Zehntes Capitel


Zehntes Capitel

Die Beobachter des Mondes.

Barbicane hatte offenbar in Beziehung auf diese Abweichung den einzigen Grund, der sich hören ließ, getroffen. So gering auch die Veranlassung gewesen sein mag, so war sie hinreichend, um auf die Bahn des Projectils einzuwirken. Es war ein Verhängniß. Das kühne Unternehmen scheiterte an einem ganz zufälligen Umstand, und wenn nicht außerordentliche Ereignisse eintraten, war es nicht mehr möglich, die Mondscheibe zu erreichen. Würde man nahe genug vorbei kommen, um einige bisher unlösbare Fragen der Physik oder Geologie zu lösen? Dieser Punkt allein nahm jetzt die kühnen Reisenden vorerst in Anspruch. An das Schicksal, welches ihnen die Zukunft vorbehielt, wollten sie nicht einmal denken. Doch, was sollte aus ihnen werden mitten in dieser unendlichen Verlassenheit, da ihnen bald die Lebenslust ausgehen mußte? Wenige Tage noch, und sie verfielen in dieser unstät schweifenden Kugel dem unvermeidlichen Tode. Aber die wenigen Tage hatten für die unerschrockenen Männer den Werth von Jahrhunderten, und sie widmeten jeden Augenblick der Beobachtung dieses Mondes, welchen sie zu erreichen nicht mehr hoffen konnten.

Die damalige Entfernung vom Trabanten wurde auf etwa zweihundert Lieues geschätzt. Unter diesen Umständen befanden sich die Reisenden, in Hinsicht auf die Sichtbarkeit des Details der Scheibe, weiter vom Mond entfernt, als die Bewohner der Erde bei ihrer Bewaffnung mit den weitreichenden Teleskopen.

Wir wissen ja, daß das von John Roß zu Parson-Town aufgestellte Instrument, dessen Vergrößerung sechstausendfünfhundertfach ist, den Mond bis auf sechzehn Lieues nahe bringt; ferner durch die Maschine zu Long’s Peak, welche achtundvierzigtausendfach vergrößert, wurde das Nachtgestirn auf weniger als zwei Meilen in die Nähe gebracht, und man konnte Gegenstände von zehn Meter Durchmesser hinlänglich klar erkennen.

Bei dieser Entfernung also waren die topographischen Details des Mondes, ohne Fernrohr betrachtet, nicht merklich klar bestimmt. Das Auge faßte zwar den unbestimmten Umriß der unermeßlichen Niederungen, welche man nicht im eigentlichen Sinn »Meere« genannt hat, aber ihre Beschaffenheit näher zu erkennen vermochte es nicht. Das Hervorspringen der Berge verschwand in der glänzenden Beleuchtung durch die rückgeworfenen Sonnenstrahlen. Der Blick wendete sich unwillkürlich wieder ab, als wäre es eine Masse geschmolzenen Silbers.

Inzwischen wurde die längliche Gestalt der Kugel bereits erkennbar. Sie erschien wie ein riesenhaftes, mit dem spitzen Ende der Erde zugekehrtes Ei. In Wirklichkeit hatte der Mond, als er in den ersten Tagen seiner Bildung flüssig oder dehnbar war, eine vollständige Kugelgestalt, aber sobald die Erde ihn in ihr Attractions-Centrum zog, wurde er durch die Wirkung der Schwere länglich. Indem er Trabant wurde, büßte er durch die Wirkung der Schwere die ursprüngliche Reinheit seiner Formen ein; sein Centrum der Schwere verlegte sich vor das Centrum der Gestalt, und aus dieser Eigenthümlichkeit zogen einige Gelehrte den Schluß, daß Luft und Wasser sich auf die entgegengesetzte Seite des Mondes, welche nie auf der Erde sichtbar ist, zurückziehen konnten.

Diese Veränderung der ursprünglichen Formen wurde erst seit einigen Augenblicken merklich. Die Entfernung des Projectils vom Mond minderte sich sehr rasch, da seine jetzige Geschwindigkeit so bedeutend geringer war, als die anfängliche; doch war sie immer noch acht- bis neunfach stärker, als unsere Eilzüge auf den Eisenbahnen. Die schiefe Richtung der Kugel, in Gemäßheit ihrer schiefen Lage, ließ Michel Ardan einige Hoffnung, man werde auf irgend einen Punkt der Mondscheibe treffen. Er konnte gar nicht glauben, daß er nicht anlangen werde; das wiederholte er öfters von Neuem. Aber Barbicane, der richtiger zu urtheilen verstand, erwiderte ihm unablässig mit unbarmherziger Logik:

»Nein, Michel, nein. Wir können nur durch Fallen auf den Mond gelangen, und wir fallen nicht. Die centripetale Kraft hält uns unter dem Einfluß des Mondes, aber die centrifugale entfernt uns unwiderstehlich.«

Die Betonung, womit er dieses sprach, raubte Michel Ardan seine letzten Hoffnungen.

Das Projectil näherte sich der Nordhälfte des Mondes, welche auf den Mondkarten unten ist, denn diese werden meistens nach dem von den Fernröhren dargebotenen Bild entworfen, welches bekanntlich ein umgekehrtes ist. Dieses war auch bei der Mädler’schen Mondkarte, welche Barbicane zu Rathe zog, der Fall. Auf dieser zeigten sich ausgedehnte Ebenen, worauf hie und da einzelne Berge vorkommen.

Zu Mitternacht war es Vollmond. Genau zu diesem Zeitpunkt hätten die Reisenden ankommen müssen, hätte nicht der unglückselige Bolid ihre Richtung geändert. Das Gestirn langte unter den vom Observatorium zu Cambridge scharf bezeichneten Bedingungen an. Es befand sich mathematisch in seiner Erdnähe und im Zenith des achtundzwanzigsten Parallelgrades. Auf dem Boden der enormen, senkrecht auf den Horizont gerichteten Columbiade hätte ein Beobachter den Mond in der Mündung der Kanone eingerahmt gesehen. Die Achse derselben in gerader Linie fortgesetzt, hätte das Nachtgestirn in seinem Centrum getroffen.

Ich brauche nicht zu sagen, daß die Reisenden diese ganze Nacht vom 5. auf den 6. December schlaflos zubrachten. Hätten sie der neuen Welt so nahe die Augen schließen können? Alle ihre Gefühle concentrirten sich in dem einzigen Gedanken: Schauen. Sie waren Repräsentanten der Erde, des Menschengeschlechts der Vergangenheit und Gegenwart, welches mit ihren Augen die Mondregionen betrachtete, in die Geheimnisse seines Trabanten eindrang! Von spannender Gemüthsbewegung durchdrungen begaben sie sich schwankend von einem Fenster an das andere.

Ihre von Barbicane aufgezeichneten Beobachtungen waren sehr genau bestimmt. Sie wurden vermittelst Fernrohren gemacht, zur Controle dienten ihre Karten.

Der erste Beobachter des Mondes war Galiläi, dessen unzureichendes Fernrohr nur dreißigmal vergrößerte. Dennoch erkannte er in den Flecken, womit die Mondscheibe, »wie der Pfauenschweif mit Augen« bedeckt ist, Gebirge, und maß einige Höhen, welche er in übertriebenem Maßstab einem Fünftheil des Durchmessers der Scheibe gleich setzte, nämlich achttausendachthundert Meter. Galiläi entwarf keine Karte von seinen Beobachtungen.

Einige Jahre später setzte der Danziger Astronom Helvetius – durch ein Verfahren, das nur zweimal im Monat, zur Zeit des ersten und zweiten Viertels, genau sein konnte – die Höhebestimmungen Galiläi’s auf den sechsundzwanzigsten Theil des Monddurchmessers herab. Das war eine Uebertreibung in entgegengesetzter Richtung. Man verdankt aber diesem Gelehrten die erste Mondkarte. Die hellen runden Flecken bilden auf derselben ringförmige Gebirge, und die dunkeln sind als ausgedehnte Meere bezeichnet, die in Wirklichkeit nur Ebenen sind. Diesen Bergen und Gewässern gab er von der Erde entliehene Namen. Man sieht da den Sinai mitten in einem Arabien, einen Aetna im Centrum von einem Sicilien, die Alpen, Apenninen, Karpathen, dann das Mittelländische, das Marmora- und Schwarze Meer, das Kaspische. Diese Namen sind um so unpassender, als sie nicht an die Gestaltung der gleichnamigen Gebirge erinnern. Kaum könnte man in dem großen weißen Flecken, der südlich an ausgedehnte Continente grenzt und in eine Spitze ausläuft, das umgekehrte Bild der indischen Halbinsel, des bengalischen Golfs und Cochinchinas erkennen. Darum hat man auch diese Namen nicht beibehalten. Ein anderer Kartograph, der mit dem menschlichen Herzen besser bekannt war, schlug eine neue Benennung vor, welche von der menschlichen Eitelkeit eifrig angenommen wurde. Pater Riccioli nämlich, ein Zeitgenosse des Helvetius, verfaßte eine plumpe Karte, die zwar voller Irrthümer war, aber den Mondbergen Namen großer Männer des Alterthums und von Gelehrten jener Zeit gab, ein Gebrauch, dem man nachher gern folgte.

Eine dritte Mondkarte wurde im siebenzehnten Jahrhundert von Dominico Cassini entworfen; besser zwar ausgeführt als die Riccioli’s, ist sie in Hinsicht der Messungen ungenau. Es wurden zwar einige Ausgaben derselben mit Abänderungen veröffentlicht, aber die lange aufbewahrte Platte wurde doch zuletzt als altes Kupfer nach dem Pfund verkauft.

Die vier Meter hohe Karte La Hire’s wurde nie gestochen. Der deutsche Astronom Tobias Mayer begann um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die Herausgabe einer prächtigen Mondkarte nach strenge berichtigten Messungen; aber durch seinen Tod 1762 blieb die schöne Arbeit unvollendet.

Hierauf kam Schröter, aus Lilienthal, der zahlreiche Mondkarten entwarf, hernach ein gewisser Lohrmann aus Dresden, welchem man eine Platte von fünfundzwanzig Abtheilungen verdankt, wovon vier gestochen wurden.

Im Jahre 1830 lieferten Beer und Mädler ihre berühmte Mappa selenographica nach orthographischer Projection. Diese Karte stellt die Mondscheibe genau so, wie sie scheint, dar; doch sind die Zeichnungen der Berge und Ebenen nur auf dem mittleren Theile richtig; überall sonst, nördlich und südlich, östlich und westlich, sind diese in Verkürzung gegebenen Zeichnungen nicht mit denen in der Mitte zu vergleichen. Diese fünfundneunzig Centimeter hohe, in vier Abtheilungen getheilte Karte ist das Hauptwerk der Mondkartenzeichnung.

Nach diesen Gelehrten sind noch die Reliefkarten des deutschen Astronomen Julius Schmitt anzuführen, die topographischen Arbeiten des Pater Secchi, die prächtigen Probedrucke des Engländers Waren de la Rue, und endlich eine Karte von Lecoutourier und Chapuis nach orthographischer Projection, deren Original im Jahre 1860 entworfen wurde, von sehr richtiger Zeichnung und sehr klarer Anordnung.

Dieses sind die verschiedenen Karten, welche man von der Mondwelt hat. Barbicane besaß die beiden von Beer und Mädler und von Chapuis und Lecoutourier. Sie konnten ihm seine Beobachtungen erleichtern.

Die optischen Instrumente, welche er zur Verfügung hatte, waren ausgezeichnete See-Fernrohre, welche besonders für diese Reise gefertigt worden waren. Sie vergrößerten hundertfach, konnten also auf der Erde den Mond bis zu einer Entfernung von nicht tausend Lieues nahe bringen. Aber bei der damaligen Nähe, welche um drei Uhr Morgens nicht mehr als hundertundzwanzig Kilometer betrug, und in der von keiner Atmosphäre getrübten Umgebung, mußte durch diese Instrumente die Mondfläche auf nicht ganz mehr als fünfzehnhundert Meter nahe kommen.

Elftes Capitel


Elftes Capitel

Phantasie und Wirklichkeit.

»Haben Sie jemals den Mond gesehen?« fragte ein Professor ironisch einen seiner Schüler.

– Nein, mein Herr, erwiderte noch ironischer der Schüler, aber ich darf sagen, daß ich von demselben reden gehört habe.

Die scherzhafte Antwort könnte in gewissem Sinn von der immensen Majorität der Leute unter dem Mond gegeben werden. Wie viele Leute haben von dem Mond reden gehört, ohne ihn jemals zu sehen … wenigstens durch ein Fernrohr oder Teleskop! Wie viele haben selbst nie eine Mondkarte genau angesehen!

Betrachtet man eine Mondkarte, so springt eine Eigenthümlichkeit sogleich in die Augen. Gerade umgekehrt wie bei der Erde und dem Mars nehmen die Continente vorzugsweise die südliche Hemisphäre ein. Diese zeigen nicht so deutliche und so regelmäßige Grenzlinien, wie Nordamerika, Afrika und die indische Halbinsel. Ihre eckigen, launenhaften, tief ausgezackten Küsten sind reich an Golfen und Halbinseln. Sie erinnern leicht an das ganze Durcheinander der Sunda-Inseln, wo das Land übermäßig zerstückelt ist. Wenn jemals auf der Mondoberfläche Schifffahrt stattfand, mußte sie ganz besonders schwierig und gefährlich sein; und es sind auf dem Mond die Seeleute und die Hydrographen zu beklagen; letztere, wenn sie die zerrissenen Küsten aufnehmen, erstere, wenn sie an den gefährlichen Stellen landen mußten.

