Kapitel 14

 

14

 

Am nächsten Morgen wurde Julius von seinem Herrn etwas sonderbar begrüßt. Mr. Bellamy war in den frühen Stunden nie in guter Stimmung und ließ seine schlechte Laune aus, indem er über alles schimpfte.

 

sternchenland.com »Lassen Sie sich bloß nicht vor meinen Hunden sehen!« sagte Abel zu Savini. »Sie wären nur ein schmaler Bissen für Sie!«

 

Julius Interesse war erwacht, obgleich er sich nicht recht wohl dabei fühlte. In dem Schloß gab es keine Hunde, denn Bellamy liebte keine Tiere um sich. Aber sein Herr erklärte ihm die Suche bald.

 

»Ich habe zwei Polizeihunde gekauft, die von heute nacht an die Halle unten und den Korridor bewachen werden. Wenn Sie meinem Rat folgen, bleiben Sie morgen früh in Ihrem Zimmer, bis ich aufgestanden bin.«

 

Später bekam Julius die Hunde auch zu Gesicht – es waren unfreundliche, große, wolfsartige Tiere, die mit Ausnahme Bellamys niemand an sich herankommen ließen. Abel fürchtete sich nicht im geringsten, und die Hunde schienen ihn auch sofort als ihren Herrn anzuerkennen.

 

»Streicheln Sie die Tiere einmal,« sagte Abel. »Seien Sie doch nicht so ängstlich!«

 

Savini streckte nervös seine Hand nach dem Hund aus, der ihm am nächsten stand, aber er sprang sofort furchtsam beiseite, als der Hund Miene machte, nach seiner Hand zu schnappen.

 

»Sie sind feige, und er weiß, daß Sie sich fürchten. Komm her du!« Bellamy schnappte mit den Fingern. Der Hund kam zu ihm, wedelte mit dem Schweif, setzte sich und hob den klugen Kopf zu seinem Herrn.

 

»Der Mann, der sie mir verkaufte, erklärte, daß es mindestens einen Monat dauern würde, bevor sie mir gehorchen. Aber er hat unrecht. – Sagen Sie einmal, das Haus dort ist ja vermietet,« fuhr er fort, indem er plötzlich auf ein anderes Thema übersprang. »Wie heißt es doch?«

 

»Meinen Sie Lady’s Manor?« fragte Julius überrascht.

 

Bellamy nickte.

 

»Ich bin leider fünf Minuten zu spät gekommen beim sternchenland.com Agenten, ich erfuhr es, als ich heute morgen telephonierte. Wissen Sie etwas darüber?«

 

»Nein, das ist das erste, was ich davon höre. Wer ist denn der neue Mieter?«

 

Abel Bellamy schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht, kümmere mich auch nicht darum. Warum konnten die Leute nicht irgendwoanders hingehen?«

 

Später am Nachmittag begleitete ihn Julius, als er auf dem breiten, von Bäumen eingefaßten Weg einen Rundgang durch das Grundstück machte.

 

»Ich vermute, das ist das Haus,« sagte Bellamy und zeigte mit seinem Stock auf ein niedriges, massives, graues Gebäude, dessen Dach und Kamine über die hohe Mauer ragten, die seinen Park umgaben. »Ich habe das Haus früher einmal besichtigt, aber ich wollte es nicht kaufen. Sagen Sie, ist das eine Tür dort in der Mauer?«

 

»Es sieht so aus. Früher bestand wahrscheinlich eine Verbindung zwischen der Burg und Lady’s Manor. Es war ein Witwensitz.«

 

Es zeigte sich, daß es eine ganz altertümliche Tür war. Ihre dicken Eichenbohlen waren mit starken Eisenplatten beschlagen, aber sie schien seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden zu sein. Der Eisenbeschlag war verrostet, und die Tür war fast ganz mit Efeu überwachsen. Man hätte mindestens einen Tag arbeiten müssen, um den Eingang wieder freizulegen. Aber das beruhigte Bellamy nicht.

 

»Holen Sie einen Maurer vom Dorf und lassen Sie die Tür zumauern,« sagte er. »Ich wünsche nicht, daß fremde Leute in meinem Grundstück umherspionieren. Denken Sie daran, Savini!«

 

Julius machte sich eine Notiz, und noch am selben Nachmittag kamen zwei Leute aus dem Dorf, rissen die Efeuranken von der Tür, schnitten die Zweige und Sträucher ab und begannen die Türöffnung zuzumauern. Als Valerie Howett, sternchenland.com die einen Rundgang in dem verwilderten Garten ihres neuen Wohnsitzes machte, das Klopfen der Maurerkellen gegen die Steine hörte, vermutete sie, was auf der anderen Seite des verfallenen Tores vor sich ging.

 

Lady’s Manor hatte sie in vieler Hinsicht überrascht. Eine genaue Besichtigung hatte ergeben, daß das Innere nur wenig Reparaturen brauchte. Alle Räume waren mit schönen, alten Holzpaneelen überzogen, die Decken waren getäfelt, und das Holzwerk brauchte nur neu poliert zu werden. Nur an einem der schön eingelegten Parkettböden war eine größere Ausbesserung nötig. Zu ihrer größten Freude stellte Valerie fest, daß man die neue Wohnung gleich beziehen konnte, und sie faßte auch den Entschluß, den Umzug sofort zu bewerkstelligen.

 

Der gutmütige Mr. Howett gab seine Einwilligung, und noch bevor die Handwerker das Haus verlassen hatten, fuhren große Möbelwagen in langer Reihe durch die ruhigen Straßen von Berkshire und bogen in die Torfahrt von Lady’s Manor ein.

 

Eines Morgens sah Abel Bellamy von dem Fenster seines Schlafzimmers aus, daß über den Bäumen des Parks aus der Richtung von Lady’s Manor Rauch aufstieg. Er schimpfte und fluchte. In den letzten Tagen stand er früher auf, weil seine Diener die oberen Räume nicht mehr betraten, bis die Polizeihunde an die Kette gelegt waren. Diese neuen Wächter trieben sich in der ganzen Burg herum, und Julius hörte nachts öfter ihre leisen Tritte auf den fliesenbelegten Korridoren und zitterte vor Furcht. Die Anwesenheit der Tiere hatte auch einen gewissen Erfolg, denn seitdem sie die Burg bewachten, war nichts mehr vom Grünen Bogenschützen zu sehen.

 

Mr. Bellamy fiel eine Überschrift im »Daily Globe« auf:

»Polizeihunde bewachen den Millionär aus Chicago vor dem gespenstigen Bogenschützen.«

sternchenland.com Er brummte ärgerlich vor sich hin, aber er hatte sich schließlich damit abgefunden, in der Öffentlichkeit bekannt zu sein. Er hatte eine Abneigung gegen Spike Holland, aber er unternahm doch nichts, um sich an ihm zu rächen, obwohl er in den vergangenen Tagen Zeitungsleuten schon aus geringeren Anlässen übel mitgespielt hatte. Obendrein hatte Spike Holland noch die Kühnheit, sich an dem Tage nach seiner Rückkehr von Belgien beim Pförtner von Gurre Castle zu melden und Einlaß zu verlangen.

 

»Sagen Sie ihm,« fuhr Bellamy am Telephon erregt auf, »daß ich die Hunde auf ihn hetzen werde, wenn er der Burg irgendwie zu nahe kommt!«

 

»Er möchte Ihnen eine Mitteilung über Creager machen, der neulich ermordet wurde.«

 

»Ich brauche keine Mitteilungen!« brüllte Bellamy und hängte wütend den Hörer an.

 

Kurz darauf machte er wieder eine seiner ruhelosen Wanderungen durch den Park. Plötzlich stand er wie vom Blitz getroffen still. Zorn und Verwunderung packten ihn, denn der rothaarige Reporter spazierte seelenruhig über den Rasen. Er hatte eine Zigarre im Munde und die Hände in den Hosentaschen. Gelassen nahm er eine Hand aus der Tasche und grüßte wohlwollend zu dem bestürzten Bellamy hinüber.

 

»Wie sind Sie denn hier hereingekommen?«

 

»Über die Mauer,« erwiderte Spike strahlend.

 

Bellamys Gesicht wurde noch eine Schattierung dunkler.

 

»Dann machen Sie sofort, daß Sie wieder über die Mauer hinüberkommen,« sagte er barsch. »Sie haben kein Recht, sich hier aufzuhalten! Sie Strolch! – Vorwärts marsch!«

 

»Sehen Sie einmal, Mr. Bellamy, es hat gar keinen Zweck, hier einen großen Spektakel zu machen. Ich bin nun einmal hier, und Sie können mich doch erst einmal anhören.«

 

sternchenland.com »Ich will nichts hören – machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

Bellamy ging auf den Reporter zu, der nicht den geringsten Zweifel über seine Absichten hatte.

 

»Ich glaube, es ist aber besser, daß Sie mir mal zuhören,« sagte Spike ruhig und wich keinen Zoll zurück. »Die Polizei hat nämlich die Kopie eines Briefes gefunden, den Creager über einen gewissen Mann namens Z. an Sie schrieb, und man ist nun sehr begierig, das Jahr festzustellen, in dem der Brief geschrieben wurde und wer dieser Mr. Z. ist.«

 

Plötzlich änderte sich Bellamys Benehmen.

 

»Ein Brief, der an mich geschrieben sein soll,« fragte er ungläubig. »Hat denn dieser Esel – hat denn der Abschriften von seinen Briefen gemacht?«

 

Spike nickte.

 

»Man fand über hundert Abschriften von Briefen in seinem Schreibtisch. Ich vermute, daß er das immer so gehalten hat.«

 

Abel Bellamy dachte einen Augenblick nach, dann sagte er plötzlich:

 

»Kommen Sie mit mir ins Haus.«

 

Spike folgte ihm triumphierend und hoch erhobenen Hauptes.

 

Kapitel 15

 

15

 

»Nun erzählen Sie mir einmal alles, was mit der Sache zusammenhängt. Woher wissen Sie denn überhaupt etwas von dem Brief?«

 

»Ich war gerade dabei, als er gefunden wurde. Die Polizei hätte ihn tatsächlich achtlos beiseite gelegt, wenn ich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.«

 

»So, die hätten das übersehen?« fragte der Alte grimmig.

 

»Ja, aber ich entdeckte das Schreiben und machte eine Abschrift, sternchenland.com bevor der Polizeiinspektor feststellte, daß es ein wichtiges Schriftstück war.«

 

Spike nahm ein Notizbuch aus der Tasche, zog einen Bogen Papier heraus, faltete ihn auseinander und legte ihn auf den Tisch.

 

»Ich will es Ihnen vorlesen,« sagte er dann. »Der Brief trägt kein Datum, und diese Tatsache gab der Polizei zu denken.«

»Mr. Abel Bellamy.

Betrifft Mr. Z. Er befindet sich unter den Gefangenen, die ich zu versorgen habe und ist ein etwas hitziger Bursche. Ich glaube, daß ich das ausführen kann, was Sie mir bei unserem letzten Zusammensein sagten, aber Sie müssen mich gut bezahlen, denn ich kann dabei meine Stellung verlieren, besonders wenn die Sache schief geht und ein anderer Wärter mich sehen würde. Auch kann das sehr unangenehm für mich werden und es ist auch möglich, daß ich mich dabei schwer verletzte. Deshalb muß ich wissen, was dabei für mich herauskommt. Ich mag Z. nicht leiden, er ist mir zu schlau und zu geschwätzig, und ich hatte auch schon in letzter Zeit gewisse Unannehmlichkeiten mit ihm. Wenn Sie sich weiter mit der Sache befassen wollen, können Sie mich dann morgen sprechen? Ich gehe auf Urlaub und werde bei meinen Verwandten in Henley wohnen. Wenn es Ihnen paßt, können Sie mich dort sprechen.

(gez.) J. Creager.«

Abel Bellamy las den Brief zweimal, faltete ihn dann wieder und gab ihn zurück.

 

»Ich kann mich nicht darauf besinnen, ihn bekommen zu haben. Ich weiß nicht, wer dieser Z. sein sollte. Ich habe Creager nur für Dienste Geld gezahlt, die er mir persönlich erwies.«

 

Sein Ton war äußerst höflich und milde, obwohl Spike sah, daß er sich nur mit größter Mühe beherrschen konnte.

 

sternchenland.com »Aber er hat Ihnen doch in Henley das Leben gerettet?« fragte Spike hartnäckig. »Es ist doch merkwürdig, daß er vorher schon mit Ihnen ausgemacht hat, Sie dort zu treffen. Hat er vielleicht auch schon gewußt, daß Sie dort in den Fluß fallen würden?«

 

»Ich verbitte mir Ihre Unverschämtheiten, Holland,« fuhr Bellamy plötzlich auf. »Sie haben jetzt alles von mir gehört, was ich Ihnen sagen kann. Was diesen Brief betrifft, so ist es noch gar nicht ausgemacht, daß er überhaupt an mich geschickt wurde. Möglicherweise ist es eine Fälschung von Ihnen, die Sie zwischen die anderen Papiere gelegt haben. Was hatten Sie denn eigentlich bei der polizeilichen Untersuchung von Creagers Haus zu tun?«

 

Spike legte den Brief in sein Notizbuch zurück.

 

»Was ich dort tat?« wiederholte er. »Nun, ich war eben zufällig dort. Haben Sie mir weiter nichts zu diesem Brief zu sagen, Mr. Bellamy?«

 

»Nichts weiter. Ich habe ihn niemals bekommen, ich weiß überhaupt nichts von dem Menschen, der darin erwähnt ist. Ich wußte nicht einmal, daß Creager ein Gefängniswärter war, bis ich es im ›Globe‹ las, der jetzt mein Leib- und Magenblatt geworden ist,« fügte er sarkastisch hinzu. Spike grinste.

 

»So, der Punkt wäre besprochen,« sagte er. »Haben Sie neue Nachrichten von Ihrem Geist?«

 

»Na, Sie erfahren doch so etwas immer früher als ich,« antwortete Abel. »Alles, was ich von diesem verdammten Grünen Bogenschützen weiß, habe ich doch im ›Globe‹ gelesen. Ich muß sagen, sehr gute Zeitung, ausgezeichnete Informationen. Ich würde eher auf mein Frühstück verzichten als auf die Lektüre des ›Daily Globe‹!«

 

»Sagen Sie einmal,« meinte Spike seelenruhig, »Sie werden doch nichts dagegen haben, wenn ich mir die Burg einmal ansehe?«

 

sternchenland.com »Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg, Sie können über die Mauer schauen, über die Sie gekommen sind, und je schneller Sie das machen, desto besser.«

 

Um ganz sicher zu sein, daß sein unwillkommener Besuch sich auch wirklich entfernte, begleitete er ihn nach dem Pförtnerhaus. Der Pförtner machte ein dummes Gesicht, als er Spike sah.

 

»Diese Mauern sind nicht hoch genug, Gavini,« sagte der Alte später, als Spike gegangen war. »Telephonieren Sie, daß jemand aus Guildford kommen und Stacheldraht oben auf der Mauer befestigen soll. Und dann, Savini –«

 

Julius drehte sich an der Tür wieder um.

