Zwanzigstes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Die Stunde war gekommen, wo die Piazza von Herumschwärmern und die Kanäle von Gondeln zu wimmeln pflegten. Masken stahlen sich wie gewöhnlich längs den Portikus, Gesang und Geschrei ließ sich hören, Venedig war wiederum der trügerischen Heiterkeit hingegeben.

Als Jacopo aus dem Gefängnis auf den Kai herauskam, mischte er sich unter den Menschenstrom, der nach den Plätzen hinwogte, durch seine Maske gegen alle Beobachtung gesichert. Wie er über die Brücke des Kanals von St. Markus kam, blieb er einen Augenblick stehen, um nach der eben verlassenen Galerie hinaufzuschauen, dann zog er weiter mit der Menge, das Bild der lieblichen und vertrauensvollen Gessina im tiefsten Herzen bewahrend. Unter den dunklen Bogen des Broglio suchten seine Blicke Don Camillo. An der Ecke des kleinen Platzes begegneten sie sich, wechselten geheime Zeichen, und der Bravo entfernte sich unbemerkt.

Hunderte von Booten lagen am Fuß der Piazetta: Unter diesen suchte Jacopo sein eigenes und ruderte es aus der schwimmenden Masse nach dem Stromwasser hin; wenige Ruderschläge, so lag er an der Seite der »Bella Sorrentina«. Der Schiffer schritt das Verdeck auf und ab, die frische Abendluft genießend, während sein Schiffsvolk am Vorderteil der Feluke gruppiert war und ein kalabrisches Schifferlied sang. Die Begrüßung war gutherzig, aber kurz, wie sie unter Männern dieser Klasse gebräuchlich ist. Aber der Padrone schien den Besuch zu erwarten, denn er führte seinen Gast, fern von den Ohren seiner Leute, ans andere Ende der Feluke.

»Hast du was Besonderes, guter Roderigo«, fragte der Seemann, der Jacopo an einem Zeichen zu erkennen pflegte und dennoch ihn nur unter jenem erdichteten Namen kannte. »Du siehst, wir sind nicht müßig gewesen, obgleich gestern Festtag war.«

»Bist du zur Fahrt in den Golf fertig?«

»Nach der Levante oder nach den Säulen des Herkules, wie es dem Senat gefällig ist. Wir haben unsere Segelstangen aufgezogen, seit die Sonne hinter den Gebirgen sank, und trotz unserer anscheinenden Gemächlichkeit bedürfen wir nur einer Stunde, um uns für die Außenseite des Lido zu rüsten.«

»Dann nehmt Eure Maßregeln.«

»Meister Roderigo, Ihr bringt Eure Neuigkeiten auf einen überfüllten Markt. Man hat mich schon unterrichtet, daß man uns diese Nacht brauche.«

Eine schnelle Bewegung des Mißtrauens von Seiten des Bravo entging dem Padrone, dessen Augen über den Windfang der Feluke liefen, mit der dem Seemann eigenen Aufmerksamkeit für diesen Teil des Schiffes, wenn sein Dienst begehrt wird.

»Du hast recht, Stefano. Indes doppelte Vorsicht schadet nicht. Bei einem schwierigen Auftrag ist Vorbereitung die Hauptpflicht. «

»Wollen Sie sich selbst überzeugen, Signore Roderigo?« sagte der Seemann mit leiser Stimme. »Die ›Bella Sorrentina‹ ist nicht der Buzentaur, auch keine Galeere des Großmeisters von Malta; doch im Verhältnis ihrer Größe sind in des Dogen Palast selbst keine besseren Zimmer zu finden. Als ich erfuhr, daß eine Dame zur Fracht gehöre, da kam die Ehre Kalabriens ins Spiel, ihr alles recht bequem zu machen.« »Gut. Wenn man dir alle Umstände mitgeteilt hat, so wirst du gewiß alles tun, um Ehre einzulegen.«

»Ich sage nicht, daß man mir die Hälfte davon mitgeteilt hätte, guter Signore«, unterbrach ihn Stefane. »Die Heimlichkeit bei euren venezianischen Ladungen ist eben das, was mir das Gewerbe am meisten verleidet. Mehr als einmal ist es geschehen, daß ich wochenlang in den Kanälen gelegen habe, meine Räume so rein wie ein Mönchsgewissen, und dann kam Befehl, die Anker zu lichten, und ein Bote, der im Hafen einstieg, ging als Fracht mit, um an der Küste von Dalmatien oder an den griechischen Inseln wieder hinauszukriechen.«

»Bei solchen Fällen hast du dein Geld leicht verdient.«

»Diamine! Meister Roderigo, hält ich einen Freund in Venedig, der mir beizeiten Nachricht gab, so könnte man die Feluke mit solchem Ballast beladen, der auf der jenseitigen Küste Gewinn brächte. Diene ich den edeln Herren nach Pflicht treu, was ginge es dann den Senat an, wenn ich nun auch zu gleicher Zeit meine Pflicht täte für mein gutes Weib und ihre kleinen braunen Kinder daheim in Kalabrien?«

»Es ist viel Vernunft in dem, was du sagst, Stefano; allein du weißt, die Republik ist ein strenger Gebieter. Ein Geschäft dieser Art will mit leiser Hand berührt werden.«

»Das weiß niemand besser als ich; denn als sie den Handelsmann mit all seinen Gerätschaften aus der Stadt sandten, da mußte ich gewisse Kisten in die See werfen, um Raum zu machen für seinen nichtswürdigen Plunder. Der Senat ist mir Ersatz schuldig für diesen Verlust, werter Signore Roderigo. «

»Den du dir wohl gern diese Nacht zueignen möchtest?«

»Allerheiligste Maria! Sie können der Doge selbst sein, Signore, so wenig kenne ich von Ihrem Angesicht, doch ich möchte am Altar drauf schwören, daß Sie, Ihres Scharfsinns wegen, zum Senat gehören müssen. – Wenn die Dame nicht gar zu sehr mit Sachen beschwert und es noch Zeit ist, so möchte ich wohl ein wenig für den Geschmack der Dalmatier sorgen, mit gewissen Artikeln, die aus den Ländern hinter den Herkulessäulen herkommen.« »Du kannst ja selbst darüber urteilen, da man dich von der Art deines Geschäftes unterrichtet hat.«

»St. Januarius von Neapel, öffne meine Augen! – Man sagte nicht ein Wörtchen weiter, als daß eine junge Dame, für die sich der Staat sehr interessiere, diese Nacht die Stadt verlassen wolle, um nach der Ostküste zu gehen. Wenn es für Ihr Gewissen nicht zu unangenehm wäre, Meister Roderigo, so würde es mich sehr beglücken, zu hören, wer Ihre Gesellschafter sein werden?«

»Davon sollst du zur rechten Zeit mehr erfahren. Bis dahin empfehl ich dir eine vorsichtige Zunge, denn St. Markus spaßt nicht mit denen, die ihn beleidigen. Ich freue mich, dich so vorbereitet zu sehen, werter Padrone, und dir eine gute Nacht und glückliche Reise wünschend, empfehle ich dich deinem Schutzpatron. Doch halt – ehe ich dich verlasse, möchte ich wohl die Stunde wissen, wann der Landwind eintritt?«

»Ihr seid in Euern Sachen exakt wie ein Kompaß, Signore, doch habt Ihr wenig Erbarmen mit Euern Freunden! Nach der heutigen brennenden Sonnenhitze zu urteilen, müssen wir die Alpenluft um Mitternacht haben.«

»Wohl – mein Auge wird dich bewachen. Nochmals, addio!«

»Cospetto! Du hast ja vom Kargo gar nichts gesagt?«

»Der wird an Wert beträchtlicher als an Umfang sein«, antwortete Jacopo, nachlässig und stieß ab von der Feluke. Während Stefano auf dem Verdeck stand und über den wahrscheinlichen Ertrag seiner Spekulation nachdachte, glitt das Boot schnell und behende nach dem Kai.

Gleich den Windungen des listigen Fuchses durchkreuzt Betrug oft seine eigenen Wege; demgemäß fallen in seine Schlingen nicht nur die, denen sie gelegt wurden, sondern auch die, die sie legten. Als Jacopo sich von Don Camillo trennte, verabredeten sie, daß ersterer all seinen angeborenen Scharfsinn oder seine Erfahrung anwenden sollte, um mit Gewißheit die Absichten des Senats hinsichtlich Donna Violettas zu erfahren. Dies war auf dem Lido geschehen, und da niemand außer ihm von ihrer Unterredung etwas wußte und ihre neuerlich geknüpfte Verbindung ahnen konnte, so übernahm der Bravo seinen neuen Auftrag nicht ohne Aussicht auf einen glücklichen Erfolg. Bei ganz besonders delikaten Geschäften ihre Agenten zu wechseln, war ein sehr gebräuchliches Mittel der Republik, um dadurch Nachforschungen zu entgehen. Oft war Jacopo ihr Werkzeug bei ihren Unterhandlungen mit dem Seefahrer, der häufig gebraucht ward, geheime polizeiliche Maßregeln auszuführen. Er hatte anfangs den Befehl bekommen, den Padrone aufzusuchen und ihm zu empfehlen, daß er sich jeden Augenblick zum Dienste bereithalten möge; seit dem Verhör Antonios aber waren ihm von seinen bisherigen Prinzipalen keine Instruktionen mehr erteilt worden. Unter diesen nachteiligen Umständen also war es, daß Jacopo seine neuen wichtigen Pflichten anzutreten hatte.

Daß sich die List, wie gesagt, oft selber überlistet, ist sprichwörtlich und bewährte sich aufs neue in dem gegenwärtigen Falle mit Jacopo und seinen Herren. Sie hatten ihn bisher bei ähnlichen Gelegenheiten aufgesucht, jetzt schwiegen sie. Dieser Umstand war ihm nicht entgangen. Als er daher auf seinem Gange längs des Kais die Feluke erblickte, so leitete der Zufall seine Nachforschungen, und wie sehr ihm dabei die Habgier des Kalabresen zu Hilfe kam, haben wir eben erzählt.

Kaum hatte Jacopo den Kai erreicht und sein Boot angebunden, als er wieder auf den Broglio eilte, der in diesem Augenblick von Maskierten und den Pflastertretern der Piazetta angefüllt war. Die Patrizier waren nicht mehr da, sie hatten sich zurückgezogen.

Jacopo schien es, hatte gemessene Befehle; denn nachdem er sich überzeugt hatte, daß Don Camillo nicht mehr auf dem Platze war, drängte er sich durch die Menge wie einer, der einen bestimmten Gang zu tun hat. Beide Plätze waren jetzt voll, und wenigstens die Hälfte derer, die in diesen Vergnügungsorten die Nacht zuzubringen gedachten, erschien maskiert. Der Bravo, obgleich eine entschiedene Richtung nehmend, schritt nicht so eilig einher, daß er nicht im Gehen die sich auf der Piazetta bewegenden Gestalten hätte mustern können. So kam er bis an den Punkt, der beide Plätze vereinigt, als er seinen Ellenbogen leise berührt fühlte.

Er war nicht gewohnt, sich auf dem St.-Markus-Platze, noch dazu in solcher Stunde, unnötigerweise durch Sprechen zu verraten. Aber seinem fragenden Blicke erwiderte ein Zeichen, daß er folgen möchte. Die Gestalt, die ihn angehalten hatte, war so vollständig in ihrem Domino verhüllt, daß er sich vergeblich bemühte, zu erkennen, wer es wäre. Da jedoch der Teil des Platzes, wo sie ihn hinwinkte, leer war und in der Richtung lag, die er eben nehmen wollte, so gab der Bravo ein einwilligendes Gegenzeichen und folgte. Sobald sie sich außerhalb des Gedränges und an einem Orte befanden, wo sich kein Lauschender verbergen konnte, stand der Fremde still, untersuchte unter seiner Maske hervor Jacopos Person, Wuchs und Anzug und endigte zuletzt mit einer Gebärde, die anzeigte, daß er den Rechten vor sich habe. Jacopo erwiderte ebenfalls in Zeichensprache, behauptete aber strenges Stillschweigen, bis sich jener gezwungen sah, das Gespräch zu eröffnen.

»Gerechter Daniel«, brummte er, »sollte man nicht glauben, erlauchter Signore, Ihr Beichtiger habe Ihnen Stillschweigen zur Begrüßung auferlegt? Warum reden Sie Ihren Diener nicht an?«

»Was willst du?«

»Da hat man mich hierhergeschickt in die Piazza unter die Gauner, Kammerdiener, Gondolieri und alle Arten von Zechern und Schmausern, die dieses christliche Land zieren, und da soll ich suchen den Erben von einem der ältesten und geehrtesten Häuser Venedigs?«

»Wie, so weißt du denn, daß ich der bin, den du suchst?«

»Signore, ein weiser Mann sieht manches, was dem Unachtsamen entwischt. Wenn junge Kavaliere Geschmack finden daran, sich vornehm maskiert zu begeben unters Volk, wie bei einem gewissen jungen Patrizier dieser Republik der Fall ist, so brauchen sie eben nicht aufzutun den Mund, man kennt sie schon an ihrer Haltung.«

»Du bist ein schlauer Bote, Hosea; doch dein Stamm lebt ja von seiner Schlauheit.«

»Sie ist das einzige, was wir entgegensetzen können dem Unrecht des Drängers. Gehetzt sind wir wie Wölfe, warum sollten wir also nicht bisweilen zeigen die wilde Natur der Bestien, für die Ihr uns haltet. Doch was erzähl ich die Trübsale unserer Leute einem, der da glaubt, daß das Leben eine Maskerade ist?« »Aber zu deinem Auftrag! Ich wüßte nicht, daß ich ein Pfand auszulösen hätte, auch bin ich dir kein Gold schuldig.«

»Gerechter Samuel! Ihr Kavaliere vom Senat gedenkt nicht immer an das, was vergangen ist, Signore, oder Ihr hättet Euch sparen können diese Worte. Wenn Ew. Exzellenz sind geneigt, Pfänder zu vergessen, kann ich was dafür? Sicherlich, was anbelangt die Rechnung, die nun schon so lange ist angewachsen unter uns, da ist auf dem ganzen Rialto kein Handelsmann, der die Beweise wird ziehen in Zweifel.«

»Und wär’s auch so, kommst du hierher auf den vollen St.-Markus-Platz als Gläubiger, meines Vaters Sohn zu mahnen?«

»Wo werd ich Schande antun, Signore, irgendeinem, der da kommt von diesem erlauchten Geschlecht! Darum wollen wir jetzt nicht weiter sprechen von der Sache, wohl zu merken allerdings, daß Ihr, wenn die Zeit da ist, Euch bekennet zu Eurer Handschrift und Siegel.«

»Deine Klugheit gefällt mir, Hebräer, sie ist mir Bürgschaft, daß dein Geschäft diesmal nicht von der gewöhnlichen unangenehmen Art ist. Da ich eben nicht viel Zeit habe, so wirst du wohl so gut sein und damit herausrücken.«

Hosea sah sich noch einmal verstohlen, aber genau auf dem menschenleeren Fleck um, trat dann näher auf den vermeintlichen Edelmann zu und fuhr fort: »Signore, Ihre Familie ist in Gefahr, einen großen Verlust zu erleiden! Sie wissen, daß der Senat hat gänzlich und plötzlich entfernt die Donna Violetta von der Bewachung des treuen und erlauchten Senators, Ihres Vaters.«

Jacopo trat erschrocken einen Schritt zurück, doch so leise, daß die Bewegung für einen Liebhaber, dessen Hoffnung vereitelt worden, nur natürlich erschien und den Irrtum des Juden noch bestärkte.

»Beruhigen Sie sich, junger Signore«, setzte Hosea hinzu, »Diese Striche durch die Rechnung erfahren wir alle in der Jugend, wie ich weiß, durch gar schwere Versuchungen. Lea ist auch nicht gewonnen worden ohne Müh, und zunächst dem Glück im Handel ist Glück in der Liebe vielleicht das, worauf am wenigsten kann gerechnet werden. Aber Gold tut viel bei beiden, und in der Regel setzt es die Sache durch. Aber Sie sind näher daran, die Dame, die Sie lieben, und ihre Besitztümer zu verlieren, als Sie sich einbilden, denn ich bin hergeschickt, ausdrücklich, daß ich Ihnen soll sagen, daß sie soll werden entfernt aus der Stadt.«

»Wohin?« fragte Jacopo hastig, und der vermutete Liebhaber ward dem guten Hosea dadurch nur um so deutlicher.

»Das ist es ja eben, Signore, was noch ist zu erfahren. Dein Vater ist ein scharfsinniger Senator und tief eingeweiht bisweilen in die Geheimnisse des Staates. Doch wenn ich etwas darf schließen von seinem Schwanken bei dieser Gelegenheit, so kommt’s mir vor, als wenn er sich richtete mehr nach Berechnungen als nach sicherem Wissen. Gottseliger Daniel! Es hat gegeben Augenblicke, wo ich hab vermutet, daß der ehrwürdige Patrizier ein Mitglied ist des Rates der Dreimänner!«

»Sein Adel ist alt, seine Privilegien wohlbegründet – warum sollte er nicht?«

»Ich sag ja nichts dagegen, Signore. Es ist ein weises Kollegium, das viel Gutes tut und verhütet viele Übel. Niemand auf dem Rialto sagt den geheimen Beratungen Böses nach; dort legen sich die Leute auf Broterwerb und klügeln nicht über die Handlungen ihrer Beherrscher. Aber, Signore, er möge nun gehören zu diesem oder jenem Rate oder bloß sein Senatsmitglied, so hat er fallen lassen einen behutsamen Wink über die Gefahr des Verlustes, in der wir uns –«

»Wir! Hast du etwa Absichten auf Donna Violetta, Hosea?«

»Das verhüte Lea und das Gesetz! Ich sagte darum wir, Signore, weil bei dieser Heirat das Interesse der Leute auf dem Rialto ebensogut auf dem Spiel steht als das des Hauses Gradenigo.«

»Ich verstehe, du fürchtest für dein Gold.«

»Wenn ich so leicht Besorgnisse schöpfte in dieser Sache, Signore Giacomo, so würde ich es nicht hergegeben haben so bereitwillig. Indessen, ist auch die einstige Erbschaft von deinem Vater vollkommen hinlänglich, sicherzustellen jede Anleihe, die ich armer Mann machen kann, so würde die Sicherheit doch dadurch nicht werden geringer, wenn die Reichtümer des Signore Tiepolo noch kämen hinzu.«

»Du bist scharfsinnig, das geb ich zu, auch begreif ich die ganze Wichtigkeit deiner Warnung; allein, sie scheint keinen andern Zweck noch Grund zu haben als deine persönlichen Befürchtungen. «

»Und einige hingeworfene Winke Ihres geehrten Vaters, Signore.«

»Was sagte er denn noch weiteres über den Gegenstand?«

»Er sprach in Gleichnissen, junger Edelmann, Gleichnisse aber sind nicht in den Wind gesprochen für orientalische Ohren. Daß man im Begriffe steht, wegzubringen die reiche junge Dame aus Venedig, ist gewiß, und zum Besten des bißchen Interesses, das ich habe an ihrem Schicksal, gab ich den schönsten Türkis in meinem Laden darum, wüßte ich, wohin.«

»Weißt du gewiß, daß es diese Nacht geschehen soll?«

»Ich verpfände mich zu nichts, wenn’s etwa anders sollte ausfallen, aber ich habe Gewißheit genug, junger Kavalier, um unruhig zu sein.«

»Genug – ich werde meine eigene Angelegenheit und die deinige im Auge behalten.«

Jacopo machte ein Abschiedszeichen mit der Hand und verfolgte seinen Weg, die Piazza hinauf.

»Was meine Angelegenheiten betrifft«, brummte der Hebräer für sich, »so wollt ich nur, ich hätte sie selbst besser behalten im Auge. Was ging es dann mich an, heiratete die Dirne dich oder einen Türken!«

»Pst, Hosea!« rief ihm hier eine Maske ins Ohr, »ein Wörtchen allein mit dir.«

Der Jude schrak zurück, als er fand, daß er sich im Eifer denn doch von jemand hatte belauschen lassen. Auch dieser Fremde war in einem Domino und durchaus unkenntlich.

»Was beliebt, Signore Maske?« fragte der vorsichtige Jude.

»Ein Wort in Freundschaft und Vertrauen. – Du leihest Gelder auf Wucherzinsen aus, nicht wahr?«

»Diese Frage wär in der Schatzkammer der Republik eher am rechten Ort! Ich hab viele Steine, die taxiert sind weit unter ihrem Karatgewicht, und lieb wär’s mir, könnt ich sie unterbringen bei jemand, der besser imstande ist als ich, sie zu behalten.«

»Nein, das hilft dir nichts – man weiß recht gut, daß du Zechinen hast die Hülle und Fülle; ein reicher Jude aber sagt nicht nein, wenn es gilt, sein Geld auf Hypotheken anzulegen, die so sicher sind wie Venedigs Gesetze. Tausend Dukaten in deiner bereitwilligen Hand ist keine Seltenheit.«

»Die mich reich nennen, Signore Maske, belieben ihren Spott zu treiben mit dem unglücklichen Sohn eines verfolgten Volkes. Daß ich vor Mangel geschützt, daß ich sogar nicht geradezu dürftig bin, ist vielleicht nicht unwahr; wenn man aber spricht von tausend Dukaten, so sind das Dinge, zu gewichtig für meine belasteten Schultern. Geruhten Sie vielleicht einen Amethyst zu kaufen oder einen Rubin, galanter Signore, so dürften wir wohl handelseinig werden.«

»Juwelen hab ich selber, alter Hebräer, Gold ist’s, was ich brauche, dringend brauche, gleich und ohne viele Worte haben muß – nenne nur deine Bedingungen.«

»Wer so gebieterisch spricht in Geldangelegenheiten, Signore, der muß stellen können gute Sicherheiten.«

»Du hast gehört, daß die Gesetze Venedigs nicht sicherer sind. Tausend Zechinen, geschwind! Die Höhe der Wucherzinsen setze nach deinem eigenen Gewissen fest.«

Das hieß nun freilich, der Unterhandlung weiten Spielraum zu geben, und Hosea fing an, die Sache ernstlicher in Erwägung zu ziehen.

»Signore«, sagte er, »tausend Dukaten liest man nicht beliebig auf vom Pflaster des großen Platzes. Wer sie will darleihen, der muß sie erst verdienen durch lange, geduldige Arbeit, und wer sie borgen –«

»– will, der steht neben dir –«

»– will, der muß haben einen Namen und ein Gesicht, welche kreditfähig sind auf dem Rialto.«

»Nun, du verleihest ja wohl auch an Masken, bedächtiger Hosea, wenn anders der Ruf dir nicht zuviel Gutes nachsagt.«

»I nun, ein hinlängliches Pfand macht mir freilich die Sache klar genug, der Borgende mag nun so verborgen sein wie der Rat der Drei selbst. Aber ich sehe nichts. Morgen komm zu mir, mit oder ohne Maske, ganz wie es dir beliebt, denn ich verlange nicht, mich weiter zu mischen in anderer Leute Angelegenheiten, als meine eigenen es erfordern, und dann will ich nachsehen in meinen Koffern, wiewohl kein präsumtiver Erbe in Venedig leerere haben kann als ich.«

»Ich brauche das Geld gleich, ohne allen Verzug. Hast du es, unter der Bedingung, dir selbst den Zinsfuß stellen zu können, so sprich.«

»Bei hinlänglicher Bürgschaft in Edelsteinen könnte ich vielleicht zusammenscharren unter unsern zerstreuten Leuten die Summe, Signore. Doch wer umhergeht auf der Insel, um zu borgen, wie ich werde tun müssen, muß können beschwichtigen alle Zweifel hinsichtlich der Bezahlung.«

»Also das Gold ist zu haben, das ist ausgemacht?«

Hosea zauderte, denn er hatte sich vergeblich bemüht, durch des andern Verhüllung zu dringen, und obgleich dessen Zuversicht ihm ein günstiges Zeichen schien, so wollte doch seinem Leihinstinkt dessen Ungeduld nicht recht gefallen.

»Ich hab gesagt, durch den freundschaftlichen Beistand unserer Leute«, antwortete er vorsichtig.

»Diese Ungewißheit verträgt sich nicht mit meinem Bedürfnis, leb wohl, Hosea, ich muß anderswo suchen.«

»Signore, Sie eilen ja, als brauchten Sie das Geld, um damit zu bestreiten Ihre Hochzeitskosten. Wenn ich Isaak und Aaron so spät noch fände zu Hause, so glaub ich ohne Gefahr für einen Teil des Geldes stehen zu können.«

»Auf diesen Zufall kann ich mich nicht verlassen.«

»Nun, Signore, der Zufall ist nur klein, da Aaron bettlägerig ist und Isaak niemals verfehlt, durchzusehen seine Bücher, sobald vorüber ist die Mühe des Tages.«

»Ich sag dir, Jude, unsere Sache muß durchaus frei von aller Ungewißheit sein. Das Geld gegen Unterpfand und mit deinem eigenen Gewissen als Schiedsrichter in der Zinsangelegenheit, aber keine Winkelzüge, die dir nachher die Wahl lassen, zurückzutreten unter dem Vorwand, die Zwischenhändler wollten nicht.«

»Gerechter Daniel! Ihnen einen Gefallen zu tun, Signore, glaub ich es wagen zu können! – Da hat mir der wohlbekannte Hebräer aus Livorno, Levi, einen Beutel gegeben zur Aufbewahrung, der genau enthält die verlangte Summe. Unter den genannten Bedingungen will ich ihn verwenden in meinen Geschäften und dem guten Juwelier sein Gold später zahlen aus meinen eigenen Mitteln.«

»Dank für die Mitteilung, Hosea«, sagte der andere, indem er die Maske ein wenig lüftete, doch schnell wieder zurechtsetzte. »Sie kürzt unsere Verhandlung bedeutend ab. Trägst wohl den Beutel des Livorneser Juden unter deinem Domino?«

Hosea stand sprachlos da. Das Lüften der Maske hatte ihn von zwei wesentlichen Dingen in Kenntnis gesetzt: erstens, daß er vorhin seinen Verdacht wegen der Absichten des Senats mit Donna Violetta einem Unbekannten, vielleicht gar einem Polizeibeamten anvertraut hatte, und zweitens: daß er sich des einzigen Grundes entäußerte, der ihm je gegen die dringenden Zumutungen Giacomo Gradenigos etwas geholfen hatte, indem er diesem selbst soeben einräumte, daß die verlangte Summe in seinem Besitze sei.

»Ich hoffe, das Gesicht eines alten Kunden zerschlägt unsern Handel nicht, Hosea?« sagte der verschwenderische Erbe des Senators, kaum sich die Mühe gebend, das Ironische der Frage zu verbergen.

»Vater Abraham! Hätt ich gewußt, daß Sie es sind, Signore Giacomo, so hätten wir können schneller fertig werden.«

»Ja, ja, indem du, wie so oft seit kurzem, kein Geld zu haben vorgabst.«

»I nu, ich pflege nicht zu verschlucken meine Worte, Signore; aber meiner Pflicht gegen Levi muß ich doch bleiben gedenk. Der sorgfältige Hebräer hat mich ein Gelübde tun lassen auf den Namen unseres Stammes, daß ich sein Gold geben wolle niemandem, der nicht besäße die Mittel, die Wiederbezahlung zu setzen außer allen Zweifel.«

»Das gehört nicht hierher, du borgst das Geld von ihm und leihest es mir.«

»Signore, Sie versetzen mein Gewissen in eine kitzlige Lage. Sie schulden mir bereits etliche sechstausend Zechinen, wenn ich nun verborg dieses anvertraute Geld und Sie es auch zurückzahlen – was ich beides nur gesagt haben will als Voraussetzung –, so könnte mich verleiten die natürliche Vorliebe für mein Eigentum, die Zahlung auf meine eigene Rechnung zu stellen und Levis Schuld zu bringen in Gefahr.«

»Mach du das mit deinem Gewissen ab, wie du willst, Hosea. Du hast dich zu dem Gelde bekannt, und hier sind die verpfändeten Juwelen – her mit den Zechinen!«

Wahrscheinlich würde bei dem steinernen Gemüt des Hebräers die Vorstellung Giacomo Gradenigos ohne Wirkung geblieben sein. Allein, nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, setzte er dem Wüstling seine Besorgnisse in Beziehung auf Donna Violetta, deren Vermählung, wie man sich erinnern wird, nur den Trauzeugen und dem Rate der Drei bekannt war, auseinander, und da fand er denn, daß das Gold dazu gebraucht werden sollte, die Dame an einen sichern Ort zu schaffen. Da aber dies seinem eigenen Zwecke so sehr entsprach, so gewann der Handel dadurch freilich eine ganz andere Wendung. Überdies waren die dargebotenen Juwelen wirklich ein genügendes Unterpfand für die darzuleihende Summe, und Hosea, der die Wahrscheinlichkeit mit in Anschlag brachte, durch die Güter der Erbin auch zu seinen früher verliehenen Geldern zu kommen, glaubte endlich die Zechinen des angeblichen Freundes Levi nicht besser anlegen zu können.

Sobald sich die Parteien vollkommen verständigt hatten, verließen sie zusammen den Platz, um den Handel abzuschließen.

Einundzwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Nachtstunden nahten ihrem Ende. Melodische Töne unterbrachen wieder die gewöhnliche Stille der Stadt, aufs neue sah man alle Kanäle von den Fahrzeugen der Großen wimmeln. Aus den Fenstern der kleinen finstern Bootspavillons winkten wohl einige im Vorbeifahren einander zu, doch nur wenige wagten es, zum Austausch der Begrüßung anzuhalten, so sehr fürchtete jeder den in allen Ecken lauernden Verrat. Selbst die Abendluft schöpfte niemand ohne Ängstlichkeit, so sehr war diese zur zweiten Natur der Bürger geworden.

Mitten durch die leichteren und geschmückteren Barken der Patrizier kam eine gemeine Gondel von mehr als gewöhnlicher Größe den Canale Grande gemächlich dahergefahren; die Gondolieri hatten das Ansehen von Leuten, die ermüdet oder eben nicht sonderlich eilig sind. Der am Ruder, ein Virtuose in seinem Fach, leitete das Boot nur mit einer Hand, während seine drei Gehilfen ihre Ruder müßig das Wasser obenhin bestreichen ließen, nur dann und wann mit einem Schlage nachhelfend. So ungefähr nahm sich ein Fahrzeug aus, wenn es auf seinem Rückwege von einem Ausflug auf eine der etwas entfernter gelegenen Inseln war.

Aber plötzlich schwenkte die mehr schwimmende als geruderte Gondel aus der Mitte des Fahrwegs, und im Nu war sie in einem der am wenigsten belebten Kanäle. Schneller und regelmäßiger ging es jetzt vorwärts nach einem Stadtteile zu, den nur Leute der untersten Klasse bewohnten. An der Seite eines Magazins ward angehalten, und einer von der Mannschaft erstieg die Brücke, während sich die übrigen wie zum Ausruhen auf ihre Ruderbänke hinwarfen. Der ans Land Gestiegene wand sich durch einige kleine Durchgänge, wie sie in Venedig so zahlreich sind, und klopfte endlich an einem Fenster an. Bald ward aufgemacht, und eine weibliche Stimme fragte, wer draußen sei.

»Ich bin’s, Annina«, erwiderte Gino, der ohnehin kein seltener Supplikant an dieser Hintertür war. »Mach nur auf, Mädchen, mein Geschäft hat große Eile.«

Annina versicherte sich erst, ob ihr Bewerber auch allein sei, und tat dann, was er verlangte.

»Du kommst aber recht ungelegen, Gino«, hob die Weinhändlerstochter an, »eben wollte ich nach dem Markusplatze, um die Abendluft zu genießen. Vater und Brüder sind schon fort, ich wollte nur noch die Türen verschließen.«

»Konnte ihre Gondel nicht noch eine vierte Person fassen?«

»Sie haben den Fußweg genommen.«

»Und du getraust dich zu dieser Stunde allein auf den Straßen zu gehen, Annina?«

»Was hast denn du danach zu fragen?« erwiderte sie schnippisch. »Dank sei dem heiligen Teodoro, daß ich noch nicht die Sklavin des Bedienten eines Neapolitaners bin.«

»Der Neapolitaner ist ein mächtiger Herr, Annina, der den Willen und die Gewalt hat, seinen Dienern Achtung zu sichern.«

»Es wird sich zeigen, was er mit seiner Gewalt auszurichten vermag. Doch was willst du von mir in dieser unzeitigen Stunde? Wisse, Gino, daß ich mir aus deinen Besuchen überhaupt nicht viel mache, wenn sie mich aber vollends in meinen Geschäften stören, so sind sie mir geradezu unangenehm.«

Wäre die Leidenschaft des Gondoliere ernstlicher Art gewesen, so würde ihn solche unumwundene Sprache gekränkt haben, allein, er empfing die Zurückweisung mit derselben Gleichgültigkeit, mit der sie gegeben wurde.

»An deine Launen, Ninchen, bin ich schon gewöhnt«, sagte er und warf sich auf eine Bank, entschlossen, nicht zu weichen. »Gewiß hat dir ein junger Patrizier einen Handkuß zugeworfen, oder dein Vater hat heute ein gutes Geschäftchen gemacht, seine Börse und dein Stolz halten ja immer gleichen Schritt.«

»Ei, hör einer den Burschen! Sollte man nicht glauben, ich hätte ihm schon mein Jawort gegeben, und es fehlte weiter nichts, als die Kerzen in der Sakristei anzuzünden, um die Trauung zu vollziehen! Was hab ich nach dir zu fragen, Gino Monaldini, daß du dir mit einem Male dergleichen rausnimmst?«

»Und was hab ich nach dir zu fragen, Annina, daß du den Vertrauten des Don Camillo mit diesen abgenutzten Kunststückchen hinhalten willst?«

»Fort, Unverschämter! Ich mag meine Zeit nicht an dich verschwenden.«

»Bist diesen Abend gewaltig eilig, Annina.«

»Ja, um dich loszuwerden. Merk dir wohl, was ich dir jetzt sage, Gino, denn es sind die letzten Worte, die du von mir zu hören bekommst. Mit deinem Herrn ist’s bald zu Ende; nicht lange, so wird er mit Schande die Stadt räumen müssen, und seine sämtlichen Diener mit ihm. Ich aber ziehe es vor, in der Stadt zu bleiben, wo ich geboren bin.«

Der Gondoliere lachte hell auf, denn ihn rührte ihre angenommene Verachtung in der Tat sehr wenig. Doch schnell erinnerte er sich seines Auftrags wieder, gewann den vorigen Ernst und versuchte nun durch ein angelegentlicheres Benehmen des Unwillens seiner wankelmütigen Gebieterin Meister zu werden.