Man wird ferner bemerken, daß auf der Mondkugel der Südpol weit mehr mit Festland besetzt ist wie der Nordpol. Der letztere ist nur wie von einem leichten Käppchen mit Land bedeckt, welches durch ungeheure Meere [Fußnote] vom anderen Festland gesondert ist. Südlich bedecken die Continente fast die ganze Hemisphäre. Möglich also, daß die Seleniten bereits auf einem ihrer Pole die Fahne aufgesteckt haben, während die Franklin, Roß, Kane, Dumont d’Urville, Lambert an diesen unbekannten Punkt des Erdballs noch nicht gelangen konnten.

Inseln giebt’s auf der Mondoberfläche sehr viele. Fast alle länglich oder kreisrund und wie mit dem Zirkel gemacht, scheinen sie einen ungeheuren Archipel zu bilden, der reizenden Gruppe zwischen Griechenland und Kleinasien vergleichbar, welche die Mythologie ehemals mit ihren schönsten Sagen geschmückt hat. Unwillkürlich fallen einem die Namen Naxos, Tenedos, Milo, Karpathos ein, und unsere Augen suchen das Schiff des Ulysses oder den »Klipper« der Argonauten. Dies wenigstens wünschte Michel Ardan zu sehen, einen griechischen Archipel. Die wenig phantasiereichen Augen seiner Gefährten wurden durch den Anblick dieser Küsten vielmehr an die zerstückelten Lande Neu-Braunschweig und Neu-Schottland erinnert, und da, wo der Franzose die Helden der Fabel aufspürte, fanden diese Amerikaner die für Errichtung von Comptoiren günstigen Punkte im Interesse von Handel und Gewerben auf dem Mond.

Zum Schluß dieser Beschreibung des Festlandes auf dem Mond einige Worte über seine orographische Beschaffenheit. Man unterscheidet darauf sehr deutlich Gebirgsketten, einzelne Berge, Ringberge und Streifen. Unter diese Abtheilung läßt sich die ganze Bodenerhebung des Mondes begreifen, welche außerordentlich zerrissen ist. Es ist eine ungeheure Schweiz, ein ununterbrochenes Norwegen, wo sich alles auf plutonischem Wege gebildet hat. Diese so tief eingerissene Oberfläche ist das Ergebniß wiederholter Zusammenziehungen der Bodenrinde zur Zeit, als das Gestirn noch in seiner Bildung begriffen war. Die Mondscheibe ist daher geeignet zum Studium der großen geologischen Erscheinungen. Nach der Bemerkung einiger Astronomen ist die Oberfläche des Mondes, wenngleich älter als die Oberfläche der Erde, dennoch neuer. Es giebt da keine Gewässer, welche die ursprüngliche Bodengestaltung abändern, und deren zunehmendes Einwirken eine Art allgemeiner Abflachung erzeugt; keine Luft, deren zersetzender Einfluß die orographischen Profile entstellt. Da ist die plutonische Arbeit, durch neptunische Kräfte nicht gestört, in ihrer ganzen natürlichen Reinheit. Gerade so die Erde, bevor die Sümpfe und Ströme schichtenweis ihren Bodenniederschlag absetzten.

Nachdem sie einen Ueberblick dieser weiten Continente genommen, gewährten ihnen die noch ausgedehnteren Meere ein anziehenderes Bild. Nicht allein ihre Gestaltung, ihre Lage, ihr Aussehen erinnern an die Oceane der Erde, sondern auch, gleichwie auf der Erde, nehmen diese Meere den größeren Theil der Oberfläche ein. Und doch sind es nicht mit Flüssigkeiten bedeckte Räume, sondern Ebenen, deren Natur die Reisenden bald zu bestimmen hofften.

Die Astronomen haben diese angeblichen Meere mit wenigstens seltsamen Namen geschmückt, welche die Wissenschaft bisher in Achtung behalten hat. Michel Ardan sagte in Beziehung auf dieselben: Diese Karte ist gleich dem. Leben sehr deutlich in zwei Theile getheilt, eine weibliche und eine männliche, den Frauen gehört die Hemisphäre zur Rechten, den Männern die zur Linken. Barbicane und Nicholl zuckten dabei die Achseln; doch ihr phantastischer Freund fuhr fort. In dieser Hemisphäre zur Linken erstreckt sich »das Wolkenmeer«, worin so oft die menschliche Vernunft ertrinkt. Nicht weit davon zeigt sich »das Regenmeer«, welches durch die Wirren des Lebens genährt wird. Daneben das »Meer der Stürme«, wo der Mensch unaufhörlich gegen seine Leidenschaften ankämpft, die ihn nur zu oft besiegen. Hernach, erschöpft durch Täuschungen, Verrath, Treulosigkeit sammt dem ganzen Gefolge irdischen Elends, was findet er am Ende seiner Laufbahn? Dieses ungeheure »Meer der Launen«, welches kaum durch einige Tropfen aus dem »Thau-Golf« versüßt wird! Wolken, Regen, Stürme, Launen, enthält das Leben des Menschen etwas anderes, und läßt sich’s nicht in diese vier Begriffe zusammenfassen?

Die den Frauen gewidmete Hemisphäre zur Rechten enthält kleinere Meere, deren bezeichnende Namen alle Eigenthümlichkeiten weiblichen Lebens an sich tragen. Da ist »das Meer der Heiterkeit«, worüber das junge Mädchen sich neigt, und »der See der Träume«, welche ihm eine lachende Zukunft entgegen strahlt! Da ist »das Nectarmeer« mit seinen Wellen der Zärtlichkeit und seinem Fächeln der Liebe! Hier »das Meer der Fruchtbarkeit«, »das Meer der Krisen«, sodann »das Meer der Mißlaunen«, dessen Umfang vielleicht zu beschränkt ist, und endlich dieses ungeheure »Meer der Seelenruhe«, worin alle täuschenden Leidenschaften, alle unnützen Träume, alle unerfüllten Wünsche untergehen, und dessen Fluthen friedlich in den »See des Todes« verlaufen.

Welche seltsame Reihe von Namen, und welche sonderbare Deutung von Seiten des Phantasten Michel!

Aber seine ernsten Genossen mit einer mehr geographischen Anschauung der Dinge maßen die Winkel und Diameter.

Barbicane und Nicholl sahen in dem »Wolkenmeer« eine unermeßliche Niederung mit einigen zerstreuten ringförmigen Bergen, welche eine große Strecke des östlichen Theiles der Südhemisphäre bedeckte; sie umfaßte hundertvierundachtzigtausendachthundert Quadratlieues, und sein Centrum befand sich unterm 15° südlicher Breite und 20° westlicher Länge.

Der Ocean der Stürme, Oceanus Procellarum, die ausgedehnteste Ebene der Mondscheibe, umfaßte einen Flächenraum von dreihundertachtundzwanzigtausenddreihundert Quadratlieues, dessen Centrum unterm 10° nördlicher Breite und 45° östlicher Länge lag. Mitten aus demselben ragten die erstaunlichen strahlenförmigen Berge Keppler und Aristarch empor. Nördlicher und von dem Wolkenmeer durch hohe Gebirgsketten getrennt, erstreckte sich das »Regenmeer«, Mare Imbrium, mit seinem Mittelpunkt unter 35° nördlicher Breite und 20° östlicher Länge; es hatte fast kreisrunde Gestalt, und deckte einen Raum von hundertdreiundneunzigtausend Quadratlieues. Nicht fern davon das Meer des Humors, Mare Humorum, ein kleines Becken von nur vierundvierzigtausendzweihundert Quadratlieues, lag unterm 25° südlicher Breite und 40° östlicher Länge. Endlich sah man noch drei Golfe am Rande dieser Hemisphäre, benannt: der glühendheiße Golf, der Thau-Golf und der Regenbogen-Golf, kleine, schmale Ebenen zwischen hohen Gebirgsketten.

Die »weibliche« Hemisphäre, natürlich launenhafter, unterschied sich durch kleinere und zahlreichere Gewässer. Es waren nördlich das Frostmeer, Mare Frigoris, unter 55° nördlicher Breite und 0° der Länge, mit einer Oberfläche von sechsundsiebenzigtausend Quadratlieues, welches an den See des Todes und den See der Träume grenzte; das Meer der Heiterkeit, Mare Serenitatis, unter 25° nördlicher Breite und 20° westlicher Länge, hatte einen Umfang von sechsundachtzigtausend Quadratlieues; das Meer der Krisen, Mare Crisium, wohl abgegrenzt, sehr rund, umfaßte unterm 17° nördlicher Breite und 55° westlicher Länge eine Fläche von vierzigtausend Lieues, ganz gleich dem Kaspischen von Gebirgen rings umgeben. Sodann beim Aequator unter 5° nördlicher Breite und 25° westlicher Länge zeigte sich das Meer der Ruhe, Mare Tranquillitatis, von hunderteinundzwanzigtausendfünfhundertundneun Quadratlieues; dieses Meer grenzte südlich an das Nectarmeer, mit einer Fläche von achtundzwanzigtausendachthundert Quadratlieues unter 15° südlicher Breite und 35° westlicher Länge, und östlich an das Meer der Fruchtbarkeit, Mare Fecunditatis, das größte dieser Hemisphäre, mit einem Flächeninhalt von zweihundertneunzehntausenddreihundert Quadratlieues unter 3° südlicher Breite und 50° westlicher Länge. Endlich, ganz im Norden und ganz im Süden, stachen noch zwei Meere hervor, das Humboldt-Meer, Mare Humboldtianum, sechstausendfünfhundert Quadratlieues groß, und das Südmeer, Mare Australe, mit einer Fläche von sechsundzwanzigtausend.

In der Mitte der Mondscheibe, auf beiden Seiten des Aequators und des Meridians 0, erstreckte sich der Golf des Centrums, Sinus Medii, eine Art Bindestrich zwischen den beiden Hemisphären.

Aus diesen Theilen bestand, wie Nicholl und Barbicane vor Augen sahen, die stets sichtbare Oberfläche des Erdtrabanten. Als sie diese verschiedenen Maße addirten, ergab sich für diese Hemisphäre ein Flächengehalt von vier Millionen siebenhundertachtunddreißigtausendhundertundsechzig Quadratlieues, von welchen drei Millionen dreihundertsiebenzehntausendsechshundert Lieues auf die Vulkane, die Gebirgsketten, Ringberge, Inseln, kurz Alles, was den festen Theil des Mondes zu bilden schien, zu rechnen; und vierzehnhundertzehntausendvierhundert Lieues auf die Meere, Seen, Sümpfe, Alles was scheinbar dem flüssigen Theil angehörte.

Diese Hemisphäre ist demnach dreizehn und ein halb Mal kleiner als die Erdhemisphäre. Doch haben die Selenographen bereits über fünfzigtausend Krater auf derselben gezählt. So ist also, aufgetrieben, voll Runzeln und Schrunnen, wie ein Schaumgebäck, das Angesicht der schönen Diana, der blonden Phöbe, der reizenden Astarte, der Königin der Nacht, der Tochter Jupiter’s und der Latona.

Zwölftes Capitel


Zwölftes Capitel

Orographische Details.

Die vom Projectil eingeschlagene Richtung führte dasselbe, wie bereits bemerkt, der nördlichen Hemisphäre des Mondes zu. Die Reisenden waren weit ab von dem Punkt des Centrums, auf welchen sie stoßen mußten, wäre ihre Bahn nicht unabänderlich abgewichen.

Es war schon eine halbe Stunde nach Mitternacht. Barbicane schätzte damals seine Entfernung auf vierzehnhundert Kilometer, etwas mehr als die Länge des Mondradius, und dieser Abstand mußte in dem Verhältniß, als sie dem Nordpol sich näherten, geringer werden. Das Projectil befand sich damals nicht über dem Aequator, sondern quer über dem zehnten Breitegrad, und von dieser Breite aus, welche auf der Karte bis zum Pol hin sorgfältig aufgenommen war, konnte Barbicane mit seinen Genossen den Mond unter den vortheilhaftesten Bedingungen beobachten.

In der That wurde durch das Fernrohr dieser Abstand von vierzehnhundert Kilometer auf vierzehn, nämlich drei und eine halbe Lieue, herabgebracht. Das Teleskop des Felsengebirges brachte den Mond noch näher, aber die Erdatmosphäre schwächte bedeutend seine optische Kraft. Daher nahm auch Barbicane von seinem Projectil aus mit der Lorgnette schon manche Details wahr, welche von den Beobachtern auf der Erde fast nicht zu erkennen waren.

»Meine Freunde, sagte darauf der Präsident mit ernstem Ton, ich weiß nicht, wohin wir fahren, ich weiß nicht, ob wir jemals unsern Erdball wieder sehen. Dennoch wollen wir verfahren, als sollten diese Arbeiten einmal unseres Gleichen nützlich sein. Halten wir unseren Geist frei von jeder Befangenheit. Wir sind Astronomen. Diese Kugel ist ein in den Weltraum versetztes Cabinet des Observatoriums zu Cambridge. So wollen wir Beobachtungen anstellen.«

Unverzüglich wurde die Arbeit mit äußerster Genauigkeit begonnen, und es wurden die verschiedenen Ansichten des Mondes von den wechselnden Standpunkten aus, welche das Projectil dem Gestirn gegenüber einnahm, getreu aufgenommen.

Zu derselben Zeit, als die Kugel sich über dem zehnten Grad nördlicher Breite befand, schien sie strenge dem zwanzigsten Grad östlicher Länge zu folgen.

Hierhin gehört eine wichtige Bemerkung hinsichtlich der Karte, welche bei den Beobachtungen gebraucht wurde. Bei den Mondkarten, wo, in Folge des verkehrten Bildes, welches die Fernröhre von Gegenständen werfen, der Süden oben ist, der Norden unten, sollte es natürlich scheinen, daß in Folge dieser Umkehrung der Osten links fallen müßte, der Westen rechts. Jedoch so ist’s nicht der Fall. Würde die Karte umgekehrt, und stellte den Mond so dar, wie er sich den Blicken darbietet, so wäre Osten links und Westen rechts, umgekehrt wie bei den Landkarten. Der Grund dieser abweichenden Erscheinung ist folgender. Wer den Mond von der nördlichen Hemisphäre aus, in Europa, wenn man will, beobachtet, sieht ihn sich gegenüber im Süden, und kehrt dem Norden den Rücken zu, umgekehrt wie bei Betrachtung einer Landkarte. Weil er dem Norden den Rücken zuwendet, hat er den Osten links, den Westen rechts. Ein Beobachter auf der südlichen Hemisphäre, in Patagonien z.B., hätte die Westseite des Mondes vollständig links, die östliche rechts, weil Süden hinter ihm ist.

