Meine Reise um die Welt – Erste Abteilung

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die allgemeine Menschenliebe ist unser köstlichstes Gut – aber, wie selten ist es auch!

Querkopf Wilsons Kalender.

Aus dem Tagebuch. 1. November.

Wir fahren zwischen Tasmanien, dem früheren Vandiemensland, und den benachbarten Inseln hindurch. Von diesen Inseln aus haben die armen verbannten Wilden weinend nach ihrem verlorenen Heimatland hinübergeblickt, und vor Sehnsucht ist ihnen das Herz gebrochen. Mich freut es, daß die Vertilgung der eingeborenen Rassen jetzt ein Ende hat, da fast alle so gut wie ausgestorben sind. Von den Ureinwohnern Tasmaniens lebt wenigstens kein einziger mehr.

James Bonwick sagt in der Einleitung seines Buches über die ›verschwundene tasmanische Rasse‹:

»Die Eingeborenen Tasmaniens glaubten, sie seien allein auf der Welt. Ihre Haut war dunkel, ihre Augen glänzend; große Zähne, ein starker Unterkiefer, wolliges Haar, ein gekräuselter Bart, eine platte Nase, ein Leib voller Narben, wohlgeformte Füße und kleine Hände zeichneten sie aus. Die zerstreuten Stämme leben von der Jagd, den Ackerbau kannten sie nicht. Um Feuer zu machen, rieben sie zwei Holzstücke aneinander und brieten das Fleisch in der Asche. Sie besaßen weder Haus, noch Kochgerät, noch Kleidung außer rohen Tierfellen, hatten keine festen Wohnsitze und brauchten auch keine.

»Aber, trotzdem sie auf der tiefsten Stufe der Barbarei standen, waren sie weder einfältig noch unglücklich. In ihrer tausendjährigen Abgeschlossenheit hatten sie sich nicht über den rohesten Zustand erhoben, doch waren sie Menschen und konnten denken und fühlen.

»Sie hatten wenig leibliche, noch weniger seelische Bedürfnisse, dienten keinen Götzen und kannten keine Form der Gottesverehrung; nur das wilde, schauerliche Getöse von Sturm und Gewitter erfüllte sie mit unbestimmter Furcht. Ganz der Erde angehörig, Kinder an Verständnis, ohne höheres Streben, zufrieden mit der Nahrung und Freude, die ihnen der Tag brachte, lebten sie sorglos dahin, wie ihre Väter vor ihnen.

»Da landete eine andere Rasse auf der Insel, die auch das springende Känguruh verfolgte. Der Eingeborene sah einen Menschen gleich ihm, aber weiß von Haut, welcher Kleider trug und mit dem Donner bewaffnet war, den er aus dem Himmel entwendet hatte. In jene Täler und Wälder, wo sich die farbige Rasse solange unbekümmert ihres Lebens gefreut hatte, brachte der fremde Eindringling Mißtrauen und Arglist. Mit einem Schlage war alles verwandelt und ein neuer Himmel wölbte sich über den Menschenkindern.«

Die englische Flagge wurde aufgehißt und, wie in Sydney, eine Verbrecherkolonie gegründet. Zwar hatte die Regierung strengen Befehl erteilt, daß die Weißen den Eingeborenen freundlich begegnen und sie in ihrer Lebensweise nicht stören sollten, aber schon im Jahre 1804 kam es zu einem blutigen Zusammenstoß. Bei einer Känguruhjagd stürmten etwa vierhundert Eingeborene mit Frauen und Kindern den Berg hinunter; den englischen Soldaten war die Art der Wilden neu; in der Meinung, das bedeute einen kriegerischen Ueberfall, feuerten sie auf die harmlosen Leute und töteten ihrer fünfzig. Die Gegenwart der Frauen und Kinder war der sicherste Beweis friedlicher Gesinnung, aber das wußten die Soldaten nicht.

Von da ab scheiterten alle Bemühungen, das Vertrauen der Eingeborenen wieder zu gewinnen, und sie nährten einen unversöhnlichen Haß gegen die Weißen. Kein Wunder, denn sie kamen fast nur mit dem Auswurf derselben in Berührung: mit entflohenen Verbrechern, die als sogenannte Buschranger in den Wäldern hausten und vor keiner Schandtat zurückbebten und mit andern Bösewichten, meist früheren Deportierten, die auf einsamen Stationen als Diener der Weißen zerstreut in der Wildnis Tasmaniens wohnten, oft mit den Schwarzen in Streit gerieten und sie niederschossen.

Natürlich übten die Wilden Wiedervergeltung an allen Weißen, die in ihre Hände fielen, und der Kampf der Rassen ward Jahrzehnte lang auf beiden Seiten mit großer Grausamkeit fortgesetzt, wie sehr auch die Regierung bemüht war, eine Versöhnung herbeizuführen und die Eingeborenen zu schonen. Diese waren nicht zahlreich, aber wachsam, schlau und behende; sie kannten jeden Schlupfwinkel in ihrem Lande und es glückte ihnen trotz ihrer geringen Anzahl lange Zeit Widerstand zu leisten, so daß sie vielen Weißen Tod und Verderben brachten.

Die Regierung ergriff die verschiedensten Maßregeln, um womöglich die gänzliche Ausrottung der Eingeborenen zu verhindern: Sie wollte diese auf eine benachbarte Insel schaffen lassen und bot für jeden lebendig eingelieferten Schwarzen fünf Pfund als Prämie. Einen Wilden zu fangen ist aber kein leichtes Werk, und bei den Streifzügen der Weißen wurde meist, um einen Gefangenen zu machen, ein halbes Dutzend getötet. Das lag nun nicht in den Absichten der Regierung und man schritt daher zu einem andern Versuch: die Schwarzen wurden alle nach einem Ende der Insel getrieben und man zog zur Abwehr eine Truppenkette quer durch das Land, Auch das half wenig, denn die Eingeborenen brachen unaufhörlich durch und fuhren fort zu sengen und zu morden.

Nun erließ der Gouverneur eine gedruckte Proklamation, welche den Schwarzen befahl, die öde Gegend, die man ihnen angewiesen hatte, nicht zu verlassen! Aber das nützte nichts, weil keiner sie zu lesen verstand. Es folgte nun eine Proklamation in Bilderschrift, die auf Bretter gemalt und im Walde angenagelt wurde. Ich füge hier einen photographischen Abdruck derselben bei.

Ihre Bedeutung war im wesentlichen folgende:

  1. Der Gouverneur wünscht, daß Schwarze und Weiße einander lieben sollen.
  2. Er liebt seine farbigen Untertanen.
  3. Wenn ein Schwarzer einen Weißen tötet, wird er gehängt.
  4. Wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, wird er gehängt.

Die Ausführung ihrer mancherlei Pläne kostete der Regierung etwa 30 000 Pfund; mehrere Tausend Weiße strengten jahrelang alle Kraft und allen Scharfsinn an, um den gewünschten Zweck zu erreichen – aber, es war ein erfolgloses Bemühen. Endlich, nachdem die Feindseligkeiten zwischen beiden Rassen ein Vierteljahrhundert gedauert hatten, wurde der rechte Mann gefunden. Dies war Georg August Robinson, den die Geschichte ›den Versöhner‹ nennt. Er war zwar weder ein gebildeter noch ein angesehener Mann, sondern lebte als gewöhnlicher Maurer in der Stadt Hobart, doch muß er eine ganz wunderbare Persönlichkeit gewesen sein. Ich wäre gern weit gereist, um ihn einmal zu Gesicht zu bekommen, denn mag es auch irgendwo seinesgleichen in der Weltgeschichte gegeben haben, so ist mir doch davon nichts bekannt.

Die Aufgabe, die er sich stellte, war ein unerhörtes Wagestück. Er wollte in die Wildnis hinausgehen, wo sich die zu Tode gehetzten Eingeborenen, die kein Erbarmen kannten, in Sümpfen und Bergschluchten versteckten; unbewaffnet wollte er unter sie treten und sie durch Liebe und Güte bewegen, das wilde freie Leben in der Heimat, das ihrem Herzen so teuer war, aufzugeben und ihm zu den verhaßten Weißen zu folgen. Unter ihrem Schutz und Schirm und von ihren Wohltaten lebend, sollten die Eingeborenen dann den Rest ihres Daseins verbringen.

Auf den ersten Blick glaubte man es mit dem Hirngespinst eines Wahnsinnigen zu tun zu haben; alle Welt lachte und spottete darüber. Zwanzig Jahre früher hatte auch die Regierung gelacht, aber jetzt lieh sie dem Plan ihr Ohr; alle vernünftigen Maßregeln waren umsonst erschöpft worden, weshalb sollte man es nicht einmal mit einer unvernünftigen versuchen? Es konnte viel Gutes daraus entstehen und nichts Schlimmes – außer für den ›Versöhner‹ selbst.

Die Lage der Dinge war einzig in ihrer Art, etwas Aehnliches hatte die Welt noch nicht erlebt. Die weiße Bevölkerung belief sich im Jahre 1831 auf vierzigtausend, die Zahl der Eingeborenen betrug dreihundert, Weiber und Kinder mit eingeschlossen. Die Weißen waren mit Flinten bewaffnet, die Schwarzen mit Keule und Speer. So hatten sie einander seit fünfundzwanzig Jahren befehdet, ohne daß die Weißen den Sieg davontrugen, obwohl sie kein Mittel unversucht ließen, um die Eingeborenen zu fangen, zu töten und zur Unterwerfung zu zwingen. Die dreihundert unüberwindlichen Wilden wollten nicht nachgeben, keine Bedingungen annehmen und sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Dabei war nicht einmal ein Dichter unter ihnen, der ihren Heldenmut neu entfachen und ihre beispiellose Vaterlandsliebe in feurigen Gesängen preisen konnte!

Nach einem Vierteljahrhundert erbitterten Kampfes trotzten die überlebenden dreihundert nackten Wilden dem Gouverneur und seinen 40 000 noch ungebrochenen Mutes. Man wußte sich weder Rat noch Hilfe.

Da ging der Maurer Robinson – jener Wundermann – in die Wildnis hinaus, ohne Waffen und ohne Schutz, nur der Macht seiner Rede, seiner treuen Augen und seines menschenfreundlichen Herzens vertrauend. Er spürte die grimmigen Wilden in ihren Schlupfwinkeln auf, folgte ihnen in die dunkeln Wälder und auf die beschneiten Berggipfel und bezwang sie durch die Menschenliebe, die in ihm wohnte und mit überzeugender Gewalt aus seinem Wort und Wesen sprach. Vier Jahre lang ging er geduldig jeder einzelnen Gruppe der Schwarzen nach über Berg und Tal, viele hundert Meilen weit. Kam er zuerst in ihre Nähe, so stürmten sie auf ihn zu, um ihn zu töten, aber er wich und wankte nie, unbewaffnet stand er vor ihnen und zwang sie ihn anzuhören. Aber alle, die seine Rede vernahmen, warfen ihre Speere weg und zogen mit ihm.

In vier Jahren hatte er die Eingeborenen sämtlich herbeigebracht, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen; freiwillig waren sie ihm gefolgt, hatten sich dem Gouverneur als Gefangene ergeben und dem Krieg ein Ende gemacht, der seit dem Jahre 1804 von vielen Tausenden mit Pulver und Blei vergebens geführt worden war.

Marsyas, der einst wilde Tiere durch den Zauber seiner Musik gezähmt haben soll, gehört ins Fabelreich; aber das Wunder, das Robinson vollbracht hat, ist eine geschichtlich beglaubigte Tatsache, die uns mit Staunen und Ehrfurcht erfüllt. Weder das Altertum noch die Neuzeit hat etwas aufzuweisen, das sich ihr an die Seite stellen ließe. Und zum Andenken des größten Mannes, den Australien und Ozeanien je hervorgebracht, ist dem ›Versöhner‹ Georg August Robinson von der dankbaren Nachwelt ein stattliches Denkmal errichtet worden, das in – – ach nein, ich bin im Irrtum – es ist das Denkmal eines andern Mannes, dessen Namen ich vergessen habe.

Robinsons eigene Zeitgenossen haben es jedoch nicht an Ehrenbezeigungen für ihn fehlen lassen und sich dadurch selbst geehrt. Die Regierung belohnte ihn mit einer großen Summe und verlieh ihm tausend Morgen Land; das Volk aber hielt Massenversammlungen, um seine Tat zu verherrlichen und es ward ihm, zum Zeichen der allgemeinen Hochachtung, ein reiches Geldgeschenk übergeben.

Uebrigens hatte Robinson sein großes Unternehmen nicht unbedachtsam begonnen; er war kein törichter Schwärmer, der sich blindlings in Todesgefahr stürzt. Vor allem verlangte er, daß die Feindseligkeiten seitens der Weißen gänzlich eingestellt würden, solange er sein Friedenswerk betrieb. Für das Gelingen derselben verließ er sich vor allem auf seine jahrlange genaue Kenntnis des Charakters der Eingeborenen, die er als menschliche Wesen betrachtete und nicht als wilde Bestien, wie es die Leute taten, die seinen Plan verspotteten. Auch ging er nur ungern allein; aber, obgleich hohe Summen geboten wurden, fand sich kein Weißer, der ihm unbewaffnet in die Wildnis folgen wollte, nur mehrere Eingeborene beiderlei Geschlechts, die sich den Weißen unterworfen hatten, ließen sich überreden, ihn zu begleiten, trotzdem sie einem beinahe sichern Untergang entgegengingen. Ein Beweis, wie groß sein Einfluß auf die Gemüter war.

Wenn wir bedenken, welchen Gefahren Robinson und seine schwarzen Führer trotzen mußten, so erfüllt uns die größte Bewunderung für seine Kühnheit und ihre unwandelbare Treue. Die wilden Stämme waren nirgends vereinigt, sie hausten in einzelnen Gruppen von zwanzig, zwölf, sechs oder selbst drei Personen in den Bergen, und es galt weite Strecken der ödesten Gegenden zu durchwandern, wo kein lebendes Geschöpf, selbst kein Vogel zu sehen war, weil sich dort keinerlei Nahrung vorfand. Mitten im Winter mußten die Friedensboten unter unsagbarer Mühsal über tiefe, reißende Ströme setzen, sechstausend Fuß hohe Berge erklimmen und sich durch gefährliches Dickicht ihren Weg bahnen.

»Bei allen Beschwerden und Entbehrungen bewies die kleine Schar jedoch einen wahren Heldenmut. In einem an den Sekretär Burnett gerichteten Brief vom 2. Oktober 1844 hat Robinson später die Schrecken geschildert, welche sie umgaben. Er sagt, die Eingeborenen hätten ein förmliches Grauen vor den furchtbaren Bergpässen gehabt; sieben Tage lang seien sie über ›endlose Eisfelder gewandert, wo die Schwarzen oft über die Hüften im Schnee versanken‹. Doch der ermutigende Zuruf ihres hochherzigen Freundes hielt die armen, schlecht gekleideten und genährten, bis aufs äußerste ermatteten Männer und Weiber immer wieder aufrecht, und sie wankten nicht in ihrer Ergebenheit.«

Bonwick, der uns dies alles schildert, sagt auch, daß Robinsons friedlicher Sieg über den Big River-Stamm die größte Tat war, die er vollbracht hat. Dieser Stamm stand unter dem allergefürchtetsten Häuptling und war der Schrecken der ganzen Kolonie. Lange mußte Robinson suchen und Drangsale aller Art durchmachen, bis er die grimmigen schwarzen Krieger endlich im Westen einer wilden Berggegend des Innern fand. Jetzt kam der entscheidende Augenblick. War auch das Unternehmen bisher von Erfolg gekrönt gewesen, so hoffte doch Robinson hier selbst auf kein Gelingen; er glaubte, seine Todesstunde sei gekommen.

In drohender Haltung, den achtzehn Fuß langen Speer in der Hand, stand der fürchterliche Häuptling da, hinter ihm seine kampfbereiten Krieger mit haßerfüllten Mienen, aus denen der alte Ingrimm gegen die weiße Rasse sprach. »Sie rasselten mit den Speeren und stießen ihr Kriegsgeschrei aus.« Die Weiber hielten einen neuen Vorrat von Waffen bereit, und alle harrten nur auf das Zeichen des Häuptlings zum Angriff.

Da nahm Robinson seinen ganzen Mut und alle Ueberredungskunst zusammen. Er begann seine Ansprache in des Stammes eigenem Dialekt, was den Häuptling verwunderte und ihm zu gefallen schien.

»Wer seid ihr?« fragte er.

»Eure Freunde.«

»Wo sind eure Schießgewehre?«

»Wir haben keine.«

Der Krieger staunte.

»Und eure kleinen Flinten (Pistolen)?«

»Wir haben keine.«

Es vergingen einige Minuten – die Stammesgenossen berieten untereinander. Inzwischen hatten sich Robinsons eingeborene Begleiterinnen zu den wilden Frauen hinübergewagt, um sie günstig zu stimmen. Der Häuptling aber trat zu den alten Weibern, welchen »die eigentliche Entscheidung über Krieg oder Frieden oblag,« um mit ihnen zu beraten.

»Auf das Schlimmste gefaßt,« fährt Bonwick fort, »harrte die kleine beherzte Schar des Ausgangs; ihre ängstliche Spannung war jedoch nur von kurzer Dauer. Da reckten die Frauen des Stammes dreimal die Arme in die Höhe, das war ein untrügliches Friedenszeichen. Die Speere senkten sich, und mit einem Seufzer der Erleichterung aus tiefer Brust und einem dankbaren Blick nach oben wagten die Geretteten näher heran zu treten. Als die Wilden in ihren Reihen Angehörige des eigenen Stammes erblickten, stürzten sie jubelnd und weinend auf sie zu. Nun folgte ein allgemeines Freudenfest, und mit Lachen und frohen Tänzen endete der ereignisreiche Tag.

»So war auch dieser gefürchtete Stamm zu friedlicher Unterwerfung gebracht worden. Um eine Handvoll Feinde zu bekämpfen, die sich nur mit hölzernen Speeren verteidigten, hatte die Regierung Riesensummen verausgabt und die ganze Bevölkerung der Kolonie zu den Waffen gerufen – das erfuhr man jetzt mit Staunen und Ueberraschung. Der berüchtigte Big River-Stamm, unter dem sich die Europäer in ihrer Furcht ein ganzes Heer vorgestellt hatten, bestand nur aus sechzehn Männern, neun Frauen und einem Kinde. Aber wieviel Unheil hatten sie in der ganzen Gegend angerichtet, welche wunderbaren Märsche hatten sie gemacht, wieviel Beweise von Mut und kriegerischer Tüchtigkeit gegeben! Alle eingeborenen Völkerschaften, welche je den Engländern Widerstand geleistet hatten, sowohl die Zulus in Afrika als die Maori in Neuseeland und die Araber im Sudan waren besser mit Waffen versehen, auch weit zahlreicher und erfahrener in der Kriegskunst als die nackten Tasmanier, die sich als so gefährliche Feinde erwiesen. Mit Recht hat sie der Gouverneur Arthur eine edle Rasse genannt.«

Ein wunderbares Volk, diese Eingeborenen! Man hätte sie nicht aussterben lassen, sondern sie mit der weißen Rasse vermischen sollen; dieser wäre das nur vorteilhaft gewesen, und den Eingeborenen hätte es keinen Schaden getan. Statt dessen wurde das Leben jener kühnen, wilden Menschenkinder unnütz vergeudet. Man pferchte sie auf den benachbarten Inseln in kleinen Ansiedlungen zusammen und die Regierung nahm sich ihrer väterlich an, ließ ihnen Religionsunterricht erteilen und verbot ihnen das Tabakrauchen, weil der Superintendent der Sonntagsschule das Tabakrauchen nicht leiden konnte und das Rauchen für sündhaft erklärte.

Die Eingeborenen waren weder an Kleider noch Häuser, noch regelmäßige Zeiteinteilung gewöhnt, Kirche, Schule, Sonntagsfeier, Arbeit und alle andern übelangebrachten Quälereien der Zivilisation hatten keinen Reiz für sie, und sie wurden die Sehnsucht nach dem freien, ungebundenen Leben in der Heimat nicht los. Zu spät bereuten sie, ihren Himmel gegen diese Hölle eingetauscht zu haben. Klagend saßen sie auf den fremden Felsenklippen und schauten Tag für Tag mit nassen Augen ins Meer hinaus, wo in der Ferne ihr einstiges Paradies in nebligen Umrissen auftauchte; so verzehrten sie sich einer nach dem andern in ungestilltem Verlangen, bis ihnen das Herz vor Heimweh brach.

Nach einigen Jahren war nur noch ein kleiner Ueberrest am Leben. Wenige schleppten sich weiter bis ins Alter. 1864 starb der letzte Mann und 1876 das letzte Weib; es lebte nun niemand mehr von den Spartanern Australiens.

Selbst der gutherzigste Weiße ist nun und nimmermehr befähigt für das Wohl der Wilden zu sorgen, das ist eine alte Erfahrung. Er sollte nur einmal versuchen den Spieß umzudrehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn ein wohlmeinender Wilder ihm sein Haus, seine Kirche, seine Kleider, Bücher und Leckerbissen nehmen und ihn in eine schauerliche Einöde verbannen wollte, unter Sand und Klippen, Schnee und Eis, Hagel, Sturm und Sonnenglut, wo Schlangen, Aas und Gewürm seine einzige Nahrung wären und er kein Obdach, kein Lager, keine Decke fände, um seinen nackten Leib zu schützen. Das wäre für ihn die Hölle auf Erden. Warum kann er denn nun nicht einsehen, daß seine Zivilisation für den Wilden genau solche Hölle ist? Wahrlich, er sollte Verstand genug haben, um das zu begreifen; aber daran fehlt es ihm eben, daran hat es ihm zu allen Zeiten gefehlt. Wie wäre er sonst imstande gewesen, die unglücklichen Eingeborenen zu der entsetzlichen Qual seiner Zivilisation zu verdammen, und ein solches Verbrechen obendrein im besten Glauben zu begehen? – Er sah die armen Geschöpfe in ihrer Pein, schaute sie voll ratloser Unruhe an und ahnte nicht, was ihnen fehlen könne. Fast tun uns jene Missetäter leid in ihrer bodenlosen Unwissenheit; sie haben es so aufrichtig gemeint, sie waren so reich an guten, menschenfreundlichen Absichten! Weshalb die verbannten Wilden dahinstarben, war und blieb ihnen unbegreiflich, bis endlich ein Mann in einem gleichen Fall in Neusüdwales den Ausspruch tat: »Sie vergingen vor dem Zorn Gottes, der vom Himmel offenbar wurde gegen alle Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit der Menschen.«

Das erklärt ja die Sache!

