Kapitel 26

X

Ippolit benetzte seine Lippen in der Tasse Tee, die ihm Wera Lebedewa gereicht hatte, stellte die Tasse auf ein Tischchen und blickte verlegen und befangen rings um sich.

»Sehen Sie einmal diese Tassen, Lisaweta Prokofjewna«, sagte er mit seltsamer Hast, »diese Porzellantassen, die wohl von vorzüglichem Porzellan sind, hat Lebedew immer in einer verschlossenen Chiffonière hinter Glas stehen; sie werden nie herausgegeben … wie das so Sitte ist; sie haben zur Mitgift seiner Frau gehört … das ist bei diesen Leuten so Sitte … und nun hat er sie doch für uns herausgegeben, natürlich Ihnen zu Ehren, so hat er sich gefreut…«

Er wollte noch etwas hinzufügen, konnte aber nicht gleich die richtigen Worte finden.

»Er ist ganz verlegen geworden, das hatte ich doch erwartet!« flüsterte Jewgenij Pawlowitsch dem Fürsten ins Ohr. »Das ist doch wohl gefährlich, nicht wahr? Ein ganz sicheres Anzeichen dafür, daß er jetzt aus Trotz irgendeine so arge Absonderlichkeit begehen wird, daß selbst Lisaweta Prokofjewna vielleicht nicht wird hierbleiben mögen.«

Der Fürst blickte ihn fragend an.

»Sie fürchten sich vor solchen Absonderlichkeiten nicht?« fügte Jewgenij Pawlowitsch hinzu. »Ich tue es auch nicht, ich wünsche dergleichen sogar herbei: es liegt mir besonders daran, daß unsere liebe Lisaweta Prokofjewna bestraft wird, und zwar gleich heute, gleich jetzt; vorher möchte ich gar nicht fortgehen. Aber Sie fiebern ja, wie es scheint?«

»Lassen wir das jetzt! Stören Sie nicht! Ja, mir ist nicht wohl«, antwortete der Fürst zerstreut und ungeduldig.

Er hörte seinen Namen; Ippolit sprach von ihm.

»Sie glauben es nicht?« lachte Ippolit krampfhaft. »Das war vorauszusehen, aber der Fürst wird es gleich beim ersten Wort glauben und gar nicht erstaunt darüber sein.«

»Hörst du, Fürst?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihn. »Hörst du?«

Ringsum wurde gelacht. Lebedew drängte sich eifrig nach vorn und wendete und drehte sich vor Lisaweta Prokofjewna hin und her.

»Er hat gesagt, daß dieser Grimassenschneider da, dein Hauswirt, jenem Herrn den Schmähartikel verbessert hat, der vorhin vorgelesen wurde.«

Der Fürst sah Lebedew erstaunt an.

»Warum schweigst du denn?« fragte Lisaweta Prokofjewna den Fürsten und stampfte dabei sogar mit dem Fuß.

»Nun ja«, murmelte der Fürst, der seinen Blick immer noch auf Lebedew gerichtet hielt, »ich sehe schon, daß er es getan hat.«

»Ist das die Wahrheit?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna schnell an Lebedew.

»Die reine Wahrheit, Exzellenz!« antwortete Lebedew in festem Ton, ohne zu zaudern, und legte dabei die Hand aufs Herz.

»Er rühmt sich dessen noch!« rief sie und war nah daran, vom Stuhl aufzuspringen.

»Ich bin ein gemeiner Mensch, ein gemeiner Mensch!« murmelte Lebedew, schlug sich gegen die Brust und ließ den Kopf immer tiefer und tiefer hängen.

»Was fange ich damit an, daß du ein gemeiner Mensch bist! Er denkt, wenn er sagt: ›Ich bin ein gemeiner Mensch!‹, dann hat er sich herausgeholfen. Schämst du dich nicht, Fürst, mit solchen Jammermenschen zu verkehren? frage ich dich noch einmal. Ich werde dir das nie verzeihen!«

»Mir wird der Fürst verzeihen!« sagte Lebedew fest überzeugt und sehr gerührt.

»Lediglich aus Edelmut«, begann auf einmal mit lauter, volltönender Stimme Keller, der schnell herzugetreten war und sich nun unmittelbar an Lisaweta Prokofjewna wandte, »lediglich aus Edelmut, gnädige Frau, um nicht einen Freund durch Verrat zu kompromittieren, habe ich vorhin von den Verbesserungen, die er vorgenommen hatte, geschwiegen, obgleich er vorschlug, uns aus der Tür zu werfen, wie Sie selbst gehört haben. Zur Ehre der Wahrheit gestehe ich nun, daß ich mich tatsächlich an ihn gewendet und ihm sechs Rubel bezahlt habe, aber durchaus nicht dafür, daß er meinen Stil verbessert hätte, sondern dafür, daß er als eine kompetente Persönlichkeit mir Tatsachen mitteilte, die mir größtenteils unbekannt waren. Das von den Gamaschen, von dem Appetit bei dem Schweizer Professor und von den fünfzig Rubeln statt der zweihundertfünfzig, kurz, diese ganze Partie stammt von ihm und ist mit sechs Rubeln honoriert worden, aber den Stil hat er nicht korrigiert.«

»Ich muß bemerken«, unterbrach ihn Lebedew mit fieberhafter Ungeduld und in kriecherischem Ton, während das Lachen immer allgemeiner wurde, »daß ich nur die erste Hälfte des Artikels verbessert habe; aber da wir in der Mitte uneins wurden und wegen eines Satzes in Streit gerieten, so habe ich die zweite Hälfte nicht mehr verbessert, und es darf daher alles, was darin gegen die gute Schreibart verstößt (und dessen ist vieles!), mir nicht zur Last gelegt werden …«

»Also das ist es, worauf es ihm ankommt!« rief Lisaweta Prokofjewna.

»Gestatten Sie die Frage«, wandte sich Jewgenij Pawlowitsch an Keller, »wann denn diese Verbesserungen des Artikels stattgefunden haben.«

»Gestern vormittag«, antwortete Keller. »Wir hatten eine Zusammenkunft und versprachen uns gegenseitig mit unserem Ehrenwort, das Geheimnis zu wahren.«

»Das war also fast zu derselben Zeit, als er sich gegen dich so kriecherisch benahm und dich seiner Ergebenheit versicherte. Nein, diese Jammermenschen! Ich brauche deinen Puschkin nicht, und deine Tochter soll auch nicht zu mir kommen!«

Lisaweta Prokofjewna wollte schon aufstehen, aber plötzlich wandte sie sich gereizt an den lachenden Ippolit:

»Wie ist denn das, mein Lieber? Du hast mich wohl hier lächerlich machen wollen?«

»Gott bewahre!« erwiderte Ippolit mit einem schiefen Lächeln. »Aber mich interessiert außerordentlich Ihr exzentrisches Wesen, Lisaweta Prokofjewna, und ich muß gestehen, daß ich die Geschichte von Lebedew absichtlich aufs Tapet gebracht habe, weil ich wußte, wie das auf Sie wirken würde, auf Sie allein, denn der Fürst wird ihm gewiß verzeihen und hat ihm wahrscheinlich schon verziehen… er hat vielleicht schon im stillen eine Entschuldigung für ihn gesucht; es ist doch wohl so, Fürst, nicht wahr?«

Er war ganz außer Atem gekommen, seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.

»Oh, oh!…«, sagte Lisaweta Prokofjewna zornig; sie wunderte sich über seinen Ton. »Nun, und weiter?«

»Ich hatte über Sie schon viel von dieser Art gehört… mit großer Freude gehört… ich habe Sie sehr schätzengelernt«, fuhr Ippolit fort.

Das waren seine Worte; aber er sagte sie in einer Weise, als ob er mit ihnen etwas ganz anderes sagen wollte. Er sprach mit einem Beiklang von Spott und regte sich gleichzeitig unverhältnismäßig auf, sah mißtrauisch um sich und geriet bei jedem Wort mehr in Verwirrung und Verlegenheit, so daß all dies im Verein mit seinem schwindsüchtigen Aussehen und seinem sonderbaren, funkelnden und beinah wütenden Blick unwillkürlich die allgemeine Aufmerksamkeit fesselte.

»Ich würde mich sonst, obwohl ich die Gebräuche der vornehmen Welt gar nicht kenne (das gebe ich zu), darüber wundern, daß Sie nicht nur selbst in unserer für Sie unpassenden Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen… jungen Mädchen erlaubt haben, eine solche Skandalgeschichte mit anzuhören; allerdings werden sie das alles wohl schon in Romanen gelesen haben; übrigens, ich weiß das vielleicht nicht… denn ich befinde mich in großer Verwirrung; aber wer außer Ihnen hätte es jedenfalls fertiggebracht… auf die Bitte eines Knaben hin (nun ja, eines Knaben, auch das will ich wieder zugeben), mit ihm einen Teil des Abends zu verbringen und… und an allem solchen Anteil zu nehmen und… mit der Aussicht… sich dessen am nächsten Tag zu schämen… (ich gebe übrigens zu, daß ich mich unrichtig ausdrücke). Ich lobe das alles sehr und schlage es sehr hoch an, obgleich schon an dem Gesicht Seiner Exzellenz, Ihres Gemahls, deutlich zu sehen ist, wie wenig das nach seinem Urteil zu seinem Rang paßt… Hihi!« kicherte er; er hatte sich in seinem Reden völlig verrannt und bekam nun auf einmal einen solchen Hustenanfall, daß er mehrere Minuten lang nicht weitersprechen konnte.

»Er ist ja ganz außer Atem gekommen!« sagte Lisaweta Prokofjewna in kaltem, scharfem Ton, indem sie ihn mit ernster Neugier betrachtete. »Aber nun, mein lieber Junge, müssen wir unser Gespräch abbrechen. Es ist Zeit.«

»Erlauben Sie auch mir, mein Herr, Ihnen meinerseits zu bemerken«, begann auf einmal Iwan Fjodorowitsch gereizt, der den letzten Rest von Geduld verloren hatte, »daß meine Frau sich hier bei dem Fürsten Lew Nikolajewitsch, unserm gemeinsamen Freund und Nachbarn, befindet und daß es jedenfalls Ihnen, junger Mann, nicht zusteht, über Lisaweta Prokofjewnas Handlungen ein Urteil zu fällen, ebensowenig wie es Ihnen zusteht, sich laut und mir ins Gesicht darüber zu äußern, was auf meinem Gesicht geschrieben steht. Jawohl. Und wenn meine Frau hiergeblieben ist«, fuhr er fort, indem er fast mit jedem Wort in eine gereiztere Stimmung hineinkam, »so hat sie das vorwiegend aus Verwunderung getan und aus der allen begreiflichen, zeitgemäßen Neugier, so sonderbare junge Leute kennenzulernen. Und ich für meine eigene Person bin hiergeblieben, wie ich manchmal auf der Straße stehenbleibe, wenn da etwas zu sehen ist, so eine… eine…«

»So eine Kuriosität«, half ihm Jewgenij Pawlowitsch.

»Ganz recht, sehr richtig!« sagte erfreut Seine Exzellenz, der General, der mit seinem Vergleich nicht ganz hatte zurechtkommen können, »so eine Kuriosität. Aber jedenfalls ist es für mich höchst erstaunlich und sogar betrübend, daß Sie, junger Mensch, nicht einmal das haben begreifen können, daß Lisaweta Prokofjewna jetzt nur deswegen bei Ihnen geblieben ist, weil Sie krank sind – wenn es stimmt, Sie wirklich bald sterben werden –, sozusagen aus Mitleid, wegen Ihrer kläglichen Reden, mein Herr, und daß ihrem Namen, ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Rang in keinem Fall irgendein Makel anhaften kann… Lisaweta Prokofjewna«, schloß der General, der ganz rot geworden war, »wenn du gehen willst, so wollen wir uns von unserm guten Fürsten verabschieden und…«

»Ich danke Ihnen für die Lektion, die Sie mir erteilt haben, General«, unterbrach ihn Ippolit ernst, indem er ihn nachdenklich ansah.

»Kommen Sie, maman! Wie lange soll denn das noch dauern?« sagte Aglaja ungeduldig und zornig und stand von ihrem Stuhl auf.

»Noch zwei Minuten, lieber Iwan Fjodorowitsch, wenn du erlaubst!« wandte sich Lisaweta Prokofjewna mit würdiger Ruhe an ihren Gatten. »Mir scheint, er fiebert vollständig und redet geradezu irre, ich sehe es ihm an den Augen an; man muß etwas für ihn tun. Lew Nikolajewitsch! könnte er nicht bei dir übernachten, damit er heute nicht nach Petersburg zurückgeschleppt zu werden braucht? , Sie langweilen sich doch nicht?« wandte sie sich ohne verständlichen Grund auf einmal an den Fürsten Schtsch. »Komm einmal her, Alexandra, und bring dein Haar in Ordnung, mein Kind!«

Sie brachte ihr das Haar in Ordnung, an dem nichts in Ordnung zu bringen war, und küßte sie; letzteres war der einzige Grund gewesen, warum sie sie zu sich gerufen hatte.

»Ich habe Sie für entwicklungsfähig gehalten«, begann Ippolit von neuem, indem er aus seiner Versunkenheit wieder zu sich kam. »Ja! Das war es, was ich noch sagen wollte!« rief er erfreut, als ob ihm plötzlich etwas eingefallen wäre. »Da wünscht nun Burdowskij aufrichtig, seine Mutter zu beschützen, nicht wahr? Aber das Resultat ist, daß er sie in Unehre bringt. Da wünscht nun der Fürst, Burdowskij zu helfen, und bietet ihm aus reinem Herzen seine Freundschaft und eine große Summe Geld an und ist vielleicht von Ihnen allen der einzige, der gegen ihn keinen Widerwillen empfindet, und doch stehen gerade sie beide einander als wahre Feinde gegenüber … Hahaha! Sie alle hassen Burdowskij, weil er nach Ihrer Anschauung sich gegen seine Mutter unschön und unzart benimmt, so ist es doch? Nicht? Nicht? Sie legen ja alle einen enormen Wert auf Schönheit und Feinheit der Formen, nur darauf kommt es Ihnen an, nicht wahr? (Ich habe schon lange den Verdacht gehabt, daß es sich so verhält!) Nun, so mögen Sie denn wissen, daß vielleicht keiner von Ihnen seine Mutter so geliebt hat wie Burdowskij! Sie, Fürst, haben, wie ich weiß, durch Ganja der Mutter Burdowskijs im stillen Geld geschickt, und nun möchte ich darauf wetten… hihihi!« lachte er hysterisch, »… ich möchte darauf wetten, daß Burdowskij Ihnen dies jetzt als unzarte Form und als eine Respektlosigkeit gegen seine Mutter zum Vorwurf machen wird. Bei Gott, so ist es! Hahaha!«

Hier bekam er wieder keine Luft mehr und mußte husten.

»Nun, bist du fertig? Hast du jetzt alles gesagt, was du sagen wolltest? Na, dann geh jetzt schlafen; du hast Fieber«, unterbrach ihn ungeduldig Lisaweta Prokofjewna, die ihren unruhigen Blick nicht von ihm abwandte. »Ach Gott, da fängt er schon wieder an zu reden!«

»Sie lachen wohl? Was haben Sie immer über mich zu lachen? Ich habe bemerkt, daß Sie fortwährend über mich lachen!« wandte er sich plötzlich unruhig, in gereiztem Ton an Jewgenij Pawlowitsch. Dieser hatte tatsächlich gelacht.

»Ich wollte Sie nur fragen, Herr… Ippolit… Entschuldigen Sie, ich habe Ihren Familiennamen vergessen.«

»Herr Terentjew«, sagte der Fürst.

»Ja, Terentjew, ich danke Ihnen, Fürst; der Name wurde vorhin genannt, war mir aber wieder entfallen… Ich wollte Sie fragen, Herr Terentjew, ob das wahr ist, was ich gehört habe: Sie seien der Ansicht, Sie brauchten nur eine Viertelstunde lang aus dem Fenster zum Volk zu reden, dann sei es sofort mit Ihnen in allen Stücken einverstanden und folge Ihnen sofort?«

»Sehr möglich, daß ich das gesagt habe«, antwortete Ippolit, wie wenn er in seinem Gedächtnis nachsuchte. »Ich habe es sicher gesagt«, fügte er auf einmal hinzu, indem er wieder lebhafter wurde und einen festen Blick auf Jewgenij Pawlowitsch heftete. »Nun, und was folgern Sie daraus?«

»Nichts; ich fragte nur, weil ich es gern wissen wollte, zur Vervollständigung meiner Kenntnisse.«

Jewgenij Pawlowitsch schwieg, aber Ippolit blickte ihn immer noch ungeduldig wartend an.

»Nun also, bist du fertig?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Jewgenij Pawlowitsch. »Komm schnell zu Ende, Väterchen; es ist für ihn Zeit, sich schlafen zu legen. Oder verstehst du nicht, das Ende zu finden?« (Sie ärgerte sich gewaltig.)

»Ich würde gern noch hinzufügen«, fuhr Jewgenij Pawlowitsch lächelnd fort, »daß alles, was ich von Seiten Ihrer Kameraden gehört habe, und alles, was Sie soeben auseinandergesetzt haben, und zwar mit ganz unbezweifelbarem Talent, meiner Ansicht nach zu der Theorie gehört, daß das Recht vor allem und über alles und sogar unter Ausschließung alles andern triumphieren muß, und vielleicht sogar ohne die Feststellung, worin denn eigentlich das Recht besteht. Vielleicht irre ich mich?«

»Gewiß, Sie irren sich; ich verstehe Sie nicht einmal… Und weiter?«

Auch in der Ecke wurde gemurrt. Lebedews Neffe murmelte etwas halblaut.

»Weiter habe ich eigentlich kaum etwas zu sagen«, fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, »ich wollte nur noch bemerken, daß infolge dieses Verfahrens die Sache geradezu in das Recht der Gewalt umschlagen kann, das heißt in das Recht der einzelnen Faust und des persönlichen Beliebens, was übrigens in der Welt sehr oft der Ausgang gewesen ist. Auch Proudhon ist bei dem Recht der Gewalt stehengeblieben. Im amerikanischen Krieg haben viele höchst fortschrittliche Liberale sich für die Pflanzer erklärt, auf Grund der Anschauung, daß die Neger eben nur Neger seien und tiefer stünden als die weiße Rasse und das folglich das Recht der Gewalt auf Seiten der Weißen sei…«

»Nun?«

»Das heißt also: Sie verwerfen das Recht der Gewalt nicht?«

»Weiter?«

»Sie sind jedenfalls konsequent; ich wollte nur bemerken, daß es von dem Recht der Gewalt zu dem Recht der Tiger und Krokodile und sogar zu Männern wie Danilow und Gorskij nicht weit ist.«

»Ich weiß nicht. Weiter?«

Ippolit hörte kaum zu, was Jewgenij Pawlowitsch sagte, und wenn er sein »nun« und »weiter« dazwischenwarf, so schien er das mehr aus einer alten, bei Gesprächen angenommenen Gewohnheit und nicht aus Aufmerksamkeit und Neugier zu tun.

»Weiter wollte ich nichts sagen… das ist alles.«

»Ich bin Ihnen übrigens nicht böse«, sagte Ippolit zum Schluß auf einmal ganz unerwartet und streckte, wohl ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden, dem andern die Hand hin, wobei er sogar lächelte. Jewgenij Pawlowitsch war zuerst erstaunt, ergriff dann aber mit ganz ernstem Gesicht die ihm hingehaltene Hand, als nähme er die angebotene Verzeihung an.

»Ich muß noch hinzufügen«, sagte er in demselben zweideutig-respektvollen Ton, »daß ich Ihnen dankbar bin für die Aufmerksamkeit, mit der Sie mich haben reden lassen, denn nach meinen zahlreichen Beobachtungen können unsere Liberalen niemand seine eigene Meinung aussprechen lassen, ohne ihrem Opponenten sofort mit Schimpfworten oder sogar mit noch Schlimmerem zu antworten…«

»Da haben Sie vollkommen recht«, bemerkte General Iwan Fjodorowitsch und zog sich, die Hände auf den Rücken gelegt, mit gelangweilter Miene zum Ausgang der Veranda zurück, wo er vor Ärger gähnte.

»Na, nun aber Schluß, lieber Freund!« wandte sich Lisaweta Prokofjewna energisch an Jewgenij Pawlowitsch. »Ich habe eure Gespräche satt…«

»Es ist Zeit!« sagte Ippolit, der sich besorgt und fast erschrocken erhob und verwirrt um sich blickte. »Ich habe Sie aufgehalten; ich wollte Ihnen alles sagen… ich meinte, daß Sie alle… zum letztenmal… es war Phantasie…«

Es war deutlich, daß er manchmal wie mit einem Ruck wieder lebendiger wurde und aus einem an wirkliches Irrereden grenzenden Zustand auf einmal für einige Augenblicke freikam, sich mit vollem Bewußtsein erinnerte und sprach, und zwar größtenteils in abgerissenen Sätzen, die er sich vielleicht schon vor längerer Zeit in langen, öden Krankheitsstunden, wenn er einsam und schlaflos im Bett lag, in Gedanken zurechtgelegt und auswendig gelernt hatte.

»Nun also, leben Sie wohl!« sagte er plötzlich schroff. »Sie meinen wohl, es wird mir leicht, Ihnen Lebewohl zu sagen? Haha!« lachte er, selbst ärgerlich über seine ungeschickte Frage. Dann fügte er, wie ergrimmt darüber, daß es ihm nie recht gelang, zu sagen, was er wollte, laut und gereizt hinzu: »Exzellenz, ich habe die Ehre, Sie zu meinem Begräbnis einzuladen, wenn Sie mich dieser Ehre würdigen wollen, und… nach dem General auch Sie alle, meine Herrschaften!…«

Er lachte wieder auf, aber das war schon das Lachen eines Irren. Lisaweta Prokofjewna trat erschrocken an ihn heran und faßte ihn bei der Hand. Er sah sie starr an, mit demselben Lachen, das aber nicht mehr fortdauerte, sondern gleichsam innehielt und auf seinem Gesicht erstarrte.

»Wissen Sie wohl, daß ich hierhergekommen bin, um Bäume zu sehen? Diese Bäume hier…« (Er wies auf die Bäume des Parks.) »Ist das nicht lächerlich, wie? Eigentlich ist dabei doch nichts lächerlich?« fragte er Lisaweta Prokofjewna ernst und überließ sich wieder seinen Gedanken. Dann, einen Augenblick darauf, hob er den Kopf in die Höhe und begann eifrig mit den Augen unter den Anwesenden zu suchen. Er suchte Jewgenij Pawlowitsch, der ganz in der Nähe, rechts von ihm, auf demselben Fleck stand wie vorher; er hatte das jedoch bereits vergessen und suchte ihn ringsumher. »Ah, Sie sind nicht fortgegangen!« sagte er, als er ihn endlich gefunden hatte. »Sie haben sich vorhin darüber lustig gemacht, daß ich eine Viertelstunde lang aus dem Fenster sprechen wollte… Aber wissen Sie, ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt: ich habe so viel auf dem Bett gelegen und so viel durch dieses Fenster geschaut und so viel nachgedacht… über alles mögliche… daß… Ein Toter hat kein Alter, wie Sie wissen; noch in der vorigen Woche habe ich darüber nachgedacht, als ich in der Nacht aufgewacht war… Wissen Sie aber, was Sie am meisten fürchten? Am meisten fürchten Sie unsere Aufrichtigkeit, obwohl Sie uns verachten! Auch das habe ich damals in der Nacht im Bett überlegt… Sie meinen, ich hätte mich vorhin über Sie lustig machen wollen, Lisaweta Prokofjewna? Nein, ich habe mich nicht über Sie lustig gemacht; ich wollte Sie nur loben… Kolja hat mir gesagt, der Fürst habe Sie ein Kind genannt… Das ist gut… Ja, was hatte ich doch noch… ich wollte noch etwas sagen…« Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und dachte nach. »Das war’s: als Sie vorhin Abschied nahmen, da dachte ich auf einmal: da sind nun diese Menschen, und sie werden für immer vergehen, für immer! Und diese Bäume auch. Nur die Backsteinwand wird bestehen bleiben, die rote Backsteinwand des Meyerschen Hauses… meinem Fenster gegenüber… Nun, sprich ihnen einmal von alledem… versuch es, rede davon; da ist ein schönes Mädchen… du bist ja ein Toter, stelle dich als Toter vor; sage, daß ›ein Toter alles sagen darf‹… und daß es ihn nicht mehr kümmert, ob die Fürstin Marja Alexejewna schilt, haha! … Sie lachen doch nicht?« Er ließ seinen Blick mißtrauisch über alle hinschweifen. »Wissen Sie, wenn ich so im Bett lag, da kamen mir viele Gedanken… wissen Sie, ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß die Natur sehr spottlustig ist… Sie sagten vorhin, ich sei ein Atheist, aber wissen Sie, die Natur… Warum lachen Sie wieder? Sie sind furchtbar grausam!« sagte er traurig und unwillig, indem er alle ringsum ansah. »Ich habe Kolja nicht verdorben«, schloß er in völlig verändertem, ernstem Ton, im Ton fester Überzeugung, als ob ihm auch dies eben einfiele…

»Niemand, niemand lacht hier über dich, beruhige dich!« sagte Lisaweta Prokofjewna fast gequält. »Morgen wird ein neuer Arzt zu dir kommen, dein bisheriger hat sich geirrt. Aber so setz dich doch; du kannst ja nicht auf den Beinen stehen! Du redest wirr… Ach, was sollen wir jetzt mit ihm anfangen?« sagte sie, indem sie ihn eifrig veranlassen wollte, sich auf einen Lehnstuhl zu setzen. Eine Träne glitzerte auf ihrer Wange.

Ippolit blieb überrascht stehen; dann hob er den Arm, streckte ihn furchtsam aus und berührte mit der Hand diese Träne. Auf seinem Gesicht spielte ein eigentümliches, kindliches Lächeln.

»Ich… habe Sie…«, begann er erfreut, »Sie wissen nicht, wie ich Sie… er hat immer mit solcher Begeisterung von Ihnen gesprochen, er, Kolja… ich liebe seine Begeisterung. Ich habe ihn nicht verdorben! Er ist der einzige Freund, den ich zurücklasse… ich hätte gern alle Menschen als meine Freunde zurückgelassen, alle, aber ich habe keinen zum Freund gewinnen können, keinen… Ich wollte tätig sein, ich hatte ein Recht darauf… Oh, wie vieles wollte ich! Jetzt will ich nichts mehr; ich will nichts mehr wollen; ich habe mir das Wort darauf gegeben, nichts mehr zu wollen; mögen sie, mögen sie jetzt ohne mich die Wahrheit suchen! Ja, die Natur ist spottlustig! Warum«, fuhr er, plötzlich lebhafter werdend, fort, »warum schafft sie die besten Wesen, um sich dann über sie lustig zu machen? Sie hat es so eingerichtet, daß das einzige Wesen, das man auf Erden als vollkommen anerkannt hat… sie hat es eingerichtet, daß, als sie es den Menschen gezeigt hatte, sie gerade dieses Wesen dazu prädestiniert hat, Lehren zu verkünden, infolge deren so viel Blut vergossen worden ist, daß, wenn es alles auf einmal vergossen worden wäre, die Menschen darin sicher ertrunken wären! Oh, es ist gut, daß ich sterbe! Ich hätte auch vielleicht irgendeine furchtbare Lüge gesagt; die Natur würde es schon so eingerichtet haben!… Ich habe niemand verdorben… Ich wollte leben, um das Glück aller Menschen zu fördern, um die Wahrheit zu entdecken und zu verkünden… Ich blickte durch das Fenster nach der Meyerschen Mauer und dachte, ich brauchte nur eine Viertelstunde zu reden, dann würde ich alle, alle überzeugen, und nun bin ich einmal im Leben mit Menschen zusammengekommen, wenn auch nicht mit vielen Menschen, so doch mit Ihnen, und was ist nun das Resultat? Nichts! Das Resultat ist, daß Sie mich verachten! Also bin ich ein Dummkopf, also tauge ich zu nichts, also ist es Zeit, daß ich gehe! Und ich habe es nicht verstanden, irgendwelche Erinnerung an mich zurückzulassen! Kein Laut, keine Spur, keine Tat bleibt von mir zurück; keine einzige Überzeugung habe ich verbreitet!… Lachen Sie nicht über den Toren! Vergessen Sie mich! Vergessen Sie alles… vergessen Sie bitte, seien Sie nicht so grausam! Wissen Sie, wenn sich diese Schwindsucht nicht eingestellt hätte, hätte ich mir selbst das Leben genommen…«

Er schien noch vieles sagen zu wollen, aber er sprach nicht zu Ende, warf sich in den Lehnstuhl, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte wie ein kleines Kind.

»Na, nun sagen Sie bloß, was soll man nun mit ihm anfangen?« rief Lisaweta Prokofjewna, stürzte auf ihn zu, faßte seinen Kopf und drückte ihn fest, ganz fest gegen ihre Brust. Er schluchzte krampfhaft. »Nun, nun, nun! Nun, weine nur nicht, nun, laß nur gut sein; du bist ein guter Junge, Gott wird dir wegen deiner Unwissenheit verzeihen; nun, hör nur auf, zeig dich mannhaft!… Sonst mußt du dich ja auch schämen …«

»Ich habe da zu Hause«, redete Ippolit weiter, indem er mit Anstrengung den Kopf ein wenig in die Höhe hob, »ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, kleine, arme, unschuldige Kinder… Sie wird sie verderben! Sie sind eine Heilige, Sie… sind selbst ein Kind, – retten Sie sie! Entreißen Sie sie dieser… sie ist… es ist eine Schande… Oh, helfen Sie ihnen, helfen Sie ihnen; Gott wird es Ihnen hundertfach vergelten. Helfen Sie um Gottes Willen, um Christi willen!…«

»Nun sagen Sie doch endlich, Iwan Fjodorowitsch, was jetzt geschehen soll!« rief Lisaweta Prokofjewna in gereiztem Ton. »Tun Sie mir den Gefallen und brechen Sie Ihr majestätisches Schweigen! Wenn Sie keine Entscheidung treffen, so mögen Sie wissen, daß ich selbst hierbleiben und hier übernachten werde; Sie haben mich genug mit Ihrer Herrschsucht tyrannisiert!«

Solche lebhaften, zornigen Fragen waren bei Lisaweta Prokofjewna nichts Seltenes, und sie erwartete dann eine sofortige Antwort. Aber in solchen Fällen pflegen die meisten Anwesenden, auch wenn ihrer viele sind, mit Stillschweigen und passiver Neugier zu antworten, ohne daß sie Verlangen tragen, etwas auf sich zu beziehen und entsprechend zu handeln; ihre Gedanken sprechen sie dann erst lange nachher aus. Unter den hier Anwesenden befanden sich auch einige, die bereit waren, ohne ein Wort zu sagen, nötigenfalls bis zum Morgen dazusitzen, zum Beispiel Warwara Ardalionowna, die den ganzen Abend über schweigsam in einiger Entfernung gesessen und während der ganzen Zeit mit außerordentlichem Interesse zugehört hatte, wozu sie vielleicht ihre besonderen Gründe hatte.

»Meine Meinung, liebe Frau«, versetzte der General, »geht dahin, daß hier jetzt sozusagen eine Krankenpflegerin besser angebracht wäre als wir mit unserer Aufregung, und vielleicht außerdem noch ein zuverlässiger, nüchterner Mensch für die Nacht. Jedenfalls müssen wir den Fürsten fragen und… dann sofort für Ruhe sorgen. Morgen können wir ja unsere Teilnahme weiter bekunden.«

»Es ist gleich zwölf Uhr; wir wollen fahren. Soll er nun mit uns fahren oder bei Ihnen bleiben?« wandte sich Doktorenko gereizt und ärgerlich an den Fürsten.

»Wenn Sie wollen, können auch Sie bei ihm hierbleiben«, antwortete der Fürst. »Es wird Platz genug da sein.«

»Exzellenz«, sagte unerwartet Herr Keller, der rasch und eifrig an den General herantrat, »wenn ein zuverlässiger Mensch für die Nacht erforderlich ist, so bin ich bereit, für meinen Freund dieses Opfer zu bringen… er ist eine ganz herrliche Seele! Ich halte ihn schon lange für einen bedeutenden Menschen, Exzellenz! Meine eigene Bildung ist ja natürlich nur mangelhaft; aber wenn er etwas kritisiert, ist jedes Wort von ihm eine Perle, er streut die Perlen nur so um sich, Exzellenz!…«

Der General wandte sich mit einer Miene der Verzweiflung ab.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn er hierbleibt; das Fahren würde für ihn natürlich eine böse Sache sein«, erklärte der Fürst auf Lisaweta Prokofjewnas erregte Fragen.

»Aber wirst du denn dann selbst zum Schlafen kommen? Wenn du ihn nicht hierbehalten magst, Väterchen, dann werde ich ihn zu uns transportieren lassen! O Gott, er kann sich ja kaum selbst auf den Beinen halten! Du bist krank, nicht wahr?«

Als Lisaweta Prokofjewna den Fürsten nicht auf dem Sterbebette fand, hatte sie, nach dem äußeren Aussehen urteilend, seinen Gesundheitszustand für viel befriedigender gehalten, als er in Wirklichkeit war; aber die soeben überstandene Krankheit, die schweren mit ihr verbundenen Erinnerungen, die Ermüdung von dem unruhigen Abend, die Affäre mit dem »Sohn Pawlischtschews« und der jetzige Vorfall mit Ippolit, alles dies hatte zusammengewirkt, um die krankhafte Empfindsamkeit des Fürsten bis zu einem fieberhaften, Zustand zu steigern. Aber außerdem beunruhigte ihn jetzt noch eine andere Sorge, ja eine Befürchtung; er beobachtete ängstlich Ippolit, als ob er von ihm noch etwas erwartete.

Plötzlich erhob sich Ippolit; er war schrecklich blaß, und sein verzerrtes Gesicht trug den Ausdruck furchtbarer, verzweifelter Scham. Das trat namentlich in seinem Blick zutage, der voll Haß und Furcht auf die Anwesenden gerichtet war, und in dem verlegenen, schiefen, umherirrenden Lächeln auf seinen zuckenden Lippen. Die Augen schlug er sofort wieder nieder und ging mit schwankenden Schritten, immer noch in gleicher Weise lächelnd, auf Burdowskij und Doktorenko zu, die am Ausgang der Veranda standen; er wollte mit ihnen wegfahren.

»Das war es, was ich befürchtete!« rief der Fürst. »So mußte es kommen!«

Mit rasendem Ingrimm wandte sich Ippolit schnell zu ihm um; jeder Muskel seines Gesichts zitterte und schien zu sprechen.

»Ah, Sie haben das befürchtet! So mußte es nach Ihrer Meinung kommen! So mögen Sie denn wissen«, heulte er heiser und kreischend, und Speicheltröpfchen flogen ihm dabei aus dem Mund, »daß, wenn ich jemand hier hasse (und ich hasse Sie alle, alle!), ich Sie von allen und von allem, was es auf der Welt gibt, am meisten hasse, Sie Jesuit, Sie Sirupseele, Sie Idiot, Sie Millionär und Wohltäter! Ich habe Sie schon lange durchschaut und gehaßt, schon damals, als ich Sie nur erst vom Hörensagen kannte; ich habe Sie gehaßt mit dem ganzen Haß meiner Seele… Das haben Sie hier jetzt alles kunstvoll arrangiert! Sie haben bei mir einen Anfall herbeigeführt! Sie haben einen Sterbenden dahin gebracht, sich zu schämen; Sie, Sie, Sie sind an meinem unwürdigen Kleinmut schuld! Ich würde Sie ermorden, wenn ich am Leben bliebe! Ich brauche Ihre Wohltaten nicht; ich nehme von niemand Wohltaten an, hören Sie, von niemand und nichts! Ich habe vorhin im Delirium gesprochen; erdreisten Sie sich nicht zu triumphieren!… Ich verfluche Sie alle ein für allemal!«

Hier ging ihm die Luft völlig aus.

»Er schämt sich seiner Tränen!« flüsterte Lebedew der Generalin zu. »›So mußte es kommen!‹ Ja, ja, der Fürst! Der hat in seiner Seele gelesen…«

Aber Lisaweta Prokofjewna würdigte ihn keines Blickes. Sie stand stolz aufgerichtet mit zurückgeworfenem Kopf da und betrachtete mit geringschätziger Neugier »diese Jammermenschen«. Als Ippolit schwieg, zuckte der General die Schultern, aber seine Frau sah ihn zornig vom Kopf bis zu den Füßen an, als wollte sie ihn wegen dieser Bewegung zur Rechenschaft ziehen, und wandte sich sogleich zum Fürsten.

»Ich danke Ihnen, Fürst, Sie exzentrischer Freund unseres Hauses, für den angenehmen Abend, den Sie uns allen bereitet haben. Gewiß sind Sie jetzt im Herzen froh darüber, daß es Ihnen gelungen ist, auch uns in Ihre Dummheiten zu verwickeln… Machen wir Schluß, lieber Freund unseres Hauses; ich danke Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit gegeben haben, wenigstens Sie genau kennenzulernen!…«

Mit allen Zeichen des Unwillens brachte sie ihre Mantille in Ordnung und wartete darauf, daß »jene da« aufbrächen. Für »jene da« fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor, die Doktorenko schon vor einer Viertelstunde durch Lebedews Sohn, den Gymnasiasten, hatte holen lassen. Der General fügte dem, was seine Gattin gesagt hatte, sofort auch seinerseits ein Wort hinzu.

»In der Tat, Fürst, ich hätte nicht erwartet… nach allem… nach all den freundschaftlichen Beziehungen… und schließlich hat Lisaweta Prokofjewna…«

»Aber wie ist es nur möglich, wie ist es nur möglich!« rief Adelaida, indem sie schnell an den Fürsten herantrat und ihm die Hand reichte.

Der Fürst lächelte sie mit verwirrter Miene an. Plötzlich drang ein erregtes, hastiges Flüstern an sein Ohr.

»Wenn Sie nicht augenblicklich den Verkehr mit diesen garstigen Menschen abbrechen, werde ich Sie mein Leben lang, mein ganzes Leben lang hassen«, flüsterte Aglaja. Sie war ganz außer sich vor Empörung; aber sie wandte sich ab, ehe der Fürst Zeit fand, sie anzusehen. Übrigens hatte er zu einem Abbruch des Verkehrs keine Möglichkeit mehr: der kranke Ippolit war mittlerweile, so gut es ging, in die Droschke gepackt worden, und diese fuhr gerade ab.

»Nun, wird das noch lange dauern, Iwan Fjodorowitsch? Wie denken Sie darüber? Werde ich noch lange von diesen bösen Buben zu leiden haben?«

»Ja, liebe Frau, ich… ich bin natürlich bereit, und… der Fürst…«

Iwan Fjodorowitsch streckte dennoch dem Fürsten die Hand hin, lief aber, ohne daß es zu einem Händedruck gekommen wäre, hinter Lisaweta Prokofjewna her, die geräuschvoll und zornig die Stufen vor der Veranda hinunterstieg. Adelaida, ihr Bräutigam und Alexandra verabschiedeten sich freundlich und herzlich vom Fürsten. Jewgenij Pawlowitsch machte es ebenso; er war der einzige, der sich in heiterer Stimmung befand.

»Es ist so gegangen, wie ich es mir gedacht hatte! Nur schade, daß auch Sie Armer dabei zu leiden gehabt haben!« flüsterte er mit dem liebenswürdigsten Lächeln.

Aglaja ging weg, ohne sich zu verabschieden.

Aber die Ereignisse dieses Abends waren damit noch nicht zu ihrem Ende gelangt; Lisaweta Prokofjewna sollte noch eine höchst unerwartete Begegnung erleben.

Sie war noch nicht ganz die Stufen nach dem Weg, der sich um den Park herumzog, hinuntergestiegen, als eine elegante Equipage, eine mit zwei Schimmeln bespannte Kalesche, am Landhaus des Fürsten vorbeirollte. In dem Wagen saßen zwei schöngekleidete Damen. Aber als der Wagen kaum zehn Schritte vorbeigefahren war, hielt er plötzlich an; eine der Damen wendete sich schnell um, als ob sie plötzlich einen Bekannten erblickt hätte, mit dem sie notwendig sprechen müßte.

»Jewgenij Pawlytsch! Bist du es?« rief eine wohl tönende, helle Stimme, bei deren Klang der Fürst und vielleicht sonst noch jemand zusammenfuhr. »Wie freue ich mich, daß ich dich endlich gefunden habe! Ich hatte einen expressen Boten an dich nach der Stadt geschickt und dann einen zweiten! Den ganzen Tag haben sie dich gesucht!«

Jewgenij Pawlowitsch stand auf den Treppenstufen wie vom Donner gerührt. Lisaweta Prokofjewna war ebenfalls stehengeblieben, aber nicht in starrem Schreck wie Jewgenij Pawlowitsch; sie schaute die dreiste Dame ebenso stolz und mit derselben kalten Verachtung an wie fünf Minuten vorher die »Jammermenschen« und wandte dann ihren forschenden Blick sofort nach Jewgenij Pawlowitsch.

»Eine Neuigkeit!« fuhr die helle Stimme fort. »Wegen der Kupferschen Wechsel kannst du unbesorgt sein; Rogoshin hat sie für dreißigtausend Rubel aufgekauft; ich habe ihn dazu überredet. Wenigstens für drei Monate kannst du beruhigt sein. Und mit Biskup und dieser ganzen Bande werden wir uns gewiß einigen, auf Grund unserer alten Bekanntschaft! Nun, du siehst also, es steht alles gut. Freue dich! Bis morgen!«

Die Equipage setzte sich wieder in Bewegung und verschwand schnell.

»Das ist eine Irrsinnige!« rief Jewgenij Pawlowitsch endlich; er war vor Entrüstung ganz rot geworden und blickte erstaunt rings um sich. »Ich verstehe kein Wort von dem, was sie gesagt hat! Was sollen das für Wechsel sein? Wer ist die Person?«

Lisaweta Prokofjewna sah ihn noch ein paar Sekunden an; dann drehte sie sich kurz um und ging schnell nach ihrem Landhaus; die andern folgten ihr. Einen Augenblick darauf kehrte Jewgenij Pawlowitsch in großer Aufregung wieder zu dem Fürsten in die Veranda zurück.

»Fürst, sagen Sie mir die Wahrheit: wissen Sie nicht, was das zu bedeuten hat?«

»Ich weiß nichts davon«, antwortete der Fürst, der sich ebenfalls in einer ungewöhnlichen und krankhaften Aufregung befand.

»Nein?«

»Nein.«

»Und ich weiß auch nichts davon«, sagte Jewgenij Pawlowitsch, plötzlich auflachend. »Bei Gott, ich habe mit diesen Wechseln nichts zu schaffen; glauben Sie meinem Ehrenwort!… Aber was ist mit Ihnen? Fallen Sie in Ohnmacht?«

»O nein, nein, ich versichere Ihnen, es ist nichts…«

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Kapitel 27

XI

Erst am dritten Tage erbarmten Jepantschins sich des Fürsten und verziehen ihm vollständig. Obgleich der Fürst sich nach seiner Gewohnheit viel Schuld beimaß und in vollem Ernst eine Strafe erwartete, so war er doch von vornherein innerlich völlig davon überzeugt, daß Lisaweta Prokofjewna ihm nicht allzusehr zürnen konnte und in der Hauptsache nur auf sich selbst böse war. Daher war er am dritten Tage durch die unerwartet lange Dauer der Feindschaft in eine sehr trübe, ratlose Stimmung versetzt. Dazu hatten auch noch andere Umstände beigetragen, und einer von ihnen in besonders hohem Grade. Dieser eine Umstand hatte während der drei Tage für ihn infolge seines mißtrauischen Wesens immer mehr an Bedeutung gewonnen. (Der Fürst beschuldigte sich nämlich seit einiger Zeit zweier fehlerhafter Extreme: einer übermäßigen »sinnlosen, aufdringlichen« Zutraulichkeit und gleichzeitig eines »finsteren, unwürdigen« Mißtrauens.) Kurz, am Ende des dritten Tages hatte das Erlebnis mit der exzentrischen Dame, die aus ihrer Kutsche mit Jewgenij Pawlowitsch gesprochen hatte, in seinem Kopf ganz rätselhafte, beängstigende Dimensionen angenommen. Der Kernpunkt des Rätsels, abgesehen von anderen Seiten der Angelegenheit, bestand für den Fürsten in der betrüblichen Frage, ob er auch an dieser neuen »Ungeheuerlichkeit« schuld sei oder nur… Aber er ließ unausgesprochen, wer dabei noch m Betracht kam. Was die Buchstaben N. F. B. anlangte, so war das nach seiner Anschauung nur unschuldiger Mutwille, rein kindlicher Mutwille, so daß es ihm lächerlich und in gewisser Hinsicht sogar unehrenhaft erschien, darüber länger nachzudenken.

Gleich am ersten Tage nach dem häßlichen Abend, an dessen ungehörigen Vorgängen er die »Hauptschuld« trug, hatte der Fürst am Vormittag das Vergnügen, den Fürsten Schtsch. und Adelaida in seiner Wohnung zu empfangen: sie waren nach ihrer Angabe hauptsächlich gekommen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, und zwar befanden sie sich auf einem Spaziergange zu zweien. Adelaida hatte soeben im Park einen Baum bemerkt, einen wundervollen alten Baum, mit langen, gekrümmten Ästen, ganz mit jungem, grünem Laub bedeckt, mit einer Höhlung und einem Spalt; sie hatte sich fest, ganz fest vorgenommen, diesen Baum zu malen! So sprach sie denn die ganze halbe Stunde, die ihr Besuch dauerte, fast nur hiervon. Fürst Schtsch. war wie gewöhnlich nett und liebenswürdig, fragte den Fürsten nach weiter zurückliegenden Dingen und erwähnte einige Umstände aus der Zeit ihrer ersten Bekanntschaft, so daß von den Ereignissen des vorhergehenden Tages fast gar nicht gesprochen wurde. Endlich konnte sich Adelaida nicht mehr beherrschen und gestand lächelnd, daß sie incognito hergekommen seien; aber damit war auch das Bekenntnis zu Ende, obwohl schon aus diesem incognito zu ersehen war, daß die Eltern, das heißt besonders Lisaweta Prokofjewna, sich in einer gewissen Mißstimmung befanden. Aber weder von ihr noch von Aglaja, noch selbst von Iwan Fjodorowitsch sagten Adelaida und Fürst Schtsch. bei ihrem Besuch ein Sterbenswörtchen. Als sie wieder fortgingen, um ihren Spaziergang fortzusetzen, luden sie den Fürsten nicht ein, sich ihnen anzuschließen. Eine Aufforderung, doch zu ihnen in ihre Wohnung zu kommen, fand auch nicht einmal andeutungsweise statt; in dieser Hinsicht ließ sich Adelaida sogar eine sehr bezeichnende Wendung entschlüpfen: sie erzählte von einem Aquarell, das sie gemalt hatte, und äußerte den lebhaften Wunsch, es dem Fürsten zu zeigen. »Wie könnten wir das nur möglichst bald machen? Warten Sie! Ich werde es Ihnen entweder heute noch durch Kolja schicken, wenn er zu uns kommen sollte, oder es morgen selbst herbringen, wenn ich wieder mit dem Fürsten spazierengehe«, so erledigte sie schließlich diese Schwierigkeit, erfreut, daß es ihr gelungen war, diese Aufgabe in einer so geschickten und für alle Beteiligten bequemen Weise zu lösen. Endlich, als sie sich schon empfahlen, fragte Fürst Schtsch., als ob ihm das plötzlich einfiele:

»Ach ja, wissen Sie vielleicht, lieber Lew Nikolajewitsch, was das für eine Person war, die gestern unsern Jewgenij Pawlytsch aus dem Wagen anrief?«

»Das war Nastasja Filippowna«, antwortete der Fürst. »Haben Sie denn noch nicht erfahren, daß sie es war? Aber wer ihre Begleiterin war, das weiß ich nicht.«

»Ja, ja, ich habe es gehört!« sagte Fürst Schtsch. »Aber was bedeutete das, was sie ihm zurief? Ich muß gestehen, das ist mir ein reines Rätsel… mir und den andern.«

Fürst Schtsch. sprach mit außerordentlicher, offensichtlicher Verwunderung.