Dieses ist der Grund der anscheinenden Umkehrung der beiden Cardinalpunkte, und man muß sich desselben bewußt sein, um die Beobachtungen des Präsidenten Barbicane zu begleiten.

Mit Hilfe der Mappa selenographica von Beer und Mädler konnten die Reisenden auf dem Theil der Mondscheibe, welche sich vor dem Feld ihres Fernrohres befand, sich leicht zurecht finden.

»Was erblicken wir in diesem Augenblick? fragte Michel.

– Den nördlichen Theil des Wolkenmeeres, erwiderte Barbicane. Wir sind noch nicht nahe genug, um seine Beschaffenheit zu erkennen. Sind diese Ebenen mit dürrem Sand bedeckt, wie die ersten Astronomen angenommen haben? Sind es nur unermeßliche Waldungen, wie Waren de la Rue meinte, welcher auf dem Mond eine sehr niedrige, aber sehr dichte Atmosphäre voraussetzt, das werden wir später erfahren. Behaupten wollen wir nicht eher etwas, als wir dazu befugt sind.«

Dieses Wolkenmeer ist auf den Karten ziemlich unbestimmt abgegrenzt. Man nimmt an, jene ungeheure Ebene sei mit Lavablöcken bedeckt, welche von den rechtsbenachbarten Vulkanen Ptolemäus, Purbach, Arzachel ausgeworfen worden. Aber das Projectil kam merklich näher, und bald zeigten sich die Berghöhen, welche die nördliche Grenze dieses Meeres bilden. Vor demselben ragte ein in voller Schönheit strahlender Berg empor, dessen Gipfel Sonnenstrahlen auszusprühen schienen, gleich den Gluthstrahlen aus einem Krater.

»Das ist? … fragte Michel.

– Kopernicus! erwiderte Barbicane.

– Betrachten wir Kopernicus.«

Dieser Berg, unterm 9° nördl. Breite und 20° östl. Länge erhebt sich bis zu einer Höhe von dreitausendvierhundertachtunddreißig Meter über der Mondoberfläche. Er ist auf der Erde gut sichtbar, und die Astronomen können ihn genau studiren, besonders während der Phase zwischen dem letzten Viertel und Neumond, weil dann seine Schatten weithin von Osten nach Westen fallen und seine Höhen zu messen gestatten.

Dieser Kopernicus bildet nach dem auf der südlichen Hemisphäre gelegenen Tycho das bedeutendste strahlende System der Mondscheibe. Er steht einzeln, wie ein riesenhafter Pharus auf dem an das Meer der Stürme grenzenden Theile des Wolkenmeers, und beleuchtet mit seinem glänzenden Strahlenwurf zwei Oceane zugleich. Diese langen Lichtstreifen boten einen Anblick ohne Gleichen dar; beim Vollmond von blendendem Glanze reichen sie nördlich über die Grenzgebirgsketten, um im Regenmeere allmälig zu erlöschen. Um ein Uhr Morgens, nach dem Maßstab der Erde gerechnet, beherrschte das Projectil gleich einem in den Raum geschleuderten Ballon dieses prachtvolle Gebirge.

Barbicane konnte sehr genau die hauptsächlichen Eigenthümlichkeiten desselben erkennen. Kopernicus gehört zu den Ringgebirgen ersten Ranges in der Abtheilung des großen Circus. Gleich dem Keppler und Aristarch, welche den Ocean der Stürme beherrschen, zeigt er sich manchmal wie ein Punkt, der durch das aschfarbene Licht hindurch glänzt, und wurde für einen thätigen Vulkan gehalten. Aber es ist ein ausgebrannter Vulkan, wie alle auf dieser Seite der Mondfläche. Seine Ringwälle zeigten einen Durchmesser von ungefähr zweiundzwanzig Lieues. Das Fernrohr entdeckte auf demselben Spuren von Schichtungen, welche von aufeinander folgenden Ausbrüchen herrührten, und die Umgebung schien mit vulkanischen Trümmern bedeckt, wovon sich manche noch in den Kratern drinnen zeigten.

»Es giebt, sagte Barbicane, auf der Oberfläche des Mondes mehrere Arten von Ringgebirgen, und es ist leicht zu erkennen, daß Kopernicus zu der Sorte der strahlenden gehört. Wären wir näher, so würden wir die kegelförmigen Spitzen, welche in seinem Innern so zahlreich sind und ehemals feuerspeiende kleine Krater waren, erkennen. Eine merkwürdige Eigenthümlichkeit, die ohne Ausnahme auf der Mondscheibe vorkommt, besteht darin, daß, umgekehrt wie die Krater der Erde gebildet sind, der innere Boden dieses Circus auffallend niederer liegt, als die äußere Ebene. Es folgt daraus, daß die allgemeine Krümmung des Innern dieses Circus eine Kugel bildet von kleinerem Durchmesser, als der des Mondes ist.

– Und wozu diese Eigenthümlichkeit? fragte Nicholl.

– Das weiß man nicht, erwiderte Barbicane.

– Welch glänzende Strahlen! rief Michel wiederholt. Ich kann mir kaum denken, daß man einen schöneren Anblick haben könne!

– Was wirst Du erst sagen, erwiderte Barbicane, wenn uns der Zufall der südlichen Hemisphäre zuführte?

– Nun, da würde ich sagen, das ist noch schöner!« versetzte Michel Ardan.

In diesem Augenblick konnte man vom Projectil aus den Ring senkrecht beschauen. Die Umwallung des Kopernicus bildete einen fast vollständigen Kreis, und seine sehr steilen Wälle waren deutlich zu erkennen. Man konnte sogar einen doppelten Wall innen erkennen. Um den Berg herum breitete sich eine etwas graue Ebene von wildem Aussehen, worauf die Erhöhungen in Gelb hervortraten. Im Innern des Rings funkelten wie in einem Schmuckkasten einen Augenblick zwei bis drei speiende Kegel, gleich enormen blendenden Gemmen. Nördlich senkte sich die Umwallung zu einer Vertiefung, wodurch man wahrscheinlich in das Innere des Kraters gelangen konnte.

Bei einem Ueberblick über die umgebende Ebene konnte Barbicane eine große Anzahl unbedeutender Gebirge wahrnehmen, unter anderen ein kleines Ringgebirge, Gay-Lussac benannt, das dreiundzwanzig Kilometer breit war. Nach Süden hin zeigte sich die Ebene sehr flach, ohne Anschwellung, ohne Erhabenheit des Bodens. Nach Norden dagegen, bis zu der Stelle, wo sie an den Ocean der Stürme grenzt, glich sie einer flüssigen, vom Sturm gepeitschten Oberfläche, deren spitze und runde Erhöhungen das Bild einer Reihe von Wellen, die plötzlich feste Gestalt annahmen, darstellte. Ueber dieses Ganze zogen sich in allen Richtungen die Lichtstreifen, welche im Gipfel des Kopernicus zusammen liefen. Einige derselben zeigten eine Breite von dreißig Kilometer bei einer nicht zu berechnenden Länge.

Die Reisenden sprachen über den Ursprung dieser seltsamen Strahlen und konnten so wenig wie die Beobachter auf der Erde über ihre Natur etwas Bestimmtes sagen.

»Aber warum, sagte Nicholl, sollten nicht diese Strahlen ganz einfach Strebemauern vom Gebirge sein, welche das Sonnenlicht lebhafter rückstrahlen?

– Nein, erwiderte Barbicane, wenn dem so wäre, würden unter gewissen Bedingungen diese Bergspitzen Schatten werfen. Aber sie werfen keinen.«

Wirklich kommen diese Strahlen nur dann vor, wenn das Tagesgestirn in Opposition mit dem Mond steht, und verschwinden, sobald seine Strahlen schief auffallen.

»Aber was hat man sich denn zur Erklärung dieser Lichtstreifen für Vorstellungen gemacht? fragte Michel, denn ich kann nicht glauben, daß die Gelehrten mit Erklärungen je zurückhalten.

– Ja, erwiderte Barbicane, Herschel hat zwar eine Erklärung ausgedacht, aber nicht zu behaupten gewagt.

– Gleichviel. Was ist seine Meinung?

– Er dachte sich, diese Strahlen möchten wohl kalt gewordene Lavaströme sein, welche, wann die Sonne sie senkrecht bestrahlt, einen Widerschein würfen. Das ist wohl möglich, aber durchaus nicht gewiß. Uebrigens, wenn wir etwas näher zu Tycho herantreten, werden wir einen besseren Standpunkt haben, um die Ursache dieses Strahlens zu erkennen.

– Wissen Sie, meine Freunde, womit, von unserem jetzigen Standpunkt herab gesehen, diese Ebene zu vergleichen ist? fragte Michel.

– Nein, erwiderte Nicholl.

– Nun, mit all diesen Lavastücken, lang wie Spindeln, gleicht sie einem ungeheuren Spiel mit durcheinandergeworfenen Stäbchen. Man braucht nur einen Haken, um sie nach einander heraus zu ziehen.

– Sei doch ernst! sagte Barbicane.

– Um ernst zu sein, versetzte Michel ruhig, wollen wir Knochen anstatt Stäbchen annehmen. Dann wäre diese Ebene nur ein ungeheures Knochenfeld, worauf die sterblichen Ueberreste von Tausenden hingestorbener Generationen ruhten. Würdest Du eine solche wirkungsvolle Erklärung vorziehen?

– Die eine taugt so wenig, wie die andere, entgegnete Barbicane.

– Teufel! Du bist peinlich! versetzte Michel.

– Mein würdiger Freund, fuhr der gesetzte Barbicane fort, es kommt wenig darauf an zu wissen, womit dies zu vergleichen, während man nicht weiß, was es ist.

– Gut geantwortet, rief Michel. Ich lerne daraus mit Gelehrten mich besprechen!«

Inzwischen fuhr das Projectil mit fast gleichförmiger Geschwindigkeit längs der Mondscheibe immer weiter. Die Reisenden dachten, wie man leicht denken kann, nicht einen Augenblick an Ruhe. Jede Minute änderte die vor ihren Blicken entschwindende Aussicht. Gegen halb zwei Uhr Morgens sahen sie die Gipfel eines anderen Gebirges. Barbicane befragte seine Karte und erkannte Eratosthenes.

Es war ein viertausendfünfhundert Meter hohes Ringgebirge, einer von den auf dem Trabanten so zahlreichen Circus. Und bei diesem Anlaß erzählte Barbicane seinen Freunden von der merkwürdigen Ansicht Keppler’s über die Entstehung dieser Circus. Dem berühmten Mathematiker zufolge sollten diese kraterförmigen Vertiefungen von Menschenhand gegraben worden sein.

»In welcher Absicht? fragte Nicholl.

– In sehr natürlicher Absicht! erwiderte Barbicane. Die Seleniten wollten darin Zuflucht und Schutz gegen die Sonnenstrahlen suchen, welche sie vierzehn Tage hinter einander auszustehen haben.

– Die Seleniten sind doch keine Dummköpfe! sagte Michel.

– Sonderbare Idee! erwiderte Nicholl. Aber es ist wahrscheinlich, daß Keppler nicht mit den wirklichen Maßen dieser Circus bekannt war, denn es wäre eine für Seleniten unausführbare Riesenarbeit gewesen!

– Weshalb, wenn auf dem Mond die Schwere sechsfach geringer ist, wie auf der Erde? fragte Michel.

– Wenn aber die Seleniten sechsfach kleiner sind? entgegnete Nicholl.

– Und wenn es gar keine Seleniten giebt!« fügte Barbicane bei. Damit schloß diese Unterhaltung.

Bald verschwand Eratosthenes unterm Horizont, ohne daß das Projectil nahe genug kam, um genaue Beobachtungen anzustellen.

Dieser Berg schied die Apenninen von den Karpathen.

In der Orographie des Mondes hat man einige Gebirgsketten unterschieden, welche hauptsächlich der nördlichen Hemisphäre angehören. Einige jedoch befinden sich auf der südlichen.

Es folge hier ein Verzeichniß dieser verschiedenen Ketten in der Richtung von Süden nach Norden, mit Angabe ihrer Breite und Höhe, nach den höchsten Gipfeln:

Dörfel 84° –S. Br. 7603 Meter
Leibnitz 65°–S. Br. 7600 Meter
Rook 20°–30°S. Br. 1600 Meter
Altai 17°–28°S. Br. 4047 Meter
Cordilleren 10°–20°S. Br. 3898 Meter
Pyrenäen  8°–18°S. Br. 3631 Meter
Ural  5°–13°S. Br. 838 Meter
Alembert  4°–10°S. Br. 5847 Meter
Hämus  8°–21°N. Br. 2021 Meter
Karpathen 15°–19°N. Br. 1939 Meter
Apenninen 14°–27°N. Br. 5501 Meter
Taurus 21°–28°N. Br. 2746 Meter
Schwarzwald 17°–29°N. Br. 1170 Meter
Kaukasus 32°–41°N. Br. 5567 Meter
Alpen 42°–49°N. Br. 3617 Meter

Von diesen ist die Apenninenkette die bedeutendste, die sich hundertundfünfzig Lieues weit erstreckt, eine Länge, welche jedoch den größeren Gebirgszügen der Erde nachsteht. Die Apenninen ziehen längs dem Nordrande des Regenmeeres, und ihre Fortsetzung nördlich bilden die Karpathen von ungefähr hundert Meilen Länge.