 

»Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt, aber ich glaube, es wird Ihnen viel Mühe ersparen, wenn ich Ihnen jetzt mitteile, daß eine meiner Ledermappen, in der ich einige meiner Photographien aufbewahre, nicht mehr länger in der Schublade meines Schreibtisches liegt, weil ich sie in meinem Geldschrank eingeschlossen habe. Wenn Sie sie wieder ansehen wollen, kommen Sie doch zu mir und bitten mich, sie für Sie herauszunehmen!«

 

Julius erwiderte nichts, und er wäre auch nicht imstande gewesen, eine passende Antwort zu geben, selbst wenn ihm der Alte Gelegenheit dazu gegeben hätte.

 

Bevor Abel Bellamy seine Wohnung in Garre Castle genommen hatte, war die Burg in weitestem Maße renoviert worden. Zahlreiche Handwerker hatten unter seiner persönlichen Leitung fast einen ganzen Monat gearbeitet, um die Änderungen nach seinen Plänen auszuführen. Er war sein eigener Architekt und sein eigener Polier. Er hatte eine neue Wasserleitung, eine elektrische Beleuchtungsanlage und eine Gasheizung anlegen lassen. Mit Ausnahme der Bibliothek befand sich fast in jedem Raum ein Gasofen oder ein Gaskamin, auch hatte er einen großen Gasherd in die Küche einbauen lassen.

 

sternchenland.com Der Gasverbrauch war an dem Tag, an dem Spike der Burg seinen unerlaubten Besuch abstattete, die Ursache beträchtlicher Sorge in dem Gemüt des Hausmeisters Wilks. Die Haushaltrechnungen gingen direkt an Bellamy, aber durch einen Zufall war die Gasrechnung für das Sommervierteljahr bei Wilks abgegeben worden, und er hatte lange darüber nachgedacht, bevor er deshalb mit seinem Herrn sprach.

 

»Was wollen Sie denn?« fragte Abel, der seinen Angestellten von unten her ansah.

 

»Die Gasrechnung ist nicht richtig, sie haben uns zuviel angerechnet,« sagte Wilks, der froh war, daß er den Herrn von Garre einmal persönlich sprechen und ihm eine Mitteilung machen konnte, die ihm sicher willkommen war.

 

»Falsch? Was stimmt denn nicht daran?«

 

»Sie haben uns eine zu große Rechnung für einen der heißesten Monate im Jahr geschickt, wo der Gasherd in der Küche nicht in Ordnung war und wir Kohlen in der Küche brennen mußten.«

 

Bellamy riß dem Mann die Rechnung aus der Hand, ohne darauf zu sehen.

 

»Kümmern Sie sich nicht darum!«

 

»Aber es ist doch ganz unmöglich, daß wir auch nur tausend Kubikfuß Gas gebraucht haben, und Sie haben uns –«

 

»Das geht Sie nichts an!« donnerte Bellamy. »Und öffnen Sie die Briefe mit den Rechnungen nicht, das ist nicht Ihr Amt!«

 

Das schlug dem Faß den Boden aus. Mr. Witts hatte ein gutes Gehalt, aber er hatte auch viel unter der schlechten Behandlung des ungebildeten Bellamy zu leiden, und seine Geduld war jetzt zu Ende.

 

»Ich lasse nicht so mit mir reden, Mr. Bellamy,« entgegnete er. »Bitte zahlen Sie mir meinen Lohn aus und lassen Sie mich gehen. Ich bin nicht gewöhnt, daß man –«

 

sternchenland.com »Halten Sie keine großen Reden und machen Sie, daß Sie fortkommen!« Bellamy zog eine größere Banknote aus der Tasche und warf sie auf den Tisch.

 

»Hier ist Ihr Geld – in einer halben Stunde haben Sie das Haus verlassen!«

 

Spike war gerade dabei, ein bescheidenes Frühstück in dem einzigen Gasthaus des Dorfes einzunehmen, als er diese überwältigende Neuigkeit erfuhr. Die Entlassung des Hausmeisters war im Dorf Garre ein großes Ereignis von weltbewegender Bedeutung. Man wußte, daß die Beziehungen zwischen Abel Bellamy und seinem Angestellten etwas gespannt waren, und als Mr. Wilks auf der Dorfstraße erschien, hielt man ihn alle Augenblicke an, um ihm die Teilnahme auszudrücken, angefangen von dem Ortsarzt bis zu einem der Dienstboten, der aus Furcht vor dem Grünen Bogenschützen die Burg verlassen hatte.

 

Spike ließ sein Frühstück im Stich und ging hinaus, um den in seiner Ehre gekränkten Mann zu sprechen.

 

»Es ist ganz unmöglich, es länger mit diesem Menschen auszuhalten,« erklärte Wilks, zitternd vor Wut. »Ganz unmöglich, mein Herr. Das ist überhaupt kein Mensch, er ist ein Schwein! Und was nun gar seine Geisterseherei in letzter Zeit angeht –«

 

»Haben Sie den Geist gesehen?«

 

»Nein, mein Herr, ich kann Sie doch nicht anlügen. Ich habe überhaupt keine Gespenster in der Burg gesehen, und meiner Meinung nach ist der Geist eine Erfindung von Mr. Bellamy, weil er irgendeine böse Sache damit bezweckt. Wenn ich ihn ein Schwein nenne, so spreche ich als ein Mann, der in den besten Familien des Landes gedient hat. Dieser Mensch hat überhaupt keine Lebensart, er besitzt einen der schönsten Speisesäle im ganzen Land und ißt ganz schweinemäßig in seiner Bibliothek. Ein anständiger Herr würde so etwas nie tun – und dann die Mengen, die er vertilgt, sternchenland.com man kann drei gewöhnliche Leute davon satt machen. Zum Frühstück trinkt er über einen halben Liter Milch und ißt ein halbes Dutzend Eier.« Und er zählte alles auf, was Mr. Bellamy in seinem gesegneten Appetit verspeiste.

 

Sein Bericht ließ Mr. Bellamy in einem ganz neuen Licht erscheinen. Bis jetzt hatte Spike noch nicht daran gedacht, daß er aß oder trank oder den Appetit eines anderen Menschen hätte.

 

»Was hatten Sie denn für einen Streit, daß Sie den Dienst verließen?« fragte Spike. Der Hausmeister erzählte ihm alles.

 

»Während der Sommermonate war überhaupt kein Gas gebraucht worden, und die Gasgesellschaft schickte eine Rechnung über fünfundzwanzigtausend Kubikfuß. Es war doch wirklich in seinem eigenen Interesse, daß ich ihn darauf aufmerksam machte. Statt mir aber wie ein anständiger Mensch dankbar zu sein, fuhr er mich an wie einen tollen Hund, und diese Behandlung ließ ich mir natürlich nicht gefallen, Mr. Holland.«

 

Spike lauschte den Klagen des Hausmeisters aufmerksam, aber er legte der Frage der zu hohen Gasrechnung keinen großen Wert bei. Geschickt lenkte er die Unterhaltung wieder auf das nächtliche Gespenst, das in der Burg umging. Aber er konnte nichts Neues herausbringen. Daß in letzter Zeit die beiden Hunde Wacht hielten, wußte er schon und hatte auch einen längeren Bericht darüber in seiner Zeitung erscheinen lassen.

 

Trotzdem machte er aus der Erzählung des Mr. Wilks einen neuen Artikel, der unter der Überschrift erscheinen sollte:

»Mein Leben in der verhexten Burg.«

Spike kehrte zur Stadt zurück und faßte den Entschluß, nach Scotland Yard zu gehen. Jim Featherstone war in seinem Bureau, und Spike wurde sogleich zu ihm geführt, als er sich melden ließ.

 

»Nun, Holland, was bringen Sie Neues?«

 

sternchenland.com Er reichte Spike die Zigarrenkiste quer über den Tisch, und dieser wählte mit der größten Sorgfalt.

 

»In Garre Castle hat es Streit gegeben,« sagte er. »Der vornehme Besitzer hat seinen Hausmeister hinausgeworfen, weil dieser sich die Gasrechnung angesehen hat. Wenn das vierhundert Jahre früher passiert wäre, hätte man dem armen Wilks ein Hanfseil ums Genick gelegt, und er könnte dann auch unter den Gespenstern erscheinen, die in der Geisterstunde auf Bellamys hinterem Hof miteinander Würfel spielen.«

 

»Erzählen Sie das alles noch einmal, aber bitte etwas langsamer,« sagte Jim. »Ich bin heute morgen nicht ganz auf der Höhe. Zunächst einmal, was war denn mit der Gasrechnung nicht in Ordnung?«

 

Spike teilte ihm alles mit, und zu seinem größten Erstaunen fragte Jim immer nach neuen Einzelheiten. Er stellte soviel Kreuz- und Querfragen, daß Spike schließlich der Schädel brummte.

 

»Was haben Sie denn bloß mit dem Gas?« fragte er schließlich. »Sie vermuten wohl, daß Abel eine heimliche Whisky-Brennerei betreibt?«

 

»Die Gasrechnung ist das Wichtigste, was wir überhaupt von Garre Castle erfahren haben,« sagte Jim ruhig. »Ich bin Ihnen für diese Mitteilung sehr dankbar, Holland. Nebenbei bemerkt gehe ich für ein bis zwei Wochen auf eine längere Reise und werde Sie deshalb in nächster Zeit nicht sehen. Aber wenn Sie irgendwelche neue Nachrichten erhalten, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sie meinem Assistenten hier mitteilen würden. Ich werde Sie ihm vorstellen.«

 

Eine halbe Stunde später kam Spike zu seinem Redakteur.

 

»Mr. Syme, ich bin jetzt vollkommen davon überzeugt, daß die Aufklärung des Mordes an Creager in Garre Castle gefunden werden wird. Der Alte hat seinen Hausmeister sternchenland.com hinausgeworfen, und es wäre das Beste, wenn wir einen von unseren Leuten auf den Posten schieben könnten. Ich würde am liebsten selbst als Hausmeister dorthin gingen, aber ich habe noch niemals in einer solchen Stelle gedient, und Bellamy würde mich an meinen roten Haaren sofort wiedererkennen. Könnten wir nicht Mason oder irgendeinen anderen hinschicken? Wir könnten es doch so arrangieren, daß er von einer Dienstbotenagentur aus angeboten wird.«

 

»Das ist eine gute Idee,« sagte der Redakteur.

 

Aber dieser Gedanke war auch noch zwei anderen Leuten gekommen und zwar ebenso plötzlich.

 

Kapitel 1

 

1

 

Spike Holland schrieb das letzte Wort seines Artikels und zog zwei dicke Linien quer über die Seite, um damit den Schluß des Aufsatzes anzudeuten. Dann warf er seine Feder wütend fort. Der Halter blieb zitternd im Fensterrahmen stecken.

 

»Keine unwürdige Hand soll jemals wieder dies Schreibinstrument berühren, das meine phantasievollen Gedanken zu Papier brachte,« sagte er zornig.

 

Der andere Reporter schaute auf. Sie waren beide allein in dem Raum.

 

»Was haben Sie denn für einen schönen Artikel geschrieben, Spike?«

 

»Einen Bericht über die gestrige Hundeschau,« erwiderte Spike eisig. »Ich verstehe von Hunden nur so viel, daß das eine Ende bellt und das andere wedelt. Aber der verfluchte Syme hat mich auf die Geschichte gehetzt. Obendrein hat er mir noch gesagt, daß sich ein Kriminalist mit Bluthunden anfreunden müsse! Der Mann ist nicht ganz richtig im Kopf. Er sieht nichts so, wie es wirklich ist, er lebt in einer Welt von Vorstellungen, die er sich selbst zurechtgelegt hat. Kommt man ihm mit der funkelnagelneuen Geschichte eines großartigen Bankraubes, dann springt er einem mit der Zumutung ins Gesicht, man solle einen Artikel darüber schreiben, was Bankdirektoren gern zu Mittag essen!«

 

Der andere schob seinen Stuhl zurück.

 

»Hierzulande finden Sie fast nur solche Einstellung. Ich möchte beinahe sagen, daß unsere Landsleute im Vergleich zu den Amerikanern verrückte Dickschädel sind.«

 

»Sie können jede Wette darauf eingehen, daß das nicht stimmt,« unterbrach ihn Spike schnell. »Die Leute am grünen Redaktionstisch sind eine Rasse für sich, sie sind von Natur aus vollständig unfähig, das Leben vom Standpunkt eines Berichterstatters zu sehen. Das heißt, sie haben irgendwie ein sternchenland.com minderwertiges Gehirn. Jawohl, mein Herr, das ist ganz gleich, ob sie in den Vereinigten Staaten oder in England leben, das macht gar keinen Unterschied – sie haben alle einen Klaps!«

 

Er seufzte tief, lehnte sich in den Stuhl zurück und legte seine Füße auf den Tisch. Spike war noch jung. Sein sommersprossiges Gesicht zeigte gesunde Farbe und seine rötlichen Haare hingen etwas wirr durcheinander.

 

»Hunde-Ausstellungen sind sicher sehr interessant –« begann er gerade wieder, als plötzlich die Tür heftig aufgerissen wurde und ein Mann hereinschaute. Er war in Hemdärmeln und trug eine außergewöhnlich große Hornbrille.

 

»Spike … brauche Sie. Haben Sie was zu tun?«

 

»Ich bin gerade im Begriff, Wood aufzusuchen, den Mann mit den Kinderhäusern – ich habe eine Verabredung zum Essen mit ihm.«

 

»Der kann warten.«

 

Er winkte und Spike folgte ihm in sein kleines Bureau.

 

»Kennen Sie Abel Bellamy aus Chicago … den Millionär?«

 

»Abel? Ja … ist er tot?« fragte Spike hoffnungsfroh. »Aus dem Kerl kann man nur eine gute Geschichte drehen, wenn er das Zeitliche gesegnet hat.«

 

»Kennen Sie ihn gut?« fragte der Redakteur.

 

»Ich weiß, daß er aus Chicago stammt, Millionen beim Bauen verdient hat und ein furchtbar grober Kerl ist. Er lebt schon seit acht oder neun Jahren in England, glaube ich … er bewohnt eine richtige Burg … und hat einen tauben Chinesen als Chauffeur –«

 

»Das Zeug weiß ich auch schon. Was ich wissen will, ist nur: Gehört Bellamy zu der Sorte Menschen, die gern von sich reden machen? … Mit anderen Worten: Ist der Grüne Bogenschütze wirklich ein Gespenst oder eine Erfindung?«

 

»Ein Gespenst?«

 

Syme nahm einen Briefbogen und reichte ihn dem erstaunten sternchenland.com Amerikaner über den Tisch. Die Mitteilung war augenscheinlich von jemand geschrieben, dem die Regeln der englischen Sprache tief verborgene Mysterien waren.

»Liberr Herr,

Der grüne Bogenschütze is wider da in Schlos Garre. Mr. Wilks, der Hausmeister hat ihm geseen. Liber Herr der grüne Bohgenschitze is in Mr. Bellamys Zimmer gekommen und hat die Türe offen gelassen. Alle Dinstleute gehn wech. Mr. Bellamy sacht er schmeist alle raus die davon sprechen aber sie geen alle wech.«

»Und wer zum Donnerwetter ist denn der Grüne Bogenschütze?« fragte Spike erstaunt.

