuße. Ich weiß das alles, denn ich habe mich hauptsächlich mit der Justiz aller Länder beschäftigt, ich habe das kriminelle Verfahren aller Nationen mit der natürlichen Justiz verglichen und hierbei gefunden, daß das Gesetz der Urvölker, das Gesetz der Wiedervergeltung, das ist, das dem Willen Gottes am meisten entspricht. Würde dieses Gesetz eingeführt, mein Herr, entgegnete der Staatsanwalt, so müßte es unsere Gesetzbücher ungemein vereinfachen, und die Beamten hätten sodann, wie Sie soeben sagten, allerdings nicht mehr viel zu tun. Mittlerweile gelten unsere Gesetzbücher mit ihren den gallischen Sitten, den römischen Gesetzen, den fränkischen Gebräuchen entnommenen Bestimmungen; aber die Kenntnis aller dieser Gesetze erwirbt man sich, wie Sie zugestehen werden, nicht ohne lange Arbeiten, und es bedarf zur Erringung dieser Kenntnis ausgedehnter Studien, und ist sie einmal errungen, großer Geisteskraft, sie festzuhalten.

 

Ich bin auch dieser Meinung; doch alles, was Sie in Beziehung auf das französische Gesetzbuch wissen, weiß ich nicht nur hinsichtlich des letzteren, sondern auch hinsichtlich der Gesetzbücher aller Nationen. Die englischen, die türkischen, die japanischen, die hindostanischen Gesetze sind mir ebenso genau bekannt, wie die französischen.

 

In welcher Absicht haben Sie dies alles gelernt? fragte Villefort erstaunt.

 

Monte Christo lächelte und sagte: Mein Herr, ich sehe, daß Sie, obgleich Sie im Rufe eines großen Mannes stehen, alles aus dem materiellen, gewöhnlichen Gesichtspunkte der Gesellschaft betrachten, das heißt, aus dem beschränktesten Gesichtspunkte, den der menschliche Geist einnehmen kann.

 

Wollen Sie sich näher erklären, mein Herr, sagte Villefort, immer mehr erstaunt; ich verstehe Sie nicht ganz.

 

Ich sage, daß Sie, die Augen auf die gesellschaftliche Organisation der Nationen heftend, nur die Federn der Maschine sehen und nicht den erhabenen Werkmeister, der sie in Tätigkeit setzt; ich sage, daß Sie um sich her nur die Titelträger sehen, deren Patente von den Ministern oder vom König unterzeichnet sind, und daß die Menschen, die Gott über die Titelträger, die Minister und die Könige stellte, indem er ihnen eine besondere Sendung gab, Ihrer Kurzsichtigkeit entgehen. Tobias hielt auch den Engel, der ihm das Gesicht zurückgegeben hatte, für einen gewöhnlichen Menschen. Die Nationen hielten Attila, der sie vernichten sollte, für einen Eroberer, wie alle Eroberer, und beide mußten ihre göttlichen Sendungen offenbaren, damit man sie erkannte; der eine mußte sagen: Ich bin der Engel des Herrn, und der andere: Ich bin der Hammer Gottes, ehe ihr wahres Wesen erkannt wurde.

 

Also, sagte Villefort, der, immer mehr erstaunt, mit einem Erleuchteten oder mit einem Narren zu sprechen glaubte, also betrachten Sie sich als eines von den außerordentlichen Wesen, von denen Sie soeben sprachen?

 

Warum nicht? entgegnete kalt Monte Christo.

 

Entschuldigen Sie, versetzte Villefort fast bestürzt, wenn ich nicht wußte, daß ich zu einem Manne kam, dessen Kenntnisse und geistige Fähigkeiten so weit das Gewöhnliche überragen. Bei uns, den unglücklichen verderbten Erzeugnissen der Zivilisation, ist es nicht gebräuchlich, daß Edelleute, wie Sie, die im Besitze eines unermeßlichen Vermögens sind oder wenigstens scheinen, ihre Zeit mit gesellschaftlichen Spekulationen, mit philosophischen Träumen verlieren, die höchstens geeignet sind, die Menschen zu trösten, die das Schicksal von den Gütern der Erde enterbt hat!

 

Ei! ei! versetzte der Graf, sind Sie denn zu Ihrer hohen Stellung gelangt, ohne Ausnahmen zuzulassen oder angetroffen zu haben? Üben Sie nie Ihren Blick, der doch der Schärfe und Sicherheit so sehr bedürfte, um mit einem Schlage den zu erkennen, auf den eben dieser Blick gefallen ist? Sollte nicht ein öffentlicher Beamter, der beste Anwender des Gesetzes, der schlaueste Ausleger seiner Dunkelheiten, eine stählerne Sonde zur Prüfung der Herzen sein, ein Probierstein zur Untersuchung des Goldes, das sich in jeder Seele mit mehr oder weniger Legierung findet?

 

Mein Herr, Sie setzen mich ganz in Verwirrung; bei meinem Worte, ich habe nie jemand sprechen hören, wie Sie.

 

Dies ist der Fall, weil Sie stets in den Kreis der gewöhnlichen Bedingungen gebannt geblieben sind und es nie wagten, sich mit einem Flügelschlage in die höheren Sphären zu erheben, die Gott mit unsichtbaren und ausnahmsweisen Wesen bevölkert hat.

 

Ah! rief Villefort lächelnd, ich gestehe, ich möchte es gern wissen, wenn ein solches Wesen mit mir in Berührung kommt.

 

Ihr Wunsch ist erfüllt; Sie haben soeben davon Kenntnis erhalten, und ich wiederhole es.

 

Also Sie selbst? …

 

Ich bin eines von diesen Ausnahmewesen … ja, mein Herr, und ich glaube, daß sich bis auf den heutigen Tag noch kein Mensch in einer Stellung befunden hat, die der meinigen ähnlich gewesen wäre. Die Reiche der Könige sind begrenzt, entweder durch Gebirge, oder durch Flüsse, durch die Schranken der Sitte oder Sprache. Mein Reich ist groß wie die Welt, denn ich bin weder Italiener, noch Franzose, noch Hindu, noch Amerikaner, noch Spanier: ich bin Kosmopolit. Kein Land kann sagen, ich gehöre ihm durch die Geburt an. Gott allein weiß, in welchem Lande ich sterben werde. Ich befolge alle Gebräuche, rede alle Sprachen. Nicht wahr, Sie halten mich für einen Franzosen? Denn ich spreche Französisch mit derselben Leichtigkeit und derselben Reinheit, wie Sie. Wohl! Ali, mein Nubier, hält mich für einen Araber; Bertuccio, mein Intendant, für einen Römer und Haydee, meine Sklavin, für einen Griechen. Sie sehen also, da ich keinem Lande angehöre, von keiner Regierung Schutz verlange, keinen Menschen als meinen Bruder anerkenne, so vermag auch keine von den Bedenklichkeiten, welche die Mächtigen zurückhalten, oder keines von den Hindernissen, welche die Schwachen lähmen, mich zu lähmen oder zurückzuhalten. Ich habe nur drei Gegner, ich sage nicht Besieger, denn durch Beharrlichkeit unterwerfe ich sie: zwei sind die Entfernung und die Zeit. Der dritte und furchtbarste ist mein Zustand als sterblicher Mensch. Dieser allein kann mich auf dem Wege, auf dem ich fortschreite, und ehe ich das Ziel erreicht habe, nach dem ich strebe, aufhalten; alles übrige habe ich berechnet. Alles, was die Menschen die Wechselfälle des Schicksals nennen, habe ich vorhergesehen, und vermag mich auch einer zu treffen, so kann er mich doch nicht niederwerfen. Sterbe ich nicht, so werde ich immer das sein, was ich bin; deshalb sage ich Ihnen Dinge, die Sie nie gehört haben, selbst nicht einmal aus dem Munde der Könige, denn die Könige bedürfen Ihrer, und die andern Menschen haben Furcht vor Ihnen. Wer sagt sich nicht in einer Gesellschaft, die so lächerlich organisiert ist, wie die unsere: Vielleicht werde ich eines Tages mit dem Staatsanwalt zu tun haben!

