Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Höchst ungern ging die Gesellschaft endlich auseinander, um sich wieder nach Hause zu begeben. Unterwegs waren alle Zungen geschäftig und man kam allgemein zu dem Schluß, daß so etwas in Dawson noch nicht dagewesen sei und sobald nicht wiederkehren werde. Im Laufe des Vormittags hatten die Zwillinge verschiedene Einladungen angenommen, auch bereitwillig zugesagt, daß sie bei einer geselligen Vereinigung zu wohlthätigen Zwecken einige Musikstücke vortragen wollten.

Von allen Seiten war man eifrig bemüht, sie mit offenen Armen zu empfangen, dem Richter Driscoll aber war das Glück am günstigsten, denn er durfte sie sogleich zu einer Spazierfahrt mitnehmen, um sie vor aller Welt sehen zu lassen. Sie stiegen zu ihm in seinen Einspänner, und während der Wagen die Hauptstraße hinunterrollte, liefen alle Schaulustigen an die Fenster und drängten sich auf dem Bürgersteig.

Driscoll zeigte den Fremden den neuen Friedhof und das Gefängnis, das Haus, wo der reichste Mann des Ortes wohnte, die Freimaurerloge, die Kapelle der Methodisten, die Kirche der Presbyterianer, und die Stelle, wo die Baptisten ihr Gotteshaus bauen wollten, sobald sie Geld genug beisammen hätten. Am Rathaus und am Schlachthaus fuhren sie vorbei, auch ließ der Richter ihnen zu Ehren die freiwillige Feuerwehr in Uniform aufziehen und ihre Spritzen probieren; die Gewehre der Bürgermiliz mußten die Zwillinge gleichfalls in Augenschein nehmen. Bei allen diesen Schaustellungen erging der Richter sich nach Herzenslust in begeisterten Reden, auch schien er ganz zufrieden mit dem Eindruck, den die Sehenswürdigkeiten auf die Fremdlinge machten, denn diese staunten über seine Bewunderung und stimmten ein, so gut sie konnten. Das wäre ihnen freilich leichter geworden, wenn sie nicht schon in verschiedenen andern Ländern fünfzehn- oder sechzehntausend Mal ganz ähnliche Dinge gesehen und erlebt hätten, so daß diese für sie nicht mehr den Reiz der Neuheit besaßen.

Jedenfalls that Driscoll sein Möglichstes zur Unterhaltung der Brüder, und wenn sie irgend einen Mangel empfanden, so lag die Schuld nicht an ihm. Er erzählte ihnen eine Menge lustiger Anekdoten und vergaß jedesmal den Hauptwitz dabei, doch den konnten sie ohne Mühe ergänzen, weil sie die meist sehr abgedroschenen Späße von Zeit zu Zeit immer wieder aufgetischt bekamen und zur Genüge kannten. Auch teilte er ihnen alle seine Titel und Würden mit und berichtete, was für ehrenvolle und einträgliche Stellen er früher bekleidet habe, als er noch Regierungsbeamter war; jetzt aber sei er Präsident des Klubs der Freidenker. Diese Gesellschaft habe man erst vor vier Jahren gegründet, doch zähle sie bereits zwei Mitglieder und ihr Bestand sei gesichert. Wenn die Zwillinge etwa Lust hätten, einer Versammlung beizuwohnen, würde er sie gegen Abend dazu abholen.

Das that er denn auch, und unterwegs erzählte er ihnen mancherlei über Querkopf Wilson, um sie zu seinen Gunsten zu stimmen, damit sie ihm freundlich entgegenkämen. Er erreichte diese Absicht vollkommen. Gleich der erste Eindruck, den Wilson auf die Brüder machte, war sehr vorteilhaft; noch höher stieg er aber in ihrer Achtung, als er vorschlug, man solle diesmal, aus Höflichkeit gegen die Fremden, die gewöhnlichen Beratungsgegenstände beiseite lassen und sich nur einer allgemeinen Unterhaltung widmen, die geeignet sei, freundschaftliche Beziehungen und ein gutes Einvernehmen unter ihnen zu fördern. Dieser Antrag wurde, nach erfolgter Abstimmung, zum Beschluß erhoben.

Die Stunde verging rasch unter lebhaftem Gespräch, und als die Zeit um war, hatte der bisher so vereinsamte und zurückgesetzte Wilson zwei gute Freunde gewonnen. Er bat die Zwillinge, ihn zu besuchen, sobald sie von der Gesellschaft loskommen könnten, zu der sie eingeladen waren, und sie versprachen es ihm mit Vergnügen.

Es war noch nicht spät am Abend, als sie sich nach seiner Wohnung auf den Weg machten. Wilson erwartete sie daheim und benützte die Zwischenzeit, um sich den Kopf über eine Angelegenheit zu zerbrechen, die an jenem Morgen seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Er war ungewöhnlich früh aufgestanden – schon bei Tagesanbruch – um etwas aus einer Stube jenseits des Ganges zu holen, der sein Haus in zwei Hälften teilte. Jene Stube war lange unbewohnt gewesen, sie hatte keine Vorhänge, und dort erblickte er durch das Fenster etwas, das ihm sehr auffällig war – nämlich eine junge Dame, welche sich an einem Orte befand, wo sie gar nicht hingehörte. Sie war im Hause des Richters Driscoll in dem Raume, der über dessen Wohn- und Studierzimmer lag, und wo, soviel Wilson wußte, Tom Driscoll seine Schlafstube hatte. Tom, der Richter, die verwitwete Frau Pratt und drei Dienstleute bildeten allein die Bewohner des Hauses. Was hatte also das Fräulein dort zu suchen, und wer konnte es sein?

Die beiden Gebäude waren nur durch den Hof von einander getrennt, den ein niedriger Zaun seiner ganzen Länge nach, von der vorderen Straße bis zu dem Hintergäßchen durchschnitt. Die Entfernung war nicht groß, und Wilson konnte das Mädchen deutlich sehen, weil in Toms Zimmer sowohl der Laden als das Fenster offen standen. Die Unbekannte trug ein sauberes, rosa und weiß gestreiftes Sommerkleid und einen rosa Schleier auf dem Hut; sie war eifrig beschäftigt, sich vor dem Spiegel allerlei Tanzschritte, Gangarten und Stellungen einzuüben. Das that sie mit ziemlicher Anmut und widmete der Sache ihre ganze Aufmerksamkeit. Wer konnte sie nur sein, und wie kam sie dort drüben ins Schlafzimmer? – Wilson hatte sich rasch so gestellt, daß er das Fräulein beobachten konnte, ohne Gefahr zu laufen, von ihr gesehen zu werden; er wartete lange in der Hoffnung, daß sie den Schleier lüften und ihm ihr Gesicht zeigen werde. Aber das war umsonst; nach etwa zwanzig Minuten verschwand sie plötzlich und kam nicht mehr zum Vorschein, obwohl er während einer halben Stunde seinen Platz behauptete.

Um die Mittagszeit sprach er im Hause des Richters vor und unterhielt sich mit Frau Pratt über das große Tagesereignis: die feierliche Vorstellung der beiden vornehmen Fremden bei Tante Patsy Cooper. Er erkundigte sich auch nach ihrem Neffen Tom, worauf sie sagte, er sei auf der Heimreise, sie erwarte ihn noch vor der Nacht zurück. Zugleich teilte sie ihm mit, wie sehr sie und der Richter sich gefreut hätten, aus Toms Briefen zu sehen, daß er sich eines höchst geordneten, anständigen Lebenswandels befleißige. Darüber hatte nun Wilson freilich im stillen seine eigenen Gedanken. Er mochte nicht geradezu fragen, ob bei ihnen Besuch im Hause wäre, aber er brauchte allerlei Wendungen, welche Frau Pratt Gelegenheit gegeben hätten, ihm ein Licht aufzustecken. Sie that das jedoch nicht, und so nahm er denn die Ueberzeugung mit fort, daß in ihrer Familie Dinge vor sich gingen, die er wisse, und von denen sie keine Ahnung habe.

Jetzt wartete er auf die Zwillinge und grübelte über das Rätsel nach, wer das Frauenzimmer sein könne und wie es am frühen Morgen in die Stube des jungen Driscoll geraten sei?

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Es wird jetzt Zeit, daß wir uns danach umsehen, was inzwischen aus Roxy geworden ist.

Als sie freigelassen wurde und fortging, um sich eine Stelle zu suchen, war sie fünfunddreißig Jahre alt. Sie fand einen guten Platz als zweites Stubenmädchen auf dem ›Großmogul‹, einem Dampfboot, das zwischen Cincinnati und New Orleans Handel trieb. Nachdem sie die Fahrt ein paarmal gemacht hatte, war sie mit allen ihren Obliegenheiten genau vertraut und ganz entzückt von dem regen Leben und Treiben auf dem Dampfer und der Unabhängigkeit, die sie genoß. Bald darauf wurde sie zum ersten Stubenmädchen befördert, machte sich sehr beliebt bei den Offizieren und war stolz darauf, daß sie ihr so freundlich begegneten und Spaß mit ihr trieben.

Acht Jahre lang hatte sie während neun Monaten stets auf dem ›Großmogul‹ gedient, und den Winter über auf dem Vicksburger Postschiff. Jetzt litt sie aber schon seit vielen Wochen an Rheumatismus in den Armen und konnte die Wäsche nicht mehr besorgen. So mußte sie denn ihren Abschied nehmen, doch ihr bangte nicht vor der Zukunft, sie war nicht unbemittelt – sogar reich nach ihrer Ansicht. Ganz regelmäßig hatte sie nämlich jeden Monat vier Dollars auf eine Bank in New Orleans getragen, um im Alter einen Sparpfennig zu haben. Das hatte sie sich von vornherein vorgenommen. »Einmal bin ich so dumm gewesen und hab‘ ’nem barfüßigen Nigger Schuh angezogen, damit er auf mir herumtreten kann,« sagte sie sich, »aber, so was thu‘ ich nicht wieder!« Fortan wollte sie von keinem Menschen mehr abhängig sein, wenn sich das durch harte Arbeit und Sparsamkeit erreichen ließe. Als das Boot am Kai von New Orleans anlegte, sagte sie den Gefährten auf dem ›Großmogul‹ Lebewohl und ging mit ihren Habseligkeiten ans Land.

Eine Stunde später war sie aber schon wieder da. Das Geschäftshaus hatte Bankerott gemacht, und ihre vierhundert Dollars mit verpufft. So war sie denn bettelarm, heimatlos und wenigstens fürs erste außer stande, zu arbeiten. Die Offiziere hatten Mitleid mit ihrer traurigen Lage, sie veranstalteten eine Sammlung und übergaben ihr eine kleine Summe; mit diesem Geld wollte sie nach ihrem Geburtsort gehen, wo sie Freunde unter den Negern hatte. Sie wußte recht gut, daß die Unglücklichen ihren Schicksalsgenossen am ehesten beistehen; die armen Gefährten ihrer Jugend würden sie sicher nicht Hungers sterben lassen.

In Cairo bestieg sie das kleine Paketboot, das den Ortsverkehr vermittelte und näherte sich nun immer mehr der Heimat. Ihre Gefühle gegen ihren Sohn hatten in der langen Zeit alle Bitterkeit verloren und sie konnte mit Gemütsruhe an ihn denken. Alles, was er ihr Böses zugefügt, suchte sie zu vergessen und sich nur an die Freundlichkeiten zu erinnern, die er ihr ab und zu erwiesen. Sie schmückte seine Gutthaten so lange aus, bis sie ihr in goldenem Licht erschienen und sie ordentlich anfing, sich nach ihm zu sehnen. Vielleicht hatte die Zeit ihn etwas milder gestimmt; wenn sie ihm schmeichelnd und unterwürfig nahte, wie eine Sklavin, – was sie natürlich thun mußte – so würde er sich am Ende freuen, seine alte, längst vergessene Wärterin wiederzusehen und sie gütig behandeln. Das wäre wunderschön und sie könnte sich damit leicht über ihre Schmerzen und alle Verluste trösten.

Bei dem Gedanken an ihre Armut fing sie an, ein neues Luftschloß zu bauen: vielleicht würde er ihr dann und wann eine Kleinigkeit geben, etwa einen Dollar monatlich; das wäre doch schon eine große, große Hilfe für sie.

Als das Boot in Dawson landete, hatte sie ihr früheres Selbst glücklich wiedergefunden; mit ihrer Schwermut war es vorbei, sie fühlte sich heiter und frohgelaunt. Es konnte ihr ja nicht fehlen; in mancher Küche würden die Dienstleute gern die Mahlzeit mit ihr teilen, auch heimlich Zucker, Aepfel und allerlei Leckerbissen entwenden und ihr nach Hause mitgeben, oder – was ihr ebenso lieb wäre – ein Auge zudrücken, wenn sie selbst lange Finger machte. Und dann die Kirche! – Sie war eine so eifrige, fromme Methodistin wie je und nicht etwa scheinheilig bei ihren Andachtsübungen, sondern wahr und aufrichtig. Wenn es ihr nicht an leiblichen Genüssen mangelte und sie wieder an ihrem alten Kirchenplatz in der Ecke sitzen und Amen sagen konnte – ja, dann wollte sie vollkommen glücklich sein und in Frieden weiter leben, bis an ihr seliges Ende.

Zu allererst suchte sie die Driscollsche Küche auf, wo man sie höchst feierlich und mit großer Begeisterung empfing. Ihre wunderbaren Reisen, die fremden Länder, die sie gesehen und die Abenteuer, die sie erlebt hatte, machten sie zu einer wahren Romanheldin. Die Neger lauschten voll Entzücken auf ihre erstaunlichen Berichte, unterbrachen sie alle Augenblicke mit neugierigen Fragen, mit Gelächter, Beifallsklatschen oder Ausrufen der Verwunderung, bis sie selbst gestehen mußte, daß es auf dieser Welt doch noch etwas Schöneres gäbe, als das Leben auf dem Dampfschiff, nämlich den Ruhm, welchen man erwirbt, wenn man heimkehrt und davon zu erzählen weiß. Ihre Zuhörer tischten ihr vom Mittagsmahl auf, soviel sie nur essen konnte und plünderten dann die Speisekammer, um ihren Handkorb zu füllen.

Tom war in St. Louis; die Haussklaven sagten, er hätte in den zwei letzten Jahren seine Zeit meistens dort zugebracht. Roxy stellte sich nun täglich ein und ließ sich allerlei über die Familie und ihre Angelegenheiten berichten. Einmal fragte sie auch, warum denn Tom soviel auswärts wäre, worauf der vermeintliche ›Schamber‹ erwiderte:

»Das kommt daher, weil’s dem alten Massa viel wohler ist, wenn der junge Massa seiner Wege geht. Er liebt ihn auch mehr, wenn er nicht in der Stadt ist, und giebt ihm jeden Monat fünfzig Dollars –«

»Nein – ist das wahr, Schamber – oder sagst du’s nur im Spaß?«

»Bewahre, Mammy, du kannst’s glauben, ich weiß es von Massa Tom selbst. Aber, liebste Zeit, genug ist’s doch nicht.«

»Was – nicht genug – weshalb denn nicht?«

»Das sollst du gleich hören, Mammy, wenn du’s wissen willst. ‚S ist nicht genug, weil Massa Tom um Geld spielt.«

Roxy schlug erstaunt die Hände zusammen, und Schamber fuhr fort:

»Der alte Massa ist dahinter gekommen, als er zweihundert Dollars für Massa Toms Spielschulden zahlen mußte. So wahr ich hier stehe, Mammy, es ist, wie ich dir’s sage.«

»Zwei – hundert – Dollars! Weißt du auch, was das heißt? – Zwei – hundert – Dollars! Du meine Güte – da könnt‘ man ja fast ’nen starken Neger aus zweiter Hand dafür kaufen. Du lügst mich doch nicht an, Söhnchen – wirst doch deine alte Mammy nicht belügen?«

»’S ist die reine Wahrheit – zweihundert Dollars – ich sag‘ dir’s ja und will’s beschwören. Jemine, wie ist der alte Massa gesprungen – gekocht hat er vor Wut und gleich ist er hingegangen und hat Massa Tom enterbt.«

Roxy riß die Augen weit auf und starrte ihn verblüfft an. »Ent – was?« fragte sie.

»Enterbt,« wiederholte Schamber, »sein Testament zerrissen.«

»Zerrissen – nicht möglich. Das würde er nie thun. Nimm das gleich zurück, du erbärmlicher, unechter Neger, den ich mit Kummer und Schmerzen geboren habe.«

Roxys schönstes Luftschloß – der monatliche Dollar aus Toms Tasche – stürzte vor ihren Augen zusammen. Das war ein entsetzliches Mißgeschick, der Gedanke schien ihr unerträglich.

»Hahaha!« lachte Schamber belustigt, »hört nur mal das. Wenn ich ein unechter Neger bin, was bist du dann wohl? Wir sind zwei unechte Weiße, weiter nichts – sehr gut nachgemacht noch dazu, hahaha aber als Neger ganz mißlungen – eben drum –«

»Schweig‘ still mit deinem Gewäsch, sonst kriegst du eins um die Ohren – erzähl‘ weiter von dem Testament. Sag‘, daß es nicht zerrissen ist, thu’s, Schatz, und ich will dir’s gedenken.«

»Na, also – ’s ist wieder ganz – man hat ein neues gemacht und Massa Tom ist noch, was er war. Aber, du brauchst dich nicht so drüber zu erhitzen, Mammy. Was geht’s denn dich an?«

»Mich soll’s nichts angehen? Wen denn sonst, bitte? Bin ich nicht seine Mutter gewesen, bis er fünfzehn Jahre alt war? Und nun soll mir’s gleich sein, wenn man ihn kahl und leer in die Welt ’naus jagt! Du weißt nichts von Muttergefühlen, Schamber, sonst thätst du nicht solchen Unsinn reden.«

»Also – der alte Massa hat ihm vergeben und das Papier noch mal geschrieben – ist dir’s nun recht?«

Ja, sie war ganz glücklich und zufrieden und weinte ein bißchen vor Freuden. Alle Tage erschien sie wieder, bis es endlich einmal hieß, Tom sei nach Hause gekommen. Sie zitterte ordentlich vor innerer Erregung, schickte auch sogleich zu ihm und ließ ihn bitten, er möchte seiner armen alten Negermammy die schreckliche Freude machen, daß sie ihn nur einmal sehen dürfe.

Tom lag träge auf dem Sofa ausgestreckt, als Schamber kam und die Botschaft brachte. Der alte Widerwille, den er gegen den armen Packesel und Beschützer seiner Knabenjahre empfand, hatte sich mit der Zeit nicht gemildert; sein Ingrimm und seine Erbitterung waren noch ebenso stark wie damals. Jetzt richtete er sich auf und starrte mit zornigem Blick in das hübsche Gesicht des jungen Burschen, dessen Namen und Geburtsrecht er gestohlen hatte, ohne es zu wissen. Lange sah er ihn unverwandt an, bis der Geängstigte so schreckensbleich geworden war, wie es sein Peiniger wollte.

»Was will das alte Tier?«

Die Bitte wurde in aller Demut wiederholt.

»Wer hat dir erlaubt hereinzukommen und mich mit den Anliegen einer elenden Negerin zu belästigen?«

Tom war aufgesprungen. Der junge Bursche, der vor ihm stand, zitterte heftig. Er wußte, was jetzt kommen würde, bog den Kopf zur Seite und hob als Schild den linken Arm in die Höhe. Ohne ein Wort zu sagen, holte Tom aus, und Schlag auf Schlag hagelte nun auf Kopf und Schultern des armen Menschen nieder, der die Hiebe geduldig hinnahm und nur »bitte, Massa Tom – o bitte, Massa Tom!« flehte. Nach dem siebenten Schlag rief Tom: »Umkehren – hinaus – marsch!« Er folgte hinterdrein, um seinem Opfer noch einen, zwei, drei derbe Fußtritte zu versetzen.

Der letzte Tritt beförderte den weißen Sklaven zur Thür hinaus; er hinkte fort und wischte sich die Augen mit seinem alten zerlumpten Aermel. »Schick‘ sie herauf!« schrie ihm Tom noch nach.

Dann warf er sich keuchend wieder auf den Sofa und brummte: »Der kam wie gerufen. Ich war zum überfließen voll schwerer Gedanken und brauchte jemand, an dem ich meine Galle auslassen konnte. Es hat mir gut gethan, ich fühle mich ordentlich erfrischt.«

Jetzt trat Toms Mutter ein; sie schloß die Thür hinter sich und näherte sich ihm mit all der kriechenden, schmeichlerischen Unterwürfigkeit, welche Furcht und Eigennutz den Worten und Gebärden des geborenen Sklaven verleihen können. Zwei Schritte von ihrem Sohn entfernt blieb sie stehen und erging sich in bewundernden Ausrufungen über seine schöne Gestalt und sein ganzes männliches Aussehen. Tom legte seinen Arm unter den Kopf und warf ein Bein über die Sofalehne, um gehörig gleichgültig zu erscheinen.

»Potztausend, wie du gewachsen bist, mein Herzchen. Ich hätt‘ dich wahrhaftig nicht wiedererkannt, Massa Tom. Sieh mich mal an. Kennst du denn die alte Roxy noch, deine Negermammy von früher? – Ja, nun kann ich mich hinlegen und in Frieden sterben, weil meine alten Augen –«

»Laß das Geschwätz – komm zur Sache. Was willst du hier?«

»Du meine Güte!. Noch immer derselbe Massa Tom, so spaßhaft und lustig mit der alten Mammy. Ich wußt’s ja ganz gewiß – –«

»Hörst du nicht – mach’s kurz und packe dich wieder! Was willst du von mir?«

Das war eine bittere Enttäuschung. Roxy hatte sich so lange damit ergötzt und erquickt und in den Gedanken eingewiegt, Tom würde sich freuen, seine alte Wärterin zu sehen und sie durch ein paar herzliche Worte stolz und überglücklich machen. Da vermochte sie es kaum zu fassen, daß ihr schöner Traum nichts als die Eitelkeit ihres thörichten Herzens und ein jammervoller Irrtum war. Erst nachdem sie zum zweitenmal hart angelassen worden, begriff sie, daß es kein Scherz sein sollte. Es kränkte sie tief; vor Scham und Herzeleid wußte sie nicht gleich, was nun zu thun sei. Ihre Brust hob und senkte sich, Thränen traten ihr in die Augen und in ihrer Ratlosigkeit beschloß sie, den Versuch zu machen, ihren Sohn um Unterstützung zu bitten, damit wenigstens ihr anderer Traum in Erfüllung ginge. Ohne weitere Ueberlegung flehte sie ihn an:

»O Massa Tom, der armen alten Mammy ist’s so schlecht ergangen, sie hat großes Unglück gehabt, jetzt sind nun gar ihre Arme gelähmt und sie kann nicht arbeiten. Gebt ihr doch einen Dollar – nur einen einzigen Dol –«

Tom sprang so rasch auf die Füße, daß die Bittstellerin erschrocken zusammenfuhr.