 

Mr. Syme rückte seine Brille zurecht und lächelte. Spike war ganz verdutzt, daß er etwas so Menschliches tun konnte.

 

»Der Grüne Bogenschütze von Garre Castle war früher einmal die berühmteste Geistererscheinung Englands. Lachen Sie nicht, Spike, es ist kein Märchen. Der wirkliche grüne Bogenschütze wurde von einem de Curcy – dieser Familie gehörte früher Garre Castle – im Jahre 1487 gehängt.«

 

»Sehen Sie mal an! Daß Sie sich darauf noch besinnen können!« sagte Spike voll Hochachtung.

 

»Ziehen Sie die Sache nicht ins Lächerliche! Er wurde gehängt, weil er gewildert hatte. Heute noch können Sie den Eichenbalken sehen, an dem er hing. Seit Jahrhunderten ist er in Garre umgegangen, das letztemal wurde er 1799 gesehen. In Berkshire kennt jedes Kind die Geschichte. Diesen Brief hat offenbar ein Dienstmädchen geschrieben, das hinausgeworfen wurde oder aus Furcht freiwillig den Dienst verließ. Jedenfalls geht daraus hervor, daß unser grüner Freund irgendwie wieder auf der Bildfläche erschienen ist.«

 

Spike zog die Stirne kraus und schob die Unterlippe vor.

 

»Jedes Gespenst, das Abel Bellamy zum Besten hat, soll sich nur vor ihm in acht nehmen. Ich vermute aber, daß die sternchenland.com ganze Sache halb Märchen und halb hysterische Einbildung ist. Soll ich wirklich zu Abel hingehen?«

 

»Gehen Sie zu ihm und überreden Sie ihn, daß er Sie eine Woche lang in seiner Burg wohnen läßt.«

 

Spike schüttelte energisch den Kopf.

 

»Da kennen Sie ihn schlecht. Wenn ich ihm mit einer solchen Zumutung komme, wirft er mich sofort hinaus. Aber ich werde zu seinem Sekretär, dem Savini, gehen. Der ist ein Mischblut oder so etwas Ähnliches – möglich, daß der mir helfen kann. Aber bisher scheint der Grüne Bogenschütze doch nicht mehr angestellt zu haben, als daß er die Tür in Abels Zimmer offenstehen ließ?«

 

»Also sehen Sie zu, was Sie bei Bellamy erreichen können – erfinden Sie irgend etwas, um in sein Schloß hineinzukommen. Nebenbei bemerkt hat er eine Unsumme dafür gezahlt. Und dann suchen Sie so unter der Hand die ganze Geschichte herauszubringen. Eine gute sensationelle Geistergeschichte haben wir schon seit Jahren nicht mehr drucken können. Außerdem hindert Sie ja gar nichts daran, mit Wood zu speisen, denn die Geschichte über den brauche ich auch. Wo werden Sie denn zu Mittag essen?«

 

»Im Carlton. Wood ist nur ein paar Tage in London und fährt heute abend nach Belgien zurück.«

 

Der Redakteur nickte.

 

»Das paßt ja gut. Bellamy wohnt auch im Carlton-Hotel. Da können Sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.«

 

Spike trollte sich zur Tür.

 

»Gespenstergeschichten und Kleinkinderbewahranstalten!« rief er vorwurfsvoll und bitter. »Und ich bin doch schon so lange scharf auf eine ordentliche Mordgeschichte mit allen Schikanen! Aber ich weiß schon, diese Zeitung braucht keinen Kriminalisten, die braucht nur einen Märchenerzähler.«

 

»Da sind Sie ja gerade der richtige Mann!« sagte Syme und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. sternchenland.com

 

Kapitel 10

 

10

 

Als Abel Bellamy feuerte, verschwand die Gestalt und schien sich plötzlich in dem dunklen Schatten aufzulösen. Abel eilte mit der Pistole in der Hand vorwärts, aber als er an die Stelle kam, wo er die grüne Erscheinung gesehen hatte, war nichts mehr zu entdecken. Er fand nur zwei Löcher in dem Paneel der Wand, wo die beiden Geschosse eingeschlagen waren.

 

Der alte Mann hielt schnell Umschau. In der Nähe der Stelle, wo die Gestalt verschwunden war, befand sich eine Tür. Dahinter lag eine Wendeltreppe, die zu den Quartieren der Dienstboten führte. Er versuchte die Tür zu öffnen, aber sie war geschlossen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Schnell eilte er den Korridor zurück, an der offenen Tür seines eigenen sternchenland.com Schlafzimmers vorbei, und kam zu Julius Savinis Schlafzimmer.

 

Die Tür war verschlossen und er rüttelte heftig daran.

 

»Savini!« rief er laut.

 

Aber es meldete sich nichts. Die Dienstboten waren munter geworden und er sah einen Mann, nur mit Hemd und Hose bekleidet, auf sich zukommen und rief ihn an.

 

»Was ist geschehen, mein Herr?«

 

»Fragen Sie nicht so dumm!« fuhr Bellamy ihn an. »Ziehen Sie sich an, wecken Sie die anderen Diener und helfen Sie mir das ganze Schloß zu durchsuchen. Telefonieren Sie nach unten zum Portier, aber schnell!«

 

In diesem Augenblick öffnete sich Savinis Tür. Er war im Schlafanzug und hielt verstört ein Licht in der Hand.

 

»Was –« begann er.

 

Bellamy stürzte an ihm vorbei in sein Zimmer und sah sich argwöhnisch darin um. Eins der langen Fenster stand offen, schnell ging er darauf zu und schaute hinaus. Ein schmaler Mauervorsprung lief unmittelbar unter dem Fenster der Mauer entlang, breit genug, daß ein Mann darauf gehen konnte, wenn er nur die nötigen Nerven besaß und schwindelfrei war.

 

»Haben Sie nicht die Schüsse gehört?«

 

»Ich habe etwas gehört, ich glaube, Sie waren es, als Sie an die Tür klopften. Was ist geschehen?«

 

»Ziehen Sie sich sofort um und kommen Sie hinunter in die Bibliothek!«

 

Plötzlich stürzte er auf ihn zu, ohne etwas zu sagen riß er Savinis Jacke auf und starrte auf die bloße Brust seines Sekretärs. Er fluchte vor Enttäuschung, denn er hatte erwartet, unter dem Schlafanzug ein enganliegendes, grünes Trikot zu sehen.

 

Savini kleidete sich eilig an und eilte nach unten, wo er sternchenland.com Bellamy in der Bibliothek fand, der wie ein gefangener Löwe im Käfig auf und ab ging.

 

»Wer hat die Tür zur Dienertreppe abgeschlossen?« fragte er.

 

»Das habe ich getan. Sie haben mir Auftrag gegeben, danach zu sehen, daß die Tür jeden Abend verschlossen wird.«

 

Bellamy sah ihn scharf an.

 

»Und Sie haben natürlich den Schlüssel?«

 

»Nein, der Hausmeister. Er bekommt ihn stets, weil er früher auf ist als ich. Er muß die Tür öffnen, um die Mädchen hereinzulassen, die oben sauber machen.«

 

»Wo ist der Schlüssel jetzt?« fuhr ihn Bellamy wieder an. Er war rot vor Erregung und Zorn. Sein großes, starkes Kinn war vorgeschoben und die Augen zusammengekniffen. »Ich sage Ihnen das, Savini. Wenn Sie nicht irgendwie an diesem Grünen Bogenschützen beteiligt sind, dann irre ich mich gewaltig, aber ich irre mich selten. Holen Sie sofort Wilks.«

 

Julius ging sofort nach unten, um den Hausmeister zu holen, der ihm mit zwei Dienern im unteren Geschoß schon entgegenkam.

 

»Ich habe den Schlüssel in meiner Tasche,« sagte Wilks, als ihm Savini die Botschaft ausrichtete. »Der Eindringling kann nicht den Weg gegangen sein.«

 

Wilks trug eine helle Petroleumglühlampe, die ihm Bellamy aus der Hand nahm, als er in die Bibliothek kam. Der Alte ging nach oben zu seinem Schlafzimmer, und die anderen folgten ihm. Der Hausmeister öffnete die Tür zu der Wendeltreppe mit dem Schlüssel.

 

Bellamy nahm die Pistole aus der Tasche, ging mit der Lampe voraus und stieg vorsichtig die Treppe hinunter. Der Hausmeister und Savini kamen hinter ihm her. Sie gelangten unten an eine unverschlossene Tür, die in einen Nebenraum der Burgküche führte – es war ein gewölbtes Zimmer, sternchenland.com das als Speisekammer benutzt wurde. Die beiden andern Türen dieses Raumes waren von innen verriegelt.

 

Mr. Bellamy stellte die Lampe auf den breiten Kaminsims, aber er konnte nichts Ungewöhnliches in dem Raum entdecken. »Hier ist er nicht durchgekommen,« murmelte er. »Aber trotzdem gab es keinen anderen Weg, den er benützt haben könnte.«

 

Das Frühlicht dämmerte schon am östlichen Himmel, als Bellamy endlich seine Nachforschungen einstellte. Er zog sich in seine Bibliothek zurück, kauerte vor dem frisch entzündeten Feuer im Kamin und trank heißen Kaffee, aber die nervöse Unruhe arbeitete noch in seinen Zügen, während Savini schweigend, ein wenig verwirrt, am Tisch saß und ihn beobachtete. Er unterdrückte ein Gähnen, aber Bellamy hatte es doch bemerkt.

 

»Es steckt irgend etwas hinter dieser Geschichte mit dem Grünen Bogenschützen,« sagte der alte Mann schließlich, indem er das Stillschweigen brach, das fast eine Stunde lang gedauert hatte. »Ein Geist! Pah! Ich glaube weder an Geister noch an Teufel. Es gibt nichts Überirdisches oder Unterirdisches auf Gottes Erde, das mir Furcht einflößen kann! Gegen Teufel und Gespenster bin ich besonders gewappnet, Savini! Der Kerl, der über Nacht hier eingebrochen ist, muß kugelfest sein, um davon zu kommen, wenn ich ihn erwische. Nun?« Er wandte sich schnell zur Tür.

 

Der Hausmeister, eine trotz der einfachen Kleidung achtunggebietende Erscheinung, trat ein.

 

»Ich habe mir noch einmal die Freiheit genommen und habe die Vorratskammer durchsucht, Mr. Bellamy. Dabei habe ich dieses gefunden.«

 

Bellamy stand auf und riß Wilks einen Gegenstand aus der Hand. Er sah aus wie ein kleiner roter Ball, aber als er ihn in die Hand genommen hatte, fand er, daß es ein blutdurchtränktes Taschentuch war. Bellamy zog die Augenbrauen hoch.

 

sternchenland.com »So habe ich das Schwein doch getroffen!« sagte er triumphierend. »Können Gespenster bluten?« wandte er sich unwirsch an Savini. »Sagen Sie mir das, mein Freund!«

 

Er faltete das Taschentuch ganz auseinander.

 

»Ein Damentuch!« sagte er dann verblüfft.

 

Es war ein sehr hübsches Spitzentuch aus feinstem Batist. In der einen Ecke war ein Monogramm eingestickt. Er ging in die Nähe der Lampe, die auf dem Tisch stand.

 

»V. H.« sagte er und runzelte die Stirn wieder. »V. H.! Wer zum Teufel ist denn V.H.?«

 

Er sah Savini nicht an, sonst hätte er dessen entsetzten Blick bemerken müssen.

 

»V.H.! Valerie Howett!« durchzuckte es Savini.

 

Kapitel 11

 

11

 

An dem klaren, frostigen Morgen ging Mr. Bellamy langsam über die Rasenflächen des Parks zum Pförtnerhaus. Er war ein Mann, der sein Ruhebedürfnis ganz den besonderen Umständen anpassen konnte. Manchmal schlief er zwölf Stunden hintereinander, aber er konnte sich auch nach zwei Stunden Ruhe vollständig ausgeschlafen wieder erheben. Er ging zu dem Portierhaus, weil er niemals Fremde in der Burg selbst empfing. Leute, mit denen er etwas zu verhandeln hatte, wurden in ein geräumiges Zimmer des Portierhauses geführt, das besonders für diese Zwecke eingerichtet war.

 

Der mürrisch aussehende Pförtner legte die Hand an die Mütze, als sein Herr eintrat. Der Ortspolizist wartete hier auf Bellamy.

 

»Guten Morgen, mein Herr. Man hat mir erzählt, daß es während der Nacht Unruhe und Aufregung in der Burg gegeben hat.«

 

Bellamy grinste, daß seine weißen Zähne zu sehen waren.

 

»Sagen Sie mir doch nur, wer Ihnen das mitgeteilt hat sternchenland.com und verlassen Sie sich darauf, daß der Betreffende Ihnen nichts mehr erzählen wird,« erwiderte Bellamy unhöflich.

 

Er fuhr mit der Hand in die Tasche und nahm eine Banknote heraus, die er auf den Tisch legte.

 

»Hier ist ein kleines Geschenk für Ihre Bemühungen. Vergessen Sie, was Sie da von dem Vorfall in der Burg gehört haben. Ich hatte einen bösen Traum und habe nach einem Schatten geschossen. Ich dachte, es wäre ein Einbrecher.«

 

»Ich verstehe vollkommen, mein Herr,« sagte der Polizist verbindlich. »Ich habe die Sache meinem Vorgesetzten noch nicht gemeldet.«

 

»Ist auch nicht nötig. Ich vermute, daß in diesem Dorfs nichts passiert, das Sie nicht wissen. Sind in letzter Zeit Fremde hier gewesen?«

 

Der durch das Geschenk sehr höfliche Polizist schaute Bellamy an und schnitt eine Grimasse, als ob er tief nachdächte.

 

»Ja, mein Herr, es sind ein oder zwei Leute hier gewesen. Es war auch eine Dame da, die Lady’s Manor sehen wollte.«

 

»Lady’s Manor?« fragte Bellamy schnell. »Ist das das alte Haus dort an der Straße?«

 

»Ja. Es gehört Lord Tetherton. Es ist sehr baufällig und es würde viel Geld kosten, es instandzusetzen. Deshalb ist es auch noch nie vermietet worden. Einige Teile des Hauses sind so alt wie diese Burg.«

 

»Wann kamen die Leute nach Garre?« fragte Bellamy scharf.

 

»Vor zwei Tagen. Es war eine sehr hübsche Dame, außerordentlich schön. Ich sah sie gerade noch, als sie wieder fortfuhr.«

 

»Können Sie mir vielleicht sagen, woher sie kam?«

 

»Von London, soviel ich weiß. Der Wagen hatte ein Londoner Schild, und ich glaube, daß sie auf dem Weg über sternchenland.com Reading kam. Die Frau, die die Schlüssel von Lady’s Manor aufbewahrt, sagte, daß sie von dem Hausagenten Solders hierhergeschickt wurde. Die Firma hat nämlich das Haus an Hand.«

 

»War sie allein?«

 

»Ich habe niemand in ihrer Begleitung gesehen.«

 

Bellamy ging in das Wohnzimmer des Pförtners, wo ein Telephonapparat angebracht war. Eine Minute später hatte er Verbindung mit dem Hausagenten.