»Sie hat von Wechseln Jewgenij Pawlowitschs gesprochen«, erwiderte der Fürst schlicht, »die Rogoshin auf ihre Bitte von einem Wucherer erworben habe, und hat gesagt, Rogoshin werde mit Jewgenij Pawlowitsch Geduld haben.«

»Das habe ich gehört, das habe ich gehört, mein teurer Fürst, aber das ist ja doch unmöglich! Jewgenij Pawlowitsch hat keine Wechsel ausgestellt, das ist unmöglich! Bei einem solchen Vermögen… Allerdings ist es ihm früher einmal aus Leichtsinn begegnet, und ich habe ihm sogar selbst aus der Klemme geholfen… Aber bei einem solchen Vermögen einem Wucherer Wechsel auszustellen und sich deswegen zu beunruhigen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auch kann er sich nicht mit Nastasja Filippowna duzen und in solchen freundschaftlichen Beziehungen zu ihr stehen – das ist das allergrößte Rätsel. Er schwört, er verstehe von der ganzen Geschichte gar nichts, und ich glaube ihm vollkommen. Aber ich wollte doch auch Sie, lieber Fürst, fragen, ob Sie vielleicht etwas davon wissen. Ich meine: ist vielleicht durch irgendeinen wunderlichen Zufall ein Gerücht zu Ihren Ohren gelangt?«

»Nein, ich weiß nichts, und ich versichere Ihnen, daß ich an der Sache in keiner Weise beteiligt bin.«

»Ach, wie wunderlich reden Sie da, Fürst! Ich erkenne Sie heute gar nicht wieder! Konnte ich denn überhaupt auf den Gedanken kommen, daß Sie an einer derartigen Sache beteiligt seien?… Na, Sie sind heute angegriffen.«

Er umarmte und küßte ihn.

»Was meinen Sie denn mit ›an einer derartigen Sache beteiligt‹? Ich sehe hier keine ›derartige‹ Sache.«

»Ohne Zweifel beabsichtigte diese Person, unserm Jewgenij Pawlowitsch irgendwie und bei irgend etwas dadurch hinderlich zu sein, daß sie ihm vor Zeugen Eigenschaften beilegte, die er nicht besitzt und nicht besitzen kann«, versetzte Fürst Schtsch. in ziemlich trockenem Ton.

Fürst Lew Nikolajewitsch wurde verlegen, fuhr aber doch fort, den Fürsten Schtsch. unverwandt und fragend anzusehen, aber dieser schwieg.

»Könnten es nicht doch einfach Wechsel sein? Könnte es sich nicht buchstäblich so verhalten, wie gestern gesagt wurde?« murmelte Fürst Myschkin endlich wie ungeduldig.

»Aber ich bitte Sie, sagen Sie selbst: was kann es zwischen Jewgenij Pawlytsch und… ihr Gemeinsames geben, obendrein wenn dabei noch Rogoshin im Spiel ist? Ich wiederhole Ihnen: er besitzt ein kolossales Vermögen, wie mir ganz genau bekannt ist, und ein zweites Vermögen hat er von seinem Onkel zu erwarten. Nastasja Filippowna hat einfach…«

Fürst Schtsch. verstummte plötzlich wieder, augenscheinlich, weil er dem Fürsten Myschkin nichts weiter über Nastasja Filippowna sagen mochte.

»Jedenfalls ist sie doch mit ihm bekannt?« fragte plötzlich Fürst Lew Nikolajewitsch nach kurzem Stillschweigen.

»Es scheint allerdings, daß das einmal der Fall gewesen ist; er ist ein Windhund! Wenn es übrigens so gewesen ist, dann ist es schon lange her; es müßte in früherer Zeit gewesen sein, vor zwei, drei Jahren. Er war ja noch mit Tozkij bekannt. Jetzt aber kann nichts von der Art vorliegen, und ›du‹ können sie niemals zueinander gesagt haben! Sie wissen ja selbst, daß auch sie die ganze Zeit nicht hier gewesen ist und ihr Aufenthaltsort unbekannt war. Viele wissen auch jetzt noch nicht, daß sie wieder hier erschienen ist. Ich habe ihre Equipage vor drei Tagen zum erstenmal gesehen.«

»Eine prächtige Equipage!« bemerkte Adelaida.

»Ja, wundervoll!«

Beide brachten übrigens beim Fortgehen dem Fürsten Lew Nikolajewitsch ihre durchaus freundschaftliche, ja sozusagen geschwisterliche Gesinnung zum Ausdruck.

Aber für unseren Helden war dieser Besuch von geradezu entscheidender Bedeutung. Allerdings hatte er auch selbst, schon seit dem vorhergehenden Abend (vielleicht auch schon noch früher), gar vieles geargwöhnt, aber bis zu diesem Besuch hatte er sich nicht dazu entschließen mögen, seine Befürchtungen für begründet zu halten. Jetzt aber war alles klargeworden; Fürst Schtsch. deutete den Vorfall gewiß irrig, kam jedoch insofern der Wahrheit nahe, als er begriff, daß es sich hier um eine Intrige handelte. (›Übrigens‹, dachte der Fürst, ›faßt er die Sache vielleicht im stillen ganz richtig auf, will es aber nicht aussprechen und deutet sie darum absichtlich irrig.‹) Am allerklarsten war, daß die beiden (besonders Fürst Schtsch.) jetzt zu ihm gekommen waren, weil sie gehofft hatten, von ihm irgendwelche Aufklärungen zu erlangen; wenn dem so war, so meinten sie offenbar, er sei an der Intrige mitbeteiligt. Wenn sich ferner all dies so verhielt und von solcher Wichtigkeit war, so mußte sie irgendein furchtbares Ziel im Auge haben; aber was war das für ein Ziel? Entsetzlich! ›Und wie soll man sie aufhalten? Sie aufzuhalten gibt es keine Möglichkeit, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat!‹ Das wußte der Fürst aus Erfahrung. ›Sie ist eine Irrsinnige, eine Irrsinnige!‹

Aber es kamen an diesem Morgen noch eine Menge anderer schwieriger Fragen hinzu, die alle gleichzeitig auf ihn einstürmten und sofortige Entscheidung verlangten, so daß der Fürst in recht trübe Stimmung geriet. Ein wenig Zerstreuung verschaffte ihm Wera Lebedewa, die mit der kleinen Ljubotschka auf dem Arm zu ihm kam und ihm unter vielem Lachen längere Zeit etwas erzählte. Ihr folgte ihre Schwester, die immer den Mund so weit aufriß, und beiden folgte dann Lebedews Sohn, der Gymnasiast, der versicherte, der »Wermutstern« in der Apokalypse, der auf die Wasserquellen der Erde gefallen sei, sei nach der Deutung seines Vaters das Eisenbahnnetz, welches Europa bedecke. Der Fürst glaubte nicht recht, daß Lebedew es so erklärt habe, und sie nahmen sich vor, ihn selbst bei der ersten passenden Gelegenheit danach zu fragen. Von Wera Lebedewa erfuhr der Fürst, daß Keller sich bei ihnen seit gestern einquartiert habe und, nach allen Anzeichen zu urteilen, so bald nicht wieder fortgehen werde, denn er habe hier an General Iwolgin Gesellschaft gefunden und mit ihm Freundschaft geschlossen; er habe übrigens erklärt, er bleibe einzig und allein, um seine Bildung zu vervollständigen. Überhaupt gefielen Lebedews Kinder dem Fürsten von Tag zu Tag mehr. Kolja war den ganzen Tag nicht anwesend; er hatte sich ganz früh am Morgen nach Petersburg begeben. (Auch Lebedew war beim Morgengrauen in eigenen Geschäften weggefahren.) Aber der Fürst wartete ungeduldig auf einen Besuch Gawrila Ardalionowitschs, der unbedingt heute bei ihm vorsprechen mußte.

Er kam zwischen sechs und sieben Uhr nachmittags, gleich nach Tisch. Sowie der Fürst ihn erblickte, kam ihm der Gedanke, wenn jemand, so müsse dieser Herr den ganzen Zusammenhang haarklein und ohne Entstellung kennen; es sei ja gar nicht anders möglich, da er solche Gehilfen wie Warwara Ardalionowna und ihren Mann habe. Aber das Verhältnis des Fürsten zu Ganja war von ganz besonderer Art. Der Fürst hatte ihm zum Beispiel die Erledigung der Burdowskijschen Angelegenheit anvertraut und ihn dringend darum gebeten; aber ungeachtet des ihm hierbei bezeigten Vertrauens und trotz manchem, was vorhergegangen war, blieben zwischen ihnen beiden doch immer noch gewisse Punkte bestehen, über die sie wie nach Vereinbarung nicht miteinander sprachen. Es schien dem Fürsten manchmal, daß Ganja vielleicht seinerseits den Wunsch hegte, es möge doch zwischen ihnen beiden die vollste, freundschaftlichste Aufrichtigkeit herrschen; jetzt zum Beispiel, unmittelbar nach Ganjas Eintritt, hatte der Fürst den Eindruck, als sei Ganja der bestimmten Überzeugung, in diesem Augenblick müsse notwendigerweise zwischen ihnen in allen Punkten das Eis brechen. (Gawrila Ardalionowitsch hatte es jedoch eilig; in Lebedews Wohnung erwartete ihn seine Schwester; sie hatten beide zusammen eine dringende geschäftliche Besorgung vor.)

Aber wenn Ganja wirklich eine ganze Reihe ungeduldiger Fragen, freiwilliger Mitteilungen und freundschaftlicher Herzensergießungen erwartet haben sollte, so hatte er sich natürlich sehr geirrt. Während der ganzen zwanzig Minuten, die sein Besuch dauerte, war der Fürst in Gedanken versunken und unaufmerksam, und es fiel ihm gar nicht ein, die vielen Fragen oder, richtiger gesagt, die eine wichtige Frage zu stellen, auf die Ganja wartete. Da entschied sich auch Ganja dafür, mit größter Zurückhaltung zu sprechen. Er erzählte die ganzen zwanzig Minuten, ohne eine Pause eintreten zu lassen, dieses und jenes, lachte, führte eine leichte, nette, muntere Konversation, berührte aber nicht den Hauptpunkt.

Ganja berichtete unter anderm, Nastasja Filippowna sei erst seit vier Tagen hier in Pawlowsk, ziehe aber bereits die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie wohne in der Matrosskaja-Straße in einem kleinen unförmigen Häuschen bei Darja Alexejewna, habe aber beinah die feinste Equipage in ganz Pawlowsk. Es habe sich bereits eine ganze Schar alter und junger Verehrer um sie gesammelt; ihre Equipage werde manchmal von Reitern begleitet. Nastasja Filippowna sei, wie in früheren Zeiten, sehr wählerisch und gestatte nur einer Auslese, sich ihr zu nähern. Dennoch aber habe sich um sie eine ganze Leibgarde gebildet, auf deren Schutz sie sich im Notfall verlassen könne. Ein Verlobter unter den Sommerfrischlern sei bereits um ihretwillen mit seiner Braut zerfallen; ein alter General habe beinah seinen Sohn verflucht. Sie nehme auf ihren Spazierfahrten oft ein reizendes, eben erst sechzehnjähriges Mädchen mit, eine entfernte Verwandte Darja Alexejewnas; dieses Mädchen singe wunderschön, so daß abends ihr Häuschen die Aufmerksamkeit auf sich ziehe. Nastasja Filippowna benehme sich übrigens höchst anständig; sie kleide sich nicht luxuriös, aber außerordentlich geschmackvoll, und alle Damen seien wegen ihres Geschmacks, ihrer Schönheit und ihrer Equipage auf sie neidisch.

»Ihr gestriges auffälliges Benehmen«, verplapperte sich Ganja, »war natürlich vorher überlegt und darf selbstverständlich nicht in Rechnung gestellt werden. Um ihr etwas am Zeuge zu flicken, müßte man sie schon absichtlich belauern oder verleumden, was übrigens nicht lange ausbleiben wird«, schloß Ganja und erwartete nun, daß der Fürst jetzt unbedingt fragen werde, warum er ihr gestriges Verhalten ein vorher überlegtes nenne und warum die Verleumdung nicht lange ausbleiben werde. Aber der Fürst stellte diese Fragen nicht.

Über Jewgenij Pawlowitsch ließ sich Ganja von selbst, ohne danach gefragt zu sein, ausführlich aus, was sehr sonderbar war, da er ohne jeden äußeren Anlaß das Gespräch auf ihn brachte. Nach Gawrila Ardalionowitschs Ansicht hatte Jewgenij Pawlowitsch Nastasja Filippowna früher nicht gekannt; er kenne sie auch jetzt kaum und nur daher, daß er ihr vor vier Tagen durch irgend jemand auf dem Spaziergang vorgestellt sei; er sei aber schwerlich mit den andern auch nur ein einziges Mal bei ihr im Hause gewesen. Was die Wechsel anlange, so sei die Sache allerdings möglich (hierüber glaubte Ganja sogar Zuverlässiges zu wissen); Jewgenij Pawlowitsch besitze freilich ein großes Vermögen, aber manches auf seinem Gut sei tatsächlich in Unordnung. Bei diesem interessanten Punkt brach Ganja plötzlich ab. Über Nastasja Filippownas auffälliges Benehmen vom vorhergehenden Tag sagte er kein Wort außer der flüchtigen Bemerkung, die ihm vorher entschlüpft war. Endlich kam Warwara Ardalionowna, um Ganja abzuholen; sie blieb einen Augenblick da, teilte (ebenfalls ungefragt) mit, daß Jewgenij Pawlowitsch sich heute und vielleicht auch morgen in Petersburg aufhalten werde, daß ihr Mann (Iwan Petrowitsch Ptizyn) gleichfalls in Petersburg sei, und zwar fast ausschließlich in geschäftlichen Angelegenheiten Jewgenij Pawlowitschs, und daß da wirklich etwas passiert sein müsse. Beim Weggehen fügte sie hinzu, Lisaweta Prokofjewna befinde sich heute in einer gräßlichen Stimmung; aber, was das Seltsamste sei, Aglaja habe sich mit der ganzen Familie überworfen, nicht nur mit dem Vater und der Mutter, sondern sogar mit ihren beiden Schwestern, und das sei »ganz und gar nicht schön von ihr«. Nachdem sie, anscheinend nur so beiläufig, dem Fürsten diese letzte (für ihn überaus bedeutsame) Mitteilung gemacht hatte, entfernten sich Bruder und Schwester. Der Geschichte mit »Pawlischtschews Sohn« hatte Ganja mit keinem Wort Erwähnung getan, vielleicht aus falscher Bescheidenheit oder auch, »um die Gefühle des Fürsten zu schonen«, aber der Fürst sprach ihm doch noch einmal für die sorgsame Erledigung der Angelegenheit seinen Dank aus.

Der Fürst war sehr froh, daß sie ihn endlich allein gelassen hatten; er stieg von der Veranda hinab, schritt quer über den Weg und ging in den Park hinein; er wollte nachdenken und über einen wichtigen Schritt ins klare kommen. Aber dieser »Schritt« war nicht einer von denen, die man überlegt, sondern zu denen man sich ohne Überlegung einfach entschließt: es hatte ihn auf einmal ein heftiges Verlangen ergriffen, alles, was ihn hier umgab, zu verlassen, dahin zurückzukehren, von wo er gekommen war, irgendwohin, recht weit weg, in die Einsamkeit zu fahren, und zwar sofort, ohne auch nur von jemand Abschied zu nehmen. Er sah vorher, daß, wenn er hier auch nur noch ein paar Tage bliebe, er mit Sicherheit unwiederbringlich in diese Welt werde hineingezogen werden, und daß es dann künftig sein Los sein werde, ganz in ihr aufzugehen. Aber er hatte noch nicht zehn Minuten darüber nachgedacht, als er zu der Einsicht gelangte, daß es unzulässig sei, so davonzulaufen, daß das Kleinmut sein würde, daß ihm Aufgaben gestellt seien, deren Erfüllung abzulehnen er jetzt in keiner Weise berechtigt sei, daß er sich jedenfalls nicht weigern dürfe, zu ihrer Erfüllung all seine Kräfte anzustrengen. Mit solchen Gedanken beschäftigt, kehrte er nach Hause zurück, nachdem er kaum eine Viertelstunde spazierengegangen war. Er fühlte sich in diesem Augenblick tief unglücklich.

Lebedew war immer noch nicht zu Hause, so daß gegen Abend Keller die Gelegenheit benutzte, zum Fürsten einzudringen; er war zwar nicht betrunken, aber sehr zu Herzensergießungen und Bekenntnissen geneigt. Er erklärte geradeheraus, er sei gekommen, um dem Fürsten sein ganzes Leben zu erzählen, und sei speziell zu diesem Zweck in Pawlowsk geblieben. Ihn hinauszujagen, war schlechterdings unmöglich: er wäre unter keinen Umständen gegangen. Keller setzte zu einer sehr langen, sehr abgeschmackten Erzählung an, sprang aber gleich von den ersten Worten zum Schluß hinüber, indem er erklärte, er habe dermaßen »jeden Schatten von Moralität« verloren (einzig und allein infolge mangelnden Glaubens an die Existenz Gottes), daß er sogar gestohlen habe. »Können Sie sich das vorstellen?«

»Hören Sie mal, Keller, ich würde das an Ihrer Stelle ohne besondere Not lieber nicht bekennen«, erwiderte der Fürst. »Aber vielleicht wollen Sie sich absichtlich verleumden?«

»Ihnen, einzig und allein Ihnen sage ich es, und einzig und allein um meine sittliche Entwicklung zu fördern. Keinem andern werde ich es sagen, ich werde mein Geheimnis, wenn ich sterbe, in meinem Totenhemd mitnehmen. Aber wenn Sie wüßten, Fürst, wenn Sie nur wüßten, wie schwer es in unserer Zeit ist, Geld zu bekommen! Woher soll unsereiner welches nehmen, wenn Sie mir die Frage gestatten wollen. Ich bekam immer ein und dieselbe Antwort: ›Bringen Sie uns Goldsachen und Brillanten als Pfand, dann werden wir Ihnen Geld geben.‹ Aber das waren gerade die Dinge, die ich nicht hatte. Können Sie sich so etwas vorstellen? Ich wurde schließlich ärgerlich, ich stand da und zauderte. ›Geben Sie auch für Smaragde Geld?‹ fragte ich. – ›Ja, auch für Smaragde‹, antwortete er. – ›Nun, das ist ja vorzüglich!‹ erwiderte ich, setzte meinen Hut auf und ging weg; hol euch der Teufel, ihr nichtswürdigen Schurken!«

»Hatten Sie denn Smaragde?«

»Woher hätte ich denn Smaragde haben sollen? O Fürst, was haben Sie noch für eine sonnige, unschuldige, ja sozusagen idyllische Lebensanschauung!«

Es kam schließlich so weit, daß der Fürst ihn weniger bemitleidete, als vielmehr sich für ihn schämte. Es ging ihm sogar der Gedanke durch den Kopf: ›Könnte nicht aus diesem Menschen noch etwas Ordentliches werden, wenn jemand einen guten Einfluß auf ihn ausübte?‹ Seinen eigenen Einfluß hielt er aus gewissen Gründen für sehr ungeeignet, nicht weil er von sich selbst zu gering gedacht hätte, sondern wegen seiner besonderen Art, die Dinge anzuschauen. Allmählich kamen sie beide so eifrig ins Gespräch, daß sie sich gar nicht mehr voneinander trennen mochten. Keller bekannte mit seltener Offenherzigkeit von sich Dinge, bei denen man nicht begreifen konnte, wie jemand es fertigbrachte, sie zu erzählen. Jedesmal, wenn er sich zu einer solchen Erzählung anschickte, versicherte er hoch und teuer, er empfinde Reue und sei »innerlich voll Tränen«, aber trotzdem erzählte er in einer Weise, als sei er auf sein Verhalten stolz, und zugleich manchmal so komisch, daß er und der Fürst schließlich wie die Wahnsinnigen lachten.

»Die Hauptsache ist, daß Sie sich eine kindliche Zutraulichkeit und eine große Aufrichtigkeit bewahrt haben«, sagte der Fürst endlich. »Wissen Sie, daß Sie schon allein dadurch sehr vieles wiedergutmachen?«

»Ja, ich bin ein edler Mensch, ein edler Mensch, ein ritterlich edler Mensch!« bestätigte Keller gerührt. »Aber wissen Sie, Fürst, das bin ich immer nur, wenn ich mich so meinen Phantasien überlasse und sozusagen besondere Courage habe, in Wirklichkeit wird nie etwas daraus! Wie geht das nur zu? Mir ist das unbegreiflich.«

»Verzweifeln Sie nicht! Man kann jetzt mit Bestimmtheit sagen; daß Sie mir Ihr ganzes Inneres gezeigt haben; wenigstens scheint mir, daß es unmöglich ist, zu dem, was Sie erzählt haben, noch etwas hinzuzufügen, nicht wahr?«

»Unmöglich?!« rief Keller gewissermaßen mitleidig. »O Fürst, wie schweizermäßig, wenn ich mich so ausdrücken darf, beurteilen Sie den Menschen noch!«

»Sollte es wirklich möglich sein, noch etwas hinzuzufügen?« erwiderte der Fürst mit schüchternem Erstaunen. »Also nun sagen Sie bitte, Keller, was Sie eigentlich von mir wollten und warum Sie mit Ihrer Beichte zu mir gekommen sind!«

»Was ich wollte? Von Ihnen wollte? Erstens ist es schon allein ein Vergnügen, Ihre Herzenseinfalt anzusehen; es ist ein Vergnügen, so mit Ihnen zu sitzen und zu plaudern; ich weiß wenigstens, daß ich einen höchst tugendhaften Menschen vor mir habe. Und zweitens… zweitens…«

Er stockte.

»Vielleicht wollten Sie Geld von mir leihen?« half ihm der Fürst in ganz ernstem, schlichtem, ja sogar etwas schüchternem Ton.

Keller fuhr ordentlich zusammen; schnell und immer noch erstaunt blickte er dem Fürsten gerade in die Augen und schlug kräftig mit der Faust auf den Tisch.

»Na, Sie bringen einen ja ganz und gar aus der Fassung! Ich bitte Sie, Fürst: einerseits diese Herzenseinfalt und Harmlosigkeit, wie sie selbst im Goldenen Zeitalter unerhört wäre, und andrerseits durchschauen Sie einen gleichzeitig, wie wenn man von Glas wäre, durch und durch, mit der feinsten psychologischen Beobachtungsgabe! Aber erlauben Sie, Fürst, das bedarf einer Erklärung, da ich… ich bin ganz in Verwirrung geraten! Allerdings hatte ich die Absicht, mir zu guter Letzt von Ihnen Geld zu leihen; aber nun haben Sie mich danach in einer Weise gefragt, als fänden Sie darin nichts Tadelnswertes, als müßte das so sein.« »Ja… bei Ihnen muß das auch so sein.«

»Und Sie sind darüber nicht entrüstet?«

»Worüber sollte ich entrüstet sein?«

»Hören Sie mal, Fürst, ich bin seit gestern abend hiergeblieben, erstens aus besonderer Hochachtung gegen den französischen , von dem Lebedew erzählte (wir haben in Lebedews Wohnung bis drei Uhr morgens eine Flasche nach der andern entkorkt), und zweitens und hauptsächlich (ich schwöre Ihnen bei allem, was heilig ist, daß ich die reine Wahrheit sage), weil ich Ihnen eine vollständige, aufrichtige Beichte ablegen und dadurch sozusagen meine eigene sittliche Entwicklung fördern wollte; mit diesem Gedanken schlief ich zwischen drei und vier Uhr tränenüberströmt ein. Werden Sie das nun einem höchst edel denkenden Menschen glauben: in demselben Augenblick, als ich einschlief, aufrichtig erfüllt von inneren und sozusagen auch äußeren Tränen (denn ich schluchzte zuletzt, wie ich mich recht wohl erinnere), in demselben Augenblick kam mir ein teuflischer Gedanke: ›Wie wär’s? Könnte ich nicht zu guter Letzt, nach der Beichte, mir Geld von ihm leihen?‹ Auf diese Weise machte ich meine Beichte zurecht, um mich so auszudrücken, wie ein ragoût fin mit Tränen, in der Absicht, mir mit diesen Tränen den Weg zu bahnen und, wenn Sie sich dann geschmeichelt fühlten, mir von Ihnen hundertfünfzig Rubelchen auszahlen zu lassen. Meinen Sie nicht, daß das eine Gemeinheit ist?«

»Aber so ist das doch gewiß nicht wahr, sondern es ist nur einfach eins zum andern hinzugekommen. Zwei Gedanken sind zusammengetroffen, das kommt sehr oft vor. Mir begegnet das fortwährend. Ich glaube übrigens, daß das nicht schön ist, und wissen Sie, Keller, ich mache mir deswegen die größten Vorwürfe. Mir war, als ob Sie mir mich selbst schilderten. Manchmal habe ich sogar gedacht«, fuhr der Fürst sehr ernst und mit aufrichtigem, starkem Interesse fort, »daß alle Menschen von dieser Art sind, und wollte dann schon anfangen, mir Mut zu machen, denn gegen diese doppelten Gedanken anzukämpfen, ist furchtbar schwer; ich weiß es aus Erfahrung. Gott weiß, woher sie kommen und wie sie entstehen. Aber da nennen Sie das nun geradezu eine Gemeinheit! Jetzt werde auch ich wieder anfangen, mich vor diesen Gedanken zu fürchten. Jedenfalls steht es mir nicht zu, Sie zu verdammen. Aber man darf das doch meiner Ansicht nach nicht so geradezu eine Gemeinheit nennen, meinen Sie nicht auch? Sie haben sich einer List bedient, um durch Tränen Geld von mir herauszulocken, aber dabei schwören Sie doch selbst, daß Ihre Beichte noch einen andern Zweck hatte, einen edlen Zweck, nicht nur jenen pekuniären. Was aber das Geld anlangt, so wollen Sie es doch gewiß haben, um es zu verzechen, nicht? Das ist nach einer solchen Beichte selbstverständlich eine Kleinmütigkeit. Wie aber soll man auch noch die Neigung zum Trinken so im Handumdrehen ablegen? Das ist ja unmöglich. Was ist da zu tun? Das beste ist wohl, wir stellen es Ihrem eigenen Gewissen anheim, meinen Sie nicht?«

Der Fürst blickte Keller mit dem lebhaftesten Interesse an. Das Thema von den doppelten Gedanken hatte ihn offenbar schon lange beschäftigt.

»Na, warum man Sie bei alledem einen Idioten nennt, das ist mir unverständlich!« rief Keller.

Der Fürst errötete ein wenig.

»Der Prediger Bourdaloue, der würde mit einem Menschen wie mir keine Nachsicht gehabt haben; aber Sie waren nachsichtig und haben mich menschlich gerichtet! Um mich zu bestrafen und um zu zeigen, daß ich gerührt bin, verzichte ich jetzt auf die hundertfünfzig Rubel; geben Sie mir nur fünfundzwanzig und damit basta! Mehr brauche ich nicht, wenigstens nicht für die nächsten zwei Wochen. Vor Ablauf von zwei Wochen werde ich nicht wieder um Geld zu Ihnen kommen. Ich wollte eigentlich meiner Agaschka etwas schenken, aber sie verdient es gar nicht. O lieber Fürst, Gott segne Sie!«

Endlich kam Lebedew herein, der soeben zurückgekehrt war, und runzelte, als er in Kellers Händen den Fünfundzwanzigrubelschein erblickte, die Stirn. Aber kaum hatte Keller das Geld, beeilte er sich wegzukommen und verschwand schleunigst. Lebedew begann sofort auf ihn zu schimpfen.

»Sie sind ungerecht«, bemerkte der Fürst endlich. »Er bereute wirklich aufrichtig.«

»Aber was hat die Reue für einen Wert! Das ist gerade, wie ich gestern sagte: ›Ich bin ein gemeiner Mensch, ich bin ein gemeiner Mensch!‹ Das sind doch bloße Worte!«

»Also bei Ihnen waren es bloße Worte? Ich dachte schon …«

»Na, Ihnen, Ihnen allein will ich die Wahrheit sagen, weil Sie ja doch einen Menschen ganz durchschauen: die Worte und das Tun, die Lüge und die Wahrheit, das ist alles zusammen in mir enthalten und ist alles vollkommen aufrichtig. Die Wahrheit und das Tun bestehen bei mir in aufrichtiger Reue, ob Sie es nun glauben oder nicht, ich kann’s beschwören, und die Worte und die Lüge bestehen in dem teuflischen (immer gegenwärtigen) Gedanken, wie ich auch hierbei jemanden hinters Licht führen und durch die Reuetränen profitieren könnte! Bei Gott, so ist es! Einem andern würde ich es nicht sagen, er würde mich auslachen oder verachten; aber Sie, Fürst, Sie urteilen human.«

»Nun, sehen Sie, das ist ganz genau dasselbe, was auch er mir soeben gesagt hat!« rief der Fürst. »Und beide rühmen Sie sich dessen gewissermaßen! Sie setzen mich beide in Erstaunen; nur ist er aufrichtiger als Sie; Sie aber haben die Sache zu einer Art von Gewerbe gemacht. Nun genug davon! Runzeln Sie nicht die Stirn, Lebedew, und legen Sie nicht die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nichts zu sagen? Sie werden doch nicht ohne Zweck zur mir gekommen sein …«

Lebedew begann Grimassen zu schneiden und sich zu winden.

»Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet, um Ihnen eine Frage vorzulegen; sagen Sie nun wenigstens einmal in Ihrem Leben gleich bei den ersten Worten die Wahrheit: waren Sie an der gestrigen Geschichte mit der Equipage irgendwie beteiligt?«

Lebedew schnitt wieder Grimassen und kicherte, rieb sich die Hände, nieste sogar zuletzt, konnte sich aber immer noch nicht dazu entschließen, etwas zu sagen.

»Ich sehe Ihnen an, daß Sie daran beteiligt waren.«

»Aber nur indirekt, durchaus nur indirekt! Ich sage die reine Wahrheit! Ich bin nur insofern daran beteiligt gewesen, als ich die betreffende Person rechtzeitig davon benachrichtigte, daß sich bei mir eine Gesellschaft zusammengefunden hatte und daß gewisse Leute anwesend waren.«

»Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn dorthin geschickt haben, er hat es mir selbst vorhin eingestanden; aber was hat diese ganze Intrige zu bedeuten?« rief der Fürst ungeduldig.

»Es ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige«, wehrte Lebedew, lebhaft gestikulierend, ab. »Da stecken andere Leute dahinter, ganz andere Leute, und es ist auch eher sozusagen ein phantastischer Einfall als eine Intrige.«

»Aber um was handelt es sich denn eigentlich? Das erklären Sie mir, um des Himmels willen! Begreifen Sie denn nicht, daß die Sache mich direkt angeht? Jewgenij Pawlowitsch wird ja dadurch angeschwärzt.«

»Fürst! Durchlauchtigster Fürst!« erwiderte Lebedew, sich wieder hin und her krümmend. »Sie erlauben mir ja nicht, die ganze Wahrheit zu sagen; ich habe Ihnen ja schon früher eine wahrheitsgemäße Mitteilung machen wollen, sogar mehrmals; aber Sie gestatteten mir nicht fortzufahren…«

Der Fürst schwieg ein Weilchen und überlegte.

»Nun gut, sagen Sie die Wahrheit!« brachte er, offenbar nach schwerem Kampf, mühsam heraus.

»Aglaja Iwanowna…«, begann Lebedew sofort.

»Schweigen Sie, schweigen Sie!« rief der Fürst grimmig; er war vor Empörung, vielleicht auch vor Scham, ganz rot geworden. »Das ist unmöglich, das ist Unsinn! Das haben Sie sich alles selbst ausgedacht oder Leute, die ebenso verrückt sind wie Sie. Ich will das nie wieder von Ihnen hören!«

Spät am Abend, erst nach zehn Uhr, erschien Kolja mit einem ganzen Sack voll Nachrichten. Seine Nachrichten waren von zweierlei Art: Petersburger und Pawlowsker. Er erzählte zunächst rasch das Wichtigste aus Petersburg (namentlich von Ippolit und der Affäre vom vorhergehenden Tage), indem er sich vorbehielt, nachher noch einmal darauf zurückzukommen, und ging dann möglichst schnell zu den Pawlowsker Ereignissen über. Er war vor drei Stunden aus Petersburg zurückgekehrt und hatte sich, ohne zu dem Fürsten zu kommen, geradewegs zu Jepantschins begeben. »Da geht es schrecklich zu!« Vornean stehe natürlich die Geschichte mit der Kutsche; aber gewiß sei dort noch etwas anderes passiert, das ihm und dem Fürsten unbekannt sei. »Ich habe selbstverständlich nicht spioniert und wollte niemanden ausfragen; übrigens nahmen sie mich freundlich auf, so freundlich, wie ich es gar nicht erwartet hatte; aber Sie, Fürst, wurden mit keinem Wort erwähnt!« Das Wichtigste und Interessanteste sei, daß Aglaja sich vorhin mit den Ihrigen Ganjas wegen überworfen habe. Wie das im einzelnen zugegangen wäre, wisse er nicht, nur daß der Streit sich um Ganja gedreht habe (»stellen Sie sich so etwas vor!«) und daß sie heftig aneinandergeraten seien, also müsse der Grund ein wichtiger sein. Der General sei erst spät und in mürrischer Stimmung nach Hause gekommen, zusammen mit Jewgenij Pawlowitsch, den sie sehr gut aufgenommen hätten, und Jewgenij Pawlowitsch selbst sei erstaunlich heiter und liebenswürdig gewesen. Die allerwichtigste Neuigkeit aber sei, daß Lisaweta Prokofjewna ohne alles Aufsehen Warwara Ardalionowna, die bei den jungen Mädchen gewesen sei, auf ihr Zimmer gerufen und ihr ein für allemal das Haus verboten habe, übrigens in der höflichsten Form, – »ich habe es von Warja selbst gehört«. Als Warja aber aus Lisaweta Prokofjewnas Zimmer wieder herausgekommen sei und sich von den jungen Mädchen verabschiedet habe, da hätten diese gar nicht gewußt, daß ihr das Haus für alle Zeit verboten worden sei und sie ihnen für immer Lebewohl sagte.

»Aber Warwara Ardalionowna war noch um sieben Uhr bei mir! Wie geht das zu?« fragte der Fürst erstaunt.

»Aus dem Hause gewiesen wurde sie zwischen sieben und acht Uhr oder um acht. Warja tut mir sehr leid, auch Ganja tut mir leid … Die beiden intrigieren zweifellos fortwährend, ohne das können sie gar nicht leben. Ich habe nie dahinterkommen können, was sie eigentlich im Schilde führen, und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich versichere Ihnen, mein lieber, guter Fürst, daß Ganja ein gutes Herz hat. Allerdings haften ihm manche schlechten Eigenschaften an; aber andererseits besitzt er viele Charakterzüge, denen nachzuforschen wirklich der Mühe lohnt, und ich werde es mir nie verzeihen, daß ich ihn früher nicht verstanden habe … Ich weiß nicht, ob ich jetzt nach der Geschichte mit Warja den Verkehr bei Jepantschins fortsetzen soll. Allerdings habe ich dort gleich von Anfang an eine ganz unabhängige, selbständige Stellung eingenommen, aber ich muß mir die Sache doch erst noch überlegen.«

»Sie bedauern Ihren Bruder unnötigerweise so sehr«, erwiderte ihm der Fürst. »Wenn es schon so weit gekommen ist, daß Lisaweta Prokofjewna eine derartige Maßregel für notwendig hält, so muß Gawrila Ardalionowitsch in ihren Augen gefährlich sein, und folglich erscheinen gewisse Hoffnungen, die er hegt, nicht unbegründet.«

»Was denn für Hoffnungen?« rief Kolja erstaunt. »Sie glauben doch nicht, daß Aglaja … Das ist nicht möglich!«

Der Fürst schwieg.

»Sie sind ein schrecklicher Skeptiker, Fürst«, fügte Kolja nach ein paar Minuten hinzu. »Ich habe bemerkt, daß Sie seit einiger Zeit außerordentlich skeptisch geworden sind; Sie fangen an, an nichts zu glauben und alles für möglich zu halten… Habe ich das Wort ›Skeptiker‹ in diesem Fall richtig angewendet?«

»Ich glaube ja. Genau weiß ich es allerdings selbst nicht.«

»Aber nun widerrufe ich selbst das Wort ›Skeptiker‹!« rief Kolja auf einmal. »Sie sind kein Skeptiker, sondern eifersüchtig! Sie sind auf Ganja eines gewissen stolzen Mädchens wegen höllisch eifersüchtig!«

Nach diesen Worten sprang Kolja auf und lachte so herzlich, wie er es vielleicht in seinem Leben noch nie getan hatte. Als er sah, daß der Fürst ganz rot geworden war, steigerte sich sein Lachen noch; der Gedanke, daß der Fürst Aglajas wegen eifersüchtig war, machte ihm den größten Spaß, aber er verstummte sofort, als er bemerkte, daß dieser sich wirklich gekränkt fühlte. Darauf führten sie noch eine oder anderthalb Stunden lang sehr ernst und besorgt ein Gespräch miteinander.

Am nächsten Tag verbrachte der Fürst wegen eines unaufschiebbaren Geschäfts den ganzen Vormittag in Petersburg. Als er – es war schon bald fünf Uhr nachmittags nach Pawlowsk zurückkehrte, traf er auf dem Bahnhof mit Iwan Fjodorowitsch zusammen. Dieser nahm ihn schnell bei der Hand, blickte sich um, als fürchtete er etwas, und zog den Fürsten mit sich in einen Wagen erster Klasse, um mit ihm zusammen zu fahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm über einen wichtigen Punkt zu sprechen.

»Erstens, lieber Fürst, sei nicht böse auf mich, und wenn ich mich meinerseits nicht richtig verhalten habe, so vergiß das! Ich wäre gestern schon selbst zu dir gekommen, aber ich wußte nicht, wie Lisaweta Prokofjewna das aufnehmen würde… Bei mir zu Hause… ist die Hölle los; eine rätselhafte Sphinx hat sich da niedergelassen, und ich gehe umher, ohne etwas zu verstehen. Was aber dich anlangt, so trägst du meines Erachtens weniger Schuld als wir alle, obwohl natürlich vieles deinetwegen so gekommen ist. Du siehst, Fürst, es ist ein Vergnügen, ein Philanthrop zu sein, aber kein sehr großes. Du hast wohl selbst schon die Früchte davon zu schmecken bekommen. Ich habe natürlich Herzensgüte sehr gern und schätze Lisaweta Prokofjewna sehr hoch, aber…«

Der General fuhr noch lange fort, in dieser Weise zu reden, aber seine Worte waren seltsam unzusammenhängend. Es war klar, daß er durch etwas ihm völlig Unverständliches stark erschüttert und verwirrt worden war.

»Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß du damit nichts zu schaffen hast«, drückte er sich endlich deutlicher aus. »Aber ich bitte dich in aller Freundschaft, uns eine Zeitlang nicht zu besuchen, bis sich der Wind gedreht haben wird. Was aber Jewgenij Pawlytsch anbetrifft«, rief er mit ungewöhnlicher Leidenschaftlichkeit, »so ist das alles sinnlose Verleumdung, Verleumdung schlimmster Art! Es ist Anschwärzung, eine Intrige steckt dahinter, der Wunsch, alles über den Haufen zu stürzen und uns zu entzweien. Siehst du, Fürst, ich sage dir im Vertrauen: zwischen uns und Jewgenij Pawlytsch ist noch kein deutliches Wort gesprochen worden. Wir sind in keiner Weise gebunden, aber ein solches Wort kann gesprochen werden und vielleicht sogar sehr bald! Darum wollte man ihm schaden! Aber welchen Zweck das Ganze eigentlich verfolgt, das kann ich nicht begreifen! Sie ist ein wunderbares Weib, ein exzentrisches Weib; ich fürchte mich vor ihr so sehr, daß ich kaum schlafen kann. Und was für eine Equipage sie hat! Diese Schimmel! Das ist großartig, das ist genau das, was man im Französischen chic nennt! Wer bezahlt das für sie? Ich habe mich wahrhaftig versündigt und vorgestern gedacht, am Ende tue es Jewgenij Pawlytsch. Aber es stellt sich heraus, daß das unmöglich ist; wenn das aber unmöglich ist, warum will sie dann diese Sache hintertreiben? Das ist das Rätsel! Um Jewgenij Pawlytsch für sich zu behalten? Aber ich wiederhole dir und bekreuzige mich dabei, daß er mit ihr nicht bekannt ist und daß diese Wechsel pure Erfindung sind! Und mit welcher Frechheit sie ihn über die Straße weg duzte! Das ist ja die reine Verschwörung! Es ist klar, daß man diese Verleumdung verächtlich zurückweisen und dem beleidigten Jewgenij Pawlytsch mit doppelter Achtung begegnen muß. Das habe ich auch Lisaweta Prokofjewna gesagt. Jetzt will ich dir meinen allergeheimsten Gedanken mitteilen: ich bin fest überzeugt, daß sie das getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen, du erinnerst dich wohl, wegen meiner früheren Beziehungen zu ihr, obwohl ich mir ihr gegenüber nie auch nur das Geringste habe zuschulden kommen lassen. Ich erröte bei der bloßen Erinnerung. Jetzt ist sie nun wieder aufgetaucht; ich hatte schon gedacht, sie wäre für immer verschwunden. Sag mal, bitte, wo steckt denn eigentlich dieser Rogoshin? Ich dachte, sie wäre schon längst seine Frau.«

Kurz, der Mann war völlig durcheinander. Fast die ganze Stunde, die die Fahrt dauerte, redete er allein, warf Fragen auf, die er dann selbst beantwortete, drückte dem Fürsten die Hand und überzeugte diesen wenigstens davon, daß er keinen Verdacht gegen ihn zu hegen brauche. Das war dem Fürsten wichtig. Zuletzt erzählte er von Jewgenij Pawlytschs Onkel, dem Chef einer Kanzlei in Petersburg: »Er bekleidet ein hohes Amt, ist siebzig Jahre alt, ein Lebemann, ein Feinschmecker und läßt sich trotz seiner Jahre noch leicht verlocken … Haha! – Ich weiß, daß er von Nastasja Filippowna gehört und sich sogar um sie bemüht hat. Ich sprach vorhin bei ihm vor; aber er empfängt nicht, er ist unpäßlich. Aber er ist reich, schwer reich, besitzt großen Einfluß und… Nun, Gott gebe ihm Gesundheit und ein langes Leben, aber irgendeinmal fällt doch alles Jewgenij Pawlytsch zu… Ja, ja… aber doch ängstige ich mich! Ich weiß nicht wovor, aber ich ängstige mich… Es ist, als ob etwas in der Luft schwebt, wie eine Fledermaus; es ist ein Unheil im Anzug, und ich ängstige mich, ich ängstige mich!…«

Endlich, aber erst am dritten Tage, wie schon oben gesagt, erfolgte die förmliche Aussöhnung der Familie Jepantschin mit dem Fürsten Lew Nikolajewitsch.

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Kapitel 28

XII

Es war sieben Uhr abends; der Fürst wollte eben in den Park gehen. Auf einmal kam Lisaweta Prokofjewna ganz allein zu ihm in die Veranda.

»Erstens, bilde dir nicht ein«, begann sie, »daß ich gekommen wäre, dich um Verzeihung zu bitten! Unsinn! Du allein trägst die ganze Schuld.«

Der Fürst schwieg.

»Trägst du die Schuld?«

»In demselben Maße wie Sie. Übrigens haben weder Sie noch ich in irgendeiner Hinsicht uns absichtlich schuldig gemacht. Ich hielt mich vorgestern für schuldig, aber jetzt bin ich doch anderer Ansicht und meine, daß dem nicht so ist.«

»Also so denkst du darüber! Nun gut, hör zu und setz dich, denn ich beabsichtige nicht zu stehen.«

Beide setzten sich.

»Zweitens, kein Wort von den boshaften Burschen! Ich werde zehn Minuten hierbleiben und mit dir reden; ich bin hergekommen, um dich nach etwas zu fragen (du dachtest wohl schon, ich sei aus Gott weiß was für einem Grunde gekommen?), und wenn du der dreisten Burschen auch nur mit einem Worte Erwähnung tust, so stehe ich auf und gehe weg und breche jeden Verkehr mit dir ab.«

»Gut«, antwortete der Fürst.

»Gestatte die Frage: hast du vor zwei oder zweieinhalb Monaten, um Ostern herum, an Aglaja einen Brief geschrieben?«

»J-ja, das habe ich getan.«

»Was hattest du dabei für eine Absicht? Was stand in dem Brief? Zeig mal den Brief her!«

Lisaweta Prokofjewnas Augen blitzten, sie zitterte vor Ungeduld.

»Den Brief habe ich nicht«, versetzte der Fürst sehr erstaunt und sehr schüchtern. »Wenn er überhaupt noch existiert, muß ihn Aglaja Iwanowna haben.«

»Keine Ausflüchte! Was hast du ihr geschrieben?«

»Ich mache keine Ausflüchte; ich habe keinen Grund, mich zu fürchten. Ich sehe nicht ein, warum ich ihr nicht hätte schreiben dürfen…«

»Schweig! Du kannst nachher reden. Was stand in dem Brief? Warum bist du so rot geworden?«

Der Fürst überlegte ein Weilchen.

»Ich kenne Ihre Gedanken nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich sehe nur, daß Ihnen dieser Brief sehr mißfällt. Sie werden zugeben müssen, daß ich die Beantwortung einer solchen Frage ablehnen könnte; aber um Ihnen zu zeigen, daß ich mich wegen des Briefes nicht fürchte und es nicht bedaure, ihn geschrieben zu haben, und ganz und gar nicht um seinetwillen erröte« (hier wurde der Fürst fast noch einmal so rot), »will ich Ihnen diesen Brief hersagen, da ich ihn, wie ich meine, auswendig weiß.«

Hierauf sagte der Fürst den Brief fast Wort für Wort so her, wie er ihn geschrieben hatte.

»So ein Galimathias! Was soll dieser Unsinn denn nach deiner Meinung bedeuten?« fragte Lisaweta Prokofjewna in scharfem Ton, nachdem sie bei dem Hersagen des Briefes sehr aufmerksam zugehört hatte.

