Fünfzehntes Capitel


Fünfzehntes Capitel

Hyperbel oder Parabel.

Man staunt vielleicht, wie Barbicane und seine Gefährten so wenig in Sorgen waren um das Schicksal, welches ihnen in diesem metallenen Gefängniß inmitten des unendlichen Aetherraums bevorstand. Anstatt sich die Frage zu stellen, wohin sie fuhren, verbrachten sie ihre Zeit mit Experimenten, als befänden sie sich ruhig in ihrem Arbeitszimmer.

Man könnte erwidern, daß Männer von so starker Natur über solche Sorgen hinaus waren, daß eine solche Kleinigkeit sie nicht beunruhigte, und daß sie anderes zu thun hatten, als sich um ihr zukünftiges Schicksal Kummer zu machen.

Der wahre Grund aber war, daß sie ihres Projectils nicht Meister waren, daß sie weder seinen Lauf hemmen, noch seine Richtung ändern konnten. Ein Seemann ändert nach Belieben die Richtung seines Schiffes; ein Luftschiffer kann die senkrechte Bewegung seines Ballons ändern. Sie dagegen konnten gar nicht auf ihr Fahrzeug einwirken, und mußten es daher gewähren lassen.

Wo befanden sie sich in diesem Augenblick, um acht Uhr früh an dem Tage, der auf der Erde der sechste December heißt? Ganz gewiß in der Nähe des Mondes, und selbst so nahe, daß er ihnen wie ein ungeheurer schwarzer Schirm am Firmament vorkam. Ihre Entfernung von demselben konnte man nicht schätzen. Das Projectil war, von unerklärlichen Kräften bestimmt, keine fünfzig Kilometer weit am Nordpol des Trabanten vorbeigestreift. Aber hatte seit den zwei Stunden, da es in den Schattenkegel gekommen, diese Entfernung zu- oder abgenommen? Es fehlte an jedem Merkzeichen, um die Richtung und Geschwindigkeit des Projectils zu schätzen. Vielleicht entfernte es sich rasch von der Mondscheibe, so daß es bald aus dem tiefen Schatten heraus kam. Vielleicht dagegen näherte es sich derselben merklich, so daß es über kurz oder lang an einer hohen Bergspitze der unsichtbaren Hemisphäre anstieß; wodurch die Reise, allerdings zum Verderben der Reisenden, ihr Ende erreichte.

Es entstand darüber eine Erörterung, und Michel Ardan, dem es nie an Erklärungen mangelte, ließ die Meinung vernehmen, die Kugel werde, von der Anziehungskraft des Mondes bestimmt, endlich auf denselben fallen, wie ein Meteorstein auf die Erde.

»Erstlich, mein Freund, erwiderte Barbicane, fallen die Meteorsteine nicht alle zur Erde, sondern nur ein kleiner Theil derselben. Sollten wir uns also in der Lage eines solchen befinden, so würde das nicht zur Folge haben, daß wir nothwendig auf die Oberfläche des Mondes fallen müßten.

– Jedoch, erwiderte Michel, wenn wir nahe genug kommen …

– Irrthum, entgegnete Barbicane. Hast Du nicht gesehen, wie zu Zeiten Tausende von Sternschnuppen am Himmel streifen?

– Ja.

– Nun diese Sterne, oder vielmehr Körperchen, schimmern nur, im Falle sie durch die Luftschichten gleitend sich erhitzen. Nun befinden sie sich, wenn sie durch die Atmosphäre streifen, keine sechzehn Lieues vom Erdball entfernt, und fallen doch selten auf denselben. Eben so ist’s möglich, daß unser Projectil dem Mond sehr nahe kommt und doch nicht darauf fällt.

– Aber dann, fragte Michel, wäre ich sehr begierig zu wissen, wie es unserem herumschweifenden Fahrzeuge im Weltraume ergehen wird.

– Ich sehe nur zwei Fälle, erwiderte Barbicane nach kurzem Bedenken.

– Welche?

– Das Projectil hat die Wahl zwischen zwei mathematischen Curven, und wird, je nach der Schnelligkeit, welche ihm einwohnt und die ich eben nicht schätzen kann, eine von beiden einschlagen.

– Ja, sagte Nicholl, es wird entweder eine Parabel, oder eine Hyperbel beschreiben.

– So ist’s, erwiderte Barbicane. Mit einer gewissen Geschwindigkeit wird’s eine Parabel beschreiben, für eine Hyperbel braucht es eine weit größere.

– Solche stattliche Ausdrücke gefallen mir, rief Michel Ardan. Man weiß damit doch gleich, woran man ist. Und wollen Sie mir gefälligst sagen, was eine Parabel ist?

– Mein Freund, erwiderte der Kapitän, die Parabel ist eine krumme Linie zweiter Ordnung, welche sich ergiebt, wenn man einen Kegel parallel mit einer seiner Seiten durchschneidet.

– So! So! sagte Michel in einem Ton, als sei er befriedigt.

– Es ist das, fuhr Nicholl fort, ungefähr die Bahn, welche eine von einem Mörser geworfene Bombe beschreibt.

– Ganz recht. Und die Hyperbel? fragte Michel.

– Die Hyperbel, Michel, ist eine krumme Linie zweiter Ordnung, welche gebildet wird, wenn man eine konische Fläche parallel mit der Achse des Kegels durchschneidet, wodurch zwei von einander getrennt laufende Linien entstehen, die in beiden Richtungen ins Unendliche hinauslaufen.

– Ist’s möglich! rief Michel Ardan im ernstesten Ton, als hätte er ein wichtiges Ereigniß erfahren. Dann merke Dir wohl, Kapitän, es gefällt mir an Deiner Definition der Hyperbel – Hyperblage [Fußnote] hätte ich beinahe gesagt –, daß sie noch weniger verständlich ist, wie der Ausdruck, welchen Du zu erklären meinst!«

Nicholl und Barbicane beachteten die Scherze Michel Ardan’s wenig. Sie waren in einem wissenschaftlichen Disput begriffen, und die Frage, welche Art von krummer Linie das Projectil verfolge, erhitzte sie, indem der Eine es mit der Hyperbel hielt, der Andere mit der Parabel. Ihre Gründe waren mit X gespickt. Ihre Beweise wurden in einer Sprache beigebracht, die für Michel widerlich war. Der Streit war lebhaft, indem keiner der Gegner dem anderen die von ihm bevorzugte Linie opfern wollte.

Da der Streit fortdauerte, verlor Michel die Geduld.

»Aber, meine Herren von Cosinus, hören Sie endlich auf, sich Parabeln und Hyperbeln an den Kopf zu werfen? Wir werden eine Ihrer Curven einschlagen. Gut. Aber, wohin werden sie zurückführen?

– Nirgends hin, erwiderte Nicholl.

– Wie? Nirgends!

– Offenbar, sagte Barbicane. Es sind nicht geschlossene Curven, die sich bis in’s Unendliche verlängern!

– Ah! Ihr Gelehrten, ich hab‘ meine Freude an Euch! Doch was liegt mir daran, ob Parabel oder Hyperbel, wenn eine wie die andere mich in den unendlichen Raum führt!«

Barbicane und Nicholl konnten das Lachen nicht halten.

Es war doch eine recht müßige Frage zu einem ungelegenen Zeitpunkt. Das Traurige der Wahrheit bestand darin, daß das Projectil, parabolisch und hyperbolisch, niemals, weder auf der Erde, noch auf dem Mond anlangen sollte.

Was stand nun aber den kühnen Reisenden in aller Kürze bevor? Starben sie nicht aus Hunger oder Durst, so mußten sie in einigen Tagen aus Mangel an Luft umkommen, falls nicht zuvor aus Kälte!

Indessen, soviel darauf ankam Gas zu sparen, nöthigte doch der äußerst niedrige Grad der Temperatur um sie her einen Theil desselben zu verbrauchen. Im schlimmsten Fall konnten sie Licht entbehren, nicht aber Wärme. Zum Glück entwickelte auch der Apparat Reiset und Regnaut Wärmestoff, welcher die Temperatur im Projectil etwas erhöhte, und man konnte ohne großen Aufwand sie auf einem erträglichen Höhegrad erhalten.

Jedoch waren die Beobachtungen durch die Fenster sehr schwierig geworden. Die Feuchtigkeit gefror an dem Glas augenblicklich, und man mußte die Verdüsterung desselben durch beständiges Reiben beseitigen. Doch konnte man einige höchst wichtige Thatsachen constatiren.

In der That, wenn die unsichtbare Seite mit einer Atmosphäre versehen war, mußte man nicht Sternschnuppen sie durchstreifen sehen? Wenn das Projectil selbst durch ihre Schichten drang, sollte man da nicht einiges Geräusch vernehmen vom Widerhall des Echo, vom Heulen eines Sturmes, z.B. das Getöse einer Lavine, den Lärm eines thätigen Vulkans? Und wenn ein feuerspeiender Berg Blitze auswarf, sollte man dann nicht den lebhaften Glanz derselben wahrnehmen? Dergleichen Thatsachen, sorgfältig richtig gestellt, hätten die dunkle Frage der Beschaffenheit des Mondes ausnehmend beleuchtet. Daher stellten auch Barbicane und Nicholl gleich Astronomen an dem Fenster mit äußerster Geduld ihre Beobachtungen an.

Aber bis dahin blieb die Mondscheibe stumm und düster. Sie antwortete nicht auf die vielfachen Anfragen, welche diese eifrigen Geister an sie stellten.

Dies veranlaßte die anscheinend so gerechtfertigte Bemerkung Michel’s:

»Machen wir je die Reise nochmals, so wird es gerathen sein, die Zeit des Neumonds dafür zu wählen.

– In der That, erwiderte Nicholl, würde dieser Umstand günstiger sein. Ich gebe zu, daß der Mond, von den Sonnenstrahlen überfluthet, während der Ueberfahrt nicht sichtbar sein würde, dagegen aber würde man die Erde in vollem Licht sehen. Ferner, wenn wir um den Mond herum führen, wie gegenwärtig, so hätten wir wenigstens den Vortheil, die unsichtbare Seite in prächtiger Erleuchtung zu sehen!

– Richtig, Nicholl, versetzte Michel Ardan. Was meinst Du, Barbicane?

– Meine Meinung ist folgende, erwiderte der ernste Präsident: Sollten wir je die Fahrt noch einmal machen, so werden wir zu der nämlichen Zeit und unter den nämlichen Bedingungen abreisen. Nehmen Sie an, wir hätten unser Ziel erreicht, wäre es nicht besser gewesen, Continente in voller Beleuchtung zu treffen, anstatt eine in finsterer Nacht versenkte Gegend? Würde dann nicht unsere erste Einrichtung unter günstigeren Verhältnissen getroffen worden sein? Ja, offenbar. Diese unsichtbare Seite würden wir während unserer Forschungsreisen auf dem Mond besucht haben. Es war also diese Zeit des Vollmonds glücklich gewählt. Aber wir mußten an’s Ziel kommen, und dafür durften wir nicht von der Bahn abkommen.

– Darauf ist nichts zu erwidern, sagte Michel Ardan. Doch ist nun eine schöne Gelegenheit verfehlt, die andere Seite des Mondes zu beobachten! Wer weiß, ob nicht die Bewohner der anderen Planeten weiter fortgeschritten sind, als die Gelehrten der Erde bezüglich ihrer Trabanten.«

Auf diese Bemerkung Michel Ardan’s hätte man leicht folgende Antwort geben können: Ja, andere Trabanten sind wegen größerer Nähe leichter zu studiren. Die Bewohner des Saturn, Jupiter und Uranus, wenn es deren giebt, haben es leichter gehabt, Verbindung mit ihren Monden anzuknüpfen. Die vier Trabanten Jupiter’s gravitiren in einer Entfernung von hundertachttausendzweihundertundsechzig Lieues, hundertzweiundsiebenzigtausendzweihundert Lieues, zweihundertvierundsiebenzigtausendsiebenhundert Lieues und vierhundertachtzigtausendhundertunddreißig Lieues. Aber diese Entfernungen sind vom Centrum des Planeten aus gerechnet, und bringt man den Betrag der Radiuslänge von siebenzehn bis achtzehntausend Lieues in Abzug, so sieht man, daß der erste Trabant nicht so weit von der Oberfläche des Jupiter entfernt ist, als der Mond von der Erdoberfläche. Von Saturn’s acht Trabanten sind vier ebenfalls näher; Diana vierundachtzigtausendsechshundert Lieues, Thetys zweiundsechzigtausendneunhundertsechsundsechzig Lieues; Enceladus achtundvierzigtausendhunderteinundneunzig, und endlich Mimas nur vierunddreißigtausendfünfhundert Lieues entfernt. Von Uranus‘ acht Trabanten ist der erste, Ariel, nur einundfünfzigtausendfünfhundertundzwanzig Lieues von seinem Planeten.

Demnach hätte auf der Oberfläche dieser drei Gestirne ein Versuch wie der des Präsidenten Barbicane geringere Schwierigkeiten gehabt. Wenn also ihre Bewohner die Unternehmung versucht haben, so haben sie vielleicht die Beschaffenheit der Hälfte der Scheibe, welche ihr Trabant ihren Blicken ewig entzieht, kennen gelernt. [Fußnote] Aber wenn sie niemals ihren Planeten verlassen haben, so sind sie vor den Astronomen der Erde nicht voran.

Indessen beschrieb die Kugel im Dunkel die unberechenbare Bahn, welche durch kein Merkzeichen aufzunehmen möglich war. Hatte sich seine Richtung verändert, sei’s durch die Anziehungskraft des Mondes oder die Einwirkung eines unbekannten Gestirns? Barbicane konnte es nicht sagen. Aber in der Lage des Projectils war eine Aenderung vorgegangen, worüber Barbicane gegen vier Uhr Morgens Gewißheit bekam.

Das Bodenstück desselben hatte sich nämlich der Oberfläche des Mondes zugekehrt, und hielt sich senkrecht gemäß seiner Achse. Diese Aenderung war eine Wirkung der Anziehung, d.h. der Schwere. Der schwere Theil neigte sich der unsichtbaren Mondscheibe zu, gerade als wenn es im Fallen begriffen sei.

Fiel es denn wirklich? Sollten die Reisenden endlich dies so ersehnte Ziel erreichen? Nein. Die Beobachtung eines übrigens ziemlich unerklärlichen Merkzeichens offenbarte Barbicane, daß sein Projectil sich dem Mond nicht näherte, und daß es in Gemäßheit einer fast concentrischen Curve seine Stelle veränderte.

Dieses Merkzeichen war ein Lichtglanz, welchen Nicholl plötzlich an der Grenze des von der schwarzen Scheibe gebildeten Horizonts gewahrte. Dieser Punkt konnte nicht mit einem Stern verwechselt werden. Es war ein röthlich weißglühender Gegenstand, der allmälig größer ward, ein deutlicher Beweis, daß das Projectil demselben näher kam, und nicht senkrecht auf die Oberfläche des Gestirns fiel.

»Ein Vulkan! ein thätiger Vulkan! rief Nicholl, eine Ergießung der Feuer im Inneren des Mondes! So ist also diese Welt noch nicht ganz erloschen.

– Ja! ein feuerauswerfender Gegenstand, erwiderte Barbicane, der die Erscheinung mit seinem Fernrohr sorgfältig beobachtete. Was sollt‘ es auch in der That sein, wenn nicht ein Vulkan?

– Aber dann, sagte Michel Ardan, ist Luft nöthig, um dies Verbrennen zu unterhalten. Folglich ist dieser Theil des Mondes von Atmosphäre umgeben.

– Vielleicht, erwiderte Barbicane, aber nothwendig ist es nicht der Fall. Der Vulkan kann sich durch Auflösung gewisser Stoffe selbst seinen Sauerstoff schaffen, und demnach Flammen in den leeren Raum ergießen. Es kommt mir sogar vor, als habe dieses Verbrennen die Stärke und den Glanz von Gegenständen, die im bloßen Sauerstoff verbrennen. Wir wollen also nicht übereilt das Vorhandensein einer Atmosphäre auf dem Mond behaupten.«

Der feuerspeiende Berg mußte ungefähr unterm fünfundvierzigsten Grad südlicher Breite der unsichtbaren Seite des Mondes liegen. Aber zu großem Leidwesen Barbicane’s zog die Curve, welche das Projectil beschrieb, ihn ab von dem durch den Feuerausbruch hervorgehobenen Punkt. Er konnte daher nicht genauer seine Natur bestimmen. Eine halbe Stunde, nachdem man ihn gewahrt hatte, verschwand dieser leuchtende Punkt hinter dem dunkeln Horizont. Doch war die Feststellung dieses Punktes eine bedeutende Thatsache innerhalb der selenographischen Studien. Es lag darin der Beweis, daß noch nicht alle Wärme aus dem Inneren dieses Weltkörpers verschwunden war, und da, wo Wärme existirt, wer kann behaupten, daß das Pflanzenreich, das Thierreich selbst den zerstörenden Einflüssen bisher nicht Widerstand geleistet habe? Die Existenz dieses im Ausbruch begriffenen Vulkans, unbestreitbar von Gelehrten der Erde erkannt, hätte ohne Zweifel viele Theorien zu Gunsten dieser wichtigen Frage der Bewohnbarkeit des Mondes veranlaßt.

Barbicane ließ sich von seinen Gedanken fortreißen. Er vergaß sich in einem stummen Träumen, worin sich die geheimnißvollen Geschicke der Mondwelt bewegten. Er trachtete die bisher beobachteten Thatsachen mit einander zu verbinden, als ein neues Ereigniß ihn schroff an die Wirklichkeit erinnerte.

Dieses Ereigniß, mehr als ein kosmisches Phänomen, enthielt eine drohende Gefahr, welche von verderblichen Folgen sein konnte.