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Es ist leichter gar nicht hineinzugehen als wieder herauszukommen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Der Zug kam jetzt auf seiner Fahrt durch ein freundliches Hügelland und schlängelte sich an lachenden, grünen Tälern vorüber. Wir sahen Gummibäume der verschiedensten Art, darunter wahre Riesen. Einige hatten die Form und Rinde von Sykomoren, andere sahen höchst absonderlich aus und erinnerten an die seltsamen Apfelbäume auf japanischen Bildern. Ein ganz prächtiger Baum war mir völlig unbekannt; er trug Tannennadeln in großen Büscheln, die untere Hälfte hatte eine glänzend braune oder dunkle Goldfarbe, der obere Teil ein kräftiges, lebhaftes, beinahe schreiendes Grün – die Farbenwirkung war zauberhaft. Der Baum muß wohl sehr selten sein; alle Exemplare, welche wir zu sehen bekamen, standen auf einer Strecke, durch die wir in einer halben Stunde fuhren. Noch ein anderer Baum fiel mir auf, eine Art Fichte, wie man uns sagte. Die grüne Masse seines Laubwerks schien aus haarfeinen Fäden gewoben und wölbte sich als Krone über dem geraden, kahlen Stamme, wie eine aufsteigende zarte Rauchwolke. Er wuchs nicht gesellig in Gruppen oder Paaren; jeder einzelne Baum stand abgesondert von seinem Nachbar da. So verteilten sie sich in ihrer einsamen Größe weit über Abhänge und grasbewachsene, schwellende Hügel, wo der herrlichste Sonnenschein sie umflutete. Und so lange man den Baum noch erblicken konnte, sah man auch seinen kohlschwarzen Schatten auf dem glänzend grünen Teppich an seinem Fuß.

Wir fuhren häufig an blühenden Ginsterbüschen vorbei; die Pflanze ist aus England eingeführt. Ein Herr, der vorübergehend in unser Coupé kam, wollte mir den Unterschied zwischen gemeinem Ginster und Stechginster erklären; es wurde ihm jedoch schwer, da er ihn selbst nicht wußte. Zur Entschuldigung seiner Unkenntnis sagte er: vor diese Frage sei er im Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, die er bereits in Australien lebe, noch niemals gestellt worden, und so hätte er sich nicht damit abgegeben. Zu entschuldigen brauchte er sich eigentlich kaum, denn nichts ist so allgemein verbreitet wie diese Untugend. Um alles Neue und Fremdartige bekümmern wir uns, aber sich für das Nächstliegende zu interessieren verstößt gegen die menschliche Natur. – Die verschiedenen Ginsterarten bildeten einen großen Schmuck der Landschaft. Hier und da hob sich plötzlich ihr grelles Gelb mit so leuchtendem Schein von dem düstern Hintergrund ab, daß man den Atem anhalten mußte vor Staunen und Ueberraschung. Dazu kam noch die einheimische Akazie mit ihrer üppigen Fülle goldgelber Blüten. Sie wächst als Busch oder Baum und ist wegen ihres Wohlgeruchs bei den Australiern sehr beliebt, denn den meisten dortigen Blumen fehlt der Duft.

Der Herr, dem ich den Mangel an Belehrung über die Ginsterarten verdankte, erzählte mir, er sei vor fünfzig Jahren mit sechsunddreißig Schillingen in der Tasche aus England in die Provinz Südaustralien eingewandert. Er kam als Abenteurer, ohne Gewerbe, ohne Beruf, ohne Freunde, doch hatte er ein bestimmtes Ziel vor Augen: er wollte im Lande bleiben, bis er sich 200 Pfund Sterling erworben hatte und dann wieder nach der Heimat zurückkehren. In fünf Jahren hoffte er dies Vermögen zu sammeln.

»Das ist jetzt über fünfzig Jahre her,« fügte er hinzu, »und ich bin noch immer da.«

Beim Hinausgehen traf er in der Tür mit einem Freunde zusammen, den er mir vorstellte. Wir plauderten und rauchten eine Weile miteinander, der Freund und ich, und dabei kamen wir auf jene Unterhaltung zu sprechen. Ich sagte, der Gedanke an das halbe Jahrhundert, welches sein Freund in der Verbannung verlebt habe, sei für mich tief ergreifend, und ich wollte, es wäre ihm gelungen, die 200 Pfund zu erwerben.

»O, darum machen Sie sich keine Sorge,« erhielt ich zur Antwort. »Ihm ist es nicht schlecht ergangen, das Glück war ihm hold. Er hat nur aus Bescheidenheit einige Einzelheiten seiner Geschichte verschwiegen. Damals kam er gerade rechtzeitig nach Südaustralien, um bei der Entdeckung der Burra-Burra-Kupferminen mitzuhelfen, die in den ersten drei Jahren 700 000 Pfund Sterling eingebracht haben. Bis jetzt beläuft sich ihr Gesamtertrag auf 20 000 000 Pfund, wovon mein Freund seinen Anteil erhalten hat. Er war noch nicht zwei Jahre im Lande, da hätte er heimkehren und sich ein ganzes Dorf kaufen können, und ich glaube, wenn er wollte, könnte er sich jetzt eine Stadt kaufen. Nein, der Mensch ist nicht zu beklagen; sein Kupfer wurde zu jener Zeit eine wahre Rettung für Südaustralien, denn eben waren die großen Landspekulationen fehlgeschlagen und alle Geschäfte lagen darnieder.«

Habe ich’s nicht gesagt? – Die romanhaftesten Geschichten sind in diesem Erdteil ganz an der Tagesordnung!

Im Jahre 1829 hatte Südaustralien noch keinen Weißen gesehen. 1836 gründete das britische Parlament dort in der Wüste eine Provinz, ernannte den Gouverneur und setzte die Regierung ein. Nun bemächtigten sich eifrige Unternehmer der Sache, man erwarb große Strecken Landes, beförderte die Einwanderung und lockte die Leute durch glänzende Versprechungen. In London wurden die Aktien der Gesellschaft fleißig ausgeboten und Mitglieder aller Stände, selbst des Adels und der Geistlichkeit, kauften was sie nur bekommen konnten. Die Ansiedlung begann; in den Sandregionen und den Sümpfen am Meeresstrande, die der Mangrove-Baum durchwurzelte, wurde Land abgesteckt, wo eine Stadt gegründet oder eine Farm angelegt werden sollte. Immer neue Scharen strömten herbei, der Preis für Grund und Boden stieg fort und fort; alles freute sich seines Lebens und der Schwindel wuchs ins Riesengroße. Mitten im Sande – da wo jetzt Adelaide liegt – sah man Hütten von Eisenblech und hölzerne Schuppen gleich Pilzen in die Höhe schießen; in den Wigwams des so rasch entstandenen Dorfes machte sich jedoch die neueste Mode breit. Reich gekleidete Damen spielten auf kostbaren Klavieren, Londoner Stutzer mit Frack und Lackstiefeln stolzierten umher; die seine Gesellschaft trank Champagner und führte in der armseligen Scheunenstadt ein Leben, wie sie es in den vornehmen Vierteln der großen Weltstadt gewohnt gewesen. Man errichtete Prachtgebäude für die Provinzialregierung und mitten in Gärten erhob sich ein Palast. Der Gouverneur, der darin seinen Sitz hatte, umgab sich mit einer Leibwache und einem Hofstaat. Straßen, Schiffswerften und Hospitäler wurden angelegt. Alles auf Kredit, auf dem Papier, für künstlich gesteigerte oder gefälschte Werte – nichts als Wind und leerer Schein!

Vier oder fünf Jahre lang ging die Sache flott, dann brach plötzlich alles zusammen. Rechnungen für ungeheure Summen, die der Gouverneur einschickte, wurden vom Schatzamt zurückgewiesen, der Kredit der Kolonialgesellschaft ging in Rauch auf, es entstand eine Panik, alle Werte fielen mit rasender Schnelligkeit. Die Einwanderer griffen entsetzt nach Ranzen und Stab, und die Gegend, in der es noch soeben von Menschen gewimmelt hatte, wie in einem Bienenkorb, war zur Einöde geworden.

Adelaide hatte sich schnell entvölkert; es zählte nur noch 3000 Einwohner. Zwei Jahre lang dauerte die Todeserstarrung, es war keine Aussicht auf Wiederbelebung, allmählich schwand jede Hoffnung. Dann folgte auf den raschen Niedergang ebenso plötzlich die Auferstehung. Die wunderbar reichen Kupferminen wurden entdeckt, der Leichnam erwachte zu neuem Leben und tat vor Freuden einen Luftsprung.

Im Nu war alles wie umgewandelt. Die Wollproduktion nahm einen gewaltigen Aufschwung, der Getreidebau blühte und zwar so üppig, daß die kleine Kolonie, welche früher ihr Mehl zu hohem Preise einführen mußte – man bezahlte einmal 50 $ für das Faß – schon vier oder fünf Jahre nach Auffindung des Kupfers einen bedeutenden Getreidehandel trieb. Und noch immer war das Glück nicht erschöpft: Nach einigen Jahren gefiel es der Vorsehung, ihr liebevolles Interesse für Neusüdwales an den Tag zu legen und vor aller Welt zu bezeugen, daß diese Kolonie um ihrer hohen Tugend und Gerechtigkeit willen, einen besonderen Beweis der göttlichen Gnade verdiene. In Broken Hill wurde – wie bereits gesagt – ein Silberschatz von unermeßlichem Wert entdeckt; aber Südaustralien ging über die Grenze und nahm ihn mit Lob und Dank in Besitz. Unter unsern Mitreisenden war ein Amerikaner, der einen Beruf hatte, den kein anderer Mensch auf Erden betreibt. Er kaufte nämlich sämtliche Känguruhfelle in Australien und Tasmanien für ein New Yorker Handelshaus. Die Preise waren nicht hoch, da kein Wettbewerb bestand, aber doch kosteten ihn die Felle jährlich 30 000 Pfund. Das wunderte mich, da ich mir eingebildet hatte, das Känguruh wäre in Tasmanien fast ausgestorben und auch auf dem australischen Festland nur noch selten zu finden. In Amerika werden die Felle gegerbt und zu Schuhen verarbeitet. Das gegerbte Leder bekommt einen neuen Namen, den ich jedoch vergessen habe; soviel ich weiß, erinnert er ganz und gar nicht an seine Abstammung vom Känguruh. Vor einigen Jahren versuchten die Deutschen eine Zeitlang dem Manne Konkurrenz zu machen; da sie aber das Geheimnis der Zubereitung des Leders nicht entdecken konnten, gaben sie das Geschäft wieder auf. Also habe ich wirklich einen Menschen gesehen, dessen Tätigkeit einzig in ihrer Art ist. Mir fällt wenigstens kein anderes Beispiel ein, daß ein einzelner einen ganzen Berufszweig für sich hat. Es gibt mehr als einen Papst, mehr als einen Kaiser, sogar mehr als einen Gott, der noch auf Erden wandelt und vor dem die Menschen auf den Knieen liegen. Ich habe selbst in Indien ein paar solcher Wesen gesehen und gesprochen, und von einem sogar seinen Autographen erhalten. Der kann mir gewiß noch einmal als Passierschein irgendwo Einlaß verschaffen.

In der Nähe von Adelaide verließen wir den Zug und fuhren im offenen Wagen über die Hügel zur Stadt hinunter. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde und war unbeschreiblich schön. In vielen Windungen zog sich die Straße an Klüften und Schluchten vorbei und bot die wechselvollsten Aussichten und Szenerien: Berge, Klippen, Landhäuser, Gärten und Wälder in wunderbarem Farbenglanz; die Luft war kräftig und frisch, der Himmel blau, kein Wölkchen verdunkelte die herrliche Sonne. Zuletzt öffnete sich die Bergkette, und nun breitete sich unten die weite Ebene aus, die nach allen Seiten hin in zarten, weichen, duftigen Farbentönen mit der nebligen Ferne verschwamm. An ihrem Rande dicht in unserer Nähe lag Adelaide.

Wir fuhren hinunter und besichtigten die Stadt, in der nichts mehr an die elenden Hütten und Holzschuppen erinnerte, aus denen sie zur Zeit des Länderschwindels bestand. Sie macht im Gegenteil einen ganz modernen Eindruck mit ihren breiten, dicht bebauten Straßen, den schönen Privathäusern, die in Laubwerk und Blumen wie begraben sind, und der stattlichen Menge öffentlicher Gebäude, in edlem, vornehmem Stil.

Das Land hatte gerade wieder einen großen Glücksfall zu verzeichnen, der alles in Aufregung brachte. Die Vorsehung wollte jetzt ihr liebevolles Interesse für die benachbarte Kolonie – Westaustralien – an den Tag legen und vor aller Welt bezeugen, daß sie wegen ihrer hohen Tugend und Gerechtigkeit einen besonderen Beweis göttlicher Gnade verdiene. Deshalb war in dieser Provinz kürzlich die goldene Schatzkammer von Coolgardie eröffnet worden; aber Südaustralien kam auch diesmal herbeigeschlichen und eignete sich mit Lob und Dank den riesigen Goldschatz an. Wer brav ist und geduldig wartet, dem fällt alles in den Schoß; er kann sogar die Pläne der Vorsehung durchkreuzen. Südaustralien besitzt jedoch auch eigene hohe Verdienste; es gewährt zum Beispiel jedem Fremden, der dort Zuflucht sucht, die gastlichste Aufnahme – ihm und seiner Religion. Nach der letzten Volkszählung hat es zwar nur 320 000 Einwohner, die Verschiedenartigkeit ihrer Religionen läßt jedoch darauf schließen, daß sich Leute von allen Orten und Enden des Erdballs darunter befinden. Das Verzeichnis aller dieser Religionen macht einen höchst merkwürdigen Eindruck; man würde Mühe haben irgendwo ein ähnliches aufzutreiben. Ich will eine Abschrift davon aus der amtlichen Liste hierhersetzen:

Englische Staatskirche 89 271
Römische Katholiken 47 179
Wesleyaner 49 159
Lutheraner 23 328
Presbyterianer 18 206
Independenten 11 882
Bibel-Christen 15 762
Aeltere Methodisten 11 654
Baptisten 17 547
Christliche Brüder 465
Jüngere Methodisten 39
Unitarier 688
Kirche Christi 3 367
Gesellschaft der Freunde 100
Heilsarmee 4 356
Kirche des neuen Jerusalem 168
Juden 640
Protestanten 5 532
Mohammedaner 299
Anhänger des Konfucius etc 3 884
Andere Religionen 1719
Konfessionslos 6 940
Nicht angegeben 8 046
320 431

Unter der Bezeichnung ›Andere Religionen‹, sind nach dem amtlichen Bericht folgende zu verstehen:

Agnostiker 50
Atheisten 22
Christgläubige 4
Buddhisten 52
Calvinisten 45
Christadelphianer 186
Christen 308
Christkapelle 9
Christliches Israel 2
Christlich Soziale 6
Gotteskirche 6
Kosmopoliten 3
Deisten 14
Evangelisten 60
Exklusive Brüder 8
Freie Kirche 21
Freie Methodisten 5
Evangelische Gemeinde 11
Griechische Kirche 44
Hugenotten 2
Hussiten 1
Ungläubige 9
Maroniten 2
Mennoniten 1
Mährische Brüder 139
Mormonen 4
Naturalisten 2
Orthodoxe 4
Unbestimmt 17
Heiden 20
Pantheisten 3
Plymouth-Brüder 111
Rationalisten 4
Reformierte 7
Freidenker 258
Anhänger Jesu 8
Shaker 1
Sintoisten 24
Spiritisten 37
Theosophisten 9
Sekularisten 12
Adventisten 203
Gesellschaft f. inn. Mission 16
Walliser Kirche 27
Anhänger des Zoroaster 2
Zwinglianer 1

Man sieht daraus wie gesund die dortige Atmosphäre für die Religionen ist. Alle kommen darin fort: Agnostiker, Atheisten, Freidenker, Ungläubige, Mormonen, Heiden, unbestimmte Bekenntnisse. Und die großen Sekten der Welt fristen dort nicht nur ihr Dasein, sondern blühen, gedeihen und breiten sich aus – alle, außer den Spiritisten und Theosophisten. Das ist noch die wunderbarste Seite dieser merkwürdigen Tabelle. Warum spielen die Geister wohl eine so kleine Rolle? Weshalb verschwinden sie hier fast ganz vom Schauplatz, während man sich doch aus dem Verkehr mit ihnen in der ganzen übrigen Welt einen willkommenen Zeitvertreib macht? –

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Im Zweifelsfall sprich die Wahrheit!

Querkopf Wilsons Kalender

Am fünften Tag nachdem wir Victoria verlassen hatten, wurde das Wetter heiß und alle männlichen Passagiere an Bord erschienen in weißen Leinwandanzügen. Einige Tage später passierten wir den 25. Grad nördlicher Breite, worauf sämtliche Schiffsoffiziere auf Befehl die blaue Uniform ablegten und sich in weiße Leinwand kleideten. Auch die Damen waren bereits ganz in Weiß. Auf dem Promenadendeck sah es so verlockend kühl und vergnüglich aus, von allen den schneeweißen Kostümen, wie bei einem großen Picknick.

*

Aus meinem Tagebuch:

Es gibt mancherlei Uebel in der Welt, denen der Mensch nie ganz entfliehen kann, er mag reisen so weit er will. Ist man dem einen glücklich entgangen, so fällt man dem andern sicherlich in die Klauen. Die Lügengeschichten von Seeschlangen und Haifischen sind wir endlich los geworden, das ist ein tröstlicher Gedanke. Aber nun kommen wir in das Bereich des Bumerangs, und es wird uns wieder weh zu Mute. Der erste Offizier erzählte, er habe einen Mann gesehen, der sich vor seinem Feinde hinter einem Baum versteckte; aber der Feind schleuderte seinen Bumerang hoch in die Luft, daß er weit fortflog, dann kam er zurück, fiel herunter und tötete den Mann hinter dem Baum. Der nach Australien bestimmte Passagier hatte gesehen, wie dasselbe Geschick zwei Männer hinter zwei Bäumen ereilte und zwar mit ein und demselben Wurf des Bumerangs.

Da bei dieser Behauptung alle schwiegen, weil sie ihnen zweifelhaft erschien, bekräftigte er sie noch durch die Mitteilung, daß sein Bruder einmal gesehen hätte, wie der Bumerang einen Vogel auf hundert Meter Entfernung getötet und ihn dann dem Werfer gebracht hätte. – Es gibt keine Hilfe gegen derlei Uebel; man muß sie eben ertragen.

Vom Bumerang ging das Gespräch auf Träume über – gewöhnlich ein fruchtbares Thema zu Wasser und zu Land – aber diesmal war der Ertrag nur gering. Dann kam man auf Fälle von außerordentlichem Gedächtnis zu reden, das hatte bessern Erfolg. Jemand erwähnte den blinden Tom, einen schwarzen Klavierspieler, der jedes noch so lange und schwierige Stück richtig spielen konnte, nachdem er es einmal gehört hatte. Ein halbes Jahr später konnte er es abermals fehlerlos vortragen, ohne es inzwischen gespielt zu haben. Das auffallendste Beispiel erzählte uns aber ein Herr, der im Stabe des Vizekönigs von Indien gedient hatte. Er las uns vieles aus seinem Notizbuch vor, wo er die ganze Begebenheit auf frischer Tat eingetragen hatte, damit er sie, wie er sagte, Schwarz auf Weiß besäße und nicht in Versuchung käme zu glauben, er habe sie geträumt oder erfunden.

Der Vizekönig machte eine Rundreise, und unter den Festlichkeiten, die der Maharajah von Mysore ihm zu Ehren veranstaltete, war auch eine Vorstellung der Gedächtniskunst. Nachdem der Vizekönig mit dreißig Herren seines Gefolges in einer Reihe Platz genommen hatte, wurde der Gedächtniskünstler, ein vornehmer Mann aus der Brahminenkaste, hereingeführt und setzte sich ihnen gegenüber auf den Fußboden. Außer seiner eigenen Sprache konnte er nur Englisch, erbot sich aber, die gewünschten Gedächtnisproben auch in jeder beliebigen fremden Sprache abzulegen. Sein merkwürdiges Programm bestand in folgendem: Er ließ sich von einem Herrn ein Wort aus einem Satze sagen und den Platz angeben, den es darin einnahm. Das französische Wort est wurde ihm genannt; es war in einem Satz von drei Wörtern das zweite. Ein anderer Herr gab ihm das deutsche Wort verloren, als das dritte in einem Satz von vier Wörtern. Von dem nächsten Herrn ließ er sich eine Zahl zum Addieren, dann eine zum Subtrahieren nennen, auch andere Ziffern aus allerlei Rechenexempeln. Ferner erhielt er einzelne Wörter aus dem Griechischen, Lateinischen, Spanischen, Portugiesischen, Italienischen und andern Sprachen, nebst den Angaben ihrer Stelle im Satze. Als ihm jeder der Anwesenden das Bruchstück eines Satzes oder eine Zahl genannt hatte, fing er wieder von vorne an und ließ sich das zweite Wort und seine Stellung im Satze und die zweite Zahl in der Rechnung nennen, und so immer fort. Wieder und wieder nahm er alles vom Anfang an durch, bis er die sämtlichen Teile der Exempel und Sätze beisammen hatte, aber natürlich ganz durcheinander, ohne irgend welche Reihenfolge. Das dauerte zwei Stunden lang.

Nun starrte der Brahmine eine Weile schweigend und nachdenklich vor sich hin und begann hierauf alle Sätze in richtiger Wortstellung zu wiederholen, die verwirrten Zahlen der Rechenexempel zu ordnen und für jedes die entsprechende Lösung anzugeben.

Beim Beginn der Vorstellung hatte er die Zuschauer aufgefordert, ihn zwei Stunden lang mit Mandeln zu bewerfen, er wolle dann sagen, wie viele jeder von den Herren geworfen habe. Dies unterblieb jedoch, weil der Vizekönig meinte, das Kunststück wäre ohnehin schon anstrengend genug, man brauche es nicht noch zu erschweren.

