Einunddreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Wieder rief der Morgen die Venezianer an ihr Tagewerk. Agenten der Polizei hatten geschäftig die Stimmung des Volkes bearbeitet, und sobald die Sonne über dem Meere emporstieg, fingen die Plätze an, sich zu füllen. Da fand sich der neugierige Bürger ein in Mantel und Mütze, da gafften verwundert barfüßige Arbeitsleute, da kam der vorsichtige, bärtige Hebräer in seinem weiten Rock, Edelleute zeigten sich in Masken und manche aufmerksame Fremde, von den Tausenden, die diese Stadt noch immer besuchten, obgleich der Glanz ihres Handels im Abnehmen war. Man erzählte einander, daß eine Handlung der vergeltenden Gerechtigkeit für die Ruhe der Stadt und die Sicherheit der Bürger gehandhabt werden sollte.

Die Dalmatier waren unfern des Meeres dergestalt aufmarschiert, daß sie die beiden Granitsäulen der Piazetta umgaben. Ihre ernsten soldatischen Gesichter waren nach ihnen, den afrikanischen Säulen, jenen wohlbekannten Grenzzeichen des Todes, zugekehrt. Einige grimmige Krieger von höherem Range durchschritten den Raum vor den Truppen, während sich ein dichtgedrängter Haufe hinter diesen anschloß. Aus besonderer Gunst hatte man über hundert Fischern vergönnt, sich innerhalb des bewaffneten Kreises aufzustellen, damit sie sehen sollten, wie ihr Stand gerächt würde. Zwischen den hohen Fußgestellen des heiligen Theodor und des Flügellöwen befanden sich Block und Axt, ein Tragekorb und Sägespäne, die damals üblichen Gerätschaften bei Hinrichtungen. Neben diesen stand der Scharfrichter.

Eine Bewegung in der Menge lenkte endlich jedes Auge nach dem Tore des Palastes. Ein Gemurmel erhob sich, die Menge wallte hin und her, und eine kleine Schar Sbirren wurde sichtbar. Ihr Schritt war schnell, wie der Gang des Geschicks. Die Reihe der Dalmatier öffnete sich zur Aufnahme dieser Handlanger des Schicksals und schloß sich wieder hinter ihnen, als verschlössen sie mit dem Verurteilten die Welt mit allen ihren Hoffnungen. Als sie bei dem Blocke zwischen den Säulen ankamen, teilten sich die Sbirren in Reihen und zogen sich ein wenig zurück, Jacopo blieb allein vor den Todeswerkzeugen mit seinem geistlichen Ratgeber, dem Karmeliter, der gaffenden Menge sichtbar.

Vater Anselmo war in der gewöhnlichen Ordenskleidung der Barfüßermönche. Die Kapuze des heiligen Mannes war zurückgeschlagen und zeigte den Umstehenden seine kasteiten Züge. Sein Gesicht war ein Bild verworrener Ungewißheit; oft blitzten Funken von Hoffnung fieberhaft darin auf. Während sich seine Lippen betend bewegten, schweifte sein Blick unwillkürlich von einem Fenster des Dogenpalastes zum andern. Er stellte sich indessen neben den Verurteilten hin und bekreuzigte sich dreimal mit innigem Eifer.

Jacopo stand in ruhiger Haltung vor dem Block. Sein Kopf war entblößt, seine Wange farblos, Hals und Nacken bis zu den Schultern unbedeckt, sein Oberleib war mit dem Hemd und sein übriger Körper nach Brauch der Gondolieri bekleidet. Er kniete nieder, das Gesicht dem Blocke zuwendend, und betete; dann stand er auf und überschaute die Menge mit Würde und Fassung. Während sein Auge über die Reihe menschlicher Gesichter langsam hinschweifte, überflog eine flüchtige Glut sein Antlitz; denn keines von allen verriet Gefühl für sein Leiden. Seine Brust hob sich, und die zunächst standen, bildeten sich ein, nunmehr verlasse den Unglücklichen seine Selbstbeherrschung. Aber so geschah es nicht. Er schauderte wohl zusammen, dann aber gewann er wieder die vorige Ruhe.

»Du hast dich vergeblich unter der Menge nach einem wohlwollenden Auge umgesehen!« sagte der Karmeliter, dem die konvulsivische Bewegung nicht entgangen war.

»Für einen Mörder hat hier keiner Mitleid.«

»Denk an deinen Erlöser, Sohn. Er litt Schmach und Tod für ein Geschlecht, das seine Gottheit leugnete und seine Qual verhöhnte.«

Jacopo bekreuzigte sich und beugte ehrfurchtsvoll sein Haupt.

»Hast du noch mehr zu beten, Vater?« fragte der Oberste der Sbirren, dem die Aufsicht über die ganze Handlung übertragen war. »Obgleich die erlauchten Räte unerschütterlich sind in der Gerechtigkeit, so haben sie doch mit den Seelen der Sünder Erbarmen.«

»Hast du auch bestimmte Befehle?« fragte der Mönch, indem er ungewiß sein Auge wiederum auf die Fenster des Palastes heftete. »Ist es gewiß, daß der Gefangene sterben muß?«

Der Offizier lächelte über die Einfalt der Frage. Mit der Fühllosigkeit eines Mannes, der zu vertraut ist mit menschlichen Leiden, um Mitleid zu haben, fügte er hinzu: »Es ist das Schicksal aller Menschen, ehrwürdiger Mönch, und namentlich derer, über die das Gericht des heiligen Markus ergangen ist. Es wäre besser, Euer Beichtling dächt an seine Seele.«

»Du hast doch auch gewiß besonderen und ausdrücklichen Befehl? Man hat dir doch die Zeit zur Vollführung des blutigen Werkes genau bestimmt?«

»Jawohl, heiliger Karmeliter. Die Zeit wird nicht langsam sein, und Ihr tätet gut, sie Euch zunutze zu machen, wofern Ihr nicht schon mit dem Seelenzustand des Gefangenen zufrieden seid.«

So sprechend, warf der Offizier einen Blick auf die Sonnenuhr des Platzes und ging kaltblütig fort, den Priester und den Gefangenen zwischen den Säulen wieder allein lassend. Der erstere von diesen konnte offenbar noch immer nicht an die wirkliche Vollstreckung des Urteils glauben.

»Hast du Hoffnung, Jacopo?« fragte er.

»Karmeliter, auf meinen Gott!«

»Sie können dies Unrecht nicht begehen! Ich war des Antonio Beichtiger – ich war Zeuge von seinem Tode, und das weiß der Fürst!«

»Was ist ein Fürst und seine Gerechtigkeit, wo die Selbstsucht einiger weniger regiert. Vater, du bist ein Neuling im Dienste des Senats.«

»Ich vermesse mich freilich nicht, vorauszusetzen, daß Gott die Verüber dieser Tat niederdonnern wird, denn die Geheimnisse seiner Weisheit sind unerforschlich. Dies Leben und alles, was diese Welt bieten kann, ist nur ein Punkt vor seinem allumfassenden Auge, und was uns als Übel erscheint, mag des Guten voll sein. Hast du Glauben an deinen Erlöser, Jacopo?«

Der Gefangene legte seine Hand auf das Herz und lächelte mit der stillen Zuversicht, die nur denen innewohnt, die solchen Trost haben.

»Wir wollen noch einmal beten, Sohn!«

Der Karmeliter und Jacopo knieten nebeneinander, und der letztere beugte seinen Kopf dem Blocke zu, während der Mönch schließlich die göttliche Gnade für ihn erflehte. Der Karmeliter stand auf, als der andere noch betend dalag. Der Mönch war so voll von heiligen Gedanken, daß er, seines früheren Wunsches vergessend, jetzt fast mit Zufriedenheit daran dachte, wie der Gefangene nunmehr in den Genuß der Seligkeit eingehen sollte, deren Hoffnung ihn selbst so freudig erhob. Der Offizier und der Scharfrichter traten näher; ersterer stieß Vater Anselmo an und deutete auf die entfernte Uhr.

»Der Augenblick ist da«, sprach er, mehr aus Gewohnheit als aus Schonung für den Gefangenen flüsternd.

Instinktmäßig wendete der Karmeliter sein Auge nach dem Palaste, in der plötzlichen Aufregung nur seines Begriffs von irdischer Gerechtigkeit eingedenk. Es zeigten sich Gestalten an den Fenstern, und er bildete sich ein, es sollte ein Signal gegeben werden, um den entscheidenden Schlag zu hemmen.

»Halt!« rief er. »Um die Liebe der Heiligen Jungfrau, hemmet Eure Hast!«

Sein Ausruf wurde von einer durchdringenden Weiberstimme wiederholt, und in demselben Augenblicke durchbrach Gelsomina, trotz aller Bemühung, sie zurückzuhalten, die Reihe der Dalmatier und erreichte die Gruppe zwischen den Granitsäulen. Erstaunen und Neugier ergriff die Menge, und ein dumpfes Gemurmel durchlief den Platz.

»Es ist eine Wahnsinnige!« schrie einer.

»Ein Opfer seiner Kunstgriffe«, sagte ein anderer, denn wenn jemand im Rufe eines besonderen Lasters steht, unterläßt die Welt gewöhnlich nicht, ihm alle übrigen gleichfalls beizumessen.

Gelsomina ergriff Jacopos Bande und machte wahnsinnige Anstrengungen, seine Arme zu befreien.

»Ich hoffte, du würdest dir diesen Anblick sparen, arme Gessina«, sagte der Verurteilte.

»Sei nicht besorgt«, erwiderte sie atemlos. »Es ist nur Neckerei – es ist nur eine List von ihnen, um zu berücken – aber sie können nicht – nein, sie dürfen kein Haar von deinem Haupte krümmen, Carlo!«

»Teuerste Gelsomina!«

»Nein, halte mich nicht. Ich will mit den Bürgern sprechen, und du wirst sehen, ich kann gut mit ihnen sprechen und ihnen dreist die Wahrheit bekanntmachen. Mir fehlt nur der Atem.«

»Geliebte! Du hast eine Mutter – einen Vater, denen deine Zärtlichkeit gehört. Deine kindliche Pflicht gegen sie wird dich beglücken.«

»Jetzt kann ich sprechen, und du sollst sehen, wie ich deinen Namen rechtfertigen will.«

Sie riß sich aus den Armen des Geliebten, der sie seiner Bande ungeachtet fest umschlungen hielt. Es wurde ihm schwerer, ihre zarte Gestalt aus seinen Armen zu lassen, als vom Leben zu scheiden. Jetzt schien der Kampf in Jacopos Seele vorüber. Geduldig legte er sein Haupt auf den Block, vor dem er kniete, und seine gefalteten Hände ließen vermuten, daß er für sie betete, die ihn eben verlassen hatte. Gelsomina aber, mit beiden Händen ihr Haar von der blendend reinen Stirn nach den Seiten streichend, trat zu den Fischern, die sie an den roten Mützen und nackten Beinen erkannte. Sie lächelte, wie man sich denken kann, daß Selige lächeln in ihrer Liebe.

»Venezianer«, sagte sie, »ich kann euch nicht tadeln. Ihr seid hier, um Zeugen zu sein vom Tode eines Mannes, der nach eurer Meinung nicht zu leben verdient.«

»Dessen, der den alten Antonio gemordet hat«, murmelte es durch den Haufen.

»Ja, des Mörders dieses alten, herrlichen Mannes. Aber wenn ihr erfahrt, daß ihr den für einen Mörder haltet, der ein frommer Sohn gewesen ist, ein treuer Diener der Republik, ein gewandter Gondoliere, ein aufrichtiges Gemüt, so werdet ihr nach Gerechtigkeit Verlangen tragen.«

Ein allgemeines Murren übertönte ihre Stimme, die schon so zitternd und leise war, daß man nur bei der größten Stille ihre Worte vernehmen konnte. Der Karmeliter war an ihre Seite getreten und bat durch ein Zeichen angelegentlich um Stille.

»Höret sie, Männer der Lagunen«, sagte er, »sie spricht heilige Wahrheit.«

»Dieser ehrwürdige, fromme Mönch und der Himmel sind meine Zeugen. Wenn ihr Carlo besser kennen und seine Geschichte gehört haben werdet, dann werdet ihr von selbst schreien, daß man ihn losgebe. Ich sage euch dies, damit ihr, wenn der Doge dort am Fenster das Zeichen der Begnadigung gibt, nicht ärgerlich werdet und glaubt, euerm Stande geschehe Unrecht. Der arme Carlo –«

»Das Mädchen rast!« unterbrachen sie die mürrischen Fischer.

Gelsomina lächelte in der Sicherheit ihrer Unschuld und fuhr fort, sobald sie wieder zu Atem kam, doch die heftige Aufregung störte noch ihre Rede.

»Der arme Carlo –«

»Ha! Ein Zeichen vom Palast!« rief der Karmeliter laut und streckte beide Arme dorthin aus, als wollte er ein Gnadengeschenk hinnehmen. In demselben Augenblick tönten die Trompeten, und von neuem wallte die Menge durcheinander. Gelsomina stieß ein Freudengeschrei aus und wandte sich schnell, um sich an die Brust des Geretteten zu werfen, da blitzte die Axt vor ihren Augen nieder, und Jacopos Kopf rollte auf dem Pflaster dahin, als suchte er sie. Eine allgemeine Bewegung unter der Menge verriet, daß alles vorbei sei.

Die Dalmatier schwenkten in Kolonnen. Die Sbirren drängten das Volk beiseite, um heimzugelangen; Wasser aus der Bucht wurde auf die Fliesen gegossen, die blutigen Sägespäne wurden zusammengerafft, und Kopf und Rumpf, Block, Tragekorb, Beil und Scharfrichter verschwanden. Der Haufe des Volkes ging um den verhängnisvollen Fleck herum.

Während dieses fürchterlichen Augenblicks standen Vater Anselmo und Gelsomina regungslos. Alles war vorüber, und noch schien der ganze Vorfall Täuschung.

»Schafft diese Verrückte fort!« sagte ein Polizeibeamter und deutete auf Gelsomina. Man gehorchte ihm mit venezianischer Bereitwilligkeit. Der Karmeliter atmete kaum. Er starrte die bewegliche Menge, er starrte die Fenster des Palastes und starrte die Sonne an, die so herrlich am Himmel strahlte.

»Du bist verloren in dieser Menge«, sprach eine Stimme neben ihm leise. »Ehrwürdiger Karmeliter, du wirst wohltun, mir zu folgen.«

Der Mönch war zu tief gebeugt, um sich zu besinnen. Sein Führer brachte ihn durch manche verborgene Straße bis zu einem Kai, wo er sogleich eine Gondel bestieg, die nach dem Festlande fuhr. Ehe die Sonne im Mittage stand, war der in Gedanken versunkene, zitternde Mönch auf dem Wege nach dem Kirchenstaate und in kurzem im Schlosse Sant‘ Agata wohnhaft.

Zur gewöhnlichen Stunde ging die Sonne hinter den Tiroler Bergen unter, und der Mond kam über den Lido herauf. Die engen Straßen Venedigs ergossen ihre Tausende wiederum auf die Plätze. Das sanfte Licht streifte die seltsame Architektur und den schwindlig hohen Turm und warf einen betrüglichen Glanz auf die Inselstadt.

Die Portikus erglänzten vom Scheine der Lampen. Die Fröhlichen lachten, die Unbekümmerten tändelten, die Maskierten verfolgten ihre versteckten Zwecke; die Balladensänger und Spaßmacher übten ihre Streiche, und Unzählige gaben sich dem leeren Ergötzen hin, wie es gedankenlose, müßige Leute lieben. Jeder lebte für sich, und die Staatsmaschine Venedigs behielt nach wie vor ihren lastenvollen Gang, der durch das verwegene Trugspiel, das er mit heiligen Grundsätzen trieb, die in der Wahrheit und im natürlichen Rechte ihre Wurzel haben, Regierer und Regierte entwürdigte und endlich ins Verderben stürzte.

Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Während jenes lebendigen Treibens auf der Piazza San Marco lag der Überrest der Stadt still und einsam im Lichte des Mondes, der so hoch stand, daß sein Schein zwischen die Häuser fiel und hier und da auch die Oberfläche des Wassers flimmernd berührte. Zuweilen entfaltete ein Blick seines Lichtes auf die schweren Karniese eines Palastes den merkwürdigsten Kontrast finsterer Einsamkeit von innen und glänzend reicher Architektur des äußern Gebäudes. Zu einem von diesen Edelsitzen führt uns jetzt unsere Erzählung.

Eine schwerfällige Pracht herrschte in der Bauart des Hauses. Der geräumige Flur war massiv gewölbt, die marmornen Stufen breit und schwer. Die Zimmer überraschten durch Bildwerk und Vergoldung, und die Wände waren reichlich geschmückt mit unzähligen Meisterwerken der größten italienischen Künstler. Die kühlen, schönen Mosaikfußböden von den kostbarsten Marmorarten vollendeten den stolzen Stil, der Glanz und Geschmack vereinigte.

Das Gebäude, das auf zwei Seiten unmittelbar aus dem Wasser hervorstieg, hatte in der Mitte, wie gewöhnlich, einen dunkeln Hof. Den verschiedenen Seiten des Hauses folgend, konnte man durch manche zu dieser Stunde dem kühlen Zug der Seeluft geöffnete Tür in die langen Reihen der mit wahrhaft königlicher Pracht ausgestattetem Gemächer blicken, in denen umschattete Lampen ein sanftes, angenehmes Licht verbreiteten.

In der Ecke des Hauses, an dem kleineren der beiden Kanäle und ganz entfernt von dem Hauptkanale der Stadt, dem das Gebäude die Front zukehrte, befand sich eine Reihe von Zimmern, die nicht mindere Pracht als die zuvor beschriebenen verrieten, aber zugleich mehr Rücksicht auf die Bequemlichkeiten des gewöhnlichen Lebens. Die Vorhänge waren von schwerstem Sammet oder von glänzendem Seidenzeuge, die Spiegel waren groß und äußerst fein geschliffen, die Fußböden wieder von gefälligen heitern Farben und die Wände mit Kunstwerken bedeckt. Aber das Ganze zeigte doch mehr ein Bild häuslicher Behaglichkeit. Die Wandbekleidung und Vorhänge hingen in ungezwungenen Falten herab, die Betten waren zum Schlafen eingerichtet, die Gemälde waren zarte Kopien von der Hand einer jungen Liebhaberin, deren Muße sich in dieser artigen und weiblichen Beschäftigung ergötzte.

Die Schöne hatte eben in ihrem Gemach eine Unterredung mit ihrem geistlichen Ratgeber und mit einer Person ihres Geschlechts, die lange bei ihr die Stelle einer Erzieherin und Mutter vertreten hatte. Die Herrin des Palastes war noch in so zartem Alter, daß sie in nördlicherer Gegend für kaum mehr als ein Kind gegolten hätte, während in ihrem Lande das Ebenmaß und die Ausbildung ihrer Formen sowie der Ausdruck eines dunkeln, sprechenden Auges weibliche Reife in körperlicher und geistiger Hinsicht kundgaben.

»Für den guten Rat danke ich Euch, mein Vater, und meine vortreffliche Florinde wird Euch noch mehr dafür dankbar sein, denn Eure Ansicht stimmt mit der ihrigen immer so ganz überein, daß ich mich oft gewundert habe, wie die Erfahrung auf eine geheimnisvolle Art den Weisen und den Tugendhaften gleiche Gedanken eingibt, und noch dazu über einen Gegenstand von so wenigem persönlichem Interesse.«

Ein leichtes verstohlenes Lächeln umzog den Mund des Karmeliters, als er die naive Bemerkung seines freimütigen Zöglings vernahm.

»Du wirst lernen, mein Kind«, erwiderte er, »wenn dich die Zeit mit Weisheit ausgerüstet haben wird, daß wir in den Dingen, die unsere Leidenschaften und Interessen am wenigsten berühren, gerade am fähigsten sind, vorsichtig und unparteiisch zu urteilen. Wenn Donna Florinde auch noch nicht das Alter erreicht hat, in dem man endlich die Begierde unterjocht, und obgleich sie noch so vieles an die Welt fesselt, so wird sie dir doch diese Wahrheit bezeugen können.«

Obgleich der Redner, sich offenbar eben zum Fortgehen rüstend, die Kutte über den Kopf gezogen hatte und sein tiefliegendes Auge mit Wohlwollen auf dem schönen Antlitz seiner Schülerin ruhte, röteten sich doch die bleichen Wangen der mütterlichen Freundin.

»Ich darf glauben, daß Violetta dies nicht erst jetzt erfährt«, sagte Donna Florinde mit merklich weicher und zitternder Stimme.

»Es wird wenig geben, das einem so unerfahrenen Mädchen, als ich bin, gesagt werden kann, was sie mich nicht gelehrt hätte«, entgegnete schnell ihr Zögling und ergriff, ohne es selbst zu merken und ohne vom Gesicht des Karmeliters den Blick abzuwenden, die Hand ihrer treuen Führerin. »Aber warum verlangt der Senat über ein Mädchen zu verfügen, das, wie bisher, auch ferner leben möchte, glücklich in ihrer Jugend und zufrieden mit der Zurückgezogenheit, die ihrem Geschlechte geziemt?«

»Die Jahre sind unaufhaltsam, selbst ein unschuldiges Kind wie du muß einst die Versuchungen eines vorgerückten Alters fühlen. Es gibt in diesem Leben gebieterische, oft tyrannische Pflichten. Du weißt, welche Politik in einem Staate herrschen muß, der sich durch hohe Waffentaten, durch Reichtümer und weit verbreiteten Einfluß so berühmt gemacht hat wie dieser. Es gibt ein Gesetz in Venedig, das jedem, der in den Angelegenheiten der Stadt irgendeine Stelle einzunehmen berechtigt ist, verbietet, sich mit Ausländern der Art zu verbinden, daß seine Ergebenheit für die Republik dabei in Gefahr käme. So darf kein Patrizier des San-Marco in einem andern Staate Güter besitzen, keine Erbin eines so hohen und geehrten Namens wie du sich einem Ausländer von Bedeutung vermählen, es sei denn mit dem Wunsch und der Bewilligung derer, die über das Gemeinwohl zu wachen eingesetzt sind.«

»Hätte mir die Vorsehung durch die Geburt einen geringeren Stand angewiesen, so wär alles dies anders. Mich dünkt, es trägt nicht viel bei zum weiblichen Glück, dem Rate der Zehn besonders am Herzen zu liegen.«

»Du sprichst unbescheiden, und ich beklage es, sagen zu müssen, gottlos. Es ist unsere Schuldigkeit, uns den weltlichen Gesetzen zu unterwerfen, und mehr als Schuldigkeit, die Ehrfurcht gebietet uns, gegen die Vorsehung nicht zu murren. Aber die Last scheint mir auch gar so schwer nicht, gegen die du dich auflehnst, meine Tochter. Du bist jung, reicher, als ein vernünftiger Wunsch zu begehren erlaubt, von einem Adel, der einen verderblichen, weltlichen Stolz erregen könnte, und schön genug, um dir selbst der gefährlichste von allen Feinden zu werden – warum murrst du gegen ein Los, das ja doch allen deines Geschlechts und deiner Verhältnisse zuteil wird?«

»Wenn ich gegen die Vorsehung gemurrt habe, so fühle ich jetzt schon Reue darüber«, entgegnete Donna Violetta, »aber fürwahr, es würde weniger unangenehm sein für ein Mädchen von sechzehn Jahren, wenn die Väter des Landes so viel Wichtigeres zu tun hätten, daß sie des Mädchens Stand und Alter und etwa auch ihren Reichtum darüber vergäßen.«

»Es wäre eben kein Verdienst, mit einer Welt zufrieden zu sein, die wir nach unseren Grillen zugeschnitten hätten, und es ist die Frage, ob wir, wenn alles nach unserem Wunsch ginge, glücklicher wären als jetzt, wo wir uns fügen müssen in die Ordnung, wie sie einmal besteht. Den Anteil, den die Republik an deinem besonderen Wohl nimmt, meine Tochter, mußt du dir gefallen lassen und so ihr vergelten für die Sicherheit und Herrlichkeit, die sie dir gewährt. Wer in dunklerem Stande, weniger gesegnet mit Glücksgütern geboren wird, kann mehr Freiheit seines Willens haben, muß aber dafür den Glanz entbehren, der die Wohnung deiner Väter erfüllt.«

»Ich wollte, es wäre weniger Pracht und mehr Freiheit darin.« »Die Zeit wird dich lehren, anders hierüber zu denken, dein Alter sieht alles in goldigen Farben; das Leben erscheint dann gleich zwecklos, sobald auch selbst der unbesonnenste Wunsch unerfüllt bleibt. Indessen leugne ich nicht, daß gerade dein Schicksal mit ganz besondern Umständen verbunden ist. Es herrscht eine Politik in Venedig, die viel berechnet und die mancher darum vielleicht für grausam hält.« Die Stimme des Karmeliters war gesunken, und einen Augenblick innehaltend, warf er einen unruhigen Blick unter seiner Kutte hervor. Dann fuhr er fort: »Die Vorsicht erheischt vom Senate, daß er solchen Interessen die Waage halte, die gegeneinander ankämpfen und wohl gar die des Staates selbst gefährden. Daher kommt es, wie ich sagte, daß ohne Erlaubnis und Aufsicht der Republik niemand, der zum Stande der Senatoren gehört, Grundbesitzer im Auslande sein und keine Person von Bedeutung sich mit Fremden, die einen gefährlichen Einfluß besitzen, verheiraten darf. Der letztere Fall ist der deinige; von den verschiedenen Großen des Auslandes, die um deine Hand anhalten, kann der Senat keinen begünstigen, ohne zu fürchten, daß ein Fremder hier mitten in der Stadt eine ungebührliche Macht erwerbe. Don Camillo Monforte, der Kavalier, dem du dein Leben verdankst und dessen du neulich voll Erkenntlichkeit gedachtest, hat wahrhaftig mehr Ursache, sich über die Härte dieser Beschlüsse zu beklagen, als du irgendwie haben kannst.«

»Mein Kummer«, fiel Violetta schnell ein, »würde noch größer sein, wenn ein Mann, der für mich soviel Mut bewiesen hat, Grund hätte, zu empfinden, wie gerecht dieser Kummer ist. Was hat den Herrn von Sant‘ Agata gerade mir zum Glücke nach Venedig gebracht, wenn es anders für ein erkenntliches Mädchen nicht unziemlich ist, so zu fragen?«

»Dein Anteil hieran ist ganz natürlich und lobenswert«, erwiderte der Karmeliter mit einer Einfalt, die seiner Kutte mehr Ehre machte als seiner Beobachtungsgabe. »Er ist jung und ohne Zweifel durch seine Reichtümer und die Leidenschaftlichkeit der Jugend zu manchem Leichtsinn geneigt. Schließ ihn in dein Gebet ein, meine Tochter. Dies ist der Dank, den du ihm abstatten magst. Das weltliche Interesse, das er hier hat, ist aber allgemein bekannt, und ich kann deine Unwissenheit darüber nur deiner zurückgezogenen Lebensweise zuschreiben.«

»Mein Pflegling hat an andere Dinge zu denken als an die Angelegenheiten eines jungen Fremden, der in Geschäften nach Venedig kommt«, bemerkte Donna Florinde sanft.

»Aber wenn ich für ihn beten soll, mein Vater, so würde mein Gebet mehr Bestimmtheit haben, wenn ich wüßte, wessen der junge Edelmann am meisten bedarf.«

»Bitte nur allein für sein geistliches Wohl. In Wahrheit, von den zeitlichen Gütern dieser Welt fehlt ihm wenig, obgleich die fleischlichen Begierden den, der am meisten hat, verführen, immer noch mehr zu verlangen. Es hat den Anschein, als ob ein Vorfahre Don Camillos vorzeiten Senator in Venedig gewesen ist, als der Tod eines Verwandten kalabrische Güter in seinen Besitz brachte. Von seinen Söhnen übernahm der jüngere diese Güter infolge eines Gesetzes, das zugunsten einer Familie, die dem Staate treu gedient hatte, ausdrücklich erlassen worden war. Auf den älteren Sohn dagegen und auf dessen Nachkommen gingen die Senatorwürde und das Familienbesitztum in Venedig über. Die ältere Linie ist nun ausgestorben, und Don Camillo bestürmt seit Jahren den Rat, ihn wieder in die Rechte einzusetzen, denen sein Ahnherr entsagt hat.«

»Können sie ihm dies verweigern?«

»Um es zu gewähren, müßten sie vom Gesetz abgehen. Wenn er seinen kalabrischen Besitzungen entsagen wollte, so würde er mehr verlieren als gewinnen. Soll er aber beides haben, so wird gegen ein Gesetz gehandelt, das man nur sehr selten suspendiert. Ich verstehe nicht viel, meine Tochter, von den Verhältnissen des Lebens, aber es gibt Feinde der Republik, die da sagen, daß sie eine schwere Knechtschaft übt und selten eine Gunst gewährt, ohne reichlichen Ersatz dafür zu fordern.«

»Ist das aber recht? Wenn Don Camillo Monforte Ansprüche hat in Venedig, betreffe es nun Paläste an den Kanälen oder Ländereien auf dem Festlande oder einen Sitz im Senat, immer sollte ihm Gerechtigkeit werden ohne Verzug, damit es nicht heiße, die Republik prahle mehr mit dieser heiligen Tugend, als sie diese selbst übe.«

»So heißt dich dein argloser Sinn reden. Es gehört zur Gebrechlichkeit des Menschen, meine Tochter, daß er seine öffentlichen Handlungen von der ängstlichen Gewissenhaftigkeit seines Tuns als Privatmann fernhält, als ob Gott, den Menschen zugleich mit Vernunft und mit dem herrlichen Trost des Christentums beschenkend, ihm zwei Seelen gegeben hätte, für deren eine nur allein zu sorgen wäre.«

»Gibt es nicht Leute, mein Vater, die es glauben, es werde nur das Böse an uns gestraft, das wir als einzelne begehen, was aber von Staats wegen geschieht, falle der Nation auch zur Last?«

»Der Stolz der menschlichen Vernunft hat manche Spitzfindigkeit ersonnen, seinen eigenen Begierden zu frönen, aber er findet an keiner unglückseligeren Täuschung, als diese ist, seine Nahrung. Die Sünde, die andere mit fortreißt in ihre Schuld oder in ihre Folgen, ist eine doppelte Sünde, und wenn es auch die Natur der Sünde ist, ihre eigene Strafe nach sich zu ziehen, sogar schon in diesem Leben, so schmeichelt der sich doch mit falscher Hoffnung, der da meint, die Größe des Vergehens werde ihm zur Entschuldigung dienen. Die größte Sicherheit für uns Menschen ist, uns von der Versuchung zurückzuziehen; der ist am meisten geborgen vor den Lockungen der Welt, der sich von ihren Lastern am meisten entfernt hält. Ich wünsche zwar, daß der edle Neapolitaner sein Recht erlange, doch kann es vielleicht um seines ewigen Heiles willen sein, daß ihm diese Vergrößerung seines Reichtums, nach der er trachtet, vorenthalten wird.«

»Ich kann mir nicht einbilden, mein Vater, daß ein Kavalier, der sich so bereitwillig zeigte, dem Unglücklichen beizuspringen, die Gaben des Glücks so leicht mißbrauchen werde.«

Der Karmeliter heftete einen unruhigen Blick auf die klaren Züge der jungen Venezianerin. Väterliche Besorgnis und Ahnung sprachen aus seinem Auge.

»Dankbarkeit für deinen Lebensretter geziemt sowohl deinem Stande als deinem Geschlechte und ist eine Schuldigkeit. Halte dies Gefühl wert, denn es ist der Verpflichtung der Menschen gegen seinen Schöpfer gar sehr verwandt.«

»Ist es denn genug, Dankbarkeit nur zu fühlen?« fragte Violetta. »Eine Person von meinem Namen und Einflusse sollte doch mehr tun. Wir können die Patrizier, die mir verwandt sind, zugunsten des Fremden bewegen, ein schnelleres Ende dieses langwierigen Prozesses herbeizuführen.«

»Ei behüte, Tochter! Der Eifer einer jungen Dame, an der die Republik so vielen Anteil nimmt, könnte dem Don Camillo eher Feinde als Freunde erwecken.«

Donna Violetta schwieg. Der Mönch und Donna Florinde betrachteten sie mit besorgter Teilnahme; der erstere brachte darauf seine Kutte in Ordnung und rüstete sich zum Aufbruch. Violetta trat dem Karmeliter näher, und ihn mit unverstelltem Zutrauen und gewohnter Ehrerbietung anschauend, bat sie um seinen Segen. Nach dieser feierlichen Handlung wandte sich der Mönch zu der Gefährtin seiner Fürsorge. Donna Florinde ließ das Seidenzeug, an dem sie nähte, in ihren Schoß fallen und saß demütig schweigend mit gebeugtem Haupt, während der Karmeliter seine Hände über sie hinstreckte. Seine Lippen bewegten sich, aber man hörte die Worte des Segens nicht. Wäre das feurige Mädchen, das ihrer beiderseitigen Sorge anvertraut war, minder mit eigenen Gefühlen beschäftigt oder mit den Interessen der Welt, in die sie erst eintreten sollte, bekannter gewesen, so hätte sie wieder einen Beweis entdeckt von jener tiefen und sanften Gemütsverwandtschaft, die sich in dem schweigenden Verständnis ihres geistlichen Vaters mit ihrer Erzieherin kundgab.

