Kapitel 4

 

4

 

Für Verity Maple bedeutete die Christal Palace Road das traurige Erwachen aus einem schönen Traum. Es war ihr seither immer gut gegangen, obwohl ihre Mutter schon früh gestorben war; ihr Vater, George Maple, hatte zwölfhundert Pfund im Jahr verdient – leider aber stets fünfzehnhundert ausgegeben. Der Augenblick kam, an dem seine finanziellen Verhältnisse hoffnungslos zerrüttet waren; schließlich gab es nur noch zwei Wege für ihn: Bankrotterklärung oder Selbstmord. Ein Autobus, dem er nicht rechtzeitig auswich, enthob ihn der Entscheidung. Als Verity aus einem belgischen Pensionat heimgekehrt war, fand sie ihr Vaterhaus bereits im Besitz einer Anzahl von Gläubigern, die rücksichtslos versteigern ließen, was nicht niet– und nagelfest: war. Verity saß auf der Straße. Sie wußte nicht was tun, doch da tauchte Tom Maple auf.

 

Sie hatte früher schon von Onkel Tom gehört und hatte auch Briefe von ihm aus den verschiedensten Städten erhalten, dabei war ihr seine merkwürdige Angewohnheit aufgefallen, gleichzeitig mit dem Aufenthalt auch den Namen zu wechseln.

 

Er war wirklich ein sonderbarer Mensch, aber ihr gegenüber zeigte er sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Verity hatte alle Ursache, ihm dankbar zu sein.

 

Sie zogen zusammen in das Haus in der Christal Palace Road. Bald genug hatte sie entdeckt, daß er ein Trinker war. Auch daran gewöhnte sie sich und lebte bald glücklicher mit ihm, als sie jemals zu hoffen gewagt hatte.

 

In finanziellen Dingen war Tom Maple sehr großzügig; er stellte ihr genügend Geld zur Verfügung, und sie war eigentlich durchaus nicht gezwungen, eine Stellung anzunehmen. Es trieb sie mehr der Wunsch nach Unabhängigkeit zu einem Beruf.

 

Für die Tätigkeit ihres seltsamen Onkels interessierte sich Verity sehr. Stundenlang konnte sie neben ihm sitzen und beobachten, wie er mit sicherer Hand feine, schöngeschwungene Linien in Stahlplatten grub. Tom Maple wurde von einer Gravieranstalt, die Banknoten herstellte, sehr gut bezahlt. Seine Auftraggeber kannten ihn und wußten seine Arbeit zu schätzen. Sie schienen ihn so notwendig zu brauchen, daß sie selbst seine üblen Gewohnheiten übersahen.

 

An dem Abend nach Golds Besuch hielt sich Verity noch im Wohnzimmer auf. Sie saß am offenen Kamin und las in einem Buch, als sie plötzlich den leichten Schritt ihres Onkels draussen auf dem Gang hörte. Er ging an der Tür vorbei, blieb dann zögernd stehen und kam zurück. Die Tür wurde geöffnet, und er kam herein. Sie sah ihn an.

 

»Kann ich etwas für Dich tun, Onkel?«

 

Sein Gesicht war noch bleicher als sonst. Die Wangen schienen ihr noch eingefallener, die Augen von noch dunkleren Rändern umschattet. Er schaute sie eine Weile wortlos an, dann nahm er einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber.

 

»Verity«, sagte er schließlich ernst, »ich habe über dich nachgedacht und mir überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn ich dir etwas über mich erzählte.«

 

Er seufzte schwer und sah ihr dann fest in die Augen.

 

»Mein Leben war sehr merkwürdig«, begann er langsam. »Du weißt nicht so richtig Bescheid über meine Vergangenheit, wie?«

 

Sie sah ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nur, daß du mir ein guter Onkel bist.«

 

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Du darfst nicht so gut von mir denken. Ich bin nicht ganz der, für den du mich hältst.« – Er sah sie ernst, fast traurig an. – »Wenn mir etwas zustoßen sollte«, fuhr er dann fort, »so möchte ich, daß du einen bestimmten Herrn in London aufsuchst.« Mit diesen Worten zog er seine Brieftasche hervor.

 

»Ich will dir etwas geben. Ich habe dich neulich um deine Unterschrift gebeten, weil ich dir ein Konto in der Londoner Nordwestbank eröffnet habe. Es ist kein großes Vermögen«, sagte er schnell, als er ihre Freude bemerkte, »aber es wird dich vor Not schützen, wenn mir etwas passieren sollte.«

 

»Was sollte dir denn passieren?« fragte sie ihn ängstlich und bestürzt.

 

Er zuckte nur die Schultern.

 

»Das kann man nie wissen«, meinte er melancholisch.

 

Er nahm ein Scheckbuch aus der Brieftasche, auf dem der Name der Bank stand.

 

»Hebe es gut auf«, sagte er, als er es ihr überreichte. »Übrigens mußt du doch langsam auch ans Heiraten denken.«

 

Sie schüttelte nur lachend den Kopf.

 

»Die meisten Mädchen schütteln den Kopf, wenn sie ein solches Ansinnen hören«, meinte er, plötzlich wieder vergnügt, »und dann heiraten sie doch alle!«

 

Er nickte ihr zu und wollte eben aus dem Zimmer gehen, als sie sich an seine Worte von vorhin erinnerte.

 

»Onkel, du hast mir noch nicht den Namen des Mannes gesagt, an den ich mich wenden soll.«

 

Er gab nur zögernd die Antwort.

 

»Ich meine Comstock Bell – später werde ich dir einmal mehr von ihm erzählen.«

 

Im nächsten Augenblick war er gegangen. Sie folgte ihm nachdenklich mit den Blicken.

 

Was mochte er mit den Andeutungen über sein früheres Leben gemeint haben? Sie war nun alt genug, um zu wissen, daß seine häufigen Namensänderungen eine ernstere Bedeutung gehabt haben könnten. Fast wünschte sie jetzt, daß sie ihm zugeredet hätte, offen zu sprechen.

 

Sie schaute auf die Uhr. Um sechs sollte sie sich bei Mr. Cornelius Helder vorstellen. Es kam ihr ein wenig seltsam vor, daß er sie in seine Privatwohnung in der Curzon Street gebeten hatte.

 

Helder bewohnte mehrere Räume in dem Haus Nr. 406.

 

Das Gebäude gehörte einem Hausmeister, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und hier nun eine gutgehende Pension unterhielt. Die Mieter bekamen im allgemeinen zwar nur das Frühstück, konnten auf Wunsch aber auch größere Mahlzeiten bestellen.

 

Verity Maple wurde sofort ins Wohnzimmer geführt. Als sie eintrat, saß Helder vor einem großen Schreibtisch, der mit Druckproben und Zeitungen bedeckt war.

 

Er erhob sich und gab ihr die Hand.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Miss Maple. Es tut mir leid, daß ich Sie hierherbitten mußte, aber ich konnte Sie aus Zeitmangel nicht in meinem Büro empfangen.«

 

Er sprach kurz und geschäftsmäßig, so daß der unangenehme Eindruck, den sie von ihm hatte, rasch wieder verflog.

 

»Ich habe eine interessante Arbeit für Sie. Können Sie französisch?«

 

»Ja«, sagte sie und nickte.

 

»Ich bin nämlich Mitherausgeber einer kleinen Zeitschrift, für die Sie sich in Zukunft interessieren müssen.«

 

Die Gehaltsfrage wurde besprochen, und Verity wunderte sich, mit welcher Bereitwilligkeit Mr. Helder auf ihre Wünsche einging. Sobald die rein geschäftliche Seite der Unterhaltung beendet war, erhob sie sich.

 

»Bis morgen früh also«, sagte er und begleitete sie zur Tür.

 

Verity Maple war sich nach dieser ersten Unterredung mit ihrem neuen Chef nicht ganz klar darüber, ob sie richtig gehandelt hatte, diese Stellung anzunehmen. Als sie sich schon ein Stück von Mr. Helders Haus entfernt hatte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um. Es war Mr. Helder, der ihr nachgelaufen kam.

 

»Ich muß zur Oxford Street«, sagte er atemlos. »Da haben wir doch denselben Weg, nicht wahr?«

 

Sie hätte ihm gern gesagt, daß dies nicht der Fall sei, aber er beachtete sie gar nicht weiter, sondern erzählte munter von den Annehmlichkeiten eines neuen Motorbootes, das er sich kaufen wollte, und nannte als Kaufpreis eine Summe, vor der ihr schwindelte. Dann sprach er über sonstige Geldgeschäfte, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.

 

In der Oxford Street trennten sie sich, und sie seufzte erleichtert auf, als er sich von ihr verabschiedet hatte.

 

Auf Helder hatte das hübsche Mädchen großen Eindruck gemacht. Er hatte zwar schon viel von ihr gehört, aber nicht gedacht, daß sie so gut aussah.

 

Er schaute ihr nach, bis sie in der Menschenmenge verschwunden war, dann winkte er einem Taxi und fuhr zum Klub.

 

Als Verity zur Victoria Station kam, war ihr Zug schon abgefahren, und sie mußte sich nun die Zeit vertreiben, bis der nächste kam.

 

An einem Bücherstand betrachtete sie aufmerksam die Auslagen und las die Titel der neuen Bücher. Dabei stieß sie mit einem Herrn zusammen, und ihre Handtasche fiel auf den Boden. Er bückte sich schnell, hob die Tasche auf und überreichte sie ihr mit einer Entschuldigung.

 

Sie sah sich einem hochgewachsenen jungen Mann gegenüber, der sie einen Augenblick bewundernd anschaute. Dann grüßte er höflich und ging.

 

Es war die erste Begegnung Veritys mit Comstock Bell.

 

Sie betrat einen Erfrischungsraum, um eine Tasse Tee zu trinken. Als sie wieder aufstand, entdeckte sie, daß sie auch den nächsten Zug versäumt hatte. Eigentlich war sie ja gar nicht in Eile, und so schlenderte sie gemütlich zum Marble Arch und besuchte noch eine Kinovorstellung.

 

Als sie in Peckham ankam, war es schon neun Uhr. Der Himmel war wolkenbedeckt, und es regnete in Strömen. Sie bog in die Christal Palace Road ein und bemerkte einen Mann, der an einem Laternenpfahl auf der anderen Seite der Straße lehnte. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, denn er wandte ihr den Rücken zu.

 

Vor ihrer Haustür kramte sie die Schlüssel heraus und wollte gerade aufschließen, als sie hinter der Tür Stimmen hörte. Es war sehr ungewöhnlich, daß ihr Onkel Besuch hatte, und erstaunt trat sie einen Schritt zurück. Die Stimmen näherten sieb, und gleich darauf öffnete sich die Tür. Einem Impuls gehorchend, trat sie in das Dunkel des Gebüsches zurück, das vor dem Eingang angepflanzt war.

 

Ihr Onkel kam heraus, in seiner Begleitung waren zwei Herren. Der eine war robust und untersetzt, der andere groß und schlank.

 

»Hoffentlich haben Sie uns jetzt verstanden!« sagte der Kleinere drohend; er sprach mit stark amerikanischem Akzent.

 

Maple antwortete leise etwas, das Verity nicht verstehen konnte.

 

»Damit wäre also alles klar«, schnitt ihm der andere das Wort ab. »Wir wollen nur von Ihnen haben, daß Sie kein Spielverderber sind. Es liegt jetzt an Ihnen, Ihre verschiedenen Fehler wieder gutzumachen. Er weiß das ganz genau …«, dabei deutete er auf die Straße.

 

»Warum kommt er denn nicht selbst?« brummte Maple vorwurfsvoll.

 

Die beiden lachten höhnisch.

 

»Weil er sich bei dieser Angelegenheit nicht sehen lassen will. Außerdem wohnen Sie doch nicht allein hier im Hause, nicht wahr? Kurz und gut, Sie werden sich auf jeden Fall verantworten müssen, wenn Sie noch einmal etwas gegen uns unternehmen.« Seine Stimme klang so kalt und scharf, daß Verity ein Schauer über den Rücken lief. »Diesmal wollen wir ein ganz großes Ding drehen – und wer sich uns dabei in den Weg stellt, wird erledigt. Verstanden?«

 

Tom Maple nickte, und es trat eine kleine Pause ein.

 

»Wo ist er eigentlich?«

 

»Er wartet an der nächsten Straßenecke. Wollen Sie mit uns kommen und ihn begrüßen?«

 

Maple schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich weiß schon, daß er dort ist – das bezweifle ich nicht«, sagte er bitter.

 

Ohne ein weiteres Wort drehten sie ihm den Rücken zu und verschwanden durch das Gartentor. Tom Maple wandte sich seufzend um und ging ins Haus zurück.

 

Verity war überrascht und bestürzt. Was hatte das alles zu bedeuten? Welchen Einfluß hatten diese Leute auf ihren Onkel? Wer war dieser geheimnisvolle Mann, der das Haus nicht betreten wollte? Einen Augenblick zögerte sie, dann lief sie schnell zur Gartentür und folgte den beiden Männern, die noch keinen großen Vorsprung hatten.

 

Als sie das Ende der Straße erreichten, kam der Mann, der unter der Laterne gewartet hatte, von der anderen Straßenseite zu ihnen herüber. Die drei blieben stehen. Klopfenden Herzens ging Verity weiter; das Gespräch der drei verstummte, und als sie die Männer passierte, drehte sich einer von ihnen nach ihr um. Zu ihrem Schrecken sah sie, es war – Mr. Helder. Hastig eilte sie weiter und hoffte, daß er sie nicht erkannt habe.

 

Als sie in die nächste Seitenstraße einbog, warf sie einen Blick zurück. Helder folgte ihr! Schnell bog sie um die Ecke und schlüpfte in den nächsten Hauseingang. Eine Zeitlang stand sie dort atemlos und horchte angespannt. Zu ihrer größten Beruhigung näherten sich aber keine Schritte, und als sie nach einigen Minuten vorsichtig auf die Straße spähte, war kein Mensch zu sehen. So schnell sie konnte, lief sie nach Hause.

 

Als sie in die Küche trat, saß ihr Onkel wie gewöhnlich am Tisch, sie bemerkte aber sofort, daß ihn irgend etwas beunruhigte. Er begrüßte sie so geistesabwesend, daß sie immer besorgter wurde; trotzdem schien es ihr ratsam, vorerst nichts von dem zu sagen, was sie gesehen und gehört hatte. Sie bereitete das Abendessen, und erst als sie den Tisch deckte, sah er auf.

 

»Verity, ich werde es doch tun, was auch immer geschehen mag!«

 

Sie wartete, daß er ihr jetzt alles erzählen würde, doch er sagte noch einige wenige Sätze halb zu sich selbst: »Sie glauben, daß sie mich in ihrer Gewalt haben. Aber ich werde es ihnen schon zeigen – sie sollen noch ihr blaues Wunder erleben!«

 

Als sie sich nach dem Essen erhob und abräumen wollte, drehte er sich nach ihr um.

 

»Vergiß den Mann nicht, von dem wir gesprochen haben«, sagte er mit eigenartiger Betonung.

 

»Mr. Comstock Bell?«

 

»Ja, Comstock Bell.«

 

Kapitel 16

 

16

 

Der Kassierer von Cooks Reisebüro an der Place de l’Opera in Paris hatte wie immer einen arbeitsreichen Tag. Gerade wurden ihm von einem Kunden fünf französische Banknoten zu je tausend Franc und acht amerikanische Hundertdollarscheine mit dem Ersuchen eingehändigt, sie in englisches Geld umzuwechseln.

 

Er zählte die Scheine sorgfältig, berechnete den derzeitigen Kurs und entnahm einem Geldschrank, der in seiner Reichweite stand, die erforderliche Menge englischer Banknoten. Zwei Pfund und einige Schillinge legte er auf Wunsch des Reisenden in Kleingeld dazu.

 

Bevor er die ganze Summe aushändigte, zählte er die französischen und amerikanischen Scheine, wie er es gewohnt war noch einmal nach. Dabei fiel ihm auf, daß die Worte ›Banque Nationale‹ nicht die tiefviolette Färbung hatten, die er sonst zu sehen gewohnt war. Diese Eigentümlichkeit entdeckte er nur auf einer der Noten. Er hielt den heller gefärbten Schein neben die anderen und sein Verdacht verstärkte sich.

 

Jetzt prüfte er auch die amerikanischen Banknoten genauer. Sie unterschieden sich zwar in keiner Weise voneinander, aber um ganz sicher zu gehen, verglich er sie mit einem Hundertdollarschein, den er aus dem Geldschrank nahm. Wieder schien ihm etwas nicht ganz zu stimmen. Zeichnung und Druck waren zwar gleich, aber ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß trotzdem irgend etwas nicht in Ordnung war.

 

Kurz entschlossen drückte er auf einen unter der Tischplatte seines Schalters verborgenen Klingelknopf, und der mittelgroße Herr, der ungeduldig auf sein Geld wartete, sah plötzlich neben sich zwei Bankdetektive auftauchen.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein, Monsieur, uns in das Büro des Direktors zu folgen?«

 

Diesen Wunsch hatte der Herr aber durchaus nicht. Laut und erregt sprach er auf die beiden ein und protestierte energisch gegen die Belästigung, wie er es nannte. Seiner Aussprache war unverkennbar der Amerikaner anzumerken. Schließlich drehte er sich um und wollte den Raum verlassen, und das war in dieser Situation das Dümmste, was er nur tun konnte. Welcher vernünftige Mann würde einen so hohen Betrag, auch wenn er sich noch so ärgerte, ohne weiteres im Stich lassen?

 

Die beiden Beamten, die bis jetzt höflich neben ihm gestanden hatten, packten plötzlich fest zu. Einen Augenblick lang gab es eine etwas turbulente Szene, doch dann wurde der Mann ohne weiteres in einen Nebenraum geschoben, dessen Tür sich schnell hinter ihm schloß. Eine Viertelstunde später verließ er das Gebäude durch einen Hinterausgang, eskortiert von den beiden Beamten, die ihn in die Mitte nahmen.

 

Gold, der gerade dabei war, sich vom Polizeipräsidium einen Haussuchungsbefehl für die Heldersche Wohnung zu verschaffen, verließ auf ein Telegramm hin London mit dem nächsten Zug und fuhr nach Paris.

 

Ein hoher Beamter der französischen Kriminalpolizei holte ihn an der Gare du Nord ab und begleitete ihn zur Präfektur. Auf dem Weg dorthin erklärte ihm der französische Kollege, was sich ereignet hatte.

 

»Ob die amerikanischen Dollarnoten gefälscht sind, konnten wir noch nicht genau feststellen – die französischen Scheine sind auf jeden Fall sehr gute Fälschungen. Der Mann, den wir verhaftet haben, ist Amerikaner. Er kam am letzten Samstag in Le-Havre an und hatte eine ganze Menge Empfehlungsbriefe an die verschiedenen amerikanischen Konsulate in Europa dabei. Wenn er sich durch sein ungeschicktes Benehmen nicht verdächtig gemacht hätte, wäre er bestimmt nicht festgenommen worden. Wahrscheinlich hätten wir ihn eben für das unschuldige Opfer irgendeines Gauners gehalten.«

 

»Wie heißt er denn?«

 

»Er nennt sich Schriener und gibt an, daß er in New York ein Versandhaus für Porzellanwaren hat und sich auf einer Erholungsreise in Europa befindet. Die New Yorker Polizei war auch schon hinter ihm her, wie wir bereits erfahren haben. Sein Gepäck wurde natürlich sorgfältig durchsucht.«

 

»Und haben Sie dabei etwas Besonderes gefunden?«

 

»Nichts, das ihn belasten könnte«, sagte der französische Beamte zögernd. »Wir haben Sie hergebeten, damit Sie sich einmal mit ihm unterhalten. Im übrigen hat er sich bereits mit dem amerikanischen Konsulat in Paris in Verbindung gesetzt.«

 

Gold nickte. Die meisten Amerikaner wandten sich sofort an ihre diplomatischen Vertretungen, wenn sie in Schwierigkeiten gerieten.