»Behüt mich der heilige Markus, Annina! Warum sollten wir nicht ein Geschäft in Wein abmachen können, wenn wir auch nicht bestimmt sind, zusammen vor dem guten Prior hinzuknien? Ich winde mich durch die dunkeln Kanäle bis Steinwurfweite vor deine Tür und führe dir eine Gondel voll alten Lacrimae Christi zu, wie ihn der ehrliche Tommaso, dein Vater, selten noch zu kaufen bekommen hat, und du behandelst mich wie einen Hund.«

»Ich habe diesen Abend weder für dich noch deine Weine Zeit übrig. Ohne dein Geschwätz wär ich nun schon fort und guter Dinge.«

»Schließ du nur die Tür zu, Mädchen, brauchst mit einem alten Freund keine Umstände zu machen.« Dabei bot er ihr dienstfertig seine Hilfe beim Verschließen an, was sie denn auch bereitwillig zugab, so daß das Haus bald in Sicherheit und die Eigensinnige mit ihrem Bewerber im Freien war. Ihr Weg führte über die schon erwähnte Brücke, Gino wies auf die Gondel hin mit den Worten: »So fühlst du denn gar keine Versuchung, Annina?«

»Deine Unvorsichtigkeit, die Schmuggler bis vor meines Vaters Haustür zu bringen, stürzt uns noch ins Unglück, alberner Junge.«

»Du irrst, gerade diese Kühnheit schläfert allen Verdacht ein.«

»Von welchem Weinberg ist das Getränk?«

»Vom Fuße des Vesuv, die Beeren hat die Hitze des Vulkans gereift. Wenn die Leute das Weinchen deinem Feinde, dem alten Beppo, zuschlagen, wird dein Vater untröstlich drüber sein.«

Annina, die zu keiner Zeit ihren Vorteil aus dem Auge verlor, blickte jetzt das Boot lange an. Das Zelt war zu, allein, ihre einmal in Gang gesetzte Einbildungskraft füllte ohne Mühe den ganzen Raum mit neapolitanischen Schläuchen an.

»Kommst du aber auch nicht wieder vor unsere Haustür, Gino?« »Das soll von dir abhängen. Jetzt komm nur mit hinab und koste.«

Sie zauderte und – tat, was die Frauen stets tun, wenn sie zaudern – sie willigte ein. Schnell war das Boot erreicht, die Leute lungerten noch auf ihren Ruderbänken, aber Annina glitt, ohne sie anzusehen, an ihnen vorbei in das Zelt. Jedoch statt Schläuchen und Gepäcks, wie in einem dem Schmuggelhandel gewidmeten Fahrzeuge, fand sie hier die gewöhnliche Einrichtung einer Kanalbarke, Polster und darauf einen fünften Gondoliere ausgestreckt.

»Hier seh ich nichts, was mich anginge!« rief die Getäuschte. – »Wollen Sie was von mir, Signore?«

»Willkommen. Diesmal trennen wir uns so bald nicht wieder.«

Der Fremde war beim Sprechen aufgestanden und legte mit dem letzten Worte die Hand auf die Schulter des Mädchens, die sich keinem andern gegenüber sah als dem Don Camillo Monforte.

Annina war in Verstellungskünsten zu geübt, um ein Zeichen wirklichen oder geheuchelten Schreckens zu verraten. Ihre Glieder bebten zwar, aber mit voller Gewalt über ihre Züge und mit erkünstelter Heiterkeit sagte sie: »Viel Ehre für den Schleichhandel, den edeln Herzog von Sant‘ Agata in seinen Diensten zu haben!«

»Ich bin zum Scherz nicht aufgelegt, Dirne, wie du sehen sollst. Wähle: offenherziges Bekenntnis oder meinen gerechten Zorn.«

Diese Worte wurden mit Ruhe gesprochen, doch so, daß Annina ohne Mühe merken konnte, sie habe es mit einem entschlossenen Manne zu tun.

»Was für Bekenntnis verlangen Ew. Herrlichkeit von der Tochter eines armen Weinhändlers?« fragte sie, unwillkürlich erzitternd.

»Die Wahrheit! Und bedenke, daß du diesmal nicht entkommst, bis ich zufriedengestellt bin. Zwischen der venezianischen Polizei und mir ist es nun einmal zum offenen Bruch gekommen.«

»Signore Herzog, solches Verfahren mitten in Venedig ist sehr kühn.«

»Dich wird dein eigener Vorteil lehren zu bekennen.«

»Da es Ihr Wille ist, das wenige, was ich weiß, zu erfahren, so soll es mir Vergnügen machen, es Ihnen mitteilen zu dürfen.«

»So sprich, die Zeit ist kurz.«

»Signore, leugnen will ich’s nicht, es ist Ihnen schlimm mitgespielt worden. Capperi! Welches Verfahren von dem Rate! Einen edeln Kavalier aus fremdem Lande, mit den gerechtesten Ansprüchen auf die Ehre, im Senat zu sitzen, so zu behandeln macht der Republik Schande! Kein Wunder, daß Ew. Herrlichkeit nicht gut auf sie zu sprechen sind.«

»Nichts davon, Dirne, heraus mit der Sache.«

Annina tat einen Blick seitwärts aufs Wasser und bemerkte, daß das Boot den Kanal schon hinter sich hatte und sich den Lagunen näherte. Völlig in der Gewalt Don Camillos, fühlte sie wohl, daß ihr längeres Ausweichen nichts helfen würde.

»Daß der Rat in Erfahrung zu bringen gewußt, daß Sie mit Donna Violetta aus der Stadt entfliehen wollten, das haben Ew. Herrlichkeit sich wohl schon selbst gedacht.«

»Versteht sich.«

»Mir ist’s unerklärlich, zu erraten, warum man gerade mich zur Dienerin der edlen Donna ausersah. Heilige Maria von Loretto! Ich bin nicht die Person, an die sich der Staat zu wenden hat, wenn er zwei Liebende auseinanderbringen will!«

»Jetzt ist die Gondel außerhalb der Stadt, Annina, und nun ist’s aus mit meiner Geduld. Wo hast du meine Frau gelassen?«

»Gebenedeiter San Teodoro! Signore, die Handlanger der Republik bedurften meiner Hilfe nicht; bei der ersten Brücke, durch die wir kamen, setzten sie mich aus.«

»Dein Streben, mich zu täuschen, ist vergeblich. Du warst noch in später Stunde auf den Lagunen, und als du von dem Boote der Donna Violetta zurückkamst, gegen Sonnenuntergang, warst du im St.-Markus-Gefängnisse zu Besuch, das weiß ich.«

Annina erstaunte nun wirklich. »Santissima Maria! Sie sind besser bedient, Signore, als sich der Rat einbildet!«

»Wie du zu deinem Schaden finden sollst, wenn du nicht die ganze Wahrheit gestehst. Aus welchem Kloster kamst du?«

»Signore, aus keinem. Wenn Ew. Herrlichkeit herausgebracht haben, daß der Senat die Signora Tiepolo im Gefängnis des heiligen Markus eingeschlossen hat, so bin ich daran nicht schuld.«

»Fruchtlose List, Annina«, erwiderte Don Camillo mit Ruhe. »Was du im Gefängnis zu tun hattest, ist mir wohl bekannt; du holtest gewisse Schmuggelwaren dort ab, die deine Base Gelsomina, des Wärters Tochter, für dich hatte aufheben müssen, ohne zu wissen, was es war.«

»Heilige Mutter Gottes!« rief sie voller Erstaunen.

»Du siehst, mich kannst du nicht betrügen. In der Regel pflegtest du deine Base nicht zu besuchen, doch diesen Abend, als du in den Kanal kamst –«

Ein tosender Lärm vom Wasser unterbrach Don Camillos Worte. Er schaute hinaus und erblickte einen gedrängten Schwarm von Booten, sämtlich wie mit einem Ruderschlage der Stadt entgegentreibend. Tausend Stimmen schwirrten durcheinander, von Zeit zu Zeit ein gemeinschaftliches Trauergeschrei erhebend, was schließen ließ, daß die rudernde Menge von einem und demselben Gefühl beseelt war. Der eigentümliche Auftritt und der Umstand, daß die Hunderte von Booten geradewegs auf seine Gondel lossteuerten, nahmen den Edelmann so in Anspruch, daß er für den Augenblick das eben vorgenommene Verhör seiner Gefangenen ganz vergaß.

»Was ist das, Jacopo?« fragte er leise den Gondoliere, der am Steuer stand.

»Fischerleute, Signore, und schwerlich auf einer friedlichen Fahrt begriffen, wenn ich mich auf ihre Art, sich der Stadt zu nähern, gut verstehe. Schon seit der Zeit, da sich der Doge geweigert hat, den Knaben ihres Kameraden von den Galeeren zu befreien, herrscht Unzufriedenheit unter ihnen.«

Einen Augenblick zauderten Don Camillos Leute, neugierig das Schauspiel anstaunend, dann aber überzeugten sie sich von der Notwendigkeit, Platz zu machen, denn die Masse von Booten kam wie ein wütender Strom herangeflutet. Allein, jetzt erscholl der drohende Befehl zu halten, und Don Camillo sah ein, daß keine Wahl übrigblieb.

»Wer bist du?« fragte einer, der die Rolle eines Anführers übernommen hatte. »Seid ihr Lagunenleute und Christen, so stoßt zu euren Freunden, und vorwärts nach St. Markus, Gerechtigkeit zu fordern!«

»Was bedeutet dieser Aufruhr?« fragte Don Camillo, dessen Kleidung seinen Rang verbarg und der des venezianischen Dialekts mächtig genug war, um sich durch die Sprache nicht zu verraten. »Warum seid ihr in solcher Anzahl versammelt, Freunde?«

»Schau her!«

Don Camillo wandte sich hin und erblickte die blassen Züge und offenen Augen des alten Antonio, starr vom Tode. Hundert Stimmen zugleich erzählten ihm den Hergang, aber so verwirrt und mit so vielen bitteren Verwünschungen vermischt, daß er nichts daraus hätte entnehmen können, wenn er nicht schon durch Jacopo vom Ganzen unterrichtet gewesen wäre.

Antonios Leiche hatten die Leute beim Fischen gefunden, die nächste Folge war eine Beratung über die mutmaßliche Art, wie er zu seinem Tode gekommen sein möchte, dann rotteten sie sich in immer größerer Anzahl zusammen, was den eben beschriebenen Auftritt herbeiführte.

»Gerechtigkeit!« schrie es aus hundert Kehlen.

»Tragt eure Forderung dem Senate vor!« erwiderte Jacopo, ohne sich zu bemühen, das Ironische in seinem Tone zu verbergen.

»Glaubst du, daß unser Kamerad wegen der Kühnheit, die er gestern bewies, bestraft worden ist?«

»Das wäre nicht das Seltsamste, was sich schon in Venedig zugetragen hätte.«

»Ha, sie verbieten uns, im Kanal Orfano, wo die geheimen Hinrichtungen sind, das Netz auszuwerfen, damit die Geheimnisse der Justiz nicht herauskommen, und doch nehmen sie sich nun schon heraus, einen unserer Leute mitten unter unseren Gondeln zu ersäufen!« »Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!« schrien zahllose Stimmen bis zum Heiserwerden.

»Fort nach St. Markus! Legt die Leiche dem Dogen zu Füßen! Fort, Brüder! Sie haben Antonios Blut auf ihren Seelen!«

Ohne geordneten Plan, nur von dem erlittenen Unrecht erfüllt, begaben sie sich nun wieder ans Ruder, und die ganze Flotte fuhr dahin, als bestände sie aus einer einzigen zusammenhängenden Masse.

Nur wenige Minuten hatten sie angehalten, doch fehlte es inzwischen nicht an allen jenen Zeichen der Wut, die einen Volkstumult zu begleiten pflegen. Nicht ohne sichtbare Wirkung blieb dies auf die Nerven Anninas, und Don Camillo benutzte ihre Angst, um ihr die Wahrheit abzutrotzen, denn zum Zaudern war nun keine Zeit mehr.

Durch ihre Aussagen bestimmt, ließ Don Camillo, während die tobende Menge in die Mündung des großen Kanals einfuhr, seine Gondel quer über die weite ruhige Fläche der Lagunen gleiten.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Schreck, der die Patrizier erfüllte, als sie das Geschrei der Fischer hörten, während sie auf ihrem Wege nach dem großen Platze bei den Reihen von Palästen vorüberfuhren, läßt sich leicht denken. Einige fürchteten, das letzte Ende ihrer künstlichen Existenz, das sie ein geheimer politischer Instinkt längst voraussehen ließ, sei nun gekommen, und dachten schon an Mittel zu ihrer persönlichen Sicherheit. Andere im Gegenteil gaben erstaunte Zuhörer ab, wähnten vielmehr, das Volk jauchze über einen Sieg, den der Staat davongetragen habe. Nur wenige, und zwar die nämlichen, die alle Vorteile des Staates an sich zu reißen wußten, faßten mit richtigem Blick die Gefahr ins Auge, erkannten ihren Umfang und die Mittel, sie zu entwaffnen.

Auf der anderen Seite waren die Aufrührer keiner Würdigung ihrer Kräfte fähig und wenig geschickt, ihre zufälligen Vorteile zu berechnen; sie folgten blind dem ersten Antriebe. Was ihre Gemüter zum Aufruhr vorbereitete, war der Triumph ihres bejahrten Gefährten am vorhergehenden Tage, die kalte Zurückweisung, die er vom Dogen erfuhr, und der Auftritt auf dem Lido, der eigentlich die nächste Veranlassung zu Antonios Tode abgab. Nachdem daher die Leiche gefunden war, warteten sie nur so lange, bis sich ihre Kameraden alle versammelt hatten, und der Leidenschaft gehorchend, eilten sie dem St.-Markus-Palaste zu, ohne sich vorher über ihr Vorhaben einen klaren Begriff zu machen.

Sobald sie in den Kanal einfuhren, drängte der enge Weg die Boote so dicht aneinander, daß dadurch die Ruder gewissermaßen nutzlos wurden und die Menge nur langsam vorwärts konnte. Alle wollten gern der Leiche Antonios so nahe als möglich sein, und wie immer bei Volksaufläufen, ging auch hier durch schlecht geleiteten Eifer der Zweck verloren. Ein paarmal hörte man laut die Namen einiger unbeliebter Senatoren, als wenn die Fischer damit umgingen, diese einzelnen Beamten für die Verbrechen des Staates verantwortlich zu machen. Diese Verwünschungen verschollen in der Luft und zogen keine Folgen nach sich. An der Rialtobrücke angekommen, stieg mehr als die Hälfte der Menge ans Land und nahm den kürzeren Weg durch die Straßen nach dem verabredeten Versammlungspunkt, und auch die in den Vorderreihen Rudernden legten jetzt, frei von dem Gedränge in ihrem Rücken, den Weg schneller zurück. Wie sie dem Hafen näher kamen, nahmen die Boote größere Entfernungen voneinander an, und das Ganze gewann so das Ansehen eines Leichenzuges.

Während diese Veränderung in der Stellung der Fahrzeuge vorging, kam eine stark bemannte Gondel, von gewaltigen Ruderschlägen getrieben, aus einem Seitenkanal heraus in den großen, so daß sie der Zufall der Schar von Booten gerade entgegenführte, die eben diesen Kanal hinanfuhr. Die Mannschaft stutzte bei dem außerordentlichen Anblick, der sich ihr so plötzlich darbot, und blieb einen Augenblick unentschlossen, ob sie vorwärts rudern solle.

»Eine Gondel der Republik!« schrien fünfzig Fischer. Eine einzelne Stimme setzte hinzu: »Canale Orfano!« Der bloße Verdacht, den diese Worte rege machten, war in solchem Augenblicke ausreichend, die Fischer aufzuregen. Ein Ausruf der Verwünschung, und sogleich machten einige zwanzig Gondeln zu wütender Verfolgung Anstalt. Es hatte indes bei dem drohenden Vorhaben sein Bewenden, denn geschwinder als die Verfolger trieben die Gondolieri der Republik dem Ufer zu, sprangen auf einen von den Brettergängen, die so viele Paläste Venedigs umgeben, und verschwanden in einem Seitengange.

Die Fischer, durch diesen Erfolg ermutigt, ergriffen das Boot als herrenloses Gut und bugsierten es unter Triumph ihrer eigenen Flotte zu. Einige traten aus Neugier in das Zelt, das einem Leichenwagen glich, und schleppten alsbald einen Priester darunter hervor.

»Wer bist du?« fragte mit heiserer Stimme einer, der den Anführer vorstellte. »Ein Karmeliter und Diener Gottes.«

»Dienst du dem heiligen Markus? Warst du im Canale Orfano, um eines Unglücklichen Beichte zu hören?«

»Ich bin hier in Begleitung einer jungen und edeln Dame, die meines Rates und meiner Fürbitte bedarf. Für Glückliche und Unglückliche, Freie und Gefangene sorg ich auf gleiche Weise!«

»Ha! Du wirst also tun, was deines Amtes ist! – Du wirst Seelenmesse abhalten für einen armen toten Mann?«

»Mein Sohn, ich mache, dies anbelangend, keinen Unterschied zwischen dem Dogen und dem ärmsten Fischer. Doch möcht ich die Frauen nicht gern im Stiche lassen.«

»Es soll den Damen nichts zuleide geschehen. Komm in mein Boot, hier ist deine heilige Verrichtung not.«

Pater Anselmo trat unter die Bedachung, seinen zitternden Gefährtinnen in wenigen Worten Aufschluß zu geben und dann den Fischern zu willfahren. Er ward bis zur vordersten Gondel gerudert und auf ein Zeichen zu dem Leichnam gebracht.

»Siehst du diese Leiche, Vater?« sagte sein Führer, »es ist die Gestalt eines Mannes, der ein aufrichtiger und frommer Christ war.«

»Das war er!«

»Wir alle kennen ihn für den ältesten und geschicktesten Fischer von den Lagunen, der immer bereit war, einem unglücklichen Kameraden beizustehen.«

»Ich kann dir glauben.«

»Das kannst du. Deine heiligen Schriften sind nicht wahrhaftiger als meine Worte. Gestern kam er im Triumph diesen selbigen Kanal herunter, weil er, den stärksten Ruderern von Venedig zuvor, den Ehrenpreis der Regatta davontrug.«

»Ich habe von seinem Glücke gehört.«

»Jacopo, der Bravo, der vordem das beste Ruder führte in den Kanälen, soll dabeigewesen sein! Santa Madonna! Solch ein Mann war zu gut, um zu sterben!«

»Es ist das Schicksal aller, reich und arm, stark und schwach, glücklich und unglücklich, so geht es mit allen zu Ende.«

»Nicht so, ehrwürdiger Karmeliter, denn sie haben Antonio, weil er ihr Mißfallen erregte mit seinen Bitten wegen seines Enkelkindes, das sie ausgehoben haben für die Galeeren, ins Fegefeuer fahren lassen, ohne eine christliche Hoffnung für seine Seele.«

»Es gibt ein Auge, das über den Geringsten von uns wacht, mein Sohn, wir müssen glauben, daß seiner nicht vergessen ward.«

»Cospetto! Es heißt, daß die Kirche denen nicht viel beisteht, denen der Senat nicht grün ist. Willst du für ihn beten, Karmeliter, und dein Wort wahrmachen?«

»Das will ich«, sagte Vater Anselmo mit Festigkeit. »Mach Platz, mein Sohn, daß keine Gebühr meines Amtes fehle.«

Die gebräunten, ausdrucksvollen Fischergesichter glänzten vor Freude, denn mitten im rohesten Tumult bewahrten sie ihre tiefeingewurzelte Ehrfurcht für die heiligen Verrichtungen der Kirche, in der sie erzogen waren. Bald war alles still, und die Boote zogen in größerer Ordnung als zuvor.

Es war ein auffallendes Schauspiel. – Vorn fuhr die Gondel, die die Überreste des Verstorbenen trug. Wo sich der Kanal, dem Hafen näher, erweitert, fielen die Strahlen des Mondes auf die starren Züge des alten Antonio, in denen man das Todesgefühl eines so plötzlich und schrecklich vernichteten Mannes recht wohl wahrnehmen konnte. Der Karmeliter, sein entblößtes Haupt gebeugt, mit gefalteten Händen, stand zu den Füßen des Leichnams; sein weißes Kleid flatterte im Mondlicht. Nur ein Gondoliere führte das Boot, und kein Laut war hörbar als das Plätschern des Wassers beim langsamen Fall der Ruder. Wenige Minuten dauerte dies Schweigen der Prozession. Dann hörte man die Stimme des Mönchs die Gebete für den Toten anstimmen. Die Fischer, dessen kundig, wie denn selten jemand unerfahren in den heiligen Gebräuchen war, nahmen die Responsorien auf. Das Plätschern des Wassers begleitete sanft ihre Stimmen. Die Fenster öffneten sich, wo sie vorüberfuhren, und Tausende von neugierigen und besorgten Gesichtern erschienen auf den Balkonen gedrängt und sahen den Leichenzug langsam dahinziehen.

In der Mitte des Haufens ward die Gondel der Republik von fünfzig leichteren Booten bugsiert, denn die Fischer hielten ihre Prise fest. So kam der feierliche Zug in den Hafen und näherte sich dem Kai am Fuße der Piazetta. Während sich zahllose Hände beeiferten, Antonios Leichnam ans Land zu bringen, erhob sich ein Geschrei mitten aus dem herzoglichen Palaste, zum Zeichen, daß sich der übrige Teil der Mannschaft bereits im Hofraum des Schlosses befinde.

Jetzt boten die Plätze des heiligen Markus ein neues Schauspiel dar. Gesang, Lachen und Spiel waren verstummt, verschwunden die Lichter in den Kaffeehäusern, die Schwärmer der Nacht hatten sich ihre Häuser gesucht, aus Furcht, mit denen vermengt zu werden, die sich vermaßen gegen den Zorn des Senats.

»Gerechtigkeit!« schrien tausend Stimmen, während Antonios Leiche in den Hof getragen ward. »Ruhmwürdiger Doge! Gerechtigkeit!«

Der Leichnam ward niedergelegt am Fuße der Riesentreppe, und der zitternde Hellebardier, der diese Treppe bewachte, fühlte kaum Kraft genug in sich, die Miene von Festigkeit zu behaupten, die ihm Disziplin und Soldatenstolz auferlegten. Sonst war keine militärische Macht herbeigeschafft, denn die Staatsgewalt Venedigs kannte ihr Unvermögen im drängenden Augenblicke zu gut, um zu reizen, wo sie nicht bezwingen konnte.

Der Rat der Drei hatte Kunde von der Ankunft der empörten Fischer und hielt, als der Haufe in den Hof drang, eine geheime Beratung, ob sich vermuten ließe, daß der Aufstand bedeutungsvoller sein könnte, als der Augenschein zunächst lehrte.

»Hat man die Dalmatier in Kenntnis gesetzt von diesem Aufruhr?« fragte ein Mitglied des geheimen Tribunals, dessen Nervenstärke seiner hohen Stellung nicht zu entsprechen schien.

»Wir könnten ihrer Kugeln bedürfen, ehe diese Empörung gedämpft sein wird.«

»Was das betrifft, Signore, setzt Euer Vertrauen nur auf die gewöhnlichen Autoritäten«, erwiderte der Senator Gradenigo. »Ich besorge jedoch, daß hier nur die Anzeichen einer noch verborgenen Verschwörung seien, in die auch die Treue des Militärs verwickelt sein könnte.«

»Was wollen die Elenden? Unser Seehandel gedeiht, die Bank hat Segen an tüchtigen Dividenden. Und ich versichere Euch, Signori, seit vielen Jahren hab ich nicht so bedeutenden Gewinn in allen Zweigen unserer Verwaltung bemerkt als heutzutage. Alle freilich können nicht zugleich Vorteil haben.«

»Ihr habt mit den blühenden Angelegenheiten zu tun, Signore; es gibt aber andere, mit denen es nicht so gut steht.«

»Kann denn nichts diese gierigen Gemüter zufriedenstellen? Sind sie nicht frei – sind sie nicht glücklich?«

»Es scheint, daß sie dafür bessere Bürgschaft verlangen als unsere Absicht oder unsere Versicherung.«

»Der Mensch ist ein neidisches, unzufriedenes Geschöpf. Die Armen wollen reich sein, die Schwachen stark.«

»Es gibt aber wenigstens die Ausnahme von Eurer Regel, Signore, daß die Reichen selten arm oder die Starken schwach zu sein wünschen.«

»Ihr verspottet heut meine Bemerkungen, Signore Gradenigo. Ich denke aber, daß ich spreche, wie es einem Senator von Venedig zukommt«

»Ist ein Reich in seiner schönsten Blüte, so übersehen die Untertanen in ihrem besonderen Glück die allgemeinen Mängel, ist aber ein Handelsstaat erst in Abnahme, so bekrittelt jeder Kaufmann die geringste wie die höchste Staatsmaßregel.«

»Das ist ihre Dankbarkeit! Haben wir nicht diese verschlammten Inseln in einen Markt für die halbe Christenheit umgewandelt? Nun aber sind sie unzufrieden, daß sie nicht alle die Vorrechte behalten können, die sich die Weisheit unserer Voreltern zu verschaffen wußte.«

»Sie beklagen sich nicht anders, als Ihr selber tut, Signore, aber Ihr habt recht, daß man den gegenwärtigen Aufstand nicht vernachlässigen darf. Seine Hoheit soll hinaus zum Volk mit den Patriziern, die gerade zugegen sind, und mit einem aus unserer Mitte als Augenzeuge. Mehr als dies können wir nicht tun, ohne uns der Entdeckung unseres Amtes auszusetzen.«

Der geheime Rat brach auf, um sogleich diesen Beschluß in Ausführung zu bringen, gerade in dem Augenblick, als die Fischer ihre Verstärkung vom Wasser her erhielten.

Als sie sahen, wie groß die Menschenmenge war, die sich im herzoglichen Palaste versammelt hatte, wurden die Verwegensten des Haufens dreister, und auch die noch Schwankenden wurden fest.

Eben erhob die gedrängte Masse im Hofe ihr lautes und drohendes Geschrei, als der Zug des Dogen in einer der langen, offenen Galerien erschien, die den Hauptflur des Gebäudes bilden. Die Gegenwart des ehrwürdigen Mannes, der dem Namen nach dies künstliche Staatsgebäude leitete, und die lange Gewöhnung der Fischer, Hochachtung vor den oberen Behörden zu hegen, verursachten, der gegenwärtigen mißvergnügten Stimmung ungeachtet, plötzlich eine tiefe Stille. Ein Gefühl der Ehrfurcht überschlich allmählich die Tausende von dunkeln Gesichtern, die hinauf starrten, dem kleinen Zuge der nahenden Patrizier entgegen. So tief war die plötzliche Stille, daß man das Rauschen der herzoglichen Gewänder hörte, als der Fürst, seines Alters wegen und der Würde seiner hohen Stellung gemäß, langsam daherschritt. Die vorige Heftigkeit der Fischer und ihre jetzige Ehrfurcht vor dem äußeren Prunk, der ihre Augen bestach, hatten beide dieselben Quellen – Unwissenheit und Gewohnheit.

»Weswegen seid ihr hier versammelt, meine Kinder?« fragte der Doge, als er bis an den Rand der Riesentreppe vorgetreten war. »Und vor allem, warum kommt ihr in den Palast euers Fürsten mit so unziemlichem Geschrei?«

Die Stimme des Greises war deutlich zu vernehmen, denn kaum ein Atemzug unterbrach sein leisestes Wort. Die Fischer sahen einander an und schienen den zu suchen, der kühn genug sein würde zu antworten. Endlich schrie einer, der mitten im Haufen stand und sich geflissentlich nicht sehen ließ: »Gerechtigkeit!«

»Das ist auch unser Zweck«, fuhr der Fürst mit sanftem Tone fort, »und das ist, will ich hinzufügen, was wir täglich üben. Weswegen seid ihr aber hier versammelt in einer Art, die für den Staat beleidigend und unehrerbietig gegen seinen Fürsten ist?«

Wiederum antwortete niemand.

»Will keiner reden? – Seid ihr so kühn mit euern Stimmen bereit, wo es nicht verlangt wird, und so schweigsam, wo es gilt?«

»Sprecht gelinde mit ihnen, Hoheit«, flüsterte der vom Rate, der beauftragt war, ein geheimer Zeuge der Zusammenkunft zu sein. »Die Dalmatier sind kaum fertig.«

Der Fürst beugte sich vor einem Ratschlag, der, wie er wohl wußte, nicht unberücksichtigt bleiben dürfte, und nahm seinen vorigen Ton wieder an.

»Wenn mir keiner sagen will, wessen ihr bedürft, so muß ich euch befehlen, euch zurückzuziehen, und während es meinem väterlichen Herzen wehe tut–«

»Gerechtigkeit!« wiederholte der versteckte Schreier aus dem Haufen.

»Nenne dein Begehr, daß wir’s erfahren!«

»Hoheit, habe die Gnade, auf diesen zu blicken!«

Einer, der kühner war als die übrigen, wendete Antonios Leichnam dem Mondlichte zu, daß dessen gespenstische Züge sichtbar wurden. Der Fürst staunte bei dem unerwarteten Anblick, und nachdem er, seine Gefährten und Wachen dicht hinter sich, die Treppe hinuntergestiegen war, blieb er eine Weile schweigend bei der Leiche stehen.

»Hat dies ein Mörder getan?« fragte er, auf den toten Fischer blickend und sich bekreuzend. »Was konnte der Tod eines solchen Mannes einem Bravo einbringen? Vielleicht ist der Unglückliche bei einer Schlägerei mit seinesgleichen gefallen?«

»Keins von beiden, durchlauchtigster Doge! Wir besorgen, daß Antonio den Unwillen von San Marco hat entgelten müssen.«

»Antonio! Ist dies der dreiste Fischer, der uns bei der Regatta lehren wollte, wie wir regieren müßten?«

»Derselbe, Exzellenz«, erwiderte der einfache Arbeitsmann von den Lagunen, »und eine tüchtigere Hand beim Netz oder ein treuerer Freund in der Not hat nie eine Gondel gerudert. Diavolo! Es müßt eine Freude für Eure Hoheit gewesen sein, den armen, alten Christen unter uns zu sehen am Tage eines Heiligen, wenn er unsere kleine Feierlichkeit anführte oder wenn er uns lehrte, wie unsere Eltern dem Handwerk Ehre zu machen pflegten.«

»Oder bei uns zu sein, durchlauchtigster Doge«, schrie ein anderer, denn wenn einmal Bahn gebrochen ist, sind die Zungen des Volkes bald kühn, »bei einer Lustbarkeit auf dem Lido, wo der alte Antonio immer der erste war im Lachen und immer am besten wußte, wann es Zeit war, ernsthaft zu sein.« Der Doge begann den Zusammenhang der Sache zu ahnen und warf einen Blick seitwärts, um die Mienen des ungekannten Inquisitors zu erforschen.

»Es ist bei weitem leichter«, sagte er, da ihm das abgerichtete Gesicht, das er angeschaut hatte, keinen Aufschluß gab, »die Verdienste des unglücklichen Mannes zu erfahren als die Art seines Todes. Kann einer unter euch erzählen, wie es zugegangen ist?«

Der Hauptsprecher der Fischer übernahm dies Geschäft gern und erzählte dem Dogen mit allen bei Leuten seines Standes beliebten Abschweifungen die Umstände von der Wiederfindung des Leichnams. Als er fertig war, suchte das Auge des Fürsten wiederum eine Erläuterung im Gesichte des Senators neben ihm, denn er wußte nicht, ob die Politik des Staates ein Exempel statuieren wolle oder nur den Tod dieses einzelnen für nötig erachtet habe.

»Ich finde in dem allen nichts, Ew. Hoheit«, bemerkte der vom Rate, »als was einem Fischer wohl begegnen kann. Der unglückliche alte Mann wird durch Zufall umgekommen sein, und es würde eine fromme Handlung sein, ein paar Messen für seine Seele lesen zu lassen.«

»Edler Senator«, rief der Fischer mit zweifelndem Tone, »San Marco war beleidigt.«

»Es sind viele müßige Gerüchte von San Marcos Gewogenheit und Ungewogenheit im Umlauf. Wenn wir glauben wollen, was die Leute erdenken in Angelegenheiten dieser Art, so werden die Verbrecher nicht in den Lagunen, sondern im Canale Orfano ersäuft.«

»Ganz recht, Exzellenz! Und wir dürfen dort unsere Netze nicht auswerfen, bei Strafe mit den Aalen auf dem Grunde zu wohnen.«

»Um so mehr ist Ursache, zu glauben, daß dieser alte Mann durch einen Zufall umgekommen ist. Läßt sich keine Spur eines gewaltsamen Todes an der Leiche wahrnehmen? – Denn obschon sich der Staat nicht mit einem seinesgleichen in der Art beschäftigen würde, kann es doch irgendein einzelner getan haben. Hat man den Zustand der Leiche untersucht?«

»Exzellenz, es war hinreichend, einen so alten Mann mitten in die Lagunen zu werfen. Der stärkste Arm von Venedig hätte ihn nicht retten können.«

»Es kann bei einem Zank zur Gewalttätigkeit gekommen sein, und die betreffende Behörde sollte die Sache untersuchen. Hier ist ein Karmeliter! – Vater, wißt Ihr etwas von der Sache?«

Der Mönch versuchte zu antworten, aber die Stimme versagte ihm.