Plötzlich zeigte sich, mitten im Aether, im tiefen Dunkel eine enorme Masse. Sie glich einem Mond, aber in voller Gluth und von einem Glanz, der um so mehr unerträglich war, als er gegen das stockfinstere Dunkel des Raumes grell abstach. Diese kreisförmige Masse erhellte mit ihrem Lichtglanz das Projectil dergestalt, daß das Angesicht Barbicane’s, Nicholl’s, Michel Ardan’s, von den weißen Strahlen übergossen, das bleiche, bleifarbige, gespensterhafte Aussehen bekam, wie es von Naturkundigen durch Alkohol mit aufgelöstem Salz künstlich hervorgebracht wird.

»Tausend Teufel! schrie Michel Ardan, aber wie häßlich sehen wir aus! Was ist’s mit dem unglückseligen Mond?

– Ein Bolide, erwiderte Barbicane.

– Ein Bolide, brennend im leeren Raum?

– Ja.«

Diese Feuerkugel war wirklich ein Bolide. Barbicane irrte sich nicht. Aber wenn diese kosmischen Meteore von der Erde aus betrachtet im Allgemeinen ein etwas matteres Licht zeigen, als der Mond, so glänzen sie hell in dem Dunkel des Aethers. Diese umherschweifenden Körper enthalten in sich selbst die Grundstoffe, um in Gluth zu gerathen, so daß eine Umgebung von Luft zu ihrem Verbrennen nicht nöthig ist. Wenn von diesen Boliden manche zwei bis drei Meilen weit in die Erdatmosphäre hinein gerathen, so beschreiben dagegen andere ihre Bahn in einer weiten Entfernung, wohin die Atmosphäre nicht mehr dringt. Ein solcher Bolid erschien am 27. October 1844 in einer Höhe von hundertachtundzwanzig Lieues, ein anderer verschwand am 15. August 1841 in einer Entfernung von hundertzweiundachtzig Lieues. Manche von diesen Meteoren sind drei bis vier Kilometer breit, und fahren so rasch, daß sie in einer Secunde bis zu fünfundsiebenzig Kilometer [Fußnote] zurück legen, und zwar in einer der Erdbewegung entgegengesetzten Richtung.

Dieser schweifende Körper, welcher in einer Entfernung von mindestens hundert Lieues plötzlich erschien, mußte nach Barbicane’s Schätzung einen Durchmesser von zweitausend Meter haben. Er bewegte sich mit einer Schnelligkeit von ungefähr zwei Kilometer in der Secunde, das ist dreißig Lieues in der Minute. Er durchschnitt die Bahn des Projectils und mußte in einigen Minuten mit ihm zusammentreffen. Wie er näher kam, nahm seine Größe erstaunlich zu.

Man versetze sich, wenn es möglich, in die Lage der Reisenden. Schildern läßt sie sich nicht. Trotz ihres Muthes, ihrer Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit waren sie stumm, regungslos, die Glieder krampfhaft zusammengezogen, einer fürchterlichen Bestürzung hingegeben. Ihr Projectil, auf dessen Lauf sie nicht einwirken konnten, fuhr geraden Wegs auf diese feurige Masse los, deren Gluth stärker war, als die aus dem offenen Schlund eines Glühofens sprühende. Es schien jäh in einen feurigen Abgrund zu gerathen.

Barbicane faßte seine beiden Genossen bei der Hand, und alle Drei blickten mit halbgeöffneten Augen nach dem weißglühenden Asteroiden. War ihnen die Denkkraft nicht vernichtet, war inmitten des Schreckens ihr Gehirn noch thätig, so mußten sie sich für verloren halten!

Zwei Minuten nach der plötzlichen Erscheinung des Boliden, zwei Jahrhunderte der Angst! Das Projectil schien im Begriff mit ihm zusammen zu stoßen, als die Feuerkugel gleich einer Bombe zerplatzte, aber ohne alles Geräusch, weil in diesem leeren Raum ein Ton, der nur eine Erschütterung der Luftschichten ist, sich nicht bilden konnte.

Nicholl schrie laut auf, und stürzte mit seinen Gefährten an das Fenster. Welcher Anblick! Welche Feder wäre fähig, welche Palette mit Farben genug versehen, um die Pracht dieses Schauspiels darzustellen! Es glich einem feuerspeienden Krater, einem funkensprühenden ungeheuren Brand! Tausende lichtglänzende Trümmer erleuchteten und bestrahlten den Raum mit ihrem Feuer; sie fuhren in allen Größen und Farben durcheinander; Ausstrahlungen in gelblich gelb, roth, grün, grau, gleich einem Kranz bunten Kunstfeuerwerks. Von der enormen fürchterlichen Kugel blieb nichts übrig, als diese nach allen Richtungen hin zerstiebenden Stücke, welche wiederum Asteroiden wurden, die einen blitzend wie ein Schwert, die anderen von weißlichem Gewölk umgeben, andere mit glänzenden Streifen kosmischen Staubes hinter sich.

Diese glühenden Blöcke fuhren durcheinander, widereinander, zersplitterten in kleinere Stücke, von denen einige wider das Projectil fuhren, dessen linkes Fenster sogar durch ein heftiges Anprallen einen Sprung bekam. Es schien mitten durch einen Hagel von Granatsplittern zu fahren, von welchen der geringste es im Augenblick zerschmettern konnte.

Das Licht, womit der Aether satt durchdrungen wurde, entwickelte sich in unvergleichbarer Stärke, denn diese Asteroiden verbreiteten es in allen Richtungen. Einen Augenblick war es dermaßen lebhaft, daß Michel seine Genossen zum Fenster hinzog und rief:

»Die unsichtbare Luna, nun endlich sichtbar!«

Und alle Drei konnten durch eine Lichtausströmung, die einige Secunden dauerte, die geheimnißvolle Scheibe erblicken, welche das menschliche Auge zum ersten Male zu sehen bekam.

Was vermochten sie in dieser Entfernung, die nicht zu schätzen war, zu unterscheiden? Einige lange Streifen über die Scheibe, wirkliche Wolken, die in einer sehr beschränkten Atmosphäre sich bildeten, aus welcher nicht allein alle Berge, sondern auch Erhöhungen von mittlerer Bedeutung hervorragten, die Circus, die klaffenden Krater in launiger Ordnung, so wie auf der sichtbaren Oberfläche. Sodann unermeßliche Flächen, nicht mehr ausgetrocknete Ebenen, sondern wirkliche Meere, weit verbreitete Oceane, die auf ihrem klaren Spiegel den ganzen Zauber der Feuer im Weltraum widerstrahlten. Endlich, auf der Oberfläche der Continente ungeheure dunkle Massen, sowie ungeheure Waldungen in rascher Beleuchtung eines Blitzes erscheinen würden.

War’s eine Täuschung, ein Irrthum der Augen, ein optisches Blendwerk? Konnten sie dieser so oberflächlich gewonnenen Anschauung wissenschaftliche Geltung beilegen? Konnten sie es wagen, über die Frage seiner Bewohnbarkeit nach einem so flüchtigen Blick auf die unsichtbare Scheibe sich auszusprechen?

Indessen wurden die Blitzerscheinungen im Weltraum allmälig schwächer; sein zufälliger Glanz nahm ab; die Asteroiden verschwanden in verschiedenen Richtungen und erloschen in der Entfernung. Der Aether ward wieder dunkel, wie gewöhnlich, und die kaum erblickte Mondscheibe tauchte wieder in undurchdringliche Nacht.

Sechzehntes Capitel


Sechzehntes Capitel

Südliche Hemisphäre.

Das Projectil war einer unvorausgesehenen, fürchterlichen Gefahr entronnen. Wer hätte sich eines solchen Zusammentreffens mit Boliden versehen? Solche herumschweifende Körper konnten die Reisenden in ernstliche Gefahren bringen. Es waren für sie Klippen im Aethermeer, welche sie, minder glücklich wie die Seefahrer, nicht vermeiden konnten.

Aber beklagten sich die kühnen Abenteurer im Weltraum? Nein, weil die Natur ihnen den kostbaren Anblick eines kosmischen Meteors, das mit fürchterlicher Ausstrahlung glänzte, vergönnt, und weil dies unvergleichliche Kunstfeuerwerk, welches kein Ruggieri nachzuahmen verstand, einige Secunden lang die unsichtbare Mondscheibe erleuchtet hatte. In dieser raschen Erleuchtung waren ihnen Continente, Meere, Waldungen sichtbar geworden. Die Atmosphäre versah also diese unbekannte Seite mit ihren lebenden Elementartheilchen? Fragen, die noch ungelöst, der menschlichen Neugierde ewig gestellt bleiben!

Es war damals halb vier Uhr Abends. Das Projectil verfolgte seine Curvenbahn um den Mond. War dieselbe abermals durch das Meteor abgeändert worden? Man konnte es befürchten. Das Projectil mußte jedoch eine durch die Gesetze der rationellen Mechanik unabänderlich fest bestimmte Curve beschreiben. Barbicane war geneigt zu glauben, daß diese Curve vielmehr eine Parabel, als eine Hyperbel sein werde. Doch, die Parabel angenommen, hätte die Kugel aus dem Schattenkegel, welchen der Mond auf der der Sonne abgewendeten Seite warf, ziemlich rasch herauskommen müssen. Dieser Kegel ist in der That sehr schmal, da der angulare Durchmesser des Mondes klein ist im Verhältniß zum Durchmesser des Tagesgestirns. Bis jetzt nun bewegte sich das Projectil in diesem tiefen Schatten. Wie groß auch seine Schnelligkeit war – und gering konnte sie nicht sein – die Zeit seiner Beschattung dauerte fort. Dies war eine unbezweifelbare Thatsache, aber vielleicht hatte es, im Fall einer streng parabolischen Bahn, nicht so sein müssen. Eine neue Aufgabe zum Kopfzerbrechen für Barbicane, der sich in einen Kreis unbekannter Dinge gebannt sah, aus dem er sich nicht los machen konnte.

Keiner der Reisenden dachte einen Augenblick an Ruhe. Jeder lauerte auf ein unerwartetes Ereigniß, das ihren Studien der Himmelskarte ein neues Licht zugeworfen hätte. Gegen fünf Uhr theilte Michel Ardan anstatt der Mahlzeit einige Stückchen Brod mit kaltem Fleisch aus, welche rasch verschlungen wurden, ohne daß Einer seinen Platz am Fenster verlassen hätte, dessen Glas beständig von Neuem sich mit Frostblumen bedeckte.

Um fünf Uhr fünfundvierzig Minuten Abends gewahrte Nicholl vermittelst seines Fernrohrs am südlichen Rand des Mondes in der Richtung, welche das Projectil nahm, einige glänzende Punkte, die am dunklen Himmel abstachen.

Man konnte sie für eine Reihe spitzer Berggipfel halten, die gleich einer Wellenlinie das Profil bildeten. Sie leuchteten ziemlich lebhaft. So zeigen sich die Randlinien des Mondes, wann man ihn in seinen Achteln sieht.

Ein Irrthum war hier nicht möglich. Es handelte sich nicht mehr um ein bloßes Meteor, denn diese leuchtende Gräte hatte weder die Farbe noch die Beweglichkeit eines solchen. Ebensowenig um einen im Ausbruch begriffenen Vulkan. Darum sprach sich auch Barbicane unbedenklich aus:

»Die Sonne! rief er.

– Wie? die Sonne! erwiderten Nicholl und Michel Ardan.

– Ja, meine Freunde! das leuchtende Gestirn selbst bestrahlt die Gipfel dieser am Südrande des Mondes befindlichen Berge. Wir nähern uns offenbar dem Südpol!

– Nachdem wir am Nordpol vorübergefahren, erwiderte Michel. Also sind wir rings um den Trabanten herum gefahren.

– Ja, mein wackerer Michel.

– Dann haben wir weder Parabeln, noch Hyperbeln, noch sonst offene Curven mehr zu fürchten!

– Nein, aber eine geschlossene Curve.

– Und das wäre?

– Eine Ellipse. Anstatt im weiten Weltraum sich zwischen den Planeten zu verlieren, wird das Projectil vermuthlich einen elliptischen Kreis um den Mond herum beschreiben.

– Wirklich!

– Und wird einen Trabanten desselben bilden.

– Einen Mond des Mondes! rief Michel Ardan.

– Nur muß ich Dir bemerken, mein würdiger Freund, erwiderte Barbicane, daß wir darum nicht minder verloren sind!

– Ja, aber auf andere und angenehmere Weise!« versetzte der sorglose Franzose mit liebenswürdigstem Lächeln.

Der Präsident Barbicane hatte Recht. Es stand dem Projectil bevor, in dieser elliptischen Bahn als ein Untertrabant in alle Ewigkeit um den Mond herum zu kreisen. Es war ein neues Gestirn in der Sonnenwelt, eine kleine Welt für sich, von drei Menschen bewohnt – die aus Mangel an Luft in der Kürze dem Tode verfielen. Barbicane konnte also keine Freude daran haben, daß durch Zusammenwirken der centripetalen und centrifugalen Kraft dem Projectil dieses Loos definitiv bestimmt sein sollte. Die drei Gefährten besahen sich also von Neuem die beleuchtete Stelle der Mondscheibe. Vielleicht sollte sich doch ihr Dasein noch so lange verlängern, daß sie noch zum letzten Male die Erde in vollem Licht und prachtvoller Bestrahlung von der Sonne erblicken, ihr ein ewiges Lebewohl zurufen könnten! Hernach würde ihr Projectil nur eine erloschene, todte Masse sein, gleich den unthätigen Asteroiden, welche im Aether schliefen. Sie hatten nur noch die eine tröstliche Aussicht, endlich aus diesem stockfinsteren Dunkel heraus wieder an’s Licht zu kommen, in Gegenden, die sich an der Bestrahlung von der Sonne erquickten!

Inzwischen waren die von Barbicane erkannten Berge immer mehr aus der dunkeln Masse hervorgetreten. Es waren der Leibnitz und Dörfel, welche in der Gegend um den Südpol des Mondes emporragen.

Alle Berge der sichtbaren Hemisphäre sind mit größter Genauigkeit gemessen worden. Man staunt vielleicht, daß dieses so vollkommen möglich ist, und doch sind die hypsometrischen Methoden sehr strenge. Man kann sogar behaupten, daß die Höhe der Mondberge ebenso genau bestimmt ist, als die Berghöhen der Erde.

Die am meisten angewendete Methode besteht darin, daß man den von den Bergen geworfenen Schatten mißt, wobei man den Höhestand der Sonne im Moment der Beobachtung in Anschlag bringt. Dieses Messen geschieht leicht vermittelst eines Fernrohrs, woran ein Netzchen mit zwei parallelen Fäden angebracht ist, indem man voraussetzt, daß der wirkliche Durchmesser der Mondscheibe genau bekannt sei. Mit dieser Methode läßt sich ebenso die Tiefe der Krater und Vertiefungen des Mondes messen. Galiläi hat sie angewendet, und seitdem mit dem größten Erfolg Beer und Mädler.

Es läßt sich noch eine andere Methode zur Messung der Höhen auf dem Monde verwenden. Dies geschieht in dem Moment, wo die Berge leuchtende Punkte, gesondert von der Scheidungslinie zwischen Licht und Schatten bilden, welche auf dem dunkeln Theile der Scheibe hervorglänzen. Diese leuchtenden Punkte entstehen durch Sonnenstrahlen, die höher sind als die, welche die Grenze der Phase bestimmen. Daher giebt das Maß des Zwischenraums zwischen dem beleuchteten Punkt und der nächsten beleuchteten Stelle der Phase genau die Höhe dieses Punktes an. Aber es versteht sich, dieses Verfahren läßt sich nur bei Bergen anwenden, welche nahe bei der Scheidungslinie von Licht und Schatten liegen.

Eine dritte Methode bestände darin, daß man das Profil der Mondberge, welche von dem Hintergrund sich abheben, mit dem Mikrometer mißt; sie ist aber nur bei Höhen in der Nähe des Mondrandes anwendbar.

In allen diesen Fällen merke man sich, daß diese Messung der Schatten, der Zwischenräume oder Profile nur dann anzuwenden ist, wann die Sonnenstrahlen im Verhältniß zum Beobachter schief auf den Mond fallen. Fallen sie aber senkrecht, kurz, wenn es Vollmond ist, so ist jeder Schatten aufgehoben, und die Beobachtung ist nicht mehr möglich.

Galiläi hat, nachdem er zuerst die Existenz der Mondberge erkannt, die Methode der geworfenen Schatten angewendet. Er schrieb ihnen, wie oben gesagt, eine Durchschnittshöhe von viertausendfünfhundert Toisen zu. Helvetius setzte diese Ziffern bedeutend herab, und Riccioli erhöhte sie wieder auf’s Doppelte. Diese Maße waren beiderseits übertrieben. Herschel kam mit Hilfe seiner vervollkommneten Instrumente der Wahrheit näher. Schließlich aber muß man diese bei den Berichten der neuesten Beobachter suchen.

Beer und Mädler, die vollendetsten Selenographen der ganzen Welt, haben tausendfünfundneunzig Mondberge gemessen. Aus ihren Berechnungen ergiebt sich, daß deren sechs über fünftausendachthundert Meter hoch sind, zweiundzwanzig über viertausendachthundert. Der höchste Gipfel des Mondes mißt siebentausendsechshundertunddrei Meter; er ist also niedriger als die Berge der Erde, von denen einige um fünf- bis sechshundert Toisen höher sind. Doch ist eine Bemerkung nicht überflüssig. Nimmt man die Gesammtmasse der beiden Gestirne in Vergleichung, so sind die Mondberge verhältnißmäßig weit höher zu nennen, als die Erdberge.