 

Der Mann erinnerte sich genau an die näheren Umstände. Die Dame war von London gekommen, und er hatte ihr die Erlaubnis gegeben, das Haus zu besichtigen. Ihren Namen konnte er leider nicht angeben, er hatte nicht danach gefragt. Es war auch nicht seine Gewohnheit, Leute nach Einzelheiten zu fragen, die noch nicht bestimmt einen Vertrag abschließen Wollten.

 

»Wenn sie Ihnen schreiben sollte oder wieder zu Ihrem Bureau kommt, so möchte ich gern ihre Personalien wissen,« sagte Mr. Bellamy und hing den Hörer wieder an.

 

Als es vollständig Tag geworden war, wurde die Vorratskammer genau untersucht. Bellamy hoffte eine Blutspur zu finden, die ihm irgendwie bei der Lösung des Rätsels Aufschlüsse geben konnte, aber er entdeckte nicht einen einzigen Flecken. Er sandte Savini nach Guildford, um genauere Erkundungen einzuziehen.

 

Im Augenblick war er so beschäftigt, daß er die unverantwortliche Einmischung seines Sekretärs in seine Privatangelegenheiten übersah. Das konnte warten.

 

Julius war nur zu froh, sich entfernen zu können. Er wollte sich selbst über einen Punkt Gewißheit verschaffen, und nachdem er seinen Auftrag in Guildford erledigt hatte, eilte er nach London und ging direkt zum Carlton-Hotel.

 

»Nein, ich glaube nicht,« antwortete der Hotelportier auf seine Frage. »Ich habe Miß Howett den ganzen Morgen sternchenland.com noch nicht gesehen. Ich werde in ihrem Zimmer anläuten, um zu fragen, ob sie dort ist. Wünschen Sie die Dame zu sprechen?«

 

Julius zögerte einen Augenblick.

 

»Ja,« sagte er dann.

 

Er hatte sich zu einem kühnen und gefährlichen Schritt entschlossen. Während der Portier telephonierte, wartete er, und man konnte die Erregung deutlich in seinen Zügen sehen, als er der Unterhaltung am Apparat folgte.

 

»Es tut mir leid, Mr. Savini,« sagte der Portier, als er den Hörer wieder anhing. »Es ist nicht möglich, daß Sie Miß Howett sehen können. Sie hat sich gestern abend den Fuß vertreten, als sie aus dem Wagen stieg und ist in ärztlicher Behandlung. Das hat mir eben ihre Zofe gesagt. Ich erinnere mich jetzt auch, daß ich Miß Howett seit gestern nachmittag nicht mehr gesehen habe.«

 

Julius war verblüfft, als er aus dem Hotel heraustrat. »Vertreten« bedeutete doch wohl, durch einen Schuß verwundet? Aber was hatte sie denn überhaupt in Garre zu suchen? Zu welchem Zweck verkleidete sich denn die Tochter des reichen Mr. Howett als Grüner Bogenschütze? Seine Theorie war phantastisch, aber das Übereinstimmen der Anfangsbuchstaben Valerie Howetts mit dem Monogramm auf dem Taschentuch war doch zu sonderbar. Dazu kam nun noch der verletzte Fuß. Sicher lebten Hunderte von Damen, die dieselben Initialen hatten, aber es war doch äußerst seltsam.

 

Wenn es jemand gab, den Julius an diesem Morgen nicht treffen wollte, so war es Spike Holland. Aber kaum war er ein paar Schritte vom Hoteleingang entfernt, als er dem Journalisten in die Arme lief. Bei schwachen Menschen ist Haß die Folge von Furcht, und so sehr Savini seinen Herrn haßte, der ihn täglich mit Beleidigungen überhäufte, so sehr fürchtete er sich vor seinem Zorn.

 

»Ich habe keine Zeit, Holland. Ich kam nur zur Stadt … sternchenland.com wenn Sie den Alten sehen, so sagen Sie um Gotteswillen nicht, daß Sie mich in London getroffen haben. Er hat mich nach Guildford geschickt und weiß nichts davon, daß ich hierher ging.«

 

»Bellamy hatte letzte Nacht Besuch?« fragte Spike.

 

»Ich schwöre Ihnen –« begann Savini.

 

»Ach was, nun hören Sie doch mit dem Leugnen auf. Was hat denn das für Zweck! Wir haben einen Mann nach dem Dorf geschickt, der seit gestern abend dort ist. Er hat uns gerade telephoniert, daß sich der Grüne Bogenschütze in der vergangenen Nacht wieder gezeigt hat und daß der alte Bellamy mit seinem Revolver aus einem alten Gainsborough ein Auge ausgeschossen hat!«

 

»Das ist nicht wahr!« sagte Julius heftig. »Wenn das in die Zeitung kommt und der Alte erfahrt, daß ich Sie gesehen habe – hören Sie, Holland, ich will ja alles für Sie tun, ich will Ihnen auch die ganze Geschichte erzählen, wenn Sie dafür sorgen, daß ich nicht hineingezogen werde.«

 

»Habe ich Sie denn schon jemals hineingeritten?« fragte Spike und schüttelte seinen rotblonden Lockenkopf. »Kommen Sie mit, Julius, und erzählen Sie mir einmal die ganze Geschichte.«

 

»Ich weiß nicht genau, was eigentlich los war,« begann Julius.

 

»Das ist ja ein verflucht seiner Anfang für einen genauen autoritativen Bericht. Aber nun erzählen Sie endlich!«

 

Julius berichtete ihm denn auch genau alles, was sich zugetragen hatte. Aber fast nach jedem Satz beschwor er Spike, ihn nicht zu verraten. Er hatte alle die charakteristischen Eigenschaften eines Halbbluts. Auf der einen Seite war er fahrlässig, was die Konsequenzen seiner Handlungsweise betraf, auf der anderen Seite hatte er eine so kindische Angst, daß es manchmal zum Erbarmen war. Er wälzte dunkle, unheimliche Pläne gegen Abel Bellamy in seinem Kopf, auf sternchenland.com deren Ausführung die unheimlichsten und schwersten Strafen stunden, und doch zitterte er, wenn er die rauhen Worte seines Herrn hörte, und kroch vor ihm.

 

»Erzählen Sie mir doch, was Bellamy eigentlich in seiner Burg macht? Was für ein Leben führt er denn? Gibt er auch Einladungen?«

 

»Einladungen?« wiederholte Julius grimmig. »Kein Fremder ist nach Garre Castle gekommen, seitdem ich dort bin. Sie wollen wissen, was Bellamy tagsüber macht? Er geht auf dem Grundstück herum, oder er vertrödelt die Zeit, indem er sich die Mauern ansieht. Die Abende bringt er in seiner Bibliothek mit sich allein zu. Niemand darf ihn dann stören, und tatsächlich ist das auch nicht möglich, denn er schließ! sich einfach dort ein. Gewöhnlich von neun bis elf Uhr abends und manchmal auch eine Stunde morgens.«

 

»Was, er schließt sich immer dort ein?« fragte Spike interessiert.

 

»Ja, beide Türen der Bibliothek schließt er zu, es ist nämlich noch eine andere Tür auf der anderen Seite. Aber um Gotteswillen, verraten Sie mich nicht!«

 

»Also nun ängstigen Sie sich nicht, mein Herzchen!« sagte Spike. »Können Sie mir nicht noch ein bißchen mehr von Bellamy erzählen?«

 

Julius, der schon wieder zuviel ausgeplaudert hatte, biß sich auf die Lippen und schaute sich verzweifelt um, ob er nicht irgendwie entwischen könnte.

 

»Das ist alles, was ich sagen kann, und nun versprechen Sie mir, Holland, daß Sie mich nicht verraten!«

 

»Wo ißt er denn?«

 

»Gewöhnlich in der Bibliothek, den Speisesaal benützt er fast nie. Aber jetzt muß ich gehen, Holland.«

 

Und bevor Spike ihn aufhalten konnte, war er davongeeilt.

 

Auf dem Rückweg nach Guildford machte sich Julius die sternchenland.com größten Vorwürfe, als er sich die Einzelheiten seiner Unterredung mit Spike ins Gedächtnis zurückrief. Große Schweißtropfen traten auf seine Stirn, als er sich klar machte, was er alles ausgeplaudert hatte. Aber er war glücklich, als er sich daran erinnerte, daß er nichts von dem Taschentuch gesagt hatte. Das war doch das Interessanteste an der ganzen Geschichte.

 

Als er zurückkam, fand er seinen Herrn in einer verhältnismäßig guten Stimmung. Er stellte keine unangenehmen Fragen an ihn, warum er z. B. so lange fortgeblieben sei, und zu seiner größten Genugtuung erwähnte Bellamy selbst, daß die Sache wahrscheinlich wieder in die Zeitungen kommen würde.

 

»Man kann dieses Hühnervolk nicht vom Gackern abhalten,« sagte er. »Die Hälfte der Dienstboten hat mir gekündigt. Selbst der dicke Wilks sagt, daß er gehen will. Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn wegen Kontraktbruches bei Gericht belangen werde, wenn er seinen Dienst verläßt, bevor ich ihn entlasse. Savini, sehen Sie zu, daß heute nacht alle Lampen im Korridor brennen.«

 

»Erwarten Sie, daß er wiederkommt?« fragte Julius gesprächig, aber ein böser Fluch seines Herrn ließ ihn sofort verstummen.

 

Bei Tageslicht untersuchte Bellamy die Türen seines Zimmers. Die altertümliche äußere Türe konnte ohne große Schwierigkeit leicht geöffnet werden, wenn jemand über die nötigen Werkzeuge verfügte. Aber die Ledertür, die nur auf der Innenseite einen Drücker hatte, schien ganz sicher zu sein, und er war erstaunt, daß sie geöffnet worden war. Mit einem Vergrößerungsglas untersuchte er die Oberfläche des Leders ganz genau. Er hoffte, irgendwelche Spuren oder Kratzer zu finden, aber darin täuschte er sich. Im Rahmenholz der Tür war ein kurzer Eisenhaken eingeschlagen, der die Klinke in ihrer Bewegung nach oben begrenzte. Zuerst dachte er, sternchenland.com daß der Eisenhaken herausgezogen und die Tür auf diese Weise geöffnet worden wäre. Aber er überzeugte sich von der Unmöglichkeit, den Haken zu entfernen. Über der Tür war kein Querbalken befestigt, und obwohl Abel die ganzen Wände und die Decke seines Schlafzimmers sorgfältig untersuchte, konnte er doch nichts entdecken, was das merkwürdig langsame Öffnen der Tür erklärt hatte. In der nächsten Nacht schlief er. Die Pistole lag auf einem kleinen Tisch an der Seite seines Bettes, um fünf Uhr morgens erwachte er und sah, daß beide Türen seines Zimmers weit offen standen und sein Revolver verschwunden war!

 

Kapitel 12

 

12

 

»Vater, ich möchte gern ein Landhaus haben,« sagte Valerie Howett des Morgens beim Frühstück.

 

Mr. Howett schaute erstaunt auf.

 

»Was meinst du?« fragte er verwundert.

 

»Ich möchte ein Landhaus haben,« wiederholte Valerie.

 

Sie sah müde und blaß aus, schwere schwarze Schatten lagen unter ihren Augen, und er bemerkte eine Abgespanntheit und Müdigkeit an ihr, die ihm Sorge machte.

 

»Ich habe einen wunderbaren, alten Landsitz besichtigt, er ist nicht weit von London entfernt und hat nur den Nachteil, daß er an die Besitzung Abel Bellamys grenzt.«

 

»Aber meine Liebe, ich habe doch in Amerika verschiedenes zu erledigen und kann während des Winters nicht in England bleiben! – Aber vielleicht läßt es sich doch einrichten,« meinte er dann. »Wo liegt es denn?«

 

»In Garre – es heißt Lady’s Manor und ist ein alter Witwensitz, der früher zu der Burg gehörte. Das Haus muß allerdings gründlich renoviert werden.« Sie sah auf ihren Teller und fuhr dann geschickt fort: »Ich dachte, das wäre sternchenland.com gerade ein Platz für dich, lieber Vater, wenn du dein Buch schreiben willst.«

 

Mr. Howett träumte davon, eine politische Geschichte Englands zu schreiben. Er plante dieses Buch schon seit zwanzig Jahren und hatte bereits umfangreiche Vorarbeiten dafür gemacht. Die Tatsache, daß schon mehrere gute Werke über dieses Gebiet erschienen waren, schreckte ihn nicht ab, sondern spornte ihn höchstens zum Wetteifer an. Er strich sich nachdenklich über die Haare.

 

»Das Haus liegt so ruhig und friedvoll – ich bin sicher, Vater, daß du das Buch niemals schreiben wirst, wenn du nach Amerika zurückkehrst, wo du von deinen Geschäften vollständig in Anspruch genommen wirst. Und es ist doch auch ganz klar, daß du es in einer so unruhigen Stadt wie London nicht schreiben kannst. Hier ist es doch ebenso schlimm wie in New York.«

 

»Du sagst, es ist sehr still dort?« fragte Howett schon halb überzeugt.

 

»Es ist eine bezaubernde Ruhe dort,« sagte sie lebhaft.

 

»Es ist eigentlich keine schlechte Idee von dir, Valerie.« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schaute zur Decke empor. »Und schließlich ist es ja auch gut für dich – wirklich, wenn ich es mir länger überlege, ist es keine schlechte Idee. Ich werde nach New York kabeln und zusehen, ob ich die Sache nicht anders ordnen kann. – Sage mal, fürchtest du dich eigentlich vor Geistern?« fragte er dann etwas unvermittelt und lächelte.

 

»Nein, ich fürchte mich nicht,« sagte sie ruhig. »Wenn du damit etwa den Grünen Bogenschützen meinen solltest.«

 

»Das ist eine ganz merkwürdige Sache.« Mr. Howett schüttelte den Kopf. »Ich kenne Bellamy nicht, aber wie ich gehört habe, scheint er sich vor nichts in der Welt zu fürchten, es sei denn vor dem Besuch eines Steuerbeamten.«

 

»Bist du ihm niemals begegnet?«

 

sternchenland.com Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe persönlich noch nichts mit ihm zu tun gehabt. Ich sah ihn oft genug, er wohnte ja hier im Hotel. Ich mag ihn nicht und vor allen Dingen kann ich seinen Sekretär mit dem fahlen, gelben Gesicht nicht leiden.«

 

Sie erhob sich, und er eilte an ihre Seite, um sie zu stützen, als sie den Raum verließ.

 

»Valerie, du mußt einen Arzt wegen deines verrenkten Fußgelenks zu Rate ziehen.«

 

»Ach, das wird heute schon wieder besser werden. Ich werde mich hinlegen, nichts tun und keinen Besuch empfangen.«

 

Lachend lehnte sie seine Hilfe ab und ging allein zu ihrem Zimmer, obwohl sie sich ein wenig schwach fühlte. Am Vormittag meldete sich ein Besuch, und Mr. Howett klopfte an die Tür seiner Tochter.