 

Aber können Sie dies nicht selbst sagen? Denn sobald Sie in Frankreich wohnen, sind Sie natürlich den französischen Gesetzen unterworfen.

 

Ich weiß es wohl, erwiderte Monte Christo, doch wenn ich in ein Land gehen muß, fange ich damit an, daß ich durch Mittel, die nur ich besitze, alle Menschen prüfe, von denen ich etwas zu fürchten oder zu hoffen habe, und es gelingt mir, sie ebensogut oder vielleicht noch besser zu kennen, als sie sich selbst kennen. Infolgedessen ist jeder Staatsanwalt mehr in Verlegenheit als ich.

 

Damit wollen Sie sagen, versetzte Villefort zögernd, daß bei der Schwäche der menschlichen Natur jeder Mensch, Ihrer Ansicht nach, … Fehler begangen hat?

 

Fehler oder Verbrechen, sagte Monte Christo gleichgültig.

 

Und daß Sie allein unter den Menschen, die Sie, wie Sie selbst sagten, nicht als Ihre Brüder anerkennen, versetzte Villefort mit leicht bebender Stimme, … und daß Sie allein vollkommen sind?

 

Nein, nicht vollkommen, sondern nur undurchdringlich. Doch genug davon, mein Herr, wenn Ihnen das Gespräch mißfällt. Ich bin dann ebensowenig durch Ihre Justiz bedroht, wie Sie durch mein doppeltes Gesicht.

 

Nein! nein! mein Herr, entgegnete rasch Herr von Villefort, der ohne Zweifel befürchtete, es könnte scheinen, als wollte er das Terrain aufgeben. Durch Ihr glänzendes und erleuchtendes Gespräch haben Sie mich über den gewöhnlichen Standpunkt erhoben; wir unterhalten uns nicht mehr, wir philosophieren. Sie wissen ja, welche grausamen Wahrheiten sich oft die Theologen in der Sorbonne oder die Philosophen bei ihren Disputationen sagen; nehmen wir an, wir disputieren über soziale Theologie oder theologische Philosophie, so bemerke ich Ihnen ganz einfach: Mein Bruder, du frönst dem Stolze, du stehst über andern, aber Gott steht über dir.

 

Über allen, erwiderte Monte Christo mit so tiefer Bewegung, daß Villefort unwillkürlich schauderte. Ich habe meinen Stolz für die Menschen, für diese Schlangen, die stets bereit sind, sich gegen den zu erheben, der sie mit der Stirn überragt, ohne sie mit dem Fuße zu zertreten. Doch vor Gott, der mich aus dem Nichts hervorgezogen hat, um mich zu dem zu machen, was ich bin, lege ich diesen Stolz ab.

 

Dann bewundere ich Sie, Herr Graf, sagte Villefort, der sich zum ersten Mal bei dieser seltsamen Unterredung dieser aristokratischen Anrede dem Fremden gegenüber bediente. Ja, ich sage Ihnen, wenn Sie wirklich stark, wirklich erhaben, wirklich heilig oder undurchdringlich sind, so seien Sie stolz darauf … aber Sie haben doch irgend einen Ehrgeiz?

 

Ich hatte einen. Auch ich bin, wie dies allen Menschen einmal im Leben begegnet, vom Satan auf den höchsten Berg der Erde geführt worden; hier zeigte er mir die ganze Welt und sagte zu mir, wie er einst zu Christus gesagt hatte: Sprich, Menschenkind, was willst du, wenn du mich anbetest? Ich sann lange nach, denn seit geraumer Zeit zehrte wirklich ein furchtbarer Ehrgeiz an meinem Herzen; dann antwortete ich ihm: Ich habe stets von der Vorsehung sprechen hören, und dennoch habe ich sie nie erschaut, noch irgend etwas, was ihr gleicht, und das bringt mich auf den Glauben, sie bestehe gar nicht. Ich will selbst die Vorsehung sein, denn das Schönste, das Größte, das Erhabenste, was ich kenne, ist zu belohnen und zu bestrafen. Aber Satan neigte das Haupt, stieß einen Seufzer aus und erwiderte: Du irrst dich, die Vorsehung besteht; nur siehst du sie nicht, weil sie, eine Tochter Gottes, unsichtbar ist, wie ihr Vater. Du hast nichts gesehen, was ihr gleicht, weil sie mit verborgenen Federn wirkt und auf dunkeln, unbekannten Wegen wandelt. Alles, was ich für dich tun kann, besteht darin, daß ich dich zu einem der Werkzeuge der Vorsehung mache. Der Handel wurde abgeschlossen, ich verliere dabei vielleicht meine Seele; doch gleichviel, er reut mich nicht.

 

Villefort schaute Monte Christo mit dem höchsten Erstaunen an und fragte: Haben Sie Verwandte, Herr Graf?

 

Nein, ich bin allein auf der Welt.

 

Schade, Sie hätten ein Schauspiel sehen können, das Ihren Stolz wohl gebrochen hätte. Sie sagen, Sie fürchten nur den Tod?

 

Ich sage nicht, daß ich ihn fürchte, ich sage nur, er könne mich aufhalten.

 

Und das Alter?

 

Meine Sendung wird vollendet sein, ehe ich alt bin.

 

Und der Wahnsinn?

 

Ich bin beinahe wahnsinnig geworden, und Sie kennen den Satz non bis in eodem (nie zweimal das gleiche); es ist ein strafrechtlicher Grundsatz und gehört folglich in Ihr Reich.

 

Mein Herr, versetzte Villefort, es gibt noch etwas anderes zu fürchten als den Tod, das Alter oder den Wahnsinn; zum Beispiel den Schlagfluß, diesen Wetterstrahl, der Sie trifft, ohne Sie zu zerstören, und der doch alles wertlos macht. Wenn Sie einmal Lust haben, dieses Gespräch in meinem Hause fortzusetzen, mit einem Gegner, der fähig ist, Sie zu begreifen, und begierig, Sie zu widerlegen, so zeige ich Ihnen meinen Vater, Herrn Noirtier von Villefort, einen der heftigsten Jakobiner der französischen Revolution, einen Mann, der zwar nicht, wie Sie, alle Reiche der Erde gesehen, aber zum Umsturz eines der mächtigsten beigetragen hat. Nun, mein Herr, das Zerspringen eines Blutgefäßes in einem Gehirnlappen hat dies alles zerstört, und zwar in einer Sekunde. Herr Noirtier, der mit Revolutionen spielte, der Frankreich nur noch als ein großes Schachbrett betrachtete, von dem Bauern, Türme, Ritter und Königin verschwinden mußten, weil der König matt war; der furchtbare und gefürchtete Herr Noirtier war am andern Tage nur ein armer, schwacher Greis, dem Willen des schwächsten Wesens im ganzen Hause, seiner Enkelin Valentine, unterworfen.