Die Reisenden konnten im Vorbeifahren nur den höchsten Theil derjenigen Apenninen sehen, welche vom 10° westlicher bis zum 16° östlicher Länge ziehen; aber die Karpathenkette erblickten sie in ihrer ganzen Ausdehnung von 18–30° östlicher Länge, und konnten ihre Vertheilung aufnehmen.

Eine Vermuthung schien ihnen sehr gerechtfertigt. Als sie diese Karpathenkette ansahen, wie sie hie und da kreisrunde Formen annimmt und von steilen Spitzen beherrscht wird, schlossen sie daraus, sie habe ehemals bedeutende Circus gebildet. Diese Gebirgsringe mußten wohl von der ungeheuren Ausströmung, wodurch das Regenmeer entstand, durchbrochen worden sein. Diese Karpathen waren damals, ihrem Aussehen nach, was die Circus Purbach, Arzachel und Ptolemäus wären, wenn eine Ueberschwemmung ihre Wälle auf der linken Seite niedergeworfen und sie in eine zusammenhängende Kette verwandelt hätte. Sie zeigen eine mittlere Höhe von dreitausendzweihundert Meter, welche einigen Punkten der Pyrenäen vergleichbar ist. Ihre Südseite fällt schroff zu dem unermeßlichen Regenmeere ab.

Gegen zwei Uhr Morgens befand sich Barbicane über dem zwanzigsten Mondbreitegrad, unweit des fünfzehnhundertneunundfünfzig Meter hohen Berges, welcher Pythias heißt. Das Projectil war nur noch zwölfhundert Kilometer von dem Mond entfernt, der durch das Fernrohr bis auf drei Lieues nahe gerückt wurde.

Das » Mare Imbrium« lag vor den Augen der Reisenden wie eine unermeßliche Niederung, deren Einzelheiten noch wenig zu erkennen waren. Zu ihrer Linken ragte in der Nähe der Berg Lambert, dessen Höhe auf achtzehnhundertunddreizehn Meter geschätzt wird, und weiter hin auf der Grenze des Oceans der Stürme, unterm 23° nördlicher Breite und 29° östlicher Länge, erglänzte der strahlende Berg Euler. Ueber diesen, nur achtzehnhundertundfünfzehn Meter hohen Berg hat der Astronom Schröter eine interessante Arbeit geliefert. Dieser Gelehrte hatte bei seinen Forschungen über den Ursprung der Mondberge sich die Frage gestellt, ob der Kubikgehalt des Kraters sich stets dem der Umwallung, welche ihn bildet, merklich gleich zeige. Dieses Verhältniß bestand nur im Allgemeinen, und Schröter folgerte daraus, daß ein einziger Ausbruch vulkanischer Stoffe genügt habe, um diese Wälle zu bilden, denn wiederholt nach einander erfolgte Ausbrüche hätten dieses Verhältniß geändert. Nur der Berg Euler trat zu diesem allgemeinen Gesetz in Widerspruch, und man mußte annehmen, daß er durch mehrere auf einander folgende Ausbrüche gebildet worden, denn der Inhalt seiner Aushöhlung betrug das Doppelte seiner Umwallung.

Alle diese Vermuthungen durften die Beobachter auf der Erde sich erlauben, trotzdem ihre Instrumente ungenügend waren. Barbicane wollte sich nicht damit begnügen, und da er sah, wie sein Projectil regelmäßig der Mondscheibe näher kam, gab er die Hoffnung nicht auf, es werde ihm, wenn er dieselbe nicht erreichen könne, doch wenigstens möglich sein, durch die verringerte Entfernung in die Geheimnisse der Bildung des Mondes zu dringen.

Vorwort und Rückblick


Vorwort und Rückblick

Im Laufe des Jahres 186.. wurde die ganze Welt durch ein wissenschaftliches Unternehmen, das in den Annalen der Wissenschaft ohne Gleichen war, in außerordentliche Bewegung versetzt. Die Mitglieder des Gun-Clubs, eines Vereins von Artilleristen, welcher nach dem amerikanischen Krieg sich zu Baltimore bildete, hatten die Idee, sich durch Zusendung einer Kugel mit dem Mond in Verbindung zu setzen. Ihr Präsident Barbicane, der die Unternehmung in Anregung brachte, ergriff, nachdem er die Astronomen des Observatoriums zu Cambridge zu Rathe gezogen, alle Maßregeln, welche für den glücklichen Erfolg des von der Mehrzahl sachverständiger Männer für ausführbar erklärten Vorhabens erforderlich waren. Nachdem durch eine öffentliche Subscription etwa dreißig Millionen aufgebracht waren, begann er seine riesenhaften Arbeiten.

In Gemäßheit eines von den Mitgliedern des Observatoriums ertheilten Gutachtens mußte die Kanone, welche das Projectil abschleudern sollte, um auf den Mond im Zenith zielen zu können, in einer Landschaft zwischen 0 und 28 Grad nördlicher oder südlicher Breite aufgestellt werden, und man mußte der Kugel eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde geben. Wurde diese am 1. December dreizehn Minuten und zwanzig Secunden vor elf Uhr Abends abgeschossen, so mußte sie vier Tage hernach, am 5. December um zwölf Uhr Nachts, gerade zu dem Zeitpunkt auf dem Mond eintreffen, wo er der Erde am nächsten stand, in einer Entfernung nämlich von sechsundachtzigtausendvierhundertundzehn franz. Meilen.

Die bedeutendsten Mitglieder des Gun-Clubs, der Präsident Barbicane, Major Elphiston, Secretär J.T. Maston und andere Gelehrte hielten einige Sitzungen, worin die Form und das Material der Kugel, die Art und Einrichtung der Kanone, die Beschaffenheit und die Menge des Pulvers besprochen wurden. Man beschloß: 1. Das Geschoß solle eine Hohlkugel aus Aluminium sein mit einem Durchmesser von einhundertundacht Zoll, zwölf Zoll dicken Wänden und neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund schwer. 2. Das Geschütz solle eine Columbiade von Gußeisen sein, neunhundert Fuß lang, und unmittelbar in den Erdboden zu gießen. 3. Zur Ladung sollten vierhunderttausend Pfund Schießbaumwolle verwendet werden, welche sechs Milliarden Liter Gas unter dem Projectil entwickelten, dessen Treibkraft leicht bis zum Nachtgestirn reichen würde.

Als diese Fragen gelöst waren, wählte der Präsident Barbicane mit Hilfe des Ingenieurs Murchison eine Stelle in Florida, unterm 27°7′ nördlicher Breite und 5°7′ westlicher Länge, wo nach merkwürdigen Arbeiten der Guß der Columbiade vorgenommen wurde und vollständig gelang.

So standen die Dinge, als ein Ereigniß dazwischen kam, wodurch das Interesse an der großen Unternehmung hundertfach vergrößert wurde.

Ein pariser Phantast, geistreicher und kühner Künstler, begehrte und erbot sich, in eine Kugel eingeschlossen die Reise nach dem Mond zu machen, um über den Trabanten der Erde Forschungen anzustellen. Michel Ardan hieß dieser unerschrockene Abenteurer. Bei seiner Ankunft in Amerika wurde er mit Enthusiasmus aufgenommen, hielt Meetings, ward im Triumph auf den Schultern getragen, versöhnte den Präsidenten Barbicane mit seinem Todfeind, dem Kapitän Nicholl, und beredete sie beide, die Reise in dem Projectil mitzumachen.

Der Vorschlag wurde angenommen, die Form der Kugel abgeändert. Das Projectil ward cylinder-kegelförmig. Dieser Luft-Waggon wurde, um die Gewalt des Gegenstoßes bei der Abfahrt abzuschwächen, mit einer starken Vorrichtung versehen; sodann mit Lebensmitteln für ein Jahr, Wasser für einige Monate, und Gas für einige Tage. Ein automatischer Apparat bereitete und lieferte die zum Athmen für die drei Reisenden erforderliche Luft. Zu gleicher Zeit ließ der Gun-Club auf einem der höchsten Gipfel des Felsengebirgs ein Riesenteleskop bauen, um es möglich zu machen, das Projectil während seiner Fahrt durch den Weltraum zu beobachten. Alles war fertig und bereit.

Am 30. November, zur bestimmten Stunde, fand inmitten einer unzähligen Zuschauermenge die Abfahrt statt, und zum ersten Male sah man drei menschliche Wesen den Erdball verlassen und in den weiten Weltraum emporsteigen, fast vollständig überzeugt, daß sie am Ziel ihrer Reise anlangen würden. Diese kühnen Reisenden, Michel Ardan, der Präsident Barbicane und der Kapitän Nicholl, sollten ihre Ueberfahrt in siebenundneunzig Stunden dreizehn Minuten und zwanzig Secunden vollenden. Folglich konnte ihre Ankunft auf der Oberfläche der Mondscheibe erst am 5. December um zwölf Uhr Nachts erfolgen, gerade in dem Moment, da Vollmond eintrat, und nicht am vierten, wie einige irrig berichtete Journale mittheilten.

Doch es begab sich ein unerwartetes Ereigniß: die von der Columbiade hervorgerufene Erschütterung bewirkte unverzüglich eine Trübung der Atmosphäre durch Anhäufung einer enormen Menge von Dünsten. Diese Erscheinung rief eine allgemeine Entrüstung hervor, denn der Mond war einige Nächte hindurch den Augen seiner Beobachter verhüllt. J.T. Maston, der würdige und tapfere Freund der drei Reisenden, eilte zum Felsengebirg, um dem ehrenwerthen Director des Observatoriums zu Cambridge, J. Belfast, Gesellschaft zu leisten, der zu Longs Peak, wo das Riesenteleskop, das den Mond bis auf zwei Meilen nahe rückte, errichtet war, die Fahrt seiner kühnen Freunde beobachten wollte.

Das in der Atmosphäre gehäufte Gewölk hinderte während des 5., 6., 7., 8., 9. und 10. December jede Beobachtung. Man glaubte schon, dieselbe bis zum 3. Januar des folgenden Jahres vertagen zu müssen, weil der am 11. December in sein letztes Viertel tretende Mond dann nur einen stets abnehmenden Theil seiner Scheibe zeigte, welche nicht hinreichte, um die Spur des Projectils zu verfolgen.

Doch endlich vertrieb zur allgemeinen Befriedigung ein starker Sturm in der Nacht vom 11. zum 12. December alles Gewölk aus der Atmosphäre, und der zur Hälfte erleuchtete Mond trat auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels klar hervor.

In derselben Nacht traf ein Telegramm ein, welches die Herren Belfast und Maston von der Station Longs Peak an das Bureau des Observatoriums zu Cambridge gesendet hatten.

Und was enthielt dies Telegramm?

Es berichtete, am 11. December um acht Uhr siebenundvierzig Minuten Abends sei das von der Columbiade zu Stone’s-Hill entsendete Projectil von den Herren Belfast und. Maston wahrgenommen worden. – Dasselbe sei, aus unbekanntem Grund von seiner Bahn abweichend, nicht an sein Ziel gelangt, aber doch nahe genug gekommen, um von der Anziehungskraft des Mondes festgehalten zu werden; – seine gerade Richtung sei in eine Kreisbewegung übergegangen, und so sei es zu einem Trabanten geworden, der in elliptischer Bahn den Mond umkreise.

Das Telegramm fügte bei, die Elemente dieses neuen Gestirns hätten noch nicht berechnet werden können, – und in der That sind auch drei Beobachtungen des Gestirns in drei verschiedenen Stellungen desselben nöthig, um seine Elemente zu bestimmen. Sodann fügte es weiter bei, die Entfernung des Projectils von der Mondoberfläche »könne« auf etwa zweitausendachthundertdreiunddreißig Meilen angeschlagen werden, d.h. viertausendfünfhundert Lieues.

Dasselbe schloß mit der doppelten Annahme: Entweder werde die Anziehungskraft des Mondes zuletzt überwiegen und die Reisenden würden an ihrem Ziel anlangen; oder das Projectil werde, unveränderlich in seiner Bahn festgehalten, seinen Kreislauf um den Mond herum bis an’s Ende der Jahrhunderte fortzusetzen haben.

Wie würde es dann den Reisenden ergehen? Zwar Lebensmittel hatten sie für einige Zeit. Aber gesetzt auch, ihr verwegenes Unternehmen gelänge, wie kämen sie dann zurück? Wäre dies je möglich? Könnte man Nachricht von ihnen haben? Diese Fragen, welche die gelehrtesten Federn der Zeit in Bewegung setzten, beschäftigten das Publicum mit Leidenschaft.

Ich muß hier eine Bemerkung machen, welche allzueilige Beobachter beherzigen sollten. Wenn ein Gelehrter dem Publicum eine rein speculative Entdeckung ankündigt, kann er nicht vorsichtig genug sein. Einen Kometen, Planeten oder Trabanten zu entdecken, ist keines Menschen Schuldigkeit, und wenn man in so einem Falle sich irrt, verdient man die Spöttereien der Menge, welchen man sich aussetzt. Deshalb ist’s besser, abzuwarten, und dies hätte auch der ungeduldige J.T. Maston thun sollen, bevor er das Telegramm in die Welt schleuderte, welches, ihm zufolge, über diese Unternehmung sich so entschieden aussprach.

In der That enthielt jenes Telegramm einen doppelten Irrthum, wie sich’s später herausstellte: 1. Irrige Beobachtung in Beziehung auf die Entfernung des Projectils von der Oberfläche des Mondes, denn am 11. December konnte man es unmöglich wahrnehmen, und was J.T. Maston sah oder zu sehen glaubte, konnte nicht die Kugel der Columbiade sein. 2. Irrige theoretische Ansicht über das Loos des Projectils; denn indem man dasselbe zu einem Trabanten des Mondes macht, setzt man sich mit den Gesetzen vernunftmäßiger Mechanik in Widerspruch.

