Die Forderung

 

Die Forderung

 

Nun benutzte ich das Stillschweigen und die Dunkelheit des Saales, um mich, ohne gesehen zu werden, zu entfernen, mit einem im Gedanken an dich gebrochenen Herzen, schloß Beauchamp seinen Bericht.

 

Albert hielt seinen Kopf zwischen seinen Händen, hob sein Antlitz rot und in Tränen gebadet empor, ergriff Beauchamp am Arm und sagte: Freund, mein Leben ist aus; ich muß den Menschen suchen, der mich mit seiner Feindschaft verfolgt. Sobald ich diesen Menschen kenne, töte ich ihn, oder er tötet mich; ich zähle jedoch auf die Stütze Ihrer Freundschaft, Beauchamp, wenn dieses Gefühl in Ihrem Herzen noch nicht durch Verachtung ertötet ist.

 

Verachtung, mein Freund? Wie können Sie so sprechen! Nein, Gott sei Dank, wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo ein ungerechtes Vorurteil die Söhne für die Handlungen der Väter verantwortlich macht. Überschauen Sie Ihr ganzes Leben, Albert; es ist freilich erst ein Anfang, aber nie war die Morgenröte eines schönen Tages reiner, als Ihr Sonnenaufgang. Nein, Albert, glauben Sie mir, Sie sind jung, Sie sind reich; verlassen Sie Frankreich, alles vergißt sich schnell in diesem großen Babylon. Sie kommen in drei oder vier Jahren zurück, und niemand denkt mehr an das, was vorgefallen ist, noch viel weniger an das, was sich vor sechzehn Jahren ereignete.

 

Ich danke, lieber Beauchamp, ich danke für die vortreffliche Absicht, die Ihnen diese Worte eingibt; aber Sie begreifen, da ich in dieser Angelegenheit persönlich beteiligt bin, kann ich sie nicht aus demselben Gesichtspunkte ansehen, wie Sie. Ich wiederhole Ihnen, Beauchamp, wenn Sie noch mein Freund sind, wie Sie sagen, so helfen Sie mir die Hand finden, die den Schlag geführt hat.

 

Es sei! Ist es Ihre Absicht, Nachforschungen nach einem Feinde anzustellen, so stelle ich sie mit Ihnen an. Und ich werde ihn finden, denn meine Ehre ist hierbei beinahe ebensosehr beteiligt, wie die Ihrige.

 

Dann beginnen wir auf der Stelle, ohne Verzug unsere Nachforschungen. Jede Minute Verzug ist eine Ewigkeit für mich; der Denunziant ist noch nicht bestraft, er kann also hoffen, er werde nicht bestraft werden; und bei meiner Ehre! wenn er dies hofft, so täuscht er sich.

 

Wohl, so hören Sie, Morcerf.

 

Ah! Beauchamp, ich sehe, Sie wissen etwas; Sie geben mir das Leben wieder!

 

Ich sage Ihnen nicht, es sei Gewißheit, Albert, aber es ist wenigstens ein Licht im Dunkel; folgen wir diesem Lichte, und es wird uns vielleicht zum Ziele führen.

 

Sprechen Sie, die Ungeduld verzehrt mich.

 

Gut! ich will Ihnen erzählen, was ich Ihnen nicht sagen wollte, als ich von Janina zurückkam. Hören Sie also! Ich ging natürlich zum ersten Bankier der Stadt, um Erkundigungen einzuziehen; nach zwei Worten sagte er mir, ehe ich den Namen Ihres Vaters ausgesprochen hatte: Ah, sehr gut! ich errate, was Sie hierher führt. – Wieso? – Weil ich vor kaum vierzehn Tagen über denselben Gegenstand befragt worden bin und zwar von einem Pariser Bankier, namens Danglars.

 

Er? rief Albert; er verfolgt in der Tat seit langer Zeit meinen Vater mit seiner Eifersucht und seinem Hasse; er, der angebliche Volksmann, der es dem Grafen von Morcerf nicht verzeihen kann, daß er Pair von Frankreich ist. Und dann, das Abbrechen des Heiratsplanes, ohne irgend eine Ursache anzugeben … ja, ja, er ist’s.

 

Erkundigen Sie sich, aber erhitzen Sie sich nicht zum voraus; erkundigen Sie sich, und wenn die Sache wahr ist …

 

Oh, wenn die Sache wahr ist, rief der junge Mann, so soll er mir alles bezahlen, was ich gelitten habe.

 

Nehmen Sie sich in acht, Morcerf, er ist ein alter Mann.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, Sie begleiten mich, Beauchamp; feierliche Dinge müssen vor Zeugen verhandelt werden. Ist Danglars der Schuldige, so hat er vor dem Ende dieses Tages zu leben aufgehört, oder ich bin tot. Bei Gott! Ich will meiner Ehre ein schönes Leichenbegängnis bereiten.

 

Wohl! Albert, sind solche Entschlüsse einmal gefaßt, so muß man sie auf der Stelle in Ausführung bringen. Sie wollen zu Herrn Danglars gehen? Vorwärts!

 

Vor dem Hause des Bankiers sahen sie den Wagen des Herrn Andrea Cavalcanti stehen.

 

Ah! bei Gott! das geht gut! sagte Albert düster. Will sich Herr Danglars nicht mit mir schlagen, so töte ich seinen Schwiegersohn. Ein Cavalcanti muß sich schlagen.

 

Man meldete Albert dem Bankier, der bei seinem Namen, da er wußte, was am Tage vorher vorgefallen war, ihm den Eintritt verweigern ließ. Aber es war zu spät; Albert folgte dem Bedienten, stieß die Tür auf und drang mit Beauchamp in das Kabinett des Bankiers.

 

Mein Herr! rief dieser, steht es mir nicht frei, zu empfangen, wen ich will? Es scheint mir, Sie vergessen sich auf eine sonderbare Weise.

 

Nein, mein Herr, erwiderte Albert mit kaltem Tone, es gibt Umstände, wo man, wenn man sich keiner Feigheit schuldig machen will, wenigstens für gewisse Personen zu Hause sein muß.

 

Was wollen Sie von mir, mein Herr?

 

Ich will, sagte Albert, sich dem Bankier nähernd, – ohne daß es schien, als bemerke er Cavalcanti, der am Kamin lehnte – ich will Ihnen eine Zusammenkunft in einem verborgenen Winkel vorschlagen, wo uns zehn Minuten lang niemand stören wird; von den zwei Personen, die sich treffen werden, bleibt eine unter den Bäumen.

 

Danglars erbleichte. Cavalcanti machte eine Bewegung. Albert wandte sich zu dem jungen Manne um und sagte: Mein Gott! kommen Sie auch, wenn Sie wollen, Herr Graf; Sie haben das Recht, dabei zu sein, Sie gehören ja fast zur Familie, und ich gewähre solche Zusammenkünfte so vielen Menschen, als sie annehmen wollen.

 

Cavalcanti schaute Danglars erstaunt an; dieser erhob sich mit Anstrengung und trat zwischen die jungen Leute. Der Angriff Alberts auf Andrea ließ ihn hoffen, Alberts Besuch sei einer andern Ursache zuzuschreiben, als der, die er zuerst vorausgesetzt hatte.

 

Mein Herr, sagte er zu Albert, wenn Sie hierher kommen, um mit diesem Herrn Streit zu suchen, weil er Ihnen vorgezogen wurde, so bemerke ich Ihnen, daß ich das vor den Staatsanwalt bringen werde.

 

Sie täuschen sich, mein Herr, entgegnete Morcerf mit düsterem Lächeln, ich spreche von nichts weniger, als Heiratsangelegenheiten, und ich wende mich an diesen Herrn nur, weil er sich in unsere Verhandlung mischen zu wollen schien. Und dann haben Sie recht, ich suche heute mit jedem Streit; doch seien Sie unbesorgt, Herr Danglars, der Vorrang gebührt Ihnen.

 

Mein Herr, sagte Danglars, bleich vor Zorn und Angst, ich bemerke Ihnen, wenn mir das Unglück widerfährt, einen wütenden Hund auf meinem Wege zu treffen, so töte ich ihn, und weit entfernt, mich schuldig zu fühlen, glaube ich damit der Gesellschaft einen Dienst zu leisten. Wenn Sie nun wütend sind und mich zu beißen versuchen, so sage ich Ihnen, ich werde Sie töten. Ist es denn meine Schuld, daß Ihr Vater entehrt ist?

 

Ja, Elender! rief Morcerf, es ist deine Schuld!

 

Danglars machte einen Schritt rückwärts.

 

Meine Schuld! sagte er, sind Sie verrückt? Was weiß ich davon? War ich in Griechenland? Habe ich Ihrem Vater geraten, die Schlösser Alis zu verkaufen, zu verraten …

 

Still! sagte Albert dumpf. Sie sind es, der die ganze schändliche Geschichte heuchlerisch und hinterlistig angezettelt hat. – Ich?

 

Ja, Sie! Woher kommt die Enthüllung?

 

Mir scheint, die Zeitung hat es Ihnen gesagt, aus Janina, bei Gott!

 

Wer hat nach Janina geschrieben, um Erkundigungen über meinen Vater einzuziehen?

 

Ich denke, jeder kann nach Janina schreiben.

 

Es hat nur eine Person geschrieben und zwar Sie!

 

Ich habe allerdings geschrieben; doch ich glaube, wenn man seine Tochter an einen jungen Mann verheiratet, kann man Erkundigungen über die Familie einziehen; es ist dies nicht bloß ein Recht, sondern auch eine Pflicht.

 

Sie haben geschrieben, während Sie doch schon wußten, welche Antwort Ihnen zukommen würde.

 

Ich! oh, ich schwöre Ihnen, rief Danglars mit einem Vertrauen und mit einer Sicherheit, die vielleicht weniger von seiner Furcht, als von der Teilnahme herrührten, die er im Grunde für den unglücklichen jungen Mann fühlte, ich schwöre Ihnen, nie hätte ich daran gedacht, dorthin zu schreiben. Kannte ich die Katastrophe von Ali Pascha?

 

Es hat Sie also jemand angetrieben, zu schreiben?

 

Gewiß.

 

Wer? … vollenden Sie …?

 

Bei Gott! das ist ganz einfach; ich sprach von der Vergangenheit Ihres Vaters, ich sagte, die Quelle seines Vermögens sei stets dunkel geblieben. Die Person fragte mich, wo sich Ihr Vater dieses Vermögen gemacht hätte. Ich antwortete: In Griechenland. Da sagte sie mir: Nun, so schreiben Sie nach Janina!

 

Und wer hat Ihnen diesen Rat gegeben?

 

Bei Gott! der Graf von Monte Christo, Ihr Freund.

 

Albert und Beauchamp schauten sich an.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, der noch nicht das Wort genommen hatte, es scheint mir, Sie klagen den Grafen an, weil er in diesem Augenblick von Paris entfernt ist und sich nicht rechtfertigen kann?

 

Ich klage niemand an, antwortete Danglars, und werde in Gegenwart des Herrn Grafen von Monte Christo wiederholen, was ich soeben vor Ihnen gesagt habe.

 

Und der Graf weiß, welche Antwort Ihnen zugekommen ist? – Ja, ich habe sie ihm gezeigt.

 

Wußte er, daß der Taufname meines Vaters Fernand und sein Familienname Mondego war?

 

Ja, ich hatte es ihm längst gesagt; übrigens tat ich hierbei nur, was jeder andere an meiner Stelle getan hätte, und vielleicht noch weniger. Als am Tage nach dieser Antwort Ihr Vater meine Tochter offiziell von mir verlangte, schlug ich ihm ihre Hand allerdings unumwunden ab, doch ohne Erklärung, ohne Lärm. Warum sollte ich auch Lärm machen! Was war mir an der Ehre oder der Schande des Herrn von Morcerf gelegen? Das ließ die Rente weder steigen noch fallen.

 

Albert fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Es unterlag keinem Zweifel mehr, Danglars verteidigte sich mit der Gemeinheit, aber zugleich auch mit der Sicherheit eines Menschen, der, wenn nicht die volle Wahrheit, doch wenigstens einen Teil der Wahrheit sagt, allerdings nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus Schrecken. Und dann stellte sich ihm alles, was er vergessen oder nicht beachtet hatte, wieder vor Augen. Monte Christo wußte alles, da er die Tochter Ali Paschas gekauft hatte, und hatte trotzdem Danglars den Rat gegeben, nach Janina zu schreiben. Während ihm die Antwort schon bekannt war, hatte er Alberts Wunsche, Haydee vorgestellt zu werden, nachgegeben; bei ihr hatte er das Gespräch auf Alis Tod gelenkt und Haydees Erzählung nicht verhindert. Hatte er nicht überdies ihn selbst gebeten, den Namen seines Vaters nicht vor Haydee auszusprechen? Endlich hatte er Albert in dem Augenblick, wo der Lärm losbrechen sollte, nach der Normandie geführt. Es unterlag keinem Zweifel mehr, alles beruhte auf Berechnung, und Monte Christo war ohne Zweifel im Einverständnis mit den Feinden seines Vaters.

 

Albert nahm Beauchamp in eine Ecke und teilte ihm alle seine Gedanken mit.

 

Sie haben recht, sagte Beauchamp, Herr Danglars ist an dem, was vorgefallen, nur äußerlich beteiligt, und Sie müssen von Monte Christo eine Erklärung verlangen.

 

Albert wandte sich um und sagte zu Danglars: Mein Herr, Sie begreifen, daß ich mich mit Ihrer Aussage nicht ohne weiteres begnügen kann; ich muß erst sehen, ob Ihre Anschuldigungen begründet sind, und ich will mich auf der Stelle hiervon bei Herrn von Monte Christo überzeugen.

 

Er entfernte sich mit Beauchamp, ohne sich im geringsten um Cavalcanti zu bekümmern. Danglars geleitete ihn zur Tür und erneuerte die Versicherung, daß kein Beweggrund persönlichen Hasses ihn gegen den Grafen von Morcerf antreibe.

 

Die Beleidigung

 

Die Beleidigung

 

Vor der Tür des Bankiers hielt Beauchamp Morcerf zurück und sagte: Sie wollen von Herrn von Monte Christo eine Erklärung verlangen. Überlegen Sie einen Augenblick, Morcerf, ehe Sie zu dem Grafen gehen, die ernste Bedeutung Ihres Schrittes.

 

Ist er ernster, als wenn ich zu Herrn Danglars gehe?

 

Ja; Herr Danglars ist ein Geldmensch, und Sie wissen, die Geldmenschen kennen zu genau das Kapital, das sie wagen, um sich so leicht zu schlagen. Der andere ist im Gegenteil ein Edelmann, wenigstens wie es scheint; doch fürchten Sie nicht, daß unter dem Edelmann ein Bravo steckt?

 

Ich fürchte nur, einen Menschen zu treffen, der sich nicht schlägt.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, sagte Beauchamp, der wird sich schlagen. Nehmen Sie sich in acht, ich fürchte, er schlägt sich nur zu gut.

 

Freund, entgegnete Morcerf mit einem schönen Lächeln, das ist es, was ich wünsche; und das größte Glück, das mir widerfahren kann, ist, für meinen Vater getötet zu werden.

 

Ihre Mutter wird darüber sterben.

 

Arme Mutter! versetzte Albert, mit der Hand über seine Augen fahrend, ich weiß es wohl, doch besser, sie stirbt hierüber, als sie stirbt vor Schande.

 

Sie sind also fest entschlossen, Albert? – Vorwärts!

 

Sie stiegen in ihren Wagen und ließen sich zum Grafen fahren. Als sie ausgestiegen waren, eilte Albert so schnell vorwärts, daß ihm der Freund kaum zu folgen vermochte. Baptistin empfing sie. Der Graf war von der Reise zurückgekommen, aber er saß im Bade und hatte verboten, irgend jemand zu empfangen.

 

Doch nach dem Bade? – Wird der Graf in die Oper fahren.

 

Sind Sie dessen gewiß? – Vollkommen; der Herr Graf hat seine Pferde auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Sehr gut, versetzte Albert; mehr wollte ich nicht wissen. Dann sich zu Beauchamp wendend, sagte er: Beauchamp, ich zähle darauf, daß Sie mich in die Oper begleiten. Wenn Sie können, bringen Sie Chateau-Renaud mit.

 

Beauchamp verließ Albert, nachdem er ihm versprochen, ihn abzuholen.

 

Nach Hause zurückgekehrt, benachrichtigte Albert Franz, Debray und Morel von seinem Wunsche, sie ebenfalls in der Oper zu sehen. Dann besuchte er seine Mutter, die seit den Ereignissen des vorhergehenden Tages ihre Tür für jedermann verschlossen hatte. Er fand sie, vom Schmerz über die öffentliche Demütigung niedergeschmettert, im Bette. Alberts Anblick brachte auf sie die Wirkung hervor, die man davon erwarten konnte; sie drückte ihrem Sohne die Hand und brach in ein Schluchzen aus.

 

Albert blieb einen Augenblick stumm vor dem Bette seiner Mutter stehen. Man sah an seinem bleichen Gesichte und an seiner gerunzelten Stirne, daß sein Racheentschluß sich immer mehr in seinem Herzen abstumpfte.

 

Meine Mutter, sagte Albert, kennen Sie irgend einen Feind des Herrn von Morcerf?

 

Mercedes bebte, denn sie hatte bemerkt, daß der junge Mann nicht »von meinem Vater« sagte.

 

Mein Freund, sagte sie, die Menschen in der Stellung des Grafen haben viele Feinde, die sie nicht kennen. Und die Feinde, die man nicht kennt, sind die gefährlichsten.

 

Ja, ich weiß dies und wende mich daher an Ihren Scharfsinn. Meine Mutter, Sie sind eine so kluge Frau, daß Ihnen nichts entgeht.

 

Warum sagst du mir dies?

 

Weil Sie zum Beispiel bemerkten, daß an unserem Ballabend der Graf von Monte Christo nichts bei uns hat nehmen wollen.

 

Mercedes erhob sich zitternd und rief: Herr von Monte Christo? Wie hängt das mit der Frage zusammen, die du an mich richtest?

 

Sie wissen, Herr von Monte Christo ist fast ein Orientale, und um ihre volle Rachefreiheit zu bewahren, essen und trinken die Orientalen nichts bei ihren Feinden.

 

Herr von Monte Christo unser Feind, sagst du, Albert? entgegnete Mercedes, weißer werdend, als das Tuch, das sie bedeckte. Wer hat dir das gesagt? Warum? Du bist toll, Albert. Herr von Monte Christo hat uns nur Freundliches erwiesen; er hat dir das Leben gerettet, und du selbst hast ihn uns vorgestellt. Oh! ich bitte dich, mein Sohn, wenn du einen solchen Gedanken hegtest, so verbanne ihn, und wenn du auf meine Bitte etwas gibst, so bleibe in gutem Einvernehmen mit ihm.

 

Meine Mutter, versetzte der junge Mann mit düsterem Blicke, Sie haben Ihre Gründe, daß Sie mir sagen, ich solle diesen Mann schonen.

 

Ich! rief Mercedes … und sie errötete ebenso schnell wie sie erbleicht war, und wurde beinahe in demselben Augenblicke noch bleicher, als zuvor.

 

Ja, allerdings, Ihr Grund ist, daß der Graf uns Böses zufügen kann, nicht so?

 

Mercedes bebte und erwiderte, einen forschenden Blick auf ihren Sohn heftend: Du sprichst seltsam mit mir und hast, wie mir scheint, sonderbare Vorurteile. Was tat dir der Graf? Vor drei Tagen reistest du mit ihm in die Normandie; vor drei Tagen betrachtete ich ihn als deinen besten Freund, und du warst derselben Meinung.

 

Ein ironisches Lächeln umschwebte Alberts Lippen. Mercedes sah dieses Lächeln und erriet mit ihrem doppelten Instinkte der Frau und der Mutter alles; aber klug und stark, verbarg sie ihre Unruhe und ihr Beben.

 

Albert ließ das Gespräch fallen; nach einem Augenblick knüpfte es die Gräfin wieder an.

 

Du bist gekommen, um mich zu fragen, wie es mir gehe, sagte sie; ich antworte dir offen, ich fühle mich unwohl. Du solltest dich einrichten, Albert, mir Gesellschaft zu leisten, ich möchte nicht allein sein.

 

Meine Mutter, ich stände zu Ihren Befehlen, und Sie wissen wie gern, wenn mich nicht eine wichtige Angelegenheit zwänge, Sie heute abend zu verlassen.

 

Ah! gut, erwiderte Mercedes mit einem Seufzer, geh, Albert, ich will dich nicht zum Sklaven deiner kindlichen Liebe machen.

 

Albert stellte sich, als hörte er nicht, grüßte seine Mutter und ging.

 

Kaum war der junge Mann fort, als Mercedes einen vertrauten Diener rufen ließ; diesem befahl sie, Albert überall zu folgen, wohin er gehen würde, und ihr sogleich Meldung zu machen. Dann läutete sie ihrer Kammerfrau und ließ sich, so schwach sie war, ankleiden, um auf jeden Fall bereit zu sein.

 

Der dem Bedienten erteilte Auftrag war nicht schwer zu vollziehen. Albert kehrte in seine Wohnung zurück und kleidete sich äußerst sorglich an. Zehn Minuten vor acht Uhr kam Beauchamp.

 

Beide stiegen in Alberts Wagen, und dieser rief, da er keinen Grund hatte, zu verbergen, wohin er fuhr, ganz laut: In die Oper.

 

In seiner Ungeduld kam er vor dem Aufziehen des Vorhangs. Chateau-Renaud, von Beauchamp unterrichtet, saß auf seinem Sperrsitze. Er bemühte sich durchaus nicht, Albert abzuraten, sondern beschränkte sich darauf, dem Freunde die Versicherung zu wiederholen, er stehe zu seiner Verfügung.

 

Debray war noch nicht eingetroffen; doch Albert wußte, daß er selten bei einer Vorstellung der Oper ausblieb. Albert irrte bis zum Aufziehen des Vorhangs im Theater umher. Er hoffte, Monte Christo entweder im Gange oder auf der Treppe zu treffen. Dann ging er an seinen Platz und setzte sich im Orchester zwischen Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Doch seine Augen verließen Monte Christos Loge nicht, die während des ersten Aktes hartnäckig geschlossen blieb. Endlich am Anfange des zweiten Aktes, als Albert zum hundertsten Male seine Uhr befragte, öffnete sich die Tür der Loge: Monte Christo trat schwarzgekleidet ein und stützte sich auf das Geländer, um in den Saal zu schauen, dort gewahrte er einen bleichen Kopf und funkelnde Augen, die gierig seine Blicke anzuziehen schienen, und erkannte Albert. Ohne irgend eine seine Gedanken verratende Bewegung zu machen, setzte er sich, zog sein Opernglas hervor und schaute nach einer anderen Seite.

 

Doch während es den Anschein hatte, als bemerke er Albert nicht, verlor ihn der Graf nicht aus dem Auge, und als der Vorhang am Ende des zweiten Aktes fiel, folgte sein unfehlbarer Blick dem jungen Mann, der, begleitet von seinen Freunden, das Orchester verließ. Dann erschien derselbe Kopf wieder in einer Loge der seinigen gegenüber. Der Graf fühlte, daß der Sturm gegen ihn losbrach, und als er den Schlüssel im Schlosse seiner Loge drehen hörte, wußte er, obgleich er in diesem Augenblick lächelnd mit dem neben ihm sitzenden Morel sprach, was bevorstand, und war auf alles gefaßt.

 

Die Tür öffnete sich. Jetzt erst wandte sich Monte Christo um und erblickte Albert zitternd und leichenblaß. Hinter ihm standen Beauchamp und Chateau-Renaud.