 

Ah! dieses Schauspiel ist weder meinen Augen, noch meinem Geiste fremd, entgegnete Monte Christo, ich bin ein wenig Arzt und habe, wie meine Kollegen, wiederholt die Seele in der lebendigen oder in der toten Materie gesucht, und sie ist, wie die Vorsehung, obgleich meinem Herzen gegenwärtig, doch für meine Augen unsichtbar geblieben. Hundert Schriftsteller haben seit Sokrates, seit Seneca, seit dem heiligen Augustin, seit Gall den Vergleich gemacht, den Sie machen, aber dennoch begreife ich, daß die Leiden eines Vaters den Geist eines Sohnes stark beeinflussen können. Da Sie mich dazu auffordern, so werde ich zur Förderung meiner Demut dieses furchtbare Schauspiel betrachten, das Trauer in Ihr Haus bringen muß.

 

Es wäre dies ohne Zweifel der Fall, hätte mich Gott nicht reich entschädigt. Während der Greis sich mühsam zum Grabe schleppt, treten zwei blühende Kinder frisch ins Leben: Valentine, eine Tochter aus meiner ersten Ehe mit Fräulein Renée von Saint-Meran, und Eduard, der Sohn, dem Sie das Leben gerettet haben.

 

Und was schließen Sie daraus?

 

Ich schließe daraus, daß mein Vater, von Leidenschaften irregeführt, eines von jenen Versehen begangen hat, die der menschlichen Gerechtigkeit entgehen, aber von der Gerechtigkeit Gottes gesühnt werden … und daß Gott, der nur eine Person treffen wollte, auch nur eine geschlagen hat.

 

Monte Christo konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

 

Leben Sie wohl, mein Herr, sagte Villefort, der schon seit einiger Zeit aufgestanden war; indem ich Sie verlasse, trage ich ein Gefühl der Hochachtung mit mir fort, das Ihnen hoffentlich angenehm sein wird, wenn Sie mich näher kennen, denn ich bin nichts weniger als ein Mensch vom Alltagsschlage. Überdies haben Sie sich meine Frau zur ewigen Freundin gemacht.

 

Der Graf verbeugte sich und begleitete Herrn von Villefort nur bis an die Tür seines Kabinetts; der Staatsanwalt kehrte zu seinem Wagen zurück, wobei zwei Lakaien vorauseilten, die ihm auf den Wink ihres Herrn den Schlag öffneten.

 

Als Villefort verschwunden war, sagte Monte Christo, einen schweren Seufzer aus seiner gepreßten Brust ausstoßend: Genug des Giftes, und nun, da mein Herz voll davon ist, wollen wir das Gegengift suchen!

 

Und er schlug einmal auf das Glöckchen und sagte zu dem eintretenden Ali: Ich gehe zur gnädigen Frau hinauf; in einer halben Stunde muß der Wagen bereit sein.

 

Das Testament.

 

Das Testament.

 

Nach einer Viertelstunde war die ganze Familie im Zimmer des Gelähmten versammelt, und der zweite Notar hatte sich ebenfalls eingefunden.

 

Mit wenigen Worten verständigten sich die beiden Beamten. Man las Noirtier eine allgemeine herkömmliche Testamentsformel vor; dann sagte der erste Notar, sich nach dem Greise umwendend, um gleichsam die Untersuchung seines Verstandes zu beginnen: Wenn man sein Testament macht, mein Herr, so geschieht es zu Gunsten oder zum Nachteil irgend einer Person.

 

Ja, bezeichnete Noirtier.

 

Haben Sie einen Gedanken, wie hoch sich Ihr Vermögen belaufen mag?

 

Ja.

 

Ich will Ihnen, aufwärts gehend, verschiedene Zahlen nennen; Sie werden mich anhalten, wenn ich diejenige erreicht habe, welche Sie als die Ihrige betrachten.

 

Ja.

 

Es war ein eigentümlich feierliches und ergreifendes Schauspiel, bei dem der Kampf des Geistes gegen die Materie auf das packendste in Erscheinung trat.

 

Die Anwesenden schlossen einen Kreis um Noirtier; der zweite Notar saß an einem Tische, bereit zu schreiben; der erste stand vor ihm und fragte: Nicht wahr, Ihr Vermögen übersteigt 300 000 Franken?

 

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

 

Besitzen Sie 400 000 Franken? fragte der Notar.

 

Noirtier blieb unbeweglich. 600 000? 700 000? 900 000?

 

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

 

In unbeweglichen Gütern? fragte der Notar.

 

Noirtier machte ein verneinendes Zeichen.

 

In Renteneinschreibungen?

 

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

 

Diese Einschreibungen sind in Ihren Händen?

 

Auf einen Blick Noirtiers an Barrois ging der alte Diener hinaus und kehrte einen Augenblick nachher mit einer kleinen Kassette zurück.

 

Man öffnete die Kassette und fand für 900 000 Franken Einschreibungen.

 

Der erste Notar überreichte die Einschreibungen eine nach der andern seinem Kollegen; die Sache stimmte.

 

Es ist so, der Verstand des Erblassers erfreut sich offenbar noch seiner vollkommenen Kraft, sagte der Notar. Dann fuhr er, an den Gelähmten sich wendend, fort: Sie besitzen also in Kapitalien 900 000 Franken. Wem wollen Sie dieses Vermögen hinterlassen?

 

Oh! sagte Frau von Villefort, das ist nicht zweifelhaft. Herr Noirtier liebt einzig und allein seine Enkelin, Fräulein Valentine von Villefort; sie ist es, die ihn seit sechs Jahren pflegt und durch ihre beständige Fürsorge die Zuneigung ihres Großvaters, ich möchte beinahe sagen, seine Dankbarkeit zu fesseln wußte; es ist also gerecht und billig, daß sie den Preis ihrer Ergebenheit erntet.

 

Noirtiers Auge schleuderte einen Blitz, als würde er durch das falsche Ziel nicht betört, das Frau von Villefort seinen vermeintlichen Absichten setzte.

 

Wollen Sie Fräulein Valentine von Villefort diese 900 000 Franken vermachen? fragte der Notar, der diese Bestimmung nur noch eintragen zu müssen glaubte.

 

Valentine hatte einen Schritt rückwärts gemacht und weinte mit niedergeschlagenen Augen; der Greis schaute sie eine Sekunde lang mit dem Ausdrucke einer tiefen Zärtlichkeit an, dann wandte er sich gegen den Notar und blinzelte mit den Augen auf die bezeichnete Weise.

 

Nein? sagte der Notar; wie, Sie setzen Fräulein Valentine von Villefort nicht zur Universalerbin ein?

 

Noirtier machte ein verneinendes Zeichen.

 

Täuschen Sie sich nicht? rief der Notar ganz verwundert; Sie sagen nein?

 

Nein, wiederholte Noirtier, nein!

 

Valentine hob das Haupt wieder empor; sie war erstaunt, nicht über ihre Enterbung, sondern darüber, daß ihr Großvater ihr gegenüber das seinem Tun entsprechende Gefühl hegen sollte.

 

Doch Herr Noirtier schaute sie mit so tiefer Zärtlichkeit an, daß sie ausrief: Oh! mein guter Vater, ich sehe wohl, Sie entziehen mir nur Ihr Vermögen, lassen mir aber Ihr Herz?

 

Oh! ja, gewiß, sagten die Augen des Gelähmten mit einem Ausdruck, in dem sich Valentine nicht täuschen konnte.

 

Dank! Dank! murmelte das Mädchen.

 

Diese Weigerung hatte indessen in Frau von Villeforts Herzen eine unerwartete Hoffnung erzeugt; sie näherte sich dem Greise.

 

Sie hinterlassen also Ihr Vermögen Ihrem Enkel Eduard von Villefort, mein lieber Herr Noirtier? fragte die Mutter.

 

Das Blinzeln war furchtbar; es prägte beinahe Haß aus.

 

Nein, sagte der Notar; also Ihrem Sohne?

 

Nein! entgegnete der Greis.

