Viertes Capitel.

Viertes Capitel.

Phileas Fogg setzt seinen Diener Passepartout in Bestürzung.

Um sieben Uhr fünfundzwanzig Minuten nahm Phileas Fogg, nachdem er beim Whist zwanzig Guineen gewonnen, von seinen ehrenwerthen Collegen Abschied und verließ den Reformclub. Um sieben Uhr fünfzig öffnete er seine Hausthüre und trat in sein Haus.

Passepartout, welcher sein Programm gewissenhaft einstudiert hatte, war sehr überrascht, als er Herrn Fogg so ungenau sah, daß er zu dieser ungewöhnlichen Stunde erschien. Nach der Vorschrift sollte der Bewohner von Saville-Row erst zu Mitternacht heim kommen.

Phileas Fogg begab sich zuerst auf sein Zimmer, dann rief er:

»Passepartout!«

Passepartout gab keine Antwort. Dieses Anrufen konnte nicht ihm gelten. Es war ja nicht die Stunde.

»Passepartout«, rief Herr Fogg wiederholt, doch ohne Steigerung des Tones.

Passepartout stellte sich.

»Ich habe Sie zweimal rufen müssen, sagte Herr Fogg.

– Aber es ist noch nicht Mitternacht, erwiderte Passepartout, die Uhr in der Hand.

– Ich weiß es, versetzte Phileas Fogg, und mache Ihnen keinen Vorwurf. In zehn Minuten reisen wir nach Dover und Calais.«

Das runde Angesicht des Franzosen verzog sich unwillkürlich. Offenbar hatte er nicht recht verstanden.

»Der Herr will eine Reise machen? fragte er.

– Ja, erwiderte Phileas Fogg. Wir wollen eine Reise um die Erde vornehmen.«

Da staunte Passepartout über die Maßen. Er riß die Augen weit auf, spannte die Wimpern und Brauen, streckte die Hände aus – Symptome förmlicher Bestürzung.

»Reise um die Erde! brummte er.

– In achtzig Tagen, erwiderte Herr Fogg. Also, wir haben keinen Augenblick Zeit zu verlieren.

– Aber die Koffer? … sagte Passepartout mit unwillkürlichem Kopfschütteln.

– Keine Koffer. Nur eines Reisesackes bedarf’s, mit zwei wollenen Hemden darin, und drei Paar Strümpfen; ebensoviel für Sie. Weiteres kaufen wir unterwegs. Holen Sie meinen Makintosh und meine Reisedecke, und nehmen Sie gute Fußbekleidung. Uebrigens gehen wir wenig oder nicht zu Fuße. Jetzt, rasch!

Passepartout hätte gern geantwortet, konnte aber nicht. Er verließ Herrn Fogg’s Zimmer, begab sich auf das seinige, sank auf einen Stuhl nieder, und sagte mit einem in seiner Heimat üblichen Ausdruck:

»Ei! Das ist stark! Und ich wollte ruhig leben! …«

Er machte mechanisch seine Vorbereitungen zur Reise. Eine Reise um die Erde in achtzig Tagen! Hatte er’s mit einem Narren zu thun? Nein … War’s ein Scherz? Die Reise ging nach Dover, gut. Nach Calais, laß ich gelten. Uebrigens konnte das dem wackern Jungen nicht sehr zuwider sein, da er seit fünf Jahren den heimatlichen Boden nicht betreten hatte. Vielleicht auch ging die Reise bis Paris, und wahrhaftig, es hätte ihm Vergnügen gemacht, die große Hauptstadt wieder zu sehen. Aber sicherlich würde ein Gentleman, der keinen unnöthigen Schritt that, es dabei bewenden lassen … Ja, ganz gewiß, aber es war doch die volle Wahrheit, daß dieser Gentleman, sonst so ein Haushüter, auf Reisen ging!

Um acht Uhr hatte Passepartout den bescheidenen Sack mit seiner und seines Herrn Garderobe zurecht gemacht; darauf verließ er, noch ganz verstörten Geistes, sein Zimmer, verschloß sorgfältig die Thüre desselben, und begab sich wieder zu Herrn Fogg.

Herr Fogg war reisefertig. Unter’m Arm trug er »Bradshaw’s Continents-Eisenbahn- und Dampfboot-Reiseführer«, woraus er alle für seine Reise erforderlichen Notizen schöpfen konnte. Er nahm Passepartout den Reisesack aus der Hand, öffnete ihn und schob ein starkes Bündel von den schönen Banknoten hinein, welche in aller Welt Cours haben.

»Haben Sie nichts vergessen? fragte er.

– Nichts, mein Herr.

– Mein Makintosh und meine Decke?

– Hier.

– Gut, nehmen Sie den Sack.«

Herr Fogg stellte Passepartout den Sack wieder zu.

»Und haben Sie wohl Acht darauf, fügte er bei. Es sind zwanzigtausend Pfund drinnen.«

Beinahe wäre der Sack Passepartout aus den Händen gefallen, als wären die zwanzigtausend Pfund in schwerem Gold darinnen.

Herr und Diener stiegen darauf hinab, und die Hausthüre wurde doppelt verschlossen.

Am Ende der Straße Saville-Row fand sich eine Fuhrwerkstation. Phileas Fogg und sein Diener stiegen in ein Cab, welches rasch nach dem Bahnhof Charing-Croß zufuhr, wo ein Zweig der Süd-Ostbahn mündet.

Um acht Uhr zwanzig Minuten hielt das Cab vor dem Gitterthore des Bahnhofes. Passepartout sprang herab, sein Herr folgte nach und bezahlte den Kutscher.

In diesem Augenblicke trat eine arme Bettlerin mit einem Kinde an der Hand, barfuß im Koth, zerrissenem Hut mit jämmerlich herabhängender Feder, zerfetztem Shawl über dem Lumpenkleid, zu Herrn Fogg heran und bat um ein Almosen.

Herr Fogg zog die zwanzig Guineen, welche er beim Whist gewonnen hatte, aus der Tasche und überreichte sie der Bettlerin mit den Worten:

»Hier nehmen Sie, brave Frau, es ist mir lieb, daß ich Sie getroffen habe!«

Dann ging er weiter.

Passepartout fühlte sein Auge naß. Sein Herr hatte einen Schritt in sein Herz gethan.

Herr Fogg trat mit ihm sogleich in den großen Bahnhofsaal und gab ihm Auftrag, zwei Billets erster Klasse nach Paris zu nehmen. Als er sich hierauf umdrehte, sah er sich von seinen fünf Collegen des Reformclubs umgeben.

»Meine Herren, sprach er, jetzt reise ich ab, und die Visa’s auf meinem Paß werden Ihnen bei meiner Rückkehr den Nachweis meiner Reiseroute geben.

– O! Herr Fogg, erwiderte höflich Walther Ralph, das ist nicht nöthig. Wir verlassen uns auf Ihr Wort als Gentleman!

– So ist’s besser, sagte Herr Fogg.

– Sie vergessen nicht, daß Sie wieder hier sein müssen? … bemerkte Andrew Stuart …

– Binnen achtzig Tagen, erwiderte Herr Fogg, Samstags, den 21. December 1872, um acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends. Auf Wiedersehen, meine Herren.«

Um acht Uhr vierzig Minuten setzten sich Phileas Fogg und sein Diener in dieselbe Waggon-Abtheilung. Um acht Uhr fünfundvierzig hörte man pfeifen und der Zug ging ab.

Es war finstere Nacht, und ein feiner Regen fiel. Phileas Fogg drückte sich stille in eine Ecke. Passepartout, noch ganz verdutzt, drückte den Sack mit den Banknoten maschinenmäßig an sich.

Aber der Zug war noch nicht über Sydenham hinaus, als Passepartout in wahrer Verzweiflung aufschrie!

»Was fehlt Ihnen? fragte Herr Fogg.

– Ich habe … in der Eile … meiner Bestürzung … vergessen …

– Was?

– Den Gashahn in meinem Zimmer zuzudrehen!

– Nun, mein lieber Junge, erwiderte Herr Fogg kaltblütig, so brennt das Gas auf Ihre Kosten!«

Fünftes Capitel.

Fünftes Capitel.

Ein neues Werthpapier erscheint auf dem Platz London.

Phileas Fogg vermuthete wohl bei seiner Abreise von London nicht, welch‘ großes Aufsehen sein Vorhaben erregen würde. Die Neuigkeit von der Wette verbreitete sich zuerst im Reformclub und erregte unter den Mitgliedern dieser ehrenwerthen Gesellschaft eine arge Aufregung, welche sich durch die Berichterstatter von da in die Journale verbreitete und durch diese das Publicum von London und im ganzen Vereinigten Königreiche durchdrang.

Diese Frage der Reise um die Erde wurde mit ebensoviel Leidenschaft und Hitze erläutert, besprochen, zergliedert, als handle sich’s um eine neue Alabama-Frage. Die einen ergriffen Partei für Phileas Fogg, die anderen – und sie bildeten bald eine ansehnliche Majorität – sprachen sich gegen ihn aus. Diese Reise um die Erde, innerhalb der geringen Frist, mit den jetzt im Gebrauch befindlichen Verkehrsmitteln anders als in der Theorie und auf dem Papier fertig zu bringen, war nicht allein unmöglich, sondern unsinnig!

»Times«, »Standard«, »Evening-Star«, »Morning Chronicle« und zwanzig andere Journale ersten Ranges erklärten sich gegen Fogg. Nur »Daily Telegraph« unterstützte ihn einigermaßen. Im Allgemeinen behandelte man Phileas Fogg als Wahnsinnigen, als Narren; und seine Collegen vom Reformclub wurden getadelt, daß sie sich auf so eine Wette eingelassen, welche eine Geistesschwäche ihres Urhebers beurkunde.

Es erschienen äußerst leidenschaftliche, aber logisch scharfe Artikel über die Frage. Bekanntlich hat man in England viel Interesse an allem, was Geographie betrifft. Darum gab’s auch keinen einzigen Leser, zu welcher Klasse er auch gehörte, der nicht die Phileas Fogg gewidmeten Spalten verschlang.

Während der ersten Tage waren einige kühne Geister – besonders Frauen – auf seiner Seite, zumal als »Illustrated London News« sein Portrait nach seiner im Archiv des Reformclubs niedergelegten Photographie publicirte. Manche Gentlemen sagten dreist: »Ei! ei! Warum nicht gar? Man hat außerordentlichere Dinge gesehen!« Es waren besonders Leser des »Daily Telegraph«. Aber man merkte bald, daß dies Journal selbst anfing seine Zuversicht zu verlieren.

Wirklich erschien am 7. October im Bulletin der königlichen Geographischen Gesellschaft ein langer Artikel, welcher die Frage von allen Gesichtspunkten aus betrachtete und das Unsinnige des Unternehmens klar auseinander setzte. Nach diesem Artikel war Alles dem Reisenden entgegen, Hindernisse, die in der Person und in der Natur begründet waren. Sollte das Project gelingen, mußte ein wunderbares Zusammenstimmen der Ankunft- und Abfahrtsstunden stattfinden; aber dieses Zusammenstimmen existirte nicht, konnte nicht statthaben. Strenge genommen kann man in Europa, wo verhältnißmäßig kleine Bahnstrecken vorhanden sind, auf die Ankunft der Züge zu fest bestimmter Zeit rechnen; aber wenn sie in drei Tagen quer durch Indien zu fahren haben, sieben Tage durch die Vereinigten Staaten: konnte man wohl die Elemente eines solchen Problems auf ihre Genauigkeit gründen? Und sprachen nicht die Unfälle der Maschine, Entgleisungen, Zusammenstöße, üble Witterung, Schneeanhäufung – sprach nicht dies alles gegen Phileas Fogg? War er nicht auf den Packetbooten während der Winterzeit den Windstößen oder Nebeln preisgegeben? Ist’s denn so selten, daß die besten Segler der überseeischen Fahrtlinien um zwei bis drei Tage sich verspäten? Nun konnte schon eine Verspätung, eine einzige, hinreichen, um die Kette der Verbindungen unverbesserlich zu zerreißen. Wenn Phileas Fogg auch nur um einige Stunden für die Abfahrt eines Packetbootes zu spät kam, mußte er das nächstabgehende abwarten, und durch diesen einzigen Umstand gerieth seine Reise unwiderruflich in Gefahr.

Der Artikel erregte großes Aufsehen. Fast alle Journale druckten ihn ab, und die Actien Phileas Fogg’s sanken außerordentlich.

Während der ersten Tage nach der Abreise des Gentleman wurden über das Wagniß seines Unternehmens bedeutende Wetten veranstaltet. Bekanntlich spielen die Wetter in England eine bedeutende Rolle: Wetter sind gescheitere und angesehenere Leute als die Spieler. Wetten liegt den Engländern im Blute. So stellten auch nicht allein die verschiedenen Glieder des Reformclubs bedeutende Wetten für oder wider Phileas Fogg an, sondern auch die Masse des Publicums wurde von der Bewegung fortgerissen. Phileas Fogg wurde gleich einem Renner in eine Art studbook eingetragen. Man machte auch ein Börsenpapier daraus, und es ward sogleich auf den Platz London eingetragen. Man verlangte, man offerirte »Phileas Fogg«, fest oder auf Prämie, und es wurden enorme Geschäfte gemacht. Aber fünf Tage nach seiner Abreise, nach dem Artikel im Bulletin der Geographischen Gesellschaft, fingen die Angebote an häufiger zu werden. Phileas Fogg sank. Man bot Packetweise. Nahm man’s anfangs zu fünf, später zu zehn, so nahm man’s jetzt schon nur noch um zwanzig, um fünfzig, um hundert.

Ein einziger Anhänger blieb ihm treu, der alte, gichtbrüchige Lord Albermale. Der ehrenwerthe Gentleman, der an seinen Fauteuil gefesselt war, hätte sein Vermögen hingegeben, um die Reise um die Erde machen zu können, sei’s auch in zehn Jahren! und er wettete fünftausend Pfund zu Gunsten des Phileas Fogg. Und wenn man ihm, zugleich mit der Thorheit des Projects, dessen Unnützlichkeit nachwies, beschränkte er sich gewöhnlich auf die Antwort: »Ist die Sache ausführbar, so ist’s gut, daß ein Engländer sie zuerst unternommen hat!«

Nun war es dahin gekommen, daß die Anhänger des Phileas Fogg immer seltener wurden; Jedermann trat, und nicht ohne Grund, seinen Gegnern bei; man nahm das Papier nur noch um hundertundfünfzig, um zweihundert gegen eins, als sieben Tage nach seiner Abreise ein völlig unerwartetes Ereigniß zur Folge hatte, daß man’s gar nicht mehr nahm.

An diesem Tage, um neun Uhr Abends, erhielt der Polizeidirector der Hauptstadt folgende telegraphische Depesche:

»Suez nach London.«

»Rowan, Polizeidirector, Centralverwaltung, Schottlandplatz.«

Ich bin dem Bankdieb Phileas Fogg auf der Ferse. Schicken Sie unverzüglich Verhaftbefehl nach Bombay.