»Du antwortest nicht, Mönch?« bemerkte der Doge, der durch das natürliche, gleichgültige Benehmen des Inquisitors wirklich getäuscht war wie alle anderen. »Wo fandest du diesen Leichnam?«

Vater Anselmo erzählte kurz, wie er von den Fischern zum Dienste gezwungen worden wäre.

Neben dem Fürsten stand ein junger Patrizier, der keine besondere Würde im Staate hatte als die allgemeine seines Standes. Getäuscht gleich den übrigen durch die Ruhe des einzigen, der von Antonios Tode die wirkliche Ursache wußte, fühlte er ein menschenfreundliches und lobenswertes Verlangen, sich zu vergewissern, daß dem armen Opfer nicht irgendein schändlicher Streich gespielt worden wäre.

»Ich habe gehört von dem Antonio«, sagte dieser Herr, der Senator Soranzo, dem die Natur ein empfindliches Herz gegeben hatte, »ich habe gehört von seinem Glück bei der Regatta. Hieß es nicht, daß Jacopo, der Bravo, sein Mitbewerber war?«

Ein dumpfes, bedeutungsvolles Gemurmel durchlief die ganze Menge.

»Ein so leidenschaftlicher, verwegener Mann als dieser kann wohl seine Niederlage durch Gewalttat haben rächen wollen.«

Ein zweites, lauteres Gemurmel zeigte, was diese Erklärung der Sache für Eindruck machte.

»Exzellenz, Jacopo gebraucht nur sein Stilett«, sagte der halb schon gläubige, aber doch noch schwankende Fischer.

»Wo er’s für nötig hält. Ein Mann von seinem Charakter und seiner Arglist kann auch wohl zu andern Mitteln, seine Bosheit zu befriedigen, Zuflucht nehmen. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Signore?«

Diese Frage richtete der Senator Soranzo in seiner Unschuld an das unbekannte Mitglied des geheimen Rates. Dieser schien überrascht von der Wahrscheinlichkeit der Vermutung, die sein Gefährte aufstellte, begnügte sich aber, seine Anerkennung durch ein Nicken mit dem Kopfe kundzutun.

»Jacopo, Jacopo!« wiederholte eine Stimme nach der anderen im Haufen. – »Jacopo hat’s getan! Der beste Gondoliere in Venedig ist von einem alten Fischer besiegt worden, und nichts als Blut konnte die Schande auswischen!«

»Es soll untersucht werden, meine Kinder, und die Gerechtigkeit soll ihren Gang gehen«, sagte der Doge, indem er sich anschickte, sich zurückzuziehen. »Leute«, fügte er hinzu, sich an einige Beamten wendend, »bezahlet Messen, daß die Seele des unglücklichen Mannes zum mindesten nicht dabei leide. Ehrwürdiger Karmeliter, deiner Sorgfalt vertraue ich den Leichnam an, und du kannst keinen bessern Dienst verrichten, als die Nacht über bei ihm zu beten.«

Tausend Mützen wurden geschwenkt, den Beifall, den dieser gnädige Befehl fand, auszudrücken, und der ganze Haufen stand schweigend in Ehrfurcht, als sich der Fürst mit seinem Gefolge, wie er gekommen war, durch die lange gewölbte Galerie oben entfernte.

Ein geheimer Befehl der Inquisition ließ das Anrücken der Dalmatier absagen.

Wenige Minuten später war alles vorbereitet. Eine Bahre mit einem Zelt darüber ward von der anstoßenden Kathedrale hergeholt und der Leichnam darauf gelegt. Vater Anselmo an der Spitze, zog die Prozession durch das Haupttor des Palastes auf den Platz, die gewöhnliche Andacht absingend. Beide Plätze, der größere und der kleinere, waren noch menschenleer. Hier und da blickte das neugierige Gesicht eines Handlangers der Polizei oder eines etwas kühneren Beobachters unter den Bogen der Portikus hervor.

Aber die Fischer dachten nicht mehr an Gewalt. Mit der Unbeständigkeit von Leuten, die wenig an Überlegung gewöhnt sind, sich schnellen und heftigen Aufregungen hingeben, hatten sie alle Gedanken an Rache gegen die Diener der Polizei aufgegeben und ihre Aufmerksamkeit gänzlich dem frommen Dienste zugewendet, der, vom Fürsten selbst befohlen, für ihren Stand so schmeichelhaft war.

Einige stärkere Naturen unter ihnen mischten wohl auch Drohungen gegen den Bravo in die Gebete für den Toten, aber diese hatten keine Bedeutung für die gegenwärtige Handlung.

Das große Portal der ehrwürdigen Kirche ward aufgetan. Man trug die bescheidene Leiche des hingeopferten Antonio unter den Bogen, der die kostbaren Reliquien griechischer Kunst stützt, und setzte sie in das Schiff der Kirche nieder. Kerzen brannten vor dem Altare und umgaben die gespenstische Gestalt des Toten die ganze Nacht hindurch, und die Kathedrale San Marcos war erfüllt von den imposanten Gebräuchen der Katholischen Kirche, bis der Tag wieder heraufkam. Ein Priester folgte dem andern, um die Messe zu wiederholen, und der Haufe hörte aufmerksam zu, als fühlte sich ein jeder selber geehrt und erhoben durch diese Auszeichnung eines Mannes aus seinem Stande. Die Masken auf dem Platze waren allmählich wieder zum Vorschein gekommen, obgleich die Unruhe zu heftig und zu plötzlich gewesen war, um eine schnelle Rückkehr dem Leichtsinn zu erlauben, der gewöhnlich zwischen Sonnenuntergang und -aufgang auf diesem Flecke zu schauen war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Als die Fischer auf dem Kai landeten, verließen sie die eroberte Gondel des Staates bis auf den letzten Mann. Donna Violetta und ihre Gouvernante hörten mit Bestürzung, wie sich ihre Räuber nacheinander lärmend entfernten, denn sie wußten beinahe gar nicht, aus welchem Grund man ihnen den Schutz des Vater Anselmo entrissen und was sie zu handelnden Personen in dem ungewöhnlichen Schauspiel gemacht hatte. Der Mönch hatte ihnen nur gesagt, daß sein Dienst zum Besten eines Toten verlangt würde. Donna Florinde jedoch, die durch die Fenster der Verdachung geschaut hatte und aus dem Geschrei ringsumher einen Schluß zog, ahnte die Wahrheit so ziemlich. Es schien ihr das Geratenste unter diesen Umständen, sich soviel wie möglich unbemerkt zu halten. Als die tiefe Stille, die der Landung der Aufrührer folgte, verriet, daß sie allein waren, bemerkten sie und ihr Zögling diese günstige Veränderung sogleich.

»Sie sind fort«, flüsterte Donna Florinde, mit zurückgehaltenem Atem horchend, sobald sie gesprochen hatte.

»Und die Polizei wird bald hier sein, uns zu suchen!«

Es bedurfte keiner weiteren Erklärung.

Im Augenblick standen die zitternden Flüchtlinge auf dem Kai. Keine menschliche Gestalt war auf der Piazetta. Aber ein dumpfes, brausendes Rauschen erscholl vom Hofe des herzoglichen Palastes, ähnlich dem Gesumme eines aufgestörten Bienenschwarms.

»Man hat Gewalttaten vor«, sagte die Gouvernante wiederum flüsternd. »Wollte Gott, Vater Anselmo wäre hier.«

Ein vorsichtiger Fußtritt ließ sich hören, und beide, sich umkehrend, sahen einen Knaben, der sich aus der Gegend des Broglio her näherte.

»Ein ehrwürdiger Karmeliter hat mir dies für Euch gegeben«, sagte der Bursche, verstohlen umherblickend, als fürchte er, entdeckt zu werden. Dann legte er in Donna Florindes Hand ein Streifchen Papier und verschwand.

Mit Hilfe des Mondlichts gelang es der Gouvernante, die Züge einer Hand zu entziffern, die ihr in jüngeren Tagen wohl bekannt gewesen war: »Rette Dich, Florinde. Kein Augenblick ist zu verlieren. Vermeide öffentliche Plätze und suche schnell einen Zufluchtsort.«

»Aber wohin?« fragte die Bestürzte, nachdem sie den Zettel laut gelesen hatte.

»Überall, nur nicht hier«, sagte Donna Violetta, »komm mit mir!«

Hätte Donna Florinde die natürliche Festigkeit und Entschiedenheit ihres Zöglings besessen, so würde sie nicht in dem einsamen Verhältnisse gelebt haben, das der weiblichen Natur wenig entspricht, und Vater Anselmo wäre kein Mönch geworden. Beide hatten ihre Liebe dem zum Opfer gebracht, was sie für ihre Pflicht hielten, und so war das unangemessene Lebensverhältnis der Gouvernante aus einem dem Sturm der Leidenschaften unzugänglichen Gemüte hervorgegangen. Nicht so Violetta. Sie war immer schneller bereit zum Tun als zum Überlegen, und obgleich in den meisten Fällen wohl die besonneneren Gemüter im Vorteil sein mögen, so gibt es doch auch hiervon Ausnahmen. Der gegenwärtige Augenblick war eine von den Lagen des Lebens, wo es immer besser ist, irgend etwas als gar nichts zu tun.

Kaum hatte Donna Violetta gesprochen, so war ihre Gestalt im Schatten unter den Bogengängen des Broglio. Ihre Gouvernante hielt sich dicht an ihrer Seite, mehr aus Liebe zu ihr als aus Willfährigkeit gegen den Rat des Mönchs oder das Gebot ihrer eigenen Vernunft. Ein unbestimmter, abenteuerlicher Gedanke, sich dem Dogen, der ein Seitenverwandter ihres eigenen alten Hauses war, zu Füßen zu werfen, stieg in der jungen Braut anfänglich auf, aber kaum hatten sie den Palast erreicht, so belehrte sie das Geschrei vom Hofraume her über dessen Lage und die Unmöglichkeit, in das Innere einzudringen.

»Wir wollen uns durch die Straßen nach deiner Wohnung zurückziehen, Kind«, sagte Donna Florinde, sich mit weiblichem Anstand in ihren Mantel hüllend. »Niemand wird Frauen unseres Standes beleidigen. Auch der Senat muß am Ende doch unser Geschlecht respektieren.«

»Das von dir, Florinde! – Du, die so oft vor seinem Zorn gezittert hat! Aber geh, wenn du willst. Ich gehöre dem Senate nicht länger. Don Camillo Monforte hat meine Treue.«

Donna Florinde war nicht willens, diesen Punkt zu bestreiten, und da der Augenblick gekommen war, wo Geistesstärke zum Führen berechtigte, so unterwarf sie sich still dem Willen ihres Zöglings. Donna Violetta hielt sich immer im Schatten der Arkaden. Als die Flüchtlinge bei dem Tore vorbeikamen, das auf der Seeseite liegt, konnten sie einen Blick auf die Szene im Hofe werfen. Der Anblick dieses Schauspiels beschleunigte ihre Schritte; sie liefen nicht, sie flogen die Bogenhalle entlang. Bald befanden sie sich auf der Brücke, die über den Kanal San Marco führt, noch immer in voller Flucht begriffen. Ein paar Matrosen sahen von ihren Feluken aus neugierig zu, aber zwei erschreckte Frauenzimmer waren nichts so gar Auffallendes.

In diesem Augenblick erschien eine Masse dunkler Gestalten von der andern Seite her. Waffen blitzten im Mondlicht, und man hörte den abgemessenen Tritt bewaffneter Männer. Es waren die Dalmatier, deren Trupp vom Zeughause heranrückte. Vorwärts und rückwärts schien jetzt den atemlosen Frauen die Flucht gleich unmöglich. Da Entschlossenheit und Besonnenheit sehr verschiedene Tugenden sind, dachte Donna Violetta nicht so schnell, als die Umstände erfordert hätten, daran, daß die Mietsoldaten der Republik höchstwahrscheinlich ihre Flucht für etwas sehr Natürliches halten würden.

Der Schreck raubte den Flüchtlingen die Besinnung. Sie dachten an nichts als an einen Zufluchtsort und würden selbst das Gerichtszimmer dazu erwählt haben, wäre Gelegenheit dazu gewesen. Sie wendeten sich um und eilten in die erste und in der Tat einzige offene Tür, die sich darbot. Es trat ihnen ein Mädchen entgegen, in deren ängstlichen Zügen sich jene sonderbare Mischung von Hingebung und Angst malte, die ihren Grund wahrscheinlich im Drange weiblichen Mitgefühls hat.

»Hier ist Sicherheit, edle Damen«, sagte die junge Venezianerin. »Keiner wird Euch innerhalb dieser Mauern zu verletzen wagen!«

»In welchem Palaste befinden wir uns?« fragte die fast atemlose Violetta. »Wenn der Besitzer einen Namen hat in Venedig, wird er einer Tochter vom Geschlecht Tiepolo die Gastfreundschaft nicht versagen.«

»Ihr seid willkommen, Signora«, entgegnete das freundliche Mädchen, sich tief verneigend, und führte sie noch weiter in das Innere des geräumigen Gebäudes. »Ihr führt den Namen einer erlauchten Familie.«

»Dienst du einem Edelmanne?«

»Dem vornehmsten in Venedig, Signora!«

»Nenne ihn, damit wir seine Gastfreundschaft erbitten mögen, wie sich’s geziemt.«

»San Marco.«

Donna Violetta und ihre Gouvernante blieben erstaunt stehen.

»Sind wir, ohne es zu wissen, in ein Portal des Palastes getreten?«

»Das wäre unmöglich, Signora, da der Kanal zwischen uns und dem Palaste des Dogen ist. Dennoch ist hier San Marco Herr. Ich hoffe, Ihr werdet Eure Sicherheit für nicht geringer halten, wenn Ihr sie auch im Staatsgefängnis findet und Euch des Hauswarts Tochter dazu verhilft.«

Der Augenblick übereilten Handelns war vorüber und die Besinnung nun zurückgekehrt.

»Wie heißest du, Kind?« fragte Donna Florinde, ihrem Zögling vorantretend und die Unterredung aufnehmend, während Violetta vor Erstaunen stillschwieg. »Wir sind dir aufrichtig dankbar für die Bereitwilligkeit, mit der du die Tür öffnetest und uns einließest in einem Augenblick solcher Bestürzung. Wie heißest du?«

»Gelsomina«, erwiderte das Mädchen bescheiden. »Ich bin des Hauswarts einziges Kind. Als ich Damen Eures Standes auf dem Kai fliehen sah und auf der einen Seite die Dalmatier im Anmarsch, auf der andern die tobenden Fischer, da dachte ich, auch das Gefängnis würde Euch willkommen sein.«

»Deine Herzensgüte hat dich nicht irregeleitet.«

»Wenn ich gewußt hätte, daß es eine Dame vom Geschlechte Tiepolo war, so würde ich mich noch mehr beeifert haben, denn es sind wenige dieses berühmten Namens übrig, uns Ehre zu erweisen.«

Violetta verneigte sich wegen dieser Artigkeit, aber sie schien unruhig, daß sie Übereilung und Adelsstolz verleitet hatten, sich zu verraten.

»Kannst du uns an einen minder öffentlichen Platz führen?« fragte sie, als sie bemerkte, daß ihre Führerin in einem freien Gange stehengeblieben war, um ihre Erklärung zu geben.

»Hier werdet Ihr so zurückgezogen sein wie in Euern eigenen Palästen, hohe Damen«, erwiderte Gelsomina, indem sie in einen Seitengang einbog und die Fremden den Wohnzimmern zuführte, von denen aus sie zuvor die Verlegenheit ihrer Gäste, am Fenster sitzend, bemerkt hatte. »Hier kommt niemand ohne Ursach her, außer meinem Vater und mir, und mein Vater ist mit seinem Dienste sehr beschäftigt.«

»Hast du keinen Dienstboten?«

»Nein, Signora! Eines Hauswarts Tochter darf nicht zu stolz sein, sich selbst zu bedienen.«

»Du hast recht. Ein so feinfühlendes Mädchen wie du, Gelsomina, wird einsehen, daß es für Frauen von Stande nicht geziemend ist, in ein Haus wie dieses, wenn auch nur durch Zufall, zu geraten, und du wirst uns einen großen Gefallen erweisen, wenn du mehr als gewöhnliche Vorkehrung triffst, daß man uns hier nicht sehe. Wir machen dir viel Mühe, aber sie soll nicht unbelohnt bleiben. Nimm dies Gold.«

Gelsomina antwortete nicht, aber als sie mit niedergesenkten Augen dastand, stahl sich eine Röte in ihre Wangen, daß ihr zuvor bleiches Gesicht sanft erglühte.

»Nein, ich habe dich verkannt«, sagte Donna Florinde, indem sie die Zechinen wieder einsteckte, und ergriff die Hand des Mädchens, das es schweigend geschehen ließ. »Wenn ich dich durch meine Unbescheidenheit gekränkt habe, so schreibe dies Anerbieten einzig unserer Furcht vor der Schande zu, hier gesehen zu werden.«

Das Mädchen erglühte noch mehr, und ihre Lippen bebten.

»Ist es denn eine Schande, unschuldig hier zu wohnen, Signora?« fragte sie mit abgewendetem Auge. »Ich habe das lange geargwohnt, aber ich hab es bisher noch von niemandem sagen gehört!«

»Verzeih mir! Wenn ich eine Silbe ausgesprochen habe, die dich kränken kann, so ist es unwissentlich und ungern geschehen.«

»Wir sind arm, Signora, und der Bedürftige muß sich gefallen lassen, auch das zu tun, was seinen Wünschen entgegen ist. Ich verstehe Eure Meinung und will dafür sorgen, daß Ihr verborgen bleiben sollt!«

Während die Damen verwundert waren über solche Beweise von Zartgefühl und Empfindung an diesem eigentümlichen Ort, entfernte sich das Mädchen.

»Das hätte ich nicht erwartet in einem Kerker!« rief Violetta.

»Wie nicht alles edel ist in einem Palast, so ist auch nicht alles zu verwerfen, was in einem Kerker vorkommt. Aber dies ist fürwahr ein außerordentliches Mädchen für ihren Stand, und wir müssen St. Theodor danken, daß er sie uns in den Weg geführt hat.«

»Können wir besseres tun, als sie zu unserer Vertrauten zu machen?«

Die Gouvernante war älter und weniger geneigt als ihr Zögling, auf den Schein hin zu trauen. Gelsomina kam zurück, ehe es Zeit war, zu überlegen, ob Violettas Vorhaben auch der Klugheit gemäß wäre.

»Du hast einen Vater, Gelsomina?« fragte die venezianische Erbin und ergriff die Hand des Mädchens, indem sie diese Frage tat.

»Gelobet sei die Heilige Jungfrau, daß ich dieses Glück habe.«

»Es ist ein Glück. Denn gewiß, ein Vater würde nicht das Herz haben, sein Kind dem Ehrgeiz und gewinnsüchtigen Hoffnungen aufzuopfern. Und deine Mutter?«

»Ist schon seit langer Zeit bettlägerig. Ich glaube, wir hätten sonst nicht hier zu sein brauchen, bei ihren Leiden aber paßt kein anderer Ort so gut für sie als dieses Gefängnis.«

»Gelsomina, du bist glücklicher als ich, selbst in deinem Gefängnis. Ich habe keinen Vater, keine Mutter, fast muß ich sagen, keinen Freund.«

»Und dies das Schicksal einer Dame aus dem Hause Tiepolo!«

»Es ist nicht alles, wie es scheint in dieser argen Welt, gute Gelsomina! Wir haben viele Dogen in der Familie gehabt, aber auch viele Leiden. Du hast vielleicht gehört, daß davon nichts mehr übrig ist als ein einziges Mädchen, jung wie du, die der Obhut des Senats anvertraut ist?«

»Es wird in Venedig wenig von diesen Sachen gesprochen, Signora, und von allen geht niemand so selten auf den Platz als ich. Doch von der Schönheit und dem Reichtum der Donna Violetta habe ich wohl gehört. Das letztere, hoff ich, wird wahr sein, das erstere seh ich jetzt selber.«

Die junge Tiepolo wurde ihrerseits rot, aber freilich nicht aus verletztem Gefühl.

»Sie sagen zuviel Gutes aus Mitleid für die arme Waise«, erwiderte sie, »obschon dieser unglückselige Reichtum vielleicht nicht überschätzt wird. Du weißt, daß sich’s der Staat angelegen sein läßt, alle Frauen von Adel, die vaterlos sind, zu hüten und unterzubringen.«

»Nein, Signora. Das ist aber schön von San Marco.«

»Du wirst bald anders darüber denken. Du bist jung, Gelsomina, und hast wohl dein Leben in Zurückgezogenheit zugebracht?«

»Ja, Signora. Ich gehe selten weiter als bis in meiner Mutter Stube oder in die Zelle eines kranken Gefangenen.«

Violetta sah ihre Gouvernante an, als wollte sie sagen, daß sie sich wohl schwerlich einem Mädchen würde verständlich machen können, das den Gefühlen der Welt so wenig zugänglich wäre.

»So wirst du freilich nicht begreifen, daß eine Frau von Adel wenig Lust haben mag, sich dem Verlangen des Senats zu fügen, wenn er über ihre Pflichten und Neigungen gebieten will.«

Gelsomina sah die schöne Rednerin starr an, aber es war sichtlich, daß sie die Frage nicht recht begriff.

»Ich habe gehört, daß die Damen von Adel die nicht sehen dürfen, mit denen sie verheiratet werden sollen, Signora, wenn es dies ist, was Ew. Exzellenz meinen. Mir hat diese Sitte immer ungerecht oder vielmehr grausam geschienen.«

»Und ist es Frauen deines Standes erlaubt, sich Freunde zu erwerben, von denen einer ihnen dereinst teuer werden kann?« fragte Violetta hastig.

»Signora, soviel Freiheit haben wir auch im Gefängnis.«

»Oh, dann bist du glücklicher als die, die in Palästen wohnen! Ich will dir vertrauen, edles Mädchen, denn du wirst die Schwache, Bedrängte, die deines Geschlechts ist, nicht verraten.«

Gelsomina hob ihre Hand auf, als wollte sie dem ungestümen Zutrauen ihres Gastes Einhalt tun, und horchte aufmerksam.

»Wenige kommen hierher«, sagte sie dann, »aber mancherlei Wege, hinter Geheimnisse zu kommen, gibt es in diesem Hause, die ich noch nicht kenne. Tretet tiefer in die Wohnung ein, edle Damen, hier ist ein Ort, der auch vor Lauschern sicher ist.«

Des Hauswarts Tochter ging voran in das kleine Gemach, wo sie sich mit Jacopo zu unterhalten pflegte.

»Ihr sagtet, Signora, daß ich Gefühl hätte für die Schwäche und Hilflosigkeit unseres Geschlechtes, und darin laßt Ihr mir Gerechtigkeit widerfahren.«

Violetta hatte Muße, einen Augenblick nachzudenken, während sie aus dem einen Zimmer in das andere ging, und sie fing an, ihre Mitteilungen mit mehr Behutsamkeit zu machen. Aber der lebhafte Anteil, den ein Wesen von so freundlicher Natur und so abgesonderter Lebensweise als Gelsomina an der Erzählung nahm, gab ihrer natürlichen Offenherzigkeit den Sieg, und auf eine ihr selbst fast unbewußte Weise setzte sie des Hauswarts Tochter von beinahe den meisten Umständen in Kenntnis, die sie bis in das Gefängnis geführt hatten.

Gelsominas Wangen wurden farblos, während sie zuhörte, und als Violetta geendet hatte, zitterte sie an allen Gliedern.

»Es ist furchtbar, sich der Macht des Senats zu widersetzen«, sagte sie leise, daß es kaum zu hören war. »Habt Ihr bedacht, Signora, was Eure Tat für Folgen haben kann?«

»Wenn auch nicht, so ist es jetzt doch zu spät, mein Vorhaben zu ändern. Ich bin des Herzogs von Sant‘ Agata Weib und kann nie eines andern Gattin werden!«

»Jesus! Das ist wahr! – Und doch, ich glaube, ich möchte lieber im Kloster sterben, als den Rat gegen mich aufbringen.«

»Du weißt nicht, gutes Mädchen, welches Mutes auch ein junges Weib fähig ist. Du hängst noch an deinem Vater, aber du kannst es noch erfahren, daß die Zeit im Leben kommt, wo sich alle deine Hoffnungen in einem andern vereinigen werden.«

»Der Staatsrat ist fürchterlich«, erwiderte sie, »aber es muß noch fürchterlicher sein, den zu verlassen, dem man Pflicht und Liebe am Altare gelobt hat.«

»Hast du Mittel, uns zu verstecken, gutes Mädchen?« unterbrach sie Donna Florinde, »und kannst du uns, wenn dieser Tumult vorüber sein wird, irgendwie zu ferner Verborgenheit oder zur Flucht verhelfen?«

»Nein, Signora. Sogar Venedigs Straßen und Plätze sind mir beinahe fremd. Was gäb ich drum, wenn ich die Wege der Stadt so gut wüßte als meine Cousine Annina, die, wenn es ihr nur behagt, von ihres Vaters Laden bis nach dem Lido geht und vom Markusplatz zum Rialto, ganz wie es ihr gefällt. Ich will nach meiner Cousine schicken, die wird uns raten in dieser schrecklichen Not.« »Deine Cousine? Hast du eine Cousine, die Annina heißt?«

»Annina, Signora, meiner Mutter Schwesterkind.«

»Die Tochter des Weinhändlers Tommaso Tosti?«

»Ja! Sie wird uns ihren Beistand in solcher Gefahr nicht versagen. Ich weiß, sie hält nicht viel von der Republik, denn ich habe sie von deren Angelegenheiten reden hören, kühner, als sich für ein Mädchen ihres Alters geziemt.«

»Gelsomina, deine Cousine ist eine geheime Dienerin der Polizei und deines Vertrauens unwert.«

»Signora!«

»Ich spreche nicht ohne Grund. Glaube mir, sie läßt sich zu Geschäften brauchen, die sich für ihr Geschlecht nicht geziemen.«

»Edle Damen, Ihr solltet mich nicht nötigen, so von meiner Mutter Nichte zu denken. Ihr seid unglücklich gewesen und mögt Grund haben, mit der Republik unzufrieden zu sein, und hier seid Ihr sicher – aber ich wünsche keinen Tadel über Annina zu hören.«

Donna Florinde und ihr Zögling kannten die menschliche Natur hinlänglich, um diese edle Ungläubigkeit als ein günstiges Zeichen für die Reinheit der Gesinnung ihrer jungen Wirtin anzusehen, und begnügten sich mit dem Ersuchen, daß Annina auf keine Weise von ihrer gegenwärtigen Lage Nachricht erhalte. Nach dieser Verständigung besprachen sich die drei mit mehr Muße über die Aussicht der Flüchtlinge, den Ort, sobald es Zeit wäre, unentdeckt zu verlassen.

Auf Antrieb der Gouvernante schickte Gelsomina einen Diener des Gefängnisses hinaus, um zu erfahren, wie es auf dem Platze stehe. Er erhielt besonders den Auftrag, er solle, ohne Verdacht zu erregen, nach einem Karmeliter vom Orden der Barfüßermönche suchen. Bald kam er mit der Nachricht zurück, daß die Fischer aus dem Hofe des Palastes gewichen und zur Kathedrale gezogen seien mit der Leiche des Fischers, der am vorigen Tage in der Regatta so unerwartet den Preis davongetragen hatte.

»Betet Eure Aves ab und geht zu Bett, schöne Gelsomina«, schloß der Untergefangenenwärter, »denn die Fischer haben aufgehört zu schreien, um nunmehr zu beten. Die Schufte sind so unverschämt, als ob San Marco ihr Eigentum wäre! Die edeln Patrizier sollten sie Anstand lehren und jeden zehnten von den Schurken auf die Galeeren schicken. Hunde! Die Ruhe einer ordentlichen Stadt mit ihren gemeinen Beschwerden zu stören!«

»Aber du sagst nichts von dem Mönche, ist er bei den Aufrührern?«

»Es ist ein Karmeliter am Altare – aber mein Blut kochte, als ich solche Vagabunden achtbaren Leuten die Ruhe stören sah, und ich hab wenig auf sein Gesicht und sein Alter achtgegeben.«

»Dann hast du die Hauptsache versäumt, um derentwillen ich dich geschickt habe. Es ist jetzt zu spät, den Fehler wieder gutzumachen. Du kannst wieder an dein Geschäft gehen.«

»Bitte tausendmal um Verzeihung, schönste Gelsomina, aber ein Mann im Amte muß unwillig werden, wenn er seine Rechte angetastet sieht. Schickt mich nach Korfu oder nach Kandia, wenn’s Euch beliebt, und ich will die Farbe von jedem Stein in ihren Gefängnissen mitbringen, aber schickt mich nicht unter die Rebellen. Mir schwillt die Kehle, wenn ich Schufte sehe!«

Da sich des Hauswarts Tochter entfernte, während ihres Vaters Gehilfe diese Beteuerung seiner Loyalität ergehen ließ, so sah sich der letztere genötigt, dem Rest seines Unwillens in einem Selbstgespräch Luft zu machen.

Gelsomina kehrte indessen bald zu ihren Gästen mit beruhigenden Nachrichten zurück. Der Tumult im Hofe des Palastes und das Ausrücken der Dalmatier hatten alle Augen genugsam beschäftigt, und wenn auch einige neugierige Gaffer die Damen in das Gefängnis hätten eintreten sehen, so war dieser Umstand doch so natürlich, daß es keinem einfallen konnte, daß Frauen von so hohem Rang dort auch nur einen Augenblick länger bleiben würden, als nötig wäre. Ihre Sicherheit ward dadurch noch größer, daß auch die wenigen Gefängniswärter nicht zugegen gewesen, indem sie sich um die offenen Teile des Hauses überhaupt nicht sonderlich bekümmerten und außerdem jetzt durch die Neugier hinausgelockt waren. Das anspruchslose Zimmer, in dem sich die Damen eben befanden, war ausschließlich für den Gebrauch ihrer Beschützerin bestimmt, und eine Störung kaum möglich, solange der Senat noch nicht Zeit noch Macht zur Anwendung jener furchtbaren Mittel wiedererlangt hatte, die alles Verborgene aufspürten.

Mit dieser Erklärung waren Donna Violetta und ihre Begleiterin sehr zufrieden. Sie gewannen Muße, Mittel zu ihrer Flucht zu ersinnen, und die erstere glühte von Hoffnung, sich bald ihrem Camillo wiedergegeben zu sehen. Doch war der Umstand noch böse, daß sie den letzteren auf keine Weise von ihrer Lage in Kenntnis setzen konnten. Als der Tumult aufhörte, beschlossen sie, ein Boot zu suchen und in solcher Verkleidung, als Gelsomina herbeischaffen könnte, nach seinem Palaste zu rudern. Indes überlegte Donna Florinde, daß dieser Schritt zu gefährlich sei, weil der Neapolitaner, wie bekannt, von der geheimen Polizei beobachtet wurde. Der Zufall, der zur Bekämpfung verwickelter Verhältnisse oft wirksamer ist als die List, hatte sie an einen Ort geführt, der für den Augenblick Sicherheit gewährte, und diese vorteilhafte Stellung hätten sie eingebüßt, wenn sie sich ohne die allergrößte Vorsicht allen auf den öffentlichen Kanälen möglichen Gefahren preisgegeben hätten.

Endlich fiel es der Gouvernante ein, die Dienste in Erwägung zu ziehen, die ihnen das niedliche Mädchen leisten konnte, das schon so viel Teilnahme für ihr Schicksal bewiesen hatte. Während der Geständnisse ihres Zöglings hatte Donna Florinde die geheimen Triebfedern wohl bemerkt, die die Gefühle der unerfahrenen Zuhörerin in Bewegung setzten. Gelsomina hatte mit atemloser Bewunderung gehört, wie sich Don Camillo in den Kanal geworfen, um Violettas Leben zu retten. Alle ihre Gedanken malten sich in ihren Zügen, als die junge Tiepolo von den Gefahren sprach, die er bestanden hätte, um ihre Liebe zu gewinnen. Weiblichkeit blickte aus jedem Zuge ihres sanften Gesichts, während die junge Braut das engere Band erwähnte, das sie jetzt vereinigt hielte, ein Band, viel zu heilig, als daß es die Politik des Senats zerreißen dürfte.

»Wenn wir Mittel hätten, Don Camillo von unserer Lage zu unterrichten«, sagte die Gouvernante, »so könnte noch alles gut gehen. Sonst aber wird uns dieser so glücklich gefundene Zufluchtsort nichts helfen.«

»Ist die Kühnheit des Kavaliers denn so gewaltig, daß er gar nicht vor denen droben zittert?« fragte Gelsomina.

