Kapitel 10

 

10

 

Am Mittag des nächsten Tages sprach Mr. Danton Morell bei Margaret vor und brachte ihr alle erhaltenen Neuigkeiten – und das waren nicht viele.

 

»Er scheint aus London verschwunden zu sein, aber ich würde mich darüber nicht besonders aufregen.«

 

Margaret Maddison saß mit weißem Gesicht an ihrem Schreibtisch und spielte gedankenlos mit einem Federhalter. Sie hatte nicht mehr schlafen können, seit Lukes Diener gegen Mitternacht angerufen und sie um Auskunft über seinen Herrn gebeten hatte. Am frühen Morgen hatte sie sich gezwungen, in Lukes Büro anzurufen – mit dem einzigen Erfolg, daß sie mit ihren eigenen Besorgnissen nun auch Mr. Steele angesteckt hatte.

 

»Er will Sie selbstverständlich ängstigen«, sagte Danty mit halbem Lächeln. »Das gehört doch zu seinem Plan. Ich möchte behaupten, daß, wenn Sie dem alten Steele sagen, Sie wären bereit, ihm einen Scheck über –«

 

»Ich habe Mr. Steele bereits gesagt, daß ich ihm einen Scheck über jeden nur gewünschten Betrag geben würde«, warf sie ein.

 

Ihre Stimme klang kühl und hart. Danty wurde unruhig. Augenscheinlich war er auf dem falschen Wege, aber es war nicht leicht, jetzt den richtigen zu finden.

 

»Dann haben Sie, wenn ich so sagen darf, außerordentlich töricht gehandelt. Schließlich, Sie kennen ja den Mann. Sie wissen genau, wie Rex über ihn dachte, Sie sind in die ganze Sache mit offenen Augen hineingegangen und –«

 

»Ich weiß.« Sie war ungeduldig. »Ich würde es noch einmal machen, glaube ich – vielleicht in anderer Weise. Ich bin sehr – sehr brutal gewesen.«

 

Sie stand auf und ging langsam nach dem Kamin, nahm eine Zigarette aus der emaillierten Dose auf dem Sims und steckte sie an, um sie sofort wieder ins Feuer zu werfen.

 

»Ich bin in Sorge, Danton«, gab sie zu. »Ich kann nicht richtig hassen. Ich habe nicht einmal mehr die Einbildung, daß ich recht gehandelt habe.«

 

»Steele hat Ihren Scheck natürlich genommen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er sagte, es wäre nicht mehr nötig. Luke muß ihm wohl alles erzählt haben. Er sprach sehr scharf mit mir, beinahe grob.«

 

»Werfen Sie ihn hinaus«, entgegnete Danty prompt. »Vergessen Sie doch nicht, daß Sie Besitzerin der Bank –«

 

»Die Bank gehört mir nicht«, unterbrach sie ihn. »Mein Anwalt rief mich heut morgen an und sagte mir, daß man in der Eile vergessen hätte, die Bank mit in den Vertrag einzuschließen – und ich bin froh darüber. Ich werde selbstverständlich an Luke jeden Pfennig zurückgeben, den ich von ihm erhalten habe.«

 

»Sind Sie verrückt!«

 

Er schrie ihr beinahe diese Worte ins Gesicht.

 

Diesen Danton hatte sie noch nicht gesehen und sie starrte ihn in sprachloser Verwunderung an. Im gleichen Augenblick wurde er sich seines Fehlers bewußt.

 

»Seien Sie, bitte, nicht böse«, sagte er beinahe unterwürfig. »Ich denke doch nur an Sie; ich denke daran, wie leicht sein Verschwinden nur ein Trick sein kann, wovon ich übrigens vollständig überzeugt bin. Das sieht Ihnen völlig ähnlich, ihm jetzt das ganze Geld wieder zurückgeben zu wollen. Aber, falls Sie das tun, was dann? Sie sind mit ihm verheiratet, und es ist kaum anzunehmen, daß er Ihnen einen Grund zur Scheidung geben wird. Das einfache Resultat Ihrer Großmut würde nur sein, daß Sie pfenniglos sind und völlig von seiner Gnade und Barmherzigkeit abhängen.«

 

Geraume Zeit saß sie still und blickte in das Feuer. Es war schwierig, zu wissen, woran Margaret dachte: ihr Gesicht war unbewegt, und der Blick in ihren Augen erzählte ihm nichts.

 

»Ich wollte ihn bis ins Innerste treffen, wollte ihn verletzen, und hatte doch dabei so große Angst. Wenn er nur irgendetwas gesagt, wenn er mich verwünscht hätte … aber kein Wort … es war furchtbar!«

 

Sie schloß die Augen, als ob sie versuchen wollte, die Erinnerung an Lukes Gesicht zu verjagen.

 

»Er wird heute nacht schon wieder da sein«, sagte Danty ermutigend, »und dann können Sie die ganze Angelegenheit besser allein regeln. Ich fange langsam an, zu bedauern, daß ich Ihnen jemals einen Rat gegeben habe … und ich habe, bei Gott, nicht an mich gedacht.«

 

»Aber natürlich nicht.« Sie hielt ihm impulsiv ihre Hand hin, und er ergriff sie. Er war wieder Herr der Situation.

 

Aber er war unruhig und bemühte sich auf dem Heimwege vergeblich, irgendeine nur mögliche Erklärung für Lukes Verschwinden zu finden. Er hatte sich ein Bild über Luke Maddisons Charakter gemacht, und seiner Anschauung nach würde der Mann, den er haßte, nur einen von zwei gegebenen Wegen einschlagen: nach der ungeheuren Enttäuschung, die ihm Margaret zugefügt hatte, entweder eine einzig richtige Vernunft beweisen und seine Anwälte konsultieren, oder denselben Weg gehen, den Rex Leferre durchschritten hatte.

