Kapitel 26

 

26

 

Noras Kopf schmerzte noch heftig, als das Telephon klingelte. Der Mann, der die letzte Stunde schweigend neben ihr gesessen hatte, erhob sich geräuschvoll.

 

»Versuchen Sie bloß nicht, durch das Fenster zu verschwinden«, warnte er sie. »Sonst geht es Ihnen schlecht.«

 

Sie hörte, wie seine Schritte in den Nebenräumen auf dem bloßen Fußboden schallten, und sie vermutete, daß er in die Diele gegangen war.

 

Er nahm den Hörer vom Apparat und sprach leise hinein. Offenbar beschwerte er sich über etwas, aber schließlich willigte er widerwillig ein. Dann machte er eine unvorsichtige Bemerkung.

 

»Marlow – gut, ich fahre hin.«

 

Gleich darauf kam er zu Nora zurück.

 

»Machen Sie sich fertig, wir müssen fort.«

 

»Wohin?«

 

»Fragen Sie nicht. Das kann Ihnen gleich sein. Wir haben mindestens eine Meile zu Fuß zu gehen, dann holen sie uns mit dem Wagen ab. Wissen Sie, Ihr Freund ist ein bißchen zu eifrig. Er hat uns schon aufgespürt und ist bis zum Ende der Straße gefahren.«

 

Ihr Herz schlug schneller. Mit dem Freund konnte er nur einen Mann meinen, und sie hatte das Vertrauen, daß der Wetter früher oder später dieses Haus finden würde. Konnte sie ihm nicht eine Nachricht zukommen lassen? Sie hatte weder Bleistift noch Papier, aber als sie mit der Hand über die frischgeputzte Wand fuhr, kam ihr ein Gedanke, und sie kratzte mit dem Fingernagel rasch das Wort »Marlow« ein.

 

»Was machen Sie denn da?« fragte er argwöhnisch und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf sie.

 

»Nichts«, entgegnete sie mit schwacher Stimme. »Ich kann aber wahrscheinlich nicht gehen. Ich bin noch so müde, und mein Kopf schmerzt entsetzlich.«

 

Er öffnete die Tür.

 

»Das Gehen bekommt Ihnen sicher gut.«

 

Er faßte sie fest am Arm und führte sie ins Freie.

 

Gehorsam ging Nora neben dem Mann her. Die frische Abendluft tat ihr wirklich wohl. Durch ein kleines Tor im Zaun verließen sie das Grundstück und kamen auf das freie Feld.

 

Der Mann schien nicht sehr mit der Gegend vertraut zu sein, denn einmal wären sie beinahe in einen kleinen Teich geraten. Schließlich kamen sie auf einen Feldweg und gingen dann durch hohes, taubedecktes Gras, so daß ihre Schuhe und Strümpfe durchnäßt wurden.

 

Nach einer Viertelstunde kamen sie zu einer Hecke und gingen dort entlang, bis sie eine Öffnung fanden. Eine unebene Fahrstraße lag vor ihnen.

 

»Hier ist die Stelle«, sagte er und atmete erleichtert auf.

 

Sie wanderten dann noch zwanzig Minuten weiter, bis sie in die Nähe der Hauptstraße kamen. Dort machten sie halt.

 

»Wenn Sie wollen, können Sie sich setzen. Wir müssen hier ein wenig warten.«

 

Sie war froh, daß sie etwas ausruhen konnte, denn ihre Füße und ihre Beine schmerzten. Müde ließ sie sich auf dem Erdboden nieder.

 

Erst jetzt kam ihr die Gefahr, in der sie schwebte, vollkommen zum Bewußtsein. Sie hatte das ungewisse Gefühl, daß diese Entführung mit der Erbschaft von Monkford zu tun haben mußte, aber sie wunderte sich über den Mut, mit dem sie den Tatsachen gegenübertrat. Der Glaube an Arnold Long gab ihr so große Zuversicht. Er würde ihr sicher helfen.

 

»Stehen Sie auf«, sagte der Mann plötzlich. »Hier ist der Wagen.«

 

Ein Auto war nähergekommen. Die Lampen brannten so düster, daß man sie kaum erkennen konnte. Die Bremsen knirschten, und gleich darauf hielt der Wagen. Der Mann riß schnell die Tür auf, schob Nora ins Innere und stieg dann auch ein.

 

Sie fuhren auf der Bath Road. Bald darauf kamen sie durch eine kleine Stadt, die sie als Slough erkannte, dann durch Maidenhead. Schließlich wandten sie sich nach rechts und fuhren den Hügel hinauf, der nach Quarry Wood und Marlow führte.

 

Nora überlegte, wohin man sie wohl bringen würde. Doch nicht nach Monkfords Haus? Plötzlich dachte sie an Jackson Crayleys schönes Anwesen. Offenbar war das das Ziel ihrer Fahrt, denn der Wagen bog von der Hauptstraße ab, bevor sie die Marlow-Brücke erreichten. Durch das Fenster sah sie das Haus von Mr. Monkford, und das nächste Grundstück gehörte ja Mr. Crayley. Aber zu ihrem Erstaunen fuhr der Wagen weiter und hielt erst am Ende einer Wiese. Der Mann packte sie wieder am Arm und eilte mit ihr durch das Gras, bis sie an den Fluß kamen. Dicht neben dem Ufer lag ein großes Motorboot. Er half ihr an Deck, und der Chauffeur machte das Fahrzeug los.

 

»Wir fahren durch die Temple-Schleuse, aber denken Sie an das, was ich Ihnen schon zu Anfang sagte. Nur Sie und ich sind an Bord. Sie wissen, daß ich fünfzehn Jahre Zuchthaus bekomme, wenn man mich fängt, und da ist mir schließlich alles gleich, selbst wenn es ein Menschenleben kostet. Wenn Sie schreien, drehe ich Ihnen das Genick um und werfe Sie ins Wasser, bevor der Schleusenwärter erfährt, was los ist.«

 

Nora schauderte, drückte sich in eine Ecke und schwieg. Nach einiger Zeit rief der Mann:

 

»Schleuse, ahoi!«

 

Dann verlangsamte das Motorboot die Geschwindigkeit und hielt an. Erst nach einer Weile setzte es die Fahrt vorsichtig fort. Nora hörte das Rasseln der Schleusentore. Das Motorboot stieg mit dem einströmenden Wasser höher und höher, bis es das Niveau des Schleusenrandes erreicht hatte. Der Mann am Steuer wechselte einige gleichgültige Bemerkungen mit dem Wärter, dann fuhren sie weiter stromauf.

 

Westlich von Temple machte der Strom eine Biegung, und das linke Ufer wurde durch überhängende Bäume beschattet. Dorthin steuerte der Mann das Boot, und sie näherten sich einem Holzhaus. Das Gebäude stand so dicht am Wasser, daß die Veranda von Pfählen getragen wurde, die ins Wasser gerammt waren.

 

»Steigen Sie aus«, befahl der Mann mit rauher Stimme, und sie gehorchte.

 

Er folgte ihr, nahm einen Schlüssel aus der Tasche, und nach einigen Anstrengungen gelang es ihm, die Haustür zu öffnen. Nachdem sie hineingegangen waren, riegelte er die Tür von innen zu. Dann steckte er ein Streichholz an, schaute sich um und fand eine Kerze.

 

Der Raum war vornehm ausgestattet, aber überall lag dicker Staub. Verschiedene Reproduktionen von Gemälden aus der italienischen Frührenaissance schmückten die Wände, und vor den Fenstern hingen schwersamtene Vorhänge.

 

»Sie kennen das Haus wohl?« fragte der Mann. »Früher wohnte Mr. Shelton hier.«

 

»Shelton!« rief Nora, und eine unaussprechliche Furcht packte sie. Es war ihr, als ob der Geist dieses Verbrechers immer noch in dem Hause weilte.

 

Der Mann sah auf seine Armbanduhr, ging im Zimmer auf und ab und schaute zum Fenster hinaus. Als er einen der Vorhänge beiseitezog, bemerkte sie, daß die Fenster vergittert waren. Das war also die unheimliche Stätte, an der Clay Shelton seine dunklen Pläne vorbereitet hatte. An diesem selben Tisch, auf dem man jetzt die Spuren der Mäuse sehen konnte, hatte er wichtige Dokumente so hervorragend gefälscht, daß man sie nicht von den Originalen unterscheiden konnte.

 

»Ich gehe hinaus, um nach dem Boot zu sehen«, sagte der Mann, »bleiben Sie hier.«

 

Er schloß die Tür leise hinter sich, und sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Der Bootsmotor wurde angelassen, aber sie vernahm es kaum, denn ihre Gedanken beschäftigten sich noch zu stark mit Clay Shelton.

 

Sie stand direkt der Tür gegenüber, die wahrscheinlich in ein Schlafzimmer führte, und als sie zufällig auf die Klinke sah, bemerkte sie, daß diese langsam heruntergedrückt wurde. Langsam, langsam … dann öffnete sich die Tür nach innen, und eine lange, blasse Hand schob sich um die Kante.

 

Kapitel 27

 

27

 

Nora schrak zurück und starrte entsetzt auf die Türöffnung. Sie sah eine weiße Manschette, einen dunkelblauen Manschettenknopf und einen schwarzen Ärmel.

 

»Erschrecken Sie nicht.«

 

Der Fremde kam jetzt ganz zum Vorschein. Es war Jackson Crayley.

 

Sein ovales Gesicht war von Furchen durchzogen. Er trug Abendkleidung, und seine äußere Erscheinung stand in krassem Gegensatz zu diesem verstaubten, verlassenen Zimmer. Er hatte das Monokel ins Auge geklemmt und sah sich fast ängstlich im Raum um.

 

»Wo ist denn der Mann geblieben?« fragte er.

 

»Der ist fortgegangen«, erwiderte sie mit fester Stimme. »Mr. Crayley, warum bin ich in diesem Haus?«

 

Er rieb sich das Kinn, und sie glaubte zu bemerken, daß seine Hände zitterten. Aber bei dem ungewissen Licht der Kerze konnte sie sich auch täuschen.

 

»Ich weiß es nicht«, sagte er betreten. »Aber Sie sind hier sicher, Miß Sanders.«

 

Es entstand eine Pause, und er betrachtete Nora. Seine düsteren Züge hellten sich aber nicht auf, und es kam ihr zum Bewußtsein, daß er sich mehr fürchtete als sie. Von Zeit zu Zeit schaute er sich nervös um, und einmal zuckte er vor dem unruhigen Schatten zusammen, den die flackernde Kerze auf die Wand warf.

 

»Ist er wirklich fortgegangen? Verflucht unangenehm.« Er räusperte sich. »Ich fürchte, Sie befinden sich in einer sehr peinlichen Lage, Miß Nora.«

 

Er machte eine Pause, als ob er seine Gedanken sammeln wollte.

 

»Ich glaube, es ist selten jemand in einer so unangenehmen Lage gewesen wie Sie«, fügte er dann hinzu.

 

Nora mußte trotz aller Gefahr über seine Unbeholfenheit lächeln.

 

»Ich kann wirklich nicht glauben, daß es so schlimm steht, Mr. Crayley. Sie sind doch hier bei mir und können für mich sorgen.«

 

Er konnte sie nicht ansehen.

 

»Nehmen Sie doch, bitte, Platz.«

 

Mit einem seidenen Taschentuch wischte er den Staub von einem Stuhl.

