Der Staatsanwalt.

 

Der Staatsanwalt.

 

In der Rue du Grand-Cours, in einem der alten aristokratischen Häuser, feierte man zu derselben Stunde ebenfalls ein Verlobungsmahl. Nur gehörten die Gäste nicht dem Volke, sondern der Spitze der Marseiller Bevölkerung an. Es waren ehemalige Beamte, die unter dem Usurpator Napoleon ihren Abschied genommen hatten, alte Offiziere, die aus den Reihen des französischen Heeres desertiert waren, um zu Condés Armee überzugehen; junge Leute aus hoher Familie, in dem Hasse gegen den Mann erzogen, der dem französischen Volke nach fünf Jahren der Verbannung als Märtyrer und nach fünfzehn Jahren der Restauration als Gott erscheinen sollte.

 

Man saß bei Tische, und das Gespräch war im Schwunge, glühend von allen den Leidenschaften der Zeit, von den Leidenschaften, die um so lebendiger und erbitterter im Süden brausten, als seit fünf Jahren der religiöse Haß den politischen unterstützte.

 

Der Kaiser, – Herr der Insel Elba, nachdem er der unumschränkte Beherrscher eines Weltalls gewesen war, eine Bevölkerung von fünf bis sechstausend Seelen regierend, nachdem er: Es lebe Napoleon! von hundert und zwanzig Millionen in zehn verschiedenen Sprachen hatte rufen hören, wurde hier als ein für immer abgetaner Emporkömmling hingestellt. Die Beamten enthüllten seine politischen Mißgriffe, die Offiziere sprachen von Moskau und Leipzig, die Frauen von seiner Scheidung von Josephine.

 

Ein mit dem Sankt-Ludwigskreuze geschmückter Mann erhob sich und schlug den Gästen die Gesundheit des Königs Ludwig XVIII. vor. Es war der Marquis von Saint-Meran. Bei diesem Toast entstand eine gewaltige Begeisterung. Die Gläser wurden emporgehoben, die Frauen machten ihre Sträuße los und streuten die Blumen über das Tischtuch.

 

Wenn sie da wären, sagte die Marquise von Saint-Meran, eine Frau mit trockenem Auge, dünnen Lippen, mit aristokratischer und trotz ihrer fünfzig Jahre noch zierlichen Haltung, alle diese Revolutionäre, die uns vertrieben haben, und die wir nun ganz ruhig in unseren alten Schlössern, die sie unter der Schreckensregierung für ein Stück Brot erkauft haben, Meutereien anzetteln lassen, sie müßten anerkennen, daß die wahre Ergebenheit auf unserer Seite war, denn wir hielten an der einstürzenden Monarchie fest, während sie die aufgehende Sonne begrüßten und ihr Glück machten, indem wir das unsere verloren; sie müßten anerkennen, daß unser König Ludwig der Vielgeliebte wirklich gut war, während ihr Usurpator nie etwas anderes gewesen ist, als Napoleon der Verfluchte, nicht wahr, Villefort?

 

Sie sagen, Frau Marquise? … verzeihen Sie, ich war nicht beim Gespräche …

 

Ah, lassen Sie die Kinder, Marquise, versetzte der Greis, der den Toast ausgebracht hatte; diese Kinder wollen sich heiraten und haben natürlich von etwas anderem miteinander zu sprechen, als von Politik.

 

Ich bitte um Vergebung, meine Mutter, sagte eine junge, hübsche Dame mit blonden Haaren und mit Samtaugen, ich gebe Ihnen Herrn von Villefort zurück, den ich für eine Minute in Anspruch genommen hatte. Herr von Villefort, meine Mutter spricht mit Ihnen.

 

Die Marquise begann, zärtlich lächelnd: Ich sage, Villefort, die Bonapartisten besitzen weder unsere Begeisterung, noch unsere Überzeugung, noch unsere Ergebenheit.

 

Ah! gnädige Fran, Sie haben wenigstens etwas, das alles dies ersetzt, es ist der Fanatismus. Napoleon ist der Mohammed des Westens, er ist für alle diese dem Volke entstammenden, aber ehrgeizigen Menschen nicht nur ein Gesetzgeber und Herr, sondern auch das Musterbild der Gleichheit.

 

Napoleon das Musterbild der Gleichheit, rief die Marquise, und was werden Sie dann aus Robespierre machen? Es scheint mir, Sie stehlen ihm seinen Platz, um ihn dem Korsen zu geben.

 

Nein, gnädige Frau, antwortete Villefort, ich lasse jeden auf seinem Piedestal, Robespierre auf seinem Schafott, Napoleon auf der Vendomesäule; nur hat der eine eine Gleichheit gemacht, die erniedrigt, der andere eine Gleichheit, die erhöht; der eine hat die Könige auf das Niveau der Guillotine, der andere hat das Volk auf das Niveau des Thrones erhoben. Damit will ich nicht sagen, fügte er lachend hinzu, es seien nicht alle beide heillose Empörer, und der 9. Thermidor und der 4. April 1814 seien nicht glückliche Tage für Frankreich und würdig, durch die Freunde der Ordnung und der Monarchie gleich festlich begangen zu werden; aber dies erklärt auch, warum Napoleon, obgleich gefallen, um, wie ich hoffe, nie mehr aufzustehen, seine Anhänger, seine Freunde behalten hat.

 

Wissen Sie, daß das, was Sie da sprechen, auf eine Meile nach Revolution riecht? Aber ich vergebe Ihnen. Man kann nicht der Sohn eines Girondisten sein, ohne einen Erdgeruch beizubehalten.

 

Eine lebhafte Röte bedeckte Villeforts Stirn.

 

Mein Vater war Girondist, sagte er, das ist wahr; aber mein Vater hat nicht für den Tod des Königs gestimmt. Mein Vater wurde geächtet von derselben Schreckensregierung, welche Sie ächtete, und es fehlte nicht viel, so hätte er sein Haupt auf dasselbe Blutgerüst legen müssen, welches das Haupt Ihres Vaters fallen sah.

 

Ja, sagte die Marquise, ohne daß diese blutige Erinnerung irgend eine Veränderung in ihren Gesichtszügen zur Folge hatte, nur mit dem Unterschiede, daß beide aus geradezu entgegengesetzten Gründen den Kopf verloren hätten. Zum Beweise mag dienen, daß meine ganze Familie den verbannten Prinzen anhänglich geblieben ist, während sich die Ihrige eiligst mit der neuen Regierung verband, und daß, nachdem der Bürger Noirtier Girondist gewesen war, der Graf Noirtier Senator geworden ist.

 

Meine Mutter, rief Renée, Sie wissen, daß es verabredet war, von diesen üblen Erinnerungen gar nicht mehr zu sprechen.

 

Gnädige Frau, versetzte Villefort, ich verbinde mich mit Fräulein von Saint-Meran, um Sie demütigst um Vergessenheit des Vergangenen zu bitten. Wozu soll es nützen, über Dinge zu klagen, vor denen selbst der Wille Gottes ohnmächtig ist? Gott kann die Zukunft verändern, aber die Vergangenheit nicht. Ich habe mich nicht nur von den Ansichten, sondern auch von dem Namen meines Vaters getrennt. Mein Vater war und ist vielleicht noch jetzt Bonapartist und heißt Noirtier; ich bin Royalist und heiße von Villefort.

 

Bravo, Villefort, sagte der Marquis, bravo, gut geantwortet! Ich habe auch der Marquise immer Vergessenheit des Vergangenen gepredigt, ohne es je von ihr erlangen zu können; Sie werden hoffentlich glücklicher sein.

 

Ja, es ist gut, sagte die Marquise, vergessen wir die Vergangenheit! Aber Villefort soll wenigstens für die Zukunft unbeugsam sein. Vergessen Sie nicht, Villefort, daß wir bei Sr. Majestät uns für Sie verantwortlich gemacht haben, daß Se. Majestät ebenfalls die Gnade hatte, auf unsere Empfehlung zu vergessen, – sie reichte ihm die Hand –, wie ich es auf Ihre Bitte tue. Nur bedenken Sie, wenn irgend ein Meuterer in Ihre Hände fällt, daß die Augen um so mehr auf Sie gerichtet sind, als man weiß, daß Sie einer Familie angehören, die vielleicht mit diesen Meuterern in Verbindung steht.

 

Ah, sagte Villefort, mein Amt und besonders die Zeit, in der wir leben, gebieten mir, streng zu sein, und ich werde es sein. Bereits hatte ich einige politische Anklagen zu erheben, und ich habe in dieser Beziehung meine Probe abgelegt.

 

Oh, Herr von Villefort, rief eine hübsche, junge Dame, die Tochter des Grafen von Salvieur und eine Freundin des Fräuleins von Saint-Meran, suchen Sie doch, solange wir in Marseille sind, einen schönen Prozeß zu bekommen. Ich habe nie ein Schwurgericht gesehen, und man sagt, es sei etwas Interessantes.

 

In der Tat, sehr interessant, mein Fräulein, erwiderte der junge Staatsanwalt, denn statt einer scheinbaren Tragödie findet man ein wirkliches Drama, statt gespielter Schmerzen wirkliche Schmerzen. Statt, wenn der Vorhang herabgelassen ist, nach Hause zu gehen, mit seiner Familie zu Nacht zu speisen und sich ruhig niederzulegen, um am anderen Tage wieder anzufangen, kehrt mancher in das Gefängnis zurück, wo er den Henker findet. Sie sehen, daß es für Personen, die Aufregungen suchen, kein Schauspiel gibt, das diesem gleichkommt. Seien Sie unbesorgt, mein Fräulein, wenn sich Gelegenheit zeigt, werde ich es Ihnen verschaffen.

 

Oh! mein Gott! rief Renée düster, sprechen Sie im Ernste, Herr von Villefort?

 

In vollem Ernste, mein Fräulein, erwiderte der Beamte lächelnd. Und durch die schönen Prozesse, die das Fräulein wünscht, um seine Neugierde zu befriedigen, und die ich wünsche, um meinen Ehrgeiz zu befriedigen, wird sich die Lage der Dinge einigermaßen zuspitzen. Glauben Sie, daß diese Soldaten Napoleons, gewohnt, blindlings dem Feinde entgegenzugehen, überlegen, wenn sie eine Patrone abbrennen oder mit dem Bajonette angreifen? Werden sie mehr zaudern, einen Mann zu töten, den sie für ihren persönlichen Feind halten, als einen Russen, einen Österreicher, einen Ungarn, den sie nie zuvor gesehen haben? Überdies muß das so sein, sonst hätte unser Handwerk keine Entschuldigung. Ich selbst, wenn ich in dem Auge des Angeschuldigten den leuchtenden Blitz der Rache zucken sehe, fühle mich ermutigt, begeistert; es ist nicht mehr ein Prozeß, es ist ein Kampf; ich fechte gegen ihn, er macht seine Stöße, ich mache meine Gegenstöße, und der Kampf endigt, wie alle Kämpfe, mit einem Sieg oder mit einer Niederlage. Denken Sie an das Gefühl des Stolzes, das einen von der Schuld des Angeklagten überzeugten Staatsanwalt erfaßt, wenn er den Schuldigen unter dem Gewichte der Beweise, unter den Blitzen der Beredsamkeit sich niederbeugen sieht. Dieser Kopf beugt sich, er wird fallen.

 

Renée stieß einen leichten Schrei aus.

 

Das letzte Mal, sagte einer von den Gästen, haben Sie Ihre Sache auch vortrefflich gemacht, Herr von Villefort. Sie wissen, den Mann, der seinen Vater ermordet hatte, haben Sie buchstäblich getötet, ehe ihn der Henker nur berührte.

 

Ah! für Vatermörder, das lasse ich mir gefallen, versetzte Renée, es gibt keine Strafe, die für solche Menschen groß genug wäre; aber für die unglücklichen politischen Angeklagten! Sie versprechen mir Nachsicht für die, welche ich Ihnen empfehlen werde, nicht wahr?

 

Seien Sie unbesorgt, erwiderte Herr von Villefort mit seinem reizenden Lächeln, wir setzen meine Anträge gemeinsam auf.

 

Meine Liebe, sagte die Marquise, kümmere dich um deine Vögel und um dein Hündchen, und laß deinen zukünftigen Gatten seine Geschäfte selbst abmachen.

 

Ich glaube, mir wäre es lieber, wenn Sie ein Arzt wären, sagte Renée; der Würgeengel, wenn er auch ein Engel ist, hat mich stets erschreckt.

 

Gute Renée! murmelte Villefort und schaute dabei das Mädchen mit liebevollen: Blicke an.

 

Meine Tochter, sagte der Marquis, Herr von Villefort wird der moralische und politische Arzt dieser Provinz werden; glaube mir, es ist ihm eine schöne Rolle übertragen.

 

In diesem Augenblick trat ein Kammerdiener ein und sagte Herrn von Villefort einige Worte ins Ohr. Dieser stand, sich entschuldigend, vom Tische auf und kam einige Minuten nachher mit heiterem Antlitz und lächelnden Lippen wieder zurück. Renée schaute ihn liebevoll an; mit seinen blauen Augen, mit seiner matten Gesichtsfarbe und seinem schwarzen Backenbarte war er ein wahrhaft zierlicher junger Mann. Die Seele des jungen Mädchens schien an seinen Lippen zu hängen und die Erklärung seines Verschwindens zu erwarten.

 

Nun, mein Fräulein, sagte Villefort, Sie wünschten soeben einen Arzt als Gatten zu besitzen. Ich habe mit den Schülern Äskulaps die Ähnlichkeit, daß mir nie die Gegenwart gehört, und daß man mich sogar an Ihrer Seite, sogar beim Verlobungsmahle, stört.

 

Und aus welcher Veranlassung stört man Sie? fragte das Mädchen mit einer leichten Unruhe.

 

Ach! wegen eines Kranken, der, wenn das wahr ist, was man mir sagt, in der höchsten Gefahr schwebt. Diesmal ist es ein schwerer Fall, und die Krankheit führt zum Schafott.

 

Oh, mein Gott! rief Renée erbleichend.

 

Wirklich? fragte einstimmig die ganze Versammlung.

 

Es scheint, man hat ein bonapartistisches Komplott entdeckt.

 

Ist es möglich? rief die Marquise.

 

Hier ist die Denunziation. Und Villefort las den Brief, den Danglars geschrieben, vor.

 

Dieser Brief, sagte Renée, ist ja nur anonym; auch hat man ihn doch an den Ersten Staatsanwalt gerichtet und nicht an Sie.

 

Ja, aber der Erste Staatsanwalt ist nicht hier; in seiner Abwesenheit gelangte das Schreiben an den Sekretär, der die Briefe zu öffnen beauftragt war. Er hat also diesen geöffnet, mich suchen lassen, und da er mich nicht fand, Befehl zur Verhaftung gegeben.

 

Der Schuldige ist verhaftet? fragte die Marquise.

 

Das heißt der Angeklagte, verbesserte Renée.

 

Ja, erwiderte Villefort, und wie ich soeben Fräulein Renée zu bemerken die Ehre hatte, … findet man den erwähnten Brief, so ist die Krankheit sehr gefährlich.

 

Gehen Sie, mein Freund, sagte der Marquis, versäumen Sie Ihre Pflichten nicht, um bei uns zu verweilen, wenn Sie der Dienst des Königs ruft.

 

Oh! Herr von Villefort, sagte Renée, die Hände faltend, seien Sie nachsichtig, es ist heute unser Verlobungstag.

 

Villefort ging um den Tisch und sagte, dem Stuhle des jungen Mädchens sich nähernd, auf dessen Lehne er sich stützte: Um Ihnen eine Unruhe zu ersparen, werde ich alles tun, was ich vermag; aber wenn die Beschuldigung wahr ist, so wird wohl nichts übrig bleiben, als dies schlimme bonapartistische Kraut abzuschneiden.

 

Renée bebte bei dem Worte abschneiden, denn das Kraut, um das es sich handelte, hatte einen Kopf.

 

Bah! bah! rief die Marquise, hören Sie nicht auf dieses junge Mädchen, Villefort!

 

Und die Marquise reichte Villefort die trockene Hand, die er küßte, während er Renée ansah und dieser mit den Augen sagte: Ihre Hand ist es, die ich küsse oder wenigstens in diesem Augenblicke zu küssen wünschte.

 

Traurige Auspizien, murmelte Renée.

 

In der Tat, sagte die Marquise, du bist zum Verzweifeln kindisch; ich frage dich: Wie kannst du die Empfindeleien deiner Einbildungskraft und deines Herzens auf Staatsangelegenheiten übertragen?

 

Oh, meine Mutter, murmelte Renée.

 

Gnade für die schlechten Royalisten, Frau Marquise, sagte von Villefort, ich verspreche Ihnen, meine Aufgabe als Vertreter des Ersten Staatsanwalts gewissenhaft zu erfüllen, das heißt furchtbar streng zu sein.

 

Aber während der Beamte diese Worte an die Marquise richtete, warf er zu gleicher Zeit verstohlen seiner Braut einen Blick zu, und dieser sagte: Sei unbesorgt, Renée, um deiner Liebe willen werde ich nachsichtig sein.

 

Renée erwiderte diesen Blick mit ihrem süßesten Lächeln, und Villefort entfernte sich mit dem Paradiese im Herzen.

 

Das Verhör.

 

Das Verhör.

 

Kaum hatte Villefort den Speisesaal verlassen, als er seine heitere Miene ablegte und die ernste Maske eines Mannes annahm, der zu dem erhabenen Amt, über das Leben von seinesgleichen zu entscheiden, berufen ist. Trotz der Beweglichkeit seiner Gesichtszüge, die der Staatsanwalt wie ein geschickter Schauspieler vor seinem Spiegel geübt hatte, fiel es ihm diesmal schwer, eine ernste Miene und einen düstern Ausdruck beizubehalten. Abgesehen von der Erinnerung an die politische Laufbahn seines Vaters, die seiner Zukunft in den Weg treten konnte, war Gérard von Villefort in diesem Augenblick so glücklich, als es einem Menschen zu sein vergönnt ist. Schon an sich reich, nahm er mit siebenundzwanzig Jahren ein hohes Amt ein. Er war im Begriff, ein junges hübsches Mädchen, das er liebte, zu heiraten. Neben ihrer Schönheit hatte seine Braut noch den Vorzug, einer von den Familien anzugehören, die am Hofe im höchsten Ansehen standen, und außer dem politisch förderlichen Einflusse ihrer Eltern brachte sie ihrem Gatten eine Mitgift von 50 000 Talern, die sich eines Tages durch eine Erbschaft von einer halben Million vermehren sollte. Dies alles zusammen erhob den Staatsanwalt in einen solchen Zustand von Glückseligkeit, daß er sich jeden Augenblick zusammennehmen mußte, um die gewollte, seinem Amte angemessene Miene zur Schau zu tragen.

 

Vor der Tür fand er den Polizeikommissar, der auf ihn wartete. Beim Anblick des schwarzgekleideten Mannes viel er sofort aus der Höhe des dritten Himmels auf die materielle Erde, auf der wir einhergehen. Er brachte nun sein Gesicht leichter in die gehörige Verfassung, näherte sich dem Beamten und sagte: Hier bin ich, ich habe den Brief gelesen; Sie taten wohl daran, diesen Menschen zu verhaften. Geben Sie mir nun über ihn und über die Meuterei alle einzelnen Umstände an, die Sie in Erfahrung gebracht haben!

 

Über die Meuterei, mein Herr, wissen wir noch nichts; alle Papiere, die man bei ihm bekommen hat, sind in Ihrem Bureau versiegelt niedergelegt worden. Was den Angeschuldigten betrifft, so haben Sie aus dem Briefe, der ihn denunziert, ersehen, daß er Edmond Dantes heißt und Sekond an Bord des Dreimasters »der Pharao« ist, der Baumwollenhandel mit Alexandrien und Smyrna treibt und dem Hause Morel und Sohn in Marseille gehört.

 

Hat er bei der Kriegsmarine gedient, ehe er bei der Handelsmarine diente?

 

Nein, er ist ein ganz junger Mensch.

 

In diesem Augenblicke, als Villefort, an die Ecke der Rue des Conseils gelangt war, redete ihn ein Mann an, der ihn zu erwarten schien; es war Herr Morel.

 

Ah, Herr von Villefort! rief der brave Mann, ich bin sehr glücklich, Sie zu treffen. Denken Sie, daß man den seltsamsten, den unerhörtesten Mißgriff begangen hat; man hat den Sekond meines Schiffes, Edmond Dantes, verhaftet.

 

Ich weiß es, mein Herr, antwortete Villefort, und werde ihn sogleich verhören.

 

Oh, Herr, fuhr Morel, hingerissen von seiner Freundschaft für den jungen Mann, fort, Sie kennen den nicht, den man anklagt, aber ich kenne ihn. Denken Sie sich den sanftesten, den redlichsten Menschen, und ich wage wohl zu behaupten, einen der besten Seeleute bei der ganzen Handelsmarine. Oh, Herr von Villefort, ich empfehle Ihnen denselben aufrichtig und von ganzem Herzen.

 

Villefort gehörte, wie wir gesehen haben, der aristokratischen Partei der Stadt an und Morel der demokratischen. Der erste war Ultraroyalist, der zweite des Bonapartismus verdächtig. Villefort schaute Morel mißtrauisch an und antwortete ihm mit kaltem Tone:

 

Sie wissen, mein Herr, daß man im Umgang sanftmütig, als Händler ehrlich, im Berufe geschickt und nichtsdestoweniger politisch ein großer Verbrecher sein kann. Sie wissen das, nicht wahr, mein Herr?

 

Der Beamte legte auf diese letzten Worte einen besondern Nachdruck, als wollte er sie auf den Reeder selbst anwenden, während sein forschender Blick dem bis in die Tiefe des Herzens dringen zu wollen schien, der so kühn war, für einen andern einzutreten, während er wissen mußte, daß er selbst der Nachsicht bedurfte.

 

Morel errötete, denn er fühlte, daß sein Gewissen in Bezug auf seine politische Gesinnung nicht ganz rein war, und überdies beunruhigte seinen Geist einigermaßen die vertrauliche Mitteilung, die ihm Dantes über die Zusammenkunft mit dem Großmarschall gemacht hatte, und die Worte, die vom Kaiser an Dantes gerichtet worden waren. Er fügte indessen mit dem Tone der tiefsten Teilnahme hinzu: Ich bitte Sie inständig, Herr von Villefort, seien Sie gerecht, wie Sie es sein müssen, gut, wie Sie es immer sind, und geben Sie uns schleunigst diesen armen Dantes zurück!

 

Das »geben Sie uns« klang in dem Ohre des Staatsanwalts ganz revolutionär.

 

Ei, ei, sagte er ganz leise zu sich selbst, geben Sie uns! … sollte dieser Dantes zu irgend einer Massenverschwörung gehören, daß sein Beschützer sich unwillkürlich der Mehrzahl bedient? Man hat ihn, wie man mir sagte, in zahlreicher Gesellschaft verhaftet, das werden wohl seine Genossen gewesen sein! Laut fügte er hinzu: Mein Herr, Sie können vollkommen ruhig sein. Sie werden nicht vergeblich an meine Gerechtigkeit appelliert haben, wenn der Angeklagte unschuldig ist. Ist er dagegen schuldig, so werde ich genötigt sein, meine Pflicht zu tun.

 

Da er inzwischen die Tür seines unmittelbar an den Justizpalast stoßenden Hauses erreicht hatte, grüßte er mit eisiger Höflichkeit den unglücklichen Reeder, der wie versteinert auf dem Platze blieb, und trat würdevoll in seine Wohnung. Das Vorzimmer war voll von Gendarmen und Polizeiagenten. Mitten unter ihnen stand, streng bewacht, ruhig und unbeweglich der Gefangene.

 

Villefort schritt durch das Vorzimmer, warf einen flüchtigen Blick auf Dantes, nahm ein Bündel Akten, das ihm ein Agent überreichte, und verschwand mit den Worten: Man führe den Gefangenen vor!

 

So rasch sein Blick auch gewesen war, so genügte er doch für Villefort, ihm einen Begriff von dem Menschen zu geben, den er verhören sollte. Auf dieser breiten, offenen Stirn las er Verstand, im festen Auge Mut, in den fleischigen halbgeöffneten und elfenbeinweiße Zähne zeigenden Lippen Treuherzigkeit.

 

Einen Augenblick nach ihm trat Dantes ein. Der junge Mann war immer noch bleich, aber ruhig und sorglos. Er verbeugte sich vor seinem Richter mit ungezwungener Artigkeit und suchte dann mit den Augen einen Stuhl, als befände er sich im Zimmer des Reeders Morel.

 

Jetzt erst begegnete er Villeforts düsterm Blicke, dem Blicke, der den Männern des Gesetzes eigentümlich ist, die nicht in ihren Gedanken lesen lassen wollen. Dieser Blick belehrte ihn, daß er sich vor der strengen Justiz befand.

 

Wer sind Sie und wie heißen Sie? fragte Villefort, in den Akten blätternd, die bereits sehr umfangreich geworden waren.

 

Ich heiße Edmond Dantes und bin Sekond an Bord des Schiffes Pharao.

 

Was taten Sie in dem Augenblick, wo Sie verhaftet wurden?

 

Ich wohnte meinem Verlobungsmahle bei, mein Herr, sagte Dantes mit leicht bewegter Stimme, so schmerzlich war der Kontrast jener Augenblicke der Freude mit der traurigen Szene, in der er hier auftrat, so sehr ließ Herrn von Villeforts, düsteres Gesicht seiner Mercedes‘ strahlendes Antlitz in um so hellerem Lichte erglänzen.

 

Sie wohnten Ihrem Verlobungsmahle bei? sagte Villefort, unwillkürlich bebend. So unempfindlich er gewöhnlich war, so erregte ihn doch dies Zusammentreffen lebhaft, und Dantes‘ bewegte Stimme erweckte eine sympathische Fiber im Grunde seiner Seele. Er heiratete auch, er war auch glücklich, wie Dantes, und man hatte ihn in seinem Glücke gestört, damit er zur Vernichtung der Freude eines Menschen beitrüge, der, wie er, seiner Seligkeit so nahe stand.

 

Man sagt, Sie haben sehr auffallende politische Ansichten? fuhr nach einigen Augenblicken Villefort fort, der gern die Frage in die Form einer Anklage kleidete.

 

Meine politischen Ansichten, mein Herr? Ach! ich schäme mich beinahe, es zu gestehen, aber ich habe das nie gehabt, was man eine Ansicht nennt. Ich bin kaum neunzehn Jahre alt, ich weiß nichts, ich bin nicht bestimmt, irgend eine Rolle zu spielen; das wenige aber, was ich weiß und sein werde, wenn man mir die Stelle bewilligt, nach der ich trachte, habe ich Herrn Morel zu verdanken. Alle meine Ansichten, ich sage nicht politische, sondern Privatansichten, beschränken sich auf folgende drei Gefühle: ich liebe meinen Vater, ich ehre Herrn Morel und bete Mercedes an. Das ist alles, was ich über meine Ansichten vor Gericht erklären kann, und Sie sehen, daß es nicht eben sehr interessant ist.

 

Während Dantes so sprach, schaute Villefort sein zugleich sanftes und offenes Gesicht an und erinnerte sich zugleich der Worte Renées, die, ohne den Gefangenen zu kennen, um Nachsicht für ihn gebeten hatte. Mit dem gewohnten Scharfblick, den er in der Erforschung des Verbrechens und der Verbrecher bereits besaß, erkannte er in jedem Worte Dantes‘ den Beweis seiner Unschuld.

 

Bei Gott, sagte Villefort zu sich selbst, das ist ein guter Bursche, und ich werde hoffentlich nicht viel Mühe haben, mich bei Renée willkommen zu machen, indem ich ihrer Empfehlung Folge leiste. Das trägt mir einen guten Händedruck vor aller Welt und insgeheim einen herzlichen Kuß ein.

 

Bei dieser doppelten Hoffnung erheiterte sich Villeforts Antlitz so, daß Dantes, der allen Bewegungen in der Physiognomie seines Richters gefolgt war, lächelnd die große Veränderung in seinem Aussehen bemerkte.

 

Ist Ihnen bekannt, sagte Villefort, daß Sie Feinde haben?

 

Feinde, ich? erwiderte Dantes, ich habe das Glück, noch zu wenig zu sein, als daß mir meine Stellung Feinde verschafft haben sollte. Was meinen vielleicht etwas lebhaften Charakter betrifft, so suche ich ihn stets meinen Untergeordneten gegenüber zu mildern. Ich habe zehn bis zwölf Matrosen unter meinem Befehle; und diese werden Ihnen auf Befragen sagen, daß sie mich lieben und achten, nicht wie einen Vater, dazu bin ich noch zu jung, sondern wie einen Bruder.

 

Aber in Ermanglung von Feinden haben Sie vielleicht Neider; Sie sollen mit neunzehn Jahren Kapitän werden, das ist ein hoher Posten in Ihrem Stande; Sie sollen ein hübsches Mädchen heiraten, das Sie liebt, das ist ein seltenes Glück bei allen Ständen der Erde. Diese zwei Vorzüge des Schicksals konnten Ihnen Neider zuziehen.

 

Ja, Sie haben recht. Sie müssen wohl die Menschen besser kennen, als ich. Sollten aber diese Neider unter meinen Freunden sein, so gestehe ich, daß ich sie lieber nicht kennen lernen will, um sie nicht Hassen zu müssen.