 

Ein Zeitungsplakat erregte seine Aufmerksamkeit; er klopfte an die Glasscheibe und ließ das Taxi halten, um eine Zeitung zu kaufen. »Mord im dunkeln London«, lautete die Überschrift des Artikels, und Danty hatte immer an derartigen Vorfällen Interesse. Die Szene der Tragödie war ihm fremd. In den Tagen, als Mr. Danton Morell noch nicht zur oberen Gesellschaft gehörte, hatte sein Arbeitsfeld hauptsächlich in Nord-London gelegen. Borough und Lambeth waren für ihn terra incognita.

 

»In einer Messerstecherei, die, wie man annimmt, durch Streit zwischen Mitgliedern zweier verschiedener Banden entstanden war, wurde ein Mann mit Namen Lewing getötet. Sein Begleiter, dessen Identität die Polizei bis jetzt noch nicht feststellen konnte, hat eine gefährliche Wunde in der Brust davongetragen und liegt in hoffnungslosem Zustand im St.-Thomas-Hospital. Das Überfallkommando ist eifrig damit beschäftigt, Süd-London zu durchsuchen, um die Täter zu finden, von denen man annimmt, daß sie Mitglieder einer gefährlichen Verbrecherbande sind, die hauptsächlich in Borough ihr Unwesen treibt.«

 

Danty ließ die Zeitung fallen. Es handelte sich hier um eines der alltäglichen Verbrechen, die kein Interesse für die besseren Klassen haben, und gerade jetzt stand er ja auf dem Punkte, ein Mitglied dieser zu werden.

 

Man muß erwähnen, daß er keinen festgefügten Plan hatte, welche Rolle er in der jetzigen Situation spielen sollte. Er konnte sicherlich leichter zu Geld kommen, wenn Luke abwesend war und diese törichte Frau Verfügungsrecht über dessen Vermögen hatte, als wenn er dasselbe Ziel unter den kalten blauen Augen Lukes, der ihn haßte, verfolgen müßte. Luke hatte bei ihrer letzten Unterredung, als man über Rex und die Fälschung sprach, deutlich durchblicken lassen, daß er Rex mehr als ein Opfer als den eigentlichen Täter betrachtete.

 

Lukes Verschwinden war für ihn eine fühlbare Erleichterung. Er konnte kaum annehmen, daß sein Verhältnis mit Margaret das gleiche bleiben würde, wenn sie ihren Mann liebte und sich durch ihn beeinflussen ließ. Dankys Plan war, mit allen Mitteln darauf hinzuarbeiten, daß Luke aufhörte, ein Faktor in ihrem Leben zu sein – und dieser Plan war gut. Und etwas kam hinzu – der ständig wachsende Zauber, den Margaret auf ihn ausübte. Niemals sah er sie, ohne daß der Wunsch, für sie etwas anderes zu sein als ein vertrauter Freund, in ihm stärker wurde. Einmal hatte er ihre Hand »zufällig« absichtlich berührt. Sie ließ ihre Hand lange genug neben der seinigen liegen, und er faßte den Mut, einen Schritt weiterzugehen. Aber dann hatte sie ihm keinen Zweifel mehr über ihre Gefühle für ihn gelassen. Margaret hatte eine Aufrichtigkeit, die einen manchmal aus der Fassung bringen konnte.

 

»Hoffentlich fangen Sie nicht an, auf törichte Gedanken zu kommen, Danton, und sich einzubilden, in mich verliebt zu sein«, hatte sie gesagt.

 

Aber das war in den Tagen geschehen, als Rex noch am Leben war und ihr Herz noch schneller schlug, wenn sie Luke Maddisons Schritte hörte.

 

Danty zuckte die Schultern. Frauen sind veränderlich, aber gerade ihre Unbeständigkeit ist einer ihrer größten Reize.

 

Er stieg aus dem Taxi und war im Begriff, den Chauffeur zu bezahlen, als er hinter sich hörte:

 

»Morgen, Mr. Morell.«

 

Danty blickte sich langsam um. Woher war der Spatz so plötzlich aufgetaucht? Er hatte eine äußerst beunruhigende Weise, ganz plötzlich auf der Bildfläche zu erscheinen. In Wirklichkeit hatte Mr. Bird auf dem Bürgersteig gestanden und war nur einen Augenblick lang durch das Taxi verdeckt worden.

 

»Ich möchte eigentlich mal eine kleine Unterhaltung mit Ihnen haben«, strahlte er ihn freudig an. »Haben Sie etwas von Mr. Maddison gesehen?«

 

Danty lag es auf der Zunge, jede Kenntnis von Luke Maddisons Handlungen abzustreiten, aber:

 

»Seit der Trauung nichts mehr«, sagte er.

 

»Vielleicht ist er allein auf die Hochzeitsreise gegangen«, begann der Spatz und lachte über das ganze Gesicht. »Ich kann mich mit diesen neumodischen Gewohnheiten nicht vertraut machen. Ich glaube, Sie sind auch nicht lange auf der Hochzeitsreise gewesen, Mr. Morell?«

 

Seine scharfen, hellen Augen, halb verborgen hinter den Polstern der Augenlider, fixierten Danton Morell unerbittlich. Aber Danty wich nicht aus.

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen«, sagte er.

