Die Phuka


Die Phuka

(Siehe auch die Anmerkungen)

Die Geschichte von Morty Sullivan mag allen jungen Leuten zur Warnung dienen, in der Heimat zu bleiben, sich still und redlich zu nähren und nicht in der Welt umherzuziehen. Als Morty eben das fünfzehnte Jahr erreicht hatte, lief er seinen Eltern fort, die ein altes, ehrenwertes Paar waren und seinetwegen mehr als eine Träne vergossen. Alles, was sie von ihm in Erfahrung bringen konnten, war, daß er an Bord eines nach Amerika bestimmten Schiffes gegangen wäre. Der Kummer über seinen Verlust brach ihnen das Herz.

Dreißig Jahre, nachdem sich die Alten in das stille Grab gelegt hatten, kam ein Fremder nach Beerhaven und erkundigte sich nach ihnen; es war ihr Sohn Morty und, die Wahrheit zu sagen, sein Herz schien kummervoll, als er hörte, daß Vater und Mutter längst gestorben wären. Doch welche Antwort konnte er sonst erwarten? Reue kommt gewöhnlich, wenn es zu spät ist.

Indessen ward dem Morty Sullivan zur Buße für seine Sünden eine Wallfahrt nach der Kapelle der heiligen Gobnate angeraten; dies ist ein öder Platz, Ballyvourney genannt.

Er war sogleich bereit dazu und in der Absicht keine Stunde zu verlieren, fing er noch denselben Nachmittag seine Reise an. Er war noch nicht sehr weit gekommen, als schon die Nacht anbrach. Es schien kein Mond und das Sternenlicht verdunkelte sich von dickem Nebel, der in den Tälern auf-stieg. Der Weg ging durch eine Berggegend mit vielen Kreuzwegen und Nebenpfaden, so daß es für einen Fremden, wie Morty, schwer fiel ohne Führer sich zurecht zu finden. So groß sein Eifer war, das Ziel seiner Wallfahrt zu erreichen, und so sehr er sich selbst antrieb, wurde er doch, als die Nebel immer dichter und dichter wurden, zuletzt ungewiß, ob er auf rechtem Wege sei. Als er daher ein Licht erblickte, welches ihm nicht weit entfernt schien, ging er darauf zu, und wie er sich ganz nah dabei glaubte, so schien das Licht plötzlich wieder in weiter Entfernung zu sein, und schimmerte nur ganz schwach durch den Nebel. So sehr auch Morty darüber erstaunte, ward er doch dadurch keineswegs entmutigt, denn er dachte: das sei ein Licht, welches die heilige Gobnate gesendet habe, um seine Füße sicher durch das Gebirg zu ihrer Kapelle zu leiten.

So ging er noch einige Stunden fort, immer, wie er glaubte, dem Licht sich nähernd, welches plötzlich in eine weite Entfernung gesprungen war. Endlich kam er doch so nah, daß er bemerkte, daß Licht rühre von einem Feuer, neben welchem er deutlich ein altes Weib sitzen sah. Jetzt, in der Tat, wurde sein Glaube ein wenig erschüttert, und es nahm ihn sehr Wunder, daß beides, das Feuer und alte Weib vor ihm hergezogen waren, so manche saure Stunde und über so holperichten Weg.

»Im Namen der heiligen Gobnate«, rief Morty »und ihres Lehrers des heiligen Abban! Wie kann ein brennendes Feuer sich so schnell vor mir her bewegen und wie kann das alte Weib neben dem springenden Feuer sitzen!«

Kaum waren diese Worte über seine Lippen, als er sich, ohne nur noch einen Schritt zu tun, nahe bei dem wunderbaren Feuer befand, neben welchem das Weib saß und sein Abendessen kaute. Bei jeder Bewegung ihrer alten Kinnbacken richteten sich ihre Augen zornig auf Morty, als fürchtete sie gestört zu werden. Er sah mit dem höchsten Erstaunen, daß ihre Augen weder schwarz, noch blau, noch grau noch nußbraun waren, wie menschliche Augen, sondern von einer seltsam roten Farbe, gleich den Augen des Wiesels. Wenn er sich zuvor über das Feuer wunderte, so war seine Verwunderung über das Wesen des alten Weibes noch viel größer, und bei aller natürlichen Unerschrockenheit konnte er sie doch nicht ohne Furcht ansehen, denn er urteilte, und zwar mit Recht, daß sie eines guten Vorhabens wegen nicht an einem so einsamen Ort ihr Abendessen verzehre, zumal so spät, denn es war nahe an Mitternacht. Sie sprach kein Wort, sondern kaute und kaute, während Morty sie schweigend betrachtete.

»Wie heißt ihr?« rief zuletzt die Hexe und ein Schwefelhauch kam aus ihrem Mund, wobei sie die Nüstern aufblies und ihre Augen noch mehr funkelten, nachdem sie die Frage getan hatte.

Seine ganze Herzhaftigkeit aufbietend antwortete er:

»Morty Sullivan, Euch zu dienen«; doch waren die letzten Worte bloß als eine Höflichkeit gemeint.

»Hoho!« rief die Alte, »Das wird sich bald zeigen!« und das rote Feuer ihrer Augen verwandelte sich in blaßgrün. So kühn und furchtlos auch Morty war, zitterte er doch heftig, als er den grauenhaften Ruf vernahm. Er wollte auf seine Knie fallen und die heilige Gobnate oder sonst einen Heiligen anrufen, war aber dermaßen von Schrecken erstarrt, daß er sich nicht im geringsten rühren konnte, geschweige auf seine Knie fallen.

»Faßt meine Hand, Morty«, sagte die Alte, »ich will Euch ein Roß reiten lassen, das Euch bald an das Ziel eurer Reise bringen soll.« Mit diesen Worten führte sie ihn auf den Weg und das Feuer ging vor ihnen her. Es übersteigt menschlichen Verstand, zu sagen, wie es ging, aber es ging fort, leuchtende Flammenzungen ausstreckend und heftig prasselnd.

Jetzt gelangten sie zu einer natürlichen Höhle an einer Bergwand. Die Alte rief laut mit einer kreischenden Stimme nach ihrem Pferd. In einem Augenblick brauste ein pechschwarzes Pferd aus seinem dunkeln Stall hervor und der Felsenboden ertönte schauerlich, als die schallenden Hufen darüber her schurrten. »Aufgesessen! Morty, aufgesessen!« schrie die Hexe und mit übernatürlicher Kraft ihn packend zwang sie ihn, sich auf den Rücken des Pferdes zu setzen. Morty fand hier menschlichen Widerstand vergeblich, murmelte: »Oh! hätte ich nur Sporn!« und versuchte in die Mähnen des Rosses zu greifen, doch er griff nach einem Schatten, welcher ihn gleichwohl aufnahm, mit ihm fortsprengend bald über einen gefährlichen Abgrund setzte, bald über das wild zerrissene Bett eines Flusses wegflog und gleich einem dunkeln, mitternächtigen Strom durch das Gebirg rauschte.

Am folgenden Morgen ward Morty Sullivan von einigen Wallfahrern entdeckt, welche von ihrem Umgang um den See Gougane Barra zurückkamen. Er lag, auf dem Rücken ausgestreckt, unter einem steilen Abhang, von welchem ihn die Phuka herabgeschleudert hatte. Morty war durch den Fall hart beschädigt und er soll auf der Stelle bei der Hand des O’Sullivan, und das ist kein geringer Eid, gelobt haben, niemals wieder die volle Flasche mit auf die Wallfahrt zu nehmen.

Über das Wesen der Elfen


Über das Wesen der Elfen

Die schottischen Sagen enthalten den Glauben an ein die ganze Natur unsichtbar erfüllendes, mit den Menschen nah verbundenes Geisterreich am vollständigsten und verdienten daher eine solche abgesonderte Darstellung, bei welcher wir die zugänglichen Quellen sämtlich zu Rat gezogen haben. Was gegenwärtiges Buch in Beziehung auf Irland neues gewährt, davon schien die vorangestellte Übersicht für den Gebrauch desselben nützlich. Die Überlieferungen anderer Länder sind, soweit wir sie kennen, im Ganzen lückenhafter, wenn auch im Einzelnen manchmal ausführlicher; auf diese Weise fortzufahren und jedes Volk für sich zu behandeln, würde zwar eigene Vorteile darbieten, die vielfache und doch notwendige Wiederholung aber mehr Raum wegnehmen, als wir dieser Einleitung gestatten dürfen. Zweckmäßiger schien es daher, Hauptpunkte herauszuheben und bei Betrachtung derselben das Eigentümliche anderer Völker sowie das Bedeutende der Übereinstimmung und das hoch hinaufreichende Altertum des Ganzen anzumerken.

Der Weg, den wir dabei gehen, ist von dem verschieden, den Walter Scott in der obengenannten, ihres Inhalts wegen ohne Zweifel schätzbaren Abhandlung eingeschlagen hat. Er sucht auf eine, wie es uns dünkt, gewagte, in bloßen Voraussetzungen gegründete Art verschiedene, angeblich historisch gebildete Bestandteile dieses Geisterglaubens zu entdecken, die ihm seine gegenwärtige, im Abwelken begriffene Gestalt sollen gegeben haben. Dagegen ist unsere Absicht, ihn darzustellen wie etwas, das, solange es fortgedauert hat, ein aus lebendiger Mitte entsprungenes und in seinen Bestandteilen gegenseitig sich ergreifendes Ganzes muß gewesen sein. Indem wir keine Zeit vermischen, im Gegenteil jede sondern, und den großen Einfluß des Christentums auf Veränderung desselben nachzuweisen bemüht sind, glauben wir der historischen Untersuchung ihr Recht zu erhalten. Die frühesten Spuren von dem Dasein der Elfen aufzusuchen, lag mithin in unserm Zweck, sie haben den noch lebenden Glauben bestätigt, selbst erklärt, oder von ihm Licht empfangen.