 

Sie haben unrecht; man muß so klar als möglich um sich her sehen. In der Tat, Sie scheinen mir ein so ehrenwerter Mann zu sein, daß ich von der gewöhnlichen Regel des Gerichtsverfahrens abgehen und Ihnen zum Lichte verhelfen will, indem ich Ihnen die Anzeige mitteile, die Sie vor mich gebracht hat. Hier ist das Papier. Erkennen Sie die Handschrift?

 

Villefort zog den Brief aus seiner Tasche und reichte ihn Dantes. Dieser schaute und las. Eine Wolke zog über seine Stirn, und er sagte: Nein, ich kenne diese Handschrift nicht, sie ist verstellt, und dennoch hat sie eine sehr freie Form. Jedenfalls ist es eine geschickte Hand, die dies geschrieben hat; ich bin sehr glücklich, fügte er, Villefort dankbar anschauend, hinzu, daß ich es mit einem Manne, wie Sie sind, zu tun habe, denn in der Tat, mein Neider ist ein wahrer Feind.

 

Und an dem Blitze, der in den Augen des jungen Mannes zuckte, als er diese Worte sprach, konnte Villefort erkennen, wieviel heftige Energie unter dieser äußeren Sanftmut verborgen lag.

 

Und nun antworten Sie mir offenherzig, sagte der Staatsanwalt, nicht wie ein Angeklagter seinem Richter, sondern wie ein Mensch in einer falschen Stellung einem andern Menschen antwortet, der sich für ihn interessiert. Was ist wahr an dieser anonymen Anklage?

 

Villefort warf den Brief, den ihm Dantes zurückgegeben hatte, mit einer Gebärde des Widerwillens auf den Schreibtisch.

 

Alles oder nichts, mein Herr. Hören Sie die reine Wahrheit, bei meiner Seemannsehre, bei meiner Liebe für Mercedes, bei dem Leben meines Vaters. Als wir Neapel verließen, wurde der Kapitän Leclère von einer Hirnentzündung befallen. Unerwartet rasch verschlimmerte sich seine Krankheit, so daß er nach drei Tagen sein Ende herannahen fühlte und mich zu sich berief. Er ließ mich schwören, alles zu tun, was er von mir verlange, befahl mir, nach der Insel Elba zu steuern, dort dem Großmarschall einen Ring und Brief zu überbringen und schließlich eine Sendung zu erfüllen, mit der mich der Großmarschall beauftragen würde. Es war die höchste Zeit; zwei Stunden nachher erfaßte ihn das Delirium; am andern Tage war er tot. Ich steuerte also nach der Insel Elba, wo ich am andern Tage anlangte, und stieg allein an das Land. Unverzüglich sandte ich dem Großmarschall den Ring, der mir als Erkennungszeichen dienen sollte, und alle Türen öffneten sich vor mir. Er empfing mich, fragte mich nach dem Tode des unglücklichen Leclère und übergab mir einen Brief, den er mich persönlich nach Paris zu bringen beauftragte. Ich versprach es ihm, denn es galt, den letzten Willen meines Kapitäns zu erfüllen. Ich stieg hier an das Land, ordnete rasch alles, was das Schiff betraf, und lief dann zu meiner Braut, die ich liebevoller und schöner als je wiederfand. Ich feierte endlich, wie ich Ihnen sagte, mein Verlobungsmahl, sollte mich in einer Stunde verheiraten und gedachte morgen nach Paris abzureisen, als ich auf die Denunziation hin verhaftet wurde.

 

Ja, ja, murmelte Villefort, dies alles scheint mir der Wahrheit gemäß, und wenn Sie schuldig sind, so sind Sie nur einer Unklugheit schuldig, und diese entschuldigt sich noch durch die Befehle Ihres Kapitäns. Geben Sie uns den Brief, den man Ihnen auf Elba eingehändigt hat! Verpfänden Sie mir Ihr Ehrenwort, sich bei der ersten Vorladung zu stellen, und kehren Sie zu Ihren Freunden zurück.

 

Ich bin also frei! rief Dantes im Übermaß der Freude.

 

Ja, nur geben Sie mir den Brief!

 

Er muß vor Ihnen liegen, mein Herr, denn man hat ihn mir mit meinen andern Papieren genommen.

 

Warten Sie, sagte Villefort zu Dantes, der seine Handschuhe und seinen Hut nahm; warten Sie! An wen war er adressiert?

 

An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron in Paris.

 

Wie vom Blitz getroffen sank Villefort auf seinen Stuhl zurück. Aber mit krampfhafter Anstrengung erhob er sich bald wieder, um den Stoß Papiere, die man Dantes abgenommen, zu erreichen, und zog nach kurzem Suchen den unseligen Brief hervor, auf den er einen Blick voll unsäglichen Schreckens warf.

 

Herr Noirtier, Rue Coq-Héron Nr. 13, murmelte er, immer mehr erbleichend.

 

Ja, antwortete Dantes erstaunt. Kennen Sie ihn?

 

Nein, verfetzte Villefort lebhaft; ein treuer Diener des Königs kennt keine Verschwörer.

 

Es handelt sich also um eine Verschwörung? sagte Dantes, der von einer noch größeren Bangigkeit als zuvor erfaßt wurde. Jedenfalls wußte ich, wie ich Ihnen vorhin sagte, durchaus nichts von der Depesche, deren Träger ich war.

 

Ja, versetzte Villefort mit dumpfem Tone, aber Sie wissen den Namen des Adressaten.

 

Um ihm selbst den Brief zu überbringen, mußte ich ihn wohl wissen.

 

Und Sie haben diesen Brief niemand gezeigt? fragte Villefort, während er las und immer mehr erbleichte.

 

Niemand, mein Herr, auf Ehre!

 

Niemand weiß, daß Sie der Träger eines von Elba kommenden und an Herrn Noirtier adressierten Briefes waren?

 

Niemand, mit Ausnahme dessen, der ihn mir zugestellt hat.

 

Das ist zuviel, das ist noch zuviel! murmelte Villefort, und seine Stirn verdüsterte sich immer mehr, je näher er dem Ende des Briefes kam. Seine bleichen Lippen, seine zitternden Hände, seine glühenden Augen erregten in Dantes die traurigsten Befürchtungen. Nachdem Villefort vollends ausgelesen hatte, ließ er sein Haupt in seine Hände sinken und blieb einen Augenblick unbeweglich.

 

Oh, mein Gott! was ist Ihnen denn? fragte Dantes schüchtern.

 

Villefort antwortete nicht; aber nach einer Minute richtete er seinen bleichen, verstörten Kopf wieder auf, las den Brief zum zweitenmale und sagte dann: Und Sie sagen, Sie wissen nichts von dem Inhalte des Briefes?

 

Ich wiederhole Ihnen bei meiner Ehre, ich weiß nichts davon, antwortete Dantes; aber mein Gott, was haben Sie denn? Sie sind unwohl! Soll ich läuten? Soll ich rufen?

 

Nein, antwortete Villefort, rasch aufstehend, rühren Sie sich nicht, sprechen Sie kein Wort! Ich brauche nichts, ein vorübergehender Schwindel, nichts mehr. Antworten Sie!

 

Dantes erwartete das Verhör, das diese Frage ankündigte, aber vergebens. Villefort fiel auf seinen Stuhl zurück, fuhr mit eisiger Hand über seine mit Schweiß übergossene Stirn, las den Brief zum drittenmale und sagte zu sich selbst: Ah, wenn er weiß, was dieser Brief enthält, und wenn er je erfährt, daß Noirtier mein Vater ist, so bin ich verloren, auf immer verloren.

 

Und von Zeit zu Zeit schaute er Edmond an, als hätte sein Blick die unsichtbare Schranke durchbrechen können, welche im Herzen die Geheimnisse verbirgt, die der Mund bewahrt.

 

Wir dürfen nicht mehr daran zweifeln! rief er plötzlich.

 

Aber in des Himmels Namen, sagte der unglückliche junge Mann, wenn Sie an mir zweifeln, wenn Sie einen Verdacht gegen mich haben, so fragen Sie mich, und ich bin bereit zu antworten. i

 

Villefort raffte sich mit einer heftigen Anstrengung auf und sagte mit einem Tone, dem er Sicherheit verleihen wollte: Herr Dantes, die schwersten Anschuldigungen entspringen für Sie aus diesem Verhöre. Es steht also nicht in meiner Gewalt, wie ich anfangs gehofft habe, Sie in Freiheit zu setzen. Ehe ich eine solche Maßregel treffe, muß ich mich mit dem Untersuchungsrichter beraten. Sie haben ja bisher gesehen, wie ich gegen Sie verfahren bin.

 

Ja, mein Herr! rief Dantes, und ich danke Ihnen, denn Sie sind für mich eher ein Freund als ein Richter gewesen.

 

Nun wohl, ich werde Sie noch einige Zeit, doch so kurze Zeit als nur immer möglich, gefangen halten. Die Hauptanklage gegen Sie liegt in diesem Briefe, und Sie sehen …

 

Villefort näherte sich dem Kamin, warf ihn ins Feuer und blieb dabei stehen, bis er völlig in Asche verwandelt war.

 

Und Sie sehen, fuhr er fort, daß ich ihn vernichte. Doch hören Sie mich, nach einer solchen Handlung müssen Sie natürlich Zutrauen zu mir haben, nicht wahr?

 

Oh, befehlen Sie, ich werde Ihre Befehle befolgen!

 

Nein, sagte Villefort, sich dem jungen Mann nähernd, nein, ich will Ihnen keinen Befehl, sondern einen guten Rat geben. Ich will Sie bis heute abend hier im Justizpalaste behalten; vielleicht wird ein anderer kommen und Sie befragen. Sagen Sie ihm alles, was Sie mir gesagt haben, aber kein Wort von diesem Briefe!

 

Ich verspreche es Ihnen.

 

Villefort sprach in bittendem Tone, und der Angeklagte beruhigte den Richter.

 

Sie begreifen, sagte er, einen Blick auf die Asche werfend, die noch die Form des Papiers bewahrte, nun, da dieser Brief vernichtet ist, wissen nur Sie und ich allein von seiner Existenz, und er kann Ihnen nie wieder vorgelegt werden. Verleugnen Sie ihn, wenn man davon spricht, verleugnen Sie ihn keck, und Sie sind gerettet!

 

Seien Sie unbesorgt, ich werde leugnen, sagte Dantes.

 

Gut, gut, versetzte Villefort und fuhr mit der Hand nach einer Klingelschnur. In dem Augenblicke aber, wo er läuten wollte, hielt er wieder inne und sagte: Es war der einzige Brief, den Sie hatten?

 

Der einzige.

 

Schwören Sie?

 

Dantes streckte die Hand aus und sagte: Ich schwöre.

 

Villefort läutete. Der Polizeikommissar trat ein. Villefort sagte dem Beamten einige Worte ins Ohr. Der Kommissar antwortete mit einer Bewegung des Kopfes.

 

Folgen Sie dem Herrn! sagte Villefort zu Dantes.

 

Dantes verbeugte sich, warf einen Blick der Dankbarkeit auf Villefort und ging ab.

 

Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, als Villefort die Kräfte schwanden und er wie ohnmächtig auf einen Stuhl fiel.

 

Nach einem Augenblick aber murmelte er: Oh, mein Gott! Woran hängen Leben und Glück! Wäre der Erste Staatsanwalt in Marseille gewesen, hätte man den Untersuchungsrichter statt meiner gerufen, so war ich verloren, und dieses Papier, dieses verfluchte Papier stürzte mich in den Abgrund. Oh, Vater, wirst du denn immer als Hindernis zwischen mich und das Glück treten? Muß ich denn ewig mit deiner Vergangenheit kämpfen?

 

Dann schien plötzlich ein unerwarteter Gedanke seinen Geist zu durchzucken, sein Antlitz erleuchtete sich, ein Lächeln umspielte seine noch zusammengepreßten Lippen, und seine Augen gewannen wieder ihre Festigkeit. Ja, so ist es, sagte er; dieser Brief, der mich zu Grunde richten sollte, wird vielleicht mein Glück machen. Auf, Villefort, ans Werk!

 

 

Und nachdem er sich versichert hatte, daß der Angeschuldigte sich nicht mehr im Vorzimmer befand, entfernte er sich ebenfalls und ging rasch nach dem Hause seiner Braut.

 

Das Kastell If.

 

Das Kastell If.

 

Das Vorzimmer durchschreitend, machte der Polizeikommissar zwei Gendarmen ein Zeichen. Man öffnete eine Tür, durch die die Wohnung des Staatsanwalts mit dem Justizpalast in Verbindung stand, und folgte einem durch die ganze Länge des Justizgebäudes führenden Gange nach dem Gefängnisse. Endlich kam man an eine Tür mit einem eisernen Gitter, an die der Polizeikommissar dreimal mit einem eisernen Hammer klopfte. Die Tür öffnete sich, und die Gendarmen schoben den Gefangenen, der abermals zögerte, mit Gewalt vorwärts. Dantes überschritt die furchtbare Schwelle, und die Tür schloß sich hinter ihm. Man führte ihn in ein ziemlich reines, aber mit Gittern und Riegeln versehenes Zimmer. Der Anblick seiner neuen Wohnung machte ihm nicht zu sehr bange. Die Worte des teilnehmenden Staatsanwalts klangen in seinem Ohre wie ein süßer Hoffnungston.

 

Es war bereits vier Uhr, als Dantes in sein Zimmer geführt wurde. Es war der erste März, die Tage waren noch kurz, und der Gefangene befand sich frühzeitig im Dunkeln. Sein Gehör schärfte sich nun immer mehr, je mehr der Gesichtssinn versagte. Bei dem geringsten Geräusche erhob er sich lebhaft und machte, in der Hoffnung, man käme, ihn in Freiheit zu setzen, einen Schritt nach der Tür; aber bald erstarb das Geräusch in einer andern Richtung, und Dantes fiel wieder auf seinen Schemel zurück.

 

Endlich gegen zehn Uhr abends, in dem Augenblick, wo er die Hoffnung zu verlieren anfing, ließ sich ein neues Geräusch vernehmen, und diesmal schien es sich seinem Zimmer zuzuwenden. Es erschollen wirklich Tritte im Gange, die vor seiner Türe anhielten. Ein Schlüssel wurde im Schlosse gedreht, die Riegel klirrten, die massige Schranke von Eichenholz öffnete sich und ließ plötzlich in dem düsteren Zimmer das blendende Licht zweier Fackeln aufleuchten.

 

Bei dem Schimmer dieser Fackeln sah Dantes die Säbel und Musketen von vier Gendarmen glänzen. Er hatte zwei Schritte vorwärts gemacht, blieb aber nun, als er diese Menschen gewahrte, auf der Stelle und fragte: Wollt ihr mich holen?

 

Ja, antwortete einer von den Gendarmen.

 

Auf Befehl des Herrn Staatsanwaltsvertreters?

 

Ich denke wohl.

 

Gut, sagte Dantes, ich bin bereit, euch zu folgen.

 

Der Gedanke, daß man ihn auf Befehl des Herrn von Villefort hole, benahm dem Unglücklichen jede Furcht; er schritt ruhig und festen Schrittes vorwärts und stellte sich mitten unter die Gendarmen. Vor der Tür wartete ein Wagen, auf dem neben dem Kutscher ein Gefreiter saß. Der Kutschenschlag wurde geöffnet, und Dantes fühlte, daß man ihn hineinschob. Er war weder im stande, noch hatte er die Absicht, Widerstand zu leisten. In einem Augenblick saß er im Hintergrunde des Wagens zwischen zwei Gendarmen; die andern setzten sich auf den Vordersitz, und der schwere Wagen rollte mit dumpfem Lärm vorwärts.

 

Der Gefangene schaute nach den Öffnungen; sie waren vergittert, und kaum konnte er durch die dichten Stäbe seine Hand strecken. Er hatte nur sein Gefängnis verändert, das aber jetzt forteilte und ihn einem unbekannten Ziele immer näher brachte. Dantes erkannte jedoch, daß man durch die Rue Tamaris nach dem Kai hinabfuhr.

 

Bald sah er durch seine Gitter die Lichter des Hafenwachtlokals glänzen. Der Wagen hielt still, der Gefreite stieg ab und näherte sich der Wachtstube. Ein Dutzend Soldaten kamen heraus und stellten sich in Reih und Glied; Dantes sah bei dem Schimmer der Lichter ihre Flinten glänzen.

 

Sollte man meinetwegen eine solche militärische Macht entwickeln? sagte er zu sich selbst.

 

Den Schlag öffnend, beantwortete der Gefreite diese Frage, ohne ein Wort zu sprechen, denn Dantes sah, daß für ihn nur zwischen den zwei Reihen Soldaten ein Weg vom Wagen nach dem Hafen übrig gelassen war. Die zwei Gendarmen, die auf dem Vordersitze saßen, stiegen zuerst aus, dann ließ man ihn aussteigen, und endlich folgten die, welche an seiner Seite gesessen hatten. Man ging auf eine Barke zu, die ein Zollbeamter an dem Kai mittels einer Kette befestigt hielt. Die Soldaten sahen Dantes mit einer Miene alberner Neugierde an. In wenigen Augenblicken befand er sich im Hinterteile des Kahnes, immer zwischen den vier Gendarmen, während sich der Gefreite auf dem Vorderteile hielt. Ein kräftiger Stoß entfernte das Fahrzeug vom Lande, und vier Ruderer arbeiteten mit aller Macht. Auf einen Ruf von der Barke her senkte sich die Kette, die den Hafen schließt, und Dantes befand sich außerhalb desselben.

 

Die erste Regung des Gefangenen war, sobald er sich in freier Luft sah, die der Freude. Freie Luft ist die halbe Freiheit. Er atmete also mit voller Brust den Wind ein, der auf seinen Flügeln alle die unbekannten Gerüche der Nacht und des Meeres dahertrug. Bald jedoch stieß er einen Seufzer aus. Er kam an der Reserve vorüber, wo er am selben Tage bis zu seiner Verhaftung so glücklich gewesen war, und durch zwei offene Fenster drang der Freudenlärm eines Balles zu ihm.

 

Dantes faltete die Hände, schlug die Augen zum Himmel auf und betete, während die Barke ihren Weg fortsetzte. Sie war an der Tête-de-More vorübergefahren und nun im Begriff, um die Batterie zu rudern; Dantes konnte dieses Manöver nicht begreifen und sagte daher: Wohin führt ihr mich?

 

Sie werden es sogleich erfahren. – Aber …

 

Es ist verboten, Ihnen eine Erklärung zu geben.

 

Dantes schwieg, aber die seltsamsten Gedanken durchkreuzten nun seinen Geist. Da man in einer solchen Barke keine lange Fahrt machen konnte, da kein Schiff in der Richtung, in der man fuhr, vor Anker lag, so dachte er, man würde ihn an einem entfernten Punkte der Küste ans Ufer setzen und ihm bedeuten, er sei frei. Er war nicht gebunden, was ihm als ein gutes Vorzeichen erschien. Hatte ihm nicht überdies der Staatsanwalt, der ihn so gut behandelt hatte, gesagt, wenn er den unseligen Namen Noirtier nicht ausspräche, hätte er nichts zu befürchten? Hatte nicht Villefort in seiner Gegenwart den gefährlichen Brief, den einzigen Beweis, der gegen ihn vorlag, vernichtet? Er wartete also, stumm und in Gedanken versunken, und suchte mit dem an die Finsternis gewöhnten Auge des Seemanns trotz der Dunkelheit der Nacht den Raum zu durchdringen.

 

Man hatte die Insel Ratonneau, auf der ein Leuchtfeuer brannte, zur Rechten gelassen und war, an der Küste hinfahrend, bis zur Höhe der Bucht der Katalonier gelangt. Hier verdoppelten die Blicke des Gefangenen ihre Kraft, hier wohnte Mercedes, und es kam ihm jeden Augenblick vor, als erschaute er an dem düsteren Ufer die schwankende, unbestimmte Form eines weiblichen Wesens.

 

Warum sollte Mercedes nicht eine Ahnung sagen, ihr Geliebter komme auf dreihundert Schritte vorüber? Ein einziges Licht brannte bei den Kataloniern, und indem Dantes den Ausgangspunkt dieses Lichtes genau festzustellen suchte, erkannte er, daß es aus dem Zimmer seiner Braut stammte. Mercedes war also die einzige Person in der ganzen Kolonie, die noch wachte. Wenn er einen kräftigen Schrei ausstieß, konnte der junge Mann von seiner Verlobten gehört werden; aber eine falsche Scham hielt ihn zurück. Was würden seine Wächter sagen, wenn sie ihn wie einen Wahnsinnigen schreien hörten? Er blieb also stumm, die Augen auf das Licht heftend. Inzwischen setzte die Barke ihren Weg fort; aber der Gefangene dachte nicht an die Barke, er dachte an Mercedes.

 

Eine Wendung des Fahrzeugs ließ das Licht verschwinden. Dantes drehte sich um und bemerkte, daß die Barke auf das hohe Meer segelte.

 

Während er, in seine eigenen Gedanken versunken, hinausschaute, hatte man die Ruder durch Segel ersetzt, und die Barke fuhr, vom Winde getrieben, vorwärts. Obgleich es Dantes widerstrebte, neue Fragen an die Gendarmen zu richten, näherte er sich doch dem einen, nahm ihn bei der Hand und sagte: Kamerad, bei Ihrem Gewissen, bei Ihrer Eigenschaft als Soldat beschwöre ich Sie, haben Sie Mitleid und antworten Sie mir! Ich bin der Kapitän Dantes, ein guter und rechtschaffener Franzose, wenn auch irgend eines Verrats angeklagt; wohin führen Sie mich? Sprechen Sie, und auf Seemanns Wort, ich unterziehe mich meiner Pflicht und füge mich in mein Schicksal.

 

Der Gendarm kratzte sich hinter dem Ohr und schaute seinen Kameraden an. Dieser machte eine Bewegung, die etwa sagen wollte: Aber mein Befehl?

 

Der Befehl verbietet Ihnen nicht, mir mitzuteilen, was ich in zehn Minuten oder in einer Stunde erfahren werde. Nur ersparen Sie mir bis dahin Jahrhunderte der Ungewißheit. Ich frage Sie, als ob Sie mein Freund wären. Glauben Sie mir, ich will mich weder wehren, noch fliehen. Übrigens kann ich das auch gar nicht. Wohin führen Sie mich?

 

So schauen Sie um sich her!

 

Dantes stand auf und blickte natürlich zuerst in der Richtung, nach der das Fahrzeug sich bewegte. Da sah er hundert Klafter vor sich den schwarzen Felsen, auf dem sich das düstere Kastell If erhebt. Die seltsame, öde Form und der Gedanke an das Gefängnis daselbst, das ein furchtbarer Schrecken umschwebte und das seit dreihundert Jahren Marseille Stoff zu den unseligsten Überlieferungen bot, wirkten auf Dantes, wie auf den zum Tod Verurteilten der Anblick des Schafotts.

 

Oh! mein Gott! rief er, das Kastell If! Was sollen wir dort?

 

Der Gendarm lächelte.

 

Aber man fährt mich doch nicht dahin, um mich einzukerkern? rief Dantes. Das Kastell If ist ein Staatsgefängnis und nur für gefährliche politische Verbrecher bestimmt. Ich habe kein Verbrechen begangen. Gibt es dort Untersuchungsrichter, Beamte?

 

Soviel ich weiß, antwortete der Gendarm, findet man dort nur einen Gouverneur, Kerkermeister, eine Garnison und gute Mauern. Freund, spielen Sie nicht den Erstaunten; denn in der Tat, ich muß sonst glauben, Sie wollen meine Gefälligkeit dadurch belohnen, daß Sie meiner spotten.

 

Dantes drückte dem Gendarmen die Hand zum Zerquetschen.

 

Sie behaupten also, sagte er, man führe mich nach dem Kastell If, um mich einzukerkern?

 

Das ist sehr wahrscheinlich, erwiderte der Gendarm.

 

Ohne Untersuchung, ohne Förmlichkeiten?

 

Die Förmlichkeiten sind erfüllt, die Untersuchung ist fertig.

 

Also trotz des Versprechens des Herrn von Villefort?

 

Ich weiß nicht, ob Herr von Villefort Ihnen etwas versprochen hat, aber ich weiß, daß wir nach dem Kastell If fahren. Aber was machen Sie denn? Holla, Kameraden, herbei!

 

Mit einer Bewegung so schnell wie der Blitz, der jedoch das geübte Auge des Gendarmen zuvorgekommen war, hatte sich Dantes in das Meer stürzen wollen. Aber vier kräftige Fäuste hielten ihn in dem Augenblicke zurück, wo seine Füße den Boden des Schiffes verließen. Brüllend vor Wut fiel er in die Barke nieder.

 

Schön, rief der Gendarm, indem er ihm das Knie auf die Brust setzte, schön, so halten Sie Ihr Seemannswort! Man traue doch den freundlichen Leuten! Machen Sie nur noch die geringste Bewegung, mein lieber Freund, so jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Ich bin meinem ersten Befehle untreu gewesen, ich werde den zweiten wortgetreu befolgen.

 

Und er senkte seinen Karabiner gegen Dantes, der das Ende des Laufes an seiner Schläfe fühlte. Einen Augenblick hatte er wirklich den Gedanken, die verbotene Bewegung zu machen und so dein entsetzlichen Unglück, das ihn plötzlich mit seinen Geierkrallen gepackt hatte, ein Ende zu bereiten. Aber gerade weil dieses Unglück so unerwartet gekommen war, dachte Dantes, es könnte nicht lange währen. Dann erinnerte er sich wieder der Versprechungen des Herrn von Villefort, und endlich kam ihm der Tod auf dem Boden eines Fahrzeugs von der Hand eines Gendarmen häßlich, ekelhaft vor. – Er fiel also nieder auf den Grund der Barke, stieß ein Geheul der Wut aus und zernagte sich wie ein Wahnsinniger die Hände.

 

Beinahe in demselben Augenblicke erschütterte ein heftiger Stoß das Schiff. Einer von den Ruderern sprang auf den Felsen, den das Vorderteil der Barke berührt hatte. Ein Seil ächzte, sich um einen Block abwindend, und Dantes erkannte, daß man angelangt war und das Schiff anband.

 

Seine Wächter, die ihn zugleich am Arme und am Kragen hielten, nötigten ihn aufzustehen, zwangen ihn ans Land zu steigen und zogen ihn zu den Stufen, die nach dem Tore der Zitadelle führen. Dantes leistete übrigens keinen Widerstand. Sein langsamer Gang war eher die Folge von Willenlosigkeit, als von Widerstreben. Er war betäubt und schwankte wie ein Betrunkener; er sah abermals Soldaten, er fühlte Stufen, die ihn nötigten, seine Füße aufzuheben, er bemerkte, daß er unter einen Torweg kam und daß das Tor sich hinter ihm schloß, aber dies alles nahm er nur unwillkürlich wahr wie durch einen Nebel, ohne etwas Bestimmtes zu unterscheiden. Er sah sogar das Meer nicht mehr, denn es faßte ihn der ungeheure Schmerz der Gefangenen, die das furchtbare Gefühl übermannt, daß sie gegen ihre Umgebung völlig ohnmächtig sind.

 

 

Einen Augenblick wurde ein Halt gemacht, während dessen er seinen Geist zusammenzufassen suchte. Er befand sich in einem viereckigen, von vier hohen Mauern gebildeten Hofe. Man hörte den langsamen, regelmäßigen Tritt der Schildwachen und sah den Lauf ihrer Flinten funkeln. Hier wartete man ungefähr zehn Minuten. Überzeugt, daß Dantes nicht mehr entfliehen konnte, hatten ihn die Gendarmen losgelassen.

 

Geh, sagten die Gendarmen, Dantes fortschiebend. Der Gefangene folgte seinem Führer, der ihn nun in ein unterirdisches Gemach geleitete, dessen nackte, feuchte Wände von Tränen geschwängert zu sein schienen. Eine Art von Lampe auf einem Schemel, deren Docht in stinkendem Fett schwamm, beleuchtete die glänzenden Mauern dieses abscheulichen Aufenthaltes und zeigte Dantes seinen Führer, einen schlecht gekleideten, gemein aussehenden Gefangenwärter.

 

Das ist Ihr Zimmer für diese Nacht, sagte er, es ist schon spät, und der Herr Gouverneur hat sich bereits zu Bett gelegt. Wenn er morgen erwacht und von den Sie betreffenden Befehlen Kenntnis genommen hat, wird er Ihnen vielleicht eine andere Wohnung anweisen. Inzwischen finden Sie hier Brot, Wasser in diesem Kruge und Stroh in einem Winkel da unten. Das ist alles, was ein Gefangener wünschen kann.

 

Und ehe Dantes daran dachte, seinen Mund zu einer Antwort zu öffnen, ehe er bemerkte, wohin der Kerkerknecht dieses Brot gelegt hatte, hatte der Gefangenwärter die Lampe genommen und, indem er die Tür schloß, den bläulichen Widerschein entzogen, der ihm, wie bei dem Schimmer eines Blitzes, die feuchten Wände seines Gefängnisses gezeigt hatte.

 

Er befand sich nun allein in der Finsternis und in einer Stille, so stumm und so düster, wie diese Gewölbe, deren eisige Kälte er auf seine glühende Stirn sich herabsenken fühlte.