Auch General Grant hatte ein treffliches Gedächtnis, besonders für Namen und Gesichter. Davon hätte ich ein Beispiel zum besten geben können, aber es fiel mir gerade nicht ein. Bald nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten kam ich von der Küste des Stillen Ozeans in Washington an, wo ich fremd war und das Publikum noch nichts von mir wußte. Als ich nun eines Morgens am Weißen Hause vorüberging, begegnete mir ein Bekannter, ein Senator aus Nevada, der mich fragte, ob ich wohl Lust hätte, den Präsidenten zu sehen. Ich erwiderte, daß es mir sehr angenehm sein würde und wir traten ein. Wenn ich aber gedacht hätte, ich würde den Präsidenten von einer Menschenschar umgeben finden, so daß ich ihn von ferne in aller Gemütsruhe betrachten könnte, wie die Katz den Kaiser ansieht, so befand ich mich im Irrtum. Es war noch früh am Tage und ich ahnte nicht, daß der Senator sich ein Vorrecht seines Amtes zu nutze machen wollte, um das Staatsoberhaupt in seinen Arbeitsstunden zu stören. Ehe ich mich’s versah standen wir vor ihm, und außer uns dreien war niemand zugegen. General Grant erhob sich langsam vom Schreibtisch, legte die Feder hin und trat mit dem steinernen Ausdruck eines Mannes, der seit sieben Jahren nicht gelacht hat und auch in den nächsten sieben Jahren nicht zu lachen gedenkt, auf uns zu. Er schaute mich groß an, da schwand mir der Mut und ich senkte den Blick. Ich hatte noch nie einem bedeutenden Manne gegenüber gestanden und im Bewußtsein meiner eigenen Nichtigkeit überkam mich eine erbärmliche Angst.

»Herr Präsident,« sagte der Senator, »darf ich mir erlauben, Ihnen Herrn Clemens vorzustellen?«

Der Präsident hielt meine Hand einen Augenblick teilnahmslos in der seinen und ließ sie wieder los; er sprach kein Wort und stand nur stocksteif da. In meiner Not fiel mir auch nicht das geringste ein, was ich hätte sagen können und ich wünschte mich hundert Meilen weit weg. Es folgte eine unangenehme, trübselige, entsetzliche Pause. Da kam mir ein Gedanke; ich sah empor in sein unbewegliches Gesicht und sagte schüchtern:

»Herr Präsident, ich – ich bin in rechter Verlegenheit. Sie wohl auch?«

Seine Züge erhellten sich – nur ganz wenig – der schwache Schimmer eines Lächelns, der volle sieben Jahre zu früh kam, blitzte darin auf. So schnell wie er wieder verschwand, war auch ich zur Türe hinaus.

Zehn Jahre darauf sah ich Grant zum zweitenmal. Ich war inzwischen eine bekannte Persönlichkeit geworden und hatte den Auftrag erhalten, bei einem Bankett, das die Armee von Tennessee dem General nach seiner Rückkehr von der Reise um die Welt in Chicago gab, einen längeren Toast auszubringen. Mitten in der Nacht war ich angekommen und stand morgens spät auf. Alle Treppen und Gänge des Hotels waren dicht voll Menschen, die General Grant erwarteten, der sich auf den für ihn bestimmten Platz begeben sollte, wo der große Festzug vorüberzog. Ich drängte mich an einer ganzen Reihe von überfüllten Wohnzimmern vorbei, bis ich endlich an der Ecke des Hauses ein offenes Fenster sah, das auf eine geräumige, mit Teppichen und Fahnen geschmückte Plattform hinausging. Als ich sie betrat, gewahrte ich unter mir Millionen von Menschen, welche die Straßen besetzt hatten; weitere Millionen schauten aus allen Fenstern und von den Hausdächern rings umher. Diese Menschenmassen hielten mich alle für General Grant und brachen in donnernde Hochrufe aus. Es war aber ein sehr guter Platz um den Festzug zu sehen, deshalb blieb ich dort.

Nicht lange, so ertönte von ferne Militärmusik; der Zug kam die Straße herauf und machte sich Bahn durch die jubelnde Menge. An der Spitze ritt Sheridan, die kriegerischste Gestalt aus dem ganzen Feldzug, in seiner Generalleutnants-Uniform.

Da trat General Grant Arm in Arm mit Major Harrison auf die Plattform; ihm folgten paarweise im Galaanzug die Mitglieder des Empfangskomités mit ihren Abzeichen. Der General sah genau so aus wie vor zehn Jahren bei jenem unangenehmen Besuch, eisern und unnahbar in seiner unerschütterlichen Selbstbeherrschung. Harrison kam und führte mich zu Grant, dem er mich feierlich vorstellte. Aber ehe ich noch die passenden Worte finden konnte, sagte der General:

»Herr Clemens, Sie sind wohl in Verlegenheit? Ich nicht.« Und dabei blitzte wieder, wie vor zehn Jahren, jenes schwache Lächeln in seinen Zügen auf.

Seitdem sind siebzehn Jahre vergangen, und während ich dies schreibe ist ganz New York auf den Straßen versammelt, um den sterblichen Ueberresten des großen Kriegers, die man zu ihrem letzten Ruheplatz unter dem Denkmal trägt, das Ehrengeleit zu geben. Kanonenschüsse und Trauergeläute schallen durch die Lüfte und viele Millionen Amerikaner gedenken des Mannes, der die Union gerettet, ihr Banner hochgehalten und der Volksregierung zu neuem Leben verholfen hat, so daß sie unter den segensreichen menschlichen Institutionen ihren Platz dauernd behaupten wird, wie wir hoffen und glauben.

Eine Geschichte ohne Ende.

Abends, wenn wir Männer uns nach dem öden, einförmigen Tageslauf im Rauchzimmer erfrischen wollten, vertrieben wir uns manchmal die Zeit damit, unvollendete Geschichten zu vervollständigen. Das heißt, jemand erzählte eine Geschichte bis auf das Ende und die andern versuchten den Schluß aus eigener Erfindung zu ergänzen. Wenn jeder, der wollte, seine Lesart zum besten gegeben hatte, fügte der erste Erzähler den ursprünglichen Schluß hinzu und überließ uns die Wahl. Manchmal gefiel uns eines der neuen Enden besser als das alte. Eine Geschichte jedoch, mit der wir uns am eifrigsten und längsten beschäftigten, hatte überhaupt keinen Schluß, man konnte daher auch keinen Vergleich anstellen, ob eine unserer Erfindungen besser gewesen wäre. Der Erzähler sagte, er könne die einzelnen Tatsachen nur bis zu einem gewissen Punkte berichten, weiter wisse er selber nichts. Er hätte die Geschichte vor fünfundzwanzig Jahren gelesen, sei aber unterbrochen worden, ehe er ans Ende kam. Nun wolle er demjenigen, der einen befriedigenden Schluß dazu fände, fünfzig Dollars geben; wir möchten Richter aus unserer Mitte wählen, die zu entscheiden hätten, wem der Preis gebühre. Das taten wir und gingen der Geschichte wacker zu Leibe; aber, obgleich wir uns dies und jenes Ende ausdachten, so verwarfen die Richter doch alles, was vorgebracht wurde – und sie hatten recht. Einen befriedigenden Schluß für diese Geschichte hätte nur der Verfasser selbst möglicherweise finden können, und wenn ihm das gelungen ist, so möchte ich wohl wissen wie. Ihr Inhalt ist etwa folgender:

John Brown, ein guter, sanfter, ängstlicher und schüchterner Mensch von einunddreißig Jahren, wohnte in einem friedlichen Dorfe des Staates Missouri, wo er das Amt eines Vorstands der presbyterianischen Sonntagsschule bekleidete. Das war an sich nichts Großes, aber doch das Einzige, womit er in die Öffentlichkeit trat. Er betrieb es mit Treue und Eifer und war in aller Bescheidenheit stolz darauf. Jedermann kannte seine große Menschenfreundlichkeit und die Leute sagten, er sei ganz aus Güte und Schüchternheit zusammengesetzt. Auf seine Hilfe könne man immer rechnen, wo sie gebraucht werde und auch auf seine Schüchternheit, mochte sie am Platze sein oder nicht.

Mary Taylor, ein sittsames, liebenswürdiges und schönes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, war sein ein und alles, und auch ihr Herz gehörte ihm fast ganz. Noch schwankte sie zwar, ob sie ihm ihr Jawort geben sollte, aber er war doch voller Hoffnung. Ihre Mutter hatte im Anfang allerlei Einwendungen gehabt; jetzt neigte sie sich zu seinen Gunsten. Offenbar hatte sein warmes Interesse für ihre beiden Schützlinge und seine Beisteuer zu deren Unterhalt ihr Herz gerührt und erobert. Diese Schützlinge waren nämlich zwei alte einsame Schwestern, die in einer Holzhütte an einem entlegenen Kreuzweg, vier Meilen weit von Frau Taylors Farm wohnten. Eine der Schwestern war irrsinnig und manchmal sogar gewalttätig, aber das kam nicht häufig vor.

Eines Tages glaubte Brown, daß der rechte Augenblick für den entscheidenden Antrag gekommen sei. Er nahm allen Mut zusammen und beschloß, der Mutter, um sie günstig zu stimmen, die doppelte Summe wie gewöhnlich zu überreichen. War erst ihr Widerstand gebrochen, so durfte er eines schnellen Sieges gewiß sein.

An einem schönen Sonntagnachmittag machte er sich also bei mildem Sommerwetter auf den Weg, gehörig ausstaffiert, wie es die Gelegenheit verlangte. Er war ganz in weiße Leinwand gekleidet, trug ein blaues Band als Krawatte und enge Lackstiefel; sein Einspänner war der feinste aus dem ganzen Mietstall, mit einer nagelneuen, weißleinenen Wagendecke, deren breiter, gestickter Rand an Schönheit und Kunst seinesgleichen suchte.

Schon war er vier Meilen gefahren, als er in einsamer Gegend über eine hölzerne Brücke kam; da flog ihm der Strohhut vom Kopfe, fiel in den Fluß und wurde stromabwärts getrieben, bis er an einem Balken hängen blieb. Brown besann sich, was er tun sollte; den Hut mußte er wiederbekommen, das verstand sich von selbst, aber wie ließ sich das bewerkstelligen?

Da kam ihm ein Gedanke. Die Straße war menschenleer, nichts regte sich. Ja, er wollte es wagen. Nachdem er sein Tier an den Rain geführt hatte, wo es nach Belieben grasen konnte, zog er sich aus, legte seine Kleider in den Wagen, streichelte dem Pferde den Hals, zum Zeichen beiderseitigen Wohlwollens, und eilte zum Fluß. Er schwamm nach dem Balken und gelangte rasch wieder in Besitz seines Hutes; als er aber ans Ufer zurückkehrte, waren Pferd und Wagen fort.

Der Schrecken fuhr ihm in alle Glieder. Da er aber sah, wie das Pferd im Schritt den Weg weiter verfolgte, trabte er hinterdrein. »Halt, halt,« rief er, »warte mein gutes Tier!« Aber so oft er nahe genug herankam und sich im Sprung auf den Wagen schwingen wollte, lief das Pferd schneller und vereitelte sein Bemühen. In Todesangst rannte der nackte Mann immer weiter, jeden Augenblick fürchtend, einen Menschen zu Gesicht zu bekommen. Er bat, er beschwor das Tier stillzustehen; aber erst als er nicht mehr weit von Frau Taylors Behausung war, gelang es ihm endlich, in den Wagen zu springen. Rasch warf er das Hemd über, band seine Krawatte um, schlüpfte in den Rock und langte nach den – aber ach, zu spät! Er setzte sich plötzlich nieder und zog die Wagendecke in die Höhe, denn er sah jemand durch das Hoftor kommen – eine Frau, wie ihm schien. Eilig lenkte er das Pferd zur Linken auf den Kreuzweg. Der war schnurgerade und von allen Seiten sichtbar, aber in einiger Entfernung kam eine Waldecke, wo die Straße eine scharfe Krümmung machte. Er pries sich glücklich, als er die Stelle erreicht hatte, ließ das Pferd im Schritt gehen und langte nach den Ho – aber leider wiederum zu spät.

Gerade als er um die Ecke bog, stieß er auf Frau Enderby, Frau Glossop, Frau Taylor und Mary, die zu Fuß einherkamen und sehr müde und aufgeregt schienen. Sie traten an den Wagen, schüttelten Brown die Hand und versicherten alle zusammen aufs lebhafteste, wie froh sie wären ihn zu sehen und was für ein Glück es sei, daß er da wäre. Frau Enderby fügte mit großem Nachdruck hinzu:

»Mag es auch wie ein Zufall aussehen, daß er gerade jetzt kommt, so halte ich es doch für eine Sünde, das anzunehmen – nein, er ist uns gewißlich vom Himmel gesendet.«

Alle waren gerührt und Frau Glossop flüsterte mit ehrfurchtsvoller Scheu:

»Da hast du ein wahres Wort gesprochen, Sarah Enderby. Es ist kein Zufall, sondern die Vorsehung hat es so gewollt. Als Engel hat sie ihn uns geschickt; er kommt als ein Retter und Befreier. Nun soll mir noch jemand sagen, daß es keine besonderen Fügungen des Himmels gibt; wir haben hier den klarsten Beweis vor uns.«

»Ja,« fiel Frau Taylor begeistert ein, »das ist auch meine Ueberzeugung. Wahrhaftig, John Brown, ich könnte vor Ihnen niederknieen und Sie anbeten. Fühlten Sie es nicht im Herzen – trieb Sie nicht eine innere Stimme hierher? O, ich könnte den Saum Ihrer Wagendecke küssen.«

Er brachte kein Wort heraus; Scham und Furcht lähmten ihm die Zunge.

»Mag man die Sache betrachten wie man will, Julia Glossop,« fuhr Frau Taylor fort, »in allem läßt sich die Hand der Vorsehung sichtbarlich erkennen. Gegen Mittag sahen wir den Rauch aufsteigen. ›Die Hütte der alten Schwestern brennt, Julia‹, sagte ich. Nicht wahr, du kannst es bezeugen?«

»Jawohl, Nancy, ich stand dicht bei dir und habe es deutlich gehört. Du warst ganz blaß geworden und sahst so weiß aus wie hier die Wagendecke.«

»Kein Wunder! Und dann rief ich Mary zu, der Knecht solle gleich das Gefährt anspannen, wir müßten den Aermsten zu Hilfe eilen. Aber der war aufs Land gefahren, um seine Angehörigen zu besuchen. Ich hatte ihm selbst erlaubt, über den Sonntag zu bleiben, es jedoch ganz vergessen. So gingen wir denn zu Fuß und trafen Sarah unterwegs.«

»Ja, und ich ging mit euch,« fiel Frau Enderby ein. »Wir fanden die Hütte in Asche liegen; die Irrsinnige hatte sie in Brand gesteckt. Die beiden alten Geschöpfe waren so schwach und hinfällig, daß wir sie nicht mitnehmen konnten. Wir führten sie an einen schattigen Platz, machten es ihnen behaglich so gut es ging und zerbrachen uns den Kopf, wie wir es anfangen sollten, um sie bis nach Nancys Haus zu schaffen. Da brach ich das Schweigen, und wißt ihr noch, was ich gesagt habe? ›Wir wollen es der Vorsehung anheimstellen!‹ Ja, das waren meine Worte.«

»Richtig, das hatte ich ganz vergessen. So wahr ich lebe, du hast es gesagt. Wie wunderbar!«

»Dann sind wir zusammen zwei Meilen weit bis zu Mosleys gegangen, aber wir fanden niemand zu Hause, alle waren im Feldgottesdienst. Wir kamen die zwei Meilen zurück und dann noch eine Meile hieher. Und nun schickt uns die Vorsehung Hilfe in der Not, das seht ihr ja selbst.«

Alle blickten einander an, hoben die Hände empor und riefen wie aus einem Munde:

»Es ist zu wunderbar!«

»Wie wollen wir es nun aber machen?« fragte Frau Glossop. »Soll Herr Brown die alten Schwestern einzeln zu Frau Taylor fahren oder sie alle beide auf einmal in den Wagen setzen und das Pferd am Zügel führen?«

Brown holte tief Atem.

»Ja, das ist recht schwierig zu entscheiden,« meinte Frau Enderby. »Wir sind alle todmüde, und wenn Herr Brown die beiden schwachen Geschöpfe in den Wagen heben soll, so muß eine von uns mitgehen und ihm helfen; allein bringt er das nicht fertig.«

»Wie wär’s denn aber, wenn ich mit Herrn Brown hinführe?« sagte Frau Taylor, »und ihr andern ginget nach meinem Haus, um alles in Bereitschaft zu setzen? Wir heben die eine Alte zusammen in den Wagen und fahren mit ihr –«

»Wer wird denn aber unterdessen auf die andere acht geben?« fragte Frau Enderby. »Sie kann doch nicht allein im Walde bleiben – die Irrsinnige schon gar nicht. Bis man hin- und zurückkommt dauert’s gute anderthalb Stunden.«

Alle hatten sich, um auszuruhen, neben den Wagen ins Gras gesetzt und dachten schweigend nach, um einen Ausweg zu finden.

»Jetzt hab‘ ich’s,« rief endlich Frau Enderby, frohlockend. »Daß wir nicht mehr zu Fuß gehen können ist klar; seit Mittag haben wir neun Meilen zurückgelegt ohne einen Bissen zu essen – vier Meilen hin, zwei Meilen zu Mosley macht sechs, und dann noch bis hierher – es ist kaum zu glauben! Also, eine von uns muß mit Herrn Brown hinfahren und mit einer Alten zurückkommen; Brown leistet der anderen Gesellschaft. Die übrigen gehen nach Nancys Wohnung, ruhen sich aus und warten; dann fährt eine von uns zurück, holt die andere Alte, und Herr Brown geht zu Fuß.«

»Vortrefflich,« riefen die Damen, »das können wir tun, so läßt sich’s machen!«

Frau Enderbys Plan ward sehr gelobt, und um ihren Scharfsinn zu ehren, beschloß man, daß sie zuerst mit Brown zurückfahren solle. Glücklich und leichten Herzens standen alle vom Rasen auf, strichen ihre Kleider glatt und schickten sich zur Heimkehr an, während Frau Enderby schon den Fuß auf den Wagentritt setzte, um einzusteigen. Da endlich konnte Brown Worte finden und stieß keuchend hervor:

»Bitte, rufen Sie die Damen zurück – ich fühle mich unwohl – ich kann nicht zu Fuß gehen – es ist mir völlig unmöglich.«

»O, lieber Herr Brown, Sie sehen wirklich ganz blaß aus! Weshalb habe ich das nur nicht gleich bemerkt? Kommt alle zurück, hört ihr! Herr Brown ist krank. Ach, es tut mir so leid. Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie Schmerzen?«

»Nein, o nein, mir fehlt nichts, ich fühle mich nur in letzter Zeit zu schwach – sonst hat es gar nichts auf sich.«

Die Damen kehrten um und waren voller Teilnahme und Mitgefühl. Auch machten sie sich bittere Vorwürfe, weil ihnen Browns blasses Aussehen nicht sofort aufgefallen war. Augenblicklich entwarfen sie einen neuen Plan und kamen bald überein, daß es sich so am allerbesten machen würde: Zuerst wollten sie alle zu Frau Taylor gehen; dort sollte sich Herr Brown im Wohnzimmer auf das Sofa legen und sich von Mary und ihrer Mutter pflegen lassen, während die andern Damen erst eine der alten Schwestern abholten und dann die andere, welcher eine von ihnen inzwischen Gesellschaft geleistet hatte, und –

Unter solchen Beratungen waren sie zu dem Pferde getreten und schickten sich an, den Wagen zu wenden. Aber in der höchsten Gefahr fand Brown die Stimme wieder und das war seine Rettung.

»Meine Damen,« sagte er, »Sie übersehen einen Umstand, der den Plan unausführbar macht. Wenn Sie die eine alte Schwester nach Hause bringen und jemand mit der anderen dort bleibt, so sind drei Personen an Ort und Stelle, wenn eine von Ihnen zurückkommt, um die andere Alte zu holen. Aber drei haben nicht Platz im Wagen und jemand muß doch kutschieren.«

»Ganz recht, so ist es,« riefen alle in großer Bestürzung.

»Was sollen wir nur anfangen?« sagte Frau Glossop seufzend; »eine so verwickelte Geschichte ist mir noch nie vorgekommen. Die Sache mit dem Wolf, der Ziege und dem Kohlkopf ist dagegen nur ein Kinderspiel.«

Ganz ermattet setzten sie sich abermals nieder, um sich aufs neue das Hirn zu zermartern und einen Ausweg zu suchen. Mary hatte bisher noch keinen Vorschlag gemacht, endlich tat sie aber den Mund auf:

»Ich bin jung, stark und gut zu Fuße,« sagte sie, »auch habe ich jetzt eine Weile ausgeruht. Bringt Herrn Brown in unser Haus und sorgt für ihn – man sieht ihm ja an, wie sehr er der Pflege bedarf. Inzwischen will ich die beiden Alten behüten, in einer halben Stunde kann ich dort sein. Ihr andern aber führt unsern ersten Plan aus und paßt auf, bis ein Wagen auf der Landstraße vorbeifährt, den schickt ihr hin und laßt uns alle drei holen. Die Pächter kommen jetzt bald aus der Stadt zurück, da braucht ihr nicht lange zu warten. Der alten Polly will ich schon zureden, daß sie Geduld hat und guten Mutes bleibt – bei der Irrsinnigen ist das nicht nötig.«

Der Plan ward reiflich erwogen und gut befunden; etwas Besseres ließ sich unter den Umständen nicht tun, und den beiden Alten wurde gewiß die Zeit schon lang. Brown fühlte sich wie erlöst und von Herzen dankbar. Wenn er nur erst auf der Landstraße war, wollte er schon Mittel und Wege finden, dem Unheil zu entgehen.

»Die Abendkühle wird früh hereinbrechen,« sagte jetzt Frau Taylor, »und die armen Abgebrannten haben nichts, um sich zu erwärmen. Nimm die Wagendecke mit, liebes Kind, das ist wenigstens ein Notbehelf.«

»Das kann ich ja tun, Mutter, wenn du meinst,« versetzte Mary. Sie trat zum Wagen und streckte die Hand nach der Decke aus –

*

Weiter ging die Geschichte nicht. Der Passagier, der sie uns erzählte, sagte, er sei vor fünfundzwanzig Jahren, als er sie im Eisenbahnwagen las, an diesem Punkt unterbrochen worden, weil der Zug von einer Brücke ins Wasser stürzte.

Zuerst glaubten wir, es würde ein Leichtes sein, die Geschichte zu Ende zu bringen und gingen sehr zuversichtlich ans Werk. Bald stellte sich jedoch heraus, daß die Sache keineswegs so einfach war, sondern im Gegenteil höchst verworren und schwierig. Daran war Browns Charakter schuld – seine Großmut und Güte, verbunden mit außerordentlicher Schüchternheit und Befangenheit, besonders in Gegenwart von Damen. Ferner kam seine Liebe zu Mary mit ins Spiel, die zwar sehr hoffnungsvoll, aber noch keineswegs der Erhörung sicher war – das heißt, gerade in einem Stadium, wo die größte Vorsicht geboten schien, um weder einen Mißgriff zu begehen, noch Anstoß zu erregen. Und es galt die Mutter zu berücksichtigen, die noch schwankte, ob sie einwilligen solle, und die sich vielleicht jetzt oder nie gewinnen ließ, wenn man sie geschickt zu behandeln wußte. Im Walde warteten die beiden hilflosen Alten – ihr Schicksal und Browns künftiges Lebensglück hing von der nächsten Sekunde ab. Mary streckte die Hand nach der Wagendecke aus; es war keine Zeit zu verlieren.