 

Gold unterhielt sich mit dem Mann in einem kleinen Büro auf der Präfektur, wo man ihn vorläufig untergebracht hatte. Er war mittelgroß, grauhaarig und gut angezogen. Man konnte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre schätzen.

 

»Guten Tag«, sagte Gold und reichte ihm die Hand.

 

Er bemerkte dabei sofort, daß die Hand des anderen ziemlich rauh war. Der Mann sah im übrigen auch nicht so aus, als ob er sein Leben als reicher Müßiggänger verbracht hätte. Auf Golds Fragen gab er nur zögernde Antworten, und Gold brach das Verhör bald ab, um im Büro des Polizeipräfekten die amerikanischen Banknoten zu untersuchen. Das kleine Päckchen Hundertdollarscheine wurde ihm überreicht. Er besah sie sorgfältig von allen Seiten, dann gab er sie wieder zurück.

 

»Es besteht gar kein Zweifel«, sagte er, »daß sie alle gefälscht sind – und zwar meisterhaft gefälscht. Darf ich mir einmal alles ansehen, was der Mann bei sich trug?«

 

»Die Schriftstücke, die wir bei ihm fanden, liegen hier«, antwortete der französische Beamte und breitete eine Anzahl von Briefen und Papieren vor Gold aus.

 

Meistens waren es Kreditbriefe auf kleinere Beträge und Empfehlungsschreiben an verschiedene Konsulate, die von einflußreichen Persönlichkeiten in New York ausgestellt worden waren. Gold interessierte sich nicht sehr dafür, weil er wußte, wie leicht so etwas zu bekommen war.

 

Er entdeckte unter den Briefen auch ein Notizbuch mit Eintragungen, die sich in der Hauptsache auf Hotels und Pensionen bezogen. Noch wichtiger erschien ihm eine Liste von Firmen, von denen ihm bekannt war, daß sie große Geldgeschäfte machten.

 

Am aufschlußreichsten für Gold war jedoch ein Kuvert, das die Adresse des festgenommenen Mannes trug; er wohnte im Palace-Hotel. Die Adresse war deutlich mit der Hand auf einen länglichen Briefumschlag geschrieben, der eine englische Briefmarke trug und in London aufgegeben worden war.

 

Gold wandte sich an seinen französischen Kollegen.

 

»Haben Sie das Hotel unter Bewachung gestellt?« fragte er.

 

Der Beamte nickte.

 

»Ich glaube zwar nicht, daß viel dabei herauskommt«, meinte Gold. »Die Leute arbeiten eigentlich immer nach derselben Methode. Die gefälschten Noten werden in kleinen Mengen an die Agenten geschickt, die sie innerhalb einer bestimmten Zeit unterbringen müssen. Dann schickt der Agent einen Teil seines Erlöses an die Zentrale der Organisation zurück, die sich meist nicht an dem Ort befindet, von dem die gefälschten Banknoten abgesandt wurden. Nach einiger Zeit erhält er dann wieder ein kleines Paket.«

 

»Glauben Sie, daß wir eine neue Sendung an diese Adresse erwarten dürfen?« fragte der französische Beamte.

 

»Nein, das glaube ich unter keinen Umständen. Jeder Agent dieser Fälscherbande wird bestimmt von einem andern Agenten überwacht, den er gar nicht kennt. Dieser zweite Mann gibt natürlich die Nachricht von einer Verhaftung sofort an die Zentrale weiter. Sie brauchen also nicht zu hoffen, daß noch Sendungen folgen.«

 

Gold nahm die gefälschten Scheine wieder in die Hand und betrachtete sie noch einmal ganz genau.

 

»Ein hervorragender Druck«, sagte er. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit erregt, und er starrte auf die eine Ecke des Scheins.

 

»Entschuldigen Sie einen Augenblick!« rief er und trat schnell ans Fenster.

 

Paris lag unter einem grauen Himmel, und das Licht war schlecht. Trotzdem sah Gold jetzt, daß von der einen Schmalseite der Banknoten zur anderen eine merkwürdige Linie lief, die nur auf den ersten Blick zu der verschlungenen Gravierung gehörte.

 

»Kann ich eine helle Lampe und ein Vergrößerungsglas haben?« fragte Gold.

 

Der französische Beamte knipste eine an einem Schwenkarm befestigte Schreibtischlampe an und drehte sie so, daß ihr Lichtkegel direkt auf die Tischplatte fiel. Aus einer Schublade holte er ein starkes Vergrößerungsglas und reichte es Gold.

 

Der Amerikaner strich die Note sorgfältig glatt und untersuchte sie genau.

 

Plötzlich pfiff er leise vor sich hin, das Blut schoß ihm ins Gesicht, und seine Augen glänzten.

 

»Hier – sehen Sie mal her«, sagte er triumphierend.

 

Der Franzose nahm ihm das Glas aus der Hand und fixierte die Stelle, die ihm Gold mit dem Fingernagel bezeichnete – in eine Linie, die sich neben vielen anderen quer über die ganze Banknote zog, war mit unglaublicher Geschicklichkeit eine Schriftzeile eingraviert worden. Er las:

 

»Verity Maple, 942 Christal Palace Road, London. Banknote Nr. 687642 – 687653. Milch anwenden.«

 

Sie sahen einander verblüfft an.

 

»Was soll das heißen?« fragte der Franzose aufgeregt.

 

Gold war ans Fenster getreten und schaute hinaus. Langsam wiederholte er für sich die Worte, die auf der Banknote standen.

 

»Ich glaube, ich verstehe den Sinn«, sagte er nach einiger Zeit. »Wenigstens hoffe ich es.«

 

»Aber wer hat denn dies geschrieben, um Himmels willen?«

 

»Dafür kommt nur ein Mann in Frage – Tom Maple!« antwortete Gold. »Ich glaube, wir werden uns in der nächsten Zelt noch über verschiedenes sehr wundern!«

 

Kapitel 17

 

17

 

Von Cambridge führen drei Verbindungsstraßen nach Waltham Cross: eine Autostraße erster Ordnung, der kürzeste Weg, eine Straße zweiter Ordnung, die den Reisenden über Newmarket führt, und eine dritte, staubige und ungepflasterte Landstraße, die meist nur von Bauernfuhrwerken befahren wird. Sie windet sich in vielen Biegungen nach Süden, und die Straßenbaubehörde beachtet sie so wenig, daß nicht einmal Wegweiser angeben, wohin sie führt.

 

Immerhin ist der Name dieser Straße, der Collett Street, von einiger lokaler Bedeutung. Sie legt Zeugnis ab von der Existenz des alten Collett, eines eigentümlichen, etwas extravagant veranlagten Landwirts. Sein Name wird in England mit der Reform gewisser landwirtschaftlicher Methoden in Verbindung gebracht. Ja, er gilt in diesem Land geradezu als ein Pionier der Agrarwissenschaft.

 

Seine Eigentümlichkeiten kosteten ihn ziemlich viel Geld, und beinahe wäre er – wie so mancher berühmte Mann – bettelarm gestorben. Schließlich hatte er dann aber doch das Glück; seine Arbeiten zu einem gewissen Abschluß zu bringen, der für ihn auch mit einem finanziellen Erfolg verbunden war.

 

Mr. Collett hinterließ unter anderem eine kleine Farm von ungefähr hundert Morgen minderwertigem Ackerland. Ein Bauernhaus stand darauf, das nach seinen eigenen Plänen gebaut worden war. Dieses Grundstück samt dem Haus wollten die Erben begreiflicherweise möglichst schnell loswerden. Sie beauftragten einen Grundstücksmakler, der zu seiner, größten Überraschung schon in Kürze ein recht gutes Angebot erhielt. Der Käufer, dem das Haus und die brachliegenden Felder unbegreiflicherweise sehr zu gefallen schienen, kaufte denn auch das Gut auf Anhieb mit allem lebenden und toten Inventar.

 

Der Grundstücksmakler erzählte später, daß der Käufer ein sehr höflicher Amerikaner sei, der sich ausgerechnet hier ein Wochenendhaus einrichten wolle. Um die Felder kümmerte er sich gar nicht, sondern ließ nur das Haus reparieren, neu streichen und mit Möbeln ausstatten.

 

Die Idee, ausgerechnet aus diesem Gebäude ein Wochenendhaus zu machen, konnte natürlich nur einem Amerikaner kommen. Die unverhältnismäßig dicken Mauern, der düstere Gesamteindruck, der von den vergitterten Fenstern unterstrichen wurde, trugen dazu bei, daß das Ganze eher den Eindruck eines Gefängnisses machte. Auch innen war das Haus nicht gerade einladend. Das Wohnzimmer reichte vom Fußboden bis zu den Dachsparren, ringsherum zog sich in halber Höhe eine Art Galerie. Das einzige Schlafzimmer befand sich zu ebener Erde.

 

Im Obergeschoß gab es noch ein Zimmer, das viel Ähnlichkeit mit einem überdimensionalen Geldschrank hatte – eisenbetonierte und mit Stahlplatten verkleidete Wände machten es diebes- und feuersicher. Keinem Einbrecher würde es gelingen, dort hineinzukommen. Diesen Raum konnte man nur vom Schlafzimmer aus über eine steile Stiege erreichen.

 

Der eigentliche Geldschrank, in dem der alte Collett sein Geld aufbewahrt hatte, weil er es niemals Banken anvertrauen wollte, war in die Mauer dieses Zimmers eingebaut, und der neue Besitzer fand ihn sehr nützlich. Er kam unregelmäßig, wie die Nachbarn beobachteten, und beschäftigte keine Arbeiter auf seiner Besitzung. Nur eine alte Frau, die vermutlich aus London stammte, hielt das Haus in Ordnung, und auch sie wurde öfter beurlaubt. Niemals blieb der neue Herr länger als eine Nacht auf der Farm.

 

Eines Tages aber bemerkte man, daß das Haus bewohnt wurde. Ein verdrießlich dreinschauender Mann zeigte sich auf den Feldern, und täglich stieg Rauch aus dem Schornstein auf. Fast jeden Tag kam jetzt ein Besucher aus London, blieb ein oder zwei Stunden und fuhr dann wieder nach der Stadt zurück. Manchmal war es der Besitzer selbst, manchmal ein anderer Mann.

 

Helder fuhr durch den prasselnden Regen zu seinem Landhaus. Er steuerte den Wagen selbst, Tiger Brown saß neben ihm. Keiner sprach während der ganzen Fahrt ein Wort.

 

Um zwei Uhr Morgens verringerte Helder die Geschwindigkeit, bog in eine holprige Zufahrt ein und hielt gleich darauf vor dem düsteren Haus. Ein Mann hatte den ankommenden Wagen gehört, öffnete die Tür und kam heraus. Er verschwand wieder, um den Schlüssel für einen Schuppen zu holen, in dem Helder sein Auto abstellte.

 

In dem großen Wohnzimmer brannte ein Feuer, obwohl es Juni war und die beiden fröstelnden Männer standen einen Augenblick schweigend vor dem Kamin, um sich zu wärmen. Der dritte beobachtete sie aufmerksam.

 

»Wir werden wohl einige Zeit hier zu tun haben«, sagte Helder plötzlich.

 

Der Verwalter nickte mürrisch und verschwand.

 

Helder ging in sein Zimmer, zog sich rasch um und kam ins Wohnzimmer zurück, wo Tiger einen Whisky getrunken hatte.

 

Sie sprachen leise miteinander. Der Verwalter des Gebäudes, den sie wieder hereinriefen, sagte nur wenig und gab lakonische Antworten auf die Fragen, die an ihn gestellt wurden. Er war ein kleiner Mann mit dichtem grauem Bart. Seine buschigen Augenbrauen verdeckten fast ganz die Augen, die mit vogelhafter Geschwindigkeit von einem zum andern huschten.

 

»Was macht er jetzt?« fragte Helder.

 

Der Verwalter deutete an seine Stirn.

 

»Spielt verrückt«, sagte er nur.

 

»Inwiefern verrückt?« fragte Helder ungeduldig.

 

Der bärtige Mann zuckte die Schultern.

 

»Er zeichnet und trinkt. Wollen Sie ihn sehen?«

 

Helder nickte.

 

Der Mann – Helder nannte ihn Clinker – zog einen Schlüssel aus der Tasche und führte sie die Treppe hinauf zu dem Zimmer, in dem sich der Geldschrank befand. Er schloß auf und trat ein; Helder und Brown folgten ihm.

 

Das Zimmer wurde von einer großen Lampe erleuchtet, die von der Decke herunterhing. Es war nur spärlich mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Feldbett möbliert.

 

An dem Tisch saß ein Mann in Hemdsärmeln. Er wandte sich halb um, als sie eintraten. Stahlinstrumente lagen herum, und auf dem Zeichenbrett vor ihm war eine halbfertige gravierte Platte befestigt.

 

»Nun, Maple, wie geht’s?« begrüßte ihn Helder.

 

Tom Maple lächelte schwach und erhob sich.

 

»Wollen Sie mich jetzt endlich freilassen?« fragte er mit zitternder Stimme. »Ich habe alles getan, was Sie von mir verlangten, und die Sache ist mir nun in höchstem Grade zuwider!«

 

Helder klopfte ihm auf den Rücken.

 

»Ich werde Sie zu gegebener Zeit gehen lassen«, erwiderte er. »Sie sind selbst schuld daran, daß Sie hier sind.«

 

Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Gefangene krank gewesen war. Seine Hände zitterten, und über sein Gesicht lief ab und zu ein nervöses Zucken. Nur wenn er sich über seine Arbeit beugte, schien er von einer merkwürdigen Ruhe und Sicherheit.

 

Helder begutachtete die Platte, die Maple vor sich liegen hatte, und schüttelte den Kopf.

 

»Sie brauchen das nicht fertigzumachen – wir werden die Produktion von französischen und amerikanischen Banknoten ganz einstellen. So langsam kommt uns jetzt die Polizei doch auf die Schliche. Einen großen Coup müssen wir allerdings noch machen, und dann ist ein für allemal Schluß. Maple, hören Sie gut zu: Sie müssen uns jetzt Platten für englische Banknoten gravieren – gleichsam als Krönung Ihrer Arbeit und Ihres Lebens!«

 

Maple steckte die Hände in die Taschen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck schüttelte er den Kopf, ein verkniffener, bösartiger Zug lag um seinen Mund. Helder sah ihn betroffen an.

 

»Maple, was haben Sie denn?« fragte er. »Wollen Sie etwa wieder anfangen, uns Schwierigkeiten zu machen? Ich dachte das wäre vorbei. Natürlich sind Sie wütend, weil wir Sie hierhergebracht haben und Sie hier gefangenhalten – aber ich versichere Ihnen, daß das nur zu Ihrem eigenen Besten war! Übrigens – Sie tun doch schließlich nichts Schlimmeres als das, was Sie schon früher getan haben.«

 

Er steckte sich eine Zigarre an und sah nachdenklich vor sich hin – wie jemand, der seinen Erinnerungen nachhängt.

 

»Wann war denn das?« redete er dann halb in Gedanken weiter. »Ganz richtig – vor sechs Jahren hatte ich erfahren, daß Sie einer der geschicktesten Graveure in der österreichischen Staatsdruckerei waren. Ihre Begabung war so groß, daß Sie jedes noch so verwickelte Ornament aus dem Gedächtnis wieder zu Papier bringen konnten. – Ihr erster illegaler Versuch war eine Hundertschillingnote, wie?« Er beachtete es gar nicht, daß Tom Maple bei der Frage zusammenzuckte. »Daraufhin wurden Sie hinausgeworfen, und Sie konnten von Glück sagen, daß man einen Skandal vermeiden wollte und Ihnen nicht den Prozeß machte! In Frankreich, wohin Sie auswanderten, erhielten Sie ebenfalls eine gute Stellung beim Münzamt. Aber dort erkannte Sie jemand, und Sie mußten ebenfalls wieder gehen. – Wo haben Sie eigentlich Gold kennengelernt? Na ja, ist ja auch egal…«

 

Helder lachte höhnisch. Maple schaute ihn von unten herauf an.

 

»Lachen Sie nicht«, sagte er mit unsicherer Stimme. »Sie sprechen von einer Zeit, in der ich verantwortungslos handelte und mir meiner Vergehen gar nicht bewußt war – heute ist das anders!« Plötzlich warf er den Kopf zurück! »Ich war ein Trinker, bin es auch heute noch – und darauf haben Sie gebaut. Ich kenne Sie. Und ich kenne auch mich selbst.«

 

Sein Kopf sank wieder auf die Brust, und er starrte scheinbar teilnahmslos vor sich hin.

 

Helder und Tiger Brown wechselten einen schnellen Blick und sahen dann Clinker an, aber der schüttelte den Kopf, als ob damit eine unausgesprochene Frage beantwortet wäre.

 

»Los, Maple, kommen Sie«, sagte Helder freundlich. »Wir wollen zusammen einen trinken und dabei die ganze Angelegenheit besprechen.«

 

Maple erhob sich und stützte sich mit den Händen auf die Tischplatte. Helder beobachtete erstaunt, wie sich seine Haltung plötzlich verändert hatte, wie entschlossen und ruhig er aussah.

 

»Ich werde nichts trinken«, sagte er dann bestimmt. »Das ist ein fester Entschluß – ich will nüchtern bleiben, ein für allemal. Daß ich tief gesunken bin, weiß ich – aber jetzt will ich wieder aufwärts!«

 

Helder schoß das Blut ins Gesicht.

 

»Reden Sie keinen Unsinn, Maple. Für Sie gibt es keine Reue und kein Zurück mehr – weder für Sie noch für mich. In dieser Sache hier hängen Sie genauso drin wie wir, und Sie müssen jetzt so lange bei uns aushalten, bis wir unser Schäfchen im Trockenen haben.«

 

Maple schüttelte nachdrücklich den Kopf.

 

»Hören Sie« – Helder trat dicht auf ihn zu –, »glauben Sie vielleicht, ich würde Sie jetzt freilassen, damit Sie zur Polizei rennen und mich anzeigen? Meinen Sie, ich hätte Lust, zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt zu werden? Bilden Sie sich bloß keinen Augenblick ein, daß ich meine Freiheit und meine Stellung in der Gesellschaft aufzugeben gedenke!« Er lachte, diese Vorstellung schien ihn geradezu zu belustigen. »Nein, mein Lieber, wenn ich je Pech haben sollte und entdeckt werde, dann mache ich selber Schluß – dafür habe ich vorgesorgt. Aber eines will ich Ihnen sagen – und schreiben Sie sich das hinter die Ohren –; wenn ich bereit bin, mich selbst umzubringen, dann bin ich auch imstande, jemand anderes ins Jenseits zu befördern! Ich habe betrogen, gelogen und gestohlen, um mein Vermögen zusammenzubringen – und es soll mir auf einen Mord nicht ankommen, wenn zwischen mir und dem Gelingen des letzten großen Coups jemand steht. Kapiert?«

 

Maple sah ihn gleichgültig an und schüttelte den Kopf.