 

»Ich muß mit Ihnen sprechen, aber ich fürchte, Sie halten mich für einen sehr schlechten Menschen, wenn ich Ihnen alles gesagt habe, was ich Ihnen sagen muß.«

 

Sie setzte sich und wunderte sich, was kommen sollte.

 

»Der einzige Weg, der Sie aus all Ihren Schwierigkeiten befreit, ist eine Heirat«, begann er plötzlich, »und wenn Sie schließlich einmal darüber nachdenken, ist doch ein netter Kerl ebenso gut wie ein anderer – ich meine als Ehemann …«

 

»Ich verstehe Sie wirklich nicht, Mr. Crayley. Ich denke gar nicht daran, mich zu verheiraten, und wenn ich wirklich wählen sollte –«

 

»Sie haben vollkommen recht.« Er nickte, als ob er schon von vornherein gewußt hätte, was sie erwidern würde. »Wenn ich Sie bitte, mich zu heiraten, sind Sie natürlich sehr beleidigt.«

 

»Was, ich sollte Sie heiraten?« Sie war nicht im mindesten verletzt, nur sehr überrascht.

 

»Ja, darum handelt es sich«, entgegnete er verbissen. »Sie heiraten mich morgen, und dann ist alles in bester Ordnung. Sie müssen doch sowieso einen Menschen haben, der sich um Sie kümmert.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich könnte Sie niemals heiraten, Mr. Crayley«, sagte sie.

 

Der unglückliche Ausdruck seines Gesichts wirkte in diesem Augenblick fast komisch.

 

»Aber es wäre besser, wenn Sie es doch täten – tatsächlich, es wäre besser für Sie«, drängte er. »Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Nora. Ich habe ebensowenig den Wunsch, Sie zu heiraten, wie Sie mich heiraten wollen, aber ich wäre trotzdem sehr dankbar und erleichtert, wenn Sie sich zu diesem Schritt entschließen würden.«

 

Er hob die Hand mit dem Taschentuch, um sich die Stirne zu trocknen. Dann sah er sich wieder nach allen Seiten um und sprach ganz leise.

 

»Folgen Sie doch, bitte, meinem Rat«, sagte er aufgeregt. »Sie versprechen mir auf Ihr Ehrenwort, mich morgen zu heiraten. Ich sorge dann für Sie – das schwöre ich Ihnen. Wenn Sie es nicht tun –« Er tupfte sich wieder die Stirne ab – »dann weiß ich nicht, was passieren wird.«

 

In ihren Zügen verriet sich jetzt Bestürzung, und seine zusammenhanglosen Erklärungsversuche verwirrten sie nur immer mehr.

 

»Ich bin vollständig unschuldig an der Sache«, fuhr er fort. »Ich bin einfach eine Null! Ach, wie ich diese ganze verfluchte Geschichte hasse! Wenn ich doch nur davon loskommen und das Land verlassen könnte! In Italien war ich schon einmal nahe daran. Die Fahrkarte von Genua nach Amerika war in meiner Tasche, aber dann hatte ich doch nicht den Mut, meinen Plan auszuführen.« Sein Kopf sank auf die Brust. »Nein, ich hatte nicht den Mut«, murmelte er. »Was bin ich doch für ein feiger Mensch!«

 

Sie wartete einige Zeit, aber er sprach nicht weiter.

 

»Was das alles zu bedeuten hat, verstehe ich nicht, Mr. Crayley. Ich fühle, daß Sie freundlich zu mir sind, aber eine Heirat mit Ihnen ist mir unmöglich. Wollen Sie mir nicht helfen, von hier fortzukommen? Warum hat man mich denn eigentlich hierher gebracht?«

 

Plötzlich sah er sie wieder an und hob warnend den Finger.

 

»Bleiben Sie hier«, flüsterte er, ging leise zur Tür und versuchte, sie zu öffnen. Sie war aber geschlossen. Mit langen Schritten durchquerte er das Zimmer und verschwand in dem anderen Raum, aus dem er vorhin gekommen war und schloß hinter sich ab. Sie hörte leise Stimmen, konnte aber kein Wort verstehen, obgleich sie sich nahe an die Tür heranschlich. Soweit sie zu unterscheiden vermochte, sprachen drei Leute miteinander.

 

»Nein, das kann ich nicht tun! Das ist ganz unmöglich! Das tue ich nicht!« sagte Crayley plötzlich laut.

 

Ein anderer erwiderte ihm ärgerlich. Dann hörte Nora Schritte und schlich auf Zehenspitzen zu ihrem Stuhl zurück. Wenn sie nur durch eins der Fenster entkommen könnte! Der Fluß hatte keine Schrecken für sie, denn sie konnte schwimmen wie ein Fisch. Wenn sie vor Furcht nicht vollständig gelähmt gewesen wäre, hätte sie schon auf dem Wege hierher ins Wasser springen können.

 

Die Türklinke senkte sich langsam, und Crayley kam wieder ins Zimmer. Er sah noch furchtsamer und verstörter aus als vorher. Wieder gab er ein Zeichen, daß sie schweigen sollte und lauschte aufmerksam. Schließlich schien er davon überzeugt zu sein, daß die beiden anderen gegangen waren.

 

In seinem geisterhaft bleichen, eingefallenen Gesicht zeigte sich plötzlich ein energischer Zug, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte.

 

»Nehmen Sie doch, bitte, wieder Platz«, sagte er und rückte auch für sich einen staubigen Stuhl an den Tisch. »Sie haben zwei Stunden Zeit, sich zu entscheiden, dann kommen die Beiden zurück.«

 

»Wer sind sie denn?«

 

»Sie gehören der Bande des Schreckens an, aber Sie kennen sie nicht.«

 

»Sind Sie auch in ihrer Gewalt?«

 

»Ja!« Das Sprechen schien ihn anzustrengen, denn er atmete schwer. »Wollen Sie mich heiraten, um Ihr Leben zu retten?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich möchte Sie nicht beleidigen –« begann sie.

 

»Sie beleidigen mich durchaus nicht«, erwiderte er mit heiserer Stimme. »Um Gottes willen, nehmen Sie auf meine Gefühle keine Rücksicht. Aber ich frage Sie noch einmal, wollen Sie mich heiraten, um Ihr Leben zu retten?«

 

Sie hörte seine Worte und schauderte.

 

»Ich würde Sie unter keinen Umständen heiraten.«

 

»Lieben Sie denn einen anderen Mann?«

 

»Ich glaube ja. Und ich hoffe, daß ich ihn eines Tages heiraten kann.«

 

Er sah sie einen Augenblick ernst und nachdenklich an, dann erhob er sich unerwartet und ging auf Zehenspitzen in das andere Zimmer. Nach fünf Minuten kam er mit einem Armeerevolver zurück. Er untersuchte die Kammer und fand, daß sie geladen war.

 

»Kommen Sie mit«, sagte er.

 

Sie folgte ihm in den nächsten Raum, ohne eine Frage zu stellen. Durch einen engen Gang kamen sie dann zu einer offenen Tür. Die abnehmende Mondsichel stand am Himmel. Sie sah einen Fußweg vor sich, der durch eine endlose Wiese zu führen schien, aber sie erreichten doch bald eine enge Straße, die parallel zu dem Hause lief.

 

»Warten Sie hier einen Moment«, sagte er, als sie an einer kleinen Gartenpforte anlangten.

 

Sie sah ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwand. Nach einiger Zeit rief er sie, und sie stolperte über die verwucherten Wege, bis sie zu einem Kiespfad kam.

 

Er stand gebückt am Ufer, und sie hörte das Rasseln einer Kette.

 

»Können Sie die Umrisse des Bootes sehen? Ich habe keine Taschenlaterne, und es wäre auch nicht gut, wenn wir jetzt Licht machten.«

 

Es war stockfinster unter den Büschen, aber sie tastete sich vorwärts, bis sie die Spitze des Bootes berührte. Vorsichtig stieg sie ein.

 

»Gehen Sie nach hinten«, flüsterte er ihr zu, und sie gehorchte.

 

Das Boot schaukelte leicht, dann bewegte es sich.

 

»Können Sie ein Ruder gebrauchen? Neben Ihrem Sitz liegt eins.«

 

Sie nickte, fand es und senkte es sofort ins Wasser. In wenigen Sekunden waren sie in der Mitte des Stromes.

 

»Flußabwärts«, sagte er ganz leise. »Und möglichst wenig Geräusch.«

 

Zu ihrer Rechten sah sie die dunklen Umrisse des Hauses. Eifrig ruderte sie und gab sich die größte Mühe, das Holz so lautlos als möglich zu bewegen. Eine Strecke lang sahen sie weder Häuser noch Boote am Ufer.

 

Ein kleines Motorboot fuhr den Strom hinunter, und sie kamen gerade noch zu rechter Zeit, um in die Schleuse einzufahren. Crayley sprach erst wieder, als sie sie verlassen hatten und nach Marlow zu ruderten.

 

»Gefahr besteht immer noch«, sagte er. »Wenn sie uns vermissen, verfolgen sie uns mit dem Motorboot. Es liegt in der Nähe der Temple-Schleuse –«

 

Im gleichen Augenblick schoß ein langes, weißes Boot vom Ufer zu ihrer rechten Seite auf das Wasser hinaus.

 

»Rudern Sie! Nach dem Ufer zu … wir müssen laufen!«

 

Das weiße Boot kam aber mit ungeheurer Geschwindigkeit näher und erreichte sie, als sie noch fünf Meter vom Land entfernt waren. Jemand lehnte sich heraus und packte Nora am Arm, so daß sie laut aufschrie. Eine Sekunde später wurde sie trotz ihres Widerstrebens in das andere Fahrzeug gezogen. Ihre Füße schleiften durch das Wasser, und sie kämpfte verzweifelt, aber sie konnte gegen den starken Mann, der sie hielt, nichts ausrichten. In ihrer höchsten Not erinnerte sie sich an einen Jiu-Jitsugriff und schlug den Angreifer mit der flachen Hand unter das Kinn. Sein Kopf wurde nach hinten gestoßen, und er ließ sie einen Augenblick los. Sie fiel ins Wasser, tauchte unter dem Boot durch und schwamm zur Mitte des Stromes.

 

Als sie wieder an die Oberfläche kam, sah sie den Schein einer elektrischen Lampe, aber sie bemerkte auch die roten und grünen Lichter eines Fahrzeugs, das von Marlow heraufkam. Ein Motorboot! Mit lauter Stimme schrie sie um Hilfe, und als sich das Boot der Verbrecher ihr wieder näherte, schrie sie aufs neue. Sie tauchte und kam an der anderen Seite des Fahrzeugs wieder an die Oberfläche. Das weiße Boot machte eine Wendung, aber jetzt waren auch das grüne und rote Licht in unmittelbarer Nähe. Sie hörte die Rufe eines Mannes und sah den Lichtstrahl, den der Scheinwerfer des großen Motorbootes aussandte. Ein Schuß fiel – dann noch einer – sie hörte das Pfeifen der Kugeln.

 

Ein Geschoß schlug dicht bei ihr im Wasser ein, und der Gischt spritzte ihr ins Gesicht.

 

Sie befand sich jetzt im Kegel des Scheinwerfers, und eine Hand packte ihren Arm.

 

Mit einem Schrei suchte sie sich loszumachen, aber dann schaute sie auf und blickte in das Gesicht des Wetters.

 

Kapitel 28

 

28

 

Die beiden Detektive kamen um halb elf bei Mr. Jackson Crayleys Haus an und gaben sich dem etwas phlegmatischen Hausmeister zu erkennen. Er führte sie ins Wohnzimmer. Ein halb ausgetrunkenes Glas Whisky-Soda stand auf dem Tisch, und eine halb aufgerauchte Zigarre lag daneben.