»Du wirst uns nicht vergessen, mein Vater?« sagte Violetta mit einnehmendem Ernst. »Eine Waise, mit deren Schicksal sich die klugen Herren des Staates so ernstlich beschäftigen, bedarf eines zuverlässigen Freundes.«

»Gesegnet sei dein Fürsprecher«, sagte der Mönch, »und der Friede der Unschuldigen sei mit dir.«

Er erhob seine Hand noch einmal. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Donna Florindes Auge folgte den weißen Gewändern des Karmeliters, solange sie sichtbar waren, und als es wieder auf den Seidenstoff in ihrem Schoß fiel, schloß es sich für einen Augenblick, als schaute es innen hinein auf Regungen des Gewissens.

Die junge Herrin des Palastes rief indes einen Bedienten und befahl ihm, ihrem Beichtvater bis zu seiner Gondel das Geleite zu geben. Dann begab sie sich zu dem offenen Balkon. Es folgte ein langes Schweigen, jene italienische Ruhe atmend, wie sie dieser Stadt und der Abendstunde angemessen war. Plötzlich trat Violetta bestürzt einen Schritt vom offenen Fenster zurück. »Hörst du nicht diese Töne von oben?«

»Sind die so selten auf den Kanälen, daß sie dich vom Balkon treiben können?«

»Es sind Kavaliere unter den Fenstern am Mentonipalast, die ohne Zweifel unserer Freundin Olivia ein Ständchen bringen.«

»Auch diese Galanterie ist ganz gewöhnlich. Du weißt, daß Olivia binnen kurzem ihren Verwandten heiraten wird, nun bezeigt er ihr seine Verehrung.«

»Findest du nicht, daß solch ein öffentliches Liebeszeichen lästig ist? Wollte man um mich werben, so wünschte ich, daß niemand davon hörte als eben ich.«

»Diese Gesinnung ist schlimm für eine Dame, deren Hand der Senat zu vergeben hat. Ich fürchte, ein Mädchen deines Standes muß sich dareinfinden, daß ihre Schönheit gepriesen und ihre Talente besungen werden, vielleicht bis zur Übertreibung, und zwar selbst von Mietlingen unter einem Balkon.«

»Ich wollte, es wäre aus«, rief Violetta, sich die Ohren zuhaltend.

»Geh nur wieder auf den Balkon. Die Musik hört auf.«

»Dort singen Gondolieri am Rialto; das ist eine Musik, die ich liebe. Die süßen Töne beleidigen nicht unsere heiligsten Gefühle. Willst du heut abend fahren, liebe Florinde?«

»Wo wolltest du hin?«

»Ich weiß nicht, aber der Abend ist schön, und ich hab ein Verlangen, den Glanz und die Freude da draußen zu genießen.«

»Tausende gibt es auf den Kanälen, die ein Verlangen haben, den Glanz und die Freude da innen zu genießen. So ist es immer im Leben, was wir besitzen, wird gering geachtet, und was wir nicht haben, ist uns unschätzbar.«

»Ich bin meinem Vormund einen Besuch schuldig«, sagte Violetta. »Wir wollen nach seinem Palaste fahren.«

Trotz der moralischen Predigt meinte es Donna Florinde so streng nicht. Sie warf ihre Arbeit beiseite und machte sich bereit, ihrer Pflegebefohlenen zu willfahren. Es war die gewöhnliche Stunde für Standespersonen auszufahren und die Lockung, das Freie zu suchen, so reizend, wie sie nur Italien mit seinem milden Klima, Venedig mit seinem bunten Gedränge bieten konnte. Einer Dienerin ward befohlen, das Zimmer zu hüten. Die Gondolieri wurden gerufen, die Damen nahmen ihre Mäntel und Masken und waren geschwind im Boote.

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Der Flug der Gondel brachte die schöne Venezianerin und ihre Erzieherin bald zu dem Wassertore des Edelmannes, dem vom Senate die besondere Aufsicht über die vornehme Erbin anvertraut war. Seine Wohnung war düsterer als gewöhnlich und bekundete all die feierliche, schwerfällige Pracht, wie sie die Privatwohnungen der Patrizier in dieser Stadt des Reichtums und des Stolzes auszeichnete. Der Umfang und die Architektur des Gebäudes waren weniger großartig als an Donna Violettas Palaste, zeigten aber doch ein Privathaus ersten Ranges und verrieten in allen ihren äußeren Zieraten die Wohnung eines Mannes von großer Bedeutung. Innen kamen der geräuschlose Schritt und die mißtrauische Miene der Bedienten zu der finsteren Größe der Zimmer hinzu, um dieser Behausung den Charakter der ganzen Republik im Kleinen zu geben.

Im Vorzimmer Signore Gradenigos verweilte die junge Dame nur einen Augenblick, denn kaum erfuhr der alte Senator ihre Gegenwart, so eilte er aus seinem Kabinett zu ihrem Empfange mit solchem Eifer herbei, daß zu erkennen war, wie er sich das ihm anvertraute Amt angelegen sein ließ.

Das Gesicht des alten Patriziers, das Nachdenken und Sorge mit dem Alter in Gemeinschaft gesucht hatte, glänzte in unzweideutiger Freude, als er sich beeilte, sein schönes Mündel zu begrüßen. Er hörte nicht auf die Entschuldigungen wegen ihres Eindringens, sondern führte sie hinein.

»Du kommst nie zur unrechten Zeit, da du das Kind meines alten Freundes bist und die Sorge der Republik«, setzte er hinzu. »Die Türen des Palastes Gradenigo würden sich von selbst öffnen, und wär es in der spätesten Stunde der Nacht, um solchen Gast aufzunehmen.«

»Ich bin für Eure Nachsicht dankbar«, sagte Violetta. »Nur fürchte ich, Euch mit meinen kleinen Anliegen zu belästigen, wenn Eure Zeit eben für das Wohl des Staates in Anspruch genommen ist.«

»Du überschätzest meine Wirksamkeit. Ich besuche wohl bisweilen den Rat der Dreihundert, aber mein Alter und meine Kränklichkeit verhindern mich jetzt, dem Staate, so wie ich gern möchte, zu dienen. Gelobt sei unser Patron San Marco. Seine Angelegenheiten stehen nicht schlecht im Verhältnis zu unserem abnehmenden Glücke. Wir haben die Ungläubigen jüngst ganz tapfer geschlagen, der Vertrag mit dem Kaiser ist nicht zu unserem Schaden, und der Zorn der Kirche über unseren anscheinlichen Treubruch neulich hat sich gelegt. In der letzteren Angelegenheit verdanken wir etwas einem jungen Neapolitaner, der sich in Venedig aufhält und der nicht ohne Einfluß beim Heiligen Stuhle ist, denn sein Oheim ist Kardinalsekretär. Freunde, zur rechten Zeit gebraucht, können viel helfen. Dies ist Venedigs Staatskunststück; was die Macht nicht zustande bringen kann, muß man mit Gunst und kluger Mäßigung ausrichten.«

»Eure Rede ermutigt mich zu einer neuen Bitte, und ich will Euch gestehen, daß mich der Wunsch hergeführt hat, Euern großen Einfluß in bezug auf ein ernstliches Anliegen, das ich habe, in Anspruch zu nehmen.«

»Sieh da! Unsere junge Schutzbefohlene, Donna Florinde, hat mit den Gütern ihrer Familie zugleich deren alte Liebe zur Fürsprache und Protektion geerbt! Wir wollen ihr aber diese Gesinnung nicht verwehren, denn ihr liegt etwas Gutes zugrunde, und wenn sie recht angewendet wird, kann sich dadurch der Vornehme und Mächtige in seiner Stellung befestigen.«

»Und sollen wir nicht sagen«, erwiderte Donna Florinde sanft, »daß der Reiche und vom Glück Begünstigte, wenn er sich für den Ärmeren bemüht, eine heilige Pflicht übt und seine Seele kräftig und heilsam dadurch bildet?«

»Ohne Zweifel! Nichts kann heilsamer sein, als jedem Stande in der Gesellschaft einen gehörigen Sinn für seine Obliegenheiten und ein richtiges Gefühl für seine Pflichten beizubringen. Die Ansicht billige ich gar sehr und wünsche, daß sie sich mein Mündel ganz aneigne.«

»Sie ist glücklich, so tüchtige Lehrer zu besitzen, die so bereitwillig sind, ihr alles Wissenswerte beizubringen«, sagte Violetta. »Demnach darf ich Signore Gradenigo bitten, meinem Gesuche ein Ohr zu leihen?«

»Deine kleinen Anliegen sind immer willkommen. Ich wollte nur noch bemerken, daß hochherzige und feurige Geister einem entfernten Gegenstand oft so eifrig nachjagen, daß sie andere übersehen, die näher liegen und dringender sind und auch leichter zu erlangen. Indem wir dem einen nützlich sein sollen, müssen wir uns vorsehen, nicht vielen anderen Nachteil zuzufügen. Hat vielleicht ein Verwandter eines deiner Hausleute sich unachtsamerweise anwerben lassen?«

»Wenn das wäre, so hoffe ich, daß der Rekrut nicht so unmännlich sein wird, seine Fahnen zu verlassen.«

»Oder deine Amme, die wenig dazu gemacht ist, den Dienst zu vergessen, den sie deiner Kindheit geleistet hat, wünscht vielleicht ein Mädchen für einen ihrer Verwandten beim Zollwesen?«

»Ich glaube, es gibt in ihrer ganzen Familie keinen Unangestellten mehr«, sagte Violetta lachend, »wir müßten denn der guten Mutter selbst einen Ehrenposten geben wollen. Nein, meine Bitte betrifft sie heute nicht.«

»Die vielen Bitten um Almosen haben wohl dein Taschengeld erschöpft, oder vielleicht hat dich eine wunderliche Mode viel gekostet?«

»Nichts von dem allen. Des Goldes bedarf ich wenig, da eine standesmäßige Pracht in meinem Alter noch nicht unumgänglich nötig ist. Nein, mein Vormund, ich komme mit einer viel wichtigeren Bitte.«

»Sie betrifft doch nicht etwa jemand, dem du wohlwillst und der sich mit unziemlichen Reden vergangen hat!« rief Signore Gradenigo, einen hastigen und forschenden Blick auf sein Mündel werfend.

»Nein, wer sich insoweit vergessen hat, möge auch die Strafe seines Vergehens leiden.«

»Du hast vollkommen recht. Man kann in diesem Zeitalter neuer Meinungen und aller Arten von Neuerungen die Leute nicht streng genug halten. Wenn der Senat die wüsten Theorien der Gedankenlosen und Törichten unbeachtet lassen wollte, da würden sie bald zu den untergeordneten Gemütern der Unwissenden und Faulenzer dringen. Geld fordere von mir, zwanzigfach, wenn du willst, nur nicht Verzeihung für einen Störer der öffentlichen Ruhe.«

»Ich begehre keine Zechine. Ich habe ein edleres Geschäft.«

»So rede denn und lasse mich nicht länger raten.«

Jetzt, da sie nun, was ihres Herzens Wunsch im stillen gewesen war, in eigene Worte fassen und aussprechen sollte, schien sich Donna Violetta davor zu fürchten. Sie wechselte mehrmals die Farbe und suchte im Auge ihrer aufmerksamen und verwunderten Gefährtin Rat. Diese aber, die ihr Vorhaben nicht kannte, vermochte die Bittstellerin durch nichts zu ermutigen als durch jenen Blick des Mitgefühls, den Frauen einander nicht vorenthalten, wenn ihre eigentümlich weiblichen Empfindungen irgend ins Gedränge kommen. Violetta stockte, sich selber mißtrauend, dann aber lachte sie über den eigenen Mangel an Selbstbeherrschung und fuhr fort zu reden. »Ihr wißt, Signore Gradenigo«, sagte sie mit einem Nachruck, der, wenn auch bei weitem verständlicher, doch nicht minder auffallend war als ihre Gemütsbewegung einen Augenblick früher, »Ihr wißt, daß ich von einem Geschlechte stamme, das seit Jahrhunderten groß war in Venedig.«

»So meldet unsere Geschichte.«

»Daß ich einen altberühmten Namen führe, den von aller Befleckung rein zu erhalten mir persönlich obliegt.«

»Das ist so wahr, daß es kaum einer so deutlichen Auseinandersetzung bedarf«, entgegnete der Senator trocken.

»Und daß ich trotz dieser reichen Geschenke des Glücks und der Geburt eine Gabe, die ich empfing, nicht vergolten habe, so daß es dem Hause Tiepolo keine Ehre macht.«

»Das wird ernsthaft. Donna Florinde, unser Mündel ist heute über allen Begriff feierlich gestimmt, und ich muß Euch um Aufklärung darüber bitten. Es ziemt ihr freilich nicht, Gaben der Art von irgend jemand anzunehmen.«

»Ich kenne zwar ihr Verlangen nicht«, entgegnete sanft die Gefährtin, »doch denk ich, sie spricht von der Rettung ihres Lebens.«

Signore Gradenigos Gesicht verfinsterte sich.

»Ich verstehe Euch«, sagte er kalt. »Es ist wahr, der Neapolitaner war schnell bereit, dich zu retten, als deinen Oheim von Florenz das Unglück betraf, aber Don Camillo Monforte ist kein gemeiner Taucher vom Lido, dem man für das Auffischen einer Kleinigkeit, die aus einer Gondel fiel, ein Trinkgeld gibt. Du hast dem Kavalier gedankt. Ich glaube, daß ein edles Mädchen in solchem Falle nichts weiter tun kann als dies.«

»Wohl hab ich ihm gedankt und recht herzlich gedankt«, beteuerte Violetta feurig. »Wenn ich seine Wohltat vergesse, heiligste Maria und ihr lieben Heiligen, so vergesset mich!«

»Mir kommt vor, Signora Florinde, als habe Euer Pflegekind mehr Zeit mit den leichtsinnigen Büchern in ihres Vaters Bibliothek und weniger Zeit mit ihrem Meßbuche zugebracht, als für den Stand geziemend ist.«

Violettas Auge glühte, und sie schlug einen Arm um ihre bebende Gefährtin, die bei diesem Vorwurf den Schleier fallen ließ und kein Wort entgegnete.

»Signore Gradenigo«, sagte die junge Erbin, »ich mag meinen Lehrern Schande gemacht haben. Aber wenn der Zögling träge gewesen ist, soll der Tadel doch keinen Unschuldigen treffen. Indes hat es nicht den Schein, als würden die Vorschriften der heiligen Kirche verletzt, wenn ich für einen Mann, der mein Leben gerettet hat, ein gutes Wort einlege. Don Camillo Monforte macht schon lange ohne Erfolg so gerechte Ansprüche geltend, daß, wenn auch kein anderer Grund wäre, ihm zu willfahren, die Würde Venedigs schon allein den Senatoren gebieten sollte, ihn nicht länger hinzuhalten.«

»Mein Mündel hat zur Erholung bei den Doktoren von Padua studiert! Die Republik hat ihre Gesetze, und keiner, der ein Recht hat, wendet sich an sie vergeblich. Deine Dankbarkeit ist nicht zu tadeln, ist vielmehr deines Standes und deiner Stellung würdig. Aber, Donna Violetta, wir sollten uns erinnern, wie schwierig es ist, die Wahrheit von der Spreu der Täuschung und spitzfindigen Verkehrung zu sichten; vor allem aber sollte ein Richter, bevor er ein Dekret erläßt zugunsten eines Bittstellers, erst gewiß sein, ob er nicht einen andern dadurch beeinträchtige.«

»Sie schalten mit seinen Rechten! Weil er in einem fremden Staat geboren ist, verlangt man von ihm, daß er im Auslande weit mehr aufopfere, als er in der Republik gewinnen kann. Er verschwendet sein Leben und seine Jugendkraft an ein Phantom. Ihr vermögt viel im Senate, mein Vormund; wenn Ihr ihm die Hilfe Eurer einflußreichen Stimme und Eurer wichtigen Belehrung angedeihen ließet, so würde ein Fremder, dem Unrecht geschieht, zu seinem Recht gelangen, und Venedig würde vielleicht eine Kleinigkeit einbüßen, dafür aber seine Würde rechtfertigen, auf die es so eifersüchtig ist.«

»Du bist ein beredter Advokat, und ich will mir die Sache überlegen«, sagte Signore Gradenigo, den finsteren Zug, der um seine Brauen spielte, mit der Leichtigkeit dessen, der gewohnt ist, seine Mienen jedesmal seiner Politik anzupassen, in einen Blick des Wohlwollens verwandelnd. »Ich sollte den Neapolitaner nur als Richter, meinem öffentlichen Charakter gemäß, hören, aber der Dienst, den er dir geleistet hat, und meine Liebe zu dir bestimmen mich, dir zu willfahren.«

Donna Violetta empfing dies Versprechen mit leuchtendem, treuherzigem Lächeln. Sie küßte die Hand, die er ihr zum Pfande darbot, mit einer Glut, die ihrem aufmerksamen Vormund ernstliche Besorgnisse erregte.

»Du bittest zu einnehmend«, sagte er, »als daß dir jemand widerstehen könnte, auch wer schon bis zum Überdruß unzählige, scheinbare Ansprüche in seinem Leben hat abweisen müssen. Junge und edle Gemüter, Donna Florinde, meinen, alle Menschen wären gerade so, wie sie ihr Wunsch und ihre Einfalt gern haben möchte. Was Don Camillos Recht betrifft – aber nichts weiter! –, du willst es so haben, gut, es soll untersucht werden mit der Blindheit, die ja ein Fehler der Gerechtigkeit sein soll.«

»Das Bild meint aber doch nur blind gegen Vorliebe, keineswegs unempfindlich für das Recht.«

»Ich fürchte, in bezug auf diesen Sinn des Wortes könnten unsere Hoffnungen getäuscht werden – allein, wir wollen sehen! Mein Sohn, Donna Violetta, hat doch neuerlich nicht etwa seine schuldige Ehrerbietung versäumt? Man braucht freilich den jungen Menschen nicht zu treiben, daß er meinem Mündel, der schönsten Dame von Venedig, seine Aufwartung mache. Du empfängst ihn doch freundschaftlich wegen der Liebe zu mir?«

Donna Violetta verneigte sich mit Zurückhaltung.

»Die Tür meines Palastes ist dem Signore Giacomo zu jeder schicklichen Zeit offen«, setzte sie gleichgültig hinzu. »Der Sohn meines Vormunds kann mir nur ein ehrenwerter Gast sein.«

»Ich wünschte dem Jungen einige Aufmerksamkeit, und mehr noch, ein wenig von jener hohen Achtung – doch wir leben in einer eifersüchtigen Stadt, Donna Florinde, in einer Stadt, die Vorsicht zur größten Tugend macht. Wenn sich der junge Mensch weniger eifrig zeigt, als ich wünsche, glaubet mir, so geschieht es nur aus Besorgnis, die nicht zu aufmerksam zu machen, die sich um unserer Pflegebefohlenen Schicksale kümmern.«

Beide Damen verbeugten sich und verrieten durch die Art, wie sie ihre Mäntel zusammennahmen, daß sie sich zu entfernen wünschten, und zogen sich nach den üblichen Abschiedsgrüßen in ihr Boot zurück.

Signore Gradenigo ging das Zimmer, in dem er sein Mündel empfangen hatte, mehrere Minuten lang schweigend auf und nieder. Kein Laut war hörbar in dem ganzen weiten Hause, und der leise, vorsichtige Tritt der Bewohner entsprach der Ruhe, die auch draußen in der Stadt herrschte; endlich aber fesselte ein junger Mann, der alle Spuren der Lasterhaftigkeit in seinem Gesicht hatte und durch die Zimmer schlenderte, das Auge des Senators, und er hieß ihn näherkommen.

»Du hast Unglück wie gewöhnlich, Giacomo«, sagte er halb mit dem Tone väterlicher Zuneigung, halb des Vorwurfs. »Donna Violetta war noch vor wenigen Minuten hier, und du warst nicht zugegen. Eine unwürdige Intrige mit der Tochter eines Juweliers oder ein noch schlimmerer Handel mit ihrem Vater hat dir eine Zeit geraubt, die ehrenvoller und vorteilhafter angewendet werden konnte. Ich möchte wissen, Giacomo, ob du die schöne Gelegenheit, die dir meine Vormundschaft bietet, zu deinem Vorteil auch recht benutzest und ob du die Wichtigkeit dessen, worauf ich dringe, mit hinlänglichem Ernste bedenkst?«

»Zweifelt daran nicht, Vater. Wer so sehr Mangel an dem gelitten hat, was Donna Violetta so reichlich besitzt, bedarf nicht eben, daß man ihn treibe in solchen Dingen. Ihr habt mir’s dadurch abgenötigt, daß Ihr Euch weigert, mir so viel zu geben, als ich brauche. Kein Narr in ganz Venedig seufzt lauter unter dem Fenster seiner Gebieterin, als ich der Dame die Wünsche meines Herzens vorbringe – wenn Zeit und Gelegenheit ist und ich bei Laune bin.«

»Du kennst die Gefahr, den Senat aufmerksam zu machen?«

»Habt keine Furcht. Ich mache im stillen und nur allmählich Fortschritte. Weder meinem Gesicht noch meiner Seele ist die Maske so ungewohnt – Dank sei es der Not! Mein Geist war zu sprudelnd, als daß er mich nicht hätte mit der Verstellung vertraut machen sollen.«

»Du sprichst, als ob ich dir die Freiheit entzogen hätte, die man der Jugend deines Standes und Alters vergönnt. Deine Ausschweifungen hab ich beschränken wollen und nicht deinen Geist. Doch mag ich dich jetzt nicht mit Vorwürfen belästigen. Giacomo, du hast in dem Fremden einen Nebenbuhler. Seine Tat in der Giudecca hat ihm die Phantasie des Mädchens gewonnen, und wie edle und feurige Gemüter pflegen, hat sie sich, obgleich von seinen übrigen Verdiensten nichts wissend, doch seinen Charakter mit allen Tugenden ausgeschmückt, die ihr offener Sinn kennt.«

»Ich wollte, sie machte es mit mir so.«

»Bei dir hätte mein Mündel eher zu vergessen, als zu erfinden. Hast du Bedacht genommen, den Rat auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die seiner Erbin droht?«

»Allerdings.«

»Und wie?«

»Auf die einfachste und sicherste Weise – durch den Löwenrachen.«

»Ha! Das ist wahrhaftig ein keckes Unternehmen.«

»Und gelingt, wie alle kecken Unternehmungen, am leichtesten. Fortuna hat diesmal nicht geknickert gegen mich. – Ich hab zum Beweise des Neapolitaners Siegelring beigelegt.«

»Giacomo! Weißt du auch, was du bei deiner Verwegenheit wagst? Ich hoffe doch, du wirst dich nicht durch irgendein Kennzeichen in der Handschrift verraten haben oder durch die Art, wie du dir den Siegelring verschafft hast?«

»Wenn ich deine Ratschläge, Vater, auch in minder wichtigen Angelegenheiten oft in den Wind geschlagen habe, so vergesse ich doch deine Winke über Venedigs Politik nicht. Der Neapolitaner ist angeklagt, und wenn dein Kollegium auf Treu und Glauben hält, wird er verdächtigt, «wenn nicht gar verbannt werden.«

»Daß der Rat der Drei sein Amt verwalten wird, ist nicht zu bezweifeln. Wär ich nur ebenso gewiß, daß dich dabei nicht ein unvorsichtiger Eifer irgendwie bloßstellt.«

Der Sohn starrte den Vater einen Augenblick an und ging dann in die inneren Gemächer des Palastes, wie jemand, der an zweideutiges Handeln zu sehr gewöhnt ist, um eine Sache zweimal zu überlegen. Der Senator blieb zurück. Er ging schweigend auf und ab, augenscheinlich in großer Unruhe. Dann und wann fuhr er mit der Hand über sein Gesicht, wie bei schmerzlichem Nachdenken. Inzwischen stahl sich eine Gestalt durch die lange Reihe der Vorzimmer und blieb an der Türe des Gemachs stehen, in dem sich der Senator befand. Es war ein bejahrter Mann mit gebräuntem Gesicht und dünnem, altersgrauem Haar, in der armseligen und groben Tracht eines Fischers. Aber ein angeborner Adel und ein freies, verständiges Wesen sprachen sich in seinem kühnen Auge und in seinen hervorstechenden Zügen aus, während die entblößten Arme und die nackten Beine, wohlgebaut und muskulös, die Kraft des Mannes eher in ihrem Stillstand als im Abnehmen zeigten. Er stand einige Augenblicke mit abgezogener Mütze in gewohnter Ehrerbietung, aber unbefangen, ehe seine Gegenwart bemerkt wurde.

»Ha, bist du da, Antonio«, rief der Senator, als er ihn sah. »Weshalb kommst du?«

»Signore, mein Herz ist schwer.«

»Hat der Kalender keine Heilige, der Schiffer keinen Schutzpatron? – Der Schirokko hat wohl das Wasser der Bucht gerüttelt, und deine Netze sind ledig. Wart! Du bist mein Milchbruder und sollst nicht Not leiden.«

Der Fischer trat mit Würde zurück. »Signore, wir haben von der Zeit an, da wir unsere Milch von derselben Brust empfingen, bis in unser Alter hier gelebt. Habt Ihr mich je als einen Bettler gekannt?«

»Du pflegst zwar nicht um Geschenke zu bitten, Antonio, aber das Alter bezwingt unseren Stolz wie unsere Kraft. Wenn du nicht um Geld kommst, sage, was du sonst wünscht!«

»Gibt es nicht andere Bedürfnisse als die des Körpers, Signore, und andere Leiden als den Hunger?«

Das Gesicht des Senators verdüsterte sich. Er warf einen stechenden Blick auf seinen Milchbruder und schloß, ehe er antwortete, die Tür, die nach dem äußeren Zimmer führte.

»Deine Worte verkündigen Unzufriedenheit, wie gewöhnlich. Du hast dich gewöhnt, über Maßregeln und Verhältnisse zu sprechen, die über deinen beschränkten Verstand weit hinausgehen, und du weißt, daß dir deine Meinungen schon Tadel zugezogen haben. Die unwissenden Leute des niederen Standes sind im Staate wie Kinder, deren Schuldigkeit es ist, zu gehorchen, und nicht, zu klügeln. – Aber dein Geschäft?«

»Ich bin nicht der Mann, für den Ihr mich haltet, Signore, an Armut und Entbehrung gewöhnt, bin ich mit Wenigem zufrieden. Den Senat ehre ich als meinen Herrn, aber ein Fischer hat so gut Gefühl wie der Doge.«

»Wieder! – Dies dein Gefühl, Antonio, macht allzu hohe Ansprüche. Du bringst es bei jeder Gelegenheit vor, als wäre das die Hauptsorge im Leben.«

»Signore, und ist sie es nicht für mich? Obgleich ich genug an meine eigene Sorge zu denken habe, bleibt mir doch noch Gefühl für die Leiden derer, die mir wert sind. Als Ew. Exellenz‘ Tochter, die junge, schöne Dame, abgerufen ward und zu den Heiligen versammelt, da fühlte ich den Schlag, als wäre mein eigenes Kind gestorben. Und es hat Gott gefallen, wie Ihr wohl wißt, Signore, mich nicht unbekannt zu lassen mit dem Jammer eines solchen Verlustes.«

»Du bist ein wackerer Bursch, Antonio«, versetzte der Senator, heimlich eine Träne aus dem Auge wischend, »ein redlicher und hochherziger Mensch für deinen Stand.«

»Die, von der wir beide unsere erste Nahrung erhielten, Signore, hat mich oft ermahnt, nächst meinen eigenen Verwandten besonders das edle Geschäft zu lieben, zu dessen Erhaltung sie das ihrige getan hat. Ich rechne mir ein natürliches Gefühl nicht zum Verdienste an, denn es ist eine Gabe vom Himmel, um so weniger aber sollte der Staat solche Gefühle leichthin behandeln.«

»Wieder der Staat! – Sage mir dein Geschäft!«

»Ew. Exzellenz kennt meine traurige Lebensgeschichte. Ich brauche Euch nicht zu erzählen, Signore, von den Söhnen, die es Gott gefallen hat, mir zu schenken, noch wie mir sein Ratschluß einen nach dem andern wieder genommen hat.«

»Du hast Kummer erlebt, armer Antonio, ich weiß, daß du viel gelitten hast.«

»Jawohl, Signore! Fünf kräftige, wackere Söhne zu verlieren ist ein Unglück, das einen Stein rühren muß. Aber ich habe gelernt, Gott zu verehren und für alles zu danken.« »Braver Fischer, der Doge selbst könnte dich beneiden um diese Ergebung. Es ist aber oft leichter, den Tod eines Kindes als sein Leben zu ertragen, Antonio!«

»Signore, meine Söhne haben mich nie betrübt als durch ihren Tod. Und auch da«, der alte Mann wandte sich seitwärts, um die Bewegung seines Gesichts zu verbergen, »auch da hab ich gerungen, mir nur allein vorzustellen, wie vielem Kummer, wie vielen Mühen und Leiden sie entnommen sind, um zu einem seligen Zustand überzugehen.«

Signore Gradenigos Lippe bebte, und er ging mit schnelleren Schritten auf und nieder.

»Ich denke doch, Antonio«, sagte er, »ich denke doch, mein wackerer Antonio, daß ich für ihre Seelen habe Messen lesen lassen.«

»Das habt Ihr, Signore, der heilige Antonio gedenkt Eurer Liebe in Eurer letzten Stunde. Ich sagte mit Unrecht, daß die Knaben mich einzig durch ihren Tod betrübt haben. Denn es gibt einen Gram, den kein Reicher kennt, wenn man zu arm ist, um für sein gestorbenes Kind ein Gebet zu bezahlen.«

»Willst du mehr Messen haben? Deinen Kindern soll die Fürsprache der Heiligen nicht fehlen zu ihrer Seelen Seligkeit.«

»Ich danke Euch, Exzellenz, aber ich verlasse mich auf das, was geschehen ist, und noch mehr auf Gottes Barmherzigkeit. Doch mein jetziges Geschäft betrifft Lebende.«

Das Mitgefühl des Senators wurde plötzlich erkaltet, und er horchte mit forschender Miene. »Dein Geschäft?« wiederholte er einsilbig.

»Ist, Euch zu bitten, Signore, daß Ihr mir die Loslassung meines Enkels von den Galeeren auswirkt. Sie haben den Burschen, der erst vierzehn Jahre ist, ergriffen und ihn zum Kriege gegen die Ungläubigen verdammt, ohne an sein zartes Alter zu denken, ohne an das böse Beispiel zu denken, ohne an mein verlassenes Alter zu denken, ohne alles Recht, denn sein Vater ist in der letzten Schlacht gegen die Türken geblieben.«

Als der Fischer seine Rede beschloß, blickte er in die Marmorzüge dessen, zu dem er sprach, sehnsüchtig spähend, ob seine Worte Eindruck gemacht hätten. Aber jene Züge blieben kalt, teilnahmslos, ohne menschliches Mitleid. Die empfindungslose Ausübung einer scheinbaren Staatsklugheit hatte längst in dem Senator bei denjenigen Angelegenheiten, die mit einem in ihm so lebendigen Interesse, als Venedigs Seemacht war, zusammenstießen, alles Gefühl getötet. In dem kleinsten Anlauf gegen so delikate Rücksichten sah er das Unglück einer Neuerung, und die Politik hatte sein Gemüt zu einer unbarmherzigen Härte gewöhnt, wenn es das Recht des heiligen Markus, die Dienste seines Volkes zu fordern galt.