 

Die zwei Notare schauten sich erstaunt an; Villefort und seine Frau fühlten, wie sie aus Scham und Verdruß rot wurden.

 

Aber was haben wir Ihnen denn getan, Vater, sagte Valentine; Sie lieben uns also nicht mehr?

 

Der Blick des Greises flog rasch über seinen Sohn und über seine Schwiegertochter hin und blieb mit einem Ausdruck inniger Zärtlichkeit an Valentine haften.

 

Nun, sagte sie, wenn du mich liebst, guter Vater, so suche diese Liebe mit dem, was du in diesem Augenblick tust, in Einklang zu bringen. Du kennst mich und weißt daher, daß ich nie an dein Vermögen gedacht habe. Überdies sagt man, ich sei von meiner Mutter Seite reich, zu reich; erkläre dich doch!

 

Noirtier heftete einen glühenden Blick aus Valentines Hand.

 

Meine Hand? sagte sie.

 

Ja, bezeichnete Noirtier.

 

Ihre Hand! wiederholten die Anwesenden.

 

Ah! meine Herren, Sie sehen wohl, daß alles vergeblich, und daß mein armer Vater ein Narr ist, sprach Villefort.

 

Oh! ich begreife! rief plötzlich Valentine; nicht wahr, meine Heirat, guter Vater?

 

Ja, ja, ja, wiederholte dreimal der Gelähmte und schleuderte dabei einen Blitz, so oft sich sein Augenlid hob.

 

Nicht wahr, du grollst uns wegen der Heirat?

 

Ja.

 

Das ist albern, sagte Villefort.

 

Verzeihen Sie, mein Herr, sagte der Notar, alles dies ist im Gegenteil sehr logisch und scheint mir durchaus wohlbegründet zu sein.

 

Du willst nicht, daß ich Herrn Franz d’Epinay heirate?

 

Nein, ich will nicht, drückte das Auge des Greises aus.

 

Und Sie enterben Ihre Enkelin, weil sie eine Heirat wider Ihren Willen macht? rief der Notar.

 

Ja, antwortete Noirtier.

 

Ohne diese Heirat wäre sie also Ihre Erbin?

 

Ja.

 

Es trat nun ein tiefes Stillschweigen um den Greis ein. Die beiden Notare berieten sich; Valentine schaute mit gefalteten Händen und einem dankbaren Lächeln ihren Großvater an: Villefort biß sich auf seine dünnen Lippen; Frau von Villefort war außer stande, ein freudiges Gefühl zurückzudrängen, das sich unwillkürlich über ihr Antlitz verbreitete.

 

Aber es scheint mir, sagte endlich Villefort, das Stillschweigen brechend, es scheint mir, daß ich allein befugt bin, über diese Angelegenheit zu urteilen und zu verfügen. Ich, als alleiniger Herr der Hand meiner Tochter, will, daß sie Herrn Franz d’Epinay heiratet, und sie wird ihn heiraten.

 

Valentine fiel weinend auf einen Stuhl.

 

Mein Herr, sagte der Notar, sich an den Greis wendend, was gedenken Sie mit Ihrem Vermögen zu tun, wenn Fräulein Valentine Herrn Franz d’Epinay heiratet? Sie gedenken doch darüber zu verfügen?

 

Ja, bezeichnete Noirtier.

 

Zu Gunsten irgend eines Mitgliedes Ihrer Familie?

 

Nein.

 

Also zu Gunsten der Armen?

 

Ja.

 

Sie wissen doch, daß das Gesetz dem widerstrebt, daß Sie Ihren Sohn völlig ausschließen?

 

Ja.

 

Sie werden also nur über den Teil verfügen, den Sie nach dem Gesetz das Recht haben ihm zu entziehen.

 

Noirtier blieb unbeweglich.

 

Sie wollen immer noch über das Ganze verfügen?

 

Ja.

 

Man wird das Testament nach Ihrem Tode angreifen.

 

Nein.

 

Mein Vater kennt mich, sagte Herr von Villefort, er weiß, daß sein Wille mir heilig sein wird; übrigens erkennt er recht gut, daß ich in meiner Stellung nicht gegen die Armen prozessieren kann.

 

Noirtiers Auge drückte einen Triumph aus.

 

Was bestimmen Sie, mein Herr? fragte der Notar Villefort.

 

Nichts, mein Herr, es ist ein im Herzen meines Vaters feststehender Entschluß, und ich weiß, daß er nie etwas an seinen Entschließungen ändert, sagte Villefort. Ich füge mich also. Diese 900 000 Franken werden der Familie verloren gehen, um Hospitäler zu bereichern; aber ich gebe der Laune eines Greises nicht nach und werde nach meinem Gewissen handeln.

 

Hiernach entfernte sich Villefort mit seiner Frau und überließ es seinem Vater, nach Gutdünken zu testieren.

 

Noch an demselben Tage wurde das Testament gemacht; man holte Zeugen, es wurde von dem Greise gebilligt, in Gegenwart der Zeugen geschlossen und bei Herrn Deschamps, dem Notar der Familie, niedergelegt.

 

Bertuccio.

 

Bertuccio.

 

Mittlerweile war der Graf in seiner Wohnung angelangt; er hatte sechs Minuten gebraucht, den Weg zurückzulegen. Diese sechs Minuten genügten, daß er von zwanzig jungen Leuten bemerkt wurde, die, bekannt mit dem Preise des Gespanns, das sie selbst nicht hatten kaufen können, ihre Rosse in Galopp setzten, um den glänzenden Herrn zu sehen, der sich Pferde im Werte von 20 000 Franken anschaffte.

 

Das von Ali gewählte Haus, das für Monte Christo als Pariser Residenz dienen sollte, lag rechts, wenn man die Champs-Elysées hinaufgeht, zwischen Hof und Garten. Eine üppige Baumgruppe, die sich mitten im Hofe erhob, verbarg einen Teil der Fassade. Das inmitten eines weiten Raumes vereinzelt stehende Haus hatte außer dem Haupteingang noch einen andern Eingang, der sich nach der Rue de Ponthieu öffnete.

 

Ehe der Kutscher den Pförtner angerufen hatte, drehte sich schon das massive Gittertor auf seinen Angeln; man hatte den Grafen kommen sehen, und er wurde in Paris, wie in Rom und überall, mit Blitzesschnelle bedient. Der Kutscher fuhr also hinein, beschrieb den Halbkreis, ohne den Gang seiner Pferde im geringsten zu hemmen, und die Räder krachten noch auf dem Sande der Allee, als bereits das Gitter wieder geschlossen war. Auf der linken Seite der Freitreppe hielt der Wagen an, zwei Männer erschienen am Schlage; der eine war Ali, der seinem Herrn mit unglaublich treuherziger Freude zulächelte und sich durch einen einzigen Blick von Monte Christo bezahlt fand. Der andere verbeugte sich in Demut und reichte dem Grafen den Arm, um ihm aussteigen zu helfen.

 

Ich danke, Herr Bertuccio, sagte der Graf, leicht herausspringend; wie ist’s mit dem Notar?

 

Er wartet im kleinen Salon, antwortete Bertuccio.

 

Und die Visitenkarten, die Sie meinem Befehle gemäß stechen lassen sollten, sobald Sie die Nummer des Hauses wüßten?

 

Sind besorgt, Herr Graf; ich war bei dem besten Graveur des Palais Royal und ließ ihn die Platte in meiner Gegenwart ausführen; die erste abgezogene Karte wurde, wie Sie befohlen, dem Baron Danglars, Deputierten, Rue de la Chaussee d’Antin Nr. 7, überbracht, die andern liegen auf dem Kamin des Schlafzimmers Eurer Exzellenz!