 

»Ich werde Mr. Crayley melden, daß Sie hier sind«, sagte der Mann.

 

Nach ein paar Minuten kam er aber zurück und erklärte, daß sein Herr nicht anwesend sei.

 

»Ich habe ihn seit ungefähr einer Stunde nicht mehr gesehen. Aber er geht öfter abends in den Garten. Manchmal fährt er auch mit seinem Motorboot auf den Strom hinaus.«

 

»Wo ist es denn verankert?« fragte der Wetter.

 

Der Hausmeister brachte sie zu der Stelle.

 

»Das Boot ist aber hier. Er muß also mit seinem Auto fortgefahren sein.«

 

Tatsächlich fanden sie auch die Garage leer.

 

»War heute abend jemand hier?«

 

»Nein. Wir haben überhaupt wenig Besuch. Um diese Jahreszeit sind wir ja auch meistens nicht in Marlow. Nur der Unglücksfall in Heartsease hat alle Pläne über den Haufen geworfen.«

 

»Sind Sie wirklich sicher, daß heute abend niemand hier war?«

 

Der Wetter sah den Mann scharf an.

 

»Ja, natürlich.«

 

Long dachte einen Augenblick nach.

 

»Wie oft sind Sie heute abend antelephoniert worden?«

 

»Ich glaube, zweimal.«

 

»Wo ist Ihr Apparat?«

 

Das Telephon befand sich im Wohnzimmer. Der Wetter nahm den Hörer ab und rief die Vermittlungsstelle an. Er hatte einen Überwachungsbeamten in der Zentrale sitzen, seitdem Jackson Crayley unter Verdacht stand. Aber da er niemand finden konnte, der genügende dänische Kenntnisse besaß, hatte er ihn wieder abberufen müssen.

 

»Zweimal ist angerufen worden, Mr. Long«, lautete die Auskunft. »Beidemal von London. Ich habe mich eingeschaltet, aber die Gespräche wurden wie gewöhnlich in Dänisch geführt.«

 

»Können Sie mir nicht genaue Zeitangaben machen?«

 

»Eins der beiden Gespräche kam ungefähr vor einer halben Stunde, das andere früher am Abend.«

 

Der Wetter war davon überzeugt, daß Jackson Crayley auf den zweiten Anruf hin das Haus verlassen hatte.

 

Hierher hatten sie Nora also nicht gebracht – wo mochte sie nur sein? Er wußte, daß Shelton am Flußufer mehr als das eine Versteck unterhalten hatte, das sie ausgehoben hatten. Er schickte Sergeant Rouch zu einem nahen Bootshaus, um ein Motorboot zu mieten, und ging auf dem Rasen auf und ab, bis es um die Biegung kam und vor dem Landungssteg hielt.

 

Die Uhr auf dem Kirchturm von Marlow schlug elf, als sie den Strom hinauffuhren.

 

Halbwegs zwischen Marlow und der Temple-Schleuse hörte der Wetter einen Schrei und steuerte sofort darauf los.

 

»Ach, da macht sich jemand am Ufer einen Scherz«, meinte Rouch.

 

Aber der Schrei wiederholte sich in nächster Nähe, und nun sah der Wetter auch das weiße Motorboot. Er stellte den Scheinwerfer an und suchte das Wasser ab. Plötzlich entdeckte er den Kopf einer Frau im Wasser.

 

In diesem Augenblick pfiff das erste Geschoß an ihm vorbei. Jemand feuerte auf ihn, aber er schaltete den Scheinwerfer nicht aus. Immer näher kam er zu der Schwimmerin. Nun konnte er sie erkennen und rief ihren Namen.

 

Sie hatte das Bewußtsein verloren, als er sie aus dem Wasser zog. Mit Hilfe des Sergeanten trug er sie in die Kabine des Motorbootes. Als er wieder herauskam, war das andere Fahrzeug verschwunden. Wenn er sich nicht mit Nora hätte beschäftigen müssen, hätte er gesehen, daß es in die Nähe des Ufers fuhr und im Schatten der überhängenden Baumäste verschwand.

 

»Wir wollen zu Crayleys Haus fahren«, sagte er.

 

Der Steuermann wandte das Boot.

 

Nora war wieder zu sich gekommen, als sie an dem Bootssteg des Rosengartens anlegten. Mit Longs Beistand ging sie zum Hause hinauf. Aber es dauerte lange, bis sie ihm von ihren Erlebnissen erzählen konnte.

 

Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Bezirken von Buckinghamshire und Berkshire führten zu einer Verzögerung. Es dauerte eine Stunde, bis die ersten Polizeimannschaften von Maidenhead in einem Motorboot ankamen und die Nachforschungen aufnahmen. Das unbesetzte Motorboot der Verbrecher fanden sie mitten im Strom treibend. Den Kahn hatten sie schon vorher entdeckt. Von Crayley selbst bemerkten sie jedoch nichts, obgleich sie die Ufer sorgfältig absuchten.

 

Der Schleusenwärter berichtete, daß keine anderen Boote durch die Schleuse gefahren seien, und daß er nichts gesehen hätte.

 

Jenseits der Schleuse kamen sie zu dem alten Haus Clay Sheltons. Wetter Long öffnete die Tür mit einem Stemmeisen. Die Kerze war vollkommen niedergebrannt. Menschen schienen nicht in dem Raum zu sein. Inspektor Long ging in das Schlafzimmer und fand es ebenfalls verlassen. Die Tür am Ende des kleinen Ganges war geschlossen.

 

»Es ist niemand hier, und es ist auch sehr unwahrscheinlich, daß sie zurückkommen. Machen Sie doch einmal Licht.«

 

»In einer Stunde wird es Tag, Mr. Long«, sagte der Inspektor der Berkshirepolizei. »Ich glaube, wir verschieben unsere weiteren Nachforschungen besser, bis es hell wird.«

 

Es war aber schon hell genug, um die Wagenspuren auf der Straße zu erkennen, und nach einiger Zeit entdeckten sie den kleinen Zweisitzer, der Jackson Crayley zu diesem einsamen, verlassenen Haus gebracht hatte. Der Wagen stand in einem kleinen Gebüsch, etwa hundert Meter vom Hause entfernt.

 

»Ich wundere mich nur, wie er hierher gekommen ist«, meinte der Wetter. »Und noch mehr, wie er wieder von hier fortkam.«

 

»Sie lassen wahrscheinlich einen Verhaftungsbefehl gegen ihn ausstellen?« fragte der Inspektor.

 

»Ja.« Die Stimme des Wetters klang nicht sehr überzeugt. »Das hätte ich schon längst tun können, aber ich glaube nicht, daß uns seine Verhaftung weiterbringt.«

 

Er kannte Jackson Crayleys Gewohnheiten gut genug, um zu wissen, wie sehr dieser Mann einer Fahrt in der Nacht abgeneigt war.

 

Aber wo mochte Jackson Crayley sein? Wenn man seiner habhaft werden könnte, würde sich wahrscheinlich das Geheimnis aufklären lassen. Er war das schwächste Glied in der Bande des Schreckens.

 

Später am Morgen fanden sie ihn. Jackson Crayley war an einem Baum aufgehängt, und quer über sein weißes Frackhemd war mit Blut das Wort »Sorroeder« geschrieben.

 

»Zum Teufel, was soll das bedeuten?« fragte der Inspektor der Berkshire-Polizei verwundert.

 

Wetter Long antwortete nicht. Seine Kenntnisse im Dänischen waren nicht groß, aber er wußte, daß Sorroeder »Verräter« hieß.

 

Kapitel 29

 

29

 

»Es war nur eine rein theatralische Aufmachung«, berichtete der Wetter Colonel Macfarlane. »Der arme Kerl war längst tot, als sie ihn aufhängten. Er hatte einen Schuß mitten durchs Herz.«

 

»Glauben Sie, daß Dänen das Verbrechen begangen haben?«

 

»Nein. Welcher Nationalität die Leute angehören, weiß ich nicht genau. Einige von ihnen sind sicher in Dänemark erzogen worden. Habe ich Ihnen diese Liste übrigens schon gezeigt?«

 

Er hatte eine kleine Karte aus der Tasche genommen, auf der eine Reihe von Daten stand.

 

1. Juni 1854 J.X.T.L.

6. September 1862

9. Februar 1886

11. März 1892

4. September 1896

12. September 1898

30. August 1901

14. Juni 1923

1. August 1924

16. August

 

»Ja, ich habe sie schon gesehen.« Der Colonel war ein methodischer Mann und hatte die Zeilen gezählt. »Es ist aber noch ein neues Datum hinzugefügt.«

 

Long lächelte vergnügt.

 

»Das ist erst vor zwei Tagen dazugekommen.«

 

»Der erste August bezeichnete natürlich Monkfords Todestag«, meinte Macfarlane nachdenklich. »Soll nun der sechzehnte bedeuten, daß –«

 

»Der sechzehnte geht mich selbst an. Sie haben beschlossen, mich an diesem Tag ins bessere Jenseits zu befördern. Ich hätte also noch ungefähr eine Woche zu leben. In gewisser Weise bin ich sogar froh darüber.«

 

Macfarlane sah ihn erstaunt an.

 

»Sind Sie denn lebensmüde?«

 

»Ja, diese Art Leben habe ich wirklich satt!« –

 

Von Scotland Yard aus ging der Wetter nach Berkeley Square, um seinen Vater zu besuchen.

 

Sir Godley war gerade im Begriff, sich zu einem Gartenfest umzukleiden und ließ seinen Sohn in sein Ankleidezimmer kommen.

 

»Hast du meinen Brief erhalten und dir meinen Vorschlag überlegt?« fragte er.

 

»Deine Briefe machen mich direkt krank.« Der Wetter setzte sich in den bequemsten Sessel.

 

Sir Godley antwortete nicht, weil er gerade seine Krawatte umband.

 

»Ich habe früher einmal davon gesprochen, daß Clay Shelton dir niemals Verluste beigebracht hat. Erinnerst du dich noch daran?«

 

»Ja, auf so etwas Ähnliches kann ich mich besinnen.

 

»Und doch hat er dich einmal um achtzigtausend Pfund betrogen – ich habe diese Tatsache erst vor kurzem entdeckt.«

 

Sir Godley wandte sich nicht um.

 

»Du hast entschieden Veranlagung zu deinem Beruf«, entgegnete er.

 

»Mit Ironie erreichst du bei mir gar nichts«, erwiderte der Wetter ruhig. »Aber ich habe dein Geheimnis herausbekommen, sogar schon vor einigen Tagen. Ich hatte nur bisher noch keine Zeit, die Bombe platzen zu lassen. Wer wurde denn am 1. Juni 1854 geboren?«

 

»Das mag der liebe Himmel wissen.« Sir Godley betrachtete sich eingehend im Spiegel.

 

»Wer war J.X.T.L.? Niemand anders als John Xavier Towler Long, und damit du mir nichts vorzuschwindeln brauchst, werde ich dir gleich alles sagen. John Xavier Towler Long war identisch mit Clay Shelton!«

 

»Tatsächlich?« Der alte Herr steckte gleichgültig eine Nadel in seine seidene Krawatte.

 

»Und Clay Shelton, für dessen Hinrichtung ich verantwortlich bin, war dein Bruder!«

 

Sir Godley verriet seine Erregung nicht durch das geringste Zeichen.

