Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Nachdem sich Percy Driscoll seinem Hausgesinde so gnädig erwiesen, schlief er den Schlaf des Gerechten. Roxy dagegen konnte die ganze Nacht über vor Grauen und Entsetzen kein Auge zuthun. Der Gedanke, daß man ihren Knaben, wenn er groß wurde, flußabwärts verkaufen könne, machte sie fast wahnsinnig. Verlor sie auch auf Augenblicke das klare Bewußtsein und schlummerte ein, so sprang sie doch gleich wieder auf die Füße und stürzte zu ihrem Kinde, um zu sehen, ob es noch in der Wiege sei. Sie riß es heraus, drückte es an ihr Herz, gab ihm tausend Liebesnamen und bedeckte es mit heißen Küssen. »Sie sollen’s nicht thun, nein, nein! – Eher bringt dich deine Mammy um!« rief sie unter Schluchzen und Stöhnen.

Als sie es wieder zurück ins Bettchen legte, warf sich das andere Kind im Schlaf unruhig umher. Sie trat zu ihm und betrachtete es lange.

»Warum sollst du alles Glück haben und mein armer Kleiner nichts?« sagte sie. »Was kann er dafür? Weshalb ist Gott dir so gut, und für ihn sorgt er nicht? Dich kann kein Mensch flußabwärts verkaufen. O, wie hasse ich deinen Pappy – er hat kein Gefühl, kein Herz für die Neger. Ich könnte ihn töten vor Abscheu.« Sie überlegte eine Weile und brach dann wieder in wildes Schluchzen aus. »Nein, nein, ’nen anderen Weg giebt’s nicht. Es muß sein. Lieber mein Kind umbringen, als immer fürchten zu müssen, daß es mir entrissen und verkauft würde. Bring‘ ich Massa Percy um, so schicken sie meinen Kleinen doch einmal den Fluß hinunter. Es hilft nichts, deine arme Mammy muß es thun, um dich zu retten, Herzblatt –« sie drückte den Knaben an die Brust und erstickte ihn fast mit ihren Liebkosungen. »Mammy muß dich töten – ob ich’s wohl kann? – Aber weine nur nicht – Mammy verläßt dich nicht – sie geht mit dir und bringt sich auch um. Komm nur, Herzblatt, komm mit deiner Mammy; wir springen zusammen ins Wasser, dann ist alle Not dieser Welt vorbei – im Jenseits drüben verkauft man arme Neger nicht flußabwärts.«

Sie redete dem Kinde beschwichtigend zu und eilte nach der Thür; plötzlich stand sie still; dort hing ihr neues Sonntagskleid – ein elendes Kattunfähnchen mit auffallendem Muster und schreiend bunten Farben bedruckt. Sie betrachtete es mit sehnsüchtigem Verlangen.

»Ich hab’s noch nie angehabt,« sagte sie, »und ’s ist doch so wunderschön!« Da kam ihr ein guter Gedanke, sie nickte beifällig. »Nein, in dem alten schlechten Zeug hier sollen sie mich nicht ‚rausfischen, wenn alle Welt mich angafft.« Sie legte das Kind hin, wechselte ihre Kleidung und betrachtete sich im Spiegel. Erstaunt über ihre eigene Schönheit, beschloß sie, sich zum letzten Gang noch vollends zu schmücken. Sie nahm das Kopftuch ab und ordnete ihr reiches glänzendes Haar, »wie die Weißen es thun,« wand auch ein paar recht grellfarbene Bänder hinein und steckte hie und da eine abscheuliche gemachte Blume an; zuletzt warf sie sich noch ein bauschiges feuerrotes Ding, ›eine Wolke‹, wie man es damals nannte, über die Schultern – dann war sie bereit, ins Grab zu steigen. Wieder nahm sie den Kleinen auf den Arm; als ihr aber sein kurzes grobes Hemd in die Augen fiel, quälte sie der Abstand zwischen seiner schäbigen Bettelkleidung und der glänzenden Pracht ihres eigenen Aufputzes; ihr Mutterherz ward gerührt und sie schämte sich.

»Nein, Schätzchen, so spielt dir deine Mammy nicht mit. Dich sollen die Engel grad so schön finden wie deine Mammy. Ich will nicht, daß sie sich die Hand vor die Augen halten und zu David und Goliath und den anderen Propheten sagen: ›Das Kind da im grauen Hemd paßt nicht in den Himmelsgarten.‹«

Rasch hatte sie das kleine Geschöpf nackt ausgezogen, und legte ihm jetzt ein schneeweißes langes Tragkleidchen mit hellblauen Schleifen und zierlichen Puffen und Falbeln an, das Thomas à Becket gehörte.

»Da – jetzt bist du im Staat.« Sie stellte das Kind aufrecht in den Armstuhl und trat ein paar Schritte zurück, es zu betrachten. Erstaunt riß sie die Augen auf, klatschte bewundernd in die Hände und rief: »Na, das hätt‘ ich mir nicht träumen lassen – du bist ja allerliebst. Massa Tommy ist kein bischen schöner – auch nicht ein Linschen!«

Nun eilte sie an die Wiege des andern Kindes, warf einen vergleichenden Blick zu dem ihrigen hinüber und schaute dann wieder den Erben des Hauses an. Ein seltsames Licht dämmerte in ihren Augen auf, sie schien in Gedanken verloren, als wäre sie sich selbst entrückt. Endlich kam sie wieder zu sich. »Gestern wusch ich alle beide in der Wanne,« murmelte sie, »und da kam der Pappy und fragte mich, welches seins wäre.«

Wie im Traum ging sie hin und her; sie entkleidete Thomas à Becket und zog ihm das kurze, grobe Hemdchen an. Mit seinem Korallenhalsband schmückte sie ihr eigenes Kind, legte dann die Knaben dicht neben einander und betrachtete beide.

»Was doch Kleider ausmachen,« rief sie nach langem Schweigen. »Meiner Seel‘ – kaum weiß ich selbst, wer welcher ist – wie soll’s sein Pappy ‚rausfinden?«

Nun bettete sie ihren Kleinen in Tommys reiche Wiege.

»Du bist jetzt Massa Tom und sollst’s bleiben,« sagte sie mit klopfendem Herzen. »Ich muß mich recht üben, dich so zu nennen, damit ich mich nicht verschnappe; denn, wenn es heraus käm‘, ging’s uns beiden schlecht. Da – jetzt lieg‘ still und sei nicht mehr bös‘, Massa Tom – Gott sei Lob und Dank, du bist ja gerettet – jetzt kann niemand mehr Mammys süßes kleines Herzblatt flußabwärts verkaufen.«

Den Erben des Hauses legte sie darauf in ihres Kindes roh aus Tannenholz gezimmerte Wiege und betrachtete den kleinen Schläfer mit unruhigen Blicken.

»Du thust mir leid, armes Ding, gewiß und wahrhaftig – aber was soll ich thun – ich kann’s nicht ändern. Dein Pappy hätt‘ ihn mal verkaufen können an irgend jemand – dann wär‘ er sicher den Fluß hinunter gekommen – nein, nein, das ertrag‘ ich nicht, es kann nicht sein– es ist unmöglich!«

Sie warf sich auf ihr Lager und wälzte sich lange ruhelos umher. Plötzlich richtete sie sich auf, ein tröstlicher Gedanke schoß ihr durch das wirre Hirn. »’S ist keine Sünde – die weißen Menschen haben’s auch gethan. Gottlob, ’s ist keine Sünde. Wie ist mir denn, wo hab‘ ich’s nur gehört? – Ja, und sogar die aller allerobersten im Rang – die Könige!«

In tiefes Sinnen versunken, war sie bemüht, sich die Einzelheiten einer Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, die sie irgendwo einmal vernommen hatte.

»Jetzt fällt mir’s ein,« rief sie endlich. »Der alte schwarze Pastor hat’s erzählt, der damals von Illinois kam und in der Negerkirche predigte. Was sagte er doch? – Kein Mensch kann sich selbst erlösen – der Glaube thut’s nicht – die Werke thun’s nicht – man bringt’s nicht zuwege! ‚S ist freie Gnade, und die kommt nur von Gott. Der Herr kann sie geben, wem er will, dem Frommen, dem Sünder – ganz nach Gefallen. Er wählt, wie’s ihm gerade paßt: den einen stößt er von seinem Platz und setzt einen andern an die Stelle. Einen läßt er ewig im höllischen Feuer brennen, und den andern macht er selig sein Lebtag und immerdar. Der Pastor sagte, so sei’s auch in England geschehen vor grauer Zeit. Die Königin hat ihr Büblein allein ‚rumliegen lassen und ist in Gesellschaft gegangen; da kommt eine Negerin, die fast weiß ist, in die Kammer hinein, zieht dem Königskind die Kleider von ihrem Kleinen an, und ihrem Kleinen die Kleider vom Königskind. Sie läßt ihr Büblein in der Kammer und trägt das Königskind in die Negerhütte. Kein Mensch hat’s je ‚rausgefunden. Ihr Kleiner ist mit der Zeit König geworden und hat das Königskind flußabwärts verkauft, als er mal Geld brauchte. So war’s, – so hat’s der Pastor selbst erzählt, und ’s ist keine Sünde, weil’s die weißen Menschen auch gethan haben. Ja freilich– gethan haben sie’s – und sogar im Königshaus. O, wie froh bin ich, daß mir die Geschichte wieder eingefallen ist.«

Leichten Herzens und voll Zuversicht stand sie auf, ging von einer Wiege zur andern und brachte den Rest der Nacht damit zu, sich zu ›üben‹, wie sie es nannte. Sie streichelte ihr eigenes Kind und sagte bittend: »Lieg‘ still, Massa Tom,« dann gab sie dem wirklichen Tom einen Klaps und fuhr ihn streng an: »Willst du gleich still liegen, Schamber, sonst setzt’s was!«

Zu ihrer Verwunderung dauerte es gar nicht lange, bis sie das ehrfurchtsvolle Benehmen, das sie sonst ihrem jungen Herrn gegenüber in jeder Miene, jedem Wort kundgethan, auf den unberufenen Eindringling übertragen konnte, während sie den unglücklichen Erben des alten Hauses Driscoll nur noch in kurzem, befehlendem Ton anredete, wie es ihr mütterliches Vorrecht war.

Manchmal setzte sie ihre Uebung auch eine Weile aus, um zu überlegen, ob sie mit Sicherheit auf das Gelingen ihres Planes rechnen dürfe.

»Die Neger werden noch heute verkauft, weil sie das Geld gestohlen haben – dann kauft man andere, und die kennen die Kinder nicht – das trifft sich gut. Fahr‘ ich sie draußen spazieren, so schmier‘ ich ihnen Syrup um den Mund – da merkt’s gewiß niemand, daß sie verwechselt sind. Ja, das thue ich, wenn’s keiner sieht, bis alle Gefahr vorbei ist, und sollt’s ein Jahr dauern. »Nur einer könnt’s entdecken – vor dem fürcht‘ ich mich – das ist Herr Wilson – sie nennen ihn Querkopf und sagen, er ist ein Narr. Und dabei ist er so klug wie ich, klüger als alle andern, außer vielleicht Richter Driscoll oder Pem Howard. Meiner Treu – der Mensch ängstigt mich mit seinen verflixten Gläsern; ob er wohl ein Hexenmeister ist? – Aber, ich weiß, was ich thu‘, ich geh‘ zu ihm und sag‘, er soll wieder Abdrücke nehmen von den Kindern ihren Fingern, und wenn er dann nichts merkt, dann bringt’s kein Mensch auf der Welt ‚raus, daß ich sie vertauscht habe, und ich brauch‘ nichts mehr zu fürchten – rein gar nichts. Aber ein Hufeisen will ich doch einstecken, dann hat der Zauber keine Macht.«

Die neuen Neger brauchte Roxy natürlich nicht zu fürchten, auch ihren Herrn nicht, denn Driscoll war gerade mit einer Landspekulation vollauf beschäftigt und hatte für nichts anderes Sinn. Er schaute die Kinder an und sah sie doch kaum. Roxy brauchte nur die Kleinen zum Lachen zu bringen, sobald sie ihn von weitem erblickte, dann verwandelte sich Mund, Augen und Nase der verzerrten Gesichtchen in lauter Gaumen und winzige Löcher; bis aber der Anfall vorüber war und sie wieder kleinen menschlichen Geschöpfen glichen, war Driscoll längst fort.

In den nächsten Tagen wurde überdies das Gelingen der wichtigen Landspekulation so zweifelhaft, daß Herr Percy sich mit seinem Bruder, dem Richter, an Ort und Stelle begeben mußte, weil ein Erbstreit entstanden war. Die Abwesenheit der beiden Herren dauerte sieben Wochen. Noch vor ihrer Rückkehr hatte Roxy den beabsichtigten Besuch bei Wilson gemacht und sie war nun ganz beruhigt. Wilson nahm die Abdrücke und schrieb die Namen auf, dann setzte er das Datum darunter – es war der erste Oktober.

Nachdem er die Glasplatten sorgfältig verwahrt hatte, fuhr er fort, sich mit Roxy zu unterhalten, der es sehr darauf anzukommen schien, daß er sehen sollte, wie die Kinder im letzten Monat an Fülle und Schönheit zugenommen hatten. Die Kleinen waren ganz sauber und rein gewaschen, und er bewunderte sie höchlich, in der Meinung, Roxy damit ein Vergnügen zu machen; sie aber zitterte und bebte im Innern, weil sie jeden Augenblick fürchtete, er möchte vielleicht – – –

Ihre Angst war jedoch vergebens. Er entdeckte nichts, und sie kehrte frohlockend heim. Von nun an verbannte sie alle Sorge auf immer aus ihrem Gemüt.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Während Wilson die Vertreter der demokratischen Partei höflich hinausbegleitete, trat zur nämlichen Zeit Pembroke Howard drüben in das Nachbarhaus, um Bericht zu erstatten. Der alte Richter saß hoch aufgerichtet im Lehnstuhl und erwartete ihn mit ernster Miene.

»Nun, Howard – was für Nachricht bringst du?«

»Die beste, die man sich wünschen kann.«

»Der Italiener nimmt die Herausforderung an, nicht wahr?« Driscolls Auge blitzte in froher Kampfeslust.

»Jawohl, mit dem größten Eifer.«

»Wirklich? – nun das freut mich – das gefällt mir. Wann soll das Duell stattfinden?«

»Jetzt gleich. Auf der Stelle. Noch heute abend. Ein herrlicher, ein ganz vortrefflicher Mensch!«

»Ein wahrer Prachtsjunge! Es ist ja eine Ehre und Freude, sich mit dem jungen Mann zu schießen. Gehe nur schnell zu ihm und bringe alles ins reine – sage auch, ich lasse mich ihm bestens empfehlen. Wahrhaftig, du hast ganz recht – ein vortrefflicher Mensch!«

»Ehe noch eine Stunde vergeht, findest du ihn auf dem wüsten Platz zwischen Wilsons Wohnung und dem Gespensterhaus; ich bringe auch meine eigenen Pistolen mit,« sagte Howard davoneilend.

In erregter und doch befriedigter Stimmung ging der Richter eine Weile im Zimmer auf und ab; plötzlich stand er aber betroffen still – er dachte an Tom. Zweimal näherte er sich seinem Schreibpult und wandte wieder um, endlich faßte er einen Entschluß.

»Vielleicht ist dies meine letzte Nacht auf Erden,« sagte er nachdenklich; »ich darf die Sache nicht dem Zufall überlassen. Er ist ein unwürdiger Mensch, ein großer Nichtsnutz – aber, zum Teil bin ich selbst schuld daran. Mein Bruder hat ihn mir auf dem Totenbette anvertraut, und statt ihn streng zu erziehen und einen Mann aus ihm zu machen, habe ich ihm durch übermäßige Nachsicht geschadet. Wenn ich ihn nun zu guterletzt verstoße, so füge ich zu meiner Pflichtversäumnis nur noch ein neues Unrecht hinzu. Schon einmal habe ich mich mit ihm ausgesöhnt, und diesmal würde ich ihn erst einer langen und schweren Prüfung unterwerfen, bevor er meine Verzeihung erhielte. Allein, der Ausgang des Duells ist ungewiß. Deshalb will ich mein Testament wieder aufsetzen. Bleibe ich am Leben, so verberge ich es vor ihm; er soll nichts davon erfahren. Ich sage ihm nicht eher etwas, bis er sich gründlich bessert und ich sehe, daß seine Sinnesänderung von Dauer ist.«

Nun griff der Richter unverweilt zur Feder und machte den vermeintlichen Neffen wieder zum Erben seines Vermögens. Er war noch mit dieser Aufgabe beschäftigt, als Tom vom langen, trostlosen Umherirren ermüdet, das Haus betrat. Auf den Fußzehen an der Thür des Wohnzimmers vorbeischleichend, warf er einen flüchtigen Blick hinein und sah zu seinem Schrecken den Onkel am Schreibpult sitzen. Was konnte das bedeuten, zu so ungewöhnlich später Stunde? Tom durchrieselte es kalt. Ging das Schriftstück, das hier verfaßt wurde, vielleicht ihn selber an? – Höchst wahrscheinlich. Vielleicht war ein neues Unheil im Werke. Jedenfalls mußte er das Papier zu sehen bekommen, mochte daraus werden, was wollte. Jetzt hörte er Schritte und verbarg sich schnell, um unbemerkt zu bleiben. Es war Pembroke Howard. Da mußte etwas Besonderes vorgehen.«

»Alles in Ordnung,« sagte Howard mit großer Befriedigung. »Er ist mit seinem Bruder und dem Wundarzt auf den Kampfplatz gegangen – auch Wilson ist dabei, als sein Sekundant. Ich habe alles mit ihm verabredet. Fünfzehn Meter Abstand. Jeder soll drei Schüsse abfeuern.«

»Gut. Und der Mond?«

»Beinahe tageshell. Man kann deutlich auf die Entfernung sehen. Die Nacht ist warm und windstill, es rührt sich kein Hauch.«

»Vortrefflich, ganz ausgezeichnet. – Hier, Pembroke, lies das Papier und gieb mir deine Unterschrift als Zeuge.«

Howard las das Testament, schrieb seinen Namen darunter und schüttelte dem Richter kräftig die Hand.

»Recht so, York,« sagte er, »ich wußte es ja, daß du es thun würdest. Du konntest den armen Burschen unmöglich seinem Schicksal überlassen. Ohne Beruf im Leben und ohne Mittel wäre er sicher zu Grunde gegangen. Das hättest du nicht übers Herz gebracht, schon um seines toten Vaters willen.«

»Ich thu’s dem Andenken seines Vaters zuliebe. Du weißt ja, wie Percy und ich an einander hingen. Aber höre – Tom soll nichts davon wissen, außer wenn ich heute nacht falle.«

»Ich verstehe dich und will das Geheimnis bewahren.«

Die beiden Freunde begaben sich auf den Kampfplatz, nachdem der Richter zuvor das Testament fortgelegt hatte. Einen Augenblick später hielt Tom es bereits in Händen. All sein Elend war auf einmal vorbei, er fühlte sich wie neugeboren. Sorgfältig legte er das Papier wieder an den nämlichen Platz zurück, sperrte den Mund auf und schwang den Hut, einmal, zweimal, dreimal um den Kopf herum, was ein dreifaches, donnerndes Hurrah bedeuten sollte, doch kam kein Laut über seine Lippen. Vor freudiger Erregung hielt er lange, stumme Selbstgespräche, die er dann und wann durch ein neues, ebenso unhörbares Hurrahgeschrei unterbrach.

