Kapitel 16

 

16

 

In der Nähe vom Regents Park steht ein Block von Doppelhäusern, bekannt unter dem Namen Gate Gardens. Jedes Haus hat seine eigene Tür, die über Nacht geschlossen bleibt und morgens vom Hauptportier geöffnet wird. Selbstverständlich haben alle Mieter einen eigenen Schlüssel. Inspektor Trainor brachte diese Einzelheiten schnell in Erfahrung. Anschließend fuhr er nach Scotland Yard zurück, um Meldung zu erstatten.

 

»Eines weiß ich gewiß, Kommissar«, sagte er. »Miss Martin wußte nichts von dem Mord, bis ich es ihr erzählte.«

 

»Wie erklären Sie sich die Blutflecken?« fragte Brown.

 

»Sie muß irgendwie mit dem Mörder zusammengetroffen sein. Weder er noch sie hatten eine Ahnung, daß Blut an seinem Rock oder vielmehr an seinem Rockärmel klebte. Verstehen Sie mich richtig – die Flecken sind auf der Innenfläche des Handschuhs. Im Gespräch muß Miss Martin die Hand auf den Arm des Mannes gelegt haben, und da sie die Handschuhe trug, bemerkte sie nichts von dem Blut. Wer der Mann war…? Ich glaube, ich weiß es – ich brauche einen Haftbefehl für Frank Leamington.«

 

Der Kommissar biß sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Ich meine fast, das wäre etwas zu verfrüht. Vielleicht ist Leamington auch gar nicht mehr in London. Wann wollen Sie ihn aufsuchen?«

 

»Sobald ich in seine Wohnung hineinkann«, erwiderte Trainor.

 

Der Kommissar dachte nach.

 

»Wir werden in einer Stunde hingehen«, entschied er dann.

 

Trainor schüttelte zweifelnd den Kopf.

 

»Vielleicht ist er dann längst im Ausland!«

 

Trotzdem waren Hurley Brown und Inspektor Trainor erst um acht Uhr in Gate Gardens. Die Haustür stand offen, und die Detektive stiegen sofort zum dritten Stock hinauf, wo sie klingelten.

 

Eine ältere Frau, anscheinend Leamingtons Haushälterin, öffnete ihnen.

 

»Ist Mr. Leamington zu Hause?«

 

»Natürlich«, sagte sie zu Trainors Überraschung. »Ich habe ihm gerade eine Tasse Tee gebracht, er liegt noch im Bett.«

 

»Wir werden erwartet«, sagte Trainor kurz zu der erschrockenen Dame, schob sie beiseite und ging mit Brown den Korridor entlang.

 

Die dritte Tür links war angelehnt. Er stieß sie ganz auf und sah Frank Leamington im Bett sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Frank hörte die Schritte und schaute auf.

 

»Sie wollen mich sprechen, Brown?«

 

»Inspektor Trainor möchte Ihnen einige Fragen stellen, Leamington«, entgegnete Hurley Brown sachlich.

 

Trainor schaute sich im Zimmer um und entdeckte sofort das, was er suchte. Es war ein über eine Stuhllehne gelegtes Hemd. Er ging darauf zu, betrachtete die Manschetten und zeigte es dann ohne ein Wort seinem Vorgesetzten. Auf dem Rand der einen Manschette war ein dunkelroter Fleck.

 

»Wo ist Ihr Mantel, Leamington?« fragte er.

 

Frank deutete mit dem Kopf zur Tür. Trainor nahm den leichten grauen Mantel vom Haken und hielt ihn gegen das Licht. Am rechten Ärmel waren zwei große dunkelbraune Flecken. Auch die Vorderseite war mit Blut beschmiert.

 

»Leamington«, sagte Trainor, »ich glaube, ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was ich nun tun muß.«

 

»Ich glaube auch nicht«, sagte Frank.

 

Er saß mit hochgezogenen Knien im Bett und betrachtete die Detektive fast mit einer gewissen Neugier.

 

»Ich verhafte Sie, Frank Leamington, wegen der vorsätzlichen Ermordung von Emil Louba – begangen in der Nacht des dritten Dezember zwischen zehn Uhr und zehn Uhr fünfundvierzig. Um zehn Uhr telefonierte Mr. Louba in den Elect Club. Um zehn Uhr fünfundvierzig war er tot.«

 

Kein Muskel zuckte in Leamingtons Gesicht.

 

»Ich habe ihn nicht ermordet«, sagte er schließlich. »Und wenn er um zehn Uhr telefonierte, dann ist das ein Wunder. Ich drang in seine Wohnung ein, um ihn zu töten – aber er war schon tot.«

 

»Um welche Zeit war das?«

 

»Um neun Uhr – eine Stunde, bevor er telefonierte«, entgegnete Frank. »Louba war um neun Uhr schon tot; er war tot, bevor Dr. Warden zum zweitenmal eintraf. Ich sah den Doktor beide Male kommen, weil ich das Haus beobachtete. Beim zweitenmal hat er mich sicher gesehen. Sagte er Ihnen das nicht?«

 

Hurley Brown schüttelte den Kopf.

 

»Miss Martin weiß auch davon«, sagte Trainor.

 

»Ich weiß nicht, weshalb Sie Miss Martin erwähnen«, meinte Leamington kühl. »Oder wollen Sie etwa alle meine Bekannten in diese Angelegenheit mit hineinziehen?«

 

»Sie war gestern abend, nachdem der Mord schon geschehen war, mit Ihnen zusammen, Frank«, erwiderte Hurley Brown ernst. »Erzählen Sie uns den Hergang der Geschichte klipp und klar – es geht immerhin um Ihr Leben.«

 

Frank Leamington stand auf und zog seinen Morgenrock an, bevor er antwortete. Seine Stirn war gefurcht – er dachte angestrengt nach. So schritt er im Zimmer auf und ab – eine ganze Weile, bis er sich auf den Rand des Bettes niedersetzte.

 

»Gut, ich werde reden. Hat Ihnen Miss Martin ihre Verlobung mit Emil Louba berichtet? Ja? Nun, das wissen Sie also. Als ich es erfuhr, war ich so wütend, daß ich ihn umbringen wollte. Dazu kam noch, daß ich wußte, was für ein gemeingefährliches Subjekt er ist – oder vielmehr war. Ich bin mit einem Mann bekannt, der im Amt für öffentliche Ordnung tätig ist. Er und seine Beamten versuchen schon seit Jahren, Louba zu Fall zu bringen. Die Polizei wußte wohl auch über diese Seite seines Charakters Bescheid, wie?«

 

Trainor nickte.

 

»Ich ging an dem Abend, nachdem ich Miss Martin gesprochen hatte, zum Braymore House. Ich wollte Louba umbringen, faßte aber nach einigem Nachdenken einen anderen Entschluß. Louba besaß eine Anzahl Schuldscheine, die von Miss Martin unterschrieben waren. Wie hoch die Summe war, auf die sie lauteten, wußte sie nicht. Louba verstand es immer wieder, sie mit dem Hinweis zu beruhigen, daß es sich nicht um einen großen Betrag handle. Ich brachte in Erfahrung, daß bei Sir Harry Marshley gar nicht Bridge, sondern Bakkarat gespielt wurde und daß Louba die Bank hielt. Dies erklärt auch, weshalb er sämtliche Schuldscheine in der Hand hatte. Vor einigen Tagen sagte Louba Miss Martin, daß sie ihm fünfzigtausend Pfund schulde und ihm das Geld sofort beschaffen müsse. Sie war völlig niedergeschlagen, da sie niemals mit einem solch hohen Betrag gerechnet hatte. Meiner Ansicht nach war der größte Teil der Schuldscheine, die er ihr zeigte, gefälscht, um sie damit zu erpressen.

 

Miss Martins Mutter ist schon seit langer Zeit herzkrank. Um ihr Kummer und Schande zu ersparen, blieb Miss Martin nur ein Ausweg übrig – nämlich Louba zu heiraten. Er hatte versprochen, ihr in diesem Fall die Schulden zu erlassen. Als sie mir davon erzählte, drohte ich, ihn umzubringen. Aus Angst, ich würde diesen Plan in die Tat umsetzen, lief sie am Abend ebenfalls zum Braymore House. Sie sah mich jedoch nicht hineingehen. Ich war schon gestern morgen dort gewesen und hatte in Abwesenheit des Portiers den Draht, der mit der Einbrecherglocke in Verbindung stand, durchschnitten. Gestern abend warf ich dann ein Seil über die Leiter, zog sie damit herunter und kletterte vorsichtig hinauf. Obwohl es sehr neblig war, stand zu meiner Überraschung das Fenster offen und die Lichter brannten. Das erste, was ich sah, war Louba, der anscheinend leblos auf dem Bett lag. Vor Schreck über diese Entdeckung wollte ich gleich wieder davonlaufen, aber da fielen mir die Schuldscheine von Beryl wieder ein, und ich stieg in das Zimmer, um nach ihnen zu suchen.«

 

»Das Fenster war offen?« fragte Brown überrascht. »Miller erklärte, es sei geschlossen und verriegelt gewesen und unmöglich von außen aufzumachen.«

 

»Es stand weit offen«, entgegnete Frank. »Na, um die lange Geschichte kurz zu machen: Ich kletterte also hinein und schlich an sein Bett. Er war blutüberströmt, aber ich dachte zuerst doch, er sei noch nicht ganz tot, und fühlte deshalb vorsichtig nach seinem Herz. Dabei muß ich die Blutflecken an meinen Rockärmel gebracht haben. Ich stellte fest, daß er tot war, und ging dann in das Wohnzimmer. Dort lauschte ich an der Tür, aber es war kein Laut zu hören.«

 

»War die Tür offen?«

 

»Ja. Auch der Schlüssel steckte. Ich begann den Schreibtisch zu durchwühlen, fand aber nichts und bekam es allmählich mit der Angst zu tun; über die Feuerleiter kletterte ich wieder auf die Straße. Dort war es, wo ich plötzlich auf Beryl – Miss Martin traf. Sie war meinetwegen furchtbar aufgeregt, und ich konnte sie kaum beruhigen. Schließlich gelang es mir doch, sie davon zu überzeugen, daß ich Louba zwar gesehen, aber ihm nichts getan hatte. Dann verließ ich sie schnell, bevor sie mir weitere Fragen stellen konnte. Ich wollte allein sein und mir noch einmal alles überlegen … Daß der Verdacht auf mich fallen würde, war klar – der durchschnittene Draht, meine Drohungen, alles deutete auf mich.«

 

»Warum kamen Sie in den Club? Warden und ich sahen Sie«, sagte Brown.

 

»Sie sahen mich? Ich habe Sie nicht bemerkt – war viel zu aufgeregt. Ich schaute die Abfahrtzeiten der Züge nach dem Festland nach, falls ich bei dem Einbruch überrascht werden sollte und ausreißen müßte. Das war es auch, was mir nachher Sorge machte. Wäre ich ausgerissen, dann hätte das ein glattes Eingeständnis meiner Schuld bedeutet. Eigentlich wäre es meine Pflicht gewesen, auf die nächste Polizeiwache zu gehen und zu sagen, was ich gesehen hatte … Ich überlegte stundenlang, um mir darüber schlüssig zu werden. Den Doktor sah ich und hätte ihn um ein Haar angesprochen – ich wünschte, ich hätte es getan –, und dann sah ich die Polizisten kommen und nachher Sie und Warden. Ich war verzweifelt. Ich wollte wissen, was da oben vor sich ging, was Sie besprachen, wen Sie im Verdacht hatten … und, Idiot, der ich war, versteckte ich mich noch einmal in der Nähe der Feuerleiter. Jemand kam die Leiter herunter und stieg sie wieder hinauf – das waren wohl Sie, Trainor. Dann ging ein Polizist so nahe an mir vorbei, daß er mich fast entdeckt hätte. Er ging auf die Straße hinaus, und das gab mir den Mut, etwas ganz Verrücktes zu tun – ich begann wieder die Leiter hinaufzusteigen. Als ich zur Hälfte oben war, entdeckten Sie mich, und ich sprang wieder herunter. Außerdem schrillte die Alarmglocke – was ich eigentlich hätte erwarten sollen, da ich kurz vorher aus meinem Versteck heraus den Portier beobachtet hatte, wie er mit einer Taschenlampe die Leitung untersuchte und den durchschnittenen Draht entdeckte. – So, ich denke, das wäre alles – das ist meine Geschichte.«

 

»Sind Sie sonst niemand in der Nähe der Feuerleiter begegnet?«

 

»Niemand.«

 

»Sahen Sie, als Sie in der Wohnung waren, einen Bogen Papier? Ein Blatt, auf dem nur ein R geschrieben stand?« fragte Hurley Brown, der zum Fenster hinaussah, ohne sich umzuwenden.

 

Frank schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich sah lediglich zwei umgeworfene Stühle und einen kleinen Stapel Briefe auf dem Fußboden neben dem Tisch. Das ist alles. Ich nahm zuerst an, es wären Beryls Schuldscheine, aber statt dessen waren es Briefe von einer Frau, die sich, soviel ich in der Eile daraus klug wurde, über ihren Mann beschwerte.«

 

»Briefe?« Brown und Trainor stießen das Wort wie aus einem Munde hervor.

 

»Sind Sie sicher, Mr. Leamington?« fragte Trainor hastig. »Ich fand keine Briefe. Wie waren sie unterschrieben?«

 

»Mit einem großen K«, entgegnete der Gefragte. »Als Absender war eine Adresse in Rumänien angegeben, irgendein Café in Bukarest. Auf den Namen kann ich mich nicht mehr genau besinnen. Geschrieben waren sie auf sehr schlechtem Papier.«

 

Trainor war jetzt ehrlich in Verlegenheit. Er hatte die Briefe nicht entdeckt und auch keineswegs irgendwelche umgestürzten Stühle gesehen.

 

»Falls Ihre Geschichte wahr ist«, brummte er, »müßte der Mörder noch in der Wohnung gewesen sein. Sie müssen ihn gestört haben, als er etwas suchte … Nun, Ihre Erzählung wird überprüft werden, Mr. Leamington. Übrigens möchte ich Sie gleich darauf aufmerksam machen, daß Sie mit Ihrer bis jetzt durch nichts bewiesenen Aussage kaum die Geschworenen werden überzeugen können.«

 

»Mich hat er überzeugt«, sagte Hurley Brown, und der Inspektor starrte ihn mit offenem Mund an.

 

»Ich fürchte, das wird nicht genügen, Sir«, versetzte er ein wenig förmlich, und Hurley lachte, was bei ihm sehr ungewöhnlich war.

 

»Wenn Mr. Leamington mir sein Ehrenwort gibt, daß er hier in London bleibt, werde ich die Verantwortung für ihn übernehmen«, sagte er. »Trainor, ich habe Ihnen diesen Fall übergeben, weil Sie der zuverlässigste und gewandteste Mann im Kriminaldienst sind, den ich kenne. Darum wäre ich auch der letzte, der Ihnen Hindernisse in den Weg legen oder Ihre Autorität untergraben würde. Nur aus einem ganz besonderen Grund, der mich in dieser Sache eine bestimmte Ansicht vertreten läßt, wünsche ich, daß Leamington vorerst noch auf freiem Fuß bleibt. Vor allen Dingen möchte ich nichts unternehmen, ohne vorher mit Dr. Warden gesprochen zu haben. Er hörte Stimmen in dem Zimmer, hörte Louba sagen ›sie muß es tun‹ oder so etwas Ähnliches. Warden ist der einzige Mensch, der uns jetzt weiterhelfen kann. Denken Sie daran, daß er bei seinem zweiten Besuch in Braymore House die Aufzugglocke aus dem dritten Stock hörte. Der Portier fuhr hinauf, sah oben aber niemand. Die darüberliegende Wohnung wird von Bennett da Costa bewohnt, der ein alter Konkurrent Loubas noch aus der Levante-Zeit her ist. Ich entdeckte diese Tatsache heute morgen. Costa ist verreist, oder soll es wenigstens sein, und zwar nach Südfrankreich. Die Wohnung ist leer, Dienerschaft ist keine da – nicht einmal eine Haushälterin. Wenn der Mörder Loubas die Feuertreppe hinabklettern konnte, konnte er sie auch hinaufklettern. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß der Mann, der den Mord beging, während der ganzen Zeit in der oberen Wohnung wartete.«

 

»Und die Fahrstuhlklingel benutzte?« fragte Trainor.

 

»Das kann ein Versehen gewesen sein. Die in Betracht kommende Person kann ja den Aufzugschacht hinuntergeschaut haben und dabei durch Zufall an den Knopf gekommen sein. Das Zeichen war sehr kurz.«

 

Es klopfte an der Tür, und Leamington hörte die Stimme seiner Haushälterin.