 

»Wie hast du denn das herausgebracht?«

 

»Auf Sheltons Motorboot fand ich eine Anzahl von Daten in die Wand eingeschnitzt, und ich vermutete, daß jedes eine besondere Bedeutung haben müßte. Der 1. Juni 1854 konnte nur ein Geburtstag sein. Dahinter standen die Initialen J.X.T.L. X ist als Anfangsbuchstabe eines Namens sehr selten. In Somerset House habe ich die Namen aller Kinder durchgesehen, die am 1. Juni 1854 geboren wurden, und ich entdeckte schon nach kurzer Zeit, daß John Xavier Towler Long als einziger in Frage kam. Towler war unser Familienname. So hieß meine Urgroßmutter, wenn ich mich recht besinne.«

 

Sir Godley nickte.

 

»Schon diese Übereinstimmung hätte mir auffallen müssen, aber ich fand auch den Namen meines Großvaters, der zweimal heiratete. Du warst der einzige Sohn aus der zweiten Ehe. Warum hast du mir das niemals gesagt?«

 

Der alte Herr lachte leise.

 

»Man rühmt sich gerade nicht mit der Verwandtschaft eines Mannes von Johns Charakter, und tatsächlich habe ich ihn auch kaum gekannt. Er war zehn Jahre älter als ich, und ich weiß nur noch, daß er stets in Schwierigkeiten war, meinen Vater betrog und nach einer üblen Skandalgeschichte verschwand.«

 

»Weißt du wirklich nicht mehr von ihm?«

 

»Nein. Bis ich das Bild in den Zeitungen sah, hatte ich keine Ahnung, daß er mit mir verwandt war; und auch dann hätte ich ihn kaum erkannt.«

 

»Und du hast die ganze Zeit gewußt, wer Clay Shelton war?«

 

»Ich habe immer gewußt, daß er der größte Schuft war und meinen Vater ruiniert und ins Grab gebracht hat. Beinahe hätte er mich und unsere Familie auch zugrunde gerichtet. Deshalb wollte ich auch nicht haben, daß du dich mit dieser Sache befassen solltest. Ich hatte selbstverständlich nicht den Wunsch, daß du ihn zu Tode hetzen solltest, da er doch schließlich der Sohn meines Vaters war. Und ich wollte dich um so mehr davon abhalten, als ich erfuhr, daß nach seinem Tode eine ganze Bande seine Verbrechen fortsetzte.«

 

»Meinst du die Urkundenfälschungen? Ich dachte, das hätte aufgehört.«

 

»Es hat aufgehört und auch nicht. Clay, wie ich ihn jetzt nennen will, muß unermüdlich tätig gewesen sein. Bei seinem Tod hinterließ er wahrscheinlich eine große Anzahl gefälschter Dokumente, von denen bereits einige in die Öffentlichkeit gekommen sind. Die Bande besitzt aber augenblicklich keine Mittel mehr. Clay war nicht sparsam veranlagt, er verbrauchte alles. Glaube mir, die Bande des Schreckens ist in einer sehr schlechten finanziellen Lage, und deshalb wirst du noch große Schwierigkeiten mit den Leuten haben.«

 

»Weißt du etwas Genaueres?«

 

Sir Godley zuckte die Schultern.

 

»Monkford wurde ermordet, und du kannst sicher sein, daß die Sache einen finanziellen Hintergrund hatte. Aber du weißt ja mehr als ich. Erzähle mir doch alles.«

 

Er hörte schweigend zu, bis der Wetter seinen Bericht beendet hatte. Dann nickte er langsam.

 

»Sie sind natürlich hinter Monkfords Vermögen her, und das Mädchen ist nur Mittel zum Zweck für sie – der arme, alte Crayley!«

 

»Kanntest du ihn denn?«

 

»Ja, ich kannte ihn – alle Welt kannte Jackson Crayley. Und du sagtest eben, daß du ihn auch im Verdacht hattest? Wann fing denn eigentlich diese ganze Geschichte mit der Bande des Schreckens an?«

 

»An dem Tage, an dem ich Clay Shelton in Colchester verhaftete, war Crayley auch in dem Kassenraum der Bank. Und er war nur dort, um den Verbrecher zu schützen, davon bin ich fest überzeugt. Clay Shelton hatte niemals eine Schußwaffe bei sich. Ich habe seine Kleider nach seiner Verhaftung untersucht, und ich sah, daß er keinen Browning in seiner Hüfttasche getragen hatte. Es war immer nur der Begleitmann, der die Pistole bei sich hatte, und der Begleitmann war in diesem Falle Crayley. Aber er hat die ganze Sache natürlich verkehrt angefangen. Als es zum Handgemenge kam, und er sich einmischte, tat er es nur in der Absicht, Shelton eine Pistole zuzustecken. Das gelang ihm auch. Ich habe die Herkunft der Waffe weiter verfolgt. Sie wurde vor sechs Monaten in Belgien gekauft, und gerade um die Zeit war Jackson Crayley zur Wintersaison in Spa. Von da ab habe ich Crayley stets beobachten lassen. Kennst du eigentlich Miß Revelstoke?«

 

Sir Godley schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe noch nie gehört, daß sie irgendwie mit Clay Shelton in Verbindung gestanden hat. Du hältst sie für ein Mitglied der Bande des Schreckens? Das klingt mir doch ziemlich unwahrscheinlich. Nach den Auskünften, die die Banken über sie eingezogen haben, ist sie eine Dame von tadellosem Charakter.«

 

»So? Glaubst du das wirklich?« fragte der Wetter erregt. »Soll ich dir sagen, wer sie ist und welche Rolle sie gespielt hat? Sie war der Kassierer und Geldverwalter von Clay Sheltons Bande. Monkford hat mir selbst erzählt, daß sie einmal dreiviertel Millionen auf seiner Bank hatte. Es sollte die Verkaufssumme für das Gut eines sagenhaften Bruders sein. Und soweit meine Nachforschungen reichen, hat sie niemals einen Bruder gehabt. Sie mag allerdings nur ein Werkzeug sein und keine Ahnung davon haben, um was es geht.«

 

»Frauen in ihrem Alter sind natürlich unberechenbar. Vielleicht ist sie in der Gewalt eines Mannes wie Henry. Aber was diesen angesehenen Rechtsanwalt zu derartigen Verbrechen bringen konnte, verstehe ich nicht. Du verdächtigst ihn ja direkt des Mordes. Es ist wahrscheinlich, daß Clay die Bande des Schreckens organisiert hat, denn er war ein geborener Führer und Intrigant. Aber warum die Bande nach seinem Tode –«

 

»Du hast ja vorhin selbst den Grund genannt. Die Leute haben eben kein Geld mehr. Sie besitzen noch gefälschte Dokumente und verwenden sie unter dem Vorwand, für den Tod Clay Sheltons Rache nehmen zu wollen.«

 

»Sie haben Monkford ermordet, damit sie sein Vermögen auf Nora Sanders übertragen können – du interessierst dich sehr für diese junge Dame? Ich würde gern eine Schwiegertochter in Kauf nehmen, wenn du dich einem anständigen, nutzbringenden Beruf zuwenden wolltest.«

 

»Du meinst, wenn ich auch Bankier würde?« erwiderte der Wetter verächtlich. »Geld verdienen durch Geldausleihen in großem Maßstabe? Nein, ich bin viel lieber ein tüchtiger Detektiv –«

 

»Das bezweifle ich ja gerade. Du wirst niemals allererste Leistungen erzielen, und ich bin sehr besorgt um dein Leben.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Eine Woche später lenkte Shelton seinen Wagen dicht vor Colchester auf einen Seitenweg und brachte ihn zum Stehen. Aus einer Schublade unter dem Sitz nahm er einen Koffer heraus, der einen Anzug, Schere, Rasiermesser und Creme enthielt, und kurze Zeit darauf hatte er sich vollkommen verwandelt. Er sah jetzt aus wie ein ehrbarer älterer Herr. Nachdem er einen Blick nach rechts und links geworfen hatte, ging er zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn und fuhr von dort zum Zentrum der Stadt.

 

Es schlug zehn Uhr, als er den großen Kassenraum der Eastern Counties Bank betrat. Er legte ein Bankbuch und ein ausgefülltes Formular auf den Schaltertisch. Der Beamte prüfte beides sorgfältig und ging dann damit in das Büro des Direktors. Als er zurückkam, lächelte er respektvoll, als ob er sich für seine schlimmen Befürchtungen entschuldigen müßte.

 

»Siebentausendsechshundert«, sagte er liebenswürdig. »Wie wollen Sie das Geld haben, Colonel Weatherby?«

 

»In Hundertpfundnoten.«

 

Gleich darauf zählte der Kassierer ein Paket Banknoten mit außerordentlicher Geschwindigkeit ab und notierte dann die Nummern der Scheine in sein Buch…

 

»Danke schön.« Shelton wandte sich ab und steckte das Päckchen in seine Brusttasche.

 

Außer ihm befanden sich noch zwei andere Herren im Kassenraum, und ein dritter kam gerade durch die Drehtür herein. Der eine sah etwas müde aus und lehnte sich an den Schalter. Shelton würdigte ihn keines Blickes, wohl aber schaute er sich den anderen genau an, der vor dem Ausgang stand und ihn anlächelte.

 

»Guten Morgen, Shelton.«

 

Der Wetter Long! Höchste Gefahr! Shelton blieb stehen und schob trotzig das Kinn vor.

 

»Wollen Sie mit mir sprechen? Ich heiße allerdings nicht Shelton.«

 

Arnold Long nahm den Hut ab und fuhr mit der Hand durch sein dichtes, schwarzes Haar.

 

»Ja, ich wollte mit Ihnen sprechen.«

 

Im nächsten Augenblick sprang Shelton auf ihn zu.

 

Eine Sekunde später wälzten sich drei Männer auf dem Boden. Shelton gelang es, wieder auf die Füße zu kommen. Der Polizist war eifrig bei dem Handgemenge, stand aber dem Wetter immer im Wege. Plötzlich mischte sich auch noch der müde Herr ein, der vorher am Schalter gelehnt hatte.

 

»Hier! Verdammt…«

 

Ein betäubender Knall ertönte, und der Polizist stürzte blutend auf die Marmorfliesen nieder.

 

»Geben Sie die Pistole her, oder ich schieße sofort!«

 

Shelton wandte den Kopf. Der Bankbeamte mit der Brille hatte mit einem schweren Armeerevolver auf ihn angelegt. Der Mann hatte den Krieg auch mitgemacht, in dem selbst Bankbeamte mit Brillen lernten, kaltblütig andere Menschen über den Haufen zu schießen.

 

Long legte Shelton Handschellen an. Zwei Polizisten in Uniform kamen in den Schalterraum, während der Bankbeamte bereits an das Hospital telephonierte.

 

»Ich verhafte Sie wegen Betrugs«, sagte Arnold und schaute dann ernst auf den Toten, der in einer großen Blutlache lag. »Ich dachte, Sie trügen niemals eine Pistole bei sich?«

 

Shelton erwiderte nichts, und der Wetter wandte sich an den fremden Herrn, der sich am Handgemenge beteiligt hatte.

 

»Ich danke Ihnen … ich bin Ihnen wirklich sehr verpflichtet.« Plötzlich leuchteten seine Augen auf. »Ach, Sie sind ja Mr. Crayley.«

 

Der Mann sah totenbleich aus.