»Das Vermögen ist wieder mein,« sagte er bei sich, »aber ich verrate niemand, daß ich etwas davon weiß. Nun soll es mir nicht noch einmal verloren gehen, dafür will ich schon Sorge tragen. Ich gewöhne mir das Spielen und Trinken ab – ich brauche ja nur an keinen Ort mehr zu gehen, wo man derlei treibt. Das ist das sicherste Mittel, ich hätte es auch schon längst anwenden können, aber ich wollte nicht. Doch jetzt steht die Sache ganz anders. Er hat mir solchen Schrecken eingejagt, daß ich jeder Gefahr ausweichen will. Zwar habe ich mir den ganzen Abend vorgeredet, ich könnte ihn wieder herumbringen, falls ich mir rechte Mühe gebe, doch war das im Grunde genommen höchst zweifelhaft und machte mir schreckliche Sorge. Redet der Alte nicht von selbst über das Testament, so darf ich mir nichts merken lassen. Querkopf Wilson möchte ich es gern sagen, aber am Ende ist es besser, ich schweige auch gegen ihn.«

Wieder schwenkte er seinen Hut in der Luft.

»Nun bin ich ein anderer Mensch,« sagte er, »und diesmal wird die Besserung anhalten.«

Mitten in seinem Jubel fiel ihm plötzlich ein, daß Wilson ihm die Möglichkeit genommen hatte, das indische Messer zu versetzen oder zu verkaufen. Er sah sich außer stande, seine Gläubiger zu befriedigen, und wenn sie ihn verklagten, was dann? – Seine Freude war mit einem Schlage vorbei; jammernd und stöhnend über sein Mißgeschick, schlich er aus dem Wohnzimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. In trostloser Stimmung saß er oben in seiner Stube; Luigis Dolchmesser wollte ihm gar nicht aus dem Sinn.

»Als ich noch glaubte, die Steine wären Glas und das Elfenbein Knochen, war mir das Ding gleichgiltig,« dachte er, »denn es konnte mir nicht aus der Not helfen. Aber jetzt ist es mir von höchstem Wert und macht mich zugleich totunglücklich. Es ist wie ein Sack voll Gold, der sich in meinen Händen zu Staub und Asche verwandelt. Wie leicht könnte es mir Hilfe bringen – und doch muß ich zu Grunde gehen. Ich ertrinke, während der Rettungsgürtel dicht neben mir liegt. Andere Leute haben Glück, ich dagegen werde förmlich verfolgt vom Unheil. Wenn ich nur an Querkopf Wilson denke – sogar seine Laufbahn nimmt jetzt einen Aufschwung, ich möchte wohl wissen, womit er das verdient hat! Ihm öffnet sich ein neuer Weg, aber statt froh darüber zu sein, weiß er nichts besseres, als mich in die Enge zu treiben. Die ganze Welt ist so niederträchtig und selbstsüchtig – am liebsten wäre ich tot. Er hielt die Scheide des Dolches an das Licht, daß die Juwelen funkelten und blitzten, aber der Glanz, an dem er sein Auge erfreuen wollte, war ihm nur ein Stich ins Herz. »Ich darf Roxy nichts von dem Messer sagen,« überlegte er, »sie ist zu tollkühn und wäre im stande, die Steine herauszubrechen, um sie zu verkaufen, – man würde sie einfach festnehmen, den Ursprung der Juwelen entdecken und –« rasch verbarg er den Dolch; ihm schauderte bei dem Gedanken. An allen Gliedern zitternd, blickte er verstohlen um sich, wie ein Missethäter, der glaubt, daß ihm die Verfolger schon auf den Fersen sind.

»Sollte er versuchen zu schlafen? – O nein, für ihn gab es keinen Schlummer; sein Unglück war zu quälend, zu unerträglich. Er brauchte jemand, der seine Bekümmernis teilte. Roxy sollte mit ihm trauern – er wollte zu ihr gehen.

In der Ferne ließen sich wiederholt Schüsse hören, aber das machte keinen Eindruck auf Tom, es war nichts Ungewöhnliches. Er ging zur Hinterthür hinaus und an Wilsons Wohnung vorüber. Als er durch den Heckenweg kam, sah er mehrere Personen über den unbebauten Platz auf Wilsons Haus zugehen. Es waren die Duellanten, die vom Kampfe zurückkehrten; Tom glaubte sie zu erkennen, wünschte jedoch eine Begegnung zu vermeiden, deshalb duckte er sich rasch hinter einen Zaun, bis er die Gesellschaft aus dem Gesicht verlor.

Roxy war in der besten Laune.

»Wo kommst du her, Kind?« fragte sie, »warst du nicht mit dabei?«

»Wobei denn?«

»Bei dem Duell!«

»Ist hier ein Duell gewesen?«

»Versteht sich. Der alte Richter hat sich mit einem Zwilling geschossen.«

»Du meine Güte! – Also, deshalb hat er das Testament wieder gemacht,« überlegte er im stillen; »der Gedanke, daß er fallen könnte, hat seinen Zorn gegen mich besänftigt. Das war es auch, was Howard und er so eifrig mit einander beredet haben!… O, wenn ihn der Zwilling nur totgeschossen hätte, dann wäre meine Qual auf einmal aus gewesen.«

»Was murmelst du da vor dich hin, Schamber? Wo warst du denn? Hast du von dem Duell gar nichts gewußt?«

»Kein Sterbenswort. Der Alte verlangte, ich sollte mich mit dem Grafen Luigi schlagen, doch da kam er an den Unrechten. Nun hat er wahrscheinlich selbst die Familienehre wieder zusammenflicken wollen.«

Er fand diesen Einfall höchst lächerlich und begann nun alle Einzelheiten seines Gesprächs mit dem Richter zu erzählen, auch wie entsetzt und außer sich der Alte gewesen war, daß ein Glied seiner Familie so feige sein könne. Beim Schluß des Berichts blickte er zu Roxana auf und bekam keinen geringen Schrecken, als er sah, wie sie in leidenschaftlicher Erregung mit fliegendem Atem dastand, während ein Ausdruck bodenloser Verachtung in ihren finstern Mienen lag.

»Der Mann hat dir ’nen Fußtritt gegeben, und du hast dich geweigert, mit ihm zu kämpfen, statt heilfroh zu sein über die Gelegenheit? Und du schämst dich gar nicht, vor mich hinzutreten und mir zu sagen, was ich für ’nen jammervollen erbärmlichen Furchthasen in die Welt gesetzt hab‘? Mir wird übel und weh davon. Es muß der Nigger sein, der in dir steckt. Du bist über und über weiß, bis auf ein einziges, winziges Stückchen, aber dies winzige schwarze Teilchen ist deine Seele. Die ist keinen Pfifferling wert, man thäte ihr noch zu viel Ehre an, wenn man sie mit ’ner Schaufel auf den Kehricht würfe. Du schändest deine Geburt. Was würde dein Vater von dir denken – er muß sich ja im Grabe ‚rumdrehn.«

Die letzten Worte machten Tom rasend vor Wut. Er sagte sich, daß wenn sein Vater noch am Leben wäre und ein Mordstahl ihn erreichen könnte, er seiner Mutter schon beweisen wollte, wie genau er wisse, was er dem Mann schuldig sei und wie gern er ihm alles heimzahlen würde, selbst auf Gefahr seines Lebens. Doch hielt er es bei Roxys augenblicklicher Stimmung für geraten, solche Gedanken nicht laut werden zu lassen.

»Was du mit deinem Essex-Blut gemacht hast, ist mir ein Rätsel. Aber das ist nicht etwa das einzige, edle Blut in dir. Mein Urururgroßvater und dein Ururururgroßvater war der alte Kapitän John Smith, der vornehmste Mann, den Altvirginien je gesehen hat. Seine Urahne aber aus ältester Zeit war Pocahontas, die Indianer-Königin, und ihr Mann war ein Negerkönig drunten in Afrika. Und bei solcher Abkunft stehst du da, fürchtest dich vor ’nem Zweikampf und entehrst deinen ganzen Stamm, als wärst du ’n elender gemeiner Hund. Ja, ja, das kommt von dem Nigger, der in dir steckt.«

Sie nahm auf ihrer Kiste Platz und versank in tiefes Sinnen. Tom saß schweigend dabei und störte sie nicht; wenn es ihm auch manchmal an der nötigen Klugheit fehlte, so doch nicht unter solchen Umständen. Der Sturm in Roxanas Innern war schwer zu beruhigen, doch legte er sich allmählich, nur von Zeit zu Zeit machte sie sich noch in einem Ausruf Luft, der dem fernen Grollen des Donners glich. »Nicht einmal an den Fingernägeln sieht man ihm den Neger an,« murmelte sie, »und da zeigt sich ’s doch immer am ersten – nur seine Seele ist schwarz gefärbt!«

Zuletzt wurde sie ganz still, und Tom nahm mit Vergnügen wahr, daß sich ihre Miene aufheiterte. Er kannte ihre verschiedenen Stimmungen genau genug, um zu wissen, daß sie nun bald wieder bei guter Laune sein würde. Zugleich fiel ihm auf, daß sie von Zeit zu Zeit mit dem Finger unwillkürlich ihre Nase berührte.

»Aber Mammy,« sagte er, sie näher betrachtend, »von deiner Nasenspitze ist ja die Haut herunter, wie geht das zu?«

Sie brach in ein schallendes Gelächter aus. Ein solches Lachen aus vollem, ungeteiltem Herzen ist eine Himmelsgabe, wie sie Gott niemand verliehen hat, außer den heiligen Engeln droben, und den armen, gequälten und zerschlagenen schwarzen Sklaven auf Erden.

»Das kommt von dem Duell,« rief sie, »ich hab‘ mitgethan.«

»Was? Hat dich etwa eine Kugel gestreift?«

»Jawohl, das will ich meinen.«

»Ist es möglich! Aber wie konnte das geschehen?«

»Ganz einfach. Ich sitze hier im Dunkeln und bin etwas eingenickt. Auf einmal – bumbum – knallt ein Schuß ganz in der Nähe. Da laufe ich nach der andern Seite, um zu sehen, was los ist, und stelle mich an das alte Fenster ohne Rahmen, das nach Querkopf Wilsons Haus geht – bei mir oben war’s dunkel, aber unten im hellen Mondschein steht einer von den Zwillingen – der braune war’s – und flucht ganz leise vor sich hin, die Kugel war ihm nämlich in die Schulter gedrungen. Doktor Claypool hatte ihn eben in der Mache und Querkopf Wilson half ihm dabei. Ein paar Schritte weiter aber stand der alte Richter Driscoll mit Pem Howard, die warteten, bis die andern fertig waren. Gleich darauf gaben sie das Zeichen, und – bums – gingen die Pistolen wieder los. ›Auweh!‹ rief der Zwilling, er war an der Hand getroffen, die Kugel aber flog in den Holzstoß unterm Fenster – ich hab’s gehört. Beim dritten Schuß rief der Zwilling wieder Auweh! und ich mußt‘ es ihm nachmachen. Die Kugel traf ihn am Backenknochen, kam hier heraufgehopst, prallte am Fenster ab, fuhr mir quer übers Gesicht und streifte mir die Haut von der Nasenspitze. Wär‘ ich nur ’nen Zoll näher gewesen, sie hätt‘ mir die ganze Nase mitgenommen und mich verunstaltet. Hier ist die Kugel, ich hab‘ sie gesucht und gefunden.«

»Bist du gar nicht vom Fenster fortgegangen?«

»So ’ne dumme Frage! Natürlich nicht. Bekommt man etwa alle Tage ein Duell zu sehen?«

»Du warst ja aber gerade in der Schußlinie. Hast du denn keine Furcht gehabt?«

Roxy lachte verächtlich.

»Furcht! Die Smith-Pocahontas fürchten nichts, und Kugeln erst gar nicht.«

»An Mut fehlt’s ihnen nicht, scheint mir, aber an Vorsicht desto mehr. Ich wäre da nicht stehen geblieben.«

»Das glaub‘ ich dir gern.«

»Ist denn sonst niemand verletzt?«

»Du hörst ja, es hat uns alle getroffen, außer dem Doktor, dem blonden Zwilling und den Sekundanten. Richter Driscoll ist nicht verwundet, aber ich hörte Querkopf sagen, die Kugel habe ihm ’nen Büschel Haare weggerissen.«

»O Jammer,« dachte Tom bei sich, »wie leicht hätte aller meiner Not ein Ende gemacht werden können. Nun er am Leben geblieben ist, wird er noch alles herausbekommen und mich an den ersten besten Sklavenhändler verkaufen – er würde sich gewiß nicht lange besinnen.« Zu Roxana gewandt, fuhr er in dumpfer Verzweiflung fort:

»Mutter, wir sind in einer furchtbaren Klemme.«

»Aber Kind,« rief sie mit stockendem Atem, »was erschreckst du mich denn so? Ist etwa ein Unglück geschehen?«

»Ja – etwas habe ich dir noch gar nicht gesagt: Als ich mich nicht mit dem Grafen schießen wollte, hat der Alte das Testament wieder zerrissen und –«

Roxana wurde leichenblaß. »Nun ist es vorbei mit dir – auf immer und ewig. Das ist das Ende vom Lied. Wir müssen beide Hungers sterben.«

»So warte doch nur und laß mich ausreden. Als er sich zu dem Duell entschlossen hatte, fiel ihm ein, daß er mir nicht mehr vergeben könne, falls es ihm das Leben kostete. So schrieb er denn sein Testament noch einmal – ich habe es gesehen, es ist ganz in Ordnung. Aber –«

»Dem Herrgott sei Dank, dann sind wir gerettet und alles ist wieder gut. Was brauchst du aber herzukommen und mir solchen Schrecken einzujagen, wenn –«

»So unterbrich mich doch nicht immer! – Mit der Beute von neulich kann ich meine Schulden kaum zur Hälfte decken, und wenn die Gläubiger nicht warten wollen – nun, du weißt ja, was dann geschieht.«

Roxana stützte das Kinn in die Hand und befahl ihrem Sohn zu schweigen, damit sie sich die Sache ruhig überlegen könne. Nach einer Weile sagte sie mit Nachdruck:

»Du mußt jetzt gewaltig auf deiner Hut sein, hörst du wohl. Er ist noch am Leben, und giebst du ihm den geringsten Grund zur Unzufriedenheit, so zerreißt er das Testament wieder und ’s ist zum letztenmal. Drum mußt du dich in den nächsten Tagen von deiner besten Seite zeigen, du mußt furchtbar brav sein und alles thun, damit er wieder Vertrauen zu dir faßt. Auch bei der alten Tante Pratt mußt du dich einschmeicheln – sie meint es nur zu gut mit dir, und der Richter hält große Stücke auf sie. Ist das geschehen, so gehst du nach St. Louis, damit du ihre Gunst nicht wieder verlierst. Dort machst du ’nen Vertrag mit den Gläubigern. Du sagst ihnen, der Alte wird nicht lange mehr leben – das ist ja auch wahr – und du wirst ihnen Zinsen zahlen, hohe Zinsen – zehn pro – wie nennt man’s doch?»

»Zehn Prozent den Monat?«

»Das ist’s. Nun verkaufst du deine Beute, ganz wenig auf einmal und bezahlst damit die Zinsen. Wie lange wird das reichen?«

»Ich glaube, es wird genug sein, um die Zinsen fünf oder sechs Monate lang zu zahlen.«

»Dann läßt sich’s machen. Stirbt er auch nicht in sechs Monaten, das thut nichts zur Sache. Die Vorsehung wird schon weiter sorgen. Es kann alles gut gehen, wenn du dich ordentlich aufführst. Und daß du auf geradem Wege bleibst,« fuhr sie fort, ihn mit strengem Blick musternd, »dafür werd‘ ich sorgen.« Er lachte und meinte, er würde es versuchen und sich alle Mühe geben. Aber das genügte ihr nicht.

»Von versuchen ist keine Rede mehr,« sagte sie mit ernster Stimme, »hier handelt’s sich um thun. Du stiehlst keine Stecknadel wieder, weil das jetzt gefährlich ist, auch gehst du mir nie mehr in schlechte Gesellschaft – nicht ein einziges Mal, hörst du wohl? Du trinkst auch keinen Tropfen mehr und rührst keine Karte wieder an. Das alles sollst du nicht versuchen, sondern wirklich thun. Und damit ich weiß, daß es geschieht, geh‘ ich auch nach St. Louis. Du kommst dort jeden Tag zu mir, daß ich sehen kann, wie’s um dich steht. Thust du aber nicht alles genau, wie ich’s dir sage, bist du mir auch nur ein einziges Mal zuwider – so geh‘ ich ohne viel Federlesens in die Stadt zurück, sage dem alten Richter, daß du ein Neger bist und ein Sklave – und liefere ihm die Beweise.« Sie hielt einen Augenblick inne, um den Eindruck ihrer Worte zu beobachten und fragte dann: »Glaubst du auch, daß ich thun werde, was ich sage, Schamber?«

Tom war jetzt in sehr ernster Stimmung. Aller Leichtsinn schien von ihm gewichen, als er erwiderte:

»Ja, Mutter. Ich weiß auch, daß ich jetzt neue Saiten aufziehen und mich ein- für allemal bessern muß. Keiner Versuchung will ich mehr nachgeben, und in Zukunft ein anderer Mensch werden.«

»Gut, dann geh‘ nach Hause und fang‘ gleich damit an.«

Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

So viele Aufregungen waren in dem guten Dawson noch nie vorgekommen. Bisher hatte man friedlich geschlafen, jetzt fand man kaum Zeit, einmal einzunicken, denn Schlag auf Schlag folgten einander die größten Ereignisse und unerhörtesten Ueberraschungen. Freitag morgen: erstes Auftreten wirklicher Edelleute von Geburt, großer Empfang bei Tante Patsy Cooper und geheimnisvoller Raubzug. Freitag abend: der Erbe des vornehmsten Bürgers der Stadt erhält in Gegenwart von vierhundert Zuschauern einen theatralischen Fußtritt; Samstag morgen: der jahrelang unterschätzte Querkopf Wilson erscheint als praktizierender Rechtsanwalt vor der Oeffentlichkeit. Samstag abend: Duell zwischen dem ersten Bürger und dem hochadligen Fremdling.

Auf das Duell waren die Leute vielleicht stolzer als auf alle übrigen Begebenheiten zusammengenommen. Daß die Stadt der Schauplatz einer solchen Waffenthat gewesen war, betrachtete man als die höchste Ehre. Die beiden Kämpfer standen in den Augen ihrer Mitbürger auf dem Gipfel des Ruhms, ihre Namen waren in aller Munde, überall ward ihr Lob verkündet. Auch die übrigen bei dem Duell Beteiligten durften sich der öffentlichen Anerkennung erfreuen, und Querkopf Wilson war plötzlich zu einer hochangesehenen Persönlichkeit geworden. Als er am Samstag abend die Kandidatur zur Bürgermeisterwahl annahm, war der Ausgang höchst ungewiß. Am Sonntag morgen war er ein gemachter Mann und sein Erfolg gesichert.