»Ich weiß es selbst nicht ganz; ich weiß nur, daß meine Empfindung wahr und echt war. Ich hatte dort Augenblicke, in denen ich wahrhaft lebte und von außerordentlichen Hoffnungen erfüllt war.«

»Von was für Hoffnungen?«

»Das ist schwer zu erklären, aber nicht von denen, an die Sie jetzt vielleicht denken. Von Hoffnungen… nun kurz, von Hoffnungen auf die Zukunft und von Freude darüber, daß ich vielleicht dort kein Fremder, kein Ausländer war. Es gefiel mir auf einmal sehr gut in der Heimat. An einem sonnigen Morgen ergriff ich die Feder und schrieb einen Brief an sie; warum gerade an sie, das weiß ich nicht. Es überkommt einen ja manchmal ein Verlangen, einen Freund neben sich zu haben; auch ich sehnte mich offenbar nach einem Freund…«, fügte der Fürst nach kurzem Schweigen hinzu.

»Bist du verliebt, ja?«

»N-nein. Ich … ich habe wie an eine Schwester geschrieben; ich habe auch als Bruder unterzeichnet.«

»Hm! Absichtlich; ich verstehe.«

»Es ist mir sehr peinlich, Ihnen auf diese Fragen zu antworten, Lisaweta Prokofjewna.«

»Ich weiß, daß es dir peinlich ist, aber das kümmert mich nicht. Hör mal, sag mir die Wahrheit, wie wenn du vor Gott stündest: lügst du mir auch nichts vor?«

»Ich lüge nicht.«

»Sagst du die Wahrheit, daß du nicht verliebt bist?«

»Ich glaube, daß das die volle Wahrheit ist.«

»Sieh mal an: ›Ich glaube!‹ Wer hat ihr den Brief überbracht? Der dumme Junge?«

»Ich habe Nikolai Ardalionowitsch gebeten…«

»Ein dummer Junge ist er! Ein dummer Junge!« unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna. »Ich kenne keinen Nikolai Ardalionowitsch! Ein dummer Junge ist er!«

»Nikolai Ardalionowitsch…«

»Ein dummer Junge, sage ich dir!«

»Nein, kein dummer Junge, sondern Nikolai Ardalionowitsch«, antwortete der Fürst in festem Ton, wenn auch ziemlich leise.

»Na schön, mein Täubchen, schön! Das werde ich dir ankreiden.«

Sie kämpfte ihre Aufregung für ein Weilchen nieder und erholte sich.

»Und was hat es mit dem ›armen Ritter‹ für eine Bewandtnis?«

»Das ist mir völlig unbekannt; ich bin nicht dabeigewesen, als es aufkam; es ist irgendein Scherz.«

»Mir sehr angenehm, das zu erfahren! Aber konnte sie sich denn wirklich für dich interessieren? Sie hat dich ja selbst ›Mißgeburt‹ und ›Idiot‹ genannt.«

»Das hätten Sie mir nicht wiedersagen sollen«, bemerkte der Fürst vorwurfsvoll, aber beinah flüsternd.

»Sei nicht böse! Sie ist ein eigensinniges, verrücktes, verzogenes Mädchen; wenn sie sich verliebt, so wird sie unbedingt laut über den Geliebten schimpfen und ihm ins Gesicht spotten; ich bin ganz ebenso gewesen. Nur bitte triumphiere nicht, mein Täubchen; sie wird nicht die Deine werden; ich glaube nicht daran, es wird nie geschehen! Ich sage das, damit du dich schon jetzt danach einrichtest. Hör mal, schwöre mir, daß du nicht mit jener Frauensperson verheiratet bist!«

»Lisaweta Prokofjewna, ich bitte Sie, was reden Sie da!« rief der Fürst und sprang vor Erstaunen beinah auf.

»Aber es fehlte nicht viel, daß du sie geheiratet hättest?«

»Nein, es fehlte nicht viel«, flüsterte der Fürst und ließ den Kopf sinken.

»Also in die bist du doch verliebt, wenn es so ist? Bist du jetzt um, ihretwillen hergereist? Um dieser Frauensperson willen?«:

»Ich bin nicht hergereist, um zu heiraten«, versetzte der Fürst.

»Ist dir etwas auf der Welt heilig?«

»Ja.«

»Dann schwöre mir, daß du nicht hergereist bist, um die zu heiraten.«

»Ich schwöre es bei allem, was Sie wollen!«

»Ich glaube dir; küsse mich! Endlich kann ich wieder frei atmen. Aber merk dir’s: Aglaja liebt dich nicht, richte dich danach; solange ich auf der Welt bin, wird sie nicht deine Frau werden! Hast du gehört?«

»Ja, ich habe es gehört.«

Der Fürst errötete so stark, daß er Lisaweta Prokofjewna nicht gerade in die Augen sehen konnte.

»Nun, dann merk es dir! Ich habe auf dich gewartet wie auf die Vorsehung (was du übrigens nicht wert warst!); ich habe mein Kissen nachts mit Tränen benetzt – nicht deinetwegen, mein Täubchen, mach dir keine Sorgen; ich habe meinen eigenen, anderen Kummer, immer und ewig denselben. Aber der Grund, weshalb ich auf dich mit solcher Ungeduld gewartet habe, ist der: ich glaube immer noch, daß Gott selbst dich mir als meinen Freund und leiblichen Bruder gesandt hat. Ich habe keinen Menschen als die alte Bjelokonskaja, und auch die ist jetzt ausgeflogen und ist überdies infolge ihres hohen Alters dumm wie ein Schaf. Jetzt antworte einfach ja oder nein: weißt du, warum sie neulich die seltsamen Worte aus dem Wagen gerufen hat?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht dabei beteiligt war und nichts davon weiß!«

»Genug, ich glaube dir. Jetzt fasse ich die Sache anders auf; aber noch gestern vormittag machte ich Jewgenij Pawlytsch für alles verantwortlich. Den ganzen vorgestrigen Tag und gestern vormittag war ich dieser Meinung. Jetzt allerdings kann ich nicht umhin, den andern beizustimmen: es ist offenbar, daß sie sich über ihn wie über einen Dummkopf lustig gemacht hat, aus irgendeinem Grunde, zu irgendeinem Zweck, in irgendeiner Absicht. (Schon das allein ist verdächtig und ganz ungehörig!) Aber Aglaja wird er nicht zur Frau bekommen, das sage ich dir! Er mag ja ein ganz guter Mensch sein, aber es kommt doch so. Früher habe ich noch geschwankt, aber jetzt habe ich mit aller Bestimmtheit erklärt: ›Legt mich erst in den Sarg und versenkt mich in die Erde, dann könnt ihr meine Tochter zur Frau geben, wem ihr wollt!‘ Das habe ich heute meinem Mann gegenüber ausgesprochen. Siehst du wohl, daß ich dir vertraue? Siehst du das wohl?«

»Ja, ich sehe und verstehe es.«

Lisaweta Prokofjewna blickte den Fürsten durchdringend an: vielleicht wollte sie wissen, welchen Eindruck die Mitteilung über Jewgenij Pawlytsch auf ihn machte.

»Von Gawrila Iwolgin weißt du nichts?«

»Das heißt… ich weiß von ihm vieles.«

»Hast du gewußt, daß er mit Aglaja Beziehungen unterhält?«

»Davon habe ich nicht das geringste gewußt«, erwiderte der Fürst erstaunt; er zuckte sogar zusammen. »Wie? Sie sagen, Gawrila Ardalionowitsch unterhalte Beziehungen mit Aglaja Iwanowna? Unmöglich!«

»Erst seit kurzer Zeit. Seine Schwester hat ihm den ganzen Winter den Weg gebahnt, wie eine Ratte hat sie gewühlt und genagt.«

»Ich glaube es nicht«, wiederholte der Fürst mit fester Stimme, nachdem er ein Weilchen erregt nachgedacht hatte. »Wenn das der Fall wäre, würde ich es sicher wissen.«

»Na ja, er wäre wohl selbst gekommen, wäre dir an die Brust gesunken und hätte es dir unter Tränen gestanden! O du Einfaltspinsel, du Einfaltspinsel! Alle betrügen sie dich ja… wie… Schämst du dich denn gar nicht, ihm zu vertrauen? Siehst du denn nicht, daß er dich ständig hinters Licht führt?«

»Ich weiß sehr wohl, daß er mich manchmal betrügt«, antwortete der Fürst unwillig und halblaut, »und er weiß, daß ich das weiß, aber…«, fügte er hinzu, sprach jedoch den Satz nicht zu Ende.

»Es wissen und doch vertrauen! Das hat noch gefehlt! Übrigens konnte man das von dir erwarten. Worüber wundere ich mich da noch? Mein Gott! Hat es je so einen Menschen gegeben? Nein, so etwas! Und weißt du, daß dieser Ganjka oder diese Warja sie mit Nastasja Filippowna in Beziehungen gebracht haben?«

»Wen?« rief der Fürst.

»Aglaja.«

»Das glaube ich nicht! Das ist nicht möglich! Was sollten sie dabei für eine Absicht gehabt haben?«

Er sprang vom Stuhl auf.

»Auch ich glaube es nicht, obwohl sichere Anzeichen dafür vorhanden sind. Sie ist ein eigenwilliges Mädchen, ein phantastisches Mädchen, ein verrücktes Mädchen! Und boshaft ist sie, boshaft! Tausend Jahre werde ich behaupten, daß sie boshaft ist! Alle meine Töchter haben sich jetzt in dieser Weise verändert, sogar das sanfte Hühnchen, die Alexandra, aber bei Aglaja ist es rein zum Tollwerden. Aber ich glaube es auch nicht! Vielleicht deswegen, weil ich es nicht glauben will«, fügte sie wie für sich hinzu. »Warum bist du denn nicht zu uns gekommen?« wandte sie sich plötzlich wieder an den Fürsten. »Warum bist du die ganzen drei Tage nicht gekommen?« rief sie ihm ungeduldig zum zweitenmal zu.

Der Fürst begann, seine Gründe anzuführen, aber sie unterbrach ihn von neuem.

»Alle halten sie dich für einen Dummkopf und betrügen dich! Du bist gestern nach der Stadt gefahren; ich möchte wetten, du hast auf den Knien gelegen und diesen Schuft gebeten, die zehntausend Rubel anzunehmen!«

»Keineswegs, ich habe gar nicht daran gedacht. Ich habe ihn überhaupt nicht besucht, und außerdem ist er kein Schuft. Ich habe einen Brief von ihm erhalten.«

»Zeig ihn mal her!«

Der Fürst nahm einen Zettel aus seiner Brieftasche und reichte ihn Lisaweta Prokofjewna. Auf dem Zettel stand:

»Geehrter Herr! Ich habe freilich in den Augen der Menschen nicht das geringste Recht, Ehrgefühl zu besitzen. Nach der Meinung der Leute stehe ich dazu zu niedrig. Aber so ist das nur in den Augen der Menschen, nicht in den Ihrigen. Ich bin zu der bestimmten Überzeugung gelangt, daß Sie, geehrter Herr, besser sind als die anderen. Ich bin darin nicht Doktorenkos Meinung und unsere Ansichten gehen hier auseinander. Ich werde von Ihnen nie auch nur eine Kopeke annehmen, aber Sie haben meine Mutter unterstützt, und dafür muß ich Ihnen dankbar sein, wenn auch nur aus Schwäche. Jedenfalls sehe ich Sie jetzt mit anderen Augen an und hielt es für nötig, Ihnen das mitzuteilen. Des weiteren aber bin ich der Ansicht, daß zwischen uns keinerlei Beziehungen mehr bestehen können.

Antip Burdowskij.

PS. Die an den zweihundert Rubel fehlende Summe wird Ihnen im Laufe der Zeit sicher zurückgezahlt werden.«

»So ein Blödsinn!« rief Lisaweta Prokofjewna nach dem Durchlesen und warf dem Fürsten das Blatt wieder hin. »Es lohnte nicht die Mühe, es durchzulesen. Was schmunzelst du?«

»Geben Sie doch zu, daß auch Sie es mit Vergnügen gelesen haben!«

»Wie? Diesen von Eitelkeit triefenden Galimathias? Siehst du denn nicht, daß diese Menschen alle vor Stolz und Eitelkeit geradezu verrückt geworden sind?«

»Ja, aber er hat sich doch schuldig bekannt, hat mit Doktorenko gebrochen, und je eitler er ist, um so schwerer muß das seiner Eitelkeit gefallen sein. Ach, was sind Sie für ein kleines Kind, Lisaweta Prokofjewna!«

»Du möchtest wohl noch eine Ohrfeige von mir bekommen, was?«

»Nein, das möchte ich nicht. Ich sage das, weil Sie sich über den Brief freuen und es verbergen. Warum schämen Sie sich Ihrer Empfindungen? So machen Sie es immer.«

»Untersteh dich nicht, je wieder den Fuß über meine Schwelle zu setzen!« rief Lisaweta Prokofjewna und sprang blaß vor Zorn auf. »Laß dich nie wieder bei mir blicken!«

»Aber nach drei Tagen werden Sie selbst herkommen und mich zu sich rufen … Sie sollten sich schämen! Das sind ja Ihre besten Empfindungen, warum schämen Sie sich ihrer denn? Sie quälen sich ja nur selbst damit.«

»Eher sterbe ich, als daß ich dich jemals rufe! Ich werde deinen Namen vergessen! Ich habe ihn vergessen!!«

Sie stürzte davon.

»Es ist mir sowieso schon verboten worden, zu Ihnen zu gehen!« rief ihr der Fürst nach.

»Wa-as? Wer hat es dir verboten?«

Sie wandte sich augenblicklich um, als hätte sie jemand mit einer Nadel gestochen. Der Fürst zögerte mit der Antwort, er merkte, daß er sich unversehens, aber sehr arg verplappert hatte.

»Wer hat es dir verboten?« rief Lisaweta Prokofjewna wütend.

»Aglaja Iwanowna hat es mir verboten …«

»Wann? So re-de doch!!!«

»Heute vormittag hat sie mir die Weisung zugehen lassen, ich möchte mich nie wieder erdreisten, zu Ihnen zu kommen.«

Lisaweta Prokofjewna stand wie versteinert da; aber sie überlegte.

»Was hat sie dir geschickt? Wen hat sie geschickt? Den dummen Jungen? Mit einer mündlichen Bestellung?« rief sie plötzlich wieder.

»Ich habe ein Billett erhalten«, versetzte der Fürst.

»Wo ist es? Gib es her! Augenblicklich!«

Der Fürst überlegte einen Augenblick, zog dann aber aus der Westentasche ein gewöhnliches Stückchen Papier heraus, auf dem geschrieben stand:

»Fürst Lew Nikolajewitsch! Wenn Sie nach allem, was vorgefallen ist, beabsichtigen sollten, mich durch einen Besuch in unserem Landhaus in Erstaunen zu versetzen, so mögen Sie wissen, daß ich nicht zu denjenigen gehören werde, die sich darüber freuen.

Aglaja Jepantschina.«

Lisaweta Prokofjewna dachte ein Weilchen nach; dann stürzte sie plötzlich auf den Fürsten zu, ergriff ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her.

»Komm! Sofort! Nun gerade sofort, augenblicklich!« rief sie in einem Anfall starker Erregung und Ungeduld.

»Aber Sie setzen mich ja der Gefahr aus …«

»Was für einer Gefahr? Du harmloser Tropf! Gerade als ob du kein Mann wärest! Na, jetzt werde ich selbst alles mit eigenen Augen sehen …«

»Aber lassen Sie mich doch wenigstens meinen Hut nehmen …«

»Da ist dein abscheulicher Deckel, komm! Du hast nicht einmal soviel Geschmack gehabt, dir eine ordentliche Fasson auszusuchen! … Das hat sie … das hat sie nach dem heutigen … in der Aufregung«, murmelte Lisaweta Prokofjewna, indem sie den Fürsten hinter sich herzog und seine Hand keinen Augenblick losließ. »Vorhin habe ich dich noch verteidigt und habe laut erklärt, es sei dumm von dir, daß du nicht kämest … Sonst hätte sie ja auch nicht einen so sinnlosen Brief geschrieben! Einen so unpassenden Brief, ganz unpassend für ein anständiges, wohlerzogenes, kluges, kluges Mädchen! … Hm«, fuhr sie fort, »natürlich hat sie sich selbst darüber geärgert, daß du nicht kamst, und nur nicht bedacht, daß man so an einen Idioten nicht schreiben kann, weil er es wörtlich auffaßt, wie es ja auch geschehen ist. Warum horchst du denn?« rief sie, da sie merkte, daß sie zuviel gesagt hatte. »Sie braucht einen Hansnarren, wie du einer bist, so einen hat sie schon lange nicht gesehen; darum ladet sie dich ein zu kommen! Und ich freue mich, ich freue mich, daß sie dich jetzt bei den Ohren kriegen wird! Das geschieht dir ganz recht! Und sie versteht das, oh, das versteht sie vorzüglich! …«

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Kapitel 29

Dritter Teil

I

Es wird bei uns fortwährend darüber geklagt, daß es keine praktischen Menschen gebe; Politiker zum Beispiel gebe es eine Menge, desgleichen eine Menge von Generalen; auch könne man Direktoren aller Art auf der Stelle so viele finden, als man nur irgend wolle; aber es mangle an praktischen Menschen. Wenigstens ist es die allgemeine Klage, daß es daran mangle. Selbst bei manchen Eisenbahnen ist, wie man sagt, kein ordentliches Personal vorhanden; bei einer Dampfschifffahrtsgesellschaft eine halbwegs erträgliche Verwaltung zusammenzubringen, ist, wie es heißt, ein Ding der Unmöglichkeit. An einer Stelle sind, wie man hört, auf einer neu eröffneten Strecke ein paar Züge zusammengestoßen oder ein paar Wagen von einer Brücke hinabgestürzt; an einer andern Stelle hat, wie man in der Zeitung liest, ein Zug mitten in einem Schneefeld beinah überwintern müssen: die Passagiere waren abgefahren in der Erwartung, daß die Fahrt einige Stunden dauern würde, und mußten fünf Tage im Schnee zubringen. Wieder an einer andern Stelle faulen, wie erzählt wird, viele tausend Pud Ware auf ein und demselben Fleck zwei, drei Monate lang in Erwartung des Abtransports, und der betreffende Expedient hat, wie man hört (es ist übrigens kaum zu glauben), dem kaufmännischen Kommis, der auf die Absendung seiner Ware drang, statt sein Verlangen zu erfüllen, einen Schlag ins Gesicht versetzt und dann sein Benehmen damit entschuldigt, daß er sagte, er sei »in Eifer geraten«. Im Staatsdienst haben wir, wie es scheint, so viele Ämter, daß es einem angst und bange wird, wenn man nur daran denkt; alle Leute haben Ämter bekleidet, tun es jetzt oder beabsichtigen, es zu tun; warum ist es da nicht möglich, aus einem so großen Menschenmaterial anständiges Verwaltungspersonal für eine Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft zu bekommen?

Auf diese Frage wird manchmal eine sehr einfache Antwort gegeben, so einfach, daß eine solche Erklärung kaum für richtig gehalten werden kann. Man sagt nämlich: allerdings haben bei uns alle Leute Ämter bekleidet oder tun es noch, und dieser Zustand dauert nun nach dem schönsten deutschen Vorbild schon zweihundert Jahre, von den Urgroßvätern bis zu den Urenkeln, aber gerade die Beamten sind ja die unpraktischsten Menschen, und es ist so weit gekommen, daß das rein abstrakte Wissen und der Mangel an praktischen Kenntnissen sogar unter den Beamten selbst noch vor kurzem fast als die größte Tugend und Empfehlung galt. Übrigens sind wir zweckloserweise auf die Beamten zu sprechen gekommen; wir wollten eigentlich von den praktischen Menschen sprechen. Auf diesem Gebiet unterliegt es keinem Zweifel, daß Schüchternheit und völliger Mangel an eigener Initiative dauernd bei uns als das wichtigste und beste Merkmal eines praktischen Menschen gegolten haben und sogar noch heutzutage dafür gelten. Aber wozu sollen wir uns beschuldigen – wenn überhaupt diese Meinung eine Beschuldigung ist. Der Mangel an Originalität hat überall in der ganzen Welt von den Urzeiten her immer als die vorzüglichste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tüchtigen Geschäftsmannes und Praktikers gegolten, und mindestens neunundneunzig Prozent der Menschen (das ist sogar noch sehr niedrig angesetzt) sind immer dieser Ansicht gewesen, und immer nur vielleicht ein Prozent urteilte und urteilt darüber anders.

Erfinder und Genies sind sehr oft beim Beginn ihrer Laufbahn (und sehr oft auch am Ende derselben) für nichts anderes als Dummköpfe gehalten worden – das ist eine ganz geläufige Beobachtung, eine allgemein bekannte Tatsache. Wenn zum Beispiel mehrere Jahrzehnte lang alle Leute ihr Geld nach der Leihbank trugen und Milliarden dorthin zusammenschleppten, die ihnen mit vier Prozent verzinst wurden, so mußte selbstverständlich, als die Leihbank abgeschafft wurde und alle sich auf ihre eigene Initiative angewiesen sahen, der größte Teil jener Millionen die den Tugenden, über die wir soeben gesprochen haben, gerade entgegengesetzt war. Ohne sich dieser Tatsache völlig bewußt zu sein (weil das eben seine Schwierigkeiten hatte), hatten sie doch manchmal den Argwohn, daß in ihrer Familie alles anders zugehe als bei andern Leuten. Bei allen andern Leuten ging es glatt, bei ihnen haperte es; alle andern fuhren im hergebrachten Geleise, sie dagegen sprangen alle Augenblicke aus dem Geleise heraus. Alle andern zeigten stets eine wohlanständige Schüchternheit, sie nicht. Lisaweta Prokofjewna war allerdings sogar im Übermaß ängstlich, aber es war dies nicht jene wohlanständige, zum guten Ton gehörige Schüchternheit, die ihnen so erstrebenswert schien. Übrigens war Lisaweta Prokofjewna vielleicht die einzige, die sich darüber beunruhigte: die Mädchen waren noch jung – wenn auch ein sehr scharfsinniges Völkchen mit Neigung zur Ironie, während der General zwar Verständnis besaß (allerdings ein langsames und schwerfälliges), in schwierigen Fällen aber nur »Hm!« sagte und schließlich seine ganze Zuversicht auf Lisaweta Prokofjewna setzte. Auf ihr ruhte also die Verantwortung. Nicht als ob diese Familie sich durch irgendwelche besondere Initiative ausgezeichnet hätte oder infolge eines bewußten Hanges zur Originalität aus dem Geleise gesprungen wäre, was sich ja freilich mit der Schicklichkeit ganz und gar nicht vertragen hätte. O nein! Das war wirklich nicht der Fall; das heißt, es lag bei ihnen keine bewußte Absicht vor, aber dennoch kam es schließlich so heraus, daß die Familie Jepantschin trotz all ihrer Respektabilität von anderer Art war, als respektable Familien sein müssen. In letzter Zeit hatte Lisaweta Prokofjewna angefangen, die Schuld an alledem lediglich sich und ihrem »unglücklichen« Charakter beizumessen, wodurch ihre Leiden nur noch vermehrt wurden. Sie selbst nannte sich alle Augenblicke »eine dumme, taktlose Person, eine verdrehte Schraube«, quälte sich mit ihrem Mißtrauen, war beständig außer sich, fand bei ganz gewöhnlichen Dingen, die ihr zustießen, keinen Ausweg und übertrieb fortwährend das Unglück.

Schon zu Beginn unserer Erzählung haben wir erwähnt, daß Jepantschins sich allgemeiner, aufrichtiger Hochachtung erfreuten. Sogar der General Iwan Fjodorowitsch ganze Tage lang mit ihnen herum, obwohl sie sie gleichzeitig leidenschaftlich und bis zur Selbstvergessenheit liebte.

Am meisten quälte sie die Befürchtung, ihre Töchter könnten ebenso »verdrehte Schrauben« werden wie sie; solche Mädchen wie die ihrigen, meinte sie, gebe es auf der ganzen Welt nicht mehr und könne es auch gar nicht mehr geben. ›Sie werden die reinen Nihilistinnen, das ist’s!‹ sagte sie sich alle Augenblicke. Im letzten Jahr und besonders in der allerletzten Zeit hatte sich dieser traurige Gedanke immer mehr und mehr bei ihr festgesetzt. ›Erstens, warum heiraten sie nicht?‹ fragte sie sich fortwährend. ›Um ihre Mutter zu ärgern – darin sehen sie ihren Lebenszweck, und das kommt natürlich alles von den neuen Ideen und der verdammten Frauenfrage! Kam nicht Aglaja vor einem halben Jahr auf den Einfall, sich ihr prächtiges Haar abzuschneiden? (O Gott, solches Haar habe ich in meiner Jugend nicht gehabt!) Sie hatte ja sogar schon die Schere in der Hand, und ich habe sie auf den Knien bitten müssen, es zu lassen! … Na, die hat das allerdings aus Bosheit getan, um ihre Mutter zu quälen, denn sie ist ein boshaftes, eigenwilliges, verzogenes Mädchen, vor allem boshaft, boshaft, boshaft! Aber wollte nicht die dicke Alexandra es ihr nachmachen und sich ebenfalls ihre Zotteln abschneiden? Und die nicht aus Bosheit und Laune, sondern in aufrichtiger Dummheit, weil Aglaja ihr eingeredet hatte, sie werde ohne Haar besser schlafen und keine Kopfschmerzen mehr haben. Und wie viele, viele Bewerber haben sie nicht in diesen fünf Jahren gehabt? Und es waren doch wirklich nette Männer darunter, sogar ganz prächtige Männer! Worauf warten sie denn noch? Warum heiraten sie nicht? Nur, um ihre Mutter zu ärgern – das ist der einzige Grund! Der einzige! Der einzige!‹

Endlich ging nun auch für ihr Mutterherz die Freudensonne auf: es war Aussicht, daß wenigstens eine Tochter, Adelaida, endlich unter die Haube kommen würde. »Wenigstens eine werde ich loswerden«, sagte Lisaweta Prokofjewna, wenn es sich traf, daß sie laut darüber sprach (im stillen für sich drückte sie sich sehr viel zärtlicher aus). Und in wie netter, schicklicher Weise sich die ganze Sache gemacht hatte; selbst in den Kreisen der vornehmen Welt zeichneten sich stets durch außerordentliche Harmlosigkeit und Naivität aus, ganz wie bei einem siebenjährigen Kind, und nun hatte sogar diese Naivität der Träume die Wirkung, die Mama in eine gereizte Stimmung zu versetzen. Einmal hatte Alexandra Iwanowna von neun Hennen geträumt, und hieraus entstand ein regelrechter Streit zwischen ihr und der Mutter; warum, war schwer zu sagen. Ein andermal, nur ein einziges Mal, glückte es ihr, daß sie einen einigermaßen originellen Traum hatte: sie träumte von einem Mönch in einem dunklen Zimmer, in welches hineinzugehen sie sich fürchtete. Der Traum wurde von den beiden andern Schwestern sofort unter großem Gelächter triumphierend Lisaweta Prokofjewna mitgeteilt; aber die Mama wurde wieder ärgerlich und nannte sie alle drei Dummköpfe. ›Hm! Sie besitzt die Seelenruhe eines Dummkopfes, sie ist vollständig ein begossenes Huhn und läßt sich nicht aufrütteln; aber dabei ist sie doch traurig und sieht manchmal ganz trübselig aus! Worüber mag sie sich grämen? Ja, worüber?‹ Mitunter richtete sie diese Frage auch an Iwan Fjodorowitsch, und zwar wie immer in hysterischer Erregung, in drohendem Ton und in Erwartung einer unverzüglichen Antwort.

Iwan Fjodorowitsch sagte »Hm!«, machte ein finsteres Gesicht, zuckte mit den Schultern und gab endlich, die Arme ausbreitend, sein Urteil dahin ab:

»Sie braucht einen Mann!«

»Nur wolle Gott ihr nicht einen solchen bescheren, wie Sie einer sind, Iwan Fjodorytsch!« explodierte Lisaweta Prokofjewna plötzlich wie eine Bombe. »Nicht einen mit solchen Anschauungen und Urteilen wie Sie, Iwan Fjodorytsch, nicht einen solchen Grobian wie Sie, Iwan Fjodorytsch…« Iwan Fjodorowitsch machte schleunigst, daß er davonkam, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dieser Explosion. Selbstverständlich war sie am Abend dieses Tages besonders liebenswürdig, sanft, freundlich und respektvoll gegen Iwan Fjodorowitsch, gegen ihren »groben Grobian« Iwan Fjodorowitsch, gegen ihren guten, lieben, vergötterten Iwan Fjodorowitsch; denn in Wirklichkeit liebte sie ihren Iwan Fjodorowitsch ihr ganzes Leben lang, ja sie war in ihn sogar verliebt, was Iwan Fjodorowitsch selbst genau wußte, der auch seinerseits seine Lisaweta Prokofjewna außerordentlich hochschätzte.

Aber die ärgste Qual bereitete ihr beständig Aglaja.

›Sie ist ganz, aber auch ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung‹, sagte Lisaweta Prokofjewna bei sich im stillen, ›ein eigenwilliger, abscheulicher Unhold! Eine Nihilistin, eine verdrehte Schraube, verrückt, boshaft, boshaft, boshaft! O Gott, wie unglücklich wird sie werden!‹

Aber wie schon gesagt, die aufgehende Freudensonne besänftigte und erhellte alles für eine Weile. Infolgedessen gab es in Lisaweta Prokofjewnas Leben fast einen ganzen Monat, in dem sie sich von aller Unruhe wieder völlig erholte. Anläßlich der nahe bevorstehenden Hochzeit Adelaidas wurde in den vornehmen Kreisen auch über Aglaja viel gesprochen, und dabei benahm sich Aglaja überall ganz vortrefflich, ruhig, verständig, auch etwas siegesgewiß und stolz, aber das stand ihr ja gerade gut! Den ganzen Monat war sie so freundlich und liebenswürdig zu ihrer Mutter! (›Allerdings, diesen Jewgenij Pawlowitsch muß man sich noch sehr, sehr genau ansehen und gründlich kennenlernen, Aglaja scheint ja auch an ihm nicht sehr viel mehr Gefallen zu finden als an andern!‹) Sie war auf einmal ein so prächtiges Mädchen geworden, und wie schön sie war, o Gott, wie schön, von Tag zu Tag wurde sie schöner! Und da…

Und da war nun soeben dieser gräßliche Fürst wieder erschienen, dieser jämmerliche Idiot, und alles war wieder in Unruhe geraten, alles im Hause ging wieder drunter und drüber!

Was war denn eigentlich geschehen?

Andere hätten wohl kaum gespürt, daß etwas Besonderes vorgegangen war. Aber Lisaweta Prokofjewna zeichnete sich eben dadurch aus, daß sie in dem bunten Durcheinander der gewöhnlichsten Dinge bei ihrer steten Unruhe immer etwas herausfand, was sie manchmal mit einer geradezu krankhaften Angst, mit einer unerklärlichen, argwöhnischen und infolgedessen höchst peinlichen Furcht erfüllte. Wie mußte ihr da zumute sein, als jetzt plötzlich aus der ganzen wüsten Menge lächerlicher, unbegründeter Befürchtungen wirklich etwas herausschaute, was tatsächlich wichtig zu sein schien, etwas, was tatsächlich zu Beunruhigung, Zweifel und Argwohn Anlaß gab!

›Wie hat nur jemand wagen können, wie hat nur jemand wagen können, mir diesen verdammten anonymen Brief über diese Kreatur zu schreiben, mir zu schreiben, daß sie mit Aglaja Beziehungen unterhalte?‹ dachte Lisaweta Prokofjewna auf dem ganzen Weg, während sie den Fürsten hinter sich herzog, und zu Hause, als sie ihn an dem runden Tisch Platz nehmen ließ, um den die ganze Familie versammelt war. ›Wie konnte sich jemand erdreisten, so etwas nur zu denken? Ich müßte mich ja totschämen, wenn ich auch nur die Spur davon glaubte oder diesen Brief Aglaja zeigte! Solcher Hohn und Spott über uns, die Familie Jepantschin! Und alles um Iwan Fjodorytschs willen, alles um Ihretwillen, Iwan Fjodorytsch! Ach, warum sind wir nicht nach gegangen; ich sagte ja, wir sollten nach Jelagin ziehen! Den Brief hat vielleicht Warjka geschrieben, denke ich mir, oder vielleicht… Aber an allem, an allem ist Iwan Fjodorytsch schuld! Diesen Streich hat ihm diese Kreatur zur Erinnerung an ihre früheren Beziehungen gespielt, um ihn zu blamieren, gerade wie sie sich früher über den Dummkopf lustig machte und ihn an der Nase herumführte, als er ihr noch Perlen schenkte… Und nun werden schließlich auch noch wir mit hineingezogen, Ihre Töchter werden mit hineingezogen, Iwan Fjodorytsch, junge Damen, die zur besten Gesellschaft gehören und in heiratsfähigem Alter stehen, die sind da mit dabeigewesen, haben dabeigestanden, haben alles mit angehört, und auch bei der Geschichte mit den dummen Burschen sind sie zugegen gewesen – freuen Sie sich doch! –, auch da sind sie dabeigewesen und haben zugehört! Ich werde das diesem Menschen, dem Fürsten, nicht verzeihen, nein, niemals werde ich ihm das verzeihen! Und warum ist Aglaja drei Tage lang so nervös gewesen, warum hat sie sich mit ihren Schwestern gezankt, sogar mit Alexandra, der sie sonst immer wie einer Mutter die Hände geküßt hat – so hat sie sie verehrt? Warum gibt sie seit drei Tagen uns allen Rätsel auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Wie kam sie gestern und heute darauf, Gawrila Iwolgin zu loben, und brach dann in Tränen aus? Warum wird in diesem anonymen Brief dieser verdammte »arme Ritter« erwähnt, während sie den Brief, den sie vom Fürsten bekommen hatte, nicht einmal ihren Schwestern gezeigt hat? Und warum … weshalb, weshalb bin ich jetzt wie eine Verrückte zu ihm hingerannt und habe ihn selbst hierhergeschleppt? O Gott, ich habe wohl den Verstand verloren, daß ich so etwas anrichte! Mit einem jungen Mann von den Geheimnissen meiner Tochter zu reden, und noch dazu… noch dazu von solchen Geheimnissen, die beinah ihn selbst betreffen! O Gott, es ist noch ein Glück, daß er ein Idiot und… und… ein Freund unseres Hauses ist! Aber hat sich Aglaja denn wirklich in eine solche Mißgeburt verlieben können! O Gott, was fasele ich da! Pfui! Wir sind die reinen Originale… man müßte uns alle unter Glas ausstellen, mich zuerst, für zehn Kopeken Eintrittspreis. Das werde ich Ihnen nicht verzeihen, Iwan Fjodorytsch, niemals werde ich Ihnen das verzeihen! Und warum nimmt sie ihn sich jetzt nicht gehörig vor? Sie hatte gesagt, daß sie das tun wolle, und nun tut sie es nicht! Da, da, sie sieht ihn mit weitgeöffneten Augen an, schweigt, geht nicht weg, bleibt da, und dabei hatte sie ihm doch selbst verboten herzukommen… Er sitzt ganz blaß da. Und dieser verdammte, verdammte Schwätzer Jewgenij Pawlowitsch hat das ganze Gespräch an sich gerissen! Sieh mal, wie ihm das Mundwerk geht, keinen andern läßt er zu Worte kommen. Ich würde alles sofort erfahren, wenn ich nur die Rede darauf bringen könnte…‘

Der Fürst saß tatsächlich ganz blaß an dem runden Tisch und schien sich gleichzeitig in großer Angst und für Augenblicke in einem ihm selbst unbegreiflichen Entzücken zu befinden, das seine Seele ergriffen hatte. Oh, wie er sich fürchtete, nach jener Seite hinzusehen, nach jenem Winkel, von wo zwei wohlbekannte schwarze Augen beharrlich auf ihn gerichtet waren, und wie er gleichzeitig fast verging vor Glückseligkeit darüber, daß er hier wieder unter ihnen saß und die wohlbekannte Stimme hörte – trotz allem, was sie ihm geschrieben hatte! ›O Gott, was wird sie jetzt sagen!‹ Er selbst hatte noch kein einziges Wort gesprochen und hörte mit Anstrengung dem unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu, der sich selten in so zufriedener, angeregter Stimmung befunden hatte wie jetzt an diesem Abend. Der Fürst hörte ihn lange reden und verstand kaum ein Wort. Außer Iwan Fjodorytsch, der noch nicht aus Petersburg zurückgekehrt war, waren alle vollzählig versammelt. Fürst Schtsch. war ebenfalls anwesend. Wie es schien, hatten sie sich versammelt, um nach einiger Zeit, noch vor dem Tee, zum Konzert zu gehen. Das jetzige Gespräch war offenbar schon vor der Ankunft des Fürsten in Gang gekommen. Bald darauf schlüpfte auch Kolja in die Veranda herein, ohne daß man gewußt hätte, von wo er kam. ›Also wird er hier wie früher empfangen‹, sagte sich der Fürst im stillen.

Das Jepantschinsche Landhaus war luxuriös im Schweizerstil gebaut und auf allen Seiten mit Blumen und Blattpflanzen schön geschmückt. Auf allen Seiten war es von einem kleinen, aber hübschen Blumengarten umgeben. Alle saßen in der Veranda wie vor kurzem beim Fürsten; nur war die Veranda etwas geräumiger und eleganter eingerichtet.

Der Gegenstand des Gespräches, das geführt wurde, schien nicht allen sonderlich zu behagen; dieses Gespräch hatte, wie man merken konnte, seinen Ursprung von einer hitzigen Debatte genommen, und alle hätten gewiß gern das Thema gewechselt; aber Jewgenij Pawlowitsch schien nun erst recht eigensinnig an ihm festzuhalten, ohne sich um die Empfindungen der übrigen zu kümmern, und es war, als würde durch die Ankunft des Fürsten sein Eifer noch erhöht. Lisaweta Prokofjewna machte ein finsteres Gesicht, obwohl sie nicht alles verstand. Aglaja, die abseits, fast in einer Ecke, saß, ging nicht fort, hörte zu und schwieg hartnäckig.

»Erlauben Sie«, sagte Jewgenij Pawlowitsch eifrig, »ich sage nichts gegen den Liberalismus. Der Liberalismus ist keine Sünde, er ist ein notwendiger Bestandteil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder absterben würde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie der bestgesittete Konservativismus. Ich greife jedoch den russischen Liberalismus an und wiederhole noch einmal, daß ich ihn speziell deswegen angreife, weil in Rußland der Liberale kein russischer Liberaler ist, sondern ein nichtrussischer Liberaler. Zeigen Sie mir einen russischen Liberalen, und ich will ihn sogleich vor Ihren Augen küssen.«

»Wenn er Sie nur wird küssen wollen«, bemerkte Alexandra Iwanowna, die sich in großer Erregung befand. Selbst ihre Wangen waren röter als sonst.

›Nun sieh mal an!‹ dachte Lisaweta Prokofjewna für sich. ›Sonst schläft und ißt sie nur und ist gar nicht aufzurütteln, und dann richtet sie sich einmal im Jahr auf und redet so lebhaft, daß man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte.‹

Der Fürst nahm schon bei flüchtiger Beobachtung wahr, daß es Alexandra Iwanowna stark mißfiel, daß Jewgenij Pawlowitsch in so munterem Ton sprach, nämlich daß er über einen ernsten Gegenstand sprach und anscheinend in Eifer geriet, dabei aber doch scherzte.

»Ich habe soeben kurz vor Ihrer Ankunft, Fürst«, fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, »die Behauptung aufgestellt, daß bei uns bisher die Liberalen nur zwei Gesellschaftsschichten angehört haben: der früheren (jetzt abgeschafften) gutsherrlichen und der seminaristischen. Und da diese beiden Stände sich schließlich in richtige Kasten, in etwas von der Nation völlig Abgesondertes verwandelten, und zwar je länger, in um so höherem Grad, von einer Generation zur andern immer mehr, so war und ist auch alles, was sie getan haben und tun, ganz nicht-national…«

»Wie? Also wäre alles, was auf diesem Gebiete getan worden ist, nichtrussisch?« versetzte Fürst Schtsch.

»Es ist nicht national; obgleich es von Russen getan ist, ist es doch nicht national; weder unsere Liberalen noch unsere Konservativen sind echte Russen, keiner… Und seien Sie überzeugt, daß die Nation nichts von dem anerkennen wird, was von den Gutsherren und Seminaristen getan ist, weder jetzt noch später…«

»Nun, das ist ja nett! Wie können Sie nur eine so paradoxe Behauptung verfechten, wenn Sie es überhaupt ernst meinen! Ich kann solchen Angriffen auf die russischen Gutsherrn keine Berechtigung zuerkennen, Sie selbst sind ja ein russischer Gutsherr!« erwiderte Fürst Schtsch. sehr erregt.

»Ich rede ja von den russischen Gutsherren auch nicht in dem Sinne, wie Sie das annehmen. Das ist ein Stand, der alle Achtung verdient, und wär’s auch nur deswegen, weil ich zu ihm gehöre; besonders jetzt, wo er aufgehört hat, ein Stand zu sein…«

»Hat es etwa auch in der Literatur nichts Nationales gegeben?« unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.

»Ich bin mit der Literatur nicht vertraut, aber auch die russische Literatur ist meiner Ansicht nach in ihrem ganzen Umfang nichtrussisch, ausgenommen etwa Lomonossow, Puschkin und Gogol.«

»Erstens ist das gerade nicht wenig, und zweitens stammt einer von ihnen aus dem Volk, während die beiden andern Gutsherren waren«, versetzte Adelaida lachend.

»Ganz richtig, aber triumphieren Sie nicht zu früh! Da es von allen russischen Schriftstellern bisher nur diesen dreien gelungen ist, etwas wirklich Eigenes zu sagen, etwas, was sie von keinem andern entlehnt haben, so sind sie eben dadurch alle drei sofort national geworden. Wenn ein Russe etwas Eigenes sagt, schreibt oder tut, etwas Eigenes, das er von niemand übernommen und entlehnt hat, so wird er unfehlbar national, selbst wenn er schlecht russisch spricht. Das ist für mich ein Axiom. Aber wir sprachen ursprünglich nicht von der Literatur, wir begannen von den Sozialisten zu sprechen, und durch sie hat das Gespräch diesen Gang genommen; nun also, ich behaupte, daß wir keinen einzigen russischen Sozialisten haben; es gibt keinen und hat keinen gegeben, weil alle unsere Sozialisten aus den Gutsherren- oder Seminaristenkreisen hervorgegangen sind. Alle unsere überzeugten, erklärten Sozialisten, sowohl die hiesigen als die im Ausland lebenden, sind weiter nichts als liberale Gutsherren aus den Zeiten der Leibeigenschaft. Warum lachen Sie? Geben Sie mir ihre Bücher, ihre Lehren, ihre Memoiren, und obgleich ich kein zünftiger Kritiker bin, mache ich mich anheischig, Ihnen eine überzeugende Kritik abzufassen, in der ich sonnenklar beweisen werde, daß jede Seite ihrer Bücher, Broschüren und Memoiren mit höchster Wahrscheinlichkeit von einem früheren russischen Gutsherrn geschrieben ist. Ihr Zorn, ihre Entrüstung, ihr Witz, alles weist auf Gutsherren als Verfasser hin (sogar auf solche aus der Zeit vor ); nicht minder ihr Entzücken, ihre Tränen, die vielleicht wahr und echt sind. Alles paßt zu Gutsherren oder auch zu Seminaristen… Sie lachen wieder, und auch Sie lachen, Fürst? Sind auch Sie nicht meiner Meinung?«

In der Tat lachten alle, auch der Fürst lächelte.

»Ich kann noch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ich Ihrer Meinung bin oder nicht«, erwiderte der Fürst, indem er plötzlich aufhörte zu lächeln und wie ein ertappter Schuljunge zusammenfuhr, »Aber ich versichere Ihnen, daß ich Ihnen mit außerordentlichem Vergnügen zuhöre…«

Als er dies sagte, konnte er kaum Luft holen, und es trat ihm sogar kalter Schweiß auf die Stirn. Dies waren die ersten Worte, die er sprach, seit er sich hingesetzt hatte. Er wollte den Versuch machen, sich im Kreis der Anwesenden umzuschauen, aber er wagte es nicht; Jewgenij Pawlowitsch hatte seine Kopfbewegung bemerkt und lächelte.

»Ich werde Ihnen eine Tatsache mitteilen, meine Herrschaften«, fuhr er in dem früheren Ton fort, das heißt scheinbar mit großem Eifer und großer Anteilnahme, gleichzeitig aber beinah lachend, vielleicht über seine eigenen Worte, »eine Tatsache, eine Beobachtung, sogar eine Entdeckung, die ich die Ehre habe, mir selbst zuzuschreiben und sogar mir ganz allein; wenigstens ist darüber nirgends etwas gesagt oder geschrieben worden. In dieser Tatsache kommt das ganze Wesen jener Art von russischem Liberalismus, von der ich rede, zum Ausdruck. Erstens: was ist denn der Liberalismus, allgemein gesprochen, anderes als ein Angriff (vernünftig oder unsinnig, das ist eine andere Frage) auf die bestehende Ordnung der Dinge? Nicht wahr? Die von mir beobachtete Tatsache besteht nun darin, daß der russische Liberalismus nicht ein Angriff auf die bestehende Ordnung der Dinge ist, sondern ein Angriff auf das Wesen unserer Dinge selbst, auf die Dinge selbst und nicht nur auf ihre Ordnung, ein Angriff nicht auf russische Einrichtungen, sondern auf Rußland selbst. Mein Liberaler ist dahin gelangt, die Existenzberechtigung Rußlands selbst zu verneinen, das heißt, er haßt und schlägt seine eigene Mutter. Alles, was in Rußland unglücklich ausfällt und mißlingt, bringt ihn zum Lachen und versetzt ihn beinah in Entzücken. Er haßt die Volkssitten, die russische Geschichte und alles. Wenn es für ihn eine Entschuldigung gibt, so kann sie höchstens darin bestehen, daß er nicht weiß, was er tut, und seinen Haß gegen Rußland für den fruchtbarsten Liberalismus hält (oh, Sie können bei uns nicht selten einen Liberalen finden, dem die übrigen Beifall klatschen und der vielleicht in Wirklichkeit der abgeschmackteste, stumpfsinnigste und gefährlichste Konservative ist, ohne selbst eine Ahnung davon zu haben!). Diesen Haß gegen Rußland hielten vor noch nicht allzulanger Zeit manche unserer Liberalen beinah für die wahre Vaterlandsliebe und rühmten sich, besser als andere Leute zu erkennen, worin diese bestehen müsse; aber jetzt sind sie schon aufrichtiger geworden und haben sich sogar des Wortes ›Vaterlandsliebe‹ zu schämen angefangen, ja sogar den Begriff als nichtig und schädlich ausgemerzt und entfernt. Das ist eine sichere Tatsache, die ich verbürgen kann… es muß doch einmal die Wahrheit vollständig, schlicht und aufrichtig ausgesprochen werden. Ein solches Verhalten des Liberalismus ist aber seit Menschengedenken nie und bei keinem Volke vorgekommen, und es mag daher etwas Zufälliges sein und vielleicht vorübergehen, das will ich zugeben. Ein Liberaler, der einen Haß auf sein eigenes Vaterland hätte, ist in keinem andern Lande möglich. Wodurch läßt sich nun diese Erscheinung bei uns erklären? Durch denselben Gedanken, den ich schon vorhin aussprach: dadurch, daß der Liberale in Rußland vorläufig noch nicht ein russischer Liberaler ist; meiner Ansicht nach ist das die einzig mögliche Erklärung.«

»Ich fasse alles, was du gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij Pawlowitsch«, bemerkte Fürst Schtsch. in ernstem Tone.