 

Sieh da! rief er mit jener wohlwollenden Höflichkeit, die gewöhnlich seinen Gruß von den Alltagsgrüßen unterschied, mein Reiter ist am Ziele angelangt. Guten Abend, Herr von Morcerf.

 

Und das Gesicht dieses Mannes, der auf eine so seltsame Weise seiner Herr war, drückte die vollkommenste Herzlichkeit aus.

 

Nun erst erinnerte sich Morel des Briefes, den er vom Vicomte empfangen, und worin ihn dieser ohne eine andere Erklärung gebeten hatte, sich in der Oper einzufinden, und er begriff, daß etwas Furchtbares vor sich gehen sollte.

 

Wir kommen nicht hierher, um heuchlerische Höflichkeiten und falsche Freundschaftsbezeugungen auszutauschen, sagte der junge Mann; wir kommen, um eine Erklärung von Ihnen zu fordern, Herr Graf.

 

Die zitternde Stimme des jungen Mannes drang kaum durch seine geschlossenen Zähne.

 

Eine Erklärung in der Oper? sagte der Graf mit dem ruhigen Tone und dem durchdringenden Auge des stets seiner selbst sicheren Mannes. So wenig ich mit den Pariser Gewohnheiten vertraut bin, so hätte ich doch nicht geglaubt, daß man hier Erklärungen zu fordern pflege.

 

Wenn sich jedoch die Leute verleugnen lassen, sagte Albert, unter dem Vorwande, sie seien im Bad, so muß man sich an sie wenden, wo man sie trifft.

 

Ich bin nicht so schwer zu treffen, denn noch gestern, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren Sie bei mir.

 

Gestern, mein Herr, entgegnete der junge Mann, dessen Kopf in Flammen geriet, gestern befand ich mich bei Ihnen, weil ich nicht wußte, wer Sie waren.

 

Bei diesen Worten hatte Albert die Stimme dergestalt erhoben, daß die Inhaber der benachbarten Logen, sowie die Personen, die sich in den Gängen befanden, ihn hörten, stehen blieben und sich umsahen.

 

Woher kommen Sie denn, mein Herr? sagte Monte Christo, scheinbar ohne jede Erregung. Ich glaube, Sie erfreuen sich nicht Ihres ganzen Verstandes.

 

Wenn ich Ihre Treulosigkeit begreife, und es mir gelingt, Ihnen begreiflich zu machen, daß ich mich rächen will, werde ich noch vernünftig genug sein, versetzte Albert wütend.

 

Mein Herr, ich verstehe Sie nicht, erwiderte Monte Christo, und wenn ich Sie auch verstände, so würden Sie immer noch zu laut sprechen. Ich bin hier bei mir und allein berechtigt, meine Stimme über andere zu erheben. Gehen Sie, mein Herr!

 

Und Monte Christo wies Albert mit einer bewundernswert gebieterischen Gebärde die Tür.

 

Ah! ich werde es wohl dahin bringen, daß Sie hinausgehen, sagte Albert, krampfhaft seinen Handschuh zerknitternd, den der Graf nicht aus dem Gesichte verlor.

 

Gut, gut! erwiderte phlegmatisch Monte Christo, Sie suchen Streit mit mir, mein Herr, das sehe ich; doch eines, Vicomte, merken Sie sich: es ist eine schlechte Sitte, mit Geschrei herauszufordern, Herr von Morcerf.

 

Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief bei diesem Namen wie ein Schauer die Zuhörer dieser Szene. Seit dem vorhergehenden Tage war der Name Morcerf in aller Mund.

 

Besser als alle und zuerst von allen begriff Albert die Anspielung und machte eine Bewegung, seinen Handschuh dem Grafen ins Gesicht zu schleudern; aber Morel faßte ihn bei der Faust, während Beauchamp und Chateau-Renaud, in der Furcht, die Szene könne die Grenzen einer Herausforderung überschreiten, ihn von hinten zurückhielten.

 

Monte Christo aber streckte, ohne aufzustehen und nur seinen Stuhl neigend, die Hand aus, zog aus den krampfhaft zusammengepreßten Fingern des jungen Mannes den feuchten Handschuh und sagte mit einem furchtbaren Ausdrucke: Mein Herr, ich nehme Ihren Handschuh als geworfen an und werde Ihnen denselben um eine Kugel gewickelt zurückschicken. Nun gehen Sie von hier weg, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie hinauswerfen.

 

Trunken, verwirrt, mit blutigen Augen machte Albert zwei Schritte rückwärts.

 

Morel benutzte diese Gelegenheit, um die Tür wieder zu schließen. Monte Christo ergriff sein Doppelglas und fing an hindurchzuschauen, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre. Dieser Mann hatte ein Herz von Erz und ein Gesicht von Marmor. Morel neigte sich an sein Ohr und sagte zu ihm: Was haben Sie ihm getan?

 

Ich? Nichts, persönlich wenigstens, sagte Monte Christo.

 

Diese seltsame Szene muß doch einen Grund haben?

 

Die Geschichte des Grafen von Morcerf bringt den unglücklichen jungen Mann ganz außer sich.

 

Haben Sie denn Anteil daran?

 

Die Kammer ist durch Haydee von dem Verrate seines Vaters unterrichtet worden.

 

Man hat mir in der Tat davon erzählt, sagte Morel, doch ich wollte nicht glauben, daß die griechische Sklavin die Tochter Ali Paschas ist. – Es ist die reine Wahrheit.

 

Oh! mein Gott, ich begreife nun alles, und diese Szene ist absichtlich herbeigeführt worden. – Wieso?

 

Ja. Albert schreibt mir, ich möchte mich heute abend in der Oper einfinden; er wollte mich also zum Zeugen der von ihm beabsichtigten Beleidigung haben.

 

Wahrscheinlich, sagte Monte Christo mit seiner unstörbaren Ruhe.

 

Aber was werden Sie mit ihm machen?

 

Mit Albert? versetzte Monte Christo in demselben Tone, was ich mit ihm machen werde, Maximilian? So wahr Sie hier sind und ich Ihnen die Hand drücke, töte ich ihn morgen vormittag um zehn Uhr; das werde ich machen.

 

Morel nahm ebenfalls Monte Christos Hand in die seinige und bebte, als er diese kalte und ruhige Hand fühlte.

 

Ah! Graf, sagte er, sein Vater liebt ihn so sehr!

 

Sagen Sie mir das nicht! rief Monte Christo mit der ersten Regung des Zornes, der ihn zu fassen schien, er mag leiden!

 

Morel ließ erstaunt die Hand fallen.

 

Graf! Graf! sagte er.

 

Lieber Maximilian, sagte der Graf, hören Sie doch, wie bewunderungswürdig Duprez die Worte singt: O Mathilde! idole de mon âme! … Bravo! Bravo!

 

Morel sah, daß hier jedes weitere Wort überflüssig war, und wartete. Der Vorhang, der am Ende der Szene mit Albert aufging, ging bald wieder herunter. Man klopfte an die Tür.

 

Herein, rief Moute Christo, ohne daß seine Stimme die geringste Bewegung erriet. Beauchamp trat ein.

 

Guten Abend, Herr Beauchamp, grüßte Moute Christo, als ob er den Journalisten an diesem Abend zum ersten Male sähe; setzen Sie sich doch!

 

Beauchamp grüßte, trat ein und setzte sich.

 

Mein Herr, sagte er zu Monte Christo, ich begleitete soeben, wie Sie wahrnehmen konnten, Herrn von Morcerf.

 

Das heißt, Sie wollen sagen. Sie haben miteinander zu Mittag gespeist, erwiderte lachend Monte Christo. Ich bin glücklich, zu bemerken, mein lieber Herr Beauchamp, daß Sie nüchterner sind, als er.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, ich gestehe, Albert hat unrecht gehabt, in Hitze zu geraten, und ich komme auf meine eigene Rechnung, um Entschuldigung zu bitten. Nun aber, da dies geschehen ist, hoffe ich, Sie werden mir eine Erklärung geben über Ihre Verbindungen mit den Leuten in Janina. Dann zwei Worte über die junge Griechin …

 

Genug, genug, mein Herr! fiel ihm der Graf ins Wort. Ich sehe, Sie verlangen für Ihren Freund Erklärungen von mir. So sagen Sie dem Vicomte. In unser beider Adern fließt Blut, das wir zu vergießen Lust haben, morgen vor zehn Uhr werde ich die Farbe des seinigen gesehen haben.

 

Es bleibt also nur noch übrig, die Anordnungen des Zweikampfes festzustellen.

 

Das ist mir vollkommen gleichgültig, entgegnete Monte Christo; es war also unnötig, mich im Schauspiel wegen einer solchen Lappalie zu stören. In Frankreich schlägt man sich mit Degen oder auf Pistolen; in den Kolonien greift man zur Büchse; in Arabien nimmt man den Dolch. Sagen Sie Ihrem Klienten, daß ich ihm, obgleich beleidigt, die Wahl der Waffen überlasse und alles ohne Widerrede annehme; alles, hören Sie wohl? Sogar den Zweikampf durch das Los, was immer albern ist. Doch bei mir ist es etwas anderes, ich bin sicher, zu gewinnen.

 

Sicher, zu gewinnen! wiederholte Beauchamp, den Grafen mit bestürztem Auge anschauend.

 

Ganz gewiß, sagte Monte Christo, leicht die Achseln zuckend. Sonst würde ich mich nicht mit Herrn von Morcerf schlagen. Ich werde ihn töten, es muß sein, es wird sein. Nur die Stunde und die Waffe lassen Sie mich heute abend wissen, ich lasse nicht gern auf mich warten.

 

Auf Pistolen, morgens um acht Uhr, im Walde von Vincennes, sagte Beauchamp, ganz aus der Fassung gebracht.

 

Gut, mein Herr, sagte Monte Christo; da nun alles in Ordnung ist, so lassen Sie mich dem Gesange zuhören, ich bitte Sie, und sagen Sie Ihrem Freunde Albert, er möge heute abend nicht wiederkommen; lassen Sie ihn nach Hause gehen und schlafen.

 

Beauchamp entfernte sich, im höchsten Grade erstaunt.

 

Sagen Sie, sprach Monte Christo, sich gegen Morel umwendend, nicht wahr, ich kann auf Sie zählen?

 

Gewiß, Sie können über mich verfügen, Graf; … und wer ist Ihr zweiter Zeuge?

 

Ich kenne niemand, dem ich diese Ehre erweisen möchte, als Ihnen, Morel, und Ihrem Schwager Emanuel. Glauben Sie, Emanuel würde mir diesen Dienst leisten?

 

Ich stehe für ihn, wie für mich, Graf.

 

Gut! mehr brauche ich nicht. Morgen früh um sieben Uhr bei mir, nicht wahr?

 

Wir werden uns einfinden.

 

Die Nacht

 

Die Nacht

 

Fünf Minuten nach Schluß der Oper war der Graf zu Hause und rief Ali, von dem er sich seine Pistolen bringen ließ, dann prüfte er die Waffen mit einer für einen Mann, der sein Leben ein wenig Pulver und Blei anvertraut, sehr natürlichen Sorgfalt.

 

Er war eben im Begriff, die Waffe in die Hand zu nehmen und sich den Zielpunkt auf einem kleinen Plättchen von Eisenblech, das ihm als Scheibe diente, zu wählen, als die Tür seines Kabinetts sich öffnete und Baptistin eintrat.

 

Doch ehe dieser ein Wort gesprochen hatte, erblickte der Graf durch die offengebliebene Tür eine verschleierte Frau, die Baptistin gefolgt war und im Halbschatten des anstoßenden Zimmers stand.

 

Sie gewahrte den Grafen, eine Pistole in der Hand, sie sah zwei Degen auf dem Tische und stürzte herein.

 

Baptistin befragte seinen Herrn mit dem Blicke. Der Graf machte ein Zeichen, Baptistin entfernte sich und schloß die Tür hinter sich.

 

Wer sind Sie, gnädige Frau? fragte der Graf.

 

Die Unbekannte schaute umher, um sich zu versichern, daß sie allein war, verneigte sich, als wollte sie niederknien, faltete die Hände und rief mit einem Tone der Verzweiflung: Edmond! Sie werden meinen Sohn nicht töten!

 

Der Graf machte einen Schritt rückwärts, stieß einen schwachen Schrei aus, ließ seine Waffe fallen und erwiderte: Welchen Namen haben Sie da ausgesprochen, Frau von Morcerf?

 

Den Ihrigen, rief sie, ihren Schleier zurückschlagend, den ich allein nicht vergessen habe. Edmond, nicht Frau von Morcerf kommt zu Ihnen, sondern Mercedes.

 

Mercedes ist tot, gnädige Frau, sagte Monte Christo, und ich kenne niemand dieses Namens mehr.

 

Mercedes lebt, mein Herr, und Mercedes erinnert sich, denn sie allein hat Sie erkannt, als sie Ihr Antlitz erblickte, und sogar ohne Sie zu sehen, Edmond, schon am Tone Ihrer Stimme, und seit dieser Zeit folgt sie Ihnen Schritt für Schritt, sie überwacht Sie, sie fürchtet Sie, und sie hatte nicht nötig, die Hand zu suchen, von der der Schlag ausging, der Herrn von Morcerf niederwarf.

 

Fernand wollen Sie sagen, versetzte Monte Christo mit bitterer Ironie; da wir uns der Namen wieder erinnern, so wollen wir diesen nicht vergessen.

 

Monte Christo sprach den Namen Fernand mit einem solchen Tone des Hasses aus, daß Mercedes fühlte, wie ein Schauer des Schreckens ihren Leib durchlief.

 

Sehen Sie, Edmond, daß ich mich nicht getäuscht habe, rief sie, und daß ich recht hatte, Ihnen zu sagen: Schonen Sie meinen Sohn!

 

Und wer sagt Ihnen, daß ich gegen Ihren Sohn aufgebracht bin?

 

Mein Gott! niemand; aber eine Mutter ist mit dem doppelten Gesichte begabt. Ich habe alles erraten, ich bin ihm in die Oper gefolgt und habe, in einer Loge verborgen, alles gesehen.

 

Wenn Sie alles gesehen haben, so haben Sie auch gesehen, daß mich Fernands Sohn öffentlich beleidigte, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe.

 

Hören Sie. Mein Sohn hat Sie auch erraten; er schreibt Ihnen die Unglücksfälle zu, die seinen Vater treffen.

 

Gnädige Frau, Sie verwechseln die Sache; es sind nicht Unglücksfälle, es ist eine Strafe. Nicht ich bin es, der Herrn von Morcerf schlägt, es ist die Vorsehung, die ihn bestraft.

 

Und warum treten Sie an die Stelle der Vorsehung? rief Mercedes. Warum erinnern Sie sich, wenn sie vergißt? Was ist Ihnen, Edmond, an Janina und seinem Wesir gelegen? Welches Unrecht hat Ihnen Fernand Mondego dadurch zugefügt, daß er Ali Tependelini verraten?

 

Das geht auch nur den fränkischen Kapitän und Wasilikis Tochter an. Sie haben recht, was kümmert’s mich? Und wenn ich geschworen habe, mich zu rächen, so ist es weder an dem fränkischen Kapitän, noch an dem Grafen von Morcerf, sondern an dem Fischer Fernand, dem Gatten der Katalonierin Mercedes.

 

Oh! rief die Gräfin, welch eine furchtbare Rache für einen Fehler, den ein Mißgeschick mich begehen ließ! Denn die Schuldige bin ich, Edmond, und wenn Sie sich an jemand zu rächen haben, so ist es an mir, weil es mir an Kraft gebrach, gegen Ihre Abwesenheit und meine Einsamkeit zu kämpfen.

 

Doch warum war ich abwesend, warum waren Sie einsam? – Weil Sie im Gefängnis saßen.

 

Und warum wurde ich verhaftet, warum saß ich im Gefängnis? – Ich weiß es nicht.

 

Ja, Sie wissen es nicht, gnädige Frau, wenigstens hoffe ich dies. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich wurde verhaftet, ich war Gefangener, weil unter der Laube der Reserve, am Vorabend des Tages, an dem ich Sie heiraten sollte, ein Mensch namens Danglars einen Brief geschrieben hatte, den der Fischer Fernand selbst auf die Post zu bringen übernahm.

 

Monte Christo ging an einen Sekretär, zog eine Schublade auf, aus der er ein vergilbtes Papier nahm und legte dieses Papier vor Mercedes‘ Angin. Es war der Brief von Danglars an den Staatsanwalt.

 

Mercedes las voll Schrecken die Denunziation.

 

Oh! mein Gott, rief sie, mit der Hand über ihre von Schweiß befeuchtete Stirn fahrend; dieser Brief …

 

Ich habe ihn um 200 000 Franken gekauft, und das war noch wohlfeil, da er mir heute gestattet, mich in Ihren Augen von jeder Schuld freizusprechen.

 

Und der Erfolg dieses Briefes?

 

Sie wissen, war meine Verhaftung; doch Sie wissen nicht, wie lange diese Haft gedauert hat; Sie wissen nicht, daß ich vierzehn Jahre, eine Viertelstunde von Ihnen entfernt, in einem Kerker des Kastells If geschmachtet habe. Sie wissen nicht, daß ich jeden Tag in diesen vierzehn Jahren das Gelübde der Rache erneuert habe, das ich am ersten Tage aussprach, und ich wußte nicht einmal, daß Sie Fernand, meinen Denunzianten, geheiratet hatten, und daß mein Vater gestorben, vor Hunger gestorben war!

 

Gerechter Gott! rief Mercedes wankend.

 

Aber ich habe dies erfahren, als ich das Gefängnis nach vierzehn Jahren wieder verließ, und darum habe ich geschworen, mich an Fernand zu rächen, und ich räche mich.

 

Und Sie wissen gewiß, daß Fernand dies getan hat?

 

Bei meiner Seele. Übrigens ist das nicht schlechter, als wenn man als Franzose durch Adoption zu den Engländern übergeht, als Spanier von Geburt gegen die Spanier kämpft und in Alis Solde Ali verrät und ermordet. Was war im Vergleich dazu der Brief, den Sie gelesen? Ein schlauer Kniff, den die Frau, die diesen Menschen heiratet, ich gestehe und begreife dies, verzeihen muß, den aber der Geliebte, der sie heiraten sollte, nicht vergißt. Wohl! die Franzosen haben sich nicht an dem Verräter gerächt, die Spanier haben den Verräter nicht erschossen, in seinem Grabe liegend, hat Ali den Verräter unbestraft gelassen; doch ich, verraten, ermordet, ebenfalls in ein Grab geworfen, bin aus diesem Grabe durch Gottes Gnade hervorgegangen und bin es Gott schuldig, daß ich mich räche; er schickt mich zu diesem Zwecke hierher, und hier bin ich.

 

Die arme Frau ließ ihren Kopf und ihre Hände sinken; ihre Beine bogen sich unter ihr, und sie fiel auf die Knie.

 

Verzeihen Sie mir, Edmond, sagte sie, verzeihen Sie, meinetwegen, denn ich liebe Sie noch!

 

Die Würde der Gattin zügelte den Ausdruck ihrer Worte. Ihre Stirn neigte sich, daß sie beinahe den Boden berührte. Der Graf eilte auf sie zu und hob sie auf. Auf einem Stuhle sitzend, konnte sie nur durch ihre Tränen sein männliches Gesicht betrachten, aus dem Schmerz und Haß abermals drohend sich ausprägten.

 

Daß ich das verfluchte Geschlecht nicht niedertrete! murmelte er, daß ich Gott ungehorsam werde, der mich zu seiner Bestrafung wiedererweckt hat, unmöglich, gnädige Frau, es kann nicht sein!

 

Edmond, sagte die arme Mutter, alle Mittel versuchend; mein Gott! wenn ich Sie Edmond nenne, warum nennen Sie mich nicht Mercedes?

 

Mercedes! wiederholte Monte Christo, Mercedes! ja wohl! Sie haben recht, es ist noch süß für mich, diesen Namen auszusprechen, und zum erstenmale seit langer Zeit klingt er so klar von meinen Lippen. Oh! Mercedes, ich habe Ihren Namen mit den Seufzern der Schwermut, mit dem Stöhnen des Schmerzes, mit dem Röcheln der Verzweiflung ausgesprochen; ich habe ihn ausgesprochen, von der Kälte zu Eis erstarrt, auf dem Stroh meines Kerkers kauernd; ich habe ihn ausgesprochen, verzehrt von der Hitze und mich auf den Platten meines Gefängnisses wälzend. Mercedes, ich muß mich rächen, denn vierzehn Jahre lang habe ich gelitten, vierzehn Jahre lang habe ich geweint, geflucht, nun muß ich mich rächen, Mercedes!

 

Rächen Sie sich, Edmond, rief die arme Mutter, aber rächen Sie sich an den Schuldigen, rächen Sie sich an mir, rächen Sie sich nicht an meinem Sohne!

 

Es steht geschrieben im heiligen Buche, antwortete Monte Christo, die Sünden der Eltern sollen auf ihre Kinder zurückfallen bis in das dritte und vierte Glied. Da Gott diese seine eigenen Worte seinem Propheten diktiert hat, warum sollte ich besser sein als Gott?

 

Weil Gott vor den Menschen die Zeit und die Ewigkeit hat.

 

Monte Christo stieß ein Stöhnen aus.

 

 

Edmond! fuhr Mercedes, die Arme gegen den Grafen ausstreckend, fort, seitdem ich Sie kenne, habe ich Ihren Namen angebetet, Ihr Andenken geehrt, Edmond! Oh, zwingen Sie mich nicht, dieses edle Bild zu trüben, das unablässig in dem Spiegel meines Herzens widerstrahlte. Edmond, wenn Sie alle Gebete kennen würden, die ich für Sie an Gott richtete, solange ich hoffte, Sie wären noch am Leben, und seitdem ich Sie für tot hielt! Ja für tot, man sagte, Sie hätten fliehen wollen, Sie wären in das Leichentuch eines Toten geschlüpft, und sodann vom Kastell herab in das Meer geschleudert worden; der Schrei, den Sie, auf den Felsen zerschellend, ausgestoßen, habe Ihre verwegene Tat und zugleich Ihren Tod verkündet. Wohl! Edmond, ich schwöre Ihnen bei dem Haupte des Sohnes, für den ich zu Ihnen flehe, Edmond, zehn Jahre lang sah ich jede Nacht Menschen, die etwas auf einem Felsen schaukelten; zehn Jahre lang hörte ich einen furchtbaren Schrei, der mich eisig erschauern ließ, so daß ich erwachte. Und auch ich, Edmond, oh! glauben Sie mir, auch ich, so sehr ich schuldig war, habe viel gelitten!

 

Haben Sie gefühlt, wie Ihr Vater während Ihrer Abwesenheit verhungert ist? rief Monte Christo, haben Sie die Frau, die Sie liebten, dem Nebenbuhler die Hand reichen sehen, während Sie in der Tiefe des Abgrundes röchelten?

 

Nein, doch ich habe den, welchen ich liebte, bereit gesehen, der Mörder meines Sohnes zu werden!

 

Mercedes sprach diese Worte mit einem so mächtigen Schmerz, mit einem so verzweiflungsvollen Ausdruck, daß sich der Brust des Grafen ein schmerzliches Schluchzen entriß. Der Löwe war bezähmt, der Rächer war besiegt.

 

Was verlangen Sie von mir? sagte er; daß Ihr Sohn lebe? Wohl! er wird leben! …

 

Mercedes stieß einen Schrei aus, der zwei Tränen unter den Augenlidern des Grafen hervorquellen ließ; doch sie verschwanden sofort wieder, denn ohne Zweifel hatte Gott einen Engel geschickt, um sie zu sammeln, da sie viel kostbarer waren in den Augen des Herrn, als die kostbarsten Perlen.