»Was sagst du – einen Dollar! Erwürgen könnte ich dich. Du willst hier um Geld betteln? Pack‘ dich auf der Stelle, mach‘ daß du fortkommst!«

Roxy zog sich langsam nach der Thür zurück. Auf halbem Wege blieb sie stehen und sagte voll Trauer:

»Massa Tom, ich hab‘ Euch gewartet und gepflegt, als Ihr klein wart, und hab‘ Euch ganz allein aufgezogen. Jetzt seid Ihr jung und reich, und ich bin arm und krank. Da kam ich her und dachte, Ihr würdet der alten Mammy helfen, auf dem kurzen Weg, den sie noch hat, bis sie im Grabe liegt, und – –«

Tom gefiel dieser Ton noch weniger als der zuerst angeschlagene, denn er weckte sozusagen die Stimme seines Gewissens. Er fiel ihr daher ins Wort und sagte, nicht schroff, aber mit großer Bestimmtheit, daß er nicht in der Lage wäre, ihr zu helfen, und sie nichts von ihm zu hoffen habe.

»Wollt Ihr denn gar nichts für mich thun, Massa Tom?«

»Nein. Jetzt geh‘ deiner Wege und belästige mich nicht länger.«

Roxy stand mit gesenktem Haupt in demütiger Haltung vor ihm. Da flammte die Erinnerung an alles alte Unrecht, das sie erlitten, wieder auf und brannte in ihrer Brust wie Feuer. Langsam hob sie den Kopf und richtete sich empor, so daß ihre mächtige Gestalt noch zu wachsen schien und sie unwillkürlich eine Herrschermiene annahm, die ihr alle Würde und Anmut ihrer entschwundenen Jugend zurückgab.

»Du hast’s gesprochen, das Wort,« sagte sie mit drohend erhobenem Finger. »Ich gab‘ dir ’ne Gelegenheit – du hast sie mit Füßen getreten. Soll sie dir wieder geboten werden, so mußt du auf die Kniee fallen und darum betteln

Tom durchrieselte es kalt, er wußte selbst nicht warum. Die feierliche Rede klang so unheimlich und verwirrte ihn. Doch that er, was unter den Umständen natürlich war, er antwortete mit einem Hohngelächter.

»Du willst mir noch eine Gnadenfrist gewähren – du! Soll ich nicht lieber jetzt gleich vor dir auf die Kniee fallen? Aber, nehmen wir einmal an, ich hätte keine Lust dazu – was wird dann wohl geschehen – das möchte ich wissen.«

»Was dann geschehen wird? – Ich geh‘, wie ich bin, zu deinem Onkel und sag‘ ihm haarklein alles, was ich von dir weiß.«

Toms Wangen wurden bleich und sie sah es. Wirre Gedanken jagten sich in seinem Hirn. »Woher soll sie es wissen? – Und doch – sie muß es entdeckt haben, man sieht’s ihr am Gesicht an. Seit drei Monaten erst ist das neue Testament gemacht und schon bin ich wieder bis an den Hals in Schulden und muß Himmel und Erde in Bewegung setzen, um mich vor Schmach und Verderben zu retten. Ich hoffte, es sollte mir glücken, die Sache zu vertuschen, wenn sich niemand hineinmischt, und nun ist dies Teufelsweib irgendwie dahinter gekommen. Wie viel sie wohl wissen mag? – O Jammer, man möchte rasend werden. Aber, ich muß suchen, ihr gütlich beizukommen – ein anderes Mittel giebt es nicht.«

Mit Mühe zwang er sich dazu, ein scherzhaftes Wesen anzunehmen, sein lustiges Lachen klang hohl und er sagte mit verstellter Munterkeit:

»Weißt du was, Roxy, alte Freunde wie wir zwei dürfen nicht mit einander zanken. Hier hast du deinen Dollar – nun sage mir, was du weißt.«

Er hielt ihr das Papiergeld als Köder hin, aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Jetzt war die Reihe an ihr, seine Ueberredungskünste mit Verachtung zu strafen, und sie ließ die Gelegenheit nicht unbenutzt. Tom lernte einsehen, daß selbst eine frühere Sklavin der Schmach und Mißachtung eingedenk sein kann, mit der er ihre Schmeichelreden und Artigkeiten vergolten hatte. Sie genoß jetzt die Süßigkeit der Rache, als sie im Ton unversöhnlichen Ingrimms erwiderte:

»Was ich weiß, das will ich dir sagen: So viel, daß dein Onkel sein Vermächtnis in tausend Stücke reißen wird – und noch weit mehr – hörst du – noch weit mehr.«

Tom sah sie entsetzt an.

»Mehr?« fragte er. »Was soll das heißen? Was kann noch mehr geschehen?«

Roxy lachte spöttisch, warf den Kopf in die Höhe und stemmte die Arme in die Seiten. »Jawohl, ich kann mir’s denken,« sagte sie voller Hohn, »möchtest es gern wissen – für deinen elenden Dollar. Wozu sollt‘ ich’s dir verraten – du hast ja kein Geld. Deinem Onkel will ich’s sagen – ich thu’s auf der Stelle – der giebt mir fünf Dollars für die Neuigkeit mit tausend Freuden.«

Sie drehte ihm verächtlich den Rücken und wollte gehen. Tom geriet in furchtbare Angst, er hielt sie am Kleide fest und flehte sie an, noch zu warten. Da wandte sie sich wieder um.

»Siehst du wohl, hab‘ ich dir’s nicht gesagt?« rief sie mit stolzer Miene.

»Was denn – ich erinnere mich nicht. Was hättest du mir gesagt?«

»Du würdest vor mir auf die Kniee fallen und mich drum bitten.«

Einen Augenblick stand Tom wie erstarrt, dann sagte er keuchend vor Aufregung:

»O Roxy, du wirst doch deinem jungen Herrn so etwas Schreckliches nicht zumuten? Das kann dein Ernst nicht sein.«

»Du wirst schon sehen, ob’s mein Spaß oder Ernst ist. Hast du mich nicht geschimpft und fast angespieen, als ich hergekommen bin, ich armes Weib, in aller Demut, um dir zu sagen, wie groß und hübsch du geworden bist, und wie ich dich gewartet Hab‘ und dich gepflegt, wenn du krank warst und keine Mutter hattest außer mir, in der ganzen weiten Welt? Die arme alte Negerin wollte nur ’nen Dollar haben, um sich Speise zu kaufen – du aber hast sie geschmäht und gescholten – straf‘ dich Gott! Jetzt geb‘ ich dir noch eine Frist – nur ’ne halbe Sekunde lang – ’s ist deine letzte – hörst du?«

Tom fiel auf die Kniee.

»Hier lieg‘ ich vor dir, Roxy – und ich bitte und flehe dich an – sage mir’s jetzt.«

Die Tochter der unglücklichen Rasse, welche zwei Jahrhunderte lang Schmach und Schimpf ungesühnt erduldet hatte, schaute auf ihn herab und schien ihre Seele mit Wonne an dem Anblick zu sättigen. Dann sagte sie:

»So ist’s recht. Der schöne, weiße, junge Herr kniet vor dem armen Negerweib. – Das hab‘ ich immer noch gern mal sehen wollen, so lang ich leb‘. Nun kann meinetwegen der Erzengel Gabriel in sein Horn stoßen, wann er will – ich bin bereit … Steh‘ auf!«

Tom erhob sich.

»Strafe mich jetzt nicht noch härter, Roxy,« bat er demütig. »Das hab‘ ich alles verdient, aber nun sei gut und laß mich frei. Gehe nicht zum Onkel. Sage mir alles – ich gebe dir die fünf Dollars.«

»Jawohl, das sollst du auch, und damit ist’s noch lange nicht genug. – Aber, ich sag‘ dir’s nicht hier –«

»Um Himmels willen, warum denn nicht?«

»Fürchtest du dich vor dem Gespensterhaus?«

»N – nein.«

»Gut, also dann komm um zehn oder elf Uhr heute nacht dorthin; steig‘ die Leiter ‚rauf, die Treppe ist abgebrochen – da wirst du mich finden. Ich wohn‘ im Gespensterhaus, weil ich keinen anderen Unterschlupf hab‘.« – Sie ging nach der Thür, stand aber wieder still. »Gieb mir den Dollarschein.« Er reichte ihr das Papier, sie betrachtete es nachdenklich: »Vielleicht will die Bank auch nicht mehr zahlen,« murmelte sie und wollte gehen; vorher aber fragte sie noch: »Hast du einen Schluck Branntwein?«

»Ja, einen Tropfen.«

»Hol‘ mir’s.«

Er lief in sein Zimmer hinauf und kam mit einer Flasche zurück, die noch über die Hälfte voll war. Ihre Augen funkelten; sie führte die Flasche zum Munde, trank daraus und steckte sie dann unter ihr Tuch. »Die Sorte ist gut,« sagte sie, »das nehm‘ ich mit.«

Tom geleitete sie bis zur Thür, die er öffnete, worauf sie wie ein Grenadier in stolzer, aufrechter Haltung hinausmarschierte.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

In ihrem weiteren Verlauf muß auch unsere Geschichte dem Tausch Rechnung tragen, den Roxana vorgenommen hat. Wir können nicht umhin, den wirklichen Erben ›Schamber‹ zu nennen, und dem kleinen Sklaven, der ihm sein Geburtsrecht genommen hat, den Namen Thomas à Becket beizulegen. Doch kürzen wir diesen zum täglichen Gebrauch in ›Tom‹ ab, wie es seine Umgebung that.

Der kleine Tom war ein böses Kind, seit er den falschen Namen trug. Er weinte ohne Ursache, bekam alle Augenblicke einen Anfall von leidenschaftlichem Zorn, kreischte und brüllte aus Leibeskräften und hielt dann plötzlich den Atem an. Wer kennt nicht diese üble Gewohnheit des zahnenden Säuglings, der vor Unbehagen schreit, was seine Lunge vermag, dann in Krämpfe verfällt und sich bei der Anstrengung, wieder Luft zu bekommen, lautlos krümmt und windet. Seine Lippen werden blau und der starre Mund steht offen, während am untern Rand des roten Gaumens ein winziges Zähnchen zum Vorschein kommt. Hat dann die entsetzliche Stille so lange gedauert, bis man überzeugt ist, daß dem Kinde der Atem auf immer vergangen sei, so stürzt die Wärterin herzu und spritzt ihm Wasser ins Gesicht. O Wunder! im Nu füllt sich die Lunge wieder, ein Geschrei, Gekreisch oder Geheul trifft das lauschende Ohr, und je nachdem der Zuhörer gestimmt ist, macht er seinen Gefühlen mit einem derben Fluch oder mit einem ›Gott sei Dank‹ Luft.

Der kleine Tom kratzte jeden, der ihm zu nahe kam, mit den Nägeln oder schlug ihn mit seiner Kinderklapper. Er schrie nach Wasser, bis man es ihm gab, warf dann den Becher samt Inhalt zu Boden und schrie wieder. Jede seiner Launen wurde befriedigt, mochten sie noch so beunruhigend und lästig sein, auch durfte er alles essen, was er verlangte, besonders Dinge, die ihm den Magen verdarben.

Als er alt genug wurde, um auf den Füßen zu stehen, die ersten Worte zu lallen und seine Hände zu gebrauchen, war er eine noch ärgere Plage als je zuvor. Von dem Moment an, da er die Augen aufthat, hatte Roxy keine Ruhe mehr. Er verlangte nach allem und jedem, was er sah. »Hab’n,« schrie er, und das galt als Befehl. Brachte man es ihm, so geriet er in Zorn und wehrte es mit den Händen ab: »Nicht hab’n, nicht hab’n«; nahm man es aber fort, so brüllte er wieder wie besessen: »Hab’n, hab’n, hab’n!« und Roxy mußte in Windeseile herbeispringen, um es ihm zurückzugeben, ehe er noch Zeit hatte, in Krämpfe zu geraten, wie er beabsichtigte.

Sein liebstes Spielzeug war die Feuerzange, weil ihm sein ›Vater‹ verboten hatte, sie anzurühren, damit er nicht Fenster und Möbel zerschlüge. Kaum hatte aber Roxy den Rücken gekehrt, so wackelte er zu der Zange hin. »Mögen,« sagte er und schielte seitwärts, ob Roxy ihn wohl sähe, »hab’n,« schrie er dann, abermals verstohlen um sich blickend. »Mein is,« fuhr er fort und zuletzt: »Nehm’s!« – da hatte er die Beute. Dann ward die schwere Waffe erhoben – ein Krach, ein Gekreisch, und die Katze hinkte eilig auf drei Beinen davon. Roxy kam meist noch gerade zur rechten Zeit, um zu sehen, wie die Lampe oder eine Fensterscheibe in tausend Stücke ging.

Tom ward gestreichelt und liebkost, Schamber ging leer aus. Tom bekam alle Leckerbissen, Schamber aß Maisbrei und sauere Milch, ohne Zucker. Deshalb wurde Tom ein schwächliches Kind und Schamber ein kräftiger Junge. Tom zeigte sich herrisch und widerspenstig, Schamber dagegen sanft und fügsam.

Trotz ihres gesunden Menschenverstandes, ihrer praktischen Tüchtigkeit, war Roxy als Mutter eine vollkommene Thörin und ganz vernarrt in ihren Sohn – ja, mehr als das: Durch die von ihr verübte Täuschung hatte sie ihn zu ihrem Gebieter gemacht; sie sah sich genötigt, dies Verhältnis äußerlich aufrecht zu erhalten und war fortwährend eifrig bemüht, dies durch ihr Benehmen kund zu thun. So fleißig und getreulich übte sie sich in der Unterthänigkeit, daß ihr deren Formen sehr bald zur Gewohnheit wurden. Die Folgen blieben nicht aus: Was anfänglich nur dazu dienen sollte, andere zu täuschen, führte mit der Zeit zum Selbstbetrug; die geheuchelte Ehrfurcht wurde zur wirklichen Ehrerbietung, die scheinbare Willfährigkeit zu völliger Unterjochung. Der kleine, ursprünglich kaum merkbare Abstand zwischen der vorgeblichen Sklavin und dem falschen Herrn, erweiterte sich allmählich zu einem tiefen, klaffenden Schlund, an dessen Rande auf einer Seite Roxy in ihrer Selbsttäuschung stand, und auf der andern ihr Sohn, den sie nicht mehr als unberufenen Eindringling, sondern als ihren anerkannten, rechtmäßigen Gebieter betrachtete. Sie liebte, fürchtete und verehrte ihn zu gleicher Zeit und vergaß in der Abgötterei, die sie mit ihm trieb, gänzlich, wer sie war und was er gewesen.

Der kleine Tom durfte Schamber schlagen, puffen und kratzen, so viel ihm beliebte, er wurde doch nicht gescholten, und Schamber merkte bald, daß es vorteilhafter für ihn war, wenn er die Mißhandlung schweigend ertrug, statt sich zu wehren. Nur ein paarmal, als es ihm zu arg wurde, hatte er sich dagegen empört und den Kampf aufgenommen, aber das kam ihm im Hauptquartier sehr teuer zu stehen. Zwar nicht von Roxys Seite, denn, wenn sie ihn auch scharf dafür anfuhr, daß er vergaß, wo er hingehörte und was er seinem jungen Herrn schuldig war, so bekam er doch zur Strafe von ihr höchstens eine Maulschelle. Nein, Percy Driscoll selbst übernahm das Strafamt. Er machte Schamber klar, daß er unter keinen Umständen das Recht habe, die Hand gegen seinen kleinen Gebieter zu erheben.

Dreimal überschritt Schamber dies Verbot, und erhielt dafür dreimal von dem Manne, der sein Vater war und es nicht wußte, eine so verständliche Tracht Schläge, daß er sich fürderhin Toms grausame Behandlung in aller Demut gefallen ließ und keine weiteren Versuche anstellte, sich ihr zu entziehn.

 

Außerhalb des Hauses sah man die beiden Kinder während ihrer ganzen Knabenzeit fortwährend beisammen. Schamber war sehr stark für sein Alter, weil er grobe Kost erhielt und schwere Hausarbeit thun mußte; auch stand er im Kampfe seinen Mann, denn er bekam reichliche Uebung. Tom ließ sich von ihm gegen die weißen Knaben verteidigen, die er nicht leiden konnte und vor denen er Angst hatte. Schamber diente ihm als beständige Leibgarde; er mußte ihn zur Schule begleiten, ihn abholen und in der Freistunde auf dem Spielplatz als sein Beschützer auftreten. Er stand beim Faust- und Ringkampf zuletzt in so gefürchtetem Ruf, daß Tom mit ihm hätte die Kleider wechseln und ›in Frieden von dannen reiten‹ können, wie Sir Kay, der Ritter von Artus Tafelrunde, in Lanzelots Rüstung.

In allen Spielen war er geschickt und wohlbewandert. Tom versah ihn z. B. mit den nötigen Murmeln, aber, wenn Schamber gewann, nahm er ihm alle Kugeln wieder fort. Schamber bekam Toms abgelegte Kleider; mochten aber seine Stiefel und Handschuhe noch so löcherig, die Hosen noch so dünn und durchgesessen sein, man sah ihn im Winter stets den Schlitten heraufziehen, in dem Tom warm eingehüllt saß und sich fahren ließ. Der kleine Diener kam natürlich nie auf den Schlitten. Auch Schneemänner und Festungen baute er nach Toms Anweisung; er durfte ihm als Zielscheibe dienen, wenn Tom Lust bekam, zu schneeballen, doch den Wurf zu erwidern war ihm nicht gestattet. Er trug Tom die Schlittschuhe nach dem Fluß, schnallte sie ihm an und trabte dann hinter ihm her auf dem Eis, um zur Hand zu sein, sobald er gebraucht wurde; aber daß er selbst einmal Schlittschuh laufen möchte, davon war keine Rede.

Im Sommer galt es als ein Hauptvergnügen für die Knaben in Dawson, den Landleuten, die zu Markte fuhren, Aepfel, Pfirsiche und Melonen aus dem Obstwagen zu stibitzen, hauptsächlich, weil sie dabei Gefahr liefen, mit dem Peitschenstiel des Fuhrmanns eins um die Ohren zu bekommen. Tom beteiligte sich stark an solchen Räubereien – schickte jedoch seinen Stellvertreter. Schamber besorgte das Stehlen und bekam zum Lohn dafür die Pfirsichsteine, Apfelbutzen und Melonenschalen.

Beim Schwimmen nahm Tom zum Schutz Schamber immer mit in den Fluß und behielt ihn in seiner Nähe. Hatte er genug, so schlüpfte er ans Land und machte Knoten in Schambers Hemd, die er ins Wasser tauchte, damit sie schwer wieder aufzuknüpfen wären. Nun zog er sich an und saß lachend daneben, während der nackte Junge, vor Kälte klappernd, mit den Zähnen an den festen Knoten zerrte.

Daß Tom seinem armen Gefährten so übel mitspielte, entstand teils aus seiner natürlichen Bosheit, teils aus Haß und Mißgunst, weil Schamber ihm sowohl an Mut und Körperkraft als an mancherlei Geschicklichkeit weit überlegen war. Tom konnte nicht tauchen, ohne fürchterliches Kopfweh zu bekommen, für Schamber war es eine Leichtigkeit und das reine Vergnügen. Eines Tages sah ihm eine Schar weißer Knaben zu, wie er, vom Heck eines Boots aus, Purzelbäume ins Wasser schoß; ihr lautes Beifallsklatschen ärgerte Tom so sehr, daß er das Boot weiter vorschob, während Schamber gerade in der Luft schwebte, so daß dieser mit dem Kopf auf den Bretterboden schlug. Während er nun bewußtlos dalag, benützten mehrere von Toms früheren Gegnern die längst ersehnte Gelegenheit und prügelten den falschen Erben so unbarmherzig durch, daß er sich später nur von Schamber gestützt mühsam nach Hause schleppen konnte.

Als die beiden Knaben im sechzehnten Jahre standen, wollte Tom auch einmal seine Schwimmkunst zeigen, wurde aber von einem Krampf befallen und dem Ertrinken nahe, schrie er um Hilfe. Die Buben von Dawson pflegten sich häufig einen Spaß daraus zu machen – besonders wenn ein Fremder in der Nähe war – zu thun, als ob sie ertrinken müßten und nach Hilfe zu rufen; kam nun der Fremde in rasender Eile herbei, so fuhr der Spaßvogel fort zu zappeln und zu schreien, bis der Retter dicht bei ihm war, dann schlug er eine höhnische Lache auf und schwamm gleichmütig davon, während die andern Buben den Gefoppten nach Herzenslust verspotteten. Tom hatte den Streich noch nie versucht, und als nun sein Hilferuf ertönte, hielt es niemand für Ernst. Nur Schamber glaubte, daß sein Herr wirklich in Gefahr sei, deshalb schwamm er herbei und kam leider noch zu rechter Zeit, um ihm das Leben zu retten.

Das stieß dem Faß den Boden aus. Tom hatte schon viel ertragen, aber, daß er nun auf immer vor aller Welt einem Neger zu Dank verpflichtet sein sollte, überstieg seine Kräfte. Er erging sich in Schimpf- und Scheltworten, weil Schamber ihm nicht vom Leibe geblieben sei und ›vorgab‹ zu glauben, Tom habe im Ernst nach Hilfe gerufen, während man doch ganz vernagelt dumm sein müßte, um nicht zu sehen, daß er nur Spaß treiben wollte.

Toms Feinde aber, die diesmal in großer Schar versammelt waren, drehten jetzt den Spieß um. Sie lachten ihn aus, nannten ihn Hasenherz, Lügner, Duckmäuser und was dergleichen Liebesnamen mehr waren. Auch kündigten sie ihm an, daß Schamber von jetzt ab in der ganzen Stadt nicht anders als ›Tom Driscolls Negerpappy‹ heißen sollte, denn er habe ihn so gut wie neu geboren und ihm das Leben geschenkt.

Wütend über den Spott und Hohn schrie Tom:

»Schlag‘ ihnen den Schädel ein, Schamber – schlag‘ ihnen den Schädel ein! – Was stehst du da mit den Händen in den Hosentaschen?«

»Aber, Massa Tom, ’s sind ihrer so viele –« wagte Schamber einzuwenden.

»Thu‘, was ich dir sage.«

»Bitte, Massa Tom, zwingt mich nicht! Es sind ihrer wirklich zu viele, da kann ich –«

Im nächsten Augenblick war Tom auf ihn zugestürzt und hatte ihm sein Taschenmesser zwei oder dreimal in die Brust gestoßen, bevor die andern ihn fortreißen und den Verwundeten in Sicherheit bringen konnten. Schamber war zwar schwer, aber nicht gefährlich verletzt; wäre die Klinge nur etwas länger gewesen, so würde seine Laufbahn damals ihr Ende erreicht haben.

Was Roxy betraf, so hatte ihr Tom schon längst gezeigt, ›wo sie hingehörte‹. Seit Jahren wagte sie nicht mehr, ihm Schmeichelnamen zu geben oder ihn zu liebkosen. Das alles war ihm widerwärtig von einer ›Negerin‹, und er riet ihr, ihm nicht zu nahe zu kommen, sonst würde es ihr übel ergehen. Allmählich hörte ihr Herzblatt ganz auf, ihr Sohn zu sein; sie sah dies Verhältnis spurlos verschwinden. Nur der Gebieter war noch übrig geblieben, und er herrschte durchaus nicht mit milder Hand. Von dem Ehrenplatz, welcher der Mutter gebührt, sah sie sich herabgestoßen und zur elenden Sklavin erniedrigt. Ein tiefer Abgrund hatte sich zwischen ihnen aufgethan. Tom benützte sie nur noch wie ein Hausgerät zu seiner Bequemlichkeit; sie war ein mißachtetes, willenloses Opfer, und jeder Laune seiner boshaften Natur hilflos preisgegeben.