»Er würde seine Getreuen aufbieten, und ehe der Tag anbricht, könnten wir außer dem Bereich ihrer Macht sein. Diese schlauen Senatoren wollen mit den Gelübden meines Zöglings umspringen, als wären es kindische Schwüre.«

»Aber das Sakrament der Ehe ist nichts Menschliches. Davor werden sie wenigstens Achtung haben.«

»Glaube das nicht. Keine Verpflichtung ist so heilig, daß sie Achtung davor haben sollten, wenn ihre Politik auf dem Spiele steht.«

»Kann es etwas Wichtigeres geben, Signora, als die Ehe?«

»Sie ist auch für sie wichtig als das Mittel, ihre Auszeichnungen und ihre stolzen Namen fortzupflanzen. Sonst aber kümmern sich die Räte nicht viel um häusliche Angelegenheiten.«

»Sind sie doch Väter und Gatten!«

»O ja, weil sie, um mit Recht das erstere sein zu können, zuvor das letztere werden müssen. Die Ehe ist für sie nicht ein Band heiliger und teurer Verwandtschaft, sondern ein Mittel, ihre Reichtümer zu vermehren und ihren Namen zu erhalten.«

So sagte die Gouvernante und beobachtete die Wirkung ihrer Rede auf dem Gesicht des unverstellten Mädchens. »Heiraten aus Liebe nennen sie Kinderspiel und handeln mit den Neigungen ihrer eigenen Töchter wie mit ihren Waren.«

»Ich wünschte wohl, daß ich für Donna Violetta etwas tun könnte.«

»Du bist zu jung, gute Gelsomina, und wie ich fürchte, nicht bekannt genug mit venezianischer Verschlagenheit.«

»Deswegen seid unbesorgt, Signora, ich kann in einer guten Sache so gut als ein anderer meine Schuldigkeit tun.«

»Wenn es möglich wäre, Don Camillo Monforte von unserer Lage zu unterrichten – aber du hast nicht Erfahrung genug, uns diesen Dienst zu leisten.«

»Glaubt das nicht, Signora«, fiel Gelsomina ein, deren Stolz nun als eine neue Triebfeder hinzukam zu dem natürlichen Mitgefühl für eine Frau, die fast in einem Alter mit ihr und derselben Leidenschaft, die ein weibliches Herz groß macht, unterworfen. »Ich kann wohl fähiger dazu sein, als mein Äußeres sollte denken lassen.«

»Ich will dir vertrauen, gutes Kind, und wenn uns die Heilige Jungfrau beschützt, so soll dein Glück nicht vergessen werden.«

Die fromme Gelsomina bekreuzigte sich. Darauf unterrichtete sie ihre Gefährtinnen von ihrer Absicht und ging hinein, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, während Donna Florinde ein Zettelchen schrieb in so vorsichtigen Ausdrücken, daß es bei einem schlimmen Ausgange nicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, aber doch hinreichte, um dem Herzog von Sant‘ Agata über ihre gegenwärtige Lage einen Wink zu geben.

In wenigen Minuten kam des Hauswarts Tochter zurück. Ihr gewöhnlicher Anzug, die Tracht einer sittsamen Venezianerin aus dem niederen Stande, machte keine Verkleidung nötig, ihre Züge verdeckte die Maske, ein Stück der Kleidung, das jedermann in dieser Stadt besaß. Donna Florinde gab ihr nun den Zettel, bezeichnete die Straße und den Palast, den sie aufzusuchen hatte, sowie die Person des Herzogs von Agata, empfahl ihr nochmals die größte Vorsicht und entließ sie.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wir bemerkten schon, daß Gelsomina gewisse wichtige Schlüssel des Gefängnisses in Verwahrung hatte. Ihr dies Vertrauen zu schenken, fühlten sich die verschmitzten Wärter des Gefängnisses bewogen durch Hoffnung, daß sie arglos ihren Befehlen gehorchen würde, ohne zu vermuten, daß sie, dem Drange eines edeln Herzens nachgebend, diese in einer jener Hoffnung gefährlichen Weise gebrauchen könnte. Der Dienst aber, den die Schlüssel jetzt leisten sollten, bewies, daß die Schließer selbst, und unter diesen ihr Vater, nicht genügend wußten, wieviel Unschuld und Einfalt vermögen.

Gelsomina versah sich mit den erforderlichen Schlüsseln, nahm eine Lampe und stieg vom Zwischenstock, wo sie wohnte, nach dem ersten Stockwerke des Gebäudes hinauf, statt nach dem Hofe hinunterzugehen. Tür auf Tür öffnete sich, und manchen düstern Gang durchmaß das schuldlose Mädchen mit der Sicherheit dessen, der ein gutes Werk vorhat. Bald schritt sie über die Seufzerbrücke, ohne auf diesem unbesuchten Gange eine Störung zu befürchten, und ging in den Palast. Hier erreichte sie eine Tür, die nach den öffentlichen Ausgängen des Gebäudes führte. In der Sorge, ihre Tat der Entdeckung zu entziehen, löschte sie ihr Licht aus und drehte den Schlüssel. Im nächsten Augenblick befand sie sich auf der großen dunkeln Treppe. Schnell stieg sie hinunter und gelangte zu der bedeckten Galerie, die den Hof umgab. Wenige Schritte von ihr stand eine Schildwache. Der Soldat sah das ihm unbekannte Mädchen neugierig an, da ihm aber nicht oblag, die auszufragen, die das Gebäude verließen, so sprach er kein Wort, und Gelsomina ging weiter. Da warf eben, halb zögernd, ein rachsüchtiges Wesen eine Anklage in den Löwenrachen. Unwillkürlich blieb Gelsomina stehen, bis sich der geheime Ankläger nach seinem verräterischen Werke entfernte. Als sie ihren Weg nun fortsetzen wollte, sah sie, daß der Hellebardier oben auf der Riesentreppe über ihre Verwunderung lächelte, wie einer, der an solche Szenen gewöhnt ist.

»Ist es gefährlich, den Palast zu verlassen?« fragte sie den rauhen Bergbewohner.

»Corpo di Bacco! Vor einer Stunde mocht es so sein, schönes Mädchen, aber den Aufwieglern ist nun das Maul gestopft, und jetzt sind sie beim Gebet.«

Gelsomina zögerte nicht länger. Sie stieg die Treppe hinab und stand bald unter dem Torbogen. Hier zauderte das schüchterne und unerfahrene Mädchen wieder, denn sie wagte nicht, auf den Platz hinauszugehen, ohne sich vorher zu überzeugen, daß dort alles vollkommen ruhig sei.

Gelsomina fand beide Plätze großenteils mit Menschen angefüllt. Einige aufgeregte Fischer umdrängten die Türen der Kathedrale, aber diesseits der Kirche war kein Grund zu Besorgnis vorhanden. Wie wenig auch an solch ein Schauspiel gewöhnt, so begriff das sanfte Mädchen doch auf den ersten Blick, daß ihr gerade die Menschenmenge Unbemerktheit gewähren würde. Sie zog ihren einfachen Mantel dichter um ihre Gestalt, befestigte ihre Maske sorgfältiger und ging mit schnellem Schritt mitten in die Piazza hinein.

Jung, behende und von ihrem Zweck befeuert, hatte sie die Piazza bald hinter sich und erreichte den Platz San Nicolo, wo eine Landestelle der öffentlichen Gondeln war. Es war aber in diesem Augenblicke kein Fahrzeug da, weil Neugier oder Furcht die Gondolieri bewogen hatte, ihren Standort zu verlassen. Das Mädchen bestieg daher die Brücke und stand eben auf der Höhe des Bogens, als ein Gondoliere von der Seite des Canale Grande gemächlich daherruderte. Ihr zögerndes, unschlüssiges Benehmen fesselte seine Aufmerksamkeit, und er machte das gewöhnliche Zeichen zur Erbietung seiner Dienste. Da sie fast fremd war in den Straßen Venedigs – wahren Labyrinthen, dem Ungeübten schwieriger zu entwirren als in irgendeiner andern Stadt derselben Größe –, so ging sie auf das Anerbieten freudig ein. Die Stufen hinabsteigen, in das Boot springen, das Wort »Rialto« aussprechen und sich im Zelte verbergen, waren das Werk eines Augenblicks. Das Boot war sogleich in Bewegung.

Gelsomina durfte nun ihres Erfolges ziemlich gewiß sein, denn von der Kenntnis und den Plänen eines gewöhnlichen Bootsmannes konnte sie wenig zu fürchten haben. Auch konnte er ihr Vorhaben nicht ahnen, und es war sein Vorteil, sie sicher nach dem verlangten Orte zu bringen. Aber es lag ihr an dem glücklichen Ausgange so viel, daß sie ihn nicht für gewiß halten konnte, ehe nicht alles getan war. Sie sammelte indes ihre Entschlossenheit wieder so weit, daß sie hinausschaute auf die Paläste und Fahrzeuge, an denen sie vorbeifuhr; da fühlte sie die erfrischende Luft des Kanals ihren Mut beleben. Nun wandte sie sich, um das Gesicht ihres Gondoliere zu betrachten, und bemerkte, daß seine Züge durch eine so schlau verfertigte Maske verborgen waren, daß sie ein zufälliger Beobachter beim Mondlicht nicht zu erkennen vermochte.

Obschon es üblich war, daß sich die Schiffsleute der Vornehmen gelegentlich maskierten, so war dies doch bei einem öffentlichen Gondoliere etwas ganz Ungewöhnliches. Dieser Umstand an sich konnte wohl eine leichte Besorgnis erregen, aber Gelsomina fand bei weiterer Überlegung nichts darin, als daß der Mann vielleicht eben von einer Ergötzlichkeit zurückgekommen war oder von einer Serenade, bei der die Vorsicht des Liebhabers seine Begleiter genötigt hatte, sich so zu verbergen.

»Wollt Ihr auf dem öffentlichen Kai landen, Signora«, fragte der Gondoliere, »oder soll ich Euch nach der Tür Eures Palastes fahren?«

Gelsominas Herz schlug hoch. Der Ton der Stimme, obgleich durch die Maske gedämpft, gefiel ihr. Aber nicht gewohnt, anderer Angelegenheiten, am wenigsten so wichtige, zu besorgen, erzitterte sie vor der Rede, als wäre sie nicht in so gutem Werk begriffen.

»Kennst du den Palast eines gewissen Don Camillo Monforte, eines Adeligen aus Kalabrien, der hier in Venedig wohnt?« fragte sie nach einer augenblicklichen Pause. Der Gondoliere wurde merklich überrascht durch diese Frage.

»Soll ich Euch dorthin rudern, Signora?«

»Wenn du gewiß bist, den Palast zu kennen.«

Rasch drehte er die Gondel, und schnell glitt sie zwischen hohen Mauern hin. Gelsomina merkte an dem Schall, daß sie sich in einem der engen Kanäle befand, und schloß daraus, daß der Gondoliere wohl bewandert in der Stadt sein müsse. Bald hielten sie dicht vor einem Wassertore an, und der Mann erschien auf der Treppe, seinen Arm darreichend, um ihr beim Aussteigen zu helfen, wie Leute seines Gewerbes pflegen. Gelsomina hieß ihn ihre Rückkehr erwarten und ging hinein.

Es war eine merkliche Verwirrung in Don Camillos Haushalt, die einer erfahreneren Beobachterin gewiß aufgefallen wäre. Die Diener verrieten selbst bei Verrichtung der allergewöhnlichsten Geschäfte Ungewißheit, ihre Blicke wanderten mißtrauisch von einem zum andern, und als die schüchterne Fremde in den Hausflur trat, sprangen alle auf, keiner aber kam ihr entgegen. Ein maskiertes Frauenzimmer war kein ungewöhnlicher Anblick in Venedig, da wenige dieses Geschlechts die Kanäle besuchten, ohne ihre Züge zu verhüllen. Aus dem unentschlossenen Benehmen der Diener Don Camillos ging jedoch hervor, daß der Eintritt eines Mädchens diesmal auffiel.

»Bin ich in der Wohnung des Herzogs von Sant‘ Agata aus Kalabrien?« fragte Gelsomina, die hier einsah, wie nötig es sei, Festigkeit zu zeigen.

»Signora, ja!«

»Ist Euer Herr im Palast?«

»Signora, ja – und auch nein! Welch schöne Dame soll ich ihm melden, die ihm die Ehre erweist?«

»Wenn er nicht zu Hause ist, so ist es unnötig, ihm irgend etwas zu melden. Ist er aber da, so wünsche ich ihn zu sprechen.«

Die Diener, deren mehrere zugegen waren, steckten die Köpfe zusammen und schienen sich zu streiten, ob es ratsam sei, den Besuch anzunehmen. In diesem Augenblick trat ein Gondoliere in geblümter Jacke in den Hausflur. Gelsomina faßte Mut, als sie sein gutmütiges Auge und sein offenes Benehmen sah.

»Dient Ihr dem Don Camillo Monforte?« fragte sie, als er dem Kanal zu an ihr vorbeiging.

»Mit dem Ruder, schönste Donna«, erwiderte Gino, nach der Mütze greifend, aber sich kaum nach ihr umsehend.

»Kann man ihm nicht melden, daß ein Mädchen angelegentlich wünscht, ihn allein zu sprechen?«

»Ein Mädchen! Santa Maria! Schöne Donna, die Frauen, die in solchen Geschäften kommen, nehmen kein Ende in Venedig. Ihr könntet eher der Statue des heiligen Theodor auf der Piazza einen Besuch machen, als gegenwärtig meinen Herrn sehen. Der Stein würde Euch besser aufnehmen.«

»Heißt er Euch allen meines Geschlechts, die da kommen, solche Antwort geben?«

»Diavolo! Signora, Ihr versteht das Ausfragen. Vielleicht möchte mein Herr eine Euers Geschlechts, die ich nennen könnte, nötigenfalls empfangen, aber auf Gondoliersehre! Er ist in diesem Augenblick eben nicht der galanteste Kavalier in Venedig.«

»Wenn er einer diesen Vorzug geben würde – so seid Ihr sehr kühn für einen Diener: Wie wißt Ihr denn, daß ich nicht diese eine bin?«

Gino stutzte. Er betrachtete die Gestalt der Redenden und verbeugte sich, indem er seine Mütze zog.

»Signora, ich weiß gar nichts von der Sache«, sagte er, »Ihr möget Seine Hoheit der Doge sein oder der Gesandte des Kaisers. Ich maße mir seit kurzem nicht mehr an, irgend etwas zu wissen in Venedig.«

Ginos Worte wurden durch den öffentlichen Gondoliere unterbrochen, der hastig eingetreten war und ihm auf die Schulter klopfte. Dann flüsterte er dem Diener Don Camillos ins Ohr: »Dies ist nicht der Augenblick, jemand abzuweisen. Laß die Fremde hinauf!«

Gino zögerte nicht länger. Mit der Entschiedenheit eines Lieblingsdieners drängte er den Kammerdiener beiseite und erbot sich, Gelsomina selber zu seinem Herrn zu führen. Als sie hinaufgingen, entfernten sich drei von den untern Bedienten.

Don Camillos Palast hatte einen Anstrich von mehr als venezianischer Düsterkeit. Die Zimmer waren spärlich erleuchtet, viele Wände waren ihrer kostbarsten Gemälde beraubt, und auch in anderer Beziehung konnte ein aufmerksames Auge Spuren von der Absicht des Eigentümers, hier nicht für immer wohnen zu bleiben, wahrnehmen. Diese Umstände bemerkte aber Gelsomina nicht, als sie dem Gondoliere durch die Gemächer bis in die innern Teile des Hauses folgte. Hier schloß der Gondoliere eine Tür auf und nötigte sie durch ein Zeichen einzutreten.

»Mein Gebieter«, sagte er, »empfängt Damen gewöhnlich hier. Belieben Exzellenz einzutreten, während ich gehe, ihm sein Glück zu melden.«

Gelsomina tat entschlossen, obgleich es ihr gewaltig auf das Herz fiel, als sie hinter sich den Schlüssel im Schlosse drehen hörte. Sie befand sich in einem Vorzimmer, und da das Licht, das durch die Tür eines anstoßenden Gemaches fiel, sie schließen ließ, daß sie weitergehen sollte, so trat sie hinein. Hier sah sie sich plötzlich einem andern Mädchen gegenüber.

»Annina!« rief das unerfahrene Mädchen vom Gefängnisse im ersten Erstaunen.

»Gelsomina! Ei, die stille, scheue, sittsame Gelsomina!« entgegnete die andere.

Anninas Worte ließen nur eine Auslegung zu. Gelsomina nahm die Maske ab, denn teils gekränktes Gefühl, teils Erstaunen drohten sie des Atems zu berauben.

»Du hier?« fügte sie hinzu, kaum wissend, was sie sagte.

»Du hier?« nahm Annina dasselbe Wort auf, mit dem Gelächter der Gefangenen, wenn sie die Unschuld zu ihrer eigenen Niedrigkeit herabgesunken glauben.

»Was mich betrifft, so führte mich Mitleid hierher.«

»Santa Maria! Da haben wir ja beide gleichen Zweck!«

»Annina! Ich weiß nicht, was du sagen willst! Ist denn dies der Palast Don Camillo Monfortes – eines edeln Neapolitaners, der auf einen Sitz im Senat Anspruch macht?«

»Der galanteste, hübscheste, reichste und unbeständigste Kavalier in Venedig. Wärst du schon tausendmal hier gewesen, du könntest nicht besser unterrichtet sein.«

Gelsomina hörte schaudernd diese Worte. Ihre schlaue Cousine, die ihren Charakter so vollkommen kannte, als nur immer das Laster die Unschuld kennen kann, beobachtete ihre farblosen Wangen und ihre sich zusammenziehenden Augen mit geheimem Triumphe. Im ersten Augenblick hatte sie alles, was sie zu verstehen gab, wirklich geglaubt, aber eine zweite Erwägung und der Anblick der sichtlichen Angst, in die das erschreckte Mädchen gestürzt war, gaben ihrem Argwohn eine neue Richtung.

»Aber ich sage dir ja nichts Neues«, fuhr sie schnell fort. »Es tut mir nur leid, daß du mich findest, wo du ohne Zweifel den Herzog von Sant‘ Agata selber anzutreffen erwartetest.«

»Annina! Das von dir!«

»Du kamst doch gewiß nicht nach seinem Palaste, um deine Cousine aufzusuchen!«

Gelsomina war mit dem Kummer lange vertraut gewesen, hatte aber nie bis diesen Augenblick die tiefe Demütigung der Schande gefühlt, Tränen brachen aus ihren Augen, und unfähig, sich aufrecht zu halten, sank sie in einen Sessel.

»Ich wollte dich nicht so unerträglich kränken«, setzte die schlaue Tochter des Weinhändlers hinzu. »Aber daß wir uns beide in dem Kabinett des galantesten Kavaliers von Venedig befinden, ist doch außer allem Zweifel.«

»Ich habe dir gesagt, daß Mitleid mit einem andern mich hierhergeführt hat.«

»Nu ja, Mitleid mit Don Camillo.«

»Mit einer edeln Dame – einer jungen, tugendhaften, schönen Frau – einer Tochter des Hauses Tiepolo – bedenke, Annina, des Hauses Tiepolo!«

»Wie sollte eine Tiepolo zu den Diensten eines Mädchens aus dem Staatsgefängnisse kommen?«

»Doch! Weil die droben ungerecht gewesen sind. Die Fischer haben einen Tumult gemacht, und die Dame mit ihrer Gouvernante sind durch die Aufwiegler befreit worden – und Seine Hoheit hat mit ihnen im großen Hofe gesprochen – und auf dem Kai waren die Dalmatier – und da konnte auch das Gefängnis Damen ihres Standes in so großer Not zum Zufluchtsort dienen – und die heilige Kirche selbst hat ihre Liebe gesegnet –«

Gelsomina konnte nicht weiterreden: Atemlos durch den Eifer, sich zu rechtfertigen, und bis in die Seele verwundet durch die seltsame Verlegenheit, in die sie geraten war, schluchzte sie laut. So unzusammenhängend ihre Rede auch gewesen war, so hatte sie doch genug gesagt, um Annina die Sache unzweifelhaft zu machen. Und diese begriff sogleich nicht nur den Auftrag ihrer Cousine, sondern auch die ganze Lage der Flüchtigen.

»Und du schenkst diesem Märchen Glauben, Gelsomina?« sagte sie, sich stellend, als ob sie ihrer Cousine Leichtgläubigkeit bedauerte. »Die den St.-Markus-Platz besuchen, wissen recht gut, wes Geistes Kinder deine Tiepolo und ihre Gouvernante sind.«

»Hättest du nur die Schönheit und Unschuld der Dame gesehen, Annina, du würdest nicht so reden.«

»Gelobter San Teodoro! Was ist schöner als das Laster! Es ist das wohlfeilste Kunststück des Teufels, um schwache Sünder zu betrügen. Wenn dir dein Beichtvater das noch nicht gesagt hat, Gelsomina, so nimmt er es eben nicht so genau mit guten Sitten als der meinige.«

»Aber weshalb sollte sich eine Frau von solcher Lebensart in das Gefängnis flüchten?«

»Gewiß hatten sie alle Ursache, sich vor den Dalmatiern zu fürchten. Aber ich kann dir noch mehr von denen sagen, die du aufgenommen hast zur größten Gefahr deines eigenen Rufes. Es gibt Weiber in Venedig, die ihr Geschlecht auf verschiedene Weise verunehren, und diese, hauptsächlich die sogenannte Florinde, sind berüchtigt wegen ihres Geschäfts, den Staat um seine Einkünfte zu bringen. Sie hat von dem Neapolitaner ein Geschenk an Weinen bekommen, die auf seinen kalabrischen Bergen wachsen, und da sie meine Ehrlichkeit zu verführen wünschte, so bot sie mir das Getränk an und bildete sich ein, daß eine Person wie ich ihre Pflicht vergessen und den Staat betrügen würde.«

»Das läßt sich schwer glauben, Annina.«

Weshalb sollte ich dich täuschen? Sind wir nicht Schwesterkinder, und obschon mich meine Geschäfte auf dem Lido deiner Gesellschaft viel entziehen, herrscht nicht natürliche Liebe zwischen uns? Ich führte Klage bei der Obrigkeit, auf die Weine ward Beschlag gelegt, und die angeblich adeligen Damen mußten sich eben heute verstecken. Man glaubt, sie wollen mit ihrem liederlichen Neapolitaner aus der Stadt fliehen. Genötigt, Zuflucht zu suchen, haben sie dich abgeschickt, ihm ihr Versteck anzuzeigen, damit er ihnen zu Hilfe kommen möge.«

»Und weshalb bist du hier, Annina?«

»Ich wundere mich, daß du das nicht eher gefragt hast. Gino, Don Camillos Gondoliere, hat mir lange vergeblich die Cour gemacht, und als sich diese Florinde beschwerte, daß ich, was doch jedes ehrliche Mädchen in Venedig tun müßte, ihren Betrug bei Gericht angezeigt hätte, riet er seinem Herrn, mich ergreifen zu lassen, teils aus Rache, teils in der eiteln Hoffnung, ich würde mich bewegen lassen, meine Klage zurückzunehmen. Du hast wohl schon gehört von der verwegenen Gewalttätigkeit dieser Kavaliere, wenn man ihrem Willen entgegenhandelt?«

Annina erzählte hierauf mit hinlänglicher Genauigkeit die Umstände ihrer Gefangennahme, nur das verheimlichend, was sie nicht sagen durfte, ohne sich zu verraten.

»Aber, Annina, es gibt doch eine Erbin von Tiepolo.«

»So gewiß, als es Cousinen gibt, wie wir sind. Santa Madre di Dio! Daß diese verräterischen, frechen Weiber auf solche Unschuld stoßen mußten, wie du bist! Sie hätten nur in meine Hände kommen sollen, denn obgleich ich für ihre List auch zu unwissend bin, so kenn ich doch schon ihren wahren Charakter.«

»Sie haben auch von dir gesprochen, Annina.«

Des Weinhändlers Tochter schoß einen Blick auf ihre Cousine wie die tückische Schlange auf einen Vogel. Aber sie verlor ihre Besonnenheit nicht und sagte: »Gewiß nicht zu meinen Gunsten. Es sollte mir leid tun, wenn solche Personen mich lobten!«

»Sie sind deine Freundinnen eben nicht, Annina.«

»Sie haben dir vielleicht gesagt, Kind, daß ich im Sold des Senats stände!«

»Das haben sie in der Tat.«

»Es wundert mich nicht. Dies unehrliche Gesindel kann sich nicht einbilden, daß man etwas bloß wegen des Gewissens tun könne. Aber da kommt der Neapolitaner. – Sieh nur den Liederjan an, Gelsomina, und du wirst ihn so sehr als ich verabscheuen.«

Die Tür ging auf, und Don Camillo Monforte trat ein. Es war ein Mißtrauen in seinem Benehmen, das schließen ließ, daß er eine List von Seiten des Rates der Dreimänner vermutete. Gelsomina erhob sich, und obgleich durch die Erzählung ihrer Cousine und die vorangehenden Eindrücke aufgeregt, stand sie doch während seines Herannahens da wie ein anmutiges Bild der Sittsamkeit. Der Neapolitaner ward von ihrer Schönheit und von ihrem einfachen Wesen sichtlich ergriffen, aber seine Stirn war gerunzelt wie die eines Mannes, der sein Inneres gegen alle Täuschung stählen will.

»Du wolltest mich sprechen?« fragte er.

»Ich hatte diesen Wunsch, edler Herr, aber – Annina –«

»Da du eine andere siehst, hast du deine Absicht geändert.«

»Ja, Signore.«

Don Camillo sah sie ernstlich und mit Bedauern an.

»Du bist jung für deinen Stand – hier ist Gold. Geh, wie du gekommen bist. Aber halt – kennst du diese Annina?«

»Sie ist meiner Mutter Schwestertochter, edler Duca!«

»Per Diana, eine würdige Verwandtschaft. Geht miteinander, denn ich bedarf keiner von beiden. Aber höre!« Hierbei faßte er Annina beim Arme und führte sie beiseite, wo er mit leiser, aber drohender Stimme fortfuhr: »Du siehst, daß ich mich so gut wie dein Senat furchtbar machen kann. Nicht über die Schwelle deines Vaters kannst du gehen, ohne daß ich es erfahre. Wenn du klug bist, so wirst du deine Zunge im Zaum halten. Tu, was du willst, ich fürchte dich nicht. Aber nimm dich in acht, wenn du klug bist.«

Annina machte eine tiefe Verbeugung, gleichsam die Weisheit seiner Mahnung anerkennend, nahm ihre halb bewußtlose Cousine beim Arm, verneigte sich abermals und eilte aus dem Zimmer. Da, wie die Diener wußten, ihr Herr in seinem Kabinett gewesen war, hielten sie es für unnötig, sich der Flucht der Damen zu widersetzen. Gelsomina, die noch ungeduldiger war als ihre verschmitzte Gefährtin, einem Orte zu entgehen, den sie für befleckend hielt, war fast ohne Atem, als sie die Gondel erreichte. Ihr Besitzer wartete auf der Treppe, und in einem Augenblicke entschwebte das Boot dem Hause, das beide Frauen, obgleich aus ganz verschiedenen Gründen, froh waren, verlassen zu dürfen.

Gelsomina hatte ihre Maske in der Eile vergessen, und die Gondel war nicht so bald im Canale Grande, als sie sich dem Fenster des Pavillons näherte, um ihr glühendes Antlitz in der frischen Abendluft zu kühlen. Da ward ihre Stirn von einem Finger berührt, und als sie sich wendete, bemerkte sie, daß der Gondoliere ihr ein Zeichen machte, vorsichtig zu sein. Dann lüftete er seine Maske ein wenig.

»Carlo!« wäre beinahe ihren Lippen entfahren. Aber ein zweites Zeichen verhinderte den Ausruf. Gelsomina zog ihren Kopf zurück, und sobald ihr klopfendes Herz zu pochen nachließ, senkte sie ihr Gesicht und flüsterte ein Dankgebet, daß sie sich in solchem Augenblick im Schutz eines Mannes fand, der ihr ganzes Vertrauen besaß.

Der Gondoliere fragte nicht, wohin er seine Fahrt richten solle. Das Boot lief dem Hafen zu, und beiden Frauen schien dies ganz natürlich. Annina vermutete nämlich, daß es zum Platze zurückkehre, wohin sie sich auch begeben hätte, wenn sie allein gewesen wäre, und Gelsomina, die ihren Carlo für einen Gondoliere vom Handwerk hielt, bildete sich demgemäß ein, daß er sie nach ihrer Wohnung zurückbringe.

Aber wenn der Unschuldige auch die Verachtung der Welt ertragen kann, so ist es viel härter für ihn, sich denen, die er liebt, verdächtig zu wissen, und es drängte sie, ihm alles zu erzählen. Unter dem Vorwande, daß sie frische Luft schöpfen wolle, ließ sie ihre Cousine allein unter dem Zelte, und Annina bedauerte dies ganz und gar nicht, denn es tat ihr not, über alle die Windungen des krummen Weges nachzudenken, den sie eingeschlagen hatte.

Gelsomina kam glücklich an der Kajüte vorbei zur Seite des Gondoliere.

»Carlo«, sagte sie, da sie merkte, daß er stillschweigend weiterruderte.

»Gelsomina?«

»Du denkst doch nichts Arges von mir?«

»Ich kenne deine schändliche Cousine und kann mir denken, daß sie dich zu ihrem Spielzeug macht.«

»Kanntest du mich nicht, Carlo, als ich dich von der Brücke rief?«

»Nein. Jedes Geschäft war mir willkommen, um nur die Zeit hinzubringen.«

»Warum nennst du Annina schändlich?«

»Weil es in Venedig kein hinterlistigeres Herz und keine falschere Zunge gibt.«

Gelsomina dachte an Donna Florindes Warnung. Begünstigt durch die Blutsverwandtschaft und das Vertrauen, das der Unerfahrene immer in die Redlichkeit seiner Freunde setzt, bis ihn einmal der Schaden enttäuscht, hatte Annina ihre Cousine leicht überreden können, daß ihre Gäste nichts taugten. Jetzt aber hörte sie einen Mann, der ihre ganze Liebe besaß, Annina selbst beschuldigen. In solcher Ungewißheit tat das in Verwirrung gebrachte Mädchen, was die Natur und ihr Gefühl geboten. Sie erzählte leise und schnell die Vorfälle des Abends und Anninas Erdichtung von dem Betragen der Frauen, die sie im Gefängnisse zurückgelassen hatte.

Jacopo hörte so aufmerksam zu, daß sein Ruder im Wasser hinschleppte.

»Genug«, sagte er, als Gelsomina vollendet hatte. »Ich verstehe alles. Traue deiner Cousine nicht, denn der Senat selbst ist nicht arglistiger.«

Der vorgebliche Carlo sprach mit Vorsicht, aber mit fester Stimme. Gelsomina verstand ihn, obgleich sie seine Worte in Erstaunen setzten, und ging wieder hinein zu Annina. Die Gondel setzte ihren Lauf fort, als wäre nichts geschehen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Jacopo kannte die Schliche venezianischer Hinterlist genau. Er wußte, daß der Rat mit Hilfe seiner Agenten immerwährend die im Auge behielt, an denen ihm etwas gelegen war, und verließ sich deshalb nicht allzusehr auf die Vorteile, die ihm die Umstände in den Weg geführt zu haben schienen. Annina hatte er zwar in seiner Gewalt, aber eine Gebärde, eine Miene im Vorüberfahren bei den Toren des Gefängnisses, ein Schrei konnte einige von den tausend Spionen der Polizei in Bewegung bringen. Daher war das nächste und wichtigste Geschäft, Annina an irgendeinem sicheren Orte unterzubringen. Zum Palaste Don Camillos zurückzukehren hätte geheißen, den Mietlingen des Senats in die Falle zu laufen. Freilich hatte der Neapolitaner, sich auf seinen Rang und Einfluß stützend, diesen Schritt schon einmal getan; allein, damals lag weniger daran, das Mädchen festzuhalten, da alles, was sie wußte, ohnehin schon verraten war, jetzt aber verhielt sich die Sache anders, weil sie den Beamten zur Auffindung der Flüchtlinge zu verhelfen imstande war.

Die Gondel setzte ihre Fahrt fort. Ein Palast nach dem andern blieb zurück, und Annina warf sich ungeduldig in das Fenster, um zu sehen, wie weit man gekommen wäre. Da sich das Boot mitten unter den Schiffen im Hafen befand, vermehrte sich ihre Unruhe sichtlich. Unter einem ähnlichen Vorwand wie zuvor Gelsomina verließ die Tochter des Weinhändlers den Pavillon und stahl sich an die Seite des Gondoliere.

»Ich wünsche sogleich bei dem Wassertore vom Palaste des Dogen gelandet zu werden«, sagte sie und ließ eine Silbermünze in die Hand des Gondoliere gleiten.

»Ihr sollt bedient werden, bella Donna. – Aber – Diamine! Ich wundere mich, daß ein so kluges Mädchen die Schätze, die jene Feluke enthält, nicht wittert.«

»Meinst du den Sorrentiner?«

»Welch anderer Padrone bringt so blumenreichen Wein nach dem Lido! Sei nicht so ungeduldig zu landen, Tochter des ehrlichen alten Maso, und schließe mit dem Schiffer einen Handel, daß wir Leute von den Kanälen was zu schmecken bekommen.«

»Wie, du kennst mich also?«

»Die hübsche Weinhändlerin vom Lido. Corpo di Bacco! Du bist so bekannt bei uns Gondolieri wie der Wasserdamm.«

»Warum bist du maskiert? Solltest du Luigi sein? Unmöglich.«

»Es kommt wenig darauf an, ob ich Luigi, Enrico oder Giorgio heiße, ich bin dein Kunde, und mir ist das kleinste Härchen deiner Augenbrauen wert. Du weißt, Annina, daß die jungen Patrizier ihre Späße haben, und sie lassen uns Gondolieri schwören, daß wir uns verborgen halten wollen, bis die Gefahr der Entdeckung vorüber ist. Wenn mir ein unberufenes Auge nachblickte, so könnte ich am Ende darüber befragt werden, wie ich die Frühstunden zugebracht hätte.«

»Mich dünkt, dein Patrizier hätte besser getan, dir Gold zu geben und dich sogleich nach Hause zu schicken.«

»Damit man mir nachkäme bis an meine Türe? Nein, nein, wenn sich mein Boot unter tausend andere gemischt haben wird, dann wird es Zeit sein, mich zu demaskieren. Nun, willst du zur >Bella Sorrentina‹?«

»Es bedarf ja der Frage nicht, da du von selbst dahin fährst.«

Der Gondoliere lachte und nickte, als wollte er seiner Gefährtin zu verstehen geben, daß er ihre geheimen Wünsche kenne. Annina war noch im Überlegen, auf welche Weise sie ihn bewegen sollte, seine Absicht zu ändern, als die Gondel schon die Feluke berührte.

»Wir wollen hinaufgehen und mit dem Padrone reden«, flüsterte Jacopo.

»Es wird nichts helfen. Er hat keinen Wein.«

»Trau ihm nicht. – Ich kenne den Mann mit seinen Ausflüchten.«

»Aber du vergissest meine Cousine.«

»Sie ist ein unschuldiges Kind, ohne allen Argwohn.«

Jacopo hob Annina, während er sprach, auf das Verdeck des Sorrentiner Schiffes, halb galant und halb gewaltsam; darauf sprang er ihr nach. Ohne Zögern, ohne sie ihre Gedanken sammeln zu lassen, führte er sie zur Treppe der Kajüte, und sie stieg hinunter, verwundert über sein Benehmen, aber fest entschlossen, ihre geheimen Sünden gegen das Zollrecht nicht vor einem Fremden zu verraten.