Nur die Annahme der Beobachter zu Longs Peak konnte sich verwirklichen, daß die Reisenden – falls sie noch bei Leben – sich bemühten, mit Benützung der Anziehungskraft des Mondes auf die Oberfläche desselben zu gelangen.

Diese so einsichtsvollen, wie kühnen Männer hatten nun aber den erschrecklichen Gegenstoß bei der Abfahrt bestanden, und ihre Reise in dem Projectil-Waggon soll hier mit all‘ ihren merkwürdigen und dramatischen Erlebnissen erzählt werden. Diese Erzählung wird manche Täuschungen und Vermuthungen zu nichte machen; dagegen wird sie von der möglichen Lösung einer solchen Aufgabe einen richtigen Begriff geben, und den wissenschaftlichen Instinct Barbicane’s, die industriellen Hilfsmittel und Kenntnisse Nicholl’s und die humoristische Kühnheit Michel Ardan’s anschaulich machen.

Ferner wird sie darlegen, daß ihr würdiger Freund, J.T. Maston, seine Zeit verlor, als er auf dem Riesenteleskop den Mond auf seiner Bahn durch die Sternenräume fortwährend beobachtete.

Achtes Capitel.

Achtes Capitel.

Passepartout spricht ein wenig mehr, als vielleicht sich gehörte.

Fix hatte in wenig Augenblicken Passepartout am Quai eingeholt, der da schlenderte und schaute, denn er glaubte nicht, daß er verbunden sei, nichts zu sehen.

»Nun, Freund, redete Fix ihn an, ist Ihr Paß visirt?

– Ah! Sie sind’s, mein Herr, erwiderte der Franzose. Sehr verbunden. Wir sind völlig im Reinen.

– Und Sie besehen sich das Land?

– Ja, aber wir reisen so rasch, daß mir’s vorkommt, als reise ich im Traum. Z.B. Wir sind hier in Suez?

– Suez.

– In Aegypten?

– Aegypten, ganz recht.

– Und in Afrika?

– In Afrika.

– In Afrika! wiederholte Passepartout. Ich kann’s gar nicht glauben. Denken Sie sich, mein Herr, ich meinte, wir gingen nicht weiter als Paris, und diese berühmte Hauptstadt sah ich eben nur von sieben Uhr zwanzig bis acht Uhr vierzig Minuten Vormittags, zwischen dem Nordbahnhof und dem Lyoner, durch die Scheiben eines Fiaker, während eines Platzregens! Das war mir leid! Gerne hätte ich den Père La Chaise und den Circus in den Champs Elysées besucht!

– Sie haben demnach sehr Eile? fragte der Polizei-Agent.

– Ich nicht, aber mein Herr. Apropos, ich muß ja Strümpfe und Hemden kaufen! Wir sind ohne Koffer abgereist, nur mit einem Reisesack.

– Ich will Sie in einen Bazar führen, wo Sie Alles finden, was Sie brauchen.

– Mein Herr, erwiderte Passepartout, Sie sind wirklich sehr gefällig!« …

Und sie gingen mit einander. Passepartout schwatzte beständig.

»Vor Allem, sagte er, muß ich mich hüten, das Boot nicht zu verfehlen!

– Sie haben Zeit, versetzte Fix, es ist erst zwölf Uhr!«

Passepartout zog seine große Uhr heraus. »Zwölf Uhr, sagte er. Nicht doch! es ist neun Uhr zweiundfünfzig Minuten!

– Ihre Uhr geht nach, erwiderte Fix.

– Meine Uhr! Das alte Familienstück von meinem Urgroßvater her! Sie weicht nicht fünf Minuten im Jahre ab. Es ist ein wahrer Chronometer!

– Ich sehe, woran’s hängt. Sie haben noch die Londoner Zeit, welche um zwei Stunden etwa von der zu Suez abweicht. Sie müssen darauf bedacht sein, Ihre Uhr nach der Mittagszeit jedes Landes zu stellen.

– Ich! an meine Uhr rühren! rief Passepartout, niemals!

– Ah, dann stimmt sie nicht mehr mit der Sonne.

– Um so schlimmer für die Sonne, mein Herr! Sie ist im Irrthum.«

Und der wackere Bursche steckte seine Uhr mit stolzer Geberde wieder in seine Tasche.

Nach einer kleinen Weile sprach Fix:

»Also Sie haben London in Eile verlassen?

– Das mein‘ ich! Letzten Mittwoch um acht Uhr Abends kam Herr Fogg gegen alle Gewohnheit früh aus seiner Gesellschaft, und schon dreiviertel Stunden nachher waren wir unterwegs.

– Aber wo reist Ihr Herr denn hin?

– Immer gerade aus, um die ganze Erde herum!

– Um die Erde herum? rief Fix.

– Ja, in achtzig Tagen! Eine Wette, sagte er, aber, unter uns, ich glaub’s nicht. Das wäre Unsinn. Es steckt was anderes dahinter.

– Ei! Der Herr Fogg ist ein Original.

– Das glaub‘ ich.

– Ist er denn reich?

– Ganz gewiß, er hat eine hübsche Summe bei sich, in ganz neuen Banknoten! Und er spart unterwegs nicht! Denken Sie, er hat dem Maschinisten des Mongolia eine stattliche Prämie versprochen, wenn wir bei der Ankunft in Bombay einen hübschen Vorsprung haben!

– Und Sie kennen Ihren Herrn von lange her?

– Ich! erwiderte Passepartout, erst am Tage unserer Abreise bin ich bei ihm in Dienst getreten!«

Man kann sich leicht denken, was diese Antworten auf den schon überspannten Kopf des Polizei-Agenten für eine Wirkung haben mußten.

Diese eilige Abreise von London, kurz nachdem der Diebstahl vorgefallen war, die große Summe, welche er bei sich hatte, diese hastige Eile, um in ferne Länder zu kommen, dieser Vorwand einer unsinnigen Wette, – Alles bestärkte Fix, und mußte ihn auch wohl in seinem Argwohn bestärken. Er ließ den Franzosen noch weiter plaudern, und bekam die Gewißheit, daß dieser Bursche seinen Herrn gar nicht kannte, daß dieser zu London vereinsamt lebte, daß man ihn reich nannte, ohne zu wissen, woher sein Vermögen komme, daß es ein verschlossener Mann sei, etc. Aber zugleich konnte Fix sich überzeugt halten, daß Phileas Fogg zu Suez nicht das Boot verlasse, und daß er wirklich nach Bombay gehe.

»Ist’s weit nach Bombay? fragte Passepartout.

– Sehr weit, erwiderte der Agent. Sie müssen dafür noch weitere zehn Tage auf der See fahren.

– Und wo liegt dies Bombay?

– In Indien.

– In Asien?

– Natürlich.

– Teufel! Das wollt‘ ich schon sagen … es beunruhigt mich etwas … Mein Hahn!

– Was für ein Hahn?

– Mein Gashahn, welchen ich zuzudrehen vergaß, und der jetzt auf meine Kosten brennt. Nun hab‘ ich ausgerechnet, daß ich für ihn zwei Schilling in vierundzwanzig Stunden zu zahlen habe, gerade sechs Pence mehr, als ich verdiene, und Sie begreifen, daß, wenn sich die Reise hinzieht …« Fix verstand wahrscheinlich die Sache nicht. Er hörte nicht mehr zu, und machte seinen Plan. Der Franzose war mit ihm auf dem Bazar angekommen. Fix ließ denselben da seine Einkäufe machen, empfahl ihm, die Abfahrt des Mongolia nicht zu verfehlen, und kam in aller Eile wieder auf das Bureau des Consularagenten.

Fix hatte, nachdem er seiner Sache sicher war, alle Kaltblütigkeit wieder gewonnen.

»Mein Herr, sagte er zu dem Consul, ich habe keinen Zweifel mehr. Der Mann ist’s. Er will für einen Sonderling gelten, der in achtzig Tagen um die Erde herum reist.

– Dann ist’s ein Schurke, versetzte der Consul, und er denkt nach London zurückzukommen, nachdem er alle Polizeileute der beiden Continente an der Nase herum geführt.

– Das wird sich zeigen, erwiderte Fix.

– Aber irren Sie sich nicht? fragte der Consul nochmals.

– Nein, ich irre mich nicht.

– Warum hat dann dieser Dieb darauf bestanden, seine Anwesenheit zu Suez durch ein Visa zu constatiren?

– Warum? … Ich weiß nicht, Herr Consul, erwiderte der Detectiv, aber hören Sie mich.«

Und er erzählte in Hauptzügen, was er aus der Unterredung mit dem Diener Fogg’s wußte.

»Wirklich, sagte der Consul, alle Wahrscheinlichkeit ist wider den Menschen. Und was wollen Sie thun?

– Eine Depesche nach London richten, mit dringendem Begehren, mir einen Verhaftsbefehl nach Bombay zu senden; mich auf dem Mongolia einschiffen, meinem Diebe bis nach Indien nachschleichen, und dort, auf englischem Gebiete, mich ihm höflich nähern, meinen Haftbefehl in der einen Hand, und die andere auf seiner Schulter.«

Nachdem der Polizei-Agent dieses kaltblütig geäußert, verabschiedete er sich beim Consul und begab sich auf’s Telegraphenbureau. Von hier aus ließ er an den Polizeidirector der Hauptstadt die Depesche abgehen, welche wir bereits kennen.

Eine Viertelstunde darauf befand sich Fix, sein leichtes Gepäck in der Hand, übrigens wohl mit Geld versehen, an Bord des Mongolia, und bald fuhr der rasche Dampfer mit vollem Dampf auf den Wellen des Rothen Meeres.

Neuntes Capitel.

Neuntes Capitel.

Das Rothe und das Indische Meer zeigen sich Phileas Fogg’s Absichten günstig.

Die Entfernung Adens von Suez beträgt genau dreizehnhundertzehn Meilen, und die Compagnie räumt ihren Packetbooten eine Zeit von achtunddreißig Stunden zur Fahrt ein. Der Mongolia fuhr mit verstärkter Feuerung so gut, daß er einen Vorsprung gewann.

Die meisten der zu Brindisi an Bord gegangenen Passagiere hatten Indien zum Reiseziel. Die Einen begaben sich nach Bombay, die Anderen nach Calcutta, aber via Bombay, weil man, seit eine Eisenbahn die Indische Halbinsel in ihrer ganzen Breite quer durchzieht, nicht mehr um die Spitze von Ceylon herum zu fahren braucht.

Unter den Passagieren des Mongolia zählte man verschiedene Civilbeamte und Officiere jedes Grades. Von diesen gehörten einige der eigentlichen britannischen Armee, die anderen commandirten Truppen von Eingeborenen, Sepoys genannt, alle mit hohem Gehalt [Fußnote], selbst seitdem die Rechte und Lasten der früheren Indischen Compagnie an die Regierung übergegangen sind.

Man lebte daher flott an Bord des Mongolia, in dieser Gesellschaft von Beamten, worunter sich einige junge Engländer befanden, welche mit Millionen in der Tasche im Begriff waren, Handelscomptoire in der Ferne zu errichten.

Der Proviantmeister, ein Vertrauensmann aus der Compagnie, von gleichem Rang mit dem Kapitän des Bootes, sparte keinen Aufwand. Beim Frühstück Morgens, beim Zwischenimbiss um zwei Uhr, beim Diner um fünf und ein halb, und beim Abendessen um acht Uhr beugten sich die Tische unter den Platten frischen Fleisches und den Nebengerichten, welche die Metzgerei und die Küchen des Packetbootes lieferten. Die Frauen der Gesellschaft – es befanden sich einige dabei – wechselten zweimal täglich die Toilette. Man trieb Musik, tanzte sogar, wann das Meer ruhig genug war.

Aber das Rothe Meer ist sehr launenhaft und häufig schlimm, wie alle schmalen und langen Golfe. Wehte der Wind von der asiatischen oder afrikanischen Küste her, so gerieth der Mongolia, ein langer Schraubenspindel, von einer Seite gefaßt, in fürchterliches Schwanken. Dann verschwanden die Damen; die Piano’s verstummten; Gesang und Tanz hörte auf einmal auf. Und dennoch, trotz der Windstöße, trotz der hohlen See, fuhr das Packetboot von seiner starken Maschine getrieben, ungehemmt der Straße Bab-el-Mandeb zu.

Was trieb inzwischen Phileas Fogg? Man hätte meinen können, er habe stets unruhig und ängstlich an nichts anderes gedacht, als an die dem Laufe des Schiffes hinderlichen Windwechsel, an die unordentlichen Bewegungen der hohlen See, welche eine Störung der Maschine veranlassen könnten, endlich an alle die möglichen Beschädigungen, welche dadurch, daß sie den Mongolia zum Anlegen an einem Hafen nöthigten, seiner Reise Eintrag gethan haben würden.

Dies war aber durchaus nicht der Fall, oder wenigstens, wenn dieser Gentleman auch an alle diese möglichen Fälle dachte, ließ er nichts davon merken. Er war stets der leidenschaftslose Mann, das gleichmüthige Mitglied des Reformclubs, welches durch keinen Unfall oder Zufall in Verlegenheit gebracht werden konnte. Er schien von keiner anderen Bewegung getrieben, als die Chronometer an Bord. Man sah ihn selten auf dem Verdeck. Es kümmerte ihn wenig, dies an Erinnerungen so reiche Rothe Meer, diesen Schauplatz der ersten historischen Scenen des Menschengeschlechts, zu betrachten. Es lag ihm nichts daran, die merkwürdigen Städte zu erkennen, womit beide Gestade zahlreich besetzt sind, und deren malerische Silhouetten manchmal am Horizont gezeichnet waren. Er machte sich keine Idee von den Gefahren des Arabischen Golfs, deren die alten Historiker von Strabo bis Edrisi stets mit Schrecken gedachten, und auf welchen die Seefahrer sich nie hinauswagten, ohne sich die Götter durch Sühnopfer geneigt zu machen.