 

Als die ersten Strahlen des Morgens etwas Klarheit in diese Höhle gebracht hatten, kam der Gefangenwärter mit dem Befehle zurück, den Gefangenen zu lassen, wo er war. Dantes hatte den Platz nicht verändert. Eine eiserne Hand schien ihn an die Stelle genagelt zu haben, auf der er am Abend zuvor gestanden hatte. Die ganze Nacht hatte er so, stehend und ohne einen Augenblick zu schlafen, zugebracht. Der Gefangenwärter näherte sich ihm, ging um ihn herum, aber Dantes schien ihn nicht zu sehen. Er schlug ihm auf die Schulter; Dantes bebte und schüttelte den Kopf.

 

Haben Sie denn nicht geschlafen? fragte der Gefangenwärter.

 

Ich weiß es nicht, antwortete Dantes.

 

Der Gefangenwärter schaute ihn erstaunt an. Haben Sie keinen Hunger? fuhr er fort.

 

Ich weiß es nicht, antwortete Dantes abermals.

 

Wünschen Sie etwas?

 

Ich wünsche den Gouverneur zu sehen.

 

Der Gefangenwärter zuckte die Achseln und entfernte sich. Dantes folgte ihm mit den Augen und streckte die Hände nach der halb geöffneten Tür aus, aber die Tür schloß sich wieder. Dann schien sich seine Brust in einem langen Schluchzen zu zerreißen. Seine Tränen, von denen seine Augenlider anschwollen, flossen reichlich. Er warf sich mit der Stirn auf die Erde, betete lange, durchlief in seinem Geiste sein ganzes vergangenes Leben und fragte sich, welches Verbrechen er, noch so jung, begangen hätte, das eine so grausame Bestrafung verdiente. So ging der Tag hin. Kaum aß er einige Bissen Brot und trank ein paar Tropfen Wasser. Bald saß er in Gedanken versunken, bald lief er im Gefängnis umher wie ein wildes Tier, das in einem eisernen Käfig eingeschlossen ist.

 

Ein Gedanke besonders ließ ihn immer wieder auffahren, daß er nämlich während der Überfahrt zehnmal imstande gewesen wäre, sich ins Meer zu werfen, bei seiner Geschicklichkeit im Schwimmen unter dem Wasser zu verschwinden, seinen Wächtern zu entgehen, die Küste zu erreichen, zu fliehen, sich in irgend einer verlassenen Bucht zu verbergen, ein genuesisches oder katalanisches Schiff zu erwarten, Italien oder Spanien zu erreichen und von dort aus Mercedes zu schreiben, sie möge zu ihm kommen. Wegen seines Fortkommens brauchte er nirgends besorgt zu sein; gute Seeleute sind überall gesucht. Er sprach Italienisch wie ein Toskaner, Spanisch wie ein Kind Altkastiliens. Er hätte frei und glücklich mit Mercedes und seinem Vater gelebt, denn sein Vater wäre ihm auch nachgefolgt, während er nun als Gefangener im Kastell If eingeschlossen war und nicht wußte, was aus seinem Vater, was aus Mercedes wurde, und dies alles, weil er an Villeforts Wort geglaubt hatte. Dantes wälzte sich wütend und wie wahnsinnig auf dem frischen Stroh, das ihm der Gefangenwärter gebracht hatte.

 

Am andern Tage erschien dieser zu derselben Stunde.

 

Nun, sagte er, sind Sie heute vernünftiger als gestern?

 

Dantes antwortete nicht.

 

Auf, sagte der Gefangenwärter, Mut gefaßt! Wünschen Sie etwas, worüber ich zu verfügen habe, so sagen Sie es.

 

Ich wünsche den Gouverneur zu sprechen.

 

Ei, erwiderte der Gefangenwärter ungeduldig, ich sage Ihnen, das ist ganz unmöglich. Nach der Vorschrift des Gefängnisses ist eine solche Bitte den Gefangenen nicht gestattet.

 

Und was ist denn hier erlaubt? fragte Dantes.

 

Eine bessere Kost gegen Bezahlung, ein Spaziergang und zuweilen Bücher.

 

Ich brauche keine Bücher, ich habe keine Lust spazieren zu gehen und finde meine Nahrung gut. Ich will also nur eines: den Gouverneur sehen.

 

Wenn Sie mich dadurch ärgern, daß Sie beständig dasselbe wiederholen, sagte der Gefangenwärter, so bringe ich Ihnen nichts mehr zu essen.

 

Gut, erwiderte Dantes, wenn du mir nichts mehr zu essen bringst, so sterbe ich Hungers.

 

Der Ton, in dem Dantes diese Worte sprach, bewies dem Schließer, daß sein Gefangener den Tod herbeisehnte. Da nun jeder Gefangene seinem Wärter täglich ungefähr zehn Sous einträgt, so dachte der Schließer an den Verlust, den für ihn ein solcher Todesfall bedeutete, und er versetzte freundlicher: Hören Sie mich! Was Sie wünschen ist unmöglich, verlangen Sie es also nicht mehr von mir, denn es gibt kein Beispiel, daß der Gouverneur in das Zimmer eines Gefangenen auf dessen Bitte gekommen wäre. Seien Sie nur vernünftig, und man wird Ihnen den Spaziergang erlauben, dann ist es möglich, daß der Gouverneur einmal, während Sie spazieren gehen, vorüberkommt. Sie können ihn hierbei anreden, und wenn er antworten will, ist das seine Sache.

 

Aber, wie lange kann ich warten, bis dieser Zufall eintritt? sagte Dantes.

 

Bei Gott! einen Monat, drei Monate, sechs Monate, ein Jahr, jenachdem.

 

Das ist zu lange, erwiderte Dantes, ich will ihn sogleich sehen.

 

Erschöpfen Sie sich nicht in einem einzigen, unmöglichen Wunsche, sagte der Gefangenwärter, oder Sie sind, ehe vierzehn Tage vergehen, ein Narr.

 

Ha, du glaubst! rief Dantes.

 

Ja, ein Narr; so fängt die Narrheit immer an; wir haben hier ein Beispiel davon. Der Abbé, der vor Ihnen dieses Zimmer bewohnte, wurde verrückt und bot immer wieder dem Gouverneur eine Million für seine Freilassung an.

 

Wann hat er dieses Zimmer verlassen? – Vor zwei Jahren. – Hat man ihn in Freiheit gesetzt? – Nein, man hat ihn in einen Kerker gebracht.

 

Höre, sagte Dantes, ich bin kein Abbé, ich bin kein Narr. Vielleicht werde ich es; zu dieser Stunde aber habe ich leider noch meinen Verstand und will dir einen andern Vorschlag machen: Ich werde dir keine Million bieten, denn ich könnte sie dir nicht geben; aber ich biete dir hundert Taler, wenn du das erstemal, wo du nach Marseille gehst, dich zu den Kataloniern begeben und einem jungen Mädchen, namens Mercedes, nur zwei Zeilen geben willst.

 

Wenn ich diesen Brief überbrächte, und man entdeckte es, würde ich meine Stelle verlieren, die tausend Livres jährlich einträgt, abgesehen von dem Kostgelde. Sie sehen also, daß ich ein großer Tor wäre, wenn ich tausend Livres wagen wollte, um dreihundert zu gewinnen.

 

Nun, so höre und behalte es wohl in deinem Gedächtnis: Wenn du dich weigerst, den Gouverneur davon in Kenntnis zu setzen, daß ich ihn zu sprechen wünsche, wenn du dich weigerst, Mercedes zwei Zeilen zu bringen, oder wenigstens sie davon zu benachrichtigen, daß ich hier bin, so erwarte ich dich eines Tages hinter der Tür und zerschmettere dir in dem Augenblicke, wo du eintrittst, den Schädel mit diesem Schemel!

 

Drohungen! rief der Kerkermeister, einen Schritt zurückweichend und sich in Verteidigungsstand setzend; offenbar ist es in Ihrem Kopfe nicht richtig. Der Abbé hat angefangen wie Sie, und in drei Tagen sind Sie ein Narr, daß man Sie binden muß. Zum Glücke gibt es noch Kerker im Kastell If.

 

Dantes nahm den Schemel und schwang ihn um seinen Kopf.

 

Gut, gut, rief der Kerkermeister, gut, da Sie durchaus wollen, so wird man den Gouverneur benachrichtigen.

 

Dann ist es recht, sagte Dantes, stellte seinen Schemel auf den Boden und setzte sich darauf, den Kopf senkend mit starren Augen, als ob er wirklich wahnsinnig würde.

 

Der Gefangenwärter entfernte sich und kehrte einen Augenblick nachher mit vier Soldaten und einem Korporal zurück.

 

Auf Befehl des Gouverneurs, sagte er, bringt den Gefangenen ein Stockwerk tiefer, man muß die Narren mit den Narren zusammensperren.

 

Die vier Soldaten ergriffen Dantes, der in eine Art von Stumpfsinn verfiel und ihnen ohne Widerstand folgte. Man ließ ihn fünfzehn Stufen hinabsteigen und öffnete eine Tür, durch die er eintrat.

 

Er hat recht, murmelte er, man muß die Narren mit den Narren zusammensperren.

 

 

Die Tür schloß sich wieder, und Dantes ging mit ausgestreckten Händen vorwärts, bis er die Mauer fühlte. Dann setzte er sich in eine Ecke und blieb unbeweglich, während seine Augen, sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnend, die Gegenstände zu unterscheiden anfingen. Der Gefangenwärter hatte recht, es fehlte nicht mehr viel, und Dantes wurde ein Narr.

 

Der Verlobungsabend.

 

Der Verlobungsabend.

 

Herr von Villefort war nach Dantes‘ Verhör wieder zu seinem unterbrochenen Verlobungsmahl zurückgekehrt, hatte die zahlreichen Fragen seiner Braut und ihrer Verwandten nur kurz und ausweichend beantwortet und verabschiedete sich schleunigst von der erstaunten Familie, um sofort mit Extrapost eine – wie er sagte – für seine Zukunft ungemein wichtige Dienstreise nach Paris anzutreten.

 

Als er eben den Wagen besteigen wollte, erblickte er aber eine Gestalt, die unbeweglich seiner harrte. Es war die schöne Katalonierin, die, da sie keine Nachricht von Edmond erhielt, bei Einbruch der Nacht sich selbst nach der Ursache der Verhaftung ihres Geliebten erkundigen wollte. Als Villefort sich näherte, entfernte sie sich von der Mauer, an die sie sich gelehnt hatte, und versperrte ihm den Weg. Da der Staatsanwalt Dantes von seiner Braut hatte sprechen hören, brauchte sie sich nicht zu nennen, um von ihm erkannt zu werden. Er war erstaunt über ihre Schönheit und Würde, und als sie ihn fragte, was aus ihrem Geliebten geworden sei, hatte er die Empfindung, als wäre er der Angeklagte und sie der Richter.

 

Der Mann, von dem Sie sprechen, sagte er, ist ein großer Verbrecher, und ich kann nichts für ihn tun, Fräulein.

 

Mercedes schluchzte, und als Villefort an ihr vorüberzugehen versuchte, hielt sie ihn zum zweiten Male zurück.

 

Aber sagen Sie mir wenigstens, wo er ist, fragte sie, ich will mich nur erkundigen, ob er lebt oder ob er tot ist.

 

Ich weiß es nicht, er gehört mir nicht mehr an.

 

Von dem rührenden Blicke und der flehenden Haltung bewegt, schob er Mercedes zurück, bestieg den Wagen und schloß eiligst die Tür, als wollte er den Schmerz, den man ihm brachte, draußen lassen. Doch der Schmerz läßt sich nicht so zurückstoßen, und es entstand im Grunde dieses kranken Herzens der erste Keim zu einem tödlichen Geschwür. Der Unschuldige, den er seinem Ehrgeize opferte, und der für seinen schuldigen Vater büßen mußte, erschien ihm bleich und drohend, seiner ebenfalls bleichen Braut die Hand reichend; und mit ihm kamen die Gewissensbisse, nicht die, welche den Kranken wie rasend aufspringen lassen, sondern der dumpfe, schmerzliche Klang, der in gewissen Augenblicken das Herz berührt und es mit der Erinnerung an eine vergangene Handlung peinigt … eine Pein, deren nagende Qualen eine wunde Stelle schaffen, die bis zum Tode immer empfindlicher wird.

 

Da trat in der Seele dieses Mannes noch einmal ein Augenblick des Zögerns ein. Schon mehrmals hatte er, und zwar mit dem ausschließlichen Bewußtsein eines juristischen Kampfes mit dem Angeklagten, den Tod der Angeschuldigten gefordert. Die Hinrichtung dieser Angeschuldigten, die seiner überwältigenden, Richter und Geschworene hinreißenden Beredsamkeit zuzuschreiben war, hatte nicht einmal eine Wolke auf seiner Stirn zurückgelassen, denn diese Angeklagten waren Schuldige, oder Villefort hielt sie wenigstens dafür. Aber diesmal war es etwas ganz anderes; er hatte die lebenslängliche Gefängnisstrafe auf einen Unschuldigen herabgerufen, dem er nicht nur seine Freiheit, sondern auch sein verdientes Glück zerstörte: diesmal war er nicht Richter, sondern Henker.

 

Wenn in diesem Augenblick Renées sanfte Stimme an sein Ohr geklungen hätte, um Gnade zu erbitten, wenn die schöne Mercedes eingetreten wäre und zu ihm gesagt hätte: Im Namen Gottes, der uns sieht und richtet, geben Sie mir meinen Bräutigam wieder! – ja dann würde diese Stirn, die sich schon halb unter dem moralischen Drange beugte, sich gänzlich gebeugt haben, und er hätte ohne Zweifel mit eisigen Händen, trotz allem, was daraus für ihn entspringen konnte, den Befehl unterzeichnet, Dantes in Freiheit zu setzen. Aber keine Stimme lispelte in der Stille, und der unglückliche Dantes blieb verurteilt.

 

Die arme Mercedes hatte an der Ecke der Rue de la Loge Fernand wiedergefunden, der ihr gefolgt war. Sie kehrte zu den Kataloniern zurück und warf sich in Verzweiflung auf ihr Bett. Vor diesem Bett kniete Fernand nieder, und er drückte ihre eisige Hand, ohne daß Mercedes daran dachte, sie zurückzuziehen. Er bedeckte sie mit brennenden Küssen, die Mercedes nicht einmal fühlte.

 

So brachte sie die Nacht hin. Die Lampe erlosch, als kein Öl mehr darin war. Sie bemerkte ebensowenig die Dunkelheit, als sie das Licht wahrgenommen hatte, und der Tag kehrte zurück, ohne daß sie ihn sah. Der Schmerz hatte eine Binde um ihre Augen gelegt, die sie nur Edmond sehen ließ.

 

Ah! Ihr seid hier, sagte sie endlich, nach Fernand sich wendend.

 

Seit gestern habe ich Euch nicht verlassen, antwortete Fernand mit einem schmerzlichen Seufzer. –

 

Herr Morel hielt sich nicht für geschlagen; er erfuhr, daß man Dantes infolge eines Verhörs ins Gefängnis gebracht hatte; da lief er zu allen seinen Freunden, besuchte die Personen in Marseille, die Einfluß haben konnten; aber bereits hatte sich das Gerücht verbreitet, der junge Mann sei als bonapartistischer Agent verhaftet worden, und da selbst die Verwegensten damals noch jeden Versuch Napoleons, den Thron sofort wiederzubesteigen, als wahnsinnigen Traum betrachteten, so fand er nur Kälte, Furcht, Weigerung. Er kehrte voll Verzweiflung nach Hause zurück und gestand sich, die Lage der Dinge sei sehr ernst und niemand vermöge etwas zu tun.

 

Caderousse war äußerst unruhig und von den peinlichsten Gefühlen gequält; statt wie Herr Morel sich zu rühren und etwas zu Dantes‘ Gunsten zu versuchen, für den er übrigens nichts zu tun imstande war, schloß er sich mit zwei Flaschen Wein ein und trachtete danach, in diesen seine Unruhe zu ersäufen.

 

Danglars allein fühlte weder Qual noch Unruhe; er empfand sogar Freude, denn er hatte sich an einem Feinde gerächt und seinen Platz an Bord des Pharao gesichert, den er zu verlieren befürchtete; er gehörte zu den berechnenden Menschen, die mit einer Feder hinter dem Ohre und einem Tintenfasse an der Stelle des Herzens geboren werden. Alles war für ihn in dieser Welt Subtraktion oder Multiplikation, und eine Zahl erschien ihm viel kostbarer, als ein Mensch, wenn diese Zahl die Summe seines eigenen Guthabens vermehrte, die dieser Mensch vermindern konnte.

 

Dantes‘ Vater starb beinahe vor Schmerz und Unruhe.

 

Die Schmuggler.

 

Die Schmuggler.

 

Dantes war noch keinen Tag an Bord, als er bereits wußte, mit wem er es zu tun hatte, er befand sich an Bord eines Schmugglerschiffes. Der Patron hatte ihn auch anfangs mit einem gewissen Mißtrauen aufgenommen; er war allen Zollbeamten der Küste sehr wohl bekannt, und da zwischen diesen Herren und ihm selbst ein beständiger Wettkampf in Listen stattfand, so meinte er zuerst, Dantes sei nichts als ein Zollspion. Die glänzende Art und Weise jedoch, wie Dantes aus der Prüfung hervorgegangen war, hatte ihn völlig von dessen Vertrauenswürdigkeit überzeugt. Als er sodann den leichten Rauch über der Bastei des Kastells If schweben sah, dachte er einen Augenblick, er hätte einen von denen an Bord genommen, denen man, wie den Königen bei ihren Ein- und Auszügen, bei ihrem Ausrücken die Ehre des Kanonierens zuteil werden ließ. Dies beunruhigte ihn schon weniger, als wenn der Ankömmling ein Zöllner gewesen wäre; doch die zweite Mutmaßung verschwand bald wie die erste angesichts der vollkommenen Ruhe seines Rekruten.

 

Edmond hatte also den Vorteil, zu wissen, was sein Patron war, ohne daß sein Patron wissen konnte, was er war. Von welcher Seite ihn auch der alte Seemann und seine Kameraden angriffen, er gab nicht nach und machte kein Geständnis, sondern erzählte nur viel von Neapel und Malta, das er so gut wie Marseille kannte, und er hielt seine erste Angabe mit einer Festigkeit aufrecht, die seinem Gedächtnis Ehre machte. Es ließ sich also der Genueser trotz seiner Pfiffigkeit von Dantes betören, zu dessen Gunsten überdies sein bescheidenes Auftreten und seine nautische Erfahrenheit sprachen. So gelangte man nach Livorno.

 

Hier mußte Edmond eine erste Probe machen; er mußte sehen, ob er sich nach den vierzehn Jahren, die er sich nicht gesehen, selbst wiedererkannte. Er hatte eine ziemlich genaue Erinnerung von dem bewahrt, was er als Jüngling gewesen war, und es drängte ihn, zu wissen, wie er als Mann aussah. Er trat daher bei einem Barbier ein, um sich den Bart und die Haare schneiden zu lassen. Der Barbier schaute erstaunt den Mann mit den langen Haaren, dem dichten schwarzen Barte und dem schönen Tiziankopfe an und ging an die Arbeit. Als er fertig war, ließ sich Dantes einen Spiegel geben und beschaute sich. Als er vor vierzehn Jahren das Kastell If betreten hatte, besaß er das runde, lachende, blühende Gesicht des glücklichen Jünglings, dem die ersten Schritte im Leben leicht gewesen sind, und der auf die Zukunft vertraut. Das hatte sich völlig geändert. Sein ovales Gesicht war länglich geworden, sein lachender Mund hatte die festen Formen angenommen, die Entschlossenheit andeuten, seine Brauen waren unter einer einzigen nachdenklichen Falte gebogen, seine Augen umschwebte der Ausdruck tiefer Traurigkeit, aus dem zuweilen düstere, von Menschenscheu und Haß zeugende Blitze hervorbrachen. Seine des Lichtes und der Sonnenstrahlen so lange entbehrende Gesichtshaut hatte die matte Farbe angenommen, die bei den Aristokraten des Nordens für schön gilt. Das tiefe Wissen, das er erlangt, hatte dabei über sein ganzes Antlitz den Wiederschein geistiger Hoheit verbreitet. Edmond lächelte, als er sich sah; sein bester Freund, wenn ihm noch ein Freund übrig blieb, konnte ihn unmöglich erkennen; er erkannte sich selbst nicht mehr.

 

Als er den Barbier verließ, kaufte er sich einen vollständigen Matrosenanzug und erschien in diesem Gewande an Bord der Amalie. Der Patron wollte in dem stattlichen Matrosen den Mann mit dem dichten Barte und Haaren voll Seegras nicht wiedererkennen, den er nackt und sterbend auf dem Verdeck seines Schiffes aufgenommen hatte. Seine schöne Erscheinung und der Gedanke an die guten Dienste, die er ihm leisten konnte, bewogen ihn jedoch, Dantes vorteilhafte Anerbietungen mit Anteil am Gewinn zu machen, wenn er dauernd bei ihm bleiben wolle; aber Dantes hatte seine eigenen Pläne und verpflichtete sich nur auf drei Monate. Übrigens entwickelte die Mannschaft der Amalie eine emsige und fruchtbare Tätigkeit. Kaum war sie acht Tage in Livorno, als die bauchigen Räume des Schiffes von Musselinen, von verbotenen Baumwollenwaren und Tabak voll waren, auf welche die Zollbehörde ihren Stempel zu setzen vergessen hatte. Es handelte sich darum, diese Waren ungefährdet fortzubringen und auf Korsika auszuschiffen, wo andere es übernahmen, die Ladung nach Frankreich zu schaffen. Das Schiff stach in See, und Edmond durchschnitt abermals das azurblaue Meer, das schon der Traum und der Horizont seiner Jugendzeit gewesen war. Als der Patron am andern Morgen auf das Verdeck stieg, was er immer frühzeitig tat, fand er Dantes, der an die Schiffswand gelehnt mit seltsamem Ausdruck einen Haufen von Granitfelsen betrachtete, welche die ausgehende Sonne mit rosigem Lichte übergoß: es war die Insel Monte Christo. Die Amalie ließ sie auf ungefähr drei Viertelstunden von ihrem Steuerbord und setzte ihren Weg nach Korsika fort.

 

Als Dantes an dieser Insel mit dem für ihn so bedeutungsvoll klingenden Namen hinfuhr, dachte er, er brauche nur in das Meer zu springen, und in einer halben Stunde sei er auf dem gelobten Lande. Aber was sollte er dort tun, ohne Werkzeuge, um seinen Schatz zu entdecken, ohne Waffen, um ihn zu verteidigen? Was würden überdies die Matrosen sagen, was würde der Patron denken? Er mußte warten. Glücklicherweise verstand Dantes zu warten; er hatte vierzehn Jahre auf seine Freiheit gewartet und konnte nun, da er frei war, auch sechs Monate oder ein Jahr auf seinen Reichtum warten. Hätte er nicht auch mit Entzücken die Freiheit ohne Reichtum angenommen, wenn man sie ihm geboten hätte? War dieser Reichtum überhaupt etwas Wirkliches? War er nicht, im kranken Gehirn des Abbés Faria geboren, mit diesem gestorben? Allerdings, der Bries des Kardinals Spada war seltsam genug. Und Dantes wiederholte in seinem Gedächtnis den Brief, von dem er kein Wort vergessen hatte. Am andern Morgen erwachte man auf der Höhe von Aleria. Man lavierte den ganzen Tag; am Abend entzündeten sich Feuer auf der Küste, man näherte sich dem Ufer auf Schußweite und schiffte ohne weitere Fährlichkeiten die Ladung aus. Doch die Expedition war noch nicht zu Ende; man legte sich gegen Sardinien. Es handelte sich darum, das Schiff, das man gelöscht hatte, wieder zu laden. Die zweite Operation verlief so günstig wie die erste. Die für das Großherzogtum Lucca bestimmte Ladung bestand fast ausschließlich aus Xeres- und Malagaweinen. Hier geriet man in Streit mit Zollbeamten; ein Zollwächter blieb auf dem Platze, und zwei Matrosen wurden verwundet. Dantes war einer von diesen beiden; eine Kugel hatte ihm eine Fleischwunde an der linken Schulter verursacht.

 

Dantes war mit diesem Verlauf der Dinge durchaus zufrieden; mit Freuden hatte er bemerkt, wie wenig ihm Gefahr und Leiden anhaben konnten. Er hatte die Gefahr lachend angeschaut, und als er den Schuß erhielt, sagte er wie der griechische Philosoph: Schmerz, du bist kein Übel. Er war auf dem Wege, den er durchlaufen wollte, und ging unentwegt dem Ziele zu, das er zu erreichen gedachte. Sein Herz war im Begriff, sich in seiner Brust zu versteinern. Jacopo, der Dantes, als er ihn fallen sah, für tot hielt, stürzte auf ihn zu, hob ihn auf und pflegte ihn auch nachher als trefflicher Kamerad.

 

Die Welt war also nicht so schlecht, wie sie Dantes nach seiner Gefangenschaft ansah, da dieser Mensch, der von seinem Gefährten nichts zu erwarten hatte, als daß er seinen Prisenanteil erben konnte, so lebhaft bekümmert war, weil er ihn sterben sehen sollte. Glücklicherweise war Edmond nur leicht verwundet. Edmond wollte Jacopo prüfen; er bot ihm für die Pflege, die er von ihm empfangen hatte, seinen Prisenanteil; aber Jacopo schlug das Anerbieten mit Entrüstung aus.

 

Die Folge der sympathischen Ergebenheit, die Jacopo Edmond vom ersten Augenblick an, wo er ihn sah, widmete, war, daß auch Edmond seinerseits dem Kameraden einige Zuneigung schenkte. Mehr verlangte Jacopo nicht; er hatte bei Edmond die Überlegenheit herausgefühlt, die dieser vor den andern zu verbergen wußte, und der brave Seemann war mit dem wenigen, was ihm Edmond zugestand, zufrieden. Während der langen Fahrtage unterrichtete Edmond, eine Seekarte in der Hand, Jacopo, wie der arme Abbé Faria sein Lehrer gewesen war. Er prägte ihm die Lage der Küsten ein und erklärte ihm den Gebrauch des Kompasses. Wenn Jacopo, der aus Korsika stammte, ihn fragte: Wozu soll ein armer Matrose wie ich all dies lernen? so antwortete Edmond: Wer weiß, du wirst vielleicht eines Tags Schiffskapitän, dein Landsmann Bonaparte ist Kaiser geworden.

 

Man hatte bereits dritthalb Monate mit diesen Fahrten hingebracht. Edmond war ein ebenso geschickter Küstenfahrer geworden, als er zuvor ein kühner Seefahrer gewesen war; er hatte mit allen Schmugglern des Gestades Bekanntschaft gemacht und war zwanzigmal an seiner kleinen Insel Monte Christo hin und her gefahren, hatte aber nie Gelegenheit gefunden, dort zu landen. Er faßte daher den Entschluß, sobald sein Vertrag mit dem Patron der Amalie zu Ende wäre, eine kleine Barke auf eigene Rechnung zu mieten und sich unter irgend einem Vorwande nach der Insel Monte Christo zu begeben. Dort wollte er endlich seine Nachforschungen nach dem Schatze der Spada anstellen.

 

Edmond war im Gefängnis klug geworden. Er hätte es daher gern unterlassen, mit anderen die Insel aufzusuchen und diese so möglicherweise zu Zeugen seines Glückes zu machen. Aber er fand kein anderes Mittel, auf die so sehr ersehnte Insel zu gelangen, als das, sich dahin führen zu lassen. Noch erwog er zögernd seinen Plan, als der Patron, der ein großes Vertrauen in ihn setzte und ihn in seinem Dienste zu behalten wünschte, ihn eines Abends beim Arme nahm und ihn in eine Taverne der Via del Oglio führte, wo sich der Rahm der Livorner Schmugglerwelt zu versammeln pflegte. Es handelte sich diesmal um ein größeres Unternehmen: man mußte für ein mit türkischen Teppichen und Stoffen beladenes Schiff ein neutrales Gebiet finden, wo der Austausch statthaben konnte, und dann die Gegenstände auf die französische Küste zu werfen suchen. Der Patron der Amalie schlug als Ausschiffungsort die gänzlich verlassene Insel Monte Christo vor. Bei dem Namen Monte Christo bebte Dantes vor Freude; er stand auf, um seine Bewegung zu verbergen, und machte einen Gang durch die rauchige Taverne. Als man ihn um Rat fragte, meinte er, die Insel biete alle mögliche Sicherheit, übrigens müßten große Unternehmungen, wenn sie gelingen sollten, schnell ausgeführt werden. Es wurde also beschlossen, bei Monte Christo vor Anker zu gehen und schon am folgenden Abend die Fahrt anzutreten.

 

Die Insel Monte Christo.

 

Die Insel Monte Christo.

 

Infolge eines unerwarteten Glücksfalles sollte also Dantes sein Ziel auf die einfachste und natürlichste Weise erreichen und den Fuß auf die Insel setzen, ohne irgend jemand Verdacht einzuflößen. Nur eine Nacht trennte ihn noch von der so sehr ersehnten Abreise. Diese Nacht war eine der fieberhaftesten, die Dantes je zugebracht hatte. Alle guten und schlimmen Möglichkeiten stellten sich abwechselnd vor seinen Geist. Wenn er die Augen schloß, sah er den Brief des Kardinals Spada in flammenden Buchstaben an die Mauer geschrieben; entschlummerte er einen Augenblick, so wirbelten die unsinnigsten Träume in seinem Gehirn umher: er stieg in Grotten, die mit Smaragden gepflastert waren, mit Wänden von Rubinen und Säulen von Diamanten; die kostbarsten Perlen fielen Tropfen auf Tropfen wie sickerndes Wasser herab. Entzückt, geblendet, füllte Edmond seine Taschen mit Edelsteinen; dann kehrte er an das Tageslicht zurück, und die Edelsteine hatten sich in einfache Kiesel verwandelt. Bald versuchte er es, abermals in diese nur halbdurchforschten Höhlen einzudringen, doch der Weg krümmte sich in endlosen Schneckenlinien, und der Eingang war wieder unsichtbar geworden. Vergeblich suchte er in seinem Gedächtnis das magische, geheimnisvolle Wort, das dem arabischen Fischer die glänzenden Höhlen von Ali-Baba öffnete. Alles war fruchtlos; der verschwundene Schatz war wieder das Eigentum der Erdgeister geworden, denen er ihn zu entreißen gehofft hatte.

