Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Als der nächste Morgen heraufdämmerte, war der Markusplatz leer. Die Priester sangen ihre Totenmessen bei des alten Antonio Leiche, und einige Fischer zauderten noch in der Kathedrale und in deren Nähe, nur halb überzeugt von der Art, wie ihr Kamerad um das Leben gekommen sein sollte. Aber die Stadt, wie es um diese Tageszeit gewöhnlich war, schien vollkommen ruhig.

Jacopo war wieder in dem oberen Stockwerk des Dogenpalastes, in Begleitung der sanften Gelsomina. Während sie durch die Windungen des Gebäudes hindurchgingen, erzählte er der begierig horchenden Gefährtin alle einzelnen Umstände, die sich bei der Flucht der Liebenden zugetragen hatten; nur Giacomo Gradenigos Anschlag auf Don Camillos Leben ließ er vorsichtigerweise aus. Das unerfahrene und einfache Mädchen hörte mit atemloser Aufmerksamkeit zu, während die Röte ihrer Wangen ihre lebhafte Teilnahme bei jedem Wendepunkt des kühnen Abenteuers verriet.

»Und glaubst du, daß sie denen droben noch entrinnen können?« flüsterte Gelsomina, denn nur wenige in Venedig hätten es gewagt, solch eine Frage laut auszusprechen. »Du weißt, daß die Republik immer Galeeren im Adriatischen Meere hat.«

»Wir haben das bedacht und dem Kalabrier Anweisung gegeben, nach dem Hafen von Ankona zu steuern. Ist er nur erst im Kirchenstaate, so wird Don Camillo durch seinen Einfluß und die Rechte der edeln Geburt seiner Gattin geschützt sein. Ist hier ein Ort, wo wir auf die See hinaussehen können?«

Gelsomina führte den Bravo in ein leeres Zimmer des oberen Stockwerks im Dogenpalast, der eine Aussicht auf den Hafen und das jenseitige Gewässer darbot. Der Landwind blies stark über die Dächer der Stadt, machte die Masten im Hafen schwanken und strich über die Lagunen außerhalb der Schiffsreihen. Von dort an bis zu der Sandbarre war an den niedergelassenen Segeln und der Anstrengung der Gondolieri, die dem Kai zuruderten, merkbar, daß der Wind sehr lebhaft wehte; außerhalb des Lido selbst war das Wasser schon getrübt und bewegt, während noch weiter ins Meer hinaus die krausen, schäumenden Wellen die Macht des Sturms verrieten.

»Santa Maria, sei gelobt!« rief Jacopo, als sein geübtes Auge dies Schauspiel nahe und fern übersah. »Sie sind schon weit an der Küste hinab und werden mit solchem Winde unfehlbar in wenigen Stunden den Hafen erreichen. – Laß uns nach der Zelle gehen.«

Gelsomina lächelte, als er die Sicherheit der Flüchtlinge für zuverlässig erklärte, aber als er das Gespräch ablenkte, trübte sich ihr Blick. Ohne zu antworten, tat sie, wie er verlangte, und in wenigen Augenblicken standen sie neben dem Lager des Gefangenen. Dieser schien ihr Eintreten nicht zu bemerken, und Jacopo war genötigt, ihn anzurufen.

»Vater«, sagte er mit dem schwermütigen Tone, der seiner Stimme jedesmal, wenn er mit dem Greise redete, eigen war, »ich bin da.«

Der Gefangene drehte sich um, und obgleich seine Schwäche seit dem letzten Besuche sichtbar zugenommen hatte, glomm ein bleiches Lächeln in seinen erstorbenen Zügen.

»Und deine Mutter, Sohn?« fragte er so heftig, daß sich Gelsomina schnell abwandte.

»Ist glücklich, Vater, recht glücklich.«

»Glücklich ohne mich?«

»Sie ist immer bei dir im Geiste, Vater. Sie gedenkt deiner in ihrem Gebete. Du hast eine Heilige zur Fürbitterin an meiner Mutter – Vater!«

»Und deine gute Schwester?«

»Auch glücklich – glaube mir, Vater. Sie sind beide geduldig und ergeben.«

»Und der Senat, Sohn?«

»Immer der alte: herzlos, selbstsüchtig, vermessen«, antwortete Jacopo streng. Dann wendete er sich ab vor bitterem Weh und verfluchte ihn mit unhörbar leisen Worten.

»Die edeln Signori haben sich getäuscht, daß sie mich in den Anschlag zur Umgehung der Zölle verwickelt glaubten«, entgegnete der geduldige alte Mann. »Einstmals werden sie ihr Unrecht einsehen und erkennen.«

Jacopo gab keine Antwort, denn obgleich er unterrichtet war und aller Kenntnisse entbehrte, mit denen eine väterliche Regierung ihre Untertanen auszurüsten sorgt, hatte ihm die natürliche Schärfe seines Geistes doch gezeigt, daß eine Verfassung, deren Grundzug offenbar die Überlegenheit weniger Bevorrechteter war, am wenigsten geneigt sein könnte, einen Mißgriff zuzugeben durch das Geständnis, daß sie geirrt habe.

»Du tust den Edeln unrecht, mein Sohn, sie sind erlauchte Patrizier und haben keine Veranlassung, einen Mann wie mich zu bedrücken.«

»Keine, Vater, als die Notwendigkeit, die Strenge ihrer Gesetze aufrechtzuerhalten, die sie zu Senatoren und dich zum Gefangenen machen.«

»Mitnichten, Sohn, ich habe würdige Herren vom Senate gekannt! Da war der letzte Signore Tiepolo, der mir in meiner Jugend viel Liebes erwies. Ohne diese falsche Anklage könnte ich jetzt einer der Wohlhabendsten in meinem Gewerbe sein von ganz Venedig.«

»Vater, wir wollen für die Seele des Signore Tiepolo beten.«

»Ist der erlauchte Senator gestorben?«

»So meldet ein prächtiges Grabmal in der Kirche des Redentores.«

»Wir müssen endlich alle sterben«, flüsterte der Greis und bekreuzigte sich, »Doge wie Patrizier, Patrizier wie Gondoliere. – Jaco –«

»Vater!« rief der Bravo so schnell dazwischen, daß er das Wort unterbrach. Dann kniete er an das Strohlager des Gefangenen nieder und flüsterte ihm ins Ohr: »Du vergissest, daß Grund vorhanden ist, mich nicht bei diesem Namen zu nennen. Ich hab dir oft gesagt, daß meine Besuche aufhören müssen, wenn du mich so heißest.«

Der Gefangene blickte verwirrt umher, denn die zunehmende Schwäche machte ihm undeutlich, was er einst klar eingesehen hatte. Er sah den Sohn lange starr an.

»Mir ist heiß, als wollten die Adern springen. Du vergissest, daß hier das obere Stockwerk ist, und hier die Bleidächer, und dann die Sonne – ach, die Sonne! Die erlauchten Senatoren bedenken die Qual nicht, den kalten Winter unterhalb der Kanäle und den brennenden Sommer unter glühendem Metall zuzubringen.«

»Sie bedenken nichts als ihre Macht«, sagte Jacopo halblaut, »was mit Unrecht besessen wird, muß durch unbarmherzige Ungerechtigkeit behauptet werden; aber was wollen wir davon reden, Vater? Hast du alles, wes du bedarfst?«

»Luft, Sohn, Luft! – Gib mir ein wenig von der Luft, die Gott seinem geringsten Geschöpfe gönnt.«

Der Bravo lief zu den Spalten der altehrwürdigen, durch Verbrechen befleckten Mauern, die er schon früher zu öffnen bemüht war, und strebte mit der Kraft des Wahnsinns, sie mit seinen Händen zu erweitern. Das Gemäuer widerstand der verzweifelten Anstrengung, obgleich das Blut aus seinen Fingern spritzte.

»Die Türe, Gelsomina, die Türe weit auf!« schrie er, sich von dem Platze abwendend, erschöpft durch die vergebliche Anstrengung.

»Laß es, jetzt leide ich nicht, mein Kind, aber wenn du weggegangen bist und ich allein bin mit meinen Gedanken, wenn ich deine weinende Mutter sehe und deine verlassene Schwester, dann fühl ich, daß mir Luft fehlt – sind wir nicht in dem brennenden August, mein Sohn?«

»Vater, es ist noch nicht Juni.«

»So werde ich noch mehr Hitze aushalten müssen. Gottes Wille geschehe, und Santa Maria gebe mir Kraft, es zu ertragen.«

Jacopos Auge blitzte wild, fast ebenso fürchterlich als der gespenstische Blick des alten Mannes. Seine Brust flog, seine Faust war geballt, und er atmete hörbar.

»Nein«, sagte er mit leisem, aber entschiedenem Tone, daß die Festigkeit seines Entschlusses klar ward, »du sollst ihre Qualen nicht wieder erwarten. Auf, Vater, komm mit mir. Die Türen sind offen, die Wege durch den Palast kenne ich in der finstersten Nacht, und die Schlüssel sind zur Hand. Ich will Mittel finden, dich zu verstecken, bis es dunkel ist, und wir wollen die verfluchte Republik für immer verlassen.«

Ein Hoffnungsstrahl glänzte in dem Auge des alten Gefangenen, als er diesen wahnsinnigen Vorschlag anhörte, aber als er eine Anstrengung machte aufzustehen, fiel er vor großer Schwäche sogleich wieder zurück. Da sah Jacopo erst, wie unausführbar sein Vorschlag war. Es folgte eine lange Pause. Jacopos schweres Atmen ließ allmählich nach, und sein Gesicht nahm wieder die gewöhnliche ruhige und gesammelte Miene an. »Vater«, sagte er, »ich muß dich verlassen, unser Elend ist seinem Ende nah.«

»Wirst du mich wieder besuchen?«

»Wenn es die Heiligen vergönnen. – Deinen Segen, Vater!«

Der Greis faltete seine Hände über Jacopos Haupt und sprach leise ein Gebet. Nach dieser frommen Pflicht waren der Bravo und Gelsomina einige Zeit geschäftig, für die Bequemlichkeit des Gefangenen zu sorgen. Dann gingen sie miteinander. Jacopo schien mit schwerem Herzen aus der Nähe des Vaters zu scheiden. Es war, als hätte eine trübe Ahnung seine Seele erfüllt, daß diese verstohlenen Besuche bald aufhören würden. Nach kurzem Zögern jedoch gingen sie nach den unteren Zimmern hinab, und da Jacopo den Palast zu verlassen wünschte, ohne wieder das Gefängnis zu betreten, schickte sich Gelsomina an, ihn durch den Hauptkorridor hinauszulassen.

»Du bist mißmutiger als sonst, Carlo«, bemerkte sie, mit weiblicher Sorglichkeit sein abgewandtes Auge beobachtend. »Mich dünkt, du solltest dich freuen über das Glück des Neapolitaners und der Dame von Tiepolo.«

»Daß diese entkommen sind, ist ein Sonnenstrahl an einem Wintertage. Gutes Mädchen – aber man beobachtet uns, wer ist es, der dort unsere Bewegungen spioniert?«

»Ein Diener des Palastes, sie kommen uns immer in die Quere in diesem Teile des Gebäudes. Tritt hier herein, wenn du müde bist. Dies Zimmer ist wenig in Gebrauch, und wir können wieder auf die See hinausschauen.«

Jacopo folgte seiner sanften Führerin in eines von den unbenutzten Gemächern des zweiten Geschosses, denn es war ihm in der Tat erwünscht, einen Blick auf den Stand der Dinge in der Piazza zu werfen, ehe er den Palast verließ. Er betrachtete zuerst das Wasser, das noch immer nach Süden flutete, vom Alpenwinde getrieben. Befriedigt durch diese für die Fliehenden günstige Aussicht, schaute er auf den Platz hinunter. In diesem Augenblick trat ein Beamter der Republik aus dem Tor des Palastes; ein Trompeter ging voran, wie üblich war, wenn der Senat irgendeinen Beschluß proklamieren wollte. Gelsomina öffnete die Fensterlade, und beide beugten sich vor, um zu hören. Als der kleine Zug sich vor der Kathedrale befand, blies der Trompeter, und darauf rief der Beamte aus:

»In Erwägung, daß neuerlich viele frevelhafte und ruchlose Mordtaten an verschiedenen redlichen Bürgern von Venedig verübt worden, hat der Senat, in seiner väterlichen Sorgfalt für alle, deren Schutz ihm obliegt, für recht befunden, zu außerordentlichen Mitteln zu greifen, zur Verhütung erneuter Verbrechen, die den göttlichen Gesetzen und der Sicherheit der menschlichen Gesellschaft solchermaßen zuwider sind. Daher bieten die erlauchten Zehn öffentlich eine Belohnung von hundert Zechinen dem, der den Täter einer von diesen höchst abscheulichen Mordtaten entdecken wird, und dieweil in der verwichenen Nacht der Leichnam eines gewissen Antonio, eines wohlbekannten Fischers und ehrenwerten Bürgers, der von den Patriziern höchlichst geschätzt wurde, in den Lagunen gefunden wurde, dieweil viel Grund ist zu dem Verdacht, daß selbiger zu Tode gekommen durch die Hand eines gewissen Jacopo Frontoni, der im Gerücht steht, ein gemeiner Bravo zu sein, von der Obrigkeit aber lange vergeblich beobachtet worden ist, in der Hoffnung, ihn bei Verübung einer der vorbenannten greulichen Mordtaten zu betreffen, so werden jetzt alle guten und redlichen Bürger der Republik insgeheim aufgefordert, der Obrigkeit zu verhelfen zur persönlichen Verhaftung des besagten Jacopo Frontoni, und wenn sie ihn aus dem Heiligtum reißen sollten, weil Venedig nicht länger einen Menschen, der solch blutiges Geschäft treibt, in seiner Mitte dulden kann, und verheißt der Senat in seiner väterlichen Sorgfalt zur Aufmunterung eine Belohnung von dreihundert Zechinen.«

Anrufung Gottes und Hinweisung auf die Souveränität des Staates machten wie üblich den Beschluß.

Da es nicht gewöhnlich war, daß die, die soviel im Dunkeln taten, ihr Vorhaben öffentlich kundmachten, so horchten alle, die nahe standen, mit Verwunderung und Furcht dem neuen Verfahren.

Niemand ward von den Worten des Beamten lebhafter ergriffen als Gelsomina. Sie beugte sich weit aus dem Fenster, damit ihr keine Silbe entgehen möchte.

»Hast du gehört, Carlo?« fragte sie eifrig, als sie ihren Kopf zurückzog. »Endlich bieten sie eine Belohnung aus für die Gefangennahme des Unmenschen, der so viele Mordtaten verübt hat!«

Jacopo lachte, aber dem Ohre seiner bestürzten Begleiterin schien der Ton seines Gelächters unnatürlich.

»Die Patrizier sind gerecht, und was sie tun, ist recht?« fragte er, »sie sind erlauchte Männer und können sich nicht irren! Sie wollen ihre Pflicht tun.«

»Aber hier ist keine andere Pflicht, als die sie dem Volke schuldig sind.«

»Von der Pflicht des Volkes hab ich viel reden hören, nichts aber von der des Senats.«

»Nein, Carlo, wir wollen ihnen unsere Billigung nicht entziehen, wenn sie sich bemühen, die Bürger vor Schaden zu behüten. Dieser Jacopo ist ein Ungeheuer, den alle verabscheuen, und seine Bluttaten sind schon zu lange ein Flecken für Venedig gewesen. Du siehst, daß die Patrizier mit ihrem Gold nicht knausern, wenn Hoffnung ist, seiner habhaft zu werden. Horch, sie rufen wieder aus.«

»Ich muß dich verlassen, Gelsomina. Geh zurück zum Zimmer deines Vaters, und ich will durch den Hof des Palastes hinausgehen.«

»Das geht nicht, Carlo – du kennst die Erlaubnis der Obrigkeit – ich habe sie übertreten – warum sollt ich es dir zu verheimlichen suchen? Du durftest nicht hereinkommen um diese Zeit.«

»Und du hast den Mut gehabt, die Erlaubnis zu überschreiten um meinetwillen, Gelsomina?«

»Du hast es so gewollt«, bekannte sie.

»Tausend Dank, teure, liebe, getreueste Gelsomina, aber zweifle nicht daran, daß ich mich unbemerkt aus dem Palaste stehlen werde. Hineinzukommen war gefährlich, aber die hinausgehen, haben das Ansehen, als ob sie ein Recht dazu hätten.«

»Niemand darf bei Tage maskiert bei den Hellebardieren vorbei, Carlo, wer nicht das Merkwort hat.«

Dem Bravo schien die Wahrheit dieser Bemerkung einzuleuchten, und große Verlegenheit drückte sich in seinem Benehmen aus. Er kannte die Bedingungen, unter denen er zugelassen worden, selber so gut, daß er dem Versuche mißtraute, durch das Gefängnis auf den Kai zu gelangen, wie er hereingekommen war, denn er zweifelte nicht, daß ihm der Rückzug von den Wachen des äußeren Tores, die jetzt vermutlich schon von seinem wahren Charakter unterrichtet waren, abgeschnitten werden würde. Der Ausgang auf dem anderen Wege schien nicht minder gefährlich. Es war nicht so sehr der Inhalt der Proklamation, der ihn in Erstaunen setzte, als die Öffentlichkeit, die der Senat für gut befand, seinem Verfahren zu geben, und er hörte die öffentliche Anklage gegen ihn zwar mit innerem Weh, aber doch ohne Schrecken. Indessen kannte er so viele Mittel, sich zu verbergen, und die Freiheit des Maskierens war so allgemein in Venedig, daß er sich um den Ausgang nicht eher besorgt fühlte, als bis er sich in dieser häßlichen Klemme sah. Gelsomina las seine Unentschiedenheit in seinen Augen und beklagte, ihn so unruhig gemacht zu haben.

»Es ist nicht so schlimm, als du zu glauben scheinst, Carlo«, bemerkte sie, »haben sie dir doch erlaubt, deinen Vater zu gewissen Zeiten zu besuchen, und dadurch bewiesen, daß sie nicht ohne Mitleid sind. Jetzt, da ich aus Nachsicht für deine Wünsche eine von ihren Vorschriften vergessen habe, werden sie nicht so hartherzig sein, diesen Fehler für ein Verbrechen zu rechnen.«

Jacopo sah sie mitleidig an, denn er wußte gar wohl, wie wenig sie die wahre Beschaffenheit und listige Politik des Staates kannte. »Es ist Zeit, daß wir scheiden«, sprach er, »damit du Unschuldige nicht für meinen Fehler büßest. Ich bin jetzt unweit des öffentlichen Korridors und muß es meinem Glück anvertrauen, mich auf den Kai zu bringen.«

Gelsomina hing sich an seinen Arm und wollte ihn in dem fürchterlichen Hause nicht sich selber überlassen.

Jacopo machte ihr ein Zeichen voranzugehen und folgte. Mit klopfendem, aber doch ein wenig erleichtertem Herzen schlüpfte Gelsomina durch die Gänge und schloß ihrer Gewohnheit nach sorgfältig jede Tür hinter sich zu. Endlich erreichten sie die wohlbekannte Seufzerbrücke. Das ängstliche Mädchen ging beflügelteren Schrittes, als sie sich ihrer eigenen Wohnung näherte, denn sie sann auf Mittel, ihren Gefährten in ihres Vaters Stube zu verstecken, wenn der Ausweg aus dem Gefängnis bei Tage zu gefährlich sein sollte.

»Nur eine einzige Minute, Carlo«, flüsterte sie und steckte den Schlüssel in die Tür, die zu diesem Gebäude führte – das Schloß ging auf, aber die Angeln der Tür wollten sich nicht bewegen. Gelsomina wurde bleich und rief: »Sie haben die Riegel inwendig vorgeschoben!«

»Tut nichts, ich steige in den Hof des Palastes hinab und gehe bei den Hellebardieren dreist ohne Maske vorüber.«

Gelsomina hielt es selbst für sehr unwahrscheinlich, daß er von den Lohnsoldaten des Dogen bemerkt würde, und ängstlich, ihn aus seiner schlimmen Lage zu befreien, flog sie zurück an das andere Ende der Galerie. Sie steckte den gehörigen Schlüssel in die Tür, durch die sie eben gekommen waren, aber mit demselben Erfolge. Gelsomina schwankte zurück und hielt sich an der Mauer.

»Wir können weder vorwärts noch rückwärts!« schrie sie erschreckt, ohne zu wissen warum.

»Ich seh es alles«, erwiderte Jacopo, »wir sind Gefangene auf dieser Unglücksbrücke.«

Der Bravo nahm, während er sprach, die Maske ruhig ab und zeigte die Züge eines Mannes, dessen Entschluß feststeht.

»Heilige Mutter Gottes! Was hat das zu bedeuten?«

»Nichts, als daß wir einmal zuviel über die Brücke gegangen sind, Liebe! Der Rat ist eifersüchtig auf diese Besuche.«

Die Riegel beider Türen wurden zurückgeschoben, und die Angeln knarrten zu gleicher Zeit. Ein bewaffneter Offizier der Inquisition trat ein, Handfesseln tragend. Gelsomina schrie auf, aber Jacopo bewegte kein Glied, keinen Muskel, während man ihm die Ketten anlegte.

»Mich auch!« schrie seine Gefährtin im Wahnsinn. »Ich bin die Schuldigste – bindet mich – werft mich in das Gefängnis – aber laßt den armen Carlo gehen.«

»Carlo?« wiederholte der Offizier mit fühllosem Lachen.

»Ist es ein so großes Verbrechen, einen Vater im Gefängnisse zu besuchen? Sie wissen von seinen Besuchen – haben sie selbst erlaubt – er hat nur die Stunde verfehlt.«

»Mädchen, weißt du auch, für wen du dich verwendest?«

»Für das beste Herz, für den treuesten Sohn in Venedig! Oh, wenn Ihr ihn hättet weinen sehen wie ich über die Leiden des alten Gefangenen, Ihr würdet Mitleid mit ihm haben.«

»Horch einmal«, entgegnete der Offizier mit hochgehobenem Finger.

Der Trompeter blies auf der Markusbrücke, dicht unter ihnen, und die Proklamation, die Gold für die Einfangung des Bravo bot, wurde wiederholt.

»Das ist der Beamte der Republik, der einen Preis setzt auf den Kopf eines Menschen, der ein feiles Stilett führt!« schrie Gelsomina fast ohne Atem und ohne in diesem Augenblicke viel auf den Vorgang unten zu achten. »Er verdient sein Schicksal.«

»Also warum bittest du noch für ihn?«

»Ihr sprecht ohne Sinn!«

»Närrisches Mädchen, dieser hier ist der Jacopo Frontoni!«

Gelsomina würde ihren Ohren nicht geglaubt haben, wenn sie nicht Jacopos banges Auge bemerkt hätte. Die gräßliche Wahrheit brach über ihre Seele herein, und leblos fiel sie zu Boden. In demselben Augenblick ward der Bravo schnell von der Brücke weggeführt.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

An diesem Tage flüsterte man in den Straßen von Venedig in der furchtbaren, geheimnisvollen Weise, die diese Stadt charakterisierte, gar manche Gerüchte einander zu. Hunderte gingen bei den Granitpfeilern vorüber, als erwarteten sie, den Bravo auf seinem gewohnten Platze zu sehen, kühnlich der Proklamation trotzend. Denn man hatte ihm, seltsam genug, so lange Zeit gestattet, sich öffentlich zu zeigen, daß sich niemand einbilden konnte, er würde so schnell seine Gewohnheit aufgeben.

Der Tag verging jedoch ohne irgendein neues Ereignis, das die Bürger von ihren gewöhnlichen Geschäften abgerufen hätte. Die Gebete für den Toten wurden mit geringer Unterbrechung fortgesetzt, und in halb Venedig wurden Messen für die Seele des armen Fischers vor den Altären gelesen. Seine Kameraden, wenn auch ein wenig argwöhnisch, dennoch höchlichst geschmeichelt, behielten ein Auge auf die Zeremonien mit einem wunderlichen Gemisch von Mißtrauen und Triumph.

Der Markusplatz füllte sich zur gewöhnlichen Stunde, die Patrizier verließen den Broglio, und ehe noch die Uhr die zweite Stunde der Nacht schlug, herrschte wieder die alte Lustigkeit auf dem Platz. War es doch nicht der Mühe wert, den Gang des geselligen Verkehrs zu hemmen, nur weil das Unrecht ungestraft blieb und die Unschuld litt!

Damals standen am Canale Grande, wie noch jetzt, viele Paläste von beinahe königlicher Pracht. Der Leser hat Gelegenheit gehabt, mit einem oder zweien dieser glänzenden Gebäude bekannt zu werden, jetzt müssen wir seine Phantasie nach einem dritten versetzen.

Die eigentümliche Bauart Venedigs, die von seiner Lage auf dem Wasser herrührt, gibt allen vornehmeren Gebäuden dieser merkwürdigen Stadt im allgemeinen fast denselben Charakter. Das Haus, in das uns der Faden der Geschichte jetzt führt, hatte seine Tür an der Wasserseite, seine Flure, seine schweren Marmortreppen, seinen inneren Hof, seine Reihe prächtiger Zimmer im obern Stockwerk, seine Gemälde und Kronleuchter und seine kostbar mit Mosaik ausgelegten Fußböden gleich den übrigen, die wir schon zu beschreiben für nötig gefunden haben.

Es war, nach unserer Art, die Stunden zu zählen, zehn Uhr. Ein kleines freundliches Bild der Häuslichkeit bot sich innerhalb der Patrizierwohnung dar, auf die wir hingedeutet haben. Der Vater, ein Mann in mittleren Jahren, in dessen Auge Geist, Einsicht, Menschenfreundlichkeit und, in diesem Augenblick, väterliche Liebe glänzten, drückte in seinen Armen mit Vaterstolz ein lächelndes Bübchen von drei bis vier Jahren, das sich an dem Getändel freute, das den Urheber seiner Tage ihm selbst gleichzustellen schien. Eine schöne Venezianerin mit goldenem Haar und glühenden Wangen, so wie Tizian ihr Geschlecht zu malen liebte, lehnte sich daneben auf ein Sofa, folgte den Bewegungen beider, die Gefühle der Mutter und Gattin in sich vereinend, und lachte in reiner Freude über die laute Lust ihres hoffnungsvollen Kindes. Ein Mädchen, das jüngere Abbild ihrer selbst, mit langen, herunterhängenden Haarflechten, bemühte sich mit einem schreienden Kinde von so zartem Alter, daß kaum schon Bewußtsein in ihm rege geworden zu sein schien. Dies war die Szene, als eben die Turmglocke der Piazza die angedeutete Stunde schlug. Bei diesem Schall setzte der Vater den Knaben nieder und sah nach seiner Uhr.

»Wirst du heut abend ausfahren, Liebe?« fragte er.

»Mit dir, Paolo?«

»Nein, mein Herz. Ich habe Geschäfte, die mich bis zwölf in Anspruch nehmen.«

»Ach, du bist immer gleich dabei, mich fortzuschicken, wenn du wunderliche Launen hast«

»Sage das nicht. Ich habe auf diesen Abend bei mir eine Zusammenkunft mit meinem Geschäftsführer verabredet und kenne dein mütterliches Herz zu gut, um zu zweifeln, daß du mich so lange entbehren wolltest, als es die Sorge für das Wohl dieser Kinder erfordert.«

Donna Giulietta schellte nach ihren Dienern und ihrem Mantel. Der kleine Schreihals und der lustige Knabe wurden zu Bette gebracht, und die Frau vom Hause bestieg mit der älteren Tochter ihre Gondel. Der Mann ließ Donna Giulietta nicht ungeleitet zur Gondel gehen, denn diese Familie war eine von denen, in der glücklicherweise die Neigung mit den gewöhnlichen Berechnungen der Vorteile zusammentraf, als das eheliche Band geknüpft werden sollte. Ihr Mann küßte ihr zärtlich die Hand, als er ihr in die Gondel half, und das Boot flog schon fern von dem Palaste dahin, bevor er die nassen Stufen des Wassereingangs verlassen hatte.

»Hast du das Kabinett zum Empfang meiner Freunde in Bereitschaft gesetzt?« fragte Signore Soranzo, denn es war derselbe Senator, der sich bei dem Dogen befand, als dieser zu den aufgeregten Fischern hinausging und sie die Leiche Antonios in den Palast brachten.

»Ja, Signore!«

»Und alles still, und Licht, wie ich befohlen?«

»Exzellenz, alles wird bereit sein.«

»Du hast Stühle für sechs gestellt – wir werden sechs sein.«

»Signore, sechs Lehnstühle.«

»Gut. Wenn die ersten von meinen Freunden kommen, so will ich zu ihnen gehen.«

»Exzellenz, es sind schon zwei Kavaliere in Masken drinnen.«

Signore Soranzo stutzte, sah wieder nach der Uhr und ging hastig nach einem entfernten, sehr ruhigen Teile des Palastes. Er erreichte ohne Begleitung eine kleine Tür, schloß sie hinter sich zu und stand plötzlich vor den Männern, die ihn offenbar erwarteten.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Signori!« rief der Herr vom Hause. »Diese Pflicht ist wenigstens mir so neu – ich weiß nicht, wie es so ehrenwerte Herren gewohnt sein mögen –, daß mich die Zeit unvermerkt überraschte. Bitte um Nachsicht, meine Herren, künftig soll mein Eifer die heutige Nachlässigkeit wieder gutmachen.«

Die beiden Gäste waren älter als ihr Wirt, und ihre gehärteten Züge verrieten mehr Bekanntschaft mit der Welt. Sie nahmen seine Entschuldigung höflich an, und die Unterhaltung bewegte sich eine Zeitlang in den gewöhnlichen Umgangsformeln.

»Sind wir hier ganz in der Stille, Signore?« fragte der eine von den Gästen, nachdem so ein Weilchen verstrichen war.

»Wie im Grabe. Niemand kommt unaufgefordert hier herein als meine Frau, und diese genießt den Abend zu Wasser.«

»Ihr steht in dem Rufe einer glücklichen Ehe, Signore Soranzo. Ich hoffe, Ihr habt gehörig erwogen, wie nötig es ist, heute abend die Tür auch vor Donna Giulietta zu schließen.«

»Seien Sie unbesorgt, Signori. Die Angelegenheiten der Republik gehen allem vor.«

»Ich fühle mich dreimal glücklich, Signori, daß ich, durch das Los in den Rat der Drei gelangt, so vortreffliche Kollegen erhalten habe. Glaubt mir, ich habe dies beschwerliche Amt in meinem Leben schon mit nicht so erfreulichen Genossen verwaltet.«

Diese schmeichelhafte Rede, die der verschlagene alte Senator regelmäßig allen auftischte, mit denen ihn der Zufall in der Inquisition während seines langen Lebens zusammenführte, wurde gut aufgenommen und mit ähnlichen Höflichkeiten beantwortet.

»Es scheint, daß der würdige Signore Alessandro Gradenigo unter unsern Vorgängern war, ein braver Edelmann und dem Staate sehr ergeben!« fuhr er fort, unter einigen Papieren blätternd. Denn obgleich die Drei, die den Rat bildeten, solange sie im Amte blieben, niemandem bekannt waren außer einigen wenigen Sekretären und Beamten, so überlieferte die venezianische Staatsklugheit ihren Namen doch ihren Nachfolgern und so abwärts.

Die anderen stimmten bei als Männer, die gewohnt sind, vorsichtig zu reden.

»Wir hätten unsern Beruf beinahe in einem stürmischen Augenblick antreten müssen, Signori«, bemerkte der dritte, »doch gewinnt es den Anschein, als sei dieser Aufstand der Fischer bereits gedämpft. Ich glaube, die Schufte hatten einigen Grund, mißtrauisch gegen die Regierung zu sein.«

»Die Sache ist glücklich beigelegt«, versetzte der Senior der Drei, der sehr geübt war in der Kunst, alles zu vergessen, was die Politik nicht gern aufbewahrt haben mochte, sobald die Sache durchgesetzt war. »Die Galeeren müssen bemannt sein, sonst wird sich die Republik bald schämen müssen, den Kopf zu erheben.«

Signore Soranzo, der einige vorläufige Belehrungen über seine neuen Pflichten erhalten hatte, blickte schwermütig vor sich hin, aber auch er war nun das Geschöpf eines starren Systems.