 

»Captain Featherstone ist hier – er sagt, daß er dich sprechen möchte. Kann er nähertreten?«

 

»Wenn er verspricht, recht ruhig zu sein,« kam die Antwort. »Ich bin gerade nicht in der Stimmung, mir Vorhaltungen machen zu lassen.«

 

»Warum in aller Welt sollte er dir denn Vorhaltungen machen?« fragte ihr Vater erstaunt.

 

»Laß ihn hereinkommen!«

 

Jim Featherstone betrat Valeries Zimmer auf Zehenspitzen mit einer solchen Vorsicht, daß sie ihn hätte schlagen mögen.

 

»Es ist sehr traurig, Sie so liegen zu sehen,« begann er. »Bitte schmollen Sie nicht, Miß Howett, ich bin gekommen, um Ihnen meine Teilnahme auszusprechen.«

 

Mr. Howett ging ins andere Zimmer zurück und schrieb ein Telegramm.

 

»Wo waren Sie vorige Nacht?« fragte Featherstone, als sie allein waren.

 

»Im Bett,« antwortete sie prompt.

 

sternchenland.com »Und die Nacht vorher?«

 

»Auch im Bett.«

 

»Würden Sie mich für zudringlich halten, wenn ich mir die Frage erlaube, ob Sie im Traum nicht jener düsteren Gegend von Limehouse einen Besuch abstatteten, um sich nach einem Mann umzusehen, der unter dem Namen Coldharbour Smith bekannt ist?«

 

Sie wollte ihn ungeduldig abwehren.

 

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte er und hob feierlich abwehrend die Hand. »Als Sie nach Coldharbour Smith suchten, gerieten Sie da nicht in eine allgemeine Schlägerei in einer Kneipe, die hauptsächlich von Chinesen und Negern besucht wird?«

 

Sie schauderte bei der Erinnerung.

 

»Sie wurden glücklicherweise von einem ehrlichen, aber rauhen Matrosen gerettet – aber trotzdem haben Sie einen bösen Fußtritt von einem der Kerle abbekommen.«

 

»Waren Sie vielleicht der ehrliche, aber rauhe Seemann?« fragte sie verwirrt.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, es war einer meiner Leute, Sergeant Higgins, ein guter Kerl, obgleich er nichts von einem Helden oder Stutzer an sich hat. Aber warum unternehmen Sie solche schrecklichen Dinge?«

 

»Weil ich es muß,« antwortete sie verbissen. »Ich hätte Creager sehen müssen, bevor dies alles passierte. Ich wußte manches von ihm, ich wußte, daß er von Bellamy Geld empfing, weil er früher einmal etwas Schreckliches für ihn getan hat. Und auch dieser andere Mann –« sie schauderte wieder. »Es war schrecklich.«

 

»Coldharbour ist kein feiner Mensch,« gab Captain Featherstone zu. »Leute, die derartige Kneipen halten, sind gewöhnlich nicht sehr zartbesaitet. Coldharbour wird also sternchenland.com auch von Bellamy unterstützt?« fragte er scheinbar belustigt. »Das wußte ich noch nicht. Wo bekommen Sie denn nur alle diese Informationen her?«

 

»Ich bezahle dafür,« sagte sie, indem sie eine direkte Antwort ablehnte. »Und ich denke, meine Informationen sind einigermaßen zuverlässig.«

 

Er dachte einige Augenblicke nach und schaute auf den Teppich.

 

»Ich habe das Gefühl, daß Sie sich auf diese Weise selbst zugrunde richten,« sagte er dann ernst. »Glücklicherweise war Coldharbour vorige Nacht nicht zu sehen. Wenn er dort gewesen wäre, so hatte es Bellamy in den nächsten vierundzwanzig Stunden erfahren.«

 

Er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, und dieser unerwartete Anblick machte ihn betroffen.

 

»Ich habe alles versucht,« sagte sie, »wirklich alles, ich glaube, daß ich eigensinnig und närrisch bin, und ich war eitel genug, zu glauben, ich sei klüger, als die Polizei der ganzen Welt. Aber ich sehe jetzt doch ein, daß ich es nicht bin.«

 

Er sah sie an.

 

»Jagen Sie hinter einem Schatten her, Miß Howett?« fragte er ernst.

 

»Nein, nein, nein!« rief sie heftig. »Ich bin meiner Sache sicher. Irgendein Gefühl sagt mir, daß ich auf dem rechten Wege bin.«

 

»Würden Sie mir nicht mitteilen,« fragte Featherstone leise, »wer die Frau ist, die Sie suchen?«

 

Er sah, wie sie ihre Lippen fest aufeinander preßte.

 

»Das kann ich nicht sagen, es ist nicht mein Geheimnis allein.« sternchenland.com

 

Kapitel 13

 

13

 

Spike Holland war sehr mit dem Vorschlag seines Redakteurs einverstanden, zu John Wood nach Wenduyne zu fahren und ihn zu überreden, eine Artikelserie über Kinderfürsorge zu schreiben. Spike hatte den lebhaften Wunsch, den Mann wiederzusehen, der so außerhalb der Welt und ihrem ewigen Kampf ums Dasein stand.

 

Er verließ London mit dem ersten Zug nach dem Festland und brachte fünf ungemütliche Stunden auf der kalten und unruhigen See zu. Er war eigentlich nicht deshalb gereist, um die Artikelserie für die Zeitung zu sichern, denn Wood hatte ihm seine Zustimmung darüber schon früher ausgedrückt. Der eigentliche Grund war die Hoffnung, noch einiges über Abel Bellamy zu erfahren. Es war merkwürdig, daß man so wenig Nachrichten über den alten Mann bekommen konnte. Spike hatte den Eindruck, daß dieser Menschenfreund ihm sehr viel hätte mitteilen können. Die Schroffheit, mit der Wood damals so plötzlich das Gesprächsthema änderte, als er Bellamys Namen erwähnte, gab ihm diese Gewißheit.

 

Spike war froh, als er in Ostende wieder festen Boden unter den Füßen fühlte. Er mußte eine halbe Stunde auf dem Bahnhofsplatz warten, bis die Bahn kam, die den Dünen entlang nach der holländischen Grenze fuhr, und er fühlte sich glücklich, als er in einem Abteil erster Klasse saß. Es regnete ziemlich heftig, und ein rauher Wind fegte über den verlassenen Platz. Spike war häufig in Belgien gewesen und kannte diesen traurigen Weg gut genug, der durch die Dünen führte. Das Dörfchen Le Coq war ein öder Platz, aber Wenduyne hatte das Aussehen einer Stadt, eines Seebades, das hauptsächlich im Sommer besucht wird. Es lag jetzt verlassen da, nur ein fröstelnder Polizist stand in dem gedeckten Warteraum der Bahn und sah ihm neugierig zu, als er sich gegen den starken Nordwestwind mit Mühe zu der steilen sternchenland.com Böschung emporarbeitete, die zu der Strandpromenade führte.

 

Der Strand war verlassen, und die Fassaden der schönen Villen waren mit Brettern verschlagen. Große Sandhaufen lagen über bei vernachlässigten Strandpromenade. Es war gerade Flut, und die großen Wogen der stürmischen See brandeten heftig gegen die Uferbefestigung, als er schnell den Weg entlangging. Er hatte seinen Mantel bis zum Kinn zugeknöpft. Schließlich stand er vor dem Haus Nr. 94.

 

Eine hohe Villa mit schmaler Frontseite erhob sich vor ihm. Die kleine Säulenhalle und der Eingang waren hinter einer grauen Bretterschutzwand verborgen, nur eine Tür war sichtbar. Er klopfte, aber es meldete sich niemand. Er klopfte noch einmal lauter.

 

Als er es zum drittenmal ohne Erfolg versucht hatte, ging er um das Gebäude herum, um vielleicht auf der Rückseite Einlaß zu finden.

 

Gleich nach seinem Klopfen erschien eine behäbige, ältere Frau mit einem leichten Anflug eines Schnurrbarts. Sie schaute ihn etwas unsicher an.

 

»Wie ist Ihr Name? Monsieur empfängt nicht,« fügte sie französisch.

 

»Ich werde erwartet, ich habe mich telegraphisch angemeldet.«

 

Die Frau wurde plötzlich freundlicher.

 

»Ja, ich weiß, wollen Sie bitte mitkommen?«

 

Sie führte ihn eine Flucht von Treppenstufen hinauf, die nicht einmal mit einem Teppich belegt waren, und klopfte an eine Tür. Er hörte drinnen eine Stimme, und sie ging vor dem Besucher hinein.

 

Spike sah sich in einem im Verhältnis zu seiner Länge und Höhe schmalen Raum, dessen eine Wand mit Teppichen behängt, während die andere ganz mit Bücherregalen verstellt sternchenland.com war. Zwei silberne, elektrische Armlampen verbreiteten ein helles Licht, denn die einzige natürliche Lichtquelle war ein buntes Glasfenster hinten an der Schmalwand am anderen Ende des Raumes.

 

John Wood saß an einem großen, mit Goldbronze beschlagenen Schreibtisch, als Spike eintrat. Er erhob sich und legte die Feder nieder.

 

»Sind Sie trotz des bösen Wetters gekommen? Sie sind ein tapferer Mann. Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Holland. Und bevor Sie mich fragen, will ich Ihnen schon sagen, daß ich die Artikelserie gerne schreibe, die Sie in Ihrem Telegramm erwähnten. Es ist mir sehr lieb, daß ich dadurch wieder mehr in der Öffentlichkeit bekannt werde, um meine Pläne durchzusetzen, und ich mache ganz rücksichtslos für mich Reklame.«

 

Sie besprachen noch ein paar Einzelheiten über Länge und Inhalt der Artikel, während die dicke Frau mit dem Schnurrbart Wein, Kaffee und Bisquits servierte.

 

»Wie ruhig und friedvoll haben Sie es doch hier,« sagte Spike neiderfüllt. »Ich dachte, es wäre eine Marotte von Ihnen, im Winter in Wenduyne zu leben. Aber wie geeignet ist dieser Platz doch zum Schreiben!«

 

John Wood lächelte.

 

»Ich möchte Sie nicht mit nach oben nehmen, um Ihnen die Ruhestörer zu zeigen. Sie schlafen jetzt gerade.«

 

»Haben Sie denn Kinder hier?« fragte Spike erstaunt.

 

Wood nickte.

 

»Dreißig, drei große Säle voll!« Er zeigte auf die Treppe, die zu dem oberen Teil des Gebäudes führte. »Ich habe nur die gesunden Kinder hier, das Sanatorium liegt auf der anderen Seite der Stadt.«

 

Sie sprachen noch eine ganze Stunde lang über kleine Kinder. Mr. Wood schien überhaupt über nichts anderes reden zu wollen.

 

sternchenland.com »Ich glaube, Sie wissen viel mehr über Abel Bellamy, als Sie mir sagen. Sie scheinen ihn nicht sehr zu lieben?«

 

Mr. Wood spielte mit einer goldenen Panfigur, einer kleinen, wunderschönen Statuette, die auf seinem Schreibtisch stand.

 

»Ich weiß genug von ihm, um ihn an den Galgen zu bringen,« sagte er, ohne den Blick zu erheben.

 

Spike hörte verwundert zu.

 

»Sie wissen genug, um ihn an den Galgen zu bringen?« wiederholte er. »Das ist doch wohl etwas viel gesagt.«

 

Wood sah ihm jetzt ins Gesicht.

 

»Mag sein, daß es gewagt ist. Aber ich spreche ja im Vertrauen mit Ihnen.«

 

Spike war gewöhnlich nicht sehr entzückt, wenn jemand ihm Mitteilungen unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit zukommen ließ, aber jetzt war er begierig, auch Nachrichten zu sammeln, die er nicht veröffentlichen durfte.

 

»Ich habe absolut keine Beweise, aber trotzdem weiß ich genug, daß man das Urteil über ihn sprechen könnte. Ich will nicht sagen, daß man ihn nur auf meine Aussage allein hin hängen kann; das Gesetz ist sehr vorsichtig in England, wenn die Todesstrafe in Betracht kommt.«

 

»Sicher handelt es sich um ein Kind,« meinte Spike. »Obwohl ich nicht behaupten will, daß Sie kein Herz für Erwachsene haben oder sich nicht über die Ermordung irgendeines fetten Mannes aufregen würden, schließe ich doch aus Ihren Worten, daß ein Kind im Spiel war.«

 

»Ja, er hat ein Kind umgebracht, ein Kind, an das ich mich dunkel erinnere. Ob er oder einer seiner Helfershelfer dafür verantwortlich ist, weiß ich nicht. Er haßt Kinder. Ich bin neugierig, ob Sie mein Telegramm ernst nehmen, in dem ich Sie fragte, ob Bellamy sich für kleine Kinder interessiert? Es war ein grimmiger, vielleicht ein törichter Scherz. Ich sandte es Ihnen aus dem Impuls des Augenblickes sternchenland.com heraus. Abel Bellamy würde lieber seinen letzten Dollar in die See werfen, als einem Kind auch nur mit ein paar Cent helfen!«

 

»Können Sie mir nicht erzählen, was er getan hat – war es in Amerika?«

 

»Ja, in Amerika, vor vielen Jahren. Aber ich fürchte, daß ich schon zuviel gesagt habe. Früher oder später werde ich auch die Beweise dafür in der Hand haben. Zwei Leute arbeiten schon seit zwei Jahren in meinem Dienst auf Grund der Angaben, die ich machen konnte. Einer lebt in London, der andere in Amerika.«

 

»Er hatte einen bösen Streit mit dem Vormundschaftsgericht in Amerika?«

 

»Ich weiß um die Geschichte, aber das hat nichts mit dem Fall zu tun, den ich meine. Es war auch noch eine andere Geschichte in den Staaten. In New York hätte er auch beinahe einmal einen Bureaujungen umgebracht – er warf ihn eine hohe Steintreppe hinunter. Ich kenne die öffentlichen Akten Mr. Bellamys sehr genau, aber ich bin hinter seinen geheimen Privatakten her, die ich gerne ausfindig machen möchte. Der Mann ist ein brutaler Mensch. Aber er hat sich nicht allein gegen Kinder vergangen, einmal mußte er sogar fünftausend Dollar bezahlen, nur um eine Klage beizulegen, die sein Kammerdiener gegen ihn erhob. Seit der Zeit halt er sich keinen mehr.«

 

»Unser Herrgott hat merkwürdige Geschöpfe geschaffen,« meinte Spike.

 

»Und der Teufel noch schlimmere,« erwiderte John Wood. Sein schönes Gesicht verdüsterte sich. »Er machte manche Menschen zu Tieren.«

 

Spike stellte jetzt endlich die Frage, die er sich schon auf der ganzen Herreise überlegt hatte.

 

»Glauben Sie, daß der Grüne Bogenschütze eins seiner Opfer ist?«

 

sternchenland.com John Woods Stirn glättete sich.