 

Der Tag kam beinahe ebenso fieberhaft, wie es die Nacht gewesen war; aber er führte allmählich die geistige Klarheit herbei, und Dantes vermochte einen ihm bis jetzt unbestimmt vorschwebenden Plan festzustellen. Es kam der Abend, und mit dem Abend wurden Vorkehrungen zur Abreise getroffen. Diese Vorkehrungen waren für Dantes ein Mittel, seine Aufregung zu verbergen. Im Verlauf der Zeit hatte er bei seinen Gefährten ein solches Ansehen gewonnen, dass er befehlen konnte, als ob er der Herr des Schiffes wäre; und da seine Befehle stets klar, pünktlich und leicht ausführbar waren, so gehorchten ihm seine Gefährten mit Eilfertigkeit und Vergnügen. Der alte Seemann ließ ihn gewähren; er hatte ebenfalls Dantes‘ Überlegenheit über die andern Matrosen und über ihn selbst erkannt und sah in dem jungen Manne seinen natürlichen Nachfolger.

 

Um sieben Uhr abends verließ man den Hafen, und sie segelten gerade in dem Augenblicke um den Leuchtturm, als seine Feuer entzündet wurden; das Meer war ruhig. Dantes erklärte, es könne sich jeder schlafen legen, er würde das Steuer übernehmen. Aus der Einsamkeit wieder in die Welt geworfen, fühlte er von Zeit zu Zeit das gebieterische Bedürfnis nach der Einsamkeit. Diesmal wurde die Einsamkeit von seinen Gedanken bevölkert, die Nacht von seinen Illusionen erleuchtet und die Stille von seinen Gelöbnissen erfüllt.

 

Als der Patron erwachte, ging das Schiff unter allen seinen Segeln; es war kein Fetzen Leinwand darauf, der nicht vom Winde aufgeblasen wurde. Man machte mehr als dritthalb Meilen in einer Stunde. Die Insel Monte Christo wuchs am Horizont. Edmond übergab das Schiff seinem Herrn und streckte sich ebenfalls in seiner Hängematte aus; aber trotz der schlaflosen Nacht vermochte er die Augen nicht eine Minute zu schließen. Zwei Stunden später stieg er wieder auf das Verdeck. Das Schiff umsegelte eben die Insel Elba. Man befand sich auf der Höhe von Mareciano oberhalb der flachen grünen Insel Pianosa und sah am Azur des Himmels die von den glutvollen Strahlen der Sonne aufflammende höchste Bergspitze von Monte Christo sich erheben. Dantes hieß den Mann am Steuer das Ruder an Backbord legen, damit Pianosa rechts bleibe; er hatte berechnet, daß auf diese Weise der Weg um zwei bis drei Knoten abgekürzt werde. Gegen fünf Uhr abends hatte man die Insel vollkommen im Angesicht. Man unterschied vermöge der atmosphärischen Durchsichtigkeit, die der von den Strahlen der untergehenden Sonne durchfluteten Luft eigentümlich ist, bereits alle einzelnen Gegenstände aus Monte Christo in scharfen Umrissen.

 

Edmond verschlang hoffend und bange mit den Augen diese Felsenmasse, die in allen Farben der Abenddämmerung schimmerte. Um zehn Uhr landete man. Trotz seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung war Dantes nicht im stande, ansichzuhalten; er sprang zuerst ans Ufer.

 

Die Mannschaft der Amalie war mit der Insel vertraut; sie gehörte zu ihren gewöhnlichen Stationen. Dantes hatte sie zwar bei jeder seiner Reisen nach der Levante gesehen, war aber nie ans Land gestiegen. Er fragte Jacopo: Wo werden wir die Nacht zubringen?

 

An Bord der Tartane, antwortete der Matrose. Wären wir nicht besser in den Grotten untergebracht? Ich kenne hier keine Grotten, sagte Jacopo.

 

Kalter Schweiß floß über Dantes‘ Stirn. Es gibt keine Grotten auf Monte Christo? fragte er.

 

Nein.

 

Dantes blieb einen Augenblick ganz betäubt; dann dachte er, die Grotten könnten seit kurzer Zeit durch irgend einen Zufall ausgefüllt, vielleicht gar aus Vorsicht vor dem Kardinal Spada verstopft worden sein. Es hing in diesem Falle alles davon ab, daß man die verlorene Öffnung wiederfand; sie in der Nacht zu suchen, war unnütz, und Dantes verschob daher die Nachforschung auf den andern Tag. Ein Signal, das auf eine halbe Stunde in der See gegeben wurde, und das die Amalie sogleich erwiderte, deutete überdies an, daß der Augenblick, das Geschäft zu beginnen, gekommen war. Bald erschien das zweite Schiff, weiß und schweigsam, wie ein Gespenst, und ankerte eine Kabellänge vom Ufer. Sogleich begann das Überladen.

 

Während der Arbeit stellte sich Dantes vor, welches freudige Hurra er seinen Begleitern mit einem einzigen Wort entlocken könnte, wenn er dem Gedanken lauten Ausdruck gäbe, der beständig leise in seinem Ohre und in seinem Herzen widerhallte. Statt aber sein Geheimnis zu enthüllen, fürchtete er im Gegenteil nur das eine, er habe schon zuviel gesagt und durch sein Hin- und Hergehen, durch seine ängstlichen Beobachtungen und durch seine Unruhe Verdacht erregt. Unter diesen Umständen und für seinen Zweck war es noch ein Glück, daß die jahrelangen schmerzlichen Erlebnisse im Kastell If seinem Antlitz den unvertilgbaren Ausdruck tiefer Schwermut ausgeprägt hatten und die Strahlen von Heiterkeit, die zuweilen unter dieser Wolke hervorbrachen, glichen in der Tat nur Blitzen, welche die vorhergehende und nachfolgende Düsterkeit um so schärfer hervortreten ließen.

 

Kein einziger von seinen Genossen ahnte auch nur das geringste von Dantes Vorhaben, und als er am andern Tage, ein Gewehr, Pulver und Blei nehmend, das Verlangen äußerte, eine von den zahlreichen wilden Ziegen zu schießen, die man von Fels zu Fels springen sah, schrieb man seinen Ausflug nur der Liebe zur Jagd zu. Jacopo allein bat dringend, ihm folgen zu dürfen. Dantes wollte sich nicht widersetzen, aus Furcht, durch sein Widerstreben gegen die Begleitung Verdacht zu erregen. Aber kaum war er eine Viertelstunde gegangen und hatte Gelegenheit gefunden, eine junge Ziege zu erlegen, so schickte er Jacopo mit ihr zu seinen Gefährten zurück, wobei er den Auftrag gab, sie braten zu lassen und ihm, wenn sie fertig wäre, durch einen Flintenschuß ein Zeichen zu geben. Einige getrocknete Früchte und eine Flasche Wein von Montepulciano sollten das Mahl vervollständigen. Dantes setzte seinen Weg, sich von Zeit zu Zeit umwendend, fort. Auf der Spitze eines Felsens angelangt, sah er tausend Fuß unter sich seine Gefährten, mit denen Jacopo wieder zusammengetroffen war, bereits emsig mit der Zubereitung eines Frühstücks beschäftigt, das Edmonds Geschicklichkeit seinen leckersten Teil verdanken sollte.

 

Edmond betrachtete sie einen Augenblick mit dem sanften, traurigen Lächeln des überlegenen Mannes und sagte: In zwei Stunden werden diese Leute, fünfzig Piaster reicher, wieder abfahren und ihr Leben an den Versuch setzen, weitere fünfzig Piaster zu verdienen; dann werden sie mit sechshundert Livres in der Börse zurückkehren und diesen Schatz mit dem Stolze eines Sultans und dem Bewußtsein eines Nabobs verschleudern. Meine Hoffnung läßt mich heute ihren Reichtum verachten, der mir das tiefste Elend zu sein scheint; morgen wird mich die getäuschte Hoffnung vielleicht nötigen, dieses tiefe Elend als das höchste Glück zu betrachten … Oh, nein! rief Edmond, das wird nicht der Fall sein, der unfehlbare Faria wird sich nicht in dieser einzigen Sache getäuscht haben. Überdies wäre es besser zu sterben, als dieses erbärmliche Leben zu führen. So genügte Dantes, der drei Monate zuvor nur nach der Freiheit schmachtete, diese Freiheit schon nicht mehr, und seine ganze Sehnsucht war auf den Reichtum gerichtet.

 

Einem zwischen zwei Felsmauern verlorenen, wahrscheinlich durch Sturzbäche ausgehöhlten Wege folgend, den ohne Zweifel noch kein menschlicher Fuß betreten hatte, näherte sich Dantes immer mehr dem Orte, wo seiner Vermutung nach die Grotten bestanden haben mußten. Während er am Meeresstrande fortwanderte und alles mit peinlichster Aufmerksamkeit prüfte, glaubte er an einzelnen Felsen von der Hand des Menschen herrührende Einkerbungen zu bemerken.

 

Die Zeit schien diese Zeichen verschont zu haben, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit und ohne Zweifel in der Absicht, eine Spur anzudeuten, gemacht waren. Von Zeit zu Zeit verschwanden jedoch die Zeichen unter Myrtensträuchern, die sich in großen, mit Blüten bedeckten Büschen ausbreiteten, oder unter Schmarotzerpflanzen. Dann mußte Edmond die Zweige auf die Seite schieben oder die Moose aufheben, um die Merkmale zu finden, die ihn in diesem Labyrinthe leiteten. Diese Zeichen hatten übrigens Edmond frohe Hoffnung verliehen. Warum sollte sie nicht der Kardinal gemacht haben, damit sie im Falle einer Katastrophe, die er nicht hatte voraussehen können, seinem Neffen als Führer dienten? Der einsame Ort mußte wohl einem Manne zusagen, der einen Schatz vergraben wollte. Doch hatten die ungetreuen Zeichen nicht auch andere Augen angezogen, als die, für welche sie bestimmt waren, oder hatte die Insel mit den düsteren Wundern ihr herrliches Geheimnis treu bewahrt?

 

Ungefähr sechzig Schritte vom Hafen kam es indessen Edmond, der durch die Gestalt des Bodens seinen Gefährten stets verborgen war, vor, als ob die Wegzeichen aufhörten, ohne daß sie jedoch in eine Grotte mündeten. Ein großer, runder, auf fester Grundlage ruhender Fels war das einzige Ziel, nach dem sie zu führen schienen. Edmond dachte, statt das Ziel erreicht zu haben, sei er vielleicht erst am Anfang; er kehrte daher wieder auf seinen Spuren zurück. Während dieser Zeit bereiteten seine Gefährten das Frühstück, schöpften Wasser an der Quelle, brachten Brot und Früchte ans Land und ließen die junge Ziege braten. Gerade als sie diese von dem selbstgeschnitzten Bratspieß zogen, gewahrten sie Edmond, der, leicht und verwegen wie eine Gemse, von Fels zu Fels sprang; sie feuerten eine Flinte ab, um ihm das Signal zu geben. Der Jäger veränderte sogleich die Richtung und beeilte sich, zu ihnen zurückzulaufen. Aber in der Sekunde, wo alle mit den Augen seinem Laufe folgten, wobei ihnen seine Gewandtheit als Verwegenheit erschien, glitt Edmond aus, als hätte er es darauf abgesehen, ihre Befürchtungen zu rechtfertigen; er strauchelte, stieß einen Schrei aus und verschwand.

 

Alle sprangen gleichzeitig auf, denn alle liebten Edmond; Jacopo kam zuerst an Ort und Stelle. Er fand den Gesuchten blutend und fast bewußtlos daliegend; der Arme war von einer Höhe von fünfzehn Fuß herabgerollt. Nachdem man ihm einige Tropfen Rum eingeflößt hatte, schlug er die Augen wieder auf und beklagte sich über heftigen Schmerz am Knie, über große Schwere des Kopfes und über unerträgliche Stiche in den Lenden. Man wollte ihn ans Gestade bringen; als man ihn aber berührte, erklärte er seufzend, er fühle sich nicht kräftig genug, den Transport zu ertragen. Er behauptete, er brauche für sich nur ein wenig Ruhe, und forderte seine Kameraden auf, zu ihrem Frühstück zurückzukehren. Die Matrosen ließen sich nicht zu sehr bitten, sie hatten Hunger, der Geruch der jungen Ziege drang bis zu ihnen, und unter Seebären ist man nicht sehr förmlich.

 

Nach einer Stunde kamen sie zurück. Edmond hatte sich inzwischen nur durch einen Raum von etwa zehn Schritten schleppen können und sich dort an einen moosigen Felsen gelehnt. Die Schmerzen hatten noch an Heftigkeit zugenommen. Da er seine Ladung am Morgen zwischen Piemont und Frankreich, zwischen Nizza und Frejus niederlegen mußte, forderte der alte Patron Dantes dringend auf, er möge sich zu erheben versuchen. Dantes machte übermenschliche Anstrengungen, um dieser Aufforderung zu entsprechen; doch bei jedem Versuche fiel er klagend und erbleichend zurück.

 

Er hat die Lenden gebrochen, sagte ganz leise der Patron; gleichviel, er ist ein guter Kamerad, und wir dürfen ihn nicht verlassen; versuchen wir es, ihn auf die Tartane zu schaffen!

 

Aber Dantes erklärte, daß er lieber auf der Stelle sterben wolle, als die grausamen Schmerzen ertragen, die ihm jede, auch die geringste Bewegung mache.

 

Gut, sagte der Patron, komme, was da will! Man soll nicht sagen, daß wir einen braven Kameraden, wie Ihr seid, ohne Hilfe gelassen haben. Wir brechen erst heute abend auf.

 

Dieser Entschluß setzte die Matrosen sehr in Erstaunen, aber keiner von ihnen bekämpfte ihn, im Gegenteil. Der Patron war ein so strenger Mann, daß man ihn bei dieser Veranlassung zum erstenmale auf ein Unternehmen Verzicht leisten, oder dessen Ausführung verzögern sah. Dantes wollte auch nicht leiden, daß man um seinetwillen die an Bord herrschende strenge Disziplin durchbreche.

 

Nein, sagte er zu dem Patron, ich war ungeschickt, und es ist billig, daß ich die Strafe für meine Ungeschicklichkeit erdulde. Laßt mir ein wenig Vorrat an Zwieback, eine Flinte, Pulver und Blei, um Ziegen zu erlegen oder um mich zu verteidigen, und eine Hacke, um mir, wenn Ihr mich zu lange hier laßt, eine Art Obdach herzurichten.

 

Aber du wirst Hungers sterben, erwiderte der Patron.

 

Lieber dies, sagte Edmond, als die unerhörten Schmerzen ertragen, die mir die geringste Bewegung verursacht.

 

Der Patron kehrte sich nach dem Schiffe um, das sich, bereit in die See zu gehen, in dem kleinen Hafen schaukelte.

 

Was sollen wir denn tun, Malteser? sagte er. Wir können dich nicht so verlassen und können doch auch nicht hier bleiben.

 

Geht! geht! rief Dantes.

 

Wir sind wenigstens acht Tage abwesend, entgegnete der Patron, und wir müssen auch von unserm Wege abgehen, um dich zu holen.

 

Hört, sagte Dantes, wenn Ihr in zwei bis drei Tagen von jetzt an irgend ein Fischerboot oder ein anderes Fahrzeug trefft, das in diese Gegend kommt, so empfehlt ihm an, mich zu holen; ich bezahle fünfundzwanzig Piaster für die Rückfahrt nach Livorno. Findet Ihr keins, so kommt selbst.

 

Der Patron schüttelte den Kopf.

 

Hört, Patron Baldi, es gibt ein Mittel, alles ins reine zu bringen, sagte Jacopo; geht Ihr, und ich bleibe bei dem Verwundeten, um ihn zu pflegen.

 

Und du leistest auf deinen Anteil am Gewinn Verzicht, um bei mir zu bleiben? sprach Edmond.

 

Ja, sehr gern.

 

Du bist ein braver Bursche, Jacopo, rief Edmond, und Gott wird dich für deinen guten Willen belohnen; aber ich brauche niemand und danke dir; ein oder zwei Tage Ruhe werden mich wieder herstellen, und ich hoffe, an diesen Felsen Kräuter zu finden, die für Quetschungen vortrefflich sind.

 

Ein seltsames Lächeln zog über Dantes‘ Lippen; er drückte Jacopo freundschaftlich die Hand, war aber unerschütterlich in seinem Entschlusse, allein zu bleiben. Die Schmuggler ließen Edmond Proviant und was er sonst verlangt hatte, zurück und entfernten sich sodann, wobei sie sich wiederholt umwandten und ihm freundschaftliche Zeichen machten, die Edmond nur mit der Hand erwiderte, da er den übrigen Körper nicht bewegen konnte. Als sie verschwunden waren, murmelte er lachend: Es ist sonderbar, daß man unter solchen Menschen Beweise von Freundschaft und Handlungen treuer Ergebenheit findet.

 

Dann schleppte er sich vorsichtig bis auf die Spitze eines Felsens, der ihm den Anblick des Meeres gewährte, und sah von hier aus die Tartane ihre Zurüstung vollenden, die Anker lichten, sich anmutig wiegen wie eine Möve, die sich soeben zum Fluge anschickt, und abfahren. Nach Verlauf einer Stunde war sie völlig verschwunden; wenigstens wurde es auf der Stelle, wo der Verwundete weilte, unmöglich, sie zu sehen.

 

Dann erhob sich Dantes, geschmeidiger und leichter als eine junge Ziege, unter den Myrten und Mastixstauden auf dem wilden Gestein, nahm seine Flinte in eine Hand, seine Hacke in die andere und eilte nach dem Felsen, auf den die Kerben hinführten, die er zuvor wahrgenommen hatte.

 

Und nun, rief er, indem er sich der Geschichte des arabischen Fischers erinnerte, die ihm Faria erzählt hatte, nun öffne dich, Sesam!

 

 

Nummer 34 und Nummer 27.

Nummer 34 und Nummer 27.


Dantes durchlief alle Stufen des Unglücks, welche den im Kerker der Vergessenheit überantworteten Gefangenen bevorstehen.


Die erste Stufe war der Stolz, eine Folge der Hoffnung und eines unschuldigen Gewissens. Dann fing er an, an seiner Unschuld zu zweifeln, was die Ansichten des Gouverneurs, sein Geist sei zerrüttet, einigermaßen rechtfertigte. Endlich sank er von der Höhe seines Stolzes herab; er flehte noch nicht zu Gott, aber zu den Menschen. Der Unglückliche, der mit dem Herrn anfangen sollte, gelangt erst dazu, auf ihn zu hoffen, wenn er alle andern Hoffnungen erschöpft hat.


Dantes flehte also, man möchte ihn aus seinem Kerker ziehen und ihn in einen andern bringen, und wäre er auch noch finsterer und tiefer. Eine Veränderung, ganz gleich was für eine, war doch immer eine Veränderung und sollte ihm wenigstens für ein paar Tage Zerstreuung verschaffen. Er bat um einen Spaziergang, um Luft, Bücher, Instrumente. Nichts wurde ihm gewährt. Trotzdem fuhr er fort zu flehen. Er hatte sich daran gewöhnt, mit seinem neuen Gefangenenwärter zu sprechen, obgleich dieser womöglich noch stummer war, als der vorhergehende; aber mit einem Menschen zu sprechen, wenn auch mit einem stummen, war für den Armen schon ein Vergnügen; er redete, um den Ton seiner eigenen Stimme zu hören. Er hatte auch versucht, zu sprechen, wenn er allein war, aber dann fürchtete er sich vor sich selbst.


Eines Tages ersuchte er sogar den Kerkermeister, er möge dem Gouverneur seine Bitte um einen Gefährten vortragen, und wäre es auch der verrückte Abbé, von dem er hatte sprechen hören; man schlug ihm seine Bitte ab.


Nachdem Dantes vergeblich alle menschlichen Hilfsmittel erschöpft hatte, kehrte er, wie es nicht anders sein konnte, zu Gott zurück. Er erinnerte sich der Gebete, die ihn seine Mutter gelehrt hatte, und fand in ihnen einen ihm früher unbekannten Sinn; er betete aber nicht mit Inbrunst, sondern mit Leidenschaft. Wenn er laut betete, erschrak er auch nicht mehr über seine Worte, sondern er geriet in Entzückung; er sah Gott bei jedem Worte erscheinen, das er aussprach. Alle Handlungen seines bescheidenen Lebens bezog er auf den Willen dieses mächtigen Gottes, entnahm sich Lehren daraus und stellte sich Aufgaben, die er erfüllen wollte, und am Ende jedes Gebetes schlich sich der eigennützige Wunsch ein, den die Menschen viel öfter an ihre Mitmenschen, als an Gott zu richten Gelegenheit haben: Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern!


Trotz seiner heißen Gebete blieb Dantes gefangen.


Nun verdüsterte sich sein Geist, und die Wolke vor seinen Augen wurde immer schwerer. Dantes war ein einfacher Mensch ohne Erziehung und ohne größeres Wissen, das ihm in seiner Einsamkeit hätte Trost und Unterhaltung bieten können. Auf seine schwärmerisch-religiöse Aufregung folgte die Wut. Er schleuderte Gotteslästerungen um sich, vor denen der Kerkermeister vor Abscheu zurückwich. Er raste mit seinem Leibe gegen die Mauern des Gefängnisses, er griff in voller Wut nach allem, was ihn umgab, bei dem geringsten Ärger, den ein Sandkorn, ein Strohhalm, ein Windhauch in ihm erregte. Dann erinnerte er sich des denunzierenden Briefes, den er gesehen, den ihm Villefort gezeigt, den er berührt hatte, und jeder Buchstabe kam wie ein züngelndes Feuer aus der Mauer hervor. Er sagte sich, es sei der Haß der Menschen und nicht die Rache Gottes, die ihn in diesen Abgrund gestürzt. Er überlieferte diese unbekannten Menschen allen Strafen, die seine glühende Einbildungskraft zu ersinnen vermochte, und fand, daß die furchtbarsten noch zu leicht und besonders zu kurz für sie wären; denn nach den Strafen kam der Tod, und der Tod war, wenn nicht die Ruhe, doch wenigstens die Unempfindlichkeit, die ihr gleicht.


Dadurch, daß er sich in Beziehung auf seine Feinde immer wieder sagte, die Ruhe sei im Tode, und der, welcher grausam bestrafen wolle, bedürfe anderer Mittel, als des Todes, verfiel er auf Selbstmordgedanken. Wehe dem, der auf dem Abhang des Unglücks bei diesen unseligen Gedanken stille steht! Wird man von ihnen einmal recht gepackt, so ist alles vorbei, und jeder Versuch, den er unternimmt, reißt den Unglücklichen nur noch mehr in die Arme des Todes.


Sobald dieser Gedanke in dem Geiste des jungen Mannes gekeimt hatte, wurde er sanfter, freundlicher, er fügte sich besser in sein hartes Bett und in sein schwarzes Brot, aß weniger, schlief nicht mehr und fand diesen Rest des Daseins, den er ja, wann er wollte, von sich zu werfen vermochte, fast erträglich. Es gab zwei Mittel zu sterben. Das eine war einfach: er durfte nur sein Taschentuch an eine Fensterstange binden und sich daran hängen; das andere bestand darin, daß er sich stellte, als äße er, und sich doch Hungers sterben ließ. Das erste widerstrebte Dantes. Er war im Abscheu vor den Seeräubern aufgewachsen, vor diesen Menschen, die man an den Raen aufhängt; das Hängen war für ihn eine Art von entehrender Strafe, die er nicht an sich selbst vollziehen wollte. Er wählte also das zweite Mittel und begann die Ausführung noch an demselben Tage.


Es waren nun beinahe vier Jahre hingegangen. Am Ende des zweiten hatte Dantes die Tage zu zählen aufgehört und von neuem die Kenntnis der Zeit verloren. Er hatte sich gesagt: Ich will sterben, und die Todesart gewählt; er hatte sich die Tat fest vorgenommen und aus Furcht, er könnte von seinem Entschlusse abgehen, sich selbst einen Eid geleistet, so zu sterben. Wenn man mir mein Frühstück und mein Abendbrot bringt, sagte er sich, so werfe ich die Speisen zum Fenster hinaus, und man wird glauben, ich habe sie verzehrt.


Er tat, wie er es sich gelobt hatte. Zweimal des Tages warf er durch die kleine, vergitterte Öffnung, die ihn nur den Himmel erschauen ließ, die Speisen, anfangs heiter, dann mit Überlegung und endlich mit Bedauern. Die Lebensmittel, die ihn einst angewidert hatten, ließ jetzt der scharfzähnige Hunger seinem Auge appetitlich und seiner Nase köstlich erscheinen. Zuweilen hielt er eine Stunde lang die Platte, auf der sie lagen, in der Hand, das Auge starr auf ein Stück faules Fleisch, auf den übelriechenden Fisch und auf das schwarze, schimmelige Brot richtend. Es waren die letzten Instinkte des Lebens, die noch in ihm kämpften und seinen Entschluß wankend machten. Dann erschien ihm sein Kerker nicht mehr so düster und sein Zustand minder verzweiflungsvoll. Er war noch jung, er mußte erst fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt sein, es blieben ihm noch fünfzig Jahre zu leben übrig, das heißt, zweimal so viel, als er bereits gelebt hatte. Welche Ereignisse konnten während dieses unermeßlichen Zeitraumes die Türen sprengen, die Mauern des Kastells If umstürzen und ihm die Freiheit wiedergeben! Dann näherte er seine Zähne dem Mahle, das er, ein freiwilliger Tantalus, selbst von seinem Munde entfernte. Doch er erinnerte sich seines Schwures, und seine edle Natur schrak zu sehr davor zurück, sich selbst verachten zu müssen, als daß sie diesen Schwur verletzt hätte. Er zerstörte also streng und unbarmherzig das wenige Leben, das ihm noch übrig blieb, und es erschien ein Tag, wo er nicht mehr die Kraft hatte, aufzustehen, um das Abendbrot, das man ihm brachte, durch das Luftloch zu werfen.


Am andern Tage sah er nichts mehr, und auch sein Gehör war schon merklich schwächer geworden. Der Kerkermeister glaubte an eine ernste Krankheit; Edmond hoffte auf einen nahen Tod. So verlief der Tag. Edmond fühlte, daß eine Art Erstarrung, die ihm ein gewisses Wohlbehagen bereitete, sich seiner bemächtigte. Die Zuckungen seines Magens hatten sich gemildert. Wenn er die Augen schloß, sah er eine Anzahl glänzender Punkte, Irrlichtern gleich, über die Wände tanzen. Es war die Dämmerung des unbekannten Landes, das man den Tod nennt.


Plötzlich vernahm er abends 9 Uhr ein dumpfes Geräusch an der Wand, an der er lag. – Ratten und ähnliche Tiere hatten in seinem Kerker so oft Lärm gemacht, daß Edmond allmählich in seinem Schlaf durch solche Kleinigkeiten nicht mehr gestört wurde. Aber dieser Lärm war so stark und so eigentümlich, daß er sich erhob, um besser zu hören.


Es war ein Kratzen, das von einer ungeheuren Kralle, einem mächtigen Zahn, oder vom Druck irgend eines Werkzeuges auf die Steine herzurühren schien.


Trotz seines geschwächten Zustandes wurde der junge Mann durch den beständig den Geist des Gefangenen beschäftigenden Gedanken an die Freiheit heftig bewegt. Da aber dieses Geräusch gerade in dem Augenblick laut wurde, wo alles Geräusch für ihn aufhören sollte, so schien es ihm, als wollte sich Gott endlich barmherzig gegen seine Leiden zeigen und ihm durch dieses Geräusch verkündigen, er solle am Rande des Grabes, an dem bereits sein Fuß wankte, still stehen. Wer konnte wissen, ob nicht einer von seinen Freunden, eines von den geliebten Wesen, an die er so oft gedacht hatte, sich in diesem Augenblicke mit ihm beschäftigte und die Entfernung, die sie voneinander trennte, aufzuheben suchte?


Aber nein, er täuschte sich ohne Zweifel und wurde von einem Traume verführt, wie sie die Pforte des Todes umschweben.


Jedoch das Geräusch hörte nicht auf; es dauerte ungefähr drei Stunden; dann vernahm Edmond eine Art von Rollen, und nun verstummte das Geräusch, um erst nach einigen Stunden wieder näher und näher zu ertönen. Schon war sein Interesse für diese sonderbaren Töne, die auf ihn Beziehung zu haben schienen, erwacht, da plötzlich trat der Gefangenwärter ein.