»Haben wir diesmal über irgendeinen dringend wichtigen Gegenstand zu beraten?« fragte er.

»Signori, wir haben Ursache, anzunehmen, daß die Republik soeben einen schweren Verlust erlitten hat. Ihr kennt beiderseits die Erbin von Tiepolo, wenigstens dem Rufe nach, wenn Euch auch ihre eingezogene Lebensweise ihre nähere Bekanntschaft nicht machen ließ.«

»Donna Giulietta ist voll vom Lobe ihrer Schönheit«, sagte der junge Gatte.

»Wir hatten kein beträchtlicheres Erbgut in ganz Venedig«, setzte der dritte Inquisitor hinzu.

»Vortrefflich, wie sie ist, an Tugenden und noch mehr an Reichtümern, fürchte ich, haben wir sie verloren, Signori! Don Camillo Monforte, den Gott behüte, bis wir seines Einflusses nicht weiter bedürfen, hätte fast den Sieg über uns davongetragen, aber eben als der Staat nahe daran war, seine wohlangelegten Pläne zu vereiteln, fiel die Dame durch Zufall in die Hände der Aufwiegler, und seitdem haben wir keine Nachricht von ihr.«

Paolo Soranzo hoffte im stillen, daß sie in den Armen des Neapolitaners sein werde.

»Ein Sekretär hat mir mitgeteilt, daß auch der Herzog von Sant‘ Agata verschwunden sei«, bemerkte der dritte. »Ferner ist die Feluke, die gewöhnlich bei entfernten und schwierigen Geschäften gebraucht wurde, nicht mehr vor Anker.«

Die beiden alten Männer sahen einander an, als ob sie zu argwöhnen anfingen, was sich zugetragen habe. Sie sahen, daß die Sache nichts mehr hoffen ließ, und wie denn ihre Pflicht eine ganz praktische war, verloren sie keine Zeit mit unnützem Bedauern.

»Wir haben zwei dringende Angelegenheiten«, bemerkte der Ältere. »Die Leiche des alten Fischers muß ruhig in die Erde kommen, wobei soviel als möglich allem künftigen Tumult zu begegnen ist. Und dann müssen wir über den berüchtigten Jacopo verfügen.«

»Der letztere muß zuerst eingefangen werden«, sagte Signore Soranzo.

»Das ist bereits geschehen. Solltet Ihr’s glauben, Ihr Herren! Im Palaste des Dogen selber ward er ergriffen.«

»Nun denn, zum Schafott mit ihm, ohne Verzug.«

Die beiden Alten sahen wieder einander an, als ob sie schon vorläufig beraten und eine Übereinkunft getroffen hätten, von der ihr Genosse nichts wußte. In ihren Blicken malte sich auch etwas wie ein Verlangen, seine Gefühle zu prüfen, ehe sie offener mit der Übung ihres Amtes hervortraten.

»Um des gelobten San Marcos willen, Signori, laßt die Gerechtigkeit frei walten in dieser Sache«, fuhr das unbefangene Mitglied der Drei fort. »Auf welches Mitleid kann ein feiler Bandit Anspruch machen? Und welche schöneren Pflichten hätten wir zu üben als die, ein öffentliches Beispiel strenger und unerläßlicher Gerechtigkeit zu geben?«

Die alten Senatoren verbeugten sich, die Gesinnung ihres Kollegen anerkennend, die dieser mit der Hitze junger Erfahrung und der Freimütigkeit eines aufrichtigen Gemütes aussprach; denn es gibt eine feststehende Moral, der man herkömmlich huldigt und ihr wenigstens dem Schein nach verstattet, auch auf den krümmsten Wegen der Politik mit beizuspielen.

»So wollen wir denn Jacopo Frontonis Sache vornehmen. Es wird aber nötig sein, daß wir im Zimmer der Inquisition zusammenkommen, um den Gefangenen mit seinen Anklägern zu konfrontieren. Es ist ein wichtiges Verhör, Signori, und Venedig würde sehr in der Achtung der Menschen verlieren, wenn nicht das höchste Tribunal an der Entscheidung Anteil nähme!«

»Zum Block mit dem Schurken!« rief Signore Soranzo wieder.

»Dies Schicksal kann ihn vielleicht betreffen, oder etwa gar die Strafe des Rades. Eine reiflichere Erwägung wird uns sehr aufklären über den Gang, den die Staatskunst hierbei vorschreiben mag.«

»Es kann die Staatskunst nur einen Weg haben, wenn das Leben unserer Bürger in Frage steht. Ich bin nie zuvor ungeduldig gewesen, jemandem seine Tage zu verkürzen, aber bei dieser Untersuchung verdrießt mich jeder Verzug.«

»Eure edle Ungeduld wird sich befriedigt fühlen, Signore Soranzo; denn in Erwägung der Wichtigkeit der Sache haben mein Kollege, der würdige Senator, der uns in dieser hohen Pflicht beigesellt ist, und ich bereits die dem Gegenstande entsprechenden Befehle erlassen. Die Stunde ist nahe, und wir wollen uns zeitig nach dem Zimmer der Inquisition begeben, um unserer Pflicht nachzukommen.«

Das Gespräch drehte sich darauf um allgemeinere Angelegenheiten. Dieses geheime und außerordentliche Tribunal, das nicht genötigt war, an irgendeinem bestimmten Orte seine Zusammenkünfte zu halten, sondern seine Beschlüsse überall fassen durfte, auf der Piazza oder im Palaste, unter dem Gewirr der Maskerade oder vor dem Altare, in lustiger Gesellschaft oder im eigenen Kabinett, hatte natürlich viele ganz gewöhnliche Angelegenheiten seiner Beurteilung zu unterwerfen. Da hier der Zufall der Geburt seine eigentliche Geltung hatte und Gott nicht allen Menschen zu solch einem herzlosen Amte die Fähigkeit gibt, so geschah es zuweilen, wie in dem gegenwärtigen Falle, daß die bewanderteren Mitglieder des Rates erst die großmütige Gesinnung eines Kollegen bekämpfen mußten, ehe die fürchterliche Maschine in Gang kommen konnte.

Signore Soranzo war von Natur ein Mann von trefflichem Charakter, und die freundliche Gestalt seiner Häuslichkeit hatte seinen natürlichen Anlagen neue Stärke gegeben. Gleich andern Männern seines Standes und seiner Aussichten hatte er die Geschichte und politische Handlungsweise seiner sich so nennenden Republik zu seinem Studium gemacht, und da ließen ihm die Größe der Gesamtinteressen und die scheinbare Notwendigkeit Theorien annehmlich erscheinen, die er, unter andern Umständen dargeboten, mit Abscheu zurückgewiesen haben würde. Und doch war Signore Soranzo noch weit davon entfernt, die ganze Wirkung des Systems zu kennen, zu dessen Stütze auch ihn die Geburt bestimmt hatte. Selbst Venedig zollte der öffentlichen Meinung Anerkennung und hielt der Welt nur ein Trugbild seiner wahren Staatsmaximen vor. Indessen gab es selbst dabei viele darunter, die zu auffallend waren, um nicht hervorzutreten und einem unbefleckten Gemüte Widerwillen einzuflößen. Der junge Senator suchte sich ihren Zweck lieber selber zu verbergen, oder wenn er bemerkte, wie sich ihr Einfluß auf alles erstreckte, nur nicht auf die arme, vernachlässigte, abstrakte Tugend, deren Lohn so fern lag, so suchte er sich irgendein Schutzmittel vorzuspiegeln oder einen scheinbaren und indirekten Nutzen zur Entschuldigung, daß er zu alledem stille schwieg.

In dieser Gemütsstimmung ward Signore Soranzo unerwarteterweise Mitglied im Rat der Drei. Oft in seinen Jugendträumen hatte er den Besitz dieser keiner Verantwortung unterworfenen Macht als das höchste Ziel seiner Wünsche angesehen. Tausend Bilder von dem Guten, das er stiften wollte, waren in seinem Kopfe aufgestiegen, und erst in späteren Jahren, als er das Truggewebe, das auch den Bestmeinenden umspann, näher kennenlernte, konnte er sich von der Unausführbarkeit seiner Pläne überzeugen. Wie die Sache stand, trat er in den Rat mit Zweifeln und bösen Ahnungen.

Signore Soranzos Kollegen fanden demungeachtet die Aufgabe, ihn vorzubereiten zu den Pflichten des Staatsmannes, die so sehr von denen abwichen, die er als Mann zu üben gewohnt war, bei weitem schwieriger, als sie vermutet hatten.

Mit mancherlei Anspielungen auf ihre Politik, aber ohne bestimmte Aufklärung über ihr Vorhaben setzten die Senioren des Rates die Unterredung fort, bis die Stunde der Zusammenkunft im Palaste des Dogen nahe war. Da trennten sie sich einzeln, wie sie zusammengekommen waren, damit sich das Geheimnis ihres offiziellen Charakters keinem uneingeweihten Auge enthüllte.

Der gewandteste von den Dreien besuchte eine Gesellschaft Adliger, die vornehme und schöne Damen mit ihrer Gegenwart beehrten, schlüpfte aber bald darauf hinweg, ohne daß die Gesellschaft wußte, wohin. Der andere eilte an das Totenbett eines Freundes und sprach dort lange und vortrefflich mit einem Mönch über die Unsterblichkeit der Seele und die Hoffnungen eines Christen. Als er ging, gab ihm der gute Mann seinen Segen, und die Familie war ganz voll von seinem Lobe.

Signore Soranzo gab sich den Ergötzungen seines Familienkreises bis zum letzten Augenblicke hin. Donna Giulietta war zurückgekommen, von der Seeluft belebt, frischer und liebenswürdiger als jemals, und in seinen Ohren klang noch ihre süße Stimme, noch das tönende Lachen seiner Erstgeborenen, des blühenden, lockigen Mädchens, als ihn sein Gondoliere schon unter der Brücke des Rialto an Land setzte. Hier maskierte er sich, nahm seinen Mantel um und ging mit dem Strom der Menge durch die engen Gassen nach dem St.-Markus-Platze. Einmal im Gewühle, war von zudringlicher Beobachtung nicht mehr viel zu fürchten. Die Verkleidung war den venezianischen Oligarchen ebensooft nützlich, als sie unentbehrlich war, ihrem Despotismus zu entgehen und dem Bürger die Stadt leidlich zu machen. Paolo sah gebräunte barfüßige Lagunenmänner hin und wieder in die Kathedrale treten. Er ging ebenfalls hinein und stellte sich neben den schwacherleuchteten Altar, wo noch immer Seelenmessen für Antonio gelesen wurden.

»Ist dies einer von deinen Kameraden?« fragte er einen Fischer, dessen dunkles Auge das Licht widerblitzte wie ein Basiliskenblick.

»Signore, das war er – ein braver und ehrlicherer Mann hat nie ein Netz in den Golf geworfen.«

»Ist er ein Opfer seines Berufs geworden?«

»Cospetto di Bacco! Niemand weiß recht, wie er ums Leben gekommen ist. Einige sagen, St. Markus habe ihn gern bald wollen ins Paradies befördern, andere meinen wieder, er sei durch die Faust eines Bravo, namens Jacopo Frontoni, gefallen.«

»Warum sollte sich ein Bravo an dem Leben eines solchen Mannes vergreifen?«

»Wenn Ihr so gütig wäret, Signore, Euch selber auf Eure Frage zu antworten, so spartet Ihr mir einige Mühe. Freilich, warum sollte er? – Sie sagen, Jacopo sei rachsüchtig, und Scham und Verdruß über seine Niederlage in der Regatta durch einen so alten Mann seien die Ursache.«

»Ist er so eifersüchtig auf seine Ehre im Rudern?«

»Diamine! Ich habe die Zeit gesehen, wo Jacopo lieber gestorben wäre, als im Wettfahren zu verlieren. Das war jedoch, ehe er das Stilett führte. Wär er beim Ruder geblieben, so konnte dergleichen geschehen, nun aber, da er einmal als Bravo bekannt ist, hat es gar keinen vernünftigen Anschein, daß er so gewaltig an dem Wettpreise auf den Kanälen hängen sollte.«

»Kann der Mann nicht zufällig in die Lagunen gefallen sein?«

»O ja, Signore! Das begegnet unsereinem alle Tage. Aber dann deucht es uns gescheiter, zum Boote zu schwimmen, als zu ertrinken. Der alte Antonio hatte einen Arm in seiner Jugend, der ihn vom Kai bis zum Lido trug.«

»Vielleicht hat er sich im Fallen verletzt, so daß er unfähig ward, sich selbst zu helfen.«

»Da müßten sich Spuren zeigen an der Leiche, Signore!«

»Würde aber nicht Jacopo sein Stilett gebraucht haben?«

»Vielleicht, Signore. Aber Antonio wurde ertränkt, denn man fand das Boot des alten Mannes in der Mündung des Canale Grande, eine halbe Meile von der Leiche und gegen den Wind! Wir geben auf solche Dinge acht, Signore, weil wir sie verstehen.«

»Gut Nacht, Fischer.«

»Schön gut Nacht, Exzellenza!« erwiderte der Lagunenmann, sehr zufrieden, daß er so lange mit einem Manne hatte reden dürfen, den er als einen bei weitem Vornehmeren ansah. Der maskierte Senator fand es nicht schwer, unbemerkt aus der Kathedrale zu kommen, und er hatte seinen geheimen Weg in den Palast, so ihm kein unberufener Beobachter hinderlich war. Er sah sich bald mit den Räten des fürchterlichen Tribunals zusammen.

Siebzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Ungeachtet seiner scheinbaren Entschlossenheit wußte der Herzog von Sant‘ Agata doch durchaus nicht, wohin er sich zu wenden oder was er zu tun habe. Daß er von einem oder mehreren der Unterhändler, denen er die Vorkehrungen zu der seit einigen Tagen beschlossenen Flucht hatte anvertrauen müssen, betrogen war, schien gewiß; er ließ sich daher nicht von der Hoffnung täuschen, als wäre irgendein unbegreifliches Mißverständnis Ursache seines Verlustes. Er sah, daß der Senat jetzt Herr seiner Braut war, auch war ihm dessen Macht zu wohl bekannt. Durch den frühzeitigen Tod ihres Onkels fielen der Donna Violetta bedeutende Güter im Kirchenstaate zu, und das herrschsüchtige Gesetz von Venedig, das allen seinen Edeln gebot, Besitzungen zu verkaufen, die sie in fremden Ländern ererbt hatten, war diesmal nur wegen der Hoffnung, über ihre Hand auf eine der Republik vorteilhaftere Weise zu verfügen, nicht in Anwendung gebracht worden. Mit diesem Ziel vor Augen und mit den Mitteln, es zu erreichen, versehen, würde man, wie der Bräutigam sehr wohl wußte, seine Vermählung nicht nur für null und nichtig erklären, sondern auch mit den Zeugen der Trauung so verfahren, daß künftighin ihre Aussagen nicht mehr in Verlegenheit setzen könnten. Für sich selbst fürchtete er weniger, wenngleich er einsah, daß er seinen Widersachern hinreichende Gründe geliefert hatte, um den unbestimmten Zeitraum seines bestrittenen Erbrechtsantritts weiter hinauszuschieben oder auch seine Ansprüche daran gänzlich zu vernichten. Doch hatte er sich auf diesen Ausgang schon gefaßt gemacht. Er glaubte ohne persönliche Gefahr nach seinem Palast zurückkehren zu dürfen, denn die große Achtung, in der er in seinem Vaterlande stand, und der hohe Einfluß, den er am römischen Hofe besaß, waren hinreichende Sicherheit gegen offenbare Gewalttätigkeiten. Der Hauptgrund, warum man ihn mit seinen Ansprüchen so lange hingehalten, war der Wunsch, seine nahe Verwandtschaft mit dem Favoritkardinal so sehr als möglich zu benutzen, und obgleich er nie imstande war, den immer größer werdenden Forderungen des Senats zu genügen, so nahm er es doch als ziemlich ausgemacht an, daß der Vatikan alle seine Macht aufbieten würde, um ihn vor jeder größeren persönlichen Gefahr zu schützen. Bei alledem hatte er dem venezianischen Staate erhebliche Gründe zur Strenge gegeben, und da ihm seine Freiheit in diesem Augenblick wichtiger war denn je und er fürchtete, sie möchten ihn festsetzen, nur damit sich die Regierung seine spätere Freilassung als besonderes Verdienst anrechnen könnte, gab er jetzt den Befehl, den Hauptweg zum Hafen einzuschlagen.

Ehe die Gondel die Schiffe erreichte, hatte ihr Herr Zeit gehabt, sich zu sammeln und einige schnelle Pläne für die Zukunft zu machen. Er gab ein Zeichen zum Anhalten und trat aus der Kajüte hervor. Trotz der späten Stunde ruderten noch immer Boote auf dem Wasser in der Stadt umher. Doch unter den Seefahrern herrschte allgemeine Stille, wie sich’s nach ihrem mühseligen Tagewerk gehörte und bei ihrer Lebensart erwarten ließ.

»Rufe den ersten müßigen Gondoliere deiner Bekanntschaft herbei, Gino«, sagte Don Camillo mit angenommener Ruhe. »Ich hab ihn über etwas zu befragen.«

In weniger als in einer Minute geschah sein Wille.

»Hast du vor kurzem eine wohlbemannte Gondel durch diesen Teil des Kanals rudern sehen?« fragte Don Camillo den Mann, den sie angehalten.

»Keine als die Ihrige, Signore, die die schnellste von allen denen ist, die heute unter dem Rialto hindurchfuhren.«

»Wie kannst du die Schnelligkeit meines Bootes kennen, Freund?«

»Signore, ich habe das Ruder sechsundzwanzig Jahre auf den Kanälen von Venedig geführt, und doch kann ich mich nicht entsinnen, eine Gondel so rasch fahren gesehen zu haben als dieses Boot, da es vor wenigen Minuten durch die Feluken hindurch weiter hinab nach dem Hafen schoß.«

»Wohin steuerten wir?« fragte Don Camillo eifrig.

»Heiliger Theodor? Ich wundere mich nicht über diese Frage, Exzellenz, denn wenn auch seitdem erst ein Augenblick verfloß, so seh ich sie doch jetzt so bewegungslos auf dem Wasser liegen wie einen schwimmenden Halm.«

»Freund, da ist Silber – addio!«

Der Gondoliere ruderte langsam fort und sang ein Lied seiner Barke zu Ehren, während Don Camillos Boot schnell dahinflog. Feluken, Brigantinen und Dreimaster schienen vorüberzuschweben, als sie durch das Labyrinth der Schiffe glitten; da bückte sich Gino vorwärts und lenkte seines Herrn Aufmerksamkeit auf eine große Gondel, die mit lässigem Ruder vom Lido her auf sie zukam. Beide Boote befanden sich auf einer breiten Passage zwischen den Schiffen, dem gewöhnlichen Wege für seewärts gehende Fahrzeuge. Auch nicht der geringste Gegenstand war zwischen ihnen. Durch eine Wendung seines Bootes sah sich Don Camillo bald nur auf eine Ruderlänge von jenem entfernt, und mit einem Blick überzeugte er sich, daß es die verräterische Gondel war, die ihm den Streich gespielt hatte.

»Zieht, Leute, und folgt mir!« schrie der wütende Neapolitaner, im Begriff, sich mitten unter seine Feinde zu stürzen.

»Sie ziehen gegen San Marco«, rief eine warnende Stimme aus dem Zelt hervor. »Die Kräfte sind ungleich, Signore, denn das geringste Signal führt zwanzig Galeeren zu unserem Beistand herbei.«

Don Camillo hätte dieser Drohung vielleicht nicht geachtet, doch er sah, wie seine Leute daraufhin die schon halb gezogenen Schwerter wieder in ihre Scheiden zurückstießen.

»Räuber«, antwortete er, »gebt mir die zurück, die ihr durch eure Hinterlist entführt habt.«

»Signore, euch jungen Edeln gefällt es oft, euern Übermut mit den Dienern der Republik zu treiben. Hier ist niemand als die Gondolieri und ich.« Eine Bewegung des Bootes erlaubte Don Camillo einen Blick in die Kajüte, der ihm bewies, daß jener die Wahrheit gesprochen hatte. Von der Nutzlosigkeit fernerer Verhandlungen und dem Werte jedes Augenblicks überzeugt, indem er sich noch immer auf der rechten Spur glaubte, gab der junge Neapolitaner seinen Leuten ein Zeichen zum Weiterfahren. Die Boote trennten sich schweigend, und das von Camillo schlug den Weg ein, den jenes eben gekommen war.

In kurzer Zeit befand sich die Gondel Don Camillos ganz außerhalb der Schiffsreihen. Schon war es so spät, daß der Mond zu sinken begann. Wohl ein Dutzend Schiffe verschiedener Art steuerte, vom Landwinde unterstützt, nach dem Eingang des Hafens.

»Sie führen mein Weib nach Dalmatien!« rief Don Camillo, wie jemand, der die Wahrheit endlich zu ahnen beginnt.

»Gnädiger Herr!« rief der erstaunte Gino aus.

»Ich sage dir, Bursch, dieser verwünschte Senat hat sich gegen mein Glück verschworen und nachdem er mir deine Gebieterin geraubt, sie auf eine der vielen Feluken, die wir hier sehen, gebracht, um sie nach irgendeinem seiner festen Schlösser an der Ostküste des Adriatischen Meeres zu versetzen.«

»Heilige Maria! Signore Duca, mein geehrter Gebieter, man sagt, daß sogar die steinernen Bildsäulen in Venedig Ohren haben.«

»Du rufst mir meine Torheiten ins Gedächtnis, guter Gino. Wenn du und deine Mitgesellen mir bei der Rettung der Dame, der ich mich eben vermählt habe, nach Kräften beistehen werdet, so soll es euer Schade nicht sein.«

»Der heilige Theodor stehe uns bei und zeige uns, was zu tun ist! Wenn ich wüßte, bei welchem Namen man sie nennt, so sollte sie nie vergessen werden in den Gebeten, die ein armer Sünder wie ich zu tun wagen darf.«

»Du hast doch die schöne Dame nicht vergessen, die ich aus der Giudecca rettete?«

»Corpo di Bacco! Ew. Exzellenz schwebten wie ein Schwan und schwammen rascher als eine Möwe. Vergessen! Signore, nein, ich denke jedesmal daran, wenn ich ein Geplätscher in den Kanälen höre, und sooft ich daran denke, verwünsche ich in meinem Herzen das Ankonaschiff. Wenn wir aber auch alle Wunder schreien über das, was unser Herr auf der Giudecca getan hat, so war doch das Untertauchen damals keine Vermählungsfeierlichkeit, auch können wir von der Schönheit der Dame nichts mit Gewißheit sagen, da ihre Lage in jenem Augenblicke eine so ungünstige war.«

»Du hast recht, Gino. – Diese Dame aber, die erlauchte Donna Violetta Tiepolo, die Tochter und Erbin eines berühmten Senators, ist jetzt deine Gebieterin. An uns ist es nun, sie nach Schloß Sant‘ Agata zu bringen, dort trotze ich dem ganzen Venedig mit allen seinen Helfershelfern.«

Gino verbeugte sich in tiefer Ergebenheit, schaute jedoch zugleich hinter sich, ob auch keiner der Helfershelfer, die sein Herr eben öffentlich herausgefordert hatte, so nahe sei, um diese Worte zu hören. Während dieser Unterhaltung ging das Boot ununterbrochen fort, denn Gino hielt nicht an in seiner Arbeit und steuerte immer dem Lido zu. Der Landwind wehte frischer, die Schiffe glitten vorüber, und als Don Camillo die Sandbarre erreichte, die die Lagunen vom Adriatischen Meere trennt, waren die meisten von ihnen schon durch die Passagen gesegelt und nahmen nun, je nach den Orten ihrer Bestimmung, ihre verschiedenen Richtungen durch den offenen Hafen. Aus reiner Unentschlossenheit hatte der junge Herzog seine Leute den anfangs eingeschlagenen Weg fortsetzen lassen. Er war gewiß, daß sich seine Braut in einem der erwähnten Fahrzeuge befand, doch konnte er nicht erraten, in welchem, und wär er auch Herr dieses wichtigen Geheimnisses gewesen, so besaß er doch zur Verfolgung keine hinreichenden Mittel. Als er daher ans Land stieg, geschah es nur in der Hoffnung, aus den verschiedenen Richtungen der Feluken eine allgemeine Vermutung entnehmen zu können, in welchem Teil der venezianischen Besitzungen er die Verlorene zu suchen habe. Er war indessen entschlossen, ihr unmittelbar zu folgen, und ehe er das Boot verließ, wandte er sich nochmals zu seinem getreuen Gondoliere und gab ihm die nötigen Befehle.

»Es ist dir doch bekannt, Gino«, sagte er, »daß einer meiner Vasallen mit einer Feluke von der sorrentinischen Küste hier im Hafen liegt?«

»Ich kenne den Mann besser als meine eigenen Fehler, Signore, ja besser als meine eigenen Tugenden.«

»Geh sogleich zu ihm und überzeuge dich von seinem Hiersein. Ich habe mir einen Plan erdacht, ihn in meinen Dienst zu locken, doch möchte ich gern vorher wissen, in welchem Zustand sein Schiff ist.«

Während er die Gondel vom Ufer abstieß, versäumte Gino nicht, seines Freundes Stefano Eifer und dessen Schiff, die »Bella Sorrentina«, zu loben, dann aber schlug er mit seinem Ruder ins Wasser, seinen Auftrag schnell auszurichten.

Am Lido di Palestrina ist ein einsamer Ort, den katholische Ausschließungssucht für die Überreste derer, die außerhalb des Schoßes der römischen Kirche zu Venedig starben, zur Beerdigungsstätte angewiesen hatte.

Don Camillo landete unfern der abgelegenen Gräber der Verbannten. Da er die niedrigen Sandhügel besteigen wollte, die Wellen und Wind am äußersten Rande des Lido aufgeworfen hatten, so mußte er gerade über den geächteten Platz gehen oder einen höchst unbequemen Umweg machen. Aus Aberglaube, der mit all seinen Gewohnheiten und Meinungen verwebt war, bekreuzigte er sich, und seinen Stoßdegen losmachend, damit ihm der Beistand der guten Waffe nötigenfalls nicht fehle, ging er durch die von den verachteten Toten bewohnte Heide, als sich eine menschliche Gestalt aus dem Grase erhob und in Gedanken versunken einherging. Wieder faßte Don Camillo den Griff seines Degens, dann, seitwärts gehend, um den Vorteil des Mondlichtes zu haben, näherte er sich dem Fremden. Sein Fußtritt ward gehört, denn der andere blieb stehen, betrachtete den Kavalier mit übereinandergelegten Armen, gleichsam seine Friedfertigkeit andeutend, und erwartete dessen Annäherung.

»Du hast eine melancholische Stunde zu deinem Spaziergang erwählt, Freund«, sagte der junge Neapolitaner, »und einen noch düstereren Schauplatz.«

Bei diesen Worten kehrte der Fremde das Gesicht dem Monde zu, so daß dessen sanftes Licht seine Züge erhellte. »Jacopo!« rief der Herzog, zurücktretend, wie es gewöhnlich ein jeder in Venedig tat, wenn er diesem Auge unerwartet begegnete.

»Signore, ich bin’s.«

Im Augenblick glänzte die Waffe Don Camillos im Mondschein.

»Nicht zu nahe, Bösewicht, und erkläre dich über den Grund, der dich hierherführt, meine Einsamkeit zu stören.«

Der Bravo lächelte, doch blieben seine Arme übereinandergelegt.

»Ich könnte mit ebenso vielem Recht den Herzog von Sant‘ Agata fragen, weswegen er zu dieser Stunde hier wandelt.«

»Wenn irgend jemand in Venedig es für ratsam gehalten hat, dich gegen mich auszusenden, so wirst du all deines Mutes und deiner Geschicklichkeit bedürfen, bevor du deinen Lohn erntest.«

»Stecken Sie Ihren Degen ein, Don Camillo, hier ist niemand, der Ihnen Leides tun will. Glauben Sie denn, daß ich Sie hier suchen würde, wenn ich gedungen wär, wie Sie meinen? Fragen Sie sich doch selbst, ob ich von Ihrem Besuch hier wissen konnte oder ob ihn nicht vielmehr die müßige Laune eines jungen Mannes veranlaßte, der sein Bett weniger bequem als seine Gondel findet. Bei früheren Zusammenkünften pflegten Sie, Herr Herzog, meiner Ehre weniger zu mißtrauen.«

»Du hast recht, Jacopo«, erwiderte der Herzog, seinen Degen senkend, doch zögerte er noch, die Spitze wegzuwenden. »Du sprichst Wahrheit: Mein Besuch hier ist freilich Zufall, und du konntest ihn möglicherweise nicht voraussehen. Aber warum bist du hier?«

»Ich bin hier, Don Camillo, weil mein Geist mehr Raum verlangt. Ich bedarf der frischen Seeluft, die Kanäle ersticken mich, nur hier auf dieser Sandbank kann ich frei atmen.«

»Du hast andere Gründe, Jacopo.«

»Nun ja, Signore – mir ekelt’s vor jener Stadt voller Verbrechen.«

Bei diesen Worten schüttelte der Bravo, auf die Kuppeln des St. Markus hinzeigend, die Hand, und der ernste Ton seiner Stimme schien aus dem tiefsten Grunde seines Herzens zu kommen.

»Das ist eine sonderbare Sprache für einen …«

»… Bravo! Sprechen Sie das Wort nur dreist aus, Signore, es ist meinen Ohren nicht fremd. Doch im Vergleich mit dem sogenannten Schwerte der Gerechtigkeit, das St. Markus führt, ist der Dolch eines Bravo ehrenvoll! Der niedrigste Mietling Italiens, der seinen Dolch für zwei Zechinen in seines Freundes Herz stößt, ist ein offen handelnder Mann gegen die schonungslose Verräterei einiger in der Stadt da vor uns!«

»Ich verstehe dich, Jacopo, du bist endlich verbannt. Die öffentliche Stimme, wie schwach sie auch in der Republik vernommen wird, hat endlich die Ohren derer erreicht, die dich gebraucht haben, und sie haben dir ihren Schutz entzogen.«

Jacopo sah den Herzog einen Augenblick mit so zweideutiger Miene an, daß dieser letztere unwillkürlich die Spitze seines Degens erhob, doch antwortete er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.

»Herr Herzog«, sagte er, »ich darf mich der Ehre rühmen, daß meine Dienste schon von einem Don Camillo Monforte in Anspruch genommen wurden.«

»Das leugne ich nicht – und jetzt, da du mich daran erinnerst, geht mir ein neues Licht auf. Niederträchtiger, durch deine Treulosigkeit verlor ich meine Frau!«

Obwohl der Degen dicht an Jacopos Kehle schwebte, rührte sich dieser nicht. Seinen aufgeregten Gefährten betrachtend, lachte er gedämpft, doch bitter.

»Es scheint fast, als wolle mich der Herzog von Sant‘ Agata meines Handwerks berauben«, sagte er.

