Kapitel 1

 

1

 

»Also du willst ihn wirklich heiraten, Margaret?«

 

Es lag eine Erregung in der Stimme Rex Leferres, die beinahe seine Schwester erschreckte. Es lenkte sie auf jeden Fall im Augenblick von dem Ärger ab, der langsam in ihr gegen ihren unpünktlichen Bräutigam aufstieg.

 

»Wie kommst du darauf?« fragte sie. »Meinst du vielleicht, daß ich meine Verlobung auflösen soll, weil Luke ein unhöflicher Gastgeber ist und uns schon zehn Minuten warten läßt?«

 

Sie befanden sich in dem Wintergarten des Ritz-Carlton, und glücklicherweise waren die übrigen Gäste mit ihren Cocktails beschäftigt und schienen Lukes schlechte Manieren noch nicht bemerkt zu haben.

 

Margaret stand mit dem jungen Mann, der ihr einziger Verwandter war, abseits, und kein Fremder, der sie gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, daß er Bruder und Schwester vor sich hätte. Rex war ein fahriger, rothaariger, junger Mann mit ausgesprochen schwachem Kinn, der die nervöse Angewohnheit hatte, seine schwarze Krawatte jeden Augenblick in Ordnung zu bringen.

 

Margaret Leferre hatte Haltung und Figur der großen Dame; mit ihrem reinen Teint, den wunderbar gezeichneten Gesichtszügen, ihren klaren, blauen Augen war sie ein Modell kalter Würde. Niemals hatte sie daran gedacht, ihr Haar, der Mode folgend, kurz schneiden zu lassen. In prächtigen Flechten lag es um den Kopf, so daß sie eine Krone von mattem Golde zu tragen schien.

 

»Ich weiß nicht…« Rex knabberte an seinen Nägeln – eine häßliche Angewohnheit, die er nicht ablegen konnte –, »Luke ist sicher ein netter Kerl – manchmal ’n bißchen zugeknöpft –«

 

»Was willst du mit ›zugeknöpft‹ sagen?« fragte sie und sah ihn fest an.

 

»Ja – ich meine – er sitzt ein bißchen sehr auf seinem Gelde. Er gibt mir ja Tips und sonstige gute Ratschläge, aber es ist mir eigentlich nie gelungen, mich zur richtigen Zeit bei irgendeiner Sache beteiligen zu können … selbstverständlich mein eigener Fehler.«

 

Er suchte ihren Blick zu vermeiden, aber sie war der stärkere Teil.

 

»Hast du Geld geliehen – schon wieder?« fragte sie, und er zuckte unbehaglich mit den Schultern.

 

»I wo – Unsinn! Danty und ich hatten ein Geschäft vor und…«

 

In diesem Augenblick sah sie sich um. Sie hatte das Gefühl, daß der dunkeläugige Danton Morell sie beide beobachtete. Danton war eigentlich ein lieber Mensch, und sie hatte sich daran gewöhnt, ihm zu vertrauen. Er schien ihre Unruhe gefühlt zu haben, denn er löste sich aus einer Gruppe heraus und kam langsam auf sie zu.

 

»Ach, halt doch den Mund, Margaret – erwähne bloß nichts zu Morell über diese Sache – wenn du vielleicht hier Szenen machen willst…«

 

Mit einem Achselzucken drehte er sich um und ließ sie stehen, als Danty zu ihnen trat.

 

Danty, dieser erfahrene Weltmann, lächelte über ihre Befürchtungen. Er war ein stattlicher, amüsanter Junggeselle an der Grenze der Vierzig, dessen Bekanntschaft sie durch ihren Bruder Rex gemacht hatte.

 

»Nein, ich glaube nicht, daß er Geld geborgt hat – Rex ist ein unbedachtsamer junger Mensch, der innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht aus seinen Schulden herauskommen wird. Dann wird er sich auch einmal Mühe geben und sicherlich Erfolg haben. Ihr Bräutigam kommt eigentlich ziemlich spät.«

 

Instinktiv fühlte sie, daß er Luke Maddison nicht leiden konnte, hatte es immer gewußt. Luke stammte aus sehr gutem Hause und war verwandt oder stand auf bestem Fuße mit beinahe jeder großen Familie in England. Er hatte nur einmal etwas wegwerfend über Danty gesprochen.

 

»Wo ist denn der hergekommen? Ich habe noch niemals von ihm gehört«, hatte er sie gefragt.

 

Sie hätte ihm erzählen können, daß Danton den größeren Teil seines Lebens in Argentinien verbracht hatte, aber das Wegwerfende in seinem Ton, als er über den Freund ihres Bruders – und ihren eigenen sprach, hatte sie etwas verletzt. Und dann hatte Luke die Sache noch schlimmer gemacht.

 

»Er ist ein merkwürdiger Vogel. Es sollte mich gar nicht überraschen, wenn er zu jenen langfingerigen Burschen gehörte, die der Polizei bekannt sind – man sollte eigentlich Erkundigungen einziehen.«

 

»Warum tust du es denn nicht?« hatte sie eisig erwidert.

 

Dies hatte sich lange vor jenem Tage ereignet, als sie sich endlich entschlossen und einen beglückten Luke Maddison nach Hause geschickt hatte.

 

Während sie auf Dantons Worte lauschte, blickte sie gedankenlos auf den Diamantring an ihrem Finger, das äußere und sichtbare Zeichen ihrer Verlobung.

 

»… Rex ist leichtsinnig und wenig beständig – manchmal kann er nicht schlecht genug über Maddison sprechen, und dann hebt er ihn wieder in den Himmel … na, da haben wir ja unseren liebenswürdigen Wirt!«

 

Luke Maddison kam mit langen Schritten durch die Halle des Hotels, blieb einen Augenblick stehen, um seinen Mantel und Zylinder abzulegen, die er dem Diener beinahe zuwarf, und machte einen Schritt in der Richtung der Tür. In diesem Augenblick glitt er auf dem Marmorfußboden aus und wäre sicherlich gefallen, wenn nicht eine Hand seinen Arm ergriffen hätte.

 

Der Mann, der ihn hielt, mußte außergewöhnlich kräftig sein, denn im wahren Sinne des Wortes und anscheinend ohne jede Anstrengung hielt er Luke Maddisons Fall auf und stellte ihn auf die Füße. Mit einem halb ärgerlichen Lächeln drehte Luke sich herum und blickte in ein finsteres Gesicht mit scharfen Falten, tiefbraun gefärbt, und in zwei kühle, ausdruckslose Augen.

 

»Danke Ihnen – vielmals!«

 

Der Fremde nickte.

 

»Das hätte ein schlimmer Fall werden können. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden!«

 

»O bitte, gern geschehen«, sagte der Unbekannte.