Was trieb also dieses in dem Mongolia eingekerkerte Original? Erstlich hielt er täglich seine vier Mahlzeiten, ohne daß eine so merkwürdig organisirte Maschine jemals durch Schwanken oder Stampfen konnte in Unordnung gebracht werden. Nachher spielte er Whist.

Er hatte Spielgenossen getroffen, die ebenso leidenschaftlich dabei waren, wie er: es waren ein Zolleinnehmer, der sich auf seinen Posten nach Goa begab; ein Geistlicher, der ehrwürdige Decimus Smith, der nach Bombay zurückkehrte; und ein Brigade-General der englischen Armee, der sich zu seinem Corps nach Benares begab. Diese drei Passagiere hatten für das Whistspiel eine gleich leidenschaftliche Vorliebe, wie Herr Fogg, und spielten ganze Stunden lang ebenso stille, wie er.

Passepartout spürte nicht das Mindeste von Seekrankheit. Er hatte eine Cabine im Vordertheile inne, und aß ebenfalls mit Gewissenhaftigkeit. Unter diesen Bedingungen hatte die Reise für ihn allerdings nichts Unangenehmes mehr. Er machte sich dieselbe zunutze. Er hatte gute Nahrung und Wohnung, sah Länder, und gab sich zudem selbst die Versicherung, der ganze Phantasieplan werde zu Bombay ein Ende haben.

Am folgenden Morgen nach der Abfahrt aus Suez, den 29. October, traf er zu einigem Vergnügen auf dem Verdeck den gefälligen Mann, an welchen er sich bei seiner Landung in Aegypten gewendet hatte.

»Irre ich nicht, sagte er, indem er ihn mit dem liebenswürdigsten Lächeln anredete, so haben Sie, mein Herr, mich zu Suez so gefällig geführt?

– Wirklich, erwiderte der Detectiv, ich erkenne Sie wieder! Sie sind der Diener des originellen Engländers ….

– Eben der, Herr …?

– Fix.

– Herr Fix, erwiderte Passepartout. Es freut mich unendlich, Sie an Bord wieder zu finden. Und wohin geht die Reise?

– Ebendahin, wo die Ihrige, nach Bombay.

– Das ist ja herrlich! Haben Sie die Reise schon einmal gemacht?

– Bereits mehrmals, erwiderte Fix. Ich bin im Dienst der Peninsularcompagnie.

– Dann sind Sie wohl in Indien bekannt?

– Ei … ja … versetzte Fix, der nicht zu sehr heraus rücken wollte.

– Und das Indien ist ein merkwürdiges Land?

– Sehr merkwürdig! Da giebt’s Moscheen, Minarets, Tempel, Fakirs, Pagoden, Tiger, Schlangen, Bajaderen! Doch es steht zu erwarten, daß Sie Zeit genug haben werden, das Land zu besichtigen?

– Ich hoffe, Herr Fix. Sie begreifen wohl, daß ein Mensch von gesundem Verstand nicht fähig ist, sein Leben lang von einem Packetboot auf eine Eisenbahn, und von einer Eisenbahn in ein Packetboot zu springen, unter’m Vorwande, in achtzig Tagen eine Reise um die Erde zu machen! Nein. Alle diese Sprünge werden sicherlich zu Bombay aufhören.

– Und Herr Fogg befindet sich wohl? fragte Fix in ganz natürlichem Tone.

– Sehr wohl, Herr Fix. Ich auch, übrigens; ich esse wie ein Wolf, der noch nüchtern ist. Die Seeluft bringt das mit sich.

– Aber ich sehe Ihren Herrn nie auf dem Verdeck.

– Da ist er niemals; er ist nicht neugierig.

– Wissen Sie, Herr Passepartout, diese vorgebliche Reise in achtzig Tagen könnte wohl eine geheime Sendung verdecken … eine diplomatische z.B..

– Meiner Treu, Herr Fix, ich weiß nichts davon, gestehe ich Ihnen, und im Grunde gäb‘ ich nicht eine halbe Krone darum, es zu wissen.«

Seit diesem Begegnen plauderten Passepartout und Fix oft mit einander. Dem Polizei-Agenten war daran gelegen, mit dem Diener des Herrn Fogg vertraut zu werden. Das konnte bei Gelegenheit ihm förderlich sein. Er bot ihm daher oft, im Schenkzimmer des Mongolia, einige Gläser Whisky oder Dünnbier; der wackere Bursche nahm dies ohneweiters an, und bot ihm ein Gleiches, um nicht seinerseits zurück zu stehen, – hielt übrigens diesen Fix für einen recht honnetten Gentleman.

Inzwischen fuhr das Packetboot rasch weiter. Am 13. bekam man Mokka in Sicht, das man von zerfallenen Mauern umgeben sah, und darüber ragten einige grünende Dattelbäume hervor. Fern im Gebirge erblickte man ausgedehnte Kaffeepflanzungen. Passepartout war entzückt, diese berühmte Stadt zu sehen, und er fand sogar, daß sie mit ihren Ringmauern und einem Fort mit niedergerissenen Mauern, welches wie eine Handhabe aussah, einer enormen Halbtasse glich.

Während der folgenden Nacht fuhr der Mongolia durch die Straße Bab-el-Mandeb, und Tags darauf, den 14., nahm er zu Steamer-Point, nordwestlich von der Rhede Aden, Erfrischungen ein. Hier mußte er sich mit Kohlen versehen.

Daß die Packetboote in so weiter Entfernung von den Centren der Production ihren Kohlenvorrath erneuern können, ist eine sehr wichtige Sache. Nur allein für die Peninsularcompagnie beträgt dies einen Kostenaufwand von achtmalhunderttausend Pfund. Man hat dafür in mehreren Häfen Niederlagen errichten müssen, und in diesen fernen Meeren kommt die Kohle auf achtzig Francs die Tonne zu stehen.

Der Mongolia hatte noch sechzehnhundertfünfzig Meilen zu machen bis nach Bombay, und er bedurfte zu Steamer-Point vier Stunden Zeit, um seine Vorrathsräume zu füllen.

Aber dieser Aufenthalt konnte dem Programm des Herrn Fogg durchaus keinen Eintrag thun. Derselbe war schon vorgesehen; und zudem lief der Mongolia, dessen Ankunft zu Aden erst am Vormittag des 15. October vorgeschrieben war, schon am Abend des 14. daselbst ein, also mit einem Vorsprung von fünfzehn Stunden.

Herr Fogg begab sich mit seinem Diener an’s Land, um seinen Paß visiren zu lassen. Fix schloß sich unbemerkt an. Als diese Formalität erfüllt war, kehrte Phileas Fogg an Bord zurück, um seine unterbrochene Partie zu Ende zu spielen.

Passepartout schlenderte seiner Gewohnheit nach mitten in dieser Bevölkerung von Somalis, Banianen, Parsi, Juden, Arabern, Europäern, woraus die fünfundzwanzigtausend Bewohner Adens bestehen. Er bewunderte die Befestigungswerke, welche aus dieser Stadt ein Gibraltar für die Indischen Meere machen, und stattliche Cisternen, womit die englischen Ingenieure, zweitausend Jahre nach denen des Königs Salomo, noch beschäftigt waren.

»Sehr merkwürdig, sehr merkwürdig! sagte sich Passepartout, als er an Bord zurück kam. Ich merke wohl, daß das Reisen nicht ohne Nutzen ist, wenn man Neues sehen will.«

Um sechs Uhr Abends rührte sich die Schraube des Mongolia zum Wellenschlag, die Rhede von Aden zu verlassen, und bald fuhr er auf dem Indischen Meere. Für die Fahrt nach Bombay waren ihm hundertachtundsechzig Stunden eingeräumt. Uebrigens zeigte sich dieses Meer günstig: bei fortwährendem Nordwestwind konnten die Segel die Dampfkraft unterstützen.

Das Boot, nun besser gestützt, schwankte weniger, und die Frauen erschienen in frischer Toilette wieder auf dem Verdeck. Gesang und Tanz begann wieder.

So ging die Reise unter den günstigsten Bedingungen von Statten. Passepartout war über den liebenswürdigen Gesellschafter entzückt, welchen der Zufall ihm in der Person des Herrn Fix zugeführt hatte.

Sonntag den 20. October, gegen Mittag, bekam man die Küste Indiens in Sicht. Zwei Stunden darauf kam der Pilot an Bord des Mongolia. Am Horizont zeichnete sich ein Hintergrund von Hügeln in harmonischen Umrissen von dem Himmelblau ab. Bald traten die Reihen Palmbäume, welche die Stadt verdecken, in den lebensvollen Vordergrund. Das Packetboot lief in die Rhede ein, welche von den Inseln Salsette, Colaba, Elephanta und Butcher gebildet wird, und nach vier und einer halben Stunde lag es vor den Quais von Bombay.

Phileas Fogg hatte eben den dreiunddreißigsten Robber des Tages fertig, und beendigte mit seinen Spielgenossen, nachdem sie Dank einem kühnen Manoeuvre dreizehn Stiche gemacht, diese schöne Ueberfahrt mit einem bewundernswerthen Schlemm.

Der Mongolia langte, anstatt am 22. October, bereits am 20. zu Bombay an. Damit waren also seit der Abfahrt von London zwei Tage gewonnen, welche Phileas Fogg methodisch in seinem Reisenotizbüchlein auf die Spalte des Guthabens eintrug.

Sechsunddreißigstes Capitel.

Sechsunddreißigstes Capitel.

Phileas Fogg steigt abermals auf dem Geldmarkt.

Nun ist’s Zeit, des Umschlags der öffentlichen Meinung zu gedenken, welche im Vereinigten Königreich stattfand, als die Verhaftung des wirklichen Bankdiebs – eines gewissen James Strand – die am 17. Dezember vorfiel, bekannt wurde.

Drei Tage zuvor war Phileas Fogg ein Verbrecher, dem die Polizei auf’s äußerste nachspürte, und jetzt der ehrenhafteste Gentleman, der seine excentrische Reise um die Erde mit mathematischer Genauigkeit ausführte.

Was für ein Lärm, welche Wirkung in den Journalen!

Alle Wetten für und wider, die bereits vergessen waren, wachten wie auf einen Zauberschlag wieder auf. Alle Verträge gewannen wieder Geltung, alle Verbindlichkeiten lebten wieder auf, und, es ist nicht zu verhehlen, das Wetten begann wieder mit neuer Energie. Der Name Phileas Fogg gewann auf dem Platz abermals Prämien.

Die fünf Collegen des Gentleman im Reformclub brachten diese drei Tage in einiger Unruhe hin. Dieser Phileas Fogg, welchen sie bereits vergessen hatten, erschien wieder vor ihren Augen! Wo befand er sich wohl in diesem Augenblick. Am 17. December, – dem Tag der Verhaftung James Strands – waren es sechsundsiebenzig Tage, daß Phileas Fogg abgereist war, und noch keine Nachricht von ihm! War er unterlegen? Hatte er den Wettkampf aufgegeben, oder setzte er seinen Weg dem Reiseprogramm gemäß fort? Und am Samstag, den 21. December um acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends, sollte er, wie ein Gott der Genauigkeit, auf der Schwelle des Reformclubsalons erscheinen?

Die Spannung, worin drei Tage lang dieser ganze Theil der englischen Gesellschaft schwebte, läßt sich nicht schildern. Man entsendete Depeschen nach Amerika, nach Asien, um über Phileas Fogg Nachricht zu erhalten! Man schickte Morgens und Abends in Saville-Row, das Haus des Gentleman zu beobachten … Nichts. Selbst die Polizei wußte nicht, was aus ihrem Detectiv Fix geworden war, welchen sie so unglückseliger Weise auf falsche Spur geschickt hatte. Demungeachtet erneuten sich die Wetten in höherem Maßstab. Phileas Fogg glich einem Rennpferd, das nun bei der letzten Wendung ankam. Man notirte ihn nicht mehr zu hundert, sondern zu zwanzig, zu zehn, zu fünf, und der alte, gelähmte Lord Albermale nahm es selbst al pari.

Daher war auch am Samstag Abend in Pall-Mall und den nächsten Straßen großes Gedränge, an den Eingängen zum Reformclub standen die Mäkler wie in Permanenz, und man rief die Course des Phileas Fogg aus, als wie die der englischen Fonds. Die Polizei vermochte kaum die Menge in Ruhe zu halten, und je näher die Stunde kam, da Phileas Fogg ankommen mußte, um so höher stieg die Aufregung.

An diesem Abend waren die fünf Collegen des Gentleman seit acht Uhr im großen Salon des Reformclub versammelt. Die beiden Banquiers, John Sullivan und Samuel Fallentin, der Ingenieur Andrew Stuart, Walther Ralph, Administrator der Englischen Bank, der Brauer Thomas Flanagan, alle waren in gespannter Erwartung.

Als die Uhr des großen Saales acht Uhr fünfundzwanzig Minuten zeigte, stand Andrew Stuart auf und sprach:

»Meine Herren, in zwanzig Minuten wird die Frist, welche wir mit Herrn Phileas Fogg ausgemacht haben, abgelaufen sein.

– Um wie viel Uhr ist der letzte Zug von Liverpool angekommen? fragte Thomas Flanagan.

– Um sieben Uhr dreiundzwanzig Minuten, erwiderte Walther Ralph, und der folgende Zug wird erst zehn Minuten nach zwölf eintreffen.

– Nun, meine Herren, fuhr Andrew Stuart fort, wenn Phileas Fogg um sieben Uhr dreiundzwanzig Minuten angekommen wäre, so wäre er bereits hier. Wir können also die Wette schon als gewonnen ansehen.