 

Oh! rief sie, die Hand des Grafen ergreifend und an ihre Lippen drückend, oh! Dank, Dank, Edmond! Nun bist du so, wie ich dich immer geträumt, wie ich dich geliebt habe. Oh! nun kann ich es dir sagen.

 

Um so eher, erwiderte Monte Christo, als der arme Edmond nicht mehr viel Zeit haben wird, von Ihnen geliebt zu werden. Der Tod kehrt in das Grab, das Gespenst kehrt in die Nacht zurück.

 

Was sagen Sie, Edmond? – Ich sage, da Sie es befehlen, Mercedes, so muß ich sterben.

 

Sterben! Und wer sagt dies? Wer spricht vom Sterben? Woher kommen Ihnen diese Todesgedanken?

 

Sie können nicht annehmen, daß ich, öffentlich, im Angesicht eines ganzen Saales, in Gegenwart der Freunde Ihres Sohnes herausgefordert und beleidigt, noch länger leben mag. Was ich nach Ihnen am meisten auf der Welt geliebt, Mercedes, das bin ich, das heißt, meine Würde, das heißt diese Kraft, durch die ich über andere Menschen erhaben war; diese Kraft war mein Leben; Sie brechen sie, und ich sterbe.

 

Doch der Zweikampf wird nicht stattfinden, Edmond, da Sie verzeihen.

 

Er wird stattfinden, sagte feierlich Monte Christo, nur wird statt des Blutes Ihres Sohnes meines fließen.

 

Mercedes stieß einen gewaltigen Schrei aus und stürzte auf Monte Christo zu, doch plötzlich hielt sie an und sagte: Edmond, es ist ein Gott über uns, da Sie leben, da ich Sie wiedergesehen, und ich baue auf ihn aus der Tiefe meines Herzens. Indem ich auf seine Hilfe hoffe, verlasse ich mich auf Ihr Wort. Sie haben gesagt, mein Sohn werde leben; nicht wahr, er wird leben?

 

Ja, er wird leben, sagte Monte Christo, erstaunt, daß Mercedes seine eigene Aufopferung ohne weiteren Protest angenommen hatte.

 

Mercedes reichte dem Grafen die Hand und sagte, während ihre Augen sich mit Tränen befeuchteten: Edmond, wie schön ist es von Ihnen, wie groß ist das, was Sie soeben getan, wie erhaben ist es, mit einer Frau Mitleid zu haben, die kaum mit einem Schimmer von Hoffnung vor Sie trat! Ach! ich bin mehr durch den Kummer als durch die Jahre alt geworden und kann meinen Edmond nicht einmal mehr durch einen Blick an jene Mercedes erinnern, die er nicht müde wurde anzuschauen. Oh! glauben Sie nur, Edmond, ich habe Ihnen gesagt, daß auch ich gelitten; ich wiederhole Ihnen, es ist sehr traurig, sein Leben hingehen zu sehen, ohne sich einer einzigen Freude zu erinnern, ohne eine einzige Hoffnung zu bewahren. Aber ich wiederhole Ihnen auch, Edmond, es ist groß, es ist schön, es ist erhaben, zu verzeihen, wie Sie es getan haben!

 

Mercedes schaute noch einmal den Grafen mit einer Miene an, die zugleich ihr Erstaunen, ihre Bewunderung und ihre Dankbarkeit ausdrückte. Dann sagte sie innig:

 

Edmond, ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu sagen. Sie werden sehen, daß, wenn meine Stirn erbleicht ist, wenn meine Augen erloschen sind, wenn Mercedes in ihren Zügen sich selbst nicht mehr gleicht, Sie werden sehen, daß das Herz immer noch das gleiche Gefühl hegt! Leben Sie wohl, Edmond; ich habe vom Himmel nichts mehr zu verlangen! … Ich habe Sie wiedergesehen, und so groß und edel gesehen wie einst. Gott befohlen, Edmond … und Dank!

 

Doch der Graf antwortete nicht.

 

Mercedes öffnete die Tür des Kabinetts und war verschwunden, ehe er aus der tiefen, schmerzlichen Träumerei erwachte, in die ihn die plötzliche Verrückung seines Rache- und Lebenszieles versenkt hatte.

 

Es schlug ein Uhr im Invalidenhause, als der Graf von Monte Christo bei dem Geräusch des Wagens, der Frau von Morcerf fortführte, den Kopf erhob.

 

Ich Wahnsinniger, sagte er, daß ich mir nicht an dem Tage, wo ich mich zu rächen beschloß, das Herz ausgerissen habe!

 

Das Duell

 

Das Duell

 

Nach Mercedes Entfernung versank bei Monte Christo altes wieder in Schatten. Wie! sagte er zu sich selbst, während sich die Lampe und die Kerzen traurig verzehrten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer warteten; wie, das so langsam vorbereitete, mit so viel Mühe und so vielen Sorgen errichtete Gebäude ist mit einem einzigen Schlage, mit einem einzigen Worte, mit einem Hauche eingestürzt! Wie! Dieses Ich, das ich für etwas hielt, dieses Ich, auf das ich so stolz war, dieses Ich, das ich in den Kerkern des Schlosses If so klein gesehen und dann so groß zu machen gewußt hatte, wird morgen ein Häuflein Staub sein! Ach! es ist nicht der Tod des Körpers, was ich beklage. Was ist der Tod für mich? Eine weitere Stufe in der Ruhe und zwei weitere in der Stille. Nein, es ist nicht das Dasein, was ich beklage, es ist die Zertrümmerung meiner so mühsam ausgearbeiteten und aufgebauten Entwürfe. Die Vorsehung, von der ich glaubte, sie sei mit mir, war also dagegen?

 

Die Last, fast so schwer wie eine Welt, die ich aufhob und bis an das Ziel tragen zu können glaubte, entsprach meinem Wunsche, aber nicht meiner Kraft; meinem Willen, aber nicht meiner Macht, und ich muß sie schon auf der Hälfte des Weges niederlegen. Oh! ich werde wieder Fatalist werden, ich, den vierzehn Jahre der Verzweiflung und sechzehn Jahre der Hoffnung zu einem Gottesverehrer gemacht haben!

 

Und dies alles, mein Gott! weil mein Herz, das ich für tot hielt, nur entschlummert war, weil es erwachte, weil es schlug, weil ich dem Schmerze dieses Herzschlages nachgab, den die Stimme einer Frau in der Tiefe meiner Brust wieder zum Leben erweckte. Und dennoch, fuhr der Graf, sich immer mehr in die Gedanken an den nächsten Tag vertiefend, fort, und dennoch ist es unmöglich, daß diese Frau, ein so edles Herz, aus Selbstsucht eingewilligt hat, mich, den Mann voll Kraft und Leben, töten zu lassen! Es ist unmöglich, daß sie bis zu diesem Grade die mütterliche Liebe, oder vielmehr den mütterlichen Wahnsinn treibt! Es gibt Tugenden, deren Übertreibung ein Verbrechen wäre. Nein, sie wird irgend eine pathetische Szene ersonnen haben, sie wird kommen und sich zwischen die Degen werfen, uns das wird das Erhabene lächerlich machen.

 

Die Röte des Stolzes stieg Monte Christo auf die Stirn.

 

Lächerlich, wiederholte er, und die Lächerlichkeit wird auf mich zurückfallen … Ich, lächerlich! Lieber sterben. Dummheit! Dummheit! rief er endlich, so den Edelmut üben und sich wie eine träge Zielscheibe vor den Pistolenlauf eines jungen Mannes stellen! Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbstmord sei, und dennoch bin ich es der Ehre meines Andenkens schuldig, daß die Welt erfährt, ich habe freiwillig meinen bereits zum Schlage erhobenen Arm aufgehalten, und mich mit dem gegen andere so mächtig bewaffneten Arm selbst geschlagen. Es muß sein, und ich werde es tun.

 

Und er nahm eine Feder, zog ein Papier aus dem geheimen Fache seines Büros und fügte unten an die Schrift, die nichts anderes war, als sein nach seiner Ankunft in Paris gemachtes Testament, einen Nachtrag, der die Ursache seines Todes auch dem Blödesten klar legte.

 

Mein Gott! ich tue dies, sagte er, die Augen zum Himmel aufschlagend, ich tue dies ebensowohl für deine Ehre, als für die meinige. Oh, mein Gott! ich habe mich seit zehn Jahren als den Abgesandten deiner Rache betrachtet, und es soll sich kein Elender wie dieser Morcerf, es soll sich kein Danglars, kein Villefort einbilden, der Zufall habe sie von ihrem Feinde befreit. Sie mögen erfahren, daß die Vorsehung, die bereits ihre Bestrafung beschlossen, nur durch die Macht meines Willens eine Änderung gestattete, daß die Strafe nur aufgeschoben ist und in der andern Welt ihrer harrt, und daß sie für die Zeit nur die Ewigkeit eingetauscht haben.

 

Während er so in der düsteren Ungewißheit und den üblen Träumen eines durch den Schreck erweckten Menschen schwebte, begann der Tag an den Fenstern zu erscheinen und unter seinen bleichen Händen das Papier zu erhellen, auf das er diese seine letzte Rechtfertigung geschrieben hatte. Plötzlich drang ein leichtes Geräusch an sein Ohr. Er glaubte etwas wie einen erstickten Seufzer gehört zu haben; er wandte den Kopf, schaute umher und sah niemand. Nun wiederholte sich aber das Geräusch deutlich.

 

Da stand er auf, öffnete sacht die Tür des Salons und sah auf einem Lehnstuhle mit niederhängenden Armen und geneigtem bleichem Kopf Haydee, die sich quer vor die Tür gesetzt hatte, damit er nicht, ohne sie zu sehen, hinausgehen könnte, die aber nach langem Wachen von dem übermächtigen Schlaf bezwungen worden war.

 

Das Geräusch der Tür weckte sie nicht, und Monte Christo heftete einen Blick voll Weichheit und Mitleid auf sie.

 

Sie hat sich erinnert, daß sie einen Sohn besitzt, sagte er, und ich habe vergessen, daß ich eine Tochter besitze. Dann fuhr er, traurig den Kopf schüttelnd, fort: Arme Haydee! sie wollte mich sehen, sie wollte mich sprechen, sie hat etwas befürchtet oder erraten … Ah! ich kann nicht von hinnen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ich kann nicht sterben, ohne sie irgend jemand anzuvertrauen.

 

Und er kehrte sacht an seinen Platz zurück und schrieb unter die ersten Zeilen:

 

Ich vermache Maximilian Morel, Kapitän der Spahis und Sohn meines ehemaligen Patrons Pierre Morel, Reeders in Marseille, zwanzig Millionen, wovon ein Teil von ihm seiner Schwester Julie und seinem Schwager Emanuel angeboten werden soll, wenn er nicht glaubt, ein solcher Vermögenszuwachs könne ihrem Glücke schaden. Diese zwanzig Millionen sind in meiner Grotte in Monte Christo vergraben, deren Geheimnis Bertuccio kennt.

 

Ist sein Herz frei, und er will Haydee, die Tochter Alis, des Paschas von Janina, heiraten, die ich mit der Liebe eines Vaters erzogen habe, und die für mich die Liebe und Zärtlichkeit einer Tochter gehabt hat, so wird er dadurch meinen letzten Wunsch erfüllen.

 

Gegenwärtiges Testament hat bereits Haydee zur Erbin meines übrigen Vermögens gemacht, das in Ländereien, englischen, und holländischen Renten und in dem Mobiliar in meinen verschiedenen Palästen und Häusern besteht, was sich nach Abzug dieser zwanzig Millionen und der verschiedenen Legate zu Gunsten meiner Diener immer noch auf sechzig Millionen belaufen mag.

 

Er vollendete eben die letzte Zeile, als ein hinter ihm ausgestoßener Schrei die Feder seinen Händen entfallen ließ. Haydee, sagte er, du hast gelesen?

 

Erweckt vom Tageslicht, das auf ihre Augenlider fiel, hatte sie sich in der Tat erhoben und dem Grafen genähert, ohne daß er ihre leichten und überdies vom Teppich gedämpften Tritte gehört hatte.

 

Oh! Herr, sprach sie, die Hände faltend, warum schreibst du zu einer solchen Stunde? Warum vermachst du mir dein ganzes Vermögen? Du verläßt mich?

 

Ich will eine Reise machen, liebes Kind, sagte Monte Christo mit einem Ausdrucke voll unendlicher Schwermut und Zärtlichkeit, und wenn mir Unglück widerführe … Der Graf hielt inne.

 

Nun? … fragte Haydee mit einer Bestimmtheit, die der Graf nicht an ihr kannte.

 

Nun, wenn mir das Unglück widerführe, sagte Monte Christo, so will ich, daß meine Tochter glücklich sei.

 

Haydee schüttelte traurig den Kopf und sagte: Du denkst an den Tod, oh Herr?

 

Es ist ein heilsamer Gedanke, wie der Weise sagt. Wohl! wenn du stirbst, sagte sie, so vermache dein Vermögen anderen, denn ich brauche nichts mehr.

 

Und sie nahm das Papier und zerriß es in vier Stücke, die sie mitten in das Zimmer warf. Doch diese für eine Sklavin so ungewöhnliche Energie hatte ihre Kräfte erschöpft, und sie fiel ohnmächtig zu Boden. Monte Christo neigte sich auf sie herab und hob sie in seinen Armen empor; und als er dieses schöne, bleiche Antlitz, diese schönen, geschlossenen Augen, diesen schönen, unbelebten Körper sah, kam ihm zum erstenmale der Gedanke, sie liebe ihn vielleicht auf andere Weise, als wie eine Tochter ihren Vater liebt.

 

Ach! murmelte er mit einer tiefen Entmutigung, ich hätte vielleicht noch glücklich sein können!

 

Dann trug er Haydee in ihr Gemach, übergab sie hier, noch ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen, kehrte in sein Kabinett zurück, das er rasch schloß, und schrieb nun das zerrissene Testament noch einmal. Als er vollendete, ließ sich das Geräusch eines in den Hof fahrenden Wagens hören. Monte Christo näherte sich dem Fenster und sah Maximilian und Emanuel aussteigen.

 

Gut, sagte er, es war Zeit! Und er versiegelte sein Testament mit einem dreifachen Siegel.

 

Nach einem Augenblick hörte er das Geräusch von Tritten im Salon und öffnete selbst. Morel erschien auf der Schwelle, zwanzig Minuten vor der verabredeten Stunde.

 

Ich komme vielleicht zu bald, Herr Graf, sagte er, aber ich gestehe offen, ich konnte keine Minute schlafen, und so war es im ganzen Hause. Um wieder ich selbst zu werden, mußte ich Sie stark in Ihrer mutigen Sicherheit sehen.

 

Monte Christo vermochte diesem Beweise von Zuneigung nicht zu widerstehen, und er reichte dem jungen Manne nicht die Hand, sondern öffnete ihm seine Arme.

 

Morel, sagte er mit bewegter Stimme, es ist ein schöner Tag für mich, der Tag, an dem ich mich von einem Manne, wie Sie sind, geliebt fühle … Guten Morgen, Herr Emanuel. Sie kommen also mit mir, Maximilian?

 

Bei Gott! erwiderte der junge Mann, haben Sie daran gezweifelt?

 

Ich hatte jedoch unrecht …

 

Hören Sie, ich beobachtete Sie gestern während der ganzen Herausforderungsszene, ich dachte die ganze Nacht hindurch an Ihre Sicherheit und sagte mir, wenn nicht alles trügt, muß die Gerechtigkeit für Sie sein.

 

Ich danke, Morel.

 

Dann schlug der Graf einmal auf das Glöckchen und sagte zu Ali, der sogleich eintrat: Laß dies zu meinem Notar tragen. Es ist mein Testament, Morel. Wenn ich tot bin, nehmen Sie Kenntnis davon.

 

Wie! rief Morel, Sie tot?

 

Ei! muß man nicht auf alles gefaßt sein, lieber Freund? Doch, Morel, sagte der Graf, Sie sahen mich nie mit Pistolen schießen? – Nein.

 

Wohl, wir haben noch Zeit, sehen Sie!

 

Monte Christo nahm seine Pistolen, klebte ein Kreuzaß an die Scheibe und schoß mit vier aufeinander folgenden Schüssen, die vier Zweige des Kreuzes weg. Bei jedem Schusse erbleichte Morel.

 

Er untersuchte die Kugeln, mit denen Monte Christo dieses Kraftstück ausführte, und sah, daß sie nicht dicker waren, als Rehschrote.

 

Das ist furchtbar, sagte er, sehen Sie, Emanuel! Dann wandte er sich an Monte Christo mit den Worten: Graf, im Namen des Himmels, töten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter!

 

Das ist richtig, sagte Monte Christo, und ich habe keine.

 

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, der Morel beben ließ.

 

Sie sind der Beleidigte, Graf, und schießen zuerst.

 

Ich schieße zuerst.

 

Oh! das habe ich erlangt, oder vielmehr gefordert.

 

Auf wieviel Schritte? – Auf zwanzig.

 

Ein furchtbares Lächeln zog über die Lippen des Grafen hin, als er sagte: Morel, vergessen Sie nicht, was Sie soeben gesehen haben.

 

Ich rechne nur auf Ihre Aufregung, um Albert zu retten, sprach der junge Mann.

 

Ich aufgeregt? entgegnete Monte Christo.

 

Oder auf Ihren Edelmut, mein Freund; bei der Sicherheit Ihres Schusses kann ich Ihnen nur eines sagen, was lächerlich wäre, wenn ich es einem anderen sagen würde.

 

Was?

 

Zerschmettern Sie ihm den Arm, verwunden Sie ihn, aber töten Sie ihn nicht.

 

Morel, hören Sie noch folgendes; ich bedarf keiner Aufmunterung, Herrn von Morcerf zu schonen; Herr von Morcerf, das künde ich Ihnen zum voraus an, wird so geschont sein, daß er ruhig mit seinen Freunden zurückkommt, während ich …

 

Nun! Sie?

 

Oh! Mich wird man zurücktragen.

 

Gehen Sie! rief Maximilian außer sich.

 

Es ist, wie ich Ihnen sage, mein lieber Morel, Herr von Morcerf wird mich töten.

 

Morel schaute den Grafen wie ein Mensch an, der nicht mehr begreift.

 

Was ist Ihnen seit gestern abend begegnet?

 

Es ist mir begegnet, was Brutus am Vorabend der Schlacht von Philippi begegnete: ich habe ein Gespenst gesehen.

 

Und dieses Gespenst?

 

Dieses Gespenst sagte mir, ich habe genug gelebt.

 

Maximilian und Emanuel schauten einander an; Monte Christo zog seine Uhr und sagte: Gehen wir, es ist sieben Uhr, und die Zusammenkunft ist auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Ein angespannter Wagen wartete; Monte Christo stieg mit seinen Zeugen ein. Als man durch den Flur ging, blieb Monte Christo vor einer Tür stehen, um zu horchen; Maximilian und Emanuel, die aus Diskretion einige Schritte vorausgegangen waren, glaubten ihn seufzen zu hören. Schlag acht war man an dem verabredeten Platze.

 

Wir sind an Ort und Stelle und kommen zuerst, sagte Morel, den Kopf durch den Kutschenschlag steckend.

 

Der Herr wird mich entschuldigen, versetzte Baptistin, der seinem Gebieter mit unsäglichem Schrecken gefolgt war, ich glaube dort unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.

 

Monte Christo sprang leicht aus seiner Kalesche und gab Emanuel und Maximilian die Hand, um ihnen aussteigen zu helfen. Maximilian hielt die Hand des Grafen in der seinigen zurück und sagte: Das gefällt mir, das ist eine Hand, wie ich sie gern bei einem Manne sehe, dessen Leben auf seiner guten Sache beruht.

 

Ich erblicke wirklich zwei junge Männer, die auf und ab gehen und zu warten scheinen, sagte Emanuel.

 

Monte Christo zog Morel ein paar Schritte hinter seinen Schwager zurück und fragte ihn: Max, ist Ihr Herz frei?

 

Morel schaute Monte Christo erstaunt an.

 

Ich verlange kein Geständnis von Ihnen, mein Freund, ich richte eine einfache Frage an Sie; antworten Sie ja oder nein, mehr verlange ich nicht von Ihnen.

 

Ich liebe ein Mädchen, Graf.

 

Lieben Sie es innig? – Mehr als mein Leben.

 

Da entgeht mir abermals eine Hoffnung, sagte Monte Christo. Dann murmelte er mit einem Seufzer: Arme Haydee!

 

In der Tat, Graf, rief Morel, wenn ich Sie weniger kennen würde, müßte ich Sie für minder tapfer halten, als Sie sind.

 

Weil ich an jemand denke, den ich verlassen soll, und seufze? Morel, versteht sich ein Soldat so wenig auf den Mut! Beklage ich das Leben? Was ist mir an Leben oder Sterben gelegen, mir, der zwanzig Jahre zwischen Leben und Tod zugebracht hat? Seien Sie übrigens unbesorgt, diese Schwäche, wenn man es eine Schwäche nennen darf, ist nur für Sie vorhanden. Ich weiß, daß die Welt ein Salon ist, den man höflich und anständig, das heißt grüßend und seine Spielschulden bezahlend, verlassen muß.

 

Gut! das heiße ich sprechen, sagte Morel. Doch haben Sie Ihre Waffen mitgebracht?

 

Ich? Warum? Ich hoffe, diese Herren werden die ihrigen haben.

 

Ich will mich erkundigen.

 

Morel ging auf Beauchamp und Chateau-Renaud zu. Als diese Maximilians Bewegung bemerkten, traten sie ihm einige Schritte entgegen. Die drei jungen Leute grüßten sich, wenn nicht freundlich, doch höflich.

 

Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Morel, doch ich sehe Herrn von Morcerf nicht.

 

Er hat uns heute morgen sagen lassen, er würde erst an Ort und Stelle mit uns zusammentreffen.

 

Übrigens kommt hier ein Wagen, bemerkte Chateau-Renaud.

 

Es kam wirklich in scharfem Trabe ein Wagen herbei.

 

Meine Herren, sagte Morel, ohne Zweifel haben Sie Pistolen bei sich, Herr von Monte Christo erklärt, er leiste auf sein Recht, sich der seinigen zu bedienen, Verzicht.

 

Wir sahen diese Zartheit von seiten des Grafen vorher, Herr Morel, antwortete Beauchamp, und ich brachte die Pistolen mit, die ich mir vor acht Tagen gekauft habe. Sie sind ganz neu und haben noch niemand gedient; wollen Sie sie untersuchen?

 

Herr Beauchamp, erwiderte Morel, sich verbeugend, wenn Sie mir versichern, Herr von Morcerf kenne diese Waffen nicht, so genügt mir natürlich Ihr Wort.

 

Meine Herren, sagte Chateau-Renaud, nicht Morcerf ist in diesem Wagen angekommen, sondern Franz und Debray.

 

Sie hier, meine Herren! sagte Chateau-Renaud, mit jedem einen Händedruck austauschend, und durch welchen Zufall?

 

Albert hat uns bitten lassen, wir möchten uns hier einfinden.

 

Beauchamp und Chateau-Renaud sahen sich erstaunt an.

 

Meine Herren, versetzte Morel, ich glaube zu begreifen.

 

Lassen Sie hören.

 

Gestern nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, der mich bat, in die Oper zu kommen.

 

Und ich auch, sagte Debray.

 

Und ich auch, sprach Franz.

 

Und wir auch, sagten Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Sie sollten nach seinem Willen bei der Herausforderung gegenwärtig sein, fuhr Morel fort, und sollen nun auch seinem Zweikampfe beiwohnen.