 

Er war im Abendanzug, tadellos angezogen, und sein gepflegtes Äußere ließ die Sorgfalt eines geschulten Kammerdieners ahnen. Maddison sah in dem Gesicht scharfe Linien, die nicht die Natur hineingezeichnet hatte. Er konnte nicht wissen, daß die beiden Narben, die die rechte Wange des Mannes entstellten, Erinnerungen an ein lebhaftes Zusammentreffen mit dem verstorbenen Lew Selinski in New York waren. Wenn Lew ärgerlich war, pflegte er ein Messer zu gebrauchen. Und er war außerordentlich ärgerlich über diesen elegant gekleideten Mann gewesen, als er die Zeichen auf dem Gesicht seines Feindes zurückließ.

 

»Ich bin froh, daß ich gerade in der Nähe war. Glücklicherweise warte ich immer in der Halle, wenn ich Bekannte eingeladen habe. Guten Abend.«

 

Er drehte sich um, als ob ihm die Aufmerksamkeit, die er selbst erregt hatte, peinlich wäre, und Luke ging voller Entschuldigungen zu seiner eigenen Gesellschaft.

 

Zwei Leben berührten sich in dieser Januarnacht im Ritz-Carlton – berührten sich und liefen wieder auseinander, um später, im Augenblick einer großen Krisis, wieder zusammenzukommen. Schwere Wege waren es: ein bitterer, herzzerreißender Weg für den einen, eine fortwährende Hölle für den weniger begünstigten anderm, der ihn mit dem zynischen Lächeln durchlaufen mußte, mit dem Gunner Haynes jedem Unglück begegnete.

 

Für Luke Maddison war das Leben eine verwirrende Menge von Pfaden, die einander kreuzten, die nebeneinander herliefen. Wenn er in einen Irrtum fiel, so war es der, daß er glaubte, sein eigener Pfad wäre der große, breite Hauptweg, zu dem alle anderen hinliefen, von dem alle anderen abzweigten.

 

Acht Generationen angesehener Finanzleute, alle aus guter Familie, alle aus einer Klasse, die Staatsmänner und Führer hervorbringt, waren verantwortlich für sein Vermögen, waren verantwortlich für sein gutes Äußere. Er war blond, schlank, blauäugig, und es gab Augenblicke, in denen er übermütig wie ein kleiner Junge sein konnte. Er war kein genauer Rechner, gab sein Geld gern und willig aus und war ein Idealist, was in diesem Falle bedeutete, daß er ein Verschwender jenes klingenden Materials war, das die Geschäftsherren der City in Luxus, Behaglichkeit und finanzieller Überlegenheit erhält. Luke hatte eine kleine Veranlagung zum Spieler, denn zeitweise ging er Risikos ein, die seine vorsichtigeren Freunde schaudern ließen. Und doch, mit einer halben Million goldsicherer Papiere im Depot – wie man sagte –, warum soll man da nicht ein Geschäft mit zehn Prozent Gewinn riskieren?

 

Gunner Haynes, dessen starker Arm ihn vor einem gebrochenen Handgelenk oder vor noch Schlimmerem bewahrt hatte, verfügte über keinerlei Mittel, die des Erwähnens wert waren. Sein Hauptguthaben bestand in einem tadellosen Gesellschaftsanzug, in kultivierter Sprache und vorzüglichen Manieren, die seine scharfen, finsteren Gesichtszüge vergessen ließen. Er lebte Gott weiß wo, wurde aber in den besten Hotels gesehen, allerdings nur in denjenigen, in denen er nicht als hervorragender Juwelendieb bekannt war.

 

Man nannte ihn »Gunner«, 1 und zwar wegen gewisser Vorfälle in New York. Es war wohl behauptet, aber niemals bewiesen worden, daß er es gewesen wäre, der den berüchtigten Bandenführer Lew Selinski erledigt und seinen Weg durch Lews Bande hindurch zu der Sicherheit erkämpft hätte, die ihm ein kleines Transportboot lieferte.

 

Niemand hatte ihn jemals mit einem Revolver in England gesehen; aber die Detektive, die ihn ein Jahr später nach seiner Rückkehr nach Amerika verhafteten, erwarteten eine lebhafte Schießerei und kamen infolgedessen bewaffnet.

 

Als er vor Gericht stand, kümmerte sich niemand um ihn: weder seine hübsche Frau, noch sein bester Freund Larry Vinman. Larry war eine Kanone der Hochstaplerzunft, jung, von gutem Äußeren und gefälligem Wesen.

 

Vielleicht bestanden sehr gute Gründe, daß Larry nicht wünschte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber es bestand kein Grund, warum Lila nicht hätte schreiben oder irgendetwas für ihn tun können. Sie hatte tausend Pfund in barem Geld, und ein guter Rechtsanwalt wäre leicht zu finden gewesen. Aber als der Gunner nach ihr gesandt hatte, hieß es, sie hätte die Wohnung verlassen. Er sollte sie niemals wiedersehen. Wenige Monate, bevor er aus dem Gefängnis entlassen wurde, hörte er, daß sie in der Krankenabteilung eines Asyls für Obdachlose gestorben wäre.

 

Als er dies vernahm, verzog sich sein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. Er lächelte immer, wenn ihn etwas schmerzte – und jetzt, bei diesem bitteren Lächeln, war sein Herz eine einzige große, zuckende Wunde.

 

Er verließ das Gefängnis und trieb langsam auf eigenartigen Wegen nach England, nach dem Ritz-Carlon-Hotel, wo er Mr. Luke Maddison, der seine Verlobung feierte, treffen sollte. Von Luke wußte er nichts – was ihn aber dorthin gebracht hatte, war der Schmuckkasten einer reichen, amerikanischen Dame, der den ganzen Tag über im Geldschrank des Hotels und von neun Uhr abends bis ein Uhr nachts in ihrem Schlafzimmer zu finden war. Gunner Haynes hatte ein Zimmer in derselben Etage genommen…!

 

»Ich bitte dich wirklich fußfällig um Verzeihung«, sagte Luke, und zwar nicht zum ersten Male im Laufe des Diners. »Mein Wagen fuhr mit einem Taxi zusammen – der andere hatte die Schuld, und natürlich erschien so ein langweiliges Verkehrshindernis und mußte alle Einzelheiten mühevoll in sein kleines Buch eintragen! Daß man Schutzleuten noch keine Stenographie beigebracht hat, ist eigentlich zu bedauern!«

 

»Aber, lieber Luke, das macht doch wirklich nichts.«

 

Margarets Stimme klang ein wenig müde. Nichts schien heute abend richtig gehen zu wollen. Sogar Danton schien verstimmt zu sein und war anders als gewöhnlich. Luke kam spät, sein Eintritt war beinahe ein akrobatischer Akt, den er in den Armen eines fremden Mannes ausführte. Was verstimmte Danty? Sie hatte bemerkt, wie sein Gesicht eine krankhaft grüne Farbe annahm, als Luke hereintrat. Rex war verstimmt, schweigsam und sprach kaum mit Lady Revellson, die ihm zur Linken saß. Und Luke hatte darauf bestanden, an ihrer Seite zu sitzen, trotzdem sie schon die ganze Tafelordnung festgelegt hatte, und der Erfolg war, daß alle bei Tisch am falschen Platze saßen.