»Deine Dreistigkeit hilft dir zu nichts, Schurke, du weißt, daß ich dich zum Anführer einer erwählten Bande werben wollte, um die Flucht einer teuern Person zu bewerkstelligen.«

»Nichts ist wahrer als dies, Signore.«

»Und du schlugst mir diesen Dienst ab?«

»Das tat ich, edler Herzog.«

»Nicht zufrieden damit, verkauftest du, als du die näheren Umstände meines Planes erfahren, mein Geheimnis dem Senate?« »Don Camillo Monforte, das tat ich nicht. Meine Verpflichtung gegen den Senat erlaubte mir nicht, Ihnen zu dienen; sonst, bei jenen lichten Sternen des Himmels, hätte es mein Herz erfreut, Zeuge des Glücks eines jungen und treuen Paares zu sein. Nein – nein – nein, die kennen mich nicht, die da glauben, ich könne mich nicht freuen über das Glück anderer. Ich sagte Ihnen, daß ich dem Senate verpflichtet wäre – und damit war die Sache abgetan.«

»Und ich war so schwach, dir zu glauben, Jacopo, denn dein Charakter ist ein so sonderbares Gemisch von Gutem und Bösem, und dein Ruf für Treue und Zuverlässigkeit ist so groß, daß mich deine scheinbare Freimütigkeit sicher machte. Kerl, man betrog mich, und zwar in demselben Augenblick, als ich fest auf den besten Ausgang rechnete. Meine Gondel haben sie nachgeahmt – meine Livree kopiert – mein Weib gestohlen. Du antwortest nicht, Jacopo?«

»Welche Antwort wollen Sie haben? Sie sind in einem Staate getäuscht worden, dessen Fürst selbst seinem eigenen Weibe seine Geheimnisse nicht anzuvertrauen wagt. Sie gedachten Venedig einer Erbin zu berauben, und Venedig raubte Ihnen Ihre Frau. Sie spielten hoch, Don Camillo, und verloren einen schweren Einsatz. Sie dachten an Ihre eigenen Wünsche und Rechte, während Sie vorgaben, für Venedig bei dem Spanier zu wirken.«

Don Camillo trat zurück vor Erstaunen.

»Warum nimmt Sie dies wunder, Signore? Sie vergessen, daß ich viel unter denen lebte, die den möglichen Ausgang jedes politischen Interesses berechnen. Ihre Heirat ist für Venedig, das des Bräutigams fast ebensosehr bedarf als der Braut, doppelt unangenehm. Der Rat hatte seit langem die Aufgebote untersagt.«

»Ja – aber die Weise? Erzähle mir, auf welche Weise, durch was für Mittel ward ich betrogen, sonst muß ich dich selbst des Betrugs beschuldigen.«

»Signore, selbst die Marmorsteine der Stadt erzählen dem Staate ihre Geheimnisse. Vieles sah ich, und vieles verstand ich, während mich meine Obern nur als ihr bloßes Werkzeug betrachteten, doch viel von dem Gesehenen haben selbst die nicht begriffen, die mich gebrauchten. Ich hätte Ihnen den Ausgang Ihrer Vermählung vorhersagen können, wenn ich darum gewußt hätte.«

»Das hättest du doch nur als Mithelfer ihrer Verräterei tun können.«

»Die Pläne der Eigennützigen kann man allenfalls erraten; nur der Großmütige und Rechtschaffene vereitelt alle Berechnungen. Wer das gegenwärtige Interesse der Republik zu erkennen vermag, wird Herr ihrer teuersten Staatsgeheimnisse, denn sie verfolgt ihre einmal entworfenen Pläne; es sei denn, daß sie sie zu teuer zu stehen kommen. Was die Mittel anbelangt – wie kann’s in einem Haushalt wie dem Ihrigen daran fehlen, Signore?«

»Traute ich doch nur bewährten Leuten.«

»Don Camillo, in Ihrem Palaste ist kein einziger Diener, Gino ausgenommen, den nicht der Senat oder dessen Helfershelfer im Solde hätten. Selbst die Gondolieri, die Sie tagtäglich nach den Vergnügungsorten rudern, sind mit den Zechinen der Republik bestochen. Ja, nicht allein Sie zu bewachen, werden sie bezahlt, sondern auch sich selbst gegenseitig zu belauschen.«

»Kann das wahr sein!«

»Zweifelten Sie je daran, Signore?« fragte Jacopo, als wundere ihn des andern Einfalt.

»Ich kannte sie wohl als falsch – als Treue heuchelnd, deren sie im geheimen spotten; doch glaubte ich nicht, daß sie es wagen könnten, sich unter meine Diener zu mischen. Durch dies Untergraben aller Familiensicherheit wird die menschliche Gesellschaft bis in die Wurzel zerstört.«

»Sie sprechen wie jemand, der noch nicht lange verheiratet ist, Signore«, sagte der Bravo mit einem hohlen Gelächter. »Nach einem Jahre wissen Sie vielleicht, daß Ihr eigenes Weib Ihre geheimsten Gedanken für Gold verraten kann.«

»Und du dienst ihnen, Jacopo?«

»Wer tut’s nicht auf irgendeine seinen Neigungen angemessene Weise? Wir sind nicht Herren des Schicksal, Don Camillo, sonst würde der Herzog von Sant‘ Agata seinen Einfluß bei seinem Verwandten nicht zum Vorteil der Republik angewandt haben. Was ich getan habe, geschah nicht, ohne es bitter zu bereuen und ohne einen schmerzlichen Seelenkampf, den Ihre leichtere Dienstbarkeit Ihnen vielleicht erspart hat, Signore.«

»Armer Jacopo!«

»Wenn ich dies alles überleben konnte, so geschah es, weil mich ein Mächtigerer als der Staat nicht verlassen hat. Doch es gibt Verbrechen, Don Camillo, die zu ertragen Menschenkräfte nicht hinreichen.«

Der Bravo schauderte und schritt schweigend weiter.

»Also selbst für dich sind sie zu unbarmherzig gewesen?« fragte Don Camillo, die zusammengezogenen Augenbrauen und die sich hebende Brust seines Gefährten erstaunt betrachtend.

»Ja, Signore. Ich war diese Nacht Augenzeuge eines Beispiels ihrer Herz- und Treulosigkeit, und das lenkte meinen Sinn auf mein eigenes Schicksal. Die Täuschung ist vorüber: Von jetzt an diene ich ihnen nicht länger.«

Der Bravo sprach mit tiefem Gefühl und, wie sonderbar es auch für einen solchen Mann war, mit einer Miene, darin der Herzog verwundete Redlichkeit zu erblicken glaubte. Don Camillo wußte, daß es keinen Stand im Leben gäbe, wie verachtet und verlassen er auch von der Welt sei, der nicht seine eigentümlichen Meinungen hegte über die seinen Genossen schuldige Treue; andererseits hatte er genug von den Schlangenwegen der venezianischen Oligarchie gesehen, um zu begreifen, wie es nicht unmöglich sei, daß ihre schamlose und unverantwortliche Falschheit selbst die Grundsätze eines Meuchelmörders beleidigen konnte. Das schnöde Handwerk dieser Klasse war in Italien, und besonders in jenen Tagen, mit geringerer Schande verbunden, als man es in einem andern Lande glauben wird. Denn die Grundmängel und die schlechte Verwaltung der Gesetze vermochten ein so sehr reizbares Volk nur zu oft, sich mit eigener Hand Recht zu verschaffen. Gewohnheit verringerte das Gehässige des Verbrechens noch mehr, und wenn auch die Gesellschaft den Meuchelmörder selbst nicht unter sich litt, so ist es doch nicht zuviel gesagt, daß jeder, der sich seiner bediente, mit Abscheu betrachtet wurde. Doch war es nicht gewöhnlich, daß sich Edelleute wie Don Camillo, außer was den verlangten Dienst betraf, mit Leuten von Jacopos Gewerbe einließen; aber die Sprache und das Benehmen des Bravo erregten die Neugier und selbst das Mitgefühl seines Gefährten in so hohem Grade, daß dieser letztere, ohne es zu wissen, seinen Degen einsteckte und näher trat.

»Deine Buße und Reue können dich der Tugend näher bringen«, sagte er, »als das bloße Verlassen der Dienste des Senats. Suche dir irgendeinen frommen Priester und erleichtere deine Seele durch Beichte und Gebet.«

Der Bravo zitterte am ganzen Leibe, und sein Blick haftete sehnsüchtig auf dem Gesicht des andern.

»Sprich, Jacopo, selbst ich will dich anhören, wenn du deine Brust von der Last befreien willst.«

»Ich danke, edler Signore! Ich danke tausendmal für diesen Schimmer von Teilnahme, der mir seit langem nicht geworden ist. Niemand weiß besser, wieviel ein freundliches Wort wert ist, als wer wie ich von allen verurteilt wird. Ich habe gebeten – ich habe gefleht – ich habe geweint um ein williges Ohr für meine Erzählung, und ich glaubte einen gefunden zu haben, der mich ohne Verachtung anhören würde, da traf ihn die kalte Politik des Senats. Ich kam hierher, da brachte uns der Zufall zusammen. Könnte ich …« der Bravo hielt inne und sah wieder zweifelnd den andern an.

»Sprich weiter, Jacopo.«

»Ich wagte es nicht einmal, meine Geheimnisse dem Beichtstuhl anzuvertrauen, Signore, und ich sollte so dreist sein, sie Ihnen mitzuteilen?«

»Es ist die Wahrheit ein sonderbares Begehren!«

»Das ist es, Signore! Sie sind ein Edelmann, ich bin von niederer Geburt, Ihre Vorfahren waren Senatoren und Dogen von Venedig, während die meinen, seitdem die Fischer zuerst ihre Hütten bauten auf den Lagunen, Arbeiter auf den Kanälen und Ruderer der Gondeln waren! Sie sind mächtig, reich und geehrt, während ich geächtet und, ich fürchte, im geheimen verurteilt bin, kurz, Sie sind Don Camillo Monforte und ich Jacopo Frontoni.«

»Dein Fall ist höchst traurig, Jacopo! – Du bedarfst geistlichen Rates.«

»Hier ist kein Priester, und ich trage eine Last, die mich erdrückt. Der einzige Mann, der mir seit drei langen, schrecklichen Jahren Teilnahme bewiesen, ist fort.«

»Er wird ja wiederkehren, armer Jacopo.«

»Signore, der kehrt nie wieder, der ist bei den Fischen der Lagunen. Durch die Gerechtigkeit der erlauchten Republik«, sagte der Bravo mit bitterem Lächeln.

»Jacopo, ich will dich anhören – ich will dich anhören, armer Jacopo!« rief Don Camillo, erschüttert über den Anblick des Schmerzes eines Mannes von so kräftiger Natur.

Ein Wink des Bravo machte ihn schweigen, und Jacopo, nachdem er einen Augenblick mit sich selbst gekämpft hatte, sprach endlich: »Sie retten eine Seele vom Verderben, Signore. – Doch, Sie wollen meine Geschichte anhören, Signore – Sie werden die Beichte eines Bravo nicht verschmähen?«

»Ich versprach es dir. Sei kurz, denn eben jetzt hab ich selbst großen Kummer.«

Jacopo bemühte sich, Herr seiner Empfindungen zu werden, und begann seine Erzählung.

Der Herzog von Sant‘ Agata wagte kaum zu atmen, während ihm Jacopo mit den energischen Worten und Gefühlen, die dem italienischen Charakter so eigen sind, seinen geheimen Kummer und die Szenen schilderte, in denen er als handelnde Person aufgetreten war. Er war noch lange nicht am Ende seiner Geschichte, so hatte Don Camillo schon der eigenen Sorgen vergessen, jede Spur von Widerwillen verschwand und machte einem unwiderstehlichen Mitleid Platz.

Als der Bravo schwieg, standen sie am äußersten Strande des Lido und hörten das dumpfe Branden des Adriatischen Meeres.

»Das übertrifft allen Glauben!« rief Don Camillo nach einer langen Pause aus, die nur durch den Zu- und Abfluß der rauschenden Wogen unterbrochen ward.

»Signore, so wahr mir die heilige Maria gütig sei, es ist nur die Wahrheit!«

»Ich zweifle nicht daran, Jacopo, armer Jacopo! Einer so vorgetragenen Erzählung muß ich glauben! Du bist in der Tat das Opfer ihrer höllischen Falschheit geworden, und wohl magst du sagen, die Last war nicht mehr zu ertragen. – Was ist nun deine Absicht?«

»Ich diene ihnen nicht länger, Don Camillo – ich erwarte nur noch den letzten feierlichen Auftritt, der nun gewiß ist, und dann verlasse ich diese Stadt des Betruges und suche mein Glück in andern Regionen. Sie haben meine Jugend zerstört und meinen Namen gebrandmarkt – Gott lindert vielleicht einst meinen Schmerz!«

»Jacopo – armer Jacopo! Du sollst mein Diener werden! – Ich bin Herr auf meinen Grundbesitzen, und bin ich erst mit dieser scheinheiligen Republik auseinander, dann will ich für deine Sicherheit und für dein Glück sorgen. In Hinsicht deines Gewissens beruhige dich: Ich habe Einfluß beim Heiligen Stuhl, und du sollst der Absolution nicht ermangeln.«

Die Dankbarkeit des Bravo war lebhaft, obgleich sie sich mehr in Gefühlen als Worten aussprach.

»Bei einem Regierungssystem wie dem venezianischen«, fuhr der nachdenkende Herzog fort, »kann niemand Herr seiner Handlungen bleiben. Solch ein Gewebe von Hinterlist ist stärker als der Wille. Ich fürchte, daß ich selbst dieser verräterischen Macht Opfer gebracht habe, die ich in Vergessenheit begraben wünschte.«

Obgleich diese Worte Don Camillos mehr ein Selbstgespräch als eine an seinen Gefährten gerichtete Rede waren, so ließ sich doch deutlich an der Reihenfolge seiner Gedanken sehen, daß Jacopos Erzählung unangenehme Betrachtungen in ihm anregten über die Weise, wie er seine eigenen Ansprüche beim Senat geltend zu machen gesucht.

Jacopo sagte einige allgemeine Worte, die aber doch die Absicht hatten, Don Camillo zu beruhigen. Hierauf lenkte er das Gespräch mit einer seine Fähigkeit zu den vielen und delikaten ihm übertragenen Geschäften bekundenden Gewandtheit auf die kürzlich geschehene Entführung der Donna Violetta und bot seinem neuen Gebieter zur Wiedererlangung seiner Frau alle Dienste an, die er nur immer zu leisten imstande sei.

»Damit du alles weißt, wozu du dich verpflichtest«, erwiderte Don Camillo, »so höre mich an, Jacopo, ich will deinem Scharfsinn nichts verbergen.«

Der Herzog von Sant‘ Agata setzte nun dem Bravo alle seine Absichten und Pläne sowie sämtliche Begebenheiten mit kurzen, doch klaren Worten auseinander.

Der Bravo hörte alles mit der größten Aufmerksamkeit an, und mehr als einmal lächelte er bei der Erzählung des anderen, wie jemand, dem die geheimen Mittel wohl bekannt sind, durch die diese oder jene Intrige vollbracht worden war. Eben war die Erzählung zu Ende, da kündeten Fußtritte die Rückkehr Ginos an.

Erstes Kapitel

Erstes Kapitel

Die Sonne war hinter den Tiroler Alpen verschwunden, und schon begann der Mond über die niedere Fläche des Lido aufzusteigen. Gleich einem Strome, der sich durch einen engen Kanal in ein geräumiges, schäumendes Becken ergießt, zwängten sich aus den schmalen Gassen Venedigs Hunderte von Fußgängern hervor nach dem St. Markusplatze. Stolze Cavalieri und gravitätische Cittadini, dalmatische Krieger und venezianische Matrosen, ehrsame Bürgerfrauen und Damen von feineren Sitten, Juwelenhändler vom Rialto und Kaufleute aus der Levante, Jude, Türke, Christ, Reisender, Abenteurer, Podesta, Kammerdiener, Advokat und Gondoliere – alle zogen nach dem einen gemeinschaftlichen Mittelpunkte der Erholung. Der geschäftige und der nachlässige Blick, der gemessene Schritt und das prüfende Auge, Scherz und Gelächter, der Cantatrice Lied und die Melodie der Flöte, die drolligen Gebärden eines Lustigmachers und das tragische Zürnen des Improvisators, das gezwungene melancholische Lächeln des Harfners und das Geschrei der Wasserverkäufer, Mönchskapuzen, Federbüsche – dies Durcheinandergesumme, dieses mannigfache Hin- und Her-Gedränge, verbunden mit den unbeweglicheren Gegenständen des Ortes, machte den Auftritt zu dem eigentümlichsten, den man finden konnte.

Auf der Grenzlinie liegend, die das westliche Europa von dem östlichen scheidet, und mit dem letzteren in ununterbrochenem Verkehr, besaß Venedig eine größere Mischung der Charaktere und der Kostüme als irgendeiner der zahlreichen Häfen dieser Gegend. Zur genannten Stunde waren die Kaffeehäuser und Kasinos in den die drei Seiten der länglich viereckigen, großen Piazza umgebenden Portikos mit Gesellschaft schon überfüllt, und das Menschengewimmel auf dem freien Platze selbst ward daher zusehends größer.

Tausende von Fackeln und Lampen erleuchteten die Arkaden mit hellem Glänze, während die Prokurazien, eine Flucht von großartigen Gebäuden, der massive Palast des Dogen, die Kirche, eine der ältesten in der ganzen Christenheit, die Granitsäulen der Piazetta, die Siegesmasten des großen Platzes und der schwindelerregend hohe Campanile in dem milderen Mondesstrahle schlummerten.

Der geräumigen Fläche des großen Platzes die Vorderseite zukehrend, standen die groteske und ehrwürdige Kathedrale des San Marco und die übrigen Monumente des Platzes als ein Denkmal von der alten Herrlichkeit und Größe der Republik.

Neben diesem Bau tat sich manch andere bemerkenswerte Zier des Platzes hervor. Der Fuß des Campanile lag tief im Schatten, während die Ostseite des grauen Gipfels wohl hundert Fuß abwärts vom vollen Mondlichte beglänzt war. Am andern Ende des kleinen Platzes, nahe der Seeküste, erhoben sich auf ihren Säulen von afrikanischem Granit hier der geflügelte Löwe des Markus, dort Theodor, der Schutzheilige der Stadt, sich gegen den azurnen Hintergrund deutlich abhebend.

Am Fuße der Markussäule stand ein Mann, der in die belebte und auffallende Szene vor seinen Augen, wie es schien, mit der achtlosen Gleichgültigkeit der Gewohnheit schaute. Die Menge, zum Teil maskiert, zum Teil nicht vermeidend, daß man sie kenne, war den Damm entlang in die Piazetta geströmt, um den Hauptplatz zu erreichen, während jener Mann kaum einen Blick seitwärts warf. Er stand wie jemand, der gewohnt ist, mit Geduld und Gehorsam dem Vergnügen anderer zu dienen und auf den Wink seines Herrn zu warten, ehe er sich vom Fleck rührte. Eine seidene Jacke mit Blumen in glänzenden Farben durchwirkt, der umgelegte Scharlachkragen und die vorn mit einem Wappen gestickte Samtmütze verrieten einen Gondoliere in Privatdiensten.

Überdrüssig der Possen einer etwas entfernten Gauklerbande, wandte er sich dem leichten Lüftchen zu, das aus dem Wasser aufstieg, als plötzlich die Freude des Wiedererkennens durch seine Züge leuchtete, und im Augenblick hatte er seinen Arm in den eines schwarzbraunen Seemannes eingehängt, der die lose Kleidung und die phrygische Mütze seines Standes trug.

»Du bist’s, Stefano! Sagten sie doch, du wärst den verdammten Barbaren in die Klauen geraten und pflanztest Blumen für einen Ungläubigen mit deinen Händen und begössest sie mit deinen Tränen.«

Mit derber Vertraulichkeit erwiderte der Seemann: »›La bella Sorrentina‹ ist keine Dirne, die Siesta hielte mit einem tunesischen Kaper, der sie umschwärmt. Wärst du je übern Lido rausgekommen, so wüßtest du, daß es was anderes ist, Jagd zu machen auf die Feluke, und was anders, sie zu fangen.«

»Danke San Teodoro für die Rettung!«

Der Seemann warf einen halb komischen, halb ernsten Blick hinauf zum Bilde des Schutzpatrons und sagte dann: »Die Flügel deines Löwen hätten wir besser brauchen können als die Gunst deines Heiligen. Ich versteige mich mit Bitten um Beistand nicht weiter nördlich als zum heiligen Januarius, und wenn ein Orkan losheulte.«

»Desto schlimmer für dich, caro, denn der gute Bischof versteht sich wohl drauf, die Lava zu hemmen, aber nicht, die Winde zu stillen. Aber war denn wirklich Gefahr, die Feluke und ihre brave Mannschaft an die Türken zu verlieren?«

»Ja, wahrhaftig, es schwärmte ein Tuneser zwischen Stromboli und Sizilien, aber leichter hätt er die Wolke überm Vulkan gehascht als die Feluke im Schirokko! Aber wie steht’s in Venedig? – Und du, was tust du derzeit in den Kanälen, um die Blumen auf deiner Jacke frisch zu halten?« »Heut wie gestern und morgen wie heute. Ich rudere die Gondel vom Rialto zur Giudecca, vom San Giorgio zum San Marco, vom San Marco zum Lido und vom Lido nach Hause. Auf dem Wege gibt’s keine tunesischen Kaper.«

»Aber ist nichts los in der Republik?«

»Nichts von Bedeutung, das ich wüßte – außer dem Unglück, das dem Pietro begegnet ist. Du erinnerst dich noch des Petrillo? Der einst mit dir nach Dalmatien kreuzte als Superkargo, weil er just in Verdacht war, dem jungen Franken geholfen zu haben, der mit einer Senatorstochter durchging.«

»Ob ich noch denk an die letzte Hungersnot? Der Spitzbube tat nichts als Makkaroni fressen und den Lacrimae Christi schlürfen, den der dalmatische Graf an Bord hatte.«

»Poverino! Seine Gondel ward von einem Ankonaschiff niedergerannt. Das ging drüber weg wie ein Senator, der eine Fliege zertritt.«

»Klein Fisch muß nicht in tief Wasser!«

»Der ehrliche Kerl fuhr über die Giudecca mit einem Fremden, der sein Gebet im Redentore verrichten wollte. Da schoß ihm die Brigg in den Baldachin und schlug die Gondel in Stücke, als war’s ’ne Wasserblase gewesen, die der Buzentaur zurückläßt.«

»Der Padrone hätt so großmütig sein sollen, über Pietros Dummheit nicht zu klagen, da der ja seine Strafe ohnehin hatte.«

»Madre di dio! Der Padrone ging zur Stund in See, oder er wäre Futter für die Fische in den Lagunen geworden! Da ist kein Gondoliere in ganz Venedig, der nicht den Schimpf im Herzen fühlte. Wir wissen uns so gut Recht zu schaffen als unsere Herren.«

»Ei nu, eine Gondel ist so gut sterblich wie ’ne Feluke, und jedes hat seine Zeit. Besser, am Stoß einer Brigg sterben, als in die Klauen eines Türken fallen! – Was macht dein junger Herr, Gino? Ist’s zu hoffen, daß er seine Ansprüche beim Senat durchsetzt?«

»Morgens kühlt er sich in der Giudecca ab, und willst du wissen, was er abends macht, sieh dich nur um unter den Edeln im Broglio.«

Indem er sprach, warf der Gondoliere einen Blick seitwärts auf eine Gruppe Patrizier, die unter den schattigen Arkaden am Palast des Dogen umherwandelten, einem Ort, der zu gewissen Zeiten nur den Bevorrechteten verstattet war.

»Mir ist nicht unbekannt, daß die Edeln von Venedig zur Abendzeit die niedrige Kolonnade da zu besuchen pflegen, aber daß sie sich in der Giudecca baden, hab ich mein Lebtag nicht gehört.«

»Wir waren eben in der Näh, als das Ankonaschiff das Kunststück machte. Während Giorgio und ich vor Wut schäumten über die Tölpelei des Fremden, sprang mein junger Herr, der, was Gondelfahren anlangt, nicht viel Kenntnis hat, ins Wasser und rettete die junge Dame, damit es ihr nicht wie ihrem Onkel erginge.«

»Diavolo! Du hast mir noch keine Silbe gesagt von einer jungen Dame und dem Tod ihres Onkels.«

»Ach, du hattest deinen Tunesen im Kopf und hast’s vergessen. Ich muß dir ja doch gesagt haben, wie nah die schöne Signora dran war, das Schicksal der Gondel zu teilen, und wie der Padrone den Tod des römischen Marchese auch auf seiner Seele hat.«

»Santo Padre! Daß ein Christ den Tod eines gehetzten Hundes sterben soll durch die Unachtsamkeit eines Gondoliere!«

»Es mag ein Glück für den von Ankona gewesen sein, daß es so kam, denn der Römer, sagen sie, war ein Mann von Bedeutung, daß er allenfalls hätte auch einen Senator über die Seufzerbrücke spedieren können.«

»Hol der Teufel alle unachtsamen Schiffsleute, sag ich! – Was ist aus dem linkischen Schurken geworden?«

»Ich sag dir, er machte, daß er aus dem Lido kam, oder –«

»Pietrillo?«

»Den holte Giorgio mit der Ruderstange herauf, denn wir waren alle beide hinterher, die Kissen und andere Sachen von Wert aufzufischen.«

»Konntest du für den armen Römer gar nichts tun?«

»Für den Fremden konnten wir nichts tun als beten zu San Teodoro, denn er ist nicht wieder aufgestanden. – Aber was hat dich hergebracht nach Venedig, caro mio?«

Der Kalabrese legte einen Finger auf die eine Backe und zog damit die Haut nach unten, so daß sein dunkles, schelmisches Auge ein possenhaftes Aussehen bekam.

»Schau doch, Gino – fordert nicht dein Herr manchmal seine Gondel zwischen Sonnenuntergang und Morgen?«

»Ein Eul‘ ist nicht wachsamer, als er in letzter Zeit war. Dieser mein Kopf lag auf keinem Kissen, ehe die Sonne über den Lido raufkam, nun schon seit der Schnee schmolz von Monselice.«

»He? Und wenn die Sonne des Angesichts deines Herrn unter ist in seinem Palaste, dann läufst du zur Rialtobrücke, zu den Juwelieren und Fleischern, und posaunst aus, was er die Nacht durch getan hat?«

»Diamine! Das war die letzte Nacht meines Dienstes beim Herzog von Sant‘ Agata, wäre meine Zunge so schlüpfrig! Der Gondoliere und der Beichtiger, das sind die beiden Geheimräte eines Edeln, Meister Stefano, ’s ist nur der kleine Unterschied, daß der letztere bloß weiß, was ihm der Sünder enthüllen will, der erstere aber weiß manchmal mehr. Da kann ich was Besseres tun, als mit meines Herrn Geheimnissen in den Straßen umherzulaufen!«

»Und ich bin auch klüger, als daß ich jeden Trödler von San Marco sollt in meinen Frachtbrief gucken lassen!«

»He, alter Freund, ’s ist bei alledem ein Unterschied zwischen unser beider Geschäft. Ein Padrone von einer Feluke kann sich billigerweise nicht messen mit dem so überaus vertrauten Gondoliere eines neapolitanischen Herzogs, der Anwartschaft hat auf einen Sitz im Rate der Dreihundert.«

»Just der Unterschied zwischen still Wasser und rauhem. – Du kräuselst die Oberfläche eines Kanals mit deinem schläfrigen Ruder. Ich aber, ich streiche übers Adriatische Gewässer, vor einem Schirokko her, der heiß genug ist, meine Makkaroni zu kochen und die See schäumen zu machen.«

»St!« unterbrach ihn plötzlich der Gondoliere, der sich mit italienischem Humor, doch ohne wirklichen Eifer in den Rangstreit eingelassen hatte. »St! Da kommt einer, der sonst glauben möchte, wir bedürften seiner Faust, um den Streit zu schlichten. – Eccolo«

Der Kalabrese trat einen Schritt zurück und betrachtete schweigend und mit düsterm, gespanntem Blick den Vorübergehenden, der diese schnelle Bemerkung veranlaßt hatte. Der Fremde ging langsam vorbei, ein Mann, noch nicht dreißig Jahre alt, obwohl der ruhige Ernst seiner Züge ein vorgerückteres Alter vermuten ließ. In seinen Wangen war kein Blutstropfen – aber mehr geistige Leiden als körperliche schienen sie gebleicht zu haben. Gesundheit verriet sonst der starke, muskulöse Bau seines Körpers, der, gewandt und geschmeidig, doch alle Zeichen der Kraft an sich trug. Sein Schritt war sicher, fest und gleichförmig; er hielt sich aufrecht und leicht. In seinen Mienen konnte dem Beobachter ein hervorstechender Zug von Selbstbeherrschung kaum entgehen. Seine Bekleidung aber gehörte dem niederen Stande an. Ein Wams von geringem Samt, eine dunkle Monteromütze, dergleichen in den südlichen Gegenden Europas damals gebräuchlich war, und andere Kleidungsstücke ähnlicher Art machten seinen Anzug aus. Sein Blick war eher schwermütig als finster, und dessen Festigkeit stimmte gut zu der ruhigen Haltung des ganzen Körpers. Die Gesichtszüge waren kühn und wohl edel zu nennen, und aus diesen auffallenden Zügen hervor blitzte ein Auge voll Feuer, Klugheit und Leidenschaft. Indem der Fremde vorüberging, streiften seine glänzenden Augen den Gondoliere und dessen Gefährten, aber dieser Blick, obgleich durchdringend, war doch anteillos, einer von jenen Streifblicken, die Menschen, die zu Mißtrauen Ursache haben, in die Menge zu werfen pflegen. Derselbe Blick traf jeden Nächsten, der entgegenkam, und ehe sich die feste, gehaltene Gestalt im Gedränge verlor, hatte das unstete Auge mit seinem schnellen, blitzenden Strahl wohl zwanzig andere berührt.

Der Gondoliere und der Seemann schwiegen still, bis sie den Fremden, dem sie starr nachsahen, gänzlich aus den Augen verloren hatten. Dann stieß der erstere eintönig und mit tiefem Atemzuge hervor: »Jacopo!«

Sein Kamerad hob drei Finger auf, verstohlen auf den Palast des Dogen deutend: »Lassen sie den so frei umherlaufen, selbst in San Marco?« fragte er mit unverstelltem Erstaunen.

»’s ist nicht leicht, caro amico, Wasser stromauf treiben oder den Strom, wo er hinabstürzt, hemmen. Die meisten Senatoren, sagt man, würden lieber ihre Aussicht auf die gehörnte Mütze fahrenlassen als diesen Jacopo! Er kennt mehr Familiengeheimnisse als der gute Prior von San Marco, und doch sitzt der arme Mann die Hälfte seiner Zeit im Beichtstuhl.«

»Aha, sie haben Furcht, ihm ein eisern Wams anzulegen, damit nicht Geheimnisse ungeschickt ausgepreßt werden.«

»Corpo di Bacco! ’s war wenig Frieden in Venedig, wenn sich’s der Rat der Drei einfallen ließ, die Zunge jenes Mannes so plump frei zu machen.«

»Man sagt aber, Gino, daß der Rat der Drei eine Manier hat, die Fische der Lagunen zu füttern, die den Verdacht auf irgendein so unglückliches Ankonaschiff werfen könnte, wenn man je den Leichnam fände.«

»He, du brauchst das nicht so laut zu schreien, wenn sich’s auch so verhält. Wahrhaftig, es gibt wenig Geschäftsleute, denen man mehr Kundschaft zutraut als dem, der eben nach der Piazetta ging.«

»So, für zwei Zechinen!« setzte der Kalabrese mit einer erläuternden Gebärde hinzu.

»Santa Madonna! Du vergissest, Stefano, daß der Beichtvater keine Mühe hat, wenn dieser einen expediert. Von seiner Faust hast du den Stoß nicht einen Deut wohlfeiler als hundert Zechinen. Deine Sorte für zwei Zechinen läßt ja einem Manne Zeit, Geschichten zu erzählen oder gar seinen Segen zu beten während der halben Arbeit.«

»Jacopo!« rief der andere mit einem Nachdruck, der all seinen Abscheu und sein Entsetzen gleichsam in einen Laut zu fassen schien.