Die Zwillinge genossen jetzt eine begeisterte Verehrung; jedermann war beflissen, ihnen Liebe und Freundschaft zu erweisen. Täglich wurden sie bald in diesem, bald in jenem Hause zu Mittag und Abend eingeladen; sie knüpften viele neuen Beziehungen an und erweiterten ihren Bekanntenkreis nach verschiedenen Seiten. Durch ihre wunderbaren musikalischen Leistungen entzückten sie alle Welt, und manchmal gaben sie auch aus dem reichen Vorrat ihrer ungewöhnlichen Talente etwas anderes für die gesellige Unterhaltung zum besten, womit sie großen Eindruck machten. Sie fühlten sich so wohl in Dawson, daß sie beschlossen, sich um das Bürgerrecht zu bewerben, und das reizende Städtchen ihr Lebtag nicht wieder zu verlassen. Das war der Höhepunkt des Glücks. Als sie den Antrag stellten, erhob sich die ganze Einwohnerschaft wie ein Mann und gab ihre Zustimmung und ihren Beifall kund. Dann schlug man den Zwillingen vor, sich zur Aufnahme in den Gemeinderat zu melden, da eine Neuwahl bevorstand, und als sie darauf eingingen, war die öffentliche Meinung vollständig befriedigt.

Für Tom Driscoll waren alle diese Ereignisse eine schwere Kränkung; sie gingen ihm tief zu Herzen und bereiteten ihm Qual und Pein. Er haßte die Zwillinge alle beide, den einen wegen des bewußten Fußtritts und den andern, weil er der Bruder seines Beleidigers war.

Von Zeit zu Zeit wunderten sich die Leute, daß weder von dem Dieb, noch von dem Dolchmesser und den andern gestohlenen Sachen das geringste verlautete; niemand vermochte Licht in das Dunkel zu bringen. Fast eine Woche war vergangen und noch immer blieb die ärgerliche Angelegenheit ein unlösbares Rätsel. Am Samstag trafen sich Konstabler Blake und Querkopf Wilson auf der Straße, und Tom Driscoll gesellte sich noch rechtzeitig zu ihnen, um die Unterhaltung zu eröffnen.

»Sie sehen sehr angegriffen aus, Blake,« sagte er, »haben Sie irgend einen Verdruß gehabt? Ist’s Ihnen vielleicht bei den geheimen Polizeigeschäften nicht nach Wunsch ergangen? Man sagt, Ihre Leistungen auf diesem Felde sollen ganz ungewöhnlich sein« – Blake fühlte sich sehr geschmeichelt, worauf Toni rasch hinzufügte: »für einen Polizisten vom Lande.« Das ärgerte den Konstabler gewaltig und er gab sich keine Mühe, es zu verbergen.

»Jawohl,« antwortete er in gereiztem Ton, »ich gelte etwas unter meinen Berufsgenossen, trotzdem ich ein ›Polizist vom Lande‹ bin.«

»O, bitte tausendmal um Entschuldigung, das fuhr mir nur so heraus. Ich wollte Sie eigentlich nach der alten Frau fragen, die so viele Diebereien verübt hat und nach der Sie fahndeten; wissen Sie, die Alte mit dem krummen Rücken, deren Sie in kürzester Frist habhaft werden wollten. Nicht wahr, Sie haben das Weib schon eingefangen? Ich wußte ja, daß es so kommen würde, denn leeres Prahlen ist nicht Ihre Sache.«

»Der Henker hole das alte Weib!«

»Was – also ist sie noch nicht im Gewahrsam?«

»Nein, es war nicht menschenmöglich, sie festzunehmen, sonst hätte es mir gelingen müssen.«

»Das thut mir wirklich leid um Ihretwillen, Blake, denn, wenn sich ein Polizeibeamter so zuversichtlich ausspricht, und hernach–«

»O, seien Sie ganz außer Sorgen – auch die Stadt braucht sich nicht zu beunruhigen. Die Diebin entgeht mir nicht – verlassen Sie sich darauf. Ich kenne ihre Fährte; die Spuren, die ich gefunden habe – –«

»Wirklich! Aber sollten Sie sich nicht doch einen alten erfahrenen Detektiv von St. Louis kommen lassen, der Ihnen hilft, die Spuren zu verfolgen, damit sie nicht in die Irre gehen oder – –«

»Ich bin selber alt und erfahren genug und brauche niemandes Beistand. Es wird keine Woche – hm – keinen Monat vergehen, bis ich sie habe – das will ich beschwören.«

»Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte Tom gelassen. »Aber sie soll ja wohl ziemlich alt sein und alte Leute leben oft nicht so lange Zeit, wie der vorsichtige Detektiv braucht, um alle Fäden in die Hand zu bekommen und seine heimliche Jagd zu beginnen.« Blake wurde rot vor Zorn über den Spott; ehe er aber eine passende Erwiderung gefunden hatte, wandte sich Tom zu Wilson und fragte in gleichgültigstem Tone:

»Wer hat denn die Belohnung bekommen, David?«

Wilson biß sich auf die Lippen; jetzt kam die Reihe an ihn.

»Welche Belohnung?«

»Eine war ja wohl auf den Dieb gesetzt und die andere auf das Dolchmesser.«

»Hm,« antwortete Wilson zaudernd und in sichtlicher Verlegenheit, »ich weiß nicht, wie es kommt, aber bis jetzt hat sich noch niemand darum beworben.«

Tom sagte verwundert: »Das ist doch höchst merkwürdig.«

»Wenn es aber einmal der Fall ist, läßt sich’s nicht ändern,« entgegnete Wilson etwas ärgerlich.

»Gewiß. Ich dachte nur, du hättest ein Mittel erfunden und einen neuen Plan ausgeheckt, um die veralteten und unwirksamen Methoden der – –«

Er unterbrach sich und fuhr zu dem Konstabler gewandt, fort: »Nicht wahr, Blake, Sie hatten es auch so verstanden, als brauche man die Verfolgung der alten Frau nicht weiter fortzusetzen?«

Der Konstabler war froh, daß nun jemand anders statt seiner in den Schraubstock kam.

»Meiner Seel‘,« rief er, »Wilson hat gesagt, es würden nicht drei Tage vergehn, bis er den Dieb hätte, samt den gestohlenen Sachen, und das ist jetzt fast eine Woche her. Damals behauptete ich gleich, kein Dieb oder Diebsgenosse würde so dumm sein, etwas zu verkaufen oder zu versetzen, weil er doch wissen müßte, daß der Pfandleiher sich beide Belohnungen verschaffen könne, wenn er ihn samt seiner Beute auf die Polizei brächte. Es war der beste Gedanke, der mir jemals gekommen ist!«

»Sie würden wohl anderer Meinung sein,« entgegnete Wilson in gereiztem Ton, »wenn Sie meinen ganzen Plan kennten und nicht nur ein Bruchstück.«

»Je nun,« meinte Blake nachdenklich, »ich war eben von Anfang an überzeugt, daß Sie mit den zwei Belohnungen nichts ausrichten würden, und bisher habe ich auch recht behalten.«

»Meinetwegen – lassen wir’s dabei, bis auf weiteres. Mein Plan hat wenigstens ebensoviel Erfolg gehabt als Ihre eigenen Maßregeln, das werden Sie zugeben.«

Der Konstabler hatte nicht gleich eine schlagende Antwort bei der Hand; er räusperte sich nur unzufrieden und schwieg.

Seit jenem Abend, an dem Wilson einen Teil seiner Absichten kund gethan, hatte sich Tom fortwährend den Kopf zerbrochen, um den ganzen Plan zu erraten. Da ihm das nicht gelang, beschloß er der klugen Roxana den Fall zur Entscheidung vorzulegen. Sie dachte eine Weile nach und gab dann ihr Urteil ab. Was sie gesagt hatte, leuchtete Tom sehr ein; jetzt aber wollte er die Probe machen und dabei Wilsons Gesichtsausdruck beobachten.

»Daß du kein Narr bist, David,« sagte er gedankenvoll, »ist ja vor kurzer Zeit entdeckt worden. Deshalb wird auch wohl der Plan, den du entworfen hast, nicht gerade unsinnig sein, wenn auch Blake anderer Meinung ist. Du brauchst ihn nicht zu verraten, aber laß mich dir sagen, wie ich mir die Sache denke: Du hast fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und fünfhundert für den Fang des Diebes ausgesetzt. Ich will einmal annehmen, daß die erste Belohnung öffentlich ausgeschrieben und die zweite den Pfandleihern nur durch einen Privatbrief mitgeteilt worden ist, dann – –«

Blake schlug sich auf den Schenkel, daß es klatschte. »Donnerwetter, Querkopf, so muß es sein. Er ist hinter dein Geheimnis gekommen. Warum mir das nur nicht von selbst eingefallen ist!«

Wilson sagte sich, daß jeder Mensch, dem es nicht an Verstand fehlte, schließlich den Plan erraten mußte. Daß Blake den Kunstgriff nicht herausgefunden hatte, nahm ihn nicht wunder, aber Toms Scharfsinn überraschte ihn. »Es steckt doch mehr hinter ihm als ich dachte,« überlegte er, äußerte aber nichts dergleichen.

»Auf diese Weise,« fuhr Tom fort, »merkt es der Dieb nicht, wenn er in die Falle läuft. Er bringt oder schickt das Dolchmesser, sagt, er habe es billig gekauft oder auf der Straße gefunden und fordert die Belohnung. Natürlich würde man ihn festnehmen – nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Ohne allen Zweifel. – Sage einmal, Wilson, hast du das Dolchmesser je gesehen?«

»Nein.«

»Hat irgend einer von deinen Bekannten es in Augenschein genommen?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, dann begreift ich wohl, warum dein Plan mißglückt ist.«

»Was soll das heißen, Tom, worauf willst du hinaus?« fragte Wilson, dem es unbehaglich zu Mute wurde.

»Ich meine, es giebt überhaupt gar kein solches Messer.«

»Meiner Treu, Wilson,« rief Blake, »ich möchte gleich tausend Dollars wetten – wenn ich sie hätte – daß Tom Driscoll es getroffen hat.«

Wilson stieg das Blut zu Kopfe. War es möglich, daß die Fremden ihn wirklich zum besten gehabt hatten? – Der Schein sprach gegen sie, das ließ sich nicht leugnen. Aber was sollten sie damit bezwecken?

– Er warf diese Frage auf.

»Nun,« sagte Tom, »du selbst würdest vielleicht keinen Wert auf solche Dinge legen, aber sie sind fremd in der Stadt und müssen sich erst die Gunst der Leute erwerben. Muß es ihnen nicht schmeicheln, wenn sie sich als Lieblinge eines orientalischen Fürsten aufspielen können – ohne daß es sie was kostet? Verleiht es ihnen keine Wichtigkeit, wenn sie hier in unserem armen Städtchen glänzende Belohnungen von tausend Dollars ausschreiben, – die sie nie zu bezahlen brauchen? – Verlaß dich darauf, Wilson, wäre das Messer überhaupt vorhanden, so hättest du es zum Vorschein gebracht. Entweder giebt es also gar kein solches Messer, oder es ist noch in ihrem Besitz. Ich meinesteils glaube, daß sie das Dolchmesser einmal irgendwo gesehen haben. So schnell und geschickt hätte Angelo es nicht aufs Papier zeichnen können, wenn die ganze Sache nur auf Erfindung beruhte. Natürlich kann ich nicht schwören, sie hätten es nie gehabt, aber, daß es noch in ihrem Besitz ist, wenn sie es überhaupt mit hierher gebracht haben – dafür will ich mich verbürgen.«

»Was Tom sagt, klingt sehr einleuchtend,« meinte Blake, »das läßt sich nicht bestreiten.«

»Schaffen Sie nur die alte Frau zur Stelle, Blake, und wenn sie Ihnen das Messer nicht abliefern kann, so halten Sie Haussuchung bei den Zwillingen.«

Nach diesen Worten schlenderte Tom fort und Wilson blieb in sehr gedrückter Stimmung zurück. Er wußte nicht recht, was er denken sollte. Den Zwillingen sein Vertrauen zu entziehen, fiel ihm schwer, und er beschloß, es nicht auf einen so unbestimmten Verdacht hin zu thun; jedenfalls wollte er sich die Sache erst reiflich überlegen.

»Was halten Sie denn davon, Blake?« fragte er.

»Ich muß gestehen, ich teile Toms Ansicht: sie haben das Messer überhaupt nicht gehabt, oder, wenn sie es hatten, so haben sie es noch.«

Die beiden Männer trennten sich.

»Ich glaube, daß sie es gehabt haben,« dachte Wilson im Weitergehen. »Wäre es ihnen gestohlen, so hätte mein Plan es wieder ans Licht gebracht, das steht fest. Demnach müssen sie es noch in Händen haben.«

 

Tom hatte dieses wichtige Gespräch begonnen, ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Er hoffte nur Blake und Wilson etwas zu ärgern und sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Beim Abschied aber triumphierte er innerlich. Durch den reinsten Glücksfall und ohne jegliche Anstrengung seinerseits waren ihm ein paar köstliche Dinge gelungen: er hatte die beiden Männer an ihrem wundesten Fleck getroffen und gesehen, wie sie sich krümmten; er hatte in Wilsons zuckersüße Gefühle für die Zwillinge einen Tropfen Wermut gegossen – den bittern Geschmack sollte er nicht so bald los werden – und, was ihn am meisten freute: es war ihm geglückt, die verhaßten Fremden von ihrer Höhe zu stürzen. Blake würde ohne Zweifel die Neuigkeit weiter herumtragen, nach Art des Detektivs, und bevor noch acht Tage um waren, würde sich jedermann den Zwillingen gegenüber ins Fäustchen lachen, weil sie für eine Kostbarkeit, die sie entweder niemals besessen oder niemals verloren hatten, großartige Belohnungen aussetzten. Tom war wirklich ausnehmend mit sich zufrieden.

Die ganze Woche über hatte er sich zu Hause musterhaft aufgeführt. Dem Onkel und der Tante war so etwas noch gar nicht vorgekommen; sie fanden nicht das geringste an ihm zu tadeln.

Am Samstag abend sagte er zu dem Richter: »Mir liegt etwas schwer auf dem Herzen, Onkel, und da ich bald fortreise, und man nie weiß, ob man sich wiedersieht, ertrage ich es nicht länger. Du hast glauben müssen, daß ich mich aus Furcht nicht mit dem italienischen Abenteurer schlagen wollte. Es kam mir so überraschend, und ich habe vielleicht einen falschen Vorwand gewählt, um davon los zu kommen, aber kein Ehrenmann, der von ihm wüßte, was ich weiß, würde sich auf einen Zweikampf mit ihm einlassen.«

»So? – Und was wäre denn das?«

»Graf Luigi bekennt selbst, daß er einen Mord begangen hat.«

»Unglaublich!«

»Es ist die reine Wahrheit. Wilson entdeckte es in den Linien seiner Hand. Er sagte es ihm auf den Kopf zu und trieb ihn so in die Enge, daß der Graf es eingestehen mußte. Beide Zwillinge baten uns jedoch auf den Knieen, das Geheimnis nicht zu verraten und gelobten, sich hier am Ort nichts zu Schulden kommen zu lassen. Es war ein so peinlicher Auftritt, daß wir unser Ehrenwort gaben, die Sache geheim zu halten, solange sie ihr Versprechen nicht brächen. Du hättest es auch gethan, Onkel.«

»Da hast du ganz recht, mein Junge. Ein Geheimnis, das einem Menschen auf solche Weise entrissen worden ist, sollte als sein Eigentum betrachtet und heilig gehalten werden. Ich kann dich nur loben, und bin stolz auf dich. Doch ich wollte,« fügte er traurig hinzu, »mir hätte die Schande erspart bleiben können, einem Mörder auf dem Feld der Ehre zu begegnen.«

»Es ließ sich nicht ändern, Onkel. Hätte ich gewußt. daß du ihn fordern wolltest, so würde ich es für meine Pflicht gehalten haben, mein gegebenes Wort zu brechen, um das Duell zu verhindern. Aber Wilson konnte man es füglich nicht zumuten, daß er reden sollte.«

»Nein; Wilson hat ganz recht gethan, ich mache ihm durchaus keinen Vorwurf. Tom, Tom, du nimmst mir eine Last von der Seele; es hat mich im tiefsten Innern geschmerzt, als ich entdeckt zu haben meinte, daß ein Glied meiner Familie sich als Feigling erwies.«

»Du kannst dir denken, wie viel es mich gekostet hat, diese Rolle zu spielen.«

»Jawohl, mein armer Junge. Und wie schwer muß es dir geworden sein, die ganze Zeit lang unter einem so ungerechten Verdacht zu stehen. Aber jetzt ist alles wieder gut und der Schaden geheilt. Du hast mir meine Gemütsruhe zurückgegeben und die deinige wiedergewonnen, wir hatten beide genug gelitten.«

Der alte Mann versank eine Weile in tiefe Gedanken; als er aufblickte, lag ein Ausdruck der Befriedigung in seinen Zügen. »Daß der Mörder mir den Schimpf angethan hat, sich mir auf dem Felde der Ehre gegenüberzustellen, als sei er meinesgleichen, ist eine Sache, die noch ins Reine gebracht werden muß, aber nicht jetzt. Erst nach dem Wahltag will ich Abrechnung mit ihm halten. Ich weiß ein Mittel, wie ich die Brüder schon vorher zu Grunde richten kann, und das will ich zuerst anwenden. Keiner von beiden soll gewählt werden, dafür bürge ich. Ist auch sicher noch nichts davon an die Oeffentlichkeit gedrungen, daß er ein Mörder ist?«

»Nein – ich weiß es ganz gewiß.«

»Diese Karte behalte ich also einstweilen in der Hand. Am Wahltag werde ich eine Andeutung von der Rednerbühne fallen lassen, daß ihnen der Boden unter den Füßen brennen soll.«

»Das wird ihnen den Garaus machen.«

»Ja, aber daneben müssen auch die Wähler gehörig bearbeitet werden. Sobald die Zeit kommt, solltest du das bei dem Volk unter der Hand besorgen. Du kannst dabei etwas draufgehen lassen, ich werde dich mit Geld versehen.«

Eine neue Aussicht über die verhaßten Zwillinge zu siegen! Wahrlich, es war ein Glückstag für Tom. Er bekam Lust, noch einen letzten Pfeil nach demselben Ziel abzuschießen.

»Du hast doch von dem wunderbaren indischen Messer gehört, Onkel, über das die Zwillinge solchen Lärm gemacht haben? Weißt du – bis jetzt hat sich auch nicht die geringste Spur davon entdeckt. Man munkelt bereits allerlei in der Stadt, und die Leute schwatzen und lachen darüber ohne Ende. Einige glauben, daß es überhaupt nie ein solches Messer gegeben hat, und andere meinen, die Zwillinge hätten das Dolchmesser besessen und besäßen es noch. Ich habe das heute wenigstens von zwanzig verschiedenen Seiten gehört.«

Also, wie gesagt, die Thatsache läßt sich nicht leugnen: Tom stand am Schluß der Woche, nach seiner tadellosen Aufführung wieder in hoher Gunst bei dem Onkel und der Tante.

Auch seine Mutter war mit ihm zufrieden. Im stillen dachte sie sogar, daß sie anfinge, ihn lieb zu haben, aber das sagte sie nicht laut. Sie befahl ihm jetzt nach St. Louis zu gehen, wohin sie ihm auf dem Fuße folgen werde. Zuletzt zerschlug sie ihre Branntweinflasche und sagte:

»De siehst du’s selbst! Deine Mammy will dir kein böses Beispiel geben, sie wird schon sorgen, daß du nicht vom geraden Weg abkommst. Du darfst nicht wieder in schlechte Gesellschaft geraten, hab‘ ich gesagt; deshalb bleibst du in meiner Gesellschaft, da bist du am besten aufgehoben. Nun mach‘, daß du zum Thor hinauskommst!«

Noch am selben Abend begab sich Tom an Bord eines vorüberfahrenden Dampfboots und nahm seinen schweren Reisesack voll gestohlener Sachen mit. Er schlief den Schlaf der Ungerechten, der oft ruhiger und fester ist als die andere Sorte; das wissen wir aus der Geschichte der Henkersnacht von Millionen Spitzbuben. Aber, als er am Morgen aufwachte, war ihm das Glück untreu geworden. Ein zweiter Dieb hatte ihm, während er schlief, seinen Raub wieder abgenommen und war damit auf einer Zwischenstation ans Land gegangen.

Siebenzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Als Roxana in St. Louis ankam, fand sie ihren Sohn so voller Jammer und Verzweiflung, daß es ihr zu Herzen ging und alle mütterlichen Gefühle sich mächtig in ihr regten. Er war jetzt gänzlich zu Grunde gerichtet, nichts konnte ihn vom drohenden Untergang retten. Mehr braucht eine Mutter nicht, um ihr Kind zu lieben. Doch Tom schrak zurück vor den Beweisen ihrer Zärtlichkeit. Sie war eine Negerin, und es erhöhte nur noch seine Abneigung gegen die verachtete Rasse, daß er ihr selber angehörte.

Roxana überhäufte ihn nach Herzenslust mit Liebkosungen, wobei er sich sehr unbehaglich fühlte. Ihre Versuche, ihn zu trösten, waren alle vergebens. Bald wurden ihm ihre Vertraulichkeiten so unerträglich, daß er sich schon aufraffen wollte, um zu verlangen, sie solle sich in ihren Gefühlsäußerungen beschränken oder sie ganz unterdrücken. Aber er hatte Angst vor ihr und war froh, als sie jetzt von selbst mit den Liebesbezeugungen aufhörte und nachzudenken begann, um einen Rettungsplan zu finden. Nach einer Weile stand sie plötzlich auf und sagte zu Toms unaussprechlicher Freude, sie wisse jetzt einen Ausweg.

»Hör‘ meinen Plan – der gelingt, du sollst’s‘ sehen. Daß ich ’ne Negerin bin, merkt jeder, wenn ich spreche. Ich bin sechshundert Dollars wert. Nimm mich, verkauf mich und zahl‘ deine Spielschulden.«

Tom riß die Augen weit auf, er glaubte nicht recht gehört zu haben. Eine Weile war er wie betäubt, dann sagte er:

»Willst du dich als Sklavin verkaufen lassen, um mich zu retten?«

»Bist du nicht mein Sohn? Alles thut ’ne Mutter für ihr Kind. Es giebt nichts, was ’ne weiße Mutter nicht für ihr Kind thäte. Wie kommt das? Uns‘ Herrgott hat sie so geschaffen. Und wie steht’s mit ’ner Negermutter? Die hat der liebe Gott auch gemacht. Inwendig sind alle Mütter gleich – Ich laß mich als Sklavin verkaufen, und nach’m Jahr zahlst du’s Lösegeld für deine alte Mammy. Wie du’s machen sollst, sag‘ ich dir noch. – Das ist mein Plan.«

Tom schöpfte neue Hoffnung, sein Kleinmut war gewichen.

»Mammy,« sagte er, »das ist wirklich zu lieb von dir – offengestanden –«

»Sag’s noch ‚mal, sag’s immer zu! Kann’s einen größeren Lohn auf Erden geben – nein, ’s ist übergenug. Ach Gottchen, wenn ich fort bin von hier, und ich mich abrackere, und sie mich schimpfen und schlagen, dann denk‘ ich, daß du das irgendwo sagst, und dann halt‘ ich’s schon aus.«

»Schon recht. Ich will’s noch einmal sagen und nicht aufhören, es zu wiederholen, Mammy. Aber, wie kann ich dich verkaufen? Du bist ja freigelassen.«

»Ach, das schadet nichts. Die Weißen nehmen’s nicht so genau. Setz‘ nur einen Zettel auf, weißt du, so ’ne Verkaufsanzeige – und schick ihn weit ins Innere, irgendwo nach Kentucky, unterzeichne ein paar Namen, und schreib‘, du hättest Geld nötig und wolltest mich billig hergeben. Du sollst sehen, ’s geht ganz von selbst. Fahr‘ mit mir ein Stück ins Land hinein und bring‘ mich auf’n Pachtgut. Dort fragen die Leute nicht erst viel hin und her, wenn sie ’nen guten Handel machen können.«

Tom fälschte einen Kaufbrief und kam mit einem Baumwollpflanzer aus Arkansas überein, daß er ihm etwas mehr als sechshundert Dollars zahlen sollte. Für den Preis verkaufte er seine Mutter. Hätte diese gewußt, daß sie flußabwärts, in einen der gefürchteten Sklavenstaaten verkauft werden sollte, dann würde sie gewiß nicht eingewilligt haben. Es war nicht Toms Absicht gewesen, solchen Verrat zu begehen; aber der Zufall hatte ihm den Mann in den Weg geführt, und so brauchte er nicht erst lange im Lande herumzufahren, um einen Käufer zu suchen, der vielleicht erst allerlei Erkundigungen eingezogen hätte. Der Pflanzer vom Süden dagegen sparte sich alle Fragen, denn Roxy gefiel ihm ausnehmend; auch versicherte er Tom, sie solle zuerst gar nichts davon merken, wohin sie geraten sei. Entdeckte sie es dann auch später, so hätte sie sich schon eingelebt und würde sich zufrieden geben. Tom beschwichtigte seine etwaigen Bedenken mit dem Vorwande, daß es doch für Roxy von ungeheuerm Vorteil sei, einen Herrn zu bekommen, der so großes Gefallen an ihr fände, wie der Pflanzer, und es dauerte nicht lange, so hatte er sich halb und halb eingeredet, er thäte Roxy einen heimlichen Dienst damit, daß er sie ›flußabwärts‹ verkaufte. »Es ist ja nur auf ein Jahr,« sagte er sich immer wieder. »In einem Jahr schicke ich ihr das Lösegeld, bei diesem Gedanken wird sie sich beruhigen.« Was konnte der kleine Betrug denn eigentlich schaden? Schließlich würde die Sache doch ein für alle Teile befriedigendes Ende nehmen.

Auf beiderseitiges Uebereinkommen war in Roxys Gegenwart nur immer von des Käufers Pachtgut im Norden die Rede, das so freundlich gelegen sei, und wo sich die Sklaven so wohl befänden. Die arme Roxy wurde auf diese Weise gänzlich getäuscht; es fiel ihr auch nicht im Traum ein, daß ihr Sohn solche Tücke gegen eine Mutter üben könnte, die sich freiwillig ihm zuliebe in die Sklaverei begab. Welcher Art diese Sklaverei auch sein mochte, ob leicht oder schwer, ob von kurzer oder langer Dauer – jedenfalls brachte sie ein ungeheures Opfer. Mit tausend Thränen und Liebkosungen nahm sie unter vier Augen Abschied von Tom und folgte dann ihrem künftigen Gebieter, zwar schweren Herzens, aber doch stolz auf das, was sie that, und froh, daß sie im stande war, es zu vollbringen.

Tom befriedigte seine Gläubiger und beschloß, sich streng an die Vorschriften zu halten, die ihm zur Richtschnur für seine Besserung dienten, damit er sich nie wieder der Gefahr aussetzte, enterbt zu werden. Dreihundert Dollars behielt er noch übrig; der Plan seiner Mutter ging dahin, daß er diese Summe sicher verwahren und regelmäßig die Hälfte seines Monatsgeldes dazu thun sollte. Mit dem so gewonnenen Kapital konnte er ihr nach einem Jahr die Freiheit zurückkaufen.

Eine ganze Woche lang fand er keinen ruhiger Schlaf, weil die Niederträchtigkeit, die er gegen seine ahnungslose Mutter begangen hatte, auf dem erbärmlichen Rest seines Gewissens lastete; dann aber begann er sich wieder behaglich zu fühlen und konnte bald so gut schlafen, wie andere Uebelthäter auch.

Als das Boot eines Abends mit Roxy von St. Louis abfuhr, stand sie an dem untern Geländer hinter dem Radkasten. Die Thränen trübten ihren Blick, doch sie schaute nach Tom aus, bis er unter der Menge am Ufer verschwand; dann sah sie nicht mehr ins Weite, sondern setzte sich auf eine Rolle Tauwerk und schluchzte bis tief in die Nacht hinein. Ohne Zweifel würde sie sonst gemerkt haben, daß sie nicht den Strom aufwärts fuhr. Hatte sie doch jahrelang auf einem Dampfboot in Dienst gestanden – wie wäre ihr das entgangen? Als sie endlich nach der schmutzigen Koje im Zwischendeck hinunterging, die neben der klappernden Maschine lag, konnte sie nicht schlafen, sondern wartete nur bekümmerten Herzens auf den dämmernden Morgen.

Sobald es hell wurde, stand sie auf und nahm teilnahmlos oben wieder auf dem Tauwerk Platz. Die Wellen brachen sich an manchem Baumstamm im Fluß und die Strömung, die in derselben Richtung ging wie das Boot, hätte ihr leicht eine Thatsache verraten können, die sie mit Schauder erfüllen mußte, doch sie gab nicht acht darauf, weil ihr zu viel andere Dinge im Sinn lagen. Endlich aber weckte eine stärkere Brandung in nächster Nähe sie aus ihrer Versunkenheit; sie sah empor, und ihr geübtes Auge erkannte sogleich, nach welcher Seite die Flut trieb. Einen Moment starrte sie wie versteinert in den Strom hinaus, dann ließ sie den Kopf auf die Brust sinken und stöhnte laut:

»O, du grundgütiger Gott im Himmel, erbarm‘ dich meiner armen Seele – ich bin flußabwärts verkauft

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Die langen Sommerwochen schlichen träge dahin, dann aber begann eine politische Wahlschlacht, die mit großem Eifer eröffnet wurde, und bei der die Gemüter sich mehr und mehr erhitzten. Die Zwillinge stürzten sich über Hals und Kopf hinein, denn ihre Eigenliebe kam mit ins Spiel. Auf die maßlose Gunst, die man ihnen zu Anfang von allen Seiten entgegengebracht hatte, war ein sehr natürlicher Rückschlag erfolgt. Außerdem aber fing man an sich hier und da zuzuflüstern, es sei doch höchst seltsam, daß ihr wunderbares Dolchmesser nicht wieder zum Vorschein komme. – Ob es wirklich so wertvoll sei? – Ob es denn überhaupt je vorhanden gewesen? – Dabei blinzelten die Leute einander verständnisvoll zu, kicherten und stießen sich mit den Ellbogen – lauter Dinge, die ihren Einfluß auf das große Publikum nicht verfehlten. Die Zwillinge waren der Ansicht, daß ein günstiges Wahlergebnis sie wieder zu Ehren bringen, eine Niederlage ihnen dagegen einen Schaden zufügen werde, der nicht wieder gut zu machen sei. Deshalb strengten sie alle ihre Kräfte an, aber der Richter Driscoll und Tom arbeiteten ihnen mit ebenso großem Eifer entgegen, besonders während der letzten Tage vor der Abstimmung. Tom hatte sich zwei Monate lang so musterhaft betragen, daß sein Onkel ihm jetzt nicht nur Geld anvertraute, um den Wählern die richtige Ueberzeugung beizubringen, sondern er gestattete ihm jetzt sogar, sich die Summen selbst aus dem eisernen Schrank im Studierzimmer herauszunehmen.

Richter Driscoll hielt die Schlußrede in dem ganzen Wahlfeldzug und trat dabei als Widersacher der beiden Fremden auf. Die Wirkung, die er erzielte, war geradezu vernichtend. Er strömte ganze Fluten von Hohn und Spott über sie aus und zwang die große Massenversammlung zu lautem Gelächter und Beifallsklatschen. Nachdem er ihre glänzenden Titel erbarmungslos der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, nannte er sie Abenteurer, Marktschreier, Helden der Schaubude, verkleidete Barbiergesellen, herumziehende Leierkastenmänner, denen ihr Affe abhanden gekommen sei, und Hausierer, die sich als vornehme Herren aufspielten. Zuletzt machte er eine Pause; er schwieg ganz still, bis die Zuhörer vor Erwartung den Atem anhielten, und schoß dann seinen tödlichsten Pfeil ab. Er that es mit eisiger Ruhe und legte auf die letzten Worte noch einen ganz besonderen Nachdruck. Die ausgeschriebene Belohnung für das verlorene Dolchmesser, sagte er, sei nichts als Schwindel und leeres Gewäsch, der Eigentümer würde schon wissen, wo es zu finden wäre, sobald er nur einmal Veranlassung hätte, einen Menschen umzubringen.

Damit stieg Driscoll von der Rednerbühne herab, aber nicht unter dem gewöhnlichen Zuruf und Beifallklatschen seiner Partei. Eine dumpfe, lautlose Stille herrschte in der erstaunten Versammlung.

Die seltsame Schlußbemerkung des Richters verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt und erregte das ungeheuerste Aufsehen. Jeder fragte, was sie wohl zu bedeuten habe, aber man fragte und verwunderte sich vergeblich. Driscoll äußerte zwar, er wisse, wovon er rede, erklärte sich aber nicht deutlicher. Tom versicherte, er habe keine Ahnung, was seines Onkels Worte heißen sollten, und so oft man Wilson um seine Ansicht fragte, half er sich damit, daß er den Spieß umkehrte und den Frager bat, ihm doch seine Meinung darüber zu sagen.

Wilsons Wahl ging durch, aber die Zwillinge erlitten eine gänzliche Niederlage; sie sahen sich von aller Welt verlassen, und kein Mensch nahm sich mehr ihrer an. Tom konnte nun hochbeglückt nach St. Louis zurückkehren.

In Dawson war man infolge dieser Ereignisse sehr der Ruhe bedürftig und eine Woche lang blieb auch alles still. Doch herrschte immerhin eine gewisse Aufregung in den Gemütern, denn Gerüchte von einem neuen Duell schwirrten durch die Luft. Der alte Driscoll hatte sich während der Wahlbewegung überanstrengt, aber man versicherte, sobald er wieder wohl genug sei, werde ihm Graf Luigi eine Herausforderung schicken.

Die Brüder zogen sich ganz von allem Verkehr zurück und grämten sich in der Stille über ihre Demütigung. Sie vermieden es sorgfältig, den Leuten zu begegnen und gingen nur spät abends aus, um frische Luft zu schöpfen, wenn es leer und einsam auf den Straßen war.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Am Freitag nach der Wahl war Regenwetter in St. Louis. Es strömte vom Morgen bis zum Abend, was nur vom Himmel herunter wollte, gerade als hätte der Regen sich vorgenommen, die rußgeschwärzte Stadt weiß zu waschen, was ihm freilich nicht gelang. Gegen Mitternacht kam Tom Driscoll bei dem stärksten Guß aus dem Theater nach seiner Wohnung zurück; er machte seinen Schirm zu, um die Hausthür zu öffnen, als er sie aber hinter sich schließen wollte, merkte er, daß noch jemand eintrat, vermutlich ein anderer Mieter. Der Unbekannte machte die Thür zu und stieg nach ihm die Treppe hinauf. Als Tom seine Stubenthür im Dunkeln gefunden hatte, zündete er drinnen das Gas an, pfiff leise eine Melodie vor sich hin und drehte sich gemächlich um. Da sah er einen Mann, der ihm den Rücken zukehrte und eben die Thür hinter ihm abschloß; Tom hörte auf zu pfeifen, ihm ward unbehaglich zu Mute. Jetzt wandte sich der Mann zu ihm hin, seine alten schäbigen Kleider waren ganz durchweicht und trieften vom Regen, unter seinem abgetragenen Schlapphut starrte ein schwarzes Gesicht hervor. Tom geriet in entsetzliche Angst, er wollte den Eindringling hinausjagen, aber er konnte kein Glied rühren, die Worte blieben ihm in der Kehle stecken und der andere kam ihm zuvor.

»Mach‘ keinen Lärm,« sagte er mit unterdrückter Stimme, »ich bin deine Mutter.«

Wie vom Blitz getroffen sank Tom auf einen Stuhl.

»Es war schändlich von mir und niederträchtig,« stieß er keuchend hervor, »aber ich glaubte, daß es so am besten wäre – gewiß und wahrhaftig.«

Roxana stand eine Weile regungslos da und sah stumm auf ihn herab, während er, sich vor Scham windend, bald unzusammenhängende Selbstanklagen murmelte, bald jammervolle Versuche anstellte, sein Verbrechen zu erklären und zu beschönigen. Dann setzte sie sich und nahm den Hut ab, so daß ihr langes braunes Haar ihr in dichten, wirren Strähnen über die Schultern fiel.

»Dein Verdienst ist’s nicht, wenn mein Haar nicht grau geworden ist,« sagte sie klagend.

»Ich weiß es, o, ich weiß es – ich bin ein Schurke. Aber ich hielt es für das beste, das schwöre ich. Es war ein Irrtum, aber wirklich, ich dachte, ich könnte nichts besseres thun.«

Roxy begann leise vor sich hin zu weinen und zu schluchzen, dazwischen stieß sie auch Worte aus, aber sie klangen wie Jammerlaute, nicht wie ein zorniger Vorwurf.