 

Wenn der Kerl nicht glücklicherweise dagewesen wäre, hätte ich mir sicherlich irgend etwas gebrochen – ich konnte mich nicht mehr halten … es hatte etwas geschneit, und ein wenig Schnee muß an meiner Sohle geblieben sein – ich mußte ja die letzten hundert Meter zu Fuß gehen, der Zusammenstoß passierte am Piccadilly-Cirkus …!«

 

»Wie sah er eigentlich aus?«

 

Dantons Stimme klang etwas heiser und gedrückt.

 

»Wer – der Mann, der mir geholfen hat?« Und als der andere nickte, fuhr Luke fort: »Ein finster aussehender Mensch – zuerst dachte ich, er wäre Deutscher … zwei Narben liefen über seine rechte Wange hinweg – wissen Sie, wie sie die deutschen Studenten so gern haben. Ich erinnere mich, als ich auf der Universität in Bonn …!«

 

Danton hörte nicht mehr zu. Zwei Narben auf der rechten Wange! Dann hatte er sich nicht getäuscht. Die einzige Frage war nur, hatte der Gunner ihn wiedererkannt? Sieben Jahre waren vergangen, seit sie sich das letztemal gesehen hatten. Danton war damals noch glattrasiert und viel heller. Millie Haynes pflegte ihn ihren »goldhaarigen Jungen« zu nennen; das war in der Zeit, wo sie noch alles in ihm sah. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen und sich das Haar färben lassen – und stand als Larry Vinman nicht mehr in den polizeilichen Steckbriefen. Er hatte diese durchgreifende Änderung seines Äußeren vorgenommen – lange nachdem er Millie verlassen und sie auf den Weg zum Arbeitshaus und in einen schmählichen Tod getrieben hatte. Die Veränderung war nötig gewesen, weil er einem australischen Farmer einen kleinen Streich gespielt hatte, der diesen um einige achttausend Pfund erleichterte, und weil die Bemühungen der Abteilung für Hochstapler von Scottland Yard anfingen, ihm peinlich zu werden.

 

»Gunner Haynes!« Er atmete ein wenig hastig, und ein kalter Schauder lief seinen Rücken hinunter. Angenommen, Haynes hätte seinen früheren Freund erkannt … angenommen, er hätte seinen Revolver ergriffen … angenommen, er wartete noch draußen im Vestibül!

 

Danty fuhr sich über die feuchte Stirn, sah, daß seine Wirtin ihn anblickte, und stand mit einer stummen Bitte um Erlaubnis auf.

 

»Es fällt mir gerade ein, daß ich telephonieren muß… entschuldigen Sie mich, bitte, einen Augenblick …«, murmelte er, als er hinter ihrem Platz vorbeiging.

 

Er blickte in den Wintergarten. Der Gunner war nicht dort. Er durchschritt den weiten Raum, spähte in das Vestibül – leer. Das Hotel hatte zwei Vorhallen, eine in Haymarket, die andere in Pall Mall. Beide waren durch einen Gang miteinander verbunden, den er eilig durchlief.

 

Als er in das andere Vestibül kam, sah er den Gesuchten und fuhr zurück. Gunner trat gerade in den Aufzug, und sein Rücken war dem Beobachter halb zugedreht.

 

Er war es wirklich … Es konnte kein Zweifel daran bestehen, Gunner Haynes! Die Tür des Lifts schloß sich, und Danton blickte suchend umher. Er erkannte den gutmütig aussehenden Herrn, der in der Nähe der Drehtür in seinem Sessel saß.

 

»Sie sind doch der Hoteldetektiv?« fragte er. (Als Danty Morell noch der bekannte Larry Vinman war, kannte er die meisten der Hoteldetektive vom Gehen und konnte instinktiv die ihm noch unbekannten herausfinden.)

 

»Ja, Sir – ist irgendetwas nicht in Ordnung?«

 

»Der Herr, der eben in dem Lift nach oben gefahren ist – kennen Sie ihn?«

 

Der Detektiv nannte den Namen – einer der vielen angenommenen, die der Gunner regelmäßig gebrauchte, und das Herz von Mr. Morell schlug leichter.

 

»Was? – das glauben Sie selbst nicht. Also sein Zimmer ist Nummer 986? Wissen Sie, wer es ist? … Gunner Haynes! – und er ist hinter Juwelen her. Rufen Sie Scotland Yard an. Die werden sofort heraus haben, was mit ihm los ist. Aber ich will nicht, daß mein Name erwähnt wird, verstanden?«

 

Der Detektiv stürzte an das Telephon, und Danty ging vergnügt zu seiner Gesellschaft zurück.

 

Die Geschichte war zu gut, um sie für sich zu behalten. Und noch mehr, er liebte es, wenn er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fesseln konnte. Für beinah volle fünf Minuten lauschte die ganze Tafelrunde atemlos seinen Worten.

 

»Er hat ein Zimmer hier im Hotel, Nummer 986. Ich kenne den Kerl ganz gut, ich war seinerzeit ein guter Freund des Staatsanwalts in New York, der mir sein Bild gezeigt hat. Einer der gefährlichsten Verbrecher von New York – äußerst geschickt – ich hoffe, es wird keine Störung im Hotel verursachen – ich erkannte ihn im selben Augenblick, als ich ihn sah, aber ich wollte mich lieber noch einmal überzeugen, um ganz sicher zu gehen.«

 

»Was haben Sie nun gemacht?«

 

Lukes Gesicht war unruhig. Er war leicht zu beeinflussen, und Danty wußte das sehr genau.

 

»Ich habe natürlich den Hoteldetektiv benachrichtigt – als ich ihn verließ, telephonierte er gerade an das Polizeipräsidium.«

 

Luke Maddison atmete tief auf.

 

»Armer Teufel!« sagte er leise. Margaret sah Danty an und schüttelte hilflos den Kopf.

 

»Sie haben Lukes Abend verdorben«, sagte sie, und Luke fuhr bei dem feinen Sarkasmus, der in ihren Worten lag, zusammen.

 

»Aber ganz und gar nicht – nur, willst du mich, bitte, einen Augenblick entschuldigen?«

 

Er war verschwunden, bevor noch das überraschte, junge Mädchen ein Wort hervorbringen konnte.

 

»Das sieht Luke wieder ähnlich – und wie alles so tadellos zusammenkommt, um uns diesen Abend so richtig zu verderben!«

 

»Wo ist er denn hingegangen?« fragte Danty unruhig.

 

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

 

»Was tut er in einem solchen Fall? Für ihn gutsagen, ihm Geld geben, daß er frühstücken kann – sicherlich irgendwas entsetzlich Philantropisches unternehmen«, antwortete sie kurz.

 

Luke ging direkt in das zweite Vestibül und stieg in den Aufzug.

 

»Wo ist Nummer 986?« fragte er, als der Lift sich in Bewegung setzte.