»Ich habe nicht alle Liberalen kennengelernt und erlaube mir daher kein Urteil«, sagte Alexandra Iwanowna. »Aber ich bin über Ihre Darlegung ganz empört: Sie haben einen vereinzelten Fall genommen und eine allgemeine Regel daraus gemacht; folglich haben Sie verleumdet.«

»Einen vereinzelten Fall? Ah, ah! Das ist ein wichtiger Ausdruck, den Sie da gebraucht haben!« versetzte Jewgenij Pawlowitsch. »Wie denken Sie darüber, Fürst? Ist es ein vereinzelter Fall oder nicht?«

»Ich muß ebenfalls bekennen, daß ich nur wenige Liberale kennengelernt und nur wenig mit ihnen verkehrt habe«, antwortete der Fürst. »Aber es scheint mir, daß Sie vielleicht bis zu einem gewissen Grade recht haben und daß dieser russische Liberalismus, von dem Sie gesprochen haben, tatsächlich teilweise dazu neigt, Rußland selbst zu hassen und nicht nur dessen Einrichtungen. Natürlich wird das nur teilweise zutreffen… und kann natürlich nicht von allen Liberalen gesagt werden.«

Er stockte und sprach seine Gedanken nicht weiter aus. Trotz all seiner Aufregung war ihm das Gespräch sehr interessant. Einen besonderen Charakterzug bildete bei ihm die große Naivität, mit der er immer zuhörte, wenn ihn etwas interessierte, und die nicht mindere Naivität, mit der er antwortete, wenn dabei Fragen an ihn gerichtet wurden. Diese Naivität, dieses Vertrauen, das keinen Spott und keine scherzhafte Erwiderung von Seiten des andern befürchtete, spiegelten sich in seinem Gesicht wider und kamen sogar in seiner Körperhaltung zum Ausdruck. Aber obgleich Jewgenij Pawlowitsch sich sonst immer nur mit einem besonderen Lächeln an ihn wandte, so blickte er ihn jetzt bei dieser Antwort doch sehr ernst an, als ob er eine solche Antwort von ihm in keiner Weise erwartet hätte.

»So… aber das ist doch seltsam«, sagte er. »War diese Antwort wirklich ernst gemeint, Fürst?«

»Hatten Sie denn nicht im Ernst gefragt?« erwiderte dieser erstaunt.

Alle lachten.

»Trauen Sie dem!« sagte Adelaida. »Jewgenij Pawlytsch hat immer alle Leute zum besten! Wenn Sie wüßten, was für Dinge er manchmal mit dem größten Ernst erzählt!«

»Meiner Ansicht nach ist das Gespräch peinlich, und wir hätten es gar nicht anfangen sollen«, bemerkte Alexandra in scharfem Ton. »Wir wollten doch spazierengehen…«

»Gehen wir! Der Abend ist wunderschön!« rief Jewgenij Pawlowitsch. »Aber um Ihnen zu beweisen, daß ich dieses Mal ganz ernst geredet habe, und namentlich, um es dem Fürsten zu beweisen (Sie interessieren mich außerordentlich, Fürst, und ich schwöre Ihnen: ein so oberflächlicher Mensch, wie es notwendigerweise den Anschein hat, bin ich denn doch nicht, obwohl ich wirklich oberflächlich bin!), und… zu diesem Zweck, meine Herrschaften, möchte ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis dem Fürsten noch eine letzte Frage vorlegen, aus reiner Neugier, und damit wollen wir dann die Sache abgetan sein lassen. Diese Frage ist mir, was sich sehr gut trifft, vor zwei Stunden in den Kopf gekommen (sehen Sie wohl, Fürst, auch ich denke manchmal über ernste Dinge nach); ich habe sie mir beantwortet, aber wir wollen sehen, was der Fürst dazu sagt. Es war soeben von einem ›vereinzelten Fall‹ die Rede. Dieser Ausdruck hat bei uns in Rußland eine große Wichtigkeit erlangt, und man hört ihn recht oft. Neulich redeten und schrieben alle Leute von jenem schrecklichen Mord, den dieser… junge Mann an sechs Menschen begangen hat, und von der seltsamen Rede des Verteidigers, in der dieser gesagt hat, dem Verbrecher habe bei seinen ärmlichen Verhältnissen naturgemäß der Gedanke in den Kopf kommen müssen, diese sechs Menschen zu ermorden. Das war wohl nicht der Wortlaut, aber der Sinn war doch dieser oder ein ähnlicher. Meiner persönlichen Ansicht nach war der Verteidiger, als er diese sonderbare Anschauung vorbrachte, der festen Überzeugung, den liberalsten, humansten, fortschrittlichsten Gedanken auszusprechen, den man nur überhaupt in unserer Zeit äußern kann. Nun also, wie verhält es sich damit Ihrer Ansicht nach: ist diese Verdrehung der Begriffe und Meinungen, die Möglichkeit einer so merkwürdig schiefen Auffassung der Sache ein vereinzelter Fall oder die Regel?«

Alle lachten.

»Ein vereinzelter Fall, selbstverständlich ein vereinzelter Fall!« riefen Alexandra und Adelaide lachend.

»Mit deiner Erlaubnis möchte ich dich daran erinnern, Jewgenij Pawlytsch«, fügte Fürst Schtsch. hinzu, »daß dein Scherz schon sehr abgenutzt ist.«

»Wie denken Sie darüber, Fürst?« fragte, ohne darauf zu hören, Jewgenij Pawlowitsch, der wahrnahm, daß ihn Fürst Lew Nikolajewitsch mit ernstem Interesse anblickte. »Was meinen Sie: war das ein vereinzelter Fall oder die Regel? Ich muß bekennen, daß ich mir diese Frage speziell für Sie zurechtgelegt habe.«

»Nein, das war kein vereinzelter Fall«, antwortete der Fürst leise, aber mit fester Stimme.

»Aber ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch«, rief Fürst Schtsch. ein wenig ärgerlich, »sehen Sie denn nicht, daß er Ihnen eine Falle stellt? Er lacht sicher innerlich und beabsichtigt, sich gerade über Sie lustig zu machen.«

»Ich glaubte, Jewgenij Pawlytsch spräche im Ernst«, versetzte der Fürst errötend und schlug die Augen nieder.

»Lieber Fürst«, fuhr Fürst Schtsch. fort, »denken Sie doch an ein Gespräch, das wir beide einmal vor drei Monaten führten; wir sprachen namentlich darüber, daß es in unseren jungen, neueröffneten Gerichten bereits viele beachtenswerte, talentvolle Verteidiger gibt. Und wie viele im höchsten Grade beachtenswerte Urteile sind von unseren Geschworenen gefällt worden? Wie haben Sie selbst sich gefreut, und wie habe ich mich damals über Ihre Freude gefreut…, wir sagten, daß wir Anlaß hätten, stolz zu sein… Aber diese ungeschickte Verteidigung, dieses sonderbare Argument ist sicherlich nur etwas Zufälliges, ein vereinzelter Fall unter Tausenden.«

Fürst Lew Nikolajewitsch dachte einen Augenblick nach, antwortete aber dann im Ton festester Überzeugung, wenn auch leise und gewissermaßen schüchtern:

»Ich wollte nur sagen, daß diese Entstellung der Gedanken und Begriffe (wie sich Jewgenij Pawlytsch ausdrückte) sehr häufig begegnet und leider viel weiter verbreitet ist, als daß man sie einen vereinzelten Fall nennen könnte. Und sogar so sehr, daß, wenn diese Entstellung nicht ein so häufiger Fall wäre, es vielleicht auch nicht so unerhörte Verbrechen geben würde wie diese…«

»Unerhörte Verbrechen? Aber ich versichere Ihnen, daß genau ebensolche Verbrechen und vielleicht noch schauderhaftere auch früher vorgekommen sind, immer vorgekommen sind, und nicht nur bei uns, sondern überall, und daß sie meines Erachtens sich noch sehr lange wiederholen werden. Der Unterschied besteht nur darin, daß sie früher weniger publik wurden, während man jetzt angefangen hat, laut von ihnen zu reden und sogar zu schreiben; daher entsteht nun der Anschein, als seien solche Verbrecher erst jetzt aufgetreten. Darin besteht Ihr Irrtum, ein sehr naiver Irrtum, Fürst, glauben Sie mir«, sagte Fürst Schtsch. lächelnd.

»Ich weiß selbst, daß die Verbrechen auch früher sehr zahlreich und ebenso schrecklich waren; ich habe erst kürzlich mehrere Gefängnisse besucht, und es ist mir dabei gelungen, mit einer Anzahl von Verbrechern und Angeklagten bekannt zu werden. Es gibt sogar noch furchtbarere Verbrecher als jenen jungen Mann, Verbrecher, von denen ein jeder zehn Menschen ermordet hat, ohne irgendwelche Reue zu verspüren. Aber ein Punkt ist mir dabei aufgefallen: der verstockteste Mörder, der keine Reue empfindet, weiß doch, daß er ein Verbrecher ist, das heißt, er urteilt seinem Gewissen nach, daß er schlecht gehandelt hat, obwohl er nichts von Reue weiß. So denkt jeder von ihnen; aber diejenigen, von denen Jewgenij Pawlytsch gesprochen hat, wollen sich nicht für Verbrecher halten und meinen, sie hätten ein Recht gehabt und… hätten sogar gut gehandelt, das heißt, ungefähr so denken sie. Darin besteht meiner Ansicht nach der furchtbare Unterschied. Und beachten Sie, daß das lauter junge Leute sind, das heißt Leute in dem Lebensalter, in welchem man am leichtesten und schutzlosesten in eine Verdrehung der Anschauungen verfallen kann.«

Fürst Schtsch. lachte nicht mehr und hörte dem Fürsten erstaunt zu. Alexandra Iwanowna, die schon lange etwas hatte sagen wollen, schwieg, als hielte ein besonderer Gedanke sie vom Reden zurück. Jewgenij Pawlowitsch aber sah den Fürsten mit unverhohlener Verwunderung und jetzt ohne eine Spur von Lächeln an.

»Aber warum wundern Sie sich denn so über ihn, mein Herr?« mischte sich Lisaweta Prokofjewna unerwartet in das Gespräch. »Ist er etwa dümmer als Sie, weil sein Urteil von dem Ihrigen abweicht?«

»Nein, so etwas denke ich nicht«, erwiderte Jewgenij Pawlowitsch. »Aber wie geht es denn zu, Fürst (entschuldigen Sie die Frage!), wenn Sie das alles so scharf beobachten und erkennen, wie geht es denn zu, daß Sie (ich bitte nochmals um Verzeihung) bei dieser sonderbaren Angelegenheit… ich meine das, was sich vor einigen Tagen ereignete… bei der Angelegenheit dieses Herrn – Burdowskij heißt er ja wohl… wie geht es denn zu, daß Sie da die ganz gleiche Verdrehung der Ideen und moralischen Anschauungen nicht bemerkten? Es war ja doch ganz genau dasselbe! Ich hatte damals den Eindruck, daß Sie es überhaupt nicht bemerkt hatten.«

»Ja, sehen Sie mal, Väterchen«, ereiferte sich Lisaweta Prokofjewna, »wir haben es damals alle bemerkt, und nun sitzen wir hier und brüsten uns damit vor ihm, aber er, er hat heute von einem dieser Leute einen Brief erhalten, von der eigentlichen Hauptperson, von dem mit den Pickeln im Gesicht, erinnerst du dich, Alexandra? In dem Brief bittet er ihn um Verzeihung, wenn auch so auf seine Art, und teilt ihm mit, daß er sich von jenem Kameraden, der ihn damals aufgehetzt hatte, losgesagt habe – du erinnerst dich doch, Alexandra? Und er glaube dem Fürsten jetzt mehr als jenem. Na, aber wir haben einen solchen Brief noch nicht erhalten, obgleich wir uns hier dem Fürsten gegenüber so hochnäsig benehmen.«

»Und Ippolit ist auch jetzt eben zum Fürsten in das Landhaus gezogen!« rief Kolja.

»Wie? Ist er schon hier?« fragte der Fürst aufgeregt.

»Gleich nachdem Sie mit Lisaweta Prokofjewna weggegangen waren, ist er eingetroffen; ich habe ihn hertransportiert!«

»Na, da möchte ich wetten«, fuhr Lisaweta Prokofjewna heftig auf, die ganz vergaß, daß sie den Fürsten einen Augenblick vorher gelobt hatte, »da möchte ich wetten, daß er gestern zu ihm hingefahren ist und ihn in seiner Dachkammer kniefällig um Verzeihung gebeten hat, damit diese boshafte Kanaille sich herablassen möchte, hierher überzusiedeln. Bist du gestern zu ihm hingefahren? Du hast ja neulich selbst bekannt, daß du es tun wolltest. Ja oder nein? Bist du vor ihm auf die Knie gefallen oder nicht?«

»Auf die Knie ist er ganz und gar nicht gefallen«, rief Kolja. »Ganz im Gegenteil: Ippolit hat gestern die Hand des Fürsten ergriffen und zweimal geküßt, das habe ich selbst gesehen, und damit endete die ganze Aussprache; der Fürst sagte nur noch ganz einfach, Ippolit werde sich in der Sommerfrische wohler fühlen, und der war sofort damit einverstanden überzusiedeln, sobald es ihm nur ein wenig besser gehen würde.«

»Sie hätten das nicht sagen sollen, Kolja…«, murmelte der Fürst, indem er aufstand und nach seinem Hut griff. »Warum erzählen Sie das? Ich…«

»Wohin willst du denn?« hielt ihn Lisaweta Prokofjewna zurück.

»Lassen Sie sich hier nicht stören, Fürst!« fuhr Kolja in seinem Feuereifer fort. »Gehen Sie nicht zu ihm hin, und beunruhigen Sie ihn nicht, er ist von der Fahrt ermüdet und eingeschlafen; er freut sich sehr; und wissen Sie, Fürst, meiner Ansicht nach ist es das beste, wenn Sie ihn jetzt nicht aufsuchen. Verschieben Sie es lieber auf morgen, sonst wird er wieder verlegen. Er hat heute vormittag zu mir gesagt, er habe sich schon seit einem halben Jahr nicht so wohl und kräftig gefühlt; er hustet sogar viel weniger.«

Der Fürst bemerkte, daß Aglaja plötzlich ihren Platz verließ und an den Tisch herantrat. Er wagte nicht, nach ihr hinzublicken, aber er fühlte mit seinem ganzen Wesen, daß sie ihn in diesem Augenblick ansah und vielleicht zornig ansah und daß in ihren schwarzen Augen jedenfalls ein Ausdruck des Unwillens lag und ihr Gesicht glühte.

»Ich glaube, Nikolai Ardalionowitsch, Sie haben nicht gut daran getan, ihn hierherzubringen, wenn es sich um jenen schwindsüchtigen jungen Menschen handelt, der damals zu weinen anfing und uns zu seinem Begräbnis einlud«, bemerkte Jewgenij Pawlowitsch. »Er sprach damals in so pathetischen Ausdrücken von der Mauer des Nachbarhauses, daß er sich unbedingt nach dieser Mauer zurücksehnen wird, davon können Sie überzeugt sein.«

»Das ist ganz richtig. Er wird sich mit dir zanken und überwerfen und wieder wegfahren – weiter kommt nichts dabei heraus!«

Nach diesen Worten zog Lisaweta Prokofjewna würdevoll den Korb mit ihrer Handarbeit zu sich heran, da sie ganz vergessen hatte, daß alle bereits aufgestanden waren, um den Spaziergang anzutreten.

»Es ist mir erinnerlich, daß er mit dieser Mauer sehr geprahlt hat«, begann Jewgenij Pawlowitsch von neuem. »Ohne diese Mauer wird er nicht mit großartigen Redewendungen sterben können, und daran ist ihm doch viel gelegen.«

»Nun gut«, murmelte der Fürst, »wenn Sie ihm nicht verzeihen wollen, wird er eben ohne Ihre Verzeihung sterben… Jetzt ist er um der Bäume willen hierher übergesiedelt.«

»Oh, ich meinerseits verzeihe ihm alles, das können Sie ihm ausrichten.«

»So darf die Sache nicht aufgefaßt werden«, antwortete der Fürst leise und anscheinend nur ungern, indem er fortfuhr, mit gesenkten Augen auf einen Punkt des Fußbodens zu blicken. »Es ist erforderlich, daß auch Sie bereit sind, von ihm Verzeihung anzunehmen.«

»Aber was habe ich denn damit zu tun? Was habe ich ihm denn zuleide getan?«

»Wenn Sie das nicht verstehen, so… aber Sie verstehen es ja; er wollte damals… Sie alle segnen und Ihren Segen empfangen, weiter nichts…«

»Lieber Fürst«, fiel Fürst Schtsch. schnell mit einer gewissen Behutsamkeit ein, nachdem er mit einem und dem andern von den Anwesenden einen Blick gewechselt hatte, »das Paradies läßt sich auf Erden nicht so leicht wiederherstellen, und doch rechnen Sie gewissermaßen mit einer Wiederherstellung des Paradieses; das ist ein schweres Ding, Fürst, weit schwerer, als es Ihrem prächtigen Herzen erscheint. Wir wollen lieber davon aufhören, sonst geraten wir alle am Ende wieder ins Streiten, und dann…«

»Wir wollen zur Musik gehen«, sagte Lisaweta Prokofjewna in scharfem Ton und erhob sich ärgerlich von ihrem Platz.

Alle schlossen sich ihr an.

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Kapitel 3

III

Der General Iwan Fjodorowitsch Jepantschin stand mitten in seinem Arbeitszimmer und betrachtete mit größter Neugier den eintretenden Fürsten; er ging ihm sogar zwei Schritte entgegen. Der Fürst trat zu ihm heran und stellte sich vor.

»Sehr wohl«, antwortete der General, »womit kann ich dienen?«

»Ein dringliches Geschäft habe ich nicht; meine Absicht war einfach, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich möchte nicht stören, da ich weder Ihren Empfangstag noch Ihre Dispositionen kenne … Aber ich komme eben von der Bahn … ich bin aus der Schweiz hergereist.«

Der General war nahe daran zu lächeln, aber er überlegte und hielt inne; dann überlegte er noch ein wenig, kniff die Augen zusammen, musterte seinen Gast noch einmal vom Kopf bis zu den Füßen, bot ihm dann schnell einen Stuhl an, setzte sich selbst schräg gegenüber und wandte sich in ungeduldiger Erwartung zum Fürsten hin. Ganja stand in einer Ecke des Arbeitszimmers am Schreibtisch und blätterte in Papieren.

»Für neue Bekanntschaften habe ich im allgemeinen nur wenig Zeit«, sagte der General, »aber da Sie gewiß dabei Ihre Absicht haben, so …«

»Ich habe es mir vorher gedacht«, unterbrach ihn der Fürst, »daß Sie in meinem Besuch jedenfalls irgendeine besondere Absicht sehen würden. Aber bei Gott, außer dem Vergnügen, mit Ihnen bekannt zu werden, habe ich keinerlei besondere Absicht.«

»Das Vergnügen ist sicherlich auch für mich ein sehr großes, aber man kann sich nicht immer dem Vergnügen widmen; es kommen manchmal auch Geschäfte vor, wie Sie wissen werden … Außerdem vermag ich bis jetzt absolut keine gemeinsame Beziehung zwischen uns zu erkennen … sozusagen einen triftigen Grund…«

»Ein triftiger Grund ist unstreitig nicht vorhanden und gemeinsame Beziehungen gewiß nur wenige. Denn daß ich Fürst Myschkin bin und Ihre Gemahlin aus unserem Geschlecht stammt, ist selbstverständlich kein triftiger Grund. Das sehe ich sehr wohl ein. Aber doch liegt darin der ganze Anlaß meines Besuches. Ich bin ungefähr vier Jahre nicht in Rußland gewesen, mehr als vier Jahre, und als ich wegfuhr, war ich beinah nicht bei Sinnen! Damals kannte ich nichts in der Welt, und jetzt noch weniger. Ich bedarf des Verkehrs mit guten Menschen; und dann habe ich da auch noch eine geschäftliche Angelegenheit, und ich weiß nicht, wohin ich mich hinsichtlich derselben um Rat wenden soll. Schon in Berlin dachte ich: ›Das sind beinah Verwandte von mir; mit denen werde ich den Anfang machen, vielleicht passen wir zueinander, sie zu mir und ich zu ihnen, – wenn sie gute Menschen sind.‹ Und daß Sie gute Menschen sind, hatte ich gehört.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden«, versetzte der General verwundert. »Gestatten Sie mir die Frage: wo sind Sie abgestiegen?«

»Ich bin noch nirgends abgestiegen.«

»Also sind Sie geradeswegs von der Bahn zu mir gekommen? Und … das Gepäck?«

»Als ganzes Gepäck habe ich ein kleines Bündelchen mit Wäsche bei mir, weiter nichts; das trage ich gewöhnlich in der Hand. Ich werde am Abend noch Zeit haben, mir ein Zimmer zu nehmen.«

»Also beabsichtigen Sie auch jetzt noch, in einen Gasthof zu gehen?«

»Ja, gewiß.«

»Nach Ihren Worten hatte ich beinah geglaubt, daß Sie einfach bei mir Quartier nehmen wollten.«

»Das wäre doch nur möglich, wenn Sie mich einlüden. Ich gestehe indessen, daß ich auch im Fall einer Einladung nicht hierbleiben würde, nicht aus irgendeinem besonderen Grunde, sondern nur, weil das so in meinem Charakter liegt.«

»Nun, da trifft es sich ja gut, daß ich Sie nicht eingeladen habe und nicht einladen werde. Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung, Fürst, um gleich mit einem Male alles klarzulegen: da wir uns soeben darüber ausgesprochen haben, daß von einer Verwandtschaft zwischen uns nicht die Rede sein kann, obwohl eine solche für mich selbstverständlich sehr schmeichelhaft sein würde, so folgt daraus …«

»So folgt daraus, daß ich aufstehen und weggehen soll?« sagte der Fürst sich erhebend und lachte dabei trotz der schwierigen Lage, in der er sich offenbar befand, ganz heiter. »Und bei Gott, General, obwohl ich absolut keine praktische Kenntnis davon habe, was hier Brauch ist und wie hier überhaupt die Menschen leben, so hatte ich mir doch gedacht, daß zwischen uns die Sache genau den Verlauf nehmen werde, den sie jetzt wirklich genommen hat. Nun, vielleicht ist es so auch ganz in der Ordnung … Ich habe ja auch damals auf meinen Brief keine Antwort bekommen … Nun also, leben Sie wohl, und entschuldigen Sie, daß ich gestört habe!«

Die Miene des Fürsten war in diesem Augenblick so freundlich und sein Lächeln so frei von jeder Beimischung irgendeines verborgenen, feindseligen Gefühls, daß der General plötzlich stutzte und seinen Gast in anderer Weise ansah; die ganze Veränderung seiner Ansicht vollzog sich in einem Moment.

»Wissen Sie, Fürst«, sagte er in ganz anderem Ton, »ich kenne Sie ja noch gar nicht, und auch Lisaweta Prokofjewna wird vielleicht den Wunsch haben, ihren Namensvetter zu sehen … Warten Sie doch ein Weilchen, wenn Sie wollen und Ihre Zeit es erlaubt.«

»Oh, meine Zeit erlaubt es schon; meine Zeit steht ganz zu meiner Verfügung.« (Der Fürst legte sogleich seinen weichen, rundkrempigen Hut auf den Tisch.) »Ich muß bekennen, ich hatte auch darauf gerechnet, daß Lisaweta Prokofjewna sich vielleicht an das, was ich ihr geschrieben habe, erinnern werde. Vorhin, als ich dort bei Ihnen wartete, argwöhnte Ihr Diener, daß ich gekommen sei, um Sie um eine Unterstützung zu bitten; ich merkte das, und Sie werden wohl in dieser Hinsicht strenge Instruktionen erteilt haben; aber ich bin wirklich nicht deswegen hergekommen, sondern wirklich nur, um mit Menschen zusammenzukommen. Ich fürchte nur, Ihnen lästig geworden zu sein, und das beunruhigt mich.«

»Hören Sie, Fürst«, sagte der General mit einem heiteren Lächeln, »wenn Sie wirklich ein solcher Mensch sind, wie es den Anschein hat, so wird die Bekanntschaft mit Ihnen vielleicht ganz angenehm sein; nur, sehen Sie, ich bin von Geschäften stark in Anspruch genommen und muß mich gleich wieder hinsetzen und dies und das durchsehen und unterschreiben, und dann begebe ich mich zu Seiner Erlaucht und dann in den Dienst; so kommt es, daß, wenn mir auch der Verkehr mit guten Menschen Freude macht … das heißt … aber … Übrigens bin ich von Ihrer vortrefflichen Erziehung so fest überzeugt, daß … Aber wie alt sind Sie eigentlich, Fürst?«

»Sechsundzwanzig.«

»Oh! Ich hatte Sie weit jünger geschätzt.«

»Ja, man sagt mir, daß ich ein jugendliches Gesicht habe. Aber Sie nicht zu stören, das werde ich schon lernen und bald begreifen, weil es mir selbst sehr zuwider ist, jemanden zu stören … Und schließlich sind wir, wie mir scheint, dem Äußern nach in vielerlei Hinsicht so verschiedene Menschen, daß wir wohl nicht viele Berührungspunkte haben können. Aber wissen Sie, an diese letzte Bemerkung glaube ich selbst nicht recht; denn sehr oft scheint es nur so, daß keine Berührungspunkte vorhanden seien, und sie sind doch in Menge da … Das kommt von der menschlichen Trägheit, indem die Menschen einander nur nach dem äußeren Schein klassifizieren und dabei keine Ähnlichkeiten finden können … Aber ich langweile Sie wohl schon? Es kommt mir vor, als ob Sie …«

»Nur zwei Worte: besitzen Sie wenigstens etwas Vermögen? Oder beabsichtigen Sie vielleicht, irgendeine Beschäftigung anzunehmen? Verzeihen Sie, daß ich so …«

»Aber ich bitte Sie, ich finde Ihre Frage sehr natürlich und begreiflich. Ich besitze zur Zeit gar kein Vermögen und habe vorläufig auch keine Beschäftigung, möchte aber eine solche haben. Ich habe jetzt von fremdem Geld gelebt; mein Professor Schneider, bei dem ich in der Schweiz eine Kur machte und mich wissenschaftlich weiterbildete, hat mir das Reisegeld gegeben, und zwar nur gerade ausreichend, so daß ich jetzt nur einige Kopeken übrig habe. Allerdings habe ich da eine geschäftliche Angelegenheit, in der ich einen guten Rat gebrauchen könnte, aber …«

»Sagen Sie, wovon beabsichtigen Sie denn zunächst zu leben und welches sind Ihre Pläne für die Zukunft?« unterbrach ihn der General.

»Ich wollte irgendwie arbeiten.«

»Och, Sie sind offenbar ein Philosoph; indessen … besitzen Sie nach Ihrem eigenen Urteil irgendwelche Talente oder wenigstens einige Fähigkeiten, das heißt solche, durch die man sich sein tägliches Brot verdienen kann? Verzeihen Sie wieder …«

»Oh, es bedarf keiner Entschuldigung! Nein, ich besitze meiner Meinung nach weder Talente noch besondere Fähigkeiten; im Gegenteil, ich habe sogar, weil ich ein kranker Mensch bin, keinen regulären Unterrichtsgang durchgemacht. Was das tägliche Brot anlangt, so möchte ich meinen …«

Der General unterbrach ihn wieder und begann ihn von neuem zu fragen. Der Fürst erzählte noch einmal alles, was er schon vorher erzählt hatte. Es stellte sich heraus, daß der General von dem verstorbenen Pawlischtschew gehört und ihn sogar persönlich gekannt hatte. Warum Pawlischtschew sich für die Erziehung des Fürsten interessiert hatte, das wußte dieser selbst nicht zu erklären, vielleicht einfach aus alter Freundschaft mit seinem verstorbenen Vater. Der Fürst war noch ein kleines Kind gewesen, als der Tod seiner Eltern ihn zur Waise machte, war auf dem Lande aufgewachsen und hatte dort seine ganze Jugend verlebt, namentlich auch, weil sein Gesundheitszustand Landluft verlangte. Pawlischtschew hatte ihn ein paar alten Gutsbesitzerinnen, die mit ihm verwandt waren, anvertraut; es wurde für ihn zuerst eine Gouvernante, dann ein Hauslehrer angenommen; er erklärte übrigens, daß er sich zwar an alles erinnere, aber nur über weniges in befriedigender Weise zu berichten vermöge, da er sich über vieles seinerzeit nicht habe Rechenschaft geben können. Die häufigen Krankheitsanfälle hätten ihn fast zum Idioten gemacht (der Fürst gebrauchte diesen Ausdruck: zum Idioten). Er erzählte endlich, daß Pawlischtschew eines Tages in Berlin den Schweizer Professor Schneider kennengelernt habe, der sich speziell mit diesen Krankheiten beschäftige, in der Schweiz, im Kanton Wallis, eine Heilanstalt besitze und dort nach seiner eigenen Methode Idiotie und andere Geisteskrankheiten mit kaltem Wasser und gymnastischen Übungen kuriere und dabei seine Patienten auch unterrichte und überhaupt für ihre geistige Entwicklung sorge; zu diesem Professor Schneider habe Pawlischtschew ihn vor etwa vier Jahren nach der Schweiz geschickt, sei aber selbst vor zwei Jahren plötzlich gestorben, ohne weitere Anordnungen getroffen zu haben; Schneider habe ihm noch zwei Jahre Unterhalt gewährt und ihn behandelt; er habe ihn zwar nicht völlig geheilt, aber doch eine erhebliche Besserung seines Zustandes herbeigeführt; schließlich habe er ihn auf eigenen Wunsch und infolge eines besonderen Umstandes jetzt nach Rußland geschickt.

Der General war sehr erstaunt.

»Und Sie kennen bei uns in Rußland niemand, absolut niemand?« fragte er.

»Zur Zeit kenne ich niemand … aber ich hoffe … außerdem habe ich einen Brief erhalten …«

»Aber Sie haben doch wenigstens«, unterbrach ihn der General, ohne auf das, was der Fürst von dem Brief sagte, recht hinzuhören, »irgend etwas gelernt, und Ihre Krankheit hindert Sie nicht, eine nicht gerade mühevolle Stelle irgendwo im Staatsdienst anzunehmen?«

»Oh, daran wird sie mich gewiß nicht hindern. Und was eine Stelle betrifft, so ist es sogar mein lebhafter Wunsch, eine solche zu erhalten, weil ich selbst gern sehen möchte, wozu ich tauglich bin. An meiner geistigen Bildung habe ich die ganzen vier Jahre lang ständig gearbeitet, freilich nicht in regelrechter Form, sondern nach des Professors eigenem System, und es ergab sich, daß ich dabei sehr viele russische Bücher las.«

»Russische Bücher? Also können Sie russisch lesen und ohne orthographische Fehler schreiben?«

»Oh, das kann ich sehr wohl.«

»Vortrefflich! Und die Handschrift?«

»Meine Handschrift ist vorzüglich. Hierin besitze ich vielleicht sogar Talent; ich bin geradezu ein Kalligraph. Gestatten Sie, daß ich Ihnen sofort etwas zur Probe schreibe!« sagte der Fürst eifrig.

»Haben Sie die Freundlichkeit! Es ist das sogar erforderlich … Und diese Ihre Bereitwilligkeit gefällt mir sehr, Fürst; Sie sind wirklich sehr liebenswürdig.«

»Sie haben so prächtige Schreibutensilien, was für eine Menge Bleistifte und Federn, und wie kräftiges, prachtvolles Papier! … Und was Sie für ein wundervolles Arbeitszimmer haben! Diese Landschaft hier kenne ich, es ist eine Ansicht aus der Schweiz. Ich glaube sicher, daß der Maler das Bild nach der Natur gemalt hat, und daß ich diese Örtlichkeit gesehen habe: es ist aus dem Kanton Uri …«

»Das kann leicht sein, obwohl das Bild hier gekauft ist. Ganja, geben Sie dem Fürsten Papier; hier sind Federn und Papier. Bitte, setzen Sie sich an dieses Tischchen! Was ist das?« wandte sich der General zu Ganja, der unterdessen aus seinem Portefeuille eine Photographie in Großformat herausgenommen hatte und ihm nun zeigte. »Ah, Nastasja Filippowna! Hat sie dir das selbst geschickt? Selbst?« fragte er Ganja lebhaft und mit dem größten Interesse.

»Sie hat es mir soeben gegeben, als ich da war, um ihr zu gratulieren. Ich hatte sie schon lange darum gebeten. Ich weiß nicht, ob das nicht etwa von ihrer Seite eine Anspielung sein soll, daß ich selbst mit leeren Händen, ohne Geschenk, an einem solchen Tage zu ihr kam«, fügte Ganja mit einem unangenehmen Lächeln hinzu.

»Aber nein!« unterbrach ihn der General im Tone fester Überzeugung. »Was ist das bei dir für eine seltsame Gedankenverbindung! Sie sollte eine solche Anspielung machen … und dabei ist sie überhaupt ganz und gar nicht eigennützig. Außerdem, was könntest du ihr schenken? Dazu gehören ja doch Tausende! Etwa dein Bild? Hat sie dich übrigens noch nicht um dein Bild gebeten?«

»Nein, das hat sie noch nicht getan, und sie wird es auch vielleicht nie tun. Sie denken doch gewiß an die heutige Abendgesellschaft, Iwan Fjodorowitsch? Sie haben doch gewiß auch eine ausdrückliche Einladung erhalten?«

»Gewiß, ich denke daran, gewiß, und werde hingehen. Selbstverständlich! Ihr Geburtstag, an dem sie fünfundzwanzig Jahre alt wird! Hm … Aber weißt du, Ganja, ich will es dir in Gottes Namen verraten. Bereite dich vor! Sie hat mir und Afanassij Iwanowitsch versprochen, sie werde heute abend bei sich zu Hause das letzte Wort sagen: Sein oder Nichtsein. Also mache dich darauf gefaßt, weißt du!«

Ganja geriet auf einmal in eine solche Bestürzung, daß er sogar ein wenig blaß wurde.

»Hat sie das wirklich gesagt?« fragte er, und es war, als zittere ihm die Stimme.

»Vorgestern hat sie uns ihr Wort gegeben. Wir haben sie beide so in die Enge getrieben, daß sie nicht anders konnte. Nur bat sie uns, dir vorher nichts davon zu verraten.«

Der General blickte Ganja forschend ins Gesicht; Ganjas Bestürzung mißfiel ihm offenbar.

»Halten Sie sich gegenwärtig, Iwan Fjodorowitsch«, sagte Ganja in aufgeregtem, unsicherem Ton, »daß sie mir ja für meine Entschließung volle Freiheit gelassen hat bis zu dem Augenblick, wo sie selbst sich entschieden haben wird, und auch dann habe ich immer noch freie Hand, mein Wort …«

»Also willst du vielleicht … also willst du vielleicht …«, unterbrach ihn der General erschrocken.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Aber ich bitte dich, was willst du uns antun?«

»Ich weigere mich ja nicht. Ich habe mich vielleicht nicht richtig ausgedrückt …«

»Das fehlte auch noch, daß du dich weigertest!« rief der General unwillig, ohne seinen Ärger verbergen zu wollen. »Lieber Freund, was du jetzt zu tun hast, ist nicht etwa, dich ›nicht zu weigern‹, sondern bereitwillig, mit Vergnügen, mit Freude ihr Jawort zu empfangen … Wie steht es denn bei dir zu Hause?«

»Bei mir zu Hause? Bei mir zu Hause geht alles nach meinem Willen. Nur mein Vater treibt seine Dummheiten wie sonst, er ist jetzt schon ein ganz verkommener Mensch; ich rede mit ihm gar nicht mehr; aber ich halte ihn im Zaum und würde ihm, wenn nicht die Mutter wäre, weiß Gott die Tür weisen. Die Mutter weint natürlich fortwährend, und die Schwester bost sich, aber ich habe ihnen schließlich klipp und klar gesagt, daß ich mein Schicksal selbst zu bestimmen habe und im Hause meine … Anordnungen befolgt zu sehen wünsche. Meiner Schwester wenigstens habe ich das in Gegenwart der Mutter mit aller Deutlichkeit gesagt.«

»Recht klug werde ich aus der Sache immer noch nicht, lieber Freund«, bemerkte der General nachdenklich, wobei er die Schultern etwas in die Höhe zog und die Arme ein wenig ausbreitete. »Nina Alexandrowna hat mir noch neulich, als sie mich besuchen kam (du erinnerst dich wohl?), etwas vorgestöhnt und vorgejammert: ›Was haben Sie denn eigentlich?‹ fragte ich sie. Schließlich kam es heraus, daß sie darin eine Art Entehrung sehen. Nun möchte ich bloß wissen, was darin für eine Entehrung liegen soll! Wer kann Nastasja Filippowna irgendeinen Vorwurf machen oder ihr irgend etwas Schlechtes nachsagen? Etwa, daß sie mit Tozkij ein Verhältnis gehabt hat? Aber das ist ja doch lauter dummes Zeug, namentlich in Anbetracht gewisser Umstände! ›Sie werden sie doch auch nicht mit Ihren Töchtern verkehren lassen‹, sagte sie. Na, so was! Ei, ei, Nina Alexandrowna! Das ist ja doch eine arge Verkennung … eine arge Verkennung …«

»Der eigenen Stellung«, ergänzte Ganja den Satz des Generals, der nach einem Ausdruck suchte. »Aber sie versteht ihre Stellung; seien Sie ihr nicht böse! Ich habe ihnen übrigens damals gehörig den Kopf gewaschen, damit sie sich nicht wieder in fremde Angelegenheiten einmischen. Und doch bleibt bisher bei uns zu Hause alles nur deswegen im Geleise, weil das letzte Wort noch nicht gesprochen ist; aber das Gewitter rückt heran. Wenn heute das letzte Wort gesprochen wird, dann ist damit alles entschieden.«

Der Fürst, der in einer Ecke bei seiner kalligraphischen Probearbeit saß, hörte dieses ganze Gespräch mit an. Nun war er fertig, trat an den Tisch und überreichte dem General sein Blatt.

»Also das ist Nastasja Filippowna?« sagte er, indem er das Porträt aufmerksam und neugierig betrachtete. »Eine wunderbar schöne Frau!« setzte er sogleich lebhaft hinzu.

Das Porträt stellte in der Tat eine Frau von ungewöhnlicher Schönheit dar. Sie hatte sich in einem schwarzen Seidenkleid von außerordentlich einfachem, elegantem Schnitt photographieren lassen; das anscheinend dunkelblonde Haar zeigte eine schlichte, für das Haus bestimmte Frisur; die Augen waren dunkel und tief, die Stirn nachdenklich; das Gesicht trug einen leidenden und dabei, wie es schien, doch hochmütigen Ausdruck. Sie war im Gesicht etwas mager und vielleicht auch blaß … Ganja und der General sahen den Fürsten erstaunt an …

»Nastasja Filippowna? Kennen Sie Nastasja Filippowna etwa schon?« fragte der General.

»Ja, ich bin erst vierundzwanzig Stunden in Rußland und kenne bereits eine solche Schönheit«, antwortete der Fürst. Und nun berichtete er von seiner Begegnung mit Rogoshin und teilte alles mit, was dieser erzählt hatte.

»Das ist ja eine hübsche Neuigkeit!« rief der General, der wieder in Unruhe geraten war. Er hatte die Erzählung mit großer Aufmerksamkeit angehört und blickte nun Ganja fragend an.

»Wahrscheinlich nur so eine Unschicklichkeit«, murmelte dieser, dem gleichfalls eine gewisse Betroffenheit anzumerken war. »Ein Kaufmannssöhnchen schlägt über die Stränge. Ich hatte schon etwas davon gehört.«

»Auch ich hatte davon gehört, lieber Freund«, erwiderte der General. »Nastasja Filippowna hat mir gleich damals nach der Geschichte mit den Ohrringen den ganzen Hergang erzählt. Aber die Sache gewinnt jetzt ein anderes Gesicht. Hier kommt vielleicht wirklich eine Million ins Spiel und … eine Leidenschaft. Eine verdrehte Leidenschaft allerdings; aber es sieht doch nach Leidenschaft aus, und man weiß ja, wozu diese Herren in solchem Rausche fähig sind! … Hm! … Wenn daraus nur nicht ein Skandal entsteht!« schloß der General nachdenklich.

»Sie haben Furcht vor der Million?« fragte Ganja lächelnd.

»Du wohl nicht?«

»Was hatten Sie für einen Eindruck, Fürst?« wandte sich Ganja plötzlich an ihn. »Ist das ein energischer Mensch oder nur so ein windiger Patron? Wie urteilen Sie über ihn?«

In Ganja ging, als er diese Frage stellte, etwas Besonderes vor. Ein neuer, eigenartiger Gedanke war, wie es schien, in seinem Gehirn aufgeflammt und leuchtete nun ungeduldig aus seinen Augen hervor. Der General, der in wirkliche, ernste Unruhe geraten war, schielte gleichfalls nach dem Fürsten hin, aber mit einem Gesicht, als wenn er von dessen Antwort nicht viel erwarte.

»Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll«, antwortete der Fürst, »aber mir schien, daß er von einer starken Leidenschaft, ja von einer krankhaften Leidenschaft ergriffen sei. Auch körperlich machte er noch durchaus den Eindruck eines Kranken. Sehr möglich, daß er sich gleich in den ersten Tagen seines Aufenthaltes hier in Petersburg wieder ins Bett legen muß, namentlich wenn er zu wild draufloslebt.«

»So! Also diesen Eindruck hatten Sie?« fragte der General, dessen Interesse dieser Gedanke erregte.

»Ja, den Eindruck hatte ich.«

»Und derartige Skandalgeschichten werden sich möglicherweise nicht erst in einigen Tagen ereignen, sondern es kann noch heute, ehe es Abend wird, eine überraschende Wendung eintreten«, sagte Ganja lächelnd zum General.

»Hm! … Gewiß … Sehr möglich; es hängt ganz davon ab, was sie gerade für einen Einfall hat«, versetzte der General.

»Sie wissen ja, wie wunderlich sie manchmal ist.«

»Was meinst du damit?« rief der General, der sehr verstimmt war, heftig. »Hör mal, Ganja, tu mir den Gefallen und widersprich ihr heute nicht zuviel, und gib dir Mühe, so recht, weißt du … mit einem Worte, so recht herzlich zu sein … Hm! … Warum ziehst du den Mund schief? Hör mal, Gawrila Ardalionytsch, ich halte für zweckmäßig, für sehr zweckmäßig, dir zu sagen: wozu geben wir uns all die Mühe? Du siehst wohl ein, daß ich mich hinsichtlich meines eigenen Gewinnanteils, den mir die Sache bringen soll, längst gesichert habe; ich werde die Angelegenheit auf die eine oder die andere Art, aber jedenfalls zu meinem Vorteil erledigen. Tozkij hat seinen Entschluß gefaßt und wird daran unerschütterlich festhalten, so daß ich mich völlig darauf verlassen kann. Wenn ich daher jetzt noch einen Wunsch hege, so habe ich dabei einzig und allein deinen Vorteil im Auge. Das kannst du dir doch selbst sagen; oder traust du mir etwa nicht? Dabei bist du doch ein Mensch … ein Mensch … mit einem Worte, ein Mensch, der Verstand besitzt, und ich habe in dieser Hinsicht auf dich gerechnet … und Verstand ist doch im vorliegenden Falle … im vorliegenden Falle …«

»Die Hauptsache«, beendete Ganja den Satz, indem er wieder dem nach einem Ausdruck suchenden General zu Hilfe kam. Dabei verzog er seine Lippen zu einem boshaften Lächeln, das er nicht mehr zu verbergen suchte. Er sah mit seinem brennenden Blick dem General gerade in die Augen, wie wenn er wünschte, daß jener in diesem Blick all seine Gedanken lesen möchte. Der General wurde dunkelrot und fuhr auf.

»Nun ja, Verstand ist die Hauptsache!« stimmte er bei und blickte Ganja scharf an. »Du bist doch ein komischer Mensch, Gawrila Ardalionytsch! Wie ich merke, freust du dich ordentlich über das Auftreten dieses Kaufmannssohnes, als ob du darin für dich einen Weg sähest, um aus der Sache herauszukommen. Aber gerade hier wäre es nötig, gleich von Anfang an Verstand zu beweisen; gerade hier wäre es nötig, zu begreifen und beiderseits offen und ehrlich zu verfahren, gegebenenfalls aber wenigstens vorher Mitteilung zu machen, um nicht andere Leute zu kompromittieren, um so mehr, als dazu Zeit genug vorhanden war und sogar jetzt noch Zeit genug ist« (der General zog bedeutsam die Augenbrauen in die Höhe),»obwohl wir nur noch ein paar Stunden übrig haben … Hast du verstanden? Ja? Willst du eigentlich, oder willst du nicht? Wenn du nicht willst, so sage es; das soll mir auch recht sein. Niemand wird Sie festhalten, Gawrila Ardalionytsch, niemand Sie mit Gewalt in das Fuchseisen hineinziehen, wenn Sie wirklich hier nur ein Fuchseisen zu sehen glauben.«

»Ich will«, erwiderte Ganja halblaut, aber mit fester Stimme; dann schlug er die Augen nieder und verstummte mit finsterer Miene.

Der General war zufriedengestellt. Er war hitzig geworden, bereute es aber offenbar schon, daß er soweit gegangen war. Plötzlich wandte er sich zum Fürsten, und über sein Gesicht schien der beunruhigende Gedanke hinzugehen, daß der Fürst das alles mit angehört hatte. Aber er beruhigte sich sofort wieder: dazu genügte ein einziger Blick auf diesen.