 

»Dr. Warden möchte Sie sprechen, Sir.«

 

Frank schaute die beiden Männer an, und Hurley Brown nickte.

 

»Er soll nur hereinkommen«, sagte er.

 

Der Doktor war sehr überrascht, die beiden Besucher vorzufinden.

 

»Ihr habt ihn also schon aufgespürt …? Ich hoffte, das würde nicht so schnell gehen, Brown.«

 

Frank drückte dem Doktor warm die Hand.

 

»Fein von Ihnen, daß Sie Brown nichts von unserer Begegnung sagten«, meinte er.

 

»Ich sah Sie gar nicht«, entgegnete Dr. Warden ruhig. »Wenn jemand behauptet, ich hätte Sie gesehen, so ist er völlig im Irrtum. Tatsache ist«, fuhr er ganz unlogisch fort, »daß ich hierhergekommen bin, um Sie zu fragen, was Sie verflixt noch mal! – in der Nähe von Braymore House zu tun hatten – aber ich muß wohl annehmen, daß Ihnen die Frage schon vorgelegt worden ist.«

 

Frank wiederholte kurz seine Geschichte, und je länger er erzählte, desto ernster wurde das gütige Gesicht des Doktors.

 

»Nein«, sagte er, »ich kann mich genau erinnern, daß keine Möbel umgeworfen wurden.«

 

»Wissen Sie noch, daß die Aufzugklingel läutete?« fragte Brown, und der Doktor bejahte. »Hörten Sie auf dem Treppenflur im nächsten Stock irgendein Geräusch?«

 

Dr. Warden zögerte einen Moment.

 

»Ich möchte es nicht beschwören, daß ich jemand hörte«, erwiderte er dann. »Die Worte des Portiers ließen vermuten, daß jemand im dritten Stock war. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, daß sich jemand dort aufhielt. – Was wollen Sie mit Frank machen?«

 

»Ich verhafte ihn nicht«, war die Antwort. »Die blutbefleckten Kleidungsstücke müssen wir allerdings auf jeden Fall mitnehmen, schließlich kann man nie wissen …«

 

»Gott sei Dank!« murmelte der Doktor erleichtert.

 

Seine Dankbarkeit war verfrüht.

 

Kapitel 17

 

17

 

Beryl war eben die Treppe heruntergekommen, da wurde ihr gesagt, ein Herr wolle sie sprechen.

 

Mit einer hilflosen, gehetzten Geste wandte sie den Kopf.

 

Sie war gleich nach Trainors Besuch ins Bett gegangen und war auch eingeschlafen. Aber es war ein fürchterlicher Schlaf, voll von unruhigen Träumen, gewesen. Mit entsetzlichen Kopfschmerzen wachte sie auf.

 

Als sie sich ihre Unterhaltung mit Frank am gestrigen Abend noch einmal ins Gedächtnis zurückrief, war sie immer noch überzeugt davon, daß er ihr die Wahrheit gesagt hatte, als er abstritt, Louba tätlich angegriffen zu haben. Sie vermutete aber auch, daß er viel genauer Bescheid über den Mord wußte, als er ihr gegenüber zugab. Bestimmt hatte er Louba tot aufgefunden, und dies war der Grund für seine Kopflosigkeit. Auch war ihm völlig klar, daß man von anderen Menschen nicht erwarten konnte, seinen Worten so zu glauben, wie sie selbst es tat. Das Herz wurde ihr schwer, als jetzt ein Besucher angekündigt wurde.

 

»Ich komme sofort«, sagte sie schwach, und das Mädchen ging hinaus.

 

Sie war froh darüber, daß ihre Mutter morgens ihr Zimmer nicht verließ, und ging nun einige Minuten auf und ab, um sich zu sammeln. Sie würde ihren ganzen Mut gebrauchen, um dem Inspektor wieder gegenüberzutreten und ihm kühn ins Gesicht zu lügen. Aber es ging um Franks Leben.

 

Trotzdem war ihr Gesicht verstört und von einer unheimlichen Blässe, als sie die Tür zu dem Zimmer öffnete, in dem sie den Inspektor vermutete. Zu ihrem Erstaunen sah sie statt dessen einen harmlosen kleinen Mann, der ihr furchtsam zublinzelte.

 

»Aber … aber … Sie sind doch der Mann, den ich gestern abend traf!« rief sie. Sein Anblick beunruhigte sie, obwohl sie sich selbst zugeben mußte, daß unter anderen Umständen nichts hätte harmloser aussehen können als er.

 

»Ganz richtig, Miss Martin«, sagte er mit einer ungeschickten Verbeugung. »Ich wollte Ihnen nur gratulieren … Jetzt brauchen Sie Mr. Louba nicht mehr zu heiraten!«

 

Er strahlte sie geradezu an, sein Gesicht machte einen ganz verklärten Eindruck.

 

»Was für ein glücklicher Morgen!«

 

Wenn Loubas Tod nicht eine Gefahr für Frank bedeutete, dann hätte sie das gleiche gedacht. Als sie sich das überlegte, kam ihr der kleine Mann gar nicht mehr so verrückt vor. Jetzt nahm sie ihm seine Glückwünsche nur wegen des Spottes übel, den sie damit verbunden glaubte. Immer noch tausendmal besser, Loubas Frau zu sein, als zu wissen, daß Frank für ihre Freiheit mit dem Leben bezahlte.

 

»Es tut mir leid«, meinte sie. »Aber für mich ist es kein besonders glücklicher Morgen. Ich bin in allergrößter Sorge. Haben Sie irgend etwas, was …«

 

»Ja, natürlich. Sie sind in Sorge um diesen jungen Mann, Mr. Leamington?«

 

»Oh, keineswegs – nein, nein! Warum sollte ich in Sorge um ihn sein?«

 

»Warum? Nun, weil Louba ermordet wurde; und da er gestern abend dort war –«

 

»Er war nicht dort!« unterbrach sie ihn heftig. »Er war nicht einmal in der Nähe!«

 

Er lächelte sie gütig an, auf eine Art, die ihn direkt sympathisch machte.

 

»Natürlich – Sie tun ganz recht damit, ihn zu schützen«, sagte er. »Aber ich fürchte, es ist schon bekannt, daß er dort war.«

 

»Wer weiß das? Wer?«

 

»Die Kriminalpolizei … Wahrscheinlich hat man ihn schon heute morgen verhaftet.«

 

»Was sagen Sie da?« flüsterte sie zu Tode erschrocken. »Wie können Sie das behaupten?«

 

»Ich sah alle zu ihm hingehen: Inspektor Trainor, Mr. Brown, und auch –«

 

»Oh, setzen Sie sich – bitte!« stieß sie mühsam hervor und sank selbst in einen Sessel. »Sie sahen sie wirklich hingehen?«

 

»Ja, in aller Frühe. Aber verhaftet wurde er nicht.«

 

»Wissen Sie das ganz genau?« fragte sie hastig.

 

»Ganz genau – deshalb komme ich nämlich zu Ihnen. Man hat ihn im Augenblick nur deshalb geschont, weil er, soviel ich weiß, ein Freund von Mr. Brown ist. Aber, Miss Martin, das wird natürlich auf die Dauer nicht gehen. Im Polizeidienst geht die Pflicht über alles – auch über die Freundschaft. Aber was ich Ihnen noch sagen wollte, war …«

 

Sie faßte wieder Mut.

 

»Bestimmt hat man ihn nicht verhaftet, weil seine Antworten den Verdacht gegen ihn beseitigten«, unterbrach sie ihn. »Er hat mit Mr. Loubas Tod nichts zu tun und hat das bewiesen.«

 

»Aber er kann es nicht vor Gericht beweisen, Miss Martin! Ich hörte, wie sie sich beim Fortgehen darüber unterhielten. Auch Dr. Warden war bei ihnen.

 

»Kennen Sie Dr. Warden?«

 

»Ich kenne jeden, der jemals etwas mit Louba zu tun hatte«, antwortete er sanft.

 

»Nun – und weiter, weiter. Was hörten Sie noch?«

 

»Man hat an seinem Anzug Blutflecken gefunden, und er hat daraufhin zugegeben, daß er nach Loubas Tod in der Wohnung war, das glaubten sie ihm auch, aber …« Er schüttelte den Kopf. »Bringen Sie ihn in Sicherheit, Miss!«

 

Sie zuckte ängstlich zusammen.

 

»Wenn es notwendig wäre, daß er sich versteckt, hätten Brown und Warden ihm das sicher gesagt«, erklärte sie, obwohl sie selbst nicht recht daran glaubte.

 

»Ausgeschlossen, das konnten und durften sie nicht, es sind ehrliche Männer. Sie können seine Verhaftung in der Hoffnung hinauszögern, daß sich etwas entdecken läßt, das den Verdacht von ihm ablenkt – aber damit haben sie auch schon ihr möglichstes getan. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist, Miss Martin. Wenn er tot ist, können Sie ihn nicht mehr ins Leben zurückrufen. Und da Sie fest daran glauben, daß er unschuldig ist, müssen Sie um so mehr darauf bedacht sein, ihn davor zu schützen, ins Gefängnis zu kommen.«

 

»Weglaufen wäre aber gleichbedeutend damit, seine Schuld einzugestehen.«

 

»Er soll ja nur bis zu dem Zeitpunkt verschwinden, wo seine Unschuld nachgewiesen ist. Sie halten ihn ja für unschuldig … Selbst gesetzt den Fall, seine Unschuld kommt nie heraus, dann ist es immer noch besser für Sie, an irgendeinem erreichbaren Ort mit ihm zusammen glücklich zu sein – als daß er gehängt wird.«

 

»Nein, nein – reden Sie nicht so!« Sie schaute ihn entsetzt an. »Wie können Sie dieses furchtbare Wort benutzen.«

 

»Nun, man wird ihn ohne Zweifel hängen, wenn er für schuldig befunden wird. Und das wäre unrecht. Louba war ein gemeingefährlicher, verbrecherischer Mensch. Er hat hundertmal den Tod verdient, und es wäre eine Schande, wenn jemand seinetwegen verurteilt würde.«

 

»Frank könnte jetzt ja gar nicht mehr entkommen – selbst wenn er wollte«, murmelte sie. »Sobald bekannt wird, daß er geflohen ist, werden automatisch sämtliche Züge und Schiffe kontrolliert.«

 

»Er kann zu mir kommen«, sagte der kleine Mann freundlich. »Ich habe eine bescheidene Wohnung in Balham im obersten Stock eines Hauses. Er könnte bei mir wohnen, ohne daß jemand etwas davon merkt – abends kann er ohne weiteres auf den Dachgarten gehen, damit er an die frische Luft kommt. Übrigens bin ich überzeugt davon, daß auch noch die Möglichkeit zur Flucht auf den Kontinent bestünde, wenn sie nur sofort in Angriff genommen wird. Aber vielleicht ist es doch zu gefährlich. Er soll es lieber nicht riskieren und zu mir kommen; bei mir ist er bestimmt in Sicherheit. Niemand besucht mich – ich bin ganz allein. In dem Haus sind lauter kleine Wohnungen, und kein Mensch kennt den anderen.«

 

»Warum sind Sie eigentlich so besorgt um ihn?« fragte sie. »Warum wollen ausgerechnet Sie die Gefahr auf sich nehmen, ihn bei sich zu verbergen?«

 

»Weil ich nicht will, daß er dafür leiden muß, daß er … Er soll nicht wegen dem Mord an Louba verurteilt werden. Louba ist es nicht wert. Wer ihn auch ermordet hat – er war ein Wohltäter der Menschheit. Und ich möchte ihm beistehen.«

 

»Dann hat Frank Leamington durchaus keinen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit!« versetzte sie. »Er hat Louba nicht ermordet!«

 

»Dann habe ich doch viel mehr Ursache dazu, ihn davor zu bewahren, noch nach dem Tod dieses Verbrechers sein Opfer zu werden. Wollen Sie ihn nicht aufsuchen und überreden, zu mir zu kommen? Wenn Sie nicht gleich gehen, ist es zu spät. Sie werden es Ihr ganzes Leben lang bereuen und das wird nichts mehr ungeschehen machen können.«

 

Ja, das war richtig. Man brauchte sie wahrhaftig nicht daran zu erinnern.

 

Der Wunsch, Frank Leamington in Sicherheit zu wissen, ging ihr über alles. Wenn sie jetzt zögerte, so nur deswegen, weil sie wußte, daß diese Flucht vielleicht noch schlimmere Folgen haben konnte, als wenn er blieb und die Sache ausfocht.

 

»Ich werde ihn auf alle Fälle aufsuchen und mit ihm sprechen«, entschloß sie sich schließlich und stand auf.

 

»Das ist recht«, sagte er und erhob sich befriedigt. »Soll ich Ihnen gleich meine Adresse geben? Oder vielleicht entschließt er sich doch noch dazu, das Land zu verlassen …«

 

»Ja – geben Sie mir Ihre Adresse … auf jeden Fall …«, entgegnete sie und nahm die Visitenkarte, die er ihr hinhielt.

 

»Sie werden keine Zeit verlieren, nicht wahr?« mahnte er sie nochmals. »Es wäre nicht recht, Miss. Und nun alles Gute – ich hoffe, daß Sie ihn dazu bewegen können fortzugehen. Und ich bin jederzeit für Sie da. Guten Morgen.«

 

Er machte eine unbeholfene Verbeugung und ging.

 

Beryl hatte sich entschlossen und ging ohne weiter zu überlegen in Leamingtons Wohnung. Sie fand ihn dort vor dem Kamin sitzen und schwermütig in das leise knisternde Feuer starren.

 

»Ist etwas passiert?« rief er erschrocken, als er sie sah, und sprang auf.

 

»Frank, du hast Louba gestern abend gesehen – tot, ermordet! An deinen Kleidern war Blut – selbst meine Handschuhe waren blutig, weil ich dich angefaßt habe. Und du hast ihnen alles gesagt?« rief sie.

 

»Ich habe ihnen alles gesagt«, entgegnete er ruhig. »Ich habe Louba nicht getötet, und es ist besser, die Wahrheit zu sagen. Du weißt nicht, wie leid es mir tut, Beryl, dich mit in diese Sache hineingezogen zu haben. Ich bin dir auch so dankbar dafür, daß du…«

 

»Es geht hier nicht um mich! Ich möchte, daß du fortgehst, Frank. Es nützt ja gar nichts, daß dir deine Freunde vielleicht glauben – andere tun es nicht, wenn du keine Beweise hast. Wenn sie den Mörder nicht finden, wirst du dafür büßen müssen. Es ist zu gefährlich, Frank. Geh jetzt noch, solange es noch nicht zu spät ist. Auch wenn sich deine Unschuld nicht herausstellt … dann behältst du wenigstens dein Leben.«

 

»Ich kann nicht, Beryl. Ich habe mein Ehrenwort gegeben.«

 

»Oh, Frank!« Jetzt, da sie wußte, daß es fast unmöglich war, ihn in Sicherheit zu bringen, wurde ihr Wunsch, die Gefahr für ihn abzuwenden, nur noch größer. »Dein Leben kann davon abhängen … und der kleine Mann sagte, er würde dich verstecken, falls du nicht gerne außer Landes gehen willst.«

 

»Was für ein kleiner Mann?« fragte er scharf

 

»Der, von dem ich dir gestern abend schon erzählte. Ich traf ihn vor Braymore House, und er hat mich heute morgen aufgesucht.«

 

»Wer ist er nur? Er sprach mich gestern abend an. Ich glaube, er wußte, daß Louba tot war. Warum hat er dir dieses seltsame Angebot gemacht?«

 

»Er möchte nicht, daß irgend jemand wegen Loubas Tod in Schwierigkeiten kommt. Louba sei das nicht wert.«

 

»Ist das der einzige Grund? Hat er dir seine Adresse gegeben?«

 

»Ja – willst du hingehen, Frank?«

 

»Ich muß hierbleiben, wo man mich finden kann. Aber immerhin könnte sich die Polizei für die Adresse interessieren.«

 

»Oh, glaubst du vielleicht, daß er den Mord begangen hat?«

 

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur so viel, daß ich ihn nicht beging. Auf jeden Fall scheint er etwas damit zu tun zu haben. Wenn er unschuldig ist, kann er sich durch die Beantwortung einiger Fragen nicht im geringsten schaden.«

 

»Aber selbst wenn er unschuldig wäre, würde er Scherereien bekommen, weil er dich verstecken wollte.«

 

»Man braucht das ja gar nicht gleich anzugeben. Ich werde Hurley Brown persönlich die Sache mitteilen, und er wird dann den Mann besuchen und ganz unauffällig seine Feststellungen machen – ohne ihm zu nahe zu treten. Das heißt, falls alles in Ordnung ist. Du hast ihn nicht gefragt, was er weiß?«

 

»Es ist gar nicht so leicht, eine präzise Antwort von ihm zu bekommen – jedenfalls nicht, wenn man ihn über Louba ausfragt.«

 

»Hast du die Adresse bei dir?«

 

»Ach – ich glaube nicht. Es fällt mir gerade ein, daß ich sie in meine Tasche tun wollte, als ich zu dir ging, aber dann muß ich es doch vergessen haben und sie irgendwo hingelegt haben. Ich werde sie holen, Frank. Kannst du mich nicht begleiten?«

 

»Dafür gibt es eigentlich keinen Hinderungsgrund. Ich werde bei Mrs. Sitwell hinterlassen, wo ich hingehe, falls man mich braucht.«

 

Als sie gemeinsam das Haus verließen, stoppte am Randstein gerade ein Auto, und Trainor und ein Kriminalbeamter in Zivil stiegen aus.