 

Der Bediente hielt in der vierten Etage an und wies auf eine Tür. Mit der Hand auf der Türklinke zögerte Luke Maddison, zögerte aber nur einen Augenblick, drückte die Klinke nieder und trat in das Zimmer ein.

 

Der Mann stand am Fenster, den Rücken nach der Tür zugewandt.

 

»Nun, Sir?«

 

Er blickte sich nicht um, und Luke wurde sich klar, daß er mit Hilfe eines Spiegels, der auf einem Seitentisch stand, beobachtet wurde.

 

Luke schloß die Tür hinter sich.

 

»Wenn Sie Gunner Haynes sind, rate ich Ihnen, so schnell wie möglich zu verschwinden«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Sind Sie es nicht, muß ich Sie um Entschuldigung bitten.«

 

Haynes fuhr herum, als er seinen Namen hörte.

 

»Oh …«, sagte er, und nach einer kurzen Pause: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar.«

 

»Haben Sie Geld?«

 

Wieder eine kurze Pause.

 

»Ja – ich habe alles, was ich nötig habe. Danke bestens.« Der Gunner lächelte, irgendetwas mußte ihn humoristisch berührt haben.

 

»Noch einmal besten Dank – ich glaube, ich begreife. Ich war nur nicht ganz sicher, ob es Larry war. Hat wohl einen großen Fischzug vor, was?«

 

All dieses war für Maddison völlig unverständlich. Er sah, wie der Gunner seinen Mantel nahm und dann wurde die Tür aufgerissen, und ein großer Mann, gefolgt von zwei anderen, kam heran. Die ganze Autorität des Gesetzes lag in seiner Stimme.

 

»Nun, Gunner!«

 

»Nun, Spatz – Sie haben sich fein gehalten!«

 

Der dicke Mann kicherte.

 

»Nicht wahr?« Seine Hände fuhren schnell über die Hüften seines Gefangenen hinweg. »Schießeisen?« fragte er im freundlichsten Ton.

 

»Nein, Sir.« Der Gunner lächelte immer noch. »Die Legende, daß ich tödliche Waffen bei mir trage, ist wirklich nicht umzubringen. Mein waffenloser Zustand würde mir sicherlich von der Liga für Menschenrechte in Genf Lob und Preis einbringen.«

 

Der Detektiv legte ihm die Handfesseln an und sah dann zwinkernd auf Luke.

 

»Hat der Mann irgend etwas, das Ihnen gehört, Mr. Maddison?« fragte er.

 

Luke war mehr als überrascht, als der Mann ihn mit seinem Namen anredete.

 

»Nein – und eigentlich tut es mir leid.«

 

»Mr. Maddison – den Namen werde ich nicht vergessen«, sagte der Gunner und nickte Luke freundlich zu, als man ihn hinausführte.

 

Diesmal nahm Margaret Leferre seine Entschuldigung nicht an, als er ihr erzählte, wo er gewesen war, und ihr Gesicht wurde schneeweiß – wie Danty Morells.

 

Es dauerte ganze drei Wochen, bevor sich diese kleine Kluft zwischen ihnen geschlossen hatte.

 

    1. gunner (gun man), hier unübersetzbar, bezeichnet den mit Revolver bewaffneten, rücksichtslosen Verbrecher, dessen Kugel nie sein Ziel verfehlt, dem ein Menschenleben nichts gilt.

 

 

Kapitel 10

 

10

 

Am Mittag des nächsten Tages sprach Mr. Danton Morell bei Margaret vor und brachte ihr alle erhaltenen Neuigkeiten – und das waren nicht viele.

 

»Er scheint aus London verschwunden zu sein, aber ich würde mich darüber nicht besonders aufregen.«

 

Margaret Maddison saß mit weißem Gesicht an ihrem Schreibtisch und spielte gedankenlos mit einem Federhalter. Sie hatte nicht mehr schlafen können, seit Lukes Diener gegen Mitternacht angerufen und sie um Auskunft über seinen Herrn gebeten hatte. Am frühen Morgen hatte sie sich gezwungen, in Lukes Büro anzurufen – mit dem einzigen Erfolg, daß sie mit ihren eigenen Besorgnissen nun auch Mr. Steele angesteckt hatte.

 

»Er will Sie selbstverständlich ängstigen«, sagte Danty mit halbem Lächeln. »Das gehört doch zu seinem Plan. Ich möchte behaupten, daß, wenn Sie dem alten Steele sagen, Sie wären bereit, ihm einen Scheck über –«

 

»Ich habe Mr. Steele bereits gesagt, daß ich ihm einen Scheck über jeden nur gewünschten Betrag geben würde«, warf sie ein.

 

Ihre Stimme klang kühl und hart. Danty wurde unruhig. Augenscheinlich war er auf dem falschen Wege, aber es war nicht leicht, jetzt den richtigen zu finden.

 

»Dann haben Sie, wenn ich so sagen darf, außerordentlich töricht gehandelt. Schließlich, Sie kennen ja den Mann. Sie wissen genau, wie Rex über ihn dachte, Sie sind in die ganze Sache mit offenen Augen hineingegangen und –«

 

»Ich weiß.« Sie war ungeduldig. »Ich würde es noch einmal machen, glaube ich – vielleicht in anderer Weise. Ich bin sehr – sehr brutal gewesen.«

 

Sie stand auf und ging langsam nach dem Kamin, nahm eine Zigarette aus der emaillierten Dose auf dem Sims und steckte sie an, um sie sofort wieder ins Feuer zu werfen.

 

»Ich bin in Sorge, Danton«, gab sie zu. »Ich kann nicht richtig hassen. Ich habe nicht einmal mehr die Einbildung, daß ich recht gehandelt habe.«

 

»Steele hat Ihren Scheck natürlich genommen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er sagte, es wäre nicht mehr nötig. Luke muß ihm wohl alles erzählt haben. Er sprach sehr scharf mit mir, beinahe grob.«

 

»Werfen Sie ihn hinaus«, entgegnete Danty prompt. »Vergessen Sie doch nicht, daß Sie Besitzerin der Bank –«

 

»Die Bank gehört mir nicht«, unterbrach sie ihn. »Mein Anwalt rief mich heut morgen an und sagte mir, daß man in der Eile vergessen hätte, die Bank mit in den Vertrag einzuschließen – und ich bin froh darüber. Ich werde selbstverständlich an Luke jeden Pfennig zurückgeben, den ich von ihm erhalten habe.«

 

»Sind Sie verrückt!«

 

Er schrie ihr beinahe diese Worte ins Gesicht.

 

Diesen Danton hatte sie noch nicht gesehen und sie starrte ihn in sprachloser Verwunderung an. Im gleichen Augenblick wurde er sich seines Fehlers bewußt.