Die Höhe der ersteren beträgt den vierhundertsten Theil des Monddurchmessers, und die der letzteren nur den vierzehnhundertundvierzigsten Theil des Erddurchmessers. Sollte ein Erdberg verhältnißmäßig eben so hoch wie ein Mondberg sein, so müßte seine Höhe senkrecht gemessen sechs und eine halbe Lieue ausmachen. Der höchste aber ist nur neun Kilometer hoch.

Also, um die Vergleichung weiter zu führen, die Himalayakette zählt drei Gipfel, welche höher sind als die Mondberge: der Everest von achttausendachthundertsiebenunddreißig Meter; der Kunchinjuga achttausendfünfhundertachtundachtzig Meter hoch, und der Dwalagiri von achttausendeinhundertsiebenundachtzig Meter. Die Mondberge Dörfel und Leibnitz sind an Höhe dem Jewahir in derselben Kette gleich, nämlich siebentausendsechshundertdrei Meter. Newton, Casatus, Curtius, Short, Tycho, Clavius, Blancanus, Endymion, die hauptsächlichen Gipfel des Kaukasus und der Apenninen, sind höher als der Montblanc, der viertausendachthundertundzehn Meter mißt. Dem Montblanc an Höhe gleich sind Moret, Theophilus, Catharnia; dem Monte Rosa mit viertausendsechshundertsechsunddreißig Meter kommen gleich Piccolomini, Werner, Harpalus; dem Cervin mit viertausendfünfhundertzweiundzwanzig Meter, Macrobius, Eratosthenes, Albateque, Delambre; dem Teneriffa, der dreitausendsiebenhundertundzehn Meter mißt, Bacon, Cysatus, Phitolaus und die Spitzen der Alpen; dem Mont Perdu der Pyrenäen mit dreitausenddreihunderteinundfünfzig Meter Römer und Boguslawski; dem Aetna mit dreitausendsiebenhundertsiebenunddreißig Meter Herkules, Atlas, Furnerius.

Diese verglichenen Punkte geben einen Maßstab für die Schätzung der Mondberge. Nun führte gerade die Bahn des Projectils in die Gebirgsgegend der südlichen Hemisphäre, wo die schönsten Musterexemplare der Mondorographie empor ragen.

Siebenzehntes Capitel


Siebenzehntes Capitel

Tycho.

Um sechs Uhr Abends fuhr das Projectil um den Südpol, nicht ganz sechzig Kilometer davon entfernt. Also gleiche Entfernung wie bei der Annäherung an den Nordpol; die Curve war streng elliptisch gezogen.

In diesem Augenblick kamen die Reisenden wieder in die wohlthuende Bestrahlung der Sonne. Sie sahen wieder die langsam von Osten nach Westen sich bewegenden Sterne. Das strahlende Gestirn wurde mit dreifachem Hurrah begrüßt. Zugleich mit dem Licht genoß man auch wieder die Wohlthat der Wärme, die bald durch die metallenen Wände drang. Die Fenster wurden wieder durchsichtig; wie durch Zauber verschwand ihre Eisdecke. Sogleich wurde aus Sparsamkeit das Gas gelöscht. Nur der Luftapparat brauchte, wie bisher, seinen gewohnten Bedarf.

»Ach! rief Nicholl, wie wohlthuend das, diese warmen Strahlen! Wie ungeduldig müssen die Seleniten nach so langer Nacht das Wiedererscheinen des Tagesgestirns erharren!

– Ja, erwiderte Michel Ardan, den trefflichen Aether einschlürfend, Licht und Wärme, darin besteht das Leben!«

In diesem Augenblick strebte das Bodenstück des Projectils sich etwas von der Mondoberfläche zu entfernen, so daß es eine ziemlich lange Ellipse beschrieb. Von diesem Punkt aus hätten Barbicane und seine Genossen die Erde, wäre sie in vollem Licht gewesen, wieder erblicken können. Aber ganz von der Sonne umstrahlt, war sie durchaus unsichtbar. Ein anderes Schauspiel dagegen mußte ihre Blicke auf sich ziehen, der Anblick der Südregion des Mondes, welche durch das Fernrohr bis auf eine halbe Viertel Lieue nahe gebracht war. Sie wichen nicht mehr vom Fenster und zeichneten Alles im kleinsten Detail auf, was sie auf dem seltsamen Continent sahen.

Dörfel und Leibnitz bilden zwei gesonderte Berggruppen, welche sich nahe am Südpol entwickeln. Die erste Gruppe erstreckt sich vom Pol bis zum vierundachtzigsten Breitegrad auf der Ostseite des Gestirns; die zweite, am Ostrand, reicht vom fünfundsechzigsten Grad bis zum Pol.

Auf ihrem launisch gezeichneten Grat zeigten sich blendende Streifen, wie sie vom Pater Secchi angezeigt wurden. Barbicane konnte ihre Natur mit noch mehr Gewißheit als der berühmte englische Astronom erkennen.

»Das ist Schnee! rief er aus.

– Schnee? wiederholte Nicholl.

– Ja, Nicholl, Schnee, dessen Oberfläche ganz mit Eis überzogen ist. Sehen Sie, wie sie die Lichtstrahlen reflectirt. Gefrorene Lava würde keinen so starken Reflex geben können. Es giebt also Wasser, es giebt Luft auf dem Mond. Sei’s auch noch so wenig, aber die Thatsache ist unbestreitbar!«

Nein, sicherlich nicht! Und wenn jemals Barbicane wieder auf die Erde kommt, werden seine Notizen in den selenographischen Beobachtungen die wichtige Thatsache bezeugen.

Diese Dörfel und Leibnitz erheben sich mitten in Ebenen von mäßiger Ausdehnung, welche von einer unübersehbaren Reihe von Circus und Ringwällen begrenzt waren. Diese beiden Ketten sind die einzigen, welche in der Region der Circus sich treffen. Verhältnißmäßig wenig uneben ragen hie und da einige schroffe Spitzen empor, von welchen der höchste siebentausendsechshundertunddrei Meter mißt.

Aber das Projectil gewährte von alle diesem nur den Gesammtüberblick, und das Einzelne der Bodengestaltung verschwand in diesem stark blendenden Glanz der Scheibe. Den Augen der Reisenden zeigten sich wieder die Mondlandschaften in dem uralterthümlichen Aussehen mit rohen Tönen ohne Abstufung der Farben, ohne Nuancen der Schatten, grell weiß und schwarz, weil das zerstreute Licht mangelte. Doch verfehlte der Anblick dieser öden Welt nicht, selbst durch seine Seltsamkeit sie zu fesseln. Aber nirgends sahen sie eine Spur von Vegetation, einen Anschein von Städten; nichts als Schichtungen, Rinnen von Lavaströmen, ausgeworfenen Massen, glatt wie ungeheure Spiegel, welche die Sonnenstrahlen mit unerträglichem Glanz reflectirten. Nichts von lebender Welt, nur eine erstorbene, wo die Lavinen, vom Gipfel der Berge herabrollend, geräuschlos in den Abgrund versanken. Sie hatten zwar die Bewegung, aber das Geräusch fehlte ihnen noch.

Barbicane stellte durch wiederholte Beobachtung fest, daß die Bodenerhöhungen am Rand der Mondscheibe, obwohl sie der Einwirkung anderer Kräfte unterworfen waren, als die der Region der Mitte, doch eine gleichförmige Bildungsform zu erkennen geben. Die gleiche, kreisförmige Gestaltung, dieselben Bodenerhebungen. Doch konnte man denken, es müßten damit nicht auch ihre Beschaffenheiten analog sein. Im Centrum war in der That die noch dehnbare Kruste des Mondes der doppelten Anziehung des Mondes und der Erde unterworfen, welche in entgegengesetzter Richtung gemäß eines von einem zum andern verlängerten Radius wirkte. Dagegen an den Rändern der Scheibe war die Anziehung des Mondes so zu sagen senkrecht zur Anziehung der Erde gewesen. Es scheint nun, als hätten die unter diesen beiden Bedingungen bewirkten Bodenerhebungen eine verschiedene Form bekommen müssen. Aber so war es nicht. Der Mond hatte nämlich in sich allein das Princip seiner Bildung und Grundbeschaffenheit gefunden. Er verdankte nichts äußeren Kräften. Dies rechtfertigte den merkwürdigen Satz Arago’s: »Keine von außen einwirkende Kraft hat zur Bodengestaltung auf dem Monde beigetragen.«

Wie dem auch sei, in ihrem gegenwärtigen Zustand war diese Welt das Bild des Todes, ohne daß man sagen konnte, es sei jemals vom Leben beseelt gewesen.

Michel Ardan glaubte jedoch einen Haufen Ruinen zu erkennen, welche er der Aufmerksamkeit Barbicane’s empfahl. Es war dies etwa unterm achtzigsten Breitegrad und dem dreißigsten der Länge. Diese Haufen von ziemlich regelmäßig daliegenden Steinen bildeten wohl die Figur einer ungeheuren Befestigung, welche einen der langen Streifen beherrschte, die vormals in vorhistorischer Zeit Flußbette waren. Nicht weit entfernt erhob sich zu einer Höhe von fünftausendsechshundertsechsundvierzig Meter das Ringgebirge Short, welches dem asiatischen Kaukasus gleicht. Michel Ardan behauptete in seiner gewohnten Hitze, das Festungswerk sei klar erwiesen. Darunter gewahrte er die niedergeworfenen Wälle einer Stadt; hier die noch unverletzte Wölbung eines Porticus; dort zwei bis drei Säulen unter ihrem Säulenstuhl; weiter hinaus eine Reihe von Bogengewölben, welche zur Stütze einer Wasserleitung bestimmt waren; anderswo die Pfeiler einer Riesenbrücke. Dieses alles erkannte er, aber mit so viel Phantasie im Anschauen durch ein phantastisches Fernrohr, daß man auf seine Beobachtung sich nicht verlassen kann. Und doch, wer möchte behaupten, wer wagte zu sagen, daß der liebenswürdige Kamerad nicht wirklich sah, was seine beiden Genossen nicht sehen wollten?

Die Augenblicke waren zu kostbar, um sie einer müßigen Erörterung zu opfern. Die Selenitenstadt, eingebildete oder wirkliche, war schon in der Ferne nicht mehr sichtbar. Die Entfernung des Projectils von der Mondscheibe war im Zunehmen begriffen, und die Einzelheiten singen an, in unklarer Verworrenheit zu verschwinden. Nur die Erhöhungen, die Circus, Krater, Ebenen blieben kenntlich, um ihre begrenzenden Linien zu sehen.

In diesem Augenblick zeigte sich links eine der schönsten Circus der Mondorographie, eine der Merkwürdigkeiten dieses Continents. Es war Newton, den Barbicane nach der Mappa selenographica leicht erkannte.

Newton liegt genau unterm 77° südl. Br: und 16° östl. Länge. Er bildet einen ringförmigen Krater, dessen siebentausendzweihundertvierundsechzig Meter hohen Wälle unübersteigbar schienen.

Barbicane machte seinen Genossen die Bemerkung, daß der Krater dieses Berges bei Weitem tiefer sei, als die umgebende Ebene. Diese enorme Höhlung ließ sich gar nicht messen, und bildete einen finsteren Abgrund, auf dessen Grund niemals die Sonnenstrahlen zu dringen vermochten. Da herrscht, nach Humboldt’s Ausdruck, absolute Finsterniß, von keinem Lichtstrahl der Sonne oder der Erde gemildert. Die Mythologie würde da mit Recht den Eingang zur Unterwelt gefunden haben.

»Newton, sagte Barbicane, ist ein vollendetes Charakterbild der Ringberge, wovon man auf der Erde nicht eine Spur findet. Sie beweisen, daß die Formbildung des Mondes auf dem Wege des Erkaltens gewaltsamen Ursachen zuzuschreiben ist; denn während, von einem Feuer emporgetrieben, die Bodenerhebungen zu beträchtlicher Höhe gediehen, zog sich der Boden zurück und ward weit niedriger, als das Niveau des Mondes.

– Ich widerspreche dem nicht«, erwiderte Michel Ardan.

Einige Minuten, nachdem man an Newton vorüber war, beherrschte das Projectil direct das Ringgebirge Moret. Es fuhr ziemlich entfernt vor den Gipfeln des Blancanus vorüber, und erreichte gegen halb acht den Circus Clavius.

Dieser Circus, einer der merkwürdigsten der Scheibe, liegt unterm 58° südl. Br. und 15° östl. Länge. Seine Höhe wird auf siebentausendeinundneunzig Meter geschätzt. Die Reisenden, welche vierhundert Kilometer entfernt waren, die sich durch das Fernrohr auf vier beschränkten, konnten das Ganze dieses ungeheuren Kraters bewundern.

»Die Vulkane der Erde, sagte Barbicane, sind doch nur Maulwurfshügel in Vergleichung mit denen des Mondes. Mißt man die alten Krater des Aetna und Vesuv, welche durch ihre ersten Ausbrüche gebildet wurden, so findet man sie kaum sechstausend Meter breit. Der Circus des Cantal in Frankreich zählt zehn Kilometer; auf Ceylon mißt der Circus der Insel siebenzig Kilometer, und er wird als der größte des Erdballs angesehen. Was wollen diese Diameter gegen den des Clavius bedeuten, welchen wir in diesem Augenblick betrachten?

– Wie breit ist er denn? fragte Nicholl.

– Zweihundertsiebenundzwanzig Kilometer, erwiderte Barbicane. Dieser Circus ist allerdings der bedeutendste auf dem Mond; aber manche andere messen zweihundert, hundertundfünfzig, hundert Kilometer!

– Ach! meine Freunde, rief Michel aus, stellen Sie sich vor, was mußte dieses friedliche Nachtgestirn sein, als seine Krater voll Donner und Blitz alle auf einmal Lavaströme, Steinhagel, Rauchgewölke und Feuerstrahlen auswarfen! Was für ein wundervolles Schauspiel damals, und jetzt welcher Verfall! Dieser Mond ist nur noch das magere Gerippe eines Kunstfeuerwerks, dessen Petarden, Raketen, Serpentofen, Sonnen nach einem prachtvollen Glanz nur traurige Auszackungen von Karton hinterlassen haben. Wer vermöchte die Ursache, den Grund, die Berechtigung dieser gewaltsamen Umbildung anzugeben?«

Barbicane hörte nicht auf Michel Ardan. Er betrachtete diese Wälle des Clavius, die mehrere Lieues dick aus breiten Gebirgen gebildet waren. Auf dem Grunde der ungeheuren Vertiefung befanden sich hundert kleine erloschene Krater, welche den Boden wie einen Schaumlöffel durchlöcherten, und von einem fünftausend Meter hohen Spitzberg beherrscht waren.

Die Ebene umher bot einen wüsten Anblick. Es giebt nichts so Dürres, wie diese Bodenerhöhungen, nichts so Trauriges, als diese Bergtrümmer, und wenn man den Ausdruck gebrauchen kann, diese Stücke von Bergen und Gipfeln, welche den Boden bedeckten! Der Trabant schien an dieser Stelle geborsten und zertrümmert zu sein.

Das Projectil fuhr immer weiter, und das Chaos blieb unverändert sich gleich. Die Circus, die Krater, die eingestürzten Berge reiheten sich ununterbrochen aneinander an. Keine Ebenen, keine Meere. Eine Schweiz, ein Norwegen ohne Ende. Endlich, im Centrum dieser zerklüfteten Gegend, ein Höhepunkt, der glänzendste Berg der Mondscheibe, der blendende Tycho, welchem die Nachwelt den berühmten Namen des dänischen Astronomen bewahren wird.

Wenn man bei wolkenlosem Himmel den Vollmond betrachtet, bemerkt Jeder diesen glänzenden Punkt der südlichen Hemisphäre. Er enthält ein so concentrirtes Licht, daß die Bewohner der Erde trotz ihrer Entfernung von hunderttausend Lieues ihn ohne Fernrohr wahrnehmen können. Man denke sich nun, wie stark dieses Licht in den Augen der nur hundertundfünfzig Lieues entfernten Beobachter sein mußte! Durch den reinen Aether war sein Funkeln derart unerträglich, daß Barbicane und seine Freunde das Augenglas ihrer Lorgnetten mit Rauch schwärzen mußten, um seinen Glanz auszuhalten. Darauf schauten, betrachteten sie stumm, ließen kaum nur einige Töne der Bewunderung vernehmen. Alle ihre Gefühle, alle ihre Eindrücke concentrirten sich in ihrem Anschauen.

Tycho gehört dem System der strahlenden Berge an, wie Aristarch und Kopernicus. Aber von allen der vollständigste, am stärksten ausgesprochene, giebt er ein entschiedenes Zeugniß von der erschrecklichen vulkanischen Wirkung, durch welche die Bildung des Mondes zu Stande kam.

Tycho liegt unterm 43° südl. Breite und 12° östl. Länge. In seinem Centrum befindet sich ein Krater von siebenundachtzig Kilometer Breite. Er neigt etwas zur elliptischen Form, und ist von Ringwellen umgeben, die östlich und westlich fünftausend Meter hoch die äußere Ebene beherrschen. Es ist ein Haufen Montblancs um ein gemeinsames Centrum herum und mit einer Strahlenkrone um’s Haupt.

Das wahre Bild des unvergleichlichen Gebirges, die Gesammtgruppe der Höhen, welche zusammenlaufen, die inneren Anschwellungen seines Kraters hat die Photographie nie darzustellen vermocht. In der That erscheint Tycho beim Vollmond in seinem ganzen Glanz. Dann fehlen aber die Schatten, die Verkürzungen der Perspective sind verschwunden, und die Bilder werden weiß. Ein leidiger Umstand, denn es wäre sehr interessant, diese seltsame Gegend mit photographischer Genauigkeit darzustellen. Es ist nur ein Haufen von Löchern, Kratern, Circus, ein Durchkreuzen von Firsten zum Schwindeln; dann unabsehbar ein Netz von Vulkanen über einem warzigen Boden. Man begreift dann, daß das Aufbrodeln des centralen Ausbruchs seine ursprüngliche Form behielt. Durch Erkalten fest geworden, haben sie das Bild stereotypirt, welches den Mond einst unterm Einwirken plutonischer Kräfte darstellte.