 

»Bedaure, Mr. Leamington«, sagte Trainor, »aber ich muß Sie verhaften. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, Emil Louba ermordet zu haben.«

 

»Aber – aber«, stammelte Frank und wurde bleich. »Mr. Brown sagte doch…«

 

»Tut mir außerordentlich leid«, sagte Trainor und forderte ihn mit einer Handbewegung zum Einsteigen auf. »Aber Mr. Brown ist nicht die höchste Instanz.«

 

»Also gut«, sagte Frank und wandte sich an Beryl. »Sei tapfer, Beryl. Vielleicht klärt sich alles auf – hoffen wir es. Vergiß nicht festzustellen, was der kleine Mann eigentlich weiß. Wenn er vor Braymore House war, hat er möglicherweise auch den wirklichen Mörder gesehen.«

 

»Von wem reden Sie da?« fragte Trainor.

 

»Von einem Mann, den wir beide, Miss Martin und ich, gestern abend vor Braymore House sahen. Miss Martin weiß seine Adresse.«

 

Sie nickte. Plötzlich deutete sie zur nächsten Ecke.

 

»Dort – dort ist er!« rief sie. »Jetzt rennt er um die Ecke …!«

 

Der Kriminalbeamte lief ihm nach, kehrte aber schon nach fünf Minuten wieder zurück. Der kleine Mann war wie vom Erdboden verschwunden.

 

»Nehmen Sie an, daß er irgend etwas über das Verbrechen weiß – oder etwa selbst damit zu tun hat?« fragte Trainor.

 

»Nein. Das kann ich keinesfalls behaupten. Ich weiß nur, daß er dort war und daß er mich in das Haus gehen sah. Da ist es doch durchaus möglich, daß er auch noch andere Leute gesehen hat.«

 

»Können Sie mir seine Adresse geben, Miss Martin?«

 

»Ich habe sie nicht bei mir, aber ich werde Sie sofort antelefonieren, wenn ich zu Hause bin«, antwortete sie. Dann winkte sie Frank noch einmal zu und biß sich auf die Lippen, als der Wagen fortfuhr.

 

*

 

Der Besuch Trainors in der winzigen Wohnung in Belham förderte jedoch nichts zutage. Niemand hatte auf sein Klingeln geöffnet, und die Tür war verschlossen. Der kleine Mann kehrte auch nicht zurück, obgleich man ihn mit einigem Interesse erwartete.

 

Auf den Wunsch Trainors öffnete der Hausmeister zwar die Wohnung, aber auch die Untersuchung der drei kleinen Zimmer förderte nichts zutage. Man fand keinerlei Anhaltspunkte, aus denen hervorging, was der Wohnungsinhaber eigentlich trieb. Nachforschungen ergaben nur, daß er ein ruhiger, freundlicher Mensch sei, der seine Miete prompt bezahlte.

 

»Wie wurden Sie eigentlich mit ihm bekannt, Miss Martin?« fragte Trainor, der sie am Abend noch einmal aufsuchte.

 

»Er kam heute morgen zu mir und erklärte, er würde Frank mit Freuden aus der Patsche helfen«, sagte sie.

 

»Hm – welcher Art sollte denn diese Hilfe sein?« forschte Trainor. »Sagte er das nicht?«

 

Sie hatte sich mittlerweile an das Verhörtwerden gewöhnt und behielt die Fassung.

 

»Nein«, erklärte sie ruhig.

 

Verraten wollte sie den Mann keinesfalls. Immerhin war er doch der einzige, der Frank einen Unterschlupf angeboten hatte.

 

»Wie erklärte er eigentlich seinen unvermittelten Besuch und sein Angebot?«

 

»Er hielt es für eine Schande, daß Loubas Tod einen unschuldigen Menschen ins Verderben stürzen sollte.«

 

»Er haßte also Louba?«

 

»Das sagte er nicht. Er ist ein sehr harmloser kleiner Mann, Mr. Trainor. Ich glaube keinesfalls, daß er auch seine Hand im Spiel hatte. Louba wäre doch mit ihm fertig geworden.«

 

»Immerhin stand er vor dem Haus … Es kann genauso gut sein, daß er dort Schmiere stand, während sein Komplice in die Wohnung eindrang.«

 

»Er versuchte aber bestimmt nicht jemanden im Haus zu warnen, während ich in der Nähe war. Ganz im Gegenteil – er sprach mich an und schien es auch keineswegs eilig zu haben.«

 

»Warum rannte er weg, als Sie ihn heute morgen an der Straßenecke entdeckten?«

 

»Vielleicht deshalb, weil er sah, daß schon ein Unschuldiger verhaftet wurde.« Dies sagte sie mit einem bitteren Ton in der Stimme. »Und dann nahm er an, niemand sei seiner Haut sicher, der sich in der Mordnacht im Umkreis von einem Kilometer um Braymore House aufgehalten hatte.«

 

»Nun«, entgegnete Trainor und wandte sich zum Gehen, »Mr. Leamington war dem Haus näher als einen Kilometer. Das dürfen wir nicht vergessen!«

 

»Ich weiß«, gab sie zu. »Ich weiß, wie schwarz alles für ihn aussieht ..«

 

Trainor widersprach nicht.

 

In der Tat sah der Fall für Frank Leamington sehr schwarz aus. Er wäre der letzte gewesen, das abzulehnen.

 

Kapitel 18

 

18

 

Um sich die Arbeit zu erleichtern, schlug Inspektor Trainor sein Hauptquartier in Loubas Wohnung auf.

 

In dem großen Schlafzimmer, das von der Vorderseite bis zur Rückseite des Hauses reichte, richtete er sich auf der Couch ein Lager her.

 

Zwei Nächte verbrachte er dort. Und Tag und Nacht stellte er fast ununterbrochen seine Untersuchungen an. Er maß aus, kalkulierte, rekonstruierte, untersuchte jeden Zentimeter des Teppichs mit einem Vergrößerungsglas. Wo er nur den Schein eines Fingerabdruckes zu bemerken glaubte, ließ er die Stelle fotografieren.

 

An dem Sonntagnachmittag, der auf Franks Verhaftung folgte, saß er in Loubas geschnitztem Schreibtischstuhl und sortierte und las Briefe, die er in dem Schreibtisch gefunden hatte. Sein Assistent kehrte eben mit einem Packen Fotografien aus dem Polizeipräsidium zurück. Es waren Aufnahmen des Zimmers und Vergrößerungen solcher Gegenstände, die eine genauere Untersuchung notwendig erscheinen ließen.

 

»Hat man etwas auf dem Briefbogen, auf dem der Buchstabe R stand, gefunden?« war Trainors erste Frage, als der Beamte den Packen auf den Tisch legte.

 

»Sehr schwach den nassen Abdruck eines Handschuhfingers. Hier ist er.« Der Beamte zog eine Fotografie heraus und deutete darauf. »Die linke Ecke unten. Das ist unzweideutig ein Handschuh – und außerdem ein Lederhandschuh. Man kann die Fassung gerade noch sehen. Der Betreffende muß das Papier mit der linken Hand gehalten haben, während er schrieb.«

 

Trainor schüttelte den Kopf.

 

»Das ist allerdings ganz nutzlos und beweist nur, daß der Mörder Handschuhe trug. An einem nassen und kalten Abend wie an jenem Samstag wäre es merkwürdig gewesen, wenn er keine getragen hätte. Noch etwas?«

 

»Es scheint, als ob der Schreiber für die ersten beiden Zeilen eine Feder benutzt hat, die er gar nicht in die Tinte eintauchte – ohne daß er auf das Blatt sah und dies merkte«, sagte der Beamte. »Das war leicht feststellbar, denn er drückte hart auf; leider sind die Worte, die er schrieb, nicht zu entziffern. Nur aus zweien kann man etwas Ähnliches herauslesen wie ›tun‹ oder ›tin‹ und ›mica‹. Auf der fotografischen Aufnahme treten sie deutlich hervor, aber die vorhergehenden und die nachfolgenden Worte kann man nicht lesen.«

 

Der Inspektor untersuchte schweigend die Fotografien.

 

»Natürlich ist es auch möglich, daß der Bogen schon früher am Tag benutzt wurde. Ich vergaß, Miller danach zu fragen.«

 

Er drückte auf eine Klingel am Tisch, und der Diener trat ein.

 

»Nein, Sir, auf dem Schreibtisch befand sich am Nachmittag kein Bogen Briefpapier. Mr. Louba sagte mir noch morgens, ich solle Papier und Umschläge in dem kleinen Sekretär aufbewahren und beschwerte sich darüber, daß er darin nichts finden konnte. Ich öffnete ein neues Paket mit Schreibmaterial und füllte die Fächer ungefähr eine halbe Stunde, bevor Mr. Louba aus dem Club zurückkehrte. Bis zur Ankunft dieses Charlie ging ich mindestens ein dutzendmal in das Zimmer.«

 

»Na, da sind wir mit dem R zu Ende«, sagte Trainor. »Wie steht’s mit der Truhe?«

 

»Fingerabdrücke an der Feder, die zum Öffnen gedrückt werden muß – rühren von Miller her …«

 

»Ja, es war gedankenlos von mir, ihn dort hinlangen zu lassen«, warf Trainor ein.

 

»Aber an einer anderen Stelle deutliche Fingerspuren eines Fremden – schauen Sie her.«

 

Trainor prüfte die Fotografie mit höchstem Interesse.

 

»Das stimmt. Keine Handschuhe. Aber sie könnten auch von Louba sein …« Er legte die Fotografien beiseite. »Wir werden uns später damit befassen. Der Leuchter?«

 

Der Beamte wies zwei weitere Abzüge vor.

 

»Kein Abdruck außer dem Mr. Browns – er fand ihn wohl.«

 

Der Inspektor sprang plötzlich auf.

 

»Setzen Sie sich mal auf meinen Platz«, sagte er. »Mir kommt es vor, als ob Louba am Schreibtisch saß, während er angegriffen wurde, und daß die Person, die nach ihm schlug, in der Nähe des Schreibsekretärs stand. Zweifelsohne kam der Schlag unerwartet.«

 

Er stellte sich an das kleine Schreibpult.

 

»Drehen Sie einmal den Kopf weg – so. Schauen Sie nach dem Kamin. Können Sie mich sehen?«

 

»Nun – ich kann gerade noch Ihre Hand sehen, die Sie nach dem Leuchter ausstrecken. Aber ich warte ja auch darauf. Nein, Inspektor, jetzt kann ich Sie nicht mehr sehen.«

 

Inspektor Trainor stellte den Leuchter wieder auf den Tisch.

 

»Louba hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand. Der Schlag muß von der Stelle, an der ich jetzt stehe, geführt worden sein. Wahrscheinlich kam der Mörder durch diese Tür … Louba muß in Richtung des Kamins geschaut haben. Behalten Sie einmal diese Stellung bei, Sergeant.«

 

Der Detektiv ging auf den Fußspitzen über den Teppich. Plötzlich legte er seinem Untergebenen die Hand auf die Schulter, und der Mann fuhr in die Höhe.

 

»Sie hörten mich nicht kommen, was …?«

 

Er klingelte Miller.

 

»Miller, war diese Tür in der Mordnacht verschlossen?«

 

»Ich weiß nicht, Sir.«

 

»Von der Küche führen zwei Türen in das Speisezimmer, in das man durch diese Tür gelangt«, er deutete hinter sich in die Richtung, aus der er sich eben dem Sergeant genähert hatte. »Waren die Türen von der Küche in das Speisezimmer verschlossen?«

 

»Ich glaube nicht. Aber jeder, der auf diesem Weg hereingekommen wäre, hätte an Dr. Warden vorbeigemußt.«

 

»Sie vergessen den Dienstboteneingang«, entgegnete Trainor bedeutsam. »Zum Beispiel wäre es leicht möglich gewesen, daß Sie zurückgekommen wären, ohne daß Sie jemand gehört hätte. Sie sind ja auf dem gleichen Weg auch fortgegangen.«

 

Miller trat verlegen von einem Bein aufs andere.

 

»Ich bin ja gar nicht zurückgekommen – das heißt, als ich das zweitemal weggegangen war«, murrte er etwas nervös. »Ich habe mich doch mit meiner Braut getroffen.«

 

Trainor betrachtete ihn mit einem kalten, abschätzenden Blick.

 

»Wie ist der Name dieser Dame und ihre Adresse?«

 

Miller zögerte einen Augenblick.

 

»Miss Mary Cardew, Brierly Gardens hundertsechsundneunzig«, sagte er dann. »Sie arbeitet im Haushalt. Wahrscheinlich ist es ihr nicht sehr angenehm, wenn Sie Fragen an sie stellen.«

 

»Und für Sie könnte es unangenehm werden, wenn sie Ihre Darstellung nicht bestätigt.«

 

Miss Cardew war ein hübsches Mädchen, das einen ehrlichen Eindruck machte, und Trainor war schon vor der Unterredung mit ihr überzeugt, daß sie keine Ausflüchte gebrauchen werde. Sie hatte sich mit ihrem Bräutigam auf neun Uhr verabredet und kaum zwanzig Meter vom Haus entfernt gewartet.

 

»Wie lange waren Sie zusammen?«

 

»Er blieb kaum länger als eine Minute«, sagte das Mädchen. »Er schien mir sehr aufgeregt, und ich war ärgerlich darüber, daß ich warten mußte.«

 

»Sind Sie sicher, daß es nur eine Minute war?«

 

»Ein bis zwei Minuten, nicht länger. Er hatte es sehr eilig zurückzugehen.«

 

Der Detektiv biß sich auf die Lippen.

 

»Was für einen Eindruck machte er auf Sie, als Sie ihn um neun Uhr trafen – war er da aufgeregt oder ganz normal?«

 

»Er war ein bißchen aufgeregt. Er erzählte mir, daß mit Mr. Louba immer schwerer auszukommen sei, und er fragte mich auch, ob wir nicht in einem Monat heiraten könnten. Wir wollten das kleine Gasthaus, das er in Bath gekauft hat, gemeinsam führen.«

 

Trainor ging zurück nach Braymore House. Er wollte jetzt eine ganz bestimmte Theorie praktisch ausprobieren.

 

Wieder fragte er Miller:

 

»Sie waren eine Viertelstunde weg. Mit Miss Cardew waren Sie höchstens fünf Minuten von diesen fünfzehn zusammen. Etwa drei Minuten brauchten Sie, um zu ihr zu gelangen und hierher zurückzukommen. Wie erklären Sie die fehlenden sieben Minuten?«

 

»Ich traf den Diener aus dem ersten Stock und sprach mit ihm.«

 

»Worüber sprachen Sie mit ihm?«

 

»Über einen Herrn, einen gemeinsamen Bekannten.«

 

Die Antwort war so unwahrscheinlich, daß Trainor schon zu der Annahme neigte, Miller fange an zu erfinden. Jedoch der Diener aus dem ersten Stock bestätigte Millers Angaben.

 

Miller hatte in den vierzehn Jahren, die er bei Louba angestellt war, Geld zusammengespart. Die meisten Leute, die den Finanzmann aufsuchten, hatten ihm freiwillig Trinkgelder gegeben; und außerdem war sein Lohn reichlich bemessen gewesen. Ohne Zögern legte er sein Bankguthaben vor, und Trainor untersuchte es sorgfältig. Eine größere Summe war niemals eingezahlt worden. Stets waren kleinere Beträge in das Bankkonto geflossen, was man ohne weiteres feststellen konnte.

 

»Hm«, machte Trainor, als er zu Ende war.