»’Nen Menschen nach’m Süden verkaufen – flußabwärts – das beste! – Keinem Hund thät‘ ich’s an. Ganz gebrochen und abgemergelt bin ich – ich kann nicht mal mehr wütend werden, wie früher, wenn man mich geschimpft hat und mit Füßen getreten. Wie’s kommt, weiß ich nicht – mir fehlt scheint’s die Kraft. Kummer liegt mir jetzt näher als Zorn, ich hab‘ zu viel auszustehen gehabt das wird’s wohl sein.«

Ihre Klagen hätten Tom zu Herzen gehen müssen, aber, wenn das der Fall war, so wurde seine Rührung von einem stärkeren Gefühl verschlungen. Die entsetzliche Angst, die auf ihm gelastet hatte, war gewichen, sein gebrochener Mut begann sich neu zu beleben, und seine niedrige Seele atmete auf wie erlöst. Doch schwieg er wohlweislich still und wagte nicht die leiseste Aeußerung zu thun. Eine Weile ward kein Wort gesprochen, man hörte nur, wie draußen der Regen an die Scheiben klatschte, wie der Wind heulte und stöhnte; ab und zu ließ Roxana ein leises Schluchzen hören, das immer seltener wurde und zuletzt ganz verstummte. Dann begann sie wieder zu reden:

»Das Licht ist zu hell. Mach‘ es dunkler. Immer noch mehr. Wer verfolgt wird, mag kein Licht leiden. So ist’s genug, ich brauch‘ nur zu sehen, wo du bist. Jetzt erzähl‘ ich, wie mir’s ergangen ist – ich mach’s so kurz ich kann – und dann werd‘ ich dir sagen, was du thun sollst. – Der Mann, der mich gekauft hat, war nicht schlecht für ’nen Pflanzer. Hätt‘ er seinen Willen haben können, so wär‘ ich ’ne Haussklavin in der Familie gewesen und hätt’s gut gehabt. Aber seine Frau war vom Norden und gar nicht hübsch; sie konnt‘ mich von vornherein nicht leiden, und so wurd‘ ich ins Sklavenquartier geschickt und mußt‘ auf dem Feld arbeiten. Aber dem Weib war auch das nicht genug in ihrer schändlichen Eifersucht; sie steckt sich hinter den Aufseher, und der holt mich ‚raus, eh‘ noch der Morgen graut, läßt mich den ganzen Tag schaffen, bis es dunkel wird und giebt mir seine Peitsche zu kosten, so oft ich’s nicht den Stärksten gleichthu‘. Er kam auch aus dem Norden, aus Neuengland, und was das heißen will, weiß jeder Sklave im Süden. Die verstehen’s, wie man ’nen Neger zu Tode quält und ihm den Rücken blutig schlägt, daß die Striemen fingerdick aufschwellen. Zuerst legte der Massa noch ein gutes Wort ein für mich beim Aufseher, aber da ging mir’s schlecht – das Weib kam dahinter, und nun setzt‘ es Hiebe, wo ich ging und stand – ohne Gnad‘ und Barmherzigkeit.«

In Toms Innern kochte es vor Wut – gegen das Weib des Pflanzers. »Der Henker hole die verdammte Närrin,« fluchte er heimlich, »hätte sie sich nicht eingemischt, wäre alles gut gegangen.«

Der Ingrimm stand ihm im Gesicht geschrieben, und ein Blitz, der in diesem Augenblick das düstere Zimmer taghell erleuchtete, ließ Roxana in seinen Zügen lesen. Sie freute sich darüber, denn bewies dieser Ausdruck nicht, daß ihr Kind das Leiden der Mutter mit empfand und ihre Peiniger verwünschte? – und daran hatte sie stark gezweifelt. Aber der helle Freudenschein verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war und es ward dunkel in ihr. »Er hat mich flußabwärts verkauft,« sagte sie sich, »sein Mitleid verfliegt wie Spreu, es hat keinen Bestand.«

Dann nahm sie ihren Bericht wieder auf:

»Zehn Tage sind’s her, da sagt‘ ich zu mir: lange halt‘ ich’s nicht mehr aus; die höllische Arbeit, die vielen Schläge werden mich umbringen, eh‘ noch ein paar Wochen vorbei sind – so totmatt und elend war mir zu Mut. Wenn das Leben so weiter gehen sollt‘, wär‘ ich viel lieber gestorben, mir war alles einerlei. Ist man erst so weit, dann gilt’s einem auch gleich, was man thut. Da war ein armes, kleines Negermädchen, zehn Jahr alt, die war gut zu mir und hatte keine Mammy und wir hatten uns beide lieb. Sie kam aufs Feld und wollte mir ’ne gebratene Kartoffel zustecken, aus Mitleid, weil sie wußte, daß ich nicht satt zu essen kriegte. Doch der Aufseher ertappt sie dabei, und schlägt sie mit seinem Stock über’n Rücken, der so dick war wie’n Besenstiel, daß sie zu Boden fällt und sich vor Schmerz krümmt und windet. Ich konnt’s nicht mit ansehen. Die ganze Hölle tobte in mir – ich riß dem Mann den Stock aus der Hand und schlug ihn nieder. Da lag er ächzend und fluchend, er rührte kein Glied mehr. Die Neger waren zum Tod erschrocken und kamen und wollten ihm helfen. Ich sprang auf sein Pferd, und fort ging’s zum Fluß wie der Wind. Was mir geschehen würde, wußt‘ ich wohl. Der Mann hätt‘ mich zu Tode geschunden, sobald er wieder auf den Beinen war, wenn’s der Massa zugab. Oder, sie hätten mich weiter flußabwärts verkauft – und das kommt auf eins ‚raus. Da sprang ich lieber ins Wasser und macht‘ meiner Not ein Ende. Es war schon dämmerig geworden und in zwei Minuten kam ich zum Fluß. Da lag ein Kahn am Land, und ich sag‘ zu mir: ›Was soll ich mich ertränken, wenn ich nicht muß‹ und bind‘ das Pferd an’n Baumstamm, stoß‘ den Kahn ins Wasser, fahr‘ immer am steilen Ufer hin und bet‘ zu unserm Herrgott, daß die Nacht mich schnell zudeckt. Ich hatt‘ ’nen guten Vorsprung, denn das große Haus liegt drei Meilen vom Fluß; bis die Neger auf den Arbeitspferden hinkamen und wieder zurück, war es längst dunkel. Sie ritten gewiß nicht zu schnell, um mir Zeit zu lassen. Bei Nacht konnten sie die Pferdespur nicht finden, erst am Morgen würden sie sehen, welchen Weg ich genommen hatte, und lügen würden die Neger auch, so viel sie nur konnten.

Also, die Nacht kam, und ich fuhr immer weiter auf dem Fluß; zwei Stunden lang ruderte ich noch, dann hatt‘ ich keine Angst mehr, ließ mich forttreiben im Strom und dacht‘ mir aus, was ich thun wollte, wenn ich nicht ins Wasser springen müßt‘. Ich machte viele Pläne und überlegte alles hin und her, wie ich so still im Kahn saß. Es mocht‘ wohl bald nach Mitternacht sein und ich war fünfzehn oder zwanzig Meilen gefahren, da sah ich die Lichter von’m Dampfer, der am Ufer lag, es war aber keine Werft da und keine Stadt. Beim Sternenschein konnt‘ ich die Form der Schornsteine erkennen und – o, du meine Güte, auf einmal meint ich doch, ich müßt‘ aus der Haut fahren vor Freude. Es war ja der ›Großmogul ‹, auf dem ich acht Jahre lang Stubenmädchen gewesen bin und der Handel trieb zwischen Cincinnati und New Orleans. Ich fuhr mit dem Kahn dicht ‚ran – aber nirgends rührte sich was. Nur unten im Maschinenraum hört‘ ich ein Geklopf und Gehämmer. Da wußt‘ ich, ’s war was an der Maschine zerbrochen. Ich geh‘ ans Land, laß meinen Kahn treiben und späh‘ nach dem Dampfer hin, bis ich ans Laufbrett komm‘ und an Bord gehen kann. ‚S war ganz unmenschlich heiß. Auf dem Vorderdeck lagen die Leute lang ausgestreckt, der zweite Maat, Jim Bangs, saß auf der Beting, mit dem Kopf in’n Händen und schlief. So hält er immer die Kapitänswache. Und der alte Steuermann Billy Hatch war auf der Kajütentreppe eingenickt. Ich kannte sie alle und Herrje, wie froh war ich! ›Jetzt soll nur der alte Massa kommen und mich fangen‹ dacht‘ ich, ›hier bin ich unter Freunden.‹ Mitten durch geh‘ ich an ihnen vorbei, bis ans Geländer der Damenkajüte und setz‘ mich grad‘ auf denselben Stuhl, wo ich wohl hundertmillionenmal gesessen hab‘. ‚S war mir, als wär‘ ich wieder daheim.

»Keine Stunde währt’s, da bimmelt die Glocke und das Dampfboot wird flott gemacht. Es geht nach St. Louis hinauf, denn das wüßt‘ ich, daß der ›Großmogul‹ jetzt dort anlegt. Die Sonne war grad‘ aufgegangen, da fuhren wir an unserer Pflanzung vorbei, und ich seh‘ ’ne Schar Neger und Weiße am Ufer hin- und herlaufen. Die gaben sich große Mühe mich zu finden, aber mir machte das wenig Sorge.

»Um die Zeit kam Sally Jackson – die jetzt nicht mehr zweites Stubenmädchen war, sondern erstes – ans Schiffsgeländer, und freute sich sehr, mich wiederzusehen und die Offiziere auch. Als ich sagte, man hätt‘ mich geraubt und flußabwärts verkauft, sammelten sie zwanzig Dollars und schenkten sie mir, und Sally gab mir gute Kleider. Wir landeten hier und ich ging gleich nach deiner alten Wohnung und kam dann in dies Haus; man sagte mir, du wärst fort, könntest aber alle Tage wiederkommen. Da wollt‘ ich lieber nicht nach Dawson fahren, ich hätt‘ dich sonst verfehlt.

»Als ich nun letzten Montag in der Vierten Straße an ’ner Schenke vorbeikomm‘, wo sie die Zettel ankleben, wenn ein Neger entlaufen ist, – da seh‘ ich meinen Massa. Ich dacht‘, ich sollt‘ in die Erde sinken. Er stand mit dem Rücken nach mir und sprach mit ’nem Mann, dem gab er solchen Neger-Zettel. Die entlaufene Negerin, das war ich und er setzte wohl ’ne Belohnung für sie aus – was meinst du – hab‘ ich nicht recht?«

Tom war allmählich in immer grauenvollere Angst geraten. »Ich bin verloren,« dachte er, »mag die Sache sich wenden wie sie will. Der Pflanzer sagte mir, der ganze Kauf käme ihm verdächtig vor. Ein Fahrgast vom ›Großmogul‹ hätte ihm geschrieben, Roxy sei auf dem Dampfer hierher gekommen, und alle an Bord wüßten, wie sich die Sache verhielte. Daß sie nicht nach einem Freistaat geflohen sei, sei schlimm für mich, und wenn ich ihm nicht rasch behilflich wäre, sie wiederzufinden, wollte er mich schon in die Klemme bringen. Anfangs glaubte ich die ganze Geschichte nicht. Meiner Mutter konnte ich’s nicht zutrauen, daß sie so gefühllos sein würde, wieder herzukommen, da sie doch wissen mußte, welcher Gefahr sie mich aussetzte. Und nun ist sie doch hier! – Wäre ich nur nicht so dumm gewesen, ihm zu geloben, daß ich ihm helfen würde, sie zu suchen. Ich hab’s ihm ganz ruhig versprochen, weil ich mir einbildete, es könnte nichts schaden. Wenn ich sie ihm nun ausliefere, so wird sie – aber, wie kann ich’s ändern? Thue ich’s nicht, so muß ich das Geld zahlen und wo soll ich’s hernehmen? – Könnte ich ihn nicht zwingen, mir zu schwören, daß er sie von jetzt ab gut behandeln wird – sie sagt ja selbst, er ist kein böser Mensch, und wenn er verspräche, daß sie nie wieder überarbeitet und schlecht genährt werden soll oder –«

Ein greller Blitz beleuchtete Toms bleiches Gesicht; man las die quälenden Gedanken in seinen verzerrten Zügen.

»Dreh‘ das Gaslicht auf, damit ich dich besser sehen kann,« befahl jetzt Roxana mit scharfem Ton, obgleich ihre Stimme bebte. »So – nun laß dich mal betrachten. Du siehst ja so weiß aus wie dein Hemd, Schamber. – Hast du den Mann gesehen? Hat er dich aufgesucht?«

»I – ja.«

»Wann?«

»Montag mittag.«

»War er mir auf der Spur?«

»Er – glaubte und hoffte es. Hier ist der Zettel, den du gesehen hast.« Tom nahm ihn aus der Tasche.

»Lies ihn mir vor.«

Sie keuchte vor Aufregung und in ihren Augen lag ein düsterer Glanz, der Tom nicht ganz verständlich war – ihm jedoch bedrohlich schien. Auf dem Zettel sah man den gewöhnlichen rohen Holzschnitt, der eine laufende Negerin mit dem Turban auf dem Kopf darstellte, welche ein Bündel an einem Stock über der Schulter trug. Darüber stand in großen Buchstaben geschrieben: Hundert Dollars Belohnung. Tom las die Anzeige laut vor – wenigstens den Teil, der Roxanas Beschreibung enthielt, sowie die Adresse ihres Herrn in St. Louis und diejenige seines Agenten in der Vierten Straße. Die Stelle aber, welche besagte, daß die Bewerber um die Belohnung sich auch an Herrn Thomas Driscoll wenden könnten, unterdrückte er klüglich.

»Gieb mir den Zettel!«

Tom hatte ihn eben zusammengefaltet, um ihn in die Tasche zu stecken. Es lief ihm kalt über den Rücken, doch sagte er mit der gleichgültigsten Miene von der Welt:

»Wozu? Du kannst ihn ja doch nicht lesen. Was soll er dir nützen?«

»Gieb mir den Zettel!« Tom that es; doch merkte sie ihm sein Zögern an. »Hast du mir auch alles vorgelesen?«

»Jawohl, gewiß.«

»Halt‘ die Hand in die Höhe und schwöre mir’s.«

Nachdem Tom auch dies gethan hatte, steckte Roxana das Papier sorgfältig ein. Die ganze Zeit über verwandte sie jedoch kein Auge von Toms Gesicht.

»Du lügst!« sagte sie.

»Weshalb sollte ich denn wohl lügen?«

»Das weiß ich nicht – aber du lügst – wenigstens glaub‘ ich’s. Doch darum handelt’s sich jetzt nicht. Als ich den Mann sah, bekam ich solchen Schreck, ich könnt‘ kaum noch auf den Beinen, stehen. Dann gab ich ’nem Neger einen Dollar für die Kleider hier, und seitdem bin ich in kein Haus mehr gekommen, weder bei Tag noch bei Nacht. Ich schwärzte mein Gesicht und verbarg mich tags im Keller von ’nem alten abgebrannten Haus und nachts kroch ich zwischen die Zuckerfässer und Kornsäcke auf der Werft und stahl was ich brauchte, um meinen Hunger zu stillen. Was zu kaufen getraut‘ ich mir nicht und bin schier verschmachtet. Auch hierher dürft‘ ich mich erst heut wagen, in dieser Regennacht, wo kaum ein Mensch unterwegs ist. Seit es dunkel wurde, hab‘ ich drüben in der Gasse gestanden und gewartet, daß du vorbeikommen solltest. Und nun bin ich hier.«

Sie verlor sich eine Weile in Gedanken, dann fragte sie:

»Letzten Montag mittag hast du den Mann gesehen?«

»Ja.«

»Ich sah ihn am selben Nachmittag. Nicht wahr, er hat dich aufgesucht?«

»Ja.«

»Hat er dir gleich den Zettel gegeben?«

»Nein, damals war er noch nicht gedruckt.«

Roxana warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. »Hast du ihm nicht geholfen, die Schrift aufzusetzen?« Tom war innerlich wütend, daß er sich so dumm verschnappt hatte und suchte es wieder gut zu machen, indem er sagte, er erinnere sich jetzt, daß der Mann ihm den Zettel doch am Montag mittag gegeben habe.

»Jetzt lügst du wieder,« sagte Roxana. Dann richtete sie sich hoch empor. »Ich will dir ’ne Frage vorlegen, der kannst du nicht ausweichen,« fuhr sie fort. »Du weißt, daß er mich verfolgt, und wenn du fortläufst, statt hier zu bleiben und ihm zu helfen, so argwöhnt er sicher, daß etwas mit dem Handel nicht in Ordnung ist. Dann erkundigt er sich nach dir, man weist ihn an deinen Onkel, der liest den Zettel und sieht, daß du ’ne freie Negerin flußabwärts verkauft hast. Du kennst deinen Onkel. Er zerreißt sein Testament auf der Stelle und jagt dich zum Haus ’naus. Nun sag‘ mal, wie steht’s: Hast du dem Mann nicht gesagt, ich würd‘ gewiß hierher kommen, dann wolltest du’s schon so einrichten, daß er mich in ’ne Falle locken und fangen könnt‘?«

Tom sah ein, daß weder Lügen noch Ausreden ihm mehr helfen würden – er saß fest wie im Schraubstock und konnte sich nicht rühren. Sein Gesicht nahm einen bösartigen Ausdruck an und er sagte mit verbissenem Ingrimm:

»Was hätte ich denn anders thun können? Du siehst ja selbst, daß ich in seiner Gewalt war und mir kein Ausweg blieb.«

Roxy durchbohrte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Was du thun konntest? – An deiner eigenen Mutter konntest du zum Judas werden, um deine erbärmliche Haut zu retten! Sollte man’s für möglich halten! Kein Hund wär’s im stande. Du bist das niederträchtigste, elendeste Geschöpf, was die Sonne bescheint. Und ich hab‘ dich geboren! –« dabei spie sie ihn an.

Tom machte keinen Versuch sich aufzulehnen. Nach kurzer Ueberlegung fuhr Roxy fort:

»Jetzt werd‘ ich dir sagen, was du thun sollst: Du giebst dem Mann das Geld, das du in Verwahrung hast, und bittest ihn, auf den Rest zu warten, bis du ihn vom Richter Driscoll holen kannst, um mich loszukaufen.«

»Schockschwerenot! Wo denkst du hin? Von meinem Onkel soll ich dreihundert und etliche Dollars fordern? Was könnte ich ihm denn sagen, wozu ich sie brauche, he?«

Roxys Antwort kam in klaren, bestimmten Worten:

»Du sagst ihm, daß du mich verkauft hast, um deine Spielschulden zu zahlen, daß du ein Schurke bist, der mich belogen hat, und ich dich zwinge, das Geld zu schaffen, um mich wieder frei zu machen.«

»Bist du denn ganz von Sinnen? – Er würde ja sein Testament in tausend Fetzen reißen das mußt du doch wissen.«

»Ja, ich weiß es.«

»Und du glaubst, daß ich dumm genug sein werde, zu ihm zu gehen?«

»Von glauben ist nicht mehr die Rede – ich weiß, du wirst’s thun. Ich weiß es – weil kein Zweifel ist, daß, wenn du das Geld nicht beibringst, ich selbst zu ihm gehe. Dann wird er dich flußabwärts verkaufen, und du kannst sehen, wie dir’s behagt.«

Zitternd vor Erregung stand Tom auf und schritt nach der Thür; sein Auge hatte einen bösen Blick. Er sagte, er müsse einen Moment ins Freie gehen, in der Stickluft des Zimmers könne er es nicht mehr aushalten. Draußen werde es ihm klarer im Kopf werden, da wolle er überlegen, was zu thun sei. Roxy lächelte ingrimmig über seinen vergeblichen Versuch, die Thür zu öffnen.

»Ich hab‘ den Schlüssel, Söhnchen – setz‘ dich nur wieder,« sagte sie. Du brauchst gar nicht erst zu überlegen, was du thun willst – ich weiß schon, was du thust.«

In hilfloser Verzweiflung saß Tom da und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Nach einer Weile fragte Roxy: »Ist der Mensch hier im Haus?«

Tom sah sie erstaunt an: »Hier! Wie kommst du darauf?«

»Durch dich. Frische Luft schöpfen – ja wohl! Die Bosheit steht dir im Gesicht geschrieben. Du bist der erbärmlichste Hund, den je – aber das hab‘ ich dir schon mal gesagt. – Also, heut ist Freitag. Du verabredest mit dem Mann, daß du fortgehen willst, das Geld zu holen und Dienstag oder Mittwoch damit zurückkommst. Verstehst du mich?«

»Ja,« antwortete Tom mit finsterer Miene.

»Und wenn du den neuen Kaufbrief hast, in dem steht, daß ich wieder frei bin, schickst du ihn gleich an Herrn Querkopf Wilson, und schreibst auf den Umschlag, er soll ihn behalten, bis ich komm‘. Hörst du?« »Ja.«

»Das ist also abgemacht. Jetzt setz‘ deinen Hut auf und nimm den Regenschirm.«

»Wozu?«

»Weil du mich bis zur Werft begleiten sollst. Siehst du dies Messer? Ich trag’s bei mir seit dem Tag, als ich den Mann sah; zugleich mit den Kleidern hab‘ ich’s mir gekauft. Wenn er mich fangen würde, wollt‘ ich mich damit umbringen. Nun geh‘ voran, aber vorsichtig; und wenn du hier im Haus ein Zeichen giebst, oder jemand dich auf der Straße anredet, stoß‘ ich dich mit dem Messer nieder. Glaubst du mir, Schamber, daß ich thu‘, was ich sag‘?«

»Laß doch die langweilige Frage. Ich weiß, daß dein Wort gilt!«

»Ja, ganz anders wie deins. Nun mach‘ das Licht aus und komm – hier ist der Schlüssel.«

Kein Mensch folgte ihnen. Tom erbebte jedesmal, wenn ein verspäteter Wanderer an ihnen vorüberstreifte und glaubte schon den kalten Stahl im Rücken zu fühlen. Roxy blieb ihm dicht auf den Fersen, um ihn nicht aus ihrem Bereich zu lassen. So gingen sie über eine Meile weiter, bis in eine ganz öde Gegend der menschenleeren Werft; da trennten sie sich bei strömendem Regen in der Dunkelheit.