Natürlich konnte der Preis nur jemand zuerkannt werden, der die Sache zu einen: glücklichen Ende brachte. Browns Ansehen bei den Damen durfte nicht geschmälert, seine Selbstlosigkeit nicht in Frage gestellt, sein Anstandsgefühl nicht verletzt werden. Er mußte helfen die beiden Alten aus dem Walde zu holen, so daß man ihn als ihren Wohltäter pries, sein Lob in aller Munde war und sein Name mit Stolz und Freude genannt wurde.

Wir versuchten es so einzurichten; aber auf allen Seiten stellten sich uns unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Natürlich würde Brown aus Scham und Befangenheit die Wagendecke nicht hergeben wollen. Dies mußten Mary und ihre Mutter übel nehmen, und auch die anderen Damen würden sich sehr darüber verwundern, denn ein solches Benehmen, wo es den unglücklichen Alten zu helfen galt, paßte nicht zu Browns Charakter; er war ja als Engel vom Himmel gesandt und konnte unmöglich so eigennützig handeln. Hätte man eine Erklärung von ihm verlangt, so wäre er viel zu schüchtern gewesen, um die Wahrheit zu bekennen, und aus Mangel an Uebung und Erfindungsgeist würde ihm keine glaubhafte Lüge eingefallen sein.

Wir arbeiteten bis drei Uhr morgens an dem schwierigen Problem herum; aber noch immer langte Mary nach der Wagendecke. Da gaben wir es auf und ließen sie weiter die Hand danach ausstrecken. – Nun kann sich der Leser selbst das Vergnügen machen, zu entscheiden, was aus der Sache geworden ist.

Am siebenten Tage unserer Fahrt sahen wir eine ungeheure dunkle Masse in schwachen Umrissen aus den Fluten des Stillen Ozeans aufsteigen und wußten, daß dies gespenstische Vorgebirge der Diamantfels war, den ich zuletzt vor neunundzwanzig Jahren erblickt hatte. Wir näherten uns also Honolulu, der Hauptstadt der Sandwichinseln, die für mich das Paradies waren; ich hatte die ganze lange Zeit über gewünscht, sie noch einmal wiederzusehen. Nichts in der weiten Welt hätte mich so aufregen können, wie der Anblick jenes Bergriesen.

Bei Nacht gingen wir eine Meile vom Ufer vor Anker. Durch meine Kajütenfenster konnte ich die Lichter von Honolulu funkeln sehen; zur Rechten und Linken dehnten sich schwarze Gebirgszüge aus. Das schöne Nuuana-Tal vermochte ich nicht zu entdecken, aber ich wußte, wo es lag und sah es in der Erinnerung noch deutlich vor mir. Wir jungen Leute pflegten dies Tal öfters zu Pferde zu durchstreifen und in einer sandigen Gegend, wo König Kamehameha eine seiner ersten Schlachten geschlagen hatte, Totenknochen zu sammeln.

Das war ein merkwürdiger Mensch; merkwürdig nicht nur als König, sondern auch als Barbar. Noch ein kleiner, unbedeutender Fürst, als Kapitän Cook 1778 ins Land kam, faßte er vier Jahre später den Entschluß, ›seine Machtsphäre auszudehnen‹. Dies ist die beliebte Redewendung, durch die man heutzutage bezeichnet, daß jemand Raub an seinem Nachbar begeht, und zwar zu dessen eigenem Vorteil – eine Wohltätigkeitsvorstellung, bei welcher als Ort der Handlung hauptsächlich Afrika benützt wird. Kamehameha unternahm einen Kriegszug, vertrieb im Lauf von zehn Jahren alle andern Könige und machte sich zum Herrn der sämtlichen neun oder zehn Inseln, welche die Gruppe der Sandwichinseln bilden. Aber er tat noch mehr. Er kaufte Schiffe, belud sie mit Sandelholz und andern heimischen Produkten und schickte sie bis nach Südamerika und China. Die fremden Stoffe, Werkzeuge und Gerätschaften, welche die Schiffe zurückbrachten, verkaufte er an seine Wilden und wurde so der Begründer der Zivilisation. Ob die Geschichte irgend eines andern Barbaren Aehnliches aufzuweisen hat, möchte ich bezweifeln. Die Wilden sind meist eifrig bemüht, dem weißen Manne neue Methoden abzulernen, wie sie einander umbringen können; aber seine höheren und edleren Anschauungen pflegen sie sich nicht anzueignen. Bei Kamehameha sehen wir dagegen, daß er stets bemüht war, alles gründlich zu untersuchen, was ihm die Weißen Neues boten, und unter den Proben, die er zu Gesicht bekam, eine einsichtsvolle Auswahl zu treffen.

Nach meiner Meinung bewies er dabei weit größeren Scharfsinn als sein Sohn und Nachfolger Liholiho. Dieser hätte sich vielleicht zum Reformator geeignet, aber als König verfehlte er seinen Beruf, und zwar, weil er zugleich König und Reformator sein wollte. Das heißt aber, Feuer und Schießpulver untereinander mischen. Ein König sollte sich verständigerweise mit Reformen nichts zu schaffen machen. Das Beste, was er tun kann, ist, die Zustände zu lassen wie sie sind, und wo das nicht angeht, sie möglichst zu verschlechtern. Ich sage das nicht nur obenhin, denn ich habe mir die Sache reiflich überlegt, damit ich, falls sich mir einmal die Gelegenheit bietet König zu werden, gleich weiß, wie ich es am besten anzugreifen habe.

Als Liholiho seinem Vater in der Regierung folgte, fand er sich im Besitz königlicher Vorrechte und Befugnisse, die ein weiserer Fürst verstanden hätte mit Vorteil auszunützen. Im ganzen Reich herrschte nur ein Szepter, das er in Händen hielt, und eine Staatskirche, deren Haupt er war. Den Oberbefehl seines Heeres, das aus 114 Gemeinen, 27 Generalen und einem Feldmarschall bestand, führte er allein. Ein stolzer alter Erbadel war im Lande ansässig. Und dann gab es noch eine merkwürdige Einrichtung, welche ›Tabu‹ genannt wurde. Dies war eine geheimnisvolle und furchtbare Macht, wie sie kein europäischer Monarch jemals besessen hat, ein Mittel und Werkzeug von unschätzbarem Wert für den Gewalthaber. Liholiho war auch Herr und Meister des ›Tabu‹. Es war die wirksamste und sinnreichste Erfindung, die je gemacht worden ist, um die Ansprüche des Volkes in bescheidenen Grenzen zu halten.

Dies ›Tabu‹ (das Wort bedeutet ein Ding, das verboten ist) verlangte, daß beide Geschlechter in verschiedenen Häusern wohnten; aber essen durften sie nicht in den Häusern, dazu gab es einen andern Ort. Es untersagte den Frauen, ihres Mannes Haus zu betreten. Auch durften beide Geschlechter nicht zusammen essen; zuerst aßen die Männer, und die Weiber mußten sie bedienen. Dann konnten die Weiber essen, was übrig blieb – wenn überhaupt noch etwas da war – und sich selbst bedienen. Das heißt, sie bekamen nur die Reste der gröbsten, unschmackhaftesten Kost. Alle guten, leckern und auserlesenen Eßwaren, wie Schweinefleisch, Geflügel, Bananen, Kokosnüsse, die bessern Fischsorten und dergleichen, bestimmte das ›Tabu‹ ausschließlich zur Speise für die Männer. Die Weiber mußten sich ihr Lebenlang mit einem ungestillten Sehnen danach begnügen, und mußten sterben ohne je zu erfahren, wie das alles schmeckte.

Diese Regeln waren, wie man sieht, sehr klar und verständlich, auch leicht zu behalten, und nützlich. Denn auf jeder Uebertretung eines Verbots aus der ganzen Liste stand Todesstrafe. Was Wunder, wenn die Frauen es gern zufrieden waren, Haifische, Hundefleisch und Torowurzeln zu verzehren, da sie andere Nahrungsmittel so teuer bezahlen mußten.

Dem Tode verfiel, wer über verbotenen Grund und Boden ging, wer einen vom ›Tabu‹ geheiligten Gegenstand durch seine Berührung entweihte, wer einem Häuptling nicht kriechende Ehrerbietung zollte oder auf des Königs Schatten trat. Edelleute, Priester und Könige hängten immer bald hier bald da kleine Lappen auf, um dem Volke kund zu tun, daß der Ort oder das Ding mit ›Tabu‹ belegt war und der Tod in der Nähe lauerte. Der Kampf ums Dasein muß wohl zu jener Zeit auf den Inseln höchst ungewiß und schwierig gewesen sein.

Alle diese Vorteile besaß der neue König, und was war das erste, das er nach seinem Regierungsantritt tat? Er rottete die Staatskirche mit Stumpf und Stil aus. Bildlich gesprochen glich er einem Seemann, der sein wackeres Schiff verbrennt und sich einem unsicheren Floß anvertraut. Jene Kirche war eine gräßliche Anstalt, die das ganze Land aufs schwerste bedrückte, und durch düstere, geheimnisvolle Drohungen alles in Furcht und Zittern erhielt. Sie schlachtete ihre Opfer an den Altären greulicher Götzen aus Holz oder Stein; sie ängstigte und schreckte das Volk und zwang es zu sklavischer Unterwürfigkeit gegen die Priester und durch diese gegen den König! Wahrlich, eine bessere und zuverlässigere Stütze hätte sich kein König wünschen können! Wenn ein berufsmäßiger Reformator die furchtbare, verderbliche Gewalt dieser Kirche zerstörte, so gebührte ihm Lob und Preis; aber ein König, der das unternahm, verdiente den schwersten Tadel, dem sich höchstens ein Gefühl des Mitleids zugesellen könnte, daß er so ganz und gar untauglich für seine Stellung war.

Weil er die Torheit beging, seine Staatskirche abzuschaffen und ihre Götzen zu verbrennen, ist das Königreich jetzt zur Republik geworden. Das kommt davon!

Zwar läßt sich nicht leugnen, daß es einen Fortschritt in der Zivilisation und zum Wohl seines Volkes bedeutete, aber geschäftsmäßig war es nicht, sondern höchst unköniglich und einfältig. Es brachte auch seinem Hause großen Verdruß. Noch rauchten die verbrannten Götzen auf den Altären, als amerikanische Missionäre ins Land kamen. Sie fanden das Volk ohne Religion und beeilten sich dem Mangel abzuhelfen, indem sie ihm ihre eigene Religion darboten, die mit Dank angenommen wurde. Aber dem unumschränkten Königtum gewährte sie keine Stütze und seit jener Stunde begann seine Herrschermacht zu sinken. Als ich siebenundvierzig Jahre nachher auf die Inseln kam, stellte Kamehameha V. gerade den Versuch an, Liholihos Mißgriff wieder gut zu machen, aber es gelang ihm nicht. Er errichtete eine Staatskirche und trat als Haupt derselben auf, doch war das nichts als Flickwerk und unechte Nachahmung – eine Seifenblase, ein leeres Schaugepränge. Die Kirche besaß keine Macht und brachte dem Könige keinen Nutzen. Sie konnte das Volk weder aussaugen noch verbrennen und totschlagen; der wunderbaren Maschinerie, welche Liholiho zerstört hatte, glich sie in keiner Weise. Es war eine Staatskirche ohne Gemeinde, denn das ganze Volk bestand aus Nonkonformisten.

Das Königtum selbst war schon längst nur noch ein bloßer Name und Schein. Die Missionäre hatten es frühzeitig in eine Art Republik verwandelt, und in letzter Zeit haben es die handeltreibenden Weißen ganz und gar zum Freistaat gemacht.

In Kapitän Cooks Zeit (1778) schätzte man die eingeborene Bevölkerung auf 400 000 Köpfe, 1836 betrug sie noch etwa 200 000, 1866 kaum 50 000 und die heutige Volkszählung weist 25 000 auf. Alle einsichtsvollen Leute rühmen Kamehameha I. und Liholiho, weil sie ihrem Volke die Zivilisation zum Geschenk gemacht haben. Natürlich würde ich das auch tun, wäre nicht mein Verstand durch Ueberarbeitung jetzt etwas in die Brüche geraten. Als ich vor fast einem Menschenalter in Honolulu war, verkehrte ich dort mit einem jungen amerikanischen Ehepaar, das ein allerliebstes Söhnchen hatte; leider konnte ich mich mit dem Knaben nicht viel abgeben, weil er kein Englisch verstand. Er hatte von Geburt an auf der Pflanzung seines Vaters mit den kleinen Kanakas gespielt und solches Wohlgefallen an ihrer Sprache gefunden, daß er keine andere lernen wollte. Einen Monat nach meiner Ankunft zog die Familie von der Insel fort und alsbald vergaß der Knabe die Kanakasprache und lernte Englisch; im zwölften Jahre konnte er kein Wort Kanaka mehr. Neun Jahre später, als er einundzwanzig war, traf ich mit der Familie an einem der Seen im Staate New York zusammen, und die Mutter erzählte mir von einem Erlebnis, das ihr Sohn kürzlich gehabt hatte. Er war Taucher von Beruf. Bei einem Sturm auf dem See war ein Passagierdampfer mit Mann und Maus untergegangen, und einige Tage darauf ließ sich der junge Mann in vollem Taucheranzug in die Tiefe und betrat den Speisesaal des Bootes. Er stand auf der Kajütentreppe, hielt sich mit der Hand am Geländer fest und starrte in die düstere Flut. Da berührte ihn von hinten etwas an der Schulter; er wandte sich um und sah einen Toten, der dicht neben ihm auf und nieder tanzte und ihn forschend zu betrachten schien. Der Schrecken lähmte ihm alle Glieder. Er hatte, ohne es zu wissen, beim Herabtauchen das Wasser bewegt, und nun sah er von allen Seiten Leichen auf sich zuschwimmen, die mit dem Kopfe wackelten und sich hin- und herwälzten, wie schlaflose Menschen zu tun pflegen. Ihm schwanden die Sinne; er wurde in bewußtlosem Zustand wieder an die Oberfläche gezogen und verfiel in eine Krankheit. Mehrere Tage lang redete er in seinen Fieberphantasien unaufhörlich und fließend in der Kanakasprache und kein Wort Englisch. Auch als man mich an sein Bett führte, sprach er mit mir Kanaka, was ich natürlich nicht verstand.

Wir wissen aus medizinischen Büchern, daß derartige Fälle nicht selten vorkommen; da sollten die Aerzte doch nach einem Mittel forschen, um solche Resultate öfter erzielen zu können. Wie viele Sprachen und Tatsachen geraten in unsern Köpfen in Vergessenheit und kommen nie wieder zum Vorschein, bloß weil man dies Mittel nicht kennt!

Während wir die Nacht über bei der Insel vor Anker lagen, tauchten allerlei Erinnerungen an Honolulu wieder in mir auf. Entzückende Bilder zogen ohne Ende an meinem Geiste vorüber und ich erwartete den kommenden Morgen mit der größten Ungeduld.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Durch Erfahrung sollen wir zwar klüger werden, aber nicht allzu klug. Eine Katze, die sich einmal auf den heißen Ofendeckel gesetzt hat, vermeidet den Platz in Zukunft und tut recht daran. Aber sie will sich auch auf keinen kalten Ofendeckel setzen.

Querkopf Wilsons Kalender.

In allen Kolonien, wo Englisch gesprochen wird, herrscht die überschwenglichste Gastfreundschaft; auch Neusüdwales mit seiner Hauptstadt bildet keine Ausnahme von dieser Regel, wie ich aus eigener Erfahrung bezeugen kann.

Sydney hat 400 000 Einwohner, und einem Fremden, der aus Amerika kommt, fällt zuerst auf, daß die Stadt achtmal so groß ist als er erwartet hatte. Bei näherer Betrachtung findet er dann, daß sie ganz englisch ist, mit amerikanischem Aufputz. Kommt er später nach Melbourne, so erinnert ihn dort auch der Baustil häufig an Amerika, und man könnte ihm leicht weiß machen, eine Photographie des prächtigsten Teils der Geschäftsgegend stelle das Straßenbild einer großen amerikanischen Stadt dar.

Man sagte mir, daß die schönsten Gebäude Eigentum der Squatter sind und von ihnen bewohnt werden, wenn sie zur Stadt kommen. Da sieht man recht, welchen Einfluß eine Veränderung von Klima und Lebensart nicht nur auf die Tiere, sondern auch auf die Wörter haben kann. Wenn wir in Amerika von einem Squatter reden, so meinen wir immer einen armen Menschen, aber in Australien versteht man darunter einen Millionär. Bei uns besitzt der Squatter höchstens ein paar Morgen, und oft ist sein Rechtstitel obendrein zweifelhaft, in Australien hat die Grenzlinie seines Grundstücks die Länge einer Eisenbahn; bei uns gehören dem Manne vielleicht zwei Dutzend Stück Vieh, in Australien zwischen 50 000 und einer halben Million. In Amerika ist der Squatter ein Mensch ohne Einfluß und Ansehen, niemand nimmt den Hut vor ihm ab; in Australien tut man das immer, denn er ist ein hochgeehrtes und wichtiges Mitglied der Gesellschaft. Hat man bei uns einen Onkel, der Squatter ist, so übergeht man es mit Stillschweigen; in Australien hängt man es an die große Glocke. Die Freundschaft mit einem Squatter nützt in Amerika nichts; aber wer in Australien einen Freund hat, der Squatter ist, kann mit Königen zu Nacht speisen, wenn gerade welche in der Umgegend sind.

In Australien braucht man zum Unterhalt für ein Schaf etwa drittehalb Morgen Weideland, (manche Leute sagen doppelt so viel); hat nun ein Squatter eine halbe Million Schafe so ist sein Grundbesitz nach ungefährer Schätzung so groß wie der Staat Rhode Island. Der Wollertrag bringt ihm jährlich vielleicht eine halbe oder eine Viertelmillion Dollars ein.

Meistens bewohnt er seinen Palast in Melbourne, Sydney oder einer anderen großen Stadt und macht nur dann und wann Ausflüge zu den Schafherden in seinem Reich, das viele hundert Meilen entfernt auf der weiten Ebene liegt, um nach den Scharen seiner berittenen Aufseher, Hirten und andern Hilfsmannschaften zu sehen. Dort hat er ein geräumiges Wohnhaus, und wenn er jemand besonders wohl will, so ladet er ihn auf eine Woche bei sich zu Gaste. Er macht es ihm behaglich, zeigt ihm seinen großen Industriebetrieb bis ins einzelne, speist, trinkt und raucht mit ihm und setzt ihm von allem das Beste vor, was nur für Geld zu haben ist.

Auf einem dieser riesigen Landgüter liegt eine ziemlich große Stadt, die ich selbst gesehen habe. Man findet dort alle Geschäfte und Gewerbe vertreten, welche die Menschen zu betreiben pflegen; die Stadt selbst aber und der Grund und Boden, auf dem sie erbaut ist, sind Eigentum des Squatters. Vermutlich gehört das gar nicht einmal zu den Ausnahmefällen. Australien liefert der Welt nicht nur schöne Wolle, sondern auch Hammelfleisch. Die neue Erfindung des Transports ganzer Schiffsladungen gefrorenen Fleisches hat diesen großartigen Handel erzeugt. In Sydney besuchte ich ein Exporthaus, wo man täglich tausend Hammel schlachtet, reinigt und fest gefrieren läßt, um sie nach England einzuschiffen.

Zwischen Australiern und Amerikanern kann ich, weder was Kleidung, Lebensart, Sitte, Aussprache, noch ihr Wesen im allgemeinen betrifft, einen nennenswerten Unterschied finden. Vorübergehend erinnern die Australier zwar an ihren englischen Ursprung, aber durchaus nicht so stark, daß es auffallend wäre. Sobald der Fremde vorgestellt ist, bekommt der Verkehr einen ungezwungenen, herzlichen Anstrich, was ganz amerikanisch ist. Englische Steifigkeit und englisches Selbstbewußtsein fallen fort, wenn ich so sagen darf, und nur die englische Freundlichkeit bleibt noch übrig.

Auch daß in den Familien das Tischgespräch lebhaft und natürlich ist, ohne Zwang und Förmlichkeit, erinnert an Amerika. Das bringt wohl der streng demokratische Geist mit sich, der in Australien vorherrscht und alles steife Wesen, das aus dem Unterschied des Ranges entspringt, von vornherein ausschließt.

Sowohl in England wie in den Kolonien findet der Vorleser bei seiner Zuhörerschaft eine merkwürdig lebhafte und verständnisvolle Aufnahme. Wo sich in England die Massen versammeln, schwindet der Kastengeist und mit ihm die englische Zurückhaltung. Für den Augenblick ist völlige Freiheit und Gleichheit hergestellt; ja, der Einzelne fühlt sich so sehr aller Fesseln entledigt, daß er die gewohnte Vorsicht vergißt und seinen augenblicklichen Gefühlen ungehindert freien Lauf läßt. Er klatscht ganz allein Beifall, wenn ihm danach zu Mute ist – eine Kühnheit, die man in der übrigen Welt nur höchst selten antrifft.

Macht man dagegen die Bekanntschaft des Engländers, wenn er allein ist oder in eine kleine, ihm fremde Gesellschaft tritt, so bleibt er ernst und verschlossen. Er ist dann stets auf der Hut und läßt sich durch nichts von seinem gemessenen Wesen abbringen. Dadurch ist er in den falschen Ruf gekommen, daß er überhaupt weder Sinn noch Verständnis für den Humor hat. Natürlich sind englischer und amerikanischer Humor wesentlich verschieden, aber auch letzterer stammt doch ursprünglich aus England und ist nur durch neue Verhältnisse und eine andere Umgebung beeinflußt worden. Ich habe nie humoristischere Tischreden gehört, als gerade in Neusüdwales. Die eine hielt ein Engländer im Klub, die andere ein Australier.

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Es gibt Leute, welche die Schuljungen oberflächlich und leichtsinnig schelten. Und doch war es ein Schuljunge, der gesagt bat: ›Glauben ist, wenn man was glaubt und dabei weiß, es ist nicht so.‹

Querkopf Wilsons Kalender.

In Sydney hatte ich einen Riesentraum, den ich einem Missionar erzählte, welcher aus Indien kam und seine Verwandten in Neuseeland besuchen wollte.

Mir träumte nämlich, das sichtbare Weltall sei die leibliche Erscheinung Gottes; die großen Himmelskörper, die wir in Entfernungen von vielen Millionen Meilen von einander am Firmamente funkeln sehen, wären die Blutkügelchen in seinen Adern, und wir und die anderen Geschöpfe die Mikroben, durch welche das Blut auf tausendfältige Art belebt wird.