 

Der Diener verfolgte die ganze Zeit über Trainors Untersuchung mit ängstlichem Gesichtsaasdruck, und als er ihm das Buch zurückgab, atmete er sichtlich erleichtert auf.

 

»Ist Mr. Leamington verhaftet worden, Sir?« fragte er.

 

Trainor nickte.

 

»Ich kann mir nicht denken, daß er der Täter gewesen ist, Mr. Trainor.«

 

»Er war nach seinen eigenen Angaben gestern abend in diesem Zimmer«, erwiderte Trainor, und Miller zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Hier drin? Wie hat er denn das gemacht?«

 

»Er ist durch das Fenster hereingekommen. Es ist gewaltsam von außen geöffnet worden.«

 

Der Detektiv wußte ganz genau, daß die sehr sorgfältige Untersuchung kein Zeichen dafür ergeben hatte, daß das Fenster mit Gewalt aufgebrochen worden war.

 

Miller schüttelte energisch den Kopf.

 

»Das ist einfach unmöglich«, sagte er. »Ich sagte das schon gestern abend dem Sergeanten. Die Fenster waren zugeriegelt – mit zwei feststellbaren Riegeln, die am unteren Rahmen angebracht sind.«

 

Trainor brummte ungeduldig.

 

»Das haben Sie mir noch gar nicht mitgeteilt, Sergeant. Ich sah nur den gewöhnlichen Fensterriegel, und den konnte man leicht zurückschieben.«

 

Miller ging in das Schlafzimmer voraus und deutete auf zwei kleine, ziemlich versteckt angebrachte Riegel am Fensterrahmen, je einen auf jeder Seite. Mit Schrauben konnte man beide so feststellen, daß man sie nur zurückschieben konnte, wenn man vorher die Schrauben herausgedreht hatte. Trainor untersuchte die Stellen genau und stellte fest, daß jemand beide Schrauben ganz entfernt hatte.

 

»Ich habe sie selbst festgemacht, kurz bevor Mr. Louba nach Hause kam. Das tat ich immer«, erklärte Miller. »Wenigstens schließe ich das Fenster immer, bevor er hereinkommt, nur ziehe ich bei Tag die Schrauben nicht an. Die Schrauben machte ich immer erst fest, wenn er nachts endgültig nach Hause kam. Aber an dem Mordtag verschraubte ich das Fenster früher als gewöhnlich – ich tat es, während Mr. Louba im Bad war, und kurz bevor dieser Charlie eintraf. Es war so neblig draußen, daß ich mir sagte, Mr. Louba würde das Fenster doch nicht mehr öffnen. Ich zog die Schrauben auch besonders stark an, weil ich in diesen nebligen Nächten selbst immer Angst vor Einbrechern habe.«

 

Eine sofortige Untersuchung des Zimmers förderte keine Spur von den Schrauben zutage, bis Trainor das Laken wegzog, das über das blutbefleckte Bett ausgebreitet war. Mitten auf der seidenen Bettdecke lagen die Schrauben.

 

»Sie müssen unter dem Körper gelegen haben«, murmelte Trainor. »Ich war nicht da, als die Leiche weggebracht wurde. Haben Sie sie denn gesehen, Sergeant?«

 

»Nein, Inspektor. Tut mir leid – ich habe tatsächlich gar nicht darauf geachtet.«

 

Der Inspektor nahm die Schrauben mit in das andere Zimmer und legte sie auf ein Stück Schreibpapier. Sie waren nicht sehr groß.

 

»An denen werden wir keine Fingerabdrücke feststellen können«, ärgerte sich Trainor. »Trugen Sie Handschuhe, als Sie gestern abend ausgingen, Miller?«

 

»Ja.«

 

»Bringen Sie sie einmal her.«

 

Die Handschuhe waren aus grobem Leder.

 

»Ein Fremder kann die Schrauben doch eigentlich kaum entdeckt haben. Wie sie anzubringen waren, wußte doch sicher nur jemand, der mit der Wohnung vertraut ist, nicht wahr?«

 

»Ja, das stimmt schon«, gab der andere zu. »Mr. Louba vergaß sie für gewöhnlich. Vor einigen Jahren hatte ich wegen der Schrauben sogar Unannehmlichkeiten. Mr. Louba wollte eine Frau möglichst rasch durch das Fenster herauslassen, und ich hatte die Schrauben so fest angezogen, daß er einen Riegel nicht aufbrachte. Es war an einem ebensolchen Abend wie gestern.«

 

»Eine Frau?«

 

»Ja, Herr Inspektor. Einer seiner Freunde kam zu Besuch. Ich weiß nicht mehr genau, wer es war, aber jedenfalls wollte er die Dame so schnell wie möglich aus der Wohnung heraushaben.«

 

Leider konnte sich Miller nicht mehr an Einzelheiten erinnern, nur noch daran, daß sich Louba bei dem Versuch, das Fenster zu öffnen, die Hand verletzt hatte. Von dem Mädchen wußte er nicht mehr, als daß sie noch sehr jung und eine gute Freundin Mr. Loubas war. Sie besaß einen eigenen Schlüssel und pflegte zu kommen, wenn Miller Ausgang hatte.

 

»Sie ist die einzige seiner Freundinnen, von der ich weiß, daß er sich mit ihr besondere Mühe gab. Er pflegte alle seine Seidenstoffe und seine Raritäten herauszukramen, um sie ihr zu zeigen. Jedes Mal, wenn er sie erwartete, lag der ganze fremdartige Kram herum. Ich glaube, sie interessierte sich sehr für den Orient. An jenem Abend gab es allerhand Aufregung mit ihr … Schließlich kletterte sie die Feuerleiter hinunter.«

 

»Hatte Mr. Louba sehr viele Damenbekanntschaften?«

 

»Hm – ein paar«, entgegnete Miller lakonisch.

 

Trainor legte die Schrauben vorsichtig in sein Etui.

 

»Wußte ›Charlie‹, wie man die Fenster öffnet und schließt?« fragte er.

 

»Möglich. Manchmal kommt es mir überhaupt so vor, als ob er früher schon einmal hier gewesen wäre. Tatsächlich habe ich ihn sogar schon mit der Geschichte verknüpft, die ich Ihnen eben erzählte. Eigentlich merkwürdig – ich entsinne mich seiner nicht besonders gut.«

 

»Die Dinge, an die Sie sich nicht erinnern können, würden gedruckt einen ganzen Bücherschrank füllen«, entgegnete Trainor gereizt.

 

Kapitel 19

 

19

 

Millionen Menschen lasen an jenem Morgen interessiert und mit angenehmem Nervenkitzel in der Zeitung den Bericht über die Mordaffäre Louba. Ein Mann aber las ihn mit zitternden Händen und aschgrauem Gesicht.

 

Charles Berry war ein von der Natur nicht gerade bevorzugter Mann von fünfunddreißig Jahren. Seine Gesichtszüge waren nicht sehr vertrauenserweckend, und seine niedrige Stirn, das eckige, schwere Kinn und die breite Nase verstärkten diesen Eindruck. Buschige schwarze Augenbrauen, die über den kleinen, eng beieinander stehenden Augen zusammenliefen, machten ihn auch nicht liebenswerter.

 

Zusammengekauert saß er gerade in einem Sessel im obersten Stockwerk des Wilberbaun Temperance Hotels, biß an seinen Nägeln und studierte die Zeitung, die er ausgebreitet vor sich liegen hatte.

 

»Genannt ›Charlie‹«, murmelte er.

 

Dann stand er auf, ging sichtlich verstört durch das Zimmer und stieß eine Tür auf.

 

»Louba ist tot«, flüsterte er heiser.

 

Eine Frau saß dort am Fenster, die Arme auf den breiten Sims aufgestützt. Trotz ihres verlebten Gesichts konnte man sie noch hübsch nennen, wenn sie auch viel zuviel Puder aufgetragen hatte und die Lippen übertrieben rot geschminkt waren. Sie drehte sich nach Charles um und schaute ihn gleichgültig an.

 

»Wahrscheinlich lügst du«, sagte sie. »Falls er aber wirklich tot ist, dann hoffe ich, er ist in der Hölle.«

 

Mit einem Sprung war er bei ihr, packte ihren Arm und riß sie hoch.

 

»Das hoffst du, so, so!« schrie er sie wütend an und schüttelte sie grob hin und her. »Ohne ihn können wir nicht leben! Was willst du denn jetzt anfangen? Bei deiner Häßlichkeit zahlt dir kein Mensch mehr etwas dafür, wenn du in der Bojida singst …«

 

»Ich werde arbeiten«, sagte sie.

 

»Ja, höchstwahrscheinlich! Das sieht dir gerade ähnlich! Schau her – lies das da.«

 

Er stopfte ihr die Zeitung in die Hand und starrte sie an.

 

»Das geht auf dich. Hast du ihn getötet, wie?« fragte sie.

 

Noch wütender geworden, brüllte er sie an und schüttelte sie, bis sie die Augen schloß und schwer atmend zurücksank.

 

»Frag mich das noch einmal, du idiotisches Frauenzimmer! Frag mich das noch einmal, und ich zeige dir, was ich tun werde. Ich vergifte dich – hörst du? Charlie Berry hat seinen alten Beruf noch nicht vergessen.«

 

»Oh, ich wünsche mir nichts sehnlicher als das«, stöhnte sie und hielt sich krampfhaft aufrecht. »Ich weiß nicht, wie ich es all diese Jahre ausgehalten habe. Und jetzt gibt es keinen Ausweg mehr, nachdem er tot ist.«

 

»Es gibt keinen Ausweg!« erklärte er. »Auch für mich gibt es keinen … Habe ich dich nicht geheiratet? Habe ich dich nicht aus dem Schmutz gezogen und eine anständige Frau aus dir gemacht?«

 

»Hättest du es doch unterlassen«, sagte sie bitter und lehnte sich wieder auf das Fensterbrett.

 

Er stierte sie an.

 

»Jetzt ist die Gelegenheit günstig, wenn du etwas verdienen willst«, höhnte er. »Wenn du entfliehen willst, dann geh hin und erzähle einer gewissen Person, was du bist und was du gewesen bist.«

 

»Du weißt, daß ich das nicht kann – und du weißt auch, daß du vor Angst sterben würdest, wenn ich es täte«, entgegnete sie achselzuckend. »Ich bin an dich gefesselt. Nichts auf der Welt kann uns trennen.«

 

Er hatte mittlerweile die Zeitung wieder aufgehoben.

 

»Die Polizei wird ganz London nach mir durchstöbern. Er hatte deine Briefe, und sie werden sie schon gefunden haben.«

 

Eine Sekunde lang war ein Schimmer von Hoffnung in den Augen der Frau sichtbar.

 

»Er zeigte sie mir«, fuhr Berry fort. »Warf sie mir ins Gesicht und lachte mich aus. Ich konnte das Geld nur bekommen, indem ich darum bat wie ein Bettler. Er sagte, du müßtest nach Rumänien zurück.«

 

»Ich gehe nicht, niemals«, sagte sie heftig. »Du kannst mich töten, aber ich gehe nicht. Wenn du nur noch für fünf Pfennige Anstand hast, dann kannst du mich nicht in dieses Höllenleben nach Rumänien zurückschicken.«

 

Charles Berry stocherte nachdenklich in den Zähnen herum. Sein Mut kehrte langsam wieder zurück.

 

»Es ist nur gut, daß ich das Geld habe«, sagte er dann. »Aber auf jeden Fall werden wir uns davonmachen müssen. Das halbe Hotel wird mich nach der Beschreibung erkennen.«

 

»Wo können wir hin?«

 

»Nach Deptford. Ich kenne dort einen Mann, der mir zwei Zimmer vermieten wird. Am gescheitesten wäre es gewesen, sofort dort hinzuziehen… Habe es dir ja gleich gesagt.«

 

»Und wann wollen wir gehen?« fragte sie mißtrauisch.

 

»Jetzt. Gegen elf Uhr fährt ein Zug. Dem Portier hier erklärte ich sowieso, daß wir nur ein paar Tage bleiben würden. Pack den Koffer, los.«

 

Er überließ ihr das Zusammenraffen der wenigen Habseligkeiten und vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Bald wünschte er, er hätte es nicht getan. Je öfter er den Bericht las, desto eindringlicher kam ihm der Gedanke an die Gefahr, in der er selbst schwebte.

 

Seine Frau schleppte einen Koffer in das Zimmer, der für sie viel zu schwer war. Sie hatte ihren Mantel schon angezogen und trug einen Hut mit schwarzem Schleier.

 

Ein Taxi brachte das Paar nach dem Great-Northern-Bahnhof. Von dort fuhren sie mit der Untergrundbahn bis Ferringdon Street, wo sie in den Zug nach New Cross umstiegen.

 

In Deptford angekommen, gingen sie sofort in die Linie Kirk Street, wo die Bekannten Berrys wohnten. Es war eine armselige Straße, mit alten, baufälligen Häusern, in denen oft bis zu fünf Familien zusammengepfercht waren.

 

»Hier ist es – wir sind da.«

 

Berry klopfte an einer Haustür. Sie wurde gleich danach von einem unrasierten Mann in einer zerrissenen Strickjacke geöffnet.

 

»Hallo, Charlie. Was hast du denn wieder ausgefressen?«

 

Der Mann hielt eine Zeitung in der Hand und klopfte mit seiner schmutzigen Tatze bedeutungsvoll darauf.

 

»Laß uns erst mal herein. Ich erzähle dir die Sache dann schon noch«, flehte ihn Berry an. Der Mann machte zögernd Platz und ließ sie eintreten.

 

»Entweder du bleibst hier im Haus und läßt dich vor niemand sehen oder du kannst überhaupt nicht hierbleiben«, knurrte er. »Du und deine Frau. Ich will keine Unannehmlichkeiten haben.«

 

Er nahm der Frau den Koffer aus der Hand, und sie war sehr dankbar, daß er ihn die Stufen der steilen Treppe emportrug. Es war nur ein einziges Zimmer frei, das zwar ziemlich geräumig, aber auch außerordentlich vernachlässigt und schmutzig war.

 

Berry ließ seine Frau dort allein, während er mit seinem Gastgeber eine erregte Debatte führte. Unterdessen betrachtete sie völlig gleichgültig das elende Zimmer, die schmutzigen Abfälle und die Kehrichthaufen im Hof. Selbst die rumänische Hauptstadt war noch ein Paradies gegen dies hier, aber trotzdem fühlte sie sich hier wohler – soweit ihr das noch möglich war. In Bukarest hatte sie die wohl schlimmste Zeit ihres Lebens hinter sich gebracht.

 

Sie hatte aufgehört, sich selbst leid zu tun. Siebenundzwanzig Jahre war sie inzwischen geworden, aber manchmal fühlte sie sich wie hundert. Wenn … Doch es hatte ja keinen Wert, die Zeit, in der es noch ein ›Wenn‹ gegeben hatte, war vorüber.

 

Kurz darauf hörte sie die Schritte ihres Mannes auf der Treppe. Er kam herein und schloß die Tür hinter sich. Wenn sein Gesicht am Morgen grau ausgesehen hatte, so war es jetzt kalkweiß. Er zitterte an allen Gliedern, und die Zeitung, die er in der Hand hielt, raschelte hörbar.

 

»Kate, um Himmels willen, weißt du, wer die Untersuchung des Falles in die Hand genommen hat?« In seiner Angst konnte er plötzlich fast freundlich mit ihr reden.

 

»Die Untersuchung in der Mordsache Louba?«

 

»Ja, ja. Oh, warum bin ich nur nach London zurückgekommen«, stöhnte er. »Warum nur? Ich hätte in jeder beliebigen Stadt bleiben und mir schlecht und recht meinen Lebensunterhalt verdienen können. Du nur bist schuld daran, nur du allein! Warum hast du mich hierher zurückgeschleift?« schrie er wie ein Verrückter und kam mit geballten Fäusten auf sie zu.

 

Sie wich vor ihm in eine Ecke zurück, aber er rührte sie nicht an. Kraftlos ließ er plötzlich die Hände heruntersinken und blieb keuchend stehen.

 

»Wer leitet denn die Untersuchung?« fragte sie.

 

»Hurley Brown – kein anderer! Hurley Brown!«

 

Einen Augenblick lang schaute sie ihn verständnislos an. Dann schluchzte sie auf und warf sich über das Bett. Dort lag sie und weinte, während er sie wortlos anstarrte.

 

Kapitel 14

 

14

 

Dr. Warden hatte Hurley Brown den Inhalt des Telefongesprächs mitgeteilt, und innerhalb von zehn Minuten waren die beiden in Braymore House. Im Treppenhaus trafen sie auf zwei Polizisten, die sich mit dem Hausmeister und dem leichenblassen, zitternden Miller unterhielten.

