Kapitel 12

 

12

 

Arnold Long verließ nach dieser Unterredung Scotland Yard und fuhr nach Berkeley Square. Im letzten Jahr hatte er seinen Vater kaum zwölfmal besucht. Sir Godley las gerade die Druckkorrektur eines Buches über Kunstgeschichte, das er selbst verfaßt hatte. Er nahm die Brille ab und sah Arnold interessiert an.

 

»Kommst du als Beamter oder als mein Sohn?«

 

»In keiner der beiden Eigenschaften. Bist du eigentlich Mitglied der Bankiervereinigung?« fragte er etwas abrupt, als er sich einen Stuhl an den Schreibtisch zog.

 

»Warum willst du das wissen?«

 

»Beantworte, bitte, meine Frage«, sagte der Wetter ernst.

 

»Die Bank ist natürlich Mitglied der Vereinigung, aber ich habe keine offizielle Stellung darin. Welton vertritt uns immer bei den Versammlungen. Ich könnte es nicht aushalten, mit Monkford dauernd in Sitzungen zusammenzusein. Er spricht mir zuviel.«

 

»Hast du jemals etwas von der Bande des Schreckens gehört?«

 

»Meinst du etwa die Bande, über die du selbst in der Zeitung geschrieben hast?«

 

Der Wetter nickte.

 

»Nein, von der habe ich noch nicht gehört. Shelton kenne ich natürlich dem Namen nach, aber er hat niemals einen Penny von meiner Bank bekommen. Glaubst du wirklich, daß Monkford in Gefahr ist?«

 

»Sein Schicksal ist besiegelt«, entgegnete Arnold so entschieden, daß der alte Herr erstaunt aufsah. »Willst du ganz offen mit mir reden?«

 

»Soweit es möglich ist.«

 

»Warum hat Clay Shelton niemals versucht, deine Bank zu berauben?«

 

»Das weiß ich nicht.« Die Worte Sir Godleys klangen nicht sehr sicher. »Ich glaube, unsere Bank war nicht groß genug für ihn.« Er wechselte das Thema plötzlich. »Arnold, wenn du tatsächlich von der Gefährlichkeit der Bande des Schreckens überzeugt bist, warum verläßt du dann nicht den Polizeidienst? Es gibt doch wahrhaftig keinen Grund, warum du noch länger in Scotland Yard tätig sein solltest. Ich könnte dir einen guten Posten in unserer Bank anbieten.«

 

»Dieses Angebot machst du mir schon zum zweitenmal. Als ich dir seinerzeit erklärte, daß ich Clay Shelton fangen wollte, hast du mir ein Jahresgehalt von zehntausend Pfund aussetzen wollen, falls ich die Filiale deiner Bank in Südamerika übernehmen würde. Warum legst du so großen Wert darauf, daß ich den Polizeidienst quittiere?«

 

Sir Godley sah ihm nicht in die Augen. Er lachte nur, als ob ihn diese Antwort belustigte. Aber es klang gezwungen.

 

»Was bist du doch für ein argwöhnischer Mensch geworden! Die Tätigkeit bei der Polizei hat den Glauben an deine Mitmenschen anscheinend vollständig erschüttert. Klingle bitte, ich möchte etwas zu trinken haben.«

 

Sie sprachen dann noch über weniger wichtige Dinge, und Clay Shelton und die Bande des Schreckens wurden nicht mehr erwähnt.

 

Es war fast Mitternacht, als der Wetter das Haus verließ. Es lag an der Westseite des Platzes, und der Hauptverkehr wickelte sich an der Ostseite ab. Sir Godley begleitete ihn bis zur Türe.

 

»Ich will lieber ein Auto für dich holen lassen«, sagte der alte Herr, als seine Blicke über die einsame Straße schweiften.

 

Aber der Wetter lachte nur.

 

»Du scheinst in letzter Zeit sehr nervös geworden zu sein.«

 

Er wartete, bis sich die Haustür geschlossen hatte, dann ging er zu Fuß nach der Oxford Street. Der Teil der Straße, den er benützte, war vollkommen leer. Long war kaum fünfzig Schritte gegangen, als eine Gestalt auf ihn zueilte. Im Schein einer Straßenlaterne sah er, daß es eine Frau war, und er war neugierig, was das bedeuten sollte.

 

Plop!

 

Ein Geschoß flog dicht an seinem Kopf vorbei. Jemand feuerte mit einem Schalldämpfer. Als er näher hinschaute, entdeckte er weiter unten auf der Straße einen Mann. Sicher schoß dieser auf die Frau. Das nächste Geschoß prallte dicht neben Long an der Bordschwelle ab und surrte wie eine ärgerliche Wespe. Er zog sofort seine Pistole, die er in diesen Tagen stets bei sich trug. Aber bevor er feuern konnte, war die Frau nahe an ihn herangekommen und warf sich ihm atemlos in die Arme.