 

Er hätte sehr leicht die Unterhaltung abbrechen können, indem er den Detektiv stehen ließ und das Haus betrat – es war ein taktischer Fehler, daß er sich in dieses Kreuzverhör hatte hineinziehen lassen.

 

»Das Vergnügen steht Ihnen dann noch bevor«, fuhr der Spatz vergnügt fort. »Ich habe kürzlich mit Gunner Haynes über Sie gesprochen.«

 

Trotz all seiner Selbstbeherrschung fühlte Danton Morell, wie er erblaßte.

 

»Wirklich?« sagte er herausfordernd. »Wer ist denn Gunner Haynes?«

 

»Ein ganz gewöhnlicher Verbrecher«, entgegnete der Spatz melancholisch. »Ich muß mit solchen Menschen zusammenkommen – das ist ja mein Beruf. Aber es gibt eine Menge Dinge, die mir bei dem Gunner gefallen. Zuerst mal habe ich ihn gern, weil er niemals einen Revolver bei sich hat, zweitens bewundere ich sein außerordentliches Gedächtnis! Hat ein Gedächtnis wie ein altes Pferd, der gute Gunner! Er ist so eine Art von Mensch, der sich noch an die Farbe der Socken erinnern kann, die er an dem Tage trug, als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er an diesem Tage graue getragen hätte. Was für eine Farbe hatten denn Ihre Socken an diesem Tage, Mr. Morell?«

 

Es lag etwas so Vielsagendes in dieser Frage, daß Dantons Atem stockte. Am Tage des Waffenstillstandes hatte er im Peterhead-Gefängnis gesessen, wo er achtzehn Monate abzumachen hatte. Hatte der Gunner ihn erkannt und ihn verraten? Er wies den Gedanken ebenso schnell von sich, wie er gekommen war. Wenn Gunner Haynes wußte, daß er am Leben war, zu erreichen war, würde er dies niemals einem Polizeibeamten mitgekeilt haben. Ganz sicher hätte er in seiner eigenen Weise mit ihm abgerechnet.

 

»Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was ich damals für Socken getragen habe«, er zog die Worte lang. »Haben Sie Interessen in Wollwarengeschäften?«

 

Mr. Bird nickte feierlich.

 

»Ganz besonders in grauen Socken«, sagte er; »graue, wollene Socken mit einer kleinen, breiten Pfeilspitze 2 am Knöchel.«

 

Er war in ausgezeichneter Laune, und es war schwer, wenn nicht unmöglich, in seinen Worten eine persönliche Anspielung zu finden. Bevor Danton antworten konnte, fuhr er fort:

 

»Ich befürchte, Sie können mir keinerlei Auskunft geben? Ich würde so gern wissen, warum Mr. Maddison gestern seiner Wege gegangen ist und wohin. Ich habe nämlich die Absicht, ihm ein Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Wie lange wollen Sie noch in London bleiben, Mr. Morell?«

 

Die Frage folgte ganz unerwartet, und die Augen hinter den schweren Lidern schienen aufzublitzen, als Danty antworte.

 

»Vielleicht noch einen Monat.«

 

»Ich dachte, Sie würden vielleicht schon nächste Woche abreisen.«

 

Mit einem kurzen Kopfnicken wandte er sich ab und ging in seiner schwerfälligen Weise davon. Danty biß sich auf die Lippen und blickte hinter ihm her. Er hatte eine Warnung erhalten. Und es war ihm lieber, diese durch die Polizei zu bekommen als auf eine sicher weniger freundliche Weise von Gunner Haynes.

 

Er dachte immer noch über die Worte des Detektivs nach, als er sich zum Essen umkleidete. Es konnte nicht der Gunner gewesen sein – eine reine Vermutung von Bird, der hoffte, auf diese Weise etwas von ihm zu erfahren.

 

Margaret und er speisten an diesem Abend zusammen; als sie ihn am Nachmittag angerufen hatte, glaubte er, daß sie die Verabredung rückgängig machen wollte, und hatte schon überzeugende Gründe bei der Hand, um sie von einem solchen Entschluß abzubringen.

 

Am Abend war sie viel munterer; ihr Entschluß hatte sich wieder gefestigt. »Sie werden sicher morgen von ihm hören«, sagte Danty lächelnd, als sie ihren Kaffee tranken, »er gehört nicht zu den Menschen, die sich von der City von London, wo das Geld verdient wird, entfernen können!«

 

Sie seufzte.

 

»Ich befürchte, Sie haben recht«, war ihre leise Antwort.

 

Und zu gleicher Zeit standen zwei hervorragende Chirurgen an der Seite eines Bettes im St.-Thomas-Hospital. Einer von ihnen schob sein Stethoskop zusammen und blickte mit bedauernder Miene auf den bewußtlosen Patienten.

 

»Sie haben seinen Namen nicht ausfindig machen können?«

 

Der Polizeibeamte, der an der Seite des Bettes saß, schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Sir.«

 

Der Arzt wandte sich seinem Kollegen zu.

 

»Lungenentzündung, ohne jeden Zweifel, Sir John«, sagte er kurz. »Die Lunge ist durchbohrt worden – die Symptome von Lungenentzündung waren ja zu erwarten, denken Sie nicht auch so?« Er winkte einen dritten, den Arzt des Krankenhauses, heran, der sich mit einem anderen Patienten in dem Krankensaal beschäftigte.