 

»Gott sei Dank, daß Sie kommen, Herr Doktor«, rief der Diener. »Als ich nach Hause kam, klopfte ich noch einmal bei Mr. Louba, um ihn zu fragen, ob er noch etwas von mir brauche. Er antwortete nicht, und ich dachte, er wäre vielleicht ausgegangen. Zufälligerweise drückte ich dann aber doch auf die Türklinke – die Tür gab nach, ich ging in das Zimmer, knipste das Licht an, und sah über der Lehne eines Stuhls den Morgenrock Mr. Loubas – er war voller roter Flecken. Erschrocken rannte ich in das Schlafzimmer. Auf dem Bett lag der Herr … voller Blut … Ich war so entsetzt, daß ich sofort zum Portier rannte und die Polizei anrief.«

 

»Das war ganz in Ordnung. Beruhigen Sie sich jetzt«, sagte Hurley Brown zu dem verstörten Miller. »Einer von Ihnen«, wandte er sich dann an die Beamten, »kommt mit hinauf, der andere bleibt am besten hier. Ich bin Kommissar Brown von Scotland Yard.«

 

Während sie im Aufzug hinauffuhren, fragte Hurley Brown den Diener, wann er in die Wohnung zurückgekehrt sei.

 

»Um halb elf, Sir. Es schlug gerade halb auf der Uhr, als ich zur Türe hereinkam.«

 

»Um neun Uhr fünfzig war er bestimmt noch am Leben. Um halb elf hörten Sie keinen Laut mehr …«, murmelte Brown nachdenklich, als sie die Wohnung betraten.

 

Gleich darauf standen sie in dem großen, luxuriös ausgestatteten Herrenzimmer. Tiefe Ledersessel standen umher, der Boden war mit einem prachtvollen türkischen Teppich bedeckt, der ein Vermögen gekostet haben mußte.

 

»Hier, Herr Kommissar!« Der Polizist deutete auf einen Morgenrock, der über einem Stuhl hing. Brown hielt das Kleidungsstück hoch – Miller hatte recht gehabt, die Vorderseite und die Ärmel waren voller nasser roter Flecken.

 

»Nicht anrühren«, sagte Brown und legte ihn vorsichtig wieder über den Stuhl. »Vorsichtig, Doktor. Auf dem Fußboden ist noch mehr Blut.«

 

An der einen Wand war ein großer Kamin. Der Rost war leer bis auf einige schwarze Aschenhäufchen. Links davon befand sich eine Tür, auf die Miller mit zitternden Händen deutete.

 

»Dort ist das Schlafzimmer«, sagte er.

 

Hurley Brown stieß die angelehnte Tür auf und ging hinein.

 

Die Deckenbeleuchtung brannte noch. Auf dem Bett lag lang ausgestreckt Louba. Der Doktor schritt auf ihn zu, aber er brauchte ihn nicht sehr genau zu untersuchen, der Kopf des Mannes war schrecklich zugerichtet. »Das Fenster ist offen«, sagte Hurley Brown. Er durchquerte das Zimmer und blickte hinaus. »Aha, eine Feuerleiter … Sergeant, gehen Sie hinunter zu Ihrem Kameraden und sagen Sie ihm, er soll den Garten sorgfältig absuchen. Der Mann, der den Mord beging, nahm sicher diesen Weg. Nur so konnte er ungesehen in die Wohnung gelangen – ohne am Portier vorbei zu müssen und ohne einen Wohnungsschlüssel zu benötigen.«

 

Er ging zum Telefon und wählte eine Nummer. Gleich darauf kehrte er in das Schlafzimmer zurück.

 

»Ich habe eben Scotland Yard angerufen und lasse einen unserer besten Männer kommen – Inspektor Trainor. Diesen Fall möchte ich nicht gerne selbst bearbeiten. Seit meiner Militärzeit auf Malta habe ich ein Vorurteil gegen Louba … Besser, jemand anders nimmt die Sache in die Hand. – Sie sahen niemand, als Sie das letztemal hier waren, Doktor?«

 

Dr. Warden erinnerte sich der flüchtigen Begegnung im Nebel, schüttelte aber den Kopf.

 

»Niemand außer dem Portier.«

 

»Wie lange ist Louba schon tot, Warden?«

 

Der Doktor schaute die Leiche nachdenklich an.

 

»Seit einer Stunde – vielleicht sogar weniger als eine Stunde«, sagte er. »Er wurde mit einem sehr schweren Gegenstand niedergeschlagen.«

 

»Vielleicht finden wir das Ding«, brummte Brown.

 

Sie brauchten nicht lange zu suchen.

 

Ein schwerer Silberleuchter lag in der Ecke des Speisezimmers. Er war verbogen und blutbefleckt – ohne Zweifel die Mordwaffe.

 

Bald danach kam Inspektor Trainor an, ein kleiner, drahtiger Mann mit energischem Gesicht, der sofort die weitere Untersuchung in die Hand nahm. Wie ein gut dressierter Hund ging er von Zimmer zu Zimmer, betrachtete genauestens jedes Möbelstück, zog die Vorhänge zurück und kletterte schließlich durch das offenstehende Fenster hinaus und die Feuerleiter hinunter.

 

»Nichts zu finden«, murmelte er nach seiner Rückkehr. Er betrachtete den Toten und biß sich auf die Lippen.

 

»Auf diesem Bett wurde er nicht ermordet«, erklärte er dann bestimmt. »Die Blutflecken führen ganz deutlich vom Wohnzimmer hier herein. Jemand muß ihn getragen oder geschleift haben, und dieser Jemand war ein ziemlich starker Mann … Noch etwas Merkwürdiges – haben Sie bemerkt, Herr Kommissar, daß der Ermordete keine Krawatte umhat? Sie liegt im Wohnzimmer im Papierkorb.«

 

»Habe nichts gesehen«, sagte Brown kurz.

 

»Auch das Telefon ist ziemlich wichtig«, fuhr Trainor fort. »Es müßte Fingerabdrücke aufweisen. Wer hat es zuletzt angefaßt?«

 

»Ich fürchte, das war ich«, entgegnete Hurley Brown. »Warum?«

 

»Weil das Telefon nach der Ermordung Loubas vom Schreibtisch heruntergenommen wurde. Die Schnur, die ziemlich lang ist, muß dem Mann, der den Körper transportierte, im Weg gewesen sein. Louba wurde rechts vom Schreibtisch niedergeschlagen … Die Blutspur führte ohne Unterbrechung zwischen dem Schreibtisch und dem Fenster durch – hätte die Telefonschnur dort gelegen, müßte man an ihr bestimmt auch Blut sehen, da sie wegen ihrer Länge auf dem Teppich mehrere Schleifen bildet.«

 

»Dieser Schluß scheint mir etwas voreilig zu sein«, meinte der Doktor ziemlich skeptisch. »Halten Sie ihn nicht auch für etwas zu konstruiert? Übrigens, warum wurde dem Toten wohl der Morgenrock ausgezogen?«

 

Trainor antwortete nicht. Er betrachtete gerade eine große Truhe, die in einer Ecke stand. Neben ihr lagen ein Stück Seidentapete und ein golddurchwirktes orientalisches Gewand am Boden.

 

»Was ist das?« fragte er Miller. »Lag das immer so herum?«

 

»Nein, Herr Inspektor«, erwiderte Miller. »Die Tapete lag sonst immer über dem Deckel der Truhe, damit die Politur nicht beschädigt wird, und das Gewand lag, soviel ich weiß, in der Truhe drin.«

 

»War sie immer verschlossen?« fragte Trainor und versuchte vergeblich, den schweren Deckel hochzuheben. »Wo ist das Schloß?«

 

»Es ist nur ein Schnappschloß da, Sir, das durch eine Feder geöffnet wird. Sehen Sie, so …«

 

Miller drückte eine der Holzverzierungen, die an der Truhe angebracht waren, zur Seite, und hob den Deckel an.

 

Im Innern lag ein Durcheinander von Raritäten, dazwischen ein Stück Tapete und ein Streifen feiner Stickerei. »Das lag immer obenauf!« rief Miller. »Jemand hat alles durcheinandergebracht.«

 

»Und das Gewand? Sind Sie sicher, daß es auch in der Truhe war?«

 

»In der letzten Zeit war es ganz bestimmt dort. Früher zog es der Herr manchmal an, aber jetzt habe ich es beim Aufräumen schon lange nicht mehr gesehen.«

 

»Sie könnten nicht genau angeben, was alles in der Truhe aufbewahrt wurde?« fragte Hurley Brown.

 

»Nein, Sir, ich habe ein paar von diesen Sachen schon gesehen, aber ich weiß nicht, ob etwas fehlt.«

 

»Schade«, murmelte Trainor und kramte in der Truhe herum. »Einige dieser Sachen scheinen ziemlich wertvoll zu sein. Falls es sich um einen Diebstahl handelt und falls wir die fehlenden Stücke feststellen könnten … hm.«

 

Er blickte im Zimmer umher.

 

»Was halten Sie davon, Mr. Brown?« fragte er dann und deutete auf einen kleinen Schreibtisch am Fenster. »Rühren Sie es nicht an«, setzte er hinzu. »Vielleicht findet man einen Fingerabdruck.«

 

Auf der grünen Schreibunterlage lag ein Blatt von Loubas vornehmem Briefpapier, ein einzelner Buchstabe stand darauf – der Buchstabe R.

 

»Derjenige, der das schrieb, wurde unterbrochen«, sagte Trainor. »Schauen Sie nur, wie zittrig die Schrift ist und wie unvermittelt sie abbricht.«

 

»Haben Sie eine Vermutung?« fragte Brown.

 

Aber Trainor war nicht dazu aufgelegt, seine Theorie, wenn er eine hatte, zu entwickeln.

 

»Es ist möglich, daß der Betreffende sich nach dem Tod Loubas hinsetzte, um irgendeine Botschaft aufzuschreiben, und daß ihm dann doch die Nerven versagten. Daß die Niederschrift nach der Mordtat erfolgte, halte ich durch die Aufregung des Schreibers für bewiesen.«

 

»Louba kann es wohl nicht selbst noch geschrieben haben?«

 

Dr. Warden schüttelte entschieden verneinend den Kopf.

 

»Ganz ausgeschlossen«, sagte er mit Nachdruck. »Der Tod muß nach dem Schlag so gut wie sofort eingetreten sein.«

 

Trainor untersuchte den Schreibtisch ein zweites Mal und zog den dazugehörigen Stuhl heran.

 

»Er saß hier und hatte anscheinend den Morgenrock angezogen. Das erscheint ganz plausibel, denn es ist eine kühle Nacht, und er hatte kein Feuer.«

 

»Das erinnert mich daran, daß ich etwas auf dem Kaminrost bemerkte, als ich hereinkam«, entgegnete Brown, und Trainor machte sich sofort auf die Suche.

 

»Tatsächlich«, frohlockte er. »Ein verkohltes Stück Papier … Moment…«

 

Behutsam schob der Inspektor ein Blatt Papier, das er von Loubas Schreibtisch nahm, unter das Häufchen halbverbrannter Asche und trug es, wie es war, auf den Tisch. Ein anscheinend von einem Notizblock abgerissenes Blatt war noch deutlich zu erkennen. Es war zwar völlig verkohlt, gegen das stumpfe Schwarz des verbrannten Papiers hoben sich aber deutlich mehrere Reihen hellerer Schriftzüge ab.

 

»Man kann es noch lesen«, sagte Trainor. »Nur hier ist eine Ecke abgerissen, falls sie nicht im Feuer ganz zerfallen ist.«

 

Er untersuchte die übrige Asche sorgfältig.

 

»Ich glaube, daß die Ecke schon vorher abgerissen wurde wahrscheinlich stand die Adresse darauf.«

 

»Die Adresse?« wiederholte Hurley Brown nachdenklich. »Sie meinen den Absender – die Adresse des Briefschreibers?«

 

»Ganz richtig. Würden Sie sich bitte notieren, was ich entziffere?« sagte Trainor und beugte sich über das halbverkohlte Papier.

 

»›Nur Du bist imstande, mich zu retten. Du weißt, was ich für ein Leben führe mit … ‹ Jemand, dessen Namen ich nicht lesen kann. … ›und Du weißt auch, was Du mir schuldig bist, Emil, Du weißt … ‹« Die Unterschrift lautet … Ich kann es nicht genau lesen – es sieht aus wie ein K, es kann aber auch ein R sein oder ein B. Ich würde eine Menge Geld drum geben, wenn ich die Adresse hätte.«

 

Kapitel 15

 

15

 

Trainor wollte gerade weiterreden, als ein so schrilles Klingeln durch das Haus schallte, daß alle erschrocken auffuhren.

 

»Was war das?« fragte Hurley Brown schnell.

 

»Die Einbrecherglocke, Sir«, keuchte Miller und deutete durch die offene Tür nach dem Schlafzimmerfenster.

 

Wieder schrillte die Klingel.

 

»Die Einbrecherglocke? Was meinen Sie damit?«

 

»Sie ist an der Feuerleiter angebracht … Eine Alarmvorrichtung zum Schutz gegen Einbrecher. Wenn jemand das untere Stück der Leiter herunterzieht, was er tun muß, wenn er heraufklettern will, wird ein Kontakt hergestellt und der Alarm ausgelöst.«

 

Trainor rannte ins Schlafzimmer, riß die Balkontür auf und blickte von dem kleinen eisernen Balkon aus in den Hof hinunter. Undeutlich sah er eine Gestalt, die eben von den letzten Stufen der Leiter heruntersprang, einen Moment strauchelte und im nächsten Augenblick in der Dunkelheit verschwunden war.

 

Die andern waren ihm ins Schlafzimmer gefolgt. Trainor drehte sich um, und sie standen sich ratlos gegenüber.

 

»Merkwürdig, daß die Glocke nicht ging, als ich vorhin hinunterstieg«, murmelte er kopfschüttelnd.

 

Die Lösung des Rätsels brachte der Portier, der in diesem Augenblick ins Zimmer gestürzt kam.

 

»Ich habe vor zehn Minuten das untere Ende der Feuerleiter mit der Taschenlampe untersucht, Sir, weil ich daran dachte, daß vielleicht jemand auf diesem Weg in das Haus eingedrungen sein könnte. Zufällig leuchtete ich dabei an die Stelle, an der die Leitungen für die Alarmvorrichtung ein Stück weit offen liegen. Ein Draht war zerschnitten …«

 

»Und Sie haben die Leitung gleich wieder geflickt?« nickte Trainor.

 

»Ich hielt das in Anbetracht der Umstände für besser«, antwortete der Portier. »Natürlich wollte ich es Ihnen noch melden.«

 

»Damit ist der Fall erledigt«, seufzte Brown. »Natürlich war der Draht noch zerschnitten, als Trainor das erste Mal hinunterstieg, und der Portier hat ihn geflickt, kurz bevor der Fremde hier heraufwollte. – Ich glaube nicht, Doktor, daß man uns hier jetzt noch weiter benötigt. Wir überlassen den Fall Inspektor Trainor. Rufen Sie den Polizeiarzt an, Inspektor?«

 

»Er ist krank«, antwortete der Beamte. »Statt dessen kommt Dr. Lane vom Paddington-Distrikt. – Was meinen Sie – ich halte Miller am besten unter Beobachtung?« fragte er mit gedämpfter Stimme Hurley Brown.

 

»Auf jeden Fall, Inspektor. Ich glaube zwar nicht, daß er etwas mit dem Morde zu tun hat, aber Sie könnten ihn immerhin beobachten lassen. Prüfen Sie auch genau nach, was er gestern abend gemacht hat und wo er sich aufhielt.«

 

Die beiden Herren verabschiedeten sich und überließen Trainor seiner Arbeit.

 

Dieser holte vor allen Dingen aus dem immer noch zitternden Miller eine möglichst genaue Beschreibung des Besuchers, der am Abend über den Lieferantenaufgang gekommen war, heraus. Die Morgenblätter des nächsten Tages, die die Geschichte des Verbrechens ihren Lesern auftischten, brachten die Personenbeschreibung des Verdächtigen folgendermaßen:

 

 

Unter Mordverdacht gesucht: Ein Mann, genannt ›Charlie‹, etwa 1,70 Meter groß, schmächtig. Er trug einen dunkelbraunen Anzug und einen beigen Mantel, dazu einen braunen Hut, schwarze Lackschuhe, gelbe Handschuhe und einen grauen Seidenschal. Alter ungefähr 32. Die Hautfarbe ist dunkel, der Mann geht etwas vornübergebeugt und hat eine heisere Stimme.