Die Reisenden waren von den ringförmigen Gipfeln des Tycho nicht so sehr weit entfernt, um nicht die hauptsächlichsten Details wahrnehmen zu können. Ueber dem aufgeworfenen Schuttdamm, welcher die Umwallung des Tycho bildet, erhoben sich die Berge auf den Seiten der inneren und äußeren Böschung stufenweise, wie riesenhafte Terrassen. Sie schienen westlich drei- bis vierhundert Fuß höher, als östlich. Kein Befestigungssystem auf der Erde war mit diesem natürlichen zu vergleichen. Eine auf dem Grund dieser kreisförmigen Aushöhlung erbaute Stadt wäre durchaus unzugänglich gewesen.

Unzugänglich und wunderbar weit ausgedehnt auf diesem mit malerischen Vorsprüngen bunt besetzten Boden! die Natur hatte in der That den Grund dieses Kraters nicht flach und leer gelassen. Er besaß seine besondere Orographie, ein Gebirgssystem, welches gleichsam eine besondere Welt aus ihm machte. Die Reisenden unterschieden deutlich kegelförmige Spitzen, Hügel in der Mitte, merkwürdige Abwechselungen des Terrains, die von Natur geeignet waren, die Meisterwerke der selenitischen Architektur aufzunehmen. Hier war der Platz für einen Tempel abgesteckt, dort der Raum für ein Forum, an dieser Stelle sah man den Grundbau für einen Palast, an jener die Hochfläche für eine Citadelle. Alles von einem fünfzehnhundert Fuß hohen Centralgebirge beherrscht. Ein weiter Umfang, wo das alte Rom zehnmal Platz gehabt hätte!

»Ah! rief Michel Ardan voll Enthusiasmus bei diesem Anblick, was für eine großartige Stadt ließe sich in diesem Ring von Gebirgen erbauen! Welch ruhiger, friedlicher Zufluchtsort außerhalb alles menschlichen Elends! Wie könnten da alle Misanthropen ruhig für sich allein leben, alle, denen das gesellige Leben verleidet ist!

– Alle! Dafür würde es doch hier an Raum fehlen!« erwiderte Barbicane.

Vorwort und Rückblick


Vorwort und Rückblick

Im Laufe des Jahres 186.. wurde die ganze Welt durch ein wissenschaftliches Unternehmen, das in den Annalen der Wissenschaft ohne Gleichen war, in außerordentliche Bewegung versetzt. Die Mitglieder des Gun-Clubs, eines Vereins von Artilleristen, welcher nach dem amerikanischen Krieg sich zu Baltimore bildete, hatten die Idee, sich durch Zusendung einer Kugel mit dem Mond in Verbindung zu setzen. Ihr Präsident Barbicane, der die Unternehmung in Anregung brachte, ergriff, nachdem er die Astronomen des Observatoriums zu Cambridge zu Rathe gezogen, alle Maßregeln, welche für den glücklichen Erfolg des von der Mehrzahl sachverständiger Männer für ausführbar erklärten Vorhabens erforderlich waren. Nachdem durch eine öffentliche Subscription etwa dreißig Millionen aufgebracht waren, begann er seine riesenhaften Arbeiten.

In Gemäßheit eines von den Mitgliedern des Observatoriums ertheilten Gutachtens mußte die Kanone, welche das Projectil abschleudern sollte, um auf den Mond im Zenith zielen zu können, in einer Landschaft zwischen 0 und 28 Grad nördlicher oder südlicher Breite aufgestellt werden, und man mußte der Kugel eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde geben. Wurde diese am 1. December dreizehn Minuten und zwanzig Secunden vor elf Uhr Abends abgeschossen, so mußte sie vier Tage hernach, am 5. December um zwölf Uhr Nachts, gerade zu dem Zeitpunkt auf dem Mond eintreffen, wo er der Erde am nächsten stand, in einer Entfernung nämlich von sechsundachtzigtausendvierhundertundzehn franz. Meilen.

Die bedeutendsten Mitglieder des Gun-Clubs, der Präsident Barbicane, Major Elphiston, Secretär J.T. Maston und andere Gelehrte hielten einige Sitzungen, worin die Form und das Material der Kugel, die Art und Einrichtung der Kanone, die Beschaffenheit und die Menge des Pulvers besprochen wurden. Man beschloß: 1. Das Geschoß solle eine Hohlkugel aus Aluminium sein mit einem Durchmesser von einhundertundacht Zoll, zwölf Zoll dicken Wänden und neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund schwer. 2. Das Geschütz solle eine Columbiade von Gußeisen sein, neunhundert Fuß lang, und unmittelbar in den Erdboden zu gießen. 3. Zur Ladung sollten vierhunderttausend Pfund Schießbaumwolle verwendet werden, welche sechs Milliarden Liter Gas unter dem Projectil entwickelten, dessen Treibkraft leicht bis zum Nachtgestirn reichen würde.

Als diese Fragen gelöst waren, wählte der Präsident Barbicane mit Hilfe des Ingenieurs Murchison eine Stelle in Florida, unterm 27°7′ nördlicher Breite und 5°7′ westlicher Länge, wo nach merkwürdigen Arbeiten der Guß der Columbiade vorgenommen wurde und vollständig gelang.

So standen die Dinge, als ein Ereigniß dazwischen kam, wodurch das Interesse an der großen Unternehmung hundertfach vergrößert wurde.

Ein pariser Phantast, geistreicher und kühner Künstler, begehrte und erbot sich, in eine Kugel eingeschlossen die Reise nach dem Mond zu machen, um über den Trabanten der Erde Forschungen anzustellen. Michel Ardan hieß dieser unerschrockene Abenteurer. Bei seiner Ankunft in Amerika wurde er mit Enthusiasmus aufgenommen, hielt Meetings, ward im Triumph auf den Schultern getragen, versöhnte den Präsidenten Barbicane mit seinem Todfeind, dem Kapitän Nicholl, und beredete sie beide, die Reise in dem Projectil mitzumachen.

Der Vorschlag wurde angenommen, die Form der Kugel abgeändert. Das Projectil ward cylinder-kegelförmig. Dieser Luft-Waggon wurde, um die Gewalt des Gegenstoßes bei der Abfahrt abzuschwächen, mit einer starken Vorrichtung versehen; sodann mit Lebensmitteln für ein Jahr, Wasser für einige Monate, und Gas für einige Tage. Ein automatischer Apparat bereitete und lieferte die zum Athmen für die drei Reisenden erforderliche Luft. Zu gleicher Zeit ließ der Gun-Club auf einem der höchsten Gipfel des Felsengebirgs ein Riesenteleskop bauen, um es möglich zu machen, das Projectil während seiner Fahrt durch den Weltraum zu beobachten. Alles war fertig und bereit.

Am 30. November, zur bestimmten Stunde, fand inmitten einer unzähligen Zuschauermenge die Abfahrt statt, und zum ersten Male sah man drei menschliche Wesen den Erdball verlassen und in den weiten Weltraum emporsteigen, fast vollständig überzeugt, daß sie am Ziel ihrer Reise anlangen würden. Diese kühnen Reisenden, Michel Ardan, der Präsident Barbicane und der Kapitän Nicholl, sollten ihre Ueberfahrt in siebenundneunzig Stunden dreizehn Minuten und zwanzig Secunden vollenden. Folglich konnte ihre Ankunft auf der Oberfläche der Mondscheibe erst am 5. December um zwölf Uhr Nachts erfolgen, gerade in dem Moment, da Vollmond eintrat, und nicht am vierten, wie einige irrig berichtete Journale mittheilten.

Doch es begab sich ein unerwartetes Ereigniß: die von der Columbiade hervorgerufene Erschütterung bewirkte unverzüglich eine Trübung der Atmosphäre durch Anhäufung einer enormen Menge von Dünsten. Diese Erscheinung rief eine allgemeine Entrüstung hervor, denn der Mond war einige Nächte hindurch den Augen seiner Beobachter verhüllt. J.T. Maston, der würdige und tapfere Freund der drei Reisenden, eilte zum Felsengebirg, um dem ehrenwerthen Director des Observatoriums zu Cambridge, J. Belfast, Gesellschaft zu leisten, der zu Longs Peak, wo das Riesenteleskop, das den Mond bis auf zwei Meilen nahe rückte, errichtet war, die Fahrt seiner kühnen Freunde beobachten wollte.

Das in der Atmosphäre gehäufte Gewölk hinderte während des 5., 6., 7., 8., 9. und 10. December jede Beobachtung. Man glaubte schon, dieselbe bis zum 3. Januar des folgenden Jahres vertagen zu müssen, weil der am 11. December in sein letztes Viertel tretende Mond dann nur einen stets abnehmenden Theil seiner Scheibe zeigte, welche nicht hinreichte, um die Spur des Projectils zu verfolgen.

Doch endlich vertrieb zur allgemeinen Befriedigung ein starker Sturm in der Nacht vom 11. zum 12. December alles Gewölk aus der Atmosphäre, und der zur Hälfte erleuchtete Mond trat auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels klar hervor.

In derselben Nacht traf ein Telegramm ein, welches die Herren Belfast und Maston von der Station Longs Peak an das Bureau des Observatoriums zu Cambridge gesendet hatten.

Und was enthielt dies Telegramm?

Es berichtete, am 11. December um acht Uhr siebenundvierzig Minuten Abends sei das von der Columbiade zu Stone’s-Hill entsendete Projectil von den Herren Belfast und. Maston wahrgenommen worden. – Dasselbe sei, aus unbekanntem Grund von seiner Bahn abweichend, nicht an sein Ziel gelangt, aber doch nahe genug gekommen, um von der Anziehungskraft des Mondes festgehalten zu werden; – seine gerade Richtung sei in eine Kreisbewegung übergegangen, und so sei es zu einem Trabanten geworden, der in elliptischer Bahn den Mond umkreise.

Das Telegramm fügte bei, die Elemente dieses neuen Gestirns hätten noch nicht berechnet werden können, – und in der That sind auch drei Beobachtungen des Gestirns in drei verschiedenen Stellungen desselben nöthig, um seine Elemente zu bestimmen. Sodann fügte es weiter bei, die Entfernung des Projectils von der Mondoberfläche »könne« auf etwa zweitausendachthundertdreiunddreißig Meilen angeschlagen werden, d.h. viertausendfünfhundert Lieues.

Dasselbe schloß mit der doppelten Annahme: Entweder werde die Anziehungskraft des Mondes zuletzt überwiegen und die Reisenden würden an ihrem Ziel anlangen; oder das Projectil werde, unveränderlich in seiner Bahn festgehalten, seinen Kreislauf um den Mond herum bis an’s Ende der Jahrhunderte fortzusetzen haben.

Wie würde es dann den Reisenden ergehen? Zwar Lebensmittel hatten sie für einige Zeit. Aber gesetzt auch, ihr verwegenes Unternehmen gelänge, wie kämen sie dann zurück? Wäre dies je möglich? Könnte man Nachricht von ihnen haben? Diese Fragen, welche die gelehrtesten Federn der Zeit in Bewegung setzten, beschäftigten das Publicum mit Leidenschaft.

Ich muß hier eine Bemerkung machen, welche allzueilige Beobachter beherzigen sollten. Wenn ein Gelehrter dem Publicum eine rein speculative Entdeckung ankündigt, kann er nicht vorsichtig genug sein. Einen Kometen, Planeten oder Trabanten zu entdecken, ist keines Menschen Schuldigkeit, und wenn man in so einem Falle sich irrt, verdient man die Spöttereien der Menge, welchen man sich aussetzt. Deshalb ist’s besser, abzuwarten, und dies hätte auch der ungeduldige J.T. Maston thun sollen, bevor er das Telegramm in die Welt schleuderte, welches, ihm zufolge, über diese Unternehmung sich so entschieden aussprach.

In der That enthielt jenes Telegramm einen doppelten Irrthum, wie sich’s später herausstellte: 1. Irrige Beobachtung in Beziehung auf die Entfernung des Projectils von der Oberfläche des Mondes, denn am 11. December konnte man es unmöglich wahrnehmen, und was J.T. Maston sah oder zu sehen glaubte, konnte nicht die Kugel der Columbiade sein. 2. Irrige theoretische Ansicht über das Loos des Projectils; denn indem man dasselbe zu einem Trabanten des Mondes macht, setzt man sich mit den Gesetzen vernunftmäßiger Mechanik in Widerspruch.

Nur die Annahme der Beobachter zu Longs Peak konnte sich verwirklichen, daß die Reisenden – falls sie noch bei Leben – sich bemühten, mit Benützung der Anziehungskraft des Mondes auf die Oberfläche desselben zu gelangen.

Diese so einsichtsvollen, wie kühnen Männer hatten nun aber den erschrecklichen Gegenstoß bei der Abfahrt bestanden, und ihre Reise in dem Projectil-Waggon soll hier mit all‘ ihren merkwürdigen und dramatischen Erlebnissen erzählt werden. Diese Erzählung wird manche Täuschungen und Vermuthungen zu nichte machen; dagegen wird sie von der möglichen Lösung einer solchen Aufgabe einen richtigen Begriff geben, und den wissenschaftlichen Instinct Barbicane’s, die industriellen Hilfsmittel und Kenntnisse Nicholl’s und die humoristische Kühnheit Michel Ardan’s anschaulich machen.

Ferner wird sie darlegen, daß ihr würdiger Freund, J.T. Maston, seine Zeit verlor, als er auf dem Riesenteleskop den Mond auf seiner Bahn durch die Sternenräume fortwährend beobachtete.

Achtes Capitel.

Achtes Capitel.

Passepartout spricht ein wenig mehr, als vielleicht sich gehörte.

Fix hatte in wenig Augenblicken Passepartout am Quai eingeholt, der da schlenderte und schaute, denn er glaubte nicht, daß er verbunden sei, nichts zu sehen.

»Nun, Freund, redete Fix ihn an, ist Ihr Paß visirt?

– Ah! Sie sind’s, mein Herr, erwiderte der Franzose. Sehr verbunden. Wir sind völlig im Reinen.

– Und Sie besehen sich das Land?

– Ja, aber wir reisen so rasch, daß mir’s vorkommt, als reise ich im Traum. Z.B. Wir sind hier in Suez?

– Suez.

– In Aegypten?

– Aegypten, ganz recht.

– Und in Afrika?

– In Afrika.

– In Afrika! wiederholte Passepartout. Ich kann’s gar nicht glauben. Denken Sie sich, mein Herr, ich meinte, wir gingen nicht weiter als Paris, und diese berühmte Hauptstadt sah ich eben nur von sieben Uhr zwanzig bis acht Uhr vierzig Minuten Vormittags, zwischen dem Nordbahnhof und dem Lyoner, durch die Scheiben eines Fiaker, während eines Platzregens! Das war mir leid! Gerne hätte ich den Père La Chaise und den Circus in den Champs Elysées besucht!

– Sie haben demnach sehr Eile? fragte der Polizei-Agent.

– Ich nicht, aber mein Herr. Apropos, ich muß ja Strümpfe und Hemden kaufen! Wir sind ohne Koffer abgereist, nur mit einem Reisesack.

– Ich will Sie in einen Bazar führen, wo Sie Alles finden, was Sie brauchen.

– Mein Herr, erwiderte Passepartout, Sie sind wirklich sehr gefällig!« …

Und sie gingen mit einander. Passepartout schwatzte beständig.

»Vor Allem, sagte er, muß ich mich hüten, das Boot nicht zu verfehlen!

– Sie haben Zeit, versetzte Fix, es ist erst zwölf Uhr!«

Passepartout zog seine große Uhr heraus. »Zwölf Uhr, sagte er. Nicht doch! es ist neun Uhr zweiundfünfzig Minuten!

– Ihre Uhr geht nach, erwiderte Fix.

– Meine Uhr! Das alte Familienstück von meinem Urgroßvater her! Sie weicht nicht fünf Minuten im Jahre ab. Es ist ein wahrer Chronometer!

– Ich sehe, woran’s hängt. Sie haben noch die Londoner Zeit, welche um zwei Stunden etwa von der zu Suez abweicht. Sie müssen darauf bedacht sein, Ihre Uhr nach der Mittagszeit jedes Landes zu stellen.

– Ich! an meine Uhr rühren! rief Passepartout, niemals!

– Ah, dann stimmt sie nicht mehr mit der Sonne.

– Um so schlimmer für die Sonne, mein Herr! Sie ist im Irrthum.«

Und der wackere Bursche steckte seine Uhr mit stolzer Geberde wieder in seine Tasche.

Nach einer kleinen Weile sprach Fix:

»Also Sie haben London in Eile verlassen?

– Das mein‘ ich! Letzten Mittwoch um acht Uhr Abends kam Herr Fogg gegen alle Gewohnheit früh aus seiner Gesellschaft, und schon dreiviertel Stunden nachher waren wir unterwegs.

– Aber wo reist Ihr Herr denn hin?

– Immer gerade aus, um die ganze Erde herum!

– Um die Erde herum? rief Fix.

– Ja, in achtzig Tagen! Eine Wette, sagte er, aber, unter uns, ich glaub’s nicht. Das wäre Unsinn. Es steckt was anderes dahinter.

– Ei! Der Herr Fogg ist ein Original.

– Das glaub‘ ich.

– Ist er denn reich?