Literatur. (Deutschland) Unsere Sammlung deutscher Sagen, wovon der erste Band, Berlin 1816, eine Menge hierher gehöriger Überlieferungen enthält; sodann die Hausmärchen, zweite Aufl. Berlin 1819. (Dänemark) Danske Folkesagn. Samlede af J. M. Thiele 1-3. B. Kjöbenh. 1818-1820. Danske Viser fra Middelalderen. 1. Bd. Kjöbenh. 1812. Junge den nordsjälandske Landalmues Character. Kjöbenh. 1798.-

R. Nyerup Overtro hos den danske Almue. In dem Wochenblatt: Dagen 1822. Stück 291-94. 297. 299. – (Schweden) Svenska Folk-Wisor utgifne af Geyer och Afzelius I-III. B. Stockh. 1814-1816, besonders B. III. 114-174. E. M. Arndt Reise durch Schweden III. 8-18. – (Norwegen) Hans Ström Beskrivelse over Söndmör i Norge. Förste Part. Soröe 1762. S.537-541. – (Island) Finni Johannaei historia ecclesiastica Island. II, 368. – (Färöer) Beskrivelse over Färöerne af Jörgen Landt. Kjöbenh. 1800. S.44-46. (Wales) The cambrian popular antiquities by Peter Roberts. London 1815. Cap. 24. – (Insel Man) Waldron Works. – (Shetländ. Inseln) A description of the Shetland Islands by S. Hibbert. London 1821. (Alt Preußen) Lucas David Preuß. Chronik herausgegeben von Ernst Hennig Königsb. 1812. I. 126-132.

20. Daniel O’Rourke’s Irrfahrten


20. Daniel O’Rourke’s Irrfahrten

(Siehe auch die Anmerkungen)

Jedermann hat von den berüchtigten Abenteuern des Daniel O’Rourke gehört, doch wie wenige wissen die wahre Ursache aller diesseits und jenseits erlebten Gefahren, und doch war sie keine andere, als daß er unter den Mauern der Phuka-Burg eingeschlafen war. Ich kenne den Mann recht gut, er wohnt in dem Tal von Hungry Hill, rechter Hand an der Landstraße, die nach Bantry führt. Er war zur Zeit, wo er mir das letztemal die Geschichte erzählte, ein alter Mann mit grauem Haar und roter Nase und es war den fünf und zwanzigsten Juni 1813, als ich sie von seinen eigenen Lippen hörte. Er saß eben und rauchte seine Pfeife unter einem alten Pappelbaum an einem so prächtigen Abend, als noch einer am Himmel gestanden hat. Ich hatte die Höhlen auf der Insel Dursey gesehen und den Morgen zu Glengariff zugebracht.

»Ich bin schon oft angegangen worden, Herr, es zu erzählen und es ist daher nicht das erstemal. Seht, der Sohn unseres Herrn war auf Reisen gewesen, jenseits in Frankreich und Spanien, wie es bei den jungen Herrn Sitte ist, ehe man noch etwas von Bonaparte oder seinesgleichen gehört hatte, und war nun zurückgekommen. Bei der Gelegenheit ward der ganzen Umgegend ein Fest gegeben und vornehm und gering, hoch und niedrig, arm und reich eingeladen. Es waren lauter Ehrenmänner von altem Korn und Schrot, mit eurer Erlaubnis sei es gesagt. Es ist wohl einem ein böses Wort herausgefahren oder dann und wann ein Peitschenstreich ausgeteilt worden, freilich! doch wir hatten am Ende keinen Schaden davon und sie waren so leutselig und artig, alles lief auf und ab und jeder war tausendmal willkommen; da nagte keiner wegen des Mietzinses und der geringen Mittel, da war kaum ein Pächter, der nicht von der Milde seines Herrn mehr als einmal im Jahr Beweise erhielt. Jetzt ists freilich anders, doch ich will davon schweigen und Euch lieber meine Geschichte erzählen.

Also, wir hatten alles aufs Beste und vollauf, wir aßen und tranken, wir tanzten und der junge Herr tanzte bei der Gelegenheit mit Gretchen Barry: damals ein schönes Paar, doch jetzt ists auch vorbei. Um mich kurz zu fassen, ich bekam bei der Gelegenheit, wie man zu sagen pflegt, einen kleinen Hieb, denn ich erinnere mich nicht recht, wie es kam, daß ich den Ort verließ, und doch verließ ich ihn, das ist gewiß. Ich dachte bei mir: du willst dich aufmachen zu der Marie Cronahan, der weisen Frau, und ein Wort mit ihr über das junge Kühchen reden, das notwendig behext sein muß. Und als ich so auf den Schrittsteinen quer durch die Furt von Ballyashenogh dahin ging, und zu den Sternen aufblickte, und mich segnete, warum? es war unserer Frauen Tag, so glitt mir der Fuß aus und platsch! fiel ich ins Wasser. Donner und Hagel, dachte ich, jetzt bist du verloren! Indessen hub ich an zu schwimmen und zu schwimmen immerzu, was ich nur konnte, bis ich endlich auf irgend eine Art, denn wie es zugegangen ist, weiß kein Mensch, an einer einsamen Insel landete.

Ich wanderte da auf und ab, ohne zu wissen, wohin ich wanderte, bis ich zuletzt in einen großen Sumpf geriet. Der Mond schien so hell, als der Tag oder die Augen Eurer schönen Frau, verzeiht, Herr, daß ich mir das zu sagen erlaube, und ich sah mich um nach Osten und Westen, nach Norden und Süden, nach allen Seiten, aber ich sah nichts als Sumpf und abermals Sumpf. Ich konnte nicht ausfindig machen, wie ich hinein gekommen war und mein Herz ward kalt vor Angst, denn gewiß und wahrhaftig, das mußte mein Totenhof werden. Ich saß da auf einem Stein, welcher zu gutem Glück sich da neben mir fand, riß mich in den Haaren und blies Trübsal nach Noten, als auf einmal der Mond dunkel ward. Ich blickte auf und konnte deutlich etwas sehen, das sich zwischen mir und dem Mond bewegte, aber ich konnte nicht sagen, was es war. Doch es kam herab mit einer Kralle und schaute mir gerade ins Gesicht und was war es anders, als ein Adler? so gut, als je einer durch das Land Kerry geflogen ist. Er schaute mir gerade ins Gesicht und sprach:

‚Daniel O’Rourke, wie gehts Euch?‘

‚Gut, Herr, ich danke Euch‘, antwortete ich, ‚ich will hoffen, Ihr befindet Euch auch wohl‘, während ich mich nicht genug verwundern konnte, daß so ein Adler sprach, wie ein Christenmensch.

‚Was bringt Euch hieher, Daniel?‘ sprach er weiter.

‚Gar nichts, Herr, ich wünsche nichts, als daß ich wohlbehalten wieder zu Haus wäre.‘

‚Ihr möchtet also gerne wieder von der Insel fort, Daniel?‘

‚Freilich, Herr‘, sagte ich, und erzählte ihm, ich hätte wohl einen Tropfen zu viel getrunken, und wäre ins Wasser gefallen, auf die Insel geschwommen und endlich in diesen Sumpf geraten und jetzt wüßte ich nicht, wie ich wieder heraus sollte.

‚Daniel‘, sprach er, nach einem Augenblick Nachdenken, ‚es war von Euch sehr unschicklich, an unserer Frauen Tag Euch zu berauschen, doch da Ihr sonst ein ehrbarer, mäßiger Mann seid, der ordentlich in die Messe geht und nach mir und den meinigen nicht mit Steinen wirft oder uns im Felde nachschreit, so setzt Euch auf meinen Rücken und haltet Euch fest, damit Ihr nicht herabfallt, ich will Euch aus diesem Sumpf tragen.‘

‚Lieber Herr‘, sagte ich, ‚ich fürchte nur, Ihr treibt Euren Scherz mit mir! Wer hat je gehört, daß sich einer rittlings auf eines Adlers Rücken gesetzt hätte?‘

‚Auf mein Ehrenwort‘, erwiderte er, ‚es ist mein völliger Ernst, und nun nehmt mein Erbieten an, oder kommt um in diesem Sumpfe. Zudem sehe ich, daß Eure Schwere den Stein sinken macht.‘

Es war leider wahr, was er sagte, denn ich fand, daß der Stein jeden Augenblick unter mir sank. Ich hatte keine Wahl und dachte bei mir: wer wagt, gewinnt! und das machte mir Mut.

‚Ich danke, Ew. Gnaden‘, sagte ich, ‚für die erzeigte Höflichkeit und will Euer gütiges Erbieten annehmen.‘

Ich bestieg also den Rücken des Adlers und hielt mich fest an seinen Hals. Er erhob sich in die Luft, als wär‘ er eine Lerche. Ich wußte nichts von dem Streich, den er mir spielen wollte. Er flog immer höher auf, Gott weiß, wie weit.

‚Aber, Herr‘, sagte ich zu ihm, weil ich dachte, der gerade Weg nach Haus wäre ihm unbekannt, doch überaus artig sagte ich es zu ihm, denn ich war gänzlich in seiner Gewalt, ‚möge es Ew. Gnaden gefallen, und indem ich es Eurem bessern Urteil untertänig anheimgebe, wenn Ihr ein weniges herunterfliegen wolltet, so kämen wir gerade über mein kleines Haus und ich könnte da absitzen und mich bei Ew. Herrlichkeit tausendmal bedanken.‘

‚Zum Henker, Daniel‘, sagte er, ‚meinst du, ich wäre ein Narr? Schau herab auf das nächste Feld, siehst du nicht zwei Männer mit Flinten? Wahrhaftig, das wäre ein schöner Spaß, wenn ich mich sollte totschießen lassen, einem betrunkenen Lump zu gefallen, den ich in einem Sumpf von einem Steine aufgepickt habe!‘

‚Willst du mich hudelen!‘ dachte ich bei mir, sagte es aber nicht heraus, denn was hätte mir das genützt? Gut, er stieg in die Höhe, immerzu, und ich bat ihn jeden Augenblick herab zu fliegen, aber alles war vergeblich.

‚Wo in aller Welt, Herr, geht die Reise hin?‘ sprach ich zu ihm.

‚Halt dein Maul, Daniel‘, antwortete er, ‚besorge deine eigenen Geschäfte und mische dich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute.‘

‚Aber ich sollte meinen, das wäre meine eigene Angelegenheit‘ rief ich.

‚Verhalte dich ruhig, Daniel‘, sprach er, und ich sagte nichts mehr.

Endlich langten wir an, aber auf dem Mond selbst. Nun, Ihr könnts von hieraus nicht sehen, aber dort ist, oder dort war zu meiner Zeit, an der Seite des Monds eine Sichel, seht, in folgender Gestalt!«

Dabei machte Daniel mit der Spitze seines Stocks in der Erde einen Kreis und rechter Hand einen sichelförmigen Hacken daran.