 

»Der arme Kerl hier wird wahrscheinlich heute nacht sterben«, sagte er beinahe gleichgültig. »Ich wüßte nicht, was Sie noch weiter für ihn tun könnten, ausgenommen natürlich, es ihm so behaglich wie möglich zu machen. Als Mitglied einer Bande macht er mir eigentlich einen zu guten Eindruck.«

 

Der bewußtlose Mann lächelte und stammelte ein Wort.

 

»Klang beinahe wie ›Margaret‹«, sagte der Arzt interessiert. »Schade, daß Sie nicht wissen, wer er ist, man hätte dann seine Frau benachrichtigen können – jetzt würde wohl kaum noch Zeit dazu sein!«

 

    1. Die breite Pfeilspitze ist das Zeichen, das in den englischen Gefängnissen sämtliche Ausrüstungsgegenstände tragen.

 

 

Kapitel 11

 

11

 

Es war der dreizehnte Tag nach dem Verschwinden Luke Maddisons und ein bedeutungsvoller für seine Frau, da an diesem Tage die langen und qualvollen Stunden voller Zweifel und Ungewißheit, voller Selbstanklagen, die zuweilen zu Haß gegen sich selbst wurden, ein Ende fanden. Zweimal schon war sie nahe daran gewesen, die Polizei zu benachrichtigen, und zweimal hatte Danty sie daran verhindert.

 

Diese Zeit war auch voller Sorgen für Danty gewesen, aber aus einem ganz anderen Grunde. Daß Mr. Steele, der Prokurist der Maddison-Bank, nicht übermäßig besorgt zu sein schien, hatte Margaret zuerst erstaunt, dann aber in gewisser Weise getröstet. Sie vermutete oder war überzeugt, daß Luke ihm ihre Handlungsweise mitgeteilt hatte, denn als sie dem alten Steele den Scheck aushändigen wollte, wies dieser ihn mit großem Nachdruck zurück. Sie wußte ja nicht, daß in den Tagen, bevor sie die Hauptperson in Luke Maddisons Leben wurde, Luke die Angewohnheit hatte, von Zeit zu Zeit zu verschwinden, ohne jemand zu benachrichtigen. Unweigerlich kam dann eine Postkarte von Spanien, auf der er Steele mitteilte, wo er wäre und wann er zurückkommen würde. Dieses Land hatte einen besonderen Reiz für Luke Maddison. Er beherrschte seine Sprache wie ein Eingeborener. Er war einer der wenigen Engländer, die die Feinheiten des Stiergefechtes verstanden und schätzten, und er liebte nichts mehr, als sich in irgendeine kleine Wohnung in Cordoba oder Ronda zurückzuziehen und von dort aus das Land nach allen Richtungen zu durchstreifen.

 

Steele war unruhig – sicherlich – aber er hatte die Hoffnung, daß in dieser großen Krisis seines Lebens Luke Maddison dorthin geflüchtet war, wo er so viele glückliche Tage verbracht hatte.

 

Während dieser ganzen Wartezeit hatte sich Margaret Maddison zu Haus gehalten. Sie erschien nicht mehr in den Restaurants, in denen sie gewöhnlich zu finden war, und ihre wenigen Freunde zweifelten nicht daran, daß sie sich auf der Hochzeitsreise befand. Danty hatte ihr den Rat gegeben, sich im Auto nach einem der entfernten Dörfchen in Cornwall zu begeben und dort zu bleiben, bis der »Skandal«, wie er es nannte, vergessen wäre; aber sie machte sich zu viele Sorgen um Luke, um seinem Rate Folge leisten zu können.

 

An diesem dreizehnten Morgen war ein Telegramm für sie gekommen, und sie hatte gerade Danton Morell telephonisch gebeten, bei ihr vorzusprechen, als der Diener hereinkam und ihr eine Karte überreichte. Margaret las den Namen und runzelte die Stirn.

 

»Miß Mary Bolford?« Wer war denn das? »Sagen Sie, ich wäre nicht zu Haus.«

 

»Das habe ich bereits gesagt, gnädige Frau«, sagte der Diener, »aber sie nahm das ziemlich kühl auf und sagte, sie wüßte, Sie wären zu Haus, und bestand darauf, Sie zu sprechen.«

 

Margaret blickte von neuem auf die Karte. Auf der linken Seite, wo gewöhnlich die Adresse zu stehen pflegt, befanden sich die Worte »Daily Post Herald«. Sie sah die Nutzlosigkeit ein, das Interview vermeiden zu wollen, und hatte – unbekannt mit der Ethik des Journalismus – die Sorge, daß ihre Weigerung, den interessanten Reporter Miß Mary Bolford zu empfangen, vielleicht peinliche Konsequenzen für sie haben könnte.

 

»Ich lasse Miß Bolford bitten«, sagte sie schließlich.

 

Sie erwartete eigentlich eine Art Mannweib zu sehen oder zum mindesten ein weibliches Wesen, dessen intellektuelle Entwicklung auf Kosten ihrer äußeren Erscheinung stattgefunden hatte. Aber nicht im geringsten war sie auf das hübsche, junge Mädchen in elegantem Kostüm vorbereitet, das ohne jedes Anzeichen von Nervosität ihren Salon betrat.

 

»Sind Sie Miß Bolford?« fragte Margaret überrascht.

 

Das junge Mädchen bejahte lächelnd.

 

»Ich bin Reporter: ich nehme an, Mrs. Maddison, Sie haben das schon aus meiner Karte erraten!«

 

Mrs. Maddison! Es war das erstemal, daß man sie mit diesem Namen anredete, und irgendwie schien ihr dies die Tragödie der letzten vergangenen 12 Tage noch näherzubringen.