 

Gut. Wieviel Uhr ist es? – Vier Uhr.

 

Monte Christo gab seine Handschuhe, seinen Hut und Stock einem Bedienten und ging dann in den kleinen Salon, wo ihn der Notar, ein ehrliches Schreibergesicht mit der unzerstörbaren Würde eines Pariser Beamten, erwartete.

 

Ist dies der Notar, der den Auftrag hat, das Landhaus zu verkaufen, das ich mir erwerben will? fragte Monte Christo.

 

Ja, Herr Graf, antwortete der Notar; hier ist der Kaufvertrag!

 

Vortrefflich. Und wo liegt das Haus? fragte Monte Christo nachlässig, sich halb an Bertuccio, halb an den Notar wendend.

 

Der Intendant machte eine Gebärde, die wohl bedeuten sollte: Ich weiß es nicht.

 

Der Notar schaute Monte Christo an und rief: Wie, der Herr Graf weiß nicht, wo das Haus liegt, das er kaufen will?

 

Wie zum Teufel soll ich es wissen? Ich komme heute von Cadix, bin nie in Paris gewesen, ja es ist sogar das erste Mal, daß ich französischen Boden betrete.

 

Dann ist es etwas anderes; das Haus, das der Herr Graf kauft, liegt in Auteuil.

 

Bei diesen Worten erbleichte Bertuccio sichtbar.

 

Und wo liegt Auteuil? fragte Monte Christo.

 

Nur ein paar Schritte von hier, Herr Graf, erwiderte der Notar, etwas hinter Paffy, in einer reizenden Gegend.

 

So nahe! sagte Monte Christo, das ist kein Landhaus. Wie zum Teufel konnten Sie ein Haus vor den Toren der Stadt wählen, Herr Bertuccio?

 

Ich! rief der Intendant mit seltsamem Eifer; hat mich der Herr Graf nicht beauftragt, dieses Haus zu wählen? Der Herr Graf wolle die Gnade haben, sich zu besinnen.

 

Ah! es ist richtig, sagte Monte Christo, ich erinnere mich nun, ich habe die Anzeige in irgend einem Blatte gelesen und mich durch den lügnerischen Titel Landhaus verführen lassen.

 

Es ist noch Zeit, sagte Bertuccio lebhaft, und wenn mich Eure Exzellenz beauftragen will, anderswo zu suchen, so werde ich das Beste finden, was es gibt, mag es nun in Enghien, in Fontenay-aux-Roses oder in Bellevue sein.

 

Nein, erwiderte Monte Christo gleichgültig, da dies einmal ins Auge gefaßt ist, will ich’s auch behalten.

 

Und der gnädige Herr hat recht, sagte rasch der Notar, der seine Gebühr zu verlieren fürchtete, es ist ein reizendes Eigentum: fließendes Wasser, Gebüsch, ein, wenn auch seit geraumer Zeit verlassenes, doch äußerst behagliches Wohngebäude, abgesehen von dem Mobiliar, das, so alt es auch ist, doch seinen Wert hat, besonders heutzutage, wo man Altertümer liebt und sucht.

 

Zum Teufel, eine solche Gelegenheit wollen wir nicht versäumen, rief Monte Christo; den Vertrag, Herr Notar!

 

Und er unterzeichnete rasch, nachdem er einen Blick auf die Stelle geworfen hatte, wo die Lage des Hauses und die Namen der Eigentümer angegeben waren, dann befahl er, 55 000 Franken auszuzahlen. Der Intendant ging mit unsichern Schritten hinaus und kehrte mit einem Päckchen Banknoten zurück, die der Notar zählte.

 

Und nun ist allen Förmlichkeiten Genüge geleistet? fragte der Graf. Haben Sie die Schlüssel?

 

Sie sind in den Händen des Hausverwalters, der das Haus bewacht; doch hier ist der schriftliche Befehl, den ich an ihn ergehen lasse, den gnädigen Herrn in sein Eigentum einzuführen.

 

Sehr gut. Begleiten Sie diesen Herrn, sagte der Graf zu Bertuccio.

 

Der Intendant ging hinter dem Notar hinaus.

 

Kaum war der Graf allein, als er aus seiner Tasche ein Portefeuille mit einem Schlosse zog, das er mit einem Schlüsselchen öffnete, das er am Halse trug und nie von sich ließ. Nachdem er einen Augenblick gesucht hatte, nahm er ein Blättchen zur Hand, worauf einige Notizen standen, verglich diese mit dem auf dem Tische liegenden Verkaufsschein und sagte: Auteuil, Rue de la Fontaine Nr. 30, es stimmt. Soll ich nun durch religiösen Schrecken oder durch körperliche Angst ein Geständnis zu entreißen suchen? Jedenfalls werde ich in einer Stunde alles wissen.

 

Bertuccio! rief er, mit einem Hämmerchen auf ein Glöckchen schlagend, das einen scharfen, anhaltenden Ton von sich gab, und der Intendant erschien auf der Schwelle.

 

Herr Bertuccio, sagte der Graf, erzählten Sie mir nicht, Sie seien in Frankreich gereist?

 

Ja, Exzellenz, in einigen Teilen Frankreichs.

 

Sie kennen ohne Zweifel die Gegend von Paris?

 

Nein, Exzellenz, antwortete der Intendant mit einem Beben, das der Graf als Kenner einer heftigen Unruhe zuschrieb.

 

Es ist ärgerlich, daß Sie nie die Gegend von Paris besucht haben, sagte er, denn ich will noch heute abend mein neues Gut in Augenschein nehmen, und wenn Sie mich begleitet hätten, würden Sie mir ohne Zweifel nützliche Auskunft gegeben haben.

 

Nach Auteuil! rief Bertuccio, dessen kupferfarbiges Gesicht plötzlich leichenblaß wurde. Ich nach Auteuil gehen?

 

Aber was ist denn Erstaunliches daran, daß Sie nach Auteuil gehen sollen? Wenn ich in Auteuil wohnen werde, müssen Sie wohl dahin kommen, da Sie doch zum Haushalt gehören!

 

Bertuccio neigte das Haupt vor dem gebieterischen Blicke des Herrn und blieb unbeweglich und ohne zu antworten.

 

Was ist Ihnen denn? Sie lassen mich zum zweitenmale um den Wagen läuten? rief Monte Christo mit dem Tone, in dem Ludwig XIV. das bekannte: Ich habe warten müssen! aussprach.

 

Bertuccio sprang in das Vorzimmer und schrie mit heiserer Stimme: Die Pferde Seiner Exzellenz! Monte Christo schrieb ein paar Briefe; als er den letzten versiegelte, erschien der Intendant wieder und meldete den Wagen.

 

Wohl, nehmen Sie Ihren Hut, sagte Monte Christo.

 

Es gab kein Beispiel, daß man einem Befehle des Grafen widersprochen hätte; der Intendant folgte auch, ohne eine Einwendung zu machen, seinem Herrn und nahm seinen Platz ehrfurchtsvoll auf dem Vordersitz.

 

Der Telegraph.

 

Der Telegraph.

 

Herr und Frau von Villefort erfuhren, als sie in ihre Wohnung zurückkehrten, Herr von Monte Christo sei gekommen, ihnen einen Besuch zu machen, und warte auf sie im Salon. Zu aufgeregt, um sogleich einzutreten, ging Frau von Villefort durch ihr Schlafzimmer, während der Staatsanwalt, mehr seiner Herr, gerade auf den Salon zuschritt.