Oft fand sie nachts keinen Schlaf, mochte sie auch noch so abgearbeitet und völlig erschöpft sein. Was sie den Tag über von ihrem Sohn erlitten, ließ ihr keine Ruhe; in ihr kochte es vor Wut und Ingrimm.

»Geschlagen hat er mich, und ich hatte doch keine Schuld,« grollte sie, – »ins Gesicht geschlagen vor allen Leuten. Er nennt mich nur Negerdirne, Weibsbild, und was es sonst für Schimpfnamen giebt – und ich thu‘ doch, was ich kann. Herrgott, was hab‘ ich alles für ihn gethan – mir allein verdankt er sein Glück – und das ist mein Lohn!«

Manchmal, wenn er ihr irgend eine Schmach zugefügt hatte, die sie mehr als gewöhnlich kränkte und empörte, faßte sie den Plan, sich zu rächen und schwelgte in dem Gedanken, ihn vor aller Welt als Betrüger und Sklaven bloßzustellen. Aber mitten in der Wonne dieses Schauspiels, das ihr die Einbildungskraft vormalte, ergriff sie eine entsetzliche Furcht. Er besaß zu große Gewalt und sie hatte keine Beweise – gerechter Himmel, wenn es nun damit endete, daß man sie als Sklavin den Fluß hinunter schickte!

So kam denn von allen ihren Entwürfen keiner zur Ausführung und sie mußte die Absicht endlich aufgeben. Sie hätte rasend werden mögen vor ohnmächtiger Wut gegen das Schicksal und gegen sich selbst! Warum war sie auch an jenem verhängnisvollen Septembertage eine solche Närrin gewesen und hatte sich nicht einen Zeugen verschafft, der für sie auftreten konnte an dem Tage, da sie seiner bedurfte, um ihr nach Rache durstendes Herz zu befriedigen?

Und doch – sobald Tom einmal gut und freundlich gegen sie war, wie das in seltenen Fällen geschah, so heilten alle ihre Wunden und sie fühlte sich stolz und glücklich. Das war ja ihr Sohn, ein armer Neger von Geburt, der als Herr unter den Weißen auftrat, um sie für alle Missethaten zu strafen, die sie an ihrer Rasse verübt hatten.

Im Herbst jenes Jahres – man schrieb 1845 – fanden in Dawson zwei große Leichenbegängnisse statt. Zuerst begrub man den Oberst Cecil Burleigh Essex und dann Herrn Percy Driscoll. Auf dem Totenbette hatte letzterer noch der Sklavin Roxana die Freiheit geschenkt und seinen vermeintlichen Sohn, den er abgöttisch liebte, feierlich seinem Bruder, dem Richter, und dessen Frau zur Obhut übergeben. Das kinderlose Ehepaar freute sich darüber. Leute, die keine Kinder haben, sind in diesem Punkt nicht sehr anspruchsvoll.

Einen Monat vorher hatte Richter Driscoll seinen Bruder eines Tages aufgesucht, weil er beabsichtigte, den Sklaven Schamber zu kaufen. Es war ihm zu Ohren gekommen, daß Tom seinen Vater bereden wollte, den Knaben flußabwärts zu schicken, und er wünschte dies Aergernis zu vermeiden, da er wußte, wie ungünstig es allgemein beurteilt wurde, wenn man mit Haussklaven auf solche Weise verfuhr, ohne daß ein zwingender Grund vorlag.

Percy Driscoll hatte alles an das Gelingen seiner großen Landspekulation gesetzt, allein, er starb, ohne seinen Zweck zu erreichen. Kaum war er ins Grab gestiegen, so brach die ganze Herrlichkeit zusammen, und der bisher so beneidete junge Erbe und Glückspilz ward zum Bettler. Aber es brachte ihm keinen Schaden; sein Onkel versprach ihm, er solle nach seinem Tode der Erbe seines gesamten Vermögens werden, und damit tröstete sich Tom.

Roxy hatte nun keine Heimat mehr; sie beschloß deshalb bei Freunden und Bekannten die Runde zu machen und ihnen Lebewohl zu sagen, denn sie wollte fortreisen, um die Welt zu sehen – das heißt, eine Stelle als Stubenmädchen auf einem Dampfschiff annehmen. Eine höhere Befriedigung des Ehrgeizes gab es nicht für ihre Rasse und ihr Geschlecht.

Den letzten Besuch stattete sie dem schwarzen Riesen Jasper ab, der gerade Querkopf Wilsons Holzvorrat für den Winter spaltete. Wilson unterhielt sich eben mit ihm, als Roxy kam, und er fragte sie, ob es ihr nicht schwer würde, fortzugehen und die Knaben zu verlassen. Aus Spaß bot er ihr an, er wolle eine Reihe von Abdrücken ihrer Fingerspitzen bis zum zwölften Jahr für sie zum Andenken abzeichnen. Doch sie machte gleich ein ernsthaftes Gesicht, – es ging ihr im Kopf herum, ob er wohl einen Argwohn hege – und antwortete, sie möchte lieber keine Abdrücke haben.

»Oho,« dachte Wilson, »der Tropfen Negerblut, den sie in ihren Adern hat, macht sie abergläubisch; sie meint, ich treibe allerlei Teufelswerk und Hexenkünste mit meinen Glasplättchen. Wenn mir recht ist, kam sie einmal sogar mit einem alten Hufeisen in der Hand zu mir; möglich, daß es nur ein Zufall war, doch möchte ich es bezweifeln.«

Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

In Dawson gab man sich inzwischen einer behaglichen Ruhe hin und harrte geduldig auf das Zustandekommen des zweiten Duells. Auch Graf Luigi wartete, aber, wie das Gerücht behauptete, in großer Erregung. Am Sonntag bestand er darauf, die Herausforderung zu schicken. Wilson überbrachte sie, allein Richter Driscoll lehnte die Annahme ab; er wollte sich nicht mit einem Mörder einlassen – »das heißt,« fügte er bedeutungsvoll hinzu, »nicht auf dem Feld der Ehre.« Anderswo wäre er bereit.

Wilson versuchte ihn zu überzeugen, daß er Luigis That gewiß nicht für unehrenhaft halten würde, wenn er Angelos Bericht darüber mit angehört hätte, aber der alte Herr blieb hartnäckig bei seiner Meinung.

Als Wilson zurückkam, um zu melden, daß seine Sendung erfolglos gewesen sei, geriet Luigi ganz außer sich und fragte, wie es denn nur möglich wäre, daß Herr Driscoll, der doch durchaus nicht schwer von Begriffen sei, dem Zeugnis und den Schlußfolgerungen seines leichtfertigen Neffen mehr Wert beigelegt hätte, als Wilsons Aussagen.

»O, das ist sehr einfach und leicht erklärlich,« erwiderte Wilson lachend. »Ich bin nicht seine Puppe und sein Schoßkind; in mich ist er nicht vernarrt, wie in Tom. Der Richter und seine verstorbene Frau hatten keine Kinder; sie waren schon über das mittlere Alter hinaus, als ihnen dieser Schatz zufiel. Man muß sich nur vorstellen, daß, wenn das Gefühl der Elternliebe fünfundzwanzig oder dreißig Jahre lang keine Nahrung erhält, es fast verkommt und verschmachtet, so daß es sich an allem genügen läßt, was ihm geboten wird. Solche Leute verlieren den Geschmackssinn – sie können einen Häring nicht mehr von einem Lachs unterscheiden. Wenn einem jungen Ehepaar ein Teufelchen geboren wird, so erkennen sie den kleinen Satanas meist über kurz oder lang. Nehmen aber alte Eheleute einen Teufel an Kindesstatt an, so wird er in ihren Augen zum Engel und behält seinen Himmelsglanz durch dick und dünn. Ein solcher Engel ist Tom für den alten Richter. Weil er vernarrt in den Neffen ist, kann ihn dieser zu vielem – nicht zu allem – überreden, was er andern Leuten nicht glaubt, besonders wenn des Onkels persönliche Neigung oder Abneigung dabei im Spiele ist. Der alte Herr war Ihnen und Ihrem Bruder gewogen, aber Tom warf einen Haß auf Sie. Das genügte vollkommen, um die Vorliebe des Richters in ihr Gegenteil umzuwandeln. Das älteste und stärkste Bollwerk der Freundschaft hält nicht stand, wenn so ein spät erkorener Liebling es untergräbt.«

»Welche Thorheit!« sagte Luigi.

»Allerdings. Aber es liegt derselben ein schöner Zug des menschlichen Herzens zu Grunde. Es ist mir immer höchst rührend vorgekommen, wenn kinderlose alte Eheleute eine Schar kläffender kleiner Köter ins Herz schließen, denen sie dann noch ein paar kreischende und fluchende Papageien zugesellen, wenn sie nicht vorziehen, sich mit hundert schmetternden Singvögeln zu umgeben oder übelriechende Meerschweinchen, Kaninchen und ein Dutzend junger Katzen groß zu ziehen. Das alles ist nichts als der dunkle, unbewußte Drang, sozusagen aus schlechtem Metall und allerlei Abfall einen Ersatz für das goldene Kleinod herzustellen, das die Natur ihnen versagt hat – den Ersatz für ein Kind. – Aber das nur nebenbei – hier handelt es sich um unsern besonderen Fall. Das ungeschriebene Sittengesetz der hiesigen Gegend fordert von Ihnen, daß Sie den Richter Driscoll totschießen, sobald Sie seiner ansichtig werden. Die ganze Bürgerschaft, er selbst an der Spitze, würde es als große Rücksichtslosigkeit ansehen, falls es nicht geschähe. Natürlich wird derselbe Zweck auch erreicht, wenn er Ihnen eine Kugel durch den Kopf jagt. Also, seien Sie auf Ihrer Hut und versehen Sie sich mit Waffen.«

»Das will ich. Er soll seinen Mann an mir finden. Wenn er mich angreift, werde ich mich verteidigen.«

Im Fortgehen sagte Wilson noch: »Der Richter ist von der Wahlschlacht etwas angegriffen; vor einem oder zwei Tagen wird er kaum das Zimmer verlassen können. Sobald er sich aber wieder stark genug fühlt, dürfen Sie ihn erwarten.«

Die Zwillinge hatten den ganzen Tag über das Haus nicht verlassen, erst gegen elf Uhr nachts gingen sie aus, um beim düstern Schein des Mondes einen langen Spaziergang zu machen.

Etwa eine halbe Stunde früher war Tom Driscoll zwei Meilen unterhalb Dawson bei Hacketts Vorratshaus gelandet; kein anderer Fahrgast stieg an diesem einsamen Orte aus. Er ging am Ufer zu Fuß weiter und betrat das Haus des Richters, ohne daß ihm unterwegs oder auf der Treppe eine Menschenseele begegnet wäre.

In seinem Zimmer schloß er die Läden und machte Licht. Dann legte er Rock und Hut ab und begann allerlei Vorbereitungen zu treffen. Er öffnete seinen Koffer, nahm die Mädchenkleider heraus, die er dort unter einem Männeranzug verwahrte und legte sie bereit; zuletzt schwärzte er sich das Gesicht mit einem gebrannten Kork und steckte den Kork in die Tasche. Seine Absicht war, sich durch das untere Wohnzimmer in seines Onkels Schlafstube zu schleichen, den Schlüssel zum Geldschrank aus der Rocktasche des alten Herrn zu nehmen und den Diebstahl auszuführen. Er war voller Mut und Zuversicht, aber als er jetzt das Licht nahm, um hinunterzugehen, ward ihm doch etwas bänglich. Wie, wenn er durch irgend welchen Zufall Lärm machte und vielleicht beim Oeffnen des Geldschranks ertappt wurde? Es wäre doch gut, eine Waffe bei sich zu haben. Er holte das indische Dolchmesser aus dem Versteck hervor und fühlte, daß sich sein sinkender Mut neu belebte. Auf den Zehen schlich er die enge Stiege hinab; beim leisesten Geräusch sträubte sich ihm das Haar und sein Atem stockte. Als er die Stufen zur Hälfte hinabgegangen war, sah er mit Schrecken, daß der unterste Treppenabsatz von einem schwachen Lichtschein erhellt wurde. Was konnte das bedeuten? War etwa sein Onkel noch auf? Das schien höchst unwahrscheinlich. Er hatte vielleicht sein Licht brennen lassen, als er zu Bett ging. Bei jedem Schritt gespannt lauschend, schlich Tom weiter; er fand die Thür offen und sah hinein. Was er erspähte, überraschte ihn höchst angenehm. Sein Onkel lag auf dem Sofa und schlief; auf dem Seitentisch brannte eine düstere Lampe und neben dieser stand des Onkels kleiner Geldkasten; davor aber lag ein Haufen Banknoten und ein Papier, auf dem eine Menge Zahlen mit Bleistift geschrieben waren. Die Thür des eisernen Geldschranks war verschlossen. Offenbar hatte sich der Schläfer bei der Berechnung seines Vermögensstandes übermüdet und ruhte aus.

Tom setzte sein Licht auf die Treppe und schlich tief gebückt nach dem Tisch, wo die Banknoten lagen. Als er am Sofa vorbeikam, regte sich sein Onkel im Schlaf; Tom stand sogleich still und zog behutsam das Dolchmesser aus der Scheide; sein Herz klopfte laut, sein Blick haftete auf den Zügen seines Wohlthäters. Im nächsten Augenblick wagte er wieder einen Schritt vorwärts, er streckte die Hand nach der Beute aus, ergriff sie und ließ dabei die Messerscheide fallen. Da fühlte er sich von einer starken Hand gepackt, und der laute Ruf: »Zu Hilfe, zu Hilfe!« klang ihm ins Ohr. Ohne Zögern stieß er dem alten Mann den Dolch in die Brust und war frei. Ein paar von den Banknoten in seiner linken Hand fielen in das Blut am Boden. Er warf das Messer hin, raffte sie auf und wollte fliehen; in seiner Angst und Verwirrung nahm er das Papiergeld wieder in die Linke und griff nach dem Messer; da fuhr es ihm durch den Kopf, daß er dies gefährliche Beweisstück nicht bei sich tragen dürfe. Rasch warf er es wieder hin, eilte hinaus, schloß die Thür hinter sich und ergriff sein Licht. Während er die Treppe hinaufsprang, wurde die Stille der Nacht durch laute Fußtritte unterbrochen, die sich eilig dem Hause näherten. Im nächsten Augenblick war er in seinem Zimmer, und unten beugten sich die Zwillinge entsetzt über die Leiche des Ermordeten.

Tom fuhr in seinen Rock, knöpfte den Hut darunter, zog die Mädchenkleider an, ließ den Schleier herab, blies das Licht aus, verschloß die Thür, durch welche er soeben gekommen war, steckte den Schlüssel ein und schlich zur andern Thür hinaus in den hintern Hausflur. Die zweite Thür verschloß er gleichfalls und behielt den Schlüssel bei sich. Nun tappte er sich im Dunkeln weiter, die Hintertreppe hinunter. Jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit aller natürlich dem vordern Teil des Hauses zu, und so zählte er darauf, daß er niemand begegnen würde. Er hatte sich nicht verrechnet. Während er sich durch den Hinterhof entfernte, stürzte vorn Frau Pratt mit ihren Dienstleuten und ein paar halbangekleideten Nachbarn in das Zimmer, wo sie die Zwillinge bei dem Toten fanden; ihnen folgten neue Ankömmlinge durch die Vorderthür.

Als Tom sich zitternd und bebend zum Hofthor hinauswagte, kamen eben drei Frauenzimmer vom Hause gegenüber durch die Hintergasse gelaufen; sie stürmten an ihm vorbei ins Thor hinein und fragten atemlos, was denn geschehen sei, ohne jedoch die Antwort abzuwarten. »Die alten Jungfern haben lange gebraucht, um sich Anzuziehen,« sagte Tom bei sich. Wenige Minuten später war er im Gespensterhaus. Er machte Licht und legte die Mädchenkleider ab. Seine ganze linke Seite war mit Blut befleckt, und die rechte Hand hatten ihm die blutgetränkten Banknoten rot gefärbt, aber andere verräterische Spuren konnte er nicht entdecken.

Nachdem er seine Hand am Stroh gereinigt hatte, wischte er sich den Ruß aus dem Gesicht, dann verbrannte er sowohl die Männer- wie die Mädchenkleider, verstreute die Asche und zog einen Anzug an, wie er für Landstreicher paßte. Nun blies er das Licht aus, stieg die Leiter hinunter und schlenderte bald darauf am Ufer entlang. Er wünschte es Roxy nachzumachen und fand auch wirklich einen Kahn, mit dem er den Fluß hinunter fuhr. Als der Morgen dämmerte, ließ er den Kahn weitertreiben und setzte seinen Weg zu Lande fort. Im nächsten Dorfe hielt er sich verborgen, bis ein ihm fremder Dampfer vorbeifuhr und schiffte sich im Zwischendeck nach St. Louis ein. Erst als er glücklich an Dawson vorüber war, atmete er freier. »Keinem Geheimpolizisten in der ganzen Welt könnte es jetzt gelingen, meine Fährte zu finden,« sagte er sich. »Ich habe auch nicht die leiseste Spur zurückgelassen, die Sache ist für alle Zeiten in undurchdringliches Dunkel gehüllt; noch nach fünfzig Jahren werden sich die Leute vergebens abmühen, das Rätsel zu lösen.«

 

Am nächsten Morgen las er in St. Louis das folgende kurze Telegramm aus Dawson in der Zeitung:

»Der Richter Driscoll, ein alter, hochgeachteter Bürger, wurde hier gegen Mitternacht von einem ruchlosen italienischen Edelmann oder Barbiergesellen meuchlings erstochen. Der Anlaß ist in einem Streit zu suchen der kürzlich bei den Wahlen entstanden war. Vermutlich wird der Mörder gelyncht werden.«

»Einer von den Zwillingen!« frohlockte Tom, »welches Glück! Den Gefallen hat mir das Dolchmesser gethan. Man kann doch nie wissen, wann einem das Schicksal günstig ist. Wie habe ich Querkopf Wilson verwünscht, weil er es mir unmöglich machte, das Messer zu verkaufen. Das nehme ich jetzt zurück.«

Tom war mit einemmal reich und sein eigener Herr. Er brachte die Angelegenheit mit dem Pflanzer in Ordnung und ließ den neuen Kaufbrief, der Roxana ihre Freiheit zurückgab, an Wilsons Adresse schicken, dann telegraphierte er seiner Tante Pratt:

»Habe die entsetzliche Nachricht in der Zeitung gelesen; bin ganz außer mir vor Betrübnis. Morgen fahre ich mit dem Paketboot ab. Fasse dich, so gut du kannst, bis ich komme.«

Als Wilson in der verhängnisvollen Nacht das Trauerhaus betrat und sich von Frau Pratt und den zahlreichen Anwesenden hatte berichten lassen was man wußte, nahm er kraft seines Amtes als Bürgermeister die Sache in die Hand und gab Befehl, daß nichts angerührt werden, sondern alles an Ort und Stelle bleiben solle, bis die Totenschau vorüber sei. Er ließ das Zimmer räumen und blieb allein mit den Zwillingen zurück. Bald darauf kam der Polizeidiener und führte die Brüder ins Gefängnis. Wilson ermahnte sie noch, nicht den Mut zu verlieren und versprach ihnen, falls eine Anklage erhoben würde, zu ihrer Verteidigung zu thun, was er irgend könne.

Bei der genauen Besichtigung, welche der Friedensrichter Robinson später mit Hilfe des Konstablers Blake vornahm, fand sich das Dolchmesser nebst der Scheide. Wilson bemerkte zu seiner nicht geringen Genugthuung, daß auf dem Griff des Messers blutige Fingerspuren zu sehen waren. Die Zwillinge hatten nämlich die ersten Ankömmlinge aufgefordert, ihre Hände und Kleider zu besichtigen, und keiner von diesen, auch Wilson selbst nicht, hatte irgend welche Blutflecken an ihnen gefunden. Sollten die Brüder am Ende doch die Wahrheit gesagt haben, als sie beteuerten, sie wären auf den Hilferuf herbeigeeilt und hätten den Richter tot gefunden? – Wieder dachte Wilson an das geheimnisvolle Mädchen. Doch eine solche That war einem Mädchen nicht zuzutrauen. Jedenfalls konnte es aber nicht schaden, wenn Tom Driscolls Zimmer genau durchsucht wurde. Dies geschah auf Wilsons Vorschlag, nachdem die Leichenschau gehalten worden war. Die Thüre wurde mit Gewalt geöffnet, aber man fand dort nichts Verdächtiges.

Der Befund des Leichenbeschauers und der Beisitzer ging dahin, daß Luigi den Mord begangen und Angelo ihm Beihilfe geleistet habe.

Die ganze Stadt war aufs äußerste erbittert gegen die Aermsten, und in den ersten Tagen nach dem Morde wären sie fast ein Opfer der Volkswut geworden. Von der Anklagejury wurde Luigi des vorsätzlichen Mordes und Angelo der Teilnahme an dem Verbrechen beschuldigt. Hierauf führte man beide Zwillinge aus der Untersuchungshaft in das Bezirksgefängnis, wo sie bis zur Gerichtsverhandlung verbleiben sollten.

Wilson untersuchte die Fingerabdrücke auf dem Griff des Dolchmessers und sagte sich: »Diese Spuren stammen von keinem der Zwillinge her.« Es war also offenbar eine andere Person im Spiele, entweder aus eigenem Antrieb oder als gedungener Mörder.

Aber, wer konnte es sein? – Das mußte er zu erforschen suchen. Der eiserne Schrank war nicht aufgebrochen, in dem verschlossenen Geldkasten befanden sich dreitausend Dollars. Es lag also kein Raubmord vor, sondern eine That der Rache. Und doch hatte der Ermordete auf der ganzen Welt keinen Feind. Luigi war der einzige Mensch, der einen bitteren Groll gegen ihn hegte.

Das geheimnisvolle Mädchen machte Wilson schwere Sorge. Hätte es sich um einen Diebstahl gehandelt, so wäre er nicht in Zweifel gewesen. Aber wie käme ein Mädchen dazu, den alten Herrn aus Rache umzubringen? Er war ein Ehrenmann – es war nicht denkbar, daß ein Mädchen ihm etwas vorzuwerfen hätte.

Wilson hatte sich die Fingerspuren auf dem Messergriff genau abgezeichnet, und unter seinen ›Protokollen‹, die er in den letzten fünfzehn bis achtzehn Jahren gesammelt hatte, fanden sich eine Menge Abdrücke von Frauen- und Mädchenfingern. Aber er durchmusterte sie vergebens, kein einziger stimmte mit den Spuren auf dem Messer überein.