– Ganz gewiß, er hat eine hübsche Summe bei sich, in ganz neuen Banknoten! Und er spart unterwegs nicht! Denken Sie, er hat dem Maschinisten des Mongolia eine stattliche Prämie versprochen, wenn wir bei der Ankunft in Bombay einen hübschen Vorsprung haben!

– Und Sie kennen Ihren Herrn von lange her?

– Ich! erwiderte Passepartout, erst am Tage unserer Abreise bin ich bei ihm in Dienst getreten!«

Man kann sich leicht denken, was diese Antworten auf den schon überspannten Kopf des Polizei-Agenten für eine Wirkung haben mußten.

Diese eilige Abreise von London, kurz nachdem der Diebstahl vorgefallen war, die große Summe, welche er bei sich hatte, diese hastige Eile, um in ferne Länder zu kommen, dieser Vorwand einer unsinnigen Wette, – Alles bestärkte Fix, und mußte ihn auch wohl in seinem Argwohn bestärken. Er ließ den Franzosen noch weiter plaudern, und bekam die Gewißheit, daß dieser Bursche seinen Herrn gar nicht kannte, daß dieser zu London vereinsamt lebte, daß man ihn reich nannte, ohne zu wissen, woher sein Vermögen komme, daß es ein verschlossener Mann sei, etc. Aber zugleich konnte Fix sich überzeugt halten, daß Phileas Fogg zu Suez nicht das Boot verlasse, und daß er wirklich nach Bombay gehe.

»Ist’s weit nach Bombay? fragte Passepartout.

– Sehr weit, erwiderte der Agent. Sie müssen dafür noch weitere zehn Tage auf der See fahren.

– Und wo liegt dies Bombay?

– In Indien.

– In Asien?

– Natürlich.

– Teufel! Das wollt‘ ich schon sagen … es beunruhigt mich etwas … Mein Hahn!

– Was für ein Hahn?

– Mein Gashahn, welchen ich zuzudrehen vergaß, und der jetzt auf meine Kosten brennt. Nun hab‘ ich ausgerechnet, daß ich für ihn zwei Schilling in vierundzwanzig Stunden zu zahlen habe, gerade sechs Pence mehr, als ich verdiene, und Sie begreifen, daß, wenn sich die Reise hinzieht …« Fix verstand wahrscheinlich die Sache nicht. Er hörte nicht mehr zu, und machte seinen Plan. Der Franzose war mit ihm auf dem Bazar angekommen. Fix ließ denselben da seine Einkäufe machen, empfahl ihm, die Abfahrt des Mongolia nicht zu verfehlen, und kam in aller Eile wieder auf das Bureau des Consularagenten.

Fix hatte, nachdem er seiner Sache sicher war, alle Kaltblütigkeit wieder gewonnen.

»Mein Herr, sagte er zu dem Consul, ich habe keinen Zweifel mehr. Der Mann ist’s. Er will für einen Sonderling gelten, der in achtzig Tagen um die Erde herum reist.

– Dann ist’s ein Schurke, versetzte der Consul, und er denkt nach London zurückzukommen, nachdem er alle Polizeileute der beiden Continente an der Nase herum geführt.

– Das wird sich zeigen, erwiderte Fix.

– Aber irren Sie sich nicht? fragte der Consul nochmals.

– Nein, ich irre mich nicht.

– Warum hat dann dieser Dieb darauf bestanden, seine Anwesenheit zu Suez durch ein Visa zu constatiren?

– Warum? … Ich weiß nicht, Herr Consul, erwiderte der Detectiv, aber hören Sie mich.«

Und er erzählte in Hauptzügen, was er aus der Unterredung mit dem Diener Fogg’s wußte.

»Wirklich, sagte der Consul, alle Wahrscheinlichkeit ist wider den Menschen. Und was wollen Sie thun?

– Eine Depesche nach London richten, mit dringendem Begehren, mir einen Verhaftsbefehl nach Bombay zu senden; mich auf dem Mongolia einschiffen, meinem Diebe bis nach Indien nachschleichen, und dort, auf englischem Gebiete, mich ihm höflich nähern, meinen Haftbefehl in der einen Hand, und die andere auf seiner Schulter.«

Nachdem der Polizei-Agent dieses kaltblütig geäußert, verabschiedete er sich beim Consul und begab sich auf’s Telegraphenbureau. Von hier aus ließ er an den Polizeidirector der Hauptstadt die Depesche abgehen, welche wir bereits kennen.

Eine Viertelstunde darauf befand sich Fix, sein leichtes Gepäck in der Hand, übrigens wohl mit Geld versehen, an Bord des Mongolia, und bald fuhr der rasche Dampfer mit vollem Dampf auf den Wellen des Rothen Meeres.

Neuntes Capitel.

Neuntes Capitel.

Das Rothe und das Indische Meer zeigen sich Phileas Fogg’s Absichten günstig.

Die Entfernung Adens von Suez beträgt genau dreizehnhundertzehn Meilen, und die Compagnie räumt ihren Packetbooten eine Zeit von achtunddreißig Stunden zur Fahrt ein. Der Mongolia fuhr mit verstärkter Feuerung so gut, daß er einen Vorsprung gewann.

Die meisten der zu Brindisi an Bord gegangenen Passagiere hatten Indien zum Reiseziel. Die Einen begaben sich nach Bombay, die Anderen nach Calcutta, aber via Bombay, weil man, seit eine Eisenbahn die Indische Halbinsel in ihrer ganzen Breite quer durchzieht, nicht mehr um die Spitze von Ceylon herum zu fahren braucht.

Unter den Passagieren des Mongolia zählte man verschiedene Civilbeamte und Officiere jedes Grades. Von diesen gehörten einige der eigentlichen britannischen Armee, die anderen commandirten Truppen von Eingeborenen, Sepoys genannt, alle mit hohem Gehalt [Fußnote], selbst seitdem die Rechte und Lasten der früheren Indischen Compagnie an die Regierung übergegangen sind.

Man lebte daher flott an Bord des Mongolia, in dieser Gesellschaft von Beamten, worunter sich einige junge Engländer befanden, welche mit Millionen in der Tasche im Begriff waren, Handelscomptoire in der Ferne zu errichten.

Der Proviantmeister, ein Vertrauensmann aus der Compagnie, von gleichem Rang mit dem Kapitän des Bootes, sparte keinen Aufwand. Beim Frühstück Morgens, beim Zwischenimbiss um zwei Uhr, beim Diner um fünf und ein halb, und beim Abendessen um acht Uhr beugten sich die Tische unter den Platten frischen Fleisches und den Nebengerichten, welche die Metzgerei und die Küchen des Packetbootes lieferten. Die Frauen der Gesellschaft – es befanden sich einige dabei – wechselten zweimal täglich die Toilette. Man trieb Musik, tanzte sogar, wann das Meer ruhig genug war.

Aber das Rothe Meer ist sehr launenhaft und häufig schlimm, wie alle schmalen und langen Golfe. Wehte der Wind von der asiatischen oder afrikanischen Küste her, so gerieth der Mongolia, ein langer Schraubenspindel, von einer Seite gefaßt, in fürchterliches Schwanken. Dann verschwanden die Damen; die Piano’s verstummten; Gesang und Tanz hörte auf einmal auf. Und dennoch, trotz der Windstöße, trotz der hohlen See, fuhr das Packetboot von seiner starken Maschine getrieben, ungehemmt der Straße Bab-el-Mandeb zu.

Was trieb inzwischen Phileas Fogg? Man hätte meinen können, er habe stets unruhig und ängstlich an nichts anderes gedacht, als an die dem Laufe des Schiffes hinderlichen Windwechsel, an die unordentlichen Bewegungen der hohlen See, welche eine Störung der Maschine veranlassen könnten, endlich an alle die möglichen Beschädigungen, welche dadurch, daß sie den Mongolia zum Anlegen an einem Hafen nöthigten, seiner Reise Eintrag gethan haben würden.

Dies war aber durchaus nicht der Fall, oder wenigstens, wenn dieser Gentleman auch an alle diese möglichen Fälle dachte, ließ er nichts davon merken. Er war stets der leidenschaftslose Mann, das gleichmüthige Mitglied des Reformclubs, welches durch keinen Unfall oder Zufall in Verlegenheit gebracht werden konnte. Er schien von keiner anderen Bewegung getrieben, als die Chronometer an Bord. Man sah ihn selten auf dem Verdeck. Es kümmerte ihn wenig, dies an Erinnerungen so reiche Rothe Meer, diesen Schauplatz der ersten historischen Scenen des Menschengeschlechts, zu betrachten. Es lag ihm nichts daran, die merkwürdigen Städte zu erkennen, womit beide Gestade zahlreich besetzt sind, und deren malerische Silhouetten manchmal am Horizont gezeichnet waren. Er machte sich keine Idee von den Gefahren des Arabischen Golfs, deren die alten Historiker von Strabo bis Edrisi stets mit Schrecken gedachten, und auf welchen die Seefahrer sich nie hinauswagten, ohne sich die Götter durch Sühnopfer geneigt zu machen.

Was trieb also dieses in dem Mongolia eingekerkerte Original? Erstlich hielt er täglich seine vier Mahlzeiten, ohne daß eine so merkwürdig organisirte Maschine jemals durch Schwanken oder Stampfen konnte in Unordnung gebracht werden. Nachher spielte er Whist.

Er hatte Spielgenossen getroffen, die ebenso leidenschaftlich dabei waren, wie er: es waren ein Zolleinnehmer, der sich auf seinen Posten nach Goa begab; ein Geistlicher, der ehrwürdige Decimus Smith, der nach Bombay zurückkehrte; und ein Brigade-General der englischen Armee, der sich zu seinem Corps nach Benares begab. Diese drei Passagiere hatten für das Whistspiel eine gleich leidenschaftliche Vorliebe, wie Herr Fogg, und spielten ganze Stunden lang ebenso stille, wie er.

Passepartout spürte nicht das Mindeste von Seekrankheit. Er hatte eine Cabine im Vordertheile inne, und aß ebenfalls mit Gewissenhaftigkeit. Unter diesen Bedingungen hatte die Reise für ihn allerdings nichts Unangenehmes mehr. Er machte sich dieselbe zunutze. Er hatte gute Nahrung und Wohnung, sah Länder, und gab sich zudem selbst die Versicherung, der ganze Phantasieplan werde zu Bombay ein Ende haben.

Am folgenden Morgen nach der Abfahrt aus Suez, den 29. October, traf er zu einigem Vergnügen auf dem Verdeck den gefälligen Mann, an welchen er sich bei seiner Landung in Aegypten gewendet hatte.

»Irre ich nicht, sagte er, indem er ihn mit dem liebenswürdigsten Lächeln anredete, so haben Sie, mein Herr, mich zu Suez so gefällig geführt?

– Wirklich, erwiderte der Detectiv, ich erkenne Sie wieder! Sie sind der Diener des originellen Engländers ….

– Eben der, Herr …?

– Fix.

– Herr Fix, erwiderte Passepartout. Es freut mich unendlich, Sie an Bord wieder zu finden. Und wohin geht die Reise?

– Ebendahin, wo die Ihrige, nach Bombay.

– Das ist ja herrlich! Haben Sie die Reise schon einmal gemacht?

– Bereits mehrmals, erwiderte Fix. Ich bin im Dienst der Peninsularcompagnie.

– Dann sind Sie wohl in Indien bekannt?

– Ei … ja … versetzte Fix, der nicht zu sehr heraus rücken wollte.

– Und das Indien ist ein merkwürdiges Land?

– Sehr merkwürdig! Da giebt’s Moscheen, Minarets, Tempel, Fakirs, Pagoden, Tiger, Schlangen, Bajaderen! Doch es steht zu erwarten, daß Sie Zeit genug haben werden, das Land zu besichtigen?

– Ich hoffe, Herr Fix. Sie begreifen wohl, daß ein Mensch von gesundem Verstand nicht fähig ist, sein Leben lang von einem Packetboot auf eine Eisenbahn, und von einer Eisenbahn in ein Packetboot zu springen, unter’m Vorwande, in achtzig Tagen eine Reise um die Erde zu machen! Nein. Alle diese Sprünge werden sicherlich zu Bombay aufhören.

– Und Herr Fogg befindet sich wohl? fragte Fix in ganz natürlichem Tone.

– Sehr wohl, Herr Fix. Ich auch, übrigens; ich esse wie ein Wolf, der noch nüchtern ist. Die Seeluft bringt das mit sich.

– Aber ich sehe Ihren Herrn nie auf dem Verdeck.

– Da ist er niemals; er ist nicht neugierig.

– Wissen Sie, Herr Passepartout, diese vorgebliche Reise in achtzig Tagen könnte wohl eine geheime Sendung verdecken … eine diplomatische z.B..

– Meiner Treu, Herr Fix, ich weiß nichts davon, gestehe ich Ihnen, und im Grunde gäb‘ ich nicht eine halbe Krone darum, es zu wissen.«

Seit diesem Begegnen plauderten Passepartout und Fix oft mit einander. Dem Polizei-Agenten war daran gelegen, mit dem Diener des Herrn Fogg vertraut zu werden. Das konnte bei Gelegenheit ihm förderlich sein. Er bot ihm daher oft, im Schenkzimmer des Mongolia, einige Gläser Whisky oder Dünnbier; der wackere Bursche nahm dies ohneweiters an, und bot ihm ein Gleiches, um nicht seinerseits zurück zu stehen, – hielt übrigens diesen Fix für einen recht honnetten Gentleman.

Inzwischen fuhr das Packetboot rasch weiter. Am 13. bekam man Mokka in Sicht, das man von zerfallenen Mauern umgeben sah, und darüber ragten einige grünende Dattelbäume hervor. Fern im Gebirge erblickte man ausgedehnte Kaffeepflanzungen. Passepartout war entzückt, diese berühmte Stadt zu sehen, und er fand sogar, daß sie mit ihren Ringmauern und einem Fort mit niedergerissenen Mauern, welches wie eine Handhabe aussah, einer enormen Halbtasse glich.

Während der folgenden Nacht fuhr der Mongolia durch die Straße Bab-el-Mandeb, und Tags darauf, den 14., nahm er zu Steamer-Point, nordwestlich von der Rhede Aden, Erfrischungen ein. Hier mußte er sich mit Kohlen versehen.

Daß die Packetboote in so weiter Entfernung von den Centren der Production ihren Kohlenvorrath erneuern können, ist eine sehr wichtige Sache. Nur allein für die Peninsularcompagnie beträgt dies einen Kostenaufwand von achtmalhunderttausend Pfund. Man hat dafür in mehreren Häfen Niederlagen errichten müssen, und in diesen fernen Meeren kommt die Kohle auf achtzig Francs die Tonne zu stehen.

Der Mongolia hatte noch sechzehnhundertfünfzig Meilen zu machen bis nach Bombay, und er bedurfte zu Steamer-Point vier Stunden Zeit, um seine Vorrathsräume zu füllen.

Aber dieser Aufenthalt konnte dem Programm des Herrn Fogg durchaus keinen Eintrag thun. Derselbe war schon vorgesehen; und zudem lief der Mongolia, dessen Ankunft zu Aden erst am Vormittag des 15. October vorgeschrieben war, schon am Abend des 14. daselbst ein, also mit einem Vorsprung von fünfzehn Stunden.

Herr Fogg begab sich mit seinem Diener an’s Land, um seinen Paß visiren zu lassen. Fix schloß sich unbemerkt an. Als diese Formalität erfüllt war, kehrte Phileas Fogg an Bord zurück, um seine unterbrochene Partie zu Ende zu spielen.

Passepartout schlenderte seiner Gewohnheit nach mitten in dieser Bevölkerung von Somalis, Banianen, Parsi, Juden, Arabern, Europäern, woraus die fünfundzwanzigtausend Bewohner Adens bestehen. Er bewunderte die Befestigungswerke, welche aus dieser Stadt ein Gibraltar für die Indischen Meere machen, und stattliche Cisternen, womit die englischen Ingenieure, zweitausend Jahre nach denen des Königs Salomo, noch beschäftigt waren.

»Sehr merkwürdig, sehr merkwürdig! sagte sich Passepartout, als er an Bord zurück kam. Ich merke wohl, daß das Reisen nicht ohne Nutzen ist, wenn man Neues sehen will.«

Um sechs Uhr Abends rührte sich die Schraube des Mongolia zum Wellenschlag, die Rhede von Aden zu verlassen, und bald fuhr er auf dem Indischen Meere. Für die Fahrt nach Bombay waren ihm hundertachtundsechzig Stunden eingeräumt. Uebrigens zeigte sich dieses Meer günstig: bei fortwährendem Nordwestwind konnten die Segel die Dampfkraft unterstützen.

Das Boot, nun besser gestützt, schwankte weniger, und die Frauen erschienen in frischer Toilette wieder auf dem Verdeck. Gesang und Tanz begann wieder.

So ging die Reise unter den günstigsten Bedingungen von Statten. Passepartout war über den liebenswürdigen Gesellschafter entzückt, welchen der Zufall ihm in der Person des Herrn Fix zugeführt hatte.

Sonntag den 20. October, gegen Mittag, bekam man die Küste Indiens in Sicht. Zwei Stunden darauf kam der Pilot an Bord des Mongolia. Am Horizont zeichnete sich ein Hintergrund von Hügeln in harmonischen Umrissen von dem Himmelblau ab. Bald traten die Reihen Palmbäume, welche die Stadt verdecken, in den lebensvollen Vordergrund. Das Packetboot lief in die Rhede ein, welche von den Inseln Salsette, Colaba, Elephanta und Butcher gebildet wird, und nach vier und einer halben Stunde lag es vor den Quais von Bombay.

Phileas Fogg hatte eben den dreiunddreißigsten Robber des Tages fertig, und beendigte mit seinen Spielgenossen, nachdem sie Dank einem kühnen Manoeuvre dreizehn Stiche gemacht, diese schöne Ueberfahrt mit einem bewundernswerthen Schlemm.