 

 

Um drei Uhr morgens kamen noch weitere Beamte der Mordkommission, die Inspektor Trainor halfen. Um fünf Uhr erschien der übermüdete Distriktsarzt, der nach kurzer Untersuchung die Überführung des Toten ins Leichenhaus anordnete.

 

Trainor, der die ganze Nacht damit beschäftigt gewesen war, die Papiere des Ermordeten zu sichten, übergab nun die Aufsicht einem Unterbeamten und fuhr in die Edwards Street 903. Er läutete an der Haustür, und gleich darauf öffnete ihm eine müde aussehende junge Dame.

 

»Sind Sie Miss Martin?« fragte Inspektor Trainor.

 

»Ja«, antwortete Beryl.

 

»Ich bin Polizeiinspektor und möchte mit Ihnen sprechen hier – ist mein Ausweis.«

 

Es kam ihm so vor, als hielte sich die junge Dame nur mit Mühe aufrecht.

 

»Kommen Sie herein«, sagte Beryl schwach.

 

Sie drehte jetzt erst das Licht in der Diele an, und er bemerkte, daß sie einen weitärmeligen Morgenrock trug. Anscheinend war sie eben aus dem Bett aufgestanden … Aber sie mußte vollkommen wach gewesen sein, als er geläutet hatte. Die Schnelligkeit, mit der sie auf sein Klingeln hin die Tür geöffnet hatte, sprach dafür.

 

»Ich fürchte, ich habe eine schlechte Nachricht für Sie, Miss Martin«, sagte er, als sie ihn in das kleine Wohnzimmer geführt hatte.

 

»Betrifft es Mr. Louba?« fragte sie schnell.

 

Er nickte ernst.

 

»Ist er …?«

 

»Er ist tot«, antwortete der Detektiv sachlich. »Ermordet.«

 

Sie stand von dem Stuhl auf, den sie sich an den Tisch herangezogen hatte, und starrte ihn stumm an.

 

»Tot!« wiederholte sie und legte die Hand vor die Augen. »Ist das wirklich wahr?«

 

»Es tut mir leid, Miss, aber es ist so, wie ich sage. Wann sahen Sie Mr. Louba das letzte Mal? Soviel ich weiß, sind Sie mit ihm verlobt?«

 

Sie stand da wie gelähmt. Erst nach einer Weile antwortete sie ihm mit gepreßter Stimme.

 

»Tot? Sind Sie sicher? Ja, ich bin mit Mr. Louba verlobt – das heißt, ich war es.«

 

»Kennen Sie diese Scheine?« Er nahm ein kleines Bündel Papiere aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

 

Sie nickte.

 

»Es sind Schuldscheine über eine sehr große Summe, Miss Martin. Würden Sie mir sagen, wie sie in Mr. Loubas Hände kamen?«

 

»Ich habe das Geld beim Bridgespielen verloren, und Mr. Louba legte es für mich aus«, erklärte sie stockend.

 

»War das, bevor Sie verlobt waren?«

 

Sie nickte wieder.

 

»Diese Schuldscheine sind doch der eigentliche Grund, warum Sie Loubas Antrag annahmen, wie?« fragte Trainor.

 

»Ja, ich glaube, so ähnlich war es wohl.«

 

»Wann hatten Sie die entscheidende Unterredung mit Mr. Louba, Miss Martin?«

 

Sie fuhr sich mit zitternder Hand über die Lippen.

 

»Gestern abend«, entgegnete sie, und der Schweiß trat ihr auf die Stirn.

 

»Sie waren vorher mit einem anderen Herrn verlobt, nicht wahr?«

 

»Nein, nein … das stimmt nicht«, erwiderte sie mit verzweifeltem Trotz.

 

»Ich dachte immer, Sie wären mit Mr. Leamington verlobt gewesen?«

 

»Wir waren befreundet und standen uns sehr nahe«, sagte sie. »Aber wir waren nicht – wir waren nicht verlobt.«

 

»Wann verlobten Sie sich mit Mr. Louba?«

 

»Ich sagte es Ihnen doch schon, gestern abend!«

 

»Wann sahen Sie Mr. Leamington das letzte Mal?«

 

Eine lange Pause, in der Beryl krampfhaft nach einer Antwort suchte.

 

»Ebenfalls gestern abend«, sagte sie dann. »Er fuhr mich nach Hause.«

 

»Wußte Mr. Leamington, daß Sie Louba heiraten wollten?«

 

»Ja.«

 

»War er überrascht?«

 

Beryl schaute hilflos im Raum umher, als ob sie diesem Kreuzverhör entfliehen wolle.

 

»Ja, er war überrascht«, flüsterte sie.

 

»Sagten Sie ihm auch den Grund? Ich meine, erwähnten Sie die Schuldscheine?«

 

Er tippte auf das Bündel Papiere.

 

»Ich weiß es nicht mehr«, antwortete sie hastig. »Ich weiß es wirklich nicht mehr.«

 

»Hm, wurde Mr. Leamington nicht wütend? Sagte er etwas gegen Louba?«

 

»Kein einziges Wort, er war ganz ruhig«, beteuerte sie heftig.

 

»Das soll ich Ihnen glauben, Miss Martin?« Trainor ließ die Augen nicht von ihrem Gesicht. »Sahen Sie Mr. Leamington nicht noch einmal später – in der vergangenen Nacht?«

 

»Nein, nein! Ich schwöre Ihnen, daß ich ihn kein einziges Mal mehr sah.«

 

»Wie lange sind Sie schon zu Hause?«

 

»Seit zehn Uhr.«

 

»Stimmt das auch?« fragte er geduldig. »Der Polizist, der in Ihrer Straße Streifendienst hat, sagt, er hätte Sie viel später nach Hause kommen sehen.«

 

»Oh … Es kann auch später gewesen sein«, gab sie zu. »Aber warum interessiert Sie denn das alles?« »Wo waren Sie heute abend, Miss Martin?«

 

»Ich war im Kino – im Apollo.«

 

»Allein?«

 

»Ja, ich gehe oft allein.«

 

Der Detektiv stand auf und steckte umständlich die Schuldscheine in seine Jackentasche.

 

»Glauben Sie nicht, es wäre besser für sie und für alle andern Beteiligten, wenn Sie mir alles erzählten, was Sie von dem Mord an Mr. Louba wissen?«

 

»Ich weiß nichts, gar nichts. Ich habe erst von Ihnen erfahren, was passiert ist.«

 

»Aber trotzdem warteten Sie auf mein Kommen«, sagte Trainor in einem Ton, der schärfer war, als er bisher geredet hatte.

 

»Niemanden erwartete ich«, flüsterte sie.

 

Ihr ängstliches Gesicht, ihre zitternden Hände sahen bejammernswert aus.

 

»Wenn ich Ihnen nun sage, daß Sie zwischen zehn und elf Uhr in der Nähe von Braymore House gesehen wurden, was dann? Antworten Sie, Miss Martin.«

 

Dies war nichts als ein Bluff Inspektor Trainors – genauso, wie der Polizeibeamte erfunden war, der sie angeblich nach Hause hatte kommen sehen. Trainor war ein erfahrener Kriminalist, und so wie die Dinge lagen, glaubte er auf der richtigen Spur zu sein.

 

Trotzdem überraschte ihn ihre Antwort.

 

»Sie sahen mich? Oh, warum ging ich nur hin …? Warum nur …«

 

»Sie gingen hin, weil Sie annahmen, daß Mr. Loubas Leben in Gefahr sei – in Gefahr durch Mr. Leamington. Und Sie wollten Mr. Leamington abfangen. Stimmt das?«

 

Sie gab es stumm zu.

 

»Und er kam?«

 

»Nein«, entgegnete sie mit einer letzten Willensanstrengung. Alle Kraft zusammenraffend, wiederholte sie energisch: »Er kam nicht, ich wartete bis ein Uhr, und dann ging ich nach Hause.«

 

Sie hielt seinem durchdringenden Blick ohne Wimpernzucken stand.

 

»Ich kann Sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, und ich kann Sie vorerst nichts weiter fragen«, sagte er achselzuckend und schritt zur Tür. »Aber ich fürchte, ich muß Sie bald wieder aufsuchen – vielleicht sogar sehr bald, Miss Martin.«

 

In seinem Ton lag etwas Drohendes, und das Mädchen verstand ihn vollkommen.

 

Sie ging hinter ihm her auf den Vorplatz. Dort schaute er sich, anscheinend zufällig, in seiner raschen, gründlichen Art nach allen Seiten um. Plötzlich langte er nach dem Griff eines Schirmes, der am Garderobenständer hing.

 

»Gehört der Schirm Ihnen?«

 

»Ja«, sagte sie überrascht.

 

»Hatten Sie ihn heute abend bei sich?«

 

Sie zauderte einen Moment.

 

»Ja«, gab sie dann zu.

 

»Der Vorplatz war dunkel, als Sie nach Hause kamen, nicht wahr?«

 

Sie nickte verwirrt.

 

»Bitte zeigen Sie mir die Handschuhe, die Sie bei sich hatten.«

 

»Dort – im Kasten am Garderobenständer. Es sind alte, graue Lederhandschuhe …«

 

Er öffnete den Kasten und nahm die Handschuhe heraus. Während er sie genau betrachtete, lehnte sie sich, kalkweiß im Gesicht, an die Wand. Sie hatte im selben Moment wie Trainor gesehen, daß auf den Handschuhen eingetrocknete rote Flecken waren. Und als er den Schirm noch einmal unters Licht hielt, bemerkte sie schaudernd, daß auch der helle Griff rot gefärbt war.

 

»Merkwürdig«, sagte der Inspektor ruhig. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen – Sie haben doch nichts dagegen?«

 

Sie antwortete nichts, sondern stand noch immer stumm an die Wand gelehnt – sie stand noch da, als er sie schon lange verlassen hatte.

 

Kapitel 12

 

12

 

Um 6 Uhr zog Dr. Warden in seiner Wohnung in der Devonshire Street seinen Smoking an, da er sich mit einem alten Kollegen zum Abendessen verabredet hatte. Vorher wollte er aber noch den Besuch bei Louba erledigen. Unwillkürlich mußte er lächeln, als er sich Louba als Heiratskandidaten vorstellte. Trotz der vielen Fehler des Mannes hatte er ihm immer eine gewisse Zuneigung bewahrt.

 

Ein Taxi brachte ihn zum Braymore House. Als er dort ausstieg, fragte ihn der Portier sofort, ob er nicht Herr Doktor Warden wäre.

 

Der Doktor lächelte. »Sie haben ein gutes Gedächtnis für Gesichter, so häufig war ich doch noch gar nicht hier.«

 

»Das stimmt«, antwortete der Mann geschmeichelt. »Erst heute morgen kam ein Herr zu mir, auf dessen Namen ich mich gleich wieder besinnen konnte, obgleich ich ihn seit dem Bau dieses Hauses nicht mehr gesehen hatte. Sicher kennen Sie ihn – Mr. Leamington, der Architekt.«

 

»Leamington?« interessierte sich der Doktor. »Was wollte er?«

 

»Oh, er wollte sich nur einmal ansehen, wie verschiedene Leitungen hier gelegt sind. Ich zeigte es ihm selbstverständlich gerne.«

 

Der Doktor nickte und fuhr dann mit dem Lift bis zu Loubas Wohnung. Er drückte auf den Klingelknopf, und die Tür wurde sofort geöffnet.

 

»Herr Dr. Warden? Bitte treten Sie näher.«

 

Auch der Diener mit dem hageren Gesicht erkannte ihn sofort wieder. Zur Überraschung des Doktors hatte er den Mantel an, und Miller erklärte auf seine Frage, daß er heute abend frei habe und eben weggehen wolle.

 

»Ich wollte nur noch warten, bis der andere Herr fort ist«, sagte er.

 

»Hat Ihr Herr Besuch?«

 

Miller zog die Brauen in die Höhe.

 

»Hm, Besuch … Hören Sie sie nicht?«

 

Der Doktor hörte jetzt allerdings ganz deutlich Loubas hartes Organ und die heisere Stimme seines Besuchers, die ohne weiteres durch die zwei schweren Türen, die zwischen dem Vorplatz und Loubas Wohnzimmer lagen, drangen.

 

»So geht das schon seit einer Viertelstunde«, sagte Miller. Er warf einen finsteren Blick auf die Wanduhr. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, einen Moment hier auf dem Vorplatz zu bleiben, Herr Doktor? Meine Braut wartet unten auf mich.« Miller war etwas verlegen. »Ich möchte sie nicht gerne noch länger stehen lassen und werde mich mit ihr auf später verabreden. Entschuldigen Sie mich zehn Minuten, Sir.«

 

Es war jetzt drei Minuten nach sieben Uhr, und Dr. Warden überlegte einen Augenblick, da er um halb acht seinen Kollegen treffen wollte.

 

»Hören Sie nur!« sagte Miller ängstlich.

 

Die Stimmen der beiden Männer wurden immer lauter.

 

Der Doktor lauschte: »Sie wird tun, was ich will!« schrie Louba.

 

»Gehen Sie; Miller«, sagte Dr. Warden. »Aber bleiben Sie bitte nicht länger als eine Viertelstunde fort.«

 

Miller schlüpfte hocherfreut aus der Tür. Nach genau vierzehn Minuten war er wieder zurück. Der Doktor saß an einem Tischchen und las. Der Lärm der Streitenden hatte aufgehört.

 

»Sagen Sie Mr. Louba bitte, daß ich nicht länger warten kann«, brummte Warden und faltete seine Zeitung zusammen. »Der Besucher ist sicher fortgegangen, seit fünf Minuten habe ich keinen Ton mehr gehört.«

 

Der Diener ging zur Wohnzimmertür, und Warden hörte, wie er anklopfte. Niemand antwortete. Miller zuckte die Schultern und drehte sich um.

 

Dr. Warden trat ungeduldig neben ihn und rief: »Louba!«

 

Keine Antwort.

 

»Bestimmt ist er im Schlafzimmer«, erklärte Miller. »Wahrscheinlich hat er gerade einfach keine Lust, Sie zu empfangen. Solche Launen hat er öfters.«

 

»Ich habe den Besucher gar nicht fortgehen sehen«, sagte der Doktor.

 

»Einen Augenblick, Sir.« Miller sauste den Korridor entlang bis zur Küche; ein schmaler Gang führte dort bis zu einer Tür, die sperrangelweit aufstand. Sie führte auf eine steinerne Treppe, den Lieferantenaufgang des Hauses.

 

»Er muß diesen Weg benützt haben. Dort kam er auch herauf. Und das ist mir schon aufgefallen.«

 

»Wie sah er denn ungefähr aus?«

 

»Ungefähr fünfunddreißig, nicht gerade elegant angezogen, machte aber einen ganz guten Eindruck … Nur schien er mir etwas angetrunken zu sein. Ich sah ihn nur ganz flüchtig, denn Mr. Louba hatte ihn anscheinend erwartet und führte ihn sofort in die Bibliothek.«

 

Der Doktor schaute auf seine Uhr. »Ich muß gehen. Falls mich Mr. Louba noch sprechen will, können Sie mich telefonisch im Elect Club erreichen.«

 

Als Warden in den Club kam, fand er dort die Nachricht vor, daß sein Kollege abgesagt hatte.

 

Er schlenderte in den Speisesaal und traf dort Hurley Brown. Der Captain begrüßte ihn erfreut.

 

»Setzen Sie sich doch zu mir. Ich langweile mich gräßlich. Na, wie geht’s, Louba?«

 

Warden lächelte.

 

»Nun, ich war bei ihm, aber unser Freund hatte mit irgend jemand Streit und konnte oder wollte mich nicht empfangen.«

 

»Wissen Sie, ich kann einfach die Zeit nicht vergessen, in der ich mit meinem Regiment in Malta lag«, entgegnete der Captain. »Louba betätigte sich damals unter anderem als Geldverleiher und machte fast die ganze Offiziersmesse bankrott. Mir wird regelmäßig ganz übel, wenn ich ihn hier im Club sehe – noch dazu als Mitglied. Und wenn ich erst daran denke, daß er Franks Braut heiratet!«

 

Der Doktor stieß ihn an, und Brown schaute auf. Frank Leamington war eben eingetreten.

 

Er war totenblaß und schien ihre Anwesenheit nicht zu bemerken. Aufgeregt schritt er quer durch das Zimmer zu den Bücherregalen, die die eine Wand des Raumes einnahmen. Er zog eines der Nachschlagewerke heraus, blätterte hastig darin und ging, nachdem er anscheinend das Gesuchte gefunden hatte, wieder hinaus.