 

Doch so sehr er auch Herr seiner Empfindungen war, so gut er sein Gesicht zu formen wußte, so vermochte Herr von Villefort die Wolke doch nicht so völlig von seiner Stirn zu entfernen, daß der Graf, der ihm mit einem strahlenden Lächeln entgegentrat, nicht die düstere, brütende Miene bemerkt hätte.

 

Oh! mein Gott! rief Monte Christo nach den ersten Begrüßungen, was haben Sie denn, Herr von Villefort? Bin ich in dem Augenblick gekommen, wo Sie vielleicht eine hochnotpeinliche Anklage abfaßten?

 

Herr von Villefort suchte zu lächeln und erwiderte: Nein, mein Herr Graf, es ist hier kein anderes Opfer, als ich selbst. Ich bin es, der den Prozeß verliert; der Zufall, die Halsstarrigkeit, die Narrheit haben die Anklageschrift abgefaßt.

 

Was wollen Sie damit sagen? fragte Monte Christo mit einer vortrefflich gespielten Teilnahme. Ist Ihnen in der Tat ein ernstes Unglück widerfahren?

 

Oh! Herr Graf, versetzte Villefort mit ingrimmiger Ruhe, es ist nicht der Mühe wert, davon zu sprechen; es ist so gut wie nichts, nur ein Geldverlust.

 

In der Tat, erwiderte Monte Christo, ein Geldverlust ist etwas Geringes bei einem Vermögen, wie Sie es besitzen, und bei Ihrem philosophischen, erhabenen Geiste.

 

Auch ist es nicht die Geldfrage, was mich kümmert, obschon 900 000 Franken immerhin wohl ein Bedauern oder wenigstens eine Regung des Ärgers wert sind, sondern ich fühle mich getroffen durch die Fügung des Schicksals, des Zufalls, des Verhängnisses, ich weiß nicht, wie ich die Macht nennen soll, die den Schlag lenkt, der mich trifft, meine Hoffnungen niederstürzt und vielleicht die Zukunft meiner Tochter durch die Laune eines kindisch gewordenen Greises zerstört.

 

Ei, mein Gott! rief der Graf. 900 000 Franken, sagten Sie? In der Tat, diese Summe verdient wohl ein Bedauern, selbst für einen Philosophen. Und wer bereitete Ihnen diesen Verdruß?

 

Mein Vater, von dem ich mit Ihnen sprach.

 

Herr Noirtier? Sie sagten mir doch, er sei völlig gelähmt, und alle seine Fähigkeiten seien vernichtet?

 

Ja, seine körperlichen Fähigkeiten, denn er kann sich nicht rühren, er kann nicht sprechen, und bei alledem denkt er, will er, handelt er, wie Sie sehen. Ich habe ihn vor fünf Minuten verlassen, und er ist in diesem Augenblick damit beschäftigt, zwei Notaren ein Testament zu diktieren.

 

Er hat also doch gesprochen?

 

Nein, aber er hat sich mit Hilfe des Blickes verständlich gemacht; die Augen haben zu leben fortgefahren und töten, wie Sie sehen.

 

Mein Freund, sagte Frau von Villefort, welche nun ebenfalls eintrat, Sie übertreiben wohl die Lage der Dinge.

 

Gnädige Frau … sagte der Graf sich verbeugend.

 

Frau von Villefort grüßte mit ihrem freundlichsten Lächeln.

 

Was sagt mir denn Herr von Villefort? sagte Monte Christo; und welche unbegreifliche Ungnade …

 

Unbegreiflich, das ist das richtige Wort, versetzte der Staatsanwalt, die Achseln zuckend; die Laune eines Greises!

 

Gibt es denn kein Mittel, ihn von dieser Entscheidung abzubringen?

 

Doch, sagte Frau von Villefort, und es hängt nur von meinem Manne ab, daß dieses Testament statt zum Nachteil für Valentine, gerade zu ihren Gunsten gemacht wird.

 

Als der Graf sah, daß die beiden Ehegatten in Rätseln zu sprechen anfingen, nahm er eine zerstreute Miene an und sah mit größter Aufmerksamkeit und der augenscheinlichsten Billigung Eduard zu, der Tinte in das Trinkgeschirr der Vögel goß.

 

Meine Teure, sagte Villefort, seiner Frau antwortend, Sie wissen, daß ich es nicht liebe, in meinem Hause als Tyrann aufzutreten. Es ist mir indessen daran gelegen, daß meine Entscheidungen in meiner Familie geachtet werden und die Narrheit eines Greises und die Laune eines Kindes nicht einen seit langen Jahren festgestellten Plan umwerfen. Der Baron d’Epinay war mein Freund, wie Sie wissen, und eine Verbindung mit seinem Sohne mußte mir in jeder Beziehung entsprechend erscheinen.

 

Glauben Sie, Valentine sei mit ihm einverstanden? sagte Frau von Villefort; sie widersetzte sich in der Tat von jeher dieser Heirat, und es würde mich nicht wundern, wenn alles, was wir soeben gehört und gesehen haben, die Ausführung eines zwischen ihnen verabredeten Planes wäre.

 

Gnädige Frau, entgegnete Villefort, glauben Sie mir, man verzichtet nicht so leicht auf ein Vermögen.

 

Sie verzichtete doch auf die Welt, als sie vor einem Jahre in ein Kloster gehen wollte.

 

Gleichviel, rief Villefort, ich sage, daß diese Heirat geschlossen werden muß, gnädige Frau.

 

Gegen den Willen Ihres Vaters! sagte Frau von Villefort, eine andere Seite angreifend, das ist sehr ernst!

 

Monte Christo stellte sich, als hörte er nichts, verlor aber kein Wort von dem, was gesprochen wurde.

 

Ich kann wohl sagen, fuhr Villefort fort, daß ich stets meinen Vater geachtet habe, weil sich mit dem natürlichen Gefühle der Abkunft bei mir das Bewußtsein seiner moralischen Überlegenheit verband; doch diesmal muß ich darauf Verzicht leisten, verständige Überlegung in dem Greise anzuerkennen, der nur wegen seines Hasses gegen den Vater auf diese Art den Sohn verfolgt. Es wäre also lächerlich von mir, wenn ich mich in meinem Benehmen nach seinen Launen richtete. Ich werde nicht aufhören, die größte Achtung für Herrn Noirtier zu hegen; ich werde, ohne zu klagen, mich der Geldstrafe unterziehen, die er über mich verhängt; aber ich bleibe unerschütterlich in meinem Willen, und die Welt mag richten, auf welcher Seite die gesunde Vernunft ist. Ich verheirate folglich meine Tochter mit dem Baron Franz d’Epinay, weil diese Verbindung meinen Ansichten nach gut und ehrenvoll ist, und ich meine Tochter verheiraten kann, mit wem es mir beliebt.

 

Ei! sagte der Graf, dessen Billigung der Staatsanwalt beständig mit dem Blicke nachgesucht hatte; ei! Herr Noirtier enterbt, wie Sie sagen, Fräulein Valentine, weil sie den Herrn Baron Franz d’Epinay heiraten soll?

 

Mein Gott! ja, mein Herr; das ist der Grund, rief Villefort, die Achseln zuckend.

 

Läßt sich dies begreifen? entgegnete die junge Frau, ich frage Sie, in welcher Hinsicht mißfällt Herr d’Epinay Herrn Noirtier mehr als ein anderer?

 

In der Tat, sagte der Graf. Ich habe Herrn Franz d’Epinay kennen gelernt; er ist doch der Sohn des Generals von Quesnel, der von König Karl X. zum Baron d’Epinay gemacht wurde?

 

Ganz richtig! erwiderte Villefort.

 

Ei! mir scheint, das ist ein reizender junger Mann.