Der Gondoliere zuckte die Achseln.

»Stefano Milano«, sagte er nach einer Pause, »es gibt Dinge in Venedig, die ein Mann, der seine Makkaroni in Frieden essen will, wohltut, zu vergessen. Mag dein Geschäft hier sein, was es wollte, du kommst gelegen, dem Wettfahren beizuwohnen, das der Staat selber morgen gibt.«

»Wirst du beim Rennen dabeisein?«

»Georgio oder ich, unterm Schutz des heiligen Theodor. Der Preis ist eine silberne Gondel für den, der durch Glück oder Geschicklichkeit den Sieg davonträgt.«

»Gino!« sagte eine befehlende Stimme neben dem Gondoliere.

»Signore.«

Der Mann, der das Gespräch unterbrochen hatte, deutete auf das Boot, ohne weiter ein Wort zu sagen.

»A rivederti«, murmelte der Gondoliere in Hast. Sein Kamerad drückte ihm ganz freundschaftlich die Hand – denn eigentlich waren sie geborene Landsleute, obgleich das wandelbare Schicksal den einen in die Kanäle geführt hatte –, und im nächsten Augenblick ordnete Gino die Kissen für seinen Herrn, nachdem er zuvor seinen ihm unterstellten Rudergesellen aus tiefem Schlaf geweckt hatte.

Zehntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Sobald die drei Gondeln die Seite des Buzentauren erreichten, blieb der Fischer ein wenig zurück, als mißtraute er seinem Rechte, vor die Augen des Senats zu treten. Man befahl ihm indes hinaufzusteigen und bedeutete seinen beiden Gefährten, ihm zu folgen.

Die Edeln in ihrer Amtskleidung bildeten eine lange imposante Reihe vom Schiffsgange bis zum Spiegel, wo der Scheinsouverän dieser Scheinrepublik saß, von seinen hohen Staatsbeamten umringt.

»Tritt näher«, sagte der Fürst mit mildem Tone, da er bemerkte, daß der alte Mann, der die Sieger anführte, vorzutreten zögerte. »Du bist der Sieger, Fischer, und dir habe ich den Preis zu überantworten.«

Antonio beugte ein Knie auf dem Verdeck und senkte sein Haupt tief, bevor er gehorchte. Dann faßte er Mut, trat dem Dogen näher und stand nun mit verwirrtem Blick, den weiteren Willen seiner Oberen erwartend. Der fürstliche Greis hielt ein wenig inne, bis unter der Menge die kleine durch Neugier hervorgebrachte Bewegung nachließ. Als er darauf redete, war vollkommene Stille.

»Es ist der Stolz unserer ruhmvollen Republik«, sagte er, »daß die Rechte keines Untertans gemißachtet werden, daß die Geringen ihren verdienten Lohn erhalten so sicher als die Großen und daß diesem unbekannten Fischer, da er die Auszeichnung der Regatta verdient hat, diese von ihrem Verleiher mit ebensoviel Bereitwilligkeit erteilt werden wird, als ob er der beliebteste Diener unseres eigenen Hauses wäre. Edle und Bürger von Venedig, lernet bei dieser Gelegenheit eure vortrefflichen, unbestechlichen Gesetze schätzen! Denn gerade in den Handlungen des gewöhnlichen Lebens wird der väterliche Charakter einer Regierung sichtbar, während auf Sachen von höherer Bedeutung die Augen einer Welt gerichtet sind, Willfährigkeit für ihre Meinungen heischend.«

Der Doge sprach diese einleitenden Bemerkungen mit fester Stimme, wie es der zu tun pflegt, der des Beifalls seiner Zuhörer gewiß ist. Er täuschte sich nicht. Kaum hatte er ausgeredet, so durchlief die Versammlung ein beifälliges Gemurmel und teilte sich auch den Tausenden mit, die seine Stimme nicht vernahmen, und noch viel mehreren, die seinen Sinn nicht erraten konnten. Die Senatoren beugten ihre Köpfe als Anerkennung, daß ihr Oberhaupt nur Wahrheit ausgesprochen hätte, und der Fürst selbst fuhr fort, nachdem er der Loyalität volle Zeit gelassen hatte, ihren Beifall zu äußern: »Es ist meine Pflicht, Antonio, und auch meine Freude, dir diese goldene Kette umzuhängen. Das Ruder, das sie trägt, ist ein Symbol deiner Geschicklichkeit und wird unter deinen Standesgenossen ein Zeugnis sein von dem Wohlwollen und der Unparteilichkeit des Staates und von deinem Verdienste. Nimm es denn hin!«

»Hoheit!« erwiderte Antonio, einen Schritt zurücktretend. »Es ziemt sich für mich nicht, ein solches Zeichen der Größe und des Glücks zu tragen. Der Glanz des Goldes würde meine Armut höhnen, und eine Kostbarkeit aus so fürstlicher Hand fände eine schlechte Stelle auf meiner nackten Brust.«

Dies unerwartete Ablehnen erregte allgemeines Erstaunen, und eine augenblickliche Pause entstand.

»Du hast den Kampf doch nicht unternommen, Fischer, ohne nach dessen Preis zu trachten? Recht aber hast du, daß der goldene Schmuck zu deinem Stande und deinem täglichen Mangel nicht recht passen würde. So trag ihn für jetzt, weil es gut ist, daß jedermann die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit unserer Entscheidung sehe; nach den Spielen aber bringe ihn meinem Schatzmeister, und er soll dir dafür geben, was deinen Wünschen mehr entsprechen wird: Ein solches Verfahren ist nicht ohne Beispiel und soll auch diesmal stattfinden.«

»Erlauchter Fürst! Freilich hab ich nicht ohne Hoffnung auf Belohnung meine alten Glieder in so hartem Kampfe versucht. Aber nicht Gold noch die Eitelkeit, mich unter meinen Kameraden mit diesem glänzenden Schmucke zu zeigen, hat mich vermocht, die Verachtung der Gondolieri und das Mißfallen der Großen zu ertragen.«

»Du irrest dich, Fischer, wenn du glaubst, daß uns deine gerechte Ehrliebe mißfallen habe. Es ist uns lieb, einen hochherzigen Wetteifer in unserem Volke zu bemerken, und wir ergreifen alle geeigneten Maßregeln, diesen aufstrebenden Sinn zu ermuntern, der Ehre dem Staate und unseren Küsten Glück bringt.«

»Ich bin nicht so anmaßend, meine armen Gedanken denen meines Fürsten gegenüberzustellen«, erwiderte der Fischer, »aber meine Angst und Scham bewogen mich, zu vermuten, daß die edeln und stattlichen Herren lieber einen Jüngeren und Reicheren hätten mit dieser Ehre geschmückt gesehen.«

»Du mußt das nicht glauben. Beuge denn deine Knie, damit ich dir den Preis erteilen kann. Um Sonnenuntergang wirst du in meinem Palaste die finden, die dir für den Schmuck ein entsprechendes Geschenk geben sollen.«

»Hoheit!« sagte Antonio, den Dogen ernst anblickend, der abermals voll Erstaunen mit seiner Bewegung innehielt. »Ich bin alt, und das Glück hat mich nie verwöhnt. Für meine Bedürfnisse reicht hin, was mir die Lagunen mit der Hilfe des heiligen Antonius bieten. Aber es ist in deiner Macht, die letzten Tage eines alten Mannes glücklich zu machen, der deiner in redlichem, wohlgemeintem Gebete immer gedenken wird. Gib mir mein Kind zurück und verzeih einem zerrissenen Vaterherzen diese Dreistigkeit.«

»Ist das nicht derselbe Mensch, der uns heute schon wegen eines jungen Rekruten zur Last fiel?« rief der Fürst, über dessen Gesichtszüge jene gewohnte Zurückhaltung zuckte, die so oft alle menschlichen Gefühle verbergen mußte.

»Derselbe«, sagte kalt eine andere Stimme, die Antonio wohl kannte. Sie kam von Signore Gradenigo.

»Mitleid mit deiner Unwissenheit, Fischer, bemeistert unseren Zorn. Nimm deine Kette und geh!«

Antonios Auge war unbeweglich. Ehrfurchtsvoll kniete er nieder, faltete seine Hände auf der Brust und sagte: »Mein Elend hat mich kühn gemacht, gefürchteter Herr! Was ich sage, kommt aus einem geängsteten Herzen, nicht von einer frechen Zunge, und ich flehe, daß Euer fürstliches Ohr mit Nachsicht höre.«

»So rede kurz, denn die Spiele erleiden schon Verzug.«

»Mächtiger Doge! Reichtum und Armut haben eine weite Kluft zwischen uns gestellt, Kenntnisse und Unwissenheit haben sie noch weiter gemacht. Meine Rede ist rauh und schickt sich nicht für diese erhabene Versammlung. Aber, Signore, Gott hat dem Fischer dieselben Gefühle gegeben und dieselbe Liebe für seine Kinder wie dem Fürsten. Sollt ich mich hier auf meine Gelehrsamkeit verlassen, so müßt ich stumm bleiben, aber ich hab eine Kraft da inwendig, die mir Mut macht, zu den Vornehmsten und Edelsten von Venedig zu reden, wenn es das Glück meines Kindes gilt.«

»Du kannst die Gerechtigkeitspflege des Senats nicht anklagen, alter Mann, und kannst nichts mit Wahrheit vorbringen gegen die anerkannte Unparteilichkeit der Gesetze.«

»Mein Fürst und Herr! Habet die Gnade, mich nur anzuhören. Ich bin, wie Ihr seht, arm und nähre mich von meiner Arbeit, und die Stunde ist nah, wo ich werde an die Seite des gelobten Sankt Antonius von Rimini abgerufen werden und vor einem Höheren stehen werde als hier. Ich bin nicht so eitel, zu glauben, daß mein demütiger Name unter denen der Patrizier zu finden sei, die der Republik in ihren Kriegen gedient haben – auf diese Ehre kann nur der Hohe, der Adlige, der im Glück Geborne Anspruch machen; wenn aber das Wenige, das ich für mein Vaterland getan habe, auch nicht im goldenen Buche verzeichnet steht, so ist es hier doch geschrieben« – er deutete auf seine Narben –, »diese Wunden, von den Türken mir geschlagen, mögen ebenso viele Bitten sein, die ich an die Milde des Senats richte.«

»Du schweifst von deiner Sache ab. Was begehrst du?«

»Gerechtigkeit, mächtiger Fürst. Sie haben den einzigen kräftigen Zweig des welkenden Stammes mit Gewalt abgebrochen – haben den einzigen Gefährten meiner Mühen und Freuden, das Kind, das mir die Augen, hofft ich, schließen würde, wenn es Gottes Wille ist, mich abzurufen – dies Kind, das noch jung ist, sowohl an Jahren als an Grundsätzen der Redlichkeit und Tugend, das noch unerfahren ist – dies haben sie all der Verführung und Sünde, der gefährlichen Gesellschaft der Galeeren ausgesetzt.«

»Ist das alles? Ich hätte gedacht, deine Gondel wäre in üblem Zustande oder es handle sich um dein Recht in den Lagunen!«

»Ist das alles?« wiederholte Antonio und blickte in bitterer Schwermut umher. »Doge von Venedig, es ist mehr, als das gebrochene Herz eines alten, beraubten Mannes tragen kann.«

»Geh nur, nimm dein goldenes Ruder und deine Kette und zieh zu deinen Kameraden im Triumphe ab. Sei froh, daß du einen Sieg davongetragen hast, der dir nach aller Urteil unerreichbar war, und überlasse die Interessen des Staates denen, die weiser sind als du, und fähiger, dafür zu sorgen.«

Der Fischer stand auf mit einem Blick tiefer Unterwürfigkeit, das Resultat eines langen, in politischer Unterordnung zugebrachten Lebens. Den dargebotenen Preis aber zu empfangen, trat er nicht näher.

»Neige deinen Kopf, Fischer, daß Seine Hoheit dir den Preis verleihen kann«, befahl ein Beamter.

»Ich bitte nicht um Gold und mag kein anderes Ruder als dies, das mich morgens in die Lagunen führt und abends zurück in die Kanäle. Mein Kind gebt mir, oder gebt mir nichts.«

»Fort mit ihm«, murrten ein Dutzend Stimmen, »er spricht Aufruhr, er soll das Schiff verlassen.«

Man entfernte Antonio schnell und trieb ihn mit unzweideutigen Zeichen des Mißfallens in seine Gondel. Die Reizbarkeit eines venezianischen Edeln war schnell rege, dem Schuldigen politische Unzufriedenheit als Immoralität zu verweisen, daher die ungewöhnliche Unterbrechung manches Auge umdüsterte, obgleich die standesmäßige Würde jede andere unzeitige Äußerung des Übelwollens verwehrte.

»Lasset den nächsten Bewerber vortreten«, fuhr der Fürst fort, mit einer Fassung, die ihm die Gewohnheit, sich zu verstellen, leicht machte.

Der unbekannte Schiffer, dessen heimlicher Begünstigung Antonio seinen Erfolg verdankte, trat näher, noch immer maskiert, wie ihm denn dies frei stand.

»Du hast den zweiten Preis gewonnen«, sagte der Fürst, »und ginge es streng nach dem Rechte, so solltest du den ersten auch haben, da man nicht ungestraft unsere Gunst ablehnt. – Knie nieder, daß ich dir das Ehrenzeichen erteilen kann.«

»Verzeihung, Hoheit!« fiel der Maskierte ein, sich mit großer Ehrfurcht verbeugend, aber vor der dargebotenen Auszeichnung einen Schritt zurückweichend. »Wenn es Euer gnädiger Wille ist, mir ein Geschenk zu verleihen für meinen Sieg in der Regatta, so werd ich ebenfalls bitten, daß es mir in anderer Gestalt zuteil werde.«

»Das ist ganz außer der Art! Es ist nicht der Brauch, daß sich Geschenke von der Hand eines venezianischen Dogen erbetteln lassen.«

»Ich möchte nicht den Schein haben, in so hoher Gegenwart ungestümer zu fordern, als die Ehrerbietung zuläßt. Ich fordere nur Geringes und was den Staat weniger kosten dürfte, als was mir jetzt dargeboten wird.«

»So sprich es aus.«

»Auch ich bitte auf meinen Knien und in gebührender Huldigung vor dem Oberhaupte des Staates, daß das Gesuch des Fischers erhört und der Sohn dem Vater möge zurückgegeben werden. Denn freilich wird der Dienst das zarte Alter des Knaben vergiften und die letzten Jahre des alten Mannes unglücklich machen.«

»Das grenzt an Unverschämtheit! Wer bist du, der so versteckt kommt, eine schon abgeschlagene Bitte zu unterstützen?«

»Hoheit! Der zweite Sieger in der Regatta des Dogen!«

»Wagst du es, mit deinen Antworten zu spielen? Das Maskenrecht wird in allem heilig gehalten, was nicht darauf ausgeht, den Frieden der Stadt zu stören. Aber hier scheint Grund zu näherer Prüfung zu sein. – Nimm deine Maske weg, daß ich dich von Auge zu Auge sehe.«

»Ich habe gehört, wer in seinen Reden vorsichtig ist und gegen die Gesetze nicht verstößt, mag sich nach Belieben verkleiden in Venedig und hat über sein Geschäft und seinen Namen keine Auskunft zu geben.«

»Sehr wahr, sobald Sankt Markus nicht gefährdet scheint. Aber hier ist ein Einverständnis, dem man auf die Spur kommen muß. Ich befehle dir, nimm die Maske ab!« Der Schiffer, der in jedem Gesichte ringsum die Notwendigkeit des Gehorsams las, nahm langsam die Maske herunter und zeigte die bleichen Züge und das funkelnde Auge Jacopos. Ein unwillkürliches Zurückweichen aller, die in der Nähe standen, ließ diesen Mann allein dem Fürsten von Venedig gegenüber, in der Mitte eines weiten Kreises Erstaunter und Neugieriger.

»Ich kenne dich nicht!« rief der Doge mit deutlicher und aufrichtiger Verwunderung, nachdem er ihn einen Augenblick ernst angesehen hatte. »Sorge, daß die Gründe deiner Verkleidung besser seien als deine Gründe zur Ablehnung des Preises.«

Signore Gradenigo trat näher zum Dogen und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Darauf warf dieser einen Blick, worin sich Erstaunen und Abscheu seltsam mischten, auf das vielsagende Gesicht des Bravo und winkte ihm dann schweigend, sich zu entfernen. Der den Fürsten umstehende Kreis zog sich, wie instinktmäßig zu seinem Schutz bereit, enger zusammen und schloß den Raum vor ihm.

»Wir wollen die Sache bei Muße näher erwägen«, sagte der Doge, »lasset die Festlichkeiten wieder anheben.«

Jacopo verbeugte sich tief und ging. Während er über das Verdeck des Buzentauren schritt, machten die Senatoren Platz, als zöge die Pest daher, obgleich ihre Gesichter zeigten, daß sehr verschiedene Empfindungen in ihnen wechselten. Der gemiedene, aber noch immer geduldete Bravo stieg in seine Gondel, und die gewöhnlichen Zeichen wurden der Menge unten gegeben, die glaubte, die Preiserteilung wäre erfolgt.

»Lasset Don Camillo Monfortes Gondoliere vortreten!« rief ein Herold, dem Winke eines Oberen gehorsam.

»Hier, Hoheit!« erwiderte Gino verlegen und eilfertig.

»Du bist aus Kalabrien?«

»Ja, Hoheit.«

»Aber du mußt dich lange geübt haben auf unsern Kanälen in Venedig, sonst könntest du es nicht unsern tüchtigsten Ruderern zuvorgetan haben. Du dienst einem adligen Herrn?«

»Ja, Hoheit.«

»Es scheint, daß der Herzog von Sant‘ Agata das Glück hat, in dir einen redlichen und wackeren Diener zu besitzen?«

»Das große Glück hat er, Hoheit!«

»Knie nieder und empfange die Belohnung deines Mutes und deiner Geschicklichkeit.«

Gino machte es nicht wie seine Vorgänger, sondern beugte willig ein Knie auf dem Verdecke und nahm den Preis mit einer tiefen, demütigen Verbeugung hin. In diesem Augenblicke ward die Aufmerksamkeit der Zuschauer von der kurzen und einfachen Zeremonie durch das Freudengeschrei abgelenkt, das sich nicht weit von dem Schiffe des Senats auf dem Wasser erhob. Eine allgemeine Bewegung führte alle an die Seite des Schiffes, und der siegreiche Gondoliere war schnell vergessen.

Hunderte von Fahrzeugen bewegten sich in einer Masse dem Lido zu, und man sah ein dichtes Gedränge roter Fischermützen, mitten darunter aber den entblößten Kopf Antonios, der von der wogenden Menge, ohne sich selber zu regen, dahergetragen wurde. Der eigentliche Antrieb ging von den kräftigen Armen einiger dreißig oder vierzig aus, die in drei bis vier zuvorderst fahrenden größeren Barken sämtliche aneinandergebundene Gondeln bugsierten.

Was diese sonderbare und charakteristische Prozession bedeutete, war nicht zu verkennen. Die Anwohner der Lagunen hatten mit der Wandelbarkeit, die rohen Naturen in ihrer Leidenschaft eigen ist, die Gesinnung für ihren alten Kameraden gänzlich geändert. Ihn, den sie eine Stunde zuvor als einen eiteln, lächerlichen Narren verspottet, priesen sie jetzt mit Triumphgeschrei.

Die Gondolieri von den Kanälen wurden übermütig verlacht, ja, der ausgelassene Haufen schonte selbst die Ohren der Vornehmen nicht, deren Diener sie als verzärtelte Rippchen verhöhnten. Kurz, wie in allen Ständen und Kreisen der Gesellschaft gar häufig geschieht, des einen Verdienst fiel eng und unzertrennlich mit dem Ruhm und der Freude aller zusammen.

Hätte sich der Triumph der Fischer auf diesen natürlichen und gewöhnlichen Herzenserguß beschränkt, so wäre dadurch die wachsame, eifersüchtige Macht, die für Venedigs Ruhe sorgte, nicht aufgeregt worden. Aber in den Ruf des Beifalls mischte sich ein Geschrei des Tadels. Schwere, bedeutsame Worte sogar wurden gehört, die jene anklagten, die dem Antonio sein Kind nicht zurückgeben wollten; und auf dem Verdeck des Buzentauren flüsterte man sich zu, die verwegene, aufrührerische Bande, voll von der eingebildeten Wichtigkeit dieses vorübergehenden Triumphes, wage zu drohen, daß sie auf dem Wege der Gewalt durchsetzen wolle, was sie frech ihre gute, gerechte Sache heiße.

Diesem Ausbruch des Volksgefühls sah der versammelte Senat mit düster brütendem Stillschweigen zu. Wer das Leben nicht gehörig kennt, sollte meinen, daß sich Unruhe und Besorgnis in den ernsten Gesichtern der Patrizier abgespielt haben müßten. Aber wer imstande war, einen Unterschied zu machen zwischen der Macht politischen Übergewichts, das auf Ordnung und Zusammenhang begründet ist, und dem augenblicklichen Ausbruch der Leidenschaft, wie laut und lärmend er auch sei, der konnte leicht gewahren, daß sich der letztere dieses Mal noch nicht mit hinlänglicher Kraft äußerte, um die von dem ersteren aufgerichteten Schranken umzustürzen.

Man ließ die Fischer ungehindert ihres Weges ziehen; hier und da aber stahl sich zum Lido hin eine Gondel, die einige von den geheimen Agenten der Polizei trug, deren Pflicht es war, die Regierung von etwaiger Gefahr beizeiten in Kenntnis zu setzen. Unter den letzteren war das Boot des Weinhändlers, das von der Piazetta abstieß, mit einem Vorrat seiner Ware und Annina, gleichsam in der Absicht, von der jetzigen Verwirrung unter ihren gewöhnlichen Kunden Vorteil zu ziehen. Unterdes nahmen die Spiele ihren Fortgang, und die augenblickliche Störung war vergessen. Die ernsten Herren auf dem Buzentauren, obgleich scheinbar auf das achtend, was unmittelbar unter ihren Augen vorging, horchten doch auf jedes Geräusch von Stimmen, das der Abendwind vom fernen Lido herübertrug, und mehr als einmal sah man den Dogen selbst seine Blicke jener Gegend zuwenden und die Besorgnis verraten, die sein Gemüt erfüllte.

Doch ging der Tag wie gewöhnlich vorüber. Die Sieger triumphierten, die Zuschauer jubelten, und der versammelte Senat schien die Freude des Volkes zu teilen, das er mit einer dem furchtbaren, geheimen Gange des Schicksals nicht unähnlichen Sicherheit der Gewalt beherrschte.

Elftes Kapitel

Elftes Kapitel

Den Abend eines solchen Tages konnten die Einwohner Venedigs unmöglich in langweiliger Einsamkeit zubringen. Wiederum füllte sich der große Markusplatz mit einer geschäftigen und gemischten Menge, und die schon früher beschriebenen Szenen begannen von neuem mit erhöhter Lebendigkeit. Seiltänzer und Taschenspieler zeigten ihre Künste; das Geschrei der Frucht- und Delikatessenhändler vermischte sich mit den Tönen der Flöten, Gitarren und Harfen, während sich der Müßiggänger und der Geschäftige, der Gedankenlose und der Ränkeschmied, der Verschworene und der Polizeigehilfe in privilegierter Sicherheit begegneten.

Schon war Mitternacht vorüber, als eine Gondel mit leichter Bewegung durch die Fahrzeuge glitt und mit ihrem Schnabel den Kai berührte, wo sich der Markuskanal mit der Bai vereinte.

»Willkommen, Antonio«, rief ein Mann dem einsamen Gondelführer zu, als dieser den eisernen Haken seines Taues in den Fugen der Steine befestigte, wie dies bei den Gondolieri Brauch ist, »von Herzen willkommen, Antonio, wenngleich etwas spät.«

»Trotz deines maskierten Antlitzes erkenn ich die Stimme«, sagte der Fischer. »Deiner Güte, mein Freund, dank ich den Erfolg dieses Tages; und hab ich gleich den gewünschten und gehofften Zweck nicht erreicht, so bin ich dir doch nicht mindern Dank schuldig. Die Welt muß rauh mit dir umgegangen sein, sonst hättest du dich wohl eines alten, verachteten Mannes nicht so angenommen.«

»In Spiel und Scherz verflossen die Stunden meiner Jugend nicht; das Leben war kein Festtag für mich – doch was tut’s. Es hat dem Senat nicht gefallen, die Anzahl des Galeerenvolks zu verringern, du mußt auf eine andere Belohnung sinnen. Hier sind die Kette und das goldene Ruder, ich hoffe, es soll noch immer willkommen sein.«

Der erstaunte Antonio gab dem Drange einer natürlichen Neugier nach und blickte den Preis einen Augenblick verlangend an. Dann trat er schaudernd zurück und sagte mit dumpfer, entschiedener Stimme: »Ich müßte ja glauben, man habe das Spielwerk aus meines Enkels Blut geformt! Behalt es! Dir hat man es anvertraut, und dein ist es von Rechts wegen, und nun sie sich weigern, meiner Bitte Gehör zu geben, ist es jedem nutzlos, außer dem, der es ehrlich verdient hat.«

»Du denkst nicht an den Unterschied der Jahre und der Muskelkraft, Fischer. Mich dünkt, bei Zuerkennung eines solchen Preises müßte man auch darauf Rücksicht nehmen, und dann hättest du uns wahrlich alle übertroffen. Heiliger Theodor! Ich habe meine Kindheit am Ruder zugebracht, und nimmer hat jemand in Venedig meiner Gondel so hart zugesetzt!«

»Ich weiß die Zeit, Jacopo, da selbst dein junger Arm ermüdet war in einem solchen Kampf zwischen uns beiden. Es war vor der Geburt meines ältesten Sohnes, der gegen die Ottomanen fiel, als der liebe Knabe, den er mir hinterließ, noch auf den Armen getragen wurde. Sahst du jemals den schmucken Jungen, guter Jacopo?«

»Ich war nicht so glücklich, guter Alter, doch wenn er dir glich, so magst du seinen Verlust mit Recht betrauern. Bei Diana! Ich habe wenig Ursach, mich des Vorteils zu rühmen, den mir Jugend und Stärke gaben.«

»Eine innere Kraft trieb mich und das Boot vorwärts – doch welchen Vorteil hat’s gebracht? Alles scheiterte an den Felsenherzen der Edeln.«

»Das kann man noch nicht wissen, Antonio. Die guten Heiligen erhören wohl unser Gebet, wenn wir es am wenigsten glauben. Komm jetzt mit mir, denn man sandte mich ab, dich zu suchen.«

Der gute Fischer sah seinen neuen Freund mit Erstaunen an, besorgte, wie es seine Gewohnheit, das Boot und erklärte dann wohlgemut, er sei bereit zu folgen. Sie standen ein wenig entfernt von der Durchfahrt der Kais, und trotz des hellen Mondscheins konnten zwei Männer in ihrer Tracht nur wenig Aufmerksamkeit erregen; doch dem Bravo schien es hier noch immer nicht sicher genug. Er wartete, bis Antonio das Boot verlassen hatte, und warf ihm dann, ohne weitere Erlaubnis, einen Mantel um, den er überm Arm getragen hatte. Eine Mütze, der seinigen ähnlich, auf das graue Haar des Alten gesetzt, vollendete die Metamorphose.

»Eine Maske ist nicht nötig«, sagte er, nachdem er seinen Gefährten aufmerksam betrachtete, »niemand wird Antonio in diesem Aufzug suchen.«

»Ist all dies nötig, Jacopo? Ich bin dir Dank schuldig für deinen wohlgemeinten und – wären nicht die harten Herzen der Reichen und Mächtigen – für deinen wohltätigen Dienst. Doch muß ich dir sagen, eine Maske trug ich noch nie; denn warum sollte jemand, der mit der Sonne aufsteht, um sein schweres Werk zu beginnen, und der sich auf den Segen des heiligen Antonius verläßt, gleich einem Stutzer ausgehen, um den guten Namen einer Jungfrau zu stehlen, oder wie ein Räuber in der Nacht?«

»Du kennst ja unsere venezianische Sitte, und es möchte überdies nicht unnötig sein, bei unserm Geschäft etwas vorsichtig zu Werke zu gehen.«

»Du vergißt, daß mir deine Absichten noch verborgen sind. Ich sag es nochmals und sag es mit Aufrichtigkeit und Erkenntlichkeit, ich bin dir vielen Dank schuldig, obgleich der Zweck verfehlt ist und der Junge noch immer festsitzt in der schwimmenden Schule der Gottlosigkeit – doch, Jacopo, du trägst einen Namen, von dem ich wünschte, er gehörte dir nicht. Es wird mir schwer, alles zu glauben, was sie heute am Lido von einem sagten, der für den Schwachen, dem man Unrecht getan, so viele Teilnahme bewiesen hat.«

Das tiefe Stillschweigen, das dieser Bemerkung folgte, war so drückend für Antonio, daß es ihm eine Art Erlösung schien, als Jacopo sich wieder mit tiefem Atemzug zu fassen schien.

»Es hat nichts zu bedeuten«, erwiderte Jacopo mit dumpfer Stimme. »Es hat nichts zu bedeuten; wir wollen ein andermal darüber sprechen. Jetzt folge und schweig.«

Antonios selbstbestellter Führer schlug den Pfad vom Wasser weg ein und deutete letzterem an, ihm zu folgen. Der Fischer gehorchte. Jacopo trat zuerst in den Hof vor dem Palast des Dogen; seine Schritte waren gemächlich, und der vorüberziehenden Menge schienen sie, gleich tausend andern, nur hier zu wandeln, um sich der frischen Nachtluft oder der Vergnügungen der Piazza zu erfreuen. Im dunkeln und gebrochenen Licht des Hofes blieb Jacopo stehen, sichtlich um die Personen zu betrachten, die dieser enthielt. Vermutlich sah er keinen Grund zum Zögern, denn nach einem, seinem Begleiter gegebenen Zeichen durchschritt er den Platz und stieg die Stufen hinauf, die, von den oben stehenden Statuen, die Riesentreppe genannt werden. Vorüber zogen sie an dem berüchtigten Löwenrachen und wollten rasch die offene Galerie entlanggehen, als ihnen ein Hellebardier der herzoglichen Garde entgegentrat.

»Wer da?« fragte der Mietling, ihnen seine lange, gefährliche Waffe vorhaltend.

»Freunde des Staates und des heiligen Markus.«

»Niemand passiert zu dieser Zeit ohne die Parole.«

Jacopo deutete Antonio an, stille zu stehen, er selbst näherte sich dem Hellebardier und lispelte ihm einige Worte ins Ohr. Alsbald richtete dieser die Waffe auf und schritt mit gewohnter Gleichgültigkeit die lange Galerie auf und ab. Die beiden gingen weiter; Antonio, nicht wenig erstaunt über alles, was er gesehen hatte, folgte eilfertig seinem Führer, sein Herz schlug lebhaft in unbestimmter Hoffnung. Der Welten Lauf war ihm nicht so unbekannt, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß die Mächtigen zuweilen im geheimen gewähren, was ihnen Politik öffentlich zu tun verbietet. Voller Erwartung, den Dogen vielleicht selbst zu sehen und sein teures Kind zurückzuerhalten, schritt der Alte die lange, dunkle Galerie mit leichten Schritten entlang und fand sich endlich, immer Jacopo folgend, am Fuß einer andern steinernen Treppe. Der Weg ward nun für unseren Fischer zum Labyrinth, denn sein Gefährte verließ jetzt die öffentlichen Ausgänge des Palastes und führte ihn durch eine geheime Tür mehrere schwach erleuchtete oder auch ganz finstere Korridore entlang. Treppauf, treppab ging es, von Zimmer zu Zimmer, bis Antonio schwindelte und er ganz die Richtung des Weges verlor. Endlich hielten sie an in einem dunkeln, schlecht möblierten Zimmer, durch die schwache Erleuchtung nur noch dunkler gemacht.