Herr X., der Missionar, dachte eine Weile nach, dann sagte er: »An Großartigkeit hat der Traum jedenfalls nicht seinesgleichen, denn er umfaßt das ganze Universum. Auch scheint mir, daß er als Erklärung für etwas gelten kann, was sonst beinahe unerklärlich ist – nämlich für den Ursprung der heiligen Sagen der Hindus. Vielleicht haben die Hindus sie auch nur geträumt und beim Erwachen geglaubt, es seien göttliche Offenbarungen. Es hat ganz den Anschein, denn ihr Maßstab ist von so ungeheurer Größe, daß man unmöglich annehmen kann, die Priester hätten mit wachen Sinnen diese kolossalen Phantasiebilder ausgeklügelt.«

Er erzählte mir verschiedene Sagen, an welche, wie er behauptete, alle Hindus, selbst in den höchsten und gebildetsten Klassen, felsenfest glaubten; und gerade diese Leichtgläubigkeit hielt er für ein großes Hindernis bei dem Missionswerk.

»Zu Hause können die Leute nicht begreifen, warum das Christentum in Indien so langsame Fortschritte macht,« sagte er. »Man hat gehört, daß die Hindus leicht zu überzeugen sind und eine natürliche Vorliebe für Wunder haben. Da meinen nun viele, man brauche nur die Wahrheiten des Christentums zu verkünden und durch die biblischen Wunder zu bekräftigen, dann würden die Hindus sich bekehren und alle ihre Zweifel überwunden sein. Aus der Tatsache, daß das Christentum so wenig Eingang in Indien findet, zieht man den sehr natürlichen Schluß, daß wir schuld daran sind, weil wir die Lehren und Wunder nicht mit dem nötigen Eifer verbreiten.

»Aber die Sache ist keineswegs so einfach, wie der Laie denkt. Die Aufgabe wird uns dadurch erschwert, daß wir – um ein kriegerisches Bild zu brauchen – zwar gutes Pulver in den Kanonen, aber statt der Kugeln nur einen Ladepfropfen haben. Das heißt – unsere Wunder machen keinen Eindruck; die Hindus sind gleichgültig dagegen, weil sie selbst viel merkwürdigere haben. Ihre eigene Religion wird in allen Einzelheiten durch Wunder belegt, und wir müßten ihnen auch für unsere sämtlichen Glaubenssätze auf die gleiche Art den Beweis liefern. Als ich meine Missionsarbeit in Indien begann, unterschätzte ich die Schwierigkeiten der Aufgabe bedeutend, aber ich wurde bald eines Besseren belehrt. Gleich unsern Freunden daheim glaubte ich, man könne die kindlich Wundersüchtigen am besten zur Aufnahme des Evangeliums bewegen, wenn man ihnen als Vorbereitung staunenerregende Wundergeschichten erzählte. So begann ich denn voller Vertrauen ihnen von den Wunderdingen zu berichten, die Simson – der stärkste Mann, den es je gegeben – vollbracht hat.

»Zuerst malte sich die lebhafteste Spannung in den Mienen meiner Zuhörer, aber als ich weiter in der Geschichte kam, sah ich zu meiner Betrübnis, wie das Interesse der Leute sich mehr und mehr verringerte. Das war mir unverständlich; es überraschte und enttäuschte mich in hohem Grade. Zuletzt verwandelte sich das schwindende Interesse sogar in völlige Gleichgültigkeit, die bis zum Schluß unverändert blieb, trotz aller meiner Bemühungen.

»Ein guter, alter und sehr gebildeter Hindu klärte mich über den Sachverhalt auf: Wir ›Hindus,‹ sagte er, ›erkennen einen Gott an dem Werk seiner Hände – ein anderes Zeugnis gibt es für uns nicht. Offenbar ist das bei euch Christen auch der Fall. Wenn jemand Dinge tut, die er als Mensch nicht vollbringen könnte, so wissen wir, daß ein Gott ihm dazu die Kraft verleiht. Mir scheint, auch die Christen haben kein anderes Mittel, um zu sehen, ob ein Mensch aus eigener Macht handelt oder als Werkzeug eines Gottes. Ihr erkanntet, daß in Simsons Haar eine übernatürliche Macht lag, denn sobald er es verloren hatte, war er nicht stärker als alle andern Menschen. Wie gesagt, so machen wir es auch. Es gibt viele Völker in der Welt, und jede Völkergruppe hat ihre eigenen Götter und betet die fremden Götter nicht an. Jedes Volk hält seine Götter für die stärksten und vertauscht sie nur mit andern Göttern, wenn diese erwiesenermaßen größere Kraft besitzen. Der Mensch ist ein schwaches Geschöpf, er braucht die Hilfe der Götter – ohne sie vermag er nichts. Soll er nun sein Geschick schwachen Göttern anvertrauen, wenn es stärkere gibt? Das wäre Torheit. Nein, wenn er vernimmt, daß andere Götter stärker sind als seine eigenen, so soll er sich taub dagegen stellen, denn es ist eine Sache von größter Wichtigkeit. Aber, wie läßt sich erkennen, ob seine Götter stärker sind oder die anderen Völker? – Es gibt nur ein Mittel: er muß die ihm bekannten Werke seiner Götter mit den Taten der fremden Gottheiten vergleichen. Das tun wir, und fühlen uns gerade deshalb nicht zu den Göttern irgend eines andern Volkes hingezogen. Aus den Werken unserer Götter ersieht man, daß sie am stärksten und mächtigsten sind. Die Christen haben nur wenige Götter, die obendrein neu sind und nach unserer Meinung nicht sehr stark. Zwar wird sich ihre Zahl vermehren, denn das ist bei allen Göttern geschehen, aber erst in langer, langer Zeit, wenn viele Jahrhunderte vorbei sind. Die Zahl der Götter nimmt langsam zu, was ja ganz natürlich ist, da für sie tausend unserer Jahre nur ein Augenblick sind. Zwischen der Geburt unserer Götter liegen Millionen von Jahren. Auch ihre Kraft wächst nur allmählich. Im Lauf der Jahrtausende hat sich die Stärke unserer Götter aufs wunderbarste vergrößert. Dafür haben wir zahllose Beweise, teils durch ihre eigenen Werke, teils durch die Taten gewöhnlicher Menschen, denen sie göttliche Kraft verliehen. Auch euer Simson besaß übernatürliche Stärke; als er die Seile von frischem Bast zerriß, Tausende mit dem Eselskinnbacken tötete und die Tore der Stadt auf seinen Schultern forttrug, ergriff euch Staunen und Entsetzen, weil ihr wußtet, daß nur ein Gott ihm solche Stärke geben konnte. Aber von den Hindus ließ sich nicht erwarten, daß sie sich über diese Kraftproben verwundern sollten. Sie haben dieselben natürlich mit dem verglichen, was Hanuman vollbrachte, als die Götter seine Muskeln mit ihrer Kraft begabten, und da machte ihnen Simson keinen Eindruck mehr – wie Sie gesehen haben.

»In uralter Zeit nämlich, vor vielen Jahrhunderten, als unser Gott Rama mit dem bösen Gott von Ceylon Krieg führte, beschloß er, das Meer zu überbrücken, um Ceylon und Indien zu verbinden, so daß seine Heere bequem hinüberschreiten könnten. Er schickte seinen Feldherrn Hanuman aus, um die Bausteine zur Brücke herbeizuschaffen und gab ihm göttliche Kraft, wie sie euer Simson hatte. In zwei Tagen legte Hanuman fünfzehnhundert Meilen bis zum Himalaya zurück, nahm eine zweihundert Meilen lange Kette dieses hohen Gebirges auf seine Schultern und machte sich damit auf den Weg nach Ceylon.

»Es war Nacht, und als er über die Ebene kam, hörten die Bewohner von Govardhun, wie das Erdreich unter dem Donner seiner Fußtritte erbebte. Da liefen sie hinaus und sahen den Himalaya mit seinen gen Himmel ragenden Schneegipfeln vorüberziehen! Auf den Abhängen des riesigen Gebirges funkelten die Lichter von tausend schlummernden Dörfern; es sah aus, als kämen sämtliche Sternbilder in langem Zuge durch die Luft geflogen. Während die Leute noch gaffend dastanden, stolperte Hanuman, und bei der Erschütterung riß sich ein kleiner, zwanzig Meilen langer Bergrücken von rotem Sandstein los und fiel zu Boden. Jetzt, nach vielen Jahrhunderten, ist er zwar zur Hälfte verschwunden, aber die andern zehn Meilen stehen noch heutigen Tages in der Ebene von Govardhun, als ein Zeugnis von der Macht, welche unsere Götter den Sterblichen verleihen können. Daß Hanuman das Gebirge nur durch göttliche Kraft nach Ceylon tragen konnte, liegt auf der Hand. Seine eigene Stärke hätte dazu nicht genügt; also weiß man, daß ihm die Götter ihre Kraft gaben, so gut wie man von Simson weiß, daß er die Stadttore mit göttlicher Kraft und nicht mit seiner eigenen getragen hat. Zwei Dinge werden Sie mir aber zugeben müssen: Erstens, daß durch Simsons Kraftprobe der Vorrang eurer Götter vor den unsrigen nicht erwiesen ist, und zweitens, daß ihr kein anderes Zeugnis dafür habt, als eure Ueberlieferung, wahrend bei Hanumans Großtat die Ueberlieferung noch aufs kräftigste durch ein sichtbares und greifbares Zeugnis festgestellt und bestätigt wird: Wir besitzen das Sandsteingebirge, und solange es vorhanden ist, kann man nicht an der Tatsache zweifeln. Habt ihr etwa die Stadttore?«

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Wer ängstlich ist, verlangt den zehnten Teil von dem, was er haben möchte; wer kühn ist fordert das Doppelte vom Normalwert und ist mit der Hälfte zufrieden.

Querkopf Wilsons Kalender.

Bei allen öffentlichen Einrichtungen ist man in Australien erstaunlich freigebig. Städte, die in Amerika durchschnittlich so und so viele hundert Dollars für ihr Rathaus, ihre Hospitäler, Irrenhäuser, Parks und botanischen Gärten ausgeben, würden in Australien ebenso viele Tausende darauf verwenden. Ich habe in einer australischen Ortschaft von viertausend Einwohnern ein geräumiges, gut ausgestattetes Hospital in hübschem Baustil gesehen, das ganz auf Kosten der Bürger und benachbarten Pflanzer errichtet worden ist und auch seine laufenden Ausgaben von ihnen bezahlt erhält. Dergleichen wäre anderswo vollkommen unerhört. Das Städtchen stand eben im Begriff, elektrische Straßenbeleuchtung einzuführen, hatte also London überholt. London wird noch durch Gas verdunkelt, und die Beleuchtung ist obendrein in manchen Gegenden zu sehr verteilt; die Gaslaternen stehen so weit auseinander, daß es eine Kunst ist, sie zu finden, wenn nicht der Mond scheint. Der botanische Garten von Sydney ist achtunddreißig Morgen groß, wundervoll angelegt und reich an Gewächsen aus allen Ländern und Zonen der Welt. Er liegt auf einer Anhöhe mitten in der Stadt, so daß man den Hafen überblickt, und stößt an die Anlagen, welche zum Regierungsgebäude gehören. Diese umfassen sechsundfünfzig Morgen und stehen in Verbindung mit öffentlichen Spielplätzen, deren Flächeninhalt zweiundachtzig Morgen beträgt. Außerdem gibt es noch den Zoologischen Garten, die Rennbahn und einen großen Kricket-Platz, wo die internationalen Wettspiele stattfinden. Man hat also Raum genug, um in aller Ruhe müßig und beschaulich umherzuliegen oder sich Bewegung zu machen, wenn man eine derartige Anstrengung vorzieht.

Gesellige Freuden gibt es in Sydney viererlei: Wer sich beim Gouverneur ins Fremdenbuch schreibt, erhält – falls gegen seine Person nichts vorliegt – eine Einladung zum nächsten Ball, der dort im Hause stattfindet. Ein solches Fest ist sehr unterhaltend, denn man trifft da alle Welt, außer dem Gouverneur selbst, und kann neue Bekanntschaften machen. Der Gouverneur pflegt in England zu sein, wie immer. Auf dem australischen Continent sind vier oder fünf Gouverneure angestellt; wie viele gebraucht werden, um die fernen Inselgruppen zu regieren, weiß ich nicht, jedenfalls kriegt man keinen zu sehen. Wenn sie ernannt werden, kommen sie aus England, lassen sich feierlich in ihr Amt einsetzen, geben einen Ball und beteiligen sich an dem Bittgebet um Regen; dann besteigen sie das Schiff, fahren wieder nach Hause und überlassen dem Vize-Statthalter alle Arbeit. Ich war drei und einen halben Monat in Australien und habe nur einen einzigen Gouverneur gesehen; alle andern waren in der Heimat. Vielleicht würde der Gouverneur nicht so flüchtig in Australien weilen, wenn seine Tatkraft dort durch einen Krieg, ein Veto oder dergleichen in Anspruch genommen wäre, aber das ist nicht der Fall. Krieg gibt es nicht, ein Veto hat er nicht, und so fehlt es ihm wirklich an genügender Beschäftigung. Australien zieht vor, sich selbst zu regieren und zwar mit unermüdlichem Eifer; auch wacht es so argwöhnisch über seine Unabhängigkeit, daß es alle Vorschläge der kaiserlich britischen Negierung, ihm dabei zu helfen, eigensinnig von der Hand weist. Das kaiserliche Vetorecht besteht zwar als Tatsache, aber meist nur dem Namen nach.

Die Berufsgeschäfte des Gouverneurs sind viel eingeschränkter und daher anstrengender als in den Vereinigten Staaten. Er ist das scheinbare Staatsoberhaupt und das wirkliche Haupt der Gesellschaft, der Vertreter von Kultur, Bildung, Geschmack, seinen Sitten und Religion, die er durch sein Beispiel fördern muß, damit sie wachsen, blühen und gute Früchte tragen. Er führt die Moden ein und gibt den Ton an; sein Ball ist der Ball aller Bälle, und unter seinem Schutz nimmt das Pferderennen einen gedeihlichen Fortgang. Gewöhnlich ist er ein Lord, und das trifft sich günstig, denn seine Stellung zwingt ihn, großen Aufwand zu treiben, und dazu besitzt ein englischer Lord meist die genügenden Mittel. –

Zweitens kann man sich in Sydney das Vergnügen machen, der Admiralität einen Besuch abzustatten. Die zierlichen diensttuenden Boote fahren den Fremden nach dem Gebäude, das auf einer Anhöhe liegt, von der man ins Meer hinaussieht. Sowohl dort wie auf dem Flaggschiff wird eine Gastfreundschaft geübt, die dem Empfang beim Gouverneur in keiner Weise nachsteht. Der kommandierende Admiral auf einer Flottenstation in britischen Gewässern ist einer der ersten Großwürdenträger des Reichs, und bewohnt ein Prachtgebäude, wie es seinem Range gebührt.

Die dritte eigentümliche Lustbarkeit, welche Sydney bietet, ist eine Spazierfahrt im Hafen auf einer schönen Dampfbarkasse. Man wird dazu von seinen reicheren Bekannten, die ein eigenes Vergnügungsboot besitzen, häufig eingeladen, und die Fahrt ist so reizend, daß einem die Zeit wie im Fluge vergeht. Als vierte Art der Unterhaltung kommt zuguterletzt noch der Haifischfang. Im Hafen von Sydney wimmelt es von diesen menschenfressenden Raubfischen; man findet nirgends in der Welt schönere Exemplare. Viele Leute erwerben ihren Lebensunterhalt mit dem Fang, denn die Regierung zahlt eine Belohnung dafür. Je größer der Hai, desto höher ist die Prämie, und manche Fische sind zwanzig Fuß lang. Man bekommt aber nicht nur das ausgesetzte Geld, sondern darf auch alles behalten, was sich im Magen des Haifisches findet, und manchmal ist sein Inhalt wertvoll genug.

So rasch wie der Hai, schwimmt kein anderer Fisch; der schnellste Dampfer kann sich nicht mit ihm messen. Auch treibt er sich überall in den Meeren herum und besucht alle Küsten der Erde auf seiner rastlosen Wanderschaft. Davon kann ich eine Geschichte erzählen, die noch nie zuvor im Druck erschienen ist:

Im Jahre 1870 kam ein junger Fremdling nach Sydney und begann alsbald eine Beschäftigung zu suchen; aber er kannte niemand, hatte auch keine Empfehlungsbriefe und bekam daher keine Arbeit. Zuerst wollte er ziemlich hoch hinaus, aber als die Zeit verging und sein Geld mehr und mehr zusammenschmolz, nahmen auch seine Ansprüche ab. Schließlich würde er gern jede Dienstleistung übernommen haben, um nur sein tägliches Brot und ein Obdach zu finden; aber das Glück war ihm abhold, nirgends wollte sich eine Aussicht eröffnen. Endlich war auch sein letztes Geld ausgegeben; er irrte den ganzen Tag und die folgende Nacht auf den Straßen umher und zerbrach sich den Kopf, was er anfangen sollte. Alles Denken war umsonst, es fiel ihm nichts ein und sein Hunger wuchs von Stunde zu Stunde. In der Morgendämmerung schweifte er ziellos außerhalb der Stadt am Hafen umher und sah einen Schiffer schlaftrunken am Ufer sitzen. Als er an ihm vorüberkam, blickte der Mann auf und rief ihm zu: »Heda, junger Bursche, nehmt einmal meine Angel ein Weilchen, vielleicht bringt mir das Glück.«

»Wenn’s Euch aber Unglück brächte?«

»Das glaub‘ ich kaum. Schlimmer wie’s heute nacht gewesen ist, kann’s sowieso nicht werden. Also versucht’s nur getrost.«

»Gut, es gilt. Aber was bekomm‘ ich dafür?«

»Den Haifisch, wenn Ihr einen fangt.«

»Einverstanden! Ich glaub‘, ich würd ihn verzehren samt allen Gräten. Her mit der Angel!«

»Da habt Ihr alles. Jetzt geh ich eine Strecke weiter, um Euch den Fang nicht zu verderben, denn ich weiß aus Erfahrung – oho! zieht die Leine ein, rasch, rasch, ein Fisch hat angebissen. Hab‘ mir’s doch gleich gedacht! Sobald ich Euch zu Gesicht bekam, wußt‘ ich, daß Ihr ein Glückskind seid. Nun, da haben wir ihn ja – am Land ist er!«

Es war ein ungewöhnlich großer Hai, wohl neunzehn Fuß lang, wie der Fischer sagte, während er dem Tier den Bauch aufschnitt.

»Nehmt nur alles heraus, junger Mann; es finden sich da manchmal Dinge, die gar nicht zu verachten sind. Ich will einstweilen einen neuen Köder aus dem Korb holen und dann versuchen, ob mir das Glück jetzt um Euretwillen günstig ist.«

Als der Fischer wiederkam, hatte sich der Fremde eben die Hände gewaschen und schickte sich an, zur Stadt zurückzukehren.

»Was, Ihr wollt fort?«

»Ja. Lebt wohl!«

»Aber, wie wird’s mit dem Haifisch?«

»Was soll mir der Fisch nützen?«

»Viel, sehr viel. Ihr seid mir der Rechte. Wißt Ihr denn nicht, daß die Regierung Euch achtzig Schilling Belohnung dafür zahlt? In klingender Münze. Na, was sagt Ihr dazu?«

»Laßt Euch das Geld auszahlen.«

»Und soll ich’s behalten – he?«

»Jawohl.«

»Na, Ihr gefallt mir. Seid so ’ne Art Sonderling, wie mir scheint. Ja, ja, man kennt den Vogel nicht immer an den Federn. Eure Kleider sehen recht schäbig aus, und doch müßt Ihr reich sein.«

»Das bin ich auch.«

In tiefen Gedanken schritt der junge Mann langsam zur Stadt zurück. Einen Augenblick blieb er vor dem besten Restaurant stehen; aber er sah seine Kleider an, ging vorüber und ließ sich in der nächsten Schenke ein Frühstück geben. Es war sehr reichlich und kostete fünf Schillinge. Er zog ein Goldstück heraus, und als es gewechselt war, warf er einen Blick auf das Silbergeld und murmelte: »Zum Einkauf von Kleidern reicht es doch nicht!«

Um halb zehn Uhr saß der reichste Wollmakler in Sydney daheim im Wohnzimmer; er hatte seinen Morgenimbiß eingenommen und sich eben in die Zeitung vertieft. Da steckte ein Diener den Kopf herein.