Stefano Milano schlief auf dem Verdeck in einem Segel. Eine Berührung weckte ihn, und ein Zeichen gab ihm zu verstehen, daß der vermeintliche Roderigo vor ihm stände.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Signore«, sagte der Seemann gähnend. »Ist die Ladung da?«

»Nur zum Teil. Ich habe dir eine gewisse Annina Tosti gebracht, die Tochter des alten Tommaso Tosti, eines Weinhändlers auf dem Lido.«

»Santa madre! Hält es der Senat der Mühe wert, solch eine Person heimlich aus der Stadt zu schicken?«

»Ja – und zwar legt er auf ihre Aufbewahrung großen Wert. Ich habe sie hergebracht, ohne daß sie meine Absicht merkte, und hab mich eines Weingeschäfts zum Vorwand bedient, um sie hinunterzubringen in die Kajüte. Unserer früheren Verabredung gemäß wird es nun deine Sache sein, dich ihrer Person zu versichern.«

»Das ist leicht gemacht«, erwiderte Stefano, indem er hinging und die Kajütentür zumachte und verriegelte. »Sie ist nun allein mit dem Muttergottesbilde und hat die schönste Gelegenheit, ihre Aves zu beten.«

»Es ist gut, wenn du sie so festhalten kannst. Jetzt aber ist es Zeit, die Anker zu lichten und mit der Feluke die Reihen der übrigen Schiffe zu verlassen.«

»Signore, in fünf Minuten sind wir damit fertig.«

»So tu es in aller Eile, denn von der Erledigung dieses wichtigen Geschäfts hängt viel ab. Ich werde bald wieder bei dir sein. Höre, Meister Stefano, nimm die Gefangene in acht, denn dem Senat liegt viel daran, daß sie sicher verwahrt sei.«

Der Kalabrese machte ein Zeichen, wie Verschmitzte pflegen, wenn sie andeuten wollen, daß man sich auf ihre Schlauheit verlassen könne. Während der angebliche Roderigo wieder in seine Gondel stieg, weckte Stefano seine Leute, und als die Gondel in den Kanal San Marco einlief, fielen schon die Segel der Feluke, und das kalabrische Schiff mit seinem niedrigen Deck stahl sich längs der Reihe der Fahrzeuge in das offene Wasser.

Die Gondel legte schnell bei der Treppe des Wassertores des Palastes an. Gelsomina ging unter den Bogen, schlich die Riesentreppe hinauf, denselben Weg, auf dem sie den Palast verlassen hatte. Der Hellebardier, der Wache stand, war noch derselbe. Er sagte ihr eine Galanterie und ließ sie ungehindert hinein.

»Schnell, edle Damen, schnell!« schrie Gelsomina, in das Zimmer stürzend, in dem Violetta und ihre Gefährtin sie erwarteten. »Ich habe durch meine Schwäche Eure Freiheit in Gefahr gebracht, und es ist kein Augenblick zu verlieren. Folgt mir, solang es noch Zeit ist, und gönnt Euch nicht die Muße, ein Gebet zu flüstern.«

»Du bist eilig und atemlos«, erwiderte Donna Florinde, »hast du den Herzog von Sant‘ Agata gesprochen?«

»Fragt mich nicht, folgt mir nur, edle Damen.«

Gelsomina ergriff die Lampe, und mit einem Blick, der ihre Gäste aufforderte, stillschweigend zu folgen, führte sie diese in die Korridore. Man kam sicher aus dem Gefängnisse und über die Seufzerbrücke, denn Gelsomina hatte die Schlüssel noch, und die Gesellschaft eilte die große Treppe des Palastes hinab zur offenen Galerie. Man legte ihnen kein Hindernis in den Weg, und so gelangten sie in den Hof, indem sie für Frauen galten, die in Geschäften ausgehen.

Am Wassertore wartete Jacopo. In weniger als einer Minute kreuzte seine Gondel den Hafen, dem Laufe der Feluke folgend, deren weißes Segel im Mondlicht sichtbar war, bald im Winde schwellend, bald schlaff an die Stangen schlagend, wenn sie die Schiffer anzogen, um die Schnelligkeit der Fahrt ein wenig zu vermindern. Gelsomina beobachtete mit angestrengter Aufmerksamkeit den Flug des Bootes, dann ging sie über die Brücke des Kais und zur gewöhnlichen Türe in das Gefängnis zurück.

»Hast du auch des alten Maso Tochter in sicherer Verwahrung?« fragte Jacopo, als er das Verdeck der »Bella Sorrentina« wieder erreicht hatte.

»Sie ist wie Ballast, der hin und her fährt, bald auf einer Seite der Kajüte, bald auf der andern, aber Ihr seht, der Riegel ist noch vor.«

»Gut, hier ist wieder ein Teil der Fracht – du hast doch die gehörigen Pässe für die Wachtgaleere?«

»Alles in bester Ordnung, Signore. Wann hat Stefane Milano in einer dringenden Angelegenheit je etwas versäumt? Diamine! Laßt den Wind kommen, und wenn uns der Senat wieder zurück haben wollte, alle seine Sbirren sollte er umsonst hinterdrein schicken.«

»Trefflicher Stefano! Geh mit vollen Segeln, denn unsere Herren sind aufmerksam auf dein Tun und legen Wert auf die größte Eile.«

Während der Kalabrese gehorchte, half Jacopo den beiden Frauen aus der Gondel, und im Augenblick schwangen sich die schweren Segel wie im Fluge empor, und die Blasen, die an den Seiten der »Bella Sorrentina« aufblinkten, verrieten ihren schnellen Lauf.

»Du hast edle Damen zu Passagieren«, sagte Jacopo zu dem Padrone, als dieser von der Arbeit, sein Schiff in Gang zu bringen, verschnaufte. »Obgleich die Klugheit verlangt, daß sie für einige Zeit die Stadt verlassen, so wirst du dir doch Gunst erwerben, wenn du dich ihnen aufmerksam erweisest.«

»Laßt mich nur sorgen, Signore Roderigo, aber vergeßt nicht, daß ich noch keine Instruktion zur Fahrt habe. Eine Feluke ohne Kurs ist so schlimm daran wie eine Eule im Sonnenschein.«

»Das wird sich finden. Es wird ein Offizier der Republik an Bord kommen und das mit dir abmachen. Diese Damen, wünsche ich, sollen nicht erfahren, daß eine Person wie Annina ihre Reisegefährtin ist, solang sie noch in der Nähe des Hafens sind, sie möchten sich sonst über Geringschätzung beklagen. Du verstehst, Stefane?«

»Cospetto, bin ich ein Narr? Ein Stümper? Wenn ich’s bin, warum gebraucht mich der Senat? Sie hören hier nichts von der Dirne, und die mag bleiben, wo sie ist. Solange die edlen Damen die Nachtluft hier oben zu atmen wünschen, sollen sie von ihrer Gesellschaft nicht belästigt werden.«

»Sei unbesorgt. Die Landbewohner haben kein Verlangen nach dem Dunst deiner Kajüte. Hast du den Lido hinter dir, so erwarte meine Ankunft, Stefano. Wenn du mich vor ein Uhr nicht wiedersiehst, so segle nach dem Hafen von Ankona, wo du weitere Anweisung erhalten wirst.«

Stefano, der von dem angeblichen Roderigo oft seine Instruktionen bekommen hatte, nickte bereitwillig, und sie trennten sich. Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß die Flüchtlinge in Kenntnis gesetzt waren, wie sie sich zu benehmen hätten.

Jacopos Gondel war noch nie schneller geflogen als jetzt dem Lande zu. Bei der lebhaften Passage so vieler Fahrzeuge war die Bewegung eines einzelnen Bootes nicht leicht zu bemerken, und als er den Kai das Platzes erreichte, fand er, daß niemand auf seine Abfahrt und Ankunft geachtet habe. Dreist nahm er die Maske ab und landete. Es war beinahe die Zeit herangekommen, auf die er dem Don Camillo ein Rendezvous in der Piazza zugesagt hatte, und er ging langsam den kleineren Platz entlang nach dem Begegnungsorte.

Jacopo war, wie in einem früheren Kapitel erzählt worden, gewohnt, unweit der Granitsäulen in den ersten Stunden der Nacht auf und nieder zu gehen. Nach der allgemeinen Annahme wartete er auf Kundschaft in seinem blutigen Geschäft, so wie Leute von unschuldigerem Beruf auch ihren Stand an besuchteren Orten nehmen. Jeder, dem sein Ruf lieb war oder der den Schein vermeiden wollte, pflegte ihm, wenn er ihn dort sah, auszuweichen.

Der verfolgte und doch sonderbarerweise geduldete Bravo schritt auf seinem Wege langsam über die Felsen hin, denn er wollte nicht vor der verabredeten Zeit ankommen, als ihm ein Lakai ein Zettelchen in die Hand steckte und sich davonmachte, so schnell ihn die Beine tragen wollten. Wir haben schon früher gesehen, daß Jacopo nicht lesen konnte, denn man hielt Leute seines Standes damals geflissentlich in der Unwissenheit. Er wendete sich daher an den ersten Vorübergehenden, der ihm fähig schien, seinen Wunsch zu erfüllen, und bat diesen um die Gefälligkeit, die Schriftzüge ihm zu erklären.

Er hatte seine Bitte an einen ehrlichen Krämer aus einem entfernten Stadtviertel gerichtet. Der Mann nahm das Blatt und fing gutmütig an, den Inhalt zu lesen: »Ich bin abgerufen worden und kann dich nicht treffen, Jacopo!« Bei dem Namen Jacopo ließ der Handelsmann das Blatt fallen und entfloh.

Der Bravo ging langsam wieder zurück nach dem Kai, über den widerwärtigen Zufall nachsinnend, der seine Pläne durchkreuzte. Da ward sein Arm berührt, und als er sich umdrehte, stand eine Maske ihm gegenüber.

»Du bist Jacopo Frontoni?« fragte der Fremde.

»Der bin ich.«

»Deine Faust ist bereit, einem anderen getreulich zu dienen, nicht wahr?«

»Ich pflege Wort zu halten.«

»Gut, du wirst hundert Zechinen in diesem Beutel finden.«

»Wessen Leben verlangt Ihr für dies Gold?« fragte Jacopo mit gedämpfter Stimme.

»Don Camillo Monfortes.«

»Don Camillo Monforte?«

»Ja, kennst du den reichen Edelmann?«

»Ihr bezeichnet ihn so gut, Signore, er würde seinem Barbier ebensoviel für einen Aderlaß zahlen.«

»Führe deine Tat gut aus, so soll der Lohn verdoppelt werden.«

»Um sicher zu sein, muß ich Euren Namen wissen. Ich kenn Euch nicht, Signore.«

Der Fremde sah sich vorsichtig um, dann lüftete er die Maske ein wenig, und es zeigte sich das Gesicht Giacomo Gradenigos.

»Reicht diese Bürgschaft hin?«

»Ja, Signore. Wann soll die Tat geschehen?«

»In dieser Nacht, ja noch in dieser Stunde.«

»Soll ich einen Mann seines Standes in seinem Palaste mitten unter seinen Freunden treffen?«

»Tritt hierher, Jacopo, so sollst du mehr erfahren. Hast du eine Maske?«

Der Bravo bejahte.

»So umwölbe dein Gesicht, das nicht in der besten Gunst hier steht, und begib dich in dein Boot. Ich komme nach.«

Der junge Patrizier, dessen Gestalt durch seinen Anzug unkenntlich gemacht war, verließ seinen Gefährten mit der Absicht, ihn wieder zu treffen, wo seine Person nicht geahnt werden könnte. Jacopo trieb sein Boot aus dem Gewirr des Kais hinaus in den Raum zwischen den Schiffsreihen, dann ruderte er nicht weiter, darauf rechnend, daß man ihn beobachte und ihm folgen werde. Er schloß richtig, denn in wenigen Augenblicken flog eine Gondel dicht an die Seite der seinigen, und zwei Masken stiegen aus dem fremden Boot in das des Bravo, ohne zu reden.

»Nach dem Lido«, sagte eine Stimme, in der Jacopo die eines neuen Kunden erkannte.

Jacopo gehorchte, und Giacomos Boot folgte in einer kleinen Entfernung. Als sie außerhalb der Reihen waren und demnach nicht mehr in Gefahr, behorcht zu werden, verließen die beiden Passagiere die Kajüte und machten dem Bravo ein Zeichen, nicht weiterzurudern.

»Du willst also den Dienst übernehmen, Jacopo Frontoni?« fragte der ruchlose Sohn des alten Senators.

»Soll ich den Herrn mitten in seinen Vergnügungen niederstoßen, Signore?«

»Das ist nicht nötig. Wir haben Mittel gefunden, ihn aus seinem Palaste zu locken, und er ist in deiner Gewalt ohne andere Verteidigung als seinen eigenen Arm und Mut. Willst du das Geschäft übernehmen?«

»Gern, Signore – es macht mir Freude, einem Tapferen entgegenzutreten.«

»Da wirst du zufrieden sein. Der Neapolitaner ist mir in die Quere gekommen in meiner – soll ich sagen Liebe, Hosea? Oder hast du ein besseres Wort?«

»Gerechter Daniel! Signore Giacomo, Ihr habt keine Achtung für Reputation und Sicherheit! Ich seh gar nicht ein, warum man ihn gerade stechen soll zu Tode, Signore Jacopo, eine tüchtige Wunde, die dem Herzog die Ehestandsgedanken wenigstens auf einige Zeit aus dem Kopf brächte und Bußgedanken an deren Stelle, wäre besser.«

»Stoß ihm ins Herz!« fiel Giacomo ein. »Nur um der Sicherheit deines Stoßes willen hab ich gerade dich aufgesucht.«

»Das ist wucherische Rache, Signore Giacomo«, versetzte der minder entschlossene Jude. »Es wird mehr als hinreichend sein für unseren Zweck, wenn wir den Neapolitaner zwingen, einen Monat lang das Haus zu hüten.«

»Ins Grab mit ihm. Hörst du, Jacopo, hundert Zechinen für den Stoß, hundert für die Gewißheit, daß er tief geht, und hundert, daß die Leiche im Canale Orfano so versunken liege, daß das Wasser das Geheimnis nicht wieder zurückgibt.«

»Wenn das erste und zweite durchaus geschehen muß, so wird das dritte kluge Vorsicht sein«, murmelte der Jude, der ein behutsamer Schurke war und immer Beimittel vorzog, die die Last seines Gewissens ein wenig leichter machten. »Wollt Ihr’s nicht wagen, junger Herr, auf eine tüchtige Wunde?«

»Nicht eine Zechine. Das würde nur dem Mädchen die Phantasie mit Mitleid und Hoffnung erhitzen. Nimmst du die Bedingungen an, Jacopo?«

»Ja.«

»So rudere zum Lido. Unter den Gräbern der Verbannten wirst du Don Camillo noch in dieser Stunde antreffen. Ein erdichteter Brief von der Dame, der wir beide nachgehen, hat ihn getäuscht, und er wird allein sein, weil er auf Flucht denkt. Diese wirst du auch, hoff ich, beschleunigen, wenigstens für den Neapolitaner. Verstehst du mich?«

»Vollkommen, Signore.«

»Genug, du kennst mich, und dein Lohn wird von der Art abhängen, in der du mir dienst. Hosea, unser Geschäft ist aus.«

Giacomo Gradenigo machte seiner Gondel ein Zeichen, sich zu nähern; er ließ einen Beutel fallen, der das Mietgeld für das blutige Geschäft enthielt, und stieg ein, mit der Gleichgültigkeit eines Menschen, der daran gewöhnt ist, solche Mittel zur Erreichung seines Zweckes für erlaubt zu halten. Nicht so Hosea, er war mehr Schurke als Bösewicht. Die Erhaltung seines Darlehns und die Aussicht auf eine noch größere, ihm von Vater und Sohn zugesicherte Summe, wenn Giacomo in der Bewerbung um Violetta Glück hätte, waren eine zu unwiderstehliche Lockung für einen Mann, der, zeitlebens von seinen Mitmenschen verachtet, sich bei dem meuchelmörderischen Plan damit tröstete, daß er ihm zu jenen Lebensgenüssen verhelfen würde, nach denen Christen und Juden auf gleiche Weise Verlangen tragen. Dennoch erstarrte ihm das Blut, daß Giacomo die Sache so weit treiben wolle, und er lauerte, dem Bravo noch ein leises Wort beim Abschiede zu sagen.

»Du hast den Ruf für ein sicheres Stilett, ehrlicher Jacopo. Eine Faust wie die deinige muß ebensogut bloß verstümmeln als töten können. Versetze einen wackeren Stoß dem Neapolitaner, aber sein Leben schone.«

»Du vergissest das Gold, Hosea!«

»Vater Abraham! Was bekomm ich in meinen alten Tagen für ein schwach Gedächtnis! Du hast recht, achtsamer Jacopo, das Geld soll gezahlt werden auf jeden Fall – das heißt, wenn nur so gemacht wird die Sache, daß mein junger Freund bekommt sein reiches Mädchen.«

Jacopo machte ein Zeichen der Ungeduld, denn er sah eben einen Gondoliere schnell einem gesonderten Orte des Lido zufahren. Der Jude lief seinem Gefährten nach, und das Boot des Bravo schoß fort. Es dauerte nicht lange, so hielt es an dem Strande des Lido. Mit schnellen Schritten eilte Jacopo demselben Begräbnisplatze zu, auf dem er dem nämlichen Manne, den er jetzt zu morden abgeschickt war, seine Bekenntnisse gemacht hatte.

»Bist du gesendet, mich hier zu treffen?« fragte jemand, der sich hinter dem Sandhügel erhob, vorsichtigerweise aber seinen Degen vorhielt.

»Ja, Herr Herzog«, entgegnete der Bravo, die Maske abnehmend.

»Jacopo! Das ist besser, als ich hoffen konnte! Hast du Nachrichten von meinem Weibe?«

»Kommt mit, Don Camillo, Ihr sollt sogleich bei ihr sein.«

Einer weiteren Unterredung bedurfte es nicht bei solchem Versprechen. Erst als beide in Jacopos Gondel und auf dem Wege nach einer von den Passagen des Lido waren, die dem Golf zuführt, fing der Bravo zu erzählen an. Er war schnell damit fertig und vergaß auch nicht Giacomo Gradenigos Anschlag gegen das Leben seines Zuhörers.

Die Feluke, die schon vorher von den Polizeibeamten selber mit dem erforderlichen Passe versehen worden war, hatte den Hafen mit leichtem Segel auf demselben Wege verlassen, der die Gondel jetzt in das Adriatische Meer führte. Das Wasser war still, der Landwind frisch, kurz, alle Umstände den Flüchtigen günstig. Donna Violetta und ihre Gouvernante standen an einen Mast gelehnt und beobachteten ungeduldig die fernen Kuppeln und die nächtliche Schönheit Venedigs. Gelegentlich drangen von den Kanälen Musiktöne bis zu ihren Ohren, und es war natürlich, daß Schwermut Violettas Seele erfüllte, da sie befürchtete, zum letzten Male diese Klänge ihrer Geburtsstadt zu hören. Aber reine Freude verdrängte jeden Kummer aus ihrem Gemüt, als Don Camillo aus der Gondel sprang und sie triumphierend an sein Herz drückte.

Stefano Milano war leicht überredet, die Dienste des Senats mit denen seines Lehnsherrn zu vertauschen. Die Versprechungen und Befehle des letzteren waren an sich hinlänglich, ihn mit diesem Tausche zu befreunden, und alle waren überzeugt, daß man keine Zeit verlieren dürfe. Die Feluke breitete ihr Segel bald dem Winde dar und entflog dem Strande. Jacopo ließ seine Gondel eine Seemeile weit bugsieren, ehe er wieder einstieg.

»Ihr steuert nach Ankona, Signore Don Camillo«, sagte der Bravo, an die Seite der Feluke gelehnt, sich schwer zum Scheiden entschließend, »begebt Euch sogleich unter den Schutz des Kardinalsekretärs. Wenn Stefano auf der See bliebe, könnte er leicht auf die Galeeren des Senats stoßen.«

»Verlaß dich auf uns. – Aber du, Jacopo – was soll aus dir werden in ihren Händen?«

»Seid unbesorgt um mich, Signore. Gott verhängt über alle, wie er für Recht findet. Ich habe Ew. Exzellenz gesagt, daß ich Venedig noch nicht verlassen kann. Wenn mir das Glück günstig ist, so bekomm ich vielleicht noch Euer starkes Schloß Sant‘ Agata zu sehen.«

»Keiner wird willkommener sein in seinen sicheren Mauern. Aber ich hab große Besorgnis um dich, Jacopo!«

»Signore, denkt daran nicht. Ich bin an Gefahren gewöhnt und an Elend und – an Hoffnungslosigkeit. Signora, mögen Euch die Heiligen behüten und Gott, der über allen ist, Euch vor Leid bewahren!«

Er küßte Donna Violettas Hand, die ihm, nur halb bekannt mit seinen Dienstleistungen, verwundert zuhörte.

»Don Camillo Monforte«, fuhr er fort, »traut Venedig niemals wieder. Laßt Euch durch keine Versprechungen, keine Aussichten, kein Verlangen, Eure Ehrenstellen und Reichtümer zu vermehren, jemals verleiten, Euch in ihre Gewalt zu geben. Niemand kennt die Falschheit dieses Staates besser als ich, und meine letzten Worte ermahnen Euch zur Vorsicht.«

»Du sprichst, als sollten wir uns nicht wiedersehen, Jacopo?«

Der Bravo wendete sich ab, und das Mondlicht fiel auf sein Antlitz. Ein Lächeln der Schwermut und ein inniges Wohlgefallen an dem Glück der Liebenden mischten sich in diesen Zügen mit einer Vorahnung seines eigenen Schicksals.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Als der nächste Morgen heraufdämmerte, war der Markusplatz leer. Die Priester sangen ihre Totenmessen bei des alten Antonio Leiche, und einige Fischer zauderten noch in der Kathedrale und in deren Nähe, nur halb überzeugt von der Art, wie ihr Kamerad um das Leben gekommen sein sollte. Aber die Stadt, wie es um diese Tageszeit gewöhnlich war, schien vollkommen ruhig.

Jacopo war wieder in dem oberen Stockwerk des Dogenpalastes, in Begleitung der sanften Gelsomina. Während sie durch die Windungen des Gebäudes hindurchgingen, erzählte er der begierig horchenden Gefährtin alle einzelnen Umstände, die sich bei der Flucht der Liebenden zugetragen hatten; nur Giacomo Gradenigos Anschlag auf Don Camillos Leben ließ er vorsichtigerweise aus. Das unerfahrene und einfache Mädchen hörte mit atemloser Aufmerksamkeit zu, während die Röte ihrer Wangen ihre lebhafte Teilnahme bei jedem Wendepunkt des kühnen Abenteuers verriet.

»Und glaubst du, daß sie denen droben noch entrinnen können?« flüsterte Gelsomina, denn nur wenige in Venedig hätten es gewagt, solch eine Frage laut auszusprechen. »Du weißt, daß die Republik immer Galeeren im Adriatischen Meere hat.«

»Wir haben das bedacht und dem Kalabrier Anweisung gegeben, nach dem Hafen von Ankona zu steuern. Ist er nur erst im Kirchenstaate, so wird Don Camillo durch seinen Einfluß und die Rechte der edeln Geburt seiner Gattin geschützt sein. Ist hier ein Ort, wo wir auf die See hinaussehen können?«

Gelsomina führte den Bravo in ein leeres Zimmer des oberen Stockwerks im Dogenpalast, der eine Aussicht auf den Hafen und das jenseitige Gewässer darbot. Der Landwind blies stark über die Dächer der Stadt, machte die Masten im Hafen schwanken und strich über die Lagunen außerhalb der Schiffsreihen. Von dort an bis zu der Sandbarre war an den niedergelassenen Segeln und der Anstrengung der Gondolieri, die dem Kai zuruderten, merkbar, daß der Wind sehr lebhaft wehte; außerhalb des Lido selbst war das Wasser schon getrübt und bewegt, während noch weiter ins Meer hinaus die krausen, schäumenden Wellen die Macht des Sturms verrieten.

»Santa Maria, sei gelobt!« rief Jacopo, als sein geübtes Auge dies Schauspiel nahe und fern übersah. »Sie sind schon weit an der Küste hinab und werden mit solchem Winde unfehlbar in wenigen Stunden den Hafen erreichen. – Laß uns nach der Zelle gehen.«

Gelsomina lächelte, als er die Sicherheit der Flüchtlinge für zuverlässig erklärte, aber als er das Gespräch ablenkte, trübte sich ihr Blick. Ohne zu antworten, tat sie, wie er verlangte, und in wenigen Augenblicken standen sie neben dem Lager des Gefangenen. Dieser schien ihr Eintreten nicht zu bemerken, und Jacopo war genötigt, ihn anzurufen.

»Vater«, sagte er mit dem schwermütigen Tone, der seiner Stimme jedesmal, wenn er mit dem Greise redete, eigen war, »ich bin da.«

Der Gefangene drehte sich um, und obgleich seine Schwäche seit dem letzten Besuche sichtbar zugenommen hatte, glomm ein bleiches Lächeln in seinen erstorbenen Zügen.

»Und deine Mutter, Sohn?« fragte er so heftig, daß sich Gelsomina schnell abwandte.

»Ist glücklich, Vater, recht glücklich.«

»Glücklich ohne mich?«

»Sie ist immer bei dir im Geiste, Vater. Sie gedenkt deiner in ihrem Gebete. Du hast eine Heilige zur Fürbitterin an meiner Mutter – Vater!«

»Und deine gute Schwester?«

»Auch glücklich – glaube mir, Vater. Sie sind beide geduldig und ergeben.«

»Und der Senat, Sohn?«

»Immer der alte: herzlos, selbstsüchtig, vermessen«, antwortete Jacopo streng. Dann wendete er sich ab vor bitterem Weh und verfluchte ihn mit unhörbar leisen Worten.

»Die edeln Signori haben sich getäuscht, daß sie mich in den Anschlag zur Umgehung der Zölle verwickelt glaubten«, entgegnete der geduldige alte Mann. »Einstmals werden sie ihr Unrecht einsehen und erkennen.«

Jacopo gab keine Antwort, denn obgleich er unterrichtet war und aller Kenntnisse entbehrte, mit denen eine väterliche Regierung ihre Untertanen auszurüsten sorgt, hatte ihm die natürliche Schärfe seines Geistes doch gezeigt, daß eine Verfassung, deren Grundzug offenbar die Überlegenheit weniger Bevorrechteter war, am wenigsten geneigt sein könnte, einen Mißgriff zuzugeben durch das Geständnis, daß sie geirrt habe.

»Du tust den Edeln unrecht, mein Sohn, sie sind erlauchte Patrizier und haben keine Veranlassung, einen Mann wie mich zu bedrücken.«

»Keine, Vater, als die Notwendigkeit, die Strenge ihrer Gesetze aufrechtzuerhalten, die sie zu Senatoren und dich zum Gefangenen machen.«

»Mitnichten, Sohn, ich habe würdige Herren vom Senate gekannt! Da war der letzte Signore Tiepolo, der mir in meiner Jugend viel Liebes erwies. Ohne diese falsche Anklage könnte ich jetzt einer der Wohlhabendsten in meinem Gewerbe sein von ganz Venedig.«

»Vater, wir wollen für die Seele des Signore Tiepolo beten.«

»Ist der erlauchte Senator gestorben?«

»So meldet ein prächtiges Grabmal in der Kirche des Redentores.«

»Wir müssen endlich alle sterben«, flüsterte der Greis und bekreuzigte sich, »Doge wie Patrizier, Patrizier wie Gondoliere. – Jaco –«

»Vater!« rief der Bravo so schnell dazwischen, daß er das Wort unterbrach. Dann kniete er an das Strohlager des Gefangenen nieder und flüsterte ihm ins Ohr: »Du vergissest, daß Grund vorhanden ist, mich nicht bei diesem Namen zu nennen. Ich hab dir oft gesagt, daß meine Besuche aufhören müssen, wenn du mich so heißest.«

Der Gefangene blickte verwirrt umher, denn die zunehmende Schwäche machte ihm undeutlich, was er einst klar eingesehen hatte. Er sah den Sohn lange starr an.

»Mir ist heiß, als wollten die Adern springen. Du vergissest, daß hier das obere Stockwerk ist, und hier die Bleidächer, und dann die Sonne – ach, die Sonne! Die erlauchten Senatoren bedenken die Qual nicht, den kalten Winter unterhalb der Kanäle und den brennenden Sommer unter glühendem Metall zuzubringen.«

»Sie bedenken nichts als ihre Macht«, sagte Jacopo halblaut, »was mit Unrecht besessen wird, muß durch unbarmherzige Ungerechtigkeit behauptet werden; aber was wollen wir davon reden, Vater? Hast du alles, wes du bedarfst?«

»Luft, Sohn, Luft! – Gib mir ein wenig von der Luft, die Gott seinem geringsten Geschöpfe gönnt.«

Der Bravo lief zu den Spalten der altehrwürdigen, durch Verbrechen befleckten Mauern, die er schon früher zu öffnen bemüht war, und strebte mit der Kraft des Wahnsinns, sie mit seinen Händen zu erweitern. Das Gemäuer widerstand der verzweifelten Anstrengung, obgleich das Blut aus seinen Fingern spritzte.

»Die Türe, Gelsomina, die Türe weit auf!« schrie er, sich von dem Platze abwendend, erschöpft durch die vergebliche Anstrengung.

»Laß es, jetzt leide ich nicht, mein Kind, aber wenn du weggegangen bist und ich allein bin mit meinen Gedanken, wenn ich deine weinende Mutter sehe und deine verlassene Schwester, dann fühl ich, daß mir Luft fehlt – sind wir nicht in dem brennenden August, mein Sohn?«

»Vater, es ist noch nicht Juni.«

»So werde ich noch mehr Hitze aushalten müssen. Gottes Wille geschehe, und Santa Maria gebe mir Kraft, es zu ertragen.«

Jacopos Auge blitzte wild, fast ebenso fürchterlich als der gespenstische Blick des alten Mannes. Seine Brust flog, seine Faust war geballt, und er atmete hörbar.

»Nein«, sagte er mit leisem, aber entschiedenem Tone, daß die Festigkeit seines Entschlusses klar ward, »du sollst ihre Qualen nicht wieder erwarten. Auf, Vater, komm mit mir. Die Türen sind offen, die Wege durch den Palast kenne ich in der finstersten Nacht, und die Schlüssel sind zur Hand. Ich will Mittel finden, dich zu verstecken, bis es dunkel ist, und wir wollen die verfluchte Republik für immer verlassen.«

Ein Hoffnungsstrahl glänzte in dem Auge des alten Gefangenen, als er diesen wahnsinnigen Vorschlag anhörte, aber als er eine Anstrengung machte aufzustehen, fiel er vor großer Schwäche sogleich wieder zurück. Da sah Jacopo erst, wie unausführbar sein Vorschlag war. Es folgte eine lange Pause. Jacopos schweres Atmen ließ allmählich nach, und sein Gesicht nahm wieder die gewöhnliche ruhige und gesammelte Miene an. »Vater«, sagte er, »ich muß dich verlassen, unser Elend ist seinem Ende nah.«

»Wirst du mich wieder besuchen?«

»Wenn es die Heiligen vergönnen. – Deinen Segen, Vater!«

Der Greis faltete seine Hände über Jacopos Haupt und sprach leise ein Gebet. Nach dieser frommen Pflicht waren der Bravo und Gelsomina einige Zeit geschäftig, für die Bequemlichkeit des Gefangenen zu sorgen. Dann gingen sie miteinander. Jacopo schien mit schwerem Herzen aus der Nähe des Vaters zu scheiden. Es war, als hätte eine trübe Ahnung seine Seele erfüllt, daß diese verstohlenen Besuche bald aufhören würden. Nach kurzem Zögern jedoch gingen sie nach den unteren Zimmern hinab, und da Jacopo den Palast zu verlassen wünschte, ohne wieder das Gefängnis zu betreten, schickte sich Gelsomina an, ihn durch den Hauptkorridor hinauszulassen.