»Fix, geh. Agent.«

Diese Depesche wirkte unverzüglich. Der ehrenwerthe Gentleman trat von der Bühne, und an seine Stelle ein Bankdieb. Seine in dem Reformclub bewahrte Photographie wurde untersucht. Sie entsprach Zug für Zug dem gerichtlich aufgenommenen Signalement. Man brachte die geheimnißvolle Existenz des Phileas Fogg, sein abgesondertes Leben, seine plötzliche Abreise in Anschlag, und es schien offenbar, daß dieser Mann unter dem Vorwand einer Reise um die Erde und gestützt auf eine unsinnige Wette keinen andern Zweck verfolgte, als den Agenten der englischen Polizei zu entwischen.

Sechstes Capitel.

Sechstes Capitel.

Der Agent Fix zeigt eine Ungeduld, die nicht unbegründet war.

Jene Depesche in Betreff des Phileas Fogg wurde unter folgenden Umständen verbreitet:

Am Mittwoch, den 9. October, wurde zu Suez für elf Uhr Vormittags das Packetboot Mongolia erwartet, welches der Company peninsular and oriental gehörte, ein eiserner Schraubendampfer mit Verdeck, von zweitausendachthundert Tonnen Gehalt und fünfhundert Pferdekraft. Er machte regelmäßig die Fahrten von Brindisi nach Bombay durch den Suez-Canal, und war einer der schnellsten Segler der Compagnie, der die vorschriftsmäßige Schnelligkeit von zehn Meilen in der Stunde zwischen Brindisi und Suez, und von neun Meilen und dreiundfünfzig Hunderttheilen zwischen Suez und Bombay fast immer übertraf.

In Erwartung der Ankunft des Mongolia sah man am Quai ein Gedränge Einheimischer und Fremder, welche in dieser Stadt zusammenströmen, die kürzlich noch ein Flecken war, nun durch des Herrn von Lesseps großes Werk einer bedeutenden Zukunft sicher ist, – zwei Männer auf- und abgehen. Der Eine derselben war der zu Suez angestellte Consularagent des Vereinigten Königreiches, welcher – trotz der ungünstigen Vorausvermuthungen der britischen Regierung und der schlimmen Prophezeihungen des Ingenieurs Stephenson – nun täglich englische Schiffe diesen Canal passiren sah, welche so die bisherige Fahrt Englands nach Indien um’s Cap der guten Hoffnung zur Hälfte abkürzte.

Der Andere war ein kleiner, magerer Mann, mit ziemlich gescheitem Gesicht und reizbar, der in auffallender Weise beständig mit den Augenbrauen-Muskeln zuckte. Unter seinen langen Wimpern glänzte ein sehr lebhaftes Auge, dessen Feuer er jedoch nach Belieben zu löschen verstand. In diesem Augenblicke gab er Zeichen von Ungeduld zu erkennen, lief hin und her, konnte nicht ruhig an der Stelle bleiben.

Dieser Mann hieß Fix, und war einer jener »Detectives« oder geheimen Agenten, welche die englische Polizei nach dem Diebstahl auf der Bank in die verschiedenen Häfen abgeschickt hatte. Sein Auftrag war, mit größter Sorgfalt alle Reisenden, die über Suez kamen, zu überwachen, und wenn ihm einer verdächtig vorkomme, ihm in Erwartung eines Verhaftsbefehls im Stillen nachzureisen.

Eben, vor zwei Tagen, hatte Fix vom Director der Londoner Polizei das Signalement des vermuthlichen Diebes erhalten, nämlich das des vornehmen und wohl gekleideten Mannes, welchen man im Zahlungssaal beobachtet hatte.

Der Detective, offenbar durch die für einen glücklichen Fang ausgesetzte ansehnliche Prämie gespornt, wartete also mit leicht begreiflicher Ungeduld auf die Ankunft des Mongolia.

»Und Sie sagten, Herr Consul, fragte er zum zehnten Mal, das Dampfboot müsse bald ankommen?

– Ja wohl, mein Herr, erwiderte der Consul. Es ist gestern auf hoher See bei Port-Said signalisirt worden, und die hundertsechzig Kilometer des Canals kommen bei einem solchen Segler nicht in Anschlag. Ich sage Ihnen nochmals, daß der Mongolia stets die Prämie von fünfundzwanzig Pfund gewonnen hat, welche die Regierung für jeden Vorsprung um vierundzwanzig Stunden vor der reglementaren Zeit ausgesetzt hat.

– Dies Packetboot kommt geradeswegs von Brindisi? fragte Fix.

– Gerade von Brindisi, wo es die Indische Briefpost aufgenommen hat, und am Samstag um fünf Uhr Abends abgefahren ist. Also haben Sie Geduld, es muß bald anlangen. Aber ich weiß wirklich nicht, wie es Ihnen möglich ist, nach dem Signalement, welches man Ihnen zugestellt hat, Ihren Mann, wenn er an Bord des Mongolia ist, zu erkennen.

– Herr Consul, erwiderte Fix, solche Leute wittert man vielmehr, als daß man sie erkennt. Man muß Spürkraft besitzen, die ist gleichsam ein besonderer Sinn, bei welchem Gehör, Gesicht und Geruch zusammen wirken. Ich habe in meinem Leben mehr wie einen solchen Gentleman verhaftet, und wofern nur mein Bankdieb an Bord ist, stehe ich Ihnen dafür, er wird mir nicht aus den Händen gleiten.

– Ich wünsche es, Herr Fix, denn es handelt sich um einen bedeutenden Diebstahl.

– Ein prachtvoller Diebstahl, versetzte der Agent voll Begeisterung. Fünfundfünfzigtausend Pfund! So ein Fund kommt einem nicht oft in den Weg! Die Diebe werden knauserig! Die Race der Sheppard wird selten! Jetzt bringt man sich um einige Schilling an den Galgen!

– Herr Fix, versetzte der Consul, Sie sprachen in einer Weise, daß ich lebhaft wünsche, Sie mögen Glück haben; aber, sag‘ ich nochmals, in der Lage, worin Sie sich befinden, fürchte ich, es möge schwierig sein. Wissen Sie, nach dem Signalement, welches Sie empfingen, gleicht dieser Dieb durchaus einem ehrlichen Manne.

– Herr Consul, erwiderte dogmatisch der Polizei-Agent, die großen Diebe sehen immer honnetten Leuten gleich. Sie begreifen wohl, daß die, welche wie Schurken aussehen, keine andere Wahl haben, als rechtschaffen zu bleiben, sonst würden sie ihre Verhaftung veranlassen. Ehrliche Gesichter muß man vor allen Dingen in’s Auge fassen. Das ist, geb‘ ich zu, ein schwer Stück Arbeit, das nicht mehr eine Sache des Gewerbes ist, sondern der Kunst.«

Man sieht, es fehlte dem Fix nicht an einer gewissen Dosis Eigenliebe.

Inzwischen wurde der Quai allmälig belebter. Seeleute verschiedener Nationalitäten, Handelsleute, Makler, Packträger, Fellah’s strömten da zusammen. Die Ankunft des Packetbootes war offenbar nahe bevorstehend.

Es war ziemlich schönes Wetter, aber in Folge des Ostwindes kalte Luft. Ueber der Stadt erhoben sich im blassen Sonnenschein einige Minarets. Südwärts zog sich ein zwei Meilen langer Damm wie ein Arm vor der Rhede von Suez. Auf der Fläche des Rothen Meeres schaukelten einige Fischerbarken oder Küstenfahrzeuge, von denen manche in ihren Formen noch das elegante Muster der antiken Galeere bewahrt haben.

Mitten in diesem Volksgewühl bewegte sich Fix nach Gewohnheit seines Berufes, und faßte die Vorübergehenden mit raschem Blick in’s Auge.

Es war damals halb elf Uhr.

»Aber das Packetboot bleibt aus! rief er, als er die Hafenuhr schlagen hörte.

– Es kann nicht mehr ferne sein, erwiderte der Consul.

– Wie lange wird’s in Suez verweilen? fragte Fix.

– Vier Stunden; so lange als nöthig, um Kohlen einzunehmen. Von Suez nach Aden, am Ende des Rothen Meeres rechnet man dreizehnhundertundzehn Meilen, und es muß sich mit Brennmaterial versehen.

– Und von Suez fährt das Boot direct nach Bombay? fragte Fix.

– Direct, ohne umzuladen.

– Nun denn, sagte Fix, wenn der Dieb diesen Weg eingeschlagen ist, und auf diesem Boot sich befindet, muß es in seinem Plan liegen, zu Suez an’s Land zu gehen, und auf anderm Wege in die holländischen oder französischen Besitzungen in Asien zu gelangen. Er muß wohl wissen, daß er in Indien nicht sicher wäre, weil es englisches Gebiet ist.

– Sofern es nicht ein sehr starker Mann ist, erwiderte der Consul. Sie wissen, ein englischer Verbrecher ist stets in London leichter geborgen, als auswärts.«

Nach dieser Bemerkung, welche dem Agenten viel Bedenken erregte, begab sich der Consul wieder auf seine Bureaux, die nicht weit davon waren. Der Polizei-Agent blieb allein, voll nervöser Ungeduld und auffallendem Ahnungsgefühl, sein Dieb müsse sich an Bord des Mongolia befinden, – und in Wahrheit, wenn der Schurke in Absicht die Neue Welt aufzusuchen England verlassen hatte, so mußte er den Weg nach Indien vorziehen, da dieser weniger überwacht oder schwerer zu überwachen ist, als der über das Atlantische Meer.

Fix blieb nicht lange in seine Gedanken vertieft, als gellendes Pfeifen die Ankunft des Packetbootes meldete. Der ganze Schwarm der Packträger und Bauern stürzte auf den Quai mit einem Tumult, der für die Passagiere und ihre Kleider beunruhigend war. Zehn Nachen stießen vom Ufer ab und fuhren dem Mongolia entgegen.

Nicht lange, so sah man das riesenmäßige Schiff zwischen den Canalufern fahren, und Schlag elf Uhr warf der Dampfer auf der Rhede Anker, während sein Dampf mit großem Getöse durch die Rauchfänge entströmte.

Es waren sehr viele Passagiere an Bord. Manche blieben auf dem Verdeck, um das malerische Panorama der Stadt zu betrachten; aber die meisten begaben sich in den Nachen, welche herangekommen waren, an’s Land.

Fix beobachtete auf’s Genaueste Alle, welche an’s Land setzten.

In dem Augenblicke kam Einer, nachdem er die mit ihren Dienstanerbietungen zudringlichen Fellahs kräftig zurückgedrängt hatte, zu ihm heran und fragte ihn sehr höflich nach dem Bureau des englischen Consularagenten. Und zugleich hielt dieser Passagier einen Paß hin, worauf er ohne Zweifel das englische Visa einholen wollte.

Fix nahm den Paß instinctmäßig und überlief mit raschem Blick das Signalement.

Eine unwillkürliche Bewegung erfaßte ihn, das Blatt zitterte in seiner Hand. Das auf dem Paß befindliche Signalement war gleichlautend mit dem, welches er vom Polizeidirector der Hauptstadt erhalten hatte.

»Es ist nicht Ihr eigener Paß? sagte er zu dem Passagier.

– Nein, erwiderte dieser, er gehört meinem Herrn.

– Und Ihr Herr?

– Ist an Bord geblieben.

– Aber, versetzte der Agent, er muß sich persönlich auf dem Consularbureau einfinden, um seine Identität festzustellen.

– Wie? Das ist nöthig?

– Unerläßlich.

– Und wo sind diese Bureaux?

– Dort an der Ecke des Platzes, erwiderte der Polizei-Agent, und wies auf ein zweihundert Schritte entferntes Haus.

– Dann will ich meinen Herrn holen, dem es übrigens nicht angenehm sein wird, gestört zu werden!«

Darauf empfahl sich der Passagier und kehrte an Bord des Dampfers zurück.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Ein neuer Beweis, wie unnütz Pässe in Polizeisachen sind.

Der Polizei-Agent begab sich wieder auf den Quai und unverzüglich in’s Bureau des Consuls. Auf dringendes Verlangen erhielt er sogleich bei diesem Beamten Zutritt.

»Herr Consul, sagte er ohneweiters, ich habe starke Vermuthungsgründe zu glauben, daß unser Mann sich als Passagier an Bord des Mongolia befindet.«

Und Fix erzählte, was sich mit dem Bedienten in Beziehung auf den Paß begeben hatte.

»Gut, Herr Fix, erwiderte der Consul, es würde mir lieb sein, diesem Schurken in’s Gesicht zu sehen. Aber vielleicht wird er nicht auf mein Bureau kommen, wenn er ist, was Sie vermuthen. Ein Dieb läßt nicht leicht eine Spur von sich zurück, und übrigens ist Niemand mehr an die Formalität des Passes gebunden.

– Herr Consul, erwiderte der Agent, wenn’s ein starker Mann ist, wie man annehmen muß, wird er kommen!

– Um seinen Paß visiren zu lassen?

– Ja. Die Pässe dienen nur noch, die ehrlichen Leute zu geniren und den Schurken zur Flucht förderlich zu sein. Ich versichere Sie, dieser wird in der Ordnung sein, aber ich hoffe, Sie werden ihn nicht visiren …

– Und warum nicht? Wenn dieser Paß in Ordnung ist, hab‘ ich nicht das Recht, mein Visa zu verweigern.

– Doch, Herr Consul, muß ich wohl diesen Menschen hier zurückhalten, bis ich von London einen Verhaftsbefehl erhalten habe.

– Ei! Herr Fix, das ist Ihre Sache, erwiderte der Consul, aber ich kann nicht …«

Der Consul hatte noch nicht ausgeredet, als man anklopfte, und der Bureaudiener zwei Fremde hereinführte, wovon der eine derselbe Diener war, welcher sich mit dem Detective unterhalten hatte.

Es waren wirklich der Herr und sein Diener. Der erstere überreichte seinen Paß und bat mit kurzen Worten den Consul, sein Visa beizufügen.

Dieser nahm den Paß und las ihn achtsam, während Fix in einer Ecke des Zimmers den Fremden betrachtete, oder vielmehr mit den Augen verschlang.

Als der Consul den Paß durchgelesen hatte, fragte er: »Sie sind Phileas Fogg, Sq.?

– Ja, mein Herr, erwiderte der Gentleman.

– Und dieser Mensch ist Ihr Diener?

– Ja, ein Franzose, Passepartout mit Namen.

– Sie kommen aus London?

– Ja.

– Und gehen?

– Nach Bombay.

– Gut, mein Herr. Sie wissen, daß diese Förmlichkeit des Visa unnütz ist, und wir verlangen die Ueberreichung des Passes nicht mehr?

– Ich weiß es, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg, aber ich wünsche durch Ihr Visa meine Anwesenheit in Suez zu erweisen.

– Meinetwegen, mein Herr.«

Und der Consul unterzeichnete den Paß, datirte ihn und fügte seinen Stempel bei. Herr Fogg bezahlte die Gebühren, grüßte kalt und ging mit seinem Diener hinaus.

