Kapitel 37

 

37

 

Langsam wandte er sich um. Er hörte kein Geräusch und sah nichts von dem Eindringling. Er bückte sich und betastete die Spur. Sie war noch feucht. Panischer Schrecken packte ihn, und er eilte die Treppe hinauf zu seinen Räumen. Vor der Tür stand ein Tablett. Es war das Frühstück, das in seiner Abwesenheit hingestellt worden war. Sein erster Gedanke galt Nora, aber sie lag noch genau so still und ruhig auf dem Bett, wie er sie verlassen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und steckte sein Taschentuch zwischen Kragen und Hals. Dann ging er wieder hinaus, holte das Tablett, trank eine Tasse heißen Tees und fühlte sich etwas wohler. Es war natürlich die Fußspur der alten Köchin, die er eben gesehen hatte! Wenn Alice ihm doch nichts von dem fremden Wagen erzählt hätte! Sie hätte auch den Chauffeur nicht fragen sollen.

 

Er ärgerte sich über seine Schwäche. Sonst war er doch immer so stark gewesen. Und wenn alle schwach wurden, hatte er doch niemals den Mut verloren.

 

Aber diesmal gelang es ihm nicht, seine alte Ruhe zu finden.

 

Als er sich im Spiegel besah, starrte ihm ein aschfahles Gesicht entgegen. Das Mädchen mußte er unbedingt sofort wegbringen. Er schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh, um die Leute zu rufen, die er dazu brauchte. Aber sobald als möglich mußte sie aus Heartsease verschwinden. Er ging wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich zu. Die letzte Spritze, die er ihr gegeben hatte, würde sie noch eine Stunde bewußtlos halten. In der Zwischenzeit mußte er die Dienstboten fortschicken, die noch im Hotel waren. An den Fremden, dessen Fußspuren er gesehen hatte, durfte er nicht mehr denken, sonst konnte er keine klaren Pläne fassen.

 

Auf die Köchin kam es weiter nicht an. Sie war taub und blieb sowieso in der Küche, nachdem sie ihm das Frühstück gebracht hatte. Den einzigen Kellner schickte er mit einem nebensächlichen Auftrag nach London. Während des Winters war der Chauffeur zu gleicher Zeit auch Hausdiener. Selbst auf die Gefahr hin, sich verdächtig zu machen, schickte Cravel diesen Mann zu dem Haupttor, um die Tageskellner abzufangen, die im Ort schliefen. Er sollte ihnen sagen, daß sie heute nicht zu kommen brauchten.

 

All das erforderte Zeit. Schließlich ging er in sein Büro und telephonierte. Zu seiner Beruhigung antwortete ihm eine bekannte Stimme, und er führte fünf Minuten lang eine Unterhaltung in Dänisch.

 

»Ihr müßt sie eben fortschaffen«, sagte er zum Schluß. »Wie, das ist eure Sache… nein, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe den Keller durchsucht, aber dort ist niemand. Schickt Billy sobald als möglich hierher. Wenn wir heute noch durchhalten, sind wir am Ziel.«

 

Er hing den Hörer an und ging zu seinen Räumen zurück. Am Telephon hatte er nichts von dem Unbekannten erwähnt, der in Heartsease eingedrungen war.

 

Die Tür zu dem Schlafzimmer, in dem Nora Sanders lag, war noch verschlossen, und er setzte sich hin, um eine Erklärung für das rätselhafte Verschwinden des Wetters zu finden. Der Mann konnte doch unmöglich entkommen sein. Er war drei Stockwerke tief gefallen, und wenn er sich auch nicht gerade das Genick gebrochen hatte, so mußte er doch schwer verletzt sein. Wie langsam doch die Zeit verging! Immer wieder sah er nach der Uhr.

 

Er konnte nicht hier oben bleiben, soviel war ihm klar. Es mußte jemand unten sein, wenn der Postbote kam, und er mußte unter allen Umständen ruhig werden, mochte es kosten, was es wollte. Wieder sah er nach Nora, und um seiner Sache ganz sicher zu sein, gab er ihr noch eine Spritze. Dann ging er nach unten, um die weitere Entwicklung abzuwarten.

 

Als er ins Freie trat, kam gerade ein großer Wagen die Fahrstraße entlang und hielt gleich darauf vor dem Eingang. Drei Herren stiegen aus.

 

»Ich bin Inspektor Claves von der Berkshire-Polizei«, sagte der eine. »Es ist heute morgen eine Beschwerde bei mir eingegangen, und ich bin von Scotland Yard beauftragt, das Hotel zu durchsuchen.«

 

Er zeigte ein Schriftstück vor, das von einem Friedensrichter des Orts unterzeichnet war.

 

Cravel stand wie vom Schlage gerührt.

 

»Das Hotel durchsuchen?« stöhnte er. »Was hat denn das zu bedeuten?«

 

»Ich weiß es nicht, Mr. Cravel, aber ich muß meine Pflicht tun, und ich hoffe, daß Sie mir keine Schwierigkeiten machen.«

 

Cravel schüttelte nur verstört den Kopf, als ihn die beiden anderen Beamten in die Mitte nahmen.

 

»Haben Sie augenblicklich Gäste hier?«

 

»Nein.«

 

Cravels Stimme klang brüchig und heiser, und er erkannte sie selbst kaum wieder. Die Polizei wollte das Hotel durchsuchen, und oben lag das Mädchen in seinem Schlafzimmer!

 

Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und stiegen dann zum ersten Stock hinauf. In den Räumen, die Miß Revelstoke bewohnt hatte, zeigte sich nichts Verdächtiges. Der nächste Raum war verschlossen.

 

»Haben Sie einen Schlüssel dazu?«

 

»Der Hauptschlüssel ist in meinem Büro.«

 

»Holen Sie ihn«, erwiderte der Inspektor kurz.

 

Cravel ging in Begleitung eines Beamten nach unten, aber er konnte den Schlüssel, der sonst immer an einem kleinen Haken des Pultes hing, nicht finden. Schließlich nahm er aus dem Empfangsraum den Schlüssel von Zimmer Nr. 3 mit.

 

Es war ihm unmöglich, logisch und zusammenhängend zu denken. Er wußte nur, daß irgendeine böse Wendung die Pläne der Bande des Schreckens zum Scheitern brachte. Langsam und unerbittlich brach das Unglück herein.

 

Warum wurde das Hotel von der Polizei durchsucht? Wer hatte Anzeige gegen ihn erstattet?

 

Claves öffnete die Tür und ging hinein, während Cravel draußen warten mußte. Nach einer Weile kam er zurück.

 

»Was bedeuten denn all die Gerüste und das große Loch?« fragte er.

 

»Hier wird der neue Fahrstuhl eingebaut. Ich halte die Tür verschlossen, damit nicht einer der Dienstboten durch das Loch fallen kann.«

 

Er machte noch einige Angaben über die baulichen Veränderungen und deren Kosten. Die Beamten gingen zum nächsten Zimmer und stiegen dann die Treppe zur weiteren Etage hinauf. Cravel folgte ihnen willenlos. Vielleicht übersahen sie die Tür in dem Paneel. Es war ein dunkler Morgen, und das Schloß war sehr geschickt versteckt.

 

Verzweiflung packte ihn, als der Inspektor direkt auf die Geheimtür zuging.

 

»Da können Sie nicht hineingehen«, stieß er hervor. Das Sprechen fiel ihm schwer, und es wurde ihm klar, daß er sich durch sein aufgeregtes Wesen verriet.

 

»Ich habe – da ist ein Freund von mir … er ist krank …«

 

»Geben Sie mir den Schlüssel.«

 

»Ich sage Ihnen doch, daß ein Freund …«

 

»Widersetzen Sie sich nicht. Sie haben doch nichts zu verstecken?«

 

Cravel schüttelte nur den Kopf und reichte Claves den Schlüssel wie im Traum. Der Inspektor öffnete die Tür und trat ein.

 

»Hier ist aber auch noch ein anderes Zimmer.«

 

Cravel biß die Zähne zusammen, als der Beamte ins Schlafzimmer ging. Gleich darauf kam der Inspektor wieder heraus.

 

»Es ist kein Mensch hier.«

 

Die Tür stand weit offen, und Cravel sah fassungslos auf das leere Bett. Nora Sanders war verschwunden!

 

Kapitel 38

 

38

 

Die weitere Durchsuchung schien eine Ewigkeit zu dauern, und Cravel folgte den Beamten verstört von Zimmer zu Zimmer. Schließlich kamen sie wieder nach unten in die Halle, und Claves gab den Schlüssel zurück.

 

»Eine solche Hausdurchsuchung ist immer sehr unangenehm für alle Beteiligten«, sagte er höflich. »Aber Sie wußten ja, daß mir nichts anderes übrig blieb.«

 

Cravel erwiderte nichts. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander.

 

Der Inspektor blieb noch zurück, während die beiden anderen Beamten zu dem Polizeiwagen gingen.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Umstände mache, aber ich muß Sie noch etwas fragen. Wollen wir nicht in Ihr Zimmer hinaufgehen?«

 

Er begleitete den bestürzten Hotelbesitzer nach oben.

 

»Dies ist doch ein sehr altes Haus?« fragte er, als sie angekommen waren.

 

Cravel zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Sie denken wohl an unterirdische Gänge?«

 

»Nein, daran habe ich wirklich nicht gedacht. Aber antworten Sie mir, ist es ein altes Haus?«

 

»Ja, es stammt aus den Zeiten der Tudors. Einige Teile sind sogar noch älter.«

 

Cravel wußte nicht, worauf der Inspektor hinauswollte. Warum waren die anderen Beamten fortgegangen, und warum wurde er weiterverhört?