 

Ja, meinten alle, so wird es sein.

 

Doch Albert kommt immer noch nicht, murmelte Chateau-Renaud, es sind zehn Minuten darüber.

 

Hier kommt er, rief Beauchamp, er ist zu Pferde und reitet, von seinem Bedienten begleitet, mit Windeseile.

 

Welche Unklugheit, sagte Chateau-Renaud, zu Pferde zu kommen, um sich auf Pistolen zu schlagen! Ich habe ihm doch eine so gute Lektion gegeben!

 

Und dann, sehen Sie, sagte Beauchamp, mit einem Kragen an der Halsbinde, mit offenem Rock und weißer Weste; warum hat er sich nicht einen schwarzen Fleck auf den Magen zeichnen lassen, das wäre noch einfacher gewesen.

 

Währenddessen war Albert bis auf zehn Schritte herangekommen? er hielt sein Pferd an, sprang zu Boden und warf die Zügel seinem Bedienten zu.

 

Albert war bleich und hatte rote, geschwollene Augen; man sah, daß er die ganze Nacht keine Sekunde geschlafen. Über sein ganzes Antlitz war ein Ausdruck traurigen Ernstes gebreitet, wie man ihn sonst nie bei ihm sah.

 

Ich danke, meine Herren, daß Sie die Güte gehabt haben, meiner Einladung zu entsprechen, sagte er, glauben Sie mir, ich bin Ihnen für dieses Zeichen der Freundschaft im höchsten Maße erkenntlich.

 

Morel hatte, als sich Morcerf näherte, zehn Schritte rückwärts gemacht und stand entfernt.

 

Auch Ihnen gebührt mein Dank, Herr Morel, sagte Albert. Kommen Sie zu uns, Sie sind nicht zuviel hier.

 

Mein Herr, erwiderte Maximilian, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Zeuge Ihres Gegners bin.

 

Ich war dessen nicht gewiß, doch vermutete ich es. Desto besser! je mehr Ehrenmänner hier anwesend sind, desto mehr werde ich mich befriedigt fühlen.

 

Herr Morel, sagte Chateau-Renaud, Sie können dem Herrn Grafen von Monte Christo ankündigen, daß Herr von Morcerf eingetroffen ist und daß wir zu seiner Verfügung stehen.

 

Morel machte eine Bewegung, um sich seines Auftrages zu entledigen. Beauchamp zog zu gleicher Zeit sein Pistolenkästchen aus dem Wagen.

 

Warten Sie, meine Herren, sagte Albert, ich habe Herrn von Monte Christo ein paar Worte zu sagen.

 

Unter vier Augen? fragte Morel.

 

Nein, vor allen.

 

Alberts Zeugen schauten sich erstaunt an; Franz und Debray wechselten leise ein paar Worte, und Morel kehrte, freudig über diesen unerwarteten Zwischenfall, zu dem Grafen zurück, der mit Emanuel spazieren ging.

 

Was will er von mir? fragte Monte Christo.

 

Ich weiß nicht; er verlangt mit Ihnen zu sprechen.

 

Oh! er versuche Gott nicht durch eine neue Beleidigung!

 

Ich glaube nicht, daß dies seine Absicht ist, entgegnete Morel.

 

Der Graf ging, von Maximilian und Morel begleitet, vorwärts; sein ruhiges, heiteres Antlitz stand in seltsamem Widerspruch zu dem verstörten Antlitz Alberts, der sich ihm mit den vier jungen Leuten näherte.

 

Drei Schritte voneinander blieben Albert und der Graf stehen.

 

Meine Herren, nähern Sie sich, sagte Albert; kein Wort von dem, was ich Herrn von Monte Christo zu sagen die Ehre haben werde, soll verloren gehen, denn was ich sage, mögen Sie jedem wiederholen, der es hören will, so seltsam meine Rede auch erscheinen mag.

 

Ich warte, mein Herr, sagte der Graf.

 

Herr Graf, begann Albert mit einer anfangs zitternden Stimme, die jedoch immer mehr Sicherheit gewann, Herr Graf, ich machte Ihnen zum Vorwurf, daß Sie das Benehmen des Herrn von Morcerf in Epirus bekannt machten, denn so schuldig auch Herr von Morcerf war, so glaubte ich doch nicht, Sie seien berechtigt, ihn zu bestrafen. Heute aber weiß ich, daß Sie dieses Recht haben. Nicht der Verrat Fernand Mondegos gegen Ali Pascha macht mich so bereitwillig, Sie zu entschuldigen, sondern der Verrat des Fischers Fernand gegen Sie und das unerhörte Unglück, das die Folge dieses Verrats gewesen ist. Auch sage ich und erkläre ich laut: Ja, mein Herr, Sie haben recht gehabt, sich an meinem Vater zu rächen, und ich, sein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr getan haben.

 

Hätte der Blitz mitten unter die Zuschauer dieser unerwarteten Szene geschlagen, sie wären sicherlich nicht erstaunter gewesen, als bei dieser Erklärung.

 

Monte Christo erhob langsam die Augen zum Himmel mit einem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit und konnte nicht genug bewundern, wie die aufbrausende Natur Alberts, dessen Mut er in Rom kennen gelernt hatte, sich so völlig unter diese Demütigung beugte. Er erkannte Mercedes‘ Einfluß und begriff, wie deren edles Herz sich dem Opfer nicht widersetzt hatte, von dem es zum voraus wußte, daß es unnötig sein sollte.

 

Wenn Sie nun meine Entschuldigungen genügend finden, mein Herr, sagte Albert, so bitte ich Sie, geben Sie mir Ihre Hand.

 

 

Das Auge feucht, die Brust beklommen, den Mund halb geöffnet, reichte Monte Christo Albert seine Hand, die dieser mit einem Gefühle drückte, das einem ehrfurchtsvollen Schrecken glich.

 

Meine Herren, sagte er, Herr von Monte Christo hat die Güte, meine Entschuldigungen anzunehmen; ich hatte voreilig gegen ihn gehandelt. Die Eile ist eine schlechte Ratgeberin, ich handelte schlecht. Nun ist mein Fehler wieder gutgemacht. Ich hoffe, die Welt wird mich nicht für feig halten, weil ich getan, was mir mein Gewissen befohlen. Doch in jedem Falle, sollte man meinen Schritt falsch auffassen, sagte der junge Mann, stolz das Haupt erhebend, und als richtete er eine Aufforderung an seine Freunde und an seine Feinde, in jedem Fall würde ich diese Ansicht über mich in das rechte Geleise zu bringen wissen.

 

Was hat sich denn in der letzten Nacht ereignet? fragte Beauchamp Chateau-Renaud; es scheint mir, wir spielen hier eine traurige Rolle.

 

In der Tat, was Albert getan, ist entweder sehr erbärmlich oder sehr schön, antwortete der Baron.

 

Ah! lassen Sie hören? fragte Franz Debray, was soll das bedeuten? Wie! der Graf von Monte Christo entehrt Herrn von Morcerf, und er hat recht in den Augen seines Sohnes? Hätte ich zehn Janina in meiner Familie, so würde ich mich verpflichtet fühlen, mich zehnmal zu schlagen.

 

Die Stirn gesenkt, die Arme schlaff, niedergebeugt unter der Last von vierundzwanzig Jahren der Erinnerung, dachte Monte Christo weder an Albert, noch an Beauchamp, noch an Chateau-Renaud, noch an irgend einen von denen, die sich auf dem Platze fanden, sondern er dachte an die mutige Frau, die ihn um das Leben ihres Sohnes gebeten, der er das seinige angeboten, und die es ihm durch das furchtbare Geständnis eines Familiengeheimnisses gerettet, das in dem jungen Manne das Gefühl der Sohnesliebe für immer austilgte.

 

Stets die Vorsehung, murmelte er. Ah! heute erst weiß ich ganz gewiß, daß ich der Abgesandte Gottes bin.

 

Mutter und Sohn.

 

Mutter und Sohn.

 

Der Graf von Monte Christo grüßte die fünf jungen Männer mit einem Lächeln voll Schwermut und Würde und stieg mit Emanuel und Maximilian wieder in seinen Wagen.

 

Albert, Beauchamp und Chateau-Renaud blieben allein zurück. Der junge Mann heftete auf seine Zeugen einen Blick, der sie, ohne schüchtern zu sein, doch um ihre Ansicht über das, was vorgefallen war, zu fragen schien.

 

Meiner Treu, Freund! sagte Beauchamp, erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünschen; das ist eine sehr unerwartete Entwickelung einer höchst unangenehmen Geschichte.

 

Albert blieb stumm und in Träumerei versunken. Chateau-Renaud begnügte sich, seinen Stiefel mit seinem Stocke zu peitschen. Gehen wir nicht? sagte er nach peinlichem Stillschweigen.

 

Wann es Ihnen beliebt, erwiderte Beauchamp; lassen Sie mir nur Zeit, Herrn von Morcerf mein Kompliment zu machen, er hat heute einen Beweis von so ritterlichem, von so … seltenem Edelmut abgelegt!

 

Sicher; ich für meine Person wäre dazu unfähig gewesen, versetzte Chateau-Renaud mit immer kälterem Tone.

 

Meine Herren, unterbrach sie Albert, ich glaube, Sie haben nicht begriffen, daß zwischen Herrn von Monte Christo und mir etwas sehr Ernstes vorgefallen ist …

 

Doch! doch! entgegnete Beauchamp rasch; es werden aber nicht alle Pariser imstande sein, Ihren Heldenmut zu begreifen, und früher oder später dürften Sie sich genötigt sehen, ihnen die Sache energischer zu erklären, als es für die Gesundheit Ihres Körpers und für die Dauer Ihres Lebens zuträglich sein möchte. Soll ich Ihnen einen Freundesrat geben? Gehen Sie nach Neapel, nach St. Petersburg, in Länder, wo man im Punkte der Ehre vernünftiger ist, als unsere verbrannten Pariser Gehirne. Sind Sie einmal dort, so schießen Sie mit der Pistole aus Leibeskräften und üben sich in Quarten und Terzen vom Morgen bis in die Nacht. Dann hat man Sie so weit vergessen, daß Sie in einigen Jahren unbehelligt nach Frankreich zurückkehren können, oder Sie sind geübt genug in der Handhabung der Waffen, um Ihre Ruhe wiederzuerobern. Nicht wahr, ich habe recht, Herr von Chateau-Renaud?

 

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, antwortete der Edelmann, nichts ruft so viele ernste Duelle hervor, als der Rücktritt von einem Duell.

 

Ich danke, meine Herren, erwiderte Albert mit kaltem Lächeln, ich werde Ihren Rat befolgen, nicht weil Sie mir ihn geben, sondern weil es meine Absicht war, Frankreich zu verlassen. Ich danke Ihnen auch für den Dienst, den Sie mir dadurch geleistet, daß Sie mir als Zeugen dienten. Er ist tief in mein Herz eingegraben, da ich nach den Worten, die ich soeben gehört, mich mir noch seiner erinnere.

 

Chateau-Renaud und Beauchamp schauten sich an, der Eindruck war bei beiden derselbe, und der Ton, mit dem Morcerf seinen Dank ausgedrückt, trug das Gepräge solcher Entschlossenheit an sich, daß die Lage für alle peinlich geworden wäre, wenn das Gespräch fortgedauert hätte.

 

Gott befohlen, Albert, sagte plötzlich Beauchamp, dem jungen Manne eine Hand reichend, ohne daß dieser aus seiner Lethargie zu erwachen schien.

 

Er ergriff in der Tat die Hand nicht.

 

Gott befohlen! sagte Chateau-Renaud, in der linken Hand sein Stöckchen haltend und mit der rechten grüßend.

 

Alberts Lippen murmelten kaum: Gott befohlen! Sein Blick war deutlicher, er enthielt ein ganzes Kapitel von gepreßtem Zorn, stolzer Verachtung und edler Entrüstung. Er beobachtete noch eine Zeitlang eine unbewegliche, schwermütige Haltung; dann machte er sein Pferd vom Baume los, sprang leicht in den Sattel und ritt im Galopp nach Paris zurück. Eine Viertelstunde nachher war er im Hofe des Hotels der Rue du Helder.

 

Als er vom Pferde stieg, glaubte er das bleiche Gesicht seines Vaters in dessen Schlafzimmer zu erblicken; Albert wandte seufzend den Kopf ab und kehrte in seinen Pavillon zurück.

 

Hier warf er einen letzten Blick auf alles, was ihm das Leben seit seiner Kindheit so süß und so glücklich gemacht hatte. Er beschaute noch einmal diese Gemälde, deren Gesichter ihm zu lächeln, deren Landschaften Saft und glühende Farben anzunehmen schienen. Dann holte er das Porträt seiner Mutter herunter und nahm es aus dem goldenen Rahmen. Hierauf ordnete er seine schönen türkischen Waffen, seine Gewehre, seine Trinkschalen, seine kunstreichen Bronzen, durchsuchte seine Schränke, warf in eine Schublade seines Sekretärs alles Taschengeld, das er bei sich trug, fügte die tausend Nippsachen hinzu, die sein Zimmer belebt hatten, machte von allem ein genaues Inventar und legte dieses auf die am meisten in die Augen fallende Stelle eines Tisches.

 

Als er diese Arbeit begann, war sein Diener, trotz Alberts Befehl, ihn allein zu lassen, in sein Zimmer getreten.

 

Was wollen Sie? fragte ihn Morcerf mit mehr traurigem, als zornigem Tone.

 

Verzeihen Sie, Herr Vicomte, erwiderte der Kammerdiener, Sie haben mir allerdings verboten, Sie zu stören, aber der Herr Graf von Morcerf läßt mich rufen. Ich wollte mich nicht zu dem Herrn Grafen begeben, ohne vorher Ihre Befehle zu hören.

 

Warum dies?

 

Weil der Herr Graf ohne Zweifel weiß, daß ich den Herrn Vicomte auf den Platz begleitet habe, und wenn er mich rufen läßt, so geschieht es ohne Zweifel, um mich über das, was vorgefallen ist, zu befragen. Was soll ich antworten?

 

Die Wahrheit.

 

Also werde ich sagen, das Duell habe nicht stattgefunden?

 

Sie sagen, ich habe mich bei dem Herrn Grafen von Monte Christo entschuldigt; gehen Sie!

 

Der Kammerdiener verbeugte sich und verließ das Zimmer. Albert ging wieder an sein Inventar. Als er damit fertig war, näherte er sich dem Fenster und sah seinen Vater in seine Kalesche steigen und ausfahren.

 

Kaum war die Tür des Hotels wieder hinter dem Grafen geschlossen, als Albert sich nach dem Zimmer seiner Mutter wandte, und da niemand anwesend war, ihn zu melden, so drang er bis in Mercedes‘ Schlafzimmer und blieb, während ihm das Herz anschwoll von dem, was er sah, und von dem, was er erriet, auf der Schwelle stehen.

 

Als ob diese beiden Körper eine Seele belebt hätte, machte Mercedes in ihrer Wohnung, was Albert in der seinigen getan hatte. Alles war in Ordnung gebracht: die Spitzen, die Schmucksachen, die Juwelen, das Weißzeug und das Geld lagen im Grunde der Schubladen aufgereiht, deren Schlüssel die Gräfin sorgfältig sammelte.

 

Albert sah alle diese Vorbereitungen; er begriff sie und fiel mit dem Ausrufe: Meine Mutter! Mercedes um den Hals.

 

Dieser ganze Aufwand von energischer Entschlossenheit, den er ohne weiteres für sich aufgewendet hatte, erschreckte ihn bei seiner Mutter. Was tun Sie denn? fragte er.

 

Was hast du getan? erwiderte sie.

 

Oh! meine Mutter, rief Albert so bewegt, daß er kaum sprechen konnte, es ist bei Ihnen etwas anderes, als bei mir; nein, Sie können nicht das gleiche beschlossen haben, wie ich; denn ich will Ihnen eben mitteilen, daß ich Ihrem Hause und … Ihnen Lebewohl sage.

 

Albert, ich reise auch. Ich gestehe, ich rechnete darauf, mein Sohn würde mich begleiten. Habe ich mich getäuscht?

 

Meine Mutter, erwiderte Albert mit Festigkeit, ich kann Sie dieses Schicksal nicht teilen lassen, das ich mir erwähle. Ich muß fortan ohne Namen und ohne Vermögen leben. Um die Lehrzeit dieses rauhen Daseins durchzumachen, muß ich von einem Freunde das Brot entleihen, das ich bis zu dem Augenblick essen werde, wo ich anderes verdiene.

 

Du, mein armes Kind, rief Mercedes, du sollst Armut erdulden, sollst Hunger fühlen? Oh! sage dies nicht, du würdest alle meine Entschließungen umstoßen.

 

Doch nicht die meinigen, Mutter, entgegnete Albert. Ich bin jung, stark und mutig und habe seit gestern gelernt, was der Wille vermag. Es gibt Menschen, die so viel gelitten, und nicht nur nicht gestorben sind, sondern sich sogar ein neues Glück auf den Trümmern aller Hoffnungen, die ihnen Gott gegeben, aufgebaut haben! Ich habe dies erfahren, meine Mutter, ich habe diese Menschen gesehen, ich weiß, daß sie sich aus der Tiefe des Abgrundes, in den sie ihre Feinde gestoßen, mit so viel Kraft und Ruhm wieder erhoben, daß sie ihre ehemaligen Besieger beherrschten. Nein, meine Mutter, nein; ich habe von diesem Augenblick an mit der Vergangenheit gebrochen und nehme nichts mehr von ihr an, nicht einmal meinen Namen; denn Sie begreifen, Ihr Sohn kann nicht den Namen eines Menschen führen, der vor andern erröten muß!

 

Albert, mein Kind, wenn ich ein stärkeres Herz gehabt hätte, so würde ich dir diesen Rat gegeben haben; dein Gewissen hat gesprochen, während meine erloschene Stimme schwieg; höre auf dein Gewissen! Du hattest Freunde, Albert, brich für den Augenblick mit ihnen, aber im Namen deiner Mutter, verzweifle nicht! Das Leben ist noch schön in deinem Alter, mein Albert, denn du bist kaum zweiundzwanzig Jahre alt, und da ein so reines Leben wie das deine eines fleckenlosen Namens bedarf, so nimm den meines Vaters an; er hieß Herrera. Ich kenne dich, Albert, welche Laufbahn du auch verfolgen magst, du wirst diesen Namen in kurzer Zeit berühmt machen. Dann erscheine wieder in der Welt, glänzender durch den Schimmer deines vergangenen Unglücks, und wenn dies trotz aller meiner Voraussetzungen nicht so sein soll, so laß mir wenigstens die Hoffnung, mir, die nur noch diesen einen Gedanken hat, mir, die keine Zukunft mehr vor sich sieht und für die das Grab auf der Schwelle dieses Hauses beginnt.

 

Ich werde nach Ihren Wünschen tun, meine Mutter, sagte der junge Mann; ja, ich teile Ihre Hoffnungen; der Herr des Himmels wird uns bei Ihrer Reinheit und bei meiner Unschuld nicht verfolgen. Doch da wir entschlossen sind, handeln wir schnell. Herr von Morcerf hat das Hotel vor ungefähr einer halben Stunde verlassen; die Gelegenheit ist günstig, um Lärm und Erklärungen zu vermeiden.

 

Ich erwarte dich, mein Sohn, sagte Mercedes.

 

Albert lief sogleich nach dem Boulevard, von wo er einen Fiaker zurückbrachte, der sie aus dem Hotel wegfahren sollte. Er erinnerte sich eines kleinen Hauses in der Rue des Saints Pères, wo seine Mutter eine bescheidene, aber anständige Wohnung finden würde; er kehrte also zurück, um die Gräfin zu holen.

 

In dem Augenblick, wo der Fiaker vor dem Hause anhielt und Albert ausstieg, näherte sich ihm ein Mann und übergab ihm einen Brief. Albert erkannte den Intendanten.

 

Vom Grafen, sagte Bertuccio und entfernte sich sogleich.

 

Albert nahm den Brief, öffnete ihn, las ihn, ging mit Tränen in den Augen und erschüttertem Herzen zu Mercedes und gab ihr das Schreiben, ohne ein Wort zu sprechen. Mercedes las:

 

Albert!

 

Wenn ich Ihnen zeige, daß ich den Plan durchschaut habe, den Sie eben ausführen wollen, so glaube ich Ihnen damit auch zu zeigen, daß ich das Zartgefühl begreife. Sie sind nun frei, Sie verlassen das Hotel des Grafen und wollen Ihre Mutter an einen verborgenen Ort bringen; doch bedenken Sie wohl, Sie sind ihr mehr schuldig, als Sie ihr je vergelten können, Sie armes, edles Herz. Behalten Sie für sich den Kampf, fordern Sie für sich das Leiden, aber ersparen Sie ihr das Elend, das von Ihren ersten Anstrengungen untrennbar ist; denn sie verdient nicht einmal den Widerschein des Unglücks, das sie heute trifft, und nach dem Willen der Vorsehung soll nicht der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden.

 

Ich weiß, daß Sie beide im Begriffe sind, Ihr Haus zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Suchen Sie nicht zu entdecken, wie ich es erfahren habe. Ich weiß es.

 

Hören Sie, Albert! Ich kam vor vierundzwanzig Jahren freudig und stolz in mein Vaterland zurück; ich hatte eine Braut, Albert, eine heilige Jungfrau, die ich anbetete, und ich brachte ihr 150 Louisd’or zurück, die ich mühsam durch rastlose Arbeit gesammelt hatte. Dieses Geld war für sie bestimmt, und da ich wußte, wie treulos das Meer ist, so begrub ich unsern Schatz in dem Gärtchen des Hauses, das mein Vater in Marseille bewohnte.

 

Ihre Mutter, Albert, kennt das kleine, liebe Haus ganz gut. Als ich kürzlich nach Paris reiste, kam ich durch Marseille. Ich besuchte dieses Haus mit den schmerzlichsten Erinnerungen und untersuchte am Abend mit dem Spaten in der Hand den Winkel, wo ich meinen Schatz begraben hatte. Die eiserne Kassette war noch an demselben Platz, niemand hatte sie berührt; sie liegt in der Ecke, die ein schöner, von meinem Vater an meinem Geburtstage gepflanzter Feigenbaum mit seinem Schatten bedeckt.

 

Nun, Albert, dieses Geld, das einst das Leben und die Ruhe der Frau unterstützen sollte, die ich anbetete, findet durch einen seltsamen und schmerzlichen Zufall heute dieselbe Anwendung. Oh! verstehen Sie meinen Gedanken, verstehen Sie den Gedanken des Mannes, der dieser armen Frau Millionen bieten könnte und ihr ein Stück schwarzes Brot zurückgibt, das unter meinem Dache seit dem Tage vergessen worden ist, wo ich von der Geliebten getrennt wurde.

 

Sie sind ein edler Mensch, Albert, doch vielleicht nichtsdestoweniger von Stolz oder Groll verblendet; wenn Sie mich zurückweisen, wenn Sie von einem andern das fordern, was ich Ihnen zu bieten berechtigt bin, so sage ich, es sei nicht edelmütig von Ihnen, das Leben Ihrer Mutter zurückzuweisen, wenn es von einem Manne geboten wird, dessen Vater Ihr Vater in den Schrecknissen des Hungers und der Verzweiflung hat sterben lassen.

 

Als Mercedes dies gelesen, schlug sie die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck zum Himmel auf. Ich willige ein, sagte sie; er ist berechtigt, die Mitgift zu bezahlen, die ich in ein Kloster bringen werde.

 

Und indem sie den Brief auf ihr Herz legte, nahm sie ihren Sohn am Arm und ging mit festerem Schritte, als sie vielleicht selbst erwartet hatte, zur Treppe.