»Du bist mißmutiger als sonst, Carlo«, bemerkte sie, mit weiblicher Sorglichkeit sein abgewandtes Auge beobachtend. »Mich dünkt, du solltest dich freuen über das Glück des Neapolitaners und der Dame von Tiepolo.«

»Daß diese entkommen sind, ist ein Sonnenstrahl an einem Wintertage. Gutes Mädchen – aber man beobachtet uns, wer ist es, der dort unsere Bewegungen spioniert?«

»Ein Diener des Palastes, sie kommen uns immer in die Quere in diesem Teile des Gebäudes. Tritt hier herein, wenn du müde bist. Dies Zimmer ist wenig in Gebrauch, und wir können wieder auf die See hinausschauen.«

Jacopo folgte seiner sanften Führerin in eines von den unbenutzten Gemächern des zweiten Geschosses, denn es war ihm in der Tat erwünscht, einen Blick auf den Stand der Dinge in der Piazza zu werfen, ehe er den Palast verließ. Er betrachtete zuerst das Wasser, das noch immer nach Süden flutete, vom Alpenwinde getrieben. Befriedigt durch diese für die Fliehenden günstige Aussicht, schaute er auf den Platz hinunter. In diesem Augenblick trat ein Beamter der Republik aus dem Tor des Palastes; ein Trompeter ging voran, wie üblich war, wenn der Senat irgendeinen Beschluß proklamieren wollte. Gelsomina öffnete die Fensterlade, und beide beugten sich vor, um zu hören. Als der kleine Zug sich vor der Kathedrale befand, blies der Trompeter, und darauf rief der Beamte aus:

»In Erwägung, daß neuerlich viele frevelhafte und ruchlose Mordtaten an verschiedenen redlichen Bürgern von Venedig verübt worden, hat der Senat, in seiner väterlichen Sorgfalt für alle, deren Schutz ihm obliegt, für recht befunden, zu außerordentlichen Mitteln zu greifen, zur Verhütung erneuter Verbrechen, die den göttlichen Gesetzen und der Sicherheit der menschlichen Gesellschaft solchermaßen zuwider sind. Daher bieten die erlauchten Zehn öffentlich eine Belohnung von hundert Zechinen dem, der den Täter einer von diesen höchst abscheulichen Mordtaten entdecken wird, und dieweil in der verwichenen Nacht der Leichnam eines gewissen Antonio, eines wohlbekannten Fischers und ehrenwerten Bürgers, der von den Patriziern höchlichst geschätzt wurde, in den Lagunen gefunden wurde, dieweil viel Grund ist zu dem Verdacht, daß selbiger zu Tode gekommen durch die Hand eines gewissen Jacopo Frontoni, der im Gerücht steht, ein gemeiner Bravo zu sein, von der Obrigkeit aber lange vergeblich beobachtet worden ist, in der Hoffnung, ihn bei Verübung einer der vorbenannten greulichen Mordtaten zu betreffen, so werden jetzt alle guten und redlichen Bürger der Republik insgeheim aufgefordert, der Obrigkeit zu verhelfen zur persönlichen Verhaftung des besagten Jacopo Frontoni, und wenn sie ihn aus dem Heiligtum reißen sollten, weil Venedig nicht länger einen Menschen, der solch blutiges Geschäft treibt, in seiner Mitte dulden kann, und verheißt der Senat in seiner väterlichen Sorgfalt zur Aufmunterung eine Belohnung von dreihundert Zechinen.«

Anrufung Gottes und Hinweisung auf die Souveränität des Staates machten wie üblich den Beschluß.

Da es nicht gewöhnlich war, daß die, die soviel im Dunkeln taten, ihr Vorhaben öffentlich kundmachten, so horchten alle, die nahe standen, mit Verwunderung und Furcht dem neuen Verfahren.

Niemand ward von den Worten des Beamten lebhafter ergriffen als Gelsomina. Sie beugte sich weit aus dem Fenster, damit ihr keine Silbe entgehen möchte.

»Hast du gehört, Carlo?« fragte sie eifrig, als sie ihren Kopf zurückzog. »Endlich bieten sie eine Belohnung aus für die Gefangennahme des Unmenschen, der so viele Mordtaten verübt hat!«

Jacopo lachte, aber dem Ohre seiner bestürzten Begleiterin schien der Ton seines Gelächters unnatürlich.

»Die Patrizier sind gerecht, und was sie tun, ist recht?« fragte er, »sie sind erlauchte Männer und können sich nicht irren! Sie wollen ihre Pflicht tun.«

»Aber hier ist keine andere Pflicht, als die sie dem Volke schuldig sind.«

»Von der Pflicht des Volkes hab ich viel reden hören, nichts aber von der des Senats.«

»Nein, Carlo, wir wollen ihnen unsere Billigung nicht entziehen, wenn sie sich bemühen, die Bürger vor Schaden zu behüten. Dieser Jacopo ist ein Ungeheuer, den alle verabscheuen, und seine Bluttaten sind schon zu lange ein Flecken für Venedig gewesen. Du siehst, daß die Patrizier mit ihrem Gold nicht knausern, wenn Hoffnung ist, seiner habhaft zu werden. Horch, sie rufen wieder aus.«

»Ich muß dich verlassen, Gelsomina. Geh zurück zum Zimmer deines Vaters, und ich will durch den Hof des Palastes hinausgehen.«

»Das geht nicht, Carlo – du kennst die Erlaubnis der Obrigkeit – ich habe sie übertreten – warum sollt ich es dir zu verheimlichen suchen? Du durftest nicht hereinkommen um diese Zeit.«

»Und du hast den Mut gehabt, die Erlaubnis zu überschreiten um meinetwillen, Gelsomina?«

»Du hast es so gewollt«, bekannte sie.

»Tausend Dank, teure, liebe, getreueste Gelsomina, aber zweifle nicht daran, daß ich mich unbemerkt aus dem Palaste stehlen werde. Hineinzukommen war gefährlich, aber die hinausgehen, haben das Ansehen, als ob sie ein Recht dazu hätten.«

»Niemand darf bei Tage maskiert bei den Hellebardieren vorbei, Carlo, wer nicht das Merkwort hat.«

Dem Bravo schien die Wahrheit dieser Bemerkung einzuleuchten, und große Verlegenheit drückte sich in seinem Benehmen aus. Er kannte die Bedingungen, unter denen er zugelassen worden, selber so gut, daß er dem Versuche mißtraute, durch das Gefängnis auf den Kai zu gelangen, wie er hereingekommen war, denn er zweifelte nicht, daß ihm der Rückzug von den Wachen des äußeren Tores, die jetzt vermutlich schon von seinem wahren Charakter unterrichtet waren, abgeschnitten werden würde. Der Ausgang auf dem anderen Wege schien nicht minder gefährlich. Es war nicht so sehr der Inhalt der Proklamation, der ihn in Erstaunen setzte, als die Öffentlichkeit, die der Senat für gut befand, seinem Verfahren zu geben, und er hörte die öffentliche Anklage gegen ihn zwar mit innerem Weh, aber doch ohne Schrecken. Indessen kannte er so viele Mittel, sich zu verbergen, und die Freiheit des Maskierens war so allgemein in Venedig, daß er sich um den Ausgang nicht eher besorgt fühlte, als bis er sich in dieser häßlichen Klemme sah. Gelsomina las seine Unentschiedenheit in seinen Augen und beklagte, ihn so unruhig gemacht zu haben.

»Es ist nicht so schlimm, als du zu glauben scheinst, Carlo«, bemerkte sie, »haben sie dir doch erlaubt, deinen Vater zu gewissen Zeiten zu besuchen, und dadurch bewiesen, daß sie nicht ohne Mitleid sind. Jetzt, da ich aus Nachsicht für deine Wünsche eine von ihren Vorschriften vergessen habe, werden sie nicht so hartherzig sein, diesen Fehler für ein Verbrechen zu rechnen.«

Jacopo sah sie mitleidig an, denn er wußte gar wohl, wie wenig sie die wahre Beschaffenheit und listige Politik des Staates kannte. »Es ist Zeit, daß wir scheiden«, sprach er, »damit du Unschuldige nicht für meinen Fehler büßest. Ich bin jetzt unweit des öffentlichen Korridors und muß es meinem Glück anvertrauen, mich auf den Kai zu bringen.«

Gelsomina hing sich an seinen Arm und wollte ihn in dem fürchterlichen Hause nicht sich selber überlassen.

Jacopo machte ihr ein Zeichen voranzugehen und folgte. Mit klopfendem, aber doch ein wenig erleichtertem Herzen schlüpfte Gelsomina durch die Gänge und schloß ihrer Gewohnheit nach sorgfältig jede Tür hinter sich zu. Endlich erreichten sie die wohlbekannte Seufzerbrücke. Das ängstliche Mädchen ging beflügelteren Schrittes, als sie sich ihrer eigenen Wohnung näherte, denn sie sann auf Mittel, ihren Gefährten in ihres Vaters Stube zu verstecken, wenn der Ausweg aus dem Gefängnis bei Tage zu gefährlich sein sollte.

»Nur eine einzige Minute, Carlo«, flüsterte sie und steckte den Schlüssel in die Tür, die zu diesem Gebäude führte – das Schloß ging auf, aber die Angeln der Tür wollten sich nicht bewegen. Gelsomina wurde bleich und rief: »Sie haben die Riegel inwendig vorgeschoben!«

»Tut nichts, ich steige in den Hof des Palastes hinab und gehe bei den Hellebardieren dreist ohne Maske vorüber.«

Gelsomina hielt es selbst für sehr unwahrscheinlich, daß er von den Lohnsoldaten des Dogen bemerkt würde, und ängstlich, ihn aus seiner schlimmen Lage zu befreien, flog sie zurück an das andere Ende der Galerie. Sie steckte den gehörigen Schlüssel in die Tür, durch die sie eben gekommen waren, aber mit demselben Erfolge. Gelsomina schwankte zurück und hielt sich an der Mauer.

»Wir können weder vorwärts noch rückwärts!« schrie sie erschreckt, ohne zu wissen warum.

»Ich seh es alles«, erwiderte Jacopo, »wir sind Gefangene auf dieser Unglücksbrücke.«

Der Bravo nahm, während er sprach, die Maske ruhig ab und zeigte die Züge eines Mannes, dessen Entschluß feststeht.

»Heilige Mutter Gottes! Was hat das zu bedeuten?«

»Nichts, als daß wir einmal zuviel über die Brücke gegangen sind, Liebe! Der Rat ist eifersüchtig auf diese Besuche.«

Die Riegel beider Türen wurden zurückgeschoben, und die Angeln knarrten zu gleicher Zeit. Ein bewaffneter Offizier der Inquisition trat ein, Handfesseln tragend. Gelsomina schrie auf, aber Jacopo bewegte kein Glied, keinen Muskel, während man ihm die Ketten anlegte.

»Mich auch!« schrie seine Gefährtin im Wahnsinn. »Ich bin die Schuldigste – bindet mich – werft mich in das Gefängnis – aber laßt den armen Carlo gehen.«

»Carlo?« wiederholte der Offizier mit fühllosem Lachen.

»Ist es ein so großes Verbrechen, einen Vater im Gefängnisse zu besuchen? Sie wissen von seinen Besuchen – haben sie selbst erlaubt – er hat nur die Stunde verfehlt.«

»Mädchen, weißt du auch, für wen du dich verwendest?«

»Für das beste Herz, für den treuesten Sohn in Venedig! Oh, wenn Ihr ihn hättet weinen sehen wie ich über die Leiden des alten Gefangenen, Ihr würdet Mitleid mit ihm haben.«

»Horch einmal«, entgegnete der Offizier mit hochgehobenem Finger.

Der Trompeter blies auf der Markusbrücke, dicht unter ihnen, und die Proklamation, die Gold für die Einfangung des Bravo bot, wurde wiederholt.

»Das ist der Beamte der Republik, der einen Preis setzt auf den Kopf eines Menschen, der ein feiles Stilett führt!« schrie Gelsomina fast ohne Atem und ohne in diesem Augenblicke viel auf den Vorgang unten zu achten. »Er verdient sein Schicksal.«

»Also warum bittest du noch für ihn?«

»Ihr sprecht ohne Sinn!«

»Närrisches Mädchen, dieser hier ist der Jacopo Frontoni!«

Gelsomina würde ihren Ohren nicht geglaubt haben, wenn sie nicht Jacopos banges Auge bemerkt hätte. Die gräßliche Wahrheit brach über ihre Seele herein, und leblos fiel sie zu Boden. In demselben Augenblick ward der Bravo schnell von der Brücke weggeführt.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

An diesem Tage flüsterte man in den Straßen von Venedig in der furchtbaren, geheimnisvollen Weise, die diese Stadt charakterisierte, gar manche Gerüchte einander zu. Hunderte gingen bei den Granitpfeilern vorüber, als erwarteten sie, den Bravo auf seinem gewohnten Platze zu sehen, kühnlich der Proklamation trotzend. Denn man hatte ihm, seltsam genug, so lange Zeit gestattet, sich öffentlich zu zeigen, daß sich niemand einbilden konnte, er würde so schnell seine Gewohnheit aufgeben.

Der Tag verging jedoch ohne irgendein neues Ereignis, das die Bürger von ihren gewöhnlichen Geschäften abgerufen hätte. Die Gebete für den Toten wurden mit geringer Unterbrechung fortgesetzt, und in halb Venedig wurden Messen für die Seele des armen Fischers vor den Altären gelesen. Seine Kameraden, wenn auch ein wenig argwöhnisch, dennoch höchlichst geschmeichelt, behielten ein Auge auf die Zeremonien mit einem wunderlichen Gemisch von Mißtrauen und Triumph.

Der Markusplatz füllte sich zur gewöhnlichen Stunde, die Patrizier verließen den Broglio, und ehe noch die Uhr die zweite Stunde der Nacht schlug, herrschte wieder die alte Lustigkeit auf dem Platz. War es doch nicht der Mühe wert, den Gang des geselligen Verkehrs zu hemmen, nur weil das Unrecht ungestraft blieb und die Unschuld litt!

Damals standen am Canale Grande, wie noch jetzt, viele Paläste von beinahe königlicher Pracht. Der Leser hat Gelegenheit gehabt, mit einem oder zweien dieser glänzenden Gebäude bekannt zu werden, jetzt müssen wir seine Phantasie nach einem dritten versetzen.

Die eigentümliche Bauart Venedigs, die von seiner Lage auf dem Wasser herrührt, gibt allen vornehmeren Gebäuden dieser merkwürdigen Stadt im allgemeinen fast denselben Charakter. Das Haus, in das uns der Faden der Geschichte jetzt führt, hatte seine Tür an der Wasserseite, seine Flure, seine schweren Marmortreppen, seinen inneren Hof, seine Reihe prächtiger Zimmer im obern Stockwerk, seine Gemälde und Kronleuchter und seine kostbar mit Mosaik ausgelegten Fußböden gleich den übrigen, die wir schon zu beschreiben für nötig gefunden haben.

Es war, nach unserer Art, die Stunden zu zählen, zehn Uhr. Ein kleines freundliches Bild der Häuslichkeit bot sich innerhalb der Patrizierwohnung dar, auf die wir hingedeutet haben. Der Vater, ein Mann in mittleren Jahren, in dessen Auge Geist, Einsicht, Menschenfreundlichkeit und, in diesem Augenblick, väterliche Liebe glänzten, drückte in seinen Armen mit Vaterstolz ein lächelndes Bübchen von drei bis vier Jahren, das sich an dem Getändel freute, das den Urheber seiner Tage ihm selbst gleichzustellen schien. Eine schöne Venezianerin mit goldenem Haar und glühenden Wangen, so wie Tizian ihr Geschlecht zu malen liebte, lehnte sich daneben auf ein Sofa, folgte den Bewegungen beider, die Gefühle der Mutter und Gattin in sich vereinend, und lachte in reiner Freude über die laute Lust ihres hoffnungsvollen Kindes. Ein Mädchen, das jüngere Abbild ihrer selbst, mit langen, herunterhängenden Haarflechten, bemühte sich mit einem schreienden Kinde von so zartem Alter, daß kaum schon Bewußtsein in ihm rege geworden zu sein schien. Dies war die Szene, als eben die Turmglocke der Piazza die angedeutete Stunde schlug. Bei diesem Schall setzte der Vater den Knaben nieder und sah nach seiner Uhr.

»Wirst du heut abend ausfahren, Liebe?« fragte er.

»Mit dir, Paolo?«

»Nein, mein Herz. Ich habe Geschäfte, die mich bis zwölf in Anspruch nehmen.«

»Ach, du bist immer gleich dabei, mich fortzuschicken, wenn du wunderliche Launen hast«

»Sage das nicht. Ich habe auf diesen Abend bei mir eine Zusammenkunft mit meinem Geschäftsführer verabredet und kenne dein mütterliches Herz zu gut, um zu zweifeln, daß du mich so lange entbehren wolltest, als es die Sorge für das Wohl dieser Kinder erfordert.«

Donna Giulietta schellte nach ihren Dienern und ihrem Mantel. Der kleine Schreihals und der lustige Knabe wurden zu Bette gebracht, und die Frau vom Hause bestieg mit der älteren Tochter ihre Gondel. Der Mann ließ Donna Giulietta nicht ungeleitet zur Gondel gehen, denn diese Familie war eine von denen, in der glücklicherweise die Neigung mit den gewöhnlichen Berechnungen der Vorteile zusammentraf, als das eheliche Band geknüpft werden sollte. Ihr Mann küßte ihr zärtlich die Hand, als er ihr in die Gondel half, und das Boot flog schon fern von dem Palaste dahin, bevor er die nassen Stufen des Wassereingangs verlassen hatte.

»Hast du das Kabinett zum Empfang meiner Freunde in Bereitschaft gesetzt?« fragte Signore Soranzo, denn es war derselbe Senator, der sich bei dem Dogen befand, als dieser zu den aufgeregten Fischern hinausging und sie die Leiche Antonios in den Palast brachten.

»Ja, Signore!«

»Und alles still, und Licht, wie ich befohlen?«

»Exzellenz, alles wird bereit sein.«

»Du hast Stühle für sechs gestellt – wir werden sechs sein.«

»Signore, sechs Lehnstühle.«

»Gut. Wenn die ersten von meinen Freunden kommen, so will ich zu ihnen gehen.«

»Exzellenz, es sind schon zwei Kavaliere in Masken drinnen.«

Signore Soranzo stutzte, sah wieder nach der Uhr und ging hastig nach einem entfernten, sehr ruhigen Teile des Palastes. Er erreichte ohne Begleitung eine kleine Tür, schloß sie hinter sich zu und stand plötzlich vor den Männern, die ihn offenbar erwarteten.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Signori!« rief der Herr vom Hause. »Diese Pflicht ist wenigstens mir so neu – ich weiß nicht, wie es so ehrenwerte Herren gewohnt sein mögen –, daß mich die Zeit unvermerkt überraschte. Bitte um Nachsicht, meine Herren, künftig soll mein Eifer die heutige Nachlässigkeit wieder gutmachen.«

Die beiden Gäste waren älter als ihr Wirt, und ihre gehärteten Züge verrieten mehr Bekanntschaft mit der Welt. Sie nahmen seine Entschuldigung höflich an, und die Unterhaltung bewegte sich eine Zeitlang in den gewöhnlichen Umgangsformeln.

»Sind wir hier ganz in der Stille, Signore?« fragte der eine von den Gästen, nachdem so ein Weilchen verstrichen war.

»Wie im Grabe. Niemand kommt unaufgefordert hier herein als meine Frau, und diese genießt den Abend zu Wasser.«

»Ihr steht in dem Rufe einer glücklichen Ehe, Signore Soranzo. Ich hoffe, Ihr habt gehörig erwogen, wie nötig es ist, heute abend die Tür auch vor Donna Giulietta zu schließen.«

»Seien Sie unbesorgt, Signori. Die Angelegenheiten der Republik gehen allem vor.«

»Ich fühle mich dreimal glücklich, Signori, daß ich, durch das Los in den Rat der Drei gelangt, so vortreffliche Kollegen erhalten habe. Glaubt mir, ich habe dies beschwerliche Amt in meinem Leben schon mit nicht so erfreulichen Genossen verwaltet.«

Diese schmeichelhafte Rede, die der verschlagene alte Senator regelmäßig allen auftischte, mit denen ihn der Zufall in der Inquisition während seines langen Lebens zusammenführte, wurde gut aufgenommen und mit ähnlichen Höflichkeiten beantwortet.

»Es scheint, daß der würdige Signore Alessandro Gradenigo unter unsern Vorgängern war, ein braver Edelmann und dem Staate sehr ergeben!« fuhr er fort, unter einigen Papieren blätternd. Denn obgleich die Drei, die den Rat bildeten, solange sie im Amte blieben, niemandem bekannt waren außer einigen wenigen Sekretären und Beamten, so überlieferte die venezianische Staatsklugheit ihren Namen doch ihren Nachfolgern und so abwärts.

Die anderen stimmten bei als Männer, die gewohnt sind, vorsichtig zu reden.

»Wir hätten unsern Beruf beinahe in einem stürmischen Augenblick antreten müssen, Signori«, bemerkte der dritte, »doch gewinnt es den Anschein, als sei dieser Aufstand der Fischer bereits gedämpft. Ich glaube, die Schufte hatten einigen Grund, mißtrauisch gegen die Regierung zu sein.«

»Die Sache ist glücklich beigelegt«, versetzte der Senior der Drei, der sehr geübt war in der Kunst, alles zu vergessen, was die Politik nicht gern aufbewahrt haben mochte, sobald die Sache durchgesetzt war. »Die Galeeren müssen bemannt sein, sonst wird sich die Republik bald schämen müssen, den Kopf zu erheben.«

Signore Soranzo, der einige vorläufige Belehrungen über seine neuen Pflichten erhalten hatte, blickte schwermütig vor sich hin, aber auch er war nun das Geschöpf eines starren Systems.

»Haben wir diesmal über irgendeinen dringend wichtigen Gegenstand zu beraten?« fragte er.

»Signori, wir haben Ursache, anzunehmen, daß die Republik soeben einen schweren Verlust erlitten hat. Ihr kennt beiderseits die Erbin von Tiepolo, wenigstens dem Rufe nach, wenn Euch auch ihre eingezogene Lebensweise ihre nähere Bekanntschaft nicht machen ließ.«

»Donna Giulietta ist voll vom Lobe ihrer Schönheit«, sagte der junge Gatte.

»Wir hatten kein beträchtlicheres Erbgut in ganz Venedig«, setzte der dritte Inquisitor hinzu.

»Vortrefflich, wie sie ist, an Tugenden und noch mehr an Reichtümern, fürchte ich, haben wir sie verloren, Signori! Don Camillo Monforte, den Gott behüte, bis wir seines Einflusses nicht weiter bedürfen, hätte fast den Sieg über uns davongetragen, aber eben als der Staat nahe daran war, seine wohlangelegten Pläne zu vereiteln, fiel die Dame durch Zufall in die Hände der Aufwiegler, und seitdem haben wir keine Nachricht von ihr.«

Paolo Soranzo hoffte im stillen, daß sie in den Armen des Neapolitaners sein werde.

»Ein Sekretär hat mir mitgeteilt, daß auch der Herzog von Sant‘ Agata verschwunden sei«, bemerkte der dritte. »Ferner ist die Feluke, die gewöhnlich bei entfernten und schwierigen Geschäften gebraucht wurde, nicht mehr vor Anker.«

Die beiden alten Männer sahen einander an, als ob sie zu argwöhnen anfingen, was sich zugetragen habe. Sie sahen, daß die Sache nichts mehr hoffen ließ, und wie denn ihre Pflicht eine ganz praktische war, verloren sie keine Zeit mit unnützem Bedauern.

»Wir haben zwei dringende Angelegenheiten«, bemerkte der Ältere. »Die Leiche des alten Fischers muß ruhig in die Erde kommen, wobei soviel als möglich allem künftigen Tumult zu begegnen ist. Und dann müssen wir über den berüchtigten Jacopo verfügen.«

»Der letztere muß zuerst eingefangen werden«, sagte Signore Soranzo.

»Das ist bereits geschehen. Solltet Ihr’s glauben, Ihr Herren! Im Palaste des Dogen selber ward er ergriffen.«

»Nun denn, zum Schafott mit ihm, ohne Verzug.«

Die beiden Alten sahen wieder einander an, als ob sie schon vorläufig beraten und eine Übereinkunft getroffen hätten, von der ihr Genosse nichts wußte. In ihren Blicken malte sich auch etwas wie ein Verlangen, seine Gefühle zu prüfen, ehe sie offener mit der Übung ihres Amtes hervortraten.

»Um des gelobten San Marcos willen, Signori, laßt die Gerechtigkeit frei walten in dieser Sache«, fuhr das unbefangene Mitglied der Drei fort. »Auf welches Mitleid kann ein feiler Bandit Anspruch machen? Und welche schöneren Pflichten hätten wir zu üben als die, ein öffentliches Beispiel strenger und unerläßlicher Gerechtigkeit zu geben?«

Die alten Senatoren verbeugten sich, die Gesinnung ihres Kollegen anerkennend, die dieser mit der Hitze junger Erfahrung und der Freimütigkeit eines aufrichtigen Gemütes aussprach; denn es gibt eine feststehende Moral, der man herkömmlich huldigt und ihr wenigstens dem Schein nach verstattet, auch auf den krümmsten Wegen der Politik mit beizuspielen.

»So wollen wir denn Jacopo Frontonis Sache vornehmen. Es wird aber nötig sein, daß wir im Zimmer der Inquisition zusammenkommen, um den Gefangenen mit seinen Anklägern zu konfrontieren. Es ist ein wichtiges Verhör, Signori, und Venedig würde sehr in der Achtung der Menschen verlieren, wenn nicht das höchste Tribunal an der Entscheidung Anteil nähme!«

»Zum Block mit dem Schurken!« rief Signore Soranzo wieder.

»Dies Schicksal kann ihn vielleicht betreffen, oder etwa gar die Strafe des Rades. Eine reiflichere Erwägung wird uns sehr aufklären über den Gang, den die Staatskunst hierbei vorschreiben mag.«

»Es kann die Staatskunst nur einen Weg haben, wenn das Leben unserer Bürger in Frage steht. Ich bin nie zuvor ungeduldig gewesen, jemandem seine Tage zu verkürzen, aber bei dieser Untersuchung verdrießt mich jeder Verzug.«

»Eure edle Ungeduld wird sich befriedigt fühlen, Signore Soranzo; denn in Erwägung der Wichtigkeit der Sache haben mein Kollege, der würdige Senator, der uns in dieser hohen Pflicht beigesellt ist, und ich bereits die dem Gegenstande entsprechenden Befehle erlassen. Die Stunde ist nahe, und wir wollen uns zeitig nach dem Zimmer der Inquisition begeben, um unserer Pflicht nachzukommen.«

Das Gespräch drehte sich darauf um allgemeinere Angelegenheiten. Dieses geheime und außerordentliche Tribunal, das nicht genötigt war, an irgendeinem bestimmten Orte seine Zusammenkünfte zu halten, sondern seine Beschlüsse überall fassen durfte, auf der Piazza oder im Palaste, unter dem Gewirr der Maskerade oder vor dem Altare, in lustiger Gesellschaft oder im eigenen Kabinett, hatte natürlich viele ganz gewöhnliche Angelegenheiten seiner Beurteilung zu unterwerfen. Da hier der Zufall der Geburt seine eigentliche Geltung hatte und Gott nicht allen Menschen zu solch einem herzlosen Amte die Fähigkeit gibt, so geschah es zuweilen, wie in dem gegenwärtigen Falle, daß die bewanderteren Mitglieder des Rates erst die großmütige Gesinnung eines Kollegen bekämpfen mußten, ehe die fürchterliche Maschine in Gang kommen konnte.

Signore Soranzo war von Natur ein Mann von trefflichem Charakter, und die freundliche Gestalt seiner Häuslichkeit hatte seinen natürlichen Anlagen neue Stärke gegeben. Gleich andern Männern seines Standes und seiner Aussichten hatte er die Geschichte und politische Handlungsweise seiner sich so nennenden Republik zu seinem Studium gemacht, und da ließen ihm die Größe der Gesamtinteressen und die scheinbare Notwendigkeit Theorien annehmlich erscheinen, die er, unter andern Umständen dargeboten, mit Abscheu zurückgewiesen haben würde. Und doch war Signore Soranzo noch weit davon entfernt, die ganze Wirkung des Systems zu kennen, zu dessen Stütze auch ihn die Geburt bestimmt hatte. Selbst Venedig zollte der öffentlichen Meinung Anerkennung und hielt der Welt nur ein Trugbild seiner wahren Staatsmaximen vor. Indessen gab es selbst dabei viele darunter, die zu auffallend waren, um nicht hervorzutreten und einem unbefleckten Gemüte Widerwillen einzuflößen. Der junge Senator suchte sich ihren Zweck lieber selber zu verbergen, oder wenn er bemerkte, wie sich ihr Einfluß auf alles erstreckte, nur nicht auf die arme, vernachlässigte, abstrakte Tugend, deren Lohn so fern lag, so suchte er sich irgendein Schutzmittel vorzuspiegeln oder einen scheinbaren und indirekten Nutzen zur Entschuldigung, daß er zu alledem stille schwieg.

In dieser Gemütsstimmung ward Signore Soranzo unerwarteterweise Mitglied im Rat der Drei. Oft in seinen Jugendträumen hatte er den Besitz dieser keiner Verantwortung unterworfenen Macht als das höchste Ziel seiner Wünsche angesehen. Tausend Bilder von dem Guten, das er stiften wollte, waren in seinem Kopfe aufgestiegen, und erst in späteren Jahren, als er das Truggewebe, das auch den Bestmeinenden umspann, näher kennenlernte, konnte er sich von der Unausführbarkeit seiner Pläne überzeugen. Wie die Sache stand, trat er in den Rat mit Zweifeln und bösen Ahnungen.

Signore Soranzos Kollegen fanden demungeachtet die Aufgabe, ihn vorzubereiten zu den Pflichten des Staatsmannes, die so sehr von denen abwichen, die er als Mann zu üben gewohnt war, bei weitem schwieriger, als sie vermutet hatten.

Mit mancherlei Anspielungen auf ihre Politik, aber ohne bestimmte Aufklärung über ihr Vorhaben setzten die Senioren des Rates die Unterredung fort, bis die Stunde der Zusammenkunft im Palaste des Dogen nahe war. Da trennten sie sich einzeln, wie sie zusammengekommen waren, damit sich das Geheimnis ihres offiziellen Charakters keinem uneingeweihten Auge enthüllte.

Der gewandteste von den Dreien besuchte eine Gesellschaft Adliger, die vornehme und schöne Damen mit ihrer Gegenwart beehrten, schlüpfte aber bald darauf hinweg, ohne daß die Gesellschaft wußte, wohin. Der andere eilte an das Totenbett eines Freundes und sprach dort lange und vortrefflich mit einem Mönch über die Unsterblichkeit der Seele und die Hoffnungen eines Christen. Als er ging, gab ihm der gute Mann seinen Segen, und die Familie war ganz voll von seinem Lobe.

Signore Soranzo gab sich den Ergötzungen seines Familienkreises bis zum letzten Augenblicke hin. Donna Giulietta war zurückgekommen, von der Seeluft belebt, frischer und liebenswürdiger als jemals, und in seinen Ohren klang noch ihre süße Stimme, noch das tönende Lachen seiner Erstgeborenen, des blühenden, lockigen Mädchens, als ihn sein Gondoliere schon unter der Brücke des Rialto an Land setzte. Hier maskierte er sich, nahm seinen Mantel um und ging mit dem Strom der Menge durch die engen Gassen nach dem St.-Markus-Platze. Einmal im Gewühle, war von zudringlicher Beobachtung nicht mehr viel zu fürchten. Die Verkleidung war den venezianischen Oligarchen ebensooft nützlich, als sie unentbehrlich war, ihrem Despotismus zu entgehen und dem Bürger die Stadt leidlich zu machen. Paolo sah gebräunte barfüßige Lagunenmänner hin und wieder in die Kathedrale treten. Er ging ebenfalls hinein und stellte sich neben den schwacherleuchteten Altar, wo noch immer Seelenmessen für Antonio gelesen wurden.

»Ist dies einer von deinen Kameraden?« fragte er einen Fischer, dessen dunkles Auge das Licht widerblitzte wie ein Basiliskenblick.

»Signore, das war er – ein braver und ehrlicherer Mann hat nie ein Netz in den Golf geworfen.«

»Ist er ein Opfer seines Berufs geworden?«

»Cospetto di Bacco! Niemand weiß recht, wie er ums Leben gekommen ist. Einige sagen, St. Markus habe ihn gern bald wollen ins Paradies befördern, andere meinen wieder, er sei durch die Faust eines Bravo, namens Jacopo Frontoni, gefallen.«

»Warum sollte sich ein Bravo an dem Leben eines solchen Mannes vergreifen?«

»Wenn Ihr so gütig wäret, Signore, Euch selber auf Eure Frage zu antworten, so spartet Ihr mir einige Mühe. Freilich, warum sollte er? – Sie sagen, Jacopo sei rachsüchtig, und Scham und Verdruß über seine Niederlage in der Regatta durch einen so alten Mann seien die Ursache.«

»Ist er so eifersüchtig auf seine Ehre im Rudern?«

»Diamine! Ich habe die Zeit gesehen, wo Jacopo lieber gestorben wäre, als im Wettfahren zu verlieren. Das war jedoch, ehe er das Stilett führte. Wär er beim Ruder geblieben, so konnte dergleichen geschehen, nun aber, da er einmal als Bravo bekannt ist, hat es gar keinen vernünftigen Anschein, daß er so gewaltig an dem Wettpreise auf den Kanälen hängen sollte.«

»Kann der Mann nicht zufällig in die Lagunen gefallen sein?«

»O ja, Signore! Das begegnet unsereinem alle Tage. Aber dann deucht es uns gescheiter, zum Boote zu schwimmen, als zu ertrinken. Der alte Antonio hatte einen Arm in seiner Jugend, der ihn vom Kai bis zum Lido trug.«

»Vielleicht hat er sich im Fallen verletzt, so daß er unfähig ward, sich selbst zu helfen.«

»Da müßten sich Spuren zeigen an der Leiche, Signore!«

»Würde aber nicht Jacopo sein Stilett gebraucht haben?«

»Vielleicht, Signore. Aber Antonio wurde ertränkt, denn man fand das Boot des alten Mannes in der Mündung des Canale Grande, eine halbe Meile von der Leiche und gegen den Wind! Wir geben auf solche Dinge acht, Signore, weil wir sie verstehen.«

»Gut Nacht, Fischer.«

»Schön gut Nacht, Exzellenza!« erwiderte der Lagunenmann, sehr zufrieden, daß er so lange mit einem Manne hatte reden dürfen, den er als einen bei weitem Vornehmeren ansah. Der maskierte Senator fand es nicht schwer, unbemerkt aus der Kathedrale zu kommen, und er hatte seinen geheimen Weg in den Palast, so ihm kein unberufener Beobachter hinderlich war. Er sah sich bald mit den Räten des fürchterlichen Tribunals zusammen.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Der Mond stand hoch. Flutend fielen seine Silberstrahlen auf Venedigs schwellende Kuppeln und massive Dächer. Kein Ruderschlag, kein Gesang, kein Gelächter störten die Stille der Nacht. Die Stadt und die Lagunen, alles lag in allgemeiner, großer Ruhe da. Plötzlich zeigte sich eine Gondel.