»Oho!« rief der General, als er das kalligraphische Probestück betrachtete, das ihm der Fürst reichte. »Das ist ja geradezu eine Schönschreibevorschrift! Und noch dazu von seltener Schönheit! Sieh mal, Ganja, was für ein Talent!«

Auf ein dickes Blatt Velinpapier hatte der Fürst in mittelalterlicher russischer Schrift den Satz geschrieben:

»Der demütige Abt Pafnutij hat dies eigenhändig unterzeichnet.«

»Sehen Sie nur«, erklärte der Fürst mit außerordentlicher Freude und Lebhaftigkeit, »dies ist die eigenhändige Unterschrift des Abtes Pafnutij aus dem vierzehnten Jahrhundert, nach einem Faksimile. Sie bewiesen in ihren Unterschriften eine außerordentliche Kunst, all unsere alten Äbte und Metropoliten, und wie geschmackvoll sehen diese Unterschriften manchmal aus, und welche Sorgfalt lassen sie erkennen! Haben Sie nicht wenigstens die Pogodinsche Ausgabe, General? Dann habe ich Ihnen hier etwas in einer anderen Schrift geschrieben: das ist die runde, derbe französische Schrift des vorigen Jahrhunderts; einige Buchstaben weisen sogar abweichende Formen auf; es ist die Schrift der öffentlichen Schreiber, die auf den Marktplätzen saßen; ich habe sie aus einem ihrer Vorschriftenbücher entnommen (ich besaß eins); Sie werden zugeben müssen, daß sie nicht ohne gewisse Vorzüge ist. Betrachten Sie nur diese runden o und a. Ich habe den französischen Schriftcharakter auf das russische Alphabet übertragen, was eine recht schwere Aufgabe war; aber es ist mir doch gut gelungen. Hier ist noch eine schöne, eigenartige Schrift, hier der Satz: ›Eifer überwindet alles.‹ Das ist eine echt russische Schrift, die Schrift der Schreiber oder, wenn Sie wollen, der Militärschreiber. So schreibt man ein amtliches Schriftstück an eine hochgestellte Persönlichkeit; es ist gleichfalls eine runde Schrift, eine sehr schöne, schlichte Schrift, in schlichter Art, aber mit beachtenswertem Geschmack geschrieben. Ein Kalligraph würde diese Schnörkel oder, richtiger gesagt, diese Versuche zu Schnörkeln, hier diese unvollendeten, halben Schwänzchen – sehen Sie, diese hier! – nicht billigen; aber im ganzen – wollen Sie darauf achten! – tritt doch darin ein bestimmter Charakter zutage, und es guckt ordentlich die ganze Seele des Militärschreibers heraus: sie möchte sich gern frei ergehen, und das Talent bittet um die Möglichkeit, sich zu betätigen; aber der Uniformkragen ist fest zugehakt, die Disziplin kommt auch in der Handschrift zum Ausdruck, es ist zum Entzücken! Erst kürzlich frappierte mich ein solches Muster, welches ich zufällig fand, und wo hatte ich es gefunden? In der Schweiz! Nun weiter! Hier ist die einfache, gewöhnliche, ganz reine englische Schrift, das Äußerste an Eleganz, da ist alles reizend, perlenartig, geradezu vollendet. Aber da ist noch eine Variation, und zwar wieder eine französische; ich habe sie einem französischen Commis voyageur entlehnt: es ist dieselbe englische Schrift, aber die Grundstriche sind um eine Kleinigkeit dicker und kräftiger als bei der englischen, und gleich ist das Verhältnis von Licht und Schatten gestört. Und beachten Sie noch dies: die Gestalt der Ovale ist geändert; sie ist eine Kleinigkeit rundlicher, und außerdem sind Schnörkel zugelassen; der Schnörkel aber, das ist ein höchst gefährliches Ding! Der Schnörkel verlangt ungewöhnlich guten Geschmack; aber wenn er dann gelingt, wenn das richtige Verhältnis getroffen ist, dann ist eine solche Schrift auch mit nichts zu vergleichen; man könnte sich geradezu in sie verlieben.«

»Oho! In was für Subtilitäten geraten Sie da hinein!« rief der General lachend. »Sie sind ja gar kein gewöhnlicher Kalligraph, mein Bester; Sie sind ein Künstler! Nicht wahr, Ganja?«

»Erstaunlich!« sagte Ganja. »Und Sie sind sich auch bewußt, wozu Sie berufen sind«, fügte er spöttisch lachend hinzu.

»Lache du nur, lache du nur!« sagte der General, »aber diese Fähigkeit eröffnet dem Fürsten eine gute Laufbahn. Wissen Sie, Fürst, an was für hohe Persönlichkeiten wir nehmen Sie es mir nicht übel, Fürst, wenn ich Ihnen bemerke, daß Sie am besten tun, auf Taschengeld zu verzichten, und überhaupt kein Geld in der Tasche bei sich führen. Das ist meine Ansicht über Sie, und darum sage ich es Ihnen. Aber da jetzt Ihr Geldbeutel ganz leer ist, so gestatten Sie mir, Ihnen diese fünfundzwanzig Rubel hier anzubieten. Wir werden schon miteinander abrechnen, und wenn Sie wirklich ein so aufrichtiger, treuherziger Mensch sind, wie es nach Ihren Worten scheint, so können sich auch in dieser Hinsicht zwischen uns keinerlei Schwierigkeiten ergeben. Wenn ich mich so für Sie interessiere, so habe ich in bezug auf Sie sogar eine bestimmte Absicht; Sie werden diese später noch kennenlernen. Sie sehen, ich verkehre mit Ihnen ganz zwanglos; ich hoffe, Ganja, du hast nichts dagegen, daß sich der Fürst in eurer Wohnung mit einquartiert?«

»Oh, ganz im Gegenteil! Auch meine Mutter wird sich sehr freuen …«, versicherte Ganja freundlich und zuvorkommend.

»Es ist bei euch, soviel ich weiß, erst ein Zimmer vermietet. An diesen, wie heißt er doch gleich? Ferd … Fer …«

»Ferdyschtschenko.«

»Naja; er gefällt mir nicht, dieser euer Ferdyschtschenko. Ein vulgärer Possenreißer. Ich begreife nicht, warum Nastasja Filippowna sich seiner so annimmt. Ist er denn wirklich mit ihr verwandt?«

»O nein, das ist alles nur Scherz! Von Verwandtschaft keine Spur!«

»Na, hol ihn der Teufel! Na, sind Sie nun zufrieden, Fürst, oder nicht?«

»Ich danke Ihnen, General; Sie haben an mir als ein überaus guter Mensch gehandelt, was um so mehr anzuerkennen ist, als ich Sie gar nicht gebeten hatte. Ich sage das nicht aus Stolz; ich wußte tatsächlich nicht, wohin ich mein Haupt legen sollte. Allerdings hat mich vorhin Rogoshin zu sich eingeladen.«

»Rogoshin? Aber nein; da möchte ich Ihnen doch den väterlichen oder, wenn Sie lieber wollen, den freundschaftlichen Rat geben, diesen Herrn Rogoshin ganz zu vergessen. Und überhaupt würde ich Ihnen raten, sich an die Familie zu halten, in die Sie eintreten werden.«

»Da Sie mir schon soviel Güte erweisen«, begann der Fürst, »so möchte ich Ihnen noch eine Angelegenheit, die mich beschäftigt, vorlegen. Ich habe die Nachricht erhalten …«

»Entschuldigen Sie«, unterbrach ihn der General, »jetzt habe ich wirklich keine Minute Zeit mehr. Ich werde sofort meiner Frau von Ihnen berichten. Wenn sie Sie jetzt gleich zu empfangen wünscht (meinerseits werde ich mich bemühen, sie durch meine Empfehlung dazu zu bewegen), so rate ich Ihnen, die Gelegenheit auszunutzen und sich ihre Gunst zu erwerben, da Lisaweta Prokofjewna Ihnen von großem Nutzen sein kann. Sie sind ja ihr Namensvetter. Und sollte sie es jetzt nicht wünschen, so nehmen Sie ihr das weiter nicht übel, sondern kommen Sie zu anderer Zeit wieder! Und du, Ganja, sieh doch unterdessen diese Rechnung durch, mit der Fedossejew und ich uns vorhin abgequält haben! Vergiß aber nicht, sie nachher wegzuschließen!«

Der General ging hinaus, und so kam der Fürst nicht dazu, seine Angelegenheit vorzubringen, von der er etwa zum viertenmal zu reden angefangen hatte. Ganja begann eine Zigarette zu rauchen und bot auch dem Fürsten eine an; dieser nahm sie, versuchte aber nicht, ein Gespräch in Gang zu bringen, um nicht zu stören, sondern betrachtete das Arbeitszimmer. Ganja aber warf kaum einen Blick auf das mit Zahlen bedeckte Papier, auf das ihn der General hingewiesen hatte. Er war zerstreut; sein Lächeln, sein Blick, sein nachdenkliches Wesen machten nach Ansicht des Fürsten jetzt, wo sie beide allein geblieben waren, einen noch unangenehmeren Eindruck. Plötzlich trat er an den Fürsten heran, der sich gerade über Nastasja Filippownas Porträt gebeugt hatte und es betrachtete.

»Also gefällt Ihnen eine solche Frau, Fürst?« fragte er, indem er ihn durchdringend ansah, als hätte er irgendeine besondere Absicht.

»Ein wunderbar schönes Gesicht!« antwortete der Fürst. »Und ich bin überzeugt, daß sie ein ungewöhnliches Schicksal gehabt hat. Das Gesicht sieht heiter aus, aber sie hat früher wohl furchtbar gelitten, nicht? Davon reden die Augen, dort die beiden Knöchelchen, die beiden Punkte unter den Augen, wo die Wangen anfangen. Es ist ein stolzes Gesicht, schrecklich stolz, und ich weiß nicht, ob sie ein gutes Herz hat. Ach, wenn sie es doch hätte! Dann wäre alles gerettet!«

»Würden Sie denn eine solche Frau heiraten?« fragte Ganja weiter, ohne seinen brennenden Blick abzuwenden.

»Ich kann überhaupt nicht heiraten, ich bin krank«, versetzte der Fürst.

»Aber Rogoshin würde sie heiraten? Was meinen Sie?«

»Gewiß, womöglich gleich morgen, denke ich. Er würde sie heiraten und sie eine Woche darauf vielleicht ermorden.«

Kaum hatte der Fürst dies gesagt, als Ganja plötzlich so zusammenfuhr, daß der Fürst beinah aufschrie.

»Was ist Ihnen?« fragte er, indem er ihn bei der Hand ergriff.

»Durchlaucht, Seine Exzellenz lassen bitten, sich zu Ihrer Exzellenz zu bemühen«, meldete ein Diener, der in der Tür erschien.

Der Fürst ging hinter dem Diener her.

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Kapitel 20

IV

Sie gingen durch dieselben Zimmer, die der Fürst schon vorher passiert hatte. Rogoshin ging ein wenig voraus, der Fürst hinter ihm her. Sie kamen in den großen Salon. Hier befanden sich an den Wänden einige Gemälde, lauter Porträts von Bischöfen und Landschaften, von denen nichts zu erkennen war. Über der Tür nach dem nächsten Zimmer hing ein Bild von recht auffälligem Format: Zweieinhalb lang und nicht mehr als sechs Werschok hoch. Es stellte den soeben vom Kreuze abgenommenen Heiland dar. Der Fürst blickte es flüchtig an, als käme ihm eine Erinnerung, wollte aber, ohne stehenzubleiben, durch die Tür hindurchgehen. Er fühlte sich sehr bedrückt, und es verlangte ihn, möglichst schnell aus diesem Haus herauszukommen. Aber Rogoshin blieb plötzlich vor dem Bild stehen.

»All diese Bilder hier«, sagte er, »hat mein verstorbener Vater auf Auktionen gekauft, das Stück zu einem oder zwei Rubel, er liebte so etwas. Ein Sachverständiger hat sie alle hier besichtigt, er sagte, es sei Schund; aber dieses hier, das Bild über der Tür, das ebenfalls für zwei Rubel gekauft ist, von dem sagte er, es sei kein Schund. Noch zu Lebzeiten meines Vaters fand sich jemand, der ihm dafür dreihundertundfünfzig Rubel bot, und Iwan Dmitrijewitsch Saweljew, ein Kaufmann, der ein großer Liebhaber solcher Dinge ist, der ist bis auf vierhundert hinaufgegangen und hat in der vorigen Woche meinem Bruder Semjon Semjonytsch schon fünfhundert geboten. Aber ich habe es für mich behalten.«

»Das ist ja… das ist ja eine Kopie nach Hans Holbein«, sagte der Fürst, der nun Zeit gehabt hatte, das Bild genauer zu betrachten, »und obwohl ich kein großer Kenner bin, scheint es mir doch eine vorzügliche Kopie zu sein. Ich habe dieses Bild im Ausland gesehen und kann es nicht vergessen. Aber… was hast du denn? …«

Rogoshin kümmerte sich auf einmal nicht weiter um das Bild, sondern ging auf dem bisherigen Wege weiter. Allerdings ließ sich dieses sprunghafte Wesen durch seine Zerstreutheit und durch die besondere, seltsam reizbare Stimmung, die bei ihm so plötzlich hervorgetreten war, vielleicht erklären; aber trotzdem erschien es dem Fürsten wunderlich, daß Rogoshin ein von ihm selbst begonnenes Gespräch so plötzlich abbrach und ihm nicht einmal antwortete.

»Hör mal, Lew Nikolajewitsch«, fing Rogoshin wieder an, nachdem er einige Schritte gemacht hatte, »ich wollte dich schon längst fragen: glaubst du an Gott oder nicht?«

»Wie sonderbar du fragst, und… was du für ein sonderbares Gesicht machst!« äußerte der Fürst unwillkürlich.

»Dieses Bild betrachte ich immer gern«, murmelte Rogoshin nach kurzem Stillschweigen, als hätte er seine Frage wieder vergessen.

»Dieses Bild betrachtest du gern?« rief der Fürst, von einem plötzlichen Gedanken überrascht. »Dieses Bild? Aber beim Anblick dieses Bildes kann ja mancher Mensch seinen Glauben verlieren!«

»Ich verliere ihn auch«, war Rogoshins überraschende, bestätigende Antwort.

Sie waren bereits zur Ausgangstür gelangt.

»Wie?« sagte der Fürst, stehenbleibend. »Was redest du da? Ich habe eigentlich nur im Scherz gesprochen, und du sagst das so ernst! Und warum hast du mich gefragt, ob ich an Gott glaube?«

»Einen besonderen Grund hatte ich nicht dazu. Ich wollte dich schon früher danach fragen. Heutzutage glauben ja viele nicht an ihn. Ob das wohl wahr ist (du hast ja im Ausland gelebt), mir hat einmal so ein Trunkenbold gesagt, bei uns in Rußland gebe es mehr Leute, die nicht an Gott glauben, als in allen andern Ländern? ›Uns‹, sagte er, ›wird es leichter, zum Unglauben zu gelangen, als ihnen, weil wir weiter fortgeschritten sind‹…«

Rogoshin lächelte spöttisch; als er seine Frage ausgesprochen hatte, öffnete er die Tür und wartete mit der Klinke in der Hand darauf, daß der Fürst hinausging. Der Fürst wunderte sich, trat aber hinaus. Der andere folgte ihm in den Treppenflur und machte die Tür hinter sich zu. Sie standen einander mit solchen Gesichtern gegenüber, daß es schien, als hätten sie beide vergessen, wo sie waren und was sie nun zu tun hatten.

»Leb wohl!« sagte der Fürst und reichte Rogoshin die Hand.

»Leb wohl!« erwiderte dieser und drückte fest, aber ganz mechanisch die ihm hingestreckte Hand.

Der Fürst stieg eine Stufe hinab und drehte sich um. umgedreht hatte, vorsichtig von hinten an ihn heran, faßte die richtige Stelle ins Auge, richtete den Blick gen Himmel, bekreuzigte sich, und nachdem er im stillen inbrünstig gebetet hatte: ›O Gott, verzeih mir um Christi willen!‹, schnitt er seinem Freund mit einem einzigen Schnitt wie einem Hammel die Kehle durch und nahm ihm die Uhr weg.«

Rogoshin schüttelte sich vor Lachen. Er lachte so heftig, als hätte er einen Anfall bekommen. Es machte einen ganz seltsamen Eindruck, dieses Lachen zu sehen, nachdem er sich noch kurz vorher in so düsterer Stimmung befunden hatte.

»Das gefällt mir! Nein, das ist ja ganz vorzüglich!« schrie er krampfhaft und fast außer Atem. »Der eine glaubt überhaupt nicht an Gott, und der andere glaubt so sehr an ihn, daß er sogar bei der Ermordung eines Menschen betet… Nein, Bruder, das ist ja gar nicht auszudenken! Hahaha! Nein, das ist köstlich!«

»Am andern Morgen schlenderte ich durch die Stadt«, fuhr der Fürst fort, sobald Rogoshin sich einigermaßen beruhigt hatte, obwohl das Lachen immer noch nach Art eines Krampfanfalles auf seinen Lippen zuckte, »da sah ich, wie ein betrunkener Soldat in ganz wüstem Zustand auf dem hölzernen Gehsteig umherschwankte. Er kam auf mich zu und sagte: ›Herr, kauf mir dieses silberne Kreuz ab, ich lasse es dir für zwanzig Kopeken; es ist von Silber!‹ Ich sah, daß er in der Hand ein Kreuz hielt, das er sich jedenfalls eben erst abgenommen hatte; es saß an einem himmelblauen, stark abgenutzten Band, war aber, wie man auf den ersten Blick sehen konnte, nur von Zinn, von großem Format, mit acht Enden, nach einem echt byzantinischen Muster. Ich nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der Tasche und gab es ihm, das Kreuz aber band ich mir sogleich um; dem Soldaten konnte man am Gesicht ansehen, wie er sich freute, den dummen Herrn geprellt zu haben; er ging schleunigst davon, um den Erlös für sein Kreuz zu vertrinken. Auf mich, Bruder, machte damals all das, was in Rußland massenhaft auf mich eindrang, einen sehr starken Eindruck; ich hatte in meinem Heimatland vorher für nichts Verständnis gehabt, war wie ein Blinder aufgewachsen, und meine Erinnerungen an Rußland während der fünf Jahre meines Aufenthaltes im Ausland waren höchst phantastischer Und ich hatte gar nicht vorgehabt, jetzt hierher zurückzukehren! Ich hatte mir die Wiederbegegnung mit dir ganz, ganz anders ausgemalt! Na, was hilft’s… Leb wohl, auf Wiedersehen! Gott behüte dich!«

Er wendete sich um und stieg die Treppe hinunter.

»Lew Nikolajewitsch!« rief Parfen dem Fürsten von oben nach, als dieser zum ersten Treppenabsatz gelangt war, »hast du das Kreuz, das du von dem Soldaten gekauft hast, bei dir?«

»Ja.«

Der Fürst blieb wieder stehen.

»Zeig es doch einmal her!«

Wieder eine neue Absonderlichkeit! Der Fürst überlegte einen Augenblick, stieg dann wieder hinauf, zog das Kreuz heraus und zeigte es ihm, ohne es vom Hals abzunehmen.

»Gib es mir!« sagte Rogoshin.

»Wozu? Hast du denn…«

Der Fürst wollte sich nicht gern von dem Kreuz trennen.

»Ich will es tragen, und meines will ich dir geben, das trage du dann!«

»Du willst, daß wir die Kreuze tauschen? Schön, Parfen, wenn du es so meinst, dann freue ich mich; wir werden jetzt Brüder sein!«

Der Fürst nahm sein Zinnkreuz ab, Parfen sein goldenes, und sie tauschten miteinander. Parfen schwieg. Erstaunt und betrübt bemerkte der Fürst, daß das frühere Mißtrauen und das bittere, spöttische Lächeln immer noch nicht von dem Gesicht seines Kreuzbruders geschwunden waren, sondern zumindest in einzelnen Augenblicken wieder stark sichtbar wurden. Schweigend ergriff Rogoshin endlich die Hand des Fürsten und stand eine Weile da, als ob er sich zu etwas nicht entschließen könnte; endlich zog er ihn auf einmal hinter sich her, indem er kaum hörbar sagte: »Komm!« Sie gingen quer über den Treppenflur und klingelten an einer Tür, die derjenigen, aus welcher sie herausgekommen waren, gerade gegenüberlag. Es wurde ihnen bald geöffnet. Eine alte, ganz zusammengekrümmte Frau in schwarzem Kleid, mit einem Tuch um den Kopf, verbeugte sich schweigend tief vor Rogoshin; dieser sagte schnell ein paar Worte zu ihr und führte, ohne stehenzubleiben und eine Antwort abzuwarten, den Fürsten in die Wohnung hinein. Wieder durchschritten sie dunkle Zimmer von einer außerordentlichen, sozusagen kalten Sauberkeit; auch die altertümlichen Möbel in ihren weißen, reinen Überzügen machten einen kalten, trüben Eindruck. Ohne Anmeldung führte Rogoshin den Fürsten geradewegs in ein kleines, salonartiges Zimmer; eine Hälfte desselben war durch eine niedrige Zwischenwand von glänzendem Mahagoniholz mit zwei Türen an den Enden abgeteilt; der dahinter liegende Raum diente wahrscheinlich als Schlafzimmer. In einer Ecke des Salons, am Ofen, saß in einem Lehnstuhl eine kleine ältere Frau, dem Anschein nach noch nicht allzu bejahrt, sogar mit einem recht gesunden, angenehmen runden Gesicht, aber schon vollständig ergraut und (was man schon beim ersten Blick erkennen konnte) ganz kindisch geworden. Sie trug ein schwarzwollenes Kleid, ein großes schwarzes Tuch um den Hals und eine reine, weiße Haube mit schwarzen Bändern. Die Füße ruhten auf einem Fußbänkchen. Neben ihr saß eine andere sauber gekleidete alte Frau, älter als sie, gleichfalls in Trauer und gleichfalls mit einer weißen Haube, wahrscheinlich eine arme Person, die aus Gnade in das Haus aufgenommen war, und strickte schweigend einen Strumpf. Sie schienen beide die ganze Zeit geschwiegen zu haben. Als die erste Alte Rogoshin und den Fürsten erblickte, lächelte sie ihnen zu und nickte zum Zeichen ihres Vergnügens mehrmals freundlich mit dem Kopfe.

»Mütterchen«, sagte Rogoshin, ihr die Hand küssend, »hier ist ein guter Freund von mir, Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin; er und ich haben miteinander die Kreuze getauscht; er ist eine Zeitlang in Moskau wie ein Bruder zu mir gewesen und hat viel für mich getan. Segne ihn, Mütterchen, wie du deinen eigenen Sohn segnen würdest! Warte, liebe Alte! So! Laß mich dir die Hand zurechtlegen…«

Aber noch ehe Parfen Zeit hatte, dies auszuführen, hob die alte Frau ihre rechte Hand in die Höhe, legte drei Finger derselben zusammen und bekreuzigte den Fürsten dreimal andächtig, Darauf nickte sie ihm noch einmal freundlich und zärtlich mit dem Kopfe zu.

»Nun wollen wir wieder gehen, Lew Nikolajewitsch!« sagte Parfen. »Ich hatte dich nur zu diesem Zweck hergeführt…«

Als sie wieder auf die Treppe hinaustraten, fügte er hinzu:

»Sie versteht ja nichts, was man zu ihr sagt, und hat auch von meinen Worten nichts verstanden; aber sie hat dich doch gesegnet, da muß es ihr eigener Wunsch gewesen sein… Nun aber leb wohl, wir haben beide keine Zeit mehr.«

Damit öffnete er die Wohnungstür.

»So laß dich doch wenigstens zum Abschied umarmen, du wunderlicher Mensch!« rief der Fürst, indem er ihn mit zärtlichem Vorwurf anblickte, und wollte ihn umarmen. Aber Parfen hatte kaum die Arme erhoben, als er sie auch sogleich wieder sinken ließ. Er konnte sich nicht dazu entschließen; er wandte sich ab, um den Fürsten nicht anzusehen. Er wollte ihn nicht umarmen.

»Hab keine Angst! Ich habe dir zwar dein Kreuz weggenommen, werde dich aber nicht um einer Uhr willen ermorden!« murmelte er undeutlich und lachte auf einmal seltsam auf. Aber plötzlich verwandelte sich sein ganzes Gesicht: er wurde schrecklich blaß, seine Lippen fingen an zu zittern, seine Augen flammten auf. Er hob die Arme in die Höhe, umarmte den Fürsten mit festem Druck und sagte keuchend:

»So nimm sie, wenn das Schicksal es einmal so will! Sie sei dein! Ich trete zurück!… Vergiß Rogoshin nicht!«

Und er wandte sich von dem Fürsten ab, ging, ohne noch einmal nach ihm hinzublicken, in seine Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu.

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Kapitel 21

V

Es war schon spät, fast halb drei, und der Fürst traf den General Jepantschin nicht mehr zu Hause. Er ließ seine Karte zurück und entschied sich dafür, nach dem Gasthaus »Zur Waage« zu gehen und dort nach Kolja zu fragen und, wenn er nicht dort war, ihm ein Briefchen zurückzulassen. In der »Waage« wurde ihm gesagt, Nikolai Ardalionowitsch sei schon am Morgen weggegangen, habe aber beim Weggehen die Weisung hinterlassen, wenn etwa jemand nach ihm frage, solle man sagen, daß er gegen drei Uhr zurück sein werde. Wenn er um halb vier noch nicht wieder da sei, sei er mit der Bahn nach Pawlowsk gefahren, nach dem Landhause der Generalin Jepantschina, und werde dort auch zum Essen bleiben. Der Fürst setzte sich hin, um auf ihn zu warten, und benutzte die Zeit, um sich Mittagessen geben zu lassen.

Um halb vier und sogar um vier Uhr war Kolja noch nicht erschienen. Der Fürst ging hinaus und wanderte mechanisch umher, wohin ihn die Füße trugen. Zu Anfang des Sommers gibt es in Petersburg manchmal wunderschöne Tage, helle, warme, stille Tage. Es traf sich, daß dieser Tag gerade einer von jenen seltenen Tagen war. Eine Zeitlang schweifte der Fürst ziellos umher. Die Stadt war ihm nur wenig bekannt. Er blieb manchmal an Straßenkreuzungen, vor diesem oder jenem Haus, auf Plätzen und Brücken stehen; einmal ging er auch, um sich auszuruhen, in eine Konditorei. Mitunter begann er mit größtem Interesse die Passanten zu betrachten, aber meist achtete er weder auf die Passanten noch darauf, wo er ging. Er befand sich in einem Zustand peinlicher Spannung und Unruhe und fühlte gleichzeitig ein ungewöhnlich starkes Verlangen nach Einsamkeit. Er wollte gern allein sein und sich dieser qualvollen Spannung ganz passiv überlassen, ohne im geringsten nach einem Ausweg zu suchen. Er empfand einen Widerwillen dagegen, sich an die Lösung der Fragen heranzumachen, die auf seine Seele und sein Herz eindrangen. »Aber bin ich denn etwa an all dem schuld?« murmelte er vor sich hin, fast ohne sich seiner Worte bewußt zu werden.

Um sechs Uhr fand er sich auf dem Bahnhof der Bahn nach Zarskoje Selo. Das Alleinsein war ihm bald unerträglich geworden; ein neues Verlangen ergriff mit heißer Glut sein Herz, und das Dunkel, in dem seine Seele sich härmte, wurde für einen Augenblick von einem hellen Schein erleuchtet. Er nahm ein Billett nach Pawlowsk und wartete ungeduldig auf den Zeitpunkt der Abfahrt; aber er hatte immerzu das Gefühl, als verfolge ihn etwas, und dies war Wirklichkeit, nicht etwa ein Phantasiegebilde, wie er vielleicht zu denken geneigt war. Als er eben im Zug Platz nehmen wollte, warf er plötzlich das gerade gekaufte Billett auf den Boden und ging, verwirrt und in Gedanken versunken, wieder aus dem Bahnhof hinaus. Eine Weile darauf fiel ihm auf der Straße plötzlich etwas ein; es war, als ob ihm auf einmal etwas sehr Seltsames, was ihn schon lange beunruhigt hatte, klar würde. Er ertappte sich mit Bewußtsein bei einer Beschäftigung, die er schon lange fortgesetzt, aber bis zu diesem Augenblick nicht bemerkt hatte: schon seit mehreren Stunden, schon als er noch in der »Waage« war, vielleicht sogar schon, ehe er dorthin kam, hatte er von Zeit zu Zeit angefangen, gewissermaßen etwas um sich herum zu suchen. Er hatte diese Tätigkeit mitunter wieder vergessen, sogar auf längere Zeit, auf eine halbe Stunde, dann aber auf einmal von neuem sich unruhig umzusehen und ringsumher zu suchen begonnen.

Aber kaum hatte er an sich dieses krankhafte und bisher ganz unbewußte Verlangen bemerkt, das ihn schon so lange beherrschte, als plötzlich vor seinem geistigen Auge noch eine andere Erinnerung auftauchte, die ihn außerordentlich interessierte; er erinnerte sich, daß er in dem Augenblick, als er sich dieses beständigen Suchens bewußt wurde, auf dem Gehsteig vor einem Schaufenster gestanden und mit großem Interesse die dort ausgelegten Waren betrachtet hatte. Jetzt lag ihm sehr daran, unter allen Umständen festzustellen, ob er wirklich soeben, vor vielleicht nur fünf Minuten, vor diesem Schaufenster gestanden hatte und ihm das nicht etwa nur so vorgekommen war und er irgend etwas verwechselt hatte. Existierten dieser Laden und diese Waren wirklich? Er hatte ja heute tatsächlich das Gefühl, daß er sich in einem besonders krankhaften Zustand befand, fast in demselben Zustand, der sich damals zu Beginn der Anfälle seiner früheren Krankheit bei ihm einzustellen pflegte. Er wußte, daß er in der Zeit, wo sich die Anfälle vorbereiteten, außerordentlich zerstreut war und oft sogar Gegenstände und Personen verwechselte, wenn er sie ohne besonders gespannte Aufmerksamkeit ansah. Aber es war auch noch ein spezieller Grund vorhanden, weshalb ihm jetzt so sehr daran gelegen war, festzustellen, ob er vorhin vor einem Laden gestanden hatte; unter den im Schaufenster von Haschisch, Opium oder Alkohol sind, unnatürliche, wesenlose Visionen, die die Denktätigkeit herabsetzen und den Geist schädigen. Das konnte er nach Beendigung des krankhaften Zustandes klar beurteilen. Diese Augenblicke waren vielmehr gerade eine außerordentliche Steigerung des Selbstbewußtseins (wenn man diesen Zustand mit einem Wort bezeichnen soll), des Selbstbewußtseins und gleichzeitig eines im höchsten Grade unmittelbaren Selbstgefühls. Wenn er in jener Sekunde, das heißt in dem letzten Augenblicke des Bewußtseins vor dem Anfall, manchmal noch die Möglichkeit fand, zu sich selbst klar und mit Bewußtsein zu sagen: ›Ja, für diesen Augenblick könnte man das ganze Leben hingeben!‹, so war dieser Augenblick sicherlich das ganze Leben wert. Übrigens wollte er für die logische Richtigkeit seines Schlusses nicht einstehen; der Stumpfsinn, die seelische Finsternis, die Idiotie als deutliche Folge jener höchsten Augenblicke standen ihm nur zu klar vor Augen. Er würde darüber natürlich nicht im Ernst disputiert haben. In seiner Schlußfolgerung, das heißt in der Wertschätzung dieses Augenblicks, lag unzweifelhaft ein Fehler, aber die Realität des Gefühls verwirrte ihn doch einigermaßen. In der Tat, was war mit dieser Realität zu machen? Sie existierte doch, er selbst hatte doch in eben jener Sekunde noch Zeit gefunden, zu sich zu sagen, daß diese Sekunde um des grenzenlosen Glückes willen, das er voll und ganz empfinde, vielleicht das ganze Leben wert sein könne. »In diesem Augenblick«, so hatte er zu Rogoshin in Moskau zur Zeit ihrer häufigen Zusammenkünfte einmal gesagt, »in diesem Augenblick wird mir jener auffallende Ausspruch verständlich, daß hinfort keine Zeit mehr sein soll. Wahrscheinlich«, hatte er lächelnd hinzugefügt, »ist das dieselbe Sekunde, in der der umgestoßene Wasserkrug des Epileptikers Mohammed nicht Zeit fand auszufließen, während Mohammed in derselben Sekunde alle Wohnungen Allahs beschaute.« Ja, er war in Moskau häufig mit Rogoshin zusammengekommen und hatte mit ihm noch über viele andere Gegenstände gesprochen. ›Rogoshin hat vorhin gesagt, ich hätte damals an ihm wie ein Bruder gehandelt; das hat er heute zum erstenmal gesagt‹, dachte der Fürst bei sich.

Er hing diesen Gedanken nach, während er im Sommergarten unter einem Baum auf einer Bank saß. Es war ungefähr sieben Uhr. Der Garten war leer, ein dunkles Gewölk umhüllte für einen Augenblick die untergehende Sonne. Es war schwül, als ob von ferne ein Gewitter aufzöge. In seinem jetzigen kontemplativen Zustand lag für ihn etwas Verlockendes. Er klammerte sich mit seinen Erinnerungen und seinem Denken an jeden äußeren Gegenstand, und dies gefiel ihm, da er immer etwas Wirkliches, Gegenwärtiges vergessen wollte, aber bei dem ersten Blick, den er um sich tat, erkannte er sofort seinen traurigen Gedanken wieder, den Gedanken, von dem er sich so sehr loszumachen wünschte. Er versuchte sich daran zu erinnern, daß er vorhin in dem Restaurant beim Mittagessen mit dem Kellner über einen kürzlich geschehenen, sehr eigenartigen Mord gesprochen hatte, der viel Aufsehen erregte und zu vielen Gesprächen Anlaß gab. Aber kaum hatte er diese Erinnerung in sich wachgerufen, als ihm auf einmal wieder etwas ganz Besonderes begegnete.

Ein außerordentliches, unbezwingliches Verlangen schlug wie eine dämonische Versuchung auf einmal seine ganze Willenskraft in Bande. Er stand von der Bank auf und ging aus dem Garten geradewegs in Richtung der Petersburger Seite. Er hatte vorhin am Newa-Kai einen Passanten gebeten, ihm den Weg über die Newa nach der Petersburger Seite zu zeigen; das hatte dieser auch getan, aber der Fürst war vorhin nicht dorthin gegangen. Und jedenfalls war es heute zwecklos, hinzugehen, das wußte er. Die Adresse hatte er allerdings schon lange und konnte somit das Haus der Schwägerin Lebedews leicht finden; aber er wußte beinah sicher, daß er sie nicht zu Hause treffen würde. ›Sie ist jedenfalls nach Pawlowsk gefahren, sonst hätte Kolja verabredungsgemäß etwas in der »Waage« hinterlassen.‹ Wenn er also jetzt hinging, so tat er das sicherlich nicht, um sie zu sehen. Eine andere, trübe, qualvolle Wißbegierde lockte ihn dorthin. Ein neuer, plötzlicher Gedanke war ihm gekommen …

Aber es genügte ihm vollkommen, daß er ging und wußte, wohin er ging: einen Augenblick nach dem Entschluß war er bereits in Bewegung, fast ohne auf den Weg zu achten. Seinen »plötzlichen Gedanken« länger zu überlegen, wurde ihm sofort furchtbar widerwärtig und beinah unmöglich. Mit qualvoll angestrengter Aufmerksamkeit betrachtete er alles, was ihm vor die Augen kam, den Himmel, die Newa. Er fing ein Gespräch mit einem ihm begegnenden kleinen Kind an. Vielleicht steigerte sich auch sein epileptischer Zustand immer mehr und mehr. Das Gewitter schien wirklich heraufzuziehen, wenn auch nur langsam. In der Ferne begann es schon zu donnern. Es wurde sehr schwül…

Wie einem manchmal eine Melodie nicht aus dem Kopf geht, obwohl sie einem zum Ekel geworden ist, so mußte er jetzt aus einem nicht recht verständlichen Grund fortwährend an Lebedews Neffen denken, den er vor einigen Stunden kennengelernt hatte. Seltsam war, daß dieser ihm immer in der Gestalt jenes Mörders ins Gedächtnis kam, dessen damals Lebedew selbst Erwähnung getan hatte, als er ihm seinen Neffen vorstellte. Ja, von diesem Mörder hatte er noch vor ganz kurzer Zeit in der Zeitung gelesen. Über derartige Dinge hatte er seit seiner Rückkehr nach Rußland vieles gelesen und gehört und all diese Geschichten eifrig verfolgt. So hatte er vor einer Weile auch in dem Gespräch mit dem Kellner gerade für diesen Mörder der Familie Shemarin lebhaftes Interesse bekundet. Der Kellner war mit ihm gleicher Meinung gewesen, daran erinnerte er sich. Er erinnerte sich auch an den Kellner, es war ein kluger, junger Bursche von ernstem, vorsichtigem Wesen. ›Aber‹, sagte sich der Fürst, ›Gott mag wissen, was er für ein Mensch ist; es ist schwer, in einem neuen Land neue Menschen zu durchschauen.‹ An die russische Seele begann er übrigens leidenschaftlich zu glauben. Oh, viel, viel ihm ganz Neues, Ungeahntes, Unerwartetes hatte er in diesen sechs Monaten kennengelernt. Aber eine fremde Seele ist ein dunkles Rätsel; auch die russische Seele ist ein dunkles Rätsel, wenigstens für viele Menschen. Da hatte er nun lange mit Rogoshin verkehrt, nahe verkehrt, brüderlich verkehrt, aber kannte er Rogoshin etwa? Welch ein Wirrwarr und wieviel Häßliches war manchmal in einer Menschenseele, diesem Chaos, enthalten! Und was für ein garstiger, selbstzufriedener Patron war dieser Lebedewsche Neffe von vorhin! ›Aber was mache ich denn?‹ fuhr der Fürst in seinen Träumereien fort. ›Ist er es etwa gewesen, der diese sechs Menschen ermordet hat? Ich scheine da etwas zu verwechseln… wie sonderbar! Der Kopf ist mir etwas schwindlig… Aber was für ein sympathisches, liebes Gesicht hat Lebedews älteste Tochter, die, welche mit dem Kind auf dem Arm dastand, was für einen unschuldigen, kindlichen Ausdruck und was für ein kindliches Lachen!‹ Seltsam, daß er dieses Gesicht bisher vergessen hatte und es ihm erst jetzt wieder einfiel! Lebedew, der die Seinigen durch Trampeln mit den Füßen einschüchtern möchte, liebt sie wahrscheinlich alle sehr. Und so sicher, wie zweimal zwei vier ist, liebt Lebedew auch seinen Neffen von Herzen!

Wie kam er übrigens dazu, über diese Leute so endgültig zu urteilen, er, der doch erst heute angekommen war? Wie konnte er solche Urteile fällen? Da hat ihm gleich heute Lebedew so ein Problem geliefert: hat er denn etwa erwartet, in Lebedew einen solchen Menschen zu finden? Hat er etwa Lebedew früher von dieser Seite gekannt? Lebedew und die Gräfin Dubarry – o Gott! Wenn übrigens Rogoshin einen Mord begehen sollte, so wird er das wenigstens nicht in so widerwärtiger Weise tun. Ein solches seelisches Chaos wird es da nicht geben. Ein nach einer Zeichnung bestelltes Mordinstrument und sechs in völliges Delirium versetzte Menschen! Besitzt etwa Rogoshin ein nach einer Zeichnung bestelltes Mordinstrument?… ›Aber… ist es denn bereits ausgemachte Sache, daß Rogoshin einen Mord begehen wird?‹ dachte der Fürst und zuckte dabei zusammen. »Ist es meinerseits nicht ein Verbrechen und eine Gemeinheit, dies mit solcher zynischen Offenheit anzunehmen?« rief er, und Schamröte ergoß sich über sein Gesicht. Er war ganz bestürzt und blieb wie angewurzelt auf dem Weg stehen. Er erinnerte sich an das, was ihm vor einem Weilchen auf dem Zarskoje-Selo-Bahnhof und am Morgen auf dem Nikolai-Bahnhof begegnet war, und daran, wie er Rogoshin gerade ins Gesicht nach den Augen gefragt hatte, und an Rogoshins Kreuz, das er jetzt selbst trug, und wie ihn Rogoshins Mutter gesegnet hatte, zu der er von diesem selbst hingeführt worden war, und an die letzte krampfhafte Umarmung und den schließlichen Verzicht Rogoshins auf der Treppe – und nach alledem ertappte er sich nun dabei, wie er fortwährend um sich herum etwas suchte, und dann dieser Laden und dieser Gegenstand… was für eine Gemeinheit! Und nach alledem ging er jetzt »mit einer besonderen Absicht, mit einem besonderen plötzlichen Gedanken« dorthin! Verzweiflung und Leid ergriffen seine ganze Seele. Der Fürst wollte unverzüglich umkehren und nach seinem Gasthaus zurückgehen; er machte auch wirklich kehrt und schlug diese Richtung ein, aber nach einer Minute blieb er wieder stehen, überlegte, wendete um und setzte seinen früheren Weg fort.

Und jetzt befand er sich schon auf der Petersburger Seite und war nahe bei dem betreffenden Haus; jetzt ging er ja nicht mit der früheren Absicht dorthin und nicht »mit dem besonderen Gedanken«! Wie wäre das auch möglich! Ja, seine Krankheit kehrte wieder, das war unzweifelhaft; vielleicht bekam er noch heute einen Anfall. Der bevorstehende Anfall war auch die Ursache dieser ganzen seelischen Dunkelheit und dieses »Gedankens«! Jetzt war die Dunkelheit zerstreut, der Dämon vertrieben; es gab keine Zweifel mehr, in seinem Herzen herrschte Freude! Und… er hatte sie so lange nicht gesehen; es war ihm Bedürfnis, sie wiederzusehen, und… ja, jetzt würde er wünschen, Rogoshin zu treffen; er würde ihn bei der Hand nehmen, und sie würden zusammen hingehen … Sein Herz war rein, war er denn etwa Rogoshins Nebenbuhler? Morgen wird er selbst zu Rogoshin gehen und ihm sagen, daß er sie gesehen hat. Er ist ja, wie Rogoshin vorhin gesagt hat, nur, um sie zu sehen, hierhergeeilt! Möglicherweise trifft er sie zu Hause; es ist ja doch nicht sicher, daß sie sich in Pawlowsk befindet!

Ja, das alles muß jetzt klargestellt werden, damit ein jeder deutlich in dem Herzen des andern lesen konnte und es keine düsteren, leidenschaftlichen Verzichte mehr gab, wie vorhin Rogoshins Verzicht; nein, alles mußte sich frei und im Hellen vollziehen. War denn Rogoshin nicht fähig, ein Leben im Hellen zu führen? Er sagt, er liebe sie in anderer Weise, er habe mit ihr keinerlei derartiges Mitleid. Allerdings fügte er dann noch hinzu: »Dein Mitleid ist vielleicht noch größer als meine Liebe«, aber damit verleumdet er sich selbst. Hm!… Rogoshin über einem Buch… ist das nicht schon Mitleid, nicht ein Anfang von Mitleid? Beweist nicht schon das Vorhandensein dieses Buches in seinem Besitz, daß er sich seines Verhältnisses zu ihr voll bewußt ist? Und seine Erzählung von vorhin? Nein, das ist ein tieferes Gefühl als bloße Leidenschaft. Und flößt denn ihr Gesicht nur Leidenschaft ein? Und kann dieses Gesicht jetzt überhaupt Leidenschaft einflößen? Es erweckt Schmerz, es ergreift die ganze Seele, es… und eine brennende, qualvolle Erinnerung zog dem Fürsten plötzlich das Herz zusammen.

Ja, eine qualvolle Erinnerung! Er erinnerte sich daran, welche Qual es kürzlich für ihn gewesen war, als er an ihr zum erstenmal Anzeichen einer geistigen Störung wahrgenommen hatte. Er war damals beinah in Verzweiflung geraten. Und wie hatte er sie nur allein weglassen können, als sie damals von ihm zu Rogoshin geflüchtet war! Er hätte ihr selbst nacheilen müssen, statt nur auf Nachrichten zu warten. Aber… hat denn Rogoshin an ihr bisher noch nichts von geistiger Störung bemerkt? Hm!… Rogoshin sieht in allem andere Ursachen, vermutet als Ursachen immer Leidenschaften! Und was für eine sinnlose Eifersucht! Was wollte er vorhin mit seiner Vermutung sagen? (Der Fürst errötete plötzlich, und sein Herz zuckte zusammen.)

Aber welchen Zweck hatte es, sich an all dies zu erinnern? Sie waren beide so gut wie irrsinnig, er und Rogoshin. Aber für ihn, den Fürsten, wäre es beinah ein Ding der Unmöglichkeit, diese Frau leidenschaftlich zu lieben; es wäre beinah eine Grausamkeit, eine Unmenschlichkeit. Ja, ja! Nein, Rogoshin verleumdet sich selbst; er hat ein großes Herz, das leiden und Mitleid empfinden kann. Wenn er die ganze Wahrheit erkennt und sich überzeugt, was für ein bemitleidenswertes Geschöpf diese geistig gestörte, halbirre Frau ist, wird er ihr dann nicht alles Vergangene, alle seine Qualen verzeihen? Wird er nicht ihr Diener, ihr Bruder, ihr Freund, ihre Vorsehung werden? Das Mitleid wird ihn zur Einsicht bringen, ihn belehren. Das Mitleid ist das wichtigste und vielleicht das einzige Gesetz für die Existenz der ganzen Menschheit. Oh, in welcher unverzeihlichen, ehrlosen Weise hat er sich Rogoshin gegenüber schuldig gemacht! Nein, nicht die russische Seele ist ein dunkles Rätsel, sondern in seiner eigenen Seele muß ein dunkles Rätsel sein, wenn er sich etwas so Schreckliches vorstellen kann. Wegen einiger warmer, herzlicher Worte in Moskau nennt ihn Rogoshin schon seinen Bruder, und er… Aber das war alles Krankheit und Fieber! Das wird sich alles lösen!… Wie finster hat Rogoshin vorhin gesagt, daß er »seinen Glauben verliert«! Dieser Mensch leidet gewiß furchtbar. Er sagt, daß er »dieses Bild gern betrachtet«; aber gern tut er es wohl nicht, sondern er empfindet ein Bedürfnis danach. Rogoshin ist nicht nur eine leidenschaftliche Natur, er ist auch ein Kämpfer: er will seinen verlorenen Glauben mit Gewalt wiedergewinnen. Er bedarf dieses Glaubens jetzt dringend und vermißt ihn qualvoll… Ja, nur an etwas glauben! Nur an jemand glauben! Aber wie seltsam doch dieses Holbeinsche Bild ist… Ah, da ist ja die Straße! Und da ist gewiß auch das Haus; ja, es stimmt, Nr. 16, »Haus der Kollegiensekretärin Filissowa«. Hier! Der Fürst klingelte und fragte nach Nastasja Filippowna.

Die Hauswirtin, die selbst geöffnet hatte, antwortete ihm, Nastasja Filippowna sei schon am Morgen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna gefahren, und es könne sogar sein, daß sie einige Tage dort bleibe. Frau Filissowa war eine kleine Person mit scharfen Augen und spitzem Gesicht, etwa vierzig Jahre alt; sie blickte ihn schlau und prüfend an. Auf ihre Frage nach seinem Namen, die sie absichtlich in geheimnisvollem Ton stellte, wollte ihr der Fürst zuerst keine Antwort geben; aber er drehte sich dann doch sofort wieder um und bat sie eindringlich um Mitteilung seines Namens an Nastasja Filippowna. Frau Filissowa nahm dieses dringende Verlangen mit gesteigerter Aufmerksamkeit und außerordentlich diskreter Miene entgegen, wodurch sie offenbar zum Ausdruck bringen wollte: ›Seien Sie unbesorgt, ich weiß Bescheid!‹ Der Name des Fürsten machte auf sie augenscheinlich einen sehr starken Eindruck. Der Fürst blickte sie zerstreut an, wendete sich um und machte sich auf den Rückweg nach seinem Gasthaus. Aber er bot beim Hinausgehen nicht mehr dasselbe Bild wie in dem Augenblick, als er bei Frau Filissowa geklingelt hatte. Es war mit ihm wieder, und zwar ganz plötzlich, eine sehr große Veränderung vorgegangen: er war wieder blaß und schwach geworden, befand sich in starker Aufregung und schritt wie ein schwer Leidender einher; die Knie zitterten ihm, und ein mattes, verlorenes Lächeln spielte um seine bläulich gewordenen Lippen: sein »plötzlicher Gedanke« hatte seine Bestätigung gefunden und sich als richtig erwiesen, und – er glaubte wieder an seinen Dämon!

Aber hatte er seine Bestätigung gefunden? Hatte er sich als richtig erwiesen? Wodurch kam wieder dieses Zittern, dieser kalte Schweiß, diese seelische Finsternis und Kälte? Dadurch, daß er soeben wieder diese Augen gesehen hatte? Aber er war ja aus dem Sommergarten einzig und allein in der Absicht dorthin gegangen, sie wiederzusehen! Darin hatte ja sein »plötzlicher Gedanke« bestanden. Er hatte ein dringendes Verlangen verspürt, diese »Augen von vorhin« wiederzusehen und festzustellen, ob er ihnen dort, bei diesem Hause, wiederbegegnen werde. Das war ein krampfhaftes Verlangen bei ihm gewesen; warum war er also jetzt so bestürzt und niedergeschlagen darüber, daß er sie wirklich soeben gesehen hatte? Als ob er es nicht erwartet hätte! Ja, das waren dieselben Augen (und daran, daß es dieselben waren, konnte jetzt nicht mehr der geringste Zweifel bestehen), die ihn am Morgen aus der Menschenmenge angefunkelt hatten, als er aus dem Wagen der Nikolai-Bahn ausgestiegen war; dieselben (ganz dieselben!), deren von hinten auf ihn gerichteten Blick er nachher aufgefangen hatte, als er sich in Rogoshins Wohnung auf einen Stuhl setzte. Rogoshin hatte es vorhin abgestritten. »Wessen Augen waren denn das?« hatte er mit einem verzerrten, eisigen Lächeln gefragt. Und noch vorhin auf dem Zarskoje-Selo-Bahnhof, als er in den Wagen stieg, um zu Aglaja zu fahren, und auf einmal wieder, schon zum drittenmal an diesem Tage, diese Augen erblickte, hatte der Fürst die größte Lust gehabt, zu Rogoshin heranzutreten und ihm zu sagen, »wessen Augen« es gewesen seien! Aber er war aus dem Bahnhof weggelaufen und erst vor dem Laden eines Messerschmiedes wieder zur Besinnung gekommen, in dem Augenblick, als er dort stand und einen Gegenstand mit einem Hirschhorngriff auf sechzig Kopeken taxierte. Ein seltsamer, schrecklicher Dämon hatte ihn endgültig gepackt und wollte ihn nicht mehr loslassen. Dieser Dämon hatte ihm im Sommergarten, als er selbstvergessen unter einer Linde saß, zugeflüstert, wenn Rogoshin es für so nötig halte, ihn vom frühen Morgen an zu verfolgen und auf Schritt und Tritt zu beobachten, so werde er, nun er gesehen habe, daß der Fürst nicht nach Pawlowsk fahre (was natürlich für Rogoshin eine Erkenntnis von ausschlaggebender Bedeutung war), jedenfalls dorthin gehen, zu jenem Hause auf der Petersburger Seite, und ihm, dem Fürsten, auflauern, der ihm noch am Morgen sein Ehrenwort darauf gegeben habe, daß er sie nicht aufsuchen wolle und daß er nicht zu diesem Zwecke nach Petersburg gekommen sei. Und nun hatte es den Fürsten krampfhaft nach jenem Hause hingezogen; was war schon Auffälliges dabei, daß er tatsächlich dort Rogoshin getroffen hatte? Er hatte nur einen unglücklichen Menschen gesehen, dessen Seelenstimmung düster, aber sehr begreiflich war. Dieser unglückliche Mensch suchte sich jetzt auch gar nicht mehr zu verbergen. Ja, Rogoshin hatte es vorhin in seiner Wohnung aus irgendeinem Grund abgestritten und geleugnet; aber auf dem Zarskoje-Selo-Bahnhof hatte er, fast ohne sich zu verstecken, dagestanden. Derjenige, der sich verbarg, hatte dort eher der Fürst zu sein geschienen als Rogoshin. Aber jetzt bei dem Haus hatte er auf der andern Seite der Straße schräg gegenüber in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten mit verschränkten Armen auf dem Gehsteig gestanden und gewartet. Hier war er schon vollständig sichtbar gewesen und hatte dies anscheinend auch absichtlich gewollt. Er hatte dagestanden wie ein Ankläger und ein Richter, und nicht wie… ja, nicht wie wer?

Aber warum war denn er, der Fürst, jetzt nicht selbst an ihn herangegangen, sondern hatte sich von ihm abgewandt, als hätte er nichts bemerkt, obwohl doch ihre Blicke einander begegnet waren? (Ja, ihre Blicke waren einander begegnet, und sie hatten sich angesehen.) Er hatte ja selbst vorhin beabsichtigt, ihn bei der Hand zu nehmen und mit ihm zusammen dorthin zu gehen. Er hatte ja selbst morgen zu ihm gehen und ihm sagen wollen, daß er bei ihr gewesen sei. Er hatte sich ja, während er noch dorthin ging, auf halbem Weg, als auf einmal die Freude seine Seele erfüllte, selbst von seinem Dämon losgemacht. Oder lag in Rogoshin, das heißt in der ganzen heutigen Erscheinung dieses Menschen, in der Gesamtheit seiner Worte, Bewegungen, Handlungen und Blicke, wirklich etwas, was die schrecklichen Ahnungen des Fürsten und die aufregenden Einflüsterungen seines Dämons rechtfertigen konnte? Etwas, was sich von selbst dem Auge aufdrängt, aber schwer zu definieren und darzulegen und unmöglich mit hinreichenden Gründen zu beweisen ist, aber doch trotz all dieser Schwierigkeit und Unmöglichkeit einen starken, unwiderstehlichen Eindruck macht, der unwillkürlich in volle Überzeugung übergeht?…

Eine Überzeugung wovon? (Oh, wie quälte den Fürsten das Ungeheuerliche, »das Unwürdige« dieser Überzeugung, »dieser unwürdigen Ahnung«, und wie klagte er sich selbst an!) ›Sage doch, wenn du es wagst, wovon du überzeugt bist‹, sagte er fortwährend vorwurfsvoll und herausfordernd zu sich selbst. ›Formuliere es; wage es, deinen Gedanken vollständig auszusprechen, deutlich, genau, ohne Schwanken! Oh, ich bin ein Ehrloser!‹ so schalt er sich immer wieder voll Unwillen und mit Schamröte im Gesicht. ›Mit welchen Augen werde ich jetzt mein ganzes Leben lang diesen Menschen ansehen! Oh, was ist das für ein Tag! O Gott, welch ein beklemmendes Gefühl.‹

Am Ende dieses langen, qualvollen Weges von der Petersburger Seite gab es einen Augenblick, wo den Fürsten auf einmal ein unbezwingliches Verlangen ergriff, sofort nach Rogoshins Wohnung zu gehen, ihn dort zu erwarten, ihn voller Scham mit Tränen zu umarmen, ihm alles zu sagen und die ganze Sache mit einemmal zu Ende zu bringen. Aber er stand schon vor seinem Gasthof… Wie sehr hatte ihm heute früh auf den ersten Blick dieser Gasthof mißfallen, diese Korridore, dieses ganze Haus, sein eigenes Zimmer; mehrmals im Laufe des Tages hatte er sich mit besonderem Widerwillen daran erinnert, daß er wieder dahin zurückkehren müsse… ›Aber was ist denn nur mit mir? Ich glaube ja heute wie ein krankes Weib an jede Ahnung!‹ dachte er nervös und spöttisch, während er im Tor stehenblieb. Ein neuer, unerträglicher Anfall von Schamgefühl, ja fast von Verzweiflung hielt ihn auf seinem Platz direkt am Eingang in den Torweg festgebannt. Er blieb einen Augenblick stehen. Das ist eine nicht seltene Erscheinung: unerträgliche, plötzliche Erinnerungen, besonders wenn sie mit dem Gefühl der Scham verknüpft sind, zwingen die Menschen, einen Augenblick auf demselben Fleck stehenzubleiben. ›Ja, ich bin ein herzloser Mensch und ein Feigling!‹ sagte er sich mit düsterer Miene und setzte sich mit einem Ruck wieder in Bewegung, um weiterzugehen, aber… er blieb von neuem stehen.

In dem ohnehin sehr dunklen Torweg war es jetzt ganz finster; die herauf gezogene Gewitterwolke hatte die Abendhelle verschlungen, und gerade zu der Zeit, da der Fürst sich dem Hause näherte, öffnete sich die Wolke auf einmal und schüttete ihren Regen herab. In dem Augenblick, als der Fürst sich nach kurzem Stehenbleiben ruckartig wieder in Bewegung setzte, befand er sich am Anfang des Torwegs, da, wo man von der Straße aus in den Torweg eintrat. Und plötzlich erblickte er in der Tiefe des Durchgangs im Halbdunkel, dort, wo es die Treppe hinaufging, einen Mann. Dieser Mann schien auf etwas zu warten, huschte aber schnell davon und war verschwunden. Diesen Menschen hatte der Fürst nicht deutlich sehen können und hätte nicht mit Sicherheit sagen können, wer es gewesen war. Zudem kamen hier so viele Menschen vorbei; es war eben ein Gasthaus, und auf den Korridoren war ein ewiges Kommen und Gehen. Aber er fühlte auf einmal die volle und unwiderlegliche Überzeugung, daß er diesen Menschen erkannt hatte und daß dieser Mensch bestimmt Rogoshin war. Einen Augenblick darauf eilte der Fürst ihm nach, die Treppe hinauf. Das Herz stand ihm still. ›Jetzt wird sich sogleich alles entscheiden!‹ sagte er bei sich selbst mit seltsamer Sicherheit.

Die Treppe, die der Fürst vom Torweg aus hinauflief, führte zu den Korridoren des ersten und zweiten Stockwerks, an denen die Zimmer der Hotelgäste lagen. Diese Treppe war, wie in allen alten Häusern, von Stein, dunkel, eng, und wand sich um eine dicke, steinerne Säule herum. Auf dem ersten Absatz befand sich in der Säule eine nischenartige Vertiefung, nicht mehr als einen Schritt breit und einen halben Schritt tief. Ein Mensch konnte jedoch darin Platz finden. Wie dunkel es auch war, so unterschied der Fürst doch sogleich, als er den Absatz erreichte, daß sich in dieser Nische ein Mensch versteckt hatte. In dem Fürsten wurde plötzlich der Wunsch wach, vorbeizugehen und nicht nach rechts zu blicken. Er tat noch einen Schritt, konnte sich aber doch nicht beherrschen und wandte sich um.

Die zwei Augen von vorhin, dieselben Augen, begegneten auf einmal seinem Blick. Der Mensch, der in der Nische verborgen gewesen war, war inzwischen ebenfalls einen Schritt aus ihr herausgetreten. Eine Sekunde lang standen die beiden einander ganz dicht gegenüber. Plötzlich faßte der Fürst den andern an den Schultern und drehte ihn um, nach der Treppe zu, mehr nach dem Licht hin: er wollte sein Gesicht deutlicher sehen.

Rogoshins Augen funkelten auf, und ein wahnsinniges Lächeln entstellte sein Gesicht. Seine rechte Hand fuhr in die Höhe, und es blitzte etwas in ihr; dem Fürsten kam es nicht in den Sinn, sie aufzuhalten. Er erinnerte sich später nur, daß er gerufen hatte:

»Parfen, ich kann es nicht glauben!…«

Dann war es, als ob sich auf einmal etwas vor ihm öffnete: ein ungewöhnliches inneres Licht erhellte seine Seele. Dies dauerte vielleicht eine halbe Sekunde; aber er erinnerte sich doch deutlich und bewußt an den Anfang, an den ersten Laut eines furchtbaren Schreies, der sich von selbst seiner Brust entrang und den er mit keiner Anstrengung hätte zurückhalten können. Dann erlosch sein Bewußtsein, und es trat völlige Finsternis ein.

Er hatte einen epileptischen Anfall bekommen, nachdem diese Krankheit ihn schon so lange Zeit nicht mehr heimgesucht hatte. Bekanntlich treten die epileptischen Anfälle, namentlich die eigentliche Fallsucht, ganz plötzlich ein. In diesem Augenblicke verzerrt sich auf einmal das Gesicht außerordentlich, und besonders der Blick wird entstellt. Krämpfe und Zuckungen ergreifen den ganzen Körper und alle Gesichtsmuskeln. Ein furchtbarer, unbeschreiblicher und mit nichts zu vergleichender Schrei ringt sich aus der Brust; in diesem Schrei verschwindet sozusagen alles Menschliche, und es ist für einen Beobachter unmöglich oder wenigstens sehr schwer, sich vorzustellen und zu glauben, daß derjenige, der da schreit, wirklich noch der gleiche Mensch ist. Man kann sich dabei sogar einbilden, daß ein anderer schreie, der sich im Innern dieses Menschen befinde. Wenigstens haben viele den empfangenen Eindruck so geschildert; bei vielen ruft der Anblick eines Menschen, der einen epileptischen Anfall durchmacht, unerträgliches Entsetzen hervor, das sogar etwas Mystisches an sich hat. Man muß annehmen, daß ein solches Gefühl plötzlichen Entsetzens, im Verein mit allen andern schrecklichen Empfindungen dieses Augenblicks, Rogoshin plötzlich auf der Stelle erstarren ließ und dadurch den Fürsten vor dem sonst unvermeidlichen Stoß des bereits auf ihn herabfahrenden Messers rettete. Als dann Rogoshin sah, daß der Fürst zurücktaumelte und plötzlich hintenüberfiel, gerade die Treppe hinunter, wobei er mit voller Wucht mit dem Hinterkopf gegen eine Steinstufe schlug, da stürzte er, ehe er noch Zeit gefunden hatte, über den Anfall Klarheit zu gewinnen, nach unten, lief um den Daliegenden herum und rannte fast ohne Besinnung aus dem Gasthaus hinaus.

Infolge der Krämpfe, Zuckungen und des Umsichschlagens rutschte der Körper des Kranken die Stufen hinab, deren nicht mehr als fünfzehn waren, bis ganz zum Fuß der Treppe. Sehr bald, kaum fünf Minuten nachher, wurde der Daliegende bemerkt, und es sammelte sich um ihn eine Menge Menschen. Die große Blutlache, die sich um den Kopf gebildet hatte, erweckte Zweifel, ob dieser Mensch sich selbst verletzt habe oder »etwas Schlimmes geschehen« sei. Bald jedoch durchschauten einige, daß es ein Fall von Epilepsie war, und einer der Kellner erkannte in dem Fürsten den kürzlich eingetroffenen Gast. Die Aufregung kam endlich infolge eines sehr glücklichen Umstandes zur Ruhe.

Kolja Iwolgin, der in der »Waage« hinterlassen hatte, er werde um vier Uhr zurück sein, und statt dessen nach Pawlowsk gefahren war, hatte es infolge einer Überlegung, die ihm plötzlich gekommen war, abgelehnt, bei der Generalin Jepantschina zu speisen, war nach Petersburg zurückgefahren und nach der »Waage« geeilt, wo er gegen sieben Uhr abends eintraf. Nachdem er aus dem für ihn hinterlassenen Billett ersehen hatte, daß der Fürst sich in der Stadt befand, eilte er zu der ihm in dem Billett mitgeteilten Adresse. Als er in dem Gasthaus erfuhr, daß der Fürst ausgegangen war, ging er nach unten in die Restaurationsräume, um dort zu warten, ließ sich Tee geben und hörte dem Spiel des Orchestrions zu. Zufällig hörte er ein Gespräch über einen Anfall, den soeben jemand bekommen habe, stürzte, von einer richtigen Ahnung erfüllt, nach der Stelle hin und erkannte den Fürsten. Sogleich wurden alle erforderlichen Maßregeln ergriffen. Der Fürst wurde in sein Zimmer getragen; obgleich er wieder zu sich gekommen war, dauerte es doch sehr lange, bis er das volle Bewußtsein zurückerlangte. Ein Arzt, der herbeigerufen war, um den zerschlagenen Kopf zu untersuchen, verordnete ein Wundwasser und erklärte, daß die Verletzungen in keiner Weise gefährlich seien. Als der Fürst nach einer Stunde endlich anfing, seine Umgebung ordentlich zu erkennen, schaffte Kolja ihn in einem Wagen aus dem Gasthaus zu Lebedew. Dieser nahm den Kranken mit großer Freundlichkeit und vielen Verbeugungen auf. Es wurde um seinetwillen auch der Umzug nach dem Landhaus beschleunigt, und am dritten Tag befanden sich alle schon in Pawlowsk.

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Kapitel 22

VI

Lebedews Landhaus war nicht groß, aber bequem und sogar hübsch. Der zum Vermieten bestimmte Teil war besonders schön ausgestattet. Auf der ziemlich geräumigen Veranda beim Eingang von der Straße in die Wohnung waren mehrere Orangen- und Zitronenbäume und Jasminsträucher in großen grünen Holzkübeln aufgestellt, was nach Lebedews Ansicht einen überaus reizvollen Anblick bot. Einige dieser Gewächse hatte er zugleich mit dem Landhaus erworben und war von dem Effekt, den sie in der Veranda hervorbrachten, so entzückt gewesen, daß er unter Benutzung einer sich bietenden Gelegenheit beschloß, zur Vervollständigung noch eine Anzahl ebensolcher Gewächse in Kübeln auf einer Auktion zu erstehen. Als endlich alle diese Gewächse nach dem Landhaus geschafft und aufgestellt waren, lief Lebedew mehrmals am Tage die Stufen der Veranda hinab auf die Straße und bewunderte von dort aus sein Besitztum, wobei er jedesmal im stillen die Summe erhöhte, die er dem künftigen Mieter seines Landhauses abzuverlangen gedachte. Dem Fürsten, der infolge der seelischen Leiden und der physischen Abgespanntheit sehr schwach war, gefiel das Landhaus ausnehmend. Übrigens sah der Fürst am Tage des Umzuges nach Pawlowsk, das heißt am dritten Tage nach dem Anfall, äußerlich bereits fast wieder wie ein gesunder Mensch aus, obwohl er sich innerlich immer noch nicht genesen fühlte. Er freute sich über jeden, den er in diesen drei Tagen um sich sah: über Kolja, der fast nicht von seiner Seite wich, über die ganze Familie Lebedew (ohne den Neffen, der verschwunden war, man wußte nicht wohin), über Lebedew selbst; sogar den General Iwolgin, der ihn noch in der Stadt besuchte, empfing er mit Vergnügen. Am Tag des Umzuges selbst, der erst gegen Abend sein Ende erreicht hatte, war um ihn in der Veranda ziemlich viel Besuch versammelt: zuerst war Ganja gekommen, den der Fürst kaum wiedererkannte, so hatte er sich in dieser ganzen Zeit verändert und war abgemagert. Darauf waren Warja und Ptizyn erschienen, die ebenfalls in Pawlowsk zur Sommerfrische wohnten. Der General Iwolgin, der sich bei Lebedew fast für immer einquartiert hatte, schien sogar mit ihm zusammen umgezogen zu sein. Lebedew bemühte sich, ihm den Zutritt zu dem Fürsten zu verwehren und ihn bei sich festzuhalten; er verkehrte mit ihm freundschaftlich: sie waren anscheinend schon lange miteinander bekannt. Der Fürst bemerkte, daß sie an diesen ganzen drei Tagen manchmal miteinander lange Gespräche führten, nicht selten schrien und stritten, sogar, wie es schien, über wissenschaftliche Gegenstände, was offenbar Lebedew großes Vergnügen machte. Man konnte meinen, daß ihm der General für diese Disputationen unentbehrlich war. Aber Lebedew dehnte die Vorsichtsmaßregeln, die er auf den General anwandte, seit der Übersiedlung nach dem Landhaus auch auf seine Familie aus; mit der Begründung, der Fürst dürfe nicht gestört werden, ließ er niemand zu ihm; sobald er nur im entferntesten Verdacht schöpfte, daß seine Töchter, Wera mit dem Kind nicht ausgenommen, nach der Veranda gehen wollten, wo sich der Fürst befand, stürzte er sofort auf sie los, trampelte mit den Füßen und jagte sie fort, trotz aller Bitten des Fürsten, jedermann zu ihm zu lassen.

»Erstens hört sonst aller Respekt auf, wenn man ihnen dergleichen gestattet, und zweitens schickt es sich auch nicht für sie…«, erklärte er schließlich auf eine direkte Frage des Fürsten.

»Aber warum denn?« erwiderte der Fürst. »Wirklich, Sie quälen mich mit all dieser Beaufsichtigung und Bewachung. Ich habe Ihnen schon mehrmals gesagt, daß es mir langweilig ist, allein zu sein, und Sie selbst machen mich durch Ihr beständiges Gestikulieren und Umhergehen auf den Zehen noch schwermütiger.«

Der Fürst spielte darauf an, daß Lebedew, obwohl er alle seine Angehörigen wegen der angeblichen Ruhebedürftigkeit des Kranken wegtrieb, doch selbst während dieser ganzen drei Tage alle Augenblicke zum Fürsten hereinkam und jedesmal zunächst die Tür öffnete, den Kopf hereinsteckte, sich im Zimmer umsah, als ob er feststellen wollte, ob der Fürst auch noch da sei und nicht davongelaufen wäre, und dann auf den Zehen, langsam, mit schleichenden Schritten, sich dessen Lehnstuhl näherte, so daß er seinen Mieter manchmal unversehens erschreckte. Fortwährend erkundigte er sich, ob der Fürst etwas brauche, und wenn der Fürst ihm endlich bemerkte, er möge ihn in Ruhe lassen, so machte er gehorsam, und ohne ein Wort zu erwidern, kehrt, ging wieder auf den Zehen zur Tür zurück und gestikulierte, während er ging, die ganze Zeit, als wollte er zu verstehen geben, er sei nur so ohne besondere Absicht hereingekommen, werde kein Wort weiter reden, gehe ja schon wieder hinaus und werde nicht mehr wiederkommen; aber nichtsdestoweniger erschien er nach zehn Minuten oder höchstens einer Viertelstunde von neuem. Kolja, der freien Zutritt zum Fürsten hatte, erregte dadurch Lebedews höchstes Mißfallen, ja dieser fühlte sich sogar schwer gekränkt. Kolja merkte, daß Lebedew manchmal eine halbe Stunde lang an der Tür stand und horchte, was er mit dem Fürsten sprach, und teilte diese seine Beobachtung natürlich dem Fürsten mit.

»Aber Sie halten mich ja hinter Schloß und Riegel, wie wenn Sie mich als Ihr Eigentum erworben hätten«, protestierte der Fürst. »Wenigstens auf dem Lande möchte ich es anders haben; lassen Sie es sich gesagt sein, daß ich empfangen werde, wen ich will, und gehen werde, wohin es mir beliebt.«

»Ohne den allergeringsten Zweifel«, versetzte Lebedew, lebhaft gestikulierend.

Der Fürst betrachtete ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.

»Wie ist das, Lukjan Timofejewitsch? Haben Sie Ihr Schränkchen, das in Ihrer Wohnung über dem Kopfende Ihres Bettes an der Wand befestigt war, hierher mitgebracht?«

»Nein, das habe ich nicht getan.«

»Haben Sie es wirklich dort gelassen?«

»Es war nicht möglich, es mitzunehmen; ich hätte es aus der Wand herausbrechen müssen… Es sitzt ganz fest.«

»Aber vielleicht haben Sie hier ein ebensolches?«

»Sogar ein besseres, sogar ein besseres; ich habe es mit dem Landhaus gekauft.«

»Ach so! Wem haben Sie denn vorhin den Zutritt zu mir verwehrt? So etwa vor einer Stunde?«

»Das… das war der General. Ich habe ihn allerdings nicht hereingelassen, und er paßt auch wirklich nicht zu Ihnen. Ich schätze diesen Mann sehr hoch, Fürst; er… er ist ein bedeutender Mensch, glauben Sie es etwa nicht? Na, sehen Sie, aber trotzdem… trotzdem wäre es das beste, durchlauchtigster Fürst, wenn Sie ihn nicht empfangen wollten.«

»Aber warum denn nicht, möchte ich doch fragen. Und warum stehen Sie denn jetzt auf den Zehen, Lebedew, und kommen immer zu mir, als wollten Sie mir ein Geheimnis ins Ohr sagen?«

»Ich bin ein gemeiner Mensch, ein gemeiner Mensch, das fühle ich«, antwortete Lebedew ziemlich unmotiviert und schlug sich affektvoll auf die Brust. »Aber wird der General für Sie nicht gar zu gastfreundlich sein?«

»Wieso gar zu gastfreundlich?«

»Er ist sehr für Gastfreundschaft. Erstens richtet er sich bei mir schon ganz häuslich ein; nun, das mag noch angehen; aber er ist unternehmend und dringt gleich in die Verwandtschaft ein. Er und ich, wir haben schon mehrmals unsere Familienverhältnisse untersucht, und es hat sich herausgestellt, daß wir miteinander verwandt sind. Und noch gestern hat er mir auseinandergesetzt, es lasse sich auch beweisen, daß Sie mütterlicherseits ein entfernter Neffe von ihm seien. Wenn also Sie sein Neffe sind, dann sind auch wir beide, Sie und ich, miteinander verwandt, durchlauchtigster Fürst. Das ist ja nun noch nichts Schlimmes, eine kleine Schwäche; aber soeben hat er mir versichert, daß er sein ganzes Leben lang, von der Zeit an, wo er noch Fähnrich war, bis zum elften Juni vorigen Jahres, täglich nicht weniger als zweihundert Personen an seinem Tisch sitzen gehabt habe. Es sei schließlich so weit gekommen, daß sie gar nicht mehr aufgestanden seien, sondern täglich fünfzehn Stunden lang zu Mittag und zu Abend gespeist und Tee getrunken hätten, und das alles dreißig Jahre lang ohne die geringste Unterbrechung, es sei kaum Zeit gewesen, das Tischtuch zu wechseln. Der eine sei aufgestanden und weggegangen und ein anderer gekommen, und an den patriotischen Festtagen sei die Zahl seiner Gäste auf dreihundert gestiegen. Und bei der tausendjährigen Jubiläumsfeier Rußlands habe er siebenhundert gezählt. Das ist ja schrecklich, solche Erzählungen sind ein sehr übles Symptom; so gastfreundliche Herren auch nur zu empfangen, ist bedenklich, und da habe ich mir gedacht, ob er nicht für Sie und für mich doch gar zu gastfreundlich ist.«

»Aber Sie stehen, wie es scheint, mit ihm auf sehr gutem Fuß?«

»Wir verkehren miteinander wie Brüder, und ich fasse alles als Scherz auf. Mögen wir miteinander verwandt sein, was schadet es mir? Das kann mir nur zur Ehre gereichen. Ich halte ihn für einen höchst interessanten Menschen, trotz der zweihundert Tischgäste und der noch größeren Zahl bei der Tausendjahrfeier Rußlands. Ich rede zu Ihnen ganz aufrichtig. Sie sprachen soeben von Geheimnissen, Fürst, und sagten, ich träte immer zu Ihnen heran, als wollte ich Ihnen ein Geheimnis mitteilen; nun, es trifft sich, daß wirklich ein Geheimnis vorliegt: eine gewisse Person hat mir soeben mitgeteilt, daß sie sehr wünsche, mit Ihnen eine geheime Zusammenkunft zu haben.«

»Warum denn eine geheime? Der Heimlichkeit bedarf es nicht. Ich werde selbst zu ihr hingehen, womöglich gleich heute.«

»Gewiß, der Heimlichkeit bedarf es gar nicht«, versetzte Lebedew gestikulierend. »Auch fürchtet sie gar nicht das, was Sie vermuten. Übrigens, der Unmensch kommt jeden Tag her, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen; ist Ihnen das bekannt?«

»Sie nennen ihn so oft einen Unmenschen; das ist mir sehr verdächtig.«

»Sie brauchen gar keinen Verdacht zu haben, nicht den geringsten Verdacht«, wehrte Lebedew eilig ab. »Ich wollte Ihnen nur bemerken, daß die betreffende Person sich nicht vor ihm, sondern vor einem ganz andern fürchtet.«

»Aber vor wem denn? Sagen Sie es doch schnell!« rief der Fürst ungeduldig angesichts der geheimnisvollen Grimassen Lebedews.

»Das ist eben das Geheimnis.«

Dabei lächelte Lebedew.

»Wessen Geheimnis?«

»Das ist Ihr Geheimnis. Sie selbst haben mir verboten, durchlauchtigster Fürst, in Ihrer Gegenwart davon zu sprechen…«, murmelte Lebedew, und nachdem er sich genug daran geweidet hatte, daß es ihm gelungen war, die Neugier seines Zuhörers bis zu peinlicher Ungeduld zu steigern, schloß er plötzlich: »Sie fürchtet sich vor Aglaja Iwanowna.«

Der Fürst machte ein finsteres Gesicht und schwieg einen Augenblick.

»Bei Gott, Lebedew, ich werde Ihr Landhaus verlassen«, sagte er plötzlich. »Wo sind Gawrila Ardalionowitsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Auch die haben Sie in Ihre eigenen Zimmer herübergelockt.«

»Sie werden kommen, sie werden kommen! Sogar der General wird mitkommen. Alle Türen werde ich aufmachen, auch meine Töchter werde ich herrufen, alle, alle, sofort, sofort«, flüsterte Lebedew erschrocken unter lebhaften Handbewegungen und rannte dabei von einer Tür zur andern.

In diesem Augenblick erschien Kolja, von der Straße kommend, in der Veranda und meldete, daß hinter ihm Besuch folge: Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Töchtern.

»Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionowitsch hereinlassen oder nicht? Soll ich den General hereinlassen oder nicht?« fragte Lebedew hastig, durch diese Nachricht aufs höchste überrascht.

»Warum denn nicht? Lassen Sie jeden ein, der zu mir will! Ich kann Ihnen sagen, Lebedew, daß Sie mein Verhältnis zu den Menschen gleich von Anfang an falsch beurteilt haben; Sie sind da fortwährend in einem Irrtum befangen. Ich habe nicht den geringsten Grund, mich vor irgend jemand zu verstecken und zu verbergen«, bemerkte der Fürst lachend.

Als Lebedew ihn lachen sah, hielt er es für seine Pflicht, dies ebenfalls zu tun. Trotz seiner großen Aufregung war er offenbar sehr zufrieden.

Die von Kolja gebrachte Nachricht erwies sich als zutreffend; er war den Jepantschins nur ein paar Schritte vorausgelaufen, um sie anzumelden, und die Besucher erschienen nun plötzlich von beiden Seiten: von der Straße her Jepantschins und aus den Zimmern das Ptizynsche Ehepaar, Ganja und General Iwolgin.

Jepantschins hatten von der Krankheit des Fürsten und seiner Anwesenheit in Pawlowsk erst soeben durch Kolja erfahren; bis dahin hatte die Generalin schwere Zweifel gehegt. Schon vor drei Tagen hatte der General seiner Familie die Visitenkarte des Fürsten gezeigt; diese Karte rief bei Lisaweta Prokofjewna die bestimmte Überzeugung hervor, daß der Fürst selbst unmittelbar nach dieser Karte nach Pawlowsk kommen werde, um ihnen einen Besuch zu machen. Vergebens hielten ihr die Töchter entgegen, daß jemand, der ein halbes Jahr lang nicht geschrieben habe, es auch jetzt vielleicht gar nicht so eilig haben werde und daß er vielleicht, auch abgesehen von den Beziehungen zu ihrer Familie, in Petersburg viel zu tun haben möge; woher könnten sie denn von seinen Geschäften Kenntnis haben? Die Generalin wurde über diese Bemerkungen geradezu böse und bot eine Wette darauf an, daß der Fürst spätestens am folgenden Tag erscheinen werde, wiewohl auch das schon sehr spät sei. Am folgenden Tag wartete sie den ganzen Vormittag; dann erwartete sie ihn zum Mittagessen, zum Abend, und als es schon ganz dunkel geworden war, ärgerte sich Lisaweta Prokofjewna über alles und jedes und zankte sich mit allen, selbstverständlich ohne unter den Gründen des Streites den Fürsten auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Auch am dritten Tag wurde seiner keinerlei Erwähnung getan. Als Aglaja sich beim Mittagessen unversehens die Bemerkung entschlüpfen ließ, maman sei ärgerlich, weil der Fürst nicht komme, worauf der General sofort einschaltete, er für seine Person könne nichts dafür, stand Lisaweta Prokofjewna auf und ging zornig hinaus. Endlich, am Abend, erschien Kolja mit einer Menge von Nachrichten und erzählte ihnen alle Erlebnisse des Fürsten, soweit sie ihm bekannt waren. Das Resultat war, daß Lisaweta Prokofjewna triumphierte; Kolja wurde aber gehörig ausgescholten: »Sonst hockt er hier tagelang bei uns und ist nicht loszuwerden, und jetzt hat er uns nicht einmal eine Mitteilung zugehen lassen, wenn er schon selbst nicht herkommen mochte.« Kolja wollte eigentlich sofort wegen des Ausdrucks »nicht loszuwerden« aufbegehren, verschob dies aber doch auf ein anderes Mal, und wenn der Ausdruck nicht gar zu beleidigend gewesen wäre, hätte er ihn vielleicht ganz entschuldigt, soviel Vergnügen machte ihm Lisaweta Prokofjewnas Aufregung und Unruhe bei der Nachricht von der Krankheit des Fürsten. Sie bestand eine ganze Weile darauf, man müsse unverzüglich einen expressen Boten nach Petersburg schicken, um eine ärztliche Kapazität ersten Ranges aufzusuchen und mit dem ersten Zug herbeizuschaffen. Aber die Töchter redeten ihr das aus; indes wollten sie hinter ihrer Mama nicht zurückstehen, als diese sich sofort anschickte, den Kranken zu besuchen.

»Er liegt auf dem Sterbebett«, sagte sie, sich eilig zurechtmachend, »wie werden wir uns da um Vorschriften der Etikette kümmern! Ist er ein Freund unseres Hauses oder nicht?«

»Andererseits ist es auch nicht passend, sich jemandem so ohne weiteres aufzudrängen«, wollte Aglaja einwenden.

»Na, dann komm nicht mit! Das wird sogar ganz gut sein; sonst ist niemand hier, um Jewgenij Pawlytsch zu empfangen, wenn er kommen sollte.«

Nach diesen Worten schloß sich Aglaja natürlich sofort den andern an, was sie übrigens ohnehin beabsichtigt hatte. Fürst Schtsch., der sich mit Adelaida unterhielt, erklärte sich auf deren Bitte unverzüglich bereit, die Damen zu begleiten. Er hatte schon früher, zu Anfang seiner Bekanntschaft mit Jepantschins, großes Interesse bekundet, als er von ihnen etwas über den Fürsten gehört hatte. Es hatte sich herausgestellt, daß er mit diesem bereits bekannt war, und zwar hatten sie einander vor nicht allzu langer Zeit irgendwo kennengelernt und dann ungefähr vierzehn Tage lang zusammen in irgendeinem kleinen Städtchen gelebt. Das war vor drei Monaten gewesen. Fürst Schtsch. hatte ihnen sogar viel von dem Fürsten erzählt und sich überhaupt sehr sympathisch über ihn ausgesprochen, so daß er jetzt mit aufrichtigem Vergnügen hinging, um einen alten Bekannten zu besuchen. Der General Iwan Fjodorowitsch war diesmal nicht zu Hause. Jewgenij Pawlowitsch war ebenfalls noch nicht gekommen.

Von dem Jepantschinschen Landhause bis zu dem Lebedewschen waren es nur dreihundert Schritte. Der erste unangenehme Eindruck, den Lisaweta Prokofjewna beim Fürsten empfing, wurde dadurch hervorgerufen, daß sie eine ganze Gesellschaft um ihn versammelt fand, ganz zu schweigen von dem Umstand, daß ihr in dieser Gesellschaft zwei oder drei Personen entschieden zuwider waren; und zweitens war sie unangenehm berührt, als ihnen statt eines Verscheidenden auf dem Sterbebett, den sie zu finden erwartet hatte, ein anscheinend völlig gesunder, elegant gekleideter junger Mann mit lächelnder Miene entgegentrat. Sie blieb ganz verwundert stehen, zum größten Vergnügen Koljas, der ihr natürlich, noch ehe sie von ihrem Landhaus aufbrach, sehr wohl hätte mitteilen können, daß niemand im Sterben liege und von einem Totenbett nicht die Rede sei, dies aber absichtlich unterlassen hatte in schlauer Voraussicht des komischen Zornes der Generalin, die nach seiner Spekulation sich jedenfalls darüber ärgern würde, wenn sie den Fürsten, dem sie herzlich zugetan war, gesund anträfe. Kolja war sogar so taktlos, seine Vermutung laut auszusprechen, um Lisaweta Prokofjewna noch mehr zu reizen, mit der er trotz der zwischen ihnen angeknüpften Freundschaft ständig und manchmal in recht scharfer Form stichelte.

»Wart nur, mein Lieber, kräh nicht zu früh!« antwortete Lisaweta Prokofjewna und setzte sich auf den Lehnstuhl, den ihr der Fürst zurechtrückte.

Lebedew, Ptizyn und General Iwolgin beeilten sich, den jungen Damen Stühle zu bringen. Aglaja wurde vom General ein Stuhl angeboten. Lebedew stellte auch dem Fürsten Schtsch. einen Stuhl hin, wobei er es fertigbrachte, durch die Krümmung seines Rückens eine außerordentliche Ehrerbietung auszudrücken. Warja begrüßte die jungen Damen mit dem gewöhnlichen Entzücken im Flüsterton.

»Ich hatte allerdings geglaubt, dich im Bett zu finden, Fürst, so schwarzseherisch hatte mich die Angst gemacht, und ich leugne keineswegs, daß ich mich soeben furchtbar über dein glückliches Gesicht ärgerte; aber ich schwöre dir, das dauerte nur einen Augenblick, nur so lange, als ich noch nicht nachgedacht hatte. Sobald ich nachgedacht habe, handle und rede ich immer verständiger; ich denke, es wird dir ebenso gehen. In Wirklichkeit aber könnte ich mich über die Genesung meines eigenen Sohnes, wenn ich einen hätte, kaum mehr freuen als über die deinige; und wenn du es mir nicht glaubst, so ist das eine Schande für dich, nicht für mich. Dieser unartige Junge aber erlaubt sich mit mir ganz ungehörige Spaße. Du bist ja wohl sein Gönner; darum möchte ich dir ankündigen, daß ich eines schönen Tages auf die Ehre und das Vergnügen seiner weiteren Bekanntschaft verzichten werde, das kannst du mir glauben.«

»Was kann ich denn dafür?« rief Kolja. »Wenn ich Ihnen auch hoch und heilig beteuert hätte, daß der Fürst schon beinah gesund sei, so hätten Sie mir doch nicht geglaubt, weil es viel interessanter war, ihn sich auf dem Sterbebette vorzustellen.«

»Bleibst du lange hier bei uns in Pawlowsk?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an den Fürsten.

»Den ganzen Sommer und vielleicht noch länger.«

»Du bist ja allein hier. Bist du denn nicht verheiratet?«

»Nein, ich bin nicht verheiratet«, erwiderte der Fürst, der über die Naivität dieser gegen ihn gerichteten Stichelei lächeln mußte.

»Zum Lächeln ist kein Anlaß, so etwas kommt doch vor. Ich sagte es wegen des Landhauses; warum bist du nicht zu uns gezogen? Wir haben ein ganzes Nebengebäude leer stehen. Übrigens, ganz wie du willst. Wohnst du denn hier als Untermieter? Bei dem da?« fügte sie halblaut hinzu, indem sie mit einer Kopfbewegung auf Lebedew hindeutete. »Warum schneidet er eigentlich fortwährend Gesichter?«

In diesem Augenblick kam Wera, wie gewöhnlich mit dem Kind auf dem Arm, aus dem Innern des Hauses auf die Veranda. Lebedew, der sich bei den Stühlen umherwand und nicht wußte, wo er bleiben sollte, aber durchaus nicht weggehen wollte, stürzte plötzlich auf Wera los und wollte sie mit heftigen Armbewegungen aus der Veranda hinausjagen; er vergaß sich sogar so weit, daß er mit den Füßen trampelte.

»Ist er verrückt?« fügte die Generalin hinzu.

»Nein, er…«

»Vielleicht ist er betrunken? Deine Gesellschaft hier ist nicht schön«, sagte sie in entschiedenem Ton, indem sie auch die übrigen Gäste mit ihrem Blick maß. »Ah, was für ein nettes Mädchen! Wer ist das?«

»Das ist Wera Lukjanowna, die Tochter dieses Herrn Lebedew.«

»Ah!… Ein sehr nettes Mädchen. Ich möchte ihre Bekanntschaft machen.«

Lebedew aber, der Lisaweta Prokofjewnas lobendes Urteil gehört hatte, zog bereits selbst seine Tochter herbei, um sie vorzustellen.

»Meine Kinder sind mutterlos, mutterlos!« jammerte er, während er näher trat. »Auch dieses Kind, das sie auf dem Arm hat, ist mutterlos; es ist ihre Schwester, meine Tochter Ljubow, in rechtmäßiger Ehe von meiner Frau Jelena geboren, die vor sechs Wochen nach Gottes Willen im Wochenbett gestorben ist…ja… Sie vertritt an ihr Mutterstelle, obgleich sie nur ihre Schwester ist, nichts weiter als ihre Schwester… nichts weiter, nichts weiter…«

»Und du, Väterchen, bist nichts weiter als ein Dummkopf, nimm mir’s nicht übel. Na, nun genug, jetzt wirst du es wohl selbst wissen, denke ich«, bemerkte Lisaweta Prokofjewna sehr ungehalten.

»Vollkommen richtig!« erwiderte Lebedew sehr respektvoll mit einer tiefen Verbeugung.

»Hören Sie mal, Herr Lebedew, ist das wahr, was man von Ihnen sagt: Sie legen die Apokalypse aus?« fragte Aglaja.

»Vollkommen wahr… Seit fünfzehn Jahren.«

»Ich habe von Ihnen gehört. Es hat ja wohl auch in den Zeitungen etwas über Sie gestanden?«

»Nein, das bezog sich auf einen andern Erklärer, einen andern; der ist gestorben, und ich bin jetzt sein Nachfolger«, versetzte Lebedew, ganz außer sich vor Freude.

»Tun Sie mir den Gefallen und erklären Sie sie mir einmal in diesen Tagen als guter Nachbar. Ich verstehe in der Apokalypse kein Wort.«

»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Aglaja Iwanowna, daß das von ihm nur Scharlatanerie ist; glauben Sie mir!« mischte sich eilig General Iwolgin in das Gespräch ein, der schon wie auf Kohlen gesessen und auf das lebhafteste gewünscht hatte, irgendwie eine Unterhaltung anzuknüpfen; er setzte sich bei diesen Worten neben Aglaja Iwanowna. »Gewiß«, fuhr er fort, »der Aufenthalt auf dem Lande hat ja seine besonderen Reize und seine besonderen Vergnügungen, und der Verkehr mit jemandem, der es so keck unternimmt, die Apokalypse zu erklären, ist ein Zeitvertreib wie jeder andere und sogar ein solcher, der in interessanter Weise den Verstand in Anspruch nimmt, aber ich… Sie scheinen mich erstaunt anzusehen? Ich habe die Ehre, mich vorzustellen: General Iwolgin. Ich habe Sie auf den Armen getragen, Aglaja Iwanowna.«

»Sehr erfreut. Ich bin mit Warwara Ardalionowna und Nina Alexandrowna bekannt«, murmelte Aglaja, die sich die größte Mühe gab, nicht loszulachen.

Lisaweta Prokofjewna wurde dunkelrot. Der Ärger, der sich schon lange in ihrer Seele angesammelt hatte, verlangte auf einmal nach einem Ausweg. Sie konnte den General Iwolgin, mit dem sie früher einmal, vor sehr langer Zeit, bekannt gewesen war, nicht ausstehen.

»Du lügst, Väterchen, wie das deine Gewohnheit ist; du hast sie nie auf den Armen getragen«, sagte sie scharf und unwillig zu ihm.

»Sie haben es vergessen, maman, er hat mich wirklich auf den Armen getragen«, bestätigte Aglaja plötzlich die Angabe des Generals. »Wir wohnten damals in Twer. Ich war sechs Jahre alt; ich erinnere mich an alles. Er machte mir einen Bogen und einen Pfeil und lehrte mich damit schießen, und ich schoß eine Taube tot. Erinnern Sie sich, daß wir beide zusammen eine Taube totgeschossen haben?«

»Und mir brachte er damals einen Helm aus Pappe und einen hölzernen Degen, ich entsinne mich auch!« rief Adelaida.

»Auch ich erinnere mich daran«, fügte Alexandra bekräftigend hinzu. »Ihr zanktet euch damals noch wegen der verwundeten Taube und wurdet in die Ecken gestellt; Adelaida stand so da: mit dem Helm und dem Degen.«

Der General, der zu Aglaja gesagt hatte, er habe sie auf den Armen getragen, hatte das nur so hingeredet, um ein Gespräch in Gang zu bringen, und einzig und allein, weil er fast immer eine Unterhaltung mit jungen Leuten in dieser Weise begann, wenn er mit ihnen bekannt zu werden wünschte. Diesmal aber hatte es sich ganz zufällig getroffen, daß er die Wahrheit gesagt hatte, und ebenso war es ein Zufall gewesen, daß er selbst dieses wahre Faktum vergessen hatte. Als nun Aglaja unerwarteterweise zur Bestätigung erzählte, daß sie mit ihm zusammen eine Taube totgeschossen habe, erhellte sich sein Gedächtnis auf einmal, und er erinnerte sich selbst an diesen Vorfall bis in die kleinsten Einzelheiten, wie man sich in höheren Jahren nicht selten an etwas aus der fernen Vergangenheit erinnert. Es ist schwer zu sagen, was eigentlich an dieser Erinnerung so stark auf den armen und wie gewöhnlich etwas angetrunkenen General wirken konnte, aber er wurde auf einmal ganz gerührt.

»Ich erinnere mich, ich erinnere mich an alles!« rief er. »Ich war damals Hauptmann. Sie waren so ein kleines, allerliebstes Ding. Nina Alexandrowna … Ganja … Ich verkehrte in Ihrem Hause. Iwan Fjodorowitsch …«

»Und nun sieh mal, wie weit du jetzt heruntergekommen bist!« fiel die Generalin ein. »Na, wenigstens hast du noch nicht alle anständigen Gefühle in dir durch den Trunk erstickt, wenn das so auf dich hat wirken können! Aber deine Frau hast du halb zu Tode gequält. Statt deinen Kindern den Weg durchs Leben zu zeigen, sitzt du im Schuldgefängnis. Mach, daß du von hier wegkommst, Väterchen; geh woandershin, stell dich hinter einer Tür in die Ecke und weine; denk an deine früheren unschuldigen Tage; vielleicht verzeiht dir dann Gott. Geh nur, geh; ich rede ganz im Ernst. Nichts ist zur Besserung nützlicher, als reuig der Vergangenheit zu gedenken.«

Aber es bedurfte keiner wiederholten Versicherung, daß sie ganz im Ernst rede: der General war wie alle Trinker sehr gefühlvoll und konnte wie alle heruntergekommenen Trinker die Erinnerung an die glückliche Vergangenheit nicht ertragen. Er stand auf und begab sich gehorsam nach der Tür, so daß Lisaweta Prokofjewna sogleich wieder Mitleid mit ihm empfand.

»Ardalion Alexandrytsch! Väterchen!« rief sie ihm nach. »Bleib noch einen Augenblick hier! Wir sind allzumal Sünder. Wenn du fühlen wirst, daß dein Gewissen dir nicht mehr soviel Vorwürfe macht, dann komm zu mir; dann wollen wir uns zusammensetzen und von alten Zeiten plaudern. Ich bin ja vielleicht noch fünfzigmal sündhafter als du. Aber jetzt leb wohl, geh, du hast hier nichts zu suchen!« fügte sie hinzu, in Angst, daß er wieder umkehren könnte.