Seit den acht Tagen, da er zu sterben beschlossen hatte, hatte Edmond mit diesem Menschen kein Wort gesprochen. Er antwortete ihm nicht, wenn er ihn fragte, von welcher Krankheit er befallen sei, und wandte sich nach der Mauer um, wenn er zu aufmerksam betrachtet wurde. Aber heute fürchtete er, der Wärter könnte das dumpfe Geräusch vernehmen, sich darüber beunruhigen, ihm ein Ende bereiten und so irgend eine Hoffnung zerstören, die schon in der Vorstellung Dantes‘ letzte Augenblicke verschönerte.


Er erhob sich daher in seinem Bette und begann, seine Stimme möglichst verstärkend, über alle möglichen Gegenstände zu sprechen, über die schlechten Speisen, die man ihm brachte, über die Kälte, die er in seinem Kerker leiden müsse; er murrte und brummte und ermüdete die Geduld des Wärters, der gerade an diesem Tage sich für den Gefangenen Fleischbrühe und ein weißes Brot erbeten hatte. Zum Glücke glaubte er, Dantes rede im Fieber; er stellte die Speisen auf den schlechten, wackligen Tisch und entfernte sich.


Nun fing Edmond wieder an, freudig zu horchen. Das Geräusch wurde so deutlich, daß er es jetzt ohne die geringste Anstrengung hören konnte.


Es unterliegt keinem Zweifel mehr, sagte er zu sich selbst, da dieses Geräusch fortdauert, obgleich es bereits Tag ist, so muß es ein unglücklicher Gefangener wie ich sein, der an seiner Befreiung arbeitet. Oh! wenn ich bei ihm wäre, wie wollte ich ihn unterstützen!


Dann schwand plötzlich wieder die Hoffnung in seinem Gehirn, das an das Unglück gewöhnt war und nur schwer an etwas Freudiges glauben konnte. Er kam auf den Gedanken, das Geräusch werde durch Arbeiter verursacht, die der Gouverneur irgend eine Mauerarbeit machen lasse.


Er konnte sich hiervon leicht überzeugen; aber wie sollte er eine Frage wagen? Er konnte allerdings warten, bis sein Kerkermeister wiederkäme, konnte ihn das Geräusch hören lassen und seine Miene beobachten, wenn er es hörte. Aber hieß das nicht die kostbarsten Interessen für einen kurzen Genuß verraten? Edmond fand nur ein Mittel, scharfe Überlegung und klares Urteil wiederzugewinnen: er wandte seine Augen nach der noch rauchenden Fleischbrühe, die der Gefangenwärter auf den Tisch gestellt hatte, ging wankend hin, setzte die Tasse an den Mund und schlürfte den Trank mit einem unbeschreiblichen Gefühle des Wohlbehagens.


Dann besaß er den Mut, sich fürs erste hiermit genügen zu lassen; er erinnerte sich, gehört zu haben, daß unglückliche Schiffbrüchige, die man vor Hunger entkräftet gefunden hatte, daran gestorben waren, daß sie zu gierig Speisen verschlangen. Er setzte daher das Brot, das er bereits zum Munde führte, auf den Tisch und legte sich wieder nieder. Bald fühlte er, daß der Tag in sein Gehirn zurückkehrte; er konnte wieder denken und seine Gedanken ordnen.


Dann sagte er zu sich selbst: Man muß die Probe machen, aber ohne jemand zu gefährden. Ist der, dessen Geräusch ich vernehme, ein gewöhnlicher Arbeiter, so brauche ich nur an die Mauer zu schlagen, und er wird sogleich seine Tätigkeit einstellen und zu erraten suchen, wer der Schlagende ist, und in welcher Absicht er schlägt. Da aber seine Arbeit befohlen ist, so wird er sie bald wieder fortsetzen. Ist er jedoch ein Gefangener, so wird ihn der Lärm erschrecken. Er wird befürchten, entdeckt zu werden, seine Arbeit aufgeben und erst am Abend, wenn er alles schlafend glaubt, von neuem beginnen.


Sogleich erhob sich Edmond zum zweitenmal. Diesmal wankten seine Beine nicht mehr, und seine Augen waren nicht mehr geblendet. Er ging in eine Ecke seines Gefängnisses, machte einen durch die Feuchtigkeit unterhöhlten Stein los und schlug gerade an der Stelle, wo das Geräusch am deutlichsten war, an die Mauer.


Er klopfte dreimal. – Schon beim ersten Schlage hörte das Geräusch wie durch einen Zauber auf. Edmond horchte mit aller Anstrengung. Eine Stunde verging, zwei Stunden vergingen, kein neues Geräusch ließ sich vernehmen. Voll Hoffnung aß Edmond einige Bissen von seinem Brot, trank ein paar Schluck Wasser, und bei der vorzüglichen Körperbeschaffenheit, mit der ihn die Natur begabt halte, befand er sich beinahe wieder wie zuvor.


Der Tag verging, die Stille dauerte fort. Die Nacht kam, ohne daß das Geräusch wieder begonnen hatte.


Es ist ein Gefangener, sagte Edmond mit unbeschreiblicher Freude zu sich selbst. Von dieser Zeit an erhellte sich sein Geist, und die Lust zum Leben erwachte mit voller Kraft. Die Nacht ging vorüber, ohne daß sich das geringste vernehmen ließ. Edmond schloß aber in dieser Nacht die Augen nicht.


Der Tag erschien, und der Gefangenwärter brachte die gewöhnlichen Lebensmittel. Edmond hatte die vorigen bereits verschlungen; er verschlang auch diese, horchte unablässig auf das Geräusch, das nicht wieder kam, fürchtete, es könnte für immer aufgehört haben, legte fünf bis sechs Meilen in seinem Kerker zurück, rüttelte zwei Stunden lang an den eisernen Stangen seines Luftloches und gab seinen Gliedern dadurch die längst entbehrte Geschmeidigkeit und Stärke wieder. In den Zwischenräumen dieser fieberhaften Tätigkeit horchte er, ob das Geräusch nicht wiederkehrte, und er ärgerte sich über die Klugheit des Gefangenen, der nicht vermuten konnte, daß er in seinem Befreiungswerke von einem andern Gefangenen gestört worden sei, der wenigstens ebenso große Eile hatte, frei zu werden, wie er selbst.


Es vergingen drei Tage, zweiundsiebzig tödliche Stunden, Minute um Minute abgezählt.


Endlich, eines Abends, als der Wärter seinen letzten Besuch gemacht hatte, als Dantes zum hundertstenmal sein Ohr an die Wand hielt, schien es ihm, als ob eine unmerkliche Erschütterung dumpf in seinem Kopfe, den er an die schweigenden Steine gelegt hatte, wiederklinge.


Er wich zurück, um sein erregtes Gehirn ins Gleichgewicht zu bringen. Dann machte er einige Schritte im Zimmer und hielt nun erst wieder sein Ohr an denselben Ort. Es unterlag keinem Zweifel mehr, es ging etwas auf der anderen Seite vor. Der Gefangene hatte die Gefahr erkannt und, um seine Arbeit sicherer fortzusetzen, statt eines Meißels ein Hebeisen genommen.


Durch diese Entdeckung ermutigt, beschloß Edmond, dem unbekannten Arbeiter zu Hilfe zu kommen. Er fing damit an, daß er sein Bett wegrückte, hinter dem ihm das Befreiungswerk ausgeführt zu werden schien; dann suchte er einen Gegenstand, mit dem er die Wand aufritzen, den feuchten Mörtel herausbrechen und einen Stein losmachen könnte. – Nichts zeigte sich seinem Auge. Er besaß weder ein Messer, noch irgend ein anderes schneidendes Instrument. Eisen war nur an seinen Fensterstangen vorhanden, und er hatte sich oft genug überzeugt, daß sie zu fest eingelötet waren, um sich lösen zu lassen.


Das ganze Gerät seines Zimmers bestand aus einem Bett, einem Stuhle, einem Tische, einem Eimer und einem Kruge. An dem Bett waren wohl eiserne Bänder, aber sie waren durch Schrauben am Holz befestigt. Man hätte einen Schraubenzieher haben müssen, um sie loszumachen. An dem Tische und dem Stuhle war nichts. Am Eimer fehlte der Henkel. Es gab für Dantes nur noch ein Mittel: seinen Krug zu zerbrechen und mit einem Scherben sich an die Arbeit zu machen. Er ließ seinen Krug auf den Boden fallen, daß er in Stücke zerbrach. Dantes wählte einige spitzige Scherben, verbarg sie in seinem Strohsack und ließ die andern auf der Erde liegen. Das Zerbrechen des Kruges war eine so nahe liegende Möglichkeit, daß es keinen Argwohn erregen konnte.


Edmond hatte die ganze Nacht zum Arbeiten; doch in der Dunkelheit ging es schlecht vorwärts, denn er mußte tastend arbeiten, und er fühlte bald, daß sich sein schwaches Werkzeug an dem Sandstein abstumpfte, der härter war, als das Instrument. Er stieß also sein Bett wieder zurück und wartete den Tag ab. Mit der Hoffnung war auch die Geduld zurückgekehrt. Die ganze Nacht hindurch hörte und horchte er auf den unbekannten Gräber, der sein unterirdisches Werk fortsetzte.


Der Tag erschien, und der Wärter trat ein. Dantes erzählte ihm, er habe am Abend zuvor aus dem Kruge getrunken; er sei seinen Händen entschlüpft, auf den Boden gefallen und zerbrochen. Der Wärter ging brummend fort, um einen neuen zu holen, ohne daß er sich nur die Mühe gab, die Stücke des alten zusammenzulesen und mitzunehmen.


Dantes hörte mit unsäglicher Freude das Klirren des Schlosses, dessen Zuschließen ihm früher das Herz zusammenschnürte. Er vernahm, wie die Schritte sich nach und nach entfernten. Sobald das Geräusch völlig erloschen war, sprang er nach seinem Lager, das er von seiner Stelle rückte, und beim Scheine des schwachen Tageslichts, das in seinen Kerker drang, konnte er sehen, welche nutzlose Arbeit er in der Nacht vorher getan hatte, er hatte nämlich den Stein selbst angegriffen statt den Kalk ringsum. Dieser Kalk war durch die Feuchtigkeit zerreibbar geworden. Dantes sah mit freudigem Herzklopfen, daß er sich in Bruchstücken ablöste, und nach Verlauf einer halben Stunde hatte er ungefähr eine Handvoll losgemacht. Ein Mathematiker hätte berechnen können, daß man mittels zweijähriger Arbeit, vorausgesetzt, man stieß auf keinen Felsen, sich auf diese Weise einen Gang von zwei Quadratfuß und von zwanzig Fuß Tiefe zu graben im stande gewesen wäre.


Der Gefangene machte es sich nun zum Vorwurf, daß er die vielen abgelaufenen Stunden, die er in der Hoffnung, im Gebete und in der Verzweiflung verloren, nicht zu dieser Arbeit verwendet hatte. In den sechs Jahren, die er ungefähr in diesem Kerker eingeschlossen war … welche Arbeit hätte er nicht, so langsam sie auch vor sich ging, vollendet! – Dieser Gedanke verlieh ihm neuen Eifer.


In drei Tagen gelang es ihm mit unerhörter Vorsicht, allen Mörtel wegzuschaffen und den Stein bloßzulegen. Die Wand war von Bruchsteinen gemacht, in die man, um ihr mehr Festigkeit zu geben, von Zeit zu Zeit einen behauenen Stein eingefügt hatte. Er hatte gerade an einem von den behauenen Steinen gearbeitet, und es handelte sich nun darum, ihn in seiner Lage zu erschüttern. Dantes versuchte es mit seinen Nägeln, aber seine Nägel waren hierfür ungenügend. Die in die Zwischenräume geschobenen Scherben zerbrachen aber, sobald sich Dantes ihrer als Hebel bedienen wollte. Nach einer Stunde fruchtloser Versuche erhob er sich mit Angstschweiß auf der Stirn.


Sollte er schon am Anfange seiner Arbeit gehemmt werden, und mußte er träge und unnütz warten, bis sein Nachbar, der ebenfalls müde werden konnte, alles getan hatte?


Der Gefangenwärter brachte Dantes‘ Suppe jeden Tag in einer blechernen Kasserolle. Diese Kasserolle enthielt seine Suppe und die eines zweiten Gefangenen, denn Dantes hatte bemerkt, daß dieselbe entweder ganz voll oder halb leer war, je nachdem der Schließer die Verteilung der Lebensmittel bei ihm oder seinem Gefährten anfing. Die Kasserolle hatte einen eisernen Stiel. Nach diesem Stiele trachtete Dantes, er hätte ihn, wenn es sein mußte, mit zehn Jahren seines Lebens bezahlt. Der Gefangenwärter goß den Inhalt der Kasserolle auf Dantes‘ Teller.


Am Abend stellte Dantes seinen Teller halbwegs zwischen Tür und Tisch auf den Boden. Als der Wärter eintrat, setzte er den Fuß auf den Teller und zerbrach ihn in tausend Stücke. Diesmal war nichts gegen Dantes zu sagen. Er hatte unrecht, seinen Teller auf dem Boden zu lassen; aber von dem Wärter war es unvorsichtig gewesen, nicht vor seine Füße zu schauen. Der letztere brummte, dann schaute er sich nach einem Gegenstand um, in den er die Suppe gießen könnte; Dantes‘ Mobiliar beschränkte sich auf diesen einzigen Teller, und es gab keine Wahl.


Lassen Sie die Kasserolle hier, sagte Dantes, Sie können sie wieder mitnehmen, wenn Sie morgen mein Frühstück bringen.


Dieser Rat schmeichelte der Trägheit des Gefangenwärters. Er hatte nicht nötig, hinaufzusteigen, wieder herabzusteigen und abermals hinaufzusteigen. Er ließ die Kasserolle zurück. Dantes bebte vor Freude. Diesmal verschlang er rasch seine Suppe und das Fleisch, das darin lag. Nachdem er eine Stunde gewartet hatte, um sicher zu sein, der Gefangenwärter würde nicht andern Sinnes werden, rückte er sein Bett auf die Seite, nahm seine Kasserolle, schob den Stiel zwischen den bloßgelegten Stein und die benachbarten Bruchsteine und fing an, sich desselben als Hebel zu bedienen. Nach Verlauf einer Stunde war wirklich der Stein aus der Mauer gezogen, in der er eine Aushöhlung von mehr als anderthalb Fuß im Durchmesser ließ.


Dantes sammelte sorgfältig allen Kalk, trug ihn in die Ecken seines Gefängnisses, kratzte die graue Erde mit einem von den Bruchstücken seines Kruges auf und bedeckte den Kalk damit.


Da er diese Nacht benutzen wollte, in der ihm der Zufall, oder vielmehr sein erfinderischer Geist ein so kostbares Werkzeug in die Hände gab, so fuhr er mit aller Anstrengung zu graben fort. Bei Tagesanbruch setzte er den Stein wieder in sein Loch, stieß sein Bett an die Wand und legte sich nieder.


Sein Frühstück bestand aus einem Stück Brot. Der Gefangenwärter trat ein und legte das Brot auf den Tisch.


Wie, Sie bringen mir keinen andern Teller? sagte Dantes.


Nein, sagte der Schließer, bei Ihnen wird alles zerbrochen, Sie haben den Krug zertrümmert und sind schuld, daß ich Ihren Teller in Stücke trat. Wenn alle Gefangenen so viel Schaden anrichten würden, könnte es die Regierung nicht mehr bezahlen. Sie behalten die Kasserolle hier und bekommen die Suppe hinein; dann werden Sie wohl das Geschirr nicht mehr zerbrechen.


Dantes schlug die Augen zum Himmel auf und faltete seine Hände auf dem Bette. Dieses ihm überlassene Stück Eisen erzeugte in seinem Herzen ein Gefühl der Dankbarkeit, wie es in seinem früheren Leben die größten Güter, die ihm zugeflossen waren, niemals erzeugt hatten. Nur war es ihm nicht entgangen, daß, seitdem er zu arbeiten begonnen, der andere Gefangene nicht mehr arbeitete. Ganz gleich, das war kein Grund, von dem Unternehmen abzustehen. Kam sein Nachbar nicht zu ihm, so ging er zum Nachbar. Er arbeitete den ganzen Tag ohne Unterlaß. Am Abend hatte er mit Hilfe seines neuen Werkzeuges mehr als zehn Hände voll Trümmer von Bruchsteinen und Mörtel aus der Mauer gezogen.


Als die Stunde des Besuches kam, richtete er, so gut er konnte, den gebogenen Stiel der Kasserolle wieder gerade und stellte das Gefäß an seinen gewöhnlichen Platz. Der Schließer schüttete die vorgeschriebene Ration hinein; dann entfernte er sich wieder. Diesmal wollte Dantes sich vergewissern, ob sein Nachbar wirklich seine Arbeit eingestellt hätte. Er horchte. Alles blieb still, wie während der drei Tage, wo die Arbeiten unterbrochen worden waren. Dantes seufzte. Sein Nachbar mißtraute ihm offenbar. Er ließ sich jedoch nicht entmutigen und setzte seine Arbeit die ganze Nacht fort; doch nach zwei bis drei Stunden stieß er auf ein Hindernis. Das Eisen faßte nicht mehr, sondern glitt aus; Dantes berührte das Hemmnis mit seinen Händen und bemerkte, daß es ein Balken war, der das mühsam ausgegrabene Loch gänzlich versperrte, so daß er darüber oder darunter graben mußte. An ein solches Hindernis hatte der unglückliche junge Mann nicht gedacht.


Oh! mein Gott, mein Gott! Ich habe dich doch so sehr gebeten, daß ich hoffte, du würdest mich erhören! Mein Gott, der du mir die Freiheit des Lebens, der du mir die Ruhe des Todes genommen, der du mich zum Dasein zurückgerufen hast, mein Gott! habe Mitleid mit mir und laß mich nicht in Verzweiflung sterben! rief Dantes erregt aus.


Wer spricht zugleich von Gott und von Verzweiflung? ließ sich eine Stimme vernehmen, die unter der Erde hervorzukommen schien und wie ein Grabeston zu dem jungen Mann drang.


Edmond fühlte, wie sich die Haare auf seinem Haupte sträubten, und wich auf den Knien zurück.


Ah! murmelte er, ich höre einen Menschen sprechen.


Seit vier oder fünf Jahren hatte Edmond nur die Stimme seines Kerkermeisters gehört, und für den Gefangenen ist der Kerkermeister kein Mensch. Er ist eine lebende Tür, ein Riegel von Fleisch.


Im Namen des Himmels! rief Dantes, Sie, der Sie gesprochen haben, sprechen Sie weiter, obgleich Ihre Stimme mich erschreckt hat. Wer sind Sie?


Wer sind Sie selbst? fragte die Stimme.


Ein unglücklicher Gefangener, versetzte Dantes.


Ihr Name? – Edmond Dantes. – Wie lange sind Sie hier? – Seit dem 28. Februar 1815. – Ihr Verbrechen? – Ich bin unschuldig. – Wessen klagt man Sie an? – Für die Rückkehr des Kaisers konspiriert zu haben.


Wie? Für die Rückkehr des Kaisers? Der Kaiser ist also nicht mehr auf dem Throne?


Er hat in Fontainebleu im Jahre 1814 entsagt und ist auf die Insel Elba verbannt worden. Aber wie lange sind Sie denn hier, daß Sie dies nicht wissen?


Seit 1811.


Dantes bebte; dieser Mann war vier Jahre länger im Gefängnis, als er.


Es ist gut, graben Sie nicht mehr! versetzte die Stimme schnell sprechend. Sagen Sie mir nur, auf welcher Höhe sich die Aushöhlung befindet, die Sie gemacht haben.


Dem Boden gleich. – Wie ist sie verborgen? – Hinter meinem Bette. – Wohin geht Ihr Zimmer? – Nach einem Gange, der nach dem Hofe mündet. – Ach! murmelte die Stimme.


Oh! mein Gott, was gibt es denn? rief Dantes.


Ich habe mich getäuscht, die Unvollkommenheit meiner Zeichnungen hat mich betrogen, der Mangel eines Kompasses hat mich zu Grunde gerichtet; eine Linie des Irrtums auf meinem Plane bedeutet fünfzehn Fuß in der Wirklichkeit, und ich hielt die Mauer, die Sie durchhöhlen, für die der Zitadelle.


Aber dann wären Sie an das Meer gekommen!


Das wollte ich, ich warf mich in die See, ich erreichte schwimmend eine von den Inseln, die das Kastell If umgeben, oder auch die Küste, und ich war gerettet.


Hätten Sie so weit schwimmen können?


Gott würde mir die Kraft verliehen haben; doch nun ist alles verloren. – Alles?


Ja. Stopfen Sie Ihr Loch wieder vorsichtig zu, arbeiten Sie nicht mehr, bekümmern Sie sich um nichts mehr, und erwarten Sie Kunde von mir.


Sagen Sie mir doch wenigstens, wer Sie sind. Ich bin … ich bin Nummer 27.


Sie mißtrauen mir also? fragte Dantes.


Edmond glaubte, ein bitteres Lachen zu hören. Oh! ich bin ein guter Christ! rief er, denn er fühlte instinktartig, daß der andere ihn verlassen wollte; ich schwöre Ihnen, daß ich mich eher töten lasse, als daß Ihre Henker, die zugleich die meinen sind, durch mich einen Schatten der Wahrheit zu sehen bekommen. Doch im Namen des Himmels, berauben Sie mich nicht Ihrer Gegenwart, berauben Sie mich nicht Ihrer Stimme, oder ich schwöre Ihnen, denn meine Kräfte gehen zu Ende, ich zerschmettere mir den Schädel an der Wand, und Sie haben sich meinen Tod vorzuwerfen.


Wie alt sind Sie? Ihre Stimme scheint die eines jungen Mannes zu sein.


Ich weiß mein Alter nicht, denn ich habe die Zeit, seitdem ich hier bin, nicht messen können. Ich weiß nur, daß ich neunzehn Jahre alt war, als ich am 28. Februar 1815 verhaftet wurde.


Noch nicht ganz fünfundzwanzig Jahre; in diesem Alter ist man noch kein Verräter, murmelte die Stimme.


Oh! nein! Ich schwöre es Ihnen, wiederholte Dantes. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt und wiederhole es, ich lasse mich eher in Stücke zerhauen, als daß ich Sie verrate.


Sie haben wohl daran getan, mit mir zu sprechen, Sie haben wohl daran getan, mich zu bitten; denn ich war im Begriff, einen andern Plan zu entwerfen und mich von Ihnen zu entfernen. Aber Ihr Alter beruhigt mich; ich werde wieder zu Ihnen kommen, warten Sie auf mich!


Wann?


Ich muß alles erwägen und werde Ihnen ein Zeichen geben.


Doch Sie verlassen mich nicht? Ich muß nicht allein bleiben? Sie kommen zu mir, oder Sie erlauben mir, zu Ihnen zu gehen. Wir fliehen miteinander, und wenn wir nicht fliehen können, so sprechen wir, Sie von Menschen, die Sie lieben, und ich von Menschen, die ich liebe. Sie müssen irgend jemand lieben?


Ich bin allein auf der Welt.


Dann lieben Sie mich! Sind Sie jung, so werde ich Ihr Kamerad; sind Sie alt, so bin ich Ihr Sohn. Ich habe einen Vater, der siebzig Jahre alt sein muß, wenn er noch lebt. Ich liebte nur ihn und ein junges Mädchen, namens Mercedes. Mein Vater hat mich nicht vergessen, dessen bin ich sicher; aber sie, Gott weiß, ob sie noch an mich denkt. Ich werde Sie lieben, wie ich meinen Vater liebte.


Es ist gut, erwiderte der Gefangene, morgen!


Diese Worte wurden mit einem Tone ausgesprochen, der Dantes überzeugte. Mehr verlangte er nicht; er stand auf, traf dieselben Vorsichtsmaßregeln in Bezug auf die Mauertrümmer, wie er sie früher getroffen hatte, und stieß sein Bett wieder an die Wand.


Von diesem Augenblick an überließ sich Dantes ganz und gar seinem Glück. Er hoffte sicher, nicht mehr allein zu sein, er hoffte sogar, vielleicht frei zu werden. Im schlimmsten Falle hatte er, wenn er Gefangener blieb, einen Gefährten. Geteilte Gefangenschaft aber ist nur halbe Gefangenschaft. Den ganzen Tag ging Dantes freudigen Herzens in seinem Kerker auf und ab. Er setzte sich auf sein Bett und preßte seine Brust mit der Hand. Bei dem geringsten Geräusch, das er im Gang vernahm, sprang er nach der Tür. Ein paarmal stieg ihm die Furcht zu Kopf, man könnte ihn von diesem Manne trennen, den er nicht kannte und doch schon wie einen Freund liebte. Dann war er entschlossen; in dem Augenblick, wo der Kerkermeister sein Bett wegrückte und sich bückte, um die Öffnung zu untersuchen, wollte er ihm mit dem Boden seines Kruges den Schädel einschlagen. Man verurteilte ihn dann zum Tode, das wußte er wohl; mußte er aber nicht vor Zorn und Verzweiflung in dem Augenblick sterben, wo ihn dieses wunderbare Geräusch dem Leben zurückgegeben hatte?



Am Abend kam der Wärter. Dantes lag auf seinem Bette; es kam ihm vor, als bewachte er so die unvollendete Öffnung besser. Ohne Zweifel betrachtete er den ungelegenen Besuch mit sonderbaren Augen, denn dieser sagte: Wie, sollten Sie wieder ein Narr werden?


Dantes antwortete nicht, er fürchtete, die Aufregung seiner Stimme könnte ihn verraten, und der Mann entfernte sich, den Kopf schüttelnd.


Als die Nacht eingetreten war, glaubte Dantes, sein Nachbar würde die Stille und Dunkelheit benutzen, um das Gespräch wieder mit ihm anzuknüpfen. Aber er täuschte sich, die Nacht verlief, ohne daß irgend ein Geräusch seiner fieberhaften Erwartung entsprach. Am andern Tage aber, nach dem Morgenbesuche und nachdem er sein Bett von der Wand entfernt hatte, hörte er drei Schläge in gleichen Zwischenräumen. Er stürzte auf die Knie.


Sind Sie es? sprach er; ich bin hier.


Ist Ihr Kerkermeister fort? fragte die Stimme.


Ja, antwortete Dantes, und er wird erst am Abend wiederkommen. Wir haben zehn Stunden für uns.


Ich kann also ans Werk gehen? sprach die Stimme.


Oh, ja, ja, ohne Zögern, auf der Stelle, ich bitte Sie!


Sogleich schien der Teil der Erde, auf den Dantes, halb in der Öffnung verborgen, seine Hände stützte, unter ihm zu weichen. Er warf sich zurück, während eine Masse von Erde und abgelösten Steinen in ein Loch stürzte, das sich unter der von ihm bewerkstelligten Öffnung ausgehöhlt hatte. Dann sah er im Hintergrunde dieses finstern Lochs, dessen Tiefe er nicht ermessen konnte, einen Kopf, Schultern und endlich einen ganzen Menschen erscheinen, der ziemlich behend aus der Höhlung hervorkam.


Ein gelehrter Italiener.

 

Ein gelehrter Italiener.

 

Dantes schloß den neuen, so lange und so ungeduldig erwarteten Freund in seine Arme und zog ihn zu seinem Fenster hin, damit ihn das wenige Licht, das in seinen Kerker drang, völlig beleuchte.

 

Es war ein Mann von mittlerem Wuchse, mit Haaren, mehr durch Leiden, als vom Alter gebleicht, mit durchdringenden Augen unter dichten, grau werdenden Brauen und einem noch schwarzen Barte, der auf seine Brust herabfiel. Die Magerkeit seines von tiefen Runzeln ausgehöhlten Gesichtes, die kühne Linie seiner charakteristischen Züge verkündeten einen Mann, der mehr gewohnt war, seine moralischen Fähigkeiten, als seine körperlichen Kräfte zu üben. Die Stirn des Unbekannten war mit Schweiß bedeckt.

 

Was seine Kleidung betrifft, so ließ sich ihre ursprüngliche Form nicht unterscheiden, denn sie zerfiel in Lumpen. Er schien wenigstens fünfundsechzig Jahre alt zu sein, obgleich seine kraftvollen Bewegungen darauf hindeuteten, daß er weniger Jahre zähle, als sein Äußeres infolge der langen Gefangenschaft vermuten ließ.

 

Die enthusiastische Begrüßung des jungen Mannes tat ihm offenbar wohl. Seine vereiste Seele schien sich einen Augenblick bei der Berührung mit dieser glühenden Seele zu erwärmen und zu schmelzen. Er dankte Dantes aufrichtig für seine Herzlichkeit, obgleich seine Enttäuschung groß gewesen war, als er einen zweiten Kerker fand, wo er die Freiheit zu finden gehofft hatte.

 

Wir wollen zuerst sehen, sagte er, ob wir ein Mittel haben, vor den Augen Ihres Wärters die Spuren meines Durchbruches zu verbergen. Unsere ganze zukünftige Ruhe hängt davon ab, daß nichts von dem, was vorgefallen ist, bekannt wird. Dann bückte er sich nach der Öffnung, nahm den Stein, hob ihn trotz seines Gewichtes leicht auf und schob ihn in das Loch. Dieser Stein wurde sehr nachlässig ausgebrochen, sagte er, den Kopf schüttelnd; Sie haben also keine Werkzeuge?

 

Haben Sie denn welche? fragte Edmond erstaunt.

 

Ich habe mir einige gemacht; außer einer Feile besitze ich alles, was man braucht, Meißel, Zange, Hebel.

 

Oh, ich wäre sehr begierig, diese Erzeugnisse Ihrer Geduld und Ihrer Geschicklichkeit zu sehen, sagte Dantes.