 

»Können Sie mir nicht sagen, warum Sie eigentlich hergekommen sind?«

 

»Ich glaube, es handelt sich um Monkfords Tod«, sagte der Inspektor langsam und sah Cravel durchdringend an. »Die Sache ist der Polizei von Berkshire ebenso rätselhaft wie Scotland Yard, und ich möchte Sie fragen, ob Sie nicht irgend etwas darüber zu sagen haben.«

 

»Bin ich denn verhaftet?« fragte Cravel schnell. Claves schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das nicht. Ich frage Sie nur.«

 

Cravel hatte jetzt seine Selbstbeherrschung wiedererlangt.

 

»Ich bin schon früher darüber gefragt worden, und ich habe alle Erklärungen abgegeben, zu denen ich imstande war«, entgegnete er kurz.

 

Der Inspektor zögerte.

 

»Ich wollte Ihnen nur das eine sagen. Wenn ein Mann irgendwie in die Sache verwickelt wäre – ich meine, nicht ernstlich – wäre es da nicht gut für ihn, wenn er sich als Kronzeuge meldete? Dadurch könnte er wahrscheinlich einer schweren Strafe entgehen.«

 

Cravel lachte. Diese Polizeibeamten waren doch manchmal wirklich zu kindisch!

 

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß ich mich eines so schrecklichen Mordes schuldig gemacht haben sollte? Das bilden Sie sich doch wohl nicht ein?«

 

»Nein.«

 

Der Inspektor stellte dann noch eine Menge bedeutungsloser Fragen. Er mußte irgendeine Absicht damit verfolgen, aber Cravel wurde nicht klug daraus. Das Verhör dauerte eine Viertelstunde, aber erst gegen Ende kam noch eine wichtige Frage.

 

»Ich habe Nachricht erhalten, daß Inspektor Long und Sergeant Rouch heute morgen hierher gekommen sind. Was ist aus ihnen geworden?«

 

»Sie sind wieder fortgefahren«, entgegnete Cravel kühl. »Mit Mr. Long stehe ich gerade nicht sehr gut. Angeblich ist die Sekretärin von Miß Revelstoke vorige Nacht aus einem Krankenhaus von London verschwunden, und weil Inspektor Long wußte, daß ich mich für die junge Dame interessiere, kam er um fünf Uhr morgens hierher und blieb etwa eine Viertelstunde hier. Seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen.«

 

»Ist er fortgefahren?«

 

»Er hatte ein Auto, einen Polizeiwagen, und da wäre es doch töricht gewesen, wenn er zu Fuß gegangen wäre«, erwiderte Cravel ironisch.

 

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Inspektor erhob sich und unterhielt sich leise mit einem seiner Beamten.

 

»Es ist gut, Mr. Cravel«, sagte er dann. »Mehr wollte ich nicht wissen.«

 

Zu Cravels größter Beruhigung fuhr das Polizeiauto endlich ab.

 

Jetzt hatte er Zeit, klar nachzudenken und sich auf eine schleunige Flucht vorzubereiten.

 

Er ging in sein Wohnzimmer, in dem auch ein kleiner Mahagonischreibtisch stand. Dort verwahrte er in einer Geheimschublade eine Stahlkassette, die mit amerikanischen Banknoten gefüllt war. Er nahm sie heraus und stellte sie auf den Tisch. Aus einer anderen Schublade holte er eine Handvoll englischer Banknoten. Dann wechselte er rasch seinen Anzug.

 

In der Garage des Hotels wartete ein starkmotoriger Wagen auf ihn, und sein Plan war schon seit langem gefaßt. Seit Jahren hatte er Woche für Woche die Abfahrtszeiten der Dampfer von Genua nach New York aufnotiert, und er besaß auch einen amerikanischen Paß.

 

Clay Shelton hatte ja zum Vergnügen derartige Pässe gefälscht, und es gab kein Mitglied der Bande, das nicht über die nötigen Personalpapiere verfügte, die im Augenblick der Gefahr Sicherheit gewählten.

 

Er hörte schnelle Schritte in der Halle und steckte das Geld rasch ein. Als Alice in den Raum kam, deutete nichts daraufhin, daß er schleunigst fliehen wollte.

 

»Die Polizei ist hier gewesen«, sagte er.

 

»Ich traf den Wagen auf der Straße unten. Sie hielten mich an und fragten mich eine Menge gleichgültige Dinge. Von Inspektor Long und Nora Sanders haben sie nichts gesagt. Wo sind die beiden?«

 

Er zuckte die Schultern.

 

»Das mag der Himmel wissen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Sind sie nicht hier?«

 

»Soweit ich weiß, sind sie nicht hier.«

 

»Wo sind denn die anderen – haben sie das Mädchen mitgenommen?«

 

»Da fragst du sie besser selbst«, erwiderte er ärgerlich.

 

Sie sah ihn argwöhnisch von der Seite an.

 

»Sie haben sie wieder fortgeholt. Ich sah vor zehn Minuten einen Krankenwagen auf der Chaussee. Ich hätte ihn anhalten sollen, aber ich war meiner Sache nicht sicher.«

 

»Ein Krankenwagen? Nach welcher Richtung fuhr er denn?«

 

»Nach London.«

 

Er strich nervös über sein Haar. Die Ereignisse überstürzten sich, und er hatte vollkommen die Führung verloren.

 

»Soweit mir bekannt ist, kann sie nicht in einem Krankenwagen fortgefahren sein. Höchstens könnten sie Miß Sanders fortgeschmuggelt haben, während die Polizei das Hotel durchsuchte. An diese Möglichkeit habe ich allerdings auch schon gedacht.«

 

Mit ein paar Worten erklärte er ihr, was geschehen war.

 

»Und wo ist Inspektor Long?«

 

Er stöhnte.

 

»Frage mich nicht nach ihm! Er ist abgestürzt und hätte tot sein müssen, aber anscheinend ist das nicht der Fall.«

 

»Wohin willst du denn gehen?« fragte sie plötzlich und betrachtete ihn aufmerksam.

 

»Zur Stadt«, wich er aus. »Ich muß noch verschiedenes regeln.«

 

»Du willst aus dem Land fliehen!«

 

»Aber rede doch nicht solchen Unsinn«, rief er wild. »Warum sollte ich denn das tun?«

 

»Ich bin davon überzeugt, daß das deine Absicht ist. Wer hätte denn auch mehr zu verlieren als du? In alle möglichen Bluttaten bist du verwickelt! Was hast du denn mit dem Sergeanten Rouch gemacht?«

 

Er antwortete nicht.

 

»Du hast ihn niedergeschlagen, und du glaubst, daß er mit dem Wagen von Inspektor Long in den Fluß gestürzt ist. Aber da irrst du!«

 

Er starrte sie ungläubig an.

 

»Woher weißt du das?« fragte er heiser.

 

»Er lebt – er lag nicht in dem Wagen, als du ihn den Abhang hinunterjagtest. In der Nähe der Straßenkreuzung von Sunningdale ist er aus dem Auto gesprungen. Er muß sich inzwischen erholt haben.«

 

Ein Schweigen folgte.

 

»Wie hast du das erfahren?«

 

»Der Mann in der Garage in Sunningdale erzählte es mir, als ich hinkam. Deshalb bin ich zurückgekommen. Rouch hat in der Garage mit der Berkshirepolizei telephoniert und deshalb haben sie das Hotel durchsucht.«

 

»Das ist allerdings entsetzlich.«

 

Langsam hob er den Kopf und sah sie an.

 

»Hast du Geld?«

 

»Ich habe genug, um einige Zeit davon zu leben.«

 

»Es wäre besser, wenn du auch so schnell als möglich England verlassen würdest.«

 

»Was hältst du denn für den besten Weg?« fragte sie und sah ihn düster an.

 

»Wie meinst du das?«

 

»Was ist das beste für eine Maus, wenn die Katze mit ihr spielt? Soweit ist es jetzt gekommen.« Er schaute sich nervös um.

 

»Kannst du nicht die anderen durchs Telephon warnen?«

 

»Das habe ich bereits in der Halle versucht. Weißt du, mit wem ich gesprochen habe? Ein Polizeibeamter sitzt in der Zentrale! Für dich gibt es nur noch einen Ausweg. Du willst England verlassen? Nein, du wirst Jackies Los teilen.«

 

Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.

 

»Ich mußte es tun«, sagte er leise. »Du weißt…«

 

»Ja, ich weiß. Wohin willst du?«

 

»Ich will meinen Wagen aus der Garage holen.«

 

»Weißt du, wieweit du damit kommst?« fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Vor jedem Parktor stehen zwei Polizisten, und einer von ihnen hat ein Motorrad. Du kommst nicht mehr aus Heartsease hinaus.«

 

Sie verließ ihn als einen gebrochenen Mann.

 

Plötzlich hörte er eine Stimme auf dem Korridor, erhob sich und riß die Tür auf.

 

Wetter Long stand vor ihm.

 

Kapitel 39

 

39

 

Nur ein paar Pflasterstreifen klebten auf seiner Stirne. Sonst verriet nichts, daß er einen Unfall gehabt hatte.

 

»Sie sind ein schlechter Leichenhauswärter, Cravel«, begann er. »Mein Kollege von Berkshire hat sich heute morgen ein wenig mit Ihnen unterhalten, was? Ein liebenswürdiger Herr, aber er hat zu wenig Phantasie. Was sagen Sie denn zu seinem Vorschlag, daß Sie Kronzeuge werden sollen?«

 

Cravel fand schließlich seine Stimme wieder.

 

»Woher kommen Sie denn?«

 

»Mein liebes Baby, von irgendwoher. Wenn Sie es genau wissen wollen, werde ich es Ihnen sagen – aus Zimmer Nr. 3. Ich hätte auch dort sterben können, aber ein guter Samariter hat sich meiner angenommen.«

 

»Wo ist Nora?«

 

»Ach, Sie meinen Miß Sanders? Sie ist auf dem Weg nach London. Wie wenig intelligent Sie doch in letzter Zeit sind, Cravel. Weshalb hat Sie wohl der Inspektor so lange verhört? Während dieser Zeit haben wir Miß Sanders aus dem Hause geschafft! Mein Freund hat sich Ihren Hauptschlüssel heute morgen in aller Frühe angeeignet, und ich habe die Gelegenheit ausgenützt, während der Inspektor das Erdgeschoß mit Ihnen durchsuchte. Ich bin sehr froh, daß Sie mich nicht überrascht haben, sonst hätte der Henker nichts mehr zu tun gehabt. Ich hätte Ihnen tatsächlich den Schädel eingeschlagen oder Ihnen das Genick umgedreht. Sie wissen wahrscheinlich, warum ich gekommen bin?«

 

»Ich kann es vermuten.«

 

Cravel war jetzt sehr ruhig und gefaßt. Er fürchtete sich nicht mehr, da er der greifbaren Gefahr gegenüberstand.