 

Hurley Brown stand auf und betrachtete das Buch. Es war ein Fahrplan.

 

»Möchte nur wissen, wo Frank hin will«, murmelte er.

 

Um neun Uhr dreißig brach Hurley Brown auf. Der Doktor verabschiedete sich von ihm und sagte, daß er noch einmal bei Louba vorbeischauen wolle. »Vielleicht hat er sich inzwischen von seinem Wutanfall erholt«, brummte er.

 

In Braymore House ließ sich Warden vom Portier in den zweiten Stock hinauffahren. Der Portier begleitete ihn bis zur Wohnungstür und verließ ihn erst, als er auf die Klingel gedrückt hatte. Im dritten Stockwerk mußte jemand auf den Aufzugsknopf gedrückt haben, denn auf der Schalttafel leuchtete das betreffende rote Lämpchen auf. Der Portier fuhr hinauf, war aber sofort wieder zurück, da im dritten Stock kein Mensch zu sehen war.

 

»Macht niemand auf, Sir?«

 

»Nein, und mir fällt gerade ein, daß der Diener ja höchstwahrscheinlich ausgegangen ist«, meinte Dr. Warden.

 

»Wahrscheinlich hat er den Lieferantenausgang benutzt«, sagte der Portier. »Das tun die Leute hier im Haus sehr häufig.«

 

Dr. Warden ließ sich wieder hinunterfahren und blieb vor der Portierloge einen Moment stehen, um auf die Uhr zu sehen.

 

»Drei Viertel zehn«, sagte er. »Ihre Uhr scheint stehengeblieben zu sein.«

 

Der Portier nickte mit dem Kopf.

 

»Ja, heute mittag war etwas los mit ihr.«

 

Dr. Warden trat in die naßkalte, neblige Nacht hinaus. Als er auf sein wartendes Taxi zuschritt, streifte ihn ein junger Mann. Das trübe Licht einer Straßenlaterne beleuchtete eine Sekunde lang sein Gesicht.

 

Es war Frank Leamington!

 

Der Doktor blieb stehen und sah sich um. Kein Zweifel – es war Leamington. Warden erschrak furchtbar, als ihm plötzlich ein Gedanke kam.

 

Der Mann da mußte Louba tödlich hassen! Warum war er hier? Angenommen, daß er sich an Louba rächen wollte …? Ein unsinniges Unternehmen, aber in seiner Situation … Der Doktor machte einen Schritt in der Richtung, in der Frank verschwunden war, zuckte dann aber schließlich doch die Schultern und zündete seine Pfeife an. Wahrscheinlich weiter nichts als ein zufälliges Zusammentreffen, versuchte er sich zu beruhigen.

 

Im Club saß Hurley Brown schon wieder vor dem Kaminfeuer.

 

»Für Sie ist eine Nachricht da«, sagte er zu Warden.

 

Der Kellner reichte ihm einen Zettel, und Dr. Warden las laut vor:

 

 

›Eingelaufen 9 Uhr 50.

 

Mr. Louba bittet Herrn Dr. Warden auf morgen früh elf Uhr zu sich.‹

 

 

»Merkwürdig! Er muß mich, gleich nachdem ich Braymore House verlassen habe, angerufen haben.«

 

»Soll sich zum Teufel scheren!« knurrte Hurley Brown.

 

Rauchend saßen sie sich ziemlich schläfrig gegenüber.

 

Um Viertel nach zehn sprang der Doktor endlich auf.

 

»Kommen Sie, Brown, gehen wir. Die Clubdiener wollen auch mal schlafen.«

 

Sie ließen sich gerade in die Mäntel helfen, als ein Anruf für Dr. Warden kam.

 

Warden meldete sich und hörte die Stimme Millers, der anscheinend furchtbar aufgeregt war.

 

»Was ist los?« fragte der Doktor.

 

»Mr. Louba … ich glaube … ich glaube … er ist tot.«

 

Kapitel 13

 

13

 

Mit der langsam niederfallenden Dunkelheit des düsteren Wintertages wuchsen Beryl Martins Befürchtungen immer mehr.

 

Unentwegt dachte sie an das Gesicht Franks, an den furchtbaren Entschluß, den sie in seinen Augen gelesen hatte.

 

Sie schob die Vorhänge zur Seite und schaute in den dichten Nebel hinaus. Wie leicht mußte es in einer solchen Nacht sein, ein verzweifeltes Vorhaben auszuführen … Sie wanderte von Zimmer zu Zimmer – hin und her – hin und her …

 

Als die Unruhe schließlich unerträglich wurde, zog sie sich kurzentschlossen an und rannte, ohne auf die Fragen ihrer Mutter zu antworten, aus dem Haus.

 

Ein Taxi brachte sie in für ihre Ungeduld viel zu langsamer Fahrt nach Braymore House.

 

Dort kam ihr die Nutzlosigkeit ihres Beginnens erst so richtig zum Bewußtsein. Grau und im Nebel kaum erkennbar lag die Fassade des Hauses vor ihr. Kaum anzunehmen, daß sie Frank wirklich abfassen konnte, wenn er hier war.

 

Dennoch stand sie wie festgebannt auf dem menschenleeren Gehsteig und beobachtete die Fenster, hinter denen sie Loubas Wohnung vermutete.

 

Plötzlich berührte eine Hand ihren Arm, und sie unterdrückte einen Aufschrei.

 

»Oh …! Wer sind Sie?« stieß sie erschrocken hervor und atmete erst wieder freier auf, als sie sah, daß kein Polizist neben ihr stand.

 

»Sie warten schon so lange – sicher frieren Sie«, sagte eine sanfte Stimme an ihrer Seite, und sie bemerkte einen kleinen Mann mit hagerem, gutmütigem Gesicht im Schein der nächsten Straßenlaterne.

 

»Woher wissen Sie, daß ich warte?« rief sie.

 

»Weil ich auch warte«, erwiderte er.

 

»Sie …? Worauf?«

 

»Sie beobachten doch auch Loubas Fenster, nicht wahr?«

 

»Wie … nein … Ich beobachte überhaupt kein Fenster. Ich … ich …?« Sie war ganz verwirrt.

 

Wer konnte das nur sein? Polizei? Nein, ausgeschlossen.

 

»Warum sind Sie hier?« fragte sie mutig. »Erwarten Sie, daß etwas passiert?«

 

»Oh, ich weiß nicht. In der letzten Zeit bin ich in sehr guter Stimmung. Ich habe lange, sehr lange warten müssen, doch jetzt, glaube ich, ist die Wartezeit vorüber.«

 

»Wie lange warten Sie schon«

 

»Jahre … viele Jahre.«

 

»Jahre? Ich meine, wie lange warten Sie schon hier draußen?«

 

»Nun, seitdem es dunkel wurde.«

 

»Und sahen Sie jemand hineingehen?« flüsterte sie atemlos.

 

»Sie meinen durch das Fenster?« Er lächelte. »Gewiß, ich habe jemand gesehen … Auch früher wurde dieses Fenster schon einmal benutzt. Ich entsinne mich, vor Jahren …«

 

»Wer stieg durch das Fenster?«

 

»Ein Mann … ein Mann, auf den ich große Hoffnung setze … Er ist auch wieder herausgekommen, und ich weiß nicht genau –«

 

»Wie lange ist das her? Seit wann ist er wieder draußen?«

 

»Oh, schon eine ganze Weile.« Er betrachtete aufmerksam ihr ängstliches Gesicht. »Es war nicht der, an den Sie denken.«

 

»Was meinen Sie? Woher wissen Sie das?« rief sie.

 

»Sind nicht Sie die junge Dame, die Louba zur Heirat zwingen wollte?«

 

»Das wissen Sie?« Sie konnte vor Staunen nicht weiterreden.

 

»Ich schaute gestern abend durch das Fenster«, entgegnete er ruhig. »Ich hörte zwar kein Wort … aber ich kenne Louba gut genug. Ich sah die Papiere und Ihr Gesicht …«, schloß er nachdenklich.

 

»Wer sind Sie?«

 

»Mein Name ist Weldrake. Ich bin niemand von Bedeutung … aber ich hatte einmal einen Sohn. Er sah nicht so aus wie ich – er war ein großer, strammer Junge –«

 

»Worauf hoffen Sie?« unterbrach sie ihn.

 

»Ich versprach meinem Jungen, daß er gerächt würde. Ich versprach ihm, nicht zu Hause zu bleiben, bis dies geschehen sei. Und so warte ich, warte schon sehr lange … In jedem Jahr bekommt Louba neue Feinde. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Vielleicht, daß er schon morgen früh …«

 

Beryl schauderte unwillkürlich. Der Mann war ihr unheimlich. Was wußte er nur von Frank? In welchem Verdacht hatte er ihn?

 

»Ich glaube, es ist besser, ich gehe«, sagte sie und versuchte krampfhaft, ihrer Stimme einen tapferen Klang zu geben.

 

Der kleine Mann sah ihr mit einem seltsamen Lächeln nach, als sie eilig die Straße überquerte, drehte sich dann selbst auf dem Absatz um und verschwand im Nebel.

 

Beryl war nur bis zur nächsten Ecke gegangen. Angestrengt beobachtete sie von dort aus weiter das düstere Haus. Durchdrungen von dem brennenden Wunsch, zu wissen, was in Loubas Wohnung vorging … Hätte sie es gewußt, wäre sie entsetzt davongerannt.

 

Emil Louba lag ausgestreckt auf seinem Bett – tot! Und neben dem Bett stand Frank Leamington mit geballten Fäusten und schaute auf die Leiche.

 

Er hatte geschworen, Louba eher zu töten, als mit anzusehen, wie er Beryl heiratete; aber jetzt, nachdem der Verhaßte tot war, malte sich Entsetzen auf seinem Gesicht.

 

Dann riß er sich zusammen. Der Mann hatte unter allen Umständen den Tod verdient. Beryl war gerettet, und er wollte hier sein Geschäft beenden.

 

Er lauschte angestrengt … Kein Laut aus der übrigen Wohnung.

 

Die Schublade des Schreibtisches stand offen, und er begann fieberhaft nach den Schuldscheinen zu suchen. Nichts zu finden. Hastig durchwühlte er Schubfächer, Kästen, den Bücherschrank und Aktenordner. Auch dies war ergebnislos.

 

Die Stille in dem Zimmer war beklemmend. Er warf noch einen Blick auf die Leiche und lief dann, plötzlich von Panik ergriffen, zum Fenster. Geräuschlos stieg er die Feuerleiter hinunter.

 

Der Nebel war noch dichter geworden. Man konnte kaum mehr die Hand vor den Augen sehen, und Frank tastete sich vorsichtig durch den dunklen Hofeingang. Da berührte er auf einmal mit der vorgestreckten Hand eine Gestalt und schrak zurück.

 

»Wer ist da?« rief er.

 

»Frank!«

 

»Du, Beryl? Schnell – komm!«

 

Er packte ihre Hand und rannte mit ihr die Straße entlang.

 

»Was tust du hier, Beryl?« fragte er nach einer Weile und blieb keuchend stehen.

 

»Ich hatte so Angst, Frank. Dauernd fühlte ich, daß heute irgend etwas passiert … Ich mußte etwas unternehmen. Gerade wollte ich in Loubas Wohnung gehen. Ist er da? – Louba – ist er zu Hause?«

 

»Ja – er ist zu Hause.«

 

»Und du hast ihn gesehen, Frank? Du hast dich mit ihm gestritten? Du hast …« Sie wagte nicht, den Satz zu vollenden.

 

»Du mußt nach Hause, Beryl«, flüsterte er heiser. »Hat dich jemand gesehen?«

 

»Ich weiß nicht … ein kleiner Mann … Sag mir doch, was du getan hast, Frank.« Sie schluchzte und klammerte sich an seinem Mantel fest. »Sag es mir, ich muß es wissen, Frank!«

 

»Gar nichts habe ich gemacht, Beryl … Deine Schuldscheine konnte ich nicht finden. Wie hoch war die Summe? Er hatte die Scheine doch in seinem Besitz – du hast sie mit eigenen Augen gesehen?«

 

»Ja. Fünfzigtausend Pfund. Mach dir doch keine Sorgen um die Scheine oder um mich! Es geht um dich, Frank! Was ist vorgefallen?«

 

»Möglich, daß es nichts schadet, wenn man sie findet wenigstens soweit es dich betrifft. Niemand könnte dich bezichtigen … und er hat, soviel ich weiß, keine Erben.« Nachdenklich schaute er nach Braymore House zurück.

 

»Wie konntest du nach diesen Scheinen suchen, wenn er da war … oder ist er … ist er …« Sie konnte kaum mehr sprechen vor Aufregung.

 

Er sah sie ernst an.

 

»Beryl«, sagte er und beugte sich ganz nah zu ihr herunter. »Ich habe Louba gesehen … Stelle keine Fragen! Aber ich schwöre dir – ich habe ihm nichts getan. Glaub mir das, Beryl, und geh jetzt nach Hause.«

 

Sie glaubte ihm ja so gerne und wollte auch gar keine Fragen mehr stellen. Erschöpft lehnte sie sich an ihn.

 

»Willst du mich denn nicht nach Hause bringen?« fragte sie.

 

»Nein, Beryl. Entschuldige bitte. Ich …«

 

»Was willst du denn noch hier?«

 

»Ich muß noch mit einem Freund sprechen … Entschuldige …«

 

Er drehte sich unvermittelt um und rannte hastig davon.

 

An der nächsten Seitenstraße, in die er einbiegen wollte, zerrte jemand an seinem Ärmel. Entsetzt fuhr er zusammen.

 

Ein unscheinbarer kleiner Mann stand vor ihm und flüsterte:

 

»Wie geht es Louba?«

 

»Was, zum Teufel, wollen Sie?« knurrte Frank.

 

»Ich sah Sie in das Haus gehen – und wieder herauskommen. Ist Louba etwas zugestoßen?«

 

»Was reden Sie denn? Nein!« Frank rieselte es kalt über den Rücken. »Ich kenne Louba gar nicht.«

 

»Natürlich nicht, Sie haben ganz recht, nichts darüber zu sagen«, entgegnete der andere mit einer Bereitwilligkeit, die Franks überanstrengten Nerven drohender vorkam als alles andere. »Sie müssen wissen, er hat meinen einzigen Sohn umgebracht. Ich habe gewartet, daß er dafür büßt … Und ich glaube – ich kann endlich beruhigt nach Hause gehen.«

 

Das letzte sagte er mit einem so seltsamen Lächeln, daß Frank völlig den Kopf verlor. Er hatte nur noch den einen Wunsch, fort von diesem Mann, fort aus der Nähe von Loubas Wohnung zu kommen.

 

»Sie sind wahnsinnig!« stieß er mühsam hervor und rannte blindlings weiter durch den Nebel.

 

Kapitel 1

 

1

 

Ein Schuß zerriß die Stille. Captain Hurley Brown fuhr herum – er wußte sofort, was geschehen war.

 

Reggie Weldrake! Der junge Mann war mit verstörtem Gesicht an ihm vorbei in sein Zimmer gerannt und hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Hätte er ihn nur aufgehalten …

 

Hurley Brown hatte einen solchen Gesichtsausdruck schon einmal bei einem Menschen gesehen. Auch jener Mann – genau wie Reggie Weldrake ein junger Offizier – war eben von einer letzten Unterredung mit Emil Louba zurückgekommen … Auch damals fiel gleich darauf ein Schuß.

 

Nachdem der Captain vorher Reggie gesehen hatte, war er voll Unruhe im Gang stehengeblieben und hatte eine Zigarette nach der anderen gepafft, unschlüssig, ob er sein eigenes Quartier aufsuchen sollte. Unentwegt mußte er an das verzerrte Gesicht Weldrakes denken. Als der Captain sich eben entschloß, doch an der Tür seines Kameraden zu klopfen, krachte der Schuß. Mit zwei Sätzen war Brown an der Tür und rüttelte an der Klinke.

 

Es war abgeschlossen, und obwohl er mit aller Kraft gegen die Tür hämmerte und laut rief, kam keine Antwort – er erwartete auch keine. Mit seinen schweren Schuhen trat er gegen das Schloß und hatte es schon beinahe zertrümmert, als McElvie, Weldrakes Bursche, und ein paar Offiziere und Diener die Treppe heraufstürzten. Ihren vereinten Kräften gab das Schloß so plötzlich nach, daß sie alle miteinander einige Schritte in das Zimmer hineintaumelten.