 

Sehen Sie, hier ist vor allem ein Meißel.

 

Und er zeigte ihm eine starke, scharfe Klinge mit einem Hefte aus Buchenholz.

 

Wovon haben Sie das gemacht?

 

Aus einem von den Bändern meines Bettes. Mit diesem Werkzeug habe ich mir den ganzen Weg ausgehöhlt, der mich bis hierher führte, ungefähr fünfzig Fuß.

 

Fünfzig Fuß! rief Dantes erschreckt.

 

Reden Sie leiser, junger Mann, reden Sie leiser; es kommt oft vor, daß man an den Türen der Gefangenen horcht.

 

Und Sie sagen, Sie haben fünfzig Fuß durchhöhlt, um hierher zu gelangen?

 

Ja, dies ist ungefähr die Entfernung, die mein Zimmer von dem Ihrigen trennt; nur habe ich in Ermangelung von geometrischen Instrumenten meine krumme Linie schlecht berechnet; statt vierzig Fuß war sie fünfzig lang. Ich hoffte, wie ich Ihnen gesagt habe, bis zur äußeren Mauer zu gelangen, diese Mauer zu durchhöhlen und mich ins Meer zu werfen. Ich habe längs dem Gang, an den Ihr Zimmer stößt, gearbeitet, statt darunter durchzudringen. Meine ganze Arbeit ist umsonst, denn dieser Gang führt auf einen Hof, der voll von Wachen ist.

 

Das ist wahr, sagte Dantes, aber der Gang läuft nur an einer Seite meines Zimmers hin, und mein Zimmer hat vier.

 

Ja, richtig, aber hier ist vor allem eine, deren Mauern der Felsen bildet. Es bedürfte einer zehnjährigen Arbeit von zehn mit allen Werkzeugen versehenen Männern, um durch den Felsen zu kommen. Die andere muß an den Raum unterhalb der Wohnung des Gouverneurs hinführen; wir würden in den Keller geraten, der offenbar abgeschlossen ist, und man würde uns wieder gefangen nehmen. Die dritte Seite, warten Sie, wohin geht die dritte Seite? Diese Seite war die, wo man das Luftloch angebracht hatte, durch welches das Tageslicht eindrang. Dieses Luftloch, das sich immer mehr verengte, bis zu der Stelle, wo es dem Tageslichte Eingang gewährte, und wo ein Kind sich nicht hätte durchzwängen können, war überdies mit drei Reihen eiserner Stangen verwahrt, die auch den argwöhnischsten Kerkermeister keine Entweichung befürchten ließen.

 

Der Unbekannte aber zog, während er seine Frage stellte, den Tisch unter das Fenster und sagte zu Dantes: Steigen Sie auf diesen Tisch!

 

Dantes gehorchte, stieg auf den Tisch, lehnte, die Absicht seines Gefährten erratend, seinen Rücken an die Mauer und hielt ihm seine Hände hin. Der andere stieg nun behender, als sein Alter annehmen ließ, zuerst auf den Tisch, dann auf Dantes‘ Hände und von da auf seine Schultern. Halb gebückt, denn das Gewölbe des Kerkers hinderte ihn, sich auszurichten, streckte er den Kopf zwischen die erste Reihe der Stangen und war nun im stande, hinabzuschauen. – Einen Augenblick nachher zog er rasch den Kopf zurück und sprang auf die Erde.

 

Oh! oh! sagte er, ich hatte es vermutet.

 

Was hatten Sie vermutet? fragte der junge Mann ängstlich und sprang ebenfalls herab. Der alte Gefangene überlegte, dann sagte er: Diese Seite Ihres Kerkers geht auf die äußere Galerie, auf eine Art Rundgang, über den die Patrouillen kommen und wo Schildwachen stehen. Ich habe den Tschako eines Soldaten gesehen und zog mich nur aus Furcht, er könnte mich wahrnehmen, so schnell zurück; es ist also unmöglich, durch Ihren Kerker zu entfliehen.

 

Also? frug der junge Mann.

 

Also geschehe der Wille Gottes!

 

Und ein Ausdruck tiefer Resignation verbreitete sich über die Gesichtszüge des Greises. Dantes schaute den Mann, der mit so viel Philosophie auf eine seit langer Zeit genährte Hoffnung Verzicht leistete, mit einem mit Bewunderung gemischten Erstaunen an.

 

Wollen Sie mir nun sagen, wer Sie sind? fragte Dantes.

 

Oh! mein Gott, ja, wenn es Sie noch interessieren kann, jetzt, da ich für Sie zu nichts mehr gut bin.

 

Sie können mir dazu gut sein, daß Sie mich trösten und aufrecht erhalten, denn Sie scheinen mir ein Starker unter den Starken zu sein.

 

Der Alte lächelte traurig und sagte: Ich bin der Abbé Faria, seit 1811 Gefangener im Kastell If, war jedoch vorher drei Jahre lang in der Festung Fenestrelle eingesperrt. Im Jahre 1808 brachte man mich von Piemont nach Frankreich. Damals erfuhr ich, daß das Schicksal, das ihm zu jener Zeit untertan zu sein schien, Napoleon einen Sohn gegeben hatte, und daß dieser Sohn in der Wiege zum König von Rom ernannt worden sei. Ich war weit entfernt, zu ahnen, was Sie mir vorhin sagten, daß nämlich vier Jahre später der Koloß eingestürzt ist. Wer regiert denn jetzt in Frankreich? Napoleon II.?

 

Nein, Ludwig XVIII.

 

Ludwig XVIII., der Bruder Ludwigs XVI.! Die Wege des Himmels sind seltsam und geheimnisvoll. Was war die Absicht der Vorsehung, als sie den Mann erniedrigte, den sie erhoben hatte, und den erhob, den sie erniedrigt hatte?

 

Dantes sah überrascht den Mann an, der sein eigenes Schicksal ganz zu vergessen schien, um sich mit dem Geschicke der Welt zu beschäftigen.

 

Ja, fuhr er fort, es ist wie in England; nach Karl I. Cromwell, nach Cromwell Karl II. und vielleicht nach Jakob II. irgend ein Schwiegersohn, ein Verwandter, ein Prinz von Oranien, ein Staathouder, der sich zum König machen wird, und dann neue Zugeständnisse an das Volk, dann eine Verfassung, dann die Freiheit! Sie werden das erleben, junger Mann, sagte er, zu Dantes gewandt, und schaute ihn mit den glänzenden, tiefen Augen eines Propheten an. Sie sind noch in einem Alter, um es zu erleben, und werden es erleben.

 

Ja, wenn ich von hier wegkomme.

 

Ah! das ist richtig, sagte der Abbé Faria, wir sind Gefangene; es gibt Momente, wo ich es vergesse und mich in Freiheit glaube, weil meine Augen die Wände durchdringen, die mich umschließen.

 

Aber warum sind Sie eingesperrt?

 

Ich? Weil ich im Jahre 1807 von dem Plane träumte, den Napoleon im Jahre 1811 verwirklichen wollte, weil ich wie Macchiavell mitten unter diesen Fürstlein, die aus Italien ein Satirspiel tyrannischer, schwacher Königreiche machten, ein einziges und großes, fest gefügtes Reich gründen wollte, weil ich meinen Cesare Borgia in einem einfältigen, gekrönten Haupte zu finden glaubte, das sich den Anschein gab, als verstünde es mich, um mich besser verraten zu können. Es war der Plan Alexanders VI. und Clemens‘ VII.; er wird ewig scheitern, da sie ihn vergeblich unternommen haben und Napoleon ihn nicht zu Ende führen konnte; Italien ist offenbar verflucht.

 

Und der Greis neigte sein Haupt. Dantes begriff nicht, wie ein Mensch sein Leben für solche Interessen wagen konnte. War ihm Napoleon bekannt, weil er ihn gesehen und mit ihm gesprochen hatte, so kannte er Clemens VII. und Alexander VI. nicht einmal dem Namen nach.

 

Sind Sie nicht, sagte Dantes, der die allgemeine Meinung im Kastell If über seinen neuen Bekannten zu teilen anfing, sind Sie nicht der Priester, den man für … krank hält?

 

Den man für verrückt hält, wollen Sie sagen, nicht wahr? Ja, ja, fuhr Faria mit bitterm Lachen fort, ja, ich gelte für einen Narren. Ich diene seit geraumer Zeit den Gästen dieses Gefängnisses zum Spott und würde den kleinen Kindern zum Spott dienen, wenn es Kinder an diesem Wohnorte des trostlosen Schmerzes gäbe.

 

Dantes blieb einen Augenblick unbeweglich und stumm vor Erstaunen, ehe er fragte: Sie verzichten also auf die Flucht?

 

Ich sehe, daß die Flucht unmöglich ist. Das versuchen, was nach Gottes Willen nicht geschehen soll, hieße Gott versuchen.

 

Warum lassen Sie sich entmutigen? Mit dem ersten Schlage siegen zu wollen, wäre zuviel von der Vorsehung verlangt. Können Sie nicht in einer andern Richtung wieder anfangen, was Sie in dieser getan haben?

 

Wissen Sie, was ich getan habe, daß Sie von Wiederanfangen sprechen? Wissen Sie, daß ich vier Jahre brauchte, um die Werkzeuge zu verfertigen, welche ich besitze? Wissen Sie, daß ich seit zwei Jahren eine Erde auskratze und aushöhle, die so hart ist wie Granit? Wissen Sie, daß ich Steine lösen mußte, die ich früher nicht bewegen zu können glaubte, daß ganze Tage mit dieser Titanenarbeit vergingen, und daß ich zuweilen am Abend glücklich war, wenn ich einen Quadratzoll von diesem alten Mörtel weggebrochen hatte, der so hart geworden war wie der Stein selbst? Wissen Sie, daß ich, um alle diese Erde und alle diese Steine unterzubringen, das Gewölbe einer Treppe durchbrechen mußte, unter dem nach und nach alle diese Trümmer begraben wurden, so daß der früher leere Raum gänzlich voll ist, und daß ich nicht wüßte, wohin ich nur noch eine Handvoll Staub legen sollte? Wissen Sie endlich, daß ich das Ziel aller meiner Anstrengungen zu erreichen glaubte, daß ich gerade nur die Kraft in mir fühlte, dieser Aufgabe zu entsprechen, und daß Gott dieses Ziel nicht nur zurückgerückt, sondern es, ich weiß nicht einmal wohin gesetzt hat? Ah! ich wiederhole Ihnen, ich werde fortan nichts mehr versuchen, um meine Freiheit zu erringen.

 

Der Abbé Faria ließ sich auf Edmonds Bett nieder, Edmond aber blieb stehen. Der junge Mann hatte nie an Flucht gedacht, die ihm sogar in der Vorstellung unmöglich schien. Fünfzig Fuß unter der Erde zu graben, dieser Operation eine Arbeit von drei Jahren zu widmen, um, wenn sie gelingt, an einen senkrecht ins Meer fallenden Absturz zu gelangen, sich fünfzig, sechzig, vielleicht hundert Fuß hinabzuwerfen, um sich beim Fallen den Schädel auf irgend einem Felsen zu zerschmettern, wenn man nicht schon von der Kugel der Schildwache getötet worden ist, und entgeht man wirklich allen diesen Gefahren, schwimmend eine Meile zurücklegen zu müssen, das war zu viel, um ihm nicht ungeheuerlich, ja unmöglich zu erscheinen.

 

Jetzt aber, da er einen Greis erblickte, der sich so mächtig an das Leben anklammerte und ihm ein Beispiel verzweiflungsvoller Tatkraft gab, fing er an, nachzudenken und seinen Mut zu messen. Ein andrer hatte versucht, was zu tun ihm nicht einmal in den Sinn gekommen war; ein anderer, minder jung, minder stark und gewandt als er, hatte sich durch Geschicklichkeit und Geduld alle Werkzeuge verschafft, deren er für seine unglaubliche Arbeit bedurfte, die nur infolge eines Rechenfehlers mißglückte. Faria hatte fünfzig Fuß durchgraben, er, Edmond Dantes, wollte hundert durchgraben, Faria hatte in einem Alter von fünfzig Jahren drei Jahre zu seinem Werke verwendet, er war nur halb so alt als Faria und konnte sechs dazu verwenden. Faria, ein Abbé, ein Gelehrter, ein Mann der Kirche, hatte sich nicht vor dem Wagnis gefürchtet, schwimmend vom Kastell das Land zu erreichen; er, der Seemann, der kühne Taucher, sollte zögern, eine Meile schwimmend zurückzulegen? War er nicht oft ganze Stunden im Meer geblieben? Nein, nein, er bedurfte nur der Ermutigung durch ein Beispiel. Alles, was ein anderer getan hat oder hätte tun können, das vermochte auch Dantes zu tun …

 

Der junge Mann überlegte einen Augenblick, ehe er zu dem Greise sagte: Ich habe gefunden, was Sie suchten.

 

Sie? sagte Faria, indem er den Kopf mit einer Miene emporrichtete, die andeutete, daß, wenn Dantes die Wahrheit sprach, die Entmutigung seines Gefährten nicht von langer Dauer sein sollte; lassen Sie hören! Was haben Sie gefunden?

 

Der Gang, den Sie durchgegraben haben, um von Ihnen aus hierher zu kommen, läuft in derselben Richtung, wie die äußere Galerie, nicht wahr? – Ja.

 

Er kann also höchstens fünfzehn Schritt davon entfernt sein, und wir graben gegen die Mitte des Ganges einen Weg, der gleichsam den Zweig eines Kreuzes bildet. Dann mündet er an der äußeren Galerie. Wir töten die Wache und entfliehen. Damit dieser Plan gelinge, bedarf es nur des Mutes, und Mut haben Sie; es bedarf nur der Stärke, und daran fehlt es mir nicht. Ich spreche nicht von der Geduld, Sie haben Proben davon abgelegt, und ich werde sie auch ablegen.

 

Einen Augenblick, antwortete der Abbé, Sie wußten nicht, mein lieber Gefährte, von welcher Art mein Mut ist, und wie ich meine Kraft anzuwenden gedenke. Was die Geduld betrifft, so glaube ich allerdings geduldig genug gewesen zu sein, indem ich jeden Morgen die Aufgabe der Nacht und jede Nacht die Aufgabe des Tages wieder anfing. Aber hören Sie wohl, junger Mann, ich stellte mir vor, ich diente Gott, indem ich eines von seinen Geschöpfen befreite, das, da es unschuldig war, nicht verdammt sein konnte.

 

Nun? fragte Dantes, steht es jetzt nicht noch ebenso, und halten Sie sich für schuldig, seit Sie mich trafen?

 

Nein, aber ich will es nicht werden. Bis jetzt hatte ich nur mit Dingen zu kämpfen; bei dem, was Sie mir vorschlagen, hätte ich es mit Menschen zu tun. Ich habe eine Mauer durchbohrt und eine Treppe zerstört; aber ich werde keine Brust durchbohren und kein Dasein zerstören.

 

Dantes konnte eine Bewegung des Erstaunens nicht unterdrücken.

 

Wie, sagte er, da Sie frei werden können, lassen Sie sich durch eine solche Bedenklichkeit zurückhalten?

 

Warum haben Sie nicht selbst eines Abends Ihren Kerkermeister mit einem Tischbein totgeschlagen und dann seine Kleider angezogen, und sind damit entflohen? entgegnete Faria.

 

Weil mir dieser Gedanke nicht gekommen ist, sagte Dantes.

 

Weil Sie einen solchen Abscheu vor einem solchen Verbrechen hatten, daß Sie nicht einmal daran dachten, versetzte der Greis; denn bei einfachen und erlaubten Dingen belehrt uns unser natürliches Gefühl, daß wir nicht von der Linie unseres Rechtes abgehen. Der Mensch hat einen Widerwillen gegen Blutvergießen. Nicht nur die gesellschaftlichen Gesetze widerstreben dem Morde, sondern auch die natürlichen Gesetze.

 

Dantes blieb ganz verblüfft, es war dies wirklich die Erklärung dessen, was, ohne dass er sich dessen bewußt war, in seinem Geiste oder vielmehr in seinem Gemüte vorgegangen war.

 

Und dann, fuhr Faria fort, seit den zwölf Jahren, die ich im Gefängnisse bin, habe ich in meinem Innern alle berühmt gewordenen Fluchtversuche überdacht, gewaltsame sah ich aber nur selten gelingen. Von Erfolg waren meist nur die sorgfältig überdachten und langsam vorbereiteten Entweichungen. So entkamen der Herzog von Beaufort aus dem Schlosse Vincennes, der Abbé Dubuquoi aus dem Fort L’Eveque und Latude aus der Bastille. Es gibt noch eine andere Art der Flucht, die in der Ausnutzung eines glücklichen Zufalls besteht, und diese Art ist die beste. Folgen Sie meinem Rate! Lassen Sie uns auf eine Gelegenheit warten, und wenn sich eine solche bietet, sie benutzen.

 

Sie konnten warten, sagte Dantes seufzend, diese lange Arbeit gab Ihnen jeden Augenblick Beschäftigung, und hatten Sie nicht Ihre Arbeit, um sich zu zerstreuen, so hatten Sie zum Troste Ihre Hoffnung.

 

Ich beschäftigte mich nicht allein hiermit.

 

Was taten Sie sonst? – Ich schrieb oder studierte. – Man gab Ihnen also Papier, Feder und Tinte? – Nein, sagte der Abbé, aber ich machte mir dies alles.

 

Dantes schaute den Abbé mit Bewunderung an; nur hatte er Mühe, an das zu glauben, was er sagte. Faria bemerkte seinen Zweifel. Wenn Sie zu mir kommen, sagte er, werde ich Ihnen ein vollständiges Werk zeigen, das Resultat von Gedanken, von Nachforschungen und Betrachtungen meines ganzen früheren Lebens, von denen ich freilich nicht ahnen konnte, daß ich sie einst zwischen den Mauern des Kastells If niederschreiben würde. Es ist eine »Abhandlung über die Möglichkeit einer einigen Monarchie in Italien«, die einen Quartband füllen wird.

 

Und Sie haben dies bereits geschrieben?

 

Auf zwei Hemden. Ich habe ein Verfahren erfunden, das Weißzeug glatt und eben zu machen wie Pergament.

 

Sie sind also Chemiker?

 

Ein wenig. Ich habe Lavoisier kennen gelernt und stand mit Cabanis in Verbindung.

 

Doch zu einem solchen Werke mußten Sie Studien machen. Sie besaßen also Bücher?

 

In Rom hatte ich in meiner Bibliothek ungefähr fünftausend Bände. Ich fand aber, daß man mit hundertundfünfzig gut ausgewählten Werken, wenn nicht den Gesamtinhalt aller menschlichen Kenntnisse, doch wenigstens das besitzt, was einem Menschen zu wissen frommt. Drei Jahre habe ich dazu verwendet, diese hundertundfünfzig Bände zu lesen und wieder zu lesen, und wußte sie so beinahe auswendig, als man mich verhaftete. In meinem Gefängnis erinnerte ich mich derselben mit einer leichten Anstrengung des Gedächtnisses. Ich könnte Ihnen Thucydides, Xenophon, Livius, Tacitus, Strabo, Dante, Montaigne, Shakespeare, Spinoza und Macchiavell auswendig hersagen. Ich nenne Ihnen hier nur die wichtigsten.

 

Sie verstehen also mehrere Sprachen?

 

Ich spreche fünf lebende Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch.

 

Immer mehr erstaunt, fing Edmond an, die Fähigkeiten dieses seltsamen Mannes beinahe für übernatürlich zu halten. Seine Neugierde wurde immer lebhafter, und er fragte: Aber wenn man Ihnen keine Federn gegeben hat, womit konnten Sie eine so umfangreiche Abhandlung schreiben?

 

Ich habe mir vortreffliche gemacht, und man würde sie den gewöhnlichen Federn vorziehen, wenn man den Stoff kennte. Sie bestehen aus den Knorpeln der großen Merlane, die man uns an Fasttagen zu essen gibt. So sehe ich diesen immer mit Vergnügen entgegen, weil ich hoffe, meinen Federvorrat zu vermehren, denn meine geschichtlichen Arbeiten sind meine angenehmste Beschäftigung. Wenn ich in die Vergangenheit hinabsteige, vergesse ich die Gegenwart; bewege ich mich frei und unabhängig in der Geschichte, so weiß ich nichts mehr davon, daß ich ein Gefangener bin.

 

Aber, womit haben Sie die Tinte gemacht?

 

Früher war ein Kamin in meinem Gefängnisse, sagte Faria. Dieser Kamin wurde ohne Zweifel einige Zeit vor meiner Ankunft verstopft, aber man hatte wohl viele Jahre lang Feuer darin gemacht, und so ist das ganze Innere mit Ruß bedeckt. Ich löse diesen Ruß mit einer Portion Wein auf, den man mir jeden Sonntag gibt, und das liefert mir vortreffliche Tinte. Um besondere Stellen ins Auge fallen zu lassen, steche ich mir in die Finger und schreibe sie mit meinem Blut.

 

Und wann kann ich dies alles sehen? fragte Dantes.

 

Wann Sie wollen, antwortete Faria.

 

Oh, sogleich! rief der junge Mann.

 

Folgen Sie mir also, sagte der Abbé und kehrte in den unterirdischen Gang zurück, wo er verschwand; Dantes folgte ihm.

 

Das Zimmer des Abbés.

 

Das Zimmer des Abbés.

 

Nachdem Dantes, sich bückend, aber doch ohne große Beschwerde, den unterirdischen Gang durchschritten hatte, gelangte er an das entgegengesetzte Ende der Aushöhlung, die in das Zimmer des Abbés führte. Hier verengte sich der Gang und bot kaum Raum genug, daß ein Mann kriechend hineinschlüpfen konnte. Das Zimmer war mit Platten belegt. Unter einer im dunkelsten Winkel liegenden Platte hatte der Abbé die mühsame Arbeit begonnen, die ihn schließlich mit Dantes zusammenführen sollte. Sobald der junge Mann drinnen war und sich wieder aufgerichtet hatte, betrachtete er das geheimnisvolle Zimmer mit der größten Aufmerksamkeit. Beim ersten Blicke bot sich ihm nichts Besonderes dar.

 

 

Gut, sagte der Abbé, es ist erst ein Viertel auf ein Uhr, und wir haben noch ein paar Stunden vor uns. Dantes schaute umher und suchte nach der Uhr, auf der der Abbé die Stunde hatte so genau lesen können.

 

Schauen Sie diesen Tagesstrahl an, der durch mein Fenster dringt, und sehen Sie an der Wand die Linien, die ich gezogen habe. Diese Linien geben mir die Stunde genauer an, als wenn ich eine Uhr hätte, denn die Uhr kann in Unordnung geraten, Sonne und Erde aber nicht, sagte der Abbé als Antwort auf Edmonds staunenden und fragenden Blick.

 

Dantes verstand diese Erklärung nicht. Ich bitte, sagte er, es drängt mich, Ihre Schätze zu betrachten.

 

Der Abbé ging nach dem Kamine und hob mit dem Meißel, den er beständig in der Hand hielt, den Stein aus, der einst den Herd bildete und nun eine ziemlich tiefe Aushöhlung verbarg, in der alle Gegenstände eingeschlossen waren, von denen er gesprochen hatte.

 

Was wollen Sie zuerst sehen? fragte er.

 

Zeigen Sie mir Ihr großes Werk über Italien.

 

Faria zog aus dem kostbaren Schranke drei bis vier wie Papyrusblätter umeinander gewundene Leinwandrollen hervor. Es waren ungefähr vier Zoll breite und achtzehn Zoll lange Bänder. Sehen Sie, sagte er, hier ist alles. Vor ungefähr acht Tagen habe ich das Wort Ende unten an das hundert und achtundsechzigste Band geschrieben. Zwei von meinen Hemden und was ich an Taschentüchern besaß, wurde dazu verwendet, und werde ich je wieder frei und es findet sich in ganz Italien ein Drucker, der mein Werk zu veröffentlichen wagt, so ist mein wissenschaftlicher Ruf für alle Zeiten begründet.

 

Ja, antwortete Dantes, ich sehe es wohl. Und nun bitte ich Sie, zeigen Sie mir die Federn, mit denen Sie dieses Werk geschrieben haben!

 

Faria zeigte dem jungen Mann ein kleines, sechs Zoll langes Stäbchen, etwa so dick wie der Stiel eines Haarpinsels; am Ende desselben war mittels eines Fadens einer von den Knorpeln angebunden, von denen der Abbé gesprochen hatte. Er war schnabelförmig zugeschnitten und wie eine gewöhnliche Feder geschlitzt. Dantes schaute ihn an und suchte mit den Augen nach dem Instrument, mit dem der Abbé den Knorpel so fein geschnitten haben könnte.

 

Ah, ja, das Federmesser, nicht wahr? Das ist mein Meisterwerk. Ich habe es, sowie das Messer, das Sie hier sehen, aus einem alten eisernen Leuchter gemacht.

 

Das Federmesser schnitt wie ein Rasiermesser: das Messer hatte den Vorteil, daß es zugleich als Messer und Dolch dienen konnte. Dantes untersuchte diese Gegenstände mit derselben Aufmerksamkeit, mit der er in den Raritätenhandlungen in Marseille die von Wilden verfertigten und von Schiffskapitänen aus der Südsee zurückgebrachten Werkzeuge untersucht hatte.

 

Was die Tinte betrifft, sagte Faria, so wissen Sie, wie ich dabei zu Werke gehe; ich mache sie nach meinem Bedarf.

 

Nun staune ich nur über eins, sagte Dantes, darüber, daß die Tage Ihnen für diese Arbeit genügten.

 

Ich hatte die Nächte, antwortete Faria.

 

Die Nächte? Besitzen Sie die Natur der Katzen und sehen Sie bei Nacht?

 

Nein, aber Gott hat dem Menschen den Verstand gegeben, um die Armut seiner Sinne zu unterstützen. Ich habe mir Licht verschafft. Von dem Fleische, das man mir bringt, trenne ich das Fett; ich lasse es schmelzen und ziehe eine Art von verdicktem Öl daraus. Sehen Sie hier meine Kerze!

 

Und der Abbé zeigte Dantes eine Art von Lämpchen, denen ähnlich, deren man sich bei öffentlichen Illuminationen bedient.

 

Aber wie machen Sie Feuer?

 

Hier sind zwei Kieselsteine und verbrannte Leinwand.

 

Dantes legte die Gegenstände, die er in der Hand hielt, auf den Tisch und neigte das Haupt, ganz niedergebeugt von der Kraft und Ausdauer dieses beharrlichen Geistes.

 

Das ist noch nicht alles, fuhr Faria fort; denn man darf nicht alle seine Schätze in ein Versteck legen; verschließen wir dieses!

 

Sie brachten die Platte wieder an ihre Stelle; der Abbé streute etwas Staub darauf, fuhr mit seinem Fuße darüber, ging dann auf sein Bett zu und rückte es von der Stelle.

 

Hinter dem Kopfkissen, unter einem Stein verborgen, der es fast völlig verschloß, war ein Loch und unter diesem Loch eine etwa fünfundzwanzig bis dreißig Fuß lange Strickleiter. Dantes untersuchte sie; sie war von tadelloser Festigkeit.

 

Wer hat Ihnen die zu diesem vortrefflichen Werke erforderliche Schnur geliefert? fragte Dantes.

 

Zuerst einige Hemden, die ich besaß, dann meine Betttücher, die ich während einer dreijährigen Gefangenschaft in Fenestrelle ausfädelte. Als man mich nach dem Kastell If brachte, fand ich Mittel, das ausgefädelte Zeug mitzunehmen. Hier setzte ich meine Arbeit fort.

 

Ich hatte anfangs den Gedanken, diese Stangen loszumachen und durch dieses Fenster zu entfliehen, das, wie Sie sehen, etwas breiter ist, als das Ihrige, und von mir im Augenblicke meiner Entweichung noch erweitert worden wäre. Aber ich bemerkte, daß dieses Fenster auf einen innern Hof geht, und leistete auf diesen Fluchtversuch als zu unsicher Verzicht. Die Strickleiter war aber einmal gemacht, und ich hebe sie mir für alle Fälle auf.

 

Während es schien, als untersuchte Dantes noch länger die Strickleiter, dachte er an etwas ganz anderes. Der Gedanke durchzog seinen Geist, daß dieser so außerordentlich scharfsinnige Mann vielleicht das Dunkel seines eigenen Unglücks zu durchdringen vermöchte.

 

Woran denken Sie? fragte der Abbé lächelnd. Er hielt Dantes‘ Versunkenheit für eine auf den höchsten Grad gesteigerte Bewunderung.

 

Ich denke vor allem an die ungeheure Summe von Verstand, die Sie aufwenden mußten, um zu einem solchen Ziele zu gelangen. Was hätten Sie erst getan, wenn Sie frei gewesen wären!

 

Vielleicht nichts, diese Überfülle meines Gehirns wäre in Kleinlichkeiten verpufft. Es bedarf des Unglücks, um gewisse geheimnisvolle, im menschlichen Verstande verborgene Minen zu graben; es bedarf des Druckes, um das Pulver zum Ausbruch zu bringen. Die Gefangenschaft hat alle meine dahin und dorthin flatternden Geisteskräfte in einem einzigen Punkte vereinigt.

 

Der Abbé verschloß sein Versteck wieder und sagte: Nun erzählen Sie mir Ihre Geschichte!