 

»Seien Sie, bitte, nicht böse«, sagte er beinahe unterwürfig. »Ich denke doch nur an Sie; ich denke daran, wie leicht sein Verschwinden nur ein Trick sein kann, wovon ich übrigens vollständig überzeugt bin. Das sieht Ihnen völlig ähnlich, ihm jetzt das ganze Geld wieder zurückgeben zu wollen. Aber, falls Sie das tun, was dann? Sie sind mit ihm verheiratet, und es ist kaum anzunehmen, daß er Ihnen einen Grund zur Scheidung geben wird. Das einfache Resultat Ihrer Großmut würde nur sein, daß Sie pfenniglos sind und völlig von seiner Gnade und Barmherzigkeit abhängen.«

 

Geraume Zeit saß sie still und blickte in das Feuer. Es war schwierig, zu wissen, woran Margaret dachte: ihr Gesicht war unbewegt, und der Blick in ihren Augen erzählte ihm nichts.

 

»Ich wollte ihn bis ins Innerste treffen, wollte ihn verletzen, und hatte doch dabei so große Angst. Wenn er nur irgendetwas gesagt, wenn er mich verwünscht hätte … aber kein Wort … es war furchtbar!«

 

Sie schloß die Augen, als ob sie versuchen wollte, die Erinnerung an Lukes Gesicht zu verjagen.

 

»Er wird heute nacht schon wieder da sein«, sagte Danty ermutigend, »und dann können Sie die ganze Angelegenheit besser allein regeln. Ich fange langsam an, zu bedauern, daß ich Ihnen jemals einen Rat gegeben habe … und ich habe, bei Gott, nicht an mich gedacht.«

 

»Aber natürlich nicht.« Sie hielt ihm impulsiv ihre Hand hin, und er ergriff sie. Er war wieder Herr der Situation.

 

Aber er war unruhig und bemühte sich auf dem Heimwege vergeblich, irgendeine nur mögliche Erklärung für Lukes Verschwinden zu finden. Er hatte sich ein Bild über Luke Maddisons Charakter gemacht, und seiner Anschauung nach würde der Mann, den er haßte, nur einen von zwei gegebenen Wegen einschlagen: nach der ungeheuren Enttäuschung, die ihm Margaret zugefügt hatte, entweder eine einzig richtige Vernunft beweisen und seine Anwälte konsultieren, oder denselben Weg gehen, den Rex Leferre durchschritten hatte.

 

Ein Zeitungsplakat erregte seine Aufmerksamkeit; er klopfte an die Glasscheibe und ließ das Taxi halten, um eine Zeitung zu kaufen. »Mord im dunkeln London«, lautete die Überschrift des Artikels, und Danty hatte immer an derartigen Vorfällen Interesse. Die Szene der Tragödie war ihm fremd. In den Tagen, als Mr. Danton Morell noch nicht zur oberen Gesellschaft gehörte, hatte sein Arbeitsfeld hauptsächlich in Nord-London gelegen. Borough und Lambeth waren für ihn terra incognita.

 

»In einer Messerstecherei, die, wie man annimmt, durch Streit zwischen Mitgliedern zweier verschiedener Banden entstanden war, wurde ein Mann mit Namen Lewing getötet. Sein Begleiter, dessen Identität die Polizei bis jetzt noch nicht feststellen konnte, hat eine gefährliche Wunde in der Brust davongetragen und liegt in hoffnungslosem Zustand im St.-Thomas-Hospital. Das Überfallkommando ist eifrig damit beschäftigt, Süd-London zu durchsuchen, um die Täter zu finden, von denen man annimmt, daß sie Mitglieder einer gefährlichen Verbrecherbande sind, die hauptsächlich in Borough ihr Unwesen treibt.«

 

Danty ließ die Zeitung fallen. Es handelte sich hier um eines der alltäglichen Verbrechen, die kein Interesse für die besseren Klassen haben, und gerade jetzt stand er ja auf dem Punkte, ein Mitglied dieser zu werden.

 

Man muß erwähnen, daß er keinen festgefügten Plan hatte, welche Rolle er in der jetzigen Situation spielen sollte. Er konnte sicherlich leichter zu Geld kommen, wenn Luke abwesend war und diese törichte Frau Verfügungsrecht über dessen Vermögen hatte, als wenn er dasselbe Ziel unter den kalten blauen Augen Lukes, der ihn haßte, verfolgen müßte. Luke hatte bei ihrer letzten Unterredung, als man über Rex und die Fälschung sprach, deutlich durchblicken lassen, daß er Rex mehr als ein Opfer als den eigentlichen Täter betrachtete.

 

Lukes Verschwinden war für ihn eine fühlbare Erleichterung. Er konnte kaum annehmen, daß sein Verhältnis mit Margaret das gleiche bleiben würde, wenn sie ihren Mann liebte und sich durch ihn beeinflussen ließ. Dankys Plan war, mit allen Mitteln darauf hinzuarbeiten, daß Luke aufhörte, ein Faktor in ihrem Leben zu sein – und dieser Plan war gut. Und etwas kam hinzu – der ständig wachsende Zauber, den Margaret auf ihn ausübte. Niemals sah er sie, ohne daß der Wunsch, für sie etwas anderes zu sein als ein vertrauter Freund, in ihm stärker wurde. Einmal hatte er ihre Hand »zufällig« absichtlich berührt. Sie ließ ihre Hand lange genug neben der seinigen liegen, und er faßte den Mut, einen Schritt weiterzugehen. Aber dann hatte sie ihm keinen Zweifel mehr über ihre Gefühle für ihn gelassen. Margaret hatte eine Aufrichtigkeit, die einen manchmal aus der Fassung bringen konnte.

 

»Hoffentlich fangen Sie nicht an, auf törichte Gedanken zu kommen, Danton, und sich einzubilden, in mich verliebt zu sein«, hatte sie gesagt.

 

Aber das war in den Tagen geschehen, als Rex noch am Leben war und ihr Herz noch schneller schlug, wenn sie Luke Maddisons Schritte hörte.

 

Danty zuckte die Schultern. Frauen sind veränderlich, aber gerade ihre Unbeständigkeit ist einer ihrer größten Reize.

 

Er stieg aus dem Taxi und war im Begriff, den Chauffeur zu bezahlen, als er hinter sich hörte:

 

»Morgen, Mr. Morell.«

 

Danty blickte sich langsam um. Woher war der Spatz so plötzlich aufgetaucht? Er hatte eine äußerst beunruhigende Weise, ganz plötzlich auf der Bildfläche zu erscheinen. In Wirklichkeit hatte Mr. Bird auf dem Bürgersteig gestanden und war nur einen Augenblick lang durch das Taxi verdeckt worden.

 

»Ich möchte eigentlich mal eine kleine Unterhaltung mit Ihnen haben«, strahlte er ihn freudig an. »Haben Sie etwas von Mr. Maddison gesehen?«

 

Danty lag es auf der Zunge, jede Kenntnis von Luke Maddisons Handlungen abzustreiten, aber:

 

»Seit der Trauung nichts mehr«, sagte er.