»Du bist gut bewandert in der Wohnung unseres Fürsten«, sagte der Fischer, als ihm seines Gefährten Stillstand zu sprechen erlaubte. »Dem ältesten Gondelführer sind die Krümmungen der Kanäle nicht besser bekannt als dir diese Galerien und Korridore.«

»Mein Geschäft war, dich hierher zu leiten, und was ich zu tun habe, trachte ich gut zu tun. Antonio, du bist ein Mann, der die Gegenwart der Großen nicht fürchtet, dieser Tag hat es bewiesen. Nimm all deinen Mut zusammen, denn ein schwerer Augenblick steht dir bevor.«

»Kühn sprach ich mit dem Dogen. Wen hätt ich, außer dem Heiligen Vater selbst, noch zu fürchten auf dieser Erde?«

»Wohl magst du zu kühn gesprochen haben, Alter. Mäßige deine Worte, die Großen hören nicht gern die Sprache der Nichtachtung.«

»Gefällt ihnen die Wahrheit so wenig?«

»Dem sei, wie ihm wolle, sie hören sich gern rühmen, wenn sie Lob verdienten, doch Tadel ist ihnen zuwider, selbst wenn sie fühlen, daß er gerecht ist«

»Ich fürchte«, sagte der Alte, den andern unbefangen ansehend, »ich fürchte, es ist nur wenig Unterschied zwischen dem Mächtigen und Schwachen, wenn beide entkleidet sind und der bloße Mensch dem Menschen gegenübersteht.«

»Die Wahrheit möchte hier kein willig Ohr finden.«

»Wie! Leugnen sie, daß sie Christen, Sterbliche, Sünder sind?«

»Sie rühmen sich des ersteren, Antonio – vergessen das zweite und hören sich nicht gern das dritte nennen, außer von sich selbst.«

»Ich fange doch an zu zweifeln, daß ich des Knaben Freiheit erlangen werde, Jacopo.«

»Sprich sanft mit ihnen, sag nichts, was ihre Eigenliebe verwunden oder ihre Autorität bedrohen könnte – sie verzeihen viel, besonders wenn letztere geachtet wird.«

»Doch eben diese Autorität nahm mir mein Kind! Kann ich zugunsten einer Macht sprechen, die ich für ungerecht erkenne?«

»Wenigstens mußt du so tun, sonst schlägt dein Gesuch fehl.«

»Laß mich nach meinen Lagunen zurückkehren, lieber Jacopo, denn meine Zunge bewegt sich nur nach dem Gebot meines Herzens. Sag du ihnen in meinem Namen, daß ich hierher kam, um ihnen meine Achtung zu beweisen, daß ich aber, weil ich sah, wie fruchtlos ferneres Bitten sein würde, zu meinen Netzen und Gebeten heimgekehrt sei.«

Nach diesen Worten schüttelte er die Hand seines bewegungslosen Gefährten und schickte sich zum Fortgehen an. Ehe noch sein Fuß die Marmorhalle verlassen hatte, zielten schon zwei Hellebarden nach seiner Brust; er sah jetzt zum erstenmal, daß bewaffnete Männer den Eingang besetzt hielten und er so eigentlich ein Gefangener sei. Die Natur hatte dem Fischer einen richtigen und schnellen Blick gegeben und lange Gewohnheit seine Nerven gestählt. Als er seine wahre Lage bemerkte, wandte er sich, statt aller nutzlosen Vorstellungen und ohne Schrecken zu verraten, mit ruhigem Blick zu Jacopo.

»Gewiß wollen mir die durchlauchtigen Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen«, sagte er, »und es würde einem niedrigen Fischer schlecht anstehen, ihnen die Gelegenheit dazu zu rauben. Besser wär’s freilich, man wendete hier in Venedig weniger Gewalt an, wenn es auf die einfache Entscheidung von Recht und Unrecht ankommt.«

»Wir werden ja sehen«, antwortete Jacopo, der bei dem verunglückten Versuch des anderen, fortzukommen, keine Teilnahme geäußert hatte. Ein langes Stillschweigen erfolgte. Die Hellebardiere verharrten in ihrer steifen Haltung im Schatten der Wände, während Jacopo und sein Gefährte, fast ebenso starr und unbeweglich, die Mitte des Zimmers einnahmen.

Es wird hier nicht überflüssig sein, dem Leser einige besondere Staatseinrichtungen des Landes, von dem wir schreiben und die mit der Szene, die jetzt folgt, in Verbindung stehen, zu erläutern.

In den Zeitaltern, als die Herrscher noch profan genug waren, zu behaupten, und die Beherrschten schwach genug, es zuzugeben, daß das Recht eines Mannes, seinesgleichen zu beherrschen, ein unmittelbares Geschenk Gottes sei, hielt man eine, wenn auch nur angebliche Abweichung von diesem kühnen und egoistischen Grundsatz hinreichend, einer Nation den Charakter von Freiheit und Gemeinsinn zu geben. Dieser Glaube ist auch nicht ganz unrichtig, da er – theoretisch wenigstens – den Grund der Regierung auf eine Basis stellt, die wesentlich von der unterschieden ist, die alle Macht als das Eigentum eines einzelnen betrachtet.

Wahrscheinlich glaubten die Patrizier von St. Markus, als sie eine Gemeinschaftlichkeit der politischen Rechte unter sich bildeten, ihr Stand habe nun alles getan, was nötig wäre, um jenen hohen und ehrenvollen Titel »Republik« zu verdienen.

Venedig kannte kein göttliches Recht, und da dessen Fürst wenig besser als eine Puppe war, so machte es kühn auf den Namen einer Republik Anspruch und war in der Tat nur eine ausschließliche, eine gemeine, äußerst herzlose Oligarchie.

Der Unterschied des Ranges, ganz getrennt vom Willen der Nation, bildete die Basis des venezianischen Staates. Autorität war hier, wenngleich verteilt, nicht minder ein Geburtsrecht als in den Ländern, wo sie als eine Gabe der Vorsehung angesehen ward. Die Patrizier hatten hohe, ausschließliche Rechte, die mit Anmaßung und Eifersucht bewacht und aufrechterhalten wurden. Wer nicht zum Herrschen geboren war, hatte wenig Hoffnung, jemals zum Besitze seiner natürlichen Rechte zu gelangen, während der zufällig dazu Geborene die schrecklichste, despotischste Macht ausübte. Die Namen der Hauptfamilien wurden in das sogenannte »Goldene Buch« eingetragen, und der beneidenswerte Nachkömmling dieser registrierten Vorfahren konnte, mit wenigen Ausnahmen (wie bei Don Camillo zum Beispiel die Monforte), im Senat auftreten und auf die Ehre der »Gehörnten Mütze« Anspruch erheben. Dieses grundfalsche Regierungswesen ward den Untertanen nur durch die Beiträge der eroberten und zinspflichtigen Provinzen erträglich, denn diese, wie bei jeder Zentralregierung, fühlten den Druck am meisten.

Als der Senat zu zahlreich geworden war, um die verwickelten Geschäfte des Staates mit gehöriger Verschwiegenheit und Eile zu leiten, wurden die wichtigeren Gegenstände einem Rate von dreihundert Mitgliedern anvertraut. Um der Öffentlichkeit und Verzögerung noch mehr vorzubeugen, bildete man einen noch kleineren Ausschuß, den sogenannten Rat der Zehn, dem man einen großen Teil der exekutiven Gewalt anvertraute, die in den Händen des Titularoberhauptes zu gefährlich werden konnte. Dies hatte wenigstens, wie fehlerhaft auch das Ganze war, den guten Erfolg, daß es den Gang der Geschäfte einfacher und offenbarer machte. Die Agenten der Regierung waren bekannt, und obgleich alle Verantwortlichkeit gegen die Nation durch den höheren Einfluß und die engherzige Politik der Patrizier verlorenging, so konnten doch die Herrscher dem öffentlichen Tadel nicht ganz entgehen, wenn sie sich ein ungerechtes und unrechtmäßiges Verfahren erlaubten. Doch hatte ein Staat, dessen Gedeihen hauptsächlich von Abgaben und Zuschüssen der Untergebenen abhing und dessen Existenz ebensosehr durch seine eigenen falschen Grundsätze als durch die anwachsende Größe benachbarter Staaten bedroht ward, in Abwesenheit einer exekutiven Gewalt in den Händen der Bürger Venedigs, einer wirksameren Macht nötig. Eine politische Inquisition, die mit der Zeit das furchtbarste polizeiliche Werkzeug wurde, war die Folge dieser Notwendigkeit.

Eine Gewalt ohne Schranken und Verantwortlichkeit ward periodisch einem noch kleineren Ausschusse übertragen, der seine despotischen und geheimen Funktionen unter dem Namen der Drei ausübte. Das Los entschied die Wahl dieser drei Herrscher, und zwar so, daß sie nur ihnen selbst und wenigen der vertrauteren Staatsdiener bekannt ward. So existierte zu allen Zeiten im Herzen von Venedig eine geheime und allgewaltige Macht, von Männern ausgeübt, die als solche der menschlichen Gesellschaft ganz unbekannt waren und sich den gewöhnlichen und harmlosen Verrichtungen und Ansprüchen des Lebens hinzugeben schienen, aber in Wahrheit von so tyrannischen, egoistischen politischen Maximen geleitet wurden, wie sie nur jemals der böse Genius der Menschheit erfunden hat. Kurz, es war eine Macht, die ohne Mißbrauch nur der unfehlbaren Tugend und der unendlichen Weisheit – versteht sich, nach Maßgabe menschlicher Kräfte – anvertraut, deren Ansprüche sich nur auf Geburt und die verschiedenen Farben der Kugeln gründete und denen nicht einmal die Schranke der Publizität gesetzt war. – Der Rat der Drei versammelte sich im geheimen, erließ gewöhnlich seine Dekrete ohne Beratung mit den anderen Gerichten und bekräftigte sie durch die Furchtbarkeit der Mysteriosität und plötzlichen Ausführung, die den schnellen Schlägen des Schicksals glich. Selbst der Doge vermochte nichts gegen ihre Autorität, noch war er geschützt vor ihren Beschlüssen; man weiß sogar, daß einer der privilegierten Drei von seinen Gefährten denunziert wurde. Es existiert noch ein langes Verzeichnis der Staatsmaximen, die dieses geheime Tribunal zur Richtschnur seiner Handlungen nahm, und es ist nicht zuviel gesagt, daß sie alles andere, außer Erreichung des vorgesetzten Zweckes, aus den Augen setzten – alle anerkannten göttlichen Gesetze und jeden unter den Menschen geachteten Grundsatz der Gerechtigkeit.

Zwölftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Antonio stand also jetzt im Vorzimmer des eben beschriebenen geheimen und strengen Tribunals. Wie alle Leute seines Standes hatte der Fischer eine dunkle, unsichere Idee von dem Dasein und den Attributen des Gerichtshofes, vor dem er jetzt erscheinen sollte. Doch sein einfacher Verstand war weit entfernt, den ganzen Umfang zu erkennen oder die Beschaffenheit der Geschäfte zu begreifen, die ebensowohl die wichtigeren Angelegenheiten der Republik als die geringeren der Patrizierfamilien in sich schlossen. Während sich seine Seele mit dem möglichen Erfolg der erwarteten Zusammenkunft beschäftigte, öffnete sich eine innere Tür, und ein Diener gab Jacopo ein Zeichen zum Nähertreten. Das tiefe, feierliche Schweigen, das nach ihrem Eintritt in den Rat der Drei erfolgte, gab ihnen Zeit genug, das Zimmer und die darin Befindlichen näher zu betrachten. Ersteres war nicht groß für das Land und Klima, wohl aber der geheimen Ratsversammlung, die es enthielt, angemessen. Der Fußboden bestand aus schwarz und weiß gewürfelten Marmorstücken; die Wände waren mit schwarzem Tuch beschlagen, eine einzige Lampe von dunkler Bronze hing über einem in der Mitte stehenden Tisch, der, wie alle übrigen geringen Möbel, mit Schwarz behangen war. In jedem Winkel des Gemachs sah man vorspringende Kammern, die vielleicht waren, was sie schienen, vielleicht auch als Eingänge zu den anderen Zimmern des Palastes dienten. Alle Türen wurden durch Vorhänge dem Blicke entzogen, wodurch das Ganze einen einförmigen und schaudererregenden Charakter der Düsterkeit erhielt. An der einen Seite des Zimmers, Antonio gegenüber, saßen drei Männer auf kurulischen Stühlen, doch konnte man sie, da ihre Gesichtszüge und Gestalten durch Masken und weite Anzüge verhüllt waren, nicht erkennen. Einer dieser Machthaber trug eine karmesinfarbene Robe, als Repräsentant des Gerichtshofes des Dogen. Die beiden anderen in Schwarz waren die, die aus dem Rate der Zehn, selbst nur ein temporärer, gelegentlich berufener Gerichtshof, die glücklichen oder vielmehr unglücklichen Kugeln gezogen hatten. Zwei oder drei Subalternen, nahe dem Tische, sowie die noch niedrigeren Beamten des Ortes waren durch ähnliche Verkleidungen wie die der Oberhäupter unkenntlich gemacht. Jacopo schien dies Schauspiel wenngleich mit Achtung und Scheu, doch wie jemand, der dessen schon gewohnt ist, zu betrachten; der sichtliche Eindruck aber, den es auf Antonio machte, war nicht zu verkennen. Wahrscheinlich sollte die lange Pause, die nach seinem Eintritt erfolgte, diesen Erfolg hervorbringen, denn von allen Seiten bewachten ihn scharfe Blicke.

»Man nennt dich Antonio von den Lagunen?« fragte einer der Sekretäre nahe dem Tische, nachdem er von dem karmesinfarbenen Mitglied ein geheimes Zeichen zum Befragen erhalten.

»Ein armer Fischer, Exzellenz, der dem heiligen Antonio vom wunderbaren Zuge viel verdankt.«

»Und du hast einen Sohn, der deinen Namen trägt und dein Gewerbe treibt?«

»Es ist Christenpflicht, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Mein Sohn ist seit zwölf Jahren tot, seit dem Tage, als die Galeeren der Republik die Ungläubigen von Korfu nach Kandia jagten. Er ward mit vielen anderen von seinem Beruf in jenem blutigen Gefecht getötet, edle Signori.«

Eine Bewegung des Erstaunens zeigte sich unter den Schreibern, sie flüsterten einander zu und schienen die in ihren Händen befindlichen Papiere mit Eile und Verlegenheit zu untersuchen. Blicke wurden den unbeweglichen, in das undurchringliche Geheimnis ihrer Funktion gehüllten Richtern zugesandt. Ein geheimes Zeichen indes veranlaßte die bewaffneten Diener bald, Antonio und seinen Gefährten aus dem Zimmer zu führen.

»Hier mangelt etwas am Bericht!« sagte eine strenge Stimme aus der Zahl der Drei, sobald die Fußtritte der Abgeführten verhallten. »Es ist nicht schicklich, daß die Inquisition von St. Markus hierbei eine Unwissenheit offenbare.«

»Es betrifft ja bloß die Familie eines niedrigen Fischers, durchlauchtiger Signore«, erwiderte der zitternde Diener, »vielleicht sucht er uns beim Eingange des Verhörs durch List zu betrügen.«

»Du irrst«, unterbrach ein anderer der Drei, »der Mann heißt Antonio Vecchio, und wie er gesagt, fiel sein einzig Kind in der heißen Schlacht mit den Ottomanen. Der, von dem jetzt die Rede ist, ist sein Enkel und noch ein Knabe.«

»Der edle Signore hat recht!« erwiderte der Schreiber. »In der Eile haben wir ein Faktum mißverstanden, das die Weisheit des Rates schnell berichtigt. St. Markus ist glücklich, unter seinen stolzesten und ältesten Namen Senatoren zu haben, die sich so genau des Interesses seiner geringsten Kinder annehmen.«

»Führt den Mann wieder herein«, nahm der Richter das Wort, sich für das Kompliment leicht verneigend. »Dergleichen Vorfälle sind unvermeidlich im Drange der Geschäfte.«

Die nötigen Befehle wurden gegeben, und Antonio, mit seinem Gefährten stets zur Seite, trat zum zweiten Male ein.

»Dein Sohn starb im Dienste der Republik, Antonio?« fragte der Sekretär.

»So ist’s, Signore. Die heilige Maria mag sich seiner erbarmen und mein Gebet erhören! So ein gutes Kind und ein so tapferer Mann wird wohl vieler Seelenmessen nicht bedürfen, sonst müßte sein Tod doppelt betrübend für mich sein, da ich zu arm bin, sie zu bezahlen.«

»Du hast einen Enkel?«

»Ich hatte einen, edler Senator, ich hoffe, er lebt noch.«

»Arbeitet er nicht mit dir auf den Lagunen?«

»Wollte der heilige Theodor, es wäre so! Er ist aufgegriffen, Signore, mit vielen anderen von zartem Alter, für die Galeeren, von denen ihn unsere Liebe Frau erlösen mag! Wenn Ew. Exzellenz Gelegenheit hätten, mit dem General der Galeeren, oder irgend sonst jemandem, der in diesen Sachen einige Autorität hat, zu sprechen, so flehe ich hier auf meinen Knien, sprechen Sie zugunsten meines Kindes, eines guten, frommen Buben, der selten seine Leine ins Wasser wirft, ohne vorher ein Ave zu sprechen oder ein Gebet an den heiligen Antonio zu richten, und der mir nie Unruhe gemacht hat, bis er in die Klauen des heiligen Markus gefallen.«

»Steh auf! – In dieser Angelegenheit hab ich dich nicht zu fragen. Du hast heute von deiner Bitte an unseren durchlauchtigen Dogen gesprochen?«

»Ich habe Se. Hoheit gebeten, den Knaben freizugeben.«

»Und das hast du öffentlich und mit wenig Ehrfurcht gegen die hohe Würde und den heiligen Charakter des Oberhaupts der Republik getan?«

»Ich tat es als Vater und Mensch. Wenn nur die Hälfte von dem wahr wär, was man von der Güte und Gerechtigkeit des Staates spricht, so hätten Se. Hoheit mich angehört als Vater und Mensch.«

Eine leise Bewegung unter dem furchtbaren Triumvirat veranlaßte eine kurze Pause von seiten des Sekretärs; als er aber sah, daß seine Oberen schwiegen, fuhr er fort: »So tatest du einmal öffentlich und unter den Senatoren; als man dich aber zurückwies mit deiner am unrechten Ort angebrachten und unverständigen Bitte, suchtest du andere Mittel, dein Anliegen vorzubringen?«

»Es ist wahr, erlauchter Signore.«

»Du erschienst unter den Gondolieri der Regatta in unziemlicher Kleidung und stelltest dich in die vorderen Reihen mit denen, die sich um die Gunst des Senats und des Fürsten bewarben.«

»Ich erschien in derselben Kleidung, die ich vor der Heiligen Jungfrau und St. Antonio trage, und wenn ich im Wettlauf der vorderste war, so verdanke ich dies vielmehr der Güte und Gunst meines Nachbars als irgendeiner übrigen Kraft in diesen verwitterten Sehnen und ausgetrockneten Knochen. San Marco mag sich seiner in der Not annehmen für seine Guttat und mag die Herzen der Großen erweichen, damit sie das Flehen eines kinderlosen Vaters erhören.«

Wieder erfolgte eine leise Bewegung der Überraschung oder der Neugier unter den Inquisitoren und eine Pause beim Sekretär.

»Du hörst, Jacopo«, sagte einer der Drei, »was hast du dem Fischer zu antworten?«

»Signore, er spricht die Wahrheit.«

»Und du wagtest zu scherzen mit der Festlichkeit der Stadt und die Wünsche des Dogen geringzuachten?«

»Wenn es ein Verbrechen ist, erlauchter Senator, mit einem alten Mann Mitleid zu haben, der um sein Kind trauerte, und meinen eigenen einzelnen Triumph um seiner Vaterliebe willen aufzugeben, so bin ich schuldig.«

Eine lange, schweigsame Pause erfolgte auf diese Antwort. Jacopo hatte mit seiner gewohnten Ehrfurcht, doch mit der ernsten Ruhe gesprochen, die die Grundlage seines Charakters ausmachte. Die Blässe seiner Wangen blieb dieselbe, und das glühende Auge, das so sonderbar sein gleichsam mit dem Schatten des Todes bedecktes Antlitz aufklärte und belebte, veränderte kaum den Blick während der Antwort. Auf ein gegebenes geheimes Zeichen fuhr der Sekretär fort: »Du verdankst also deinen Sieg in der Regatta dem Wohlwollen deines hier gegenwärtigen Mitkämpfers, Antonio?«

»Unter der Gunst St. Theodors und St. Antonios, der Stadt und meines Schutzheiligen.«

»Dein ganzes Begehren war also, die abgewiesene Bitte hinsichtlich des jungen Schiffers zu wiederholen?«

»Ich hatte kein anderes, Signore. Was sind der Triumph unter den Gondolieri und das Spielzeug nachgeahmter Kette und Ruder für jemanden meines Alters und Standes?«

»Du vergißt, daß Kette und Ruder von Gold sind.«

»Exzellenz, Gold kann die Wunden des verschmachtenden Herzens nicht heilen. Gebt mir mein Kind zurück, damit nicht fremde Hände mein Auge zudrücken und damit ich seinen jungen Ohren gute Lehren gebe, solange noch Hoffnung ist, daß meine Worte gehört werden, und alles Metall des Rialto soll mich nicht reizen! Damit ihr sehet, daß ich nicht eitle Worte mache, biete ich mit schuldiger Ehrfurcht vor ihrer Weisheit und Größe den Edeln diese Kostbarkeit an.«

Bei diesen Worten näherte sich der Fischer mit den furchtsamen Schritten eines Mannes, der nicht gewohnt ist, sich in Gegenwart Vornehmerer zu bewegen, und legte auf die dunkle Decke des Tisches einen Ring, der, wenigstens wie es schien, von edeln Steinen funkelte. Der erstaunte Sekretär nahm den Ring und hielt ihn erwartungsvoll den Richtern vor.

»Was ist dies?« rief der, der unter den Drei am häufigsten teil am Verhör genommen hatte. »Das scheint ja das Pfand unseres Verlöbnisses?«

»Nicht anders, erlauchter Senator, mit diesem Ringe vermählte sich der Doge mit dem Adriatischen Meere in Gegenwart der Gesandten und des Volkes.«

»Hattest du damit auch etwas zu schaffen, Jacopo?« fragte der Richter streng.

Der Bravo sah das Juwel mit Teilnahme an, doch behielt seine Stimme, als er antwortete, die gewöhnliche Tiefe und Festigkeit: »Signore, nein – erst jetzt erfahre ich vom Glück des Fischers.«

Auf ein Zeichen hob der Sekretär von neuem an: »Du mußt sagen, und zwar aufrichtig sagen, wie dieser geheiligte Ring in deine Hände gekommen ist, half dir jemand zu seinem Besitz?«

»Ja, Signore.«

»Nenn ihn uns, damit wir Maßregeln treffen, uns seiner zu versichern.«

»Das wäre nutzlos, Signore, ihn erreicht Venedigs Macht nicht.«

»Was meinst du, Mann? Kein Mensch, der in ihren Grenzen lebt, steht höher als das Recht und die Macht der Republik. Antworte ohne Umschweife, so lieb dir dein Leben ist.«

»Das würde ich hochschätzen, was wenig Wert hat, Signore, und mich einer großen Torheit und einer großen Sünde schuldig machen, wenn ich Euch betrügen wollte, bloß um einen alten und wertlosen Leichnam wie den meinigen vor Schlägen zu retten. Wenn mich Ew. Exzellenzen hören wollen, so bin ich bereit und willig, zu erzählen, wie ich zu diesem Ringe kam.«

»Sprich denn und suche nicht, die Wahrheit zu umgehen.«

»Ich weiß nicht, Signori, ob Sie so gewohnt sind, Unwahrheiten zu hören, daß Sie mich so sehr davor warnen, wir Leute von den Lagunen fürchten uns nicht, auszusprechen, was wir gesehen und getan haben, denn unser Hauptgeschäft ist mit Wind und Wellen, und diese erhalten ihre Befehle von Gott selbst. Unter uns Fischern gibt es eine Sage, Signori, daß vor langer Zeit einer von uns den Ring, mit dem sich der Doge mit dem Adriatischen Meere vermählt, aus dem Hafen hervorgeholt habe. Ein so kostbares Juwel war für jemand, dessen Netze ihm täglich Brot und Öl verschafften, von geringem Nutzen, er brachte ihn daher zum Dogen, wie’s einem Fischer zukam, in dessen Hände die Heiligen einen Schatz geworfen haben, auf den er keine Ansprüche hatte, gerade als wollten sie seine Ehrlichkeit auf die Probe stellen. Von dieser Handlung unseres Gefährten wird viel gesprochen auf den Lagunen und am Lido, und man sagt, einer unserer venezianischen Meister habe ein schönes Bild davon gemacht, das in der Halle des Palastes hängt und die ganze vorgefallene Geschichte erzählt. Es stellt den Fürsten dar auf seinem Thron und den glücklichen Fischer mit seinen nackten Beinen, Sr. Hoheit wiederbringend, was sie verloren. Ich hoffe, daß diese Erzählung wahr ist, Signori, sie schmeichelt unserem Stolz sehr und hält manchen von uns fester ans Rechttun und in größerer Gunst bei dem heiligen Antonio, als außerdem geschehen möchte.«

»Die Sache verhält sich so.«

»Und das Gemälde, Signore? Ich hoffe, unsere Eitelkeit hat uns darin nicht getäuscht?«

»Das erwähnte Bild ist im Palaste zu sehen.«

»Corpo di Bacco! Ich hatte meine Zweifel in dieser Hinsicht, denn es ist nicht gewöhnlich, daß die Reichen und Glücklichen soviel Aufhebens machen von dem, was der Arme tut. Ist das Werk vom großen Tizian selbst, Exzellenz?«

»Nein, das nicht, ein geringerer Name steht auf dem Gemälde.«

»Man sagt, daß Tizian die Kunst verstand, seinen Werken das Ansehen und die Fülle des Fleisches zu geben, und man sollte meinen, daß ein gerechter Mann in der Ehrlichkeit des Fischers Glanzes genug gefunden hätte, um selbst Tizians Auge zu befriedigen. Aber vielleicht sah der Senat Gefahr dabei, uns Lagunenbewohnern also zu schmeicheln.«

»Fahre nun fort, deine eigene Begebenheit mit dem Ringe zu erzählen.«

»Erlauchte Signori, oft träumte mir von dem Glück meines Kameraden aus der alten Zeit, und mehr als einmal zog ich im Traum mein Netz herauf mit dem Gedanken, den Edelstein vielleicht in den Maschen oder im Leibe irgendeines Fisches zu finden. Was ich mir so oft eingebildet habe, geschah endlich wirklich. Ich bin ein alter Mann, Signori, und es gibt nur wenig Teich und Sandbanken zwischen Fusina und Giorgio, die meine Angeln nicht ausgemessen und meine Netze nicht bedeckt hätten. Der Ort, der nach dem Buzentaur bei diesen Zeremonien segelt, ist mir gar wohl bekannt, und ich trug Sorge, den Grund rund umher mit meinen Netzen zu bedecken, in der Hoffnung, den Ring mit herauszuziehen. Als Seine Hoheit das Juwel hinabwarf, belegte ich mit einer Boje die Stelle – Signori, das ist alles –, mein Gehilfe war St. Antonio.«

»Hattest du denn einen Beweggrund, dies zu tun?«

»Heilige Mutter Gottes! War es nicht genug, meinen Knaben aus den Griffen der Galeeren zurückzuerhalten?« rief Antonio mit einer Energie und Einfalt zugleich, wie sich beide oft in einem und demselben Charakter vereinigen. »Ich dachte, wenn der Doge und der Senat geneigt waren, Gemälde malen zu lassen und einem armen Fischer soviel Ehre anzutun für einen Ring, sie vielleicht auch gern einen anderen durch die Freilassung eines Knaben belohnen würden, der der Republik so wenig Dienste leisten kann und seinem Vater alles ist.«

»Deine Bitte an Se. Hoheit, dein Kampf in der Regatta und dein Aufsuchen des Ringes, alles geschah für denselben Zweck?«

»Das Leben hat nur diesen einen für mich, Signore.«

Eine leise, unterdrückte Bewegung machte sich unter dem Ratspersonal bemerklich.

»Als deine Bitte von Sr. Hoheit abgewiesen ward, weil sie zur ungelegenen Zeit getan –«

»Ach! Exzellenz, wenn das Haupt ergraut ist und der Arm unsicher wird, kann man die schicklichen Augenblicke für solche Dinge nicht abwarten«, fiel der Fischer mit etwas von dem glühenden Ungestüm ein, der den Hauptzug des italienischen Charakters ausmacht.

»Als dir deine Bitte abgeschlagen ward und du den Lohn des Sieges zurückgewiesen hattest, gingst du nicht unter deine Kameraden und nährtest ihre Ohren mit Klagen über die Ungerechtigkeit des St. Markus und die Tyrannei des Senats?«

»Nein, Signore. Ich ging traurigen, zerrissenen Herzens fort, denn ich hatte nicht gedacht, daß der Doge und die Edeln einem siegreichen Gondoliere einen so geringen Lohn abschlagen würden.«

»Und du zögertest nicht, dies unter die Fischer und Müßiggänger des Lido zu verkünden?«

»Exzellenz, das war nicht nötig – meine Mitbrüder kannten mein Unglück, und es bedurfte meiner Zunge nicht, das Schlimmste weiterzuverbreiten.«

»Ein Tumult entstand, du an der Spitze, von Aufstand ward gesprochen und groß Rühmens gemacht von dem, was die Flotte der Lagunen gegen die der Republik tun könnte.«

»Es ist wenig Unterschied zwischen beiden, außer, daß die Leute der einen in Gondeln mit Netzen und die anderen in den Galeeren des Staates auslaufen. Wozu sollte ein Bruder des anderen Blut suchen?«

Jetzt ward die Bewegung unter den Ratsherren sichtlicher als je. Sie flüsterten untereinander und überreichten dem examinierenden Sekretär ein Papier, worauf einige schnell geschriebene Worte standen.