– Nun? fragte der Polizei-Agent.

– Nun, erwiderte der Consul, er sieht wie ein ganz ehrlicher Mann aus!

– Möglich, erwiderte Fix, aber darum handelt sich’s nicht. Finden Sie, Herr Consul, daß dieser phlegmatische Gentleman Zug für Zug dem Diebe gleicht, dessen Signalement mir zugestellt worden ist?

– Ich geb’s zu, aber Sie wissen, alle Signalements …

– Ich werde die Sache heraus bekommen, erwiderte Fix. Der Diener scheint mir nicht so verschlossen, wie der Herr. Zudem ist’s ein Franzose, der das Reden nicht lassen kann. Auf baldiges Wiedersehen, Herr Consul.«

Nach diesen Worten ging der Agent fort und suchte Passepartout auf.

Inzwischen hatte sich Herr Fogg von dem Consulargebäude hinweg nach dem Quai begeben. Hier gab er seinem Diener einige Aufträge, fuhr dann in einem Nachen wieder an Bord des Mongolia, und begab sich in seine Cabine. Hierauf nahm er sein Notizbuch, worin er Folgendes eingetragen hatte:

»Abgefahren aus London, Mittwoch den 2. October, 8 Uhr 45 Min. Abends.

»Ankunft zu Paris, Donnerstag den 3. October, 7 Uhr 20 Min. Vorm.

»Abfahrt aus Paris, Donnerstag, 8 Uhr 40 Min. Vorm.

»Ankunft, durch den Mont-Cenis, zu Turin, Freitag den 4. October, 6 Uhr 35 Minuten Vorm.

»Abfahrt aus Turin, Freitag, 7 Uhr 20 Min. Vorm.

»Angekommen zu Brindisi, Samstag den 5. October, 4 Uhr Nachm.

»Eingeschifft auf dem Mongolia, Samstag, 5 Uhr Nachm.

»Angekommen zu Suez, Mittwoch den 9. October, 11 Uhr Vorm.

»Summa der Stunden: 158½, macht 6½ Tage.«

Herr Fogg schrieb diese Daten auf ein in Spalten eingetheiltes Reisenotizbüchlein, welches vom 2. October bis zum 21. December angegeben enthielt den Monat, Tag und Datum, die vorgeschriebene Ankunftszeit und die wirkliche Ankunft an jedem der Hauptorte: Paris, Brindisi, Suez, Bombay, Calcutta, Francisco, New-York, Liverpool, London, so daß man an jedem Orte, wohin man kam, den gewonnenen Vorsprung oder die Einbuße beziffern konnte.

Dieses methodische Büchlein gab also stets Rechenschaft, und Herr Fogg wußte immer, ob er einen Vorsprung hatte oder zurückgeblieben war.

Er trug also an diesem Tage, Mittwoch den 9. October, seine Ankunft zu Suez ein, welche mit der vorgeschriebenen Ankunftszeit verglichen weder einen Gewinn noch Verlust nachwies.

Darauf ließ er sich in seiner Cabine ein Frühstück auftragen. Die Stadt zu besehen, fiel ihm nicht ein, denn er gehörte zu der Sorte von Engländern, welche die Länder, durch welche sie reisen, von ihren Bedienten besehen lassen.

Dreißigstes Capitel.

Dreißigstes Capitel.

Phileas Fogg thut nur seine Schuldigkeit.

Drei Reisende, Passepartout darunter, waren verschwunden. Waren sie im Kampf gefallen? waren sie Gefangene? Man konnte es noch nicht wissen.

Viele waren verwundet, aber keiner tödtlich. Zu den Schwerverwundeten gehörte der Oberst Proctor, der sich tapfer geschlagen hatte und durch eine Kugel zu Boden gestreckt worden war. Sie wurden auf dem Bahnhof sogleich in Pflege genommen.

Mrs. Aouda war wohlbehalten. Phileas Fogg, obwohl er sich nicht geschont, hatte keinen Ritz. Fix war unbedeutend am Arm verwundet. Aber Passepartout fehlte, und die junge Frau vergoß Thränen um ihn.

Inzwischen hatten alle Reisenden den Zug verlassen. Die Räder der Waggons waren mit Blut befleckt, und Fleischklumpen hingen an den Naben und Speichen. Weithin auf der weißen Fläche sah man rothe Streifen. Die hintersten der Indianer verschwanden im Süden am Republican-River.

Herr Fogg stand mit gekreuzten Armen unbeweglich: es war eine wichtige Entschließung zu fassen. Mrs. Aouda, die neben ihm stand, blickte ihn an, ohne ein Wort zu sprechen … Er verstand diesen Blick. War sein Diener gefangen, mußte man nicht Alles daran setzen, ihn den Indianern zu entreißen? …

»Ich werde ihn wiederbekommen, todt oder lebenbig, sagte er einfach zu Mrs. Aouda.

– Ah! mein Herr! rief die junge Frau aus, faßte die Hände ihres Begleiters und bedeckte sie mit Thränen.

– Lebendig! fuhr Herr Fogg fort, wenn wir keine Minute verlieren!«

Mit diesem Entschluß setzte Phileas Fogg Alles daran. Er konnte seinen Ruin herbeiführen. Verspätete er sich um einen einzigen Tag, so verfehlte er das Packetboot zu New-York, und seine Wette war unrettbar verloren. Aber der Gedanke: »Es ist meine Pflicht!« ließ ihn nicht schwanken.

Der commandirende Hauptmann des Forts Kearney war zugegen. Seine Soldaten, etwa hundert Mann, waren im Vertheidigungszustand für den Fall, daß die Sioux den Bahnhof direct angegriffen hätten.

»Mein Herr, sagte Herr Fogg zu dem Capitän, drei Reisende sind verschwunden.

– Todt? fragte der Capitän.

– Todt oder gefangen, erwiderte Phileas Fogg. Die Ungewißheit darüber muß beseitigt werden. Wollen Sie die Sioux verfolgen?

– Das ist bedenklich, mein Herr, sagte der Capitän. Diese Indianer können bis über den Arkansas hinaus fliehen! Ich darf die anvertraute Feste nicht verlassen.

– Mein Herr, versetzte Phileas Fogg, es handelt sich um drei Menschenleben.

– Allerdings … Aber kann ich fünfzig Leben einsetzen, um drei zu retten?

– Ich weiß nicht, ob Sie’s können, mein Herr, aber Ihre Pflicht ist’s.

– Mein Herr, erwiderte der Capitän, Niemand hier hat mich meine Pflicht zu lehren.

– Nun gut, sagte Phileas Fogg kalt. So werd‘ ich allein gehen.

– Sie, mein Herr! schrie Fix, der herbeigekommen war, – Sie wollen allein die Indianer verfolgen!

– Meinen Sie denn, daß ich diesen Unglücklichen, welchem wir alle das Leben verdanken, zu Grunde gehen lasse. – Ich gehe.

– Nun denn, allein sollen Sie nicht gehen! rief der Kapitän, der sich der Rührung nicht erwehren konnte. Nein! Sie sind ein wackeres Herz! … Dreißig Mann, die guten Willen haben!« fuhr er fort zu seinen Soldaten.

Die ganze Compagnie trat in Masse vor. Der Kapitän hatte nur auszuwählen. Es wurden dreißig dazu bestimmt, und ein alter Sergeant trat an ihre Spitze.

»Danke, Kapitän! sprach Herr Fogg.

– Gestatten Sie mir, Sie zu begleiten? fragte Fix den Gentleman.

– Thun Sie nach Belieben, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg. Aber wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, so bleiben Sie bei Mrs. Aouda. Sollte mir ein Unglück widerfahren …«

Das Gesicht des Polizei-Agenten erblaßte. Sich von dem Manne trennen, welchen er mit soviel Ausdauer auf Schritt und Tritt verfolgt hatte! Ihn so sich in Gefahr begeben lassen! Fix sah dem Gentleman achtsam in’s Angesicht, und trotz seiner vorgefaßten Meinung, trotz seines innern Kampfes schlug er die Augen nieder vor diesem ruhigen und offenen Blick.

»Ich bleibe zurück«, sprach er.

Nach einigen Augenblicken drückte Herr Fogg der jungen Frau die Hand, übergab ihr sodann seinen kostbaren Reisesack und machte sich mit dem Sergeanten und seiner kleinen Truppe auf den Weg.

Doch ehe sie gingen, sprach er zu den Soldaten:

»Meine Freunde, Sie bekommen tausend Pfund, wenn wir die Gefangenen retten!«

Es war damals einige Minuten über zwölf Uhr.

Mrs. Aouda hatte sich in ein Gemach des Bahnhofes zurückgezogen und wartete da einsam, in Gedanken an Phileas Fogg, seinen einfachen, großen Edelmuth, seinen ruhigen Muth. Herr Fogg hatte sein Vermögen daran gesetzt und jetzt wagte er sein Leben, und das Alles ohne Schwanken, aus Pflichtgefühl, ohne viel Worte. Phileas Fogg war ein Heros in ihren Augen.

Der Agent Fix hatte andere Gedanken, und konnte seiner lebhaften Bewegung nicht Meister werden. In fieberhafter Bewegung ging er auf dem Quai des Bahnhofes auf und ab. Bald war er wieder er selbst. Nun begriff er, wie thöricht es gewesen, ihn fort zu lassen. Wie? nachdem er diesem Manne um die Erde herum nachgefolgt, jetzt sich von ihm trennen! Er machte sich Vorwürfe, als wie der Polizeidirector der Hauptstadt einem Agenten.

»Wie war ich dumm! dachte er. Der andere wird ihm gesagt haben, wer ich bin! Jetzt ist er fort und wird nicht mehr wiederkommen! Aber wie hab‘ ich mich nur so können bethören lassen, mit dem Verhaftsbefehl in der Tasche! Ich bin doch wahrhaftig ein Rindvieh!«

Indessen flossen ihm die Stunden langsam; er wußte nicht, was er thun sollte. Manchmal hatte er Lust, der Mrs. Aouda Alles zu sagen; doch fiel ihm ein, die junge Frau würde dies übel aufnehmen. Er fing an muthlos zu werden und empfand große Lust, die ganze Partie aufzugeben. Die Gelegenheit dazu bot sich ihm bald dar.

Gegen zwei Uhr Nachmittags, während der Schnee in großen Flocken fiel, hörte man von Osten her langes Pfeifen. Ein enormer Schatten hinter einem gelben Schein kam langsam heran, und gewann im Nebel bedeutend vergrößert ein phantastisches Aussehen.

Doch erwartete man von Osten her noch keinen Zug. Der durch den Telegraphen begehrte Beistand konnte so bald noch nicht anlangen, und der Zug von Omaha nach San Francisco sollte erst am folgenden Tag vorüberkommen. Bald stellte sich heraus, wie es sich verhielt.

Die langsam heran kommende Locomotive war dieselbe, welche vom Zug abgetrennt mit erstaunlicher Schnelligkeit sammt dem Maschinisten und Heizer weiter gefahren war. Sie war noch einige Meilen auf den Schienen gelaufen; dann ließ das Feuer aus Mangel an Heizung nach; der Dampf verlor seine Kraft, und eine Stunde nachher blieb die Maschine, zwanzig Meilen über der Station Kearney, stehen.

Der Maschinist und der Heizer waren nicht todt geblieben und kamen nach langer Ohnmacht wieder zu sich. Damals stand die Maschine bereits still, und der Maschinist, als er die Locomotive allein, ohne Wagen hinter sich sah, dachte sich, was vorgefallen war, und er war überzeugt, daß der zurückgebliebene Zug in Bedrängniß sei. Er besann sich keinen Augenblick darüber, was seine Pflicht sei. Nach Omaha weiter zu fahren, war klug; umzukehren zu dem, vielleicht noch von den Indianern geplünderten Zug, war gefährlich … Gleichviel! Einige Schaufeln Kohlen und Holz belebten wieder das Feuer, der Dampf wirkte von Neuem und gegen zwei Uhr Nachmittags war die Maschine wieder auf dem Rückweg zur Station Kearney.

Die Reisenden waren höchlich erfreut, als sie die Maschine wieder an der Spitze des Zuges sahen, um die so jämmerlich unterbrochene Reise fortzusetzen.

Als die Maschine anlangte, wendete sich Mrs. Aouda an den Conducteur:

»Sie wollen abfahren? fragte sie.

– Im Augenblick, Madame.

– Aber die Gefangenen … unsere unglücklichen Begleiter…

– Ich kann den Dienst nicht unterbrechen, versetzte der Conducteur. Wir sind schon um drei Stunden verspätet.

– Und wann wird der nächste Zug von San Francisco vorbeikommen?

– Morgen Abend, Madame.

– Morgen Abend! Aber das ist zu spät. Sie müssen warten …

– Unmöglich, erwiderte der Conducteur. Wollen Sie mitfahren, so steigen Sie ein.

– Ich fahre nicht mit«, war die Antwort.

Fix hatte der Unterredung zugehört. Einige Augenblicke zuvor, als jedes Mittel der Weiterbeförderung ihm abging, wäre er im Stande gewesen, Kearney zu verlassen, und jetzt, da der Zug zum Abfahren bereit war, und er nur einzusteigen brauchte, fühlte er sich mit unwiderstehlicher Gewalt festgehalten. Bei erneuertem Schwanken behielt der Zorn über seinen Mißerfolg die Oberhand.

Inzwischen hatten die Passagiere und einige Verwundete – unter andern der Oberst Proctor – ihre Plätze im Waggon eingenommen. Die siedenden Kessel summten, der Dampf entwich aus den Klappen, der Maschinist pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und enteilte rasch, seine Dampfwirbel verschwanden im Schneegestöber.

Der Agent Fix war nicht mitgefahren.

Es verlief Stunde auf Stunde bei sehr schlimmem Wetter, strenger Kälte. Fix saß auf einer Bank im Bahnhof unbeweglich, man konnte meinen, er schlafe. Mrs. Aouda verließ trotz des Unwetters jeden Augenblick das ihr eingeräumte Zimmer. Sie lief bis an’s Ende des Quai, trachtete durch das Schneewetter hindurch zu sehen, den dichten Nebel zu durchdringen, horchte auf jedes Geräusch. Vergebens. Dann kehrte sie ganz starr zurück, um bald nachher wieder zu kommen, doch immer vergebens.

Es ward Abend, und die Truppe war noch nicht zurück. Wo mochte sie eben sein? War es möglich, die Indianer einzuholen? Kämpften die Soldaten, oder schweiften sie im Nebel umher? Der Capitän war in großer Unruhe, obwohl er’s nicht merken lassen wollte.

Es ward Nacht, der Schnee fiel nicht mehr so arg, aber die Kälte nahm zu. Unermeßliches Dunkel, tiefe Stille lag über der Ebene, kein Vogelflug, keine Spur eines Wildes.

Mrs. Aouda, den Geist voll schlimmer Ahnungen, das Herz voll Angst, lief die ganze Nacht hindurch unstet am Rande des Wiesengrundes hin und her. Ihre Phantasie malte ihr tausend Gefahren vor: sie litt unaussprechlich in diesen langen, langen Stunden.