 

Der Selbstmord.

 

Der Selbstmord.

 

Monte Christo war indessen mit Maximilian ebenfalls in die Stadt zurückgefahren. Am Tor trafen sie Bertuccio, der hier unbeweglich wie eine Schildwache wartete. Monte Christo streckte den Kopf durch den Kutschenschlag, wechselte mit leiser Stimme ein paar Worte mit ihm, und der Intendant verschwand.

 

Sehen Sie, wie ich Ihnen Glück gebracht habe! sagte Morel, als er mit dem Grafen allein war.

 

Gewiß; deshalb möchte ich Sie stets bei mir haben.

 

Das ist wunderbar! fuhr Morel, seinen eigenen Gedanken beantwortend, fort.

 

Was denn? fragte Monte Christo.

 

Was soeben vorgefallen ist.

 

Ja, versetzte der Graf mit einem Lächeln. Sie haben das wahre Wort gesagt, Morel, es ist wunderbar.

 

Denn Albert ist sonst mutig.

 

Sehr mutig, sagte Monte Christo, ich habe ihn schlafen sehen, während der Dolch über seinem Haupte hing.

 

Und ich weiß, daß er sich zehnmal geschlagen und sehr gut geschlagen hat; bringen Sie das mit seinem Benehmen an diesem Morgen in Einklang!

 

Stets Ihr Einfluß, versetzte Monte Christo lächelnd.

 

Es ist ein Glück für Albert, daß er nicht Soldat ist. Entschuldigungen an Ort und Stelle! bemerkte der junge Kapitän den Kopf schüttelnd.

 

Oh, sagte der Graf mit sanftem Tone, verfallen Sie nicht in die Vorurteile gewöhnlicher Menschen, Morel; bedenken Sie, daß Albert, da er tapfer ist, nicht feig sein kann, daß er irgend einen Grund haben muß, zu handeln, wie er gehandelt hat, und daß folglich sein Benehmen mehr heldenmütig, als sonst etwas ist.

 

Ganz gewiß; doch ich sage, wie der Spanier: Er ist heute minder tapfer gewesen, als gestern.

 

Nicht wahr, Sie frühstücken mit mir, Morel? fragte der Graf, das Gespräch abbrechend.

 

Morel lächelte und schüttelte den Kopf.

 

Sie müssen aber doch irgendwo frühstücken?

 

Wenn ich jedoch keinen Hunger habe?

 

Ah! rief der Graf, ich kenne nur zwei Gefühle, welche so den Appetit abschneiden: den Schmerz – und der scheint mir bei Ihrer Heiterkeit ausgeschlossen – und die Liebe. Nach dem, was Sie mir über Ihr Herz gesagt haben, ist es mir Wohl erlaubt, zu glauben …

 

Meiner Treu! Graf, ich sage nicht nein.

 

Und Sie erzählen mir das nicht, Maximilian? versetzte der Graf so lebhaft, daß man sah, welchen Anteil er an dem Herzensgeheimnis nahm.

 

Nicht wahr, Graf, ich zeigte Ihnen heute morgen, daß ich ein Herz habe?

 

Statt jeder Antwort reichte Monte Christo dem jungen Manne die Hand.

 

Wohl! fuhr Maximilian fort, seitdem dieses Herz nicht mehr mit Ihnen im Walde von Vincennes ist, ist es anderswo, wo ich es wiederfinden werde.

 

Gehen Sie, sagte langsam der Graf, lieber Freund, doch ich bitte Sie, wenn Sie auf ein Hindernis stoßen, so erinnern Sie sich, daß ich einige Macht auf dieser Welt besitze, daß ich glücklich bin, diese Macht für die Leute anzuwenden, die ich liebe, und daß ich Sie liebe, Morel.

 

Gut! sagte der junge Mann, ich werde mich dessen erinnern, wie sich selbstsüchtige Kinder ihrer Eltern erinnern, wenn sie ihrer bedürfen. Bedarf ich Ihrer, so wende ich mich an Sie, Graf.

 

Gut! ich verlasse mich auf Ihr Wort, Gott befohlen!

 

Auf Wiedersehen!

 

Man war vor die Tür des Hauses der Champs-Elysées gelangt, vor dem Bertuccio wartete. Monte Christo öffnete den Schlag, Morel sprang auf das Pflaster und entfernte sich sofort, während Monte Christo rasch Bertuccio voran die Treppe hinaufschritt.

 

Nun? fragte er den Intendanten.

 

Sie ist im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

 

Und ihr Sohn?

 

Sein Kammerdiener denkt, er werde dasselbe tun.

 

Monte Christo nahm Bertuccio mit sich in sein Kabinett, schrieb den erwähnten Brief an Albert und übergab ihn dem Intendanten.

 

Gehen Sie rasch, sagte er; doch lassen Sie auch Haydee benachrichtigen, daß ich zurückgekehrt bin.

 

Hier bin ich, sagte Haydee. Sie war bei dem Geräusch des Wagens schnell herabgestiegen, und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie den Grafen unversehrt wiedersah. Bertuccio entfernte sich.

 

Alles Entzücken eines Mädchens, das einen geliebten Vater wiedersieht, die ganze wahnsinnige Freude einer Liebenden, deren angebeteter Geliebte wiederkehrt, fühlte Haydee während der ersten Augenblicke dieser von ihr so ungeduldig erwarteten Rückkehr.

 

Wenn auch weniger laut sich äußernd, war darum die Freude Monte Christos doch nicht minder groß; für die Herzen, die lange gelitten haben, ist die Freude, was der Tau für die Erde, wenn die Sonne sie ausgetrocknet hat. Seit einigen Tagen begriff Monte Christo etwas, woran er lange nicht zu glauben wagte, daß es nämlich zwei Mercedes auf der Welt gab, daß er noch glücklich sein könnte.

 

Sein von Wonne entflammtes Auge tauchte sich sehnsuchtsvoll in Haydees feuchte Blicke, als plötzlich die Tür sich öffnete. Der Graf faltete die Stirn.

 

Herr von Morcerf! sagte Baptistin, als ob dieses einzige Wort seine Entschuldigung enthielte.

 

Das Antlitz des Grafen hellte sich in der Tat auf.

 

Welcher? sagte er, der Vicomte oder der Graf?

 

Mein Gott! rief Haydee, ist es denn noch nicht zu Ende!

 

Ich weiß nicht, ob es zu Ende ist, vielgeliebtes Kind, sagte Monte Christo, das Mädchen bei den Händen fassend; aber ich weiß, daß du nichts zu fürchten hast.

 

Oh! es ist doch der Elende …

 

Dieser Mensch vermag nichts über mich, Haydee, nur von seinem Sohne hattest du etwas zu fürchten.

 

Wie habe ich auch gelitten, du wirst es nie erfahren, Herr.

 

Monte Christo lächelte und sagte, die Hand über dem Haupte des Mädchens ausstreckend: Bei dem Grabe meines Vaters schwöre ich dir, Haydee, wenn Unglück geschieht, so widerfährt es nicht mir.

 

Ich glaube dir, Herr, als ob Gott zu mir spräche, sagte das junge Mädchen und reichte dem Grafen seine Stirn. Monte Christo drückte auf diese reine und schöne Stirn einen Kuß, der zwei Herzen heftiger schlagen ließ.

 

Oh, mein Gott! solltest du es denn gestatten, daß ich noch einmal lieben könnte? murmelte der Graf und führte die schöne Griechin zu einer Geheimtreppe, während er zu Baptistin sagte: Lassen Sie den Grafen von Morcerf in den Salon treten.

 

Während Mercedes in ihrer Wohnung ihre Juwelen zusammenlegte, ihre Schubladen verschloß, ihre Schlüssel sammelte, um alles in Ordnung zurückzulassen, bemerkte sie nicht, daß ein bleicher, düsterer Kopf an der Glasscheibe einer Tür erschien, der, ohne gesehen zu werden, alles gewahrte, was drinnen vorging.

 

Von dieser Glasscheibe begab sich der Mann mit dem bleichen Gesichte in das Schlafzimmer des Grafen von Morcerf, wo er mit krampfhafter Hand den Vorhang eines auf den Hof gehenden Fensters aufhob. Er blieb zehn Minuten unbeweglich, stumm, auf die Schläge seines Herzens horchend.

 

Da kam Albert zurück, bemerkte, daß sein Vater seine Rückkehr hinter einem Vorhang beobachtete, und wandte den Kopf ab. Das Auge des Grafen erweiterte sich; er wußte, daß Albert den Grafen furchtbar beleidigt hatte und daß eine solche Beleidigung in allen Ländern der Welt einen Zweikampf auf Leben und Tod nach sich zog. Albert kehrte aber unversehrt zurück, und er selbst war folglich gerächt.

 

Ein Blitz unbeschreiblicher Freude erleuchtete sein finsteres Antlitz; aber vergebens hoffte er, sein Sohn werde in sein Zimmer kommen, ihm seinen Triumph mitzuteilen.

 

Da ließ der Graf Alberts Diener holen, den, wie erwähnt, sein Herr ermächtigt hatte, nichts vor dem Grafen zu verbergen.

 

Zehn Minuten nachher sah man auf der Freitreppe den General von Morcerf in einem schwarzen Oberrocke, mit schwarzen Beinkleidern und schwarzen Handschuhen erscheinen.

 

Er hatte ohne Zweifel vorher seine Befehle gegeben, denn kaum berührte er die letzte Stufe der Treppe, als sein Wagen vorfuhr. Sein Kammerdiener warf zwei umhüllte Degen in den Wagen; dann schloß er den Schlag und setzte sich neben den Kutscher.

 

Nach den Champs-Elysées, rief der General, zu dem Grafen von Monte Christo. Rasch!

 

Die Pferde bäumten sich unter dem Peitschenschlage und hielten nach fünf Minuten vor dem Hause des Grafen. Herr von Morcerf öffnete selbst den Schlag, sprang, während der Wagen noch rollte, wie ein junger Mensch in die Allee, läutete und verschwand mit seinem Diener in der Tür.

 

Eine Sekunde später meldete Baptistin Herrn von Monte Christo den Grafen von Morcerf, und Monte Christo gab, Haydee zurückführend, den Befehl, den Grafen von Morcerf in den Salon treten zu lassen. Der General maß zum dritten Male den Salon in seiner ganzen Länge, als er, sich umwendend, Monte Christo auf der Schwelle erblickte.

 

Ah! es ist Herr von Morcerf, sagte ruhig Monte Christo ich glaubte, schlecht gehört zu haben.

 

Ja, ich bin es, sagte der Graf, wobei er seine Lippen furchtbar zusammenzog.

 

Ich habe also nur noch die Ursache zu erfahren, die mir das Vergnügen verschafft, den Herrn Grafen von Morcerf so frühzeitig bei mir zu sehen, versetzte Monte Christo.

 

Sie haben heute morgen einen Gang mit meinem Sohn getan, sagte der General.

 

Sie wissen dies?

 

Ich weiß auch, daß mein Sohn gute Gründe gehabt hat, einen Zweikampf mit Ihnen zu wünschen und alles zu tun, was er vermochte, um Sie zu töten.

 

In der Tat, er hatte sehr gute Gründe; doch Sie sehen, daß er mich trotz dieser Gründe nicht getötet und sich nicht einmal geschlagen hat.

 

Und er betrachtete Sie doch als die Ursache der Schande seines Vaters, als die Ursache des gräßlichen Unheils, das in diesem Augenblick mein Haus niederbeugt.

 

Es ist wahr, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe; als mitwirkende, nicht als hauptsächlichste Ursache.

 

Ohne Zweifel haben Sie eine Entschuldigung vorgebracht oder ihm eine Erklärung gegeben?

 

Ich habe ihm keine Erklärung gegeben, und er hat sich entschuldigt.

 

Welchem Umstande schreiben Sie dieses Benehmen zu?

 

Ohne Zweifel der Überzeugung, daß ein anderer mehr schuldig ist in dieser Angelegenheit als ich.

 

Und wer war dieser andere? – Sein Vater.

 

Es mag sein, sagte der Graf erbleichend; doch Sie wissen, daß sich der Schuldigste nicht gern von seiner Schuld überzeugen läßt.

 

Ich weiß es … ich erwartete auch, was in diesem Augenblicke geschieht.

 

Sie erwarteten die Feigheit meines Sohnes?

 

Herr Albert von Morcerf ist kein Feiger!

 

Ein Mensch, der einen Degen in der Hand hält, und im Bereiche dieses Degens einen Todfeind hat, ist ein Feigling, wenn er sich nicht schlägt! Warum ist er nicht hier, daß ich es ihm sagen könnte!

 

Mein Herr, entgegnete Monte Christo, ich nehme an, Sie haben mich nicht aufgesucht, mir Ihre Familienangelegenheiten mitzuteilen. Sagen Sie dies Herrn Albert selbst, er weiß vielleicht, was er Ihnen zu antworten hat.

 

Oh! nein! nein! versetzte der General mit einem schnell verschwindenden Lächeln auf seinen Lippen; Sie haben recht, ich bin nicht deshalb gekommen! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie ebenfalls als meinen Feind betrachte! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie aus Instinkt hasse, daß es mir scheint, als hätte ich Sie stets gekannt, stets gehaßt; daß es an uns ist, uns zu schlagen, da sich die jungen Leute jetzt nicht mehr schlagen … Ist dies auch Ihre Ansicht, mein Herr?

 

Vollkommen. Als ich Ihnen sagte, ich hätte dies vorhergesehen, meinte ich vor allem die Ehre Ihres Besuchs.

 

Desto besser … Ihre Vorkehrungen sind also getroffen?

 

Sie sind es stets, mein Herr.

 

Sie wissen, daß wir uns schlagen, bis einer auf der Stelle bleibt! sagte der General, vor Wut mit den Zähnen knirschend.

 

Bis einer auf der Stelle bleibt, wiederholte Monte Christo, den Kopf leicht von oben nach unten bewegend.

 

Vorwärts also, wir bedürfen keine Zeugen.

 

In der Tat, das ist unnötig, wir kennen uns so gut! Im Gegenteil, wir kennen uns nicht.

 

Bah! sagte Monte Christo, wir wollen doch sehen. Sind Sie nicht der Soldat Fernand, der am Vorabend der Schlacht von Waterloo desertiert ist? Sind Sie nicht der Leutnant Fernand, der der französischen Armee in Spanien als Spion gedient hat? Sind Sie nicht der Kapitän Fernand, der seinen Wohltäter Ali verraten, verkauft, ermordet hat? Und machen nicht alle diese Fernand zusammen den Generalleutnant, Grafen von Morcerf, Pair von Frankreich, aus?

 

Oh! rief der General, durch diese Worte wie durch ein glühendes Eisen getroffen. Elender, der du mir meine Schande in dem Augenblick vorwirfst, wo du mich töten willst, nein, ich habe dir nicht gesagt, ich sei dir unbekannt. Ich weiß wohl, Dämon, daß du in die Nacht meiner Vergangenheit gedrungen bist und jede Seite meines Lebens beleuchtet hast. Aber vielleicht liegt noch mehr Ehre in mir bei meiner Schmach, als in dir, bei deiner prunkhaften Außenseite. Denn dich kenne ich nicht, mit Gold und Edelsteinen gestickter Abenteurer! Du läßt dich in Paris den Grafen von Monte Christo nennen, in Italien Simbad den Seefahrer, in Malta, was weiß ich? Doch ich frage dich nach deinem wirklichen Namen, um ihn in dem Augenblicke auszusprechen, wo ich dir mit meinem Degen das Herz durchbohre.

 

Der Graf von Monte Christo erbleichte furchtbar, sein wildes Auge entzündete sich in verzehrendem Feuer; er machte einen Sprung in das anstoßende Kabinett, riß in einer Sekunde seinen Oberrock, seine Weste und seine Halsbinde vom Leibe, zog eine kleine Seemannsjacke an und setzte einen Matrosenhut auf, unter dem seine langen, schwarzen Haare herabrollten.

 

So kehrte er furchtbar, unversöhnlich zurück und schritt mit gekreuzten Armen auf den General zu, der, sein Verschwinden nicht begreifend, ihn erwartete und nun seine Zähne klappern und seine Beine unter sich brechen fühlte, zurückwich und erst still stand, als seine krampfhaft zusammengezogene Hand auf einem Tische einen Stützpunkt fand.

 

Fernand! rief der Graf von Monte Christo, von meinen hundert Namen brauche ich dir nur einen zu sagen, um dich niederzuschmettern; doch diesen Namen, nicht wahr, du errätst ihn? Oder vielmehr, du erinnerst dich seiner? Denn, trotz meines Kummers, trotz meiner Qualen, zeige ich dir heute ein Gesicht, welches das Glück der Rache verjüngt, ein Gesicht, das du seit deiner Verheiratung mit Mercedes, meiner Verlobten, oft in deinen Träumen gesehen haben mußt.

 

Mit zurückgeworfenem Kopf, ausgestreckten Händen und starrem Blick verschlang der General schweigend dieses furchtbare Schauspiel; dann suchte er die Wand als Stütze, wankte langsam bis zur Tür, durch die er rückwärts hinausging, wobei ihm nur ein finsterer, kläglicher, herzzerreißender Schrei entfuhr, der Schrei: Edmond Dantes.

 

Dann schleppte er sich mit Seufzern, die nichts Menschliches hatten, bis in den Säulengang des Hauses, durchschritt den Hof wie ein Trunkener und fiel in die Arme seines Kammerdieners, mit unverständlicher Stimme die Worte: Nach Hause! nach Hause! murmelnd.

 

Die frische Luft und die Scham vor seinen Leuten setzten ihn unterwegs instand, seine Gedanken zu sammeln; die Fahrt war jedoch kurz, und je mehr sich der Graf seiner Wohnung näherte, desto mehr fühlte er seine Schmerzen sich erneuern. Einige Schritte vom Hause ließ er halten und stieg aus.

 

Das Tor des Hotels war weit geöffnet; sehr erstaunt darüber, daß man ihn zu diesem herrlichen Gebäude rief, stand ein Fiakerkutscher neben seinem Gefährt im Hofe. Der Graf schaute den Fiaker voll Schrecken an und eilte in seine Zimmer.

 

 

Zwei Personen stiegen die Treppe herab; er konnte ihnen eben noch, in sein Kabinett schleichend, ausweichen. Es waren Mercedes und ihr Sohn, die das Hotel verließen. Sie gingen dicht an dem Unglücklichen vorüber, der hinter dem Damastvorhange fast vom seidenen Kleide Mercedes‘ gestreift wurde und in seinem Gesichte den warmen Atem seines Sohnes fühlte, als dieser die Worte sprach: Mut, meine Mutter! Kommen Sie, wir sind hier nicht mehr zu Hause.

 

Die Worte verklangen, die Tritte entfernten sich. Der General erhob sich, mit seinen Händen krampfhaft an dem Damastvorhange hängend; er preßte das furchtbarste Schluchzen zurück, das je der Brust eines zugleich von seiner Frau und seinem Sohne verlassenen Mannes entstiegen.

 

Bald hörte er den eisernen Kutschenschlag des Fiakers zuschlagen. Dann vernahm er die Stimme des Kutschers, das Rollen des schweren Wagens erschütterte die Fensterscheiben, und der Graf von Morcerf stürzte in sein Schlafzimmer, um noch einmal alles, was er in der Welt geliebt hatte, zu sehen. Doch der Fiaker entfernte sich, ohne daß Mercedes‘ oder Alberts Kopf am Schlage erschien, um dem einsamen Hause, dem verlassenen Gatten und Vater den letzten Blick, das letzte Lebewohl, das letzte Bedauern, das heißt die Verzeihung zu gönnen.

 

In der Sekunde, wo die Räder des Fiakers über das Straßenpflaster davonrollten, erscholl ein Schuß, und ein dunkler Rauch drang durch eine von der Gewalt der Lufterschütterung zerbrochene Scheibe des Schlafzimmers.

 

Valentine

 

Valentine

 

Man errät, wo Morel zu tun hatte, und wem sein Eilen galt. Als er Monte Christo verließ, ging er jedoch langsam nach dem Villefortschen Hause – langsam, denn es drängte ihn, mit seinen Gedanken allein zu sein.

 

Er kannte die Stunde gut, zu der Valentine, an Noirtiers Frühstück teilnehmend, vor Störung sicher war. Noirtier und Valentine hatten ihm zwei Besuche in der Woche zugestanden, und er kam, von seinem Rechte Gebrauch zu machen.

 

Valentine erwartete ihn. Unruhig, fast verwirrt, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zu ihrem Großvater. Diese heftige Unruhe rührte davon her, daß Valentine von dem bevorstehenden Duell zwischen Morcerf und Monte Christo gehört hatte. Sie ahnte schon, Morel würde Monte Christos Zeuge sein, und fürchtete, er werde bei seiner Unerschrockenheit ebenfalls in einen Zweikampf verwickelt werden.

 

Man begreift, welche unbeschreibliche Freude Morel in den Augen seiner Geliebten lesen konnte, als sie erfuhr, die furchtbare Angelegenheit habe einen ebenso glücklichen, wie unerwarteten Ausgang gehabt.

 

Valentine ließ Morel neben dem Greise sitzen, setzte sich selbst auf den Sessel, worauf seine Füße ruhten, und sagte: Nun lassen Sie uns ein wenig von unsern Angelegenheiten reden. Sie wissen, daß der gute Papa den Gedanken gehabt hat, das Haus zu verlassen und seine Wohnung außerhalb des Villefortschen Hauses zu nehmen.

 

Ja, gewiß, ich erinnere mich und habe diesem Plan meinen vollen Beifall geschenkt.

 

Und wissen Sie, sagte Valentine, welchen Grund der gute Papa für seine Absicht angibt?

 

Noirtier schaute seine Enkelin an, um ihr mit dem Auge Schweigen aufzuerlegen; doch Valentine sah ihn nicht an, ihre Augen, ihr Blick, ihr Lächeln gehörten nur Morel.

 

Oh! welchen Grund auch Herr Noirtier angeben mag, rief Morel, ich erkläre, daß er gut ist.

 

Vortrefflich; er behauptet, die Luft des Faubourg Saint Honoré sei für mich nicht gesund.

 

In der Tat, Valentine, Herr Noirtier könnte recht haben; ich finde, daß Ihre Gesundheit seit vierzehn Tagen etwas gelitten hat.

 

Ja, ein wenig, das ist wahr, antwortete Valentine; auch hat sich der gute Papa zu meinem Arzte gemacht, und da er alles weiß, so habe ich das größte Vertrauen zu ihm.

 

Sie leiden also wirklich, Valentine? fragte Morel rasch. Oh! mein Gott, das nennt man nicht leiden; ich fühle eine allgemeine Unbehaglichkeit, und sonst nichts. Ich habe den Appetit verloren, und es kommt mir vor, als hielte mein Magen einen Kampf aus, um sich an etwas zu gewöhnen.

 

Noirtier verlor keines von Valentines Worten.

 

Und welche Behandlung befolgen Sie für diese unbekannte Krankheit?

 

Oh! das ist ganz einfach, ich verschlucke jeden Morgen einen Löffel von dem Trank, den man für meinen Großvater bringt; wenn ich sage einen Löffel, so meine ich, ich habe mit einem angefangen, und nun bin ich beim vierten. Mein Großvater behauptet, es sei ein Heilmittel für alles.

 

Valentine lächelte, doch es lag etwas Trauriges, Leidendes in diesem Lächeln. Trunken vor Liebe schaute sie Maximilian schweigend an; sie war sehr schön, doch ihre Blässe hatte einen matten Ton angenommen, ihre Augen glänzten von einem glühenderen Feuer als gewöhnlich, und ihre sonst perlmutterweißen Hände schienen von gelblichem Wachs zu sein.