 

»Ich will Ihnen noch eine letzte Chance geben – versprechen kann ich Ihnen allerdings nichts. Ich möchte wissen, wie Monkford ermordet wurde. Wenn Sie nicht direkt der Täter sind, haben Sie immer noch eine geringe Möglichkeit, zu entkommen.«

 

»Sie meinen, wenn ich als Kronzeuge auftrete«, erwiderte Cravel ironisch. »Sie kennen mich doch so gut – glauben Sie wirklich, daß ich meine Freunde verraten würde?« Er überlegte einen Augenblick. »Sie hatten also den Hauptschlüssel! Ich habe ihn erst vermißt, als mich der verdammte Inspektor hinunterschickte, um den Schlüssel zu Zimmer Nr. 3 zu holen.«

 

»Und während Sie unten waren, habe ich die Tür von Nr. 3 von innen geöffnet und mich dem erstaunten Inspektor vorgestellt. Sie entsinnen sich, daß er allein in das Zimmer ging, um es zu durchsuchen? Das tat er, weil er wußte, daß sich dort drei Leute versteckten. Ich hatte dann auch Gelegenheit, mich mit ihm über die weiteren Maßnahmen zu verständigen.«

 

»Wo ist meine Schwester?« fragte Cravel plötzlich.

 

»Sie ist mit einem meiner Freunde fortgegangen.«

 

»Ist sie verhaftet?« fragte er schnell.

 

Der Wetter nickte.

 

»Ich glaube, daß sie davonkommt, aber sie wird auch die einzige sein. Jackson Crayley wäre wahrscheinlich auch davongekommen, aber Sie haben ihn ja schon vorher gerichtet. Das war eine große Schurkerei, Cravel.«

 

Der Hotelbesitzer senkte den Blick, aber plötzlich sah er wieder auf.

 

»Sie wollen wissen, wie Monkford getötet wurde? Unter diesen Umständen ist es wohl das beste, daß ich es Ihnen sage.«

 

»Haben Sie ihn erschossen?«

 

»Nein.«

 

»Hat es einer der anderen getan?«

 

»Nein, er hat sich selbst erschossen.«

 

Der Wetter lächelte ungläubig.

 

»Es wurde doch aber keine Waffe gefunden.«

 

»Die Waffe war schon vorhanden«, sagte Cravel. »Sie wußten bloß nichts davon, als Sie sie in der Hand hatten. Wollen Sie wissen, wie es vor sich ging?«

 

Der Wetter zeigte auf die Tür und Cravel ging hinaus.

 

»Kann ich einmal meinen Schlüssel haben?« fragte er und öffnete die Tür zu dem Mordzimmer, nachdem er ihn erhalten hatte.

 

Cravel sah böse lächelnd auf das gähnende Loch im Fußboden.

 

»Bitte, gehen Sie nicht zu nahe heran. Heute morgen hätten wir beinahe schon einen Unfall gehabt.«

 

Wetter Long wußte den Galgenhumor des Mannes zu würdigen.

 

»Die ganze Sache war sehr einfach und genial ausgedacht«, begann Cravel, »aber wie alle genialen –«

 

Plötzlich brach er ab und horchte.

 

»Mein Telephon läutet – kann ich einen Augenblick hinuntergehen?«

 

Der Wetter nickte. Cravel hatte keine Möglichkeit, zu entkommen. Der vordere und der hintere Ausgang wurden scharf von Polizisten bewacht. Long sah sich in dem Zimmer um, das so traurige Erinnerungen in ihm wachrief. Das Bett stand noch an der anderen Seite der gähnenden Öffnung – die Falle hatten sie sehr geschickt gestellt.

 

Er hörte, wie Cravel die Treppe heraufeilte, und ging ihm bis zur Tür entgegen.

 

»Der Anruf galt Ihnen«, sagte Cravel ein wenig außer Atem. »Ich habe zu diesem Apparat durchgesteckt.«

 

Das Telephon befand sich noch an seinem alten Platz. Cravel nahm den Hörer ab und reichte ihn Long.

 

»Es meldet sich niemand. Die Leitung scheint keinen Strom zu haben.«

 

»Das ist manchmal so. Drücken Sie nur ein paarmal den Haken herunter.«

 

Der Wetter hatte den Finger schon darauf gelegt, als er plötzlich instinktiv Gefahr vermutete.

 

Aber es war zu spät; der Hebel war bereits heruntergedrückt. Der Wetter bückte sich schnell, ohne selbst zu wissen, warum er das tat.

 

Im nächsten Moment erfolgte eine Explosion, und er ließ den Apparat auf den Boden fallen. Dann wandte er sich um. Cravel stand aufgerichtet an der gegenüberliegenden Wand. Blut lief über sein Gesicht, und in der Mitte seiner Stirne zeigte sich ein kleiner roter Fleck. Dann schwankte er plötzlich und stürzte zu Boden. Er war tot!

 

Der Wetter eilte zur Treppe und rief den Posten herauf, der unten stand. Sie hoben Cravel auf und legten ihn auf das Bett. Long fühlte seinen Puls – er schlug nicht mehr. Er riß das Hemd auf – das Herz stand still.

 

»Wie ist das bloß geschehen?« fragte der Polizist bestürzt.

 

Arnold Long antwortete nicht. Er nahm das Telephon auf, untersuchte die Schalldose und entdeckte in der Mitte die Mündung eines Laufs. Er schraubte den Apparat auseinander, und nun enthüllte sich ihm das Geheimnis. Dieses Instrument war tatsächlich eine Menschenfalle mit einer eingebauten kleinen Pistole. Der Schuß wurde durch elektrischen Strom ausgelöst, wenn man den Hebel herunterdrückte.

 

Dann fiel Long ein, daß er das Telephon kurz nach Monkfords Tod gesehen und auch selbst benützt hatte. Jetzt wurde ihm auch klar, warum man die Feuerwerkskörper in Noras Zimmer geworfen hatte. Cravel wollte dadurch nur seine Aufmerksamkeit ablenken. In der Zwischenzeit hatte er diesen Apparat gegen einen anderen ausgetauscht. –

 

Bei der Polizeistation machte er auf seinem Wege zur Stadt halt, um Alice Cravel mitzuteilen, was sich ereignet hatte. Zu seiner Erleichterung nahm sie die Nachricht mit größter Ruhe auf.

 

»Ich bin froh darüber«, sagte sie. »Es ist besser, daß er auf diese Weise aus dem Leben schied. Er muß direkt hinter Ihnen gestanden haben. Sie sind mit genauer Not dem Tode entgangen, Mr. Long.«

 

»Wußten Sie, daß er diese Falle für mich gelegt hatte?«

 

»Nein. Ich fürchtete, er würde etwas ganz anderes tun.« –

 

Gegen Mittag kam der Wetter wieder in seiner Wohnung an.

 

»Der Diener Sir Godleys hat dauernd angeläutet«, berichtete ihm sein Diener. »Ich soll Ihnen mitteilen, daß Ihr Vater nach Hause zurückgekehrt ist.«

 

»Allerdings eine überraschende Nachricht«, meinte der Inspektor ironisch.

 

Er hatte noch viel zu tun. Colonel Macfarlane störte er beim Mittagessen, um sich verschiedene Unterschriften von ihm zu verschaffen. Um halb vier erschien er mit Sergeant Rouch in Mr. Henrys Büro.

 

Der Rechtsanwalt brach zusammen, als er den Wetter erblickte, denn er war nicht so stark wie Cravel und besaß nicht dessen eiserne Nerven. Er hatte noch nichts davon gehört, daß der Mordplan gegen den Wetter mißlungen war.

 

Zitternd saß er in seinem Stuhl und konnte sich weder bewegen noch sprechen.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie störe«, begann Long. »Sie dachten natürlich, daß ich bereits zu meinen Vätern versammelt wäre. Aber da Sie mich kennen, Mr. Henry, werden Sie wohl wissen, warum ich jetzt komme. Ich verhafte Sie unter der Anklage der Mittäterschaft am Mord an Joshua Monkford, begangen am ersten August dieses Jahres. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen und warnen, daß alles, was Sie sagen, bei dem Prozeß gegen Sie ausgenützt wird.«

 

Henry konnte noch nicht sprechen. Er starrte ins Leere. Erst als der Wetter auf ihn zutrat, ihn am Arm packte und aufrichtete, kam er wieder zu sich.

 

»Wo ist – wo ist Cravel?« fragte er heiser.

 

»Tot.«

 

Henry starrte ihn an, als ob er ihn nicht verstünde. Dann begann er plötzlich unheimlich zu lachen.

 

»Das ist aber merkwürdig – Cravel ist tot? Wirklich merkwürdig!«

 

Er schüttelte den Kopf und lachte blöde, als ihn die Polizisten zu dem Auto führten, das vor der Tür wartete.

 

Kapitel 31

 

31

 

Die Bande des Schreckens gab dem Wetter in mancher Beziehung Rätsel auf. Er wußte zum Beispiel nicht, auf welche Weise sie sich mit der Verbrecherwelt in Verbindung setzte. Er hatte wohl gehört, daß der »alte Junge«, den sie auch den »Professor« nannten, die Vermittlung übernahm, aber er hielt das Gerede darüber für eine Erfindung.

 

Die Bande des Schreckens war eine Klasse für sich. Die Mitglieder waren zu klug, um sich mit den gewöhnlichen, ehrlosen Verbrechern einzulassen, denen man niemals vertrauen konnte.