 

Dantes erzählte das, was er seine Geschichte nannte, was sich jedoch auf eine Reise nach Indien und auf ein paar Reisen nach der Levante beschränkte. Endlich gelangte er zu seiner letzten Fahrt, zu dem Tode des Kapitäns Leclère, zu dem von ihm dem Großmarschall übergebenen Paket, zu seiner Zusammenkunft mit dem Großmarschall, zu dem Briefe, den ihm dieser gegeben hatte, zu seiner Ankunft in Marseille, zu seiner Zusammenkunft mit seinem Vater, zu seiner Liebschaft mit Mercedes, zu seinem Verlobungsmahle, zu seiner Verhaftung, zu seinem Verhör, zu seiner vorläufigen Gefangenschaft im Justizpalaste und schließlich zu seiner endgültigen Gefangenschaft im Kastell If. Sobald Dantes diesen Punkt erreicht hatte, wußte er nichts mehr genau anzugeben, nicht einmal mehr die Zeit, die er Gefangener geblieben. Als die Erzählung zu Ende war, versank der Abbé in Gedanken.

 

Es gibt, sagte er nach einem Augenblick des Stillschweigens, einen bewährten und wohlbegründeten Rechtsgrundsatz: Willst du den Schuldigen entdecken, so suche zuerst den, dem das begangene Verbrechen nützlich sein kann! Wem konnte Ihr Verbrechen Nutzen bringen?

 

Mein Gott! Niemand, ich war zu unbedeutend.

 

Antworten Sie nicht so, denn Ihre Antwort ermangelt zugleich der Logik und der Philosophie; alles ist beziehungsweise, mein lieber Freund, von dem König, der seinem Nachfolger im Wege steht, bis zu dem untersten Beamten, der dem Anwärter als ein Hindernis erscheint. Stirbt dieser Beamte, so erbt der Anwärter zwölfhundert Franken Gehalt; diese zwölfhundert Franken Gehalt sind seine Zivilliste; sie sind ihm zum Leben ebenso notwendig, wie einem König seine zwölf Millionen. Jeder Mensch, von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe der gesellschaftlichen Leiter, gruppiert um sich her eine kleine Welt von Interessen, die ihre Wirbel und ihre hakenförmigen Atome hat, wie Descartes‘ Welten. Nur werden diese Welten, in je höhere Schichten wir steigen, um so umfangreicher. Es ist eine auf der Spitze stehende Pyramide, die sich durch das Spiel der Kräfte im Gleichgewicht erhält. Kehren wir jedoch zu Ihrer Welt zurück! Sie sollten zum Kapitän des »Pharao« ernannt werden und ein hübsches junges Mädchen heiraten? Hatte jemand ein Interesse daran, daß Sie nicht Kapitän wurden, daß Sie Mercedes nicht heirateten?

 

Nein; ich war an Bord sehr beliebt. Hätten die Matrosen einen Kapitän wählen können, so würden sie sicherlich mich gewählt haben. Ein einziger Mensch hatte Grund, mir zu grollen; ich geriet einige Zeit vorher mit ihm in Streit und schlug ihm ein Duell vor, das er nicht annahm. Es war Danglars, der Rechnungsführer auf dem Pharao.

 

Hätten Sie ihn als Kapitän auf seinem Posten erhalten?

 

Nein, wenn es von mir abgehangen hätte, denn ich glaubte, Ungenauigkeiten in seinen Rechnungen wahrzunehmen.

 

Gut. Konnte jemand Ihre letzte Unterredung mit dem Kapitän Leclère hören?

 

Ja, die Türen waren offen und sogar … warten Sie … ja, Danglars ging sogar gerade in dem Augenblick vorüber, wo mir der Kapitän Leclère das für den Großmarschall bestimmte Paket übergab.

 

Gut, sagte der Abbé, wir sind auf dem Wege. Haben Sie jemand mit ans Land genommen, als Sie an der Insel Elba anhielten? – Niemand. – Man hat Ihnen einen Brief übergeben? – Ja, der Großmarschall. – Was taten Sie mit dem Briefe, als Sie den Pharao wieder bestiegen? – Ich hielt ihn in der Hand. – Es konnte also jeder, auch Danglars, sehen, daß Sie einen Brief trugen? – Ja, jeder. – Nun hören Sie wohl, drängen Sie alle Ihre Erinnerungen zusammen: Wissen Sie noch, in welchen Ausdrücken die Denunziation abgefaßt war? – Oh ja; ich habe sie dreimal gelesen, und jedes Wort ist mir im Gedächtnis geblieben. – Wiederholen Sie mir dieselbe!

 

Dantes sammelte sich einen Augenblick und sagte:

 

Der Herr Staatsanwalt wird von einem Freunde des Thrones und der Religion benachrichtigt, daß Edmond Dantes, Sekond des Schiffes Pharao, heute morgen von Smyrna angelangt ist, nachdem er Neapel und Porto Ferrajo auf Elba berührt hat, von Murat einen Brief für den Usurpator und von dem Usurpator einen Brief für das bonapartistische Komitee in Paris übernommen hat. Den Beweis für sein Verbrechen wird man erlangen, wenn man ihn verhaftet; denn man findet diesen Brief entweder bei ihm oder bei seinem Vater oder in seiner Kajüte an Bord des Pharao.

 

Das ist klar, wie der Tag, sagte der Abbé und zuckte die Achseln, und Sie müssen ein sehr gutes und reines Herz haben, daß Sie es nicht von Anfang an erraten haben.

 

Sie glauben? rief Dantes. Ah, das wäre heillos!

 

Wie war Danglars‘ gewöhnliche Handschrift?

 

Eine schöne Kursivschrift.

 

Wie war die Schrift des anonymen Briefes?

 

Es war eine verkehrte Schrift. – Der Abbé lächelte, nahm seine Feder und schrieb mit der linken Hand auf ein Stück Leinwand zwei oder drei Zeilen der Denunziation.

 

Dantes schaute den Abbé erschrocken an und rief: Oh! es ist erstaunlich, wie diese Schrift jener gleicht!

 

Die Anzeige war mit der linken Hand geschrieben. Ich habe beobachtet, fuhr der Abbé fort, daß alle rechtshändigen Schriften voneinander abweichen, alle linkshändigen sich gleichen.

 

Es ist, als hätten Sie alles gesehen, alles beobachtet.

 

Fahren wir fort und gehen wir zur zweiten Frage über: Hatte jemand ein Interesse daran, daß Sie Mercedes nicht heirateten?

 

Ja, Fernand, ein junger Katalonier, der sie liebte.

 

Glauben Sie, daß er fähig war, den Brief zu schreiben?

 

Nein, er hätte mir einen Messerstich gegeben und nichts sonst.

 

Das liegt in der spanischen Natur; ein Mord, ja; eine Feigheit, nein.

 

Überdies, fuhr Dantes fort, kannte er die in der Anzeige enthaltenen einzelnen Umstände nicht. Sie haben sie niemand mitgeteilt?

 

Nicht einmal meiner Braut.

 

Es ist Danglars.

 

Oh! nun bin ich davon überzeugt.

 

Warten Sie, kannte Danglars Fernand?

 

Zwei Tage vor meiner Hochzeit sah ich sie miteinander an einem Tische unter der Laube des Vaters Pamphile. Danglars war freundschaftlich und spöttisch, Fernand bleich und verstört.

 

Sie waren allein?

 

Nein, es war ein dritter, mir wohlbekannter Mensch bei ihnen, der sie ohne Zweifel zusammengeführt hatte, ein Schneider, namens Caderousse; aber dieser war bereits betrunken. Doch halt … halt … warum erinnerte ich mich dieses Umstandes nicht? Auf dem Tische, wo sie tranken, waren Papier, Tinte und Federn. Oh, dort, dort wird der Brief geschrieben worden sein! Oh, die Schändlichen!

 

Wollen Sie noch etwas wissen? fragte der Abbé lachend.

 

Ja, ja, da Sie alles ergründen und in allen Dingen klar sehen. Ich will wissen, warum ich nur einmal verhört worden bin; warum man mir keinen Richter gegeben hat, und wie man mich ohne Spruch verurteilen konnte.

 

Oh! was das betrifft, erwiderte der Abbé, das ist schwieriger; die Justiz hat finstere, geheimnisvolle Wege, die schwer zu durchdringen sind. Was wir bis jetzt in Beziehung auf Ihre zwei Feinde getan haben, war nur ein Kinderspiel. Sie müssen mir in dieser Hinsicht genauere Andeutungen geben.

 

Ich bitte, fragen Sie mich; denn Sie sehen in der Tat klarer in meinem Leben, als ich selbst.

 

Wer hat Sie verhört? Der Staatsanwalt oder der Untersuchungsrichter?

 

Der Vertreter des Staatsanwalts.

 

Jung oder alt?

 

Jung, siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre alt. Gut! noch nicht verdorben, aber bereits ehrgeizig. Wie benahm er sich gegen Sie?

 

Mehr sanft als streng.

 

Haben Sie ihm alles erzählt? – Alles.

 

Hat sich sein Benehmen im Verlaufe des Verhörs verändert?

 

Einen Augenblick, als er den mich gefährdenden Brief gelesen hatte, schien er wie niedergeschmettert durch mein Unglück.

 

Wissen Sie ganz gewiß, daß es Ihr Unglück war, was er beklagte?

 

Er hat mir einen großen Beweis von Mitgefühl gegeben; er verbrannte den Brief, das einzige, was mich wirklich gefährden konnte.

 

Halt, nicht so voreilig! Dieser Mensch könnte ein größerer Verbrecher sein, als Sie glauben.

 

Bei meiner Ehre, Sie lassen mich zittern, sagte Dantes; die Welt ist also mit Tigern und Krokodilen bevölkert?

 

Ha, nur sind die zweibeinigen Tiger und Krokodile gefährlicher, als die andern. Also er hat den Brief verbrannt, sagen Sie?

 

Ja, und er sagte dabei zu mir: Sehen Sie, es ist nur dieser Beweis gegen Sie vorhanden, und ich vernichte ihn.

 

Dieses Benehmen ist zu edel, um natürlich zu sein. An wen war der Brief adressiert?

 

An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron, Nr. 13 in Paris.

 

Können Sie annehmen, Ihr Staatsanwalt habe ein Interesse an dem Verschwinden dieses Papiers gehabt?

 

Vielleicht, denn er ließ mich mehrmals, in meinem Interesse, wie er sagte, geloben, mit niemand von diesem Briefe zu sprechen, ja, er ließ mich sogar schwören, nie den auf die Adresse geschriebenen Namen auszusprechen.

 

Noirtier? erwiderte der Abbé, Noirtier? Ich kannte einen Noirtier am Hofe der ehemaligen Königin von Etrurien, einen Noirtier, der während der Revolution Girondist gewesen war. Wie hieß der Staatsanwalt? Von Villefort.

 

Der Abbé brach in ein Gelächter aus. Dantes schaute ihn erstaunt an. Was haben Sie? fragte er.

 

Alles ist mir jetzt klar. Armes Kind, armer junger Mann! Und dieser Beamte ist gut gegen Sie gewesen? Dieser würdige Mann hat den Brief verbrannt, vernichtet? Dieser ehrliche Lieferant des Henkers ließ Sie schwören, nie den Namen Noirtier auszusprechen? Dieser Noirtier, armer Blinder, wissen Sie, wer dieser Noirtier war? Dieser Noirtier … war sein Vater.

 

Hätte der Blitz zu Dantes‘ Füßen eingeschlagen und vor ihm einen Abgrund gegraben, in dessen Tiefe sich die Hölle öffnete, es hätte keine raschere, keine niederschmetterndere Wirkung hervorgebracht, als diese unerwarteten Worte. Er stand auf und nahm seinen Kopf zwischen beide Hände, als wollte er verhindern, daß er zerspringe.

 

Sein Vater! Sein Vater! rief er.

 

Ja, sein Vater, der Noirtier von Villefort heißt.

 

Ein Licht durchzuckte das Gehirn des Gefangenen; was ihm bis dahin dunkel geblieben war, wurde in einem Augenblick klar wie der Tag. Villeforts Worte während des Verhörs, der vernichtende Brief, die fast flehende Stimme des Beamten, der statt zu drohen, zu bitten schien, alles kam ihm ins Gedächtnis. Er stieß einen Schrei aus, wankte einen Augenblick, wie ein Betrunkener, und stürzte dann nach der Öffnung, die aus der Zelle des Abbés in die seinige führte. Oh! sagte er, ich muß einen Augenblick allein sein, um alles zu überdenken. Als er wieder in seinem Kerker war, fiel er auf sein Bett, wo ihn der Schließer am Abend mit starren Augen und zusammengezogenem Gesicht unbeweglich und stumm wie eine Bildsäule sitzend fand. Während dieser Stunden des Nachsinnens, die wie Sekunden verliefen, hatte er einen furchtbaren Entschluß gefaßt und einen schrecklichen Eid geleistet.

 

Diesem Brüten wurde er durch die Stimme des Abbés entzogen, der zu Dantes kam, um ihn zum Abendbrot einzuladen. Seine Eigenschaft als anerkannter Narr und besonders als belustigender Narr gab dem alten Gefangenen einige Vorrechte; so erhielt er etwas weißeres Brot und Sonntags ein Fläschchen Wein. Es war aber gerade Sonntag, und der Abbé wollte seinen jungen Gefährten einladen, sein Brot und seinen Wein mit ihm zu teilen.

 

Dantes folgte ihm. Alle Linien seines Gesichtes hatten sich wieder geglättet und die gewöhnlichen Formen angenommen, aber es sprach aus ihnen die Starrheit und Festigkeit eines unwiderruflichen Entschlusses. Der Abbé schaute ihn aufmerksam an. Es tut mir leid, daß ich Sie in Ihren Nachforschungen unterstützt und Ihnen gesagt habe, was ich sagte, sprach er.

 

Warum? fragte Dantes.

 

Weil ich in Ihr Herz eine Leidenschaft brachte, die noch nicht darin war: die der Rache.

 

Dantes versetzte lächelnd: Sprechen wir von etwas anderem!

 

Der Abbé schaute ihn einen Augenblick an und schüttelte traurig den Kopf. Dann redete er, wie ihn Dantes gebeten hatte, von anderen Dingen.

 

Der alte Gefangene war ein Mann, dessen Unterhaltung lehrreich und anziehend und dabei von jeder Selbstsucht frei war, denn der Unglückliche sprach nie von seinen Leiden.

 

Dantes hörte jedes seiner Worte mit Bewunderung; zum Teil standen sie im Zusammenhange mit den Begriffen, die er bereits besaß, und mit den Kenntnissen, die er sich als Seemann erworben, zum Teil berührten sie unbekannte Dinge und zeigten, wie der Nordschein, der manchmal den Schiffern in den südlichen Breiten leuchtet, dem jungen Manne mit phantastischem Licht erhellte neue Landschaften und Horizonte. Dantes begriff das Glück, dessen ein vernunftbegabter Mensch teilhaftig werden müßte, wenn er diesem erhabenen Geiste auf die moralischen, philosophischen und sozialen Höhen folgte, auf denen er sich zu ergehen pflegte.

 

Sie sollten mich etwas von dem lehren, was Sie wissen, sagte Dantes, und wäre es nur, damit Sie sich nicht mit mir langweilen. Es scheint mir jetzt, Sie müssen die Einsamkeit dem Umgang mit einem Gefährten ohne Bildung, wie ich es bin, vorziehen. Willigen Sie in das, was ich mir von Ihnen erbitte, so mache ich mich anheischig, nicht mehr von Flucht zu reden.

 

Der Abbé erwiderte lächelnd: Ach, mein Kind! Die menschliche Wissenschaft ist sehr beschränkt, und habe ich Sie die Mathematik, die Physik und die paar lebenden Sprachen gelehrt, die ich spreche, so wissen Sie alles, was ich weiß. Um all dieses Wissen von meinem Geiste in den Ihrigen zu ergießen, werde ich kaum zwei Jahre brauchen.

 

Zwei Jahre! sagte Dantes, Sie glauben, ich könnte dies alles in zwei Jahren lernen? Was wollen Sie mich zuerst lehren? Es drängt mich zu beginnen, ich habe einen Durst nach Wissenschaft.

 

Die Gefangenen entwarfen wirklich noch an demselben Abend einen Lehrplan, dessen Ausführung am andern Tage begann. Dantes besaß ein wunderbares Gedächtnis und eine außerordentliche Fassungsgabe. Die mathematische Anlage seines Geistes befähigte ihn, alles durch Berechnung zu begreifen, während die Poesie des Seemannes da einsetzte, wo die auf die Trockenheit der Zahlen und die Genauigkeit der Linien zurückgeführte und beschränkte Auseinandersetzung sich zu sehr im Materiellen verlor. Er verstand überdies bereits Italienisch und etwas Neugriechisch, was er bei seinen Reisen nach dem Orient gelernt hatte. Mittels dieser zwei Sprachen begriff er bald den Organismus aller andern, und nach Verlauf von sechs Monaten fing er an, Spanisch, Englisch und Deutsch zu sprechen.

 

Mochte nun die Zerstreuung, die ihm das Studieren gewährte, einigermaßen die Freiheit ersetzen, oder war es gewissenhafte Befolgung des gegebenen Wortes, jedenfalls sprach er, wie er dem Abbé Faria zugesagt, nicht mehr von Flucht, und die Tage vergingen ihm rasch und lehrreich. Nach Verlauf eines Jahres war er ein anderer Mensch. Was den Abbé Faria betrifft, so bemerkte Dantes, daß er, trotz der Zerstreuung, die ihm seine Gegenwart gebracht hatte, täglich düsterer wurde. Ein unablässiger Gedanke schien seinen Geist zu belasten. Er versank in tiefe Träumerei, seufzte unwillkürlich, stand auf, kreuzte die Arme und ging finster in seinem Zimmer umher.

 

Eines Tages blieb er mitten in einem von den hundertmal wiederholten Kreisen stehen, die er in seinem Kerker beschrieb, und rief: Oh! wenn keine Wache da wäre!

 

Es wird keine Wache da sein, sobald Sie es nur wollen, sagte Dantes, der seinen Gedanken gefolgt war.

 

Ich habe Ihnen bereits gesagt, versetzte der Abbé, ein Mord widerstrebt mir.

 

Und dennoch wird dieser Mord durch den Instinkt unserer Selbsterhaltung, durch das Bewußtsein der Selbstverteidigung gerechtfertigt.

 

Gleichviel, ich werde es nicht vermögen.

 

Sie denken noch daran?

 

Unablässig, unablässig, murmelte der Abbé.

 

Und Sie haben ein Mittel gefunden, nicht wahr? sagte Dantes lebhaft und wollte ihn bei diesem Gegenstande festhalten, aber der Abbé schüttelte den Kopf und weigerte sich, zu antworten.

 

Drei Monate verliefen.

 

Sind Sie stark? fragte eines Tages der Abbé Dantes.

 

Dantes nahm, ohne ein Wort zu erwidern, den Meißel, bog ihn wie ein Hufeisen und bog ihn wieder zurück.

 

Würden Sie sich anheischig machen, die Schildwache nur im äußersten Notfalle zu töten?

 

Ja, bei meiner Ehre.

 

Dann können wir unsern Plan ausführen, sagte der Abbé. Wie lange brauchen wir dazu?

 

Wenigstens ein Jahr.

 

Oh, sehen Sie, wir haben ein Jahr verloren! rief Dantes.

 

Finden Sie, daß wir es verloren haben? sagte der Abbé.

 

Ich bitte um Vergebung, rief Edmond errötend.

 

Still; der Mensch ist immer nur ein Mensch, und Sie sind einer von den besseren, die ich kennen gelernt habe. Vernehmen Sie meinen Plan!

 

Der Abbé zeigte nun Dantes eine Zeichnung, die er entworfen hatte; es war der Plan seines Zimmers, des von Dantes und des Ganges, der beide miteinander verband. Mitten in diesem Gange brachte er einen Schacht an, denen ähnlich, die man in Bergwerken macht. Dieser Schacht führte die Gefangenen unter die Galerie, wo die Schildwache auf- und abging. Hier machten sie eine breite Aushöhlung und lösten eine von den Platten, die den Boden der Galerie bildeten. Im gegebenen Augenblick fiel die Platte unter dem Gewichte des Soldaten ein, und dieser stürzte in die Höhlung. Dantes warf sich in dem Momente auf ihn, wo er, von seinem Falle betäubt, sich nicht verteidigen konnte, band, knebelte ihn, und beide drangen durch ein Fenster dieser Galerie, stiegen mit Hilfe der Strickleiter an der äußeren Mauer hinab und flüchteten sich. Dantes schlug in die Hände, und seine Augen funkelten vor Freude; dieser Plan war so einfach, daß er gelingen mußte.

 

Noch an demselben Tage gingen die Minierer mit um so mehr Eifer ans Werk, als die Arbeit auf eine lange Ruhe folgte, und aller Wahrscheinlichkeit nach nur die Ausführung eines innigen, geheimen Gedankens jedes von beiden bildete. Nichts unterbrach sie, als die Stunde, zu der sich beide zurückziehen mußten, um jeder in seinem Kerker den Besuch des Wärters zu empfangen. Sie hatten sich übrigens daran gewöhnt, an dem fast unmerklichen Geräusch von Tritten den Augenblick wahrzunehmen, wo dieser Mensch herabkam, und nie war einer von ihnen überrascht worden. Die Erde, welche sie aus der neuen Galerie zogen, wurde in kleinen Staubteilchen und mit unerhörter Behutsamkeit durch das eine oder das andere Kerkerfenster von Dantes oder von Faria geworfen. Der Nachtwind trug sie dann in die Ferne, ohne daß Spuren davon übrig blieben.

 

Mehr als ein Jahr verging bei dieser Arbeit, die, in Ermangelung aller anderen Werkzeuge, mit einem Meißel, einem Messer und einem hölzernen Hebel ausgeführt wurde, und während dieser Arbeit fuhr Faria fort, Dantes zu unterrichten, wobei er bald in der einen, bald in der andern Sprache sich mit ihm unterhielt und ihn die Geschichte der Nationen und der großen Menschen lehrte. Der Abbé, ein Mann der Welt, und zwar der großen Welt, besaß überdies in seinen Manieren eine gewisse hoheitsvolle Würde, die sich auf den von Natur so empfänglichen Dantes übertrug und ihn die elegante Artigkeit und die aristokratischen Manieren lehrte, die uns sonst nur durch längeren Umgang mit den höheren Klassen oder in der Gesellschaft edler Männer zur Gewohnheit werden.

 

Nach Verlauf von fünfzehn Monaten war das Loch vollendet und die Höhlung unter der Galerie angebracht. Man hörte bereits die Schildwache hin und her gehen, und die beiden Arbeiter, die eine dunkle Nacht ohne Mondschein abwarten mußten, um ihre Flucht zu sichern, befürchteten nur eines: es könnte der Boden zu früh von selbst unter den Füßen des Soldaten einstürzen. Man begegnete diesem Mißgeschick dadurch, daß man einen kleinen Balken, den man im Boden gefunden hatte, als Stütze aufstellte.

 

Dantes war eben dabei, den Balken festzustellen, als er hörte, wie ihn der Abbé, der in seinem Zimmer geblieben war und sich damit beschäftigte, einen Pflock zuzuspitzen, der die Strickleiter halten sollte, mit schmerzlichem Tone rief. Dantes kehrte rasch zurück und sah den Abbé bleich, mit schweißbedeckter Stirn und krampfhaft zusammengezogenen Händen, mitten im Zimmer stehen.

 

 

Oh, mein Gott! rief Dantes, was haben Sie?

 

Rasch, rasch! sagte der Abbé, hören Sie mich!

 

Dantes erblickte das leichenbleiche Gesicht Farias, seine von einem bläulichen Kreise umzogenen Augen, seine weißen Lippen, seine gesträubten Haare und ließ aus Schrecken den Meißel, den er in der Hand hielt, auf den Boden fallen.

 

Ich bin verloren, sagte der Abbé; ein furchtbares, vielleicht tödliches Übel erfaßt mich. Der Anfall kommt, ich fühle es. Schon einmal wurde ich davon, ein Jahr vor meiner Einkerkerung, ergriffen. Für dieses Übel gibt es nur ein Mittel, ich will es Ihnen nennen. Heben Sie den Fuß des Bettes auf! Der Fuß ist hohl, Sie finden darin ein Kristallfläschchen, mit einer roten Flüssigkeit halb gefüllt.

 

Dantes verlor den Kopf nicht, obgleich ihm das Unglück, das ihm drohte, unermeßlich schien; er zog das Fläschchen aus dem Bettfuße und legte dann den an allen Gliedern zitternden Abbé auf das Bett.

 

Das Übel tritt ein, rief Faria, ich verfalle in Starrsucht; vielleicht werde ich keine Bewegung machen, keine Klage ausstoßen; vielleicht werde ich aber auch schäumen, schreien. Suchen Sie zu bewirken, daß man mein Geschrei nicht hört; es ist von Wichtigkeit, denn man könnte mir dann ein anderes Zimmer geben und uns für immer trennen. Wenn Sie mich unbeweglich, kalt und gleichsam tot sehen, dann, aber auch dann erst, hören Sie wohl, drücken Sie mir die Zähne mit dem Messer auseinander, flößen mir acht bis zehn Tropfen von diesem Tranke in den Mund, und vielleicht komme ich wieder zu mir.

 

Vielleicht, rief Dantes schmerzlich.

 

Zu Hilfe, zu Hilfe! rief der Abbé, ich … ich … Ärm …

 

Der Anfall kam so rasch und so heftig, daß der unglückliche Gefangene nicht einmal das begonnene Wort vollenden konnte. Eine Wolke zog schnell und düster wie die Stürme des Meeres über seine Stirn hin. Die Krise erweiterte seine Augen, verdrehte seinen Mund, färbte seine Wangen purpurrot. Er arbeitete mit Händen und Füßen, schäumte, brüllte; aber Dantes erstickte, wie es ihm Faria selbst empfohlen hatte, das Geschrei unter der Decke. Dies dauerte zwei Stunden. Dann aber fiel der Greis, träger als eine tote Masse, kälter als der Marmor, zurück, erstarrte in einem letzten Krampfanfall und wurde leichenbleich.

 

Edmond wartete, bis dieser scheinbare Tod den Körper erfaßt und bis zum Herzen vereist hatte. Dann nahm er das Messer, schob die Klinge zwischen die Zähne, löste mit unsäglicher Mühe die zusammengepreßten Kinnbacken, zählte, einen nach dem andern, zehn Tropfen von dem rötlichen Safte und wartete.

 

Es verlief eine Stunde, ohne daß der Greis die geringste Bewegung machte. Dantes fürchtete, zu lange gewartet zu haben, und betrachtete ihn, beide Hände in seinen Haaren haltend. Endlich erschien eine leichte Färbung auf seinen Wangen; seine Augen gewannen ihren Blick wieder; ein leichter Seufzer entstieg seinem Munde, und er machte eine Bewegung.

 

Gerettet! gerettet! rief Dantes.

 

Der Kranke konnte noch nicht sprechen, aber er streckte mit sichtbarer Angst die Hand nach der Tür aus. Dantes horchte und vernahm die Tritte des Gefangenwärters! es war nahe an sieben Uhr. Der junge Mann sprang zur Öffnung, drang hinein, legte die Platte wieder über seinen Kopf und kehrte in sein Zimmer zurück. Einen Augenblick nachher öffnete sich seine Tür, und der Kerkermeister fand den Gefangenen wie gewöhnlich auf seinem Bette sitzend.

 

Kaum hatte er ihm den Rücken gewendet, kaum hatte sich das Geräusch der Tritte im Gang verloren, als Dantes, von Ungeduld verzehrt, ohne an das Essen zu denken, in das Zimmer des Abbés zurückkehrte.

 

Dieser war wieder zum Bewußtsein gekommen; aber er lag immer noch träge und kraftlos auf seinem Bette ausgestreckt.

 

Ich dachte, ich würde Sie nicht wiedersehen, sagte er zu Dantes.

 

Warum? fragte der junge Mann. Glaubten Sie sterben zu müssen?

 

Nein, aber alles ist zu Ihrer Flucht bereit, und ich glaubte, Sie würden fliehen.

 

Die Röte der Entrüstung färbte Dantes‘ Wangen.

 

Ohne Sie! rief er. Hielten Sie mich wirklich dessen fähig?

 

Jetzt sehe ich, daß ich mich getäuscht habe, sagte der Kranke. Oh! ich bin sehr, sehr schwach.

 

Mut! Ihre Kräfte werden wiederkehren, sagte Dantes, setzte sich neben sein Bett und nahm ihn bei den Händen.

 

Der Abbé schüttelte den Kopf und erwiderte:

 

Das letztemal dauerte der Anfall eine halbe Stunde, wonach ich Hunger hatte und allein aufstand; heute kann ich weder mein Bein, noch meinen rechten Arm rühren, mein Kopf ist eingenommen, was auf einen Erguß im Gehirn hindeutet. Das drittemal werde ich völlig gelähmt bleiben oder auf der Stelle sterben.

 

Nein, nein, beruhigen Sie sich, Sie werden nicht sterben; der dritte Anfall wird Sie, wenn er wirklich kommt, frei finden; wir werden Sie retten, wie diesmal und besser als diesmal, denn es steht uns dann jede erforderliche Hilfe zu Gebote.

 

Mein Freund, sagte der Greis, täuschen Sie sich nicht! Die Krise, die soeben vorübergegangen ist, hat mich zu lebenslänglicher Gefangenschaft verurteilt; um zu fliehen, muß man gehen können.