 

»Beinahe hätte er mich selbst getroffen«, sagte er heiser. »Nun, ich habe mein Bestes getan. Sagen Sie es nur, wenn ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein kann. Ist er tot?«

 

»Ja.« Der Wetter starrte düster auf den Polizisten. »Ich wünschte, das hätten Sie nicht getan, Shelton. Aber diesen Mord können wir wenigstens leichter beweisen als die anderen, die Sie begangen haben. Wir wollen ihn schnell zur Polizeistation bringen, bevor ein zu großer Auflauf entsteht. Zeigen Sie mir, bitte, den Nebenausgang«, wandte er sich an den Bankbeamten.

 

Kapitel 30

 

30

 

Nora Sanders protestierte heftig, als Arnold Long sie in ein Krankenhaus bringen wollte. Aber er blieb in diesem Punkt hart und unnachgiebig.

 

»Ich bin nicht krank, und ich habe keinen Nervenzusammenbruch«, sagte sie. »Es ist ganz unnötig.«

 

»Der Doktor sagt –« begann er.

 

»Der Doktor!« entgegnete sie geringschätzig. »Als ich ins Wasser sprang, fühlte ich mich sofort wohler. Wenn man mir bloß nicht dieses entsetzliche Mittel beigebracht hätte. Was war es nur?«

 

»Butylchlorid. Es hat eine katastrophale Wirkung. Daß es Ihnen nicht mehr geschadet hat, spricht für Ihre gute Gesundheit. Trotzdem muß ich aber dem Arzt recht geben, und ich bestehe darauf, daß Sie in das Krankenhaus gehen. Sie dürfen mindestens eine Woche lang keine Besuche empfangen.«

 

»Aber ich muß doch Miß Revelstoke sehen.«

 

»Vielleicht ist das notwendig – aber sie darf nur in meiner Gegenwart vorgelassen werden. Ich bewundere die alte Dame unendlich, aber ich hatte niemals den Eindruck, daß viel Gutes von ihr kommt. Und Ihre Gesundheit darf auf keinen Fall leiden –«

 

»Sie wollen mich vor Gefahr beschützen und glauben, Sie müssen mich zu diesem Zweck einsperren. Schließlich postieren Sie noch einen Detektiv vor die Tür und geben einem Polizisten den Befehl, vor dem Haus auf- und abzupatrouillieren.«

 

»Sie haben die Situation vollkommen richtig erfaßt.«

 

Sie war erstaunt, daß er ihren Vorwurf so ruhig hinnahm.

 

Als er einige Stunden später ihr Zimmer verließ, von dem aus man eine schöne Aussicht auf Dorset Square hatte, nahm er die Vorsteherin beiseite und gab ihr besondere Instruktionen. Tatsächlich wurde Nora so gut wie eine Gefangene gehalten.

 

»Geben Sie ihr keine Zeitungen. Magazine und Bücher kann sie haben, soviel sie will, aber keine Zeitungen. Und achten Sie auch darauf, daß die Krankenschwestern ihr nichts erzählen.«

 

Nachdem die alte Dame versprochen hatte, seine Anweisungen genau zu befolgen, fühlte er sich etwas erleichtert und verabschiedete sich.

 

Später erfuhr er per Telephon, daß Miß Revelstoke Nora um sechs Uhr aufsuchen wollte. Fünf Minuten vor der angesetzten Zeit erschien er im Empfangsraum des Krankenhauses. Die alte Dame schien durchaus nicht erstaunt zu sein, ihn dort zu treffen, und begegnete ihm mit großer Liebenswürdigkeit.

 

»Sie wollte ich gerade sprechen, Mr. Long. Was ist bloß dem armen Mädchen passiert? Ihr Sergeant Rouch ist gerade nicht sehr mitteilsam. Er erzählte mir nur, daß man versuchte, sie zu entführen und daß sie dabei fast ertrunken wäre. Aber das kann ich doch kaum glauben.«

 

Er sah sie forschend an. In der letzten Zeit war sie stark gealtert, und ihr fast noch jugendlich glattes Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Nur der lebhafte Blick ihrer feurigen Augen erinnerte noch an ihr früheres Aussehen. Durch ihr temperamentvolles Auftreten gelang es ihr aber, ihn in gewisser Weise zu täuschen.

 

»Crayley soll auch tot sein, wie ich hörte?«

 

Er nickte.

 

»Sagen Sie ihr, bitte, nichts davon.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Es ist wirklich schrecklich. Erst Monkford und nun auch noch Crayley. Es ist mir wirklich sehr auf die Nerven gefallen.«

 

»In diesem Zusammenhang müßten wir eigentlich auch noch Clay Shelton nennen«, sagte er harmlos, beobachtete sie aber scharf. »Mein unglücklicher Onkel –«

 

Diese Worte trafen. Ihre Gesichtszüge wurden plötzlich finster und hart. Sie kniff die Augenlider zusammen und sah ihn feindselig an.

 

»Ich habe nicht recht verstanden. Was sagten Sie? Ihr –«

 

»Clay Shelton war mein Onkel, der Halbbruder meines Vaters. Ich dachte, das wäre Ihnen bekannt. Sein wirklicher Name war John Xavier Towler Long. Aber vielleicht wußten Sie das nicht? Ich weiß sehr viel von meinem Onkel John.« Er lachte zynisch. »Er heiratete im Jahr 1883 die junge Miß Paynter und ließ sie schmählich im Stich. Mein Vater hat mir gesagt, daß sie erst vor ein paar Jahren gestorben ist.«

 

Miß Revelstoke hatte sich wieder gefaßt.

 

»Ich habe nicht gewußt, daß Sie aus einer so heruntergekommenen Familie stammen, Mr. Long.« Sie schaute auf die Uhr. »Glauben Sie, daß ich jetzt Nora sprechen kann?«

 

»Wir werden beide zu ihr gehen.«

 

Dieser Schachzug kam ihr überraschend.

 

»Ich wollte aber verschiedene Dinge mit ihr allein besprechen.«

 

»Gut. Während dieser Zeit kann ich mir ja die Ohren zuhalten«, entgegnete der Wetter.

 

Sie begleitete ihn widerwillig zu Noras Zimmer.

 

Miß Sanders lag zu Bett und las in einem Buch, als sie eintraten.

 

»Sie armes Kind«, sagte Miß Revelstoke freundlich. »Nora, Sie sind wirklich ebenso schlimm wie Mr. Long. Dauernd sind Sie in Unglücksfälle verwickelt. Wie geht es Ihnen denn? Wie fühlen Sie sich?«

 

Nora schüttelte den Kopf und sah vorwurfsvoll zum Wetter hinüber.

 

»Ich habe mich niemals wohler gefühlt«, erklärte sie, »aber man besteht darauf, daß ich hier im Krankenhaus bleibe.«

 

»Sie meinen wohl, Mr. Long besteht darauf. Es ist doch ein Glück, daß Sie einen so guten Freund haben, der sich wie ein Bruder um Sie kümmert.«

 

»Wie eine Mutter«, sagte der Wetter halblaut.

 

Miß Revelstoke schaute ihn an.

 

»Kann ich einen Augenblick allein mit Nora sprechen?«

 

Er ging zur anderen Seite des Zimmers und sah nach Dorset Square hinaus. Sein Gehör war ausgezeichnet, und als ob Miß Revelstoke das ahnte, sprach sie beinahe im Flüsterton.

 

»Kann Henry Sie hier besuchen und sprechen?«

 

Nora zögerte mit der Antwort und sah zu Mr. Long hinüber.

 

»Fragen Sie ihn nicht, denn er haßt Henry. Ich möchte, daß Sie ihn allein sprechen. Ist das möglich?«

 

Nora war unentschieden.

 

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, der Arzt hat Instruktion gegeben, daß mich niemand besuchen darf. Können Sie mir denn nicht sagen, was er will?«

 

»Er wollte Ihnen etwas mitteilen – etwas, was Monkford sagte, bevor er das Testament unterzeichnete.«

 

Als sie sah, daß Noras Blicke wieder zu Mr. Long wanderten, lächelte sie.

 

»Nun, ich will Sie nicht dazu zwingen. Sagen Sie ihm, bitte, nichts davon, daß ich Sie bat, mit Mr. Henry zu sprechen.«

 

Kapitel 21

 

21

 

Der Tod Mr. Monkfords deprimierte Nora Sanders stark. Sie konnte sich des düsteren Eindrucks nicht erwehren, daß die Bande des Schreckens ihre Hand im Spiel hatte. Das wurde ihr mehr und mehr zur Gewißheit, obwohl sie mit Long nicht mehr über die Verbrecherorganisation gesprochen hatte. Sie versuchte aber vergeblich, Miß Revelstoke auch davon zu überzeugen.

 

»Das ist der größte Unsinn«, entgegnete die alte Dame energisch. »Ich weiß nicht, was Sie immer mit der Bande des Schreckens wollen. In Scotland Yard scheint man ja vollkommen die Nerven verloren zu haben, wenn derartige Dummheiten geglaubt werden.«

 

Sie sah gerade zum Fenster hinaus, als ein Mietauto vor der Haustür hielt.

 

»Ach, da kommt ja Ihr Ihnen so ergebener Mr. Henry. Er scheint es sehr eilig zu haben.«

 

Erst nachdem sich der Rechtsanwalt zwanzig Minuten lang allein mit Miß Revelstoke unterhalten hatte, ließ sie Nora kommen, und das junge Mädchen war aufs äußerste bestürzt, als sie von der Erbschaft hörte.

 

»Zwei Millionen soll ich erben?« sagte sie atemlos. »Das kann doch nicht wahr sein!«

 

Bleich und verstört sank sie in einen Stuhl und sah ratlos von einem zum andern. Mr. Henry strahlte sie wohlwollend an und weidete sich an ihrer Verwirrung.

 

»Sie haben nun auch die Verantwortung für das ganze Vermögen und den Grundbesitz, Nora. Es wäre gut, wenn Sie meine Hilfe in Anspruch nähmen und mir die Führung Ihrer Geschäfte anvertrauten. Ich würde dann vor allem die Erklärung der Rechtsgültigkeit des Testaments durchsetzen. Die meisten Werte sind flüssig, und nach dem Wortlaut des Testaments können Sie sofort über ein Bankguthaben von einer Million zweihunderttausend Pfund verfügen.«

 

»Der schlaue alte Fuchs war also doch in Sie verliebt!« sagte Miß Revelstoke und sah Nora mit ihren dunklen Augen durchdringend an.

 

»Aber – ich verstehe den Zusammenhang wirklich nicht«, erwiderte Nora mit stockender Stimme.

 

Die alte Dame legte den Arm um die Schulter des jungen Mädchens.

 

»Gehen Sie in Ihr Zimmer, mein Kind. Ich werde noch wegen der Erbschaft mit Henry sprechen. Man kann auch nicht verlangen, daß sie sich sofort mit ihrem großen Glück abfindet«, wandte sie sich an den Rechtsanwalt.

 

Willig ließ sich Nora von ihr zur Tür begleiten. Aber ihre Gedanken wirbelten immer noch durcheinander, als sie auf ihrem Zimmer angelangt war.

 

Es war doch unmöglich! Sie sollte zwei Millionen Pfund besitzen? Natürlich träumte sie. Aber nach und nach kam ihr zum Bewußtsein, daß es Wirklichkeit war. Sie sah sich im Zimmer um und betrachtete jedes Möbelstück, dann trat sie an das offene Fenster und schaute hinaus. Drüben, auf der anderen Seite der Straße, stand ein Mann. Ihr Herz schlug plötzlich wild, als er sie grüßte.