 

Als Long an dem Abend in seine Wohnung kam, fand er einen Brief aus »Little Heartsease« vor, und er erkannte sofort die Schriftzüge Mr. Cravels.

 

»Mein lieber Mr. Long,

 

die Saison hat für uns mit einer großen Katastrophe geendet, wie ja vorauszusehen war. Aber Mr. Monkford war ein so guter Freund von uns, daß sein Tod alle persönlichen Sorgen überschattet. Vielleicht interessieren Sie sich für eine Lösung, die ich gefunden habe, wenn sie Ihnen auch etwas phantastisch erscheinen mag. Wenn Sie am sechzehnten des Monats Zeit haben, würde ich mich sehr über Ihren Besuch freuen. Ich könnte dann die Sache in aller Ruhe mit Ihnen besprechen.«

 

 

Der Wetter grinste.

 

Der sechzehnte August! Das war so gut wie eine Einladung der Spinne an die Fliege, sie in ihrem Netz zu besuchen. Womöglich war auch der »Professor« dort, um ihn zu begrüßen.

 

Er faltete den Brief zusammen und legte ihn in seine Brieftasche. Und wenn er auch lächelte, so war ihm doch nicht sehr wohl zumute. Das Datum des Briefes, das mit dem Datum auf der Kabinenwand übereinstimmte, machte ihn nachdenklich. Bis zum Morgen des sechzehnten sollte er sich sicher fühlen, das wollten sie ihm unter allen Umständen suggerieren. Aber gerade zwischen dem heutigen Tage und dem sechzehnten war die Gefahr für ihn größer als je. Jede Stunde konnte sich sein Schicksal erfüllen, und diese Aussicht war nicht gerade sehr verlockend. Die Galgenhand streckte sich nach ihm aus, die auch den Richter, den Staatsanwalt, den Henker und Monkford unter die Erde gebogen hatte. Er wurde schließlich so nervös, daß er zusammenschreckte, als sein Diener an die Tür klopfte.

 

»Donnerwetter«, sagte er, ärgerlich über sich selbst. »Das darf doch nicht passieren – Kommen Sie herein!«

 

»Wollen Sie Miß Alice Cravel empfangen?« fragte der Mann.

 

Kapitel 32

 

32

 

Der Wetter nickte.

 

»Führen Sie die Dame herein.«

 

Gleich darauf trat sie ins Zimmer, wie immer elegant gekleidet. Aber ihr Gesicht hatte sich vollkommen verändert. Sie war nicht mehr die heitere junge Dame, die er das letztemal in Heartsease gesehen hatte. Ihre Züge waren hart und verbittert, und sie sah aus, als ob sie in der letzten Zeit wenig geschlafen hätte. Schweigend starrte sie ihn an, bis der Diener gegangen war.

 

»Nein, ich danke. Ich möchte mich nicht setzen«, erwiderte sie auf seine Einladung. »Schätzen Sie Ihr Leben?« fragte sie dann unvermittelt.

 

»Sehr.«

 

»Crayley liebte das Leben auch.«

 

Ihr Benehmen war so seltsam, daß er glaubte, sie hätte sich dem Alkohol ergeben oder vielleicht ein Rauschgift genommen.

 

»Jackson Crayley liebte das Leben, obwohl Sie ihn für einen Trottel hielten. Sie glaubten, der Rosengarten und seine Blumen interessierten ihn nicht, aber ich sage Ihnen, daß er sich an den Farben berauschte, und daß der Duft der Blumen ihm das Dasein schön und begehrenswert machte. Jackson umgab sich mit kostbaren und schönen Dingen. Und jetzt ist er tot – tot.« Sie bedeckte die Augen mit der Hand und schwankte einen Augenblick. Er fürchtete, sie würde umsinken, und rückte einen Stuhl für sie zurecht.

 

»Nein, ich will stehen«, sagte sie ungeduldig. »Ich will Ihnen auch noch etwas anderes sagen – ich hasse Sie!« Sie sprach ganz leise.

 

Er zweifelte nicht an ihren Worten, denn Haß sprühte aus ihren Augen, und Haß sprach aus ihren verbissenen Zügen.

 

»Ich hasse Sie«, wiederholte sie. »Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie hasse. Aber ich will nicht, daß Sie sterben – können Sie das verstehen? Ich will nicht, daß Sie umkommen!«

 

Bei den letzten Worten schlug sie mit der Hand auf den Tisch.

 

»Sie sollen leben! Oh, ich bin es satt, all dies viele Blutvergießen!« Sie streckte die Arme aus, und er glaubte, sie würde in Tränen ausbrechen. Aber sie beherrschte sich. »Eigentlich sollte es mir ja gleichgültig sein, ob Sie sterben oder nicht, aber ich mag keine Leichen mehr sehen.«

 

Sie schaute ihn durchdringend an.

 

»Wollen Sie sich nicht mehr mit dem Fall beschäftigen und die anderen in Ruhe lassen?«

 

»Aber warum denn? Selbst wenn ich mich von der Bearbeitung des Falles zurückzöge, wie könnte ich ihrer Rache entgehen?«

 

»Reisen Sie ein paar Monate ins Ausland – zwei Monate – ein Monat genügt.«

 

Sie sprach sehr erregt und atmete schnell. Jede Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, und ihre Wangen und Lippen waren bleich.

 

»Ich muß Ihnen noch etwas sagen«, fuhr sie atemlos fort. »Neulich wären Sie beinahe ermordet worden. Ich wurde mit anderen ausgeschickt, um Sie daran zu hindern, eine Schußwaffe zu ziehen. Erinnern Sie sich an den Abend? Ich habe Ihnen nachher vorgelogen, daß man mich entführen wollte. Sie haben ja gleich gesehen, daß ich nicht die Wahrheit sagte. Ich wußte es in dem Augenblick, als Sie mich fragten, in welchem Theater ich gewesen wäre. Aber es ist mir gleich, was Sie jetzt mit mir machen. Ich wünschte nur, daß Sie mich ins Gefängnis steckten und mich so lange dort behielten, bis alles – alles vorüber ist. Ich habe Ihnen doch nun genug erzählt – haben Sie es nicht gehört? Ich war an dem Mordanschlag auf Sie beteiligt!«

 

»Wer war denn der Mann, der auf mich geschossen hat?«

 

Sie warf den Kopf ungeduldig zurück.

 

»Das kann ich Ihnen nicht sagen – Sie wissen selbst, daß ich Ihnen das nicht sagen werde. Aber ich war an dem Plan beteiligt – genügt das nicht? Können Sie mich nicht verhaften? Deshalb bin ich hergekommen! Und ich wollte Sie warnen.«

 

»Wer war der Mann, der auf mich geschossen hat?« fragte er noch einmal.

 

»Was kommt es denn darauf an? Glauben Sie wirklich auch nur einen Augenblick, daß ich es Ihnen sagen würde?«

 

»War es Ihr Bruder?«

 

»Nein, mein Bruder war an dem Abend in Little Heartsease. Das ist Ihnen gut genug bekannt, denn Sie haben sich genau darüber informiert. Am nächsten Tage sind Sie ja hingefahren, um ihn zu sprechen. Und Sie haben durch einen Ihrer Leute die Dienerschaft und die Kellner verhören lassen, und selbst die Gäste haben Sie ausgefragt!«

 

»War es Henry?«

 

»Nein«, sagte sie verächtlich. »Ich habe viel gewagt, als ich hierherkam. Warum betrachten Sie eigentlich dauernd meine Hände? Dreimal hätte ich Sie schon ermorden können, wenn ich gewollt hätte! Sie halten das natürlich für eine eitle Prahlerei, aber es ist die reine Wahrheit.«

 

In seinem Gesicht drückten sich Zweifel aus.

 

»Sie scheuen sich vor mir, weil ich eine Frau bin, und Sie würden zögern, auf mich zu feuern. Aber, selbst wenn ich ein Mann wäre, könnten Sie mich weder fassen noch erschießen.«

 

Sie hob plötzlich die Hand über den Kopf und schnalzte mit den Fingern. Grelles Licht blitzte auf, und er fuhr geblendet zurück. Als er die Augen wieder öffnete, konnte er nichts erkennen. Erst später sah er eine dicke, weiße Wolke, die sich an der Decke entlangzog.

 

»Magnesium«, sagte sie ruhig. »Ich hatte die Augen geschlossen, als ich es abbrannte, aber Sie hatten sie offen. Wie einen Hund hätte ich Sie niederschießen können, wenn ich gewollt hätte. Glauben Sie mir jetzt?«

 

Arnold atmete schwer.

 

»Ja, ich glaube Ihnen. Von dieser Seite habe ich Sie noch nicht kennen gelernt, Miß Cravel.«

 

»Sie kennen mich noch lange nicht«, erwiderte sie verächtlich. »Dreimal hat man einen Versuch gemacht, Sie zu ermorden, und dreimal ist es fehlgeschlagen. Aber schließlich müssen Sie doch noch daran glauben, Wetter Long.« Sie sah ihm fest ins Gesicht. »Ich bin heute gesprächig, und ich werde Ihnen noch etwas mitteilen. Ich fürchte mich davor, daß sie Sie ermorden, und ich fürchte mich davor, daß es ihnen mißlingt. Denn wenn sie diesmal keinen Erfolg haben, werden sie gefangen, und dann ist alles zu Ende. – Wollen Sie mich jetzt verhaften? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie es täten. Ich bin nicht von Sinnen, Wetter Long. Aber es ist mir alles zuwider – es ist alles so entsetzlich!«

 

Er nahm den Brief aus der Tasche und reichte ihr das Blatt. Sie hatte kaum den Anfang gelesen, als sie ihn wieder zurückgab.

 

»Ich weiß alles. Gehen Sie hin?«

 

Er nickte.

 

»Am sechzehnten?«

 

Wieder nickte er.