Der Umstand, daß der vermißte Dolch auf dem Schauplatz des Mordes zum Vorschein gekommen war, verursachte Wilson ganz besondere Pein. Vor kaum einer Woche hatte er sich zu dem Glauben bekannt, daß Luigi ein solches Messer besessen habe und noch besitze, trotz seiner Behauptung, daß es ihm gestohlen sei. Und nun tauchte das Messer gerade wieder auf, als die Zwillinge zur Stelle waren. Die halbe Stadt war damals der Meinung gewesen, daß die Brüder alle Welt an der Nase herumführen wollten, und jetzt frohlockten die klugen Leute und riefen: »Habe ich’s nicht gleich gesagt!«

»Wären ihre Fingerabdrücke auf dem Griff gewesen, ja dann – aber, das war ganz außer Frage – die Spuren stammten auf keinen Fall von den Zwillingen, das stand unumstößlich fest. Einen Verdacht gegen Tom bei sich aufkommen zu lassen, hielt Wilson für Thorheit, denn erstens war Tom nicht imstande, einen Menschen umzubringen – er hatte nicht Thatkraft genug, und zweitens – selbst wenn er einen Mord begehen könnte, würde er schwerlich seinem Wohlthäter und nächsten Verwandten, der ihn zärtlich liebte, das Leben nehmen. Auch war es drittens ganz gegen sein eigenes Interesse, denn bei Lebzeiten des Onkels brauchte Tom nicht für seinen Unterhalt zu sorgen und durfte hoffen, das vernichtete Testament werde noch einmal zu seinen Gunsten erneuert werden. Diese Möglichkeit war ausgeschlossen, sobald der Onkel starb. Freilich stellte sich jetzt heraus, daß das Testament bereits wieder aufgesetzt worden war, aber der Erbe hatte sicher nichts davon gewußt, er würde es sonst bei seiner natürlichen Schwatzhaftigkeit gewiß nicht unerwähnt gelassen haben. Ueberdies befand sich ja Tom zur Zeit des Mordes in St. Louis und erfuhr die Nachricht erst aus der Morgenzeitung, was durch das Telegramm an seine Tante erwiesen war. – Zu allen diesen Erwägungen gelangte Wilson indessen mehr durch unbestimmte Gefühle als durch klare Gedanken, denn im Ernst wäre es ihm niemals eingefallen, Tom für einen Teilnehmer an dem Morde zu halten.

Die Zwillinge waren verloren, falls man keinen Mitschuldigen entdeckte. Wilson hielt ihre Sache für völlig hoffnungslos. Er sagte sich, daß ein hochweises Geschworenengericht von Missouri sie ohne Zweifel an den Galgen bringen würde, falls sich kein Mitschuldiger fände, und käme auch ein solcher zum Vorschein, so würde dadurch nichts gebessert, man würde ihn eben als Dritten im Bunde aufknüpfen. Nur wenn sich ein Thäter ermitteln ließ, der den Mord ganz auf eigene Hand und aus persönlichen Beweggründen begangen hatte, waren die Zwillinge zu retten, und eine solche Möglichkeit schien einstweilen gänzlich ausgeschlossen. Die Hauptsache war jedenfalls, herauszufinden, von wem die blutigen Fingerspuren auf dem Dolche herrührten. Vielleicht nützte es den Brüdern nichts, aber, ohne das war auch nicht die geringste Aussicht für ihre Befreiung.

Trübselig schlich Wilson umher und zermarterte sich Tag und Nacht den Kopf mit Gedanken und Schlüssen, ohne zu irgend welchem Ergebnis zu gelangen. So oft er ein ihm fremdes Frauenzimmer auf der Straße begegnete, nahm er bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand ihre Fingerabdrücke, aber immer wieder mußte er sich seufzend eingestehen, daß sie mit den Spuren auf dem Messergriff nicht übereinstimmten.

Wegen des rätselhaften Mädchens befragt, schwor Tom hoch und teuer, daß er keine solche Person kenne, auch nie ein Mädchen in einem solchen Anzug gesehen habe, wie ihn Wilson beschrieb. Er gab zu, daß er seine Zimmerthür häufig offen ließe, und daß die Diener zuweilen vergäßen, das Haus abzuschließen; trotzdem könne die Unbekannte ihren Besuch kaum öfters wiederholt haben, weil man sie sonst sicher entdeckt hätte. Als Wilson den Verdacht aussprach, daß sie die noch immer unaufgeklärten Diebstähle begangen und sich vielleicht als alte Frau verkleidet haben könne, wenn sie nicht deren Helfershelferin sei, fand Tom das ganz einleuchtend. Es kam ihm nicht unwahrscheinlich vor, und er sagte, er werde von nun an ein wachsames Auge auf derartige Personen haben, doch wäre sie vermutlich zu schlau, um sich sobald wieder in die Stadt zu wagen, wo man jetzt jedenfalls noch längere Zeit scharf aufpassen würde.

Jedermann hatte Mitleid mit Tom, er schien so bedrückt und traurig, offenbar empfand er seinen großen Verlust auf das schmerzlichste. – Ja, er spielte seine Rolle gut, aber es war nicht alles Heuchelei. Das Bild seines Onkels, wie er ihn zuletzt gesehen hatte, erschien ihm häufig bei Nacht, wenn er nicht schlafen konnte oder verfolgte ihn im Traum. Daß er sich weigerte, das Zimmet zu betreten, wo die grauenvolle That verübt worden war, machte der liebevollen Frau Pratt einen besonders tiefen Eindruck. Sie sagte, sie erkenne daraus die zarte, empfindsame Natur ihres Lieblings so deutlich wie nie zuvor und nun erst wisse sie, mit welcher Innigkeit er an seinem armen Onkel gehangen habe.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Langsam schleppten sich die Wochen dahin; niemand besuchte die Brüder im Gefängnis außer ihrem Verteidiger und der Tante Patsy Cooper. Endlich kam der Tag der Gerichtsverhandlung; es war der schwerste Tag in Wilsons Leben, denn trotz seiner unausgesetzten Bemühungen hatte er auch nicht die leiseste Spur des fehlenden Mitverschworenen entdeckt. Ob die Bezeichnung ›Mitverschworener‹ für jene unbekannte Persönlichkeit überhaupt die richtige war, schien ihm allerdings zweifelhaft. Er hatte sie eben stillschweigend gewählt, obwohl er nie begreifen konnte, warum die Zwillinge nicht gleichfalls entflohen und verschwunden waren, statt auf dem Schauplatz des Mordes zurückzubleiben und sich festnehmen zu lassen.

Scharen von Menschen strömten nach dem Gerichtshause; das Gedränge dort war groß, und man konnte voraussehen, daß es bis zum Schluß der Verhandlung nicht abnehmen würde, denn nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch auf viele Meilen im Umkreis, sprach man im Volke von nichts anderem. Neben Pembroke Howard, dem Staatsanwalt, hatten die nächsten Anverwandten ihre Plätze; dort saß Frau Pratt in tiefer Trauer, und Tom mit dem Kreppstreifen um den Hut. Hinter ihnen nahmen die zahlreichen Freunde der Familie die ersten Bänke ein.

Zu dem Verteidiger der Zwillinge hielt sich niemand, außer ihrer armen, alten, tiefbetrübten Wirtin! Sie saß an Wilsons Seite und machte ein so freundliches Gesicht, wie sie irgend konnte. Im Negerwinkel hatte sich Schamber eingefunden, desgleichen Roxy, die ihren Kaufbrief in der Tasche trug. Es war ihr teuerstes Besitztum, von dem sie sich weder bei Tag noch bei Nacht trennen mochte. Als Tom in sein Erbe gekommen war, hatte er ihr ein Monatsgeld von fünfunddreißig Dollars ausgesetzt und geäußert, sie müßten beide den Zwillingen dankbar sein, die sie reich gemacht hätten. Darüber war Roxy aber in so großen Zorn geraten, daß Tom sich wohl hütete, die Bemerkung noch einmal zu machen. Der alte Richter, sagte sie, sei gegen ihren Sohn viel tausendmal zu gut gewesen und ihr selbst hätte er sein Leben lang nichts zu leide gethan. Sie wäre ganz wild vor Wut über die beiden ausländischen Teufel, die ihn umgebracht hätten und würde nicht eher wieder ruhig schlafen, bis sie am Galgen hingen. Sobald ihnen das Urteil gesprochen wäre, wollte sie laut ›Hurrah‹ schreien, daß die Wände davon wiederhallten, und wenn sie der Bezirksrichter auch ein Jahr lang dafür ins Gefängnis steckte.

Pembroke Howard trug als Staatsanwalt die öffentliche Anklage in kurzen Worten vor. Er machte sich anheischig, durch eine zusammenhängende Kette von Beweisen überzeugend darzuthun, daß der Hauptangeklagte den Mord begangen habe, teils aus Rache und teils um sein eigenes Leben vor Gefahr zu schützen. Sein Bruder aber sei bei dem Verbrechen zugegen gewesen und habe dadurch seine Zustimmung und Mitschuld kundgethan. Dieser Meuchelmord, einem tückischen, verworfenen Gemüt entsprungen, sei die verruchteste That, die eine feige Hand nur begehen könne. Sie habe das Herz einer liebenden Schwester gebrochen und das Glück eines jungen Neffen zerstört, der dem Toten so teuer gewesen sei wie ein eigener Sohn. Zahlreiche Freunde beklagten ihren unersetzlichen Verlust, und die ganze Stadt trauere um ihren trefflichsten Bürger. Deshalb fordere das Gesetz für den Frevel die höchste zulässige Strafe, die auch ohne Zweifel an dem hier gegenwärtigen Uebelthäter in aller Strenge vollzogen werden würde. Das übrige, was er noch zu sagen habe, wolle er für seine Schlußbemerkung aufsparen.

Der Redner war heftig bewegt und mit ihm das ganze Haus. Als er wieder Platz nahm, brachen Frau Pratt und einige ihrer Freundinnen in Thränen aus, und mancher haßerfüllte Blick flog zu den unglücklichen Gefangenen hinüber.

Ein Zeuge nach dem andern wurde nun aufgerufen und eingehend befragt, aber ihr Kreuzverhör war kurz, weil Wilson wohl wußte, daß sie nichts auszusagen hatten, was sich für die Verteidigung verwerten ließ. Der Querkopf wurde von aller Welt bedauert, denn in diesem Prozeß konnte er für seine kaum erst begonnene Laufbahn keine Lorbeeren pflücken.

Mehrere Zeugen versicherten bei ihrem Eide, sie hätten den Richter Driscoll in öffentlicher Versammlung sagen hören, daß die Brüder ihr verlorenes Dolchmesser schon wiederfinden würden, wenn sie es brauchen wollten, um jemand damit umzubringen. Das war nichts Neues, doch wurde man jetzt inne, auf wie traurige Weise sich die Prophezeiung erfüllt hatte. Es machte großen Eindruck auf alle Gemüter, und über den ganzen Gerichtssaal lagerte sich eine tiefe Stille, als die unheilvollen Worte wiederholt wurden.

Nun erhob sich der Staatsanwalt wieder und sagte, er wisse aus seinem letzten Gespräch mit dem Richter Driscoll, daß der Herr Verteidiger, als Ueberbringer einer Herausforderung seitens des Hauptangeklagten, zu ihm gekommen wäre. Der Richter habe sich jedoch geweigert, einem Menschen, der eines Mordes schuldig sei, auf dem Felde der Ehre Genugthuung zu geben. Anderswo, habe er bedeutsam hinzugefügt, wäre er zum Kampfe bereit. Vermutlich habe man den Angeklagten gewarnt und benachrichtigt, daß er bei der ersten Begegnung darauf gefaßt sein müsse, entweder den Richter selbst zu töten oder sich von ihm über den Haufen schießen zu lassen. Wenn der Herr Verteidiger gegen die Richtigkeit dieser Angaben nichts einzuwenden hätte, würde es nicht erforderlich sein, ihn als Zeuge zu vernehmen. Wilson erwiderte darauf, er wolle die Thatsachen nicht bestreiten.

(»Mit Wilsons Verteidigung sieht es windig aus« – diese und ähnliche Bemerkungen wurden im Saale geflüstert.)

Frau Pratt sagte aus, sie habe keinen Schrei gehört und wisse nicht, wovon sie aufgewacht sei; vielleicht hätte das Geräusch rascher Schritte, die sich der Vorderthür näherten, sie geweckt. Als sie im Nachtkleide in den Gang hinausstürzte, hörte sie Fußtritte auf der Haupttreppe und andere, die ihr folgten, während sie nach dem Wohnzimmer eilte. Dort fand sie die Angeklagten bei ihrem ermordeten Bruder. (Sie brach in Schluchzen aus; im Saal entstand große Bewegung.) Die Personen, die hinter ihr dreinkamen, fügte sie noch hinzu, seien Herr Rogers und Herr Buckstone gewesen.

In dem Kreuzverhör, das Wilson mit ihr vornahm, erwiderte sie, die Zwillinge hätten ihre Unschuld beteuert und versichert, sie seien auf einem Spaziergang begriffen gewesen und in das Haus geeilt, weil sie einen lauten Hilfeschrei gehört hatten, als sie noch eine gute Strecke entfernt waren. Auf Verlangen der Brüder habe sie selbst, sowie die beiden Herren, die Hände und Kleider der Zwillinge besichtigt und keine Blutflecken an ihnen gefunden.

Rogers und Buckstone bestätigten diese Angaben.

Sodann wurde die Auffindung des Dolchmessers durch Zeugen erhärtet. Um festzustellen, daß es genau mit der Beschreibung übereinstimme und dieselbe Waffe sei, für deren Wiedererlangung eine Belohnung ausgesetzt worden, verlas man die betreffende Anzeige. Es folgten nun noch mehrere unbedeutende Einzelheiten, und damit war die Begründung der Anklage geschlossen.

Wilson erklärte, er werde drei Zeuginnen beibringen – die drei Fräulein Clarkson – welche ein paar Minuten, nachdem man das Hilfegeschrei vernommen, einem verschleierten Mädchen begegnet seien, das sich durch das hintere Hofthor aus dem Driscoll’schen Anwesen entfernte. Ihre Aussage, verbunden mit gewissen Indizienbeweisen, die er dem Gerichtshof vorlegen wolle, würde Richter und Geschworene überzeugen, daß noch eine Person an dem Verbrechen beteiligt sei, deren man bis jetzt nicht habhaft geworden, und daß es sich als eine Forderung der Gerechtigkeit gegen seine Klienten empfehlen würde, das Verfahren auszusetzen, bis die fragliche Person zur Stelle sei. In Anbetracht der späten Stunde bitte er das Verhör der drei Zeuginnen bis zum nächsten Morgen vertagen zu dürfen.

Die Menge strömte aus dem Gerichtshause und zerstreute sich in einzelne, aufgeregte Gruppen, welche unter sich die Vorgänge bei der Verhandlung mit dem lebhaftesten Interesse besprachen. Alle schienen einen höchst befriedigenden und genußreichen Tag verlebt zu haben, außer den Angeklagten, ihrem Verteidiger und ihrer alten Freundin. Diese waren ziemlich niedergeschlagen und hatten wenig Hoffnung. Als Tante Patsy den Zwillingen Gute Nacht sagen und Mut zusprechen wollte, mußte sie mitten im Satz abbrechen, weil ihr die Stimme versagte.

Obgleich sich Tom für vollkommen sicher hielt, hatte er sich bei der feierlichen Eröffnung der Gerichtssitzung eines gewissen unbehaglichen Gefühls doch nicht erwehren können, denn er war äußerst schreckhaft von Natur. Sobald es jedoch offenbar wurde, auf wie schwachen Füßen Wilsons Verteidigung stand, fühlte er sich wieder beruhigt, ja, er frohlockte innerlich. Mit einem Anflug spöttischen Bedauerns für den Verteidiger, verließ er den Gerichtssaal. »Die Clarksons sind in der Hintergasse einem unbekannten Frauenzimmer begegnet,« sagte er bei sich, » mehr weiß er nicht vorzubringen. Ich will ihm meinetwegen ein paar Jahrhunderte Zeit lassen, um die Person zu entdecken. Sie selbst ist nicht mehr vorhanden, ihre Kleider sind verbrannt und die Asche in die Winde verstreut, – wahrhaftig, er wird leichte Arbeit haben, sie aufzufinden!« Wieder und wieder pries er seine kluge Erfindungsgabe, durch die er sich gegen jede Entdeckung, ja sogar gegen den geringsten Verdacht vollständig gesichert hatte.

»In solchen Fällen übersieht man fast regelmäßig irgend eine Kleinigkeit – eine geringfügige Spur bleibt zurück und ermöglicht die Entdeckung; aber hier ist auch nicht die leiseste Andeutung mehr vorhanden. Ebenso gut könnte man den Zug eines Vogels verfolgen wollen, der bei Nacht durch die Luft fliegt. Wer die Spur des Vogels in der Luft finden kann, wenn er davongeflogen ist, der und kein anderer wird auch meine Bahnen aufzuspüren wissen und den Mörder des Richters entdecken. Daß diese Arbeit gerade dem armen Querkopf Wilson aufgebürdet wird, ist wirklich ein tragikomisches Verhängnis. Wie muß er sich quälen und abhaspeln mit der Verfolgung der Unbekannten, die nirgendwo ist, während ihm der rechte Mann die ganze Zeit über am Ellbogen sitzt.« Je mehr er die Lage der Dinge überdachte, um so mehr fiel ihm ihre spaßhafte Seite auf. Endlich sagte er: »Mit dem Frauenzimmer will ich ihn hänseln, bis an sein Lebensende. So oft ich ihn in Gesellschaft treffe, frage ich ihn mit der unschuldigsten Miene von der Welt: ›Wie steht’s, Querkopf – hast du ihre Fährte gefunden?‹ Das wird ihm so ärgerlich sein, wie früher meine Erkundigung nach seiner ungeborenen Anwaltspraxis.« Er hätte laut auflachen mögen, doch das ging nicht an, es waren Leute zugegen und er trauerte ja um seinen Onkel. Aber das Vergnügen wollte er sich doch machen, heute abend bei Wilson vorzusprechen, um zu sehen, welche Pein ihm seine aussichtslose Verteidigung bereitete. Vielleicht konnte er das eine oder andere Wort des Bedauerns und Mitleids einfließen lassen, so daß der Querkopf vollends außer sich geriete.

Wilson hatte sich kein Abendbrot bringen lassen, ihm war alle Eßlust vergangen. Er holte seine ›Protokolle‹ mit den Fingerabdrücken sämtlicher Mädchen und Frauen hervor und starrte sie wohl über eine Stunde in düsterm Schweigen an, um sich zu überzeugen, ob er nicht doch vielleicht die Spuren jenes verdächtigen Mädchens übersehen haben könne. Aber es war alles vergebens. Endlich lehnte er sich in den Stuhl zurück, verschränkte die Hände über dem Kopf und überließ sich finstern, unfruchtbaren Gedanken.

Noch spät am Abend trat Tom Driscoll bei ihm ein, setzte sich und sagte in munterem Ton:

»Was sehe ich! Du hast zum Trost dein altes Steckenpferd aus der Zeit deiner Verkennung und Zurücksetzung wieder aufgenommen!« Er griff nach einem der Gläser und hielt es ans Licht, um es genau zu betrachten. »Verliere nur den Mut nicht, altes Haus! Weil deine neue Sonnenscheibe Flecken hat, brauchst du doch nicht gleich alles aufzugeben und den unnützen Kinderkram vorzuholen. So etwas geht vorbei, und dann bist du wieder obenauf.« – Er legte das Glasplättchen hin. »Hast du denn gedacht, du müßtest immer Erfolg haben?«

»O nein, durchaus nicht,« erwiderte Wilson mit einem Seufzer; »aber ich kann nicht glauben, daß Luigi deinen Onkel getötet hat, und er thut mir von Herzen leid. Es macht mich ganz schwermütig, und dir würde es ebenso gehen, wenn du kein Vorurteil gegen die jungen Leute hättest.«

»Das ist noch sehr die Frage,« sagte Tom mit finsterer Miene, denn ihm fiel der Fußtritt wieder ein, den er erhalten hatte. »Es ist wahr, ich bin ihnen wenig Dank schuldig, wenn ich daran denke, wie mich der Braune an jenem Abend behandelt hat. Aber Vorurteil hin – Vorurteil her – ich kann sie nun einmal nicht ausstehen, und wenn ihnen nach Verdienst geschieht, werde ich mir keine grauen Haare um sie wachsen lassen.«

Wieder nahm er ein Glasplättchen in die Hand und besichtigte es. »Wahrhaftig, da steht der Name der alten Roxy darunter! Willst du denn die Königspaläste auch mit den Abdrücken von Negerpfoten verzieren? Nach dem Datum zu urteilen, war ich sieben Monate alt, als das gemacht wurde; sie pflegte und wartete mich damals zusammen mit ihrem Negerjungen. Bei ihrem Daumen geht eine Linie quer über den Abdruck. Woher kommt das wohl?« Tom reichte Wilson das Plättchen hin.

»Von irgend einem alten vernarbten Riß oder Schnitt,« antwortete dieser seinem Quälgeist in abgespanntem Ton, »man findet das häufig.« Er nahm das Glas gleichgültig zur Hand und hielt es gegen die Lampe. Plötzlich wich alles Blut aus seinem Gesicht, seine Hand zitterte und er starrte mit förmlich verglastem Blick auf die glatte Fläche vor seinen Augen.

»Um alles in der Welt, was ist denn mit dir los, Wilson, willst du in Ohnmacht fallen?«

Tom holte ihm rasch ein Glas Wasser, aber Wilson fuhr schaudernd davor zurück.

»Nein, nein,« rief er, »fort damit!« Seine Brust hob und senkte sich, er bewegte den Kopf schwerfällig hin und her, wie jemand, der einen betäubenden Schlag erhalten hat. Endlich sagte er: »Ich glaube, mir wird wohler werden, wenn ich mich zu Bette lege; ich habe mich heute zu sehr angestrengt und mich vielleicht schon seit einigen Tagen überarbeitet.«

»Dann will ich gehen und dich in Ruhe lassen, Gute Nacht, altes Haus!« Beim Abschied konnte Tom jedoch eine letzte Stichelrede nicht unterdrücken: »Nimm dir’s nicht so zu Herzen; immer gewinnen thut keiner. Du wirst schon noch jemand an den Galgen bringen.«

»Jawohl, und ich lüge nicht,« murmelte Wilson vor sich hin als er allein war, »wenn ich sage, es thut mir leid, daß ich mit dir den Anfang machen muß, trotzdem du ein so elender Hund bist!«

Er raffte sich zusammen, trank ein Glas kalten Whisky und ging wieder an die Arbeit. Die neuen Fingerabdrücke, die Tom unabsichtlich auf Roxys Glasplatte zurückgelassen hatte, brauchte er bei seinem geübten Auge nicht erst mit den Spuren auf dem Griff des Dolchmessers zu vergleichen. Er beschäftigte sich mit andern Dingen und brummte dabei von Zeit zu Zeit: »Narr, der ich war! – Nur an ein Mädchen habe ich gedacht – ein Mann in Frauenkleidern ist mir nicht eingefallen.« Zuerst suchte er die Platte heraus, die Toms Fingerabdrücke im Alter von zwölf Jahren trug, dann das ›Protokoll‹ des Säuglings von sieben Monaten; beide Gläser legte er neben einander und fügte das dritte mit dem Abdruck hinzu, den der junge Mensch soeben gemacht hatte, ohne es zu wissen.