 

Nun, wir warten acht Tage, einen Monat, zwei Monate, wenn es sein muß! Inzwischen erlangen Sie Ihre Kräfte wieder. Alles ist zur Flucht vorbereitet, und wir können nach unserm Belieben die Stunde und den Augenblick dazu wählen. An dem Tage, wo Sie sich kräftig genug fühlen, um zu schwimmen, bringen wir unsern Plan in Ausführung.

 

Ich werde nie mehr schwimmen, erwiderte Faria, dieser Arm ist gelähmt, nicht für einen Tag, sondern für immer. Heben Sie ihn selbst auf und sehen Sie, wie schwer er ist!

 

Der junge Mann hob ihn auf, und der Arm viel unempfindlich wieder zurück. Er stieß einen Seufzer aus.

 

Sie sind nun überzeugt, nicht wahr, Edmond? sagte der Abbé; glauben Sie mir, ich weiß, was ich sage; seit dem ersten Anfall dachte ich unablässig darüber nach. Ich erwartete es, denn es ist eine Familienerbschaft; mein Vater starb an der dritten Krise, mein Großvater ebenfalls. Der berühmte Arzt Cabanis, der mir diesen Trank bereitete, weissagte mir dasselbe Schicksal.

 

Der Arzt täuscht sich, rief Dantes. Ihre Lähmung aber hindert mich nicht, ich nehme Sie auf meine Schultern und schwimme so mit Ihnen.

 

Kind, entgegnete der Abbé, Sie sind ein Seemann, Sie sind ein Schwimmer und müssen folglich wissen, daß ein Mensch mit einer solchen Last nicht fünfzig Klafter weit kommen würde. Lassen Sie sich nicht länger durch Hirngespinste täuschen, von denen nicht einmal Ihr vortreffliches Herz betört wird. Ich werde hier bleiben, bis die Stunde meiner Befreiung schlägt, die jetzt nur die des Todes sein kann. Was Sie betrifft … fliehen Sie! Sie sind jung, stark und gewandt; kümmern Sie sich nicht um mich; ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück.

 

Gut, sagte Dantes, gut, so bleibe ich auch hier.

 

Dann stand er auf, streckte feierlich eine Hand gegen den Greis aus und rief: Bei dem Blute Christi schwöre ich, daß ich Sie nur bei Ihrem Tode verlasse!

 

Faria schaute den edeln, einfachen und in seiner entsagungsvollen Liebe so erhabenen jungen Mann an und las in seinen von dem Ausdrucke der reinsten Ergebenheit belebten Zügen die Aufrichtigkeit seiner Zuneigung und die Redlichkeit seines Schwures.

 

Gut, sagte der Kranke, ich nehme es an und danke.

 

Hierauf Edmond die Hand reichend, fuhr er fort: Sie werden vielleicht für diese uneigennützige Ergebenheit belohnt; zunächst müssen wir unbedingt die Höhlung verstopfen, die wir unter der Galerie gemacht haben; dem Soldaten kann der hohle Klang auffallen, er bringt die Sache zur Anzeige, und wir werden entdeckt und getrennt. Vollbringen Sie diese Aufgabe, wobei ich Sie leider nicht mehr unterstützen kann; verwenden Sie die ganze Nacht dazu, wenn es sein muß, und kommen Sie erst morgen nach dem Besuche des Gefangenwärters zurück; ich habe Ihnen, denke ich, etwas Wichtiges zu sagen …

 

Dantes nahm den Abbé bei der Hand; dieser beruhigte ihn durch ein Lächeln, und er entfernte sich mit dem Gehorsam und der Achtung, die er für seinen alten Freund hegte.

 

Das Brevier.

 

Das Brevier.

 

Als Dantes am andern Morgen in das Zimmer seines Leidensgefährten zurückkehrte, fand er Faria mit ruhigem Antlitz unter dem Strahle sitzend, der durch das enge Fenster seiner Zelle glitt. Er hielt in seiner linken Hand ein Stück Papier und zeigte es, ohne etwas zu sagen, seinem jungen Freunde.

 

Was ist das? fragte dieser.

 

Schauen Sie es recht an, erwiderte der Abbé lächelnd.

 

Ich sehe nichts, als ein halbverbranntes Papier, auf dem gotische Zeichen mit einer seltsamen Tinte gezeichnet find.

 

Dieses Papier, mein Freund, ist mein Schatz, von dem von heute an die Hälfte Ihnen gehört.

 

Kalter Schweiß lief über Dantes‘ Stirn. Bis auf diesen Tag hatte er es vermieden, mit Faria über diesen Schatz zu sprechen, von dem sich die Ansicht vom Wahnsinn des armen Abbés herleitete. Voll Zartgefühl, wie er war, zog es Edmond immer vor, diese schmerzlich tönende Saite nicht zu berühren; Faria schwieg ebenfalls, und Dantes hielt das Stillschweigen des Greises für eine Rückkehr zur Vernunft. Heute aber schienen die Worte, die Faria nach einer so peinvollen Krise entschlüpften, einen schweren Rückfall geistiger Bewölkung anzukündigen.

 

Ihr Schatz? stammelte Dantes.

 

Faria lächelte. Ja, Sie sind in jeder Hinsicht ein edles Herz, Edmond, und ich erkenne aus Ihrer Blässe und Ihrem Schauer, was in diesem Augenblick in Ihnen vorgeht. Nein, seien Sie ruhig, ich bin kein Narr; dieser Schatz besteht, Dantes, und wenn es mir nicht gegeben gewesen ist, ihn zu besitzen, so werden Sie ihn wenigstens besitzen. Niemand wollte mich hören, niemand wollte mir glauben, weil man mich für verrückt hielt; aber Sie, der Sie wissen, daß ich es nicht bin, Sie werden mir bald glauben.

 

Ach! er leidet also an einem Rückfall; dieses Unglück fehlte mir noch, murmelte Edmond, nahm das Papier, von dem die Hälfte, die offenbar durch irgend einen Zufall zerstört worden war, fehlte, und las die darauf stehenden Worte.

 

Nun? sagte Faria, als er zu Ende war.

 

Ich sehe da nur verstümmelte Zeilen, Worte ohne Zusammenhang, erwiderte Dantes; die Schriftzeichen sind unterbrochen und bleiben unverständlich.

 

Für Sie, mein Freund, der Sie es zum erstenmal lesen, aber nicht für mich, der ich viele Nächte hindurch darüber gebrütet, der ich jeden Satz wieder ausgebaut, jeden Gedanken vervollständigt habe.

 

Und Sie glauben den Sinn wiedergefunden zu haben?

 

Ich bin dessen gewiß; Sie sollen selbst urteilen! Vernehmen Sie aber zuerst die Geschichte dieses Papiers!

 

Still! rief Dantes; Tritte! – man naht – ich gehe.

 

Glücklich, der Geschichte und der Erläuterung zu entgehen, die ihm, wie er meinte, unfehlbar das Unglück seines Freundes bestätigen würden, schlüpfte Dantes in den engen Gang, während Faria, sich mit aller Macht aufraffend, mit einem Fuße die Platte zurückstieß, die er mit einer Matte bedeckte.

 

Es war der Gouverneur, dem der Kerkermeister über Farias Unfall berichtet hatte, und der sich selbst von dem Zustand des Gefangenen überzeugen wollte. Faria empfing ihn sitzend, vermied jede verräterische Gebärde, und so gelang es ihm, vor dem Gouverneur die Lähmung zu verbergen, die bereits die Hälfte seines Körpers ergriffen hatte. Er befürchtete hauptsächlich, der Gouverneur könnte ihn aus Mitleid in ein gesünderes Gefängnis bringen lassen und dadurch von seinem jungen Gefährten trennen. Seine Furcht war jedoch unbegründet, und der Gouverneur entfernte sich, überzeugt, sein armer Narr, für den er im Grunde seines Herzens eine gewisse Teilnahme hegte, sei nur von einer leichten Unpäßlichkeit heimgesucht.

 

Mittlerweile suchte Edmond, auf seinem Bette sitzend und den Kopf in seinen Händen, seine Gedanken zu sammeln; alles schien an Faria, seitdem er ihn kannte, so vernünftig, so groß und so logisch, daß er gar nicht fassen konnte, wie diese sonst allgemeine Klarheit der Erkenntnis in dem einen Punkte, nämlich in dem Wahn eines Schatzes, völlig versage.

 

Dantes blieb den ganzen Tag in seinem Kerker, ohne daß er zu seinem Freunde zurückzukehren wagte. Er wollte so den Augenblick verschieben, wo er die für ihn entsetzliche Gewißheit erlangen sollte, daß der Abbé ein Narr sei. Doch gegen Abend, nach der Stunde des gewöhnlichen Besuches, versuchte es Faria, als er den jungen Mann nicht zurückkehren sah, seinerseits den Raum zurückzulegen, der ihn von demselben trennte. Edmond schauderte, als er hörte, welche schmerzlichen Anstrengungen der Greis machte, um sich fortzuschleppen; sein Bein war lahm, und er konnte sich nicht mehr mit seinem Arme helfen. Edmond mußte ihn heraufziehen, denn er hätte sonst nie aus der schmalen Öffnung, die in Dantes‘ Kerker führte, herauskommen können.

 

Ich verfolge Sie mit unbarmherziger Ausdauer, sagte Faria mit einem von Wohlwollen strahlenden Lächeln; Sie glaubten meiner Freigebigkeit entgehen zu können, aber dem wird nicht so sein. Hören Sie also!

 

Edmond sah, daß er nicht ausweichen konnte; er ließ den Greis auf seinem Bett sitzen und setzte sich zu ihm auf seinen Schemel.

 

Sie wissen, sagte der Abbé, daß ich der Sekretär, der Vertraute, der Freund des Grafen Spada, des letzten der Fürsten dieses Namens, war. Ich verdanke diesem guten Herrn das Glück, das ich in diesem Leben genossen habe. Er war nicht reich, obgleich der Reichtum seiner Familie sprichwörtlich war, und ich oft sagen hörte: Reich wie ein Spada. Aber er lebte und starb im Rufe des Überflusses. Sein Palast wurde mir zum Paradies. Ich unterrichtete seine Neffen, die starben, und als er allein auf der Welt war, gab ich ihm dadurch, daß ich nur für ihn und ganz und gar nach seinem Willen lebte, zurück, was er seit zehn Jahren für mich getan hatte.

 

Das Haus des Grafen hatte bald keine Geheimnisse mehr für mich. Oft sah ich den Gebieter emsig in alten Büchern nachschlagen und Familienhandschriften durchwühlen. Als ich ihm eines Tages wegen der unnützen Nachtwachen Vorwürfe machte, schaute er mich bitter lächelnd an und schlug ein Buch auf, das die Geschichte der Stadt Rom enthielt. Hier, im 20. Kapitel, das vom Leben des Papstes Alexander VI. handelte, standen folgende Zeilen, die ich nie habe vergessen können:

 

Die großen Kriege der Romagna waren beendigt; Cäsar Borgia brauchte nach Beendigung seiner Eroberungskriege Geld, um ganz Italien zu erkaufen; sein Vater, der Papst, hatte ebenfalls Geld nötig, um mit dem König von Frankreich, Ludwig XII., der trotz seiner letzten Unfälle immer noch mächtig war, fertig zu werden. Es handelte sich also darum, durch eine gute Spekulation Mittel zu gewinnen, was in dem armen, erschöpften Italien eine schwierige Sache war.

 

Seine Heiligkeit hatte einen Gedanken, sie beschloß, zwei Kardinäle zu ernennen. Wählte der heilige Vater zwei vornehme und besonders zwei reiche Personen Roms, so ergab sich für ihn folgender Gewinn: Zuerst hatte er die wertvollen Stellen und Ämter zu verkaufen, in deren Besitz die beiden zukünftigen Kardinäle bisher waren; sodann konnte er auf einen glänzenden Preis für den Verkauf der beiden Kardinalshüte rechnen. Der Papst und Cäsar Borgia suchten vor allem die beiden zukünftigen Kardinäle aus; es waren Giovanni Rospigliosi, der für sich allein vier von den höchsten Würden des heiligen Stuhles inne hatte, und Cäsar Spada, einer der edelsten und reichsten Römer. Beide fühlten den Wert einer solchen Gunst des Papstes; sie waren ehrgeizig, und es floßen 800 000 Taler in die Kassen der Spekulanten.

 

Nachdem der Papst Rospigliosi und Spada mit Schmeicheleien überhäuft und ihnen die Insignien der Kardinalswürde übertragen hatte, lud er sie in Gemeinschaft mit Cäsar Borgia zum Mittagsmahle ein. In Bezug auf dieses Mahl bestand eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem heiligen Vater und seinem Sohne. Cäsar dachte, man könnte hierbei eines von den Mitteln gebrauchen, die er stets für seine innigsten Freunde bereit hielt: nämlich einmal den berüchtigten Schlüssel, mit dem man den Geladenen aufforderte, einen gewissen Schrank zu öffnen. Dieser Schlüssel hatte eine kleine eiserne Spitze – scheinbar infolge der Nachlässigkeit des Verfertigers. Wandte man Gewalt an, um den Schrank zu öffnen, dessen schwieriges Schloß sonst nicht nachgab, so stach man sich mit dieser Spitze und starb am andern Tage. Sodann stand noch der Ring mit dem Löwenkopfe zur Verfügung, den Cäsar an den Finger steckte, wenn er gewisse Händedrücke gab. Der Löwe biß in die Oberhaut dieser des Drucks für würdig erachteten Hände, und der Biß hatte nach vierundzwanzig Stunden den Tod zur Folge. Cäsar Borgia schlug nun seinem Vater vor, die Kardinäle entweder den Schrank öffnen zu lassen, oder jedem von ihnen einen herzlichen Händedruck zu geben. Aber Alexander VI. erwiderte ihm: Es soll uns nicht auf ein Mittagsmahl ankommen, wenn es sich um die vortrefflichen Kardinäle Spada und Rospigliosi handelt. Eine innere Stimme sagt mir, daß wir das Geld dafür schon wieder herausschlagen werden. Überdies vergeßt Ihr, Cäsar, daß eine Unverdaulichkeit sogleich wirkt, während ein Stich oder ein Biß erst nach einem oder zwei Tagen ihre Folgen haben.

 

Cäsar fügte sich diesen Gründen, und die Kardinäle wurden zum Mittagsessen eingeladen. Man bereitete die Tafel in einer reizenden Villa, die der Papst unfern von Rom besaß. Ganz betäubt von seiner neuen Würde, machte Rospigliosi seinen Magen bereit und setzte seine beste Miene auf; Spada aber, ein kluger Mann, der einzig und allein seinen Neffen, einen jungen Kapitän, liebte, machte sein Testament. Er ließ sodann seinem Neffen sagen, er möge ihn in der Gegend der Villa erwarten; aber es scheint, der Diener fand ihn nicht. Spada begab sich gegen zwei Uhr nach der Villa. Der Papst erwartete ihn, und das erste Gesicht, das dem neuen Kardinal in die Augen viel, war das seines herrlich geschmückten Neffen, an den Cäsar Borgia alle möglichen Artigkeiten verschwendete.

 

Spada erbleichte, und Cäsar, der ihm einen Blick voll Ironie zuwarf, ließ ihn merken, daß er alles vorhergesehen habe. Man speiste. Spada konnte nur seinen Neffen fragen: Hast du meine Botschaft erhalten? Der Neffe verneinte und begriff vollkommen das Gewicht dieser Frage. Es war zu spät, denn er hatte bereits ein Glas vortrefflichen, von dem Mundschenken des Papstes für ihn besonders aufgestellten Wein getrunken. Spada sah in demselben Augenblick eine andere Flasche kommen, von der man ihm gastfreundlich anbot. Eine Stunde nachher erklärte ein Arzt, beide seien vom Genuß giftiger Pilze gestorben. Spada starb auf der Schwelle der Villa, der Neffe verschied an seiner Haustür.

 

Sogleich fielen Cäsar und der Papst, unter dem Vorwande, die Papiere untersuchen zu müssen, über die Erbschaft her. Aber diese Erbschaft bestand nur aus einem Stück Papier, auf das Spada geschrieben hatte: Ich vermache meinem Neffen meine Kisten, meine Bücher, darunter mein vergoldetes Brevier, mit dem Wunsche, daß er mich im Andenken behalten möge. Die Erben suchten überall, bewunderten das Brevier, durchsuchten, ja zertrümmerten alle Schränke und Kästen, in denen sie etwas Wertvolles vermuteten, und fanden staunend, daß der reiche Spada in Wirklichkeit der ärmste aller Oheime war; nirgends ein Schatz, außer den in der Bibliothek oder in den Laboratorien enthaltenen Schätzen der Wissenschaft. Das war alles. Cäsar und sein Vater suchten, wühlten, spähten; man fand nichts oder nur wenig; für tausend Taler Goldschmiedearbeiten und für ungefähr ebensoviel gemünztes Silber. Der Neffe hatte jedoch, als er auf der Schwelle seines Hauses zusammenbrach, Zeit gehabt, seiner Frau zuzurufen: Suche unter den Papieren meines Oheims, es ist ein wirkliches Testament vorhanden.

 

Man suchte vielleicht noch emsiger, als es die erhabenen Erben getan hatten, aber es war vergebens. Es waren noch zwei Paläste und eine Villa hinter dem Palatino vorhanden; zu jener Zeit hatten jedoch die unbeweglichen Güter einen geringen Wert, und die beiden Paläste und die Villa verblieben der Familie als der Raubgier des Papstes und seines Sohnes unwürdig. Monate und Jahre verliefen, Alexander VI. starb vergiftet, man weiß durch welchen Mißgriff; zugleich mit ihm vergiftet, wechselte Cäsar nur die Haut, wie eine Schlange, und nahm eine neue Hülle an, worauf das Gift Flecken, denen ähnlich, die man an einem Tigerfelle sieht, zurückließ. Als er sich endlich gezwungen sah, Rom zu meiden, wurde er, ein fast vergessener Mann, in einem nächtlichen Scharmützel getötet. Nach dem Tode des Papstes und der Verbannung seines Sohnes erwartete man allgemein, die Familie würde wieder in fürstlichem Glanze erscheinen, den sie zur Zeit des Kardinals besessen hatte; aber dem war nicht so. Die Spada blieben in einem zweifelhaften Wohlstande, ein beständiges Geheimnis ruhte auf dieser dunkeln Angelegenheit, und es ging das Gerücht, Cäsar, ein besserer Politiker, als sein Vater, habe dem Papst das Vermögen des Kardinals gestohlen.

 

Scheint Ihnen dies, unterbrach sich Faria lächelnd, sehr unsinnig?

 

Oh! mein Freund, sagte Dantes, es kommt mir im Gegenteil vor, als läse ich eine interessante Chronik. Fahren Sie fort, ich bitte Sie!

 

Die Familie gewöhnte sich an diesen Zustand der Dinge. Jahre vergingen. Von den Nachkommen wurden die einen Soldaten, die andern Diplomaten; diese Geistliche, jene Bankiers; die einen bereicherten sich, die andern richteten sich vollends zu Grunde. Ich komme zu dem letzten der Familie, zu dem Grafen Spada, dessen Sekretär ich war. Oft hörte ich ihn über das Mißverhältnis seines Ranges und seines Vermögens sich beklagen und riet ihm deshalb, das wenige, was ihm blieb, in Leibrenten anzulegen; er folgte diesem Rate und verdoppelte dadurch seine Einkünfte. Das berühmte Brevier war in der Familie geblieben, und der Graf Spada besaß es damals, da es immer als Reliquie vom Vater auf den Sohn übergegangen war. Es war ein mit den schönsten gotischen Figuren ausgemaltes Buch und so schwer an Gold, daß es an großen Festtagen stets ein Diener vor dem Kardinal hertrug.

 

Bei dem Anblick von Papieren aller Art, von Verträgen und Pergamenten, die man im Familienarchiv aufbewahrte, und die insgesamt von dem vergifteten Kardinal herrührten, machte ich es mir, wie zwanzig Sekretäre vor mir, zur Aufgabe, diese gewaltigen Stöße nach dem Testament zu durchforschen. Trotz meiner emsigen und gewissenhaften Nachsuchungen fand ich durchaus nichts; alles war vergeblich; ich blieb erfolglos und der Graf arm. Mein Patron starb. Er hatte von seiner Leibrente seine Familienpapiere, seine aus fünftausend Bänden bestehende Bibliothek und sein berühmtes Brevier ausgenommen; er vermachte mir dies alles nebst tausend römischen Talern, die er in barem Gelde besaß, unter der Bedingung, alljährlich Messen lesen zu lassen und einen Stammbaum, sowie eine Geschichte seines Hauses zu entwerfen, was ich auch gewissenhaft ausführte. Im Jahre 1807, einen Monat vor meiner Verhaftung, am 25. Dezember, las ich zum tausendsten Male die Familienpapiere, die ich in Ordnung brachte. Da der Palast nunmehr einem Fremden gehörte, war ich im Begriff, von Rom zu scheiden, um mich in Florenz niederzulassen, wohin ich meine Bibliothek und mein berühmtes Brevier mitnehmen wollte, als ich, ermüdet durch das anhaltende Lesen und mißgestimmt durch ein unverdauliches Mittagsessen, meinen Kopf in beide Hände fallen ließ und entschlummerte. Es war drei Uhr nachmittags. Ich erwachte, als die Uhr sechs schlug. Sobald ich den Kopf emporhob, sah ich, daß ich mich in der tiefsten Finsternis befand. Ich klingelte, damit man mir Licht bringe, niemand kam. Nun beschloß ich, mich selbst zu bedienen, nahm mit einer Hand die Kerze, die bereit stand, und suchte mit der andern ein Papier, das ich an dem im Herde noch glimmenden Feuer anzuzünden gedachte. Aber aus Furcht, in der Dunkelheit ein kostbares Papier statt eines unnützen zu nehmen, zögerte ich, als mir einfiel, daß ich in dem berühmten Brevier, das auf dem Tische neben mir lag, ein altes vergilbtes Papier gesehen hatte, welches ohne Zweifel als Buchzeichen gebraucht und Jahrhunderte hindurch aus Ehrfurcht von den Erben an seinem Platze gelassen worden war. Ich suchte tastend nach diesem Papier, fand es, wickelte es zusammen, streckte es nach der Flamme aus und zündete es an; doch unter meinen Fingern sah ich, je mehr das Feuer zunahm, wie durch einen Zauber gelbliche Schriftzeichen auf dem weißen Papier hervorkommen und auf dem Blatte erscheinen. Da erfaßte mich der Schrecken; ich drückte mit beiden Händen das Papier zusammen, erstickte das Feuer und zündete sodann die Kerze unmittelbar am Herd an; mit einer nicht zu schildernden Bewegung öffnete ich das zerknitterte Schreiben und erkannte, daß die Buchstaben, die erst in der Hitze zum Vorschein kamen, mit einer geheimnisvollen Tinte geschrieben worden waren; etwas über ein Drittel des Papiers hatte die Flamme schon verzehrt. Es ist das Papier, das Sie heute morgen gelesen haben, Dantes; lesen Sie es noch einmal, und ich werde Ihnen dann die abgebrochenen Sätze vervollständigen.

 

 

Und triumphierend bot Faria das Papier Dantes, der diesmal gierig die mit einer rötlichen, rostähnlichen Tinte geschriebenen Worte las:

 

»Heute, den 25. April 1498 zum

Alexander VI. und befürchtend, nicht zu

ließ, wolle sie von mir erben und be

und Bentivoglio, welche an Gift

meinem Universalerben, daß ich vergr

mit mir besucht hat, nämlich in

Insel Monte Christo, alles, was ich

Diamanten, Juwelen, bes

dieses Schatzes, der sich auf zwei Mil

allein bekannt ist, und daß er ihn find
zwanzigsten Stein von der Bucht öst

Zwei Oeffnungen sind in diesen Grott

Der Schatz liegt in der entfernt

und diesen Schatz vermache ich ihm und trete

einzigen Erben.

 

25. Apr. 1498.

 

Cä …

 

Nun lesen Sie das andere Papier, sagte der Abbé und reichte Dantes ein zweites Blatt mit Bruchstücken von Zeilen.

 

Und nun halten Sie die Bruchstücke aneinander und urteilen Sie selbst, fügte er hinzu, als er sah, daß Dantes zu der letzten Zeile gelangt war.

 

Dantes gehorchte; aneinander gehalten, gaben die beiden Bruchstücke folgendes:

 

»Heute, den 25. April 1498, zum … Mittagessen eingeladen

von Seiner Heiligkeit Alexander Vl. und befürchtend, nicht zu …

frieden damit, daß sie mich meinen Hut bezahlen ließ, wolle sie von

mir erben und be … reite mir das Schicksal der Kardinäle Caprara

und Bentivoglio, welche an Gift … starben, erkläre ich meinem

Neffen Guido Spada, meinem Universalerben, daß ich vergr … aben

habe, an einem Orte, den er kennt, weil er ihn mit mir besucht hat,

nämlich in … den Grotten der kleinen Insel Monte Christo, alles,

was ich … an Goldstangen, gemünztem Golde, Edelsteinen, Diamanten,

Juwelen bes … aß, daß das Vorhandensein dieses Schatzes, der sich

auf zwei Mil … lionen röm. Taler beläuft, mir allein bekannt

ist, und daß er ihn find … en wird, wenn er den zwanzigsten Stein

von der Bucht öst … lich angefangen weggehoben hat. Zwei Öffnungen

sind in diesen Grotten … angebracht worden. Der Schatz

liegt in der entfernt … esten Ecke der zweiten; und diesen Schatz

vermache ich ihm und trete … ich ihm in das volle Eigentum ab,

als meinem einzigen Erben.

 

25. Apr. 1498.

 

Cäsar Spada

 

Nun, begreifen Sie endlich? fragte Faria.

 

Ja, tausendmal ja. Wer hat es wieder so hergestellt?

 

Ich, der mit Hilfe des übriggebliebenen Bruchstückes den Rest erriet, indem ich die Länge der Zeilen mit denen des Papiers maß und in den verborgenen Sinn mittels des dem Auge Sichtbaren eindrang.

 

Und was taten Sie, als Sie diese Überzeugung erlangt zu haben glaubten?

 

Ich wollte abreisen und reiste auch sogleich ab, wobei ich den Anfang meiner großen Arbeit über ein einiges Königreich Italien mit mir nahm; aber die kaiserliche Politik, die damals, im Widerspruch mit der früheren Absicht Napoleons, seitdem ihm ein Sohn geboren ward, die Teilung der Provinzen wollte, hatte seit langer Zeit die Augen auf mich gerichtet. Meine eilige Abreise, deren Ursache man nicht entfernt ahnte, erregte Verdacht, und ich wurde in dem Augenblicke, wo ich mich in Piombino einschiffte, verhaftet. Nun, mein Freund, fuhr Faria fort, indem er Dantes mit einem beinahe väterlichen Ausdrucke anschaute, nun wissen Sie soviel als ich. Wenn wir uns je miteinander flüchten, so gehört die Hälfte meines Schatzes Ihnen; sterbe ich hier und Sie fliehen allein, so gehört er Ihnen ganz.

 

Aber, fragte Dantes zögernd, ist in der Welt nicht irgend jemand, der mehr rechtlichen Anspruch auf diesen Schatz hätte, als wir?

 

Nein, nein, beruhigen Sie sich, die Familie ist völlig ausgestorben. Der letzte Graf von Spada hat mich überdies zu seinem Erben eingesetzt. Indem er mir dieses symbolische Brevier vermachte, vermachte er mir auch, was es enthielt. Nein, nein, seien Sie unbesorgt! Wenn wir von diesem Vermögen Besitz ergreifen, können wir es ohne Gewissensbisse genießen.

 

Und Sie sagen, dieser Schatz belaufe sich … ?

 

Auf zwei Millionen römische Taler, also ungefähr dreizehn Millionen Franken.

 

Unmöglich! rief Dantes, erschrocken über diese ungeheure Summe.

 

Unmöglich! Und warum? versetzte der Greis. Die Familie der Spada war eine der ältesten und mächtigsten Familien des fünfzehnten Jahrhunderts. Überdies sind in Zeiten, denen es gänzlich an Spekulation und Gewerbefleiß gebricht, solche Anhäufungen von Gold und Juwelen nicht selten; noch heutigen Tages gibt es römische Familien, welche fast Hungers sterben und gegen eine Million in Diamanten und Edelsteinen besitzen, die sich durch Majorat vererbt haben und von ihnen nicht veräußert werden dürfen.

 

Edmond glaubte zu träumen: er schwebte zwischen Zweifel und Freude.

 

Ich habe die Sache nur so lange vor Ihnen geheim gehalten, fuhr Faria fort, einmal um Sie zu prüfen und dann um Sie zu überraschen. Wären wir vor meinem Starrsuchtsanfall geflohen, so hätte ich Sie nach Monte Christo geführt; nun aber, fügte er mit einem Seufzer hinzu, werden Sie mich führen. Wie, Dantes, Sie danken mir nicht?

 

Dieser Schatz gehört Ihnen, mein Freund, sagte Dantes; er gehört Ihnen allein, und ich habe kein Recht darauf; ich bin kein Verwandter von Ihnen.

 

Sie sind mein Sohn, Dantes, rief der Greis. Sie sind das Kind meiner Gefangenschaft. Mein Stand verurteilt mich zum Zölibat; Gott hat Sie mir geschickt, um zugleich den Mann, der nicht Vater, und den Gefangenen, der nicht frei sein konnte, zu trösten.

 

Faria streckte den Arm, der ihm noch ungelähmt geblieben war, nach Dantes aus, und dieser fiel ihm weinend um den Hals.