 

»Vielleicht ist er allein auf die Hochzeitsreise gegangen«, begann der Spatz und lachte über das ganze Gesicht. »Ich kann mich mit diesen neumodischen Gewohnheiten nicht vertraut machen. Ich glaube, Sie sind auch nicht lange auf der Hochzeitsreise gewesen, Mr. Morell?«

 

Seine scharfen, hellen Augen, halb verborgen hinter den Polstern der Augenlider, fixierten Danton Morell unerbittlich. Aber Danty wich nicht aus.

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen«, sagte er.

 

Er hätte sehr leicht die Unterhaltung abbrechen können, indem er den Detektiv stehen ließ und das Haus betrat – es war ein taktischer Fehler, daß er sich in dieses Kreuzverhör hatte hineinziehen lassen.

 

»Das Vergnügen steht Ihnen dann noch bevor«, fuhr der Spatz vergnügt fort. »Ich habe kürzlich mit Gunner Haynes über Sie gesprochen.«

 

Trotz all seiner Selbstbeherrschung fühlte Danton Morell, wie er erblaßte.

 

»Wirklich?« sagte er herausfordernd. »Wer ist denn Gunner Haynes?«

 

»Ein ganz gewöhnlicher Verbrecher«, entgegnete der Spatz melancholisch. »Ich muß mit solchen Menschen zusammenkommen – das ist ja mein Beruf. Aber es gibt eine Menge Dinge, die mir bei dem Gunner gefallen. Zuerst mal habe ich ihn gern, weil er niemals einen Revolver bei sich hat, zweitens bewundere ich sein außerordentliches Gedächtnis! Hat ein Gedächtnis wie ein altes Pferd, der gute Gunner! Er ist so eine Art von Mensch, der sich noch an die Farbe der Socken erinnern kann, die er an dem Tage trug, als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er an diesem Tage graue getragen hätte. Was für eine Farbe hatten denn Ihre Socken an diesem Tage, Mr. Morell?«

 

Es lag etwas so Vielsagendes in dieser Frage, daß Dantons Atem stockte. Am Tage des Waffenstillstandes hatte er im Peterhead-Gefängnis gesessen, wo er achtzehn Monate abzumachen hatte. Hatte der Gunner ihn erkannt und ihn verraten? Er wies den Gedanken ebenso schnell von sich, wie er gekommen war. Wenn Gunner Haynes wußte, daß er am Leben war, zu erreichen war, würde er dies niemals einem Polizeibeamten mitgekeilt haben. Ganz sicher hätte er in seiner eigenen Weise mit ihm abgerechnet.

 

»Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was ich damals für Socken getragen habe«, er zog die Worte lang. »Haben Sie Interessen in Wollwarengeschäften?«

 

Mr. Bird nickte feierlich.

 

»Ganz besonders in grauen Socken«, sagte er; »graue, wollene Socken mit einer kleinen, breiten Pfeilspitze 2 am Knöchel.«

 

Er war in ausgezeichneter Laune, und es war schwer, wenn nicht unmöglich, in seinen Worten eine persönliche Anspielung zu finden. Bevor Danton antworten konnte, fuhr er fort:

 

»Ich befürchte, Sie können mir keinerlei Auskunft geben? Ich würde so gern wissen, warum Mr. Maddison gestern seiner Wege gegangen ist und wohin. Ich habe nämlich die Absicht, ihm ein Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Wie lange wollen Sie noch in London bleiben, Mr. Morell?«

 

Die Frage folgte ganz unerwartet, und die Augen hinter den schweren Lidern schienen aufzublitzen, als Danty antworte.

 

»Vielleicht noch einen Monat.«

 

»Ich dachte, Sie würden vielleicht schon nächste Woche abreisen.«

 

Mit einem kurzen Kopfnicken wandte er sich ab und ging in seiner schwerfälligen Weise davon. Danty biß sich auf die Lippen und blickte hinter ihm her. Er hatte eine Warnung erhalten. Und es war ihm lieber, diese durch die Polizei zu bekommen als auf eine sicher weniger freundliche Weise von Gunner Haynes.

 

Er dachte immer noch über die Worte des Detektivs nach, als er sich zum Essen umkleidete. Es konnte nicht der Gunner gewesen sein – eine reine Vermutung von Bird, der hoffte, auf diese Weise etwas von ihm zu erfahren.

 

Margaret und er speisten an diesem Abend zusammen; als sie ihn am Nachmittag angerufen hatte, glaubte er, daß sie die Verabredung rückgängig machen wollte, und hatte schon überzeugende Gründe bei der Hand, um sie von einem solchen Entschluß abzubringen.

 

Am Abend war sie viel munterer; ihr Entschluß hatte sich wieder gefestigt. »Sie werden sicher morgen von ihm hören«, sagte Danty lächelnd, als sie ihren Kaffee tranken, »er gehört nicht zu den Menschen, die sich von der City von London, wo das Geld verdient wird, entfernen können!«

 

Sie seufzte.

 

»Ich befürchte, Sie haben recht«, war ihre leise Antwort.

 

Und zu gleicher Zeit standen zwei hervorragende Chirurgen an der Seite eines Bettes im St.-Thomas-Hospital. Einer von ihnen schob sein Stethoskop zusammen und blickte mit bedauernder Miene auf den bewußtlosen Patienten.

 

»Sie haben seinen Namen nicht ausfindig machen können?«

 

Der Polizeibeamte, der an der Seite des Bettes saß, schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Sir.«

 

Der Arzt wandte sich seinem Kollegen zu.

 

»Lungenentzündung, ohne jeden Zweifel, Sir John«, sagte er kurz. »Die Lunge ist durchbohrt worden – die Symptome von Lungenentzündung waren ja zu erwarten, denken Sie nicht auch so?« Er winkte einen dritten, den Arzt des Krankenhauses, heran, der sich mit einem anderen Patienten in dem Krankensaal beschäftigte.

 

»Der arme Kerl hier wird wahrscheinlich heute nacht sterben«, sagte er beinahe gleichgültig. »Ich wüßte nicht, was Sie noch weiter für ihn tun könnten, ausgenommen natürlich, es ihm so behaglich wie möglich zu machen. Als Mitglied einer Bande macht er mir eigentlich einen zu guten Eindruck.«

 

Der bewußtlose Mann lächelte und stammelte ein Wort.

 

»Klang beinahe wie ›Margaret‹«, sagte der Arzt interessiert. »Schade, daß Sie nicht wissen, wer er ist, man hätte dann seine Frau benachrichtigen können – jetzt würde wohl kaum noch Zeit dazu sein!«

 

    1. Die breite Pfeilspitze ist das Zeichen, das in den englischen Gefängnissen sämtliche Ausrüstungsgegenstände tragen.

 

 

Kapitel 11

 

11

 

Es war der dreizehnte Tag nach dem Verschwinden Luke Maddisons und ein bedeutungsvoller für seine Frau, da an diesem Tage die langen und qualvollen Stunden voller Zweifel und Ungewißheit, voller Selbstanklagen, die zuweilen zu Haß gegen sich selbst wurden, ein Ende fanden. Zweimal schon war sie nahe daran gewesen, die Polizei zu benachrichtigen, und zweimal hatte Danty sie daran verhindert.