Fix, stets unbeweglich an derselben Stelle, war ebenfalls schlaflos.

So verlief die Nacht. Bei Tagesanbruch stieg die halb erloschene Sonnenscheibe am nebeligen Horizont auf. Doch konnte der Blick bis auf zwei Meilen weit dringen. Im Süden, wohin Phileas Fogg mit seiner Truppe gezogen, war Alles öde und leer. Es war sieben Uhr Vormittags.

Der Capitän, in äußerster Besorgniß, wußte nicht, was er anfangen sollte. Der ersten Truppe eine zweite zum Beistand nachschicken? Durfte er bei so wenig Aussicht auf Rettung noch mehr Truppen opfern? Er winkte einem Lieutenant und befahl eine Recognoscirung vorzunehmen, – da ließen sich Schüsse vernehmen, die Soldaten stürzten aus dem Fort heraus, und in der Entfernung einer halben Meile sah man die kleine Truppe in bester Ordnung auf der Rückkehr, Herrn Fogg an der Spitze und neben ihm Passepartout mit den beiden anderen Reisenden, den Händen der Sioux entronnen.

Zehn Meilen südwärts von Kearney hatte ein Kampf stattgefunden. Kurz vor der Ankunft der Truppen waren Passepartout und seine Gefährten bereits handgemein mit ihren Hütern, und der Franzose hatte schon drei derselben mit der Faust niedergeschlagen, als sein Herr mit den Soldaten zu ihrem Beistand erschien.

Die Retter und Geretteten wurden mit Freudengeschrei empfangen, und Phileas Fogg händigte den Soldaten die zugesagte Prämie ein, während Passepartout nicht ganz ohne Grund sich sagte:

»Wahrhaftig, ich mache meinem Herrn große Kosten.«

Fix sprach kein Wort, sah Herrn Fogg in’s Angesicht; was für Gefühle sich in seinem Innern stritten, wäre nicht leicht zu bestimmen. Mrs. Aouda ergriff die Hand des Gentleman, drückte sie warm in den ihrigen, ohne ein Wort vorbringen zu können.

Passepartout hatte sich sogleich, wie er ankam, nach dem Wagenzug umgesehen; er meinte ihn zur Abfahrt nach Omaha bereit zu finden, und hoffte, man könne die verlorene Zeit wieder einbringen.

»Der Zug, der Zug! rief er.

– Der ist fort, erwiderte Fix.

– Und wann kommt der nächste? fragte Phileas Fogg.

– Erst diesen Abend.

– Ah!« war die gelassene Antwort.

Einunddreißigstes Capitel.

Einunddreißigstes Capitel.

Der Polizei-Agent Fix nimmt sich sehr ernstlich der Interessen Fogg’s an.

Phileas Fogg war um zwanzig Stunden verspätet. Passepartout, der unverschuldete Veranlasser, war in Verzweiflung. Ganz gewiß war sein Herr ruinirt!

Da trat der Polizei-Agent zu Herrn Fogg, sah ihm scharf in’s Angesicht und fragte ihn:

»In allem Ernst, mein Herr, Sie haben Eile?

– In allem Ernst, erwiderte Phileas Fogg.

– Ich frage weiter, fuhr Fix fort. Es ist Ihnen wohl darum zu thun, am 11. vor neun Uhr Abends zu New-York zu sein, um das Packetboot nach Liverpool zu benützen?

– Es ist mir dringend darum zu thun.

– Und wäre Ihre Reise nicht durch diesen Indianerkampf gehemmt worden, so wären Sie schon am Morgen des 11. zu New-York angekommen.

– Ja, mit zwölf Stunden Vorsprung.

– Gut. Nun zwanzig Stunden später, macht einen Mangel von acht. Wollen Sie diese einzubringen suchen?

– Zu Fuß? fragte Herr Fogg.

– Nein, im Schlitten, erwiderte Fix, im Segelschlitten. Es hat mir Jemand dieses Transportmittel vorgeschlagen.«

Phileas Fogg gab keine Antwort; als aber Fix ihm den Mann zeigte, welcher ihm den Vorschlag gemacht hatte, und der auf dem Bahnhof auf und ab ging, so trat der Gentleman zu diesem. Alsbald begab er sich mit diesem Amerikaner, Namens Mudge, in eine Hütte neben dem Fort Kearney.

Hier besichtigte er ein etwas sonderbares Gefährt. Auf zwei langen Balken, die vorne gleich der Unterlage eines Schlittens ein wenig aufwärts gebogen waren, befand sich eine Art Gestell, worauf für fünf bis sechs Personen Platz war. An diesem Gestell war, ein Drittheil von vorn, ein hoher Mast mit einem ungeheuern Brigantinsegel aufgerichtet. An diesem, durch Metallbänder wohl befestigten Mast ragte eine eiserne Stange, woran man ein großes Focksegel aufhissen konnte. Am Hintertheile war eine Art Steuerruder, womit das Fahrzeug geleitet werden konnte.

Es war, wie man sieht, ein gleich einer Yacht aufgetakelter Schlitten. Zur Winterszeit, wenn Schneehäufungen die Eisenbahnzüge hemmen, machen auf der gefrorenen Ebene diese Transportgelegenheiten außerordentlich rasche Fahrten von einer Station zur andern. Sie sind übrigens merkwürdig gut besegelt – besser sogar, als es bei einem dem Umschlagen ausgesetzten Renn-Kutter möglich ist – und gleiten, wenn sie den Wind im Rücken haben, über die Prairien mit einer Schnelligkeit, welche die der Eilzüge erreicht, wo nicht übertrifft.

Der Handel mit dem Besitzer dieses Landfahrzeuges war bald richtig, der Wind – ein starker West – war günstig, die Schneedecke gefroren, und so machte sich Mudge anheischig, in einigen Stunden auf die Station Omaha zu fahren. Dort giebt’s häufige Bahnzüge und mehrfache Wege nach Chicago und New-York. Es war nicht unmöglich, die Verspätung nachzuholen. Also galt’s, ohne Besinnen das Abenteuer zu versuchen.

Herr Fogg wünschte der jungen Frau die Pein einer Fahrt in freier Luft, bei dieser Kälte, welche durch die Schnelligkeit noch unerträglicher wurde, zu ersparen und schlug ihr vor, unter der Obhut Passepartout’s auf der Station Kearney zurück zu bleiben. Der brave Bursche sollte es übernehmen, sie auf besseren Wegen und unter annehmlicheren Verhältnissen nach Europa zu bringen.

Mrs. Aouda wollte sich nicht von Herrn Fogg trennen, und Passepartout war über diese Entschließung sehr froh. Er hätte um keinen Preis seinen Herrn verlassen mögen, weil Fix ihn begleiten sollte.

Was damals der Polizei-Agent im Sinne hatte, könnte man nicht leicht sagen. War durch die Rückkehr Phileas Fogg’s seine Ueberzeugung von ihm erschüttert, oder hielt er ihn für einen so äußerst starken Schurken, daß er nach Vollendung seiner Reise um die Erde sich in England für durchaus sicher halten mochte? Vielleicht hatte Fix wirklich seine Meinung über Phileas Fogg geändert, aber er war deshalb nicht minder entschlossen, seine Pflicht zu thun und ungeduldiger als Alle seine Rückkehr nach England zu beschleunigen.

Um acht Uhr war der Schlitten bereit abzufahren. Die Reisenden nahmen darin Platz und drängten sich in ihren Reisedecken enge zusammen. Die beiden ungeheuern Segel wurden aufgehißt und vom Winde getrieben glitt das Gefährt über die gefrorene Schneedecke mit einer Schnelligkeit von vierzig Meilen die Stunde.

Omaha ist vom Fort Kearney in gerader Linie höchstens zweihundert Meilen entfernt, welche, wenn der Wind anhielt, in fünf Stunden zurückgelegt werden konnten. Kam kein hindernder Zwischenfall vor, so mußte der Schlitten um ein Uhr Nachmittags zu Omaha anlangen.

Welche Fahrt! Dicht widereinander gepreßt, konnten die Reisenden nicht miteinander reden. Die durch die Schnelligkeit gesteigerte Kälte hätte ihnen das Wort abgeschnitten. Der Schlitten glitt über die Oberfläche der Ebene so leicht, wie ein Boot über das Wasser, – wenigstens bei hohler See. Strich der Wind über die Erde hin, so schien es als werde der Schlitten durch seine Segel, die weitausgebreiteten Flügeln glichen, vom Boden gehoben. Mudge beim Steuer hielt sich in gerader Linie, und hinderte mit einer Bewegung die Abschweifungen, wozu das Fahrzeug neigte. Die Segel waren voll vom Winde gebläht. Die Schnelligkeit des Schlittens ließ sich nicht mathematisch berechnen, aber gewiß betrug sie nicht weniger als vierzig Meilen in der Stunde.

»Wenn nichts zerbricht, sagte Mudge, so werden wir anlangen!« Und es war Mudge darum zu thun, in der bestimmten Zeit anzulangen, denn Herr Fogg hatte ihn durch eine tüchtige Prämie gespornt.

Der Wiesengrund, welchen der Schlitten in gerader Linie durchschnitt, war eben wie eine Meeresfläche; er glich einem ungeheuern zugefrorenen See. Die Eisenbahn auf diesem Theil des Gebietes zog von Südwest gegen Nordwest über Grand-Island, Columbus, die bedeutendste Stadt in Nebraska, Schuyler, Tremont, dann Omaha. Sie führte längs dem rechten Ufer des Platte-River. Der Schlitten, welcher die Sehne zu dem von der Eisenbahn beschriebenen Bogen fuhr, schnitt also bedeutend ab. Mudge brauchte nicht zu fürchten, vom Platte-River an seiner kleinen Biegung bei Vermont aufgehalten zu werden, weil er zugefroren war. Also war der Weg frei von allen Hindernissen, und Phileas Fogg hatte also nur zwei Unfälle zu fürchten: Beschädigung des Gefährtes, Umschlagen des Windes oder Windstille.

Aber der Wind wehte nicht gelinder; im Gegentheil so kräftig, daß er den Mast bog, der durch seine eisernen Bänder hinlänglich befestigt war.

Mrs. Aouda, sorgfältig in Pelzwerk und ihre Reisedecke eingewickelt, war möglichst gegen die strenge Kälte geschützt. Passepartout, dessen Gesicht so roth war, wie die Sonnenscheibe, wenn sie von Nebel verdeckt ist, schlürfte die scharfe Luft mit Behagen. Auf Grund seiner unverwüstlichen Zuversicht hatte er wieder Hoffnung gefaßt. Anstatt Vormittags zu New-York einzutreffen, sollte man Abends anlangen, aber es war noch einigermaßen zu besorgen, es möge nicht vor Abfahrt des Packetbootes nach Liverpool sein.

Passepartout bekam sogar einmal Lust, seinem Verbündeten Fix die Hand zu drücken. Er vergaß nicht, daß der Polizei-Agent selbst den Segelschlitten verschafft hatte und damit das einzige Mittel, zu Omaha zeitig anzukommen. Aber aus einem unbestimmten Vorgefühl blieb er bei seiner gewöhnlichen Rückhaltung. Jedenfalls aber gab’s eine Thatsache, die Passepartout nie zu vergessen fähig war, das Opfer, welches Herr Fogg, ohne sich zu besinnen, gebracht hatte, ihn aus den Händen der Sioux zu befreien. Daran hatte derselbe Vermögen und Leben gesetzt … Nein, solch ein Opfer ist unvergeßlich!

Während so jeder der Reisenden sich anderen Betrachtungen hingab, flog der Schlitten über die unermeßliche Schneedecke. Wenn es mitunter über Bäche, Flüsse und Nebenflüsse des Little-Blue-River ging, merkte man’s nicht. Die Felder und Gewässer lagen unter einer gleichförmigen Schnee- und Eisdecke. Die Ebene war durchaus menschenleer; sie lag wie eine unbewohnte Insel zwischen der Union- Pacific-Bahn und der Abzweigung, welche Kearney mit St. Joseph verbinden soll: kein Dorf, keine Station, nicht einmal ein Fort. Von Zeit zu Zeit sah man blitzschnell einen Baum vorüberfliegen, dessen weißes Gezweig unter des Windes Gewalt sich bog. Mitunter flogen Trupp wilder Vögel in gleicher Richtung. Bisweilen auch sah man Wölfe der Prairien in zahlreichen Truppen, abgemagert und ausgehungert, dem Trieb ihrer reißenden Natur gemäß, an Schnelligkeit mit dem Schlitten wetteifern. Dann griff Passepartout zum Revolver, um auf die nächsten zu feuern. Hätte da ein Zufall den Schlitten gehemmt, so wären die Reisenden, von dem grimmigen Wild angefallen, in der allergrößten Gefahr gewesen. Aber der Schlitten hielt sich gut, bekam bald einen Vorsprung, und die ganze Truppe blieb heulend dahinten.

Um Mittag erkannte Mudge an einigen Zeichen, daß man über den zugefrorenen Platte-River setzte. Er sagte nichts, war aber doch sicher, daß er nur noch zwanzig Meilen von Omaha entfernt war.

Und es dauerte wirklich keine Stunde mehr, bis der geschickte Führer das Steuer verließ, eiligst die Ziehtaue der Segel ergriff und diese beizog, während der Schlitten unwiderstehlich getrieben noch eine halbe Meile weit ohne die Segelkraft fortglitt. Endlich hielt er an, und Mudge wies auf einen Haufen schneebedeckter Häuser mit den Worten:

»Wir sind an Ort und Stelle.«

Allerdings an Ort und Stelle, an der Station, welche durch zahllose Bahnzüge täglich mit den östlichen Staaten in fortgesetzter Verbindung steht!

Passepartout und Fix sprangen heraus und schüttelten ihre erstarrten Glieder; dann waren sie Herrn Fogg und der jungen Frau beim Aussteigen behilflich. Phileas Fogg rechnete freigebig mit Mudge ab, Passepartout drückte ihm freundlich die Hand, und alle eilten hastig auf den Bahnhof von Omaha.

Bei dieser bedeutenden Stadt Nebraskas hört die eigentliche Pacific-Bahn auf, welche das Mississippi-Becken mit dem Ocean verbindet. Von Omaha nach Chicago führt die »Chicago-Rock-Island-Road«, welche Bahn mit fünfzig Stationen gerade ostwärts läuft.

Ein directer Zug stand zum Abfahren bereit. Phileas Fogg hatte mit seinen Begleitern kaum noch Zeit in einen Waggon zu stürzen.

Mit äußerster Schnelligkeit fuhr dieser Zug in den Staat Iowa über Council Bluffs, Iowa-City. Während der Nacht setzte er zu Davenport über den Mississippi, und gelangte über Rock-Island nach Illinois. Am folgenden Tage, den 10., um vier Uhr Abends, kam er zu Chicago an, das aus seinen Ruinen schon wieder auferstanden, stolzer wie jemals am Ufer seines schönen See’s Michigan liegt.