 

»Ich hatte dem Diener gesagt, daß ich für niemand zu sprechen wäre. Ich fühle mich nicht besonders wohl und bin in der Stadt geblieben –«

 

»Aus dem Grunde möchte ich ja mit Ihnen sprechen – darf ich mich setzen?«

 

Margaret wies auf einen Stuhl, und der junge, weibliche Reporter machte es sich bequem.

 

»Ich begreife völlig, daß Sie uns für entsetzliche Leute halten, wenn wir versuchen, in Ihre Privatangelegenheiten hineinzublicken, aber das ist nun mal unser Beruf«, begann sie mit beinahe beleidigender Offenheit. »Alle Zeitungsleser sind wild auf Romanzen, gleichgültig, ob es sich um traurige oder fröhliche handelt, und wir haben nun erfahren, daß Ihre Flitterwochen unterbrochen wurden und Ihr Gatte nach dem Ausland gegangen ist – hat er das überhaupt getan? – Mr. Steele, der Prokurist der Bank, ließ dies durchblicken, ohne es jedoch zugeben zu wollen.«

 

Für einen Augenblick antwortete Margaret nicht und sagte dann:

 

»Mein Mann ist im Ausland.«

 

»Wissen Sie, wo er ist?«

 

Margaret war auf einen so direkten Angriff nicht vorbereitet und wußte im Augenblick nicht, was antworten.

 

»Ja«, sagte sie zögernd. »Aber ich bezweifle, daß dies irgendwie Interesse für die Öffentlichkeit haben könnte.«

 

Mary Bolford sah Margaret prüfend mit ihren sprechenden, grauen Augen an.

 

»Entschuldigen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber ich glaube, ich kann Ihnen am besten helfen und mir selbst auch, wenn ich Ihnen gegenüber völlig offen bin. Wir haben gehört, daß Sie an Ihrem Hochzeitstage eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Manne gehabt hätten und daß er –«

 

»Seiner Wege ging?« schlug Margaret kühl vor.

 

»Nein, nicht ganz so. Die Wahrheit ist, ich habe einen guten Freund in Scotland Yard, der heute bei mir war, um mich zu fragen, ob wir von der Zeitung etwas über Mr. Maddisons Aufenthalt wüßten. Und wir wissen natürlich nichts. Mr. Bird war etwas zurückhaltend –«

 

»Wer ist denn Mr. Bird«, fragte Margaret mechanisch. Sie wollte Zeit gewinnen. Schon allein die Erwähnung von Scotland Yard erschreckte sie.

 

Die junge Reporterin erklärte ihr, wer Mr. Bird war, und von neuem dachte Margaret schnell nach.

 

»Gesetzt den Fall, ich gebe zu, daß wir uns gestritten haben? Glauben Sie, daß dies das Publikum interessieren würde?«

 

Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie, daß sie ganz zufällig eine Erklärung für das Verschwinden Lukes gefunden hatte, die man ohne weiteres annehmen konnte.

 

»Selbstverständlich nicht! Sie müssen ja denken, daß es eine große Unverfrorenheit von mir ist, überhaupt hierher zu kommen. Es liegt uns ja gar nichts daran, unsere Nase – wenn ich mich so ausdrücken darf – in rein persönliche Angelegenheiten zu stecken. Wenn eine Meinungsverschiedenheit die Erklärung ist, so kann ich nur um Entschuldigung bitten und versuchen, einen möglichst vorteilhaften Abgang zu finden!«

 

Sie stand rasch auf, aber in ihren lachenden, grauen Augen konnte Margaret Sympathie für sich selbst lesen.

 

»Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wenn Mr. Maddison an seinem Hochzeitstage abgerufen worden wäre, um eine große finanzielle Operation durchzuführen, oder aus einem anderen Grunde als den – nun, den Sie mir eben angegeben haben, dann würde es eine wirklich interessante Geschichte gewesen sein. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Mrs. Maddison.« Sie streckte impulsiv ihre Hand aus, und Margaret ergriff sie.

 

»Ich bedauere es, für Sie – aber für mich auch«, sagte sie seufzend. Und dann sah Mary Bolford, wie ihre Züge hart wurden. »Ich habe es gestern bedauert – vielleicht heute nicht mehr. Das klingt ziemlich rätselhaft, und ich hoffe, Sie werden nicht versuchen, das zu ergründen.«

 

Sie begleitete das junge Mädchen bis an die Treppe und wartete, bis sie die Haustür hinter ihr ins Schloß fallen hörte.

 

Danty war in der Zwischenzeit gekommen, und sie hatte gehört, wie der Diener ihn in ein kleines Vorzimmer geführt hatte, das neben ihrem Salon lag. Sie öffnete die Tür.

 

»Kommen Sie, bitte, herein«, sagte sie.

 

»Wer war denn das?« fragte Danton Morell etwas unruhig. »Fenning sagte, es wäre ein Reporter. Was wollte er denn?«

 

Margaret lächelte müde.

 

»Sie versuchte, in meiner Trauung etwas Romantisches zu finden«, antwortete sie. »Ich befürchte, sogar sie wird damit kein Glück haben – lesen Sie das bitte.«

 

Sie öffnete ein Schubfach ihres Schreibtisches und nahm einen zusammengefalteten Bogen Papier heraus: ein Telegramm, gerichtet an Margaret Maddison:

 

»Du kannst kaum erwarten, daß ich zu Dir zurückkehre. In einigen Monaten werde ich Dir genügend Material verschaffen, um eine Scheidungsklage gegen mich einzureichen. Ich bin nicht völlig mittellos, daher auch nicht gänzlich ohne angenehme Tröstung.«

 

Es trug die Unterschrift »Luke« und war am gleichen Morgen um acht Uhr dreißig in Paris aufgegeben worden.