So schnell war der Lauf des Bootes, daß man daraus auf die Eile des einsamen Insassen schließen konnte. Seine Richtung nahm es nach dem Adriatischen Meere zu. Wohl eine halbe Stunde lang ruderte der Gondoliere unermüdlich fort, dann und wann besorgliche Blicke hinter sich werfend, als fürchte er Verfolgung, und ebensooft vor sich sehend, als wünsche er sehnlich, einen bis jetzt noch unsichtbaren Ort zu erreichen. Als sich indes eine weite Wasserfläche zwischen ihm und der Stadt befand, ließ er sein Ruder ruhen und schien mit großer Anstrengung seines Auges etwas entdecken zu wollen.

Ein kleiner dunkler Fleck zeigte sich näher nach der See zu. Wiederum schlug das Ruder des Gondelführers das Element hinter sich, und das Boot glitt fort; seine Unentschiedenheit hatte nun offenbar ein Ende. Bald zitterten die Strahlen des Mondes über den benannten dunkeln Punkt, der jetzt die Gestalt und Größe eines vor Anker liegenden Bootes annahm. Abermals hielt der Gondoliere mit Rudern ein und blickte scharf auf den noch unentschiedenen Gegenstand. In diesem Augenblick tönte sanfter Gesang von den Lagunen. Der einsame Mann im entfernten Boot sang ein Fischerlied.

Als der Gesang beendet war, bewegte das Ruder des Gondoliere das Wasser von neuem, und bald war er an der Seite des andern.

»Du bist schon früh geschäftig mit deiner Angel, Antonio«, sagte der eben Angekommene zum alten Fischer, indem er in dessen Boot trat. »Wie manchen hätte die Zusammenkunft mit dem Gerichtsrat der Dreimänner Gebet und Schlaflosigkeit eingetragen.«

»Es gibt keine Kapelle in Venedig, in der des Sünders Seele so ohne Hülle wäre als hier auf den kahlen Lagunen.«

»Ich hab an deine Lage gedacht, Antonio, hier ist etwas, was dein Leben erhalten und deinen Mut erheben wird. Sieh«, fuhr der Bravo fort, indem er einen Korb aus seinem Boote hob, »hier sind Brot aus Dalmatien, Wein aus Unteritalien und Feigen aus der Levante – iß denn und sei fröhlich.«

Der Fischer warf einen begehrlichen Blick auf die Speisen, doch ließ seine Hand den Faden nicht fahren, mit dem er zu angeln fortfuhr.

»Sind dies deine Gaben, Jacopo?« fragte er mit einer Stimme, die trotz seiner Fassung seinen nagenden Hunger verriet.

»Antonio, es sind die Gaben eines Mannes, der deinen Mut achtet.«

»Von seinem Verdienste gekauft?«

»Wie könnt es anders sein! – Ich bettle nicht, und nur wenige geben in Venedig ungebeten. Iß denn ohne Furcht, nicht oft wird dir’s so willig gereicht.«

»Nimm es fort, Jacopo, wenn du mich lieb hast. Versuche mich nicht über Vermögen.«

»Wie! Ist dir eine Bußübung auferlegt?« rief der andere hastig.

»Nein, das nicht – das nicht. Schon lange fand ich weder Zeit noch Herz zum Beichten.«

»Nun, warum willst du die Gabe eines Freundes nicht annehmen?«

»Ich kann nicht zehren vom Blutpreise.«

Wie elektrisiert zog sich die Hand des Bravo zurück. Durch diese Bewegung fiel der Schein des Mondes in sein funkelndes Auge, und wie fest auch Antonios Ehrlichkeit und Grundsätze waren, so erstarrte ihm doch das Blut im Herzen, als er dem wilden, feurigen Blick seines Gefährten begegnete. Eine lange Pause erfolgte, während sich der Fischer fleißig mit seiner Angel beschäftigte, ohne dabei an den Zweck zu denken, für den sie ausgeworfen war.

»Es ist einmal ausgesprochen, Jacopo«, fügte er endlich hinzu, »meine Zunge soll niemals die Gefühle meines Herzens Lügen strafen. Nimm das Essen fort und vergiß alles Vergangene, was ich sagte, war nicht böse gemeint, es geschah nur zum Heil meiner eigenen Seele. Du weißt, wie ich mich grämte über den Knaben, doch nächst seinem Verlust könnt ich über dich trauern – ja, wohl schmerzlicher als über irgendeinen der Gefallenen.«

Man hörte den schweren Atemzug des Bravo, doch schwieg er noch immer.

»Jacopo«, fuhr der besorgte Fischer fort, »du mußt mich nicht mißverstehen. Das Mitleid des Leidenden und Armen ist nicht wie die Verachtung des Reichen und Weltlichen. Wenn ich eine Wunde berühre, so zertrete ich sie nicht mit meinen Fersen. Dein jetziger Schmerz ist besser als all deine früheren Freuden.«

»Genug, Alter«, sagte der andere mit gedämpfter Stimme. »Deine Worte sind vergessen. Iß ohne Furcht, denn die Gabe ist gekauft von einem Verdienste, so rein wie die Ernte eines Bettelmönchs.«

»Ich verlasse mich auf die Güte des heiligen Antonius und auf das Glück meiner Angel«, erwiderte Antonio ganz einfach. »Wir von den Lagunen gehen ja so oft ohne Abendessen zu Bett; nimm den Korb fort, guter Jacopo, und laß uns von andern Dingen sprechen.«

Der Bravo nötigte den Fischer nicht weiter. Er stellte den Korb beiseite und brütete nachdenkend über das Geschehene.

»Hattest du sonst kein Ursach, so weit herüberzukommen, guter Jacopo?« fragte der alte Mann, in der Absicht, die zurückweisende Antwort wiedergutzumachen.

Die Frage schien Jacopo seine Fahrt ins Gedächtnis zu rufen. Er stand länger als eine Minute und sah mit scharfen Blicken und ganz in seine Absicht versenkt um sich. Länger und ernster war der Blick, den er auf die Stadt richtete, als der, den er auf die offene See warf, auch lenkte er ihn nicht eher von dort hinweg, als bis eine unwillkürliche Bewegung sein Erstaunen und seinen Schreck verriet.

»Ist das nicht ein Boot dort, in gerader Linie mit dem Turm des Campanile?« fragte er rasch, nach der Stadt hinweisend.

»So scheint es. Zwar ist’s noch früh für meine Kameraden, aber der Fischfang ist seit kurzem nicht bedeutend gewesen, und das gestrige Fest zog manchen der Unsern ab von seiner Arbeit. Der Patrizier muß essen und der Arme arbeiten, sonst stürben beide.«

Langsam setzte sich der Bravo und warf besorgliche Blicke auf seinen Gefährten.

»Bist du schon lange hier, Antonio?«

»Seit einer Stunde. Als sie uns aus dem Palast entließen, da sagte ich dir von meinem Bedürfnis. Im allgemeinen gibt es keinen bessern Fleck in den Lagunen als diesen, und dennoch fische ich schon lange vergebens. Du bist ja bekannt mit den Sitten dieser maskierten Edeln, Jacopo, glaubst du wohl, daß sie Vernunft annehmen werden? Ich denke doch nicht, daß ich aus Mangel an Erziehung der Sache geschadet habe, ich sprach offen und ehrlich, wie zu Vätern und Männern mit Herzen.«

»Als Senatoren haben sie keine Herzen. Du begreifst die Doppelzüngigkeit dieser Patrizier nicht, Antonio. In der Fröhlichkeit ihrer Paläste und unter den Gefährten ihrer Vergnügungen spricht niemand schöner über Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ja selbst über Gott, als sie, doch in ihren Sitzungen, wo sie über die sogenannten Angelegenheiten des St. Markus beratschlagen, da gibt es keinen Felsen, der weniger menschlich, und keinen Wolf, der herzloser wäre.«

»Deine Worte sind stark, Jacopo – ich möchte selbst gegen die nicht ungerecht sein, die mir Übles getan haben. Die Senatoren sind Menschen, und Gott gab allen gleiche Gefühle und gleiche Naturen.«

»Dann wird die Gabe mißbraucht. Du hast den Mangel deines täglichen Gehilfen gefühlt, Fischer, und hast getrauert über dein Kind, dir wird es leicht, eines andern Gram mitzuempfinden; allein die Senatoren kennen keine Leiden. Ihre Kinder werden nicht auf die Galeeren geschleppt, ihre Hoffnungen nicht zerstört durch Gesetze, die von harten Tyrannen ausgehen, noch vergießen sie Tränen über ihre durch die Gesellschaft der Hefe der Republik verdorbenen Söhne. Sie sprechen von öffentlichen Tugenden und dem Staat geleisteten Diensten. Doch damit meinen sie nach ihrer Weise die Tugend des Ruhms und die Dienste, die Ehren und Belohnungen eintragen. Ihr Gewissen heißt: Staatsbedürfnisse, indessen tragen sie Sorge, daß ihnen diese Bedürfnisse so wenig als möglich unbequem werden.«

»Jacopo, die Vorsehung selbst hat einen Unterschied gemacht zwischen den Menschen. Der eine ist groß, der andere klein. Einer schwach, der andere stark. Dieser weise, jener dumm. Was die Vorsehung geschaffen hat, darüber sollten wir nicht murren.«

»Die Vorsehung hat keinen Senat geschaffen, das ist Menschenerfindung. Merk auf, Antonio! Deine Sprache hat beleidigt, und du bist nun nicht länger sicher in Venedig. Sie verzeihen alles, nur keine Klagen gegen ihre Gerechtigkeit. Die sind zu wahr, als daß sie vergeben werden könnten.«

»Können Sie wünschen, jemandem wehe zu tun, weil er sein Kind sucht?«

»Wärest du groß und geachtet, so würden sie eher dein Glück und deinen Ruf untergraben, ehe sie litten, daß du ihr System in Gefahr brächtest. Da du aber schwach und arm bist, so werden sie dir irgendein unmittelbares Leid zufügen, wenn du dich nicht mäßigst. Vor allen Dingen warn ich dich, da sie sonst ihren Willen durchsetzen werden.«

»Kann Gott das dulden?«

»Wir können seine Geheimnisse nicht ergründen«, erwiderte der Bravo, sich fromm bekreuzigend. »Wenn seine Herrschaft mit dieser Welt endete, dann wär es wohl ungerecht, daß die Gottlosen triumphieren, doch, wie es ist, so – jenes Boot naht schnell! Mir gefallen sein Äußeres und seine Bewegung nicht.«

»Es sind keine Fischer, das ist wahr, denn es hat viele Ruder und einen Baldachin.«

»Es ist eine Gondel des Staates«, rief Jacopo aus und trat in sein eigenes Boot, es von dem seines Gefährten losmachend; sichtlich war er in Zweifel, was ferner zu tun sei. »Antonio, wir täten wohl, uns davonzumachen.«

»Deine Furcht ist natürlich«, sagte der unbewegliche Fischer, »und es ist ein Jammer, daß Grund dazu da ist. Für einen wie du ist es aber noch Zeit, der schnellsten Gondel des Kanals zu entkommen.«

»Geschwind lichte den Anker, Alter, und mach dich davon – ich hab ein sicheres Auge. Ich kenne das Boot.«

»Armer Jacopo! Welch ein Fluch ist ein schuldiges Gewissen! Du bist gütig gegen mich gewesen in der Not, und wenn dir Gebete aus aufrichtigem Herzen helfen können, so sollen sie dir nicht fehlen.«

»Antonio!« schrie der andere und ließ sein Boot davonwirbeln, dann hielt er wieder unentschlossen an. »Ich kann nicht länger bleiben – trau ihnen nicht – sie sind falsch wie Teufel – es ist keine Zeit zu verlieren – ich muß fort.«

Der Fischer murmelte einen Ausruf des Mitleids, als er ihm ein Lebewohl zuwinkte.

Die Annäherung der fremden Gondel nahm jetzt des Alten ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Schnell schwebte sie heran, von sechs Rudern getrieben; des Alten Blick folgte fieberhaft dem Flüchtling. Jacopo hatte mit einer Schnelligkeit, die Notwendigkeit und lange Übung bei ihm fast zum Instinkt gemacht hatten, seinen Lauf durch einen der glänzenden Streifen genommen, die der Schein des Mondes auf dem Wasser gebildet und die durch ihr blendendes Licht dem Auge jenen Gegenstand entzogen. Als der Fischer den Bravo verschwinden sah, lächelte er und war ruhig.

»Nun laßt sie nur herkommen«, sagte er, »das gibt Jacopo desto mehr Zeit. Gewiß hat der arme Kerl, seit wir den Palast verließen, einen Streich vollführt, den der Rat nicht vergeben kann. Der Anblick des Goldes war zu mächtig, und er hat die beleidigt, die ihm solange durch die Finger gesehen haben. Gott verzeihe es mir, daß ich Umgang gepflogen mit solchem Menschen! Doch wenn das Herz schwer ist, so tut uns selbst das Mitgefühl eines Hundes wohl. Wenige Menschen bekümmern sich jetzt um mich, sonst hätte mir die Freundschaft eines solchen nicht eben willkommen sein können.«

Antonio schwieg, denn die Gondel des Staates rauschte jetzt heran und ward plötzlich durch Rückschlag des Ruders zum Stillstand gebracht. Noch war das Wasser in Bewegung, als schon eine Gestalt in des Fischers Boot trat; die größere Gondel schoß wiederum einige hundert Fuß fort und blieb dann ruhig liegen.

Antonio sah alles dies mit stiller Neugier geschehen; als aber die Gondolieri des Staates auf ihren Rudern ausruhten, da wandte er noch einen flüchtigen Blick nach der Seite hin, wo Jacopo verschwunden war, überzeugte sich von dessen Sicherheit und betrachtete dann seinen Gesellschafter mit Zuversicht. Der helle Mond zeigte ihm den Anzug und das Aussehen eines barfüßigen Karmeliters. Letzterer schien bestürzter als der Fischer, sowohl durch die Schnelligkeit der Fahrt als auch durch die Neuheit seiner Lage. Trotz seiner Verlegenheit aber schien er offenbar verwundert, als er die demütige Verfassung und das ganze Äußere und Betragen des alten Mannes wahrnahm, dem er sich gegenüber befand, und die Worte: »Wer bist du?« entfuhren ihm im ersten Erstaunen.

»Antonio von den Lagunen, ein Fischer, der dem heiligen Antonius manches unverdiente Gute verdankt.«

»Und wie hast du dir des Senats Mißfallen zugezogen?«

»Ich bin aufrichtig und bereit, anderen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wenn das die Großen beleidigt, so sind sie mehr zu bemitleiden, als zu beneiden.«

»Der Überführte ist immer geneigter, sich für unglücklich als für schuldig zu erkennen. Dieser Irrtum ist sehr verderblich und muß ausgerottet werden aus dem Gemüt, sonst führt er zum Tode.«

»Sagen Sie das den Patriziern. Die bedürfen guten Rats und Warnung von der Kirche.«

»Mein Sohn, deine Antwort zeigt Zorn und Stolz und ein verderbtes Herz an. Die Sünden der Senatoren – da sie Menschen sind, haben sie ihre Mängel – können auf keine Weise deine eigenen vertilgen. Wenn auch das Urteil, das jemand zur Strafe verdammt, ein ungerechtes ist, so behält doch die Sünde gegen Gott ihre ursprüngliche Mißgestalt. Die Menschen können den bemitleiden, der den Zorn der Welt mit Unrecht trägt, doch die Kirche verzeiht nur dem, der seine Vergehungen mit aufrichtiger Anerkennung ihrer Größe gesteht.«

»Sind Sie gekommen, eines Büßenden Beichte zu hören, Vater?«

»Dies ist mein Geschäft. Ich beklage die Veranlassung; und wenn das, was ich fürchte, wahr ist, so muß ich noch mehr trauern, daß ein so bejahrter Mann sein dem Verderben geweihtes Haupt unter den Arm der Gerechtigkeit gebracht hat.«

Antonio lächelte und wandte sein Auge wieder dem blendenden Lichtstreif zu, durch den die Gondel und die Person Jacopos unsichtbar blieben.

»Vater«, sagte er, nachdem er ihn lange mit tiefem Ernste angeschaut hatte, »es kann wohl wenig schaden, vor jemand deines heiligen Amtes die Wahrheit zu sprechen. Man hat dir gesagt, du würdest hier auf den Lagunen einen Verbrecher finden, der sich den Zorn des heiligen Markus zugezogen hat?«

»So ist es!«

»Es ist nicht leicht zu erkennen, wann St. Markus guter Laune ist und wann nicht«, fuhr Antonio fort, gleichgültig mit seiner Angel spielend, »denselben Mann, den er jetzt sucht, hat er lange geschützt. Ja selbst in des Dogen Gegenwart. Der Senat hat freilich seine Gründe, die dem Einfältigen unerreichbar sind, doch für des armen Jünglings Seele wär es besser und für den Senat schicklicher gewesen, hätte man von Anfang an einen mißbilligenden Blick auf seine Taten gerichtet.«

»Du sprichst von einem anderen! – Du bist also nicht der Verbrecher, den sie suchen?«

»Ich bin ein Sünder, ehrwürdiger Karmeliter, allein, meine Hand hat nie eine andere Waffe geführt als das gute Schwert, das die Ungläubigen schlug. Vor kurzem war jemand hier, der dies zu meinem Leidwesen nicht von sich sagen kann.«

»Und er ist fort?«

»Vater, Sie haben Augen und können sich die Frage selbst beantworten, er ist fort, obgleich er nicht ferne ist, doch ist er, Dank dem heiligen Markus, außer dem Bereich der schnellsten Gondeln Venedigs.«

Der Karmeliter neigte sein Haupt auf die Stelle hin, wo er saß, und seine Lippen bewegten sich, entweder zum Gebet oder zum Dank.

»Trauern Sie, Vater, daß ein Sünder entkam?«

»Ich freue mich, mein Sohn, daß der bittere Kelch an mir vorübergegangen ist, allein, ich trauere auch, daß eine Seele so entartet ist, um dessen zu bedürfen. Wir wollen die Diener der Republik rufen, um ihnen zu sagen, daß ihre Botschaft vergebens gewesen.«

»Sei nicht so eilig, guter Vater. Die Nacht ist mild, und jene Mietlinge schlafen auf ihren Rudern. Der Jüngling gewinnt mehr Zeit zur Reue, wenn man ihm Ruhe läßt.«

Der Mönch, der sich erhoben hatte, setzte sich sogleich wieder, als bewegte ihn ein mächtiger innerer Antrieb.

»Ich glaubte, er sei schon weit aus unserem Bereich«, murmelte er, sich gleichsam wegen seiner Eile entschuldigend.

»Er ist mehr als kühn, und ich fürchte, er kehrt in die Kanäle zurück; in diesem Fall begegnet ihr ihm näher der Stadt – oder vielleicht sind auch mehr Gondeln des Staates ausgelaufen – kurz, mein Vater, du wirst der Beichte eines Bravo besser entgehen, wenn du die eines Fischers anhörst, der längst auf eine Gelegenheit wartet, seine Sünden zu bekennen.«

Menschen, die denselben Wunsch hegen, verstehen sich bald. Der Karmeliter faßte sogleich die Meinung seines Gefährten, und seine Kapuze zurückwerfend, bereitete sich Vater Anselmo vor, die Beichte des alten Mannes anzuhören.

Antonio, der seine Leine an seinem Sitz befestigt und sein Netz mit gewohnter Sorgfalt aufbewahrt hatte, bekreuzigte sich andächtig und kniete vor dem Mönch nieder. Sein Sündenbekenntnis begann. Viel geistiger Schmerz gab den Worten und Gedanken des Fischers eine Würde und Hoheit, die sein Zuhörer nicht gewohnt war, unter Menschen dieser Klasse zu finden. Ein durch so lange Leiden gezüchtigter Geist war erhaben und edel geworden. Er sprach von seinen Hoffnungen in Hinsicht des Knaben, von der Weise, wie die ungerechte und eigennützige Staatspolitik diese vernichtete, von seinen verschiedenen Versuchen, die Freiheit seines Enkels zu bewirken, und von seinem kühnen Unternehmen auf der Regatta und bei dem Verlöbnis mit dem Adriatischen Meere. Als er auf diese Weise den Karmeliter vorbereitet hatte, den Ursprung seiner sündlichen Leidenschaften, die er jetzt beichten sollte, zu begreifen, sprach er von diesen Leidenschaften selbst und von ihrem Einfluß auf ein Gemüt, das gewöhnlich im Frieden mit dem ganzen Menschengeschlecht lebte. Die Erzählung geschah einfach und ohne Rückhalt, doch auf eine Art, die Achtung einflößte und das Mitgefühl des Zuhörers mächtig erweckte.

»Und diese Gefühle nährtest du gegen die Mächtigen Venedigs?« fragte der Mönch. »Du weißt, du mußt vergeben, wenn du Vergebung erhalten willst. Gedenkst du, im Frieden mit aller Welt, ferner nicht des dir zugefügten Unrechts, und kannst du mit Bruderliebe zu dem beten, der fürs ganze Menschengeschlecht gestorben ist, auch für die, so dir Leides getan?«

Antonio beugte sein Haupt auf die nackte Brust und schien sich zu beraten mit seiner Seele.

»Vater«, sagte er, »Vater, ich verzeihe ihnen!«

»Amen!«

Der Mönch erhob sich, beugte sein mildes, vom Monde verklärtes Antlitz über den knienden Antonio, sprach, seinen Arm zu den Sternen erhebend, mit inniger Andacht die Worte der Absolution. Des alten Fischers erwartungsvoll emporgerichtetes Auge, sein welkes Antlitz und die heilige Ruhe des Mönchs stellten ein schönes Gemälde der Hingebung und der Hoffnung dar.

Als ein kurzes, stilles Gebet gesprochen war, gab man der Gondel des Staates ein Zeichen, um sie herbeizurufen. Kräftig ruderten sie einher und, waren im Augenblick an ihrer Seite. Zwei Männer traten in Antonios Boot und halfen dienstbeflissen dem Mönch hinüber in die Gondel des Staates.

»Hat der Büßer gebeichtet?« fragte der angesehenste der beiden Männer, halb leise.

»Es ist hier ein Irrtum vorgefallen. Der, den du suchst, ist entflohen. Dieser alte Mann ist ein Fischer namens Antonio, der den heiligen Markus nicht ernstlich beleidigt haben kann. Der Bravo ist nach der Insel St. Giorgio gefahren und muß nun anderswo aufgesucht werden.«

Der Beamte ließ den Mönch, der schnell unter den Baldachin trat, fahren und warf einen raschen Blick auf Antonios Gesicht. Das Reiben eines Taues ward hörbar, Antonios Anker fuhr plötzlich heraus. Ein starkes Geplätscher erfolgte, und die beiden Boote schossen zusammen davon, gehorsam der heftigen Anstrengung der Ruderer. In der Gondel des Staates sah man die gewöhnliche Anzahl der Gondolieri bei ihrer Arbeit, samt dem dunkeln, einer Bahre ähnlichen Baldachin, doch des Fischers Boot war leer.

Das Rauschen der Ruder und Antonios Sturz verschlang eine allgemeine Woge. Als der Fischer nach seinem Falle emportauchte, sah er sich ganz allein mitten auf der weiten, doch ruhigen Wasserfläche. Ein Strahl von Hoffnung war ihm vielleicht aufgegangen, als er aus der Dunkelheit der See zur glänzenden Schönheit der Mondscheinnacht emporstieg. Allein, die schlafenden Kuppeln waren zu fern für menschliche Kräfte, und die Gondeln rauschten mit toller Hast der Stadt zu. Er wandte sich, schwach schwimmend, denn Hunger und frühere Anstrengungen hatten seine Kräfte erschöpft, und richtete seinen Blick nach dem dunkeln Fleck, den er beständig für des Bravos Boot erkannt hatte.

Jacopo hatte mit der größten Anstrengung seiner Sehkraft das Zusammentreffen bewacht. Durch seine Stellung begünstigt, konnte er sehen, ohne deutlich gesehen zu werden. Er sah, wie der Mönch die Absolution sprach und wie sich das größere Boot näherte. Er unterschied den Fall ins Wasser von dem nur plätschernden Ruderschlag und sah Antonios Boot leer hinweggleiten. Kaum hatten die Schiffsmannschaft der Republik mit ihren Rudern die Lagunen durchfegt, als auch das seine schon das Wasser bewegte.

»Jacopo! – Jacopo!« tönte es ängstlich und schwach an sein Ohr. Die Stimme ward erkannt und die ganze Begebenheit durchschaut. Dem Hilferuf folgte das Rauschen des Wassers, das sich vor dem Schnabel der Gondel Jacopos auftürmte. Alle seine Muskeln dehnten sich mit verdoppelter Kraft. Energie und Geschick zeigten sich bei jedem Schlag, und der dunkle Fleck kam wie eine Schwalbe, die mit ihren Flügeln das Wasser bestreicht, den Lichtstreif herab.

»Hier, Jacopo! Du steuerst zu weit!«

Der Schnabel des Bootes wandte sich, und das Feuerauge des Bravo erblickte des Fischers Haupt.

»Schnell, guter Jacopo! Ich kann nicht mehr!«

Wieder erstickte des Wassers Gemurmel die Worte. Wütend ward die Anstrengung des Ruders, die leichte Gondel schien bei jedem Schlage aus ihrem Elemente emporzusteigen.

»Jacopo – hier – lieber Jacopo!«

»Die Mutter Gottes steh dir bei, Fischer! – Ich komme.«

»Jacopo – der Knabe! Der Knabe!«

Das Wasser gurgelte; ein Arm war zu sehen in der Luft, jetzt verschwand er. Die Gondel trieb nach der Stelle, wo der Arm erschienen war, und ein Schlag rückwärts, der das eschene Ruder wie eine Gerte bog, legte das zitternde Boot bewegungslos bei. Die wilde Bewegung rührte die Lagunen auf, doch als der Schaum verschwunden, lagen sie ruhig da, wie das blaue, friedliche Himmelsgewölbe, das sie zurückstrahlten.

»Antonio!« erscholl es von den Lippen des Bravo.

Furchtbare Stille folgte dem Ruf. Weder Antwort zu hören noch Gestalt zu sehen. Mit eisernem Finger drückte Jacopo den Griff seines Ruders, und sein eigener Odem erschreckte ihn. Nach allen Seiten warf er irre Blicke, und auf allen Seiten sah er die tiefe Ruhe des trügerischen Elements, das so schrecklich ist in seiner Wut. Gleich dem menschlichen Herzen schien es zu sympathisieren mit der ruhigen Schönheit der Mitternacht; doch gleich dem menschlichen Herzen bewahrte es seine furchtbaren Geheimnisse.

Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Als der Karmeliter zurückkehrte in das Gemach der Donna Violetta, bedeckte die Farbe des Todes sein Antlitz, und nur mit Mühe trugen ihn seine Füße zu seinem Sitze. Er bemerkte kaum, daß Don Camillo Monforte noch immer da war, noch weniger fielen ihm die Heiterkeit und Freude auf, die in den Augen Violettas glühten. Seine Ankunft ward auch in Wahrheit von den beiden Glücklichen nicht gleich bemerkt, und selbst der Blick der Donna Florinde ruhte erst auf dem Mönch, als er schon durchs Zimmer geschritten war.

Er schlug seine Kapuze zurück, um Luft zu schöpfen, wodurch die Todesblässe seines Gesichts zum Vorschein kam. »Fernando! – Vater Anselmo!« – rief Donna Florinde aus, ihre unwillkürliche Vertraulichkeit verbessernd, obgleich sie dem ängstlichen Ausdruck ihrer aufgeregten Züge nicht gebieten konnte. »Sprich mit uns – du bist leidend!«

»Herzenskrank, Florinde.«

»Täusch uns nicht, du hast üble Nachrichten – Venedig –«

»Ist ein furchtbarer Staat!«

»Warum verließest du uns, wie konntest du in einem für unseren Zögling so wichtigen Augenblick eine lange Stunde abwesend bleiben?«

Violetta blickte erstaunt und überrascht auf die Uhr, doch sprach sie nicht.

»Die Diener des Staates bedurften meiner«, erwiderte der Mönch, sein Herz durch einen Seufzer erleichternd.

»Ich verstehe dich, Vater, du hattest einem armen Sünder die Beichte abzunehmen?«

»So ist es, meine Tochter, und wenige sterben so in Frieden mit Gott und ihren Brüdern.«

Donna Florinde betete ein stilles Gebet für die Seele des Toten und bekreuzigte sich andächtig, als sie endigte. Ihrem Beispiel folgte ihr Zögling, und selbst Don Camillos Lippen bewegten sich scheinbar andächtig, während er sein Haupt nach seiner schönen Gefährtin hinneigte.

»War es ein gerechtes Ende, Vater?« fragte Donna Florinde.

»Ein unverdientes!« schrie der Mönch mit Eifer. »Oder alles ist Heuchelei im Menschen. Ich sah einen Menschen sterben, der besser zum Leben, ja glücklicherweise auch besser zum Sterben geeignet war als die, die sein Urteil gesprochen haben. Welch ein furchtbarer Staat ist Venedig!«

»Und dies sind deine Herren, Violetta«, sagte Don Camillo, »diesen mitternächtlichen Mördern soll dein Glück anvertraut werden! Sag uns, Vater, steht deine schmerzliche Tragödie auf irgendeine Weise mit den Angelegenheiten dieses herrlichen Wesens in Verbindung? Denn wir sind hier von Geheimnissen umgeben, die ebenso unbegreiflich und fast ebenso schrecklich sind als das Schicksal selbst.«

Der Mönch blickte von einem zum anderen, und ein menschlicherer Ausdruck fing an, sich in seinem Gesicht zu zeigen.

»Du hast recht«, sagte er, »so sind die Männer beschaffen, die über das Los unseres Zöglings entscheiden wollen. Der heilige Markus verzeihe den Mißbrauch seines verehrten Namens und beschütze sie mit der Kraft seines Gebetes!«

»Vater, sind wir würdig, mehr zu erfahren von dem, was du sahest?«

»Die Geheimnisse des Beichtstuhls sind heilig, mein Sohn; doch war dies eine Beichte, um die Lebenden und nicht die Toten zu beschämen.«

»Daran erkenne ich den Rat der Drei! Jahrelang haben sie mit meinen Rechten gespielt, um ihre eigennützigen Absichten zu erreichen, ja, zu meiner Schande muß ich es gestehen, sie haben mich, um Gerechtigkeit zu erlangen, zu einer Untertänigkeit vermocht, die ebensowenig mit meinen Gefühlen wie mit meinem Charakter übereinstimmt. Es ist eine schreckliche Regierung, und ihre Früchte sind gleich schädlich für den Herrscher und den Untertan. Die größte aller Gefahren, der Fluch des Geheimnisses bei ihren Absichten, ihren Handlungen und ihrer Verantwortlichkeit lastet auf ihr.«

»Für Menschen, die unter Venedigs Gesetzen leben, ist das eine kühne Sprache«, bemerkte Donna Florinde, furchtsam um sich blickend. »Da wir in der Staatsverwaltung weder etwas ändern noch verbessern können, so sollten wir lieber ganz darüber schweigen.«

»Wenn wir die Macht des Staatsrates nicht zu ändern vermögen, so können wir ihr vielleicht doch entgehen«, antwortete Don Camillo hastig, jedoch mit gedämpfter Stimme. Nachdem er der Sicherheit wegen das Fenster zugemacht hatte, warf er seine Blicke auf die verschiedenen Türen des Zimmers und fragte: »Können Sie sich auf die Treue der Diener verlassen, Donna Florinde?«

»Bei weitem nicht, Signore; wir haben zwar einige alte, bewährte Diener, doch haben wir auch solche, die der Senator Gradenigo erwählte und die ohne Zweifel nichts als Werkzeuge des Staates sind.«

»Auf diese Weise erforschen sie alle Familiengeheimnisse! Ich bin gezwungen, Taugenichtse in meinem Palast zu unterhalten, von denen ich recht gut weiß, daß es ihre Mietlinge sind, und dennoch find ich es besser, so zu tun, als bemerke ich ihre Absichten nicht, damit sie mich nicht auf eine Weise hintergehen, die sich minder leicht erraten läßt. Glauben Sie, Vater, daß meine Gegenwart hier den Spionen entgangen ist?«

»Es wäre zu gewagt, sich darauf zu verlassen. Niemand sah uns hereinkommen, dünkt mich, denn wir benutzten den geheimen Eingang; doch wer ist sicher, unbemerkt zu sein, wenn jedes fünfte Auge ein Mietling ist!«

Die erschreckte Violetta legte ihre Hand auf den Arm ihres Geliebten.

»Vielleicht wirst du selbst in diesem Augenblick beobachtet«, sagte sie, »und schon heimlich zur Strafe verurteilt.«

»Würde ich gesehen, so zweifle nicht, St. Markus wird eine so kühne Einmischung in seinen Willen nie vergeben. Und dennoch, süße Violetta, um deine Gunst zu gewinnen, hat die Gefahr nichts zu bedeuten, auch eine noch weit größere könnte mich nicht abbringen von meinem Vorhaben.«

»Die unerfahrenen und vertrauensvollen Seelen haben meine Abwesenheit benutzt und sich mehr mitgeteilt, als sich geziemte«, sagte der Karmeliter.