Chicago ist noch neunhundert Meilen von New-York entfernt, und es fehlte nicht an Zügen, die dahin abgingen. Herr Fogg konnte unmittelbar aus einem in den andern steigen. Die flinke Locomotive der »Pittsburg-Fort-Wayne-Chicago-Bahn« fuhr mit größter Geschwindigkeit, als hätte sie gewußt, daß der ehrenwerthe Gentleman keine Zeit zu verlieren hatte. Wie ein Blitz drang sie durch Indiana, Ohio, Pennsylvanien, New-Jersey, an Städten mit antiken Namen vorüber, die zwar Straßen und Rinnenschienenwege hatten, aber noch keine Häuser. Endlich zeigte sich der Hudson, und am 11. December um elf Uhr und ein Viertel Abends lief der Zug in den Bahnhof ein und hielt am rechten Ufer des Flusses dicht vor dem Hafendamm der Dampfer der Linie Cunard, ehemals genannt »British and North-American royal Mail Steam Packet Co.«


Der »China« war fünfundvierzig Minuten zuvor nach Liverpool abgefahren!

Zweiunddreißigstes Capitel.

Zweiunddreißigstes Capitel.

Phileas Fogg in unmittelbarem Kampf mit dem Mißgeschick.

Der »China« schien durch seine Abfahrt Phileas Fogg’s letzte Hoffnung mitgenommen zu haben.

In der That, keins der direct zwischen Amerika und Europa fahrenden Packetboote konnte den Absichten des Gentleman dienen.

Der Pereira, der französischen transatlantischen Compagnie gehörig, ging erst übermorgen, den 14. December ab. Und zudem fuhr er nicht nach Liverpool oder London, sondern nach Havre, und die Ueberfahrt von da nach Southampton hätte seine letzte Anstrengung vergeblich gemacht.

Ein Boot der Compagnie Imman, City of Paris, stach zwar übermorgen in See, aber an dieses durfte man nicht denken. Diese Schiffe sind insbesondere für Auswanderer bestimmt, haben schwache Maschinen und fahren langsam.

Ueber dies alles setzte sich der Gentleman durch seinen Bradshaw in Kenntniß.

Passepartout war vernichtet. Um fünfundvierzig Minuten zu spät, das war zu arg! Und er trug die Schuld, da er, anstatt seinen Herrn zu fördern, ihm unaufhörlich Hindernisse in den Weg gelegt hatte! Und wenn er in seinem Geiste alle Begebenheiten der Reise überschaute, wenn er die rein verlorenen und lediglich in seinem Interesse verausgabten Summen zusammenrechnete, wenn er daran dachte, daß diese enorme Wette, zugerechnet die beträchtlichen nun unnütz gewordenen Reisekosten, Herrn Fogg vollständig ruiniren würden, – so konnte er sich der ärgsten Vorwürfe nicht erwehren.

Doch machte ihm Herr Fogg nicht den mindesten Vorwurf, und als er den Pier der transatlantischen Packetboote verließ, sprach er nur:

»Morgen wollen wir weiter fahren. Kommen Sie.«

Herr Fogg, Mrs. Aouda, Fix, Passepartout setzten über den Hudson und fuhren in einem Fiaker zum Hotel St. Nicolas in Broadway. Phileas Fogg verbrachte die Nacht in völlig ruhigem Schlaf, aber Mrs. Aouda und seine Begleiter konnten vor Aufregung nicht schlafen.

Der folgende Tag war der 12. December. Von da an, sieben Uhr Vormittags, bis zum 21., acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends, blieben noch neun Tage, dreizehn Stunden und fünfundvierzig Minuten. Wäre also Phileas Fogg am Abend zuvor mit dem China, einem der besten Segler der Linie Cunard, abgefahren, so wäre er zu der bestimmten Zeit in Liverpool, dann in London eingetroffen!

Herr Fogg verließ allein das Hotel, nachdem er seinem Diener anbefohlen, auf ihn zu warten, und der Mrs. Aouda anzusagen, sie möge sich jeden Augenblick bereit halten.

Hierauf begab er sich an das Ufer des Hudson, und suchte unter den am Quai oder im Fluß vor Anker liegenden Schiffen achtsam solche, die zur Abfahrt bereit waren. Es hatten wohl mehrere Fahrzeuge die Abfahrtsflagge aufgesteckt und rüsteten sich, morgen mit der Fluth in See zu stechen; denn in dem unermeßlichen und bewundernswerten Hafen von New-York verfließt kein Tag, wo nicht Hunderte von Fahrzeugen nach allen Weltgegenden abfahren, aber es waren meist Segelbarken, die Phileas Fogg nicht dienlich sein konnten.

Bereits schien sein letzter Versuch zu scheitern, als er höchstens eine Kabellänge vor der Batterie ankernd ein feingeformtes Handelsfahrzeug gewahrte, einen Schraubendampfer, dessen Rauchwolken zeigten, daß es sich zur Abfahrt rüstete.

Phileas Fogg fuhr in einem Nachen hinüber zur Henrietta, deren Rumpf von Eisen, die obern Theile sämmtlich von Holz waren. Der Kapitän befand sich an Bord. Phileas Fogg stieg auf das Verdeck und fragte nach demselben; er erschien sogleich.

Es war ein Fünfziger, eine Art Seewolf, der nicht aussah, als sei er gefällig. Starke Augen kupferfarbige Haut, rothe Haare, dicker Hals – keine Spur von einem Weltmann.

»Der Kapitän? fragte Herr Fogg.

– Der bin ich.

– Ich bin Phileas Fogg, aus London.

– Und ich Andrew Speedy, aus Cardiff.

– Sie sind im Begriff abzufahren? …

– In einer Stunde.

– Sie haben Ladung nach …

– Bordeaux.

– Und sie besteht?

– Aus Steinen im Bauch. Kein Frachtgut, nur Ballast.

– Haben Sie Passagiere?

– Die nehm ich nicht. Niemals. Waare, die den Raum füllt und räsonnirt.

– Ihr Schiff fährt gut?

– Elf bis zwölf Knoten. Die Henrietta kennt man.

– Wollen Sie mich nebst drei Personen nach Liverpool überfahren?

– Nach Liverpool? Warum nicht nach China?

– Mein Reiseziel ist Liverpool.

– Nein!

– Nein?

– Nein. Mein Reiseziel ist Bordeaux, und dahin fahre ich.

– Macht der Preis nichts aus?

– Nichts.«

Der Ton des Kapitäns gestattete keine Erwiderung.

»Aber wer ist Rheder der Henrietta? versetzte Phileas Fogg.

– Rheder bin ich selbst, erwiderte der Kapitän. Das Schiff ist mein eigen.

– Ich mieth‘ es Ihnen ab.

– Nein.

– Ich kauf’s Ihnen ab.

– Nein.«

Phileas Fogg verzog keine Miene. Indessen, die Lage war bedenklich. Zu New-York war’s anders als in Hongkong, und der Kapitän der Henrietta ein anderer Mann, als der Patron der Tankadère. Bisher überwand der Gentleman alle Hindernisse mit Gold. Diesmal wollte es nicht gelingen.

Und doch galt es ein Mittel, zu Schiffe über den Ocean zu kommen – sofern nicht im Ballon, – was sehr abenteuerlich, und eben nicht ausführbar war.

Es schien jedoch, Phileas Fogg hatte eine Idee. Er sagte zum Kapitän:

»Nun, wollen Sie mich nach Bordeaux mitnehmen?

– Nein, und wollten Sie mir zweihundert Dollars zahlen!

– Ich zahle Ihnen zweitausend.

– Für die Person?

– Für die Person.

– Und es sind Ihrer vier?

– Vier.«

Nun rieb sich der Kapitän Speedy die Stirne. Achttausend Dollars verdienen, ohne seine Fahrt zu ändern, das verlohnte wohl, seinen Widerwillen gegen alle Art von Passagieren bei Seite zu setzen. Uebrigens sind Passagiere zu zweitausend Dollars keine Passagiere mehr, die können als kostbares Frachtgut gelten.

»Ich fahr‘ um neun Uhr ab, sagte einfach der Kapitän Speedy, und wenn Sie mit Ihren Leuten dann hier sind? …

– Um neun Uhr werden wir an Bord sein!« erwiderte ebenso einfach Herr Fogg.

Es war halb neun Uhr. An’s Land setzen, in einen Wagen steigen, in’s Hotel St. Nicolas fahren, und Mrs. Aouda, Passepartout, und selbst den unvermeidlichen Fix, welchem er gefällig einen Platz anbot, abholen – das geschah mit derselben Seelenruhe, welche den Gentleman niemals verließ.

Im Moment, als die Henrietta abfahren wollte, befanden sich alle vier an Bord.

Als Passepartout hörte, was diese letzte Fahrt kosten sollte, ließ er ein langes Oh! vernehmen, das alle Intervalle der chromatischen Tonleiter hinab lief.

Der Polizei-Agent Fix sagte sich, die Bank von England werde sicherlich nicht ohne schweren Verlust davonkommen. Wirklich, nahm man an, daß Herr Fogg nicht noch einige Handvoll Banknoten in’s Meer warf, so fehlten bereits über siebentausend Pfund im Banknotensack.

Dreiunddreißigstes Capitel.

Dreiunddreißigstes Capitel.

Phileas Fogg auf der Höhe der Lage.

Eine Stunde nachher fuhr der Dampfer Henrietta am Leuchtboot vorüber, welches die Einfahrt des Hudson bezeichnet, um die Spitze Sandy-Hook herum und stach in’s Meer.

Während dieses Tages hielt er sich längs Long-Island, auf der Höhe des Leuchtfeuers von Fire-Island in rascher Fahrt ostwärts.

Am folgenden Tage, den 13. December zu Mittag, stieg ein Mann auf den Steg, um das Besteck zu machen. Das muß wohl der Kapitän Speedy sein! Mit nichten. Es war Phileas Fogg, Esq.

Der Kapitän Speedy war ohne Weiteres in seiner Cabine eingeschlossen, wo er heulte und schrie aus sehr berechtigtem Zorne. Es war sehr einfach hergegangen.

Phileas Fogg wollte nach Liverpool fahren, der Kapitän wollte nicht. Da hatte sich jener in die Fahrt nach Bordeaux gefügt, aber seit den dreißig Stunden, da er an Bord war, hatten seine Banknoten so gut gewirkt, daß die etwas gemischte Mannschaft, Matrosen und Heizer – die mit dem Kapitän auf schlechtem Fuß stand – ihm angehörte. Darum war Phileas Fogg Commandant des Schiffes, anstatt des Kapitäns Speedy, deshalb dieser eingeschlossen, und die Henrietta steuerte auf Liverpool. Offenbar, wenn man Herrn Fogg manoeuvriren sah, zeigte sich’s, daß derselbe ein Seemann war.

Wie das Abenteuer ablaufen werde, sollte man später sehen. Doch war Mrs. Aouda fortwährend unruhig, ohne es zu äußern. Fix war anfangs verblüfft. Passepartout fand die Sache ganz einfach wunderhübsch.

»Elf bis zwölf Knoten«, hatte der Kapitän Speedy gesagt, und in der That hielt sich die Henrietta durchschnittlich so schnell.

Wenn also das Meer nicht zu schlimm wurde, wenn der Wind nicht umschlug, wenn das Fahrzeug nicht Schaden litt, kein Unfall die Maschine traf: so war es möglich, daß die Henrietta in den neun Tagen vom 12. bis 21. December die dreitausend Meilen bis Liverpool zurücklegte. Zwar nach der Ankunft konnte diese Sache, die noch zu der Sache der Bank hinzukam, den Gentleman etwas weiter führen, als er beabsichtigte.

Während der ersten Tage ging die Fahrt vortrefflich von Statten. Das Meer war nicht sehr schwierig; der Wind schien fast nordöstlich zu wehen; die Segel wurden aufgehißt und die Henrietta segelte wie ein echter Oceanfahrer.

Passepartout war über den letzten Streich seines Herrn wie begeistert. Wie war er munter, behend! Die Matrosen staunten über seine Sprünge. Sein guter Humor theilte sich allen mit. Er hatte alle Gefahren und Mühseligkeiten vergessen, dachte nur an das so nahe Ziel, brennend vor Ungeduld. Mit Fix nur sprach er kein Wort.

Dieser wußte die Sache nicht mehr zu fassen! Die Henrietta erobert, ihre Mannschaft verkauft, Fogg ein vollendeter Seemann – das alles ging über seine Begriffe! Aber demungeachtet, konnte nicht ein Gentleman, der fünfundfünfzigtausend Pfund raubte, am Ende auch ein Schiff rauben? Und ganz natürlich knüpfte sich daran der Gedanke, daß die Henrietta, von Fogg gesteuert, gar nicht nach Liverpool segle, sondern irgend sonst an einen Punkt, wo der Dieb und Seeräuber sich ruhig in Sicherheit bringen würde. Der Detectiv fing nun an ernstlich zu bedauern, daß er sich in die Sache eingelassen.

Der Kapitän Speedy tobte unausgesetzt in seiner Cabine, und Passepartout, der beauftragt war ihm seine Kost zu bringen, that’s trotz seiner Stärke nur mit größter Vorsicht.

Am 13. kam man an der Spitze der Bank von Newfoundland vorüber. Das ist eine schlimme Gegend, wo, im Winter zumal, häufige Nebel, fürchterliche Windstöße vorkommen. Seit dem Abend zuvor war der Barometer rasch gesunken, ließ eine bevorstehende Aenderung der Luftbeschaffenheit vermuthen. In der That änderte sich während der Nacht die Temperatur, es wurde lebhaft kalt und zugleich schlug der Wind um zu Südost.

Es war ein widriges Ereigniß; um nicht aus seiner Richtung zu kommen, mußte Herr Fogg seine Segel einziehen und den Dampf verstärken. Dennoch nahm die Schnelligkeit des Schiffes ab, da bei diesem Zustand des Meeres die starken Wellen wider seinen Vordersteven schlugen. Der Wind wurde allmälig zum Orkan, und man sah den Fall voraus, daß die Henrietta sich nicht mehr gegen die Wogen würde halten können.

Zugleich mit dem Himmel wurde auch Passepartout’s Angesicht wieder düster, und während zwei Tagen schwebte der brave Junge in Todesängsten. Aber Phileas Fogg war ein kühner Seemann, der dem Meere Trotz zu bieten verstand, und hielt sich fortwährend in der Richtung. Wenn die Henrietta nicht über die Wellen gleiten konnte, drang sie hindurch, daß ihr Verdeck ganz überspült wurde. Bisweilen, wenn ein Wasserberg den hinteren Theil aus den Wellen emporhob, tauchte auch die Schraube aus dem Wasser auf, aber das Schiff kam dabei immer vorwärts.

Doch wurde der Wind nicht so stark, als man befürchten konnte; aber leider wehte er hartnäckig aus Südost, und gestattete nicht die Segel aufzuspannen. Und doch wäre es sehr dienlich gewesen, dem Dampf fördernd beizustehen.