 

»Was erwarten Sie denn dort?«

 

»Schwierigkeiten.«

 

»Ja, die Hölle wird Ihnen schon heiß gemacht werden«, sagte sie zwischen den Zähnen. »Sie wissen nicht, was in Heartsease auf Sie wartet.«

 

Die Warnung machte Eindruck auf ihn, aber er antwortete nicht. Er beobachtete sie, während sie den verräucherten Handschuh auszog und gegen einen anderen wechselte, den sie aus ihrer Handtasche nahm.

 

»Es läßt sich nichts mit Ihnen anfangen. Ich fürchtete es schon. Wo ist denn Miß Sanders?«

 

»In einem Krankenhaus.«

 

»Und Sie glauben, daß sie dort sicher ist?« fragte sie lächelnd.

 

»Ich sollte es wenigstens annehmen. Ein Detektiv bewacht die Vorderseite des Gebäudes, ein anderer die Rückseite.«

 

»Und sie holen Miß Sanders doch heraus, wenn sie wollen.«

 

»Wetten, daß nicht?«

 

»Die Wette verlieren Sie!«

 

Sie wollte noch etwas sagen, änderte aber ihre Meinung und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen und wandte sich noch einmal um.

 

»Ihre Bande des Schreckens braucht Nora Sanders«, sagte sie, und ihre Lippen zuckten. »Braucht sie dringend! Den Grund ahnen Sie nicht.«

 

»Weil sie kein Geld mehr hat«, entgegnete er prompt.

 

Sie schaute ihn erstaunt an.

 

»Woher wissen Sie denn das?«

 

»Die Bande hat keine Mittel mehr.«

 

»Glauben Sie?« fragte sie leise. »Nun, hüten Sie auf jeden Fall Miß Sanders.«

 

Er fühlte, daß diese Warnung aufrichtig gemeint war. Noch lange, nachdem Alice Cravel gegangen war, wanderte er in seinem Zimmer auf und ab.

 

Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und skizzierte den Plan des Krankenhauses. Er hatte die größten Anstrengungen gemacht, um eine nochmalige Entführung Noras zu verhindern. Von allen Seiten betrachtete er den Plan und überlegte jede Möglichkeit eines Angriffs. Das Ende der Bande des Schreckens stand bevor, aber die Leute würden sich nicht ohne Kampf ergeben.

 

Er ging zu dem Krankenhaus, um noch einmal mit der Vorsteherin zu sprechen. Sie war eine pflichteifrige, zuverlässige Frau und wies den Gedanken, daß Miß Sanders aus dem Hospital entführt werden könnte, weit von sich.

 

»Sie ist doch vollkommen sicher hier, besonders da das Haus von Detektiven bewacht wird.«

 

Als er neben der Vorsteherin in der Halle stand, hörte er ein Stöhnen von oben. Die Frau lächelte.

 

»Das ist eine Frau, die mit den Nerven zusammengebrochen ist. Sie wurde heute nachmittag eingeliefert. Sie ist hysterisch und glaubt, daß sie schwer krank sei. Wenn sie nur Ruhe geben wollte!«

 

»Stört sie denn die anderen Patienten nicht?«

 

»Heute abend kommt sie wieder fort. Ich habe dem Arzt, der sie behandelt, schon gesagt, daß ich sie nicht länger behalten kann. Der jungen Frau fehlt nicht mehr als mir und Ihnen. Sie kann ebenso gut gehen und laufen wie jeder andere Mensch, aber sie besteht darauf, daß sie getragen wird.«

 

Long kehrte beruhigt zu seiner Wohnung zurück, Trotzdem verachtete er Alices Warnung nicht. Sein Diener war ausgegangen, hatte aber eine kurze Notiz auf dem Tisch zurückgelassen.

 

»Bitte, rufen Sie Sergeant Rouch an.«

 

Der Wetter ging zu dem Telephon.

 

»Ich glaube, daß ich den Verbindungsmann zwischen der Bande und der Unterwelt gefunden habe«, erklärte Rouch. »Kann ich zu Ihnen kommen?«

 

»Ja, kommen Sie gleich«, erwiderte Long.

 

Eine Viertelstunde später stand der Sergeant vor ihm. Er hatte einen bleichen Mann mitgebracht, der als einer der besten Spitzel in London galt und in der Unterwelt bekannt war. Er bildete eine Ausnahme unter den Polizeispitzeln, denn es gelang ihm, sich unter den Verbrechern eine gewisse Achtung zu sichern.

 

»Sagen Sie jetzt dem Inspektor, was Sie mir vorher berichtet haben«, forderte ihn Rouch auf.

 

»Sie suchen nach dem Professor. Ich habe ihn oft in Bermondsey und Deptford gesehen. Er kennt alle großen Kanonen: Kallini, Jacobs und den Griechen Paul.«

 

»Wie sieht er denn aus?«

 

»Er ist nicht so groß wie Sie, aber doch größer als ich. Und ziemlich schlank. Trägt immer schwarzen Anzug und Künstlerkrawatte.«

 

»Wie alt?«

 

»Das weiß ich nicht. Er scheint aber schon ziemlich alt zu sein. Er hat lange, weiße Haare, und deshalb nennen sie ihn auch den Professor. Er trifft die Leute immer draußen im Freien. In Deptford erzählt man, daß er ein großer Hehler aus dem Westen ist. Aber ich habe niemals gehört, daß er irgend etwas von den Leuten gekauft hat, er hat sie immer nur zu Gewalttaten engagiert.«

 

»Wissen Sie nicht einen Platz, wo man ihn beobachten könnte?«

 

»Nein. Wenn er kommt, schickt er gewöhnlich vorher eine Botschaft an den Betreffenden und gibt darin den Ort der Zusammenkunft an. Und die Leute sagen darüber nichts. Wissen Sie, wen er vor langer Zeit engagiert hat? Den Ulanen-Harry! Den kannten Sie doch? Ein Farmer hat ihn seinerzeit aus Versehen auf dem Feld erschossen.«

 

Auf diese Weise war der Tod des Ulanen-Harry in der Öffentlichkeit erklärt worden.

 

Der Wetter gab dem Mann den Auftrag, Scotland Yard sofort zu benachrichtigen, wenn sich der Professor irgendwo sehen ließe, oder wenn man erwartete, daß er auftauchen würde. Zum erstenmal, seitdem ihn der Schatten Clay Sheltons bedrohte, fühlte er sich bedrückt, denn die volle Energie und Tätigkeit der Bande des Schreckens richtete sich jetzt gegen Nora Sanders.

 

Er war müde und erschöpft. Wenigstens eine Nacht mußte er sich Ruhe gönnen. Das hatte er verdient. Er grinste, als er sich entkleidete und dann ins Badezimmer ging.

 

Das Rauschen des Wassers übertönte das Klingeln des Telephons, und er hörte es erst, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, um seine Pantoffeln anzuziehen. Schnell nahm er den Hörer ab.

 

Er glaubte, daß Sergeant Rouch ihn vielleicht noch einmal sprechen wollte, aber er erkannte Alice Cravels Summe, obwohl sie verstellt klang.

 

»Sind Sie am Apparat, Mr. Long? Holen Sie Nora Sanders sofort aus dem Krankenhaus. Gefahr im Verzug!«

 

»Warum?«

 

»Halten Sie sich nicht länger auf. Sie haben höchstens noch eine halbe Stunde Zeit. Wenn Sie bei Verstand sind, tun Sie, was ich Ihnen sage.«

 

»Aber –«, begann er, als sie das Gespräch durch Einhängen bereits beendete.

 

Kapitel 33

 

33

 

Er mißtraute Alice Cravel diesmal. Wahrscheinlich sollte er nur Nora aus dem Krankenhaus holen, damit man sie dann um so leichter entführen konnte. Aber eine innere Stimme sagte ihm trotzdem, daß Alice es ehrlich meinte.

 

Er rief das Krankenhaus an, aber die Nachtschwester beruhigte ihn.

 

»Ja, Ihre Beamten sind hier. Es ist nichts geschehen, und Miß Sanders schläft.«

 

Langsam ging er ins Badezimmer zurück, zögerte einen Augenblick, ließ dann aber das Wasser ab, ohne es benützt zu haben, und kleidete sich wieder an. Er war plötzlich vollkommen wach geworden.

 

Erst als er im Begriff war, fortzugehen, sah er das Nutzlose seines Handelns ein. Er konnte doch im Krankenhaus auch nicht mehr tun als seine Beamten. Aber trotzdem machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Dorset Square.

 

Es war ein schöner Abend. Die Theater waren eben geschlossen worden, und es herrschte reger Autoverkehr auf den Straßen. Sein Weg führte ihn über Berkeley Street und Berkeley Square, und plötzlich kam ihm der Gedanke, trotz der späten Stunde noch seinen Vater aufzusuchen. Als er auf das Haus zuging, sah er, daß die Diele erleuchtet war. Er klingelte und wurde gleich darauf von dem Kammerdiener seines Vaters eingelassen.

 

Der Mann machte einen verstörten Eindruck, und Long erschrak.

 

»Wo ist mein Vater?«

 

»Ich weiß es nicht, Mr. Arnold. Er ist ungefähr vor einer Stunde fortgegangen, um noch einen Brief in den Kasten zu werfen. Das macht er gewöhnlich abends noch, aber er ist dann meistens nach fünf Minuten zurück.«

 

Arnold ging in die Bibliothek. Die Lichter brannten noch – sein Vater hatte also die Absicht, sofort wieder zurückzukehren.

 

»Hatte er seinen Hut auf, als er ging?«

 

»Ja. Er hatte Hut und Spazierstock.«

 

Eine Schublade von Sir Godleys Schreibtisch stand halb offen, und der Wetter schaute hinein. Als er sie leer sah, wuchs seine Bestürzung, denn sein Vater verwahrte seine Browningpistole darin.

 

Er rief den alten Diener herein, der die Gewohnheiten seines Herrn genau kannte.