»Sie täten gut, wenn Sie ihm vorläufig nicht nachgingen«, sagte der Fürst, um Kolja aufzuhalten, der seinem Vater schnell folgen wollte. »Sonst wird er nach einer Minute ärgerlich werden, und der ganze segensreiche Augenblick ist dann verdorben.«

»Das ist richtig, laß ihn jetzt in Ruhe, geh erst in einer halben Stunde hin!« sagte Lisaweta Prokofjewna befehlend.

»Da sieht man, was es zu bedeuten hat, wenn man wenigstens einmal im Leben die Wahrheit sagt. Zum Weinen hat es ihn gebracht!« wagte Lebedew hinterdrein zu bemerken.

»Na, und du mußt auch ein netter Patron sein, Väterchen, wenn das wahr ist, was ich über dich gehört habe«, kanzelte ihn Lisaweta Prokofjewna sogleich ab.

Das gegenseitige Verhältnis aller bei dem Fürsten versammelten Besucher klärte sich allmählich. Der Fürst wußte die ihm von der Generalin und ihren Töchtern bewiesene Teilnahme selbstverständlich in ihrem ganzen Wert zu würdigen und sagte ihnen aufrichtig, er habe gerade heute, noch vor ihrem Besuche, die bestimmte Absicht gehabt, zu ihnen zu kommen, trotz seiner Krankheit und trotz der späten Stunde. Lisaweta Prokofjewna erwiderte ihm mit einem Blick auf seine Gäste, das könne er auch jetzt noch sogleich zur Ausführung bringen. Ptizyn, ein höflicher und sehr friedfertiger Mensch, stand sehr bald auf und zog sich nach dem Nebengebäude in Lebedews Wohnung zurück; sehr gern hätte er dabei auch Lebedew selbst mitgenommen. Dieser versprach ihm, bald nachzukommen; unterdessen war Warja mit den jungen Mädchen in ein lebhaftes Gespräch hineingekommen und blieb infolgedessen. Sie und Ganja waren sehr froh über die Abwesenheit des Generals; Ganja selbst folgte bald Ptizyn nach. Während der kurzen Zeit, die er in der Veranda in Gegenwart der Jepantschinschen Damen zugebracht hatte, hatte er sich bescheiden und würdig benommen und unter Lisaweta Prokofjewnas strengem Blicke, die ihn zweimal vom Kopf bis zu den Füßen musterte, nicht die Fassung verloren. Wer ihn früher gekannt hatte, mußte in der Tat finden, daß er sich sehr verändert habe. Auf Aglaja machte dies einen guten Eindruck.

»War das nicht Gawrila Ardalionowitsch, der eben wegging?« fragte sie auf einmal in ihrer beliebten Art: laut, in scharfem Ton, ohne Rücksicht auf das Gespräch der andern, das sie mit ihrer Frage unterbrach, und ohne sich an irgendeinen einzelnen zu wenden.

»Jawohl«, antwortete der Fürst.

»Ich hatte ihn kaum erkannt. Er hat sich sehr verändert, und… sehr zu seinem Vorteil.«

»Das ist mir sehr lieb zu hören«, erwiderte der Fürst.

»Er war sehr krank«, fügte Warja, zugleich erfreut und bedauernd, hinzu.

»Inwiefern soll er sich denn zu seinem Vorteil verändert haben?« fragte Lisaweta Prokofjewna ärgerlich und erstaunt und beinah erschrocken. »Wie kommst du darauf? Ich bemerke an ihm nichts, was besser geworden wäre. Was scheint dir denn eigentlich besser?«

»Etwas Besseres als den ›armen Ritter‹ kann es überhaupt nicht geben!« rief plötzlich Kolja, der die ganze Zeit über neben Lisaweta Prokofjewnas Stuhl gestanden hatte.

»Das ist auch meine Meinung«, sagte Fürst Schtsch. lachend.

»Ich bin ganz derselben Ansicht«, erklärte Adelaida ernst.

»Was ist denn das für ein ›armer Ritter‹?« fragte die Generalin, indem sie alle Redenden verständnislos und ärgerlich anblickte. Aber als sie sah, daß Aglaja rot geworden war, fügte sie zornig hinzu: »Gewiß wieder irgendein Unsinn! Was für ein ›armer Ritter‹?«

»Als ob es das erstemal wäre, daß dieser freche Junge, Ihr Liebling, anderer Leute Worte verdreht!« antwortete Aglaja hochmütig und unwillig.

Fast jedesmal, wenn Aglaja zornig wurde (und das geschah ziemlich oft), blickte aus ihrer anscheinend ernsten, unerbittlichen Miene doch so viel von dem schlecht verhehlten, ungeduldigen Wesen eines Schulkindes hervor, daß es manchmal unmöglich war, bei ihrem Anblick das Lachen zu unterdrücken, worüber sich Aglaja übrigens gewaltig ärgerte, da sie nicht begriff, worüber die Leute lachten, und »wie jemand da überhaupt lachen könne und zu lachen wage«. Auch jetzt lachten die Schwestern und Fürst Schtsch.; sogar Fürst Lew Nikolajewitsch, der aus irgendeinem Grund ebenfalls errötet war, lächelte. Kolja jubelte und triumphierte. Aglaja wurde nun ernstlich böse und dadurch noch einmal so schön. Ihre Verlegenheit stand ihr außerordentlich gut, und nicht minder gleichzeitig ihr Ärger über sich selbst wegen dieser Verlegenheit.

»Auch Ihre eigenen Worte hat er oft genug verdreht!« fügte sie hinzu.

»Ich wiederhole nur Ihren eigenen Ausspruch!« rief Kolja. »Vor einem Monat blätterten Sie im Don Quijote und riefen dabei aus, es gebe doch nichts Besseres als den ›armen Ritter‹. Ich weiß nicht, auf wen sich das damals beziehen sollte: ob auf Don Quijote oder auf Jewgenij Pawlowitsch oder auf noch jemand anders, aber jedenfalls meinten Sie damit irgend jemand, und es entspann sich darüber ein langes Gespräch…«

»Ich sehe, daß du dir mit deinen Vermutungen doch gar zu viel herausnimmst, mein Lieber!« unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna ärgerlich.

»Aber bin ich denn der einzige, der davon spricht?« versetzte Kolja, der sich nicht den Mund verbieten ließ. »Alle haben damals davon gesprochen und sprechen auch jetzt noch davon. Hier Fürst Schtsch. und Adelaida Iwanowna und überhaupt alle haben erklärt, daß sie auf seiten des ›armen Ritters‹ stehen; also muß doch der ›arme Ritter‹ existieren und existiert jedenfalls, und wenn nur Adelaida Iwanowna wollte, so würden wir meiner Ansicht nach alle schon längst wissen, wer der ›arme Ritter‹ ist.«

»Inwiefern soll ich denn daran schuld sein?« fragte Adelaida lachend.

»Sie wollten sein Porträt nicht zeichnen, insofern sind Sie daran schuld! Aglaja Iwanowna bat Sie damals, das Porträt des ›armen Ritters‹ zu zeichnen, und setzte Ihnen den ganzen Vorwurf zu dem Bild auseinander, den sie sich selbst ausgedacht hatte; erinnern Sie sich noch an diesen Vorwurf? Aber Sie wollten es nicht…«

»Wie hätte ich den Betreffenden denn zeichnen sollen? In der Beschreibung wird doch von diesem ›armen Ritter‹ gesagt:

›Niemals in die Höhe schlug er
Vorm Gesichte das Visier.‹

Was konnte dabei also für ein Gesicht herauskommen? Was sollte ich zeichnen? Ein Visier? Einen Anonymus?«

»Ich verstehe von alledem nichts; was ist das nun wieder für ein Visier?« ereiferte sich die Generalin, die im stillen sehr wohl zu begreifen anfing, wer mit der wahrscheinlich schon lange geläufigen Benennung »der arme Ritter« gemeint war.

Aber ganz besonders ärgerte sie sich darüber, daß Fürst Lew Nikolajewitsch ebenfalls verlegen geworden war und schließlich eine Befangenheit bekundete wie ein zehnjähriger Junge.

»Nun also, wird diese Dummheit endlich ein Ende nehmen? Wird mir nun erläutert werden, was dieser ›arme Ritter‹ bedeutet? Ist das etwa ein so furchtbares Geheimnis, daß man gar nicht daran rühren darf?«

Aber alle lachten nur weiter.

»Es ist ganz einfach ein merkwürdiges russisches Gedicht«, ergriff endlich Fürst Schtsch. das Wort, offenbar in dem Wunsch, die Sache möglichst schnell zu erledigen und dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, »ein Gedicht über einen ›armen Ritter‹, ein Fragment ohne Anfang und Schluß. Vor einem Monat scherzten wir einmal alle nach Tisch und suchten wie gewöhnlich nach einem Vorwurf für ein künftiges Bild Adelaida Iwanownas. Sie wissen, daß es bereits zu einer Art von Familiensport geworden ist, Vorwürfe für Adelaida Iwanownas Bilder ausfindig zu machen. Da verfielen wir auch auf den ›armen Ritter‹; wer zuerst auf diesen Einfall kam, weiß ich nicht mehr …«

»Aglaja Iwanowna war es!« rief Kolja.

»Mag sein; ich will es nicht bestreiten, obwohl ich mich nicht erinnere«, fuhr Fürst Schtsch. fort. »Die einen spotteten über dieses Sujet, die anderen dagegen meinten, man könne sich gar nichts Höheres ausdenken. Aber um den ›armen Ritter‹ darzustellen, dazu war unter allen Umständen ein Gesicht als Modell erforderlich; so musterten wir denn die Gesichter aller unserer Bekannten, aber kein einziges taugte dazu; daran scheiterte die Sache. Das ist alles. Es ist mir unverständlich, warum Nikolai Ardalionowitsch es hier hat erwähnen und erörtern können. Was früher und bei bestimmtem Anlaß komisch war, hat jetzt alles Interesse verloren.«

»Er hat es eben getan, weil da wieder irgendeine neue Dummheit dahintersteckt, eine boshafte, verletzende Dummheit«, bemerkte Lisaweta Prokofjewna scharf.

»Es steckt gar keine Dummheit dahinter, sondern vielmehr die größte Hochachtung«, sagte Aglaja mit ganz unerwartetem Ernst und Nachdruck. Es war ihr inzwischen gelungen, sich wieder vollständig in die Gewalt zu bekommen und ihre frühere Verlegenheit zu unterdrücken.

Ja, auf Grund gewisser Anzeichen konnte man, wenn man sie ansah, meinen, daß sie sich jetzt selbst darüber freute, daß der Spaß sich immer länger und länger ausdehnte, und diese ganze Umwandlung ging bei ihr gerade in dem Augenblick vor, als die immer zunehmende und schon sehr hoch gestiegene Verlegenheit des Fürsten ganz deutlich wurde.

»Erst lachen sie wie die Unsinnigen, und dann wird auf einmal von der größten Hochachtung gesprochen! Verrücktes Volk! Was soll hier die Hochachtung? Sag mal sofort, warum du so mir nichts dir nichts auf einmal von der größten Hochachtung redest!«

»Von der größten Hochachtung«, erwiderte Aglaja ebenso ernst und nachdrücklich auf die ärgerliche Frage der Mutter, »von der größten Hochachtung rede ich deshalb, weil in diesen Versen ein Mensch geschildert wird, der fähig ist, erstens ein Ideal zu haben und zweitens, nachdem er sich einmal ein solches Ideal geschaffen hat, an dasselbe zu glauben und ihm blind sein ganzes Leben zu weihen. So etwas kommt in unserer Zeit nicht alle Tage vor. Dort, in diesen Versen, ist nicht gesagt, worin eigentlich das Ideal des ›armen Ritters‹ bestand; aber man sieht, daß es eben ein leuchtendes Ideal war, ›das Ideal der reinen Schönheit‹, und daß der verliebte Ritter sich sogar statt der Schärpe einen Rosenkranz um den Hals band. Allerdings ist da noch von einer dunklen, nur andeutenden Devise die Rede, den Buchstaben A. N. B., die er auf seinen Schild geschrieben hatte…«

»A. M. D.«, verbesserte Kolja.

»Ich sage aber A. N. B. und will dabei bleiben«, unterbrach ihn Aglaja ärgerlich. »Wie es sich damit auch verhalten mag, so viel ist klar, daß es diesem ›armen Ritter‹ nun ganz gleichgültig war, wer seine Dame war und was sie tat. Ihm genügte es, sie sich ausgewählt zu haben und an ihre ›reine Schönheit‹ zu glauben, und nun verehrt er sie sein ganzes Leben lang; gerade darin besteht sein Verdienst, daß er, selbst wenn sie später zur Diebin würde, doch an sie glauben und für ihre reine Schönheit eine Lanze brechen müßte. Der Dichter scheint beabsichtigt zu haben, in der auffallenden Gestalt eines reinen, hochgesinnten Ritters den ganzen gewaltigen Begriff der mittelalterlichen, ritterlichen, platonischen Liebe zur zusammenfassenden Darstellung zu bringen; selbstverständlich ist das alles ein Ideal. In dem ›armen Ritter‹ hat dieses Gefühl schon die höchste Stufe erreicht, die Askese; man muß gestehen, daß die Fähigkeit zu einem solchen Gefühl einen hohen Wert hat und daß solche Gefühle einen bedeutsamen und unter Umständen sehr löblichen Charakterzug bilden, wobei ich nicht gerade Don Quijote meine. Der ›arme Ritter‹ ist eine Art Don Quijote, aber ein ernster, nicht ein komischer. Ich habe ihn am Anfang nicht verstanden und über ihn gelacht, aber jetzt liebe ich den ›armen Ritter‹, und vor allen Dingen schätze ich seine Taten hoch.«

Damit schloß Aglaja, und wenn man sie ansah, konnte man schwer daraus klug werden, ob sie im Ernst sprach oder scherzte.

»Na, ein Dummkopf ist er, er und seine Taten!« urteilte die Generalin kurz. »Aber du, liebes Kind, bist ganz ins Schwatzen hineingekommen, das war ja eine ordentliche Vorlesung; aber meiner Ansicht nach steht dir das gar nicht gut, jedenfalls ist es unpassend. Was sind das für Verse? Sag sie mal auf, du kannst sie doch sicher auswendig! Ich will diese Verse unbedingt kennenlernen. Mein ganzes Leben habe ich Verse nicht leiden können, als hätte ich eine Ahnung gehabt, daß ich mich bloß darüber ärgern würde. Um Gottes willen, Fürst, werd nicht böse! Wir beide, du und ich, müssen, wie es scheint, es zusammen ertragen«, sagte sie, zu dem Fürsten Lew Nikolajewitsch gewendet.

Sie war sehr aufgebracht.

Fürst Lew Nikolajewitsch wollte schon etwas sagen, konnte aber wegen seiner immer noch andauernden Verlegenheit nichts herausbringen. Aglaja hingegen, die sich in ihrer »Vorlesung« soviel herausgenommen hatte, zeigte keine Spur von Verlegenheit mehr, sondern schien sich im Gegenteil zu freuen. Sie stand sofort auf, mit derselben ernsten, bedeutsamen Miene wie vorhin; es machte den Eindruck, als hätte sie sich vorher darauf vorbereitet und nur auf eine Aufforderung gewartet. In die Mitte der Veranda tretend, stellte sie sich gerade vor den Fürsten hin, der auf seinem Lehnstuhl sitzen blieb. Alle blickten sie einigermaßen erstaunt an, und fast alle, Fürst Schtsch., die Schwestern und die Mutter, sahen mit einem unangenehmen Gefühl dem neuen, in Vorbereitung befindlichen Schelmenstreich entgegen, der jedenfalls etwas weit zu gehen drohte. Aber Aglaja fand offenbar ihr Vergnügen an dem affektierten Benehmen, mit dem sie sich zu der Deklamation der Verse anschickte. Lisaweta Prokofjewna war schon nahe daran, sie mit energischen Worten von dort wegzurufen und auf ihren Platz zurückzuschicken; aber gerade in dem Augenblick, als Aglaja die bekannte Ballade Zu deklamieren begann, traten zwei neue Gäste, die in lautem Gespräch begriffen waren, von der Straße in die Veranda. Dies waren der General Iwan Fjodorowitsch Jepantschin und hinter ihm ein junger Mann. Ihr Erscheinen rief bei den bereits Anwesenden eine kleine Aufregung hervor.

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Kapitel 23

VII

Der junge Mann, der den General begleitete, war ungefähr achtundzwanzig Jahre alt, hochgewachsen, schlank, mit einem schönen, verständigen Gesicht und großen schwarzen, klug und spöttisch blickenden Augen. Aglaja sah sich gar nicht nach ihm um und deklamierte ruhig das Gedicht weiter, indem sie fortfuhr, nur den Fürsten anzusehen, und sich nur an ihn allein wandte. Dem Fürsten war klar, daß sie dies alles mit irgendeiner besonderen Absicht tat. Aber wenigstens trugen die neuen Gäste einigermaßen zur Verbesserung seiner unbehaglichen Situation bei. Als er sie erblickte, erhob er sich, nickte dem General von weitem freundlich zu und machte ein Zeichen, daß sie die Deklamation nicht unterbrechen möchten; er selbst aber retirierte hinter seinen Lehnstuhl, wo er, mit dem linken Arm auf die Lehne gestützt, die Ballade weiter mit anhörte, sozusagen in gesicherter und nicht so komischer Stellung wie vorher, als er auf dem Lehnstuhl saß. Lisaweta Prokofjewna winkte ihrerseits den Ankömmlingen gebieterisch zu, sie möchten stehenbleiben. Der Fürst interessierte sich übrigens sehr für seinen neuen Gast, der mit dem General gekommen war; er vermutete mit Bestimmtheit in ihm Jewgenij Pawlowitsch Radomskij, von dem er bereits viel gehört und an den er schon oft gedacht hatte. Nur machte ihn dessen Zivilanzug stutzig, da er gehört hatte, daß Jewgenij Pawlowitsch Offizier sei. Ein spöttisches Lächeln spielte während der ganzen Dauer der Deklamation um die Lippen des neuen Gastes, als hätte er bereits etwas von dem »armen Ritter« gehört.

›Vielleicht rührt der ganze Gedanke von ihm her‹, dachte der Fürst im stillen.

Aber mit Aglaja war eine große Veränderung vorgegangen. Statt der ursprünglichen Affektiertheit und Wichtigtuerei, mit der sie zum Deklamieren vorgetreten war, zeigte sie einen solchen Ernst und ein so tiefes Eindringen in den Geist und Sinn des dichterischen Werkes, sie sprach jedes Wort des Gedichtes mit solchem Verständnis, sie trug die Verse mit so vollendeter Schlichtheit vor, daß sie, als die Deklamation beendet war, nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt, sondern auch durch die Wiedergabe des hohen geistigen Gehaltes der Ballade jene besondere, affektierte Feierlichkeit, mit der sie so triumphierend in die Mitte der Veranda getreten war, nachträglich gewissermaßen zum Teil gerechtfertigt hatte. In diesem feierlichen Benehmen konnte man jetzt nur ihre grenzenlose und vielleicht naive Hochachtung vor demjenigen sehen, was sie wiederzugeben unternommen hatte. Ihre Augen leuchteten, und ein leiser, kaum bemerkbarer Schauer der Begeisterung und des Entzückens lief einigemal über ihr schönes Gesicht. Sie deklamierte:

»Einstmals lebt‘ ein armer Ritter,
Schweigsam, herzensgut und schlicht;
Kühn mit jedem Feinde stritt er,
Ernst und blaß war sein Gesicht.

In Verzückung war erschienen
Ihm ein himmlisch Frauenbild,
Nie vergaß er dessen Mienen,
Hehr und edel, hold und mild.

Ganz der Heiligen ergeben,
Mied er alle Frau’n hinfort,
Gönnt‘ in seinem ganzen Leben
Keinem ird’schen Weib ein Wort.

Und ein Paternoster trug er
Um den Hals als sondre Zier;
Niemals in die Höhe schlug er
Vorm Gesichte das Visier.

Dieser Rittersmann, getrieben
Von des Herzens reiner Glut,
Hatt‘ auf seinen Schild geschrieben
N. F. B. mit seinem Blut.

Als ins heil’ge Land sie kamen,
Rief ein jeder Christenheld
Seiner edlen Dame Namen
In der Schlacht auf blut’gem Feld.

›‹
Rief jedoch mit wildem Blick
Unser Ritter, und sein Droh’n sah
Scheu der Feind und wich zurück.

Heimgekehrt zur Burg der Väter,
Lebt‘ er fort, ein trüber Tropf,
Immer einsam, bis er später
Starb, nicht ganz normal im Kopf.«

Wenn der Fürst später sich an diesen ganzen Vorgang erinnerte, so quälte er sich lange ratlos mit einer für ihn unlösbaren Frage ab: wie es möglich war, eine so echte, schöne Empfindung mit so offenbarem, boshaftem Spott zu vereinigen. Denn daß wirklich Spott dahintersteckte, daran zweifelte er nicht; das fühlte er deutlich, und er hatte zu seiner Auffassung seine guten Gründe: beim Deklamieren hatte sich Aglaja erlaubt, die Buchstaben mit den Buchstaben N. F. B. zu vertauschen. Daß hier kein Irrtum und kein Verhören seinerseits vorlag, daran konnte er nicht zweifeln (die Folgezeit lieferte den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht). Jedenfalls war Aglajas Ausschreitung (die sicherlich nur als Scherz gemeint, aber doch gar zu keck und leichtsinnig war) vorher überlegt gewesen. Von dem »armen Ritter« hatten alle gesprochen und sich darüber amüsiert, schon vor einem Monat. Und trotzdem mußte der Fürst, wie sehr er auch später sein Gedächtnis anstrengte, zugeben, daß Aglaja jene Buchstaben nicht nur ohne jeden scherzhaften oder spöttischen Beiklang, nicht nur ohne eine besondere Betonung, die ihren geheimen Sinn stärker hervorgehoben hätte, sondern im Gegenteil mit so unverändertem Ernst, mit einer solchen unschuldigen, naiven Einfachheit gesprochen hatte, daß man hätte denken können, eben jene Buchstaben hätten in dem Gedicht gestanden und es wäre so in dem Buch gedruckt gewesen. Es lag in ihrem Verhalten etwas, was den Fürsten peinlich verletzte. Lisaweta Prokofjewna hatte es natürlich nicht verstanden und weder die Vertauschung der Buchstaben noch die Anspielung bemerkt. General Iwan Fjodorowitsch begriff weiter nichts, als daß da eine Gedicht deklamiert wurde. Von den übrigen Zuhörern hatten sehr viele die Ausschreitung gemerkt und sich über deren Kühnheit und Tendenz gewundert, aber sie schwiegen und bemühten sich, harmlose Gesichter zu machen. Jewgenij Pawlowitsch jedoch hatte (darauf hätte der Fürst wetten mögen) nicht nur verstanden, sondern war auch bestrebt, dies durch seine Miene zu zeigen: er lächelte überaus spöttisch.

»Ein reizendes Gedicht«, rief die Generalin in aufrichtigem Entzücken, sobald die Deklamation zu Ende war.

»Von wem ist es denn?«

»Von Puschkin, maman. Machen Sie uns doch nicht solche Schande, man muß sich ja schämen!« rief Adelaida.

»Ihr stellt einen aber auch immer als Dummkopf hin!« erwiderte Lisaweta Prokofjewna gekränkt. »Schämt euch! Sowie wir nach Hause kommen, müßt ihr mir dieses Puschkinsche Gedicht geben.«

»Ich glaube, wir besitzen überhaupt keinen Puschkin.«

»Seit wer weiß wie langer Zeit liegen bei uns zwei ramponierte Bände herum«, fügte Alexandra hinzu.

»Dann schickt sofort jemanden in die Stadt, um ein Exemplar zu kaufen, Fjodor oder Alexej, gleich mit dem nächsten Zug, am besten Alexej. Aglaja, komm einmal her! Gib mir einen Kuß, du hast sehr schön deklamiert; aber wenn du es ernst gemeint hast«, fügte sie beinah flüsternd hinzu, »so tust du mir leid, und wenn du ihn hast verspotten wollen, dann billige ich dein Benehmen nicht; dann wäre es jedenfalls besser gewesen, die Deklamation ganz zu unterlassen. Verstanden? Geh, mein Kind, ich werde noch mit dir darüber reden; aber wir haben hier schon zu lange gesessen.«

Unterdessen hatte der Fürst den General Iwan Fjodorowitsch begrüßt, und der General hatte ihm Jewgenij Pawlowitsch Radomskij vorgestellt.

»Ich habe ihn in Petersburg unterwegs getroffen, und wir sind beide eben erst mit dem Zug angekommen. Er hörte, daß ich hierherginge und daß auch alle meine Angehörigen…«

»Ich hörte, daß auch Sie hier in Pawlowsk seien«, unterbrach ihn Jewgenij Pawlowitsch, »und da ich mir schon längst vorgenommen hatte, nicht nur Ihre Bekanntschaft, sondern auch Ihre Freundschaft zu suchen, so wollte ich keine Zeit verlieren. Sie sind nicht wohl? Ich habe es eben erst gehört…«

»Ich bin ganz gesund und freue mich sehr, Sie kennenzulernen; Fürst Schtsch. hat mir viel von Ihnen erzählt, und ich habe sogar viel mit ihm von Ihnen gesprochen«, antwortete Lew Nikolajewitsch, indem er ihm die Hand reichte.

Sie wechselten einige höfliche Worte, drückten einander die Hände und blickten sich gegenseitig prüfend in die Augen. Es entspann sich sofort eine allgemeine Unterhaltung. Der Fürst bemerkte (und er bemerkte jetzt alles rasch und eifrig, vielleicht sogar Dinge, die gar nicht existierten), daß Jewgenij Pawlowitschs Zivilanzug allgemeines und ungewöhnlich starkes Aufsehen erregte, wodurch sogar alles, was die Gesellschaft bisher interessiert hatte, in den Hintergrund trat und vergessen wurde. Es machte den Eindruck, als messe man diesem Kostümwechsel besondere Wichtigkeit bei. Adelaida und Alexandra fragten den jungen Mann verwundert, was das zu bedeuten habe; Fürst Schtsch., sein Verwandter, redete darüber in großer Unruhe, der General sogar beinah in Aufregung. Nur Aglaja musterte Jewgenij Pawlowitsch einen Augenblick zwar neugierig, aber doch mit vollkommener Seelenruhe, als wolle sie lediglich durch Vergleichung feststellen, ob ihm der Militär- oder der Zivilanzug besser stehe, wandte sich dann aber gleich wieder von ihm ab und sah ihn nachher nicht weiter an. Auch Lisaweta Prokofjewna hatte keine Lust, Fragen an ihn zu richten, obgleich sie vielleicht ebenfalls einigermaßen beunruhigt war. Es schien dem Fürsten, daß Jewgenij Pawlowitsch bei ihr in Ungnade stand.

»Ich war ganz verwundert, höchst erstaunt«, erwiderte Iwan Fjodorowitsch auf alle Fragen. »Ich traute meinen Augen nicht, als ich ihm vorhin in Petersburg begegnete. Und warum so plötzlich? Das ist mir ein Rätsel. Er selbst proklamiert es als seinen Grundsatz, man müsse sich stets vor Heftigkeit hüten.«

Bei dem sich nunmehr entwickelnden Gespräch ergab sich, daß Jewgenij Pawlowitsch sich seinen Bekannten gegenüber schon lange dahin geäußert hatte, daß er den Abschied zu nehmen gedenke; aber er hatte jedesmal in so wenig ernstem Ton darüber gesprochen, daß es unmöglich war, ihm zu glauben. Er sprach nämlich auch von ernsthaften Dingen immer mit so scherzhafter Miene, daß man gar nicht aus ihm klug werden konnte, besonders wenn er es selbst nicht wünschte.

»Ich bin ja nur zeitweilig, auf einige Monate, höchstens auf ein Jahr, ausgetreten«, sagte Radomskij lachend.

»Aber soweit ich wenigstens Ihre Verhältnisse kenne, war es doch gar nicht notwendig«, ereiferte sich der General immer noch.

»Muß ich denn nicht auch einmal meine Güter besichtigen? Sie haben es mir ja selbst geraten. Und außerdem möchte ich auch ins Ausland reisen…«

Das Gespräch wendete sich übrigens bald anderen Gegenständen zu, aber die eigenartige und immer noch fortdauernde Unruhe überschritt doch nach Meinung des alles beobachtenden Fürsten die Grenzen des Gewöhnlichen, und es mußte wohl etwas Besonderes dahinterstecken.

»Also der ›arme Ritter‹ ist auch wieder aufs Tapet gebracht?« fragte Jewgenij Pawlowitsch, indem er an Aglaja herantrat.

Zur Verwunderung des Fürsten blickte diese ihn erstaunt und fragend an, als wollte sie ihm zu verstehen geben, daß zwischen ihnen beiden von dem »armen Ritter« nicht die Rede gewesen sein könne und daß sie die Frage überhaupt nicht verstehe.

»Aber es ist zu spät, viel zu spät, jetzt noch in die Stadt zu schicken und einen Puschkin holen zu lassen, viel zu spät!« stritt Kolja hitzig mit Lisaweta Prokofjewna. »Zum dreitausendstenmal sage ich Ihnen: es ist zu spät!«

»Ja, es dürfte vielleicht zu spät dazu sein, um jetzt noch in die Stadt zu schicken«, mischte sich unvermutet Jewgenij Pawlowitsch ein, der möglichst schnell von Aglaja loszukommen suchte. »Ich glaube, die Läden werden in Petersburg schon geschlossen sein, es ist ja bald neun Uhr«, sagte er, die Uhr herausziehend.

»Sind wir so lange ohne einen Puschkin ausgekommen, dann können wir auch noch bis morgen warten«, meinte Adelaida.

»Und für vornehme Leute ist es nicht einmal schicklich, sich für die Literatur besonders zu interessieren«, fügte Kolja hinzu. »Fragen Sie nur Jewgenij Pawlowitsch! Weit passender interessieren sich solche Leute für einen gelben mit roten Rädern.«

»Das haben Sie gewiß wieder aus einem Buch, Kolja!« bemerkte Adelaida.

»Alles, was er sagt, hat er aus Büchern«, stimmte Jewgenij Pawlowitsch bei. »Er reproduziert ganze Sätze aus den kritischen Revuen. Ich habe schon lange das Vergnügen, Nikolai Ardalionowitschs Redeweise zu kennen, aber diesmal hat er nun doch nicht aus einem Buche zitiert. Nikolai Ardalionowitsch macht eine deutliche Anspielung auf meinen gelben char à banc mit roten Rädern. Nur habe ich diesen Wagen bereits vertauscht, so daß Sie mit Ihrer Bemerkung zu spät kommen.«

Der Fürst hörte das, was Radomskij sagte, mit an. Er hatte den Eindruck, daß dessen Benehmen recht nett, bescheiden und heiter sei; ganz besonders gefiel es ihm, daß er mit Kolja, der ihn fortwährend neckte, auf völlig gleichem Fuß verkehrte und mit ihm durchaus freundschaftlich sprach.

»Was ist das?« Mit dieser Frage wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Wera, die Tochter Lebedews, die mit einigen Büchern in den Händen vor ihr stand. Die Bücher hatten ein großes Format, waren vorzüglich gebunden und fast neu.

»Puschkin«, antwortete Wera. »Unser Puschkin. Papa hat mir befohlen, ihn Ihnen zu bringen.«

»Wie ist das gemeint? Wie ist das möglich?« fragte Lisaweta Prokofjewna erstaunt.

»Nicht als Geschenk, nicht als Geschenk! Das würde ich nicht wagen!« kam Lebedew hinter der Schulter seiner Tochter hervorgesprungen. »Ich überlasse Ihnen die Bücher zum Selbstkostenpreis. Dies ist unser Familien-Puschkin, die Annenkowsche Ausgabe, die jetzt nirgends mehr aufzutreiben ist, – zum Selbstkostenpreis. Ich bringe ihn Ihnen mit Ehrerbietung dar, in dem Wunsch, ihn Ihnen zu verkaufen und dadurch die edle Ungeduld des höchst edlen literarischen Interesses Euer Exzellenz zu befriedigen.«

»Ah, du willst ihn verkaufen! Nun, dann danke ich schön. Du sollst nicht um dein Geld kommen, hab keine Bange; schneide nur keine Gesichter, Väterchen, sei so gut! Ich habe von dir gehört, du sollst ja ein sehr belesener Mann sein; wir plaudern schon noch einmal miteinander. Wie ist’s? Willst du die Bücher selbst zu mir bringen?«

»Mit Ehrerbietung und… größtem Respekt!« versetzte Lebedew höchst zufrieden unter starkem Gesichterschneiden und nahm seiner Tochter die Bücher ab.

»Na, verliere sie nur nicht, wenn du sie hinbringst; Ehrerbietung ist dabei nicht vonnöten. Aber ich sage dir vorher«, fügte sie, ihn fest anblickend, hinzu, »über die Schwelle lasse ich dich nicht; dich heute zu empfangen, das liegt nicht in meiner Absicht. Deine Tochter Wera kannst du mir aber gleich hinschicken, die hat mir sehr gefallen.«

»Warum sagen Sie denn nichts von jenen Leuten?« wandte sich Wera ungeduldig an ihren Vater. »Sonst werden sie noch unaufgefordert hereinkommen, sie haben schon angefangen, Lärm zu machen. Lew Nikolajewitsch«, wandte sie sich an den Fürsten, der bereits nach seinem Hut gegriffen hatte, »da sind schon vor längerer Zeit vier Menschen gekommen, die zu Ihnen wollen. Sie warten in unserer Wohnung und schimpfen, aber Papa will sie nicht zu Ihnen hereinlassen.«

»Was sind das für Besucher?« fragte der Fürst.

»Sie sagen, sie kämen in einer geschäftlichen Angelegenheit«, erwiderte Wera. »Aber es sind Menschen von solcher Art, daß sie, wenn sie jetzt nicht vorgelassen werden, sich nicht scheuen werden, Sie einmal auf der Straße anzuhalten. Es wird das beste sein, wenn Sie sie vorlassen, Lew Nikolajewitsch, und sie dann ein für allemal abschütteln. Gawrila Ardalionowitsch und Ptizyn reden dort auf sie ein, aber sie hören nicht darauf.«

»Es ist Pawlischtschews Sohn, es ist Pawlischtschews Sohn! Er ist es nicht wert, er ist es nicht wert!« rief Lebedew mit lebhaftem Armschwenken. »Die Leute sind nicht wert, daß man sie anhört, und es schickt sich gar nicht, daß Sie, durchlauchtigster Fürst, sich ihretwegen stören lassen. So ist es. Die Menschen verdienen es nicht…«

»Pawlischtschews Sohn! Mein Gott!« rief der Fürst in größter Verlegenheit. »Ich weiß… aber ich hatte ja… ich hatte ja Gawrila Ardalionowitsch mit der Erledigung dieser Sache beauftragt. Eben hat mir noch Gawrila Ardalionowitsch gesagt…«

Aber Gawrila Ardalionowitsch kam bereits aus den Zimmern auf die Veranda heraus; ihm folgte Ptizyn. In dem nächsten Zimmer hörte man Lärm und die laute Stimme des Generals Iwolgin, der, wie es schien, einige andere Stimmen zu überschreien suchte. Kolja lief sogleich dahin, wo der Lärm war.

»Das ist sehr interessant«, bemerkte Jewgenij Pawlowitsch laut.

›Also ist er orientiert!‹ dachte der Fürst.

»Was für ein Sohn Pawlischtschews? Und… was kann das für ein Sohn Pawlischtschews sein?« fragte der General Iwan Fjodorowitsch erstaunt, der neugierig seinen Blick über alle Gesichter schweifen ließ und mit Verwunderung bemerkte, daß diese neue Geschichte nur ihm allein unbekannt war.

In der Tat, die Aufregung und Spannung war allgemein. Der Fürst war höchst verwundert, daß diese seine rein persönliche Angelegenheit bereits das Interesse aller Anwesenden in so hohem Grad erregt hatte.

»Es wird sehr gut sein, wenn Sie diese Angelegenheit sogleich und persönlich erledigen«, sagte Aglaja, die mit besonders ernster Miene zum Fürsten hintrat. »Und uns allen wollen Sie bitte erlauben, Ihre Zeugen zu sein. Man will Sie mit Schmutz bewerfen, Fürst, sie müssen sich feierlich rechtfertigen, und ich freue mich schon im voraus herzlich für Sie.«

»Auch ich würde wünschen, daß diese garstige Prätention endlich einmal zu Ende käme!« rief die Generalin. »Gib es ihnen ordentlich, Fürst, schone sie nicht! Ich habe schon soviel von dieser Affäre hören müssen, und es ist mir oft genug die Galle übergelaufen. Aber es wird interessant sein, diese Menschen einmal anzusehen. Rufe sie herein, und wir wollen uns wieder hinsetzen. Aglajas Rat war gut. Haben Sie von dieser Angelegenheit etwas gehört, Fürst?« wandte sie sich an Fürst Schtsch.

»Gewiß, ich habe davon gehört, und zwar bei Ihnen. Aber es reizt mich ganz besonders, mir diese jungen Leute anzusehen«, erwiderte Fürst Schtsch.

»Es sind wohl Nihilisten, nicht wahr?«

»Nein, Nihilisten sind sie eigentlich nicht«, sagte Lebedew vortretend; auch er zitterte vor Aufregung, »es ist eine andere, besondere Sorte. Mein Neffe hat mir gesagt, sie gingen weiter als die Nihilisten. Wenn Euer Exzellenz etwa meinen, diese Leute durch Ihre Gegenwart verlegen zu machen, so würde das ein Irrtum sein; die werden nicht verlegen. Die Nihilisten sind doch manchmal kenntnisreiche Leute, sogar gelehrte Leute; aber diese hier gehen weiter, weil sie vor allem materielle Interessen im Auge haben. Es ist das eigentlich eine Folgeerscheinung des Nihilismus, wenn auch keine unmittelbare, sondern nur eine indirekte: sie kennen den Nihilismus nur vom Hörensagen. Diese Leute sprechen sich nicht in einem Zeitungsartikel aus, sondern schreiten sofort zur Tat; es ist zum Beispiel nicht davon die Rede, ob Puschkin sinnlos ist oder ob Rußland in seine Teile zerfallen muß; nein, diese Menschen betrachten es jetzt geradezu als ihr Recht, wenn sie nach etwas Verlangen tragen, vor keinem Hindernis haltzumachen, und wenn sie acht Personen dabei abmurksen müßten. Aber ich würde Ihnen doch nicht raten, Fürst…«

Aber der Fürst ging schon zur Tür, um sie den Besuchern zu öffnen.

»Sie verleumden die Leute, Lebedew«, sagte er lächelnd, »Sie haben sich zu sehr über Ihren Neffen geärgert. Glauben Sie ihm nicht, Lisaweta Prokofjewna! Ich versichere Ihnen: Leute wie Gorskij und Danilow sind nur seltene Ausnahmen; diese Leute hier sind nur… in einem Irrtum befangen. Aber es wäre mir nicht lieb, wenn die Sache hier in Gegenwart aller verhandelt würde. Verzeihen Sie also, Lisaweta Prokofjewna; sie werden hereinkommen, ich werde sie Ihnen zeigen und dann wegführen. Treten Sie näher, meine Herren!«

Was ihn beunruhigte, war mehr ein anderer, ihm peinlicher Gedanke. In seinem Kopf war die Frage aufgetaucht: war nicht vielleicht diese ganze Sache von jemandem künstlich im voraus arrangiert, gerade zu dieser Zeit und Stunde, wo diese Zeugen zugegen waren, und zwar vielleicht arrangiert in der Erwartung, daß sie nicht mit seinem Triumph, sondern mit seiner Beschämung enden werde? Aber er war ganz betrübt über diesen »ungeheuerlichen, schändlichen Argwohn«. Er müßte ja, meinte er, vor Scham in die Erde sinken, wenn jemand erführe, daß er so etwas denke, und in dem Augenblick, als die neuen Besucher eintraten, war er aufrichtig bereit, zu glauben, daß er sittlich auf einem weit niedrigeren Standpunkte stehe als irgendeiner der übrigen Anwesenden.

Es traten fünf Personen ein; vier davon waren die neuen Gäste, und als fünfter folgte ihnen General Iwolgin, ganz ereifert, in Aufregung und in einem starken Anfall von Redelust. ›Der wenigstens ist auf meiner Seite!‹ dachte der Fürst lächelnd. Kolja schlüpfte mit den andern zusammen herein. Er sprach eifrig mit Ippolit, der zu den Ankömmlingen gehörte; Ippolit hörte ihn an und lächelte.

Der Fürst bat die Besucher, Platz zu nehmen. Es waren fast alle noch so jugendliche und sogar minderjährige Leute, daß man sich über den ganzen Vorfall und die dadurch hervorgerufene Aufregung wundern konnte. Namentlich war Iwan Fjodorowitsch Jepantschin, der von dieser »neuen Affäre« nichts wußte und nichts verstand, geradezu empört, als er diese junge Gesellschaft erblickte, und hätte sicherlich irgendwie Einspruch erhoben, wenn ihn nicht der ihm merkwürdig erscheinende Umstand davon zurückgehalten hätte, daß seine Gattin an den Privatangelegenheiten des Fürsten so warmen Anteil nahm. Er blieb übrigens teils aus Neugier, teils aus Gutherzigkeit, sogar in der Hoffnung, helfen und jedenfalls durch seine Autorität von Nutzen sein zu können; aber die Verbeugung, die ihm der eintretende General Iwolgin machte, verstimmte ihn von neuem; er runzelte die Stirn und nahm sich vor, hartnäckig zu schweigen.

Unter den vier Besuchern war übrigens einer der dreißigjährige »Leutnant a. D., der Boxer aus der Rogoshinschen Rotte, der früher selbst jedem Bittsteller fünfzehn Rubel gegeben hatte«. Es lag die Vermutung nahe, daß er die übrigen in der Eigenschaft eines aufrichtigen Freundes begleitete, um ihnen Mut zu machen und nötigenfalls zu unterstützen. Unter den übrigen nahm jener die erste Stelle ein und spielte ganz die erste Rolle, der als »Pawlischtschews Sohn« bezeichnet wurde, obwohl er sich mit dem Namen Antip Burdowskij vorstellte. Es war dies ein junger Mann, ärmlich und schlampig gekleidet, in einem Oberrock, dessen Ärmel so fettig waren, daß sie spiegelten, mit einer unsauberen, bis oben zugeknöpften Weste, ohne alle sichtbare Wäsche, mit einem schwarzseidenen, unglaublich speckigen, zu einem Strick zusammengedrehten Halstuch, ungewaschenen Händen, einem Gesicht, das ganz mit Pickeln besät war, blondem Haar und, wenn man sich so ausdrücken kann, unschuldig-frechem Blick. Er war von kleiner Statur, mager und ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt. Auf seinem Gesicht war nicht die geringste Spur von Ironie oder überhaupt von Denktätigkeit ausgeprägt, sondern nur eine vollständige stumpfe Berauschtheit von dem Bewußtsein, sich im Recht zu befinden, und gleichzeitig ein sonderbarerweise zum steten Bedürfnis gewordenes Gefühl, als sei er beleidigt worden. Er sprach in erregtem Ton, heftig und stockend, einzelne Worte nicht ganz zu Ende bringend, als wäre er ein Stotterer oder gar ein Ausländer, obgleich er übrigens rein russischer Abkunft war.

Es begleiteten ihn erstens der den Lesern bereits bekannte Neffe Lebedews und zweitens Ippolit. Ippolit war ein sehr junger Mensch, etwa siebzehn, vielleicht auch achtzehn Jahre alt, mit einem klugen Gesicht, das aber beständig den Ausdruck der Gereiztheit trug und die schrecklichen Spuren seiner Krankheit zeigte. Er war mager wie ein Skelett, mit blaßgelber Haut; seine Augen funkelten, und auf seinen Backen brannten zwei rote Flecken. Er hustete beständig; jedes Wort, fast jeder Atemzug war von einem Röcheln begleitet. Er befand sich offenbar im höchsten Stadium der Schwindsucht. Es schien, daß er nur noch zwei bis drei Wochen zu leben habe. Er war sehr müde und ließ sich früher als alle andern auf einem Stuhl nieder. Die übrigen genierten sich beim Eintritt ein wenig und waren sogar verlegen; sie blickten jedoch wichtigtuerisch drein und fürchteten offenbar, sich etwas von ihrer Würde zu vergeben. Das stand in seltsamem Widerstreit zu ihrem Ruf als Gegner aller nutzlosen gesellschaftlichen Konventionen, Vorurteile und überhaupt fast aller Dinge auf der Welt mit Ausnahme ihrer eigenen Interessen.

»Antip Burdowskij«, sagte der »Sohn Pawlischtschews« hastig und stockend.

»Wladimir Doktorenko«, stellte sich mit klarer, deutlicher Aussprache Lebedews Neffe vor; es klang, als brüste er sich mit seinem Namen.

»Keller«, murmelte der Leutnant a. D.

»Ippolit Terentjew«, sagte der letzte mit einer Stimme, deren kreischender Ton etwas Überraschendes hatte. Alle hatten endlich in einer Reihe auf Stühlen dem Fürsten gegenüber Platz genommen, zeigten, nachdem sie sich vorgestellt hatten, sofort finstere Gesichter und schoben, um sich Mut zu machen, ihre Mützen von einer Hand in die andere; alle bereiteten sich darauf vor, zu reden, schwiegen aber trotzdem sämtlich; sie schienen auf etwas mit herausfordernder Miene zu warten, in der gleichsam zu lesen war: ›Nein, Bruder, da irrst du dich; du wirst mich nicht übers Ohr hauen!‹ Man hatte das Gefühl, daß jemand zu Anfang nur das erste Wort, nur ein einziges Wort zu sagen brauche, dann würden sie sofort alle zusammen, sich gegenseitig unterbrechend und einander zuvorkommend, zu reden beginnen.

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Kapitel 24

VIII

»Meine Herren, ich habe niemand von Ihnen erwartet«, begann der Fürst, »ich selbst bin bis heute krank gewesen; Ihre Angelegenheit aber« (er wandte sich an Antip Burdowskij) »hatte ich schon vor einem Monat Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin zur Erledigung übergeben, wovon ich Sie gleich damals benachrichtigt habe. Übrigens will ich einer persönlichen Aussprache nicht ausweichen; nur werden Sie selbst zugeben, daß es dazu schon etwas spät am Tage ist… Ich möchte Ihnen vorschlagen, mit mir in ein Zimmer zu gehen, wenn es nicht zu lange dauert… Hier sind jetzt meine Freunde, und seien Sie überzeugt…«

»Freunde… können dabeisein, soviel Sie wollen; aber erlauben Sie«, unterbrach ihn plötzlich in sehr anmaßendem Ton, freilich ohne noch die Stimme besonders zu erheben, Lebedews Neffe, »erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie uns hätten höflicher behandeln können und uns nicht zwei Stunden lang in Ihrer Gesindestube hätten warten zu lassen brauchen…«

»Gewiß… auch ich… Das ist so recht fürstenmäßig! Sie freilich… spielen sich als General auf, aber ich bin nicht Ihr Lakai! Und ich… ich…«, murmelte Antip Burdowskij in großer Aufregung, mit bebenden Lippen; Speicheltröpfchen flogen ihm aus dem Munde; es war, als wenn er jeden Augenblick bersten und platzen wollte. Aber er überhastete sich so, daß nach einem Dutzend Worte nichts mehr zu verstehen war.