 

»Sie haben mich anscheinend nicht verstanden«, sagte Helder wütend. »Ich wiederhole noch einmal, daß ich keine Rücksicht nehme, wenn Sie sich nicht fügen. Sie müssen diese englischen Noten in Angriff nehmen – und zwar sofort! Zur Zeit befaßt sich die Polizei eingehend mit den amerikanischen Scheinen, und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie hinter den französischen Banknoten her sind.«

 

Maple zeigte plötzlich Interesse an der Unterhaltung.

 

»Sind die französischen Scheine schon auf den Markt gekommen?« fragt er erregt.

 

Helder nickte.

 

»Die erste Lieferung ist bereits hinausgegangen. Wollen wir uns nicht lieber wieder vertragen, Maple?« fragte er dann und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. »Werden Sie das tun, was ich Ihnen gesagt habe?«

 

Maple zuckte schwach die Schultern.

 

»Vielleicht«, antwortete er. »Es wird mir nichts anderes übrigbleiben. Ich habe eine gewisse Verantwortung – meine Nichte ist nicht versorgt.«

 

Helder unterdrückte ein Lächeln.

 

»Machen Sie sich um Ihre Nichte keine Sorgen – es geht ihr gut.«

 

Clinker hob plötzlich warnend die Hand. Alle lauschten angestrengt.

 

»Es kommt jemand die Straße entlang; ich will mal nachschauen, wer es ist.«

 

Mit diesen Worten ging er hinaus und schloß die Tür hinter sich. Sie hörten, wie kurz darauf die Haustür geöffnet und nach einer Weile wieder geschlossen wurde.

 

Einige Minuten später war Clinker wieder oben und brachte ein Telegramm.

 

»Es war nur der Postbote«, sagte er. »Für Sie.«

 

Brown nahm den Umschlag, öffnete ihn und las aufmerksam.

 

»Was gibt es?« fragte Helder.

 

»Schriener wurde in Paris verhaftet, als er versuchte, Tausendfrancnoten zu wechseln.«

 

Seine Stimme war unsicher.

 

Die beiden sahen einander an. Browns Gesicht zuckte nervös, und Helder war blaß geworden. Clinker blieb auch jetzt völlig gleichgültig.

 

Bei den Worten Browns hatte Maple den Kopf gehoben.

 

»Eine Tausendfrancnote, sagten Sie? War das etwa eine, die von Platten gedruckt wurde, die ich graviert habe?« fragte er lauernd.

 

Helder nickte bestätigend.

 

»Hm«, machte Maple, um dann wieder in seinen alten Zustand der Lethargie zurückzufallen.

 

Helder und Brown fuhren in der Abenddämmerung nach London zurück. Beide schwiegen. Erst als sie in die Nähe von Waltham Cross kamen, begann Brown plötzlich: »Finden Sie nicht, daß sich Maple ziemlich merkwürdig benommen hat?«

 

Helder saß wieder am Steuer und schaute vor sich hin auf die Straße.

 

»Er glaubt, daß es mit uns zu Ende geht«, sagte er nach einer Pause.

 

Tiger wartete, ob Helder fortfahren würde, aber da dieser hartnäckig schwieg, sprach er weiter.

 

»Ihre Drohungen Maple gegenüber waren wohl nicht so ernst gemeint?«

 

»Ich wollte ihn durchaus nicht bluffen«, entgegnete Helder scharf. »Es würde mir nichts ausmachen, ihn oder jeden andern, der mir ins Gehege kommt, umzulegen.«

 

Weiter wurde kein Wort mehr gesprochen. Helder setzte seinen Begleiter in der City ab und fuhr zu einer Garage, wo er seinen Wagen abstellte. Von dort ging er zur Curzon Street. Er fühlte, daß das Netz um ihn enger gezogen wurde. Der Russe saß bereits im Gefängnis, Schriener befand sich in den Händen der französischen Polizei, und Maple wollte auch nicht mehr mitmachen. Besonders in Maple hatte er sich schwer geirrt; er hatte doch zu sehr auf seine Trunksucht gebaut.

 

Helder ging in sein Arbeitszimmer, wo ein kleiner Stapel Post auf ihn wartete. Gerade in der letzten Zeit hatte er in der vornehmen Gesellschaft Londons richtig Fuß gefaßt, und die Einladungen häuften sich. Er zitterte bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn sein Plan mißglückte.

 

Schnell sah er die Briefe durch, stutzte aber plötzlich, als er ein Schreiben des Chefredakteurs des ›Post Journal‹ geöffnet hatte:

 

»Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, uns möglichst umgehend aufzusuchen? In der Comstock-Bell-Sache ist eine neue Entwicklung eingetreten, und da Sie uns schon vor einiger Zeit so viele wertvolle Informationen gegeben haben, nehmen wir an, daß Sie uns auch hier helfen können. Wir haben nämlich allen Grund zu der Vermutung, daß Mrs. Verity Bell tot ist.«

 

Helder ließ den Brief sinken und schaute aus dem Fenster.

 

Er hatte einmal gehofft, diese mysteriöse Angelegenheit aufklären und für seine Zwecke ausnützen zu können – jetzt schien es ihm aber doch, als ob die Sache seinen Händen entglitten wäre.

 

Kapitel 18

 

18

 

Ein Taxi brachte Helder zum ›Post Journal‹. Der Chefredakteur war gerade nicht da, dafür konnte er aber mit Jackson sprechen.

 

Der Journalist begrüßte ihn lächelnd und führte ihn in das Konferenzzimmer.

 

»Was gibt es denn Neues?« erkundigte sich Helder, nachdem er Platz genommen hatte.

 

»Glauben Sie nicht, daß ich mir einen Vers darauf machen kann!« entgegnete Jackson. Er ging mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen im Zimmer hin und her und war offensichtlich durch die letzten Ereignisse etwas aus der Fassung gebracht worden.

 

»Nachdem Comstock Bell London verlassen hatte«, begann er schließlich, »und nachdem ich Mrs. Verity Bell in einer so merkwürdigen Situation gesehen hatte, setzte das ›Post Journal‹ alles daran, den Aufenthaltsort der beiden festzustellen. Obwohl wir einen Brief erhielten, der in Luzern aufgegeben worden war, wissen wir ganz genau, daß sich das Pärchen damals nicht dort aufhielt. Später bekamen wir dann noch einen weiteren Brief aus Wien …«

 

»Wie sah er aus?« unterbrach ihn Helder.

 

»Genau wie der andere – mit der Maschine geschrieben und mit einem Gummistempel statt einer Unterschrift versehen. Außerdem stand noch der Name von Mrs. Bell darunter. Unser Korrespondent in Wien hatte bald herausgebracht, daß Comstock Bell und seine Frau zu der angegebenen Zeit nicht in Wien gewesen waren. Wir haben dann alles nur Menschenmögliche getan, um Licht in diese dunkle Sache zu bringen. Ohne Erfolg. Bis – ja, bis gestern abend.«

 

»Was ist passiert?«

 

»Einer unserer Leute hatte den Auftrag, die Schiffe zu beobachten, die nach Boulogne abgehen. Nachdem der Dampfer, der abends dorthin zurückfährt, den Hafen gestern verlassen hatte, machte er sich auf den Weg in ein Lokal, um sich dort ein wenig auszuruhen. Als er am Kai entlangschlenderte, überholte er eine Dame. Zufällig drehte er sich in dem Augenblick nach ihr um, als sie an einer hellen Straßenlaterne vorbeiging – er erkannte Mrs. Bell, die Frau, die er finden sollte.

 

Er blieb stehen, und im gleichen Augenblick bog sie nach links auf die Landungsbrücke ab. Er begnügte sich damit, anstatt ihr nachzugehen, am Anfang der Landungsbrücke zu warten. Schiff lag keines dort, also mußte sie ja schließlich wieder zurückkommen. Es war ziemlich neblig an diesem Abend, und nach zehn Minuten wurde er unruhig und ging vorsichtig den Steg entlang, bis er an dessen Ende angelangt war. Mrs. Bell war verschwunden, kein Mensch auf der Landungsbrücke zu sehen.«

 

»Und dann?«

 

»Heute morgen«, fuhr Jackson fort, »erhielten wir einen Brief aus Boulogne, vor drei Tagen unterschrieben von Comstock Bell und seiner Frau. In dem Schreiben wurde dagegen protestiert, daß sich das ›Post Journal‹ immer noch mit den Privatangelegenheiten der Bells beschäftigte. Hier ist der Brief.«

 

Er gab ihn Helder, aber dieser machte sich nicht die Mühe, ihn genauer anzusehen.

 

»Ich glaube, ich verstehe die Sache jetzt«, sagte er. »Comstock Bell hat Ihr Reporter wohl nicht gesehen?«

 

»Nein. Wir müssen fast annehmen, daß die Dame ertrunken ist«, erwiderte Jackson. »Es war eine ziemlich stürmische Nacht, und sie konnte auf keinem andern Weg zurückkommen als auf der Landungsbrücke, die unser Reporter nicht aus den Augen ließ.«

 

Helder erhob sich und schaute aus dem Fenster.

 

»Würden Sie mir einen Gefallen tun?« fragte er.

 

»Wenn es irgend möglich ist– gern«, entgegnete der andere.

 

»Vor einigen Wochen«, führ Helder langsam fort, »wurde ein Russe verhaftet, der sich verdächtig gemacht hatte.«

 

»Ich erinnere mich an den Fall«, entgegnete Jackson. »Soviel ich weiß, wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und soll ausgewiesen werden.«

 

»Das stimmt«, sagte Helder ruhig. »Dieser Mann könnte vielleicht zur Aufklärung der Angelegenheit beitragen. Ich muß ihn unbedingt sprechen. Glauben Sie, daß es Ihnen möglich ist, mir eine Besuchserlaubnis bei den Behörden zu verschaffen?«

 

Jackson kniff die Lippen zusammen.

 

»Ich zweifle zwar daran, werde es aber immerhin versuchen. Sobald der Chefredakteur kommt, wollen wir beraten, was sich tun läßt.«

 

Helder verabschiedete sich und kehrte in seine Wohnung in der Curzon Street zurück. Gold war nicht in London, wie er durch einen Telefonanruf feststellte.

 

»Um so besser«, sagte Helder zu sich selbst. »«Wenn man mich in Ruhe läßt, könnte noch alles gut werden.«

 

Er ging in sein Schlafzimmer, um sich einige Stunden auszuruhen.

 

Um fünf Uhr nachmittags wurde er von seinem Diener geweckt, der ein Telegramm brachte. Es kam von der Redaktion und lautete:

 

»Unterredung mit Russen genehmigt. Der Mann sitzt im Chelmsford-Gefängnis. Kommen Sie aufs Büro wegen Erlaubnisschein.«

 

Jackson war bei Helders Ankunft nicht mehr da. Dafür erwartete ihn der zweite Redakteur und überreichte ihm die für den Besuch des Gefangenen notwendigen Papiere.

 

»Es würde mich wirklich interessieren, weshalb Sie den Mann aufsuchen wollen«, erkundigte sich der Redakteur noch. »Bringen Sie Comstock Bell etwa mit diesen Banknotenfälschungen in Verbindung?«

 

Helder nickte bedeutungsvoll.

 

»Genau das tue ich.«

 

Kurz erzählte er die Geschichte vom ›Klub der Verbrecher‹ und in welcher Beziehung Comstock Bell zu den Leuten gestanden hatte.

 

»Hm«, meinte der Redakteur, als Helder fertig war. »Ich habe auch schon so etwas gehört, aber das alles scheinen mir doch nur vage Vermutungen zu sein. Sie behaupten also, daß Willetts von Bell angezeigt wurde?«

 

»Das weiß ich ganz bestimmt«, sagte Helder. »Bell zeigte Willetts an, damit er sich besser aus der Affäre ziehen konnte.«

 

»Und womit erklären Sie sich sein plötzliches Verschwinden?«

 

Helder zögerte. Er war sich noch nicht ganz klar darüber, wie er Bell direkt verdächtigen konnte.

 

»Ich kann im Augenblick nichts Genaues sagen. Meiner Ansicht nach hat er dieses Mädchen nur geheiratet, um im Fall seiner Entdeckung einen Zeugen hinter sich zu haben. Ich glaube, daß er zur Zeit einen letzten verzweifelten Versuch macht …«

 

»Entschuldigen Sie«, rief der Redakteur, »wenn ich Sie hier unterbreche! Sie wissen doch ganz genau, daß Comstock Bell ein außerordentlich reicher Mann ist. Durch eine Erbschaft hat sich sein Vermögen jetzt sogar noch beträchtlich erhöht.«

 

Helder sah ihn erstaunt an.

 

Der Redakteur nickte.

 

»Ja«, fuhr er fort. »Letzte Woche starb seine Mutter. Haben Sie denn die Notiz in den Zeitungen nicht gelesen? Sie setzte ihn zum alleinigen Erben ein. Er muß jetzt mehrfacher Millionär sein – und in diesem Fall wären Banknotenfälschungen doch eine recht sonderbare Angelegenheit. Es fehlte ja jedes Motiv!«

 

»Nun, auf den ersten Blick fehlt auch jedes Motiv für diese ungewöhnliche Heirat«, erwiderte Helder schnell.

 

»Für Heiraten finden sich immer Gründe«, entgegnete der Redakteur ein wenig kurz angebunden. »Wirklich, Mr. Helder, es gibt keinen einzigen Grund, warum um alles in der Welt Comstock Bell sich mit Banknotenfälschungen hätte abgeben sollen. Aber trotzdem«, sagte er lächelnd und gab Helder die Hand, »kann Ihnen Ihr Russe vielleicht etwas Neues erzählen. Berichten Sie uns darüber – und auf Wiedersehen!«

 

Am nächsten Morgen fuhr Helder mit dem ersten Zug nach Chelmsford. Um neun Uhr wurde er in das düstere Gebäude eingelassen und in das Zimmer des Direktors geführt.

 

Colonel Speyer, ein älterer Mann mit grauem Bart, empfing ihn sehr liebenswürdig.

 

»Sie wollen mit dem Russen sprechen?« fragte er, »Ich wäre froh, wenn wir ihn wieder loshätten. Kein Mensch hier spricht russisch, und wir haben die größten Schwierigkeiten, uns mit ihm zu verständigen.«

 

»Wie kommt es eigentlich«, fragte Helder, als ihn der Direktor zum Besuchszimmer führte, »daß dieser Mann ausgerechnet in Chelmsford seine Strafe absitzen muß? Ich dachte, Gefängnisse wie dieses hier wären nur für Leute aus der näheren Umgebung bestimmt.«

 

»Oh, wir haben alle möglichen Leute hier. In dieser Anstalt sind vor allem Sträflinge, die keine gar so schlimmen Sachen ausgefressen haben – das heißt also Leute, die sich noch bewähren können. Übrigens, sprechen Sie denn eigentlich russisch?«

 

Helder nickte, und der Direktor sah ihn etwas argwöhnisch an.

 

»Dann müßte ich eigentlich jemanden mitschicken, der die Sprache auch versteht«, sagte er und sah sich den Erlaubnisschein des Ministeriums noch einmal an. »Aber, na ja – ich hoffe, daß ich Ihnen trauen kann.«

 

Sie waren inzwischen in einem einfachen, fast leeren Raum angelangt, in dem ein langer Tisch aus Fichtenholz und einige Stühle standen. Einige Minuten später wurde der Russe hereingeführt. Er trug die übliche gestreifte Gefängniskluft und zwinkerte vergnügt mit den Augen, als er sich plötzlich seinem früheren Chef gegenübersah.

 

Der Sträfling saß an dem einen Ende des Tisches, und Helder bot man einen Stuhl am anderen Ende an. Zwischen ihnen, an jeder Längsseite saßen zwei Gefängniswärter, die sich offensichtlich bei der ihnen unverständlichen Unterhaltung furchtbar langweilten; Helder beobachtete, daß der eine eifrig las, während der andere irgend etwas in sein Notizbuch kritzelte.

 

Sein Gespräch mit dem Russen dauerte nicht lange. Er gab ihm nachdrücklich zu verstehen, daß er unter allen Umständen schweigen müsse und versprach ihm bei seiner Entlassung eine sehr hohe Summe, wenn er weisungsgemäß den Mund hielte.

 

Der Russe war damit völlig einverstanden. Er hätte auch ohne dieses Gespräch nichts gesagt, und als sich Helder von ihm verabschiedete, waren seine Befürchtungen nach dieser Richtung hin vollständig zerstreut.

 

Der Direktor wartete draußen auf dem. Gang auf ihn. Stolz auf die Sauberkeit und Ordnung, die in seiner Anstalt herrschten, fragte er Helder, ob er das Gefängnis einmal besichtigen wolle.

 

»Sehr gerne – für Gefängnisse habe ich mich immer besonders interessiert.«

 

Er folgte dem Direktor bis zur großen Halle, wo sich ein Stockwerk mit Zellen über dem anderen bis zu dem Glasdach emportürmte. Vergitterte Galerien gaben dem Ganzen das Aussehen eines Bienenkorbs.

 

Auf den Wunsch Helders zeigte ihm der Direktor auch eine Zelle und schloß hinter ihm die Tür. Er wollte unbedingt einmal feststellen, wie man sich in solch einem kleinen Raum fühlte. Aber er sah ein wenig bleich aus und machte einen sehr erleichterten Eindruck, als die Tür wieder geöffnet wurde.

 

»Wir legen auch großen Wert darauf, daß die Sträflinge genügend Bewegung haben«, erklärte ihm der Direktor und führte ihn auf den von hohen Mauern umgebenen Hof.

 

Eine Gruppe von Gefangenen machte gerade ihren täglichen Spaziergang; in drei mit weißer Farbe vorgezeichneten Kreisen gingen sie immer rund herum. Helder beobachtete sie interessiert. Es waren alte und junge Leute, von denen ihn einige neugierig ansahen, andere ihre Gesichter ärgerlich abwandten.

 

Einer der Häftlinge, schlanker und größer als die anderen, fiel Helder besonders auf – etwas an seinem Gang kam ihm bekannt vor, und er mußte einen Aufschrei unterdrücken, als er das Gesicht des Mannes sah.

 

Es war Comstock Bell.

 

»Was haben Sie?« fragte der Direktor erstaunt.

 

»Wer ist das – dieser Mann dort?«

 

»Ein gewisser Willetts – er hat Banknoten gefälscht.«

 

Kapitel 19

 

19

 

Helder kehrte nach London zurück. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Es wurde ihm jetzt manches klar. Comstock Bell und Willets waren also ein und derselbe. Möglicherweise lebte Willetts nicht mehr, und aus irgendeinem Grund hatte Bell seinen Namen angenommen und führte ein Doppelleben. Unter diesem falschen Namen hatte er sich dann festnehmen lassen.

 

Bell mußte seinen ganzen Einfluß aufgewendet haben, um sowohl ihn als auch Gold während des Prozesses aus England fernzuhalten. Dadurch hoffte er, daß sein Geheimnis gewahrt bleiben würde. Willetts war zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt worden, von denen er aber vermutlich nur einen Teil absitzen mußte. Helder war es nun klar, daß Comstock Bell die größte Gefahr für ihn bedeutete.

 

Ein Telegramm rief Tiger Brown in die Curzon Street; Helder erklärte ihm dort kurz die Situation.