»Du sprachst zu deinen Genossen ganz öffentlich über das dir vermeintlich zugefügte Unrecht, du machtest Bemerkungen über die Gesetze, die die Dienste der Bürger begehren, wenn die Republik genötigt ist, eine Flotte gegen den Feind zu senden.«

»Es ist nichts Leichtes, Signore, zu schweigen, wenn das Herz voll ist.«

»Und Beratungen fanden unter euch statt, in Gemeinschaft nach dem Palast zu kommen und vom Dogen im Namen des Pöbels vom Lido die Freilassung deines Enkels zu begehren.«

»Signore, es waren einige so großmütig, dies Anerbieten zu machen, doch andere meinten, es sei wohl zu überlegen, ehe man so kühne Maßregeln ergriffe.«

»Und du – was meintest du in dieser Hinsicht?«

»Exzellenz, ich bin alt, und wenngleich nicht gewohnt, von so erlauchten Senatoren ausgefragt zu werden, hatte ich doch genug von der Regierung des St. Markus erfahren, um einzusehen, daß einige Haufen unbewaffneter Fischer und Gondolieri nicht würden angehört werden mit der …«

»Wie! Waren denn die Gondolieri von deiner Partei? Ich sollte meinen, sie wären neidisch und erzürnt gewesen über den Sieg eines Mannes, der nicht zu ihrer Zunft gehört?«

»Ein Gondoliere ist ein Mensch, und obgleich sie das natürliche menschliche Gefühl von Besiegten hatten, so hatten sie doch auch das natürliche menschliche Gefühl für einen Vater, dem man seinen Sohn geraubt. Signore«, fuhr Antonio mit großem Ernst und ganz besonderer Einfalt fort, »es wird großes Mißvergnügen entstehen auf den Kanälen, wenn die Galeeren mit dem Knaben davonsegeln.«

»Das ist deine Meinung! – Waren viele Gondolieri am Lido?«

»Als die Spiele beendet waren, kamen sie zu Hunderten, und ich muß den großmütigen Burschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie hatten ihren Mangel an Glück in der Liebe zur Gerechtigkeit vergessen. Diamine! Diese Gondolieri sind nicht so schlecht, als einige vorgeben, sie sind Menschen wie wir und haben für einen Christen ebensogut Gefühl wie ein anderer.«

Der Sekretär schwieg nun, denn sein Geschäft war beendet; eine tiefe Stille herrschte im ganzen Zimmer. Nach einer kurzen Pause hob einer der Drei an: »Antonio Vecchio, du hast auf denselben Galeeren gedient, denen du jetzt so entgegen bist, und brav gedient, wie ich erfahren.«

»Ich tat meine Pflicht gegen San Marco, Signore. Ich spielte meine Rolle gegen die Ungläubigen, doch erst nachdem mein Bart gewachsen und ich alt genug geworden war, um Gutes von Bösem zu unterscheiden. Wir alle erfüllen keine Pflicht freudiger, als die Inseln und Lagunen gegen unsere Feinde zu verteidigen.«

»Und alle Herrschaften der Republik. – Du kannst keinen Unterschied machen in den Rechten des Staates.«

»Den Großen ist eine Weisheit gewährt, die Gott den Armen und Schwachen versagt hat, Signore. Mir scheint es nicht recht klar, wie Venedig, eine auf wenigen Inseln erbaute Stadt, mehr Recht auf die Herrschaft von Kreta oder Kandia haben könne, als die Türken haben hierherzukommen.«

»Wie! Wagst du am Lido die Ansprüche der Republik auf ihre Eroberungen in Zweifel zu ziehen? Oder wagen es die unehrerbietigen Fischer, so leichtsinnig vom Ruhm des Staates zu sprechen?«

»Exzellenz, ich weiß wenig vom Recht des Stärkeren. Gott gab uns die Lagunen, daß er uns mehr gegeben hätte, davon weiß ich nichts. Der Ruhm, von dem Sie sprechen, mag den Schultern eines Senators leicht zu tragen sein, doch schwer drückt er des Fischers Herz.«

»Du sprichst von Dingen, kühner Mann, die du nicht begreifst.«

»Es ist ein Unglück, Signore, daß die Kraft des Verstandes denen nicht gegeben ist, die soviel Kraft zum Dulden besitzen.«

Eine ängstliche Pause folgte dieser Antwort.

»Du kannst jetzt gehen, Antonio«, sagte der eine, der anscheinend den Vorsitz führte in dem furchtbaren Rat der Drei. »Du wirst von dem, was geschah, nicht sprechen, sonst sei der unentrinnbaren Gerechtigkeit von St. Markus und deren Erfüllung gewärtig.«

»Ich danke, erlauchter Senator, ich werde gehorchen. Doch mein Herz ist voll, ich möchte wohl gern noch einige Worte wegen des Kindes sagen, ehe ich diese edle Versammlung verlasse.«

»Du magst sprechen – hier darfst du deine Wünsche und deinen Kummer frei ausschütten, wenn du einen hast. San Marco kennt keine größere Freude, als die Wünsche seiner Kinder anzuhören.«

»Ich glaube, man hat der Republik Unrecht getan, als man ihre Oberhäupter herzlos und ehrgeizig nannte«, sagte der Alte mit hochherziger Wärme, ohne den strengen, mißbilligenden Blick zu bemerken, der in Jacopos Auge glühte. »Ein Senator ist auch nur ein Mensch, und unter ihnen gibt’s auch Väter und Kinder wie unter uns auf den Lagunen.«

»Sprich, nur hüte dich vor aufrührerischen und ungebührlichen Reden«, sagte einer der Sekretäre halblaut »Fahre fort!«

»Ich hab nur noch wenig zu sagen, Signori, ich bin es nicht gewohnt, mich meiner dem Staate geleisteten Dienste zu rühmen, Exzellenzen, doch kommen zuweilen Zeiten, wo menschliche Bescheidenheit der menschlichen Natur nachgeben muß. Diese Narben erhielt ich an einem der ruhmvollsten Tage von St. Markus, und zwar auf den vordersten Galeeren, die zwischen den griechischen Inseln fochten. Der Vater meines Knaben weinte damals über mich, wie ich jetzt über seinen Sohn. – Ja – ich sollt mich schämen, dies unter Männern zu gestehen, doch, da einmal Wahrheit gesprochen werden muß – der Verlust des Knaben hat bittere Tränen aus meinen Augen gelockt, wenn ich lag in dunkler Nacht auf den einsamen Lagunen. Ich lag viele Wochen, Signori, mehr einem Leichnam als einem Menschen ähnlich, und als ich wieder heimkehrte zu meinen Netzen und meinem Tagewerk, da hielt ich meinen Sohn nicht zurück, wie die Republik seiner begehrte. Er ging statt meiner, mit den Ungläubigen zu kämpfen – einen Kampf, von dem er nie wiederkehrte. Es war dies eine Pflicht für Männer, die schon Erfahrung hatten und die sich nicht mehr zum Bösen verführen ließen durch die schlechte Gesellschaft auf den Galeeren. Doch dieses Wegrufen der Kinder in die Schlingen des Satans bekümmert einen Vater, und – ich gestehe meine Schwachheit ein, wenn es eine ist – ich bin jetzt nicht mehr so mutig und stolz, mein Fleisch und Blut in die Gefahren und Verderbnisse des Krieges und schlechter Gesellschaft zu schicken, als damals, da die Kraft des Herzens der Kraft der Glieder gleich kam. Gebt mir denn zurück meinen Knaben, bis er mein altes Haupt ins Grab gelegt hat und bis ich ihm mit Hilfe des heiligen Antonius und solcher Ratschläge, als ein armer Mann geben kann, mehr Festigkeit zum Rechten beigebracht und sein Leben so gestaltet habe, daß ihn nicht jeder willkürliche, betrügerische Wind, der seine Barke trifft, hin und her werfe. Signori, Sie sind reich, mächtig und geehrt, und wenn Sie auch zuweilen in Versuchung geraten, ein Unrecht zu tun, das Ihren großen Namen und Vermögen angemessen, so kennen Sie doch wenig die Prüfungen, denen der Arme ausgesetzt ist. Was sind selbst alle Versuchungen des heiligen Antonius gegen die der übeln Gesellschaft auf den Galeeren! Und nun, Signori, wenn Sie auch zürnen sollten, es zu hören, so muß ich es doch sagen, daß – wenn ein alter Mann keinen Angehörigen mehr auf Erden hat als einen einzigen, armen Knaben – daß St. Markus wohltun würde, daran zu denken, daß ein armer Fischer von den Lagunen ebensogut Gefühl hat wie der Doge auf seinem Thron. Ich sage dies, erlauchte Senatoren, im Schmerz, nicht im Zorn, denn ich möchte mein Kind gern zurück haben und mit meinen Oberen in Frieden sterben wie mit meinesgleichen.«

»Du kannst jetzt gehen«, sagte einer der Drei.

»Noch nicht, Signore, ich hab noch mehr zu sagen von den Männern der Lagunen, die mit lauter Stimme über das Wegschleppen der Knaben zum Dienst der Galeeren sprechen.«

»Wir wollen ihre Gesinnung hören.«

»Edle Herren, wenn ich hier alles aussprechen sollte, was sie gesagt, Wort für Wort, so möchte das Ihren Ohren nicht angenehm klingen! Der Mensch ist Mensch, wenngleich sein Ave an die Jungfrau und seine Gebete an die Heiligen unter einer wollenen Jacke und Fischermütze hervorkommen. Allein, ich kenne meine Pflicht gegen den Senat zu gut, um so dreist zu sprechen. Signori, sie sagen, abgesehen der Dreistigkeit ihrer Rede, daß St. Markus Ohren haben sollte ebensogut für den Niedrigsten seines Volkes als für den reichsten Edlen und daß kein Haar eines Fischers von dessen Haupt fallen sollte, ohne ebensogut gezählt zu werden wie die Locken unter der gehörnten Mütze, und daß, wo Gott kein Zeichen seines Mißfallens gegeben hat, die Menschen es auch nicht zeigen sollten.«

»So wagen sie zu klügeln?«

»Ich weiß nicht, ob dies Klugheit ist, erlauchte Signori, doch ist es das, was sie sprechen, und heilige, aufrichtige Wahrheit. Wir sind arme Arbeitsleute von den Lagunen, die mit Tagesanbruch aufstehen, um ihre Netze auszuwerfen, und abends heimkehren zu ihrem harten Lager und noch schlechterer Kost, aber damit wollten wir gern zufrieden sein, wenn uns der Senat nur als Menschen und Christen betrachten wollte. Daß Gott nicht einem jeden dasselbe Schicksal bestimmte, weiß ich wohl, denn wie oft zieh ich mein Netz leer heraus, wenn meine Kameraden unter der Last ihres Fanges stöhnen, doch dies geschieht meiner Sünden wegen und um mein Herz zur Demut zu neigen. Dagegen übersteigt es jedes Menschen Macht, die Geheimnisse der Seelen zu erspähen oder die Übeltaten des noch unschuldigen Kindes vorherzusagen. Der heilige Antonius mag wissen, wie viele Leidensjahre dieser Aufenthalt auf den Galeeren dem Kinde am Ende noch verursachen wird. Überlegen Sie dies, Signori, ich bitte Sie, und senden Sie Leute von festen Grundsätzen in den Krieg.«

»Du kannst jetzt gehen«, sagte der Richter nochmals.

»Es sollte mir leid tun«, fuhr der vom Eifer hingerissene Antonio fort, »wenn irgend jemand, der von meinem Blute stammt, schuld sein sollte am bösen Willen zwischen denen, die da herrschen, und denen, die zum Gehorchen geboren sind. Allein, die Natur ist stärker als das Gesetz, und ich würde ihre Gefühle nicht ehren, wenn ich fortginge, ohne als Vater gesprochen zu haben. Sie haben mir mein Kind genommen und es auf die Gefahr seines Leibes und seiner Seele für den Dienst des Staates bestimmt, ohne mir nur einen Abschiedskuß, einen letzten Segen zu erlauben. Sie haben mein Fleisch und Blut behandelt wie das Holz des Arsenals und haben es auf die See gesandt gleich dem fühllosen Metall der Kugeln, die Sie gegen die Ungläubigen werfen; meinen Bitten haben Sie Ihre Ohren verschlossen, als wären es Worte von Gottlosen, und als ich Sie anrief auf meinen Knien und meine steifen Glieder huldigend ermüdete, als ich den mir durch St. Antonius zugekommenen Ring zurückgab, damit er Ihre Herzen erweichen möchte und ruhig mit Ihnen über Ihre Handlungen rechtete, wandten Sie sich kalt von mir, als wär ich unfähig zur Verteidigung des Kindes, das Gott meinem Alter gelassen hat! Das ist nicht die gerühmte Gerechtigkeit von St. Markus, Senatoren Venedigs, es ist Herzenshartigkeit und Verschwendung der Mittel der Armen, die selbst dem geldgierigsten Hebräer vom Rialto schlecht anstehen würde.«

»Hast du noch mehr vorzubringen, Antonio?« fragte der Richter mit der hinterlistigen Absicht, des Fischers ganze Seele aufzudecken.

»Ist es nicht genug, Signore, daß ich meiner Jahre, meiner Armut, meiner Narben und meiner Liebe für das Kind erwähnt habe? Ich kenne Sie nicht; doch wenn auch verborgen hinter Gewändern und Masken, immer müssen Sie doch Menschen sein. Vielleicht befindet sich unter Ihnen ein Vater oder wohl auch jemand, dem eine noch heiligere Pflicht obliegt, die Sorge für das Kind eines toten Sohnes, zu ihm will ich sprechen. Vergebens redet Ihr von Gerechtigkeit, wenn die Last Eurer Macht auf den fällt, der sie am wenigsten zu tragen vermag; und wenn Ihr Euch auch selber täuscht, der geringste Gondoliere des Kanals weiß …«

Sein Gefährte legte ihm hier plötzlich die Hand auf den Mund und hinderte so seine weitere Rede.

»Warum unterstehst du dich, den Klagen Antonios Einhalt zu tun?« fragte streng der Richter.

»Es ist nicht anständig, so unehrerbietige Reden in so edler Versammlung anzuhören«, antwortete Jacopo, sich ehrfurchtsvoll verneigend. »Dieser alte Fischer, gefürchtete Signori, ist erhitzt von Liebe für sein Kind, er spricht jetzt, was ihn in kühleren Augenblicken gereuen wird.«

»San Marco fürchtet die Wahrheit nicht! Hat er mehr zu sagen, so laß ihn sprechen.«

Doch der aufgeregte Antonio begann sich zu besinnen. Die Hitze, die sein Gesicht überflogen hatte, verschwand, und die nackte Brust hob sich ruhiger. Er stand da wie jemand, den Bescheidenheit und Anstand mehr verdammten als sein Gewissen, mit ruhigem Blick, mit der Gelassenheit, die seinen Jahren, und der Ehrfurcht, die seinem Stande geziemte.

»Hab ich beleidigt, erhabene Patrizier«, sagte er sanfter, »so bitt ich, vergessen Sie den Eifer eines unwissenden alten Mannes, dessen Gefühl den Anstand überwältigt und der weniger geschickt ist, die Wahrheit edeln Ohren angenehm zu machen, als sie auszusprechen.«

»Du magst jetzt gehen.«

Die Bewaffneten näherten sich und führten Antonio und seinen Gefährten auf erhaltenen Wink durch dieselbe Tür ab, durch die sie gekommen waren. Die anderen Beamten des Tribunals folgten, und die geheimen Richter blieben allein im Urteilszimmer.

Dreizehntes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Eine Pause der Überlegung und vielleicht der Ungewißheit, was hierbei zu tun wäre, erfolgte. Sodann erhoben sich die Drei zu gleicher Zeit und legten die Verkleidung ab. Es zeigten sich die ernsten Gesichter bejahrter Männer, deren Züge die Sorgen und Leidenschaften der Welt mit tiefen Furchen durchzogen hatten. Das eben abgetane Geschäft hatte neue und unangenehme Gefühle in allen erregt. Sie näherten sich jetzt dem Tische und suchten Erholung von dem lang erduldeten Zwange.

»Man hat Briefe vom König von Frankreich aufgefangen«, sagte einer, nachdem sie Zeit genug gehabt, ihre Gedanken zu sammeln. »Es scheint, sie handeln von den neuen Absichten des Kaisers.«

»Sind sie dem Gesandten wiedergegeben worden, oder sollen die Originale dem Senat vorgelegt werden?« fragte ein anderer.

»Darüber wollen wir uns zu gelegener Zeit beraten. Ich habe nun nichts weiter mitzuteilen, außer, daß der Befehl, den Botschafter des Heiligen Stuhls aufzufangen, seinen Zweck verfehlt hat.«

»Davon haben mich schon die Sekretäre benachrichtigt. Wir müssen die Nachlässigkeit unserer Agenten untersuchen! Denn man hat guten Grund zu glauben, daß uns dieser Fang manche nützliche Kenntnis gebracht hätte.«

»Da der Versuch schon bekannt ist und viel darüber gesprochen wurde, so müssen Befehle zur Festnahme der Räuber ergehen, damit die Republik ihren guten Ruf nicht verliert bei ihren Freunden. Es sind Namen auf unseren Listen, die sich zur Bestrafung eignen, wie es denn in dieser Hinsicht bei uns nie an Proskribierten fehlt, mit denen man Vorfälle dieser Art verwischen kann.«

»Die Sache ist ohne Zweifel von Bedeutung, und es muß mit gutem Bedacht dabei verfahren werden.«

»Das Verfahren des habsburgischen Hauses raubt mir allen Schlaf!« rief der andere aus, die Papiere mißmutig beiseite werfend, in die er eben einen flüchtigen Blick geworfen hatte. »Heiliger Theodor! Welche Geißel des Menschengeschlechts ist die Begierde, seine Besitzungen zu vermehren und ein ungerechtes Regiment über die Grenzen der Vernunft und Natur auszudehnen! Wir waren hier in Venedig jahrhundertelang im unbestrittenen Besitz von Provinzen, die unseren Einrichtungen angemessen, unseren Bedürfnissen gelegen und unseren Wünschen genehm sind. Und diese Provinzen, die die Tapferkeit unserer Vorfahren erobert, sind jetzt dennoch der Gegenstand des begehrlichen Ehrgeizes unserer Nachbarn geworden, und zwar aus dem eiteln Vorwande einer Politik, die, wie ich fürchte, durch unsere eigene wachsende Schwäche an Stärke zunimmt. Zeichnet sich der Österreicher mit seiner Machtbegier nicht vor allen anderen Fürsten aus?«

»Wohl nicht mehr als der Kastilier, edler Signore. Sie übersehen die unersättliche Begierde des Königs von Spanien, seine Herrschaft über Italien auszubreiten.«

»Habsburger oder Bourbone, Türke oder Engländer, alle scheint derselbe Durst nach Gewalt zu beseelen; jetzt, wo Venedig nichts mehr zu hoffen hat als die Erhaltung seiner gegenwärtigen Vorteile, wird das geringste unseres Eigentums zum Gegenstand begehrlichen Neides für unsere Feinde.«

»Es ist wahr, diese Begierde der Fremden, unseren Privilegien zu nahe zu treten – und wohl kann man sagen, Privilegien, die wir mit unseren Schätzen und unserm Blut gewonnen –, wird täglich sichtlicher. Wird diesem Unwesen nicht gesteuert, so behält St. Markus zuletzt nicht einmal einen Landungsplatz für eine Gondel auf dem Festlande.«

»Der Sprung des Löwen ist sehr abgekürzt, Exzellenz, sonst wär es nicht so! Es steht nicht länger in unserer Macht, zu überreden oder zu gebieten wie ehemals; und unsere Kanäle fangen an sich mit Schneckenkraut, anstatt mit wohlbeladenen Silberschiffen und schnellsegelnden Feluken zu bedecken.«

»Der Portugiese hat uns unersetzlichen Schaden zugefügt, denn ohne seine afrikanischen Entdeckungen wär uns der Handel mit indischen Produkten geblieben. Ich hasse dies Geschlecht von ganzem Herzen. – Was gibt’s, Signore Gradenigo, so in Gedanken?«

Das dritte Mitglied des geheimen Rates, das seit dem Verschwinden des Angeklagten noch kein Wort gesprochen hatte, erhob sich bei dieser Anrede langsam aus seiner nachdenkenden Stellung.

»Das Verhör dieses Fischers hat Bilder aus meiner Kindheit in meinem Gedächtnis hervorgerufen«, antwortete der Gefragte mit einer Natürlichkeit, die selten in diesem Zimmer war.

»Ich hörte dich sagen, er sei dein Milchbruder«, erwiderte der andere, sich bemühend, das Gähnen zu verbergen.

»Dieselbe Milch nährte und dieselben Spiele erfreuten uns in den ersten Lebensjahren.«

»Diese eingebildeten Verwandtschaften beunruhigen uns oft sehr. Ich freue mich, daß Euer Mißmut keinen anderen Grund hat, denn, wie ich hörte, so hat der junge Erbe Eures Hauses einige Neigung zur Verschwendung blicken lassen, und ich fürchtete, daß Dinge Eure Ohren erreicht hätten, die einem Vater, der im Rat sitzt, nicht angenehm zu hören wären.«

Signore Gradenigo blickte neugierig und mißtrauisch in die Augen seiner beiden Gefährten, begierig, ihre geheimen Gedanken zu ergründen, ehe er seine eigenen aussprach.

»Gibt es irgendeine Klage gegen den Jüngling?« fragte er zögernd. »Sie begreifen eines Vaters Interesse und werden mir die Wahrheit nicht verhehlen.«

»Sie wissen, Signore, daß die Agenten der Polizei tätig sind und daß sie nur wenig erfahren, was nicht die Ohren des Rates erreicht. Doch im schlimmsten Fall geht die Sache nicht auf Leben oder Tod. Es kann den jungen Mann höchstens einen Besuch nach Dalmatien oder einen Sommeraufenthalt am Fuß der Alpen kosten.«

»Die Jugend ist die Zeit der Unvernunft, wie Sie wissen, Signori«, erwiderte der Vater, leichter atmend, »und da niemand alt wird, ohne vorher jung gewesen zu sein, so habe ich wohl nicht nötig, Ihre eigene Erinnerung an jugendliche Schwachheiten zu wecken. Ich will doch hoffen, daß mein Sohn unfähig ist, etwas gegen die Republik zu unternehmen?«

»In dieser Hinsicht wird er nicht beargwöhnt.« Ein leichter Schatten von Ironie flog bei diesen Worten über das Antlitz des alten Senators. »Aber er soll sich zu dreist um die Person und den Reichtum Euers Mündels bewerben, und daß dies, da sie unter besonderer Aufsicht von St. Markus steht, nicht ohne Bewilligung des Senats geschehen kann, muß ja einem seiner ältesten und ehrwürdigsten Mitglieder wohl bekannt sein.«

»So ist das Gesetz, und niemand, der von mir abstammt, soll ihm seine Achtung versagen. Ich habe meine Ansprüche an diese Verbindung mit Bescheidenheit, aber offen ausgesprochen und erwarte mit achtungsvollem Vertrauen die Entscheidung des Staates.«

Seine Kollegen neigten sich höflich, der Wahrheit seiner Rede und der Aufrichtigkeit seines Benehmens beistimmend; indes geschah es auf eine Weise, die zeigte, daß an Hinterlist gewöhnte Männer wie sie nicht leicht zu täuschen sind.

»Niemand zweifelt daran, würdiger Signore Gradenigo. Hast du hinsichtlich der jungen Erbin etwas mitzuteilen?«

»Mit Kummer muß ich sagen, daß die Verbindlichkeit, die sie gegen Don Camillo Monforte hat, auf ihr Gemüt einen tiefen Eindruck gemacht hat, und ich fürchte, daß der Senat in dieser Hinsicht mit dem Eigensinn eines Weibes zu kämpfen haben wird. Die Launen ihres Alters werden ihm mehr zu schaffen machen als die Leitung wichtigerer Gegenstände.«

»Ist die Dame in ihrem gewöhnlichen Leben mit angemessener Gesellschaft umgeben?«

»Der Senat kennt ihre Umgebungen. In so wichtigen Sachen werde ich ohne dessen Autorität und Zustimmung nichts tun, doch ist dabei mit großer Delikatesse zu verfahren. Der Umstand, daß so viele Güter meines Mündels im Kirchenstaat liegen, macht es nötig, den schicklichen Zeitpunkt zur Verfügung über ihre Rechte abzuwarten und den Bestand davon in die Grenzen der Republik zu versetzen, ehe wir etwas entscheiden. Haben wir ihr Vermögen erst sicher, so mag ohne Verzug über ihr Schicksal entschieden werden, wie es für den Staat am vorteilhaftesten scheint.«

»Die Dame ist von einem Range, besitzt Reichtümer und persönliche Vorzüge, die bei unseren bedenklichen Verhandlungen, die uns seit kurzem so sehr hemmen, von großem Einfluß sein könnten. Es gab Zeiten, wo sich ein Souverän um die Hand einer Tochter Venedigs bewarb, die nicht schöner war als diese.«

»Diese großen, glänzenden Tage sind nicht mehr, Signore. Sollte es für zweckmäßig erachtet werden, die natürlichen Ansprüche meines Sohnes unberücksichtigt zu lassen und mein Mündel zum Besten der Republik zu vermählen, so kann durch das Mittel doch höchstens nur eine günstige Einwilligung bei künftigen Verhandlungen oder eine neue Stütze für eine der vielen zerrütteten Interessen der Stadt verlangt werden. In dieser Hinsicht könnte sie freilich viel nützen. Damit sie aber frei schalten könne und ihrem Glücke nichts im Wege stehe, wird es nötig sein, den Ansprüchen Don Camillos ein Ende zu machen. Können wir dies besser bewerkstelligen als durch eine schleunige Ausgleichung, um ihn zur Rückkehr nach Kalabrien zu vermögen?«

»Die Sache ist von Wichtigkeit und bedarf der Überlegung.«

»Er klagt ohnehin über unser Zögern, und nicht ganz mit Unrecht. Seit fünf Jahren bereits sind seine Ansprüche vorgebracht.«

»Von diesem Herrn von Sant‘ Agata müssen Gegenbedingungen gemacht werden, sonst setzen wir unseren Vorteil gar zu sehr aus den Augen.«

»Ich erwähnte der Sache vor Ew. Exzellenzen, damit Dero Weisheit darüber entscheide. Mich dünkt, es wäre schon etwas gewonnen, wenn man einen so gefährlichen Gegenstand aus den Augen und dem Gedächtnis eines liebekranken Mädchens entfernte.« »Ist die Jungfrau so verliebt?«

»Sie ist aus Italien, und unsere Sonne erzeugt eine feurige Phantasie.«

»Schickt sie zum Beichtstuhl und zum Gebet! Der ehrwürdige Prior von St. Markus wird ihre Phantasie disziplinieren, bis sie den Neapolitaner für einen Mohren und einen Ungläubigen hält. Signori«, fuhr er dann fort, in einem Stoß Papier kramend, »wir müssen die Sache des Fischers vornehmen – doch wollen wir zuvor den Siegelring genauer untersuchen, den man vergangene Nacht in den Löwenrachen geworfen hat. Signore Gradenigo, Sie waren beauftragt, ihn zu untersuchen.«

»Meine Pflicht ward erfüllt, edle Signori, und mit einem Erfolg, den ich nicht erwartete. Die Eilfertigkeit unserer letzten Sitzung verhinderte das Durchlesen des Papiers, an dem er befestigt war, aber jetzt ist zu sehen, daß beide zusammengehören. Hier ist eine Anklage, die Don Camillo Monforte der Absicht beschuldigt, Donno Violetta, mein Mündel, aus dem Bereiche des Senats bringen zu wollen, um sich ihrer Person und ihrer Reichtümer zu versichern. Die Anklage spricht von Beweisen, die sich im Besitz des Anklägers, eines von dem Neapolitaner beauftragten Agenten, befänden. Wie ich vermute, sendet er als Pfand seiner Glaubwürdigkeit, denn nichts anderes wird dabei erwähnt, das eigne Handsiegel Don Camillos, das er nicht erhalten konnte, wenn er nicht des edeln Herrn Vertrauen besäße.«

»Ist der Ring auch ganz bestimmt der seinige?«

»Davon bin ich vollkommen überzeugt. Sie wissen, daß ich besonders beauftragt bin, sein persönliches Begehren beim Senat zu leiten, und so haben mir denn häufige Unterredungen Gelegenheit gegeben, zu bemerken, daß er früher den Siegelring trug, der ihm jetzt fehlt. Mein Juwelier auf dem Rialto hat diesen für den vermißten Ring erkannt.«

»Insoweit ist die Sache klar, obgleich der eigentümliche Umstand, daß sich der Siegelring des Angeklagten bei der Anklage vorgefunden, etwas dunkel scheint und die Klage unsicher und ungewiß macht. Haben Sie einen Schlüssel zu der Schrift oder Mittel, zu erfahren, woher sie kommt?«

Ein kleiner, fast unbemerkbarer roter Fleck auf der Wange Signore Gradenigos entging dem scharfen Mißtrauen seiner Gefährten nicht, indes verbarg er seine Verlegenheit und antwortete vernehmlich, daß er nichts dergleichen besitze.

»So müssen wir denn die Entscheidung bis auf weitere Beweise verschieben. Die Gerechtigkeitspflege des heiligen Markus ist zu sehr hervorgehoben, als daß man ihren Ruf durch einen übereilten Ausspruch bei einer Sache, die einen mächtigen italienischen Edeln so nahe angeht, aufs Spiel setzen sollte. Denn Camillo Monforte trägt einen ausgezeichneten Namen und zählt zuviel bedeutende Personen unter seinen Verwandten, als daß man mit ihm wie mit einem Gondoliere oder mit dem Boten eines fremden Staates umspringen könnte.«

»In bezug auf ihn haben Sie unbezweifelt recht, Signore, werden wir aber durch zu große Delikatesse unsere Erbin nicht in Gefahr bringen?«

»Es gibt ja viele Klöster in Venedig, Signore.«

»Ein klösterlich Leben eignet sich wenig für mein Mündel«, bemerkte Signore Gradenigo trocken, »und ich fürchte das Experiment, Gold ist der Schlüssel zur festesten Zelle, übrigens können wir ein Kind des Staates auch nicht ohne einen Schein von Anstand unter Gewahrsam bringen.«

»Signore Gradenigo, wir haben über diesen Gegenstand schon lange und ernste Beratungen gepflogen, und da dies unsere Gesetze zulassen, wenn einer aus unserer Zahl ein augenscheinliches Interesse bei der Sache hat, so haben wir uns mit Sr. Hoheit beraten, die auch mit unserer Meinung einverstanden sind. Ihr persönliches Interesse hinsichts der Dame könne Ihr in der Regel vortreffliches Urteil verdunkelt haben, sonst, glauben Sie sicherlich, hätten wir Sie zu unserer Konferenz gezogen.«

Der alte Senator, der sich so unerwartet von der Beratung einer Sache ausgeschlossen sah, die ihm vor allen anderen seine temporäre Autorität wert machte, stand beschämt und schweigend – seine Kollegen indes, den Wunsch, mehr zu erfahren, in seinem Gesicht lesend, fuhren fort, ihm mitzuteilen, was er nach ihrer Absicht hören sollte.

»Es ist beschlossen worden, die Dame nach einem anständigen, einsamen Ort zu bringen, und für die Mittel zu diesem Zwecke hat man bereits Sorge getragen. So wirst du auf eine Zeitlang eine unangenehme Verpflichtung los, die nur zu sehr deinen Geist eingenommen und deine so schätzbare Brauchbarkeit für die Republik bei andern Dingen verringert haben muß.»

Diese unerwartete Mitteilung geschah mit ausgezeichneter Höflichkeit, aber auch mit einem Nachdruck und einem Ton, der Signore Gradenigo hinlänglich mit der Natur des gegen ihn gefaßten Argwohns bekannt machte. Daher lehrte er seine Züge ein ebenso verräterisches Lächeln wie das seiner listigen Gefährten und antwortete mit scheinbarer Dankbarkeit: »Se. Hoheit und Sie, meine vortrefflichen Kollegen, haben Ihre wohlwollenden Wünsche und Ihr gutes Herz zu Rate gezogen. Die Behandlung eines eigensinnigen Weiberherzens ist kein leichtes Geschäft, und indem ich für die gütige Berücksichtigung meiner Bequemlichkeit danke, werden Sie zugleich erlauben, meine Bereitwilligkeit auszudrücken, die Verpflichtung wieder zu übernehmen, wenn es dem Staate gefallen sollte, sie mir wieder zu übergeben.«

»Davon kann niemand mehr überzeugt sein als wir und niemand Ihre Fähigkeit, sich der Verpflichtung treu zu entledigen, besser beurteilen. Doch Sie werden darin mit uns übereinstimmen, daß es sowohl der Republik als auch einem ihrer ruhmwürdigsten Bürger nicht angemessen ist, ein Mündel der Republik in einer Stellung zu lassen, die einen Bürger unverdientem Tadel aussetzt. Glauben Sie mir, wir haben bei dieser Sache weniger an Venedig als an die Ehre und das Interesse des Hauses Gradenigo gedacht; denn sollte dieser Neapolitaner unsere Absichten vereiteln, so würde man Ihnen den größeren Teil der Schuld davon aufbürden.«

»Tausend Dank, vortrefflicher Signore«, erwiderte der abgesetzte Vormund. »Sie haben mir eine schwere Last vom Herzen genommen und mir etwas von der Frische der Jugend wiedergegeben. Die Ansprüche Don Camillos sind nun nicht länger drängend, da es Ihr Wille ist, die Dame auf einige Zeit aus der Stadt zu entfernen.«

»Besser wär’s, ihn noch in Ungewißheit zu lassen, wenn auch nur, um ihn zu beschäftigen. Setzen Sie Ihre Verbindung mit ihm fort, und berauben Sie ihn nicht aller Hoffnung, sie ist ein Belebungsmittel für ein durch Erfahrung noch nicht ertötetes Gemüt. Wir wollen es einem der Unsern nicht verhehlen, daß wir bald am Schluß einer Unterhandlung sind, die den Staat der Sorge für die Dame überheben und der Republik zum Vorteil gereichen wird. Ihre Güter, die außer unsern Grenzen liegen, erleichtern die Sache sehr, deren Kenntnis Ihnen nur vorenthalten worden ist, weil wir Sie seit kurzem zu sehr mit Geschäften überhäuft haben.«

Wieder verneigte sich Signore Gradenigo untertänig und mit scheinbarer Freude. Er sah, daß man trotz seiner geübten Hinterlist und scheinbaren Offenheit seine geheimen Absichten recht gut erkannt habe, und er unterwarf sich nun mit verzweiflungsvoller Resignation. Nach Beendigung dieses delikaten Geschäfts, das die höchstmögliche Freiheit venezianischer Politik erforderte, da es mit dem Interesse eines Mannes verflochten war, der jetzt eben zu demselben Gerichte gehörte, wandten die drei ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge, mit allem Anscheine von Gleichgültigkeit gegen persönliches Gefühl, den sich Männer auf den krummen Pfaden der Staatspolitik aneignen.