 

»Retten Sie mich, retten Sie mich!« stieß sie keuchend hervor. »Die Bande des Schreckens …«

 

Kapitel 13

 

13

 

Der verdächtige Mann auf der Straße war plötzlich verschwunden. Der Wetter steckte seine Waffe wieder ein und hielt das halbohnmächtige junge Mädchen in den Armen. Er hörte, daß ihn jemand rief, und als er sich umwandte, sah er, daß sein Vater und ein Diener auf ihn zukamen.

 

»Was ist denn geschehen?«

 

»Ach, es war nur eine kleine Schießerei. Hilf mir, das Mädchen ins Haus zu bringen.«

 

Sie führten sie in das Arbeitszimmer Sir Godleys. Sie war sehr hübsch, nur hatten ihre Züge einen etwas strengen, männlichen Charakter. Wetter Long betrachtete sie erstaunt, denn er hatte sie schon irgendwo gesehen. Er wußte allerdings nicht, wer sie war.

 

Plötzlich schlug sie die Augen auf und blickte wild um sich.

 

»Wo bin ich?« fragte sie. Ihre Wangen hatten sich wieder gerötet, aber sie zitterte noch.

 

Plötzlich erinnerte sich der Detektiv: Sie hatte sich in dem kleinen Boot gerade von Jackson Crayley verabschiedet, als er mit Nora Sanders zu ihm zurückkehrte. Sie trug ein kostbares Abendkleid. Eine große Diamantnadel glitzerte an ihrem Gürtel, und sie hatte wertvolle Ringe an den Händen.

 

»Ich weiß nicht, was geschehen ist«, erwiderte sie noch ganz verstört auf seine Frage. »Ich sah nur diese schrecklichen –« Sie schwieg schaudernd.

 

Erst als sie ihr ein Glas Wein gegeben hatten, faßte sie sich soweit, daß sie erzählen konnte. Sie und ihr Bruder waren die Inhaber eines Hotels auf dem Lande. In London hatten sie eine kleine Wohnung in der John Street. An diesem Abend hatte sie das Theater besucht und sich entschlossen, zu Fuß nach Hause zu gehen, weil das Wetter gut war. Als sie nach Berkeley Square kam, sah sie einen Wagen, der an der Straßenseite hielt. Als sie ihn erreichte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und zwei Leute sprangen heraus.

 

»Sie trugen weiße Stoffmasken, und ich war so erschrocken, daß ich ihnen keinen Widerstand leisten konnte. Sie versuchten, mich in den Wagen zu zerren, aber im gleichen Augenblick erschien ein dritter Mann und rief: ›Das ist ja gar nicht Nora Sanders!‹«

 

»Nora Sanders?« fragte der Wetter schnell. »Haben Sie sich in dem Namen auch nicht getäuscht?«

 

»Nein, ich irre mich nicht. Der Mann, der mich festhielt, war so überrascht, daß er mich plötzlich losließ, und dann lief ich davon. Einer von ihnen sagte: ›Die muß erledigt werden‹. Ich hörte dann noch einen Schuß. Das ist alles, was ich weiß.«

 

Die beiden hatten ihrem Bericht gespannt gelauscht.

 

»Ich habe Sie schon einmal gesehen. Sie sind Miß –«

 

»Alice Cravel. Mein Bruder und ich sind die Besitzer von Little Heartsease.«

 

Der Wetter starrte sie erstaunt an.

 

»Kennen Sie denn Nora Sanders?«

 

Zu seiner größten Verwunderung nickte sie.

 

»Ich kenne sie vom Sehen. Sie ist die Sekretärin von Miß Revelstoke, die gewöhnlich während des großen Golfturniers eine Woche bei uns logiert. Nächsten Montag kommt sie auch wieder. Voriges Jahr war sie schon bei uns. Sie ist sehr schön.«

 

Der Wetter biß sich nachdenklich auf die Lippe.

 

»In welchem Theater waren Sie denn heute abend?«

 

Sie nannte ohne Zögern eine bekannte Bühne.

 

Little Heartsease! Nicht nur Nora Sanders würde nächste Woche dort sein. Auch Monkford hatte seine Zimmer schon bestellt und gleichfalls einen Raum für Arnold reservieren lassen. Dort sollte der Bankier den Tod finden. Arnold war dessen ganz sicher. Und er glaubte auch nicht, daß diese Schießerei heute abend ein Zufall war. Er ließ ein Auto rufen, begleitete Miß Cravel zu ihrer Wohnung und ging dann zu Fuß nach Scotland Yard. Unterwegs dachte er über den Vorfall nach. Warum wollte man wohl die Eigentümerin des Hotels gefangennehmen, in dem John Monkford nächste Woche logieren würde? Man konnte sie doch gar nicht mit Nora Sanders verwechseln, denn Alice Cravel war bedeutend kleiner und hatte auch eine ganz andere Gesichtsfarbe. Und was sollte Nora Sanders um Mitternacht am Berkeley Square suchen?