 

»Jetzt wissen wir also, warum Comstock Bell heiratete und ständig mit einer verbundenen Hand herumlief, die es ihm nur noch erlaubte, seine Briefe mit der Schreibmaschine zu schreiben! Ein Beauftragter konnte so die Korrespondenz während seiner Abwesenheit ohne weiteres für ihn führen. Natürlich mußte er jemanden finden, dem er unter allen Umständen trauen konnte, und heiratete deshalb Verity Maple. Sie hat dann auch alle Briefe aus den verschiedensten Orten geschrieben; überall reiste sie hin, verbrachte ein paar Stunden in einem Hotel und nahm einige Briefbogen mit dem Aufdruck des Hotels an sich.«

 

»Mir erscheint das alles ziemlich verworren«, entgegnete Tiger Brown. »Warum sollte denn Bell freiwillig ins Gefängnis gehen? Das ist die verrückteste Idee, von der ich je gehört habe.«

 

Helder antwortete nicht sofort. Er kannte die Qualen eines schlechten Gewissens und die Furcht vor der Entdeckung gut genug. Und er ahnte auch, daß der Gedanke Bells an seine Mutter, die sehr stolz auf ihren Sohn war, ihn schließlich dazu bewogen hatte, sich selbst der Polizei zu stellen.

 

»Mir erscheint das gar nicht so verrückt«, fuhr er nach einer Pause fort. »Auf jeden Fall müssen wir unseren Vorteil aus der Sache ziehen. Wir haben zwei gute Waffen in der Hand.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Tiger.

 

»Einmal wissen wir jetzt Bells Geheimnis und können es gegen ihn verwenden; zum zweiten ist der alte Tom Maple in unserer Hand. Es hängt also nur von uns ab, den Vorsprung, den uns der Zufall verschafft hat, richtig auszuwerten.«

 

Jetzt konnte ihnen nur noch Gold gefährlich werden, und Helder unterschätzte die Fähigkeiten dieses Mannes gewaltig.

 

Er war deshalb auch in keiner Weise besorgt, als er zwei Tage später ein höfliches Schreiben erhielt, in dem er gebeten wurde, Gold im Savoy-Hotel aufzusuchen.

 

Der Beamte war inzwischen wieder nach London zurückgekehrt. Sein Gepäck stand noch in der Hotelhalle, als Helder eintraf. Gold kam ihm entgegen und führte ihn auf sein Zimmer.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Helder«, sagte er.

 

Er selbst blieb während der ganzen Unterhaltung stehen.

 

»Ich habe Sie gebeten, mich zu besuchen«, begann er dann nach einer etwas unbehaglichen Pause, »weil ich ganz offen mit Ihnen sprechen möchte.«

 

»Wenn jemand sagt, daß er offen sprechen will«, erwiderte Helder, »so bedeutet das für gewöhnlich, daß er beleidigend wird.«

 

Gold schaute ihn ernst an.

 

»Sie haben gar nicht so unrecht – es könnte mir schon passieren, daß ich Ihnen gegenüber aus der Rolle falle. Aber vorerst möchte ich Sie bitten, ruhig anzuhören, was ich Ihnen zu sagen habe.«

 

Er ging in dem kleinen Zimmer auf und ab.

 

»Seit zwölf Monaten bin ich einer Bande auf der Spur, die gefälschte Banknöten herstellt und in Umlauf bringt.«

 

»Nichts Neues«, unterbrach ihn Helder. »Sie hatten sogar die Freundlichkeit, mich selbst in Verbindung mit dieser Fälscherbande zu bringen.«

 

»Ganz richtig – und ich bleibe heute mehr denn je bei meiner Behauptung. Ich weiß jetzt sogar, daß Sie sich bei Ihren Gaunereien der Hilfe von Maple bedienten.«

 

Gold hatte ins Schwarze getroffen, und Helder zuckte zusammen. Trotzdem versuchte er, möglichst gleichgültig zu reagieren.

 

»Sie machen mir direkt Spaß!«

 

»Maple hat die Platten zu den französischen Banknoten hergestellt«, fuhr Gold fort, »und das kann ich sogar beweisen! Warum glauben Sie eigentlich, daß ich Sie hierherbestellt habe? Nur um Ihnen klipp und klar zu sagen, daß Sie Ihre ertragreiche Tätigkeit einstellen oder aber im gegenteiligen Fall damit rechnen können, daß Sie Ihre Tage im Kittchen beschließen.«

 

Helder lachte.

 

»Auf diese Weise können Sie mit mir nicht reden, mein Lieber«, entgegnete er höhnisch. »Ich kann es mir leisten, über Ihre geradezu ungeheuerliche Anklage hinwegzugehen. Glauben Sie denn im Ernst, ich ließe mich von Ihnen bluffen? Romane hätten Sie mit Ihrer Phantasie schreiben sollen, Gold! Aber, im Ernst gesprochen – Sie wissen doch ebensogut wie ich, daß alles das, was Sie mir in die Schuhe schieben wollen, Ihr feiner Freund Comstock Bell getan hat – den Sie natürlich decken wollen!«

 

In diesem Augenblick klopfte es leise an die Tür, Helder hatte aber so laut gesprochen, daß die beiden es nicht hörten.

 

»Sie wissen es ganz genau – Comstock Bell ist der Gauner, der die Fälscherbande finanziert hat!« schrie Helder noch einmal.

 

»Ich würde eher behaupten, daß Mr. Helder ein ganz ausgekochter Lügner ist«, sagte plötzlich eine liebenswürdige Stimme hinter ihm.

 

Sie drehten sich beide um. Eine elegante Dame stand in der Türöffnung.

 

Helders Gesicht wurde dunkelrot, und er mußte seine ganze Frechheit zusammennehmen, um vor den schönen grauen Augen dieser Frau seinen Blick nicht zu senken.

 

»Gestatten Sie, daß ich Platz nehme?« fragte sie freundlich.

 

Gold schob ihr einen Stuhl hin und schloß die Tür wieder.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihre interessante Unterhaltung unterbrochen habe.«

 

Helder lachte häßlich.

 

»Oh, ich kann es durchaus verstehen, Mrs. Collak, daß Sie sich auf die Seite Mr. Bells schlagen. Ich nehme an, daß er sehr großzügig zu Ihnen war, wie?«

 

Die Beleidigung war nicht mißzuverstehen.

 

Mrs. Granger Collak holte ein goldenes Etui aus ihrer Handtasche, öffnete es, zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich ein wenig zurück und sah Helder aus halbgeschlossenen Augen an.

 

»Ja, Mr. Comstock Bell hat sich mir gegenüber sehr freundlich verhalten. Ich habe in ihm einen ehrenhaften Charakter kennengelernt.«

 

»Nun, auf diesem Gebiet ehrenhafter Handlungen sind Sie ja eine unbestrittene Autorität, Mrs. Collak.«

 

»Allerdings. Deswegen ist es mir auch völlig klar, daß Sie nicht zu dieser seltenen Spezies gehören. Aber zur Sache – ich bin hierhergekommen, um Mr. Gold etwas zu bringen.«

 

Sie nahm aus ihrer Handtasche einen Zeitungsausschnitt und reichte ihn Gold.

 

»Haben Sie dies in die Zeitung gesetzt?« fragte sie ihn.

 

Gold nickte verwundert.

 

»Ein reiner Zufall, daß ich es gesehen habe. Es stand in einer italienischen Zeitung, und ich muß schon sagen, daß es eine der merkwürdigsten Zeitungsannoncen ist, die ich je gesehen habe. Viele von uns hätten schließlich gerne Tausendfrancnoten, aber danach zu inserieren …?«

 

Helder beobachtete sie mißtrauisch. Welche Bewandtnis hatte es mit diesem Inserat? Auch Gold war es unbehaglich zumute, wenn auch aus einem ganz anderen Grund.

 

»Kann ich den Zeitungsausschnitt einmal sehen?« fragte Helder schnell.

 

Gold reichte ihm widerwillig das Blatt. Das Inserat war in italienischer, englischer und französischer Sprache abgefaßt und ersuchte alle Leute, in deren Hände Tausendfrancscheine mit den Nummern 687642 bis 687653 gerieten, sich mit der französischen Polizei oder über das amerikanische Konsulat in London mit Wentworth Gold in Verbindung zu setzen.

 

Helder las mit steigender Bestürzung. Wenn er auch die Zusammenhänge noch nicht durchschaute, war ihm doch klar, daß diese Annonce nichts Gutes bedeutete.

 

»Und warum interessieren Sie sich gerade für diese Banknoten?« fragte er.

 

Mrs. Granger Collak überhörte seine Frage. Sie holte aus ihrer Handtasche eine zusammengefaltete Banknote und überreichte sie Gold.

 

»Zufällig habe ich eine der Nummern in die Hände bekommen – hier ist sie.«

 

Gold nahm den Schein, hielt ihn gegen das Licht, drehte ihn hin und her und untersuchte besonders genau die Rückseite.

 

»Es tut mir sehr leid, Mrs. Collak, aber ich muß Ihnen leider mitteilen, daß diese Banknote gefälscht ist. Den Gegenwert werde ich Ihnen übrigens gerne ersetzen, da ich sie behalten will.«

 

Er gab sich Mühe, ruhig zu sprechen, aber man hörte seiner Stimme doch an, wie erregt er war.

 

Helder, der ihn genau beobachtet hatte, erschrak. Natürlich war dies eine der gefälschten Banknoten, die er in Umlauf gebracht hatte; es war nur nicht klar, wodurch sich gerade dieser Schein von den anderen unterschied. Zweitausend solcher Banknoten waren gedruckt worden! Auf jeden Fall war Gefahr im Verzug, und er mußte dieser Angelegenheit sofort nachgehen. Hastig stand er auf und ging zur Tür.

 

»Wir werden uns später noch weiter unterhalten, Mr. Gold.«

 

Der Beamte nickte. Er sah ihn mit einem so triumphierenden Blick an, daß Helder nur noch unruhiger wurde.

 

»Tiger, strengen Sie Ihr Gedächtnis an!« sagte Helder.

 

Er hatte seinen Komplicen im Hyde Park getroffen, und sie schlenderten zusammen in der Richtung nach Kensington Gardens. Ein leichter Regen fiel, und wenige Spaziergänger begegneten ihnen.

 

»Berichten Sie mir genau«, fuhr Helder fort, »unter welchen Umständen die französischen Banknoten gedruckt wurden.«

 

»Was soll damit los sein?« brummte Tiger und erklärte ihm, wer die Platten gemacht hatte und wieviel Scheine an jedem Tag produziert worden waren.

 

»Hat die Banknoten außer Ihnen jemand in der Hand gehabt?«

 

Tiger verneinte.

 

»Ich habe sie aus der Maschine genommen und fortgeschickt.«

 

»Hat sie wirklich nie jemand anders in die Finger bekommen?« Helder war hartnäckig.

 

Tiger Brown zögerte.

 

»Einige habe ich allerdings Maple gezeigt. Erinnern Sie sich noch, daß er darum bat, ein paar Scheine aus der Produktion nachprüfen zu dürfen?«

 

»Das weiß ich«, entgegnete Helder nachdenklich. »War er allein, als er sie untersuchte?«

 

»Ja, dabei hat ihm niemand zugesehen.«

 

»Und später wurden ihm die Banknoten wieder abgenommen?«

 

»Ich habe sie selbst wieder geholt und mit der ersten Auslieferung fortgeschickt. Gerade bei diesen Scheinen, die Maple selbst untersucht hatte, war ich besonders sicher, daß sie einwandfrei waren.«

 

»Wieviel Banknoten haben Sie Maple gegeben?«

 

»Zwölf Stück.«

 

Helder fluchte grimmig vor sich hin.

 

»Genausoviel wie in der Zeitungsannonce«, knurrte er. »Wenn Maple uns da einen Streich gespielt hat, dann gnade ihm Gott!«

 

Aber was hätte Maple mit den Banknoten denn anfangen können? Er dachte lange und angestrengt nach, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Sicher war auf jeden Fall, daß Gold einen ganz bestimmten Grund gehabt hatte, sich über die Banknote, die ihm Mrs. Collak gebracht hatte, so zu freuen.

 

Helder nahm ein Taxi und fuhr mit Tiger Brown zu seiner Wohnung. Während Tiger einen Whisky trank, setzte sich Helder an den Schreibtisch und schrieb in größter Eile etwa ein Dutzend Telegramme. Sie waren an Adressen in den verschiedensten Teilen Europas und Amerikas gerichtet und alle in einem Geheimkode abgefaßt. Als er fertig war, händigte er die Formulare Tiger Brown ein.

 

»Bringen Sie die Telegramme. sofort zur Post und erwarten Sie mich in ungefähr einer Stunde am Haupteingang zum Finsbury Park.«

 

Zu der verabredeten Zeit hielt ein schwerer Wagen am Parkeingang, und Brown stieg ein.

 

Es war dunkel geworden, als sie den Privatweg erreichten.

 

Als Gold mit Mrs. Granger Collak allein war, verlor er keine Zeit. Er erklärte ihr in kurzen Worten, was er selbst wußte. Von dem Verschwinden Comstock Bells hatte sie natürlich in den Zeitungen gelesen, aber sie wußte noch nicht, daß man versuchte, ihn mit Fälschungen in Verbindung zu bringen.

 

Gold besaß Menschenkenntnis genug, um zu wissen, daß er dieser Frau, die außerdem Comstock Bell sehr viel zu verdanken hatte, unbedingt trauen durfte.

 

Er zündete einen kleinen Gasofen an und ließ sich von seinem Diener ein Kännchen mit Milch bringen. Dann nahm er ein Vergrößerungsglas und zeigte Mrs. Collak die feinen Schriftzüge auf der Rückseite der Banknote.

 

»Milch anwenden?« fragte sie verblüfft. »Was, um Himmels willen, hat denn Milch mit der Sache zu tun?«

 

»Das werden wir gleich sehen«, entgegnete Gold.

 

Er legte die Banknote in die flache Schüssel und goß die Milch darüber. Nach einigen Minuten nahm er sie wieder heraus, ließ sie abtropfen und trocknete sie an dem Gasofen.

 

Schweigend beobachtete sie ihn, bis er aufstand und ihr den Geldschein auf der flachen Hand entgegenhielt.

 

»Nun?« fragte sie.

 

Auf der Rückseite der Note waren wie durch Zauberei einige Schriftzeilen erschienen. Sie lasen sie gemeinsam, und Gold griff gleich darauf nach dem Telefonhörer.

 

»Jetzt ist die Sache klar«, sagte er, als sie vor der Haustür auf den Wagen warteten, der die Beamten von Scotland Yard bringen sollte. »Übrigens ist diese Art von Geheimschrift eine längst bekannte, primitive Angelegenheit – Sie nehmen eine neue Schreibfeder, feuchten sie mit Speichel an und schreiben damit auf ein Stück Papier. Die Schrift bleibt unsichtbar, bis man das Papier in Milch legt und dann vor dem Feuer trocknen läßt. Ist das nicht ein feiner Trick?«

 

Helder und Brown hatten die Farm erreicht und klopften an die Tür. Es dauerte lange, bevor der Riegel zurückgeschoben wurde. Clinker erklärte die Verzögerung.

 

»Maple geht es sehr schlecht«, sagte er brummig.

 

»Kann sein, es geht ihm bald noch viel schlechter«, entgegnete Helder bedeutungsvoll.

 

Zusammen mit den anderen ging er schnell in das Zimmer, wo Maple halb angezogen auf dem Bett lag: Sein Gesicht war kreidebleich und verzerrt, die Augen eingesunken und die Lippen blau angelaufen. Mit einem gleichgültigen Blick sah er Helder an, ohne ein Wort zu sagen.

 

»Seit wann liegt er schon so da?« fragte Helder, dem klar wurde, daß Maple nicht mehr lange zu leben hatte.

 

»Seit gestern abend. Sein Zustand muß damit zusammenhängen, daß er tatsächlich zu saufen aufgehört hat – eine Entziehungserscheinung.«

 

Helder setzte sich auf einen Hocker neben das Bett.

 

»Maple«, sagte er grob, »erinnern Sie sich noch an die französischen Banknoten, die Sie untersuchten, bevor sie fortgeschickt wurden? Was haben Sie damit gemacht?«

 

Maple bewegte seine Hand – eine Geste, die besagen sollte, daß diese Dinge für ihn kein Interesse mehr hatten.

 

»Was haben Sie damit gemacht?« wiederholte Helder. »Ich muß es wissen, verstanden!«

 

Er beugte sich über das Bett und schüttelte den Schwerkranken mit aller Kraft. Auch jetzt hielt Maple die Lippen fest zusammengepreßt.

 

»Ich werde …!« schrie Helder rasend vor Wut.

 

In diesem Augenblick packte ihn Tiger Brown, der bisher schweigend dabeigestanden hatte, am Arm.

 

»Ruhig – ein Auto …«, flüsterte er. Sie lauschten und hörten deutlich Motorengeräusch.

 

»Schnell nach unten«, zischte Brown.

 

Sie liefen die Treppe hinunter und schlichen sich an die Haustür. Der Wagen hielt, jemand schritt auf die Tür zu und klopfte energisch dagegen.

 

Eine Zeitlang Stillschweigen, dann hörten sie eine klare Stimme: »Öffnen Sie – im Namen des Gesetzes!«

 

Brown wich zurück.

 

»Die Polizei!«, sagte er leise und schaute, sich nach einem Ausweg um.

 

Helder war der einzige, der den Kopf nicht verlor. Sein Wagen stand in dem großen Geräteschuppen hinter dem Gebäude. Leise liefen sie in die Küche, an die sich der Schuppen anschloß, und spähten durchs Fenster hinaus. Niemand war zu sehen. Geräuschlos öffneten sie die Hintertür und waren mit einigen Sätzen in dem Schuppen und im Auto.

 

Natürlich war sich Helder im klaren darüber, daß die Polizei hinter ihm her sein würde, sobald er auf den Anlasser drückte – aber das mußte riskiert werden, einen anderen Weg gab es nicht.

 

Zu seinem Glück sprang der Motor sofort an, er gab Gas, raste über den holperigen Hof zu dem Eingangstor, vor dem der Polizeiwagen parkte, und gleich darauf auf der Straße nach London.

 

Tiger Brown, der mit seiner Pistole in der Hand auf dem Rücksitz kauerte, sah noch, wie die Polizisten zu ihrem Wagen stürzten – es würde ihnen nicht viel nützen, denn Helder hatte schon einen ganz beträchtlichen Vorsprung.

 

Ein grimmiges Lächeln spielte um Helders Mundwinkel. Noch einmal hatte er Glück gehabt – wenn die Polizei jetzt auch alle Beweismittel gegen ihn in Händen hatte. Vor allem mußte er nun versuchen, die eigene Haut zu retten. Sein Plan dazu lag fest.

 

Kapitel 20

 

20

 

Gold rief die Polizisten zurück, die Helder verfolgen wollten. Er war sich durchaus dessen bewußt, daß er das Gebäude hätte umstellen lassen sollen, doch hatte ihm ein sicheres Gefühl gesagt, daß er sich mit nichts aufhalten durfte, wenn er Tom Maple noch einmal sehen wollte.

 

»Wir werden ihn schon noch erwischen«, sagte, er und wandte sich wieder dem Gebäude zu, dessen Tür von einem der Beamten inzwischen mit einem Dietrich geöffnet worden war.

 

Hastig durchsuchten die Beamten die Räume und standen gleich darauf vor Tom Maples Bett.

 

Der Kranke wälzte sich unruhig in den Kissen hin und her und murmelte unzusammenhängende Worte.

 

Gold sah sich im Zimmer, um und fand eine ganze Reihe halbfertiggestellter Platten und Druckstöcke, die Beweis genug dafür waren, daß von hier aus das ganze Unternehmen geleitet worden war.

 

Er hatte seine Nachforschungen eben beendet, als der Arzt eintraf, den einer der Beamten telefonisch verständigt hatte.

 

»Ich fürchte, er ist nicht transportfähig«, sagte der Doktor nach einer kurzen Untersuchung. »Das Herz ist sehr schwach – ich glaube nicht, daß er noch eine Chance hat.«

 

Gold sah auf seine Uhr.