 

Von Valentine richtete der junge Mann seine Augen auf Noirtier. Dieser betrachtete mit innigem, prüfendem Blick das geliebte, liebende Mädchen und folgte, wie Morel, den Spuren eines tiefen Leidens, das, für das Auge der andern unsichtbar, dem des Großvaters und des Geliebten nicht entging.

 

Doch ich dachte, der Trank, von dem Sie bereits vier Löffel nehmen, sei für Herrn Noirtier verschrieben?

 

Ich weiß, daß er sehr bitter ist, erwiderte Valentine, so bitter, daß mir alles, was ich darauf trinke, denselben Geschmack zu haben scheint.

 

Noirtier schaute seine Enkelin mit fragendem Blicke an.

 

Ja, guter Papa, versetzte Valentine, es ist so. Soeben, ehe ich zu Ihnen ging, trank ich ein Glas Zuckerwasser; ich ließ die Hälfte davon stehen, so bitter schmeckte das Wasser.

 

Noirtier erbleichte und bedeutete durch ein Zeichen, er wolle sprechen. Valentine stand auf, um das Wörterbuch zu holen, und Noirtier folgte ihr in sichtbarer Angst mit den Augen.

 

Das Blut stieg in der Tat dem Mädchen in den Kopf, seine Wangen färbten sich. Halt! rief sie, immer noch voll Heiterkeit, das ist sonderbar! bin ich blind? Hat mich etwa die Sonne in die Augen getroffen?

 

Und sie stützte sich auf das Fenstersims.

 

Es scheint keine Sonne her, sagte Morel, noch mehr durch den Ausdruck Noirtiers als durch Valentines Unpäßlichkeit beunruhigt, und lief auf seine Braut zu.

 

Das Mädchen lächelte und sagte: Beruhige dich, guter Papa, beruhigen Sie sich, Maximilian, es ist nichts, es ist schon vorbei; stille doch! … Ist das nicht das Geräusch eines Wagens, was ich im Hofe höre?

 

Sie öffnete die Tür, lief an ein Fenster im Gange und kehrte eilig zurück.

 

Ja, sagte sie, es ist Frau Danglars und ihre Tochter, die uns einen Besuch machen wollen. Gott befohlen, ich fliehe, denn man würde mich doch holen, oder vielmehr auf Wiedersehen! Bleiben Sie bei dem guten Papa, ich verspreche Ihnen, den Besuch nicht zurückzuhalten.

 

Morel folgte ihr mit den Augen, sah sie die Tür zumachen und hörte sie die kleine Treppe hinaussteigen, die zugleich zu Frau von Villefort und in ihr Zimmer führte.

 

Sobald sie verschwunden war, bedeutete der Greis Morel, er solle das Wörterbuch nehmen. Nach Verlauf von zehn Minuten hatte der junge Mann Noirtiers Gedanken folgendermaßen übersetzt: Suchen Sie das Glas Wasser und die Flasche in Valentines Zimmer.

 

Morel läutete sogleich dem Diener, der Barrois ersetzt hatte, und erteilte ihm in Noirtiers Namen den Befehl.

 

Der Diener kam nach einem Augenblick zurück. Er hatte Flasche und Glas völlig leer gefunden. Noirtier machte hierauf ein Zeichen, daß er sprechen wolle.

 

Warum sind das Glas und die Flasche leer? fragte er mit Hilfe des Wörterbuchs. Valentine sagte, sie habe nur die Hälfte des Glases getrunken.

 

Ich weiß es nicht, antwortete der Bediente; doch die Kammerfrau ist in Valentines Zimmer; vielleicht hat sie es geleert.

 

Fragen Sie die Kammerfrau, sagte Morel.

 

Der Diener ging hinaus, kam beinahe in derselben Minute wieder zurück und meldete: Fräulein Valentine ist durch ihr Zimmer gegangen, um sich in das der Frau von Villefort zu begeben, und da sie Durst hatte, so trank sie, was im Glase übrig war; die Flasche hat Herr Eduard geleert, um einen Teich für seine Enten daraus zu machen.

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf, wie ein Spieler, der seine ganze Habe auf einen Wurf setzt. Von da an hefteten sich die Augen nach der Tür und verließen diese Richtung nicht mehr.

 

Die befreundeten Damen waren eben in den Salon getreten und hatten Frau von Villefort begrüßt, als Valentine eintrat.

 

Liebe Freundin, sagte die Baronin, während sich die jungen Mädchen bei den Händen nahmen, ich bin gekommen, um Ihnen die nahe bevorstehende Verheiratung meiner Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti mitzuteilen.

 

So erlauben Sie mir, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen, antwortete Frau von Villefort. Der Herr Prinz Cavalcanti scheint ein junger Mann von seltenen Eigenschaften zu sein.

 

Hören Sie, versetzte die Baronin lächelnd, wenn wir als Freundinnen sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß uns der Prinz noch nicht das zu sein scheint, was er sein soll. Es ist an ihm noch etwas von dem Ungelenken, woran wir Französinnen auf den ersten Blick einen italienischen oder deutschen Edelmann erkennen. Er offenbart jedoch ein sehr gutes Herz, viel Feinheit des Geistes, und was die sonstigen Verhältnisse betrifft, so behauptet Herr Danglars, sein Vermögen sei majestätisch; dies ist sein Ausdruck.

 

Und dann, sagte Eugenie, in einem Album blätternd, setzen Sie nur noch dazu, daß Sie eine ganz besondere Neigung für den jungen Mann haben.

 

Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, ob Sie diese Neigung teilen? versetzte Frau von Villefort.

 

Ich! entgegnete Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit; oh, nicht im mindesten, gnädige Frau. Ich fühle mich nicht für den Beruf geschaffen, mich an die Sorgen einer Haushaltung und die Launen eines Mannes zu ketten. Ich möchte Künstlerin werden und frei über mein Herz, meine Person und meine Gedanken verfügen. Da ich indessen wohl oder übel heiraten muß, so kann ich nur der Vorsehung danken, daß sie mir wenigstens Herrn Albert von Morcerfs Abneigung verschafft hat; ohne diese Vorsehung wäre ich heute die Frau eines seiner Ehre verlustigen Mannes.

 

Es ist wahr, sagte die Baronin, es fehlte wenig, so hätte meine Tochter Herrn Albert geheiratet. Dem General lag viel daran; er kam sogar, um von Herrn Danglars ihre Hand zu erzwingen; wir ließen ihn aber schön ablaufen.

 

Aber fällt denn die Schande des Vaters auch auf den Sohn? sagte schüchtern Valentine. Herr Albert scheint mir ganz unschuldig an dem Verrat des Generals.

 

Verzeihen Sie, liebe Freundin, versetzte die Männerfeindin; Albert verdient sein Teil davon. Nachdem er gestern Herrn von Monte Christo in der Oper herausgefordert, hat er sich heute auf dem Kampfplatze bei ihm entschuldigt.

 

Unmöglich! rief Frau von Villefort.

 

Ach! teure Freundin, sagte Frau Danglars, es ist so, ich habe es durch Herrn Debray erfahren, der bei der Erklärung zugegen war.

 

Valentine wußte auch die Wahrheit, aber sie sagte nichts. Durch ein Wort in ihre Erinnerungen zurückversetzt, befand sie sich in Gedanken wieder in Noirtiers Zimmer, wo sie Morel erwartete.

 

In diese innere Betrachtung versunken, hatte sie aufgehört, an dem Gespräche teilzunehmen, als plötzlich Frau Danglars‘ Hand sich auf ihren Arm stützte und sie ihrer Träumerei entzog.

 

Was wünschen Sie, gnädige Frau? fragte Valentine, bei der Berührung zusammenfahrend wie von einem elektrischen Schlage.

 

Meine liebe Valentine, sagte die Baronin, Sie sind jedenfalls leidend?

 

Ich? entgegnete das Mädchen, mit der Hand über seine glühende Stirne fahrend.

 

Ja, beschauen Sie sich nur im Spiegel; Sie sind drei- bis viermal hintereinander im Verlaufe einer Minute erbleicht und errötet.

 

Du bist in der Tat sehr bleich! rief Eugenie.

 

Oh, das tut nichts, Eugenie, ich bin seit einigen Tagen so.

 

So wenig schlau Valentine auch war, so begriff sie doch, daß sie nun Gelegenheit hatte, sich zu entfernen. Überdies kam ihr Frau von Villefort zu Hilfe, indem sie sagte: Entferne dich, Valentine, du leidest wirklich; trinke ein Glas Wasser, und du wirst dich erholen.

 

Valentine küßte Eugenie, verbeugte sich vor Frau Danglars und verließ das Zimmer.

 

Das arme Kind, sagte Frau von Villefort, als Valentine verschwunden war, es beunruhigt mich ernstlich, und es sollte mich nicht wundern, wenn ihr irgend ein Unfall widerführe.

 

Valentine war indessen in einer Aufregung, von der sie sich keine Rechenschaft geben konnte, durch Eduards Zimmer gegangen und hatte sodann die kleine Treppe zu Noirtiers Wohnung erreicht. Sie stieg alle Stufen bis auf die letzten drei hinab; sie hörte bereits Morels Stimme, als plötzlich eine Wolke vor ihren Augen hinzog, ihr starrer Fuß verfehlte die Stufe, ihre Hände hatten nicht mehr die Kraft, sich am Geländer zu halten, sie streifte an der Wand hin und rollte die drei letzten Stufen hinab.

 

 

Morel machte einen Sprung, öffnete die Tür und sah die Geliebte auf dem Boden liegen. Rasch hob er sie in seine Arme und trug sie in einen Lehnstuhl. Dann öffnete sie wieder die Augen.

 

Oh, ich Ungeschickte! sagte sie, fieberhaft schnell sprechend, ich weiß mich also nicht mehr zu halten.

 

Sie haben sich doch nicht verletzt, Valentine? rief Morel. Oh, mein Gott! mein Gott!

 

Valentine schaute umher; sie sah in Noirtiers Augen den größten Schrecken sich abspiegeln.

 

Beruhige dich, guter Papa, sagte sie, indem sie zu lächeln suchte; es ist nichts … nur ein Schwindel.

 

Abermals eine Ohnmacht! sagte Morel, die Hände faltend. Oh! nehmen Sie sich in acht, Valentine, ich flehe Sie an.

 

Nein, versetzte Valentine, nein, ich sage Ihnen, daß alles vorüber ist, und daß es nichts war. Nun lassen Sie mich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen: in acht Tagen verheiratet sich Eugenie, und in drei Tagen findet ein großes Fest, ein Verlobungsmahl, statt. Wir alle sind eingeladen, mein Vater, Frau von Villefort und ich … wenigstens soviel ich verstanden habe.

 

Wann wird die Reihe an uns kommen? Oh! Valentine, Sie, die Sie so viel über Ihren guten Papa vermögen, bemühen Sie sich, daß er Ihnen antwortet: Bald! Solange Sie nicht mir gehören, Valentine, ist es mir immer, als ob Sie mir entgehen könnten.

 

Oh! antwortete Valentine mit einer krampfhaften Bewegung, Maximilian, Sie sind zu ängstlich für einen Offizier, der, wie man sagt, nie die Furcht gekannt hat. Und sie brach in ein scharfes, schmerzliches Gelächter aus, ihre Arme wurden steif, ihr Kopf fiel auf den Stuhl zurück, und sie blieb ohne Bewegung.

 

Morel rief bei diesem Anblick um Hilfe, worauf die Kammerfrau und die Bedienten sofort herbeieilten.

 

Valentine war so kalt, so bleich, so leblos, daß die Diener, ohne zu hören, was man ihnen sagte, von der Furcht erfaßt wurden, die beständig in einem verfluchten Hause wachte, und um Hilfe rufend, in die Gänge stürzten.

 

Frau Danglars und Eugenie entfernten sich soeben und erfuhren gerade noch die Ursache des Aufruhrs.

 

Ich sagte es Ihnen! rief ihnen Frau von Villefort zu; die arme Kleine!

 

Die Katalonier.

 

Die Katalonier.

 

Hundert Schritte von der Laube, wo die beiden Freunde den sprudelnden Lamalgue-Wein tranken, erhob sich hinter einem nackten, sonnigen Hügel die kleine Ansiedlung der Katalonier. Eines Tages wanderte eine Anzahl Katalonier aus dem Mutterland aus und landete hier, wo sie sich noch heute befindet. Man wußte nicht, woher sie kam, und kannte nicht einmal ihre Sprache. Einer von den Führern, der Provençalisch verstand, bat die Gemeinde Marseille, ihnen dieses nackte, unfruchtbare Vorgebirge zu geben, auf das sie ihre Schiffe gezogen hatten. Die Bitte wurde gewährt, und drei Monate nachher erhob sich um ihre fünfzehn Fahrzeuge ein kleines Dorf. Seit drei bis vier Jahrhunderten sind sie ihrem Vorgebirge treu geblieben, ohne sich mit der Bevölkerung von Marseille zu vermischen, denn sie heirateten unter sich und behielten Sitten, Tracht und Sprache ihres Mutterlandes bei.

 

In einer der einfachen Hütten stand ein junges Mädchen mit rabenschwarzen Haaren und Augen an der Wand. Ihre bis an den Ellbogen entblößten Arme, die zwar gebräunt, aber schön geformt waren, bebten wie von fieberhafter Ungeduld, und sie stampfte mit ihrem geschmeidigen, schön gebogenen Fuße auf die Erde, so daß die reine, stolze, kühne Form ihres mit einem baumwollenen Strumpf bekleideten Beines ein wenig sichtbar wurde.

 

Drei Schritte von ihr saß auf einem Stuhle ein großer etwa zwanzigjähriger Bursche und betrachtete sie mit einer Miene, in der sich Unruhe und Trotz bekämpften. Seine Augen sahen fragend und verlangend aus, aber der feste, entschiedene Blick des jungen Mädchens beherrschte den Jüngling.

 

Wie steht’s, Mercedes, sagte der junge Mann, Ostern naht; ist’s da nicht Zeit, Hochzeit zu machen? Antwortet mir!

 

Ich habe Euch hundertmal geantwortet, Fernand, und Ihr müßt in der Tat Euer eigener Feind sein, daß Ihr mich noch einmal fragt!

 

Wiederholt es, ich bitte Euch, noch einmal, daß ich es endlich glauben kann! Sagt mir zum hundertstenmale, daß Ihr eine Liebe ausschlagt, die Eure Mutter billigte! Macht mir’s begreiflich, daß Ihr mit meinem Glücke Euer Spiel treibt, daß mein Leben und mein Tod nichts für Euch sind. Ach, mein Gott, zehn Jahre lang habe ich geträumt. Euer Gatte zu werden, und soll nun diese Hoffnung verlieren, die der einzige Zweck meines Lebens war!

 

Ich bin es wenigstens nicht gewesen, die Euch in dieser Hoffnung ermutigt hat, Fernand, antwortete Mercedes. Ihr könnt mir in dieser Hinsicht nichts vorwerfen. Stets sagte ich Euch: Ich liebe Euch wie meinen Bruder, fordert aber nie mehr von mir, denn mein Herz gehört einem andern. Das habe ich Euch immer gesagt, Fernand.

 

Ich weiß es wohl, Mercedes, antwortete der junge Mann. Ja, Ihr habt mir gegenüber das grausame Verdienst der Offenherzigkeit. Aber vergeßt Ihr, daß bei den Kataloniern das heilige Gesetz besteht, sich nur untereinander zu heiraten?

 

Ihr täuscht Euch, Fernand, das ist kein Gesetz, es ist eine Gewohnheit und nichts weiter. Führt diese Gewohnheit nicht zu Euren Gunsten an! Ihr seid zur Aushebung vorgemerkt; jeden Augenblick könnt Ihr zur Fahne einberufen werden. Seid Ihr aber Soldat, was sollte dann aus mir werden, dem verlassenen, vermögenslosen Mädchen, das als einzige Habe nur eine baufällige Hütte besitzt, in der ein paar abgenutzte Netze hängen … die elende Erbschaft von meinem Vater und meiner Mutter? Seit sie im vorigen Jahre starb, lebe ich fast nur von der öffentlichen Wohltätigkeit. Zuweilen tut Ihr, als wäre ich Euch nützlich, um das Recht zu haben, Euren Fischfang mit mir zu teilen. Ich nehme es an, Fernand, weil Ihr mein Vetter seid, weil wir miteinander erzogen worden sind, und mehr noch, weil es Euch zu viel Kummer machen würde, wenn ich es ausschlüge; aber ich fühle wohl, daß der Fisch ein Almosen ist.

 

Wenn Ihr aber, die arme und verlassene Mercedes, mir besser gefallt als die Tochter des stolzesten Reeders und des reichsten Bankiers von Marseille? Was braucht ein Mann aus dem Volk wie ich? Ein ehrliches Weib, eine gute Wirtschafterin. Und wo kann ich da etwas Besseres finden, als Ihr seid?

 

Fernand, antwortete Mercedes, den Kopf schüttelnd, man ist eine schlechte Wirtschafterin und kann nicht dafür stehen, daß man eine ehrliche Frau bleibt, wenn man einen andern Mann liebt, als seinen Gatten. Begnügt Euch mit meiner Freundschaft, denn ich wiederhole Euch, das ist alles, was ich Euch versprechen kann, und ich verspreche nur, was ich halten kann.

 

Ja, ich begreife, sagte Fernand, Ihr ertragt geduldig Eure Armut, aber Ihr habt Furcht vor der meinen. Nun wohl, Mercedes, von Euch geliebt, werde ich mich aufzuschwingen suchen. Ihr bringt mir Glück, und ich werde reich. Ich kann mein Fischergewerbe ausdehnen, ich kann als Kommis in ein Kontor eintreten, ich kann sogar Kaufmann werden!

 

Ihr könnt das alles nicht, Fernand, Ihr seid als Soldat vorgemerkt, und wenn Ihr noch hier weilt, so ist dies nur der Fall, weil gegenwärtig kein Krieg geführt wird. Bleibt also Fischer und – begnügt Euch mit meiner Freundschaft, da ich Euch nichts anderes geben kann.

 

Oh, Mercedes, Ihr seid nur so grausam und hart gegen mich, weil Ihr einen andern erwartet; aber der ist vielleicht unbeständig wie das Meer.

 

Fernand, rief Mercedes, ich hielt Euch für gut, aber ich täuschte mich! Ihr habt ein schlechtes Herz, daß Ihr mit Eurer Eifersucht den Zorn des Himmels herabruft. Nun wohl, ich bekenne es offen: Ich erwarte und liebe den, welchen Ihr meint.

 

Der junge Katalonier machte eine wütende Gebärde.

 

Ich verstehe Euch, Fernand, Ihr werdet Euch dafür rächen, daß ich Euch nicht liebe, Ihr werdet Euer katalonisches Messer mit seinem Dolche kreuzen! Wohin wird Euch das führen? Dahin, daß Ihr meine Freundschaft verliert, wenn Ihr besiegt werdet; daß Ihr meine Freundschaft in Haß verwandelt, wenn Ihr Sieger seid. Glaubt mir, Streit mit einem Manne suchen, ist ein schlechtes Mittel, der Frau zu gefallen, die diesen Mann liebt. Nein, Fernand, Ihr werdet Euch nicht so durch Eure schlimmen Gedanken hinreißen lassen. Da Ihr mich nicht als Frau besitzen könnt, so werdet Ihr Euch begnügen, mich zur Freundin und zur Schwester zu haben. Und überdies, fügte sie mit unruhigen, tränenfeuchten Augen hinzu, Ihr habt soeben gesagt, das Meer sei treulos. Schon seit vier Monaten ist er abgereist, und seit vier Monaten habe ich viele Stürme gezählt.

 

Fernand blieb unempfindlich. Er suchte nicht die Tränen zu trocknen, die über Mercedes‘ Wangen herabrollten, und dennoch hätte er für jede ihrer Tränen einen Becher seines Blutes gegeben; aber diese Tränen flossen nicht für ihn. Er stand auf, ging in der Hütte umher, kehrte zurück, blieb mit düsterem Auge und geballten Fäusten vor Mercedes stehen und sagte: Laßt hören, Mercedes, noch einmal, antwortet: Steht Euer Entschluß fest?

 

Ich liebe Edmond Dantes, antwortete kalt das junge Mädchen, und kein anderer als Edmond soll mein Gatte werden.

 

Und Ihr werdet ihn immer lieben?

 

Solange ich lebe.

 

Fernand ließ ganz entmutigt das Haupt sinken und stieß einen Seufzer aus. Dann, plötzlich die Stirn wieder erhebend, rief er: Aber wenn er tot ist?

 

Wenn er tot ist, sterbe ich.

 

Aber wenn er Euch vergißt?

 

Mercedes! rief eine freudige Stimme vor dem Hause, Mercedes!

 

Ah, rief das junge Mädchen, vor Entzücken errötend und ausspringend, Ihr seht, daß er mich nicht vergessen hat, denn er ist da!

 

Eilig lief sie zur Tür, öffnete sie und rief mit jubelndem Tone: Herein, Edmond, hier bin ich!

 

Fernand wich bleich und bebend zurück, wie ein Reisender in den Tropen, der sich plötzlich einer giftigen Schlange mit gähnendem Rachen gegenüber sieht, stieß an seinen Stuhl und sank zitternd darauf nieder.

 

Edmond und Mercedes lagen einander in den Armen. Die glühende Sonne von Marseille drang durch die Öffnung der Tür herein und übergoß sie mit einer Woge von Licht. Anfangs sahen sie nichts von dem, was sie umgab. Ein unermeßliches Glück erhob sie über die Welt, und sie sprachen nur in abgebrochenen Worten, wie sie sowohl der lebhaftesten Freude wie nicht minder dem quälenden Schmerze zum Ausdruck dienen können.

 

Plötzlich erblickte Edmond Fernands düsteres Antlitz, das bleich und drohend aus dem Schatten hervortrat. Durch eine Bewegung, von der er sich vielleicht selbst nicht Rechenschaft gab, fuhr der junge Katalonier mit der Hand an das Messer, das in seinem Gürtel stak.

 

Ah! um Vergebung, sagte Dantes, ebenfalls die Stirn faltend, ich hatte nicht bemerkt, daß wir zu dritt sind! Sich sodann an Mercedes wendend, fragte er: Wer ist dieser Herr?

 

Dieser Herr wird dein bester Freund sein, Dantes, denn es ist auch mein Freund; es ist mein Vetter, es ist mein Bruder, es ist Fernand, der Mann, den ich nach dir, Edmond, am meisten in der Welt liebe. Erkennst du Fernand nicht wieder?

 

Ah, gewiß! sagte Edmond, und ohne Mercedes zu verlassen, deren Hand er in der seinigen hielt, reichte er mit einer herzlichen Bewegung seine andere Hand dem Katalonier.

 

Aber Fernand, weit entfernt, diese freundschaftliche Gebärde zu erwidern, blieb stumm und unbeweglich wie eine Statue. Da ließ Edmond seinen forschenden Blick über die bewegte, zitternde Mercedes und dann über den düsteren, drohenden Fernand gleiten, und dieser eine Blick sagte ihm alles. – Der Zorn stieg ihm zu Kopfe.

 

Als ich mit so großer Eile zu Euch lief, Mercedes, wußte ich nicht, daß ich einen Feind hier finden würde, sagte er.

 

Einen Feind! rief Mercedes, mit einem zornigen Blicke auf ihren Vetter; einen Feind bei mir, sagst du, Edmond? Wenn ich das glaubte, so nähme ich dich beim Arme, ginge nach Marseille und würde dieses Haus verlassen, um nie mehr dahin zurückzukehren.

 

Fernands Auge schleuderte einen Blitz.