»So, jetzt ist die Sammlung vollständig,« sagte er im Ton der Befriedigung und setzte sich hin, um alles mit Muße in Augenschein zu nehmen. Aber dies Vergnügen war nur von kurzer Dauer. Er schaute die drei Glasplatten mit unverwandtem Blick an und war ganz starr vor Erstaunen. Endlich legte er sie hin und rief ärgerlich: »Hol’s der Henker! Das geht über meine Begriffe. Die Kinderplatte stimmt nicht mit den beiden andern!«

Wohl eine halbe Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab und zerbrach sich den Kopf über das Rätsel. Dann suchte er zwei andere Gläser hervor, setzte sich und dachte eine Weile hin und her. »Es nützt nichts,« murmelte er, »ich kann es nicht verstehen. Sie stimmen nicht überein, und doch will ich darauf schwören, daß Namen und Datum richtig sind, deshalb müßten sie natürlich gleich sein. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht ein einziges Mal bei der Unterschrift geirrt. Es ist das wunderbarste Geheimnis, das mir je vorgekommen.«

Er war jetzt ganz erschöpft vor Müdigkeit und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Erst wollte er ausschlafen und dann noch einmal versuchen, das Geheimnis zu ergründen. Eine Stunde mochte er wohl in unruhigem Schlummer gelegen haben, dann erwachte er allmählich wieder zum Bewußtsein und richtete sich schläfrig im Bett in die Höhe. »Was träumte mir nur eben?« fragte er und suchte sich zu besinnen. »Es war mir doch, als hätte mein Traum die Lösung des Rät– –«

Mit einem Sprung war er mitten im Zimmer. Ohne den Satz zu beenden, lief er zum Tisch, machte Licht an und holte seine Glasplatten. Ein einziger rascher Blick genügte ihm.

»Es ist so, wie ich dachte,« rief er. »Himmel, was für eine Enthüllung! Und dreiundzwanzig Jahre lang hat kein Mensch eine Ahnung davon gehabt!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wilson fuhr in seine Kleider und machte sich gleich ans Werk. Er war jetzt völlig wach und arbeitete wie mit Dampfkraft. Seine große, hoffnungsreiche Entdeckung hatte ihn neu gestärkt und jedes Gefühl der Ermüdung mit einem Schlage vertrieben. Von einer Anzahl seiner ›Protokolle‹ fertigte er sorgfältig ausgeführte Zeichnungen an und vergrößerte sie aufs zehnfache mittels des Storchschnabels. Diese vergrößerten Aufnahmen zeichnete er auf weißen Pappendeckel und zog jede einzelne Linie in dem verworrenen Labyrinth von Schlingen, Strichen und Bogen mit Tinte nach, um das ›Muster‹ des ›Protokolls ‹ mit voller Deutlichkeit zum Vorschein zu bringen.

Ein ungeübtes Auge konnte vielleicht an den Original-Abdrücken auf den Glasplatten nur geringe Unterschiede entdecken, aber bei zehnfacher Vergrößerung glichen sie der Faser eines quer durchgesägten Holzblocks, und wer nicht blind war, mußte selbst bei einer Entfernung von mehreren Fuß auf den ersten Blick erkennen, daß nicht eins der Muster mit dem andern übereinstimmte. Als Wilson endlich seine mühsame und schwierige Arbeit beendet hatte, ordnete er die einzelnen Blätter, so daß sie eine fortschreitende Reihenfolge bildeten und fügte noch ein Paket vergrößerte Aufnahmen hinzu, die er im Lauf der Jahre von Zeit zu Zeit gemacht hatte.

Die Nacht verging darüber und es war schon heller lichter Tag geworden. Er nahm sich kaum Zeit, einen Bissen zum Frühstück zu essen; es schlug neun Uhr, die Gerichtssitzung sollte beginnen. Zehn Minuten später saß er dort mit den ›Protokollen‹ aus seinem Platz.

Tom Driscoll stieß seinen Nachbar heimlich mit dem Ellbogen. »Seht nur,« sagte er, auf die Pappblätter weisend, »was der Querkopf für ein gewiegter Geschäftsmann ist – er denkt, wenn er auch den Prozeß nicht gewinnt, kann er doch die gute Gelegenheit benutzen, seine Palastfenster-Verzierungen unentgeltlich bekannt zu machen.«

Die Ankunft der drei Zeuginnen hatte sich verzögert, und als man dies Wilson mitteilte, stand er auf und erklärte, er werde vermutlich überhaupt auf ihre Vernehmung verzichten. (»Er streicht die Segel,« murmelte die belustigte Menge, »er duckt sich, ohne auch nur einen Hieb zu wagen!«) »Ich habe andere Beweise,« fuhr Wilson fort, »die ich für besser halte.« (Das Interesse wuchs, ein Gemurmel der Verwunderung ließ sich hören, aus dem auch etwas wie Enttäuschung klang.) »Damit es nicht den Anschein hat, als wünsche ich den Gerichtshof mit dieser Nachricht zu überraschen, will ich zu meiner Rechtfertigung sagen, daß ich die Beweise selbst erst gestern noch am späten Abend entdeckt habe und seitdem bis vor einer halben Stunde mit der Untersuchung und Anordnung des Materials beschäftigt gewesen bin. Ich werde mir sogleich erlauben, es vorzulegen. Zuerst aber gestatten Sie mir wohl noch einige einleitende Worte:

»Der hohe Gerichtshof wird mir beipflichten, daß der Hauptpunkt, auf den sich die Anklage stützt, auf den sie den größten Nachdruck legt und den sie mit – ich darf wohl sagen herausfordernder Feindseligkeit, in den Vordergrund stellt, in der Annahme zu finden ist, daß derjenige, dessen blutige Fingerspur wir auf dem Griff des indischen Dolchmessers sehen – und kein anderer – den Mord verübt hat.« Hier machte Wilson eine Pause, um mit dem, was er sagen wollte, einen größeren Eindruck zu erzielen und fügte dann gelassen hinzu: » Mit dieser Behauptung sind wir einverstanden.«

Das kam völlig unerwartet; kein Mensch war auf dieses Zugeständnis vorbereitet. Von allen Seiten erhob sich ein Gewirr verwunderter Stimmen, und man hörte hie und da die Aeußerung fallen, der Rechtsanwalt müsse wohl vor Ueberanstrengung den Verstand verloren haben. Selbst der im Staatsdienst ergraute Richter, der beim Strafverfahren auf allerlei Rechtskniffe und verborgenes Geschütz aus dem Hinterhalt vorbereitet war, wußte nicht, ob er seinen Ohren trauen dürfe und erkundigte sich, was der Verteidiger gesagt habe. Howards Gesicht blieb zwar unbeweglich, aber seine ganze Haltung verriet, daß er einen Augenblick etwas von seiner sorglosen Zuversicht eingebüßt hatte.

»Wir sind nicht nur mit der Behauptung einverstanden,« fuhr Wilson fort, »sondern auch bereit, sie aufs angelegentlichste zu unterstützen. Ich werde seinerzeit auf diesen Punkt wieder zurückkommen und möchte jetzt Ihre Aufmerksamkeit noch auf mehrere andere Umstände lenken.«

Er hatte beschlossen, in betreff der Beweggründe des Mordes einige kühne Schlußfolgerungen zu wagen, um etwaige Lücken in der Beweisführung auszufüllen. Traf er das richtige, so würde es von Nutzen sein, und im entgegengesetzten Fall wenig schaden.

»Meiner Ansicht nach deuten verschiedene Einzelheiten darauf hin, daß der Mord aus ganz andern Gründen begangen wurde, als die Klage für gut findet anzunehmen. Ich bin überzeugt, daß es keine That der Rache war, sondern ein Raubmord. Den angeklagten Brüdern war mitgeteilt worden, daß einer von ihnen dem Richter Driscoll bei der nächsten Begegnung zu Leibe gehen müsse, wenn er nicht selbst Gefahr laufen wolle, von ihm getötet zu werden. Nun erklärt man die Anwesenheit meiner Klienten auf dem Schauplatz des Mordes damit, daß der Selbsterhaltungstrieb sie veranlaßt habe, heimlich dorthin zu gehen und den Gegner des Grafen Luigi niederzustoßen, um ihr eigenes Leben zu schützen.

»Warum sind sie dann aber nach vollbrachter That nicht entflohen? Frau Pratt hatte den Hilferuf nicht gehört, sie erwachte erst mehrere Minuten später, es verging also immerhin einige Zeit, bis sie in das Zimmer gestürzt kam. Dort standen die beiden Männer und machten keinen Versuch zu entfliehen. Waren sie schuldig, so hätten sie schon die Flucht ergriffen, ehe noch Frau Pratt die Treppe herunterkam. Was war aus ihrem Selbsterhaltungstrieb geworden, der stark genug sein sollte, um sie zu bewegen, den unbewaffneten alten Mann meuchlings zu töten? Ließ er sie jetzt im Stich, da sie ihn am nötigsten brauchten? Wäre irgend einer von uns etwa an Ort und Stelle geblieben? Wem könnte man wohl eine solche Thorheit zutrauen?

»Als eine sehr wichtige Thatsache gilt ferner, daß die Angeklagten eine hohe Belohnung für die Wiedererlangung des Dolchmessers ausgesetzt haben, mit dem der Mord verübt wurde. Es fand sich aber niemand, um die Belohnung zu fordern, und das sah man als einen Indizienbeweis an, daß der angebliche Diebstahl überhaupt nur Lug und Trug gewesen sei. Dazu kam noch der merkwürdige, prophetische Ausspruch des Verstorbenen in bezug auf das Messer, sowie dessen Wiederauftauchen in dem verhängnisvollen Zimmer, wo man außer dem Eigentümer des Messers und seinem Bruder niemand bei der Leiche des Ermordeten fand. Alle diese Umstände bilden eine in einander greifende Kette von Beweisen, durch welche das Verbrechen unwiderleglich den beiden unglücklichen Fremdlingen zur Last gelegt wird.

»Ich aber bin bereit, den Zeugeneid daraus zu leisten, daß auch für die Ergreifung des Diebes eine hohe Belohnung zugesagt worden ist, aber nicht durch die Zeitung, sondern insgeheim. Diese Thatsache wurde unklugerweise erwähnt oder wenigstens stillschweigend zugegeben, wo Vorsicht unnötig schien und doch vielleicht geboten war. Der Dieb kann selber zugegen gewesen sein.« (Tom Driscoll hatte den Redner angesehen, jetzt senkte er aber den Blick.) »Natürlich mußte er in diesem Fall das Messer behalten, er konnte es weder zum Verkauf anbieten noch zum Pfandleiher tragen.« (Viele Anwesende nickten zustimmend, um zu verstehen zu geben, daß sie dies für einen guten Schachzug hielten.) »Ich werde ferner den Geschworenen zu beweisen suchen, daß wenige Minuten, ehe die Angeklagten Herrn Driscolls Zimmer betraten, schon jemand darin gewesen ist.« (Dies verursachte große Erregung, alle Köpfe im Gerichtssaal fuhren in die Höhe, die Aufmerksamkeit war ungeteilt.) »Im Notfall will ich durch das Zeugnis der drei Fräulein Clarkson erhärten, daß sie einer verschleierten Person begegnet sind – anscheinend einer Frau – die wenige Minuten, nachdem der Hilfeschrei gehört wurde, zum hintern Hofthor hinausging. Es war aber keine Frau, sondern ein Mann in Weiberkleidern.« (Abermaliges Aufsehen. Wilson schaute nach Tom hin, als er diesen Schuß ins Blaue wagte, um sich von der Wirkung zu überzeugen. Er war zufrieden mit dem Erfolg; »es ist richtig,« dachte er, »er fühlt sich getroffen!«)

»Der Mann hatte in dem Hause stehlen wollen – nicht einen Mord begehen. Zwar war der eiserne Schrank nicht aufgebrochen, aber der Geldkasten mit dreitausend Dollars stand auf dem Tisch. Möglich, daß der Dieb sich im Hause verborgen hatte, daß er die Gewohnheit des Richters kannte, am Abend den Inhalt des Kastens zu zählen und seine Rechnungen zu ordnen – falls Herr Driscoll das zu thun pflegte, worüber ich keine Gewißheit habe. – Vielleicht versuchte er sich des Kastens zu bemächtigen, während der Eigentümer schlief, machte aber Lärm, wurde ergriffen und konnte sich nur mit Hilfe des Dolches befreien; die Beute mußte er aber im Stiche lassen und fliehen, weil er Leute kommen hörte.

»Dies ist meine Auffassung der Sache und ich wende mich nun zu den Beweismitteln, durch die ich versuchen werde, Sie von der Richtigkeit meiner Behauptung zu überzeugen.« Wilson nahm einige von den Glasplättchen zur Hand. Als die Zuhörer diese allbekannten Wahrzeichen der früheren kindischen Spielerei und Thorheit des Querkopfs erblickten, wich das gespannte, feierliche Interesse aus ihren Zügen, und ein lautes, herzerfrischendes Gelächter schallte durch den Saal; auch Tom raffte sich auf und nahm teil an dem Spaß, aber Wilson ließ sich anscheinend nicht beirren. Er ordnete seine ›Protokolle‹ vor sich auf dem Tisch und sagte:

»Ich bitte den Gerichtshof, mir noch einige vorläufige Bemerkungen über das Beweismaterial zu erlauben, das ich vorzulegen beabsichtige, und dessen Echtheit ich beschwören will:

»Ein jeder Mensch besitzt von der Wiege bis zum Grabe gewisse körperliche Merkmale, die sich niemals verändern, an denen man ihn jederzeit zu erkennen vermag – und zwar mit untrüglicher Sicherheit, ohne den geringsten Zweifel. Diese Kennzeichen sind ihm als Stempel aufgedrückt, sie bilden sozusagen seine physiologische Marke und eigenhändige Unterschrift, die weder gefälscht noch verstellt werden kann und sich nicht verbergen läßt. Auch der Zahn der Zeit zerstört sie nicht und sie sind keiner Wandlung unterworfen. Ich rede hier nicht etwa von den Zügen des Gesichts, die sich oft im Alter bis zur Unkenntlichkeit verändern, auch nicht vom Haar, das ausfallen kann, nicht von der Gestalt und Größe, denn darin giebt es Doppelgänger, während jene Kennzeichen jedem Menschen eigentümlich sind und sich bei keinem der Millionen, die den Erdball bevölkern, zum zweitenmal vorfinden.« (Jetzt horchten die Anwesenden wieder hoch auf.)

»Die Merkmale, welche ich meine, bestehen in den feinen Linien oder Furchen, welche die Natur auf der inneren Hand des Menschen und den Sohlen seiner Füße zeichnet. Wenn Sie Ihre Fingerspitzen betrachten wollen, so werden Sie, falls Sie scharfe Augen haben, erkennen, daß diese zarten Wellenlinien dicht beisammen liegen und verschiedene, deutlich wahrnehmbare Muster bilden, Bogen, Kreise, Winkel, Krümmungen u. dergl. und daß kein Finger darin dem andern gleicht.« (Jedermann im Saal hielt jetzt die Hand in die Höhe, bog den Kopf zur Seite und betrachtete aufmerksam seine Fingerspitzen; hier und dort hörte man jemand verwundert flüstern: ›Wirklich, er hat recht – das ist mir noch nie aufgefallen.‹)

»Die Muster der rechten Hand sind verschieden von denen der linken.« (Es fallen Ausrufe wie: ›Jawohl, das trifft auch zu!‹) »Prüfen Sie jeden Finger einzeln – Ihre Muster unterscheiden sich von denen Ihres Nachbars.« (Im ganzen Saal wurden Vergleiche angestellt, selbst der Richter und die Geschworenen vertieften sich in diese seltsame Beschäftigung.) »Auch bei einem Zwilling unterscheidet sich die Rechte von der Linken. Die Muster sind bei dem einen Zwilling anders als bei seinem Bruder – die Geschworenen werden sich überzeugen, daß diese Regel auch bei den Angeklagten ihre Bestätigung findet.« (Sogleich nahm man die Untersuchung mit den Händen der Zwillinge vor.) »Man sagt oft, es giebt Zwillinge, die sich so aufs Haar gleichen, daß ihre eigenen Eltern sie nicht unterscheiden können, wenn sie überein gekleidet gehen. Aber noch nie ist ein Zwilling auf Erden geboren worden, der nicht von der Geburt bis zum Grabe das sicherste Zeichen seiner Eigenart in dieser wunderbaren und geheimnisvollen Urschrift besessen hätte. Wer das einmal weiß, den kann der andere Zwilling nicht betrügen, wenn er sich für seinen Bruder ausgeben will.«

Wilson hielt jetzt inne und stand schweigend da. Wenn das ein Redner thut, so fesselt er die Aufmerksamkeit unwiderstehlich. Die Stille verkündet, daß etwas Wichtiges bevorsteht. Alle Hände und Fingerspitzen senkten sich, gebückte Gestalten richteten sich in die Höhe, die Köpfe reckten sich, jedes Auge war auf Wilsons Gesicht geheftet. Er wartete noch ein paar Sekunden, um der Wirkung des Zauberbanns sicher zu sein; dann, als er in dem lautlosen Schweigen das Ticken der Uhr an der Wand vernahm, faßte er den indischen Dolch bei der Klinge, hielt ihn empor, daß alle Anwesenden die dunklen Flecken auf dem Elfenbeingriff sehen konnten, und sagte mit ruhiger, leidenschaftsloser Stimme:

»Auf diesem Schaft steht die Urschrift des Mörders mit dem Blut des harmlosen und hilflosen alten Mannes geschrieben, der euch wohlwollte und für den eure Herzen schlugen. Es giebt nur einen Menschen auf Erden, dessen Hand das Ebenbild dieses blutigen Zeichens trägt –« er schwieg und sah nach dem Pendel der Uhr, der sich hin und her bewegte – »und so Gott will, wird er hier im Saal vor Ihnen erscheinen, ehe noch die Mittagsstunde schlägt.«

Betäubt, verwirrt und halb unbewußt erhob sich ein Teil der Menge, als erwarteten sie, den Mörder zur Thür hereintreten zu sehen. Allerlei Ausrufe schwirrten durch die Luft. – ›Ruhe im Gerichtssaal – hinsetzen!‹ ermahnte der Sheriff. Man gehorchte, und die Ordnung ward wieder hergestellt. Wilson blickte verstohlen zu Tom hinüber. »Alle Welt hat Mitleid mit ihm,« dachte er, »man sieht ihm jetzt das Elend und die Drangsal an; die Leute sagen sich, daß es eine schwere Prüfung für einen jungen Menschen ist, seinen Wohlthäter auf so grausame Weise verloren zu haben – darin gebe ich ihnen ganz recht.«

Er fuhr jetzt in seiner Rede fort.

»Ueber zwanzig Jahre lang habe ich mich während meiner erzwungenen Muße damit ergötzt, diese seltsamen, unvertilgbaren Kennzeichen in hiesiger Stadt zu sammeln. Bei mir zu Hause habe ich deren hundert und aber hundert aufbewahrt. Jeder Abdruck ist mit Namen und Datum versehen, die nicht etwa am nächsten Tage oder in der nächsten Stunde beigefügt wurden, sondern unmittelbar nach der Aufnahme. Alles, was ich jetzt sage, nehme ich auf meinen Zeugeneid. Ich besitze die Fingerabdrücke des Richters, seiner Beisitzer und sämtlicher Geschworenen. In diesem ganzen Saal ist kaum ein Mensch, sei er Weißer oder Farbiger, dessen Urschrift ich nicht vorzeigen könnte. Mag sich einer auch noch so sehr verstellen, ich würde doch immer imstande sein, ihn aus allen Mitmenschen herauszufinden und Gewißheit über seine Persönlichkeit zu erlangen. Und wenn er und ich hundert Jahre alt werden sollten, so kann ich das allezeit so gut thun, wie heute.« (Das Interesse der Versammlung wuchs zusehends.)

»Ich habe mehrere dieser Abdrücke so genau studiert, daß sie mir ebenso geläufig sind wie dem Bankkassier die Unterschrift seines ältesten Deponenten. Ich möchte jetzt einige von den Herren – darunter die Angeklagten – ersuchen, während ich ihnen den Rücken zukehre, sich durch das Haar zu fahren und dann ihre Finger einzeln auf eine der Fensterscheiben neben der Geschworenenbank zu drücken. Dies Experiment bitte ich zu wiederholen, aber auf einer anderen Scheibe und in ganz anderer Anordnung, doch so, daß sich die Fingerabdrücke der Angeklagten wieder darunter befinden. Es wäre immerhin möglich, daß man durch einen ganz besonderen Zufall einmal mit bloßem Raten die richtigen Abdrücke herausfindet, deshalb möchte ich eine doppelte Probe bestehen.«

Er drehte sich nach der Wand, und die beiden Fensterscheiben bedeckten sich rasch mit länglichen, von schwachen Linien durchzogenen Flecken, die jedoch nur denjenigen sichtbar waren, welche sie gegen einen dunkeln Hintergrund sahen, zum Beispiel gegen die belaubten Bäume draußen. Nun rief man Wilson, er ging zum Fenster und stellte seine Untersuchung an. Hierauf sagte er:

»Dies ist Graf Luigis rechte Hand, dort unten, drei Abdrücke tiefer, ist seine linke. Hier ist Graf Angelos Rechte, da drüben seine Linke. Jetzt die andere Scheibe: hier und hier sind Graf Luigis Abdrücke. und dies und das sind die seines Bruders.« Er wandte sich um: »War es richtig?«

Ein donnerndes Beifallklatschen gab ihm Antwort.

»Das streift wirklich ans Wunderbare,« sagte der Vorsitzende.

Wilson trat wieder ans Fenster.

»Hier,« sagte er, mit dem Finger darauf deutend, »ist die Hand des Friedensrichters Robinson (Beifall), dieser Abdruck stammt vom Konstabler Blake (Beifall), jener dort vom Geschworenen Mason (Beifall), der drüben vom Sheriff (Beifall), die andern kann ich jetzt nicht nennen, aber ich habe sie alle zu Hause mit Namen und Datum und könnte sie aus meiner Sammlung herausfinden.«

Unter stürmischen Beifallrufen begab er sich wieder an seinen Platz. Der Sheriff stellte schnell die Ruhe her und befahl den Leuten, sich zu setzen, denn alle waren aufgestanden und hatten sich nach Kräften bemüht, etwas zu sehen zu bekommen. Die Richter, die Geschworenen, der Sheriff und alle übrigen waren bis jetzt zu sehr mit Wilsons merkwürdiger Leistung beschäftigt gewesen, um auf die Ordnung im Gerichtssaal zu achten.

»Und jetzt,« fuhr Wilson fort, »habe ich hier die Fingerabdrücke zweier Kinder in zehnfacher Vergrößerung, so daß jeder, der Augen hat, auf den ersten Blick den Unterschied der Zeichnung erkennen kann. Wir wollen die Kinder A und B nennen. Hier ist A’s Abdruck im Alter von fünf Monaten und hier wieder von sieben Monaten.« (Tom schrak zusammen.) »Sie sind einander ganz gleich, wie Sie sehen. Hier ist B’s Hand von fünf und hier von sieben Monaten. Beide stimmen genau überein, sind aber von A’s Muster ganz verschieden, wie Sie bemerken werden. Für jetzt lege ich die Blätter beiseite und komme später darauf zurück.