 

»Ich erwarte seine Nichte – glücklicherweise hat sie sich ganz unerwartet mit mir in Verbindung gesetzt, kurz bevor wir hierherfuhren. Ich teilte ihr die Adresse mit und sagte, daß sie umgehend zu diesem Haus kommen soll.«

 

Vor allem mußte Gold jetzt Scotland Yard Bescheid geben; um einen Haftbefehl gegen Helder zu erwirken: Er setzte sich an einen kleinen Tisch und schrieb einen Bericht; als er aber mitten in der Arbeit war, hörte er, wie ein Wagen vor der Haustür hielt.

 

»Ob das schon Mrs. Bell ist?« murmelte er vor sich hin und lief die Stiegen hinunter.

 

Unten stand er vor einem Mann, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.

 

»Mr. Bell!« rief er erstaunt.

 

Mit einem stummen Händedruck begrüßten sie sich. Gold sah, daß Bells Gesicht blaß und eingefallen war.

 

»Wo ist meine Frau?« fragte er.

 

»Ich erwarte sie schon seit einiger Zeit«, entgegnete Gold.

 

Bell sah ihn erschrocken an.

 

»Das ist doch nicht möglich!« rief er. »Ich habe den Wagen meiner Frau auf der Straße gesehen, etwa vier Kilometer von hier entfernt. Er hatte eine Reifenpanne, und der Chauffeur, der eben das Rad auswechselte, erzählte mir, daß Mrs. Bell wohl zu Fuß weitergegangen wäre. Er war im nächsten Dorf gewesen, um ein Ersatzteil zu besorgen, hatte Mrs. Bell aber nicht mehr vorgefunden, als er zurückkehrte.«

 

»Vielleicht ist sie aus irgendeinem Grund mit dem Zug nach London zurückgefahren? Wir müssen sofort nachforschen.«

 

»Wo ist Maple??

 

»Er liegt oben in einem Zimmer«, entgegnete Gold ernst.

 

»Ist er tot?«

 

»Nein, noch nicht – aber er wird nicht mehr lange leben.«

 

»Ich muß mit ihm sprechen«, erklärte Bell bestimmt. »Kommen Sie mit!«

 

Sie stiegen zusammen die Treppe hinauf. Maple, dem der Arzt ein herzstärkendes Medikament gegeben hatte, war noch einmal zum Bewußtsein gekommen. Er lächelte schwach, als er Gold sah, der zuerst das Zimmer betrat. Doch als er hinter ihm Comstock Bell erkannte, öffneten sich seine Augen weit, und seine Lippen zitterten vor Erregung.

 

»Comstock Bell?« flüsterte er kaum hörbar.

 

Bell nickte, ging langsam auf das Bett zu und setzte sich dicht neben den Sterbenden.

 

»Wo kommen Sie her?« fragte Maple mit schwacher Stimme.

 

Der andere zögerte, aber dann antwortete er ernst: »Ich bin eben aus dem Gefängnis entlassen worden.«

 

»Gefängnis?« wiederholte Maple.

 

Comstock Bell nickte. Ein tödliches Schweigen herrschte in dem Raum. Gold stand wie gebannt, er fühlte, daß dies die Krisis im Leben Comstock Bells war.

 

»Ja, ich komme aus dem Gefängnis«, begann Bell mit klarer Stimme. »Was gibt es dazu viel zu sagen? Die Vorgeschichte kennt ihr alle – vor Jahren wurde in Paris eine Banknotenfälschung begangen; auf zwei Studenten fiel der Verdacht, und beide entzogen sich durch ihre Abreise weiteren Nachforschungen. Die Polizei hatte richtig vermutet, sie hatten sich beide strafbar gemacht. Eigentlich sollte es nur ein Scherz sein, und der eine der beiden hätte auch nie gedacht, daß Ernst daraus würde. Dabei war er es, der überhaupt auf den Gedanken gekommen war, zum Spaß eine Banknote zu fälschen; als aber sein Freund, ein geschickter Graphiker und Graveur, Ernst machte, hatte er nicht den Mut, seine eigene Schuld einzugestehen, obwohl er an der Ausführung der Fälschung überhaupt nicht mehr beteiligt war. Die beiden verschwanden also aus Frankreich, dem einen gelang es unterzutauchen, dem anderen war keine Schuld nachzuweisen.«

 

Tom Maple starrte auf die Decke und bewegte die Lippen, als ob er sprechen wollte.

 

»Vor einigen Monaten«, fuhr Comstock Bell fort, »habe ich mich der Polizei gestellt, weil ich wußte, daß Willetts wieder gesucht wurde. Fragt mich nicht, warum ich es getan habe … Ich kann nur sagen, daß ich es nicht mehr aushielt, im Bewußtsein dieser Schuld weiterzuleben. Willetts hatte die Fälschungen begangen und wurde gesucht, sicher, aber wenn ich. ehrlich war, mußte ich mir eingestehen, daß mich selbst genau soviel Schuld traf. Kurz und gut, ich hatte schon seit einiger Zeit ein Doppelleben geführt, um Willetts zu decken. – Jetzt hielt ich den Augenblick für gekommen, ihn – also mich selbst – anzuzeigen und damit diese Sache ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Als Willetts wurde ich verurteilt und kam ins Gefängnis. Ein Teil der Strafe wurde mir erlassen – und jetzt bin ich wieder frei.«

 

»Und dabei ist es gar nicht sicher, ob Willetts noch lebt«, rief Gold. »Warum haben Sie denn so etwas nur getan?«

 

»Willetts lebt«, sagte Comstock Bell.

 

Maple lächelte schwach.

 

»Ja«, murmelte er dann, »er lebt – ich bin Willetts.«

 

Er legte seine Hand auf den Arm Bells und sah ihn lange an.

 

»Ich danke dir«, sagte er kaum hörbar. »Willetts. – ja, ich bin der arme Tom Willetts. Ich dachte nicht, daß ich diesen Namen noch einmal hören würde.«

 

Lange Zeit schwieg er; die andern glaubten, er wäre eingeschlafen. Schließlich beugte sich der Arzt über ihn und berührte sein Gesicht.

 

»Er ist tot.«

 

Eine Stunde später befanden sich Comstock Bell und Gold auf dem Weg nach London. Sie hatten sich viel zu erzählen.

 

»Ich verließ Chelmsford heute morgen«, sagte Comstock Bell. »Meine Strafe wurde aufgehoben, weil sich die französische Kriminalpolizei für mich eingesetzt hatte – Lecomte selbst hat sich um die Sache bemüht. Vom Gefängnis aus fuhr ich sofort nach Southend, wo sich meine Frau aufhielt.«

 

Gold war nicht wenig verwundert. Comstock Bell erklärte ihm kurz die Zusammenhänge.

 

»Als ich mich entschlossen hatte, unser gemeinsames Verbrechen zu sühnen, mußte ich vor allem jemand finden, auf den ich mich unbedingt verlassen konnte. Keinesfalls wollte ich, daß meine Mutter oder sonst jemand erfuhr, daß ich im Gefängnis saß – also brauchte ich eine Person, die für die Dauer meines Gefängnisaufenthalts an meine Stelle trat. Glücklicherweise lernte ich Verity kennen. Ich erklärte ihr alles, und sie war bereit, mich zu heiraten. – Meinen Plan hatte ich bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Ich kaufte einen Schleppdampfer, damit mein Stellvertreter unbeobachtet London verlassen oder besuchen konnte, denn das war aus vielen Gründen notwendig. Als ich aus England abreiste, um meine Flitterwochen im Ausland zu verbringen, fuhr ich nicht weiter als bis nach Boulogne. Mein Schiff brachte mich wieder zu einem kleinen Hafen Englands, und von dort reiste ich mit meiner Frau nach London zurück. Am Abend stellte ich mich der Polizei. Durch einen unglücklichen Zufall wurde Verity aber in meinem Haus gesehen – ich hatte sie dorthin geschickt, um einen Gummistempel mit meiner Unterschrift zu holen, den ich dummerweise vergessen hatte. Natürlich war meine Handverletzung nur vorgetäuscht. Ich mußte ja dafür sorgen, daß sich niemand darüber wunderte, wenn ich – das heißt mein Vertreter – nur noch mit der Maschine schrieb.«

 

»Jetzt verstehe ich«, sagte Gold. Die vielen unerklärlichen Einzelheiten fügten sich endlich zu einem verständlichen Ganzen zusammen.

 

»Der Zeitpunkt meiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde meiner Frau mitgeteilt«, fuhr Comstock Bell fort, »und es war ausgemacht, daß sie mich in Southend erwarten sollte. Gleichzeitig sollte sie Ihnen ihre eigene Adresse mitteilen.«

 

»Das hat sie getan.«

 

»Zu meinem Erstaunen war sie nicht in Southend. Ich fand dort nur eine Nachricht vor, mit der sie mich aufforderte, nach dem Farmhaus zu kommen.«

 

»Wir können jetzt nichts anderes tun«, meinte Gold, »als in London so schnell wie möglich die Polizei benachrichtigen und dann zu Ihrem Dampfer fahren. Möglicherweise finden wir Ihre Frau dort.«

 

Comstock Bell zögerte. »Vielleicht ist sie aber auch in Ihre Wohnung gegangen, um dort Näheres zu erfahren.«

 

»In diesem Fall brauchten wir uns keine Sorgen zu machen«, sagte Gold. »Auf jeden Fall wird es am besten sein, wir fahren jetzt nach Southend, wo Ihr Schiff liegt.«

 

Den Rest der Fahrt legten sie schweigend zurück, bis sie in Southend am Ufer der Themse angekommen waren. In einiger Entfernung sahen sie die ›Seabreaker‹ vor Anker liegen, und auf dem Landungssteg stand Captain Lauder, dem es offensichtlich an Bord seines Schiffes zu langweilig geworden war:

 

Leider hatte er keine guten Nachrichten – Mrs. Bell war nicht zurückgekehrt.

 

»Gehen wir doch an Bord«, sagte er. »Ich habe so eine Ahnung …«

 

Sie ließen sich zur ›Seabreaker‹ hinüberrudern? und in der Kajüte erklärte ihnen der Kapitän, was ihm eingefallen war.

 

»Ich muß vorausschicken, daß es nur ein Verdacht ist«, begann er, »aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß meine Beobachtung mit dem Verschwinden Mrs. Bells zusammenhängt. Es handelt sich um folgendes: Wie Sie sich denken können, kenne ich durch meine ständigen Fahrten so ziemlich jedes neue Gebäude, das am Themseufer errichtet wird. Vor drei Monaten nun habe ich gesehen, daß zwischen Tilbury und Barking ein neues Bootshaus gebaut wurde. Ich fand das seltsam, da meiner Meinung nach dieser Liegeplatz für ein Vergnügungsboot nicht sehr günstig gewählt ist.«

 

»Was verstehen Sie unter einem Vergnügungsboot?« erkundigte sich Gold.

 

»Nun, eben ein Motorboot, das nur für Vergnügungsfahrten benutzt wird. Dieses Motorboot ist aber etwas Besonderes. Es hat einen ungewöhnlich starken Motor und ist meiner Meinung nach auf kürzeren Strecken ohne weiteres seetüchtig. Ich will damit sagen, daß das Boot für irgendeinen bestimmten Zweck gebaut worden sein muß. Einmal habe ich es im Wasser gesehen – der Besitzer machte eine Probefahrt damit; seit dieser Zeit aber liegt es in einem Schuppen an Land und wird nur ab und zu von einem Mann kontrolliert. Eines Tages lagen wir in der Nähe, um auf Mrs. Bell zu warten, und mein Sohn unterhielt sich ein wenig mit diesem Mann, einem arbeitslosen Mechaniker, Dabei erfuhr er, daß das Boot genügend Brennstoff und Vorräte an Bord hat, um sich einige Wochen lang auf hoher See zu halten.«

 

»Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen«, meinte Gold nachdenklich. »Das wäre für Helder eine Möglichkeit, England zu verlassen, wenn er eine Katastrophe für sich herannahen sieht. Ich muß sagen, ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß Helder jetzt auf diese Weise zu entkommen versucht.«

 

»Ganz richtig«, warf Captain Lauder eifrig ein. »Der Mann, der mit meinem Sohn sprach, erzählte nämlich noch, daß der Besitzer des Bootes ein Amerikaner sei.«

 

»Schön«, sagte Bell. »Dann wird es am besten sein, wir fahren sofort zu diesem geheimnisvollen Bootshaus. Finden wir dort nichts Verdächtiges vor, dann lassen wir einen Beobachtungsposten zurück und dampfen nach London.«

 

Der Kapitän lief zur Kommandobrücke, und einige Minuten später hatte die ›Seabreaker‹ die Anker gelichtet und keuchte den Strom hinauf.

 

Die Nacht war sehr dunkel. Drei große Schiffe passierten sie, die mit der Ebbe zur offenen See hinausfuhren, aber sie sahen nichts von dem Motorboot, bis sie an Tilbury vorbeikamen.

 

Captain Lauder hatte die schärfsten Augen. Er stieß einen lauten Ruf aus und legte gleichzeitig das Steuer herum, sodaß der Schlepper eine scharfe Kurve beschrieb.

 

»Dort!« rief der Kapitän und deutete auf den Fluß. Ein langgestrecktes, schnittiges Motorboot war in voller Fahrt an der ›Seabreaker‹ vorübergeglitten. Deutlich hörten sie das Dröhnen seiner schweren Maschine.

 

Die kleine hintere Kabine des Motorbootes war hell erleuchtet, aber plötzlich erloschen die Lichter.

 

»Es fährt ein wenig zu schnell für unser Schiff«, knurrte der Kapitän, »Wenn wir aufs offene Meer hinauskommen, wird sich das aber schon ändern – wir haben ziemlichen Wellengang.«

 

Bell hatte sich einen Feldstecher geholt und schaute unentwegt zu dem schwarzen Schatten hinüber, der vor ihnen dahinglitt. Captain Lauder ließ das Letzte aus den Maschinen herausholen, und die ›Seabreaker‹ brachte es fertig, daß sich die Entfernung etwas verringerte.

 

»Natürlich könnte es auch irgendein anderes Fahrzeug sein«, meinte Gold. »Eigentlich glaube ich das aber nicht – es ist schon verdächtig genug, daß es mit vollständig abgeblendeten Lichtern fährt.«

 

»Ich glaube …«, begann Comstock Bell eben, als über das Wasser herüber zwei schrille Schreie drangen. Sie konnten von dem Motorboot kommen«.

 

In der Kabine flammte plötzlich wieder Licht auf, und zwei Gestalten hoben sich einen Augenblick silhouettenhaft gegen die Kabinenfenster ab.

 

Comstock Beil konnte durch sein Fernglas deutlich einen Mann und eine Frau unterscheiden, die an der Reeling miteinander rangen – im nächsten Augenblick trennten sie sich, und die eine Gestalt fiel mit einem Aufschrei in das dunkle Wasser.

 

»Es ist eine Frau …«, sagte er mit heiserer, erstickter Stimme.

 

Kapitel 13

 

13

 

»Haben Sie das gesehen?« fragte Helder atemlos. Er schien durch diese Entdeckung tief betroffen zu sein. Auch Golds Atem ging schneller, und kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Es lag etwas Unheimliches in der plötzlichen Erscheinung dieser Frau, die seiner Ansicht nach längst auf dem Kontinent sein mußte.

 

Er stand unentschlossen am Fuß der Treppe und machte eine Bewegung, als ob er wieder hinaufsteigen wolle, ließ es aber dann doch sein.

 

Der Reporter blickte von einem zum andern, und Gold sah; daß seine Augen vor Erregung blitzten. Er witterte eine interessante Geschichte für seine Zeitung, und kein Mensch hätte ihn davon abbringen können, über diese Sache ausführlich zu berichten.

 

Trotzdem legte Gold seine Hand auf den Arm des Journalisten.

 

»Mr. Jackson, diese Angelegenheit sollte nicht in die Zeitung kommen. Ich bin davon überzeugt, daß es eine plausible Erklärung für das plötzliche Auftauchen von Mrs. Bell gibt.«

 

»Sicher wird sich eine finden lassen«, erwiderte Jackson höflich. Er schaute auf die Uhr, und Gold war aufs äußerste beunruhigt.

 

»Ich mache Sie noch darauf aufmerksam, daß Mr. Bell gerichtlich gegen jeden vorgehen wird, der etwas Nachteiliges über ihn berichtet«, versuchte Gold es nochmals.

 

»Das glaube ich Ihnen gern«, antwortete der durch nichts zu erschütternde Reporter. »Aber ich kann Ihnen versichern, daß mein Bericht im liebenswürdigsten Plauderton abgefaßt sein wird.«

 

Er verabschiedete sich von den beiden Männern mit einem kurzen Kopfnicken, und Gold wußte, daß weitere Versuche, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, hoffnungslos waren.

 

Sie schauten dem Reporter nach, bis er außer Sicht war, und gingen dann langsam weiter.

 

»Was hat das nur zu bedeuten?« brach Helder schließlich aufgeregt das Schweigen. »Dahinter steckt doch etwas! Ich sage Ihnen, das ist eine ganz faule Sache. Comstock Bell ist zu allem fähig. Aber ich werde es schon herausbringen!«

 

Gold packte ihn am Arm.

 

»Was wollen Sie denn tun?« fragte er ärgerlich.

 

»Ich werde sofort zur Polizei gehen.«

 

»Die Mühe können Sie sich sparen«, erwiderte Gold kurz. »Ich nehme an, die Polizei wird bald genug alle Informationen, die sie braucht, in der Zeitung finden. Und ich sehe gar nicht ein«, fügte er trocken hinzu, »warum gerade Sie an den persönlichen Angelegenheiten Mr. Bells so großes Interesse haben sollen.«

 

Er sprach eindringlich, und Helder konnte die Drohung, die in seinen Worten lag, nicht überhören.

 

»Was soll das heißen?« entgegnete er heiser.

 

»Das werden Sie in den nächsten Tagen schon erfahren. Ich gebe Ihnen nur den Rat, sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.«

 

Helder schaute den Beamten böse an.

 

»Gold«, stieß er zwischen den Zähnen hervor, »ich weiß, daß es Ihnen Vergnügen macht, überall herumzuspionieren. Wenn Sie jetzt etwa versuchen wollen, mir gesellschaftlich zu schaden, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie sich in keinem Londoner Klub mehr sehen lassen können. Verstehen Sie mich?«

 

Gold lachte.

 

»Ich weiß, daß Sie ein Gauner sind«, sagte er dann ruhig. »Und ich weiß auch, daß Sie in Verbindung mit der Bande stehen, die die Vereinigten Staaten mit nachgemachten Fünfzigdollarnoten überschwemmt. Bis jetzt habe ich keine Beweise gegen Sie in der Hand, aber ich sage Ihnen offen, daß ich nicht ruhen werde, bis ich meine Ansicht beweisen kann. Ihre Druckerei ist wahrscheinlich nichts anderes als eine raffiniert angelegte Fälscherwerkstatt. So, jetzt wissen Sie, was ich von Ihnen halte, und Sie können unternehmen, was Sie wollen.«

 

»Vergessen Sie nicht, Sie haben keine Beweise«, entgegnete Helder giftig.

 

»Beweise!« lachte Gold höhnisch. »Glauben Sie denn, daß ich mit Ihnen anders als durchs Gefängnisgitter sprechen würde, wenn ich Beweise hätte? Aber verlassen Sie sich darauf, ich werde noch welche finden.«

 

Sie standen sich unter einer Straßenlaterne gegenüber. Golds Gesicht war blaß vor Ärger – zum erstenmal in seiner beruflichen Laufbahn hatte er sich dazu hinreissen lassen, einen Gegner zu warnen. Seine Nerven waren eben nicht mehr die besten, seitdem ihm seine Vorgesetzten in Washington jeden Tag einen bitterbösen Brief mit ungerechten Vorhaltungen schickten.