 

Ich bin fest überzeugt, es ist auch nur ein Vorwand, sagte Frau von Villefort; die Greise sind Tyrannen in ihren Zuneigungen; Herr Noirtier will nicht, daß seine Enkelin heiratet.

 

Können Sie sich nicht diesen Haß irgendwie sonst erklären? Vielleicht stammt er von irgend einer politischen Antipathie?

 

In der Tat, mein Vater und der Vater des Herrn d’Epinay lebten in stürmischen Zeiten, von denen ich nur noch die letzten Tage gesehen habe, sprach Villefort.

 

War Ihr Vater nicht Bonapartist? Ich glaube mich zu erinnern, daß Sie mir etwas dergleichen sagten.

 

Mein Vater war vor allem Jakobiner, erwiderte Villefort, durch die Aufregung über die Grenzen der Klugheit fortgerissen, und das Gewand des Senators, das ihm Napoleon um die Schultern warf, gab ihm nur eine andere Hülle, ohne etwas an ihm zu ändern. Konspirierte mein Vater, so geschah es nicht für den Kaiser, sondern gegen die Bourbonen, denn mein Vater hatte das Furchtbare an sich, daß er nie für Hirngespinste, sondern stets für mögliche Dinge kämpfte, und daß er zur Durchsetzung seiner Ideen vor keinem Mittel zurückwich.

 

Sie sehen, sagte Monte Christo, Herr Noirtier und Herr d’Epinay werden sich auf politischem Boden entgegengetreten sein. Hatte der General d’Epinay, obgleich er unter Napoleon diente, nicht im Grunde seines Herzens eine royalistische Gesinnung bewahrt, und ist es nicht derselbe, der eines Abends, als er einen napoleonistischen Klub verließ, zu dem man ihn in der Hoffnung des Beitritts eingeladen hatte, ermordet wurde?

 

Villefort schaute den Grafen beinahe mit Schrecken an.

 

Täusche ich mich? fragte Monte Christo.

 

Nein, mein Herr, antwortete Frau von Villefort, im Gegenteil, es ist genau so, und eben, um einen alten Haß zu ersticken, hatte Herr von Villefort den Gedanken, zwei Kinder sich lieben zu lassen, deren Väter sich gehaßt hatten.

 

Erhabener Gedanke! rief Monte Christo, ein Gedanke voll milder Menschenliebe, dem die ganze Welt ihren Beifall zollen müßte. In der Tat, es wäre schön gewesen, Fräulein Noirtier von Villefort sich Frau Franz d’Epinay nennen zu sehen.

 

Villefort bebte und schaute Monte Christo an, als wollte er im Grunde seines Herzens die Absicht lesen, welche den soeben ausgesprochenen Worten zu Grunde lag.

 

Da aber der Graf das wohlwollende Lächeln, an das seine Lippen gewöhnt waren, beibehielt, so vermochte der Staatsanwalt trotz der Schärfe seines Blickes nicht, hinter die Maske Monte Christos zu blicken.

 

Obgleich es ein großes Unglück für Valentine ist, das Vermögen ihres Großvaters zu verlieren, sagte Villefort, so glaube ich doch nicht, daß die Heirat deshalb scheitert; ich glaube nicht, daß Herr d’Epinay vor diesem pekuniären Verlust zurückweicht. Er wird sehen, daß ich wohl mehr wert bin, als diese Summe, die ich dem Wunsche, ihm mein Wort zu halten, opfere; er wird sich zudem sagen, daß Valentine schon durch das Vermögen ihrer Mutter reich ist, das von Herrn und Frau von Saint Meran verwaltet wird, die sie beide zärtlich lieben.

 

Und wohl würdig sind, daß man sie liebt und pflegt, wie dies Valentine bei Herrn Noirtier getan hat, fügte Frau von Villefort hinzu. Sie kommen spätestens in einem Monat nach Paris, und Valentine wird nach einer solchen Beleidigung nicht mehr gebunden sein, sich, wie sie es jetzt getan, bei Herrn Noirtier begraben zu lassen.

 

Der Graf hörte mit Wohlgefallen die disharmonische Stimme verletzter Eitelkeit und in den Staub getretener Interessen und sagte nach kurzem Stillschweigen: Mir scheint, und ich bitte Sie im voraus wegen dessen, was ich sagen werde, um Verzeihung, daß Herr Noirtier, wenn er Fräulein von Villefort, nur weil sie einen jungen Mann heiraten wollte, dessen Vater er gehaßt hat, enterbt, daß Herr Noirtier, sage ich, dem lieben Eduard nicht dasselbe Unrecht vorwerfen kann.

 

Nicht wahr? rief Frau von Villefort mit einem unbeschreiblichen Tone, nicht wahr, das ist ungerecht, abscheulich ungerecht. Dieser arme Eduard ist ebensogut der Enkel des Herrn Noirtier, und dennoch würde er Valentine sein ganzes Vermögen hinterlassen haben, wenn sie nicht Franz hätte heiraten sollen, und Eduard führt überdies den Namen der Familie, abgesehen davon, daß Valentine, wenn sie auch wirklich ihr Großvater enterbt, immer noch dreimal reicher sein wird, als er.

 

Nach diesem kräftigen Ausfall hörte der Graf nur noch zu und sparte sich selbst weitere Anregungen.

 

Nun genug, sagte Villefort. Wir wollen uns nicht länger über diese kleinlichen Familienangelegenheiten unterhalten! Ja, es ist richtig, mein Vermögen wird die Einkünfte der Armen vermehren, die heutzutage die wahren Reichen sind. Ja, mein Vater wird mich um eine gesetzliche Hoffnung gebracht haben, und das ohne Grund; ich aber habe dann als Mann von Verstand, als Mann von Herz gehandelt. Herr d’Epinay, dem ich die Rente von dieser Summe versprach, wird sie bekommen, und sollte ich mir die größten Entbehrungen auferlegen.

 

Es wäre doch vielleicht besser, sagte Frau von Villefort, auf den einzigen Gedanken zurückkommend, der unablässig in der Tiefe ihres Herzens auftauchte; es wäre doch vielleicht besser, man machte Herrn d’Epinay Mitteilung, damit er in der Lage wäre, selbst sich darüber zu entscheiden und sein Wort zurückzugeben!

 

Oh! das wäre ein großes Unglück, rief Villefort.

 

Ein großes Unglück? wiederholte Monte Christo.

 

Allerdings, erwiderte Villefort, sich besänftigend, eine gescheiterte Heirat, und scheitert sie auch aus Geldgründen, wirft ein schlechtes Licht auf ein junges Mädchen. Dann würden auch alte Gerüchte, die ich ersticken wollte, wieder laut werden. Doch nein, dem wird nicht so sein, Herr d’Epinay, der ein ehrenhafter Mann ist, wird sich durch Valentines Enterbung noch mehr für gebunden erachten, als zuvor, sonst würde er ja nur aus Habsucht um unser Kind gefreit haben; nein, das ist nicht möglich.

 

Ich denke wie Herr von Villefort, sagte Monte Christo, seinen Blick auf Frau von Villefort heftend, und wenn ich ihm einen Rat geben dürfte, so würde ich ihn auffordern, jetzt, wo Herr d’Epinay, wie ich höre, zurückkehrt, das Band so fest zu knüpfen, daß es sich nicht mehr lösen läßt. Ich würde unter allen Umständen eine Verbindung zustande bringen, die Herrn von Villefort nur zur Ehre gereichen kann.

 

Villefort erhob sich, von sichtbarer Freude ergriffen, während seine Frau leicht erbleichte.