 

»Viele Leute glauben,« sagte er etwas spöttisch, »daß der Grüne Bogenschütze die Erfindung eines gewissen Zeitungskorrespondenten ist – es wäre unhöflich, seinen Namen Ihnen gegenüber zu nennen!«

 

»Ich wäre glücklich, wenn ich der Verfasser einer Geschichte wäre, die ganz England zum Besten hielt,« gestand Spike. »Aber unglücklicherweise trägt der Grüne Bogenschütze selbst die Verantwortung dafür.«

 

Nun erzählte er die Begebenheit von dem letzten Erscheinen des Bogenschützen, und John Wood fragte ihn genau nach allen Einzelheiten aus.

 

»Wer sah denn das ›Gespenst‹ mit Ausnahme von Abel Bellamy?«

 

»Niemand, vielleicht hat er die ganze Sache selbst ausgedacht.«

 

»Das scheint mir nicht sehr wahrscheinlich.« John Wood schüttelte den Kopf. »So raffiniert ist Bellamy nicht, er ist ganz vertiert. Diese Vermutung können Sie ruhig fallen lassen, der Grüne Bogenschütze wird schon wirklich existieren, Wenn Bellamy ihn gesehen hat.«

 

Sein Gesicht verfinsterte sich wieder und er lehnte sich in tiefen Gedanken in seinen Stuhl zurück. Plötzlich erhob er sich, ging zu einem Geldschrank am Ende des Raumes und öffnete ihn. Einige Zeit blieb er dort stehen, und als er wieder zum Schreibtisch zurückkam, hielt er etwas in der Hand.

 

Spike hatte sich erhoben, um sich zu verabschieden. Er hatte nur wenige Stunden zur Verfügung, und die Besprechung der Artikel hatte viel Zeit gekostet.

 

»Sehen Sie einmal dies an, Holland.«

 

Er zeigte ihm einen beschmutzten und verfärbten Kinderschuh aus weichem, weißen Ziegenleder.

 

»Eines Tages werde ich Abel Bellamy diesen Schuh vor einem amerikanischen Gericht zeigen, wenn man ihn nicht sternchenland.com schon vorher überführt – und das wird für ihn ein schrecklicher Tag werden!«

 

In diesem Augenblick kam die alte Frau wieder in den Raum. Ein breites Lachen lag auf ihrem einfachen Gesicht, und sie trug ein kleines weißes Bündel in ihren Armen.

 

»Monsieur, der kleine Allemand will nicht schlafen, bevor er Sie gesehen hat.«

 

Sie hielt ein rosiges kleines Kind mit großen, leuchtenden Augen in ihren Armen, das seinen Kopf John Wood zuwandte und den kleinen, nassen Mund zu einem vergnügten Gurgeln öffnete.

 

Der Wechsel, der mit Wood vorging, war erstaunlich. Seine düstere Stimmung schien wie weggeblasen, und der Frohsinn und die Freude, die ihm sonst eigen waren, zeigten sich wieder in seinen Gesichtszügen, als er die Arme ausstreckte, um das Kind zu nehmen.

 

»Hier ist ein Kleinod meines Schatzes, Holland, das kostbarer ist als die Millionen Bellamy’s!«

 

Er hatte seine Wange an das Gesicht des kleinen Kindes gelegt. Spike sah Tränen in seinen Augen und war überrascht.

 

Als Spike unten am Hause vorbeiging und wieder gegen den Wind ankämpfte, wandte er sich noch einmal um. Durch das Fenster sah er, daß John Wood das kleine Kind auf die Ecke des Schreibtisches gesetzt hatte. Mit der einen Hand hielt er es fest und mit der anderen zeigte er ihm die goldene Panfigur.

 

Kapitel 8

 

8

 

Frank beobachtete die beiden Männer, die vor dem Altar demütig ihre Verehrung darbrachten, und er strengte seine Ohren an, um die merkwürdigen Worte zu verstehen, die gesprochen wurden. Er erkannte die Stimme des Betreffenden nicht, jedenfalls war es keiner der beiden Männer, die ihn in den Keller gesperrt hatten. Die Stimme klang wohllautend und voll, und doch zitterte sie vor Erregung. Ja, der Mann schien in ekstatischer Begeisterung zu sein.

 

»Hades, du großer Gott der Unterwelt, du Spender des Reichtums, höre deine Diener! Du mächtiger Gott, durch dessen Einfluß und Segen dieser Mann, der sich hier vor dir erniedrigt und vor deinem Altar kniet, zu großem Reichtum gelangt ist, höre seine Bitte und sei ihn gnädig, denn er will seinen Reichtum mit den Armen teilen, so daß dein Name groß werde. O Pluto, gefürchteter Herr der Unterwelt, gib deinem Knecht ein Zeichen, daß du ihn erwählt hast!«

 

Der größere der beiden hob den Kopf und blickte auf das goldene Bild. Frank konnte von seinem Standpunkt aus nur den Rücken des Mannes sehen. Das einzige Licht in diesem merkwürdigen Tempel kam von zwei elektrischen Leuchtern, die zu beiden Seiten des Altars standen. Außerdem mußten am Altar selbst für den Beschauer unsichtbare Lichter angebracht sein, die das Bild des goldenen Hades erhellten, so daß es zu strahlen schien.

 

Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille, dann hörte man eine Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien und hohl und unnatürlich klang. Allem Anschein nach ertönte sie aus der Richtung der goldenen Figur.

 

»Deine Opfer sind angenehm vor mir, und ich weiß, daß du mir treu dienst. Du sollst den Leuten, die meine Priester sind, das geben, was du am meisten schätzest, dann wird es dir wohlergehen, und dein Name soll in meinem Buch mit goldenen Lettern geschrieben sein.«

 

Der große Mann warf sich auf den Boden und blieb lange Zeit in dieser Haltung, dann erhob er sich, und die beiden gingen langsam zwischen den Säulen entlang, bis sie an das hintere Ende des Saales kamen und durch den blauen Samtvorhang verschwanden.

 

Frank atmete erregt. Schweiß stand auf seiner Stirn. Geräuschlos kroch er in den Lichtschacht zurück und schlich die Leiter hinunter. Er hatte noch viel Zeit, und als sich die Tür wieder öffnete, war er vollkommen ruhig geworden und schlief allem Anschein nach. Die Stimme kannte er, die gleich darauf sprach.

 

Es war keiner der Männer, die an der sonderbaren Zeremonie teilgenommen hatten, darauf hätte er einen Eid leisten können. Er lag vollkommen ruhig unter seiner Decke. Einer der beiden schlich sich auf Zehenspitzen zu seinem Lager, und Frank mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um reglos zu bleiben. Er zweifelte nicht daran, daß diese Verbrecher ihn einfach ermorden würden, wenn es ihren Plänen entsprach. Er packte die Eisenstange fester, die er mitgenommen hatte, und war entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, wenn es darauf ankommen sollte. Aber sie schienen mit allem zufrieden zu sein.

 

»Es hat aber ziemlich lange gedauert, bis du gesprochen hast, Tom«, sagte der eine.

 

Der andere antwortete leise. Frank konnte etwas von einem Rohr verstehen.

 

Dann krachte es, und er vermutete, daß sie einen der beiden Kästen hinaustrugen. Die Tür schloß sich hinter den beiden, und der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie trugen den Kasten durch die zweite Tür nach draußen und stellten ihn in der Säulenhalle eines kleinen griechischen Tempels nieder.

 

Das Gebäude war von einer weiten Parkanlage umgeben, die aber nur wenig offene Rasenstellen zeigte. Meistens bildeten große Bäume und dichte Sträucher den Hintergrund. Weit und breit konnte man nichts von einer menschlichen Wohnung entdecken.

 

Tom zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Was soll nun mit dem Kerl da unten im Keller werden?« fragte er und zeigte mit dem Daumen nach der Tür, die zur Krypta führte.

 

»Für uns hat er keinen Zweck, selbst Rosie gibt das zu. Außerdem ist er für uns sehr gefährlich.«

 

Die beiden sahen sich einige Zeit schweigend an.

 

»Ich bringe es nicht fertig, einen Mann kaltblütig zu morden«, sagte Tom. »Aber wenn ich ihm erst ein paar Schläge versetze, beginnt er vielleicht einen Kampf mit mir – und dann ist die Sache ja leicht.«

 

Sammy nickte.

 

»Wir wollen jetzt den zweiten Kasten auch noch heraufbringen und nachher den Mann erledigen.«

 

Es machte ziemlich Mühe, auch den zweiten Kasten nach oben zu bringen. Sie stellten ihn in dem Säulengang dicht neben dem ersten auf. Zehn Minuten lang saßen sie dann auf den marmornen Stufen vor der Fassade, bis sie wieder zu Atem gekommen waren. Die Nacht war ruhig, der Himmel war klar und sternenübersät. Die dunklen Schatten zweier Bäume und die Silhouette des Tempels gaben eine gespenstische Kulisse ab. Sie wirkte um so unheimlicher, als die beiden daran dachten, welch grausame Aufgabe vor ihnen lag. Je länger sie warteten, desto unwilliger wurden sie, ihr Vorhaben auszuführen.

 

»Rosie hat die nächste Geldzahlung für das Depot in Philadelphia bestimmt«, sagte Tom, als ob er nur etwas reden wollte.

 

Sammy brummte etwas Unverständliches.

 

Schließlich erhob sich Tom und zog einen Revolver aus der Tasche, dessen Lauf drohend glänzte.

 

»Komm mit«, sagte er kurz entschlossen.

 

Sie gingen die Treppe hinunter, schlossen die Tür des Kellerraums auf und traten zusammen ein. Tom ging direkt auf das Bett zu, und seine Hand tastete nach der Decke.

 

»Heraus jetzt –«

 

Er zog die Decke zurück, fand aber niemand darunter. Papier und Bücher waren in die Mitte gelegt. Sam fluchte.

 

»Er ist fort«, rief er und eilte die Treppe hinauf. Die eine Kiste in dem Säulengang war leer.

 

Kapitel 9

 

9

 

Am nächsten Tag hatte Peter Corelly sehr viel zu tun, viel mehr, als er erwartet hatte.

 

Wenn er behauptete, Professor Cavan erst seit einem Tag zu kennen, dann übertrieb er natürlich. Er wollte damit nur ausdrücken, daß ihn Professor Cavan erst seit gestern interessierte. In New York war der kleine Mann mit dem etwas struppigen grauen Bart, dem kahlen Kopf und den langen grauen Locken wohlbekannt. Er trug stets eine goldene Brille. Es war sonderbar, daß er ein großes Vermögen besaß, denn im allgemeinen haben Gelehrte nicht das Glück, durch ihre Wissenschaft viel Geld zu verdienen.

 

Wilbur Smith lehnte sich in die Kissen zurück, nachdem Peter Corelly fortgegangen war, und es gelang ihm bald, herauszufinden, wer dieser Professor Cavan war. Wenn er es vorher vergessen hatte, dann war das ja entschuldbar; seine Gedanken beschäftigten sich eben nur mit Verbrechen und Verbrechern.

 

Cavan? dachte Wilbur Smith, während er auf die weißgetünchte Decke sah, als ob er dort in einem großen Nachschlagewerk läse. Das ist doch der Spezialist für klassische Mythologie. Peter wird sicher alles von ihm erfahren können, was sich auf den alten griechischen Gott Hades bezieht.

 

Und wenn es jemand auf der Welt gab, der über Hades Bescheid wußte und zur Aufklärung eines Geheimnisses beitragen konnte, mit dem sich die beiden besten Detektive der Geheimpolizei beschäftigten, dann war es Professor Cavan.

 

Als dieser große Gelehrte seinerzeit nach den Vereinigten Staaten kam, nahm ihn die wissenschaftliche Welt gerne in ihre Reihen auf, und auch die Gesellschaft von New York feierte ihn. Dieser Zeitpunkt lag drei Jahre zurück. Cavans gründliches Wissen, seine faszinierende Rednergabe und nicht zuletzt sein Vermögen hatten ihm alle Türen geöffnet. Gleich im ersten Jahr bot man ihm an drei verschiedenen Universitäten einen Lehrstuhl an, aber er lehnte höflich und bestimmt ab.

 

Er lebte in einer luxuriösen Wohnung am Riverside Drive und hatte eine zahlreiche Dienerschaft. Seine glänzenden Vermögensverhältnisse straften die gewöhnliche Ansicht Lügen, daß ein Professor mit seiner Wissenschaft kein Geld erwerben könnte. Selbst Peter Corelly, der sich durch äußeren Reichtum im allgemeinen wenig imponieren ließ, war erstaunt, als er in der Wohnung des Gelehrten vorsprach. Ein stattlicher Butler empfing ihn, der seiner Erscheinung nach Engländer war. Er hatte ein repräsentatives Aussehen und sehr höfliche Manieren.

 

Peter wurde in das Arbeitszimmer des Professors geführt und fand den kleinen Herrn an einem großen, höchst imposanten Schreibtisch, der mit offenen Büchern, Dokumenten, Papieren und Manuskripten bedeckt war; Cavan schrieb gerade eifrig an einer Abhandlung. Als der Butler Peter hereinführte, blickte der Gelehrte auf, griff nach Peters Visitenkarte und las sie, indem er sie nahe an die Augen hielt. Dann nahm er die Brille ab und lehnte sich mit einem verbindlichen Lächeln in seinem Sessel zurück.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Corelly. James«, wandte er sich an den Butler, »schieben Sie doch einen Stuhl zurecht. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

 

»Danke, nein«, entgegnete Peter. »Das ist ein Getränk, an dessen Genuß ich mich noch nicht gewöhnt habe.«

 

»Außerordentlich schade«, meinte Cavan und schüttelte den Kopf. »Es ist ein herrliches Getränk, erhält einen frisch und munter, so daß man angestrengt arbeiten kann, ohne irgendwelche Ermüdung zu spüren. James, Sie können gehen.«

 

Als sich die Tür schloß, sah er wieder auf die Visitenkarte.

 

»Mr. Corelly, soviel ich verstehe, haben Sie mich aufgesucht, um mit mir über eine Spezialfrage der griechischen Mythologie zu sprechen. Ich glaube auch zu wissen, worum es sich handelt.« Er sah Peter mit einem sonderbaren Lächeln an. »Sie wollen genauere Angaben über den goldenen Hades von mir haben.«

 

Peter konnte sich sehr gut beherrschen, aber trotzdem war es ihm in diesem Augenblick kaum möglich, seine Überraschung zu verbergen. Er hatte geglaubt, die Einzelheiten dieses geheimnisvollen Kriminalfalls wären nur den obersten Beamten der Geheimpolizei bekannt.

 

Der Professor war befriedigt von dem Eindruck, den seine Worte hervorriefen.

 

»Mr. Corelly, ich bin kein Hellseher, ich lese nur die Zeitungen sehr genau. Gestern abend fand ich eine Bemerkung im ›Evening Herald‹, die von der Sache handelte. Allem Anschein nach hatte ein Redakteur dieser Zeitung einen Brief erhalten …«

 

»Ach ja, ich entsinne mich«, entgegnete Peter schnell. »Natürlich. Mr. Wilbur Smith hat ihn jetzt.«

 

»Gewiß, das stimmt mit den Zeitungsnachrichten überein. Also, Mr. Corelly, was kann ich für Sie tun?«

 

»Ich möchte Sie bitten, mir möglichst genau zu erklären, welche Funktionen der griechische Gott Hades oder Pluto bei den Römern hatte. Ich habe selbst studiert, aber natürlich besitze ich keine Spezialkenntnisse in griechischer Mythologie. Deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir über diese Frage genauere Auskunft geben könnten.«

 

Cavan nickte bedächtig.