 

»Aha, so steht es also«, sagte Helder nach einer langen Pause. »Gut, daß Sie mich gewarnt haben – ich werde mich in acht nehmen.«

 

Gold nickte.

 

»Tun Sie, was Sie wollen. Was Mrs. Comstock Bell betrifft, so steht es Ihnen ja frei, zur Polizei zu gehen. Ich könnte mir nur denken, daß es in Ihrem eigenen Interesse besser wäre, wenn Sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht zu sehr auf sich lenkten!«

 

Ohne einen Gruß trennten sie sich.

 

Gold hätte sich selbst ohrfeigen können, daß er so unvorsichtig gewesen war. Dieser letzte Vorfall würde seine Schwierigkeiten noch bedeutend vermehren. Völlig falsch war er vorgegangen – selbstverständlich hätte er die Druckerei in Shropshire von der Polizei durchsuchen lassen müssen, bevor das Emigrantenblatt sein Erscheinen einstellen und die Belegschaft sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen würde. Jetzt war es für diese Aktion zu spät.

 

Verärgert machte er sich auf den Heimweg. Zu Hause erinnerte er sich plötzlich, daß sein eigener Diener mit Parker bekannt war, und klingelte ihm sofort.

 

»Cole«, sagte er hastig, »sind Sie nicht mit Parker, dem Diener Mr. Bells, bekannt?«

 

»O ja, Sir, wir sind gute Freunde.«

 

»Mr. Bell hat ihm heute freigegeben – wo glauben Sie wohl, daß man ihn finden könnte?«

 

»Meinen Sie jetzt gleich?« fragte Cole erstaunt.

 

»Noch heute Nacht, ja.«

 

»Wahrscheinlich ist er zu seiner Schwester gefahren; sie ist die einzige Verwandte, die er in London hat.«

 

»Wo wohnt sie?«

 

»In Dalston, Sir. Ich kenne das Haus.«

 

Gold hatte seinen Plan bereits gemacht.

 

»Nehmen Sie ein Taxi, fahren Sie hin und bringen Sie Parker hierher. Wie Sie ihn überreden, ist mir gleichgültig – aber bringen Sie ihn her.

 

Es wäre gut, wenn ich die Angelegenheit möglichst bald regeln könnte«, murmelte Gold vor sich hin, als Cole gegangen war. »Morgen wird die ganze Geschichte in allen Zeitungen stehen …«

 

Er setzte sich in einen Sessel und versuchte zu lesen, aber immer wieder sah er das schreckensbleiche Gesicht Veritys hinter der Fensterscheibe vor sich. Er warf sein Buch in eine Ecke und ging ruhelos im Zimmer auf und ab.

 

Endlich hörte er die Haustür zuschlagen, und gleich darauf stand Parker vor ihm.

 

»Sie haben doch einen Schlüssel von Mr. Bells Haus?« fragte Gold sofort, nachdem er ihn begrüßt hatte.

 

»Ja, Sir.«

 

»Dann kommen Sie bitte gleich mit mir in das Haus Mr. Bells.«

 

»Ist etwas passiert?« fragte Parker bestürzt.

 

»Nichts – hm, nichts von Bedeutung«, entgegnete Gold ungeduldig. Er hielt es nicht für richtig, den Mann ins Vertrauen zu ziehen.

 

In einem Taxi fuhren sie zum Cadogan Square. Es war schon lange nach Mitternacht, der Platz lag einsam und verlassen da. Parker öffnete die Haustür.

 

»Einen Augenblick, Sir«, sagte er und knipste das Licht an.

 

»Gehen Sie zuerst nach oben und klopfen Sie an die Tür Mr. Bells – sehen Sie nach, ob er zu Hause ist.«

 

»Aber, Sir …«

 

»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe«, knurrte Gold in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

 

Parker gehorchte und eilte die Treppe hinauf. Nach einigen Minuten kam er wieder zurück.

 

»Waren Sie im Zimmer von Mr. Bell?«

 

»Jawohl, Sir, es war niemand dort.«

 

»Was ist das hier für ein Raum?« fragte Gold und zeigte auf eine Tür.

 

»Das Wohnzimmer, Sir.«

 

»Bitte öffnen Sie es.«

 

Die Tür war nicht verschlossen.

 

»Das ist merkwürdig«, murmelte Parker. »Ich weiß bestimmt, daß die Tür verschlossen war, als ich das Haus verließ.«

 

»Hat außer Ihnen noch jemand einen Schlüssel?«

 

»Soviel ich weiß nur Mr. Bell.«

 

Gold öffnete die Tür, trat ein und drehte das elektrische Licht an. Das Zimmer war leer.

 

Der Beamte atmete tief und zog die Luft durch die Nase ein.

 

»Riechen Sie nichts, Parker?«

 

»Ja, es riecht ganz merkwürdig.«

 

Ein schwerer Veilchenduft lag in der Luft.

 

Gold prüfte den Raum eingehend. Die Möbel standen an der gewohnten Stelle und auch sonst schien alles in Ordnung zu sein. Nur auf der Fensterbank entdeckte er einen kleinen, flachen Gegenstand. Er nahm ihn und steckte ihn in die Tasche. Es war einer der Umschläge, die man von den Reisebüros zusammen mit den Fahrkarten bekommt. Offensichtlich hatte Comstock Bell seine Reise nach Wien bei Cook gebucht.

 

Die Durchsuchung des übrigen Hauses brachte keinen Erfolg. Das ganze Gebäude war leer, und Mrs. Comstock Bell war spurlos verschwunden.

 

»Ich glaube, das genügt, Parker«, sagte Gold, als er fertig war.

 

»Es ist doch nicht eingebrochen worden?« fragte Parker. ängstlich.

 

Gold schüttelte nur den Kopf, verabschiedete sich und fuhr zu seiner Wohnung zurück. Seine Hoffnung, daß Verity während seiner Abwesenheit vielleicht dagewesen wäre, erfüllte sich aber nicht.

 

Nur ein Telegramm und ein Eilbrief warteten auf ihn. Es war jedoch keine Nachricht von Comstock Bell. Der Brief kam von Scotland Yard und enthielt nur die kurze Mitteilung:

 

»Wir haben Willetts heute abend um elf Uhr verhaftet.«

 

Gold nickte. Er hatte Scotland Yard gebeten, ihn über alles, was Willetts betraf, auf dem laufenden zu halten.

 

Das Telegramm aber war von seinem unmittelbaren Vorgesetzten in Washington und enthielt die folgende Aufforderung:

 

»Sofort nach Washington kommen – Aussprache notwendig – reisen Sie mit der ›Turanic‹.«

 

Gold fluchte leise, als er erfuhr, daß die ›Turanic‹ schon am nächsten Tag abdampfte. Er verbrachte die Nacht mit Packen und verließ London morgens um sechs Uhr.

 

Helder hörte im Klub von der Verhaftung; einer seiner Agenten teilte ihm die Neuigkeit telefonisch mit. Er ging ins Lesezimmer, setzte sich in einen Sessel und dachte gerade über die Ereignisse des Abends nach, als ihm ein Telegramm überreicht wurde, das zwei Stunden zuvor in New York aufgegeben worden war. Er öffnete den Umschlag und las:

 

»Dringend. Kommen Sie mit der ›Turanic‹ nach New York.«

 

Das Telegramm stammte von einem Mann, dessen Aufforderung Helder unter allen Umständen nachkommen mußte. Er eilte nach Hause und traf seine Vorbereitungen. Und am nächsten Morgen begegnete Gold auf dem Euston-Bahnhof dem Mann, den er jetzt am wenigsten zu sehen wünschte. Die beiden fuhren zusammen über den Atlantik, ohne auf der ganzen Reise ein Wort miteinander zu sprechen.

 

Während Gold und Helder in Amerika ihren Geschäften nachgingen, fragte man sich in London: Wo sind die Comstock Bells geblieben?

 

Das ›Post Journal‹ brachte diese Frage fettgedruckt als Überschrift eines Artikels, und natürlich machte die Zeitung aus der ganzen Sache eine Sensation. Sie erging sich in geheimnisvollen Vermutungen, die darin gipfelten, daß das Ehepaar heimlich nach London zurückgekehrt sei, um dort seine Flitterwochen zu verleben. Schließlich hatten ja Reporter das junge Paar überall auf dem Kontinent ohne den geringsten Erfolg gesucht. Und hatte nicht Jackson Mrs. Verity Bell in ihrem Haus gesehen?

 

Die Konkurrenzblätter des ›Post Journal‹ gaben natürlich ihrer Ansicht Ausdruck, daß Mr. Jackson sich getäuscht hätte oder daß die Geschichte überhaupt erfunden worden wäre, um die Auflagenhöhe zu steigern. Daraufhin versuchte Jackson die beiden Männer wiederzufinden, die mit ihm zusammen Verity Bell gesehen hatten; aber er konnte nur feststellen, daß sie sich nicht mehr in London aufhielten.

 

Am sechsten Tag nach dem Erscheinen der aufsehenerregenden Story traf in der Redaktion des ›Post Journal‹ ein Brief ein, der in Luzern aufgegeben worden war. Er war mit Maschine auf einem Briefbogen des Swizerhof-Hotels getippt und lautete:

 

»Sehr geehrte Herren,

 

wir haben mit großem Interesse, aber auch mit großer Verwunderung die Ausführungen Ihres Berichterstatters gelesen, der sich den Kopf darüber zerbricht, wo wir unsere Flitterwochen verbringen – obwohl wir eigentlich nicht ganz verstehen können, warum sich die Öffentlichkeit so mit unseren Privatangelegenheiten beschäftigt.

 

Sehr dankbar wären wir Ihnen, wenn Sie uns in Zukunft nicht mehr mit solchen Veröffentlichungen belästigen würden. Als Privatpersonen legen wir Wert darauf, in Ruhe gelassen zu werden, und erwarten, daß Sie dies unseren vielen Freunden in London bekanntgeben. Wenn Sie schon so sehr um unser Wohlergehen besorgt sind, dann bitten wir Sie, sich um uns und unsere Reise nicht weiter zu kümmern.«

 

Unterschrieben war der Brief mit »Comstock Bell«. Unter diesem Namen stand in einer weicheren Handschrift »Verity Bell.«

 

Der Chefredakteur des ›Post Journal‹ gab das Schreiben dem sehr niedergeschlagenen Jackson. Die unhöflichen Begleitworte dazu strömten wie ein gewaltiger Sturzbach auf das Haupt seines Untergebenen.

 

»Ihr Bericht hat uns ja in eine schöne Situation gebracht! Jetzt stehen wir als die Dummen da!«

 

Jackson war klug genug, nichts zu erwidern. Der Chefredakteur zitierte den Lokalredakteur herbei und gab ihm den Brief.

 

»Machen Sie irgendeinen Artikel daraus! Schreiben Sie vor allem, daß wir jetzt beruhigt sein können, daß sich das junge Paar bei guter Gesundheit und wohlauf befindet – unser Interesse wäre ja nur durch die Sorge um das Wohlergehen der beiden bedingt gewesen …«

 

»Aber wäre es nicht doch ratsam«, unterbrach ihn Jackson, »zunächst einmal bei unserem Korrespondenten in Luzern anzufragen, ob die Bells tatsächlich dort im Hotel gewohnt haben?«

 

Der Chefredakteur wurde um noch einige Grade böser.

 

»Ich wüßte nicht, warum wir noch mehr Zeit und Kraft auf diese Sache verschwenden sollen«, sagte er energisch. »Wenn die Bells herausbekommen, daß wir hinter ihnen herspionieren, können sie recht unbequem werden. Außerdem ist es jetzt acht Uhr, nach Schweizer Zeit also neun Uhr. Ich fürchte, die Antwort würde sowieso nicht mehr rechtzeitig für unsere Abendausgabe da sein.«

 

»Trotzdem können wir es versuchen.«

 

Um elf Uhr dreißig kam der zweite Redakteur in das Büro seines Vorgesetzten.

 

»Es ist wirklich bedauerlich, daß die Geschichte von dem geheimnisvollen Verschwinden Comstock Bells jetzt aufgeklärt ist«, sagte er und setzt sich seinem Chef gegenüber. »Wir haben heute auch nicht eine einzige interessante Nachricht, die eine effektvolle Schlagzeile abgeben könnte.«

 

»Das habe ich mir schon gedacht. Ist denn bei Gericht in Old Bailey nichts los?«

 

»Nur ein oder zwei Fälle«, entgegnete der andere gelangweilt. »Ein gewisser Willetts wurde wegen Fälschung einer Fünfzigpfundnote angeklagt.«

 

»Na, da haben wir wenigstens etwas – das ist doch auch ein außergewöhnlicher Fall! Können Sie denn daraus nichts machen?«

 

Der zweite Redakteur schüttelte den Kopf.

 

»Die Sache war schon vor zehn Jahren, und der Mann hat seine Schuld glatt eingestanden. Außerdem wurde die Fälschung in Paris begangen, und es handelte sich nur um eine einzige Banknote.«

 

»Wie lautete das Urteil?«

 

»Ein Jahr Gefängnis.«

 

»Warten Sie mal«, meinte der Chefredakteur und rieb sich nachdenklich die Stirn. »War das nicht zu der Zeit, als eine Anzahl junger Leute den ›Klub der Verbrecher‹ gründete?«

 

Der andere nickte.

 

»Stimmt. Bei der Gerichtsverhandlung ist aber nichts davon erwähnt worden. – Am besten wird es sein, wenn wir die Vorgänge in der heutigen Parlamentssitzung zu einer guten Geschichte verarbeiten.«

 

In diesem Augenblick wurde ihm ein Telegramm gebracht. Er las es aufmerksam durch und reichte es dann schweigend seinem Vorgesetzten.

 

»Hm!« machte der Chefredakteur. »Das ist allerdings äußerst merkwürdig!«

 

Das Telegramm hatte folgenden Wortlaut:

 

»Weder Mr. noch Mrs. Comstock haben im Hotel ›Swizerhof‹ gewohnt. Sie sind in Luzern auch nicht gesehen worden.«

 

»Wer hat uns das geschickt?« fragte der Chefredakteur.

 

»Einer unserer Mitarbeiter, der gerade seinen Urlaub in Luzern verbringt.«

 

Der Chefredakteur klingelte.

 

»Das ist ein ausgezeichnete Geschichte. – Rufen Sie Mr. Jackson – ich möchte ihn gleich sprechen« – dies galt seiner Sekretärin, die inzwischen eingetreten war. »Jackson soll diese Sache ausarbeiten. Also liefert uns das Verschwinden von Mr. Bell doch wieder glänzendes Material.«

 

Jackson kam herein, und der Chefredakteur gab ihm das Telegramm.

 

»Machen Sie einen guten Artikel daraus; aber schnell!«

 

Kapitel 14

 

14

 

Wentworth Gold kehrte Ende Mai nach England zurück. Er hatte seine Angelegenheiten aufs beste geordnet; seine Vorgesetzten sahen jetzt endlich ein, wie schwierig seine Aufgabe war, und behandelten ihn äußerst zuvorkommend.

 

Helder war ihm während seines Aufenthalts in Washington nicht begegnet. Er wußte auch nicht, daß Helders Besuch einen sehr dringenden Grund hatte. Die große Falschmünzerorganisation war durcheinandergeraten. Nachrichten, nach denen die dringende Gefahr der Entdeckung bestand, hatten alarmierend gewirkt, und es wurde jetzt versucht, die Arbeitsmethoden von Grund auf zu ändern.

 

Helder fuhr einige Tage früher als Gold zurück.

 

Auf der Rückreise nach England hatte Gold genügend Zeit, über Comstock Bell und dessen Frau nachzudenken. Die amerikanischen Zeitungen, die sich in großer Aufmachung mit dem Fall beschäftigt hatten, waren nicht zuletzt die Ursache gewesen, daß er jeden Tag an seinen merkwürdigen Freund erinnert wurde.

 

Vor allem war es der Fund, den Gold in Comstocks Haus am Cadogan Square gemacht hatte, an dem er herumrätselte. Es handelte sich um die Papphülle des Cookschen Reisebüros. Zwei Fahrkartenhefte waren darin gewesen, auf denen jeweils nur die Billetts von London nach Dover und von Dover nach Calais fehlten. Für die übrige Reise bis nach Wien waren noch alle Fahrkarten vorhanden. Nun wäre es ja möglich gewesen, daß Bell die Fahrkarte nach Dover und die Schiffskarte nach Calais vorher herausgenommen und die übrigen Fahrkarten zu Hause liegengelassen hätte. Seltsamerweise aber war die Karte von Calais nach Amiens gelocht, und das wiederum stand im Gegensatz zu der Vermutung, daß Bell die Fahrkarten bei seiner Abreise vergessen hatte.

 

Gold erwartete mit Sicherheit, bei seiner Ankunft in London zu erfahren, daß Comstock Bell von seiner Hochzeitsreise zurückgekehrt sei – sehr erstaunt war er, statt dessen einige Briefe von ihm vorzufinden. Einer war in Paris am Tag nach der Ankunft des Brautpaares aufgegeben worden, ein anderer, auf das Briefpapier des Swizerhof-Hotels geschrieben, kam aus Luzern. In beiden Briefen berichtete Bell von der Reise, erzählte von kleinen Erlebnissen, beschrieb das Wetter, und drückte die Hoffnung aus, daß es in London besser sei. Der dritte Brief stammte aus Wien und machte das Geheimnis nur noch undurchsichtiger. Vor allem stand in keinem der Schreiben ein Wort über den Verlust der Fahrkarten – und gerade über solche kleinen Unannehmlichkeiten ärgern sich Reisende für gewöhnlich, selbst wenn sie noch so reich sind.

 

Gold mußte sich eingestehen, daß er die Zusammenhänge in keiner Weise verstand. Er wußte nicht mehr ein noch aus. War es möglich, daß diesmal sein kriminalistischer Spürsinn so versagt hatte? Er mußte Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen! Und es war ihm dabei ganz gleichgültig, daß er mit Comstock Bell befreundet war – er wäre der Sache jetzt nachgegangen, auch wenn es sich um seinen eigenen Bruder gehandelt hätte.

 

Am Tag nach seiner Ankunft erhielt Gold einen Brief von Scotland Yard, in dem er aufgefordert wurde, zu Chefinspektor Symons zu kommen.

 

Dieser Beamte galt als äußerst tüchtig. Er war ein hagerer, großer Mann mit einer beginnenden Glatze. Seine blauen Augen konnten so durchdringend blicken, daß schon mancher Verbrecher vor ihnen kapituliert hatte.

 

Als Gold das Büro des Chefinspektors betrat, begrüßte ihn der Beamte freundlich und schob ihm einen Stuhl hin.

 

»Setzen Sie sich bitte Mr. Gold«, sagte er. »Ich habe nach Ihnen geschickt, weil ich Sie bitten möchte, uns bei dieser Comstock-Bell-Affäre zu helfen. Die Zeitungen können sich ja nicht beruhigen – und sie würden noch sensationellere Überschriften drucken, wenn sie das wüßten, was wir wissen.«

 

Gold trat ans Fenster und schaute auf das Themseufer.

 

»Ich kann eigentlich nicht ganz einsehen«, sagte er dann ein wenig ärgerlich, »warum man so viel Wesens um die Sache macht.«

 

Der Beamte lächelte ironisch.