 

Es war Wetter Long. Er legte den Finger auf die Lippen, dann winkte er ihr zur Straße herunter und hob drei Finger in die Höhe. Also um drei! Sie sah nach der Uhr auf dem Kamin, die halb eins zeigte. Dann nickte sie ihm zu. Aber wo sollte sie ihn nur treffen? Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, entfaltete er eine Zeitung und deutete auf eine Annonce, die in sämtlichen Morgenzeitungen an derselben Stelle stand. Das Warenhaus Cloche kündigte darin den Beginn einer billigen Woche an. Sie erkannte das charakteristische Reklamebild und nickte wieder.

 

Aufs neue hob er den Finger und legte ihn auf die Lippen. Miß Revelstoke sollte also nichts davon erfahren. Sie gab ihr Einverständnis zu erkennen. Er winkte ihr noch einmal zu und ging dann fort. Warum hatte er nicht telephoniert? Es waren doch zwei Apparate im Hause, einer in der Diele im Erdgeschoß und einer in Miß Revelstokes Arbeitszimmer. Ohne Wissen der alten Dame hätte sie allerdings kein Gespräch führen können.

 

Als der Gong zum Mittagessen rief, ging sie wieder nach unten und traf die beiden im Wohnzimmer.

 

»Ich habe mit Mr. Henry über Ihr außerordentliches Glück gesprochen«, sagte Miß Revelstoke, »und ich halte es auch für das beste, daß Sie vernünftig sind und ihn zu Ihrem Generalbevollmächtigten ernennen.«

 

Nora mußte lachen. Welch große Bedeutung hatte sie doch plötzlich erlangt, daß sie sogar einen Bevollmächtigten brauchte.

 

»Ich bin allerdings in einer Gemütsverfassung, daß ich lieber alle anderen Leute für mich handeln lasse, als selbst etwas unternehme«, gestand sie. »Ich kann immer noch nicht verstehen, warum Mr. Monkford mir das große Vermögen vermacht hat.«

 

»Er hätte es auch schlechteren Menschen hinterlassen können«, meinte Miß Revelstoke. »Der arme Joshua war wirklich ein merkwürdiger Mann, aber in diesem Fall hat er ganz guten Geschmack bewiesen. Er hat Sie eben geliebt, wirklich, er hat Sie verehrt«, sagte sie eindringlich, als Nora den Kopf schüttelte.

 

Auf dem Tisch lagen zwei Schriftstücke.

 

»Sie müssen hier an dieser Stelle unterzeichnen«, erklärte, ihr Mr. Henry liebenswürdig. »Durch das erste Dokument bestätigen Sie die Annahme der Erbschaft, und das zweite ist eine Vollmacht, die Sie mir ausstellen. All Ihre Sorgen in Vermögensangelegenheiten wälzen Sie dadurch auf meine Schultern ab.«

 

Nora setzte sich und griff zu dem Federhalter. Aber plötzlich zögerte sie. Man verlangte von ihr, daß sie einen bestimmten Schritt unternehmen sollte, und durch ihre Unterschrift beanspruchte sie den Besitz eines Vermögens, das ihr eigentlich nicht zustand.

 

»Muß ich denn jetzt schon unterzeichnen? Ich bin wirklich noch kaum in der Lage, die Situation richtig zu beurteilen. Hat es nicht Zeit bis zum Abend? Bis ich die erste Aufregung überwunden habe?« Sie sah den Rechtsanwalt an.

 

Miß Revelstoke stand hinter ihr und gab Mr. Henry ein warnendes Zeichen.

 

»Aber gewiß«, beruhigte er sie. »Heute kann ich doch sowieso nichts mehr unternehmen. Es ist besser, Miß Revelstoke erklärt Ihnen erst alles genau, bevor Sie Ihre Unterschrift geben. Wenn ich die Papiere nur morgen früh mit der ersten Post bekomme, dann haben wir keine Zeit verloren.«

 

Die ältere Dame nahm die beiden Schriftstücke und legte sie beiseite.

 

»So, nun wollen wir aber zum Essen gehen«, sagte sie dann in vergnügter Stimmung.

 

Henry verließ das Haus um halb drei, und Nora ging gleich darauf in das Arbeitszimmer, in das sich Miß Revelstoke begeben hatte.

 

»Ich möchte eine Stunde ausgehen«, sagte sie. »Ich hoffe, daß mir die Luft gut tut, damit ich wieder klar denken kann.«

 

»Kein schlechter Gedanke. Ich möchte Ihnen nur raten, mit keinem Menschen über das Testament zu sprechen, bis Henry die nötigen gesetzlichen Schritte ergriffen hat. Der letzte, mit dem Sie sich darüber unterhalten dürften, wäre Mr. Long. Es ist ja möglich, daß ich ein Vorurteil gegen diesen Herrn habe, aber ich kann seinen Vater durchaus nicht leiden. Wohin wollen Sie denn gehen?«

 

»Ich möchte etwas im Park spazieren gehen und mich dann vielleicht einmal bei Cloche umsehen. Es ist eine billige Woche dort.«

 

Miß Revelstoke lächelte nachsichtig.

 

»Aber mein Liebling, Sie brauchen doch jetzt wirklich nicht mehr zu einer billigen Woche ins Warenhaus zu laufen. Aber Sie haben vielleicht ganz recht. Es ist eine Ablenkung. Kommen Sie, bitte, bis fünf Uhr wieder zurück.«

 

Kapitel 22

 

22

 

Das Warenhaus Cloche ist groß, und da es Wetter Long nicht möglich war, Nora einen bestimmten Treffpunkt anzugeben, hielt sie sich einige Zeit am Haupteingang auf. Als sie ihn aber nicht entdecken konnte, betrat sie schließlich das Geschäft. Im Erdgeschoß wimmelte es von Menschen. Sie schaute nach rechts und nach links, aber sie sah ihn nicht. Hatte sie ihn doch falsch verstanden? Oder war er am Ende verhindert?

 

Plötzlich trat ein Aufsichtsbeamter mit langem, blondem Schnurrbart auf sie zu und begrüßte sie mit einem Kopfnicken.

 

»Wir haben Ihre Handtasche gefunden, sie liegt im Fundbüro. Wollen Sie, bitte, mitkommen?«

 

Bevor sie erwidern konnte, daß sie nichts verloren hätte, drehte er sich um und ging ihr voran. Vergeblich versuchte sie, ihn zu überholen und ihm klar zu machen, daß er sich täuschen müßte. Er ging in ein kleines Büro und hier wandte er sich erst wieder nach ihr um.

 

»Sie müssen sich unbedingt irren, ich habe keine Tasche verloren –« begann sie.

 

Er öffnete eine andere Tür, die zu einem kleinen Salon führte.

 

»Würden Sie einen Augenblick Platz nehmen?« fragte er freundlich.

 

»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich nichts verloren habe«, wiederholte sie, etwas erregt über seine Unzugänglichkeit.

 

Er schob sie in das kleine Zimmer und schloß die Tür hinter ihr.

 

»Entschuldigen Sie, daß ich wie ein Detektiv im Theater erscheine«, sagte der Wetter und nahm den Schnurrbart ab. »Sie verstehen jetzt wohl, warum Sie Ihre Handtasche verloren haben müssen.«

 

Sie starrte ihn erstaunt an.

 

»Mir sind derartige Dinge auch zuwider«, fuhr er fort, »aber der alte Cloche ist ein großer Freund von Scotland Yard, und ich hatte keinen anderen Weg, um mich Ihnen zu nähern, ohne die Aufmerksamkeit des Mannes zu erregen, der Ihnen dauernd folgt.«

 

»Der mir dauernd folgt?« fragte sie ungläubig. »Da irren Sie sich aber.«

 

»Durchaus nicht. Ich kenne den Mann, seinen Namen, seine Adresse. Sogar über seine früheren Gefängnisstrafen bin ich orientiert«, erklärte der Wetter mit breitem Lächeln. »Haben Sie schon von Ihrem großen Glück erfahren?«

 

Sie nickte.

 

»Ist es denn wirklich wahr? Ich kann es noch nicht glauben.«

 

»Es ist schon wahr. Das Testament ist über jeden Zweifel erhaben – wenigstens unter diesen Umständen. Monkford soll es an dem Nachmittag vor seinem Tod unterzeichnet haben. Das war der erste August – kommt Ihnen das Datum nicht bekannt vor?«

 

Sie erinnerte sich und wurde bleich.

 

»Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Welche Schriftstücke sollen Sie denn für Mr. Henry unterzeichnen?«

 

Sie setzte sich plötzlich.

 

»Woher wissen Sie denn davon etwas?« fragte sie verblüfft.

 

»Haben Sie Ihre Unterschrift schon gegeben?« fragte er schnell.

 

»Noch nicht.«

 

»Sie haben Sie also tatsächlich gebeten, etwas zu unterzeichnen? Um was handelt es sich denn?«

 

»Das verstehe ich noch nicht ganz. Aber anscheinend ist alles in Ordnung. Mr. Henry zeigte mir zwei Papiere: eine Vollmacht, die ich ihm ausstellen sollte, und eine Bestätigung, daß ich das Testament annehme –«

 

»Sie werden keins der beiden Schriftstücke unterzeichnen.«

 

»Aber Mr. Henry ist doch ein Rechtsanwalt, und er handelt in meinem Interesse.«

 

»Nein, das tut er eben nicht. Sie unterzeichnen nichts – haben Sie mich verstanden?« fragte er etwas unhöflich. Dann nahm er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche, glättete es und legte es auf den Tisch. »Ich bin im Begriff, Ihr Vertrauen auf eine harte Probe zu stellen«, sagte er sehr ernst. »Dieses Schriftstück ist eine Vollmacht für Wilkins, Harding & Bayne, die Rechtsanwälte meines Vaters, und ich bitte Sie, es zu unterzeichnen. Ich werde dafür sorgen, daß es noch heute nachmittag in die Hände der betreffenden Herren kommt.«

 

»Was besagt es denn?« fragte sie und schaute zu ihm auf.

 

»Es hat vermutlich denselben Inhalt wie das Schriftstück, das Sie für Mr. Henry unterzeichnen sollten. Es ist eine Art Generalvollmacht, und Sie legen dadurch die Verwaltung Ihrer Angelegenheiten in die Hände einer Rechtsanwaltsfirma, die über jeden Zweifel erhaben ist.«

 

»Wollen Sie denn sagen, daß Mr. Henry –«

 

»Mr. Henry ist nicht über jeden Zweifel erhaben, und zwar aus vielen Gründen, die ich Ihnen jetzt im Moment nicht erklären kann. Ich bitte Sie, Nora, schenken Sie mir Vertrauen und unterzeichnen Sie das Schriftstück.«

 

Sie nahm die Feder, die auf dem Schreibtisch lag, und unterschrieb, ohne den Inhalt durchzulesen.

 

»Es wird allerdings eine böse Auseinandersetzung geben, wenn ich Miß Revelstoke erzähle, was ich getan habe.«

 

»Sie brauchen es ihr erst morgen früh mitzuteilen. Wann sollten Sie denn die Schriftstücke für Mr. Henry unterzeichnen – etwa schon heute abend? Zweifellos arbeitet die Gegenseite sehr schnell. Glauben Sie, daß Sie imstande sind, Miß Revelstoke ein wenig zu belügen?«

 

Sie lächelte.