 

Diese Zeit war auch voller Sorgen für Danty gewesen, aber aus einem ganz anderen Grunde. Daß Mr. Steele, der Prokurist der Maddison-Bank, nicht übermäßig besorgt zu sein schien, hatte Margaret zuerst erstaunt, dann aber in gewisser Weise getröstet. Sie vermutete oder war überzeugt, daß Luke ihm ihre Handlungsweise mitgeteilt hatte, denn als sie dem alten Steele den Scheck aushändigen wollte, wies dieser ihn mit großem Nachdruck zurück. Sie wußte ja nicht, daß in den Tagen, bevor sie die Hauptperson in Luke Maddisons Leben wurde, Luke die Angewohnheit hatte, von Zeit zu Zeit zu verschwinden, ohne jemand zu benachrichtigen. Unweigerlich kam dann eine Postkarte von Spanien, auf der er Steele mitteilte, wo er wäre und wann er zurückkommen würde. Dieses Land hatte einen besonderen Reiz für Luke Maddison. Er beherrschte seine Sprache wie ein Eingeborener. Er war einer der wenigen Engländer, die die Feinheiten des Stiergefechtes verstanden und schätzten, und er liebte nichts mehr, als sich in irgendeine kleine Wohnung in Cordoba oder Ronda zurückzuziehen und von dort aus das Land nach allen Richtungen zu durchstreifen.

 

Steele war unruhig – sicherlich – aber er hatte die Hoffnung, daß in dieser großen Krisis seines Lebens Luke Maddison dorthin geflüchtet war, wo er so viele glückliche Tage verbracht hatte.

 

Während dieser ganzen Wartezeit hatte sich Margaret Maddison zu Haus gehalten. Sie erschien nicht mehr in den Restaurants, in denen sie gewöhnlich zu finden war, und ihre wenigen Freunde zweifelten nicht daran, daß sie sich auf der Hochzeitsreise befand. Danty hatte ihr den Rat gegeben, sich im Auto nach einem der entfernten Dörfchen in Cornwall zu begeben und dort zu bleiben, bis der »Skandal«, wie er es nannte, vergessen wäre; aber sie machte sich zu viele Sorgen um Luke, um seinem Rate Folge leisten zu können.

 

An diesem dreizehnten Morgen war ein Telegramm für sie gekommen, und sie hatte gerade Danton Morell telephonisch gebeten, bei ihr vorzusprechen, als der Diener hereinkam und ihr eine Karte überreichte. Margaret las den Namen und runzelte die Stirn.

 

»Miß Mary Bolford?« Wer war denn das? »Sagen Sie, ich wäre nicht zu Haus.«

 

»Das habe ich bereits gesagt, gnädige Frau«, sagte der Diener, »aber sie nahm das ziemlich kühl auf und sagte, sie wüßte, Sie wären zu Haus, und bestand darauf, Sie zu sprechen.«

 

Margaret blickte von neuem auf die Karte. Auf der linken Seite, wo gewöhnlich die Adresse zu stehen pflegt, befanden sich die Worte »Daily Post Herald«. Sie sah die Nutzlosigkeit ein, das Interview vermeiden zu wollen, und hatte – unbekannt mit der Ethik des Journalismus – die Sorge, daß ihre Weigerung, den interessanten Reporter Miß Mary Bolford zu empfangen, vielleicht peinliche Konsequenzen für sie haben könnte.

 

»Ich lasse Miß Bolford bitten«, sagte sie schließlich.

 

Sie erwartete eigentlich eine Art Mannweib zu sehen oder zum mindesten ein weibliches Wesen, dessen intellektuelle Entwicklung auf Kosten ihrer äußeren Erscheinung stattgefunden hatte. Aber nicht im geringsten war sie auf das hübsche, junge Mädchen in elegantem Kostüm vorbereitet, das ohne jedes Anzeichen von Nervosität ihren Salon betrat.

 

»Sind Sie Miß Bolford?« fragte Margaret überrascht.

 

Das junge Mädchen bejahte lächelnd.

 

»Ich bin Reporter: ich nehme an, Mrs. Maddison, Sie haben das schon aus meiner Karte erraten!«

 

Mrs. Maddison! Es war das erstemal, daß man sie mit diesem Namen anredete, und irgendwie schien ihr dies die Tragödie der letzten vergangenen 12 Tage noch näherzubringen.

 

»Ich hatte dem Diener gesagt, daß ich für niemand zu sprechen wäre. Ich fühle mich nicht besonders wohl und bin in der Stadt geblieben –«

 

»Aus dem Grunde möchte ich ja mit Ihnen sprechen – darf ich mich setzen?«

 

Margaret wies auf einen Stuhl, und der junge, weibliche Reporter machte es sich bequem.

 

»Ich begreife völlig, daß Sie uns für entsetzliche Leute halten, wenn wir versuchen, in Ihre Privatangelegenheiten hineinzublicken, aber das ist nun mal unser Beruf«, begann sie mit beinahe beleidigender Offenheit. »Alle Zeitungsleser sind wild auf Romanzen, gleichgültig, ob es sich um traurige oder fröhliche handelt, und wir haben nun erfahren, daß Ihre Flitterwochen unterbrochen wurden und Ihr Gatte nach dem Ausland gegangen ist – hat er das überhaupt getan? – Mr. Steele, der Prokurist der Bank, ließ dies durchblicken, ohne es jedoch zugeben zu wollen.«

 

Für einen Augenblick antwortete Margaret nicht und sagte dann:

 

»Mein Mann ist im Ausland.«

 

»Wissen Sie, wo er ist?«

 

Margaret war auf einen so direkten Angriff nicht vorbereitet und wußte im Augenblick nicht, was antworten.

 

»Ja«, sagte sie zögernd. »Aber ich bezweifle, daß dies irgendwie Interesse für die Öffentlichkeit haben könnte.«

 

Mary Bolford sah Margaret prüfend mit ihren sprechenden, grauen Augen an.

 

»Entschuldigen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber ich glaube, ich kann Ihnen am besten helfen und mir selbst auch, wenn ich Ihnen gegenüber völlig offen bin. Wir haben gehört, daß Sie an Ihrem Hochzeitstage eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Manne gehabt hätten und daß er –«

 

»Seiner Wege ging?« schlug Margaret kühl vor.

 

»Nein, nicht ganz so. Die Wahrheit ist, ich habe einen guten Freund in Scotland Yard, der heute bei mir war, um mich zu fragen, ob wir von der Zeitung etwas über Mr. Maddisons Aufenthalt wüßten. Und wir wissen natürlich nichts. Mr. Bird war etwas zurückhaltend –«

 

»Wer ist denn Mr. Bird«, fragte Margaret mechanisch. Sie wollte Zeit gewinnen. Schon allein die Erwähnung von Scotland Yard erschreckte sie.

 

Die junge Reporterin erklärte ihr, wer Mr. Bird war, und von neuem dachte Margaret schnell nach.