Der Mongolia langte, anstatt am 22. October, bereits am 20. zu Bombay an. Damit waren also seit der Abfahrt von London zwei Tage gewonnen, welche Phileas Fogg methodisch in seinem Reisenotizbüchlein auf die Spalte des Guthabens eintrug.

Dreißigstes Capitel.

Dreißigstes Capitel.

Phileas Fogg thut nur seine Schuldigkeit.

Drei Reisende, Passepartout darunter, waren verschwunden. Waren sie im Kampf gefallen? waren sie Gefangene? Man konnte es noch nicht wissen.

Viele waren verwundet, aber keiner tödtlich. Zu den Schwerverwundeten gehörte der Oberst Proctor, der sich tapfer geschlagen hatte und durch eine Kugel zu Boden gestreckt worden war. Sie wurden auf dem Bahnhof sogleich in Pflege genommen.

Mrs. Aouda war wohlbehalten. Phileas Fogg, obwohl er sich nicht geschont, hatte keinen Ritz. Fix war unbedeutend am Arm verwundet. Aber Passepartout fehlte, und die junge Frau vergoß Thränen um ihn.

Inzwischen hatten alle Reisenden den Zug verlassen. Die Räder der Waggons waren mit Blut befleckt, und Fleischklumpen hingen an den Naben und Speichen. Weithin auf der weißen Fläche sah man rothe Streifen. Die hintersten der Indianer verschwanden im Süden am Republican-River.

Herr Fogg stand mit gekreuzten Armen unbeweglich: es war eine wichtige Entschließung zu fassen. Mrs. Aouda, die neben ihm stand, blickte ihn an, ohne ein Wort zu sprechen … Er verstand diesen Blick. War sein Diener gefangen, mußte man nicht Alles daran setzen, ihn den Indianern zu entreißen? …

»Ich werde ihn wiederbekommen, todt oder lebenbig, sagte er einfach zu Mrs. Aouda.

– Ah! mein Herr! rief die junge Frau aus, faßte die Hände ihres Begleiters und bedeckte sie mit Thränen.

– Lebendig! fuhr Herr Fogg fort, wenn wir keine Minute verlieren!«

Mit diesem Entschluß setzte Phileas Fogg Alles daran. Er konnte seinen Ruin herbeiführen. Verspätete er sich um einen einzigen Tag, so verfehlte er das Packetboot zu New-York, und seine Wette war unrettbar verloren. Aber der Gedanke: »Es ist meine Pflicht!« ließ ihn nicht schwanken.

Der commandirende Hauptmann des Forts Kearney war zugegen. Seine Soldaten, etwa hundert Mann, waren im Vertheidigungszustand für den Fall, daß die Sioux den Bahnhof direct angegriffen hätten.

»Mein Herr, sagte Herr Fogg zu dem Capitän, drei Reisende sind verschwunden.

– Todt? fragte der Capitän.

– Todt oder gefangen, erwiderte Phileas Fogg. Die Ungewißheit darüber muß beseitigt werden. Wollen Sie die Sioux verfolgen?

– Das ist bedenklich, mein Herr, sagte der Capitän. Diese Indianer können bis über den Arkansas hinaus fliehen! Ich darf die anvertraute Feste nicht verlassen.

– Mein Herr, versetzte Phileas Fogg, es handelt sich um drei Menschenleben.

– Allerdings … Aber kann ich fünfzig Leben einsetzen, um drei zu retten?

– Ich weiß nicht, ob Sie’s können, mein Herr, aber Ihre Pflicht ist’s.

– Mein Herr, erwiderte der Capitän, Niemand hier hat mich meine Pflicht zu lehren.

– Nun gut, sagte Phileas Fogg kalt. So werd‘ ich allein gehen.

– Sie, mein Herr! schrie Fix, der herbeigekommen war, – Sie wollen allein die Indianer verfolgen!

– Meinen Sie denn, daß ich diesen Unglücklichen, welchem wir alle das Leben verdanken, zu Grunde gehen lasse. – Ich gehe.

– Nun denn, allein sollen Sie nicht gehen! rief der Kapitän, der sich der Rührung nicht erwehren konnte. Nein! Sie sind ein wackeres Herz! … Dreißig Mann, die guten Willen haben!« fuhr er fort zu seinen Soldaten.

Die ganze Compagnie trat in Masse vor. Der Kapitän hatte nur auszuwählen. Es wurden dreißig dazu bestimmt, und ein alter Sergeant trat an ihre Spitze.

»Danke, Kapitän! sprach Herr Fogg.

– Gestatten Sie mir, Sie zu begleiten? fragte Fix den Gentleman.

– Thun Sie nach Belieben, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg. Aber wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, so bleiben Sie bei Mrs. Aouda. Sollte mir ein Unglück widerfahren …«

Das Gesicht des Polizei-Agenten erblaßte. Sich von dem Manne trennen, welchen er mit soviel Ausdauer auf Schritt und Tritt verfolgt hatte! Ihn so sich in Gefahr begeben lassen! Fix sah dem Gentleman achtsam in’s Angesicht, und trotz seiner vorgefaßten Meinung, trotz seines innern Kampfes schlug er die Augen nieder vor diesem ruhigen und offenen Blick.

»Ich bleibe zurück«, sprach er.

Nach einigen Augenblicken drückte Herr Fogg der jungen Frau die Hand, übergab ihr sodann seinen kostbaren Reisesack und machte sich mit dem Sergeanten und seiner kleinen Truppe auf den Weg.

Doch ehe sie gingen, sprach er zu den Soldaten:

»Meine Freunde, Sie bekommen tausend Pfund, wenn wir die Gefangenen retten!«

Es war damals einige Minuten über zwölf Uhr.

Mrs. Aouda hatte sich in ein Gemach des Bahnhofes zurückgezogen und wartete da einsam, in Gedanken an Phileas Fogg, seinen einfachen, großen Edelmuth, seinen ruhigen Muth. Herr Fogg hatte sein Vermögen daran gesetzt und jetzt wagte er sein Leben, und das Alles ohne Schwanken, aus Pflichtgefühl, ohne viel Worte. Phileas Fogg war ein Heros in ihren Augen.

Der Agent Fix hatte andere Gedanken, und konnte seiner lebhaften Bewegung nicht Meister werden. In fieberhafter Bewegung ging er auf dem Quai des Bahnhofes auf und ab. Bald war er wieder er selbst. Nun begriff er, wie thöricht es gewesen, ihn fort zu lassen. Wie? nachdem er diesem Manne um die Erde herum nachgefolgt, jetzt sich von ihm trennen! Er machte sich Vorwürfe, als wie der Polizeidirector der Hauptstadt einem Agenten.

»Wie war ich dumm! dachte er. Der andere wird ihm gesagt haben, wer ich bin! Jetzt ist er fort und wird nicht mehr wiederkommen! Aber wie hab‘ ich mich nur so können bethören lassen, mit dem Verhaftsbefehl in der Tasche! Ich bin doch wahrhaftig ein Rindvieh!«

Indessen flossen ihm die Stunden langsam; er wußte nicht, was er thun sollte. Manchmal hatte er Lust, der Mrs. Aouda Alles zu sagen; doch fiel ihm ein, die junge Frau würde dies übel aufnehmen. Er fing an muthlos zu werden und empfand große Lust, die ganze Partie aufzugeben. Die Gelegenheit dazu bot sich ihm bald dar.

Gegen zwei Uhr Nachmittags, während der Schnee in großen Flocken fiel, hörte man von Osten her langes Pfeifen. Ein enormer Schatten hinter einem gelben Schein kam langsam heran, und gewann im Nebel bedeutend vergrößert ein phantastisches Aussehen.

Doch erwartete man von Osten her noch keinen Zug. Der durch den Telegraphen begehrte Beistand konnte so bald noch nicht anlangen, und der Zug von Omaha nach San Francisco sollte erst am folgenden Tag vorüberkommen. Bald stellte sich heraus, wie es sich verhielt.

Die langsam heran kommende Locomotive war dieselbe, welche vom Zug abgetrennt mit erstaunlicher Schnelligkeit sammt dem Maschinisten und Heizer weiter gefahren war. Sie war noch einige Meilen auf den Schienen gelaufen; dann ließ das Feuer aus Mangel an Heizung nach; der Dampf verlor seine Kraft, und eine Stunde nachher blieb die Maschine, zwanzig Meilen über der Station Kearney, stehen.

Der Maschinist und der Heizer waren nicht todt geblieben und kamen nach langer Ohnmacht wieder zu sich. Damals stand die Maschine bereits still, und der Maschinist, als er die Locomotive allein, ohne Wagen hinter sich sah, dachte sich, was vorgefallen war, und er war überzeugt, daß der zurückgebliebene Zug in Bedrängniß sei. Er besann sich keinen Augenblick darüber, was seine Pflicht sei. Nach Omaha weiter zu fahren, war klug; umzukehren zu dem, vielleicht noch von den Indianern geplünderten Zug, war gefährlich … Gleichviel! Einige Schaufeln Kohlen und Holz belebten wieder das Feuer, der Dampf wirkte von Neuem und gegen zwei Uhr Nachmittags war die Maschine wieder auf dem Rückweg zur Station Kearney.

Die Reisenden waren höchlich erfreut, als sie die Maschine wieder an der Spitze des Zuges sahen, um die so jämmerlich unterbrochene Reise fortzusetzen.

Als die Maschine anlangte, wendete sich Mrs. Aouda an den Conducteur:

»Sie wollen abfahren? fragte sie.

– Im Augenblick, Madame.

– Aber die Gefangenen … unsere unglücklichen Begleiter…

– Ich kann den Dienst nicht unterbrechen, versetzte der Conducteur. Wir sind schon um drei Stunden verspätet.

– Und wann wird der nächste Zug von San Francisco vorbeikommen?

– Morgen Abend, Madame.

– Morgen Abend! Aber das ist zu spät. Sie müssen warten …

– Unmöglich, erwiderte der Conducteur. Wollen Sie mitfahren, so steigen Sie ein.

– Ich fahre nicht mit«, war die Antwort.

Fix hatte der Unterredung zugehört. Einige Augenblicke zuvor, als jedes Mittel der Weiterbeförderung ihm abging, wäre er im Stande gewesen, Kearney zu verlassen, und jetzt, da der Zug zum Abfahren bereit war, und er nur einzusteigen brauchte, fühlte er sich mit unwiderstehlicher Gewalt festgehalten. Bei erneuertem Schwanken behielt der Zorn über seinen Mißerfolg die Oberhand.

Inzwischen hatten die Passagiere und einige Verwundete – unter andern der Oberst Proctor – ihre Plätze im Waggon eingenommen. Die siedenden Kessel summten, der Dampf entwich aus den Klappen, der Maschinist pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und enteilte rasch, seine Dampfwirbel verschwanden im Schneegestöber.

Der Agent Fix war nicht mitgefahren.

Es verlief Stunde auf Stunde bei sehr schlimmem Wetter, strenger Kälte. Fix saß auf einer Bank im Bahnhof unbeweglich, man konnte meinen, er schlafe. Mrs. Aouda verließ trotz des Unwetters jeden Augenblick das ihr eingeräumte Zimmer. Sie lief bis an’s Ende des Quai, trachtete durch das Schneewetter hindurch zu sehen, den dichten Nebel zu durchdringen, horchte auf jedes Geräusch. Vergebens. Dann kehrte sie ganz starr zurück, um bald nachher wieder zu kommen, doch immer vergebens.

Es ward Abend, und die Truppe war noch nicht zurück. Wo mochte sie eben sein? War es möglich, die Indianer einzuholen? Kämpften die Soldaten, oder schweiften sie im Nebel umher? Der Capitän war in großer Unruhe, obwohl er’s nicht merken lassen wollte.

Es ward Nacht, der Schnee fiel nicht mehr so arg, aber die Kälte nahm zu. Unermeßliches Dunkel, tiefe Stille lag über der Ebene, kein Vogelflug, keine Spur eines Wildes.

Mrs. Aouda, den Geist voll schlimmer Ahnungen, das Herz voll Angst, lief die ganze Nacht hindurch unstet am Rande des Wiesengrundes hin und her. Ihre Phantasie malte ihr tausend Gefahren vor: sie litt unaussprechlich in diesen langen, langen Stunden.

Fix, stets unbeweglich an derselben Stelle, war ebenfalls schlaflos.

So verlief die Nacht. Bei Tagesanbruch stieg die halb erloschene Sonnenscheibe am nebeligen Horizont auf. Doch konnte der Blick bis auf zwei Meilen weit dringen. Im Süden, wohin Phileas Fogg mit seiner Truppe gezogen, war Alles öde und leer. Es war sieben Uhr Vormittags.

Der Capitän, in äußerster Besorgniß, wußte nicht, was er anfangen sollte. Der ersten Truppe eine zweite zum Beistand nachschicken? Durfte er bei so wenig Aussicht auf Rettung noch mehr Truppen opfern? Er winkte einem Lieutenant und befahl eine Recognoscirung vorzunehmen, – da ließen sich Schüsse vernehmen, die Soldaten stürzten aus dem Fort heraus, und in der Entfernung einer halben Meile sah man die kleine Truppe in bester Ordnung auf der Rückkehr, Herrn Fogg an der Spitze und neben ihm Passepartout mit den beiden anderen Reisenden, den Händen der Sioux entronnen.

Zehn Meilen südwärts von Kearney hatte ein Kampf stattgefunden. Kurz vor der Ankunft der Truppen waren Passepartout und seine Gefährten bereits handgemein mit ihren Hütern, und der Franzose hatte schon drei derselben mit der Faust niedergeschlagen, als sein Herr mit den Soldaten zu ihrem Beistand erschien.

Die Retter und Geretteten wurden mit Freudengeschrei empfangen, und Phileas Fogg händigte den Soldaten die zugesagte Prämie ein, während Passepartout nicht ganz ohne Grund sich sagte:

»Wahrhaftig, ich mache meinem Herrn große Kosten.«

Fix sprach kein Wort, sah Herrn Fogg in’s Angesicht; was für Gefühle sich in seinem Innern stritten, wäre nicht leicht zu bestimmen. Mrs. Aouda ergriff die Hand des Gentleman, drückte sie warm in den ihrigen, ohne ein Wort vorbringen zu können.

Passepartout hatte sich sogleich, wie er ankam, nach dem Wagenzug umgesehen; er meinte ihn zur Abfahrt nach Omaha bereit zu finden, und hoffte, man könne die verlorene Zeit wieder einbringen.

»Der Zug, der Zug! rief er.

– Der ist fort, erwiderte Fix.

– Und wann kommt der nächste? fragte Phileas Fogg.

– Erst diesen Abend.

– Ah!« war die gelassene Antwort.

Einunddreißigstes Capitel.

Einunddreißigstes Capitel.

Der Polizei-Agent Fix nimmt sich sehr ernstlich der Interessen Fogg’s an.

Phileas Fogg war um zwanzig Stunden verspätet. Passepartout, der unverschuldete Veranlasser, war in Verzweiflung. Ganz gewiß war sein Herr ruinirt!

Da trat der Polizei-Agent zu Herrn Fogg, sah ihm scharf in’s Angesicht und fragte ihn:

»In allem Ernst, mein Herr, Sie haben Eile?

– In allem Ernst, erwiderte Phileas Fogg.

– Ich frage weiter, fuhr Fix fort. Es ist Ihnen wohl darum zu thun, am 11. vor neun Uhr Abends zu New-York zu sein, um das Packetboot nach Liverpool zu benützen?

– Es ist mir dringend darum zu thun.

– Und wäre Ihre Reise nicht durch diesen Indianerkampf gehemmt worden, so wären Sie schon am Morgen des 11. zu New-York angekommen.

– Ja, mit zwölf Stunden Vorsprung.

– Gut. Nun zwanzig Stunden später, macht einen Mangel von acht. Wollen Sie diese einzubringen suchen?

– Zu Fuß? fragte Herr Fogg.

– Nein, im Schlitten, erwiderte Fix, im Segelschlitten. Es hat mir Jemand dieses Transportmittel vorgeschlagen.«

Phileas Fogg gab keine Antwort; als aber Fix ihm den Mann zeigte, welcher ihm den Vorschlag gemacht hatte, und der auf dem Bahnhof auf und ab ging, so trat der Gentleman zu diesem. Alsbald begab er sich mit diesem Amerikaner, Namens Mudge, in eine Hütte neben dem Fort Kearney.

Hier besichtigte er ein etwas sonderbares Gefährt. Auf zwei langen Balken, die vorne gleich der Unterlage eines Schlittens ein wenig aufwärts gebogen waren, befand sich eine Art Gestell, worauf für fünf bis sechs Personen Platz war. An diesem Gestell war, ein Drittheil von vorn, ein hoher Mast mit einem ungeheuern Brigantinsegel aufgerichtet. An diesem, durch Metallbänder wohl befestigten Mast ragte eine eiserne Stange, woran man ein großes Focksegel aufhissen konnte. Am Hintertheile war eine Art Steuerruder, womit das Fahrzeug geleitet werden konnte.

Es war, wie man sieht, ein gleich einer Yacht aufgetakelter Schlitten. Zur Winterszeit, wenn Schneehäufungen die Eisenbahnzüge hemmen, machen auf der gefrorenen Ebene diese Transportgelegenheiten außerordentlich rasche Fahrten von einer Station zur andern. Sie sind übrigens merkwürdig gut besegelt – besser sogar, als es bei einem dem Umschlagen ausgesetzten Renn-Kutter möglich ist – und gleiten, wenn sie den Wind im Rücken haben, über die Prairien mit einer Schnelligkeit, welche die der Eilzüge erreicht, wo nicht übertrifft.