»Die zwei Zeichnungen, welche ich Ihnen nunmehr vorlege, sind die zehnfach vergrößerten Fingerabdrücke der beiden Männer, welche angeklagt sind, den Richter Driscoll ermordet zu haben. Die Vergrößerung ist von mir gestern abend gemacht worden, das will ich eidlich beschwören. Nun fordere ich die Geschworenen auf, sie mit den Abdrücken auf den Fensterscheiben zu vergleichen, welche von den Angeklagten herrühren, und dem Gerichtshof zu sagen, ob sie sich von jenen unterscheiden.«

Er reichte dem Obmann ein sehr starkes Vergrößerungsglas. Ein Geschworener nach dem andern nahm das Pappblatt und das Glas zur Hand und stellte den Vergleich an. Dann sagte der Obmann zum Richter:

»Wir stimmen alle überein, daß kein Unterschied besteht.«

»Legen Sie bitte, jetzt jenes Blatt beiseite,« sagte Wilson zu dem Obmann, »statt dessen nehmen Sie dieses hier, vergleichen Sie es sorgfältig durch das Vergrößerungsglas mit den blutigen Spuren auf dem Messergriff und teilen Sie das Ergebnis dem Gerichtshof mit.«

Die Geschworenen thaten nach seiner Anweisung und ihr Bericht lautete: » Wir finden, daß beide vollkommen übereinstimmen

Nun wandte sich Wilson an den öffentlichen Ankläger, und es lag eine gewisse Feierlichkeit im Ton seiner Stimme, als er sagte:

»Ich erlaube mir, den hohen Gerichtshof daran zu erinnern, daß die Anklage mit dem größten Nachdruck behauptet hat, die blutigen Spuren auf dem Elfenbeingriff stammten von dem Mörder des Richters Driscoll her. Wir haben uns vorhin mit dieser Behauptung einverstanden erklärt und thun es noch. – Ich bitte die Geschworenen, die Fingerabdrucke der Angeklagten mit den Spuren zu vergleichen, die der Mörder zurückgelassen hat.«

Der Vergleich begann. Im Saal herrschte atemlose Stille, jeder Laut, jede Bewegung hatte aufgehört, alle verharrten in gespanntester Erwartung, und als man endlich die Worte vernahm: » Es besteht nicht einmal eine Aehnlichkeit zwischen beiden,« da brach ein donnernder Beifall los; die ganze Versammlung erhob sich, doch fügte sie sich bald wieder dem Ordnungsruf. Tom veränderte seine Stellung fortwährend, konnte aber auf keine Weise zur Ruhe kommen, seine Unbehaglichkeit wuchs von Minute zu Minute. Als Wilson der allgemeinen Aufmerksamkeit wieder sicher war, sagte er, auf die Zwillinge deutend, mit ernster Stimme:

»Diese Männer sind unschuldig; wir haben nichts mehr mit ihnen zu schaffen.« (Der erneute Beifall wurde schleunig unterdrückt.) »Unsere Aufgabe ist jetzt, den Schuldigen zu entdecken.« (Toms Augen traten aus ihren Höhlen. Es war wirklich ein qualvoller Tag für den trauernden Neffen, jedermann beklagte ihn.) »Ich kehre nun zu den Fingerabdrücken der Kinder A und B zurück und frage die Geschworenen, ob die vergrößerten Ansichten aus A’s fünftem und siebentem Monat übereinstimmen?«

»Vollkommen,« versetzte der Obmann.

»Dann nehmen Sie dieses Blatt, das, wie die Aufschrift sagt, aus A’s achtem Monat stammt. Ist es den beiden andern völlig gleich?«

» Nein – der Unterschied ist groß,« lautete die verwunderte Antwort.

»Sie haben ganz recht. Und wie steht es mit den beiden Abdrücken von B aus dem fünften und siebenten Monat – stimmen sie überein?«

»Ja – vollkommen.«

»Hier ist B’s drittes Blatt aus dem achten Monat. Stimmt das zu B’s andern beiden Abdrücken?«

» Ganz und gar nicht

»Können Sie sich denken, woher diese merkwürdige Verschiedenheit stammt? – Ich will sie Ihnen erklären. Aus einem uns unbekannten Beweggrund, vermutlich in selbstsüchtiger Absicht, hat jemand diese beiden Kinder in der Wiege vertauscht.«

Dies verursachte natürlich ein ungeheures Aufsehen. Roxana staunte über Wilsons Scharfsinn, doch fürchtete sie nichts. Es war etwas Anderes, den Tausch zu erraten, als den Urheber desselben ausfindig zu machen. Unmögliches konnte der Querkopf doch nicht ausrichten, trotz seiner wunderbaren Klugheit. Wie sollte er ihr etwas anhaben? Sie fühlte sich ganz sicher und lächelte insgeheim.

»Im Alter zwischen sieben und acht Monaten wurden die beiden Kinder in der Wiege vertauscht,« wiederholte Wilson; er machte wieder eine seiner wirkungsvollen Pausen und fuhr dann fort: »und die Person, welche das gethan hat, befindet sich hier im Gerichtssaal.«

Roxys Herz stand still. Ein Schauer der Erregung durchzitterte die Versammlung; die Blicke der Menge irrten umher, als suchten sie nach der unbekannten Persönlichkeit. Tom hielt sich kaum aufrecht, alle Lebenskraft schien von ihm gewichen.

»A nahm B’s Wiege im Kinderzimmer ein; B wurde in die Küche verbannt und zu einem Sklaven und Neger gemacht,« – (große Aufregung und zorniges Stimmengewirr) »aber noch ehe eine Viertelstunde vergeht, wird er als freier Weißer vor uns stehen!« (Schallender Beifall und Ordnungsrufe.)

»Von seinem siebenten Monat bis zum heutigen Tage hat A seinen widerrechtlichen Besitz behauptet, auch in meiner Sammlung von Abdrücken trägt er B’s Namen. Hier ist eine vergrößerte Aufnahme aus seinem zwölften Jahr. Sie soll jetzt mit der Blutspur auf dem Griff des Dolchmessers verglichen werden. Stimmen beide überein?«

Der Obmann antwortete: » Aufs allergenaueste

»Der ermordete York Driscoll war der großmütigste und gütigste Mann, er war mein Freund, und jedermann liebte ihn,« sagte Wilson in feierlichem Ton, – »sein Mörder sitzt mitten unter uns. Stehe auf, Valet de Chambre, du Neger und Sklave, den man fälschlich Thomas à Becket Driscoll genannt hat – tritt her und laß uns hier auf dem Fenster den Abdruck deiner Fingerspitzen sehen, der dich an den Galgen bringen soll!«

Tom wandte sein aschbleiches Gesicht flehend nach dem Redner hin, bewegte die blutlosen Lippen, ohne einen Laut hervorzubringen und sank dann bewußtlos zu Boden.

»Es bedarf keines Beweises mehr. Er hat seine Schuld eingestanden,« sagte Wilson, während die Menge von Scheu und Grauen erfüllt, schweigend verharrte.

Roxy schlug ihre Hände vors Gesicht, fiel auf die Kniee und stammelte schluchzend die Worte:

»Herrgott, hab‘ Erbarmen mit mir – ich bin ’ne arme, elende Sünderin!«

Die Uhr schlug zwölf.

Die Gerichtssitzung ward aufgehoben; den neuen Gefangenen führte man gefesselt ab.

Schluß.

Schluß.

Die Bewohner von Dawson blieben die ganze Nacht auf und wurden nicht müde, die erstaunlichen Ereignisse des Tages zu besprechen und Vermutungen darüber anzustellen, wann das Gerichtsverfahren gegen Tom beginnen würde. Eine Abteilung der Bürger nach der andern kam vor Wilsons Haus gezogen, um ein Hoch auf ihn auszubringen und ihn reden zu hören. Bei jedem Satz, den er sprach, schrie man sich heiser, denn von seinen Lippen fielen jetzt nur wunderbare, goldene Worte. Sein langer Kampf gegen Vorurteil und Mißgeschick war zu Ende, er galt nun als ganzer Mann für alle Zeiten.

Jedesmal, wenn die begeisterten Scharen wieder abzogen, begann sicherlich der eine oder andere aus ihrer Zahl in reuevollem Ton zu sagen:

»Und diesen Mann haben wir und unsersgleichen zwanzig Jahre lang einen Narren und Querkopf genannt! Damit ist’s nun ein- für allemal aus, ihr Freunde.«

»Jawohl – aber der Name geht nicht verloren – er hat ihn an uns abgetreten.«

Die Zwillinge waren jetzt echte Romanhelden und erfreuten sich des besten Rufes. Aber die Abenteuer des Westens waren ihnen verleidet und sie schifften sich ohne Aufschub nach Europa ein.

Roxy war ganz gebrochen. Zwar zahlte ihr der junge Mann, den sie dreiundzwanzig Jahre lang zur Sklaverei verdammt hatte, auch ferner monatlich fünfunddreißig Dollars aus, wie der falsche Erbe gethan, aber ihre Wunden waren zu tief – Geld konnte sie nicht heilen. Aus ihren Augen war aller Glanz verschwunden, ihre stolze Haltung war dahin und nie und nirgends hat man wieder ihr helles, sorgloses Lachen vernommen. Im Besuch ihrer Kirche und in gottesdienstlichen Uebungen fand sie den einzigen Trost.

Der echte Erbe war jetzt reich und frei, befand sich aber in einer äußerst unbehaglichen Lage. Er konnte weder lesen, noch schreiben und sprach nichts als den unverfälschtesten Negerdialekt aus dem Sklavenquartier. Sein Gang, seine Haltung, alle seine Bewegungen und Stellungen waren ungeschlacht und gewöhnlich, sein Wesen – das eines Sklaven. Geld und schöne Kleider konnten diese Mängel nicht zudecken oder beseitigen, sie stellten das alles nur noch in ein grelleres und traurigeres Licht. Vor dem Aufenthalt im Wohnzimmer der Weißen graute dem armen Menschen förmlich; nirgends war ihm wohl und behaglich zu Mute, außer in der Küche. Wir können jedoch seinem seltsamen Schicksal nicht weiter folgen – das wäre eine zu lange Geschichte.

Der falsche Erbe legte ein volles Geständnis ab und wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Hieraus entstand jedoch eine sonderbare Schwierigkeit: Percy Driscolls Besitztum war bei seinem Tode so verschuldet gewesen, daß die Gläubiger sich mit sechzig Prozent ihrer Forderung begnügen mußten. Jetzt meldeten sie sich aber und erhoben einen neuen Anspruch. Zufolge eines Irrtums, an dem sie keine Schuld trügen, sagten sie, habe man den falschen Erben damals nicht mit in das Vermögensinventar aufgenommen, wodurch ihnen großes Unrecht und Schaden zugefügt worden sei. Sie forderten mit Recht ›Tom‹ als ihr gesetzliches Eigentum, das ihnen seit acht Jahren vorenthalten würde. Schon diese ganze Zeit über hätte man sie seiner Dienste beraubt und man dürfe ihnen nicht noch weitere Verluste bereiten. Wäre er ihnen damals gleich übergeben worden, so würden sie ihn verkauft haben, und er hätte gar nicht in den Fall kommen können, den Richter Driscoll zu ermorden. Deshalb wäre er selbst in keiner Weise für den Mord verantwortlich – das falsche Inventar trüge allein die Schuld. Dies leuchtete jedermann ein. Alle waren der Meinung, daß, wenn ›Tom‹ ein freier Weißer gewesen wäre, es ohne Zweifel gerecht sein würde, die Strafe über ihn zu verhängen – kein Mensch hätte einen Verlust dadurch gehabt. Aber einen wertvollen Sklaven auf Lebenszeit einzusperren – das war ganz etwas Anderes.

Als der Gouverneur die Sachlage begriffen hatte, begnadigte er ›Tom‹ auf der Stelle, und die Gläubiger verkauften ihn nach dem Süden, ›flußabwärts.‹

 

Ende.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Nachdem sich Percy Driscoll seinem Hausgesinde so gnädig erwiesen, schlief er den Schlaf des Gerechten. Roxy dagegen konnte die ganze Nacht über vor Grauen und Entsetzen kein Auge zuthun. Der Gedanke, daß man ihren Knaben, wenn er groß wurde, flußabwärts verkaufen könne, machte sie fast wahnsinnig. Verlor sie auch auf Augenblicke das klare Bewußtsein und schlummerte ein, so sprang sie doch gleich wieder auf die Füße und stürzte zu ihrem Kinde, um zu sehen, ob es noch in der Wiege sei. Sie riß es heraus, drückte es an ihr Herz, gab ihm tausend Liebesnamen und bedeckte es mit heißen Küssen. »Sie sollen’s nicht thun, nein, nein! – Eher bringt dich deine Mammy um!« rief sie unter Schluchzen und Stöhnen.

Als sie es wieder zurück ins Bettchen legte, warf sich das andere Kind im Schlaf unruhig umher. Sie trat zu ihm und betrachtete es lange.

»Warum sollst du alles Glück haben und mein armer Kleiner nichts?« sagte sie. »Was kann er dafür? Weshalb ist Gott dir so gut, und für ihn sorgt er nicht? Dich kann kein Mensch flußabwärts verkaufen. O, wie hasse ich deinen Pappy – er hat kein Gefühl, kein Herz für die Neger. Ich könnte ihn töten vor Abscheu.« Sie überlegte eine Weile und brach dann wieder in wildes Schluchzen aus. »Nein, nein, ’nen anderen Weg giebt’s nicht. Es muß sein. Lieber mein Kind umbringen, als immer fürchten zu müssen, daß es mir entrissen und verkauft würde. Bring‘ ich Massa Percy um, so schicken sie meinen Kleinen doch einmal den Fluß hinunter. Es hilft nichts, deine arme Mammy muß es thun, um dich zu retten, Herzblatt –« sie drückte den Knaben an die Brust und erstickte ihn fast mit ihren Liebkosungen. »Mammy muß dich töten – ob ich’s wohl kann? – Aber weine nur nicht – Mammy verläßt dich nicht – sie geht mit dir und bringt sich auch um. Komm nur, Herzblatt, komm mit deiner Mammy; wir springen zusammen ins Wasser, dann ist alle Not dieser Welt vorbei – im Jenseits drüben verkauft man arme Neger nicht flußabwärts.«

Sie redete dem Kinde beschwichtigend zu und eilte nach der Thür; plötzlich stand sie still; dort hing ihr neues Sonntagskleid – ein elendes Kattunfähnchen mit auffallendem Muster und schreiend bunten Farben bedruckt. Sie betrachtete es mit sehnsüchtigem Verlangen.

»Ich hab’s noch nie angehabt,« sagte sie, »und ’s ist doch so wunderschön!« Da kam ihr ein guter Gedanke, sie nickte beifällig. »Nein, in dem alten schlechten Zeug hier sollen sie mich nicht ‚rausfischen, wenn alle Welt mich angafft.« Sie legte das Kind hin, wechselte ihre Kleidung und betrachtete sich im Spiegel. Erstaunt über ihre eigene Schönheit, beschloß sie, sich zum letzten Gang noch vollends zu schmücken. Sie nahm das Kopftuch ab und ordnete ihr reiches glänzendes Haar, »wie die Weißen es thun,« wand auch ein paar recht grellfarbene Bänder hinein und steckte hie und da eine abscheuliche gemachte Blume an; zuletzt warf sie sich noch ein bauschiges feuerrotes Ding, ›eine Wolke‹, wie man es damals nannte, über die Schultern – dann war sie bereit, ins Grab zu steigen. Wieder nahm sie den Kleinen auf den Arm; als ihr aber sein kurzes grobes Hemd in die Augen fiel, quälte sie der Abstand zwischen seiner schäbigen Bettelkleidung und der glänzenden Pracht ihres eigenen Aufputzes; ihr Mutterherz ward gerührt und sie schämte sich.

»Nein, Schätzchen, so spielt dir deine Mammy nicht mit. Dich sollen die Engel grad so schön finden wie deine Mammy. Ich will nicht, daß sie sich die Hand vor die Augen halten und zu David und Goliath und den anderen Propheten sagen: ›Das Kind da im grauen Hemd paßt nicht in den Himmelsgarten.‹«

Rasch hatte sie das kleine Geschöpf nackt ausgezogen, und legte ihm jetzt ein schneeweißes langes Tragkleidchen mit hellblauen Schleifen und zierlichen Puffen und Falbeln an, das Thomas à Becket gehörte.

»Da – jetzt bist du im Staat.« Sie stellte das Kind aufrecht in den Armstuhl und trat ein paar Schritte zurück, es zu betrachten. Erstaunt riß sie die Augen auf, klatschte bewundernd in die Hände und rief: »Na, das hätt‘ ich mir nicht träumen lassen – du bist ja allerliebst. Massa Tommy ist kein bischen schöner – auch nicht ein Linschen!«

Nun eilte sie an die Wiege des andern Kindes, warf einen vergleichenden Blick zu dem ihrigen hinüber und schaute dann wieder den Erben des Hauses an. Ein seltsames Licht dämmerte in ihren Augen auf, sie schien in Gedanken verloren, als wäre sie sich selbst entrückt. Endlich kam sie wieder zu sich. »Gestern wusch ich alle beide in der Wanne,« murmelte sie, »und da kam der Pappy und fragte mich, welches seins wäre.«

Wie im Traum ging sie hin und her; sie entkleidete Thomas à Becket und zog ihm das kurze, grobe Hemdchen an. Mit seinem Korallenhalsband schmückte sie ihr eigenes Kind, legte dann die Knaben dicht neben einander und betrachtete beide.

»Was doch Kleider ausmachen,« rief sie nach langem Schweigen. »Meiner Seel‘ – kaum weiß ich selbst, wer welcher ist – wie soll’s sein Pappy ‚rausfinden?«

Nun bettete sie ihren Kleinen in Tommys reiche Wiege.

»Du bist jetzt Massa Tom und sollst’s bleiben,« sagte sie mit klopfendem Herzen. »Ich muß mich recht üben, dich so zu nennen, damit ich mich nicht verschnappe; denn, wenn es heraus käm‘, ging’s uns beiden schlecht. Da – jetzt lieg‘ still und sei nicht mehr bös‘, Massa Tom – Gott sei Lob und Dank, du bist ja gerettet – jetzt kann niemand mehr Mammys süßes kleines Herzblatt flußabwärts verkaufen.«

Den Erben des Hauses legte sie darauf in ihres Kindes roh aus Tannenholz gezimmerte Wiege und betrachtete den kleinen Schläfer mit unruhigen Blicken.

»Du thust mir leid, armes Ding, gewiß und wahrhaftig – aber was soll ich thun – ich kann’s nicht ändern. Dein Pappy hätt‘ ihn mal verkaufen können an irgend jemand – dann wär‘ er sicher den Fluß hinunter gekommen – nein, nein, das ertrag‘ ich nicht, es kann nicht sein– es ist unmöglich!«

Sie warf sich auf ihr Lager und wälzte sich lange ruhelos umher. Plötzlich richtete sie sich auf, ein tröstlicher Gedanke schoß ihr durch das wirre Hirn. »’S ist keine Sünde – die weißen Menschen haben’s auch gethan. Gottlob, ’s ist keine Sünde. Wie ist mir denn, wo hab‘ ich’s nur gehört? – Ja, und sogar die aller allerobersten im Rang – die Könige!«

In tiefes Sinnen versunken, war sie bemüht, sich die Einzelheiten einer Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, die sie irgendwo einmal vernommen hatte.

»Jetzt fällt mir’s ein,« rief sie endlich. »Der alte schwarze Pastor hat’s erzählt, der damals von Illinois kam und in der Negerkirche predigte. Was sagte er doch? – Kein Mensch kann sich selbst erlösen – der Glaube thut’s nicht – die Werke thun’s nicht – man bringt’s nicht zuwege! ‚S ist freie Gnade, und die kommt nur von Gott. Der Herr kann sie geben, wem er will, dem Frommen, dem Sünder – ganz nach Gefallen. Er wählt, wie’s ihm gerade paßt: den einen stößt er von seinem Platz und setzt einen andern an die Stelle. Einen läßt er ewig im höllischen Feuer brennen, und den andern macht er selig sein Lebtag und immerdar. Der Pastor sagte, so sei’s auch in England geschehen vor grauer Zeit. Die Königin hat ihr Büblein allein ‚rumliegen lassen und ist in Gesellschaft gegangen; da kommt eine Negerin, die fast weiß ist, in die Kammer hinein, zieht dem Königskind die Kleider von ihrem Kleinen an, und ihrem Kleinen die Kleider vom Königskind. Sie läßt ihr Büblein in der Kammer und trägt das Königskind in die Negerhütte. Kein Mensch hat’s je ‚rausgefunden. Ihr Kleiner ist mit der Zeit König geworden und hat das Königskind flußabwärts verkauft, als er mal Geld brauchte. So war’s, – so hat’s der Pastor selbst erzählt, und ’s ist keine Sünde, weil’s die weißen Menschen auch gethan haben. Ja freilich– gethan haben sie’s – und sogar im Königshaus. O, wie froh bin ich, daß mir die Geschichte wieder eingefallen ist.«

Leichten Herzens und voll Zuversicht stand sie auf, ging von einer Wiege zur andern und brachte den Rest der Nacht damit zu, sich zu ›üben‹, wie sie es nannte. Sie streichelte ihr eigenes Kind und sagte bittend: »Lieg‘ still, Massa Tom,« dann gab sie dem wirklichen Tom einen Klaps und fuhr ihn streng an: »Willst du gleich still liegen, Schamber, sonst setzt’s was!«

Zu ihrer Verwunderung dauerte es gar nicht lange, bis sie das ehrfurchtsvolle Benehmen, das sie sonst ihrem jungen Herrn gegenüber in jeder Miene, jedem Wort kundgethan, auf den unberufenen Eindringling übertragen konnte, während sie den unglücklichen Erben des alten Hauses Driscoll nur noch in kurzem, befehlendem Ton anredete, wie es ihr mütterliches Vorrecht war.

Manchmal setzte sie ihre Uebung auch eine Weile aus, um zu überlegen, ob sie mit Sicherheit auf das Gelingen ihres Planes rechnen dürfe.

»Die Neger werden noch heute verkauft, weil sie das Geld gestohlen haben – dann kauft man andere, und die kennen die Kinder nicht – das trifft sich gut. Fahr‘ ich sie draußen spazieren, so schmier‘ ich ihnen Syrup um den Mund – da merkt’s gewiß niemand, daß sie verwechselt sind. Ja, das thue ich, wenn’s keiner sieht, bis alle Gefahr vorbei ist, und sollt’s ein Jahr dauern. »Nur einer könnt’s entdecken – vor dem fürcht‘ ich mich – das ist Herr Wilson – sie nennen ihn Querkopf und sagen, er ist ein Narr. Und dabei ist er so klug wie ich, klüger als alle andern, außer vielleicht Richter Driscoll oder Pem Howard. Meiner Treu – der Mensch ängstigt mich mit seinen verflixten Gläsern; ob er wohl ein Hexenmeister ist? – Aber, ich weiß, was ich thu‘, ich geh‘ zu ihm und sag‘, er soll wieder Abdrücke nehmen von den Kindern ihren Fingern, und wenn er dann nichts merkt, dann bringt’s kein Mensch auf der Welt ‚raus, daß ich sie vertauscht habe, und ich brauch‘ nichts mehr zu fürchten – rein gar nichts. Aber ein Hufeisen will ich doch einstecken, dann hat der Zauber keine Macht.«

Die neuen Neger brauchte Roxy natürlich nicht zu fürchten, auch ihren Herrn nicht, denn Driscoll war gerade mit einer Landspekulation vollauf beschäftigt und hatte für nichts anderes Sinn. Er schaute die Kinder an und sah sie doch kaum. Roxy brauchte nur die Kleinen zum Lachen zu bringen, sobald sie ihn von weitem erblickte, dann verwandelte sich Mund, Augen und Nase der verzerrten Gesichtchen in lauter Gaumen und winzige Löcher; bis aber der Anfall vorüber war und sie wieder kleinen menschlichen Geschöpfen glichen, war Driscoll längst fort.