 

»Ich möchte es nicht gerne tun, aber wenn Sie es wollen –«

 

»Gut. Dann sagen Sie, daß Sie sich entschlossen haben, die Vertretung Ihrer Angelegenheiten den Rechtsanwälten Ihres verstorbenen Vaters zu übergeben, die sich mit Mr. Henry in Verbindung setzen würden. Um Ihre Handlungsweise zu rechtfertigen, können Sie auch noch angeben, daß Mr. Henry das Testament als Zeuge unterschrieben hat, und daß Sie es für das beste halten, einen Unbeteiligten mit der Wahrung Ihrer Interessen zu betrauen.«

 

Er nahm eine kleine Handtasche vom Tisch auf und überreichte sie ihr lächelnd.

 

»Sie haben also Ihr verlorenes Eigentum wiedererhalten. Der Herr, der draußen auf Sie wartet, ist sicher schon ungeduldig geworden.«

 

»Wann kann ich Sie wieder treffen, Mr. Long? Diese ganze Geschichte beunruhigt mich wirklich sehr.«

 

»In fünf Minuten sehe ich Sie wieder, und wahrscheinlich bin ich die ganze nächste Woche in Ihrer unmittelbaren Nähe.« Bei diesen Worten nahm er ihre Hand in die seine. »Es wird Ihnen in nächster Zeit nicht sehr gut gehen, aber Sie haben einen festen Charakter, und Sie werden über alle Schwierigkeiten hinwegkommen. Und wenn es Sie irgendwie tröstet, möchte ich Ihnen sagen, daß achtzehntausend Polizisten in London alles für Ihre Sicherheit tun, und daß ich in den nächsten Tagen graue Haare Ihretwegen bekomme. Aber lassen Sie den Mut nicht sinken.«

 

Gleich darauf trat sie aus dem kleinen Salon auf die Straße. Unterwegs sah sie sich mehrmals verstohlen um und bemerkte tatsächlich einen Mann, der sie beobachtete. Aber obwohl darin eine Gefahr für sie liegen mußte, und obwohl Long sie gewarnt hatte, fühlte sie sich im Augenblick stark und mutig.

 

Sie wartete nicht erst, bis die alte Dame sie an die Unterzeichnung der Schriftstücke erinnerte, sondern ging nach ihrer Rückkehr sofort zu ihr. Sie fand sie im Wohnzimmer, mit einer feinen Handarbeit beschäftigt.

 

Kapitel 23

 

23

 

»Ich habe mich entschlossen, die Erledigung meiner Angelegenheiten den Rechtsanwälten meines Vaters zu übergeben«, sagte sie ohne weitere Einleitung. »Ich habe ihnen bereits geschrieben.«

 

»So?« fragte Miß Revelstoke, die nur kurz von ihrer Stickerei aufgesehen hatte. »Das ist allerdings sehr unangenehm. Ich dachte, Sie würden in diesem Fall meinem Rat folgen. Aber da Sie den entscheidenden Schritt schon getan haben, läßt sich wohl nichts mehr ändern. Sagen Sie, bitte, Jennings, daß ich das Auto in einer halben Stunde brauche.«

 

Miß Revelstoke hatte die Mitteilung sehr ruhig hingenommen, aber Nora kannte sie zu gut, um sich täuschen zu lassen. Sie wußte, daß die alte Dame wütend über sie war, obwohl die Hand der Frau, die die Nadel führte, nicht im mindesten zitterte, und obwohl ihre Stimme so ruhig wie immer klang. Aber die beiden roten Flecken auf ihren Wangen verrieten ihre Erregung.

 

Nora sah von ihrem Zimmer aus, wie der Wagen fortfuhr, und ging wieder nach unten. Sie fühlte sich erleichtert, da sie im Moment von der Gegenwart der alten Dame befreit war.

 

Ihre Stellung hier wurde allmählich unhaltbar. Schon auf dem Rückweg von dem Kaufhaus hatte sie sich das klargemacht. Und doch fand sie keinen vernünftigen Grund dafür, das Haus von Miß Revelstoke zu verlassen. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ihr doch in vieler Hinsicht recht dankbar sein mußte. Miß Revelstoke hatte sie immer menschenfreundlich und liebenswürdig behandelt und niemals unangenehme Forderungen an sie gestellt.

 

Erst kurz vor sechs kehrte sie zurück. Ihr Ärger schien während der Spazierfahrt verflogen zu sein, denn sie war in der besten Stimmung.

 

»Ich war bei Mr. Henry«, erzählte sie Nora. »Er ist natürlich ein wenig betreten, aber er versteht Ihre Ansicht, und er glaubt, daß Sie im großen und ganzen richtig gehandelt haben. Vielleicht sind Sie so liebenswürdig und schreiben ihm einen Brief. Darin können Sie ihm ja auch den Namen Ihrer Rechtsanwälte mitteilen. Vergessen Sie es nicht, er hat mich dringend darum gebeten.«

 

Nora erinnerte sich plötzlich mit Schrecken daran, daß sie den Namen vergessen hatte. Miß Revelstoke bemerkte ihre Verwirrung, drang jedoch nicht weiter in sie.

 

»Glücklicherweise hat Mr. Henry noch nicht viel unternommen. Mit Mr. Monkfords Rechtsanwälten hat er sich allerdings schon in Verbindung gesetzt, und die sind natürlich auch etwas enttäuscht. Das Testament wird aber jedenfalls nicht angefochten werden, diese beruhigende Mitteilung kann ich Ihnen machen. Monkford hatte keine Verwandten, und in einem früheren Testament hatte er fast sein ganzes Vermögen wohltätigen Zwecken zugewiesen.«

 

Sie erhob sich und lächelte.

 

»Ich komme mir jetzt gegen Sie mit Ihrem kolossalen Reichtum recht unbedeutend vor. Gestern waren Sie noch meine Sekretärin, zwar sehr hübsch, aber – verzeihen Sie, daß ich es sage – doch nicht von großer Bedeutung. Und heute darf ich es kaum wagen, Ihnen einen Auftrag zu geben.«

 

Nora atmete erleichtert auf, als Miß Revelstoke sie so freundlich behandelte.

 

»Sie haben mir aber doch schon verschiedene gegeben«, erwiderte sie vergnügt.

 

»Dann will ich Ihnen noch einen weiteren geben. Telephonieren Sie an Henry, daß ich meine Meinung geändert habe und mit ihm zu Abend speisen werde. Ich habe übrigens den etwas unangenehmen Mr. Crayley in der Stadt getroffen. Er fragte mich, ob er mich heute abend besuchen könnte. Er wollte mir etwas Wichtiges und Interessantes erzählen. Würden Sie so liebenswürdig sein und ihn empfangen, wenn er kommen sollte? Versuchen Sie, ihn so schnell als möglich los zu werden. Sagen Sie, daß ich unerwarteterweise nach auswärts gerufen wurde. Ich kann tatsächlich die langweilige Unterhaltung mit ihm nicht vertragen!«

 

Nora aß allein und in Muße zu Abend und dachte dabei über die Ereignisse des Tages nach.

 

Als die Uhr auf dem Kamin acht schlug, trat das Dienstmädchen herein.

 

»Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß.«

 

»Mr. Crayley?«

 

»Nein, ein fremder Herr. Ich habe ihn noch nicht gesehen.«

 

Nora eilte in das Wohnzimmer und fand einen Mann dort, den auch sie nicht kannte. Er sah wie ein besserer Handwerker aus.

 

»Sind Sie Miß Sanders?« fragte er in einem offiziellen Ton.

 

»Ja«, entgegnete sie erstaunt.

 

»Inspektor Long schickt mich. Ich bin Sergeant Smith von der Kriminalabteilung.«

 

»Ein Detektiv?«

 

»Ja.« Er warf einen Seitenblick auf das silberne Tablett und die Kaffeekanne. »Ich will solange warten, bis Sie Kaffee getrunken haben. Ich habe Zeit.«

 

Sie zögerte und schaute auf die Uhr. Mr. Crayley konnte jeden Augenblick kommen, und die Anwesenheit eines Detektivs von Scotland Yard würde etwas peinlich sein. Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten.

 

»Wenn Besuch kommt, gehe ich ins Nebenzimmer.«

 

»Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?« fragte sie, während sie schon eingoß.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, danke schön, Miß.«

 

Sie stellte die Tasse vor sich hin, nahm Zucker und Milch und wartete, daß er beginnen sollte.

 

»Der Inspektor hat mir den Auftrag gegeben, Sie nach Scotland Yard zu bringen. Er muß Sie in einer dringenden Angelegenheit heute abend noch sprechen.«

 

»Ich kann aber das Haus nicht verlassen. Es kommt noch ein Freund von Miß Revelstoke.«

 

Er lächelte.

 

»Wegen Mr. Crayleys brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, der kommt heute abend nicht«, erklärte er zu ihrer Überraschung. »Er ist bei Mr. Long.«

 

Sie sah ihn nur verwundert an.

 

»Ja, er hatte einige Fragen an ihn zu stellen. Sonst ist nichts Besonderes, Miß. Und Sie sollen seine Aussage in einem Punkt bestätigen. Haben Sie die beiden Schriftstücke, die Sie für Mr. Henry unterzeichnen sollten?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Soviel ich weiß, liegen sie in Miß Revelstokes Arbeitszimmer.«

 

Sie ging hinaus, um die Dokumente zu holen, fand sie auf dem Schreibtisch unter einem Briefbeschwerer und kehrte gleich darauf zurück.

 

»Braucht Mr. Long die Papiere?«

 

»Er hätte sie gern gesehen. Lange bleiben Sie nicht fort, höchstens eine Stunde. Wenn Sie Ihren Kaffee getrunken haben, wollen wir gehen.«

 

Sie trank ihre Tasse aus und erhob sich.

 

»Ich bin in einem Augenblick fertig«, sagte sie.

 

Zwei Schritte machte sie zur Tür hin, dann wurde es ihr dunkel vor den Augen. Der Mann fing sie in seinen Armen auf, als sie bewußtlos umsank.

 

Kapitel 16

 

16

 

Als Long wieder in seinem Büro in Scotland Yard saß, erhielt er von einem Beamten Nachrichten, die ihn in Erstaunen setzten. Der Mann war den ganzen Morgen in Somerset House gewesen und hatte die Heiratsregister durchgesehen. Nachdem er Bericht erstattet hatte, wurde er zu weiteren Nachforschungen ausgeschickt.

 

Der Wetter ging später zu seiner Wohnung nach der James Street, wo er seinen Koffer gepackt vorfand. Er telephonierte nach Marlow und erfuhr, daß Monkford in Begleitung des Detektivsergeanten Rouch bereits abgereist war.

 

Um neun Uhr abends traf Long selbst in Heartsease ein. Er übergab seinen Wagen dem Garagenmeister und trat in die große, altertümliche Halle des Hotels. Obgleich die Golfspiele noch nicht begonnen hatten, war das Haus bereits ziemlich besetzt.

 

Monkford hatte schon zu Abend gegessen und war in verhältnismäßig guter Stimmung. Er begrüßte Long und unterhielt sich eine Weile mit ihm.

 

»Ist Miß Revelstoke eigentlich sehr reich?« fragte der Wetter im Lauf des Gesprächs.

 

»Ja.« Monkford gab nur widerwillig Antwort, denn Bankiers lieben es nicht, über die Finanzlage ihrer Kunden zu sprechen. »Sie ist verhältnismäßig wohlhabend. Ich kann sogar sagen, daß sie reich ist. Sie lebt sehr einfach, aber sie hat ein großes Einkommen. Ihr Depot wurde übrigens früher einmal Ihrem Vater angeboten, aber aus irgendwelchen Gründen lehnte er es ab. Damals hatte sie fast dreiviertel Millionen auf der Bank.«

 

Das war eine neue Nachricht für Wetter Long. Er wußte, daß sein Vater ein sehr tüchtiger Geschäftsmann war, der die größten Anstrengungen gemacht haben würde, um eine so gute Kundin zu bekommen.