Der Handel mit dem Besitzer dieses Landfahrzeuges war bald richtig, der Wind – ein starker West – war günstig, die Schneedecke gefroren, und so machte sich Mudge anheischig, in einigen Stunden auf die Station Omaha zu fahren. Dort giebt’s häufige Bahnzüge und mehrfache Wege nach Chicago und New-York. Es war nicht unmöglich, die Verspätung nachzuholen. Also galt’s, ohne Besinnen das Abenteuer zu versuchen.

Herr Fogg wünschte der jungen Frau die Pein einer Fahrt in freier Luft, bei dieser Kälte, welche durch die Schnelligkeit noch unerträglicher wurde, zu ersparen und schlug ihr vor, unter der Obhut Passepartout’s auf der Station Kearney zurück zu bleiben. Der brave Bursche sollte es übernehmen, sie auf besseren Wegen und unter annehmlicheren Verhältnissen nach Europa zu bringen.

Mrs. Aouda wollte sich nicht von Herrn Fogg trennen, und Passepartout war über diese Entschließung sehr froh. Er hätte um keinen Preis seinen Herrn verlassen mögen, weil Fix ihn begleiten sollte.

Was damals der Polizei-Agent im Sinne hatte, könnte man nicht leicht sagen. War durch die Rückkehr Phileas Fogg’s seine Ueberzeugung von ihm erschüttert, oder hielt er ihn für einen so äußerst starken Schurken, daß er nach Vollendung seiner Reise um die Erde sich in England für durchaus sicher halten mochte? Vielleicht hatte Fix wirklich seine Meinung über Phileas Fogg geändert, aber er war deshalb nicht minder entschlossen, seine Pflicht zu thun und ungeduldiger als Alle seine Rückkehr nach England zu beschleunigen.

Um acht Uhr war der Schlitten bereit abzufahren. Die Reisenden nahmen darin Platz und drängten sich in ihren Reisedecken enge zusammen. Die beiden ungeheuern Segel wurden aufgehißt und vom Winde getrieben glitt das Gefährt über die gefrorene Schneedecke mit einer Schnelligkeit von vierzig Meilen die Stunde.

Omaha ist vom Fort Kearney in gerader Linie höchstens zweihundert Meilen entfernt, welche, wenn der Wind anhielt, in fünf Stunden zurückgelegt werden konnten. Kam kein hindernder Zwischenfall vor, so mußte der Schlitten um ein Uhr Nachmittags zu Omaha anlangen.

Welche Fahrt! Dicht widereinander gepreßt, konnten die Reisenden nicht miteinander reden. Die durch die Schnelligkeit gesteigerte Kälte hätte ihnen das Wort abgeschnitten. Der Schlitten glitt über die Oberfläche der Ebene so leicht, wie ein Boot über das Wasser, – wenigstens bei hohler See. Strich der Wind über die Erde hin, so schien es als werde der Schlitten durch seine Segel, die weitausgebreiteten Flügeln glichen, vom Boden gehoben. Mudge beim Steuer hielt sich in gerader Linie, und hinderte mit einer Bewegung die Abschweifungen, wozu das Fahrzeug neigte. Die Segel waren voll vom Winde gebläht. Die Schnelligkeit des Schlittens ließ sich nicht mathematisch berechnen, aber gewiß betrug sie nicht weniger als vierzig Meilen in der Stunde.

»Wenn nichts zerbricht, sagte Mudge, so werden wir anlangen!« Und es war Mudge darum zu thun, in der bestimmten Zeit anzulangen, denn Herr Fogg hatte ihn durch eine tüchtige Prämie gespornt.

Der Wiesengrund, welchen der Schlitten in gerader Linie durchschnitt, war eben wie eine Meeresfläche; er glich einem ungeheuern zugefrorenen See. Die Eisenbahn auf diesem Theil des Gebietes zog von Südwest gegen Nordwest über Grand-Island, Columbus, die bedeutendste Stadt in Nebraska, Schuyler, Tremont, dann Omaha. Sie führte längs dem rechten Ufer des Platte-River. Der Schlitten, welcher die Sehne zu dem von der Eisenbahn beschriebenen Bogen fuhr, schnitt also bedeutend ab. Mudge brauchte nicht zu fürchten, vom Platte-River an seiner kleinen Biegung bei Vermont aufgehalten zu werden, weil er zugefroren war. Also war der Weg frei von allen Hindernissen, und Phileas Fogg hatte also nur zwei Unfälle zu fürchten: Beschädigung des Gefährtes, Umschlagen des Windes oder Windstille.

Aber der Wind wehte nicht gelinder; im Gegentheil so kräftig, daß er den Mast bog, der durch seine eisernen Bänder hinlänglich befestigt war.

Mrs. Aouda, sorgfältig in Pelzwerk und ihre Reisedecke eingewickelt, war möglichst gegen die strenge Kälte geschützt. Passepartout, dessen Gesicht so roth war, wie die Sonnenscheibe, wenn sie von Nebel verdeckt ist, schlürfte die scharfe Luft mit Behagen. Auf Grund seiner unverwüstlichen Zuversicht hatte er wieder Hoffnung gefaßt. Anstatt Vormittags zu New-York einzutreffen, sollte man Abends anlangen, aber es war noch einigermaßen zu besorgen, es möge nicht vor Abfahrt des Packetbootes nach Liverpool sein.

Passepartout bekam sogar einmal Lust, seinem Verbündeten Fix die Hand zu drücken. Er vergaß nicht, daß der Polizei-Agent selbst den Segelschlitten verschafft hatte und damit das einzige Mittel, zu Omaha zeitig anzukommen. Aber aus einem unbestimmten Vorgefühl blieb er bei seiner gewöhnlichen Rückhaltung. Jedenfalls aber gab’s eine Thatsache, die Passepartout nie zu vergessen fähig war, das Opfer, welches Herr Fogg, ohne sich zu besinnen, gebracht hatte, ihn aus den Händen der Sioux zu befreien. Daran hatte derselbe Vermögen und Leben gesetzt … Nein, solch ein Opfer ist unvergeßlich!

Während so jeder der Reisenden sich anderen Betrachtungen hingab, flog der Schlitten über die unermeßliche Schneedecke. Wenn es mitunter über Bäche, Flüsse und Nebenflüsse des Little-Blue-River ging, merkte man’s nicht. Die Felder und Gewässer lagen unter einer gleichförmigen Schnee- und Eisdecke. Die Ebene war durchaus menschenleer; sie lag wie eine unbewohnte Insel zwischen der Union- Pacific-Bahn und der Abzweigung, welche Kearney mit St. Joseph verbinden soll: kein Dorf, keine Station, nicht einmal ein Fort. Von Zeit zu Zeit sah man blitzschnell einen Baum vorüberfliegen, dessen weißes Gezweig unter des Windes Gewalt sich bog. Mitunter flogen Trupp wilder Vögel in gleicher Richtung. Bisweilen auch sah man Wölfe der Prairien in zahlreichen Truppen, abgemagert und ausgehungert, dem Trieb ihrer reißenden Natur gemäß, an Schnelligkeit mit dem Schlitten wetteifern. Dann griff Passepartout zum Revolver, um auf die nächsten zu feuern. Hätte da ein Zufall den Schlitten gehemmt, so wären die Reisenden, von dem grimmigen Wild angefallen, in der allergrößten Gefahr gewesen. Aber der Schlitten hielt sich gut, bekam bald einen Vorsprung, und die ganze Truppe blieb heulend dahinten.

Um Mittag erkannte Mudge an einigen Zeichen, daß man über den zugefrorenen Platte-River setzte. Er sagte nichts, war aber doch sicher, daß er nur noch zwanzig Meilen von Omaha entfernt war.

Und es dauerte wirklich keine Stunde mehr, bis der geschickte Führer das Steuer verließ, eiligst die Ziehtaue der Segel ergriff und diese beizog, während der Schlitten unwiderstehlich getrieben noch eine halbe Meile weit ohne die Segelkraft fortglitt. Endlich hielt er an, und Mudge wies auf einen Haufen schneebedeckter Häuser mit den Worten:

»Wir sind an Ort und Stelle.«

Allerdings an Ort und Stelle, an der Station, welche durch zahllose Bahnzüge täglich mit den östlichen Staaten in fortgesetzter Verbindung steht!

Passepartout und Fix sprangen heraus und schüttelten ihre erstarrten Glieder; dann waren sie Herrn Fogg und der jungen Frau beim Aussteigen behilflich. Phileas Fogg rechnete freigebig mit Mudge ab, Passepartout drückte ihm freundlich die Hand, und alle eilten hastig auf den Bahnhof von Omaha.

Bei dieser bedeutenden Stadt Nebraskas hört die eigentliche Pacific-Bahn auf, welche das Mississippi-Becken mit dem Ocean verbindet. Von Omaha nach Chicago führt die »Chicago-Rock-Island-Road«, welche Bahn mit fünfzig Stationen gerade ostwärts läuft.

Ein directer Zug stand zum Abfahren bereit. Phileas Fogg hatte mit seinen Begleitern kaum noch Zeit in einen Waggon zu stürzen.

Mit äußerster Schnelligkeit fuhr dieser Zug in den Staat Iowa über Council Bluffs, Iowa-City. Während der Nacht setzte er zu Davenport über den Mississippi, und gelangte über Rock-Island nach Illinois. Am folgenden Tage, den 10., um vier Uhr Abends, kam er zu Chicago an, das aus seinen Ruinen schon wieder auferstanden, stolzer wie jemals am Ufer seines schönen See’s Michigan liegt.

Chicago ist noch neunhundert Meilen von New-York entfernt, und es fehlte nicht an Zügen, die dahin abgingen. Herr Fogg konnte unmittelbar aus einem in den andern steigen. Die flinke Locomotive der »Pittsburg-Fort-Wayne-Chicago-Bahn« fuhr mit größter Geschwindigkeit, als hätte sie gewußt, daß der ehrenwerthe Gentleman keine Zeit zu verlieren hatte. Wie ein Blitz drang sie durch Indiana, Ohio, Pennsylvanien, New-Jersey, an Städten mit antiken Namen vorüber, die zwar Straßen und Rinnenschienenwege hatten, aber noch keine Häuser. Endlich zeigte sich der Hudson, und am 11. December um elf Uhr und ein Viertel Abends lief der Zug in den Bahnhof ein und hielt am rechten Ufer des Flusses dicht vor dem Hafendamm der Dampfer der Linie Cunard, ehemals genannt »British and North-American royal Mail Steam Packet Co.«


Der »China« war fünfundvierzig Minuten zuvor nach Liverpool abgefahren!

Zweiunddreißigstes Capitel.

Zweiunddreißigstes Capitel.

Phileas Fogg in unmittelbarem Kampf mit dem Mißgeschick.

Der »China« schien durch seine Abfahrt Phileas Fogg’s letzte Hoffnung mitgenommen zu haben.

In der That, keins der direct zwischen Amerika und Europa fahrenden Packetboote konnte den Absichten des Gentleman dienen.

Der Pereira, der französischen transatlantischen Compagnie gehörig, ging erst übermorgen, den 14. December ab. Und zudem fuhr er nicht nach Liverpool oder London, sondern nach Havre, und die Ueberfahrt von da nach Southampton hätte seine letzte Anstrengung vergeblich gemacht.

Ein Boot der Compagnie Imman, City of Paris, stach zwar übermorgen in See, aber an dieses durfte man nicht denken. Diese Schiffe sind insbesondere für Auswanderer bestimmt, haben schwache Maschinen und fahren langsam.

Ueber dies alles setzte sich der Gentleman durch seinen Bradshaw in Kenntniß.

Passepartout war vernichtet. Um fünfundvierzig Minuten zu spät, das war zu arg! Und er trug die Schuld, da er, anstatt seinen Herrn zu fördern, ihm unaufhörlich Hindernisse in den Weg gelegt hatte! Und wenn er in seinem Geiste alle Begebenheiten der Reise überschaute, wenn er die rein verlorenen und lediglich in seinem Interesse verausgabten Summen zusammenrechnete, wenn er daran dachte, daß diese enorme Wette, zugerechnet die beträchtlichen nun unnütz gewordenen Reisekosten, Herrn Fogg vollständig ruiniren würden, – so konnte er sich der ärgsten Vorwürfe nicht erwehren.

Doch machte ihm Herr Fogg nicht den mindesten Vorwurf, und als er den Pier der transatlantischen Packetboote verließ, sprach er nur:

»Morgen wollen wir weiter fahren. Kommen Sie.«

Herr Fogg, Mrs. Aouda, Fix, Passepartout setzten über den Hudson und fuhren in einem Fiaker zum Hotel St. Nicolas in Broadway. Phileas Fogg verbrachte die Nacht in völlig ruhigem Schlaf, aber Mrs. Aouda und seine Begleiter konnten vor Aufregung nicht schlafen.

Der folgende Tag war der 12. December. Von da an, sieben Uhr Vormittags, bis zum 21., acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends, blieben noch neun Tage, dreizehn Stunden und fünfundvierzig Minuten. Wäre also Phileas Fogg am Abend zuvor mit dem China, einem der besten Segler der Linie Cunard, abgefahren, so wäre er zu der bestimmten Zeit in Liverpool, dann in London eingetroffen!

Herr Fogg verließ allein das Hotel, nachdem er seinem Diener anbefohlen, auf ihn zu warten, und der Mrs. Aouda anzusagen, sie möge sich jeden Augenblick bereit halten.

Hierauf begab er sich an das Ufer des Hudson, und suchte unter den am Quai oder im Fluß vor Anker liegenden Schiffen achtsam solche, die zur Abfahrt bereit waren. Es hatten wohl mehrere Fahrzeuge die Abfahrtsflagge aufgesteckt und rüsteten sich, morgen mit der Fluth in See zu stechen; denn in dem unermeßlichen und bewundernswerten Hafen von New-York verfließt kein Tag, wo nicht Hunderte von Fahrzeugen nach allen Weltgegenden abfahren, aber es waren meist Segelbarken, die Phileas Fogg nicht dienlich sein konnten.

Bereits schien sein letzter Versuch zu scheitern, als er höchstens eine Kabellänge vor der Batterie ankernd ein feingeformtes Handelsfahrzeug gewahrte, einen Schraubendampfer, dessen Rauchwolken zeigten, daß es sich zur Abfahrt rüstete.

Phileas Fogg fuhr in einem Nachen hinüber zur Henrietta, deren Rumpf von Eisen, die obern Theile sämmtlich von Holz waren. Der Kapitän befand sich an Bord. Phileas Fogg stieg auf das Verdeck und fragte nach demselben; er erschien sogleich.

Es war ein Fünfziger, eine Art Seewolf, der nicht aussah, als sei er gefällig. Starke Augen kupferfarbige Haut, rothe Haare, dicker Hals – keine Spur von einem Weltmann.

»Der Kapitän? fragte Herr Fogg.

– Der bin ich.

– Ich bin Phileas Fogg, aus London.

– Und ich Andrew Speedy, aus Cardiff.

– Sie sind im Begriff abzufahren? …

– In einer Stunde.

– Sie haben Ladung nach …

– Bordeaux.

– Und sie besteht?

– Aus Steinen im Bauch. Kein Frachtgut, nur Ballast.

– Haben Sie Passagiere?

– Die nehm ich nicht. Niemals. Waare, die den Raum füllt und räsonnirt.

– Ihr Schiff fährt gut?

– Elf bis zwölf Knoten. Die Henrietta kennt man.

– Wollen Sie mich nebst drei Personen nach Liverpool überfahren?

– Nach Liverpool? Warum nicht nach China?

– Mein Reiseziel ist Liverpool.

– Nein!

– Nein?

– Nein. Mein Reiseziel ist Bordeaux, und dahin fahre ich.

– Macht der Preis nichts aus?

– Nichts.«

Der Ton des Kapitäns gestattete keine Erwiderung.

»Aber wer ist Rheder der Henrietta? versetzte Phileas Fogg.

– Rheder bin ich selbst, erwiderte der Kapitän. Das Schiff ist mein eigen.

– Ich mieth‘ es Ihnen ab.

– Nein.

– Ich kauf’s Ihnen ab.

– Nein.«

Phileas Fogg verzog keine Miene. Indessen, die Lage war bedenklich. Zu New-York war’s anders als in Hongkong, und der Kapitän der Henrietta ein anderer Mann, als der Patron der Tankadère. Bisher überwand der Gentleman alle Hindernisse mit Gold. Diesmal wollte es nicht gelingen.

Und doch galt es ein Mittel, zu Schiffe über den Ocean zu kommen – sofern nicht im Ballon, – was sehr abenteuerlich, und eben nicht ausführbar war.

Es schien jedoch, Phileas Fogg hatte eine Idee. Er sagte zum Kapitän:

»Nun, wollen Sie mich nach Bordeaux mitnehmen?

– Nein, und wollten Sie mir zweihundert Dollars zahlen!

– Ich zahle Ihnen zweitausend.

– Für die Person?

– Für die Person.

– Und es sind Ihrer vier?

– Vier.«

Nun rieb sich der Kapitän Speedy die Stirne. Achttausend Dollars verdienen, ohne seine Fahrt zu ändern, das verlohnte wohl, seinen Widerwillen gegen alle Art von Passagieren bei Seite zu setzen. Uebrigens sind Passagiere zu zweitausend Dollars keine Passagiere mehr, die können als kostbares Frachtgut gelten.

»Ich fahr‘ um neun Uhr ab, sagte einfach der Kapitän Speedy, und wenn Sie mit Ihren Leuten dann hier sind? …

– Um neun Uhr werden wir an Bord sein!« erwiderte ebenso einfach Herr Fogg.