 

»Ich dachte mir schon, daß Sie sich danach erkundigen würden.«

 

»Ich weiß, daß Sie der beste Kenner der alten Götterkulte sind, die sich bis auf diesen Tag erhalten haben. Vielleicht müßte ich besser sagen, die in neuerer Zeit wieder aufgelebt sind.«

 

Der Professor nickte wieder.

 

»Ich habe allerdings eine sehr eingehende Kenntnis gerade dieser Materie. Es ist erstaunlich, wieviel von den alten Kulten sich bis in unsere Tage herübergerettet hat. Es gibt einige darunter, die eine große Anzahl von Anhängern, ich möchte sogar sagen, von Priestern haben, und es existieren noch ganz bestimmte Rituale. Zum Beispiel gibt es in Norwegen noch Verehrer der altheidnischen Gottheit Troll. Das ist eine Art Teufel aus der skandinavischen Göttersage. In Rußland waren sehr viele Anhänger des Geheimkults von Baba Yaga, auch einer mythologischen Gestalt. Es ist mir gelungen, sie mit der altgriechischen Gottheit Chronos zu identifizieren. In England und Amerika leben eine ganze Anzahl recht unangenehmer Leute, die meistens ein bewegtes und böses Vorleben haben und noch einen anderen Gott der griechischen Mythologie zu ihrem Schutzpatron erklären.«

 

»Bedeutet das auch, daß sie einen gewissen Kult mit ihm treiben?«

 

»Ja, sie verehren diese Gottheiten etwa so, wie die Parsen die Sonne verehren.«

 

»Legen Sie ihnen auch übernatürliche Kräfte bei?«

 

»Ganz gewiß. Nehmen wir einmal den Fall des Gottes Hades, für den Sie sich ja ganz besonders interessieren. Es gibt drei Gruppen von Hadesverehrern. Aus verschiedenen Gründen übt dieser Gott eine größere Anziehungskraft auf die Menschen aus als irgendeine andere Gestalt der alten Mythologie.«

 

»Gibt es denn tatsächlich solche Hadesverehrer hier in Amerika – speziell im Staat New York?«

 

»Ja, die gibt es«, entgegnete der Professor und sah Peter wieder sonderbar an. »Einige von ihnen sind begeisterte Anhänger, und zwar mit vollem Bewußtsein, andere sind in der Beziehung weniger fanatisch. Sie dürfen nicht vergessen, daß Hades oder Pluto unter anderem auch der Gott des Reichtums ist«, fügte er lächelnd hinzu.

 

»Ich möchte eine direkte Frage an Sie stellen. Sie verkehren doch hier in der besten Gesellschaft. Kennen Sie unter diesen Leuten Mitglieder einer Sekte, die den Gott Hades verehrt? Bevor Sie mir antworten, darf ich Ihnen sagen, daß ich ihre Namen jetzt nicht wissen will.«

 

»Ich würde Ihnen gern auch die Namen mitteilen, wenn ich sie wüßte, aber glücklicherweise habe ich mit diesen Dingen direkt nichts zu tun. Meine wissenschaftliche Tätigkeit liegt auf einem anderen Gebiet. Ich weiß wohl, daß solche Sekten existieren, weil ich im allgemeinen davon gehört habe, aber um derartige Absurditäten selbst habe ich mich weniger gekümmert. Und wo man derartige Gemeinden von Hadesverehrern finden kann – das mag der Himmel wissen!«

 

Er erhob sich und reichte seinem Besucher die Hand, »leben Sie wohl, Mr. Corelly.«

 

Peter hatte durchaus nicht die Absicht gehabt, schon zu gehen, aber nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verlassen.

 

*

 

Am Abend speiste er zusammen mit Flint, und zwar in einem vornehmen Klub, in dem sein Vorgesetzter Mitglied war.

 

»Ich hatte gehofft, daß Cavan Ihnen mehr helfen würde«, sagte der Chef. »Den ganzen Nachmittag habe ich mit dem Generalstaatsanwalt über diesen sonderbaren Fall verhandelt. Es drehte sich schließlich auch um die Frage, was denn der Kult des goldenen Hades sein könnte. Es liegt mir wie ihm viel daran, mehr Einzelheiten zu erfahren. Cavan hätte uns den größten Dienst erweisen können. Der Staatsanwalt hat mir auch gesagt, daß der Professor einer der tüchtigsten und klügsten Leute ist, die er jemals getroffen hat. Der Mann besitzt eine umfassende Allgemeinbildung und ist auf den verschiedensten Gebieten äußerst beschlagen.«

 

»Ich kam gar nicht dazu, weitere Einzelheiten mit ihm zu besprechen. Kaum hatte ich ein paar Worte mit ihm gewechselt, so komplimentierte er mich auch schon hinaus«, entgegnete Peter, nicht gerade rosig gestimmt.

 

»Das ist unendlich schade.«

 

»Auf jeden Fall habe ich mir dauernd den Kopf zerbrochen, wie wir Cavan zum Sprechen bringen könnten. Er hat sehr viel Geld und daher kein pekuniäres Interesse daran, seine Kenntnisse nutzbringend zu verwerten. Auf der anderen Seite ist es auch möglich, daß er mir alles über Hadesverehrer gesagt hat, was er weiß.«

 

»Haben Sie eigentlich nachgeforscht, wer der Requisitenverwalter im Theater ist, und vor allem, wer ihm das Geld mit dem Stempel gegeben hat?«

 

»Ja, ich habe zwei Fragen geklärt, die mir besonders wichtig erschienen. Einmal die Herkunft des Geldes, zweitens die Geschichte Fattys. Sowohl der Requisitenverwalter als auch Fatty haben die Wahrheit gesagt. Der Mann, von dem die Banknoten für das Theater stammen, macht auch Plakate. Er hatte gerade den Auftrag, ein Plakat für einen neuen Film herzustellen, der von Geld und Geldeswert handelte, und es war ihm die Reklameidee gekommen, einen Streifen nachgeahmten Papiergelds als Rahmen um das farbige Bild zu kleben. Als er von Hause fortging, hatte er aber die Scheine noch nicht erhalten. Sein Sohn sollte ihm deshalb außer dem Essen auch das nötige Material zu der Stelle bringen, wo das große Plakat angebracht werden sollte. Der Junge traf auch zur festgesetzten Zeit bei seinem Vater ein und erzählte ihm, daß er unterwegs einen Mann getroffen hätte, der ihm ein Paket in die Tasche steckte. Als er es öffnete, stellte sich heraus, daß es ein großer Stoß Banknoten war. Natürlich glaubte der Plakatmann, daß es sich um die imitierten Scheine für den Streifen um das Bild handelte, und klebte tatsächlich eine Reihe von Tausenddollarscheinen auf die Bretter. Die Polizei ist jetzt damit beschäftigt, diese wertvollen Papiere mit warmem Wasser wieder abzulösen. Merkwürdigerweise war die Anzahl der Banknoten so groß, daß er kaum die Hälfte auf seinem Plakat unterbringen konnte. Er nahm daher die anderen mit nach Hause, und da sie sehr gut aussahen, gab er den Rest dem Requisitenverwalter des Theaters, der ihn schon seit einiger Zeit gebeten hatte, ihm gutes nachgemachtes Geld zu verschaffen.«

 

»Dann stimmte also Fattys Erzählung?«

 

»Vollkommen. Er hat den Jungen des Plakatmanns auf seiner Flucht getroffen. Eines möchte ich noch …« Er brach plötzlich ab und sah nach der Tür.

 

Eine junge Dame ging langsam durch den Mittelgang des Restaurants. Hinter ihr her schritt Mr. Bertram, der ein sehr nachdenkliches Gesicht machte.

 

Aber Peter achtete nur auf die Tochter des Bankiers, die in ihrem Abendkleid ganz besonders schön aussah. Es war fast, als ob sie seine Blicke spürte, denn sie wandte plötzlich den Kopf und sah zu ihm hinüber. Als sie Peter zunickte, sprang er sofort auf. Er sah, daß sie ihrem Vater etwas sagte, und auch Bertram wandte sich um und verbeugte sich leicht in Peters Richtung. Dann verschwanden die beiden in dem angrenzenden Saal.

 

»Setzen Sie sich doch, Peter. Sie fallen allgemein auf«, sagte Flint.

 

Erst jetzt kam Peter zum Bewußtsein, daß er noch stand.

 

»Das war doch der Bankier Bertram mit seiner Tochter?« fragte der Chef. »Wie ich annehme, haben Sie die Angelegenheit heute vormittag zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt?«

 

Peter ging zunächst nicht auf die Worte seines Vorgesetzten ein; er beobachtete die Tür, denn er wollte vor allem wissen, wer die Gäste des Bankiers waren. Warum er das allerdings erfahren wollte, wußte er selbst nicht. Es war eine reine Gefühlssache. Er bemerkte Willy Boys, der eilig und mit gerötetem Gesicht in den Speisesaal trat. Willy Boys hatte es niemals verstanden, zur rechten Zeit zu kommen. Dann sah er eine Dame, die er nicht kannte; der Chef erklärte ihm, daß sie eine bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft wäre.

 

»Sehen Sie einmal, wer dort kommt«, sagte Peter erstaunt.

 

Der letzte, der in den angrenzenden Raum trat, war Professor Cavan. Er war formvollendet gekleidet. Den Mantel hatte er noch über dem Arm und den Zylinder in der Hand. Er übergab beides einem Pagen, der die Sachen zur Garderobe bringen sollte. Dann ging er in aufrechter Haltung durch den großen Mittelgang. Allem Anschein nach wußte er, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren, und empfand stolze Genugtuung darüber.

 

»Ich möchte wissen, ob er uns helfen würde, wenn er die Einzelheiten erführe«, meinte Peter nachdenklich.

 

»Sie könnten ihn ja noch einmal besuchen und ihm, wenn nicht alles, so doch die wichtigsten Punkte mitteilen«, schlug der Chef vor.

 

»Ja, das werde ich auch in den nächsten Tagen versuchen.«

 

Flint verweilte gern längere Zeit beim Essen, aber Peter machte sich nichts aus dem Nachtisch. Ihm war die Speisenfolge an und für sich schon zu lang und umfangreich. Er entschuldigte sich daher bei seinem Chef und verließ den Klub.

 

Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß auch Frank Alwin mit Wilbur Smith an jenem Abend, an dem er verschwunden war, hier gespeist hatte. Eine solche Entführung wäre natürlich zu so früher Tagesstunde unmöglich. Die Straßen waren belebt, und ein Polizist stand nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und beobachtete den Verkehr. In der Nähe stand eine prachtvolle Limousine, und Peter erkannte den Butler des Professors Cavan, der sich mit dem Chauffeur unterhielt. Peter fragte den Portier und erhielt den Bescheid, daß es der Wagen des Gelehrten wäre. Nun interessierte er sich dafür und wollte die Gelegenheit wahrnehmen, weitere Auskünfte einzuholen. Der Butler berührte seinen Hut, als Peter näher kam.

 

»Guten Abend. Sie waren doch der Herr, der neulich bei dem Professor vorsprach? Er ist gerade im Klub und speist zu Abend.«

 

»Ich weiß es. Ich habe ihn gesehen. Das ist aber ein herrlicher Wagen!«

 

»Ja, einer der besten Wagen, die je nach den Vereinigten Staaten importiert wurden. Sie sollten den Professor einmal darum bitten, Ihnen das Auto zu einem Ausflug zu leihen!«

 

Peter lachte.

 

»Aber ich kenne doch den Professor nicht gut genug, um eine solche Bitte an ihn stellen zu können. Auf jeden Fall ist es ein prachtvoller Wagen!«

 

»Ja. Allein die Innenausstattung kostet ein kleines Vermögen«, erwiderte der Butler stolz, öffnete die Tür der Limousine und deutete hinein.

 

»Das Licht läßt sich leider nicht andrehen. Der Professor ist mit seinem Schirm am Verbindungsdraht hängengeblieben und hat ihn zerrissen. Wir haben es erst gemerkt, als er heute abend ausfahren wollte. Aber fühlen Sie doch nur einmal die wunderbare Polsterung der Ledersitze …«

 

Peter hatte schon den einen Fuß aufs Trittbrett gesetzt, als ein Mann mit schwankenden Schritten aus dem Schatten trat.

 

»Hallo, Peter!« rief er laut. »Lieber alter Junge, wie geht es dir denn?«

 

Peter wandte sich um. Der Mann mußte allem Anschein nach betrunken sein. Es war auch außergewöhnlich, daß er ihn beim Vornamen rief. Nur Flint hatte sonst diese Angewohnheit. Corelly wollte sich den Burschen einmal genauer ansehen, der sich eine derartige Freiheit herausnahm.

 

»Wie geht es denn dem lieben, alten Smith?« fragte der Fremde mit etwas heiserer Stimme.

 

Dann taumelte er und wäre sicher gefallen, wenn Peter ihn nicht in den Armen aufgefangen hätte.

 

»Nanu, was wollen Sie denn, Sie Trunkenbold?« sagte Peter streng. »Meine Schulter ist kein Kopfkissen.«

 

»Wie geht’s denn dem alten Wilbur Smith?« fragte der Mann lallend. Aber dann flüsterte er Peter etwas zu. So standen sie ein paar Sekunden. Der Butler beobachtete die Szene und lächelte. Auch der Polizist hatte den Vorgang beobachtet und kam nun näher.

 

»Nehmen Sie diesen Mann mit zur Wache«, befahl Peter. »Ich werde Ihnen helfen, daß Sie ihn sicher von der Hauptstraße fortbekommen.«

 

»Viel zuviel Mühe, die sich die Leute mit einem Betrunkenen machen«, meinte der Butler. Er war enttäuscht, denn er hatte ein viel aufregenderes Ende dieses Abenteuers erwartet.

 

Ähnlich dachte auch der Betrunkene.

 

»Peter«, hatte er dem Detektiv ins Ohr geflüstert, »wenn Sie in den Wagen steigen, geht es Ihnen schlecht. Ich bin Frank Alwin.«

 

Kapitel 10

 

10

 

Peter brachte den »Gefangenen« bis zur nächsten Straßenecke, wo er den Polizisten entließ und ein Taxi heranwinkte. Er schob Frank hinein und folgte ihm.

 

»Nun, Mr. Alwin«, sagte er, als der Wagen in voller Fahrt war, »jetzt können Sie mir erzählen, wie alles gekommen ist.«

 

Frank lehnte sich in die Polster zurück und lachte nervös.