 

»Nimmt Sir Godley gewöhnlich die Pistole mit, wenn er zum Briefkasten geht?«

 

»Ja, in letzter Zeit immer.«

 

Der Wetter trat auf den Platz hinaus und ging zum nächsten Briefkasten. Dort traf er einen Polizisten, der ihm Auskunft geben konnte. Aber der Bericht des Mannes klang sehr beunruhigend.

 

»Ich muß schon sagen, daß sich Ihr Vater etwas merkwürdig benahm. Während ich mich mit ihm unterhielt, fuhr ein Wagen vorbei. Er muß den Herrn, der darin saß, wohl erkannt haben. Es war ein alter Mann mit langen, weißen Haaren, einer schwarzen Künstlerkrawatte und einer Hornbrille –«

 

Long atmete schwer. Das mußte der Professor sein!

 

»Was machte mein Vater denn?«

 

»Nun kommt das Sonderbare. Er lief über die Straße und sprang in eine Autodroschke. Ich sah noch, wie er sich aus dem Fenster lehnte und dem Chauffeur Anweisungen gab. Ich hatte den Eindruck, daß er das erste Auto überholen wollte.«

 

Arnold ging zu dem Hause zurück. Er war sehr betroffen, aber er beruhigte den Diener mit einigen Worten. Dann setzte er seinen Weg nach Dorset Square fort. Seine Gedanken beschäftigten sich noch mit dem merkwürdigen Verhalten seines Vaters.

 

Was wußte Sir Godley von dem Professor? Und warum sprang er unter Vernachlässigung jeder Vorsicht in einen Wagen und fuhr dem alten Mann nach? Je länger der Wetter darüber nachdachte, desto sonderbarer erschien ihm die Sache. Der Professor gehörte doch allem Anschein nach zur Bande des Schreckens, ja vielleicht war er überhaupt der Leiter der ganzen Organisation!

 

Eine Turmuhr in der Nähe schlug. Es war halb zwölf. Er wollte sich nur davon überzeugen, daß in Dorset Square alles in Ordnung war, und dann in Berkeley Square die Rückkehr seines Vaters erwarten. Vor der Tür des Krankenhauses begrüßte ihn der Beamte.

 

»Es hat sich nichts ereignet«, berichtete er. »Nur die hysterische Frau ist fortgeschafft worden. Sie hat einen unheimlichen Spektakel gemacht.«

 

»Ja, ich weiß schon, wen Sie meinen.«

 

Der Detektiv, der unten in der Halle Wache hielt, öffnete sofort auf sein Klopfen. Auch er konnte weiter nichts melden. Die Nachtschwester kam gerade die Treppe herunter und erzählte ihm, daß Miß Sanders ruhig schliefe.

 

Der Wetter folgte einem plötzlichen Impuls.

 

»Dann kann ich sie vielleicht einmal sehen?« fragte er.

 

Die Nachtschwester war zwar nicht entrüstet über dieses Ansinnen, aber sie zögerte.

 

»Ich weiß nicht, ob die Oberin das gestatten würde. Ich will Sie hineinlassen, aber Sie dürfen nur einen Blick auf sie werfen, auf keinen Fall mit ihr sprechen.«

 

Er begleitete sie nach oben.

 

In dem Zimmer brannte eine schwache Lampe unter einem grünen Schirm, und es war gerade so hell, daß man eine Gestalt im Bett erkennen konnte. Das Mädchen hatte der Tür den Rücken zugekehrt, und man sah nur eine Locke auf dem Kissen.

 

Der Wetter runzelte die Stirne, als er das schwarze Haar bemerkte.

 

Mit zwei langen Schritten war er bei dem Bett, ohne sich um den Protest der Schwester zu kümmern.

 

»Was hat das zu bedeuten?« rief er erregt.

 

Er legte die Hand auf die schmale Schulter des Mädchens und schüttelte sie. Sie schlief nicht und schaute den Detektiv erschrocken an.

 

»Aber Mr. Long, was machen Sie denn?« rief die Krankenschwester, aber dann entdeckte sie auch das fremde Gesicht.

 

»Das ist ja gar nicht Miß Sanders«, sagte sie verstört.

 

Kapitel 34

 

34

 

Der Wetter ahnte den Zusammenhang, bevor sie ihre Entschuldigung stammeln konnte.

 

»Stehen Sie auf und kleiden Sie sich an«, sagte er zu der Fremden. »Ich verhafte Sie wegen Beihilfe. – Schicken Sie jemand herauf, die Frau zu bewachen, bis sie zur Polizeistation abgeholt werden kann«, wandte er sich an die Schwester.

 

Als sein Auftrag ausgeführt war, stellte er durch Fragen fest, was geschehen war.

 

Es handelte sich um die hysterische Frau, die auf die Empfehlung eines Arztes hin in der Anstalt aufgenommen worden war. Bis in die Abendstunden hinein hatte sie laut geschrien, und als der Doktor noch einmal vorsprach, hatte ihm die Oberin mitgeteilt, daß die Frau nicht länger im Hause bleiben könnte, weil sie die anderen Patienten störte. Daraufhin hatte er versprochen, einen Krankenwagen zu schicken, um sie wieder abzuholen. Der Wagen war dann auch erschienen. Zwei uniformierte Wärter hatten die Kranke auf eine Bahre gehoben und zu dem Auto getragen.

 

»Ich war zugegen, aber der Doktor bat mich, nach unten zu gehen und noch eine Decke zu holen. Ich war nur drei Minuten fort.«

 

»Und während dieser Zeit machten die Krankenwärter Miß Sanders durch eine Spritze bewußtlos und legten sie auf die Bahre. Und die Fremde nahm ihren Platz ein. Haben Sie denn keinen Schrei gehört?«

 

Sie nickte.

 

»Ja, gerade als ich unten an der Treppe ankam. Aber ich dachte, es wäre die hysterische Person und achtete nicht weiter darauf.«

 

Wetter Long war bleich geworden.

 

»Ich verstehe jetzt«, sagte er. »Ihnen kann man keinen Vorwurf machen. Ich hätte etwas Derartiges erwarten sollen, als ich von der hysterischen Patientin hörte, die am Nachmittag eingeliefert wurde. Ihr Zimmer lag ja direkt neben dem von Miß Sanders.«

 

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die übliche Mitteilung nach Scotland Yard zu machen und alle Polizeistationen zu benachrichtigen, daß sie nach dem Krankenwagen Ausschau halten sollten. Die Nummer war von dem Detektiv vor dem Hospital aufnotiert worden.

 

Seinen Vater hatte er vollkommen vergessen. Erst um drei Uhr morgens erinnerte er sich wieder an ihn, als ihn der Diener in Scotland Yard anrief.

 

»Sir Godley ist noch nicht zurückgekehrt.«

 

Der Wetter erschrak, als er das hörte. Es galt jetzt, allen Mut und alle Energie zusammenzunehmen. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und versuchte unter größter Willensanspannung, alle sentimentalen Gedanken zu bannen. Er war ein Polizeibeamter, der die Aufgabe hatte, das Verschwinden eines Mannes namens Godley Long aufzuklären, desgleichen das Verschwinden der jungen Sekretärin von Miß Revelstoke. Seinen persönlichen Gefühlen durfte er keinen freien Raum geben, sonst hätte er den Verstand verloren.

 

Und diese beiden waren nicht die einzigen, die während der Nacht verschwunden waren. Miß Revelstoke und Mr. Henry waren nicht in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Aber ein Mann war auf dem Posten. Mr. Cravel meldete sich, als ihn Long um vier Uhr morgens in Heartsease anrief.

 

»Ach, Sie sind es, Inspektor? Ist etwas passiert?«

 

»Ich habe schon seit Mitternacht versucht, Sie zu erreichen«, erklärte der Wetter. »Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt?«

 

»Das kann unmöglich stimmen. Seit elf habe ich geschlafen, und das Telephon steht neben meinem Bett. Was wünschen Sie denn?«

 

Er sprach keineswegs wie ein Mensch, der plötzlich aus dem Schlaf aufgeschreckt wird. Seine Stimme klang klar und beherrscht.

 

»Ich komme zu Ihnen. Ist Ihre Schwester dort?«

 

Es entstand eine kurze Pause.

 

»Nein, sie ist in London. Kennen Sie ihre Wohnung?« Er nannte ihre Telephonnummer.

 

»In einer Stunde bin ich bei Ihnen«, erwiderte der Inspektor.

 

Er hatte Miß Alice Cravel schon angeläutet, konnte aber nichts aus ihr herausbringen. Und als er einen Beamten ausschickte, um sie nach Scotland Yard zu holen, konnte dieser nur feststellen, daß sie kurz vorher ausgegangen war.

 

Der Tag brach an, und ein leichter Regen rieselte nieder, als der Polizeiwagen nach Berkshire fuhr. Als sie an dem leeren Haus vorbeikamen, zu dem Nora Sanders das erstemal verschleppt worden war, dachte der Wetter einen Augenblick daran, zu halten und es von neuem zu durchsuchen. Aber sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, daß die Bande des Schreckens Nora auf keinen Fall wieder hierhergebracht hatte. Cravel wußte, wo sie war, und Cravel mußte es ihm sagen. An diesen Gedanken klammerte er sich während der ganzen Fahrt.

 

Er hatte sich mit seinem Chef in Verbindung gesetzt, bevor er Scotland Yard verlassen hatte.

 

»Lassen Sie sich nur nichts zuschulden kommen, Wetter«, warnte ihn Macfarlane. »Suchen Sie herauszubekommen, soviel Sie können, aber halten Sie sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen.«

 

»Für mich ist jetzt alles gesetzlich, Colonel. Aber ich werde daran denken, daß Sie mich gewarnt haben.«

 

Das war also der große Coup, den sie vorhatten. Durch Nora Sanders wollten sie sich Monkfords Geld verschaffen. Zuerst fingierten sie eine Erbschaft, und dann suchten sie nach Mitteln und Wegen, wie sie Nora Sanders das Geld wieder abnehmen konnten. Sie sollte eins der Mitglieder der Bande heiraten. Dann konnte sie nichts gegen den Betreffenden aussagen. Sie wollten ihn vor die vollendete Tatsache stellen, so daß er gezwungen war, ruhig zu sein, wenn er nicht Nora Sanders bloßstellen wollte.