»’Daniel‘, sagte der Adler, ‚von dem langen Flug bin ich müde, ich habe keinen Begriff davon gehabt, daß es so weit wäre.‘

‚Aber, was in aller Welt, hat Ew. Herrlichkeit bewogen, einen so weiten Weg zu machen? Ich gewiß nicht. Habe ich nicht ersucht, gebeten und gefleht, nur ein halbes Stündchen zurückzuhufen?‘

‚Unnützes Geschwätz, Daniel‘, sagte er, ‚ich bin schrecklich abgemattet, du mußt absteigen und so lange dich auf den Mond niederlassen, bis ich mich erholt habe.‘

‚Ich soll mich auf den Mond setzen, auf das kleine, runde Ding da? Nichts gewisser, als daß ich im ersten Augenblick herunterfalle und verloren bin, und tot und in Stücke zerschmettert: Ihr seid ein schändlicher Betrüger, ja das seid Ihr!‘

‚Nicht ganz und gar, Daniel‘, sagte er, ‚du kannst die Sichel ergreifen, die an der Seite des Mondes herausragt und dich daran fest halten.‘

‚Ich will aber nicht‘, sagte ich.

‚Es geht nicht anders‘ sagte er ganz gelassen, ‚willst du aber nicht, lieber Mann, so gebe ich dir einen Schub und einen Klaps mit meinen Flügeln dazu, und schicke dich hinab auf den Boden, wo jeder Knochen von dir in so kleine Stücke soll zerschmettert werden, als frühmorgens ein Tautropfen, der von einem Kohlblatt fällt.‘

‚Nun‘, sagte ich zu mir, ’so weit hat michs gebracht, daß ich mich mit euresgleichen eingelassen habe‘ und eine harte Verwünschung ihm zurufend, damit er wüßte, was ich gesagt hätte, sprang ich mit schwerem Herzen von seinem Rücken, faßte die Sichel und saß nun oben auf dem Mond und es war ein verwünscht kalter Sitz, das kann ich Euch sagen.

Als er mich so hübsch abgesetzt hatte, wendete er sich zu mir und sagte:

‚Guten Morgen, Daniel O’Rourke, ich denke, ich habe dich artig erwischt! Du hast mir voriges Jahr mein Nest beraubt (daran hatte er wahrhaftig Recht, aber wie er das herausgebracht hat, ist schwer zu sagen) und zur Vergeltung mußt du es dir gefallen lassen, deine Fußsohlen abzukühlen, wenn du auf dem Mond herumschwankst, wie ein Hahn der aufgehängt ist, um danach zu schlagen.‘

‚Ist das alles und willst du mich auf diese Art verlassen, du Bestie du?‘ rief ich, ‚du unnatürliches Scheusal, ist das das Ende von deiner Dienstfertigkeit? Daß du verschimmeln möchtest, krummnasiger Lump! Du und deine ganze Brut!‘

Was half alles! Er spreitete seine großen mächtigen Schwingen voneinander, brach in lautes Gelächter aus und flog mit Blitzesschnelligkeit dahin. Ich schrie ihm nach, er möchte anhalten, doch ich hätte in alle Ewigkeit rufen und schreien können, er würde mich nicht gehört haben. Er flog fort und ich habe ihn nicht wieder gesehen, bis auf diesen Tag. Mögen ihn zehn Donnerkeile erschlagen! Ihr seht ein, ich war in einer verzweifelten Lage, ich blieb zurück laut schreiend in so großer Bedrängnis, als auf einmal mitten im Mond eine Türe sich öffnete, die in ihren Angeln krachte, als wenn sie seit Monaten nicht wäre aufgemacht worden. Ich glaube, sie haben noch niemals daran gedacht, sie ein wenig einzu-schmieren. Wer kam heraus? Ihr wißt es schon, der Mann im Mond. Ich erkannte ihn an seinem Bündel.

‚Guten Morgen, Daniel O’Rourke‘, sagte er ‚wie gehts Euch.‘

‚Gut, ich danke Euch, ich hoffe, Ihr befindet Euch auch wohl.‘

‚Was bringt Euch hieher, Daniel?‘ sagte er.

Ich erzählte ihm, daß ich mich auf dem Fest des jungen Herrn ein wenig übernommen hätte und auf eine einsame Insel wäre geworfen worden und dort in einen Sumpf mich verloren hätte und daß ein Schurke von Adler versprochen, mich herauszutragen, statt dessen aber mich auf den Mond herauf-geschleppt hätte.

Als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, nahm der Mann eine Prise Tabak und sagte: ‚Daniel, hier dürft Ihr nicht stehen.‘

‚Freilich, Herr, es ist ganz gegen meinen Willen, daß ich hier bin, aber wie soll ich wieder zurückkommen?‘

‚Das ist eure Sache, Daniel‘, sagte er, ‚meine ist es, Euch anzukündigen, daß Ihr hier nicht stehen dürft, also macht Euch fort und das in weniger als gar keiner Zeit.‘

‚Ich tue Euch keinen Schaden, und halte mich nur an die Sichel fest, damit ich nicht herabfalle.‘

‚Gerade das ist, was Ihr nicht tun sollt, Daniel‘, sagte er.

‚Verzeiht, Herr‘, sagte ich, ‚darf ich fragen, wie stark eure Familie ist, weil Ihr einen armen Reisenden nicht herbergen wollt? Ich weiß gewiß, Ihr werdet nicht allzuoft durch Fremde belästigt, die Euch gerne sehen wollen, da es ein weiter Weg ist.‘

‚Ich lebe für mich allein, Daniel‘, antwortete er, ‚doch Ihr tätet besser, wenn Ihr von der Sichel los ließet.‘

‚Mit Eurer Erlaubnis, ich lasse den Griff nicht los, darauf könnt Ihr rechnen.‘

‚Ihr tätet besser, Daniel‘, wiederholte er.

‚Ei, kleiner Kroate‘, sagte ich, indem ich die ganze Gestalt mit den Augen von Kopf bis zu Füßen maß, ‚zu einem Handel gehören zwei, und ich will nicht von hier weg, aber Euch stehts frei, wenn es Euch gefällig ist.‘

‚Wir wollen sehen, wie sichs einrichten läßt‘, sagte er und ging ab, indem er die Türe so hinter sich zuschlug, denn er war offenbar ärgerlich, daß ich dachte, der Mond mit allem Zubehör würde herabfallen.

Ich bereitete mich vor, Gewalt bei ihm zu brauchen, als er wieder zurückkam mit einem Küchenmesser in der Hand; ohne ein Wort zu sagen, schlug er zweimal auf den Griff der Sichel und ratsch! entzwei war sie.

‚Guten Morgen, Daniel!‘ rief der kleine boshafte Racker, als er mich mit einem Stückchen von dem Griff in der Hand ganz säuberlich hinabfallen sah, ‚Ich danke für Euren Besuch und wünsche Euch gutes Wetter zur Reise.‘

Ich hatte keine Zeit, ihm zu antworten, denn ich stürzte und wälzte mich um und um, wie es bei einer Fuchsjagd hergeht.

‚Gott stehe mir bei!‘ rief ich, ‚aber es muß ein erbaulicher Spaß sein, einen rechtschaffenen Mann zur Nachtzeit in solcher Hetze zu sehen! Ich bin schön abgefahren!‘

Das Wort war mir kaum aus dem Munde, husch! da rauschte etwas ganz nah an meinem Ohr vorüber und was konnte das anders sein, als ein Flug wilder Gänse? Und der alte Gänserich, der Anführer war, drehte den Kopf nach mir und rief: ‚Bist du es, Daniel?‘

Ich erstaunte nicht im geringsten über das, was er sagte, denn ich war dazumal an alle Arten von Teufeleien gewohnt und außerdem, ich kannte ihn aus alter Zeit.

‚Guten Morgen, Daniel O’Rourke‘, sagte er, ‚wie stehts mit der Gesundheit?‘

‚Gut, Herr, ich danke Euch schönstens‘, sagte ich, nach Atem schnappend, denn ich konnte kaum dazu kommen, ‚ich hoffe ein Gleiches von Euch.‘

‚Mich dünkt, du bist eben beschäftigt herabzufallen, Daniel?‘

‚Wie es Euch beliebt zu sagen, Herr‘, antwortete ich.

‚Und wohin so eilig?‘ fragte der Alte.

Ich erzählte ihm, daß ich ein Tröpfchen zu viel getrunken hätte und auf eine Insel gekommen wäre, wo ich mich in einen Sumpf verloren hätte und wie ein Teufel von Adler mich auf den Mond getragen und der Mann im Mond mich wieder fortgejagt hätte.

‚Daniel‘, sagte er, ‚ich will dich retten, strecke die Hand aus und packe mein Bein, so will ich dich nach Haus bringen.‘

‚Mein Augentrost!‘ sagte ich, ‚Eure Worte sind Honigseim‘, doch ich dachte dabei: ‚Sonderlich darf ich dir nicht trauen‘, aber da war sonst keine Rettung. Ich packte den Gänserich beim Bein und wir flogen hinter ihm her, ich und die andern Gänse, so schnell als sprängen wir im Tanz.

Wir flogen und flogen, bis wir über das weite Meer kamen. Ich wußte es wohl, denn ich sah rechter Hand das Cap Clear, wie es aus dem Wasser hervorspringt.

‚Ach, gnädiger Herr‘, sagte ich zu dem Anführer der Gänse, denn mir schien es das klügste, wenn ich es an artigen Worten nicht fehlen ließe, ‚fliegt doch landeinwärts, wenn es Euch gefällig ist.‘

‚Das geht jetzt unmöglich, siehst du wohl, Daniel‘, antwortete er, ‚wir sind auf dem Weg nach Arabien.‘

‚Nach Arabien!‘ rief ich, ‚das ist gewiß ein Ort in der Fremde, weit von hier.‘

‚Stille, still, du Narr‘, antwortete er, ‚laß dein Geschwätz, ich sage dir, Arabien ist ein prächtiger Ort und West-Carbery so ähnlich als ein Ei dem andern, nur ein bißchen mehr Sand ist dort.‘

Indem wir so sprachen, ward ein Schiff sichtbar, das im Wind stolz daher schoß.

‚Ach! Herr‘, sagte ich, ‚wenn es Euch gefällig wäre, mich in das Schiff hinabfallen zu lassen.‘

‚Wir sind nicht gerade über dem Schiff‘, antwortete er.

‚Wir sind es‘, sagte ich.