 

»Das kann ich eigentlich kaum glauben.«

 

»Ja, es war auch wirklich eigentümlich. Die meisten Bankiers hätten viel darum gegeben, die Verwaltung in die Hand zu bekommen. Und Sir Godley lehnte keineswegs aus Rücksicht auf mich ab. Aber, bitte, sprechen Sie nicht mit ihm darüber.«

 

Mr. Monkford war nervös geworden. Bei dem geringsten Geräusch fuhr er zusammen.

 

»Ob wohl Miß Revelstoke die junge Dame mitbringt?« fragte er, bevor der Wetter ging. »Ein wirklich charmantes Mädchen«, sagte er dann halb zu sich selbst. Aber plötzlich wechselte er das Thema wieder sprunghaft. »Mr. Crayley kommt doch morgen auch? Sie scheinen ihn nicht gerade sehr zu schätzen?«

 

»Das ist schwer, wenn jemand weiter keinen Lebenszweck hat als blöde auszusehen und Rosen zu züchten.«

 

Monkford lachte.

 

»Der alte Crayley ist ein ganz netter Kerl. Wirklich nicht so schlecht, wie Sie ihn machen. Vor allem hat er Mut. Erinnern Sie sich noch, wie er sich damals voll Kampfeifer auf Shelton stürzte?«

 

»Ich möchte nur wissen, was er gerade damals in Colchester gesucht hat.«

 

»Er hat ein Gut in der Gegend. Ich habe ihn schon zweimal dort besucht. Manchmal spielt er nämlich auch den Landwirt, allerdings nur selten.«

 

Long hatte während der Unterhaltung unauffällig die Riegel und Schlösser der Zimmer geprüft. Er ging jetzt in sein eigenes Zimmer und untersuchte auch dort alles genau. Schließlich stieg er noch einmal die Treppe hinunter und nahm Mr. Cravel in der Halle beiseite.

 

»Wäre es nicht möglich, daß Sie mir eins Ihrer Luxusappartements zeigten?« fragte er.

 

»Die sind alle schon bestellt.«

 

»Ich will es auch nicht für jetzt haben. Aber im nächsten Jahr würde ich vielleicht eins mieten.«

 

»Kommen Sie mit nach oben.« Cravel nahm einen Schlüssel vom Pult des Empfangsbüros und führte Mr. Long in den ersten Stock. »Sehen, Sie, hier sind Miß Revelstokes Zimmer. Sie hat das beste Appartement im ganzen Haus.«

 

Mr. Long betrachtete die Räume genau und wanderte von einem Zimmer in das andere.

 

Wahrscheinlich hat Miß Sanders das kleinere der beiden Schlafzimmer, dachte der Wetter für sich.

 

»Mr. Long, ich glaube, es hat Sie nicht nur äußere Neugierde hergetrieben. Sie sind sicher dienstlich hier.«

 

»Im Dienst bin ich immer«, wich Long aus.

 

»Glauben Sie wirklich, daß etwas passieren wird? Das wäre ja schrecklich! Das Hotel würde den Skandal nicht überleben, wenn nächste Woche das Golfturnier gestört würde!«

 

Der Wetter lächelte ironisch.

 

»Das Haus hat schon so manchen Skandal miterlebt, wenn ich mich nicht sehr irre.«

 

»Diese Art von Skandalen meine ich nicht. Dergleichen passiert überall, davor kann man sich nicht schützen. Solche Sachen nimmt auch niemand tragisch. Aber wenn hier jemand ermordet würde, wäre es der Ruin für mich!«

 

»Nicht nur für Sie, vor allem auch für den Mann, der ermordet wird. Aber Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Mr. Cravel. Ich werde alles tun, um einen Mord zu verhindern.«

 

Am nächsten Tag war Sonntag, und als der Wetter gegen Abend durch die Halle schlenderte, entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Er ging auf Jack Crayley zu und gab ihm die Hand.

 

»Entsetzliches Wetter«, beklagte sich der lange, hagere Herr und strich seinen Schnurrbart. »Ich hätte entschieden nach Deauville gehen sollen. Golf ist überhaupt ein langweiliges Spiel.«

 

Er lächelte Miß Alice Cravel zu, die gerade durch die Halle zu ihrem Büro ging.

 

»Eine hübsche Dame«, meinte er. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen«; wandte er sich vertraulich an Long, »ich wäre überhaupt nicht hergekommen, wenn sie nicht hier wäre.«

 

»Ist sie mit Ihnen befreundet?«

 

»O ja.« Crayley nahm sein Monokel aus der Tasche, putzte es und klemmte es ins Auge.

 

»Sie ist wirklich eins der charmantesten Mädchen, die ich jemals kennen gelernt habe. Aber ich habe dieses Jahr keine guten Zimmer. Diese unverschämte Miß Revelstoke hat die Räume gemietet, in denen ich gewöhnlich wohne. Das ist mir sehr unangenehm.«

 

»Sie können Miß Revelstoke wohl nicht besonders leiden?«

 

»Ich hasse sie direkt«, entgegnete Mr. Crayley mit unerwarteter Heftigkeit. »Sie ist sehr unliebenswürdig und macht immer bissige Bemerkungen. Aber jetzt will ich einmal nach oben gehen und Monkford begrüßen.«

 

*

 

Am Montag hatte sich das Wetter gebessert, und die Sonne schien vom klaren, blauen Himmel, als Miß Revelstokes schneller, eleganter Wagen vor dem Hotel hielt. Mr. Cravel begrüßte seine Gäste, und Inspektor Long, der auch anwesend war, scherzte mit Nora.

 

Der Dienstag kam heran und brachte den Beginn des großen Turniers. Am Mittwoch erschien Mr. Henry, und der Wetter grinste, als er das Auto des Rechtsanwalts vor dem Eingang sah. Er stand oben an Mr. Monkfords Fenster.

 

»Wonach schauen Sie aus?« fragte der Bankier.

 

»Der Rechtsanwalt Henry kommt eben. Kennen Sie ihn?«

 

»Natürlich. Er ist der Anwalt von Miß Revelstoke.«

 

Nur am ersten Abend hatte er auf seinem Zimmer gespeist. Später nahm er die Mahlzeiten in dem großen Speisesaal ein und hielt sich auch vielfach nach dem Essen in der Hotelhalle auf. Ein Tag verging nach dem anderen, und als sich keine Gefahr zeigte, vergaß er allmählich seine Furcht.

 

Am Mittwochabend sah der Wetter aus dem Fenster und beobachtete, daß der Bankier auf dem Rasen unten spazierenging und sich eifrig mit Henry und Crayley unterhielt. Offenbar sprachen sie über ernste Dinge. Einmal sah Monkford zum Fenster hinauf, aber er winkte Long nicht freundlich zu, wie es sonst seine Gewohnheit war. Kurz darauf gingen sie ins Hotel zurück, und fünf Minuten später hörte der Detektiv die drei im Salon sprechen, der neben Arnolds Schlafzimmer lag. Sie blieben ungefähr eine Viertelstunde dort, dann schloß sich die Tür nach dem Korridor. Long trat ein und fand Mr. Monkford allein. Es mußte etwas geschehen sein, was ihn in größte Aufregung versetzt hatte.

 

»Stimmt etwas nicht?« fragte der Wetter.

 

»Ach, es ist nichts«, erwiderte der Bankier kurz und unliebenswürdig. »Aber nach dem Essen möchte ich einmal mit Ihnen sprechen.«

 

»Warum denn nicht jetzt?«

 

»Es hat Zeit.«

 

»Betrifft es Sie?«

 

»In gewisser Weise, ja. Aber es handelt sich eigentlich mehr um eine mir befreundete junge Dame. Im Augenblick wollen wir uns nicht darüber unterhalten. Aber ich muß sagen, daß ich sehr enttäuscht bin.«

 

Mehr war nicht aus ihm herauszubringen, und der Wetter verließ das Zimmer. Er war höchst erstaunt über Monkfords Verhalten und suchte Crayley auf, den er in der Halle traf.

 

»Was haben Sie denn mit Monkford besprochen, daß er so deprimiert ist?«

 

Crayley sah ihn erstaunt an.

 

»Wir haben uns über eine rein persönliche Sache unterhalten. Wenn er Ihnen nichts erzählt hat, kann ich es auch nicht tun. Ich bin zum Schweigen verpflichtet.«

 

Der Wetter musterte ihn mit einem schnellen Blick. Crayley sah merkwürdig gedrückt aus, und die Haltung des Mannes beunruhigte ihn. Rechtsanwalt Henry kannte er nicht gut genug, um ihn um Aufklärung fragen zu können. Monkfords Benehmen war um so auffallender, als er am Morgen noch in sehr guter Stimmung gewesen war und Long vorgeschlagen hatte, am nächsten Tag den Golfplatz zu besuchen und den Spielen zuzusehen.

 

Gewöhnlich speiste er mit Monkford zusammen, aber als er sich ankleidete, kam der Diener des Bankiers und brachte ihm eine kurze schriftliche Mitteilung.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein, heute abend an einem anderen Tisch zu essen? Ich möchte mich noch mit Crayley und Rechtsanwalt Henry unterhalten.«

 

Der Wetter war über diese Wendung äußerst betroffen. Was hatte Monkford nur gegen ihn? Er suchte nach einem Grund, aber er konnte nichts finden, so sehr er sich auch abmühte.

 

Beim Abendessen beobachtete er Monkford mit den beiden Herren. Am Nebentisch saß Miß Revelstoke mit ihrer Sekretärin, und es fiel ihm plötzlich ein, daß er Nora noch eine Erklärung wegen des Ringes schuldig war.

 

Miß Revelstoke verneigte sich leicht und liebenswürdig, als er sie grüßte, aber in ihren Augen leuchtete es triumphierend auf.

 

Nach dem Essen nahm er den Kaffee in der Hotelhalle. Monkford blieb im Vorbeigehen einen Augenblick bei ihm stehen.

 

»Kommen Sie in fünf Minuten in mein Zimmer, Long.«

 

Die Worte klangen kalt und fast drohend. Der Wetter war sprachlos. Er sah genau nach der Uhr, und als fünf Minuten vergangen waren, erhob er sich und ging zum Lift.

 

Der Salon war leer, als er eintrat, aber er hörte Monkfords Stimme aus seinem eigenen Schlafzimmer. Offenbar war er am Telephon.

 

»Hallo … hallo … wer hat –«

 

Long hörte plötzlich einen Schuß und dann einen Fall. Entsetzt sprang er zur Tür, aber er fand sie verschlossen. Er eilte auf den Korridor hinaus und drückte auf die Klinke der äußeren Tür. Aber sie gab nicht nach.

 

Mit voller Wucht warf er sich dagegen, aber das starke Holz widerstand all seinen Anstrengungen. Als er sich umschaute, bemerkte er Cravel, der gerade die Treppe heraufeilte. Er sah bleich und bestürzt aus.

 

»War das ein Schuß?« fragte er entsetzt.

 

»Öffnen Sie die Tür!«

 

Cravel fühlte mit der Hand in der Tasche.

 

»Ich habe den Schlüssel nicht – warten Sie einen Augenblick.«

 

Er eilte die Treppe hinunter. In einer Minute war er wieder oben und schloß mit zitternden Fingern auf.

 

Joshua Monkford lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Den Telephonhörer hatte er noch in der Hand, und in dem Raum roch es nach Schießpulver.