 

Gut, sagte er, das ist alles, was ich haben wollte, und ich werde mir die Meinung eines Ratgebers, wie Sie sind, zu nutze machen, fügte er, Monte Christo die Hand reichend, hinzu. Hiernach ist alles, was sich hier ereignet hat, als nicht geschehen zu betrachten, und an unsern Plänen hat sich nichts geändert.

 

Mein Herr, sagte Monte Christo, so ungerecht die Welt ist, so wird sie Ihnen doch Dank für diesen Entschluß wissen, dafür stehe ich Ihnen. Ihre Freunde werden stolz darauf sein, und Herr d’Epinay, müßte er auch Fräulein von Villefort ohne Mitgift nehmen, was schwerlich der Fall sein wird, ist sicherlich entzückt über seinen Eintritt in eine Familie, in der man sich auf die Höhe solcher Opfer zu erheben weiß, um sein Wort zu halten und seine Pflicht zu erfüllen.

 

Während der Graf so sprach, stand er auf und schickte sich an, wegzugehen.

 

Sie verlassen uns? sagte Frau von Villefort.

 

Ich bin genötigt, gnädige Frau; ich kam nur, um Sie an Ihr Versprechen für Sonnabend zu erinnern.

 

Befürchten Sie, wir würden es vergessen?

 

Sie sind zu gütig, gnädige Frau; doch Herr von Villefort hat so ernste und zuweilen so dringende Geschäfte …

 

Mein Mann hat sein Wort gegeben, Herr Graf, und Sie konnten soeben sehen, daß er es hält, wenn alles dabei verloren gehen kann; er wird es umsomehr tun, wenn alles dabei zu gewinnen ist.

 

Findet die Gesellschaft in Ihrem Hause in den Champs-Elysées statt? fragte Villefort.

 

Nein, sagte Monte Christo, und das macht Ihr Opfer noch verdienstlicher … auf dem Lande.

 

In der Nähe von Paris?

 

Vor dem Tore, eine halbe Stunde vor dem Tore, in Auteuil.

 

In Auteuil! rief Villefort. Ah! es ist wahr, Frau von Villefort sagte mir, Sie wohnten in Auteuil, wo man sie in Ihr Haus brachte. Und wo in Auteuil?

 

Rue de la Fontaine.

 

Rue de la Fontaine? versetzte Villefort mit gepreßter Stimme; Nummer?

 

Nummer 30.

 

Man hat also an Sie das Haus des Herrn von Saint-Meran verkauft? rief Villefort.

 

Des Herrn von Saint-Meran? fragte Monte Christo. Dieses Haus gehörte Herrn von Saint-Meran?

 

Ja, erwiderte Frau von Villefort; nicht wahr, es ist eine schöne Besitzung?

 

Reizend.

 

Und denken Sie sich, mein Mann wollte nie darin wohnen.

 

In der Tat, mein Herr? Das ist ein Vorurteil, von dem ich mir keine Rechenschaft geben kann.

 

Ich liebe Auteuil nicht, sagte der Staatsanwalt, sich selbst bezwingend.

 

Es würde mich jedoch sehr unglücklich machen, sollte mich diese Antipathie des Vergnügens berauben, Sie bei mir zu empfangen! versetzte Monte Christo.

 

Nein, Herr Graf, ich hoffe wohl … glauben Sie mir, daß ich alles tun werde, was ich vermag …, stammelte Villefort.

 

Oh! ich nehme keine Entschuldigung an, entgegnete Monte Christo. Sonnabend um sechs Uhr erwarte ich Sie, und wenn Sie nicht kämen, so würde ich glauben müssen, es ruhe auf diesem seit zwanzig Jahren unbewohnten Hause irgend eine finstere Überlieferung, irgend eine blutige Legende.

 

Ich werde kommen, sagte Villefort rasch.

 

Meinen Dank. Nun aber müssen Sie mir erlauben, mich von Ihnen zu verabschieden.

 

In der Tat, Sie sagten, Sie müssen uns verlassen, Herr Graf, versetzte Frau von Villefort, und Sie wollten uns sogar mitteilen, warum, als Sie sich unterbrachen, um zu einem andern Gedanken überzugehen.

 

Wahrhaftig, gnädige Frau, ich weiß nicht, ob ich Ihnen sagen soll, wohin ich gehe.

 

Warum nicht? Sagen Sie es nur!

 

Ich will mir etwas ansehen, worüber ich oft stundenlang geträumt habe.

 

Was?

 

Einen Telegraphen.

 

Einen Telegraphen? wiederholte Frau von Villefort.

 

Ei, mein Gott! ja, einen Telegraphen. Zuweilen sah ich am Ende einer Straße auf einem Hügel bei schönem Sonnenscheine die schwarzen, wie die Füße eines ungeheuren Käfers sich biegenden Arme, und dieses Schauspiel hat mich immer merkwürdig ergriffen, das versichere ich Ihnen, denn ich dachte, diese Zeichen, welche die Luft mit unfehlbarer Sicherheit durchschneiden und auf Hunderte von Meilen den unbekannten Willen eines vor einem Tische sitzenden Menschen einem andern am Ende der Linie befindlichen Menschen verkünden, verdanken ihr Dasein nur der Energie des sonderbaren Insektenkörpers. Geister, Sylphen, Gnomen schienen mir dabei im Spiele zu sein. Niemals aber trieb es mich, diese großen Insekten mit den weißen Bäuchen und den schwarzen mageren Füßen von nahem zu sehen; denn ich fürchtete, ich würde unter ihrem steinernen Flügel den kleinen Menschenwitz, sehr ernst und würdig, sehr gründlich und steifleinen, triefend von Wissenschaft, von kleinlicher Eifersüchtelei, vielleicht auch von Aberglauben finden. Eines Morgens erfuhr ich aber, die bewegende Kraft jedes Telegraphen sei ein armer Teufel von einem Angestellten mit einem jährlichen Gehalt von zwölfhundert Franken, der nur mechanische Handgriffe verstehe und so wenig von der wunderbaren elektrischen Kraft wisse, wie ein Nachtwächter von der Poesie der göttlichen Nacht. Da erfaßte mich ein seltsames Verlangen, diese lebendige Puppe einmal näher anzuschauen.

 

Und Sie wollen nun dahin?

 

Ja, gnädige Frau!

 

Und zu welchem Telegraphen wollen Sie gehen? Zu dem im Ministerium des Innern oder zu dem im Observatorium?

 

 

Oh, nein, ich könnte dort Leute antreffen, die mich nötigen wollten, etwas zu begreifen, das ich gar nicht begreifen will, und die mir wider meinen Willen ein Geheimnis zu enthüllen versuchen, das ihnen im Grunde selbst verborgen ist. Zum Teufel! Ich will wenigstens die Illusionen mir erhalten, die ich noch über die Insekten hege; es ist genug, daß ich die, welche ich über die Menschen hatte, verlieren mußte. Ich werde also zu keinem der beiden Pariser Telegraphen gehen, weder zu dem auf dem Observatorium noch dem im Ministerium des Innern. Ich brauche einen Telegraphen im freien Felde.

 

So gehen Sie, denn in zwei Stunden ist es Nacht, und Sie sehen dann nichts mehr.

 

Teufel! Sie erschrecken mich! Wo ist der nächste auf der Straße nach Bayonne?

 

In Chatillon.

 

Und nach dem in Chatillon?

 

Ich glaube, der auf dem Turme von Monthléry.

 

Ich danke; auf Wiedersehen! Sonnabend werde ich Ihnen meine Eindrücke erzählen.

 

Vor der Tür traf der Graf mit den zwei Notaren zusammen, die soeben Valentine enterbt hatten und sich nun wegbegaben … äußerst entzückt, daß sie einen Akt aufgesetzt hatten, der ihnen unfehlbar große Ehre machen mußte.