Während des Heimwegs stürmten hundert schwere Gedanken und wilde Pläne auf Tom ein, zuletzt kam er jedoch zu dem trübseligen Schluß: »Es giebt nur den einen Ausweg – ich muß ihr den Willen thun. Aber etwas anders werde ich die Sache doch anfangen. Ich will nicht um das Geld bitten und mich zu Grunde richten – ich will es dem alten Geizhals stehlen.«

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Mit der kleinen Summe Geldes, die Wilson bei seiner Ankunft besaß, kaufte er eins der letzten Häuschen am äußersten Westende der Stadt. Von dem Driscollschen Wohnhaus trennte ihn nur ein großer, mit Gras bewachsener Hof, den ein Lattenzaun in zwei Hälften teilte. Sein Geschäftsbureau mietete er unten in der Stadt und hing ein Blechschild heraus, auf dem zu lesen stand:

David Wilson,
Rechtsanwalt und Notar.
Ausfertigung von gerichtlichen Urkunden, Kostenanschlägen
u. s. w.

Aber jene erste unglückselige Bemerkung hinderte sein Fortkommen als Advokat gänzlich. Es stellten sich keine Klienten ein. So nahm er denn das Schild nach einer Weile wieder herunter und hing es mit veränderter Inschrift an seinem eigenen Hause auf. Er bot jetzt dem Publikum seine bescheidenen Dienste als Landmesser, Buchhalter und Rechnungsführer an. Gelegentlich bekam er auch Arbeit: ein Feld zu vermessen oder die Bücher eines Kaufmanns in Ordnung zu bringen. Mit echt schottischer Geduld und Ausdauer nahm er sich vor, seinem ungünstigen Ruf zum Trotze es doch noch einmal zu einer Anwaltspraxis zu bringen. Der arme Mensch konnte freilich nicht voraussehen, welche jahrelange Mühsal ihn das kosten würde.

Er hatte natürlich großen Ueberfluß an müßiger Zeit, aber das lastete nicht schwer auf ihm; denn für jede neue Erfindung auf geistigem Gebiet interessierte er sich eifrig und stellte sofort die darauf bezüglichen Versuche bei sich daheim an. Zu seinen besonderen Liebhabereien gehörte es, die Linien der menschlichen Hand zu entziffern. Er hatte auch noch ein anderes Steckenpferd, das er anscheinend nur zur Unterhaltung betrieb, denn den eigentlichen Zweck desselben wollte er niemand erklären, auch gab er ihm keinen Namen. Seine Liebhabereien – das hatte er bald herausgefunden – trugen nur noch mehr dazu bei, ihn in den Ruf eines Querkopfs zu bringen, und so hütete er sich wohl, zu viel davon laut werden zu lassen. Das Steckenpferd ohne Namen war eine Sammlung von Abdrücken der Fingerspitzen verschiedener Leute. In seiner Rocktasche führte Wilson immer einen flachen Kasten bei sich, welcher innen Falze hatte, in denen fünf Zoll breite Glasplättchen steckten. Auf jedem der Gläser war unten ein Stück weißes Papier aufgeklebt. Nun bat er irgend jemand, sich mit der Hand durchs Haar zu fahren, (wodurch sich etwas von dessen natürlicher Fettigkeit den Fingern mitteilte) und zuerst den Daumen, dann jede einzelne Fingerspitze der Reihe nach auf einem Glasplättchen abzudrücken. Auf dem Zettel unter den fünf schwachen Fettflecken, die so entstanden, verzeichnete er genau Namen, Jahr und Datum, z. B.: John Smith, rechte Hand – nahm dann den Abdruck von Smiths linker Hand auf einer andern Glasplatte und notierte auch dies pünktlich auf dem weißen Zettel. Beide Gläser kamen nun wieder in den Kasten und wurden Wilsons Sammlung einverleibt. Er nannte sie seine ›Protokolle‹ und war oft stundenlang, ja bis tief in die Nacht hinein beschäftigt, sie mit der größten Genauigkeit zu prüfen und zu untersuchen. Ob er aber irgend etwas darin entdeckte, und was das möglicherweise sein konnte, verriet er niemand. Manchmal zeichnete er auch eins der so gewonnenen, zarten, verschlungenen Muster des obersten Fingergliedes auf Papier und machte dann eine riesige Vergrößerung davon mit Hilfe des Storchschnabels, so daß er das Gewebe der geschweiften Linien ganz ohne Mühe nach Belieben betrachten konnte. An einem drückend heißen Nachmittag – es war der erste Juli 1830 – saß er in seinem Studierzimmer, das, nach Westen gelegen, auf eine Anzahl leerer Baustellen hinausging. Neben ihm lag ein Stoß Rechnungsbücher, die er in Ordnung bringen sollte. Ein Gespräch, das draußen geführt wurde, störte ihn bei der Arbeit. Die beiden Personen mußten nicht dicht beisammen sein, denn sie schrieen einander laut zu.

»Sag‘ mal, Roxy, was macht dein Kleiner, gedeiht er gut?« tönte es von fern her.

»Das will ich meinen, und du, Jasper, bist du auch auf dem Strumpf?« schrie es in nächster Nähe.

»Na, es macht sich, kann nicht klagen. Bald komm ich zu dir, Roxy, ich will dich freien.«

»Untersteh‘ dich, du abscheulicher Schmutzfink! Hahaha! Das fehlte mir noch, mich mit so ’nem schwarzen Nigger abzugeben wie du einer bist. Der alten Tante Cooper ihre Nancy hat dir wohl den Laufpaß gegeben?« Roxys sorgloses Gelächter schallte wieder hell durch die Luft.

»Bist eifersüchtig, Roxy! Wahrhaftig ja – hahaha! Hab’s erraten, du Dirne!«

»Oho, was du dir nicht einbild’st! – Gieb nur acht, daß dein Dünkel nicht nach innen schlägt, sonst bringt er dich noch um. Wenn du mir gehören thätest, verkaufte ich dich lieber heut wie morgen flußabwärts – du treibst’s zu bunt. Wart‘ nur, ich sag‘ deinem Herrn, er soll’s thun, sobald ich ihn seh‘.«

So ging dies leere müßige Geschwätz noch endlos fort, denn die beiden fanden ihr Wortgefecht sehr unterhaltend und witzig und waren stolz auf die schlagfertigen Antworten, die sie gaben.

Wilson trat ans Fenster, um das Paar näher zu betrachten. Bis das Geplapper aufgehört hatte, konnte er doch nicht arbeiten.

Drüben auf dem Bauplatz in der glühenden Sonne saß Jasper, ein junger kohlschwarzer Neger von prächtigem Wuchs, auf einem Schiebkarren. Statt seinem Geschäft nachzugehen, ruhte er erst ein Stündchen aus, um zum Beginn der Arbeit Kräfte zu sammeln. Vor Wilsons Veranda aber stand Roxy neben dem nach Landessitte geflochtenen Kinderwagen, worin ihre beiden Pflegebefohlenen, jeder an einem Ende, einander gegenüber saßen. Nach Roxys Redeweise zu urteilen, hätte man sie für eine Schwarze halten sollen, aber da irrte man sich gewaltig. Was etwa farbig an ihr war – höchstens der sechzehnte Teil – das sah man nicht. Ihre hohe Gestalt, ihre stolze Miene und Haltung machten einen majestätischen Eindruck; in jeder Bewegung, jeder Gebärde prägte sich edle Anmut und Würde aus. Sie war sehr weiß und zart, die Wangen rosig angehaucht von Kraft und Gesundheit, auch hatte sie ein wohlgeformtes, kluges, anziehendes Gesicht, charakterfeste ausdrucksvolle Züge, braune, feuchtschimmernde Augen und schönes braunes Haar, dessen üppige Fülle sie jedoch unter einem buntkarierten Tuch verbarg, das sie turbanartig um den Kopf gebunden trug. Ihr Benehmen unter ihresgleichen war frei und ungezwungen, doch dabei etwas herrisch und von oben herab; aber natürlich war sie in Gegenwart weißer Leute die Demut und Fügsamkeit selbst.

Dem Ansehen nach war Roxy wirklich so weiß, wie man nur irgend sein konnte, aber ihr eines farbiges Sechzehntel schlug alle anderen fünfzehn Sechzehntel aus dem Felde und machte sie zur Negerin, zur verkäuflichen Sklavin. An ihrem Kinde war sogar nur ein Zweiunddreißigstel farbig, aber es galt dennoch nach Gesetz und Sitte für einen Neger und Sklaven. Es harte blaue Augen und blonde Locken, wie sein kleiner weißer Altersgenosse; aber selbst der Vater des weißen Knaben, der sich nur wenig um die Kinder bekümmerte, konnte sie an der Kleidung unterscheiden: der kleine Weiße trug ein feines, reich mit Falbeln besetztes Musselinkleidchen und ein Korallenhalsband, während der andere keinerlei Schmuck besaß und nur ein grobes leinenes Hemd anhatte, das ihm kaum bis zu den Knieen reichte. Der weiße Knabe hieß Thomas à Becket Driscoll, der andere Valet de Chambre, ohne Vatersnamen – den durfte kein Sklave führen. Roxana hatte die Benennung irgendwo aufgeschnappt; der Klang gefiel ihr, und da sie glaubte, es sei ein Rufname, beglückte sie ihren Liebling damit. Natürlich wurde er bald in ›Schamber‹ abgekürzt.

Wilson hatte Roxy schon öfters gesehen, und als sich das Wortgeplänkel zu Ende neigte, trat er vors Haus, um ein paar Abdrücke zu sammeln. Sobald Jasper ihn gewahrte, gab er seinen Müßiggang auf und ging eifrig an die Arbeit, während Wilson die Kinder in Augenschein nahm.

»Wie alt sind sie, Roxy?« fragte er.

»Beide gleich alt, – gerade fünf Monat. Am ersten Februar geboren.«

»Ein paar nette Kerlchen. Einer so hübsch wie der andere.«

Roxy lachte vor Vergnügen übers ganze Gesicht und zeigte ihre weißen Zähne. »Schönen Dank, Massa Wilson, wie gut von Ihnen, das zu sagen, denn einer ist ja bloß ein Neger, wissen Sie. Der niedlichste kleine Neger von der Welt, sag‘ ich immer, aber natürlich nur, weil es meiner ist.«

»Wie unterscheidest du sie denn, Roxy, wenn sie keine Kleider anhaben?«

Sie brach in ein ungeheures Gelächter aus.

»O, ich kenne sie schon von einander; aber Massa Percy – da wett‘ ich drauf – der könnte sie nicht unterscheiden – um keinen Preis, nein, nein.«

Wilson plauderte noch ein Weilchen fort, dann nahm er einen Abdruck von Roxys Fingerspitzen für seine Sammlung – rechte Hand und linke Hand – auf zwei Glasplättchen, schrieb Namen und Datum auf den Zettel und machte es mit den Händchen der Kleinen ebenso.

Zwei Monate später, am dritten September, ließ er sich die Abdrücke des Dreiblatts noch einmal geben. Bei Kindern pflegte er in kürzeren Pausen die Aufnahmen vorzunehmen, bei älteren Leuten in Pausen von einigen Jahren.

Tags darauf – das heißt am vierten September – fand ein Ereignis statt, das einen tiefen Eindruck auf Roxana machte. Herr Driscoll vermißte abermals eine kleine Summe Geldes – womit angedeutet werden soll, daß das nichts Neues war, sondern sich schon mehrmals wiederholt hatte; es geschah bereits zum vierten Mal.

Driscoll verlor endlich die Geduld. Er war kein hartherziger Mann; Sklaven und andere Tiere behandelte er stets mit Milde, gegen irrende Brüder von seiner eigenen Rasse zeigte er sogar große Nachsicht. Aber Unredlichkeit verabscheute er, und offenbar war ein Dieb im Hause. Es konnte nur einer seiner Neger sein. Da galt es scharfe Maßregeln zu ergreifen. Er rief die Dienerschaft zusammen, welche außer Roxy noch aus drei Personen, einem Mann, einer Frau und einem zwölfjährigen Knaben bestand; verwandtschaftliche Beziehung hatten sie nicht zu einander.

»Ich habe euch alle schon mehrmals gewarnt, aber es ist umsonst gewesen. Diesmal will ich Ernst machen. Der Dieb wird verkauft. Wer von euch ist der Schuldige?«

Es schauderte ihnen bei dieser Drohung; hier waren sie gut aufgehoben, jeder Wechsel brachte höchst wahrscheinlich eine Verschlechterung. Alle leugneten standhaft. Niemand hatte etwas gestohlen – wenigstens kein Geld – vielleicht ein Stückchen Zucker oder Kuchen, einen Löffel Honig oder dergleichen, worauf es Massa Percy nicht weiter ankam – aber kein Geld – auch nicht einen Cent. Sie beteuerten es mit großer Zungengeläufigkeit, allein Herr Driscoll ließ sich nicht rühren. »Nenne den Dieb!« war alles, was er jedem mit strenger Stimme erwiderte.

Thatsächlich waren alle schuldig, außer Roxana, die zwar argwöhnte, daß die andern den Diebstahl begangen hatten, es aber nicht gewiß wußte. Ihr graute, wenn sie bedachte, wie nahe daran sie selbst gewesen war, das Geld zu nehmen; nur der Bußtag in der Methodistenkirche der Farbigen vor vierzehn Tagen hatte sie noch im letzten Augenblick davor behütet. Gerade am Tage nach diesem Gottesdienst, während sie noch ihrer Sündenvergebung eingedenk und stolz auf ihre Seelenreinheit war, hatte ihr Herr ein paar Dollars offen auf seinem Pult herumliegen lassen, und als sie mit dem Staubtuch dorthin kam, geriet sie in schwere Versuchung. Eine Weile sah sie das Geld mit steigendem Groll von der Seite an.

»O, der dumme Bußtag,« rief sie dann, »hätte man ihn doch bis morgen verschoben!«

Um dem Versucher nicht zu erliegen, deckte sie ein Buch darüber und der Mammon fiel einem der anderen Sklaven zu. Sie brachte dies Opfer, weil sie noch zu sehr unter dem Eindruck der religiösen Handlung stand. Als Beispiel für spätere Fälle sollte es durchaus nicht gelten; in ein bis zwei Wochen war sie wieder weltklug und nahm es weniger streng mit der Frömmigkeit, und wenn das nächste Mal ein paar Dollars so verlassen dalagen, würde sie sich gern ihrer erbarmen.

War sie denn schlecht von Natur oder überhaupt schlimmer als ihre Rasse im allgemeinen? Keineswegs. Die Farbigen befanden sich im Kampf ums Dasein in großem Nachteil gegenüber den weißen Brüdern und hielten es daher nicht für Sünde, ihre Bedrücker gelegentlich etwas auszuplündern – versteht sich nur in kleinem Maßstab; sie stahlen gewöhnlich nur unbedeutende Dinge. Eßwaren entwendeten sie aus der Speisekammer, so oft sie nur konnten, einen messingnen Fingerhut, eine Scheibe Wachs, einen Sack voll Schmirgel, ein Papier mit Nähnadeln, einen silbernen Löffel, einen Dollarschein, Bänder, allerlei Putz oder andere ziemlich wertlose Gegenstände, hielten sie für gute Beute. Sie fanden durchaus kein Unrecht darin, sich dergleichen anzueignen und gingen ohne die geringsten Gewissensbisse mit dem geraubten Gut in der Tasche zur Kirche, um dort voll aufrichtiger Frömmigkeit so laut zu singen und zu beten, wie sie nur konnten. Jede Räucherkammer auf dem Lande mußte fest verschlossen und verriegelt sein, denn selbst der farbige Diakonus verschmähte es nicht, einen Schinken mitzunehmen, wenn die Vorsehung ihm im Traume oder auf andere Weise kundthat, wo ein solcher leckerer Gegenstand einsam am Nagel hing und nach einem Freunde schmachtete. Hätten aber auch hundert Schinken dagehangen, der Diakonus würde nur einen genommen haben – das heißt, nicht zwei auf einmal. In kalten Nächten pflegte ein mitleidiger schwarzer Gauner den Hennen, die auf einem Baum Nachtruhe hielten, ein gewärmtes Brett unter die erstarrten Klauen zu schieben. Schläfrig setzte sich dann ein Huhn mit dankbarem Glucksen auf das behagliche Plätzchen, der Gauner aber steckte den Vogel unbekümmert in seinen Sack und verzehrte ihn später mit Vergnügen. Er war fest überzeugt, daß er dem weißen Manne, der ihm täglich ein unschätzbares Gut – seine Freiheit – raubte, ruhig diese Kleinigkeit entwenden dürfe, ohne damit eine Sünde zu begehen, die Gott ihm am Tage des Gerichts zurechnen werde.

»Nenne den Dieb!«

Driscoll hatte es schon zum vierten Mal mit rauher Stimme gerufen. Jetzt fügte er eine schreckliche Drohung hinzu:

»Ich gebe euch noch eine Minute Zeit« – er zog seine Uhr heraus. »Wenn ihr nach Ablauf derselben nicht gesteht, verkaufe ich euch alle vier – aber nicht hier am Ort, sondern nach Süden – flußabwärts

Das hieß so viel als zur Hölle verdammt werden, kein Missouri-Neger zweifelte daran. Roxy konnte sich kaum aufrecht halten, sie wurde leichenblaß; die andern fielen auf die Kniee wie vom Blitz getroffen, Thränen stürzten aus ihren Augen, sie hoben flehend die Hände empor, und alle drei riefen wie aus einem Munde:

»Ich hab’s gethan!«

»Ich hab’s gethan!«

»Ich hab’s gethan!« – »Gnade, Massa, Gnade! – Herrgott erbarme dich über uns arme Neger!«

Driscoll steckte seine Uhr ein. »Nun gut,« sagte er, »ich will euch hier verkaufen, obwohl ihr es nicht verdient. Von Rechts wegen sollte ich euch den Fluß hinunter schicken.«

Die Schuldigen warfen sich in überschwenglichem Dankgefühl vor ihm auf den Boden, küßten ihm die Füße und versicherten, sie würden seine Güte nun und nimmermehr vergessen und ihr Leben lang für ihn beten. Sie meinten das ganz aufrichtig, denn, hatte er nicht wie ein Gott seine mächtige Hand ausgereckt und die Pforten der Hölle vor ihnen verschlossen? – Er selbst wußte, daß er eine edle, hochherzige That vollbracht hatte und war innerlich stolz auf seine Großmut. Am Abend schrieb er den Vorfall in sein Tagebuch, damit sein Sohn ihn in späteren Jahren lesen könnte und durch sein Beispiel angetrieben würde, ebenfalls Güte und Menschlichkeit walten zu lassen.