In den nächsten Tagen wurde überdies das Gelingen der wichtigen Landspekulation so zweifelhaft, daß Herr Percy sich mit seinem Bruder, dem Richter, an Ort und Stelle begeben mußte, weil ein Erbstreit entstanden war. Die Abwesenheit der beiden Herren dauerte sieben Wochen. Noch vor ihrer Rückkehr hatte Roxy den beabsichtigten Besuch bei Wilson gemacht und sie war nun ganz beruhigt. Wilson nahm die Abdrücke und schrieb die Namen auf, dann setzte er das Datum darunter – es war der erste Oktober.

Nachdem er die Glasplatten sorgfältig verwahrt hatte, fuhr er fort, sich mit Roxy zu unterhalten, der es sehr darauf anzukommen schien, daß er sehen sollte, wie die Kinder im letzten Monat an Fülle und Schönheit zugenommen hatten. Die Kleinen waren ganz sauber und rein gewaschen, und er bewunderte sie höchlich, in der Meinung, Roxy damit ein Vergnügen zu machen; sie aber zitterte und bebte im Innern, weil sie jeden Augenblick fürchtete, er möchte vielleicht – – –

Ihre Angst war jedoch vergebens. Er entdeckte nichts, und sie kehrte frohlockend heim. Von nun an verbannte sie alle Sorge auf immer aus ihrem Gemüt.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Während Wilson die Vertreter der demokratischen Partei höflich hinausbegleitete, trat zur nämlichen Zeit Pembroke Howard drüben in das Nachbarhaus, um Bericht zu erstatten. Der alte Richter saß hoch aufgerichtet im Lehnstuhl und erwartete ihn mit ernster Miene.

»Nun, Howard – was für Nachricht bringst du?«

»Die beste, die man sich wünschen kann.«

»Der Italiener nimmt die Herausforderung an, nicht wahr?« Driscolls Auge blitzte in froher Kampfeslust.

»Jawohl, mit dem größten Eifer.«

»Wirklich? – nun das freut mich – das gefällt mir. Wann soll das Duell stattfinden?«

»Jetzt gleich. Auf der Stelle. Noch heute abend. Ein herrlicher, ein ganz vortrefflicher Mensch!«

»Ein wahrer Prachtsjunge! Es ist ja eine Ehre und Freude, sich mit dem jungen Mann zu schießen. Gehe nur schnell zu ihm und bringe alles ins reine – sage auch, ich lasse mich ihm bestens empfehlen. Wahrhaftig, du hast ganz recht – ein vortrefflicher Mensch!«

»Ehe noch eine Stunde vergeht, findest du ihn auf dem wüsten Platz zwischen Wilsons Wohnung und dem Gespensterhaus; ich bringe auch meine eigenen Pistolen mit,« sagte Howard davoneilend.

In erregter und doch befriedigter Stimmung ging der Richter eine Weile im Zimmer auf und ab; plötzlich stand er aber betroffen still – er dachte an Tom. Zweimal näherte er sich seinem Schreibpult und wandte wieder um, endlich faßte er einen Entschluß.

»Vielleicht ist dies meine letzte Nacht auf Erden,« sagte er nachdenklich; »ich darf die Sache nicht dem Zufall überlassen. Er ist ein unwürdiger Mensch, ein großer Nichtsnutz – aber, zum Teil bin ich selbst schuld daran. Mein Bruder hat ihn mir auf dem Totenbette anvertraut, und statt ihn streng zu erziehen und einen Mann aus ihm zu machen, habe ich ihm durch übermäßige Nachsicht geschadet. Wenn ich ihn nun zu guterletzt verstoße, so füge ich zu meiner Pflichtversäumnis nur noch ein neues Unrecht hinzu. Schon einmal habe ich mich mit ihm ausgesöhnt, und diesmal würde ich ihn erst einer langen und schweren Prüfung unterwerfen, bevor er meine Verzeihung erhielte. Allein, der Ausgang des Duells ist ungewiß. Deshalb will ich mein Testament wieder aufsetzen. Bleibe ich am Leben, so verberge ich es vor ihm; er soll nichts davon erfahren. Ich sage ihm nicht eher etwas, bis er sich gründlich bessert und ich sehe, daß seine Sinnesänderung von Dauer ist.«

Nun griff der Richter unverweilt zur Feder und machte den vermeintlichen Neffen wieder zum Erben seines Vermögens. Er war noch mit dieser Aufgabe beschäftigt, als Tom vom langen, trostlosen Umherirren ermüdet, das Haus betrat. Auf den Fußzehen an der Thür des Wohnzimmers vorbeischleichend, warf er einen flüchtigen Blick hinein und sah zu seinem Schrecken den Onkel am Schreibpult sitzen. Was konnte das bedeuten, zu so ungewöhnlich später Stunde? Tom durchrieselte es kalt. Ging das Schriftstück, das hier verfaßt wurde, vielleicht ihn selber an? – Höchst wahrscheinlich. Vielleicht war ein neues Unheil im Werke. Jedenfalls mußte er das Papier zu sehen bekommen, mochte daraus werden, was wollte. Jetzt hörte er Schritte und verbarg sich schnell, um unbemerkt zu bleiben. Es war Pembroke Howard. Da mußte etwas Besonderes vorgehen.«

»Alles in Ordnung,« sagte Howard mit großer Befriedigung. »Er ist mit seinem Bruder und dem Wundarzt auf den Kampfplatz gegangen – auch Wilson ist dabei, als sein Sekundant. Ich habe alles mit ihm verabredet. Fünfzehn Meter Abstand. Jeder soll drei Schüsse abfeuern.«

»Gut. Und der Mond?«

»Beinahe tageshell. Man kann deutlich auf die Entfernung sehen. Die Nacht ist warm und windstill, es rührt sich kein Hauch.«

»Vortrefflich, ganz ausgezeichnet. – Hier, Pembroke, lies das Papier und gieb mir deine Unterschrift als Zeuge.«

Howard las das Testament, schrieb seinen Namen darunter und schüttelte dem Richter kräftig die Hand.

»Recht so, York,« sagte er, »ich wußte es ja, daß du es thun würdest. Du konntest den armen Burschen unmöglich seinem Schicksal überlassen. Ohne Beruf im Leben und ohne Mittel wäre er sicher zu Grunde gegangen. Das hättest du nicht übers Herz gebracht, schon um seines toten Vaters willen.«

»Ich thu’s dem Andenken seines Vaters zuliebe. Du weißt ja, wie Percy und ich an einander hingen. Aber höre – Tom soll nichts davon wissen, außer wenn ich heute nacht falle.«

»Ich verstehe dich und will das Geheimnis bewahren.«

Die beiden Freunde begaben sich auf den Kampfplatz, nachdem der Richter zuvor das Testament fortgelegt hatte. Einen Augenblick später hielt Tom es bereits in Händen. All sein Elend war auf einmal vorbei, er fühlte sich wie neugeboren. Sorgfältig legte er das Papier wieder an den nämlichen Platz zurück, sperrte den Mund auf und schwang den Hut, einmal, zweimal, dreimal um den Kopf herum, was ein dreifaches, donnerndes Hurrah bedeuten sollte, doch kam kein Laut über seine Lippen. Vor freudiger Erregung hielt er lange, stumme Selbstgespräche, die er dann und wann durch ein neues, ebenso unhörbares Hurrahgeschrei unterbrach.

»Das Vermögen ist wieder mein,« sagte er bei sich, »aber ich verrate niemand, daß ich etwas davon weiß. Nun soll es mir nicht noch einmal verloren gehen, dafür will ich schon Sorge tragen. Ich gewöhne mir das Spielen und Trinken ab – ich brauche ja nur an keinen Ort mehr zu gehen, wo man derlei treibt. Das ist das sicherste Mittel, ich hätte es auch schon längst anwenden können, aber ich wollte nicht. Doch jetzt steht die Sache ganz anders. Er hat mir solchen Schrecken eingejagt, daß ich jeder Gefahr ausweichen will. Zwar habe ich mir den ganzen Abend vorgeredet, ich könnte ihn wieder herumbringen, falls ich mir rechte Mühe gebe, doch war das im Grunde genommen höchst zweifelhaft und machte mir schreckliche Sorge. Redet der Alte nicht von selbst über das Testament, so darf ich mir nichts merken lassen. Querkopf Wilson möchte ich es gern sagen, aber am Ende ist es besser, ich schweige auch gegen ihn.«

Wieder schwenkte er seinen Hut in der Luft.

»Nun bin ich ein anderer Mensch,« sagte er, »und diesmal wird die Besserung anhalten.«

Mitten in seinem Jubel fiel ihm plötzlich ein, daß Wilson ihm die Möglichkeit genommen hatte, das indische Messer zu versetzen oder zu verkaufen. Er sah sich außer stande, seine Gläubiger zu befriedigen, und wenn sie ihn verklagten, was dann? – Seine Freude war mit einem Schlage vorbei; jammernd und stöhnend über sein Mißgeschick, schlich er aus dem Wohnzimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. In trostloser Stimmung saß er oben in seiner Stube; Luigis Dolchmesser wollte ihm gar nicht aus dem Sinn.

»Als ich noch glaubte, die Steine wären Glas und das Elfenbein Knochen, war mir das Ding gleichgiltig,« dachte er, »denn es konnte mir nicht aus der Not helfen. Aber jetzt ist es mir von höchstem Wert und macht mich zugleich totunglücklich. Es ist wie ein Sack voll Gold, der sich in meinen Händen zu Staub und Asche verwandelt. Wie leicht könnte es mir Hilfe bringen – und doch muß ich zu Grunde gehen. Ich ertrinke, während der Rettungsgürtel dicht neben mir liegt. Andere Leute haben Glück, ich dagegen werde förmlich verfolgt vom Unheil. Wenn ich nur an Querkopf Wilson denke – sogar seine Laufbahn nimmt jetzt einen Aufschwung, ich möchte wohl wissen, womit er das verdient hat! Ihm öffnet sich ein neuer Weg, aber statt froh darüber zu sein, weiß er nichts besseres, als mich in die Enge zu treiben. Die ganze Welt ist so niederträchtig und selbstsüchtig – am liebsten wäre ich tot. Er hielt die Scheide des Dolches an das Licht, daß die Juwelen funkelten und blitzten, aber der Glanz, an dem er sein Auge erfreuen wollte, war ihm nur ein Stich ins Herz. »Ich darf Roxy nichts von dem Messer sagen,« überlegte er, »sie ist zu tollkühn und wäre im stande, die Steine herauszubrechen, um sie zu verkaufen, – man würde sie einfach festnehmen, den Ursprung der Juwelen entdecken und –« rasch verbarg er den Dolch; ihm schauderte bei dem Gedanken. An allen Gliedern zitternd, blickte er verstohlen um sich, wie ein Missethäter, der glaubt, daß ihm die Verfolger schon auf den Fersen sind.

»Sollte er versuchen zu schlafen? – O nein, für ihn gab es keinen Schlummer; sein Unglück war zu quälend, zu unerträglich. Er brauchte jemand, der seine Bekümmernis teilte. Roxy sollte mit ihm trauern – er wollte zu ihr gehen.

In der Ferne ließen sich wiederholt Schüsse hören, aber das machte keinen Eindruck auf Tom, es war nichts Ungewöhnliches. Er ging zur Hinterthür hinaus und an Wilsons Wohnung vorüber. Als er durch den Heckenweg kam, sah er mehrere Personen über den unbebauten Platz auf Wilsons Haus zugehen. Es waren die Duellanten, die vom Kampfe zurückkehrten; Tom glaubte sie zu erkennen, wünschte jedoch eine Begegnung zu vermeiden, deshalb duckte er sich rasch hinter einen Zaun, bis er die Gesellschaft aus dem Gesicht verlor.

Roxy war in der besten Laune.

»Wo kommst du her, Kind?« fragte sie, »warst du nicht mit dabei?«

»Wobei denn?«

»Bei dem Duell!«

»Ist hier ein Duell gewesen?«

»Versteht sich. Der alte Richter hat sich mit einem Zwilling geschossen.«

»Du meine Güte! – Also, deshalb hat er das Testament wieder gemacht,« überlegte er im stillen; »der Gedanke, daß er fallen könnte, hat seinen Zorn gegen mich besänftigt. Das war es auch, was Howard und er so eifrig mit einander beredet haben!… O, wenn ihn der Zwilling nur totgeschossen hätte, dann wäre meine Qual auf einmal aus gewesen.«

»Was murmelst du da vor dich hin, Schamber? Wo warst du denn? Hast du von dem Duell gar nichts gewußt?«

»Kein Sterbenswort. Der Alte verlangte, ich sollte mich mit dem Grafen Luigi schlagen, doch da kam er an den Unrechten. Nun hat er wahrscheinlich selbst die Familienehre wieder zusammenflicken wollen.«

Er fand diesen Einfall höchst lächerlich und begann nun alle Einzelheiten seines Gesprächs mit dem Richter zu erzählen, auch wie entsetzt und außer sich der Alte gewesen war, daß ein Glied seiner Familie so feige sein könne. Beim Schluß des Berichts blickte er zu Roxana auf und bekam keinen geringen Schrecken, als er sah, wie sie in leidenschaftlicher Erregung mit fliegendem Atem dastand, während ein Ausdruck bodenloser Verachtung in ihren finstern Mienen lag.

»Der Mann hat dir ’nen Fußtritt gegeben, und du hast dich geweigert, mit ihm zu kämpfen, statt heilfroh zu sein über die Gelegenheit? Und du schämst dich gar nicht, vor mich hinzutreten und mir zu sagen, was ich für ’nen jammervollen erbärmlichen Furchthasen in die Welt gesetzt hab‘? Mir wird übel und weh davon. Es muß der Nigger sein, der in dir steckt. Du bist über und über weiß, bis auf ein einziges, winziges Stückchen, aber dies winzige schwarze Teilchen ist deine Seele. Die ist keinen Pfifferling wert, man thäte ihr noch zu viel Ehre an, wenn man sie mit ’ner Schaufel auf den Kehricht würfe. Du schändest deine Geburt. Was würde dein Vater von dir denken – er muß sich ja im Grabe ‚rumdrehn.«

Die letzten Worte machten Tom rasend vor Wut. Er sagte sich, daß wenn sein Vater noch am Leben wäre und ein Mordstahl ihn erreichen könnte, er seiner Mutter schon beweisen wollte, wie genau er wisse, was er dem Mann schuldig sei und wie gern er ihm alles heimzahlen würde, selbst auf Gefahr seines Lebens. Doch hielt er es bei Roxys augenblicklicher Stimmung für geraten, solche Gedanken nicht laut werden zu lassen.

»Was du mit deinem Essex-Blut gemacht hast, ist mir ein Rätsel. Aber das ist nicht etwa das einzige, edle Blut in dir. Mein Urururgroßvater und dein Ururururgroßvater war der alte Kapitän John Smith, der vornehmste Mann, den Altvirginien je gesehen hat. Seine Urahne aber aus ältester Zeit war Pocahontas, die Indianer-Königin, und ihr Mann war ein Negerkönig drunten in Afrika. Und bei solcher Abkunft stehst du da, fürchtest dich vor ’nem Zweikampf und entehrst deinen ganzen Stamm, als wärst du ’n elender gemeiner Hund. Ja, ja, das kommt von dem Nigger, der in dir steckt.«

Sie nahm auf ihrer Kiste Platz und versank in tiefes Sinnen. Tom saß schweigend dabei und störte sie nicht; wenn es ihm auch manchmal an der nötigen Klugheit fehlte, so doch nicht unter solchen Umständen. Der Sturm in Roxanas Innern war schwer zu beruhigen, doch legte er sich allmählich, nur von Zeit zu Zeit machte sie sich noch in einem Ausruf Luft, der dem fernen Grollen des Donners glich. »Nicht einmal an den Fingernägeln sieht man ihm den Neger an,« murmelte sie, »und da zeigt sich ’s doch immer am ersten – nur seine Seele ist schwarz gefärbt!«

Zuletzt wurde sie ganz still, und Tom nahm mit Vergnügen wahr, daß sich ihre Miene aufheiterte. Er kannte ihre verschiedenen Stimmungen genau genug, um zu wissen, daß sie nun bald wieder bei guter Laune sein würde. Zugleich fiel ihm auf, daß sie von Zeit zu Zeit mit dem Finger unwillkürlich ihre Nase berührte.

»Aber Mammy,« sagte er, sie näher betrachtend, »von deiner Nasenspitze ist ja die Haut herunter, wie geht das zu?«

Sie brach in ein schallendes Gelächter aus. Ein solches Lachen aus vollem, ungeteiltem Herzen ist eine Himmelsgabe, wie sie Gott niemand verliehen hat, außer den heiligen Engeln droben, und den armen, gequälten und zerschlagenen schwarzen Sklaven auf Erden.

»Das kommt von dem Duell,« rief sie, »ich hab‘ mitgethan.«

»Was? Hat dich etwa eine Kugel gestreift?«

»Jawohl, das will ich meinen.«

»Ist es möglich! Aber wie konnte das geschehen?«

»Ganz einfach. Ich sitze hier im Dunkeln und bin etwas eingenickt. Auf einmal – bumbum – knallt ein Schuß ganz in der Nähe. Da laufe ich nach der andern Seite, um zu sehen, was los ist, und stelle mich an das alte Fenster ohne Rahmen, das nach Querkopf Wilsons Haus geht – bei mir oben war’s dunkel, aber unten im hellen Mondschein steht einer von den Zwillingen – der braune war’s – und flucht ganz leise vor sich hin, die Kugel war ihm nämlich in die Schulter gedrungen. Doktor Claypool hatte ihn eben in der Mache und Querkopf Wilson half ihm dabei. Ein paar Schritte weiter aber stand der alte Richter Driscoll mit Pem Howard, die warteten, bis die andern fertig waren. Gleich darauf gaben sie das Zeichen, und – bums – gingen die Pistolen wieder los. ›Auweh!‹ rief der Zwilling, er war an der Hand getroffen, die Kugel aber flog in den Holzstoß unterm Fenster – ich hab’s gehört. Beim dritten Schuß rief der Zwilling wieder Auweh! und ich mußt‘ es ihm nachmachen. Die Kugel traf ihn am Backenknochen, kam hier heraufgehopst, prallte am Fenster ab, fuhr mir quer übers Gesicht und streifte mir die Haut von der Nasenspitze. Wär‘ ich nur ’nen Zoll näher gewesen, sie hätt‘ mir die ganze Nase mitgenommen und mich verunstaltet. Hier ist die Kugel, ich hab‘ sie gesucht und gefunden.«

»Bist du gar nicht vom Fenster fortgegangen?«

»So ’ne dumme Frage! Natürlich nicht. Bekommt man etwa alle Tage ein Duell zu sehen?«

»Du warst ja aber gerade in der Schußlinie. Hast du denn keine Furcht gehabt?«

Roxy lachte verächtlich.

»Furcht! Die Smith-Pocahontas fürchten nichts, und Kugeln erst gar nicht.«

»An Mut fehlt’s ihnen nicht, scheint mir, aber an Vorsicht desto mehr. Ich wäre da nicht stehen geblieben.«

»Das glaub‘ ich dir gern.«

»Ist denn sonst niemand verletzt?«

»Du hörst ja, es hat uns alle getroffen, außer dem Doktor, dem blonden Zwilling und den Sekundanten. Richter Driscoll ist nicht verwundet, aber ich hörte Querkopf sagen, die Kugel habe ihm ’nen Büschel Haare weggerissen.«

»O Jammer,« dachte Tom bei sich, »wie leicht hätte aller meiner Not ein Ende gemacht werden können. Nun er am Leben geblieben ist, wird er noch alles herausbekommen und mich an den ersten besten Sklavenhändler verkaufen – er würde sich gewiß nicht lange besinnen.« Zu Roxana gewandt, fuhr er in dumpfer Verzweiflung fort:

»Mutter, wir sind in einer furchtbaren Klemme.«

»Aber Kind,« rief sie mit stockendem Atem, »was erschreckst du mich denn so? Ist etwa ein Unglück geschehen?«

»Ja – etwas habe ich dir noch gar nicht gesagt: Als ich mich nicht mit dem Grafen schießen wollte, hat der Alte das Testament wieder zerrissen und –«

Roxana wurde leichenblaß. »Nun ist es vorbei mit dir – auf immer und ewig. Das ist das Ende vom Lied. Wir müssen beide Hungers sterben.«

»So warte doch nur und laß mich ausreden. Als er sich zu dem Duell entschlossen hatte, fiel ihm ein, daß er mir nicht mehr vergeben könne, falls es ihm das Leben kostete. So schrieb er denn sein Testament noch einmal – ich habe es gesehen, es ist ganz in Ordnung. Aber –«

»Dem Herrgott sei Dank, dann sind wir gerettet und alles ist wieder gut. Was brauchst du aber herzukommen und mir solchen Schrecken einzujagen, wenn –«

»So unterbrich mich doch nicht immer! – Mit der Beute von neulich kann ich meine Schulden kaum zur Hälfte decken, und wenn die Gläubiger nicht warten wollen – nun, du weißt ja, was dann geschieht.«

Roxana stützte das Kinn in die Hand und befahl ihrem Sohn zu schweigen, damit sie sich die Sache ruhig überlegen könne. Nach einer Weile sagte sie mit Nachdruck:

»Du mußt jetzt gewaltig auf deiner Hut sein, hörst du wohl. Er ist noch am Leben, und giebst du ihm den geringsten Grund zur Unzufriedenheit, so zerreißt er das Testament wieder und ’s ist zum letztenmal. Drum mußt du dich in den nächsten Tagen von deiner besten Seite zeigen, du mußt furchtbar brav sein und alles thun, damit er wieder Vertrauen zu dir faßt. Auch bei der alten Tante Pratt mußt du dich einschmeicheln – sie meint es nur zu gut mit dir, und der Richter hält große Stücke auf sie. Ist das geschehen, so gehst du nach St. Louis, damit du ihre Gunst nicht wieder verlierst. Dort machst du ’nen Vertrag mit den Gläubigern. Du sagst ihnen, der Alte wird nicht lange mehr leben – das ist ja auch wahr – und du wirst ihnen Zinsen zahlen, hohe Zinsen – zehn pro – wie nennt man’s doch?»

»Zehn Prozent den Monat?«

»Das ist’s. Nun verkaufst du deine Beute, ganz wenig auf einmal und bezahlst damit die Zinsen. Wie lange wird das reichen?«

»Ich glaube, es wird genug sein, um die Zinsen fünf oder sechs Monate lang zu zahlen.«

»Dann läßt sich’s machen. Stirbt er auch nicht in sechs Monaten, das thut nichts zur Sache. Die Vorsehung wird schon weiter sorgen. Es kann alles gut gehen, wenn du dich ordentlich aufführst. Und daß du auf geradem Wege bleibst,« fuhr sie fort, ihn mit strengem Blick musternd, »dafür werd‘ ich sorgen.« Er lachte und meinte, er würde es versuchen und sich alle Mühe geben. Aber das genügte ihr nicht.