 

Und wenn dir ein Unglück widerführe, Edmond, fügte sie mit eisiger Stimme hinzu, die Fernand bewies, daß sie in der Tiefe seiner finsteren Gedanken gelesen hatte, wenn dir ein Unglück widerführe, so stiege ich auf das Kap Morgion und stürzte mich über die Felsen hinab.

 

Fernand wurde furchtbar bleich.

 

Aber du hast dich getäuscht, Edmond, fuhr sie fort, du hast keinen Feind hier, denn hier sehe ich nur Fernand, meinen Bruder, der dir die Hand wie ein ergebener Freund drücken wird.

 

Und bei diesen Worten heftete Mercedes ihren gebieterischen Blick auf den Katalonier, der, von diesem Blicke wie bezaubert, sich langsam Edmond näherte und ihm die Hand reichte. Aber kaum hatte er die Hand berührt, als er fühlte, daß er etwas getan, das über seine Kräfte ging, und aus dem Hause stürzte.

 

Oh! rief er, wie ein Wahnsinniger fortrennend und mit den Händen in seinen Haaren wühlend, wer wird mich von diesem Menschen befreien! Wehe mir! wehe mir!

 

He, Katalonier! he, Fernand! wohin läufst du? rief eine Stimme.

 

Der junge Mann blieb stehen, schaute umher und sah Caderousse, der mit Danglars unter einer Laube an einem Tische saß.

 

He! sagte Caderousse, warum kommst du nicht zu uns? Hast du so große Eile, daß du nicht einmal deinen Freunden einen guten Morgen wünschen kannst?

 

Fernand schaute die Männer mit einfältiger Miene an und antwortete nicht.

 

Er scheint ganz verblüfft, sagte Danglars leise und stieß dabei Caderousse mit dem Knie. Sollten wir uns getäuscht haben und keinen Bundesgenossen in ihm finden?

 

Verdammt! Wollen doch sehen! erwiderte Caderousse und fügte, zu dem jungen Mann gewendet, hinzu: Nun, Katalonier, willst du nicht kommen?

 

Fernand trocknete den Schweiß von seiner Stirn und trat langsam unter die schattige Laube, deren Frische seinem erhitzten Körper wohlzutun schien.

 

Guten Morgen, sagte er, Ihr habt mich gerufen, nicht wahr? Und dabei ließ er sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.

 

Ich rief dich, weil du wie ein Narr liefst, und weil ich befürchtete, du könntest dich ins Meer stürzen, erwiderte lachend Caderousse. Was zum Teufel, wenn man Freunde hat, so muß man ihnen nicht nur ein Glas Wein anbieten, sondern sie auch verhindern, drei oder vier Pinten Wasser zu schlucken.

 

Fernand stieß einen Seufzer aus, der einem Schluchzen ähnlich klang, und ließ seinen Kopf auf seine Fäuste sinken, die er kreuzweise auf den Tisch gelegt hatte.

 

Wie geht’s, Fernand? Soll ich dir was sagen, versetzte Caderousse mit plumper Offenheit, du siehst aus wie ein aus dem Felde geschlagener Liebhaber.

 

Und er begleitete diesen Spaß mit schwerfälligem Lachen.

 

Bah! sagte Danglars, ein junger Mann von diesem Schnitte kann unmöglich in der Liebe unglücklich sein. Du scherzest, Caderousse.

 

Oh nein, erwiderte dieser, höre nur, wie er seufzt. Ruhig, Fernand, fügte Caderousse hinzu, die Nase hochgehalten und geantwortet! Es ist nicht liebenswürdig. Freunden nicht zu antworten, die sich nach unsrer Gesundheit erkundigen.

 

Meine Gesundheit ist gut, antwortete Fernand, seine Fäuste krampfhaft zusammenziehend, aber ohne den Kopf zu heben.

 

Oh, siehst du, Danglars, sagte Caderousse und machte dabei seinem Freunde aus einem Augenwinkel ein Zeichen, das ist die Sache: Fernand, den du hier siehst, ein guter, braver Katalonier, einer der besten Fischer von Marseille, ist in ein schönes Mädchen, namens Mercedes, verliebt. Doch leider scheint das junge Mädchen seinerseits in den Sekond des Pharao verliebt zu sein. Und da der Pharao heute in den Hafen eingelaufen ist, so verstehst du …

 

Nein, ich verstehe nicht, erwiderte Danglars.

 

Der arme Fernand wird seinen Abschied bekommen haben, fuhr Caderousse fort.

 

Wohl und was ist dabei? sagte Fernand, das Haupt erhebend, und schaute Caderousse wie ein Mensch an, der einen sucht, auf den er seinen Zorn fallen lassen kann. Mercedes hängt von niemand ab, nicht wahr? Es steht ihr frei, zu lieben, wen sie will!

 

Ah! wenn du es so nimmst, entgegnete Caderousse, so ist es etwas anderes. Ich hielt dich für einen Katalonier, und man hat mir gesagt, die Katalonier wären nicht die Männer, die sich von andern ausstechen lassen; man sagte mir weiter, Fernand sei besonders furchtbar in seiner Rache.

 

Fernand lächelte mitleidig und erwiderte: Ein Verliebter ist nie furchtbar.

 

Armer Junge! versetzte Danglars, der sich den Anschein gab, als beklagte er den jungen Mann aus der Tiefe seines Herzens. Was willst du? Er war nicht darauf gefaßt, Dantes so plötzlich zurückkommen zu sehen. Er hielt ihn vielleicht für tot, für ungetreu, wer weiß? Man ist in solchen Fällen um so empfindlicher, je unerwarteter sie eintreten.

 

In jedem Fall, sagte Caderousse, auf den der Wein seine Wirkung auszuüben anfing, ist Fernand nicht der einzige, den Dantes‘ glückliche Ankunft ärgert! Nicht wahr, Danglars?

 

Du sprichst die Wahrheit, und ich glaube fast, behaupten zu können, daß ihm dies Unglück bringen wird.

 

Doch gleichviel, versetzte Caderousse, goß Fernand ein Glas Wein ein und füllte zum zehntenmale sein eigenes Glas, während Danglars nur an dem seinigen genippt hatte, gleichviel, inzwischen heiratet er Mercedes, die schöne Mercedes; er kommt wenigstens deshalb zurück.

 

Während dieser Worte betrachtete Danglars mit durchdringendem Blick den jungen Mann, auf dessen Herz Caderousses Worte wie geschmolzenes Blei fielen.

 

Und wann soll die Hochzeit sein? fragte er.

 

Oh! so weit ist’s noch nicht, murmelte Fernand.

 

Nein, aber es wird bald so weit sein, entgegnete Caderousse; so gewiß, als Dantes Kapitän sein wird, nicht wahr, Danglars?

 

Danglars bebte bei diesem unerwarteten Streiche und wandte sich zu Caderousse, um auf dessen Gesicht zu lesen, ob ihm der Stich mit Vorbedacht versetzt worden sei. Aber er sah nichts, als den Neid aus dem infolge der Trunkenheit bereits albern aussehenden Gesichte.

 

Nun gut, sagte er, die Gläser wieder füllend, trinken wir also auf die Gesundheit des Kapitäns Edmond Dantes, des Gatten der schönen Katalonierin!

 

Caderousse setzte mit einer schweren Hand sein Glas an den Mund und leerte es auf einen Zug. Fernand nahm das seinige und schleuderte es auf die Erde.

 

He, he, he! rief Caderousse, was erblicke ich da oben auf dem Hügel in der Richtung der Katalonier! Sieh doch, Fernand, du hast ein besseres Gesicht, als ich. Ich glaube, ich fange an, doppelt zu sehen, und du weißt, der Wein ist ein Verräter. Man sollte glauben, es seien zwei Liebende, die Hand in Hand nebeneinander gehen. Gott vergebe mir! Sie vermuten nicht, daß wir sie sehen, und umarmen sich sogar.

 

Danglars folgte lauernd allen schmerzlichen Bewegungen in Fernands sich sichtlich entstellendem Gesichte.

 

Oho, Dantes! oho, schönes Mädchen! rief jetzt Caderousse, kommt doch mal her und sagt uns, wann die Hochzeit sein wird.

 

Willst du wohl schweigen, sagte Danglars, der sich den Anschein gab, als wollte er Caderousse zurückhalten, der sich mit der Halsstarrigkeit eines Trunkenen aus der Laube hervorneigte. Mach, daß du nicht von der Bank fällst, und laß die Verliebten sich ruhig lieben! Sieh Herrn Fernand an, und nimm dir ein Beispiel an ihm! Er ist vernünftig.

 

Vielleicht wäre Fernand, außer sich und von Danglars ausgestachelt wie der Stier durch die Bandilleros, hinausgestürzt, denn er hatte sich bereits erhoben und schien sich auf seinen Nebenbuhler stürzen zu wollen; aber lachend und mutig erhob Mercedes ihr schönes Haupt und ließ ihren klaren Blick strahlen. Da erinnerte sich Fernand ihrer Drohung, sich den Tod zu geben, wenn Edmond umkäme, und er fiel völlig entmutigt auf seinen Stuhl zurück.

 

Danglars schaute achselzuckend die beiden andern an und murmelte: Was soll man mit solchen Einfaltspinseln machen? Was nützt mir der blöde Neid, der sich im Weine statt in Galle berauscht, und die kindische Verliebtheit, die sich, statt zu handeln, in Klagen und Winseln verzehrt? – Der Anmaßende wird triumphieren, wenn ich nicht die Karten mische, fügte er mit düsterm Lächeln hinzu.

 

Holla, schrie Cadcrousse, sich halb aufrichtend und mit den Fäusten auf den Tisch stützend, holla, Edmond! Siehst du die Freunde nicht, oder bist du bereits zu stolz, um mit ihnen zu sprechen?

 

Nein, mein lieber Caderousse, antwortete Dantes, ich bin nicht zu stolz, ich bin glücklich, und das Glück blendet, glaube ich, noch mehr als der Stolz.

 

Das lasse ich mir gefallen; das ist eine Erklärung, sagte Caderousse. Ei, guten Morgen, Frau Dantes.

 

Mercedes grüßte ernst und erwiderte: Das ist noch nicht mein Name, und in meinem Lande sagt man, es bringe Unglück, wenn man ein Mädchen mit dem Namen ihres Bräutigams anredet, ehe dieser ihr Gatte geworden ist; ich bitte Sie also, nennen Sie mich Mercedes.

 

Die Hochzeit soll also ungesäumt stattfinden, Herr Dantes? fragte Danglars und begrüßte das junge Paar.

 

Sobald als möglich, Herr Danglars. Heute die Verträge bei meinem Vater, und spätestens übermorgen das Hochzeitsmahl hier in der Reserve. Die Freunde werden sich hoffentlich einfinden; das heißt, Sie sind eingeladen, Herr Danglars, und du ebenfalls, Caderousse.

 

Und Fernand? versetzte Caderousse mit einem ekelhaften Gelächter; Fernand auch?

 

Der Bruder meiner Frau ist mein Bruder, und wir könnten es nur mit tiefem Bedauern sehen, Mercedes und ich, wenn er sich in einem solchen Augenblicke von uns fernhielte.

 

Fernand öffnete den Mund, um zu antworten; aber seine Stimme versagte, und er vermochte nicht ein Wort hervorzubringen.

 

Heute Vertrag, übermorgen Hochzeit! Teufel, Sie sind sehr eilig, Kapitän! Was! wir haben Zeit; der Pharao geht nicht vor drei Monaten in See.

 

Man soll das Glück nie versäumen, Herr Danglars, und wenn man lange gelitten hat, scheut man sich, an das Glück zu glauben. Es ist jedoch diesmal nicht die Selbstsucht, die mich treibt; ich muß nach Paris reisen.

 

Ah, wirklich, nach Paris, und Sie kommen zum erstenmal dahin, Dantes? – Ja.

 

Sie haben Geschäfte dort?

 

Nicht für meine Rechnung; es ist ein letzter Auftrag von unserm armen Kapitän Leclère, den ich zu erfüllen habe. Seien Sie übrigens unbesorgt, ich werde mir nur so viel Zeit nehmen, als ich zur Hin- und Herreise brauche.

 

Ja, ja, ich verstehe, sagte Danglars laut; dann fügte er leise hinzu: Nach Paris, ohne Zweifel, um den Brief, den ihm der Großmarschall gegeben hat, an seine Adresse abzuliefern. Bei Gott, dieser Brief bringt mich auf einen vortrefflichen Gedanken. Ha, Dantes, mein Freund! Du stehst in der Liste des Pharao noch nicht unter Nr. 1.

 

Dann rief er dem sich bereits entfernenden Edmond zu: Glückliche Reise!

 

Ich danke, antwortete Edmond, drehte den Kopf um und begleitete diese Bewegung mit einer freundschaftlichen Gebärde. Hieraus setzten die Liebenden ihren Weg fort, ruhig und freudig, wie zwei über die Maßen Glückliche.

 

Das Komplott.

 

Das Komplott.

 

Danglars folgte Edmond und Mercedes mit den Augen, bis sie an einer Ecke des Forts Saint-Nicolas verschwanden. Dann bemerkte er, daß Fernand bleich und zitternd auf seinen Stuhl gesunken war, während Caderousse die Worte eines Trinkliedes stammelte.

 

Ah! mein lieber Herr, sagte Danglars zu Fernand, das ist eine Heirat, die mir nicht alle Leute glücklich zu machen scheint.

 

Sie bringt mich in Verzweiflung, erwiderte Fernand.

 

Sie liebten also Mercedes?

 

Solange wir uns kennen, habe ich sie stets geliebt.

 

Und Sie reißen sich die Haare aus, statt etwas dagegen zu unternehmen? Zum Teufel, ich glaubte nicht, daß die Leute Ihrer Nation so handelten!

 

Was soll ich tun? fragte Fernand.

 

Was weiß ich! Geht es mich an? Ich bin nicht in Fräulein Mercedes verliebt, denk‘ ich, sondern Sie. Suchet, so werdet ihr finden, sagt das Evangelium.

 

Ich wollte den Menschen erdolchen; aber sie sagte mir, wenn ihrem Bräutigam ein Unglück widerführe, so würde sie sich töten.

 

Dummkopf! murmelte Danglars, sie mag sich umbringen oder nicht, wenn nur Dantes nicht Kapitän wird.

 

Und ehe Mercedes stirbt, versetzte Fernand mit dem Tone unerschütterlicher Entschlossenheit, würde ich mir selbst den Tod geben.

 

Das nenne ich Liebe, sagte Caderousse mit einer immer mehr weinschweren Zunge, oder ich verstehe mich nicht darauf.

 

Sie scheinen mir ein braver Bursche zu sein, sagte Danglars, und der Teufel soll mich holen, ich wüßte etwas, Ihre Pein zu enden, denn …

 

Was meinen Sie? sagte Fernand, begierig, weiteres zu hören.

 

Was sagte ich? Ich weiß es nicht mehr! Durch diesen Trunkenbold von Caderousse habe ich den Faden meiner Gedanken verloren. Caderousse hatte den letzten Vers eines damals sehr beliebten Liedes zu singen angefangen:

 

Alle Sünder trinken Wasser,

Wie die Sündflut uns beweist …

 

Sie sagten, mein Herr, versetzte Fernand, Sie wüßten etwas, meine Pein zu enden; dann fügten Sie hinzu …

 

 

Ja, denn es genügt dazu, scheint mir, daß Dantes nicht die heiratet, die Sie lieben, und die Heirat kann, denke ich, wohl unterbleiben, ohne daß Dantes stirbt.

 

Der Tod allein wird sie trennen, erwiderte Fernand.

 

Sie urteilen wie eine Schnecke, mein Freund, sagte Caderousse, und Danglars hier, der ein feiner Bursche, ein Schlaukopf, ein wahrer Grieche ist, wird Ihnen beweisen, daß Sie unrecht haben. Beweise es ihm, Danglars, ich habe mich für dich verbürgt. Sage ihm, es sei nicht nötig, daß Dantes sterbe, Überdies wär‘ es schade, wenn Dantes stürbe, er ist ein guter Kerl … ich liebe ihn … auf Dantes‘ Gesundheit!

 

Fernand erhob sich ungeduldig.

 

Lassen Sie ihn schwatzen, versetzte Danglars, den jungen Mann zurückhaltend. Übrigens, so betrunken er auch ist, so redet er doch die Wahrheit. Die Abwesenheit trennt ebensogut, wie der Tod. Denken Sie sich, es wären zwischen Edmond und Mercedes die Mauern eines Gefängnisses, so würden sie fürs erste nicht minder getrennt sein, als wenn ein Grabstein zwischen ihnen läge.

 

Ja, aber aus dem Gefängnis kommt man zurück, sagte Caderousse, der sich mit den Trümmern seines Verstandes an das Gespräch festklammerte, und wenn man draußen ist und Edmond Dantes heißt, so rächt man sich.

 

Gleichviel, murmelte Fernand.

 

Warum sollte man auch Dantes in ein Gefängnis stecken? Er hat weder geraubt noch gemordet, versetzte Caderousse und leerte abermals ein Glas Wein.

 

Danglars verfolgte in den trüben Augen des Schneiders die Fortschritte der Trunkenheit und sagte sodann zu Fernand: Begreifen Sie nun, daß es nicht nötig wäre, ihn zu töten?

 

Nein, gewiß nicht, hätte man ein Mittel, Dantes festnehmen zu lassen. Aber, besitzen Sie dieses Mittel?

 

Wenn man gut suchte, erwiderte Danglars, könnte man wohl eins finden. Doch zum Teufel, wozu menge ich mich drein? Was geht’s mich an?

 

Ich weiß nicht, ob es Sie angeht, sagte Fernand und faßte ihn am Arme; aber ich weiß, daß Sie irgend einen besonderen Grund zum Haß gegen Dantes haben. Wer selbst haßt, täuscht sich nicht in den Gefühlen der andern.

 

Ich, einen Grund, Dantes zu hassen? Keinen, auf mein Wort. Ich sah Sie unglücklich, und Ihr Unglück erregte meine Teilnahme, das ist alles. Aber, wenn Sie glauben, ich handle für meine eigene Rechnung, Gott befohlen, lieber Freund! Ziehen Sie sich nur aus der Klemme, wie Sie können …

 

Und Danglars stellte sich, als wollte er weggehen.

 

Nein, sagte Fernand, ihn zurückhaltend, bleiben Sie! Es liegt mir am Ende wenig dran, ob Sie Dantes grollen oder nicht. Ich hasse ihn und gestehe es laut. Finden Sie das Mittel, so führe ich es aus, vorausgesetzt, daß es nicht sein Tod ist, denn Mercedes hat gesagt, sie würde sich umbringen, wenn man Dantes tötete. Also her das Mittel – schnell das Mittel!

 

Ja, versetzte Danglars. Die Franzosen sind hierin den Spaniern überlegen. Die Spanier bedenken und erwägen, die Franzosen erfinden. Kellner, eine Feder, Tinte und Papier!

 

Wenn man bedenkt, sagte Caderousse und ließ seine Hand auf das Papier fallen, das der Kellner gebracht hatte, daß hier etwas ist, womit man einen Menschen sicherer verderben kann, als wenn man ihm an der Ecke eines Waldes auflauerte, um ihn zu ermorden! Ich habe immer mehr Furcht vor einer Feder, einer Flasche Tinte und einem Blatt Papier gehabt, als vor einem Degen oder einer Pistole.

 

Der Bursche ist noch nicht so betrunken, wie er aussieht. Schenken Sie ihm ein, Fernand!

 

Fernand füllte Caderousses Glas.

 

Also, ich sagte Ihnen, fuhr Danglars fort, als er sah, daß der letzte Rest von Caderousses Vernunft in dem neuen Glase Wein vollends zu verschwinden anfing, wenn z. B. nach einer Reise, wie sie Dantes gemacht hat, wobei er die Insel Elba berührte, ihn jemand bei dem Staatsanwalt als bonapartistischen Agenten anzeigte …

 

Ich würde ihn anzeigen, sagte lebhaft der junge Mann.

 

Ja, aber dann läßt man Sie Ihre Erklärung unterschreiben. Man stellt Sie dem, den Sie angezeigt haben, gegenüber. Zwar liefere ich Ihnen, was Sie zur Unterstützung Ihrer Anklage brauchen; aber Dantes kann nicht ewig im Gefängnisse bleiben; eines Tages verläßt er es, und dann wehe dem, der ihn hineingebracht hat.

 

Oh! davor ist mir nicht bange, sagte Fernand, er soll nur kommen, Streit mit mir anzufangen.

 

Ja, und Mercedes, die Sie schon haßt, wenn Sie nur das Unglück haben, die Haut ihres geliebten Edmond zu ritzen?

 

Das ist richtig, versetzte Fernand.

 

Nein, nein, sagte Danglars, wenn man sich zu dergleichen entschlösse, so wäre es besser, ganz einfach, wie ich dies eben tue, mit der linken Hand, damit die Schrift nicht erkannt wird, eine kleine Denunziation zu schreiben.

 

Und Danglars schrieb zugleich mit der linken Hand in einer Schrift, die keine Ähnlichkeit mit seiner gewöhnlichen Handschrift hatte, folgende Zeilen, die er Fernand übergab:

 

»Der Herr Staatsanwalt wird von einem Freunde des Thrones und der Religion benachrichtigt, daß Edmond Dantes, Sekond des Schiffes Pharao, heute morgen von Smyrna angelangt ist, nachdem er Neapel und Porto Ferrajo auf Elba berührt hat, von Murat einen Brief für den Usurpator und von dem Usurpator einen Brief für das bonapartistische Komitee in Paris übernommen hat. Den Beweis für sein Verbrechen wird man erlangen, wenn man ihn verhaftet; denn man findet diesen Brief entweder bei ihm oder bei seinem Vater oder in seiner Kajüte an Bord des Pharao.«

 

So ist Ihre Rache vernünftig, fuhr Danglars fort, denn sie kann auf keine Weise auf Sie zurückfallen, und die Sache macht sich ganz von selbst. Man darf diesen Brief nur noch adressieren. Dann wäre alles abgemacht.

 

Und Danglars schrieb die Adresse.

 

Ja, alles wäre abgemacht, rief Caderousse, der mit einer letzten Anstrengung seines Geistes dem Vorlesen gefolgt war und noch dunkel begriff, was für unselige Folgen eine solche Anzeige nach sich ziehen könnte. Ja, alles wäre abgemacht; aber das Ganze wäre eine Schändlichkeit. Und er streckte den Arm aus, um den Brief zu nehmen. Danglars aber stieß das Papier beiseite und erwiderte: Was ich sage und hier mache, geschieht doch nur im Scherz, und es würde mir vor allem leid tun, wenn Dantes, dem guten Dantes etwas widerführe. Seht selbst … und er zerknitterte den Brief und warf ihn in eine Ecke der Laube.

 

So ist es gut, sagte Caderousse, Dantes ist mein Freund, und ich will nicht, daß man ihm Böses zufüge.

 

Wer zum Teufel denkt daran, ihm Böses zuzufügen? Ich nicht, Fernand auch nicht, sagte Danglars, stand auf und sah dabei den jungen Mann an, der sitzen geblieben war, aber beständig nach dem in die Ecke geworfenen verräterischen Papier schielte.

 

Dann Wein her, sagte Caderousse. Ich will auf die Gesundheit von Edmond und der schönen Mercedes trinken.

 

Nein, für heute haben wir genug, es ist Zeit, nach Hause zu kommen. Gib mir den Arm und laß uns gehen, sagte Danglars und zog Caderousse in der Richtung von Marseille mit sich fort.

 

Als er aber zwanzig Schritte gemacht hatte, wandte er sich um und sah, daß sich Fernand auf das Papier stürzte, es sogleich in die Tasche steckte und sich dann eiligst aus der Laube entfernte.