 

»Gesetzt den Fall, ich gebe zu, daß wir uns gestritten haben? Glauben Sie, daß dies das Publikum interessieren würde?«

 

Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie, daß sie ganz zufällig eine Erklärung für das Verschwinden Lukes gefunden hatte, die man ohne weiteres annehmen konnte.

 

»Selbstverständlich nicht! Sie müssen ja denken, daß es eine große Unverfrorenheit von mir ist, überhaupt hierher zu kommen. Es liegt uns ja gar nichts daran, unsere Nase – wenn ich mich so ausdrücken darf – in rein persönliche Angelegenheiten zu stecken. Wenn eine Meinungsverschiedenheit die Erklärung ist, so kann ich nur um Entschuldigung bitten und versuchen, einen möglichst vorteilhaften Abgang zu finden!«

 

Sie stand rasch auf, aber in ihren lachenden, grauen Augen konnte Margaret Sympathie für sich selbst lesen.

 

»Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wenn Mr. Maddison an seinem Hochzeitstage abgerufen worden wäre, um eine große finanzielle Operation durchzuführen, oder aus einem anderen Grunde als den – nun, den Sie mir eben angegeben haben, dann würde es eine wirklich interessante Geschichte gewesen sein. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Mrs. Maddison.« Sie streckte impulsiv ihre Hand aus, und Margaret ergriff sie.

 

»Ich bedauere es, für Sie – aber für mich auch«, sagte sie seufzend. Und dann sah Mary Bolford, wie ihre Züge hart wurden. »Ich habe es gestern bedauert – vielleicht heute nicht mehr. Das klingt ziemlich rätselhaft, und ich hoffe, Sie werden nicht versuchen, das zu ergründen.«

 

Sie begleitete das junge Mädchen bis an die Treppe und wartete, bis sie die Haustür hinter ihr ins Schloß fallen hörte.

 

Danty war in der Zwischenzeit gekommen, und sie hatte gehört, wie der Diener ihn in ein kleines Vorzimmer geführt hatte, das neben ihrem Salon lag. Sie öffnete die Tür.

 

»Kommen Sie, bitte, herein«, sagte sie.

 

»Wer war denn das?« fragte Danton Morell etwas unruhig. »Fenning sagte, es wäre ein Reporter. Was wollte er denn?«

 

Margaret lächelte müde.

 

»Sie versuchte, in meiner Trauung etwas Romantisches zu finden«, antwortete sie. »Ich befürchte, sogar sie wird damit kein Glück haben – lesen Sie das bitte.«

 

Sie öffnete ein Schubfach ihres Schreibtisches und nahm einen zusammengefalteten Bogen Papier heraus: ein Telegramm, gerichtet an Margaret Maddison:

 

»Du kannst kaum erwarten, daß ich zu Dir zurückkehre. In einigen Monaten werde ich Dir genügend Material verschaffen, um eine Scheidungsklage gegen mich einzureichen. Ich bin nicht völlig mittellos, daher auch nicht gänzlich ohne angenehme Tröstung.«

 

Es trug die Unterschrift »Luke« und war am gleichen Morgen um acht Uhr dreißig in Paris aufgegeben worden.

 

»Nun weiß ich ja Bescheid«, sagte sie. Ihr Ton war leicht, aber in ihrem Herzen war ein Aufruhr, den sie nicht für möglich gehalten hätte.

 

Tröstung! Und das war Luke Maddison, der Idealist! – ein ganz gewöhnlicher Schürzenjäger, der zu – Tröstungen geflohen war!

 

»Ich wundere mich eigentlich, daß Sie überhaupt Nachricht erhalten haben«, sagte Danton ernst. »Ich hätte gar nicht angenommen, daß er sich die Mühe geben würde, zu telegraphieren.«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Steele kennt wahrscheinlich seine Adresse und hat ihm telegraphiert, daß die Polizei Recherchen anstellt –«

 

»Die Polizei?« Dantys Stimme war scharf. »Von wem wissen Sie denn, daß die Polizei sich damit befaßt?«

 

Sie wiederholte ihm, was Mary Bolford ihr erzählt hatte, und sah, wie sein Gesicht unruhig wurde.

 

»Der Spatz – das ist der Beiname, den man Bird gegeben hat. Ist er denn hier gewesen?«

 

Sie schüttelte verneinend den Kopf. Er dachte tief nach, seine Haltung war einige Augenblicke gespannt, seine Augen halb geschlossen, und seine Gedanken waren weit weg.

 

»Was werden Sie nun tun?« fragte er sie endlich.

 

»Jetzt? Ich reise am Sonnabend nach Madeira. Die Seereise wird mir sehr gut tun, und es wird mir erspart bleiben, über – über Paris zu reisen.« Ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

Sie bemerkte, daß er etwas verstört war, und erfuhr auch sofort den Grund.

 

»Ich glaube nicht, daß ich am Sonnabend reisen kann –« begann er hastig, und sie lächelte.

 

»Es liegt doch auch gar keine Notwendigkeit für Sie vor, zu verreisen. Ich fahre allein. Ich möchte über so vieles nachdenken, und eine Insel ist ein wundervoller, der einzig richtige Platz dafür.«

 

Er war enttäuscht, ließ es aber nicht merken.

 

»Wie lange werden Sie fortbleiben?«

 

»Vielleicht einen Monat«, antwortete sie.

 

»Ich habe die Absicht, einen großen Dienst von Ihnen zu erbitten, und zwar, sich meiner Angelegenheiten anzunehmen – wahrscheinlich werde ich Ihnen eine Generalvollmacht geben; sicherlich werden Sie einen besseren Gebrauch davon machen als ich mit Lukes!«

 

Hätte sie ihn angesehen, wäre ihr sicherlich die Erleichterung in seinen Zügen aufgefallen.

 

»Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht«, war Dantys Antwort.

 

Der Rest ihrer Unterhaltung bewegte sich in allgemeinen Bahnen, und kurz darauf verließ er sie.

 

Als er gegangen war, blickte sie in die Morgenzeitung und hatte mehr Interesse für Wetterberichte als für alles andere. Auf einer der Hauptseiten des Post Herald sah sie die Photographie eines hageren, unrasierten Mannes. Die Aufnahme hatte augenscheinlich im Hospital stattgefunden. Seine Augen waren geschlossen, und unterhalb des Kinnes sah man noch einen Teil der Bettdecke.

 

»KENNEN SIE DIESEN MANN?«

 

war die Unterschrift des Bildes.

 

Sie durchflog den dazugehörigen Artikel und fand, daß es sich um einen Mord handelte, der im südlichen London begangen war, daß der Mann auf der Photographie dabei beteiligt gewesen und dem Tode nur wie durch ein Wunder entgangen war. Nicht einmal sein nächster Freund würde Luke Maddison erkannt haben, denn die Aufnahme war erst am elften Tage seines Aufenthaltes im Hospital und noch dazu bei sehr trübem Licht gemacht worden.