Am 16. December war der fünfundsiebenzigste Tag seit der Abfahrt von London. Die Henrietta war noch nicht in beunruhigender Weise verspätet. Fast die Hälfte der Fahrt über den Ocean war gemacht, und die schlimmsten Seestriche waren vorüber. Im Sommer konnte man schon für den Erfolg bürgen; im Winter war man der übeln Witterung preisgegeben. Passepartout äußerte sich nicht. Im Grund hegte er Hoffnung, und wenn der Wind auch mangelte, rechnete er wenigstens auf den Dampf.

An diesem Tage nun kam der Maschinist auf das Verdeck, begegnete Herrn Fogg, und unterhielt sich sehr lebhaft mit ihm.

Ohne zu wissen warum – wohl aus schlimmer Ahnung – ward Passepartout unruhig. Er hätte ein Ohr hingegeben, um mit dem anderen zu hören, was gesprochen wurde. Doch konnte er einige Worte erlauschen, unter anderen, wie sein Herr sprach:

»Sind Sie dessen gewiß, was Sie melden?

– Ja, mein Herr, erwiderte der Maschinist. Vergessen Sie nicht, daß wir seit unserer Abfahrt alle unsere Oefen heizen, und hatten wir auch Kohlen genug, um mit schwachem Dampf nach Bordeaux zu fahren, so reicht das nicht aus für die Fahrt nach Liverpool mit stärkstem Dampf!

– Ich will Vorsorge treffen«, erwiderte Herr Fogg. Passepartout hatte es verstanden. Es ward ihm todtangst.

Die Kohlen gingen aus!

»Ah! wenn mein Herr dies parirt, sprach er bei sich, ist er gewiß ein famoser Mann!«

Und als er mit Fix zusammentraf, konnte er nicht umhin, ihn von der Lage in Kenntniß zu setzen.

»Dann glauben Sie also, erwiderte der Agent, daß wir nach Liverpool fahren!

– Wahrhaftig!

– Schwachkopf!« versetzte der Agent, und zuckte die Achseln.

Passepartout war im Begriff, diese Bezeichnung, deren eigentlichen Sinn er übrigens nicht verstehen konnte, derb zurückzuweisen; aber er sagte sich, daß dem unglückseligen Fix ein gewaltiger Strich durch die Rechnung gemacht worden, daß er sich in seiner Eigenliebe sehr gedemüthigt fühlen mußte, nachdem er so ungeschickt eine falsche Fährte um die ganze Erde herum verfolgt, und ließ es dabei bewenden.

Und was war jetzt Phileas Fogg im Begriff für einen Entschluß zu fassen? Das war schwer zu denken. Indessen schien es, als habe der phlegmatische Gentleman ein Auskunftsmittel gefunden, denn an demselben Abend ließ er den Maschinisten kommen und sagte zu ihm:

»Lassen Sie stärker feuern und fahren Sie weiter, bis das Brennmaterial völlig zu Ende ist.«

Das Schiff fuhr also mit voller Dampfkraft weiter; aber nach zwei Tagen, am 18., meldete der Maschinist, daß an diesem Tage die Kohlen mangeln würden.

»Man vermindere das Feuern nicht«, erwiderte Herr Fogg.

An diesem Tage ließ Fogg um Mittag, nachdem er die Lage des Schiffes aufgenommen, Passepartout kommen und trug ihm auf, den Kapitän Speedy zu holen. Dem braven Burschen kam es vor, als solle er einen Tiger loslassen, und er sagte beim Hinabgehen in’s Hinterverdeck:

»Ganz gewiß wird er wüthend sein!«

Wirklich, nach einigen Minuten kam der Kapitän Speedy unter Schreien und Fluchen auf’s Verdeck, gleich einer Bombe, die zerplatzen will.

»Wo sind wir? waren seine ersten Worte, im Begriff, vor Zorn zu ersticken.

– Wo sind wir? rief er wiederholt, das Gesicht von Zuckungen verzerrt.

– Siebenhundertundsiebenzig Meilen von Liverpool, erwiderte Herr Fogg mit unverwüstlichem Gleichmuth.

– Pirat! schrie Andrew Speedy.

– Ich habe Sie rufen lassen, mein Herr …

– Seeräuber!

– … mein Herr, fuhr Phileas Fogg fort, um Sie zu bitten, mir Ihr Schiff zu verkaufen.

– Nein, bei allen Teufeln, nein!

– Ich bin genöthigt, es zu verbrennen.

– Mein Schiff verbrennen!

– Ja, die oberen Theile wenigstens, denn das Brennmaterial ist ausgegangen.

– Mein Schiff verbrennen! schrie der Kapitän Speedy, der kaum noch Sylben vorbringen konnte. Mein Schiff ist fünfzigtausend Dollars werth!

– Hier haben Sie sechzigtausend!« erwiderte Phileas Fogg, und bot ihm einen Pack mit Banknoten an.

Dies machte auf Andrew Speedy einen wunderbaren Eindruck. Ein Amerikaner geräth beim Anblick von sechzigtausend Dollars in einige Gemüthsbewegung. Der Kapitän vergaß augenblicklich seinen Zorn, seine Einsperrung, alle seine Beschwerden über seinen Passagier. Sein Schiff war zwanzig Jahre alt, und konnte nun noch eine Goldgrube werden! …

»Und der Rumpf soll mir bleiben, sagte er mit auffallend gemildertem Ton.

– Der eiserne Rumpf und die Maschine, mein Herr. Sind Sie’s zufrieden?

– Abgemacht!«

Und Andrew Speedy nahm die Banknoten, zählte sie und ließ sie in seiner Tasche verschwinden.

Während dieser Scene ward Passepartout leichenblaß. Fix wurde fast vom Schlag gerührt. Bei zwanzigtausend Pfund waren ausgegeben, und dazu gab dieser Fogg noch Rumpf und Maschine, d. h. den Hauptwerth des Schiffes, dem Verkäufer preis! Zwar die der Bank entwendete Summe belief sich auf fünfundfünfzigtausend Pfund!

Als Andrew Speedy das Geld eingesteckt hatte, sprach Herr Fogg zu ihm:

»Mein Herr, daß Sie nicht allzu sehr staunen, will ich Ihnen sagen, daß ich zwanzigtausend Pfund verliere, wenn ich nicht am 21. December, um acht Uhr fünfundvierzig Minuten zu London bin.

– Und ich hab‘ einen guten Handel gemacht, bei allen fünfzigtausend Teufeln der Hölle, rief Andrew Speedy; ich gewinne dabei wenigstens vierzigtausend Dollars.«

Dann fuhr er ruhiger fort:

»Wissen Sie was? Kapitän? …

– Fogg.

– Kapitän Fogg, wahrhaftig, es steckt etwas von einem Yankee in Ihnen.«

Nach diesem vermeintlichen Compliment entfernte er sich, und Phileas Fogg sprach:

»Jetzt gehört das Schiff mir?

– Allerdings vom Kiel bis zu den Mastspitzen, alles Holzwerk, versteht sich!

– Gut. Schlagt jetzt die innere Einrichtung zusammen und feuert damit.«

Man denke, was von diesem trockenen Holz verbraucht werden mußte, um die Dampfkraft in hinreichender Stärke zu erhalten. An diesem Tage gingen das Hinterverdeck, die Cabinen, die Wohnungen, das falsche Verdeck drauf.

Am folgenden Tage, den 19. December, verbrannte man das Mastwerk, die Sparren und Stengen. Die Mannschaft zeigte sich erstaunlich eifrig im Zerstören; Passepartout mit Hauen, Schneiden, Sägen arbeitete für zehn Mann.

Am folgenden Tage, den 20., wurden die Geländer, Schanzverkleidung, die Holztheile unter’m Wasser, der größte Theil des Verdecks verzehrt.

Aber an diesem Tage bekam man die irländische Küste und die Leuchtfeuer von Fastenet in Sicht.

Doch war das Schiff um zehn Uhr Abends erst Queenstown gegenüber. Phileas Fogg hatte nur noch vierundzwanzig Stunden, um in London einzutreffen! Diese Zeit aber brauchte die Henrietta, um nach Liverpool zu gelangen, – selbst wenn man mit vollem Dampf segelte. Und endlich mußte dem kühnen Gentleman der Dampf ausgehen!

»Mein Herr, sagte darauf der Kapitän Speedy, der sich nicht mehr um sein Vorhaben kümmerte, Sie dauern mich wirklich. Es ist Ihnen Alles entgegen! Wir sind erst vor Queenstown.

– Ah! sagte Herr Fogg, die Stadt, deren Leuchtfeuer wir erkennen, ist Queenstown?

– Ja.

– Können wir in den Hafen einlaufen?

– Nicht vor Ablauf von drei Stunden; nur bei hohem Wasser.

– Warten wir!« erwiderte ruhig Phileas Fogg, ohne in seinen Zügen zu verraten, daß er durch höhere Eingebung nochmals das Mißgeschick zu überwinden versuchte.

Queenstown ist ein Hafen an der irländischen Küste, wo die aus den Vereinigten Staaten kommenden Oceanfahrer ihre Briefbeutel im Vorbeifahren abgeben. Diese Briefe wurden durch stets zum Abfahren bereite Eilzüge nach Dublin befördert. Von Dublin aus gelangen sie nach Liverpool durch Dampfer größter Schnelligkeit – und kommen so um zwölf Stunden den schnellsten Seglern der überseeischen Gesellschaften zuvor.

Diese zwölf Stunden, welche so der amerikanische Courier gewann, dachte Phileas Fogg auch zu gewinnen. Anstatt auf der Henrietta am folgenden Abend zu Liverpool anzukommen, würde er schon zu Mittag dort sein, und hätte demnach Zeit, vor acht Uhr fünfundvierzig Abends zu London einzutreffen.

Gegen ein Uhr früh lief die Henrietta bei hohem Meer in den Hafen Queenstown ein, und Phileas Fogg ließ daselbst den Kapitän Speedy, der sich mit einem kräftigen Handschlag verabschiedete, auf dem Gerippe seines Schiffes, welches noch die Hälfte des Verkaufspreises werth war.

Die Passagiere stiegen sogleich aus. Fix spürte im Augenblick eine grimmige Lust, den Herrn Fogg zu verhaften. Doch that er’s nicht! Weshalb? Hatte er von demselben eine bessere Meinung bekommen? Sah er endlich seinen Irrtum ein? Immerhin wich Fix dem Herrn Fogg nicht von der Seite. Er stieg mit ihm, Mrs. Aouda und Passepartout, der sich nicht die Zeit nahm, auszuschnaufen, um halb zwei Uhr früh zu Queenstown in den Waggon, der mit Tagesanbruch nach Dublin kam, und nahm unverzüglich auf einem der Dampfer Platz, welche unabänderlich den Wellen trotzend überfahren.

Zwanzig Minuten vor zwölf, am 21. December, landete Phileas Fogg endlich auf dem Quai von Liverpool. Es waren nur noch sechs Stunden bis London.

Aber in diesem Augenblick trat Fix zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter, zeigte seinen Verhaftsbefehl und sprach:

»Sie sind der Sieur Phileas Fogg?

– Ja, mein Herr.

– Im Namen der Königin verhafte ich Sie!«

Zwanzigstes Capitel.

Zwanzigstes Capitel.

Fix tritt zu Phileas Fogg in unmittelbare Beziehung.

Während dieser Scene, die vielleicht so große Gefahr in nahem Gefolge hatte, ging Herr Fogg in Begleitung von Mrs. Aouda in den Straßen der englischen Stadt spazieren. Seit dieselbe sein Erbieten, sie bis nach Europa zu bringen, angenommen hatte, mußte er an verschiedene weitere Reisebedürfnisse denken. Daß ein Engländer seiner Art mit einem Reisesacke in der Hand eine Rundreise um die Erde herum mache, geht wohl an; aber eine Frau konnte es nicht ebenso. Herr Fogg entledigte sich dieser Aufgabe mit der ihm eignen Seelenruhe, und hatte auf alle Entschuldigungen oder Einwände der jungen Witwe, die durch so viele Gefälligkeiten sich beschämt fühlte, nur die einzige Erwiderung:

»Es ist zum Vortheil meiner Reise, es liegt in meinem Programm.«

Als die Einkäufe gemacht waren, kehrten Herr Fogg und die junge Frau in das Hotel zurück, und speisten an der table d’hôte die köstlichen Gerichte. Darauf begab sich Mrs. Aouda, die etwas müde war, in ihr Gemach, nachdem sie ihrem gemüthsruhigen Retter »auf englisch« die Hand gedrückt.

Den ganzen übrigen Theil des Abends war der ehrenwerthe Gentleman in die Lectüre der »Times« und der »Illustrated London News« vertieft.

Wäre er im Stande gewesen, über irgend etwas in Staunen zu gerathen, so mußte es der Umstand sein, daß er zur Zeit des Schlafengehens seinen Diener nicht erscheinen sah. Aber da er wußte, daß das Packetboot nach Yokohama nicht vor dem folgenden Morgen von Hongkong abging, machte es ihm weiter keine Gedanken. Als er am folgenden Morgen anläutete, ließ Passepartout sich nicht sehen.

Was der ehrenwerthe Gentleman dachte, als er erfuhr, daß sein Diener nicht in’s Hotel zurückgekehrt war, hätte Niemand sagen können. Herr Fogg nahm seinen Reisesack, ließ Mrs. Aouda benachrichtigen und schickte nach einem Palankin.

Es war damals acht Uhr, und die Höhe der Fluth, welche der Carnatic benutzen sollte, um aus dem Seegat herauszukommen, war auf halb zehn angesagt.

Als der Palankin an dem Thore des Hotels ankam, stiegen Herr Fogg und Mrs. Aouda in dies bequeme Beförderungsmittel ein, und das Gepäck fuhr auf einem Schubkarren hinterdrein.

Nach einer halben Stunde stiegen die Reisenden an dem Einschiffungsquai aus, und erfuhren hier, daß der Carnatic bereits am Abend zuvor abgefahren sei.

Herr Fogg, welcher darauf gerechnet hatte, das Packetboot und seinen Diener miteinander zu finden, mußte nun auf beide verzichten. Aber man sah kein Zeichen von Aergerlichkeit auf seinem Angesicht, und da Mrs. Aouda ihn mit Besorgniß ansah, sagte er nur:

»Es ist ein Zwischenfall, Madame, nichts weiter.«

In diesem Augenblicke trat ein Mann, der ihm mit Aufmerksamkeit zugesehen hatte, zu ihm heran. Es war der Polizei-Agent Fix. Derselbe grüßte ihn und sprach:

»Sind Sie nicht, mein Herr, einer der gestern hier angekommenen Passagiere des Rangoon.

– Ja, mein Herr, erwiderte Herr Fogg frostig, aber ich habe nicht die Ehre …

– Verzeihen Sie, ich glaubte Ihren Diener hier zu treffen.

– Wissen Sie, wo er ist, mein Herr, fragte hastig die junge Frau.

– Wie? versetzte Fix, der sich überrascht stellte, ist er nicht bei Ihnen?

– Nein, erwiderte Mrs. Aouda. Seit gestern ist er nicht wieder nach Hause gekommen. Sollte er ohne uns an Bord des Carnatic abgefahren sein?