»Vor der Tür steht ein Sonnenbruder, Herr, und fragt nach Ihnen.«

»Was fällt dir ein, mir mit solchem Anliegen zu kommen; schick‘ ihn fort.«

»Ich hab’s versucht, aber er will nicht gehen.«

»Was – er weigert sich – das ist sonderbar. Entweder muß er verrückt sein, oder – ein ungewöhnlicher Mensch. Ist er verrückt?«

»Nein, Herr. Danach sieht er nicht aus.«

»Hat er denn gesagt, was er von mir will?«

»Nur, daß er Sie in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen muß.«

»Und fortgehen will er nicht? Hat er das gesagt?«

»Ja, er versichert, er bliebe an der Tür stehen, bis er Sie zu sehen bekommt, und wenn’s den ganzen Tag dauern sollte.«

»Na, wenn er wirklich nicht verrückt ist, so laß ihn heraufkommen.«

Der Sonnenbruder trat ein. »Nein, der ist bei Sinnen,« dachte der Makler, »das sieht man auf den ersten Blick. Also muß er kein gewöhnlicher Mensch sein. – Sagen Sie mal, mein Lieber,« fügte er laut hinzu, »was wollen Sie eigentlich? Aber rasch, ohne unnütze Worte, ich habe keine Zeit zu verlieren.«

»Ich möchte Sie bitten, mir 100 000 Pfund zu leihen.«

»Himmel! (Es ist ein Irrtum – er muß doch verrückt sein. Nein – unmöglich – mit solchen Augen!) Das versetzt einem ja den Atem! Wer sind Sie denn, wenn ich fragen darf?«

»Jemand, den Sie nicht kennen.«

»Und Sie heißen?«

»Cecil Rhodes.«

»Nein, den Namen hab‘ ich noch nie gehört. Aber, sagen Sie mir doch – nur wegen der Merkwürdigkeit – wie kommen Sie darauf, sich mit Ihrem seltsamen Verlangen an mich zu wenden?«

»Weil ich die Absicht habe, innerhalb der nächsten sechzig Tage hunderttausend Pfund für Sie und ebensoviel für mich zu machen.«

»Wahrhaftig! Sehr außergewöhnlich – da möchte ich doch – setzen Sie sich – was Sie sagen interessiert mich – nicht Ihr Plan, nein, aber Sie selbst. Es liegt etwas Bestrickendes in Ihrem Wesen, so ein angeborenes – ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll – das aus Ihnen spricht. Also – wenn ich Sie recht verstehe – so haben Sie den Wunsch –«

»Ich sagte – die Absicht.«

»Jawohl, aber warten Sie – ich will erst ein wenig im Zimmer umhergehen – Sie haben mich überrascht – und scheinen gar nicht aufgeregt – ich will suchen mich zu beruhigen. – – – So, nun kann mich nichts mehr aus der Fassung bringen. Heraus mit Ihrem Plan – reden Sie!«

»Ich will den diesjährigen Wollertrag kaufen, mit sechzigtägiger Lieferungsfrist!«

»Was – den ganzen Ertrag?«

»Ja, die sämtliche Wolle.«

»Unsinn! Wissen Sie denn, auf welche Summe sich das belaufen wird?«

»Auf zwei und eine halbe Million Pfund Sterling, vielleicht noch etwas mehr.«

»Da sind Sie recht berichtet. Und wissen Sie auch, wieviel das Sicherheits-Depositum auf sechzig Tage betragen würde?«

»Gerade hunderttausend Pfund – welche ich mir von Ihnen borgen will.«

»Die Rechnung stimmt. Meiner Treu, ich wollte Sie hätten das Geld, nur zur Befriedigung meiner Neugier. Was würden Sie denn damit anfangen?«

»Ich werde damit in sechzig Tagen zweihunderttausend Pfund gewinnen.«

»Das heißt. Sie möchten das tun, wenn –«

»Ich werde es tun.«

»Sie sprechen ja mit ganz wunderbarer Bestimmtheit. Man sagt, das läßt auf einen klaren Kopf schließen. Ich fange wirklich an, es nicht für ganz unmöglich zu halten, daß Sie einen vernünftigen Zweck im Auge zu haben meinten, als Sie hier in dies Ihnen fremde Haus kamen mit dem ausfahrenden Plan, die Wollschur der ganzen Kolonie auf Spekulation zu kaufen. Reden Sie nur dreist heraus – Sie erschrecken mich nicht – ich bin jetzt auf alles gefaßt. Weshalb wollen Sie die Wolle kaufen? Und weshalb glauben Sie dabei eine so große Summe gewinnen zu können?«

»Ich glaube es nicht – ich weiß es.«

»Aber woher sind Sie denn Ihrer Sache so gewiß?«

»Weil Frankreich an Deutschland den Krieg erklärt hat, und der Preis der Wolle in London vierzehn Prozent in die Höhe gegangen ist und noch steigt.«

»Wirklich, meinen Sie? Da sind Sie doch sehr im Irrtum. Sie dachten wohl, ich würde vom Donner gerührt sein bei Ihrer Nachricht? Fehlgeschossen, mein Bester. Da, lesen Sie die Morgenzeitung. Das schnellste Schiff unserer Flotte ist gestern abend um elf Uhr eingetroffen. Vor fünfzig Tagen hat es London verlassen und bringt alle neuesten Nachrichten. Nirgends läßt sich eine Kriegswolke sehen, und was die Wolle betrifft, so ist sie der flaueste Artikel auf dem ganzen englischen Markt. Nun, was haben Sie dagegen einzuwenden? Warum sitzen Sie in solcher Gemütsruhe da, wenn –«

»Weil ich spätere Kunde habe.«

»Spätere Kunde? Unmöglich! Die unsere ist in fünfzig Tagen brühsiedendheiß aus London gekommen mit dem –«

»Meine Nachricht ist zehn Tage alt.«

»Das klingt ja nach Münchhausen. Wo stammt sie denn her?«

»Aus dem Bauch eines Haifisches.«

»Da hört denn doch alles auf! Soll ich die Polizei rufen – mein Schießgewehr holen – die ganze Stadt in Aufruhr bringen? Sie reden im Wahnsinn; alle Irrenhäuser der Welt müssen in Ihrer Person – –«

»Setzen Sie sich und nehmen Sie Vernunft an. Wozu solche Aufregung? Warten Sie doch erst, ob ich meine Behauptung beweisen kann, ehe Sie mich einen Narren schelten.«

»O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung; im Grunde ist es ja gar keines Aufhebens wert, wenn man einen Haifisch nach England schickt, um den Marktbericht zu holen – – – was schreiben Sie denn da?«

»Ich bin gleich fertig; nur ein paar Zeilen; meine Aussage in betreff des Haifisches nebst einigen andern Dingen. So, nun setzen Sie Ihren Namen darunter.«

»Lassen Sie doch sehen – Sie behaupten – wahrhaftig, das ist interessant. Wenn Sie mir die Beweise liefern, sollen Sie das Geld haben, meinetwegen die doppelte Summe, und wir teilen den Gewinn. Wo ist denn die Nummer der zehn Tage alten Londoner ›Times‹? Zeigen Sie mir doch das Blatt!«

»Na, sehen Sie her – auch diese Knöpfe und das Tagebuch haben dem Manne gehört, den der Haifisch verschlungen hat. Wahrscheinlich trug sich das Unglück in der Themse zu, denn die letzte Notiz hier ist aus London, vom selben Datum wie die Nummer der ›Times‹ – da steht’s: ›Der Krieg ist erklärt! Ich reise noch heute nach Deutschland ab, um mein Leben auf dem Altar des Vaterlandes niederzulegen‹. Das heißt, der brave Mensch wollte in den Kampf ziehen, aber er kam nicht weit; ehe der Tag zu Ende war, verschlang ihn der Haifisch.«

»Schade um ihn. Aber wir wollen den Mann ein andermal beklagen; jetzt haben wir dringendere Geschäfte. Ich will gleich unter der Hand alles in Bewegung setzen und die Wolle kaufen. Das wird die niedergeschlagenen Gemüter unserer Händler einstweilen wieder aufrichten. Freilich nur vorübergehend, aber nichts ist ja von Dauer in dieser Welt. Wenn sie nach sechzig Tagen die Ware abliefern müssen, werden sie nicht wissen, wie ihnen geschieht und meinen, der Blitz hätte sie getroffen. Aber, das läßt sich nicht ändern, und wir haben dann noch immer Zeit, mit ihnen zu trauern. Kommen Sie nur jetzt zu meinem Schneider. Wie war doch schon Ihr Name?«

»Cecil Rhodes.«

»Der ist schwer zu behalten. Aber wenn Sie am Leben bleiben, werden Sie schon noch dafür sorgen, daß alle Welt ihn kennt. Es gibt dreierlei Menschen – gewöhnliche, außergewöhnliche und verrückte. Ich hoffe nicht fehl zu gehen, wenn ich Sie zu den außergewöhnlichen zähle.«

Das Geschäft gelang und verschaffte dem jungen Fremdling das erste Vermögen, womit er seine Taschen füllte.

Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

In jedem Beruf muß einer, dem es glücken soll, gesunden Menschenverstand zeigen; nur bei der Rechtspflege ist es sicherer, ihn zu verbergen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Eigentlich sollten sich die Bewohner Sydneys vor den Haifischen fürchten, aber sie sind weit davon entfernt – warum, weiß ich nicht. Samstags machen die jungen Leute gewöhnlich eine Segelfahrt, und das Wasser ist oft ganz bedeckt mit kleinen Booten. Nicht selten schlägt eins aus Zufall um, was Anlaß zu den tollsten Possen gibt; häufig bringen die Burschen ihr Boot auch absichtlich zum kentern, so daß die Insassen ins Wasser fallen, trotzdem sie sehen, daß die Haifische in der Nähe nur darauf lauern. Rasch klettert dann alles wieder hinein, manchmal heil und ganz – aber nicht immer. Während ich in Sydney war, geschah es, daß ein Knabe bei der Mündung des Paramattaflusses aus dem Boot fiel. Auf sein Hilfegeschrei sprang ein Knabe aus einem andern Boot ins Meer, um ihn vor den herbeischwimmenden Haifischen zu retten. Die Untiere machten jedoch mit allen beiden nur kurzen Prozeß.

Die Regierung zahlt, wie gesagt, eine Prämie für den Fang. Um das Geld zu verdienen, befestigen die Fischer ein Stück saftiges Hammelfleisch als Köder an den Angelhaken oder das Schleppnetz. Die Kunde hiervon verbreitet sich wie ein Lauffeuer, und nun kommen die Haifische aus dem ganzen Stillen Ozean herbeigeschwommen, um sich an der leckern Speise gütlich zu tun. Wenn das so fortgeht, wird die Haifischzucht bald eins der erträglichsten Gewerbe in der Kolonie werden.

Im Mai war ich in New York krank gewesen, hatte mich dann zweiundachtzig Tage lang erträglich wohl befunden, und war auf dem Schiff wieder erkrankt. Auch in Sydney bekam ich einen Rückfall, aber erst nachdem ich manchen schönen Ausflug gemacht und alle meine Vorlesungen gehalten hatte. Doch ging mir wegen dieser Krankheit mein Besuch in Queensland verloren, da es unter diesen Umständen nicht für ratsam gehalten wurde, nordwärts zu reisen, wo die Hitze noch größer war.

So wandten wir uns denn nach Südwesten und fuhren mit der Eisenbahn siebzehn Stunden nach Melbourne, Hauptstadt der Kolonie Victoria, das, erst sechzig Jahre alt, bereits eine halbe Million Einwohner zählt. Auf der Karte scheint die Entfernung nur klein, aber das ist in einem so großen Lande wie Australien mehr oder weniger bei allen Entfernungen der Fall. Die ganze Kolonie Victoria sieht auf der Karte nicht viel größer aus, wie eine englische Grafschaft und hat doch denselben Umfang wie England, Schottland und Wales zusammengenommen.

Melbourne abgerechnet, scheint Victoria einer kleinen Zahl von Squattern zu gehören, von denen jeder Schafweiden besitzt, die etwa so groß sind, wie der Staat Rhode Island. Wenigstens muß man das aus dem Gerede der Leute schließen; doch ist die Wollindustrie dort lange nicht so ausgedehnt wie in Neusüdwales. In Victoria fehlt es auch nicht an andern Hilfsquellen, es wird viel Weizen gebaut, und die Weinkultur ist sehr bedeutend.

Wir fuhren nachmittags mit dem Vieruhrzug von Sydney ab und zwar in einem ganz amerikanischen, höchst vernünftig eingerichteten Schlafwagen, der sauber, schön und neu war und in keiner Weise an die Eisenbahnen erinnerte, wie sie meist auf dem europäischen Festland sind. Aber unser Gepäck wurde gewogen und besonders bezahlt, was ebenso europäisch wie lästig ist.

Wir hatten Rundreisebillets nach Melbourne, von da nach Adelaide in Südaustralien und dann wieder zurück bis nach Sydney – zwölfhundert Meilen mehr als wir wirklich fahren wollten. Da aber die Rundreise nicht teurer war als ein gewöhnliches Billet, so hielten wir es doch für besser, uns die größte Meilenzahl zu kaufen, die man für den Preis haben konnte, obgleich wir sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht benützen würden. Der Mensch hat stets ein natürliches Verlangen, von etwas Gutem mehr zu bekommen als er braucht.

Jetzt muß ich aber noch eine Merkwürdigkeit erwähnen, das wunderlichste, seltsamste, unerklärlichste und erstaunlichste Ding in seiner Art, das ganz Australien aufzuweisen hat: An der Grenze zwischen Neusüdwales und Victoria wurden die sämtlichen, zahlreichen Insassen des Zuges, morgens bei Laternenlicht, in einer hoch gelegenen Gegend, wo es bitterkalt war, aus ihren behaglichen Betten geholt, um den Wagen zu wechseln. Und doch geht die ganze Bahn von Sydney nach Melbourne ohne Unterbrechung fort! Der Gedanke kann nur einem vollständig vernagelten Hirn entsprungen sein, und eine vorsintflutliche Gesetzgebung muß die Verordnung erlassen haben.

Bis zur Grenze ist die Eisenbahn nämlich schmalspurig und von da bis Melbourne hat sie eine größere Schienenweite. Das ist so von den beiden Regierungen, welche die Bahn erbaut haben und denen sie gehört, wohlweislich eingerichtet. Ihre gegenseitige Eifersucht scheint der Hauptgrund dieses merkwürdigen Zustands der Dinge zu sein. Man gibt zwar noch andere Gründe dafür an, aber sie kommen nicht in Betracht, da sie das Unerklärliche doch nicht erklären könnten; übrigens habe ich sie auch vergessen.

Alle Passagiere ärgern sich über die verschiedene Schienenweite, und wie lästig ist sie erst für den Frachtverkehr! Nutzlose Kosten, Verzögerungen und Unbequemlichkeit aller Art sind unzertrennlich damit verbunden; kein Mensch hat einen Vorteil davon.

Unser Wagenwechsel fand in Albury statt, und dort sahen wir auch bei Sonnenaufgang die ferne Kette der ›Blauen Berge‹. Sie tragen ihren Namen mit Recht! ›Auf mein Wort‹, wie der Australier sagt, ein solches Blau sucht seinesgleichen. Es ist bald tief, stark glänzend, wundervoll, erhaben, majestätisch – eine einzige blaue Masse; bald sanft leuchtend oder durchsichtig, als hätte man im Innern ein Feuer angezündet. Das Blau des Himmels erlosch davor, es nahm eine weißliche, ausgewaschene Farbe an und sah bleich und ungesund aus neben jener wahrhaft köstlichen Bläue.

Ein Bürger von Albury sagte mir, das wären gar keine Berge, sondern Haufen von Kaninchenleibern, die man so lange der Luft und Fäulnis ausgesetzt hätte, daß sie davon ganz blau aussähen. Vielleicht sprach der Mann die Wahrheit; aber ich habe so viele Reiseberichte gelesen, daß ich alle Belehrung, welche mir unerbeten, auf nicht amtlichem Wege zu teil wird, nie ohne Mißtrauen aufnehme. Die Reisenden werden oft in ganz unverantwortlicher Weise durch falsche Angaben irre geführt. Nie Kaninchenplage in Australien ist freilich sehr groß gewesen, und wenn es sich nur um einen Berg handelte, so wollte ich es gern glauben. Aber ein ganzer Gebirgszug – das ist doch wohl übertrieben.

Wir frühstückten auf dem Bahnhof. Alles war billig und gut, außer dem Kaffee. Die Preise bestimmt die Regierung selbst und läßt sie öffentlich anschlagen. Daß wir männliche Bedienung hatten, war etwas Ungewöhnliches in Australien; meistens findet man Kellnerinnen, das heißt junge Damen, die man für Prinzessinnen halten könnte. Wie sie gekleidet gehen? – So, daß sie in Europa beim Gala-Empfang einer Königin Bewunderung erregen müßten. Selbst Fürstinnen und Herzoginnen ziehen sich nicht so an. Ihre Mittel würden es ihnen zwar erlauben, aber sie brächten es doch nicht zu stände.

Den ganzen Morgen über fuhren wir in der Ebene dahin, durch lichte Wälder von großen Gummibäumen, deren Rinde in langen, gerollten Streifen herunterhing, wie die Haut von Kranken, die sich nach dem Scharlachfieber schälen. Ueberall standen winzige Hütten, teils aus Holz, teils aus graublauem Wellblech; auf den Zäunen und Türschwellen sah man Scharen kleiner stämmiger Buben, in einfacher Kleidung, die ihren Altersgenossen an den Ufern des Mississippi zum verwechseln ähnlich waren. Auch an Dörfern kamen wir vorüber, deren saubere Bahnhofsgebäude von oben bis unten mit Anzeigen beklebt waren. Wir sahen allerlei Vögel, aber weder ein Känguruh, noch einen Emu, weder ein Schnabeltier, noch einen Vorleser, auch keinen Eingeborenen; alles Wild war im Lande wie ausgestorben. Aber nein – ich habe mich geirrt. Unter Eingeborenen versteht man nur Weiße, die in Australien zur Welt gekommen sind. Ich hätte sagen sollen, daß ich keine Wilden, keine Schwarzen gesehen habe – und zwar bis auf den heutigen Tag nicht. Die großen Museen sind voll von Wundern aller Art, aber was den Fremden am meisten interessieren würde, sucht er dort vergebens. Auch in Amerika haben wir zahllose Museen, allein man findet nicht eine einzige amerikanische Rothaut darin. Das ist so verkehrt, wie nur irgend möglich, aber merkwürdigerweise habe ich früher noch nie daran gedacht; es fällt mir heute zum erstenmal ein.

Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Der Mensch hat einen Sinn für das was recht ist und einen Sinn für das was unrecht ist. Die Geschichte lehrt uns, daß er den ersteren gebraucht, um dem rechten aus dem Wege zu gehen und den letzteren, um aus dem Unrechten Nutzen zu ziehen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Seit vielen Jahren schwebte über mir ein Geheimnis, das sich nirgends anders enträtseln ließ, als in Melbourne. Die Sache verhielt sich folgendermaßen:

Ich war im Jahre 1873 mit Frau und Kind eben in London angekommen, als ich aus Neapel eine Zuschrift erhielt, unter der ein mir unbekannter Name stand. Es war nicht Bascom und auch nicht Henry, aber der Bequemlichkeit halber will ich den Briefsteller Henry Bascom nennen. Das Schreiben bestand aus etwa sechs Zeilen auf einem weißen Papierstreifen, der am untern Ende abgerissen war. Im Lauf der Jahre erhielt ich noch viele solche Streifen, die alle einander an Form und Größe völlig gleich sahen; auch der Inhalt war meist der nämliche: der Schreiber forderte mich auf, mit den Meinigen an dem und dem Tage nach seinem Landsitz in England zu kommen, um ihm einen achttägigen Besuch zu machen. Der Zeitpunkt für Ankunft und Abreise war genau angegeben. Diese Einladungen erfolgten stets lange im voraus; wenn wir in Europa waren, etwa drei Monate, waren wir in Amerika, schon ein halbes oder ein ganzes Jahr vorher. Auch der Zug, mit dem wir kommen und gehen sollten, war jedesmal in dem Schreiben bestimmt erwähnt.

Jener erste Brief setzte einen Tag in drei Monaten für unsere Ankunft fest; wir sollten am sechsten August mit dem Nachmittagszug 4.10 von London abfahren und im Wagen abgeholt werden. Eine Woche später würde uns der Wagen wieder zu dem und dem Zug auf den Bahnhof bringen. Als Nachschrift standen noch die Worte darunter:

»Sprechen Sie mit Tom Hughes.«

Ich zeigte dem Verfasser von ›Tom Brown in Oxford‹ den sonderbaren Brief, und er sagte:

»Nehmen Sie die Einladung mit Dank an.« Hierauf schilderte er mir Herrn Bascom als einen genialen, hochgebildeten und in jeder Beziehung außergewöhnlichen Mann, einen so edlen und reinen Charakter, wie man ihn nur selten findet. Auch sei es schon der Mühe wert, eine weite Reise zu machen, um Bascom Hall – eins der stattlichsten herrschaftlichen Schlösser aus der Zeit der Königin Elisabeth – in Augenschein zu nehmen. Herr Bascom sei eine gesellige Natur und sehe gern interessante und liebenswürdige Menschen bei sich. Man könne daher dort im Hause stets die angenehmsten Bekanntschaften machen.

Wir statteten damals den Besuch ab und noch mehrere andere im Lauf der nächsten Jahre, den letzten 1879. Bald darauf trat Bascom auf seinem eigenen Dampfer eine Reise um die Welt an. Er wollte lange fortbleiben, alles mit Muße betrachten und in den fremden Ländern auch Vögel, Schmetterlinge u. dgl. sammeln.

Am 2. Juli 1881, dem Tage, an welchem Präsident Garfield von dem Mörder Guiteau tödlich verwundet wurde, kam in dem kleinen Badeort am Sund von Long Island, wo wir unsere Sommerfrische hielten, ein Brief mit dem Poststempel Melbourne an. Er war an meine Frau adressiert, da ich aber Bascoms Handschrift erkannte, machte ich ihn auf. Der Brief enthielt wie gewöhnlich nur ein paar Zeilen auf einem Papierstreifen, aber ihr Inhalt war sehr merkwürdig und ganz anders als sonst. – Vielleicht könne es den Kummer meiner Frau lindern – so ungefähr lautete das Schreiben – wenn sie erführe, wie erfolgreich die Vorlesungstour ihres Gatten in Australien von Anfang bis zu Ende gewesen sei. Der Briefsteller könne das nach bestem Wissen bezeugen und die Mitteilung hinzufügen, daß der allzu frühe Tod ihres Gatten von der ganzen Bevölkerung aufs tiefste beklagt werde. Sie würde das jedoch ohne Zweifel bereits aus Zeitungstelegrammen ersehen haben. Alle Beamten und Würdenträger der Kolonie und der städtischen Regierung wären bei dem Begräbnis zugegen gewesen. Schreiber dieser Zeilen hätte zwar leider Melbourne nicht mehr rechtzeitig erreichen können, um die Leiche noch einmal zu sehen, doch hätte er es sich nicht versagen wollen, als Freund der Familie wenigstens unter den Hauptleidtragenden zu sein.

Unterschrieben: ›Henry Bascom‹.

Wenn er doch den Sarg hätte öffnen lassen! Das war mein erster Gedanke. Er würde sich dann überzeugt haben, daß es die Leiche eines Betrügers war, er hätte sie öffentlich versteigern und mir das Geld schicken können und das ganze Trauergefolge, samt der betrübten Regierung, würde sich die Tränen aus den Augen gewischt haben.

Damals ließ ich die Sache auf sich beruhen. Ich hatte schon früher mehrmals die Polizei in Anspruch genommen, um mich gegen meine lebendigen Vorlesungs-Doppelgänger in Amerika zu schützen; doch war man ihrer niemals habhaft geworden. Auch andere meiner Kollegen hatten umsonst versucht, ihre betrügerischen Duplikate zu entlarven. Was sollte es da wohl nützen, einen abgeschiedenen Geist zu beunruhigen? – So störte ich denn seinen Frieden nicht; aber neugierig war ich doch, Näheres über die Vorlesungstour jenes Menschen und seine letzten Lebensstunden zu erfahren. Ich wollte warten, bis ich Bascom wiedersähe, und mir alles von ihm erzählen lassen; er starb jedoch, ohne daß wir uns zuvor noch einmal im Leben trafen, und dann dachte ich nicht mehr an jenes Ereignis.

Als ich jedoch die Reise nach Australien plante, war meine Neugier wieder erwacht. Sehr natürlich – denn, wenn die Zuhörer meiner Vorlesungen etwa gesagt hätten, ich sei recht fade und langweilig, im Vergleich zu dem, was ich vor meinem Tode gewesen, so würde die Einnahme darunter gelitten haben.