»Da unsere Meinungen in Hinsicht der Donna Violetta so glücklich übereinstimmen«, bemerkte der älteste Senator, »so lassen Sie uns die Liste unserer täglichen Pflichten durchmustern – was bringt uns heute abend der Löwenrachen?«

»Einige der gewöhnlichen und unbedeutenden Anklagen, die persönlicher Haß erzeugt«, erwiderte ein anderer. »Da beschuldigt jemand seinen Nachbarn der Hintansetzung religiöser Pflichten und der Nichtbeachtung der Fasttage der heiligen Kirche – törichte Verleumdungen, gut für die Ohren eines Priesters.«

»Sonst nichts?«

»Eine andere Klage beschuldigt einen Ehemann der Vernachlässigung. Es ist Weibergekritzel und trägt deutlich den Stempel weiblicher Rachsucht an der Stirn.«

»Die bald zu erwecken und ebenso bald zu besänftigen ist. Mag das Gerede der Nachbarn Ruhe bringen in den Hausstand. – Was folgt zunächst?«

»Ein Kläger bei dem Gerichtshofe klagt über die Saumseligkeit der Richter.«

»Das tastet den Ruf von St. Markus an und muß untersucht werden.«

»Halt« unterbrach Signore Gradenigo. »Das Tribunal handelt mit gutem Bedacht – es betrifft einen Hebräer, der um wichtige Geheimnisse weiß. Die Sache verdient Überlegung, ich versichere Euch.«

»Vernichtet die Klage. – Gibt’s noch mehr?«

»Nichts Bedeutendes. Die gewöhnliche Anzahl Witzeleien und scherzhafter Knittelverse, die nichts bezwecken.«

»Das ist der Übermut der Sicherheit. Mag’s immerhin durchgehn, denn alles, was zum Zeitvertreib dient, unterdrückt unruhige Gesinnungen. Wollen wir nun zu Sr. Hoheit, Signori?«

»Sie vergessen den Fischer«, bemerkte ernsthaft Signore Gradenigo.

»Da haben Ew. Gnaden recht. Was das für ein Geschäftskopf ist. Nichts Nützliches entgeht seinem stets regen Geist.«

Der alte Senator, wenngleich zu erfahren, um sich durch diese Sprache bestechen zu lassen, sah die Notwendigkeit ein, geschmeichelt zu scheinen. Wieder verneigte er sich und protestierte laut und wiederholt gegen Komplimente, die er so wenig verdiene. Als dies kleine Zwischenspiel vorüber war, beschäftigten sie sich angelegentlich mit der vorliegenden Sache.

Da die Entscheidung des Gerichts der Drei im Laufe dieser Geschichte bekannt werden wird, so wollen wir nicht weiter fortfahren, ihre bei diesen Beratungen gehaltenen Gespräche einzeln zu berichten. Die Sitzung währte lange, so lange, daß, als sie sich nach Beendigung ihres Geschäftes erhoben, die schwere Glocke des Platzes die Stunde der Mitternacht schlug.

»Der Doge wird ungeduldig sein«, sagte eines der namenlosen Mitglieder vor dem Weggehen. »Mir schien Se. Hoheit heute mehr ermüdet und schwächer, als sie sonst bei ähnlichen Stadtfestlichkeiten gewesen ist.«

»Se. Hoheit hören auf, jung zu sein, Signori. Wenn mir recht ist, so ist er uns allen an Jahren weit überlegen.«

»In Wahrheit, es zeigen sich Spuren von Hinfälligkeit in seinem System. Es ist ein ehrenwerter Fürst, und wir verlieren einen Vater an ihm, wenn wir seinen Verlust beweinen werden.«

»Sehr wahr, Signore; die gehörnte Mütze ist kein undurchdringliches Schild für die Pfeile des Todes.«

»Du bist heute abend verdrießlich, Signore Gradenigo, sonst pflegst du unter Freunden nicht so still zu sein.«

»Nichtsdestoweniger bin ich dankbar für Eure Güte. Scheint mein Antlitz beschwert, so hab ich ein erleichtert Herz. Wer seine Tochter so glücklich verheiratet weiß wie du, kann beurteilen, von welcher Last ich mich befreit fühle durch die Anordnung über mein Mündel. Die Freude äußert sich oft wie der Schmerz, ja oft sogar durch Tränen.«

Die beiden Gefährten blickten den Redenden mit scheinbarer Teilnahme an. Dann verließen sie das Zimmer des Gerichts. Die Diener kamen herein, verlöschten die Lichter und ließen alles in einer Dunkelheit, die kein schlechtes Bild der düsteren Mysterien des Ortes war.

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Trotz der späten nächtlichen Stunde ließen sich noch häufig die Töne der Musik auf dem Wasser hören. Noch immer glitten Gondeln durch die dunkeln Kanäle, während Lachen und Gesang unter den Bogen der Paläste erschallten. Die Piazza und Piazetta glänzten noch vom Scheine der Lichter und hallten wider von der Fröhlichkeit der unermüdlichen Volksmenge.

Donna Violettas Wohnung lag fern von dem Schauplatz allgemeiner Fröhlichkeit, und dennoch erreichten die von fern hertönenden Klänge der Instrumente, gedämpft und zitternd, die Ohren der Bewohner.

Die Stellung des Mondes verschattete den engen Kanal, der unter den Fenstern ihrer Wohnzimmer vorüberfloß. Auf einem über das Wasser hängenden Balkon stand das junge Mädchen und hörte bezaubert auf eine der sanften Melodien, in der sich venezianische Stimmen gegenseitig in Gondolieregesängen antworteten. Ihre beständige Gefährtin und Erzieherin war ihr zur Seite, der geistliche Vater beider stand weiter im Hintergrunde des Zimmers.

»Wohl mag es anmutigere Städte, lebhaftere Residenzen geben auf dem festen Lande«, sagte die entzückte, sich aus ihrer lauschenden Stellung aufrichtende Violetta, nachdem die Stimmen schwiegen, »allein, welche Stadt mag sich vergleichen mit Venedig, in solcher Nacht und solcher zauberischen Stunde?«

»Die Vorsehung ist weniger parteiisch gewesen in Austeilung ihrer irdischen Güter, als es dem gewöhnlichen Auge scheint«, erwiderte der Karmeliter. »Wenn wir unsere eigentümlichen Augenblicke himmlischer Andacht besitzen, so haben andere Städte wieder ihre besondern Vorzüge. Genua und Pisa, Florenz, Rom und hauptsächlich Neapel –«

»Neapel, Vater!«

»Ja, Tochter, Neapel. Unter allen Städten des sonnigen Italiens ist dies die schönste und von der Natur am reichsten begabte. Von allen Regionen, die ich während meines Wander- und Büßerlebens besucht, ist dies das Land, wo sich des Schöpfers Hand am göttlichsten gezeigt hat.«

»Wahrlich! Das Land muß schön sein, das eines Karmelitermönchs Einbildungskraft so erwärmen kann.«

»Der Vorwurf ist gerecht. Ich sprach mehr unter dem Einfluß von Erinnerungen vergangener Tage des Müßiggangs und des Leichtsinns als mit dem demütigen Sinn, der die Hand des Schöpfers auch im einfachsten und geringsten seiner wunderbaren Werke erkennen sollte.«

»Sie machen sich ohne Ursache Vorwürfe, Vater«, bemerkte die sanfte Florinde, ihre Blicke auf das Antlitz des Mönchs richtend, »die Schönheiten der Natur bewundern, heißt den anbeten, der sie erschuf.«

In diesem Augenblick erhoben sich melodische Töne vom Wasser zu dem Balkon hinauf. Donna Violetta zog sich beschämt zurück und errötete bis an die Stirn.

»Ein Musikchor zieht vorüber«, bemerkte ruhig Donna Florinde.

»Nein, es ist ein Kavalier! Die Gondelführer sind Diener, in seiner Farbe gekleidet.«

»Dies ist ebenso kühn, wie es galant sein mag«, erwiderte der Mönch, der Musik mit sichtlichem Mißvergnügen zuhörend.

Es ließ sich nicht länger bezweifeln, es war eine Serenade. Obgleich in Venedig eine häufige Sitte, so war es doch das erste Mal, daß eine solche Huldigung unter den Fenstern der Donna Violetta erfolgte. Die gesuchte Zurückgezogenheit, in der sie lebte, ihre bekannte Bestimmung, die Eifersucht des Staates und vielleicht auch die Achtung, die ein so junges Mädchen ihres hohen Standes einflößt, hatten wohl bis jetzt den Verlangenden, den Eiteln und den Eigennützigen zurückgehalten.

»Es gilt mir«, flüsterte die verwirrte, entzückte Violetta.

»Einer von uns«, antwortete ihre vorsichtige Freundin.

»Gelte es, welcher es wolle, es ist sehr dreist«, fügte der Mönch hinzu.

»Welcher Geschmack in dieser Musik«, flüsterte sie, aus Furcht, ihrem Ohr einen Ton zu entziehen. »Es ist die Melodie von einer von Petrarcas Sonetten. Wie unbesonnen und doch wie edel!«

»Mehr edel als weise«, sagte Donna Florinde, indem sie auf den Balkon trat und mit scharfen Blicken das Wasser unten durchmusterte. »Da sind Musikanten in der Farbe eines Adeligen in einer Gondel«, fuhr sie fort, »und ein einzelner Kavalier in einer andern.«

»Hat er keinen Diener bei sich? Rudert er selbst?«

»In Wahrheit, den Anstand übersah er nicht; einer in geblümter Jacke führt das Boot.«

»Sprich denn, teuerste Florinde, ich bitte dich.«

»Würde sich das schicken?«

»Ich denke ja. Sprich nicht hart zu ihnen. Sage, daß ich dem Senate angehöre. Daß es nicht anständig sei, um eine Tochter des Staates so zu werben – sag, was du willst, nur sprich nicht hart zu ihnen.«

»Ha! Es ist Don Camillo Monforte! Ich erkenne ihn an seiner Gestalt und dem höflichen Winken seiner Hand.«

»Diese Tollkühnheit richtet ihn zugrunde! Seine Ansprüche werden zurückgewiesen – er verbannt. Ist nicht bald die Zeit, daß die Polizeigondel vorbeikommt? Rate ihm zum Fortgehen, gute Florinde – und dennoch, können wir gegen einen Signore seines Ranges so unhöflich sein?«

»Vater, raten Sie uns, Sie wissen, was er wagt, der Neapolitaner, mit seiner unbesonnenen Galanterie – hilf uns, mit deiner Weisheit, nicht ein Augenblick ist zu verlieren.«

Der Karmeliter hatte aufmerksam und nachsichtig die Bewegung beobachtet, die eine so neue Empfindung in dem warmen, unerfahrenen Herzen der schönen Venezianerin erregte. Bedauern, Kummer und Mitgefühl malten sich in seinem blassen Antlitz, als er bemerkte, wie sich das Gefühl eines so schuldlosen und warmen Herzens bemeisterte; doch war sein Blick eher der eines Mannes, der die Gefahr der Leidenschaften kannte, als daß er sie, ohne ihren Ursprung und ihre Macht zu berücksichtigen, verdammte. Als die Gouvernante die Bitte getan hatte, verließ er schweigend das Zimmer. Donna Florinde trat vom Balkon und näherte sich ihrem Zögling. Keine Erklärung, keine hörbare noch sichtbare Mitteilung erfolgte, Violetta warf sich in die Arme ihrer erfahreneren Freundin. Jetzt hörte die Musik plötzlich auf, und ein bloßes Plätschern der Ruder ließ sich hören.

»Er ist fort!« rief die Gefeierte der Serenade. »Die Gondeln schwimmen davon, und wir haben nicht einmal den gewöhnlichen Dank abgestattet für ihre Artigkeit.«

»Es bedarf dessen nicht – oder vielmehr, er würde die Gefahr, die so schon groß genug ist, nur vermehrt haben. Gedenke deiner hohen Bestimmung, mein Kind, und laß sie ziehn.«

»Und dennoch, mein ich, sollte es ein Mädchen meines Ranges an Höflichkeit nicht fehlen lassen. Vielleicht meint das Kompliment nichts als die gewöhnliche Sitte, und wir hätten sie ohne Dank nicht fortlassen sollen.«

»Bleib drinnen, Kind. Ich will auf die Bewegung der Boote aufpassen.«

Schnell war die Gouvernante auf dem Balkon. Aber wie eilig sie auch war, die Dunkelheit unten zu durchspähen, so erfolgte noch eiliger die schnelle Frage, was sie sähe.

»Beide Gondeln sind fort«, war die Antwort. »Die mit den Musikanten tritt schon in den Canale Grande, doch die des Kavaliers ist unbegreiflicherweise ganz verschwunden.«

»Nein, nein, sieh nur wieder zu, so schnell kann er uns nicht verlassen.«

»Ich habe nicht die rechte Richtung beachtet. Dort ist seine Gondel, nahe der Brücke unseres Kanals.«

»Und der Kavalier? Er wartet auf irgendein Zeichen der Höflichkeit, es ziemt nicht, ihm dies vorzuenthalten.«

»Ich sehe ihn nicht. Sein Diener sitzt auf den Landungsstufen, die Gondel selbst scheint leer. Der Mann sieht aus, als warte er, doch seinen Herrn seh ich nirgends.«

»Heilige Jungfrau! Sollte dem tapfern Herzog von Sant‘ Agata etwas zugestoßen sein?«

»Nichts als das Glück, hier zu Ihren Füßen zu liegen«, rief eine Stimme nahe der Erbin. Donna Violetta wandte ihren Blick vom Balkon und erblickte denjenigen, der ihre ganze Seele erfüllte, zu ihren Füßen.

Der Aufschrei des Mädchens und ihrer Freundin und die schnelle, eifrige Bewegung des Mönchs brachten bald die ganze Gruppe zusammen.

»Das darf nicht sein«, sagte letzterer im Tone des Vorwurfs. »Stehen Sie auf, Don Camillo, oder ich muß es bereuen, Ihren Bitten Gehör gegeben zu haben. Sie überschreiten unsere Bedingungen.«

»So sehr wie dieses Gefühl meine Hoffnung übertrifft«, erwiderte der Edelmann. »Vergebens widerstrebt man der Vorsehung, Vater! Die Vorsehung machte mich zum Retter dieses lieblichen Geschöpfes, als sie der Zufall in die Giudecca warf, und wiederum ist mir die Vorsehung so günstig, mich zum Zeugen ihres Gefühls zu machen. Sprich, schöne Violetta, du willst nicht ein Werkzeug des Eigennutzes des Senats werden – du willst nicht hören auf seine Wünsche, deine Hand einem Habsüchtigen zu geben, der mit dem heiligsten aller Schwüre seinen Spott treiben möchte, nur um deine Reichtümer zu besitzen.«

»Wem hat man mich bestimmt?« fragte Violetta.

»Was liegt daran, daß du es nicht für mich bist. Irgendein Glücksjäger, irgendein Unwürdiger, der die Gaben des Schicksals mißbraucht.«

»Du kennst die Sitten Venedigs, Camillo, und mußt wissen, daß ich ohne Hoffnung in ihren Händen bin.«

»Stehen Sie auf, Herzog von Sant‘ Agata«, sagte der Mönch befehlend, »als ich Ihnen erlaubte, diesen Platz zu betreten, geschah es nur, um den anstößigen Auftritt von den Toren zu entfernen und Sie selbst zu retten vor der übereilten Nichtachtung des Mißfallens des Staates. Vergebens ist es, Hoffnung zu nähren, die den Absichten der Republik entgegen sind. Stehen Sie denn auf und achten Sie Ihr Versprechen.«

»Das wird von der Entscheidung dieser Dame abhängen. Machen Sie mir Mut mit einem zustimmenden Blick, schönste Violetta, und nicht Venedig mit seinem Dogen und seiner Inquisition soll mich einen Zoll breit von Ihren Füßen entfernen.«

»Camillo«, antwortete das zitternde Mädchen, »du, der Retter meines Lebens, bedarfst des Kniens nicht!«

»Herzog von Sant‘ Agata – meine Tochter!«

»Achte nicht auf ihn, großmütige Violetta – seine Rede ist nicht die der Natur – er spricht wie alle seines Alters. Er ist ein Karmeliter und muß so weise scheinen. Die Übermacht der Leidenschaft ist ihm stets fremd geblieben. Die Kälte seiner Zelle erstarrte die Wärme seines Herzens. Wäre er menschlich, er hätte geliebt, hätte er geliebt, nie trüg er die Kapuze.«

Vater Anselmo trat einen Schritt zurück, als fühlte er sein Gewissen getroffen, und die Blässe seiner abgehärmten Züge wurde leichenfahl, seine Lippen bewegten sich, als wollte er sprechen, doch die Stimme erstickte wie unter schwerem Druck. Die gutmütige Florinde sah seinen Schmerz und versuchte die Vermittlerin zwischen dem ungestümen jungen Mann und ihrem Zöglinge zu sein.

»Wohl kann es sein, wie Sie sagen, Signore Monforte«, sagte sie, »daß der Senat aus väterlicher Sorgfalt einen Gatten sucht, würdig der Erbin eines so berühmten und reichen Hauses als das von Tiepolo. Was ist dabei aber so Ungewöhnliches? Suchen nicht alle Edeln Italiens eine ihrem Stande und ihren Glücksgütern angemessene Partie? Wie können wir wissen, ob die Güter meiner jungen Freundin mindern Wert haben in den Augen des Duca von Sant‘ Agata als in den Augen des, den der Senat zu ihrem Gemahl erwählt?«

»Könnte dies sein!« rief Violetta aus.

»Glaub es nicht; meine Reise nach Venedig ist kein Geheimnis. Ich suche die Zurückgabe von Ländereien und Häusern, die man meiner Familie lange vorenthalten hat, in Verbindung mit Senatswürden, die mir von Rechts wegen zukommen. Freudig geb ich alles auf für deine Liebe.«

»Hörst du es, Florinde? Nein, Don Camillo darf man nicht mißtrauen.«

»Was ist doch der Senat und alle Macht des St. Markus, daß sie unser Leben elend machen sollten? Sei mein, geliebte Violetta! Und in meinem festen Schlosse in Kalabrien wollen wir ihrer Rache und ihrer Politik trotzen. Ihre getäuschte Hoffnung soll Stoff zum Scherz für meine Vasallen liefern, und unser Glück soll das Glück von Tausenden machen. Ich heuchle weder Nichtachtung der Ratswürde noch Gleichgültigkeit für das, was ich verliere, doch für mich hast du bei weitem mehr Wert als die gehörnte Mütze selbst mit all ihrem eingebildeten Ruhm und Einfluß.«

»Großmütiger Camillo!«

»Sei mein und erspare den kalten Rechenmeistern im Senat ein neues Verbrechen. Sie gedenken über dich zu verfügen nach ihrem Vorteil, als seist du eine wertlose Ware. Doch du wirst ihre Absicht vereiteln. Ich lese deinen hochherzigen Entschluß in deinen Augen, Violetta, dein Wille wird triumphieren über ihre List und ihren Egoismus.«

»Verhandelt möcht ich nicht werden, Don Camillo, wohl aber erworben und gewonnen, wie sich’s ziemt für ein Mädchen meines Standes. Vielleicht lassen sie mir auch freie Wahl. Signore Gradenigo schmeichelte mir neulich mit dieser Hoffnung, als er von einer meinen Jahren angemessenen Verbindung sprach.«

»Glaub ihm nicht, ein kälteres Herz, einen lieblosern Sinn findet man nicht in Venedig. Er sucht deine Gunst für seinen verschwenderischen Sohn, einen Kavalier ohne Ehre, der Gefährte nichtswürdiger Menschen. Glaub ihm nicht, er ist geübt in der Verstellung.«

»Wenn das so ist, dann haben ihm seine Künste wenig geholfen, unter den jungen Männern in Venedig schätze ich keinen weniger als Giacomo Gradenigo.«

»Die Zusammenkunft muß endlich zu Ende gehen«, sagte der Mönch, kräftig dazwischentretend und den Herzog zum Aufstehen zwingend. »Leichter ist es, den Netzen der Sünde zu entgehen als den Agenten der Polizei. Ich zittere, daß dieser Besuch bekannt wird; wir sind umgeben von den Gehilfen des Staates, und kein Palast Venedigs wird so streng bewacht als dieser. Würdest du hier entdeckt, unbesonnener junger Mann, so müßte deine Jugend im Gefängnis verschmachten, und du würdest diesem unschuldigen und unerfahrenen Mädchen Verfolgungen und unverdiente Leiden zuziehen.«

»Im Gefängnis, sagtest du, Vater?«

»Nichts Geringeres, meine Tochter. Leichtere Vergehungen belegte oft schon der Senat mit schwerer Strafe, wenn seine Absichten dadurch vereitelt wurden.«

»Zum Gefängnis darfst du nicht verurteilt werden, Camillo.«

»Fürchte nichts. Das Alter und der friedliche Stand des guten Vaters machen ihn furchtsam. Lange schon bin ich vorbereitet auf diesen glücklichen Augenblick. Nur einer Stunde bedarf ich, Venedig und all seinen Schlingen Trotz zu bieten. Gib mir die Versicherung deiner Treue, und vertraue im übrigen mir.«

»Hörst du, Florinde!«

»Dem Geschlechte Don Camillos ziemt ein solch Benehmen, Teure, doch dir steht es schlecht an. Eine Jungfrau von Stande muß der Entscheidung ihres natürlichen Vormunds harren.«

»Auch wenn die Wahl auf Giacomo Gradenigo fällt?«

»Darauf wird der Senat nicht achten. Die Kunstgriffe des Vaters kennst du lange, und du mußt aus der Geheimhaltung seiner Werbung ersehen, daß er dessen Entscheidung nicht traut. Der Staat wird Sorge tragen, dich deinen Hoffnungen gemäß zu vermählen. Viele werben um dich, und die Wächter deines Vermögens warten nur Vorschläge ab, die deiner Geburt entsprechen.«

»Soll ich Don Camillo als unter meinem Stande betrachten?«

Hier trat der Mönch aufs neue dazwischen.

»Diese Zusammenkunft muß enden«, sagte er. »Die durch Ihre unbesonnene Musik auf uns gelenkten Blicke sind nur auf andere Gegenstände gerichtet, Signore, und Sie müssen Ihr Wort brechen oder gehen.«

»Allein, Vater?«

»Soll etwa Donna Violetta ihr Vaterhaus verlassen wie eine in Ungnade gefallene Dienerin?«

»Gewiß, Signore Monforte, Sie können vernünftigerweise von dieser Unterhaltung nicht mehr erwartet haben als die Hoffnung einer künftigen Bestimmung über Ihre Werbung – ein Versprechen –«

»Und dies Versprechen?«

Violetta wandte den Blick von ihrer Gouvernante auf ihren Geliebten, von diesem auf den Mönch und dann zur Erde.

»Ist dein, Camillo.«

Ein Ausruf entfuhr dem Mönch und gleichzeitig der Gouvernante.

»Verzeih mir, meine Freundin«, fuhr die errötende, aber entschiedene Violetta fort. »Wenn ich Don Camillo auf eine Weise Hoffnung gemacht habe, die deinem Rate und der Sittsamkeit zuwider ist, so überlege nur, daß es, wenn er gezögert hätte, sich in die Guidecca zu werfen, jetzt außer meiner Macht gewesen wäre, ihm diese geringe Gunst zu gewähren. Warum soll ich weniger großmütig sein als mein Erretter? Nein, Camillo, verurteilt mich der Senat, mich einem andern zu vermählen als dir, so sei dies mein Urteil zum Ledigbleiben, ich verberge meinen Gram in einem Kloster, bis ich sterbe!«

Feierlich und schrecklich unterbrach dies so schnell zur Erklärung gediehene Gespräch der Ton der Glocke, die zu läuten der Kammerdiener, ein treuer Diener, bevor er ins Zimmer trete, Befehl erhalten hatte. Da dieser Befehl mit dem begleitet war, nur dann zu erscheinen, wenn er aufgefordert oder durch einen dringenden Grund dazu vermocht würde, so verursachte der Ton, selbst in diesem begeisternden Augenblicke, eine plötzliche Pause.

»Was ist das!« rief der Karmeliter dem rasch eintretenden Diener entgegen. »Was bedeutet diese Nichtbefolgung meines Befehls?«

»Es sind Staatsbeamte unten, die Einlaß begehren im Namen der Republik.«

»Das wird ernsthaft«, sagte Don Camillo, der allein seine Geistesgegenwart nicht verlor. »Mein Besuch ist bekannt geworden, und die tätige Eifersucht des Staates ahnt dessen Zweck. Rufen Sie Ihre Entschlossenheit herbei, Donna Violetta, und Sie, mein Vater, seien Sie guten Muts! Ich will die Verantwortlichkeit des Verbrechens, wenn es ein solches ist, auf mich nehmen und alle andern von der schweren Bürde des Vorwurfs befreien.«

»Gib es nicht zu, Vater Anselmo. Teure Florinde, wir wollen seine Strafe mit ihm teilen!« rief die erschreckte, außer aller Fassung gebrachte Violetta aus. »Ich habe ja auch teil an seiner Unbesonnenheit, er tat ja nichts ohne Aufmunterung von meiner Seite.«

Der Mönch und Donna Florinde blickten sich in stummer Bestürzung an. Der Mönch gebot Schweigen durch einen Wink, indem er sich zum Diener wandte.

»Was für Abgesandte des Staates sind es?« fragte er.

»Vater, es sind dessen wohlbekannte Beamte und tragen die Zeichen ihrer Würde.«

»Und ihr Begehr?«

»Sie verlangen Donna Violetta zu sprechen.«

»Noch ist Hoffnung!« rief der Mönch aus, freier atmend. Durchs Zimmer schreitend, öffnete er eine Tür, die zur Hauskapelle führte. »Ziehen Sie sich zurück in die heilige Kapelle, Don Camillo, bis wir Aufklärung erhalten über diesen ungewöhnlichen Besuch.«

Die Zeit war dringend, der Aufforderung ward sogleich Genüge getan. Der Herzog ging in die Kapelle, und sobald die Tür hinter ihm geschlossen war, ward dem treuen, des Vertrauens würdigen Diener anbefohlen, die Wartenden einzuführen. Nur eine Person erschien. Auf den ersten Blick erkannte man in ihm einen öffentlichen und verantwortlichen Beamten der Regierung, der oft geheime und schwierige Pflichten auszuführen hatte. Donna Violetta ging ihm, aus Achtung vor denen, die ihn gesandt hatten, entgegen, und zwar mit Fassung.

»Ich fühle mich geehrt durch die Sorgfalt meiner erhabenen Vormünder«, sagte sie, sich verneigend für den tiefen Bückling, mit dem der Abgesandte die reichste Erbin von Venedig begrüßte. »Welchem Umstande verdanke ich diesen Besuch?«

Der Beamte blickte mit gewohnter argwöhnischer Vorsicht umher, wiederholte seine Begrüßung und antwortete: »Fräulein, ich habe den Befehl erhalten, der Tochter des Staates, der Erbin des erlauchten Hauses Tiepolo sowie der Donna Florinde Merkata, ihrer Gesellschafterin, dem Vater Anselmo, ihrem Beichtvater, und allen denen, die des Vergnügens ihrer Gesellschaft und der Ehre ihres Vertrauens genießen, meine Aufwartung zu machen.«

»Die Sie suchen, befinden sich hier gegenwärtig; ich bin Violetta Tiepolo, dieser Dame bin ich für Muttersorgfalt verpflichtet, und dieser ehrwürdige Karmeliter ist mein geistlicher Ratgeber. Soll ich meinen Haushalt herbescheiden?« »Das ist unnötig. Meine Sendung ist mehr vertraulicher als öffentlicher Art. Nach dem Tode Ihres verehrten und allgemein betrauerten Vaters, des erlauchten Senators Tiepolo, übertrug die Republik, Ihre natürliche und sorgsame Beschützerin, die Sorge für Ihre Person der besonderen Vormundschaft und Weisheit des Signore Alessandro Gradenigo, ausgezeichnet durch hohe Geburt und schätzbare Eigenschaften.«

»Es ist, wie Sie sagen, Signore.«

»Wenn die väterliche Liebe des Senats auch zu schlummern schien, so ist sie nichtsdestoweniger stets wachsam gewesen. Jetzt, da Jahre, Unterricht, Schönheit und andere Vortrefflichkeiten seiner Tochter zu so seltener Vollkommenheit gereift sind, wünscht er, die Bande, die sie verbinden, fester zu knüpfen und die Sorgfalt für Ihre Person unmittelbar selbst zu übernehmen.«

»Soll dieses mir andeuten, daß ich fernerhin nicht mehr Signore Gradenigos Mündel bin?«

»Fräulein, Ihr Scharfsinn hat schnell die Auflösung gefunden. Dem erlauchten Senator wurden seine teuern, wohlerfüllten Pflichten abgenommen. Morgen übernehmen andere Vormünder die Sorge für Ihre schätzbare Person und werden in dieser ehrenvollen Pflicht verharren, bis die Weisheit des Senats eine solche Verbindung für Sie erwählt haben wird, die Ihres hohen Namens und der Eigenschaften würdig sein wird, die einen Thron zu zieren verdienten.«

»Soll ich getrennt werden von denen, die ich liebe?« fragte Violetta ungestüm.