Es war halb neun Uhr. An’s Land setzen, in einen Wagen steigen, in’s Hotel St. Nicolas fahren, und Mrs. Aouda, Passepartout, und selbst den unvermeidlichen Fix, welchem er gefällig einen Platz anbot, abholen – das geschah mit derselben Seelenruhe, welche den Gentleman niemals verließ.

Im Moment, als die Henrietta abfahren wollte, befanden sich alle vier an Bord.

Als Passepartout hörte, was diese letzte Fahrt kosten sollte, ließ er ein langes Oh! vernehmen, das alle Intervalle der chromatischen Tonleiter hinab lief.

Der Polizei-Agent Fix sagte sich, die Bank von England werde sicherlich nicht ohne schweren Verlust davonkommen. Wirklich, nahm man an, daß Herr Fogg nicht noch einige Handvoll Banknoten in’s Meer warf, so fehlten bereits über siebentausend Pfund im Banknotensack.

Dreiunddreißigstes Capitel.

Dreiunddreißigstes Capitel.

Phileas Fogg auf der Höhe der Lage.

Eine Stunde nachher fuhr der Dampfer Henrietta am Leuchtboot vorüber, welches die Einfahrt des Hudson bezeichnet, um die Spitze Sandy-Hook herum und stach in’s Meer.

Während dieses Tages hielt er sich längs Long-Island, auf der Höhe des Leuchtfeuers von Fire-Island in rascher Fahrt ostwärts.

Am folgenden Tage, den 13. December zu Mittag, stieg ein Mann auf den Steg, um das Besteck zu machen. Das muß wohl der Kapitän Speedy sein! Mit nichten. Es war Phileas Fogg, Esq.

Der Kapitän Speedy war ohne Weiteres in seiner Cabine eingeschlossen, wo er heulte und schrie aus sehr berechtigtem Zorne. Es war sehr einfach hergegangen.

Phileas Fogg wollte nach Liverpool fahren, der Kapitän wollte nicht. Da hatte sich jener in die Fahrt nach Bordeaux gefügt, aber seit den dreißig Stunden, da er an Bord war, hatten seine Banknoten so gut gewirkt, daß die etwas gemischte Mannschaft, Matrosen und Heizer – die mit dem Kapitän auf schlechtem Fuß stand – ihm angehörte. Darum war Phileas Fogg Commandant des Schiffes, anstatt des Kapitäns Speedy, deshalb dieser eingeschlossen, und die Henrietta steuerte auf Liverpool. Offenbar, wenn man Herrn Fogg manoeuvriren sah, zeigte sich’s, daß derselbe ein Seemann war.

Wie das Abenteuer ablaufen werde, sollte man später sehen. Doch war Mrs. Aouda fortwährend unruhig, ohne es zu äußern. Fix war anfangs verblüfft. Passepartout fand die Sache ganz einfach wunderhübsch.

»Elf bis zwölf Knoten«, hatte der Kapitän Speedy gesagt, und in der That hielt sich die Henrietta durchschnittlich so schnell.

Wenn also das Meer nicht zu schlimm wurde, wenn der Wind nicht umschlug, wenn das Fahrzeug nicht Schaden litt, kein Unfall die Maschine traf: so war es möglich, daß die Henrietta in den neun Tagen vom 12. bis 21. December die dreitausend Meilen bis Liverpool zurücklegte. Zwar nach der Ankunft konnte diese Sache, die noch zu der Sache der Bank hinzukam, den Gentleman etwas weiter führen, als er beabsichtigte.

Während der ersten Tage ging die Fahrt vortrefflich von Statten. Das Meer war nicht sehr schwierig; der Wind schien fast nordöstlich zu wehen; die Segel wurden aufgehißt und die Henrietta segelte wie ein echter Oceanfahrer.

Passepartout war über den letzten Streich seines Herrn wie begeistert. Wie war er munter, behend! Die Matrosen staunten über seine Sprünge. Sein guter Humor theilte sich allen mit. Er hatte alle Gefahren und Mühseligkeiten vergessen, dachte nur an das so nahe Ziel, brennend vor Ungeduld. Mit Fix nur sprach er kein Wort.

Dieser wußte die Sache nicht mehr zu fassen! Die Henrietta erobert, ihre Mannschaft verkauft, Fogg ein vollendeter Seemann – das alles ging über seine Begriffe! Aber demungeachtet, konnte nicht ein Gentleman, der fünfundfünfzigtausend Pfund raubte, am Ende auch ein Schiff rauben? Und ganz natürlich knüpfte sich daran der Gedanke, daß die Henrietta, von Fogg gesteuert, gar nicht nach Liverpool segle, sondern irgend sonst an einen Punkt, wo der Dieb und Seeräuber sich ruhig in Sicherheit bringen würde. Der Detectiv fing nun an ernstlich zu bedauern, daß er sich in die Sache eingelassen.

Der Kapitän Speedy tobte unausgesetzt in seiner Cabine, und Passepartout, der beauftragt war ihm seine Kost zu bringen, that’s trotz seiner Stärke nur mit größter Vorsicht.

Am 13. kam man an der Spitze der Bank von Newfoundland vorüber. Das ist eine schlimme Gegend, wo, im Winter zumal, häufige Nebel, fürchterliche Windstöße vorkommen. Seit dem Abend zuvor war der Barometer rasch gesunken, ließ eine bevorstehende Aenderung der Luftbeschaffenheit vermuthen. In der That änderte sich während der Nacht die Temperatur, es wurde lebhaft kalt und zugleich schlug der Wind um zu Südost.

Es war ein widriges Ereigniß; um nicht aus seiner Richtung zu kommen, mußte Herr Fogg seine Segel einziehen und den Dampf verstärken. Dennoch nahm die Schnelligkeit des Schiffes ab, da bei diesem Zustand des Meeres die starken Wellen wider seinen Vordersteven schlugen. Der Wind wurde allmälig zum Orkan, und man sah den Fall voraus, daß die Henrietta sich nicht mehr gegen die Wogen würde halten können.

Zugleich mit dem Himmel wurde auch Passepartout’s Angesicht wieder düster, und während zwei Tagen schwebte der brave Junge in Todesängsten. Aber Phileas Fogg war ein kühner Seemann, der dem Meere Trotz zu bieten verstand, und hielt sich fortwährend in der Richtung. Wenn die Henrietta nicht über die Wellen gleiten konnte, drang sie hindurch, daß ihr Verdeck ganz überspült wurde. Bisweilen, wenn ein Wasserberg den hinteren Theil aus den Wellen emporhob, tauchte auch die Schraube aus dem Wasser auf, aber das Schiff kam dabei immer vorwärts.

Doch wurde der Wind nicht so stark, als man befürchten konnte; aber leider wehte er hartnäckig aus Südost, und gestattete nicht die Segel aufzuspannen. Und doch wäre es sehr dienlich gewesen, dem Dampf fördernd beizustehen.

Am 16. December war der fünfundsiebenzigste Tag seit der Abfahrt von London. Die Henrietta war noch nicht in beunruhigender Weise verspätet. Fast die Hälfte der Fahrt über den Ocean war gemacht, und die schlimmsten Seestriche waren vorüber. Im Sommer konnte man schon für den Erfolg bürgen; im Winter war man der übeln Witterung preisgegeben. Passepartout äußerte sich nicht. Im Grund hegte er Hoffnung, und wenn der Wind auch mangelte, rechnete er wenigstens auf den Dampf.

An diesem Tage nun kam der Maschinist auf das Verdeck, begegnete Herrn Fogg, und unterhielt sich sehr lebhaft mit ihm.

Ohne zu wissen warum – wohl aus schlimmer Ahnung – ward Passepartout unruhig. Er hätte ein Ohr hingegeben, um mit dem anderen zu hören, was gesprochen wurde. Doch konnte er einige Worte erlauschen, unter anderen, wie sein Herr sprach:

»Sind Sie dessen gewiß, was Sie melden?

– Ja, mein Herr, erwiderte der Maschinist. Vergessen Sie nicht, daß wir seit unserer Abfahrt alle unsere Oefen heizen, und hatten wir auch Kohlen genug, um mit schwachem Dampf nach Bordeaux zu fahren, so reicht das nicht aus für die Fahrt nach Liverpool mit stärkstem Dampf!

– Ich will Vorsorge treffen«, erwiderte Herr Fogg. Passepartout hatte es verstanden. Es ward ihm todtangst.

Die Kohlen gingen aus!

»Ah! wenn mein Herr dies parirt, sprach er bei sich, ist er gewiß ein famoser Mann!«

Und als er mit Fix zusammentraf, konnte er nicht umhin, ihn von der Lage in Kenntniß zu setzen.

»Dann glauben Sie also, erwiderte der Agent, daß wir nach Liverpool fahren!

– Wahrhaftig!

– Schwachkopf!« versetzte der Agent, und zuckte die Achseln.

Passepartout war im Begriff, diese Bezeichnung, deren eigentlichen Sinn er übrigens nicht verstehen konnte, derb zurückzuweisen; aber er sagte sich, daß dem unglückseligen Fix ein gewaltiger Strich durch die Rechnung gemacht worden, daß er sich in seiner Eigenliebe sehr gedemüthigt fühlen mußte, nachdem er so ungeschickt eine falsche Fährte um die ganze Erde herum verfolgt, und ließ es dabei bewenden.

Und was war jetzt Phileas Fogg im Begriff für einen Entschluß zu fassen? Das war schwer zu denken. Indessen schien es, als habe der phlegmatische Gentleman ein Auskunftsmittel gefunden, denn an demselben Abend ließ er den Maschinisten kommen und sagte zu ihm:

»Lassen Sie stärker feuern und fahren Sie weiter, bis das Brennmaterial völlig zu Ende ist.«

Das Schiff fuhr also mit voller Dampfkraft weiter; aber nach zwei Tagen, am 18., meldete der Maschinist, daß an diesem Tage die Kohlen mangeln würden.

»Man vermindere das Feuern nicht«, erwiderte Herr Fogg.

An diesem Tage ließ Fogg um Mittag, nachdem er die Lage des Schiffes aufgenommen, Passepartout kommen und trug ihm auf, den Kapitän Speedy zu holen. Dem braven Burschen kam es vor, als solle er einen Tiger loslassen, und er sagte beim Hinabgehen in’s Hinterverdeck:

»Ganz gewiß wird er wüthend sein!«

Wirklich, nach einigen Minuten kam der Kapitän Speedy unter Schreien und Fluchen auf’s Verdeck, gleich einer Bombe, die zerplatzen will.

»Wo sind wir? waren seine ersten Worte, im Begriff, vor Zorn zu ersticken.

– Wo sind wir? rief er wiederholt, das Gesicht von Zuckungen verzerrt.

– Siebenhundertundsiebenzig Meilen von Liverpool, erwiderte Herr Fogg mit unverwüstlichem Gleichmuth.

– Pirat! schrie Andrew Speedy.

– Ich habe Sie rufen lassen, mein Herr …

– Seeräuber!

– … mein Herr, fuhr Phileas Fogg fort, um Sie zu bitten, mir Ihr Schiff zu verkaufen.

– Nein, bei allen Teufeln, nein!

– Ich bin genöthigt, es zu verbrennen.

– Mein Schiff verbrennen!

– Ja, die oberen Theile wenigstens, denn das Brennmaterial ist ausgegangen.

– Mein Schiff verbrennen! schrie der Kapitän Speedy, der kaum noch Sylben vorbringen konnte. Mein Schiff ist fünfzigtausend Dollars werth!

– Hier haben Sie sechzigtausend!« erwiderte Phileas Fogg, und bot ihm einen Pack mit Banknoten an.

Dies machte auf Andrew Speedy einen wunderbaren Eindruck. Ein Amerikaner geräth beim Anblick von sechzigtausend Dollars in einige Gemüthsbewegung. Der Kapitän vergaß augenblicklich seinen Zorn, seine Einsperrung, alle seine Beschwerden über seinen Passagier. Sein Schiff war zwanzig Jahre alt, und konnte nun noch eine Goldgrube werden! …

»Und der Rumpf soll mir bleiben, sagte er mit auffallend gemildertem Ton.

– Der eiserne Rumpf und die Maschine, mein Herr. Sind Sie’s zufrieden?

– Abgemacht!«

Und Andrew Speedy nahm die Banknoten, zählte sie und ließ sie in seiner Tasche verschwinden.

Während dieser Scene ward Passepartout leichenblaß. Fix wurde fast vom Schlag gerührt. Bei zwanzigtausend Pfund waren ausgegeben, und dazu gab dieser Fogg noch Rumpf und Maschine, d. h. den Hauptwerth des Schiffes, dem Verkäufer preis! Zwar die der Bank entwendete Summe belief sich auf fünfundfünfzigtausend Pfund!

Als Andrew Speedy das Geld eingesteckt hatte, sprach Herr Fogg zu ihm:

»Mein Herr, daß Sie nicht allzu sehr staunen, will ich Ihnen sagen, daß ich zwanzigtausend Pfund verliere, wenn ich nicht am 21. December, um acht Uhr fünfundvierzig Minuten zu London bin.

– Und ich hab‘ einen guten Handel gemacht, bei allen fünfzigtausend Teufeln der Hölle, rief Andrew Speedy; ich gewinne dabei wenigstens vierzigtausend Dollars.«

Dann fuhr er ruhiger fort:

»Wissen Sie was? Kapitän? …

– Fogg.

– Kapitän Fogg, wahrhaftig, es steckt etwas von einem Yankee in Ihnen.«

Nach diesem vermeintlichen Compliment entfernte er sich, und Phileas Fogg sprach:

»Jetzt gehört das Schiff mir?

– Allerdings vom Kiel bis zu den Mastspitzen, alles Holzwerk, versteht sich!

– Gut. Schlagt jetzt die innere Einrichtung zusammen und feuert damit.«

Man denke, was von diesem trockenen Holz verbraucht werden mußte, um die Dampfkraft in hinreichender Stärke zu erhalten. An diesem Tage gingen das Hinterverdeck, die Cabinen, die Wohnungen, das falsche Verdeck drauf.

Am folgenden Tage, den 19. December, verbrannte man das Mastwerk, die Sparren und Stengen. Die Mannschaft zeigte sich erstaunlich eifrig im Zerstören; Passepartout mit Hauen, Schneiden, Sägen arbeitete für zehn Mann.

Am folgenden Tage, den 20., wurden die Geländer, Schanzverkleidung, die Holztheile unter’m Wasser, der größte Theil des Verdecks verzehrt.

Aber an diesem Tage bekam man die irländische Küste und die Leuchtfeuer von Fastenet in Sicht.

Doch war das Schiff um zehn Uhr Abends erst Queenstown gegenüber. Phileas Fogg hatte nur noch vierundzwanzig Stunden, um in London einzutreffen! Diese Zeit aber brauchte die Henrietta, um nach Liverpool zu gelangen, – selbst wenn man mit vollem Dampf segelte. Und endlich mußte dem kühnen Gentleman der Dampf ausgehen!

»Mein Herr, sagte darauf der Kapitän Speedy, der sich nicht mehr um sein Vorhaben kümmerte, Sie dauern mich wirklich. Es ist Ihnen Alles entgegen! Wir sind erst vor Queenstown.

– Ah! sagte Herr Fogg, die Stadt, deren Leuchtfeuer wir erkennen, ist Queenstown?

– Ja.

– Können wir in den Hafen einlaufen?

– Nicht vor Ablauf von drei Stunden; nur bei hohem Wasser.

– Warten wir!« erwiderte ruhig Phileas Fogg, ohne in seinen Zügen zu verraten, daß er durch höhere Eingebung nochmals das Mißgeschick zu überwinden versuchte.

Queenstown ist ein Hafen an der irländischen Küste, wo die aus den Vereinigten Staaten kommenden Oceanfahrer ihre Briefbeutel im Vorbeifahren abgeben. Diese Briefe wurden durch stets zum Abfahren bereite Eilzüge nach Dublin befördert. Von Dublin aus gelangen sie nach Liverpool durch Dampfer größter Schnelligkeit – und kommen so um zwölf Stunden den schnellsten Seglern der überseeischen Gesellschaften zuvor.

Diese zwölf Stunden, welche so der amerikanische Courier gewann, dachte Phileas Fogg auch zu gewinnen. Anstatt auf der Henrietta am folgenden Abend zu Liverpool anzukommen, würde er schon zu Mittag dort sein, und hätte demnach Zeit, vor acht Uhr fünfundvierzig Abends zu London einzutreffen.

Gegen ein Uhr früh lief die Henrietta bei hohem Meer in den Hafen Queenstown ein, und Phileas Fogg ließ daselbst den Kapitän Speedy, der sich mit einem kräftigen Handschlag verabschiedete, auf dem Gerippe seines Schiffes, welches noch die Hälfte des Verkaufspreises werth war.

Die Passagiere stiegen sogleich aus. Fix spürte im Augenblick eine grimmige Lust, den Herrn Fogg zu verhaften. Doch that er’s nicht! Weshalb? Hatte er von demselben eine bessere Meinung bekommen? Sah er endlich seinen Irrtum ein? Immerhin wich Fix dem Herrn Fogg nicht von der Seite. Er stieg mit ihm, Mrs. Aouda und Passepartout, der sich nicht die Zeit nahm, auszuschnaufen, um halb zwei Uhr früh zu Queenstown in den Waggon, der mit Tagesanbruch nach Dublin kam, und nahm unverzüglich auf einem der Dampfer Platz, welche unabänderlich den Wellen trotzend überfahren.

Zwanzig Minuten vor zwölf, am 21. December, landete Phileas Fogg endlich auf dem Quai von Liverpool. Es waren nur noch sechs Stunden bis London.

Aber in diesem Augenblick trat Fix zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter, zeigte seinen Verhaftsbefehl und sprach:

»Sie sind der Sieur Phileas Fogg?

– Ja, mein Herr.

– Im Namen der Königin verhafte ich Sie!«