»Von versuchen ist keine Rede mehr,« sagte sie mit ernster Stimme, »hier handelt’s sich um thun. Du stiehlst keine Stecknadel wieder, weil das jetzt gefährlich ist, auch gehst du mir nie mehr in schlechte Gesellschaft – nicht ein einziges Mal, hörst du wohl? Du trinkst auch keinen Tropfen mehr und rührst keine Karte wieder an. Das alles sollst du nicht versuchen, sondern wirklich thun. Und damit ich weiß, daß es geschieht, geh‘ ich auch nach St. Louis. Du kommst dort jeden Tag zu mir, daß ich sehen kann, wie’s um dich steht. Thust du aber nicht alles genau, wie ich’s dir sage, bist du mir auch nur ein einziges Mal zuwider – so geh‘ ich ohne viel Federlesens in die Stadt zurück, sage dem alten Richter, daß du ein Neger bist und ein Sklave – und liefere ihm die Beweise.« Sie hielt einen Augenblick inne, um den Eindruck ihrer Worte zu beobachten und fragte dann: »Glaubst du auch, daß ich thun werde, was ich sage, Schamber?«

Tom war jetzt in sehr ernster Stimmung. Aller Leichtsinn schien von ihm gewichen, als er erwiderte:

»Ja, Mutter. Ich weiß auch, daß ich jetzt neue Saiten aufziehen und mich ein- für allemal bessern muß. Keiner Versuchung will ich mehr nachgeben, und in Zukunft ein anderer Mensch werden.«

»Gut, dann geh‘ nach Hause und fang‘ gleich damit an.«

Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

So viele Aufregungen waren in dem guten Dawson noch nie vorgekommen. Bisher hatte man friedlich geschlafen, jetzt fand man kaum Zeit, einmal einzunicken, denn Schlag auf Schlag folgten einander die größten Ereignisse und unerhörtesten Ueberraschungen. Freitag morgen: erstes Auftreten wirklicher Edelleute von Geburt, großer Empfang bei Tante Patsy Cooper und geheimnisvoller Raubzug. Freitag abend: der Erbe des vornehmsten Bürgers der Stadt erhält in Gegenwart von vierhundert Zuschauern einen theatralischen Fußtritt; Samstag morgen: der jahrelang unterschätzte Querkopf Wilson erscheint als praktizierender Rechtsanwalt vor der Oeffentlichkeit. Samstag abend: Duell zwischen dem ersten Bürger und dem hochadligen Fremdling.

Auf das Duell waren die Leute vielleicht stolzer als auf alle übrigen Begebenheiten zusammengenommen. Daß die Stadt der Schauplatz einer solchen Waffenthat gewesen war, betrachtete man als die höchste Ehre. Die beiden Kämpfer standen in den Augen ihrer Mitbürger auf dem Gipfel des Ruhms, ihre Namen waren in aller Munde, überall ward ihr Lob verkündet. Auch die übrigen bei dem Duell Beteiligten durften sich der öffentlichen Anerkennung erfreuen, und Querkopf Wilson war plötzlich zu einer hochangesehenen Persönlichkeit geworden. Als er am Samstag abend die Kandidatur zur Bürgermeisterwahl annahm, war der Ausgang höchst ungewiß. Am Sonntag morgen war er ein gemachter Mann und sein Erfolg gesichert.

Die Zwillinge genossen jetzt eine begeisterte Verehrung; jedermann war beflissen, ihnen Liebe und Freundschaft zu erweisen. Täglich wurden sie bald in diesem, bald in jenem Hause zu Mittag und Abend eingeladen; sie knüpften viele neuen Beziehungen an und erweiterten ihren Bekanntenkreis nach verschiedenen Seiten. Durch ihre wunderbaren musikalischen Leistungen entzückten sie alle Welt, und manchmal gaben sie auch aus dem reichen Vorrat ihrer ungewöhnlichen Talente etwas anderes für die gesellige Unterhaltung zum besten, womit sie großen Eindruck machten. Sie fühlten sich so wohl in Dawson, daß sie beschlossen, sich um das Bürgerrecht zu bewerben, und das reizende Städtchen ihr Lebtag nicht wieder zu verlassen. Das war der Höhepunkt des Glücks. Als sie den Antrag stellten, erhob sich die ganze Einwohnerschaft wie ein Mann und gab ihre Zustimmung und ihren Beifall kund. Dann schlug man den Zwillingen vor, sich zur Aufnahme in den Gemeinderat zu melden, da eine Neuwahl bevorstand, und als sie darauf eingingen, war die öffentliche Meinung vollständig befriedigt.

Für Tom Driscoll waren alle diese Ereignisse eine schwere Kränkung; sie gingen ihm tief zu Herzen und bereiteten ihm Qual und Pein. Er haßte die Zwillinge alle beide, den einen wegen des bewußten Fußtritts und den andern, weil er der Bruder seines Beleidigers war.

Von Zeit zu Zeit wunderten sich die Leute, daß weder von dem Dieb, noch von dem Dolchmesser und den andern gestohlenen Sachen das geringste verlautete; niemand vermochte Licht in das Dunkel zu bringen. Fast eine Woche war vergangen und noch immer blieb die ärgerliche Angelegenheit ein unlösbares Rätsel. Am Samstag trafen sich Konstabler Blake und Querkopf Wilson auf der Straße, und Tom Driscoll gesellte sich noch rechtzeitig zu ihnen, um die Unterhaltung zu eröffnen.

»Sie sehen sehr angegriffen aus, Blake,« sagte er, »haben Sie irgend einen Verdruß gehabt? Ist’s Ihnen vielleicht bei den geheimen Polizeigeschäften nicht nach Wunsch ergangen? Man sagt, Ihre Leistungen auf diesem Felde sollen ganz ungewöhnlich sein« – Blake fühlte sich sehr geschmeichelt, worauf Toni rasch hinzufügte: »für einen Polizisten vom Lande.« Das ärgerte den Konstabler gewaltig und er gab sich keine Mühe, es zu verbergen.

»Jawohl,« antwortete er in gereiztem Ton, »ich gelte etwas unter meinen Berufsgenossen, trotzdem ich ein ›Polizist vom Lande‹ bin.«

»O, bitte tausendmal um Entschuldigung, das fuhr mir nur so heraus. Ich wollte Sie eigentlich nach der alten Frau fragen, die so viele Diebereien verübt hat und nach der Sie fahndeten; wissen Sie, die Alte mit dem krummen Rücken, deren Sie in kürzester Frist habhaft werden wollten. Nicht wahr, Sie haben das Weib schon eingefangen? Ich wußte ja, daß es so kommen würde, denn leeres Prahlen ist nicht Ihre Sache.«

»Der Henker hole das alte Weib!«

»Was – also ist sie noch nicht im Gewahrsam?«

»Nein, es war nicht menschenmöglich, sie festzunehmen, sonst hätte es mir gelingen müssen.«

»Das thut mir wirklich leid um Ihretwillen, Blake, denn, wenn sich ein Polizeibeamter so zuversichtlich ausspricht, und hernach–«

»O, seien Sie ganz außer Sorgen – auch die Stadt braucht sich nicht zu beunruhigen. Die Diebin entgeht mir nicht – verlassen Sie sich darauf. Ich kenne ihre Fährte; die Spuren, die ich gefunden habe – –«

»Wirklich! Aber sollten Sie sich nicht doch einen alten erfahrenen Detektiv von St. Louis kommen lassen, der Ihnen hilft, die Spuren zu verfolgen, damit sie nicht in die Irre gehen oder – –«

»Ich bin selber alt und erfahren genug und brauche niemandes Beistand. Es wird keine Woche – hm – keinen Monat vergehen, bis ich sie habe – das will ich beschwören.«

»Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte Tom gelassen. »Aber sie soll ja wohl ziemlich alt sein und alte Leute leben oft nicht so lange Zeit, wie der vorsichtige Detektiv braucht, um alle Fäden in die Hand zu bekommen und seine heimliche Jagd zu beginnen.« Blake wurde rot vor Zorn über den Spott; ehe er aber eine passende Erwiderung gefunden hatte, wandte sich Tom zu Wilson und fragte in gleichgültigstem Tone:

»Wer hat denn die Belohnung bekommen, David?«

Wilson biß sich auf die Lippen; jetzt kam die Reihe an ihn.

»Welche Belohnung?«

»Eine war ja wohl auf den Dieb gesetzt und die andere auf das Dolchmesser.«

»Hm,« antwortete Wilson zaudernd und in sichtlicher Verlegenheit, »ich weiß nicht, wie es kommt, aber bis jetzt hat sich noch niemand darum beworben.«

Tom sagte verwundert: »Das ist doch höchst merkwürdig.«

»Wenn es aber einmal der Fall ist, läßt sich’s nicht ändern,« entgegnete Wilson etwas ärgerlich.

»Gewiß. Ich dachte nur, du hättest ein Mittel erfunden und einen neuen Plan ausgeheckt, um die veralteten und unwirksamen Methoden der – –«

Er unterbrach sich und fuhr zu dem Konstabler gewandt, fort: »Nicht wahr, Blake, Sie hatten es auch so verstanden, als brauche man die Verfolgung der alten Frau nicht weiter fortzusetzen?«

Der Konstabler war froh, daß nun jemand anders statt seiner in den Schraubstock kam.

»Meiner Seel‘,« rief er, »Wilson hat gesagt, es würden nicht drei Tage vergehn, bis er den Dieb hätte, samt den gestohlenen Sachen, und das ist jetzt fast eine Woche her. Damals behauptete ich gleich, kein Dieb oder Diebsgenosse würde so dumm sein, etwas zu verkaufen oder zu versetzen, weil er doch wissen müßte, daß der Pfandleiher sich beide Belohnungen verschaffen könne, wenn er ihn samt seiner Beute auf die Polizei brächte. Es war der beste Gedanke, der mir jemals gekommen ist!«

»Sie würden wohl anderer Meinung sein,« entgegnete Wilson in gereiztem Ton, »wenn Sie meinen ganzen Plan kennten und nicht nur ein Bruchstück.«

»Je nun,« meinte Blake nachdenklich, »ich war eben von Anfang an überzeugt, daß Sie mit den zwei Belohnungen nichts ausrichten würden, und bisher habe ich auch recht behalten.«

»Meinetwegen – lassen wir’s dabei, bis auf weiteres. Mein Plan hat wenigstens ebensoviel Erfolg gehabt als Ihre eigenen Maßregeln, das werden Sie zugeben.«

Der Konstabler hatte nicht gleich eine schlagende Antwort bei der Hand; er räusperte sich nur unzufrieden und schwieg.

Seit jenem Abend, an dem Wilson einen Teil seiner Absichten kund gethan, hatte sich Tom fortwährend den Kopf zerbrochen, um den ganzen Plan zu erraten. Da ihm das nicht gelang, beschloß er der klugen Roxana den Fall zur Entscheidung vorzulegen. Sie dachte eine Weile nach und gab dann ihr Urteil ab. Was sie gesagt hatte, leuchtete Tom sehr ein; jetzt aber wollte er die Probe machen und dabei Wilsons Gesichtsausdruck beobachten.

»Daß du kein Narr bist, David,« sagte er gedankenvoll, »ist ja vor kurzer Zeit entdeckt worden. Deshalb wird auch wohl der Plan, den du entworfen hast, nicht gerade unsinnig sein, wenn auch Blake anderer Meinung ist. Du brauchst ihn nicht zu verraten, aber laß mich dir sagen, wie ich mir die Sache denke: Du hast fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und fünfhundert für den Fang des Diebes ausgesetzt. Ich will einmal annehmen, daß die erste Belohnung öffentlich ausgeschrieben und die zweite den Pfandleihern nur durch einen Privatbrief mitgeteilt worden ist, dann – –«

Blake schlug sich auf den Schenkel, daß es klatschte. »Donnerwetter, Querkopf, so muß es sein. Er ist hinter dein Geheimnis gekommen. Warum mir das nur nicht von selbst eingefallen ist!«

Wilson sagte sich, daß jeder Mensch, dem es nicht an Verstand fehlte, schließlich den Plan erraten mußte. Daß Blake den Kunstgriff nicht herausgefunden hatte, nahm ihn nicht wunder, aber Toms Scharfsinn überraschte ihn. »Es steckt doch mehr hinter ihm als ich dachte,« überlegte er, äußerte aber nichts dergleichen.

»Auf diese Weise,« fuhr Tom fort, »merkt es der Dieb nicht, wenn er in die Falle läuft. Er bringt oder schickt das Dolchmesser, sagt, er habe es billig gekauft oder auf der Straße gefunden und fordert die Belohnung. Natürlich würde man ihn festnehmen – nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Ohne allen Zweifel. – Sage einmal, Wilson, hast du das Dolchmesser je gesehen?«

»Nein.«

»Hat irgend einer von deinen Bekannten es in Augenschein genommen?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, dann begreift ich wohl, warum dein Plan mißglückt ist.«

»Was soll das heißen, Tom, worauf willst du hinaus?« fragte Wilson, dem es unbehaglich zu Mute wurde.

»Ich meine, es giebt überhaupt gar kein solches Messer.«

»Meiner Treu, Wilson,« rief Blake, »ich möchte gleich tausend Dollars wetten – wenn ich sie hätte – daß Tom Driscoll es getroffen hat.«

Wilson stieg das Blut zu Kopfe. War es möglich, daß die Fremden ihn wirklich zum besten gehabt hatten? – Der Schein sprach gegen sie, das ließ sich nicht leugnen. Aber was sollten sie damit bezwecken?

– Er warf diese Frage auf.

»Nun,« sagte Tom, »du selbst würdest vielleicht keinen Wert auf solche Dinge legen, aber sie sind fremd in der Stadt und müssen sich erst die Gunst der Leute erwerben. Muß es ihnen nicht schmeicheln, wenn sie sich als Lieblinge eines orientalischen Fürsten aufspielen können – ohne daß es sie was kostet? Verleiht es ihnen keine Wichtigkeit, wenn sie hier in unserem armen Städtchen glänzende Belohnungen von tausend Dollars ausschreiben, – die sie nie zu bezahlen brauchen? – Verlaß dich darauf, Wilson, wäre das Messer überhaupt vorhanden, so hättest du es zum Vorschein gebracht. Entweder giebt es also gar kein solches Messer, oder es ist noch in ihrem Besitz. Ich meinesteils glaube, daß sie das Dolchmesser einmal irgendwo gesehen haben. So schnell und geschickt hätte Angelo es nicht aufs Papier zeichnen können, wenn die ganze Sache nur auf Erfindung beruhte. Natürlich kann ich nicht schwören, sie hätten es nie gehabt, aber, daß es noch in ihrem Besitz ist, wenn sie es überhaupt mit hierher gebracht haben – dafür will ich mich verbürgen.«

»Was Tom sagt, klingt sehr einleuchtend,« meinte Blake, »das läßt sich nicht bestreiten.«

»Schaffen Sie nur die alte Frau zur Stelle, Blake, und wenn sie Ihnen das Messer nicht abliefern kann, so halten Sie Haussuchung bei den Zwillingen.«

Nach diesen Worten schlenderte Tom fort und Wilson blieb in sehr gedrückter Stimmung zurück. Er wußte nicht recht, was er denken sollte. Den Zwillingen sein Vertrauen zu entziehen, fiel ihm schwer, und er beschloß, es nicht auf einen so unbestimmten Verdacht hin zu thun; jedenfalls wollte er sich die Sache erst reiflich überlegen.

»Was halten Sie denn davon, Blake?« fragte er.

»Ich muß gestehen, ich teile Toms Ansicht: sie haben das Messer überhaupt nicht gehabt, oder, wenn sie es hatten, so haben sie es noch.«

Die beiden Männer trennten sich.

»Ich glaube, daß sie es gehabt haben,« dachte Wilson im Weitergehen. »Wäre es ihnen gestohlen, so hätte mein Plan es wieder ans Licht gebracht, das steht fest. Demnach müssen sie es noch in Händen haben.«

 

Tom hatte dieses wichtige Gespräch begonnen, ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Er hoffte nur Blake und Wilson etwas zu ärgern und sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Beim Abschied aber triumphierte er innerlich. Durch den reinsten Glücksfall und ohne jegliche Anstrengung seinerseits waren ihm ein paar köstliche Dinge gelungen: er hatte die beiden Männer an ihrem wundesten Fleck getroffen und gesehen, wie sie sich krümmten; er hatte in Wilsons zuckersüße Gefühle für die Zwillinge einen Tropfen Wermut gegossen – den bittern Geschmack sollte er nicht so bald los werden – und, was ihn am meisten freute: es war ihm geglückt, die verhaßten Fremden von ihrer Höhe zu stürzen. Blake würde ohne Zweifel die Neuigkeit weiter herumtragen, nach Art des Detektivs, und bevor noch acht Tage um waren, würde sich jedermann den Zwillingen gegenüber ins Fäustchen lachen, weil sie für eine Kostbarkeit, die sie entweder niemals besessen oder niemals verloren hatten, großartige Belohnungen aussetzten. Tom war wirklich ausnehmend mit sich zufrieden.

Die ganze Woche über hatte er sich zu Hause musterhaft aufgeführt. Dem Onkel und der Tante war so etwas noch gar nicht vorgekommen; sie fanden nicht das geringste an ihm zu tadeln.

Am Samstag abend sagte er zu dem Richter: »Mir liegt etwas schwer auf dem Herzen, Onkel, und da ich bald fortreise, und man nie weiß, ob man sich wiedersieht, ertrage ich es nicht länger. Du hast glauben müssen, daß ich mich aus Furcht nicht mit dem italienischen Abenteurer schlagen wollte. Es kam mir so überraschend, und ich habe vielleicht einen falschen Vorwand gewählt, um davon los zu kommen, aber kein Ehrenmann, der von ihm wüßte, was ich weiß, würde sich auf einen Zweikampf mit ihm einlassen.«

»So? – Und was wäre denn das?«

»Graf Luigi bekennt selbst, daß er einen Mord begangen hat.«

»Unglaublich!«

»Es ist die reine Wahrheit. Wilson entdeckte es in den Linien seiner Hand. Er sagte es ihm auf den Kopf zu und trieb ihn so in die Enge, daß der Graf es eingestehen mußte. Beide Zwillinge baten uns jedoch auf den Knieen, das Geheimnis nicht zu verraten und gelobten, sich hier am Ort nichts zu Schulden kommen zu lassen. Es war ein so peinlicher Auftritt, daß wir unser Ehrenwort gaben, die Sache geheim zu halten, solange sie ihr Versprechen nicht brächen. Du hättest es auch gethan, Onkel.«

»Da hast du ganz recht, mein Junge. Ein Geheimnis, das einem Menschen auf solche Weise entrissen worden ist, sollte als sein Eigentum betrachtet und heilig gehalten werden. Ich kann dich nur loben, und bin stolz auf dich. Doch ich wollte,« fügte er traurig hinzu, »mir hätte die Schande erspart bleiben können, einem Mörder auf dem Feld der Ehre zu begegnen.«

»Es ließ sich nicht ändern, Onkel. Hätte ich gewußt. daß du ihn fordern wolltest, so würde ich es für meine Pflicht gehalten haben, mein gegebenes Wort zu brechen, um das Duell zu verhindern. Aber Wilson konnte man es füglich nicht zumuten, daß er reden sollte.«

»Nein; Wilson hat ganz recht gethan, ich mache ihm durchaus keinen Vorwurf. Tom, Tom, du nimmst mir eine Last von der Seele; es hat mich im tiefsten Innern geschmerzt, als ich entdeckt zu haben meinte, daß ein Glied meiner Familie sich als Feigling erwies.«

»Du kannst dir denken, wie viel es mich gekostet hat, diese Rolle zu spielen.«

»Jawohl, mein armer Junge. Und wie schwer muß es dir geworden sein, die ganze Zeit lang unter einem so ungerechten Verdacht zu stehen. Aber jetzt ist alles wieder gut und der Schaden geheilt. Du hast mir meine Gemütsruhe zurückgegeben und die deinige wiedergewonnen, wir hatten beide genug gelitten.«

Der alte Mann versank eine Weile in tiefe Gedanken; als er aufblickte, lag ein Ausdruck der Befriedigung in seinen Zügen. »Daß der Mörder mir den Schimpf angethan hat, sich mir auf dem Felde der Ehre gegenüberzustellen, als sei er meinesgleichen, ist eine Sache, die noch ins Reine gebracht werden muß, aber nicht jetzt. Erst nach dem Wahltag will ich Abrechnung mit ihm halten. Ich weiß ein Mittel, wie ich die Brüder schon vorher zu Grunde richten kann, und das will ich zuerst anwenden. Keiner von beiden soll gewählt werden, dafür bürge ich. Ist auch sicher noch nichts davon an die Oeffentlichkeit gedrungen, daß er ein Mörder ist?«

»Nein – ich weiß es ganz gewiß.«

»Diese Karte behalte ich also einstweilen in der Hand. Am Wahltag werde ich eine Andeutung von der Rednerbühne fallen lassen, daß ihnen der Boden unter den Füßen brennen soll.«

»Das wird ihnen den Garaus machen.«

»Ja, aber daneben müssen auch die Wähler gehörig bearbeitet werden. Sobald die Zeit kommt, solltest du das bei dem Volk unter der Hand besorgen. Du kannst dabei etwas draufgehen lassen, ich werde dich mit Geld versehen.«

Eine neue Aussicht über die verhaßten Zwillinge zu siegen! Wahrlich, es war ein Glückstag für Tom. Er bekam Lust, noch einen letzten Pfeil nach demselben Ziel abzuschießen.

»Du hast doch von dem wunderbaren indischen Messer gehört, Onkel, über das die Zwillinge solchen Lärm gemacht haben? Weißt du – bis jetzt hat sich auch nicht die geringste Spur davon entdeckt. Man munkelt bereits allerlei in der Stadt, und die Leute schwatzen und lachen darüber ohne Ende. Einige glauben, daß es überhaupt nie ein solches Messer gegeben hat, und andere meinen, die Zwillinge hätten das Dolchmesser besessen und besäßen es noch. Ich habe das heute wenigstens von zwanzig verschiedenen Seiten gehört.«

Also, wie gesagt, die Thatsache läßt sich nicht leugnen: Tom stand am Schluß der Woche, nach seiner tadellosen Aufführung wieder in hoher Gunst bei dem Onkel und der Tante.

Auch seine Mutter war mit ihm zufrieden. Im stillen dachte sie sogar, daß sie anfinge, ihn lieb zu haben, aber das sagte sie nicht laut. Sie befahl ihm jetzt nach St. Louis zu gehen, wohin sie ihm auf dem Fuße folgen werde. Zuletzt zerschlug sie ihre Branntweinflasche und sagte:

»De siehst du’s selbst! Deine Mammy will dir kein böses Beispiel geben, sie wird schon sorgen, daß du nicht vom geraden Weg abkommst. Du darfst nicht wieder in schlechte Gesellschaft geraten, hab‘ ich gesagt; deshalb bleibst du in meiner Gesellschaft, da bist du am besten aufgehoben. Nun mach‘, daß du zum Thor hinauskommst!«

Noch am selben Abend begab sich Tom an Bord eines vorüberfahrenden Dampfboots und nahm seinen schweren Reisesack voll gestohlener Sachen mit. Er schlief den Schlaf der Ungerechten, der oft ruhiger und fester ist als die andere Sorte; das wissen wir aus der Geschichte der Henkersnacht von Millionen Spitzbuben. Aber, als er am Morgen aufwachte, war ihm das Glück untreu geworden. Ein zweiter Dieb hatte ihm, während er schlief, seinen Raub wieder abgenommen und war damit auf einer Zwischenstation ans Land gegangen.