Wie sehr war ich nun überrascht, als mir die Zeitungsredakteure in Sydney sagten, sie hätten v on jenem Betrüger noch nie etwas gehört. Ich mochte sie ausfragen so viel ich wollte, sie wußten nichts von ihm und zweifelten an der ganzen Geschichte. Mir war das unverständlich; doch glaubte ich, in Melbourne würde sich die Sache leicht aufklären lassen. Die Regierung und das übrige Trauergefolge mußten sich doch noch an den Leichenzug erinnern. Bei dem Festessen, das mir die Journalisten gaben, stellte sich jedoch heraus, daß auch sie nichts hatten verlauten hören und mir keine Auskunft geben konnten.

So blieb, zu meiner großen Enttäuschung, das Geheimnis nach wie vor in Dunkel gehüllt. Ich hoffte nun nicht mehr, daß ich die Lösung des Rätsels noch auf Erden erfahren würde und suchte mir die Sache aus dem Sinne zu schlagen. Aber endlich, gerade als ich es am wenigsten erwartete – doch nein, hier ist nicht der richtige Platz, um die übrige Geschichte zu erzählen; ich werde in einem viel späteren Kapitel wieder darauf zurückkommen.

*

Die Stadt Melbourne hat eine ungeheure Ausdehnung und Bauwerke von hervorragender Pracht und Größe. Ihre Straßenbahnen sind vortrefflich, sie besitzt Museen, höhere und niedere Schulen, öffentliche Gärten, Gas, Elektrizität, Bibliotheken und Theater. Sie ist der Mittelpunkt für den Bergbau, die Wollindustrie, für Kunst und Wissenschaft, man findet dort Gewerkvereine, Schiffe, Eisenbahnen, einen Hafen, gesellige Vereinigungen, Journalistenklubs, Rennvereine und einen Klub der Squatter, dem ein wundervoll eingerichtetes Haus gehört, auch so viele Banken und Kirchen, wie irgend nebeneinander bestehen können. Kurz, Melbourne hat alles, was zur modernen Großstadt gehört; es ist die bedeutendste Stadt auf dem australischen Festland und den Inseln und füllt ihren Posten als solche mit Ehre und Würde aus. Einen besonderen Vorzug besitzt es aber noch, den man nicht mit andern Dingen zusammenwerfen darf. Es ist nämlich das Zentrum für den Kultus des Pferderennens. Sein Rennplatz ist das Mekka von Australien.

Am 5. November, dem alljährlichen Festopfertag, stehen auf einer Strecke, die länger ist, als von New York nach San Francisco, und breiter als von den nördlichen Seen bis zum Golf von Mexiko, sämtliche Geschäfte völlig still; Männer und Frauen jedes Standes und Ranges, deren Mittel es erlauben, lassen daheim alles stehen und liegen, und kommen herbeigeströmt. Schon zwei Wochen vor dem bestimmten Tage beginnen die Scharen sich zu Schiffe und mit der Eisenbahn einzufinden; täglich erscheinen sie in immer dichteren Schwärmen, bis alle Transportmittel die Last kaum mehr zu bewältigen vermögen und die Hotels und Wohnhäuser von oben bis unten vollgestopft sind. Zu Hunderttausenden sieht man sie anmarschieren, wie glaubwürdige Zeugen versichern, um den Riesenplatz und die Tribünen zu füllen. In ganz Australien bekommt man nirgends ein ähnliches Schauspiel zu Gesicht.

Das Preisrennen von Melbourne ist es, zu dem alle diese Menschen zusammenströmen. Die Festkleider sind schon lange vorher bestellt; sie müssen an Pracht und Schönheit alles überstrahlen, was je dagewesen ist; keine Kosten werden gescheut, und man verbirgt sie sorgfältig vor neugierigen Blicken, bis der große Tag erscheint, dem man sie geweiht hat. Ich meine natürlich die Toiletten der Damen; aber das versteht sich ja von selbst.

Die Tribünen bieten denn auch einen wundervollen, blendenden Anblick; man sieht dort die zauberhaftesten Farben, die entzückendste Schönheit. Der Champagner fließt in Strömen, die allgemeine Stimmung ist lebhaft, aufgeregt, glücklich; jeder wettet, und Unsummen werden gewonnen oder verloren. Tag für Tag finden Wettrennen statt, wobei stets die ausgelassenste Lust und Laune herrscht. Nachdem das Programm des Tages erschöpft ist, tanzen die Leute noch die ganze Nacht hindurch, um sich für das Rennen des nächsten Tages zu stärken. Am Schluß der großen Woche sichern sich die Menschenmassen zuguterletzt Unterkunft und Fahrgelegenheit für das nächste Jahr; dann verstreut sich alles, jeder kehrt nach seiner fernen Heimat zurück, zählt seinen Gewinn oder Verlust, bestellt die Kleider zum nächsten Preisrennen, legt sich zu Bett, schläft vierzehn Tage lang und steht endlich mit dem traurigen Gedanken wieder auf, daß man ein ganzes Jahr warten muß, bevor man sich wieder aus vollster Seele seines Lebens freuen kann.

Das Preisrennen von Melbourne ist das Nationalfest Australiens. Seine Wichtigkeit läßt sich gar nicht hoch genug anschlagen. Jeder andere Fest- oder Feiertag irgend welcher Art, den die Kolonien begehen, wird durch seinen Glanz verdunkelt. Zwar feiert man noch allerlei, teils aus Gewohnheit, teils von Amts wegen, aber nicht so gründlich, so allgemein, so aus freien Stücken, wie das große Wettrennen. Es hat seinesgleichen in keinem andern Lande der Welt. Je näher dies höchste Fest des Jahres herankommt, um so glühender wird die Erwartung, die Vorbereitung und die allgemeine Glückseligkeit; man denkt und redet überhaupt nichts anderes mehr.

In Amerika haben wir keinen Tag im Jahr, der so wie dieser die Gesamtbevölkerung beseligen kann. Wir feiern den vierten Juli, Weihnachten und das Dankfest. Aber keiner dieser drei Festtage hat einen Vorrang vor dem andern, und keiner ist, wie gesagt imstande, das ganze Volk zu beglücken. Von zehn erwachsenen Amerikanern empfinden mindestens acht ein wahres Entsetzen vor dem vierten Juli mit seinem gefährlichen Höllenspektakel und wünschen sich Glück, daß er vorüber ist – wenn sie noch am Leben sind. Auch das Nahen des Weihnachtsfestes bringt vielen trefflichen Menschen Qual und Pein. Sie müssen ganze Wagenladungen von Geschenken kaufen und wissen nie, ob sie den Geschmack der Empfänger getroffen haben. Drei Wochen lang arbeiten sie im Schweiße ihres Angesichts und wenn der Weihnachtsmorgen anbricht, fühlen sie sich, so enttäuscht und so unzufrieden mit ihren Leistungen, daß sie sich am liebsten hinsetzen möchten, um sich nach Herzenslust auszuweinen und nur in dem, Gedanken Trost finden, daß bloß einmal im Jahr Weihnachten ist. Unser Dankfest wird seit einiger Zeit ganz allgemein durch ein Festessen gefeiert. Das Dankgefühl ist bei uns jedoch weit weniger verbreitet. Zu verwundern braucht man sich darüber nicht. Zwei Drittel des Volkes haben jetzt das ganze Jahr hindurch so wenig Glück und ein so schweres Leben, daß ihre Festfreude sich bedeutend abkühlt.

Auch in andern Ländern feiert man hohe Feste, aber wie gesagt, keins an dem das ganze Volk so von Herzen Anteil nimmt. Man wird mir daher wohl zugeben müssen, daß das Preisrennen von Melbourne das Fest aller Feste ist und vermutlich seinen hohen Rang noch lange Zeit behaupten wird.

Für den Reisenden hat in fremden Landen dreierlei das größte Interesse: erstens, die Bevölkerung, zweitens, alles was ihm neu ist und drittens, die geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an die Orte knüpfen. In Städten, die auf der Höhe der modernen Zivilisation stehen, wird er selten etwas Neues finden. Kennt man solche Städte in andern Weltteilen, so kennt man tatsächlich auch die großen Städte Australiens. Zwar sind Unterschiede vorhanden, aber es gehört schon ein recht geübtes Auge dazu um sie zu entdecken, und der Fremde hat selten Zeit zu so genauer Beobachtung.

Freilich in den Museen sind endlose Zimmer voll der merkwürdigsten und anziehendsten Gegenstände. Aber das ist doch mehr oder weniger bei allen Museen der Fall; ihre Besichtigung macht uns immer Augenweh und Rückenschmerzen und verzehrt unsere Lebenskraft durch ihr aufreibendes Interesse. Man nimmt sich stets von neuem vor, nie wieder hinzugehen – und tut es schließlich doch. Die Paläste der Reichen m Melbourne gleichen den Palästen der Reichen in Amerika fast aufs Haar, auch die Lebensweise darin ist die nämliche, aber weiter geht die Ähnlichkeit nicht. Die Gartenanlagen, in denen die amerikanischen Paläste liegen, sind selten groß und oft gar nicht schön; aber in Melbourne haben sie meist den Umfang von fürstlichen Parks und die Kunst des Gärtners schafft daraus mit Hilfe des Klimas etwas ganz Zauberhaftes. Manche Landgüter außerhalb der Stadt sollen sich an Größe und wunderbarem Reiz mit der Besitzung eines englischen Lords messen können. Aber das weiß ich nicht aus eigener Anschauung; ich hatte in der Stadt alle Hände voll zu tun und bin nicht aufs Land hinaus gekommen.

Wie ist aber diese Riesenstadt mit ihren palastähnlichen Häusern und Landsitzen entstanden? Ein englischer Sträfling hat den ersten Stein dazu gelegt und das erste Haus gebaut. Die Geschichte Australiens ist durch und durch romantisch, voll der sonderbarsten, merkwürdigsten Begebenheiten, gegen die alles andere Neue, das man sieht und hört, in den Hintergrund tritt. Sie liest sich gar nicht wie Geschichte, sondern wie eine Sammlung der schönsten Lügen und zwar noch nie dagewesener, keiner abgedroschenen. Allerlei Ueberraschungen, Abenteuer, Ungereimtheiten, Widersprüche und unglaubliche Dinge werden einem aufgetischt; aber sie sind buchstäblich wahr und haben sich wirklich zugetragen.

Auch die Geschichte des Mannes, der den Grundstein von Melbourne gelegt hat, ist ein förmlicher Roman. Sein Name war Buckley, und über kurz oder lang wird man Melbourne in Buckleystadt oder Buckleyburg umtaufen müssen, um die bisherige Ungerechtigkeit wieder gut zu machen. Buckley war ein junger, riesenstarker Engländer, der das Maurerhandwerk betrieb. Später wurde er Soldat und brachte aus den Kriegen mit Holland eine ehrenvolle Wunde heim; die Narbe trug er sein Leben lang. In England wurde er eines Tages angeklagt und überführt, gestohlene Waren verborgen zu haben – wahrscheinlich im Wert von sechs Schillingen –, und einstweilen ins Gefängnis geworfen. Dabei schiffte man ihn mit einer Ladung anderer Sträflinge nach Australien ein – auf wie viele Jahre sagt die Geschichte nicht. Dies war der vielversprechende, ereignisreiche Anfang seines jungen Lebens. Es geschah 1803, als er dreiundzwanzig Jahre zählte.

Die Fahrt dauerte fünf und einen halben Monat, dann landete das Schiff nicht weit von der Stelle, wo jetzt Melbourne erbaut ist. Die Gegend war noch mit wildem Urwald bedeckt, in dem nur Eingeborene lebten. Die nächste Niederlassung der Weißen, die kleine Kolonie Sydney, lag viele hundert Meilen entfernt. Man begann sofort eine Sträflingskolonie einzurichten (die bald wieder aufgegeben wurde), und Buckley legte den Grundstein des ersten Hauses.

Der schmachvolle Sklavendienst seines neuen Lebens war Buckley ein Greuel; auch das Klima sagte ihm nicht zu, als im Januar der Hochsommer kam, und er seine harte Arbeit bei einer Temperatur von 110° im Schatten verrichten mußte. So machte er denn einen Fluchtversuch und erlangte glücklich seine Freiheit wieder. Von den Gefährten seiner Flucht wurde einer durch die Wache erschossen, die andern irrten sechs Tage lang mit Buckley im Busch umher, dem Hungertode preisgegeben. Da sie aber sahen, daß ihre Leiden in der Freiheit nicht geringer waren als beim Sträflingsleben, wo sie doch wenigstens Nahrung erhielten, kehrten sie wieder um. Buckley wollte sie nicht begleiten und blieb allein zurück; als Mann von echtem Schrot und Korn dachte er an keinen Rückzug.

Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, mit den Genossen nach Kalifornien zu wandern; sie waren eben ungebildete Leute und wußten wenig von der Erdbeschreibung. Als nun Buckley sich selbst überlassen war, gab er den Plan auf, teils wegen der Entfernung, teils weil ihm nicht ganz klar war, in welcher Richtung er Kalifornien zu suchen hätte. Er beschloß dagegen, nach Sydney zu wandern, ging jedoch fehl und kam immer weiter von seinem Ziel ab. Lange fristete er sein Leben mit Beeren, Muscheln und dergleichen, bis er endlich den Eingeborenen in die Hände fiel. Gerade an jenem Morgen hatte er jedoch, ohne es zu wissen, einen glücklichen Fund getan. Er hatte einen Speer, der in einem Grabhügel steckte, herausgezogen und hielt ihn noch in der Hand, als die Eingeborenen ihn umringten. Sie glaubten, er sei der wieder lebendig gewordene Insasse jenes Grabes und begrüßten ihn als Stammesgenossen und Verwandten. In ihrer Freude über seine Wiederkehr versahen sie ihn alsbald mit Speise und Weibern, auch mit einem Neffen und andern zum Leben notwendigen Erfordernissen und nahmen ihn gastlich in ihrer Mitte auf.

Er lebte unter den Wilden und wurde ein wichtiger, einflußreicher Häuptling des Stammes, lernte dessen Sprache und vergaß mit der Zeit seine eigene. Ohne jemals wieder einen Weißen zu sehen, brachte dieser neue Robinson zweiunddreißig Jahre unter so seltsamen Verhältnissen zu, und kein Mensch ahnte, daß er noch am Leben sei.

So etwas kann auch nur in Australien vorkommen. Die andern Robinsone verschwinden vielleicht auf vier Jahre, tauchen dann wieder auf und kommen in Ziegenfelle gekleidet, großprahlerisch einherstolziert; aber der australische Robinson geht ein ganzes Menschenalter verloren und kehrt bescheiden zurück, ohne irgend etwas anzuhaben, weil er die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken wünscht.

Heutzutage würden Telegraphen, Zeitungen und illustrierte Journale sich einer neuentdeckten Persönlichkeit, wie dieser Buckley, annehmen, seinen Namen in alle Welt posaunen, und ihn zum reichen Manne machen. Aber der Buckley aus alter Zeit konnte den Roman seines Lebens zu keinem so glänzenden Abschluß bringen. Er pries sich schon glücklich, als er zum Leibdiener des kommandierenden Obersten der Kolonie ernannt wurde und die nötigen Kleidungsstücke erhielt; eine Zeitlang tat er auch Dienste als Konstabler und Geheimpolizist. Bald legte er jedoch sein Amt nieder, ging nach Van Diemensland (dem jetzigen Tasmanien) und wurde zweiter Verwalter im Auswandererheim. Zuletzt erhielt er den Posten eines Torschließers im Frauenasyl. 1840, als er sechzig Jahre alt war, heiratete er die Witwe eines Handwerkers. Mit siebzig Jahren ließ er sich pensionieren und erhielt ein Ruhegehalt von 60 Pfund Sterling, das er noch sechs Jahre lang genießen durfte. Dann nahm ihn der Tod hinweg, der ihm sein Glück nicht länger gönnen mochte. So endete denn der wunderbare Lebenslauf des Gründers von Melbourne auf sehr hausbackene und alltägliche Weise.

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Die Engländer kommen schon in der Bibel vor, wo es heißt: ›Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.‹

Querkopf Wilsons Kalender.

Wenn wir bedenken, wie ungeheuer groß der Flächeninhalt des britischen Kaiserreichs ist, wie bedeutend seine Einwohnerzahl und sein Handel, so wird es uns schwer zu glauben, daß Australien und Ozeanien wirklich einen so hervorragenden Anteil an Englands Weltstellung haben, wie man versichert. Der Länderbesitz aller andern Mächte – außer Rußland – ist im Vergleich zum britischen Reich winzig klein, und es übertrifft selbst Rußland etwa um ein Viertel an Größe, was ich aus sicherer Quelle weiß. Großbritannien und China herrschen ungefähr über die gleiche Bevölkerungszahl; jedes dieser beiden Reiche hat 400 000 000 Untertanen. Da bleiben alle andern Mächte – auch Rußland – weit zurück.

Die vier Millionen Einwohner von Australien scheinen zwar nur ein Tropfen in dem kaiserlich britischen Meer von vierhundert Millionen Köpfen; allein, sie gewinnen sehr an Bedeutung, wenn man ihren Einfluß auf den britischen Welthandel in Betracht zieht. Englands jährliche Einfuhr und Ausfuhr wird auf drei Billionen Dollars geschätzt und davon soll mehr als ein Zehntel auf die Ausfuhr und Einfuhr zwischen Australien und England kommen. Daneben treibt Australien noch Handel mit anderen Staaten, wodurch ein jährlicher Ertrag von hundert Millionen Dollars erzielt wird, während der Umsatz innerhalb der Kolonien sich auf hundert und fünfzig Millionen beläuft.

In runden Zahlen ausgedrückt kaufen und verkaufen also die 4 000 000 Einwohner jährlich etwa Waren im Wert von 600 000 000 Dollars, wovon die Hälfte, wie behauptet wird, aus einheimischen Produkten Australiens besteht.

Die Ausfuhr der Produkte Indiens trägt jährlich eine Kleinigkeit über 500 000 000 Dollars ein, woraus sich Zahlen ergeben, die höchst verwunderlich sind, nämlich:

Indiens Produktion (300 000 000 Einwohner) $ 500 000 000.

Australiens Produktion (4 000 000 Einwohner) $ 300 000 000.

Demnach produziert der einzelne Inder an Ausfuhrartikeln durchschnittlich für $ 1.75 im Jahr; der einzelne Australier dagegen für $ 75!

Nach zuverlässigen statistischen Tabellen, welche von Sir Richard Temple und andern aufgestellt worden sind, beläuft sich die jährliche Produktion eines Inders für Ausfuhr und Verbrauch im Lande auf $ 7.50 oder $ 37.50 für eine Familie von fünf Personen; während die Durchschnittsproduktion einer ebenso großen Familie in Australien fast $ 1600 beträgt.

Es gibt doch wirklich nichts Ueberraschenderes in der Welt als Zahlen, wenn man erst einmal anfängt sich mit ihnen einzulassen.

Wir fuhren von Melbourne mit der Eisenbahn nach Adelaide, der Hauptstadt der großen Provinz Südaustralien – eine Reise von siebzehn Stunden. Unterwegs trafen wir mehrere Bekannte aus Sydney, u. a. einen Richter, der auf der Rundreise war und in Broken Hill, wo das berühmte Silberbergwerk ist, eine Gerichtssitzung halten wollte. Der Weg, den er einschlug, um in jene Gegend zu gelangen, schien uns etwas sonderbar gewählt: Broken Hill liegt dicht an der Westgrenze von Neusüdwales und Sydney in dessen äußerstem Osten; die Entfernung zwischen beiden Orten mag in gerader Linie etwa 700 Meilen betragen, während der Richter mehr als 2000 Meilen mit der Eisenbahn fahren mußte, nämlich von Sydney südwestlich bis Melbourne, dann nordwestlich nach Adelaide, von da zurück nordöstlich und wieder über die Grenze von Neusüdwales bis Broken Hill.

Die Sache erklärte sich jedoch auf sehr einfache Weise: Vor Jahren war die Welt plötzlich durch den fabelhaft reichen Silberfund von Broken Hill überrascht worden. Die Aktien hatten anfänglich nur ein paar Schillinge gegolten, allein im Handumdrehen stieg ihr Wert bis zu ganz unglaublichen Summen. Es war einer jener Fälle, wo die Köchin für ihren Monatslohn einen Anteilschein ersteht, und im folgenden Jahre ihrer Herrschaft das Haus abkauft und selbst hineinzieht; wo der Kutscher ein paar Aktien nimmt und nach Monatsfrist eine Bank eröffnet; wo der gemeine Matrose sich mit dem Preis, den ihn ein Zechgelage kosten würde, bei dem Unternehmen beteiligt und im nächsten Monat ein eigenes Handelsgeschäft gründet, mit dem er der Dampfschiffgesellschaft Konkurrenz macht. Kurzum, es entstand ein förmliches Entdeckungsfieber; urplötzlich strömten große Menschenmassen auf ein und derselben Stelle zusammen, und man mußte unverzüglich für ihre Bedürfnisse sorgen. Adelaide war in nächster Nähe und Sydney weit entfernt; da baute Adelaide natürlich eine kurze Eisenbahn über die Grenze, bevor Sydney noch Zeit hatte eine lange Linie zu bauen. Der ganze ungeheure Handelsprofit von Broken Hill wurde unwiderruflich nach Adelaide gelenkt, und für Sydney verlohnte es sich später überhaupt nicht mehr der Mühe, eine Bahn dorthin anzulegen. So steht denn Broken Hill unter der Gerichtsbarkeit von Neusüdwales, das seine Richter 2000 Meilen weit schicken muß – meist durch andere Provinzen – während Adelaide ruhig und ohne sich zu beklagen, sämtliche Dividenden einstreicht. Wir fuhren nachmittags um 4.20 ab und meist durch ebenes Land. Am Morgen kamen wir in den ›Scrub‹, so heißen die mit verkrüppeltem Buschwerk bewachsenen Gegenden, welche in den australischen Romanen eine so große Rolle spielen. Dort lauert der feindliche Eingeborene, schweift ungesehen umher, macht von Zeit zu Zeit plötzliche Ausfälle, beraubt und tötet den allzu sichern Ansiedler und schleicht ins Dickicht zurück, ohne eine Spur zu hinterlassen, welche der weiße Mann zu entdecken vermöchte. Dort verirrt sich auch die Heldin des Romanschreibers; alles Suchen nach ihr ist vergebens, sie wandert hierhin und dorthin, bis sie ermattet und bewußtlos niedersinkt. Die ausgesandten Retter gehen wenige Meter von der Stelle wo sie liegt an ihr vorüber, ohne ihre Nähe zu ahnen, und erst viel später findet irgend jemand zufällig ihr Gebeine und das hinterlassene Tagebuch, das sie noch mit Aufbietung ihrer letzten Kraft geschrieben hat. Eine verlorene Heldin im Scrub aufzuspüren, vermag keiner außer dem eingeborenen Pfadfinder, und der gibt sich nur damit ab, wenn es dem Romanschreiber in seinen Plan paßt. Der Scrub erstreckt sein grünes Dickicht viele Meilen weit nach allen Richtungen und sieht aus wie ein plattes Dach, in dem weder Riß noch Spalte ist, oder wie eine große Decke ohne Naht. Sich im Scrub zurecht zu finden ist ein Ding der Unmöglichkeit, er ist pfadlos wie eine Wasserwüste. Und doch sagt man, daß der Eingeborene verirrte Wanderer im Scrub, im Busch und in der Wüste aufspüren, ja ihnen selbst über nackte Felsen oder Sandbänke folgen kann, von denen die Fluten jede Spur eines Fußtritts hinweggespült haben.