 

»Kommt Ihnen denn an der Geschichte nichts seltsam vor?«

 

»Natürlich, sie ist recht merkwürdig – aber auf was wollen Sie hinaus?«

 

»Bringen Sie Bells Verschwinden nicht auch noch mit anderen Dingen in Zusammenhang, die gerade Sie sehr viel angehen?«

 

»Sie denken an die Banknotenfälschungen?« fragte Gold überrascht. »Nein – warum denn?«

 

»Für gewöhnlich halte ich nicht viel von anonymen Briefen«, entgegnete Symons nachdenklich, »aber die Briefe, die ich kürzlich in dieser Angelegenheit erhielt, gingen so ins Detail und enthielten so viel schlüssige Beweise; daß ich sie in gewisser Weise ernst nehmen muß. Es werden Vermutungen darin ausgesprochen, die man nicht von der Hand weisen kann.«

 

»Zum Beispiel?« fragte Gold.

 

»Ist es vielleicht nicht merkwürdig, daß ausgerechnet die beiden Menschen, die das Mittel zur Entdeckung der Fälschungen kannten, spurlos verschwanden? Der eine war Maple …«

 

»Und der andere?«

 

»Natürlich seine Nichte.«

 

»Aber sie …«

 

»Sie kannte wahrscheinlich die Zusammensetzung der geheimnisvollen Flüssigkeit ganz genau. Es ist kaum anzunehmen, daß sie in demselben Haus wie ihr Onkel lebte, ohne von ihm ins Vertrauen gezogen worden zu sein. Und sieben Tage nach Maples Verschwinden heiratete Comstock Bell ausgerechnet Verity Maple – ein Mädchen, das ganz außerhalb seines Bekanntenkreises stand.«

 

Gold war betroffen.

 

»Es ist wirklich seltsam«, gab er zu, »aber vielleicht läßt sich doch eine einleuchtende Erklärung finden.«

 

»Das wünschte ich auch. Auf alle Fälle müssen wir der Sache nachgehen. Die Zeitungen berichten, daß das Paar London an seinem Hochzeitstag verlassen hat und auch in Paris eingetroffen ist – aber Mrs. Bell wurde doch gleichzeitig hier in London gesehen, nicht wahr?«

 

Er sah Gold scharf an.

 

Der Beamte nickte.

 

»Ja, sie war in London«, entgegnete er ernst.

 

Die Sache hatte sich jetzt so verwickelt, daß freundschaftliche Rücksichten auf Bell nicht mehr in Frage kamen.

 

»Wir haben also jetzt zwei Aufgaben vor uns«, meinte der Chefinspektor. »Einmal müssen wir den Aufenthaltsort von Verity Bell ermitteln und zum andern ihren Onkel wieder auffinden. Wenn wir wissen, wo sich die beiden aufhalten, sind wir bestimmt ein Stück weiter gekommen. Ich habe mir gedacht, daß es am besten ist, wenn wir Sie von allen unseren Schritten in dieser Angelegenheit unterrichten, und ich hoffe, daß wir mit Ihrer Mitarbeit rechnen können.«

 

Gold nickte höflich.

 

»Ich stehe selbstverständlich zu Ihrer Verfügung, nur muß ich Sie bitten, mir noch zwei Mitarbeiter zu überlassen.«

 

»Sie können so viel Leute haben, wie Sie brauchen«, entgegnete Chefinspektor Symons.

 

»Am besten schicken Sie die beiden zu mir nach Hause«. Ich möchte nämlich einen gewissen Helder beobachten lassen.«

 

»Helder?«

 

Symons runzelte die Stirn.

 

»Ja«, sagte Gold ruhig. »Er ist der Absender der anonymen Briefe.«

 

Der Chefinspektor schaute seinen Besuch einen Augenblick lang erstaunt an, dann begleitete er ihn bis zur Tür und verabschiedete sich von ihm.

 

Gold trat auf die belebte Straße hinaus. Er hatte jetzt einen bestimmten Plan und wollte keine Zeit verlieren, ihn auszuführen. Die beiden Beamten würden bestimmt gut auf Helder aufpassen. Aber Comstock Bell – sollte er tatsächlich auch mit dieser Falschmünzerbande in Verbindung stehen? Gold verzog grimmig den Mund.

 

Er gab eine Reihe von Telegrammen auf, und seine Agenten, die an allen möglichen Orten arbeiteten, schickten ihm nacheinander ihre Berichte.

 

Um neun Uhr abends verließ Gold seine Wohnung in Begleitung zweier Herren. Es blies ein scharfer Ostwind, und alle drei fröstelten, als sie rasch in eine Nebenstraße einbogen, wo ein Wagen auf sie wartete.

 

»Haben Sie den Haftbefehl?« wandte sich Gold an seinen Begleiter. Der Kriminalbeamte nickte.

 

»Ist es auch der Mann, den ich meinte?«

 

» Ja, Sir. Man konnte ihn nicht verwechseln. Er hat eine Narbe am Kinn und war offensichtlich betrunken. Ich folgte ihm von Soho zur Great Central Station. Dort traf er mit dem Amerikaner zusammen.«

 

»Und von dort aus sind Sie den beiden bis zu ihren Wohnungen nachgegangen?«

 

»Nein. Den Amerikaner haben wir aus den Augen verloren.«

 

Der Wagen fuhr jetzt die belebte High Street und die Comercial Road entlang. Als sie die Sidney Street hinter sich gelassen hatten, hielten sie in einer engen Straße.

 

»Ich habe absichtlich diese Stelle gewählt«, erklärte Gold, »weil hier der Bühnenausgang eines Konzertsaals ist, vor dem dauernd Autos parken.«

 

Der eine Beamte übernahm die Führung. Sie gingen an dem Bühnenausgang vorbei, bogen in eine andere Straße ein, überquerten sie und befanden sich dann in einer der verkehrsreichen Straßen des östlichen Stadtteils. Die Umgebung war armselig und wenig einladend. Obwohl es schon spät war, trieben sich noch eine Menge Kinder vor den Haustüren herum.

 

Die drei Männer erregten weiter keine Beachtung; Polizeibesuche waren in dieser Gegend ziemlich häufig.

 

Sie schritten schnell aus und kamen in ein Gäßchen, das noch ärmlicher und verfallener wirkte als die andern, die sie schon passiert hatten. Hier war kaum jemand zu sehen, nur ab und zu huschte eine dunkle Gestalt an den Häuserwänden entlang. Vor einer der Haustüren stand ein Mann, der offensichtlich auf sie wartete.

 

»Hier ist es«, sagte einer der Beamten.

 

Gold öffnete die Tür und trat ein, die anderen folgten dicht hinter ihm. Er hatte kaum einen Schritt gemacht, als ihm im Hausgang ein Mann begegnete.

 

»Was gibt’s?« fragte er argwöhnisch.

 

Gold leuchtete ihm mit seiner Taschenlampe ins Gesicht.

 

»Wo ist der Russe?« erkundigte er sich scharf.

 

»Eine Treppe hoch«, entgegnete der Mann bereitwillig. Offensichtlich war er froh, daß der Polizeibesuch nicht ihm galt.

 

»Nach vorn oder nach hinten?«

 

»Hinten hinaus. Gleich das erste Zimmer von der Treppe aus.«

 

Gold eilte hinauf, so schnell er konnte. Die Kriminalbeamten hielten sich hinter ihm.

 

Er hatte die Tür erreicht und versuchte, sie leise zu öffnen. Sie war verschlossen. Vorsichtig klopfte er, doch es meldete sich niemand. Erst als er mit der Faust dagegenschlug, hörte man jemand auf die Tür zuschlurfen.

 

»Wer ist draußen?« fragte eine rauhe Stimme.

 

Gold sagte etwas in einer Sprache, die die Beamten nicht verstanden.

 

Sie warteten gespannt. Endlich drehte sich ein Schlüssel im Schloß, und die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet.

 

Gold stieß sie ganz auf und trat über die Schwelle. Auf den ersten Blick sah er, daß der Mann, den er suchte, vor ihm stand. Er erkannte ihn genau nach der Beschreibung, die Narbe am Kinn war nicht zu übersehen. Offensichtlich hatte er getrunken und wollte gerade seinen Rausch ausschlafen.

 

»Wer sind Sie?« fragte er und blinzelte in den grellen Strahl der Taschenlampe.

 

»Machen Sie Licht«, wandte sich Gold an einen Begleiter.

 

Der Beamte schaute sich im Zimmer um, entdeckte auf dem Tisch eine kleine Petroleumlampe und zündete sie mit einem Streichholz an.

 

Der Raum war nicht mehr als ein elendes Loch; außer einem schmutzigen Bett und einem Stuhl enthielt er nichts.

 

»Sie sind verhaftet«, sagte Gold auf russisch zu dem Mann. »Hände hoch, los!«

 

Der Lauf seiner Pistole zielte auf die Magengrube des Russen, und der hob widerwillig die Hände. Gleich darauf schnappten ein Paar Handschellen über seinen Handgelenken zusammen.

 

»Setzen Sie sich auf den Stuhl dort«, befahl Gold. »Wenn Sie uns alles erzählen, was Sie wissen, wird Ihnen nicht viel passieren.«

 

»Ich werde Ihnen nichts erzählen«, erwiderte der Mann verdrossen.

 

Sie durchsuchten den Raum gründlich und revidierten auch alle Taschen des Verhafteten. Leider fanden sie nichts, was ihnen irgendeinen Aufschluß hätte geben können – weder Briefe noch Papiere und selbst keine noch so kleine Notiz. Nur aus der hinteren Hosentasche zogen sie einen Browning heraus. Während der Untersuchung hatte sich einer der Beamten entfernt, und als Gold die Lampe ausblies und seinen Gefangenen nach unten führte, wartete schon der Wagen vor der Tür.

 

Schnell schoben sie den Russen hinein, und bevor noch die Bewohner der Little John Street merkten, was vorgefallen war, fuhr das Auto in westlicher Richtung davon.

 

Kapitel 15

 

15

 

Der Raum war groß und langgestreckt. Früher hatte eine Möbeltischlerei ihre Werkstatt darin untergebracht, doch jetzt saßen an kleinen Tischen und Pulten Leute, die im Schein starker Lampen fleißig und schweigsam arbeiteten. Vom einen Ende des Raumes hörte man durch eine Holzwand das eintönige Stampfen einer Maschine.

 

Die Leute, die hier beschäftigt waren, setzten sich fast ausschließlich aus Ausländern zusammen. Es waren Druckereifacharbeiter, Lithographen und Graveure, und sie beschäftigten sich mit Arbeiten, die es durchaus nicht nötig hatten, sich vor dem Auge des Gesetzes zu verbergen. Es handelte sich hauptsächlich um die Herstellung von Kunstdrucken, für die auf dem Kontinent eine verhältnismäßig große Nachfrage bestand.

 

Nachfrage bestand auch für die Produkte, die die kleine Maschine im Hintergrund in gleichmäßigen Abständen auswarf – es waren vollendet gedruckte Fünfdollarnoten.

 

Die Druckmaschine war kleiner als die üblichen Banknotenpressen, doch waren die Scheine, die sie lieferte, tadellos. Auch ein geübtes Auge konnte keinen Fehler an ihnen entdecken.

 

Ein untersetzter Mann saß auf einem Stuhl neben der Maschine. Er kaute auf dem erloschenen Stummel einer Zigarre herum, seinen weichen Filzhut hatte er in den Nacken geschoben, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben.

 

So lässig er dasaß, so scharf beobachtete er doch den Gang der Druckmaschine und jede Bewegung des Druckers, der die ausgeworfenen Scheine in kleine Bündel ordnete und sie dann sachgemäß mit einem Streifband versah. Als hundert solcher Bündel verpackt waren, legte der Mann auf dem Stuhl einen Schalter um, und die Maschine kam zum Stillstand.

 

»Genug für heute abend«, sagte er.

 

Mit einigen Handgriffen löste der Drucker die Platte, von der die Banknoten gedruckt worden waren, reinigte sie sorgfältig mit einer scharfriechenden Flüssigkeit und wickelte sie dann in Seidenpapier. Der Mann auf dem Stuhl streckte die Hand aus, nahm die Platte und steckte sie in seine Brusttasche. Er wartete noch, bis der Drucker eine Platte in die Maschine gespannt hatte, von der Etiketten für Lagerbier abgezogen wurden. Dann nahm er das übriggebliebene Banknotenpapier unter den Arm, schob die fertig gedruckten Noten in eine Aktentasche und öffnete die kleine Tür, die früher in das Büro des Möbeltischlers geführt hatte.

 

Dort schloß er einen Geldschrank auf, legte Banknotenpapier und Aktentasche hinein und verschloß die große Stahltür sorgfältig.

 

Von einem Tischchen nahm er eine Flasche Whisky und ein Glas. In letzter Zeit war er sehr nervös geworden. Verschiedentlich hatte es falschen Alarm gegeben, und besonders seit einigen Wochen mußte er ständig in der Furcht leben, daß die Polizei überraschend an die Tür klopfte.

 

Er goß sich einen kräftigen Schluck ein, trank aus und seufzte befriedigt. Morgen würden alle Banknoten sauber verpackt in zweihundert verschiedenen Briefumschlägen an die zweihundert Agenten in den Vereinigten Staaten abgeschickt werden, und so weiter jeden Tag dieser Woche.

 

Es war jetzt ein größerer Vorrat an Banknoten gedruckt worden, und die Platten würden trotzdem noch eine ganze Menge aushalten. Außerdem waren schon wieder neue in Vorbereitung, die einer der ersten Spezialisten auf diesem Gebiet graviert hatte – allerdings ganz gegen seinen Willen.

 

Er sah nach der Uhr – Viertel nach acht. Gemächlich schlenderte er durch den kleinen Maschinenraum zu der großen Werkstatt.

 

»Sie können für heute abend Schluß machen«, sagte er zu dem Meister, einem älteren Mann, der mit einer starken Lupe gerade eine Autotypie untersuchte.

 

Die Arbeitsstunden hier waren ganz unregelmäßig. Er richtete es immer so ein, daß die mit ehrlicher Arbeit beschäftigten Leute auch an ihren Pulten saßen, wenn die kleine Notenpresse in Betrieb war. Als weiteres Mittel, das dem ganzen Unternehmen einen harmlosen Anstrich geben sollte, diente die kleine Zeitung Helders, die in einem angrenzenden Nebengebäude gedruckt wurde.

 

Außer ihm und seinem Chef waren nur noch zwei Leute in das Geheimnis eingeweiht. Einer von beiden war der Drucker, der vormittags noch in einer anderen Stellung arbeitete. Er war ein verschwiegener Mann, auf den man sich verlassen konnte. Helder hatte ihn mit größter Sorgfalt ausgewählt.

 

Über den zweiten dagegen machte sich Tiger Brown Sorgen: Die Tatsache, daß dieser Mann ein Trinker war, hatte ihm schon manche schlaflose Nacht bereitet.

 

Es klopfte leise an die Hintertür des Büros, in das Brown inzwischen wieder zurückgegangen war. Tiger drehte das Licht aus und öffnete vorsichtig. Diese zweite Tür führte direkt in einen Schuppen und von dort ins Freie.

 

»Schon gut, ich bin’s.«

 

Mit diesen Worten trat Helder ein und schloß die Tür.

 

»Haben Sie bis jetzt gedruckt?«

 

»Vor zehn Minuten sind wir fertig geworden«, entgegnete Brown.

 

»Sehen Sie zu, daß Sie noch heute nacht alles fortsenden können.«

 

Helder war äußerst aufgeregt und nervös.

 

»Was ist denn los?« fragte Brown scharf.

 

»Ich weiß es selbst nicht genau«, war die mürrische Antwort. »Ich werde das Gefühl nicht los, daß mir jemand auf Schritt und Tritt folgt.«

 

»Dann ist es ausgesprochen blödsinnig, daß Sie hierherkommen«, fuhr Tiger ihn ziemlich respektlos an.

 

»Ich mußte aber noch heute abend mit Ihnen sprechen«, entgegnete Helder hastig. »Brown, die Sache wird im höchsten Grade brenzlig. Verbrauchen Sie so schnell wie möglich alles vorrätige Notenpapier, und vernichten Sie dann die Platten. Wir müssen die Druckerei hier schließen, verstanden?«

 

Tiger Brown nickte; offensichtlich fiel ihm ein Stein vom Herzen.

 

»Je eher, desto besser! Wir haben schon viel zu lange gewartet. Seitdem Iwan verhaftet worden ist, brennt mir der Boden unter den Füßen.«

 

»Verhaftet worden?« Helder taumelte fast. »Warum ist er verhaftet worden? Und wann ist das passiert?« Sein Gesicht war kreidebleich geworden, seine Hände zitterten. »Wenn er nicht die Klappe hält, sind wir verloren. Und es sollte mich wundern, wenn ihn Gold nicht zum Sprechen bringt! Wo ist er?«

 

»Das weiß ich selber nicht. Glauben Sie vielleicht, daß es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, in den einzelnen Polizeigefängnissen nachzufragen? Was seine Schweigsamkeit betrifft, so können wir übrigens ziemlich beruhigt sein. Reden tut er eigentlich nur, wenn er besoffen ist – und zu einem Rausch wird ihm die Polizei ja wohl kaum verhelfen.«

 

»Warum haben Sie mich denn nicht benachrichtigt?« fragte Helder und fluchte leise, »jetzt können wir nur hoffen, daß Iwan dichthält – dann kommen wir vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davon. Glücklicherweise ist die Polizei halb davon überzeugt, daß Comstock Bell mit der ganzen Geschichte zusammenhängt. Man sucht ganz Europa nach ihm ab! Und solange man hinter ihm her ist, läßt man uns hier hoffentlich in Ruhe.«

 

»Aber nehmen Sie doch einmal an, er taucht plötzlich wieder auf«, meinte Brown.

 

»Ich glaube kaum, daß das geschieht«, entgegnete Helder lächelnd. »Der Verdacht, den ich habe, scheint sich zu bestätigen; morgen werde ich mich vergewissern können, ob ich richtig vermute. Übrigens sind tatsächlich fast alle amtlichen Stellen in London der Ansicht, daß Comstock Bell in Zusammenhang mit der Falschgeldaffäre steht.«

 

»Was sagt man denn in London sonst noch über die falschen Banknoten? Ich habe schon seit Tagen keine Zeitung mehr gelesen.«

 

Helder sah ihn erstaunt an.

 

»Na, das sollten Sie aber tun, mein Lieber. Die amerikanische Regierung hat … «

 

Er brach plötzlich ab, weil er sich überlegte, daß es eigentlich gar nicht klug sei, diesem Mann zu erzählen, daß eine Belohnung von einer Million Dollar für denjenigen ausgesetzt war, der entscheidend zur Festnahme der Falschgeldbande beitrug.

 

»Was hat die, amerikanische Regierung getan?« erkundigte sich Brown neugierig.

 

»Sie hat eine große Belohnung ausgesetzt«, entgegnete Helder ruhig. Tiger würde es ja auf irgendeine Weise doch erfahren. »Diese Belohnung wird an jedermann ausgehändigt, mit Ausnahme der Leute, die direkt an den Fälschungen beteiligt sind.« Er betonte jedes Wort des letzten Satzes. »Das heißt, zwei bekommen diese Belohnung unter keinen Umständen – nämlich Sie und ich.«

 

Tiger Brown schenkte sich ein neues Glas Whisky ein. Helder beobachtete ihn, und plötzlich kam ihm der Gedanke, daß Brown sehr gefährlich werden konnte. Nun, dann würde es Mittel und Wege geben, ihn für allemal loszuwerden.

