3.

»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«

»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern, »aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«

»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es etwa einfach die Faulheit?«

»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.

Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen, sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?

»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«

»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle diese Arbeiten sehr wichtig sind.«

»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.

»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht: was willst du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.

»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein Falsch liebt – ich weiß das alles recht wohl– aber das, was du da sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du versicherst« –

– »Das habe ich niemals versichert« – dachte Konstantin Lewin bei sich.

– »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe – ich weiß nicht weshalb – überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«

Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies aber kränkte und erbitterte ihn.

»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es möglich wäre« –

»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, ärztliche Hilfe einzuführen?« –

»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«

»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele aufzählen. – Wie denkst du denn über das Schulwesen?« –

»Wozu brauchen wir Schulen?«

»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«

Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.

»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre Kinder in die Schule schicken müßten.«

Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan entworfen.

Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.

»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des Semstwo schicken müssen?«

»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«

»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«

»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«

»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er, »erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«

»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.

Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.

»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu arbeiten wünschen.«

»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,« meinte Konstantin Lewin, errötend. »Wie? Soeben sagtest du doch« –

»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« –

»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«

»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so sehr darum sorgen soll.«

»Inwiefern?«

»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.

»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin Erbitterung hervorrief.

»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«

»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die Befreiung des Bauernstandes angeregt hat – wir haben aber doch gearbeitet!«

»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, ›geben Sie, Herr Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?‹«

Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.

Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.

»Was willst du denn eigentlich sagen?«

»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich nicht, das kann ich nicht.«

Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.

»Wenn du nun morgen verurteilt würdest – sollte es dir lieber sein, wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach altem Stil verurteilte?«

»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies nicht. Und was willst du!« – rief er plötzlich, wiederum zu einem völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht – ich vermag nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«

Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung diese Birken hatten erscheinen können – obwohl er sofort verstand, was sein Bruder damit andeuten wollte.

»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:

»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.

Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei sich.

»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem Persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.« Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefallt, so verzeihe mir; es handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum handelt, der vorübergehen wird.«

Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder nicht verstehen konnte?

Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem Bruder zu antworten.

Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd los und beide fuhren heim.

4.

Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:

Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen – die Sense eines Bauern genommen und selbst angefangen zu mähen.

Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.

Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.

Gegen Abend begrab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die größte und beste, schneiden lassen wollte.

»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.

Der Verwalter lächelte und sagte:

»Zu Diensten!«

Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.

»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will morgen mit der Heuernte beginnen.«

»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.

»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen Tag mit arbeiten.«

Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.

»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, – den ganzen Tag?« –

»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.

»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.

»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«

»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein Sonderling ist.

»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«

»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«

»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«

Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.

Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe begonnen hatten, abgelegt worden waren.

Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden Bauern hervor; einer in: Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit seiner Sense breite Reihen schneidend.

Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm reichte.

»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense hinreichend.

Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn gewandt hatte.

»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.

»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er, hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.

»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.

Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. Er vernahm hinter sich Stimmen:

»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!« sagte einer.

»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.

»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; – der Herr – er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser Einem würde dies übel bekommen!«

Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer noch, ohne innezuhaltender zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde aushalten können, so ermüdet war er.

Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras aus, wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.

Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es nun.

Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und begann zu dengeln.

So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, – als die Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit Wasser begossen worden – außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.

Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.

Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe zu stellen, und die Schwaden lagen daher« gestreckt. Die folgenden waren schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.

Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der Reihe, bei welchem Erholung winkte.

Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken und zogen dieselben über, andere – und ebenso that Lewin – zuckten nur frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.

Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen gewährte.

Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.

Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.

»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?« dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten und nun frühstücken mußten.

»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.

»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«

Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der Regen ihm das Heu naß gemacht habe.

»Es wird es verderben,« sagte er.

»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen Bauernregel hinzu: » W doždj kosi, w pogodu grebi

Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.

Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen war.

35.

Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt, bei dem die Schtscherbazkiy wohnten.

Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten, sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte, Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen und dort zum Frühstück decken.

Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem Kastanienbaum versammelt hatte.

In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand, in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und Törtchen.

Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten, die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun. unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen.

Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war.

Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin.

Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka – was Kity noch nie bemerkt hatte – ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören, welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen.

Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater – ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte.

Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm.

»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend.

»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.«

»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin.

»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so, Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen soll.«

»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna.

»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen, Erbswurst – ich kenne alles!«

»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,« meinte der Oberst.

»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht, sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus m Ruhe, ereifert sich über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat keinerlei Eile.«

»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein.

»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht langweilig.«

»Ich – o nichts.«

»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er sich an Warenka.

»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen.

Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere. Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie sich früher vorgestellt hatte.

»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer Papa!«

Kity schwieg.

»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka.

»Maman wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug Kity, Warenka ausforschend.

»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka.

»Gut, auch ich werde kommen.«

»Aber, was wollt Ihr da?«

»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?«

»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart in Verlegenheit geraten.«

»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?«

»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig.

»O bitte, sprecht nur!«

»Soll ich alles sagen?«

»Alles, alles!« –

»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei – nur dies, daß Michael Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd.

»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend.

»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja, wie reizbar diese Kranken sind!«

Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach allein weiter, im Bemühen, sie beschwichtigen und zu beruhigen. Sie sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich in Worten oder in Thränen äußern werde.

»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt nicht übel« –

»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin vorbei ins Weite starrend.

Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken.

»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie.

»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war, alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei, Heuchelei!« –

»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka.

»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend, bald schließend.

»Aber zu welchem Zwecke nur?«

»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein, braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!«

»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr sprecht doch gerade, als ob« –

Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht aussprechen.

»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin? Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre! Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies ist anders, anders!« –

»Was ist anders?« frug Warenka unsicher.

»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber, wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!«

»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka.

»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!«

»Kity!« – erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« –

Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige und ging zur Mutter.

»Was ist dir? Du stehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer Stimme.

»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen! Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen.

Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den Kopf,

»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« –

»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka, lächelnd.

Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte, aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte.

Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte, ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen, welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt war.

Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen.

»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf geantwortet.

»Niemals werde ich heiraten!« –

»Dann werde ich niemals kommen!«

»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures Versprechens eingedenk!« sagte Kity.

Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung.

1.

Sergey Iwanowitsch Koznyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit erholen und ging – anstatt wie üblich ins Ausland – Ende Mai auf das Land zu seinem Bruder.

Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.

Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten. Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.

Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er dieses Volk verstehe.

Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen, sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, Trunksucht und Verlogenheit.

Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk. Aber das Volk lieben oder nicht lieben – als etwas Besonderes – das konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst, noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.

Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich auch als Ratgeber – die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen – so hatte er doch nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage, ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.

Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.

Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht liebte – ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu demselben fühlte.

Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war, daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst überführt wurde.

Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch, von Gefühl, bien établi, wie er sich französisch ausdrückte, aber mit einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.

Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.

Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion einer neuen Maschine handelte.

Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten zu lassen und träge dabei zu plaudern.

»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und rollte man ihn wie eine Kugel.« Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze Erfindung.

»Nun genug, endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein Bruder.

»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin und eilte auf das Feld hinaus.

2.

In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen Angelegenheiten beklagte.

Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte, angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden, und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte Stimmung, m welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen Unterhaltung geriet.

Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an den Fluß Zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.

Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.

Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht, wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem werdenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen, der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.

Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden, alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.

Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der Bäume, aus dem heurigen Jahr.

Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.

Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren – damit er sich nicht die Füße naß machte– bis zu dem Weidengebüsch hin, bei welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.

Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.

Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.

»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.

»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt – sie hatten das Pferd ausgespannt,« –

»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«

»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«

»Und was meinst du zum Wetter?«

»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«

Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.

Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein Ende zu machen.

»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.

»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort, »stets geben sie nur ein Rätsel auf – verstehst du? Das Gras spricht etwas zum Wasser.«

»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.

7.

In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten.

Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war, um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage aufgetaucht waren, aufzuklären.

Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber auszusprechen.

Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie?

Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch fort.

Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der Unterhaltung zu interessieren.

Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens, über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst, die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren.

Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er, daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den Hauptpunkte waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon eigentlich die Rede war.

»Ich kann nicht zugeben,« sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der Diktion, »ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.«

»Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten, daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung aller Empfindungen hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist. Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei, auch das Verständnis für das Sein fehle.«

»Ich würde dem gegenüber behaupten« – begann Sergey Iwanowitsch.

Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen, sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem Professor eine Frage vorzulegen.

»Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper stirbt, keine Existenz mehr geben?« warf er ein.

Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was man eigentlich hierauf antworten könne.

Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen, von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte:

»Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht« –

»Wir haben keine Unterlagen dafür,« bestätigte der Professor, und setzte seine Ausführungen fort.

»Nein,« sagte er, »ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.«

Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der Professor sich verabschieden würde.

30.

Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und unveränderlichen Platz anweist.

Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch hier jede im Bad Neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden Platz eingewiesen.

Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher festgesetzten Kaste einkrystallistert.

In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch energischer vollzog.

Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie.

Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe.

Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet.

Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit einem Mr. Canut nebst Schwester.

Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt wie sie, an unglücklicher Liebe – und einem Moskauer Obersten, den Kity von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte, und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man sich nicht von ihm frei machen konnte.

Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb.

Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte.

Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung dafür in ihren Beobachtungen.

Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte.

Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank, daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte.

Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher, nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen Badegäste Umgang pflegen ließ.

Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise.

Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle Warenka«.

Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie gefiel.

Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne Jugend.

Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten – aber ebenso gut auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.

Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen Blume.

Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß – die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener Anziehungskraft.

Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es, vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.

Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.

Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie nun, mit ihr bekannt zu werden.

Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.«

»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.«

Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war; entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab, oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.

Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen kei der Morgenkur noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit, freilich nicht angenehmer Art, erregten.

Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen. Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.

Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über diese beiden Menschen entschwanden.

Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb, weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.

Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.

Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.

31.

Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren Sonnenschirmen.

Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften Überzieher plauderte.

Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend.

»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte.

»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt machen. Ich habe ihre belle soeur gekannt,« fügte die Fürstin hinzu, stolz das Haupt erhebend.

Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen, sie drängte sie daher nicht.

»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.«

»Deine engouements sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam.

Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde.

Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in Zorn geraten.

Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte.

Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab es denn dort?« frug die Fürstin.

»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!«

»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?«

»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, – die, deren Hut wie ein Pilz. aussteht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst.

»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig.

»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere; nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.«

»Da seht Ihr, Maman,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß ich von ihr entzückt bin!«

Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren übrigen Schutzbefohlenen.

Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen fremden Sprache auszudrücken wußte.

Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über Warenka an, näherte sich – nachdem sie Einzelheiten über diese vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese Bekanntschaft ergab – selbst Warenka und machte sich mit dieser bekannt.

Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging, Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr.

»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht aber kennt Ihr mich nicht; ich« –

»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete Warenka schnell.

»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort.

Warenka errötete.

»Ich weiß nicht mehr recht – wie es scheint – ich habe doch gar nichts gethan,« antwortete sie.

»O doch: Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.«

»Ach ja; sa compane rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.«

»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt, wie es scheint mit Madame Stahl. Deren belle soeur habe ich ja gekannt.«

»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie maman, bin mit ihr aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka, wiederum errötend, hinzu.

Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.

»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.

»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.

In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.

»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle« –

– »Warenka« – lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«

Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.

Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.

»Ich selbst wünschte dies schon längst« – sprach sie.