 

»Nun weiß ich ja Bescheid«, sagte sie. Ihr Ton war leicht, aber in ihrem Herzen war ein Aufruhr, den sie nicht für möglich gehalten hätte.

 

Tröstung! Und das war Luke Maddison, der Idealist! – ein ganz gewöhnlicher Schürzenjäger, der zu – Tröstungen geflohen war!

 

»Ich wundere mich eigentlich, daß Sie überhaupt Nachricht erhalten haben«, sagte Danton ernst. »Ich hätte gar nicht angenommen, daß er sich die Mühe geben würde, zu telegraphieren.«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Steele kennt wahrscheinlich seine Adresse und hat ihm telegraphiert, daß die Polizei Recherchen anstellt –«

 

»Die Polizei?« Dantys Stimme war scharf. »Von wem wissen Sie denn, daß die Polizei sich damit befaßt?«

 

Sie wiederholte ihm, was Mary Bolford ihr erzählt hatte, und sah, wie sein Gesicht unruhig wurde.

 

»Der Spatz – das ist der Beiname, den man Bird gegeben hat. Ist er denn hier gewesen?«

 

Sie schüttelte verneinend den Kopf. Er dachte tief nach, seine Haltung war einige Augenblicke gespannt, seine Augen halb geschlossen, und seine Gedanken waren weit weg.

 

»Was werden Sie nun tun?« fragte er sie endlich.

 

»Jetzt? Ich reise am Sonnabend nach Madeira. Die Seereise wird mir sehr gut tun, und es wird mir erspart bleiben, über – über Paris zu reisen.« Ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

Sie bemerkte, daß er etwas verstört war, und erfuhr auch sofort den Grund.

 

»Ich glaube nicht, daß ich am Sonnabend reisen kann –« begann er hastig, und sie lächelte.

 

»Es liegt doch auch gar keine Notwendigkeit für Sie vor, zu verreisen. Ich fahre allein. Ich möchte über so vieles nachdenken, und eine Insel ist ein wundervoller, der einzig richtige Platz dafür.«

 

Er war enttäuscht, ließ es aber nicht merken.

 

»Wie lange werden Sie fortbleiben?«

 

»Vielleicht einen Monat«, antwortete sie.

 

»Ich habe die Absicht, einen großen Dienst von Ihnen zu erbitten, und zwar, sich meiner Angelegenheiten anzunehmen – wahrscheinlich werde ich Ihnen eine Generalvollmacht geben; sicherlich werden Sie einen besseren Gebrauch davon machen als ich mit Lukes!«

 

Hätte sie ihn angesehen, wäre ihr sicherlich die Erleichterung in seinen Zügen aufgefallen.

 

»Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht«, war Dantys Antwort.

 

Der Rest ihrer Unterhaltung bewegte sich in allgemeinen Bahnen, und kurz darauf verließ er sie.

 

Als er gegangen war, blickte sie in die Morgenzeitung und hatte mehr Interesse für Wetterberichte als für alles andere. Auf einer der Hauptseiten des Post Herald sah sie die Photographie eines hageren, unrasierten Mannes. Die Aufnahme hatte augenscheinlich im Hospital stattgefunden. Seine Augen waren geschlossen, und unterhalb des Kinnes sah man noch einen Teil der Bettdecke.

 

»KENNEN SIE DIESEN MANN?«

 

war die Unterschrift des Bildes.

 

Sie durchflog den dazugehörigen Artikel und fand, daß es sich um einen Mord handelte, der im südlichen London begangen war, daß der Mann auf der Photographie dabei beteiligt gewesen und dem Tode nur wie durch ein Wunder entgangen war. Nicht einmal sein nächster Freund würde Luke Maddison erkannt haben, denn die Aufnahme war erst am elften Tage seines Aufenthaltes im Hospital und noch dazu bei sehr trübem Licht gemacht worden.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mr. Bird besprach in oberflächlicher Weise den Mord in Süd-London, der Scotland Yard verhältnismäßig wenig erregt hatte.

 

»Ich habe die Photo von dem anderen Galgenvogel heute morgen in der Zeitung gesehen«, begann er. »Sieht beinahe aus wie der Star in ›Aus Seenot gerettet‹ – das ist ein ganz hervorragender Film, Sir. Sie müßten sich den mal ansehen. Mir kamen beinahe die Tränen in die Augen, und ich heule wirklich nicht leicht.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Vielleicht hatte der Film auch überhaupt nichts damit zu tun. – Haben Sie den Mörder gefaßt?«

 

Oberinspektor Kelley schüttelte den Kopf.

 

»Nein, und werden ihn wohl auch kaum fassen. Wenn wir Lewing von den Toten erwecken könnten, würde er einen Schwur ablegen, daß er den Mann, der ihn angriff, nicht erkannt hatte. Und mit dem anderen Kerl wird es genau so sein.«

 

Der Spatz spitzte die Lippen.

 

»Ich möchte eigentlich mal nach dem Hospital gehen und mir den Menschen ansehen – wird er sterben?«

 

Kelley machte eine Bewegung mit seinen Händen, die seine völlige Gleichgültigkeit ausdrückte.