»Ich wollte, du wärest gekommen, mich um Seelenmessen oder um Geld oder um irgend sonst etwas zu bitten, Antonio, nur nicht um dies!« erwiderte er nach einer kleinen Pause. »Du hast, wenn ich nicht irre, den Jungen von seiner Geburt an immer um dich gehabt?«

»Signore, ja, ich hatte diese Freude. Er ward als Waise geboren, und ich hätte ihn gern behalten, bis er tüchtig gewesen wäre, in die Welt zu treten, ausgerüstet mit Redlichkeit und Glauben, um ihn vor Unbill zu behüten. Wär mein eigener tapferer Sohn hier, er würde auch um kein anderes Glück für den Jungen bitten, als ihm den Rat und Beistand nicht zu rauben, den auch ein armer Mann das Recht hat, seinem Fleisch und Blut angedeihen zu lassen!«

»Er fährt nicht schlimmer als andere, und du weißt, daß der Staat eines jeden Armes bedarf.«

»Exzellenz! Als ich in den Palast trat, sah ich Signore Giacomo aus seiner Gondel steigen.«

»Oh, über dich, Gesell! Machst du keinen Unterschied zwischen dem Sohn eines Fischers, zwischen einem, der von Rudern und von Handarbeit lebt, und dem Abkömmling einer alten Familie! Geh, anmaßender Mann, und denke an deinen Stand und an den Unterschied, den Gott zwischen unsere Kinder gesetzt hat.«

»Jawohl, die meinigen haben mir niemals Kummer gemacht als in ihrer Sterbestunde«, sagte der Fischer mit dem Ton eines ernsten Vorwurfs.

Signore Gradenigo fühlte die Schärfe dieses Tadels, der aber der Sache seines rücksichtslosen Milchbruders keineswegs frommte. Er ging sehr aufgeregt im Zimmer einigemal hin und her, bezwang aber seinen Unwillen insoweit, daß er mit der Milde antworten konnte, die seinem Stande geziemte.

»Antonio«, sagte er, »deine verwegene Gesinnung ist mir nicht fremd. Wenn du Seelenmessen für die Toten verlangtest oder Geld für die Lebendigen, du solltest es haben; aber mich um Verwendung beim General der Galeeren bitten, das heißt um etwas bitten, was in so kritischen Zeiten auch dem Sohne des Dogen nicht könnte zugestanden werden, wäre der Doge selbst…«

»… ein Fischer«, fiel Antonio ein, da er bemerkte, daß der Senator stockte, »lebt wohl, Signore! Ich möchte nicht im Groll von meinem Milchbruder scheiden. Mögen die Heiligen Euch segnen. Möget Ihr nie den Schmerz erleben, ein Kind schlimmer als durch den Tod zu verlieren – durch Untergang in Sünde.«

Nachdem Antonio geendigt hatte, verbeugte er sich und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war. Der Senator bemerkte sein Weggehen nicht, denn er hatte sich abgewandt, in seinem Innern das Gewicht der Worte fühlend, die der andere in seiner Einfalt gesprochen hatte. Erst nach einer Weile bemerkte er, daß er allein war. Aber ein anderer Fußtritt fesselte alsbald seine Aufmerksamkeit; die Tür ging wieder auf, und ein Diener erschien. Er meldete jemanden, der um eine Privataudienz nachsuchte.

»Laß ihn herein«, sagte der Senator bereitwillig und ordnete seine Züge zu ihrem gewöhnlichen, vorsichtigen und mißtrauischen Ausdruck.

Der Diener entfernte sich, und ein maskierter Mann, in einen Mantel gehüllt, trat schnell ein. Er warf die Hülle über den Arm und nahm die Maske ab. Da zeigten sich die Züge und die Gestalt des gefürchteten Jacopo.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Weise, in der der Rat der Drei seine offenen Zusammenkünfte hielt, wenn irgend etwas, was die mysteriöse Versammlung anging, offen genannt werden kann, ist bereits erzählt worden. Es waren wieder dieselben Anzüge, Masken und Offizianten der Inquisition wie bei jenem in einem früheren Artikel beschriebenen Auftritte. Nur der Charakter der Richter war ein anderer sowie der des Angeklagten.

Durch eine besondere Einrichtung der Lampe ward das meiste Licht auf den Fleck geworfen, wo der Gefangene stehen sollte, während die Seite des Zimmers, an der die Inquisitoren saßen, in einem Dunkel blieb, das zu ihrem düstern, geheimnisvollen Amte gar wohl stimmte. Ehe sich die Tür öffnete, durch die der Beschuldigte eintreten mußte, hörte man das Klirren der Ketten, ein sicheres Anzeichen, daß der vorliegende Fall als sehr ernstlich angesehen ward. Die Angeln drehten sich, und der Bravo stand vor den unbekannten Männern, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten.

Da Jacopo oft vor dem Rat erschienen war, obgleich niemals als Gefangener, so verriet er weder Überraschung noch Bestürzung bei dem finsteren Anblick umher. Sein Gesicht war bleich, aber gefaßt, seine Glieder unbeweglich und seine Miene bescheiden. Als sich das kleine Geräusch gelegt hatte, das bei seinem Eintritt entstand, herrschte in dem Zimmer tiefe Stille.

»Du heißest Jacopo Frontoni?« sagte der Sekretär, der das Mundstück der Drei bei dieser Gelegenheit abgab.

»Ja.«

»Du bist der Sohn eines gewissen Ricardo Frontoni, eines durch Zolldiebstahl berüchtigten Mannes, von dem man glaubt, daß er nach den entfernten Inseln verbannt oder anderweitig bestraft wurde?«

»Signore – oder anderweitig bestraft wurde.«

»Du warst Gondoliere in deiner Jugend?«

»Das war ich.«

»Deine Mutter ist –«

»– tot«, sagte Jacopo, als er bemerkte, daß der andere schwieg, um seine Instruktion anzusehen.

Der tiefe Ton, mit dem er dieses Wort sprach, erregte eine Stille, die der Sekretär erst unterbrach, nachdem er einen Blick hinter sich auf die Richter geworfen hatte.

»Sie war nicht der Teilnahme an dem Verbrechen deines Vaters angeklagt?«

»Und wäre sie es gewesen, Signore, sie ist längst nicht mehr im Bereiche der Macht dieser Republik.«

»Bald nachdem dein Vater das Mißfallen des Staates erregt hatte, gabst du dein Geschäft als Gondoliere auf?«

»Signore, ja.«

»Du bist angeklagt, Jacopo, das Ruder mit dem Stilett vertauscht zu haben.«

»Signore, ja.«

»Die Gerüchte von deinen Bluttaten haben seit mehreren Jahren zugenommen in Venedig, bis in der letzten Zeit keiner mehr eines unzeitigen Todes starb, dessen Ermordung man dir nicht zugeschrieben hätte.«

»Das ist nur zu wahr, Signore Segretario. – Ich wollte, dem wäre nicht so.«

»Die Ohren Seiner Hoheit und die Ratskollegien sind nicht verschlossen geblieben vor diesen Gerüchten, sondern haben sie lange mit dem Ernst einer väterlichen und sorgsamen Regierung erwogen. Wenn sie dich frei herumgehen ließen, so geschah es nur, um nicht den Hermelin der Gerechtigkeit durch ein übereiltes und nicht hinlänglich begründetes Erkenntnis zu beflecken.«

Jacopo neigte sein Haupt und gab keine Antwort. Aber ein Lächeln, so wild und bedeutungsvoll, glitt bei dieser Erklärung über seine Züge, daß der Offiziant des geheimen Tribunals, der als Organ der Mitteilung diente, auf das Papier niederblickte, das er in der Hand hielt, als wollte er tiefer in die Schriften hineinsehen.

»Es ist nunmehr eine ganz besondere und fürchterliche Beschwerde gegen dich beigebracht worden, Jacopo Frontoni«, fuhr der Sekretär fort, »und aus Fürsorge für das Leben seiner Bürger hat der gefürchtete Rat selbst die Sache in die Hand genommen. Hast du einen gewissen Antonio Vecchio, Fischer hier auf unseren Lagunen, gekannt?«

»Ja, Signore, in der letzten Zeit, und ich bedaure, ihn nicht schon früher gekannt zu haben.«

»Du weißt auch, daß sein Körper ersäuft in der Bai gefunden worden?«

Jacopo schauderte und bejahte die Frage nur durch ein Zeichen. Die Wirkung, die diese schweigende Bejahung auf den Jüngsten der Drei hervorbrachte, war unverkennbar, denn er wandte sich zu seinen Kollegen in der Überzeugung, daß dieses Zeichen einem Geständnisse gleichkomme. Die beiden anderen machten zur Erwiderung würdevolle Verneigungen, und damit war die stillschweigende Mitteilung beendet.

»Sein Tod hat Unzufriedenheit unter seinen Kameraden erregt, und die Veranlassung dazu ist ein Gegenstand ernstlicher Untersuchung für den hohen Rat geworden.«

»Der Tod des geringsten Mannes in Venedig muß den Patriziern angelegen sein, Signore.«

»Weißt du, Jacopo, daß du angeklagt bist, ihn ermordet zu haben?«

»Signore, ja.«

»Man sagt, du seiest unter den Gondolieri in der letzten Regatta gewesen und würdest ohne diesen alten Fischer den ersten Preis gewonnen haben.«

»Darin hat das Gerücht nicht gelogen, Signore.«

»Du leugnest also nicht?« rief der Inquirent mit sichtlichem Erstaunen.

»Es ist gewiß, daß ich ohne diesen Fischer gewonnen hätte.«

»Und du hast den Preis gewünscht, Jacopo?«

»Gar sehr, Signore«, erwiderte der Angeklagte mit einem Ausdruck des Gefühls, den er bisher noch nicht gezeigt hatte. »Ich war bei seinen Kameraden ein verachteter Mensch, und doch ist das Ruder mein Stolz gewesen von meiner Kindheit an bis zu jener Stunde.«

Eine Bewegung des dritten Inquisitors verriet wieder dessen Anteil und Erstaunen.

»Gestehst du dein Verbrechen?«

Jacopo lächelte, aber mehr aus Spott als aus einem andern Gefühle.

»Wenn die erlauchten Senatoren hier gegenwärtig ihre Masken abnehmen wollen, so kann ich diese Frage vielleicht mit größerer Zuversicht beantworten«, sagte er.

»Dein Verlangen ist verwegen und außer der Ordnung. Niemand kennt persönlich die Patrizier, die im Staate die letzte Entscheidung haben. Bekennst du dein Verbrechen?«

In diesem Augenblick trat ein Offiziant hastig herein, legte eine Schrift in die Hand des rotgekleideten Inquisitors und entfernte sich. Nach einer kleinen Pause befahl man den Wachen, mit dem Gefangenen abzutreten.

»Hohe Senatoren«, sagte Jacopo, indem er ernst an den Tisch trat, als wollte er den Augenblick benutzen, um durchzusetzen, was er zu fordern im Begriff stand. »Gnade! Verstattet mir, einen Gefangenen unter den Bleidächern zu besuchen! Ich habe wichtige Gründe, dies zu wünschen, und bitte euch als Menschen und Väter, es mir zu erlauben.«

Das lebhafte Interesse der zwei für die eben gebrachte Nachricht, über die sie sich seitwärts besprachen, verhinderte sie, auf sein Gesuch zu achten. Der dritte Inquisitor, Signore Soranzo, war der Lampe näher getreten, begierig, in den Zügen eines so berüchtigten Menschen zu forschen, und staunte seine auffallende Gesichtsbildung an. Gerührt durch den ergreifenden Ton seiner Rede und zum Wohlwollen gestimmt durch die Züge, die er musterte, übernahm er die Verantwortlichkeit, allein den Wunsch des Gefangenen zu gewähren.

»Erfüllt ihm, was er verlangt«, sagte er zu den Hellebardieren, »aber haltet ihn bereit, wieder vorzutreten.«

Jacopo dankte ihm durch einen Blick; aber in Besorgnis, daß die andern noch plötzlich seinem Verlangen in den Weg treten möchten, verließ er eilig das Zimmer.

Der Weg der kleinen Prozession, die sich vom Zimmer des heimlichen Gerichts nach dem Sommeraufenthalt seiner Schlachtopfer begab, bezeichnete auf traurige Weise den Ort und die Regierung.

Er führte durch finstere, verdeckte Korridore, die dem uneingeweihten Auge verborgen waren, während sie nur dünne Wände von den Zimmern des Dogen trennten, die gleich jenem äußern Anstrich des ganzen Staates hinter Pracht und Glanz nichts als Nacktheit und Elend versteckten. Als das Obergeschoß erreicht war, blieb Jacopo stehen und redete seine Führer an: »Wenn ihr Menschen seid, von Gott geschaffen, so nehmt mir, wenn auch nur für einen Augenblick, diese klingenden Ketten ab.«

Die Schließer sahen überrascht einander an, keiner wollte das Liebeswerk auf sich nehmen.

»Ich will«, fuhr der Gefangene fort, »vermutlich zum letztenmal, einen bettlägerigen oder auch schon sterbenden Vater besuchen, und er weiß nichts von meiner Lage, soll er mich in diesem Zustande sehen?«

Mächtig mehr durch Ton und Gebärde als durch Worte, verfehlte diese Anrede ihre Wirkung nicht. Ein Schließer nahm ihm die Ketten ab und hieß ihn hineingehen. Mit vorsichtigem Tritt ging Jacopo, als die Tür geöffnet war, allein in das Zimmer, denn keiner nahm an der Zusammenkunft eines gemeinen Bravo mit seinem Vater so vielen Anteil, daß er sich deshalb hätte der brennenden Hitze dieses Ortes aussetzen wollen. Hinter ihm schloß sich die Tür, und das Gemach wurde dunkel.

Ungeachtet seiner angenommenen Festigkeit blieb Jacopo erschüttert stehen, als sich ihm so plötzlich das stille Elend des unglücklichen Gefangenen veranschaulichte. Ein schweres Atmen ließ ihn den Ort des Strohlagers erraten, denn die Mauern, die auf der Seite des Korridors massiv waren, verhinderten das Eindringen des Lichtes durchaus.

»Vater!« sagte Jacopo sanft. Er erhielt keine Antwort,

»Vater!« wiederholte er lauter.

Das Atmen wurde hörbarer, darauf sprach der Gefangene.

»Die heilige Maria erhört mein Flehen«, sagte er mit schwacher Stimme. »Gott hat dich mir geschickt, mein Sohn, mir die Augen zuzudrücken.«

»Verläßt dich deine Kraft, Vater?«

»Sehr, mein Stündlein ist gekommen – ich hatte gehofft, das Tageslicht wiederzusehen, deine teure Mutter und Schwester zu segnen – Gottes Wille geschehe!«

»Sie beten für uns beide, Vater. Sie sind nicht mehr in der Gewalt des Senats.«

»Jacopo – ich versteh dich nicht!«

»Meine Mutter und meine Schwester sind tot, sind Heilige im Himmel, Vater!«

»Das ist ein plötzlicher Schlag!« sprach der alte Mann leise. »Nun, so scheiden wir zusammen.«

»Sie sind längst tot, Vater.«

»Warum hast du mir das nicht früher gesagt, Jacopo?«

»Hattest du nicht ohnehin des Grams genug? Jetzt, da du im Begriff stehst, zu ihnen zu gehen, wird es dir Freude machen, zu erfahren, daß sie schon lange selig sind.«

»Und du, du wirst allein zurückbleiben – gib mir deine Hand – armer Jacopo.«

Der Bravo griff hin und faßte die schwache Hand seines Vaters. Sie war steif und kalt.

»Jacopo!« fuhr der Gefangene fort, denn sein Geist hielt noch den Körper. »Ich habe dreimal seit einer Stunde gebetet – einmal für meine eigene Seele – einmal für den Frieden deiner Mutter – und endlich auch für dich!«

»Dank, Vater, Dank! Mir tut Fürbitte not!«

»Knie hin, Jacopo – daß ich Gott noch einmal – bitten möge, deiner zu gedenken.«

»Ich bin neben dir, Vater.«

Der alte Mann hob seinen schwachen Arm empor, und mit einer Stimme, deren Kraft sich neu zu beleben schien, sprach er einen glühenden, feierlichen Segen.

»Der Segen eines sterbenden Vaters wird deine Tage versüßen, Jacopo«, sagte er nach einer Pause, »und deinen letzten Augenblicken Frieden geben.«

»Das wird er, Vater.«

Ein rauher Ruf von der Türe her unterbrach sie.

»Komm, Jacopo«, sagte einer von den Schließern, »der Rat verlangt dich.«

Jacopo fühlte das krampfhafte Zucken seines Vaters und gab keine Antwort.

»Wollen sie dich nicht – noch ein paar Minuten hierlassen?« stammelte der alte Mann. »Ich werde dich nicht lange mehr aufhalten.«

Die Tür ging auf, und ein Strahl der Lampe fiel auf die Gruppe im Gemach. Der Schließer war so menschlich, wieder zuzumachen und alles im Dunkel zu lassen. Jacopo gewann durch dies Streiflicht einen letzten Blick in seines Vaters Gesicht. Der Tod hauste darin entsetzlich, aber die Augen waren in unaussprechlicher Liebe dem Sohne zugekehrt.

»Das ist ein barmherziger Mann – er will dich nicht aussperren«, sagte der Vater leise.

»Sie können dich nicht allein sterben lassen, Vater.«

»Sohn, mein Gott ist bei mir – doch hätte ich dich freilich gern neben mir – hast du nicht gesagt – deine Mutter und deine Schwester sind tot?«

»Tot.«

»Deine junge Schwester auch?«

»Alle beide, Vater. Sie sind Heilige im Himmel.«

Der alte Mann atmete schwer, und es ward stille. Jacopo fühlte die Bewegung einer Hand im Dunkeln, als suchte sie ihn, er ergriff sie und legte sie in Ehrfurcht auf sein eigenes Haupt.

»Gott segne dich, Jacopo!« flüsterte eine Stimme, die der aufgeregten Einbildungskraft des Bravo aus der Luft herabzuschweben schien. Den feierlichen Worten folgte ein bebendes Seufzen. Jacopo barg sein Gesicht im Bettuch und betete. Darauf ward tiefe Stille.

»Vater«, fragte er, zitternd vor seiner eigenen gedämpften Stimme.

Keine Antwort. Er streckte die Hand aus und berührte das Gesicht eines Leichnams. Mit einer Gewalt, die an Verzweiflung grenzte, beugte er abermals seinen Kopf nieder und betete inbrünstig für den Toten.

Als sich die Tür der Zelle öffnete, erschien Jacopo vor den Schließern mit einer Würde der Haltung, die nur wirklichem Charakter eigen ist, und jetzt noch erhöht war durch die eben erlebten Augenblicke. Er bot seine Arme dar und stand unbeweglich, als sie ihm die Fesseln wieder anlegten. Darauf gingen sie miteinander nach dem geheimen Zimmer, und es währte nicht lange, so standen alle wie vorher vor dem Rate der Drei.

»Jacopo Frontoni«, nahm der Sekretär das Wort, »du bist noch einer andern schwarzen Tat verdächtig, die ganz kürzlich in unserer Stadt begangen worden. Hast du einen edeln Kalabrier gekannt, der auf die Senatorwürde Anspruch machte und sich lange hier in Venedig aufhielt?«

»Ja, Signore.«

»Hast du mit ihm zu tun gehabt?«

»Ja, Signore.«

Eine Bewegung unter den Zuhörern verriet den Anteil, den alle nahmen.

»Weißt du, wo Don Camillo Monforte sich gegenwärtig befindet?«

Jacopo zauderte. Er kannte die Mittel, die dem Senat zu Gebote standen, um sich von allem in Kenntnis zu setzen, so gut, daß er in Zweifel geriet, inwiefern es rätlich wäre, seinen Anteil an der Flucht der Liebenden zu leugnen. Außerdem hatte sich in diesem Augenblick ein tiefes, heiliges Gefühl für Wahrheit in seinem Gemüte eingedrückt.

»Kannst du Auskunft geben, warum der junge Herzog nicht in seinem Palaste gefunden wird?« wiederholte der Sekretär.

»Illustrissimo, er hat Venedig für immer verlassen!«

»Woher weißt du das? Hat er einen gemeinen Bravo zu seinem Vertrauten gemacht?«

Ein Lächeln voll überlegenen Selbstbewußtseins blitzte über Jacopos Züge und veranlaßte den wohlunterrichteten Agenten des geheimen Tribunals, tief in seine Papiere hineinzublicken, gleich einem, der sich getroffen fühlt.

»Bist du sein Vertrauter? Ich frage noch einmal.«

»Signore, in dieser Sache, ja! Ich habe die Versicherung aus Don Camillo Monfortes eigenem Munde, daß er nicht wiederkommen wird.«

»Das ist unmöglich, da er somit all seine schönen Hoffnungen und glänzenden Güter aufopfern würde.«

»Er tröstet sich mit dem Ersatze, Signore, den ihm die Liebe der jungen Tiepolo und deren Reichtümer bieten.«

Abermalige Bewegung unter den Dreien, die alle ihre Geübtheit in der Selbstbeherrschung und die mechanische Gravität ihres geheimnisvollen Amtes nicht zurückzuhalten vermochte.

»Die Schließer sollen sich entfernen«, sagte der Inquisitor im Scharlachkleide. Sobald der Gefangene mit den Dreien und ihrem immerwährenden Sekretär allein war, ging das Verhör fort, und selbst die Senatoren, im Vertrauen auf ihre Masken und einige Verstellung der Stimme, sprachen gelegentlich mit.

»Es ist ein wichtiger Aufschluß, den du uns gegeben hast, Jacopo!« fuhr der im roten Kleide fort. »Es kann noch dein Leben retten, wenn du klug genug bist, die Gelegenheit zu benutzen.«

»Was wünschen Ew. Exzellenz von mir? Offenbar hat der Rat Kenntnis von Don Camillos Flucht, und ich kann nicht glauben, daß Augen, die sich so selten schließen, die Erbin von Tiepolo noch nicht vermißt haben sollten.«

»Beides ist wahr, Jacopo. Aber was weißt du von den Mitteln zur Flucht? Bedenke, daß dein eigenes Schicksal von der Gunst abhängt, die du dir bei dem Rate erwirbst.«

Der Gefangene ließ wieder einen von jenen erstarrenden Blicken über sein Gesicht leuchten, vor dem seine Richter jedesmal niedersahen.

»An Mitteln zur Flucht kann es einem kühnen Liebhaber nicht fehlen, Signore«, erwiderte er. »Don Camillo ist reich und konnte tausend Diener in Bewegung setzen, wenn es nötig war.«

»Du suchst auszuweichen. Es ist dein eigener Nachteil, wenn du den Rat zum besten hast! Welche Diener benutzte er?«

»Er hatte eine ihm ergebene Dienerschaft, Exzellenz – viele dreiste Gondolieri und Leute aller Art.«

»Von diesen wollten wir nichts wissen. Er ist durch andere Mittel entkommen, oder bist du denn überhaupt ganz sicher, daß er entkommen ist?«

»Signore, ist er noch in Venedig?«

»Danach fragen wir dich eben. Hier ist eine Anklage im Löwenrachen gefunden worden, die dich zeiht, ihn ermordet zu haben!«

»Und Donna Violetta auch, Exzellenza?«

»Von ihr haben wir nichts gehört. Was erwiderst du auf diese Anklage?«

»Signore, warum sollte ich meine eigenen Geheimnisse verraten?«

»Ha, bist du doppelzüngig und treulos? Besinne dich, daß wir einen Gefangenen unter den Bleidächern haben, der dir die Wahrheit wohl abpressen kann!«

Jacopo richtete sich zu einer solchen Höhe auf, als man sich nur vorstellen kann, um die Erhebung eines freien Geistes auszudrücken. Sein Auge aber war dennoch traurig und seine Stimme, trotz der Anstrengung, sie zum Gegenteil zu zwingen, schwermütig.

»Senatoren«, sagte er, »euer Gefangener unter den Bleidächern ist frei.«

»Was! Du scherzest noch in deiner Verzweiflung!«

»Ich spreche wahr. Die so lang verzögerte Befreiung ist endlich gekommen.«

»Dein Vater –«

»– ist tot«, fiel Jacopo mit feierlichem Tone ein.

Die beiden älteren Mitglieder des Rates sahen einander überrascht an, während ihr jüngerer Kollege mit der Teilnahme zuhörte, die ein Neuling in geheimen und verwickelten Geschäften zu haben pflegt. Die ersteren berieten sich leise und sagten dann dem Signore Soranzo so viel von ihrem Beschluß, als sie in diesem Falle für nötig erachteten.

»Wirst du deine eigene Sicherheit in Erwägung ziehen, Jacopo, und uns eröffnen, was du von der Sache des Neapolitaners weißt?« fuhr der Inquisitor fort, als dieses Zwischenspiel zu Ende war.

Jacopo verriet keine Schwäche bei der Drohung des Senators, aber nach kurzer Überlegung antwortete er mit so viel Freimütigkeit, als er nur im Beichtstuhl an den Tag legen konnte: »Ihr wißt, erlauchter Senator, daß dem Staate daran lag, die Erbin von Tiepolo zu seinem eigenen Vorteile zu verheiraten, daß sie aber der neapolitanische Edelmann liebte und daß sie, wie unter jungen und empfindungsvollen Herzen zu geschehen pflegt, seine Liebe erwiderte in dem Maße, als einem Mädchen ihres Ranges und ihrer Jugend geziemend war. Ist da etwas Erstaunliches in dem Umstande, daß sich zwei Personen von so glänzenden Aussichten bemühten, ihr Unglück abzuwehren? Signori, in der Nacht, da der alte Antonio starb, war ich unter den Gräbern des Lido allein mit meiner Schwermut und meinem bittern Herzen, und mir war das Leben zur Last. Hätte der böse Geist, der damals die Oberhand gewonnen hatte, seine Meisterschaft behauptet, so wäre ich als ein hoffnungsloser Selbstmörder gestorben. Gott sandte aber Don Camillo Monforte, mich zu retten. Dort lernte ich die Wünsche des Neapolitaners kennen und begab mich in seine Dienste. Ich schwur ihm, Senatoren, gewissenhaft zu sein, für seine Sache zu sterben, wenn es nötig wäre, und ihm zu seiner Braut zu verhelfen. Die Verpflichtung hab ich erfüllt. Die glücklichen Liebenden sind jetzt im Kirchenstaate und unter dem mächtigen Schutze des Kardinalsekretärs, der Don Camillos Mutterbruder ist.«

»Narr, warum hast du das getan? Hast du nicht an dich selbst gedacht?«

»Sehr wenig, Exzellenz. Ich dachte mehr an die Wonne, mein Leid in eine menschliche Brust ausschütten zu können, als an Euer hohes Mißvergnügen. Seit Jahren hab ich keinen so süßen Augenblick gehabt, als da ich den Herzog von Sant‘ Agata seine schöne und vor Freuden weinende Braut an sein Herz drücken sah.«

Die Inquisitoren waren überrascht durch den stillen Enthusiasmus des Bravo, und die Verwunderung verursachte wieder eine Pause. Endlich nahm der Älteste von den Dreien das Verhör wieder auf. »Wirst du uns die Art ihres Entkommens mitteilen, Jacopo?« fragte er. »Bedenke, daß du noch ein Leben zu retten hast.«

»Signore, dieses eine ist kaum der Mühe wert. Aber Euch zu Gefallen soll nichts verschwiegen bleiben.« Jacopo erzählte nun einfach und ungeschminkt die Mittel, die Don Camillo zur Bewerkstelligung seiner Flucht angewendet hatte, die Hoffnungen, die Hindernisse und das endliche Gelingen. Er verheimlichte nichts bei dieser Erzählung als den Ort, wo die Damen auf kurze Zeit eine Zuflucht gefunden hatten, und Gelsominas Namen. Sogar Giacomo Gradenigos Anschlag auf das Leben des Neapolitaners und die Geschäftigkeit des Juden in dieser Sache machte er kund. Keiner hörte den Bericht so aufmerksam an als der junge Ehemann. Unbeschadet seiner öffentlichen Pflichten, klopften seine Pulse, als der Gefangene bei den wechselvollen Schicksalen der Liebenden verweilte, und als endlich ihre Vereinigung erzählt ward, hüpfte sein Herz vor Freuden. Auf der anderen Seite hörten seine erfahrenen Kollegen die Erzählung des Bravo mit berechnender Kälte. Den beiden Senatoren ward auf einmal klar, daß Don Camillo und seine schöne Gefährtin ihrer Macht entronnen waren, und sogleich sahen sie ein, daß man aus der Notwendigkeit eine Tugend machen müsse. Da sie Jacopos nicht weiter bedurften, so ließen sie die Schließer kommen und schickten ihn in sein Gefängnis zurück.

»Es wird geziemend sein, dem Kardinalsekretär ein Glückwunschschreiben wegen der Heirat seines Neffen mit einer so reichen Erbin unserer Stadt zuzusenden«, sagte der Inquisitor von den Zehnen, als sich die Tür hinter den Weggehenden geschlossen hatte. »Wir müssen uns den großen Einfluß des Neapolitaners geneigt halten.«

»Aber wenn er nun auf den Widerstand unseres Staates gegen sein Vorhaben Gewicht legte?« wandte Signore Soranzo ein, schwach genug gegen einen so kühnen Plan.

»So legen wir die Sache allein dem vorigen Rate zur Last. Solche Mißgriffe sind unausbleibliche Folgen des Eigenwillens in einer freien Verfassung, Signore. Das Roß, das im Naturzustande über die Ebene streift, kann nicht gleicherweise gelenkt werden wie das träge Tier, das den Karren zieht. Ihr sitzet heut zum erstenmal unter den Dreien, aber die Erfahrung wird Euch lehren, daß, wie vortrefflich wir auch in der Theorie sind, die Praxis nicht immer gleich vollkommen sein kann. Das ist eine wichtige Sache mit dem jungen Gradenigo, Signori!«

»Ich habe ihn längst als einen Taugenichts gekannt«, versetzte sein älterer Kollege. »Jammerschade, daß solch ein ehrenwerter und edler Patrizier ein so unwürdiges Kind gezeugt hat. Aber weder der Staat noch die Stadt darf Mordanschläge ungeahndet lassen.«

»Oh, kämen sie doch nur seltener vor!« rief Signore Soranzo in aller Aufrichtigkeit.

»Jawohl, jawohl. Es sind einige Winke in unserer geheimen Information, die Jacopos Aussage bestätigen. Auch hat uns lange Erfahrung gelehrt, daß man seinen Berichten vollkommen Glauben beimessen kann.«

»Wie? – Ist denn Jacopo ein Agent der Polizei?«

»Davon mehr bei größerer Muße, Signore Soranzo. Gegenwärtig müssen wir diesen Anschlag gegen das Leben eines unter dem Schutze unserer Gesetze gestandenen Mannes in Erwägung ziehen.«

Nun entspann sich unter den Dreien eine angelegentliche Diskussion über die beiden Verbrecher. Signore Soranzo hatte eine schöne Gelegenheit, seine hochherzige Gesinnung geltend zu machen. Er war zwar ein Verwandter des Hauses Gradenigo, nahm aber doch keinen Anstand, das Betragen des jungen Adligen ernstlich zu rügen. Er begehrte zuerst, daß ein schreckendes Exempel statuiert und der Welt bewiesen würde, daß in Venedig die Geburt nicht zu Verbrechen bevorrechtet. Von dieser Ansicht der Sache ward er jedoch durch seine verschlagenen Kollegen zurückgebracht, die ihn erinnerten, daß die Gesetze zwischen beabsichtigten und begangenen Verbrechen einen Unterschied machten. Von seiner ersten Meinung abgelenkt durch die kältere Erwägung seiner Kollegen, schlug der junge Inquisitor vor, die Sache zur Entscheidung den gewöhnlichen Gerichten zu übergeben. Es fehlte nicht an Beispielen, daß die venezianische Aristokratie einen aus ihrer eigenen Mitte dem Scheine der Gerechtigkeit zum Opfer gebracht hatte, denn solche Fälle, mit Klugheit geleitet, vergrößerten ihre eigene Macht nur, statt sie zu schwächen! Allein, das vorliegende Verbrechen war ein zu gewöhnliches, als daß es sich verlohnt hätte, so überschwenglich freigebig in Aufopferung eigener Gerechtsame zu sein, und die alten Inquisitoren widersetzten sich dem Verlangen ihres jüngeren Kollegen mit scheinbar sehr guten Gründen und einem Anstrich von Rechtmäßigkeit. Es blieb endlich dabei, daß sie selber die Sache entscheiden müßten.

Die nächste Frage war, welche Strafe zuerkannt werden sollte. Der verschmitzte Senior des Rates brachte eine Verbannung auf einige Monate in Vorschlag, denn Giacomo Gradenigo hatte schon sonst in mehr als einer Hinsicht den Zorn der Regierung verdient. Signore Soranzo widersetzte sich dieser Strafe mit dem Feuer eines unverderbten edeln Herzens. Er trug endlich den Sieg davon, indem seine schlauen Amtsgenossen besonders hervorhoben, daß sie seinen Argumenten nachgäben. Das Resultat des ganzen Manövers war, daß der junge Gradenigo auf zehn Jahre in die Provinzen verwiesen, Hosea aber auf Lebenszeit verbannt ward. Hierbei mußte der Jude froh sein, noch mit so blauem Auge davonzukommen.

»Wir dürfen diese Entscheidung und deren Veranlassung nicht geheimhalten«, bemerkte der Inquisitor von den Zehnen, sobald die Sache beendet war. »Es ist kein Nachteil für den Staat, wenn bekannt wird, wie er die Gerechtigkeit handhabt.«

»Und wenn sie wirklich geübt wird, will ich hoffen«, entgegnete Signore Soranzo. »Da aber unsere heutigen Geschäfte beendigt sind, beliebt es den Herren, daß wir nach Hause zurückkehren?«

»Vorher haben wir noch die Sache des Jacopo abzumachen.«

»Den mögen wir doch immerhin den ordentlichen Tribunalen überlassen!«

»Wie Euch beliebt. Ist es so Eure Meinung, Signori?«

Die beiden andern stimmten durch Verbeugungen bei, und man schickte sich zur Heimkehr an.

Bevor aber die beiden älteren Mitglieder des Rates den Palast verließen, hielten sie miteinander eine lange und geheime Konferenz ab, deren Resultat eine Privatinstruktion für den Kriminalrichter war. Dann gingen sie in vollkommener Gewissensruhe nach Hause. Auch Signore Soranzo begab sich nach seiner prächtigen und beglückten Wohnung. Zum erstenmal in seinem Leben betrat er sie mit einem Mißtrauen in sich selbst. Ohne zu wissen, wodurch, fühlte er sich verstimmt, denn der erste Schritt war getan auf jenem verschlungenen und verderblichen Wege, der unfehlbar zur Vernichtung aller edeln und reinen Gesinnungen führt und nur durch die Sophistereien und Täuschungen der Selbstsucht unterhalten werden kann.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Am folgenden Morgen wurde Antonio bestattet. Die Agenten der Polizei gebrauchten die Vorsicht, in der Stadt auszubreiten, daß der Senat diese Ehre dem Andenken des alten Fischers erweise wegen seines Sieges in der Regatta und als eine Art von Ersatz für seinen unverschuldeten und geheimnisvollen Tod. Alle Lagunenmänner versammelten sich zur festgesetzten Stunde auf dem Platze, in anständiger Kleidung, sich geschmeichelt fühlend durch die ihrem Stande erwiesene Ehre und mehr als zur Hälfte geneigt, allen früheren Groll vor der gegenwärtigen Gunst zu vergessen. So leicht wird es denen, die durch die Geburt oder das mittels künstlicher Organisation herbeigeführte Vorurteil höher gestellt sind als ihre Mitmenschen, so leicht wird es ihnen, durch ein wenig Herablassung ihr wirkliches Unrecht vergessen zu machen.

Noch immer wurden vor dem Altar des heiligen Markus Messen gelesen für die Seele des alten Antonio. Voran war unter den Priestern der gute Karmeliter, der nicht an Müdigkeit noch Hunger dachte, in der frommen Begier, die Dienste der Kirche zum Besten eines Mannes zu verrichten, von dessen Schicksal man fast sagen kann, daß er Augenzeuge gewesen. Doch blieb sein Eifer in diesem Augenblicke der Aufregung aller unbemerkt, nur nicht denen, deren Geschäft es war, jedes auffallendere Benehmen, jeden ungewöhnlichen Umstand argwöhnisch zu belauern. Als sich der Karmeliter endlich vom Altar entfernte, kurz ehe die Leiche weggetragen wurde, fühlte er sich leise am Ärmel seines Kleides fortgezogen. Er folgte der Bewegung und befand sich alsbald zwischen den Säulen der dunklen Kirche einsam einem Fremden gegenüber.

»Vater, du hast manchem Sterbenden die Absolution erteilt!« sagte der andere mehr mit zuversichtlichem, als mit fragendem Tone.

»Es ist die Pflicht meines heiligen Amtes, mein Sohn.«

»Der Staat wird deine Dienste anerkennen. Man wird deiner bedürfen, sobald die Leiche dieses Fischers beerdigt ist.«

Der Mönch schauderte, aber sich verbeugend, senkte er sein bleiches Antlitz zum Zeichen, daß er bereit sei, seine Pflicht zu erfüllen. In diesem Augenblick ward der Leichnam aufgehoben, und die Prozession begab sich hinaus auf die Piazza. Zuerst gingen wie gewöhnlich die Laienbrüder der Kathedrale. Dann folgten andere, die ihre erforderlichen Gebete absangen. Unter ihnen nahm der Karmeliter eilig seinen Platz. Hierauf kam die Leiche, aber nicht in einem Sarge, denn diesen Luxus bei der Beerdigung kannten die Leute aus dem Stande des alten Antonio nicht. Die Leiche war mit den Feiertagskleidern eines Fischers angetan. Hände und Füße waren nackt, ein Kreuz lag auf der Brust; die grauen Haare flatterten im Winde, und das Gespenstische des Todes war furchtbar gehoben durch einen an den Mund gelegten Blumenstrauß. Die Bahre war reich an Vergoldung und Schnitzwerk, wiederum ein trübes Zeichen, wie töricht das Sterben, wie falsch die Richtung menschlicher Eitelkeit ist.

Diesem eigentümlichen Aufzuge folgte ein Knabe, dessen braune Farbe, halbnackter Körper und dunkles, unstetes Auge ihn als das Enkelkind des Fischers kenntlich machten. Venedig verstand wohl zur rechten Zeit mit Anstand nachzugeben, und der Knabe war ohne weiteres von den Galeeren freigelassen worden, aus Mitleid, wie man hersagte, mit dem vorzeitigen Tode seines Großvaters. Der aufstrebende Blick, der kühne Geist und die strenge Redlichkeit Antonios sprachen sich auch schon in dem Benehmen des Knaben aus, aber diese charakteristischen Züge wurden verschleiert durch einen Anstrich von Kummer, und wie auch bei dem, dessen Leichenzuge er folgte, der Fall gewesen, ein wenig getrübt durch das harte Schicksal, das ihm zuteil geworden war. Von Zeit zu Zeit hob sich die Brust des gefühlvollen Knaben, während sie über den Kai zogen, dem Arsenal zu, und bisweilen bebten seine Lippen, daß der Schmerz seine männliche Kraft zu überwältigen drohte. Keine Träne netzte seine Wangen, bis endlich der Körper seinen Blicken entzogen ward. Da siegte die Natur. Er stahl sich aus dem Kreise, setzte sich beiseite und weinte, wie eben ein Kind in seinem Alter und in seiner Einfalt weint, wenn es sich allein findet auf dem wüsten Pfade durch das Leben.

So endete alles, was sich mit Antonio Vecchio, dem Fischer, begab, und sein Name ward bald nicht mehr genannt in der geheimnisvollen Stadt, wohl aber auf den Lagunen, wo die Genossen seines Handwerks noch lange seine Geschicklichkeit in Handhabung des Netzes rühmten und seinen Sieg über die besten Ruderleute von Venedig. Sein Enkel lebte und arbeitete gleich andern seines Standes, und wir wollen uns begnügen, von ihm nur noch als Beispiel, wie ganz er die Sinnesweise seines Großvaters geerbt hatte, dies anzuführen, daß er es vermied, sich in die Menge zu mischen, die einige Stunden später aus Neugier und Rachlust nach der Piazetta zog.

Vater Anselmo kehrte in einem Boote nach den Kanälen zurück und landete auf dem Kai des kleineren Platzes mit der Hoffnung, jetzt die aufsuchen zu dürfen, an denen er so lebhaften Anteil nahm und von deren Schicksal er nichts weiter erfahren hatte. Aber nein. Der Mann, der ihn in der Kathedrale angeredet hatte, stand dort, ihn offenbar erwartend, und da der Karmeliter wußte, daß seine Weigerung ebenso fruchtlos als gefährlich sein würde, weil der Staat mit im Spiele war, so ließ er sich führen, wohin jenem beliebte. Die beiden gelangten auf einem Umwege in das Gefängnis. Hier wies man den Priester in das Zimmer des Hauswarts und hieß ihn die weiteren Aufträge seines Führers erwarten.

Unsere Geschichte führt uns jetzt in Jacopos Zelle. Von dem Versammlungszimmer der Drei war er in sein düsteres Gemach zurückgeführt worden, wo er die Nacht zubrachte. Mit anbrechendem Tage ward der Bravo vor die gestellt, die dem Scheine nach beauftragt waren, Recht über ihn zu sprechen. Wir sagen: dem Scheine nach, weil Gerechtigkeit in einem Lande nicht herrschen kann, in dem die Regierenden durchaus ganz andere Interessen haben als die Regierten, weil bei einem solchen System immer, wenn das Übergewicht der bestehenden Autoritäten ins Spiel kommt, der Trieb der Selbsterhaltung so gewiß auf ihre Entscheidung Einfluß haben wird, als er den Menschen überhaupt treibt, Gefahren zu fliehen.

Wie im vorigen schon angedeutet worden, hatten die, die über Jacopo zu Gericht saßen, ihre Instruktionen, und das Verhör, das er ausstand, war eher ein dem äußern Schein gebrachtes Opfer als eine Huldigung der Gesetze. Alle Anklagepunkte wurden gehörig beigebracht, Zeugen wurden verhört, oder doch angeblich verhört, und man sorgte dafür, das Gerücht in der Stadt zu verbreiten, daß sich die Tribunale endlich damit beschäftigen, nunmehr die Sache des merkwürdigen Menschen zu entscheiden, der so lange seine blutigen Taten selbst mitten in der Stadt ungestraft verübt hatte. Während des Morgens waren die leichtgläubigen Handelsleute sehr emsig, einander die Untaten zu erzählen, die im Laufe der letzten drei oder vier Jahre verübt und ihm zur Last gelegt worden. Einer sprach von der Leiche eines Ausländers, die in der Nähe der Spielhäuser, wohin die Fremden zu gehen pflegen, gefunden worden war. Ein anderer erzählte von dem jungen Adeligen, der sogar auf dem Rialto erschlagen ward, und ein dritter wußte ausführlich von einem Morde zu sagen, der eine Mutter ihres Sohnes und eine junge Patrizierin ihres Anbeters beraubte. Indem so einer nach dem andern seinen Beitrag zollte, rechnete ein Häuflein, das auf dem Kai beisammen stand, nicht weniger als fünfundzwanzig Mordtaten zusammen, die Jacopo verübt haben sollte, wobei die rachsüchtige und zwecklose Ermordung des Mannes, den man eben bestattet hatte, noch nicht einmal mitgezählt war. Zum Glück vielleicht für seine Gemütsruhe wußte der, über den sich diese Gerüchte verbreiteten, nichts von ihnen und von den Verwünschungen in ihrem Gefolge. Vor seinen Richtern ließ er sich auf keinerlei Verteidigung ein und verweigerte standhaft die Beantwortung ihrer Fragen.

»Ihr Herren wisset, was ich getan habe«, sagte er stolz. »Und was ich nicht getan habe, wißt Ihr auch. Sorget Ihr nur für das, was Euch selber betrifft.«

Als er wieder in seinem Kerker war, begehrte er Speise und aß ruhig, aber wenig. Jedes Werkzeug, womit er sich möglicherweise selbst töten konnte, wurde hierauf entfernt, seine Ketten wurden zum letztenmal sorgfältig untersucht, und sodann überließ man ihn seinen Gedanken. So blieb er eine Zeitlang, da ließen sich Fußtritte vernehmen, die seiner Zelle näher kamen. Die Schlösser wurden gedreht, und die Tür ging auf. Zwischen ihm und dem Lichte erschien nunmehr die Gestalt eines Priesters. Dieser trug eine Lampe, die er, sobald die Tür hinter ihm wieder verschlossen war, auf das Brettchen stellte, worauf des Gefangenen Brot und Wasserkrug standen.

Jacopo empfing seinen Gast ruhig und mit der tiefen Ehrfurcht eines der Kirche ergebenen Mannes. Er stand auf, bekreuzigte sich und ging ihm so weit zum Empfange entgegen, als es die Ketten erlaubten.

»Sei mir willkommen, Vater«, sprach er, »ich sehe, daß mich die Ratsherren zwar von der Erde, aber doch nicht aus dem Himmel verdrängen wollen.«

»Das ginge über ihre Macht hinaus, mein Sohn. Der für sie gestorben ist, hat auch für dich sein Blut vergossen, wofern du seine Gnade nicht von dir weisest. Aber – der Himmel weiß, wie ungern ich so rede – ein Sünder, wie du bist, Jacopo, kann an keine Hoffnung denken ohne eine tiefe und herzliche Reue.«

»Kann das irgend jemand, Vater?«

Der Karmeliter staunte, denn die Schärfe der Frage und der ruhige Ton des Sprechers waren von gewaltiger Wirkung bei einer solchen Zusammenkunft.

»Jacopo, du bist nicht, wofür ich dich hielt!« erwiderte er. »Deine Seele ist nicht ganz verfinstert, und du mußt trotz deiner Verbrechen ein lebendiges Bewußtsein von deren Sündhaftigkeit in dir tragen.«

»Das ist, fürcht ich, wahr, ehrwürdiger Mönch!«

»Ihr Gewicht muß dir fühlbar sein in der Bitterkeit des Schmerzes – in –« Vater Anselmo hielt inne, denn ein Schluchzen ließ sich hören, das bewies, daß sie nicht allein waren. Der Mönch trat überrascht ein wenig zur Seite, und die zitternde Gelsomina, die durch die Gunst der Schließer mit hereingekommen war und sich hinter dem Gewande des Karmeliters versteckt hatte, wurde sichtbar. Jacopo stöhnte, als er sie erblickte, und lehnte sich mit abgewandtem Gesichte gegen die Mauer.

»Meine Tochter, was willst du hier – und wer bist du?« fragte der Mönch.

»Die Tochter des Oberschließers«, sagte Jacopo, da er bemerkte, daß sie nicht zu antworten vermochte, »ich habe sie bei meinen mancherlei Geschäften im Gefängnisse kennengelernt.«

Vater Anselmo sah die beiden abwechselnd an. Seine Miene war anfangs streng, milderte sich dann und wurde endlich ganz teilnehmend, als er ihren beiderseitigen Kampf bemerkte.

»Das ist die Folge menschlicher Leidenschaften«, sagte er halb im Tone des Trostes, halb des Vorwurfs. »So sind die Früchte des Verbrechens immer.«

»Vater«, sagte Jacopo ernst. »Mir allein mag dies Wort gelten, denn die Engel im Himmel sind nicht unschuldiger als dies weinende Mädchen.«

»Das höre ich gern. Ich will dir glauben, unglücklicher Mann, und freue mich, daß deine Seele nicht belastet ist mit der Sünde, solch junges Geschöpf verführt zu haben.«

Die Brust des Gefangenen hob sich, und Gelsomina schauderte.

»Warum hast du deiner Schwachheit nachgegeben und bist in den Kerker gekommen?« fragte der Karmeliter das Mädchen, indem er sich zwang, eine tadelnde Miene anzunehmen, der jedoch das Gefühl und die Milde seines Tones widersprachen. »Hast du den Charakter des Mannes gekannt, den du liebtest?«

»Heilige Maria!« schrie das Mädchen. »Nein – nein – nein!«

»Nun, so bist du jetzt, da du die Wahrheit erfahren hast, gewiß nicht mehr das Opfer törichter Einbildungen.«

Gelsominas Blick war verwirrt, obgleich Angst jeden andern Ausdruck verdrängte. Sie senkte den Kopf vor Scham und Schmerz und schwieg stille.

»Ich weiß nicht, Kinder, wozu diese Zusammenkunft dienen soll«, fuhr der Mönch fort. »Ich bin hergeschickt, die letzte Beichte eines Bravo anzuhören, und du, die du gewiß so viele Ursache hast, sein betrügliches Handeln zu verdammen, kannst nicht wünschen, seine einzelnen Taten mit anzuhören.«

»Es wird besser sein, Vater, daß sie mich für das abscheulichste Ungeheuer halte, das ihre Phantasie nur ersinnen kann«, sagte Jacopo mit fast erstickender Stimme. »So wird sie sich gewöhnen, mein Andenken zu hassen.«

Gelsomina erwiderte nichts, gab jedoch verneinende Zeichen mit der Gebärde des Wahnsinns.

»Das Herz des armen Kindes ist gar schmerzlich berührt«, sagte der Karmeliter teilnehmend. »Wir müssen eine so zarte Blume schonend behandeln. Höre mich an, meine Tochter, und laß deine Vernunft über deine Schwachheit Herrin werden.«

»Fragen Sie sie nicht, Vater! Lassen Sie sie mich verfluchen und gehen.«

»Carlo!« schrie Gelsomina auf.

Eine lange Pause folge. Der Mönch sah, daß seine Kunst hier nichts gegen die Leidenschaft vermochte und daß die Sache der Zeit überlassen bleiben müsse; der Gefangene seinerseits bestand einen härteren Kampf in sich, als ihm sein Schicksal bisher jemals auferlegt hatte. Das unaustilgbare Sehnen nach der Welt siegte endlich, und er brach das Schweigen.

»Vater«, sagte er feierlich und würdevoll, indem er so weit vortrat, als es seine Kette zuließ. »Ich hatte gehofft, ich hatte Gott gebeten, daß sich dies unschuldige Geschöpf von ihrer Liebe mit Schaudern abwenden möchte, wenn sie erführe, daß ihr Geliebter ein Bravo sei. – Aber ich habe dem weiblichen Herzen unrecht getan! – Sage mir, Gelsomina, und so lieb dir deine Seligkeit ist, täusche mich nicht – kannst du mich ansehen ohne Abscheu?«

Gelsomina zitterte, aber sie schlug die Augen auf und lächelte ihn an, wie das weinende Kind den zärtlich ernsten Blick der Mutter erwidert. Dies Lächeln wirkte so mächtig auf Jacopo, daß von dem Beben seines kräftigen Körpers der verwunderte Karmeliter die Ketten rasseln hörte.

»Genug«, sagte er und suchte Fassung zu erzwingen. »Gelsomina, du sollst meine Beichte hören. Du hast so lange das eine große Geheimnis besessen – es soll dir auch kein anderes verborgen bleiben.«

»Antonio!« ächzte das Mädchen. – »Carlo, Carlo! Was hatte jener alte Fischer dir getan, daß du ihm nach dem Leben trachtetest?«

»Antonio?« wiederholte der Mönch. »Hat man dir seinen Tod zur Last gelegt?«

»Um dieses Verbrechens willen bin ich zum Tode verurteilt.«

Der Karmeliter sank auf den Stuhl des Gefangenen und saß ohne Regung, den Blick mit Entsetzen von dem Gesichte des bewegungslosen Jacopo zur zitternden Gelsomina lenkend. Die Wahrheit fing an zu tagen in seiner Seele, obgleich sie sich noch nicht ganz aus dem venezianischen Truggewebe herauszuwinden vermochte.

»Hier herrscht ein fürchterlicher Irrtum«, sagte er leise. »Ich will zu deinen Richtern eilen, sie zu enttäuschen.«

Der Gefangene lächelte ruhig und streckte die Hand aus, um der Hastigkeit des einfachen Karmeliters Einhalt zu tun.

»Es wird nichts helfen«, sagte er. »Die Drei belieben einmal, mich für den Tod des alten Antonio büßen zu lassen.«

»So wirst du ungerechterweise sterben! Ich war Zeuge, daß er durch andere Hände fiel.«

»Vater!« schrie Gelsomina. »Oh, wiederhole dies Wort – sage, daß Carlo diese grausame Tat nicht kann getan haben!«

»An diesem Morde wenigstens ist er unschuldig.«

»Gelsomina«, sagte Jacopo und versuchte seine Arme nach ihr auszustrecken, indem sein volles Herz überströmte, »und an jedem andern auch.«

Ein wilder Schrei des Entzückens von den Lippen des Mädchens, und im nächsten Augenblick lag sie besinnungslos an seiner Brust.

Der Karmeliter überließ die beiden fast eine Stunde lang ungestört ihrem Schmerz und ihrer stillen Seligkeit, dann setzte er sich auf den Stuhl, und vor ihm knieten Jacopo und Gelsomina hin. Jacopo sprach angelegentlich, während seine Zuhörer jede Silbe haschten, die von seinen Lippen kam, mehr aus Freude an seiner Unschuld als aus Neugier.

»Ich habe Euch erzählt, Vater«, fuhr der Gefangene fort, »wie eine falsche Anklage, daß mein Vater die Zollgesetze übertreten habe, diesem unglücklichen Mann den Unwillen des Senats zuzog, weshalb man ihn viele Jahre lang in einem dieser verfluchten Löcher unschuldig eingesperrt hielt, während wir ihn auf die Inseln verbannt glaubten. Endlich gelang es uns, dem Rate Beweise vorzulegen, die hinreichend waren, die Patrizier ihrer Ungerechtigkeit zu überführen. Ich fürchte, daß die, die da annehmen, die Gewalt auf dieser Erde werde von Auserwählten geübt, wenig geneigt sein mögen, deren Fehlbarkeit zuzugeben, weil dies den Irrtum ihrer Annahme beweisen müßte. Der Rat schob es lange auf, uns Gerechtigkeit zu gewähren – so lange, daß meine arme Mutter endlich ihren Leiden erlag. Meine Schwester, ein Mädchen in Gelsominas Jahren, folgte ihr bald nach – denn die Regierung gab, zum Beweise gedrängt, keinen andern Grund an als den Verdacht, daß der Geliebte meiner Schwester des Verbrechens schuldig sein möchte, um das mein Vater verschmachtete.«

»Und haben sie sich geweigert, ihre Ungerechtigkeit wieder gutzumachen?« rief der Karmeliter.

»Sie konnten es nicht, Vater, ohne öffentlich den Ruf ihrer Unfehlbarkeit zu gefährden.«

»Das mag wahr sein, mein Sohn. Wenn eine Verfassung auf falschen Grundsätzen beruht, so kann sie natürlich nur durch Lug und Trug erhalten werden. Gott wird diese Sache anders ansehen!«

»Sonst wäre auch kein Trost in der Welt, Vater. Nach jahrelangen Bitten und Verwenden erhielt ich, nachdem man mir einen feierlichen Eid abgenommen hatte, Zutritt zum Gefängnis meines Vaters. Ich fühlte mich glücklich, daß ich für seine Bedürfnisse sorgen, seine Stimme hören, vor dem Segnenden knien durfte. Gelsomina war damals ein Kind, nahe zur Jungfrau. Mich zu meinem Vater zu führen, gebrauchte man sie, ich wußte nicht weshalb, obgleich es mir später klargeworden ist. Als sie mich genugsam in ihren Schlingen verstrickt glaubten, verleiteten sie mich zu den Mißgriffen, die alle meine Hoffnungen zerstört und mich in diese Lage gebracht haben.«

»Du hast deine Unschuld erwiesen, mein Sohn.«

»Keines Blutvergießens bin ich schuldig, Vater, wohl aber des Frevels, mich zu ihren Kunstgriffen hergegeben zu haben. Ich will Euch nicht die langwierige Geschichte der Mittel, durch die sie mein Gemüt bearbeiteten, hererzählen, frommer Mönch. Man vereidete mich, dem Staate eine Zeitlang als geheimer Agent zu dienen. Der Lohn sollte meines Vaters Freiheit sein. Hätten sie mich mitten aus dem Leben herausgefaßt und während ich Herr meiner Sinne war, nimmer würden sie gesiegt haben, aber da ich täglicher Augenzeuge war von den Leiden dessen, der mir das Leben geschenkt, der mir nunmehr alles war, was ich noch übrig hatte, so waren sie zu mächtig für meine Schwachheit. Sie sprachen mir heimlich von Foltern und Rädern, zeigten mir Gemälde von sterbenden Märtyrern, um mir die Qual begreiflich zu machen, die sie anwenden konnten. Morde fielen häufig vor und machten der Polizei Sorge – kurz, Vater«, Jacopo verbarg sein Gesicht in Gelsominas Gewändern, »ich willigte ein, daß man Gerüchte aussprengte, die die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich ziehen mußten. Ich brauche nicht zu sagen, daß, wer sich zu seiner Schande selber herleiht, bald von ihr ereilt werden muß.«

»Wozu ward aber dieser elende Betrug erfunden?«

»Vater, man wandte sich an mich als an einen öffentlichen Bravo, und meine Denunziationen waren dem Rate in vielerlei Beziehung von Nutzen. Wenigstens ist für den Fehltritt, für das Verbrechen, darin ich verfallen bin, ein kleiner Trost, daß ich einige Menschenleben retten konnte.«

»Jetzt verstehe ich, Jacopo. Ich habe gehört, daß Venedig keinen Anstand nimmt, feurige und wackere Männer auf solche Weise zu gebrauchen. Heiliger Markus! Kann solch arger Betrug unter dem Schilde deines gelobten Namens geübt werden!«

»O ja, Vater, und noch ärgerer. Ich hatte mich der Republik auch noch zu anderen Diensten verpflichtet, in deren Ausübung ich denn auch Gewandtheit erlangte. Die Bürger wunderten sich, daß ein Mensch wie ich frei umhergehen durfte, während es die Rachsüchtigen für einen Beweis von Geschicklichkeit hielten. Wenn das Gerücht einmal zu anstößig wurde, so trugen die Drei Sorge, es anderswohin zu lenken, und wenn es ihnen zu schwach schien, so wußten sie es anzufachen. Kurz, drei lange, bittere Jahre hindurch hab ich dies Leben eines Verdammten geführt – nur durch die Hoffnung aufrecht gehalten, daß ich meinen Vater befreien würde, und beglückt durch die Liebe dieses schuldlosen Wesens.«

»Armer Jacopo, wahrlich, du verdienst Mitleid! Ich will in meinem Gebete deiner nicht vergessen.«

»Und du, Gelsomina?«

Die Tochter des Schließers gab keine Antwort. Sie hatte begierig jede Silbe seiner Rede eingesogen, und da nun die ganze Wahrheit in ihrer Seele aufstieg, strahlte ihr Auge mit einem Glanze, der den Anwesenden übernatürlich schien.

»Wenn ich dich nicht überzeugt habe, Gelsomina, daß ich nicht solch elender Mensch bin, als ich schien«, fuhr Jacopo fort, »so wollte ich lieber, ich wäre verstummt.«

Sie streckte eine Hand nach ihm aus, senkte ihr Haupt auf seine Brust und weinte.

»Ich sehe, wie sie dich in Versuchung geführt haben, armer Carlo!« sagte sie sanft. »Ich weiß, wie groß deine Liebe zu deinem Vater war.«

»Vergibst du mir, teure Gelsomina, daß ich deine Unschuld hintergangen habe?«

»Du hast mich ja nicht hintergangen. Ich hab dich für einen Sohn gehalten, der für seinen Vater sterben könnte, und ich finde nun, daß du bist, wofür ich dich hielt.«

Der gute Karmeliter betrachtete diese Szene mit teilnehmenden, nachsichtsvollen Blicken. Tränen netzten seine Wangen.

»Eure Liebe, Kinder«, sagte er, »ist so, daß Engel ihr verzeihen müssen. Hat euer Umgang miteinander lange gedauert?«

»Jahrelang, Vater!«

»Und du, meine Tochter, hast mit Jacopo die Zelle seines Vaters besucht?«

»Ich war immer seine Führerin bei dem frommen Gange, Vater.«

Der Mönch verfiel in tiefes Sinnen. Einige Minuten lang herrschte Schweigen, dann erfüllte er die Obliegenheiten seines heiligen Amtes. Er empfing die Beichte des Gefangenen und erteilte die Absolution mit einem Feuer, das seine innige Teilnahme an dem Schicksale des jungen Paares bewies. Hierauf gab er Gelsomina seine Hand und nahm mit milder Zuversicht in seinen Mienen von Jacopo Abschied.

»Wir verlassen dich«, sagte er, »aber sei mutig, mein Sohn. Ich kann mir nicht denken, daß selbst Venedig vor einer Geschichte, wie die deinige ist, die Ohren verschließen sollte! Vertrau vor allem deinem Gotte – und glaube, daß dies treue Mädchen so wenig als ich einen letzten Versuch zu deiner Rettung versäumen wird.«

Jacopo nahm diese Versicherung hin wie ein Mann, der an Wagnisse gewöhnt ist. Aber in sein Lächeln beim Abschied mischten sich Unglauben und Schwermut. Zugleich aber glänzte darin doch die Freude eines erleichterten Herzens.

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Anninas Gegenwart setzte Gino sehr in Verlegenheit. Sobald sich das Boot dem Ende des Kanals näherte, schaute er umher, die wohlbekannte Feluke des Kalabresen zu suchen.

Der Hafen war von Schiffen aus sehr entfernten Gegenden belebt, und man sah die Flaggen der meisten Seemächte Europas in angemessenen Entfernungen innerhalb der Grenzen des Lido. Der Mond stand hoch genug, um sein mildes Licht über das schimmernde Bassin zu ergießen.

»Du verstehst nichts von der Schönheit eines Schiffes, Annina«, sagte der Gondoliere, der tief hinten im Boote stand, »sonst hätt ich dir geraten, diesen Fremden von Kandia anzusehen. Ein schönerer Bau soll nie innerhalb des Lido gesehen worden sein als eben dieser Grieche.«

»Wir haben nichts mit dem Kaufmann von Kandia zu schaffen, Gino, darum rudre nur zu, die Zeit eilt.«

»Er hat viel herben griechischen Wein im Raume, aber wie du sagst, wir haben nichts mit ihm zu tun. Jenes stolze Schiff, das abgesondert liegt von den übrigen kleinen Fahrzeugen unsrer Gewässer, gehört einem Ketzer von den englischen Inseln, ’s war ein Unglückstag für die Republik, Mädchen, an dem sie diesen Fremden zuerst erlaubte, das Adriatische Meer zu befahren.«

»Ist’s denn gewiß, Gino, daß San Marcos Arm stark genug war, es ihnen zu verwehren?«

»Element! Ich wollte, du tätest eine solche Frage nicht an einem Ort, wo so viele Gondeln in Bewegung sind! Hier sind Ragusaner, Malteser, Sizilianer, Toskaner in Unzahl, und dort liegt an der Einfahrt der Giudecca eine kleine Anzahl französischer Schiffe dicht beieinander, ’s ist ein Volk, das zu Wasser und zu Lande immer zusammenhält, weil’s das Schwatzen liebt. Doch hier sind wir am Ende unsrer Fahrt.«

Ginos Ruder machte eine Rückbewegung, und die Gondel hielt neben einer Feluke still.

»Einen guten Abend der ›Bella Sorrentina‹ und ihrem ehrenwerten Padrone«, grüßte der Gondoliere, indem er auf das Verdeck des Schiffes trat. »Ist der wackere Stefano Milario an Bord der behenden Feluke?«

Der Kalabrese antwortete ohne Verzug, und in wenigen Augenblicken war der Padrone mit seinen beiden Gästen in ein Gespräch vertieft.

»Ich hab dir hier jemanden gebracht, der Lust hat, gute venezianische Zechinen in deine Tasche zu schaffen, caro«, sagte der Gondoliere, nachdem die ersten Vorläufer der Unterhaltung in bester Form erledigt waren. »Es ist die Tochter eines höchst reellen Weinhändlers und ist ebenso bereit, eure sizilianischen Trauben in die Inseln zu versetzen, als sie imstand und gesonnen ist, sie zu bezahlen.«

»Und gewiß auch ebenso schön«, sagte der Seemann mit plumper Galanterie, »wenn die schwarze Wolke vor ihrem Antlitz behend weggezogen würde.«

»Eine Maske hindert nicht beim Handel, sofern nur ordentlich bezahlt wird. Wir haben hier in Venedig immerwährend Karneval, und der Käufer wie der Verkäufer hat es frei, sein Gesicht zu verstecken, so gut als seine Gedanken. Was hast du im Artikel verbotener Weine, Stefane, damit meine Gefährtin den Abend nicht mit müßigen Worten verliere?«

»Per Diana! Meister Gino, du bist ohne Umstände in deinen Fragen. Der Raum der Feluke ist leer, wie du dich überzeugen kannst, wenn du die Treppe runtersteigen willst. Was aber Wein anbelangt, so lechzen wir nach einem Tropfen, unser Blut zu wärmen.«

»Statt also herzukommen, ihn hier zu suchen«, sagte Annina, »hätten wir besser getan, nach der Kathedrale zu gehen und ein Ave zu beten für deine glückliche Heimfahrt. Und nun, da unser Witz aus ist, wollen wir gehen und einen andern suchen, der weniger pfiffig im Antworten ist als du, Meister Stefano.«

»Cospetto! Du weißt nicht, was du sprichst«, flüsterte Gino, als er sah, daß die vorsichtige Annina nicht bleiben wollte, »der Mann besucht nicht die kleinste Bucht in Italien, ohne auf eigne Rechnung etwas Nutzbares in der Feluke versteckt mitzubringen. Ein einziger Kauf von ihm entscheidet die Frage, ob deines Vaters Weine oder die von Baptista besser sind.«

Annina ward nachdenklich. Die lange Übung in dem kleinen, aber geheimen und überaus gefährlichen Handel, den ihr Vater, trotz der wachsamen und strengen venezianischen Polizei, bisher glücklich geführt hatte, machte ihr es einerseits bedenklich, einem gänzlich Unbekannten ihre Absicht zu zeigen, andererseits aber ein Geschäft aufzugeben, wobei etwas zu gewinnen sein konnte. Daß Gino sie in bezug auf seinen Auftrag geäfft hatte, war ganz klar, da ein Diener des Herzogs von Sant‘ Agata nicht leicht einer Verkleidung bedürfen konnte, um so einen Priester aufzusuchen, doch kannte sie seine Sorge für ihr persönliches Wohl zu gut, um ihm in einer Sache zu mißtrauen, die ihre eigene Sicherheit anging.

»Wenn du Furcht hast, daß hier Polizeispione sind«, sagte sie zu dem Padrone in einem Tone, der ihren Wunsch verriet, »so kann dich Gino leicht enttäuschen. Bezeug ihm doch, Gino, daß mich bei einem Geschäfte der Art kein Verdacht eines Verrats treffen kann.«

»Laß mich dem Kalabresen ein Wort ins Ohr sagen«, erwiderte der Gondoliere mit Nachdruck. – »Stefano Milano, wenn du mein Freund bist«, sprach er, als sie ein wenig beiseite getreten waren, »so verwickle das Mädchen hier in eine Unterredung und handle mit ihr auf gut Glück.«

»Soll ich ihr Don Camillos Weinernte oder die des Vizekönigs von Sizilien verkaufen, caro?«

»Wenn du wirklich trocken bist, so stelle dich wenigstens, als hättest du was, und mach Schwierigkeiten mit dem Preis. Halte sie nur eine Minute mit Redensarten hin, daß ich inzwischen unbemerkt in meine Gondel kommen kann, und dann, einem alten geprüften Freund zuliebe, bringe sie sänftiglich auf den Kai mit der schönsten Manier, die nur möglich ist.«

»Aha! Ich fange an, den Sinn von der Sache zu begreifen«, sagte der gefällige Padrone. »Ich will mit dem Frauenzimmer eine Stunde lang von der Blume meines Weines oder, wenn du willst, von ihrer Schönheit schwatzen, aber aus den Rippen der Feluke einen Tropfen Besseres als Lagunenwasser pressen, wäre ein Wunder San Teodoros würdig.«

»Du brauchst nicht eben von was anderm zu sprechen als von der Güte des Weines. Sie nimmt’s bald übel, wenn man von ihrem Äußeren schwatzt.«

»Da sich Gino offenherzig über die Sache ausgelassen hat«, nahm der gewandte Kalabrese das Wort, als hätte er plötzlich Zutrauen gefaßt, »so fang ich an zu glauben, daß wir doch noch einig werden können. Beehrt mich, schöne Donna, in meine arme Kajüte zu treten, da wollen wir mit Ruhe sprechen, wie es unser beiderseitiger Vorteil und unsere beiderseitige Sicherheit erfordern.«

Annina hatte im stillen wohl Bedenklichkeiten, dennoch aber ließ sie sich vom Padrone an die Stufen führen, als täte sie es mit der größten Bereitwilligkeit. Kaum wandte sie den Rücken, so schlüpfte Gino in die Gondel, die ein einziger Druck seines kräftigen Arms über eines Mannes Sprungweite vom Schiffe abtrieb. So schnell und geräuschlos dies geschah, hatte Anninas eifersüchtiges Auge dennoch die Flucht des Gondoliere entdeckt. Nicht imstand, diese zu verhindern, ließ sie sich, ohne Unruhe zu verraten, hinunterführen, als wäre alles so verabredet gewesen.

Mit einer Geistesgegenwart, die zufällig mit dem Plan ihres vorigen Gefährten zusammentraf, warf sie hin: »Gino sagte mir, Ihr hättet ein Boot, das mir nach beendigter Unterredung den freundlichen Dienst erweisen würde, mich an den Kai zu setzen.«

»Die Feluke selber sollte es tun, wenn andre Mittel fehlten«, versetzte der Seemann galant, als sie in die Kajüte eintraten.

Gino, nunmehr ungehindert, seine Schuldigkeit zu tun, betrieb seine Arbeit mit verdoppeltem Eifer. Das leichte Boot glitt durch die geschickte Handhabung des einzigen Ruders zwischen den vielen Fahrzeugen in solchen Windungen hin, daß alles Zusammenstoßen vermieden ward, bis er in den engen Kanal einfuhr, der den Dogenpalast von dem in schönerem und gediegenerem Stil erbauten Gefängnisse der Republik trennt.

Er passierte erst die Brücke, die zur Verbindung der Kais gehört. Darauf stahl er sich unter jenen berühmten Bogen, den Träger einer bedeckten Galerie, die das obere Stockwerk des Palastes mit dem des Kerkers vereinigt. Es ist dies der Gang, durch den die Gefangenen geführt werden, um vor ihren Richtern zu stehen, und man hat ihm deshalb den Namen der Seufzerbrücke gegeben.

Ginos Ruder ließ jetzt ein wenig nach, und die Gondel näherte sich einer Treppe. Indem er auf die unterste Stufe trat, warf er einen kleinen, eisernen Anker, der an einem Tau hing, in eine Spalte zwischen zwei Steinen und überließ sein Boot der Sicherheit dieser eigentümlichen Befestigung. Darauf schritt er die Stufen unter dem gewölbten Wassertor des Palastes hinauf und trat in den weiten, düsteren Hof.

Dieser war beinahe ganz menschenleer, denn es war spät, und alles zog sich nach dem dicht dabei gelegenen, munter belebten Platze. In der offenen Galerie am Eingang der Riesentreppe schritt ein Hellebardier auf und nieder, und hier und da scholl der Fußtritt anderer Schildwachen unter den gewölbten, schweren Bogen der langen Korridore. Aus den Fenstern blinkte kein Licht, sondern das Gebäude gab ein passendes Bild jener geheimnisvollen Macht, die das Geschick Venedigs und seiner Bürger leitete.

Da der Gondoliere die Hoffnung, seinen Mann unter dem Bogen zu finden, getäuscht sah, ging er weiter; er schmeichelte sich, ihn gar nicht mehr zu treffen, und das ermutigte ihn, durch ein lautes Hm! seine Gegenwart bemerklich zu machen. In diesem Augenblick glitt von der Seite des Kais eine Gestalt in den Hof und ging schnell bis in dessen Mitte. Ginos Herz pochte heftig, aber er nahm sich zusammen und trat dem Fremden entgegen. Da zeigte das Mondlicht, das auch in diesen düstern Raum drang, daß der Fremde ebenfalls maskiert war.

»San Teodoro und San Marco mögen Euch behüten«, hob der Gondoliere an. »Wenn ich mich nicht irre, seid Ihr der Mann, den ich hier treffen soll.«

Der Fremde stutzte und schien sich anfangs schnell davonmachen zu wollen, besann sich aber plötzlich und entgegnete: »Kann sein oder auch nicht. Nimm die Maske ab, daß ich sehen kann, ob dem so ist, wie du sagst.«

»Mit Eurer gütigen Erlaubnis, würdiger und werter Herr, möchte ich’s vorziehen, die Abendluft abzuhalten durch dies Stückchen Pappe und Seidenzeug.«

»Hier ist keiner, dich zu verraten. Wenn ich nicht weiß, wer du bist, wie soll ich dir traun?«

»In der Tat, Signore, ich weiß wohl, was ein unmaskiertes Gesicht vermag, und drum bitt ich Euch selbst, mir zu zeigen, was die Natur an Eure Gesichtsbildung gewendet hat, denn ich, der ich Euch was anzuvertrauen habe, muß erst wissen, ob es an den rechten Mann kommt.«

»Das ist gut und zeugt von deiner Klugheit, doch hab ich nicht Lust, meine Maske abzulegen, und da wenig Aussicht ist, daß wir uns verständigen werden, so will ich meiner Wege gehn. Schöne gute Nacht.«

»Cospetto! Signore, Ihr seid zu eilig für mich, der ich an solche Unterhandlungen nicht gewöhnt bin. Hier ist ein Siegelring, der uns vielleicht verständigen kann.«

Der Fremde nahm das Juwel und hielt es gegen das Mondlicht, wobei sich Überraschung und Vergnügen in seiner Bewegung verrieten.

»Das ist der Falkenbusch des Neapolitaners – dessen, der Herr von Sant‘ Agata ist.«

»Ja, und von manchen andern Lehen, guter Signore, nicht zu gedenken der Ehrenstellen, auf die er in Venedig Anspruch hat. Hab ich recht, daß mein Auftrag Euch angeht?«

»Es ist wahr, daß mein gegenwärtiges Geschäft eben niemanden betrifft als Don Camillo Monforte. Aber dir war doch nicht bloß aufgetragen, den Ring vorzuzeigen?«

»O nein, hier ist ein Paket, das nur darauf wartet, daß ich über die Person dessen, mit dem ich rede, Gewißheit erlange, um es in seine Hände zu geben.«

Der Fremde dachte einen Augenblick nach, dann, umherblickend, sprach er hastig: »Hier ist nicht der Ort, Freund, sich zu demaskieren. Wart hier, ich will gleich wiederkommen und dich an einen gelegeneren Platz führen.«

Kaum waren diese Worte gesprochen, so sah sich Gino allein mitten im Hofe. Der maskierte Fremde war schnell fortgegangen und befand sich schon am Fuße der Riesentreppe, ehe der Gondoliere Zeit hatte, sich zu besinnen. Mit leichtem, schnellem Schritt und ohne den Hellebardier zu beachten, stieg er hinauf und näherte sich der ersten von den drei bis vier Öffnungen der Mauer, die berühmt sind als die Behälter zur Aufnahme geheimer Anklagen und denen die geschnitzten Tierköpfe umher den Namen der Löwenrachen gegeben haben. Er warf etwas in den gähnenden Marmorschlund hinab; die Entfernung und die Dunkelheit der Galerie verhinderten Gino, zu bemerken, was es war. Darauf aber sah er die Gestalt wie einen Schatten die massiven Stufen hinunterschweben.

Gino hatte sich nach dem Bogen des Wassertores zurückgezogen und erwartete, daß sich der Fremde im Schutze des Schattens zu ihm gesellen würde, er sah aber zu seiner großen Bestürzung, die Gestalt durch das äußere Portal des Palastes dem St.-Markus-Platz zueilen. Im Augenblick jagte er ihm mit atemloser Eile nach. Er erreichte die glänzende, munterbelebte Piazza, die gegen den düsteren Hofraum abstach wie Tag gegen Nacht. Hier sah er, wie ganz vergeblich eine weitere Verfolgung des Fremden sein würde. Doch, geängstigt durch den Verlust des Siegelringes, warf sich der unvorsichtige, aber ehrliche Gondoliere in die dichte Volksmenge und suchte umsonst seinen Dieb aus tausend Masken herauszufinden.

Gino musterte mit wachsamen Augen die Menge. Fünfzigmal war er im Begriff zu reden, und ebensooft zeigte ihm eine kleine Verschiedenheit des Wuchses oder Anzugs, ein Gelächter oder ein leicht hingeworfenes Wort, daß er sich geirrt hatte. Er drang bis zum Ausgang der Piazza, dann nahm er seinen Weg zur andern Seite durch das Gedränge des Portikus, blickte in jedes Kaffeehaus und betrachtete jeden Vorübergehenden, bis er wieder zurück zur Piazetta gelangte. Da fühlte er seinen Ellbogen leicht gestreift und hemmte seinen Schritt, indem er sich umsah. Ein Frauenzimmer, gleich einer Contadina gekleidet, redete ihn mit verstellter Stimme an: »Wohin so schnell? Was hast du in diesem lustigen Haufen verloren?«

»Corpo di Bacco!« rief der Gondoliere. »Ist dir nicht ein Domino begegnet, der etwa so aussieht wie andere ordentliche Leute und einen Gang hat ungefähr wie ein Senator oder ein Padre und der eine Maske trägt, die tausend andern hier auf dem Platze so ähnlich ist wie eine Seite des Campanile der andern?«

»Du zeichnest den Mann so vortrefflich, daß man ihn nicht verfehlen kann. Da steht er neben dir.«

Gino drehte sich geschwind um und sah an dem Orte, wo er den Fremden zu finden gedachte, einen grinsenden Harlekin Possen treiben.

»Deine Augen, schöne Contadina, sind so blöd wie die eines Maulwurfs.« Er unterbrach seine Worte, denn sobald die, die ihn angeredet hatte, sah, daß sie sich in der Person geirrt hatte, war sie verschwunden. So immerfort getäuscht, drängte er sich dem Wasser zu. Endlich erreichte er einen Platz am Kai, der mehr Raum für Beobachtungen darbot. Er blieb stehen, unentschlossen, ob er zurückkehren und seinem Herrn seine Unvorsichtigkeit eingestehen oder ob er den Versuch zur Wiedererlangung des eingebüßten Ringes noch einmal erneuern sollte. Auf dem leeren Raum zwischen den beiden Granitpfeilern befand sich niemand als er und noch ein anderer, der regungslos wie eine Bildsäule am Fußgestell des Löwen von San Marco stand. Zwei oder drei streiften dicht an dem unbeweglichen Fremden hin, sei es aus Neugier, sei es, weil sie jemanden suchten, der sich hier einfinden sollte, aber wie zurückprallend von seiner Steinphysiognomie, glitten sie vorüber. Da Gino mehrmals dies auffallende Zurückschrecken vor dem Unbekannten bemerkt hatte, fühlte er sich bewogen, sich diesem über den Platz hin zu nähern und die Ursache zu erforschen. Beim Schalle der Tritte drehte sich der Fremde ein wenig um, und als das volle Mondlicht jetzt auf seine Züge fiel, zeigten sich dem Gondoliere das ruhige Gesicht und forschende Auge dessen, an den er abgeschickt war.

Zuerst durchzuckte den Gondoliere wie alle andern die Lust, sich schnell zu entfernen, aber er gedachte seines Auftrags und seines Verlustes und suchte seinen Widerwillen und seine Bestürzung zu bemeistern. Noch sprach er nicht, sondern starrte nur den Banditen mit einem Blick an, der zugleich die Verwirrung seines Gemüts und halbe Lust zur Anrede kundgab.

»Willst du was von mir?« fragte Jacopo, da sich beide länger angesehen hatten, als beim zufälligen Hinblicken zu geschehen pflegt.

»Meines Herrn Siegelring!«

»Ich kenne dich nicht.«

»Dies Bild San Teodoros, wenn es reden könnte, müßte bezeugen, daß ich die heilige Wahrheit sage. Ich hab die Ehre nicht, Euch bekannt zu sein, Signore Jacopo, aber man kann auch mit einem Fremden Geschäfte haben. Wenn Ihr es wart, der mit einem friedlichen und unschuldigen Gondoliere im Hofe des Palastes zusammentraf, eben als der Turm der Piazza das letzte Viertel schlug, und von diesem einen Ring erhielt, der keinem als dem rechtmäßigen Eigentümer was nützen kann, so wird ein so edelmütiger Mann nicht anstehen, ihn zurückzugeben.«

»Hältst du mich für einen Juwelier vom Rialto, daß du von Ringen mit mir sprichst?«

»Ich halte Euch für einen Mann, der gar wohl bekannt und geschätzt ist bei vielen Leuten von Rang und Bedeutung hier in Venedig, wie der Auftrag meines Herrn an Euch beweisen kann.«

»Nimm die Maske ab. Ehrliche Leute brauchen das Gesicht nicht zu verstecken.«

»Ihr sprecht gar sehr wahr, Signore Frontoni, was nicht zu verwundern ist, da Ihr so oft Gelegenheit habt, in die Handlungsweise der Menschen zu schauen. Aber mein Gesicht hat nichts, das die Mühe verlohnte, es anzusehen, und ich möchte gern wie alle andern tun in dieser lustigen Zeit, wenn’s Euch beliebt.«

»Wie du willst. Ich bitt dich aber, laß mich desgleichen tun.«

»Wer wollte so verwegen sein, Euch Euer Belieben streitig zu machen, Signore?«

»Mir beliebt, allein zu sein.«

»Cospetto! Kein Mensch in Venedig hülf Euch lieber dazu als ich, wenn nur meines Herrn Auftrag besorgt wäre«, murmelte Gino zwischen den Zähnen. »Ich habe hier ein Paket, Signore, das ich Euch und keinem andern abgeben soll.«

»Ich kenne dich nicht. – Hast du einen Namen?«

»So wie Ihr’s meint, eben nicht, Signore! In der Art von Ruf bin ich so namenlos wie ein Findelkind.«

»Wenn dein Herr nicht mehr bedeutet als du, so kann das Paket zurückgegeben werden.«‘

»’s gibt wenige im Gebiet von San Marco, die edleren Stammes sind und schönere Aussichten haben als der Herzog von Sant‘ Agata.«

Die Kälte in den Zügen des Banditen verschwand.

»Wenn du von Don Camillo Monforte kommst, warum zögerst du, mir das zu sagen? Was verlangt er?«

»Ich weiß nicht, ob das, was in diesem Papiere steht, von ihm selber ist oder von irgendeinem andern, aber so, wie es da ist, Signore Jacopo, ward mir befohlen, es Euch abzuliefern.«

Er nahm schweigend das Paket, der Blick aber, den er auf das Siegel und die Aufschrift warf, schien dem schüchternen Gondoliere der Blick eines Tigers zu sein, der Blut sieht,

»Du sprachst was von einem Ringe. Hast du den Siegelring deines Herrn mitgebracht? Ich bin gewohnt, Wahrzeichen zu sehen, ehe ich Zutrauen fasse.«

»Wollte Gott, ich hätt ihn noch! Aber jemand, den ich fälschlich für Euch hielt, Meister Jacopo, hat ihn an seinem eigenen langen Finger, fürcht ich.«

»Das magst du mit deinem Herrn ausmachen«, erwiderte der Bandit kalt und betrachtete das Siegel von neuem.

»Wenn Ihr die Handschrift meines Herrn kennt«, fiel der Gondoliere hastig ein, der für das Schicksal seines Pakets fürchtete, »so werdet Ihr in diesen Zügen seine schöne Hand erkennen. Wenig Leute in Venedig oder gar in ganz Sizilien schreiben eine bessere Hand mit ihrem Gänsekiel als Don Camillo Monforte. Ich selbst kann’s nicht halb so schön machen.«

»Ich bin kein Schreiber«, sagte der Bandit, ohne sich dieses Geständnisses zu schämen. »Ich hab’s nicht gelernt, solche Schreiberei zu entziffern. Wenn du die Kunst so gut verstehst, sag mir, an wen die Aufschrift lautet.«

»Es wäre sehr unziemlich, auch nur ein Silbchen auszusprechen von den Geheimnissen meines Herrn«, erwiderte der Gondoliere, sich plötzlich eine Hintertür suchend. »Es ist hinlänglich, daß er mir befahl, den Brief abzugeben; außerdem auch nur ein wenig zu flüstern wäre gar sehr anmaßend.«

Das dunkle Auge des Banditen rollte über die Gestalt seines Gefährten hin, daß diesem das Blut aus den Adern entwich.

»Ich sage dir, lies laut den Namen, der auf diesem Papier steht«, rief Jacopo in strengem Ton. »Hier ist keiner, uns zu behorchen, als der Löwe und der Heilige da über unsern Köpfen.«

»Gerechter San Marco! Wer kann sagen in Venedig, welches Ohr offen ist und welches geschlossen! Wenn’s Euch beliebt, Signore Frontoni, wollen wir die Untersuchung auf eine passendere Gelegenheit aufschieben.«

»Freund, ich laß mich nicht zum Narren haben! Den Namen, oder zeig mir irgendein Pfand, daß du von dem kommst, den du mir nennst, sonst nimm dein Paket zurück, ’s ist kein Geschäft für mich.«

»Denkt einen Augenblick an die Folgen, Signore Jacopo, und beschließt nicht so hastig.«

»Es kann keine Folgen haben, eine solche Botschaft abzuweisen!«

»Per Dio, Signore! Der Herzog wird Lust haben, mir kein Ohrzipfelchen zu lassen, um Vater Battistas Rat anzuhören.«

»So wird der Herzog dem Henker eine Müh sparen.«

Mit diesen Worten warf der Bandit dem Gondoliere das Paket vor die Füße und fing an, langsam die Piazetta hinaufzugehen. Gino hob den Brief auf, und sein Hirn wirbelte von der Anstrengung, einen von seines Herrn Bekannten auszudenken, an den ein Brief bei solcher Gelegenheit gerichtet sein konnte.

»Ich wundre mich, Signore Jacopo«, sagte er, »daß ein so kluger Mann wie Ihr nicht daran denkt, daß ein Paket, das an ihn angegeben wird, auch an ihn selbst adressiert sein muß.«

Der Bandit nahm das Papier und hielt die Schrift gegen das Mondlicht.

»Das ist nicht der Fall… Ich kann nicht lesen, aber die Züge meines Namens hat mich die Notdurft schon kennengelehrt.«

»Diamine! So geht mir’s auch, Signore. Wenn der Brief an mich gerichtet wäre, so wollte ich’s so geschwind erkennen wie die Alte ihr Junges.«

»Du kannst also nicht lesen?«

»Ich hab nie Anspruch drauf gemacht. Auch hab ich nur ein bißchen vom Schreiben gesprochen. Die Gelehrsamkeit teilt sich, wie Ihr wohl wißt, Meister Jacopo, in Lesen, Schreiben und Rechnen; man kann wohl das eine verstehen, ohne ein Wörtchen vom andern zu wissen.«

»Das hättest du gleich sagen sollen. Geh, ich will die Sache bedenken.«

Gino war froh loszukommen; er hatte aber kaum einige Schritte getan, so sah er eine Frauengestalt hinter einer der Granitsäulen hervorgleiten. Indem er sich geschwind so drehte, daß er entdecken konnte, wer es wäre, der vermutlich gehorcht hätte, sah er, daß Annina Zeugin gewesen war von seinem Gespräch mit dem Banditen.

Dreißigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Die Schließer erwarteten den Karmeliter und Gelsomina und verwahrten, sobald diese fort waren, die Tür für die Nacht. Da die beiden nichts weiter mit den Leuten vom Gefängnisse zu tun hatten, so ließ man sie ungestört gehen. Aber am Ende des Korridors, der zu den Gemächern des Hauswarts führte, blieb der Mönch stehen.

»Fühlst du dich stark zu einem großen Unternehmen, das den Unschuldigen retten könnte?« fragte er schnell und doch mit so feierlichem Tone, daß sich darin die Wichtigkeit seines Vorhabens erkennen ließ.

»Vater!«

»Ich möchte wissen, ob dich deine Liebe zu dem jungen Manne mit Mut genug beseele zu einem gewagten Versuche. Denn ohne einen solchen muß er unvermeidlich sterben.«

»Ich wollte sterben, um Jacopo einen Seufzer zu ersparen.«

»Täusche dich nicht selbst, meine Tochter! Kannst du deinem gewöhnlichen Benehmen entsagen, die Ängstlichkeit, die dein Alter und dein Stand mit sich bringen, überwinden, furchtlos dastehen und sprechen vor den Hohen und Gefürchteten?«

»Ehrwürdiger Karmeliter, sprech ich doch täglich ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Ehrerbietung zu einem, der furchtbarer ist als irgend jemand in Venedig.«

Der Mönch sah bewundernd auf das sanfte Wesen, in dessen Zügen mild die Entschlossenheit glühte, die Unschuld und Liebe verleihen. Er machte ein Zeichen, ihm zu folgen.

»So wollen wir denn, wenn nichts anderes hilft«, sagte er, »vor den Stolzesten und Furchtbarsten der Erde hintreten. Wir wollen unsere Schuldigkeit nicht versäumen, weder gegen den Bedrücker noch gegen den Unterdrückten, auf daß keine Unterlassungssünde unser Gewissen beschwere.«

Ohne weiteren Aufschluß zu geben, führte Vater Anselmo das bereitwillige Mädchen in den Teil des Palastes, der als die Privatwohnung des sogenannten Oberhauptes der Republik bekannt war.

Geschichtlich ist die Eifersucht der venezianischen Patrizier, die den Dogen zu einem Spielzeug in ihren Händen machten, indem sie ihn ihrer Regierungsmethode gemäß zu nichts weiter gebrauchten als zu einer Prunkfigur bei den imposanten Zeremonien, die ihr Schein suchendes System erforderte, und bei den Verhandlungen mit dem Auslande. Er wohnte in seinem Palaste wie die Bienenkönigin im Stocke, äußerlich geehrt und gepflegt, in Wahrheit aber von denen abhängig, die allein die Macht haben zu verletzen und, gleich demselben Insekt, mehr als einen gewöhnlichen Teil von den Früchten des gemeinsamen Fleißes zu verzehren.

Vater Anselmo verschaffte sich durch seine Entschlossenheit und durch die Zuversichtlichkeit seines Benehmens Zutritt zu den inneren Gemächern eines Fürsten, der so abgeschlossen und bewacht lebte.

Mehrere Schildwachen ließen ihn durch, aus seinem heiligen Stande und seinem gemessenen Schritte schließend, daß der Mönch in seinem gewöhnlichen Dienste herkomme, der ihm ein Vorrecht vor allen andern gab. Durch dies ruhige, stille Verfahren gelangte der Karmeliter mit seiner Gefährtin bis in das Vorzimmer des Fürsten, das Tausende durch weit künstlichere Mittel zu erreichen vergeblich sich bemüht hatten.

Nur zwei oder drei niedere Beamte vom Hause hielten schläfrig Wache. Einer stand jedoch schnell auf, als er die unbekannten Gäste so unerwartet hereintreten sah, und drückte durch das Überraschte und Verwirrte seines Blickes sein Erstaunen über den ungeahnten Besuch aus.

»Seine Hoheit erwartet uns wohl schon?« fragte Vater Anselmo ganz einfach und zwang seine bekümmerte Miene zu einem Blicke voll ergebener Höflichkeit.

»Santa Maria, heiliger Vater, das müßt Ihr am besten wissen, aber –«

»So wollen wir denn die Zeit nicht mit müßigen Worten verlieren, mein Sohn, da wir schon zu lange gezögert haben – führe uns in das Gemach Seiner Hoheit.«

»Wir dürfen niemanden ungemeldet vor –«

»Du siehst, dies ist kein gewöhnlicher Besuch. – Geh, sage dem Dogen, daß der Karmelitermönch, den er erwartet, und das junge Mädchen, an dem sein fürstliches Herz einen so väterlichen Anteil nimmt, seine Befehle erwarten.«

»Also hat Seine Hoheit befoh…«

»Sage ihm ferner, daß die Not dringend ist, denn die Stunde steht nahe bevor, in der die Unschuld leiden soll.«

Der Diener ließ sich durch den Ernst und die Zuversicht des Mönchs täuschen. Erst besann er sich noch, dann stieß er eine Tür auf und führte die Gäste in ein inneres Zimmer, wo er sie bat, seine Rückkehr zu erwarten. Demnächst begab er sich in das Kabinett seines Herrn, um seinen Auftrag auszurichten.

Es ward schon angeführt, daß der regierende Herr, wenn anders dieser Titel einem Fürsten beigelegt werden kann, der nur eine Puppe der Aristokraten ist, daß dieser ein bejahrter Mann war. Er hatte die Sorgen des Tages beiseite geworfen und las einen der Klassiker seines Vaterlandes. Seinen Putz hatte er, um sich bequemer und freier bewegen zu können, abgelegt. Der Mönch konnte keinen glücklicheren Augenblick für sein Geschäft gewählt haben, denn der Mann war nicht verschanzt mit den öffentlichen Insignien seines Ranges und sanft gestimmt durch das Eingehen in einen Schriftsteller, der es wohl verstand, des Lesers Gefühle nach seinem Belieben zu erregen und zu lenken.

Eben war der Doge so vertieft in seinen Gegenstand, daß er den eintretenden Kämmerling nicht bemerkte und daß dieser schon eine Minute lang dastand, den Wink des Herrn erwartend, ehe er gesehen wurde.

»Was willst du, Marco?« fragte der Fürst, als er von dem Buche aufsah.

»Signore«, entgegnete der Diener in der vertraulichen Weise, die denen verstattet ist, die der Person des Fürsten am nächsten stehen, »draußen warten der ehrwürdige Karmeliter und das junge Mädchen.«

»Was sagst du? – Ein Karmeliter und ein Mädchen?«

»Ja, Signore. Dieselben, die Ew. Hoheit herbestellt haben.«

»Was ist dies für ein freches Vorgehen?«

»Signore, ich wiederhole nur die Worte des Mönchs. – Sage Seiner Hoheit – sprach der Pater –, daß der Karmeliter, den er zu sprechen wünscht, und das junge Mädchen, an dessen Wohl sein fürstliches Herz so väterlich Anteil nimmt, seine Befehle erwarten.«

Über die alten Züge des greisen Fürsten zog die Glut des Unwillens röter als die der Scham, und sein Auge blitzte.

»Dies bietet man mir – in meinem eigenen Palaste!«

»Verzeihung, Signore! Dieser Priester ist nicht schamlos, wie so viele, die die Tonsur in Unehren bringen. Der Mönch und das Mädchen sehen beide unschuldig aus und arglos, und Eure Hoheit haben vielleicht vergessen –«

Die Röte von den Wangen verschwand, und sein Auge nahm wieder einen väterlichen Ausdruck an. Aber sein Alter und die Erfahrungen seiner schwierigen Stellung hatten den Dogen Vorsicht gelehrt. Er wußte recht gut, daß er nichts vergessen hatte, und ahnte, daß die ungewöhnliche Meldung eine verborgene Bedeutung haben müsse. Es konnte ein Anschlag seiner Feinde sein, denn er hatte deren viele und tätige, oder es war vielleicht ein anderer verzeihlicher Beweggrund, der zu einem so kecken Mittel, sich Zutritt zu verschaffen, geführt hatte.

»Hat der Karmeliter sonst noch etwas gesagt, guter Marco?« fragte er nach tiefem Sinnen.

»Signore, er sagte, daß die Sache dringend wäre, denn die Stunde sei nahe, wo die Unschuld leiden könnte. Ich zweifle nicht, daß er kommt, für irgendeinen jungen Extravaganten zu bitten, denn es sollen mehrere Jünglinge von Adel wegen ihrer Tollheiten beim Karneval verhaftet worden sein. Das Frauenzimmer mag eine verkleidete Schwester sein.«

»Laß einen von deinen Kameraden hereinkommen, und du, führe die Gäste mir zu, sobald ich klingle.«

Der Diener entfernte sich und ging auf einem anderen Wege in das Vorzimmer, um sich den Wartenden nicht zu früh zu zeigen. Der zweite Kämmerling erschien sogleich vor dem Dogen und wurde von diesem abgeschickt, einen vom Rate der Drei herbeizurufen, der in einem nahen Zimmer mit wichtigen Papieren beschäftigt war. Der Senator leistete dem Rufe sogleich Folge, denn er trat hier als der Freund des Fürsten auf und war als solcher öffentlich und mit den üblichen Ehrenbezeigungen hereingelassen worden.

»Man hat mir einen Besuch ungewöhnlicher Art angekündigt, Signore«, sagte der Doge und stand auf, den Mann zu empfangen, den er aus Vorsicht gegen sich selbst herbeschieden hatte. »Ich wünschte, daß Ihr Zeuge wäret von ihrem Begehren.«

»Es ist gut, daß Ew. Hoheit uns Senatoren Anteil an Ihren Geschäften vergönnt. Aber wenn der Irrtum, daß es durchaus so nötig sei, Euch bewegen sollte, die Gegenwart eines Rates zu verlangen, sooft jemand den Palast besucht –«

»Ich weiß, Signore«, unterbrach ihn der Fürst mit sanfter Stimme und schellte. »Ich hoffe, mein Begehren hat Euch nicht unangenehm gestört. Da kommen aber schon, die ich erwarte.«

Vater Anselmo und Gelsomina traten miteinander in das Gemach. Der Doge sah auf den ersten Blick, daß sie ihm gänzlich fremd waren. Er und das Mitglied des geheimen Rates blickten einander an und nahmen gegenseitiges Erstaunen wahr.

Dem Dogen gegenüberstehend, warf der Karmeliter seine Kutte zurück und enthüllte dadurch ganz seine asketischen Züge, während sich Gelsomina, aus Scheu vor dem hohen Range des Mannes, der sie empfing, schamhaft zurückzog und sich hinter dem Gewande des Mönchs halb versteckte.

»Was bedeutet dieser Besuch«, fragte der Fürst, »und diese ungewöhnliche Begleitung? Weder die Zeit noch die Art der Meldung ist herkömmlich.«

Vater Anselmo stand zum erstenmal vor dem Oberhaupt von Venedig. Gewohnt aber, wie alle seine Landsleute und mehr noch seine Altersgenossen, vorsichtig die Möglichkeit des Erfolges zu berechnen, ehe er seinen Gedanken Worte zu geben wagte, heftete der Mönch erst einen festen Blick auf den Fragenden. »Erlauchter Fürst«, sagte er dann, »wir kommen, um Gerechtigkeit zu bitten. In solcher Angelegenheit gilt es, kühn zu sein, um nicht seinem eigenen Charakter und der guten Sache etwas zu vergeben.«

»Gerechtigkeit ist der Stolz des heiligen Markus und das Glück seiner Untertanen. Dein Verfahren, Vater, ist nicht der bestehenden Ordnung und den heilsamen Schranken gemäß, doch es findet vielleicht seine Verteidigung – stelle dein Anliegen vor.«

»In den Gefängnissen sitzt einer, den die öffentlichen Gerichte zum Tode verurteilt haben und der, sobald der Tag wiederkehrt, sterben muß, wenn ihn Euer fürstlicher Machtspruch nicht rettet und ich habe bei der Ausübung meines heiligen Amtes ermittelt, daß er unschuldig ist.«

»Sagtest du, verurteilt von den gewöhnlichen Gerichten, Vater?«

»Zum Tode verdammt, Hoheit, durch einen Spruch des Kriminalgerichts.«

Der Fürst schien erleichtert. Solange die Sache öffentlich war, hatte er wenigstens Hoffnung, seiner natürlichen Menschenfreundlichkeit nachzuhängen und weiter zu hören, ohne der verschlungenen Staatspolitik zu nahe zu treten. Er warf einen Blick auf den unbeweglichen Inquisitor, gleichsam forschend, ob dieser es billige, und trat dem Karmeliter einen Schritt näher, mit zunehmender Teilnahme an dem Gesuche.

»Mit welcher Berechtigung, ehrwürdiger Priester, widersetzest du dich dem richterlichen Ausspruch?« fragte er.

»Signore, wie ich eben sagte, infolge der Kenntnis, die ich bei Ausübung meines heiligen Amtes gewonnen habe. Er hat mir sein Innerstes enthüllt als ein Mann, dessen Fuß bereits im Grabe steht, und obgleich ein Sünder vor Gott, wie alle, die vom Weibe geboren sind, ist er doch unschuldig vor der weltlichen Obrigkeit.«

»Denkst du, Vater, daß jemals das Gesetz sein Opfer erreichen würde, wenn wir nur auf Selbstanklagen hörten! Ich bin alt, Mönch, und habe lange diesen mühseligen Schmuck getragen«, er wies auf die gehörnte Mütze, das Symbol des Staates, die neben ihm lag, »und ich erinner mich nicht, daß jemals ein Verbrecher die Schuld auf etwas anderes geschoben hätte als auf ungünstige Umstände, deren Opfer er sei.«

»Daß die Menschen mit so betrüglichem Trost ihr Gewissen beschwichtigen, weiß ein Mann von meinem Berufe gar wohl. Unser Tagewerk ist ja hauptsächlich, denen ihre Täuschung nachzuweisen, die, ihre eigenen Sünden durch Bekenntnis und Selbsterniedrigung verdammend, auf ihre Demut stolz sind. Aber, Doge von Venedig! Es gibt noch eine Kraft in dem heiligen Sakramente, das ich diesen Abend zu verwalten gerufen worden bin, eine Kraft, die den Stolz des ausschweifendsten Gemütes überwältigen kann. Viele suchen sich selber zu betrügen bei der Beichte, aber durch Gottes Macht gelingt es wenigen.«

»Gepriesen sei dafür die gelobte Mutter und ihr Sohn, der Mensch geworden«, erwiderte der Fürst, von dem stillen Glauben des Mönchs ergriffen, und bekreuzigte sich fromm. »Vater, du hast vergessen, den Verurteilten zu nennen.«

»Es ist ein gewisser Jacopo Frontoni, der als Bravo verrufen ist.«

Der Fürst von Venedig stutzte, wechselte die Farbe, und sein Blick verriet unverstelltes Erstaunen.

»Sprichst du von dem blutigsten Stilett, das je die Stadt geschändet hat, als von der Waffe eines nur sogenannten Bravo? Die Kunstgriffe des Ungeheuers sind mächtiger gewesen als deine Erfahrung, Mönch! Das treue Bekenntnis eines solchen Elenden kann nur eine Geschichte blutiger und empörender Verbrechen sein.«

»Als ich in sein Gefängnis trat, war ich derselben Meinung, aber ich ging fort in der Überzeugung, daß ihm die öffentliche Stimme unrecht getan hat. Wenn Ew. Hoheit die Gnade haben will, seine Geschichte anzuhören, werdet Ihr ihn eher für einen Gegenstand des Mitleids als der Verdammung halten.«

»Unter allen Verbrechern in meinem Reiche hätte ich diesen für den letzten gehalten, zu dessen Gunsten etwas vorgebracht werden könnte! Aber sprich frei, Karmeliter. Meine Neugier ist so groß als mein Erstaunen.«

Der Doge ließ seinen Gefühlen so ganz freien Lauf, daß er im Augenblicke gar nicht an die Gegenwart des Inquisitors dachte, dessen Gesicht ihm sonst wohl mochte verraten haben, wie bedenklich die Sache zu werden anfing.

Der Mönch dankte dem Himmel, denn es war nicht immer leicht in diesem geheimnisvollen Staate, die Wahrheit vor die Ohren der Mächtigen zu bringen. Wenn ein so doppelsinniges Wesen in der ganzen Verfassung herrscht, so verwebt sich der entsprechende Sinn in die Gewohnheiten der Freimütigsten, wenn sie es auch selber nicht merken. Als daher Vater Anselmo zu der verlangten Erklärung schritt, berührte er schonend die Kunstgriffe des Staates und deutete mit Zurückhaltung die Gebräuche und Meinungen an, die ein Mann seines heiligen Berufes und seiner Redlichkeit unter anderen Umständen furchtlos verdammt haben würde.

»Es mag einem so hochgestellten Herrn, als Ihr seid, gebietender Fürst«, begann der Karmeliter, »vielleicht fremd sein, daß ein niedriger, aber fleißiger Arbeiter dieser Stadt, ein gewisser Francesco Frontoni, vor langer Zeit wegen Zollverbrechens verurteilt wurde. Dieses Verbrechen pflegt der Staat immer streng zu bestrafen, denn wenn die Menschen die Güter dieser Welt allem übrigen vorziehen, so verkennen sie den Zweck, der sie zum geselligen Verbande zusammengeführt hat.«

»Vater, wolltest du von einem gewissen Francesco Frontoni sprechen?«

»Ja, Hoheit, so hieß er. Der Unglückliche hatte einen Mann zum Freunde und Vertrauten, der als Freier seiner Tochter um seine Geheimnisse zu wissen schien. Als sich dieser falsche Freund, der Zollverbrechen verübt hatte, auf dem Punkte sah, entdeckt zu werden, ersann er einen Betrug, durch den er selbst entkam und auf seinen allzu vertrauensvollen Freund den Unwillen der Regierung lenkte. Francesco wurde zum Gefängnis unter den Bleidächern verurteilt, um ihn zum Geständnis von Tatsachen zu bringen, die nie geschehen waren.«

»Das ist ein hartes Geschick, ehrwürdiger Mönch, wenn die Sache so erwiesen werden kann!«

»Großer Doge, das ist das Übel bei Geheimhaltung und Intrige in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten.«

»Hast du noch mehr von diesem Francesco zu sagen, Mönch?«

»Seine Geschichte ist kurz, Signore. In der Lebenszeit, die die meisten Menschen in Tätigkeit für ihr eigenes Wohl verwenden, schmachtete er im Kerker.«

»Ich erinnere mich, von einer solchen Anklage gehört zu haben – aber die Sache fiel während der Regierung des vorigen Dogen vor, nicht wahr, Vater?«

»Und hat fast bis zum Ende der Regierung des jetzigen gedauert, Hoheit.«

»Wie? Der Senat hat doch, von dem Mißgriff in Kenntnis gesetzt, sein Unrecht schnell wieder gutgemacht!«

Der Mönch sah den Fürsten ernst an, als wollte er sich Gewißheit verschaffen, ob das Erstaunen, das er wahrnahm, nicht ein hoher Grad von Verstellung wäre. Er überzeugte sich jedoch, daß die Sache zu denen gehörte, die, wie ungerecht, grausam und zerstörend sie auch für das Glück eines einzelnen sein mögen, doch nicht wichtig genug sind, um vor die gebracht zu werden, die an der Spitze einer Verwaltung stehen, die mehr ihr eigenes Bestehen als das Gemeinwohl ins Auge faßt.

»Signore Doge«, sagte er, »der Staat ist behutsam, wo es seinen eigenen guten Ruf gilt. Es sind Gründe, die ich mir nicht herausnehme zu untersuchen, die aber den Kerker des armen Francesco noch immer verschlossen hielten, als nach dem Tode und Bekenntnisse seines Anklägers schon längst seine Unschuld erwiesen war.«

Der Fürst sann nach, und sodann fiel ihm ein, die Mienen seines Gesellschafters zu Rate zu ziehen. Der Marmor des Pfeilers, an den dieser gelehnt stand, war nicht kälter und unbeweglicher als das Gesicht des Inquisitors. Der Mann hatte gelernt, vor den erkünstelten Pflichten seines Amtes jede natürliche Regung schwinden zu lassen.

»Und was hat diese Sache des Francesco mit der Hinrichtung des Bravo zu tun?« sagte der Doge nach einer Pause, während der er sich vergeblich bemühte, die gleichgültige Miene seines Rates anzunehmen.

»Das zu beantworten, werde ich hier der Tochter des Gefängniswärters überlassen! – Tritt vor, Kind, und erzähle, was du weißt. Gedenke daran, daß du, vor dem Dogen von Venedig redend, zugleich vor dem Könige der Himmel stehst.«

Gelsomina zitterte. Wie sie erzogen war, konnte sie, der Güte ihrer Sache ungeachtet, nicht leicht eine natürliche Scheu bekämpfen. Aber getreu ihrem Versprechen und ermutigt durch ihre Liebe zu dem Verurteilten, trat sie einen Schritt vor und versteckte sich nicht länger hinter dem Gewande des Karmeliters.

»Du bist die Tochter des Gefängniswärters?« fragte der Fürst mit mildem Tone, obgleich sich Erstaunen in seinem Auge malte.

»Hoheit, wir sind arm und unglücklich. Wir dienen dem Staate um Brot.«

»Ihr dient einem edeln Herrn, Kind. Weißt du etwas von diesem Bravo?«

»Hoher Herr, die ihn so nennen, kennen sein Herz nicht. Es kann keinen geben in Venedig, der gegen seine Freunde herzlicher, seinem Worte getreuer und den Heiligen ergebener wäre als Jacopo Frontoni.«

»Diesen Charakter kann die Kunst auch wohl einem Bravo beilegen. Aber wir verlieren die Zeit. Was haben die beiden Frontoni miteinander gemein?«

»Hoheit, sie sind Vater und Sohn. Als Jacopo so alt war, daß er das Unglück seiner Familie einsehen konnte, lag er den Senatoren mit Bitten für seinen Vater so lange an, daß diese befahlen, man sollte den Kerker des Gefangenen einem so frommen Sohne heimlich öffnen. Ich weiß wohl, daß die Regierenden nicht allwissend sein können, sonst wäre solch Unrecht nie möglich gewesen. Aber Francesco blieb jahrelang im Gefängnis, wo es winters kalt und dunstig und sommers eine glühende Hitze ist, bis es herauskam, daß er falsch angeschuldigt war. Da ließ man zu einigem Ersatz für die gar nicht verdienten Qualen Jacopo zu ihm.«

»Warum das, Mädchen?«

»Hoheit, war es nicht aus Erbarmen? Sie versprachen auch, daß die Dienste des Sohnes zu seiner Zeit dem Vater die Freiheit erwerben sollten. Die Patrizier waren aber schwer zu überzeugen und machten Bedingungen mit dem armen Jacopo, und er ging darauf ein, sich einem schweren Geschäft zu unterziehen, damit nur sein Vater noch einmal die freie Luft atmen möchte vor seinem Tode.«

»Du sprichst in Rätseln.«

»Ich bin nicht gewohnt, großer Doge, vor so vornehmen Herren zu reden, auch nicht über solche Sachen. Aber dies weiß ich, daß Jacopo drei lange Jahre Zutritt hatte zu seines Vaters Zelle und daß dies mit Erlaubnis der Obrigkeit geschah; mein Vater würde es sonst nicht gelitten haben. Ich begleitete ihn immer bei dem frommen Gange und will die gelobte Jungfrau und alle Heiligen zu Zeu –«

»Mädchen, hast du gewußt, daß er ein Bravo ist?«

»Ach, Hoheit, nein! Er schien mir immer ein pflichtliebender Sohn, der Gott fürchtete und seinen Vater ehrte. Ich möchte nie wieder solchen Schmerz empfinden, als mich damals durchschauerte, da sie sagten, der, den ich als den guten Carlo gekannt hatte, würde in Venedig verfolgt als der verabscheute Jacopo! Aber es ist vorüber, gelobt sei die Mutter Gottes!«

»Du bist diesem verurteilten Manne verlobt?«

»Ja, Hoheit. Wir hätten uns geheiratet, wenn es Gott gefallen hätte und diesen großen Senatoren, die so vielen Einfluß auf das Schicksal der Armen haben –«

»Und du bist noch jetzt, da du den Mann kennst, willens, dich einem Jacopo anzutrauen?«

»Weil ich ihn so kenne, wie er ist, großer Doge, darum muß ich ihn ehren. Er hat dem Staate seine Zeit und seinen guten Ruf verkauft, um seinen gefangenen Vater zu retten, und darin seh ich nichts Abschreckendes für eine, die er liebt.«

»Die Sache bedarf der Erklärung, Karmeliter. Das Mädchen hat eine erhitzte Phantasie und verwickelt, was sie entwirren will.«

»Erlauchter Fürst, sie wollte sagen, daß es der Republik genehm war, dem Sohne den Besuch bei seinem Vater zu verstatten und ihm Hoffnung zu dessen Befreiung zu machen, unter der Bedingung, daß sich der junge Mann zum Vorteil der Polizei für einen Bravo ausgab.«

»Und für diese unglaubliche Geschichte bürgt Euch nichts als das Wort eines verurteilten Verbrechers?«

»Der vor seinen Augen nichts sieht als den Tod. Es gibt Mittel, die Wahrheit klar zu durchschauen, und sie sind denen bekannt, die oft sterbenden Büßern beistehen, unbekannt aber den weltlichen Menschen. Jedenfalls, Signore, ist die Sache der Untersuchung wert.«

»Darin hast du recht. Ist die Stunde zur Hinrichtung bestimmt?«

»Mit Tagesanbruch, Fürst.«

»Und der Vater?«

»Ist im Kerker gestorben.« Eine Pause.

»Hast du vom Tode eines gewissen Antonio gehört?« nahm der erschütterte Doge, sich fassend, das Wort.

»Ja, Signore. Bei meinem heiligen Amte bezeuge ich, daß Jacopo an diesem Verbrechen unschuldig ist. Ich selbst habe dem Fischer zur Beichte gesessen.«

Der Doge wendete sich ab, denn die Wahrheit dämmerte in ihm auf, und die Glut auf seinen greisen Wangen enthielt ein Geständnis, das nicht jedes Auge merken konnte. Er suchte den Blick seines Gesellschafters, aber der Ausdruck seines menschlichen Gefühls traf auf die geregelten Züge des anderen wie Licht auf polierten Stein, davon es kalt zurückprallt.

»Hoheit«, sagte eine zitternde Stimme.

»Was willst du, Kind?«

»Es gibt einen Gott für die Republik so gut als für den Gondoliere! Wird Ew. Hoheit nicht diese große Sünde von Venedig abwenden?«

»Du sprichst geradeaus, Mädchen.«

»Carlos große Gefahr hat mich kühn gemacht. Das Volk liebt Euch sehr, und keiner spricht von Euch, ohne zugleich von Eurer Güte und Eurer Dienstwilligkeit für die Armen zu sprechen. Ihr seid unser Vater, und wir haben ein Recht, zu Euch zu kommen, auch wenn wir um Gnade bitten. Hier aber, Hoheit, fordere ich nur Gerechtigkeit.«

»Gerechtigkeit ist Venedigs Wahlspruch.«

»Die von der Vorsehung reichlich gesegnet sind, wissen nicht immer, was ein Armer zu tragen hat. Es hat Gott gefallen, meiner eigenen armen Mutter schwere Leiden aufzuerlegen, die ohne ihre Geduld und ihren christlichen Glauben schwer zu überstehen wären. Das bißchen Sorgfalt, das ich ihr spenden konnte, hat zuerst Jacopos Augen auf mich gezogen, denn sein Herz war voll von Kindespflicht. Wenn Ew. Hoheit nur Carlo besuchen wollten oder ihn hierherbringen ließen, so würde seine einfache Erzählung alle schändlichen Untaten, die sie ihm aufgebürdet haben, zur Lüge machen.«

»Das ist nicht nötig – das ist nicht nötig. Dein Glaube an seine Unschuld, Mädchen, ist beredter, als alle seine Worte sein können.«

Ein Freudenstrahl blitzte in Gelsominas Gesicht auf, sie wandte sich zu dem Mönche und sagte: »Seine Hoheit gibt Gehör, und wir werden durchdringen! Vater, sie mögen drohen in Venedig und den Furchtsamen ängstlich machen, aber sie werden das niemals tun, was wir gefürchtet haben. Ist nicht Jacopos Gott mein Gott und ihr Gott? Der Gott des Senates und des Dogen? Des Rates und der Republik? Ich wünschte, die geheimen Mitglieder vom Rate der Drei hätten den armen Jacopo gesehen, wenn er nach seinem Tagewerk, müde von der Arbeit, gepeinigt von dem ewigen Zögern, in die Winter- oder Sommerzelle trat, wie es nun gerade war, eisig kalt oder brennend heiß, und sich zwang, vergnügt zu sein, damit der fälschlich Angeklagte nicht noch mehr sein Elend fühlen möchte! – Ach, ehrwürdiger und gütiger Fürst, Ihr wisset wenig von der Last, die oft die Armen zu tragen haben, denn Euch ist das Leben Sonnenschein. Aber Millionen sind da, die tun müssen, was sie hassen, um nur nicht tun zu müssen, was sie fürchten.«

»Kind, du sagst mir nichts Neues.«

»Außer, daß ich Euch Beweise gebe, Hoheit, daß Jacopo kein solch Ungeheuer ist, als sie aus ihm machen wollen. Ich weiß nicht, aus was für geheimen Gründen der Rat den jungen Mann zu einem Betruge bewogen hat, der beinahe so unglücklich geendet hätte, jetzt aber, da alles aufgeklärt ist, haben wir nichts zu fürchten. Kommt, Vater! Wir wollen den guten und gerechten Dogen zur Ruhe gehen lassen, wie seinen Jahren zukommt, und wollen zurückgehen, Jacopos Herz aufzuheitern durch die Nachricht von unserem Erfolge, und wollen der gelobten Maria für ihre Gnade danken.«

»Halt!« rief der Greis mit erstickter Stimme. »Ist es wahr, was du mir gesagt hast, Mädchen? Vater, kann es so sein?«

»Signore, ich habe alles wahrhaft gesagt, wie mich mein Gewissen trieb.«

Des Fürsten Auge schweifte wild von dem bewegungslosen Mädchen zu dem gleichfalls unbewegten Mitgliede der Drei hinüber.

»Tritt hierher, Kind«, sagte er, und seine Stimme zitterte, »tritt her, daß ich dich segne.« Gelsomina trat schnell vor und ließ sich vor dem Herrn auf ihre Knie nieder.

Nie hatte Vater Anselmo einen lauteren und glühenderen Segen gesprochen, als jetzt von den Lippen des Dogen von Venedig floß. Der letztere hob sodann die Tochter des Gefangenenwärters auf und bedeutete den beiden Gästen, sich zu entfernen. Gelsomina gehorchte gern, denn ihr Herz, voll Begierde, ihren Erfolg mitzuteilen, war schon in Jacopos Zelle, aber der Karmeliter warf noch einen zögernden Blick zurück als ein Mann, der besser bekannt war mit den Wirkungen weltlicher Politik, wenn diese mit dem Interesse solcher Leute zusammenhängt, die die Herrschaft zum Vorteil der Bevorrechteten anwenden. Im Hinausgehen aber war seine Hoffnung neu belebt, denn er sah den greisen Fürsten, unfähig, sein Gefühl länger zurückzuhalten, mit ausgestreckten Armen, mit tränenerfüllten Augen, mit einem Blicke, in dem sich Verlangen nach der Freude menschlichen Mitgefühls lebendig aussprach, auf seinen schweigsamen Gesellschafter zueilen.

Achtzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Die Stunden verflossen, als sei innerhalb der Stadt nichts vorgefallen, um ihren Lauf zu stören. Den folgenden Morgen gingen die Leute, wie seit vielen Jahren, an ihre verschiedenen Geschäfte oder Vergnügen, und keiner hielt inne, um seinen Nachbarn über das zu befragen, was sich etwa während der Nacht ereignet hätte.

Die Diener schlenderten mit mißtrauischen, vorsichtigen Mienen, kaum wagend, sich gegenseitig ihre geheimen Vermutungen über das Schicksal ihrer Gebieterin zuzuflüstern, um das Wassertor von Donna Violettas Palast. Die Residenz Signore Gradenigos zeigte sich in ihrer gewöhnlichen düstern Größe, während die Behausung Don Camillo Monfortes durch kein Zeichen die schmerzlich getäuschte Hoffnung ihres Herrn verriet. Die »Bella Sorrentina« lag noch im Hafen mit ausgebreitetem Segel über dem Verdeck, und das Schiffsvolk beschäftigte sich nach der gewöhnlichen trägen Weise der Seeleute, wenn nichts Dringenderes zu tun ist, mit Segelausbessern.

Die Lagunen waren mit Fischerbooten übersät, und Reisende kamen an und reisten ab auf den wohlbekannten Kanälen von Fusina und Mestre. Hier verließ ein Abenteurer aus dem Norden die Stadt, ihm schwebte das gefällige Bild der mitangesehenen Feierlichkeiten vor, vermischt mit einigen dunkeln Vermutungen über die den beargwöhnten Staat lenkende Gewalt; dort suchte ein Pächter vom Festlande seine kleine Meierei auf, zufriedengestellt durch das Schaugepränge und die Regatta des vorigen Tages. Kurz, alles erschien wie immer, und die Begebenheiten, die wir erzählten, blieben ein Geheimnis der Mitspielenden und des dabei so beteiligten Senats.

Wie der Tag mehr vorrückte, breitete sich manches Segel aus, und Feluken und Galeotten gingen und kamen, je nachdem der Land- oder Seewind vorherrschend war. Noch faulenzte der kalabrische Seefahrer unter dem Zelte, das sein Verdeck beschattete, oder hielt seine Siesta auf einem Haufen alter, von der Gewalt manch eines glühenden Schirokko zerrissener Segeltücher. Als die Sonne tiefer sank, da glitten die Gondeln der Großen und Müßigen über das Wasser, und nachdem die beiden Plätze durch die Luft des Adriatischen Meeres abgekühlt waren, füllte sich der Broglio mit denen, die das Vorrecht genossen, seine gewölbten Gänge zu durchschreiten. Unter ihnen zeigte sich auch der Herzog von Sant‘ Agata, der, obgleich den Gesetzen der Republik ein Fremdling, wegen seiner erlauchten Abkunft und keineswegs unbegründeten Ansprüche von den Senatoren als ein willkommener Teilnehmer dieser leeren Auszeichnung aufgenommen ward. Er trat zur gewohnten Zeit und mit seiner ihm natürlichen Ruhe in den Broglio, denn er verließ sich auf seinen geheimen Einfluß in Rom, ja zum Teil auf den guten Erfolg seiner Nebenbuhler. Nach reiflicher Überlegung schien es ihm nämlich gewiß, daß, wenn sie die Absicht hegten, ihn festzusetzen, dies schon längst geschehen wäre; ebenso glaubte er, daß es, um persönlichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, am besten sein würde, Vertrauen auf eigene Macht zu zeigen. Als er daher am Arm eines hohen Beamten der päpstlichen Gesandtschaft erschien und mit Selbstvertrauen um sich blickte, sah er sich wie immer von jedem, der ihn kannte, auf eine seinem Range und seinen Erwartungen angemessene Weise begrüßt. Dennoch wandelte Don Camillo mit neuen Gefühlen unter den Patriziern der Republik umher. Mehr als einmal glaubte er in den schwankenden Blicken derer, mit denen er sich unterhielt, Zeichen ihrer Kenntnis seiner vereitelten Pläne zu entdecken, und mehr als einmal, wenn er es am wenigsten argwöhnte, sah er sich so aufmerksam betrachtet, als suche man seine künftigen Absichten zu ergründen. Außerdem hätte wohl niemand entdeckt, daß eine Erbin von solcher Wichtigkeit beinahe dem Staat entrissen oder daß ein Mann seiner Frau beraubt worden sei. Die große Verstellungskunst des Staates sowie die Entschlossenheit und Vorsicht des jungen Edeln entzogen alles übrige der Beobachtung.

So verging der Tag; keine einzige Zunge außer denen, die im geheimen flüsterten, machte irgendeine Anspielung auf die Begebenheiten unserer Erzählung.

Eben als die Sonne unterging, schwebte eine Gondel langsam dem Wassertore des herzoglichen Palastes zu. Der Gondoliere landete, band wie gewöhnlich sein Boot an den Treppensteinen fest und trat dann in den Hof. Er trug eine Maske, denn schon war die Stunde der Verkleidung gekommen, und sein einfacher Anzug glich so sehr dem von Leuten seines Standes, daß er eben durch seine Einfachheit alles Erkennen vereitelte. Nach einem vorsichtigen Blick um sich her ging er durch eine geheime Tür in das Gebäude.

Der Palast, in dem die Dogen von Venedig residierten, steht noch jetzt als ein düsteres Denkmal venezianischer Politik da und liefert an und für sich schon einen Beweis des zweideutigen Charakters der Fürsten, die es einst bewohnten. Es umgibt einen weiten, doch dunkeln Hof. Die eine seiner Fassaden macht die Seite der schon oft erwähnten Piazetta aus, die andere stößt an den Kai, zunächst dem Hafen. Die Architektur dieser beiden äußeren Fronten erhebt das Gebäude zum Bemerkenswerten. Ein niedriger Bogengang, der den Broglio bildet, unterstützt eine Reihe massiver, orientalischer Fenster, und über diesen zieht sich wieder eine mit wenigen Öffnungen versehene Mauer, die alle sonst gebräuchlichen Ordnungen der Baukunst umstößt. Die dritte Seite ist fast ganz verdeckt durch die Kathedrale St. Markus‘, und die vierte wird vom Kanal bespült. Auf der andern Seite des Kanals liegt das Staatsgefängnis, durch die so nahe Verbindung der Kraft der Gesetze und der Kraft der Strafe sehr beredt den Charakter der Regierung aussprechend. Die berühmte Seufzerbrücke ist das materielle Band zwischen beiden, wie sie denn auch ein Symbol ihres geistigen Zusammenhangs ist. Letzteres Gebäude steht auch auf dem Kai und ist trotz seiner geringeren Höhe und Weitläufigkeit in Hinsicht architektonischer Schönheit dem andern vorzuziehen, wenngleich der Umfang und die seltsame Bauart des Palastes geeigneter sein mögen, Aufmerksamkeit zu erregen.

Bald erschien der maskierte Gondoliere wieder unter dem Bogen des Wassertors und bestieg schleunigst sein Boot. Nur eines Augenblicks bedurfte er, um über den Kanal zu kommen, am gegenüberliegenden Kai zu landen und in die öffentliche Tür des Gefängnisses einzutreten. Er mußte wohl ein geheimes Mittel besitzen, der Wachsamkeit der verschiedenen Wächter zu genügen, denn Riegel wurden weggeschoben und Schlösser geöffnet, wo er erschien, ohne daß man viel fragte. Auf diese Weise durchschritt er schnell alle äußeren Schranken des Ortes und erreichte den Teil des Gebäudes, der zu einer Familienwohnung eingerichtet schien. Nach den Umgebungen zu urteilen, mußten die Bewohner hier Überfluß und Pracht nicht sehr hoch schätzen, wenngleich es weder an Gerät fehlte noch an der nötigen Bequemlichkeit in den Zimmern, wie es ihrem Stande, dem Klima und jenen Zeiten angemessen war.

Der Gondoliere stieg eine geheime Treppe hinauf und stand nun vor einer Tür, an der keine der Zeichen eines Gefängisses zu sehen waren, die sich so häufig in den anderen Teilen des Gebäudes befanden. Er stand ein wenig still und horchte, dann klopfte er vorsichtig an.

»Wer klopft?« fragte eine liebliche Frauenstimme, indem sich die Klinke bewegte, als wolle man nicht eher öffnen, als bis man überzeugt war, wer draußen sei.

»Gut Freund, Gelsomina«, war die Antwort.

»Ja, wenn man Worten trauen dürfte, so wär hier jedermann ein Freund der Wächter. Ihr müßt Euch nennen oder woanders Antwort holen.«

Der Gondoliere lüftete die Maske, die nicht nur sein Gesicht verhüllt, sondern auch seine Sprache verändert hatte.

»Ich bin es, Gessina«, sagte er, sich ihres vertraulichen Namens bedienend.

Die Riegel rasselten, und die Tür ward schnell geöffnet.

»Das ist wunderbar, daß ich dich nicht erkannte, Carlo«,sagte das Frauenzimmer hastig und mit Einfalt, »doch du verkleidest dich seit kurzem so vielfältig und ahmst so oft fremde Stimmen nach, daß deine eigene Mutter ihren Ohren nicht getraut hätte.«

Der Gondoliere schwieg ein Weilchen, um sich erst zu überzeugen, daß sie allein wären; dann legte er die Maske ab, und die Züge des Bravo erschienen.

»Du weißt, wie nötig die Vorsicht ist, und wirst mich deshalb nicht erkennen.«

»Das nicht, Carlo – aber deine Stimme ist mir so bekannt, und da finde ich es wunderbar, daß du wie ein Fremder sprechen kannst.«

»Hast du etwas für mich?«

Das hübsche Mädchen zauderte, ihm zu antworten.

»Hast du nichts Neues, Gelsomina?« wiederholte der Bravo, ihre unschuldigen Züge eifrig musternd.