– Ohne Sie, Madame? sagte der Agent. Aber, entschuldigen Sie meine Frage, Sie rechneten also darauf, mit diesem Boote zu reisen?

– Ja, mein Herr.

– Ich auch, Madame, und bin nun in großer Verlegenheit. Der Carnatic ist, als seine Reparaturen fertig waren, zwölf Stunden früher von Hongkong abgefahren, ohne Jemand davon Kenntniß zu geben, und jetzt muß man acht volle Tage warten, bis wieder ein Boot abfährt!«

Bei diesen Worten: »acht Tage«, jubelte Fix in seinem Herzen. Herr Fogg acht Tage in Hongkong aufgehalten!

Nun wäre Zeit genug für Eintreffen des Verhaftsbefehles. Kurz, es waren gute Aussichten für den Repräsentanten des Gesetzes.

Wie fühlte er sich da zu Boden geschmettert, als er Phileas Fogg mit gelassener Stimme sagen hörte:

»Es giebt ja, dünkt mir, noch andere Schiffe, außer dem Carnatic, im Hafen von Hongkong.«

Und Herr Fogg bot Mrs. Aouda seinen Arm, und begab sich mit ihr zu den Docks, um ein zum Abfahren gerüstetes Schiff zu suchen.

Fix folgte voll Bestürzung. Er war, schien’s, wie mit einem Faden an ihn gebunden.

Doch schien das Glück seinen Günstling, dem es bisher so dienstbar gewesen, wirklich im Stiche lassen zu wollen.

Drei Stunden lang lief Phileas Fogg in allen Richtungen den Hafen auf und ab, um nöthigenfalls ein Fahrzeug bis nach Yokohama auf eigne Kosten in Miethe zu nehmen; aber er sah nur im Auf- oder Abladen begriffene Schiffe, die folglich nicht reisefertig sein konnten. Da bekam Fix wieder Hoffnung.

Doch verlor Herr Fogg seine Fassung nicht, und war im Begriff, bis nach Macao hin weiter zu forschen, als ein Bootsmann zu ihm trat.

»Ew. Gnaden suchen ein Fahrzeug? fragte der Mann und zog den Hut ab.

– Haben Sie ein Boot reisefertig? fragte Herr Fogg.

– Ja, Ew. Gnaden, ein Lootsenboot Nr. 43, das beste von allen im Hafen.

– Fährt es rasch?

– Acht bis neun Meilen, beiläufig. Wollen Sie’s sehen?

– Ja.

– Ew. Gnaden werden zufrieden sein. Ist’s für eine Spazierfahrt im Meer?

– Nein, für eine Reise.

– Eine Reise?

– Können Sie’s übernehmen, mich nach Yokohama zu bringen?«

Bei diesen Worten ließ der Bootsmann die Arme sinken, riß die Augen weit auf.

»Ew. Gnaden belieben zu scherzen? sagte er.

– Nein! Ich habe die Abfahrt des Carnatic verfehlt, und ich muß am 14. spätestens zu Yokohama sein, um auf das Packetboot nach San-Francisco zu kommen.

– Es thut mir leid, erwiderte der Lootse, aber dies geht nicht an.

– Ich biete Ihnen hundert Pfund täglich, und eine Prämie von zweihundert Pfund, wenn ich zeitig anlange.

– Ist das ernst gemeint? fragte der Lootse.

– Ganz ernstlich«, erwiderte Herr Fogg.

Der Pilot ging bei Seite, schaute auf das Meer hin, offenbar im Kampf zwischen der Begierde, eine so enorme Summe zu verdienen, und der Besorgniß, sich zu weit zu wagen. Fix schwebte in Todesängsten.

Unterdessen wendete sich Herr Fogg wieder zu Mrs. Aouda.

»Werden Sie keine Angst haben? Madame, fragte er sie.

– In Ihrer Gesellschaft nicht, Herr Fogg«, versetzte die junge Frau.

Der Lootse kam wieder zu dem Gentleman, drehte seinen Hut in den Händen.

»Nun, Pilot? fragte Herr Fogg.

– Ei nun, Ew. Gnaden, erwiderte der Pilot, ich kann weder meine Leute, noch mich, noch Sie selbst durch eine so weite Fahrt auf einem Boot von kaum zwanzig Tonnen, und zu dieser Jahreszeit, der Gefahr aussetzen. Uebrigens würden wir nicht mehr zu rechter Zeit ankommen, denn von Hongkong bis Yokohama sind sechzehnhundertundfünfzig Meilen.

– Nur sechzehnhundert, sagte Herr Fogg.

– Das macht nichts aus.«

Fix athmete wieder auf.

»Aber, fuhr der Pilot fort, es gäbe vielleicht ein Mittel, es anders einzurichten.«

Dem Fix ging der Athem wieder aus.

– Wie denn? fragte Phileas Fogg.

– Wenn es nach Nangasaki ginge, an der Südspitze Japans, elfhundert Meilen, oder nach Schangai, achthundert Meilen von Hongkong. Dann würde man sich in der Nähe der chinesischen Küste halten, ein großer Vortheil, zumal da die Windströmung nordwärts treibt.

– Pilot, versetzte Phileas Fogg, zu Yokohoma muß ich auf das amerikanische Postschiff, und nicht zu Schangai oder Nangasaki.

– Warum nicht? versetzte der Lootse. Das Packetboot nach San Francisco fährt nicht von Yokohama, sondern von Schangai aus, und Yokohama, wie Nangasaki, sind nur Anhalteplätze.

– Sind Sie dessen gewiß?

– Ganz sicher.

– Und wann fährt das Packetboot von Schangai ab?

– Am 11. um sieben Uhr Abends. Also haben wir noch vier Tage Zeit dafür. Vier Tage machen sechsundneunzig Stunden, und haben wir tüchtige Mannschaft, Südostwind und ruhiges Meer, so können wir bei durchschnittlich acht Meilen die Stunde die achthundert Meilen bis Schangai schon fertig bringen.

– Und wann können Sie abfahren? …

– In einer Stunde. Soviel bedarf’s noch, um Lebensmittel zu kaufen und segelfertig zu machen.

– Abgemacht! Sind Sie der Schiffsherr?

– Ja, John Bunsby, Patron der Tankadère.

– Wollen Sie Draufgeld?

– Wenn’s Ew. Gnaden beliebt.

– Hier zweihundert Pfund abschläglich … Mein Herr, sprach sodann Phileas Fogg zu Fix, wenn Sie die Gelegenheit benutzen wollen …

– Mein Herr, versetzte Fix entschlossen, eben wollte ich mir diese Gunst ausbitten.

– Gut. In einer halben Stunde sind wir an Bord.

– Aber der arme Bursche … sagte Mrs. Aouda, welche über das Verschwinden Passepartout’s sehr besorgt war.

– Ich werde das Mögliche für ihn thun«, erwiderte Phileas Fogg.

Und während Fix in fieberhafter Nervenaufregung und wüthendem Zorn das Lootsenboot bestieg, begaben sich Beide auf das Polizeibureau zu Hongkong. Hier gab Phileas Fogg Passepartout’s Signalement auf, und legte eine hinreichende Summe nieder, um ihn wieder heim zu bringen. Dasselbe geschah bei dem französischen Consular-Agenten; der Palankin nahm sodann im Hotel das Gepäck auf und brachte die Reisenden an den Hafenrand, wo das Lootsenboot Nr. 43, Mannschaft und Lebensmittel an Bord, Schlag drei Uhr segelfertig lag.

Die Tankadère war eine reizende kleine Goelette von zwanzig Tonnen Gehalt, vorn wohl zugespitzt, sehr schlank geformt, und langgestreckt in ihrer Wasserlinie. Man konnte sie für eine Jacht zur Wettfahrt halten. Sie war mit glänzendem Kupfer gedeckt, ihr Eisenwerk galvanisirt, ihr Verdeck weiß wie Elfenbein; und man sah wohl, daß ihr Patron John Bunsby sich darauf verstand, sie in gutem Zustande zu erhalten. Ihre beiden Maste neigten sich ein wenig nach hinten. Sie war mit Brigantin-, Fock- und Vorstagsegel versehen, und man konnte für den Wind von hinten ein Hilfssegel anbringen.

Sie mußte erstaunlich schnell fahren, und hatte in der That schon einigemal Preise bei den Wettfahrten der Lootsenfahrzeuge gewonnen.

Die Bemannung der Tankadère bestand aus dem Patron John Bunsby und vier Mann. Es waren kühne Bootsleute, wie sie sich jederzeit beim Aufsuchen von Schiffen Gefahren aussetzen, und zum Verwundern in diesen Meeren bekannt.

John Bunsby, etwa fünfundvierzig Jahre alt, kräftig, dunkel gebräunt, mit lebhaftem Blick, energischen Gesichtszügen, sicher und rüstig, hätte auch dem Verzagtesten Vertrauen eingeflößt.

Phileas Fogg und Mrs. Aouda stiegen an Bord. Fix befand sich schon da. Durch die hintere Lucke kam man in ein viereckiges Zimmer, dessen Wände über einem runden Divan sich zu Lagerstätten erweiterten. In der Mitte ein Tisch mit einer Hängelampe. Alles war eng, aber reinlich.

»Ich bedauere, daß ich Ihnen nichts Besseres anbieten kann«, sagte Herr Fogg zu Fix, der sich still verneigte.

Der Polizei-Agent fühlte sich ein wenig gedemüthigt, daß er so die Gefälligkeit des Herrn Fogg benutzte.

»Sicherlich, dachte er, ist’s ein sehr höflicher Schurke, aber ein Schurke ist’s immer!«

Zehn Minuten nach drei Uhr wurden die Segel aufgehißt, die englische Flagge aufgepflanzt. Die Passagiere saßen auf dem Verdeck; Herr Fogg und Mrs. Aouda warfen einen letzten Blick auf den Quai, um zu schauen, ob nicht Passepartout sich sehen ließe.

Fix war einigermaßen in Angst, denn der Zufall hätte den unglückseligen Burschen, welchen er so unwürdig behandelt hatte, dahin führen können, und dann wäre eine Enthüllung erfolgt, welche dem Detectiv nicht zu Gunsten gewesen wäre. Aber der Franzose war nicht zu sehen; ohne Zweifel lag er noch im Rausche des narkotischen Giftes.

Endlich gewann der Patron Bunsby die hohe See, und die Tankadère flog mit vollen Segeln über die Fluthen.

Einundzwanzigstes Capitel.

Einundzwanzigstes Capitel.

Der Patron der Tankadere in Gefahr, eine Prämie von zweihundert Pfund zu verlieren.

Diese Fahrt von achthundert Meilen auf einem Fahrzeuge von zwanzig Tonnen, zumal zu dieser Jahreszeit, war ein gewagtes Unternehmen. Die Meere Chinas sind meistens schlimm, fürchterlichen Windstößen ausgesetzt, besonders zur Aequinoctialzeit, und es war noch Anfang Novembers.

Offenbar wäre es für den Pilot vortheilhafter gewesen, seine Passagiere bis Yokohama zu fahren, weil er tageweise bezahlt wurde. Aber es wäre auch sehr unvorsichtig gewesen, unter den gegebenen Verhältnissen eine solche Fahrt zu versuchen, und es war schon kühn, ja verwegen genug, bis Schangai zu fahren. Aber John Bunsby konnte sich auf seine Tankadère verlassen, die leicht wie eine Möve über die Wellen glitt.

Während der letzten Stunden dieses Tages fuhr die Tankadère in den bedenklichen Fahrwassern von Hongkong, und hielt sich bei allen Windungen, in nächster Nähe oder mit vollem Winde, vortrefflich.

»Ich brauche, Pilot, Ihnen nicht die möglichste Sorgfalt anzuempfehlen, sprach Phileas Fogg, als sie auf’s hohe Meer fuhr.

– Ew. Gnaden können sich auf mich verlassen, versetzte John Bunsby. Segel wenden wir soviel an, als der Wind gestattet. Unsere leichten Segel würden nichts weiter fördern und könnten nur dem Lauf des Schiffes hinderlich sein.

– Sie verstehen das besser, Pilot, und ich verlasse mich auf Sie.«

Phileas Fogg stand da, aufrecht mit gespreizten Beinen, sicher wie ein Seemann, und schaute unverrückt auf die hohle See. Hinten saß die junge Frau, nicht ohne Besorgnis im Hinblick auf den in der Dämmerung bereits düstern Ocean, welchem sie auf einem so leichten Fahrzeuge Trotz bot. Ueber ihrem Kopf flatterten die weißen Segel, welche es wie große Flügel in den weiten Raum hinaustrieben. Vom Winde gehoben schien die Goelette in der Luft zu fliegen.

Es ward Nacht, der Mond trat in sein erstes Viertel, und sein schwaches Licht sollte bald im Nebel des Horizonts verlöschen. Von Osten her zog Gewölk herauf und bedeckte schon einen Theil des Himmels.

Der Pilot hatte sein Leuchtfeuer aufgestellt, eine unerläßliche Vorsichtsmaßregel in diesen sehr befahrenen Meeren, nächst den Landungsplätzen. Zusammenstöße traten nicht selten ein, und bei det Schnelligkeit, womit die Goelette fuhr, konnte der geringste Stoß sie zertrümmern.

Fix stand in Gedanken verloren auf dem Vordertheil.

Da er Fogg’s schweigsame Natur kannte, so hielt er sich bei Seite. Zudem war es ihm zuwider, mit dem Manne zu reden, dessen Gefälligkeit er annahm. Er dachte auch an die Zukunft. Es schien ihm ausgemacht, daß Fogg sich nicht zu Yokohama aufhalten, vielmehr unverzüglich das Packetboot nach San Francisco besteigen würde, um nach Amerika zu kommen, auf dessen ungeheuern Räumen er Straflosigkeit und Sicherheit finden würde.

Das schien der einfachste Plan Phileas Fogg’s zu sein. Anstatt kurzer Hand in England wie ein gewöhnlicher Schurke nach den Vereinigten Staaten überzuschiffen, hatte dieser Fogg den weiten Umweg gewählt mit der Fahrt über drei Viertheil des Erdumkreises, um so mit mehr Sicherheit auf’s amerikanische Festland zu gelangen, und daselbst, nachdem er die Polizei an der Nase geführt, ruhig seine Banknoten zu genießen. Aber was sollte Fix auf amerikanischem Gebiet anfangen? Diesen Menschen loslassen? Nein, hundertmal nein! Bis er eine Auslieferungsacte erwirkt, wollte er ihm nicht von der Ferse weichen. Diese seine Schuldigkeit wollte er vollständig erfüllen. Jedenfalls hatte er einen glücklichen Umstand erzielt: Passepartout befand sich nicht mehr bei seinem Herrn, und zumal nachdem Fix gegen ihn vertraulich gewesen, war es von Wichtigkeit, daß Herr und Diener nie wieder zusammen kamen.