– Warten wir noch und sprechen uns nicht aus, erwiderte Samuel Fallentin. Sie wissen, daß unser Kollege im höchsten Grad excentrisch ist. Seine Pünktlichkeit in Allem ist uns bekannt. Niemals kommt er zu spät, aber auch nicht zu früh, und es wäre möglich, daß er in der letzten Minute sich hier einfände, was mich gar nicht wundern würde.

– Und ich, sagte Andrew Stuart, der, wie stets, sehr nervös war, ich würde, wenn ich ihn sähe, doch nicht daran glauben.

– Wirklich, versetzte Thomas Flanagan, Phileas Fogg’s Unternehmen war unsinnig. So pünktlich er auch sein mochte, er konnte unvermeidliche Verspätungen nicht hindern, und eine Verspätung von nur zwei oder drei Tagen reichte hin, seine Reise zu vereiteln.

– Bemerken Sie übrigens, fügte John Sullivan bei, daß wir gar keine Nachricht von unserem Collegen erhalten haben, und doch fehlte es auf seinem Wege nicht an Telegraphen.

– Er hat verloren, meine Herren, fuhr Andrew Stuart fort, hundertmal verloren! Sie wissen übrigens, daß das Packetboot China aus New-York, das einzige, mit welchem er zeitig genug in Liverpool eintreffen konnte, gestern hier angekommen ist. Nun sehen Sie die Passagierliste an, welche die »Shipping Gazette« veröffentlicht, und der Name Phileas Fogg kommt auf derselben nicht vor. Nehmen wir die allergünstigsten Umstände an, so ist unser College kaum in Amerika! Ich schätze, daß er wenigstens um zwanzig Tage zu spät kommen wird, und der alte Lord Albemarle wird ebenfalls seine fünftausend verlieren!

– Das liegt auf der Hand, erwiderte Walther Ralph, und wir brauchen morgen nur die Anweisung des Herrn Fogg den Gebr. Baring vorzulegen.«

In dem Augenblick schlug die Saaluhr acht Uhr vierzig Minuten.

»Noch fünf Minuten«, sagte Andrew Stuart.

Die fünf Collegen sahen sich einander an. Es ist wohl glaublich, daß ihre Pulse ein wenig schneller schlugen, denn schließlich war die Partie, selbst für gute Spieler, stark! Aber sie wollten’s nicht merken lassen, denn auf Samuel Fallentins Vorschlag nahmen sie an einem Spieltisch Platz.

»Ich gäbe mein Antheil von viertausend Pfund nicht al pari, sagte Andrew Stuart, indem er sich setzte, wenn man mir auch dreihundertneunundneunzig böte!«

Der Zeiger wies in diesem Augenblick acht Uhr zweiundvierzig Minuten.

Die Spieler hatten die Karten in die Hand genommen, aber ihre Blicke waren jeden Augenblick auf die Uhr gerichtet. So sicher sie der Sache waren, so schienen doch die Minuten ihnen sehr lang!

»Acht Uhr dreiundvierzig«, sagte Thomas Flanagan, indem er die Karten abhob, die Walther Ralph ihm darreichte.

Darauf herrschte einen Augenblick Stille im weiten Clubsaal. Aber draußen hörte man Lärm und Getös der Menge, und zwischendurch helles Schreien. Der Uhrenschwengel schlug mathematisch regelmäßig die Secunden. Jeder Spieler konnte die Sechzigtheile zählen, welche zu seinem Ohr gelangten.

»Acht Uhr vierundvierzig Minuten!« sagte John Sullivan mit einem Ton, der unwillkürliche Gemüthserregung verrieth.

Nur noch eine Minute, und die Wette war gewonnen. Andrew Stuart und seine Collegen ließen ihr Spiel: sie hatten die Karten bei Seite gelegt, und zählten die Secunden.

In der zweiundvierzigsten Secunde, nichts, in der fünfzigsten, noch nichts!

In der fünfundfünfzigsten Secunde hörte man draußen ein donnerähnliches Getöse, Beifallklatschen, Hurrahs, selbst Flüche, die sich rollend weiter verbreiteten.

Die Spieler standen auf.

In der siebenundfünfzigsten Secunde öffneten sich die Salonthüren und der Schwengel hatte noch nicht die sechzigste Secunde hören lassen, als Phileas Fogg erschien, gefolgt von einer wahnsinnigen Menge, welche den Eingang in den Club erstürmt hatte, und mit seiner gelassenen Stimme sprach:

»Hier bin ich, meine Herren!«

Siebenunddreißigstes Capitel.

Siebenunddreißigstes Capitel.

Beweis, daß Phileas Fogg durch seine Reise um die Erde nichts gewann, außer sein häusliches Glück.

Ja! Phileas Fogg persönlich.

Wir erinnern uns, daß Passepartout um acht Uhr fünf Minuten Abends, – fünfundzwanzig Stunden etwa nach Ankunft der Reisenden zu London, – von seinem Herrn den Auftrag erhalten hatte, Se. Ehrwürden, den Herrn Samuel Wilson, in Betreff einer gewissen Heirat, welche den folgenden Tag geschlossen werden sollte, zu ersuchen.

Passepartout war voll Freude raschen Schrittes in die Wohnung Sr. Ehrwürden gegangen, der noch nicht nach Hause gekommen war. Natürlich wartete Passepartout, und zwar zwanzig Minuten wenigstens.

Kurz, als er aus der Wohnung des geistlichen Herrn herauskam, war es acht Uhr fünfunddreißig Minuten. Und er lief über Hals und Kopf, wie man noch nie einen Mann laufen sah, warf wie eine Trombe auf den Trottoirs die Begegnenden zu Boden, und war in drei Minuten wieder im Hause der Saville-Row, wo er atemlos in Fogg’s Zimmer stürzte.

Reden konnte er nicht.

»Was giebt’s?« fragte Herr Fogg.

– Mein Herr … stotterte Passepartout … Heirat … unmöglich.

– Unmöglich?

– Unmöglich … für morgen.

– Weshalb?

– Weil morgen … Sonntag ist!

– Montag, erwiderte Herr Fogg.

– Nein … heute … Samstag.

– Samstag? Unmöglich!

– Ja, ja, ja! rief Passepartout. Sie haben sich um einen Tag geirrt! Wir sind vierundzwanzig Stunden früher angekommen, aber es ist nur noch zehn Minuten Zeit! …«

Passepartout faßte seinen Herrn beim Kragen, und riß ihn mit unwiderstehlicher Kraft fort!

Also verließ Herr Fogg, ohne Zeit zum Besinnen zu haben, sein Zimmer, sein Haus, sprang in einen Cab, versprach dem Kutscher hundert Pfund, und langte, nachdem er zwei Hunde todtgefahren und fünf Wagen aufgehalten, im Reformclub an.

Die Uhr stand auf acht Uhr fünfundvierzig Minuten, als er im großen Saal eintrat …

Phileas Fogg hatte die Reise um die Erde in achtzig Tagen vollendet und damit seine Wette von zwanzigtausend Pfund gewonnen!

Und jetzt, wie konnte es einem so pünktlichen, so methodischen Manne begegnen, daß er sich um einen Tag irrte? Wie war es möglich, daß er meinte, es sei Samstag, der 21. December, als er zu London ausstieg, da es doch erst Freitag, der 20. December, war, der neunundsiebenzigste Tag seit seiner Abfahrt?

Die Ursache ist sehr einfach.

Phileas Fogg hatte »ohne es zu ahnen«, einen Tag über sein Reisebüchlein hinaus gewonnen, – und zwar aus dem einzigen Grund, weil er die Reise um die Erde ostwärts gemacht hatte; und er würde ebenso, wäre er westwärts gereist, einen eingebüßt haben.

Die Thatsache ist, daß Phileas Fogg ostwärts der Sonne entgegen reiste, und folglich die Tage für ihn bei jedem Grad, welchen er in dieser Richtung vorwärts kam, um vier Minuten kürzer waren. Nun zählt man rings um die Erde dreihundertundsechzig Grade, welche Zahl mit vier Minuten multiplicirt gerade vierundzwanzig Stunden giebt, – so daß also unbewußt dieser Tag gewonnen war. Mit andern Worten, während Phileas Fogg bei seiner östlichen Richtung die Sonne achtzigmal über den Meridian gehen sah, war dies bei seinen Collegen, die zu London geblieben waren, nur neunundsiebenzigmal der Fall. Daher kam es, daß dieselben ihn an diesem Tage, welcher Samstag und nicht wie Herr Fogg meinte, Sonntag war, im Reformclubsaal auf ihn warteten.

Und dieses würde die famose Uhr Passepartouts – welcher sie immer bei der londoner Zeit gelassen hatte – nachgewiesen haben, wenn sie, wie die Stunden und Minuten, zugleich auch die Tage angegeben hätte.

Phileas Fogg hatte also die zwanzigtausend Pfund gewonnen. Aber da er unterwegs etwa neunzehntausend davon ausgegeben hatte, so war das Ergebniß an Geld unbeträchtlich. Doch hatte, sagte man, der excentrische Gentleman bei dieser Wette nur den Streit im Sinne, nicht das Vermögen. Und sogar die übriggebliebenen tausend Pfund theilte er zwischen dem wackeren Passepartout und dem unglückseligen Fix, dem er nicht zu grollen fähig war. Nur, und zwar der Regelmäßigkeit wegen, zog er seinem Diener den Preis des durch seine Schuld während der neunzehnhundertundzwanzig Stunden verbrauchten Gases ab.

Diesen nämlichen Abend sagte Herr Fogg, ebenso leidenschaftslos, ebenso phlegmatisch zu Mrs. Aouda:

»Sind Sie, Madame, mit der Heirat immer noch zufrieden?

– Herr Fogg, erwiderte Mrs. Aouda, diese Frage habe ich an Sie zu richten. Sie waren ruinirt, jetzt sind Sie reich …

– Entschuldigen Sie, Madame, dieses Vermögen gehört Ihnen. Hätten Sie nicht den Gedanken dieser Heirat vorgebracht, so wäre mein Diener nicht zu dem geistlichen Herrn gelaufen, und ich wäre meinen Irrthum nicht gewahr worden, und …

– Lieber Herr Fogg … sagte die junge Frau.

– Liebe Aouda …« erwiderte Phileas Fogg.

Es versteht sich, daß die Heirat nun achtundvierzig Stunden später stattfand, wobei Passepartout, stolz, glänzend, blendend, der jungen Frau Zeuge war. Gebührte nicht ihm, der sie auf seinen Schultern gerettet hatte, diese Ehre?

Nur klopfte am folgenden Morgen bei Tagesanbruch Passepartout laut an die Thüre seines Herrn.

Die Thüre öffnete sich, und der leidenschaftslose Gentleman erschien.

»Was gibt’s, Passepartout?

– Was es gibt, mein Herr! So eben habe ich gemerkt …

– Was denn?

– Daß wir die Reise um die Erde in nur achtundsiebenzig Tagen hätten fertig bringen können.

– Allerdings, erwiderte Herr Fogg, wenn wir nicht durch Indien gefahren wären. Aber hätten wir nicht diesen Weg genommen, so hätte ich nicht Mrs. Aouda retten können, und dann wäre sie nicht meine Frau, und …«

Und Herr Fogg schloß in aller Seelenruhe die Thüre. So hatte also Phileas Fogg seine Wette gewonnen, denn er hatte die Reise um die Erde in achtzig Tagen gemacht! Zu diesem Zweck hatte er alle Arten von Transportmitteln gebraucht, Packetboote, Eisenbahnen, Wagen, Yachte, Handelsfahrzeuge, Schlitten, Elephanten. Der excentrische Gentleman hatte dabei seine Kaltblütigkeit und Pünktlichkeit in erstaunlichem Grade aufgeboten. Dann aber, was hatte er dabei gewonnen? Was hatte ihm die Reise eingetragen?

Nichts, sagt man wohl? Nichts, ich gebe es zu, außer eine liebenswürdige, reizvolle Frau, die – so unwahrscheinlich dies vorkommen mag – ihn zum glücklichsten Menschen machte!

Wahrlich, würde man nicht die Reise um die Erde auch um ein geringeres Ziel vornehmen?

Viertes Capitel.

Viertes Capitel.

Phileas Fogg setzt seinen Diener Passepartout in Bestürzung.

Um sieben Uhr fünfundzwanzig Minuten nahm Phileas Fogg, nachdem er beim Whist zwanzig Guineen gewonnen, von seinen ehrenwerthen Collegen Abschied und verließ den Reformclub. Um sieben Uhr fünfzig öffnete er seine Hausthüre und trat in sein Haus.

Passepartout, welcher sein Programm gewissenhaft einstudiert hatte, war sehr überrascht, als er Herrn Fogg so ungenau sah, daß er zu dieser ungewöhnlichen Stunde erschien. Nach der Vorschrift sollte der Bewohner von Saville-Row erst zu Mitternacht heim kommen.

Phileas Fogg begab sich zuerst auf sein Zimmer, dann rief er:

»Passepartout!«

Passepartout gab keine Antwort. Dieses Anrufen konnte nicht ihm gelten. Es war ja nicht die Stunde.

»Passepartout«, rief Herr Fogg wiederholt, doch ohne Steigerung des Tones.

Passepartout stellte sich.

»Ich habe Sie zweimal rufen müssen, sagte Herr Fogg.

– Aber es ist noch nicht Mitternacht, erwiderte Passepartout, die Uhr in der Hand.

– Ich weiß es, versetzte Phileas Fogg, und mache Ihnen keinen Vorwurf. In zehn Minuten reisen wir nach Dover und Calais.«

Das runde Angesicht des Franzosen verzog sich unwillkürlich. Offenbar hatte er nicht recht verstanden.

»Der Herr will eine Reise machen? fragte er.

– Ja, erwiderte Phileas Fogg. Wir wollen eine Reise um die Erde vornehmen.«

Da staunte Passepartout über die Maßen. Er riß die Augen weit auf, spannte die Wimpern und Brauen, streckte die Hände aus – Symptome förmlicher Bestürzung.