»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« –

»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu ihr gelaufen kamen.

»Warenka, maman ruft!« riefen sie.

Warenka folgte ihnen.

32.

Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:

Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte Frau.

Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war Warenka.

Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden Verwandten mehr besaß.

Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.

Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.

Andere sagten, daß sie seelisch tatsächlich dasselbe hochmoralische Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie äußerlich erschien.

Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch, protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, – sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.

Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie jedermann sie nannte.

Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka, umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung besaß.

Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein, Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.

Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue Vorzüge an ihr.

Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.

»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung zum Singen zu haben schien.

Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt sogleich ans Klavier.

Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie dazu.

»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.

Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten sie.

»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«

In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den Fenstern angesammelt.

»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte Warenka einfach.

Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.

»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig, und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu thun was ›maman‹ angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses ruhige Antlitz blickend.

Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.

Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das Präludium und schaute dann auf Warenka.

»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.

Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.

»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine Erinnerung verknüpft.

»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und schön, wie vorher.

Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben dem Hause befand.

»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem Liede?« frug Kity.- »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt mir nur – ist es nicht so?«

»Nein. Warum? – Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«

Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf Warenka.

»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich auch einen Roman haben konnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche – Kity fühlte dies – einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.

»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann, so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«

»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.

»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«

»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.

»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch – halt; setzen wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie nicht mochte?«

»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« –

»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte, sondern einfach selbständig« – sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte der Scham, sie bereits überführt habe.

»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie, sondern Kity anging.

»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen, die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.

»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht gehandelt?«

»Schlechter als schlecht – schmachvoll!«

Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.

»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne, der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«

»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«

»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln, ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge mit dem Namen benennend.

»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«

»Was heißt das?«

»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«

»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte. Und dabei ist das alles doch so nichtig.«

»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.

»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.

»Und das wäre?«

»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.

»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«

»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«

Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher Neugier und Bitte in dem Blick:

»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es also, sagt es mir!«

Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause müsse zu maman zum Thee um zwölf Uhr.

Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich von allen Anwesenden und wollte gehen.

»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.

»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«

Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine Begleitung nötig habe, unterdrückte.

»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,« sagte sie, ihren Hut ergreifend.

Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben, was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde verlieh.

33.

Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem Leid.

Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft, eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab man ruhig auf die frühere blicken konnte.

Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.

Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion, welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte mit dem Geistlichen auswendig lernte.

Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.

Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie mit einem geliebten Kinde, auf daß man Sorgfalt verwendet wie in der Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr nichtig sei – ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über.

Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was denn nun das Höchste sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte.

Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang, gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten.

Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug, geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war.

Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel hielt und eigentümlich lächelte.

So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln.

Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte, blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen wagte.

An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so wollte Kity sein.

Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das höchste Gut sei, begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches sich erschlossen hatte.

Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte, sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres künftigen Lebens gemacht.

Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den Verbrechern und den Sterbenden.

Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter, noch Warenka mitteilte.

In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte.

Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem Einfluß ihres Engougements – wie sie es nannte – für Madame Stahl und namentlich für Warenka befinde.

Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den Augen zu blinken that.

Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß vollzog.

Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte.

Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen, umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen, wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies.

»Il ne faut jamais rien outrer,« sprach sie.

Die Tochter hatte nicht darauf antwortetet, sie hatte nur in ihrem Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten, wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock nimmt.

Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter.

»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.«

»O nein, maman, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt.

»Warest du längere Zeit nicht dort?«

»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity.

»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu erraten.

An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.

Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.

»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie, als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?«

Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt über sie zu sein scheine.

Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.

Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum Ausdruck gekommen war; sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie »meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett gehen wollte. Wie war das alles so gut!

Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen. Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so gut!

Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren Mann unaufhörlich beobachtend.

Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des Erkaltens der Anna Pawlowna sein?

»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens.