Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

– – In einer solchen Nacht
Hüpft‘ Thisbe furchtsam über’n Thau dahin
Und sah des Leuen Schatten vor dem Leuen.
Der Kaufmann von Venedig.

Die plötzliche Flucht seines Führers und das wilde Geschrei der Verfolger versetzten Heyward auf einige Augenblicke in ein unthätiges Erstaunen. Bald aber bedachte er, wie wichtig es sey, sich des Flüchtlings zu versichern, stürzte auf die nahen Gebüsche und drang eilig vor, um sie bei der Jagd zu unterstützen. Er hatte aber noch keine zweihundert Schritte zurückgelegt, als er die drei Waldbewohner bereits von ihrer fruchtlosen Verfolgung zurückkehren sah.

»Warum so bald den Muth verloren?« rief er; »der Schurke muß sich hinter einem dieser Bäume verborgen haben, wir können seiner noch habhaft werden. Wir sind nicht sicher, so lang er auf freiem Fuße ist.«

»Wollt ihr den Wind mit einer Wolke jagen?« fragte der Kundschafter ärgerlich; »ich hörte den Teufelskerl über das trockne Laub hinschlüpfen, wie eine schwarze Natter, bekam gerade über jener dicken Fichte einen schwachen, flüchtigen Schein von ihm, spannte, als wäre ich ihm auf der Fährte, ’s war aber Nichts! und doch hieße ich’s, wenn ein Anderer als ich den Drücker berührte, meisterlich gezielt, und man sollte meinen, ich habe Erfahrung in diesen Dingen, und könne es wissen. Da seht ‚mal diesen Summach an, seine Blätter sind roth, und doch weiß Jedermann, daß er im Monat July in gelber Blüte steht.«

»’s ist Blut von le Subtil! er ist verwundet und fällt vielleicht noch!«

»Nein, nein,« entgegnete der Kundschafter, diese Vermuthung entschieden verwerfend, »ich streifte wohl nur die Rinde von einem Gliede ab, und der Bursche hüpft dafür um so länger. Eine Büchsenkugel thut einem Jagdthier, wenn sie’s streift, just denselben Dienst wie euer Sporn dem Rosse, sie beeilt nur seinen Lauf, und bringt Leben in das Fleisch, statt es zu rauben. Aber wenn’s ein tüchtiges Loch bohrt, so ist’s nach ein paar Sprüngen gemeiniglich am Ende mit dem Laufen, sei’s nun Indianer oder Wild!«

»Wir sind aber vier kräftige Kerls gegen einen Verwundeten!«

»Ist’s Leben euch verleidet?« unterbrach ihn der Kundschafter. »Der rothe Teufel dort würd‘ euch in’s Bereich der Tomahawks seiner Gesellen bringen, bevor ihr euch noch von der Jagd erhitzt hättet. Es war ein unbesonnener Streich von einem Mann, der so oft geschlafen hat, während der Schlachtruf durch die Luft ertönte, seine Flinte in der Hörweite eines Hinterhalts abzufeuern. Aber die Versuchung war zu groß! Kommt, Freunde, verändern wir unsern Standort auf eine Weise, welche den listigen Mingo auf eine falsche Fährte bringt, sonst trocknen morgen um diese Stunde unsre Skalpe vor Montcalm’s Lager im Winde!«

Diese schauderhafte Erklärung, welche der Kundschafter mit der kaltblütigen Zuversicht eines Mannes gab, der die volle Gefahr begriff, während er nicht fürchtete, ihr die Stirne zu bieten, erinnerte Heyward an die Wichtigkeit des Amtes, das er freiwillig übernommen hatte. Während er seine Augen umherwarf und vergeblich sich anstrengte, die Finsterniß zu durchdringen, welche unter dem Blätterbogen des Waldes immer mehr sich verdichtete, war es ihm, als ob seine wehrlosen Begleiterinnen, von menschlicher Hülfe abgeschnitten, bald der gänzlichen Willkühr dieser barbarischen Feinde hingegeben wären, die, gleich Raubthieren, nur warteten, bis die Finsterniß ihre Streiche noch sicherer und verderblicher machte. Seine aufgeregte Einbildungskraft, getäuscht durch das trügerische Licht, verwandelte jedes sich bewegende Gebüsch, jeden Stamm eines gefallenen Baumes in menschliche Gestalten, und zu wiederholten Malen glaubte er die greulichen Gesichter seiner lauernden Feinde unterscheiden zu können, wie sie, in rastloser Wachsamkeit, auf die Bewegungen seiner Begleiter aus ihren Verstecken hervorschauten. Aufblickend fand er, daß die dünnen, stockigen Wölkchen, welche der Abend an dem blauen Himmel geröthet hatte, bereits die schwächsten Tinten ihrer Rosenfarbe verloren, während der eingebettete Strom, der an dem Orte, wo er stand, vorbeifloß, nur noch an dem dunkeln Streifen seiner bewaldeten Ufer erkennbar war.

»Was ist zu thun?« fragte er, die äußerste Hilflosigkeit seiner peinlichen Lage empfindend; »verlaßt mich nicht um Gottes Willen! Bleibt, um die zu vertheidigen, die unter meinem Geleite stehen, und bestimmt frei, womit ich euch belohnen soll!«

Seine Begleiter, welche auf der Seite in der Sprache ihres Stammes sich beriethen, achteten nicht auf diese plötzliche, ernstliche Aufforderung. Obgleich ihre Unterredung in leisem und vorsichtigem Tone gehalten wurde, und nicht vielmehr als Geflüster war, konnte doch Heyward, welcher jetzt hinzutrat, leicht den ernstlichen Nachdruck des jungen Kriegers von den bedächtlicheren Reden der Aelteren unterscheiden. Offenbar stritten sie über die Zweckmäßigkeit einer Maßregel, welche das Wohl der Reisenden betraf. Von der Dringlichkeit seines Gegenstandes bewältigt und ungeduldig über einen Verzug, der ihm mit so viel Gefahr verbunden schien, trat Heyward näher zu der düstern Gruppe heran, um sein Anerbieten in Betreff der Belohnung noch bestimmter auszudrücken, als der Weiße, mit der Hand eine Bewegung machend, als gäbe er den bestrittenen Punkt zu, sich abwandte und in einer Art Selbstgespräch in englischer Sprache sagte:

»Uncas hat Recht! Es wäre unmenschlich, so harmlose Geschöpfe ihrem Schicksal zu überlassen, selbst wenn dadurch unser Zufluchtsort für immer aufs Spiel gesetzt würde. Wenn Ihr diese zarten Blumen aus der Gewalt der schlimmsten aller Schlangen retten wollt, Herr, so habt ihr keine Zeit zu verlieren, und müßt zu einem Entschlusse kommen!«

»Wie könnt Ihr an einem solchen Wunsche zweifeln! habe ich mich nicht bereits erboten –«

»Richtet euer Gebet an den Himmel, der kann uns allein Weisheit geben, die Arglist der Teufel, die diese Wälder füllen, zu Schanden zu machen,« unterbrach ihn ruhig der Kundschafter: »aber verschont uns mit euern Geldanerbietungen, der Ihr vielleicht nicht so lange lebt, um sie zu erfüllen, noch ich, um sie zu benützen. Diese Mohikaner und ich wollen thun, was Menschengedanken ersinnen können, um liebliche Blumen, welche nicht für die Wildniß geschaffen sind, vor Schaden zu bewahren, und zwar ohne Hoffnung auf andere Belohnung, als solche, welche Gott immer rechtschaffenem Handeln zu Theil werden läßt. Zuerst müßt Ihr zweierlei versprechen, sowohl in eurem Namen, als für eure Freunde, oder wir werden uns, ohne euch einen Dienst leisten zu können, nur selbst Schaden bringen!«

»Redet!«

»Das Erste ist, euch stiller zu verhalten, als die ruhenden Wälder hier, mag auch geschehen, was da will; das Zweite den Ort, wohin wir euch bringen, vor jedem Sterblichen geheim zu halten.«

»Ich will mein Aeußerstes thun, um diese beiden Bedingungen erfüllt zu sehen.«

»So folgt mir; denn wir verlieren Augenblicke, die so kostbar sind, als dem verwundeten Wilden das Herzblut!« Heyward konnte durch den wachsenden Schatten der Nacht die ungeduldigen Geberden des Kundschafters bemerken und folgte schnell seinen Tritten nach der Stelle hin, wo er den Rest der Reisegesellschaft gelassen hatte. Als sie bei den erwartungsvollen und ängstlichen Frauen eintrafen, machte er sie in kurzen Worten mit den Bedingungen ihres neuen Führers bekannt und fügte hinzu, wie sie jede Besorgniß verscheuchen und sich zu augenblicklichen ernsten Anstrengungen entschließen müßten. Obgleich seine beunruhigende Mittheilung nicht ohne geheimen Schrecken aufgenommen ward, so gelang es doch seinem Ernst und seinen eindringlichen Vorstellungen, unterstützt vielleicht von der Beschaffenheit der Gefahr, ihre Nerven für eine unerwartete, ungewöhnliche Prüfung zu stählen. Schweigend und ohne den geringsten Verzug ließen sie sich von den Pferden helfen und begaben sich eilig an den Rand des Wassers hinab, wo der Kundschafter mehr durch ausdrucksvolle Geberden, als durch Worte den Rest der Gesellschaft versammelt hatte.

»Was thun wir mit diesen stummen Geschöpfen?« murmelte der Weiße, von welchem die ganze Leitung ihrer künftigen Bewegungen abzuhängen schien, »es wäre Zeitverlust, ihnen die Kehle abzuschneiden und sie in den Fluß zu werfen; sie aber hier zu lassen, hieße den Mingo’s sagen, daß sie ihre Eigentümer nicht weit davon zu suchen haben.« »So geben wir ihnen die Zügel und lassen sie frei im Walde laufen,« wagte Heyward zu rathen.

»Nein, es ist besser, wir leiten die Schufte irre, und lassen sie glauben, es bedürfe Rossesschnelle, um ihr Wildpret zu erjagen. Ja, ja, das blendet die Feuerkugeln ihrer Augen! Chingach – St! Was rührt sich hier im Gebüsch?«

»Das Füllen!«

»Das Füllen wenigstens muß sterben,« murmelte der Kundschafter, nach der Mähne des flinken Thieres greifend, das schnell seiner Hand entschlüpfte! »Uncas, deine Pfeile!«

»Halt!« rief der Eigenthümer des zum Tode verurtheilten Thieres laut, ohne Rücksicht auf das Flüstern, in welchem die Uebrigen sprachen; »verschont mir Mirjams Füllen! Es ist der artige Sprößling einer treuen Mutter und wird mit Willen keinen Schaden thun.«

»Wenn Menschen kämpfen für das nackte Leben, das Gott ihnen gegeben hat,« sprach der Kundschafter ernst, »so ist ihnen das eigene Geschlecht nicht mehr als die Bestien des Waldes. Wenn Ihr wieder sprechet, so überlass‘ ich euch der Willkühr der Maquas! Den Pfeil aufgelegt, Uncas, und gut gezielt, wir haben keine Zeit, um einen zweiten zu versenden!«

Die leisen, murrenden Töne seiner drohenden Stimme waren noch hörbar, als schon das verwundete Füllen sich bäumte und dann auf die Kniee niederstürzte. Chingachgook trat herzu, stieß ihm blitzschnell das Messer durch die Kehle und warf das sich sträubende Schlachtopfer in den Fluß, von dessen Strömung es fortgerissen ward, während es noch hörbar mit dem schwindenden Leben nach Athem schnappte. Dieser Akt scheinbarer Grausamkeit, aber wirklicher Notwendigkeit machte, als Beweis der drohenden Gefahr, in der sie schwebten, auf die Gemüther der Reisenden einen furchtbaren Eindruck, der durch die ruhige, aber feste Entschlossenheit der handelnden Personen bei dem Schauspiel noch erhöht werden mußte. Die Schwestern schauderten und drängten sich fester an einander, während Heyward instinktmäßig die Hand an eine der Pistolen legte, die er so eben aus ihren Halftern gezogen hatte, als er zwischen seine Schutzbefohlenen und die finstern Schatten trat, welche einen undurchdringlichen Schleier um den Schooß des Waldes zu ziehen schienen.

Die Indianer bedachten sich keinen Augenblick, sie ergriffen die Zügel und führten die erschreckten und widerstrebenden Pferde in das Bett des Flusses hinab.

In einiger Entfernung vom Ufer wandten sie sich und wurden bald durch einen vorspringenden Hügel gedeckt, unter dessen Schutze sie in einer dem Laufe des Flusses entgegengesetzten Richtung fortwanderten. Mittlerweile zog der Kundschafter ein Canoe von Baumrinde aus einem Versteck unter niedrigen Gebüschen hervor, deren Zweige sich mit der Strömung fortbewegten, und bedeutete den Frauen, einzusteigen. Sie thaten es unbedenklich, obgleich sie manchen furchtsamen und ängstlichen Blick in das immer wachsende Dunkel zurückwarfen, welches jetzt wie eine schwarze Gränzwand auf dem Rande des Stromes lag.

Sobald Cora und Alice saßen, hieß der Kundschafter, ohne einen Blick auf das Element zu werfen, Heyward eine Seite des gebrechlichen Fahrzeugs unterstützen, während er sich selbst auf die andere stellte, und so brachten sie es, gefolgt von dem niedergeschlagenen Besitzer des todten Füllen, stromaufwärts. Auf diese Weise gingen sie eine gute Strecke fort, und beobachteten ein Stillschweigen, das nur durch das Schlagen der Wogen, wenn Wirbel sie umgaben, und durch das leise Geräusch, das ihre vorsichtigen Fußtritte machten, unterbrochen wurde. Heyward überließ die Lenkung des Canoe’s durchaus dem Kundschafter, welcher sich dem Ufer bald näherte, bald sich von ihm entfernte, um Felsblöcke oder tiefere Stellen zu vermeiden, mit einer Gewandtheit, welche seine Kenntniß des eingeschlagenen Weges genügsam bekundete. Gelegentlich hielt er an und inmitten dieser Todtenstille, welche das dumpfe, jedoch zunehmende Rauschen des Wasserfalls nur noch mehr bezeichnete, horchte er mit ängstlicher Aufmerksamkeit, ob nicht etwa ein Laut aus dem schlummernden Walde hervordringe. Wenn er sich überzeugt hatte, daß Alles ruhig war, und er selbst mit seinen geübten Sinnen kein Zeichen annähernder Feinde entdecken konnte, fuhr er mit großer Bedächtlichkeit langsam und vorsichtig weiter. Endlich erreichten sie eine Stelle in dem Fluß, wo Heyward’s umherschweifendes Auge eine Gruppe schwarzer Gegenstände gewahrte, die sich auf einem Punkte beisammen fanden, wo das höhere Ufer einen tieferen Schatten auf die finsteren Gewässer warf. Er zögerte, weiter zu fahren, und richtete die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf diese Stelle, »Nun,« versetzte der ruhige Mann, »die Indianer haben hier die Thiere mit der den Eingebornen eigenen Vorsicht untergebracht. Das Wasser läßt keine Spur zurück und selbst die Augen einer Eule würden in der Finsterniß einer solchen Höhle erblinden.«

Die ganze Parthie war jetzt vereinigt und eine zweite Berathung zwischen dem Kundschafter und seinen neuen Genossen erfolgte, während welcher sie, deren Schicksal von der Treue und Rechtlichkeit dieser unbekannten Waldbewohner abhing, ein wenig Muße hatten, sich genauer umzusehen.

Der Fluß war zwischen hohe und rauhe Felsen eingezwängt, von denen einer über die Stelle, wo das Canoe ruhte, herüberhing. Da diese wieder von hohen Bäumen überragt wurden, welche an dem Rande des Absturzes zu schwanken schienen, so war es, als ob der Strom ein tiefes und enges Thal durchflösse. Unter diesen fantastischen Felsrändern, und den zackigen Baumgipfeln, welche sich hier und da dunkel an den gestirnten Zenith malten, lag Alles in dichter Finsterniß. Hinter ihnen begränzte die Krümmung der Ufer bald die Aussicht durch dieselbe dunkle und waldige Säumung, aber vorne und scheinbar in geringer Entfernung schien das Wasser zum Himmel emporgethürmt, und stürzte von da in Höhlen, aus denen jene unheimlichen Töne, welche die Abendluft erfüllten, sich vernehmen ließen. Der Ort schien wirklich der Abgeschiedenheit geweiht, und die Schwestern empfanden ein wohlthuendes Gefühl von Sicherheit, als sie seine romantischen, wenn gleich nicht schrecklosen Schönheiten betrachteten. Eine allgemeine Bewegung unter ihren Führern rief sie jedoch bald von dem Anschauen dieser Zauber, welche die Nacht dem Orte verliehen hatte, zu dem peinlichen Bewußtseyn wirklicher Gefahr zurück.

Die Pferde waren an einigen zerstreuten Gesträuchen, die aus den Spalten der Felsen wuchsen, angebunden und mußten hier, im Wasser stehend, die ganze Nacht zubringen. Der Kundschafter hieß Heyward und seine angstvollen Begleiter sich in das vordere Ende des Canoe setzen und nahm selbst Besitz von dem andern, so aufrecht und fest, als ob er in einem Fahrzeug von viel stärkerem Material dahinführe. Die Indianer zogen sich behutsam zu der Stelle zurück, die sie verlassen hatten, als der Kundschafter, seine Ruderstange gegen einen Felsen stemmend, mit einem kräftigen Stoss die gebrechliche Barke mitten in die stürmische Strömung trieb. Mehrere Minuten war der Kampf zwischen dem leichten Fahrzeug, in dem sie fuhren, und dem ungestümen Strome ernst und zweifelhaft. Da die Reisenden keine Hand rühren durften und beinahe nicht zu athmen wagten, um nicht das schwache Schifflein der Wuth des Stromes preiszugeben, starrten sie, in fieberhafter Spannung auf die schäumenden Wogen hin. Oft glaubten sie, die wirbelnde Springfluth stürze sie in unvermeidliches Verderben – doch jedesmal stemmte die Meisterhand des Steuermanns den Bug des Canoe’s der Strömung entgegen. Eine lange, kräftige, und wie es den Frauen schien, verzweiflungsvolle Anstrengung beschloß den Kampf. Gerade als Alice ihre Augen vor Entsetzen geschlossen hatte, weil sie glaubte, von dem Strudel am Fuße des Wasserfalls verschlungen zu werden, blieb das Canoe an der Seite des flachen Felsens, der mit dem Wasser von gleicher Höhe war, wie angewurzelt stehen.

»Wo sind wir? Was ist zunächst zu thun?« fragte Heyward, als er wahrnahm, daß die Anstrengungen des Steuermanns aufgehört hatten.

»Ihr seyd am Fuße des Glenn,« versetzte der Andere, mit lauter Stimme, ohne beim Brausen des Wasserfalls schlimme Folgen zu befürchten; »das Nächste ist, festen Fußes auszusteigen, damit das Canoe nicht aufstoße und ihr den schwierigen Weg, den wir gemacht haben, schneller hinabfahret, als ihr heraufgekommen seyd. Es ist ein hart Stück Arbeit, gegen die Strömung zu fahren, wenn der Fluß etwas angeschwellt ist, und fünfe sind eine starke Zahl, wenn man sich in einem Kahn, mit Harz verstrichen, in solchen Strudeln und Wirbeln trocken halten will. Da, tretet alle auf den Felsen, und ich will die Mohikaner mit dem Wildpret bringen. Leichter schläft sich’s ohne Skalp, als wenn man mitten im Ueberfluß Hunger leiden soll.«

Froh befolgten seine Gefährten diese Weisung. Wie der letzte Fuß den Felsen berührte, wirbelte das Canoe von seinem Standort; die hohe Gestalt des Kundschafters war einen Augenblick sichtbar, wie er über die Fluthen dahinglitt, ehe er in der undurchdringlichen Finsterniß, die über dem Bette des Flusses lag, verschwand. Verlassen von ihrem Führer, blieben die Reisenden einige Minuten in hülfloser Unwissenheit, indem sie zögerten, sich auf den durchbrochenen Felsen fortzubewegen, damit nicht ein Fehltritt sie in eine der tiefen und schäumenden Höhlen stürze, in welche das Wasser auf allen Seiten heranzubrausen schien. Bald waren sie jedoch von ihrer Ungewißheit befreit. Unterstützt von der Kunst der Eingebornen schoß das Canoe zurück durch die Wirbel und lag wieder zur Seite des flachen Felsens, ehe sie glaubten, daß der Kundschafter Zeit gehabt habe, bei seinen Freunden einzutreffen.

»Nun haben wir Bollwerk, Besatzung und Proviant!« rief Heyward in munterer Laune, »und können Montcalm und allen seinen Verbündeten die Spitze bieten. Jetzt, meine scharfsichtige Schildwache, könnt Ihr etwas von euren Irokesen, wie Ihr sie nennt, auf dem Lande drüben sehen?« »Ich heiße sie Irokesen, weil mir jeder Eingeborne, der eine fremde Sprache spricht, als Feind gilt, wenn er auch vorgibt, dem Könige zu dienen! Wenn Webb von einem Indianer Treue und Redlichkeit haben will, so hole er die Stämme der Delawaren und schicke diese raubsüchtigen, lügenhaften Mohawks und Oneidas mit ihren sechs Nationen von Lumpenkerls dahin, wohin sie ihrer Natur nach gehören, zu den Franzosen’«

»Dann würden wir einen kriegerischen Freund gegen einen unbrauchbaren vertauschen. Ich habe gehört, daß die Delawaren das Schlachtbeil niedergelegt haben und sich’s gefallen ließen, Weiber genannt zu werden.«

»Ja, Schande auf die Holländer und die Irokesen, die sie durch ihre Teufeleien zu einem solchen Vertrage verleitet haben! Aber ich kenne sie seit zwanzig Jahren und nenne den einen Lügner, welcher sagt, daß Memmenblut in den Adern eines Delawaren fließe. Ihr habt ihre Stämme von dem Seegestade vertrieben und glaubt nun gerne, was ihre Feinde sagen, um Nachts ruhiger auf euren Kissen zu schlafen. Nein, nein; bei mir ist jeder Indianer, der eine fremde Sprache redet, ein Irokese, mag nun die Burg seines Stamms in Canada oder in York stehen.«

Als Heyward sah, daß die hartnäckige Anhänglichkeit des Kundschafters an seine Freunde, die Delawaren oder Mohikaner – sie waren Zweige desselben zahlreichen Volkes – eine nutzlose Erörterung herbeiführen dürfte, so ging er auf einen andern Gegenstand über.

»Vertrag oder nicht, ich sehe jetzt wohl, daß eure zwei Begleiter wackere und vorsichtige Krieger sind. Hörten oder sahen sie etwas von unsern Feinden?«

»Einen Indianer spürt man vorher, ehe man ihn sieht,« antwortete der Kundschafter, den Felsen hinansteigend und den Rehbock nachläßig hinwerfend, »Ich verlasse mich auf andere Zeichen, als solche, die ins Auge fallen, wenn ich den Mingos auf der Spur bin.«

»Sagen eure Ohren euch, daß sie unser Versteck aufgespürt haben?«

»Das sollte mir sehr leid thun, obgleich es ein Ort ist, den Muth und Tapferkeit gegen einen scharfen Angriff vertheidigen könnten. Ich will jedoch nicht läugnen, daß die Pferde, als ich an ihnen vorüberging, sich zusammen drückten, als ob sie Wölfe witterten, und ein Wolf ist ein Thier, das gerne um einen indianischen Hinterhalt streicht und auf den Abfall von dem Wilde, das sie erlegen, zu lauern pflegt.«

»Ihr vergeßt den Rehbock da zu euern Füßen! oder verdanken wir ihren Besuch nicht dem todten Füllen? Ha, was ist das für ein Geräusch?«

»Arme Mirjam!« murmelte der Fremde, »dein Füllen ward verdammt, eine Beute der raubsüchtigen Bestien zu werden. Dann erhob er plötzlich unter dem ewigen Getöse der Wogen seine Stimme und sang laut:

Aegyptens Erstgeborne schlug er
Vom Menschen und vom Vieh zumal!
Aegypten, Wunder zu dir sandt‘ er
Auf Pharao und seine Diener all!

»Der Tod des Füllen liegt seinem Eigenthümer schwer auf dem Herzen,« sprach der Kundschafter; »es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man noch etwas auf seine stummen Freunde hält. Seine Religion läßt ihn glauben: was geschehen soll, müsse doch geschehen, und bei dieser Ueberzeugung wird es schwer ihm darzuthun, daß es vernünftig ist, ein vierfüßiges Thier zu tödten, um das Leben von Menschen zu retten. Ihr habt vielleicht Recht,« fuhr er fort, indem er auf Heyward’s letzte Bemerkung zurück kam; »um so mehr Grund für uns, daß wir uns unsre Fleisch-Stücke abschneiden, und das Gerippe den Fluß hinabtreiben lassen, sonst heult das ganze Pack um die Klippen uns in die Ohren und mißgönnt uns jeden Bissen, den wir zum Munde bringen. Zudem sind die Irokesen, obgleich sie die Delawaren-Sprache so wenig als ein Buch verstehen, gescheut genug, die Ursache von einem Wolfsgeheul zu enträthseln.«

Während dieser Bemerkungen war der Kundschafter beschäftigt, einige notwendige Geräthschaften zusammenzunehmen, und ging, als er fertig war, schweigend an der Gruppe der Reisenden vorbei; begleitet von den Mohikanern, welche seine Absichten mit instinktmäßiger Bereitwilligkeit zu begreifen schienen. Einer nach dem andern von den dreien verschwand hinter der finstern Wand eines senkrechten Felsens, der sich einige Fuß vom Wasserrande entfernt zu einer Höhe von einigen Ellen erhob.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Ein Lied, das lieblich einst in Zion tönt‘, –
Er wählt eine Weis mit klugem Sinn,
Und »lebt den Herrn!« spricht er mit feierlicher Mien‘.
Burns.

Heyward und seine weiblichen Begleiter sahen diese geheimnißvolle Bewegung mit innerer Unruhe: denn, wenn auch das Betragen des Weißen bis jetzt ganz untadelhaft war, so konnte doch sein roher Aufzug, sein derbes Betragen und seine mannigfachen Vorurtheile, zusammengehalten mit dem Charakter seiner schweigsamen Genossen, in den Gemüthern Solcher, welche eben erst durch indianische Verrätherei in Roth gekommen waren, Grund zu Mißtrauen erregen.

Der Fremde allein achtete nicht auf das, was um ihn her vorging. Er saß auf dem Vorsprung eines Felsens, und gab keine andern Lebenszeichen, als häufige, schwere Seufzer, welche Kämpfe in seinem Innern bekundeten. Gedämpfte Männerstimmen ließen sich jetzt vernehmen, als ob sie in den Eingeweiden der Erde einander zuriefen, ein plötzlicher Lichtstrahl schoß auf die außen Weilenden und enthüllte das so hochgeschätzte Geheimniß des Ortes. An dem entferntern Ende einer engen, tiefen Höhle in dem Felsen, deren Länge durch die Perspektive und die Beschaffenheit des Lichtes, in dem sie gesehen ward, wohl noch vergrößert erschien, saß der Kundschafter, einen Fichtenbrand haltend. Der helle Schein des Feuers fiel auf sein derbes, verwittertes Gesicht und seinen Jagdanzug, und verlieh einen Anschein romantischer Wildheit dem Aeußern eines Mannes, der, in dem ruhigern Lichte des Tages nur durch seinen seltsamen Anzug, die eiserne Gedrungenheit seiner Gestalt und die sonderbare Mischung von lebhaftem, allezeit wachem Scharfblick und entschiedener Einfalt, die abwechslungsweise seine Züge beherrschten, sich ausgezeichnet hätte. Unweit von ihm, aber etwas im Vordergrund, stand Uncas, dessen ganze Person in vollem Lichte erschien. Die Reisenden betrachteten aufmerksam die aufrechte, schlanke Gestalt des jungen Mohikaners, anmuthig und ungezwungen in Haltung und Bewegungen. Obgleich sein Leib mehr als gewöhnlich verdeckt war durch ein grünes mit Franzen besetztes Jagdhemd, dem des Weißen gleich, so ließ doch sein schwarzes, funkelndes Auge, furchtlos und ruhig, wenn gleich furchtbar; der kühne Umriß seiner hohen, stolzen Züge, in ihrem reinen, natürlichen Roth; seine würdevolle, hohe Stirn, mit all den schönen Verhältnissen eines edeln Hauptes, das bis auf den Haarschopf kahl geschoren war, sich nicht verbergen. Zum erstenmale hatten Duncan und seine Gefährten Gelegenheit, die markirten Züge ihrer beiden indianischen Begleiter zu betrachten, und Alle fühlten sich von einer Bürde des Zweifels erleichtert, als sich die stolzen und entschlossenen, wenn gleich wilden Züge des jungen Kriegers ihrer Beobachtung aufdrangen. Sie fühlten, daß sein Geist noch zum Theil von Unwissenheit umnachtet seyn konnte, daß er aber nie seine herrlichen Naturgaben zu Zwecken boshafter Verrätherei mißbrauchen werde.

Die offenherzige Alice staunte sein freies Wesen und seine stolze Haltung an, wie sie bei einer kostbaren Reliquie des griechischen Meißels, die sie durch ein Wunder belebt gesehen, gethan haben würde, während Heyward, obgleich gewohnt an den Anblick vollendeter Formen, die unter den unverdorbenen Eingebornen so häufig sind, seine Bewunderung über ein so tadelloses Muster der edelsten Männergestalt unverholen äußerte.

»Ich könnte ruhig schlafen,« flüsterte ihm Alice erwiedernd zu, »wenn ich einen so furchtlosen, hochsinnigen Jüngling zu meiner Schildwache hätte. Sicher, Duncan, werden die grausamen Mordthaten, jene furchtbaren Marterscenen, von denen wir so viel lesen und hören, nie in Gegenwart von Einem, wie er ist, verübt.«

»Gewiß ein seltenes, glänzendes Muster jener natürlichen Eigenschaften, wodurch diese eigenthümlichen Völker sich so sehr auszeichnen sollen,« bemerkte er. »Ich bin mit Ihnen einverstanden, Alice, daß eine solche Stirne und ein solches Auge mehr geschaffen sind, Furcht einzujagen, als zu betrügen; aber täuschen wir uns nicht selbst, indem wir von ihm die Ausübung einer andern Tugend, als sich mit den Begriffen eines Wilden verträgt, erwarten. Glänzende Beispiele großer Eigenschaften sind so selten unter Christen, wie sollten sie nicht bei den Indianern vereinzelte Erscheinungen seyn, obgleich, zur Ehre unsres gemeinsamen Geschlechts, beide Theile nicht unfähig sind, dergleichen aufzustellen! Hoffen wir denn, daß dieser Mohikaner unsre Hoffnungen nicht täusche, sondern sich, wie sein Blick verspricht, als wackrer und beständiger Freund erweise.«

»Jetzt spricht Major Heyward, wie Major Heyward sollte,« sagte Cora; »wer gedenkt der Farbe der Haut, wenn er diesen Sohn der Natur betrachtet?«

Ein kurzes und anscheinend verlegenes Stillschweigen folgte auf diese Bemerkung. Es wurde von dem Kundschafter unterbrochen, der ihnen laut zurief, in die Höhle zu treten.

»Das Feuer fängt an, hell aufzuflammen,« fuhr er fort, als sie seiner Aufforderung folgten: »und könnte den Mingos zu unserem Verderben leuchten. Uncas, laß den Vorhang herab und zeig‘ den Schelmen die finstere Seite. Das ist freilich kein Essen, wie es ein Major der königlichen Amerikaner zu erwarten berechtigt ist; aber ich hab‘ schon kühne Detachements gesehen, welche froh waren, wenn sie ihr Wildbret roh und ohne Zuthat essen durften. Hier haben wir, wie Ihr seht, eine Fülle Salzes, und das Fleisch ist bald gebraten. Da sind frische Sassafraszweige für die Ladies, um darauf zu sitzen, vielleicht nicht so stattlich als ihre My-Hog-Guineasessel, aber lieblicher duftend, als die Haut eines Schweines, sey’s von Guinea oder einem andern Land. Kommt, Freund, seyd nicht so traurig ob dem Füllen, ’s war ein unschuldiges Ding und hat nicht viel Trübsal erlebt. Sein Tod erspart ihm manchen wunden Rücken und manchen müden Fuß.«

Uncas that, wie ihm der Andere befohlen hatte, und sobald Hawk-eye’s Stimme verstummte, scholl das Brausen des Wasserfalls wie das Dröhnen eines entfernten Donners.

»Sind wir ganz sicher in dieser Höhle?« fragte Heyward. »Ist kein Ueberfall zu befürchten? Ein einziger bewaffneter Mann an dem Eingang hätte uns alle in seiner Gewalt.«

Eine geisterähnliche Gestalt schritt aus der Finsterniß hinter dem Kundschafter hervor, ergriff einen Fichtenbrand und hielt ihn gegen das entferntere Ende ihres Verstecks. Alice stieß einen schwachen Angstruf aus und selbst Cora sprang auf, als dieser schreckhafte Gegenstand mehr in das Licht trat. Heyward aber beruhigte sie mit der Versicherung, daß es blos ihr Begleiter Chingachgook sey, der, einen zweiten Vorhang hebend, zeigte, daß die Höhle zwei Ausgänge hatte. Dieser schritt, den Feuerbrand in der Hand, durch eine enge tiefe Spalte in dem Felsen, die mit dem Gang, in welchem sie waren, in einen rechten Winkel zusammenlief aber nicht, wie dieser zur Seite, sondern nach oben offen war und in eine andere Höhle führte, der Beschreibung der erstern in allem Wesentlichen entsprechend.

»So alte Füchse, wie Chingachgook und ich, lassen sich nicht leicht in einem Bau mit einem Ausgange fangen,« bemerkte Hawk-eye lachend; »Ihr könnet leicht absehen, wie klug Alles eingerichtet ist – der Felsen schwarzer Kalkstein, der bekanntlich sehr weich ist und kein unbequemes Lager gewährt, wo Gestrüpp und Nadelholz selten sind. Der Wasserfall war früher einige Schritte unter uns, und ich darf wohl sagen, seiner Zeit so regelmäßig und schön, als nur irgend einer längs des Hudson zu finden ist. Aber Alter richtet in der Schönheit arge Verwüstungen an, wie diese lieblichen Ladies selbst noch erfahren werden. Der Platz hat eine traurige Umwandlung erlitten. Diese Felsen sind voll Risse und an einzelnen Stellen weicher als an andern. Das Wasser hat sich nun tiefe Höhlen gegraben, ist um einige hundert Fuß zurückgetreten, bald hier etwas ansetzend, bald dort etwas nehmend, bis die Fälle weder Form noch Bestand mehr hatten.«

»In welchem Theile davon sind wir?« fragte Heyward.

»Nun wir sind nahe bei der Stelle, wo die Vorsehung zuerst sie hinverlegt hat, wo sie aber durchaus nicht mehr bleiben wollten. Der Felsen wurde auf beiden Seiten von uns weicher und so ließ das Wasser die Mitte des Flußes trocken liegen und bohrte zuerst diese zwei kleinen Höhlen zu Verstecken für uns aus.« »So sind wir denn auf einer Insel?«

»Freilich, zu beiden Seiten haben wir die Wasserfälle und über und unter uns den Fluß. Wenn wir Tag hätten, so würde sich’s verlohnen, auf die Höhe dieses Felsens zu treten und das wunderliche Treiben des Wassers mitanzusehen. Es fällt ganz regellos: oft springt es empor, dann stürzt es wieder hinab; da hüpft, dort schießt es; an einer Stelle ist es weiß wie Schnee, an einer andern grün wie das Gras; hier stürzt es in tiefe Höhlen, daß die Erde rumort und erzittert, dort rieselt und singt es, wie ein Bach, macht Wirbel und Strudel in dem alten Gestein, als ob es nicht härter, denn getretener Lehmboden wäre. Der ganze Lauf des Flußes scheint jetzt in’s Stocken gerathen zu seyn; erst fließt er ganz sänftlich, als wollt‘ er, wie sich’s sonst ziemt, abwärts, dann macht er rechtsum und stößt an das Ufer, an einzelnen Stellen sogar möcht‘ er wieder rückwärts, als wollt‘ er die Wildniß nicht verlassen, um sich mit dem Salzwasser zu vermischen. Ja, Lady, das feine Spinngeweb, das Ihr am Halse tragt, ist grob wie ein Fischernetz gegen die vielerlei Bilderchen, die er an manchen Orten, wie ich Euch zeigen kann, künstelt, als ob er, einmal der Ordnung entronnen, seine Kunst an Allem versuchen wollte. Und doch auf was läuft Alles hinaus? Hat das Wasser eine Weile, wie ein verzogenes Kind, seinen Willen gehabt, so sammelt es wieder dieselbe Hand, die es erschaffen, und eine kleine Strecke unter Euch könnt Ihr sehen, wie es hübsch ordentlich der See zufließt, als wär’s ihm so von Anbeginn der Welt beschieden gewesen.«

Als Hawk-eye’s Zuhörer aus dessen kunstloser Beschreibung des Glenn über die Sicherheit ihres Verstecks Gewißheit erhalten, waren sie sehr geneigt, verschieden über seine wilden Schönheiten zu urtheilen. Sie waren aber nicht in der Stimmung, mit ihren Gedanken lange bei den Reizen von Naturgegenständen zu verweilen; und da der Kundschafter es nicht für nöthig hielt, während seines Vortrags seine Küchengeschäfte einzustellen, obgleich er hin und wieder mit seiner zerbrochenen Gabel auf besonders gefährliche Stellen des rebellischen Flußes hindeutete, so ließen sie jetzt ihre Aufmerksamkeit auf die nothwendige, wenn gleich gemeinere Betrachtung ihres Abendmahles gerichtet seyn.

Das Mahl, welches durch die Beigabe einiger Leckerbissen, welche Heyward die Vorsicht gehabt hatte mitzunehmen, als sie die Pferde verließen, bedeutend unterstützt wurde, war für die ermüdete Gesellschaft sehr erquickend. Uncas bediente die Damen und verrichtete alle die kleinen Dienste, die in seiner Macht standen, mit einer Mischung von Würde und Aengstlichkeit, welche Heyward sehr belustigte, da er wußte, daß dies eine ungewöhnliche Abweichung von den indianischen Sitten war, welche einem Krieger verbieten, sich zu einem häuslichen Geschäfte, besonders zu Gunsten der Weiber, herabzulassen. Da jedoch die Gebräuche der Gastfreundschaft unter ihnen als heilig angesehen wurden, so erregte dieses theilweise Verläugnen der Würde des Mannes keinen hörbaren Tadel. Hätte Einer gehörig Muße gehabt, um aufmerksam zu beobachten, so würde er gefunden haben, daß die Dienste des jungen Häuptlings nicht ganz unpartheiisch waren; daß, während er Alice die Kürbißflasche mit süßem Wasser reichte, das Wildpret auf einem aus der Wurzel des Pfefferbaums niedlich geschnitzten Teller darbot und mit gebührender Höflichkeit ihrer Schwester die gleichen Dienste that, sein dunkles Auge auf Cora’s ausdrucksvollen Gesichtszügen verweilte. Ein- oder zweimal sah er sich veranlaßt, zu sprechen, um die Aufmerksamkeit derer, die er bediente, rege zu machen. In solchen Fällen gebrauchte er das Englische, zwar gebrochen und mangelhaft, aber verständlich genug und durch seine tiefe Kehlstimme so mild und wohlklingend, daß beide Damen jedesmal mit Bewunderung und Erstaunen auf ihn blickten. Im Verlaufe dieser Höflichkeitsbezeugungen wurden einige Worte gewechselt, welche nicht verfehlten, ihrem Verkehr den Anschein freundlicher Zutraulichkeit zu geben.

Mittlerweile blieb Chingachgook’s Ernst sich immer gleich. Er hatte sich mehr in den Bereich des Lichtes gesetzt, wo die häufigen, unruhigen Blicke seiner Gäste besser im Stande waren, den natürlichen Ausdruck seines Gesichtes von dessen künstlichen Schreckenszügen zu trennen. Sie fanden eine große Aehnlichkeit zwischen Vater und Sohn, nur mit dem Unterschied, welchen Alter und Anstrengungen erwarten ließen. Das Wilde seiner Züge schien zu schlummern, und jener ausdruckslosern Ruhe zu weichen, die einem indianischen Krieger eigenthümlich ist, wenn seine Geisteskräfte nicht für höhere Lebenszwecke in Anspruch genommen sind. An den gelegentlichen Blitzen, die über sein dunkles Gesicht hinfuhren, war jedoch leicht zu ersehen, daß es nur galt, seine Leidenschaften zu wecken, um dem schreckhaften Emblem, das er gewählt hatte, seine Feinde in Furcht zu setzen, seine volle Bedeutung zu geben. Auf der andern Seite ruhte das lebhafte, unstäte Auge des Kundschafters nur selten. Er aß und trank zwar mit einer Lust, die keine Furcht vor Gefahr zu stören vermochte, aber seine Wachsamkeit schien ihn nie zu verlassen. Sehr oft mußte die Kürbißsflasche, oder das Wildpret, vor seinem Munde angelangt, warten, während er den Kopf bei Seite wendete, als ob er auf entfernte, verdächtige Laute horchte – eine Bewegung, die nie verfehlte, seine Gäste von der Betrachtung ihrer neuen Lage ab und zu der beunruhigenden Veranlassung derselben zurückzurufen. Da auf diese häufigen Pausen nie eine Bemerkung folgte, so ging die augenblickliche Unruhe vorüber und ward in einer Weile vergessen.

»Kommt, Freund,« sprach Hawk-eye, indem er gegen das Ende des Mahls eine Tonne unter einer Decke von Laub hervorzog und sich an den Fremden, der ihm zur Seite saß und seiner Kochkunst volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit den Worten wandte: »versucht einmal dies Sprossenbier, es spült euch alle Gedanken an das Füllen hinweg und facht das Leben in euerm Busen wieder an. Ich trinke auf bessere Freundschaft und hoffe, daß das Bischen Pferdefleisch keinen Groll in eurem Herzen zurücklassen wird. Wie nennt Ihr euch?«

»Gamut, David Gamut,« antwortete der Singmeister, indem er sich anschickte, in einem kräftigen Zug aus des Waidmanns stark-duftender, wohlverspundeter Biertonne seinen Kummer hinabzuwaschen.

»Ein sehr guter Name, und ich darf wohl sagen, von rechtlichen Vorfahren ererbt. Ich bin ein Bewunderer von Namen, obgleich die christlichen Gebräuche alle hinter der Sitte der Wilden zurückstehen müßen. Die feigste Memme, die ich kennen lernte, hieß Lion (Löwe), und sein Weib, Patience (Geduld), schalt Euch eher aus dem Feld, als ein gehetztes Wild eine Ruthe weit laufen konnte. Bei dem Indianer ist es Gewissenssache; wie er sich nennt, so ist er auch gemeiniglich – nicht als ob Chingachgook, das eine große Schlange bedeutet, wirklich eine große oder kleine Schlange wäre, sondern daß er sich auf die Windungen und Krümmungen der menschlichen Natur versteht, schweigt und seine Feinde trifft, wenn sie sich dessen am wenigsten versehen. Was ist euer Beruf?«

»Ich bin ein unwürdiger Lehrer in der Kunst, die Psalmen abzusingen.«

»Das wäre!«

»Ich ertheile den Kindern der Connecticuter Landwehr Unterricht im Singen.«

»Da könntet Ihr eine bessere Beschäftigung finden. Die jungen Hunde stöbern bereits zu viel lachend und singend durch die Wälder, wo sie nicht lauter athmen sollten, als der Fuchs in seinem Baue. Versteht Ihr euch auf’s Fechten, oder handhabt Ihr die Büchse?«

»Gott sey Dank, noch nie hatte ich Gelegenheit, mit Mordinstrumenten umzugehen.«

»Vielleicht versteht Ihr euch auf den Compaß und könnet die Läufe der Gewässer und die Richtungen der Gebirge zu Papier bringen, damit Diejenigen, welche nachkommen, die Plätze wieder finden, die Ihr angegeben habt?«

»Ich treibe nichts dergleichen.«

»Ihr habt ’n Paar Beine, die einen langen Weg verkürzen dürften! Ihr reiset, denk‘ ich mir, oft mit Nachrichten zu dem General.«

»Nie; ich folge keinem andern, als meinem eigenen hohen Berufe, und der ist, Unterricht in der heiligen Musik zu ertheilen.«

»Ein seltsamer Beruf!« murmelte Hawk-eye, in sich hineinlachend, »wie ein Spottvogel durch’s Leben zu gehen, und alle Auf und Nieder, die aus andrer Leute Kehlen kommen, zu bekritteln. Gut, Freund, ich denke, Ihr habt ‚mal ’ne Schneide dafür, und das muß so gut gelten, als wenn’s fürs Schießen, oder sonst was Besseres wäre. Laßt uns hören, was Ihr darin zu leisten vermöget; ’s wird ’ne freundliche Weise seyn, gute Nacht zu sagen; denn es ist Zeit, daß die Ladies da sich für ’ne harte, lange Tour am frühesten Morgen, eh‘ noch die Maquas sich rühren, Kräfte sammeln.«

»Mit höchster Freude stimm‘ ich ein,« versetzte David, indem er seine eisenbereifte Brille zurecht machte, sein geliebtes Büchlein hervorthat und Alice bot. »Was kann passender und tröstlicher seyn, als nach einem so gefahrvollen Tage seinen Abenddank Gott darzubringen.«

Alice lächelte; doch erröthete und zögerte sie, indem sie einen Blick auf Heyward warf.

»Thun Sie ’s immerhin!« flüsterte er; »sollte nicht die Aufforderung von des Psalmisten würdigem Namensbruder in solch einem Augenblicke Gewicht bei Ihnen haben?«

Ermuthigt durch seine Zustimmung that Alice, wozu sie ihre frommen Neigungen und ihre Vorliebe für sanfte Töne zuvor schon so stark gedrungen hatten. Das Buch ward bei einer Hymne aufgeschlagen, die für ihre Lage nicht übel paßte, und wo der Dichter seinen Wunsch, den begeisterten König Israels zu übertreffen, unterdrückend, eine reinere und ehrwürdige Kraft entwickelt hatte. Cora fühlte Neigung, ihre Schwester zu unterstützen, und der heilige Gesang begann, nachdem der schulgerechte David als unerläßliche Vorbedingung mit der Pfeife den Ton angegeben hatte.

Die Weise war feierlich und langsam. Bisweilen erhob sie sich zu dem vollsten Umfang der reichen Stimmen der Frauen, welche über ihrem kleinen Buche in heiliger Andacht hingen, und sank dann wieder so tief, daß das Rauschen des Wassers wie eine dumpfe Begleitung ihre Melodie durchzog. Der natürliche Geschmack und das gute Ohr Davids leitete und ermäßigte die Töne nach dem beschränkten Raume der Höhle, wo jede Spalte, jeder Riß von den durchdringenden Tönen ihrer biegsamen Stimmen erfüllt ward. Die Indianer hefteten ihre Augen auf die Felsen und horchten mit einer Aufmerksamkeit, als ob sie in Stein verwandelt wären. Die harten Gesichtszüge des Kundschafters, der, sein Kinn auf die Hand gestützt, mit dem Ausdruck kalter Gleichgültigkeit dagesessen hatte, wurden allmählig milder, bis er, als nun Vers auf Vers sich folgten, seine eiserne Natur bewältigt fühlte, und seine Erinnerungen ihn in die Knabenjahre zurückversetzten, wo seine Ohren in den Pflanzungen der Kolonie gewohnt waren, ähnliche Lobgesänge zu vernehmen. Sein Auge begann sich zu feuchten; heiße Thränen rollten aus diesen, wie es schien, schon so lange trockenen Quellen und folgten einander über jene Wangen herab, die öfter Zeugen von den Stürmen des Himmels, als von einer solchen Rührung gewesen waren. Die Sänger hielten eben einen jener tiefen, dahinsterbenden Akkorde aus, welche das Ohr mit so gierigem Entzücken verschlingt, als ob es wüßte, daß es sie alsbald verlieren werde, da ließ sich in der äußern Luft ein Schrei vernehmen, der weder menschlichen noch überhaupt irdischen Ursprungs zu seyn schien, und nicht blos die Winkel der Höhle, sondern selbst die innersten Herzen Aller, die ihn vernahmen, durchdrang. Ihm folgte eine so tiefe Stille, als ob die Wasser durch eine so gräßliche und ungewohnte Unterbrechung in ihrem tobenden Laufe gehemmt worden wären.

»Was ist das?« flüsterte Alice nach einigen Augenblicken schrecklicher Ungewißheit.

»Was ist das?« wiederholte Heyward laut.

Weder Hawk-eye noch die Indianer gaben eine Antwort. Sie horchten, als erwarteten sie, daß der Laut sich wiederholen würde, auf eine Weise, die ihr eigenes Erstaunen ausdrückte. Endlich unterhielten sie sich ernstlich in der delawarischen Mundart, und Uncas verließ, durch die innere und verborgenste Oeffnung schreitend, vorsichtig die Höhle. Als er fort war, sprach der Kundschafter erst in englischer Sprache:

»Was es ist, oder nicht ist, kann keiner hier sagen, obgleich zwei von uns die Wälder mehr denn dreißig Jahre durchzogen haben. Ich glaubte, es gäbe keinen Schrei, den ein Indianer oder ein Thier ausstoßen könne, welchen mein Ohr nicht schon vernommen hätte, dieser Ton aber hat bewiesen, daß ich nur ein eitler, eingebildeter Mensch gewesen bin!«

»War es denn nicht das Geschrei, das die Krieger erheben, wenn sie ihre Feinde zu schrecken wünschen?« fragte Cora, die da stand und ihren Schleier um sich schlug, mit einer Ruhe, deren ihre bestürzte Schwester völlig unfähig war.

»Nein, nein, das war ein schlimmes, ein erschreckliches Geschrei und tönte wie übermenschlich; wenn Ihr einmal den Schlachtruf hört, so werdet Ihr ihn nimmer mit was Anderem verwechseln! Nun, Uncas,« fragte er den jungen Häuptling, welcher wieder in die Höhle trat, »was siehst du? Scheinen unsre Lichter durch die Vorhänge?«

Die Antwort war kurz und scheinbar entschieden, erfolgte aber in derselben Sprache.

»Da draußen ist nichts zu sehen,« fuhr Hawk-eye fort, indem er ärgerlich den Kopf schüttelte, »und unser Versteck liegt noch in Finsterniß! Geht in die andere Höhle, und sucht den Schlaf, Ihr, die ihr dessen bedürft. Lange ehe die Sonne aufgeht, müßen wir auf den Beinen seyn, und den größten Theil des Wegs nach Edward hinter uns kriegen, während die Indianer noch ihre Morgenruhe halten.«

Cora ging mit gutem Beispiele voran und zwar mit einer Festigkeit, welche die furchtsamere Alice von der Nothwendigkeit zu folgen überzeugte. Ehe sie sich jedoch fortbegab, flüsterte sie Duncan die Bitte zu, daß er ihnen folgen möchte. Uncas hob den Vorhang, um sie durchzulassen, und als die Schwestern sich umwendeten, um ihm für diese Aufmerksamkeit zu danken, sahen sie, wie der Kundschafter wieder, sein Gesicht auf die Hände gestützt, vor der erlöschenden Gluthasche saß, in einer Stellung, welche verrieth, wie tief er über die unerklärliche Unterbrechung ihrer Abendandacht brütete. Heyward nahm einen Brand mit sich, der ein düsteres Licht durch die engen Räume ihres neuen Gemaches warf. Nachdem er ihn an einer vortheilhaften Stelle aufgesteckt hatte, trat er zu den Damen, welche jetzt, seitdem sie die freundlichen Bollwerke von Fort Edward verlassen hatten, sich zum ersten Male mit ihm allein befanden.

»Verlassen Sie uns nicht, Duncan,« sprach Alice; »wir können an einem Platz, wie dieser ist, nicht schlafen, da der schreckliche Schrei uns immer noch in den Ohren tönt.« »Zuerst wollen wir die Sicherheit unserer Feste untersuchen,« antwortete er, »und dann vom Uebrigen sprechen.«

Er näherte sich am entfernteren Ende der Höhle einem Ausgang, der, wie die andern, durch eine dicke Decke verborgen war, und athmete, diese hinwegschiebend, die frische und belebende Luft des Wasserfalls. Ein Arm des Flusses floß durch eine tiefe, enge Schlucht, welche die Strömung gerade unter seinen Füßen durch den weichen Felsen gegraben hatte, und die, wie er glaubte, von dieser Seite den Ort gegen jede Gefahr vertheidigte, da das Wasser nur wenige Ruthen über ihnen mit größtem Ungestüm von Absatz zu Absatz schimmernd herabstürzte und Alles mit sich fortreißen mußte.

»Die Natur hat auf dieser Seite ein undurchdringliches Bollwerk gebildet,« fuhr er fort, indem er auf den senkrechten Absturz in die dunkle Strömung hinabwies, bevor er den Vorhang fallen ließ; »und da Sie wissen, daß rechtliche, zuverläßige Männer auf der Vorderseite Wache halten, so sehe ich nicht ein, warum der Rath unsres ehrlichen Gastfreundes nicht befolgt werden sollte. Ich bin gewiß, Cora wird mir beistimmen, daß der Schlaf Ihnen beiden höchst nothwendig ist.«

»Cora wird die Richtigkeit Ihrer Ansicht zugeben, aber sie kann sie nicht in Anwendung bringen,« entgegnete die ältere Schwester, welche sich neben Alice auf ein Lager von Sassafras niedergelassen hatte: »es gäbe noch andere Dinge, die uns den Schlaf verscheuchen, wenn wir auch von dem Schrecken des unerklärlichen Schreies verschont geblieben wären. Fragen Sie, sich selbst, Heyward, können Töchter sich aus dem Sinne schlagen, welche Angst einen Vater peinigen muß, dessen Kinder in einer solchen Wildniß, er weiß nicht wo und wie, umherirren und von so vielen Gefahren umgeben sind?«

»Er ist Soldat, und weiß, was Einem in den Wäldern alles begegnen kann.« »Aber er ist Vater und die Natur verläugnet ihre Rechte nie.«

»Wie nachsichtig er immer gegen all meine Thorheiten gewesen ist! Mit welcher Zärtlichkeit er allen meinen Wünschen willfahrte!« seufzte Alice, »Es war selbstsüchtig von uns, Schwester, daß wir unter solchen Gefahren auf unsrem Besuche bestanden.«

»Es war vielleicht unbesonnen von mir, daß ich im Augenblick solcher Bedrängnis so dringend um seine Einwilligung bat; ich wollte ihm aber zeigen, daß, wie auch andere in seiner Noth ihn vernachläßigen mögen, seine Kinder wenigstens mit Treue an ihm hängen.«

»Als er von Ihrer Ankunft im Fort Edward hörte,« sprach Heyward freundlich, »kämpfte es gewaltig in seinem Busen zwischen Furcht und Liebe; aber letztere, durch eine so lange Trennung wo möglich noch erhöht, gewann bald die Oberhand. ,Der Geist meiner hochsinnigen Cora treibt sie, Duncan, sprach er, ich will nicht dawider sein‘ Wollte Gott, daß er, der die Ehre unsres königlichen Gebieters hier zu schirmen hat, nur halb so viel Festigkeit besäße!«

»Und sprach er nicht auch von mir, Heyward?« fragte Alice mit der Eifersucht der Liebe. »Gewiß hat er seine kleine Elsie nicht ganz vergessen.«

»Das wäre unmöglich,« versetzte der junge Mann, »er gebrauchte tausend Liebkosungswörter, die ich nachzusprechen mir nicht herausnehme, deren Gerechtigkeit ich aber von Herzen erkenne. Einmal sagte er fürwahr –«

Duncan sprach nicht weiter: denn während seine Blicke auf Alicens Augen geheftet waren, die sich mit der Innigkeit kindlicher Liebe zu ihm gewendet hatte, um seine Worte zu erhaschen, erfüllte derselbe starke, gräßliche Schrei, wie zuvor, die Luft und machte ihn verstummen. Ein langes athemloses Stillschweigen folgte, während dessen sie einander anblickten, in ängstlicher Erwartung, daß der Ton sich wiederholen werde. Endlich hob sich langsam die Decke, und der Kundschafter stand in der Oeffnung mit einer Miene, deren Festigkeit sichtlich vor einem Geheimnisse wich, welches sie mit einer Gefahr zu bedrohen schien, gegen die seine List und Erfahrung nicht ausreichen mochte.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

– – – – Sie schlafen nicht.
Auf jenen Klippen dort seh‘ ich
Die schauerliche Rotte sitzen.
Gray.

»Es hieße einer zu unserer Rettung gegebenen Warnung nicht folgen,« sprach Hawk-eye, »wenn wir länger in dem Verstecke blieben, während sich solche Töne in dem Walde hören lassen. Die zarten Frauen mögen beisammen bleiben: aber die Mohikaner und ich wollen auf dem Felsen Wache halten, wo uns, wie ich vermuthe, ein Major vom sechzigsten Regiment Gesellschaft zu leisten wünschen wird.«

»Ist denn die Gefahr so dringend?« fragte Cora.

»Er, der so seltsame Laute schafft und sie dem Menschen zur Warnung gibt, kennt allein unsere Gefahr. Gottloses Auflehnen gegen seinen Willen wäre es, wollte ich bei solchen Warnungen in der Luft mich in eine Höhle verkriechen. Selbst die schwache Seele, die ihre Tage versingt, ist durch den Schrei aufgestört worden: der Singmeister sagt, er sey bereit, in die Schlacht zu gehen. Wenn’s nur ’ne Schlacht wäre, so verstünden wir uns alle darauf und würden leicht zu Recht kommen; ich ließ mir aber sagen, wenn solche Töne sich zwischen Himmel und Erde vernehmen ließen, so deut‘ es auf eine andere Art von Krieg.«

»Wenn all‘ unsere Gründe zur Furcht, mein Freund, sich nur auf Übernatürliches beschränken, so dürfen wir uns darob nicht so sehr beunruhigen,« versetzte die unerschrockene Cora: »seyd ihr gewiß, daß unsere Feinde kein neues, sinnreiches Mittel gefunden haben, uns zu schrecken, um sich den Sieg zu erleichtern?«

»Lady,« sprach der Kundschafter feierlich, »ich habe seit dreißig Jahren auf alle Töne in den Wäldern gehört, als ein Mann, dessen Leben und Tod von der Schärfe seines Ohrs abhängt. Kein Winseln des Panthers, kein Pfeifen der Spottdrossel, keine Erfindung der teuflischen Mingos kann mich berücken! Ich hörte die Wälder wehklagen, wie sterbliche Menschen in großen Nöthen: oft habe ich der Musik des Windes gelauscht, wie er in den verschlungenen Aesten der Bäume sauste: habe den Blitzstrahl durch die Lüfte krachen hören gleich dem brennenden Holzstoß, der Funken und gezackte Flammen spie: nimmer aber hab ich geglaubt, daß ich Anderes hörte, als Ihn, der mit den Werken seiner Hände spielt. Aber weder die Mohikaner noch ich, der ich ein Weißer von reiner Abkunft bin, vermag den so eben vernommenen Ton zu erklären. Wir glauben deshalb, daß es eine Weisung zu unserem Heile ist.«

»Etwas Außerordentliches ist es,« sprach Heyward, seine Pistolen von der Stelle nehmend, wohin er sie bei seinem Eintritt gelegt hatte, »mag es nun ein Zeichen des Friedens oder des Krieges seyn, man muß darauf achten. Geht voran, mein Freund, ich folge euch.«

Aus ihrem Verstecke tretend, fühlten Alle sogleich die wohlthätige Stärkung ihres Geistes, indem sie die eingeschlossene Luft der Höhle mit der kühlen, stählenden Atmosphäre vertauschten, welche um die Wirbel und Spitzen des Wasserfalles säuselte. Ein starker Abendwind schwebte über der Oberfläche des Flusses und schien das Brausen der Wasserfälle in die Winkel ihrer eigenen Höhlen zu treiben, aus denen es schwer und ununterbrochen gleich dem rollenden Donner hinter entfernten Hügeln wiedertönte. Der Mond war aufgegangen und sein Licht schimmerte bereits hie und da auf die Gewässer über ihnen. Der untere Theil des Felsens aber, wo sie standen, lag noch im Schatten. Außer den Tönen, welche die herabstürzenden Wasser hervorbrachten, und einem gelegentlichen Luftstoß, der an ihnen vorüber fuhr, war die Scene noch so ruhig, als Nacht und Finsterniß sie machen konnten. Vergeblich waren Aller Augen auf die entgegengesetzten Ufer gerichtet, um einige Lebenszeichen zu suchen, welche die Ursache der vernommenen Unterbrechung erklären konnten. Aber ihre ängstlich forschenden Blicke täuschte das trügerische Licht, oder fielen sie blos auf nackten Felsen und hohen, unbeweglichen Bäumen.

»Hier ist nichts zu sehen als das Dunkel und die Ruhe einer lieblichen Nacht,« flüsterte Duncan. »Wie sehr würden wir in jedem andern Augenblick eine solche Scene in ihrer athemlosen Einsamkeit bewundern, Cora! Stellen Sie sich vor, Sie wären in Sicherheit und das, was jetzt vielleicht Ihren Schrecken vermehrt, dürfte vielleicht Ihren Genuß erhöhen!« –

»Horcht!« unterbrach Alice.

Die Aufforderung war unnöthig. Noch einmal erscholl derselbe Laut, als ob er aus dem Flußbette käme und aus den engen Klüften der Klippen brechend durch die Wälder in entfernten und dahin sterbenden Cadenzen fortwogte.

»Kann einer,« fragte Hawk-eye, als sich das letzte Echo in den Wäldern verlor, »einem solchen Ton einen Namen geben, so spreche er: ich für meinen Theil glaube, daß er nicht der Erde angehört.«

»Hier ist Jemand, der euch enttäuschen kann,« sprach Duncan: »mir ist der Ton recht wohl bekannt, oft hab ich ihn auf dem Schlachtfeld gehört, und in Lagen, die sich im Soldatenleben nicht selten wiederholen. Es ist der schreckliche Angstschrei eines Pferdes in dem Todeskampf, oft durch Schmerz, zuweilen durch Angst ihm ausgepreßt. Mein Pferd ist entweder in den Krallen der Bestien des Waldes, oder sieht es die Gefahr, ohne ihr entrinnen zu können. Der Ton konnte mich täuschen, so lange ich in der Höhle war, aber hier in freier Luft erkenne ich ihn zu gut, um mich zu irren.«

Der Kundschafter und seine Gefährten hörten dieser einfachen Erklärung mit der Aufmerksamkeit von Leuten zu, die eine neue Idee begierig auffassen, zugleich aber der alten, die ihnen unangenehm wird, sich noch nicht entschlagen können. Die beiden Letztern stießen ihr gewöhnliches, ausdruckvolles »Hugh!« aus, als die Wahrheit des Gesagten ihnen einzuleuchten anfing, während der Erstere nach kurzem Nachdenken antwortete:

»Ich kann euern Worten nicht widersprechen, denn ich verstehe mich wenig auf Pferde, obgleich ich in einem Lande geboren bin, wo man sie in Menge findet. Die Wölfe müssen über ihren Köpfen am Ufer umherschwärmen, und die furchtsamen Geschöpfe rufen den Menschen um Hülfe an, so gut sie können, »Uncas« – hier sprach er delawarisch – »fahr‘ mit dem Canoe hinunter und wirf einen Feuerbrand unter das Pack; sonst thut die Furcht, was die Wölfe nicht thun können, und wir haben morgen keine Pferde, wo wir sie am nöthigsten brauchen, um unsere Reise möglichst zu beschleunigen.«

Der junge Eingeborne war schon an das Wasser hinabgestiegen, um seinem Befehle zu folgen, als ein langes Geheul vom Ufer des Flusses sich hören ließ und sich schnell in die Tiefen des Waldes entfernte, als ob die Raubthiere, von plötzlichem Schrecken ergriffen, ihre Beute freiwillig im Stiche ließen. Uncas kam mit instinktmäßiger Eile zurück, und die drei Waldbewohner hielten wieder leise ihre ernstliche Berathung.

»Es ging uns, wie den Jägern, welche die Richtungspunkte am Himmel verloren, und vor denen sich die Sonne den ganzen Tag verborgen hatte,« sprach Hawk-eye, von seinen Gefährten sich abwendend.

»Jetzt fangen wir wieder an die Kennzeichen unseres Weges zu gewahren, und die Pfade sind von Dornen gereinigt. Setzt euch in den Schatten, welchen der Mond von jenem Ufer her wirft – er ist dunkler als der von den Fichten – und laßt uns erwarten, was dem Herrn gefallen wird, über uns zu verfügen. Wir wollen einander nur noch zuflüstern, und vielleicht wäre es noch besser, wenn jeder eine Weile sich nur mit seinen eigenen Gedanken unterhielte.«

In dem Tone des Kundschafters lag hoher Ernst, aber ohne länger ein Zeichen unmännlicher Furcht zu verrathen. Offenbar war seine augenblickliche Schwäche mit der Erklärung des Wunders, das seine eigene Erfahrung nicht ergründen konnte, verschwunden, und wenn er auch die Gefahr ihrer jetzigen Lage wohl erkannte, so war er doch bereit, ihr mit der ganzen Energie seines entschlossenen Charakters Trotz zu bieten. Dies Gefühl schienen auch die Eingebornen zu theilen: sie setzten sich so, daß sie beide Ufer überschauen konnten, während sie selbst der Beobachtung aus der Ferne entzogen waren. Unter solchen Umständen verlangte die gewöhnliche Klugheit Heywards und seiner Begleiter, eine Vorsicht nachzuahmen, die aus einer so verständigen Quelle floß. Der junge Mann holte aus der Höhle ein Bündel Sassafras, legte es in die Felsenspalte, welche sich zwischen beiden Höhlen befand, und hieß die Schwestern sich darauf niederlassen, die so durch die Felsen vor jederlei Geschoß geschützt waren, während man ihre Besorgnisse durch die Versicherung hob, daß keine Gefahr ohne vorherige Warnung herannahen könne. Heyward selbst stellte sich in ihre Nähe, so daß er mit ihnen sprechen konnte, ohne seine Stimme auf eine gefährliche Höhe zu erheben, während David, dem Beispiele der Waldmänner folgend, seine Person in den Spalten der Felsen auf eine solche Weise unterbrachte, daß seine unförmlichen Gliedmaßen dem Auge nicht länger anstößig waren.

So vergingen mehrere Stunden ohne weitere Unterbrechung. Der Mond erreichte sein Zenith und goß sein mildes Licht auf die lieblichen Gesichter der Schwestern, die einander in den Armen entschlummert waren. Duncan warf den weiten Shawl Cora’s über ein Schauspiel, das er so gerne betrachtete, und suchte dann für sein eigenes Haupt ein Kissen auf dem Felsen. David begann Töne hören zu lassen, die während des Wachens seine zarten Organe verletzt haben würden; kurz Alle, außer Hawk-eye und den Mohikanern, versanken, vom Schlafe bewältigt, in einen Zustand der Bewußtlosigkeit. Aber die Wachsamkeit ihrer unermüdeten Beschützer schlummerte nie. Unbeweglich, wie der Fels, von dem sie einen Theil zu bilden schienen, lagen sie da, während ihre Augen unabläßig an dem dunkeln Rande der Bäume umherschweiften, welche die nahen Ufer des engen Stromes begränzten. Kein Laut entschlüpfte ihnen, und die schärfste Beobachtung konnte nicht entdecken, daß sie athmeten. Offenbar stützte sich diese außerordentliche Vorsicht auf eine Erfahrung, die keine List ihrer Feinde berücken konnte, und dauerte so lange ohne scheinbaren Erfolg, bis der Mond untergegangen war, und ein blasser Lichtstreif über den Gipfeln der Bäume an einer Krümmung des Flusses weiter unten den Anbruch des Tages verkündigte. Jetzt rührte sich Hawk-eye zum ersten Mal. Er kroch auf dem Felsen heran und rüttelte Duncan aus seinem tiefen Schlafe auf.

»Jetzt ist es Zeit, daß wir aufbrechen,« flüsterte er, »weckt eure Frauen und haltet euch bereit, in das Canoe zu steigen, wenn ich es an den Landungsplatz bringe!«

»Habt Ihr eine ruhige Nacht gehabt?« fragte Heyward. »Bei mir hatte, glaub‘ ich, der Schlaf über’s Wachen gewonnen.«

»Alles ist still wie die Mitternacht. Schweigt, aber seyd flink bei der Hand.«

Jetzt war Duncan völlig wach und hob sogleich den Shawl über den schlafenden Mädchen weg. Bei dieser Bewegung fuhr Cora mit der Hand empor, als wollte sie ihn zurückstoßen, während Alice mit ihrer sanften, zarten Stimme flüsterte: nein, nein, lieber Vater, wir waren nicht verlassen, Duncan war bei uns! »Ja, liebliche Unschuld,« flüsterte der Jüngling, »Duncan ist hier, und so lange er lebt, oder Gefahr droht, wird er dich nie verlassen, Cora! Alice! erwachet! die Stunde zum Aufbruch ist da!«

Ein lauter Angstschrei der jüngern Schwester, und der Anblick der ältern, die in wirrem Schrecken aufrecht vor ihm stand, war die unerwartete Folge seines Zurufs. Während die Worte noch auf Heywards Lippen schwebten, erhob sich ein so entsetzlicher Aufruhr gellenden Geheuls, daß er den schnellen Strom seines Bluts von seinem pochenden Laufe zu dem Herzen zurück trieb. Es war, als ob alle Dämonen der Hölle die Luft um sie her erfüllten, und ihre wildeste Laune in diesen barbarischen Tönen austoben wollten. Das Geschrei kam aus keiner besonderen Richtung, sondern erfüllte rings umher die Wälder, und wie sich die bestürzten Horcher leicht einbildeten, selbst die Höhlen der Wasserfälle, die Felsen, das Bett des Flusses und die obere Luft. David erhob inmitten dieses höllischen Lärms seine hagere Gestalt und rief, indem er sich mit beiden Händen die Ohren zuhielt:

»Woher kommen diese Mißtöne? Ist die Hölle los, daß man solche Töne von Menschen vernimmt?«

Helle Blitze und schnellfolgender Knall von einem Dutzend Büchsen auf den entgegengesetzten Ufern des Stroms folgten dieser unvorsichtigen Bloßstellung seiner Person und streckten den armen Singmeister besinnungslos auf den Felsen nieder, auf dem er so lange geschlummert hatte.

Die Mohikaner erwiederten kühn das Entsetzen erregende Geheul ihrer Feinde, welche über Gamuts Fall ein wildes Triumphgeschrei erhoben. Die Blitze der Büchsen folgten sich jetzt schnell und ununterbrochen; aber beide Parteien waren zu erfahren, als daß sie auch nur ein Glied dem feindlichen Ziele bloßgestellt hätten. Duncan glaubte, daß sie jetzt nur noch durch Flucht sich retten könnten, und horchte mit ängstlicher Ungeduld, ob sich nicht Ruderschläge hören ließen. Der Strom erglänzte wie sonst in seinem raschen Lauf, aber das Canoe war auf seinen dunkeln Wassern nirgends zu sehen. Schon fing er an zu glauben, der Kundschafter habe sie im Stich gelassen, als aus dem Felsen unter ihm ein Flammenstrom hervordrang und ein wildes Geheul, mit einem Angstgestöhn vermischt, verkündete, daß der Todesbote, aus der verderblichen Waffe Hawk-eye’s entsendet, sein Opfer gefunden habe. Bei diesem leichten Verlust zogen sich die Angreifenden plötzlich zurück, und Alles ward allmählig wieder so still, wie es vor dem plötzlichen Anfall gewesen war.

Duncan benützte den günstigen Augenblick, zu Gamut zu eilen und ihn in den Schutz der schmalen Felsenspalte zu tragen, der die Schwestern beschirmte. In der nächsten Minute war die ganze Truppe auf diesem Punkte theilweiser Sicherheit versammelt.

»Der arme Schelm hat seinen Skalp gerettet,« sprach Hawk-eye, indem er kaltblütig mit der Hand über Davids Kopf fuhr, »aber es ist ein Beweis, daß ein Mensch mit einer zu langen Zunge auf die Welt kommen kann. – Es war eine Tollheit, auf einem nackten Felsen den wüthenden Wilden sechs Fuß Fleisch und Blut zu zeigen. Ich wundere mich nur, daß er mit dem Leben davon gekommen ist.«

»Ist er nicht todt?« fragte Cora mit einer Stimme, deren schwache Töne verriethen, wie mächtig in ihr natürliches Entsetzen mit angenommener Festigkeit kämpften.

»Können wir dem unglücklichen Manne etwas helfen?«

»Nein, nein! es ist noch Leben in ihm, und wenn er eine Weile geschlummert hat, wird er wieder zu sich kommen und in Zukunft desto klüger seyn, bis sein letztes Stündlein einmal wirklich schlägt,« antwortete Hawk-eye, einen zweiten Seitenblick auf den unempfindlichen Körper werfend, während er sein Gewehr mit bewundernswürdiger Gewandtheit wieder lud. »Bring‘ ihn hinein, Uncas, und leg‘ ihn auf den Sassafras. Je länger sein Schläfchen dauert, desto besser ist’s für ihn: ich zweifle, ob ein Gestell, wie das seinige, auf diesem Felsen Schutz genug finden kann, und Singen thut kein Gut bei diesen Irokesen.«

»Ihr glaubt also, daß der Angriff sich erneuern werde?« fragte Heyward.

»Soll ich erwarten, daß ein hungriger Wolf seine Gier an einem Mundvoll sättige? Sie haben einen Mann verloren, und es ist ihre Art, sich zurückzuziehen, wenn sie Verlust erleiden oder ein Ueberfall mißlingt. Aber wir werden sie bald wieder haben, mit neuen Listen, uns zu berücken und unsrer Schöpfe Herr zu werden. Unsere Hoffnung kann nur seyn,« fuhr er fort, indem er sein rauhes Gesicht erhob, über das ein Schatten von Besorgniß gleich einer dunkeln Wolke zog, »den Felsen so lange zu halten, bis Munro uns Hülfe schickt.«

»Sie hören, Cora, was wir zu erwarten haben,« sprach Duncan, »daß wir Alles von der Besorgniß und der Erfahrung Ihres Vaters zu hoffen haben. So kommen Sie denn mit Alice in die Höhle, wo Sie wenigstens vor den mörderischen Büchsen unsrer Feinde gesichert sind und unsrem unglücklichen Kameraden diejenige Hülfe leisten werden, die weibliches Mitleid Ihnen eingeben mag.«

Die Schwestern folgten ihm in die äußere Höhle, wo David durch Seufzer Zeichen seines zurückkehrenden Bewußtseyns gab, und den Verwundeten ihrer Aufmerksamkeit empfehlend, schickte Heyward sich an, sie sogleich zu verlassen.

»Duncan!« sprach Cora mit zitternder Stimme, als er den Ausgang der Höhle erreichte. Er wandte sich um und blickte auf Cora, deren Farbe einer tödtlichen Blässe gewichen war, während ihre Lippe zitterte, als sie ihm mit einem Ausdruck von Theilnahme nachblickte, der ihn sogleich wieder an ihre Seite rief. »Erinnern Sie sich, Duncan, wie nothwendig Ihre Sicherheit für die unsrige ist, – daß Ihnen ein Vater sein Liebstes anvertraut hat – wie viel von Ihrer Besonnenheit und Sorgfalt abhängt – kurz,« fügte sie hinzu, während das verräterische Blut ihre Züge überschlich und sie bis an die Schläfe mit einem glühenden Roth übergoß, »wie theuer Sie mit Recht Allen sind, die den Namen Munro führen.«

»Könnte etwas meine Liebe zum Leben erhöhen,« sprach Heyward, indem sein Auge unwillkürlich auf die jugendliche Gestalt Alicens sank, »so wäre es eine so gütige Versicherung. Als Major vom sechzigsten Regiment muß ich, wie Ihnen unser ehrlicher Wirth sagen wird, Theil an dem Strauße nehmen; aber unsere Aufgabe wird leicht seyn, wir haben blos diese Bluthunde einige Stunden hinzuhalten.«

Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er die Schwestern und begab sich wieder zu dem Kundschafter und seinen Genossen, welche noch immer in der sichern Felsenspalte zwischen den zwei Höhlen lagen.

»Ich sage Dir, Uncas,« sprach Ersterer, als Heyward zu ihnen trat, »Du nimmst zu viel Pulver, und der Stoß der Büchse verrückt Dir das Ziel! Wenig Pulver, leichtes Blei und ein langer Arm verfehlen selten, dem Mingo den Todesschrei zu entreißen. Das hat mich die Erfahrung bei diesen Burschen gelehrt. Kommt, Freunde, in unsre Verstecke: Niemand kann sagen, wann und wo ein Maqua Einem zu Leibe geht.«

Stillschweigend begaben sich die Indianer auf ihre Posten in die Felsenspalten, von denen aus sie alle Zugänge zu dem Fuße der Wasserfälle beherrschten. Mitten auf der kleinen Insel hatten ein Paar kurze und verkrüppelte Fichten Wurzel geschlagen und ein Dickicht gebildet, in welches Hawk-eye, von dem rüstigen Duncan begleitet, mit der Schnelligkeit eines Hirsches sprang. Hier versteckten sie sich, so gut es ging, hinter Gestrüpp und Felsblöcken, die zerstreut auf dem Platze umher lagen. Ueber ihnen erhob sich ein kahler, runder Felsen, an dessen beiden Seiten das Wasser, wie schon erwähnt worden, seine lustigen Sprünge machte und dann in die Abgründe stürzte. Als der Tag anbrach, boten die Gegenufer nicht mehr nur verworrene Umrisse: man konnte in die Wälder sehen und unter dem Laubdach der dunkeln Fichten die einzelnen Gegenstände unterscheiden.

Eine lange und ungeduldige Wache folgte, ohne daß ein Umstand auf einen erneuten Angriff schließen ließ, und Duncan gab sich schon der Hoffnung hin, daß ihr Feuer verderblicher gewesen sey, als sie vermuteten, und ihre Feinde wirklich zurückgetrieben habe. Als er diese Meinung gegen seinen Nebenmann äußerte, schüttelte Hawk-eye ungläubig den Kopf.

»Ihr kennet den Magua nicht, wenn Ihr glaubt, daß er sich so leichten Kaufs ohne Skalp zurückschlagen lasse!« antwortete er. »Wenn diesen Morgen auch nur einer dieser Teufel sein Geheul erhob, waren doch ihrer vierzig dabei, und sie kennen unsere Zahl und unsere Lage zu wohl, um die Jagd sobald aufzugeben. St! Seht nach dem Wasser dort oben, gerade wo es sich über den Felsen stürzt! Ich will kein Mensch seyn, wenn die satanischen Wagehälse nicht bis zur Spitze herab schwimmen: und wenn es unser Unstern so haben will, so haben sie die Vorderseite der Insel bereits erreicht! St! ruhig, Freund! oder das Haar ist von eurem Schädel weg, wie man ein Messer rückt!« Heyward hob den Kopf aus seinem Versteck empor und erschaute, was er mit Recht für ein Wunder von Geschick und Kühnheit halten mußte. Der Fluß hatte die Ecke des weichen Felsen so weit abgespült, daß sein erster Absatz nicht so abschüssig und senkrecht war, als es bei Wasserfällen gewöhnlich ist. Ohne einen andern Führer als die Strömung des Flusses, die nach der Spitze des Eilandes ging, hatte sich ein Theil dieser rachesüchtigen Feinde heran gewagt, und war auf diese Spitze zugeschwommen, von wo aus sie im glücklichen Falle den ausersehenen Schlachtopfern zu Leibe konnten.

Kaum hatte Hawk-eye aufgehört zu sprechen, als sich vier Menschenköpfe über ein Paar Stämmen Treibholz zeigten, die sich an diesen nackten Felsen angelegt und die Wilden wahrscheinlich auf den Gedanken an die Ausführbarkeit des gefahrvollen Unternehmens gebracht hatten. Im nächsten Augenblick erschien noch ein fünfter an dem grünen Rande des Wasserfalls, ein wenig weiter von der Insel entfernt. Der Wilde kämpfte aus allen Kräften, die Sicherheitsspitze zu erreichen, und von den glänzenden Wellen begünstigt, streckte er schon einen Arm nach seinen Gefährten aus, die ihn herbeiziehen wollten, als er, von der wirbelnden Strömung fortgerissen, mit aufgehobenen Armen und starren Augen emporzuschießen schien und mit einem plötzlichen Sturze in den tiefen, gähnenden Abgrund, über dem er geschwebt, hinunterstürzte. Ein einziger wilder Schrei der Verzweiflung erscholl aus dem Schlunde, und alles war wieder so still wie ein Grab.

Im ersten Drange des Edelmuths wollte Duncan zur Rettung des hülflosen Unglücklichen herbeieilen, fühlte sich aber durch den eisernen Griff des unbeweglichen Kundschafters festgehalten. »Wollt Ihr uns einem gewissen Tode entgegenführen, und den Mingos verrathen, wo wir verborgen liegen?« fragte Hawk-eye ernst; »’s ist uns eine Ladung Pulver erspart, und Munition wird uns jetzt so nöthig, als einem gewürgten Wilde der Athem! Schüttet frisches Pulver auf die Zündpfanne eurer Pistolen – der Nebel vom Wasserfall verdirbt gern den Schwefel, und haltet euch zum Handgemeng bereit, während ich feure.«

Mit diesen Worten fuhr er mit einem Finger in den Mund und that einen langen, schrillen Pfiff, der von den Felsen aus, wo die Mohikaner Wache hielten, beantwortet wurde. Duncan erblickte, als dieses Zeichen in der Luft erscholl, auf einen Augenblick über den zerstreuten Treibholzstämmen Köpfe, die aber ebenso plötzlich, als sie sich gezeigt hatten, wieder verschwunden waren. Ein leises Rascheln richtete seine Aufmerksamkeit nach hinten, und seinen Kopf wendend, erblickte er Uncas, der zu ihm herangekrochen kam. Hawk-eye sprach mit ihm in delawarischer Sprache, worauf der junge Häuptling mit besonderer Vorsicht und unerschütterlicher Kaltblütigkeit seine Stellung einnahm. Für Heyward war dies ein Augenblick fieberischer, ungeduldiger Erwartung: der Kundschafter hielt es aber für eine passende Gelegenheit, seinem jüngeren Kampfgenossen eine Vorlesung über den vorsichtigen Gebrauch des Feuergewehrs zu halten.

»Unter allen Waffen« begann er, »ist die Büchse mit langem Lauf, wenn sie gut gebohrt und von weichem Metall ist, in geschickten Händen die gefährlichste, braucht aber einen starken Arm, ein scharfes Auge und viel Geschick beim Laden, um alle ihre Schönheiten zu zeigen. Die Büchsenmacher verstehen sich nur schlecht auf ihr Handwerk, wenn sie ihre Vogelflinten und Carab –«

Er ward unterbrochen durch das leise, aber ausdrucksvolle »Hugh« des Uncas.

»Ich sehe sie, Junge, ich sehe sie!« fuhr Hawk-eye fort: »sie sammeln sich zum Angriff, sonst würden sie ihre braunen Rücken unter dem Treibholze halten. Nun, laßt sie nur,« fuhr er fort, seinen Büchsenstein prüfend, »der Vordermann wenigstens läuft seinem Tod in die Arme, und wenn es Montcalm selbst wäre!«

In diesem Augenblick wurden die Wälder von einem abermaligen Geschrei erfüllt, und auf dieses Zeichen sprangen vier Wilde aus dem Verstecke des Treibholzes hervor. Heyward empfand eine brennende Begierde, ihnen entgegenzustürzen, so mächtig wirkte die Ungeduld des Augenblicks; aber er wurde durch das Beispiel der Besonnenheit von Seiten des Kundschafters und Uncas‘ zurückgehalten. Als ihre Feinde über die schwarzen Felsen, die sie trennten, in hohen Sprüngen, mit dem wildesten Geheul daherstürzten, und nur noch wenige Ruthen entfernt waren, erhob sich Hawk-eye’s Büchse langsam unter dem Gestrüpp und entlud ihren Inhalt. Der vorderste Indianer machte einen Sprung, wie ein angeschossener Hirsch und stürzte häuptlings in die Felsenklüfte der Insel.

»Jetzt, Uncas!« rief der Kundschafter, sein langes Messer ziehend, während seine Augen vor Kampflust erglühten, »nimm den letzten der heulenden Satane; der andern zwei sind wir gewiß!« Uncas that, wie ihm befohlen wurde, und nur noch zwei Feinde blieben übrig. Heyward hatte eine seiner Pistolen Hawk-eye gegeben, und sie stürzten zusammen die kleine Anhöhe hinab, ihren Feinden entgegen. Zu gleicher Zeit gaben sie Feuer, aber Beide ohne Erfolg.

»Das wußt‘ ich und hab‘ es vorausgesagt!« murmelte der Kundschafter, indem er die verachtete kleine Waffe mit bitterem Hohn in den Wasserfall hinabwarf. »Kommt, ihr blutgierigen Höllenhunde! Ihr kriegt einen Gegenmann von unverfälschtem Blut!«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so war er mit einem Wilden von gigantischem Wuchs und wutschnaubender Miene im Kampf. In demselben Augenblick fand sich Duncan von dem zweiten angegriffen und war mit ihm in Handgemeng. Mit gleicher Gewandtheit hatten Hawk-eye und sein Gegner einander die aufgehobene, mit dem tödtlichen Messer bewaffnete Hand aufgefangen. Fast eine Minute standen sie da, einander starr in’s Auge blickend und alle Muskelkraft anstrengend, um obzusiegen. Endlich gewannen die zähen Sehnen des Weißen über die Glieder des weniger geübten Eingebornen die Oberhand. Der Arm des Letztern wich allmählig der wachsenden Kraft des Kundschafters, welcher plötzlich die bewaffnete Hand dem Griff des Feindes entriß und die scharfe Waffe ihm durch die nackte Brust in das Herz stieß. Mittler Weile war Heyward in einem noch gefahrvolleren Kampfe begriffen. Sein schwacher Degen war bei dem ersten Angriff zerbrochen. Da er jetzt jedes andern Vertheidigungsmittels beraubt war, so hing seine Rettung ganz von seiner Körperstärke und Entschlossenheit ab. Obgleich es ihm an keiner von beiden fehlte, so hatte er doch einen Feind gefunden, der ihm durchaus gewachsen war. Glücklicher Weise gelang es ihm bald, seinen Gegner zu entwaffnen, dessen Messer auf den Felsen zu ihren Füßen hin fiel. Von diesem Augenblick an entstand ein wildes Ringen, welcher von beiden den Andern von der schwindelnden Höhe in den nahen Abgrund des Wasserfalls hinabzustürzen vermöchte. Jeder Erfolg des Einen oder Andern brachte sie dem Rande näher, wo, wie Duncan wohl einsah, die letzte Anstrengung über den Sieg entscheiden mußte. Jeder der Ringenden bot alle seine Kräfte auf, und jeder neue Versuch brachte sie dem Rande des Absturzes näher. Heyward fühlte den Griff des Andern an seiner Kehle, und las in seinem wilden Lächeln die rachsüchtige Hoffnung, daß der Feind dem gleichen Schicksale entgegen gehe. Da fühlte er, wie sein Körper einer unwiderstehlichen Kraft zu unterliegen begann; und der junge Mann empfand die flüchtige Todesangst eines solchen Augenblicks in ihrer ganzen Furchtbarkeit. In dieser höchsten Gefahr fuhr plötzlich eine dunkle Hand und ein glänzendes Messer zwischen ihn und den Gegner. Der Indianer ließ los, als das Blut in vollen Strömen um die durchschnittenen Sehnen seines Handgelenks floß. Uncas‘ rettender Arm riß Duncan zurück, während sein entzücktes Auge noch auf den wilden, verzweiflungsvollen Zügen seines Feindes ruhte, der rettungslos in den vernichtenden Abgrund stürzte.

»In’s Versteck! in’s Versteck!« schrie Hawk-eye, der so eben seinen Gegner abgefertigt hatte; »in’s Versteck, wenn euer Leben euch lieb ist! die Arbeit ist nur halb gethan!«

Der junge Mohikaner erhob ein lautes Triumphgeschrei und glitt, von Duncan gefolgt, die Anhöhe hinan, von der sie zum Kampfe herabgekommen waren, nach dem freundlichen Schutze der Felsen und Gesträuche zurück.

Einunddreißigstes Kapitel.

Einunddreißigstes Kapitel.

Fluellen: Die Kinder und den Troß
erschlagen! ’s ist ausdrücklich gegen Kriegs-
gebrauch; ’s ist der schändlichste Schurken-
streich, merkt’s euch, den es auf Erden geben
kann!
König Heinrich V.

So lange ihr Feind und sein Schlachtopfer noch sichtbar waren, blieb die Menge regungslos, als wäre sie von einer dem Huronen günstigen Macht an die Stelle gebannt; sobald er aber verschwand, erschien Alles von wilder Leidenschaft mächtig aufgeregt. Uncas blieb auf seinem erhöhten Standpunkte, Cora im Auge behaltend, bis sich die Farben ihrer Kleidung in dem Laube des Waldes verloren; dann stieg er herab, schritt schweigend durch das Gedränge und verschwand in der Hütte, welche er vor Kurzem erst verlassen hatte. Einige ernstere und aufmerksamere Krieger bemerkten, wie die Augen des jungen Häuptlings im Vorübergehen Blitze des Zornes schoßen, und folgten ihm nach dem Orte, den er zur stillen Ueberlegung sich ausersehen hatte. Jetzt wurde Tamenund und Alice entfernt, den Weibern und Kindern aber befohlen, sich zu zerstreuen. Während der bedeutsamen Stunde, die nun folgte, glich das Lager einem Schwarm aufgestörter Bienen, welche nur das Erscheinen und den Vorgang der Führerin erwarten, um einen wichtigen Flug in die Ferne zu unternehmen.

Ein junger Krieger trat endlich aus Uncas‘ Wohnung; er ging mit ernstem, bedächtigem Schritt auf eine Zwergfichte los, die aus den Spalten der Felsenterrasse wuchs, zog ihr die Rinde ab und kehrte, ohne zu sprechen, wieder dahin zurück, woher er gekommen war. Ihm folgte bald ein zweiter, welcher den Baum seiner Aeste beraubte und den Stamm kahl und entblößt zurückließ. Ein dritter färbte den Pfosten mit einer dunkelrothen Malerei. Alle diese Zeichen von feindlicher Absicht bei den Führern der Nation wurden von den umstehenden Kriegern mit düsterem, bedeutungsvollem Schweigen aufgenommen. Endlich erschien der Mohikaner wieder selbst: er hatte seinen Anzug bis auf den Gürtel und die Beinkleider abgelegt, und die eine Hälfte seiner schönen Gesichtszüge war mit tiefem Schwarz, wie mit einer drohenden Wolke bedeckt.

Langsam und würdevoll näherte sich Uncas dem Pfosten und begann ihn alsbald abgemessenen Schrittes zu umkreisen, nicht unähnlich einem Tanze des Alterthums; während er zugleich seine Stimme zu einem wilden, regellosen Kriegsgesang erhob. Die Töne stiegen zu der äußersten Höhe menschlicher Laute, oft so melancholisch und klagend, daß sie mit dem Gesänge der Vögel wetteiferten; und dann wieder in plötzlichen Uebergängen so tief und kraftvoll, daß die Zuhörer darunter schauerten. Der Worte waren wenige, sie wiederholten sich oft, gingen von einer Art Hymne oder einem Anrufen der Gottheit allmählig darauf über, das Kriegsvorhaben anzukündigen, und schloßen, wie sie begannen, mit der Anerkennung seiner Abhängigkeit von dem großen Geiste. Wenn es möglich wäre, die ausdrucksvolle, melodische Sprache des jungen Kriegers zu übertragen, so möchte die Ode etwa so lauten:

Manitto! Manitto! Manitto!
Du bist groß, du bist gut, du bist weise:
Mannito ! Mannito!
Du bist gerecht!
In den Himmeln, an den Wolken, oh! da gewahr‘ ich
Viele Flecken – viele schwarz, viele roth:
An den Himmeln, oh! da seh‘ ich
Viele Wolken.
In den Wäldern, in der Luft, oh! da hör‘ ich
Kriegsruf, Geschrei und langes Geheul.
In den Wäldern, oh! da hör‘ ich
lauten Kriegsruf!
Manitto! Manitto! Manitto!
Ich bin schwach – du bist stark; ich bin langsam –
Manitto! Manitto!
Leih‘ mir Hülfe!

Am Ende jedes Verses, wie man es nennen konnte, machte er eine Pause, indem er seine Stimme erhob und länger aushielt, wie es den gerade ausgedrückten Gefühlen eben entsprach. Der erste Schluß war feierlich und sollte den Gedanken der Verehrung nahe legen; der zweite beschreibend und an das Aufregende gränzend; und der dritte war das wohlbekannte, schreckliche Kriegsgeschrei, das wie eine Vereinigung all der furchtbaren Klänge einer Schlacht den Lippen des jungen Kriegers entströmte. Der letzte war gleich dem ersten, demüthig, flehend. Dreimal wiederholte er diesen Gesang und ebenso oft umtanzte er den Pfosten.

Am Schluß der ersten Runde folgte ein ernster, hochgeachteter Häuptling der Lenapen seinem Beispiele, selbstgedichtete Worte singend, aber nach einer ähnlichen Weise. Krieger um Krieger schloß sich dem Tanze an, bis Alle, die in einigem Ruf und Ansehen standen, dabei versammelt waren. Das Schauspiel wurde jetzt wild und schreckhaft; die grimmigen, drohenden Gesichter der Häuptlinge erhielten einen noch gewaltigeren Ausdruck durch die grauenerregenden Töne, die sie aus tiefster Kehle ausstießen. Jetzt schlug Uncas seinen Tomahawk tief in den Pfosten und erhob die Stimme zu einem Geheul, das man sein eigenes Schlachtgeschrei nennen konnte. Damit kündigte er an, daß er die oberste Leitung in dem beabsichtigten Kriegszüge übernehme.

Dieses Signal weckte alle schlummernden Leidenschaften des ganzen Stammes. Hundert Jünglinge, die bisher die Scheu der Jugend zurückgehalten hatte, stürzten, Wahnsinnigen gleich, auf das Sinnbild des Feindes, und hieben Splitter um Splitter zusammen, bis von dem Stamme nichts mehr als die Wurzeln in der Erde übrig war. Während dieses Tumults wurden an den einzelnen Ueberresten des Baumes alle Gräuelthaten des Kriegs, wie es schien, mit einer Wuth verübt, als ob sie die lebendigen Opfer ihrer Grausamkeit wären. Die Einen wurden skalpirt, die Andern erhielten Streiche mit der scharfen, blinkenden Axt, wieder Andere erlitten Stöße von dem tödtenden Messer. Kurz, der Eifer und die wilde Freude waren so groß und unzweideutig, daß man wohl erkannte, die Unternehmung werde zu einem Kriege der ganzen Nation werden.

Sobald Uncas den Streich geführt hatte, trat er aus dem Kreise und warf sein Auge nach der Sonne empor, welche eben den Punkt erreichte, wo der Waffenstillstand mit Magua zu Ende ging. Ein entsprechendes Geschrei verkündete den Augenblick, und die ganze tobende Menge verließ unter durchdringenden Freudenrufen ihr mimisches Kampfspiel, um sich für die gefährlichere Wirklichkeit vorzubereiten.

Augenblicklich war das ganze Lager wie umgewandelt. Die Krieger, bereits bewaffnet und bemalt, wurden so stumm, als ob sie keines ungewöhnlichen Ausdrucks ihrer Gemüthsbewegung fähig wären. Dagegen stürzten die Frauen aus ihren Wohnungen, abwechselnd Gesänge der Freude und der Klage erhebend, in so seltsamem Gemisch, daß man schwer sagen konnte, welche Empfindung die Vorherrschende sey. Keine war jedoch müßig. Die Einen trugen ihre kostbarste Habe, Andere ihre Kinder, wieder Andere alte und gebrechliche Personen in den Wald, der wie ein glänzend grüner Teppich die Ansteigung des Berges bedeckte. Hieher begab sich auch Tamenund mit ruhiger Fassung nach einer kurzen und rührenden Unterredung mit Uncas, von welchem sich der Greis mit dem Widerstreben eines Vaters trennte, der ein längst verlorenes, eben wieder gewonnenes Kind verlassen soll.

Mittlerweile hatte Duncan Alice in Sicherheit gebracht und suchte jetzt den Kundschafter auf, mit einem Ausdrucke, welcher deutlich verrieth, wie sehr auch er nach dem nahen Kampfe dürste.

Hawk-eye aber war an den Schlachtgesang und die kriegerischen Bewegungen der Eingebornen zu sehr gewöhnt, um an der Scene um ihn her Theilnahme zu zeigen. Gelegentlich nur warf er einen Blick auf die Zahl und Tüchtigkeit der Krieger, welche von Zeit zu Zeit ihre Bereitwilligkeit, Uncas in den Kampf zu begleiten, kundgaben. Hierin sah er sich bald befriedigt: alle streitbaren Männer der Nation hatten sich, wie wir bereits gesehen haben, schnell um den jungen Häuptling gesammelt. Nachdem er über diesen Hauptpunkt im Reinen war, sandte er einen indianischen Knaben ab, seinen Wildtödter und Uncas‘ Büchse von der Stelle zu holen, wo sie die Waffen bei ihrer Annäherung an das Lager der Delawaren niedergelegt hatten. Diese Vorsicht war doppelt klug gewählt worden: sie schützte ihre Waffen vor gleichem Schicksal, wenn sie selbst als Gefangene zurückgehalten wurden, und gab ihnen den Vortheil, unter den Fremden mehr als Nothleidende denn als Männer zu erscheinen, die Mittel zur Vertheidigung und zum Unterhalte besäßen. Wenn der Kundschafter einen Andern wählte, um seine hochgeschätzte Waffe wieder zu gewinnen, so hatte er damit nur seine gewöhnliche Behutsamkeit gezeigt. Er wußte, daß Magua nicht unbegleitet gekommen war, und ebenso, daß Spione der Huronen dem ganzen Saume der Wälder entlang die Bewegungen ihrer neuen Feinde belauerten. Hätte er selbst den Versuch gemacht, so konnte er ihm Verderben bringen, wie jedem andern Krieger: Gefahr für einen Knaben war aber erst vorauszusehen, wenn man dessen Absicht entdeckte. Als Heyward zu dem Kundschafter trat, erwartete dieser ruhig den Erfolg dieses Versuches ab.

Dem Knaben, der wohl unterrichtet und schlau genug war, schwoll die Brust vor Stolz über das ihm geschenkte Vertrauen und vor jugendlichem Ehrgeiz; er eilte sorgenlos über die Lichtung hin nach dem Walde und betrat ihn in geringer Entfernung von der Stelle, wo die Gewehre verborgen lagen. Sobald er von den Blättern der Büsche gedeckt war, sah man seine dunkle Gestalt einer Schlange gleich, nach dem gewünschten Schatze hingleiten. Er gewann ihn und flog im nächsten Augenblick, in jeder Hand einen Preis seines Muthes, pfeilschnell über die schmale Lichtung hin, welche die Terrasse des Dorfes begränzte. Schon hatte er die Felsen gewonnen und sprang mit unglaublicher Behendigkeit hinan, da fiel ein Schuß aus dem Walde und bewies, wie wahr der Kundschafter geurtheilt hatte. Der Knabe antwortete mit einem leichten, verächtlichen Schrei; und sogleich ward ihm von einer andern Seite des Verstecks eine zweite Kugel nachgesendet. Jetzt erschien er auf der Fläche oben und eilte, seine Büchsen im Triumphe emporhebend, mit der Miene eines Siegers auf den berühmten Jäger zu, der ihn mit einem so ruhmvollen Auftrag beehrt hatte.

Trotz des lebhaften Antheils, den Hawk-eye an dem Schicksale seines Boten genommen hatte, empfing er doch den Wildtödter mit einer Freude, die für den Augenblick alle anderen Gedanken aus seiner Seele verdrängte. Nachdem er das Gewehr mit scharfem Auge gemustert, die Zündpfanne zehen bis fünfzehen Male geöffnet und geschlossen und verschiedene andere wichtige Versuche mit dem Schloß gemacht hatte, wandte er sich an den Knaben und fragte mit vieler Güte, ob er beschädigt sey. Der junge Held sah ihm stolz ins Gesicht, gab aber keine Antwort.

»Ja, ja! Ich seh’s, Junge, die Schufte haben dir den Arm gestreift!« sezte der Kundschafter hinzu, indem er das Glied des standhaften Dulders, welches eine tiefe Fleischwunde von einer der Kugeln erhalten, emporhielt; »aber ein paar gequetschte Erlenblätter werden Wunder darauf thun. Indessen will ich ein Wampum-Stück darauf binden! Frühe hast du das Kriegshandwerk begonnen, wackrer Junge, und wirst ohne Zweifel eine gute Anzahl ehrenvoller Narben mit in dein Grab nehmen. Ich kenne manche junge Männer, die schon Skalpe abzogen und kein solches Zeichen aufzuweisen haben. Geh,« sprach er, nachdem er ihm den Arm verbunden hatte, »aus dir wird dereinst ein Häuptling werden,«

Der Knabe entfernte sich, stolzer auf das Blut, das an ihm herabfloß, als der eitelste Höfling auf sein rothes Band seyn kann, und wandelte unter seinen Gespielen umher, ein Gegenstand des Neides und allgemeiner Bewunderung.

Aber in einem Augenblick, wo so ernste und wichtige Pflichten mahnten, fand dieser einzelne Zug jugendlichen Muthes nicht die Beachtung und das Lob, die ihm in günstigeren Zeiten zu Theil geworden wären. Er hatte jedoch dazu gedient, die Delawaren über die Stellung und die Absichten ihrer Feinde zu unterrichten. Sofort wurde eine Abtheilung von Plänklern, einer solchen Aufgabe besser gewachsen, als der schwache wenn gleich muthvolle Knabe, abgeordnet, um die Laurer zu vertreiben. Dies war bald gethan: denn die meisten Huronen hatten sich von selbst zurückgezogen, sobald sie sich entdeckt sahen. Die Delawaren folgten ihnen eine ziemliche Strecke weit von dem eigenen Lager weg und warteten dann weiterer Befehle, um nicht in einen Hinterhalt geleitet zu werden. Da beide Theile sich verborgen hielten, so wurde der Wald wieder so still und ruhig, als ihn ein milder Sommermorgen und tiefe Einsamkeit nur immer machen konnten.

Der ruhige und doch ungeduldige Uncas versammelte jetzt seine Häuptlinge und vertheilte seine Streitmacht, Er stellte ihnen Hawk-eye als einen oft erprobten Krieger vor, der unbedingtes Vertrauen verdiene. Als er fand, daß sein Freund günstig aufgenommen wurde, stellte er zwanzig Krieger unter seinen Befehl, gleich ihm rüstig, gewandt und entschlossen. Dann erläuterte er den Delawaren Heyward’s Rang bei den Truppen der Yengeese, und bot ihm eine eben so wichtige Stelle an, Duncan aber lehnte den Antrag ab und erklärte sich bereit, an der Seite des Kundschafters als Freiwilliger zu kämpfen. Nach diesen Bestimmungen wies Uncas mehreren eingebornen Häuptlingen ihre Obliegenheiten an, und gab, da die Zeit drängte, das Zeichen zum Marsche. Schweigsam, aber mit Freuden gehorchten mehr denn zweihundert Krieger. Ihr Eintritt in den Wald blieb vollkommen unangefochten: sie begegneten keinem lebenden Wesen, das sie hätte beunruhigen oder innen Aufschluß geben können, bis sie an die Verstecke ihrer eigenen Kundschafter gelangten. Hier wurde Halt gemacht, und die Häuptlinge versammelten sich zu flüsternder Berathung. Verschiedene Operationsplane wurden vorgeschlagen, doch keiner von der Art, daß er mit den Wünschen ihres feurigen Anführers zusammenstimmte. Wäre Uncas dem Drange seiner Neigung gefolgt, so hätte er, ohne einen Augenblick zu zögern, seine Gefährten zum Angriff geführt und den Kampf mit einem Male entschieden: ein solcher Gang aber wäre mit der Gewohnheit und Ansicht seiner Landsleute in zu grellem Widerspruch gestanden. Er war daher genöthigt, eine Vorsicht zu beobachten, die er in seiner jetzigen Stimmung verwünschte, und Rathschläge anzuhören, die seinen feurigen Geist in Entrüstung versezten, wenn er Cora’s Gefahr und Magua’s Uebermuth lebhaft gedachte.

Nach einer unbefriedigenden Berathung von einigen Minuten sahen sie von feindlicher Seite her einen einzelnen Mann scheinbar so eilig an sie herankommen, daß sie glaubten, er könnte ein Bote mit Friedens-Vorschlägen sehn. Als sich der Fremde aber dem Versteck, hinter welchem die Delawaren der Berathung pflogen, auf etwa hundert und fünf und zwanzig Schritte genähert hatte, zögerte er; wie es schien, ungewiß, welchen Weg er einschlagen solle, und blieb endlich stehen. Aller Augen waren jetzt auf Uncas gerichtet, als erwarteten sie von ihm Verhaltungsregeln.

»Hawk-eye,« sprach der junge Häuptling mit leiser Stimme, »er darf nie wieder mit den Huronen sprechen.«

»Sein Stündlein hat geschlagen,« sprach der Kundschafter lakonisch, indem er das lange Rohr seiner Büchse durch die Blätter steckte und bedächtlich sein verhängnisvolles Ziel suchte. Statt aber abzudrücken, senkte er die Mündung und überließ sich einem Ausbruch der ihm eignen Heiterkeit. »Ich nahm den Schelm für einen Mingo, so wahr ich ein armer Sünder bin!« sprach er: »als mein Auge aber an seinen Rippen hinschweifte, um einen Platz für die Kugel zu suchen, da bekam ich – wirst du es glauben, Uncas – unseres Musikers Blasinstrument zu Gesicht! und so ist es, Allem nach, unser Gamut, dessen Tod Niemand nützen, dessen Leben uns aber, wenn seine Zunge anders etwas mehr als singen kann, für viele Zwecke nützlich zu werden vermag. Wenn Töne nicht alle Kraft verloren haben, so will ich alsbald mit dem ehrlichen Burschen ins Gespräch kommen, und das mit einer Stimme, die er angenehmer finden wird als meinen Wildtödter.«

Mit diesen Worten legte Hawk-eye seine Büchse bei Seite, kroch durch die Büsche, bis ihn David hören konnte, und wiederholte jene musikalischen Versuche, welche ihn mit so viel Sicherheit und Glanz durch das Lager der Huronen geführt hatten. Davids verfeinerte Organe ließen sich nicht leicht täuschen (und wirklich wäre es auch jedem Andern, außer Hawk-eye, schwer gefallen, einen ähnlichen Lärm hervorzubringen), und da er solche Töne schon ein Mal gehört hatte, erkannte er, woher sie rührten. Der arme Schelm schien mit einemmale einer großen Noth enthoben: er folgte der Richtung der Stimme – eine Aufgabe, die für ihn nicht viel weniger schwierig war, als wenn er einer Batterie hätte entgegengehen sollen – und entdeckte bald den verborgenen Sänger.

»Ich möchte wohl wissen, was die Huronen hievon denken!« sprach der Kundschafter lachend, indem er seinen Begleiter am Arme nahm und ihn in den Hintergrund zog. »Wenn die Schelme innerhalb Hörweite liegen, so werden sie sagen, statt eines Narren sind nun zwei da. Aber hier sind wir sicher,« fuhr er fort, indem er auf Uncas und seine Krieger deutete, »Nun erzählt uns in gutem Englisch, was die Mingos alles vorhaben, aber ohne Eure Künsteleien mit der Stimme.«

David gaffte die trotzigen und wild aussehenden Häuptlinge in stummer Verwunderung an: aber durch den Anblick bekannter Gesichter wieder ermuthigt, nahm er sich in soweit zusammen, daß er eine verständliche Antwort geben konnte.

»Die Heiden sind in großer Anzahl ausgezogen,« sprach David; »und ich fürchte, sie haben nichts Gutes im Sinne. Seit einer Stunde war ein Geheul, ein gottloses Jauchzen in Tönen, die auszustoßen Sünde ist, unter ihnen, daß ich davon floh, um bei den Delawaren Frieden zu suchen.«

»Eure Ohren hätten bei dem Wechsel nicht viel gewonnen, wenn Ihr schneller zu Fuß gewesen wäret,« antwortete der Kundschafter etwas trocken. »Doch lassen wir das – wo sind die Huronen?«

»Sie liegen zwischen hier und dem Dorfe zahlreich in dem Walde verborgen, so daß es der Klugheit gemäß wäre, sogleich umzukehren.«

Uncas warf einen Blick längs der Baumreihe hin, die seine Schaar verborgen hielt, und fragte:

»Magua?«

»Ist unter ihnen. Er brachte das Mädchen zurück, welches bei den Delawaren gewesen war, ließ sie in der Höhle zurück und stellte sich dann, einem wüthenden Wolfe gleich, an die Spitze seiner Wilden. Ich weiß nicht, was seinen Geist so gewaltig aufgeregt hat!«

»Er hat sie, sagt Ihr, in der Höhle zurückgelassen?« unterbrach ihn Heyward. »Es ist gut, daß wir deren Lage kennen! Können wir nichts thun, sie sogleich zu befreien?«

Uncas sah den Kundschafter ernsthaft an, und fragte dann:

»Was sagt Hawk-eye?«

»Gib mir meine zwanzig Büchsen, dann wend‘ ich mich rechts, dem Wasser nach, geh‘ an den Biberhütten vorbei und nehm‘ den Sagamoren und den Obrist zu mir. Dann sollst du das Schlachtgeschrei von jener Seite hören; bei diesem Winde dringt es schon eine Meile weit. Dann, Uncas, greifst du sie von vorne an, und wenn sie uns in Schußweite kommen, sollen sie eine Salve haben, daß sich, die Ehre eines alten Gränzjägers zum Pfande, ihre Linie wie ein Bogen von Eschenholz biegen soll. Dann gehen wir auf das Dorf los, befreien das Mädchen aus der Höhle und bringen die Sache mit dem Stamme zu Ende, nach europäischer Kampfweise durch einen siegreichen Schlag, oder auf indianische Manier durch List und Hinterhalt. Dieser Plan ist zwar nicht sehr gelehrt, Major, aber mit Muth und Ausdauer läßt sich Alles zu Stande bringen.«

»Er gefällt mir wohl!« rief Duncan, sobald er sah, daß Cora’s Befreiung des Kundschafters Hauptaugenmerk war, »er gefällt mir wohl. Nun sogleich zur Ausführung!«

Nach einer kurzen Besprechung war der Plan zur Reife gelangt und den verschiedenen Partien deutlicher gemacht. Signale wurden verabredet, und die Häuptlinge trennten sich, ein jeder auf den ihm zugetheilten Posten.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Es mehren Seuchen sich und Leichenfeuer,
Bis ohne Lösegeld der große König
Nach Chrysa schickt das Mädchen, schwarz von Augen.
Pope.

Während Uncas seine Streitkräfte auf diese Weise vertheilte, waren die Wälder so still und mit Ausnahme derer, die sich so eben berathen hatten, scheinbar so unbewohnt, als ob sie eben erst aus den Händen des Schöpfers gekommen wären. Das Auge konnte nach allen Richtungen hin durch die langen und schattigen Wölbungen der Bäume blicken, aber nirgends war ein Gegenstand zu sehen, der nicht zu der friedlichen und schlummernden Scene rings umher gestimmt hätte. Hier und da hörte man einen Vogel zwischen den Aesten der Bäume flattern, oder ließ ein Eichhörnchen eine Nuß fallen, deren Geräusch den aufgeschreckten Trupp einen Augenblick nach der Stelle hinblicken ließ. Sobald aber die zufällige Unterbrechung vorüber war, hörte man die Luft wieder leise über die wogende grüne Waldfläche dahinsäuseln, die sich, nur hin und wieder von einem Fluß oder See unterbrochen, über eine so endlose Strecke Landes verbreitete. Der Strich der Wildniß zwischen den Delawaren und dem Dorfe ihrer Feinde schien noch von keinem Fuße eines Menschen betreten, so tief und athemlos war die Stille, die auf ihm ruhte. Aber Hawk-eye, dessen Amt es war, am weitesten vorzudringen, kannte den Charakter seiner Gegner zu gut, um dieser verrätherischen Ruhe zu trauen.

Als der Kundschafter seine kleine Schaar um sich gesammelt sah, warf er den Wildtödter in den Bug des Armes und gab ihr schweigend ein Zeichen, daß sie ihm folgen sollten. Er führte sie einige Ruthen weit rückwärts nach dem Bett eines kleinen Baches, den sie beim Vorrücken überschritten hatten. Hier machte er Halt, bis sich die ernsten und aufmerksamen Krieger alle dicht an ihn angeschlossen hatten, und fragte dann in delawarischer Sprache:

»Weiß einer meiner jungen Männer, wohin dieser Bach uns führt?«

Ein Delaware streckte die Hand aus, hielt zwei Finger auseinander, auf die Stelle deutend, wo sie sich unten wieder vereinigten, und antwortete:

»Ehe die Sonne ihre Bahn durchläuft, wird das kleine Wasser in dem großen seyn. Dann,« setzte er hinzu, nach der Richtung des erwähnten Ortes weisend, »werden die zwei groß genug für die Biber.«

»So dacht‘ ich auch,« versetzte der Kundschafter, sein Auge nach den Oeffnungen der Baumgipfel erhebend, »seinem Laufe nach und der Lage der Berge gemäß. Genossen, wir wollen uns unter dem Schütze seiner Ufer halten, bis wir die Huronen wittern,«

Seine Begleiter ließen den gewohnten kurzen Ausruf des Beifalls hören: als sie aber sahen, daß ihr Anführer sich nun an ihre Spitze stellen wollte, bedeuteten einige durch Zeichen, daß nicht Alles so sey, wie es seyn solle. Hawk-eye verstand ihre Blicke, wandte sich um und gewahrte, daß der Singmeister ihnen bis dahin gefolgt war.

»Wißt Ihr, Freund,« fragte der Kundschafter ernst und vielleicht mit einigem Stolz auf die Anerkenntniß seines Verdienstes, – »daß ihr unter einer Bande von Streitern seyd, zu dem verzweifeltsten Dienste erlesen, und unter den Befehlen eines Mannes, der, wenn auch ein anderer so etwas mit besserer Stirne sagen dürfte, sie nicht müßig gehen lassen wird? Sicher in den nächsten dreißig, vielleicht schon in fünf Minuten, schreiten wir über den Leib eines lebendigen oder todten Huronen weg,«

»Obgleich nicht mit Worten von eurer Absicht unterrichtet,« versetzte David, dessen Gesicht etwas geröthet war, während sein sonst ruhiges, wenig sagendes Auge von ungewöhnlichem Feuer erglänzte, »so haben mich doch Eure Männer an die Kinder Jacobs erinnert, wie sie gegen die Sichemiten zu Felde zogen, weil die ruchloserweise eine Dirne von dem auserwählten Volke des Herrn in die Ehe begehrten. Nun bin ich mit dem Mädchen, das Ihr suchet, weit gewandert, in Freud und Leid mit ihr zusammen gewesen, und obgleich ich kein Kriegsmann bin, der seine Lenden gegürtet und das scharfe Schwert in Bereitschaft hat, so wollte ich für sie doch gerne einen Streich führen.«

Der Kundschafter zögerte, als erwäge er die möglichen Folgen einer so seltsamen Genossenschaft und antwortete dann:

»Ihr wißt ja keine Waffe zu gebrauchen. Ihr habt keine Büchse, und glaubt mir, was die Mingos einnehmen, geben sie auch reichlich wieder heim.«

»Obgleich ich kein prahlerischer, blutdürstiger Goliath bin,« erwiederte David, eine Schleuder unter seiner formlosen, vielfarbigen Kleidung hervorziehend, »so habe ich doch das Beispiel des jüdischen Knaben nicht vergessen. Mit diesem alten Kriegswerkzeug bin ich in meiner Jugend viel umgegangen, und vielleicht hat mich mein Geschick noch nicht ganz verlassen.«

»Nun,« sprach Hawk-eye, den hirschledernen Riemen und das Schurzfell mit kaltem, entmuthigendem Auge betrachtend; »das Ding möchte gegen Bogen und selbst gegen Messer seine Stelle ausfüllen, diese Mengwe’s aber sind von den Franzmännern Mann für Mann mit gutgezogenen Röhren versehen worden. Doch da es Euch einmal gegeben scheint, unversehrt im Feuer zu bleiben, und Ihr bisher so begünstigt wäret – Major, Ihr habt den Hahn gespannt gelassen, ein einziger Schuß vor der Zeit könnte unnützer Weise gerade zwanzig Skalpe kosten – Sänger, Ihr mögt uns begleiten, wir können Euch beim Kriegsgeschrei brauchen.«

»Ich dank‘ Euch, Freund,« entgegnete David, indem er sich gleich seinem königlichen Namensvetter an dem Bache mit Kieselsteinen versah: »obgleich mein Sinn nicht aufs Tödten gerichtet ist, so hätte es doch meinen Geist betrübt, wenn Ihr mich weggeschickt hättet.«

»Merkt’s Euch aber,« setzte der Kundschafter hinzu, an dem eigenen Haupte bedeutungsvoll auf die Stelle deutend, wo Gamut seine Wunde gehabt, »es geht zum Kampfe, nicht zum Musiciren. Ehe das allgemeine Kriegsgeschrei ertönt, darf hier nur die Büchse sprechen.«

David nickte, um seine Zustimmung zu diesen Bedingungen anzudeuten; dann warf Hawk-eye noch einen beobachtenden Blick auf seine Gefährten und gab alsbald das Zeichen weiter zu ziehen. Ihr Marsch ging eine Meile weit dem Bette des Gewässers entlang. Obgleich vor der Gefahr einer Entdeckung durch die steilen Ufer und das dichte Gestrüpp geschützt, das den Bach umgab, versäumten sie dennoch keine Vorsichtsmaßregel eines indianischen Kriegszuges. An jeder Seite ging oder kroch vielmehr ein Krieger, um hie und da verstohlene Blicke in den Wald umher zu werfen. Jede paar Minuten machte der Trupp Halt und horchte nach feindlichen Lauten mit einer Schärfe der Organe, unbegreiflich für Menschen, die dem Naturstande ferne stehen. Ihr Zug blieb jedoch ungestört, und sie erreichten den Punkt, wo sich der kleinere Bach in den größeren verlor, ohne das geringste Zeugniß, daß sie beobachtet worden wären. Hier machte der Kundschafter wieder Halt, um die Zeichen des Waldes zu Rathe zu ziehen,

»Wir werden Allem nach einen guten Tag zum Gefecht haben,« bemerkte der Kundschafter in englischer Sprache gegen Heyward, indem er nach den Wolken aufschaute, welche in breiten Schichten am Firmamente dahinzogen; »’ne glänzende Sonne und ein blinkendes Rohr sind keine Freunde eines richtigen Zielens. Alles begünstigt uns: sie haben den Wind, der uns den Schall von ihnen herweht und den Rauch dazu, was schon an sich von Bedeutung ist, da wir nach jedem Schuß wieder freie Aussicht vor uns haben. Aber hier ist’s am Ende mit unserem Versteck: seit Jahrhunderten haben die Biber hier das Wasser innegehabt, und zwischen ihren Nahrungsplätzen und den Dämmen, wie Ihr sehet, sind wohl manche todte Stämme, aber nur wenig grünende Bäume zu erblicken,«

Hawk-eye hatte wirklich mit diesen wenigen Worten keine üble Beschreibung der Aussicht gegeben, welche jetzt vor ihren Augen lag. Die Breite des Baches war hier sehr ungleich: bald schoß er durch enge Felsenspalten, bald verbreitete er sich über Strecken flachen Landes, kleine Becken oder Teiche bildend. Ueberall an seinen Ufern hin schwammen zerbröckelte Ueberreste abgestorbener Bäume in allen Stufen des Dahinwelkens: solche, welche auf ihren wankenden Stämmen dröhnten, und wieder andere, kaum erst jener rauhen Hülle beraubt, welche auf eine so geheimnißvolle Weise ihre Lebenskraft eingeschlossen hält. Einige lange, niedere, moosbedeckte Holzstücke lagen zerstreut umher, gleich Denkmälern früherer, längst vergangener Geschlechter.

Alle diese kleinen Einzelheiten beachtete der Kundschafter mit einem Ernst und einem Interesse, das ihnen wahrscheinlich noch nie zu Theil geworden war. Er wußte, daß das Huronenlager nur eine kurze halbe Meile an dem Bache hinauf lag, und mit jener charakteristischen Aengstlichkeit, die eine verborgene Gefahr fürchtet, fühlte er große Unruhe darüber, daß er nicht die geringste Spur der Nähe des Feindes finden konnte. Ein paar Male war er versucht, den Befehl zu einem plötzlichen Hervorbrechen zu geben und einen Ueberfall des Dorfes zu wagen; aber seine Erfahrung rief ihm schnell die Gefahr eines so nutzlosen Versuches in’s Gedächtniß. Dann lauschte er angestrengt und mit peinlicher Ungewißheit nach feindseligen Lauten aus der Gegend, wo er Uncas verlassen hatte; aber Nichts ließ sich hören, als das Pfeifen des Windes, welcher in sturmdrohenden Stößen durch das Innere des Waldes daherrauschte. Endlich beschloß er, mehr seiner dringenden Ungeduld folgend, als dem Rathe der Erfahrung, die Sache zu einer Entscheidung zu führen, mit seinen Leuten hervorzutreten und vorsichtigen, aber festen Schrittes an dem Flusse hinaufzuziehen.

Der Kundschafter hatte wahrend dieser Beobachtungen hinter dem Schutze eines Gebüsches gestanden und seine Gefährten befanden sich tief unten noch in der Schlucht, durch welche der kleinere Bach floß. Auf sein leises, aber verständliches Signal schlich dagegen der ganze Trupp an dem Ufer, gleich dunkeln Gespenstern herauf und sammelte sich stillschweigend um ihn. Nach der Richtung, die er gewählt hatte, weisend, ging Hawk-eye voran, der Trupp löste sich in eine Reihe von Einzelnen auf, und Jeder folgte so genau des Führers Fußstapfen, daß es, etwa Heyward und David ausgenommen, nur die Fährte eines einzigen Mannes zu seyn schien. Kaum aber hatten sie sich blosgestellt, als sich in ihrem Rücken eine Salve von einem Dutzend Büchsen hören ließ. Ein Delaware sprang wie ein verwundeter Hirsch hoch in die Luft und stürzte der Länge nach augenblicklich todt zu Boden.

»Ach! Eine solche Teufelei hab‘ ich gefürchtet‘,« rief der Kundschafter englisch, und fuhr mit Blitzesschnelle in seiner eben erst angenommenen Sprache fort: »ins Versteck, Freunde, gebt Feuer!«

Der Trupp zerstreute sich auf sein Wort, und ehe Heyward sich von seiner Ueberraschung hinlänglich erholt hatte, fand er sich mit David alleinstehend. Zum Glück waren die Huronen bereits zurückgewichen und er hatte von ihrem Feuer Nichts zu befürchten. Aber so konnte es offenbar nicht lange bleiben: denn der Kundschafter gab das Beispiel, die Feinde zum Rückzuge zu treiben, indem er seine Büchse losschoß und von Baum zu Baum sprang, dem Feinde nach, der langsam zurückwich.

Der Angriff wurde, wie es schien, nur von einer sehr kleinen Abtheilung der Huronen gemacht: ihre Zahl nahm aber zu, so wie sie sich auf ihre Freunde zurückzogen, bis ihr Feuer beinahe, wo nicht ganz so stark wurde, als das, welches die vordringenden Delawaren unterhielten. Heyward warf sich mitten unter die Kämpfenden und feuerte, die nothwendige Vorsicht seiner Gefährten beobachtend, immer wieder schnell seine Büchse ab. Der Kampf wurde hitzig und blieb auf Einer Stelle. Nur Wenige wurden verwundet, da beide Parteien sich so viel als möglich durch die Bäume gedeckt hielten, und nie, als während des Zielens, irgend einen Theil ihrer Person blosstellten, Hawk-eye kam jedoch mit seinen Leuten allmählig immer mehr in Nachtheil. Der scharfblickende Kundschafter erkannte die Gefahr, kam aber auf kein Hülfsmittel. Er sah größere Gefahr im Rückzuge, als im Bleiben, während er doch bemerken mußte, daß der Feind sie zu überflügeln begann, was den Delawaren sehr schwierig machte, sich gedeckt zu halten und ihr Feuer beinahe verstummen ließ. In dieser Verlegenheit, wo sie bald von dem ganzen feindlichen Stamme eingeschlossen zu werden fürchten mußten, hörten sie mit einem Mal Schlachtgeschrei und das Echo von Waffenklang durch den Wald von der Gegend her erschallen, wo Uncas sich aufgestellt hatte. Dies war eine Niederung, gewissermaßen unter der Fläche gelegen, auf welcher der Kundschafter und seine Genossen kämpften. Dieser Angriff wirkte augenblicklich und erleichterte Hawk-eye und seine Freunde sehr. Es schien, als sey sein eigener Ueberfall vorausgesehen worden und habe deshalb fehlgeschlagen; dagegen mochte der Feind aber in dem Plane desselben und der Zahl der Streitenden sich getäuscht und zu wenig Streitkräfte zurückgelassen haben, um dem ungestümen Anfall des jungen Mohikaners zu widerstehen. Dies war um so klarer durch die Raschheit, mit welcher sich der Kampf aus dem Walde heraus nach dem Dorfe zog, wie durch die augenblickliche Trennung der feindlichen Streitkräfte, von welchen ein Theil zur Behauptung der Fronte eilte. Hier war, wie sich jetzt zeigte, der Hauptpunkt der Vertheidigung.

Mit seiner Stimme und durch eigenes Beispiel die Mannschaft ermunternd, gab jetzt Hawk-eye die Weisung, auf den Feind loszustürzen. Der Angriff bestand bei einer so kunstlosen Weise, Krieg zu führen, allein darin, von Versteck zu Versteck zu springen, näher und näher an den Feind: dies geschah alsbald und mit Glück. Die Huronen mußten sich zurückziehen, und die Scene des Kampfes zog sich reißend schnell von dem offenen Waldgrunde, auf dem sie Anfangs gewesen war, nach einem Dickichte, wo die Angegriffenen sich wieder halten konnten. Hier spann sich der Streit hartnäckig fort: wie es schien, mit zweifelhaftem Ausgang. Von den Delawaren war zwar noch Niemand gefallen, aber ihr Blut floß reichlich, in Folge ihrer unvortheilhaften Stellung.

In diesem bedenklichen Augenblick gelang es Hawk-eye hinter denselben Baum zu schlüpfen, der auch Heyward deckte; die meisten seiner Krieger waren im Bereiche seiner Stimme, etwas zur Rechten, wo sie ein rasches, aber wirkungsloses Feuer auf ihre geschützten Feinde unterhielten.

»Ihr seyd noch ein junger Mann, Major!« sprach der Kundschafter, indem er des Wildtödters Kolben auf die Erde senkte und, von seinen Mühen etwas erschöpft, sich auf das Rohr stützte; »und es kann Euch einmal beschieden werden, Truppen gegen diese Schelme, die Mingos, zu führen. Hier habt Ihr die ganze Philosophie eines Indianerkampfes! Sie besteht hauptsächlich in einer flinken Hand, einem scharfen Auge und einer guten Deckung. Nun, wenn Ihr eine Compagnie königlicher Amerikaner hier hättet, was würdet Ihr sie unter diesen Umständen thun lassen?« –

»Das Bajonett müßte eine Bahn brechen!«

»Ja, als Weißer sprecht Ihr da ganz vernünftig: aber in diesen Wildnissen muß man sich fragen, wie viel Menschenleben man schonen kann. Nein – das Pferd,« fuhr der Kundschafter, wie nachdenklich den Kopf schüttelnd, fort, »das Pferd, fast schäm‘ ich mich’s zu sagen, das Pferd muß früher oder später in diesen Scharmützeln entscheiden. Das Vieh ist da besser als der Mensch, und ans Pferd müssen wir uns am Ende halten. Setzt einen beschlagenen Huf auf den Moccasin einer Rothhaut, und wenn seine Büchse einmal leer ist, wird er nicht mehr inne halten, sie wieder zu laden.«

»Das ist ein Gegenstand, den wir besser ein anderes Mal erörtern,« versetzte Heyward; »wollen wir angreifen?«

»Es widerspricht der Aufgabe eines Mannes nicht, wenn er in Augenblicken der Erholung und frischen Athemschöpfens nützliche Betrachtungen anstellt,« entgegnete der Kundschafter. »Was aber ein Hervorbrechen anlangt: ein solcher Versuch kostet immer ein paar Skalpe. Und doch,« setzte er bei, indem er den Kopf bei Seite neigte, um den Tönen des fernen Kampfes zu horchen, »und doch müssen wir die Schelme vor uns los werden, wenn wir Uncas etwas nützen wollen!«

Hierauf wandte er sich schnell und mit entschlossener Miene ab und rief laut seinen Indianern in ihrer Sprache zu. Seine Worte wurden von einem Geschrei erwiedert, und auf ein gegebenes Zeichen glitt jeder Krieger schnell um den Baum, hinter welchem er stand. Der Anblick so vieler dunkeln Gestalten, die zu gleicher Zeit vor ihren Augen erschienen, veranlaßte die Huronen zu schnellem und deshalb unwirksamem Feuern. Ohne einen Augenblick zu verlieren, sprangen die Delawaren in langen Sätzen dem Walde zu, wie Panther, die sich auf ihre Beute stürzen. Hawk-eye war voran, seine furchtbare Büchse schwingend und die Gefährten durch sein Beispiel ermunternd. Einige der älteren und erfahrenern Huronen hatten sich durch die List, die sie zum Feuern hatte verleiten sollen, nicht bethören lassen und gaben jetzt eine geschlossene und tödtliche Salve. Die Besorgnis des Kundschafters ging in Erfüllung, denn drei seiner vordersten Krieger fielen. Allein dieser Schlag konnte das Ungestüm der Angreifenden nicht aufhalten. Die Delawaren brachen mit gewohnter Wildheit in das Versteck, und die Wuth ihres Anlaufs machte jeden Widerstand unmöglich.

Der Kampf dauerte nur einen Augenblick, Mann gegen Mann, und die Angegriffenen wichen schnell zurück, bis sie den entgegengesetzten Rand des Dickichts erreichten, unter dessen Schuß sie mit einer Hartnäckigkeit sich wieder festsezten, wie man sie bei gehetztem Wilde so oft findet. In diesem entscheidenden Augenblick, wo der Erfolg des Kampfes wieder zweifelhaft wurde, ließ sich ein Flintenknall im Rücken der Huronen vernehmen, eine Kugel pfiff von einigen Biberhütten her, die an der Lichtung im Hintergrunde standen, und gleich darauf ertönte das wilde, Schrecken erregende Schlachtgeheul.

»Hier spricht der Sagamore!« rief Hawk-eye freudig, das Geschrei mit seiner Stentorstimme erwiedernd; »wir haben sie jetzt von vorn und von hinten!«

Der Eindruck auf die Huronen zeigte sich augenblicklich. Entmuthigt durch Angriffe von einer Seite her, die ihnen auch das letzte Versteck abschnitt, stießen sie sämmtlich ein Geschrei der Verzweiflung aus, stoben aus einander und eilten zerstreut über die Lichtung hin, auf nichts als auf die Flucht bedacht. Manche fielen unter diesem Versuche unter den Kugeln und den Streichen der verfolgenden Delawaren.

Wir halten uns nicht dabei auf, das Zusammentreffen des Kundschafters mit Chingachgook, oder das noch rührendere Wiedersehen Duncan’s und Munro’s zu beschreiben. Wenige eilige Worte reichten hin, beide Theile mit dem Stand der Dinge bekannt zu machen: Hawk-eye stellte den Sagamoren seinen Gefährten vor und legte den Oberbefehl in die Hände des Mohikanerhänptlings nieder. Chingachgook übelnahm diese Stellung, für welche ihn Geburt und Erfahrung so besonders berechtigten, mit der Würde und dem Ernste, welche den Befehlen des eingebornen Kriegers stets Ansehen verleihen. Den Fußstapfen des Kundschafters folgend, führte er den Zug durch das Dickicht zurück: seine Krieger skalpirten die gefallenen Huronen und verbargen die Leichen ihrer eigenen Todten, bis ein Punkt erreicht war, wo der Erstere für gut fand, Halt zu machen.

Die Krieger, welche sich nach dem vorangegangenen Kampfe wieder etwas erholt hatten, wurden jetzt auf einer kleinen Fläche aufgestellt, die genugsam mit Bäumen bedeckt war, um ihnen Schutz zu gewähren. Das Land fiel jäh vor ihnen ab, und unterhalb breitete sich ein enges, dunkles Waldthal mehrere Meilen weit aus. In diesem dichten, finsteren Walde war Uncas mit der Hauptmacht der Huronen immer noch im Kampfe begriffen.

Der Mohikaner und seine Freunde traten an den Rand des Hügels vor und horchten mit geübtem Ohr auf das Getöse des Kampfes. Einige Vögel, von ihren einsamen Nestern aufgescheucht, schwebten über dem Blätterteppich des Thales, und hier und da stieg eine leichte Rauchwolke über den Bäumen empor, die sich bereits mit der Atmosphäre zu vermischen schien, und deutete einen Platz an, wo der Kampf hitzig und hartnäckig gewesen seyn mochte.

»Das Gefecht kommt den Abhang herauf,« sagte Duncan, nach einer Richtung deutend, wo sich eben wieder Feuerwaffen hören ließen. »Wir sind zu sehr im Mittelpunkt ihrer Linie, um mit Nachdruck wirken zu können.«

»Sie werden sich nach dem Hohlwege ziehen, wo sie besser geschützt sind,« sagte der Kundschafter; »und dann können wir sie gerade in der Flanke nehmen. Geh‘, Sagamore, es wird Zeit seyn, daß du dein Kriegsgeschrei erschallen lässest und die jungen Krieger voranführst. Ich will in diesem Scharmützel neben Kriegern von meiner eigenen Farbe fechten. Du kennst mich, Mohikaner; kein Hurone von ihnen allen soll über die Anhöhe dir in den Rücken kommen, ohne daß mein Wildtödter dazwischen tritt.«

Der indianische Häuptling zögerte noch einen Augenblick, um die Zeichen des Kampfes zu beobachten, der sich nun schnell den Abhang heraufzog, ein sicherer Beweis, daß die Delawaren triumphirten. Er verließ den Platz nicht früher, als bis er von der Nähe seiner Freunde sowohl als der Feinde durch einige Kugeln überzeugt wurde, welche, von den Ersteren herrührend, in die dürren Blätter auf dem Boden niederschlugen, Hagelkörnern gleich, die dem Ausbruch eines Sturmes vorangehen. Hawk-eye und seine drei Begleiter zogen sich einige Schritte in ein Dickicht zurück und erwarteten den Ausgang mit einer Ruhe, wie sie bei einer solchen Scene nur lange Erfahrung geben konnte. Bald darauf verloren die Flintenschüsse das Echo der Wälder und klangen, als würden sie in die freie Luft gethan. Jetzt wurde hier und da ein Krieger an den Saum des Waldes getrieben, um hier an der Lichtung, als an dem Orte, wo zum letzten Male Stand gehalten werden sollte, wieder Fuß zu fassen. Immer Mehrere sammelten sich, bis sich endlich eine lange Linie schwarzer Gestalten mit der Hartnäckigkeit der Verzweiflung zu diesem letzten Schutzorte drängten. Heyward wurde ungeduldig und wandte sein Auge ängstlich nach Chingachgook. Der Häuptling, von welchem nichts als sein ruhiges Antlitz sichtbar war, saß auf einem Felsen und betrachtete das Schauspiel so bedächtlich, als ob er hier nur um des Zuschauens willen seine Stellung genommen hätte.

»Es ist Zeit für den Delawaren, loszuschlagen,« sagte Duncan.

»Nicht doch, nicht doch!« entgegnete der Kundschafter; »wenn er seine Freunde wittert, wird er sie schon wissen lassen, daß er da ist. Seht! seht! die Schelme schließen sich dort in jene Fichten zusammen, wie Bienen nach dem Schwärmen. Bei Gott, eine Squaw könnte eine Kugel in die Mitte eines solchen Knäuels von dunkeln Häuten jagen!«

In diesem Augenblick erscholl ein Kriegsgeschrei, und ein Dutzend Huronen fielen auf Chingachgooks und seiner Leute Feuer. Das Geschrei, das nun folgte, ward von einem einzelnen Kriegsruf aus dem Walde beantwortet, und ein Geheul erfüllte die Luft, als ob tausend Kehlen sich dazu vereinigt hätten. Die Huronen stutzten, verließen das Centrum ihrer Linie und Uncas brach an der Spitze von hundert Kriegern aus dem Walde in die entstandene Oeffnung hervor.

Mit den Händen rechts und links winkend zeigte der junge Häuptling seinen Gefährten den Feind, und sie trennten sich sofort in der Verfolgung. Der Kampf war jetzt getheilt, beide Flügel der durchbrochenen Huronen-Reihen suchten wieder Schutz in den Wäldern, hart gedrängt von den siegreichen Kriegern der Lenapen. Kaum war eine Minute vergangen, als sich das Getöse schon nach verschiedenen Richtungen hin entfernte, und unter dem Wiederhall der Waldgewölbe allmählig seine Deutlichkeit verlor. Eine kleine Schaar Huronen hatte jedoch verschmäht irgend einen Schutz zu suchen, und zog sich gleich bedrängten Löwen langsam und düster die Anhöhe hinan, welche Chingachgook mit seinem Truppe eben verlassen hatte, um dem Kampfe näher zu rücken. Magua ragte unter diesen durch sein wildes, trotziges Aussehen und die stolze Herrschermiene, die er noch immer behauptete, deutlich hervor.

In seiner Hast, die Verfolgung zu beschleunigen, war Uncas fast allein geblieben; sobald aber sein Auge die Gestalt Le Subtil’s traf, war jede andere Rücksicht vergessen. Er erhob sein Schlachtgeschrei, das sechs oder sieben Krieger an seine Seite rief, und stürzte auf den Feind, der Ungleichheit der Zahl uneingedenk. Le Renard, der diese Bewegungen bemerkt hatte, hielt mit heimlicher Freude. um ihn zu erwarten. In dem Augenblick aber, da er den jungen Gegner durch ein so tollkühnes Ungestüm in seine Hände gegeben glaubte, ertönte ein neues Geschrei, und La longue Carabine eilte, von allen seinen weißen Gefährten begleitet, zur Hülfe herbei. Der Hurone wandte sich alsbald und begann seinen eiligen Rückzug die Anhöhe hinan.

Zu Grüßen oder Glückwünschen war keine Zeit, Uncas sezte mit Windesschnelle die Verfolgung fort, als bemerkte er die Gegenwart seiner Freunde nicht. Umsonst ermahnte ihn Hawk-eye, sich gedeckt zu halten: der junge Mohikaner trotzte dem gefährlichen Feuer seiner Feinde und zwang sie bald zu einer Flucht, die seiner Eile an Schnelligkeit gleich kam. Zum Glück war ihr Rennen von kurzer Dauer und die Weißen wurden durch ihre Stellung sehr begünstigt, sonst hätte der Delaware alle seine Begleiter überholt und wäre ein Opfer seiner Verwegenheit geworden. Aber ehe ein solches Unglück eintreten konnte, hatten Verfolger und Verfolgte das Dorf der Wyandots erreicht, einander so nahe; daß sie handgemein werden konnten. Durch den Anblick ihrer Wohnungen aufgeregt und ermüdet von der Flucht, machten die Huronen Halt und fochten mit der Wuth der Verzweiflung um ihre Versammlungshütte. Anfang und Ende des Kampfes glichen einem zerstörenden Sturmwinde. Uncas‘ Tomahawk, Hawk-eye’s Streiche und selbst Munro’s immer noch kräftiger Arm waren in dem flüchtigen Augenblick gleich thätig, und bald bedeckte sich der Boden mit Feinden. Immer aber entging Magua, obgleich er sich unerschrocken preisgab, allen Angriffen auf sein Leben, als stünde auch er unter jenem Schutze, mit welchem die Sage des Alterthums ihre Lieblingshelden überwacht seyn ließ. Ein Geheul ausstoßend, das seine Wuth und seine Täuschung tausendfach zu erkennen gab, stürzte der arglistige Häuptling, als er seine Genossen gefallen sah, nur von zwei Freunden begleitet, die allein noch am Leben waren, von dem Kampfplatz, und überließ es den Delawaren, die Köpfe der Todten des blutigen Siegeszeichens zu berauben. Uncas, der ihn vergeblich in dem Gewühle gesucht hatte, stürzte fort, ihn zu verfolgen; Hawk-eye, Heyward und David zogen ihm nach. Alles aber, was der Kundschafter thun konnte, war, daß er die Mündung seiner Büchse seinem Freunde vorhielt, dem sie übrigens alle Dienste eines Zauberschildes leistete. Einmal war es, als wollte Magua eine zweite und letzte Anstrengung machen, seine Verluste zu rächen; allein er gab den kaum gefaßten Vorsatz wieder auf, sprang in ein Dickicht von Gebüschen, gefolgt von seinen Feinden, und schlüpfte plötzlich in die Höhle, die unsere Leser bereits kennen. Hawk-eye, welcher bisher nur aus Zärtlichkeit für Uncas nicht gefeuert hatte, erhob jetzt ein Siegsgeschrei und erklärte laut, daß ihr Opfer ihnen jetzt gewiß sey. Die Verfolger stürzten in den langen und engen Gang, noch zeitig genug, um einen flüchtigen Schein von den forteilenden Huronen zu erhaschen. Während sie durch die natürlichen Gänge und unterirdischen Gemächer der Höhle stürmten, flohen unter Geschrei und Geheul Hunderte von Weibern und Kindern vor ihnen her. Der Ort glich in dem ungewissen Dämmerlichte den Schatten-Regionen der Unterwelt, durch welche Schaaren unseliger Geister und wilder Dämonen durcheinander jagten.

Immer aber hielt Uncas, als ob das Leben für ihn nur noch eine Aufgabe hätte, sein Auge auf Magua gerichtet, Heyward und der Kundschafter blieben ihm auf der Ferse, von demselben Gefühle, wenn auch vielleicht nicht in gleich hohem Grade beseelt, Der Weg aber wurde in den düsteren, finsteren Gängen sehr mühevoll seltener und minder deutlich zeigten sich ihnen die fliehenden Krieger und für einen Augenblick glaubten sie sogar die Spur derselben verloren, als an dem fernen Ende eines Ganges, der auf den Berg zu führen schien, ein weißes flatterndes Kleid sichtbar wurde.

»Es ist Cora!« rief Heyward in einem Tone, in welchem sich Entsetzen und Freude seltsam mischten. »Cora! Cora!« wiederholte Uncas, indem er gleich dem Hirsche des Waldes vorwärts stürzte.

»Es ist das Mädchen!« schrie der Kundschafter; »Muth, Lady; wir kommen! wir kommen!«

Die Verfolgung erneuerte sich mit einem Eifer, den der ermuthigende Anblick der Gefangenen verzehnfachte: der Weg aber wurde rauh, unterbrochen, an einigen Stellen beinahe ungangbar. Uncas warf seine Büchse weg und sprang mit Sturmeseile vorwärts, Heyward folgte rasch seinem Beispiel. Beide wurden aber augenblicklich daran erinnert, daß ihr Beginnen Thorheit war: denn sie hörten den Knall einer Flinte, welche die Huronen in den Felsenweg herab losfeuerten, und die Kugel brachte sogar dem jungen Mohikaner eine leichte Wunde bei.

»Wir müssen ihnen auf den Leib!« sprach der Kundschafter, indem er mit einem verzweifelten Sprung seine Freunde hinter sich zurückließ: »in dieser Entfernung schießen uns die Schufte alle weg; und seht, sie halten das Mädchen als einen Schild vor sich!«

Ohne auf diese Worte zu achten, oder vielmehr, ohne sie zu hören, folgten die Begleiter seinem Beispiel und kamen durch unglaubliche Anstrengungen den Fliehenden so nahe, daß sie sehen konnten, wie Cora von zwei Kriegern fortgetragen wurde, während Magua Richtung und Weise ihrer Flucht vorschrieb. In diesem Augenblicke zeichneten sich die vier Gestalten deutlich gegen eine lichte Oeffnung, die in’s Freie ging, und verschwanden dann gänzlich. Fast wahnsinnig über diese Täuschung machten Uncas und Heyward Anstrengungen, die übermenschlich zu nennen waren, und stürzten aus der Höhle an der Seite des Berges, noch zeitig genug, um die Richtung der Verfolgten zu erkennen. Der Weg ging jetzt die Anhöhe hinan und war noch immer mühsam und gefährlich.

Durch seine Büchse gehindert, oder vielleicht nicht von dem tiefen Interesse für die Gefangene getrieben, wie seine Begleiter, ließ der Kundschafter Letztere ein Wenig voraus, und Uncas ließ seinerseits Heywald hinter sich. So kamen sie in unglaublich kurzer Zeit über Felsen und Abstürze weg, und siegten über Gefahren, die zu anderer Zeit und unter anderen Umständen für unübersteiglich gehalten worden wären. Aber das Ungestüm der jungen Männer wurde belohnt: sie fanden, daß die Huronen, durch Cora gehindert, in der Flucht zurückblieben.

»Halte, Hund von Wyandot!« rief Uncas ans, seinen blinkenden Tomahawk gegen Magua schwingend: »ein Delawaren-Mädchen gebietet dir Halt!«

»Ich geh‘ nicht weiter!« rief Cora, indem sie unerwartet an einer Felsenspitze stehen blieb, die über einem tiefen Abgrund nahe dem Gipfel des Berges hing. »Tödte mich, wenn du willst, abscheulicher Hurone: ich geh‘ nicht weiter!«

Die Wilden, welche das Mädchen trugen, erhoben bereitwillig ihre Tomahawks mit jener ruchlosen, teuflischen Freude, die man bösen Geistern zuschreibt, wenn sie Unheil stiften können; aber Magua wehrte ihrem Arme. Der Huronenhäuptling rang seinen Begleitern die Waffen aus der Hand, warf sie über den Felsen hinab, zog sein Messer und wandte sich mit einem Blicke an die Gefangene, in dem sich die widerstrebendsten Leidenschaften malten.

»Weib,« sprach er, »wähle: Le Subtil’s Wigwam oder sein Messer!«

Cora achtete nicht auf ihn: sie warf sich auf die Kniee und erhob Augen und Arme zum Himmel und sprach mit sanfter, aber vertrauensvoller Stimme:

»Dein bin ich! Thu‘ mit mir nach deinem Rathschluß!«

»Weib!« wiederholte Magua mit barscher Stimme, indem er vergeblich einen Blick aus ihrem heiteren, strahlenden Auge zu erhaschen suchte, »wähle!«

Aber Cora hörte oder beachtete nicht, was er sprach. Jede Fiber zitterte an dem Huronen; er hob seinen Arm, ließ ihn aber mit einem Ausdruck der Verwirrung wieder sinken, wie Einer, der noch zweifelhaft ist. Noch einmal kämpfte er mit sich und hob die scharfe Waffe empor – da hörte man aus der Höhe herab ein durchdringendes Geschrei, Uncas erschien und sprang in wahsinnigem Drange von einer furchtbaren Höhe auf die Felsenspitze herab. Magua fuhr einen Schritt zurück und Einer seiner Begleiter benützte diese Gunst, sein Messer Cora in das Herz zu stoßen.

Der Hurone sprang wie ein Tiger auf seinen verwegenen Landsmann, der bereits zurückwich; der herabstürzende Uncas aber trennte die unnatürlichen Gegner. Durch diese Unterbrechung gestört und durch den Mord, dessen Zeuge er eben gewesen war, in Raserei versetzt, stieß Magua dem auf dem Boden liegenden Delawaren das Messer in den Rücken, ein teuflisches Frohlocken über diese feige That ausstoßend. Aber Uncas erhob sich von dem Stoße, wie ein verwundeter Panther auf den Feind stürzt, und streckte mit der letzten Anstrengung seiner sinkenden Kraft Cora’s Mörder zu seinen Füßen nieder. Dann wandte er einen finstern, festen Blick auf Le Subtil, und sein Auge verrieth, was er gethan haben würde, hätten ihn nicht seine Kräfte gänzlich verlassen. Magua ergriff den kraftlosen Arm, des zu jedem Widerstände unfähigen Delawaren und stieß ihm dreimal sein Messer in den Busen; dann erst fiel das Schlachtopfer, den Blick immer noch mit einem Ausdruck der tiefsten Verachtung auf den Feind geheftet, todt zu seinen Füßen nieder.

»Erbarmen! Erbarmen, Hurone!« rief Heyward von oben, in Tönen, die vor Entsetzen beinahe erstickten, »Hab‘ Erbarmen, und du sollst Erbarmen finden!«

Das blutige Messer nach dem stehenden Jünglinge schleudernd, stieß der siegreiche Magua ein so grimmiges, wildes, und zugleich frohlockendes Geschrei aus, daß der Ruf wilden Triumphes sogar bis zu den Ohren der Krieger drang, welche tausend Fuß unter ihm im Thale fochten. Ein Schrei aus dem Munde des Kundschafters antwortete, und seine hohe Gestalt über die gefahrvollen Felsenklippen mit so kühnem, rastlosem Schritte auf Le Subtil zueilte, als ob er die Gabe, in der Luft zu wandeln, besäße. Als aber der Jäger die Scene eines so grausenhaften Mordes erreicht hatte, waren die Todten allein auf der Felsenspitze.

Sein kühnes Auge warf einen einzigen Blick auf die Schlachtopfer und überschaute dann die Schwierigkeiten der vor ihm ansteigenden Felsenhöhe. Auf der Höhe des Berges stand, gerade am Rande des schwindlichen Absturzes, in furchtbar drohender Stellung eine Gestalt mit hoch emporgehobenen Armen. Ohne die Person näher zu betrachten, erhob Hawk-eye seine Büchse; aber ein Felsstück, das einem der Flüchtlinge unten auf den Kopf geworfen ward, zeigte das vor Entrüstung glühende Antlitz des ehrlichen Gamut. Jetzt kam Magua aus einer Felsenspalte hervor, schritt mit gleichgültiger Ruhe über die Leiche seines letzten Gefährten, übersprang einen weiten Felsenriß und klomm an einer Stelle, wo Davids Arm ihn nicht erreichen konnte, den Berg hinan. Noch ein einziger Sprung hätte ihn über den Abgrund gebracht und er wäre in Sicherheit gewesen. Ehe er jedoch den Anlauf nahm, hielt er inne, schüttelte die Hand gegen den Kundschafter und schrie:

»Die Blaßgesichter sind Hunde! Die Delawaren sind Weiber! Magua läßt sie auf den Felsen den Krähen zur Speise!«

Unter heiserem Gelächter that er einen verzweifelten Sprung, erreichte aber das Ziel nicht, obwohl seine Hände im Fallen noch ein Gestrüpp an dem Rande der Höhe zu erreichen wußten. Hawk-eye drückte sich zusammen, wie ein wildes Thier, das im Begriff ist, einen Sprung zu machen, seine ganze Gestalt zitterte so gewaltig vor Hast, daß die Mündung der halberhobenen Büchse wie ein Blatt im Winde spielte. Ohne sich mit fruchtlosen Anstrengungen zu erschöpfen, ließ der kluge Magua seinen Leib der Länge nach herunter gleiten, und fand ein Felsstück, auf dem seine Füße ruhen konnten. Dann bot er alle seine Kräfte zu einem neuen Versuche auf, der ihm auch so weit gelang, daß er sich mit den Knieen auf den Rand des Berges zu schwingen vermochte. Jetzt, da der Leib des Feindes am meisten zusammengekauert war, zog sich die bewegliche Büchse des Kundschafters an die Schulter. Die Felsen rund umher konnten nicht steter seyn, als es die Flinte in dem Augenblick wurde, da sie ihren Inhalt entlud. Die Arme des Huronen verließen ihren Halt, sein Leib fiel ein wenig zurück, während seine Kniee noch in ihrer Lage blieben. Einen unversöhnlichen Blick auf den Feind wendend, schüttelte er in grimmigem Trotze die Hand. Aber sein letzter Halt schwand und einen Augenblick sah man die dunkle Gestalt kopfüber die Luft durchschneiden, bis sie hinter dem Saume von Gesträuch, das den Felsen umgab, verschwand, ein unwiederbringlicher Raub des Todes.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Wie Tapfere sie fochten lang und gut.
Sie thürmten leich‘ auf Leich‘ von Moslemin.
Sie siegten – doch Bozzaris fiel. Sein Blut
Aus jeder Ader rann.
Die kleine Schaar der Kameraden sah
Ihn lächeln, als ihr stolzes Siegshurrah
Durch’s rothe Bluthfeld drang!
Dann sah’n sie, wie zum Tod sein Auge zu
Sich schloß, so milde, wie zur Nachtesruh,
Der Blume gleich, bei Sonnenuntergang.
Halleck.

Die aufgehende Sonne fand die Lenapen als ein Volk von Trauernden. Die Töne der Schlacht waren verklungen. Ihr alter Haß war reichlich gesättigt und den letzten Strauß mit den Meng-We’s hatten sie durch die Vernichtung einer ganzen Stammgemeinde gerächt. Trüb und düster lag die Atmosphäre über der Gegend, wo das Lager der Huronen gewesen war, und verkündete nur zu gut das Schicksal dieses wandernden Stammes, während Hunderte von Raben, über den bleichen Gipfeln der Berge durcheinander fliegend oder in krächzenden Schwärmen über den endlosen Waldräumen schwebend gräßliche Wegweiser zu dem Schauplatz des Kampfes abgaben. Kurz, jedes Auge, mit der Kriegführung an den Gränzen nur in etwas vertraut, hätte diese untrüglichen Spuren der Gräuel einer Indianerrache leicht erkennen müssen. Und doch fand die aufgehende Sonne das Volk der Lenapen in Trauer. Kein Jubellaut, kein Triumphgesang, den Sieg zu feiern, ward gehört. Der letzte Nachzügler war von seinem gräßlichen Geschäfte heimgekehrt, nur um die schrecklichen Abzeichen seines blutigen Berufes zu entfernen und in die Klagen seiner Landsleute, die sich ein geschlagenes Volk nennen durften, einzustimmen. Stolz und Frohlocken waren der Demüthigung, und die wildesten menschlichen Leidenschaften den Aeußerungen des tiefsten, unzweideutigsten Schmerzes gewichen.

Die Wohnungen waren verlassen: Alles, was Leben hatte, war nach einem Orte in der Nähe gezogen, wo jetzt Alle in tiefem, feierlichem Stillschweigen versammelt waren, ein breiter Gürtel ernsthaft blickender Gesichter. Menschliche Wesen jedes Ranges und Alters, von beiden Geschlechtern und von den verschiedensten Berufsarten waren in dieser lebendigen Mauer versammelt, und doch belebte sie alle ein Gefühl. Aller Augen hefteten sich auf die Mitte des Kreises, wo sich die Gegenstände so lebhafter und so allgemeiner Theilnahme befanden.

Sechs delawarische Mädchen, deren lange, dunkle Haarflechten nachläßig über ihre Brust herabflossen, standen bei Seite und gaben kein anderes Zeichen ihrer Gegenwart, als daß sie von Zeit zu Zeit süßduftende Kräuter und Waldblumen auf eine Sänfte, von wohlriechenden Zweigen bereitet, streuten: sie enthielt unter einem Leichentuche aus indianischen Gewändern die irdischen Ueberreste der feurigen, hochsinnigen, edelmüthigen Cora. Ihre Gestalt war unter vielen Hüllen aus demselben einfachen Stoffe verborgen, und ihr Gesicht für immer dem Anblick der Menschen entzogen. Zu ihren Füßen saß der trostlose Munro. Sein ehrwürdiges Haupt beugte sich beinahe zur Erde nieder, in schmerzlicher Unterwerfung unter die Schickung des Himmels; aber ein verborgener Gram kämpfte um die gefurchte Stirn, die nur theilweise durch graue, nachläßig über seine Schläfe fallende Locken bedeckt wurde. Gamut stand an seiner Seite, sein mildes Haupt war entblößt und den Strahlen der Sonne preisgegeben, während seine Augen, unstät und befangen, ihre Blicke zwischen dem kleinen Buche, das so spitzfindig ausgedrückte und doch so hochheilige Lehren enthielt, und zwischen dem Wesen theilten, dem sein Gemüth gerne Trost gespendet hätte. Heyward stand in der Nähe und lehnte sich an einen Baum, bemüht, die plötzlichen Ausbrüche des Schmerzes darniederzuhalten, zu deren Bekämpfung er seiner ganze Männlichkeit bedurfte.

So traurig und melancholisch man sich auch diese Gruppe denken mag, so war sie doch nicht so ergreifend als eine andere am entgegengesetzten Ende dieser Räume. Dort saß Uncas, wie wenn er noch am Leben wäre, Gestalt und Haltung voll Würde und Anstand, mit den glänzendsten Zierrathen geschmückt, die der Reichthum des Stammes hatte auftreiben können. Reiche Federn rollten von seinem Haupte: Wampum, Hals- und Armgeschmeide, Denkmünzen waren an ihm verschwendet, aber sein erstorbenes Auge und seine leblosen Züge widersprachen zu sehr der stolzen Absicht eines so eitlen Schmuckes.

Gerade vor dem Todten saß Chingachgook, ohne Waffen, ohne Bemalung, ja ohne Verzierung irgend einer Art, das glänzend blaue Stammbild seines Geschlechtes ausgenommen, das der nackten Brust unvertilgbar eingegraben war. Während der langen Zeit, da der Stamm hier versammelt war, schaute der mohikanische Krieger fest und kummervoll auf das kalte, leblose Antlitz seines Sohnes. So unverwandt und innig war dieser Blick, seine Haltung so unverrückt, daß ein Fremder den Lebenden von dem Todten nur an dem gelegentlichen Spiel eines aufgeregten Geistes, das sich auf dem düstern Antlitze des Vaters malte, und an der todtenähnlichen Ruhe, die sich für immer auf den Zügen des Sohnes gelagert hatte, unterschieden haben würde.

Der Kundschafter stand dicht daneben, in nachdenklicher Stellung auf seine todbringende Rächerwaffe gelehnt, während Tamenund, von den Aeltesten seiner Nation unterstützt, einen erhöhten Platz einnahm, von wo er die stumme, von Gram bewegte Versammlung überblicken konnte.

In dem innern Rande des Kreises stand ein Offizier, in der Uniform einer fremden Nation; außerhalb war sein Schlachtroß, von einer Anzahl berittener Diener umgeben, die sich, wie es schien, auf eine ferne Reise bereitet hatten. Der Anzug des Fremden zeigte, daß er in der nächsten Umgebung des Statthalters von Canada eine angesehene Stellung inne habe. Wie es schien, war seine Absicht, Frieden zu stiften, durch das wilde Ungestüm seiner Verbündeten vereitelt worden, und er mußte sich nun begnügen, ein schweigsamer Zeuge der traurigen Früchte eines Streites zu seyn, dem vorzubeugen er zu spät gekommen war.

Der Tag nahte sich dem Ende seines ersten Viertels und immer noch verharrte die Menge in dem athemlosen Schweigen, welches seit dem vergangenen Abende unter ihr herrschte. Nichts hörte man, als etwa einen unterdrückten Seufzer, kein Glied hatte sich die lange Zeit über gerührt, außer um die einfachen und rührenden Opferdienste zu versehen, die von Zeit zu Zeit dem Andenken der Verstorbenen gebracht wurden. Nur die Geduld und Ausdauer indianischer Seelenstärke konnte solch einen Anschein lebendigen Todes ertragen, welcher die dunkeln, bewegungslosen Gestalten in Stein verwandelt zu haben schien. Endlich reckte der Weise der Delawaren einen Arm aus, stützte sich auf die Schultern seiner Begleiter und erhob sich mit einem Ausdruck von Schwäche, als ob auf dem Manne, der gestern noch vor seinem Volke gestanden, heute, da er auf seinem erhabenen Sitze wankte, ein Menschenalter mehr lastete.

»Männer der Lenapen!« sprach er in hohlen Tönen, deren Klang eine Prophezeiung zu verkünden schien; »Manitto’s Gesicht ist hinter einer Wolke! Sein Auge ist von euch gewandt; seine Ohren sind verschlossen; seine Zunge gibt keine Antwort. Ihr seht ihn nicht, und doch sind seine Gerichte vor euern Augen. Eure Herzen seyen offen und eure Geister sprechen keine Lüge! Männer der Lenapen! Manitto’s Antlitz ist hinter einer Wolke!«

Als diese einfache und doch furchtbare Ankündigung in die Ohren der Zuhörer drang, erfolgte eine so tiefe und schauerliche Stille, als ob das hohe Wesen, das sie anbeteten, die Worte ohne Hülfe menschlicher Organe gesprochen hätte: selbst der entseelte Uncas schien belebt im Vergleich mit der demüthigen, unterwürfigen Menge, von der er umgeben war. Jedoch der unmittelbare Eindruck verschwand allmählig, und leise, murmelnde Stimmen begannen eine Art von Gesang zu Ehren der Todten. Es waren weibliche Laute, durchdringend, sanft und klagend. Die Worte hatten unter sich keine regelmäßige Folge: wenn Eine aufhörte, nahm eine Andere den Lobgesang oder die Trauerklage, wie man es nennen mochte, wieder auf und drückte ihre Empfindungen in einer Sprache aus, wie sie ihr das Gefühl und die Verhältnisse eingaben. Dazwischen wurden die Sprecherinnen von lauten und allgemeinen Ausbrüchen des Schmerzes unterbrochen, während welcher die Mädchen um Cora’s Bahre die Pflanzen und Blumen auf ihrem Körper in wilder Hast zerpflückten, als wären sie vor Gram wahnsinnig. In milderen Augenblicken jedoch wurden diese Sinnbilder der Reinheit und süßer Anmuth mit allen Zeichen zärtlicher Theilnahme wieder an ihre frühere Stelle gelegt. Obgleich ihre Worte durch die vielfachen, stärkeren Ausbrüche der Empfindung unzusammenhängend erschienen, so würde eine Uebertragung derselben doch regelmäßig wiederkehrende Wechsel und in ihnen eine Reihenfolge von Gedanken zu Tage gebracht haben.

Ein Mädchen, durch ihren Rang und ihre Eigenschaften hiezu besonders auserlesen, begann mit bescheidenen Anspielungen auf die Verdienste des gefallenen Kriegers, und schmückte ihre Ausdrucksweise mit jenen morgenländischen Bildern, welche die Indianer ohne Zweifel von den äußersten Enden des andern Festlandes mit herübergebracht haben, und die an sich schon ein Gelenk in der Verbindungskette der Geschichte der zwei Welten bilden. Sie nannte ihn den Panther seines Stammes und schilderte ihn als Einen, dessen Moccasin keine Spur auf dem Thaue zurücklasse; dessen Sprung dem des jungen Hirschkalbes gleiche; dessen Auge glänzender als ein Stern in finsterer Nacht sey, und dessen Stimme in der Schlacht so laut klinge, als der Donner des Manitto. Sie erinnerte ihn an die Mutter, die ihn geboren, und verweilte namentlich bei dem Glücke, das diese im Besitze eines solchen Sohnes empfinden müsse. Sie bat ihn, ihr zu sagen, wenn er sie in der Welt der Geister treffe, daß die Delawaren-Mädchen über dem Grabe ihres Kindes Thränen vergossen und sie eine Gesegnete genannt hätten.

Ihr folgten Andere, welche in einer noch milderen, innigeren Weise mit der ihrem Geschlechte eigenen zarten Empfindsamkeit das fremde Mädchen besangen. Sie sey so nahe an Uncas‘ Tode dieser Erde entrückt worden, daß der Wille des großen Manitto mit Beiden sich deutlich offenbare und nicht mißverstanden werden könne. Sie ermahnten ihn, freundlich gegen sie zu sehn und Nachsicht mit ihr zu haben, wenn sie die Fertigkeiten nicht besitze, die einem Krieger, wie er, für seine Bequemlichkeit so nöthig sehen. Sie verweilten bei ihrer unvergleichlichen Schönheit und ihrem entschlossenen Edelsinn, ohne einen Gedanken von Neid, wie etwa Engel an noch höheren Wesen ihre Freude finden mögen. Sie fügten bei, daß diese reichen Gaben kleinere Mängel der Erziehung mehr als ersetzen würden.

Nach ihnen redeten Andere, in wohlbedachter Folge, in der Sprache der Zärtlichkeit und Liebe zu dem Mädchen selbst. Sie ermunterten sie, fröhlichen Sinnes zu seyn und nichts für ihre künftige Wohlfahrt zu fürchten. Ein Jäger werde ihr Gefährte seyn, der ihre kleinsten Bedürfnisse zu befriedigen wisse: ein Krieger ihr zur Seite stehen, der sie gegen jegliche Gefahr zu schützen vermöge. Ihr Pfad, verhießen sie, werde anmuthig, und ihre Bürde leicht seyn. Sie warnten sie vor vergeblicher Sehnsucht nach den Freunden ihrer Jugend, nach den Landen, wo ihre Väter geweilt hätten, mit der Versicherung, die gesegneten Jagdgefilde der Lenapen enthielten so anmuthige Thäler, so klare Ströme und so liebliche Blumen, als der Himmel der Blaßgesichter. Sie riethen ihr, aufmerksam für die Bedürfnisse ihres Gefährten zu seyn und nie zu vergessen, welchen Unterschied Manitto so weislich zwischen ihnen festgestellt habe. Dann besangen sie, ihre Stimmen stärker erhebend, die Sinnesweise des Mohikaners. Sie nannten ihn edel, männlich, großmüthig; Alles vereinige er, was einem Krieger zieme – was ein Mädchen lieben könne. Sie kleideten ihre Gedanken in die entferntesten, gesuchtesten Bilder und gaben zu verstehen, daß es ihnen in der kurzen Zeit ihres Zusammenseyns gelungen sey, seine geheime Neigung mit der ihrem Geschlecht eigenen schnellen Auffassungsgabe richtig zu erspähen. Die Delawaren-Mädchen hätten in seinen Augen keine Gnade gefunden. Er sey von einem Stamme, dessen Glieder einst Herren der Gestade des Salzsees gewesen, und seine Wünsche hätten ihn zurück nach einem Volke geleitet, das um die Gräber seiner Väter wohne. Warum sollte ein solcher innerer Zug nicht begünstigt werden? Aber sie gehöre einem reineren und reicheren Mute an, als Andere ihrer Nation, wie jedes Auge leicht erkennen werde; daß sie den Gefahren und Wagnissen des Lebens in den Wäldern gewachsen sei, habe ihr Benehmen gezeigt. Und jetzt,« fuhren sie fort, »habe ,der Weise der Erde sie an einen Ort versetzt, wo sie ebenbürtige Geister finden und für immer glücklich sein werde.«

In einem zweiten Übergange wechselten sie abermals Ton und Gegenstand und gingen zu der Jungfrau über, die in der nahegelegenen Wohnung weinte. Sie verglichen sie mit den Flocken des Schnees: so rein, so weiß, so glänzend, so leicht schmelzbar in der heftigen Sommerhitze, so leicht dem Gefrieren ausgesetzt in dem Froste des Winters war sie. Sie zweifelten nicht an ihrer Liebenswürdigkeit in den Augen des jungen Häuptlings, dessen Farbe und dessen Schmerz dem ihrigen so ähnlich scheine, wenn sie auch weit entfernt blieben, einen solchen Vorzug deutlich auszusprechen. Doch war es klar, daß sie Alice nicht so hoch stellten, als das Mädchen, um welches sie trauerten. Sie versagten ihr jedoch keinen Ruhm, den ihre seltenen Reize ansprechen durften. Ihre Locken wurden mit den üppigen Ranken der Weinrebe, ihr Auge mit dem blauen Himmelsgewölbe verglichen, und das fleckenloseste Gewölk, von dem glühenden Hauche der Sonne gerötet, war nicht so reizend als die Blüte ihrer Wangen.

Während dieser und ähnlicher Klagelieder hörte man nichts als das Gemurmel des Gesangs, gehoben oder vielmehr furchtbar gemacht durch die gelegentlichen stärkeren Ausbrüche des Grams, die gleichsam ein Chor genannt werden konnten. Die Delaware horchten, wie von einem Zauber gefangen, und das wechselnde Spiel ihrer ausdrucksvollen Mienen gab kund, wie tief und innig ihr Mitleid war. Selbst David lieh willig sein Ohr den Tönen so lieblicher Stimmen, und lange bevor der Gesang zu Ende war, verkündete sein Blick, wie tief sein Gemüt im Hören gefesselt war.

Der Kundschafter, dem allein unter den anwesenden Weißen diese Worte verständlich waren, erhob sich etwas aus seiner nachdenklichen Stellung und neigte sein Haupt beiseite, um den fortlaufenden Sinn derselben aufzufassen. Als sie aber von den künftigen Aussichten Cora’s und Uncas sangen, schüttelte er den Kopf, wie Einer, der die Irrthümer ihres schlichten Glaubens wohl erkannte, und nahm dann wieder seine zurückgelehnte Stellung an, in ihr verharrend, bis die Ceremonie zu Ende war – wenn man Ceremonie eine Handlung nennen darf, die von so tiefem Gefühl zeugte. Heyward und Munro verstanden, zum Glück für ihre Fassung, den Sinn der eben vernommenen wilden Laute nicht,

Chingachgook allein bildete eine Ausnahme unter den so tief ergriffenen übrigen Eingebornen. Sein Blick wechselte nie während tes ganzen Auftrittes, selbst bei den wildesten oder feierlichsten Theilen der Wehklage bewegte sich keine Muskel auf seinem starren Antlitz. Die kalten, leblosen Ueberreste seines Sohnes waren ihm Alles, und jeder andere Sinn, außer dem Gesichtssinn, schien erstorben, während sein Auge zum Letztenmale nach den so lange geliebten Zügen schaute, deren Anblick ihm bald für immer entrissen werden sollte.

Jetzt trat ein Krieger, berühmt durch seine Waffenthaten, besonders aber durch seine Leistungen in dem letzten Kampfe, ein Mann von ernster, würdevoller Haltung, langsam aus der Menge hervor und stellte sich vor den Todten.

»Warum hast du uns verlassen, Stolz der Wapanachki?« sprach er, sich an die tauben Ohren des jungen Mohikaners wendend, als ob die leere Hülle noch die Fähigkeiten des Lebenden besäße; »deine Zeit war die der Sonne, so lange sie hinter den Bäumen ist: dein Ruhm war glänzender als ihr Licht um die Mittagszeit, Du bist dahingegangen, junger Krieger, aber Hunderte von Wyandot’s räumen die Brombeersträuche von deinem Pfade nach der Welt der Geister. Wer sah dich in der Schlacht und glaubte, daß du sterben könntest? Wer vor dir hat Uttawa den Weg in die Schlacht gezeigt? Deine Füße waren gleich Adlerschwingen; dein Arm schwerer als Aeste, die von der Fichte fallen, und deine Stimme glich der Stimme Manitto’s, wenn er in den Wolken spricht. Die Zunge Uttawa’s ist schwach,« fügte er hinzu, indem er mit traurigem Blicke um sich schaute, »und sein Herz wird ihm schwer. Stolz der Wapanachki, warum hast du uns verlassen?«

Ihm folgten der Reihe nach Andere, bis die meisten der hohen und begabten Männer der Nation sprechend oder im Gesang den Mannen des dahingeschiedenen Häuptlings das Opfer ihrer Lobpreisungen dargebracht hatten. Als sie zu Ende waren, herrschte abermals atemlose Stille über die ganze Versammlung,

Jetzt ließ sich ein leiser, tiefer Ton vernehmen, ähnlich der gedämpften Begleitung einer fernen Musik. Er war laut genug, um hörbar zu werden, blieb aber so unbestimmt, daß man so wenig wußte, woher er kam, als was er bedeutete. Er stieg jedoch höher und höher, bis er zuerst in lang ausgehaltenen oft wiederholten Ausrufungen und endlich in Worten deutlich in das Ohr der Hörer drang. Die Lippen Chingachgook’s hatten sich nun so weit geöffnet, daß man erkannte, es sei des Vaters Trauergesang, für Uncas. Obgleich kein Auge sich nach ihm wandte, nicht das geringste Zeichen der Ungeduld laut wurde, so sah man doch an der Weise, wie die Versammelten ihre Häupter erhoben, daß sie die Töne mit einer Aufmerksamkeit verschlangen, so gespannt, wie sie bisher nur Tamemund zu Teil geworden war. Sie horchten aber vergeblich. Der Gesang wurde gerade so laut, um vernehmbar zu werden, dann immer schwächer und zitternder, bis er dem Ohre völlig entschwand, als würde er von einem flüchtigen Windhauch davongetragen. Die Lippen des Sagamoren schlossen sich und er blieb schweigend sitzen, mit seinem starrblickenden Auge und der regungslosen Gestalt einem Wesen gleich, das der Allmächtige nur mit dem Bilde, aber nicht mit dem Geiste eines Menschen begabt hatte. Die Delawaren, welche an diesem Zeichen erkannten, daß ihr Freund noch nicht zu einer so mächtigen Erhebung des Geistes fähig sei, ließen ihre Aufmerksamkeit sinken und schienen in angebornem Zartgefühl alle ihre Gedanken nur auf das Leichenbegängniß des fremden Mädchens zu richten.

Einer der älteren Häuptlinge gab den Frauen ein Zeichen, die in der Nähe von Cora’s Leiche standen. Dem Winke gehorchend, erhoben die Mädchen die Bahre zu der Höhe ihrer Häupter und schritten langsam und regelmäßig vorwärts, einen zweiten Klaggesang zum Preise der Verstorbenen anstimmend. Gamut, welcher ihre ihm so heidnisch dünkenden Gebräuche beobachtet hatte, beugte jetzt sein Haupt über die Schulter des besinnungslosen Vaters und flüsterte:

»Sie nehmen die Ueberreste deines Kindes auf: wollen wir nicht ihnen folgen und auf ein christliches Begräbniß bedacht seyn?«

Munro fuhr auf, als hätte die letzte Posaune in sein Ohr geklungen und warf einen hastigen, ängstlichen Blick um sich her; dann erhob er sich und folgte dem einfachen Zuge mit der Miene eines Soldaten, aber mit dem ganzen Gewichte des Vaterschmerzes. Seine Freunde drängten sich mit einem Ausdrucke des Kummers um ihn her, der zu stark war, um Mitgefühl genannt zu werden. Selbst der junge Franzose schloß sich an, offenbar lebhaft ergriffen von dem frühen und traurigen Ende eines so liebenswürdigen Wesens. Als aber die letzten und niedrigsten Weiber des Stammes dem anscheinend regellosen und doch geordneten Zuge sich angereiht hatten, schlossen die Männer der Lenapen den Kreis um Uncas‘ Leiche wieder so ernst, so würdevoll, so regungslos wie zuvor.

Die Stelle, welche sie zu Cora’s Grab gewählt hatten, war ein kleiner Hügel, wo ein Kreis junger, gesunder Fichten Wurzel gefaßt hatte, deren Schatten nur ein melancholisches, so Wohl geeignetes Dämmerlicht gestattete. An dem Platze angekommen, setzten die Mädchen ihre Last nieder und warteten mit der ihnen eigenthümlichen Geduld und mit angeborner Schüchternheit auf irgend ein Zeichen der Zustimmung von Denen, deren Gefühle bei diesen Anordnungen am meisten betheiligt waren. Endlich sprach der Kundschafter, welcher allein ihre Gebräuche verstand, in ihrer Mundart:

»Was meine Töchter gethan haben, ist gut; die weißen Männer danken ihnen.«

Zufrieden mit diesem Zeugniß, schickten sich die Mädchen an, die Leiche in eine Art Sarg, künstlich und nicht ohne Geschmack aus Birkenrinde gefertigt, zu legen, und senkten sie dann in die finstere, letzte Behausung hinab. In derselben schlichten Weise und ebenso stumm wurde die Leiche bedeckt, und die Spur der frischen Erde mit Blättern und anderen Hüllen, wie sie die Natur und die Gewohnheit an die Hand gaben, verborgen. Als die Arbeit dieser freundlichen Kinder der Natur, die eine so traurige Pflicht so liebevoll erfüllt hatten, vollendet war, zögerten sie, um zu zeigen, daß sie nicht wüßten, wie weiter fortzufahren. Jetzt wandte sich der Kundschafter wieder mit den Worten an sie:

»Meine jungen Weiber haben genug gethan,« sprach er, »der Geist eines Blaßgesichtes bedarf keiner Speise noch Kleidung. Sie haben, was sie in dem Himmel ihrer Farbe bedürfen. Ich sehe,« fuhr er fort, einen Blick auf David werfend, der eben mit seinem Buche beschäftigt war und die Absicht verrieth, einen heiligen Gesang einzuleiten; »daß Einer reden will, der die christlichen Gebräuche besser kennt, als ich!«

Die Mädchen, welche bisher eine Hauptrolle gespielt hatten, traten nun bescheiden bei Seite, ruhige und aufmerksame Zuschauerinnen bei dem, was folgte. Während David auf die angedeutete Weise die frommen Gefühle seines Herzens ergoß, entschlüpfte ihnen kein Zeichen der Ueberraschung, kein Blick der Ungeduld. Sie lauschten vielmehr gleich denen, welche den Sinn der fremden Worte verstanden, und es schien, als ob sie die gemischten Gefühle des Schmerzes, der Hoffnung und der Ergebung mit empfanden, die der Gesang hervorrufen sollte.

Aufgeregt von der Scene, deren Zeuge er gewesen war, und vielleicht in Folge der Bewegung seines Innern, leistete der Singmeister Ungewöhnliches. Seine volle, reiche Stimme litt nicht, verglichen mit den sanften Tönen der Mädchen, und seine kunstgerechten Weisen besaßen wenigstens für die Ohren derer, an welche sie sich vornehmlich wandten, das Uebergewicht leichteren Verständnisses, Er endete das heilige Lied, wie er es angefangen hatte, mitten unter ernstem, feierlichem Schweigen.

Als jedoch der Schluß des Gesanges in den Ohren seiner Zuhörer verhallt war, verriethen die geheimen, schüchternen Blicke der Augen, und die allgemeine, wenn gleich unterdrückte Bewegung unter den Versammelten, daß man von dem Vater der Verstorbenen einige Worte erwartete. Munro schien zu fühlen, daß auch für ihn‘ die Zeit gekommen sey, vielleicht die größte Anstrengung zu machen, deren die Menschennatur fähig ist. Er entblößte sein graues Haupt und schaute fest und mit gefaßter Miene auf die ihn umgebende scheue und ruhige Volksmenge. Dann winkte er dem Kundschafter mit der Hand und sprach:

»Sagt diesen guten, liebreichen Mädchen, daß ein schwacher Greis, dessen Herz gebrochen, ihnen seinen Dank abstatte. Sagt ihnen, daß das Wesen, welches wir alle verehren, wenn auch unter verschiedenen Namen, ihrer Liebe gedenken wird: daß die Zeit nicht mehr ferne seyn kann, wo wir alle ohne Unterschied des Geschlechts, des Ranges oder der Farbe, um seinen Thron versammelt seyn werden.«

Der Kundschafter hörte diese Worte, die der Veteran mit zitternder Stimme sprach, aufmerksam an, und schüttelte, als er zu Ende war, langsam das Haupt, als ob er an ihrer Wirksamkeit zweifelte.

»Ihnen dies mitzutheilen,« sprach er, »hieße so viel, als wenn ich sagte, daß der Schnee nicht im Winter komme, oder die Sonne am wärmsten scheine, wenn die Bäume ihres Laubes baar sind.«

Er wandte sich zu den Weibern und drückte ihnen Munro’s Dankbarkeit aus, wie er es der Fassungskraft seiner Zuhörerinnen für am angemessensten hielt. Munro’s Haupt war wieder auf seine Brust gesunken, und er war nahe daran, sich wieder der früheren Schwermuth hinzugeben, da wagte der junge Franzose seinen Ellbogen leicht zu berühren. Sobald er die Aufmerksamkeit des trauernden alten Mannes gewonnen hatte, wies er auf einen Trupp junger Indianer, welche mit einer leichten, aber dicht verschlossenen Sänfte herannahten, und deutete dann aufwärts nach der Sonne.

»Ich verstehe Sie, mein Herr!« versetzte Munro im Tone erzwungener Festigkeit; »ich verstehe Sie. Es ist der Wille des Himmels, und ich unterwerfe mich. Cora, mein Kind! Wenn die Gebete eines Vaters, dessen Herz gebrochen ist, dir jetzt helfen könnten, wie selig solltest du seyn! – Kommen Sie, meine Herren!« fuhr er fort, mit einer Miene stolzer Fassung um sich blickend, obgleich der Gram, der in seinen gebleichten Zügen bebte, zu gewaltig war, um sich verbergen zu lassen – »Wir haben hier nichts mehr zu thun; laßt uns gehen!«

Heyward gehorchte gerne dem Rufe, der ihn von einem Orte entfernte, wo, wie er wohl fühlte, seine Selbstbeherrschung ihn jeden Augenblick verlassen konnte. Während seine Begleiter aber zu Pferde stiegen, fand er noch Zeit, dem Kundschafter die Hand zu drücken und ihm ihre Uebereinkunft noch einmal ins Gedächtniß zu rufen, sich wieder bei den Posten des brittischen Heeres zu treffen. Dann warf er sich getrost in den Sattel und spornte sein Schlachtroß an die Seite der Sänfte, aus welcher ihm ein leichtes, halbunterdrücktes Schluchzen die Gegenwart Alicens verkündete. Munro senkte wieder das Haupt auf die Brust; Heyward und David folgten in düsterem Schweigen, von Montcalm’s Adjutanten und seiner Bedeckung begleitet; so entschwanden alle Weißen, mit Ausnahme Hawk-eye’s, den Augen der Delaware« und waren bald in den endlosen Wäldern des Landes begraben.

Das Band gemeinschaftlich erlittenen Unglücks aber, welches diese einfachen Waldbewohner mit den Fremden vereinte, die so vorübergehend unter ihnen verweilt hatten, konnte sich nicht so bald lösen. Jahre vergingen, ehe die sagenhafte Überlieferung von dem weißen Mädchen und dem jungen Krieger der Mohikaner aufhörte, den Delawaren lange Nächte und ermüdende Märsche zu verkürzen, oder ihre Jünglinge und ihre Tapferen mit dem Verlangen nach Rache zu erfüllen. Auch Diejenigen, welche in diesen bedeutenden Erlebnissen eine weniger hervorragende Rolle gehabt hatten, wurden nicht vergessen. Durch Vermittlung des Kundschafters, welcher noch Jahre nachher eine Art von Mittelglied zwischen ihnen und der civilisirten Welt bildete, erfuhren sie als Antwort auf ihre Erkundigungen, daß das ,graue Haupt` bald zu seinen Vätern versammelt worden sey, darniedergedrückt, wie sie irrig glaubten, durch sein Unglück im Kriege: und daß die ›offene Hand‹ seine überlebende Tochter weit hinweg nach den Niederlassungen der Blaßgesichter geführt habe, wo ihre Thränen endlich aufgehört hätten zu fließen, dem lieblichen Lächeln weichend, das ihrer heiteren Natur besser ziemte.

Doch diese Begebenheiten fallen in eine Zeit, welche außer dem Bereiche unserer Erzählung liegt. Von allen Gefährten seiner Farbe verlassen, kehrte Hawk-eye an den Ort zurück, wohin ihn seine Neigungen mit einer Gewalt zogen, wie sie kein blos eingebildetes Band der Einigung schaffen konnte. Er kam noch eben zur Zeit, einen Abschiedsblick auf Uncas‘ Züge zu werfen, den die Delawaren bereits in seine letzten Pelzgewänder hüllten. Sie hielten eine Weile inne, um dem beherzten Waidmann seinen zögernden Blick der Sehnsucht nicht zu verkümmern, und der Leib wurde eingehüllt, um nie mehr aufgedeckt zu werden. Dann folgte ein zweiter feierlicher Zug, und die ganze Nation versammelte sich um das vorläufig gewählte Grab des Häuptlings – vorläufig, denn seine Gebeine sollten einst in kommenden Tagen unter denen seines eigenen Volkes ruhen. Die allgemeine Uebereinstimmung der Gefühle brachte auch hier eine Theilnahme hervor, von der sich Niemand ausschloß. Derselbe ernste Ausdruck des Grams, dasselbe strenge Stillschweigen, dieselbe Ehrfurcht gegen den Hauptleidtragenden, die wir bereits einmal zu schildern hatten, war auch um diese Begräbnisstätte zu bemerken. Die Leiche ward in ruhender Stellung niedergelassen, das Gesicht gegen die aufgehende Sonne gerichtet, neben ihm seine Kriegs- und Jagdgeräthe, bereit für die letzte große Reise. In dem Sarge, durch welchen der Körper gegen die unmittelbare Berührung der Erde geschützt war, ließ man eine Oeffnung, damit der Geist, sofern es nöthig wäre, mit seiner irdischen Hülle verkehren könne. Das Ganze ward mit dem den Eingebornen eigenen Scharfsinne gegen den Instinkt und die Verwüstungen der Raubthiere geschützt. Die Gebräuche, bei denen Mehrere thätig zu seyn hatten, waren nun zu Ende, und Aller Sinn wandte sich wieder dem geistigeren Theile der Feierlichkeiten zu.

Chingachgook wurde noch einmal der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Er hatte noch nicht gesprochen, und doch erwartete man bei einem so wichtigen Anlasse von einem so berühmten Häuptling etwas Tröstliches und Belehrendes zu hören. Die Wünsche des Volkes errathend, erhob der Krieger, seinen Schmerz bezwingend, das ernste Antlitz, das er zuletzt in sein Gewand verhüllt gehalten hatte, und schaute mit festem Auge um sich. Seine festzusammengepreßten, ausdrucksvollen Lippen öffneten sich, und zum Erstenmale während der langen Ceremonie ließ sich seine Stimme deutlich vernehmen.

»Warum trauern meine Brüder?« sprach er, auf die dunkeln Krieger schauend, die mit niedergeschlagener Miene um ihn standen: »warum weinen meine Töchter? weil ein junger Krieger nach den glücklichen Jagdgefilden gegangen ist – weil ein Häuptling seine Zeit mit Ehren erfüllt hat? Er war gut: er war pflichttreu; war tapfer. Wer kann es läugnen? Manitto hatte einen solchen Krieger nöthig, und er hat ihn abgerufen. Was mich betrifft, den Sohn und den Vater eines Uncas, so bin ich eine abgeschälte Fichte in einer Lichtung der Blaßgesichter. Mein Geschlecht ist geschieden von den Gestaden des Salzsees und von den Bergen der Delawaren. Aber wer kann sagen, daß die Schlange seines Stammes ihrer Weisheit vergessen hat? Ich bin allein –«

»Nein, nein,« rief Hawk-eye, welcher bisher mit einem Ausdruck der hingebendsten Theilnahme auf die strengen Züge Chingachgook’s geschaut hatte, und nun seine gewohnte, bisher nur mit Mühe behauptete Fassung sinken lassen mußte: »nein, Sagamore, nicht allein. Unsere Gaben und unsere Farbe mögen verschieden seyn: aber Gott hieß uns auf demselben Pfade mit einander wandeln. Ich habe keinen Verwandten, und kann, gleich dir, sagen, ich habe auch kein Volk. Er war dein Sohn und eine Rothhaut von Natur: und es mag seyn, daß dein Blut näher – aber wenn ich je den Jungen vergesse, der im Kriege so oft neben mir gefochten, im Frieden an meiner Seite geruht hat, so soll Er, der uns alle erschuf, wie auch unsere Farbe oder unsere Natur sein mag – meiner vergessen! Der Junge hat uns für eine Weile verlassen; aber, Sagamore, du bist nicht allein!«

Chingachgook ergriff die Hand, welche der Kundschafter in der Wärme seines Gefühls ihm über die frische Erde hinüber streckte, und in dieser Stellung der Freundschaft neigten die beiden kräftigen, unerschrockenen Waidmänner ihre Häupter zusammen: heiße Thränen rollten auf das Grab nieder und befeuchteten Uncas‘ Ruhestätte, wie fallende Regentropfen.

Mitten in dem ehrfurchtsvollen Schweigen, mit welchem ein solcher Ausbruch der Empfindung von Seiten der zwei berühmtesten Krieger jener Regionen aufgenommen ward, erhob Tamenund seine Stimme, das Volk zu zerstreuen:

»Es ist genug!« rief er. »Geht, Kinder der Lenapen, der Zorn Manitto’s hat sich noch nicht gelegt. Warum sollte Tamenund weilen? Die Blaßgesichter sind Herren der Erde, und die Zeit der Rothäute ist noch nicht wieder gekommen. Mein Tag ist zu lang gewesen. Am Morgen sah ich die Söhne des Unamis glücklich und mächtig, und jetzt, bevor die Nacht eingebrochen ist, mußte ich leben, um den letzten Krieger von dem weisen Geschlechte der Mohikaner zu schauen!«

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Sola, sola, so, sa, so, sola!
Shakespeare.

Während die eine der liebenswürdigen Damen, mit denen wir unsere Leser flüchtig bekannt gemacht, so in Gedanken vertieft war, hatte sich die andere schnell von dem leichten Schrecken erholt, der jenen Ausruf veranlaßte, und über ihre eigene Schwäche lachend, fragte sie den jungen Mann, der ihr zur Seite ritt: –

»Sind solche Gespenster häufig in diesen Wäldern, Heyward, oder ist das ein Schauspiel, das uns zu Lieb‘ gegeben wurde? Wenn Letzteres der Fall ist, so muß uns Dankbarkeit den Mund schließen; im erstern Falle bedürfen Cora und ich eines reichen Vorrathes von jenem ererbten Muthe, dessen wir uns rühmen, selbst ehe wir noch den gefürchteten Montcalm begegnen.«

»Der Indianer dort ist ein Läufer von dem Heere, und kann in der Weise seines Volkes für einen Helden gelten,« versetzte der Offizier. »Er hat sich erboten, uns auf einen nur wenig gekannten Pfade schneller und folglich angenehmer nach dem See zu bringen, als wenn wir den langsamen Bewegungen des Heeres folgten.«

»Der Mensch gefällt mir nicht,« sprach die Lady, von angenommenem, noch mehr aber von wirklichem Schrecken schaudernd. »Sie kennen ihn doch genau, Duncan, sonst würden Sie sich nicht so unbedenklich seiner Führung anvertrauen?«

»Sagen Sie lieber, Alice, ich würde Sie ihm nicht anvertrauen. Ich kenne ihn, sonst würde ich ihm am wenigsten in diesem Augenblicke vertrauen. Man sagt, er sey auch ein Canadier – und doch diente er unsern Freunden, den Mohawks, die, wie Sie wissen, eine der sechs verbündeten Nationen sind. Er wurde, wie ich hörte, durch einen seltsamen Vorfall zu uns gebracht, bei dem Ihr Vater betheiligt war, und wobei der Wilde hart behandelt wurde – aber ich vergaß das Geschichtchen, genug, er ist jetzt unser Freund.«

»Wenn er meines Vaters Feind war, so gefällt er mir noch viel weniger!« rief das nun wirklich erschrockene Mädchen. »Wollen Sie nicht mit ihm sprechen, Major Heyward, daß ich seine Stimme höre. Es ist vielleicht eine Thorheit, aber Sie haben schon oft von mir gehört, daß ich auf den Ton der Menschenstimme gehe.«

»Das würde vergeblich seyn, und höchst wahrscheinlich nur durch einen Ausruf beantwortet werden. Wenn er auch Englisch versteht, so thut er doch, wie die Meisten seines Volkes, als verstünde er Nichts davon, und am wenigsten wird er sich herablassen, jetzt zu sprechen, da der Krieg ihn zur strengsten Behauptung seiner Würde auffordert. Aber er hält inne: der geheime Weg, den wir einschlagen sollen, ist wahrscheinlich hier in der Nähe.«

Die Vermuthung Major Heyward’s war richtig. Als sie zu der Stelle kamen, wo der Indianer stand, wies er auf ein Dickicht zur Seite der Heerstraße, und ein schmaler, unansehnlicher Pfad, der, wenn auch mit einiger Unbequemlichkeit, eine Person aufnehmen konnte, wurde sichtbar.

»Dahin also,« sprach der junge Mann mit gedämpfter Stimme, »geht unser Weg. Zeigen Sie kein Mißtrauen, oder Sie locken selbst die Gefahr herbei, die Sie zu fürchten scheinen.«

»Cora, was denkst Du?« fragte die widerstrebende Schöne. »Wenn wir mit den Truppen reisen, werden wir nicht, obgleich wir ihre Gegenwart lästig finden müßten, über unsere Sicherheit beruhigter seyn können?«

»Da Sie mit den Kunstgriffen der Wilden zu wenig bekannt sind, Alice, so wissen Sie nicht, wo die Gefahr am größten ist,« fiel Heyward ein. »Wenn die Feinde überhaupt schon den Trageplatz erreicht haben, was keineswegs wahrscheinlich ist, da unsre Kundschafter draußen sind, so gehen sie sicherlich darauf aus, die Kolonne zu umzingeln, weil es hier am meisten zu skalpiren gibt. Die Straße des Detachements ist bekannt, während unser Weg, welchen einzuschlagen erst vor einer Stunde beschlossen ward, noch ein Geheimnis seyn muß.«

»Sollen wir dem Mann mißtrauen, weil seine Sitten nicht die unsern find, und seine Haut dunkel?« fragte kaltblütig Cora.

Alice zögerte nicht länger; sie gab ihrem Narraganset einen tüchtigen Schlag mit der Reitgerte, drückte zuerst die dünnen Zweige der Gebüsche bei Seite und folgte dem Läufer den dunkeln, verschlungenen Pfad entlang. Der junge Mann betrachtete die letzte Sprecherin mit unverholener Bewunderung, und ließ ihre schönere, oder zum Mindesten nicht weniger schöne Gefährtin ohne Begleitung, während er eifrig einen Weg für jene bahnte, welche Cora genannt wurden war. Die Diener mußten vorher ihre Weisungen erhalten haben: denn statt mit in das Dickicht einzudringen, folgten sie auf der Heerstraße der Kolonne, eine Maßregel, welche nach Heyward’s Angabe der Scharfsinn ihres Führers angerathen hatte, um nicht zu viel Spuren von sich zu hinterlassen, für den Fall, daß die Canadischen Wilden sich etwa so weit dem Heere voraus in Hinterhalt legten. Mehrere Minuten lang erlaubte der verschlungene Weg keine weitere Unterhaltung. Jetzt aber gelangten sie aus dem breiteren Saume des Unterholzes, das sich die Heerstraße entlang erstreckte, unter das hohe und dunkle Bogendach der Waldbäume. Hier war ihr Vordringen weniger unterbrochen, und sobald der Führer merkte, daß die Damen über ihre Pferde freier verfügen konnten, schlug er einen stärkeren trottartigen Schritt an, der die sicherfüßigen Thiere in einen schnellen, aber leichten Paß versetzte. Der junge Mann hatte sich umgewendet, um mit der schwarzäugigen Cora zu sprechen, als ihn entfernte Hufschläge, die über die Wurzeln des holperigen Weges hinter ihnen daher stampften, veranlaßten, sein Schlachtroß anzuhalten. Auch seine Begleiterinnen hielten in demselben Augenblick ihre Zügel an, die ganze Parthie machte Halt, um Aufschluß über die unerwartete Unterbrechung zu erhalten.

In wenigen Augenblicken sah man ein Füllen wie einen Damhirsch durch die geraden Fichtenstämme schlüpfen und gleich darauf die Person des unbehülflichen Mannes, den wir in dem vorigen Kapitel beschrieben haben, zum Vorschein kommen, wie er sein mageres Thier zu so viel Eile antrieb, als dieses ertragen konnte, ohne daß es zu einem förmlichen Sturze kam. Bis jetzt war diese Persönlichkeit der Beobachtung unserer Reisenden entgangen. Besaß er die Macht, das Auge des Wanderers zu fesseln, wenn er zu Fuß die volle Glorie seiner Körperhöhe entfaltete, so mußte die Grazie des Reiters die gleiche Aufmerksamkeit erregen. Trotz der beständigen Tätigkeit der einen bewaffneten Ferse gegen die Seite seiner Stute, war doch der stärkste Lauf, in den er sie bringen konnte, ein leichter Galopp mit den Hinterbeinen, in welchen die vorderen nur in zweifelhaften Momenten mit einstimmten, gemeinhin aber sich begnügten, einen hüpfenden Trott einzuhalten. Vielleicht brachte der schnelle Wechsel dieser Bewegungen eine optische Täuschung hervor, welche die Kräfte des Thiers scheinbar vergrößerte. Denn so viel ist gewiß, daß Heyward, der doch ein scharfes Auge für die Verdienste der Pferde hatte, bei allem Scharfsinn nicht im Stande war, zu entscheiden, durch welcherlei Bewegung sein Verfolger die Krümmungen des Weges mit so ausdauernder Kühnheit zurücklegte.

Der Eifer und die Bewegungen des reitenden Theils waren nicht minder merkwürdig, als die seines Rosses. Bei jedem Wechsel der Evolutionen des Letztern erhob der Erstere seine hagere Gestalt in den Bügeln, und bewirkte durch die ungebührliche Verlängerung seiner Beine ein so plötzliches Wachsen und Zusammensinken seiner Gestalt, daß jede Vermuthung über seine eigentlichen Dimensionen vereitelt wurde. Fügen wir noch die Thatsache hinzu, daß durch den einseitigen Gebrauch des Sporns eine Seite der Mähre sich schneller zu bewegen schien, als die andere, und daß die mißhandelte Flanke durch unabläßige Schläge mit dem buschigen Schwanze bezeichnet ward, so haben wir das treue Bild von Roß und Mann.

Die Runzeln, welche sich um die schöne, offene und männliche Stirn Heyward’s gesammelt hatten, glätteten sich allmählig und um seine Lippen kräuselte ein leichtes Lächeln, als er den Fremden betrachtete. Alice strengte sich nicht eben an, ihre Heiterkeit zu unterdrücken, und selbst das schwarze, sinnige Auge Cora’s erglänzte von einer Laune, welche mehr Gewohnheit als die augenblickliche Stimmung seiner Gebieterin zu bewältigen schien.

»Suchen Sie Jemand?« fragte Heyward, als der Andere nahe genug gekommen war, um seine Eile zu mäßigen: »ich hoffe, Sie sind kein Unglücksbote.« »Ja gewiß,« erwiederte der Fremde, indem er fleißigen Gebrauch von seinem dreieckigen Castor machte, um eine Circulation in der geschlossenen Luft des Waldes zu bewirken, und seine Zuhörer in Zweifel ließ, auf welche der Fragen des jungen Mannes er antwortete. Als er jedoch sein Gesicht abgekühlt hatte und wieder zu Athem gekommen war, fuhr er fort: »ich höre, Sie reiten nach William Henry, und da ich ebendahin reise, so schloß ich, gute Gesellschaft würde mit den Wünschen beider Parteien zusammentreffen.«

»Sie scheinen das Vorrecht der entscheidenden Stimme zu haben,« erwiederte Heyward;« wir sind unser drei, und Sie haben Niemand, als sich selbst zu Rath gezogen.«

»Gewiß. Das Erste, worüber wir im Reinen seyn müssen, sind wir selbst. Ist man dessen gewiß – und wo Weiber mit im Spiel sind, ist dies nichts Leichtes – so ist das Nächste, dem Entschlusse gemäß zu handeln. Ich suchte beides zu thun und hier bin ich.«

»Wenn Sie nach dem See reisen,« versetzte Heyward stolz, »dann sind Sie nicht auf dem rechten Wege, die Straße liegt wenigstens eine halbe Meile hinter uns.«

»So ist es,« erwiederte der Fremde, durch den kalten Empfang nicht entmuthigt. »Ich habe mich in Edward eine Woche aufgehalten, und müßte stumm seyn, wenn ich mich nicht nach dem Weg, den ich zu nehmen habe, erkundigt hätte; und wäre ich stumm, so hätt’s auch mit meinem Beruf ein Ende.«

Er lächelte vor sich hin, wie Einer, dem die Bescheidenheit verbietet, seine Bewunderung über einen zum Besten gegebenen, den Zuhörern aber unverständlichen Witz offen darzulegen, und fuhr dann fort: »Es ist nicht klug bei Leuten von meinem Beruf, mit denen, welche sie zu unterrichten haben, sich zu gemein zu machen: deshalb folge ich nicht dem Heereszug; zudem glaube ich, daß ein Gentleman Ihres Standes am besten zu reisen weiß, und habe mich daher entschlossen, Ihnen Gesellschaft zu leisten, damit der Weg durch gegenseitige Mittheilung unterhaltender werde.« »Ein äußerst willkürlicher, wo nicht voreiliger Entschluß!« rief Heyward, unentschlossen, ob er seinem steigenden Aerger Luft machen oder dem Sprecher ms Gesicht lachen sollte. »Aber Sie reden vom Unterrichten und von Beruf; sind sie dem Provinzialcorps beigegeben als Lehrer in der edeln Kunst der Vertheidigung und des Angriffs? oder sind sie vielleicht Einer, der Linien und Winkel zieht und vorgibt, die Mathematik auszulegen?«

Der Fremde sah den Frager einen Augenblick verwundert an, dann aber löste er jede Spur von Selbstzufriedenheit in einen Ausdruck feierlicher Demuth auf und antwortete:

»Von Angriff ist, hoffe ich, auf keiner Seite die Rede. Was die Vertheidigung betrifft, so brauch‘ ich mich nicht zu vertheidigen. Mit Gottes Gnade habe ich keine offenbare Sünde begangen, seitdem ich ihn zum letzten Mal um Vergebung gebeten. Ich verstehe Ihre Anspielungen auf Linien und Winkel nicht, und überlasse das Auslegen denen, die besonders zu diesem heiligen Amte berufen sind. Ich mache auf keine höhere Gabe Anspruch, als auf eine geringe Einsicht in die glorreiche Kunst des Lobgesangs und Danksagens wie sie bei dem Psalmsingen dem Himmel dargebracht werden.«

»Der Mann ist offenbar ein Schüler Apollos,« rief die belustigte Alice, »und ich nehme ihn unter meine specielle Protection. Nein, weg mit diesen Runzeln, Heyward, aus Mitleid für meine neugierigen Ohren lassen Sie ihn in unsrem Gefolge reisen. Ueberdies,« fuhr sie in gedämpftem und hastigen Tone mit einem Blick auf die entfernte Cora, welche langsam den Tritten ihres schweigsamen und düstern Führers folgte, fort: »kann er vielleicht als Freund im Falle der Noth unsre Kräfte verstärken.«

»Glauben Sie, Alice, ich würde diejenigen, die ich liebe, auf einen geheimen Pfad führen, wenn ich mir dächte, daß eine solche Noth kommen könnte?«

»Nein, nein, ich denke jetzt auch nicht daran; aber dieser seltsame Mann belustigt mich, und wenn er Musik in seiner Seele hat,‹ so wollen wir ihn nicht lieblos aus unsrer Gesellschaft verweisen.« Sie deutete mit ihrer Reitgerte bittend nach dem Pfade hin, indeß beider Augen in einem Blicke sich begegneten, den der junge Mann gerne verlängert hätte; dann gab er ihrem begütigenden Einfluß nach, stieß seinem Rosse die Sporen ein, und in wenigen Sprüngen war er wieder an Cora’s Seite.

»Es freut mich, Dich zu treffen, Freund,« fuhr Alice fort, dem Fremden mit der Hand winkend, weiter zu reiten, indem sie ihren Narraganset wieder in einen Paß zu bringen suchte. »Parteiische Verwandte haben mich beinahe überredet, daß ich bei einem Duett nicht übel anstehen könne, und wir erheitern uns den Weg, wenn wir unsrer Lieblingsneigung in etwas nachgeben. Es wird einem Wesen, das so unwissend ist, wie ich, zu besonderem Vortheil gereichen, die Meinungen und Erfahrungen eines Meisters in der Kunst zu vernehmen.«

»Es ist erfrischend für Geist und Leib, sich zu seiner Zeit durch Singen von Psalmen zu erquicken,« erwiederte der Meister im Gesang, indem er unbedenklich ihrer Einladung folgte; »und Nichts dürfte dem Gemüth so wohl thun, als eine solche Vereinigung. Aber vier Stimmen sind erforderlich, um eine Melodie gehörig auszuführen. Nach allen Anzeigen besitzen Sie einen sanften und vollen Discant; ich kann, durch absonderliche Gunst des Himmels, einen vollen Tenor auf die höchste Note führen; aber es fehlt uns noch ein Alt und ein Baß! Der königliche Offizier dort, welcher mich nicht in seine Gesellschaft aufnehmen wollte, könnte den letztern übernehmen, wenn ich nach den Intonationen seiner Stimme im gewöhnlichen Gespräche schließen darf.«

»Urtheilen Sie nicht zu voreilig nach flüchtigen und täuschenden Scheinbarkeiten,« entgegnete lächelnd das Mädchen, »wenn Major Heyward auch bei Gelegenheit solche tiefe Töne anstimmen kann, so glauben Sie mir, daß seine natürliche Stimme sich mehr zu einem weichen Tenor, als für den Baß eignet, den Sie gehört haben.« »Ist er also im Psalmsingen besonders erfahren?« fragte ihr schlichter Begleiter.

Alice hätte gerne laut aufgelacht, bezähmte aber ihre Laune, als sie antwortete:

»Ich fürchte, er hält es mehr mit weltlichem Gesang. Das wechselnde Soldatenleben ist wenig geeignet, ernstere Neigungen zu begünstigen.«

»Die Stimme ist dem Menschen, wie andere Talente, zum Gebrauch, nicht zum Mißbrauch gegeben. Mir kann Niemand nachsagen, daß ich je meine Gaben vernachläßigt habe. Ich danke Gott, daß, obgleich ich schon meine Jugend, wie König David, der Musik gewidmet habe, kein profaner Vers jemals meine Lippen entweihte.«

»So haben Sie denn Ihre Kunstversuche auf den heiligen Gesang beschränkt?«

»Ja. Wie die Psalmen Davids jede andere Sprache weit übertreffen, so übertrifft auch die Psalmodie, welche von den Gottesgelehrten und Weisen des Landes ihnen angepaßt worden ist, alle weltliche Poesie. Glücklicher Weise darf ich sagen, daß ich nur die Gedanken und die Wünsche des Königs von Israel selbst ausspreche: denn wenn auch die Zeiten einige unbedeutende Veränderungen erheischen, so übertrifft doch die Uebertragung, deren wir uns in den Kolonien von Neu-England bedienen, jede andere so weit, daß sie durch ihre Fülle, ihre Genauigkeit und ihre geistliche Einfalt dem großen Werke des begeisterten Dichters möglichst nahe kommt. Nie bleibe ich schlafend oder wachend an einem Ort, ohne ein Exemplar dieses hochbegabten Buches bei mir zu haben. Es ist die sechsundzwanzigste Edition, herausgegeben zu Boston Anno Domini 1744 und führt die Aufschrift: Psalmen, Hymnen und geistliche Gesänge des Alten und Neuen Testaments, getreu übertragen in das englische Versmaß, zur Erbauung und zum Troste der Heiligen, zu öffentlichem und Privatgebrauch, besonders in Neu-England.« Während dieser Lobpreisung auf das seltene Produkt seiner heimischen Dichter hatte der Fremde das Buch aus seiner Tasche gezogen, eine in Eisen gefaßte Brille auf seine Nase gesetzt und das Buch mit einer Sorgfalt und Verehrung geöffnet, welche seinen heiligen Zwecken ganz angemessen war. Dann sprach er, ohne weitere Einleitung und Apologie, zuerst das Wort »Standish« aus, setzte das bereits erwähnte unbekannte Instrument an den Mund, und brachte damit einen hohen, schrillen Ton hervor, dem er eine Octave niedriger mit seiner eigenen Stimme folgte. Nun begann er die folgenden Worte in vollen, süßen und melodischen Tönen, welche der Musik, der Poesie und selbst der unbehaglichen Bewegung seines ungezogenen Kleppers Hohn zu sprechen schienen, abzusingen:

O sieh, wie fein und lieblich
Es ist, wie’s Gott gefällt,
Wenn mit dem Bruder treulich
Der Bruder Frieden hält.
Es gleicht der Salben bester,
Die vom Haupt zum Barte floß,
Auf Aarons Bart herunter,
Bis zu des Kleides Schoß.

Die Absingung dieser kunstreichen Reime begleitete der Fremde mit einem regelmäßigen Steigen und Fallen seiner rechten Hand. Beim Senken ließ er seine Finger einen Augenblick auf den Blättern des kleinen Buches ruhen, während er das Steigen mit einem Schnörkelschlag dieses Gliedes begleitete, welchen nachahmen zu können, Niemand als der Eingeweihte hoffen durfte. Es wollte scheinen, als ob lange Angewöhnung diese Begleitung der Hand nothwendig gemacht hätte, denn sie hörte nicht auf, bis die Präposition, welche der Poet für den Schluß seines Verses gewählt hatte, getreulich als ein Wort von zwei Sylben abgesungen war. Eine solche Unterbrechung der Stille des einsamen Waldes konnte nicht verfehlen, sich dem Ohre derer, die nur eine kleine Strecke voraus zogen, bemerklich zu machen.

Der Indianer murmelte einige Worte in gebrochenem Englisch gegen Heyward, welcher seinerseits mit dem Fremden sprach, seine musikalischen Versuche unterbrechend und zugleich beendigend.

»Obgleich wir nicht in Gefahr sind, so räth uns schon die gewöhnliche Klugheit, durch diese Wildniß in möglichster Stille zu reisen. Sie werden mir also verzeihen, Alice, wenn ich Ihre Genüsse beeinträchtige, indem ich diesen Herrn ersuche, seinen Gesang auf eine sicherere Gelegenheit aufzusparen.«

»Das werden Sie in der That,« versetzte das schelmische Mädchen, »nie hörte ich eine unwürdigere Verbindung zwischen Musik und Sprache, als die, der ich so eben lauschte; und ich hatte mich schon in eine Untersuchung über die Ursachen einer solchen Disharmonie zwischen Ton und Sinn vertieft, als Sie den Zauber meiner Träumereien durch ihren Baß zerstörten, Duncan.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen Baß nennen,« entgegnete Heyward, empfindlich über ihre Bemerkung, »aber so viel weiß ich, daß Ihre und Cora’s Sicherheit mir viel theurer ist, als ein Orchester von Händel’s Musik.« Er schwieg, kehrte plötzlich sein Auge gegen das Dickicht und heftete sie dann auf ihren Führer, welcher in ungestörter Gravität den gleichen Schritt einhielt. Der junge Mann lächelte über sich selbst, denn er glaubte, er habe eine glänzende Waldbeere für die glühenden Augäpfel eines herumstreichenden Wilden genommen, und ritt weiter, indem er die Unterhaltung fortsetzte, welche durch jenen flüchtigen Gedanken unterbrochen worden war.

Major Heyward hatte sich nur in sofern getäuscht, als er sich durch seinen jugendlichen und hochsinnigen Stolz von weiterer Nachforschung abhalten ließ. Der Zug war noch nicht lang vorüber, als die Zweige des Gebüsches, welche das Dickicht bildeten, vorsichtig auseinander gebogen wurden, und ein Menschengesicht, so trotzig und furchtbar, als wilde Kunst und ungebändigte Leidenschaften es machen konnten, den sich entfernenden Fußtritten der Reisenden nachblickte. Ein Strahl des Frohlockens schoß über die dunkelbemalten Gesichtszüge des Waldbewohners, als er sah, welche Richtung seine arglosen Schlachtopfer eingeschlagen hatten. Den lichten und anmuthigen Gestalten der Frauen, welche zwischen den Bäumen dahin schwebten, folgte durch die Krümmungen des Weges die männliche Gestalt Heywards, bis schließlich die unförmliche Person des Singmeisters unter den zahllosen Baumstämmen verschwand, die sich in düstern Linien dazwischen erhoben.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Eh‘ man die Felder noch gepflügt,
Voll bis zum Rand die Flüsse strömten,
Der Wasser Melodie erfüllt‘
Den frischen, weiten Wald, es rauschten
Waldströme, und das Bächlein spielt‘,
Und in dem Schatten sprangen Quellen.
Bryant.

Wir lassen den argwohnlosen Heyward und seine ihm vertrauenden Begleiter noch tiefer in den Wald eindringen, der so verrätherische Bewohner in sich schloß, und bedienen uns der Freiheit des Schriftstellers, die Scene einige Meilen weiter westlich von dem Orte, wo wir sie zuletzt gesehen haben, zu versetzen.

An jenem Tage schlenderten zwei Männer an dem Ufer eines kleinen aber reißenden Stroms, ungefähr eine Tagreise von dem Lager Webbs, als harrten sie der Ankunft eines Dritten, oder der Annäherung eines erwarteten Ereignisses. Das weite Laubdach des Waldes dehnte sich an dem Rande des Flusses aus, indem es das Wasser überhing und seine dunkeln Fluten mit noch tieferem Dunkel überschattete. Die Strahlen der Sonne fingen bereits an schwächer zu werden, und die übermäßige Hitze des Tages sich zu mildern, während kühlere Dünste von Quellen aus ihren Laubbetten emporstiegen und sich mit der Atmosphäre vermischten. Immer noch herrschte in dieser Einsamkeit jene Stille, welche die drückende Schwüle einer amerikanischen Juli-Landschaft charakterisirt, und wurde nur von den leisen Stimmen der Männer, dem gelegentlichen, müden Picken eines Waldspechts, dem unharmonischen Schrei eines bunten Hehers, oder dem dumpfen Rauschen eines entfernten Wasserfalls unterbrochen.

Diese schwachen und abgebrochenen Laute waren jedoch den Waldbewohnern zu vertraut, als daß sie ihre Aufmerksamkeit von dem interessanteren Gegenstand ihrer Unterhaltung abgezogen hätten. Während einer dieser müßigen Wanderer die rothe Haut und den wilden Aufzug eines Eingebornen der Wälder hatte, zeigte der andere unter der Hülle roher und fast wilder Bekleidung die hellere, wenn gleich sonnverbrannte und lang verwitterte Farbe Eines, der auf europäische Abstammung Anspruch machen durfte. Der Eine saß auf dem Rand eines bemoosten Baumstammes in einer Stellung, die ihm vergönnte, die Wirkung seiner ernsten Rede durch die ruhigen und ausdrucksvollen Gebärden des in einem Streitgespräche begriffenen Indianers zu erhöhen. Sein beinahe nackter Leib bot ein schreckhaftes Sinnbild des Todes dar, durch die verschlungene Mischung weißer und schwarzer Farbenzüge. Sein kahl geschorner Kopf, auf dem kein andres Haar, als der wohlbekannte, ritterliche Skalpirschopf belassen worden, war ohne andern Putz, als eine einzige Adlersfeder, die über seinen Scheitel lief und auf die linke Schulter herunter hing. Ein Tomahawk und ein Skalpirmesser von englischer Arbeit stacken in seinem Gürtel, während eine Büchse von der Art, womit die Politik der Weißen ihre wilden Verbündeten bewaffnete, nachläßig über seinen bloßen, sehnigen Knien lag. Die gewölbte Brust, die vollgeformten Glieder und die ernste Haltung dieses Kriegers schienen anzudeuten, daß er sich in der Vollkraft seines Lebens befinde, ohne noch Spuren der Abnahme seiner Mannheit zu fühlen.

Die Gestalt des Weißen glich, nach den Körpertheilen zu schließen, welche er nicht mit dem Kleide bedeckte. Jemand, der seit seiner frühesten Jugend Mühseligkeiten zu ertragen und Anstrengungen zu machen gelernt hatte. Seine Person, obgleich muskulös, war eher mager, als voll; aber jeder Nerv und Muskel schien gedrungen und durch unausgesetzte Anstrengung und Arbeit abgehärtet. Er trug ein waldgrünes Jagdhemd mit verwittertem Gelb besetzt, und eine Sommermütze von geschornem Fell. Auch er trug ein Messer in einem Wampumgürtel, gleich dem, der die ärmliche Bekleidung des Indianers umschloß, aber keinen Tomahawk. Seine Moccasins waren nach der Weise der Eingebornen verziert, während der einzige Theil seiner untern Bekleidung, der unter dem Jagdrock sichtbar war, aus ein Paar bockledernen Kamaschen bestand, die, auf beiden Seiten verbrämt, über dem Knie mit Hirschsehnen befestigt waren. Eine Jagdtasche und ein Pulverhorn vollendeten seinen Anzug, und eine Büchse von großer Länge, welche die Theorie der erfahrneren Weißen die Waldbewohner als die gefährlichste Feuerwaffe betrachten ließ, lehnte an einem benachbarten Bäumchen. Das Auge des Jägers oder Kundschafters, was immer er seyn mochte, war klein, lebhaft, scharf und unruhig, und rollte, während er sprach, in allen Richtungen umher, als ob er ein Jagdwild suchte oder die plötzliche Annäherung eines Feindes besorgte. Trotz tiefer Symptome gewohnten Mißtrauens verrieth sein Gesicht nicht nur keine Tücke, sondern trug in dem Augenblick, da er sprach, sogar das Gepräge offener Rechtlichkeit.

»Selbst eure Ueberlieferungen sprechen für mich, Chingachgook,« entgegnete er in einer Sprache, welche allen Eingebornen, die früher das Land zwischen dem Hudson und dem Potomak bewohnten, bekannt war, und von der wir zu Gunsten des Lesers eine freie Uebersetzung geben, aber zugleich darauf Bedacht nehmen werden, einige Eigenthümlichkeiten, sowohl des Individuums als des Ausdrucks beizubehalten. »Eure Väter kamen von der untergehenden Sonne her, gingen über den großen Fluß, kämpften mit dem Volke des Landes und nahmen dieses weg; die Meinigen kamen vom rothen Morgenhimmel über den Salzsee und thaten ganz nach dem Beispiel, das die Eurigen ihnen gegeben hatten. So laß denn Gott unsere Sache entscheiden, und Freunde darüber keine Worte verlieren.«

»Meine Väter fochten mit dem nackten rothen Mann,« versetzte der Indianer ernst, in der nämlichen Sprache. »Ist kein Unterschied, Hawk-eye (Falkenauge), zwischen dem steingespitzten Pfeil des Kriegers und der bleiernen Kugel, womit ihr tödtet?«

»Ein Indianer hat Verstand, wenn ihm gleich die Natur eine rothe Haut gegeben hat,« sprach der Weiße, den Kopf schüttelnd, gleich einem, bei dem eine solche Berufung auf seine Gerechtigkeit nicht weggeworfen war. Einen Augenblick schien es ihm, als ob er im Nachtheil wäre; dann aber nahm er sich zusammen und beantwortete den Einwurf seines Gegners so gut, als seine beschränkten Kenntnisse ihm gestatteten: »Ich bin kein Schriftgelehrter und scheere mich auch den Henker um ihre Weisheit; wenn ich aber nach dem urtheile, was ich bei meinen Jagden auf die Hirsche und Eichhörnchen von den Burschen da unten gesehen habe, da sollt‘ ich meinen, daß eine Büchse in den Händen ihrer Großväter nicht so gefährlich gewesen wäre, als ein Bogen von Nußbaumholz und eine gute Feuersteinspitze seyn mochten, wenn jener mit indianischer Umsicht gespannt und diese mit einem Indianerauge entsendet wurde.«

»Dir wurde die Geschichte so von deinen Vätern erzählt,« erwiederte der Andere, mit der Hand eine verächtliche Bewegung machend. »Was sagen eure alten Männer? Sagen sie den jungen Kriegern, daß die Blaßgesichter den rothen Männern entgegen getreten sind, die zum Krieg bemalt und mit der steinernen Streitaxt und dem hölzernen Geschoß bewaffnet waren?«

»Ich habe keine Vorurtheile und bin nicht der Mann, der sich natürlicher Vorrechte rühmt, obgleich der schlimmste Feind, den ich habe, und der ist ein Irokese, nicht wagen darf, zu läugnen, daß ich von ächt weißer Abstammung bin,« sprach der Kundschafter, indem er mit geheimem Wohlgefallen die verwitterte Farbe seiner knöchernen und sehnigen Hand überblickte, »und ich gestehe gerne, daß mein Volk manche Wege geht, die ich als ehrlicher Mann nicht gut heißen kann. Es ist eine ihrer übeln Gewohnheiten, daß sie in Bücher schreiben, was sie gethan und gesehen haben, statt davon in ihren Dörfern zu erzählen, wo man einen feigen Prahlhans ins Gesicht Lügen strafen und der brave Soldat seine Kameraden zu Zeugen für die Wahrheit seiner Worte aufrufen kann. In Folge dieser schlechten Sitte kann ein Mensch, der zu gewissenhaft ist, um seine Tage unter Weibern und im Lernen der schwarzen Zeichen zu verschwenden, nie von den Thaten seiner Väter hören, noch einen Stolz darein setzen, sie übertreffen zu wollen. Für meinen Theil glaube ich, daß alle Bumppo schießen konnten: denn ich habe ein natürliches Geschick für die Büchse, das sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt haben muß, da, wie unsre heiligen Gebote uns melden, alle guten und schlimmen Gaben von oben kommen, obgleich ich in solchen Dingen nicht gern für Andere stehe. Aber jedes Ding hat seine zwei Seiten: so frage ich dich, Chingachgook, was begab sich nach den Ueberlieferungen der rothen Männer, als unsre Väter sich zuerst getroffen haben?«

Eine augenblickliche Stille erfolgte, während welcher der Indianer stumm da saß: dann fing er, von der Würde seines Amtes erfüllt, seine kurze Erzählung mit einer Feierlichkeit an, die dazu diente, ihre anscheinende Wahrheit zu verstärken.

»Höre, Hawk-eye, und dein Ohr soll keine Lüge trinken. So haben meine Väter gesagt und die Mohikaner gethan.« Er zögerte einen Augenblick und heftete einen vorsichtigen Blick auf seinen Begleiter. Dann fuhr er auf eine Weise fort, die zwischen Frage und Behauptung getheilt war: »Fließt nicht der Strom zu unsern Füßen dem Sommer zu, bis seine Wasser salzig werden und sein Lauf aufwärts geht?«

»Es kann nicht geläugnet werden, daß eure Ueberlieferungen in diesen beiden Stücken Wahrheit enthalten,« sagte der weiße Mann: »denn ich bin da gewesen und habe sie gesehen: warum aber das Wasser, das so süß im Schatten ist, in der Sonne bitter wird, weiß ich nicht und habe mir’s nie erklären können.«

»Und der Lauf!« fragte der Indianer, welcher seine Antwort mit jener Art von Interesse erwartete, das Jemand bei der Bestätigung eines Wunders fühlt, das er selbst unbegreiflich findet, während er seine Wirklichkeit anerkennt: »die Väter von Chingachgook haben nicht gelogen.«

»Die heilige Bibel ist nicht wahrer, und das ist doch das Wahrste, was es hienieden gibt. Die Leute nennen diesen aufströmenden Lauf die Flut, was bald erörtert und klar genug ist. Sechs Stunden laufen die Wasser hinein und sechs heraus und das kommt daher: wenn das Wasser in der See höher ist, als in dem Fluß, dann läuft es herein, und wenn’s der Fluß gewinnt und wieder höher wird, dann läuft es wieder hinaus.«

»Die Wasser in den Wäldern und an den großen Seen laufen hinab, bis sie so flach da liegen, wie meine Hand,« versetzte der Indianer, indem er diese horizontal vor sich ausstreckte, »und dann laufen sie nicht weiter.«

»Kein ehrlicher Mann wird das bestreiten,« erwiederte der Kundschafter, ein wenig empfindlich über dieses Mißtrauen gegen seine Erklärung des Geheimnisses der Flut, »und ich gebe zu, daß es wahr ist im verjüngten Maßstab, und wo das Land eben ist. Aber alles kommt darauf an, nach welchem Maßstab du die Dinge betrachtest. Nun ist die Erde nach dem verjüngten Maßstab eben; nach dem vergrößerten aber ist sie rund. So mögen Teiche und Weiher und selbst die großen Frischwasserseen still stehen, wie du und ich wissen, weil wir sie gesehen haben; wenn du aber kommst und Wasser über eine große Fläche gießest, wie die See: wie kann da das Wasser vernünftiger Weise ruhig bleiben, wo die Erde rund ist? Eben so gut kannst du erwarten, daß der Fluß an dem Rand der schwarzen Klippen da oben eine halbe Meile über uns ruhig liegen bleibe, während deine eignen Ohren dir sagen, daß er in diesem Augenblick darüber hinwegbraust.«

Wenn auch unbefriedigt von der Philosophie seines Begleiters, so besaß der Indianer doch zu viel Würde, um seinen Unglauben zu verrathen. Er hörte zu, wie Jemand, der sich überzeugen lassen will, und nahm dann seine Erzählung mit der früheren Feierlichkeit wieder auf:

»Wir kamen von dem Orte, wo die Sonne Nachts sich verbirgt, über große Flächen, wo die Büffel leben, bis wir den großen Fluß erreichten. Hier kämpften wir mit den Alligewis, bis der Boden sich von ihrem Blute röthete. Von den Ufern des großen Flußes bis zu den Gestaden des Salzsees war keiner mehr, der es mit uns aufgenommen hätte. Dann folgten in einiger Entfernung die Maquas. Wir sagten, das Land sollte unser seyn, von der Stelle an, wo das Wasser nicht mehr stromaufwärts fließt, bis zu einem Fluße zwanzig Sonnen (Tagreisen) sommerwärts. Das Land, das wir als Krieger eroberten, behaupteten wir als Männer. Wir trieben die Maquas in die Wälder zu den Bären. Sie schmeckten blos das Salz ihrer Thränen und zogen keinen Fisch aus dem großen See: wir warfen ihnen die Gräten zu.«

»All das habe ich gehört und glaube es,« sagte der Weiße, als er bemerkte, daß der Indianer inne hielt; »aber das war lange, bevor die Engländer in das Land kamen.«

»Damals wuchs eine Fichte da, wo jetzt dieser Kastanienbaum steht. Die ersten Blaßgesichter, welche zu uns kamen, sprachen kein Englisch, Sie kamen in einem großen Canoe, als meine Väter das Tomahawk mit den rothen Männern um sie her begraben hatten. Da, Hawk-eye,« fuhr er fort, indem er seine tiefe Bewegung nur dadurch kund gab, daß er seine Stimme zu jenen tiefen Kehltönen herabsinken ließ, die seine Sprache oft so musikalisch machten; »da, Hawk-eye, waren wir ein Volk, und wir waren glücklich. Der Salzsee gab uns seine Fische, der Wald sein Wild und die Luft ihre Vögel. Wir nahmen Weiber, die uns Kinder gebaren; wir beteten den großen Geist an und hielten die Maquas außer dem Bereiche unsrer Triumphgesänge.«

»Weißt du etwas von deiner eigenen Familie zu jener Zeit?«, fragte der Weiße. »Du bist ein gerechter Mann für einen Indianer! und da du, wie ich vermuthe, ihre Eigenschaften geerbt hast, so müssen deine Väter brave Krieger und weise Männer beim Versammlungsfeuer gewesen seyn.«

»Mein Stamm ist der Ahnherr von Nationen, aber ich bin unvermischt geblieben. Das Blut von Häuptlingen rollt in meinen Adern, wo es immer verbleiben soll. Die Holländer landeten und gaben meinem Volke das Feuerwasser; sie tranken, bis Himmel und Erde sich zu berühren schienen, und wähnten in ihrer Thorheit, sie hätten den großen Geist gefunden. Dann mußten sie von ihrem Lande scheiden. Schritt vor Schritt wurden sie zurück von den Gestaden getrieben, bis ich, der ich ein Häuptling und Sagamore bin, die Sonne nie anders als durch die Bäume habe scheinen sehen; und noch nie hab‘ ich die Gräber meiner Väter besucht!«

»Gräber bringen das Gemüth in feierliche Stimmung,« bemerkte der Kundschafter, merklich gerührt von dem ruhigen Leiden seines Begleiters, »und oft helfen sie Einem zu guten Entschlüssen. Ich für mein Theil versehe mich dazu, daß meine Gebeine einstens unbegraben bleiben, um in den Wäldern zu bleichen, oder von den Wölfen zerrissen zu werden. Aber wo finden sich Diejenigen Deines Geschlechtes, welche vor so vielen Sommern zu ihren Verwandten nach dem Delaware gekommen sind?«

»Wo sind die Blüten jener Sommer! – gefallen, Einer nach dem Andern: denn Alle von meiner Familie sind, wie die Reihe an sie kam, in das Land der Geister hinübergegangen. Ich stehe oben auf dem Berg und muß ins Thal hinab; und wenn Uncas meinen Fußstapfen folgt, so ist keiner mehr übrig vom Blut der Sagamoren: denn mein Knabe ist der letzte Mohikaner.«

»Uncas ist da!« sprach eine andere Stimme in denselben sanften Kehllauten, dicht bei ihm; »wer fragt nach Uncas?« Der Weiße fuhr bei dieser plötzlichen Unterbrechung mit seinem Messer aus der ledernen Scheide und machte eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand nach seiner Büchse; der Indianer aber saß ruhig da, ohne den Kopf nach den unerwarteten Tönen umzuwenden.

Im nächsten Augenblick schritt ein junger Krieger mit geräuschlosem Tritt zwischen ihnen durch und setzte sich an das Ufer des reißenden Stromes. Kein Laut der Ueberraschung entfuhr dem Vater, mehrere Augenblicke hiedurch ward keine Frage gethan, noch eine Antwort gegeben, da Jeder den Moment zu erwarten schien, wo er sprechen könnte, ohne weibische Neugierde oder kindische Ungeduld zu verrathen. Der Weiße schien ihr Beispiel nachzuahmen, zog seine Hand von der Büchse zurück und blieb gleichfalls still und in sich gekehrt. Endlich wandte Chingachgook seine Augen langsam nach seinem Sohn und fragte:

»Wagen die Maquas, die Spuren ihrer Moccasins diesen Wäldern einzudrücken?«

»Ich war ihnen auf der Fährte,« antwortete der junge Indianer, »und weiß, daß ihrer so viele sind, als Finger an meinen zwei Händen; aber sie liegen wie Feiglinge verborgen.«

»Die Diebe sind auf der Lauer nach Skalpen und nach Beute?« sprach der Weiße, den wir mit seinen Begleitern Hawk-eye nennen wollen. »Der rührige Franzmann Montcalm wird seine Spione noch bis in unser Lager schicken, aber er soll erfahren, welchen Weg wir nehmen.«

»Genug!« versetzte der Vater, sein funkelndes Auge nach der untergehenden Sonne gerichtet! »sie sollen vertrieben werden, wie das Wild aus den Büschen. Hawk-eye, wir wollen zu Nacht essen und morgen den Maquas zeigen, daß wir Männer sind.«

»Ich bin zu dem Einen, wie zu dem Andern bereit; aber um mit den Irokesen zu kämpfen, muß man sie in ihrem Verstecke finden, und um zu essen braucht man ein Wild – sprich vom Teufel und er ist nicht weit von dir; da bewegt sich ein Paar der stärksten Geweihe, die ich dieses Jahr gesehen habe, hinter den Büschen den Hügel hinab. Nun, Uncas,« fuhr er halb flüsternd fort, indem er vor sich hin lachte, wie Jemand, der gelernt hat, auf seiner Hut zu seyn, »ich wette mein Horn, dreimal mit Pulver gefüllt, gegen einen Wampumfuß, daß ich ihn zwischen den Augen und näher dem rechten als dem linken Auge nehme.«

»Es kann nicht seyn!« sprach der junge Indianer, indem er mit jugendlichem Ungestüm aufsprang; »’s ist ja Alles bis auf die Spitze des Geweihes hinter dem Gebüsch verborgen!«

»Er ist ein Knabe!« sprach der Weiße, den Kopf schüttelnd und sich zum Vater wendend. »Meint er, der Jäger könne, wenn er einen Theil vom Thiere sieht, nicht sagen, wo das Uebrige zu finden ist?«

Er richtete sein Gewehr und war im Begriff, eine Probe der Geschicklichkeit abzulegen, die er so sehr an sich schätzte, da fuhr der Krieger mit der Hand nach der Waffe und sagte:

»Hawk-eye! hast du Lust mit den Maquas zu fechten?«

»Diese Indianer kennen die Wälder wie durch Instinkt!« versetzte der Kundschafter, indem er seine Büchse sinken ließ und sich abwendete wie Einer, der sich eines Irrthums überwiesen steht. »Ich muß den Bock deinem Pfeil überlassen, Uncas, oder wir tödten das Thier, nur um die Diebe, die Irokesen, damit zu füttern.«

Kaum hatte der Vater diese Aufforderung mit einer ausdrucksvollen Bewegung der Hand begleitet, so warf sich Uncas zu Boden und näherte sich mit vorsichtigen Bewegungen dem Thiere. Als er nur noch wenige Klafter von dem Verstecke entfernt war, legte er mit größter Sorgfalt einen Pfeil auf den Bogen, und das Geweih bewegte sich, als ob sein Besitzer Unrath witterte. Im nächsten Augenblick schwirrte der Bogen, ein weißer Streif fuhr in das Gebüsch, und der verwundete Rehbock stürzte aus seinem Schutzorte zu den Füßen des verborgenen Feindes. Dem Geweih des wüthenden Thieres ausweichend sprang Uncas auf die Seite und stach ihm das Messer durch die Kehle, der Rehbock stürzte an den Rand des Flußes und fiel zu Boden, indem er die Wasser mit seinem Blute röthete.

»Das nenn‘ ich Indianergeschick!« sprach der Kundschafter, vor sich hin lachend, mit großem Wohlgefallen; »und ’s war ein artiger Anblick! obschon der Pfeil nur in die Nähe geht und der Nachhülfe des Messers bedarf.« »Ha!« rief sein Begleiter, sich plötzlich wendend wie ein Hund, der die Fährte eines Wildes wittert.

»Bei Gott, da ist ein ganzes Rudel!« rief der Kundschafter, dessen Augen vor Lust zu seiner Lieblingsbeschäftigung funkelten. »Wenn sie in Kugelweite kommen, brenn‘ ich einem eins auf, und wenn alle sechs Nationen auf der Lauer lägen! Was hörst du, Chingachgook? Für meine Ohren sind die Wälder stumm.«

»Hier ist nur ein Reh, und das ist todt,« sprach der Indianer, indem er sich niederbückte, bis sein Ohr beinahe die Erde berührte. »Ich höre Fußtritte!«

»Vielleicht haben die Wölfe den Rehbock in das Versteck getrieben und sind ihm jetzt auf der Spur.«

»Nein, Pferde weißer Männer kommen!« erwiederte der Andere, indem er sich mit Würde erhob und mit der früheren Ruhe seinen Sitz auf dem Stamme wieder einnahm. »Hawk-eye, es sind deine Brüder; sprich mit ihnen!«

»Das will ich und in einem Englisch, auf das der König sich nicht schämen dürfte zu antworten,« versetzte der Jäger in der Sprache, deren er sich rühmte: »aber ich seh‘ Nichts, noch höre ich einen Laut von einem Menschen oder Vieh: ’s ist sonderbar, daß ein Indianer die Laute von Weißen besser kennen soll, als Einer, dem seine Feinde selbst gestehen müssen, daß er kein Falsch in seinem Blute hat, obgleich er lange genug mit den Rothhäuten gelebt haben mag, um einiges Mißtrauen zu erregen. Ha! da kracht etwas, wie dürres Holz, – nun höre ich das Gebüsch sich bewegen – ja, ja, es sind Pferdetritte, die ich für das Fallen des Wassers nahm – und – aber da kommen sie selbst! Gott behüte sie vor den Irokesen!«

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Wohl! Geh‘ nur deines Wegs,
aus diesem Haine kommst Du nicht,
bis für dein Unrecht ich mich räche.
Sommernachtstraum.

Noch sprach der Kundschafter, als der Führer der Parthie, deren nahende Tritte das wachsame Ohr des Indianers vernommen hatte, sichtbar ward. Ein gebahnter Pfad, wie ihn der gelegentliche Durchzug des Wildes bildet, wand sich durch ein nahes Thälchen und führte an den Fluß auf die Stelle, wo der weiße Mann und seine rothen Genossen Halt gemacht hatten. Auf diesem Wege kamen die Reisenden, welche so unerwartet in der Tiefe des Waldes erschienen, langsam auf den Jäger zu, welcher, vor seinen Genossen stehend, bereit war, sie zu empfangen.

»Wer da?« fragte der Kundschafter, seine Büchse nachläßig über den linken Arm werfend, und den Vorderfinger der Rechten auf dem Drücker haltend, wobei er jedoch allen Schein von Drohung vermied. – »Wer kommt hieher, unter die Thiere und die Gefahren der Wildniß?«

»Gläubige Christen und Freunde von Gesetz und König,« antwortete der vorderste Reiter. »Menschen, welche seit Sonnenaufgang in dem Schatten des Waldes gereist haben, ohne Nahrung und erschöpft von der Anstrengung des Weges.«

»So habt Ihr euch verirrt,« unterbrach ihn der Jäger, »und habt gefunden, wie übel man daran ist, wenn man nicht weiß, ob man sich zur Rechten oder Linken wenden soll.«

»So ist es; der Säugling ist nicht abhängiger von der Amme, als von dem Führer wir, die Erwachsenen, welche jetzt nur die Gestalt, nicht aber den Verstand von Menschen haben. Wißt Ihr, wie weit es nach einem Posten der Krone, genannt William Henry, ist?«

»Wetter!« rief der Kundschafter, indem er laut auflachte, aber bald diese gefährlichen Laute unterdrückte, um seiner Laune auf eine Weise Raum zu geben, die von den lauernden Feinden weniger gehört werden konnte, »Ihr seyd so weit von der Fährte, als ein Hund, wenn der Horican zwischen ihm und dem Wilde liegt! William Henry, Mann! Wenn ihr Freunde des Königs seyd, und ein Geschäft bei dem Heere habt, so thätet ihr besser, am Flusse hinab nach Edward zu gehen, und eure Sache Webb vorzulegen, der dort liegen bleibt, statt in die Engpässe vorzudringen und den frechen Franzmann über den Champlain in sein Nest zurückzutreiben.«

Ehe der Fremde auf diesen unerwarteten Vorschlag etwas erwiedern konnte, sprengte ein anderer Reiter durch das nahe Gebüsch sein Roß auf den Pfad, seinem Begleiter gegenüber.

»Wie weit mögen wir denn von Fort Edward seyn?« fragte der neue Sprecher. »Den Platz, nach dem ihr uns weiset, verließen wir diesen Morgen und unsre Bestimmung geht nach der Quelle des Sees.«

»Dann müßt Ihr euern Gesichtssinn früher als den Weg verloren haben: der Weg über den Trageplatz ist gute zwei Ruthen breit ausgehauen und eine so breite Straße, denk‘ ich, als irgend eine in London, oder selbst vor dem Königspalast.«

»Wir wollen uns jetzt nicht über die Vortrefflichkeit des Weges streiten,« versetzte Heyward lächelnd: denn er war es, wie der Leser bereits entnommen haben wird. »Es ist genug, wenn ich euch sage, daß wir uns einem indianischen Führer anvertrauten, der uns einen nähern, wiewohl geheimeren Weg führen wollte, und daß wir durch seine vermeintliche Ortskenntniß getäuscht worden sind. Mit einem Wort: wir wissen nicht, wo wir uns befinden.«

»Ein Indianer in den Wäldern verirrt!« sprach der Kundschafter, bedenklich den Kopf schüttelnd: »wenn die Sonne auf die Baumgipfel brennt, und die Ströme ihre Bette füllen, und das Moos an jedem Baume ihm sagen muß, in welcher Richtung der Nordstern in nächster Nacht leuchten wird, wenn die Wälder voll von Fährten des Wilds sind, welche zu den Strömen führen, Punkte, die Jedermann kennt! Und noch sind nicht alle Gänse nach den Canadagewässern fort! Es ist seltsam, daß sich ein Indianer zwischen dem Horican und der Krümmung des Flusses verirrt haben soll? Ist er ein Mohawk?«

»Nicht von Geburt, obgleich in diesen Stamm aufgenommen; ich glaube, seine Heimath liegt weiter nördlich, und er ist einer von denen, die ihr Huronen nennt.«

»Hugh!« riefen die zwei Begleiter des Kundschafters, die bis zu diesem Theile des Gesprächs unbeweglich und anscheinend gleichgültig gegen das, was vorging, dagesessen hatten, jetzt aber überrascht mit einem Ungestüm und einer Theilnahme, die offenbar über ihre Zurückhaltung gesiegt hatte, emporsprangen.

»Ein Hurone!« wiederholte der kecke Kundschafter, noch einmal voll Mißtrauen den Kopf schüttelnd; »dies ist ein diebisches Geschlecht, und ich frage nicht viel darnach, von wem er aufgenommen wurde. Ihr könnt ihn zu Nichts als zum Wegelagern und Herumstreichen brauchen. Da Ihr euch der Sorge Eines aus dieser Nation anvertraut habt, so wundert es mich nur, daß Ihr nicht noch mit Mehreren zu thun bekommen!«

»Das hat keine Gefahr, da William Henry so viele Meilen vor uns liegt. Ihr vergesset, was ich euch vorhin sagte; unser Führer ist jetzt ein Mohawk und dient als Freund bei unserm Heer.«

»Und ich sage euch, daß, wer als Mingo geboren wird, als Mingo stirbt,« entgegnete zuversichtlich der Andere. »Nein, da lob‘ ich mir einen Delawaren oder Mohikaner: die sind ehrlich; und wenn sie fechten wollen, wozu jedoch nicht Alle Lust bezeigen, da sie sich von ihren listigen Feinden, den Maquas, zu Weibern machen ließen – aber wenn sie überhaupt fechten wollen, so schaut mir einen Delawaren oder Mohikaner an, wenn Ihr einen Krieger haben wollt.«

»Genug davon,« sprach Heyward ungeduldig, »ich will nicht den Charakter eines Mannes untersuchen, den ich kenne, und dem Ihr fremd seyn müsset, Ihr habt mir noch nicht auf meine Frage geantwortet: wie weit sind wir von dem Hauptheer zu Edward? »Das kommt, scheint mir, darauf an, wer euer Führer ist. Ein Pferd, wie das da, dürfte eine gute Strecke Landes zwischen Sonnenauf- und Untergang zurücklegen, sollte Einer meinen.«

»Ich wünsche keinen Streit mit eiteln Worten gegen euch, mein Freund,« bemerkte Heyward, sein Mißvergnügen unterdrückend, in höflicherem Ton; »wenn Ihr mir die Entfernung von Fort Edward sagt und mich dahin führt, so soll eure Bemühung nicht unbelohnt bleiben.«

»Und wenn ich das thue, wer bürgt mir dafür, daß ich keinen Feind und Spion Montcalm’s nach den Festungswerken des Heeres führe? Nicht Jeder, der englisch sprechen kann, ist darum ein Ehrenmann.«

»Wenn Ihr bei dem Heere dient, von dem Ihr, wie ich schließe, ein Kundschafter seyd, so solltet Ihr das sechzigste Regiment des Königs kennen.«

»Das sechzigste Regiment! Ihr könnt mir wenig von den königlichen Amerikanern sagen, das ich nicht schon wüßte, obgleich ich ein Jagdhemd und seinen Scharlachrock trage.«

»Gut, dann kennt Ihr vielleicht unter Anderem den Major desselben.«

»Seinen Major!« unterbrach der Jäger, sich emporrichtend, wie Einer, der stolz auf das ihm geschenkte Vertrauen ist. »Wenn ein Mann im Lande ist, der Major Effingham kennt, so steht er vor euch.«

»Das Corps hat mehrere Majors. Der von euch genannte ist der älteste; aber ich spreche von dem allerjüngsten, der die Compagnien in William Henry befehligt.«

»Ja, ich habe gehört, daß ein sehr reicher junger Mann, aus einer Provinz weit im Süden, diesen Posten erhalten hat. Er ist jung für einen solchen Rang, wo er über Männern steht, deren Köpfe zu bleichen beginnen, und doch sagen sie, er sey ein geschickter Soldat und ein ritterlicher Herr.«

»Was er auch seyn mag, und wie er für seinen Posten sich eignet, er spricht jetzt mit euch und Ihr habt daher keinen Feind in ihm zu fürchten.« »Der Kundschafter betrachtete Heyward erstaunt, lüpfte dann seine Mütze und antwortete in einem minder freien, obgleich noch immer argwöhnischen Tone –

»Ich habe gehört, daß eine Abtheilung diesen Morgen aus dem Lager nach dem Ufer des Sees abgehen sollte.«

»Da habt Ihr recht gehört, ich wählte lieber einen nähern Weg, wobei ich mich auf den vorerwähnten Indianer verließ.«

»Und er täuschte euch und lief davon.«

»Keines von Beiden, wie ich glaube, wenigstens das letztere nicht; denn er ist in meinem Gefolge.«

»Ich möchte mir diesen Menschen etwas näher ansehen. Wenn es ein ächter Irokese ist, so erkenn‘ ich ihn an seinem schelmischen Blick und an der Farbe seines Gesichts,« sprach der Kundschafter, indem er an Heyward’s Pferde vorbeischritt und den Weg hinter des Singmeisters Stute betrat, deren Füllen den Stillstand benützte, um die Mutter in Kontribution zu setzen. Nachdem er das Gebüsch bei Seite geschoben hatte, traf er einige Schritte weiter auf die Frauen, welche das Ergebniß der Besprechung mit Ungeduld und nicht ohne Furcht erwarteten. Hinter diesen lehnte der Läufer an einem Baum, die genaue Prüfung des Kundschafters mit unveränderter Miene aushaltend, aber mit einem so finstern und wilden Blick, daß schon dieser an sich Furcht erregen konnte. Zufrieden mit dem Resultat seiner Forschungen, verließ ihn der Jäger. Als er an den Frauen vorüberging, hielt er einen Augenblick, um ihre Schönheit zu betrachten, das Lächeln und Nicken Alicens mit augenfälligem Vergnügen erwiedernd. Von da trat er der Stute zur Seite und nachdem er einen Augenblick vergeblich den Charakter des Reiters zu erforschen gesucht hatte, schüttelte er den Kopf und kehrte zu Heyward zurück.

»Ein Mingo ist und bleibt ein Mingo, und da ihn Gott einmal so erschaffen hat, so können ihn weder die Mohawks noch andere Stämme anders machen,« sprach er nachdem er seine frühere Stellung wieder eingenommen hatte, »Wenn wir allein wären und Ihr wolltet das edle Roß der Willkühr der Wölfe überlassen, so könnte ich euch selbst den Weg nach Edward in einer Stunde zeigen: denn weiter ist es nicht von hier entfernt; aber mit den Frauen in eurem Gefolge ist es unmöglich.«

»Warum? Sie sind zwar ermüdet, aber für einen Ritt von ein paar Meilen weiter noch kräftig genug.«

»Es ist eine offenbare Unmöglichkeit!« wiederholte der Kundschafter, »für die beste Büchse in den Kolonien möchte ich in Gesellschaft des Läufers nach Einbruch der Nacht keine Meile in diesen Wäldern machen. Sie sind voll von lauernden Irokesen und euer Zwitter-Mohawk weiß zu gut, wo er sie zu finden hat, als daß ich sein Gesellschafter werden möchte.«

»Seht Ihr die Sache so an?« sprach Heyward, indem er sich in dem Sattel vorneigte und seine Stimme fast zu einem Geflüster sinken ließ: »ich gestehe, ich war auch nicht ohne Argwohn, obgleich ich ihn wegen meiner Begleiterinnen zu verbergen suchte. Eben weil ich Verdacht schöpfte, wollt‘ ich ihm nicht länger folgen, und ließ ihn, wie Ihr seht, hinter mir her gehen.«

»Ich wußte, daß er ein Schelm ist, so bald ich ihn anblickte!« versetzte der Kundschafter, als Zeichen der Vorsicht einen Finger auf die Nase legend. »Der Dieb lehnt am Fuße des jungen Baums, den Ihr über den Büschen weg sehen könnt, sein rechtes Bein steht in Einer Richtung mit der Rinde des Baums und (hier griff er nach seiner Büchse) ich kann ihn von meinem Standpunkt aus zwischen dem Knöchel und dem Knie nehmen, daß ihm nur wenigstens einen Monat das Herumstreichen in den Wäldern vergeht. Ginge ich zu ihm zurück, so würde der Schlaukopf etwas wittern, und wie ein erschrecktes Reh durch die Bäume entschlüpfen.«

»Das geht nicht. Er kann unschuldig seyn und ich liebe diese Handlungsweise nicht. Und doch, wenn ich gewiß wüßte, daß er ein Verräther –« »Auf die Schurkerei eines Irokesen darf man mit Sicherheit rechnen,« sprach der Kundschafter, indem er instinktmäßig nach seiner Büchse griff.

»Halt!« unterbrach ihn Heyward, »es geht nicht –wir müssen auf etwas Anderes denken – und doch, ich habe vielen Grund zu glauben, daß der Schuft mich getäuscht hat.« Der Jäger, welcher bereits seine Absicht, den Läufer lahm zu schießen, aufgegeben hatte, sann einen Augenblick und machte dann ein Zeichen, das seine zwei rothen Begleiter ihm sogleich zur Seite rief. Sie sprachen leise, aber lebhaft in delawarischer Sprache mit einander; aus den Gebärden des Weißen jedoch, der sich häufig gegen den Gipfel des jungen Baumes richtete, ging deutlich hervor, daß er von ihrem verborgenen Feinde sprach. Seine Begleiter hatten seine Wünsche alsbald verstanden, legten ihre Feuergewehre weg, wandten sich nach entgegengesetzten Seiten und vergruben sich mit so vorsichtigen Bewegungen in das Dickicht, daß ihre Tritte nicht gehört werden konnten.

»Jetzt, geht zurück,« sprach der Jäger wieder zu Heyward, »und haltet den Teufelsbalg mit Reden hin, die Mohikaner hier wollen ihn lebendig fangen, ohne ihm die Schminke zu verderben.«

»Nein,« sprach Heyward stolz, »ich will ihn selbst fassen.«

»Pah! was vermöget Ihr zu Pferd gegen einen Indianer in den Büschen?«

»Ich steige ab.«

»Glaubt Ihr, er werde, wenn er sieht, daß Ihr einen Fuß aus dem Bügel habt, warten, bis auch der andere frei ist? Wer in den Wäldern mit den Eingebornen zu thun hat, muß indianische Kniffe brauchen, wenn er etwas ausrichten will. Geht denn, sprecht vertraulich mit dem Bösewicht, und thut, als ob Ihr ihn für euern treuesten Freund auf Erden hieltet.«

Heyward schickte sich an, diesen Rath zu befolgen, obgleich ihm die Rolle, die er zu spielen hatte, nicht behagen wollte. Indeß überzeugte er sich jeden Augenblick mehr, daß er durch sein zu großes Vertrauen seine Schützlinge in eine sehr mißliche Lage versetzt hatte. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Wälder, plötzlich ihres Lichtes beraubt, nahmen eine düstere Farbe an, welche ihn ernstlich erinnerte, daß die Stunde, welche die Wilden gewöhnlich für ihre grausamsten und gefühllosesten Akte der Rache oder der Feindseligkeit wählten, mit schnellen Schritten heran rücke. Von Besorgnissen bestürmt, verließ er den Kundschafter, welcher unmittelbar darauf in eine laute Unterredung mit dem Fremden einging, der sich mit so wenig Umständen am Morgen in die Reisegesellschaft eingedrängt hatte. Als er an seinen zarten Begleiterinnen vorbeiritt, sprach er einige Worte der Ermuthigung zu ihnen und fand zu seiner Freude, daß sie, obgleich ermüdet von den Anstrengungen des Tages, keinen Verdacht zu haben schienen, ihre gegenwärtige Verlegenheit sey etwas anderes, als die Folge des Zufalls. Er ließ sie glauben, daß er sich blos über ihre bevorstehende Route bespreche, spornte sein edles Roß und zog die Zügel wieder an, als er in die Nähe der Stelle kam, wo der trotzige Läufer immer noch an den Baum angelehnt stand.

»Du siehst, Magua,« sprach er, indem er eine unbefangene, vertrauliche Miene anzunehmen bemüht war, »daß die Nacht rings umher einbricht, und daß wir William Henry noch nicht näher sind, als da wir Webb’s Lager mit Aufgang der Sonne verließen. Du hast den Weg verfehlt und ich bin nicht glücklicher gewesen. Zum Glück aber sind wir auf einen Jäger getroffen, mit dem du den Sänger sprechen hörst. Er ist mit den Fährten des Wildes und den Fußpfaden der Wälder vertraut, und verspricht, uns nach einem Platze zu führen, wo wir sicher bis zum Morgen ausruhen können.«

Der Indianer heftete seine funkelnden Augen auf Heyward, und fragte in seinem gebrochenen Englisch: »Ist er allein?«

»Allein!« wiederholte zögernd Heyward, dem Täuschung noch zu neu war, als daß er nicht etwas verlegen geworden wäre. »Oh! gewiß nicht allein, Magua: du weißt ja, daß wir bei ihm sind.« »Dann kann le Renard Subtil gehen,« versetzte der Läufer, indem er eine kleine Reisetasche von der Stelle, wo sie zu seinen Füßen lag, kaltblütig aufhob; »und die Blaßgesichter werden nur Leute ihrer eigenen Farbe sehen.«

»Gehen? Wen nennst du le Renard

»Diesen Namen haben seine Canadischen Väter Magua gegeben,« antwortete der Läufer mit einer Miene, welche bewies, daß er auf diese Auszeichnung stolz war. »Nacht und Tag sind für Subtil gleich, wenn Munro auf ihn wartet.«

»Was will le Renard Subtil dem Befehlshaber von William Henry von seinen Töchtern melden? Wird er es wagen, dem hitzköpfigen Schottländer zu sagen, daß er seine Kinder ohne Führer gelassen habe, obgleich Magua ihnen einer zu seyn versprach?«

»Der Graukopf hat eine laute Stimme und einen langen Arm, aber wird jene le Renard in den Wäldern hören, oder diesen fühlen?«

»Aber was werden die Mohawks sagen! Sie werden ihm einen Weiberrock machen und ihn heißen im Wigwam bei den Weibern bleiben: denn nicht länger kann man ihm das Geschäft eines Mannes anvertrauen!«

»Le Subtil kennt den Pfad zu den großen Seen und kann die Gebeine seiner Väter finden,« war die Antwort des unbeweglichen Läufers.

»Genug, Magua,« sprach Heyward, »sind wir nicht Freunde? Warum sollen bittere Worte zwischen uns gewechselt werden? Munro hat dir für deine Dienste ein Geschenk versprochen, und ich werde dein Schuldner für einen andern seyn. So laß deine müden Glieder ausruhen und öffne deine Reisetasche, um zu essen. Wir haben nur wenige Minuten zum Besten, laß sie uns nicht wie zänkische Weiber vergeuden. Wenn die Frauen Erfrischungen zu sich genommen haben, gehen wir weiter.«

»Die Blaßgesichter machen sich zu Hunden ihrer Frauen,« murmelte der Indianer in seiner Muttersprache, »und wenn sie essen wollen, müßen ihre Krieger den Tomahawk bei Seite legen, um ihre Trägheit zu nähren.« »Was sagst du, Renard?«

»Le Subtil sagt, es ist gut.«

Der Indianer heftete jetzt das Auge fest auf das offene Gesicht Heyward’s, als er aber seinem Blicke begegnete, wandte er sich schnell ab, nahm, indem er sich bedächtlich zu Boden setzte, den Rest eines früheren Mahles aus der Tasche und begann zu essen, jedoch nicht ohne langsam und vorsichtig um sich her zu blicken.

»So ist es recht,« fuhr Heyward fort, »und Renard wird morgen neue Kraft des Leibes und der Augen haben, um den Weg zu finden;« er hielt inne, denn Laute wie das Knistern von dürren Reisern und das Rauschen von Blättern ließ sich aus den nahen Gebüschen vernehmen. Plötzlich aber besann er sich und fuhr fort: »wir müssen aufbrechen, ehe die Sonne sich sehen läßt, sonst legt sich uns Montcalm in den Weg und schneidet uns von der Festung ab.«

Magua ließ seine Hand vom Munde zur Seite herabsinken und obgleich seine Augen auf den Boden geheftet waren, bog er dennoch den Kopf seitwärts: seine Nasenlöcher erweiterten sich, und sogar seine Ohren schienen aufrechter zu stehen, als gewöhnlich, indem sie ihm den Anschein einer Bildsäule gaben, welche gespannte Aufmerksamkeit darstellen soll.

Heyward, welcher seinen Bewegungen mit wachsamem Auge folgte, zog nachläßig einen seiner Füße aus dem Bügel, während er mit der Hand über die Bärenhautdecke seiner Pistolenhalfter hinglitt. Jede Bemühung, den Punkt zu entdecken, den der Läufer besonders ins Auge faßte, scheiterte an seinem zitternden Blick, der auf seinem besondern Gegenstande auch nur einen Augenblick ruhte und sich doch auch nicht eigentlich zu bewegen schien. Während Jener noch unschlüssig war, stand le Subtil vorsichtig auf, jedoch mit einer so langsamen und bedächtigen Bewegung, daß diese Veränderung nicht das geringste Geräusch verursachte. Heyward fühlte, daß jetzt gehandelt werden mußte. Er warf sein Bein über den Sattel und stieg ab, entschlossen sich seines verrätherischen Begleiters zu bemächtigen indem er sich auf seine Mannesstärke verließ. Um jedoch unnöthigen Lärm zu verhüten, behielt er immer noch den Anschein der Ruhe und Vertraulichkeit. Le Renard Subtil ißt nicht,« sprach er, indem er sich des Namens bediente, welcher der Eitelkeit des Indianers am meisten zu schmeicheln schien. »Sein Korn ist nicht gut geröstet, es scheint zu trocken. Ich will sehen, vielleicht findet sich etwas unter meinem eigenen Vorrath, was ihm besser mundet.«

Magua hielt die Reisetasche hin, um ihm zuvorzukommen. Er litt es selbst, daß ihre Hände sich berührten, ohne die geringste Aufregung zu zeigen, oder die Stellung der Aufmerksamkeit zu verändern. Kaum fühlte er aber, daß Heyward’s Finger sich leicht über seinen nackten Arm hinbewegten, so schlug er die Hand des jungen Mannes zurück, stieß, unter ihr wegspringend, einen durchdringenden Schrei aus und tauchte mit einem einzigen Sprung in das entgegengesetzte Dickicht. Im nächsten Augenblicke erschien die Gestalt Chingachgook’s vor den Gebüschen, der mit seiner Gesichtsbemalung wie ein Gespenst aussah, und glitt über den Pfad hin, um ihn eiligst zu verfolgen. Einen Augenblick später folgte Uncas‘ Ruf, und die Wälder wurden durch einen plötzlichen Strahl erleuchtet, den ein scharfer Knall von des Jägers Büchse begleitete.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Spricht auch des Waldes edles Thier
Sein Recht an in dem Jagdrevier;
Gibt man dem Hirsche Raum und Frist,
Eh‘ springt der Hund, der Bogen zischt: –
Wo, wie den Schleicher Fuchs man schlägt,
Wann man ihn fängt, doch Niemand frägt.
Die Jungfrau vom See.

Nicht leicht findet man die Lager der Eingebornen gleich denen der besser unterrichteten Weißen von bewaffneten Kriegern bewacht. Von dem Nahen jeder Gefahr, während sie noch ferne ist, wohl unterrichtet, bleibt der Indianer im Allgemeinen sicher mit seiner Kenntniß der Zeichen des Waldes und im Vertrauen auf die langen und schwierigen Pfade, die ihn von den gefürchtetsten Gegnern trennen. Der Feind, der durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen Mittel gefunden, die Wachsamkeit der Kundschafter zu täuschen, begegnet in der Nähe ihrer Wohnungen selten Schildwachen, welche Lärm machen könnten. Zudem kannten die den Franzosen befreundeten Stämme das Gewicht des Schlages zu gut, der ihre Feinde eben betroffen hatte, um unmittelbare Gefahr von den Nationen zu fürchten, welche der brittischen Krone unterthan waren.

Als sich daher Duncan und David inmitten der Kinder befanden, welche die bereits erwähnten läppischen Spiele trieben, hatten diese nicht die geringste Kunde von ihrer Annäherung gehabt. Kaum aber waren sie erblickt worden, so erhob die ganze Kinderrotte einstimmig ein gellendes Warnungsgeschrei und verschwand wie durch einen Zauberschlag vor den Augen der Fremden. Die nackten, lohfarbigen Leiber der sich duckenden Unholde gingen zu dieser Tageszeit so ganz in die Farbe des verwitterten Grases über, daß es Anfangs wirklich schien, als ob sie die Erde verschlungen hätte. Als aber die erste Überraschung vorüber war und Duncan genauer hinschaute, begegnete sein Blick überall schwarzen, lebhaft rollenden Augen.

Dieses plötzliche Vorspiel der Ausforschung war für Heyward eben nicht sehr ermuthigend und sagte ihm, was er erst von dem reiferen Urtheile der Männer zu erwarten hätte. Es war ein Augenblick, wo der junge Krieger gerne den Rückweg angetreten hätte; allein jeder Schein von Zögerung wäre zu spät gekommen. Das Geschrei der Kinder hatte ein Dutzend Krieger an die Thür der nächsten Wohnung gezogen, wo sie in einer düstern und wilden Gruppe zusammen blieben und mit ernster Würde die Annäherung der unverhofften Besucher erwarteten.

David, einigermaßen vertraut mit der Scene, schritt mit einer Festigkeit voran, die jedes leichten Hindernisses zu spotten schien, und trat eben in jene Hütte ein. Sie war das Hauptgebäude des Dorfes, obgleich roh aus Rinde und Baumästen errichtet. Innerhalb seiner Wände hielt der Stamm bei seinem zeitigen Aufenthalte an den Gränzen der englischen Provinz seine öffentlichen Versammlungen und Berathungen. Während Duncan zwischen den dunkeln und mächtigen Gestalten der Wilden, die an der Schwelle zusammengedrängt waren, hindurchging, konnte er nur mit Mühe in seiner Miene die nothwendige Unbefangenheit behaupten; in der Ueberzeugung aber, daß sein Leben von seiner Geistesgegenwart abhänge, überließ er sich der Willkühr seines Begleiters, und ihm auf dem Fuße folgend, suchte er auf dem Wege alle Gedanken für das nun Kommende wieder zu sammeln. Sein Blut stockte, als er sich in der unmittelbarsten Berührung mit so wilden und unversöhnlichen Feinden sah; er bemeisterte aber seine Gefühle in so weit, daß er, ohne in seinem Ausdruck eine solche Schwäche zu verrathen, in die Mitte der Hütte gelangte. Nach dem Beispiel des besonnenen Gamut nahm auch er einen Bündel wohlriechenden Buschwerks von einem Haufen in der Ecke der Hütte, und ließ sich schweigend darauf nieder.

Sobald der neue Ankömmling an den beobachtenden Kriegern vorbeigeschritten war, verließen diese den Eingang, stellten sich um ihn her und schienen geduldig den Augenblick zu erwarten, wo die Würde des Fremden ihm zu sprechen gestatten würde. Bei weitem der größte Theil stand in müßiger, träger Stellung an die aufrechten Pfosten gelehnt, die das schwache Gebäude stützten, während drei oder vier der ältesten und ausgezeichnetsten unter den Häuptlingen sich etwas mehr im Vordergrunde niedersetzten.

Eine blendende Fackel brannte, und sandte, wie sie unter der Zugluft hin und herflackerte, ihren röthlichen Schimmer von Gesicht zu Gesicht und von Gestalt zu Gestalt. Duncan benützte ihr Licht, um aus den Mienen seiner Gastfreunde zu erforschen, welcher Empfang seiner wartete. Aber sein Scharfblick half ihm wenig, der wohlüberlegten Hinterlist des Volkes gegenüber, unter dem er sich befand. Die vorne sitzenden Häuptlinge warfen kaum einen Blick auf seine Person, ihre Augen mit einem Ausdruck auf die Erde heftend, den man für Achtung nehmen, aber eben so leicht als Mißtrauen fürchten konnte. Die Männer, welche im Schatten standen, waren weniger zurückhaltend. Duncan begegnete bald ihren forschenden, aber verstohlenen Blicken, wie sie seine Gestalt und seinen Aufzug Zoll für Zoll musterten, und keinen Zug seiner Miene, keine Geberde, keine Linie seiner Malerei, ja seinen Theil seiner Bekleidung unbeachtet und unbeurtheilt ließen

Endlich trat Einer, dessen Haare bereit« mit Grau sich zu mengen begannen, dessen sehnigte Glieder und fester Tritt aber ankündigten, daß er noch allen Ansprüchen des Mannesalters genügen könne, aus dem Dunkel eines Winkels hervor, wohin er sich wahrscheinlich begeben hatte, um ungesehen beobachten zu können, und sprach. Da er aber in der Mundart der Wyandots oder Huronen redete, so blieben seine Worte Heyward unverständlich, schienen aber nach den Geberden, die sie begleiteten, mehr Artigkeit, als Unwillen auszudrücken. Duncan schüttelte den Kopf und bedeutete durch eine Geberde, daß er nicht zu antworten vermöge.

»Spricht Keiner meiner Brüder französisch oder englisch?« fragte er in der ersteren Sprache, von einem Gesicht auf das andere schauend, und in der Hoffnung einem bejahenden Nicken zu begegnen.

Obgleich mehr denn ein Kopf sich wandte, den Sinn seiner Worte zu fassen, so blieben sie doch unbeantwortet.

»Es wäre mir leid,« fuhr Duncan langsam und in dem einfachsten Französisch, dessen er mächtig war, fort, »wenn ich glauben müßte, daß keiner in dieser weisen und tapferen Nation die Sprache des ›großen Monarchen,‹ deren er sich gegen seine Kinder bedient, verstehe. Schwer würde es ihm auf das Herz fallen, müßte er denken, daß seine rothen Krieger ihm so wenig Ehrfurcht bezeigen!«

Eine lange und ängstliche Pause erfolgte, keine Bewegung eines Gliedes, kein Ausdruck eines Auges ließ die Wirkung errathen, die seine Bemerkung hervorgebracht hatte. Duncan, welcher wußte, daß Stillschweigen eine Tugend bei seinen Wirthen hieß, benützte gerne diese Sitte, unterdessen seine Gedanken zu ordnen. Endlich antwortete derselbe Krieger, der sich vorher an ihn gewandt hatte, mit der trockenen Frage in canadischer Mundart:

»Wenn unser großer Vater mit seinem Volke spricht, geschieht es in der Sprache der Huronen?«

»Er kennt keinen Unterschied unter seinen Kindern, mag die Farbe ihrer Haut roth, schwarz oder weiß seyn,« antwortete Duncan, ausweichend, »obgleich er besonderes Wohlgefallen an den Huronen hat!«

»Wie wird er aber sprechen,« fragte der schlaue Häuptling, »wenn die Läufer ihm die Skalpe zählen, die vor fünf Nächten noch auf den Köpfen der Yengeese wuchsen?«

»Sie waren seine Feinde,« sprach Duncan, unwillkürlich schaudernd, »und ohne Zweifel wird er sagen: es ist gut – meine Huronen sind sehr tapfer.«

»Unser Canadavater denkt nicht so. Statt vorwärts zu schauen und seine Indianer zu belohnen, sind seine Augen rückwärts gewendet. Er sieht die todten Yengeese, aber keine Huronen. Was kann dies bedeuten?«

»Ein großer Häuptling, wie er, hat mehr Gedanken als Zungen. Er schaut sich um, zu sehen, ob ihm keine Feinde auf der Fährte seyen.«

»Das Canoe eines todten Kriegers schwimmt nicht mehr auf dem Horican,« entgegnete düster der Wilde. »Seine Ohren sind den Delawaren offen, welche nicht unsere Freunde sind, und sie füllen sie mit Lügen.«

»Es kann nicht seyn. Seht, er hat mich, da mir die Kunst, Kranke zu heilen, eigen ist, geheißen, zu seinen Kindern, den rothen Huronen an den großen Seen zu gehen, um zu fragen, ob welche krank seyen.«

Eine zweite Pause folgte dieser Ankündigung des Berufs, den sich Duncan gegeben hatte. Aller Augen hefteten sich zu gleicher Zeit auf ihn, als wollten sie die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussage erkunden, und mit so kühnem Scharfblick, daß der Gegenstand ihrer Ausforschung zittern mußte. Er wurde jedoch von dem früheren Sprecher wieder beruhigt.

»Bemalen die kunstfertigen Männer in Canada sich die Haut?« fragte der Hurone kaltblütig weiter: »sie rühmten sich doch sonst ihres blassen Gesichtes!«

»Wenn ein Indianerhäuptling zu seinen weißen Vätern kommt,« versetzte Duncan mit großer Festigkeit, »so legt er seine Büffelkleidung ab, um das Hemd zu tragen, das ihm angeboten wird. Meine Brüder haben mir diese Farben gegeben, und ich trage sie.«

Ein halblautes Gemurmel des Beifalls verkündigte, daß diese Artigkeit für den Stamm günstig aufgenommen wurde. Der ältliche Häuptling machte eine Geberde der Zufriedenheit, in welche die meisten seiner Genossen einstimmten, ihre Hand aufreckend und mit einem kurzen Ausrufe des Wohlgefallens. Duncan athmete wieder freier, in der Meinung, das Schwerste sey vorüber, und da er sich bereits auf eine einfache und leicht glaubliche Erzählung zur Stütze seines angeblichen Berufes vorbereitet hatte, so fand seine Hoffnung auf endliches Gelingen neue Nahrung.

Nach einem kurzen Stillschweigen erhob sich ein anderer Krieger, als wollte er seine Gedanken vorher ordnen, um auf die eben gegebene Erklärung des Gastes gebührenden Bescheid zu ertheilen, und schickte sich zum Sprechen an. Schon bewegten sich seine Lippen, da erschollen dumpfe, aber schreckhafte Laute aus dem Walde, denen unmittelbar ein helltönendes, schrilles Geschrei, von solcher Dauer folgte, daß es dem kläglichen langen Geheul eines Wolfes glich. Diese plötzliche und furchtbare Unterbrechung schreckte Duncan von seinem Sitze auf und ließ ihn über dem Eindrucke dieser gräßlichen Töne alles Uebrige vergessen. In demselben Augenblick verließen alle Krieger zumal die Hütte, und die Luft außerhalb erfüllten laute Ausbrüche von Geschrei, die jene schrecklichen, immer noch aus den Blätterhallen des Waldes schallenden Laute beinahe übertönten. Unfähig, sich länger zu halten, eilte auch der Jüngling aus der Hütte und fand sich plötzlich mitten unter einem unordentlichen Haufen, der beinahe Alles, was in den Gränzen des Lagers Leben hatte, in sich schloß. Männer, Weiber und Kinder; Alte, Gebrechliche, Rüstige, Starke – Alles war auf den Beinen: die Einen riefen laut, Andere schlugen wie verrückt vor Freude die Hände zusammen, und Alle drückten ihr wildes Frohlocken über ein unerwartetes Ereigniß aus. Obgleich anfangs wie betäubt von dem Aufruhr, fand Heyward bald in der folgenden Scene alles erklärt.

Der Himmel gab noch hinreichendes Licht, um die helleren Oeffnungen zwischen den Gipfeln der Bäume bemerken zu lassen, wo verschiedene Pfade aus der Lichtung in die Tiefen der Wildniß führten. Auf einem derselben kam eine Reihe von Kriegern aus dem Walde hervor und näherten sich langsam den Wohnungen. Einer der Vordersten trug eine kurze Stange, an welcher, wie man nachher sah, mehrere menschliche Skalpe aufgehängt waren. Die erschütternden Töne, welche Duncan gehört, waren das, was die Weißen nicht ungeeignet das Todesgeschrei nennen, und jede Wiederholung derselben sollte dem Stamme das Schicksal eines Feindes verkünden.

So weit konnte Heyward von seiner Erfahrung Aufschluß erhalten: und da er jetzt wußte, daß die unerwartete Rückkehr aus einem glücklichen Kriegszuge Ursache der Unterbrechung gewesen war, so verschwand jede Besorgniß und er wünschte sich innerlich Glück zu einer so willkommenen Erleichterung, die viele Aufmerksamkeit von ihm abziehen mußte.

Etwa hundert Schritte von den Hütten machten die neu angekommenen Krieger Halt. Ihr klägliches und erschreckendes Geheul, bald das Wehklagen der Sterbenden, bald den Triumph der Sieger darzustellen bestimmt, hatte gänzlich aufgehört. Einer von ihnen rief jetzt laut in Worten, welche ferne davon, die Ohren der Zuhörer zu erschrecken, ihnen doch kaum verständlicher waren, als das eben verstummte ausdrucksvolle Geheul. Es würde schwer seyn, einen Begriff von der wilden Verzückung zu geben, mit welcher die so mitgetheilte Kunde aufgenommen wurde. Das ganze Lager bildete in einem Augenblicke den Schauplatz der wildesten, geräuschvollsten Bewegung. Die Krieger zogen ihre Messer und bildeten, sie emporschwingend, zwei Reihen zu einer Gasse, welche von dem Siegerhaufen bis zu den Hütten fühlte. Die Squaws ergriffen Keulen, Aexte oder die erste beste Angriffswaffe, die sich ihren Händen darbot, und stürzten herbei, um in dem grausamen Spiele, das nun beginnen sollte, ihre Rollen zu übernehmen. Selbst die Kinder wollten nicht ausgeschlossen seyn: Knaben, schwer vermögend Waffen zu handhaben, rissen ihren Vätern die Tomahawks aus dem Gürtel, schlichen sich in die Reihen und ahmten geschickt die wilden Bewegungen ihrer Aeltern nach. Große Haufen Gestrüpp lagen in der Lichtung zerstreut umher, und eine erfahrene, alte Squaw war beschäftigt, deren so viele anzuzünden, als zur Beleuchtung der kommenden Scene erforderlich war. Die Flamme schlug empor, sie war mächtiger als der scheidende Tag, und ließ die Gegenstände zwar deutlich, aber nur um so gräßlicher erscheinen. Die ganze Scene bot das fesselndste Gemälde, dessen Rahmen der dunkle Saum der hohen Fichten bildete. Die neu angekommenen Krieger waren am weitesten entfernt, im Vordergrunde aber standen zwei Männer, aus der Zahl der Uebrigen auserwählt, um in dem nun beginnenden Schauspiele die Hauptrollen zu spielen. Das Licht war nicht stark genug ihre Gesichtszüge deutlich erkennen zu lassen, aber man sah wohl, daß sie von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt wurden. Während der Eine in fester Haltung aufrecht stand, bereit, seinem Schicksal als Held sich zu unterwerfen, senkte der Andere sein Haupt, als wäre er von Schrecken gelähmt oder von Scham darnieder gedrückt. Der edelmüthige Duncan fühlte sich mächtig angetrieben, dem Ersteren Bewunderung und Theilnahme zu zollen, obgleich sich keine Gelegenheit bot, seinen edeln Regungen Worte zu geben. Er bewachte mit unverwandtem Auge seine geringsten Bewegungen, und während er den leichten Umrissen eines wunderbar schön gebildeten und kräftigen Körpers folgte, suchte er sich zu überreden, daß wenn es in der Macht eines Menschen stehe, unterstützt durch Muth und Entschlossenheit die Probe so schwerer Gefahr glücklich zu bestehen, der junge Gefangene wohl auf Glück in dem ihm bevorstehenden gewagten Laufe hoffen dürfe. Unvermerkt näherte sich der junge Mann den dunkeln Reihen der Huronen, und athmete kaum, so gespannt war sein Interesse für das ganze Schauspiel. Jetzt ertönte das Signalgeschrei, und die augenblickliche Stille, welche vorangegangen war, wurde durch einen Ausbruch von Geheul unterbrochen, der seines Gleichen noch nicht gefunden hatte. Das eine so sehr niedergeschlagene Schlachtopfer blieb regungslos stehen, der Andere aber sprang bei dem Schrei mit der Geschwindigkeit und Gewandtheit eines Hirsches davon. Statt durch die feindlichen Linien, wie man erwartet hatte, zu stürzen, hatte der Gefangene kaum die gefährliche Enge erreicht, als er sich wandte und ehe ein Streich gegen ihn geführt werden konnte, über die Köpfe einer Reihe Kinder setzte und mit einem Mal die äußere, sicherere Seite der furchtbaren Kriegerreihe gewann. Dieser List folgten hundertstimmige Verwünschungen: die ganze, aufgeregte Menge stob auseinander und zerstreute sich in wilder Verwirrung über den Platz.

Ein Dutzend Haufen brennenden Gestrüppes ergossen ihr röthliches Licht über den Platz, der einer unheimlichen, geisterhaften Kampfstätte glich, wo böse Dämonen sich versammelt hatten, ein blutiges, ruchloses Werk zu beginnen. Die Gestalten im Hintergrunde glichen überirdischen Wesen, während sie vor dem Auge vorbeiglitten und die Lüfte mit tollen und sinnlosen Bewegungen durchschnitten: die wilden Leidenschaften solcher aber, die an der Flamme vorüber kamen, erschienen furchtbar deutlich in dem Lichte, das über ihre wuthsprühenden Züge lief.

Es läßt sich leicht denken, daß unter solch einem Getümmel rachedürstender Feinde der Flüchtling nicht zu Athem kommen konnte. Einen einzigen Augenblick schien es, als ob er den Wald erreichen würde; aber der ganze Schwarm der Sieger warf sich ihm entgegen und trieb ihn in die Mitte einer erbarmungslosen Verfolgung zurück. Sich umwendend, wie ein eingeholter Hirsch, schoß er pfeilschnell über ein hoch aufloderndes Feuer, durchdrang die ganze Menge ungefährdet und erschien wieder auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung. Aber auch hier traf er auf einige der älteren und schlaueren Huronen, die ihn abermals zurücktrieben. Noch einmal warf er sich in das Gedränge, als ob er in der allgemeinen Verwirrung Sicherheit suchte, und dann vergingen einige Augenblicke, während welcher Duncan den gewandten und muthigen jungen Fremdling verloren glauben mußte. Man konnte nichts unterscheiden als eine dunkle Masse menschlicher Gestalten, welche sich in einem verworrenen Getümmel stießen und durch einander drängten. Arme, blitzende Messer und furchtbare Keulen ließen sich erkennen, aber die Streiche wurden augenscheinlich nur aufs Gerathewohl geführt. Der furchtbare Eindruck dieser Scene ward noch erhöht durch das durchdringende Geschrei der Weiber und das wilde Geheul der Krieger. Hier und da fiel ein flüchtiger Lichtschein auf eine leichte Gestalt, welche in verzweifeltem Sprunge durch die Luft schoß, und ließ Duncan mehr hoffen als glauben, der Gefangene sey immer noch Herr seiner bewundernswürdigen Stärke und Gewandtheit. Plötzlich warf sich die Menge zurück nach der Stelle, wo er selber stand: die schwerfällige Masse der Verfolger drängte die Weiber und Kinder im Vorgrunde und warf einige zu Boden. Der Fremde ward in der Verwirrung wieder sichtbar. Menschliche Kräfte aber mußten einer so fürchterlichen Probe erliegen. Dies schien der Gefangene zu fühlen: die augenblickliche Oeffnung benutzend, brach er aus der Mitte der Krieger hervor und machte einen verzweifelten und, wie es Duncan schien, letzten Versuch, den Wald zu gewinnen. Gleich als wüßte er, daß ihm von dem jungen Soldaten keine Gefahr drohe, berührte er ihn beinahe auf seiner Flucht, dicht an ihm vorbei eilend. Ein hoher, mächtiger Hurone, der seine Kräfte bisher geschont hatte, war ihm auf den Fersen und drohte mit aufgehobenem Arm einen tödlichen Streich zu führen, Duncan streckte seinen Fuß vor und dieser Stoß warf den ungestümen Wilden weit vor sein beabsichtigtes Opfer gestreckt auf die Erde hin. Mit Gedankenschnelle benützte der Verfolgte den Vortheil: er wandte sich, blitzte einem Meteore gleich vor Duncan vorbei und im nächsten Augenblick, als dieser seine Besinnung wieder gewann und nach dem Gefangenen umschaute, sah er ihn ruhig gegen einen kleinen bemalten Pfosten vor dem Thor der Haupthütte gelehnt dastehen.

Aus Furcht, die Rolle, die er bei dieser Rettung gespielt, möchte ihm selbst verderblich werden, verließ Duncan ohne Verzug seinen Platz und folgte dem Haufen, der sich unmuthig und düster nach den Wohnungen zog, einer schaulustigen Volksmenge ähnlich, die vergeblich auf eine Hinrichtung gewartet hat. Neugierde oder vielleicht ein besseres Gefühl trieb ihn, sich dem Fremden zu nähern. Dieser hielt mit einem Arm den schützenden Pfosten umschlungen und athmete nach seiner verzweifelten Anstrengung tief und schwer, doch zu stolz, das geringste Zeichen des Leidens von sich zu geben. Er war jetzt durch eine unvordenkliche und heilige Sitte geschützt, bis der Stamm in voller Versammlung sein Schicksal berathen und entschieden hatte. Wenn man übrigens aus der Stimmung derer, die den Platz umgaben, Schlüsse ziehen dürfte, so war das Ergebniß leicht vorauszusehen.

Kein Schimpfwort gab es in der Huronensprache, das die getäuschten Weiber nicht gegen den glücklichen Fremden verschwenderisch ausgestoßen hätten. Sie höhnten seine Anstrengungen und sagten ihm mit bitterem Spott, daß seine Füße besser als seine Hände seyen; daß er Flügel verdiente, da er weder Pfeil noch Messer zu kennen scheine. Der Gefangene gab auf alles dies keine Antwort, sondern begnügte sich, eine Stellung zu beobachten, in der sich Würde wunderbar mit Verachtung mischte. Diese Ruhe sowohl, als das gute Glück des Gefangenen erbitterten die Weiber gleich sehr, ihre Worte erstickten und gingen in ein schrilles, durchdringendes Geheul über. Gerade jetzt drang die geschäftige Alte, welche die Vorsicht gebraucht hatte, das Gesträuch in Brand zu stecken, durch die Menge und machte sich vor dem Gefangenen freie Bahn. Die schmutzige und verwitterte Erscheinung dieser Unholdin mochte leicht auf ein Vorhandenseyn übermenschlicher Kräfte schließen lassen. Ihr leichtes Gewand zurückwerfend, streckte sie höhnisch ihren langen knöchernen Arm vor und rief, um dem Gegenstand ihrer Schmähungen verständlicher zu werden, in der Sprache der Lenapen: »Höre mich, Delaware,« schrie sie, indem sie ihm in’s Antlitz ein Schnippchen schlug, »Deine Nation ist ein Geschlecht von Weibern; die Hacke schickt sich besser für Eure Hände als die Büchse. Eure Squaws gebären Hirsche; käme ein Bär, eine wilde Katze oder eine Schlange unter Euch zur Welt, so würdet Ihr Reißaus nehmen. Die Huronenmädchen sollen dir Weiberröcke machen und wir wollen nach einem Manne für dich sehen.«

Ein wildes Gelächter folgte diesem Angriff, und die sanften, melodischen Töne der jüngeren Frauen klangen seltsam mit der kreischenden Stimme der ältern und boshafteren Genossin zusammen. Allein der Fremde trotzte allen diesen Bemühungen. Sein Haupt blieb unbeweglich, nicht die leiseste Kenntniß schien er von den Anwesenden zu nehmen, außer wenn sein stolzes Auge von Zeit zu Zeit gegen die dunkeln Gestalten der Krieger rollte, welche – schweigende, finstere Beobachter der Scene – in dem Hintergrunde auf und nieder schritten.

Wüthend über die Selbstbeherrschung des Gefangenen, stemmte die Alte ihre Arme in die Seite, warf sich in eine herausfordernde Stellung und brach von Neuem in einen Strom von Schmähungen, welche keine Kunst vermögend wäre, mit Erfolg zu Papier zu bringen. Sie verströmte jedoch vergeblich ihren Athem: obgleich sie unter ihrem Volke als eine Heldin in der Kunst zu schmähen gelten konnte, und sich in eine Wuth gesteigert hatte, die ihr den Schaum aus dem Munde trieb, so konnte sie es doch nicht dahin bringen, daß der regungslos dastehende Fremde auch nur eine Muskel rührte. Der Aerger über diese Gleichgültigkeit begann sich auch den andern Zuschauern mitzutheilen, und ein Jüngling, der eben erst aus dem Knabenalter in die Jahre der Mannheit hinüberschritt, kam der keifenden Alten zu Hülfe, indem er, einen Tomahawk vor dem Schlachtopfer schwingend, ihren Hohn mit seinen leeren Ruhmreden verstärkte. Jetzt wandte der Gefangene sein Antlitz nach dem Lichte und sah auf den Knaben mit einem Blick herab, der mehr als Verachtung ausdrückte! im nächsten Augenblick aber nahm er die ruhige, lehnende Haltung gegen den Pfosten wieder ein: aber diese Veränderung der Stellung hatte Duncan vergönnt, einige Blicke mit den festen, durchdringenden Augen des Gefangenen – mit Uncas zu wechseln.

Athemlos vor Erstaunen und schwer geängstet über die gefährliche Lage des Freundes, wich Heywald diesem Blicke aus, zitternd, das Verderben des Gefangenen – wußte er auch nicht wie – zu beschleunigen. Doch diese Furcht war für den Augenblick unnütz. Jetzt drängte sich ein Krieger durch die erhitzte Menge, Weiber und Kinder mit ernster Miene bei Seite weisend, nahm Uncas beim Arm und führte ihn gegen die Thüre des Versammlungshauses. Alle Häuptlinge und die meisten ausgezeichneten Krieger der Nation folgten, und der ängstliche Heyward fand Mittel, sich unter ihnen mit einzudrängen, ohne eine ihm selbst gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Einige Minuten gingen darüber hin, den Anwesenden nach ihrem Rang und Einfluß in dem Stamme Plätze anzuweisen. Die Ordnung war ziemlich dieselbe, wie bei dem früheren Zusammentreffen: die älteren und höheren Häuptlinge nahmen den Vordergrund des geräumigen Gemaches ein, hell beleuchtet von dem blendenden Lichte einer Fackel, indeß die jüngeren, untergeordneteren Krieger im Hintergründe sich sammelten, eine dunkle Masse schwärzlicher Gestalten und scharf ausgeprägter Gesichtszüge. Mitten im Kreise, unmittelbar unter einer Oeffnung, durch welche ein Paar Sterne flimmerten, stand Uncas, ruhig, erhaben, gefaßt. Seine Hoheit und Würde verfehlte ihres Eindruckes auf die Sieger nicht: ihre Blicke wandten sich oft mit einem Ausdruck auf ihn, der, die Unbeugsamkeit ihrer Entschlüsse verkündend, dennoch Von Bewunderung für den kühnen Muth des Fremdlings zeugte.

Anders das Individuum, welches Duncan vor dem verzweifelten Reihenlauf neben seinem Freunde hatte stehen sehen. Statt an der Jagd Theil zu nehmen, war der Gefangene während dieses wilden Aufruhrs, einem Bilde der Scham oder des Unglücks gleich, niedergedrückt dagestanden. Obgleich keine Hand sich ausgereckt hatte ihn zu grüßen, kein Auge sich herabließ, seine Bewegungen zu bewachen, war auch er gleichfalls in die Hütte eingetreten, als zöge ihn ein Verhängniß, dem er sich ohne Kampf fügen müsse. Heyward benützte die erste Gelegenheit, ihm ins Gesicht zu sehen, in der geheimen Besorgniß, auch in seinen Zügen einem Bekannten zu begegnen; allein sie waren die eines fremden, und, was ihm noch unerklärlicher schien, er trug alle unterscheidenden Merkmale eines Huronenkriegers. Statt jedoch unter seinen Stamm zu treten, setzte er sich bei Seite, einsam mitten unter der Menge, und duckte sich in eine demüthige Stellung, als wollte er so wenig als möglich Raum einnehmen. Als Jeder den ihm zukommenden Platz eingenommen hatte und allgemeine Stille eingetreten war, begann der Häuptling mit grauen Haaren, den wir bereits erwähnt haben, in der Sprache der Lenni-Lenapen:

»Delaware,« sprach er, »obgleich aus einer Nation von Weibern, so hast du dich doch als ein Mann erprobt. Gerne würd‘ ich dir Nahrung geben, aber wer mit einem Huronen ißt, muß sein Freund werden. Ruhe im Frieden bis zur Morgensonne, dann soll unser letztes Wort gesprochen werden.«

»Sieben Nachte und sieben Sommertage habe ich auf der Fährte der Huronen gefastet,« erwiederte kaltblütig Uncas. »Die Kinder der Lenapen wissen auf dem Pfade der Gerechten zu wandeln, ohne sich mit Essen aufzuhalten.«

»Zwei meiner jungen Krieger verfolgen deinen Begleiter,« fuhr der Andere wieder fort, ohne, wie es schien, auf die Ruhmrede seines Gefangenen zu achten; »wenn sie zurück sind, werden unsere weisen Männer zu dir sagen: leb‘ oder stirb!«

»Hat ein Hurone keine Ohren?« rief Uncas verächtlich aus. »Zwei Mal hat der Delaware, seit er euer Gefangener ist, den Knall einer Büchse gehört, die er wohl kennt. Eure jungen Männer kehren nimmer zurück!«

Eine kurze und düstere Pause folgte dieser kühnen Behauptung. Duncan, welcher merkte, daß der Mohikaner auf die verhängnißvolle Büchse des Kundschafters anspielte, beugte sich vorwärts, ängstlich zu beobachten, welchen Eindruck diese Worte auf die Sieger machen würden; der Häuptling begnügte sich aber, einfach zu erwiedern:

»Wenn die Lenapen so geschickt sind, warum ist einer ihrer tapfersten Krieger hier?«

»Er folgte den Fußstapfen eines fliehenden Feiglings und fiel in eine Schlinge. Auch der schlaue Biber kann gefangen werden.«

Während Uncas so sprach, deutete er mit dem Finger auf den einsamen Huronen, ohne jedoch einem so unwürdigen Gegenstande weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Antwort und die Miene des Sprechers brachten unter seinen Zuhörern große Aufregung hervor. Aller Augen wandten sich finster auf den durch jene einfache Geberde Bezeichneten und ein dumpfes, drohendes Gemurmel lief durch die Versammelten. Diese verhängnißvollen Laute erreichten die äußere Thüre und das Ohr der Weiber und Kinder, die so dicht zusammengedrängt standen, daß zwischen Schulter und Schulter keine Lücke blieb, die nicht durch die dunkeln Lineamente eines neugierigen menschlichen Gesichtes ausgefüllt worden wäre. Indessen verkehrten die älteren Häuptlinge in der Mitte unter einander in kurzen, abgebrochenen Sätzen. Kein Wort ward gesprochen, das nicht die Meinung des Sprechers auf die einfachste, kräftigste Weise zu erkennen gab. Abermals trat eine lange, feierliche Stille ein. Sie war, wie Alle wußten, der ernste Vorbote eines wichtigen und schweren Urtheilspruchs. Die den äußeren Kreis Bildenden, stellten sich auf die Zehenspitzen, um sehen zu können; selbst der Schuldige vergaß für einen Augenblick seiner Schmach und gab, von einem stärkeren Gefühle ergriffen, seine niedergeschlagenen Gesichtszüge preis, um einen ängstlichen, unruhigen Blick auf die finstere Versammlung der Häuptlinge zu werfen. Das Stillschweigen ward endlich von dem öfter genannten betagten Häuptlinge unterbrochen. Er erhob sich von der Erde, ging an der unbeweglichen Gestalt des Mohikaners vorbei und stellte sich in würdevoller Haltung vor den Schuldigen. In diesem Augenblick trat die vorerwähnte alte Squaw, eine Fackel in der Hand in den Kreis, auf die eine Seite geneigt einen langsamen Tanz beginnend und die unverständlichen Worte einer Art von Beschwörung murmelnd. Obgleich sie sich ungerufen eingedrängt hatte, so ließ man sie dennoch gewähren.

Als sie sich Uncas genähert hatte, hielt sie ihm den lodernden Feuerbrand dicht entgegen, dessen rother Schein ein so volles Licht auf ihn warf, daß man die geringste Bewegung in seinen Gesichtszügen unterscheiden konnte. Der Mohikaner beharrte in seiner festen, stolzen Haltung; und sein Auge, verschmähend, ihrem forschenden Blicke zu begegnen, schaute fest in die Ferne, als ob es die Hindernisse, die seine Blicke hemmten, durchdränge und in die Zukunft schaute. Zufrieden mit ihrer Untersuchung, verließ sie ihn mit einem leichten Ausdruck des Vergnügens, um ihren schuldigen Landsmann derselben Probe zu unterwerfen.

Der junge Hurone war mit den Kriegsfarben seines Stammes bemalt und sein Anzug verhüllte wenig von seinen schön gebildeten Formen. Das Licht ließ alle Glieder und Gelenke genau unterscheiden; aber schaudernd wandte sich Duncan ab, als er sah, wie sie in unbesiegbarer Todesangst rangen. Die Alte stimmte bei diesem traurigen und schimpflichen Anblick ein tiefes klagendes Geheul an; der Häuptling aber streckte seinen Arm aus und drängte sie sanft auf die Seite.

»Schwankendes Rohr!« sprach er, den jungen Schuldigen bei seinem Namen und in seiner Muttersprache anredend; »obgleich der große Geist dich gefällig für das Auge geschaffen hat, so wäre es doch besser, du wärest nicht geboren worden. Deine Zunge ist laut in dem Dorf, aber stumm in der Schlacht. Keiner meiner Jünglinge schlägt den Tomahawk tiefer in den Kriegspfosten – keiner so schwach auf die Yengeese. Die Feinde kennen die Gestalt deines Rückens, haben aber nie die Farbe deiner Augen gesehen. Drei Mal haben sie dir zugerufen, zu kommen, und eben so oft hast du vergessen zu antworten. Dein Name wird in deinem Stamme nie wieder genannt werden. – Er ist bereits vergessen.«

Während der Häuptling langsam diese Worte sprach, und nachdrucksvoll zwischen jedem Satze innehielt, erhob der Schuldige aus Achtung vor dem Rang und den Jahren des Andern sein Antlitz. Scham, Schrecken und Stolz kämpften in seinen Zügen. Sein Auge, vor innerem Schrecken krampfhaft zusammengezogen, irrte auf den Personen umher, von deren Athem sein Ruf abhing, und Stolz gewann für einen Augenblick die Oberhand. Er stand auf, entblößte seine Brust und blickte fest auf das scharfe, blinkende Messer, das sein unerbittlicher Richter bereits empor hielt. Als die Waffe ihm langsam in das Herz drang, lächelte er sogar, als freue er sich, den Tod nicht so furchtbar zu finden, als er erwartet hatte, und fiel in schwerem Falle auf sein Gesicht zu den Füßen des starren und unbeugsamen Uncas nieder.

Die Squaw erhob ein lautes, klägliches Geheul, stieß die Fackel auf die Erde, und begrub Alles umher in tiefe Finsterniß. Die ganze schaudernde Gruppe der Zuschauer eilte gleich aufgeschreckten Geistern aus dem Hause; und Duncan glaubte sich mit dem noch zuckenden Schlachtopfer eines indianischen Richterspruchs allein in demselben zurückgelassen.