‚Wir sind es nicht‘, antwortete er. ‚Wenn ich dich jetzt fallen lasse, so platschest du ins Wasser.‘

‚Ach nein‘, sagte ich, ‚ich verstehe das besser, es ist gerade unter uns; laßt mich nur herunterfallen.‘

‚Wenn du mußt‘, sagte er, ’so gehe deiner Wege.‘

Er ließ mich los und wahrhaftig, er hatte recht, denn ich plumpste richtig in die Tiefe des salzigen Meeres. Ja, ich plumpste in die Tiefe und gab mich auf immer verloren, als ein Walfisch auf mich los kam, der sich nach seinem nächtlichen Schlaf die Augen ausrieb und mich gerade ins Gesicht anglotzte, ohne ein Sterbenswörtchen zu reden. Doch hob er seinen Schwanz in die Höhe und plätscherte damit, daß ich über und über mit salzigem, kaltem Wasser begossen ward, so lange bis kein trockner Faden mehr am ganzen Leibe war. Da hörte ich jemand sagen, und es war eine Stimme, die ich wohl kannte:

‚Steig auf, du Trunkenbold, fort von hier!‘

Indem wachte ich auf und da stand Judy mit einem Zuber voll Wasser, den sie über mich ausschüttelte. Gott habe sie selig! Aber sie war eine gute Frau, die es nicht übers Herz bringen konnte, mich trunken zu sehen und die über ihr Eigentum mit kräftiger Hand waltete.

‚Steig auf!‘ sagte sie, ‚gabs keinen andern Platz im Kirchsprengel, wo du deiner Neigung folgen und dich niederlegen konntest, als dieser, unter den alten Mauern von Carrigaphuka? Ich wette, du hast einen erbärmlichen Schlaf gehabt.‘

Und wahrhaftig, das hatte ich, denn meine Seele war nicht schlecht gequält worden, von Adlern, Männern im Monde, fliegenden Gänsen, und Walfischen, die mich durch Sümpfe, hinauf in den Mond und herab in den Grund des grünen Meers jagten. Und wenn ich zehnmal mehr getrunken hätte, es könnte doch einer lange darauf warten, bis ich mich wieder an jener Stelle niederlegte; ich kenne das!«

11. Die verwandelten Elfen


11. Die verwandelten Elfen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Johann Mulligan war ein so ehrlicher, alter Bursche, als je einer in Carlow seinem Pferde Sporn in die Seiten gesetzt hat. Außerdem war er der lustigste und munterste Geselle bei einem Punschnapf, den man weit und breit im Lande finden konnte. Er pflegte aber ein gutes Pferd zu reiten und ein besserer Punsch als der seinige wurde bei neunzehn Edelleuten nicht getrunken.

Mulligan glaubte steif und fest an Geister und ward bös, wenn jemand daran zweifelte. Er wußte mehr Geschichten davon, als in zwei Quartanten könnten gedruckt werden und er versäumte nicht sie zu erzählen, sobald er einen Zuhörer finden konnte. Einige glaubten ihm diese Geschichten, die meisten glaubten sie nicht; doch niemand pflegte zuletzt mehr dem alten Manne zu widersprechen, weil es unbarmherzig gewesen wäre, ihn damit zu quälen. Doch in seiner Nachbarschaft befanden sich ein paar junge Leute, welche eben zum erstenmale, während der Ferienzeit von der hohen Schule gekommen waren und die Sommermonate bei ihrem Oheim, Herrn Whaley, zubrachten, einem alten Anhänger von Cromwell, der zu Ballybegmullinahone wohnte. Sie waren von ihrer Schulweisheit zu sehr angefüllt, als daß es ihnen möglich gewesen wäre, den alten Mann unangefochten seiner Wege gehen zu lassen.

Sie belachten jede Geschichte, die er vorbrachte und riefen: »Das ist unmöglich! Das ist alter Weiber Geschwätz!« oder dergleichen. Wenn er behauptete, seine Geschichten wären aus der reinsten Quelle geflossen, ja einige ihm von seiner eigenen Großmutter, einer achtungswürdigen alten Dame, wenn auch leicht bewegliches Geistes, als Dinge erzählt worden, die sie selbst erlebt hätte, so schnitten sie das Gespräch damit ab, daß sie behaupteten, die Großmutter wäre schon damals kindisch gewesen und hätte ohnehin in ihrer besten Zeit große Neigung gehabt, bei ihren Erzählungen ein langes Seil zu drehen.

»Aber«, sagten sie, »Mulligan, habt Ihr denn selbst jemals einen Elfen gesehen?«

»Niemals«, antwortete er.

»Wohlan«, riefen sie, »bis dahin narrt uns nicht mit solchen Erzählungen Eurer Großmutter.«

An diesem Fleck war Mulligan besonders empfindlich, und er wollte für seine Großmutter in die Schranken treten, aber die jungen Leute waren ihm zu scharf und zuletzt geriet er in Hitze, wie gewöhnlich der, welcher bei einem Streit im Nachteil ist. Diesen Abend (da er bei ihrem Oheim, der sein alter Freund war, zu Mittag gegessen) hatte er ziemlich reichlich getrunken und war ganz aufgeregt. Endlich ward er ganz leidenschaftlich, ließ die Pferde vorführen und ungeachtet aller Bitten des Hausherrn jagte er fort, obgleich er willens gewesen war, da zu schlafen.

»Ich mag nichts mehr mit diesen beiden Maulaffen und Gelbschnäbeln zu tun haben«, rief er, »die, weil sie gelernt haben, unnützes in Trutenfüßen gedrucktes Zeug zu lesen und von einigen rotnasigen, geschwätzigen alten Perückenstöcken unterrichtet worden sind (nicht daß ich sagen wollte, es könnte einer, der eine rote Nase hat, kein ehrlicher Mann sein), sich einbilden, sie wüßten mehr, als ein rechtschaffener Kerl, der sichs sauer auf der Welt hat werden und ein paar Schock Jahre lang sich den Wind ins Gesicht wehen lassen.«

In ärgerlicher Hast ritt er fort und jagte so gewaltig, als sein Roß über die Kalksteine dahin sprengen konnte. »Verdammt!« stammelte er, »Gott verzeihe mir meine Sünde! Die Schurken hatten in einem Stücke Recht, daß ich niemals Elfen gesehen! So wollte ich doch fünf Acker Land so gut, als eins auf dem je Kartoffel wuchsen, darum geben, könnte ich nur einen Schimmer – aber, gerechter Himmel, was ist das?«

Er blickte auf, vor seinen Augen zeigte sich das artigste Schauspiel von der Welt. Der Weg führte an einer anmutigen Ebene vorüber, hier und da standen Bäume, nicht dicht wie in einem Wald, sondern fünf oder sechs beisammen, oder auch einer ganz allein und erhoben sich über dem grünen Grund, wie ein Vorgebirg aus der See aufsteigt. Er war gerade der Krone des Gehölzes gegenüber gekommen, einer Eiche, welche in den ältesten Urkunden der Grafschaft (und die waren wenigstens fünf hundert Jahr alt) die alte Eiche von Ballinhassig genannt wurde. Die Zeit hatte den Stamm ausgehöhlt, während noch immer mächtige Äste mit ihrem dunkeln, gezackten Laubwerk hin und her sich bewegten. Der Mond schien eben in vollem Glanz und bei diesem Licht bemerkte Mulligan eine allerliebste Gesellschaft kleiner, artiger Gestalten, die unter der Eiche in immerwährender, behender Bewegung tanzten. Es waren viele beisammen, einige breiteten sich fern noch über den fernsten Schatten der Eichenäste aus, andere zeigten sich glänzend in den fliegenden Lichtern, die zwischen den Blättern durchdrangen, andere konnte man ungehindert sehen, wie sie sich am Stamme unten niedergelassen hatten, andere endlich waren ohne Zweifel vor seinen Augen noch verborgen. Niemals hat man etwas lieblicheres gesehen. Sie waren kaum drei Daumen hoch, aber weiß, wie der gefallene Schnee und von unzähliger Menge. Mulligan hing dem Pferd den Zügel über den Hals und ritt bis zu der niedrigen Mauer, welche die Anlage umgab, und darauf gelehnt, beobachtete er mit unaussprechlichem Vergnügen ihre Tänze und Sprünge. Bei diesem längern Anschauen bemerkte er bald manches, was ihm anfangs nicht in die Augen gefallen war. Besonders zeigte sich in der Mitte der König in größerer Gestalt, um welchen sich die Gruppe zu bewegen schien. Er starrte so lange, bis er endlich vor Freude sich nicht mehr zurückhalten konnte und laut rief:

»Recht so, kleiner Geselle! Wohl gesprungen und tüchtig!« Aber in demselben Augenblick, wo er diese Worte ausgesprochen hatte, verfinsterte sich die Nacht und die Elfen verschwanden mit Blitzesschnelle.

»Ich wünschte«, sagte Mulligan, »ich hätte meine Zunge im Zaum gehalten, doch es macht nichts aus. Jetzt will ich sogleich umkehren und nach der Burg Ballybegmullinahone zurückgehn und die eingebildeten, überklugen jungen Herrn auf diesen Platz heraustreiben.«

Mulligan eilte mit Windesschnelligkeit zurück. Er rasselte heftig an der Türe und rief laut nach den beiden Jünglingen.

»Heda«, sagte er, »ihr jungen Plattköpfe, kommt herunter, wenn Ihr getraut. Ihr sollt Euch mit eigenen Augen überzeugen, daß ich wahr gesprochen habe.«

Der alte Whaley steckte seinen Kopf aus dem Fenster und sprach: »Johann Mulligan, was bringt Euch so spät wieder zurück?«

»Die Elfen!« schrie er, »Die Elfen!«

»Ich fürchte«, murmelte der Herr von Ballybegmullinahone, »Ihr habt in das letzte Glas, das Ihr trankt, zu wenig Wasser gegossen; doch es hat nichts zu sagen, kommt herein und kühlt Euch bei einem Becher Punsch ab.«

Er kam herein und setzte sich wieder an den Tisch. In großer Begeisterung erzählte er seine Geschichte. Tausend und abermal tausend Elfen hatte er gesehn tanzend unter der alten Eiche von Ballinhassig. Er beschrieb ihre prächtigen Kleider von glänzendem Silber, ihre runden flachen Hüte in dem Mondschein schimmernd und die fürstliche Gestalt und Haltung des Oberhaupts. Er fügte hinzu, daß er ihren Gesang gehört und die entzückende Musik, die sie gemacht hätten. Doch das war bloße Einbildung. Die jungen Leute lachten, Mulligan ließ sich nicht irren.

»Wenn wir nun«, sagte einer von ihnen, »mit Euch gemeinschaftlich zu dem Platz hinausritten, wo Ihr die prächtige Gesellschaft von Elfen gesehen habt?«

»Gut«, rief Mulligan, »nur kann ich Euch nicht versprechen, daß Ihr sie dort finden werdet, denn ich sah sie in die Höhe rauschen, wie einen Schwarm Bienen und hörte ihre Flügel in der Luft sausen.«

Das war aber eine Prahlerei, denn Mulligan hatte nichts dergleichen gehört.