 

»Ich bin fast die ganzen letzten vierundzwanzig Stunden verfolgt worden, und ich bin durchaus nicht betrunken, aber elend hungrig.«

 

Peter überlegte, daß es jetzt gefährlich sein könnte, mit Alwin in ein Lokal zu gehen. Deshalb brachte er den Schauspieler zu seiner eigenen Wohnung und ließ aus einem nahen Restaurant das nötige Essen holen. Frank war noch so schwach, daß er auch während des Essens auf einer Couch liegen mußte. Schließlich hatte er seinen Hunger gestillt und reichte befriedigt das Tablett zurück.

 

»So, nun kann ich Ihnen meine Geschichte berichten.« Peter hörte ihm eine halbe Stunde zu, ohne ihn zu unterbrechen.

 

»Das klingt fast wie ein Märchen. Wenn mir ein anderer das erzählt hätte, würde ich es ihm nicht geglaubt haben. Die Gesichter der beiden Männer haben Sie also nicht gesehen?«

 

Frank schüttelte den Kopf.

 

»Und Sie haben auch gar keine Anhaltspunkte, mit deren Hilfe Sie die Leute identifizieren könnten?«

 

»Nein. Nur eines ist sicher: Als ich über die Mauer kletterte, holte mich der eine der beiden ein und wollte mich festhalten. Ich schlug mit der Eisenstange zu – der Hieb ging an seinem Kopf vorbei, aber ich traf ihn an der Hand und muß seinen Daumen schwer verletzt haben. Das ging wenigstens aus dem hervor, was er kurz darauf dem anderen erzählte.«

 

Er sah Peter sonderbar an.

 

»Also, nun sagen Sie mir doch auch alles«, erwiderte Corelly. »Sie haben etwas auf dem Herzen, was Sie mir noch nicht anvertraut haben. Warum sollte ich nicht in den Wagen steigen?«

 

Frank Alwin sah zwar etwas besser aus, war aber noch sehr stark angegriffen. Seine Kleider waren nicht gereinigt, und er hatte sich nicht rasiert. Schwäche und Müdigkeit übermannten ihn plötzlich, und er schloß die Augen.

 

»Gute Nacht«, murmelte er leise und schlief gleich darauf fest ein.

 

*

 

Mr. Flint, der Chef der Geheimpolizei, hatte das Essen beendet und den Kellner um die Rechnung gebeten, als Peter wieder in dem Klub erschien, um ihm die neuesten Tatsachen mitzuteilen.

 

»Ich konnte leider nicht mehr aus ihm herausholen. Er ist mir direkt eingeschlafen«, sagte er enttäuscht. »Immerhin kann ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzählen, die ich unter gewöhnlichen Umständen nicht glauben würde.«

 

Flint hörte verblüfft zu.

 

»Das klingt ja wie eine Indianergeschichte aus Wildwest. Meinen Sie nicht, daß Frank Alwin die ganze Sache nur geträumt oder im Fieber erlebt hat?«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Nein, dazu ist er ein viel zu ernster und zuverlässiger Mann. Alwin war während des Krieges drei Jahre lang im Geheimdienst tätig.«

 

»Das habe ich vergessen. Jetzt, da Sie es erwähnen, besinne ich mich wieder darauf, daß man eine sehr gute Meinung von ihm hatte. Aber da nun drei so tüchtige Leute wie Sie, Alwin und Wilbur Smith zusammenarbeiten, muß es doch gelingen, dieses Verbrechen des goldenen Hades aufzuklären. Dort kommt übrigens Bankier Bertram mit seinen Gästen.«

 

Peter schaute interessiert hinüber, als nach den anderen Professor Cavan und Bertram aus dem großen Speisesaal traten.

 

Der Gelehrte schien in der besten Laune zu sein. George Bertram schaute etwas düster drein.

 

»Wo bleibt denn die junge Dame?« fragte Flint.

 

Peter war auch erstaunt. Die beiden Herren warteten einige Minuten an der Tür des Restaurants, bevor sie erschien.

 

»Hallo!« sagte Peter zu sich selbst. »Da ist etwas nicht in Ordnung.«

 

Allem Anschein nach hatte Jose Bertram geweint, denn ihre Augen waren gerötet. Auch ihr Gang und ihre Haltung zeigten, daß sie deprimiert war.

 

Die drei verließen zusammen das Lokal. Ohne sich bei seinem Chef zu entschuldigen, ging Peter in den Speisesaal und traf dort den Oberkellner.

 

»Nun, was hat es denn hier gegeben, Luigi?«

 

»Aeh, Sie meinen mit der jungen Dame?« fragte der kleine Italiener und lächelte. »Anscheinend eine Liebesgeschichte! Sie stritt sich mit ihrem Vater. Ich legte der Sache erst gar keine Bedeutung bei, aber dann verließ sie den Tisch und kam nicht wieder zurück. Es kam ja auch nicht darauf an«, meinte er mit philosophischer Ruhe. »Das Dessert taugte nicht viel. Unser Küchenchef hat heute einen schlechten Tag.«

 

Mehr konnte Peter nicht herausbekommen. Als er wieder an seinen Platz zurückkehrte, war Flint bereits verschwunden. Peter dachte an seine Verabredung mit Jose Bertram und beschloß, sie am nächsten Morgen aufzusuchen.

 

Daß eine junge Dame schließlich einmal bei Tisch weint, war besonders bei Miss Bertram, die ja bereits Proben ihres leicht erregbaren Temperaments abgegeben harte, nicht weiter erstaunlich. Aber für ihn war sie doch nicht mit anderen jungen Damen zu vergleichen. Es war merkwürdig, daß er so dachte, denn er war im allgemeinen schwer zu begeistern, und es machte so leicht nichts auf ihn Eindruck.

 

Man hätte jedoch nicht behaupten können, daß sich Peter auf den ersten Blick in Jose Bertram verliebt hätte. Der Anblick der jungen Dame, die er nur ein einziges Mal vorher gesehen hatte, und zwar unter Umständen, die nicht gerade sehr günstig für sie waren, genügte jedoch, um sein Interesse zu wecken. Und während der Unterredung mit Flint dachte er eigentlich dauernd an sie. Aber das war noch keine Liebe, es war nur außerordentliches Interesse. Auch stöhnte und seufzte Peter nicht, weil sie einer höheren Gesellschaftsschicht angehörte als er, oder weil ihr Vater ungewöhnlich wohlhabend und sie deshalb für ihn unerreichbar war. Im Gegenteil, er hielt sich für gesellschaftlich gleichberechtigt mit ihr, und der Reichtum ihres Vaters machte auf ihn verhältnismäßig wenig Eindruck.

 

*

 

Bankier Bertram hatte drei Besitzungen: ein großes Haus in New York selbst, in dem er aber nicht wohnte, dann eine prachtvolle Villa auf Long Island und einen Landsitz in New Jersey. Und dorthin begab sich Peter am nächsten Morgen.

 

Die Familie bestand nur aus dem Bankier selbst und seiner Tochter; es wurden tatsächlich zwei Haushalte geführt, denn obwohl Jose in bestem Einvernehmen mit ihrem Vater lebte und ihn bis zu einem gewissen Grad liebte, hatte sie doch eine Wohnung für sich, die den einen Flügel des großen Gebäudes einnahm, während ihr Vater den anderen bewohnte.

 

Peters Auto fuhr den langen, von herrlichen Bäumen beschatteten Weg vom Tor zum Hauseingang entlang, und er dachte wieder an die Szene, als er sie in dem Geschäft getroffen hatte. Zu gern hätte er gewußt, warum sie im Klub geweint hatte, aber er zweifelte, ob es ihm heute gelingen würde, das Gespräch auf diesen Zwischenfall zu bringen.

 

Ein Diener in vornehmer Livree nahm seine Karte entgegen.

 

»Miss Bertram erwartet Sie, soviel ich weiß. Sie hat mir gesagt, daß ich Sie ins Wohnzimmer bringen soll. Bitte, kommen Sie mit.«

 

Peter war nicht wenig erstaunt.

 

»Mr. Corelly«, meldete ihn der Diener an.

 

Jose trat einige Schritte vor, blieb dann aber plötzlich stehen und sah Peter entsetzt an. Überraschung, Bestürzung, ja selbst Furcht mischten sich in ihrem Gesichtsausdruck, so daß Peter ein Lächeln unterdrückte.

 

»Sie haben mich wohl nicht erwartet?« fragte er.

 

»Ich – ich …«, begann sie verwirrt. »Nein, ich erwartete … Haben Sie einen speziellen Wunsch?« fragte sie dann plötzlich. »Wollen Sie mich in einer besonderen Angelegenheit sprechen?«

 

Jetzt war allerdings Peter überrascht. Er sah, daß sie bleich wurde und sich auf den nächsten Stuhl setzte. Das kam so unvermittelt, daß Corelly ängstlich wurde. Er hatte derartige Symptome schon öfters in seinem Beruf beobachten können. Aber es dauerte nur ein paar Sekunden, dann hatte sie sich wieder gefaßt und erhob sich lächelnd.

 

»Ich hatte Sie gebeten, mich zu besuchen. Sie müssen mein sonderbares Benehmen verzeihen, aber ich habe heute morgen schwere Kopfschmerzen. Bitte, nehmen Sie doch Platz.«

 

Peter folgte ihrer Aufforderung, fühlte sich aber nicht recht wohl. Er glaubte einen gewissen feindlichen Ton aus ihrer Stimme zu hören. Ihre Gesichtszüge glichen plötzlich einer Maske, jeder Ausdruck war daraus verschwanden. Sie hielt sich vollkommen zurück und hatte wahrscheinlich einen bestimmten Grund dafür. Aber worum es sich handelte, konnte er auch nicht annähernd vermuten. Deshalb entschloß er sich, die Unterredung so bald wie möglich zu Ende zu bringen. Wie stets, war er sehr offen.

 

»Miss Bertram, Sie fürchten sich.«

 

»Da irren Sie«, erwiderte sie etwas steif und richtete sich gerade auf. »Warum sollte ich mich denn fürchten? Bilden Sie sich etwa ein, daß ich vor Ihnen Angst habe?«

 

»Nein, und doch sage ich Ihnen, daß Sie sich ängstigen«, entgegnete Peter langsam und mit Nachdruck. »Und es muß ein sehr wichtiger Grund sein.«

 

Er verzog die Lippen und sah sie ernst, fast feierlich an. Sie erwiderte seinen Blick zuerst tapfer, mußte dann aber doch die Augen senken.

 

»Mr. Corelly – ich sehe nicht ein, warum Sie sich über Dinge Sorgen machen sollten, die Sie gar nichts angehen. Ich bin sehr froh, daß Sie mich besucht haben, denn ich habe Sie ja dazu aufgefordert, aber es ist mir unangenehm, daß Sie so … so …« – sie zögerte, denn sie fand im Augenblick nicht das richtige Wort – »vertraut mit mir reden.«

 

»Sie fürchten sieh unheimlich. So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte Peter. »Ich würde viel darum geben, wenn ich Ihnen aus Ihrer schwierigen Lage helfen könnte. Ich weiß, daß etwas Furchtbares geschehen ist.«

 

Sie sah ihn scharf und betroffen an, dann runzelte sie die Stirn. Zum erstenmal kam wieder etwas Farbe in ihre Wangen.

 

»Sie sagen, Sie würden viel darum geben, mir zu helfen?« erwiderte sie mit stockender Stimme. »Das klingt aber doch ganz sonderbar!«

 

Er hatte den Eindruck, daß sie das nur sagte, um keine Stockung in der Unterhaltung eintreten zu lassen.

 

»Ich habe absolut keine Sorgen«, fuhr sie etwas ruhiger fort. »Warum sollten Sie mir helfen?«

 

Während sie dies sagte, sah sie zum Fenster hinaus.

 

»Ich erwarte sehr bald einen anderen Besuch«, erklärte sie nach einer kurzen Pause. »Hoffentlich halten Sie mich nicht für unhöflich, wenn ich diese Unterhaltung jetzt abbreche.«

 

Er erhob sich und trat zu ihr.

 

»Miss Bertram, ich kam heute nur mit der einen Absicht hierher, unsere Bekanntschaft zu erneuern, und zwar unter angenehmeren und günstigeren Umständen. Wenn es möglich wäre, hätte ich gern ein paar Fragen an Sie gerichtet. Gewiß, ich kenne Sie nicht näher, und ich habe durchaus kein Recht, mich um Ihre privaten Angelegenheiten zu kümmern. Ich habe auch nicht das Recht, Antworten auf meine Fragen zu verlangen oder Ihnen mein Vertrauen aufzudrängen. Aber ich möchte doch dies eine sagen: Es gibt keine Schwierigkeiten und keine Sorgen, bei denen ich Ihnen nicht helfen könnte.«

 

Sie erhob sich schnell, ging an ihm vorbei zum Fenster und wandte ihm den Rücken zu.

 

»Gehen Sie jetzt bitte«, entgegnete sie leise. »Ich – ich glaube, daß Sie es gut meinen, aber unglücklicherweise können Sie mir nicht helfen. Leben Sie wohl!«

 

Peter zögerte noch einen Augenblick, dann nahm er seinen Flut und ging zur Tür. Er hatte die Hand bereits auf die Klinke gelegt, als sie ihn zurückrief. Sie streckte die Hand aus, und er ergriff sie.

 

»Leben Sie wohl!« sagte sie noch einmal. »Wenn ich wirklich in eine sehr schwierige Lage komme, bitte ich Sie vielleicht, mir zu …« Sie brach ab und zuckte die Schultern. »Aber welchen Zweck hat das!« rief sie plötzlich leidenschaftlich. »Meine Schwierigkeiten sind ja so nebensächlich … Was kommt es auch darauf an, Mr. Corelly?«

 

Er fühlte die furchtbare nervöse Spannung, in der sie sich befand.

 

»Was kommt es darauf an?« fuhr sie aufgeregt fort. »Früher oder später muß ich doch heiraten, und ein Mann ist ebenso gut oder schlecht wie der andere …«

 

Peter nickte.

 

»Also dann werden Sie heiraten? Das ist allerdings eine genügende Erklärung. Würden Sie mir noch gestatten, zu fragen, wer der glückliche Mann ist, dem Sie Ihre Hand reichen?«

 

Sie sah ihn an, und ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

»Er ist der Erwählte der Götter«, erwiderte sie bitter. Peter atmete tief.

 

»Ist es etwa der goldene Hades, der das bestimmt hat?«

 

Sie schrak zusammen und wurde rot.

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sie leise.

 

Ohne noch ein Wort zu sagen, verließ sie das Zimmer. Er wartete, bis sich die Tür hinter ihr schloß, dann ging auch er. Auf der Fahrt zum Portal des großen Gartens begegnete er Professor Cavans Butler.

 

Um Himmels willen, dachte er betroffen, sie wird doch nicht diesen alten Kerl heiraten!

 

Plötzlich fielen ihm Franks Worte ein: »Ich habe ihm den Daumen schwer verletzt!«

 

Peter wollte schon dem Chauffeur zurufen, daß er anhalten sollte, aber dann gab er diese Absicht wieder auf und lehnte sich zurück.

 

Er hatte trotz des schnellen Tempos, in dem sein Wagen vorüberfuhr, gesehen, daß der Butler einen Verband an der Hand trug.