»Verlassen Sie sich auf die Weisheit des Senats. Ich kenne nicht seinen Willen hinsichts derer, die so lange mit Ihnen gelebt haben, doch kann kein Grund vorhanden sein, seine Klugheit und sein Zartgefühl zu bezweifeln. Ich habe nur hinzuzufügen, daß es, bis die von nun an mit dem ehrenvollen Amte Ihrer Beschützer beauftragten Personen ankommen, wohlgetan sein wird, dieselbe, wie bisher gewohnte, sittsame Zurückgezogenheit bei Empfang von Besuchenden zu beobachten und Ihre Tür, Fräulein, vor Signore Gradenigo, wie vor allen andern seines Geschlechts, verschlossen zu halten.«

»Nicht einmal danken soll ich ihm für seine Sorgfalt?«

»Er fühlt sich durch die Dankbarkeit des Senats zehnfach belohnt.«

»Es wäre freundlich gewesen, meine Gefühle für Signore Gradenigo in Worten auszusprechen, doch was man der Zunge versagt, wird wohl der Feder erlaubt sein.«

»Die Zurückhaltung, die den Verhältnissen einer so Begünstigten zukommt, ist ohne Einschränkung. San Marco ist eifersüchtig, wenn er liebt. Und nun, da mein Auftrag beendet ist, beurlaube ich mich ergebenst, mich sehr geschmeichelt fühlend, daß man mich solcher ehrenvollen Pflicht würdig genug achtete.«

Als der Abgesandte zu sprechen aufhörte und Violetta seinen Abschied erwidert hatte, wandte sie ihre ängstlichen Blicke auf die bekümmerten Züge ihrer Gefährtin. Die zweideutigen Worte solcher Botschafter waren zu wohlbekannt, um viele Hoffnung für die Zukunft zu lassen. Alle sahen ihrer morgigen Trennung entgegen, obgleich keiner den Grund dieses plötzlichen Wechsels in der Politik des Staates durchschauen konnte. Fragen war hier vergebens, denn der Schlag kam sichtlich vom geheimen Rat, dessen Motive ebensowenig zu ergründen als seine Beschlüsse vorherzusehen waren. Der Mönch erhob seine Hand zum schweigenden Segen gegen seine geistliche Pflegebefohlene, und unfähig, selbst in Gegenwart des Fremden ihren Schmerz zurückzuhalten, sanken Donna Florinde und Violetta weinend einander in die Arme.

Währenddessen zögerte der Abgeordnete mit seinem Fortgehen gleich einem, der mit einem Entschlusse noch nicht ganz einig ist. Aufmerksam betrachtete er den unbefangenen Karmeliter, und zwar auf eine Weise, die die Gewohnheit anzeigte, lange vorher zu denken, ehe er entschied.

»Ehrwürdiger Vater«, sagte er, »darf ich wohl um einen Augenblick Eurer Zeit bitten, in betreff des Seelenheils eines armen Sünders?« Obgleich erstaunt, konnte doch der Mönch solchen Aufruf nicht unbeachtet lassen. Einer Bewegung des Beamten Folge leistend, ging er mit ihm aus dem Zimmer und blieb, während dieser die prächtigen Zimmer durchschritt und zur Gondel hinabstieg, an seiner Seite. »Der Senat muß Sie sehr ehren, heiliger Mönch«, bemerkte letzterer während ihres Ganges, »da er Ihnen eine so vertrauliche Stellung zu einer Dame einräumt, für deren Schicksal der Staat sich so sehr interessiert?«

»Ich nehm es dafür an, mein Sohn. Ein Leben voll Frieden und Gebet sollte mir wohl Freunde erworben haben.«

»Männer wie Sie, mein Vater, verdienen das begehrte Vertrauen. Sie sind schon lange in Venedig?«

»Seit dem letzten Konklave. Ich kam als Beichtvater des verstorbenen Ministers von Florenz nach der Republik.«

»Ein ehrenvoller Posten. So sind Sie denn lange genug bei uns gewesen, um zu wissen, daß die Republik nie ihre Diener vergißt und nie eine Beleidigung vergibt.«

»Es ist ein alter Staat, dessen Einfluß noch immer weit und nahe reicht.«

»Nehmen Sie sich in acht auf diesen Stufen. Ein unsicherer Fuß gleitet auf diesem Marmor.«

»Der meinige ist zu geübt im Hinabsteigen, um unsicher zu sein. Ich hoffe, ich steige diese Treppe nicht zum letztenmal hinab.«

Der Beamte tat, als verstände er die Frage nicht, und beantwortete nur die vorhergehende Bemerkung.

»Es ist in Wahrheit ein ehrwürdiger Staat«, sagte er, »nur ein wenig schwankend vor Alter. Alle Freunde der Freiheit müssen trauern über die Abnahme einer so glorreichen Herrschaft. Sic transit gloria mundi! Ihr barfüßigen Karmeliter tut wohl daran, euer Fleisch zu kreuzigen in der Jugend, dadurch entgeht ihr dem Schmerz abnehmender Kräfte. Jemand wie Ihr kann nur wenige Jugendsünden abzubüßen haben.«

»Niemand von uns ist ohne Sünde«, erwiderte der Mönch, sich bekreuzigend. »Wer sich damit schmeicheln wollte, daß seine Seele vollkommen sei, würde nur noch das schwere Gewicht der Eitelkeit zu seinem Leben hinzufügen.« »Männer meines Standes, heiliger Karmeliter, haben wenig Gelegenheit, in Ihr Inneres zu blicken, und ich segne die Stunde, die mich in Gesellschaft eines Gottesmannes wie Sie brachte. Meine Gondel wartet – wollen Sie einsteigen?« Mißtrauisch blickte der Mönch seinen Gefährten an, doch wohl wissend, daß Widerstand vergeblich wäre, murmelte er ein kurzes Gebet und stieg ein. Ein starker Ruderschlag verkündete ihre Abfahrt von den Stufen des Palastes.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Der Mond stand hoch. Flutend fielen seine Silberstrahlen auf Venedigs schwellende Kuppeln und massive Dächer. Kein Ruderschlag, kein Gesang, kein Gelächter störten die Stille der Nacht. Die Stadt und die Lagunen, alles lag in allgemeiner, großer Ruhe da. Plötzlich zeigte sich eine Gondel.

So schnell war der Lauf des Bootes, daß man daraus auf die Eile des einsamen Insassen schließen konnte. Seine Richtung nahm es nach dem Adriatischen Meere zu. Wohl eine halbe Stunde lang ruderte der Gondoliere unermüdlich fort, dann und wann besorgliche Blicke hinter sich werfend, als fürchte er Verfolgung, und ebensooft vor sich sehend, als wünsche er sehnlich, einen bis jetzt noch unsichtbaren Ort zu erreichen. Als sich indes eine weite Wasserfläche zwischen ihm und der Stadt befand, ließ er sein Ruder ruhen und schien mit großer Anstrengung seines Auges etwas entdecken zu wollen.

Ein kleiner dunkler Fleck zeigte sich näher nach der See zu. Wiederum schlug das Ruder des Gondelführers das Element hinter sich, und das Boot glitt fort; seine Unentschiedenheit hatte nun offenbar ein Ende. Bald zitterten die Strahlen des Mondes über den benannten dunkeln Punkt, der jetzt die Gestalt und Größe eines vor Anker liegenden Bootes annahm. Abermals hielt der Gondoliere mit Rudern ein und blickte scharf auf den noch unentschiedenen Gegenstand. In diesem Augenblick tönte sanfter Gesang von den Lagunen. Der einsame Mann im entfernten Boot sang ein Fischerlied.

Als der Gesang beendet war, bewegte das Ruder des Gondoliere das Wasser von neuem, und bald war er an der Seite des andern.

»Du bist schon früh geschäftig mit deiner Angel, Antonio«, sagte der eben Angekommene zum alten Fischer, indem er in dessen Boot trat. »Wie manchen hätte die Zusammenkunft mit dem Gerichtsrat der Dreimänner Gebet und Schlaflosigkeit eingetragen.«

»Es gibt keine Kapelle in Venedig, in der des Sünders Seele so ohne Hülle wäre als hier auf den kahlen Lagunen.«

»Ich hab an deine Lage gedacht, Antonio, hier ist etwas, was dein Leben erhalten und deinen Mut erheben wird. Sieh«, fuhr der Bravo fort, indem er einen Korb aus seinem Boote hob, »hier sind Brot aus Dalmatien, Wein aus Unteritalien und Feigen aus der Levante – iß denn und sei fröhlich.«

Der Fischer warf einen begehrlichen Blick auf die Speisen, doch ließ seine Hand den Faden nicht fahren, mit dem er zu angeln fortfuhr.

»Sind dies deine Gaben, Jacopo?« fragte er mit einer Stimme, die trotz seiner Fassung seinen nagenden Hunger verriet.

»Antonio, es sind die Gaben eines Mannes, der deinen Mut achtet.«

»Von seinem Verdienste gekauft?«

»Wie könnt es anders sein! – Ich bettle nicht, und nur wenige geben in Venedig ungebeten. Iß denn ohne Furcht, nicht oft wird dir’s so willig gereicht.«

»Nimm es fort, Jacopo, wenn du mich lieb hast. Versuche mich nicht über Vermögen.«

»Wie! Ist dir eine Bußübung auferlegt?« rief der andere hastig.

»Nein, das nicht – das nicht. Schon lange fand ich weder Zeit noch Herz zum Beichten.«

»Nun, warum willst du die Gabe eines Freundes nicht annehmen?«

»Ich kann nicht zehren vom Blutpreise.«

Wie elektrisiert zog sich die Hand des Bravo zurück. Durch diese Bewegung fiel der Schein des Mondes in sein funkelndes Auge, und wie fest auch Antonios Ehrlichkeit und Grundsätze waren, so erstarrte ihm doch das Blut im Herzen, als er dem wilden, feurigen Blick seines Gefährten begegnete. Eine lange Pause erfolgte, während sich der Fischer fleißig mit seiner Angel beschäftigte, ohne dabei an den Zweck zu denken, für den sie ausgeworfen war.

»Es ist einmal ausgesprochen, Jacopo«, fügte er endlich hinzu, »meine Zunge soll niemals die Gefühle meines Herzens Lügen strafen. Nimm das Essen fort und vergiß alles Vergangene, was ich sagte, war nicht böse gemeint, es geschah nur zum Heil meiner eigenen Seele. Du weißt, wie ich mich grämte über den Knaben, doch nächst seinem Verlust könnt ich über dich trauern – ja, wohl schmerzlicher als über irgendeinen der Gefallenen.«

Man hörte den schweren Atemzug des Bravo, doch schwieg er noch immer.

»Jacopo«, fuhr der besorgte Fischer fort, »du mußt mich nicht mißverstehen. Das Mitleid des Leidenden und Armen ist nicht wie die Verachtung des Reichen und Weltlichen. Wenn ich eine Wunde berühre, so zertrete ich sie nicht mit meinen Fersen. Dein jetziger Schmerz ist besser als all deine früheren Freuden.«

»Genug, Alter«, sagte der andere mit gedämpfter Stimme. »Deine Worte sind vergessen. Iß ohne Furcht, denn die Gabe ist gekauft von einem Verdienste, so rein wie die Ernte eines Bettelmönchs.«

»Ich verlasse mich auf die Güte des heiligen Antonius und auf das Glück meiner Angel«, erwiderte Antonio ganz einfach. »Wir von den Lagunen gehen ja so oft ohne Abendessen zu Bett; nimm den Korb fort, guter Jacopo, und laß uns von andern Dingen sprechen.«

Der Bravo nötigte den Fischer nicht weiter. Er stellte den Korb beiseite und brütete nachdenkend über das Geschehene.

»Hattest du sonst kein Ursach, so weit herüberzukommen, guter Jacopo?« fragte der alte Mann, in der Absicht, die zurückweisende Antwort wiedergutzumachen.

Die Frage schien Jacopo seine Fahrt ins Gedächtnis zu rufen. Er stand länger als eine Minute und sah mit scharfen Blicken und ganz in seine Absicht versenkt um sich. Länger und ernster war der Blick, den er auf die Stadt richtete, als der, den er auf die offene See warf, auch lenkte er ihn nicht eher von dort hinweg, als bis eine unwillkürliche Bewegung sein Erstaunen und seinen Schreck verriet.

»Ist das nicht ein Boot dort, in gerader Linie mit dem Turm des Campanile?« fragte er rasch, nach der Stadt hinweisend.

»So scheint es. Zwar ist’s noch früh für meine Kameraden, aber der Fischfang ist seit kurzem nicht bedeutend gewesen, und das gestrige Fest zog manchen der Unsern ab von seiner Arbeit. Der Patrizier muß essen und der Arme arbeiten, sonst stürben beide.«

Langsam setzte sich der Bravo und warf besorgliche Blicke auf seinen Gefährten.

»Bist du schon lange hier, Antonio?«

»Seit einer Stunde. Als sie uns aus dem Palast entließen, da sagte ich dir von meinem Bedürfnis. Im allgemeinen gibt es keinen bessern Fleck in den Lagunen als diesen, und dennoch fische ich schon lange vergebens. Du bist ja bekannt mit den Sitten dieser maskierten Edeln, Jacopo, glaubst du wohl, daß sie Vernunft annehmen werden? Ich denke doch nicht, daß ich aus Mangel an Erziehung der Sache geschadet habe, ich sprach offen und ehrlich, wie zu Vätern und Männern mit Herzen.«

»Als Senatoren haben sie keine Herzen. Du begreifst die Doppelzüngigkeit dieser Patrizier nicht, Antonio. In der Fröhlichkeit ihrer Paläste und unter den Gefährten ihrer Vergnügungen spricht niemand schöner über Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ja selbst über Gott, als sie, doch in ihren Sitzungen, wo sie über die sogenannten Angelegenheiten des St. Markus beratschlagen, da gibt es keinen Felsen, der weniger menschlich, und keinen Wolf, der herzloser wäre.«

»Deine Worte sind stark, Jacopo – ich möchte selbst gegen die nicht ungerecht sein, die mir Übles getan haben. Die Senatoren sind Menschen, und Gott gab allen gleiche Gefühle und gleiche Naturen.«

»Dann wird die Gabe mißbraucht. Du hast den Mangel deines täglichen Gehilfen gefühlt, Fischer, und hast getrauert über dein Kind, dir wird es leicht, eines andern Gram mitzuempfinden; allein die Senatoren kennen keine Leiden. Ihre Kinder werden nicht auf die Galeeren geschleppt, ihre Hoffnungen nicht zerstört durch Gesetze, die von harten Tyrannen ausgehen, noch vergießen sie Tränen über ihre durch die Gesellschaft der Hefe der Republik verdorbenen Söhne. Sie sprechen von öffentlichen Tugenden und dem Staat geleisteten Diensten. Doch damit meinen sie nach ihrer Weise die Tugend des Ruhms und die Dienste, die Ehren und Belohnungen eintragen. Ihr Gewissen heißt: Staatsbedürfnisse, indessen tragen sie Sorge, daß ihnen diese Bedürfnisse so wenig als möglich unbequem werden.«

»Jacopo, die Vorsehung selbst hat einen Unterschied gemacht zwischen den Menschen. Der eine ist groß, der andere klein. Einer schwach, der andere stark. Dieser weise, jener dumm. Was die Vorsehung geschaffen hat, darüber sollten wir nicht murren.«

»Die Vorsehung hat keinen Senat geschaffen, das ist Menschenerfindung. Merk auf, Antonio! Deine Sprache hat beleidigt, und du bist nun nicht länger sicher in Venedig. Sie verzeihen alles, nur keine Klagen gegen ihre Gerechtigkeit. Die sind zu wahr, als daß sie vergeben werden könnten.«

»Können Sie wünschen, jemandem wehe zu tun, weil er sein Kind sucht?«

»Wärest du groß und geachtet, so würden sie eher dein Glück und deinen Ruf untergraben, ehe sie litten, daß du ihr System in Gefahr brächtest. Da du aber schwach und arm bist, so werden sie dir irgendein unmittelbares Leid zufügen, wenn du dich nicht mäßigst. Vor allen Dingen warn ich dich, da sie sonst ihren Willen durchsetzen werden.«

»Kann Gott das dulden?«

»Wir können seine Geheimnisse nicht ergründen«, erwiderte der Bravo, sich fromm bekreuzigend. »Wenn seine Herrschaft mit dieser Welt endete, dann wär es wohl ungerecht, daß die Gottlosen triumphieren, doch, wie es ist, so – jenes Boot naht schnell! Mir gefallen sein Äußeres und seine Bewegung nicht.«

»Es sind keine Fischer, das ist wahr, denn es hat viele Ruder und einen Baldachin.«

»Es ist eine Gondel des Staates«, rief Jacopo aus und trat in sein eigenes Boot, es von dem seines Gefährten losmachend; sichtlich war er in Zweifel, was ferner zu tun sei. »Antonio, wir täten wohl, uns davonzumachen.«

»Deine Furcht ist natürlich«, sagte der unbewegliche Fischer, »und es ist ein Jammer, daß Grund dazu da ist. Für einen wie du ist es aber noch Zeit, der schnellsten Gondel des Kanals zu entkommen.«

»Geschwind lichte den Anker, Alter, und mach dich davon – ich hab ein sicheres Auge. Ich kenne das Boot.«

»Armer Jacopo! Welch ein Fluch ist ein schuldiges Gewissen! Du bist gütig gegen mich gewesen in der Not, und wenn dir Gebete aus aufrichtigem Herzen helfen können, so sollen sie dir nicht fehlen.«

»Antonio!« schrie der andere und ließ sein Boot davonwirbeln, dann hielt er wieder unentschlossen an. »Ich kann nicht länger bleiben – trau ihnen nicht – sie sind falsch wie Teufel – es ist keine Zeit zu verlieren – ich muß fort.«

Der Fischer murmelte einen Ausruf des Mitleids, als er ihm ein Lebewohl zuwinkte.

Die Annäherung der fremden Gondel nahm jetzt des Alten ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Schnell schwebte sie heran, von sechs Rudern getrieben; des Alten Blick folgte fieberhaft dem Flüchtling. Jacopo hatte mit einer Schnelligkeit, die Notwendigkeit und lange Übung bei ihm fast zum Instinkt gemacht hatten, seinen Lauf durch einen der glänzenden Streifen genommen, die der Schein des Mondes auf dem Wasser gebildet und die durch ihr blendendes Licht dem Auge jenen Gegenstand entzogen. Als der Fischer den Bravo verschwinden sah, lächelte er und war ruhig.

»Nun laßt sie nur herkommen«, sagte er, »das gibt Jacopo desto mehr Zeit. Gewiß hat der arme Kerl, seit wir den Palast verließen, einen Streich vollführt, den der Rat nicht vergeben kann. Der Anblick des Goldes war zu mächtig, und er hat die beleidigt, die ihm solange durch die Finger gesehen haben. Gott verzeihe es mir, daß ich Umgang gepflogen mit solchem Menschen! Doch wenn das Herz schwer ist, so tut uns selbst das Mitgefühl eines Hundes wohl. Wenige Menschen bekümmern sich jetzt um mich, sonst hätte mir die Freundschaft eines solchen nicht eben willkommen sein können.«

Antonio schwieg, denn die Gondel des Staates rauschte jetzt heran und ward plötzlich durch Rückschlag des Ruders zum Stillstand gebracht. Noch war das Wasser in Bewegung, als schon eine Gestalt in des Fischers Boot trat; die größere Gondel schoß wiederum einige hundert Fuß fort und blieb dann ruhig liegen.

Antonio sah alles dies mit stiller Neugier geschehen; als aber die Gondolieri des Staates auf ihren Rudern ausruhten, da wandte er noch einen flüchtigen Blick nach der Seite hin, wo Jacopo verschwunden war, überzeugte sich von dessen Sicherheit und betrachtete dann seinen Gesellschafter mit Zuversicht. Der helle Mond zeigte ihm den Anzug und das Aussehen eines barfüßigen Karmeliters. Letzterer schien bestürzter als der Fischer, sowohl durch die Schnelligkeit der Fahrt als auch durch die Neuheit seiner Lage. Trotz seiner Verlegenheit aber schien er offenbar verwundert, als er die demütige Verfassung und das ganze Äußere und Betragen des alten Mannes wahrnahm, dem er sich gegenüber befand, und die Worte: »Wer bist du?« entfuhren ihm im ersten Erstaunen.

»Antonio von den Lagunen, ein Fischer, der dem heiligen Antonius manches unverdiente Gute verdankt.«

»Und wie hast du dir des Senats Mißfallen zugezogen?«

»Ich bin aufrichtig und bereit, anderen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wenn das die Großen beleidigt, so sind sie mehr zu bemitleiden, als zu beneiden.«

»Der Überführte ist immer geneigter, sich für unglücklich als für schuldig zu erkennen. Dieser Irrtum ist sehr verderblich und muß ausgerottet werden aus dem Gemüt, sonst führt er zum Tode.«

»Sagen Sie das den Patriziern. Die bedürfen guten Rats und Warnung von der Kirche.«

»Mein Sohn, deine Antwort zeigt Zorn und Stolz und ein verderbtes Herz an. Die Sünden der Senatoren – da sie Menschen sind, haben sie ihre Mängel – können auf keine Weise deine eigenen vertilgen. Wenn auch das Urteil, das jemand zur Strafe verdammt, ein ungerechtes ist, so behält doch die Sünde gegen Gott ihre ursprüngliche Mißgestalt. Die Menschen können den bemitleiden, der den Zorn der Welt mit Unrecht trägt, doch die Kirche verzeiht nur dem, der seine Vergehungen mit aufrichtiger Anerkennung ihrer Größe gesteht.«

»Sind Sie gekommen, eines Büßenden Beichte zu hören, Vater?«

»Dies ist mein Geschäft. Ich beklage die Veranlassung; und wenn das, was ich fürchte, wahr ist, so muß ich noch mehr trauern, daß ein so bejahrter Mann sein dem Verderben geweihtes Haupt unter den Arm der Gerechtigkeit gebracht hat.«

Antonio lächelte und wandte sein Auge wieder dem blendenden Lichtstreif zu, durch den die Gondel und die Person Jacopos unsichtbar blieben.

»Vater«, sagte er, nachdem er ihn lange mit tiefem Ernste angeschaut hatte, »es kann wohl wenig schaden, vor jemand deines heiligen Amtes die Wahrheit zu sprechen. Man hat dir gesagt, du würdest hier auf den Lagunen einen Verbrecher finden, der sich den Zorn des heiligen Markus zugezogen hat?«

»So ist es!«

»Es ist nicht leicht zu erkennen, wann St. Markus guter Laune ist und wann nicht«, fuhr Antonio fort, gleichgültig mit seiner Angel spielend, »denselben Mann, den er jetzt sucht, hat er lange geschützt. Ja selbst in des Dogen Gegenwart. Der Senat hat freilich seine Gründe, die dem Einfältigen unerreichbar sind, doch für des armen Jünglings Seele wär es besser und für den Senat schicklicher gewesen, hätte man von Anfang an einen mißbilligenden Blick auf seine Taten gerichtet.«

»Du sprichst von einem anderen! – Du bist also nicht der Verbrecher, den sie suchen?«

»Ich bin ein Sünder, ehrwürdiger Karmeliter, allein, meine Hand hat nie eine andere Waffe geführt als das gute Schwert, das die Ungläubigen schlug. Vor kurzem war jemand hier, der dies zu meinem Leidwesen nicht von sich sagen kann.«

»Und er ist fort?«

»Vater, Sie haben Augen und können sich die Frage selbst beantworten, er ist fort, obgleich er nicht ferne ist, doch ist er, Dank dem heiligen Markus, außer dem Bereich der schnellsten Gondeln Venedigs.«

Der Karmeliter neigte sein Haupt auf die Stelle hin, wo er saß, und seine Lippen bewegten sich, entweder zum Gebet oder zum Dank.

»Trauern Sie, Vater, daß ein Sünder entkam?«

»Ich freue mich, mein Sohn, daß der bittere Kelch an mir vorübergegangen ist, allein, ich trauere auch, daß eine Seele so entartet ist, um dessen zu bedürfen. Wir wollen die Diener der Republik rufen, um ihnen zu sagen, daß ihre Botschaft vergebens gewesen.«

»Sei nicht so eilig, guter Vater. Die Nacht ist mild, und jene Mietlinge schlafen auf ihren Rudern. Der Jüngling gewinnt mehr Zeit zur Reue, wenn man ihm Ruhe läßt.«

Der Mönch, der sich erhoben hatte, setzte sich sogleich wieder, als bewegte ihn ein mächtiger innerer Antrieb.

»Ich glaubte, er sei schon weit aus unserem Bereich«, murmelte er, sich gleichsam wegen seiner Eile entschuldigend.

»Er ist mehr als kühn, und ich fürchte, er kehrt in die Kanäle zurück; in diesem Fall begegnet ihr ihm näher der Stadt – oder vielleicht sind auch mehr Gondeln des Staates ausgelaufen – kurz, mein Vater, du wirst der Beichte eines Bravo besser entgehen, wenn du die eines Fischers anhörst, der längst auf eine Gelegenheit wartet, seine Sünden zu bekennen.«

Menschen, die denselben Wunsch hegen, verstehen sich bald. Der Karmeliter faßte sogleich die Meinung seines Gefährten, und seine Kapuze zurückwerfend, bereitete sich Vater Anselmo vor, die Beichte des alten Mannes anzuhören.

Antonio, der seine Leine an seinem Sitz befestigt und sein Netz mit gewohnter Sorgfalt aufbewahrt hatte, bekreuzigte sich andächtig und kniete vor dem Mönch nieder. Sein Sündenbekenntnis begann. Viel geistiger Schmerz gab den Worten und Gedanken des Fischers eine Würde und Hoheit, die sein Zuhörer nicht gewohnt war, unter Menschen dieser Klasse zu finden. Ein durch so lange Leiden gezüchtigter Geist war erhaben und edel geworden. Er sprach von seinen Hoffnungen in Hinsicht des Knaben, von der Weise, wie die ungerechte und eigennützige Staatspolitik diese vernichtete, von seinen verschiedenen Versuchen, die Freiheit seines Enkels zu bewirken, und von seinem kühnen Unternehmen auf der Regatta und bei dem Verlöbnis mit dem Adriatischen Meere. Als er auf diese Weise den Karmeliter vorbereitet hatte, den Ursprung seiner sündlichen Leidenschaften, die er jetzt beichten sollte, zu begreifen, sprach er von diesen Leidenschaften selbst und von ihrem Einfluß auf ein Gemüt, das gewöhnlich im Frieden mit dem ganzen Menschengeschlecht lebte. Die Erzählung geschah einfach und ohne Rückhalt, doch auf eine Art, die Achtung einflößte und das Mitgefühl des Zuhörers mächtig erweckte.

»Und diese Gefühle nährtest du gegen die Mächtigen Venedigs?« fragte der Mönch. »Du weißt, du mußt vergeben, wenn du Vergebung erhalten willst. Gedenkst du, im Frieden mit aller Welt, ferner nicht des dir zugefügten Unrechts, und kannst du mit Bruderliebe zu dem beten, der fürs ganze Menschengeschlecht gestorben ist, auch für die, so dir Leides getan?«

Antonio beugte sein Haupt auf die nackte Brust und schien sich zu beraten mit seiner Seele.

»Vater«, sagte er, »Vater, ich verzeihe ihnen!«

»Amen!«

Der Mönch erhob sich, beugte sein mildes, vom Monde verklärtes Antlitz über den knienden Antonio, sprach, seinen Arm zu den Sternen erhebend, mit inniger Andacht die Worte der Absolution. Des alten Fischers erwartungsvoll emporgerichtetes Auge, sein welkes Antlitz und die heilige Ruhe des Mönchs stellten ein schönes Gemälde der Hingebung und der Hoffnung dar.

Als ein kurzes, stilles Gebet gesprochen war, gab man der Gondel des Staates ein Zeichen, um sie herbeizurufen. Kräftig ruderten sie einher und, waren im Augenblick an ihrer Seite. Zwei Männer traten in Antonios Boot und halfen dienstbeflissen dem Mönch hinüber in die Gondel des Staates.

»Hat der Büßer gebeichtet?« fragte der angesehenste der beiden Männer, halb leise.

»Es ist hier ein Irrtum vorgefallen. Der, den du suchst, ist entflohen. Dieser alte Mann ist ein Fischer namens Antonio, der den heiligen Markus nicht ernstlich beleidigt haben kann. Der Bravo ist nach der Insel St. Giorgio gefahren und muß nun anderswo aufgesucht werden.«

Der Beamte ließ den Mönch, der schnell unter den Baldachin trat, fahren und warf einen raschen Blick auf Antonios Gesicht. Das Reiben eines Taues ward hörbar, Antonios Anker fuhr plötzlich heraus. Ein starkes Geplätscher erfolgte, und die beiden Boote schossen zusammen davon, gehorsam der heftigen Anstrengung der Ruderer. In der Gondel des Staates sah man die gewöhnliche Anzahl der Gondolieri bei ihrer Arbeit, samt dem dunkeln, einer Bahre ähnlichen Baldachin, doch des Fischers Boot war leer.

Das Rauschen der Ruder und Antonios Sturz verschlang eine allgemeine Woge. Als der Fischer nach seinem Falle emportauchte, sah er sich ganz allein mitten auf der weiten, doch ruhigen Wasserfläche. Ein Strahl von Hoffnung war ihm vielleicht aufgegangen, als er aus der Dunkelheit der See zur glänzenden Schönheit der Mondscheinnacht emporstieg. Allein, die schlafenden Kuppeln waren zu fern für menschliche Kräfte, und die Gondeln rauschten mit toller Hast der Stadt zu. Er wandte sich, schwach schwimmend, denn Hunger und frühere Anstrengungen hatten seine Kräfte erschöpft, und richtete seinen Blick nach dem dunkeln Fleck, den er beständig für des Bravos Boot erkannt hatte.

Jacopo hatte mit der größten Anstrengung seiner Sehkraft das Zusammentreffen bewacht. Durch seine Stellung begünstigt, konnte er sehen, ohne deutlich gesehen zu werden. Er sah, wie der Mönch die Absolution sprach und wie sich das größere Boot näherte. Er unterschied den Fall ins Wasser von dem nur plätschernden Ruderschlag und sah Antonios Boot leer hinweggleiten. Kaum hatten die Schiffsmannschaft der Republik mit ihren Rudern die Lagunen durchfegt, als auch das seine schon das Wasser bewegte.

»Jacopo! – Jacopo!« tönte es ängstlich und schwach an sein Ohr. Die Stimme ward erkannt und die ganze Begebenheit durchschaut. Dem Hilferuf folgte das Rauschen des Wassers, das sich vor dem Schnabel der Gondel Jacopos auftürmte. Alle seine Muskeln dehnten sich mit verdoppelter Kraft. Energie und Geschick zeigten sich bei jedem Schlag, und der dunkle Fleck kam wie eine Schwalbe, die mit ihren Flügeln das Wasser bestreicht, den Lichtstreif herab.

»Hier, Jacopo! Du steuerst zu weit!«

Der Schnabel des Bootes wandte sich, und das Feuerauge des Bravo erblickte des Fischers Haupt.

»Schnell, guter Jacopo! Ich kann nicht mehr!«

Wieder erstickte des Wassers Gemurmel die Worte. Wütend ward die Anstrengung des Ruders, die leichte Gondel schien bei jedem Schlage aus ihrem Elemente emporzusteigen.

»Jacopo – hier – lieber Jacopo!«

»Die Mutter Gottes steh dir bei, Fischer! – Ich komme.«

»Jacopo – der Knabe! Der Knabe!«

Das Wasser gurgelte; ein Arm war zu sehen in der Luft, jetzt verschwand er. Die Gondel trieb nach der Stelle, wo der Arm erschienen war, und ein Schlag rückwärts, der das eschene Ruder wie eine Gerte bog, legte das zitternde Boot bewegungslos bei. Die wilde Bewegung rührte die Lagunen auf, doch als der Schaum verschwunden, lagen sie ruhig da, wie das blaue, friedliche Himmelsgewölbe, das sie zurückstrahlten.

»Antonio!« erscholl es von den Lippen des Bravo.

Furchtbare Stille folgte dem Ruf. Weder Antwort zu hören noch Gestalt zu sehen. Mit eisernem Finger drückte Jacopo den Griff seines Ruders, und sein eigener Odem erschreckte ihn. Nach allen Seiten warf er irre Blicke, und auf allen Seiten sah er die tiefe Ruhe des trügerischen Elements, das so schrecklich ist in seiner Wut. Gleich dem menschlichen Herzen schien es zu sympathisieren mit der ruhigen Schönheit der Mitternacht; doch gleich dem menschlichen Herzen bewahrte es seine furchtbaren Geheimnisse.