 

Kapitel 35

 

35

 

Als der Wetter die gewundene Anfahrtstraße nach Heartsease entlangfuhr, überkam ihn aufs neue ein außergewöhnlich bedrückendes Gefühl. Er ahnte instinktiv die Gefahr, die ihm bevorstand.

 

Mr. Cravel erwartete ihn mit düsterem Gesicht an der Haustür. Trotz der frühen Morgenstunde war er tadellos gekleidet und bereits rasiert.

 

In der Halle stand auf einem kleinen Tablett eine dampfende Kaffeekanne.

 

»Ich dachte, Sie würden vielleicht nach der kalten Fahrt gern etwas Heißes trinken«, erklärte Cravel. »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß der Kaffee weder vergiftet noch mit einem Schlafmittel versehen ist.«

 

Long zögerte.

 

»Vielleicht versucht Mr. Rouch erst einen Schluck?« fuhr Cravel fort.

 

Der Kaffee war wirklich gut und erfrischte den Wetter. Er trank begierig die Tasse leer.

 

»Ich freue mich, daß Sie Sergeant Rouch mitgebracht haben«, sagte Cravel unvermittelt.

 

»Warum denn?«

 

Cravel zuckte die Schultern.

 

»Wenn man unter dem Verdacht steht, alle möglichen entsetzlichen Verbrechen begangen zu haben, freut man sich, wenn ein Zeuge zugegen ist. Selbst wenn der Zeuge der Gegenpartei angehört. Ich habe Zimmer Nr. 7 heizen lassen. Es ist eins der Zimmer, die Monkford das letztemal bestellt hatte. Sie sind doch nicht nervös deshalb?«

 

»Warum haben Sie denn gerade das Zimmer heizen lassen?« fragte Long ruhig.

 

Mr. Cravel zuckte aufs neue die Schultern.

 

»Ich nehme nicht an, daß Sie morgens um fünf Uhr herkommen, um ein Zimmer für nächstes Jahr zu belegen«, erwiderte er trocken. »Ich erwarte im Gegenteil ein unangenehmes Verhör, und ich möchte doch wenigstens haben, daß es nicht in aller Öffentlichkeit stattfindet.«

 

Der Lift war nicht in Betrieb, und sie mußten die Treppe hinaufsteigen. Cravel trat zur Seite, als sie vor der Tür des Zimmers angekommen waren. Ein großes Holzfeuer brannte im Kamin, und der Wetter zog seinen Mantel aus. Dann sah er nachdenklich zu Rouch hinüber.

 

»Ich glaube, Sie warten besser unten, Sergeant.«

 

Rouch entfernte sich gehorsam.

 

»Ich habe augenblicklich kaum Dienstboten hier«, erklärte Cravel. »Nur die paar Leute, die das Hotel während des Winters in Gang halten. Aber wenn Sie noch irgend etwas wünschen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.«

 

Cravel hatte seine Absicht, das Hotel umzubauen, bereits in die Tat umgesetzt. Der Wetter hatte schon bei der Anfahrt die Gerüste bemerkt.

 

»Mr. Cravel, ich muß noch einige Fragen an Sie richten. Aber ich warne Sie – Sie sind ziemlich am Ende mit Ihrem Spiel. Wo ist Miß Sanders?«

 

Cravel lächelte.

 

»Warum soll denn gerade ich das wissen? Ich bin in den letzten Tagen nicht von hier fortgekommen. Ich hörte nur zufällig von Miß Revelstoke, daß Nora Sanders entführt und später von Wetter Long, dem König aller Detektive, auf heldenhafte Art gerettet wurde!«

 

»Gestern abend wurde sie aus einem Krankenhaus geholt, und Ihr Freund, der Professor, ist dafür verantwortlich –«

 

»Ich verstehe Sie nicht. Wer ist denn mein Freund, der Professor?«

 

»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen zu streiten. Ich will Nora Sanders finden, und Sie werden mir sagen, wo sie ist.«

 

Die beiden maßen sich mit harten Blicken. Aus Cravels Zügen sprach kaltblütige Entschlossenheit. Er zuckte mit keiner Wimper und lächelte sogar.

 

»Ich glaube schon, daß Sie ein wenig aufgeregt sind, Mr. Long. Und bevor Sie sich nicht beruhigt haben, hat es wohl keinen Zweck, mit Ihnen zu sprechen. Besonders da Ihnen die einzige Nachricht, die ich Ihnen geben kann, wahrscheinlich einen bösen Schrecken einjagen wird.«

 

»Was wäre das denn?«

 

Cravel ging zu dem Kamin hinüber und legte die Hände auf den Rücken.

 

»Es ist etwas Unangenehmes passiert«, sagte er langsam. »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich ein wenig, allerdings nur sehr wenig, davon weiß. Miß Sanders ist nämlich sehr gut mit mir bekannt, ja, ich möchte sagen, sie ist meine Freundin. Vielleicht haben Sie das bis jetzt noch nicht gewußt. Aber ich besitze eine Anzahl Briefe von ihr, und sie hat mir ihr Vertrauen geschenkt. Sie scheint über die vielen Aufmerksamkeiten, die Sie ihr erweisen, nicht gerade sehr erfreut zu sein.«

 

Der Wetter nickte. Er wußte, daß Cravel nur sprach, um Zeit zu gewinnen und ihn zu reizen.

 

»Sie haben sich natürlich nicht gedacht, daß sie beleidigt sein könnte, und ich kann Ihnen deshalb auch keinen Vorwurf machen. Die menschliche Eitelkeit –«

 

»Sie sprechen mehr und mehr wie Clay Shelton«, unterbrach ihn Long.

 

Es leuchtete in Cravels Augen unheimlich auf. Der Wetter bemerkte es wohl und hörte auch, daß der Mann schwer atmete.

 

»Clay Shelton geht mich nichts an. Miß Sanders wollte Sie nicht kränken, aber Sie waren ihr gegenüber so hartnäckig, daß es ihr schließlich auf die Nerven fiel. Sie bat einen meiner Freunde, er möchte ihr helfen, Ihnen zu entkommen. Ihre Wachsamkeit und Ihre Fürsorge hat Miß Sanders bedrückt. Ich kenne die Einzelheiten nicht näher, aber ich habe erfahren, daß es meinem Freund gelungen ist, sie aus dem Krankenhaus zu bringen. Unglücklicherweise haben sie aber die unangenehmen und aufregenden Erlebnisse der letzten Tage so stark mitgenommen, daß sie auf dem Weg nach Heartsease –«

 

»Was, sie ist hier?«

 

Mr. Cravel nickte.

 

»Daß sie auf dem Wege nach Heartsease einen Zusammenbruch erlitt und trotz ärztlicher Hilfe starb«.

 

»Sie ist tot?« fragte Long und kniff die Augen zusammen. »Sie lügen, Cravel. Sie wollen mich nur nervös machen. Aber das können Sie nicht, und wenn sie tot ist –« er zog seine Browningpistole – »dann halte ich mein Versprechen, und nichts kann Sie retten.«

 

Cravel zuckte nur gleichgültig die Schultern.

 

»Es ist allerdings eine traurige Tatsache, aber ich dachte, Sie wüßten es schon. Meine Schwester ist gewöhnlich nicht so zurückhaltend.«

 

»Wußte sie das auch?« fragte der Wetter ruhig.

 

Cravel nickte.

 

»Wo ist Nora Sanders?«

 

Zu seiner größten Überraschung zeigte der Hotelbesitzer nach der Tür des Zimmers, in dem Monkford den Tod gefunden hatte.

 

»Wir haben sie dorthin gebracht. Ihr Freund, der Professor, ist bei ihr. Sie sind doch wirklich sehr klug, daß Sie direkt hierher kamen«, fügte er ironisch hinzu. »Sie haben tatsächlich den Instinkt eines Liebhabers.«

 

»Gehen Sie voraus«, erwiderte der Wetter kurz. Den Browning hielt er immer noch auf die Brust des anderen gerichtet. »Wir wollen einmal sehen, wie weit Sie den Scherz zu treiben wagen. Ich glaube allerdings, daß Ihnen die Sache schlecht bekommen wird, mein Freund.«

 

Cravel ging gelassen zu der Verbindungstür, die ins nächste Zimmer führte und öffnete sie.

 

»Gehen Sie hinein«, sagte der Wetter und folgte ihm.

 

Die Vorhänge waren halb zusammengezogen, und das graue Tageslicht erhellte den Raum nur wenig. Wie vom Schlag gerührt, blieb Long in der offenen Tür stehen.

 

Totenbleich lag Nora Sanders auf dem Bett, das an der Wand stand.

 

Er konnte sie nur anstarren, denn sein Gehirn versagte im Augenblick den Dienst.

 

Dann hatte Cravel also doch die Wahrheit gesagt! Sie war tot! Warum hätten sie das Mädchen sonst hierher gebracht?

 

Am Fuß des Bettes bewegte sich plötzlich eine merkwürdige Gestalt. Es war ein alter Mann, dem das unordentliche weiße Haar ins Gesicht fiel. Das Licht spiegelte sich in seinen Brillengläsern, als er den Wetter mit einem haßerfüllten Blick betrachtete.

 

»Keiner rührt sich«, sagte Long. »Treten Sie dorthin, Cravel. Sobald einer von Ihnen eine Pistole zieht, schieße ich sofort!«

 

Wieder schaute er zu der stillen Gestalt hinüber, die auf dem Bett lag. Nora – tot! Er konnte es unmöglich glauben. Plötzlich packte ihn kalte Wut.

 

»Sie Hund!« rief er.