Dreizehntes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Am Freitag abend lag Richter Driscoll schon um zehn Uhr im Bett und schlief; beim ersten Morgengrauen aber war er wieder auf und ging mit seinem Freunde Pembroke Howard auf den Fischfang. Die beiden hatten ihre Knabenjahre in Virginien verlebt, als dieser Staat noch der wichtigste in der ganzen Union war, und sie sprachen nie anders als mit stolzer Zärtlichkeit vom ›Alten Virginien‹. Jeder, der dorther stammte, wurde in Missouri als ein höheres Wesen angesehen, zumal, wenn er seine Abkunft von einer der ersten Familien jenes berühmten Freistaates nachweisen konnte. Die Howards und Driscolls gehörten zu diesen Bevorzugten, die sich für den Adel des Landes hielten. Sie gehorchten einem ungeschriebenen Gesetz, das so streng festgehalten und befolgt wurde, wie nur irgend ein Artikel der gedruckten Gesetzessammlung. Jeder Nachkomme dieser vornehmsten Gesellschaft der Südstaaten war ein geborener Edelmann und hatte keine höhere Pflicht im Leben, als das große Erbteil der Väter zu bewahren und seine Ehre lauter und unbefleckt zu erhalten. Dem Standesgesetz mußte er unverbrüchlich Folge leisten; wich er auch nur um Haaresbreite davon ab, so war es aus mit ihm und seinem Ansehen bei den Genossen. Verlangte das Gebot der Ehre Dinge, die mit seiner Religion nicht im Einklang standen, so mußte die Religion schweigen. Die Ehre ging allem anderen vor, weder religiöse noch sonstige Pflichten kamen dagegen in Betracht. Jenes Gesetz bestimmte genau, worin die Ehre des Edelmannes bestand und in welchen Punkten sie sich von dem unterschied, was das kirchliche Bekenntnis, das bürgerliche Gesetz sowie Sitte und Brauch aller niedrigeren Erdenbewohner, in deren Adern kein altvirginisches Blut floß, für den Inbegriff der Ehre erklärt.

Wenn allgemein anerkannt wurde, daß Richter Driscoll der vornehmste Bürger von Dawson war, so galt Pembroke Howard als der zweite dem Range nach. Man nannte ihn gewöhnlich den ›großen Anwalt‹ – diesen Titel hatte er sich wohl verdient. Die beiden Freunde standen im gleichen Alter, sie waren angehende Sechziger.

Daß Driscoll ein Freidenker war und Howard ein strenger, eifriger Presbyterianer, that der Wärme ihrer Gefühle für einander keinen Abbruch. Beide Männer sahen ihre Ueberzeugung als ein persönliches Eigentum an, das sie weder fremdem Lob und Tadel, noch irgend welchen Verbesserungsvorschlägen zu unterbreiten wünschten, und kämen diese selbst von seiten ihrer Freunde.

Nachdem sie den Tag über gefischt hatten, fuhren sie in ihrem Boot den Fluß hinunter. Sie unterhielten sich gerade über Volkswirtschaft und andere hohe Dinge, als ihnen von der Stadt her ein Mann im Kahn entgegengerudert kam und sie folgendermaßen anredete:

»Wissen Sie’s schon, Herr Richter, daß einer von den neuen Zwillingen Ihrem Neffen gestern abend einen Fußtritt gegeben hat?«

»Was – hat er ihm gegeben?«

»Ich sag’s ja – einen Fußtritt.«

Der alte Richter erblaßte, seine Augen begannen zu funkeln: einen Moment war er sprachlos vor Zorn, dann stammelte er: »Nun – und was weiter? Erzählen Sie mir alles.«

Das that der Mann. Als er fertig war, schwieg der Richter einen Augenblick; er sah im Geiste, wie Tom mit Schimpf und Schande über die Rampe flog, dann sagte er, als spräche er laut mit sich selber: »Hm – ich kann es nicht verstehen. Ich lag zu Hause im Schlaf. Er hat mich nicht geweckt. Glaubte vermutlich, er sei Manns genug, seine Sache ohne meine Hilfe zu führen.« – Driscolls Züge erheiterten sich vor stolzer Freude bei dem Gedanken. »Es ist mir lieb,« fuhr er mit wohlgefälligem Behagen fort, »da zeigt sich das echte, alte Blut – was meinst du, Pembroke?«

Howard lächelte in eherner Ruhe und nickte beistimmend mit dem Haupte.

»Aber vor Gericht hat Tom über den Zwilling gesiegt,« nahm der Mann, welcher die Nachricht gebracht hatte, wieder das Wort.

Der Richter sah ihn verwundert an.

»Vor Gericht? – Wie meint Ihr das?«

»Nun, Tom hat gegen ihn eine Anklage wegen thätlicher Beleidigung erhoben. Der Richter Robinson hat die Verhandlung geleitet.«

Der alte Driscoll sank plötzlich in sich zusammen, als hätte ihn der Schlag gerührt. Howard sprang herzu, fing den Ohnmächtigen in seinen Armen auf und bettete ihn sorgfältig auf den Boden des Bootes. Während er ihm Wasser ins Gesicht spritzte, rief er dem Unglücksboten zu:

»Rasch, fahren Sie weiter, damit er Sie nicht mehr hier findet, wenn er zum Bewußtsein kommt. Sie haben schon Schaden genug angerichtet mit Ihren unbesonnenen Reden. Wie konnten Sie nur so rücksichtslos sein und mit der abscheulichen Verleumdung mir nichts, dir nichts herausplatzen!«

»Es thut mir herzlich leid, Herr Howard, ich würde es auch gewiß nicht gesagt haben, wenn ich mir’s recht überlegt hätte. Aber eine Verleumdung ist es nicht, sondern die reinste Wahrheit.«

Er ruderte fort. Bald darauf kam der alte Richter wieder zu sich und sah den Freund, der sich teilnehmend über ihn beugte, mit jammervollen Blicken an.

»Sage, daß es erlogen ist, Pembroke – es kann doch nicht wahr sein!« flüsterte er mit schwacher Stimme.

Die Antwort erfolgte sogleich im kräftigsten Brustton:

»Du mußt doch so gut wie ich wissen, daß es eine Lüge ist, alter Freund. Fließt denn nicht das beste Blut Altvirginiens in seinen Adern?«

»Gott lohne dir’s, daß du so sprichst,« entgegnete der alte Herr voll Innigkeit. »O, Pembroke, es hat mir solchen Stoß gegeben!«

Howard verließ seinen Freund nicht, er brachte ihn heim und ging mit ihm ins Haus. Es war schon dunkel und Zeit zum Abendbrot, aber der Richter dachte nicht an Essen und Trinken. Sein einziger Wunsch war, aus Toms Munde zu hören, daß alles auf Verleumdung beruhe und Howard sollte bei der Erklärung zugegen sein. Tom wurde gerufen und erschien auch sogleich, lahm, zerschlagen und in höchst unglücklicher Verfassung. Sein Onkel hieß ihn sich setzen.

»Man hat uns dein Abenteuer erzählt, Tom,« sagte er, »und uns zum Ueberfluß noch eine hübsche Lüge aufgetischt. Die sollst du mir jetzt gleich zu Schanden machen, daß kein Stäubchen davon übrig bleibt. Welche Maßregeln hast du getroffen? Wie steht deine Sache? Sprich!«

»Sie steht gar nicht mehr,« antwortete der arglose Tom, »es ist alles vorüber. Ich ging mit ihm vor Gericht und klagte. Querkopf Wilson hat ihn verteidigt, es war sein erster Prozeß, den er aber verlor. Robinson hat den elenden Hund wegen thätlicher Beleidigung um fünf Dollars gestraft.«

Howard und der Richter waren gleich bei den ersten Worten aufgesprungen – sie wußten beide nicht warum. Nachdem sie einander eine Weile mit ausdruckslosen Mienen angestarrt hatten, nahm Howard voll stummer Trauer wieder Platz. Des Dichters Zorn aber brach in hellen Flammen aus.

»Du erbärmlicher Wicht, du Hund, du Scheusal!« schrie er. »Das wagst du mir ins Gesicht zu sagen! Ist es möglich, daß ein Glied meiner Familie, ein Mensch, dem unser Blut in den Adern fließt, einen Schlag erhält und aufs Gericht läuft, um den Schimpf zu sühnen? Antworte mir!«

Tom ließ den Kopf hängen, sein Schweigen war die beredteste Antwort. Der Onkel starrte ihn mit einem Ausdruck an, in dem sich Scham und ungläubiges Staunen mischten. Er litt zum Erbarmen; endlich fragte er:

»Welcher von den Zwillingen war es?«

»Graf Luigi.«

»Hast du ihm eine Herausforderung geschickt?«

»N–nein,« stammelte Tom.

»Du wirst es noch diesen Abend thun. Howard wird sie ihm bringen.«

Tom wurde jämmerlich zu Mute, und man sah es ihm an. Er drehte seinen Hut fort und fort in der Hand und der Blick des Onkels verfinsterte sich immer mehr, während Sekunde auf Sekunde verrann.

»O bitte, Onkel, verlange das nicht von mir,« stammelte er endlich in kläglichem Ton. »Er ist ein blutgieriger Teufel – ich wäre außer stande – wirklich – ich fürchte mich vor ihm.«

Dreimal öffnete der alte Driscoll den Mund und schloß ihn wieder, ehe er der Sprache mächtig war, dann donnerte er:

»Ein Feigling in meiner Familie! Ein Driscoll und solche elende Memme! O, was habe ich gethan, um diese Schmach zu verdienen!«

Er wiederholte die Klage fort und fort in herzbrechendem Ton, während er nach seinem Schreibpult in der Ecke wankte. Aus einer der Schubladen nahm er ein Papier heraus und riß es in kleine Stücke, die er achtlos im Zimmer verstreute, während er tiefbekümmert und seufzend hin- und herging. Endlich sagte er:

»Jetzt habe ich es zum zweitenmal zerfetzt und zerrissen – mein Testament. Wieder hast du mich gezwungen, dich zu enterben, du verächtlicher Sohn deines edeln Vaters. Geh‘ mir aus den Augen! Geh‘ – damit ich dir nicht ins Gesicht speie!«

Der junge Mann ließ sich das nicht zum zweiten Mal sagen Nun wandte sich der Richter zu Howard:

»Nicht wahr, du bist mein Sekundant, alter Freund?«

»Natürlich.«

»Da ist Papier und Tinte. Schreibe die Herausforderung, verliere keine Zeit.«

»Der Graf soll sie in Händen haben, ehe eine Viertelstunde um ist,« versetzte Howard.

 

Tom war das Herz zentnerschwer. Der Verlust seines Vermögens und seiner Selbstachtung hatte ihn ganz zu Boden gedrückt. Kummervoll schlich er zur Hinterthür hinaus und wanderte durch die Dunkelheit. Er überlegte, ob es ihm wohl möglich sein würde, des Onkels Gunst zurück zu gewinnen, wenn er von nun an seinen Lebenswandel aufs sorgfältigste überwachte und besserte. Sollte er den Onkel nicht bewegen können, das Testament, in dem er ihn so freigebig bedacht hatte, und das eben vor seinen Augen vernichtet worden war, noch einmal aufzusetzen? – Warum denn nicht? Er hatte ja diesen Triumph schon einmal erlebt, und was ihm damals gelungen war, konnte auch wieder glücken. Auf der Stelle wollte er sich ans Werk machen und seine ganze Thatkraft einsetzen, bis er den Sieg abermals davontrug. Mochte seine Bequemlichkeit auch noch so sehr darunter leiden und er sein leichtsinniges und ungebundenes Leben zeitweilig aufgeben müssen – sein Entschluß war gefaßt. »Zuerst,« nahm er sich vor, »will ich mit meiner Beute von neulich alle Schulden bezahlen, und dann muß ich dem Glücksspiel entsagen und zwar ohne weiteres. Es ist mein schlimmstes Laster, wenigstens in meinen Augen, weil es am leichtesten ans Licht kommt, wenn die Gläubiger ungeduldig werden. Dem Alten war es damals zu viel, zweihundert Dollars für mich an sie auszuzahlen. Zuviel – lächerlich! Mich hat es sein ganzes Vermögen gekostet. Aber gewisse Leute sehen alles immer nur von ihrem Standpunkt aus. Wüßte er, wie tief ich jetzt in Schulden stecke, das Testament wäre zum Kuckuck gegangen, ohne daß erst noch ein Duell dabei zu helfen brauchte. Dreihundert Dollars! Was für ein Haufen Geld! Aber zum Glück braucht er nie etwas davon zu erfahren. Sobald es bezahlt ist, bin ich frei – und dann rühre ich keine Karte wieder an. Wenigstens nicht so lange er lebt, darauf will ich schwören. Ich weiß, dies ist meine letzte Gelegenheit mich zu bessern – doch ich setze es durch. Käme ich hernach noch einmal zu Falle, so wäre ich verloren.«

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

In trübselige Selbstbetrachtung versunken, schlich Tom durch den Heckenweg an Querkopf Wilsons Haus vorbei und weiter, zwischen Zäunen und unbebautem Land, bis zum Gespensterhaus. Dort kehrte er unter vielen Seufzern und mit kummerschwerem Gemüt wieder um. Er sehnte sich nach fröhlicher Gesellschaft. Sollte er zu Rowena gehen? Das Herz hüpfte ihm im Leibe bei dem Gedanken, aber gleich darauf verging ihm die Lust, denn er fürchtete, den verhaßten Zwillingen zu begegnen.

Als er sich jetzt der bewohnten Seite von Wilsons Hause näherte, bemerkte er, daß drinnen im Zimmer Licht brannte. Das war doch ein Hoffnungsstrahl. Andere Leute ließen es ihn bisweilen fühlen, daß er nicht willkommen sei, aber Wilson behandelte ihn immer rücksichtsvoll. Bei einem höflich verbindlichen Empfang ist man wenigstens vor Kränkung sicher, selbst wenn die Begrüßung nicht gerade herzlich klingt.

Gleich darauf vernahm Wilson Fußtritte vor seiner Schwelle und ein starkes Räuspern. »Das wird wohl der unbesonnene junge Thor sein,« dachte er; »der arme Kerl, er findet heute gewiß wenig Ansprache, nachdem er die Dummheit begangen hat, einen Fall thätlicher Beleidigung vor Gericht zu bringen.«

Es ward schüchtern angeklopft. »Herein!«

Tom trat ins Zimmer und sank ohne ein Wort zu sagen auf den nächsten Stuhl.

»Du siehst ja ganz verzweifelt aus, mein Junge,« redete ihn Wilson freundlich an. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, versuche den Fußtritt zu vergessen.«

»O jemine! das ist es nicht, David,« rief Tom in kläglichem Ton, »sondern ganz etwas anderes. Viel tausendmal schlimmer – ja millionenmal schlimmer als das – du kannst mir’s glauben.«

»Nicht möglich, Tom! Hat etwa Rowena –«

»Mir den Laufpaß gegeben? Nein – aber der Alte ist wütend.«

»Aha,« dachte Wilson, dem das geheimnisvolle Mädchen im Schlafzimmer wieder einfiel, »man wird wohl bei Driscolls hinter seine Schliche gekommen sein!« Dann fuhr er laut mit ernster Miene fort:

»Ich gestehe, daß es Ausschweifungen giebt –«

»Ach was – von Ausschweifungen ist keine Rede. Er verlangte, daß ich mich mit dem verdammten Italiener schlagen sollte und ich weigerte mich.«

»Natürlich mußte er die Sache so ansehen,« sagte Wilson bedächtig; »ich verstehe nur nicht, warum er nicht gleich gestern abend für das Nötige gesorgt hat, und wie er zugeben konnte, daß du einen solchen Fall vor Gericht brachtest, gleichviel ob vor oder nach dem Duell. Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Wie ist es nur zugegangen?«

»Ganz einfach – er hat keine Silbe davon gewußt. Als ich gestern abend nach Hause kam, schlief er schon.«

»Und du hast ihn nicht aufgeweckt? – Wie unrecht war das!«

Also, selbst hier fand Tom nur schlechten Trost. Er rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Ich konnte es nicht über mich bringen, es ihm zu sagen. Er ging bei Tagesanbruch mit Pembroke Howard auf den Fischfang, und ich dachte, man würde die Zwillinge ins Loch stecken. Daß sie für solche Niederträchtigkeit mit einer lumpigen Geldstrafe fortkämen, hätte ich mir nicht träumen lassen. Warf man sie aber ins Stadtgefängnis, so waren sie entehrt, und ein Duell mit solchen Leuten würde Onkel weder von mir gefordert noch überhaupt gestattet haben.«

»Wahrhaftig, Tom, ich muß mich in deiner Seele schämen! Wie hast du nur so gegen deinen guten alten Onkel handeln können? Da meine ich’s doch weit besser mit ihm als du. Wäre ich über alle Umstände unterrichtet gewesen, so würde ich dafür gesorgt haben, daß die Sache nicht vor Gericht kam, bis ich sie ihm gemeldet hatte, damit er standesgemäß verfahren konnte.«

»Ist das dein Ernst?« rief Tom mit lebhafter Ueberraschung. »Und es war doch dein erster Rechtsfall; auch weißt du sehr wohl, daß Onkel überhaupt nicht vor Gericht gegangen wäre. Dann hättest du noch lange auf einen Prozeß warten können. Und trotzdem hättest du das wirklich gethan?«

»Ganz gewiß.«

Tom sah ihn eine Weile an, dann schüttelte er mitleidig den Kopf.

»Meiner Treu, du wärst es imstande gewesen. Querkopf Wilson, ich glaube wahrhaftig, du bist der thörichtste Mensch, der mir je vorgekommen ist.«

»Sehr verbunden.«

»Keine Ursache.«

»Also, dein Onkel hat verlangt, du sollst dich mit dem Italiener schlagen und du willst nicht! Du entarteter Sprößling eines ehrenwerten Stammes, schämst du dich denn gar nicht?«

»O, das ist mir alles ganz einerlei, nun das Testament zerrissen ist.«

»Sage mir die Wahrheit, Tom – hat Herr Driscoll sonst keinen Grund zur Unzufriedenheit mit dir, als daß du aufs Gericht gegangen bist und dich nicht schlagen willst?«

Bei dieser Frage beobachtete Wilson den jungen Menschen genau, aber Tom verzog keine Miene und entgegnete gelassen:

»Nein, er hat keine andere Klage gegen mich, sonst wäre er gestern damit herausgerückt, denn er war in nichtswürdiger Laune. Er hatte die beiden Hansnarren in der Stadt herumkutschiert, um ihnen alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen, und als er nach Hause kam, konnte er seines Vaters alte, silberne Uhr nicht finden, die immer nachgeht und auf die er so große Stücke hält. Er hatte sie zuletzt vor drei oder vier Tagen in der Hand gehabt und wußte nicht, wo sie hingeraten sein könne. Als ich dazu kam, war er schon in großer Aufregung und wurde ganz wütend über meine Aeußerung, daß sie wahrscheinlich nicht verlegt, sondern gestohlen wäre. Er nannte mich einen Dummkopf, was mir ein Beweis war, daß er selbst schon an die Möglichkeit gedacht hatte, aber es sich nicht eingestehen wollte, weil bei verlorenen Sachen eher eine Wahrscheinlichkeit ist, daß sie sich wiederfinden, als bei gestohlenen.«

Wilson pfiff vor sich hin. »Da kommt also noch einer auf die Liste.«

»Noch einer – was für einer?«

»Noch ein Diebstahl.«

»Ein Diebstahl?«

»Jawohl. Die Uhr ist nicht verloren, sie ist gestohlen. In der Stadt ist wieder ein förmlicher Raubzug gehalten worden, ganz auf dieselbe geheimnisvolle Art, wie schon früher einmal.«

»Unmöglich!«

»Es steht felsenfest. Hast du selbst gar nichts vermißt?«

»Nein. Das heißt, ich konnte meinen silbernen Bleistifthalter nicht finden, den ich von Tante Pratt zum letzten Geburtstag geschenkt bekam –«

»Der ist gewiß gestohlen, du sollst es sehen.«

»Bewahre! Als mein Onkel so böse wurde, weil ich sagte, die Uhr wäre gestohlen, ging ich in mein Zimmer hinauf und sah nach meinen Sachen. Da fehlte mir der Bleistifthalter, aber ich hatte ihn nur verlegt und fand ihn wieder.«

»Und sonst vermissest du wirklich nichts?«

»Wenigstens nichts von Belang. Ein einfacher Goldring, der etwa drei Dollars wert ist, war mir verschwunden, aber er wird gewiß bald zum Vorschein kommen, wenn ich noch einmal nachsehe.«

»Ich bin überzeugt, daß du ihn nicht wiederfindest. Der Dieb hat ihn gestohlen. – Herein!«

Der Friedensrichter Robinson, Buckstone und Jim Blake, der städtische Polizeibeamte, traten ins Zimmer. Nachdem sie Platz genommen hatten, drehte sich die Unterhaltung eine Zeitlang zweck- und ziellos um das Wetter und ähnliches, bis Wilson sagte:

»Denken Sie sich, die Liste der Diebstähle, die in unserer Stadt begangen worden sind, hat sich abermals um zwei vermehrt. Herrn Driscolls alte silberne Uhr ist verschwunden, und Tom sagt mir eben, daß er einen goldenen Ring vermißt.«

»Es ist eine abscheuliche Geschichte,« meinte Robinson, »die mit jedem Tage schlimmer wird. Bei den Hankses, den Dobsons, den Pelligrews, den Ortons, den Grangers, den Hales, den Füllers, den Holcombs, kurz, bei sämtlichen Leuten, die in Patsy Coopers Nachbarschaft wohnen, ist allerlei entwendet worden. Theelöffel, Schmuckgegenstände und sonstige Wertsachen, die sich leicht mitnehmen lassen. Es liegt auf der Hand, daß der Dieb die Gelegenheit benützt hat, um die unbewachten Häuser zu plündern, als alle Welt bei dem Empfang war, und die Neger am Zaun herumlungerten, weil sie auch etwas zu sehen bekommen wollten. Patsy ist ganz trostlos darüber, um der Nachbarn willen und besonders auch wegen ihrer fremden Mieter. Vor Kummer über den Schaden der andern findet sie kaum Zeit, ihre eigenen Verluste zu beklagen.«

»Wir haben es ohne Zweifel noch immer mit dem alten Dieb von neulich zu thun,« sagte Wilson.