»Vater, die Natur ist zu mächtig für die schwache Vorsicht der Vernunft.«

Die Stirn des Mönchs bewölkte sich. Seine Gefährten bewachten die Bewegungen seiner Seele, die sich auf seinem gewöhnlich wohlwollenden, wenngleich stets traurigen Gesichte aussprachen. Einige Augenblicke lang schwiegen alle. Endlich fragte der Karmeliter, seinen unruhigen Blick zu Don Camillo erhebend: »Hast du auch die Folgen dieser Übereilung gehörig überlegt, mein Sohn? Was gewährt dir solche Sicherheit, dem Zorn der Republik zu trotzen, ihre Kunstgriffe, ihre geheimen Auskundschafter und ihre Schrecken herauszufordern?«

»Vater, ich habe wie alle meines Alters überlegt, wenn sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Ich fühle, daß jedes Elend Glückseligkeit für mich sein würde im Vergleich mit dem Verlust Violettas und daß keine Gefahr dem Lohne ihrer Liebe gleichkommt. Dies sei genug auf deine erste Frage – auf die andere kann ich nur antworten, daß ich der Hinterlist des Senats zu gewohnt bin, um in den Kunstgriffen, ihr entgegenzuhandeln, ein Neuling zu sein.«

»Die Jugend hat nur eine Sprache, wenn sie die angenehme Täuschung betört, die die Zukunft in goldene Strahlen kleidet. Herzog von Sant‘ Agata, bist du gleich von hoher Abkunft, berühmtem Geschlechte und Herr vieler Vasallen, so bist du doch keine Macht – du kannst deinen Palast in Venedig nicht für eine Festung erklären noch den Dogen durch einen Herold herausfordern lassen.«

»Sehr wahr, ehrwürdiger Mönch, das kann ich nicht, auch wäre es nicht wohlgetan, sein Glück so aufs Spiel zu setzen. Indes die Staaten des San Marco bedecken nicht den ganzen Erdboden – wir können fliehen.«

»Der Senat hat einen langen Arm und tausend geheime Hände.«

»Das weiß niemand besser als ich, doch übt er keine Gewalttat ohne Beweggrund. Wenn mir sein Mündel erst angetraut ist, so kann er das Übel, das ihm daraus entspringt, nicht mehr ändern.«

»Denkst du dies! Mittel, euch zu trennen, fänden sich bald. Glaube nicht, daß sich Venedig so leicht seine Pläne vereiteln lasse. Der Reichtum dieses Hauses erkauft manchen unwürdigen Freier, und dein Recht würde nicht geachtet, vielleicht gar geleugnet werden.«

»Sie können doch die Feierlichkeit der Kirche nicht verachten, Vater!« rief Violetta aus.

»Meine Tochter, ich sag es mit Schmerz, aber die Großen und Mächtigen finden selbst Mittel, die ehrwürdigen und heiligen Sakramente der Kirche hintenanzusetzen. Dein eigen Gold würde nur dazu dienen, dein Elend zu besiegeln.«

»Dies könnte geschehen, Vater, wenn wir im Bereich von St. Markus blieben«, unterbrach ihn der Neapolitaner, »sind wir aber erst über seine Grenzen, so war es ein gar kühner Eingriff in die Rechte eines fremden Staates, wenn man Hand an uns legte. Überdies hab ich ein festes Schloß in Sant‘ Agata, das ihren geheimsten Hilfsmitteln Trotz bietet, bis sich vielleicht Fälle ereignen, die es ihnen wünschenswerter machen nachzugeben, als auf ihrem Willen zu beharren.«

»Wärst du, anstatt zwischen den Kanälen, jetzt innerhalb der Mauern von Sant‘ Agata, so hätte dieser Grund allerdings viel Kraft.«

»Es ist jetzt einer meiner Vasallen aus Kalabrien hier, ein gewisser Stefano Milano, und Padrone einer sorrentinischen Feluke, die hier im Hafen liegt; der Mann ist ein Freund meines Gondoliere – der der Dritte war in den Wettkämpfen dieses Tages. Ist dir unwohl, Vater, du scheinst unruhig?«

»Fahre fort mit deinem Vorschlag«, antwortete der Mönch, andeutend, daß er nicht wünsche, beobachtet zu werden.

»Mein treuer Gino brachte mir die Nachricht, daß dieser Stefano, wie er glaubt, jetzt im Auftrage der Republik auf den Kanälen ist, denn obgleich der Seemann weniger zur Mitteilung geneigt ist als gewöhnlich, so ließ er doch Winke fallen, die so etwas schließen lassen. – Die Feluke ist jede Stunde bereit, in See zu gehen, und ich zweifle nicht, daß ihr Besitzer lieber seinem natürlichen Herrn als den zweizüngigen Bösewichtern des Senats dienen wird. Ich kann so gut bezahlen wie sie, wenn ich gut bedient werde, und ich kann auch strafen, wenn man mich beleidigt.«

»Wären Sie außer dem Bereich der Arglist dieser mysteriösen Stadt, Signore, so würde dies alles ganz verständig sein. Doch wie wollen Sie sich einschiffen, ohne die Aufmerksamkeit derer auf sich zu ziehen, die wahrscheinlich alle unsere Handlungen bewachen?«

»Finden sich doch zu allen Stunden Verlangte auf den Kanälen, und wenn auch Venedig in seinem Aufpassersystem sehr weit geht, so weißt du doch, Vater, daß ohne außerordentliche Ursachen Masken Sicherheit genießen. Ohne dies kleine Privilegium würde die Stadt nicht einen Tag zu bewohnen sein.«

»Ich fürchte die Folgen«, bemerkte der zögernde Mönch, obgleich man aus seinen gedankenvollen Zügen deutlich sah, daß er die möglichen Fälle des Abenteuers berechnete. »Wird es bekannt, und werden wir angehalten, so sind wir alle verloren.«

»Vertraue mir, Vater, dein Schicksal soll nicht vergessen werden, selbst im schlimmsten Fall. Ich habe, wie du weißt, einen Onkel, der beim Papst hoch angeschrieben ist und den Scharlachhut trägt. Ich verpfände dir mein Ehrenwort, daß ich all meinen Einfluß bei diesem Verwandten aufbieten will, solche Fürbitte der Kirche zu bewirken, daß der Schlag, der ihren Diener treffen sollte, abgewandt werde.«

Das Gesicht des Karmeliters ward röter, und zum erstenmal bemerkte der eifrige junge Mann um dessen asketischen Mund den Ausdruck weltlichen Stolzes.

»Du hast meine Bedenklichkeiten unrecht verstanden, Herzog von Sant‘ Agata«, sagte er, »ich fürchte nicht für mich, sondern für andere. Dieses zarte, liebliche Kind ist meiner Sorge nicht anvertraut worden, ohne einen väterlichen Anteil an ihr Schicksal bei mir erregt zu haben«, er hielt inne und schien mit sich selbst zu kämpfen. »Zu lange kenne ich die milden, weiblichen Tugenden Donna Florindes, um sie gleichgültig der nahen und schrecklichen Gefahr ausgesetzt zu sehen. Unseren Zögling verlassen können wir nicht; auch sehe ich nicht ein, wie wir, als kluge und wachsame Beschützer, auf irgendeine Weise unsere Zustimmung zu diesem Wagestück geben können. Laßt uns hoffen, daß die, die regieren, doch noch die Ehre und das Glück der Donna Violetta berücksichtigen werden.«

»Das wäre, als wollten wir hoffen, den geflügelten Löwen in ein Lamm und den finsteren, seelenlosen Senat in eine Gesellschaft büßender, frommer Kartäuser verwandelt zu sehen! Nein, ehrwürdiger Vater, wir müssen den glücklichen Augenblick ergreifen – und wahrscheinlich kommt nie ein günstigerer als dieser – oder unsere Hoffnungen einer kalten, berechnenden Politik, die nichts achtet als ihre Zwecke, anvertrauen. Eine Stunde, ja eine halbe, wäre hinreichend, den Seefahrer zu benachrichtigen, und noch bevor der Morgen graute, könnten wir die Kuppeln Venedigs in ihre verhaßten Lagunen hinabsinken sehen.«

»Dies sind Pläne der zuversichtlichen, von Leidenschaft beflügelten Jugend. Glaube mir, mein Sohn, es ist nicht so leicht, die Agenten der Polizei irrezuführen. Wir könnten diesen Palast nicht verlassen, die Feluke nicht besteigen, noch irgendeinen der so vielen nötigen Schritte tun, ohne ihre Blicke auf uns zu ziehen. Horch – ich höre Rudergeplätscher – eine Gondel hält eben am Wassertor!«

Donna Florinde ging schnell auf den Balkon und kehrte ebenso schnell zurück, um zu erzählen, daß sie einen Beamten der Republik hätte in den Palast gehen sehen. Es war keine Zeit zu verlieren, Don Camillo mußte sich von neuem in der Kapelle verbergen. Kaum hatte man diese nötige Vorsicht beobachtet, als sich die Türe des Zimmers öffnete und der privilegierte Bote des Senats sich selbst anmeldete. Es war derselbe, der bei der schrecklichen Exekution präsidiert und das Ende der Macht von Signore Gradenigo angekündigt hatte. Als er ins Zimmer trat, blickte er argwöhnisch umher. Der Karmeliter zitterte an allen Gliedern, wie sein Blick dem seinigen begegnete. Doch alle unmittelbare Furcht verschwand, als das gewöhnliche, schlaue Lächeln, mit dem er seine unangenehmen Mitteilungen zu mildern suchte, die Stelle des momentanen Ausdrucks eines ungewissen Argwohns einnahm.

»Edle Dame«, sagte er, sich mit der ihrem Range angemessenen Ehrfurcht verbeugend, »aus dem Eifer seines Dieners werden Sie den Anteil erkennen, den der Senat an Ihrer Wohlfahrt nimmt. Ängstlich besorgt für das Vergnügen und für die Wünsche einer so jungen Dame, hat er beschlossen, Ihnen den Genuß und den Wechsel eines andern Schauplatzes zu geben, und zwar jetzt in dieser Jahreszeit, wo die Kanäle der Stadt durch ihre Wärme und die Menschenmenge, die in der freien Luft lebt, höchst unangenehm werden. Ich bin daher abgesandt worden, Sie zu ersuchen, daß Sie Einrichtungen treffen, wie sie zu einem Aufenthalt von wenigen Monaten in einer reineren Atmosphäre Ihrer Bequemlichkeit angemessen sind, und zwar so eilig als möglich, indem Ihre Reise, um Ihnen Ungemächlichkeiten zu ersparen, schon vor Sonnenaufgang beginnen soll.«

»Das ist eine sehr kurze Frist für eine Dame, die die Wohnung ihrer Ahnen verlassen soll.« »Die Liebe und väterliche Sorgfalt von St. Markus läßt ihn leere Zeremonien übersehen. So handelt stets der Vater gegen sein Kind. Es bedarf der großen Vorbereitungen nicht, da es ein Geschäft der Regierung sein wird, alles Benötigte nach dem Aufenthalt zu senden, den eine so erlauchte Dame mit ihrer Gegenwart beehren wird.«

»Für meine Person braucht es weniger Vorbereitung, allein, ich fürchte, daß die Dienerzahl, die meinem Stande angemessen ist, zu ihren Einrichtungen mehr Zeit bedürfen wird.«

»Edle Dame, diese Verlegenheit hat man vorausgesehen, und um ihr abzuhelfen, hat der Staatsrat beschlossen, Sie mit der einzigen Dienerin zu versehen, die Sie während einer so kurzen Abwesenheit von der Stadt bedürfen werden.«

»Wie, Signore? Will man mich von meinen Leuten trennen?«

»Von den Mietlingen Ihres Palastes, um Sie mit solchen zu umgeben, die Ihnen aus edleren Beweggründen ergeben sind.«

»Und meine mütterliche Freundin – mein geistlicher Ratgeber?«

»Diesen ist erlaubt, während Ihrer Abwesenheit zu ruhen von ihren Pflichten.«

Ein Ausruf der Donna Florinde und eine unwillkürliche Bewegung des Mönchs verrieten ihren beiderseitigen Schmerz. Donna Violetta unterdrückte mit mächtiger Anstrengung das bittere Gefühl ihres verwundeten Herzens, wobei sie ihr Stolz kräftig unterstützte; doch konnte sie eine andere Sorge, die ihre Blicke aussprachen, nicht ganz verbergen.

»Erstreckt sich dies Verbot auch bis auf die, die gewöhnlich meine eigene Person bedient?«

»So lauten meine Befehle, Signora.«

»Erwartet man, daß sich Violetta Tiepolo diese Dienste selbst leiste?«

»Nein, Signora. Man hat eine höchst liebenswürdige, vortreffliche Dienerin zu diesem Geschäft erwählt. Annina«, fuhr er, sich der Türe nähernd, fort, »deine erlauchte Gebieterin wünscht dich zu sehen.«

Auf seinen Ruf erschien die Tochter des Weinhändlers. Sie hatte den Schein der Demut angenommen, doch war er von einer gewissen Miene begleitet, die Unabhängigkeit von dem Willen ihrer neuen Gebieterin verriet.

»Diese Dirne also soll meine nächste Vertraute werden!« rief Donna Violetta aus, nachdem sie ihre Züge einen Augenblick mit sichtlichem Widerwillen gemustert hatte.

»Die Sorgfalt Ihrer erlauchten Vormünder, edle Dame, hat diese Wahl getroffen. Da das Mädchen schon von allem Nötigen unterrichtet ist, so will ich nicht länger beschwerlich fallen, sondern mich beurlauben, und Ihnen noch zuvor empfehlen, die wenigen Stunden zwischen jetzt und Sonnenaufgang zu benutzten, um in der Morgenfrische die Stadt verlassen zu können.«

Noch einen Blick warf der Beamte im Zimmer umher, jedoch, wie es schien, mehr aus gewohnter Vorsicht als aus irgendeinem andern Grund, verbeugte sich alsdann und ging.

Ein tiefes, schmerzliches Stillschweigen erfolgte. Dann blitzte die Furcht, Don Camillo möchte sich in Hinsicht ihrer Lage irren und zum Vorschein kommen, in Violettas Seele auf, daher beeilte sie sich, durch lautes Sprechen mit ihrer neuen Dienerin, ihn von der Gefahr zu unterrichten.

»Hast du schon früher gedient, Annina?« fragte sie laut, damit ihre Worte in der Kapelle gehört würden.

»Nie bei einer so schönen und erlauchten Dame, Signora. Doch hoffe ich, mich meiner Gebieterin angenehm zu machen, die, wie ich höre, so gütig gegen ihre Umgebung ist.«

»Die Schmeichelreden deines Standes sind dir nicht fremd! Geh denn und benachrichtige meine ehemaligen Diener von diesem plötzlichen Wechsel, damit ich den Senat durch mein Zögern nicht erzürne. Ich vertraue alles deiner Sorge an, Annina, da du mit dem Willen meiner Vormünder benannt bist – die Leute draußen werden dir beistehen.«

Das Mädchen zögerte, und ihre wachsamen Beobachter sahen Argwohn und Ungewißheit in der lässigen Art ihres Gehorsams. Sie gehorchte indessen und verließ mit dem Diener, den Donna Violetta aus dem Vorsaal herbeigerufen hatte, das Zimmer. Sowie die Türe geschlossen war, erschien Don Camillo, und die ganze Gruppe der Vier sah sich mit panischem Schrecken an.

»Kannst du jetzt noch zögern, Vater?« fragte der Liebende.

»Nicht einen Augenblick sähe ich Mittel, die Flucht zu bewerkstelligen.«

»Wie! Du willst mich also nicht verlassen!« rief Violetta voller Freude aus und küßte seine Hände. »Und auch du nicht, meine zweite Mutter?«

»Keiner«, antwortete die Freundin, die wie durch Eingebung des Mönchs Entschluß begriff. »Wir gehen mit dir, meine Liebe, nach dem Schlosse von Sant‘ Agata oder in den Kerker von San Marco.«

»Florinde, empfange meinen Dank!« rief die erleichterte Violetta. »Camillo, wir erwarten deine Leitung!«

»Halt«, rief der Mönch, »ein Fußtritt – in dein Versteck.«

Kaum war Camillo ihren Blicken entschwunden, als Annina wieder erschien, nach der unbedeutenden Frage zu urteilen, die sie an ihre Gebieterin hinsichts der Farbe eines Kleides tat, war ihr Kommen eher einer andern Ursache als diesem Vorwande zuzuschreiben.

»Tue, was du willst, Mädchen«, sagte Violetta ungeduldig, »du kennst meinen neuen Aufenthalt und wirst am besten beurteilen können, welches Anzugs ich bedarf. Eile mit deinem Geschäft, damit ich keinen Aufenthalt verursache. Enrico, führe meine neue Kammerfrau in die Garderobe.«

Zögernd entfernte sich Annina, denn zu bewandert war sie in Arglist und Verstellungskunst, um dieser unerwarteten Fügung in den Willen des Senats nicht zu mißtrauen oder nicht den Widerwillen zu bemerken, mit dem ihre Dienste angenommen wurden. Da ihr indes der treue Diener Donna Violettas zur Seite blieb, mußte sie wohl oder übel gehorchen und sich einige Schritte nach der Türe zu führen lassen. Plötzlich, als fiele ihr eine neue Frage ein, kehrte sie mit solcher Schnelligkeit zurück, daß sie schon im Zimmer war, ehe noch Enrico ihre Absicht ahnte.

»Tochter, vollbringe dein Geschäft und hüte dich, uns ferner zu unterbrechen«, sagte der Mönch ernsthaft. »Ich will eben diese Bußfertige beichten lassen, die vielleicht lange nach dem Trost der heiligen Kirche wird schmachten müssen, bevor wir uns wiedersehen. Wenn du kein dringendes Geschäft hast, so geh, ehe du der Kirche ernste Ursache zum Zorne gibst.«

Der strenge Ton des Karmeliters, sein befehlender Blick setzten die Dirne in Schrecken. Zitternd und wirklich in Furcht vor der Gefahr, Meinungen entgegenzuhandeln, die in allen Gemütern tief wurzelten und von denen ihr eigener Aberglaube nicht frei war, murmelte sie einige entschuldigende Worte und ging endlich, nachdem sie noch einen ihrer unruhigen, argwöhnischen Blicke umhergeworfen hatte. Als man sich wieder allein sah, empfahl der Mönch durch einen Wink dem ungestümen Don Camillo, der seine Ungeduld kaum so lange im Zaum halten konnte, bis die Überlästige entfernt war, Stillschweigen.

»Sei vorsichtig, mein Sohn«, sagte er, »wir sind von Verrätern umgeben, in dieser unglücklichen Stadt weiß man nicht, wem man trauen darf.«

»Ich denke, auf Enrico können wir uns verlassen«, sagte Donna Florinde, obgleich der Ton ihrer Stimme die Zweifel ausdrückte, die sie nicht zu fühlen vorgab.

»Daran ist wenig gelegen, meine Tochter. Er weiß nichts von Don Camillos Hiersein, und in dieser Hinsicht sind wir sicher. Herzog von Sant‘ Agata, können Sie uns aus diesen Schlingen erlösen, so sind wir bereit, Ihnen zu folgen.«

Ein Freudenschrei schwebte auf Violettas Lippen, doch den Blicken des Mönchs gehorsam, wandte sie sich zu ihrem Geliebten, als wolle sie seine Entscheidung erfahren. Don Camillos Einwilligung war auf seinem Gesichte zu lesen. Ohne ein Wort zu sagen, schrieb er eilig einige Zeilen auf das Kuvert eines Briefes, wickelte ein Stück Geld hinein und ging mit vorsichtigen Schritten auf den Balkon. Ein Signal ward gegeben, und alle erwarteten schweigend und mit angehaltenem Atem die Antwort. Alsbald hörten sie das Plätschern eines Bootes unter dem Fenster. Wieder vorgehend, warf Don Camillo mit sicherer Hand das Papier hinab, so daß er den Fall der Münze auf dem Boden der Gondel hörte. Der Gondoliere hob kaum seinen Blick zum Balkon empor, fing ein auf den Kanälen sehr gewöhnliches Liedchen an und ruderte gemächlich, als habe es keine Eile, davon.

»Das ist gelungen!« sagte Don Camillo, als er den Gesang Ginos hörte. »In einer Stunde hat mein Geschäftsträger die Feluke in Beschlag genommen, alles kommt nun darauf an, den Palast unbemerkt zu verlassen. Meine Leute werden uns in kurzem erwarten, und vielleicht wäre es wohlgetan, offen und frei unserer Schnelligkeit zu vertrauen, um das Adriatische Meer zu erreichen.«

»Noch ist eine feierliche und unerläßliche Pflicht zu erfüllen«, bemerkte der Mönch. »Meine Töchter, geht in eure Zimmer und besorgt das Nötige zu unserer Flucht: Dies kann, ohne Argwohn zu erregen, geschehen, indem es scheinen wird, als wolltet ihr den Wünschen des Senats genügen. In wenigen Minuten werde ich euch wieder hierher berufen.«

Verwundert, doch gehorsam entfernten sich die Damen. Der Karmeliter machte nun Don Camillo offen und kurz mit seinen Absichten bekannt. Letzterer hörte eifrig zu, und nachdem der andere geendet, gingen beide in die Kapelle.

Kaum vergingen fünfzehn Minuten, als der Mönch schon allein zurückkehrte und die Klingel zog, die in das Kabinett Violettas führte. Donna Florinde und ihr Zögling erschienen sogleich.

»Bereite dich zur Beichte vor«, sagte der Priester, sich mit ernster Würde in den Stuhl niederlassend, den er gewöhnlich einnahm, wenn er auf die Selbstanklagen und Geständnisse seiner geistlichen Tochter hörte.

Violetta erblaßte und errötete wechselweise, als drückte eine schwere Sünde ihr Gewissen. Sie warf einen flehenden Blick auf ihre mütterliche Ratgeberin, in deren milden Zügen sie einem ermutigenden Lächeln begegnete, dann kniete sie, mit schwerem Herzen und zu solcher Feierlichkeit wenig gesammeltem Gemüt, doch mit einer dem Gegenstande angemessenen Entschlossenheit, auf das Kissen nieder, das zu des Mönchs Füßen lag.

Die leisen Worte Donna Violettas waren nur den väterlichen Ohren hörbar, für die sie bestimmt waren. Zweimal lächelte der gute Vater unwillkürlich, und bei jeder gebeichteten Unbesonnenheit legte er wohlwollend seine Hand auf das Haupt der Beichtenden. Violetta hörte auf zu reden, und mit warmer Inbrunst, die durch die besonderen Umstände noch erhöht ward, in denen sich alle befanden, ward die Absolution gesprochen.

Nachdem diese Pflicht erfüllt war, trat der Mönch in die Kapelle. Mit fester Hand zündete er die Lichter auf dem Altare an und besorgte alles zur Messe Nötige. Währenddem stand Don Camillo an der Seite Violettas und flüsterte ihr mit der Wärme eines glücklichen Geliebten leise Worte zu. Florinde hielt sich an der Tür, den Ton der Fußtritte im Vorzimmer bewachend. Der Mönch trat vor den Eingang der kleinen Kapelle und wollte eben sprechen, als Donna Florindes schnelle Schritte seine Worte aufhielten. Kaum hatte Don Camillo Zeit, sich hinter der Draperie eines Fensters zu verbergen, als auch schon Annina die Tür öffnete und hereintrat.

Als die Dirne die Zubereitungen des Altars und des Priesters feierliches Antlitz sah, trat sie bestürzt einen Schritt zurück. Doch mit jener Besonnenheit, die ihr eben ihre gegenwärtige Anstellung verschafft hatte, sammelte sie ihre Gedanken bald, bekreuzigte sich andächtig und nahm ihren Platz seitwärts, wie jemand, der seine Stellung wohl kennt, aber doch an dem heiligen Gottesdienst teilzunehmen wünscht.

»Tochter, niemand, der diese Messe mit uns beginnt, kann sie verlassen, bevor sie geendet ist«, bemerkte der Mönch.

»Vater, es ist meine Pflicht, mich in der Nähe meiner Gebieterin aufzuhalten, und eine Glückseligkeit für mich, ihr in dieser frühen Morgenandacht nahe zu sein.«

Der Mönch war in Verlegenheit; er blickte unentschlossen von einer zur andern und wollte eben irgendeinen Vorwand ersinnen, sich der Überlästigen zu entledigen, als Don Camillo mitten ins Zimmer trat.

»Fahren Sie fort, ehrwürdiger Vater«, sagte er, »sie ist nur noch ein Zeuge meines Glückes mehr.«

Bei diesen Worten berührte der Edelmann mit einem Finger den Griff seines Schwertes und warf der halb versteinerten Annina einen Blick zu, der sehr erfolgreich den Ausruf zurückhielt, der ihr eben entschlüpfen wollte. Der Mönch schien diese schweigende Verabredung zu verstehen, denn mit tiefer Stimme begann er die heilige Messe.

Die Sonderbarkeit ihrer Lage, die wichtigen Folgen der Handlung, in der sie begriffen waren, die ausdrucksvolle Würde des Karmeliters und die große Gefahr, der sie sich alle aussetzten, verbunden mit der Gewißheit der Strafe, wenn es verraten ward, daß sie es wagten, dem Willen Venedigs zuwiderzuhandeln, machten einen tieferen Eindruck auf ihr Gefühl, als gewöhnlich bei Trauungen zu geschehen pflegt. Violetta zitterte bei jedem Ton der feierlichen Stimme des Mönchs, und gegen Ende der Handlung lehnte sie sich kraftlos an den Arm des Mannes, dem sie soeben ihre Treue verpfändet hatte. Die Augen des Karmeliters wurden indessen immer belebter, je weiter er in seinem Vortrage kam, und noch lange vor dem Schluß hatte er sich sogar der Gefühle Anninas so bemächtigt, daß er ihre feile Seele in Ehrfurcht erhielt. Die Endworte der Trauung wurden gesprochen und der Segen erteilt.

»Maria, die Reine, wache über dein Glück, meine Tochter«, sagte der Mönch, zum ersten Male in seinem Leben die Stirn der weinenden Braut küssend. – »Herzog von Sant‘ Agata, dein Schutzpatron erhöre dich nach Maßgabe deiner Güte gegen dies unschuldige, vertrauensvolle Kind!«

»Amen! Ha! Wir sind nicht zu früh vermählt, meine Violetta, ich höre Ruderschläge.«

Ein Blick vom Balkon überzeugte ihn von der Wahrheit seiner Worte und von der Notwendigkeit, jetzt den entscheidenden Schritt zu tun. Eine sechsrudrige Gondel, von einer den Wellen des Adriatischen Meeres in dieser Jahreszeit angemessenen Größe und mit einem geräumigen Kajütenpavillon, hielt am Wassertore des Palastes.

»Ich bewundere diese Kühnheit«, rief Don Camillo aus. »Wir dürfen nicht zögern, damit die Polizei nicht durch irgendeinen Spion der Republik Nachricht erhalte. Fort, teure Violetta! – Fort, Donna Florinde – Vater, fort!«

Die Gouvernante und ihr Zögling eilten schnell in die inneren Zimmer. Nach einer Minute kehrten sie mit Donna Violettas Schmuckkästchen und allem zu einer kurzen Reise Benötigten zurück. Alles war bereit bei ihrer Rückkehr, denn Don Camillo hatte sich auf diesen entscheidenden Augenblick längst vorbereitet, und der selbstverleugnende Karmeliter bedurfte keiner überflüssigen Bequemlichkeiten. Es war jetzt nicht Zeit zu unnötigen Erklärungen oder gewöhnlichen Einwürfen.

»Unsere Hoffnung beruht auf unserer Eile«, sagte Don Camillo. »Geheimhaltung ist unmöglich.«

Noch hatte er nicht vollendet, als der Mönch schon zur Tür schritt. Donna Florinde und die halb atemlose Violetta folgten ihm; Don Camillo zog den Arm Anninas unter den seinen und gebot ihr mit leiser Stimme, zu gehorchen, wenn ihr Leben ihr lieb wäre.

Die lange Reihe der äußeren Zimmer war zurückgelegt, ohne daß irgend jemand diesen sonderbaren Zug bemerkt hätte. Doch als die Flüchtlinge in die große Halle traten, die mit der Haupttreppe in Verbindung stand, sahen sie sich inmitten von wenigstens zwölf Dienern beiderlei Geschlechts.

»Platz da!« rief der Herzog von Sant‘ Agata, dessen Person und Stimme allen gleich unbekannt war. »Eure Gebieterin will die frische Luft auf den Kanälen genießen.«

Verwunderung und Neugier zeigte sich auf allen Gesichtern, doch war in den Zügen vieler Argwohn und eifrige Aufmerksamkeit vorherrschend. Kaum hatte Violettas Fuß das Pflaster der unteren Halle berührt, als mehrere Diener die Treppe hinunterschlüpften und den Palast durch verschiedene Türen verließen. Jeder suchte die Personen auf, die ihn hier in den Dienst gebracht hatten. Einer floh die engen Gassen der Inseln entlang, um zu Don Gradenigos Wohnung zu gelangen; ein anderer suchte dessen Sohn auf; ein dritter, unbekannt mit dem, der ihm für seine Dienste zahlte, suchte den Geschäftsträger Don Camillos, um ihm Umstände mitzuteilen, in denen dieser selbst eine so bedeutende Rolle spielte. In solch einen Zustand von Verderbtheit hatten Falschheit und Hinterlist den Haushalt der schönsten und reichsten Erbin Venedigs versetzt!

Die Gondel lag an den Marmorstufen des Wassertores, zwei Männer hielten sie fest an den Steinen. Don Camillo übersah mit einem Blick, daß die maskierten Gondolieri keine der ihnen von ihm vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln versäumt hatten, und er pries innerlich ihre Pünktlichkeit. Jeder von ihnen trug ein kurzes Rapier im Gürtel, und er glaubte unter den Falten ihrer Gewänder die damals üblichen, schwerfälligen Feuergewehre zu bemerken. Diese Beobachtungen wurden gemacht, während der Mönch und Violetta ins Boot traten. Dona Florinde folgte, und Annina wollte desgleichen tun, als sie Don Camillo beim Arm zurückhielt.

»Dein Dienst hat hier ein Ende«, sagte der Bräutigam. »Suche dir eine andere Gebieterin, in Ermangelung einer besseren rate ich dir, dich Venedig zu weihen.«

Bei dieser Unterbrechung sah sich Don Camillo um und betrachtete einen Augenblick lang die in ehrfurchtsvoller Ferne in der Halle des Palastes versammelte Menge.

»Lebt wohl, meine Freunde!« sagte er. »Wer seiner Gebieterin treu ist, soll nicht vergessen werden.«

Er wollte mehr sagen, da fühlte er sich plötzlich und rauh bei den Armen ergriffen. Die beiden Gondolieri am Ufer hatten ihn gepackt, während er sich ihnen zu entwinden suchte, schoß Annina auf einen erhaltenen Wink bei ihm vorbei und ins Boot. Die Ruder fielen ins Wasser. Don Camillo ward auf eine heftige Weise in den Palast zurückgedrängt, die Gondolieri nahmen ihre Plätze ein, die Gondel glitt von den Stufen hinweg und war bald aus dem Bereich der Zurückgebliebenen.

»Gino! Bösewicht! Was bedeutet diese Verräterei?«

Die Bewegung der abfahrenden Gondel ward nur von dem Ton des rauschenden Wassers begleitet. In sprachlosem Schmerz sah Don Camillo das Boot immer schneller und schneller die Kanäle entlanggleiten und dann, sich um die Ecke eines Palastes wendend, verschwinden. In Venedig war Verfolgung nicht so leicht wie in anderen Städten, denn dem Lauf der Gondel auf den Kanälen konnte man nur zu Wasser folgen. Verschiedene Familienboote lagen innerhalb der durch Pfähle abgetrennten Stelle des großen Kanals am Haupteingange, und schon wollte sich Don Camillo in eines stürzen und mit eigener Hand das Ruder führen, als Ruderschläge die Annäherung einer Gondel von der Brücke her ankündigten. Bald trat sie hervor aus dem dunkeln Schatten der Häuser, und Don Camillo erblickte eine große Gondel, die, genau wie die eben abgefahrene, von sechs maskierten Gondolieri gerudert ward. Die beiden Boote sahen sich so ähnlich, daß nicht nur Don Camillo, sondern alle andern, die zugegen waren, anfangs glaubten, letzteres habe schon mit außergewöhnlicher Eile die Tour um die nahegelegenen Paläste vollendet und nähere sich nun wieder dem Eingange von Donna Violettas Behausung.

»Gino!« schrie der betäubte Neuvermählte.

»Gnädiger Herr?« antwortete fragend der treue Diener.

»Komm näher, Bösewicht. Was soll der unnütze Scherz in diesem Augenblick?«

Don Camillo machte einen gewaltigen Sprung und erreichte glücklich die Gondel. Mit Blitzesschnelle stürzte er mitten durch das Schiffsvolk hindurch in das Zelt, wo ihn ein Blick überzeugte, daß es leer war.

»Niederträchtige, ihr habt gewagt, mich zu hintergehen!« schrie der bestürzte Herzog.

In diesem Augenblick schlug die Stadtuhr zwei; und jetzt erst, als dies verabredete Signal schwer und traurig durch die Nachtluft tönte, ging dem enttäuschten Camillo eine Ahnung von dem wahren Hergang der Sache auf.

»Gino«, sagte er, seine Stimme dämpfend wie jemand, der einen verzweifelten Entschluß fassen will, »sind deine Leute treu?«

»So treu als Ihre eigenen Vasallen, Signore.«

»Und du gabst wirklich meinem Agenten das Billett?«

»Er hatte es in seinen Händen, noch ehe die Tinte trocken war, Exzellenz.«

»Der feile Bösewicht! Er sagte dir, wo du die Gondel, ganz so wie diese ausgerüstet, finden würdest?«

»So ist’s, Signore, und ich muß dem Manne die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er stellte ein Schiff, das weder an Schnelligkeit noch Bequemlichkeit etwas zu wünschen übrigläßt.«

»Ja! Er handelt sogar mit Duplikaten, so zart ist seine Sorgfalt!« murmelte Camillo zwischen den Zähnen. – »Rudert zu, Leute, eure eigene Sicherheit und mein Glück hängen von euren Armen ab. Tausend Dukaten, wenn ihr meiner Hoffnung entsprecht, meinen gerechten Zorn, wenn ihr sie täuscht!«

Don Camillo warf sich in der Bitterkeit seines Herzens bei diesen Worten aufs Kissen, doch machte er dabei eine Bewegung, die den Ruderern gebot fortzueilen. Gino, der auf dem Spiegel des Schiffes stand und das Steuerruder lenkte, öffnete ein kleines Fenster im Pavillon und bückte sich, um seines Gebieters Befehle beim Abfahren des Bootes zu vernehmen. Dann, sich aus seiner gebückten Stellung erhebend, tat der geübte Gondoliere einen Schlag mit seinem Ruder, daß sich das träge Element in der engen Durchfahrt in brausenden Wirbeln bewegte, und die Gondel glitt wie vom Instinkte getrieben in den großen Kanal hinein.