 

»Was werden Sie denn mit Maple anfangen?« fragte Brown plötzlich.

 

»Darüber wollte ich mich gerade mit Ihnen unterhalten«, entgegnete Helder, der unruhig in dem kleinen Raum hin und her ging. »Wir müssen noch heute mit ihm reden –« Er brach mitten im Satz ab und lauschte. »Was war das?«

 

»Ich habe nichts gehört«, erwiederte Brown. »Die Leute nebenan machen Schluß, da gibt es natürlich allerhand Lärm.«

 

Helder schlich zu der Tür, durch die er hereingekommen war, und horchte angespannt.

 

»Dort draußen steht jemand«, flüsterte er Brown zu.

 

»Sie sind wirklich übernervös – es ist bestimmt niemand da.«

 

Helder knipste das Licht aus, schloß die Tür auf und öffnete sie mit einem Ruck.

 

Niemand. Der Strahl seiner Taschenlampe wanderte durch den leeren Schuppen bis zur Tür – sie war angelehnt.

 

Die beiden Männer sahen sich an und liefen dann zu der Schuppentür. Helder spähte vorsichtig hinaus – er sah eine Gestalt, die sich im tiefen Schatten der Rückwand des Gebäudes zu einem kleinen Tor zuschlich, das einen Zugang durch die hintere Umfassungsmauer bildete. Brown riß einen Revolver aus der Tasche, aber Helder packte ihn am Arm.

 

»Sie sind wohl ganz verrückt! Wollen Sie uns die Polizei unbedingt auf den Hals hetzen? Los, schnell, hinter ihm her!«

 

Die beiden rannten hinter der Gestalt drein, die gerade durch das Tor schlüpfte. Sie hörten das Schnappen des Schlosses und eilige Schritte, die sich auf der Straße entfernten.

 

»Haben Sie einen Schlüssel? Ich habe meinen oben gelassen.«

 

Brown durchsuchte nervös seine Taschen, fand den Schlüssel endlich und schloß mit zitternder Hand auf.

 

Sie traten auf die Straße, und wieder war es Helder, der den Fliehenden zuerst entdeckte. Es war jemand von sehr kleiner Statur. Beide sahen ihn deutlich, als er an einer Straßenlaterne vorbeieilte.

 

»Wir müssen ihn erwischen! Laufen Sie, so schnell Sie können!«

 

Die Gestalt verschwand um eine Ecke, und gleich darauf hörten sie einen Motor aufheulen. Als sie in die Nebenstraße einbogen, sahen sie, wie sich ein Wagen mit abgeblendeten Lichtern entfernte.

 

»Schnell!« rief Helder. »Mein eigenes Auto steht dort drüben.«

 

Er stürzte zu dem Wagen, beide sprangen hinein, Helder gab Gas, und sie nahmen die Verfolgung auf.

 

»Ein Glück, daß mein Wagen hier stand«, keuchte Helder. »So haben wir noch eine Chance, ihn zu erwischen. Ich hatte den Eindruck, daß es kein Erwachsener, sondern ein Junge ist …«

 

»Glauben Sie wirklich, daß er was gehört hat?«

 

»Ganz bestimmt. Er muß unmittelbar an der Tür gelauscht haben.«

 

»Na, viel gehört hat er ja nicht«, meinte Brown.

 

»Die Tatsache allein, daß er uns belauschte, genügt mir«, entgegnete Helder grimmig.

 

Helder war ein guter Fahrer und hatte einen so starken Wagen, daß die beiden roten Schlußlichter, denen sie folgten, immer näher kamen.

 

Sie sausten durch die City, die Queen Victoria Street und dann das Themseufer entlang. Helders Nerven vibrierten, als sie sich dem Ende der breiten Uferstraße näherten. Auf der rechten Seite hob sich der große Gebäudekomplex ab, der in der ganzen Welt berühmt ist.

 

»Wenn er bei Scotland Yard hält, müssen wir noch diese Nacht England verlassen – und hoffentlich gelingt es uns dann noch.«

 

Er atmete auf, als der Wagen an dem großen Torbogen! des Polizeipräsidiums vorbeiraste, rechts einbog und über die Westminster Brücke fuhr. Am ändern Ufer bremste das Auto scharf, jemand sprang heraus, und als die Verfolger eben anhielten, lief der Unbekannte bereits eine lange Treppe hinunter, die zum Fluß führte.

 

»Jetzt haben wir ihn!« rief« Helder triumphierend.

 

Er eilte hinterher, so schnell er konnte, doch auf den untersten Stufen machte er erschrocken halt. Ein kleiner Landungssteg lag vor ihm, grell beleuchtet vom Scheinwerfer eines Motorboots, in dem zwei Leute saßen. Und unmittelbar vor ihm stand – Mrs. Verity Bell.

 

»Gehen Sie ruhig wieder fort, Mr. Helder«, sagte sie und richtete so nebensächlich eine langläufige Pistole auf ihn, als ob es ein Sonnenschirm sei. »Sie haben meinen Mann eines Verbrechens beschuldigt, das Sie selbst begehen«, fuhr sie fort. »In Ihrem eigenen Interesse kann ich Ihnen nur raten, sich jetzt in acht zu nehmen.«

 

Kapitel 2

 

2

 

Jetzt sah er unten in der Menge auch Comstock Bell und behielt ihn im Auge, denn er interessierte sich zur Zeit sehr für diesen jungen Amerikaner. Comstock Bell war ein auffallend gutaussehender Mann, hochgewachsen und bis auf einen kleinen Schnurrbart glattrasiert. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei und trotzdem noch nicht geheiratet habe. So war es nur natürlich, daß sich die Damenwelt auffallend viel und eingehend mit ihm beschäftigte.

 

Gold stützte sich mit den Ellbogen auf die Brüstung. Er ließ den jungen Mann nicht aus den Augen. Comstock Bell erwiderte nur nachlässig die Zurufe der anderen und machte keinen besonders glücklichen Eindruck.

 

Der junge Mann hatte sich soeben an eine kleine Gruppe von Herren gewandt, die ihn sehr zuvorkommend begrüßten. Aber die Unterhaltung dauerte nicht lange, gleich darauf ging er zum Empfangssalon.

 

»Sehr merkwürdig«, sagte Mr. Gold in Gedanken versunken vor sich hin.

 

»Was ist merkwürdig?« fragte jemand.

 

Dicht neben Gold stand ein Herr an der Brüstung.

 

»Hallo, Helder! Interessieren Sie sich auch für gesellschaftliche Ereignisse?«

 

»Eigentlich nicht besonders«, antwortete der andere nachlässig. Teilweise finde ich sie sogar furchtbar langweilig. Aber Sie sagten doch eben, daß etwas sehr merkwürdig sei. Was meinten Sie damit?«

 

Gold lächelte, nahm seinen Klemmer ab und schaute Helder aufmerksam an.

 

»Die Jagd nach Vergnügen, Ehrgeiz, Modetorheiten, all das ist vom Standpunkt eines vernünftigen Menschen aus ungewöhnlich und merkwürdig, finden Sie nicht auch?«

 

Helder war offenbar auch Amerikaner. Er war groß, aber viel fülliger als Comstock Bell und sah aus, als ob er Essen und Trinken zu schätzen wüßte. In London war er bekannt als ein Mann, der immer Bescheid über den neuesten Klatsch wußte.

 

»Haben Sie schon gesehen, daß Comstock Bell da ist?« fragte Helder plötzlich.

 

Gold nickte.

 

»Finden Sie nicht, daß er einen merkwürdigen Gesichtsausdruck hat – so, als ob ihm etwas Sorgen machen würde?«

 

Gold streifte Helder mit einem schnellen Seitenblick.

 

»Ist Ihnen das aufgefallen?« fragte er dann gleichgültig.

 

»Meiner Meinung nach steht ihm die Nervosität auf der Nasenspitze geschrieben. Das ist bei einem reichen und unabhängigen jungen Mann ziemlich seltsam.

 

»Es gibt noch seltsamere Dinge.«

 

»Neulich habe ich mit Villier Lecomte gesprochen«, sagte Helder, der nicht lockerließ.

 

Gold wurde aufmerksam. Es war klar, daß sich Helder nicht nur mit ihm unterhalten wollte, sondern daß er etwas ganz Bestimmtes, das Comstock Bell betraf, an die richtige Adresse bringen wollte.

 

»Mit wem haben Sie gesprochen?«

 

»Mit Villier Lecomte – Sie kennen ihn doch?«

 

Gold kannte Lecomte sehr gut und wußte, daß er ein hoher französischer Kriminalbeamter war. Ohne zu übertreiben, konnte man sagen, daß er mit ihm so gut bekannt war wie mit seinem eigenen Bruder – aber es gab viele Gründe, aus denen er es nicht gern sah, daß das jemand wußte.

 

»Nein«, antwortete er deshalb, »nur den Namen muß ich schon irgendwo gehört haben.«

 

»Er ist ein hohes Tier bei der Pariser Kriminalpolizei. Neulich war er hier, und ich sprach mit ihm.«

 

»Sehr interessant«, entgegnete Gold. »Und was hat er Ihnen denn erzählt?«

 

»Ob, er wußte einiges über Comstock Bell«, erwiderte Helder und beobachtete Gold dabei scharf.

 

»Und wie kommt es, daß Mr. Bell die Aufmerksamkeit der französischen Polizei auf sich gelenkt hat? Er hat doch niemand ermordet?«

 

»Aber wissen Sie denn wirklich nicht, daß Comstock Bell früher einmal Mitglied des ›Klub der Verbrecher‹ war?«

 

›Klub der Verbrecher‹? Noch nie etwas davon gehört«, sagte Gold lachend.

 

Helder zögerte. Es standen außer ihnen noch andere Leute in der Nähe der Brüstung und schauten auf die Leute hinunter. Eine junge Dame zum Beispiel, die sich neben ihnen über das Geländer lehnte, konnte ohne weiteres jedes Wort ihres Gesprächs verstehen.

 

»Gut, ich will es Ihnen sagen; selbst auf die Gefahr hin, daß es nichts Neues für Sie ist. Meiner Meinung nach kann man Ihnen überhaupt nichts Neues erzählen! Also – vor einigen Jahren, als Bell in Paris studierte, gründete er mit einer Anzahl anderer Studenten den ›Klub der Verbrecher‹. Es war so eine Idee, wie sie querköpfige junge Leute manchmal haben, jedes Klubmitglied legte ein Gelübde ab, irgendwie das Gesetz zu übertreten, und zwar mußte es ein Verbrechen sein, das bei Entdeckung mindestens eine Gefängnisstrafe eintrug.«

 

»Sehr lustig! Wie viele der Mitglieder sind denn schon aufgehängt worden?«

 

»Niemand, soviel ich weiß. Der Klub wurde rechtzeitig aufgelöst, ohne daß man jemand festgenommen hätte. Die Mitglieder hatten übrigens Decknamen angenommen, die in den Geheimakten des Klubs vermerkt waren. Ein einziges schweres Verbrechen hätte man dem Klub eventuell zur Last legen können, gerade dieses Verbrechen wurde aber niemals ganz aufgeklärt, da man den mutmaßlichen Verbrecher nicht überführen konnte.«

 

»Es handelte sich doch nicht etwa um Falschmünzerei?« erkundigte sich Gold harmlos.

 

Helder lächelte.

 

»Sie wissen also doch von der Sache?«

 

»Wenn Sie die Geschichte von dem Studenten meinen, der eine Fünfzigpfundnote fälschte und sie in Zahlung gab – ja«, erwiderte Gold. »Ich erinnere mich jetzt ganz genau. Aber was hat denn das alles mit Comstock Bell zu tun?«

 

»Es ist mir zufällig bekannt, daß er Mitglied des ›Klubs der Verbrecher‹ war«, sagte Helder leichthin. »Ich weiß auch, daß die französische Polizei im Zusammenhang mit der Falschgeldgeschichte zwei Personen verdächtigte.«

 

Gold wandte sich ihm zu und sah ihm gerade ins Gesicht.

 

»Wenn Sie so viel wissen, können Sie mir vielleicht auch sagen, wer die beiden Leute sind?« fragte er in ungewöhnlich scharfem Ton.

 

Helder schaute sich nervös um.

 

»Wenn Sie es unbedingt wissen wollen – einer der beiden ist Comstock Bell.«

 

»Und der andere?«

 

»Den kenne ich nicht. Er soll aber auch in London leben – ein Börsenmakler oder so etwas Ähnliches.«

 

»Ihre Mitteilungen sind wirklich interessant«, meinte Gold spöttisch und ging lächelnd die Treppe hinunter.

 

Comstock Bell war inzwischen in den Empfangssalon getreten. Er schien wirklich nicht in der besten Laune zu sein, als er auf die Frau des Klubpräsidenten zuging. Vom Billardzimmer drangen die Klänge einer Musikkapelle herüber. Jemand sprach ihn an. Er wandte sich halb um und erkannte Lord Hallindale.

 

»Bell, ich habe gerade nach Ihnen gesucht«, sagte der Lord. »Ich mache nächsten Monat eine Reise zum Mittelmeer und möchte Sie fragen, ob Sie keine Lust haben mitzukommen?«

 

Comstock Bell lächelte.

 

»Es tut mir leid, aber ich habe andere Pläne.«

 

»Werden Sie London verlassen?«

 

»Ja, ich habe die Absicht, nach den Vereinigten Staaten zu gehen. Meine Mutter fühlt sich nicht recht wohl, und ich möchte sie wieder einmal besuchen.«

 

Er ging weiter. Diese Ausrede hatte er schnell erfunden. Er beabsichtige keineswegs, England zu verlassen, bevor nicht eine gewisse Angelegenheit endgültig geregelt war.

 

Langsam schlenderte er zum Speisesaal, wo der Vortrag eines bekannten Pianisten eine Menge Zuhörer angelockt hatte.

 

Bell stand in der hintersten Reihe, aber da er sehr groß war, konnte er ohne Schwierigkeit über die Köpfe der anderen hinwegsehen. »Sie haben es gut«, flüsterte jemand neben ihm.

 

Als er sich umschaute, bemerkte er Mrs. Granger Collaks bewundernden Blick. Auch er war von der Schönheit dieser lebenslustigen Frau beeindruckt.

 

»Soll ich Sie ein wenig hochheben?« fragte er lächelnd.

 

Er hatte bis jetzt noch nie versucht, näher mit ihr bekannt zu werden, obwohl er wußte, daß sie ihn gerne sah.

 

»Sie können mich in eine ruhige Ecke führen«, sagte sie. »Dieser Trubel hier ist mir unangenehm.«

 

Er brachte sie zu einer Nische in der äußersten Wandelhalle und nahm neben ihr Platz.

 

Sie seufzte erleichtert auf.

 

»Comstock«, begann sie, »ich möchte, daß Sie mir helfen.«

 

Ihre Blicke begegneten sich, und sie las in seinen Augen Zuneigung, aber auch ein wenig Mitleid.

 

»Sie brauchen mich nicht wie einen armen Sünder anzuschauen«, sagte sie abwehrend. »Daß an mir nicht viel Gutes dran ist, weiß ich selbst – und es stimmt auch, daß ich fast am Ende meiner Kraft bin. Ich müßte Geld haben, um einmal weit fortzugehen, einige Jahre auf Reisen zu sein. Die Leute halten mich für schamlos, weil ich mich hier wieder sehen lasse nach all dem – aber Sie wissen es ja.

 

Für einige Jahre verschwinden, allein sein – das möchte ich, Comstock. Und doch bin ich an Händen und Füßen gebunden.«

 

Er hörte, wie jemand in ihre Nähe kam. Als er aufschaute, sah er Helder, der vor sich hinlächelte, dann aber sofort nach der anderen Seite schaute.

 

»Besuchen Sie mich morgen in meiner Wohnung am Cadogan Square«, entgegnete er freundlich und stand auf. Vielleicht kann ich etwas für Sie tun.«

 

Sie legte leicht ihre Hand auf seinen Arm.

 

»Das ist sehr lieb von Ihnen«, sagte sie leise. »Ich könnte Ihnen das Geld aber nicht zurückgeben, wenn Sie mir damit aushelfen wollten … Wie soll ich Ihnen danken?«

 

Er schüttelte lächelnd den Kopf und verabschiedete sich mit einer Verbeugung von ihr. Langsam ging er zur Garderobe, um Hut und Mantel zu holen. Dort traf er Gold, der sich ebenfalls seinen Mantel hatte geben lassen.

 

»Wollen Sie schon gehen?«

 

Bell nickte.

 

»Ja, diese gesellschaftlichen Verpflichtungen langweilen mich – ich glaube, ich werde alt. Aber Sie scheinen es doch auch ziemlich eilig zu haben, von hier fortzukommen?«

 

»Ich habe zu tun, meine Geschäfte lassen mir keine Ruhe«, erwiderte Gold freundlich. »Gehen wir ein Stück zusammen?«

 

Comstock nickte, und die beiden traten, auf die Straße. Neugierig verfolgte sie jemand mit den Augen.

 

Schweigend, gingen sie ein Stück zu Fuß, dann wurde der Regen stärker, und als ein Taxi vorbeifuhr, hielt es Gold an.

 

»Fleet Street!« rief er laut.

 

Sie waren noch nicht weit gefahren, als er dem Chauffeur auf die Schulter klopfte und ihm eine andere Instruktion gab.

 

»Bringen Sie mich zur Victoria Station. Fahren Sie durch den Park.«

 

»Haben Sie Ihre Absicht geändert?« fragte Bell.

 

»Nein, aber ich bin leider für viele Leute so interessant, daß sie ihre Zeit anscheinend nicht besser verwenden können, als mich zu beobachten. Haben Sie nicht bemerkt, daß wir verfolgt wurden?«

 

»Nein«, erwiderte Bell erstaunt.

 

»Ich möchte Sie etwas fragen« – der Wagen bog in den Park ein –, »kennen Sie einen gewissen Willetts?«

 

»Willetts?«

 

»Er ist Börsenmakler und hat ein Büro in der Nähe der Moorgate Street. Aber ich habe eigentlich noch nie gehört, daß er Aktien gekauft oder verkauft hätte.«

 

»Ich kenne ihn nicht«, sagte Bell kurz.

 

Eine lange Pause trat ein. Gold lehnte sich vor, schaute zum Fenster hinaus und bewegte in unregelmäßigen Zwischenräumen die Lippen.

 

»Ich glaube, ich muß hier aussteigen«, sagte er dann plötzlich und bat den Chauffeur zu halten.

 

Sie verabschiedeten sich, und Gold stieg aus. Nachdenklich folgte ihm Bell mit den Augen. Der Motor des Taxis war abgestorben, und der Chauffeur mühte sich mit dem Anlasser ab. Bell sah, wie ein Mann aus einer dunklen Seitenstraße auf Gold zutrat. Er kurbelte das Fenster herunter und hörte zu.

 

»Sind Sie Mr. Gold?« fragte der Mann.

 

»Ja.«

 

»Sie sind hier verabredet?«

 

»Woher wissen Sie denn, daß ich mich hier verabredet habe?« entgegnete Gold ärgerlich.

 

»Das muß ich Ihnen wohl nicht erst erklären!« rief der Fremde böse.

 

Gleich darauf hörte man einen scharfen Schuß.

 

Bell sprang aus dem Wagen. Gold stand unverletzt an der Ecke der Seitenstraße. Der Mann, der geschossen hatte, war davongelaufen und in der Dunkelheit verschwunden.

 

»Das war nur einer meiner Freunde«, sagte Gold liebenswürdig. Er bückte sich und hob die Pistole auf, die der Mann hatte fallen lassen.