 

Er ging auf das Bett zu, aber schon bei dem zweiten Schritt, den er auf dem Teppich tat, fühlte er, daß der Boden unter ihm nachgab. Er warf sich nach rückwärts, aber er hatte das Gleichgewicht schon verloren. Instinktiv streckte er die Arme aus, um sich an einer Kante festzuhalten, aber auch das gelang ihm nicht, und er stürzte in die Tiefe. Sein Kopf schlug heftig gegen einen Pfosten des Baugerüstes, und er verlor das Bewußtsein.

 

Kapitel 24

 

24

 

Wetter Long rühmte sich, daß er nicht sentimental sei und sich im allgemeinen nicht für Frauen interessiere. Aber kaum hatte er Nora Sanders verlassen, so suchte er schon wieder nach einem Vorwand, um wieder mit ihr zusammenzukommen. Er sagte sich, daß er ein berufliches Interesse an ihr habe. Aber sein Gewissen ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß er sich damit nur selbst belügen wollte.

 

Er hatte in seinem Büro in Scotland Yard zu tun, das augenblicklich einer Sammelstelle für Nachrichten glich. Alle seine Untergebenen mußten über ihre Beobachtungen halbstündlich hierher berichten. Kurz nach acht meldete der Beamte, der das Haus von Miß Revelstoke beobachtete, daß ein Fremder in die Wohnung gegangen sei. Um acht Uhr dreißig kam eine Mitteilung, daß der Besucher noch nicht wieder auf die Straße gekommen sei. Um neun und um halb zehn wurde dieselbe Meldung wiederholt. Die Personalbeschreibung des Mannes enthielt nichts Auffälliges.

 

Wetter Long wußte, daß Miß Revelstoke mit Mr. Henry zu Abend speiste. Er hätte nur bei dem Beamten, der die beiden beobachtete, anzufragen brauchen, wie weit sie mit dem Essen seien, denn auch von dort erhielt er fortlaufend Bericht. Er hing den Hörer ein und ließ Sergeant Rouch kommen.

 

»Begleiten Sie mich auf eine Spazierfahrt nach Colville Gardens«, sagte der Inspektor und erklärte ihm die Situation.

 

Kapitel 25

 

25

 

»Miß Sanders ist vor einer Stunde fortgegangen«, sagte das Dienstmädchen. »Ich habe es allerdings nicht gesehen.«

 

Der Wetter wandte sich an Rouch, und dieser gab dem Detektiv ein Zeichen, der auf der anderen Seite der Straße auf Posten stand. Die Drei hielten eine kurze Beratung ab, und der Beamte, der das Haus beobachtet hatte, behauptete bestimmt, daß niemand herausgekommen sei.

 

Long fragte das Mädchen weiter aus.

 

»Als ich herunterkam, war Miß Sanders fort«, erwiderte sie. »Ich habe aber nicht gehört, daß sie die Haustür schloß.«

 

Der Wetter ging in das Wohnzimmer. Das Silbertablett stand noch auf dem Tisch. Er nahm die halbleere Kaffeekanne, roch daran und reichte sie dann Rouch.

 

Auch der Sergeant überzeugte sich von dem Geruch.

 

»Das genügt, um ihr die Besinnung zu nehmen.«

 

Long trat wieder hinaus in die Diele.

 

»Gibt es noch einen anderen Ausgang?« fragte er das erschreckte Dienstmädchen.

 

»Ja, von Miß Revelstokes Arbeitszimmer aus kommt man direkt zur Garage«, entgegnete sie und führte die Beamten dorthin.

 

Die Tür war nur angelehnt. Sie gingen die Treppe hinunter bis zur Garage, deren großes Tor offenstand. Der Wetter untersuchte mit seiner Taschenlampe das kleine Gebäude, konnte aber keine Anhaltspunkte finden. Erst als er auf die hintere Straße hinaustrat, hatte er mehr Glück. Die Frau eines Chauffeurs, der über der nebenanliegenden Garage wohnte, hatte gesehen, daß das Auto herausgefahren war. Da sie sich für den Beruf ihres Mannes interessierte, konnte sie die einzelnen Wagentypen unterscheiden und angeben, daß es sich um einen alten Daimler handelte.

 

Der Detektiv, der draußen vor der Tür gewartet hatte, erinnerte sich auch daran, daß er ungefähr eine Viertelstunde nach der Ankunft des Mannes einen alten Daimler hatte vorüberfahren sehen.

 

»Die Vorhänge an den Fenstern waren vorgezogen, und ich dachte, es wäre ein Reisewagen«, sagte er.

 

Das Auto war Elgin Crescent entlanggefahren und dann außer Sicht gekommen. Ein Polizist, der in Ladbroke Grove auf Posten stand, hatte es auch bemerkt, wie der Wetter später feststellen konnte. Der Wagen hatte sich in westlicher Richtung entfernt. Er war aufgefallen, weil das Nummernschild auf der Rückseite beschädigt war. Der Beamte hatte versucht, den Chauffeur anzuhalten und ihn darauf aufmerksam zu machen.

 

Es blieb nur noch eine Hoffnung. In der vergangenen Woche hatte eine ganze Serie von Autodiebstählen stattgefunden, und es waren besondere Polizeistreifen ausgeschickt worden, um die Hauptstraßen zu beobachten. Sie fahndeten hauptsächlich nach einem kostbaren Rolls Royce, der vom Hof des Parlamentsgebäudes gestohlen worden war. Der Wetter rechnete damit, daß er einen dieser besonderen Posten auf Great West Road finden würde, und er erreichte den Mann auch gerade noch, bevor er abgelöst wurde.

 

»Ja, ich besinne mich auf einen alten Daimler«, sagte der Beamte. »Ich weiß noch ganz genau, daß er blaue Vorhänge hatte. Sie waren alle zugezogen.«

 

Auch er hatte den Eindruck gehabt, daß es ein Reisewagen war.

 

Der Wetter fuhr die breite Straße entlang und hielt bei jedem Polizeiposten an, um seine Nachforschungen fortzusetzen. In der Bath Road kam er dem Wagen wieder auf die Spur, und auch halbwegs zwischen der Staines und der Bath Road war der Daimler beobachtet worden, aber als sie das Ende der neuen Straße erreichten und den Posten dort ausfragten, erhielten sie keine befriedigende Auskunft.

 

Die Beamten blieben fest bei ihrer Behauptung, daß der Wagen nicht vorbeigefahren sei, denn sie hatten bereits telephonische Anweisung bekommen, ihn wegen des beschädigten Nummernschildes anzuhalten.

 

Der Wetter fuhr mit seinem Dienstwagen wieder zurück. Es gab zwei Nebenstraßen, in die der Daimler abgebogen sein konnte. Es standen auch verschiedene Neubauten hier, ein größerer Block und ein Einzelhaus, das etwas abseits lag und offenbar noch unbewohnt war. Inspektor Long ging zunächst zu dem bewohnten Häuserblock und erkundigte sich bei den Leuten, aber er kam dadurch nicht weiter. Schließlich fuhr er zu der Einzelvilla.

 

Es schien allerdings kaum der Mühe zu lohnen, dort weitere Nachforschungen anzustellen, aber er sah eine Fahrstraße auf dem Grundstück und vermutete, daß sie zu einer Garage führte. Er öffnete daher die Tür in der Umfassungsmauer und trat ein.

 

Die Bauhandwerker waren noch nicht mit ihren Arbeiten fertig. Überall zeigten sich noch Spuren ihrer Tätigkeit. Neben dem Wege lag ein Kieshaufen, und die Fahrstraße war noch nicht geschottert. In dem weichen Erdboden entdeckte Long Räderspuren und folgte ihnen bis zur Hinterseite des Hauses. Sein Herz schlug schneller, als er dort im Licht seiner Taschenlampe ein staubbedecktes Auto sah.

 

Es war der alte Daimler!

 

Er öffnete die Tür und schaute hinein. Der Wagen war leer und der Motor kalt. Long versuchte dann, die hintere Tür des Hauses zu öffnen, aber sie war verschlossen. Auch die Fenster waren von innen gesichert.

 

Die beiden Detektive leuchteten mit ihren Lampen in das Innere, aber sie entdeckten kein Lebenszeichen. Ohne Zögern nahm der Wetter seinen Browning aus der Tasche, schlug mit dem Handgriff ein Fenster ein und öffnete im nächsten Augenblick den Riegel. Niemand war zu sehen, aber vor kurzem mußten noch Leute hier gewesen sein. Eine halb aufgezehrte Butterschnitte lag auf dem Fensterbrett, und das Brot war ganz frisch.

 

Rouch suchte mit seiner Taschenlampe die Wände ab.

 

»Was ist das?« fragte er plötzlich.

 

Wetter Long bückte sich und las das eine Wort, das in den feuchten Putz eingekratzt war:

 

»Marlow!«

 

Sie untersuchten die Räume in aller Eile. Nirgends war ein Möbelstück zu sehen. Das Haus war wahrscheinlich nur als Zwischenstation gedacht. Aber unerwarteterweise fanden sie einen erst kürzlich angebrachten Telephonapparat. Long läutete sofort das Amt an und nannte seinen Namen und seine Stellung.

 

»Ist diese Nummer heute abend angerufen worden?«

 

Nach einer kurzen Pause erhielt er Bescheid.

 

»Ja, sie ist zweimal von London verlangt worden. Einmal um acht Uhr dreißig und einmal kurz vor zehn. Um acht Uhr dreißig wurde der Anruf nicht beantwortet.«

 

Long telephonierte daraufhin mit der lokalen Polizeistation und ging dann zu Rouch zurück, der vergeblich nach weiteren Anhaltspunkten gesucht hatte. »Ich habe einen Beamten kommen lassen, der den Wagen während der Nacht bewachen soll. Er hat den Auftrag, jeden sofort zu verhaften, der ihn holen will. Aber ich glaube kaum, daß die Kerle sich noch einmal hierher wagen.«

 

»Wohin fahren wir jetzt?« fragte Rouch, als sie den Polizeiwagen wieder bestiegen.

 

»Nach Marlow«, erklärte der Wetter kurz, »zu Mr. Jackson Crayley – und Gott steh ihm bei, wenn Miß Sanders etwas zugestoßen ist!«