Sie ritten alle drei fort und kamen zu dem Gehölz. Sie langten bei der Mauer an, dem großen Baum gegenüber und der Mond war aus den Wolken wieder aufgetaucht und schien so hell, als wie Mulligan zuerst vorbei kam.

»Schaut dort«, rief er frohlockend, denn dasselbe Schauspiel begann wieder vor seinen Augen, und deutete mit seiner Reitgerte hin, »schaut und leugnet, wenn Ihr imstande seid.«

»Wahrhaftig«, sagte einer von den Jünglingen mit einigem Nachsinnen, »dort sehen wir eine Gesellschaft weißer Gestalten, aber wären das Geister noch zehnmal mehr, ich gehe doch unter sie.« Damit stieg er ab, um über die Mauer zu klettern.

»Ach, Thomas, Thomas!« rief Mulligan, »Halt! Halt! Was wollt Ihr tun? Die Geister, das stille Volk mein ich, haben es nicht gern, wenn sich jemand unter sie mischt. Ihr werdet gezwickt oder geblendet oder Euer Pferd verliert die Eisen, oder – nun seht! Einen Eigensinnigen muß man gewähren lassen. Ach! oh! oh! jetzt ist er bald bei der Eiche. Gott stehe ihm bei, denn kein Mensch kann ihm mehr helfen!«

In diesem Augenblick war Thomas bei der Eiche angelangt und wollte bersten vor Lachen. »Mulligan«, rief er, »behaltet Eure Gebete für Euch, Eure Geister sind nicht so bösartig. Ich glaube sie geben eine leidlich gute Brühe.«

»Brühe?« sagte Mulligan, welcher, als er fand, daß die beiden Jünglinge, (denn der zweite war seinem Bruder gefolgt) mitten unter den Geistern lachend standen, abgestiegen und langsam vorgegangen war, »was meint Ihr mit Brühe?«

»Nichts«, antwortete Thomas, »als daß es Schwämme sind, denn das waren sie wirklich und Euer Oberon ist nur ein übergroß gewachsener Pilz.«

Der arme Mulligan gab sein Erstaunen in einem langen Ausruf zu erkennen, schwankte, ohne noch ein Wort zu sprechen, zu seinem Pferd und ritt in starkem Galopp nach Haus, ohne einmal hinter sich zu schauen. Es dauerte lang, ehe er es wagte, den beiden Lachern in Ballybegmullinahone vor die Augen zu treten und bis zu seinem Tod nannte ihn das Volk den Pilzenhans in diesem und fünf andern Kirchsprengeln.

2. Die erzürnten Elfen


2. Die erzürnten Elfen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Wer nicht beständig in Furcht vor den Geistern lebt, der tut wohl, gewißlich haben sie dann weniger Gewalt über den Menschen; wer aber gar keine Rücksicht auf sie nimmt oder gar nicht an sie glaubt, der handelt sehr unklug, sei es Mann, Weib oder Kind.

Es heißt mit Recht: »An guten Sitten trägt keiner schwer«, oder: »Artigkeit kostet kein Geld«; und doch gibt es Menschen, die so verstockt sind, daß sie sich einer Artigkeit schämen. Diese sollten sich an Caroll O’Daly ein Beispiel nehmen. Das war ein junger Bursche aus Connaught, groß und stark gewachsen und in seiner Heimat gewöhnlich Teufel Daly genannt.

Er pflegte von einem Orte zum andern zu ziehen, ohne daß irgendeine Furcht ihn zurückhielt. Er ging zu jeder Stunde der Nacht über einen verfallenen Kirchhof oder sonst einen Platz, wo die Elfen gerne hausten. Auch trat er aus einer Wohnung in die andere ohne das Zeichen des Kreuzes zu machen oder Glück auf! zu sagen.

Es begab sich, daß er einmal in der Grafschaft Limerick umherzog und sich auf dem Weg nach der ehrwürdigen Stadt Kilmallock befand. Gerade am Fuße von Knockfierna erreichte er einen Mann von würdigem Ansehen, der auf einem weißen Pferdchen dahintrabte. Die Nacht war herangekommen und nachdem sie sich gegenseitig mit Artigkeit gegrüßt hatten, ritten sie eine Zeit lang nebeneinander her, ohne viel Worte zu wechseln. Endlich fragte Caroll O’Daly seinen Gefährten, wie weit er noch reite?

»Nicht lange mehr euern Weg«, antwortete der Pächter, von dem er das Aussehen hatte, »ich will bloß auf die Spitze dieses Berges.«

»Und was treibt Euch in der Nachtzeit dahin?« fragte O’Daly.

»Wenn Ihrs doch wissen wollt«, antwortete der Pächter, »das stille Volk.«

»Die Elfen meint Ihr?« rief O’Daly.

»Redet leise!« sagte der andere, »oder es könnte Euch übel bekommen.« Mit diesen Worten wendete er sein Pferdchen seitwärts nach einem schmalen Pfad, der den Berg hinauf führte, indem er dem Caroll gute Nacht und glückliche Reise anwünschte.

»Der Gesell«, dachte Caroll, »hat nichts gutes vor in dieser lieben Nacht und ich wollte daraufschwören, es treibt ihn zu dieser Stunde etwas ganz anderes auf den Berg, als die Elfen oder das stille Volk!«

»Die Elfen!« wiederholte er, »sollte ein vernünftiger Mensch den kleinen Rotkäppchen nachlaufen? einige behaupten wohl, daß es solche Geschöpfe gibt, andere leugnen es. So viel weiß ich aber, daß mich kein Dutzend davon erschrecken sollte, ja keine zwei Dutzend, wenn sie nicht größer sind, als ich sagen höre.«

Während diese Gedanken ihm durch den Kopf gingen, richtete er seine Augen beständig auf den Berg, hinter welchem der Vollmond in aller Pracht aufstieg. Er bemerkte auf einer Erhöhung gerade vor der Mondscheibe die schwarze Gestalt eines Mannes, der ein Pferd leitete und zweifelte nicht, daß dies derselbe Mann sei, mit dem er des Weges gekommen war.

Der Entschluß ihm zu folgen fuhr blitzschnell durch seine Seele; Mut und Neugierde zusammen hatten jede Bedenklichkeit verscheucht. Ein Lied vor sich hin brummend stieg er ab, band sein Pferd an einen alten Dornstamm und stieg unerschrocken den Berg hinan. Er folgte dem Pfade in der Richtung, die der Mann mit dem Pferdchen genommen hatte; dann und wann erblickte er ihn wieder und nahm ihn zu seinem Ziel. Beinahe drei Stunden lang stieg er mühsam auf dem rauhen und manchmal sumpfigen Pfad, bis er endlich zu einem grünen Rasen auf der Spitze des Berges gelangte, wo er das Pferdchen in aller Freiheit und Ruhe grasen sah. O’Daly schaute sich rings nach dem Reiter um, er war nirgends zu sehen. Bald aber entdeckte er in der Nähe des Pferdchens eine Öffnung in dem Berg, gleich der Mündung eines tiefen Schachts, und erinnerte sich, in seiner Kindheit manche Erzählung von der schwarzen Höhle des Berges Knockfierna gehört zu haben: sie sei der Eingang zu der Wohnung, welche das stille Volk mitten im Berge innehabe und einmal sei ein Mann, namens Ahern, Landmesser in diesem Teil der Grafschaft, welcher mit einer Schnur versucht habe, die Tiefe der Höhlung zu ergründen, an eben dieser Schnur hinabgezogen worden, ohne daß man je wieder etwas von ihm gehört habe; und manches andere dieser Art.

»Das sind alte Weibergeschichten!« dachte O’Daly, »und da ich den weiten Weg gemacht habe, so will ich an die Haustüre klopfen und sehen, ob die Geister daheim sind.«

Und ohne sich weiter zu bedenken, faßte er einen gewaltigen Stein, so dick, ja so dick, als seine beiden Hände, und schleuderte ihn mit aller Kraft in die Öffnung. Er hörte, wie er hinabsprang und von einem Felsen zum andern mit gewaltigem Getöse abprallte; er bog sein Gesicht vor, um zu vernehmen, ob der Stein auf dem Grund niederfiele. Aber derselbe Stein, den er hinabgeworfen hatte, kam mit nicht geringerer Gewalt, als er hinunter gesprungen war, wieder zurück und gab ihm einen solchen Schlag ins Gesicht, daß er über Hals und Kopf von einer Klippe zur andern taumelnd, den Berg hinabrollte, viel schneller, als er hinaufgestiegen war.

Am folgenden Morgen fand man Caroll O’Daly neben seinem Pferde liegend, seine Haut war geschunden und zerrissen, die Augen geschlossen und die eingedrückte Nase entstellte ihn auf sein Lebtag.

3. Fingerhütchen


3. Fingerhütchen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es war einmal ein armer Mann, der lebte in dem fruchtbaren Tale von Acherlow an dem Fuße des finstern Galti-Berges. Er hatte einen großen Höcker auf dem Rücken und es sah gerade aus, als wäre sein Leib heraufgeschoben und auf seine Schultern gelegt worden. Von der Wucht war ihm der Kopf so tief herabgedrückt, daß wenn er saß, sein Kinn sich auf seine Knie zu stützen pflegte. Die Leute in der Gegend hatten Scheu, ihm an einem einsamen Orte zu begegnen und doch war das arme Männchen so harmlos und friedliebend wie ein neugebornes Kind. Aber seine Ungestaltheit war so groß, daß er kaum wie ein menschliches Geschöpf aussah, und boshafte Leute hatten seltsame Geschichten von ihm verbreitet. Man erzählte sich, er besitze große Kenntnis der Kräuter und Zaubermittel, aber gewiß ist, daß er eine geschickte Hand hatte, Hüte und Körbe aus Stroh und Binsen zu flechten, auf welche Weise er sich auch sein Brot erwarb.

Fingerhütchen war sein Spottname, weil er allzeit auf seinem kleinen Hut einen Zweig von dem roten Fingerhut oder dem Elfenkäppchen trug. Für seine geflochtenen Arbeiten erhielt er einen Groschen mehr als andere und aus Neid darüber mögen einige wohl die wunderlichen Geschichten von ihm in Umlauf gebracht haben. Damit verhalte es sich nun, wie es wolle, genug es trug sich zu, daß Fingerhütchen eines Abends von der Stadt Cahir nach Cappagh ging und da er wegen des lästigen Höckers auf dem Rücken nur langsam fortkonnte, so war es schon dunkel, als er an das alte Hünengrab von Knockgrafton kam, welches rechter Hand an dem Wege liegt. Müde und abgemattet, niedergeschlagen durch die Betrachtung, daß noch ein gutes Stück Weg vor ihm liege und er die ganze Nacht hindurch wandern müsse ,setzte er sich unter den Grabhügel, um ein wenig auszuruhen und sah ganz betrübt den Mond an, der eben silberrein aufstieg.