»Konstabler Blake ist anderer Meinung.«

»Und ich habe recht,« sagte Blake. »Bei den früheren Malen war es ein Mann; das weiß die Polizei aus sicheren Anzeichen, obgleich sie seiner nicht habhaft geworden ist, aber diesmal ist’s eine Frau.«

Wilson mußte sogleich wieder an das geheimnisvolle Mädchen denken, das ihm fortwährend im Sinne lag; es war jedoch von einer andern Person die Rede.

»Jawohl,« fuhr Blake fort, »eine alte Frau mit krummem Rücken und einem Deckelkorb am Arm. Sie ist ganz schwarz gekleidet und hat einen dichten Schleier vorgebunden. Gestern sah ich sie in das Fährboot steigen; sie wird wohl in Illinois zu Hause sein. Mag sie aber wohnen, wo sie will, ich werde sie schon ausfindig machen, davor ist mir nicht bange.«

»Wie kommen Sie denn darauf, sie für die Diebin zu halten?«

»Nun, erstens habe ich sonst niemand im Verdacht und zweitens hat mir ein Karrenmann, ein Neger, der gerade des Weges fuhr, gesagt, er hätte sie in verschiedene Häuser hineingehen sehen, und in jedem von diesen Häusern war gestohlen worden.«

Gegen diese schlagenden Beweise fand niemand etwas einzuwenden. Alle schwiegen eine Weile nachdenklich, dann sagte Wilson:

»Ein Gutes ist doch dabei. Den kostbaren indischen Dolch des Grafen Luigi kann die Diebin weder verkaufen noch versetzen.«

»Du meine Güte,« rief Tom, »ist der auch gestohlen?«

»Jawohl.«

»Das nenne ich einen guten Fang! Aber weshalb kann sie das Messer weder verkaufen noch versetzen?«

»Weil die Zwillinge ihren Verlust überall den Pfandleihen: und der Polizei angezeigt haben. Als sie gestern abend von der Versammlung der ›Freiheitssöhne‹ zurückkamen, waren inzwischen eine Menge Diebereien ruchbar geworden und Tante Patsy war außer sich vor Sorge, es möchte ihnen auch etwas abhanden gekommen sein. Sie entdeckten auch gleich, daß das Dolchmesser verschwunden war. Der Fang war wohl gut, aber der alten Frau kann er wenig nützen, weil man sie ohne Frage festnehmen wird.«

»Ist denn eine Belohnung ausgesetzt worden?« fragte Buckstone.

»Ja, fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und außerdem noch fünfhundert für Einbringung des Diebes.«

»Was für eine dumme Idee,« rief der Konstabler. »Der Dieb wird sich wohl hüten, jemand mit dem Dolch zu schicken oder ihn selbst zurückzubringen, um sich erwischen zu lassen. Und welcher Pfandleiher würde sich wohl nicht die Gelegenheit zu nutze machen – –«

Niemand beobachtete Tom in diesem Augenblick, sonst hätte die aschgraue Farbe seines Gesichts jedem auffallen müssen. »Ich bin verloren,« dachte er verzweiflungsvoll. »Wie soll ich meine Schulden bezahlen? Für meine übrige Beute bekomme ich kaum die Hälfte der Summe. Ich weiß weder aus noch ein – ich bin rettungslos zu Grunde gerichtet und zwar auf immer. Was fange ich nur an?«

»Urteilen Sie nur nicht zu schnell,« sagte Wilson zu Blake. »Ich habe selbst gestern um Mitternacht einen Plan für die Zwillinge ersonnen; um zwei Uhr morgens war er fix und fertig. Die Eigentümer werden ihr Dolchmesser zurückbekommen, und dann sollen Sie, Herr Blake, auch erfahren, wie wir es bewerkstelligt haben.«

Diese Aeußerung erregte große Neugier.

»Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter, Wilson!« sagte Buckstone. »Ich gestehe, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie uns im Vertrauen mitteilen wollten – –«

»Das würde ich gern thun, hätte ich nicht mit den Zwillingen verabredet, daß wir den Plan geheim halten wollen. Aber, verlassen Sie sich darauf, es wird nicht drei Tage dauern, bis sich jemand um die Belohnung bewirbt. Dann sollen Sie sowohl den Dieb als das Messer zu sehen bekommen.«

Dem Konstabler ging die Sache sehr im Kopfe herum. »Wir wollen’s hoffen,« sagte er enttäuscht; »möglich wäre es ja am Ende. Aber, wie Sie’s anstellen wollen, weiß ich wirklich nicht, das geht über mein Verständnis.«

Etwas weiteres schien nun niemand mehr über den Gegenstand sagen zu wollen. Das Gesprächsthema war erschöpft. Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, kündigte der Friedensrichter dem erstaunten Wilson an, daß er sowohl wie Buckstone und der Konstabler, Bevollmächtigte der demokratischen Partei seien und gekommen wären, um ihn zu bitten, bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl als Kandidat aufzutreten. Noch nie zuvor war Wilson überhaupt von irgend welcher Partei einer Aufmerksamkeit gewürdigt worden; so betrachtete er denn den gegenwärtigen Antrag als einen Schritt vorwärts, als eine Anerkennung seines ersten öffentlichen Auftretens und war hoch erfreut, daß er sich endlich an den städtischen Arbeiten und Angelegenheiten beteiligen sollte. Er nahm die Kandidatur mit Dank an: die Abgesandten entfernten sich wieder, und Tom Driscoll folgte ihnen.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Tom warf sich wieder auf das Sofa und preßte die Hände an seine pochenden Schläfen. Die Ellbogen auf das Knie gestützt, wiegte er sich laut stöhnend hin und her.

»Ich habe vor einer erbärmlichen Negerin gekniet,« murmelte er mit verbissener Wut. »Schon vorher glaubte ich den äußersten Grad von Erniedrigung erreicht zu haben – aber das war nichts im Vergleich. Nun – eine Gewißheit bleibt mir wenigstens – es ist freilich nur ein leidiger Trost – tiefer kann ich nicht noch fallen, eine größere Schmach giebt es nicht.«

Doch das war eine voreilige Behauptung.

Als er um zehn Uhr an jenem Abend die Leiter im Gespensterhaus erklomm, sah er bleich und schwach aus, und ihm war elend zu Mute. Roxy hatte ihn kommen hören; sie stand an der Stubenthür und wartete auf ihn.

Das zweistöckige Blockhaus lag unbenutzt da, seit vor einigen Jahren das Gerücht entstanden war, es sei darin nicht geheuer. Niemand wollte mehr dort wohnen, bei Nacht vermied man die Gegend ängstlich, auch am hellen Tage machten die meisten Leute lieber einen weiten Bogen, um nicht in die Nähe des gefürchteten Gespensterhauses zu kommen. Mit der Zeit war es in Verfall geraten und drohte einzustürzen, da man keinerlei Ausbesserung vornahm; es stand etwa dreihundert Meter von Querkopf Wilsons Haus entfernt, als letztes Gebäude nach dieser Seite hin, dazwischen war nichts als unbebautes Land.

Tom folgte Roxy in die Stube hinein. In einer Ecke lag eine Schütte reines Stroh, auf dem sie schlief; ihre ärmlichen, aber sauber gehaltenen Kleidungsstücke hingen an der Wand, eine Blechlaterne warf hier und da kleine Lichtflecke auf den Boden, einige alte leere Kisten, die verstreut umherstanden, ersetzten die Stühle. Nachdem sie beide Platz genommen hatten, begann Roxy:

»Ich mach‘ kein langes Federlesen und komm‘ jetzt gleich zur Sache; vom Geld reden wir nachher – ich hab’s nicht eilig. Was glaubst du wohl, daß ich dir sagen will?«

»Nun du – du – o Roxy, mache mir’s doch nicht so schwer. Schieß los und sage, daß du irgendwie dahinter gekommen bist, in welche Klemme ich mich gebracht habe durch thörichten Leichtsinn und Ausschweifung.«

»Leichtsinn – Ausschweifung – i bewahre! Das ist rein gar nichts im Vergleich zu dem, was ich weiß.«

Tom starrte sie mit offenem Munde an: »Aber Roxy, was soll denn das heißen?«

Sie stand auf und blickte düster und erbarmungslos, wie das Schicksal selbst, auf ihn herab.

»Ich will dir’s sagen – und ’s ist die lauterste Wahrheit. Du bist so wenig mit dem alten Massa Driscoll verwandt wie ich selbst – daß du’s nur weißt.« Ihr Auge flammte auf in wildem Triumph.

»Was!«

»Jawohl – und damit ist’s noch nicht genug. Du bist ein Nigger – als Sklave geboren und nichts anderes als ein Nigger und Sklave bis zu dieser Stunde. Wenn ich den Mund aufthu‘, verkauft dich der alte Massa Driscoll nach dem Süden, flußabwärts, bevor noch zwei Tage um sind.«

»Was faselst du da, du erbärmliche alte Hexe, es ist eine verdammte Lüge!«

»Die reine Gotteswahrheit ist’s – meiner Seel‘, ich lüge nicht. Glaub‘ mir’s nur – du bist mein Sohn

»Du Teufelsweib!«

»Und der arme Junge, den du heut‘ gestoßen und geschlagen hast, der ist Percy Driscolls Sohn und dein Herr!«

»Du Ungeheuer!«

»Sein Name ist Tom Driscoll und du heißt Valet de Schamber, ’nen Familiennamen hast du nicht, weil den kein Neger hat!«

Tom sprang auf, griff nach einem Holzscheit und hob es drohend empor, aber seine Mutter lachte nur höhnisch.

»Setz‘ dich hin, du Gelbschnabel,« sagte sie. »Glaubst du, ich fürcht‘ mich vor dir und deinesgleichen? Wenn du könntest, jagtest du mir ’ne Kugel in’n Rücken – das säh‘ dir ganz gleich – ich kenn‘ dich durch und durch. Bring‘ mich nur um – dir nützt’s doch nichts – alles ist aufgeschrieben und in sichern Händen. Der Mann, der’s in Verwahrung hat, weiß auch, wer der Rechte ist, an den er sich halten muß, wenn mir ein Leids geschieht. – Du meine Güte, denkst du denn, deine Mutter ist ebenso erzdumm wie du? Das bilde dir nur nicht ein. Jetzt setz‘ dich dorthin, betrag‘ dich anständig und steh‘ nicht eher wieder auf, bis ich dir’s sage!«

Tom war wie rasend vor ohnmächtiger Wut. Eine Weile tobte er noch und stürmte im Zimmer umher, endlich schien er zu einem festen Entschluß zu kommen.

»Es ist alles nur Unsinn und Faselei,« sagte er so bestimmt er konnte. »Gehe nur hin und versuche es, mich zu verderben; ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen.«

Ohne ein Wort der Erwiderung nahm Roxy die Laterne vom Nagel und schritt nach der Thür. Der kalte Angstschweiß trat Tom auf die Stirne.

»Komm wieder, Roxy, komm wieder!« jammerte er. »Es war nicht mein Ernst, ich will es nie mehr sagen, ich nehme alles zurück? Sei nur gut, Roxy, und bleibe hier.«

Das Weib stand einen Augenblick still und befahl dann in strengem Ton:

»Eins muß jetzt ganz aufhören, Valet de Schamber. Du darfst mich nicht mehr Roxy nennen, als wärest du meinesgleichen. So reden Kinder nicht mit der Mutter. Du sagst Ma oder Mammy zu mir, wie sich’s gehört – wenigstens wenn niemand dabei ist. – Sag’s!«

Mühsam brachte Tom das Wort heraus.

»So ist’s recht. Vergiß das nicht wieder, sonst soll dir’s übel bekommen. Also – du hast eben versprochen, du wirst es nie mehr Lüge und Unsinn nennen? Nun gut – ich warne dich: hör‘ ich’s noch einmal aus deinem Munde, so hast du’s zum letztenmal gesagt. Auf der Stelle geh‘ ich dann zum Richter Driscoll, sag‘ ihm, wer du bist und geb‘ ihm die Beweise. Glaubst du mir das alles, Schamber?«

»O,« stöhnte Tom, »ja, ich glaube es – ich weiß es nur zu gut!«

Roxys Triumph war vollständig, das stand außer Frage. Zwar hätte sie ihre Behauptung keinem Menschen gegenüber beweisen können, und die schriftliche Aufzeichnung war ganz erlogen, aber sie wußte, mit wem sie es zu thun hatte und der Erfolg entsprach vollkommen ihrer Erwartung.

Im Bewußtsein ihres herrlichen Sieges nahm sie mit stolzer Haltung wieder auf der alten Kiste Platz, als wäre es ein Thron.

»Nun also, Schamber, – reden wir jetzt von Geschäften; mit der Narretei ist’s aus. Du kriegst fünfzig Dollars monatlich – davon zahlst du die Hälfte deiner alten Mammy. Heraus damit!«

Aber Tom hatte auf der Gotteswelt nichts als sechs Dollars. Die gab er ihr und versprach, vom neuen Monat an ihre Forderung zu erfüllen.

»Wie groß sind deine Schulden, Schamber?«

»Fast dreihundert Dollars,« sagte Tom schaudernd.

»Wie denkst du sie zu bezahlen?«

Tom stöhnte laut. »Das weiß ich nicht; was fragst du mich nach so schrecklichen Dingen?«

Aber sie ließ sich nicht abweisen und trieb ihn immer mehr in die Enge, bis er sich zu einem Geständnis bequemte. Vor vierzehn Tagen, während alle Welt glaubte, er sei in St. Louis, hatte er einen förmlichen Raubzug gegen seine Mitbürger unternommen. Er war verkleidet umhergeschlichen und hatte allerlei Wertsachen aus Privathäusern entwendet. Die Beute, welche er fortschickte, genügte aber noch nicht, um soviel Geld dafür zu lösen, als er brauchte, und doch getraute er sich, bei der Aufregung, die in der Stadt herrschte, jetzt nicht, das Wagnis zu wiederholen.

Seine Mutter billigte das Unternehmen und bot ihm ihre Hilfe an, allein das erschreckte ihn nur. Mit ängstlichem Stammeln brachte er endlich die Bitte vor, sie möge die Stadt verlassen. Er würde sich dann wohler und sicherer fühlen und den Kopf höher halten können. Zu seiner freudigen Ueberraschung unterbrach sie ihn, als er noch weitere Gründe anführen wollte, und erklärte sich mit diesem Vorschlag ganz einverstanden. Sie sagte, es wäre ihr einerlei, wo sie wohnte, wenn sie nur das Kostgeld regelmäßig ausgezahlt erhielte; doch werde sie nicht weit fortgehen, und einmal im Monat nach dem Gespensterhaus kommen, um ihr Geld in Empfang zu nehmen.

»Seit vielen langen Jahren hab‘ ich dich verabscheut, aber jetzt hass‘ ich dich nicht mehr so arg,« sagte sie. »Alles hatt‘ ich für dich gethan – dich ausgetauscht, dir ’ne gute Familie und ’nen vornehmen Namen gegeben, dich zu ’nem reichen, weißen Herrn gemacht, der seine Kleider im Laden kauft – und was war mein Dank? – Verachtet hast du mich immerzu, mich vor den Leuten gescholten und geschmäht, mich fort und fort dran erinnert, daß ich ’ne Negerin bin – und – und –«

Sie brach in Schluchzen aus und konnte nicht weiter reden.

»Aber,« sagte Tom, »ich wußte doch nicht, daß du meine Mutter bist, und übrigens – –«

»Sei nur still davon, man kann’s nicht mehr ändern, ich will’s vergessen. Doch, gieb acht, daß du mich nie mehr daran erinnerst,« fügte sie drohend hinzu, »sonst geht dir’s schlecht.«

Als sie sich trennten, sagte Tom noch im süßesten Ton, der ihm zu Gebote stand: »Mammy, hättest du vielleicht nichts dagegen, mir zu sagen, wer mein Vater war?«

Wenn er geglaubt hatte, die Frage würde sie in Verlegenheit setzen, so irrte er sich gewaltig. Roxy richtete sich stolz empor.

»Ich soll was dagegen haben?« erwiderte sie. »Nein, ganz und garnichts. Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen, das sag‘ ich dir. Er gehörte zu den vornehmsten Leuten der ganzen Stadt, zu den besten Familien von altvirginischer Herkunft. Das Geschlecht ist allerwege so gut wie die Driscolls und Howards.« Sie warf sich noch mehr in die Brust und fuhr mit Nachdruck fort: »Kannst du dich noch auf Oberst Cecil Burleigh Essex besinnen, der im selben Jahr starb, wie der Pappy von deinem jungen Herrn Tom Driscoll? Alle hohen Beamten, Freimaurer und Aeltesten der Kirchen kamen und folgten ihm zu Grabe; so ’ne schöne Leiche hat die Stadt noch nie zu sehen bekommen. – Das war der Mann.«

Sie sprach mit so hohem Selbstgefühl und war so begeistert von der Erinnerung, daß ihr ganzer Jugendreiz auf einmal zurückkehrte und ihre Haltung eine stattliche Würde annahm, die man fast königlich hätte nennen können, wäre die Umgebung nur ein wenig besser damit im Einklang gewesen.

»Kein anderer Neger hier am Ort ist so hochgeboren wie du. Nun geh‘ deiner Wege und trag‘ den Kopf so hoch wie du willst – du hast das Recht dazu, verlaß dich drauf.«