Sowohl aus australischen Büchern, wie aus den mündlichen Schilderungen, die mir gemacht wurden, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß der eingeborene Pfadfinder so viel Schlauheit, Scharfblick, Klugheit und Beobachtungsgabe besitzt, wie man es bei keinem Volke der Erde, weder unter Weißen noch Farbigen wiederfindet. In einer von der Regierung der Provinz Victoria veröffentlichten Beschreibung der Negerbevölkerung Australiens, heißt es unter anderm, daß der Eingeborene nicht nur an der Rinde des Baumes die schwache Spur entdeckt, welche das Opossum beim Klettern zurückläßt, sondern auch irgendwie zu erkennen vermag, ob die Spur von gestern oder erst von heute herrührt.

Man sagt, der Ansiedler A. habe einmal mit seinem Nachbar B eine Wette gemacht, daß ein Eingeborener B’s Kuh wiederfinden würde, wo und wie er sie auch verbergen möchte. B zeigte dem Eingeborenen die Fußspuren der Kuh und läßt ihn dann einschließen und bewachen. Hierauf führt er das Tier auf eine Straße, von der nach allen Seiten Kreuzwege abzweigen und die mehrmals wieder in der Runde zurückführt. Er wählt die schwierigsten Pfade aus, treibt das Tier öfters durch große Kuhherden, wo seine Spur unter den andern Rindern ganz verloren geht, und bringt die Kuh schließlich wieder nach Hause. Nun entläßt man den Eingeborenen aus seinem Gewahrsam, worauf er sofort im Kreise herumgeht und die Fußspuren aller Kühe solange untersucht, bis er die richtigen gefunden hat; dann folgt er den verschlungenen Wanderungen der Kuh, ohne sich beirren zu lassen und entdeckt sie zuletzt wirklich in dem Stall, wo B das Tier verborgen hat. Nun sage mir einmal jemand, wodurch sich die Spuren der einen Kuh von denen einer andern unterscheiden? Es muß irgend ein Unterschied vorhanden sein, sonst könnte der Eingeborene sein Kunststück nicht ausführen. Und wie merkwürdig, daß für den Abkömmling einer Rasse, von der viele behaupten, sie stehe auf der niedrigsten geistigen Stufe menschlicher Entwicklung, dieser wesenlose, schattenhafte Unterschied erkennbar ist, welchen weder ich, noch einer meiner Volksgenossen – selbst nicht der verstorbene Sherlock Holmes – imstande wäre aufzuspüren.

  1. N.S.W. Blaubuch.
  2. D. M. Luckie.
  3. Ebda.
  4. N.S.W. Blaubuch.
  5. Der berühmte Detektiv in den C. Doyle’schen Erzählungen; siehe die Sherlock Holmes-Serie, illustr. Ausgabe in 6 Bänden.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Es kommt vor, daß ein Mensch zwar keine üblen Angewohnheiten hat – aber Schlimmeres.

Querkopf Wilsons Kalender.

Der Ausgangspunkt meiner Vorlesungstour um die Welt war Paris, wo ich seit ein paar Jahren mit den Meinigen lebte. Wir reisten von dort nach Amerika, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Das war schnell geschehen. Zwei meiner Angehörigen beschlossen die Reise mitzumachen – desgleichen ein Karbunkel. Im Wörterbuch steht: ein Karbunkel oder Karfunkel ist eine Art Edelstein. Ich muß gestehen, daß der Humor in einem Wörterbuch schlecht am Platze ist.

Mitten im Sommer brachen wir von New York nach dem Westen auf; alles Geschäftliche übernahm Herr Pond, bis zum Stillen Ozean. Es war ein heißes Stück Arbeit und in den letzten vierzehn Tagen obendrein rauchig zum Ersticken, weil in Oregon und Britisch Columbia gerade die Waldbrände wüteten.

Während einer Woche genossen wir den Rauch auch noch am Seestrande, wo wir eine Zeitlang auf unser Schiff warten mußten. Es hatte im Rauch die Richtung verloren, war auf den Grund geraten und mußte erst gedockt und aufgezimmert werden.

Endlich wurden die Anker gelichtet, und damit endete unser Schneckengang auf dem Festland, der vierzig Tage gedauert hatte. Wir segelten westwärts über die leicht gekräuselte, glitzernde Sommersee, die, zum Entzücken klar und kühl, von jedermann an Bord freudig begrüßt wurde. Am willkommensten war sie mir, nach dem Staub, dem Rauch und der Hitze, die ich in den letzten Wochen durchgemacht hatte. Die Seereise verschaffte mir eine dreiwöchentliche, fast ununterbrochene Ruhezeit. Wir hatten den ganzen Stillen Ozean vor uns, und nichts zu tun als nichts zu tun und uns gemütlich zu fühlen. Victoria, die Hauptstadt der Vancouver-Insel, leuchtete nur noch schwach aus ihrer Rauchwolke herüber und wollte eben verschwinden. Wir legten die Feldstecher beiseite und ließen uns friedlich auf den Klappstühlen nieder, wie zufriedene Leute. Aber sie brachen unter uns in Trümmer zusammen und brachten uns in Schmach und Schande vor allen Passagieren. Zum Preis von guten Stühlen hatten wir sie aus dem größten Möbelgeschäft von Victoria bezogen, und dabei waren sie keinen Heller per Dutzend wert. Im Indischen und im Stillen Ozean muß jeder noch immer seinen eigenen Klappstuhl mit an Bord bringen, wie das in längst vergangenen Zeiten auch auf dem Atlantischen Ozean Sitte war – im finstern Mittelalter der Seereisen.

Unser Dampfer war sonst recht behaglich eingerichtet; wir bekamen die gewöhnliche Schiffskost – gute und reichliche Nahrung, von der Vorsehung gespendet, aber in des Teufels Küche gekocht. Auch die Mannszucht an Bord war so gut, wie sie überhaupt in jenen Breiten zu haben ist. Für eine Fahrt in den Tropen war das Schiff nicht besonders zweckmäßig ausgerüstet, aber das ist ja durchgängig bei allen Fahrzeugen der Fall, die man nach den Tropen schickt. An Kakerlaken litten wir keinen Mangel; auch das ist die Regel auf den Schiffen in jenen Meeren, das heißt, auf allen, die schon längere Zeit im Dienste stehen.

Der Kapitän war ein junger, schöner Mann, groß und hübsch gebaut; eine Gestalt, auf der sich eine kleidsame Uniform besonders vorteilhaft ausnimmt. Er meinte es sehr gut mit uns und war freundlich und höflich, wie ein vollendeter Kavalier. Durch sein angenehmes, verbindliches Wesen verwandelte er jeden Raum, den er betrat, sofort in einen Salon; im Rauchzimmer ließ er sich nicht blicken. Von schlechten Gewohnheiten war er ganz frei; er rauchte und schnupfte nicht, kaute auch keinen Tabak; man hörte ihn weder fluchen noch schimpfen, kein grobes oder unfeines Wort kam je aus seinem Munde. Er machte keine schlechten Witze, erzählte keine Anekdoten, lachte nie unmäßig oder erhob die Stimme lauter, als es die Gesetze der Schicklichkeit vorschrieben; jeder Befehl, den er erteilte, nahm den Ton einer Bitte an. Nach Tische erschien er mit seinen Offizieren bei der Gesellschaft im Damensalon, beteiligte sich am Gesang und Klavierspiel oder wendete die Notenblätter um. Er besaß eine weiche, angenehme Tenorstimme und sang mit Geschmack und gutem Vortrag. War die Musik zu Ende, so kam eine Whistpartie an die Reihe, bis es für die Damen Schlafenszeit wurde. Im Salon brannte das elektrische Licht, solange die Gesellschaft es irgend wünschte, im Rauchzimmer aber nur bis elf Uhr. Keine von allen Vorschriften an Bord wurde so streng gehandhabt wie diese. Der Kapitän erklärte uns, daß er so fest darauf bestehen müsse, weil seine eigene Kajüte neben dem Rauchzimmer läge, und ihm vom Tabakgeruch übel würde. Da sich nun aber die beiden Zimmer auf dem Oberdeck befanden, wo immer frische Luft wehte, begriff ich nicht recht, wie unser Rauch in seine Kajüte kommen sollte. Die Zimmer waren durch keine Tür verbunden, und in der dicken Zwischenwand gab es weder Sprünge noch Risse. Für einen empfindlichen Magen ist aber vielleicht bloß eingebildeter Tabakrauch schon schädlich.

Mit seiner sanften Natur, dem feinen, liebenswürdigen Wesen, seiner Lauterkeit in Sitte und Rede, paßte der Kapitän für den herrischen, rauhen Seemannsberuf so gut wie die Faust aufs Auge. Er war mir ein rechtes Beispiel von der Ironie des Schicksals.

Obendrein lastete ein Mißgeschick auf ihm; das wußten die Passagiere und er tat ihnen leid: In der Nähe von Vancouver hatte er bei einer engen und schwierigen Durchfahrt, wo der dichte Rauch der Waldbrände alles in Dunkel hüllte, seinen Kurs verloren und war mit dem Schiff auf die Klippen geraten. Dergleichen würde unsereins für einen verzeihlichen Irrtum ansehen; bei den Direktoren einer Dampfschiffgesellschaft gilt es aber als ein Verbrechen. Zwar hatte das Admiralitätsgericht in Vancouver den Kapitän von aller Schuld freigesprochen, aber das konnte ihn nicht trösten. Bei seiner Heimkehr nach Sydney würde ein strengerer Gerichtshof den Fall untersuchen – das Direktorium der Gesellschaft, auf deren Schiffen der junge Mann seit Jahren als Steuermann gedient hatte. Dies war seine erste Reise als Kapitän.

Die Offiziere an Bord waren wackere und gesellige junge Leute, die sich an allen Belustigungen mit Vergnügen beteiligten, damit den Passagieren die Zeit nicht lang würde. Die Reisen auf dem Stillen und Indischen Ozean sind überhaupt wahre Lustfahrten für die Mannschaft. Unser Zahlmeister, ein junger Schotte, zeigte sich immer aufgeräumt, gesprächig und voller Leben, und doch war er ein körperlich kranker Mensch, das sah man ihm an. Aber sein Geist triumphierte über das Leiden; er besaß eine wunderbare Selbstbeherrschung, redete nie von seinen Schmerzen und benahm sich ganz wie jemand, der gesund und kräftig ist. Zu Zeiten litt er jedoch an den entsetzlichsten Herzkrämpfen, die oft viele Stunden dauerten. Während eines solchen Anfalls konnte er weder sitzen noch liegen; einmal hatte er sogar vierundzwanzig Stunden lang aufrecht stehen müssen, bei dem qualvollen Kampf auf Leben und Tod. Aber tags darauf sprudelte er wieder über von Lust und Laune, als ob nichts geschehen sei.

Der geistreichste Passagier an Bord, ein Mensch von glänzender Begabung, war ein junger Kanadier, dem es die Branntweinflasche angetan hatte. Er stammte aus einer reichen, angesehenen Familie und schien bestimmt Großes in der Welt zu leisten, doch nützten ihm alle Talente nichts, weil er seine Trunksucht nicht bezähmen konnte. Schon oft hatte er das feierliche Versprechen abgelegt, sich des Trinkens zu enthalten: aber man weiß ja, wie wenig dergleichen törichte Gelübde einem Menschen helfen, der nicht einen wahrhaft eisernen Willen hat. Dies Mittel ist in doppelter Hinsicht gänzlich verkehrt: erstens greift es das Uebel nicht bei der Wurzel an, und zweitens ist jedes Gelübde irgendwelcher Art etwas durchaus Naturwidriges. Es gleicht einer klirrenden Kette, die den Träger ohne Unterlaß daran erinnert, daß er kein freier Mensch ist.

Ja, ich wiederhole es: das Mittel greift das Uebel nicht bei der Wurzel an. Nicht das Trinken sollte man bekämpfen, sondern das Verlangen nach geistigen Getränken. Das ist ganz zweierlei. Zu ersterem gehört nur Willenskraft, die aber sehr stark und ausdauernd sein muß; zu letzterem nichts als Wachsamkeit und zwar während einer verhältnismäßig kurzen Frist. Da das Verlangen natürlich der Tat vorangeht, sollte man ihm auch die erste Aufmerksamkeit widmen. Was nützt es, immer und immer wieder der Tat zu wehren und das Verlangen ganz frei und unbehelligt zu lassen? Es macht sich stets von neuem geltend und endlich trägt es doch den Sieg davon. Sobald das Verlangen Einlaß begehrt, sollte man ihm die Türe verschließen; man muß unausgesetzt auf seiner Hut sein und es beizeiten vertreiben; sonst hat es sich fest eingenistet, ehe man sich’s versieht. Weist man dagegen ein Verlangen nur vierzehn Tage lang beständig zurück, so kann man fast mit Sicherheit darauf zählen, daß es nach Ablauf dieser Zeit stirbt. Das ist die einzige Art, um die Trunksucht zu heilen. Sich nur immer wieder des Trinkens zu enthalten, ohne gegen das Verlangen zu Felde zu ziehen, scheint mir die törichtste Kriegsführung, die sich denken läßt.

Ich habe früher auch Gelübde abgelegt und sie gleich darauf gebrochen. Das ließ sich nicht ändern, denn mein Wille war nicht stark genug. Auch ärgert es einen im übrigen freien Menschen, sich irgendwie gebunden zu fühlen, und er zerrt so lange an seiner Kette, bis sie zerreißt. Deshalb übernahm ich zuletzt gar keine bestimmten Verpflichtungen mehr und beschloß nur, das schädliche Verlangen zu ertöten, ohne mich der Freiheit zu berauben, Verlangen und Gewohnheit wieder aufzunehmen, sobald ich wollte. Nun hatte ich keine Beschwerde mehr. In fünf Tagen machte ich meinem Verlangen Tabak zu rauchen den Garaus und brauchte nun nicht mehr auf der Hut zu sein, denn ich empfand niemals einen sehr heftigen Wunsch danach. Eines Tages wollte ich wieder anfangen ein Buch zu schreiben, nachdem ich fünfviertel Jahre so gut wie nichts getan hatte; aber seltsamerweise kam ich damit nicht von der Stelle. Da versuchte ich zu rauchen, um zu sehen, ob es mir dann gelingen würde. Und wirklich – das half. Nun rauchte ich fünf Monate lang täglich acht bis zehn Zigarren und ebensoviele Pfeifen, bis das Buch fertig war. Dann rauchte ich ein ganzes Jahr über gar nicht mehr, bis ich ein neues Buch beginnen mußte.

Ich vermag jede meiner neunzehn schlechten Gewohnheiten beliebig abzulegen, ohne daß es mir unbehaglich oder lästig wird. Auch Leute wie Doktor Tanner und andere, die vierzig Tage lang nichts essen, können das sicherlich nur durchsetzen, weil sie das Verlangen nach Speise gleich zu Anfang mit Entschlossenheit unterdrücken. Schon nach wenigen Stunden wird das Verlangen schwach und bleibt bald ganz aus.

Einmal habe ich meine Methode auch in großem Maßstabe als Kur angewendet. Ich lag schon mehrere Tage am Rheumatismus zu Bett, und mein Zustand wollte sich nicht bessern. Zuletzt sagte der Doktor:

»Meine Arzneien können Ihnen unmöglich helfen; bedenken Sie nur, wogegen ich alles ankämpfen muß; Sie rauchen ungemein stark, nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Und trinken sehr viel Kaffee?«

»Jawohl.«

»Auch Tee?«

»Jawohl.«

»Sie essen allerlei durcheinander, was sich nicht zusammen verträgt?«

»Jawohl.«

»Auch trinken Sie jeden Abend zwei Gläser heißen Grog?«

»Jawohl.«

»Nun sehen Sie, das alles leistet mir Widerstand. Wie soll da die Genesung Fortschritte machen? Sie müssen sich durchaus in allen diesen Dingen beschränken und ein paar Tage lang weit weniger davon zu sich nehmen.«

»Das kann ich nicht, Doktor.«

»Warum denn nicht?«

»Mir fehlt die Willenskraft. Sie mir ganz versagen – das kann ich. Aber sie nur mäßig zu genießen, geht über mein Vermögen.«

Er meinte, das werde auch dem Zweck entsprechen; morgen wolle er mich wieder besuchen. Doch wurde er selber krank und konnte nicht kommen; es war aber auch nicht mehr nötig. Zwei Tage und zwei Nächte lang enthielt ich mich aller jener Genußmittel, ja ich aß überhaupt nichts und trank nur Wasser. Nach vierundzwanzig Stunden verlor der Rheumatismus alle Kraft und verschwand spurlos. Ich war wieder kerngesund, dankte meinem Schöpfer und nahm meine frühere Lebensweise von neuem auf.

Das Heilverfahren schien mir sehr empfehlenswert und ich riet es einer Dame an. Sie war sehr leidend und wurde immer schwächer, bis ihr zuletzt keine Arznei mehr helfen wollte. Als ich ihr sagte, ich könnte sie ohne allen Zweifel in acht Tagen wieder gesund machen, bekam sie neuen Mut und versprach, meine Ratschläge pünktlich zu befolgen. Nun sagte ich ihr, sie solle vier Tage lang weder trinken, noch fluchen, noch rauchen, noch zu viel essen, dann würde sie ganz hergestellt sein. Und ich weiß, meine Prophezeiung wäre auch eingetroffen; aber sie meinte, sie könne nicht aufhören zu rauchen, zu fluchen und zu trinken, weil sie so etwas überhaupt noch nie getan hätte. Da lag der Hase im Pfeffer: sie besaß gar keine Angewohnheiten, an die sie sich jetzt hätte halten können. Da sie versäumt hatte sich rechtzeitig einen Vorrat anzulegen, der ihr im Notfall zu gute käme, war ihr nicht mehr zu helfen. Sie glich einem sinkenden Schiff, das keinen Ballast hat, den man über Bord werfen kann, um das Fahrzeug zu retten. Irgend ein paar schlechte Gewohnheiten hätten sie noch retten können, aber es fand sich nichts bei ihr vor, sie war die reinste moralische Bettlerin. Als sie noch jung genug war, um sich dies oder jenes anzugewöhnen, hinderten ihre Eltern sie daran, die zwar in der besten Gesellschaft lebten, aber die Unwissenheit selber waren. Man muß für dergleichen in der Kindheit sorgen; wenn erst Alter und Krankheit kommen, läßt sich nichts mehr nachholen, und man hat kein Mittel in der Hand, um sie zu bekämpfen.

Als junger Mensch faßte ich, wie gesagt, oft die besten Vorsätze und gelobte auch sie auszuführen, aber ich habe es nie gekonnt, weil ich meine Gewohnheiten nicht bei der Wurzel packte und das böse Verlangen ausriß; mehr als einen Monat setzte ich die Tugend nie durch. Einmal versuchte ich Maß zu halten und eine Weile ging es auch gut. Ich hatte mich verpflichtet, täglich nur eine Zigarre zu rauchen; das schob ich immer auf bis zur Schlafenszeit, und dann schmeckte sie mir wundervoll. Aber das Verlangen verfolgte mich Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend. Vor Ablauf einer Woche fing ich an, mich nach größern Zigarren umzusehen, als ich zu rauchen gewohnt war; dann wählte ich noch größere und immer größere. Als vierzehn Tage um waren, bestellte ich mir besondere Zigarren; sie wuchsen fort und fort. Am Ende des Monats war meine Zigarre zu solcher Länge und Dicke gediehen, daß ich sie als Krückstock hätte brauchen können. Da erkannte ich denn, daß es töricht sei, sich auf eine Zigarre zu beschränken, weil es den Menschen doch nicht vor dem Verlangen schützt. Also warf ich mein Versprechen über den Haufen und war wieder ein freier Mann.

Doch, um wieder auf den jungen Kanadier zu kommen: er war auf ›Monatsgeld gesetzt‹, eine Einrichtung, von der ich bisher noch nie gehört hatte und die ich mir von den Passagieren erklären ließ. Die angesehenen Familien in England und Kanada pflegen nämlich ihre Taugenichtse nicht auszustoßen, solange noch irgend welche Hoffnung für sie vorhanden ist. Schwindet aber endlich jede Aussicht auf Besserung, dann wird der Tunichtgut eingeschifft und bekommt nur so viel Geld in die Tasche – nein, in des Zahlmeisters Tasche – um die Reisebedürfnisse zu bestreiten. Erreicht er den Ort seiner Bestimmung, so erwartet ihn dort ein Monatsgeld, und vier Wochen später trifft wieder ein Wechsel im gleichen – nicht sehr hohen – Betrage ein. Damit pflegt er unverzüglich seine monatliche Kost und Wohnung zu bezahlen – der Hauswirt sorgt dafür, daß er diese Pflicht nicht vergißt – und den Rest noch am selben Abend zu verprassen. Dann treibt er sich müßig, voll Kummer, Not und Schwermut umher, bis der nächste Wechsel kommt. Ein solches Leben erweckt das tiefste Mitgefühl.

Wir hatten noch zwei andere Taugenichtse an Bord, die aber dem Kanadier in keiner Weise glichen; sie besaßen weder seinen Verstand noch seine hübsche Außenseite, weder sein anständiges Wesen noch seine Entschlossenheit, Großmut und Höflichkeit. Der eine mochte etwa zwanzig Jahre zählen, war aber in Kleidung, Sitte und äußerer Erscheinung eine lebendige Ruine. Er behauptete der Sprößling eines herzoglichen Hauses in England zu sein, den man, um der Familie willen, nach Kanada eingeschifft hatte, wo er alsbald in Ungelegenheiten geraten war; jetzt wurde er nach Australien befördert. Einen Titel hatte er nicht, wie er sagte; im übrigen ging er jedoch sehr sparsam mit der Wahrheit um. Bei seiner Ankunft in Australien brachte er es gleich so weit, daß man ihn ins Loch steckte, und am nächsten Morgen gab er sich bei dem Verhör auf dem Polizeiamt für einen Grafen aus, konnte aber den Beweis für diese Behauptung nicht liefern.