Phileas Fogg machte sich ebenfalls Gedanken um seinen so auffallend verschwundenen Diener. Alles in Betracht gezogen, schien es ihm nicht unmöglich, daß der arme Junge in Folge eines Mißverständnisses sich erst im Moment der Abfahrt auf dem Carnatic eingefunden hatte. Das meinte auch Mrs. Aouda, welche diesen braven Diener, dem sie so viel verdankte, herzlich bedauerte. Es war also nicht unmöglich, ihn zu Yokohama wieder zu finden, und wenn er mit dem Carnatic dahin abgefahren war, konnte man’s leicht erfahren.

Gegen zehn Uhr erhob sich ein frischer Wind. Vielleicht wäre es klug gewesen, ein Reff aufzunehmen, aber der Pilot ließ, nachdem er den Himmel sorgfältig beobachtet hatte, das Segelwerk in seinem bisherigen Zustande. Uebrigens hielt die Tankadère bei tiefem Wasser ihre Segel stattlich, und alles war fertig, im Fall eines Windstoßes sie einzuziehen.

Um Mitternacht begaben sich Phileas Fogg und Mrs. Aouda in die Cabine hinab. Fix war schon dahin vorausgegangen und hatte sich auf einen Divan gelagert. Der Pilot blieb mit seinen Bootsleuten die ganze Nacht auf dem Verdeck.

Am folgenden Morgen, den 8. November, bei Sonnenaufgang, hatte die Goelette bereits über hundert Meilen zurückgelegt. Das Log gab eine durchschnittliche Geschwindigkeit von acht bis neun Meilen an. Die Tankadère hatte halben Wind in ihren Segeln, die alle trieben, und so erlangte sie ihre größte Geschwindigkeit. Hielt sich der Wind dermaßen, so waren das gute Aussichten.

Die Tankadère entfernte sich während dieses ganzen Tages nicht merklich von der Küste, deren Windströmung ihr günstig war. Diese zog sich höchstens fünf Meilen entfernt linker Hand, und wurde, da sie unregelmäßig zugeschnitten war, mitunter durch lichte Stellen hindurch sichtbar. Da der Wind vom Lande herkam, so ging ebendeshalb das Meer weniger stark; ein günstiger Umstand für die Goelette, denn den Fahrzeugen von geringem Tonnengehalt gereicht besonders die hohle See zum Nachtheil, da sie ihre Schnelligkeit bricht.

Gegen Mittag wurde der Wind etwas milder und strich südöstlich. Der Pilot ließ die kleinen Segel aufziehen; aber nach Verlauf von zwei Stunden mußte man sie wieder einziehen, denn der Wind wehte wieder stärker.

Herr Fogg und die junge Frau, welche der Seekrankheit glücklich widerstanden, aßen mit Appetit Zwieback und Conserven, welche an Bord befindlich waren. Fix wurde eingeladen, theilzunehmen, und hätte es annehmen sollen, denn er wußte wohl, daß man den Magen ebensowohl wie die Schiffe mit Ballast versehen muß; aber es war ihm zuwider. Auf Kosten dieses Mannes die Reise zu machen, von seinem Brod zu essen, fand er doch etwas unehrenhaft. Er aß jedoch, – zwar nur ganz wenig, – doch aß er.

Als das Mahl beendigt war, glaubte er den Herrn Fogg bei Seite nehmen zu müssen, und sagte zu ihm:

»Mein Herr …«

Dies Wort kam ihm schwer über die Lippen, und es kostete ihn Ueberwindung, diesen Herrn nicht am Kragen zu fassen!

»Mein Herr, Sie haben die Gefälligkeit gehabt, mir einen Platz auf Ihrem Boot anzubieten. Aber, obwohl meine Mittel mir nicht so reichlich fließen, wie Ihnen, so will ich meinen Antheil bezahlen …

– Reden wir nicht davon, mein Herr, versetzte Herr Fogg.

– Aber doch, es ist mir …

– Nein, mein Herr, wiederholte Herr Fogg in einem Tone, der eine Erwiderung ausschloß. Es gehört das zu den Gesammtkosten!«

Fix verneigte sich, er hätte bersten mögen; er begab sich auf’s Vordertheil des Schiffes und sprach den ganzen Tag kein Wort weiter.

Indessen kam man rasch vorwärts, und John Bunsby machte sich gute Hoffnung. Er sagte einigemal zu Herrn Fogg, man werde noch zu rechter Zeit nach Schangai kommen, worauf Herr Fogg nur erwiderte, er rechne darauf.

Uebrigens ließ es die ganze Mannschaft an Eifer nicht fehlen; die Prämie spornte sie. Man hätte bei einem Wettschiffen des Royal-Yacht-Clubs nicht strenger manoeuvrirt.

Am Abend zeigte das Log, daß man von Hongkong aus zweihundertundzwanzig Meilen zurückgelegt hatte, und Phileas Fogg konnte sich Hoffnung machen, daß er bei seiner Ankunft in Yokohama keine Verspätung in sein Programm werde einzutragen haben. So sollte denn auch das erste ernstliche Hinderniß, worauf er seit seiner Abfahrt aus London gestoßen, ihm wahrscheinlich keinen Schaden bringen.

Während der Nacht, gegen Morgen, fuhr die Tankadère frisch in die Straße Fo-Kien hinein, welche die große Insel Formosa von der chinesischen Küste scheidet, und durchschnitt den Wendekreis des Krebses. In dieser Straße war das Meer sehr aufgeregt, voll Wirbel, welche die Gegenströmung veranlaßte. Die Goelette hatte viel mit den gebrochenen Wellen zu schaffen, welche ihren Lauf hemmten. Es hielt sehr schwer, sich auf dem Verdeck aufrecht zu halten.

Mit Tagesanbruch wurde der Wind noch stärker, und am Himmel ergaben sich Vorzeichen eines Windstoßes. Uebrigens kündigte der Barometer eine bevorstehende Luftveränderung an; er bewegte sich unregelmäßig, und das Quecksilber gerieth in launische Schwankungen. Man sah auch südöstlich das Meer in hochgehenden Wellen aufgeregt, was auf Sturm hindeutete. Am Abend zuvor war die Sonne in rothem Nebel untergegangen unter phosphorescirendem Funkeln des Oceans.

Der Pilot nahm lange dieses schlimme Aussehen des Himmels in Erwägung und brummte unverständliche Worte zwischen den Zähnen. Einmal, da er neben seinem Passagier stand, sprach er leise zu ihm:

»Man kann mit Ew. Gnaden offen reden?

– Ja wohl, erwiderte Phileas Fogg.

– Nun, wir werden einen Windstoß bekommen.

– Von Norden oder Süden her? fragte Herr Fogg.

– Von Süden. Sehen Sie, eine Trombe wird’s geben.

– Von Süden her mag der Windstoß immer kommen, er wird uns richtig vorwärts befördern, erwiderte Herr Fogg.

– Nehmen Sie’s so, versetzte der Pilot, so hab‘ ich nichts weiter zu sagen.«

Die Ahnungen John Bunsby’s täuschten nicht. Zu einer weniger vorgerückten Jahreszeit würde die Trombe, nach dem Ausspruch eines berühmten Meteorologen, wie eine mit elektrischen Flammen erleuchtete Cascade zerfließen, aber im Winter-Aequinoctium war zu befürchten, daß sie heftiger losbrach.

Der Pilot traf seine Vorkehrungen. Er ließ alle Segel der Goelette einziehen, und die Stangen aus dem Verdeck herabnehmen. Die Lucken wurden sorgfältig verwahrt, so daß kein Tropfen Wasser in’s Innere dringen konnte. Ein einziges dreieckiges Segel, ein Focksegel von starkem Zeug, wurde aufgehißt, um die Goelette beim Treiben des Windes zu halten. So wartete man ab.

John Bunsby hatte die Passagiere aufgefordert, sich in die Cabine hinab zu begeben; aber in dem engen Raum, fast ohne Luft und bei den Wellenstößen, hatte diese Einsperrung nichts Angenehmes. Weder Herr Fogg, noch Mrs. Aouda, selbst Fix mochten sich nicht dazu verstehen.

Gegen acht Uhr brach ein Unwetter mit Regen und Windstößen aus; so daß die Tankadère, hätte sie mehr Segel aufgespannt gehabt, wie eine Feder in die Lüfte gewirbelt worden wäre. Wollte man die Schnelligkeit eines solchen Windes mit der vierfachen einer Locomotive bei vollem Dampf vergleichen, so bliebe man noch hinter der Wahrheit zurück.

Während des ganzen Tages flog so das Boot nordwärts, von riesenhaften Wellen getragen, indem es glücklicherweise eine der ihrigen gleiche Schnelligkeit behielt. Zwanzigmal war es nahe daran, von so einem Wasserberg, der sich hinter ihm aufthürmte, überschüttet zu werden, wenn nicht mit geschicktem Griff der Steuerer die Katastrophe abgewendet hätte. Die Passagiere wurden mitunter ganz von dem Staubregen der zusammenstoßenden Wellen bespritzt, was sie sich philosophisch gefallen ließen. Fix fluchte allerdings, aber die unverzagte Aouda, den Blick auf ihren Begleiter mit seinem bewundernswerthen Gleichmuts gerichtet, zeigte sich seiner würdig und trotzte ebenfalls dem Sturm. Phileas Fogg hatte wohl, schien es, diese Trombe auf seinem Programm.

Bisher war die Tankadère stets nordwärts getrieben; aber gegen Abend, wie zu befürchten war, schlug der Wind um und trieb nordwestlich. Da nun die Tankadère dem Wellenschlag die Seite darbot, so wurde sie fürchterlich geschüttelt, und man konnte wohl bei solcher Gewalt der Stöße in Angst gerathen, es möchten nicht alle Theile des Schiffes fest genug zusammengefügt sein.

Mit Einbruch der Nacht ward der Sturm noch ärger. Als John Bunsby die Dunkelheit, und mit dem Dunkel die Sturmesgewalt sich steigern sah, ward er doch lebhaft unruhig, und berieth mit den Bootsleuten, ob es nicht gerathen sei, beizulegen.

Darauf trat er zu Herrn Fogg und sprach: »Ich glaube, Ew. Gnaden, es wäre wohl gethan, einen Hafen an der Küste zu suchen.

– Ich glaub’s auch, erwiderte Phileas Fogg.

– Ah! sagte der Pilot, aber welchen?

– Ich weiß nur einen, versetzte gelassen Herr Fogg.

– Der ist? …

– Schangai.«

Der Pilot wußte nicht gleich den Sinn der Antwort, die zähe Ausdauer, zu fassen. Darauf rief er:

»Nun ja! Ew. Gnaden hat Recht. Nach Schangai!«

Und die Richtung der Tankadère ward unveränderlich nordwärts festgehalten.

Es war eine wahrhaft erschreckliche Nacht, und ein Wunder, daß die kleine Goelette nicht umschlug. Zweimal war sie nahe daran, und es wäre alles von Bord weggefegt worden, hätten die Seile zur Befestigung nicht gehalten. Mrs. Aouda war ganz erschöpft, aber ließ keinen Klagelaut hören. Mehrmals mußte Herr Fogg sie gegen die Gewalt der Wellen schützen.

Es ward wieder Tag, und das Gewitter dauerte ununterbrochen mit entfesselter Wuth. Doch änderte sich der Wind in Südost; ein günstiger Umstand, und die Tankadère setzte ihren Weg auf dem tobenden Meere fort, dessen Wellen mit den von der neuen Windrichtung getriebenen zusammenstießen, ein Widerprallen, wobei ein minder fest gebautes Boot zertrümmert worden wäre.

Von Zeit zu Zeit konnte man durch den nun gebrochenen Nebel die Küste wahrnehmen, aber nirgends ein Schiff. Die Tankadère war das einzige, welches die See hielt.

Um Mittag ergaben sich einige Zeichen, daß der Sturm sich legte; und als sich die Sonne zum Horizont hinabsenkte, sprach sich dies noch entschiedener aus. Die kurze Dauer desselben hing mit seinem heftigen Auftreten zusammen. Nun konnten die erschöpften Passagiere etwas Speise zu sich nehmen und ein wenig ausruhen.

Die Nacht war verhältnißmäßig ruhig. Der Pilot ließ seine niederen Segel wieder aufziehen und das Schiff fuhr erstaunlich schnell. Am folgenden Morgen, den 11., bei Tagesanbruch, konnte John Bunsby versichern, daß keine hundert Meilen mehr zu machen seien.

Aber es war nur noch dieser einzige Tag Zeit; noch an demselben Abend mußte Herr Fogg zu Schangai anlangen, wenn er nicht für das Packetboot nach Yokohama zu spät eintreffen wollte. Wäre nicht der Sturm dazwischen gekommen, so hätte er jetzt nur noch dreißig Meilen zurückzulegen.

Der Wind legte sich merklich, aber zum Glück ward auch das Meer wieder ruhig, nun wurden alle Segel aufgehißt, die sämmtlich trugen, und das Meer schäumte unter’m Vordersteven.

Um zwölf Uhr war die Tankadère nur noch fünfundvierzig Meilen von Schangai, und sie hatte noch sechs Stunden, um rechtzeitig dort anzulangen.

Die Besorgnisse an Bord waren lebhaft, denn man wollte um jeden Preis die Zeit nicht verfehlen. Die kleine Goelette mußte durchschnittlich mindestens neun Meilen die Stunde machen, – und der Wind wurde stets schwächer.

Doch war das Fahrzeug so leicht, und seine hohen, dicht gewebten Segel packten die regellosen Winde so gut, daß mit Hilfe der Strömung John Bunsby um sechs Uhr nur noch zehn Meilen bis zum Flusse Schangai zählte, denn die Stadt selbst liegt mindestens zwölf Meilen über dessen Mündung hinaus.

Um sieben Uhr befand man sich noch drei Meilen von Schangai. Ein fürchterlicher Fluch entfuhr den Lippen des Piloten; denn er sah wie die Prämie von zweihundert Pfund ihm offenbar vor der Nase entging. Er sah Herrn Fogg in’s Angesicht. Der zeigte sich rührungslos, und doch handelte sich’s eben um sein ganzes Vermögen …

In diesem Augenblick zeigte sich eine lange, schwarze Rauchsäule auf der flachen See. Es war das zur regelmäßigen Zeit abfahrende Packetboot nach Amerika.

»Verdammt! schrie John Bunsby, und stieß verzweifelnd das Steuer zurück.

– Signale!« sagte lediglich Herr Fogg.

Auf dem Vordertheil der Tankadère befand sich eine kleine Kanone, die zur Zeit des Nebels zu Signalen gebraucht wurde.

Dieselbe wurde bis zur Mündung geladen, aber als eben der Pilot zünden wollte, sprach Herr Fogg:

»Die Nothflagge.«

Die Flagge wurde am halben Mast aufgepflanzt; dies war ein Zeichen der Noth, und es ließ sich hoffen, daß das amerikanische Boot, wenn es sie gewahrte, eine Weile seinen Lauf ändern werde, um mit dem Boot zusammen zu kommen.

»Feuer!« sagte Herr Fogg.

Und das kleine Geschütz donnerte in die Lüfte.