 

»Keine Ahnung! Aber ich würde Ihnen nicht raten, in Gennets ›Gebiet‹ einzubrechen – er ist in dem Punkt außerordentlich empfindlich, und der Fall wird von ihm bearbeitet.«

 

Professionelle Etikette hielt daher Mr. Bird von der Unfallstation des St.-Thomas-Hospitals fern. Er fand jedoch eine Abschrift der Aussage, die der sterbende Mann gemacht hatte; sie war kurz und nichtssagend:

 

»Ich weiß nicht, wer Lewing gemordet hat. Ich war mit ihm zusammen, als er angefallen wurde, kannte ihn aber nur oberflächlich. Ich würde keinen der Angreifer wiedererkennen; sie waren mir völlig unbekannt, und ich konnte ihre Gesichtszüge nicht sehen.«

 

Darunter stand in Anführungsstrichen:

 

»Dieser Mann weigert sich, seinen Namen zu nennen.«

 

Der Spatz las diese kurzen Zeilen halb belustigt durch. Er konnte den Inspektor, der diesen Fall behandelte, nicht leiden.

 

»Gennet wird ja noch viel Glück damit haben – ich wünsche ihm alles Gute!«

 

Später, am Nachmittag, hatte er sich mit Miß Mary Bolford zum Tee verabredet. Der Spatz war schon in einem Alter, wo er sich unbesorgt mit dem hübschesten und jüngsten Mädchen treffen konnte, ohne sich anderen Nachreden auszusetzen als denen, die er selbst über sich gebrauchte.

 

»Wir passen wirklich großartig zueinander, Miß Bolford. Haben Sie etwas erreicht?«

 

»Bei Mrs. Maddison?« Mary schüttelte seufzend den Kopf. »Wissen Sie … ich fühlte mich höchst unbehaglich. Sie haben sich am Hochzeitstage gezankt. Warum – weiß ich selbstverständlich nicht.«

 

»Vielleicht des Bruders wegen«, sagte der Inspektor. »Sie wissen ja, wenn es sich um Angehörige handelt –«

 

»Aber er ist doch tot.«

 

Der Spatz nickte gedankenvoll.

 

Sie saßen in einem der belebtesten Teerestaurants in der Nähe von Charing Croß, und unaufhörlich kamen und gingen Gäste. Mr. Bird hatte einen kleinen Tisch in einer Nische gefunden, von wo aus er den Eingang des Restaurants überblicken konnte. Es lag kein besonderer Grund hierfür vor, denn er erwartete weder Freund noch Feind. Aber er hatte ein tiefes Interesse an seinen Mitmenschen und vor allen Dingen den stillen Wunsch, daß eines Tages ein Mann, den die Polizei aller Welten suchte, vergeblich suchte, in seinem Gesichtskreis auftauchen würde. Er war ein wenig Optimist.

 

»Gezankt, sagen Sie? Das wird hoffentlich eine Warnung für Sie sein, mein liebes Kind. – Heiraten Sie niemals. Erst heute habe ich gesagt –«

 

Sie sah, wie Mund und Augen ihres Begleiters sich vor Erstaunen öffneten. Er starrte nach der Tür. Sie blickte sich um und sah einen Mann das Café betreten, seinen weichen Hut auf dem Hinterkopf, die Hände in den Taschen. Er sah ernst und finster aus, und doch hatte sein Gesicht eine eigenartige Anziehungskraft.

 

»Da hört doch alles auf!« murmelte Mr. Bird.

 

»Wer ist es denn?« flüsterte sie.

 

»Ein dunkler Charakter«, erwiderte der Spatz bedeutungsvoll. »Wollen Sie ihn kennenlernen?«

 

Sie nickte, und im gleichen Augenblick begegneten sich die Augen des Fremden mit denen des Detektivs. Ein halbes Lächeln huschte über sein finsteres Gesicht, er folgte der Einladung von Mr. Birds winkendem Finger und kam langsam auf ihn zu. Als er das junge Mädchen erblickte, nahm er den Hut ab und setzte sich nach einem Augenblick kurzen Zögerns an den Tisch.

 

»Nun, Gunner«, sagte der Spatz mit leichtem Vorwurf. »Freigekommen?«

 

»Selbstverständlich«, lächelte Gunner Haynes und bestellte sich Kaffee.

 

»Eine Bekannte von mir – an der Zeitung«, stellte der Spatz vor. »Da sie selbst ein Mitglied dieser gesetzlosen Klasse ist, kann sie, ohne zu erröten, den hervorragendsten Juwelendieb Englands kennenlernen.«

 

Sie sah in Gunners Augen ein belustigtes Lächeln aufblitzen und lächelte zurück.

 

»Nun wissen Sie ja, wer ich bin«, sagte Haynes ironisch.

 

»Man hat also die Anklage niedergeschlagen?« Und als der Gunner nickte, stieß Mr. Bird einen langen, murrenden Seufzer aus. »Ich habe mein Vertrauen zu der Gerechtigkeit verloren«, sagte er verzweifelt. »Ich weiß ganz genau, warum Sie in dem Hotel waren, wessen glitzernde Steinchen Sie suchten – nein, Gunner, es gibt wirklich keine Gerechtigkeit mehr in der Welt.«

 

Der Gunner rührte in dem Kaffee, den die Kellnerin vor ihn hingestellt hatte, und lachte. Ein sanftes, musikalisches Lachen, das gar nicht zu dem Mann paßte, der da vor ihr saß.