Auf einmal drang eine fremdartige, unterirdische Musik zu den Ohren des armen Fingerhütchens. Er lauschte und ihm deuchte, als habe er noch nie so etwas entzückendes gehört. Es war wie der Klang vieler Stimmen, deren jede zu der andern sich fügte und wunderbar einmischte, so daß es nur eine einzige zu sein schien, während doch jede einen besondern Ton hielt. Die Worte des Gesangs waren diese: »Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort, Da Luan, Da Mort.« Darnach kam eine kleine Pause, worauf die Musik von vorne wieder anfing.

Fingerhütchen horchte aufmerksam und getraute kaum Atem zu schöpfen, damit ihm nicht der geringste Ton verloren ginge. Er merkte nun deutlich, daß der Gesang mitten aus dem Grabhügel kam und obgleich anfangs auf das höchste davon erfreut, ward er es doch endlich müde, denselben Rundgesang in einem fort, ohne Abwechslung, anzuhören. Als abermals Da Luan, Da Mort dreimal gesungen war, benutzte er die kleine Pause, nahm die Melodie auf und führte sie weiter mit den Worten: augus Da Cadine! dann fiel er mit den Stimmen in dem Hügel ein, sang Da Luan, Da Mort, endigte aber bei der Pause mit seinen augus Da Cadine.

Die Kleinen in dem Hügel, als sie den Zusatz zu ihrem Geistergesang vernahmen, ergötzten sich außerordentlich daran und beschlossen sogleich das Menschenkind hinunter zu holen, dessen musikalische Geschicklichkeit die ihrige so weit übertraf, und Fingerhütchen ward mit der kreisenden Schnelligkeit des Wirbelwindes zu ihnen getragen.

Das war eine Pracht, die ihm in die Augen leuchtete, als er in den Hügel hinabkam, rund umher schwebend, leicht wie ein Strohhälmchen! und die lieblichste Musik hielt ordentlich Takt bei seiner Fahrt. Die größte Ehre wurde ihm aber erzeigt, als sie ihn über alle die Spielleute setzten. Er hatte Diener, die ihm aufwarten mußten, alles was sein Herz begehrte, wurde erfüllt und er sah, wie gerne ihn die Kleinen hatten; kurz, er wurde nicht anders behandelt, als wenn er der erste Mann im Lande gewesen wäre.

Darauf bemerkte Fingerhütchen, daß sie die Köpfe zusammensteckten und mit einander ratschlagten und so sehr ihm auch ihre Artigkeit gefiel, so fing er doch an sich zu fürchten. Da trat einer der Kleinen zu ihm hervor und sagte:

»Fingerhut, Fingerhut!
faß dir frischen Mut!
lustig und munter,
dein Höcker fällt herunter,
siehst ihn liegen, dir gehts gut,
Fingerhut, Fingerhut!«

»Hans Madden, Hans Madden!
deine Worte schlecht klangen,
so lieblich wir sangen,
hier bist du gefangen,
was wirst du erlangen?
zwei Höcker für einen! Hans Madden!«

4. Die Mahlzeit des Geistlichen


4. Die Mahlzeit des Geistlichen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Leute, die sich auf solche Dinge verstehen, sagen, das stille Volk sei ein Teil jener aus dem Himmel verstoßenen Engel, die nun auf Erden festen Fuß gefaßt haben, während ein anderer Teil, größerer Sünden wegen, an einen viel schlimmern Ort noch tiefer gesunken sei. Da mag dahin gestellt bleiben.

Gegen Ende Septembers war einmal eine muntere Gesellschaft von Elfen versammelt, welche im Glanze des Mondlichtes herumtanzten und ihre wunderlichen Streiche und Sprünge machten. Der Platz lag nicht weit von Inchegila in dem westlichen Teile der Grafschaft Cork, einem armen Dörfchen, von welchem große Berge und dürre Felsen, die es umschließen, allen Wohlstand abhalten. Doch was kümmern sich Elfen, die alles, wornach sie Verlangen tragen, herbeiwünschen können, um die Armut einer Gegend. Sie sorgen nur für einen heimlichen, unbesuchten Platz, wo sich nicht leicht jemand hin verirrt und sie in ihrer Lust stört.

Auf einem weichen grünen Rasen, nahe bei des Flusses Rand tanzten die kleinen Gesellen im Kreis, fröhlicher als je; ihre roten Käppchen wackelten bei jedem Sprung in dem Mondschein und doch waren diese tollen Sprünge so leicht, daß die Tautropfen unter ihren Füßen zwar zitterten, aber nicht auseinander rollten. So trieben sie ihr wildes Spiel, zogen Kreise umher, wirbelten und zappelten durch die Luft und auf und nieder tauchend erschöpften sie ihre Künste, bis endlich einer von ihnen zirpte:

»Geschwind, geschwind hört auf zu sausen,
laßt euer tolles, wildes Brausen;
ich wittre einen, der kommt heran,
ich wittre einen geistlichen Mann!«

5. Der kleine Sackpfeifer


5. Der kleine Sackpfeifer

(Siehe auch die Anmerkungen)

Vor noch nicht lange lebte an den Grenzen der Grafschaft Tipperary ein rechtschaffenes Ehepaar, Michael Flanigan und Judy Muldun, denn dort herrscht die Sitte, daß die Frau den Namen ihrer Familie fortführt. Diese armen Leute hatten vier Kinder, alle Knaben. Drei davon waren so schöne, wohlgewachsene, gesunde, frisch aussehende Kinder, als die Sonne je beschienen hat, und es war genug, einen Irländer auf das Geschlecht seiner Heimat stolz zu machen, daß er an einem hellen Sommertag zu Mittagszeit diese vier Knaben erblickte, wie sie vor der Haustüre ihres Vaters standen mit dem prächtigen Flachshaar, das gelockt von dem Kopf herabhing, und eine dicke, lachende Kartoffel einem jeden in der Hand dampfte. Stolz war Michael auf diese schönen Kinder und Judy war auch stolz darauf, und beide hatten Recht genug dazu. Aber ganz anders verhielt es sich mit dem noch übrigen, welcher der dritte von oben war. Das war der erbärmlichste, häßlichste und mißgeschaffenste Wicht, dem Gott noch je Leben verliehen hatte, so ungestalt, daß er nicht fähig war, allein zu stehen oder seine Wiege zu verlassen. Er hatte langes, struppichtes, verfitztes, rabenschwarzes Haar, eine grüngelbe Gesichtsfarbe, Augen wie feurige Kohlen, die immer hin und her blickten und in beständiger Bewegung waren. Ehe er zwölf Monat alt war, stand ihm der Mund schon voll großer Zähne, seine Hände glichen Katzen-krallen, seine Beine waren nicht dicker als ein Peitschenstiel und nicht gerader als eine Sichel. Und was die Sache noch schlimmer machte, er hatte den Magen von einem Vielfraß und sein Mund hörte nicht auf zu bellen, zu kreischen und zu heulen. Die Nachbarn schöpften Argwohn, es möchte nicht ganz richtig mit ihm sein, besonders als sie beobachteten, wie er sich betrug, sobald von Gott oder andern frommen Dingen die Rede war. Wenn dies, nach der Sitte des Landes, abends beim Feuer geschah, in dessen Nähe die Mutter gewöhnlich seine Wiege gestellt hatte, damit der Balg recht warm liege, so pflegte er mitten in diesem Gespräch sich aufzusetzen und zu heulen nicht anders, als ob der Teufel selbst in ihm steckte. Sie ratschlagten deshalb einmal gemeinschaftlich, was mit ihm anzufangen wäre. Einige meinten, man sollte ihn auf eine Schaufel setzen, aber das litt Judys Stolz nicht.

»Das wäre schön!« dachte sie, »Mein leibliches Kind auf eine Schaufel legen und hinaus auf den Mist werfen wie eine tote Katze oder eine vergiftete Ratte! Nein, davon will ich nichts hören!«

Ein altes Weib, von dem bekannt war, daß es sich auf das Hexenwesen wohl verstand, sprach: »Ich will Euch einen sichern Rat geben, legt die Zange ins Feuer, bis sie glutrot ist und packt seine Nase damit; dann ist er gezwungen zu sagen, wer er ist, und woher er kommt, darauf könnt ihr euch verlassen.«

Denn sie glaubten alle, der Balg sei von dem stillen Volke vertauscht worden. Aber Judy hatte ein zu gutes Herz und liebte das Teufelchen zu sehr, als daß sie hätte dazu einwilligen können, obgleich ein jeder sagte, daß sie nicht recht handelte. Nachdem der eine dies, der andere jenes vorgeschlagen hatte, sagte zuletzt eines, man sollte nach dem Geistlichen, einem frommen und gelehrten Mann senden, daß er das Kind besähe, dagegen hatte zwar Judy nichts einzuwenden, aber immer wenn sie in Begriff war es zu tun, kam etwas dazwischen und das Ende war, daß der Geistliche das Kind niemals sah.

Eine Zeitlang blieb es daher in dem alten Gleise. Der Balg kreischend und heulend aß mehr, als seine drei Brüder zusammen. Streiche aller Art führte er aus und die boshaftesten waren ihm die liebsten. Endlich trug es sich zu, daß ein im Lande umziehender, blinder Sackpfeifer, Tim (Timotheus) Carrol genannt, hereingerufen wurde und sich zu der Hausfrau beim Feuer niedersetzte, ein wenig zu schwätzen. Nach einiger Zeit holte Tim, der mit seiner Musik nicht gerade zurückhaltend war, die Pfeifen hervor und begann gewaltig zu lärmen. In demselben Augenblick richtete sich das kleine Ding, das bisher in seiner Wiege mäuschenstill gelegen hatte, in die Höhe, grinste und verdrehte sein garstiges Gesicht, focht mit seinen langen, braungelben Armen in der Luft umher, streckte seine krummen Beine heraus, kurz, gab alle Zeichen der größten Freude über die Musik von sich. Es hatte auch nicht eher Ruhe, als bis es die Pfeifen in seine eigenen Hände bekam, und um ihm den Spaß zu machen, sagte die Mutter zu Tim: »Gib sie ihm auf einen Augenblick.« Tim, der die Kinder gern hatte, war sogleich bereit dazu; weil er aber des Gesichts beraubt war, so nahm Judy selbst das Instrument, brachte es dem Kind zu der Wiege und wollte es ihm vorhalten: aber das war nicht nötig, der Kleine schien sich schon vollkommen darauf zu verstehen. Er setzte die Pfeifen an, nahm Balg und Säcke unter die Arme und handhabte beides, als wäre er schon zwanzig Jahre dabei gewesen und blies ein wohlbekanntes Lied, daß es eine Art hatte. Jedermann war im größten Erstaunen und die arme Mutter bekreuzigte sich, aber Tim, der seiner Blindheit wegen nicht recht wußte, wer bliese, geriet außer sich vor Freude und als er vernahm, daß der kleine Duckmäuser noch nicht fünf Jahre alt war und sein Lebtag keine Pfeifen gesehen hatte, wünschte er der Mutter Glück zu ihrem Sohn.