»Das war so recht fürstenmäßig!« schrie Ippolit mit seiner kreischenden, rissigen Stimme.

»Wenn mir das passiert wäre«, brummte der Boxer, »das heißt, wenn sich dieses Benehmen direkt gegen mich als anständigen Menschen richtete, dann hätte ich an Burdowskijs Stelle… ja, dann hätte ich…«

»Meine Herren, ich habe erst diesen Augenblick erfahren, daß Sie hier sind, bei Gott!« erwiderte der Fürst.

»Wir fürchten uns nicht vor Ihren Freunden, Fürst, wer es auch immer sein mag, weil wir in unserm Recht sind«, erklärte wieder Lebedews Neffe.

»Gestatten Sie indessen die Frage«, kreischte wieder Ippolit, der aber jetzt schon sehr hitzig geworden war, »welches Recht haben Sie, Burdowskijs Angelegenheit dem Urteil Ihrer Freunde zu unterbreiten? Wir wünschen vielleicht gar nicht, daß Ihre Freunde darüber urteilen; es ist nur zu klar, was das Urteil ihrer Freunde für einen Wert hat!…«

»Aber wenn Sie, Herr Burdowskij, hier nicht zu sprechen wünschen«, sagte der Fürst, als es ihm endlich gelang, zu Worte zu kommen – er war über diesen Anfang des Gespräches außerordentlich erstaunt –, »so lassen Sie uns, wie schon gesagt, gleich in ein Zimmer gehen. Davon aber, daß Sie alle hier sind, habe ich, wie ich Ihnen nochmals bemerke, erst in diesem Augenblick gehört…«

»Aber Sie haben kein Recht, Sie haben kein Recht, Sie haben kein Recht!… Ihre Freunde… Da!…« stotterte Burdowskij von neuem. Er sah scheu und ängstlich um sich und ereiferte sich immer mehr, je mehr sein Selbstvertrauen sank und seine Furcht wuchs. »Sie haben kein Recht.« Nachdem er das gesagt hatte, brach er ganz plötzlich ab, als ob er nichts weiter wüßte, und stumm seine kurzsichtigen, stark hervorstehenden, mit dicken, roten Äderchen durchzogenen Augen aufreißend, starrte er, mit dem ganzen Oberkörper vornübergebeugt, den Fürsten an. Diesmal war der Fürst so verwundert, daß auch er verstummte und ihn gleichfalls mit weitgeöffneten Augen, ohne ein Wort zu sagen, ansah.

»Lew Nikolajewitsch!« rief auf einmal Lisaweta Prokofjewna. »Lies doch dies hier gleich einmal vor, augenblicklich! Das hat auf deine Angelegenheit unmittelbaren Bezug!«

Sie hielt ihm eilig eine humoristische Wochenschrift hin und wies mit dem Finger auf einen Artikel. Lebedew war in dem Augenblick, als die neuen Gäste noch im Hereinkommen begriffen waren, von der Seite zu Lisaweta Prokofjewna herangesprungen, um deren Gunst er sich sehr bemühte, hatte, ohne ein Wort zu sagen, aus der Seitentasche seines Rockes diese Zeitschrift herausgezogen, sie ihr gerade vor die Augen gehalten und auf eine angestrichene Spalte hingezeigt. Durch das, was Lisaweta Prokofjewna bereits davon gelesen hatte, war sie in gewaltige Verwunderung und Entrüstung versetzt worden.

»Wäre es aber nicht besser, es nicht laut zu lesen«, stammelte der Fürst sehr verlegen, »ich würde es lieber für mich allein lesen … später…«

»Dann lies du es lieber vor, sofort, laut! Laut!« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Kolja und riß dem Fürsten die Zeitschrift, die er noch kaum berührt hatte, ungeduldig aus den Händen. »Lies es allen laut vor, damit es jeder hört!«

Lisaweta Prokofjewna war eine heißblütige, leidenschaftliche Dame, so daß sie manchmal plötzlich, ohne lange zu überlegen, alle Anker lichtete und, unbekümmert um das Wetter, aufs hohe Meer hinausfuhr. Iwan Fjodorowitsch bewegte sich unruhig hin und her. Aber während alle im ersten Augenblick unwillkürlich starr waren und verwundert warteten, was da kommen werde, hatte Kolja die Zeitschrift auseinandergeschlagen und begann nun, laut von der Stelle an zu lesen, die ihm der hinzuspringende Lebedew zeigte:

»Proletarier und Nachfahren. Eine Episode aus dem täglichen und alltäglichen Räuberwesen. Fortschritt! Reform! Gerechtigkeit!

Seltsame Dinge kommen in unserem sogenannten heiligen Rußland vor, im Zeitalter der Reformen und unternehmungslustigen Aktiengesellschaften, im Zeitalter des Nationalgefühls und der jährlichen Ausfuhr Hunderter von Millionen ins Ausland, im Zeitalter der Förderung der Industrie und der Lähmung der Arbeiterhände und so weiter und so weiter; man kann nicht alles aufzählen, meine Herren, daher kommen wir sofort zur Sache. Es hat sich eine sonderbare Geschichte zugetragen mit einem der Sprößlinge unseres ehemaligen Gutsherrnstandes (de profundis!), einem jener Sprößlinge, deren Großväter ihr Vermögen beim Roulette verspielten, deren Väter sich daher genötigt sahen, als Fähnriche und Leutnants zu dienen, und gewöhnlich im Anklagezustand wegen irgendeines harmlosen Defizits bei den Staatsgeldern starben und deren Kinder dann wie der Held unserer Erzählung entweder als Idioten aufwachsen oder sogar in Kriminaläffären hineingeraten (bei denen sie übrigens zum Zweck ihrer Besserung und zur Erbauung anderer von den Geschworenen freigesprochen zu werden pflegen) oder endlich zu guter Letzt eine jener Geschichten loslassen, die das Publikum in Erstaunen versetzen und unserem an sich schon hinreichend schmählichen Verwandter seiner Mutter (die natürlich aus dem Kaufmannsstand stammte), ein alter, kinderloser, alleinstehender, langbärtiger Kaufmann und Sektierer, und hinterließ eine Erbschaft von mehreren Millionen, unanfechtbar, abgerundet, alles in bar, die (ja, das wäre etwas für mich und Sie, lieber Leser!) in ihrem ganzen Betrag unserem jungen Adelssprößling zufiel, der sich in der Schweiz hatte von der Idiotie kurieren lassen! Na, nun klang die Musik natürlich anders. Um unseren Baron in Gamaschen, der schon angefangen hatte, einer bekannten, von einem andern ausgehaltenen Schönheit den Hof zu machen, sammelte sich auf einmal ein ganzer Schwarm von Freunden; es fanden sich auch Verwandte ein und vor allem ganze Scharen vornehmer Mädchen, die danach schmachteten, mit ihm in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Und was konnte man sich auch Besseres denken: ein Aristokrat, ein Millionär, ein Idiot, also alle Vorzüge vereint; einen solchen Mann kann man nicht einmal mit der Laterne finden oder auf Bestellung geliefert bekommen!…«

»Das… das übersteigt ja alles!« rief Iwan Fjodorowitsch in höchster Entrüstung.

»Hören Sie auf, Kolja!« rief der Fürst in flehendem Tone. Von allen Seiten erschollen verschiedene Ausrufe.

»Weiterlesen! Unter allen Umständen weiterlesen!« verlangte Lisaweta Prokofjewna auf das allerbestimmteste; sie beherrschte sich augenscheinlich nur mit größter Anstrengung. »Fürst, wenn du ihm das Weiterlesen verbietest, bekommst du es mit mir zu tun!«

Es war nichts zu machen: mit heißem Gesicht, geröteten Wangen und einer Stimme, die vor Aufregung zitterte, las Kolja weiter.

»Aber während unser neugebackener Millionär sozusagen im Schoße des Glückes saß, geschah etwas von einer Seite her, von der es niemand erwartet hatte. Eines schönen Morgens erscheint bei ihm ein Besucher, mit ruhigem, ernstem Gesicht, mit höflicher, aber würdiger und rechtschaffener Redeweise, bescheiden und anständig gekleidet, in seiner Denkart offenbar der fortschrittlichen Richtung angehörend, und erklärt ihm in wenigen Worten den Grund seines Kommens: er ist ein bekannter Advokat; er folgendes gesagt hat: ›Ich habe mein ganzes Leben lang von P. alle erdenklichen Wohltaten genossen, für meinen Unterhalt und meine Erziehung, für Gouvernanten und dann in der Schweiz für die Heilung von der Idiotie sind viele, viele Tausende draufgegangen, und da besitze ich nun Millionen, während P.s edeldenkender Sohn, der an den Fehltritten seines leichtsinnigen, vergeßlichen Vaters keinerlei Schuld trägt, sich mit Privatstunden zu Tode quält. Alles, was für mich aufgewandt ist, hätte gerechterweise für ihn aufgewandt werden müssen. Die für mich ausgegebenen gewaltigen Summen kamen mir in Wirklichkeit nicht zu. Es war nur ein Irrtum der blinden Fortuna; sie gehörten eigentlich dem Sohne P.s Für ihn hätten sie verbraucht werden sollen, nicht für mich – die Ausgeburt einer phantastischen Laune des leichtsinnigen, vergeßlichen P. Wenn ich im vollen Sinne ein edler, feinfühliger, gerechter Mensch wäre, so müßte ich seinem Sohn die Hälfte meiner ganzen Erbschaft abgeben; da ich aber vor allen Dingen ein berechnender Mensch bin und recht gut weiß, daß die Sache nicht einklagbar ist, werde ich ihm die Hälfte meiner Millionen nicht geben. Aber allerdings würde es von meiner Seite gar zu gemein und schamlos sein‘ (der Adelssprößling vergaß, daß es auch nicht vorteilhaft sein würde), ›wenn ich dem Sohn P.s jetzt nicht wenigstens die Tausende zurückerstattete, die P. für die Heilung meiner Idiotie ausgegeben hat. Das ist lediglich eine Forderung des Gewissens und der Gerechtigkeit! Denn was wäre aus mir geworden, wenn P. mich nicht aufgezogen, sondern statt dessen sich um seinen Sohn bekümmert hätte?‹

Aber nein, meine Herren! Unsere Adelssprößlinge denken nicht so. Was für Vorstellungen ihm auch der Advokat machte, der die mühevolle Vertretung der Sache des jungen Mannes einzig und allein aus Freundschaft zu diesem und fast wider dessen Willen, fast gewaltsam übernommen hatte, wie sehr er ihn auch auf die Pflichten der Ehre, des Anstands und der Gerechtigkeit, ja sogar auf die Gebote der gewöhnlichen Klugheit hinwies, der Schweizer Zögling blieb unerbittlich, und was tat er? Alles Bisherige wäre noch nichts, aber nun kommt etwas, was wirklich unverzeihlich und durch keine interessante Krankheit zu entschuldigen ist: dieser Millionär, der kaum die Gamaschen seines Professors ausgezogen hatte, konnte nicht einmal so viel kapieren, daß der edeldenkende junge Mann, der sich mit Privatstunden quälte, ihn nicht um ein Almosen und eine Unterstützung bat, sondern sein Recht forderte, das verlangte, was ihm zustand, wenn auch nicht im gerichtlichen Sinne, und ebensowenig wußte der Millionär es zu würdigen, daß der junge Mann seine Ansprüche nicht persönlich erhob, sondern nur seine Freunde für ihn eintraten. Mit majestätischer Miene, berauscht von der ihm durch seine Millionen zugefallenen Macht, andere Menschen ungestraft niederzutreten, zieht unser Adelssprößling einen Fünfzigrubelschein heraus und ist frech genug, ihn dem edeldenkenden jungen Mann als Almosen zu schicken. Sie glauben es nicht, meine Herren? Sie sind empört, beleidigt und stoßen einen Schrei der Entrüstung aus: aber er hat es getan, trotz alledem! Selbstverständlich wurde ihm das Geld sogleich zurückgeschickt, sozusagen ihm ins Gesicht zurückgeschleudert. Wie soll nun die Sache geregelt werden? Gerichtlich verfolgen läßt sie sich nicht, es bleibt nur der Weg der Öffentlichkeit! Wir übergeben daher dieses Geschichtchen dem Publikum, indem wir uns für seine Richtigkeit verbürgen. Man sagt, einer unserer bekanntesten Humoristen habe darüber ein reizendes Epigramm verfaßt, das nicht nur in den provinziellen, sondern auch in den hauptstädtischen Sittenschilderungen eine Stelle zu finden verdiene:

In ’nem Mäntelchen von
Spielte fünf Jahr herum;
Unterdessen wurde leider
Nichts aus seinem Studium.
Heimgekehrt drauf in Gamaschen,
Erbt‘ er glücklich ’ne Million
Und bestahl trotz voller Taschen
Einen armen Musensohn.

Als Kolja geendet hatte, reichte er die Zeitschrift eiligst dem Fürsten hin, stürzte, ohne ein Wort zu sagen, in eine Ecke, verkroch sich ganz tief hinein und verbarg das Gesicht in den Händen. Er schämte sich unsäglich, und sein kindliches, an Schmutz noch nicht gewöhntes Empfinden war maßlos verletzt. Es schien ihm, als sei etwas ganz Ungewöhnliches vorgegangen, als sei alles Bestehende dadurch auf einmal niedergerissen und als sei er selbst beinah mit daran schuld, schon allein dadurch, daß er es laut vorgelesen hatte.

Aber auch alle übrigen schienen ähnliches zu empfinden.

Die jungen Mädchen fühlten sich sehr unbehaglich und schämten sich. Lisaweta Prokofjewna hielt ihren heftigen Zorn gewaltsam zurück und bereute es wohl bitter, sich in die Sache eingelassen zu haben; jetzt schwieg sie. Mit dem Fürsten ging das vor, was allzu schüchternen Menschen in solchen Fällen zu begegnen pflegt: er schämte sich dermaßen über das Benehmen anderer, nämlich seiner Gäste, daß er sich im ersten Augenblick fürchtete, sie auch nur anzusehen. Ptizyn, Warja, Ganja, sogar Lebedew, alle machten etwas verlegene Gesichter. Das sonderbarste war, daß Ippolit und »Pawlischtschews Sohn« ebenfalls erstaunt zu sein schienen; auch Lebedews Neffe war offenbar unzufrieden. Nur der Boxer saß ganz ruhig da und drehte mit würdevoller Miene seinen Schnurrbart; die Augen hielt er niedergeschlagen, aber nicht aus Verlegenheit; im Gegenteil, es schien, als tue er es aus edler Bescheidenheit und um sein Triumphgefühl nicht allzu sichtbar werden zu lassen. An allem konnte man merken, daß der Artikel ihm sehr gut gefiel.

»Weiß der Teufel, was das bedeuten soll«, brummte Iwan Fjodorowitsch halblaut. »Das ist ja, als hätten fünfzig Lakaien sich zusammengetan und das abgefaßt.«

»Gestatten Sie die Frage, mein Herr, wie Sie es wagen können, uns durch solche Vermutungen zu beleidigen?« fragte Ippolit, am ganzen Leibe zitternd.

»Das, das, das ist für einen anständigen Menschen… sagen Sie selbst, General, wenn ein anständiger Mensch… so ist das doch verletzend!« brummte der Boxer, der gleichfalls auf einmal zusammenfuhr, seinen Schnurrbart drehte und mit den Schultern und dem ganzen Oberkörper zuckte.

»Erstens bin ich für Sie nicht ›mein Herr‹, und zweitens beabsichtige ich Ihnen keinerlei Erklärungen zu geben«, erwiderte der höchst ergrimmte Iwan Fjodorowitsch in scharfem Ton, stand auf, ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, zum Ausgang der Veranda und stellte sich dort auf die oberste Stufe hin, den Anwesenden den Rücken zuwendend. Er war höchst empört über Lisaweta Prokofjewna, die auch jetzt noch nicht daran dachte, sich vom Fleck zu rühren.

»Meine Herren, meine Herren, gestatten Sie mir doch endlich, etwas zu sagen, meine Herren!« rief der Fürst bekümmert und aufgeregt, »und tun Sie mir den Gefallen, lassen Sie uns so miteinander reden, daß wir uns gegenseitig verstehen! Auf den Artikel will ich nicht weiter eingehen, meine Herren, nur ist ja alles, was in dem Artikel gedruckt ist, unwahr, meine Herren! Ich darf Ihnen das sagen, weil Sie es selbst wissen; man muß sich geradezu schämen. Ich würde daher sehr verwundert sein, wenn einer von Ihnen das geschrieben haben sollte.«

»Ich habe von dem Artikel bis auf diesen Augenblick nichts gewußt«, erklärte Ippolit. »Ich billige ihn nicht.«

»Ich habe zwar gewußt, daß er geschrieben war, aber … ich hätte ebenfalls nicht dazu geraten, ihn zu drucken, weil es noch zu früh ist«, fügte Lebedews Neffe hinzu.

»Ich habe es gewußt, aber ich habe ein Recht… ich…«, murmelte »Pawlischtschews Sohn«.

»Wie! Sie selbst haben das alles verfaßt?« fragte der Fürst, indem er Burdowskij gespannt anblickte. »Aber das ist doch ganz unmöglich!«

»Man kann Ihnen das Recht zu solchen Fragen absprechen«, mischte sich Lebedews Neffe hinein.

»Ich habe mich ja nur gewundert, daß Herr Burdowskij das fertiggebracht hat… aber… ich möchte doch eines bemerken: wenn Sie diese Sache schon der Öffentlichkeit übergeben haben, warum fühlten Sie sich denn dann vorhin so beleidigt, als ich in Gegenwart meiner Freunde von eben dieser Sache zu reden anfing?«

»Endlich!« murmelte Lisaweta Prokofjewna ärgerlich.

»Und Sie haben sogar noch vergessen, Fürst«, bemerkte, plötzlich zwischen den Stühlen hervorschlüpfend, Lebedew, der sich nicht länger beherrschen konnte und beinah fieberte, »Sie haben noch vergessen, daß nur Ihr guter Wille und Ihre beispiellose Herzensgüte Sie veranlaßt haben, diese Herren da zu empfangen und anzuhören, und daß sie keinerlei Recht haben, solche Forderungen zu stellen, um so weniger, als Sie jene Angelegenheit schon an Gawrila Ardalionowitsch zur Erledigung abgegeben haben, ebenfalls infolge Ihrer außerordentlichen Güte. Jetzt aber, durchlauchtigster Fürst, wo Sie sich inmitten Ihrer auserlesenen Freunde befinden, dürfen Sie auf diese Gesellschaft nicht um dieser Herren willen verzichten; Sie könnten allen diesen Herren ohne weiteres die Tür weisen, worüber ich als Besitzer dieses Hauses mich sogar außerordentlich freuen würde…«

»Vollkommen richtig!« erscholl auf einmal aus dem Hintergrund General Iwolgins dröhnende Stimme.

»Genug, Lebedew, genug, genug…«, begann der Fürst, aber ein ganzer Sturm unwilliger Ausrufe übertönte seine Worte.

»Nein, entschuldigen Sie, Fürst, entschuldigen Sie, jetzt darf es nicht damit genug sein!« überschrie Lebedews Neffe alle übrigen. »Jetzt muß die Sache klar und bestimmt festgestellt werden, da sie offenbar nicht richtig verstanden wird. Es sind hier juristische Finten hineingebracht worden, und auf Grund dieser Finten droht man, uns zur Tür hinauszuwerfen! Meinen Sie denn wirklich, Fürst, daß wir so dumm wären, nicht selbst zu verstehen, daß unsere Sache sich nicht gerichtlich verfolgen läßt, und daß wir vom juristischen Standpunkt aus nicht berechtigt sind, auch nur einen Rubel von Ihnen zu verlangen? Aber wir sagen uns, daß, wenn hier auch kein juristisches Recht vorliegt, dafür doch ein menschliches, natürliches Recht vorhanden ist, ein Recht des gesunden Menschenverstandes und der Stimme des Gewissens, und daß, wenn auch dieses unser Recht in keinem vermoderten menschlichen Kodex geschrieben steht, doch ein anständiger, ehrenhafter Mensch, was ganz dasselbe ist wie ein vernünftig denkender Mensch, verpflichtet ist, auch in denjenigen Fällen anständig und ehrenhaft zu bleiben, die im Kodex nicht verzeichnet stehen. Darum sind wir hierhergekommen, ohne zu fürchten, daß man (womit Sie soeben gedroht haben) uns aus der Tür werfen werde, weil wir nicht bitten, sondern fordern und weil unser Besuch zu so wagen! Sie können das tun, Sie haben die Macht dazu. Aber vergessen Sie nicht, daß wir trotzdem fordern und nicht bitten! Wir fordern, wir bitten nicht.«

Lebedews Neffe, der sehr hitzig geworden war, hielt inne.

»Wir fordern, wir fordern, wir fordern, wir bitten nicht!…«, stammelte Burdowskij und wurde rot wie ein Krebs.

Den Worten von Lebedews Neffen folgte eine gewisse allgemeine Bewegung, und es wurde sogar ein Gemurr hörbar, obwohl alle Mitglieder der Gesellschaft es offenbar vermieden, sich in die Sache einzumischen, ausgenommen vielleicht nur Lebedew, der sich wie im Fieber befand. (Es war merkwürdig: Lebedew, der doch augenscheinlich auf seiten des Fürsten stand, empfand jetzt nach der Rede seines Neffen doch eine Art befriedigten Familienstolzes; wenigstens ließ er mit einer Miene besonderer Genugtuung seinen Blick rings über die Anwesenden schweifen.)

»Meiner Ansicht nach«, begann der Fürst mit ziemlich leiser Stimme, »meiner Ansicht nach haben Sie, Herr Doktorenko, in allem, was Sie soeben gesagt haben, zur Hälfte vollkommen recht; ich will sogar zugeben, daß es die bei weitem größere Hälfte ist, und ich würde mit Ihnen vollkommen einverstanden sein, wenn Sie nicht in Ihrer Äußerung etwas weggelassen hätten. Was Sie da eigentlich weggelassen haben, das Ihnen genau anzugeben, bin ich nicht in der Lage; aber es fehlt natürlich etwas, damit Ihre Worte in vollem Umfang als gerecht gelten könnten. Aber wenden wir uns lieber zur Sache, meine Herren; sagen Sie doch: warum haben Sie diesen Artikel drucken lassen? Jedes Wort darin ist ja eine Verleumdung, so daß Sie, meine Herren, meiner Ansicht nach eine Gemeinheit begangen haben.«

»Erlauben Sie!…«

»Mein Herr!…«

»Das… das… das…«, tönte es gleichzeitig aus dem Munde der erregten Besucher.

»Was den Artikel anlangt«, erwiderte Ippolit mit seiner kreischenden Stimme, »was diesen Artikel anlangt, so habe ich Ihnen bereits gesagt, daß ich und die andern ihn nicht billigen! Geschrieben hat ihn der hier.« (Er wies auf den neben ihm sitzenden Boxer.) »Ich gebe zu, daß der Artikel in unschicklicher Form, mit mangelhafter Beherrschung der Sprache und in einem Stil geschrieben ist, wie ihn eben ehemalige Militärs von seiner Art gebrauchen. Er ist ein dummer Mensch und geht obendrein immer auf Gelderwerb aus, das gebe ich zu, das sage ich ihm alle Tage gerade ins Gesicht; aber trotzdem war er zur Hälfte im Recht: die Öffentlichkeit ist das gesetzliche Recht eines jeden, folglich auch Burdowskijs. Seine Abgeschmacktheiten aber mag er selbst verantworten. Was aber das anbetrifft, daß ich vorhin in unser aller Namen gegen die Anwesenheit Ihrer Freunde Protest einlegte, so erachte ich es für nötig, Ihnen, meine Herrschaften, zu bemerken, daß dieser Protest lediglich bezweckte, unser Recht zu wahren, daß uns aber im Grunde die Anwesenheit von Zeugen sogar erwünscht ist und daß wir vorhin, noch ehe wir hereinkamen, alle vier darin einer Meinung waren. Mögen diese Zeugen sein, wer sie wollen, sogar ihre Freunde; aber da sie nicht umhinkönnen werden, Burdowskijs Recht anzuerkennen (denn es ist so sicher wie ein mathematischer Lehrsatz), so ist es sogar am besten, wenn diese Zeugen Ihre Freunde sind; um so deutlicher wird die Wahrheit ans Licht treten.«

»Das ist richtig, wir sind damit einverstanden gewesen«, bestätigte Lebedews Neffe.

»Warum machten Sie denn dann vorhin gleich bei den ersten Worten ein solches Geschrei und einen solchen Lärm, wenn Ihnen das selbst erwünscht war?« fragte der Fürst erstaunt.

»Was diesen Artikel betrifft, Fürst«, griff nun der Boxer in die Debatte ein, der den dringenden Wunsch hatte, zu Wort zu kommen, und sich in einer angenehmen Erregung befand (man konnte vermuten, daß die Anwesenheit der Damen stark auf ihn wirkte), »was diesen Artikel betrifft, so bekenne ich, daß ich tatsächlich der Verfasser bin, obwohl mein kränklicher Freund, dem ich in Anbetracht seines Schwächezustandes vieles zugute zu halten pflege, ihn soeben scharf kritisiert hat. Aber ich habe ihn verfaßt und ihn in dem Journal eines guten Freundes in Form einer Zuschrift drucken lassen. Nur die Verse sind nicht von mir, sondern stammen tatsächlich aus der Feder eines bekannten Humoristen. Meinem Freund Burdowskij habe ich den Artikel nur vorgelesen, und zwar nicht vollständig, und habe sogleich von ihm seine Einwilligung zum Druck erhalten; indes werden Sie selbst zugeben müssen, daß ich ihn auch ohne seine Einwilligung hätte drucken lassen können. Die Öffentlichkeit ist ein allgemeines, edles, wohltätiges Recht. Ich hoffe, daß Sie selbst, Fürst, fortschrittlich genug denken, um dies nicht in Abrede zu stellen…«

»Ich werde das nicht in Abrede stellen, aber Sie müssen selbst sagen, daß in Ihrem Artikel…«

»Sie wollen sagen: er ist etwas scharf gehalten? Aber es handelt sich hier, wie Sie werden zugeben müssen, sozusagen um das Gemeinwohl, und kann man denn schließlich eine so ausgezeichnete Gelegenheit ungenutzt lassen? Schlimm für die Schuldigen, aber das Gemeinwohl geht über alles. Was einige Ungenauigkeiten, sozusagen Hyperbeln anlangt, so werden Sie auch hier zugeben müssen, daß das wichtigste der leitende Gedanke ist, der Zweck und die Absicht. Wichtig ist, daß ein Einzelfall als wohltätig wirkendes Beispiel benutzt wird; um Privatinteressen können wir uns erst in zweiter Linie kümmern. Und schließlich handelt es sich hier um den Stil; es ist dies sozusagen eine humoristische Aufgabe. Und schließlich… schreiben doch alle so, wie Sie selbst werden zugeben müssen! Haha!«

»Aber ich muß sagen: Sie haben da doch einen ganz wahrheitswidrigen Weg eingeschlagen, meine Herren!« rief der Fürst. »Sie haben den Artikel in der Voraussetzung drucken lassen, ich würde mich um keinen Preis dazu bereit finden, Herrn Burdowskij zufriedenzustellen, und Sie müßten mir darum einen Schreck einjagen und an mir Ihr Mütchen kühlen. Aber woher wußten Sie denn das? Ich habe mich vielleicht dafür entschieden, Herrn Burdowskij zufriedenzustellen. Ich sage Ihnen jetzt geradeheraus und vor all diesen Zeugen, daß ich ihn zufriedenstellen werde…«

»Nun, das ist endlich ein verständiges, edles Wort eines verständigen, edlen Menschen!« erklärte der Boxer.

»O Gott!« rief Lisaweta Prokofjewna unwillkürlich.

»Das ist nicht mehr zu ertragen«, murmelte der General.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie, ich werde Ihnen die Sache auseinandersetzen«, bat der Fürst. »Vor fünf Wochen erschien bei mir in S. ein Herr Tschebarow, Ihr Bevollmächtigter und Vertreter, Herr Burdowskij. Sie haben in Ihrem Artikel eine sehr schmeichelhafte Schilderung von ihm gegeben, Herr Keller«, wandte sich der Fürst, auf einmal auflachend, an den Boxer, »aber mir gefiel er ganz und gar nicht. Mir war gleich bei der ersten Begegnung klar, daß dieser Tschebarow die Haupttriebfeder bei der ganzen Angelegenheit und wohl derjenige ist, der Sie, Herr Burdowskij, unter Ausnutzung Ihrer Naivität zu diesem ganzen Vorgehen angestiftet hat, wenn ich offen reden soll.«

»Sie haben kein Recht… ich… bin nicht naiv… das…«, stotterte Burdowskij aufgeregt.

»Sie haben keinerlei Berechtigung, solche Vermutungen auszusprechen«, fügte, für ihn eintretend, Lebedews Neffe hinzu.

»Das ist im höchsten Grade beleidigend!« kreischte Ippolit. »Eine beleidigende, lügenhafte Vermutung, die gar nicht zur Sache gehört.«

»Verzeihung, meine Herren, Verzeihung!« entschuldigte sich der Fürst eilig. »Bitte, verzeihen Sie! Ich habe es nur deswegen gesagt, weil ich meinte, es würde wohl das beste sein, wenn wir gegeneinander völlig aufrichtig wären; aber wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen! Ich sagte zu Herrn Tschebarow, da ich nicht in Petersburg sei, so würde ich unverzüglich einem Freund zur Erledigung der Angelegenheit Vollmacht erteilen und Sie, Herr Burdowskij, davon benachrichtigen. Ich sage Ihnen geradeheraus, meine Herren, daß mir diese Sache als eine arge Gaunerei erschien, eben deshalb, weil dieser Tschebarow dabei beteiligt war… Oh, fühlen Sie sich nicht beleidigt, meine Herren! Um Gottes willen, fühlen Sie sich nicht beleidigt!« rief der Fürst erschrocken, da er sah, daß Burdowskij wieder eine gekränkte, empörte Miene machte und seine Freunde sich anschickten, aufgeregt zu protestieren. »Es kann sich doch nicht auf Sie persönlich beziehen, wenn ich sage, daß ich die Sache für eine Gaunerei hielt! Ich kannte ja damals niemand von Ihnen persönlich, nicht einmal Ihre Namen, ich urteilte nur nach dem Eindruck, den mir Tschebarow machte; ich sage das überhaupt, weil… wenn Sie wüßten, wie schrecklich ich betrogen worden bin, seitdem ich die Erbschaft gemacht habe!«

»Fürst, Sie sind furchtbar naiv«, bemerkte Lebedews Neffe spöttisch.

»Und dabei ein Fürst und ein Millionär! Trotz Ihres vielleicht wirklich guten, schlichten Herzens können Sie dem allgemeinen Gesetz natürlich doch nicht entgehen«, äußerte Ippolit.

»Möglich, sehr möglich, meine Herren«, erwiderte der Fürst rasch, »obwohl ich nicht verstehe, von welchem allgemeinen Gesetz Sie reden. Aber ich fahre fort; fühlen Sie sich nur nicht so ganz ohne Grund beleidigt; ich schwöre Ihnen, die Absicht, Sie zu kränken, liegt mir absolut fern. Und in der Tat, was soll denn das bedeuten, meine Herren: man kann ja kein einziges offenes Wort sagen, gleich fühlen Sie sich beleidigt! Erstens also war ich höchst erstaunt, daß ein ›Sohn Pawlischtschews‹ existierte, und zwar in so schrecklicher Lage, wie sie mir Tschebarow schilderte. Pawlischtschew ist mein Wohltäter gewesen und der Freund meines Vaters. (Ach, warum haben Sie in Ihrem Artikel eine solche Unwahrheit über meinen Vater geschrieben, Herr Keller? Er hat sich keine Veruntreuung von Kompaniegeldern und keine ungerechte Behandlung Untergebener zuschulden kommen lassen, davon bin ich fest überzeugt; wie vermochte Ihre Hand eine solche Verleumdung niederzuschreiben?) Und das, was Sie über Pawlischtschew geschrieben haben, ist doch geradezu unerhört: Sie nennen diesen edelsten aller Menschen einen Lüstling, einen Leichtsinnigen und tun das mit einer Kühnheit und Sicherheit, als ob Sie wirklich die Wahrheit sagten, und dabei war er der sittenreinste Mensch, der je auf der Welt gelebt hat! Er war sogar ein sehr achtbarer Gelehrter, stand mit vielen in der Wissenschaft hochangesehenen Männern in Briefwechsel und gab viel Geld zur Förderung wissenschaftlicher Zwecke aus. Was aber sein Herz und seine guten Taten anlangt, oh, da haben Sie allerdings ganz richtig geschrieben, daß ich damals beinah ein Idiot war und nichts richtig verstehen konnte (obwohl ich doch Russisch zu sprechen und zu verstehen imstande war); aber alles, woran ich mich jetzt erinnere, vermag ich doch ganz gut in seinem Wert zu beurteilen…«

»Erlauben Sie«, kreischte Ippolit, »wird das nicht allzu gefühlvoll werden? Wir sind keine Kinder. Sie wollten direkt zur Sache kommen; es ist bald zehn Uhr, vergessen Sie das nicht!«

»Schön, schön, meine Herren!« stimmte ihm der Fürst sogleich bei. »Nach der ersten Regung von Mißtrauen sagte ich mir, daß ich mich doch irren könne und daß Pawlischtschew vielleicht wirklich einen Sohn habe. Aber in großes Erstaunen versetzte mich der Umstand, daß dieser Sohn das Geheimnis seiner Geburt so leichtfertig, das heißt, ich will sagen, so öffentlich preisgibt, und vor allem, daß er seine Mutter verunglimpft. Schon damals nämlich suchte mich Tschebarow durch den Hinweis auf eine Veröffentlichung einzuschüchtern…«

»Was für eine Dummheit!« rief Lebedews Neffe.

»Sie haben kein Recht… Sie haben kein Recht!« schrie Burdowskij.

»Der Sohn ist für die Liederlichkeit seines Vaters nicht verantwortlich, und die Mutter trägt keine Schuld«, kreischte Ippolit sehr erregt.

»Um so mehr verdiente sie geschont zu werden, möchte man meinen«, erwiderte der Fürst schüchtern.

»Sie sind nicht nur naiv, Fürst, sondern vielleicht noch etwas mehr«, bemerkte Lebedews Neffe mit boshaftem Lächeln.

»Und welches Recht hatten Sie…«, kreischte Ippolit mit ganz unnatürlicher Stimme.

»Keines, keines!« unterbrach ihn der Fürst eilig. »Darin haben Sie recht, das erkenne ich an; aber jener Gedanke war mir damals ganz unwillkürlich gekommen, und ich sagte mir darauf sogleich selbst, daß meine persönlichen Gefühle keinen Einfluß auf die Behandlung der Sache haben dürften, denn wenn ich aus Dankbarkeit gegen Pawlischtschew die Verpflichtung anerkennen wolle, Herrn Burdowskijs Forderungen zu befriedigen, so müsse ich sie eben in jedem Falle befriedigen, das heißt ohne Rücksicht darauf, ob ich gegen Herrn Burdowskij von Hochachtung erfüllt sei oder nicht. Ich habe hiervon nur deswegen zu reden begonnen, meine Herren, weil es mir doch unnatürlich schien, daß ein Sohn das Geheimnis seiner Mutter so vor aller Öffentlichkeit kundgibt… Mit einem Wort: dies war der Hauptgrund, weswegen ich zu der Überzeugung gelangte, dieser Tschebarow müsse eine Kanaille sein und habe Herrn Burdowskij durch Betrug zu dieser Gaunerei aufgehetzt.«

»Aber das ist ja nicht mehr zum Aushalten!« wurde von Seiten der Gäste gerufen, von denen einige sogar von ihren Stühlen aufsprangen.

»Meine Herren! Ich sagte mir daher, der unglückliche Herr Burdowskij müsse ein einfältiger, schutzloser Mensch sein, der sich leicht einem beliebigen Gauner fügt, und ich sei mithin um so mehr verpflichtet, ihm als dem ›Sohn Pawlischtschews‹ zu helfen, und zwar erstens dadurch, daß ich Herrn Tschebarow entgegentrat, zweitens durch meine Ergebenheit und Freundschaft, indem ich ihn zu leiten suchte, und drittens durch Auszahlung von zehntausend Rubeln, das heißt der ganzen Summe, die nach meiner Berechnung Pawlischtschew für mich aufgewendet haben dürfte.«

»Wie? Nur zehntausend Rubel?« schrie Ippolit.

»Na, im Rechnen sind Sie nicht sehr stark, Fürst, oder vielleicht auch sehr stark, obwohl Sie sich so naiv und harmlos stellen!« rief Lebedews Neffe.

»Ich gehe auf zehntausend nicht ein«, sagte Burdowskij.

»Antip, nimm es an!« riet ihm der Boxer schnell, zwar flüsternd, aber doch für alle vernehmlich, indem er sich über Ippolits Stuhllehne hinweg von hinten zu ihm hinbeugte. »Nimm es an, nachher werden wir weiter sehen!«

»Hören Sie mal, Herr Myschkin«, kreischte Ippolit, »begreifen Sie doch endlich, daß wir keine Dummköpfe sind, keine gemeinen Dummköpfe, wie es wahrscheinlich alle Ihre Gäste von uns glauben, auch diese Damen, die so entrüstet über uns lächeln, und besonders dieser noble Herr« (er wies auf Jewgenij Pawlowitsch), »den ich natürlich nicht die Ehre habe zu kennen, von dem ich aber wohl schon etwas gehört habe…«

»Erlauben Sie, erlauben Sie, meine Herren, Sie haben mich wieder nicht recht verstanden!« wandte sich der Fürst erregt an sie. »Erstens haben Sie, Herr Keller, in Ihrem Artikel mein Vermögen ganz ungenau angegeben: ich habe keine Millionen erhalten, ich besitze vielleicht nur ein Achtel oder ein Zehntel dessen, was Sie bei mir voraussetzen; zweitens sind in der Schweiz gar nicht so enorme Summen für mich ausgegeben worden: Schneider erhielt sechshundert Rubel jährlich und auch das nur in den ersten drei Jahren; auch hat Pawlischtschew niemals hübsche Gouvernanten aus Paris geholt, das ist wieder Verleumdung. Meines Erachtens beträgt der für mich gemachte Aufwand erheblich weniger als zehntausend Rubel. Aber doch habe ich diese Summe angesetzt, und Sie müssen selbst zugeben: da ich eine Schuld zurückzahle, kann ich Herrn Burdowskij schlechterdings nicht mehr anbieten, selbst wenn ich ihn außerordentlich liebhätte; ich kann es schon aus Taktgefühl nicht, da ich ihm eben eine Schuld zurückzahle und ihm nicht etwa ein Almosen zuwende. Ich begreife nicht, meine Herren, wie Ihnen das unverständlich sein kann! Aber ich wollte das nachher alles durch meine Freundschaft und meine tätige Teilnahme an dem Ergehen des unglücklichen Herrn Burdowskij ausgleichen, der ohne Zweifel betrogen worden ist, da er sonst unmöglich einer solchen Gemeinheit zugestimmt hätte, wie sie Herrn Kellers heutige Äußerungen über seine Mutter in diesem Artikel darstellen… Aber warum geraten Sie denn wieder außer sich, meine Herren? Auf die Art werden wir einander schließlich überhaupt nicht mehr verstehen! Was ich gedacht hatte, hat sich ja doch als zutreffend herausgestellt! Ich habe mich jetzt mit eigenen Augen überzeugt, daß meine Vermutung richtig war«, sagte in bittendem Ton der ganz in Eifer gekommene Fürst, der die Erregung zu besänftigen wünschte und nicht merkte, daß er sie nur steigerte.

»Was? Wovon haben Sie sich überzeugt?« schrien die Gegner wütend auf ihn los.

»Aber ich bitte Sie, erstens habe ich selbst Gelegenheit gehabt, Herrn Burdowskij genau kennenzulernen, und sehe jetzt selbst, wes Geistes Kind er ist… Er ist ein unschuldiger Mensch, der von allen betrogen wird! Und er ist ein schutzloser Mensch, und darum ist es meine Pflicht, schonend mit ihm zu verfahren. Und zweitens hat Gawrila Ardalionowitsch, in dessen Hände ich diese Sache gelegt habe und von dem mir lange keine Nachricht zugegangen war, da er sich unterwegs befand und dann drei Tage lang in Petersburg krank lag, der hat plötzlich jetzt, erst vor einer Stunde, bei unserm ersten Wiedersehen, mir mitgeteilt, er habe Tschebarows Absichten sämtlich durchschaut und besitze die erforderlichen Beweise; Tschebarow sei genau der Mensch, als den ich ihn eingeschätzt hätte. Ich weiß ja, meine Herren, daß viele mich für einen Idioten halten, und da ich in dem Ruf stand, leicht Geld hinzugeben, so hielt Tschebarow es für eine sehr leichte Aufgabe, mich zu betrügen, und rechnete dabei besonders auf meine dankbaren Empfindungen gegenüber Pawlischtschew. Aber die Hauptsache ist – hören Sie zu, meine Herren, hören Sie zu! –, die Hauptsache ist, daß sich jetzt herausstellt, daß Herr Burdowskij gar nicht Pawlischtschews Sohn ist! Soeben hat mir Gawrila Ardalionowitsch dies mitgeteilt, und er versichert, er habe positive Beweise dafür erlangt. Nun, was meinen Sie jetzt? Das ist ja nach allem, was Sie schon angerichtet haben, gar nicht zu glauben! Und wohlgemerkt: positive Beweise! Ich glaube es noch nicht, ich selbst glaube es noch nicht, versichere ich Ihnen; ich zweifle noch, da Gawrila Ardalionowitsch noch keine Zeit dazu gefunden hat, mir alle Einzelheiten mitzuteilen; aber daß Tschebarow eine Kanaille ist, daran kann jetzt kein Zweifel mehr bestehen! Er hat den unglücklichen Herrn Burdowskij und Sie alle, meine Herren, die Sie Ihren Freund edelmütig unterstützen wollten (denn er bedarf augenscheinlich eines Beistandes, ich habe ja dafür Verständnis!), er hat Sie alle hinters Licht geführt und Sie alle in eine Gaunerei verwickelt, denn die ganze Sache ist in Wirklichkeit nichts anderes als Gaunerei und Betrug!«

»Wieso Gaunerei?… Wieso soll er nicht ›Pawlischtschews Sohn‹ sein? Wie ist das möglich? …«, ertönte es von allen Seiten. Burdowskijs ganzes Gefolge befand sich in unsagbarer Verwirrung und Aufregung.

»Ja, gewiß, Gaunerei! Wenn sich jetzt herausstellt, daß Herr Burdowskij nicht ›Pawlischtschews Sohn‹ ist, so erweist sich ja damit Herrn Burdowskijs Forderung geradezu als Gaunerei (das heißt selbstverständlich, wenn er die Wahrheit wüßte), aber das ist es ja eben, daß er getäuscht worden ist, und darum bemühe ich mich so energisch, ihn zu verteidigen; darum sage ich auch, daß er wegen seiner Naivität bemitleidet zu werden verdient; sonst erschiene er in dieser Sache selbst als ein Gauner. Aber ich für meine Person bin bereits überzeugt, daß er nichts davon weiß. Ich selbst habe mich vor meiner Abreise nach der Schweiz in derselben Lage befunden, habe ebenfalls unzusammenhängende Worte gestammelt – man will sich ausdrücken und ist nicht dazu imstande… Ich habe dafür Verständnis, ich kann es ihm sehr nachempfinden, weil ich selbst fast ein ebensolcher Mensch war; ich darf darüber reden! Und endlich will ich dennoch, obwohl er jetzt nicht mehr ›Pawlischtschews Sohn‹ ist und alles sich als Mystifikation erweist, ich will dennoch meinen Entschluß nicht ändern und bin bereit, ihm die zehntausend Rubel auszuzahlen, zum Andenken an Pawlischtschew. Eigentlich wollte ich ja vor Herrn Burdowskijs Auftreten diese zehntausend Rubel zum Andenken an Pawlischtschew für eine Schule verwenden; aber es ist ja jetzt ganz gleich, ob ich sie für eine Schule verwende oder sie Herrn Burdowskij gebe, weil Herr Burdowskij, wenn er auch nicht ›Pawlischtschews Sohn‹ ist, doch beinah an Stelle eines solchen steht, da man ihn selbst darüber so boshaft getäuscht hat und er selbst sich aufrichtig für Pawlischtschews Sohn gehalten hat! Hören Sie nun mit an, meine Herren, was Gawrila Ardalionowitsch uns sagen wird; bringen wir die Sache zu Ende, seien Sie nicht zornig, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich hin! Gawrila Ardalionowitsch wird uns sogleich alles erklären, und ich gestehe, daß ich selbst außerordentlich begierig bin, alle Einzelheiten zu erfahren. Er sagte, er sei sogar nach Pskow zu Ihrer Mutter gefahren, Herr Budowskij, die keineswegs gestorben ist, wie man Sie in dem Artikel hat schreiben lassen… Setzen Sie sich doch, meine Herren, setzen Sie sich doch!«

Der Fürst setzte sich, und es gelang ihm, auch Herrn Burdowskijs Begleiter, die von ihren Plätzen aufgesprungen waren, wieder zum Hinsetzen zu bewegen. In den letzten zehn oder zwanzig Minuten hatte er hitzig, laut, in ungeduldiger Hast gesprochen, sich hinreißen lassen und alle andern zu überschreien gesucht; jetzt, gleich darauf, bereute er natürlich bitter einige ihm entschlüpfte Ausdrücke und die Äußerung gewisser Vermutungen. Hätte man ihn nicht so gereizt und ganz außer sich gebracht, so würde er es sich nicht gestattet haben, manche Vermutungen so unverhüllt und hastig mit unnötiger Offenherzigkeit auszusprechen. Aber kaum hatte er sich wieder auf seinen Platz gesetzt, als ein schmerzhaft brennendes Gefühl der Reue sein Herz durchdrang: er hatte Burdowskij nicht nur dadurch »beleidigt«, daß er so laut und öffentlich bei ihm dieselbe Krankheit voraussetzte, gegen die er selbst in der Schweiz eine Kur gebraucht hatte, sondern er hatte ihm auch das Angebot der eigentlich für eine Schule bestimmten zehntausend Rubel seiner Meinung nach in einer plumpen, unvorsichtigen Weise gemacht, namentlich insofern, als er es vor allen Leuten mit lauten Worten getan hatte. ›Ich hätte warten und es ihm morgen unter vier Augen anbieten müssen‹, dachte der Fürst sogleich, ›aber das ist jetzt wohl nicht mehr gutzumachen! Ja, ich bin ein Idiot, ein richtiger Idiot!‹ sagte er sich in einem Anfall von Scham und aufrichtiger Betrübnis.

Inzwischen war Gawrila Ardalionowitsch, der sich bis dahin abseits gehalten und beharrlich geschwiegen hatte, auf des Fürsten Aufforderung vorgetreten, hatte sich neben ihn gestellt und begann nun ruhig und klar über die Ausführung des ihm vom Fürsten erteilten Auftrages Bericht zu erstatten. Alle Gespräche waren augenblicklich verstummt. Alle hörten höchst gespannt zu, namentlich Burdowskijs ganzes Gefolge.

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