 

»Ihre Sache stand schlecht, Mr. Bird, und Sie werden der erste sein, der mir das zugibt. Ich würde gern mal den Mann wiedersehen; der versucht hat, mich zu – mir zu helfen.«

 

»Sie wollten sagen, ›mich zu warnen‹.« Der Spatz blickte ihn durchdringend an. »Leider können Sie ihn nicht sehen. Er ist nämlich auf der Hochzeitsreise.«

 

»Maddison? – Hieß er nicht so. Ich erinnere mich jetzt an den Namen. Handelt es sich um den Bankier? Sie können mir ruhig antworten, Mr. Bird. Ich will nichts von ihm haben. Er ist in meinem Buch mit einem Stern angemerkt.«

 

»Das wird ihn sicher mal in den Himmel bringen«, spöttelte Bird und wurde dann wieder der kühle Polizeibeamte.

 

»Was führen Sie nun im Schilde, Gunner? Sind Sie jetzt reif für die Besserungsanstalt? Wenn das der Fall ist, können Sie von mir eine Empfehlung für das Heim für ehemalige Gefangene erhalten.«

 

Aber Gunner Haynes hörte gar nicht zu.

 

»Wen hat er geheiratet? – das hübsche, junge Mädchen, das an jenem Abend am oberen Ende der Tafel saß? Bei Gott! Sie war wunderhübsch! Erinnerte mich an –«

 

Er hielt plötzlich inne, und Mary Bolford sah, wie es in seinem Gesicht zuckte.

 

»– an jemand, den ich früher mal kannte. Ich wünsche ihnen alles Glück!«

 

»Dann müssen Sie jedem einzeln Glück wünschen«, sagte Mary Bolford; »an ihrem Hochzeitstage haben sie sich getrennt.«

 

Er blickte schnell zu ihr hinüber.

 

»Was hat sie ihm angetan?« fragte er, und Mary Bolford mußte, wenn auch widerwillig, lachen.

 

»Sie nehmen vieles für sicher an! Der Gedanke, daß er vielleicht der schuldige Teil sein konnte, scheint Ihnen wohl unmöglich?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Diese Art Mann kann nichts Schlechtes begehen, das kann ich Ihnen sagen, Miß! Ich kenne die Männer; ich verstehe das Gute in ihnen und das Schlechte. – Mein ganzes Leben lang habe ich von Männern gelebt: meine Kenntnis ihrer Schwächen und ihrer Stärke war mein einziger Trumpf. Frauen verstehe ich nicht. Und auch Sie haben unrecht, Mr. Bird – ich sage Ihnen dies hier offen und ehrlich – ich war nicht hinter den Juwelen von der Frau her, obgleich ich zugeben muß, ich hätte sie gern mal gesehen. Nein, hinter einem Diamantarmband, so groß wie eine Fußschelle! Im Hotel war ein alter Narr, der hatte es für eine Schauspielerin gekauft – sie nannte sich wenigstens Schauspielerin, aber ich habe sie gesehen! – Er muß mindestens hundert Jahre alt gewesen sein – vielleicht sogar hundertzwanzig. Ekelhaft! … nein, ich habe genügend Geld, um leben zu können.«

 

Er blinzelte dem Spatz zu. »Geld genug, um mir ein Maschinengewehr zu kaufen, damit ich wenigstens meinen Titel mit Recht trage. Wo steckt denn eigentlich Maddison?«

 

Er wandte sich an Mary Bolford.

 

»Fragen Sie mich!« fuhr der Spatz dazwischen, seine kalten Augen in denen des Hochstaplers. »Ich bin hier das zuständige Auskunftsbüro! Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte erzählen wollen, wird Miß Bolford, glaube ich, einen ganz interessanten Artikel schreiben können, aber ich habe Sie nicht hierhergerufen, um angenehme Konversation zu machen, verstanden, Gunner!«

 

Haynes glaubte, in den Augen des jungen Mädchens einen feinen Schmerz zu sehen und lachte.

 

»Er hat recht – er hat selbstverständlich recht –« sagte er. »Lassen Sie mich Ihnen einen guten Rat geben, Miß Bolford.« Seine Stimme war eigenartig sanft, und selbst der Spatz blickte ihn erstaunt an. »Befürchten Sie niemals, daß Sie die Gefühle eines Hochstaplers verletzen könnten – das ist nämlich unmöglich. Ein Mann, der nach seiner Verhaftung eine Unterredung von nur zehn Minuten mit der Polizei gehabt hat – wenn sie nicht genau weiß, wo die Beute versteckt ist –, ist von Fachleuten … beleidigt worden.«

 

Der Spatz nickte ernsthaft.

 

»Bevor Sie beginnen, Sympathie für einen Exsträfling zu empfinden«, fuhr der Gunner fort, »rate ich Ihnen, ausfindig zu machen, warum er gesessen hat – und, was noch viel wichtiger ist, wie oft. Es kommt gar nicht darauf an, welches Verbrechen er begangen hat; ist er zweimal im Gefängnis gewesen, so brauchen Sie keinerlei Mitleid mehr an ihn zu verschwenden … Ich habe dreimal gesessen.«

 

Seine Augen lächelten, aber die scharfen Falten um seinen Mund hatten sich vertieft. Die ganze Zeit hindurch blickte er das junge Mädchen unverwandt an, trank ihre unberührte, frische Schönheit in sich hinein. Mit einem plötzlichen Ruck drehte er sich um, winkte der Kellnerin und bezahlte. Dann stand er auf und reichte Mr. Bird die Hand.

 

»Bird und ich kämpfen einen gleichen Kampf.« Seine Worte richteten sich wieder an das junge Mädchen. »Nur stehen wir beide auf verschiedenen Seiten. Meine Seite verliert immer, hat aber den meisten Spaß dabei.«

 

Er drehte sich um, ging langsam auf die Tür zu und verschwand.