»Könnt Ihr Euch von ihm trennen, so will ich ihn aus euern Händen zu mir nehmen, das ist ein geborner Pfeifer, ein Musikus von Natur, noch ein bißchen guter Unterricht bei mir, so gibts seinesgleichen in der ganzen Grafschaft nicht mehr.«

Die arme Frau, in der größten Freude über alles, was sie da hörte, besonders was Tim von natürlichen Gaben sagte, beschwichtigte einige Besorgnisse, die sich in ihren Gedanken erhoben.

»So ist doch nicht wahr«, dachte sie, »was die Nachbarn zu verstehen gaben und es freut mich, daß mein liebes Kind einmal nicht nötig hat herumzuziehen und zu betteln, sondern ehrlich sein Brot verdienen kann.«

Als abends Michael von der Arbeit heim kam, erzählte sie ihm alles, was sich zugetragen und Tim Carrol gesagt hatte. Michael war natürlicherweise sehr erfreut über das, was er zu hören bekam, denn der hülflose Zustand des armen Geschöpfs war ihm ein großer Kummer. Den folgenden Tag trieb er ein Schweinchen auf den Markt und mit dem Erlös ging er nach Clommel und bestellte funkelneue Pfeifen von passender Größe für das Kind. Nach vierzehn Tagen kamen sie an, in demselben Augenblicke richtete auch das kleine Ungeheuer seine Blicke darauf, schrie vor Vergnügen, zappelte mit seinen erbärmlichen Gliedmaßen, tobte in der Wiege und wackelte auf eine lächerliche Art herum, bis sie ihm, damit er nur ruhig wurde, die Pfeifen gaben. Alsbald setzte er sie an und spielte ein Lied zur Verwunderung aller, die es anhörten. Der Ruf von seiner Geschicklichkeit verbreitete sich nah und fern, denn in den sechs nächsten Grafschaften war niemand im Stande, ihm es nachzutun, wenn er die alten beliebten Lieder und Reigen, wie »der Has im Korn«, oder: »der Fuchsjäger«, oder jene artigen irischen Tänze aufspielte, bei welchen jedermann tanzen muß, er mag wollen oder nicht. Man erstaunte, wenn er »die Fuchsjagd« vorschnarrte; es war nicht anders, als hörte man die Rüden anschlagen, die Hetzhunde hinterdrein bellen, die Jäger und die Peitscher loben oder strafen; kurz es war fast eben so gut, als sähe man die Jagd selbst. Dabei kargte er gar nicht mit seiner Musik und die Bursche und Mädchen pflegten oft in seines Vaters Hütte zu tanzen. »Wenn er Musik macht«, sagten sie, »ists als ob wir Quecksilber in die Füße bekämen und bei keinem andern läßt es sich so leicht und lustig tanzen.«

Außer dieser artigen irischen Musik hatte er noch eine ganz wunderliche, ihm allein eigene Weise, die seltsamste, die man je mit Ohren gehört hat. In dem Augenblick, wo er sie zu spielen begann, schien jedes Ding im Haus Lust zum Tanz zu bekommen. Teller und Schüsseln klapperten auf dem Küchentisch, Töpfe und Henkel raschelten an dem Herd und wer auf dem Stuhl saß, wurde von derselben Neigung getrieben, welche der Stuhl unter ihm empfand. Wie sich das nun auch mit den Stühlen verhalten mochte, soviel ist gewiß, niemand konnte sich lange auf dem Sitz behaupten, denn beides alt und jung fiel in tollen Sprüngen zur Erde nieder. Die Mädchen klagten, daß wie er nur diese Weise anfange, sie zum Tanz getrieben würden und ohne ihre Füße länger in der Gewalt zu haben auf den Boden niederfielen, als tanzten sie auf glattem Eis, und jeden Augenblick in Gefahr wären, auf ihrem Rücken oder ihrem Angesicht herum zu zappeln. Und die jungen Burschen, die ihre Geschicklichkeit zeigen wollten, ihre neuen Tanzschuhe, ihre glänzenden roten, grünen oder gelben Strumpfbänder, schwuren, daß sie nicht imstande wären, ihre kunstreichen Tänze und Wendungen herauszubringen, sondern sich alsbald ganz betäubt und verwirrt fühlten. Alt und jung stießen und prallten aneinander, daß es zum Erbarmen war, und wenn dann alles auf der Flur durcheinander wirbelte, so grinste der unselige Wechselbalg, kicherte und ächzte, gerade wie ein Affe, wenn er ein Schelmenstück ausgeführt hat.

Je älter, je schlimmer ward er und als er erst sechs Jahr alt war, war das ganze Haus in der Flucht vor ihm; er stellte es immer an, daß seine Brüder sich am Feuer verbrannten oder mit siedendem Wasser begossen oder ihre Beine über Töpfen und Stühlen zerbrachen. Im Herbst, wenn er allein daheim gelassen wurde und seine Mutter kam nach Haus, so fand sie die Katze auf dem Rücken des Hundes sitzen mit dem Gesicht nach dem Schwanz und die Beine waren ihr fest angebunden. Dazu blies das Alraunchen seine tolle Weise, so daß der Hund heulend umhersprang und Miezekätzchen um sein liebes Leben miaute und sein Schwänzchen auf und nieder schlug; und berührte es damit des Hundes Schnauze, so schnappte dieser darnach und biß hinein und das war dem Balg eine Herzenslust. Ein andermal, als Michael bei der Arbeit war, trug es sich zu, daß ein ehrbarer Mann eintrat. Judy wischte einen Stuhl mit ihrer Schürze ab und sagte:

»Setzt Euch nieder und ruht Euch von euerm Wege aus.«

Der Mann setzte sich mit dem Rücken gegen die Wiege, hinter ihm stand eine Pfanne mit Blut, da Judy Würste machen wollte; das kleine Scheusal lag still in seinem Nest und wartete die Gelegenheit ab, bis es einen an dem Ende einer Schnur befestigten Haken behend und geschickt in die Zöpfe der zartgekräuselten Perücke, welche der Mann trug, werfen konnte, und dann zog es sie daran herab in die Pfanne mit Blut. Ein andermal hatte seine Mutter die Kuh gemolken und kam mit dem Eimer Milch auf dem Kopf, so wie er sie sah, hob er seine teuflische Musik an und in demselben Augenblick ließ die arme Frau den Eimer los, klatschte die Hände zusammen, fing an zu tanzen und goß die ganze Milch ihrem Mann auf den Kopf, der eben Torf herbeibrachte, das Essen daran zu kochen. Es würde kein Ende nehmen, wenn man alle seine boshaften Streiche erzählen wollte.

Bald darauf ereignete sich an dem Vieh des Pächters ein Unfall nach dem andern. Das Pferd bekam den Schwindel, ein hübsches Kälbchen konnte sich nicht mehr auf den Beinen erhalten, die Kuh ward bösartig und trat den Milcheimer um, und die Decke von einem Ende der Scheune fiel herab. Der Pächter setzte sich in den Kopf, daß das unglückliche Kind des Michael Schuld an allem diesem Unheil wäre. Eines Tages rief er Michael zu sich und sprach:

»Ihr seht selbst, es geht nicht so zu, wie es sollte und um es gerade heraus zu sagen, ich glaube euer Kind ist die Ursache davon. Ich komme immer weiter herunter und lege mich keinen Abend in mein Bett, ohne zu denken, was wird dir nun morgen wieder begegnen. Es wäre mir daher lieb, wenn Ihr Euch nach einer andern Arbeit umschauen wolltet, Ihr seid ein Mann, so brav als einer im Land und Ihr braucht um Arbeit nicht verlegen zu sein.«

Michael antwortete, er sei selbst voll Kummer über die Unglücksfälle, er habe sich auch schon Gedanken über das Kind gemacht, das doch einmal sein Kind sei und für das er also auch Sorge tragen müsse. Er versprach auch sich alsbald nach einer andern Stelle umzusehen.

Demnach machte Michael den nächsten Sonntag in der Kirche bekannt, daß er willens sei, die Arbeit des Johann Riordans aufzugeben, und sogleich kam ein Pächter, der in einer Entfernung von einigen Meilen wohnte und gerade einen Ackermann suchte, zu Michael und bot ihm Haus und Garten an und Arbeit für das ganze Jahr. Michael, der wußte, daß dies eine gute Stelle war, schloß ohne weiteres seinen Vertrag mit ihm und es ward verabredet, daß der Pächter einen Karren senden sollte, sein bißchen Hausrat darauf zu laden und dann wollte er künftigen Donnerstag dort einziehen. An dem bestimmten Tag kam der versprochene Wagen, Michael belud ihn mit dem Hausgerät und stellte die Wiege, worin das Kind mit seinen Pfeifen lag, zuletzt oben auf, Judy setzte sich daneben, um acht zu haben, damit es nicht herausrolle und sich tot stürze. Die Kuh trieben sie vor sich her, der Hund folgte nach, die Katze aber mußte zurückbleiben. Die drei andern Kinder liefen neben her und suchten sich Hambutten und Brombeeren; denn es war ein schöner Tag im Spätherbst.

Sie mußten über einen Fluß, den sie, weil er zwischen hohen Ufern in der Tiefe sein Bett hatte, nicht eher sehen konnten, als bis sie nahe dabei waren. Ein paar Tage vorher war ein anhaltender Regen gefallen, der Fluß angeschwollen und das Wasser rauschte stark. Als sie die Brücke betraten, richtete sich der Wechselbalg, der bisher ganz ruhig in seiner Wiege gelegen hatte, bei dem Rauschen der Wellen in die Höhe und schaute sich um; und als er das Wasser sah und bemerkte, daß sie im Begriff waren darüber zu gehen, so fing er an aufzukreischen und zu ächzen.