»Es ist gut, daß du nicht früher ins Gefängnis gekommen bist. Ich hatte eben Besuch. Du hättest dich wohl nicht gern sehen lassen, Carlo?«

»Du weißt, daß ich gute Gründe habe, maskiert zu kommen. Vielleicht hätte mir dein Besuch gefallen, vielleicht auch mißfallen, wie er nun eben gewesen wäre.«

»Nein, da bist du unrecht«, erwiderte das Mädchen hastig, »es war niemand hier als meine Cousine Annina.«

»Denkst du, daß ich eifersüchtig bin?« sagte der Bravo, mit liebendem Lächeln ihre Hand fassend. »Wär es dein Vetter Pietro, Michele oder Roberto oder irgendein anderer Jüngling aus Venedig gewesen, so hätt ich doch nichts weiter gefürchtet, als erkannt zu werden.«

»Es war aber nur meine Cousine Annina – Annina, die du nie gesehen hast – und ich habe ja keine Vettern Pietro, Michele und Roberto. Wir sind unserer nicht viele. Annina hat einen Bruder, der kommt aber nie her. Es ist in der Tat schon lange her, daß sie ihrem Geschäft soviel Zeit entzieht, um diesen traurigen Ort zu besuchen. Wenige Geschwisterkinder sehen sich so selten wie Annina und ich.«

»Du bist ein gutes Mädchen, Gessina, bist immer bei deiner Mutter zu finden. Hast du nichts Besonderes, was mir wichtig wäre?«

Wieder senkten sich die Augen Gelsominas oder Gessinas, wie sie gewöhnlich genannt ward; indes erhob sie den Blick wieder, bevor er es gewahrte, und fuhr rasch in ihrem Gespräch fort: »Ich fürchte, Annina kehrt wieder, sonst wollte ich gleich mit dir gehen.«

»Ist denn deine Cousine noch hier?« fragte der Bravo unruhig. »Du weißt, ich möchte nicht gern gesehen werden.«

»Fürchte nichts. Sie kann nicht hereinkommen, ohne diese Riegel zu berühren, denn sie ist oben bei meiner bettlägerigen Mutter. Du kannst, wie gewöhnlich, ins innere Zimmer gehen, wenn sie kommt, und ihre müßigen Reden mit anhören, wenn du willst – oder – doch wir haben keine Zeit – denn Annina kommt selten, und ich weiß nicht warum, aber sie scheint die Krankenzimmer nicht zu lieben, indem sie immer nur wenige Minuten bei ihrer Tante verweilt.«

»Du wolltest wohl sagen: Oder ich möchte meinen Gang abkürzen, Gessina?«

»Das wollt ich, Carlo – aber ich bin sicher, daß uns meine ungeduldige Cousine zurückrufen würde.«

»Ich kann warten; ich bin geduldig, wenn ich bei dir bin, teure Gessina.«

»St! – Das ist der Gang meiner Cousine. – Geh hinein.«

Während sie sprach, klingelte es, und der Bravo ging ins innere Zimmer, ein Versteck, dessen er gewohnt schien. Er ließ die Tür ein wenig offen, denn die Dunkelheit der Kammer verbarg ihn hinlänglich. Unterdes öffnete Gelsomina die äußere Tür, um ihren Gast hereinzulassen. Beim ersten Ton der Stimme erkannte Jacopo die listige Tochter des Weinhändlers.

»Du lebst hier so recht bequem, Gelsomina«, rief Annina eintretend und sich wie jemand, der ermüdet ist, auf einen Sessel werfend. »Mit deiner Mutter geht es besser, indes bist du in Wahrheit die Gebieterin des Hauses.«

»Ich wollte, ich war es nicht, Annina, denn ich bin noch zu jung, bei meinem Kummer solchem Geschäft vorzustehen.«

»So unerträglich ist es doch nicht, Gessina, mit siebzehn Jähren Gebieterin des Hauses zu sein! Herrschaft ist süß, Gehorsam unausstehlich.«

»Ich finde keines von beiden so, und ich will die erstere mit Freuden aufgeben, wenn meine arme Mutter erst wieder mir wird die Sorge für das Hauswesen abnehmen können.«

»Das ist recht schön, Gessina, und macht dem guten Beichtvater Ehre. Doch Herrschaft ist den Weibern so teuer wie Freiheit. Du warst gestern nicht unter den Masken auf dem Platz?«

»Ich verkleide mich selten, auch konnte ich meine Mutter nicht verlassen.«

»Was doch wohl heißt, du hättest es gern getan. Du hast auch Ursache, es zu bedauern, denn eine fröhlichere Vermählung mit dem Meere oder eine lustigere Regatta hat Venedig seit deiner Geburt nicht gesehen. Aber die Vermählung konntest du ja aus deinem Fenster mit anschauen.«

»Ich sah die Staatsgaleere mit ihren Reihen von Patriziern auf dem Verdeck nach dem Lido segeln, sonst wenig.«

»Schadet nichts. Du sollst einen ebenso guten Begriff von der Herrlichkeit haben, als wenn du des Dogen Rolle selbst gespielt hättest. Erst kamen die Gardisten, in ihren antiken Anzügen –«

»Das erinnere ich mich oft gesehen zu haben, dies Schauspiel kommt alle Jahre vor.«

»Da hast du recht: Doch nie sah Venedig eine so lebhafte Regatta! Du weißt, den ersten Versuch machen immer die vielruderigen Gondeln, von den geschicktesten Gondolieri geführt. Luigi war auch dabei, und obgleich er den Preis nicht gewann, so verdiente er ihn doch durch die Art, wie er sein Boot regierte. Du kennst doch Luigi?«

»Ich kenne kaum einen Menschen in Venedig, Annina, denn die lange Krankheit meiner Mutter und das unglückliche Amt meines Vaters halten mich immer daheim, wenn andere auf den Kanälen sind.«

»Das ist wahr. Um Bekanntschaften zu machen, bist du nicht gut gestellt. Doch Luigi steht weder an Geschicklichkeit noch an Ruf irgendeinem unter den Gondolieri nach, und er ist bei weitem der fröhlichste Schelm von allen, die je den Fuß auf den Lido gesetzt haben.«

»Er war also wohl der Vorderste im großen Wettlauf?«

»Eigentlich hätte er es sein sollen, aber die Ungeschicklichkeit seiner Leute und einige Unredlichkeiten beim Durchkreuzen brachten ihn in die zweite Reihe. Doch das Wunderbarste von allem war, daß ein alter Fischer namens Antonio mit bloßem Kopf und nackten Beinen mit eintrat in den zweiten Wettlauf und den Preis davontrug; ein Mann von siebzig Jahren und in einem Boote, das nicht besser war als das, womit ich Getränke nach dem Lido führe.«

»Da muß er wohl keine kräftigen Nebenbuhler gehabt haben?«

»Die besten in Venedig, obgleich Luigi, der in dem ersten Wettlauf gewesen, den zweiten nicht mitmachen konnte. Man sagt auch«, fuhr Annina, mit gewohnter Vorsicht um sich schauend, fort, »daß einer, den man kaum in Venedig zu nennen wagt, die Kühnheit gehabt habe, maskiert in der Regatta zu erscheinen, und dennoch gewann der alte Fischer! Du hast doch von Jacopo gehört?«

»Den Namen haben viele.«

»Es trägt ihn jetzt nur einer in Venedig. Alle meinen nur ihn, wenn sie Jacopo sagen.«

»Ich habe wohl von einem Ungeheuer dieses Namens gehört. Gewiß hat er doch nicht gewagt, sich vor den Edeln an solch einem Festtage sehen zu lassen.«

»Gessina, wir leben in einem unbegreiflichen Lande! Der furchtbare Mann geht nach Gefallen auf der Piazza mit so stolzen Schritten einher wie der Doge, und niemand sagt ihm was. Oft schon sah ich ihn bei hellem Tage mit so stolzer Miene an dem Triumphmast oder an der Säule des San Teodoro lehnen, als war er dort hingestellt, um einen Sieg der Republik zu feiern!«

»Vielleicht ist er Herr eines schrecklichen Geheimnisses, von dem sie fürchten, daß er es enthülle.«

»Du kennst Venedig wenig, Kind! Heilige Maria! Ein solch Geheimnis war schon an und für sich ein Todesurteil. Wenn man mit St. Markus zu schaffen hat, so ist es ebenso gefährlich, zuviel zu wissen als zuwenig. Genug, man sagt, Jacopo sei dabeigewesen, dem Dogen gegenüber, Aug in Aug, und die Senatoren schreckend wie ein ungerufenes Gespenst aus der Gruft ihrer Väter. Aber das ist noch nicht alles, als ich heute durch die Lagunen ruderte, sah ich den Leichnam eines jungen Kavaliers aus dem Wasser ziehen, und die dabei waren, sagten, er trüge das Zeichen seiner mörderischen Hand.«

Die furchtsame Gelsomina schauderte.

»Die Herrscher werden diese Nachlässigkeit vor Gott zu verantworten haben«, sagte sie, »wenn sie diesen Elenden länger so frei herumgehen lassen.«

»Der heilige Markus schütze seine Kinder! Man sagt, daß man viele dergleichen Sünden zu verantworten habe – doch den Leichnam sah ich mit meinen eigenen Augen, als ich diesen Morgen in die Kanäle einfuhr.«

»Schliefst du denn auf dem Lido, daß du schon so früh aus warst?«

»Auf dem Lido – ja – nein – ich schlief nicht, du weißt ja, mein Vater hatte einen geschäftigen Tag während des Festes, und ich bin nicht wie du, Gessina, Gebieterin des Hauses, daß ich tun könnte, was ich will. Doch ich stehe hier und plaudere mit dir, und zu Hause tun fleißige Hände not. Hast du das Paket, das ich dir bei meinem letzten Besuch anvertraute?«

»Hier ist es«, antwortete Gelsomina, ein Schubfach öffnend und ihrer Cousine ein dicht eingewickeltes Pack gebend, das, ihr unbewußt, einige verbotene Handelsartikel enthielt und das die andere in ihrer unermüdlichen Geschäftigkeit eine Zeitlang zu verbergen genötigt war. »Ich dachte, du hättest es vergessen, und wollte es dir schon zurücksenden.«

»Gelsomina, wenn du mich liebst, tue nie eine so unüberlegte Handlung! Mein Bruder Giuseppe – du kennst Giuseppe wohl kaum?«

»Für Verwandte kennen wir uns wenig.«

»Das ist gut für dich. Hätte Giuseppe dieses Paket durch irgendeinen Zufall zu sehen bekommen, so würde es dir viele Unruhe verursacht haben.«

»Ich fürchte deinen Bruder nicht noch sonst jemand«, sagte die Tochter des Gefangenenwärters mit der Festigkeit der Unschuld, »dafür, daß ich gefällig gegen eine Verwandte war, könnte er mir doch nichts Böses tun.«

»Du hast recht, allein, mir hätte er vielen Verdruß verursachen können. Heilige Maria! Wenn du wüßtest, welchen Kummer dieser unbedachtsame und mißleitete Junge seiner Familie macht! Bei alledem ist er mein Bruder, und du magst dir das übrige hinzudenken. Leb wohl, gute Gessina, ich hoffe, dein Vater wird dir endlich mal erlauben, die zu besuchen, die dich so sehr lieben.«

»Leb wohl, Annina, du weißt, daß ich gern käme, allein, ich verlasse ja fast meiner Mutter Bett nicht.«

Die listige Tochter des Weinhändlers gab ihrer schuld- und arglosen Verwandten einen Kuß, ließ sich die Tür öffnen und ging.

»Carlo«, rief Gessina mit sanfter Stimme, »du kannst nun herauskommen, jetzt haben wir keinen Besuch weiter zu fürchten.«

Der Bravo erschien, doch mit noch blasseren Wangen als gewöhnlich. Er blickte das liebliche Wesen traurig an, und die verunglückte Anstrengung, ihr unschuldiges Lächeln zu erwidern, gab seinen Gesichtszügen einen gespenstischen Ausdruck

»Annina hat dich wohl ermüdet mit ihrem müßigen Geschwätz von der Regatta und den Mordtaten auf den Kanälen. Du wirst sie wegen der Art, wie sie von Giuseppe sprach, nicht zu hart beurteilen, er verdient es, und wohl noch mehr. Doch ich kenne deine Ungeduld und will dich nicht noch mehr ermüden.«

»Dies Mädchen ist deine Cousine?«

»Ich sagte es dir ja schon, unsere Mütter sind Schwestern.«

»Und ist sie oft hier?«

»Gewiß nicht so oft, als sie wünschte, denn ihre Tante hat ihr Zimmer seit vielen, vielen Monaten nicht verlassen.«

»Du bist eine vortreffliche Tochter, gute Gessina, und möchtest andere ebenso tugendhaft machen, als du selbst bist. – Hast du diese Besuche erwidert?«

»Nie. Mein Vater untersagte es, denn sie sind Weinhändler und nehmen die schwelgenden Gondolieri auf. Aber Annina ist nicht zu tadeln wegen des Gewerbes ihrer Eltern.« »Ohne Zweifel – und das Paket? War es lange in deiner Verwahrung?«

»Einen Monat, Annina ließ es mir hier bei ihrem letzten Besuch, denn sie mußte eilig nach dem Lido. Aber warum diese Fragen? Dir gefällt meine Cousine nicht, weil sie ausgelassen ist und müßige Gespräche liebt, indes hat sie, wie ich denke, ein gutes Herz. Hörtest du, wie sie von dem Bravo Jacopo und von dem letzten Morde sprach?«

»Ich hörte es.«

»Du selbst hättest nicht mehr Abscheu über des Ungeheuers Verbrechen zeigen können. Nein, Annina ist wohl unbesonnen und könnte weniger weltlich gesinnt sein; allein, sie hat, wie wir alle, eine heilige Scheu vor der Sünde. Soll ich dich nach der Zelle führen?«

»Ja, geh voran.«

»Dein redlicher Sinn empört sich über die kalte Niederträchtigkeit des Meuchelmörders. Ich hab viel von seinen Mordtaten gehört und von der Weise, wie die droben mit ihm Nachricht haben. Man sagt allgemein, daß seine List die ihrige übertreffe und daß die Beamten nur auf Beweise warten, um keine Ungerechtigkeit zu begehen.«

»Meinst du, daß der Senat so zartfühlend ist?« fragte der Bravo rauh, machte aber zugleich ein Zeichen zum Fortgehen.

Das Mädchen blickte traurig wie jemand, der das Gewicht dieser Frage begriff, dann drehte sie sich um, öffnete eine geheime Tür und brachte eine kleine Schachtel zum Vorschein.

»Dies ist der Schlüssel, Carlo«, sagte sie, ihm einen in einem gewichtigen Bund zeigend, »und ich bin jetzt der einzige Wächter. So viel haben wir wenigstens ausgerichtet; vielleicht kommt noch die Zeit, wo wir mehr tun können.«

Der Bravo versuchte zu lächeln, er wollte damit andeuten, daß er ihre Güte zu schätzen wisse, allein, es gelang ihm nur, ihr seinen Wunsch weiterzugehen, begreiflich zu machen. Der Hoffnungsstrahl im Auge des gutmütigen Mädchens verwandelte sich in einen Blick des Kummers, und sie gehorchte.

Neunzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Wir wollen es nicht unternehmen, die gewölbten Galerien, dunklen Korridore und Gemächer, durch die des Gefangenenwärters Tochter ihren Gefährten führte, mit zu durchwandern. Wer jemals ein weitläufiges Gefängnis besucht hat, bedarf keiner Beschreibung, um sich die schmerzlichen Gefühle zurückzurufen, die ihm der Anblick vergitterter Fenster, rasselnder Riegel und all der anderen Dinge verursachte, die zugleich Mittel und Zeichen der Einkerkerung sind. Dies weitläufig, fest und labyrinthisch von innen, doch von außen, wie schon früher erwähnt, gleichsam seiner Bestimmung zum Hohn, von reiner, einfacher Schönheit.

Gelsomina trat in eine niedrige, schmale, mit Fenstern versehene Galerie, in der sie stehenblieb.

»Du suchtest mich wohl wie gewöhnlich zur bestimmten Stunde unter dem Wassertor, Carlo?« fragte sie.

»Ich wär nicht ins Gefängnis gekommen, hätt ich dich dort gefunden, denn du weißt, ich mag wenig gesehen sein. Doch da fiel mir deine Mutter ein, daher fuhr ich den Kanal herüber.«

»Du mußt bemerkt haben, daß wir nicht den gewöhnlichen Weg nach der Zelle genommen haben?«

»Das hab ich, allein, da wir nicht gewohnt sind, in deines Vaters Zimmer zusammenzukommen, wenn wir diesen Gang antreten, so dacht ich, dies sei der notwendige Weg.«

»Kennst du den Palast und das Gefängnis gut, Carlo?«

»Mehr als ich wünsche, gute Gelsomina, doch warum fragst du so, und gerade in einem Augenblick, wo ich wohl anders beschäftigt sein möchte?«

Das Mädchen schwieg. Der Bravo trat schnell an ein Fenster, sah hinaus, und sein Blick fiel auf die düstere Wasserpassage, die zwischen den beiden Mauern zweier massiver Gebäude nach dem Kai und dem Hafen hinführte.

»Gelsomina!« rief er aus, vor dem Anblick zurückbebend. »Dies ist ja die ganze Seufzerbrücke!«

»Sie ist’s, Carlo, bist du je auf ihr hinübergegangen?«

»Nein, auch begreif ich nicht, warum ich es jetzt tue. Lange schon dachte ich daran, ob es nicht vielleicht einmal mein Schicksal sein möchte, diesen traurigen Gang zu machen; doch von solch einem Führer ließ ich mir nichts träumen.«

Gelsominas Augen glänzten auf, und sie lächelte.

»Mit mir wirst du nie zu deinem Schaden hinübergehen.«

»Des bin ich sicher, Gessina«, antwortete er, ihre Hand fassend. – »Indes ist dies für mich ein unauflösliches Rätsel. Gehst du gewöhnlich über diese Galerie nach dem Palast?«

»Der Weg wird nicht benutzt, außer von den Wächtern und den Verurteilten, wie du ohne Zweifel oft gehört hast; aber dennoch haben sie mir die Schlüssel gegeben und mir die Windungen gezeigt, damit ich dir, wie gewöhnlich, als Führerin dienen könne.«

»Gelsomina, ich fürchte, ich bin zu glücklich in deiner Gesellschaft gewesen, um zu bemerken, wie es mir die Klugheit hätte eingeben sollen, welch seltene Güte mir der Rat durch diese Erlaubnis erzeigt!«

»Bereust du es, Carlo, meine Bekanntschaft gemacht zu haben?«

Der traurige Vorwurf im Ton ihrer Stimme rührte den Bravo so, daß er die Hand, die er hielt, mit Wärme küßte.

»Da müßte ich die einzigen glücklichen Stunden bereuen, die ich seit Jahren gekannt habe«, sagte er. »Nein, nein, nicht einen Augenblick hat’s mich gereut, dich zu kennen, meine Gelsomina! Ist es aber nicht sonderbar, daß einem Manne wie mir erlaubt wird, das Gefängnis so ohne andere Wächter zu besuchen?«

»Ich habe es nicht so gefunden; aber freilich, gewöhnlich ist es nicht.«

»Wir fanden gegenseitig so viel Vergnügen aneinander, teure Gessina, daß wir übersahen, was uns erschrecken sollte.«

»Erschrecken, Carlo?«

»Oder wenigstens mißtrauisch machen; denn diese listigen Senatoren sind nie gnädig ohne Ursache. Doch ist es jetzt zu spät, die Vergangenheit zurückzurufen, wenn wir es auch wollten; und in allem, was dich betrifft, möchte ich auch nicht das Andenken an einen einzigen Augenblick verlieren. Laß uns weitergehen.«

»Die Jahreszeit ist vorgerückt, Carlo«, antwortete sie kaum hörbar, »und wir würden ihn vergebens unter den Zellen suchen.«

»Ich verstehe dich«, sagte er.

Damit der Leser die Anspielungen, die unseren Liebenden so klar scheinen, verstehe, wird es nötig sein, ihn mit einem anderen schändlichen Zug der venezianischen Staatspolitik bekannt zu machen.

Im fürstlichen Gebäude gab es Sommer- und Winterzellen. Der Leser wird vielleicht glauben, daß bei dieser Einrichtung die Barmherzigkeit geringe Erleichterungen für die Unglücklichen beabsichtigt hatte; allein, dies hieße einem Kollegium Mitleid zuschreiben, das bis zu seinen letzten Augenblicken kein Band kannte, wodurch es mit Gefühlen für menschliche Schwachheit zusammengehangen hätte. Weit entfernt, die Leiden der Gefangenen zu beachten, hatte man vielmehr ihre Winterzellen unter der Oberfläche der Kanäle und ihre Sommerwohnungen unter den der Sonnenhitze jenes Klimas ausgesetzten Bleidächern angebracht. Den Gefangenen, den Jacopo und Gelsomina suchten, hatte man in der Tat kürzlich aus den feuchten Zellen, in denen er den Winter und Frühling verlebt, nach den glühenden Stuben unter dem Dache gebracht.

Gelsomina ging immer voran, doch mit so traurigem Auge und so umwölktem Gesicht, daß man daraus hinlänglich den Anteil erkannte, den sie an den Leiden ihres Gefährten nahm. Sie erstiegen schweigend mehrere Treppen, öffneten und schlossen zahllose Türen und durchwanderten einige enge Korridore, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichten. Während Gelsomina den Schlüssel zur Tür, vor der sie stillstanden, aus einem großen Bunde heraussuchte, atmete der Bravo in der heißen Luft des Daches wie jemand, der dem Ersticken nahe ist.

»Sie versprachen mir doch, daß dies nie wieder der Fall sein sollte«, sagte er, »doch Teufel wie sie vergessen ihr Versprechen!«

»Carlo! – Du vergißt, daß dies der Palast des Dogen ist!« flüsterte das Mädchen, einen furchtsamen Blick hinter sich werfend.

»Ich vergesse nichts, was mit der Republik in Verbindung steht! – Es steht alles hier«, an seine erhitzte Stirn schlagend, »und was nicht hier steht, ist in meinem Herzen!« »Armer Carlo! Das kann ja nicht immer währen – es wird ja ein Ende nehmen.«

»Du hast recht«, antwortete der Bravo dumpf. »Das Ende ist näher, als du denkst. Es tut nichts, drehe nur den Schlüssel um, damit wir hineinkommen.«

Gelsomina öffnete, und sie traten ein.

»Vater!« rief der Bravo aus und eilte zu einem auf der Erde ausgebreiteten Strohlager.

Die abgezehrte und schwache Gestalt eines alten Mannes erhob sich bei diesem Worte, und ein Auge, das innere Schwäche verriet und doch in diesem Augenblick selbst glänzender als das seines Sohnes war, blickte auf Gelsomina und ihren Gefährten.

»Du hast nicht gelitten, wie ich fürchtete, Vater, durch diesen plötzlichen Wechsel«, sagte der Bravo, an dem Strohlager niederkniend. »Dein Auge, deine Wange und dein ganzes Ansehen ist besser als unten in den feuchten Kellern.«

»Ich bin hier glücklich«, erwiderte der Gefangene, »hier ist Licht, und wenn sie mir auch zuviel davon gegeben haben, so kannst du doch nicht begreifen, wie groß das Vergnügen ist, Tageslicht nach einer so langen Nacht zu sehen.«

»Er ist besser, Gelsomina – sie haben ihn noch nicht zerstört. Sieh! Sein Auge ist glänzend, und seine Wange hat Glut!«

»Sie sind immer so, nachdem er den Winter in den unteren Kerkern verlebt hat«, flüsterte das Mädchen.

»Hast du mir was Neues zu erzählen, mein Sohn? – Wie steht’s mit deiner Mutter?«

Jacopo beugte das Haupt, um den Schmerz nicht zu zeigen, den ihm diese Frage verursachte, die er nun schon hundertmal gehört hatte.

»Sie ist glücklich, Vater – so glücklich, wie jemand sein kann, der dich, entfernt von dir, so sehr liebt.«

»Spricht sie oft von mir?«

»Das letzte Wort, was ich von ihren Lippen hörte, war dein Name.«

»Heilige Maria, segne sie! Ich hoffe, daß sie meiner in ihren Gebeten gedenkt?«

»Zweifle nicht daran, Vater, es sind die Gebete eines Engels.«

»Und deine geduldige Schwester? – Du hast ihrer noch nicht gedacht, mein Sohn.«

»Ihr ist auch wohl, Vater.«

»Hat sie aufgehört, sich zu grämen, weil sie die unschuldige Ursache meiner Leiden gewesen ist?«

»Ja, mein Vater.«

»So quält sie sich nicht mehr über ein Unglück, dem nicht abzuhelfen ist?«

Der Bravo schien in dem teilnehmenden Auge der blassen und sprachlosen Gelsomina Trost zu suchen.

»Sie hat aufgehört, sich zu quälen, Vater«, sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Du hast deine Schwester immer mit Zärtlichkeit geliebt, mein Sohn. Dein Herz ist gut, wie ich aus Erfahrung weiß. Hat Gott mir Kummer gegeben, so hat er mich dagegen gesegnet in meinen Kindern.«

Eine lange Pause erfolgte, während der Vater über die Vergangenheit nachzudenken und der Sohn sich über das Aufhören der Fragen, die seine Seele marterten, zu freuen schien – indem die, von denen der Vater sprach, längst als Opfer des Familienunglücks gefallen waren. – Der Greis wandte seine gedankenvollen Blicke auf den noch immer knienden Bravo und fuhr fort: »Es ist wenig Hoffnung, daß sich deine Schwester verheiraten wird. Niemand mag sich gern mit den Geächteten verbinden.«

»Sie wünscht es nicht – sie wünscht es nicht – sie ist glücklich bei der Mutter.«

»Dies Glück wenigstens wird ihnen die Republik nicht mißgönnen. Ist gar keine Hoffnung, daß wir uns bald wiedersehen?«

»Du wirst meine Mutter sehen – ja, diese Freude kommt endlich.«

»Es ist eine schwere Zeit, seit ich keinen meiner Blutsverwandten, außer dir, gesehen habe. Knie nieder, damit ich dich segne.«

Jacopo, der sich unter seinen Seelenqualen erhoben hatte, beugte nun sein Haupt, um den väterlichen Segen zu empfangen. Die Lippen des Alten bewegten sich, und seine Augen blickten zum Himmel, doch sprach sein Herz mehr als seine Zunge. Gelsomina schien ihre Gebete mit denen des Vaters zu vereinigen. Als die stille, feierliche Handlung beendet war, machte jeder das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes, und Jacopo küßte die runzlige Hand des Gefangenen.

»Hast du Hoffnung für mich?« fragte der Alte. »Versprechen sie noch immer, daß ich das Licht der Sonne wiedersehen soll?«

»Ja, sie versprechen alles Gute!«

»Ich wollte, ihre Worte wären wahr! Ich lebe seit langer Zeit von dieser Hoffnung – mich dünkt, ich bin schon länger als vier Jahre in diesen Mauern?«

Jacopo schwieg, denn er wußte, daß sein Vater nur die Zeit nannte, seit der es ihm selbst erlaubt gewesen war, ihn zu sehen.

»Ich baute auf die Hoffnung, daß sich der Doge seines alten Dieners erinnern und die Tür meines Gefängnisses öffnen würde.«

Immer noch schwieg Jacopo, denn der Doge, von dem der andere sprach, war längst tot

»Und dennoch bin ich nicht ohne Freuden in meiner Gefangenschaft. Sieh hierher, mein Sohn«, sagte der Alte, in dessen Auge fieberhafter Wahnsinn durchschimmerte, erzeugt durch die kürzliche Veränderung seines Kerkers und durch die, aus Mangel an Übung, wachsende Schwäche des Geistes, »Siehst du die Spalte in jenem Stückchen Holz? Sie öffnet sich nach und nach durch die Hitze, und seit ich hier wohne, ist die Spalte zweimal so lang geworden. Ich bilde mir manchmal ein, wenn sie das Astloch dort erreicht, dann werden sich die Herzen der Senatoren erweichen und meine Tür wird sich öffnen. Ich habe meine Freude dran, sie so Jahr für Jahr einen Zoll nach dem anderen wachsen zu sehen.«

»Ist dies alles?«

»Nein, ich habe noch andere Freuden. Vergangenes Jahr war eine Spinne hier, die ihr Gewebe an jenen Balken hängte, auch sie war mir eine Gesellschaft, die ich liebte. Sie können mich wegen falscher Anklage einsperren und mich jahrelang von Weib und Tochter trennen, all meine Freuden können sie mir doch nicht rauben.«

Der greise Gefangene schwieg gedankenvoll. Eine kindische Ungeduld glühte in seinen Augen, und er blickte von der Spalte, der Gefährtin so vieler einsamer Jahre, auf seinen Sohn, als fürchte er, seiner Freuden beraubt zu werden.

»Wohl! Mögen sie mir auch diese nehmen«, sagte er und zog die Decke über sein Haupt, »ich will ihnen dennoch nicht fluchen!«

»Vater!«

Der Gefangene antwortete nicht.

»Vater!«

»Jacopo!«

Jetzt war es der Bravo, der sprachlos dastand. Er wagte selbst nicht einmal, einen verstohlenen Blick auf die atemlos aufmerksame Gelsomina zu werfen, obgleich ihm das Herz vor Verlangen schlug, ihre offenen Züge zu lesen.

»Hörst du mich, mein Sohn?« fuhr der Gefangene, sein Haupt aufdeckend, fort. »Denkst du wirklich, daß sie das Herz haben werden, die Spinne aus meiner Zelle zu jagen?«

Jacopo beruhigte das Gemüt des Gefangenen und leitete seine Gedanken nach und nach auf andere Gegenstände. Er legte einige Nahrungsmittel, die man ihm erlaubt hatte mitzubringen, an das Lager nieder, sprach nochmals von der Hoffnung der Befreiung und schickte sich zum Fortgehen an.

»Ich will versuchen, dir zu glauben, mein Sohn«, sagte der alte Mann, der gute Gründe hatte, so oft getanen Versicherungen nicht zu trauen. »Ich will alles tun, was ich kann, um es zu glauben. Du wirst der Mutter sagen, daß ich nicht aufhöre, an sie zu denken und für sie zu beten, und wirst deine Schwester im Namen ihres armen, gefangenen Vaters segnen.«

Der Bravo verbeugte sich bejahend, erfreut, des Sprechens überhoben zu sein. Auf ein Zeichen des Alten kniete er nieder und empfing den Abschiedssegen. Nachdem er sich mit Ordnen des wenigen Gerätes in der Zelle beschäftigt und eine oder zwei Spalten, um mehr frische Luft hineinzulassen, zu erweitern versucht hatte, verließen sie das Gemach.

Auf ihrem Rückwege durch das Labyrinth, das sie nach dem Dache geführt, sprachen weder Gelsomina noch Jacopo eher ein Wort, als bis sie sich auf der Seufzerbrücke befanden. Selten betrat diese Galerie ein menschlicher Fuß, daher erwählte sie das Mädchen als den zur weiteren Unterhaltung sichersten Ort.

»Findest du ihn verändert?« fragte sie, unter dem Bogen stillstehend.

»Sehr!«

»Deine Worte haben eine traurige Bedeutung.«

»Ich habe meine Züge nicht gelehrt, dich zu täuschen, Gelsomina. «

»Doch ist noch Hoffnung – du sagtest ihm selbst, es sei noch Hoffnung.«

»Heilige Maria, vergib den Betrug! Ich konnte seinem Funken Leben den einzigen Trost nicht rauben.«

»Carlo! – Carlo! – Warum bist du so ruhig? Nie hörte ich dich von dem deinem Vater angetanen Unrecht und seiner Gefangenschaft so ruhig sprechen.«

»Das macht, weil seine Befreiung so nahe ist.«

»Eben diesen Augenblick war er ohne Hoffnung, und jetzt sprichst du von Befreiung?«

»Die Befreiung durch den Tod. Selbst der Zorn des Senats muß das Grab achten.«

»Glaubst du sein Ende so nahe? Ich hatte die Veränderung nicht bemerkt.«

»Du bist gütig, teure Gessina, treu deinen Freunden und ohne Argwohn der Verbrechen, die deine Unschuld nicht kennt. Aber jedem, der so viel Schlechtigkeit gesehen hat wie ich, kommt bei jeder Gelegenheit ein mißtrauischer Gedanke. Die Leiden meines armen Vaters sind ihrem Ende nahe, denn seine Natur ist erschöpft; wäre dies aber auch nicht der Fall, so sehe ich voraus, daß man Mittel finden würde, sie zum Ende zu bringen.«

»Du kannst doch unmöglich glauben, daß ihm hier irgend jemand etwas zuleide tun wird?«

»Niemand, der dir angehört. Dich und deinen Vater, Gelsomina, haben die Heiligen hierhergesetzt, damit die Teufel nicht zuviel Macht auf Erden haben möchten.«

»Ich verstehe dich nicht, Carlo – doch du bist oft so. Dein Vater bediente sich heute im Gespräch mit dir eines Wortes, von dem ich wünschte, er hätte es nicht gesprochen.« Der Bravo warf einen hastigen, argwöhnischen Blick auf seine Begleiterin und wandte sich schnell wieder ab.