 

Am nächsten Morgen fuhr er nach Berkshire und kam schon sehr frühzeitig in Little Heartsease an.

 

Das Hotel befand sich in einem schönen, alten Gebäude, das in einem großen Park stand. Sein Golfplatz war in der ganzen Welt berühmt, und das Hotel selbst war wegen seiner guten Küche und seiner luxuriösen Ausstattung bekannt.

 

Long fragte sofort nach dem Eigentümer und stand kurz darauf einem großen, schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn ernst begrüßte.

 

Mr. Cravel war sehr elegant und nach der neuesten Mode gekleidet. Trotzdem machte er mehr den Eindruck eines Angestellten als eines Chefs.

 

»Ich habe schon von dem unangenehmen Erlebnis meiner Schwester gehört. Sie hat mich noch in der Nacht antelephoniert.«

 

Sein Auftreten war äußerst ruhig und sicher. Die Gefahr, in der seine Schwester geschwebt hatte, schien wenig Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

 

»Meine Schwester und ich haben keine Feinde, und dieser nächtliche Überfall ist sicher ein Irrtum gewesen. Sind die Leute eigentlich verhaftet worden? Nein? Nun, das überrascht mich nicht. Wollen Sie sich vielleicht Ihr Zimmer ansehen? Es liegt direkt neben Mr. Monkfords Räumen.«

 

»Es würde mich vor allem interessieren, die Gästeliste für nächste Woche einmal einzusehen.«

 

»Die kann ich Ihnen zeigen.« Mr. Cravel nahm einen großen Bogen aus einer Mappe und reichte ihn dem Detektiv, der die langen Reihen schnell überflog.

 

»Miß Revelstoke kommt alle Jahre hierher?« Cravel nickte.

 

»Sie interessiert sich nicht für das Golfspiel, aber sie liebt Gesellschaft. Nora Sanders, die gestern abend von den Verbrechern gesucht wurde, ist ihre Sekretärin.«

 

Der Wetter entgegnete nichts, sondern las die Liste bis zu Ende durch.

 

»Ist Jackson Crayley auch ein Stammgast von Ihnen?«

 

»Ja, letztes Jahr war er hier. Er ist einer unserer besten Freunde, soweit man das von Hotelgästen sagen kann. Mit meiner Schwester ist er besonders befreundet. Wir haben ihn auch schon öfter in Marlow besucht.«

 

Long ging dann nach oben, um sein Quartier zu sehen. Es gehörte zu einer Flucht von drei Räumen, die aus zwei Schlafzimmern und einem Salon bestand. Sie waren bis zur halben Höhe mit schwerem Eichenpaneel getäfelt, nur das Wohnzimmer war in heller schwedischer Birke gehalten. In jedem Zimmer befand sich ein Telephon. Die Schlafzimmer besaßen außerdem noch je einen Baderaum.

 

»Hier schläft Mr. Monkford«, erklärte Cravel und öffnete die Tür zu dem prachtvoll ausgestatteten Raum. »Das Zimmer ist etwas größer als das Ihrige und hat auch eine bessere Aussicht.«

 

Die Räume lagen im zweiten Stock. Long machte ein Fenster auf und schaute hinaus. Unter sich sah er das vorspringende Glasdach des Speisesaals. Die Lage war günstig. Von draußen drohte dem Bankier kaum eine Gefahr, denn das Glasdach machte es unmöglich, eine Leiter an die Wand zu lehnen.

 

Drei Türen führten in das Zimmer. Sie bestanden aus starkem Eichenholz und waren durch Schlösser und Riegel gesichert. Die eine führte zu dem Badezimmer, die andere zum Korridor, die dritte in den Salon.

 

Der Wetter ging an den Wänden entlang und klopfte das Paneel ab.

 

Mr. Cravel lächelte, als er es bemerkte.

 

»Wir haben weder geheime Falltüren noch unterirdische Gänge hier. Ich glaube, Detektive bilden sich immer ein, daß man in alten Häusern dergleichen finden müßte. Aber es stehen nur noch die Außenwände des alten Gebäudes, die innere Einrichtung habe ich vollständig erneuert. Kommen Sie eigentlich aus einem besonderen Grund hierher? Entschuldigen Sie die Frage, aber ich möchte es gern wissen.«

 

»Was für ein Grund sollte denn vorliegen?«

 

»Ich weiß es nicht. Aber man hört so merkwürdige Gerüchte über Mr. Monkford. Mr. Jackson Crayley ist doch sein Nachbar, und er erzählte, daß er große Angst hat. Er fürchtet, daß man ihn ermordet. Stimmt das?«

 

»Mr. Jackson Crayley scheint ja sehr viel von seinem Nachbar zu wissen«, entgegnete der Wetter trocken.

 

Mr. Cravel lachte.

 

»Ich glaube, er weiß viel mehr, als die Leute im allgemeinen annehmen.«