»Stille, mein Söhnchen«, sagte Judy, »du brauchst dich nicht zu fürchten, ich sage dir, wir gehen über eine steinerne Brücke.«

»Daß du versauern möchtest, altes Gerippe!« rief er, »da habt Ihr einen saubern Streich gemacht, mich hierher zu bringen!«

Dabei fuhr er fort zu heulen und je weiter sie auf der Brücke kamen, desto lauter ward seine Stimme. Endlich gab ihm Michael, der es nicht länger aushalten konnte, einen tüchtigen Streich mit der Peitsche, die er in der Hand hielt und rief:

»Der Teufel stopfe dir das Maul, du Klotzkopf, willst du dein Geschrei lassen! Kein Mensch kann ja sein eigenes Wort vor dir hören.«

In dem Augenblick, wo der Junge den Peitschenriemen fühlte, erhob er sich in der Wiege, nahm die Pfeifen in den Arm, grinste den Michael boshaft an und sprang behend über das Geländer der Brücke in den Fluß hinab.

»O mein Kind! Mein Kind!« schrie Judy, »es ist verloren auf immer!«

Michael und die andern Kinder liefen auf die andere Seite der Brücke und schauten und sahen ihn unter dem Brückenbogen hervorkommen, wie er mit kreuzweis geschlagenen Beinen oben auf einer weißhauptigen Welle saß und seine Pfeifen so lustig blies, als wenn nichts vorgefallen wäre. Das Wasser strömte heftig, er wurde gewaltsam fortgewirbelt, doch er spielte so schnell, ja noch schneller, als der Strom rann. Sie liefen zwar so geschwind sie konnten nebenan dem Ufer mit, aber da sich der Fluß ein paar hundert Schritte unter der Brücke plötzlich um den Berg drehte, verloren sie ihn aus dem Gesicht und keiner hat ihn je wieder mit Augen erblickt. Jeder glaubte nicht anders, als daß er zu den seinigen, dem stillen Volke, heim gegangen sei, um ihnen Musik zu machen.

6. Die Brauerei von Eierschalen


6. Die Brauerei von Eierschalen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Frau Sullivan fürchtete, die Elfen hätten ihr jüngstes Kind gestohlen und ein anderes an seine Stelle gelegt, und gewisse Anzeigen schienen auch den Verdacht zu bestätigen, denn ihr gesundes, blauäugiges Kind war in einer einzigen Nacht zu einem armen Wicht zusammengeschrumpft, der unaufhörlich schrie und heulte. Die arme Frau Sullivan ward dadurch recht unglücklich und alle die Nachbarn, mit denen sie über diese Angelegenheit sprach, sagten, daß ihr eigenes Kind ohne allen Zweifel bei dem stillen Volke sich befände und eins aus diesem dafür hingelegt worden wäre.

Frau Sullivan mußte wohl glauben, was jedermann sagte, aber ein gewaltsames Mittel wollte sie doch nicht anwenden. Obgleich sein Gesicht verwelkt, sein Leib fast zu einem Gerippe abgemagert war, so hatte es doch eine bestimmte Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Kind und sie konnte sich nicht entschließen, es lebendig auf einen glühenden Rost zu legen, oder seine Nase mit einer glühenden Zange zu zwicken, oder es in den Schnee neben den Weg zu legen, ob ihr gleich diese und ähnliche Mittel angelegentlich empfohlen wurden, um ihr Kind wieder zurück zu erhalten.

Eines Tages begegnete Sullivan einer weisen Frau, unter dem Namen der grauen Lene in der Gegend wohl bekannt. Sie hatte die Gabe (wie sie auch immer mochte dazu gelangt sein) zu sagen, wo der Tod umgehe und was für die Ruhe der Seelen gut sei. Sie konnte Warzen und Kröpfe heilen und manches andere Wunder dieser Art vollbringen.

»Ihr seht mir heute so trübselig aus, Frau Sullivan«, waren die ersten Worte der grauen Lene.

»Das geht natürlich zu, Lene«, antwortete Frau Sullivan, »mein eigenes liebes Kind ist mir ohne weiteres aus der Wiege geholt worden und ein häßliches, winziges, eingeschrumpftes Ding von den Elfen an seine Stelle gelegt; kein Wunder, daß Ihr mich voll Sorgen seht.«

»Das macht Euch keine Schande, Frau Sullivan«, sagte Lene, »aber seid Ihr auch gewiß, daß es die Elfen getan haben?«

»Freilich!« erwiderte Frau Sullivan, »Gewiß genug zu meinem Leidwesen; und darf ich meinen beiden Augen nicht trauen? Jedes Mutterherz müßte es an meiner Stelle fühlen.«

»Wollt Ihr den Rat einer alten Frau annehmen?« sagte die graue Lene, indem sie die unglückliche Mutter mit einem seltsamen, geheimnisreichen Blick anschaute und nach einigem Stillschweigen hinzufügte: »Doch Ihr werdet ihn vielleicht töricht nennen.«

»Kann ich mein Kind zurückerhalten, mein eigenes liebes Kind, Lene?« fragte Frau Sullivan mit großer Bewegung.

»Wenn Ihr tut, wie ich Euch sage«, antwortete Frau Lene, »so werdet Ihrs erfahren.« Frau Sullivan schwieg voll Erwartung und die Alte fuhr fort: »Setzt einen Kessel mit Wasser über das Feuer und laßt es sieden, dann holt ein Dutzend frisch gelegter Eier, schlagt sie auf und nehmt die Schalen; das übrige schüttet weg. Wenn das getan ist, so werft die Schalen in den Kessel mit dem siedenden Wasser und dann werdet Ihr bald erfahren, ob es euer eigen Kind ist, oder ein Elfe. Findet Ihr aber, daß es ein Wechselbalg ist, so nehmt die glühende Feuerzange und stoßt sie ihm in seinen garstigen Rachen und er soll Euch weiter keinen Verdruß machen, dafür stehe ich Euch.«

Frau Sullivan ging heim und folgte dem Rat der grauen Lene. Sie setzte den Kessel über das Feuer, legte Torf genug unter und brachte das Wasser in ein gewaltiges Sieden und Sprudeln.

Das Kind lag zum Erstaunen still und ruhig in der Wiege, doch jetzt, bei dem Anblick des großen Feuers und des Kessels mit Wasser darüber, riß es die Augen auf, die wie Sterne in einer Winternacht funkelten. Es sah mit großer Aufmerksamkeit zu, als Frau Sullivan die Eier aufschlug und die Schalen in das siedende Wasser warf Endlich fragte es, und es klang wie die Stimme eines alten Mannes: »Was macht Ihr da, Mutter?«

Der Frau war, wie sie selbst sagte, zu Mut, als ob ihr der Atem genommen würde, wie sie das Kind sprechen hörte. Doch sie beschäftigte sich nur damit, das Eisen in die Glut zu legen und antwortete, ohne ein Erstaunen über die Worte zu zeigen: »Ich braue, mein Sohn.«

»Und was braut Ihr, Mutter?« fragte der Balg, dessen unnatürliche Gabe zu sprechen außer allen Zweifel gesetzt hatte, daß er von den Elfen abstammte.

»Wäre nur das Eisen schon glühend!« dachte Frau Sullivan; aber das erforderte einige Zeit und sie entschloß sich, ihn im Gespräch aufzuhalten, bis das Eisen geschickt wäre, durch seine Kehle zu fahren. Sie wiederholte deshalb die Frage: »Du willst wissen, was ich braue, mein Söhnchen?«

»Ja, Mutter«, sagte er, »was braut Ihr?«

»Eierschalen, mein Söhnchen.«

»Ach«, schrie das Teufelchen laut auf, richtete sich in der Wiege in die Höhe und schlug die Hände zusammen: »Ich bin fünfzehn hundert Jahre auf der Welt und habe niemals gesehen, daß man Eierschalen braut!«

Indessen war das Eisen glühend geworden. Die Frau ergriff es und eilte damit nach der Wiege, aber wie es nun geschah, sie glitt mit dem Fuß aus, fiel auf den Boden und das Eisen fuhr aus ihrer Hand in die andere Ecke des Hauses. Sie raffte sich jedoch geschwind auf und lief zu der Wiege in der Absicht, den verwünschten Balg, der darin lag, in das siedende Wasser zu werfen. Doch was erblickte sie darin? Ihr eigenes Kind in süßem Schlafe, eins seiner weichen, runden Ärmchen auf das Kopfkissen gelegt, und seine Züge waren so mild, als wenn es niemals in seiner Ruhe wäre gestört worden, bloß der rote Mund ward von einem reinen und sanften Atem bewegt.

Wer kann beschreiben, was eine Mutter fühlt, die auf ihr schlafendes Kind blickt! Und diese hier erhielt eben den lang verlornen Knaben wieder. Du kannst denken, daß ihr stillschweigends die Tränen über die Wangen liefen und sie sich keine Mühe gab, sie zurückzuhalten, denn sie weinte vor Freude.

7. Der Wechselbalg


7. Der Wechselbalg

(Siehe auch die Anmerkungen)

Eine junge Frau, Marie Scannell, lebte mit ihrem Ehemann noch nicht viele Jahre zu Castle Martyr. Eines Tages zur Herbstzeit war sie mit andern hinausgegangen, um beim Weizenbinden behilflich zu sein, sie legte ihr Kind, das sie noch stillte, in eine Ecke des Feldes, und glaubte, es wäre da, in ihren Mantel eingewickelt, auf das Beste versorgt.

Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war, kehrte sie zu dem Kinde zurück, aber an dessen Stelle fand sie in dem Mantel ein Geschöpf, das nicht halb so groß war und ein solches Zetergeschrei ausstieß, daß man es eine Meile weit hören konnte. Sie vermutete gleich, was möchte vorgefallen sein und ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, nahm sie es in den Arm und indem sie behauptete, daß sie ganz vernarrt in das Kind sei, brachte sie es zu einer weisen Frau. Diese flüsterte ihr zu, sie sollte ihm nicht satt zu essen geben und auf es los hauen und peitschen ohne Barmherzigkeit.

Marie befolgte den Rat und gerade eine Woche hernach fand sie morgens beim Erwachen ihr eigenes Kind wieder an ihrer Seite im Bette liegen. Dem Elfen, der an die Stelle des Kindes gelegt war, hatte die Behandlung der Marie Scannell, wozu sie sich, obgleich sie eine mitleidige Frau war, entschlossen hatte, schlecht gefallen, und er machte sich, nachdem er es eine Woche versucht, wieder fort und schickte der Frau ihr eigenes Kind zurück.