»Er nannte dich Jacopo«, fuhr das Mädchen fort.

»Den Menschen wird oft durch die Güte ihrer Schutzpatrone ein Schimmer ihrer Schicksale zuteil.«

»Meinst du damit, Carlo, daß dein Vater argwöhnt, der Senat würde sich des genannten Ungeheuers gegen ihn bedienen?«

»Warum nicht? – Sie haben sich wohl ärgerer Menschen bedient. Wenn man der Sage trauen darf, so ist er ihnen nicht unbekannt. «

»Kann das wohl sein! – Du bist erbittert gegen die Republik, weil sie deiner Familie unrecht getan haben; aber du kannst doch nicht glauben, daß sie je den Dolch eines Banditen besoldet?«

»Ich sagte nicht mehr, als was man sich täglich auf den Kanälen zuflüstert.«

»Ich wünschte, dein Vater hätte dich bei diesem schrecklichen Namen nicht genannt, Carlo!«

»Du bist zu weise, um dich durch ein Wort irreleiten zu lassen, Gelsomina. Aber was denkst du von meinem unglücklichen Vater?«

»Dein Besuch war nicht wie die früheren Besuche, die du ihm in meiner Begleitung gemacht hast. Ich weiß nicht warum, aber mir schien es, du hegtest sonst selbst die Hoffnungen, mit denen du den Gefangenen aufzuheitern suchtest, während du jetzt ein schreckliches Vergnügen in der Hoffnungslosigkeit zu finden scheinst.«

»Deine Furcht täuscht dich«, sagte der Bravo kaum hörbar, »und wir wollen darüber nicht weiter sprechen. Der Senat wird uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es sind ehrenwerte Herren, hochgeboren und berühmt. Es wäre Tollheit, den Patriziern nicht zu trauen. Weißt du nicht, Mädchen, daß ein aus adligem Blut Entsprossener über alle Schwachheiten und Versuchungen erhaben ist, die uns von niedriger Geburt einengen? Sie sind Menschen, die schon ihre Geburt über die Schwachheit der Sterblichen erhoben hat, und da sie niemandem Rechenschaft zu geben haben, so sind sie sicher, immer recht zu tun. Das ist vernünftig, wer kann daran zweifeln?« Der Bravo lachte bitter, als er mit diesen Worten endete.

Das furchtsame Mädchen bebte zurück und dachte einen Augenblick daran, zu fliehen, denn nie hörte sie in ihren zahlreichen, vertraulichen Unterhaltungen ein so bitteres Lachen, und nie sah sie eine so wilde Glut in ihres Gefährten Auge.

»Fast möcht ich glauben, dein Vater gebrauchte den rechten Namen, Carlo«, sagte sie, als sie, sich fassend, einen vorwurfsvollen Blick auf seine noch immer aufgeregten Züge warf.

»Eltern kommt es zu, ihren Kindern Namen zu geben – doch genug. Ich muß dich verlassen, gute Gelsomina, und ich verlasse dich mit schwerem Herzen.«

Die arglose Gelsomina vergaß ihren Schreck. Sie wußte nicht warum, aber wiewohl der vermeintliche Carlo sie nie verließ, ohne daß es sie traurig machte, so fühlte sie doch, als er jetzt diese Worte sprach, ihr Gemüt mehr als sonst bedrückt.

»Du hast dein Geschäft, und das darf nicht versäumt werden. Hast du in der letzten Zeit Glück gehabt mit deiner Gondel, Carlo?«

»Gold und ich, wir sind uns fast fremd. Die Republik hat mir die Last aufgebürdet, den ehrwürdigen Gefangenen vom Ertrag meiner Arbeit zu ernähren.«

»Ich besitze nur wenig, wie dir bekannt ist, Carlo«, sagte Gelsomina halblaut, »doch gehört es dir. Daß mein Vater nicht reich ist, kannst du begreifen, sonst würde er nicht von den Leiden anderer leben und die Schlüssel zu ihren Gefängnissen bewahren.«

»Sein Geschäft ist besser als das Amt derer, die ihm diese Pflicht auferlegten. Hart ich die Wahl, ob ich lieber die gehörnte Mütze tragen, den Festen in ihren Hallen beiwohnen, in ihren Palästen leben, das glänzende Spielwerk ihrer Prachtgelage, wie des gestrigen, mitmachen, in ihren Gerichtshöfen Ränke mitschmieden und einer der herzlosen Richter sein, die ihre Mitmenschen zum Elend verdammen – oder der bloße Aufbewahrer der Schlüssel und Schließer sein wollte, so würde ich freudig das letztere Amt ergreifen, nicht nur als das unschuldigere, sondern auch als das bei weitem ehrenvollere!«

»Du urteilst nicht, wie die Welt urteilt. Ich fürchtete, du würdest dich schämen, eines Gefangenenwärters Tochter zum Weibe zu nehmen; ja, ich mag dir es nicht länger verbergen, da du nun so ruhig sprichst – ich habe gemeint, daß es so sein müsse.«

»Dann hast du weder die Welt noch mich begriffen. Wäre dein Vater beim Senat oder unter dem Gerichtshof der Dreimänner (wenn man überhaupt je erfahren könnte, wer zu dieser furchtbaren Dreizahl gehöre), dann hättest du Ursache zum Gram. Doch, Gelsomina, die Kanäle werden dunkel, ich muß fort.«

Das zögernde Mädchen sah die Wahrheit seiner Worte ein, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür der bedeckten Brücke. Einige Windungen und eine kurze Treppe brachten den Bravo und seine Gefährtin zu den Kais hinab. Hier nahm er hastig Abschied und verließ das Gefängnis.

Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

Als Don Camillo Monforte in die Gondel getreten war, setzte er sich nicht in die Kajüte. Einen Arm auf das Dach des Baldachins gelehnt, den Mantel nachlässig über eine Schulter geworfen, stand der junge Edle in Gedanken vertieft, bis seine geschickten Dienstleute das Fahrzeug mitten aus der kleinen Flotte, die sich am Kai drängte, losgewirrt und ins offene Wasser gebracht hatten. Nach diesem ersten Geschäft griff Gino an seine Scharlachmütze und sah seinen Herrn fragend an, des Befehls gewärtig, nach welcher Richtung er rudern solle. Eine stillschweigende Bewegung, die auf den Canale Grande deutete, diente zur Antwort.

»Du setzest eine Ehre darin, Gino, deine Geschicklichkeit in der Regatta zu zeigen?« bemerkte Don Camillo nach einer kleinen Weile. »Dies Streben verdient durch Erfolg belohnt zu werden. Du sprachst da mit einem Fremden, als ich dich zur Gondel rief?«

»Ich erkundigte mich, was es auf unseren kalabrischen Höhen Neues gäbe, bei einem, der mit seiner Feluke in den Hafen kam, obgleich er beim heiligen Januarius geschworen hatte, daß seine vorige unglückliche Reise hierher die letzte sein sollte.«

»Wie nennt er seine Feluke, und wie heißt der Padrone?«

»Das Schiff heißt ›La bella Sorrentina‹ und wird von einem gewissen Stefano Milano, dem Sohn eines alten Dieners auf Sant‘ Agata, kommandiert. Was die Schnelligkeit anbetrifft, ist das Schiff keins der schlechtesten und gilt auch für ziemlich schön.«

Der Edle schien jetzt dem Gespräch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, da er es bisher in dem gleichgültigen Tone geführt hatte, mit dem ein herablassender Vorgesetzter seinen Untergebenen zu ermuntern pflegt.

»›La bella Sorrentina‹. Sollte ich nicht das Fahrzeug kennen?«

»Ei freilich, Signore! Der Padrone hat Verwandte zu Sant‘ Agata, wie ich Ew. Exzellenz berichtet habe, und sein Schiff hat manch frostigen Winter beim Schlosse auf dem Strand gelegen.«

»Was führt ihn nach Venedig?« »Wenn ich das erfahren könnt, ich gab meine neueste Livreejacke drum. Es ist gerade meine Sach nicht, mich um anderer Leute Tun zu kümmern, und freilich wohl ist Bescheidenheit die Haupttugend eines Gondoliere. Indes ich brachte so ’nen geheimen Wink über sein Gewerb hier an, wie alte Nachbarn wohl mögen, da war der Mensch aber so zurückhaltend, als hätt er die Beichten von fünfzig Christenseelen in Fracht genommen. Aber wenn’s Ew. Exzellenz gelegen ist, mir Vollmacht zu geben, ihn auszufragen, so müßt’s ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht so mit dem Respekt vor Ew. Exzellenz und mit guter Manier etwas mehr von ihm herausbrächten als einen falschen Frachtzettel?«

»Du magst unter meinen Gondeln eine zur Regatta auswählen, Gino!« bemerkte der Herzog von Sant‘ Agata und trat in die Kajüte, wo er sich auf die glatten, schwarzledernen Kissen warf, ohne weiter auf das Geschwätz seines Dieners zu achten.

Geräuschlos flog die Gondel dahin in jener gespenstischen Weise, die dieser Art von Fahrzeugen eigen ist. Gino, der, als der Vorgesetzte seines Gehilfen auf dem kleinen, geschweiften Verdeck des Hinterteils stand, bewegte sein Ruder mit gewohnter Behendigkeit und Geschicklichkeit, indem er das leichte Boot bald zur Rechten, bald zur Linken schwenken ließ, während es zwischen den zahllosen entgegenkommenden Barken von allerlei Form und Bestimmung hindurchglitt. Ein Palast nach dem andern und mancher von den Hauptkanälen, die nach den verschiedenen Schauspielhäusern und den übrigen Vergnügungsorten führten, die sein Herr zu besuchen pflegte, blieben dahinten, ohne daß Don Camillo eine neue Anweisung gab. Endlich befand sich das Boot einem Hause gegenüber, das mehr als gewöhnliche Erwartung zu erregen schien. Giorgio führte sein Ruder nur mit einer Hand und sah über seine Schulter nach Gino, und dieser ließ das seinige gemächlich auf dem Wasser schleppen. Beide schienen weiteren Befehl zu erwarten, nach Art jener mechanischen Übereinstimmung mit der Gewohnheit des Gebieters, die ein lang gebrauchtes Pferd in der Nähe einer Tür zu zeigen pflegt, die sein Herr selten unbesucht läßt.

Das Gebäude, das die Gondolieri so zögern machte, war eine von den Wohnungen Venedigs, die durch äußere reiche Verzierung ebensosehr auffallen als durch ihre seltsame Lage mitten im Wasser. Ein plumper, massiver Sockel von Marmor wurzelte so fest in der Flut, als wüchse er aus lebendigem Felsen, während Stockwerk auf Stockwerk merklich aufgesetzt war, in mutwilliger Anwendung der eigensinnigsten Regeln einer ausschweifenden Architektur, sich bis zu einer Höhe hinauftürmend, wie man sonst nur an Palästen der Fürsten zu sehen gewohnt ist. Kolonnaden, Medaillons und massive Karniese schwebten über dem Kanal, als hätte menschliche Kunst einen Stolz darein gesetzt, in der schweren Fülle des oberen Baues das unstete Element an seinem Fuße zu höhnen. Eine Reihe Stufen, an die jede leichte, von der vorüberfahrenden Barke erregte Wallung eine Welle antrieb, führte zu einem geräumigen Hausflur, der in verschiedener Beziehung die Dienste eines Hofraums tat. Zwei bis drei unbemannte Gondeln, die dicht dabei lagen, zeigten, daß sie für den Gebrauch der Hausbewohner da waren.

»Wohin belieben Ew. Exzellenz?« fragte Gino, als er merkte, daß sein Zögern keinen weiteren Auftrag bewirkte.

»Nach dem Palazzo!«

Giorgio warf einen Blick der Verwunderung auf seinen Kameraden, jedoch die folgsame Gondel schoß, wie auf plötzlichen inneren Antrieb, an der düsteren, aber reichen Wohnung vorüber. Einen Augenblick darauf drehte sie sich seitwärts, und an dem hohlen Rauschen, wie es Wasser zwischen hohen Mauern erzeugt, war zu merken, daß man in einen engeren Kanal einfuhr. Mit verkürzten Rudern ließen die Leute das Boot nach vorwärts gehen, jetzt in einen neuen Kanal kurz einbiegend, jetzt unter einer niedrigen Brücke hinschlüpfend, jetzt das bei Bootsleuten des Landes übliche helle, aber wohlklingende »già è« ausstoßend, das den Entgegenschiffenden zur Warnung dient. Bald jedoch wandte Gino mit einer Rückbewegung des Ruders den Bord des gehemmten Fahrzeugs einer kleinen Treppe zu.

»Folge mir«, sagte Don Camillo, indem er seinen Fuß mit gewohnter Vorsicht auf die nassen Steine setzte, und legte eine Hand auf Ginos Schulter. »Ich habe einen Auftrag für dich.«

Weder der Hausflur noch der Eingang und was sonst von der Wohnung zunächst in die Augen fiel, verriet so viel Pracht und Reichtum als jener Palast im großen Kanal, doch war immer noch die Wohnung eines Edelmanns von Bedeutung daran zu erkennen.

»Du wirst wohltun, Gino, dein Glück der neuen Gondel anzuvertrauen«, sagte der Herr, die schweren Steinstufen zu einem oberen Flur hinansteigend, und wies auf ein neues, schönes Boot, das in einem Winkel der geräumigen Halle lag, wie man etwa anderswo Kutschen im Hofe stehen sieht. »Du weißt, Freund, wer Gunst finden will bei Jupiter, muß selber Hand ans Werk legen.«

Ginos Auge glänzte vor Freude, und er ergoß sich in Danksagungen. Der erste Flur war erreicht, und schon befanden sich die beiden in einer Reihe düsterer Gemächer, ehe sich die Dankbarkeit und der Handwerksstolz des Gondoliere hinlänglich Luft gemacht hatten.

»Mit einem tüchtigen Arm und einer behenden Gondel kannst du so gut siegen, Gino, als ein anderer«, sagte Don Camillo, indem er die Tür schloß, sobald sein Diener im Zimmer war. »Jetzt kannst du mir einen neuen Beweis von deinem Eifer in meinem Dienste geben. Ist dir ein Mann namens Jacopo Frontoni persönlich bekannt?«

»Exzellenz!« rief der Gondoliere, nach Luft schnappend.

»Ich frage dich, ob du einen, der Frontoni heißt, von Angesicht kennst?«

»Von Angesicht, Signore?«

»Woran sonst wolltest du einen Mann erkennen?«

»Einen Mann, Signor Don Camillo!«

»Hast du deinen Herrn zum besten, Gino? Ich habe dich gefragt, ob dir ein gewisser Jacopo Frontoni von Person bekannt ist, der hier in Venedig wohnt?«

»Ja, Exzellenz!«

»Ich meine den, der längst durch das Unglück seiner Familie bekannt ist; sein Vater soll auf der dalmatischen Küste oder anderswo in Verbannung leben.«

»Ja, Exzellenz!«

»Es gibt viele dieses Namens, es ist daher wichtig, daß du den rechten Mann nicht verfehlst. Der Frontoni, den ich meine, heißt Jacopo, ist ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, hat eine behende Gestalt, ein schwermütiges Gesicht und kein so lebhaftes Wesen, als man in seinen Jahren zu haben pflegt.«

»Ja, Exzellenz!«

»Er unterhält nur wenig Umgang mit seinesgleichen und zeichnet sich mehr durch ein schweigsames Betreiben seiner Geschäfte als durch die gewöhnlichen Tändeleien und Vergnügungen von Leuten seines Schlages aus. Also, ein gewisser Jacopo Frontoni, der irgendwo in der Nähe des Arsenals wohnt, ist’s, den ich meine.«

»Cospetto! Herr Herzog, uns Gondolieri ist der Mensch so bekannt wie die Rialtobrücke, Exzellenz brauchen sich mit seiner Beschreibung nicht zu mühen.«

Don Camillo suchte unter den Papieren in seinem Schreibtische. Bei der Bemerkung seines Dieners blickte er etwas überrascht auf, fuhr dann aber gelassen wieder fort zu suchen, indem er sagte: »Wenn dir der Mann bekannt ist, desto besser.«

»Ja, Exzellenz! Und was ist Ihr Begehren von diesem verwünschten Jacopo?«

Der Herzog von Sant‘ Agata schien jetzt das Gesuchte gefunden zu haben, legte die umhergeworfenen Papiere wieder zusammen und schloß den Schreibtisch zu.

»Gino«, redete er nun seinen Diener in einem vertrauten und freundschaftlichen Tone an, »du bist auf meinen Gütern geboren, und obgleich in Venedig zum Schiffer erzogen, so hast du doch dein Leben in meinem Dienste zugebracht.«

»Ja, Exzellenz!«

»Es ist mein Wunsch, daß du dein Leben beschließen sollst, wo du es begannst. Ich hab in deine Verschwiegenheit bisher immer viel Vertrauen gesetzt, und es freut mich, sagen zu können, daß es mich nie getäuscht hat, wiewohl du Zeuge warst von einigen meiner Jugendtaten, die deinem Herrn manche Verlegenheit zuziehen konnten, wenn du minder verschwiegen warst.«

»Ja, Exzellenz!« Don Camillo lächelte, aber dies heitere Aufleuchten machte schnell einem ernsten und besorgten Blicke Platz.

»Da du den Mann kennst, den ich dir genannt habe, so ist unser Geschäft einfach. Nimm dies Paket«, sagte er und legte einen versiegelten Brief von mehr als gewöhnlicher Größe in die Hand des Gondoliere, zugleich einen Siegelring vom Finger ziehend, »und dies zum Wahrzeichen deiner Sendung. In dem Bogen des Dogenpalastes, der zum Kanal San Marco führt, unter der Seufzerbrücke, wirst du Jacopo finden. Gib ihm das Paket, und sollte er es wünschen, so zeige ihm auch den Ring. Erwarte sein Geheiß und bringe mir Antwort.«

Gino vernahm diesen Befehl mit vollkommener Ehrerbietung, aber mit unverhohlenem Schrecken. Die gewohnte Unterwerfung unter den Willen seines Herrn schien in ihm mit tiefem Abscheu gegen das ihm aufgetragene Geschäft zu kämpfen. Es zeigte sich sogar in seinem wenn auch unterwürfigen Zaudern eine Spur davon, daß der Grund zu seinem Widerwillen tiefer lag. Wenn dem Don Camillo der Blick und die Gebärdung seines Dieners überhaupt nicht entgingen, so tat er doch, als merkte er nichts.

»Beim gewölbten Durchgange des Palastes unter der Seufzerbrücke«, sagte er nochmals kaltblütig. »Mach, daß du zeitig hinkommst, möglichst kurz vor der ersten Stunde der Nacht.«

»Ich wollte, Signore, es hätte Euch beliebt, Giorgio und mir zu befehlen, Euch nach Padua zu fahren.«

»Das ist weit. Warum hast du mit einem Male Lust, dich so müde zu machen?«

»Weil es da auf den Wiesen keinen Dogenpalast gibt und keine Seufzerbrücke und keinen Hund von Jacopo Frontoni.«

»Mein Auftrag ist dir nicht genehm, aber du sollst wissen, daß ein treuer Diener gewissenhaft auszuführen hat, was ihm sein Herr befiehlt. Du bist geboren auf meinem Grund und Boden, Gino Monaldi, und obgleich du von Jugend auf dies Geschäft eines Gondoliere versehen hast, bist du doch eigentlich mein Vasall in Neapel.«

»St. Januarius verleih mir Dankbarkeit für solche hohe Ehre, Signore! Aber es gibt keinen Wasserhändler in den Straßen von Venedig und keinen Schiffer auf den Kanälen, der nicht diesen Jacopo überall hin wünschte, nur nicht in Abrahams Schoß. Er ist der Schrecken aller jungen Liebhaber und aller dringenden Gläubiger auf den Inseln.«

»Du siehst, einfältiger Schwätzer, daß es noch von den ersteren einen gibt, der sich nicht vor ihm fürchtet. Du suchst ihn auf unter der Seufzerbrücke, zeigst ihm den Siegelring und übergibst ihm das Paket, wie ich dir befohlen habe.«

»Ich bin um meine ganze Ehre, wenn man mich mit dem gottlosen Kerl reden sieht. Erst gestern sagte Annina, die hübsche Tochter des alten Weinhändlers auf dem Lido, in Jacopo Frontonis Gesellschaft gesehen zu werden sei ebenso schlimm, als wenn einer zweimal dabei ertappt wird, altes Tau aus dem Arsenal zu entwenden, wie es ihrer Mutter Vetter, dem Roderigo, erging.«

»Dein Gleichnis schmeckt nach der Moral vom Lido. Vergiß nicht, den Ring zu zeigen, damit er deiner Botschaft nicht mißtraue. «

»Hätte mir Ew. Exzellenz nicht befehlen können, die Flügel des Löwen zu kappen oder ein besseres Gemälde zu malen als Tiziano di Vezelli? Es ist mir in den Tod zuwider, auch nur gegrüßt zu werden von einem von Euern Kehlabschneidern. Sah mich einer von unsern Gondolieri mit dem Manne reden, Ew. Exzellenz‘ ganzer Einfluß reichte nicht hin, mir einen Platz bei der Regatta zu verschaffen.«

»Wenn er dich bleiben heißt, Gino, so warte ab, was ihm beliebt, wenn er dich aber gleich wieder fortschickt, so eile zurückzukommen, damit ich Bescheid erhalte.«

»Ich weiß sehr wohl, Signore Don Camillo, daß die Ehre eines Edelmannes von zarterer Natur ist als die seines Bedienten und daß ein Fleck auf der seidenen Senatorsrobe weiter gesehen wird als der Schmutz auf einer Livreejacke. Wenn aber einer, der Ew. Exzellenz‘ Aufmerksamkeit nicht wert ist, eine Beleidigung gewagt hat, sind Giorgio und ich jederzeit bereit, zu beweisen, wie sehr es uns am Herzen liegt, daß unseres Herrn guter Name nicht angetastet werde. Aber so ein Mietling für zwei oder zehn oder auch hundert Zechinen!« »Ich danke dir für den Wink, Gino. Geh schlafen in deine Gondel und schicke Giorgio in mein Kabinett.«

»Signore!«

»Bist du denn entschlossen, keinen von meinen Aufträgen auszuführen? «

»Befehlen Ew. Exzellenz, daß ich auf dem Fußweg zur Seufzerbrücke gehe oder durch die Kanäle?«

»Du könntest einer Gondel bedürfen – zu Wasser.«

»Ehe sich ein Gaukler umdrehen kann, soll Antwort da sein von Jacopo.«

So seine Absicht plötzlich ändernd, verließ der Gondoliere das Zimmer; sein Widerwille verstummte augenblicklich, als er sah, daß ein anderer das ihm vom Herrn geschenkte Vertrauen genießen sollte. Er stieg schnell eine geheime Treppe hinunter, um den Hausflur zu vermeiden, wo ein halbes Dutzend Dienstleute verschiedentlich beschäftigt war. Ein enger Korridor des Palastes führte ihn in einen inneren Hof und dann durch eine niedrige, unscheinbare Tür in einen dunklen Weg, der mit der nächsten Straße zusammenhing.

Es ist der Fehler der meisten Beschreibungen von Venedig, daß sie von den Kanälen viel zu rühmen wissen, aber nichts melden von den stillen, engen, gepflasterten, bequemen Straßen, die alle Inseln durchschneiden und miteinander durch zahllose Brücken; zusammenhängen.

In eine von diesen Straßen gelangte Gino, als er aus dem geheimen Gange trat, der zu dem Palast seines Herrn führte. Er brach sich durch die hin und her ziehende Menge Bahn, geschickt wie ein Aal, der sich durch die Wucherpflanzen der Lagunen schmiegt. Nickend nur beantwortete er die häufigen Grüße seiner Kameraden und hemmte seinen schnellen Schritt erst, als er in einem Stadtviertel, das Leute geringen Standes bewohnten, in die Tür einer niedrigen dunklen Wohnung trat. Zwischen Fässern, Tauwerk und Wegwurf aller Art umhertappend, gelang es dem Gondoliere, eine innere versteckte Tür zu finden, die in ein kleines Zimmer führte, das sein Tageslicht nur aus einer Art Spalt zwischen diesem und dem Nachbarhause erhielt.

»Gebenedeite St. Anna! Bist du’s, Gino Monaldi!« rief eine lebhafte venezianische Dirne, in deren Ton und Gebärde sich Koketterie und Erstaunen mischten. »Zu Fuß und durch die geheime Tür. Ist dies eine Stunde zu Geschäften deiner Art?«

»Du hast recht, Annina. Zu einem Handel mit deinem Vater ist es nicht Zeit, und für einen Besuch bei dir ist es zu früh. Aber hier gilt’s nicht schwatzen, sondern tun. Gib mir die Jacke, die ich trug, als wir miteinander zu der Lustbarkeit nach Fusina gingen. «

»Ich weiß nichts von deinem Handel, Gino, und von deinen Gründen, die Livree deines Herrn mit dem Anzug eines gemeinen Schiffers zu vertauschen. Diese seidenen Blumen stehen dir viel besser als der verblichene Samt, und wenn ich den einmal gelobt habe, so geschah es bloß, weil es eben auf die Lustbarkeit abgesehen war, und …«

»Zitto, zitto! Hier gibt’s nichts von Lustbarkeit, sondern eine wichtige Sache, die gleich zu Ende gebracht werden muß. Die Jacke, wenn du mich lieb hast.«

Annina warf das Kleidungsstück auf einen Stuhl und zeigte deutlich, daß ihr ein Bekenntnis dieser Art auch im unbewachtesten Augenblick nicht zu entlocken war.

»Wenn ich dich lieb habe? O ja! Da hast du die Jacke, Gino, und du magst dir in den Taschen die Antwort auf den Brief suchen, den du von des Herzogs Schreiber hast anfertigen lassen, was mir aber nicht lieb ist. Ein Mädchen muß vorsichtig sein in dergleichen Angelegenheiten, man weiß ja nicht, ob es nicht einen Nebenbuhler zum Vertrauten macht.«

»Jedes Wort darin ist so ehrlich, als hätt’s der Teufel selber für mich besorgt, Mädchen!« brummte Gino, indem er seine geblümte Jacke abwarf und die einfachere geschwind anzog. »Die Mütze, Annina, und die Maske!«

»Eine so falsche Physiognomie wie deine bedarf doch nicht erst des seidenen Läppchens, um sich zu verstecken«, sagte sie, ihm demungeachtet beides hinwerfend.

»Gut so – Pater Baptista selber, der sich rühmt, er könne einen Sünder von einem Reuigen durch den bloßen Geruch unterscheiden, soll doch in diesen Kleidern nicht Don Camillo Monfortes Diener ahnen! Sind deines Vaters Gondeln alle im Wasser?«

»Wie sollt er denn sonst nach dem Lido gekommen sein und mein Bruder nach Fusina und die zwei Arbeitsleute an ihre gewöhnlichen Geschäfte auf den Inseln, oder woher sollt ich sonst allein im Hause sein?«

»Diavolo! Ist kein Boot im Kanal?«

»Du hast ungewöhnliche Eile, Gino, jetzt mit deiner Maske und Samtjacke! Ich weiß nicht, ob ich einen darf in meines Vaters Haus hereinlassen, wenn ich allein bin, daß er dann so verkleidet und zu dieser Tageszeit fortschleiche. Du mußt mir deinen Auftrag sagen, damit ich urteilen kann, ob das zulässig ist.«

»So höre! Du hast von dem Abenteuer gehört, das meinem Herrn mit der Nichte des römischen Marchese begegnete, der in die Giudecca fiel durch die Unvorsichtigkeit eines Ankonafahrers, der über die Gondel hinging, als wäre seine Feluke eine Galeere von erstem Range gewesen.«

»Seit einem Monat spricht man ja hier auf dem Lido von nichts anderem; die aufgebrachten Gondolieri haben die Geschichte mit allen möglichen Variationen schon bis zum Überdruß wiederholt.«

»Gut, diese Sache, scheint’s, wird heut nacht zu Ende kommen. Mein Herr, fürcht ich, wird einen rechten Narrenstreich ausführen.«

»Sich trauen lassen?«

»Oder noch was Schlimmeres. – Ich soll möglichst schnell und heimlich einen Priester holen.«

Annina hörte mit großer Teilnahme dem Märchen des Gondoliere zu. Aber, war es mißtrauisches Temperament oder alte Gewohnheit oder Bekanntschaft mit der Art und Weise ihres Gefährten, genug, es regten sich in ihr einige Zweifel an der Wahrheit der Geschichte.

»Das wird ein sehr plötzliches Hochzeitsfest sein!« sagte sie nach einer Pause, »’s ist gut, daß nur wenig dazu gebeten sind, sonst möchten die Dreihundert die Freude verderben! Zu welchem Kloster bist du geschickt?«

»Ich hab keinen bestimmten Auftrag. Der erste beste kann’s sein, wofern er ein Franziskaner ist und ein Priester, der Herz hat für Liebende, denen Eile not tut.«

»Don Camillo Monforte, der Erbe eines alten, berühmten Gechlechts, vermählt sich nicht mit so wenig Umständen. Dein Lügenmaul, Gino, hat mich betrügen wollen, aber du solltest doch längst wissen, wie du damit bei mir unrecht ankommst. Sag mir die Wahrheit oder sollst nicht an dein Geschäft kommen, sondern hier mein Gefangener bleiben, solang mir’s beliebt.«

»Vielleicht, daß ich dir nicht von Geschehenem geredet habe, sondern was ich denke, daß binnen kurzem geschehen wird! Aber Don Camillo hat mich neuerlich so auf dem Wasser erhalten, daß ich fast alles im Traume tue, sobald ich nicht beim Ruder bin.«

»Du suchst mich umsonst zu hintergehen, Gino! Denn dein Auge sagt mir die Wahrheit, und wenn deine Zunge und dein Hirn wer weiß wohin geraten. Trink da einen Schluck und entlaste dein Gewissen als ein Mann.«

»Ich wollte, dein Vater machte mit Stefane Milano Bekanntschaft«, sagte der Gondoliere nach einem langen Atemzuge und noch längerem Trunk. »Das ist ein Padrone aus Kalabrien, der oft köstliches Getränk aus seiner Gegend in den Hafen bringt und der dir ein Faß roten Lacrimae Christi durch den Broglio selbst schafft, ohne daß es ein einziger von den Herren gewahren soll. Der Mann ist gegenwärtig hier, und wenn du willst, so könntet ihr bald um einige Schläuche handelseins werden.«

»Nun, und warum nicht jetzt gleich? Seine Feluke, sagst du, ist im Hafen, und du kannst ihn ja herführen durch die geheime Tür und die Gäßchen.«

»Du vergißt mein Geschäft. Don Camillo ist nicht gewohnt, zuletzt bedient zu werden. Cospetto! ’s war ein Jammer, wenn ein anderer den Wein bekäme, den der Kalabrese gewiß heimlich mitgebracht hat.«

»Dein Geschäft kann nicht so dringend sein als das, einen Wein von so besonderer Güte zu erlangen, oder wenn ja, so magst du erst deines Herrn Auftrag besorgen, und dann zum Hafen und Stefano aufgesucht. Damit wir um den Kauf nicht kommen, will ich selber eine Maske nehmen und mit dir gehn, um den Kalabresen zu sprechen. Du weißt, mein Vater hat in solchen Angelegenheiten viel Zutrauen zu mir.«

Während Gino über diesen Vorschlag halb verdutzt und halb erfreut dastand, wechselte die hurtige, verschmitzte Annina einige ihrer Kleidungsstücke, nahm eine seidene Maske vors Gesicht, verschloß sorgfältig die Tür und hieß den Gondoliere ihr folgen.

Der Kanal, mit dem die Wohnung des Weinhändlers in Verbindung stand, war eng, düster und wenig befahren. Eine Gondel der einfachsten Art lag dicht beim Hause angebunden, das Mädchen sprang ohne weitere Umstände hinein. Don Camillos Diener zauderte nur einen Augenblick, denn er merkte, daß der Plan, der ihm durch den Kopf fuhr, mit Hilfe einer andern Gondel zu entfliehen, unausführbar war, weil es an Gerät fehlte, und so nahm er seinen gewöhnlichen Platz im Hinterteil des Fahrzeugs ein und fing an, mit mechanischer Geläufigkeit zu rudern.