»Reise um die Erde! brummte er.

– In achtzig Tagen, erwiderte Herr Fogg. Also, wir haben keinen Augenblick Zeit zu verlieren.

– Aber die Koffer? … sagte Passepartout mit unwillkürlichem Kopfschütteln.

– Keine Koffer. Nur eines Reisesackes bedarf’s, mit zwei wollenen Hemden darin, und drei Paar Strümpfen; ebensoviel für Sie. Weiteres kaufen wir unterwegs. Holen Sie meinen Makintosh und meine Reisedecke, und nehmen Sie gute Fußbekleidung. Uebrigens gehen wir wenig oder nicht zu Fuße. Jetzt, rasch!

Passepartout hätte gern geantwortet, konnte aber nicht. Er verließ Herrn Fogg’s Zimmer, begab sich auf das seinige, sank auf einen Stuhl nieder, und sagte mit einem in seiner Heimat üblichen Ausdruck:

»Ei! Das ist stark! Und ich wollte ruhig leben! …«

Er machte mechanisch seine Vorbereitungen zur Reise. Eine Reise um die Erde in achtzig Tagen! Hatte er’s mit einem Narren zu thun? Nein … War’s ein Scherz? Die Reise ging nach Dover, gut. Nach Calais, laß ich gelten. Uebrigens konnte das dem wackern Jungen nicht sehr zuwider sein, da er seit fünf Jahren den heimatlichen Boden nicht betreten hatte. Vielleicht auch ging die Reise bis Paris, und wahrhaftig, es hätte ihm Vergnügen gemacht, die große Hauptstadt wieder zu sehen. Aber sicherlich würde ein Gentleman, der keinen unnöthigen Schritt that, es dabei bewenden lassen … Ja, ganz gewiß, aber es war doch die volle Wahrheit, daß dieser Gentleman, sonst so ein Haushüter, auf Reisen ging!

Um acht Uhr hatte Passepartout den bescheidenen Sack mit seiner und seines Herrn Garderobe zurecht gemacht; darauf verließ er, noch ganz verstörten Geistes, sein Zimmer, verschloß sorgfältig die Thüre desselben, und begab sich wieder zu Herrn Fogg.

Herr Fogg war reisefertig. Unter’m Arm trug er »Bradshaw’s Continents-Eisenbahn- und Dampfboot-Reiseführer«, woraus er alle für seine Reise erforderlichen Notizen schöpfen konnte. Er nahm Passepartout den Reisesack aus der Hand, öffnete ihn und schob ein starkes Bündel von den schönen Banknoten hinein, welche in aller Welt Cours haben.

»Haben Sie nichts vergessen? fragte er.

– Nichts, mein Herr.

– Mein Makintosh und meine Decke?

– Hier.

– Gut, nehmen Sie den Sack.«

Herr Fogg stellte Passepartout den Sack wieder zu.

»Und haben Sie wohl Acht darauf, fügte er bei. Es sind zwanzigtausend Pfund drinnen.«

Beinahe wäre der Sack Passepartout aus den Händen gefallen, als wären die zwanzigtausend Pfund in schwerem Gold darinnen.

Herr und Diener stiegen darauf hinab, und die Hausthüre wurde doppelt verschlossen.

Am Ende der Straße Saville-Row fand sich eine Fuhrwerkstation. Phileas Fogg und sein Diener stiegen in ein Cab, welches rasch nach dem Bahnhof Charing-Croß zufuhr, wo ein Zweig der Süd-Ostbahn mündet.

Um acht Uhr zwanzig Minuten hielt das Cab vor dem Gitterthore des Bahnhofes. Passepartout sprang herab, sein Herr folgte nach und bezahlte den Kutscher.

In diesem Augenblicke trat eine arme Bettlerin mit einem Kinde an der Hand, barfuß im Koth, zerrissenem Hut mit jämmerlich herabhängender Feder, zerfetztem Shawl über dem Lumpenkleid, zu Herrn Fogg heran und bat um ein Almosen.

Herr Fogg zog die zwanzig Guineen, welche er beim Whist gewonnen hatte, aus der Tasche und überreichte sie der Bettlerin mit den Worten:

»Hier nehmen Sie, brave Frau, es ist mir lieb, daß ich Sie getroffen habe!«

Dann ging er weiter.

Passepartout fühlte sein Auge naß. Sein Herr hatte einen Schritt in sein Herz gethan.

Herr Fogg trat mit ihm sogleich in den großen Bahnhofsaal und gab ihm Auftrag, zwei Billets erster Klasse nach Paris zu nehmen. Als er sich hierauf umdrehte, sah er sich von seinen fünf Collegen des Reformclubs umgeben.

»Meine Herren, sprach er, jetzt reise ich ab, und die Visa’s auf meinem Paß werden Ihnen bei meiner Rückkehr den Nachweis meiner Reiseroute geben.

– O! Herr Fogg, erwiderte höflich Walther Ralph, das ist nicht nöthig. Wir verlassen uns auf Ihr Wort als Gentleman!

– So ist’s besser, sagte Herr Fogg.

– Sie vergessen nicht, daß Sie wieder hier sein müssen? … bemerkte Andrew Stuart …

– Binnen achtzig Tagen, erwiderte Herr Fogg, Samstags, den 21. December 1872, um acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends. Auf Wiedersehen, meine Herren.«

Um acht Uhr vierzig Minuten setzten sich Phileas Fogg und sein Diener in dieselbe Waggon-Abtheilung. Um acht Uhr fünfundvierzig hörte man pfeifen und der Zug ging ab.

Es war finstere Nacht, und ein feiner Regen fiel. Phileas Fogg drückte sich stille in eine Ecke. Passepartout, noch ganz verdutzt, drückte den Sack mit den Banknoten maschinenmäßig an sich.

Aber der Zug war noch nicht über Sydenham hinaus, als Passepartout in wahrer Verzweiflung aufschrie!

»Was fehlt Ihnen? fragte Herr Fogg.

– Ich habe … in der Eile … meiner Bestürzung … vergessen …

– Was?

– Den Gashahn in meinem Zimmer zuzudrehen!

– Nun, mein lieber Junge, erwiderte Herr Fogg kaltblütig, so brennt das Gas auf Ihre Kosten!«

Fünftes Capitel.

Fünftes Capitel.

Ein neues Werthpapier erscheint auf dem Platz London.

Phileas Fogg vermuthete wohl bei seiner Abreise von London nicht, welch‘ großes Aufsehen sein Vorhaben erregen würde. Die Neuigkeit von der Wette verbreitete sich zuerst im Reformclub und erregte unter den Mitgliedern dieser ehrenwerthen Gesellschaft eine arge Aufregung, welche sich durch die Berichterstatter von da in die Journale verbreitete und durch diese das Publicum von London und im ganzen Vereinigten Königreiche durchdrang.

Diese Frage der Reise um die Erde wurde mit ebensoviel Leidenschaft und Hitze erläutert, besprochen, zergliedert, als handle sich’s um eine neue Alabama-Frage. Die einen ergriffen Partei für Phileas Fogg, die anderen – und sie bildeten bald eine ansehnliche Majorität – sprachen sich gegen ihn aus. Diese Reise um die Erde, innerhalb der geringen Frist, mit den jetzt im Gebrauch befindlichen Verkehrsmitteln anders als in der Theorie und auf dem Papier fertig zu bringen, war nicht allein unmöglich, sondern unsinnig!

»Times«, »Standard«, »Evening-Star«, »Morning Chronicle« und zwanzig andere Journale ersten Ranges erklärten sich gegen Fogg. Nur »Daily Telegraph« unterstützte ihn einigermaßen. Im Allgemeinen behandelte man Phileas Fogg als Wahnsinnigen, als Narren; und seine Collegen vom Reformclub wurden getadelt, daß sie sich auf so eine Wette eingelassen, welche eine Geistesschwäche ihres Urhebers beurkunde.

Es erschienen äußerst leidenschaftliche, aber logisch scharfe Artikel über die Frage. Bekanntlich hat man in England viel Interesse an allem, was Geographie betrifft. Darum gab’s auch keinen einzigen Leser, zu welcher Klasse er auch gehörte, der nicht die Phileas Fogg gewidmeten Spalten verschlang.

Während der ersten Tage waren einige kühne Geister – besonders Frauen – auf seiner Seite, zumal als »Illustrated London News« sein Portrait nach seiner im Archiv des Reformclubs niedergelegten Photographie publicirte. Manche Gentlemen sagten dreist: »Ei! ei! Warum nicht gar? Man hat außerordentlichere Dinge gesehen!« Es waren besonders Leser des »Daily Telegraph«. Aber man merkte bald, daß dies Journal selbst anfing seine Zuversicht zu verlieren.

Wirklich erschien am 7. October im Bulletin der königlichen Geographischen Gesellschaft ein langer Artikel, welcher die Frage von allen Gesichtspunkten aus betrachtete und das Unsinnige des Unternehmens klar auseinander setzte. Nach diesem Artikel war Alles dem Reisenden entgegen, Hindernisse, die in der Person und in der Natur begründet waren. Sollte das Project gelingen, mußte ein wunderbares Zusammenstimmen der Ankunft- und Abfahrtsstunden stattfinden; aber dieses Zusammenstimmen existirte nicht, konnte nicht statthaben. Strenge genommen kann man in Europa, wo verhältnißmäßig kleine Bahnstrecken vorhanden sind, auf die Ankunft der Züge zu fest bestimmter Zeit rechnen; aber wenn sie in drei Tagen quer durch Indien zu fahren haben, sieben Tage durch die Vereinigten Staaten: konnte man wohl die Elemente eines solchen Problems auf ihre Genauigkeit gründen? Und sprachen nicht die Unfälle der Maschine, Entgleisungen, Zusammenstöße, üble Witterung, Schneeanhäufung – sprach nicht dies alles gegen Phileas Fogg? War er nicht auf den Packetbooten während der Winterzeit den Windstößen oder Nebeln preisgegeben? Ist’s denn so selten, daß die besten Segler der überseeischen Fahrtlinien um zwei bis drei Tage sich verspäten? Nun konnte schon eine Verspätung, eine einzige, hinreichen, um die Kette der Verbindungen unverbesserlich zu zerreißen. Wenn Phileas Fogg auch nur um einige Stunden für die Abfahrt eines Packetbootes zu spät kam, mußte er das nächstabgehende abwarten, und durch diesen einzigen Umstand gerieth seine Reise unwiderruflich in Gefahr.

Der Artikel erregte großes Aufsehen. Fast alle Journale druckten ihn ab, und die Actien Phileas Fogg’s sanken außerordentlich.

Während der ersten Tage nach der Abreise des Gentleman wurden über das Wagniß seines Unternehmens bedeutende Wetten veranstaltet. Bekanntlich spielen die Wetter in England eine bedeutende Rolle: Wetter sind gescheitere und angesehenere Leute als die Spieler. Wetten liegt den Engländern im Blute. So stellten auch nicht allein die verschiedenen Glieder des Reformclubs bedeutende Wetten für oder wider Phileas Fogg an, sondern auch die Masse des Publicums wurde von der Bewegung fortgerissen. Phileas Fogg wurde gleich einem Renner in eine Art studbook eingetragen. Man machte auch ein Börsenpapier daraus, und es ward sogleich auf den Platz London eingetragen. Man verlangte, man offerirte »Phileas Fogg«, fest oder auf Prämie, und es wurden enorme Geschäfte gemacht. Aber fünf Tage nach seiner Abreise, nach dem Artikel im Bulletin der Geographischen Gesellschaft, fingen die Angebote an häufiger zu werden. Phileas Fogg sank. Man bot Packetweise. Nahm man’s anfangs zu fünf, später zu zehn, so nahm man’s jetzt schon nur noch um zwanzig, um fünfzig, um hundert.

Ein einziger Anhänger blieb ihm treu, der alte, gichtbrüchige Lord Albermale. Der ehrenwerthe Gentleman, der an seinen Fauteuil gefesselt war, hätte sein Vermögen hingegeben, um die Reise um die Erde machen zu können, sei’s auch in zehn Jahren! und er wettete fünftausend Pfund zu Gunsten des Phileas Fogg. Und wenn man ihm, zugleich mit der Thorheit des Projects, dessen Unnützlichkeit nachwies, beschränkte er sich gewöhnlich auf die Antwort: »Ist die Sache ausführbar, so ist’s gut, daß ein Engländer sie zuerst unternommen hat!«

Nun war es dahin gekommen, daß die Anhänger des Phileas Fogg immer seltener wurden; Jedermann trat, und nicht ohne Grund, seinen Gegnern bei; man nahm das Papier nur noch um hundertundfünfzig, um zweihundert gegen eins, als sieben Tage nach seiner Abreise ein völlig unerwartetes Ereigniß zur Folge hatte, daß man’s gar nicht mehr nahm.

An diesem Tage, um neun Uhr Abends, erhielt der Polizeidirector der Hauptstadt folgende telegraphische Depesche:

»Suez nach London.«

»Rowan, Polizeidirector, Centralverwaltung, Schottlandplatz.«

Ich bin dem Bankdieb Phileas Fogg auf der Ferse. Schicken Sie unverzüglich Verhaftbefehl nach Bombay.

»Fix, geh. Agent.«

Diese Depesche wirkte unverzüglich. Der ehrenwerthe Gentleman trat von der Bühne, und an seine Stelle ein Bankdieb. Seine in dem Reformclub bewahrte Photographie wurde untersucht. Sie entsprach Zug für Zug dem gerichtlich aufgenommenen Signalement. Man brachte die geheimnißvolle Existenz des Phileas Fogg, sein abgesondertes Leben, seine plötzliche Abreise in Anschlag, und es schien offenbar, daß dieser Mann unter dem Vorwand einer Reise um die Erde und gestützt auf eine unsinnige Wette keinen andern Zweck verfolgte, als den Agenten der englischen Polizei zu entwischen.