 

Reggie Weldrake aufzurichten, ihm zu helfen, war sinnlos. Schon ein oberflächlicher Blick genügte, um festzustellen, daß er tot war. Den Raum durchzog ein beißender Geruch; Weldrakes Finger hielten immer noch krampfhaft den Armeerevolver umspannt.

 

»Dieser verfluchte Louba, der Teufel soll ihn holen!« Brown brach als erster das unheimliche Schweigen, und die anderen stimmten mit kräftigen Verwünschungen ein.

 

»Wenn sich doch jemand finden würde, der diesen Dreckskerl umlegt. Malta wäre bedeutend sauberer«, erklärte McElvie grimmig. Kein Mensch war anderer Meinung. Es war jedem ganz klar, daß Louba die Ursache dieser Tragödie war. Schließlich war es kein Einzelfall!

 

Captain Brown haßte Louba besonders. Schon zu oft hatte er es miterlebt, wie nette, ein wenig leichtsinnige Burschen durch ihn und seinesgleichen ruiniert wurden. Er hatte auch längst den Entschluß gefaßt, diesen Louba aus Malta hinauszubefördern. Sein erster Schritt war es deswegen gewesen, sich mit seinen Vorgesetzten auf der Militärbehörde in Verbindung zu setzen – mit allem Nachdruck hatte er sie auf den schlimmen Einfluß aufmerksam gemacht, den Loubas Unternehmen auf die Truppen der Insel ausübte.

 

Brown hatte das Unheil, dem Reggie Weldrake entgegensteuerte, kommen sehen. Hätte der Junge nur ein wenig mehr Vertrauen zu ihm gehabt – aber alle seine Versuche, ihn zu warnen, waren fehlgeschlagen. Wahrscheinlich hatte Reggie schon zu tief in der Sache dringesteckt, als daß er sich noch hätte frei machen können.

 

Der Captain strich sich mit der Hand über die Stirn und riß sich zusammen. Die andern harten inzwischen den Toten aufs Bett gelegt – sie überließen ihn jetzt seiner Einsamkeit. Mit einem kurzen Entschluß trennte sich Brown von den Kameraden und ging quer über die Straße; dorthin, wo eine grell aufflammende Reklameschrift den Eingang zu Loubas Lokal kennzeichnete.

 

Das Kabarett, das er betrat, war nur eine prunkvolle Attrappe für den anderen, bedeutend wichtigeren Teil des Unternehmens. Nach einigen Schritten blieb er stehen – irgend etwas Außergewöhnliches mußte passiert sein.

 

Das Lärmen der Jazz-Musik war verstummt, die allgemeine Unterhaltung wie abgestorben. Auf den Tischen standen die Gläser unberührt, und alle Augen starrten neugierig nach einer Richtung. Auf der niedrigen Bühne im Hintergrund des Saales schien zwischen einem der Gäste und der Sängerin der Jazz-Band eine Auseinandersetzung im Gang zu sein. Der Mann, mit dem sich das Mädchen zankte, war sehr dick. Er hatte ein volles, hochrotes Gesicht, und neben der aufdringlichen Eleganz seiner Kleidung schien ihn vor allem seine Zungenfertigkeit auszuzeichnen.

 

Brown näherte sich langsam der Tür zu den Spielsälen. Im gleichen Moment wurden die verdeckenden Vorhänge davor beiseite geschoben, und Emil Louba trat ein.

 

»Gut, daß du kommst«, unterbrach der beleibte Herr seinen Redefluß.

 

»Ah, da Costa – mein Freund da Costa! Schau mal einer an …«, ließ sich Louba mit einer geradezu katzenschnurrenden Sanftmut vernehmen.

 

»Hat sich was von wegen Freund – dein Ruin werde ich sein!« brüllte da Costa aufgeregt. Gegen den großen, breitschultrigen Louba erschien er recht klein, und als der andere ihn grinsend von oben herab betrachtete und nur ein wenig mit seinem schwarzen Schnurrbart zuckte, schrie da Costa in einem neuen Wutanfall: »Schon wieder hast du dich in meine Angelegenheiten eingemischt! Wann wirst du das endlich unterlassen?«

 

»In der Liebe und im Geschäft ist alles fair, mein Bester verstanden? Deswegen können wir trotzdem gute Freunde bleiben … Aber komm, wir stören den Betrieb.«

 

Er packte da Costas Arm und versuchte, ihn außer Sicht und Hörweite der gaffenden Menge zu zerren. Da Costa fiel jedoch nicht auf sein freundliches Lächeln herein und schrie energisch:

 

»Ich will den Betrieb stören! Das Mädchen da hat einen Vertrag mit mir … Ich zahle ihr dreimal soviel Gage, wie sie wert ist …, ich habe sie ausgebildet, und mir verdankt sie alles …!«

 

»Sie lügen!« kreischte das Mädchen in kräftigem Diskant dazwischen. »Sie haben mir überhaupt nichts zu sagen – ich kann hingehen, wohin ich will, und …«

 

»Und die Dame zieht eben Malta diesem erbärmlichen Tripolis vor«, schaltete sich Louba wieder ein. »Das ist es.«

 

»Wenn das alles wäre – aber es ist noch lange nicht alles, du hast bei mir noch viel mehr auf dem Kerbholz!« explodierte da Costa. »Habe ich irgendwo eine gute Sache eingefädelt, dann kommst sofort du und machst mir Konkurrenz. Oder du machst mir meine besten Künstler abspenstig, oder …«

 

»Oder ich beweise auf andere Art, daß ich der Tüchtigere von uns beiden bin«, sekundierte ihm Louba grinsend. »Geschäft ist ein feines Spiel, da Costa – wenn man zu spielen versteht. Und jetzt komm! Du hast den Betrieb lange genug gestört.«

 

Seine Finger gruben sich noch ein wenig tiefer in da Costas fetten Arm, und er zerrte ihn wieder ein oder zwei Schritte nach der vorhangverhängten Tür.

 

»Undankbares Frauenzimmer! Du kommst sofort mit nach Tripolis zurück oder bezahlst mir den Kontraktbruch«, drohte da Costa, indem er sich losriß und auf die Frau zusprang.

 

Er fuchtelte ihr mit der Faust vor dem Gesicht herum, aber sie war seinen Beschimpfungen durchaus gewachsen – in einem halben Dutzend Sprachen schrie sie ihn an, bis Louba dazwischentrat.

 

»Ruhig jetzt und weitergearbeitet!« kommandierte er und schob sie zur Bühne.

 

Er gab den Musikern ein Zeichen, winkte zwei Kellnern, und als ob es überhaupt keine Unterbrechung gegeben hätte, spielte die Kapelle weiter. Das Mädchen zauberte sofort ein verführerisches Lächeln auf ihr Gesicht und begann mit mehr heiserer als dunkler Stimme den neuesten Schlager der Saison. Gleichzeitig packten die zwei Kellner da Costa und zerrten ihn quer durch den Saal auf die Straße, wo sie sich noch einige Zeit mit ihm herumbalgten.

 

Louba verbeugte sich vor den Gästen; sein glattes, schwarzes Haar schimmerte in der Saalbeleuchtung.

 

»Bitte tausendmal um Entschuldigung« meinte er geschmeidig. »Wenn man ein so erstklassiges Etablissement hat wie ich, muß man eben mit dem Neid der Konkurrenz rechnen.«

 

Er wollte gerade wieder hinter der Portiere verschwinden, als Hurley Brown auf ihn zutrat.

 

»Ah, Captain Brown!« Louba verneigte sich mit spöttischer Übertreibung. »Reizend von Ihnen! Welch seltenes Vergnügen … Ihr junger Freund, Leutnant Weldrake, ist ein häufigerer Gast.«

 

»Das ist vorbei«, lautete die grimmige Antwort.

 

»Wirklich?« Louba grinste. »Nun, wir werden ja sehen. Wenn er, bevor er geht, seinen Verpflichtungen nachkommt, kann mir das ja gleich sein … Verläßt er uns tatsächlich?«

 

»Er hat uns schon verlassen. Genau wie Sie uns verlassen werden, Louba, und wenn ich Ihnen dazu einen Stein an den Hals hängen und Sie ins Meer werfen müßte.«

 

»Was soll das heißen ›Er hat uns schon verlassen?‹ Es ist kaum eine Stunde her, seit ich ihn an seine Verpflichtungen mir gegenüber erinnert habe – mit Vorhaltungen wie britischer Offiziers ›Ehrenmann‹ und so weiter.«

 

»Louba«, sagte Hurley Brown heiser. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich Ihnen keine Ohrfeige gebe.«

 

»Vielleicht weil Sie wissen, daß Sie hinausfliegen, bevor Sie mich nur angerührt haben, werter Freund.«

 

»Sie …!«

 

Captain Browns Arm wurde geschickt abgefangen, als er zuschlagen wollte.

 

»Durch Gewalt erreichen Sie wirklich nichts«, sagte Louba. »Außerdem schickt sich so was nicht, wie? – Was soll das ganze Gerede, daß der junge Mann fort ist, bedeuten?«

 

»Er wurde soeben ermordet.«

 

»Ermordet? Von wem?«

 

»Von Ihnen, Louba.«

 

»Oho …! Ach so«, sagte Louba nach kurzem Besinnen. »So steht die Sache. Und was wollen Sie dann hier, wenn ich fragen darf?«

 

»Ihnen nur sagen, daß ich selbst Sie mit einem Fußtritt aus Malta hinausbefördere, falls die Behörden Sie nicht hinauswerfen. Wir haben uns ja schon früher getroffen, Louba, und ich muß sagen – je länger Sie leben, desto gemeingefährlicher werden Sie.«

 

»Blödsinn! Ich begegne nur immer häufiger solchen Narren wie Sie einer sind. Und was Ihre Behörde betrifft – das habe ich für sie übrig!« Er schnippte mit den Fingern. »Man kann mich doch nicht für jeden dummen Jungen verantwortlich machen!«

 

Grinsend verzog er das Gesicht.

 

»Eines Tages«, sagte Hurley Brown, »ist das Maß Ihrer Frechheiten voll.«

 

»Wenn das eine Drohung sein soll«, entgegnete Louba höhnisch, »kann ich nur lachen. Ich gehe meinen Weg und zertrete das, was mir im Wege ist. Oder ich gehe darüber hinweg. Die anderen können entscheiden, ob ich sie zertreten soll oder nicht.«

 

Captain Brown murmelte einen Fluch und ließ den Mann stehen.

 

Er drängte sich durch die Menge der Gäste, die gerade laut Beifall für die Sängerin klatschten.

 

Natürlich hatte er gleich gewußt, daß es sinnlos war, in dieses Lokal zu gehen – aber trotzdem war es schmählich, jetzt an Reggie Weldrake denken zu müssen, der steif und still auf seinem schmalen Bett lag, während Emil Louba in aller Gemütsruhe seinen schmutzigen Geschäften nachging.

 

Er fuhr zusammen, als eine wütende Stimme von der andern Straßenseite herüber an sein Ohr drang.

 

»Das wirst du mir noch büßen! Und wenn ich zwanzig Jahre warten muß!«

 

Es war da Costa, der mit der Faust nach dem Lokal Loubas drohte.

 

Kapitel 10

 

10

 

Am nächsten Vormittag ging Frank Leamington zu Beryl. Er hatte immer noch die Hoffnung, daß sie vielleicht doch ihren Entschluß geändert hätte.

 

Beryl führte ihn in ein Zimmer, wo sie ungestört miteinander sprechen konnten.

 

»Frank, du hättest nicht mehr kommen sollen. Wirklich … Es hat doch keinen Sinn.« Niedergeschlagen sank sie auf einen Stuhl.

 

»O nein, Beryl, so schnell gebe ich nicht auf. Selbst wenn du unsere Verlobung löst – solange ich lebe, wirst du diesen Mann bestimmt nicht heiraten!«

 

Sie schaute ihn besorgt an.

 

»Frank«, fragte sie, »was hast du vor?«

 

»Nichts wird mich dazu bewegen, zuzuschauen, wie du Louba heiratest. Du weißt nicht, wer er ist!«

 

»Ich will es auch gar nicht wissen –. ich werde ihn heiraten …«

 

»Du tust es nur, weil du ihm Geld schuldest, nicht wahr?«

 

Sie preßte die Lippen zusammen.

 

»Gut, du brauchst mir nicht zu antworten, ich kann raten. Aber trotzdem … Hättest du nicht zu mir kommen können, Beryl?«

 

»Nein, Frank. Ich darf für meine Dummheiten weder dich noch Mutter strafen … Was ich mir eingebrockt habe, muß ich wohl selber auslöffeln … Und ich glaube auch gar nicht, daß du die Summe bezahlen könntest, selbst wenn ich damit einverstanden wäre. Und wenn du es könntest, wärst du für dein ganzes Leben ruiniert. Noch schlimmer ist es, an Mutter zu denken – du weißt, wie furchtbar ihr jede Aufregung schadet … Und Louba will nicht warten, nicht einen Tag lang. Außerdem, Frank, habe ich mein Versprechen gegeben.«

 

»Ist das dein letztes Wort?« fragte er. »Ist es damit aus zwischen uns?«

 

»Ja«, flüsterte sie schwach. »Du wirst vergessen, Frank … In kurzer Zeit … Vielleicht mit jemand anders glücklich werden.«

 

Er lachte rauh.

 

»Kümmere dich nicht darum, was aus mir wird, Beryl. Eines verspreche ich dir – du wirst diese Kreatur nicht heiraten. Wenn du kein Ende machen willst, dann mache ich ein Ende.«

 

»Frank, was willst du tun?« rief sie und rannte ihm nach, als er zur Tür ging. »Du willst doch nicht etwa zu Louba?«

 

»Dorthin gehe ich!«

 

»Frank?« Sie starrte entsetzt auf sein kalkweißes Gesicht. »Du willst ihn doch nicht … Du willst ihn doch nicht …«

 

»Ich will ihn umbringen!« schrie er heftig, »und ich werde es tun, verlaß dich darauf. Bevor ich zusehe, wie du diesen unsauberen Halunken heiratest, bringe ich ihn um.«

 

Er stürzte aus dem Zimmer, während sie die Hände vors Gesicht schlug und weinend auf einen Stuhl sank.

 

Leamington ging geradewegs zum Braymore House. Kurz bevor er sein Ziel erreicht hatte, begegnete ihm ein Taxi, hinter dessen Glasscheiben er Emil Louba erkannte. Frank zögerte einen Moment und setzte dann seinen Weg fort.

 

In Braymore House angekommen, läutete er beim Hausmeister, den er noch aus der Zeit her kannte, in der er als Architekt beim Bau dieses Häuserblocks mitgearbeitet hatte. Der Mann begrüßte ihn sehr freundlich, und Frank trug ihm sein Anliegen vor, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre.

 

»Es handelt sich um die Feuertreppe, die ich bei diesem Gebäude hier angelegt habe und die ich jetzt auch an einem Haus anbringen will, das ich gerade in Arbeit habe«, sagte er. »Ich hätte mich gern noch einmal davon überzeugt, wie hier die Leitungen gelegt sind, die den Einbrecheralarm auslösen. Kann ich mir die Sache schnell ansehen?«

 

»Aber selbstverständlich, Mr. Leamington. Sie wissen doch, wie die Vorrichtung funktioniert?«

 

»Ja, ich weiß. Die Klingel läutet, wenn jemand die kleine eiserne Leiter herunterzieht, um zur Plattform hinaufzukommen, an der die eigentliche Nottreppe beginnt. Dürfte ich mir jetzt schnell anschauen, wie ich damals die Drähte verlegt habe?«

 

»Kommen Sie, Sir … Oder, wissen Sie was, untersuchen Sie das, was Sie wissen wollen, doch allein und in Ruhe. Ich habe gerade viel zu tun, und Sie kennen sich hier ja gut aus.«

 

Der Portier war stolz darauf, dem bekannten jungen Architekten eine kleine Gefälligkeit erweisen zu können. Leamington drückte ihm ein beachtliches Trinkgeld in die Hand und schlenderte mit freundlichem Kopfnicken in den Hof.

 

An der Feuerleiter angekommen, prüfte er mit anscheinend angespannter Aufmerksamkeit eine ganze Zeitlang die Lage der Drähte und das Funktionieren des Mechanismus. Aus den Augenwinkeln überzeugte er sich dabei, daß ihn niemand beobachtete. Aber selbst wenn ihm jemand zugesehen hätte, würde der Betreffende kaum gemerkt haben, was das Hantieren Franks mit dem Taschenmesser in Wirklichkeit bezweckte.

 

Der Schnitt durch einen der Leitungsdrähte, die die Verbindung zu der Alarmklingel herstellten, war im Bruchteil einer Sekunde ausgeführt …