 

Gut, gut, murmelte Danglars, die Sache ist im Gange, und man darf ihr nur ihren Lauf lassen.

 

Das Verlobungsmahl.

 

Das Verlobungsmahl.

 

Am andern Morgen erhob sich die Sonne rein und glänzend, und ihre purpurnen Strahlen übergossen wie mit Rubinen die schäumenden Spitzen der Meereswellen.

 

Das Verlobungsmahl war im großen Saale des ersten Stockes der Reserve bereitet worden. In der Mitte der langen Tafel saß auf der einen Seite die reizende Mercedes, rechts von ihr im Sonntagsstaate der alte Dantes, während zu ihrer Linken ihr Vetter Fernand Platz genommen hatte. Ihnen gegenüber saß der Bräutigam, neben ihm Herr Morel, der das Verlobungsfest seines zukünftigen Kapitäns mit seiner Gegenwart beehrte.

 

In ihrer Nähe befanden sich auch Danglars sowie Caderousse, den die Hoffnung auf ein gutes Mahl vollends mit Dantes ausgesöhnt hatte und in dessen Gedächtnis nur eine schwankende Erinnerung von dem geblieben war, was sich am Tage vorher zugetragen hatte.

 

Außer diesen uns bekannten Gästen waren zahlreiche Freunde des Bräutigams, Seeleute und Soldaten, anwesend, die bereits anfingen, dem reichen Mahle zuzusprechen.

 

Schon liefen um die Tafel Würste von Arles mit ihrem eigentümlichen, starken Gerüche, Seekrebse mit blendender Schale, Prayres in rosafarbiger Muschel, Seeigel, die Kastanien glichen, und alle die Leckerbissen, welche die Wellen auf das sandige Ufer wälzen und die dankbaren Schiffer mit dem Namen Seefrüchte bezeichnen.

 

Ein schönes Schweigen, sagte Dantes‘ Vater, ein Glas Wein, gelb wie Topas, schlürfend. Sollte man glauben, es seien hier dreißig Personen, die sich frohe Zeit machen wollen?

 

Ei, auch ein Bräutigam kann nicht immer heiter sein, erwiderte Caderousse.

 

Es ist wahr, sagte Dantes, ich bin zu glücklich in diesem Augenblick, um heiter zu sein. Die Freude bringt zuweilen eine seltsame Wirkung hervor, sie drängt, wie der Schmerz, die laute Äußerung zurück. Es scheint mir, der Mensch ist nicht geschaffen, so leicht glücklich zu werden. Man muß kämpfen, um das Glück zu erobern, und ich weiß gar nicht, wodurch ich das Glück, Mercedes‘ Gatte zu sein, verdient habe.

 

Der Gatte, der Gatte, rief Caderousse lachend, noch nicht, mein Kapitän! Versuche es einmal, den Gatten zu spielen, und du wirst sehen, wie man dich aufnimmt!

 

Mercedes errötete.

 

Fernand quälte sich auf seinem Stuhle, bebte bei dem geringsten Geräusche und wischte sich jeden Augenblick große Schweißtropfen ab. Von Zeit zu Zeit schaute er nach Marseille zu, als ob er auf irgend etwas Besonderes wartete.

 

Bei Gott, man braucht mich nicht Lügen zu strafen; Mercedes ist allerdings noch nicht meine Frau, sagte Dantes und zog seine Uhr. Aber in anderthalb Stunden wird sie es sein.

 

Alle ließen Ausrufe des Erstaunens hören, nur Dantes Vater nicht, der durch ein breites Lachen seine noch schönen Zähne zeigte. Mercedes lächelte und errötete nicht mehr. Fernand faßte krampfhaft nach dem Hefte seines Messers.

 

Ja, meine Freunde, fuhr Dantes fort, dank dem Eintreten des Herrn Morel, des Mannes, dem ich nach meinem Vater am meisten auf dieser Welt zu verdanken habe, sind alle Schwierigkeiten beseitigt. Alle Förmlichkeiten sind erfüllt, und um halb drei Uhr erwartet uns der Maire von Marseille auf dem Rathause.

 

Fernand schloß die Augen; eine feurige Wolke brannte auf seinen Augenlidern; er stützte sich auf den Tisch und konnte sich eines dumpfen Seufzers nicht erwehren, der sich in dem Geräusche des Gelächters und der Glückwünsche der Versammlung verlor.

 

Das lass‘ ich mir gefallen, sagte der alte Dantes. Gestern morgen hier angekommen, heute um drei Uhr geheiratet! Die Seeleute segeln rasch in den Hafen.

 

Aber die sonstigen Förmlichkeiten? wandte Danglars ein, der Vertrag, die schriftlichen Erklärungen?

 

Der Vertrag? entgegnete Dantes lachend, der Vertrag ist fertig. Mercedes hat nichts, ich habe auch nichts. Da bedurfte es keines langen Schreibens und kostet auch nicht so viel … Dieser Scherz veranlaßte einen Ausbruch der Freude und des Beifalls.

 

Was wir für ein Verlobungsmahl hielten, ist also ein Hochzeitsmahl, sagte Danglars.

 

Nein, erwiderte Dantes, seid unbesorgt! Ihr sollt nichts dabei verlieren. Morgen früh reise ich nach Paris. Vier Tage hin, vier Tage her und einen Tag, um gewissenhaft meinen Auftrag zu vollziehen. Am ersten März bin ich dann zurück, und am zweiten findet das wahre Hochzeitsmahl statt.

 

Die Aussicht auf einen neuen Schmaus verdoppelte die Heiterkeit dergestalt, daß der Greis, der sich anfangs über die Stille beklagt hatte, mitten unter dem allgemeinen Gespräche vergebliche Versuche machte, seinen Glückwunsch für das zukünftige Ehepaar anzubringen. Es herrschte um die Tafel die geräuschvolle, ungebundene Heiterkeit, die bei Leuten aus dem Arbeiterstande das Ende des Mahles zu bezeichnen pflegt. Alle sprachen zu gleicher Zeit, und niemand antwortete auf das, was man ihm sagte, sondern jeder beschäftigte sich nur mit seinen eigenen Gedanken.

 

Fernands Blässe schien auf Danglars‘ Wangen übergegangen und Fernand selbst wie ein Verdammter im Fegefeuer zu sein. Er stand zuerst auf, ging im Saal umher und bemühte sich, sein Ohr von dem Klang der Lieder und des Zusammenstoßens der Gläser abzuwenden. Caderousse näherte sich ihm in dem Augenblicke, wo Danglars ihn in einer Ecke des Saales aufsuchte.

 

In der Tat, sagte Caderousse, dem Dantes‘ freundliches Wesen und besonders der gute Wein des Vaters Pamphile den ganzen Rest des Hasses und Neides gegen den jungen Seemann fortgeschwemmt hatten, in der Tat, Dantes ist ein vortrefflicher Bursche, und wenn ich ihn neben seiner Braut sitzen sehe, sage ich mir, es wäre schade gewesen, wenn man ihm den schlechten Streich gespielt hätte, den ihr gestern miteinander verabredet habt.

 

Du hast auch gesehen, erwiderte Danglars, daß ich die Sache vereitelt habe. Fernand war anfangs so verzweifelt, daß er mir bange machte; aber von dem Augenblicke an, wo er sich dazu entschloß, als erster Brautführer bei der Hochzeit seines Nebenbuhlers aufzutreten, war nichts mehr zu sagen.

 

Caderousse schaute Fernand an, der leichenblaß war.

 

Gehen wir, sagte jetzt Mercedes mit sanfter Stimme, es ist zwei Uhr, und man erwartet uns um halb drei.

 

Laßt uns gehen! riefen alle Gäste im Chor. In demselben Augenblick sah Danglars, wie Fernand, der auf dem Fenstersimse saß, plötzlich seine verstörten Augen weit aufriß, mit einer krampfhaften Bewegung sich erhob und dann wieder auf den Sims zurückfiel. Fast gleichzeitig vernahm man ein dumpfes Geräusch auf der Treppe. Dieses Geräusch schwerer Tritte und der verworrene Lärm von Stimmen, vermischt mit dem Klirren von Waffen, übertönten das Gespräch der Gäste und erregten die allgemeine Aufmerksamkeit, die sich durch ein auffälliges Stillschweigen kundgab. Der Lärm näherte sich, drei Schläge ertönten an der Tür, jeder schaute seinen Nachbar mit erstaunter Miene an.

 

Im Namen des Gesetzes! rief eine scharfe Stimme, der niemand antwortete. Sogleich öffnete sich die Tür, und ein Kommissar mit seiner Schärpe, dem vier bewaffnete Soldaten unter Anführung eines Korporals folgten, trat in den Saal. – Die Unruhe machte dem Schrecken Platz.

 

Was gibt es? sagte der Reeder, dem Kommissar, den er kannte, entgegengehend. Es findet hier sicherlich ein Irrtum statt.

 

 

Wenn ein Irrtum stattfindet, Herr Morel, antwortete der Kommissar, so glauben Sie mir, er wird schleunigst wieder gut gemacht werden. Im Augenblick bin ich der Träger eines Verhaftbefehles und muß meinen Austrag, wenn auch mit Bedauern, vollziehen. Wer von Ihnen, meine Herren, ist Edmond Dantes?

 

Alle Blicke wandten sich dem jungen Manne zu, der erregt, aber voll Würde einen Schritt vorwärts machte und erwiderte: Ich bin es, was wollen Sie von mir?

 

Edmond Dantes, sagte der Kommissar, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.

 

Sie verhaften mich? sagte Edmond mit leichter Blässe. Warum verhaften Sie mich?

 

Ich weiß es nicht, mein Herr; aber Ihr erstes Verhör wird Sie darüber belehren.

 

Herr Morel begriff, daß sich nichts gegen die unbeugsame Gewalt der Verhältnisse tun ließ. Ein Kommissar in amtlicher Eigenschaft ist kein Mensch mehr; er ist die starre Hand des kalten, tauben Gesetzes. Der Greis aber stürzte dem Beamten entgegen; es gibt Dinge, die das Herz eines Vaters oder einer Mutter nie begreifen wird. Er bat, er flehte; Bitten und Tränen vermochten nichts; aber seine Verzweiflung war so groß, daß der Kommissar dadurch gerührt wurde.

 

Mein Herr, sagte er, beruhigen Sie sich, Ihr Sohn hat vielleicht irgend eine Zoll- oder Sanitätsvorschrift übersehen, und wenn man die gewünschte Auskunft von ihm erhalten hat, wird man ihn aller Wahrscheinlichkeit nach in Freiheit setzen.

 

Was soll denn das bedeuten? sagte Caderousse zu Danglars, der den Erstaunten spielte.

 

Weiß ich es? entgegnete Danglars. Mir geht’s wie dir; ich sehe, was vorgeht, begreife nichts davon und bleibe ganz verwirrt.

 

Caderousse suchte mit seinen Augen Fernand; er war verschwunden, und nun trat ihm die ganze Szene vom vorhergehenden Tage mit furchtbarer Klarheit vor die Seele.

 

Oh, oh! sagte er mit dumpfer Stimme, ist das die Folge des Scherzes, von dem du gestern sprachst, Danglars? In diesem Falle wehe dem, der ihn gemacht hat, denn er ist sehr schlecht!

 

Keineswegs, rief Danglars, du weißt, daß ich das Papier zerrissen habe.

 

Du hast es nicht zerrissen, du warfst es in die Ecke.

 

Schweig, du hast nichts gesehen, du warst betrunken.

 

Wo ist Fernand? sagte Caderousse.

 

Weiß ich es? antwortete Danglars. Ohne Zweifel geht er seinen Geschäften nach.

 

Während dieses Gespräches drückte Dantes allen seinen Freunden die Hand und gab sich mit den Worten in Verhaft: Seid ruhig, der Irrtum wird sich aufklären, und wahrscheinlich komme ich nicht ins Gefängnis.

 

Ganz gewiß nicht, dafür wollte ich stehen, sagte Danglars, der sich in diesem Augenblicke der Hauptgruppe näherte.

 

Der Kommissar ging vor Dantes die Treppe hinab. Ein Wagen, dessen Schlag geöffnet war, wartete vor der Tür. Dantes stieg ein. Der Schlag wurde geschlossen, und der Wagen fuhr nach Marseille.

 

Leb wohl, Edmond, rief Mercedes, ans Fenster stürzend.

 

Der Gefangene hörte diesen letzten Schrei, der wie ein Schluchzen aus dem zerrissenen Herzen der Braut hervordrang. Er fuhr rasch mit dem Kopfe zu dem Schlage hinaus und rief: Auf Wiedersehen, Mercedes! Dann verschwand der Wagen hinter einer Ecke des Forts Saint-Nicolas.

 

Erwartet mich hier, sagte der Reeder, ich nehme den ersten Wagen, den ich treffe, eile nach Marseille und bringe euch bald Nachricht.

 

Gehen Sie, riefen alle Stimmen, und kommen Sie bald zurück!

 

Nach der Entfernung der beiden Männer herrschte einen Augenblick unter den Zurückbleibenden eine gewisse Betäubung. Der Greis und Mercedes verharrten eine Zeit lang jedes in seinen eigenen Schmerz versunken; dann aber begegneten sich ihre Augen, und in dem Bewußtsein, zwei von demselben Schlage getroffene Opfer zu sein, fielen sie einander in die Arme. Inzwischen kehrte Fernand zurück, schenkte sich ein Glas Wasser ein, leerte es und setzte sich auf einen Stuhl. Da dieser zufällig unweit des Ortes stand, wo Mercedes in die Arme des Greises sank, rückte Fernand seinen Stuhl unwillkürlich zurück.

 

Er ist’s gewesen, sagte Caderousse, der den Katalonier nicht aus dem Gesichte verloren hatte, zu Danglars.

 

Ich glaube es nicht, erwiderte Danglars, er ist zu dumm dazu. In jedem Fall mag der Streich auf den zurückfallen, der ihn ausgeführt hat!

 

Du meinst nicht den, der den Rat gegeben hat?

 

Ah! meiner Treu, soll man für das verantwortlich sein, was man in die Luft spricht? rief Danglars.

 

Ja, wenn das, was man in die Luft spricht, gerade auf das gewünschte Ziel zurückfällt.

 

Während dieser Zeit stellten die andern Gäste allerlei Vermutungen über die Verhaftung auf, und einer von ihnen wandte sich auch an Danglars mit der Frage, was seine Meinung von der Sache sei.

 

Ich, versetzte Danglars, ich denke, daß er ein paar Ballen verbotene Waren mitgebracht hat.

 

Oh, nun erinnere ich mich, murmelte der arme Vater, sich an diese leere Vermutung anklammernd, er sagte mir gestern, er hätte für mich eine Kiste Kaffee und eine Kiste Tabak.

 

Seht, das ist es, sagte Danglars; die Zollbeamten werden in unserer Abwesenheit einen Besuch an Bord des Pharao gemacht und den verborgenen Honig entdeckt haben.

 

Mercedes wollte dies nicht glauben; ihr bisher zurückgepreßter Schmerz machte sich plötzlich in gewaltigem Schluchzen Luft.

 

Ruhig, ruhig! Hoffnung! sagte der Alte, ohne zu wissen, was er sprach. Hoffnung! wiederholte Danglars. Hoffnung! suchte Fernand zu murmeln, aber das Wort erstickte auf seinen Lippen.

 

Meine Herren, rief einer von den Gästen, der als Schildwache an den Fenstern geblieben war, meine Herren, ein Wagen. Es ist Herr Morel. Mut, Mut! Ohne Zweifel bringt er uns gute Nachricht.

 

Mercedes und der alte Vater liefen dem Reeder entgegen, dem sie an der Tür begegneten. Herr Morel war sehr bleich.

 

Nun? riefen sie gleichzeitig.

 

Meine Freunde, antwortete der Reeder, die Sache ist ernster, als wir dachten.

 

Oh, Gott, rief Mercedes, er ist unschuldig!

 

Ich glaube es, antwortete Herr Morel, aber man klagt ihn an, ein bonapartistischer Agent zu sein.

 

Wer die Geschichte jener Tage kennt, weiß, wie furchtbar damals eine solche Anklage war.

 

Mercedes stieß einen Schrei aus; der Greis sank auf einen Stuhl.

 

Oh! Du hast mich hintergangen, Danglars, murmelte Caderousse, und der Scherz ist ausgeführt worden; aber ich kann diesen Greis und dieses Mädchen nicht vor Schmerz sterben lassen, und ich werde ihnen alles sagen.

 

Schweig, Unglücklicher! rief Danglars, oder ich stehe nicht für dich selber; wer sagt dir, daß Dantes nicht wirklich schuldig ist? Das Schiff hat die Insel Elba berührt, er ist an das Land gestiegen und einen ganzen Tag in Porto Ferrajo geblieben; wenn man einen Brief bei ihm fände, der ihn kompromittierte, so müßten die, welche ihn unterstützt hätten, als seine Mitschuldigen gelten!

 

Mit dem raschen Instinkte der Selbstsucht begriff Caderousse, wie furchtbar und gefährlich diese versteckte Drohung war. Er schaute Danglars mit Augen voll Furcht und Schmerz an.

 

Gehen wir, ich kann hier nicht länger bleiben, sagte er.

 

Ja, komm, versetzte Danglars, froh, Caderousses Absicht vereitelt zu haben; komm, sie mögen sich herausziehen, wie sie können!

 

Sie entfernten sich und bald auch die übrigen Gäste. Fernand, der nun wieder die Stütze des jungen Mädchens geworden war, nahm Mercedes bei der Hand und führte sie zu den Kataloniern zurück. Dantes‘ Freunde geleiteten den halb ohnmächtigen Greis nach den Allées de Meillan. Bald verbreitete sich das Gerücht, Dantes sei als bonapartistischer Agent verhaftet worden, durch die ganze Stadt.

 

Hätten Sie das geglaubt, lieber Danglars? sagte Herr Morel, als er seinen Rechnungsführer und Caderousse einholte, denn er eilte selbst in die Stadt zurück, um von dem ihm bekannten Staatsanwalt, Herrn von Villefort, etwas über Edmond zu erfahren; hätten Sie das geglaubt?

 

Bei Gott! erwiderte Danglars, ich sagte Ihnen, Dantes sei ohne allen Grund auf der Insel Elba gelandet, und dieser Aufenthalt war mir verdächtig vorgekommen.

 

Haben Sie Ihren Verdacht irgend jemand außer mir mitgeteilt?

 

Ich hütete mich wohl, erwiderte Danglars ganz leise; Sie wissen, wegen Ihres Oheims, des Herrn Policar Morel, der unter dem andern gedient hat und aus seiner Gesinnung keinen Hehl macht, stehen Sie in Verdacht, Napoleon zu beklagen Ich mußte fürchten, Edmond zu schaden, und damit auch Ihnen; es gibt Dinge, die man seinem Reeder mitzuteilen und allen anderen zu verbergen verpflichtet ist.

 

Gut, Danglars, gut! sagte der Reeder; Sie sind ein braver Mann; auch habe ich an Sie gedacht für den Fall, daß dieser arme Dantes Kapitän des Pharao würde, ich fragte ihn, was er von Ihnen dächte, und ob es ihm widerstrebe, Sie an Ihrem Posten zu behalten, denn ich weiß nicht, ich glaubte, eine gewisse Kälte zwischen euch wahrzunehmen.

 

Und was hat er Ihnen geantwortet?

 

Er glaube wirklich unter Umständen, die er auch nannte, unrecht gegen Sie gehabt zu haben, aber jeder, der das Vertrauen des Reeders besitze, besitze auch das seinige.

 

Der Heuchler! murmelte Danglars.

 

Armer Dantes! sagte Caderousse, er ist offenbar ein vortrefflicher Junge.

 

Ja, aber mittlerweile ist der Pharao ohne Kapitän, versetzte Herr Morel.

 

Oh, da wir erst in drei Monaten abreisen, so läßt sich hoffen, daß Dantes dann wieder in Freiheit gesetzt sein wird, und bis dahin bin ich da, Herr Morel, antwortete Danglars. Sie wissen, daß ich die Führung eines Schiffes so gut verstehe, wie ein Kapitän, der nach den entferntesten Ländern Fahrten unternimmt, und wenn Edmond aus dem Gefängnis kommt, brauchen Sie niemand zu danken. Er nimmt seinen Platz wieder ein und ich den meinigen, und damit ist die ganze Sache abgemacht.

 

Ich danke, Danglars, damit ist wirklich alles geordnet, übernehmen Sie also das Kommando, ich bevollmächtige Sie dazu, und beaufsichtigen Sie das Löschen der Ladung! Welches Unglück auch dem einzelnen begegnen mag, die Geschäfte dürfen nie darunter leiden.

 

Seien Sie unbesorgt! Aber kann man ihn denn wenigstens sehen, den guten Edmond?

 

Ich werde Ihnen das bald sagen, Danglars; ich will versuchen, Herrn von Villefort zu sprechen und zu Gunsten des Gefangenen umzustimmen. Ich weiß wohl, daß er ein wütender Royalist ist; aber wenn auch Royalist und Staatsanwalt, ist er doch ein Mensch, und ich halte ihn nicht für bösartig.

 

Nein, aber ich hörte, er sei ehrgeizig, und das ist dem sehr ähnlich.

 

Nun, wir wollen sehen, sagte Herr Morel mit einem Seufzer; gehen Sie an Bord, ich komme zu Ihnen. Und er verließ die zwei Freunde, um den Weg nach dem Justizpalaste einzuschlagen.

 

Du siehst, welche Wendung die Sache nimmt, sagte Danglars zu Caderousse. Hast du noch Lust, Dantes zu unterstützen?

 

Gewiß nicht, aber es ist doch etwas Furchtbares, daß ein Scherz solche Folgen hat.

 

Der Teufel! Wer hat ihn gemacht? Weder du noch ich, sondern Fernand. Du weißt, daß ich das Papier in einen Winkel geworfen habe; ich glaubte sogar, ich hätte es zerrissen.

 

Nein, nein, erwiderte Caderousse.

 

Fernand wird es aufgehoben haben, sagte Danglars; er hat es wahrscheinlich kopieren lassen … vielleicht hat er sich nicht einmal diese Mühe genommen; wenn ich bedenke, mein Gott! … er hat am Ende meinen eigenen Brief abgeschickt. Zum Glück hatte ich meine Handschrift verstellt.

 

Ich gäbe viel, wenn dies nicht geschehen wäre, versetzte Caderousse, oder wenn ich wenigstens in keiner Beziehung dazu stände. Du wirst sehen, es bringt uns Unglück.

 

Wenn es einem Unglück bringen soll, so ist das der wahre Schuldige, und der ist Fernand, wir sind es nicht. Was soll uns widerfahren? Wir haben uns nur ruhig zu verhalten, von der ganzen Geschichte keinen Ton zu reden, und das Gewitter geht vorüber.

 

Amen, sagte Caderousse, machte Danglars ein Zeichen des Abschiedes und wandte sich nach den Allées de Meillan, wobei er jedoch beständig den Kopf schüttelte und mit sich selbst sprach, ganz von peinigenden Gedanken erfüllt.

 

Gut, sagte Danglars, die Sache nimmt die von mir vorhergesehene Wendung; ich bin fürs erste Kapitän, und wenn dieser Dummkopf von Caderousse schweigen kann, für immer Kapitän. Es kann also nur das eine dazwischen treten, daß das Gericht Dantes freiläßt. Doch, fügte er lächelnd hinzu, die Justiz ist die Justiz, und ich verlasse mich auf sie.

 

Hierauf sprang er in eine Barke und gab den Schiffern Befehl, ihn nach dem Pharao zu rudern.